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Full text of "Oesterreichische Monatsschrift für den Orient"

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UNIVERSITY OF TORONTO 
LIBRARY 



WILLIAM H. DONNER 
COLLECTION 

purchased from 
a gift by 

THE DONNER CANADIAN 
FOUNDATION 



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ÖSTERREICHISCHE 




0iiafe5t|rift ftir kn #rM 




Herausgegeben vom 



K. K. ÖSTERR. HANDELS-MUSEUM 



IN WIEN. 



CS SOo^f 



Redigirt von Ä. von Scala. 



, JEDNOTA -^ 

V PRUMYSLU 

^-- V CECHÄCH y 



SECHZEHNTER JAHR&AN&. 



1890. 





WIEN, 1890. 



VERLAG DES K. K. ÖSTERR. HANDELS-MUSEUMS. 

DRUCK VOK eil, RRIsailK * M. WEBTRIIKR. 



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K N I H Q / r>l A P 



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INDEX. 






Seite 

A. 

Aberglauben der Türken, Vom ........ 103 

Afrika, Im dunkelsten 81, 97, 150 

Afrikanischen Orden, Die symbolische Rose in den 

Dord- 8 

Albinos im indischen Archipel 48 

Alterthümer der Khmer in Kambodscha 116 

Arabien, Die Bauten in 71 

Arsenal zu Kiang-Nan, das chinesische See- ... 80 

Asiatischen Nordküste, Zustände an der Klein- . . 32 

Asien, Musik und Tanz in Ost- lO 

Ausstellung im Handels-Museum, Teppich - . . . . 160 

„ in Taschkent 1889 31 

„ „ Tokio, Dritte National- 64 

„ von kunstgewerblichen Objecten im 

Handels-Museum 160 



B. 

Bahnfrage, Der heutige Stand der Sahara- . . . .124 

Bauten in Arabien, Die 71 

Bengalische Jute 170 

Bevölkerung Siams, Die 193 

Bild aus dem chinesischen Leben, Ein 78 

Binger's Reise im Sudan, Capitän 40 

Botanische Gärten zu Buitenzorg, Der 64 

Buddha und Jina 87 

Buitenzorg, Der botanische Garten zu 64 

c. 

China, Die Ehe in 128 

„ Landesposteinrichtungen 32 

„ Ueberschwemmungen in 127 

Chinas Erschliessung, West- ■ ... 176 

Chinesinnen, Die kleinen Füsse der 15 

Chinesische Namen der europäischen Geschäftshäuser 

in Hongkong 64 

Chinesische See-Arsenal zu Kiang-Nan, Das ... 80 

^ Staatsprüfungen 16 

Chinesischen Leben, Ein Bild aus dem 78 

Cholera in Mesopotamien 1889, Die 17 

Colonialunternehmungen bei Beginn des Jahres 1890, 

Die deutschen Schutzgebiete und ... 4, 22, 44, 60 

Colonisationeprojecte, Philippinische 14 

D. 

Datum auf den Philippinen, Das 192 

Dayakische Kunst 119 

Deutsche Emin Pascha-Kxpedition 65 

Deutschen Schutzgebiete und Colonialunternehmungen 

bei Beginn des Jahres 1890, Die ... 4, 22, 44, 60 
Druckes, Neue Entdeckungen zur Geschichte des 

Papieres und 161 

E. 

Edelsteine, Indische '94 

Ehe iu China, Die . . ia8 



8«iU 

Ehe in Japan, Die 4g, 74 

Emin Pascha-Expedition, Deutsche 65 

Entdeckungen zur Geschichte des Papierei and 

Druckes, Neue .... 16I 

Entwicklungsgeschichte des Islam. Zur ....... 181 

Europäischen Geschäftshäuser in Hongkong, Chine- 
sische Namen der 64 

F. 

Fabriksindustrien in Indien 1,19 

Fayencen, Satsuma- 113 

Feueranbeter oder Monotheisten ? 33 

Füsse der Chinesinnen, Die kleinen 15 



Genussmittel des Orientes, Die . . 37, 54, 76, 95, 107 
Geschäftshäuser in Hongkong, Chinesische Namen 

der europäischen 64 

Geschichte der Null, Zur 'S8 



H. 

Handels Museum, Ausstellung von kunstgewerb- 
lichen Objecten im 160 

Handels-Museum, Programm der Vorlesungen im 

k. k. Oesterreichischen . ' . 160 

Handels-Museum, Teppichausstellung im 160 

Hanfstadt, Leskovac, Die serbische. . . 113 

Harem, Eine Stimme aus einem .... iio 

Hongkong, Chinesische Namen der europäischen Uc- 
schäftshäuser in 64 

I. 

Indien, Fabriksindustrien in I. I9 

Indien, Wilde Thiere und giftige Schlangen in Ost- 194 

Indischen Archipel, Albinos im 48 

Indische Edelsteine I94 

Indischer Volksschmuck und die Art, ihn in tragen 1 29 
Islam, Zur Eutwickluagsgeschichte des 181 

J. 

Japanische Theater, Das 179 

Japanischen Papier-Industrie, Zur ... . . 190 

Jina, Buddha und 87 

Jute, Bengalische 170 



K. 



116 
119 



Kambodscha, Alterthümer der Khmer in 

Kunst, Day.ikische 

Kunstgewerblichen Objecten im HandcU-.Siuscum, 
Ausstellung von 160 



Seite 

L 

Lage und Producte des Landes Punt 173 

LandesposteinrichtuDgen in China 33 

Leskovac, die serbische Hanfstadt 112 

M. 

Malakka, Die Halbinsel 27 

Mesopotamien, Die Cholera in 17 

Missionäre in Shanghai, Conferenz der 96 

Monotheisten?, Feueranbeter oder 33 

Musik und Tanz in Ostasien 10 

N. 

Nationalausstellung in Tokio, Dritte 64 

Nordküste, Zustände an der kleinasiatischen ... 32 
Null, Zur Geschichte der 158 

o. 

Orden, Die symbolische Rose in den nordafrika- 
nischen 8 

Orientes, Die Genussmittel des . . 37, 54, 76, 95, 107 

P. 

Papieres und Druckes, Neue Entdeckungen zur 

Geschichte des 161 

Papierindustrie, Zur japanischen IgO 

Philippinen, Das Datum auf den I92 

Philippinische Colonisationsprojecte 14 

Posteinrichtungen in China, Landes- 173 

Prüfungen, Chinesische Staats- 32 

Producte des Landes Punt, Lage und 16 

R. 

Religiösen Orden, Die symbolische Rose in den 
nordafrikanischen 8 



Seite 

s. 

Saharabahnfrage, Der heutige Stand der 124 

Satsuma-Fayencen 112 

Schlangen in Ostindien, Wilde Thiere und giftige . 194 
Schutzgebiete und Colonialunternehmungen bei Be- 
ginn des Jahres 1890, Die deutschen . 4, 22, 44, 60 
See- Arsenal zu Kiang-Nan, Das chinesische ... 80 

Serbische Hanfstadt, Leskovac, Die 113 

Shanghai, Conferenz der Missionäre in 96 

Siams, Die Bevölkerung I93 

Staatsprüfungen, Chinesische 16 

Sudan, Capitän Binger's Reise im 40 

Symbolische Rose in den nordafrikanischen religiösen 
Orden, Die 8 

T. 

Tanz in Ostasien, Musik und 10 

Taschkent, Ausstellung in 31 

Teppichausstellung im Handels-Museum 160 

Theater, Das japanische 179 

Thibet, Aus 80 

Thiere und giftige Schlangen in Ostindien, Wilde . 194 

Tokio, Dritte Nationalausstellung in 64 

Türken, Vom Aberglauben der 103 

u. 

Ueberschwemmungen in China 127 

V. 

Volksschmuck und die Art, ihn zu tragen. Indischer . 120 
Vorlesungen im k. k. Oesterr. Handels-Museum, Pro- 
gramm der 169 



II 



Jänner-Heft 1890. 



JEONOTA X 



Nr. 1, 



OESTERREICH ISCHE 



P0Mt5sr|rift für kn #rient 



HerausgeKebcD vom 




K. K. ÖSTERR. HANDELS-MUSEUM IN WIEN. 

Redigirt von A. von Soala. 



Monatlich eine Nummer. 



VERLAG DES K. K. ÖSTERR. HANDELS- MUSEUMS IN WIEN. 



Pr«it Jlbri. 3 f. -- K) Maii. 




INHALT: Fiil'rikMiiiduslrien in Indit'u. Von iCmil Schlaginttveit. 

— Die deutschen Hcliutzfrfbiet-^ un'l t'olonialunterDoliuiunKen 
lel H-Kinn des Jahres I8li0. — Die Nyintjolitcljo Hose in den 
Nordafrikani^c•hen religii^sen Orden Von Dr. Jgn. Ooldxiher. 

— Musik und Tanz hiOstaKion. — PIHIippinischo ColoniKalions- 
Projocte. Von l'rof. h\ Blumentritt. — M i h c e II o n : Die 
kleinen Fllsse der Chinesinnen. — Chinesische ätaatuprUfungen. 

FABRIKSINOUSTRIEN IN INDIEN. 

Von Emil Schlagintweit. 

US den Kornkammern Indiens kommt 
fortgesetzt die Klage, dass die Lage 
des Kleinbauern eine so unsichere 
bleibe, weil er in guten Jahren für 
seineErnte keineAbnehmer zu annehm- 
baren Preisen findet. Noch ist der Getreidehandel 
nicht zu so festenVerbindungen vorgeschritten, dass 
er fähig wäre, den Ueberschuss des einen Jahres 
oder Uistrictes auf ein anderes Jahr zu über- 
tragen oder in entfernte Provinzen zu überführen. 
Der Handel mit dem Ausland in Reis leidet 
unter dem Ausgangszoll und zeigt eine Abnahme, 
wenn gute Ernten anderwärts billige Waare 
liefern ; so ist der Ausfall in der Ausfuhr seit 
l88i auf eine halbe Million / gestiegen. Die Pro- 
vinzen Bengalen und Uurmah, die hauptsächlichen 
Reis bauenden Länder, werden deshalb immer 
eindringlicher um die Aufhebung dieses einzigen 
noch bestehenden Finanzzolles vorstellig. Die Aus- 
fuhr von Weizen nach Europa weist i888 — 1889 
eine niedrigere Ziffer auf als seit 1881 ; die Nord- 
westprovinzen, in deren Norddistricten mehr Land 
mit Weizen bestellt wird als irgendwo sonst, 
sind so dicht bevölkert, dass jeder Ausfall an 
der Durclischnittsernte eine Einfuhr von Weizen 
aus den Nachbargebieten bedingt. Dazu kommt, 
dass die Handelsberichte der erforderlichen Ge- 
nauigkeit entbehren ; noch hält es für die grossen 
Handelshäuser in Europa schwer, rechtzeitig zu- 
verlässige Schätzungen über die zu erwartenden 
überschüssigen Mengen ru erlangen. Die Re- 
gierung gibt sich alle erdenkliche Mühe, jährlich 
die Ernteaussichten festzustellen und bekannt zu 
machen ; allein Sammelstelle bei diesen Erhebungen 
sind die Grossgrundbesitzer, im nördlichen Indien 
Zemindare genannt, und diese haben den Werlh 
einer genauen Wirthschaftsstatistik noch nicht 
begriffen. Der Grossgrundbesitzer greift zu dem 
Auskunftsmittel, Handelsgewächse anzupflanzen ; 
so hat sich in den Nordwestprovinzen nördlich 

Houktsschrlfi fUr den Orient. Jltuugr 1880. 



des Gograstromes, der bei Patna in den Ganges 
einmündet, eine bedeutende Zuckerindustrie ent- 
wickelt, zu welcher das nöthige Capital aus- 
schliesslich von den eingeborenen Capitalisten 
vorgeschossen wird. Anderwärts hilft man sich 
mit Indigo, Opium, Oelpflanzen u. A. ; immer all- 
gemeiner bricht sich aber die Ueberzeugung 
Bahn, dass der Verbrauch der Producte im Inlande 
gesteigert werden muss, und bei der geringen 
Kaufkraft des Kleingewerbes, dessen Träger ihre 
ganze Arbeit nicht an das Gewerbe setzen, sondern 
zugleich bäuerliche Landwirthe oder 'l'aglöhner 
sind, ergibt sich als das einzige Mittel hiezu die 
Einführung von Maschinen in uralte Industrie- 
zweige. Hierin hatten die Europäer mit dem Bei- 
spiel voranzugehen ; der Indier bringt es aus sich 
nicht zur That, solange er nicht durch den per- 
sönlichen EinHuss Einzelner fortgerissen wird. 

Die alte ostindische Compagnie war der 
Niederlassung von Europäern und der Errichtung 
von Factoreien abgeneigt; ein Circulär von 1827 
verbietet noch, „Engländern und anderen Zu- 
läufern aus Europa" in der Niederlassung zu 
Handelszwecken, zur Anlage von Indigo- Fac- 
toreien und dergl. Vorschub zu leisten : „es finden 
sich darunter Leute, welche durch Betrug zu 
Vermögen gekommen sind und nun trachten, den 
Handel an sich zu bringen. Es darf nicht ge- 
duldet werden, dass Fremde Einfluss gewinnen 
und Handel und Gewerbe für ihren Vortheil aus- 
nützen." Sieben Jahre später sind aber Europäer 
als Aufkäufer von Getreide, von Holz und den 
örtlichen Gewerbsgegenständen selbst in ent- 
legenen Gegenden anzutreffen; der Bergbau ist 
der erste Erwerbszweig, in welchem sich euro- 
päisches Capital auf die Bereitstellung grösserer 
Massen wirft. 

Bergbau, Braunkohle. Das grösste und am 
längsten bekannte indische Kohlenfeld ist jenes von 
Ranigandsch, zwischen 200 und 260 km Entfernung 
westlich von Calcutta gelegen. Genau vor 1 15 Jahren 
wird das Bergregal an eine Gesellschaft von Eu- 
ropäern verliehen, und die Regierung verpflichtet 
sich, jährlich 400 / zu dem hohen Preise von % £ ^ sh. 
6 d. die Tonne abzunehmen ; sie ist aber über die 
geringe Güte enttäuscht, verweigert die .\bnabme, 
und das Unternehmen kommt zum Stillstand. 18 lö 
wird auf's Neue eine Concession verliehen, die 



OESTtRREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT 



Ostindische Compagnie leistet vorschussweise den 
Betriebsfond mit 4000 if. aber der Uebernehmer 
kann die Rückzahlung nicht leisten, sein Bürge 
muss eintreten, und dies führte nach mancherlei 
Zwischenfällen 1843 zur Bildung der Bengal- 
Kohlenbaugesellschaft ; zeitweise wurde Dwakar- 
nath Tagor, ein gelehrter Indier, Besitzer der 
Lager, dessen Grundbesitzungen eine fürstliche 
Rente abwarfen. Diese Gesellschaft ist in das 
Birbhum genannte Actienunternehmen überge- 
gangen, ihre Papiere erzielen an der Börse 
einen Curs von 194, die Dividende ist 13 Per- 
cent. Neben dieser Hauptgesellschaft nahmen 
später theils Gesellschaften, theils Einzelne Erwer- 
bungen vor und legten Gruben an; heute zählt man 
mehr als fünfzig Bergwerke, ihre Zahl und Ausbeute 
erfährt fortgesetzt eine Zunahme. Die Kohlenpreise 
sind in Indien sehr hoch; man zahlt heute in 
Calcutta den Maund von 80 Pfd. Bengalkohle mit 
Ö'/j — 7'/, Anna (ä 6 kr.) und die Tonne englischer 
Kohle mit I iJP 5 sh. 7 d. Die Ranigandschkohle ist 
eine sehr gute Braunkohlenart, vercoakt aber nicht 
und hat hohen Aschengehalt, 20 — 30 Percent; sie 
findet Verwendung für Locomotiven und stehende 
Dampfkessel, eignet sich auch für Hochöfen ; für 
grosse Seeschiffe bringt sie zu viel Ballast, um 
eingenommen werden zu können. Der Abbau der 
Kohlen erfolgt seitens der grossen Gesellschaften, 
welche Europäer als Directoren anstellten, nach 
den in England gemachten Erfahrungen ; die 
Schächte sind regelrecht ausgelegt, mit Holz ver- 
schalt und werden mit den erforderlichen Schutz- 
vorrichtungen betrieben. Die Plötze sind durch- 
gehends sehr stark, l'S m (5 engl. Fuss) Mäch- 
tigkeit ist die Mindeststärke der genützten Plötze ; 
dabei liegen die Plötze dicht beieinander, das 
trennende Gebirge ist nicht dick. Die ältesten 
Gl üben sind bereits zur zweiten Sohle getrieben, 
ihre tiefste Lage ist 45 m. Schienengeleise sind 
gelegt, Dampfmaschinen besorgen die Förderung 
wie das Auspumpen des Gi ubenwassers. Anders 
bei den kleinen Gruben unter Führung von Ein- 
geborenen. Das Wasser wird hier regelmässig 
mittelst der Tera genannten Hebevorrichtung 
herausgeschafft : an einer langen Bambus-Quer- 
stange, die im Gleichgewicht an einem hohen 
Pfosten hängt, ist an der Spitze das Seil mit dein 
Kübel befestigt und dieser steigt ab und auf, je 
nachdem die Arbeiter das entgegengesetzte Ende 
zur Erde ziehen oder emporschnellen lassen. Von 
Juni bis October bringt die Regenzeit so starke 
Niederschläge, dass der Betrieb eingestellt werden 
muss, weil die Gruben volllaufen. Die Förderung 
wird durch das Gin genannte Drehwerk bewirkt. 
Eine weite Holztrommel, vertical drehbar auf- 
gestellt, wird durch Einstecken von Balken um 
ihre Axe gedreht und dadurch das Seil aufge- 
wunden, an welchem die Fahrkörbe von Eisen 
hängen mit einem Rauminhalt für fünf Centner; 
die Arbeiter drücken zu zwei an einer Stange 
und begleiten die Arbeit mit einem einförmigen 
Gesang. 



In den Gruben arbeiten unter Tag wie über 
Tag Männer, Weiber und Kinder. Das .ausbrechen 
der Kohle besorgen Männer. Den Leuten stand 
keine Erfahrung zur Seite, schottische Bergleute 
wurden die Lehrmeister, und in der Tschina- 
Kuri-Grube arbeiten die Knappen mit der Haue 
wie bei uns; sonst führen sie Brechstange, 
Hammer und Keil. Es kam zum Aufstand und 
blutigem Zusammenstoss, als die Birbhumgesell- 
schaft die Haue aufzwingen wollte. Pulver wird 
nicht angewendet. Der Häuer fängt nicht von 
unten an auszubrechen, sondern macht an der 
Decke des Schachtes ein Loch und erweitert 
dieses nach unten zu; es gibt viel Gries und die 
europäischen Ingenieure geben sich alle Mühe, 
das Anbrechen von unten einzuüben. Einen festen 
Knappenstand gibt es nicht ; selbst die Häuer 
sind Kleinbauern zu Eigenthum oder auf Pacht- 
land und fahren im October erst an, nachdem 
sie ihre Reisernte geborgen haben; die günstige 
Wirkung davon ist, dass die Arbeiter nicht von 
der Hand in den Mund leben, sondern mittelst 
des Bergbaues ihr Plinkommen erheblich erhöhen. 
Der Verdienst ist für indische Verhältnisse sehr 
gut. Für einen Förderkorb von 6 Maund (4'/» 
bis 5 Centner) Rauminhalt werden 12 Kreuzer 
bezahlt und ein Häuer füllt 6 bis 10 Körbe 
per Tag, korhmt also auf einen Verdienst von 
60 bis 80 Kreuzer. Die Schlepper sind F'rauen 
und Kinder: ihr Tagesverdienst ist 12 — 20 kr. 
Der Schichtlohn über Tag stellt sich eben so 
hoch. Im Ganzen sind diese Sätze das Doppelte 
desTaglohnes landwirthschaftlicherArbeiter, und die 
Unternehmer haben nie über Mangel von Angebot 
an Arbeitskräften zu klagen. Unfälle kommen sehr 
wenige vor ; schlagende Wetter gibt es nicht, 
und die Art des Abbaues ist keine gefährliche. 
Durchschnittlich kommen 80 Unfälle im Jahre 
vor. Ganz im Gegensatz zu den europäischen 
Gruben steht die schlechte Ventilation, und die 
grenzenlose Unordnung. Gries und Staub wird nicht 
bezahlt, die Arbeiter lassen sie deswegen liegen. 
Dann ist Wahrzeichen aller Arbeiter grösste 
Trunksucht; die Knappen gehören sämmtlich den 
untersten , verachteten Arbeiterkasten an und 
fahren nicht ein, ohne sich nicht in der Branntwein- 
bude, die an keinem Einfahrtschacht fehlt, mit 
einem tüchtigen Vorrath schlechtesten Land- 
schnapses versehen zu haben. Die Ausbeute des 
gesammten Ranigandschfeldes ist eine Million /; 
die grösseren Gruben fördern 80- bis loo.ooo / 
im Jahre, die kleinsten kaum tausend. Dabei 
sind, die Regenzeit und die Feiertage abgerechnet, 
zweihundert Arbeitstage im Jahr. 

Echte Steinkohle, „so gut wie englische", ist 
angehauen in Central-Indien bei der Stadt Warora 
im Wardha-Thale ; leider kam gleich im Beginne 
der .Arbeiten Minenbrand aus, dessen Auslöschung 
noch immer nicht gelingen will. Eine Zweigbahn 
schliesst die Gruben an das grosse indische 
Eisenbahnnetz an. Die Grubenfelder sind der 
Narbada - Kohlen- und Eisen - Gesellschaft zur 



I 



OBSTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



I 

I 
I 



Ausbeutung überlassen ; die Gesellschaft vertheilte 
im letzten Jahre 7*7 Percent, schlug neue Bohr- 
löcher im Narbada-Thal bei Narsingpur und legte 
Hochöfen in Sambalpur, an der Grenze von 
Orissa, an , wo bisher Eingeborene einfache 
Schmelzöfen mit Holzkohle speisten, es dabei 
aber dennoch zu einer Ausfuhr von 200 Centner 
besten Werkzeugstahls brachten. Die erhöhte 
Thätigkeit der Gesellschaft spricht sich in den 
Handelsziffern sehr deutlich aus; 1888 wurden aus 
Cential-Indien i '/^ Millionen Centner Kohle und 
1/5 Million Kisenscbienen aus- und nur '/j Million 
Centner Kohle, 120.000 Centner Roheisen und 
2 Millionen Walzeisen, sämmtlich aus England, 
eingeführt. Der Preis stellt sich bei Kohle um 
^j^ niedriger, bei Fatjoneisen nahezu gleich der 
englischen Waare. — Ebenso günstig wie in 
Central-Indien liegen die Förderungsbedingungen 
im Makum-Kohlenfeld an der nordöstlichsten Ecke 
des Reiches, in Assam, am linken Ufer des 
oberen Brahmaputra-Thaies. Hier wurden hart bei- 
einander die für den Abbau geeignetste Kohle von 
ganz Indien, daneben Eisenerze und Petroleumquel- 
len aufgedeckt. Sofort fanden sich englische Capita- 
listen, welche von den Haupthäfen am oberen, 
bis zur Reichsgrenze für Dampfer fahrbaren 
Brahmaputra-Strome eine schmalspurige Bahn 
nach den Grubenfeldern anlegten. Die Kohle er- 
zielte in Caicutta den hohen Preis von 2 sh. 4 d. 
per Doppeicentner, die dargestellten Coaks finden 
bei den 'I'heegärtenbesitzern zum Trocknen der 
Blätter reissend Absatz. Allein noch ist die 
Arbeiterfrage nicht gelöst. Die Provinz Assam 
ist dünn bevölkert und auf fremde Arbeiter an- 
gewiesen; die Kulis gehen lieber der einladenderen 
Arbeit in den 'Iheegärten nach, wo der Lohn 
doppelt so hoch ist als in den Gruben, die am 
Schichtlohn noch reduciren. Die Förderung hat 
in Makum noch nicht voll 200.000 Centner im 
Jahre erreicht; die Maschinen sind auf zehnfachen 
Betrieb eingerichtet und man hoftt neuerdings 
auf Arbeitskräfte aus dem jetzt erschlossenen 
Über-Rirma und den angrenzenden chinesischen 
Landschaften, deren Bevölkerung an bergmän- 
nische Arbeit von Alters her gewöhnt ist. 

Die Eisenindustrie leidet unter dem Mangel 
von Kalk als Flussmittel. Vortreffliche Eisenerze 
lagern überall bei der Kohle und selbst die 
Ranigandsch-Kohle eignet sich zur Verwendung 
in Hochöfen seit Einführung von Gebläsen mit 
heisser Luft. Dagegen würde ^ie ganze ben- 
galische Tiefebene mit mehr als 40 Millionen 
Einwohnern noch nicht einmal für einen einzigen 
Hochofen den Kalk liefern. Zur Zeit besteht ein 
einziges grösseres Hüttenwerk im Ranigandsch- 
Grubenfelde; es ist Eigenthum der Regierung, 
liefert Schwellen und Eisenschienen und erhält 
den Kalk für den Hochofen aus dem ent- 
fernten Punjab; solchen kostspieligen Transport 
verträgt nur ein Werk, dem die Fracht auf 
der Staatseisenbahn kostenfrei zu Gebote steht. 
Eine nennenswerthe Arbeiterzahl wird in der 



nicht beschäftigt; io dem 
knapp 10.000 Männer an- 



Eisenindustrie noch 
Kohlenbergbau sind 
gestellt. 

Sah. Eine hohe Einnahmstjuelle fflr den 
Staat bringt der Abbau der Salzlager, die in 
seltener Reinheit und Mächtigkeit im Salzgcbirge 
auftreten , das nördlich vom 32. Breitengrade 
vom Dschelam- zum Indusflusse streicht. Mittel- 
punkt des Betriebes ist das Dorf Kheura ; bis 
1870 herrschte mehr oder weniger Raubbau 
vor, damals wurde der Mayo-Stollcn angelegt 
und für die zahlreichen Gruben eine eigene 
technische Centralstellc geschaffen. Die Gipfel 
der Hügel zeigen grünen Sandstein ; wo längs 
der Abhänge und am Fusse ziegclrothc Gyps- 
adern hervortreten, ist dies ein Zeichen von 
Salzbildung im Innern ; man könnte diese Adern 
auch Mergel nennen, aber ihr Hauptbcstandtheii 
ist Gy[>s. Die salzführende Schicht hat eine 
Mächtigkeit von 180 — 200 m; davon sind 80 
bis 90 m reines Salz. Früher schlug jeder Unter- 
nehmer einen Tunnel in die Mergelschicht, wo 
es ihm beliebte ; je eher die Erde feucht wurde, 
desto näher war das Salz und .desto weniger 
todtes Gestein war zu bewegen. Man holte das 
Salz sorglos heraus und Hess keine Pfeiler stehen, 
so dass Verschüttungen von Arbeitern an der 
l'agesordnung waren. Beim Fortgang der Arbeit 
stellten sich diese Gruben als mächtige Höhlen 
dar, die jedoch ihres Salzinhaltes niemals ganz 
beraubt sind, weil der Eingeborene die Arbeit 
einstellen lässt, sobald das Salz aufhört ganz 
rein angehauen zu werden. Diese Höhlen füllen 
sich schon kurze Zeit, nachdem sie aufgelassen 
wurden, mit schmutziger Salzmasse und Mergel 
an, die von der Decke herabfallen. Die Mayo- 
Mine ist ganz nach europäischem Muster angelegt 
und hält den Vergleich mit jeder bergmännischen 
Anlage der Welt aus ; sie liefert 80 Percent der 
gesammten Ausbeute und mit welch hohen Ziffern 
hier gerechnet werden muss, mag zeigen, dass 
die Summe des herausgeholten Salzes bis 1870 
auf 22 Millionen Cubikfuss veranschlagt ist und 
die Abgabe hievon der Regierung jährlich zwischen 
2 — 3 Millionen Rupien (ä nominal i fl.) eintrug; 
bis 1889 sind aus der Mayo-Mine allein i'/f Mil- 
lionen / Salz abgegeben worden und die Rein- 
einnahme übersteigt jährlich 3 Millionen Rupien. 

Die Umgebung der Stollen kennzeichnet 
sich als echter Minendistrict, Fördergcräthe und 
Directorialgebäude allein zeigen ein südländi- 
sches Gepräge. Die Dörfer sind längs der Ab- 
hänge auf Terrassen angelegt, die stellenweise 
aus reinem Salz ausgehauen sind und in der 
Sonne glitzern ; der Dorfweg ist mit Geröll und 
Schutt überführt, die in der Regenzeit den Berg 
herabgeführt wurden. Widerliche Schmutzhaufen 
bedecken die schmalen Terrassenwege ; dazu kommt 
der üble Geruch der Rückstände der .\laungruben, 
die am Fuss des Gebirges bei den Dörfern an- 
gelegt sind. Schon die indischen Herrscher legten 
Gewicht auf einen festen .Arbeiterstamm ; alle 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT 



Bergmannsdörfer sind zum Bezug von Brennholz 
in den Niederwaldungen berechtigt, sowie mit 
Erbpacht des Ackerfeldes zu günstigen Bedin- 
gungen bevorzugt. Eine Familie arbeitet immer 
zusammen und da mit der Verheiratung wohl 
die Tochter, nicht aber der Sohn aus der Ge- 
meinschaft ausscheidet, dieser vielmehr in ganz 
altväterlicher Weise der Hausgewalt des Vaters, 
beziehungsweise Grossvaters unterstellt bleibt, 
bis dieser stirbt oder wegen Altersschwäche mit 
der Führung des gemeinsamen Haushaltes den 
ältesten Sohn belastet, so bildet eine Familie, 
deren Männer, Frauen und Kinder einem gemein- 
samen Verdienst nachgehen, in ganz natürlicher 
Weise die „Partie", die in europäischen Berg- 
werken durch Zusammenstehen und Verbindung 
verschiedener Arbeiter gebildet werden muss. 
Eine brauchbare Arbeitsstatistik wird für Indien 
erst die Volkszählung von 1891 bringen. Für den 
Salzdistrict wurde 1882 die Zahl der Männer in 
den Gruben zu 3600 erhoben; die Zahl der be- 
schäftigten Frauen und Kinder schwankt, über- 
steigt aber nach Art des Betriebes die Zahl der 
Männer um das Doppelte. In den nicht unter 
europäische Leitung gebrachten Gruben findet 
Pulversprengung nicht statt, die ganze Anlage 
verbietet es. Die Männer hauen mit einem Hammer, 
dessen eines Ende als Picke geformt und gestählt 
ist, während der Rücken zum schweren Schlage 
breit und gewichtig ist, eine Rinne 20 — 25 cm 
tief im Geviert um das loszulösende Stück Salz von 
durchschnittlich zwei Quadratfuss Fläche, legen 
Keile in die Rinne und bringen durch ihr Antreiben 
die ganze Masse zum Fall. Die Arbeit geht von 
unten nach oben. Die Gänge haben bedeutende 
Höhe, der Eingeborene arbeitet aber nur die 
ganz weissen Adern aus; während die ganze Höhe 
15 — 20« beträgt, werden selten mehr als 8 — 10« 
herausgeholt. Mit dem Fortschreiten der Arbeit 
besteigt der Häuer einen Dreifuss und dieser 
Arbeitsstuhl zeigt bedenklicheSchwankungen, wenn 
an der Decke gearbeitet wird und der Dreifuss 
die Höhe bis zu 8 m erreicht. Auf der Sohle der 
Grube wird der herabgefallene Salzblock in ent- 
sprechend grosse Stücke zerschlagen, damit sie 
die Frauen und Kinder auf dem Rücken zum 
Lagerplatz schleppen; diese Art des Behandeins 
der Blöcke gibt überaus viel Abfall und diesen 
kehrt man der tiefsten Stelle der Höhle zu, wo 
regelmässig Wasser sich zu einem mehr oder 
weniger grossen Salzsee sammelt. 

Der Mayo -Stollen ist bergmännisch genau ver- 
messen und wird nach dem Kammernsystem abge- 
baut; zwischen den einzelnen herausgeholten Flötzen 
bleiben Salzpfeiler von 7 — 8 m Mächtigkeit als 
Tragwände stehen. Der .Abbau geht von oben nach 
unten und beginnt mit dem Einbrechen eines Ar- 
beitsstollens, 2 m hoch, oberhalb der reinen Salz- 
schicht. Das überhängende, mit Salz durchtränkte 
Mergelgebirge wird mit Pulver abgesprengt, bis 
die reine mergelige Gypsschicht erreicht ist ; diese 
wird sorgfältig abgekratzt, damit später kein Un- 



rath mehr herabfällt, der Stollen selbst rein gekehrt, 
und dann wird das reine Salz mit Pickel, Keil und 
Hammer herausgeholt, wie in den Gruben unter 
eingeborener Leitung. Sobald die Sohle der salz- 
führenden Schicht erreicht ist, wird das Schienen- 
geleise vorgeschoben, um ein weites Tragen des ge- 
wonnenen Salzes zu vermeiden. Die Kammern sind 
bei 36 m Höhe und 13V2 '" Breite bereits zu 75 m 
Tiefe ausgebaut, die Länge aller Grubengeleise ist 
über 360 OT. Für Ventilation sind grosse Anstren- 
gungen gemacht ; aber das schlechte Oel in den 
Grubenlichtern, Tschiragh genannt, und der starke 
Pulverdampf machen es unmöglich, die Kammern 
während der Arbeitsstunden von schwerer Luft 
ganz frei zu machen. Die Auslöhnung der Arbeiter 
erfolgt nach der ausgebrochenen Menge ; für den 
englischen Kubikfuss werden 5 Kreuzer bezahlt; 
80 Centner Salz bringen einen Lohn von 4 Rupien, 
und der Taglohnverdienst geschickter Häuer stellt 
sich auf 2*40 Rupien frei Geld. Die Schlepper laden 
60 Pfund auf den Rücken und kommen auf 70 — 80 
Kreuzer, die Kinder auf die Hälfte. Abzüge gibt es 
für Oel, Gezäh, Beitrag zum Lohn des Wagmeisters; 
durchschnittlich gehen hiefür 30 Percent ab, ein 
sehr hoher Betrag. Der Minenarbeiter feiert in der 
Woche Sonntag, Donnerstag und Freitag, dann vier 
Monate in der Regenzeit; die Zahl der Arbeitstage 
im Jahre ist nur 138. Die Temperatur in den Kam- 
mern ist sehr hoch, 22" R. oder um 4 — 5* höher 
als im Freien. Die Leute arbeiten fast nackt, nur 
an brüchigen Stellen wird gegen Verletzung durch 
abfallende Stücke ein dickes Wollentuch, Namdah, 
umgelegt. Unter der Ausdünstung bedeckt sich der 
Körper des Arbeiters mit einer weissen Salzkruste. 
Die ökonomische Lage der Arbeiter ist keine un- 
günstige ; die Leute gehören aber zu den streit- 
süchtigsten Arbeitern Indiens. Arbeiterausstände sind 
keine Seltenheit, Klagen über ungerechte Abzüge 
und vorübergehender Stillstand einer Grube, einer 
Kammer an der Tagesordnung, bis der Beschwerde 
abgeholfen oder ihr Unbegründetsein nachge- 
wiesen ist. (Schluss folgt.) 

DIE DEUTSCHEN SCHUTZGEBIETE UNO COLO- 

NIALUNTERNEHMUNGEN BEI BEGINN DES JAHRES 

1890. 

I. 

Die deutschen Schutzgebiete und Colonial- 
unternehmungen sind im Jahre 1889 von sehr 
verschiedenen Schicksalen betroffen worden und 
haben daher auch einen sehr verschiedenen Ent- 
wicklungsgang genommen. Diejenige Colonie, in 
welcher von Anfang an die wirthschaftliche Aus- 
nützung und die Ausübung der Staatsgewalt ge- 
trennt wurde, die in Kamerun und im Togoge- 
biet, hat sich auch in neuerer Zeit in befriedi- 
gender Weise weiter entwickelt. Seit daselbst 
durch die deutsche Besitzergreifung Sicherheit 
für Handelsniederlassungen geschaffen .»worden, 
wird an der Aufschliessung des Hinterlandes ge- 
arbeitet, und ist zu dem Handel die Anlage von 



u 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



l'lantagen hinzugcUoinmcn. I<',bcns() ruhig und 
stetig ist das Colonialunternelimen auf Neu-Guinea 
fortgeschritten, dieses allerdings noch im Stadium 
der ersten, die Iciinftige Ausnützung vorbereitenden 
Anlage. Die Uebtrnahme der I^egierungsgewalt, 
welche bis vor Kurzem von der Neu-Guinea-Com- 
pagnie geführt wurde, durch einen Reichsbeamten, 
hat sich im Laufe der allerjüngsten Zeit voll- 
zogen. 

Von den beiden Gebieten, auf welche sen- 
sationelle Ereignisse die Aufmerksamkeit am stärk- 
sten hingelenkt, dem südwestlichen und dem ost- 
afrikanischen ist das crstere augenblicklich wieder 
Gegenstand einer heftigen Polemik zwischen den 
deutschen Autoritäten einerseits und der einge- 
borenen Bevölkerung, wie den fremden Einwan- 
derern andererseits. Man kann das südwestafri- 
kanische Gebiet als die zweifelhafteste aller 
deutsch-colonialen Erwerbungen ansehen, weil dort 
Alles auf den Glücksfall der Auffindung reicher Mine- 
ralschätze anzukommen scheint; es ist auch be- 
kannt, dass die jetzige Nutzniesserin, welche das 
Land von dem ursprünglichen Erwerber desselben 
(Lüderitz) übernommen, d. h. die Südwestafri- 
sche Compagnie, dies nur that, um das Land, 
welches sich möglicherweise später doch als werth- 
voll erweisen könnte, nicht in fremden Besitz 
gelangen zu lassen. Ausserdem ist dieses Schutz- 
gebiet auf allen Seiten fast von feindseligen Ele- 
menten umgeben ; im Süden blickt die Regierung 
der Capcolonie eifersüchtig und misstrauisch auf 
die in ihrer Nähe entstandenen deutschen Nieder- 
lassungen, im Osten bietet die Südafrikanische 
Compagnie, welche Betschuanaland, sowie Mata- 
beleland, als zu ihrer Machtsphäre gehörend be- 
trachtet. Alles auf, um die deutsche Colonie von 
einer Annäherung an die Transvaal - Republik 
fern zu halten, und jede Verbindung zwischen 
denselben zu hintertreiben. Dazu kommen dann 
noch die fortwährenden Händel und Reibungen 
mit wilden, ungezügelten Stämmen, wie den Ovam- 
bos, den Namas und anderen üottentottenvölkern, 
welche Deutschlands Schutzherrschaft nicht an- 
erkennen wollen. 

In üstafrika ist noch immer mit dem Trotze 
und dem zähen Widerstände, den das Araber- 
thum den deutschyi Culturbestrebungen entgegen- 
setzt, zu rechnen. Erst wenn das Land völlig 
pacificirt und die einheimische Bevölkerung zu 
friedlichem Erwerb zurückgekehrt sein wird, wird 
sich die Wiederaufnahme der wirthschaftlichen 
Betriebe bestimmter in's Auge fassen lassen. 
So weit die Erträge aus den Zöllen fliessen, 
wird es, wenn die Ausübung der staatlichen Eunc- 
tionen dauernd vom deutschen Reiche übernommen 
wird, einer Auseinandersetzung über Rechte und 
Pflichten zwischen diesem, der Deutsch-ostafrikani- 
schen Gesellschaft und dem Sultan von Sansibar 
bedürfen. 

Auf die einzelnen Schutzgebiete näher ein- 
gegangen, ist das l'ogoland, in Bezug auf sein 
Hinterland , nach mehreren Seiten hin durch- 



forscht, und sind neue, zur Belebung des Handels 
zwischen dem Inneren und der Küste dienende 
Stützpunkte gewonnen worden. Eine dieser Posi- 
tionen, die schon im Vorjahre von dem Stabs- 
arzt Dr. Wolff im Adelilande gegründete Station 
Bismarckburg, war eigentlich dazu bestimmt, einen 
Basispunkt für ein Vordringen gegen das wenig 
zugängliche Reich Dahomey abzugeben, woselbst 
der Herrscher jährlich noch immer tausendc von 
Sciaven abschlachten liess, mit der Begründung, 
er sei zu solchem Morden gezwungen, weil die 
Europäer ihn an dem Verkaufe der Sciaven hin- 
derten. Wolff, der thätige und umsichtige Stations- 
chef von Bismarckburg meint, dass man den 
König lehren müsse, die Sciaven zur Arbeit zu 
verwenden. Man würde nicht nur Dabomey, son- 
dern auch der Sache der Humanität den grössten 
Dienst erweisen. Neben Wolff hat sich Haupt- 
mann von Eran(;ois um die Erweiterung der Be- 
sitz- und Interessensphäre im Binncnlande der 
Goldküste grosse Verdienste erworben. 

U. 

Was das wirthschaftliche Gedeihen und den 
Fortgang der Station Bismarckburg angeht, so 
wurden die Anpflanzungsversuche im grösseren 
Massstabe an verschiedenen Stellen, besonders 
auch in dem überaus fruchtbaren, kürzlich er- 
worbenen Oibathalc , westlich am Kusse des 
Adadü, fortgesetzt und sind deshalb noch nicht 
etwa als abgeschlossen zu betrachten. Bis jetzt 
sind die Arbeitskräfte in erster Linie durch An- 
lage, Bau und Einrichtung der Niederlassung in 
Anspruch genommen worden. Von nun an sollte 
mehr Sorgfalt auf die Pflanzungen verwendet 
werden , welche bereits erheblich vergrössert 
sind, so dass in Zukunft die Erträge derselben 
wesentlich zur Unterhaltung des Stationspersonales 
beitragen werden. So sind bereits 4700 Yams 
gepflanzt , welche nach 6 Monaten geerntet 
werden können, und hier bis vierfache Erträge 
geben. Zwei Yams von Durchschniitsgrösse ge- 
währen einem Erwachsenen hinreichend Nahrung 
für einen Tag. Yams (Dioscorca) bildet hier die 
Hauptnahrung der Eingeborenen. Maniok kommt 
erst in zweiter Linie in Betracht. Mais hat auf 
der Station bereits zwei gute Ernten gegeben. 
Der am 20. Mai gepflanite wurde am 22. Sep- 
tember geerntet und der vom 28. August am 
14. November. Auch Erdnüsse, zwei Arten, ge- 
diehen vorzüglich. Die Saat vom 10. Juli wurde 
am 3. Jänner geerntet. Erdnüsse können eben- 
falls zwei Ernten im Jahre geben, und werden 
dann am besten im März und im Juli gepflanzt. 

Einheimischer Tabak und Baumwolle geben 
höchst befriedigende Erträge und scheint beiden 
der Boden hier sehr zusagend zu sein. 

Süsse Kartoffeln, Hirse und auch, Zwiebeln 
wurden ebenfalls auf der Station mit Erfolg an- 
gepflanzt. In Adeli werden drei verschiedene 
Pfefferarten cultivirt. Ausser dem roihen sp.ini- 
schen und dem weniger scharfen rotben Sudan- 



OESTeRREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



pfeffer gedeiht hier auch vorzüglich der schwarze 
indische. 

Auch Ingwer wird von den Eingeborenen 
mit gutem Erfolge angebaut. Hohe Ricinusstauden 
finden sich vielfach in unmittelbarer Nähe der 
Ortschaften. 

Dem verdienstvollen Begründer der Station 
Bismarckburg, Dr. Wolff, ist es nicht vergönnt 
gewesen, die errungenen Erfolge zur Förderung 
und Befestigung deutschen Einflusses und deutschen 
Ansehens zu vefwerthen. Derselbe erlag im Laufe 
des Sommers einem perniciösen Fieber, das ihn 
auf einer Expedition nach Kebu ereilte. An seine 
Stelle ist zunächst Premierlieutenant Kling ge- 
treten. 

Viele bemerkenswerthe und neue Aufschlüsse 
bat Francois auf seiner im vorigen Sommer in 
den westlichen Theil des Togo-Hinterlandes über 
Salaga hinaus unternommenen Reise erhalten. 
Haupthandelsplätze der dortigen Gegend sind die 
Städte Salaga, Jendi, Kratschi und Kpandu ; der 
erstgenannte Platz ist der bedeutendste. Besonders 
rege ist der Karawanenverkehr vom Nigerbecken 
und vom Norden und Osten her. Karawanen aus 
dem Haussalande tauschen Rindvieh und Pferde, 
solche aus Hofi Esel, Schafe und Ziegen gegen 
Kolanüsse ein, die von Karawanen aus Ateobu 
und Kintempo auf den Markt gebracht werden. 
Gasari- und Daboja- Leute bringen Sclaven, letztere 
auch noch Salz, und handeln dafür Gewehre, 
Pulver und Schnaps ein. 

Trotzdem Jendi an der Karawanenstrasse 
Sansanne — Hangho — Salaga und nicht fern der 
Strasse Mofo — Salaga gelegen ist, ferner an 
Einwohnerzahl Salaga um ein Bedeutendes übertrifft 
und vor diesem den Vorzug der gesunden Lage 
hat, will der Handel daselbst nicht aufblühen. 
Die Schuld trägt der Sultan, der \'on den Kara- 
wanen hohe Abgaben fordert und das gleiche 
Recht seinen Unterhäuptlingen einräumt. Die 
meisten Karawanen aus dem Haussalande um- 
gehen aus diesem Grunde das Land Jende 
südlich. 

Von europäischen Artikeln sind am be- 
gehrtesten Garne und Kauri , darnach bunte 
Stoffe (roth-blau), Gewehre, Pulver. Englische 
ganze, halbe und Viertelschillinge haben von der 
Küste bis Salaga Giltigkeit, wenn das Gepräge 
erkennbar ist. 

Ein milder, verständiger, die Interessen des 
Handels fördernder Herrscher und geographisch 
begünstigende Umstände machen Salaga zum 
Handelsemporium des oberen Wolta, ja des 
Nigergebietes. Das seiner Sagenhaftigkeit ent- 
kleidete Timbuktu dürfte ihm kaum den Rang 
streitig machen. Salaga liegt der Mitte des Niger- 
bogens gegenüber, ziemlich gleich weit von allen 
Hauptplätzen am Niger entfernt , wie Segu, 
Bandjagara, Timbuktu, Say und Kirotaschi. 

Ebenso hat es einen gleichmässigen Abstand 
von den wichtigen Küstenorten der englischen 
Goldküste und der deutschen Togocolonie. 



Salaga liegt also in einer Gegend, in welcher 
natürliche Verbindungen zusammenlaufen, und ist 
der Schlüssel für das Wolta-Gebiet und die Ge- 
birgsdefileen. 

Radienförmig kommen hieher aus dem weiten 
Niger-Becken von der westsudanesischen Hochebene 
vier grosse Karawanenstrassen zusammen, und vier 
weitere gehen von Salaga aus strahlenförmig der 
Küste zu. 

Seit altersher dienen diese Wege einem leb- 
halten Verkehr nach der Hochebene und in jüng- 
ster Zeit auch dem Verkehr nach dem Togo-Gebiet. 
Salaga liegt in dem Dreieck zwischen Wolta und 
Daka, 4 bis 6 Stunden von der ungesunden Wolta- 
und 3 Stunden von der Daka-Niederung entfernt, 
auf einer leichtgewellten Hochfläche in circa 170OT 
Meereshöhe. 

Die Hochfläche ist von niedrigem Savannen- 
gras, das ein prächtiges Weideland abgibt, und 
zwei Fuss hohen Sträuchern bedeckt und fruchtbar 
genug, um gut angebaute Mais-, Hirse- und Yams- 
felder zu tragen, und die Bedürfnisse der Stadt an 
Lebensmitteln aller Art zu decken. Alles in Allem 
macht sie aber einen sehr kahlen, schattenlosen 
Eindruck. Denselben öden Eindruck macht die 
Stadt. Von Weitem sieht man nichts wie eine halbe 
Stunde weit von West nach Ost und 20 Minuten 
von Nord nach Süd gestreckte Fläche, bedeckt von 
niedrigen, meist kegelförmigen, seltener viereckigen 
Dächern und einigen vereinzelten Schattenbäumen. 

Der Sultan ist vor dem Schmutz geflohen und 
hat seine Residenz im Pembi, eine Stunde südöst- 
lich von Salaga gebaut. 

Trotz des Schmutzes und der verpesteten Luft 
ist Salaga ein lebhafter Ort. Unter den anstecken- 
den Krankheiten sind besonders die Pocken zu er- 
wähnen, welche dauernd herrschen. Einige Ein- 
wohner stehen in dem Rufe, die Krankheit mit Er- 
folg heilen zu können. 

Salaga ist der beste Ort für den Anthropologen, 
Ethnographen und Sprachforscher , welcher die 
Völker des Niger studiren will. Nicht nur alle Er- 
zeugnisse des Niger-Beckens, sondern auch alle 
Volksstämme des Niger kommen hier zusammen. 
Täglich kommen und gehen Karawanen. Die meisten 
treffen aus den Haussa-Staaten und dem Lande der 
Fellata über Gomba, beziehungsweise Say-Bisuggu, 
Nikki, Konjaffi hier ein. 

Der Weg über Sansanne, Mangu-Jendi wird 
weniger benützt. Die Karawanen führen Waaren, 
Pferde und Rindvieh mit sich, um Kolanüsse einzu- 
tauschen, viele kommen aus Muschi über Gambaga 
mit Sclaven, Eseln und Schafen, die sie gegen 
Kolanüsse absetzen. Die Gasari-Leute verkaufen 
Sclaven und erhandeln Gewehre, Pulver und die 
besten Pferde, um neue Sclaven zu fangen. Die 
Kolanüsse werden von Kintempo aus auf den Markt 
gebracht. Karawanen aus Daboja am Wolta bringen 
Salz und Sclaven, wofür sie Schnaps und Kola- 
nüsse fordern. 

Salaga ist auf den regen Verkehr von Frem- 
den, die mindestens ein Drittel der Bevölkerungs- 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



Ziffer ausmachen, vollständig eingerichtet. Die 
meisten auswArtigen Händler haben ihre Gast- 
freunde, bei denen sie stets absteigen, aber sie sind 
billige Gäste, da sie nur den Herd und die Schlaf- 
stelle benützen, alles Andere bringen sie mit. 

Der Handel im 'I'ogo-Gcbict hat eine Zukunft, 
da das I^and ziemlich dicht bevölkert ist und noch 
manche Producte, wie Kautschuk und Indigo, welch 
letzterer hier wild wächst, in grossen Mengen ge- 
wonnen werden können. Die Kautschukliane ist im 
Gebirge sehr verbreitet, doch ist ihre Verwerthung 
den Eingeborenen dort noch unbekannt, welche 
immer noch ein einseitiges Wirthschaftssystem für 
den Export, nämlich die Gewinnung des Palmöls 
betreiben. Die an der Küste gangbarsten 'l'ausch- 
artikel sind : Taschentücher und Kattune, roth- 
geblümte Muster und sogenannte Fancy- Points, 
Blättertabak in Bündeln (hcads), billige Löffel und 
Messer, gewöhnliche Perlen , sogenannte Popo- 
Beads, Glaskorallen und echte Korallen, Feuersteine 
für Steinschlossgewehre, Decken und billige Filz- 
hüte, sogenannte „Triumphhüte", und Hemden, 
weiss oder gestreift, beliebt als Geschenke für 
Häuptlinge; Parfüms wie Lawcndel, und weiter: 
Kothgarn in Päckchen, Blaugarn, dicker Messing- 
drath (brassrods), rothe Fez, Spiegel (Soldaten- 
spiegel), Sammt, Nähnadeln, Shirting, türkisch- 
rother Kattun, weisse Baumwollcnzeuge (Cirey baff 
und Grey superior). Langschäftige Steinschloss- 
gewehre, sogenannte üaneguns und rothangestri- 
chene mit grosser Mündung, sogenannte Buccaneer, 
für Elephantenjagd, sowie Pulver, sind sehr geeignet 
zum Ankauf von Pfer<len und Rindvieh, ferner Seide 
in Stücken oder Tüchern, roth oder rothgeblümt. 
Taschentücher und die eingeführten Kattune sind 
überall sehr beliebt als Tauschartikel. An der Küste 
sind kleine Silbermünzen, bis jetzt noch englische 
3 und 6 Pencc höchst erwünscht und vortheilhaft 
zu verwertlien. Kisenwaaren, wie kleine und grosse 
Messer (sogenannte butcher knives) Haumesser und 
Hacken, Taschenmesser haben als Exportartikel 
hierher eine Zukunft. 

Was den Handel und Waarenaustausch zwischen 
dem Togo-Gebiet und dem benachbarten König- 
reich Dahomeh betrifft, so fehlt es demselben noch 
an Stetigkeit. Im Grossen und Ganzen befuidct sich 
der Dahomeh-Handel noch in dem Anfangsstadium; 
es werden nur geringwcrthige Waaren eingeführt, 
wie sie zur Befriedigung der Bedürfnisse eines noch 
uncivilisirttn Menschen nöthig sind, von ICinführung 
irgendwelcher Luxusartikel ist noch keine Rede, 
ausgenommen was die Mulatten, die irgend eine 
Missionsschule besucht haben, bestellen, um sich 
wenigstens mit dem Schein eines Civilisirten zu um- 
geben. 

Der Handel mit Dahomeh wird in gleicher 
Weise betrieben, wie derjenige längs der ganzen 
Westküste. Europäische Waaren werden eingeführt, 
um gegen Landesprodurte umgetauscht zu werden; 
letztere sind hauptsächlich Palmöl und Palmkerne, 
Elfenbein dagegen nur in sehr kleinen Quantitäten; 
doch unterliegt es keinem Zweifel, dass von letzterem 



grosse Mengen im Hinterlande von Dahomeh zu 
erhalten sind, durch das Abscblusssystem D^homehs 
aber nicht zur Küste kummcn. Unter den einge- 
führten Waaren sind deutschen Ursprungs Salz von 
Strassfurt, Gcneverund Rum von Hamburg, während 
die anderen Artikel von den einzelnen Häusern aus 
ihrem Mutterlandc bezogen werden, so unter An- 
derem Pulver, Eisenwaarcn, Provisionen und Ga- 
lanteriewaaren. Baumwollcnwaaren werden nur von 
England genommen; wiederholte Versuche mit 
deutscher Waare waren nicht von Erfolg gekrönt, 
da der Preis sich den englischen Waaren gegenüber 
noch zu hoch stellt, und der deutsche Fabrikant die 
Wünsche desBestellers demGeschmack entsprechend 
nicht genug berücksichtigt. 

Die aus den Einfuhrzöllen seit I. August 1887 
sich ergebenden Einnahmen im Betrage von 80.000 
Mark im Etat für 1889/go genügen, um die Kosten 
der Verwaltung zu decken. Die Colonie steht unter 
Verwaltung des Reiches: Regierungscommissär war 
im letzten Jahre Herr v. Putikamer, der auch zu- 
gleich Consul für die unter fremder Hoheit stehen- 
den Gebiete an der Gold- und Silberküste war. 
Ausserdem befindet sich dort ein Secretär, ein 
Polizeimeister, ein Regierungsarzt und andere Be- 
amte. In Deutschland hat sich am 8. Mai 1888 eine 
deutsche Togo-Gesellschaft als eine offene Handels- 
Gesellschaft constituirt, nachdem Dr. Henrici Land 
am Sio-Fluss erworben hatte. Die erste Station der 
Gesellschaft ist in Gapo, einige Tagereisen von der 
Küste. Fran<;-ois spricht sich über diese Erwerbung 
günstig aus. 

Um die Auffindung neuer und sicherer Wege 
aus dem Binnenlande nach der Küste hat sich auch 
Premierlieutenant Kling, welcher dem Stabsarzt 
Dr. Wolff beigegeben, verdient gemacht. Der ge- 
nannte Officier ist auf der von ihm zurückgelegten 
Tour von Bismarckburg nach Klein Popo meist auf 
Eingeborene -Stämme gestossen, die eine den 
Deutschen freundliche Haltung zeigten. Besonderes 
Interesse gewährte ihm der Marsch durch die Da- 
homeh benachbarte Landschaft Atakpamc, in welcher 
seit kurzer Zeit einzelne deutsche Niederlassungen 
eingerichtet worden sind, und wo zum ersten Male 
eine Berührung mit der einheimischen Bevölkerung 
stattgefunden hat. 

III. 

Die Hauptbeschäftigung der .Atakpamcleutc ist 
der Handel, neben welchem sie aber bedeutende 
Weberei und Mcfscrschmi<-dcarbcit betreiben. Die 
Einwohner waren sehr zurückhaltend, hatten sie 
sich ja doch die Europäer bis jetzt fernzuhalten ge- 
wusst, bis ein Besuch bei einem Fetischpriester das 
Eis brach. Der Weg über Atakpamc ist von allen 
Verbindungswegen zwischen der Station und der 
Küste der beste, und wird nun auch wohl, nachdem 
seine Erschliessung gelungen, allgemein benutzt 
werden. Die Entfernung von Klein-Popo nach Sa- 
laga über Bismarckburg beträgt 22 Marschtage, führt 
ausschliesslich durch deutsches Gebiet und ist kürzer 
als die bis dahin bekanntgewesenen Handclsstrassen 
zwischen Lome und Salaga oder .\kkra auf der 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



englischen Goldküste und Salaga. Die Constatirung 
dieser Thatsache ist für den deutschen Handel von 
grosser Wichtigkeit, wenn dieser in dem vielver- 
sprechenden Gebiete mit den Engländern zu con- 
curriren beabsichtigen sollte. 

Die Verhältnisse liegen in der Togo-Colonie 
in handelsjiolitischer Beziehung insoferne günstig, 
als es geglückt ist, die Station im Rücken derjenigen 
Volksstämme anzulegen, welche den directen Handel 
zwischen der Küste und dem Innern durch List und 
Gewalt zu verhindern suchten. Bismarckburg sichert 
in Folge seiner günstigen geographischen Lage dem 
deutschen Handel ebensowohl eine gute Verkehrs- 
strasse nach Salaga als auch nach Fasuga und 
weiter nach Nordosten, 

Die Grenzverhältnisse der Togo-Colonie nach 
Westen sind noch nicht festgestellt und die An- 
sprüche der Engländer und Deutschen collidiren an 
mannigfachen Punkten, während nach Osten hin, 
gegen die französische Besitzung, die Grenze 
längst regulirt ist. 

Wirthschaftlich ist das deutsche Togo-Gebiet 
Jahr für Jahr vorwärts gegangen. Der Handels- 
umsatz, namentlich in dem dicht an der englischen 
Grenze gelegenen Lome, ist in fortdauerndem Steigen 
begriffen und beläuft sich auf weit über sieben Mil- 
lionen Mark, von welchen für das laufende Jahr an 
Zöllen gegen neunzigtausend Mark einkommen, 
durch welche die Verwaltungskosten vollauf gedeckt 
werden. Durch den Aufschwung des Handels haben 
sich drei neue Firmen veranlasst gesehen, ihr Ge- 
schäft in der Colonie aufzuschlagen. Das Aufblühen 
des Handels in Lome ist dem Umstände zu danken, 
dass die Engländer höhere Zölle erheben, und dass 
die Eingeborenen deshalb weither aus dem Innern 
von englischer Seite nach Lome gehen, weil sie 
dort billiger kaufen. Darunter leidet der englische 
Handel allerdings. Der Grund dafür liegt einerseits 
darin, dass sie höhere Zölle haben, anderseits, dass 
gar ke'ne natürliche Grenze vorhanden ist. 

Nicht nur mit Bezug auf den Handel ist Togo 
in einen neuen Abschnitt der Entwicklung getreten, 
sondern man hat auch begonnen, Plantagenbau zu 
betreiben. Ausser einer kaufmännischen Firma, 
welche kürzlich eine kleine Cocospflanzung an der 
See angelegt hat, arbeitet die „Deutsche Togo- 
Gesellschaft", als Plantagen-Gesellschaft im Innern 
und will für umfassende Verkehrsmittel und Schiff- 
barmachung der kleinen Küstenflüsse sorgen. Ge- 
baut wird dort Baumwolle, 'l'abak, Ricinus und 
Kaffee. (Scliluss folgt.) 

DIE SYMBOLISCHE ROSE IN DEN KORDAFRI- 
KANISCHhN RELIGIÖSEN ORDEN. 

Wollte man eine Liste aller jener falschen Be- 
griffe und irrigen Angaben anlegen, die noch heute 
über muhammedanische Dinge im Umlauf sind, so 
erhielte man wahrlich ein stattliches Verzeichniss 
von Missverständnissen. Populäre Darstellungen 
und Reisewerke sind die vermittelnden Organe 
solcher Irrthümer, über welche die Kritik fachkun- 



diger Orientalisten nicht die nothwendige Controle 
übt. Durch dilettantische Führer irregeleitet, wird 
z. B. noch heute in den weitesten Kreisen die grund- 
falsche Anschauung verbreitet, dass der Unterschied 
zwischen den beiden grossen Abtheilungen des 
Islam, zwischen Sunniten und Schiiten darin be- 
stehe, dass diese blos den Koran als Autorität an- 
erkennen, während jene ausser diesem geoffenbarten 
Religionsbuch noch die Sunna als Quelle des re- 
ligiösen Verhaltens und Glaubens betrachten.') 

Viele solcher falschen Angaben sind durch 
Reland'x und Mouradgea d'Ohsson's für ihre Zeit 
denkwürdige Arbeiten aus der Welt geschafft wor- 
den. Man spricht nicht mehr von Muhammed's Grab 
in Mekka als Zielpunkt der muslimischen Wall- 
fahrten ; die Fabel von den magnetischen Wänden 
derKa'ba ist längst aus dem Verkehr geschwunden ; 
die Türkenbücher und Reisebeschreibungen des 
XVI. und XVII. Jahrhunderts sind voll davon. Die 
in früheren Jahrhunderten allgemein verbreitete 
Anschauung, dass jeder Jude, der Muhammedaner 
werden will, zuerst mittelst regelrechter Taufe 
durch den christlichen Glauben hindurchgehen muss, 
weil der Islam auch die Anerkennung Jesu's voraus- 
setzt — ist wohl gleichfalls aus dem Wege ge- 
räumt. MartinusBaumgarter von Breitenbach (l 507) 
ist gewiss nicht der Letzte, der dieser Fabel 
Glauben schenkte. ^) 

Lange hafteten falsche Worterklärungen. Es 
wäre nicht ohne Interesse, die Geschichte, Leben 
und Sterben solcher Irrthümer zu verfolgen. Von 
einem Buch in's andere ging, um ein Beispiel aus 
diesem grossen Kreise anzuführen, die uns heute so 
sonderbar anmuthende Angabe, dass die Muham- 
medaner ihre Geistlichen Talisman nennen. Darüber, 
was man unter Talisman zu verstehen habe, sind 
die verschiedenen Verfasser nicht einig. Martin 
Crusius ") citirt bereits nach einer altern Autorität, 
Genfraeus, dass man die türkischen Priester Talis- 
manlar nenne ; dasselbe lehrt auch Ricaut an 
mehreren Stellen seines noch heute interessanten 
Buches über muhammedanische Dinge, zu dessen 
religiösen Abschnitten er sich seine Informationen 
von einem unter Türken erzogenen Polen holte. 
„ Besagter Polack hiess Albertus Bohonius, und inuss 
ich bekennen, dass ich das meiste, so ich in diesem 
Buche angemerckt, von ihm herhabe." *) Der böh- 
mische Freiherr v. Wratislaiv, der im Jahre 1591 
dem Gesandten des Kaisers Rudolf II. am Hofe 
des Sultans Muradlll., Friedrich Kreywitz, attachirt 
war, nennt die Minaretrufer hartnäckig Talisman *), 
und dieselbe Bedeutung gibt diesem Worte /ohann 
Ulrich Wallich aus Weimar: „Diese Ausruffer — 



') So lehrt noch mirkwürdigerweise der Professor de.^ Islam 
an der Parise ■ ..Eeole de» hautes-etudee** in eeioer Antrittsvor- 
lesung, Hartw. Derenbourg. La science des religions et Vlalamisme 
(Paris, Leroux 1886), p. 76. 

') Peregrinatio in Aegyptum, Arahiam, PalaeMnam et Syriam, 
edid. M. Clirisr. Donaveriua (Nürnberg j5it4), p. \fi: Nam si (iuis 
Judaeus tldem suair (uämticli de» Muhai» niedaners) aniplecti vellet, 
non priu.s aiimittittir donec Christiani niore baptizatus. 

') Tiircograeciiie libri octo. Haeil. 1584 in fol., p. 67. 

•) Die Nen-tröffnete Ottomanische Pfortt. (Deutsche Ueber- 
setzung.) Augsburg 1694. Bil. ), p. »8a. 

»j Des Freiherrn von Viratislaw merhvirrdige ilesandtschafis- 
reise von Wien nach Konstantinopel. (Aus dem Böbmischeu über 
setzt., Leipzig 1787, p. 3-t. 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT fOr DEN ORIENT. 



[•sagt der Tliüringer*) — werden genennet 'I'idism.in 
[ oder Mesin. Wenn etwa diese an dem Abruffcn ver- 
hindert werden, können an deren statt es wohl die 
jüngere Studenten verrichten, so sich desswegen zu 
den Kirchen begeben und darinnen exercircn." 
Üesgieiciien meint der eifrige Agitator Bartholo- 
mäus Georgivits, dessen Flugschriften gegen die 
Türken gewürdigt wurden , im lateinischen Ori- 
ginal in Theodor Ribliander's bekanntes Sammel- 
werk ') aufgenommen zu werden , woraus dann 
einiges „von einem Thüringer aus dem Lateinischen 
in's Hochdeutsche gezogen" wurde**): „Sacerdotis 
vero illorum lingua Talismanlar vocati" und der 
»Franzose Villamont:*) „11 faut que le sainton ou 
Talisman (qui est leur Prestre ouCure) vienne pour 
consoler le malade et lui represenier l'etat de son 
salut". Auch der Sachse Wilhelm Hurchard, der in 
der Mitte des XVII. Jahrhunderts in der Türkei 
verkehrte, 1") schreibt in seinem siebenten Ca|)ilel : 
„Die Priester , so auff ihre Sprach Talismonlar 
heissen, haben einen geringen Unterschied vom ge- 
meinen Volk". Von den Mu'eddins spricht er in 
einem frühern Capitel besonders, von den Schul- 
meistern in einem spätem, und es darf beiläufig 
hervorgehoben werden, dass er sich bei dieser Ge- 
legenheit zu derKemerkung veranlasst findet: „Man 
hält die Schulmeister in Türekey sehr wehrt und 
thun kein Überlast, lassen auch nicht geschehen, 
dass ihnen ein einizig Leid wiederfahre, worinnen 
sie uns Teutschen hefftig beschämen, als da viele 
gar Fussschemel aus ihren Schuldienern machen 
und alles Hertzeleid den armen Leuten zufügen." 

Die Verbreitung völlig aus der Luft gegriffener 
oder auf argem Missvei-ständniss beruhender sprach- 
licher und sachlicher Angaben über muhammeda- 
nische Verhältnisse hat aber auch angesichts der Ver- 
tiefung unserer modernen Kenntnisse nicht aufge- 
hört, die populären Berichte über den Orient zu 
verunstalten. Aus einer grossen Reihe von Bei- 
spielen, die sich jedem Fachmanne darbietet, der 
es nicht verschmäht, die Reiseliteratur mit einiger 
Aufmerksamkeit zu verfolgen, möchte ich hier ein 
charakteristisches Detail hervorheben, das mir 
durch ein vor nicht langer Zeit erschienenes popu- 
läres Buch über Algier wieder nahegeführt worden 
ist. In der Reihe populärer ethnographischer Werke 
über den Orient, welche in Paris bei E. Plön er- 
scheinen, ist Algier durch ein Buch Ai^% Dr. Bernard 
vertreten. Im Capitel über die geheimen Brütler- 
schaften (Kliouän) in Nordafrika wird uns hier zum 
so und so vielten Male folgende Mär erzählt: „II 
n'y a peut-etre un musulman du nord de l'.'^frique 



•) Biligio Uircica et Maliomitta Yiln. Dnt ist: h'urlii, Kahr- 
hoffligt grtind- und rigtndliche Htichrtihung Tarckiaclur Ktligion, 
If.« auch I.ilien, Winidel uud Tod des ArabiscInH /alicIilH l'ro- 
(ihilen Maliometia. Aligcfa«»t^l. bei» Urieben und In Teuuclier Sprache 
herausifßie« bf n (o. O. KiW), p. 2.5. 

•) Uli. III. p. 183. 

•) rüTcken-llüMtin Barlholomel Oeorijl VI» EInei Unj[»rn, 
welcher 1» Jmbr bei den Türcken gcf.ingen gewesen. Vonder 
'Mrcken (lebrüllchi'U und Oeivi.linh<'lteu flu. elf. NOrnbffg ItlCT. 

•) /.es Yogai/ta du Srigoiur de l'iUamoHl, ChevalliT, de 
l'Ordro de llienuiilcin, gentiluomme urdlnalre de U CU»mbr« du 
Kov (T.von IßlHi), p. 301. 

'") Anns IM dt» 19 Jahr um TürektH gtfttmgen gene»e»tn 
Sachten auffs ihm triiffnete lürck/i/ (,1. Au.g. Uüts, ü. Aii»g. IR»!. 
Magdeburg). 



<|ui , se/on l'exprtsiion comacrie n'ail pris la rote 
de l'une de ces pieuses et politic|ue» confr^ries*, 
unci weiter nochmals: „La province d'Alger prtnd 
volontiert la rose dt Sidi Abd el Kader etc." '*) 

Also ^die Rose nehmen'^ ist der geheiligte Aus- 
druck für den Begriff: in einen religiösen Gebcim- 
bund initiirt werden. Bernard ist nicht der Kntdccker 
dieser Definition, denn wie eine ewige Krank- 
heit erbt sie sich von Buch zu Buch und darum wird 
es wohl nicht als überflüssig erscheinen, auf die- 
selbe eingehender hinzuweisen ; vielleicht gelingt 
es, der allenthalben verbreiteten unsinnigen Be- 
hauptung endlich ein Ende zu bereiten. Wir müssen 
da freilich den touristischen Schriftstellern einen 
Schnitzer zu Gute halten ; denn, ohne dass sie 
sich dessen bcwusst sind , könnten sie sich 
für das ^Nehmen der Rose^ auf ein wissenschaft- 
liches Specialwerk über nordafrikanische Culturver- 
hältnisse' berufen, auf kein geringeres nämlich, als 
auf das HanoUau-Lelourneux'sc\\G Werk über die 
Kabylen und ihre Sitten. In demselben wird uns 
die Rosenerklärung mit der höchst auffallenden Be- 
merkung vorgeführt: „.^u moins c'est ainsi (|ue 
l'cntendent Ics musulmans". "') Da dürfen wir uns 
dann nicht verwundern, wenn in einem populären 
Werke über Marokko, in welchem uns unter An- 
derem die nicht wenig sonderbare Belehrung ge- 
boten wird : Verlangt man nach einem arabischen 
Buche, so sehen uns die Leute erstaunt an und 
sagen: „In Fez habe niemand ein Buch, es möge 
wohl der Eine oder der Andere eines besessen 
haben, in welche Hände es aber mit der Zeit ge- 
langt, sei unbekannt" — wenn, sagen wir, in dem- 
selben Buche die „Rose" der nordafrikanischen Ge- 
heimbünde als ausgemachteThatsache hingenommen 
und den Lesern weitergegeben wird : „In einen 
Orden eintreten — so lesen wir da kategorisch — • 
heisst die Rose nehmen." ") Wie kommt aber die 
Rose dazu, diese Rolle in den Gcheimbünden des 
Islam zu spielen ? Darauf hat uns früher schon Herr 
Pfarrer Bernhard Schwarz recht gründlich geant- 
wortet : „In einen Orden eintreten — so sagt auch 
er — heisst „die Rose nehmen". Bekanntlich war 
diese Blume schon im ältesten .Asien ein verbreitetes 
Symbol, bei den Christen Sinnbild des Martyriums 
und im Mittelalter so wie heute noch ein Zeichen 
für manche Gcheimbünde". '*) 

So wäre denn nun auch der Zusammenhang in 
symbolischer Weise hergestellt. .Aber vergeblich ! 
Wir müssen auf die Rose in diesem Kreise ver- 
zichten, so schwer es uns auch wird, den Duft der 
Rose mit einer dumpfen Litanei ru vertauschen. 
„Wird", so nennen die Muhammedaner zunächst 
eine Partie des Korans, die sie als andächtige üebung 
zu einer gewissen Tageszeit regelmässig recitiren ; 
dann nennt man auch mit diesem Wort eine Art 
Litanei, welche religiöse Bruderschaften wahrend 

") L'lltirtt fHi »•«>• r« (PmiU I8»7), p. »4», »SO. 

") La KahgUe et le* coutumet k'aiglu (P»H» 18«^ Vi. II. 
p. 96, Ann. ». ...._, 

") Kdm. d« Amirls: JTurvUa. (N»«h «»n U».Hm»>Mthtm (nl 
be rbitlel, IS83), p. U«, üi 

■•) Al/tritn. (L.«lpilg IStl), p. t»l. 



OD 



ro 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



ihrer regeltnässrgen Vereinigung gemeinschaftlich 
hersagen. Unter dem Namen „dhikr" sind diese 
andächtigen Uebungen besser bekannt. Die ein- 
zelnen Derwisch-Körperschaften haben ihre Eigen- 
thümlichkeiten hinsichtlich der Zeit und Art dieser 
Recitationen. Um daher die religiösen Uebungen 
einer solchen Körperschaft mitmachen zu können, 
muss man in die Eigenthiimlichkeit ihres „ Wird" 
eingeweiht sein, und die Bekanntmachung m.it dem 
Wird eines Ordens ist demnach eine nothwendige 
Vorbedingung der Zugehörigkeit zu demselben. 
Wenn man nun sagen will: ,, Jemand ist in den 
Orden X eingetreten", so drückt man dies so aus: 
„er hat den Wird dieses Ordens empfangen". 

Mit diesem Wird haben nun die Schriftsteller, 
die wir oben anführten, sowie jene, denen sie gefolgt 
sind, das graphisch identische und lautlich ähnliche 
Ward verwechselt; dies bedeutet /^ö« und so ist 
wohl zu allererst die Rose als symbolisches Zeichen 
der Initiation in einen muhammedanischen Orden 
(merkwürdigerweise aber nur mit Bezug auf Nord- 
afrika) entstanden. 

Budapest. Dr. Ign. Goldziher. 



MUSIK UND TANZ IN OSTASIEN. 

Es dürfte kaum einem Zweifel begegnen, 
dass der Ursprung aller Musik in der Biegsam- 
keit der menschlichen Stimme wurzelt, dass mit 
anderen Worten Gesang die ursprünglichste Musik 
gewesen ist. Ermögliciit wird diese Biegsamkeit 
der Stimme durch die aufrechte Körperhaltung, 
worauf schon der Gesang der Vögel hinweist. 
Aber auch unter jenem Affengeschlechte, welches 
dem menschenähnlichen Affen der Vorzeit am 
nächsten steht, beim Gibbon, finden sich Arten, 
die mit dem aufrechten Gange eine solche Ge- 
walt über die Kehlkopfmuskeln vereinen, dass sie 
die Tonleiter für das Ohr musikalischer Beob- 
achter richtig singen können. Dies ist beim 
Hylobates agilis der Fall. Die Intervalle der von 
diesem anthropoiden Affen ausgestossenen sehr 
musikalischen Töne liegen um einen halben Ton 
auseinander und die von ihm auf- und abwärts 
gesungene Scala umfasst eine Octave. So sind 
denn Anlage und Befähigung zum Singen ein 
Gemeingut aller Menschen, und in der That ist 
die Neigung für Vocalmusik fast bei allen Völ- 
kern und Stämmen, wenn auch in recht ver- 
schiedenem Masse vorhanden. Nicht selten äussert 
sie sich in ganz roher Weise, ohne Rücksicht 
auf das, was wir Harmonie nennen, die erst als 
Angebinde eines verfeinerten Geschmackes sich 
kundgibt. Schon auf sehr niedrigen Gesittungs- 
stufen nehmen wir Versuche wahr, Töne künst- 
lich zu erzeugen, die ersten Spuren der Instru- 
mentalmusik, wenn man sich so ausdrücken darf. 
Die Südseeinsulaner, wie die Neger Innerafrikas, 
haben alle schon mehr oder weniger sinnreiche 
Instrumente erdacht, welchen sie in der ver- 
schiedensten Art Töne zu entlocken verstehen. 



Im Allgemeinen daif man alle diese musikalischen 
Instrumente in die drei grossen Gruppen der 
Schlag-, I-ilas- und Saiteninstrumente theilen, die 
ja auch unserem eigenen, hoch ausgebildeten 
Orchester zu Grunde liegen. Die einfachsten und 
zugleich unbeholfensten unter ihnen sind zweifels- 
ohne die Schlaginstrumente, welche nur eine sehr 
beschränkte Anzahl von Tönen hervorzubringen 
vermögen, daher auch hauptsächlich bei den 
niedrigen Völkerstämmen verbreitet sind. In 
Afrika spielt die Trommel mit ihren Verwandten 
eine gewaltige Rolle, hat sich aber auch in 
höhere Cullui kreise gerettet. Uebrigens sind die 
Schlaginstrumente je nach dem zu deren Her- 
stellung verwendeten Stoffe einer ansehnlichen 
Vervollkommnung fähig. Zwischen der hölzernen 
Negertrommel und dem metallenen Gong Ost- 
asiens ist ein bedeutender Unterschied. 

Es bezeichnet allemal eine höhere Entwick- 
lungsstufe, wenn Vocal- und Instrumentalmusik 
sich mit einander zu verbinden beginnen, wenn 
der Gesang nach Begleitung verlangt, ganz ab- 
gesehen von dem musikalischen Werthe beider. 
Auf dieser Stufe treffen wir die Nationen Ost- 
asiens, die ja in der That auch einer alten, 
eigenartigen Gesittung sich rühmen dürfen. Die 
Musik der /apaner hat F. Kallenberg seinerzeit 
in diesen Spalten geschildert.') Darnach bilden 
dreisaitige Guitarren, Samsing, nach J. Rein Sa- 
misen genannt, nebst kleinen Tarabukken oder 
Trommeln, die verschieden gestimmt sind, aber 
mit dem Klang der Guitarren harmoniren, die 
Hauptinstrumente. Professor Rein nennt, ausser- 
dem noch die dreizehnsaitige Koto, eine Art 
Zither, welche liegend gespielt wird. Ihre Töne 
sind viel harmonischer, wohlklingender als jene 
des Samisen, doch ist ihr Spiel ungleich schwie- 
riger. Die Biwa, eine Mandoline mit vier Saiten, 
wird meist von Greisen gespielt. Die Satzver- 
bindung de;- Melodie, sagt Kallenberg, ist dem 
Gehör kaum wahrnehmbar; es ist ein fort- 
währendes Durcheinander von Tönen, wobei 
weder Trommel noch Guitarre dissoniren ; die 
Schlusscadenz kommt so unerwartet als möglich, 
da eine eben begonnene Steigerung eher die 
Fortsetzung erwarten liesse. Gesang und Instru- 
mentalmusik sind Künste, die in Japan, wie im 
gesammten Morgenlande, in der Regel nur von 
Mädchen ausgeübt werden. Diese werden stets 
im Spielen des Samisen, in besseren Häusern 
wohl auch der Koto unterrichtet. Diejenigen, 
welche diese Künste gewerbsmässig betreiben, 
heissen Geisha und stehen dem Ansehen nach in 
der Mitte zwischen den zwei anderen niederen 
Berufsciassen, den Yakusha und Joro, welche 
dem Vergnügen dienen. Sie sind Vertreterinnen 
nicht blos der neun Musen, sondern auch einiger 
anderer Göttinnen, insbesondere der Hebe. Auch 
die Chinesen bevorzugen die Schlaginstrumente ; 
sie haben zuerst entdeckt, dass gewisse Steine 



') Siebe Bd. XII., Seile 184. 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FOR DEN ORIENT 



11 



I 



das Vermögen besitzen, musikalische Töne lier- 
vorzubringen und so bearbtitet werden können, 
dass sie die Töne der Octave wiedergeben. 
Einige alte Instrumente wurden aus dem von 
ihnen hochgeschätzten Nephrit gemacht und dem 
kaiserlichen Gebrauche vorbehalten ; jetzt werden 
dieselben aus einem schwarzen Kalkstein ver- 
fertigt. Daneben gibt es Trommeln in den ver- 
schiedensten Grössen und Gestalten, und ebenso 
Saiteninstrumente, die entweder mit der Harn! 
oder mit einem Plectrum angeschlagen oder wohl 
auch mit einem Hogen gestrichen werden. Dar- 
unter verdient die Pi-Pd lirwähnung, eine ballon- 
förmige Guitarre, welche in den voiksthümlichen 
, Capellen unentbehrlich ist. Die Musik ist bei 
I den Chinesen nach ihren eigenen Aussagen uralt 
und stand ursprünglich sogar mit Mass, Gewicht 
und Münze im Zusammenhang. Europäischen 
Geschmack vermag dieselbe aber nicht zu be- 
friedigen. Im Allgemeinen scheinen die Chinesen 
auf genaue Einhaltung der Tonstufe und der 
Intonation keinen besonders hohen Werth zu 
legen; sie begnügen sich mit einer gewissen 
Annäherung, und in dem Umfange von zehn oder 
zwölf unveränderten Noten finden die Musiker 
eine unendliche Zahl von Melodien, welche den 
Anforderungen des bescheidenen Geschmacks 
vollkommen genügen. Diese Melodien aufzufassen, 
ist anfänglich sehr schwer; sie hinterlassen keinen 
bleibenden Eindruck, da sie sich fortwährend von 
Dur in Moll und umgekehrt bewegen, so dass 
sie keine entschiedene Klangfarbe zeigen. Immer- 
hin ist Musik eine der beliebtesten Unterhaltungen 
der Chinesen und in den meisten Städten be- 
stehen Concerthallen, wo es dem Publicum für 
ein Geringes erlaubt ist, ein Lied oder eine 
Ballade anzuhören. Im Theater ist Gesang das 
Privilegium der Hauptperson des Stückes, häufig 
eine Art Recitativ, und die Art, wie das Orchester 
in gebrochenen, kurzen Accorden oder in langen 
getragenen Tönen denselben begleitet, ist dem 
sogenannten Recitativstyl des Abendlandes sehr 
ähnlich. Im Allgemeinen freilich läuft das Urtheil 
der meisten Europäer darauf hinaus, dass die 
chinesische Musik, wie die japanische desgleichen 
„rein nicht zum Anhören" ist, und strenge Richter 
brandmarken sie gar als „Ohrenschinderei". 

Bei weitem erträglicher klingt die Musik auf 
der hinterindischen Halbinsel, besonders in Siam 
und Birma. V.\r\ siamesisches Orchester, aus fünf 
bis sechs Instrumenten bestehend, ist ziemlich gut 
zusammengestellt. Ausser der Flöte gibt es aber auch 
hier blos Schlaginstrumente, und zwar nebst der 
Trommel solche aus Bronze, Eisen oder Bambu, 
die auf eine Octave von acht Noten gestimmt sind. 
Diese Metallplatten, dem chinesischen „Gong'' oder 
„Tamtam" entsprechend, sind an beiden Seiten an 
schiffförmigen Schnüren aufgehängt und werden 
nicht mit den Fingern, sondern mit Stäbchen ge- 
spielt, die in einer kleinen Scheibe enden. Die 
melodischesten dieser Miniaturclaviere sind jene 
aus Bambu. Die Birmanen besitzen vollends eine 



Anzahl höchst merkwürdiger, ihnen eigenthamlicbcr 
Musikinstrumente. Das grösstc davon ist eine Art 
„Trommelharmonika", Pal sc haing genannt. Das Ge- 
häuse selbst gleicht einer grossen offenen Trommel 
und ist so geräumig, dass derVirtuos darin sitzen kann. 
An den inneren Wänden sind i8 — 20 'IVommeln 
und Pauken von 7 — 25 cm Durchmesser angebracht 
und verschieden gestimmt. Der Spieler schlägt sie 
mit den Fingern, so dass man das Instrument auch 
ein Trommelciavier nennen könnte. Aehnlich ist 
das Gehäuse einer Beckenharmonika , die aber 
mit Troinmristöcken geschlagen wird und von 
besonderem Wohlklange ist. Die birmanischen 
Blasinstrumente, Clarinetten und Trompeten, ver- 
dienen wenig Lob, bemerkenswerth sind aber die 
Harfen, die einen Resonanzboden aus Büffclledcr 
und 13 Saitenstränge besitzen. Sie haben eine 
äusserst elegante F'orm ; wie die altegyptischen 
besitzen sie keinen Pfeiler oder kein Frontstück, 
sondern die Saiten sind nuran einem schön geschwun- 
genen Hals gespannt. Ganz vorzüglich ist aber ein 
anderes, den Birmanen eigenthümliches Instrument, 
welches unserer Glasharmonika gleicht, nur dass 
statt der Glastasten, auf doppelten Schnüren kleine 
Bambusplitter mit der convexen Seite nach oben 
schweben. Die Abstufung der Töne wird dadurch 
hervorgebracht, dass der mittlere Theil der Bambu- 
Stäbe mehr oder weniger ausgehöhlt ist. Die Cla- 
viatur hängt über einem luxuriös geschnitzten 
Kästchen von aninuthiger Form, und die Stäbchen, 
die mit zwei Stöcken geschlagen werden, geben 
einen äusserst weichen Ton. Man darf diesem In- 
strumente sonder Zweifel schon einen hohen Rang 
der Ausbildung anweisen, ja dasselbe wohl für das 
höchstentwickelte in Ostasien halten. Schliesslich 
gedenken wir noch einer dreisaitigen Guitarre, die 
aber wie eine Zither gespielt und deren Gehäuse 
sehr sinnreich in der Form eines Alligators aus- 
geschnitzt wird. 

Wie man sieht sind es bei aller Vervollkomm- 
nung doch immer die Schl.iginstrumcnte, welche 
die Grundlage der oslasiatischen Musik bilden. Das 
Nämliche beobachtet man auch in Java, bei der 
dortigen Tantak Musik, welche durch Schlagen mit 
hölzernen Klöppeln auf kupferne Becken und auf 
eine Trommel hervorgebracht wird. Die Instru- 
mente für die Tantak-Musik sind: 10 — 20 messingene 
runde Becken von verschiedener Grösse, die in zwei 
oder drei Reihen auf einem Gestelle liegen und mit 
Ilolzklöppeln geschlagen werden; dann 10 — 15 
nebeneinander auf einem Gestelle liegende 1 5 — 20 rM 
lange und 5 — 7*5 cm breite Stücke Metall die man 
ebenfalls mit hölzernen Hämmern schlägt ; ferner 
8 — 12 Stücke verschiedenen Holzes von der Form 
der erwähnten Metallstücke ; auch sie liegen auf Ge- 
ste llcn und werden mit hölzernenHämmem bearbeitet. 
Dazu kommen zwei runde kupferne Becken von 
60 cm bis I m Durchmesser, in Schwebe hängend 
und gleichfalls mit Ilolzklöppeln geschlagen, sowie 
eine meterlange Trommel von 30 cm Durchmesaer, 
die mit dem Klöppel oder wohl mit der Faust ge- 
schlagen wird. Nur zuweilen betindct sich bei der 



12 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



Tantak noch eine Zither mit zwei Saiten. Schon diese 
Schilderung der üblichen Musikinstrumente genügt 
hinlänglich zur Kennzeichnung der ostasiatischen 
Musik, die noch weit entfernt ist von dem, was wir 
unter diesem Namen begreifen. 

Müssen wir es nun an der Erkenntniss ge- 
nügen lassen, dass selbst Völker von unbestreit- 
barer Gesittungshöhe, wie Chinesen und Japaner, 
doch nur auf sehr schwache musikalische Leistungen 
blicken dürfen, so zeigt ein Gleiches sich auf dem 
verwandten Gebiete des Tanzes. Rudolf Voss, der in 
seinem Buche überdenTanzauch einenAnlaufnimmt, 
denselben geschichtlich zu verfolgen, erklärt: das 
'l'anzen ist in der menschlichen Natur begründet ; 
die Ansicht hat Vieles für sich, denn Tänze sind 
selbst den rohesten Menschenstämmen eigen und 
fast noch bei allen beobachtet worden. Freilich ist 
bei diesen der Tanz etwas ganz Anderes als bei 
den gesitteten Nationen der Gegenwart. Bei Völkern 
niederer Gesittungsstufe bildet er wie Edward B. 
Tylor treffend bemerkt, den Ausdruck der grössten 
Leidenschaftlichkeit und Feierlichkeit. Bei Wilden 
und Barbaren äussern sich Freude und Trauer, 
Liebe und Zorn, selbst Zauberei und Religion im 
Tanze. Man hat daher auch verschiedene Arten 
von Tänzen zu unterscheiden, worunter die Kriegs- 
tänze und die religiösen Tänze die wichtigsten sind. 
Erregung des Muthes ist der Zweck der wilden 
Kriegstänze, welche sowohl bei ganz rohen 
als auch bei höher cultivirten Völkern weit ver- 
breitet sind. In den alten Religionen wurde der 
Tanz als eine der wichtigsten gottesdienstlichen 
Handlungen angesehen ; ja , Plato erklärte alles 
Tanzen für eine religiöse Handlung. Während nun 
bei den modernen Culturvölkern die religiöse Musik 
einen hohen Grad der Ausbildung erreicht hat, ist 
der religiöse Tanz fast ganz ausser Gebrauch 
gekommen. Bei vielen weniger fortgeschrittenen 
Völkern hat er sich jedoch noch als ausschliess- 
lich priesterliche Verrichtung erhalten. Aller Tanz, 
auch der kriegerische und der religiöse ist aber 
ohne Frage erotischen Ursprungs, eine mimische 
Aeusserung des Geschlechtstriebes. Erwägt man, 
wie sehr die Erotik in das Religionswesen der 
alten wie auch der heutigen Naturvölker hinein- 
spielt, so kann dies kaum befremden. Es wird auch 
nicht entkräftet durch den Umstand, dass die Wilden 
im Tanze die Geschlechter noch nicht vereinen. Ur- 
sprünglich tanzte der Mann allein, das Weib musste 
sich im günstigsten Falle mit dem Zusehen begnügen. 
Was jedoch dieses MännertanzesSinn war, lässt unter 
Anderem jener der westaustralischen Watschandi 
am Murchisonstrome deutlich erkennen. Aber selbst 
die Tänze in den europäischen Ballsälen, so ver- 
feinert und ceremoniös sie auch sind, weisen in 
Form und Zweck Spuren jenes Ursprunges auf. 

Auf niederen Stufen der Cultur gibt es noch 
keine Grenze zwischen der Tanzkunst und der 
Schauspielkunst. Der nordamerikanische Hundetanz 
und Bärentanz sind mimische Darstellungen, wobei 
höchst naturgetreu und drollig nachgeahmt wird, 
wie sich die Thiere auf der Erde wälzen, wie sie 



sich kratzen und beissen. Sehr frühzeitig hat sich 
auch der Bund von Tanz und Musik vollzogen. In 
der That erheischt der einfachste Rhythmus der 
Bewegungen irgend eine „musikalische" Begleitung, 
So sehen wir denn überall den Tanz unter nicht 
unbeträchtlichem Aufwände von Schallerregung vor 
sich gehen. Bei sehr vielen ungesitteten Stämmen 
bildet das Geschrei der Tänzer selbst die einfachste 
„Tanzmusik". Aber auch die makassar'schen und 
buton'schen Tänzer kennen keine andere Musik bei 
den Tänzen, die sie gewöhnlich nur bei Festlichkeiten 
aufführen. Diese selbst tragen durchaus den Cha- 
rakter der Kriegstänze und bestehen darin, dass ein 
oder mehrere Männer sich mit Schwert und Schild 
bewaffnen untl nachher jeder einen besonderen 
Platz im Kreise umlaufen, wobei die Tänzer fort- 
während ihre Schwerter und Schilder rechts und 
links, zuweilen aber auch über ihre Häupter drehen 
und schwingen. Wenn letzteres geschieht, schreien 
sie laut auf und wenden für diesen Augenblick ihren 
Oberleib mit hochausgestreckten Armen nach der 
Aussenseite des Kreises. Auf diese Weise dauert 
der Tanz wohl eine halbe Stunde und länger fort. 
Bei den weniger kriegerischen Timoresen sind die 
Tänzer roth gekleidet und mit Säbeln oder langen 
Messern bewaffnet; diese umschreiten bei ihren 
Tänzen nur einen Kreis von l'3 bis I'5 vi Durch- 
messer mit kleinen Schritten und krummgebogenen 
Knien. Die Schritte müssen ebenso wie die Zuckungen 
ihrer steifgehaltenen Arme nach dem Takte der 
Musik, der Tantak, geschwinder oder langsamer 
ausgeführt werden. Ein solcher Tanz dauert oft 
mehrere Stunden lang ununterbrochen fort. Alle 
diese 'Tänze werden durch berufsmässig^ Tänzer 
ausgeführt, das Volk selbst betheiligt sich nicht 
daran. Ueberall auf den Sunda-Inseln, Celebes und 
den Molukken finden die Eingeborenen, Moslemin 
wie Heiilen, es unterhaltender, das 'Tanzen nur zu 
sehen, als selbst mitzutanzen. Wilde Kriegstänze 
sind dagegen unter den Dayaken auf Borneo zu 
Hause. Dem dänischen Naturforscher Carl Bock zu 
Ehren veranstaltete einen solchen der Rajah des 
Stammes der Modong- Dayaken zu Melan. Der Tanz 
bestand aus fortgesetztem lauten Stampfen mit den 
Füssen, begleitet von wildem Geschrei und drohen- 
den Stellungen mit Mandau (Säbel) und Schild. 
Gleichzeitig spielte ein Dayake mit aller Kraft auf 
einem zweisailigen Instrumente, einem Mitteldinge 
zwischen Banjo und Violine. Es war roh aus einem 
einzigen Stück Holz gearbeitet, mit hohler offener 
Rückseite. Die Saiten aus dünnen Bambufäden 
wurden nur mittelst der Finger gerührt. Die sehr 
gefürchteten 'Tring-Dayaken rannten bei einem sol- 
chen Kriegstanze rund herum, stampften gleich-» 
falls heftig mit den Füssen, schrieen mit hoher 
Stimme, schwangen ihren Mandau, als ob sie einen 
Feind treffen wollten, deckten sich dabei mit ihrem 
Schilde und wurden allmälig so aufgeregt und 
wüthend in ihren Bewegungen, durch das Geschrei 
ihrer Genossen angefeuert, dass Herr Bock sich nicht., 
leicht einbilden konnte, einem Ballettanze beizuwoh-; 
nen. Viel zahmer nehmen sich die Kriegstänze auf 



I 

i 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIi^ fOr DEN ORIENT 



13 






Idei 
f." 
Im 



Java aus. Der französische Reisende Dcsirt-Charnay 

eobachtftc am Hofe des Fürsten von Soerakarta 
einen ^Lanzentanz". Die höchst originell geklei<ieten 
Tänzer gruppirten sich, entfernten sich, drohten 
und kämpften, aber Alles dies mit so abgemessenen 
Bewegungen und in so langsamem Rhythmus, dass 
man schwerlich einen kriegerischen Tanz darin ent- 
decken konnte ; sie heben die Füsse, drehen sich 

m und treten auf, als ob sie auf Eiern gingen, 
eniger langsam sind Kampf und Paradebewegung 

m „Cris-Tanz". Die Cris (dolcliähnliche Messer) 
treffen sich, schlagen los und ertönen beim Klange 
der Musik, die ihren dang etwas beschleunigt. Noch 
bestimmter wird die Bewegung im 'l'anz mit Stöcken. 
Da ist Hieb, Nachhieb, Parade ; sie schlagen wirk- 
lich darauf los, man hört Holz gegen Holz, und die 
Schilde erdröhnen unter den Schlägen der Kämpfer. 
Das Orchester, der „Gamellang", lässt kriegerische 
Klänge hören, die Geigen kreischen, die Gong 
donnern und die Casserolen gerathen in Aufruhr. 
An all den erwähnten Tänzen betheiligen sich 
blos Männer. Carl Bock sagt , dass malayische 
Frauen niemals tanzen. Doch erzählt Alfred Rüssel 
Wallace von dem Tanze der Orang Kaya auf Bor- 
neo in einem Tone, der auch auf Betheiligung des 
schönen Geschlechtes schliessen lässt. In Java ver- 
einigen sich jedoch beide Geschlechter zu diesem 
Zeitvertreibe, sagt Bock. Der Ausdruck scheint un- 
genau, denn die darauffolgende Schilderung lässt 
wiederum keine Vereinigung der Geschlechter, son- 
dern blos eine einseitige Betheiligung, diesmal der 
Weiber, erkennen. Kin Zusammenwirken von Män- 
nern und Frauen oder Mädchen ist nicht vorhanden ; 
an Stelle des oder der Tänzer tritt eine oder 
mehrere Tänzerinnen; das ist Alles. Gewöhnlich 
aber zeigen sie einzeln ihre Kunst. Bock's Tänzerin 
war ein Mädchen, bekleidet mit einem rothgestreilten 
Sarong und einem violetten Slendang oder Shawl 
über der rechten Schulter, das Haar mit natürlichen 
Blumen geschmückt und Juwelen im Ohr und an 
den Fingern. Das Mädchen machte verschiedene 
Stellungen und der Tanz war eher eine Reihe von 
Geberden als jene anmuthige Körperbewegung, 
welche die Europäer unter diesem Namen verstehen. 
Sie nahm einen rothen Shawl und schlang ihn um 
Oberleib und .Arme, wobei sie zuweilen einige 
Worte sang ; hin und wieder bedeckte sie ihr Ge- 
sicht bis zu den Augen mit dem Shawl. Der grössere 

Thcil der Vorstellung bestand jedoch blos in einer 
Veircuikung der Hände und Finger in der Art, als 
ob dieselben völlig aus den Gelenken wären. 

Recht übel ist Charnay auf diese Tänzerinnen 
und ihre Kunst zu sprechen. Sie reckt sich aus, 
erzählt er, verschränkt die Arme, windet die 
Hände auseinander. Alles mit einer vcrzwciflungs- 
vollen Langsamkeit; sie spielt die Besiegte und 
zu Boden Geworfene, während man bis lOo zählen 
könnte. Ihre Hüften sind unbeweglich; der Tanz 
ist züchtig; man sieht kaum die Füsse der 
Künstlerin; nur ihre Extremitäten bewegen sich 
wie die l'^ühlfäden kranker Insecten oder ster- 
bender Spinnen, ohne dass man eine Ahnung von 



den Gefühlen hat, die sie ausdrückt. Von Zeit 
zu Zeit stossen ihre Gefährtinnen einige klagende 
Töne aus, als ob Katzen heulten, und sie selbst 
murmelt, wie einen Todtcngesang, unverständ- 
liche Worte. Indess gibt es in diesen l'änzen 
der Rongkäng, so hcissen die gewerbsmässigen 
javanischen Tänzerinnen, mancherlei Schattiruogen. 
Aber stets tanzen sie, wenn auch mehrere zu- 
gleich , doch jede nur für sich mit kleinen, 
höchstens 5 cm langen Schritten, wohl aber mit 
Bewegungen des Oberleibes, der Knie und mit 
Gesticulationen nach dem Takte der Tantak- 
musik; die Arme werden dabei nicht über die 
Schultern erhoben. Die Tänzerinnen bewegen 
sich auf diese Weise nur 2 — 3 m vorwärts, singen 
alsdann eine Strophe ihres Liedes und zittern 
mit den Fingern, wobei viele Triller der Musik 
erklingen. Hierauf tanzen sie nach der rechten 
oder linken Seite hin oder auch wohl rückwärts 
und singen alsdann wieder eine Strophe, worauf 
die Zahl der Triller noch vermehrt wird. Auf 
diese Art dauert der Tanz bis der Gesang zu 
Ende ist. Aehnliche Darstellungen gaben die ja- 
vanischen Tänzerinnen auf der jüngsten Pariser 
Weltausstellung zum Besten. Ein launiger Be- 
richterstatter eines Wiener Blattes fand ihre 
Tänze stets als eine Serie stereotyper müder Be- 
wegungen und einschläfernd bis zum Hypnotis* 
mus, und wenn die Bezeichnung „Ratten" für 
Ballerinnen je gerechtfertigt war, hier traf sie 
jedenfalls am bestimmtesten zu. 

Die Sitte, dass nur Frauen oder Mädchen 
allein tanzen, bildet das Gegenstück zu der 
älteren, ursprünglichen, welche den Tanz aus- 
schliesslich den Männern vorbehielt. Sic ist un- 
gemein weit verbreitet, kennzeichnet aber stets 
Stämme oder Völker von einer schon vorgerück- 
teren Cultur. Insbesondere herrscht sie im ganzen 
grossen Bereiche des Ulam, wo der Mannet tanz, 
von wenigen Ausnahmen abgesehen, blos als 
priesterliche Handlung auftritt. .Aber auch China 
und Japan kennen keine andere Art des Männer- 
tanzes. Von den Chinesen behauptet Gustav 
Kreitner geradezu, dass sie das Tanzvergnügen 
als solches nicht kennen, so wenig wie den Kuss. 
In der That ist Schreiber dieses keine Schilde- 
rung eines chinesischen Tanzes bekannt. Rudolf 
Voss führt einen solchen unter dem Namen Todou 
an, welcher der Gesundheit halber eingeführt 
worden sein soll. Zudem sagt er, jedoch ohne 
Angabe einer Quelle, Männer und Weiber tanzten 
gemeinschaftlich, ohne sich die Hände zu reichen, 
im Kreise oder in Schlangenwindungen beruin. 
Nach einer gewissen Zeit bleiben sie, um auszu- 
ruhen, stehen. Während dieser Pausen tanzen 
öffentliche Tänzerinnen ihre Solo. Der Bericht 
klingt bis auf letzteren Punkt wenig wahrschein- 
lich. Sonst weiss man blos von religiösen 'l'änzen, 
welche am kaiserlichen Hofe oder bei den Cere- 
monien der In-tschiao, der Religion der Literaten, 
unter Absingen von Hymnen ausgeführt werden. 
Die Tänzer sind würdige Leute, welche durch 



14 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



Haltuag und Bewegungen dem Auge die Gefühle 
der Anbetung und Verehrung, wie sie die Hymne 
ausdrückt, zur Anschauung bringen sollen. In 
Japan hören wir gleichfalls blos von einem Solo- 
tanz der Mädchen. Nach Herrn Kallenberg's 
Beschreibung hat er viel Aehnlichkeit mit dem 
der Javaninnen. Er verbietet eine hüpfende Be- 
wegung nach europäischer Weise, die Füsse 
müssen stets vom Gewände bedeckt bleiben. Der 
wesentlichste Antheil an der Uebung fällt somit 
dem Oberkörper zu, welcher in gefälligen Beu- 
gungen nach vorne, rückwärts und seitwärts sich 
bewegt. Vornehme Sitte ist, die Füsse während 
des Gehens einwärts zu richten und kurze Schritte 
zu machen. Die Tänzerin bewegt sich demnach 
auch in Japan auf sehr kleinem Räume, und ihr 
Hauptbestreben bleibt, jede auch noch so unbe- 
deutende Bewegung in formvollendeter Weise zur 
Darstellung zu bringen. Verschwiegen darf indess 
nicht bleiben, dass doch auch Tänze anderer Art 
den Japanern nicht fremd sind. Da ist insbe- 
sondere der Odori, welcher Fremden oft zu Naga- 
saki vorgeführt wurde und in seiner obscönen 
Form dem berüchtigten, lasciven Hulahulatanze 
der Hawai'schen Inseln wohl wenig nachgibt. 
Recht herzliches Ergötzen findet endlich das Volk 
an den religiösen Tanzvorstellungen der Bonzen. 
Beim Feste des Odschi Gonghen springt und 
hüpft Alles, was im Kloster Beine hat, und ein 
alter Mönch schlägt die Pauke. In manchen 
Bonzereien wird das Erntefest mit Charakter- 
tänzen gefeiert; in anderen Tempeln aber Mas- 
keraden aufgeführt, genau so wie sie in alten 
Zeiten am Hofe des Mikado stattgefunden haben. 
Dazu gehört namentlich der Hahnentanz, Die 
Tänzer haben einen mächtig grossen Kamm und 
tragen Hahnenmaske mit Schnabel und Schellen 
am Halse. Bei den Priestern von Funabas glaubt 
man sich unter mohammedanische Derwische ver- 
setzt. Die Bettelbruderschaften des Kamicultus 
endlich führen ebenfalls Tänze auf und singen 
dabei ihre Litaneien ab. 

Tänze, in welchen beide Geschlechter vei eint 
wirken, kommen in Ostasien nur bei einzelnen 
urwüchsigen, von der Cultur noch wenig be- 
leckten Stämmen vor; so bei den Hochzeitsfesten 
einiger Negrito auf den Philippinen und bei den 
Pepohoan der Insel F'ormosa, welche in mond- 
hellen Nächten einen wilden Rundtanz, Mädchen 
und Bursche bunt zu einer festen Kette ver- 
schlungen, aufführen. Alles in Allem sind die 
choreographischen Leistungen der Ostasiaten eben 
so schwach wie ihre Musik, Der Einzeltanz der 
Geschlechter herrscht vor, und überall wo dies 
der Fall ist, kann vom Tanze als Volksvergnügen 
keine Rede sein. 



PHILIPPINISCHE COLONISATIONSPROJECTE. 

Von Prof. F. Blumentritl. 

Das Jahr 1889 hat eine grosse Anzahl von 
Colonisationsprojecten für diePhilippinen gezeitigt. 
Sowohl im Mutterlande, wie in der Colonie wurde 
diese Frage von den verschiedensten Seiten her be- 
leuchtet und erörtert. Die Einen erwärmten sich für 
Ackerbaucolonien, die Andern wünschten blos die 
„Einfuhr" annamitischer und anderer asiatischer 
Kulis. Bezüglich der ersteren herrschte unter ihren 
Förderern keine Einigkeit; die Einen strebten, den 
Strom der spanischen Auswanderer, welcher bisher 
nach den LaPlata-Ländern und nach Algier sich er- 
goss, nach den Philippinen abzulenken. Andere 
schlugen die Gründung von Sträflingscolonien vor, 
auch fehlten nicht Vorschläge, gemischte Ackerbau- 
colonien, das heisst solche bestehend aus Weissen 
und Indiern (das heisst philippinischen Eingebornen) 
zu gründen. 

Die meisten dieser Projecte sind eben Projecte 
geblieben, greifbare Gestalt haben nur die Vor- 
schläge des Marine-Officiers Canga-Arguelles und 
der Regierungsplan, auf der Insel Mindoro eine 
Sträflingscolonie zu errichten, angenommen. 

Canga-.Arguelles war längere Zeit hindurch 
Gouverneur von Puerto Princesa, das heisst der 
Südhälfte der Insel Palawan. Seine Verwaltung war 
eine musterhafte zu nennen, unter ihm blühte diese 
Colonie förmlich auf. Nach seiner Enthebung kehrte 
Canga-Arguelles nach Spanien zurück und machte 
unermüdlich Propaganda für die Gründung spani- 
scher Ackerbaucolonien auf jener ihres schlechten 
Klimas wegen verrufenen Insel. Es gelang ihm 
thatsächlich, ein Patent zu diesem Zwecke von der 
Regierung zu erwerben, und in diesem .Augenblicke 
weilt er bereits an Ort und Stelle, um seine Ideen 
zu verwirklichen. Ich zweifle sehr, dass dies dem 
wackeren Manne gelingt ; in seinem edlen Enthu- 
siasmus unterschätzt er nach meiner Ansicht die 
Schwierigkeiten, welche das tropische Klima dem 
weissen Landarbeiter entgegensetzt. Die Philippinen 
dürften von dieser allgemeinen Regel wohl keine 
Ausnahme machen. Jedenfalls halte ich auch bei 
einem zufälligen Gelingen dieses vereinzelten Unter- 
nehmens es für undenkbar, dass die europäischen 
Spanier in Masse nach den Philippinen auswandern 
werden. Die Leute wandern ja nicht nur aus dem 
Grunde aus, um jenseits des Oceans ein besseres 
Dasein zu fristen, sondern auch um den politischen 
Lasten, die im Vaterlande ihre Schultern drücken, 
zu entfliehen. Auf den Philippinen haben sie in 
beiden Beziehungen nichts Gutes zu erwarten. Die 
besten Ländereien in den civilisirten Provinzen sind 
bereits in festen Händen, in den heidnischen und 
mohammedanischen Landestheilen aber sind sie den 
Ueberfällen blutdürstiger Wilden oder fanatischer 
Assassinen ausgesetzt. In politischer Hinsicht ver- 
lieren sie aber durch ihre Niederlassung im Ar- 
chipel alle Rechte, welche dem modernen Menschen 
ebenso lieb und theuer wie unentbehrlich sind : er 
kommt in ein Land, das keine Vertretung in den 



I 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT fOr DEN ORIENT 



Ift 



f 



(Portes des Muttci landcs besitzt, wo er alle Ver- 
gewaltijjunjj von Seit<m der geistlichen wie welt- 
lichen Behörden schweigend ertragen muss, weil 
es keine freie Presse giln und weil Niemand es 
wagt, gegen die Willkür der Behörden Kinsprache 
zu erheben, ausser es wäre ihm gicichgiltig, seine 
Freiheit zu verlieren und seine ganze Zukunft zu 
gefährden. Solche Aussichten sind für den Aus- 
wanderer nicht eben verlockend ; ich glaube, Ar- 

entinien und Uruguay mit ihrem dem Spanier so 
sagenden Klima werden jedenfalls mehr An- 

liehungskraft ausüben. 

Die Cirüntlung von Strafcolonien auf der Insel 
Mindoro scheint mir ein sehr unglücklicher Ge- 
danke zu sein. Abgesehen davon, dass hier dieselben 
klimatischen Schwierigkeiten anzutreffen sind, wie 
auf der Insel Palawan, so fällt vor .'MIem in's Ge- 
wicht, dass jene Insel an der Küste von civilisirten 
Tagalen und im Binnenlande von friedfertigen, zu- 
gänglichen Heiden, den Manguianen, bewohnt wird. 
Für beide cingeborne Stämme wird es gewiss kein 
Segen sein, wenn man unter sie den Abschaum der 
spanischen Bevölkerung als Eilerbeule setzt. Die 
Spanier sprechen so viel von dem Prestige ihrer 
Nation, das unter allen Fniständcn gewahrt werden 
müsse, dennoch gründen sie Colonien von spani- 
schen Verbrechern, welche jedenfalls nicht dazu 
beitragen werden, das spanische Prestige zu wahren. 
Die grösste moralische Gefahr droht da den Man- 
guianen, welche bisher von den Schattenseiten 
unserer Civilisation glücklich verschont geblieben 
sind. Die ärgsten Verbrecher werden gewiss bald 
desertiren und bei den friedlichen Heiden Zuflucht 
suchen. Ob das zum Segen jenes Volksstammes und 
zum Ruhme Spaniens gereichen wird, das möge 
die spanische Regierung beantworten. 

Mögen auch diese und ähnliche Projecte 
scheitern, sie beweisen schliesslich, dass man im 
Mutterlande den so lange vernachlässigten Philip- 
pinen eine grössere Aufmerksamkeit als bisher zu 
widmen beginnt, und diese Thatsache wollen wir 
mit Freuden constatiren. Sie lässt uns hoffen, dass 
das Mutti'rland nicht mehr dieColonie als eine Melk- 
kuh für seine Beamten und parlamentarischen Pa- 
rasiten ansehen, sondern durch eine weise Gesetz- 
gebung sich die Liebe und Anhänglichkeit der Phi- 
lippinen und (dies ist der einzige Weg hiezu) den 
Bestand der nur von denSpanii^n selbst bedrohten 
spanischen Herrschaft sichern wird. 



MISCELLEN. 
Die kleinen Füsse der Chinesinnen. Der 

.,North China Herald" bringt im .Anschlüsse an 
eine Mittheilung des ,,Journals der ethnologi- 
schen Gesellschaft l'-rankrcichs" einen Aufsatz über 
die Unsitte des Fussverschnürens bei den Frauen 
in China, welcher auf die älteren Beobachtungen 
des Herrn de Fusier im Jahre i86i zurückgreift. 



In Deutschland hat der treffliche Anatom H. Wclcker 
gleichfalls schon Vorjahren (1871 und 1872) „die 
Füsse der Chinesinnen" im IV.. und V. Kande de« 
„Archiv für Anthropologie" einer grQadlichea 
Untersuchung unterzogen und Alles zusammen» 
getragen, was über diesen Stoff sich ermitteln 
liess. Es scheint nicht, dass seit Weltkcr's mit 
lehrreichen Abbildungen ausgestatteten Abhand- 
lung unsere Kenntniss über den Gegenstand sick 
merklich erweitert habe. Insbesondere ist der Ur- 
sprung der Unsitte immer noch herzlich dunkel. 
In den classischen Schriften der Chinesen geschieht 
derselben keine Erwähnung, woraus sich annehmen 
lässt, dass sie zu Konfu-tse's Zeiten wenigstens 
noch nicht bestand. Selbst Marco Polo, der im 
13. Jahrhundert China bereiste, gedenkt derselben 
mit keinem Worte, was freilich nichts beweist, da 
der edle Venetianer von gar Manchem geschwiegen 
hat, was damals nachweislich in China schon vor- 
handen war. Der „North China Herald" lässt e« 
als ziemlich ausgemacht gelten, dass eine Grille 
des wüsten und unbeliebten Kaisers Li-Yuh, dessen 
Hof in Nanking war, die Veranlassung gewesen 
sei. Dieser regierte von q6i — 976 und wurde von 
Tschao-kuang-yin, dem Gründer der Jung-Dynastie, 
bezwungen, zuerst in ehrenvoller Gefangenschaft 




gehalten, aber schliesslich vergiftet. Es scheint, 
dass er sich in seinem Palaste die Zeit vertrieb, 
als ihm einfiel, dass er dem Fusse seiner Lieb- 
lingstäozerin, Vao Niang, ein besseres Ausseben 
geben könnte. Er bog daher ihren Fuss, so dass 
er den Spann zu einem Bogen erhöhte, der dem 
Neumonde glich. Dies wurde von den Höflingen 
sehr bewundert und sofort bei ihren Famihen ein- 
geführt. Neben dieser Lesart, welche Dr. Macgowan 
bekannt gemacht hat, gibt es aber noch andere. 
Während nach Einigen eine böse Kaiserin, Tan-ku, 
die mit Klumpfüssen geboren war, bereits im Jahre 
II 00 v. Chr. ihren kaisei liehen Gemahl zu dem 
l^rlasse eines Edictcs bewogen haben soll, welches 
die Einzwängung aller Füsse nach dem kaiser» 
liehen Vorbilde angeordnet habe, nennt eine andere 
Uebrrlieferung den Kaiser Yang-te aus der Suy- 



16 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT 



Dynastie 695 v. Chr. als den Urheber. Er habe 
seiner Nebenfrau Pwan befohlen, ihre Füsse zu 
wickeln, und es sei auf der Sohle ihres Schuhes 
ein Stempel der Lotosblume, mit Specereien darin, 
befestigt worden, so dass sie bei jedem Schritte 
einen Abdruck dieser Blume auf der Erde hinter- 
liess und man daher sagte, ihre Tritte brächten 
den goldenen Lotos hervor. Schon vor 150 Jahren 
bemerkte Du Halde : „Man kann nicht sagen, wie 
diese seltsame Mode entstanden ist", und dieser 
Ausspruch gilt heute noch ; ja man kennt nicht 
einmal den Sinn, in welchem diese grausame Be- 
handlung ursprünglich gemeint war. Welcker ver- 
muthet aber wohl mit Recht, dass ihr einfach 
weibliche Eitelkeit, unterstützt durch den Beifall 
der Männer, also die Despotie eines auf Abwege 
gerathenen Schönheitsbegriffes, zu Grunde liegt. 
Hinsichtlich der Verbreitung dieser Sitte ist nach 
Ständen und nach Landschaften zu unterscheiden. 
Dass sie sich ausschliesslich bei den höheren Ständen 
finde, ist ein Irrthum ; sie findet sich nur vorzugs- 
weise und in ihren höheren Graden bt;i den Vor- 
nehmen. Den Landschaften nach herrscht sie vor- 
wiegend in Nordchina, während im Süden, in Kanton 
und Macao, viele Frauen die Füsse gauz frei und 
von der gehörigen Gestalt haben. Auch die tatari- 
schen Frauen haben die chinesische Sitte im Allge- 
meinen nicht angenommen und ebenso wenig die 
kaiserliche Mandschu-Dynastie. Ihr huldigen auch 
nicht die Frauen der auf den Sundainselu lebenden 
Chinesen. Die künstliche Verkrüppelung des Fusses 
wird lediglich durch Binden bewirkt. Mit ihnen 
wird der F'uss, erst in der Zeit vom 5. bis 6. Lebens- 
jahre, umwunden. Sie sind und bleiben das einzige 
Mittel und werden täglich fester angezogen. Die 
Nachtheile, welche die Verkrüppelung der Füsse 
auf Gang und Lebensweise der Chinesinnen aus- 
übt, sind übrigens vielfach übertrieben worden. 
Immerhin steht fest, dass die chinesischen Frauen 
ihr ganzes Leben lang durch diesen Gebrauch zu 
leiden haben. 

Chinesische Staatsprüfungen. Ein in der 

„Pekinger Staatszeitung" vom 19. September v. J. 
publicirter Erlass wegen Hintanhaltung von Un- 
zukömmlichkeiten, die — wie überall in China — 
auch in der Provinzhauptstadt Kiangsu vorge- 
kommen sind, weckt in dem Europäer merk- 
würdige Keminiscenzen an die längst vergangene 
Gymnasialzeit, die verbotenen Uebersetzungen 
tauchen wieder vor uns auf, wir sehen den unter 
den Bänken kräftig blühenden Tauschverkehr mit 
Aufgabenheften und das chinesische Edict liefert 
ein auf den ersten Blick erkennbares Conterfei 
unseres wackeren Schuldieners. 

„Ein Prüfungs-Reglement — so sagt das Edict 
— hat immer bestanden, allein die Prüfungs-Com- 
missäre sehen dasselbe nur mehr als eine leere 
Form an, die Candidaten kümmern sich gar nicht 
mehr darum. Es hat sich ein höchst unpassender 
Zustand herausgebildet." Der Erlass ruft nun die 
geltenden Bestimmungen in's Gedächtniss der Be- 
theiligten zurück und geht zu einer wahrhaft köst- 

Verantwortlicher RedacMnr: A. v. Scala. 



liehen Schilderung der verschiedenen Kniffe über, 
die der Verfasser des Erlasses merkwürdig genau 
zu kennen scheint: 

„Unter allen Betrügereien ist die verwerf- 
lichste das Unterschieben von fremden Personen an 
Stelle der Candidaten, die Beamten haben daher 
vor Allem jeden Candidaten beim Eintritt in die 
Halle zu identificiren ; den Studenten ist es ge- 
stattet (!), jeden, der dagegen sich vergeht, zur An- 
zeige zu bringen, üf-r Andrang an den Prüfungs- 
tagen ist derControle nicht sehr günstig ; es werden 
drei Thore mit Barrieren versehen, durch welche 
die Candidaten truppweise in beschränkter An- 
zahl nacheinander einzulassen sind. Das Ein- 
schmuggeln von Büchern oder gedruckten Copien 
alter Abhandlungen wird verhindert werden und 
kein Diener darf die Thore passiren. Kann Jemand 
wegen körperlicher Schwäche seine Schreib- 
requisiten wirklich nicht selbst tragen, so darf der 
Diener mit diesen nur bis zum Thore gelangen, wo 
die Wachsoldaten die Gegenstände übernehmen. 
Wer eingetreten ist, darf unter keinen Umständen 
wieder fortgehen!" 

Der Erlass gebt nun auf die Clausurarbeiten 
über, welche bisher zu keinem richtigen Bilde über 
die Fähigkeit der Geprüften verholfen haben dürften: 
„Die Candidaten müssen in den ihnen einmal zuge- 
wiesenen Zellen verbleiben, das Pa|)ier wird mar- 
kirt, und wenn eine Arbeit aus einer nicht mit der 
Bezeichnung übereinstimmenden Zelle abgegeben 
wird, so gelangt sie nicht vor die Commission. Oft 
werden Abhandlungen von Freunden ausserhalb des 
Gebäudes geschrieben und mit Hilfe unehrlicher 
Diener eingeschmuggelt, und nicht selten befördert 
man Briefe mittelst Bindfaden und Steinen über die 
Mauern und durch die Fenster." 

Ist die geringe Gewissenhaftigkeit der Can- 
didaten zu missbilligen, so wirft der Erlass ein 
noch grelleres Licht auf die Niedertracht der 
amtlichen Schreiber. Die schriftlichen Arbeiten 
der Geprüften werden nämlich von amtswegen 
durch die Schreiber in Reinschrift übertragen, 
um von der Commission anstandslos gelesen werden 
zu können. Der E^rlass tadelt nun, „dass die 
Schreiber sehr schöne Abschriften machen, wenn 
sie gut dafür bezahlt werden, und schleuderhaft 
arbeiten, wenn sie nichts bekommen. Auch un- 
richtige -Abschriften kommen vor und müssen 
strenge bestraft werden." Zum Schlüsse spricht 
der Erlass die Erwartung aus, dass alle Be- 
theiligten die Vorschriften genau beachten werden, 
„damit reiche Candidaten nicht aus ihrem Gelde 
Vortheil ziehen und arme Studenten nicht in 
Versuchung gerathen." 









^•^- 



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Druck von Ch. Reriter & M. Werthnar in Wien. 



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Februar-Heft 1890. 



OESTERREICHISC 






Nr. 2. 




P 

1^ Monatll( 



0iiat55t|rift für kn #ri0t 

Herausgegeben vom 

K. K. ÖSTERR. HANDELS-MUSEUM IN WIEN. 

Redigirt von A. von Scala. 



Monatlich ein» Numm«r. 



VERLAG DES K. K. ÖSTERR, HANDELS-MUSEUMS IN WIEN. 



Prdi )Url. S I. — tO Marie. 



inHAI.T: Hie Cholera in Mesupotamicn 1H8U. — Kalirilisindu- 
slrien in Indien. Von lüml i^dtluginliveit. — Die deutschen 
Schutzgebiete und Colonialunternebnjungen bei Ileginn des 
Jahres 1880. — Die Halbinsel Malakka — M i « c e I i e n : 
Autstelluni? in Taschkent 1890. — LandesposteinrichtuDgen In 
China. — Zustände an der kleinaslatischen Nordküste. 




li^ 



b( 

i 



DIE CHOLERA IN MESOPOTAMIEN 1889. 

Bai^'datl, am 28. Jänner 1890. 

m verflossenen Jahre wurde das türkische 
Reich von zwei schweren Epidemien 
heimgesucht. War schon früher in der 
I Provinz Assir, dem Hochlande zwischen 
Ilidjäz und Ycmen die Bubonenpest aufgetreten, 
so hatte Irak - Arabien mit dem Erscheinen der 
Cholera im Juli vorigen Jahres eine vielleicht 
noch schwerere Periode der Heimsuchung durch- 
zumachen. Was die crstere Epidemie in Assir 
anlangt, so scheint dieselbe daselbst endemisch 
aufzutreten. Alle sieben bis zehn Jahre kehrt sie 
wieder und man schiebt das Vorkommen der 
Bubonenpest in Assir den Egyptern in die Schuhe, 
die die Krankheit unter Ibrahim Pascha nach der 
Halbinsel Arabien gebracht hätten. Jedoch nicht 
allein die Provinz Assir, sondern auch Irak-Arabien 
stehen in üblem Rufe bezüglich des Auftretens der 
est, wie dies die letzten Epidemien in Bagdad 1872, 
eschhed Ali 1881, dieselbe an der türkisch-per- 
sischen Grenze in Mt^ndeli, Bedre - Djessan 1884 
begründen. Dass es die richtige Bubonenpest war, 
rgab sich aus den Symptomen und Mortalitätsziffern, 
ie von Sanitäts- und Militärärzten constatirt wurden, 
r. Kastorski, der damals vom Ministerium des Innern 
der k. russischen Regierung nach Bagdad gesandt 
wurde, die Epidemie von Bedre-Djessan zu studiren, 
kam leider zu spät daselbst an und begnügte sich, 
blos die inlicirten Orte zu besuchen. Mitte Juli 
vergangenen Jahres waren viele beunruhigende Ge- 
rüchte von dem Auftreten einer „bösen" Krankheit 
in Muntefik, und zwar in Schattra, in der guten Stadt 
Bagdad verbreitet. Wie gewöhnlich verheimlichte 
auch diesesmal die Regierung den wahren Sach- 
verhalt. Man hörte nur von Privatpersonen, dass 
die Beamten der Regierung, sowie die wohl- 
habende Classe der Bevölkerung von Schattra das 
Weite gesucht hätten. Der in Schattra stationirtc 
Militärarzt scheint auch anfangs nicht den Muth ge- 
habt zu haben, die Krankheit als Cholera zu be- 
zeichnen, aus Furcht vor der Verantwortung im 
Falle einer falschen Diagnose, die einen Schreck- 
Monatsschrift für den Orient. Februar 1890. 



schuss für Constantinopel bedeutet hätte. Wie es 
nun sei : Thatsache ist, dass die Krankheit von 
Schattra aus ihren verheerenden Weg nahm. 

Was diesen Ort selbst anlangt, so zählt der- 
selbe beiläufig 2000 Seelen, ist der Sitz eines 
Kaimakams, liegt am rechten Ufer des Schatt-el- 
Häi, jenes Verbindungsarmes des Euphrates und 
Tigris, der sich gegenüber von Küt-el-Amara, be- 
ginnend bei Nasrie, einer von Nasir Pascha, dem 
ehemaligen Chef der Muntefik-Araber, neuerbauten 
Stadt, in den Euphrat ergiesst. Nachdem die 
türkische Regierung, was Stromregulirungen an- 
langt, aus leicht begreiflichen Gründen alles beim 
Alten lässt, so ist auch die Mündung des Schatt-el- 
Häi gegenüber von Küt-el-Amara versandet, so 
dass im Sommer kaum ein Segelboot passiren 
kann. Wenn im Frühjahre dem Tigris ungeheure 
Wassermassen aus Persien und Kurdistan zugeführt 
werden, die manchmal die Chalifenstadt auf das 
äusserste bedrängen, so können im Nothfalle auch 
die Dampfschiffe der Oman-Gesellschaft zu militäri- 
schen Zwecken auf dem Schatt-el-Hai verkehren, 
wie es zur Zeit des Aufstandes der Muntefik-Araber 
unter Mansur Pascha 1881 der Fall war. 

Wie kommt es nun zu einem Auftreten der 
Cholera in Schattra ? War sie eingeschleppt worden? 
Oder entwickelte sich der Krankheitskeim in Folge 
der schlechten sanitären Verhältnisse des Ortes? 
Von Schattra bis zu dem nächsten Hafen Bassorah 
sind folgende Hauptorte zu passiren : Nasrie, Sük- 
el-Schejüch, Hamär, Kurnäh. Es ist nicht leicht an- 
zunehmen, dass ein Cholerakranker die Krankheit 
von Bombay via Bassorah nach Schattra gebracht 
hätte. Bei der Incubationszeit der Cholera, die sich 
nach Niemeyer auf das Maximum von i4Tagen be- 
läuft, was zu beobachten jedoch eine grosse Selten- 
heit sein dürfte, ist eine Einschleppung der Krank- 
heit von Indien aus von vorneherein ausgeschlossen, 
da die oben genannten Orte, sowie Bassorah bis 
lange vor dem Auftreten der Cholera in Schattra 
von derselben vollständig verschont geblieben sind. 
Die Ursache der Entwicklung des Krankheitskeimes 
muss demnach in den örtlichen Verhältnissen des 
Ortes selbst zu suchen sein und da ist es wieder in 
allererster Beziehung die Beschaffenheit des Trink- 
wassers, das in den Sommermonaten besonders in 
Schattra zu dem allerschlechtesten gezählt werden 
muss. Wenn bei der ungeheuren Hitze im Sommer 



1^ 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



flie Wasser des Tigris rapid fallen, so sieht man in 
Schattra den Schatt-el-Hai Tag für Tag abnehmen, 
das Wasser „fiiesst" nicht mehr, der Fiuss wird, da 
die Mündung desselben gegenüber von Küt-el- 
Amara versandet ist, nicht mehr in dem Masse vom 
'I'igris gespeist, die Verdunstung erreicht einen 
hohen Grad und so bilden sich im Flussbette kleine 
Seen, Lachen, was der Schreiber dieser Zeilen 
während seiner Anwesenheit daselbst im Juli, 
August, September 1881 zu beobachten Gelegen- 
heit hatte. Derselbe lag eine Viertelstunde von 
Schattra mit den türkischen Truppen am Ufer des 
Schatt-el-Häi unter Zelt und betrug die Temperatur 
Ende Juli 57 " Celsius (im Schatten). Die Schattra 
am nächsten gelegene Lache wird als Trinkwasser 
für Mensch und Thier benützt. 

Darin werden zugleich auch die Kupfer- 
geschirre gereinigt, Wäsche gewaschen, religiöse 
Reinigungen und dergleichen vorgenommen, bis 
das Wasser nicht mehr trinkbar ist; in diesem 
Falle wird zum zweiten Tümpel gegangen. Dies 
geht so weiter bis die Entfernung den Arabern 
zu weit wird, dann trinkt man Brunnenwasser. 
Wenn man die hygienischen Verhältnisse Schat- 
tras zusammennimmt, die grosse Unreinlichkeit 
des Ortes, die Anhäufungen von Kehricht, or- 
ganischen Abfällen, die zu fauligen Zersetzungen 
geneigt sind, vor Allem, wie oben bemerkt, das 
schlechte verdorbene Trinkwasser im Hochsommer, 
so ist hauptsächlich das letztere Moment als 
Hilfsursache bei dem Ausbruche der Cholera in 
Schattra anzusehen. Der Ausbruch der Cholera in 
Schattra wurde constatirt, aber erst mit der Ab- 
reise des Inspecteur sanitaire von Bagdad und 
zweier Militärärzte vom Range eines Lieutenant- 
Colonels und Colonels — von denen der letztere 
factisch beinahe mit Gewalt expedirt werden 
musste — wurden die Bagdader der emi- 
nenten Gefahr inne, in der sie schwebten und 
ängstlich harrte man der Telegramme, die von 
Nasrie kamen. Das nächste Ziel der Epidemie 
war die von Schattra 7 Stunden am Euphrat ge- 
legene Stadt Nasrie, wo sie grosse Opfer forderte, 
bis zu 84 Todesfälle an einem Tage. Doch war 
an ein Verhindern des Weiterumsichgreifens der 
Cholera trotz Cordons und Quarantaine nicht 
mehr zu denken. 

Was die Cordons anlangt, so eignen sie sich 
besonders für solche Länder, die von derCultur und 
Civilisation noch nicht so sehr beleckt sind, denn 
in Europa wird wohl Niemandem mehr einfallen, 
in Folge einer Choleraepidemie Cordons ziehen 
zu lassen — vielleicht noch in Russland. Die Cor- 
dons, die man in Schattra und Nasrie zog, waren 
viel zu spät anbefohlen, die Krankheit war schon 
längst durch Flüchtlinge weiterverbreitet; dann 
braucht man zu Cordons Soldaten, die Niemanden 
jiassiren und keinen Bakfchisch (Trinkgeld) an- 
nehmen sollen. Das soll man einem türkischen 
Soldaten begreiflich machen können! Hakschisch 
ist das Zauberwort in der Türkei, das alle Berge 
ebnet! Cholera in Bassorah ! Neuer Schrecken 



geht durch Bagdad ! Die Beamten der Regierung 
in Bassorah, die bis Küt-el-Amara geflüchtet 
waren, wurden mit Gewalt zur Wiederaufnahme 
ihrer ämtlichen Thätigkeit durch den Vali S. E. 
Muschir Hidajet Pascha gezwungen. Er hatte 
schoii den Befehl von Constantinopel in der 
Tasche, die Ausreisser im Falle sie nicht auf 
ihre Posten zurückkehren würden, erschiessen zu 
lassen ! 

Alle Welt verlangte jetzt Quarantaine ! 

Früher schon war dieselbe auf dem Wege 
nach Kerbeiah in Mussejib am Euphrat und im 
Hän Mohävil auf dem Wege nach Hilleh er- 
richtet worden, weil die Cholera von Nasrie aus 
ihren Weg auch nach Norden dem Euphrat ent- 
lang nahm. Das Conseil sanitaire von Constan- 
tinopel entschliesst sich endlich, in Küt-el-Amara 
die Schiffe der Compagnien „Oman" und „Lynch" 
zehntägige Quarantaine halten zu lassen und da- 
selbst ein Choleralazareth zu errichten. Die Ordre 
wird gegeben. Zwei Schiffe waren unterwegs von 
Bassorah nach Bagdad: der „F"rat" von der Oman, 
die „Medjidie" der Lynch-Compagnie. Durch ein 
Missverständniss gingen beide Schiffe bei Küt- 
el-Amara vorüber, der „Erat" wurde am Aus- 
flusse der Diäla in den Tigris zwei Stunden 
unterhalb Bagdad von Beamten der Quarantaine 
erwischt und zum Halten gezwungen, die „Medjidie" 
kam mit Sack und Pack nach Bagdad herein. 
Die Stadt zitterte. Ob nun die „Medjidie" die 
Cholera brachte oder nicht — genug einige Tage 
nachher kamen schon einige Fälle mit lethalem 
Ausgange vor; langsam, langsam — bis eines 
schönen Tages die Cholera-Comrai^sionen in 
Permanenz erklärt wurden. 

Nun brach die Panique aus. Rette sich, wer 
sich retten kann! Wohin? Nur aus der Stadt 
hinaus in die Zelte ! In Bagdad ist es gebräuch- 
lich, dass fast jede F'amilie Zelte besitzt, weil 
man im Spätherbste auf das Land geht, sich 
von dem heissen Sommer zu erholen. Diese Sitte 
ist zugleich auch ein Ergebniss der uralten Ge- 
wohnheit, im Falle einer Epidemie die Stadt zu 
verlassen. Die Quarantaine und das Cholera- 
lazareth in Küt-el-Amara werden aufgehoben und 
drei Tagereisen weit nach Hit am Euphrat ver- 
legt, Quarantaine und Choleralazareth in Bacouba 
für die Provinzen Chalis und Chorassän errichtet, 
deren Herrlichkeit jedoch nur drei Tage währte, 
um in Silachie auf dem Wege nach Kerkuk und 
Mossul neuerdings errichtet zu werden. Die Valis 
von Bagdad und Mossul werden durch eine Ordre 
des Sultans für das Erscheinen der Cholera in 
Anatolien verantwortlich gemacht! Constantinopel 
wirft 15.000 Pfund (angeblich) für Stadtreinigung 
aus. Wer Kassim Pascha und die anderen Augias- 
ställe Stambuls kennt, darf sich über eine der- 
artige Auslage nicht wundern. In Bagdad werden 
die strengsten Befehle behufs Reinigung der Stadt, 
Verbrennen der Kleider, Wäsche und Betten der 
Choleraleichen sowie Desinficirungen etc. er- 
theilt. Schnell nahm die Mortalität bei einer Be- 




OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



19 



völkerung von nahezu 180.000 Seelen zu. Die 
Christen flüchteten grösstentheils nach Grara, 
^m^ einem sehr gesundem Orte '/^ Stunden südlich 
IB. von Bagdad gelegen, die reichen Muselmänner 
in die Gärten nach Imam Asam, die Perser nach 
Kasimein (Imam Mussa), die Juden in die Dörfer 
der Provinzen Chälis und Chorassan bis nach 
► Chanegin an die persische Grenze. 

m^g In Bagdad selbst blieb nur der ärmere Theil 

I^K ^^'^ Bevölkerung, die Beamten der Regierung und 
IHi das Militär zurück. Der Kazar, der sonst als der 
- - Mittelpunkt des Handels und Verkehres von 
Menschen wimmelte, war wie ausgestorben. 
Sämmtliche Läden waren geschlossen, nur hie 
und da sah man einen Menschen mit ver- 
störter Miene dahinschleichen. Bagdad glich einer 
Stadt der Todten. Unter dem zurückgebliebenen 
ärmeren Theile der Bevölkerung raste die Epi- 
demie und forderte unerbittlich ihre Opfer, man 
gibt die Zahl der Dahingerafften auf mehr als 
10 000 an. Herzzerreissender Jammer und Weh- 
B^B klagen erfüllten besonders zur Nachtzeit die 
I^P Lüfte. Man muss, um sich eine Vorstellung von 
" den Schrecknissen zu machen, die Gewohn- 
|. heiten der Araber kennen, die sie, im F"alle ein 

W^m Familienmitglied stirbt, beachten . . . 
I^B Doch auch die Flüchtlinge wurden nicht ver- 

I^V schont, besonders die Schiiten in Imam Mussa und 
I^B° der Theil der Bevölkerung, der sich nach Feredjat 
IHr nördlich von Bagdad flüchtete. Am besten kamen 
' die Christen in Grara davon. Den Höhepunkt 

erreichte die Krankheit Anfangs September. Mit 
der zusehenden Abnahme der Intensität der 
Krankheit nahm auch das Vertrauen der Flücht- 
linge zu und die Bevölkerung kehrte langsam 
Ende October und Anfangs November zu ihren 
Penaten zurück. 

IVon Bagdad nimmt die Cholera ihren Weg 
nach den bisher verschont gebliebenen Euphrat- 
gegenden, stattet den heiligen Orten der Schiiten 
' Nedjef und Kerbela einen argen Besuch ab, 
wendet sich nach Osten in die Provinzen Chälis 
und Chorassan nach Persien, dann nach Norden, 
Kerkuk, Mossul bis nach Diarbekr und Um- 

I gebung, wo sie mit dem liintritte der kühleren 
Jalireszeit erlischt. Aiu zudh heissen die Araber, 
die Cholera, d. h. der Vater des Erbrechens. 
Alle Gerechtigkeit muss den Valis von Bassorah 
und Bagdad gezollt werden, desgleichen den 
Aerzten, wie denn ein jeder seine Pflicht und 
Schuldigkeit that, so weit er es vermochte. 



i 



FABRIKSINDUSTRItN IN INDIEN. 

Von Emil Schlagintweit. 
(Schluss.) 
Bei Einführung von Dampfmaschinen zum Be- 
triebe mechanischer Spinnereien und Wehereien an 
Stelle des Handbetriebes konnte den Landcsge- 
wohnheiten der Arbeiter nicht mehr Rechnung ge- 
tragen werden ; hier führte der Wettbewerb gleich- 



artiger Fabrikationen in der alten wie in der neuen 
Welt zu einer Ausnutzung der menschlichen Arbeits- 
kraft, wie sie bei uns im Beginne der Industrien 
vereinzelt vorkam, aber jetzt schon längst durch 
Gesetzgebung und Praxis beseitigt ist. Die Her- 
stellung von Seidengespinnsten liess sich bereits die 
Ostindische Compagnie angelegen sein ; heute 
liegt der Grosshandel ausschliesslich in den Händen 
weniger europäischer Firmen. Dampfmaschinen 
finden vereinzelt Verwendung zum Zwirnen des ab- 
gehaspelten Fadens ; zum Weben nimmt man da- 
gegen mit grösserem Vortheil die Handwebstühle der 
Eingeborenen in Anspruch. In Murschedabad, einem 
der ältesten Sitze derBengal-Seidenindustrie, weben 
in der Hausindustrie nicht weniger als 1900 Stühle 
nach den vorgegebenen Mustern für den europäi- 
schen Markt; wie niedrig die Arbeitslöhne sich 
stellen, zeigen folgende Zahlen: 1875 wurden fast 
voll hunderttausend Stück feinsten Seidenstoffes 
abgeliefert im Werthe von i '^'. Millionen Mark ; an 
Arbeitslohn erhielten die Weber 200.000 M. Nicht 
viel besser werden die Spinner und Zwirncr be- 
zahlt ; das ganze Geschäft ist grossen Schwankun- 
gen unterworfen und wirft, von besonders günstigen 
Jahren abgesehen, geringen Ertrag ab. Die Auf- 
zucht der Raupe bringt das meiste Geld, und des- 
wegen hat sich im Staate Maissur (Südindien) eine 
Gesellschaft mit Unterstützung der Regierung die 
dankbare Aufgabe gestellt, die Cultur des Seiden- 
spinners einzuführen. 

/nie, die Gespinnstfaser von verschiedenen 
Corchorus-Arten, liefert den Beweis, dass der In- 
dier bei allen seinen wirklichen und zugeschrie- 
benen Fehlern wohl im Stande ist, seine Interessen 
wahrzunehmen ; ohne alle Einwirkung seitens der 
Regierung und ohne jegliche Unterstützung seitens 
der Handelswelt schuf der bengalische Bauer und 
Weber zwischen 1858 — 1864 eine Industrie, die 
heute Werthe nach Millionen schafft. Die Pflanze 
wird grösstentheils auf Land gebaut, das früher 
keine Rente brachte, und die starke Nachfrage nach 
Jute-Säcken führte 1860 dazu, dass in der Um- 
gegend von Caicutta jede Familie den einfachen 
Webstuhl der Eingeborenen aufstellte und Gunny- 
Stoff herstellte ; man bekam kaum mehr einen Tag- 
löhner, die .Arbeitslöhne stiegen reissend. Mit der 
Aufstellung mechanischer Webstühle nimmt die 
Handweberei in der bengalischen Tiefebene ab, sie 
breitet sich aber nördlich des G.inges unter der 
kleinbäuerlichen Bevölkerung aus. Mittelpunkt des 
Handels in Gunny-Stoff ist hier Kriscbnagandsch 
an der Mahanadi, einem schiffbaren Zuflüsse des 
Ganges. Jährlich werden 5 Millionen Gunny-Stücke 
verschifft, jedes 5 englische Fuss lang, 3'/» — 4 
breit. Der Verdienst der Arbeiter ist sehr gering ; 
wenn die ganze Familie zusammenhilft, Männer, 
Frauen und Kinder, und sich in die verschiedenen 
Arbeiten des Reinigens, des Herstellens der Faser, 
des Aufziehens der Fäden u. s. w. thcilt, so entfällt 
auf den Kopf nur ein Taglohn von 1 — i'/^ .Anna 
(l2 — 18 Kreuzer). Für die Maschinenweberei 
wurden Mittelpunkte der europäischen Industrie die 



20 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT 



Dörfer im Norden von Calcutta (Baranagar), dann 
Seradscbgandsch am Dschamuna-Arm des Brahma- 
putra, kurz vor seiner Vereinigung im Delta mit 
den Ganges-Armen. Die Zahl der Fabriken und der 
Arbeiter darin steht nicht fest ; bei der letzten 
Volkszählung gaben sich in Calcutta und Umge- 
bung 52 Personen als Besitzer mechanischer Spin- 
nereien und Webereien, an zweitausend als Vor- 
arbeiter darin an. Die Verhältnisse in der Jute- 
Industrie schildert für Calcutta ein amtlicher Be- 
richt wie folgt : Die Männer verdienen 1 1 Anna bis 
I Rupie den Tag (66 kr. bis 1 fl.), die Weiber 
5 Anna an der Maschine, 9 Anna im Packraum, die 
Kinder ^/^ — i '/^ Anna (4^ — 12 Kreuzer). Die S])in- 
nereien verwenden eine ausnehmend hohe Zahl von 
Kindern; um ihre Arbeitskraft besser auszunützen, 
ist das Ablösungsverfahren eingeführt und verlangt 
man von Kindern nicht mehr als sechsstündige un- 
unterbrochene Arbeitsleistung im Tag. Sonntag ist 
stets Ruhetag, ebenso ist Stillstand an den hoben 
Feiertagen der Hindus, beziehungsweise Moslims. 
Die BauviwoUen - Spinnereien und - Wehereien 
haben ihren Mittelpunkt in der Stadt und Präsident- 
schaft Bombay ; heute entbehrt ihrer zwar keine 
Provinz, und selbst in Binnenländern, wie Maissur, 
werden von Seite der Regierung grosse Anstren- 
gungen gemacht, längs der neuen Schienengeleise 
derartige Fabriken entstehen zu sehen. Die Be- 
sitzer sind nur zum Theil Europäer ; Parsi- und 
Dschaina- Kaufherren haben sich mit ihnen in die 
Anlage getheilt, eine nicht geringe Zahl dieser 
Unternehmungen ist unter Führung eingeborener 
Bankhäuser durch Ausgabe von Actien gegründet 
worden. 1856 begann die erste Fabrik den Betrieb, 
erst unterm 15. März 1881 erschien ein Fabriks- 
gesetz ; inzwischen hatten sich unhaltbare Zustände 
herausgebildet. Allen Fabriken eigen war die Ver- 
wendung einer Schaar jugendlicher Arbeiter im 
zartesten Kindesalter; Kinder von kna])p 5 Jahren 
waren gleich Erwachsenen mit sechsstündiger 
Arbeitszeit ohne Essenspause angestellt; gegen Un- 
fälle waren keinerlei Sicherheitsmassregeln getroffen, 
für Abführung der dicken heissen Luft geschah 
nichts, die Arbeitssäle zeigten eine Temperatur bis 
zu 30" R. oder um mehrere Grade höher als in den 
engsten Strassen der dichtest bewohnten Stadt- 
viertel von Bomba)-. Zur Einnahme der Mahlzeiten 
fehlten selbst die einfachsten Buden; die Leute 
kauerten im Hofe unter den vorspringenden Dächern 
im dicken Schmutze, für Latrinen war nirgends ge- 
sorgt. Dazu eine zu lange Arbeitszeit ohne Unter- 
brechung durch Ruhetage, so dass der Körper selbst 
bei Erwachsenen erschlaffen musste. Die Arbeit 
beginnt mit Sonnenaufgang und dauert bis Sonnen- 
untergang, 12 Stunden; zweimal soll Ruhezeit sein 
von je einer halben Stunde, aber Alle können nicht 
darauf rechnen. Der Indier kocht nicht gemein- 
schaftlich. Wer auf Kaste hält, hat Morgens mit den 
Waschungen, Gebeten und dem Zurichten des Mahles 
zwei Stunden hinzubringen; deshalb muss um 3 Uhr 
Morgens aufstehen, wer zum Verlesen vor 6 Uhr 
ohne Verspätung eintreflen will. Ueberstunden 



werden rücksichtslos auferlegt, nach der BaumwoU- 
Ernte sind sie die Regel ; dem Arbeiter bleibt des- 
wegen nicht einmal genügend Zeit, sich durch 
Schlaf zu stärken. Dabei fehlt ein fester Ruhetag 
in jeder Woche, viele Fabriken arbeiten Wochen, 
ja Monate durch, ohne Unterbrechung ; Entschul- 
digungen wegen Krankheit werden sehr strenge ge- 
nommen und werden nur zu leicht als Simulationen 
behandelt und mit Strafabzügen geahndet. Ein Miss- 
stand, unter dem viele eingeborenen Werke litten, 
war der gefahrdrohende Zustand der Dampfkessel ; 
aus Ersparungsrücksichten wurden häufig alte ab- 
genützte Maschinen angekauft und wieder in 
Verwendung genommen. 

Acte 15 vom 15. März 1881, genannt das 
indische Fabriksgesetz, führt sodann Kesselrevi- 
sionen ein, fordert Sicherung aller Maschinen- 
theile, bei denen die Berührung Schaden bringen 
kann, und bringt eingehende Regelung der Kinder- 
arbeit. Als Kind wird jeder Arbeiter unter 12 Jahren 
erklärt. Kein Kind darf vor Beginn des siebenten 
Lebensjahres zur Arbeit angenommen und niemals 
länger als neun vStunden, eingerechnet eine Stunde 
Ruhe- und Essenspause, beschäftigt werden ; ebenso 
müssen Kindern vier Ruhetage im Monat eingeräumt 
werden. Schliesslich sind zur Controle Verzeich- 
nisse der beschäftigten Kinder einzureichen, und 
besuchen Fabriksinspectoren die Arbeitsräume. Die 
sanitären Verhältnisse besserten sich, die Lage der 
Kinder wurde menschenwürdiger, das Ablösungs- 
verfahren bürgerte sich auch in der Baumwollen- 
Industrie ein. Die Löhne stellen sich überall höher 
als der örtliche Taglohn, obgleich die Arbeitskräfte 
in überreichlicher Zahl angeboten werden ; entsteht 
im Innern des Landes eine Fabrik, so brechen ganze 
Sippen, Grosseltern, Eltern und Verwandte in der 
Seitenlinie bis in das siebente Glied nach der neuen 
Arbeitsstätte auf, um dort Unterkommen zu finden. 
Eingeborene, denen die Bedienung der Dampf- und 
Arbeitsmaschinen anvertraut werden kann oder die 
als Werkmeister den einzelnen .^btheilungen vor- 
stehen, beziehen feste Monatsgehalte von 60 bis 
150 fl., Vorarbeiter die Hälfte. F"ür die Arbeiten 
ist Stücklohn die Regel ; Kinder bringen es im 
Monate auf g, Frauen auf 5, Männer auf 10 bis 
20 fl. ; der Schichtlohn für ständige Taglöhner 
ist nahezu ebenso hoch, vorübergehend beschäftigte 
Arbeiter erhalten den ortsüblichen Taglohn, und 
zwar Kinder und P'rauen 18 — 20 kr., die Männer 
40 kr. P2ingehende Berechnungen haben nach- 
gewiesen, dass der Kleinbauer, der zwei Hektar 
seines Landes mit Getreide-, Handels- und Garten- 
früchten bestmöglich bestellt und eine gute Ernte 
hatte, schlechter daran ist, als der Arbeiter, der 
8 Rupien (= Gulden) im Monat an Lohn einnimmt; 
aus der Fabrik bringt jedes Glied der Gesammt 
familie Verdienst nach Hause. Dazu kommt, dai 
die Angehörigen der besseren Kasten, voran d 
Brahinanen, den Pflug mit grösstem Widerwillen 
ergreifen, weil dieses unentbehrliche Werkzeug 
noch immer als unrein gilt, weil es in längstver- 
gangenen Zeiten nur die unreinen Kasten führten. 



t; 

i 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT fOr DEN ORIENT 



«1 



Maschinen können unter diesem vorgeschichtlichen 
Fluch nicht stehen ; die Brahmanen, unter denen es 
vielen sehr schwer fällt, innerhalb des engen, von 
der Religion gezogenen Raiimens ihren Unter- 
halt zu verdienen, arbeiten anstandslos mit Ange- 
hörigen anderer Kasten an den Maschinen zusammen 
und fassen an, wenn auch am anderen Ende des 
Ballens oder F'adens das Mitglied einer Kaste steht, 
dessen Schatten sonst den Brahmanen schon be- 
fleckt, wenn er auf ihn fällt. 

Die Lohnfrage gibt zu Wünschen und Aeusse- 
rungen der Unzufriedenheit keinen Anlass, dagegen 
erweist sich die Beschränkung des indischen 
Fabriksgesetzes auf die Sorge für die Kinder als 
ein Fehler und die Annahme, der erwachsene Ar- 
beiter sei im Stande, berechtigten Forderungen 
selbst Anerkennung zu verschaffen, als ein Irrthum. 
1884 bringen englische Interessenten eine Ver- 
schärfung der gesetzlichen Bestimmungen für Indien 
in Antrag ; die Provinzregierungen werden ein- 
vernommen, sprechen sich für Ablehnung aus, und 
die Angelegenheit schien vertagt. Da treten im 
November vorigen Jahres die Arbeiter auf der 
Insel Bombay, auf welcher mehr als ein Drittel 
aller indischen Fabriken für mechanische BaumwoU- 
Fabrikation sich befindet , zusammen und be- 
schliessen, zu Händen der Regierung eine Denk- 
schrift einzureichen mit folgenden Forderungen: 
I. Jeder Sonntag sei Ruhetag. 2. Zum Einnehmen 
der Mittagskost muss eine halbe Stunde Pause 
gewährt werden. 3. Ueberstunden haben wegzu- 
fallen, mit Sonnenuntergang müsse der Arbeiter 
entlassen werden. 4. Die Lohnauszahlung dürfe 
über den 15. des nächsten Monates hinaus nicht 
verschoben werden. 5. Bei Betriebsunfällen ist 
Krankengeld, beziehungsweise Rente zu bezahlen. 
Zur Begründung ist in der Einleitung gesagt: 
„Wir müssen es als entmuthigend bezeichnen, wenn 
unsere Arbeitgeber in einer ihrer Denkschriften 
an die Regierung bemerken, wir würden nicht so 
angestrengt arbeiten, wie unsere Genossen in 
l£ngland, welche in gleicher Zeit die dreifache 
Menge von Producten darstellen. Die wahre Ur- 
sache unserer geringeren Leistungsfähigkeit ist der 
schlechtere Zustand der Maschinen und die gröbere 
F'aser des Rohstoffes. Wir geben zu, dass hier viele 
Maschinen von drei Mann bedient werden, wo in 
b^ngland nur einer nothwendig ist; aber wir bitten 
zu beachten, dass diese drei Arbeiter ihre Auf- 
gabe in längeren Werkstunden zu lösen haben, 
unter einem entnervenden Klima und mit nur einem 
Drittel der Bezahlung des europäischen Genossen. 
Endlich sind uns nicht die mancherlei Erleichte- 
rungen gewährt, welche in England die Last der 
Arbeit vermindern und den Mann bei Kraft er- 
halten." Die Regierung hat inzwischen die Fabriks- 
inspectoren über die Petition einvernommen ; diese 
Inspectoren sind durchwegs Parsis, und ihr Gut- 
achten lautet zu Gunsten der Bittsteller. Zunächst 
wird betont, dass das Verlangen nach Sonntags- 
ruhe mit religiösen Fragen nicht zusammenhänge, 
sondern nur als Wunsch nach festen Ruhetagen 



aufzufassen sei. Jetzt feiert jede Fabrik, wenn das 
Geschäft es wünschenswerth macht; der Indier 
liebt aber Geselligkeit und sucht an Ruhetagen 
den Verkehr mit Freunden ; dieser wird durch 
solche Unsicherheit unmöglich gemacht und An- 
träge der Verlegung auf gemeinsame Mooatstage 
sind bei den Directionen an der Tagesordnung; 
Geradezu empörend ist die Weigerung einer Essens- 
pause ; sie wird zwar von einsichtigen Directionen 
ermöglicht, aber die Regel bildet doch, dass der 
Nachbar die Arbeit des Nebenmannes mitversehen 
muss, während sich dieser zum bescheidenen Mahl 
niedersetzt. Sehr empfindlich wird dem Indier der 
Ausfall einer Ruhezeit, weil er leidenschaftlicher 
Raucher ist und diesen Genuss sich den ganzen 
Tag versagen muss, wenn keine Pause gemacht 
wird. Die dritte Forderung hängt mit der Klage 
der Abzüge zusammen. Urlaub wird selbst bei 
Familienfesten, hohen Feiertagen nicht für länger 
als I — 2 Tage gewährt; kleine Strafen wegen 
ungenügender Arbeit sind bei der Ueberanstren- 
gung der Arbeiter unvermeidlich. Es wird nun 
behauptet, diese Abzüge seien zu hoch berechnet, 
und um Controle eintreten zu lassen, ist Abrech- 
nung möglichst nahe dem Zahltage erbeten. Bei 
Erkrankung und Erwerbsunfähigkeit durch einen 
Betriebsunfall wird jetzt dem Arbeiter im Gnaden- 
wege eine kleine Entschädigung gereicht; es ist 
die Regelung dieser Leistungen kraft Rechtens 
verlangt, ganz in Uebereinstimmung mit der Gesetz- 
gebung des Deutschen Reiches. 

Die eingeborene Presse verbreitet diese Be- 
schlüsse im ganzen Reiche; sie finden überall Zu- 
stimmung und Unterstützung, selbst die Regierungen 
eingeborener Fürsten stehen einer umfangreichen 
gewerblichen Gesetzgebung für Indien wohlwollend 
gegenüber. Die grundbesitzenden Classen jeden 
Grades haben die Bedeutung einer Industrie als 
Abnehmer der landwirthschaftlichen Producte er- 
kannt ; vortrefflich sind die Bemerkungen, welche 
der Dewan oder Minister-Präsident von Maissur, 
Ranga Tscharlu am 26. October 1882 in der 
Eröffnungsrede vortrug, welche er an den Landtag 
des Staates richtete. Maissur ist der einzige Staat, 
der sich eines aus gewählten Mitgliedern bestehenden 
Provinzial- Landtages erfreut; keine englische 
Provinz ist mit einer gleichen Einrichtung aus- 
gestattet, obgleich der Maissur-Landtag seit 1881 
jährlich 3 — 5 Tage versammelt ist und mit Be- 
merkungen zu den Vorlagen, mit dem Vortrag von 
Wünschen und Beschwerden, die von Seite der 
Regierung theilnehmende Berücksichtigung finden, 
nicht kargt. Es ist hervorzuheben, dass der Dewan 
Englisch vorträgt, dass auch alle Petitionen 
englisch verfasst sind und das Sitzungsprotokoll 
ebenfalls englisch geführt wird, obgleich sämmt- 
liche Landboten Eingeborene sind und der Staat 
Maissur ein einheitliches Sprachgebiet ist ; Kanarc- 
sisch ist ausschliesslich die Landessprache. „Ich 
bedauere, dass die Industrie in unserem Lande 
noch wenig Fortschritte gemacht hat. Die Aus- 
sichten auf die Anbohrung bauwürdiger Goldlager 



22 



OESTeRREICHlSCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



sind noch geriug ; der Anlage von Baumwoll- 
spinnereien steht hindernd der geringe Anbau von 
Baumwolle im Staate entgegen und wird es hiezu 
erst kommen, wenn unser Eisenbahnnetz ausgebaut 
ist und damit die Einfuhr von Getreide er- 
möglicht wird, zu dessen Erzielung jetzt noch die 
besten Felder benützt werden müssen. Keine Ver- 
werthung findet bis jetzt unsere Wolle; bei der 
Bedeutung der Aufzucht von Schafen im Staate 
darf die Anlage von Tuchfabriken als lohnender 
bezeichnet werden als solche für Baumwolle. Re- 
gierung oder einzelne unternehmende Fremde 
können nur wenig dazu beitragen, die Bevölkerung 
zu lohnender Beschäftigung aufzustacheln ; noch 
ist in Indien der Staatsmann nicht erstanden, 
der seine Landsleute von der bleiernen Schwere 
des Amtsgeistes entlastet und sie dazu bringt, aus 
eigenem Antriebe auf Fortschritte auf dem Gebiete 
der Gewerbe und Industrien zu sinnen. Wenn die 
ganze Welt um uns herum ganz ausserordentliche 
Umwälzungen zeigt, so dürfen die 260 Millionen 
Indier in ihrem Schlafe nicht länger verharren ; 
sie haben Unrecht, an den veralteten Ueber- 
lieferungen ihrer Vorfahren von 2 — 3000 Jahren 
zu hängen und ein kaum menschenwürdiges Dasein 
zu fristen, dessen sie bei jeder Missernte unter 
bejammernswerthen Erscheinungen vor der Zeit 
verlustig gehen. In Europa begann man den Dampf 
zur Erzeugung unzählbarer Mengen hochbegehrter 
Waaren erst im Beginne des laufenden Jahrhunderts 
zu benützen. Damals versorgte Indien Europa mit 
Baumwollstoffen, heute versieht England trotz cmes 
beispiellosen Wettbewerbes von ganz Euro;)a und 
Amerika den grösseren Theil der Erde mit 
Kleidungsstücken. Dieser Erfolg ist nicht die Folge 
einzig dastehender Erfindungen einzelner von dem 
höchsten Wesen begnadeter Menschen, sondern 
das Ergebniss der unausgesetzten Bemühungen 
zahlreicher Männer aus dem Gewerbestande, der 
Gelehrten und der Kaufmannsgilde, die in ihren 
verschiedenen Beschäftigungen ihren Verstand und 
ihren eisernen Fleiss an die Nutzbarmachung 
weniger Haupierfindungen setzten. Dieses Zu- 
sammenwirken einer ganzen Nation bewirkte den 
nahezu märchenhaftenReichthum und den allseitigen 
Wohlstand, der Grossbritannien vor unserem 
Vaterlande auszeichnet." 



DIE DEUTSCHEN SCHUTZGEBIETE UND COLO- 

NIALUNTERNEHMUNGEN BEI BEGINN DES JAHRES 

1890. 

(Schluss.) 
Aus dem Kamerun-Gehiele sind im Laufe des 
letzten Jahres nach zwei verschiedenen Richtungen 
hin Vorstösse in die benachbarten Binnenland- 
schaften unternommen worden, die den Zweck 
hatten, einerseits der wissenschaftlichen Erkennt- 
niss des Landes neue Anhaltspunkte zu gewähren, 
anderseits den Interessen der praktischen Coloni- 
sation zu dienen. 



Dr. Zintgraf, unterstützt vom Premierlieutenant 
Zeuner wandte sich bekanntlich im Sommer 1888 
von der am Elephantensee errichteten Barombi- 
Station dem Quellgebiet des Kalabarflusses zu. Mit 
dieser Station, welche durch ihre Producte und 
Bodenerzeugnisse sich von den Eingeborenen un- 
abhängig gemacht hat, ist am Fusse des Kamerun- 
gebirges ein Terrain gewonnen worden, das die 
Basis zu weiterem Vorgehen landeinwärts abge- 
geben hat. Dasselbe geschah in nordöstlicher Rich- 
tung und führte die beiden Reisenden durch nie be- 
tretenen Urwald an den Rand der Savanne, welche 
so weite Strecken des innerafrikanischen Plateaus 
bedeckt. Die neu angelegte Station, auf welcher 
ausgedehnte Reisculturen angepflanzt worden, steht 
mit den umwohnenden Stämmen auf freundlichem 
Fusse, und es ist Aussicht vorhanden, dass es ge- 
lingen wird, die Bewohner zu bewegen, ihre Pro- 
ducte zur Küste zu bringen. 

Auf dem weiteren Vorgehen landeinwärts ist 
es dem Reisenden im Jahre 1889 gelungen, den 
Oberlauf des Kalabarflusses in nordnordöstlicher 
Richtung von der am Elephantensee von ihm ge- 
gründeten Barombi-Station aus zu erreichen und 
zu überschreiten und in das Land der Banyong ein- 
zudringen, welche schon mit Adamaua in Handels- 
beziehungen stehen. In diesem Gebiet leben als 
Sclaven zahlreiche Vertreter eines Volksstammes, 
die sich Bayong nennen. Von diesen erfuhr der 
Reisende, dass in der Heimat zwei grosse Flüsse 
sich befinden, von denen der westlichere Disumm, 
der östlichere Liba heisst. Diese beiden Wasser- 
läufe sollten nach den Angaben des Dolmetsch der 
Expedition, der ebenfalls dem Bayong-Stamm an- 
gehörte, als der von der Kund'schen Expedition 
zum Theil erforschte Sannaga bei Malimba das 
Meer erreichen. Falls sich diese Erkundigung be- 
wahrheiten sollte, würde derLibasee, welcher viel- 
leicht eine sceartige Erweiterung des gleichnamigen 
Flusses darstellt, weder zum Stromgebiet des Congo 
noch des Schari gehören. Das Räthsel des mysti- 
schen Libasees im Hinterland von Kamerun er- 
fährt auf diese Weise durch die Erkundigungen, 
welche Dr. Zintgraf im nordwestlichen Hinterland 
von Kamerun einzuziehen vermochte, eine neue 
Beleuchtung. 

Nach den Eindrücken, die der Reisende auf 
dieser Tour hatte, drängt in diesem Theil des deut- 
schen Schutzgebietes die Bevölkerung aus dem 
Innern der Küste zu, und sind auch die Küsten- 
gebiete stärker bevölkert, als die dahinter liegenden, 
wenngleich auch diese noch viele Menschen beher- 
bergen. Eine auchnur annähernd richtige Schätzung 
der Dichtigkeit der Bevölkerung zu liefern, erklärt 
sich Dr. Zintgraf noch nicht im Stande. Die Gründe, 
welche die Leute treiben, aus ihren alten Wohtt 
sitzen auszuwandern, sind nicht in abgewirthschaf- 
tetem Boden zu suchen. Derselbe trägt reichlich 
genug, und die Pflanzungen nehmen nach dem Innern 
sowohl an Grösse als an Mannigfaltigkeit der ge 
zogenen Producte zu. 

In der Noth wären die Gründe wohl nicht zu 



I 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FOR DEN ORIENT. 



w 



suchen; es ist vielmehr ein bestimmter Drany, der 
allcrdinjjs nicht ausgesprochen zur Geltung kommt, 
welcher die Leute zur Küste hinzieht. Auch wird er 
nicht hervorgerufen durch einen Druck, den weiter 
im Innern wohnende Stämme auf die Vorderlcute 
ausüben, durch einen Druck kriegerischer Natur. 
Es scheinen vielmehr mit den Binnenstämmen ganz 
gute Beziehungen zu bestehen, wenngleich die 
elenden Bettelkönige in diesen Gegenden einen ge- 
wissen Respect vor ihren kriegerischen und unter- 
nehmenderen Handelsfreundcn haben , die ihnen 
wohl Sclaven und lilfenbein verkaufen, ihnen aber 
gelegentlich auch Flintenmündungen und S[)err- 
spitzen unter die Nase halten. 

Dr. Zintgraf, welcher im September 1888 mit 
einer ziemlich starken Karawane, die darauf be- 
rechnet ist, den Widerstand der auf ihr Handels- 
monopol eifersüchtigen Ban3ang- Häuptlinge am 
oberen Kalabar zu brechen, von Kamerun nach 
diesen Gebieten ausgezogen ist, hat inzwischen den 
Benue bei Ibi erreicht, und damit den Anschluss an 
das einst von Flegel durchforschte Gebiet gewonnen. 

Bevor Zintgraf im Auftrage des Reiches mit der 
letzteren Aufgabe betraut wurde, war er längere 
Zeit am Congo thätig gewesen, und hatte darauf 
ein Jahr lang unter dem Gouverneur von Soden die 
Flussläufe der Colonie befahren. Wenn es ihm ge- 
glückt ist, von Kamerun aus den Benue zu erreichen, 
so darf man in ihm, den ein tückisches Fieber vor 
drei Jahren hinwegraffte, wohl den Vollender des 
letzten Werkes des grossen Entdeckers der Quellen 
des Benue begrüssen. 

Als Robert Flegel vor drei Jahren nachUeber- 
windung der vielen Schwierigkeiten, die der Er- 
langung der nöthigen Geldmittel in Deutschland 
erwachsen waren, endlich im Auftrage d<?sColonial- 
vereines wieder am Benue ankam, fand er den 
unteren werthvollen Flusslauf bereits in englischen 
Händen ; er wollte dann wenigstens im östlichen 
Theil retten, was zu retten war, und von da wo- 
möglich durch das von ihm schon zum 'l'heil durch- 
forschte Adamaua nach Kamerun vordringen. Da 
Dr. Zintgraf, wie er kurz gemeldet hat, vom Süden 
her am Benue eingetroffen ist, so muss er durch 
Gebiete gekommen sein, die bisher noch von keinem 
weissen Forscher betreten worden sind. Ibi liegt 
bereits in der englischen Interessensphäre; jedoch 
hat ihn jedenfalls der grössere Theil seines Weges 
durch deutsches Interessengebiet geführt, dessen 
Grenze in schräger Linie nach dem Punkte ver- 
läuft, wo der 12. Grad östlicher Länge auf den 
oberen Lauf des Benue stösst. 

Von Ibi aus hat sich Dr. Zintgraff nicht, 
zur Küste begeben, sondern ist nach Benjum, dem 
Land der Pferde, weiter gegangen. Es darf an- 
genommen werden, dass hierunter Adamaua zu 
verstehen ist, welches Land das eigentliche 
Forschergebiet Zintgraff's bilden sollte, und welches 
er bei dem erstenmale auf seinem nunmehr 
glücklich vollendeten Zug zum Benue nur an seiner 
äussersten westlichen Grenze berührt hatte. Nach 
den neuereu in Reglin eingetroffenen Nachrichten 



ist der Reisende am 8. Januar nach zweimaliger 
Durchquerung des Adamauagebietes nach Kame- 
run glücklich zurückgekehrt. Dr. Zintgraff gibt 
an, er habe 30 Tage zu dem Marsch zum 
mächtigen Häuptling von Jola gebraucht, dessen 
Eiiifluss sich weit nach Süden erstrecke. In Jula 
am Benue, und ebenso in Gasebka bat der ge- 
gennante Forscher freundliche Aufnahme gefunden, 
und ist er längere Zeit zurückgehalten worden. 
An zweiter Stelle ist im südlichen Theile 
von Kamerun von der Expedition Kund-Tappen- 
beck wiederum ein Zug in das Innere unter- 
nommen worden, der ursprünglich den Zweck 
hatte, Aufklärung darüber zu schaffen, ob in dem 
nur sehr wenig bekannten Malimbatbal die An- 
lage einer Station ausführbar sei. Der wasser- 
reiche, weit hinaus schiffbare Strom bildet eine 
in das Vorland eindringende Wasserader, deren 
Stromgebiet von Stämmen bewohnt ist, die dem 
Handel und dem Verkehr mit Fremden zugeneigt 
sind. Unter diesen hat sich ein strenges Gewohn- 
heitsrecht bezüglich des Handels herausgebildet, 
welches gleich einem lästigen Zollsystem die Auf- 
schliessung des Innern hemmt und erschwert. 
Die an der Mündung des Malimba wohnenden 
Leute nämlich, dürfen nach den dort geltenden 
Gesetzen nur bis zu dem Bakoko, um zu handeln, 
gehen. Letztere holen Palmöl und Palmkerne 
bei den India ab. In dem District von India sollte 
die Stationsanlage stattfinden. Es ist aber wieder 
davon abgesehen worden. Wie auf ihren früheren 
Reisen, haben die beiden verdienstvollen Forscher 
auch diesmal ein lehrreiches Material über die 
wirthschaftlichen und Productionsverhältnisse des 
Malimbabezirks gesammelt. 

Von der Batanga-Expedition, über welche bereits 
früher ausführlich berichtet worden und durch 
die sich beide Officiere einen so ehrenvollen Platz 
unter den Afrikaforschern errungen, liegt jetzt 
ein Bericht vor, der ein fesselndes Bild von den 
Naturverhältnissen Batangas entwirft. In demselben 
heisst es : 

Die Expedition durchzog vier, durch ihre Boden- 
beschaifenheit und die Art ihrer Vegetation ver- 
schiedene Regionen : Das Gebiet des dichteren 
Buschwaldes oder auch lichteren Hochwaldes, 
welches sich von der Küste aus über den grössten 
Theil des Berglandes, im Süden noch darüber 
hinaus bis auf das innere afrikanische Plateau 
erstreckt; die Parklandschaft der dichter bevöl- 
kerten Gegenden, in welchen die ursprüngliche 
Waldbedeckung zum grössten Theile den Pflan- 
zungen des Menschen zum Opfer gefallen ist ; 
die mit hohem dichten Grase bestandenen Sa- 
vanne mit ihren eigenartigen Zwergbäumen und 
endlich die engbegrenzten Gebiete der grosseren 
Wasserläufe, des Njong- und des Sannagaflusscs, 
denen sich das schmale Küstengebiet zwanglos 
anschliessen lässt. Die Verschiedenheit des Unter- 
grundes und der Vegetation dieser vier Regionen 
bedingt auch faunistische Eigeathümlichkeiten, 
welche es angebracht erscheinen lassen, jedes 



24 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



dieser Gebiete hinsichtlich seiner Thierwelt ge- 
sondert zu betrachten. 

Zu bemerken ist noch, dass die Expedition 
diese Gegenden in der Zeit vom October bis 
zum März, also in der sogenannten grossen 
trockenen Zeit , durchzog , welche sich zwar 
durchaus nicht durch Regenlosigkeit auszeichnet, 
aber doch trocken genannt werden kann im Ver- 
gleiche zu der eigentlichen Regenzeit mit ihren 
andauernden, ausgiebigen Niederschlägen. In die 
trockene Zeit, welche dem Winter der gemässigten 
Zone entsprechen würde, fällt auch die Periode 
spärlicher Vegetation. Diesem Umstände dürfte 
daher das seltenere Vorkommen derjenigen Thier- 
formen zuzuschreiben sein, welche auf blühende 
Pflanzen angewiesen sind oder grösserer F'euchtig- 
keit bedürfen. Das Gebiet des Urwaldes zeigt 
auf den ersten Blick nur geringe Spuren thierischen 
Lebens. Eine modrige, feuchte Luft, und ein ge- 
heimnissvolies Halbdunkel, an welches sich das Auge 
erst allmälig gewöhnen muss, herrschen in diesem 
regellosen Durcheinander von Bäumen, Gebüschen 
und Schlinggewächsen. Nur hie und da schlüpft 
ein neugieriger Sonnenstrahl durch das dichte, 
hoch über dem Wanderer gewölbartig Luft und 
Licht abschliessende Laubdach, und nur selten 
findet sich eine lichtere Stelle, welche dem Zu- 
sammenbrechen eines altersschwachen Waldriesen 
mit dem ihm anhängenden Lianengewirr ihren 
Ursprung verdankt. Durch dieses Chaos von 
Baumstämmen und Schlingpflanzen windet sich 
der schmale Pfad, bald über Urgesteinbrocken 
oder spitze Felstrümmer, bald über feinkörnigen 
Sand oder lehmigen Laterit, bald durch pflanz- 
lichen Mulm oder zähen schwarzerdigen Schlamm 
und Morast führend, hier über Riesenwurzeln und 
Wurzelpfeiler kletternd, dort einen Bach als Weg- 
spur benützend. Zu beiden Seiten des Weges finden 
sich zahlreiche, aus Erde zusammengeklebte 
Ameisenhaufen, oft von zierlichster Form, ent- 
weder freistehend und dann pilzförmig mit dünnem 
Stiel, einer oberen Erweiterung und einem oder 
mehreren etagenförmig übereinander sitzenden, 
tutenförmigen Dächern, deren unterer Rand in 
zahlreiche spitze Zipfel ausgezogen ist, oder an 
Baumstämmen angeklebt, die einzigen Spuren 
thierischen Lebens, welche das Auge in der 
ersten Zeit eines solchen Waldmarsches zu ent- 
decken vermag. Dagegen gellen die Ohren von 
dem andauernden schrillen Gezirp der Cicaden, 
welche bei der herrschenden Dämmerung den 
ganzen Tag ihre auf die Dauer nichts weniger 
als angenehme Musik ertönen lassen. Dabei ähneln 
diese kleinen Musikanten in Grundfarbe und 
Zeichnung ihrem Lieblingsaufenthalt so täuschend, 
dass es ein geübtes Auge erfordert, um sie auf- 
zufinden. 

Die Erfolge, welche die Expeditionen Kund 
und Zintgraf für praktisch coloniale Zwecke ge- 
habt haben, beruhen nicht allein darin, dass die 
Bewohner der Küstengegenden dadurch zu einem 
regeren Geschäftsverkehr mit den Weissen an- 



geregt worden sind, sondern auch darin, dass die 
berüchtigte Handelssperre, welche allein dazu da 
ist, die am Meeresgestade wohnhafte Bevölkerung 
zu bereichern und die wie ein Alp auf dem Lande 
lastete, durchbrochen wurde. Natürlich würden die 
Handelskarawauen der Binnenleute in der ersten 
Zeit eine Bedeckung etwa aus den auf der Station 
eingeübten Negersoldaten erhalten müssen. Ist der 
Versuch aber einmal erst gelungen, ist der Beweis 
geliefert, dass der Schutz der deutschen Behörden 
mächtiger ist, als die Rachegelüste der in ihrem 
Verdienst geschmälerten Küstenneger, so ist damit 
das Haupthinderniss des gerade in Kamerun viel- 
versprechenden Handels beseitigt. 

Ein besonderer Unstern hat übrigens über 
der Forschungsexpedition Kund-Tappenbeck von 
der Mitte des Vorjahres an gewaltet. Der Premier- 
Lieutenant Tappenbeck erlag einem Fieber; der 
Geologe Dr. Weissenborn musste wegen Krank- 
heit aus dem Innern an die Küste zurückkehren 
und starb an Herzschlag in Kamerun; der Botaniker 
Braun musste ebenso wie Hauptmann Kund aus 
Gesundheitsrücksichten nach Europa zurückkehren. 

Die Expedition Kund-Tappenbeck hat vor 
Allem den Handelsbestrebungen der in Batanga 
etablirlen Geschäfte einen neuen Aufschwung ge- 
geben. So beabsichtigte die Hamburger Firma 
Woermann am unteren Sannaga eine Handels- 
station in Verbindung mit dem Vorgehen der 
Kund'schen Expedition zu gründen und auch am 
Njong die Handelsposten thunlichst nach dem Innern 
vorzuschieben, so dass von Regierungswegen be- 
absichtigt werden kann, wie schon früher in Victoria 
geschehen, jetzt in Kribi dauernd einen Amtmann 
zu Stationiren. Diese Absicht gründet sich auf die 
erfreuliche Erfahrung, dass in Folge der Kund- 
schen Batanga-Expedition der Kautschukhandel 
an der Batangaküste und der Verkehr mit den 
Bewohnern des Binnenlandes nach den Berichten 
dieses Hauses sich seit jener Zeit ganz bedeutend 
gehoben hat. Allerdings hat sich in neuerer Zeit 
die bedenkliche Erscheinung gezeigt, dass die 
kriegerischen und kräftigen Fan sich schon in den 
nördlichen Häfen gezeigt haben, um Handel zu 
treiben. 

Der Handel des Batangagebietes hat überhaupt 
eine merkwürdige Ausdehnung. Er erstreckt sich 
weit in's Innere und stösst am Sannaga mit Handels- 
beziehungen am Niger und Benue zusammen. Der 
Handel von Kamerun dagegen dehnt sich nur sehr 
wenig nach Osten aus, er scheint vielmehr haupt- 
sächlich den Wasserwegen wesentlich in nord- 
östlicher Richtung zu folgen. Die Händler in 
Kamerun klagen über schlechte Geschäfte, dagegen 
entwickeln sich die Plantagen sehr erfreulich. Es 
existiren in Kamerun vier Plantagen, wo allerdings 
zwei erst im Entstehen begriffen sind. Geschter, 
ein Württemberger, früher Gouvernementsgärtner 
und interimistischer Postmeister in Kamerun, der 
die Cacaopflanzung anlegt, ist im Februar i88g 
dort hinausgegangen. Weiter vorgeschritten und 
viel versprechend ist die Cacaopflanzung an der 






OESTBBRBICMI8CHE MONATSBCHRIPT FOr DEN ORIENT. 



II 

i 



i 



Kriegsschiffhafenbucht, südlich von Victoria. Der 
Leiter derselben, Herr 'I'heusz, hat in verhältniss- 
mässig kurzer Zeit viel erreicht. Er hat über 
100. ooo Cacaobäume gepflanzt, die sehr gut ge- 
deihen. Auch der geerntete Tabak erweist sich als 
vorzüglich und hat seiir gute Aufnahme in Hamburg 
gefunden. Endlich besteht noch eine Tabaks- 
pflanzung in Kribi bei Gross-Batanga, südlich von 
Kamerun. Sie wird von einem Pfäizer Tabakpflanzer 
geleitet. Die erste Probesendung des Tabaks von 
dieser der Kameruner Land- und Piantageng(-sell- 
schaft gehörigen Pflanzung war im Jänner 1880 
in Hamburg angekommen. Es wird der Betrieb 
daselbst allmälig bedeutend erweitert, wozu als 
Hilfskräfte noch mehrere 'l'abakspflanzer hinaus- 
[. gesandt worden sind. 

Mit ganz besonderen Schwierigkeiten und 
Widerwärtigkeiten hat, wie schon bemerkt, das 
südweitafrikanische Schutzgebiet im letzten Jahre zu 
kämpfen gehabt. Ein Umstand, welcher daselbst 
tjeden gedeihlichen Fortschritt hemmt , ist die 
Rechtsunsicherheit und Gesetzlosigkeit, tue in jenen 
jeder st.aatlichen Organisation entbehrendenl^ändern 
herrscht, und welche namentlich den auf die berg- 
männische Ausbeutung der Gegend gerichteten 
Unternehmungen der deutschen Colonisation sehr 
im Wege ist. Einen unzweideutigen .Ausdruck fanden 
diese anarchischen Zustände in dem Auftreten des 
Herero-Häuptlings Maharero, welcher die Richtig- 
keit der von dem deutschen Reichscommissär gel- 
tend gemachten Landansprüche bestritt, und er- 
klärte, dass die Priorität des Anrechts auf gewisse 
Gebiete einem englischen Besitzer (Lewis) gebühre. 
In Folge dieses Vertragsbruches, dem noch andere 
folgten, und in Folge der zunehmenden Gewalt- 
thätigkeiten und Ausschreitungen seitens der Ein- 
geborenen gegen die Deutschen, zog sich der 
Bevollmächtigte des Deutschen Reiches von 
seinem Amtssitz Otyimbingue, nach Walfischbay 
urück. Damit war nun auch den nach Mineralien 
und namentlich nach Gold suchenden deutschen 
Bergleuten jeder Halt im I^ande genommen. In der 
Anarchie, welche sich nun desselben bemächtigte, 
begann Lewi s schnell sein ."ansehen zu verlieren, zumal 
sein Plan, im Damaraland die englische Schutzherr- 
schaft an die Stelle der deutschen zu setzen, nach 
den zwischen Deutschland und Grossbritannien be- 
stehenden Abmachungen, ohneAussicht aufErfolg war 
und Maharero selbst schliesslich nachtheilige Folgen 
aus seinem Vorgehen zu fürchten begann. Dieser 
veranlasste daher seinen, inzwischen bereits selbst 
sehr schwankend und unsicher gewordenen Schütz- 
ling, sich nach derCapcolonie zurückzuziehen. Seit- 
dem ist im Hererolande wieder mehr Ruhe einge- 
treten , der stellvertretende Reichscommissär ist 
wieder nach Otyimbingue zurückgekehrt, und es 
entsteht nun die Frage, ob es gelingen wird, die 
Wirksamkeit und jjraktische Thätigkeit der Berg- 
behörde zu ermöglichen, welche auf Grund eines 
Gesetzes vom 15. August 1889 eingesetzt werden soll. 
Aus den vorliegenden neueren Berichten über 
das Naturlcben und die wirthschaftlichen und Vcr- 



kehrsverbältnisse der Culonie, sei Nacbsteheodes 
mitgetheilt : 

Das Schutzgebiet in Südwestafrika ist wegen 
seines Regenmangels berüchtigt. Die längs der 
Küste von Süd nach Norden fliessenden Strömungen 
kommen aus kalten Gegenden ; die in Folge dessen 
erkaltende Luftschichte nimmt daher die Feuchtig- 
keit auf, ohne sie als Niederschlag abzugeben. Die 
Gluth der Sonne ist daher leicht zu ertragen, weil 
die vom Körper ausgeschwitzte Feuchtigkeit sofort 
verdampft. Das Klima ist daher ausserordentlich 
gesund. Die Niederschläge fehlen aber doch nicht 
gänzlich. Im Innern des Landes erfolgt im Sommer 
(December und Februar) tagsüber eine ausser- 
ordentliche Erhitzung des Bodens. Die in die Höhe 
steigende Luft wird durch das Zuströmen von 
Luft aus Nordost und Südwest ersetzt. Die nord- 
östlichen Winde bringen die Feuchtigkeit der 
Tropen, die südwestlichen sind trocken und kühl. 
Wo beide zusammenstossen, entladen sich heftige 
Gewitterregen, deren Häufigkeit von Nordost nach 
Südwest , vom Damara- zum Gross-Namaland ab- 
nimmt. Im Winter (Mai bis Juli) kühlt sich in der 
Nacht der Boden bedeutend ab, es wehen daher in 
der Nacht und Morgens trockene, staubführende 
Winde gegen die See, die gegen Mittag, wenn sich 
der Boden wieder erwärmt, schwächer werden und 
Winden weichen, die vom Meer die Nebel Ober das 
Küstengebiet bringen ; diese Nebel schlagen als 
leichter, anhaltender Regen nieder. Die Nebelregen 
gehen landeinwärts bis tief in das Binnenland 
hinein nieder, so dass dieses Gebiet an den Sommer- 
und Winterregen theilnimmt. 

Vom wirthschaftlichen Standpunkt betrachtet 
ist das Land an verwcithbarcn Froducten, die als 
Zahlung angenommen werden können, nicht eben 
reich ; Ebenholz und das Harz der Kastanien können 
eventuell verwendet werden, aber auf sie allein kann 
sich der Handel nicht stützen. Früher war die Jagd 
lohnend, der Ertrag derselben an Elfenbein und 
Straussfedern beträchtlich ; aber es wurde zu un- 
vernünftig gejagt; die Jagdthiere sind selten ge- 
worden. Das einzige übject worauf im Damara- 
Namaland der Tauschhandel sich begründen kann, 
ist das Vieh : Rindvieh, Schafe und Ziegen. Man 
muss überlegen, wie man daraus exportfähige Ar- 
tikel herstellen kann, die Verwerthung der lebenden 
Thiere hat ihre Schwierigkeit. Für Ackerbau- und 
Plantagen-Colonien können nur die Thäler in der 
Nachbarschaft der austrocknenden Flüsse in Betracht 
kommen. Das zugänglichere Damaraland wäre in 
dieser Beziehung günstiger als das Namaland. Der 
Wassermangel steht aber der Cultivation entgegen; 
es ist die Frage, ob die Kosten der Errichtung von 
Dämmen zur Schaffung von Reservoirs durch den 
Erfolg derselben sich lohnen würden. Auch fehlt 
der Markt, die Abnehmer für die Producte des 
Ackerbaues ; der Farmer ist auf Viehzucht ange- 
wiesen. Geeigneter noch als Damaraland, wäre 
das Ovamboland für den Piantagenbau, aber es 
liegt zu entfernt von der Küste. Der Fischfang an 
der Küste ist einer Entwicklung fähig. Seiner gcolo- 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT, 



gischen Beschaffenheit nach ist ganz Südafrika süd- 
lich vom Zambesi auf einer Flächenausdehnung 
von etwa 70.000 geographischen Quadratmeilen als 
ein einziges Hochland mit gleichartiger Bodenge- 
staltung zu betrachten. Ueberall finden sich Urge- 
steine vor, namentlich Gneis, Granit und krystallini- 
sche Schiefer. In Gneis und krystaliinischem Schiefer 
kommt namentlich in Südafrika wohl Eisenerz vor, 
in dem sich bisweilen Gold findet. Krystallinische 
Schiefergebilde kommen in reichhaltigem Masse in 
Deutsch-Süd Westafrika vom Oranje-Flusse bis zum 
Kunene in einer Ausdehnung von 200 deutschen 
Meilen vor. Quarz- und Dioritgänge sind dort be- 
sonders reichhaltig vorhanden, in denen Kupfer- 
massen mit 70 — 80 Kilogramm Kupfererz eingebettet 
sind. Dies sind auch die Gesteine, in welchen Gold 
thcils in grösseren gediegenen Massen, theils in 
Stücke eingesprengt sich vorfindet. 

So bietet denn die wirthschaftliche Entwicklung 
der Colonie im Ganzen keine besonderen Aussichten. 
Die gewaltige Ausdehnung der Küste von nicht 
weniger als 550 Meilen entspricht auch keineswegs 
ihrer Eignung für die Schifffahrt. In dieser Be- 
ziehung erweist sich die deutsche Niederlassung so 
recht als ein Theil des Continents, der von allen 
die einfachste, monotonste, am wenigsten gebrochene 
Urafassungslinie besitzt, mithin arm an Häfen ist. 
Dieser Uebelstand fällt bei Südwest-Afrika übrigens 
noch besonders in's Gewicht, weil daselbst, zum 
Unterschied von den fast ganz sturmfreien Re- 
gionen, welche weiter nördlich in der Nähe des 
Aequators liegen, speciell die oft heftigen Südost- 
passate, sogar die Regel bilden. 

Im Gebrauch sind zur Zeit auf der ganzen langen 
Uferlinie nur zwei Häfen, einer im Süden, Angra 
Pequena, der Eintrittspunkt fürGross-Namaqualand, 
und — mehr im Centrum — Walfischbai für die nörd- 
lichere Hälfte der Colonie, das Gebiet der Herero- 
Neger. 

Der erstere gilt im Allgemeinen als recht wohl 
geeignet zum Landen, ja, er ist vielleicht sogar der 
beste, der einzige wirklich gute Hafen des Schutz- 
gebietes, indess wird dieser Vorzug leider wieder 
dadurch abgeschwächt, dass daselbst das Gestade 
besonders trostlos ist und eine wirkliche wasser- 
lose Wüste mehrere Tagereisen weit in's Land 
hinein sich erstreckt. Demgemäss ist dann dieser 
Punkt neuerdings auch so gut wie aufgegeben, so 
sehr er seinerzeit auch in Aller Munde war. Hier 
konnte sich ja kaum ein lebhafterer und lohnenderer 
Handelsverkehr mit den Eingeborenen entwickeln. 
Wohl stehen jetzt an diesem Punkt noch die Factorei- 
gebäude, welche die deutsche Colonial-Gesellschaft 
für Südwest- Afrika von Lüderitz mit übernahm, aber 
sie haben wenig Werth. Ein Beamter derselben sitzt 
daselbst in Einsamkeit als Verwalter. Man hofft 
wohl hie und da noch, dass, wenn sich das Gebiet 
des mittleren und unteren Oranje-Flusses, einschliess- 
lich des Thaies des grössten rechten Nebenflusses 
desselben, des grossen Fischflusses, weiter ent- 
wickeln sollte, woselbst der Boden ziemlich frucht- 
bar ist und eine Berieselung leichter als sonst im 



Lande durchführbar ist, auch thatsächlich schon 
einige recht blühende Plantagen gedeihen, wo ferner 
bedeutungsvolle Anzeichen von Mineralschätzen, 
sogar angeblich selbst von Diamanten entdeckt 
wurden, dass dann über Angra Pequena ein leb- 
hafterer Verkehr sich entwickeln werde, allein der- 
selbe würde immer bedeutendere Vorkehrungen, 
wie Anlage einer mit Wasserreservoirs versehenen 
Bahn durch die Uferwüste und dergleichen, zur 
Voraussetzung haben. 

Ungleich günstiger als Angra Pequena stellt 
sich der andere Hafen des Landes, Walfischbai, 
dar, und zwar deshalb, weil hier im Rücken, 
landeinwärts, nicht wie sonst fast überall an 
diesem Gestade, hohe, schwer übersteigliche 
Sanddünen aufragen — so beispielsweise hinter 
dem noch zu erwähnenden Sandwichhafen — 
sondern vielmehr eine weite, stetig, aber doch 
fast unmerklich ansteigende, von vereinzelten, 
tiefsandigen Partien abgesehen, auch hartgründige, 
aber gut zu befahrende ebene Fläche, die soge- 
nannte Namib, sich aufthut. Dieselbe ist zwar 
ebenfalls eine völlige Wüste ohne Gras und 
Wasser, auf alle Fälle aber doch für eine Passage 
viel günstiger als das Hinterland von Angra 
Pequena, da man sie zu Pferde in 8, mit Ochsen- 
wagen in 16 — 20 Stunden überwinden kann. 

Ausser Angra Pequena und Walfischbai 
war bis vor Kurzem noch die einige Meilen 
südwärts von Walfischbai gelegene Bucht von 
Sandwichhafen im Gebrauch, die gut geschützt 
und nur wenig seichter als Walfischbai ist. Sie 
hat den grossen Vorzug, dass es daselbst nahe 
am Meer ein gutes und reichliches Trinkwasser 
gibt, während solches in Walfischbai eine Stunde 
entfernt ist, beziehungsweise noch bis vor Kurzem 
aus Capstadt dahingebracht werden musste. Da- 
gegen steigt hier dicht hinter dem Strande ein 
wahrer Wall von mächtigen Sanddünen empor, 
die nicht nur eine sehr rasche Versandung des 
Hafens bedingen, sondern denselben auch von 
dem Hinterlande, namentlich dem an sich ganz 
nahen, grasreichen Khuisethale, welches ehemals 
an dieser Stelle gemündet zu haben scheint, für 
Fuhrwerk völlig abschliessen. Nur Lastochsen 
vermögen auf einem neuerdings aufgefundenen 
Pfade das böse Hinderniss zu passiren. 

So steht denn die Trockenheit und Sterilität 
des Landes einer ausgedehnten Cultivation des- 
selben hindernd entgegen und in den trockenen 
Flussbetten wird nur hie und da eine Bebauung 
des Landes mit regelmässiger Bewässerung durch 
Quellen, den Oranjetluss oder durch Reservoirs 
sich ermöglichen lassen, das aber dann ausge- 
zeichnete Erträge gibt. Als günstig für Ackerbau 
sind in Damaraland etwa Deepdal , Horebis, 
Tsaobis, Otyikango, die Gegend nördlich des 
quellenreichen Waterberg bei Grootfontein, Oma- 
ruru u. s. w. anzusehen, in Gr.-Namaland höch- 
stens Rehoboth, Hoachanas und einige Uferküsten 
des Oranje River, auf welche mit den benach- 
barten Grasländereien jetzt auch capjtädtische 



B 



OESTERREICHISCHE MOKATSSCHRIFT POR DEN ORIENT. 



27 



Speculanteii ihre Augen gewendet, nachdem die 
Deutschen dort die Pionnierarbeit verrichtet 
haben. 

Für Viehzucht, Kinderzudit und Schafzucht 
kommen in Damaraiand in FJetracht das Berg- 
damaraland, ütymbinguc, Okahandya, das rechte 
Khan-Ufer. 

Eine grosse Schwierigkeit bildet aber auch 
ihier die Wasserfrage, da die Eingeborenen ge- 
' rade in dieser Beziehung, die oft eine Lcbcns- 
I frage für sie bildet, sich nicht leicht zu Con- 
cessionen bereit finden dürften. Die Buren haben 
zwar in den letzten Jahren schon angefangen, 
den Nama die Quellen abzukaufen, aber wenn 
die Nama sehen, dass dies für sie den Untergang 
■ bedeutet, wird die Folge davon ein neuer Auf- 
stand sein. Vielleicht lässt sich auch die Kameel- 
zucht einführen. 

Für f^lantagenbau sind wohl nur die nörd- 
lichen Gegenden von Amboland geeignet. Doch 
ist hiebei die bedeutende Entfernung von der 
■Küste und ein ungesundes Klima, abgesehen von 
1 der Unsicherheit im dortigen Lande, in Rück- 
r sieht zu ziehen. Der Anpflanzung von Datlel- 
' palmen beabsichtigt man in den Wüsten mit 
^ Grundwasser eine grössere Aufmerksamkeit 
[schenken. 



DIE HALBINSEL MALAKKA. 

Noch manches Jahrzehnt wird die Halb- 
insel von Malakka, welche man besser die ma- 
layische nennt, der Forschung jungfräulichen 

I^K Boden in ziemlicher Ausdehnung darbieten, denn 
^B ausser den vier Besitzungen, welche die Eng- 
länder dort haben, nebst ihrer nächsten Nachbar- 
schaft, sind nur einzelne Flussthäler und Weg- 
züge bekannt, während namentlich in der öst- 
lichen Hälfte fast alles Gebiet unerforscht geblieben 
ist. Es mag sich somit verlohnen, über das, was 
wir von diesem Lande wissen, Uebcrschau zu halten, 
wobei sich Gelegenheit finden wird, der in der 
jüngsten Zeit dort vorgenommenen Untersuchungen 
zu gedenken. 

Wie ein Blick auf die Landkarte lehrt, bildet 
die Halbinsel Malakka einen zungenartigen, gegen 
Süden und Südosten gerichteten Ausläufer Hinter- 
indiens, der in seinem unteren Ende mit dem 
westlich daneben liegenden Sumatra gleiche 
Richtung hält. Sie erstreckt sich von 13" 45' 
bis l" 35' n. Br., und zwar bis 8" 50' n. Br. 
südwärts, von da ab gegen Südosten. Die Schei- 
dung zwischen diesen beiden Richtungen be- 
zeichnet die Landenge von Kräh. Jenseits, d. h. 
südlich von derselben erhebt sich dann selbst- 
ständig als Landzunge das Rombaungebirge oder 
Gebirge von Malakka mit Cap Büros (i" 35' 
n. Br.) und Cap Romania (i" 22' 30" n. Br.) als 
äussersten Ausläufern. Der gegen Süden ver- 
laufende 'I'heil der Halbinsel und ein nicht un- 
beträchtliches Stück der gegen Südosten gerich- 
teten Hälfte gehört politisch unmittelbar zum 



Königreiche Siam mit Ausnahme des an der 
Westküste hinziehenden britischen Gebietes von 
Tenasserim. Der übrige Theil wird von Malayen- 
staaten eingenommen, die thcils im Verhältnisse 
der Zinsbarkeit zu vSiam oder zu den Briten stehen, 
theils völlig unabhängig sind. Längs der West- 
küste liegen zerstreut verschiedene Parcellen bri- 
tischen Gebietes : die sogenannten Strait-Settlc- 
ments. Es sind dies die Prinz von Wales-Insel, 
besser unter ihrem einheimischen Namen Pulo 
Penang bekannt , die Provinz Wellcsley, dann 
Malakka mit Naning und das auf einem kleinen 
Eilande ganz im Süden der Halbinsel gelegene, 
weithin berühmte Singapore, auf welches als hin- 
länglich bekannt hier keine weitere Rücksicht 
genommen wird. 

Wir beginnen unseren Streifzug durch die 
Halbinsel an der Landenge von Krab. Nur wenig 
nördlich von dieser fliesst der Pakhschan, welcher 
die Püdgrenze Tenasscriros gegen das Siam'sche 
Gebiet bildet. Er ist kein eigentlicher Pluss, 
sondern eine weit in's Land eingreifende Föhrde. 
deren Barre nur 3 m Wasser hat. Der englische 
überstlieutenant Fytshe fuhr denselben 25 im 
aufwärts und die Capitäne Fräser und Forlong 
benützten die günstige Gelegenheit, um quer durch 
die hier nur 104 km breite Halbinsel vom Uorfe 
Kräh bis zum Haien Tayung zu gelangen, der 
am Golfe von Siam liegt. Kräh ist eine von 
Leuten des ShanvolKes bewohnte Ortschaft von 
etwa 50 Häusern, worunter sich auch einige 
chinesische Familien befinden ; sie liegt am Pakh- 
schan, in welchen hier der Krahlluss einmündet. 
Nur 13 km entfernt stosst man auf die Wasser- 
scheide, von welcher nach Osten hin der Tschuni- 
phong dem Golfe von Siam zufliesst. Im ver- 
flossenen Jahrzehnt beschäftigte man sich ernst- 
lich, ganz besonders in Frankreich, mit dem Ge- 
danken einer Durchstechung dieser Landenge und 
Herstellung eines Canals durch dieselbe, um der- 
gestalt eine Wasserstrasse zu gewinnen, welche 
die Fahrt von Westen her nach Cochinchina, 
China und Japan um vier Tage verkürzen würde. 
Derartige Canalprojecte tauchten mehrere auf. 
Jene von Tremenhere und von Schomburgk 
nahmen den Pakhschan zum Ausgang, ebenso 
der Plan des Ingenieurs F. Deloncle, welcher am 
19. Juni 1882 in Begleitung des Dr. Harmand, 
französischen Consuls in Siam, sich von Bangkok 
an den Isthmus zu dessen genauerer Erforschung 
begab. Auch er beabsichtigte einen Canal aus 
dem Pakhschan nach dem Tschumphong zu leiten, 
aber nicht so weit im Norden wie Tremenhere 
und nicht so weit im Süden wie Schomburgk. 
Die canalisirte Strecke sollte 53 km, die ganze 
Schifffahrtslinie vom Bengalischen zum Siamesi- 
schen Meerbusen 1 1 1 ^m lang sein. Deloncle und 
Harmand waren im Stande, die ganze Länge des 
beabsichtigten Canals, sowie die beiden Flüsse 
Pakhschan und Tschumphong und die Wasser- 
scheide zwischen denselben aufzunehmen ; was sie 
fanden, sprach nach ihrer Meinung zu Gunsten 



28 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



des Planes. Im Jänner bis April 1883 entsandte 
die französische Regierung eine eigene Vermes- 
sungsexpedition nach der Landenge. Sie brach 
von der Ostküste bei Tschumphong auf, folgte 
nach Ueberschreitung eines schmalen Landstriches 
dem Laufe des Langsuen aufwärts und gelangte 
über den nur 76 m hohen Krah-Pass zum Pakh- 
schan, welcher bis zu seiner Mündung in einer 
Dampfbarkasse befahren und eingehend unter- 
sucht wurde. Diese Expedition begleitete als 
britischer Regierungscommissär für Siam Com- 
mander A.J.Loftus, welcher den ganzen Plan jedoch 
auf das Entschiedenste verurtheilte. Die haupt- 
sächlichsten Schwierigkeiten für die Anlage des 
Canals fand er in den ungünstigen Verhältnissen 
des Pakhschan, dessen Einfahrt sehr gefährlich 
und dessen Bett durch Felsen vielfach versperrt 
ist, sowie in den zu bewältigen Gesteinsmassen. 
Um die nämliche Zeit, im Frühjahre 1883, führte 
übrigens Deloncle eine neue Untersuchung einer 
Abschnürung der mala)'ischen Halbinsel, jedoch 
an anderer Stelle, viel weiter südlich aus, indem 
er von der Ostküste von Singora aus zunächst 
die Lagune Tale-Sab, welche durch die Insel 
Tantalam vom Golfe von Siam getrennt ist, auf- 
nahm, längs des Flusses Klong Talung die Wasser- 
scheide des Luanggebirges erreichte und amTzang- 
flusse nach Westen zum Bengalischen Meerbusen 
gelangte. Letzteren Isthmus hatte auch nebst 
jenem von Schaija (zwischen 8" 20' und 9" 20' 
n. Br.) der französische Ingenieur Leon Dru em- 
pfohlen. Indess ist es von allen diesen Plänen 
wieder stille geworden. Die Landenge von Kräh 
hatten übrigens die Engländer schon seit 1843 
in's Auge gefasst, auch mehrere Expeditionen 
dahin abgesandt, um die Anlage einer Eisenbahn 
zu Studiren, die freilich ebensowenig zu Stande 
gekommen ist. 

In der Gegend des Isthmus von Kräh treten 
Zinnminen auf, an welchen die ganze Halbinsel 
ungemein reich ist. Die eigentliche Zinnregion 
Malakkas erstreckt sich vom 8." n. Br., also 
etwa von der Landenge von Kräh bis zum 3." 
nördlicher Breite ; die Lager breiten sich am 
westlichen Fusse der Gebirgskette, welche so- 
zusagen das Rückgrat der Halbinsel bildet, über 
deren ganze Länge aus. Diese Kette erhebt sich 
bis zu 2000 m und ist eine Fortsetzung des 
grossen asiatischen Zuges, der am Himalaya an- 
fängt und sich bis an die Südspitze der Halb- 
insel im Staate Dschohor ausdehnt. Der üppigen 
Vegetation wegen, welche das Land bedeckt, ist 
es sehr schwierig, eine Uebersicht der geologi- 
schen Formationen zu gewinnen, doch ist es 
sicher, dass viele Quarzadern die massiven Granit- 
gebilde, deren Geschiebe zinnführend ist, durch- 
setzen, und das Ganze hat eine der Formation 
von Cornwallis ähnliche Structur. In diesen mas- 
siven Adern sind noch keine Bergwerke eröffnet; 
alle bis jetzt bearbeiteten Zinngrubjn liegen im 
Alluvialboden; das gewonnene Mineral ist also 
Stromzinn. Wie alt die Entdeckung dieses seltenen 



Metalles auf der Halbinsel ist, lässt sich nicht 
mehr ermitteln, doch reicht sie sicherlich in sehr 
frühe H^pochen zurück. Schon lange wird dasselbe 
abgebaut, doch ist der Reichthum so unendlich 
gross, dass wahrscheinlich noch nicht ein einziges 
Thal durchgängig bearbeitet und von unzähligen 
Thälern kaum eines noch berührt ist. Einen 
höheren Aufschwung nahmen die Arbeiten erst 
gegen Ende der Vierzigerjahre und besonders 
nach dem .•\ufruhr der Taiping. Chinesische 
Flüchtlinge waren es, welche sich der Zinn- 
gewinnung zuwandten, ihr Werk eifrigst aus- 
dehnten und den Engländern in den besten zinn- 
führenden Thälern zuvorzukommen trachteten. Da 
iudess die britische Regierung sich das Monopol 
aller auf Malakka gelegenen Zinngruben vorbehält, 
so mussten sich die Chinesen verbindlich machen, 
ihr den zehnten Theil alles gewonnenen Metalles 
abzugeben. Neben den Chinesen sind noch Ma- 
layen sowie Kling von Madras und der Malabar- 
küste, aber keine Europäer im Bergbau beschäf- 
tigt. Doch sind die Chinesen die eigentlichen 
Bergleute und Schmelzer, liefern auch alle Hand- 
werker, welche direct zur Gewinnung des Metalles 
mitwirken. Die Zinngruben bilden die bedeutendste 
Einnahmstjuelle des Landes, doch hat in den 
letzten Jahren in manchen Gegenden allerdings 
der Ackerbau einen solchen Aufschwung ge- 
nommen, dass er dem Bergbau wohl an die Seite 
gestellt werden darf. 

Die malayischen Vasallenstaaten Siams auf der 
Halbinsel sind Ligor mit Talung^ welches aber 
wahrscheinlich nur eine Provinz Siams ist, die 
Lakon oder Lachen genannt wird. Die Bevöl- 
kerung, dünn und arm, besteht vorwiegend aus 
Siamesen nebst einer beträchtlichen Anzahl Ma- 
layen und einigen Chinesen. Aus der Vermischung 
der Siamesen und Malayen ging ein Halbblut 
hervor, welches die Malayen Samsam nennen. 
Sie sind zum Islam bekehrte Siamesen und reden 
eine Mischsprache. Die Stadt Ligor liegt in der 
Nähe der Ostküste, aber nicht unmittelbar an 
der See, sondern am Flusse Tadschang, den all- 
jährlich einige chinesische Dschunken des Handels 
wegen herauffahren, und wird auf 5000 Ein- 
wohner geschätzt. Weit bedeutender, ja der be- 
deutendste Platz des siamesischen Malakka ist 
Toneah auf der zu Ligor gehörigen Insel Salanga 
oder Junk-Ceylon an der Westküste ; die Stadt 
zählt wenigstens 30.000 Einwohner und hat eine 
schöne, gegen die Südwestmonsune gesicherte 
Rhede, ist ganz von Stein gebaut, mit regel- 
mässigen, meist gut gepflasterten Strassen und 
sogar numerirten Häusern und wird fast aus- 
schliesslich von Chinesen und einigen Surati- 
kaufleuten bewohnt. Siamesen und einige Malayen 
wohnen in den Vorstädten in Häusern von Holz 
oder Bambus. Dicht bei der Stadt befinden sich_^ 
auf einer grossen Ebene, von Bergen umkränz^fll 
sehr bedeutende Zinngruben ; der Sand der Ebene 
ist derartig mit Zinntheilchen gemengt, dass nur 
wenig Pflanzenwuchs aufkommen kann und der 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIr-T FÖR DEM ORIENT 



29 



»i 



Boden einen grauen Schein besitzt. Das Innere 

on Ligur ist mit völlig unbekannten Gebirgen 

erfüllt, welche den wilden Orang -Semang als 

Aufenthalt dienen. Doch kommen diese auch sonst 

r^noch auf der Halbinsel vor. 

An Ligor und die Landschaft 'l'alung grenzen 
im Süden die Vasallenstaaten Patani und Keda 
(Quettah, Quedah). Patani, welches seinen Zins 
an Siam in Geld und Getreide entrichtet, liegt 
zwischen 6 — 7 " n. Br., grenzt im Westen 
an Keda, welches eine Bergkette davon trennt, 
und zerfällt in fünf Provinzen, zwei äussere und 
drei innere. Es gibt zwei Städte Namens Patani, 
eine ältere und eine neuere, wovon die erstere 
an einem sehr seichten Flusse (in 7 " n. Br.) 
liegt. Medhurst hat sie 1832 besucht und 
damals im Verfalle befunden. Die Bevölkerung 

»betrug um jene Zeit 54.000 Köpfe, jetzt werden 
für den ganzen Staat ihrer blos 30.000, und für 
die Hauptstadt lo.ooo angegeben. Letztere be- 
sitzt einen kleinen Hafen, der mehr für kleine 
: Küstenfahrer geeignet, von europäischen Schiffen 

nur selten besucht wird. Das Land ist aber 
sehr fruchtbar und erzeugt viel Reis, Tabak und 
j. Gewürze. Die Berge sind reich an Affen und 
Elephanten. Das Mineralreich liefert Zinn, Eisen- 
erze in den Gebirgen, etwas Gold, dann Salz, 
womit viel Handel getrieben wird. Die Siamesen 

Verheben von diesem wichtigen Artikel eine Steuer. 
Der ansehnlichste unter den malayischen 
Vasallenstaaten Siams ist Keda an der West- 
küste, dem man gleichfalls blos 30.000 Ein- 
wohner gibt. Längs der Küste sumpfig und 
waldig, im Hintergründe von hohen Gebirgen 
durchzogen, in welchen der isolirte Gipfel des 
^^brjerai 1187 m Höhe erreicht, erstreckt es sich 
I^B zwischen 5 — 7 " n. Br. Zum Mindesten drei 
^K- gangbare Wege vermitteln den Verkehr über 
^■r-das Gebirge nach der Ostküste, doch ist das- 
Hpselbe nur wenig erforscht. Auch hier gibt es 
reiche Zinnlager, nebst etwas Gold, der Boden 
ist sehr fruchtbar, dicht bewaldet und wird von 
sechs schiffbaren Flüssen durchströmt. An einem 

I derselben, dem Parlis, liegt im Innern die Stadt 
Kangah, deren Häuser auf Pfählen erbaut sind 
und wegen der vorspringenden Dächer sowie 
der Sauberkeit der Ausführung an die Schweizer 
Bauart erinnern. In den Wäldern Kedas fehlt es 
nicht an glänzend gefiederten Vögeln, lisch ver- 
tilgenden Pelikanen, an Affengesellschaften, hin 
I^_ und wieder zeigen sich auch Rehe, während in 
^Kden Gewässern nirgends die überaus feigen, aber 
ungemein starken und lebenszähen Alligatoren 
vermisst werden. Die kleinen Inseln im Meere 
^^Kian der Küste liefern in kleineren oder grösseren 
^^■•Mengen die von der Hiiundo esculenta gebauten 
^^Ressbaren Vogelnester, deren gefahrvolles Ein- 
'^" sammeln von den Malayen betrieben wird. Kedas 
gleichnamige Hauptstadt zählt 7 — 8000 Einwohner. 
Der Staat Keda grenzt im Osten an das Vasallen- 
reich Kalantan, das sich zwischen dem Basut- 
'Sind dem Barunastrome ausbreitet, 50.000, meist 



^ 



malayische Plinwohner zählen soll und vorwiegeod 
Gold und Zinn nebst schwarzem Pfeffer erzeugt. 
Die Residenz des Fürsten liegt an einem kleinen, 
nur für Boote schiffbaren Flusse in 6 * 16' n. Br. 
In den Bergen hausen dunkelbäutige Wilde. Gegen 
Westen umfängt Keda die von diesem Reiche 
l8o2 erworbene britische Provinz WelUsley, deren 
Bevölkerung 50.000 Köpfe, meist Malayen, zählt. 
Sie bauen grosse Mengen Zuckerrohr zur Ausfuhr. 

Ihr gegenüber liegt die reizende kleine Insel 
Pulo Penang mit ihrer befestigten Hauptstadt 
Georgetown in der Nordostecke. Pulo Penang, was 
auf malayisch Arakanuss-Insel bedeutet, weil sie 
ihrer Gestalt nach einer solchen gleicht, liegt am 
Nordeingange der Malakkastrasse 3*5 km vom Ufer 
der Halbinsel entfernt und ist an 25 km lang, bei 
13 km breit. Der Osten des Eilands ist eine weite, 
3-5 bis 5 km breite Ebene, an der Westseite erhebt 
sich bis zu 760« Höhe ein gespaltener, zum Meere 
steil abfallender Granitklumpen, dessen Gipfel eine 
Signalstation trägt. Pulo Penang ist durch seine 
Lage wichtig für den Handel, ein Vorposten für 
den Verkehr nach Hinterindien, dem ostindischen 
Archipel und ("hina. Es liefert mannigfaltige und 
werthvolle Erzeugnisse, darunter die Cocosnuss, 
deren Haine fast alle steilen Küsten der Insel be- 
decken. Reis, Pfeffer, Gewürznelken, Muscatnuss, 
Betelrebe, Thee, Baumwolle, Tabak, Kaffee und 
Zuckerrohr. Obgleich der Handel beständig im 
Steigen begriffen ist, vermögen die Strait-Settle- 
ments sich doch noch nicht selbst zu unterhalten, 
sondern kosten dem Mutterlande noch bedeutende 
Zuschüsse für ihren militärischen Schutz zu Wasser 
und zu Land. 

Der südlichste und letzte Zinsstaat Siams ist 
Tringano, an der Ostküste der Halbinsel in 4° 15' 
bis 6" n. Br. Er grenzt im Norden an Kalantan, im 
Westen an Perak ; seine wichtigsten Erzeugnisse 
sind Elfenbein, Pfeffer, Kampher, Gold und Zinn. 
Die Bevölkerung schätzt man auf 35 — 37. 000 Köpfe. 

W^ie man sieht sind unsere Kenntnisse von 
den meisten dieser Landschaften recht spärlich und 
fast noch schlimmer ist es um jene der unabhängigen 
Malayenreiche bestellt, welche den äussersten 
Süden der Halbinsel einnehmen. Die wichtigsten 
darunter sind Ptrak, Salangor, Rumbo, Pahang und 
Dschohor, letzteres auf dem der Insel Singapur 
gegenüber liegenden Festlande. T. J. Newbold 
zählte aber 1839 ferner noch die kleineren Staaten 
von Sungia, Ujong, Dschobol, Srimenanti, Dsch<tlyOj 
Dschellabu, DschompoU und Segamtt auf, welche 
alle einheimischen und despotisch herrschenden, 
muhammedanischen Fürsten unterstehen. Doch sind 
die staatlichen Verhältnisse nicht selten ziemlich 
unklar und über die Abgrenzungen dieser Gebiete 
unter einander geben die bestehenden Landkarten 
keine oder nur unsichere .\uskunft. Erst in neuerer 
Zeit ist einer dieser Staaten, Perak, in den Vorder- 
grund getreten und etwas genauer bekannt ge- 
worden. 

Als einer der reichsten Fundorte des Zinns 
war Perak freilich schon lange bekannt. Vor fünf- 



30 



OESTERREICHICCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT 



zehn Jahren ward derselbe jedoch in einen Streit ' 
mit England verwickelt und hat seitdem die Auf- 
merksamkeit mehr als andere auf sich gelenkt. 
Zwischen Keda im Norden und Perak im Süden 
liegt nämlich das seit 1824 von den Engländern 
erworbene Gebiet von Malakka, 1657 kni'^ gross, 
mit der fast ganz chinesischen Stadt gleichen 
Namens. Von hier aus ist Perak leicht erreichbar. 
Da fügte es sich, dass der britische Gouverneur zu 
Singapur, Sir Andrew Clarke, eine Politik auf 
eigene Faust gegen die Malayenstaaten der Halb- 
insel trieb, von welcher das Londoner Cabinet gar 
keine Kenntniss hatte und die in Perak als „Politik 
freundschaftlicher Protection" zuerst eine definitive 
Gestalt annahm. Die Erhaltung friedlicher Be- 
ziehungen zu den malayischenF'ürsten, die sich vor 
allen anderen durch Launenhaftigkeit, Willkür und 
Hartnäckigkeit auszeichnen, war immer von 
Schwierigkeiten begleitet. Zwar machten schon 
seit 1818 Verträge mit Perak dem Seeraub ein 
Ende, der sonst für die Küstenbewobner den Er- 
werb bildete, dagegen dauerte dieUnbotmässigkeit 
unter den Grossen des Landes fort. Als nun 1875 
der Sultan von Perak starb, brach eine Revolution 
los und vertrieb des Sultans Sohn, Abdullah, um 
den ältesten Häuptling, Ismail, zum Herrscher aus- 
zurufen. Da schien dem englischen Gouverneur der 
Augenblick für die Einmischung gekommen ; er 
versprach vorerst die Wirren ^u schlichten, setzte 
dann den Vertriebenen als Sultan ein und schloss 
mit ihm einen Vertrag, wonach England ein ansehn- 
liches Gebiet abgetreten erhielt und die Zinnberg- 
werke unter die Leitung englischer Techniker 
kamen. Dies wusste man in London und auch dass 
der besagte Vertrag die Beglaubigung eines briti- 
schen Residenten einschloss, der daraufsehen sollte, 
dass in Zukunft Alles hübsch ordentlich zuginge. 
Dieses Abkommen ward auch auf Salangor aus- 
gedehnt. Was man aber in London nicht wusste, 
was Sir Andrew Clarke auf eigene Hand bedungen 
hatte, war, dass den Residenten richterliche Ge- 
walten ertheilt, und sie als Bevollmächtigte des 
Sultans mit unumschränkter Befugniss in seinem 
Namen erklärt wurden, endlich, dass die britischeRe- 
gierung aufVerlangen des Sultans und der Häuptlinge 
von Perak beschlossen habe, im Namen des Sultans 
die Regierung von Perak zu übernehmen, und dass 
der Gouverneur zu diesem Ende Beamte aufstellen 
werde, die unter dem Titel königlicher Commissäre 
und Untercommissäre dieVerwaltung führen würden. 
Ein malayischer Rath der Radscha von Perak werde 
ernannt werden, um die Commissäre in den Regie- 
rungsangelegenheiten zu unterstützen. Von solchen 
Massregeln, die einer Annexion ziemlich nahe kamen, 
war, wie gesagt, in London nichts bekannt, aber 
auch den Eingebornen gefiel diese weitgehende 
Fürsorge nur schlecht und sie ermordeten am 
I. November 1875 meuchlings den britischen Re- 
sidenten Herrn Birch. Zugleich machten sie Miene 
sich gegen die Engländer überhaupt zu erheben 
und dieselben von der Halbinsel verjagen zu wollen. 
Sie setzten sich in Vertheidigungszustand, während 



England zur Bestrafung der Schuldigen Truppen 
unter General Colborne aussandte, zugleich aber 
strenge Weisungen ergehen Hess, sich jeder An- 
nexionspolitik fernzuhalten. Es kam zu mehreren 
blutigen Gefechten, in welchen die Malayen erbittert 
kämpften und die Engländer nicht immer siegten ; 
im März 1876 waren indess die Rädelsführer ge- 
fallen, England aber stand davon ab, das Land in 
eigene Verwaltung zu nehmen, sondern begnügte 
sich, dasselbe unter seinen Schutz zu stellen. 

Lieber dieses Perak berichtete schon der er- 
mordete Birch. Das wesentlichste Moment des Lan- 
des ist darnach der Perakfluss, welcher etwas nörd- 
lich vom 4" n. Br. in das Meer mündet ; er ist für 
Kanonenboote etwa 64 — 80 km stromaufwärts 
schiffbar und hat viele Nebenflüsse. Sein Ursprung 
scheint sich nördlich vom Flusse Kreean zu be- 
finden, der bis vor Kurzem die Südgrenze der Pro- 
vinz Wellesley bildete. FJirch hat den Perak in einer 
Strecke von etwa 480 km und beinahe alle seine 
Nebenflüsse erforscht und schätzte die Uferbevöl- 
kerung auf etwa 8ü.ooo, die im Innern, worunter 
an 10.000 Ureinwohner, auf 20.000 bis 30.000 
Köpfe. Das Land längs beider Perakufer ist ausser- 
ordentlich fruchtbar und wird von den Malayen mit 
Tabak, Zuckerrohr, Tapioca, indischem Korn be- 
baut. In den undurchdringlichen Rohrdickichten 
gibt es viel Wild, Elephanten, zwei Gattungen Nas- 
hörner, wilde Büffel, Tapire, drei Gattungen Hoch- 
wild, Tiger, Leoparden und verschiedene Katzen- 
gattungen. Larut, der nördliche Theil von Perak 
an der Küste, ist der reichste Theil des Landes, ein 
prächtiges Gebiet mit wunderbarer Naturscenerie 
und sehr gesundem Klima. Der Boden eignet sich 
für die mannigfaltigsten Culturen, doch ist Reis die 
einzige Cerealie, welche von den Eingeborenen ge- 
baut wird. 

Im Auftrage des französischen Unterrichts- 
ministeriums führten die Herren Brau de Saint Pol 
Lias und J. Errington de laCroix 1880 — 1881 eine 
wissenschaftliche Reise auf der Halbinsel Malakka 
aus, die sie zu Aufnahmen in Perak vervvertheten. 
Sie erforschten insbesondere die Nebenflüsse des 
Perak, den Kinta und Batang Padang, bestimmten 
zahlreiche Höhen und untersuchten die Minenbezirke 
am Unterlaufe des Perak, die besonders reich an 
Zinn sind. Auch Gold wird in diesem Gebiete nicht 
unbeträchtlich durch Auswaschen des Flusssandes 
gewonnen. Die Minen erstrecken sich über einen 
Flächenraum von 300 km^. Noch reichere Gold- 
minen wurden später durch Sir Hugh Low, den 
britischen Residenten, am Oberlaufe des Perak ent- 
deckt. Mit seinen Ingenieuren drang der Resident 
bis über 5" 50' n. Br. längs des Flusses vor, wobei 
sich ergab, dass dessen Quelle nur etwa 25 km vom 
Golf von Slam entfernt ist. Der Perak scheint be- 
stimmt, für diesen Theil der Halbinsel die grosse 
Handelsstrasse der Zukunft zu werden. Eine Reihe 
weiterer F"orschungen hatte I'885 den an der OsNvh 
küste mündenden Fluss Pahang und das gleichilBH 
namige kleine Fürstenthum zum Ziel. Der Feld- 
messer W. Cameron nahm den ganzen Flusslauf 



OEStERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIEMT 



31 



I 



;iu(; G. Scaife befuhr seinen rechtsseitigen Zufluss 
Sttmjintcn, kreuzte die Wasserscheide und erreichte 

hlngs des Flusses Klang durch das Fürstenlhum 
Salangor die Westküste. Von dieser letzteren ging 
der britische Resident in Salangor, F. A. Swettcn- 
ham, zu einer Durchkreuzung der Halbinsel von 
Perak bisPahang aus, welche dieZeit vom i 2. April 
bis 5. Mai 1885 inAnspruch nahm. Längs des Slim 
wurde bis Kuala Slim der Wasserweg benützt, dann 
ging es längs desselben und seines Quellbaches 
Briseh aufwärts zur Wasserscheide, welche zugleich 

ie Grenze zwischen Perak und Pahang ist. In einer 
pHöhe von 960 m ward dieselbe überschritten. Nur 
wenige Schritte von einander durch die Passhöhe 
getrennt, entspringen der Briseh im Westen, der 
Sungei Sambilan, einer der Quellflüsse des Lipis 
im t)sten. Noch wurde Permatang Linggi in ig5 w 
erreicht und von jetzt ab auf Flössen der Wasser- 
weg benutzt, welcher einer regelmässigen Schiff- 
fahrt wiederholt durch Stromschnellen Hindernisse 
bereitet. Bei Kuala Temelin vereinigen sich der 
Lipis und Jelei zum Pahangflusse, welchen Swetten- 
ham bis zur Hauptstadt Pekan hinabfuhr. Im Juli 
führte J. E^. 'I'enison-Wood eine Fahrt auf dem 
Pahang aus, um die an seinem Oberlaufe befind- 
lichen Goldminen zu untersuchen. Er gelangte bis 
l'unjom am Lipis, 16 km von dessen Mündung, 
300 km von der Küste; in unmittelbarer Nähe beim 
Uorfe Jelei liegen die alten Goldminen, welche seit 
Kurzem eine europäische Gesellschaft übernommen 
hat. Auf der Rückreise wurde der Semanten auf- 
wärts verfolgt bis zur Quelle, in deren Nähe sich 
ebenfalls Goldlager fanden. 

Fs ist kein Zweifel, dass die malayische Halb- 
insel eines der mineralreichsten Gebiete der Erde 
ist; allein auch für den Anbau von Thee, China- 
rinde, Kaffee u. dgl. eignen sich die tiefer gelegenen 
Landstriche. Es wäre dringend zu wünschen, dass 
die geographische Forschung in ernsterer Weise 
als bisher diesem interessanten Gebiete sich zu- 
wende. 

MISCELLEN. 
Ausstellung in Taschkent i890. Das 25jährige 

Bestehen russischer Herrschaft in Westturkestan 

wird im Jahre l8go durch ei ne Ausstellung in 

Taschkent gefeiert werden, wel che sehr interessant 

zu werden verspricht, und deren Besuch, vermittelst 

der transkaspischen Eisenbahn unschwer nusführ- 

'bar, wissbegierigen und unternehmungslustigen 

^Touristen empfohlen wird. Das Interesse dieser 

; Ausstellung beruht darauf, dass im Princip nur Be- 

wohner des turkestanischen Gebietes und der be- 

|. nachbarten asiatischen Landstriche und Reiche als 

^ Aussteller aufzutreten berechtigt sind — eine Regel, 

I die freilich Ausnahmen, wie sich sofort zeigen wird, 

nicht ausscliliesst. Die Ausstellung wird in folgende 

1 1 Abtheilungen zerfallen: I.Feld- und Landwirth- 

schaft, 2. Garten- und \\''einbau, 3. Baumwollen-, 

Seiden- und Bienenzucht, 4. Viehzucht, Pferde- und 

Gellügelzucht, 5. Waldwirtlischaft, 6. Fischfang und 

Jagd, 7. Haus- und Fahriksindustrie, 8. Bergbau, 



g. eine wissenschaftliche, 10. eine kriegsgcscbicht- 
liche, II. eine Lehrmittel-Abtheilung. Aus dem 
europäischen Russland und dem Auslande werden 
zur Ausstellung zugelassen : Landwirthschaftlichc 
Geräthe und Maschinen, namentlich solche, welche 
eine verbesserte Bearbtitung in den für Ccntral- 
asien besonders wichtigen ICrwcrbszweigen, wie 
Baumwollen- und Seidenzucht, Weinbau, Trock- 
nung von Früchten etc. einzuführen geeignet sind. 
.Auch l'-abrikserzeugnisse russischen Ursprungs, 
welche speciell für Centralasien hergestellt werden, 
sollen Aufnahme finden. Im Ganzen hofft man durch 
die Ausstellung ein Bild des Aufschwunges, den 
seit 25 Jahren die verschiedensten Zweige des 
Lebens in Turkestan genommen haben, vorführen 
zu können ; so soll z. B. die letzte Scction, die der 
Lehrmittel, veranschaulichen, welche Fortschritte 
in dieser Zeit auf dem Gebiete der N'olksbildung 

gemacht worden sind Lieber die Reise nach 

'l'aschkent geben die njvchstehenden, mit Odessa 
beginnenden Notizen, die wir dem Tagebuchc eines 
im vorigen Jahre aus Centralasien heimgekehrten 
Oesterreichers entnehmen, einigen Aufschluss. 

„Fahren wir weiter nach Odessa, das mit 
seinen breiten, mit Alleen versehenen Strassen 
auf jeden Reisenden den besten Eindruck macht, 
fahren wir weiter nach Sebastopol, der blutge- 
tränkten Stätte, weiter nach Yalta, das die Russen 
gern ihr Nizza nennen, das trotz seiner schönen 
Villen und nahen Wälder, comfortablen Hotels, 
becjuemen Wagen, Früchte und Rosen, wegen 
seiner staubigen Strassen und verstaubten und 
sonnverbrannten Vegetation mir doch keinen Ge- 
fallen abgewinnen kann ; fahren wir weiter nach 
Firdusi, das mit seinen Windmühlen und kahlen 
Bergen nicht zum Aussteigen einladet, weiter 
nach Batum, wo der Spiegel des Meeres mit 
Petroleum überzogen ist, wo Alles nach dem 
edlen Nass duftet, wo, wie die dort wohnenden 
Deutschen scherzend erzählen, selbst die erlegte 
Waldschnepfe den hautgout vom Petroleum an- 
nimmt. Willst du nicht in Tiflis bleiben, dort das 
Lied Rubinstein's singen: „Gelb rollt mir zu 
Füssen der brausende Kur", und kachctischen 
Wein dazu trinken, dich überzeugen, dass die 
grusinischen und tscherkessischcn Frauen ihren 
Schönheitsruf nicht verdienen, so fahre an dem 
Elbrus und Kazbek, den Riesen des Kaukasus, 
vorbei und gehe nach Baku, dem F^lndpunkte der 
Bahn. Dort wirst du staunend sehen, wie das 
Erdöl thurmhoch Fontainen schleudert, und hören, 
dass das Pud (40 Pfund) Cerosin soviel kostet 
wie in Wien ein halbes Pfund Petroleum. 

Geht der Wind vom Lande, so kannst du 
versuchen, ein Seebad im Kaspischen Meere xu 
nehmen, denn der Wind treibt die Cerosinschicbte, 
die auf dem Wasser schwimmt, in die hohe See. 
Das Kas|)ische Meer, dessen Wasser salzig und 
ausserordentlich bewegt ist, macht dir die zwanzig- 
stündige Ucberfahrt quer über dasselbe zur un- 
angenehmen, und am zehnten Tage nach der .Ab- 
reise von \\'ien landest du in L'sun .Ada, dem 



32 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT fOr DEN ORIENT 



Anfangspunkte der transkaspischen Militärbahn, 
die dich mit einer Geschwindigkeit von circa 
22 Werst per Stunde in 36 Stunden nach Merw 
bringt. Von Usun Ada bringt den Reisenden eine 
49stündige Eisenbahnfahrt an die Ufer des Amu 
Darja, von wo er in weiteren 8 Stunden in den 
Bahnhof von Bocharä einfährt. Noch 15 Stunden 
bringen ihn nach Samarkand, dem im Vorjahre 
letzten Punkte der Transkaspischen Militärbahn. 
Zur Jubiläums-Feier wird wohl die Bahn bis Tasch- 
kent ausgebaut sein und man statt 40 Stunden im 
Tarontest nur 1 3 Stunden im be(|uemen Waggon 
zuzubringen haben. 

Landesposteinrichtungen in China. Die De- 
peschen der Regierung werden nach ihren Be- 
stimmungsorten durch besonders zu diesem Zwecke 
angestellte Leute befördert, welche unter der 
Aufsicht des Kriegsministeriums in Peking ste- 
hen. Sie reiten von einer Station zur anderen 
mit ziemlicher Schnelligkeit, und wichtige Docu- 
mente werden so auf grosse Entfernungen täg- 
lich 45 Meilen weit befördert. Das Publicum ist 
von der Benützung dieses Verkehrsmittels aus- 
geschlossen, hat aber, durch die Bedürfnisse des 
Handels dazu geführt, für sich einen eigenen Post- 
dienst eingerichtet. In jeder chinesischen Stadt 
von einiger Grösse befinden sich sicherlich einige 
Postämter, von denen jedes einer oder mehreren 
Provinzen vorsteht, nach und von denen es Briefe 
und kleine Packete befördert. Die Sicherheit 
alier ihnen anvertrauten Gegenstände wird garantirt 
und der Werth ersetzt, wenn sie verloren gehen ; 
gleichzeitig muss der Inhalt aller Packete bei 
der Aufgabestelle declarirt werden, damit ein 
entsprechendes Porto für ihre Beförderung er- 
hoben werden kann. Die Briefträger gehen haupt 
sächlich zu Fuss ; mit 80 Pfund Postgepäck laufen 
diese Boten eine Meile in der Stunde , bis sie an 
ihrem Bestimmungsorte angelangt sind, händigen 
hier den Pack einem anderen Boten ein, welcher, 
gleichviel ob Tag ob Nacht, ob schlechtes oder 
gutes Wetter, aufbricht, bis auch er sich seiner 
Verantwortlichkeit entledigt und den Pack einem 
dritten Boten eingehändigt hat. Der Portosatz ist 
sehr gering. Ein Brief von Peking nach Hankau, 
ca. 150 Meilen Luftlinie, kostet nur 8 Cts. Etwa 
30 Percent des Portos trägt der Absender, um die 
Post vor Betrug und Verlust zu schützen ; der Ueber- 
schuss kann von dem Adressaten erhoben werden. 
Diese Postämter werden von den Kaufleuten bei 
ihren Handelsgeschäften viel gebraucht , und 
Wechsel werden stets so verschickt. Solche Docu- 
mente, sowie kleine Packen chinesischen Fein- 
silbers bilden eine ziemlich werthvolle Last und 
würden oft den Wegelagerern zur Beute fallen, 
wenn nicht die Militärbehörden Reisende, welche 
die Gasthäuser vor Tagesanbruch verlassen, von 
Soldaten würden begleiten lassen , bis der 
Tag sie vor den Gefahren eines plötzlichen 
Angriffes sicherstellt. An anderen Orten hat man 
wieder Trupps gut eingeübter Männer, welche 
sich in Gesellschaften von drei bis fünf den 



Reisenden zum Schutze vor Wegelagerern ver- 
miethen. 

Zustände an der l(leinasiatischenNordl(üste. 

Im Auftrage der Senckenbergischen naturfor- 
schenden Gesellschaft zu F~rankfurt a. M. führte 
Staatsrath O. Retowski aus Theodosia im Sommer 
1889 eine siebenwöchentliche Reise nach der klein- 
asiatischen Küste des Schwarzen Meeres aus, wobei 
die Plätze Sinope, Samsun, Trapezunt und Batüm 
besucht wurden. Sinope, einst der wichtigste Punkt 
der ganzen Nordküste Kleinasiens, ist trotz seiner 
fruchtbaren Umgebung und günstigen Handelslage 
heute tief gesunken. Das nicht mehr als 7162 Ein- 
wohner zählende Städtchen zeigt im Innern den 
gewöhnlichen Verfall. Dabei ist der Steuerdruck 
enorm. Für ein Schaf, das hier etwa 3 fl. kostet, ist 
ein Gulden Steuer zu entrichten. Etwa ein Drittel 
der Bevölkerung sind Griechen, die übrigen zwei 
Drittel Türken. Samsun, in dessen Nähe die spär- 
lichen Trümmer des alten Amisos liegen, besitzt 
einen schlechten Hafen und in der Umgebung ge- 
sundheitsgefährliche Sümpfe. Dennoch hat sich die 
Stadt bedeutend gehoben und seit 1860 ihre Be- 
völkerung etwa verfünffacht, von 3000 auf 16.000 
Köpfe. Samsun ist nämlich einer der Hauptplätze, 
nicht blos des Handels, sondern auch des Tabak- 
baues, zugleich Sitz eines der vier Bezirke der 
Tabakregie für das türkische Reich, weshalb hier 
auch eine grosse Tabakfabrik besteht und zahl- 
reiches Verwaltungspersonal stationirt ist. Trapezunt 
ist Sitz eines der zwölf Vilajete, in welche die 
asiatische Türkei eingethcilt ist. Hier haben elf 
auswärtige Mächte ihre Vertreter. Es herrscht reger 
Verkehr und besonders die Karawanen bringen viel 
Leben in die Strassen. Die Stadt zählt 45.000 Ein- 
wohner und ist sehr ausgedehnt wegen einer Menge 
Gärten innerhalb der von Christen bewohnten 
Viertel. Vier Stunden von 'IVapezunt entfernt liegt 
Risa oder Risch im Lande der Lasen, die nächste 
türkische Stadt an der russischen Grenze, von 
europäischer Cultur aber noch so wenig berühit, 
dass man wohl thut, sich möglichst wenig auf der 
Strasse zu zeigen. Batüm hatte Herr Retowski seit 
1879 nicht gesehen. Damals bot es noch ganz den 
Anblick einer orientalischen Stadt. Die verflossenen 
zehn Jahre haben aber hier mehr gewirkt, als 500 
Jahre unter türkischer Herrschaft. Die winkeligen 
schmutzigen Gassen mit den hölzernen unansehn- 
lichen Privathäusern und den kleinenVerkaufsbuden 
haben breiten Strassen mit grossen, mehrstöckigen, 
steinernen Häusern und eleganten Läden Platz ge- 
macht und blos ein paar unbedeutende Moscheen, 
die türkischen Bäder und einige Buden auf dem 
Bazar erinnern noch an die einstige Herrschaft der 
Osmanen. Die Erklärung zum Freihafen, die gross- 
artigen Hafenbauten und die Eisenbahn nach Baku 
am Kaspischen Meere haben einen solchen Zuzug 
von Europäern veranlasst, dass die ursprüngliche, 
Bevölkerung nur einen kleinen Bruchtheil der heute 
auf 10.000 Köpfe angewachsenen Bewohnerschaft 
bildet. 



gw- 






Verantwortlicher Reda-'teur: A. v. Scala. 



Druck von Ch. Reissflr 6, M WertI 




März-Heft 1890. 



OESTERREICH ISCHE ^s<^><' 



Nr. 3. 



|aMt55t|rift für \m §xmi 

Herausgegeben vom 

K. K. ÖSTERR. HANDELS-MUSEUM IN WIEN. 

Redigirt von Ä. von Scala. 



Monatlich ein« Nummer. 



VERLAG DES K. K. ÖSTERR. HANDELS-MUSEUMS IN WIEN. 



Pra!i |lhrl. S «. » 10 Marii. 



I 



INHALT: l''eueraul»ftler u(Ut ^Ioiii»tli(M.sipn ? Von Berniattn t'eigh 
-— li\t' Genusxmittel dt» Orieutr:<. Voii o'usUiv Troll. — Capttän 
BiDger^s Reisu im Sudan. Von F. r. H. — Die Deutschen 
äcbatzgebieto bei Begiiin des Jahren 18*.>0. — - M i s c e 1 1 e : 
Albinos im Indiitcben Archipel. 




1 



sc 

i 



FEUERANBETER ODER MONOTHEISTEN ? 

Von Hermann Feigl. 

em das Gerücht einmal einen Namen 
erfunden hat, der mag ihn nur schwer 
wieder los werden, und eine Verleum- 
dung, die drei Jahrtausenden getrotzt 
hat, widersteht auch mit einem gewissen Anscheine 
von Recht der besseren lirkenntniss. Das haben 
die Parsis, die Anhänger der Lehre Zoroaster's, 
an sich selbst am besten erfahren. Ihr Religions- 
gcdanke, als ein Innerliches von den alten Völkern 
nicht verstanden, ist auch von den neuen bis in 
die jüngste Zeit nur aus Aeusserlichkeiten ge- 
schlossen worden. Die Parsis heissen und hiessen 
.iKeueranbeter*^, obwohl sie das Feuer weder 
heute, noch wohl auch jemals in alter Zeit an- 
gebetet haben. 

Es ist wahr, die Feueraltäre, welche sich 
llenthalben in den von den Zoroastriern früher 
ewohnten Gebieten noch als Ruinen finden, 
sprechen ebenso für die Begründung des Ver- 
dachtes, wie die Art und Weise, auf welche die 
heute noch lebenden Parsis ihr Gebet verrichten. 
Nun, der Mohammedaner wendet beim Gebete 
das Gesicht gegen die Ka'ba, jenen uralten'Stein, 
der schon in vorislamischer Zeit als vom Himmel 
gefallen mit heidnischen Gebräuchen verehrt 
wurde, und doch ist der Muslim nicht als F'eti- 
schist verschrieen, der einen Stein anbetet ; russi- 
che (Christen lassen sich in Jerusalem an der 
tätte des heiligen Grabes von geweihten Kerzen 
icbt geben, das, indem eine Kerze an der an- 
deren entzündet wird, weit hinausgetragen wird 
in die Welt und in den Häusern der Gläubigen 
nie erlischt, und doch wird ihnen niemand nach- 
sagen, dass sie das Licht verehren, vor welchem 
sie in heiliger Andacht knieen ; die Parsis aber 
sind „Feueranbeter" und der Name wird ihnen 
trotz seiner Fälschlichkeit bleiben, wie Ma.v Müller 
sagt, auch „wenn Ormuzd's letzter Verehrer längst 
von der F>de verschwunden ist". Das Evan- 
gelium der Christen und der Koran der Muham- 
medaner sind eben mit ihren Lehren bekannt, 

Monatiachrift fUr den Orient. Mürz 1890. 



während das Zandavesta, die heilige Schrift der 
Zoroastrier, erst in der neuesten Zeit an's Tages- 
licht gezogen und untersucht wurde ; und nun 
wird man sagen, steht es kaum mehr dafür, fflr 
das verschwindend kleine Häuflein der bis heute 
übrig gebliebenen Parsis eine Lanze einzulegen. 

Es leben ihrer heute in der That nicht 
mehr als im Ganzen beiläufig loo.ooo, die sich 
zum weitaus grösserem Theilc auf Indien, zum 
kleineren auf Persien vertheilen ; eine furcht- 
bare Mahnung an die Vergänglichkeit aller 
Grösse ! 

Die Nachkommen der Eroberer der alten 
Welt des Orients, der Beherrscher von Persicn, 
Babylonien und Assyrien, von Judäa und Egypten 
etc. sind heute mit ihrer Religion im eigenen 
Vaterlande nur geduldet und seitdem Araberthum 
und Islam in Persien ihre siegreichen Fahnen 
aufgepflanzt haben, geht der „Gaebr", der „Feuer- 
anbeter" verachtet durch das Leben. 

Und doch hat dieser „Gaebr" eine Religion, 
mit welcher sich der Islam an Reinheit und Er- 
habenheit nicht im Entferntesten messen kann, 
eine Religion, die zu Höherem berufen war, als 
mit einer Nation unterzugehen, jene Religion, die 
ewig bestehen wird, gleichviel welchen Namen 
sie tragen mag : den reinsten Gottesglauben. 
Lange vordem, ehe das ("hristcnthum die heid- 
nischen Religionen der in Europa lebenden Arier 
verdrängte, ja lange vorher, ehe diese im Westen 
wohnenden, sogenannten nordarischen Völker ihre 
Mythologie in eine systematische Form gebracht 
hatten, waren sich die Anhänger Zoroasters schon 
des einzig richtigen Weges bewusst, den der 
Mensch im Streben nach der Erkenntniss Gottes 
zu gehen hat, des Monotheismus. 

Ob das ursprüngliche ReligionsgefQhl aller 
Menschen ein monotheistisches ist, ob also alle 
Mythologien und vielleicht auch der Fetischdienst 
uncultivirter Völker nur auf eine Entartung der 
vollkommensten Gottesidee zurückzuführen sind, 
das ist wohl eine Behauptung, die schwer zu 
beweisen, eine Frage, die heule noch nicht zu 
beantworten ist. Die Betrachtung der Religionen 
der arischen Völker scheint jene Annahme über- 
aus zu begünstigen. 

Die grosse lockenhaarige Völkerfamilie be- 
zeichnet die Gottheit mit einem gemeinsamen 



C^» 



34 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT 



Worte, und wenn dieses von der Sanskrit-Wurzel 
div abgeleitete Wort auch nicht bei allen indo- 
europäischen Völkern den obersten Gott be- 
zeichnet, so glaubt man doch annehmen zu dürfen, 
dass es ursprünglich der Name der monotheisti- 
schen, vor alten Zeiten allen arischen Völkern 
gemeinsamen Gottheit gewesen ist. Da die Wurzel 
div nun glänzen bedeutet, so liegt wieder die 
Annahme nahe, dass der Begriff des Göttlichen 
mit dem des Lichts zusammenhängt, es lässt sich 
aber wohl nicht entscheiden, ob die Urarier 
durch die Betrachtung des leuchtenden Sonnen- 
balls zur Idee der Gottheit geführt wurden oder 
ob sie die schon vorher gefühlte, über Alles er- 
habene Gottheit in sinnlich poetischer Ausdrucks- 
weise mit Glanz und Licht identificirten, wie die 
Juden in philosophischer Ueberlegung ihren Gott 
mit der Ewigkeit. 

Gewiss ist, dass die nordarischen Völker 
irgend einen oder ihren höchsten Gott oder Gott 
überhaupt mit einem Worte bezeichneten, dessen 
Bedeutung ihnen völlig unbekannt war, während 
die Südarier in dem Worte deva noch leicht ihr 
altes Spracheigenthum erkennen und sich erklären 
konnten. Ob sie es aber auch thaten ? 

Schon in den Veden gibt es so viele devas, 
Götter, dass wir von jener angedeuteten sinnlich 
poetischen Bezeichnung eines einzigen Gottes 
von jeher zweifeln müssen. Allerdings konnte das 
Wort, wenn die ursprünglich monotheistische 
Religion einmal entartet war, ebensogut in der 
Mehrzahl wie in der Einzahl gebraucht werden. 
Aber konnten dann Diejenigen, welche am Mono- 
theismus festhielten, nicht umsomehr den Singular 
zu Ehren bringen? Nichts von dem! Im Zend- 
avesta wird das von der Wurzel div abgeleitete 
Wort mit Abscheu verworfen, und datvas be- 
zeichnet dem Zoroastrier durchaus nichts Gött- 
liches, denn er bekennt : Ich will kein Verehrer 
der daevas sein. Es mag ja sein, dass das Avesta, 
wie Max Müller sagt, eine bewusste Opposition 
gegen die Anbetung der im Veda verehrten Na- 
turgötter darstellt, aber hätte denn Zoroaster 
nicht erklären können, es gäbe nur einen dalva? 
Warum gab er ihm einen anderen Namen, nannte 
ihn .Ahura mazda und verwarf den Titel daeva 
ganz? Wenn wir uns Zoroaster's Religion als 
Frucht philosophischen Denkens vorstellen, wird 
die Sache erklärlicher, als wenn wir Zoroaster 
als von religiösen Vorurtheilen befangen, be- 
trachten. Ist aber Zoroaster's Lehre das Werk 
eines persönlichen Genius, dann dürfen wir sie 
weder mit der vedischen noch mit der vorvedi- 
schen Religion der Inder in Zusammenhang 
bringen, denn das Genie bedarf keiner Anleh- 
nung. Dann gebührt aber auch den alten Ira- 
niern von allen arischen Völkern allein der An- 
spruch auf die originäre Idee des Monotheismus. 

Die Religionsgeschichte als Wissenschaft ist 
heute noch viel zu jung, um Hypothesen zu ver- 
theidigen, geschweige denn sie zu Wahrheiten zu 
erheben, und so bleibt uns in unserer Sache 



Nichts übrig, als den weiten Boden historischer 
Kritik zu verlassen und uns auf das kleine 
Plätzchen der Erfahrung zu beschränken. Dass 
die Religionsbücher der I'arsen manches Wunder- 
liche und Mythische enthalten, wollen wir ganz 
bei Seite lassen, da sie ihm in der Praxis selbst 
nicht die geringste Bedeutung beimessen. Dies 
dürfen sie heute umsomehr, als sie vom Zend, 
in welchem ihre heiligen Schriften abgefasst sind, 
kein Wort verstehen, und selbst die Gebete 
daraus ohne Verständniss recitiren. Es wäre aber 
falsch, aus diesem letzten Umstände den Schluss 
zu ziehen, dass der Parsi nicht weiss, zu wem 
und warum er betet. Er betet eben mehr im 
Geiste als mit Worten. 

Ormuzd ist sein Gott, Zoroaster dessen Prophet 
und das Zendavesta die heilige Schrift, die Gott 
seinem Propheten geoffenbart hat. 

Was die Glaubenssätze der Zoroastrier betrifft, 
so bestehen diese aus Fundamentallehren ohne 
dogmatische Zusätze ; wer könnte auch solche 
machen, da den Priestern die heilige Schrift in 
ihrer alten Sprache ebenso unverständlich ist, als 
den Laien? 

Der Parsi glaubt an einen Gott, dessen Ein- 
zigkeit besonders betont wird. Gott hat Alles 
erschaffen, den Himmel und die Erde, mit Allem 
was diese beiden Welten enthalten. 

Gott ist ein Geist, der weder Gestalt noch 
Farbe hat und an keinem bestimmten Ort wohnt. 
Er ist für den menschlichen Geist unfassbar und 
so gross und erhaben, dass er sich mil Worten 
nicht beschreiben lässt. 

Kann man Gott treffender charakterisiren, 
als es der Parsi thut? 

Religion ist dem Parsi die Verehrung Gottes 
und diese Religion hat er von Gott durch dessen 
Propheten Zoroaster erhalten. 

Die Gebote Gottes, welche der Prophet den 
Gläubigen gegeben hat, sind, kurz zusammen- 
gefasst, in dem folgenden Glaubensbekenntnisse 
enthalten : 

\yir erkennen Gott als eineti Gott, wir 
glauben an den erhabenen Zoroaster als den 
wahren Propheten, wir halten die Religion und 
das .Avesta über jeden Zweifel erhaben, wir 
glauben an die Güte Gottes, wir übertreten kein 
Gebot der Mazdaiaschna-Religion, wir meiden 
alles Böse, wir bemühen uns Gutes zu thun und 
wir beten täglich fünfmal ; wir glauben, dass wir 
am vierten Tage nach unserem Tode gerichtet 
werden und dass uns Gerechtigkeit widerfährt, 
wir hoffen auf den Himmel und fürchten die 
Hölle, wir glauben, dass ein Tag der Zerstörung 
und der Auferstehung kommen wird, dass Gottes 
Wille stets geschehen ist und stets geschehen 
wird, und wir wenden beim Gebet unser Antlitz 
einem leuchtenden Gegenstande zu. 

Wenn wir dieses Glaubensbekenntniss Punkt 
für Punkt betrachten, werden wir kaum auf eine 
Aeusserung stossen, die wir, den Gottesglauben 



OESTERRBICHISCHE MONATSSCHRIFT fOr DEN ORIENT. 



85 



nd seine Bethätigung durch Gebet und gute 
'Werke vorausgesetzt, verwerfen könnten. 

Was die Stellung Zoroasters betrifft, so ist 
s ohne Zweifel ein Glanzpunkt in der Religion 
er Parsis, dass sie ihrem IVojjheten weder gött- 
liche noch übermenschliche Eigenschaften zu- 
B schreiben. Gott hat seine Gebote einem Menschen 
iVertraut, den er seiner Gnade und des unmittel- 
baren Verkehrs würdig fand. Zoroaster ist ein 
Weiser und dass ihn der Farsi als Menschen un- 
mittelbar mit Gott verkehren hisst, beweist, dass 
er den menschlichen Genius als einen Theil von 
Gottes Geist zu schätzen weiss. Ein unendlich 
hoher Standpunkt, vielleicht der höchste, der sich 
in Hinsicht auf das Verhältniss der Gottheit zum 
M^^Menschen je erreichen lässt. 

I|P Ebenso gereicht es dem religiösen Verständ- 

nisse des Zoroastriers nur zur Ehre, dass er auch 
-an die Güte Gottes glaubt und von der Gnade Gottes 
■^■Vergebung seiner Sünden erwartet. Das Vermeiden 
■^*alles Bösen wird anders durch das kategorische 
Gebot ausgedrückt : Reinheit der Gedanken, Rein- 
heit der Worte und Reinheit der Handlungen. Damit 
wird aber nicht nur sittliche, sondern auch physische 
Reinheit anbefohlen, und bei der grossen Rolle, 
L^_wclche die Reinigung des Körpers im Oriente 
IHnbcrhaupt und dann besonders noch als äusseres 
. Heiligungsmittel spielt, dürfen wir nicht erschrecken, 
wenn wir im Zendavesta Reinigungsceremonien 
finden, die uns als das gerade Gegentheil dessen 
erscheinen, was sie sein sollen. In dieser Hinsicht 
kommen die Parsis den Hindus sehr nahe, und gilt 
auch ihnen die Kuh und was von ihr kommt als 
Reinigungsmittel. Ich will mich hier nur auf diese 
.Andeutung beschränken, und nicht weiter auf die 
Beschreibung von Gebräuchen eingehen, die uns 
nur ekelhaft erscheinen. Bemerkt aber sei dazu 
noch, dass ein Reisender, der in jüngster Zeit aus 
ndien zurückkam, erzählt, dass er in der Brah- 
manenschule , welche er dort besuchte, in der 
li^cke des Lehrzimmers eine Kuh stehen fand, 
welche — i's ist kein Spott, sondern ernste Wahr- 
heit ! — das Zimmer ilurch ihre Anwesenheit — 
I^Brein zu erhalten hatte. Nun gilt dem Indter die 
'^^Kuh als geheiligtes Thier und lässt sich also gegen 
das althergebrachte Herkommen auch mit dem ge- 
lehrtesten und aufgeklärtesten Brahmanen nicht 
streiten. Ein Anderes ist es bei den Parsis. Diese 
haben sich im Laute der Zeit in zwei Parteien, eine 
conservative und eine liberale getheilt, von denen 
die erstere an den .^eusserlichkeiten der Religion 
zäh festhält, während die letztere sie zum grossen 
rheile, wenn auch mit Schonung ihrer beschränkteren 
Glaubensbriider, verwirft, — wozu auch jene ab- 
scheulichen Reinigungsceremonien gehören. 

In Bezug auf das Gebet ist zu bemerken, dass 
es zwar genügt, im Tage fünfmal zu beten, dass 
aber ein frommer Parsi täglich wenigstens sechzehn- 
mal beten soll. Der conservative Parsi betet beim 
.\ufstehen, dann bei der eben früher angedeuteten 
Reinigungsceremonie, dann, wenn er sich badet, 
wenn er sich die Zähne putzt und wenn er- mit 



seinen Waschungen zu Ende ist. So oft er sich die 
Hände wäscht, wiederholt er dieselben Gebete, 
jede seiner drei täglichen .Mahlzeiten fängt mit 
einem Gebete an und hört mit einem Gebete auf 
und endlich wird noch vor dem Schlafengehen 
ein Gebet gesprochen. 

Es ist schon oben der sonderbare Umstand 
bemerkt worden , dass die Gebete in der alten 
Zendsprache verrichtet werden, von welcher nicht 
nur das Volk, sondern auch die Priester meistens 
kein Wort verstehen. 

„Bei manchen Gelegenheiten", sagt der Parsi 
Dadabhai Naoroji, der ims über das Leben der 
Parsis berichtet, „bei manchen Gelegenheiten, wie 
bei den zweimonatlichen Festen, den Cbumbars, 
bei den Ceremonien für die Todten, die am dritten 
Tage stattfinden, und bei sonstigen religiösen oder 
festlichen Gelegenheiten finden Versammlungen im 
'i'empel statt. -Gebete werden hergesagt, in die 
Einige mit einstimmen, aber in der Volkssprache 
wird keine Rede gehalten. Gewöhnlich gebt jeder 
Parsi, wenn er Lust hat oder wenn es ihm passt, 
in den Feuertempel, sagt, so lange es ihm gefällt, 
seine Gebete her, und gibt vielleicht den Priestern 
eine Kleinigkeit, damit sie statt seiner die Gebete 
sagen." 

Das spricht nicht sehr für die Bigotterie des 
Volkes, dafür wird jene von unserem Gewährs- 
manne den Priestern umsomehr zum Vorwurf ge- 
macht. 

„Statt die wahre Lehre zu verbreiten," sagt 
er, „und das Volk seine religiösen Pllichten zu 
lehren, sind die Priester von .■Xllen am bigottesten 
und abergläubischesten, und üben besonders auf 
die Frauen, die bis vor Kurzem gar keine Erziehung 
erhielten, einen höchst verderblichen Eintluss aus. 
Die Priester haben aber angefangen, sich ihrer un- 
würdigen Stellung bewusst zu werden. Viele von 
ihnen erziehen, wenn sie irgendwie können, ihre 
Söhne für einen anderen Beruf. Nur wenige von 
der Priesterschaft können auf Kenntniss des Zend- 
avesta .-\ns|)ruch machen, und die Meisten sind nur 
darin ihren Glaubensgenossen überlegen, dass sie 
die Bedeutung der Wörter in den heiligen Büchern, 
so wie sie eben gelehrt wird, kennen, ohne aber die 
Sprache philologisch oder grammatisch zu ver- 
stehen." 

Fürwahr ein unschönes Bild von den Ver- 
tretern einer der schönsten Religionen, aber bei 
der Erblichkeit der Priesterwürde kaum anders zu 
erwarten. 

Ganz eigenthümlich muthet uns in dem parsi- 
schen Glaubensbekenntnisse der Gedanke des 
jüngsten Gerichtes und der .Auferstehung an, sowie 
der Glaube an eine Belohnung des Guten im Himmel 
und eine Bestrafung des Bösen in der Hölle. .\bcr 
einen Fürsprecher und einen Erlöser erkennen sie 
nicht an. „Wenn Jemand sündigt", sagen sie, «in 
dem Glauben, dass ein Anderer ihn erlösen kann, 
so werden der Betrogene und der Betröger am 
Tage Rastä Khez verdammt werden. Einen Er- 
löser gibt es nicht, eure Handlungen und Gott 



36 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



selbst sind eure Erlöser. Er gibt und er vergibt. 
Wenn ihr eure Sünden bereut und euch bessert, 
und der grosse Richter euch seiner Vergebung 
wt'rth findet oder euch gnädig sein will, so kann 
und wird er allein euch erlösen." So erwidern sie 
auf die Bekehrungsversuche, die von Seiten christ- 
licher Missionäre gemacht werden, und wider- 
stehen hartnäckig der Zumuthung, die von ihren 
Vätern ererbte Religion zu verlassen. 

Fast wie Fatalismus klingt ihre P2rgebung in 
den Willen Gottes. Dass „Gottes Wille_ stets ge- 
schehen ist und stets geschehen wird", das drückt 
nur noch der Mohammedaner auf so nackte Weise 
aus, und es wäre nicht uninteressant, von solchen, 
die unter den Parsis zu leben Gelegenheit haben, 
zu erfahren, w(-lchen Spielraum die Zoroastrier der 
freien Selbstbestimmung des Menschen und andern- 
theils dem unabänderlichen Schicksale gönnen. 

Der letzte Punkt des Glaubensbekenntnisses, 
der uns nach diesem zu erörtern bleibt, betriftt 
eigentlich nicht den Glauben selbst, sondern nur 
eine Aeusserung des Glaubens. Der Parsi wendet 
beim Gebete sein Antlitz einem leuchtenden Gegen- 
stande zu, doch wohl gemerkt, er betet den leuchten- 
den Gegenstand nicht an ! Warum aber das? fragen 
wir. Vor Allem lässt sich hierauf erwidern, dass 
der Parsi nicht der einzige ist, der beim Gebete 
sein Gesicht nach einer gewissen Seite oder nach 
einem gewissen Gegenstande wendet. Es gibt 
christliche Secten, die beim Gebete auf das leere 
Firmament starren, und Juden, die dabei das Ge- 
sicht nach Osten kehren, — warum denn das, wenn 
es mit dem transcendentalen Begriff Gottes nicht 
zusammenhängt? Das sind äusserliche Gebräuche, 
die mit der Vorstellung von Gott gar nichts zu 
thun haben, die aber, mögen sie wie immer erklärt 
werden, nicht ganz so sinnlos sind, als sie auf den 
ersten Blick erscheinen mögen. Der betende Mensch 
soll gesammelt, er soll von dem Bewusstsein durch- 
drungen sein, dass er mit seinem Gotte Zwie- 
sprache hält ; das wird er aber wohl am besten, 
wenn er sein Auge von der ihn umgebenden Welt 
abkehrt und seinen Blick dorthin wendet, — nicht 
wo Gott ist, sondern wohin er im Verkehre mit 
Gott zu schauen gewohnt ist. Das wäre eine Er- 
klärung des parsischen Gebrauchs, und sie müsste 
für die Gegenwart Stich halten, wenn die Parsis 
nicht selbst erklärten, dass sie ihr Gesicht beim 
Beten deshalb einem leuchtenden Gegenstande zu- 
wenden, weil sie das Feuer, wie jede grosse Natur- 
erscheinung als Symbol der Gottheit betrachten. 
Doch nothwendig sei es, sagen sie, durchaus nicht, 
sich beim Gebete an Ormuzd irgend einem Sym- 
bole zuzuwenden. Und hierin liegt das Schwer- 
gewicht der ganzen Entgegnung, dass die Parsis 
mit Bewusstsein keine Feueranbeter sind. Wenn 
sie dag Feuer beim Gebete auch entbehren können, 
wo es doch immer leicht ist, ein solches anzu- 
machen, so muss es ihnen doch von ziemlich unter- 
geordneter Wichtigkeit sein. 

Heute wenigstens ii,t es so, denn „während 
der ungebildete Theil der Parsis sich — wie über- 



all — an das Symbol und nicht an das Wesen hält, 
und nicht allein Sonne, sondern Mond, Sterne, 
Feuer u. s. w. verehrt, kann man von gebildeten 
Parsis die Zumuthung, sie seien Feueranbeter, mit 
fintrüstung zurückweisen hören. Im Cultus der 
Parsis spielt allerdings das Feuer eine vornehme 
Rolle Die parsischen Tempel oder Bet- 
häuser (in Bombay) sind innen vollkommen einfach 
und schmucklos, oft von geradezu hässlichem 
Aeussern ; im Innern wird ein abgeschlossener 
Raum zur Unterhaltung des heiligen Feuers ver- 
wendet. Ein Priester besorgt diese Arbeit, zu 
welcher meist wohlriechende Hölzer, Sandelholz 
u. dgl. verwendet werdeni*.') 

Eine andere Frage wäre nun die, ob die Zo- 
roastrier nie das Feuer angebetet haben .■' Gewiss 
nicht, denn wenn sie es auch selbst leugnen wollten, 
so könnte sie ihr Religionsbuch Lügen strafen. 
Vielleicht aber sind sie vor der Verfassung ihrer 
heiligen Schriften, vor Zoroaster Feueranbeter ge- 
wesen? Auf diese Frage lässt sich freilich weder 
mit Ja noch mit Xein antworten; aber erwidern 
lässt sich darauf, dass dann wohl die Parsis nicht 
die einzigen Arier gewesen sein dürften, denen 
das Feuer eine göttliche Erscheinung war und bei 
denen es auch göttliche Verehrung genoss, dass 
aber dann gerade sie, die als die ersten und einzigen 
Arier wieder zum Monotheismus zurückkehrten 
oder durch philosophische Speculation zum Mono- 
theismus gelangten, sonderbarerweise am längsten 
die Erinnerung an den uralten Cult behielten. Ein 
Räthsel, das heute weder wir, und noch weniger die 
Parsis selbst uns auflösen können. 

In Max MüUer's Essay „Die heutigen Parsis" 
findet sich über diese strittige Frage eine Stelle, 
die ich des Interesses wegen nicht übergehen zu 
dürfen glaube. „Diejenigen Parsis aber", heisst es 
dort, „die wirklich aufrichtig sind, und der .'\nsicht, 
dass sie der Sonne und dem Feuer göttliche Ehre 
erwiesen, am eifrigsten widersprechen, gestehen 
doch zu, dass jeder Parsi eine unerklärliche Scheu 
vor Licht und F'euer empfindet. Das Factum, dass 
die Parsis die einzigen Orientalen sind, die nicht 
rauchen, ist höchst bezeichnend, und die meisten 
von ihnen vermeiden es gern, ein Licht auszublasen. 
Ein derartiges Gefühl ist schwer zu erklären, es 
scheint sich aber mit dem vergleichen zu lassen, 
welches viele Christen vor dem Kreuze hegen. Sie 
beten das Kreuz nicht an, haben aber eine gewisse 
Verehrung dafür und es ist mit einigen von ihren 
heiligsten Gebräuchen verknüpft." 

Wir sehen, dass Max Müller selbst, der be- 
deutendste Forscher auf dem Gebiete der Religions- 
wissenschaft, sich nicht an die Lösung dieser heiklen 
Frage wagt, da uns alle historischen Anhaltspunkte 
fehlen, mit deren Hilfe wir dem Problem mit Er- 
folg an den Leib rücken könnten. 

Gewiss ist nur das, dass der Parsi, wenn er 
ja vor urdenklichen Zeiten einmal das Feuer an- 



') B e n k o, J. Frh. v. Die Reiae S. M. Schiffes „Fruodsberg" 
iin Rothen Meere und an den Küsten von Vorderindien und Ceylon 
in den J»hren 188S-1886. Pola, 1888. 8". 




OESTER REICHISCHE MOMATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



I 




gebetet haben sollte, heute nur eine ebenso matte 
Erinnerunjf daran besitzt, wie der Muslim, der sich 
beim Gebete der Ka'ba zuwendet, ohne sich be- 
wusst zu werden, dass er zugleich mit der An- 
betung Gottes einen Act heidnischen Götzendienstes 
vollzieht. Dann aber bleibt noch immer die Frage 
offen, üb der alte Perser der einzige Arier gewesen 
ist, welcher vor Zoroaster's ICrscheinen das Feuer 
oder die Sonne anbetete, — und wie es denn ge- 
kommen ist, dass der Parsi, wenn er nicht der 
einzige lichtverehrende Arier gewesen ist , und 
trotzdem er sich als der einzige aus dem Natur- 
dienste zu dem reinen Monotheismus emporgerungen 
hat, dennoch am längsten, d. h. bis heute die Kr- 
innerung an den uralten allen Ariern gemeinsamen 
Cult behalten hat. 



DIE GENUSSMITTEL DES ORIENTES. 

Von Gustav Troll. 

r. 

Zu allen Zeiten und bei allen Völkern gab 
es nebst den zur Aufrechthaltung des Organis- 
mus erforderlichen Nahrungsmitteln noch andere, 
lediglich dem Genüsse dienende Stoffe, deren 
Wesenheit im Allgemeinen in der I lervorrufung 
angenehmer Geschmacksempfindungen uud eben- 
solcher Nervenreize besteht. An solchen Mitteln 
waren die Länder des Orientes von jeher besonders 
reich und bis auf den heutigen Tag gilt das 
Morgenland in der Vorstellung europäischer Nord- 
länder als die Zauberstätte aller nur erdenklichen 
sinnlichen Genüsse, ein Paradies voll Sinnenlust 
und Nervenrausch, dessen Bewohner nur den 
einzigen Lebenszweck kennen, der im schranken- 
losen Genüsse enthalten sein soll. Und doch gibt 
es kaum in irgend einem Erdenwinkel Menschen, 
welche bedürfnissloser und massiger sind, als 
z. B. die genügsamen Kinder der Wüste Arabiens 
und Lybiens. Dass die Morgenländer im Allge- 
meinen für genusssüchtig gelten, hat seinen Grund 
einestheils in der unter der heissen Sonne des 
Landes üppig gedeihenden Phantasie des Orientalen, 
welche der kleinsten Annehmlichkeit, die das Leben 
und die Natur bietet, einer spärlich fliessenden 
Quelle, einem halbverdorrten Baume, die schönsten 
Seiten abzugewinnen und in dem Masse zu ver- 
grössern weiss, als es die thatsächliche Unbe- 
deutsamkeit des Gegenstandes zu seiner Verherr- 
lichung erfordert, anderntheils darin, dass die 
Abendländer sich von jeher die abenteuerlichsten 
Vorstellungen über das Leben im Oriente gemacht 
haben. Uie durch die Religion bedingte eigen- 
thümliche Weltanschauung des Orientalen, äussert 
ihre physische Wirkung zunächst durch eine ge- 
wisse äusserliche Apathie, welche weniger als Träg- 
heit, sondern als natürliche Vorliebe für Ruhe 
und Bewegungslosigkeit aufgefasst werden will, 
die aber der stets beschäftigte, unruhige Abend- 
länder nur zu oft als Schlaffheit, Energielosigkeit 
und Arbeitsscheu betrachtet. Richtig ist das nicht. 
Dieser Hang zur Ruhe ents[)ringt nicht aus ."arbeits- 



scheu, sondern aus einer fast glücklieb zu nennen- 
den Bedürfnisslosigkeit, welche die Arbeitsleistung 
naturgeraäss stark beeinflusst, dann aus der 
orientalischen fatalistischen Weltanschauung und 
nicht zum geringsten Tbeile auch aus den klimati- 
schen Verhältnissen. Der Orientale liebt vor 
Allem die Ruhe, aber Ruhe ist nicht identisch 
mit Genuss. Der Orientale, der den ganzen Tag 
auf seinem ärmlichen Teppich liegt und nichts 
thut als höchstens rauchen und zwei oder drei 
Tassen Kaffee trinken, wobei er sein Nahrungs.^ 
bedürfniss mit einigen Hand voll Reis, Datteln 
oder Oliven befriedigt, ist in diesem Sinne nicht 
so genusssüchtig wie etwa ein enropäischer 
Arbeiter, der nach vollbrachtem Tagewerk seine 
Zeitung liest, im Gasthause einige Gläser Bier 
oder Wein trinkt, die politischen F'reignisse 
bespricht und in einer Vereinsversammlung sociale 
Predigten anhört. In den Glanzzeiten des Orients 
war die Lebensweise allerdings eine üppige, sie 
war reich an irdischen Genüssen, alles, was die 
Sinnenlust zu erregen vermochte, wurde geboten, 
aber heute ist der Orient arm, die Lebensweise 
ist im Allgemeinen kärglich zu nennen und das 
schrankenlose Genussleben, wie es die märchen- 
getränkte Phantasie des Abendlandes sich vor- 
spiegelt, e.xistirt höchstens noch für einige Wenige 
mit Glücksgütern gesegnete Feudalherren, die es 
aber auch schon vorziehen ihre Genüsse im Abend- 
lande zu suchen. 

Betrachtet man die Summe von Genussmitteln, 
welche selbst dem ärmeren Europäer daheim 
geboten ist, und von welchen ihm eine grosse An- 
zahl bereits zum Lebensbedürfnisse geworden ist, 
so erscheint der Morgenländer dagegen überaus 
genügsam und bescheiden. In gewissem Sinne ist 
der Orientale aber trotzdem genusssüchtiger als 
sein abendländischer Gefährte, denn die von ihm 
gebrauchten Genussmittel haben fast ausschliess- 
lich nur den Zweck, Genuss zu verschaffen, während 
der europäische Arbeiter häufig geradezu ge- 
zwungen ist, solche Mittel wie z. B. alkoholische Ge- 
tränke anzuwenden, um sich die Kraft zum Weiter- 
ringen in dem allgemeinen Wettkampfe unserer 
Zeit zu erhalten. Die 'IVicbfeder zur Benützung 
der Genussmittel ist hier nicht allein in dem 
Genüsse, den sie schaffen, zu suchen, sie haben 
vielmehr eine durch die ganze Lebensweise und 
die klimatischen Verhältnisse bedingte sehr hohe 
Bedeutung für die Arbeitsfähigkeit und das Wohl- 
befinden des Menschen. Nur zu häufig sollen diese 
Stoffe als physiologische Nervenreize wirken, die 
das durch Arbeit hervorgerufene Schwächegefühl 
der Muskeln und Nerven, das sich als Ermüdung, 
Erschlaffung äussert, für einen Augenblick be- 
seitigen und durch künstliche Erregung zu 
grösserer Arbeitsleistung anspannen soll. So wirkt 
ein Glas Branntwein auf einen mit Ein- und Aus- 
laden hart arbeitenden Fuhrmann genau wie der 
Peitschenschiag, den er seinen Pferden gibt : beides 
hat den Zweck, durch Erregung der Nerven zu 
grösserer .Arbeitsleistung anzuspornen. 



38 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



Solchen Zwecken dienen namentlich Thee, 
Kaffee und der Alkohol in seinen verschiedenen 
Formen. Der Verbrauch dieser Stoffe ist bereits 
in's Ungeheuere gestiegen und steigt täglich mehr, 
weil das Bedürfniss darnach thatsächlich wächst. 
Unsere socialen Verhältnisse, unsere ganze Lebens- 
weise bedingen eine fortwährend zunehmende Er- 
schlaffung der Nerven, die nur durch künstliche 
Erregungsmittel den ebenfalls stets wachsenden 
Anforderungen zu entsprechen vermögen, die wir 
an sie stellen. 

Die Arbeitsleistung des Abendländers ist, 
seinen Lebensverhältnissen entsprechend, eine 
bedeutend grössere als jene des Morgenländers, 
daher ist aber auch der Verbrauch nervenreizecder 
Genussmittel ein ungleich grösserer bei jenem als 
bei diesem. Trotzdem ist die Anzahl von Genuss- 
mitteln, welche der Orient bietet, nicht gering, 
ja sie ist ebenfalLs täglich im Zunehmen begriffen, 
in demselben Masse als die Cultur steigt. Ob- 
wohl nun die meisten Genussmittel Gemeingut der 
gesammten Menschheit geworden sind, so dass sie 
heute bei keinem, noch so niedrig stehenden Volke 
zu vermissen sind, und die meisten derselben sich 
auf einige wenige Typen zurückführen lassen, so 
sind die Formen, unter welchen sie auftreten, 
insbesondere in jenen weitläufigen Gebieten, die 
man als Orient im weiteren Sinne aufzufassen 
pflegt, so mannigfaltig, dass es sich gewiss der 
Mühe lohnt, eine Zusammenstellung der haupt- 
sächlichsten Genussmittel des Orientes zu geben, 
was mit diesen Zeilen eben versucht werden soll. 

Die heute bekannten menschlichen Genuss- 
mittel sind sämmtlich pflanzlichen Ursprunges. 
Sie lassen sich auf zwei Haupttypen zurück- 
führen : alkoholische und nicht alkoholische. Zu 
den ersteren müssen zunächst die ausgesprochen 
alkoholhaltigen Getränke, also Branntwein und 
brantweinartige Flüssigkeiten, dann Wein und 
weinartige, sowie Bier und bierartige Getränke 
gerechnet werden. Zu den nicht alkoholischen 
Genussmitteln gehören solche, die vermöge ihrer 
Bestandtheile beim Rauchen, Kauen, Essen, Trinkf.n 
einen Nervenreiz ausüben, also Kaffee, Thee, 
Tabak, Opium u. s. w. Viele dieser letzteren 
Genussmitteln verdanken ihre Wirkung hauptsäch- 
lich irgend einer organischen Base, welche sie 
enthalten. So wirkt das Opium durch sein Mor- 
phin, der Tabak durch das Nicotin, das er ent- 
hält, die Pituripflanzen der Australneger durch 
das in ihnen enthaltene Piturin, der Fliegen- 
schwamm der Kamtschadalen durch ein dem 
Atropin (dem wirksamen Princip der Tollkirsche) 
ähnliches Alkaloid. Andere wieder, wie Haschisch 
Kawa, Betel wirken durch verschiedene Harze, 
die sie enthalten. Hiezu kommt bei Stoffen, die 
zum Rauchen verwendet werden, noch die Wirkung 
von sich beim Verbrennungsprocesse bildenden 
Picolin- und Pyridinbasen, welche alle mehr minder 
betäubende Eigenschaften besitzen. 

Die physiologische Wirkung der verschie- 
denen Genussmittel ist durchaus nicht gleich. 



Während z. B. die coffeinhältigen Stoffe, also 
Thee, Kaffee, Guarana u. a. (Cacao kann füglich 
auch dazu gerechnet werden, da dessen wirk- 
sames Princip, das Theobromin grosse Aehn- 
lichkeit mit dem Coffein besitzt) direct auf die 
Muskeln einwirken, ist dies bei andern, wie 'J'abak, 
Opium, Haschisch etc. nicht der Fall, die Wirkung 
dieser letzteren äussert sich zunächst als eine 
erregende auf die Gehirnthätigkeit, dann aber 
setzt sie das Empfindungsvermögen merklich herab, 
so dass beim Genüsse grösserer Mengen auch 
gänzliche Empfindungs- und Bewusstiosigkeit ein- 
treten kann. f3ie Wirkung des Alkohols und aller 
alkoholhaltigen Getränke besteht in der Erregung 
des Gehirns und Beschleunigung des Blutumlaufes, 
wodurch eine raschere Bluterneuerung hervor- 
gerufen und das Individuum leistungsfähiger ge- 
macht wird. Bei Genuss grösserer Mengen von 
Alkohol tritt auch hier wieder ein Rückschlag, 
d. h. eine allgemeine Erschlaffung ein. 

Bei übermässigem Gebrauch rufen sämmtliche 
Genussmittel, auch die coffeinhältigen, Störungen 
im Organismus hervor und geben Anlass zu ver- 
schiedenen P>krankungen. Zu häufiger Genuss 
von starkem Kaffee z. B. bringt Zittern hervor, 
Opium- und Haschischgenuss zieht mit der Zeit 
Blödsinn nach sich, fortgesetzter übermässiger 
Alkoholgenuss erzeugt verschiedene Krankheiten 
des Magens und der Leber, schliesslich Delirium 
tremens. 

Es ist bezeichnend für den Orient, dass diese 
letztere Krankheit dort äusserst selten vorkommt, 
freilich sind dafür die in ihrer moralischen Wirkung 
vielleicht noch mehr Abscheu erregenden Folge- 
krankheiten des Opium- und Haschischgenusses 
dort zu Hause. 

Betrachten wir nun zunächst die alkoholi- 
schen Getränke , die im Oriente gebräuchlich 
sind. Zur leichteren Uebersi'cht empfiehlt es sich, 
dieselben in drei Classen einzutheilen, und zwar 
in Branntwein und branntweinartige, Wein- und 
weinartige, Bier und bierartige. 

Unter den dem Oriente eigenthümlicben 
Branntweinen ist am bemerkenswerthesten der 
Arak, auch Rak, Araki, Arrak genannt. Der 
eigentliche Arak ist ein aus Reis erzeugter Brannt- 
wein, aber was unter diesem Namen in den 
Handel kommt, erweist sich oft sehr verschieden. 
Im weiteren Sinne ist das Wort Arak oder Raki 
im ganzen Oriente überhaupt die Bezeichnung 
für Schnaps, selbst bei den slavischen Völkern 
der Balkanhalbinsel bis zu den Rumänen („Ra- 
chiu") ist dieser Name allgemein verbreitet. An 
der Malabarküste wird der vergohrene Zucker- 
saft der Blüthenstände einiger Palmenarten, den 
man Toddy nennt, der Destillation unterworfen 
und das Destillat als Arak bezeichnet. Auf Java 
und in Jamaika wird zu dessen Bereitung eine 
vergohrene Reismaische als Grundlage genommen 
und diese mit Toddy (Palmwein) oder mit Toddy 
und Melasse versetzt, vergohren und destillirt. 
Nach Europa wird hauptsächlich der Batavia- 



OESTERRBICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



39 



Arak (Mandarinen-Arak) ausgeführt, welcher für 
den beste.-n gehalten wird. Minder gut ist der 
Goa-Arak , geringe Sorten sind Ceylon- und 
Pariah-Arak, die aus Frucht- und Baumsäften 
unter Zusatz scharfer, aromatischer Stoffe (i'feffer, 

IHanf, Stechapfelsamen etc.) gewonnen und im 
l'-rzeugungsgebiete selbst verbraucht werden. In 
Java beschäftigen sich hauptsächlich eingewan- 
derte Chinesen mit der Erzeugung von Arak und 
befolgen dabei zumeist die Methode, das erste 
Destillat durch weitere Destillation zu reinigen, 
wodurch in den späteren Destillaten der Alkohol- 

Bgehalt steigt und das Aroma feiner wird ; sie 
unterscheiden hauptsächlich drei Sorten, welche 
sie I. Sichew, 2. Tampo, 3. Kiji nennen. Echer, 
feiner Arak, bildet eine farblose oder schwach 
gelbliche, klare Flüssigkeit von lieblichem Aroma 
und ist ein sehr angenehmes Getränk. 

In I'urkestan wird Arak aus Gerste und 
Hirse bereitet, in Persien, Mesopotamien und 
Syrien aus Datteln, in Egypten aus verschiedenen 

B Palmen. Hier wird zumeist ein Zusatz von Stern- 
anis oder Fenchel gemacht, wodurch das eigentliche 
Aroma des Getränkes verloren geht. Die heute im 
Gebiete des Mittelmeeres, besonders in den Küsten- 
städten unter dem Namen Arak verkauften Brannt- 
weine sind jedoch fast ausschliesslich europäisches 
Fabrikat und werden, namentlich von Frankreich 
aus, in Blechgefässen und Blechkisten in grosser 
Menge eingeführt. Natürlich besteht dieses Kuost- 
product aus gewöhnlichem Alkohol, der durch 
etwas Zusatz von Zucker und Anis möglichst 
mundgerecht gemacht wird, meistens aber nicht 
einmal fuselfrei ist. In Tunis wird aus Datteln 
und Feigen mit Zusatz von Sternanis ein dem 
persischen und syrischen Arak ähnlicher Brannt- 
wein erzeugt, der jedoch den Namen Bucha führt; 
ein Kriterium der Echtheit soll der Umstand sein, 
dass die Bucha bei Zusatz von Wasser milch- 
weiss wird, das französische Kunstfabrikat wird 
aber in Folge seines Gehaltes an ätherischem 
Anisöl natürlich auch milchig, so dass diese 
Probe ganz unzuverlässig ist. In Marokko und 
in der Sahara erzeugt man ebenfalls einen Dattel- 
s(hna])s, welcher hier Machia genannt wird. Der 
echte Dattel- oder Feigenbranntwein ist ebenso 
wie der echte Reisarak ein mildes, angenehmes, 
völlig fuselfreies Getränk. Demselben ähnlich ist 
ein namentlich in Persien aus Rosinen destillirter 
Branntwein. 

In allen Dattelländern wird aus dem überaus 
zuckerreichen Safte der Dattelpalme, welcher auch 
auf Zucker verarbeitet wird, durch Gähren der 
bekannte Palmwein (Toddy) und aus diesem durch 
Destillation Arak gewonnen; ferner wird aus dem 
unreifen, milchigen Endospcrm (Sameneiweiss) der 
Cocosnüsse, welches frisch angenehm kühlend 
schmeckt, durch Zertiuetschen, Gährenlassen und 
Destilliren ebenfalls Branntwein erzeugt, der in 
Zanzibar den Namen Tempo führt. 

In einigen Gegenden .Afrikas wird aus den 
Beeren des Frdbeerbaumes (.'\rbutus uneda L.) 



ein Arbuce, Arctrobe genannter Schnaps erzeugt. 
Der Mahwobaum oder Butterbaum (Bassia L. zur 
Gattung des Sapoteen gehörig) liefert ebenfalls 
branntweinartige Getränke. In Ostindien bilden 
die geniessbaren zuckerreichen Blüthen von Bassia 
longifolia L. eines der wichtigsten Nahrungsmittel 
der Eingeborenen und werden getrocknet auch 
zur Bereitung eines Schnapses verwendet. la 
Westafrika liefert Bassia Parkii Hassk. einen vege- 
tabilischen 'l'alg, im Handel unter dem Namen 
Galambutter, Baml)ukbutter bekannt, und ausser- 
dem ein branntweinartiges Getränk Mahuari, das 
in anderen Gegenden unter demselbeo Namen aus 
Bananen erzeugt wird. 

In Ab(rssinien ist der Araki, ein l?ranntwein 
von 25 — 28 Percent Alkoholgehalt, der aus Honig, 
zerkleinerter Gerste und Fenchdsamen hergestellt 
wird, gebräuchlich. 

Die grosse Mehrzahl der orientalischen Brannt- 
weine wird jedoch aus Reis erzeugt, so in Süd- 
afrika der Guarazo, auf Borneo der Towak, in 
Japan der Saki, in Siam der Watky, dessen Name 
die Verwandtschaft mit dem russischen Wudki 
nicht verläugnen kann. Der letztere wird übrigens 
ebenfalls aus Reis, zum Theil auch aus Weizen 
und anderen Getreidearten erzeugt. Der Raki in 
Griechenland ist ursprünglich auch ein Reisschnaps 
gewesen, wird jedoch heute schon grösstentheils 
aus billigeren Stoffen erzeugt. Erwähnung verdient 
noch die auf der Balkanhalbinsel und in Egypten, 
zum Theil auch in anderen Gebieten des Mittel- 
meeres vorkommende Mastika oder Mastik, ein 
arakartiger Schnaps, der durch einen Zusatz des 
feinen Mastixharzes aromatisirt wird, welcher 
Zusatz aber bei den geringen Sorten gewöhnlich 
unterbleibt. Ferner die Zuica, ein schwacher 
Pflaumenschnaps, in Rumänien und theilweise auch 
in den Balkanländern bekannt. In Palästina er- 
zeugen die Juden aus Weinhefe einen Brannt- 
wein, den sie corrumpirt Brumpfen nennen. Eine 
grosse Rolle bei der Herstellung branntwein- 
artiger Getränke spielt auch der Mais, aus welchem 
ebenfalls verschiedene alkoholische Getränke er- 
zeugt werden, so in Beludschistan das Baksuin 
genannte Getränk, das unter dem Namen Seksuin 
auch in der Tatarei vorkommt. In .■\bessynien 
wird die Baganis-Dagussa und in Mittelafrika der 
Pombck aus Mais erzeugt, aus den Berichten der 
Reisenden ist es jedoch schwer zu entnehmen, 
welcher Classe diese Genussmittel beizuzählen 
sind. Jedenfalls ist es, besonders bei den höchst 
primitiv hergestellten zahlreichen berauschenden 
Getränken der Negervolker .Afrikas, Oberaus 
schwer, den Charakter genau zu definiren, daher 
denn auch die hier gewählte Eintheilung durchaus 
keinen Anspruch auf Vollkommenheit erheben 
kann. 

Solcher zweifelhafter Getränke gibt es noch 
mehrere. So kommt z. B. auf Madagaskar unter 
dem Namen Btisabesse, und in Hindostan als Raek 
ein aus dem Safte des Zuckerrohres hergestelltes 
Getränk, das theils als weinartig, theils als brannt- 



40 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



weinartig geschildert wird. Wahrscheialich bildet 
es im Anfang einen Most, später eine Art Wein, 
aus weiciiem dann zur besseren Aufbewahrung 
ein schnapsartiges Getränk hergestellt wird. In 
Japan und Korea kommt unter dem Namen Senele 
ein aus Hagedornfrüchten erzeugtes Getränk vor. 

Im Gebiete des Himalaya wird von den dort 
sesshaften Völkern aus zerschrotteter und gegoh- 
rener Hirse ein berauschendes Getränk „Afurwa'^ 
erzeugt, welches seinen sonstigen Eigenschaften 
nach zu den bierartigen gehört, jedoch einen ziem- 
lich hohen Alkoholgehalt aufweist und daher hier 
angeführt wird. 

Weiters kommt in Westafrika, im Congo- 
gebiete ein aus Cacao erzeugtes alkoholisches Ge- 
tränk Melalo vor, dann in Mittelafrika das Mapiri, 
ein aus jungen Hanfpflanzen hergestelltes, stark be- 
rauschendes Getränk. 

Wie aus Vorstehendem zu ersehen ist, gibt 
es eine ganz erkleckliche Anzahl specifisch orienta- 
lischer Getränke, die einen mehr oder minder aus- 
gesprochenen branntweinartigen Charakter be- 
sitzen. Hiezu kommen noch in allen Gebieten, 
welche dem europäischen Handel erschlossen sind, 
die höchst zweifelhaften Kunstfabrikate Europas, 
welche theils als Cognac, Rum, Ratafia u. s. w. 
verkauft werden, theils die reinen, einheimischen 
Producte durch nur zu häufig geradezu schädliche 
Kunstfabrikate ersetzen sollen. Der Verbrauch von 
Branntweinen ist demnach im gesammten Oriente 
kein geringer, wenn er auch lange nicht jene Höhe 
erreicht, wie in Europa. Der orthodoxe Mohamme- 
daner verwirft den Schnaps geradeso wie den 
Wein, daher in jenen wenigen Ländern des Islam, 
welche bisher dem europäischen Handel noch nicht 
völlig erschlossen wurden, wie z. B. in Marokko, 
der Verbrauch von Branntwein ein sehr geringer 
ist und sich vornehmlich auf die gemischte Bevöl- 
kerung der Küstenplätze beschränkt. Bei den Be- 
duinen der afrikanischen und arabisch-syrischen 
Wüsten-Region ist der Branntwein, wenn auch 
nicht unbekannt, doch sehr wenig in Gebrauch. 
Freilich lehrt die Erfahrung, dass, sobald die Han- 
delswege sich mehren und der europäische Handel 
in irgend einem Gebiete, welches er noch nicht be- 
herrscht, festen Fuss fasst, auch der Gebrauch des 
Feuerwassers stark zunimmt, und so wird auch 
die Wüstengegend der Beduinen hievon keine Aus- 
nahme machen. 

Bekanntlich gilt der Alkohol als eine arabische 
Erfindung, worauf schon der Name hindeutet. In 
der That erwähnt eine aus dem XI. Jahrhundert 
stammende Schrift des arabischen Arztes ^te/to^w 
die Bereitung von Alkohol aus Wein. Diese Kunst 
wurde aber unter den arabischen Aerzten und Al- 
chemisten des Mittelalters lange Zeit hindurch ge- 
heim gehalten. Nach neueren F'orschungen soll 
jedoch schon im VIII. Jahrhundert von Marcus 
Graecus durch Destillation von Wein Alkohol in 
sehr verdünntem Zustande gewonnen worden sein. 
Dem gelehrten Raymund is Lullus (1235 — 1315) 
gelang es zuerst durch Rectification einen concen- 



trirten Alkohol herzustellen, aber die Erzeugung 
desselben blieb noch lange Zeit auf die Laboratorien 
der Alchemisten beschränkt und das Product war 
sehr kostbar. Erst 1796 gelang es Lowitz, den Al- 
kohol ganz rein herzustellen und seit daher datirt 
der grosse Aufschwung, den die Fabrikation dieses 
Stoffes namentlich in Europa genommen hat. Der 
arabische Name „Alkol" soll ursprünglich in der 
Bedeutung von „Pulver" in Gebrauch gewesen sein 
und erst später auf den Weingeist übertragen 
worden sein. 

Die orientalischen Länder beziehen ihren Be- 
darf an Alkohol fast ganz aus Europa, nur in den 
civilisirten Gebieten, wie in der Türkei, in Egypten, 
Algerien, Britisch-Ostindien u. a. wird Spiritus im 
Lande selbst erzeugt, doch ruht die Erzeugung 
dieses Productes auch hier f.ist ganz in den Händen 
der Europäer. 

CAPITÄN BINGER'S REISE IM SUDAN. 

Seit einer Reihe von Jahren ist das Augen- 
merk der Welt auf Ostafrika und die Befestigung 
der deutschen Macht in jenem Theile des schwarzen 
Continentes geheftet. Mittlerweile ist indess auch 
eine andere Culturnation Europas, wenngleich 
wenig beachtet, nicht unthätig geblieben, ihren 
Einfluss und ihr Machtbereich in Afrika nach 
Kräften zu erweitern. Die Franzosen haben näm- 
lich dort gleichfalls an mehreren Stellen festen 
Fuss gefasst und ausgedehnte Länderstricbe an 
sich gebracht. Nirgends jedoch haben sie vielleicht 
grössere Erfolge errungen als in Senegambien, wo 
sich in aller Stille ein achtunggebietendes Colonial- 
reich aufgebaut hat, dessen Machtsphäre bis tief 
in den mohammedanischen Sudan hinein sich er- 
streckt. Schritt für Schritt sind sie dort in der 
Richtung zu dem so lange verschleierten Ober- 
laufe des Nigir vorgedrungen, jenes Riesenstromes 
des Westens, welcher im Berglande der Man- 
dingo entspringend, in nordwärts mächtig ausge- 
krümmten Bogen bis in's Saharagebiet einschneidet, 
um dann wieder nach Süden gewendet im Meer- 
busen von Guinea mit einer der grössten Delta- 
mündungen der Erde in's Meer zu fallen. Schon 
vor einem Jahrzehnt wurden die langgesuchten 
Nigirquellen entdeckt, seither schoben die Fran- 
zosen vom Senegal her ihre Vorposten immer 
weiter gegen den oberen Nigirlauf vor, heute 
erheben sich an dessen Ufern französische Schanz- 
werke, die Uferstaaten der Eingeborenen sind ver- 
tragsmässig unter französischen Schutz gestellt 
und französische Dampfer fahren fast alljährlich 
hinab von Bammako nach dem berühmten Handels- 
centrum Timbuktu, dem langjährigen früher so 
selten erreichten Reiseziele so vieler Sahara- 
pilger. In jüngster Zeit brachte fast jedes Jahr 
einen neuen F'eldzug, welcher Frankreichs Macht 
erweiterte, denn fast unablässig gab es neue 
Feinde zu bekämpfen. Mit dem „Almamy" oder 
geistlich-politischen Herrscher von Segu-Sikoro 
war man endlich nach langer Fehde zur Ruhe 




OESTERREICHISCHE MONATSSCHRirr fOr DEM ORIENT. 



41 



I 



gelangt, als vor einigen Jahren ein anderer isla- 
mitischer Em[)orkömmling mit dem Titel „Samory" 
am oberen Nigir ein ausgedehntes Reich auf- 
richtete, das sich nordwärts l)is gegen Segu er- 
streckt. Aber auch der Samory bekam die Ueber- 
macbt der französischen Waffen zu kosten und 
musste sich schliesslich dazu verstehen, in seiner 
Hauptstadt Wassuiu einen französischen Unter- 
händler zu empfangen und mit diesem einen 
Schutzvertrag einzugehen. Afrika ist ein merk- 
würdiger Boden für staatliche Schöpfungen ; denn 
auch der schwarze Mensch hat seinen Staat und 
seine Politik ; er führt Kriege um Macht und 
Einfluss, oder wenn er das Recht auf seiner Seite 
glaubt, er schliesst l'Vieden und Verträge, und 
wenn er sie nicht hält, so ist dies eben nicht 
die Kluft, welche ihn vom Weissen trennt. Manch 
schwarzes Genie weiss auch die Gunst der Um- 
stände zu nützen, um seine Macht in's Unglaub- 
liche auszudehnen, und ein Reich zu stiften, das 
aber, wenn der starke .Arm erlahmt, der es zu- 
sammenhält, eben so rasch zersplittert, als es 
pilzartig aufgeschossen ist. 

Zu dieser Classe von Staatsgebilden, die sich 
heben und senken wie Wogen, gehört auch wohl 
das neue mohammedanische Reich des Samory, 
welches einen ansehnlichen Theil des fast noch 
unbekannten Raumes zwischen den beiden auf- 
und absteigenden Zweigen des Nigir einnimmt. 
Nur zwei Reisende, Rene Caillie, 1828, und 
Dr. Heinrich Barth, 1854, hatten auf ihren Wande- 
. .rungen Stücke dieses grossen Dreieckes gesehen, 
Q 'das im Süden, gegen den Guineabusen hin die 
yBodenschwelle des sogenannten Konggebirges 
abgrenzt. lirst in neuerer Zeit, 1876, gelang es 
dem kühnen Franzosen Bonnat, von der Gold- 
küste her, den dort mündenden Voltastrom auf- 
wärts, über das Konggebirge zu dringen und einen 
Vorstoss nach dem wichtigen Handelsplatze Sä- 
laga zu machen, welcher seitdem wiederholt von 
Franzosen, Engländern und auch Deutschen be- 
sucht worden ist. Ja die letzteren drangen seit 
ihrer Festsetzung im Togölande noch weiter nord- 
wärts : Dr. Krause und Hauptmann v. Francois 
gelangten bis in das Binnenreich von Mossi oder 
Muschi, dessen Name bislang völlig unbekannt 
war, Krause überdies bis in die Nähe von Tim- 
buktu. Dadurch ward unsere Kenntniss des so 
lange unerforschten Dreiecks im Hohlräume des 
Nigirs schon beträchtlich erweitert. Die grösste 
geographische Heldentliat in diesem Gebiete des 
moslimischen Sudans vollbrachte indess der fran- 
zösische Capitän /,. G. Biuger, der kürzlich durch 
noch niemals von Europäern betretene Land- 
striche vom oberen Nigir nach den französi- 
schen Besitzungen an der oberen Guineaküste 
gewandert ist. 

Selten war ein Reisender für seine Aufgabe 
besser vorbereitet als der genannte französische 
Oflicier. Drei vorhergehende Reisen in Sene- 
gambien und im französischen Sudan hatten ihn, 
der dem unlängst verstorbenen Geneial Faidherbc 



^i 



als Ordonnanz-Officier beigegeben war, mit Land 
und Leuten vertraut gemacht. Auch die Sprache 
der Mandingo oder Malinke war ihm geläufig. 
So ausgerüstet trat er am 20. Februar 1887 die 
schwierige Mission an, um die er beim Aus- 
wärtigen Amte und dem Unterstaats-Secretär der 
Colonien sich selbst beworben hatte. Binger be- 
gab sich zunächst nach Dakar, dem bekannten 
französischen Hafenplatze an der afrikanischen 
Westküste und von da in's Innere nach dem 
Fort Bakel am Senegal, wo er alle für seine 
Expeditif)n erforderlichen Veranstaltungen traf. 
Die Reise von Bakel nach Bammako am oberen 
Nigir vollzog sich ohne Zwischenfall ; die Strasse 
dahin schützen befestigte I'osten der Franzosen, 
welche mit ebenso grosser Sicherheit wie in 
l'Vankreich selbst zu reisen gestatten. Von Bam- 
mako aus boten sich nun dem Forscher zwei 
Wege : der eine durch das Reich von Segu, der 
andere durch den Staat des Samory. Binger ent- 
schied sich für die letztere Route, theils weil der 
Samory den Franzosen geneigt zu sein schien, 
theils weil ihm als nächstes Ziel die noch nie- 
mals besuchte Stadt Kong vorschwebte und er 
auf diesem kürzesten Wege dahin nur geringen 
Schwierigkeiten zu begegnen hoffte. Leider war 
dem nicht so. Der Samory befand sich eben 
damals im Kriege mit dem Nachbarkönige Tieba 
und belagerte dessen Hauptstadt Sikaso. Noch 
vor Wolosebugu, an 80 km von Bammako, ward 
Capitän Binger in seinem Marsche von den Leuten 
des Samory aufgehalten, welche ohne dessen 
Bewilligung den freien Durchzug nicht zu ge- 
statten wagten. Einen ganzen langen Monat musste 
er auf die Rückkehr eines nach Sikaso abge- 
sandten Boten harren. Da dieser länger ausblieb 
als die Unterhäuptlinge jenes Gebietes dachten, 
verwandelte sich deren ursprüngliche Gleich- 
giltigkeit bald in Feindseligkeit, so dass Binger 
es gerathen fand, nach Bammako zurückzukehren, 
um dort die Entscheidung abzuwarten. Wenige 
Tage darauf erhielt er einen lakonisch gefassten 
Brief des Samory, mit der Erlaubniss zum Durch- 
zug durch dessen Staaten. 

Zum dritten Male kreuzte also Binger den 
Nigir und gelangte ohne weiteren Anstand an den 
Baule, den ersten rechtseitigen Nigirzutluss in jener 
Gegend. Dort erreichte ihn ein zweiter Briet des 
Samory, welcher ihm seine keineswegs glänzende 
Lage schilderte und um Unterstützung von 30 
Soldaten und ein Geschütz .bat. Binger brach 
demnach mit seinem Diener Diawe und einem 
anderen nach Sikaso auf, nachdem er seine übrige 
Karawane, 18 Esel und 10 Mann, nach Benokho- 
bugula am Bagoe dirigirt hatte. Krieg und Hungers- 
noth hatten den zu passirenden weiten Länderstrich 
in ein weites Todtenfcld verwandelt : überall ver- 
lassene Dorfschaften, umherliegende Leichen. Sie- 
ben beschwerliche, fünfzehnstündige Tagemärsche 
brachten den französischen Capitän nach Sikaso, 
einer Stadt von 4000 — 5000 Einwohner, welche 
ein ungeheuerer Lehmwall mit grossen, alsBastioncn 



42 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



dienenden Thürmen umgibt. Für die Schwarzen ist 
diese rohe Befestigung immerhin fast uneinnehmbar, 
und es war dem Samory sogar nirht einmal gelungen, 
Sikaso vollständig zu blokiren, obgleich derselbe 
über ein Heer von 1 2.000 Mann verfügte; freilich 
war davon höchstens die Hälfte mit Steinschloss- 
flinten bewaffnet ; der Rest bestand aus „Griots", 
Weibern und Sclaven. Auch war die Organisation 
dieses Heeres ungemein ursprünglich ; die Anführer 
befehligten nur Horden von schwankender Kopf- 
zahl ; von taktischer Gliederung keine Spur. Ringer 
bot dem Samory seine Dienste als Vermittler bei 
Tieba an, da ersterer jedoch in thörichtem Dünkel 
ablehnte, drang er in ihn, ihn das \'erlassen des 
Kriegsschauplatzes und den Weitermarsch nach 
Kong zu gestatten. Nur mit Mühe gelang es ihm, 
dessen Widerstand zu besiegen und endlich nach 
Henokhobugu zurückzukehren, wo die Verpflegung 
seiner Leute Binger neue Schwierigkeiten bereitete, 
zumal er nunmehr auf Samory's Unterstützung nicht 
weiter zählen durfte. Er beschloss daher, dessen 
Reich zu verlassen und sich nach Tengrela zu 
wenden, von welchem Orte er durch sieben starke 
Tagemärsche getrennt war. Ohne alle Führer 
machte er sich auf den Weg und kreuzte dabei 
dreimal die Route Rene Caillie's. Doch war es nicht 
leicht, aus Samory's Reich in jenes Tieba's zu ge- 
langen ; schon im Dorfe Tintschinime sah Binger 
sich von seinen zwei gedungenen Führern verlassen, 
und der Häuptling von Tengrela Hess ihm, ehe er 
noch diesen Platz erreichte, bedeuten, unverweilt 
Kehrt zu machen, falls es ihm nicht übel ergehen 
solle. So musste er eilends zurück bis Tiong-i, und 
dieser Zwischenfall gab Anlass zum Gerüchte seines 
Todes, welches sich bis nach Frankreich verbreitete. 
Etwa nach vierzehntägigem Aufenthalte in 
Tiong-i hatte Binger das Glück, das Wohlwollen 
der Einwohnerschaft in der ganzen Umgegend zu 
gewinnen, und konnte nunmehr den Bagol über- 
schreiten, um sich bei den Senufu von Furu fest- 
zusetzen. Diese Race bevölkert das Reich Tieba's, 
ferner die Landschaften FoUona, Tengrela und 
selbst einen Theil Worodugus. Die Senufu sprechen 
ein eigenartiges, noch fast einsilbiges Idiom, und 
sind sehr fortgeschritten in der Cultur, in Viehzucht 
und der Kunst des Metallausbringens ; sie ver- 
fertigen Pfannen, Oefen und dergleichen aus Eisen, 
und ihre Töpferwaaren sind in der Art der Aus- 
schmückung bemerkenswerth. In Furu musste 
Binger einen ganzen Monat verweilen, um die 
Nachbarstämme auf seinen bevorstehenden Durch- 
marsch vorzubereiten und von Pegue, dem mäch- 
tigen Häuptling Follonas, die Erlaubniss zum Be- 
treten seines Landes zu erlangen. Man braucht drei 
Tagemärsche von Furu nach Follona, erst am 
sechsten Tage jedoch erreichte Binger die Haupt- 
stadt Niele. Er hatte dabei zuletzt ein reiches, 
ehemals mit Dorfschaften übersäetes, aber damals 
verlassenes Gebiet durchwandert. Der aber- 
gläubische Pegue weigerte sich zwar, den Weissen 
zu sehen, von dessen Anblick er den Tod be- 
fürchtete , bewies ihm jedoch seine wohl- 



wollenden Absichten , indem er den am Gallen- 
fieber Erkrankten täglich Lebensmittel zustellen 
und ihn schliesslich sogar bis Kanniera, der Resi- 
denz Yamory-Wattara's, geleiten Hess, eines Häupt- 
lings des Konglandes. Zwischen letzterem und 
Follona sciess Binger zum ersten Male auf ein Ge- 
wässer, das südwärts floss. Erhielt dasselbe vorerst 
für einen Zweig des Volta, überzeugte sich aber 
später, dass es der westliche Arm des Comoe sei, 
eines Flusses, der bei Gross -Bassam in den Guinea- 
busen mündet. Seine Quellen liegen in der Luft- 
linie am 500 km östlich von Bammako und fast in 
der nämlichen Breite. Dort, wo Binger ihn über- 
schritt, war er schon 40 m breit und trotz des 
niedrigen Wasserstandes noch i m tief. Dieser 
Fluss scheidet die Senufulande von einem Gebiete, 
das ein Conglomerat von acht verschiedenen Racen 
bewohnt; sie alle sind wenig oder gar nicht be- 
kleidet und reden »Sprachen, die unter einander 
keinerlei Verwandtschaft oder Aehnlichkeit haben. 
Sie flüchteten in diese ausgebrannte, granitische 
Region, bedrängt wie sie sind von gesitteteren 
schwarzen Stämmen, die aus Süden und Westen 
gekommen waren. Das merkwürdigste dieser Völker 
sind die Mboin, deren ganze Tracht sich auf einen 
kegelförmigen Strohhut, bei den Männern mit 
schmalem, bei den Weibern mit breitem Rande, be- 
schränkt. Wenn letztere „bekleidet" sind, so be- 
sorgt ein Blätterbüschel den ganzen Toilettenauf- 
wand. Als Schmuck tragen beide Geschlechter in 
der durchbohrten Unterlippe ein Stück blauen 
Glases, manchmal auch blos ein Blatt. Der Häupt- 
ling Yamory empfing unseren Reisenden sehr 
freundlich und stellte seinen Sohn Sabana zu dessen 
Verfügung, um ihn nach Kong zu geleiten, von 
welchem wichtigen Platze ihn nur der Lauf des 
oben erwähnten Comoe und ein siebentägiger 
Marsch in Südostrichtung trennten. 

Zwei Stunden vor Kong machte sich schon 
die Annäherung an einen grossen Verkehrs- 
mittelpunkt fühlbar ; die Kette des Konggebirges 
jedoch, welches auf den meisten Karten prangt, 
hat nach Binger's Versicherung niemals anders 
als in der Einbildung schlecht unterrichteter 
Reisender bestanden. Der französische Officier 
bestätigt somit die Beobachtungen seiner wenigen 
Vorgänger, wie Duncan und Skertchley. Tag für 
Tag, gerade ein Jahr nach seiner Abfahrt von 
Bordeaux, am 20. Februar 1888, hielt Capitän 
Binger auf einem bescheidenen Reitochsen seinen 
Einzug in das noch niemals von einem Europäer 
besuchte Kong, dessen Bevölkerung reinlich und 
wohl gekleidet, weder feindlich noch freundlich 
gesinnt, aber ungemein begierig erschien, den 
Weissen zu sehen. Alle Dächer, Strassen, Bäume 
und Plätze waren mit Menschen dicht besetzt. 
Feierlich ward unser Franzose vom König des 
Landes Karamokho-Ale und seinen Freunden so- 
wie von dem Oberhaupte der Stadt Diarawary 
und seinen Beamten empfangen. Neben diesen 
beiden höchsten Würdenträgern gibt es in Kong 
auch einen Imam, ein geistliches Oberhaupt, d.is 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIrT FÖR DEM ORIENT. 



43 



nebst den C'ultusanjjelcjjenlieiten auch das in 
diesem Lande sehr fortgeschrittene Unterrichts- 
wesen unter sich hat. In Kong selbst gibt es 
wenige Illiteraten; alle schreiben arabisch und 
legen den Koran aus, ohne jedoch so fanatisch 
wie die Fulbe oder Fiilah und besonders als die 
Araber zu sein. Der Mandel steht in hoher Bliithe, 
und auf dem Marktplatze geht es zu wie auf 
einem Jahrmarkte ; nebst allem erforderlichen 
Lebensbedarf, einschliesslich frischen Fleisches 
kann man sich hier auch europäische Artikel 
verschaffen, welche von der Guineakiiste kommen, 
wie Zeuge, Waften, Scliiessbedarf, Quincaillerien 
und dergleichen. Als Geld dient die Kaurimuschel, 
auch Goldstaub aus den Landschaften Lobi, 
Bonduku, Nienegue und Gurunsi. Die einheimische 
Gewerbsthätigkeit erzeugt Cotonnaden, welche 
als die besten im ganzen Mündungsgebiete des 
Nigir unil bis nach Asante und zur Goldküste, 
hin gelten. Daneben bestehen Indigofiirbereien 
und Pferdezucht. Während seines Aufenthaltes 
in Kong wusste Capitän Binger sich Itinerare 
nach dem im Norden befindlichen Reiche Mossi 
und einen Geleitsbrief nach Robo-Diulasu zu 
verschaffen, das zwanzig Tagemärsche nördlich 
von Kong liegt; von da gedachte er dann in 
schräger Richtung Woghodugu zu gewinnen. 

Nachdem der Capitän am 12. März zwei seiner 
Leute nach Bammako zurückgesandt hatte, um 
Nachrichten von seinem Vormarsche dahin ge- 
langen zu lassen, b.rach er selbst mit einem an 
alle Moslemin gerichteten ICmpfehlungsschreiben 
und einem Gefolge von sieben Mann nebst zehn 
Ftseln nach den Norden auf. Diese Reise ge- 
stattete ihm eine Strecke des Comoelaufes, so- 
wie jenen einiger Voltazuflüsse aufzunehmen, 
doch entging er nur Dank der Kaltblütigkeit 
zweier alten mohammedanischen Greise aus Kong 
einem geplanten Mordversuche , was ihn zu 
einigem Verweilen bei den Tiefo und den Bobo 
nöthigte. Im Lande der letzteren liegt Sia oder 
Bobo-Diulasu , halbwegs zwischen Kong und 
Dschenne, ein wichtiger Knotenpunkt mit etwa 
3000 — -4000 lunwohnern. Fremde Händler bringen 
Salz dahin, um es gegen Kolanüsse, Gewebe 
und Gold einzutauschen. Bobo-Diulasus Markt 
gleicht jenem von Kong und wird von diesem 
Platze, ferner von Kintampo, Buna, Dschenne, 
Sofurula und Woghodugu aus versorgt. Von hier 
wandte sich Hinger durch die Landschaft Niene- 
gue und die Gebiete der Bobo-Diula und Sommo 
nach Wahabu, der Residenz des mächtigsten 
Häuptlings in Daftna. Der crasse Aberglaube 
der Bewohner erschwerte ungemein den Durch- 
zug für den Franzosen, welcher allgemein für 
einen Zauberer und ein bösartiges Wesen ge- 
halten wurde. In dieser Gegend entspringt der 
bedeutendste QuelKluss des Volta aus zwei etwa 
20 tn breiten Gewässern; sie fliessen vereinigt 
dann im Bogen, ehe sie die Südrichtung durch 
die goldreichen Gebiete von Nienegue und Gu- 
runsi einschlagen. Durch letzteres Land gelangte 



Binger nach dem Reiche Mossi, das er in völliger 
Zerrüttung fand; Haussa- und Sonrhayborden 
hatten dasselbe völlig verheert. Nur mit den 
Waffen in der Hand und unter Anwendung der 
äussersten Vorsicht konnte Binger diese höchst 
unsichere Gegend durchwandern und nicht ohne 
dass ihm in Lava dennoch vier seiner Esel ge- 
stohlen wurden. Dagegen fand er in dem Dorfe 
Ranema bei Bukary-Naba dem Bruder des Königs 
und Thronfolger von Mossi, die königlichste 
Aufnahme, welche ein schwarzer Häuptling einem 
Weissen zu Theil werden lassen kann. .Auch 
Naba-Sanom, Mossi's Herrscher, empfing unsere 
Franzosen auf das huldvollste als zu Wogho- 
dugu sich die Nachricht vom Herannahen einer 
militärischen Expedition der Deutschen ver- 
breitete, die von Togo aus den Volta aufwärts 
zog. Die Schwarzen Woghodugus meinten sich 
dadurch von einem Einfalle der Weissen be- 
droht, brachen die Verhandlungen ab, welche 
Binger wegen Abschluss eines Schutzvertragrs 
mit ihnen begonnen hatten, und rietben ihm, zu 
Bukary-Naba zurückzukehren. Seine Absicht, die 
eigenen Arbeiten mit jenen Barth's zu verbinden, 
musste er also sehr wider Willen aufgeben und 
trachten, durch Gurunsi, Mampursi und Dagomba 
Sälaga zu gewinnen. Hatte der Aufenthalt in 
Mossi auch blos einen Monat gedauert, so konnte 
Binger sich doch überzeugen, dass dies Land 
eine schöne fruchtbare Ebene sei und wie ge- 
schaffen zur Rinderzucht, welche in der That in 
hoher Blüthe steht. Daneben gibt es eine Menge 
Esel, aber weniger Pferde. Der Gcwerbefleiss 
der Einwohner liefert blos einige Flecbtwaaren 
und weisse, sehr wohlfeile Cotonnaden. 

Bukary-Naba empfing den französischen Rei- 
senden abermals sehr freundlich und schenkte 
ihm sogar zur Ehe drei junge Weiber, die er 
jedoch an seine Diener vermählte ; dagegen ver- 
mochte er für die Weiterreise keine Führer auf- 
zutreiben, seine Empfehlungsbriefe konnten ihm 
nur noch in den nächsten zwei Tage dienen, 
denn dann stosst man auf keine Moslemin mehr 
bis Wal-Wale in Mampursi. Wegen der feind- 
seligen Stimmung der Bewohner benöthigte Binger 
bis dahin achtzehn höchst beschwerliche Tage- 
märsche bei schmaler Kost und unter der stetigen 
Gefahr eines Ueberfalles. Krank und erschöpft 
erreichte er Wal-Wale, dessen Einwohner ihm 
viel Uneigennützigkeit bewiesen; doch strebte er 
ehebaldigst nach Sälaga, der schmutzigsten Stadt, 
die er je besucht hat. Dieser wichtige Handels- 
platz zählt. 6000 Einwohner, besitzt aber kein 
trinkbares Wasser, und wegen der herrschenden 
Miasmen ist der Aufenthalt daselbst für die Euro- 
päer, ja selbst für die Eingeborenen ungemein ge- 
fährlich. Von Sälaga wandte sich Binger auf dem 
rechten Voltaufer durch das nördliche Asante 
nach Kintampo und erreichte nur mühsam durch 
sumpfiges Waldland Konkrosu, wo die Wege 
nach Okwawu sich abzweigen. Binger findet nicht 
Worte genug, um die IJeppigkeit des Baum- und 



44 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



Pflanzenwuchses in diesem Theile Afrikas zu 
schildern. Kintampo, das 3000 Einwohner zählt, 
könnte unter den Händen der Europäer ein 
wahres Paradies werden. Von hier wollte Binger 
sich auf dem kürzesten Wege nach Bonduku be- 
geben, fand aber diese Route über den Tainfluss 
und durch Fugula in Folge kürzlicher Kriegs- 
verheerungen unpassirbar. Er musste demnach 
nach dem Diammaralande sich wenden und zweimal 
den -Volta überschreiten, ehe er nach Bonduku 
gelangte, wobei er jedoch den ansehnlichen Ge- 
birgsstock untersuchen konnte, welcher den Volta 
zwingt, seine nordsüdliche Richtung gegen eine 
westöstliche zu vertauschen. In Bonduku, einer 
Stadt von 3000 — 4000 Einwohnern, weilte nun seit 
etwa vierzehn Tagen ein Landsmann Binger's, 
Herr Treich - Lapicne, welchen die besorgte 
Heimat ihm von der Guineaküste aus zur Unter- 
stützung entgegengesandt hatte. Da er den Ge- 
suchten in Bonduku nicht antraf, hatte Treich- 
Laplene sich inzwischen nach Kong begeben, 
das von Bonduku neunzehn Tagemärsche entfernt 
ist. Auch Binger zog wieder dahin, musste aber, 
da er sein letztes Pferd eingebüsst hatte, den 
ganzen Weg zu Fuss zurücklegen. Bis zum Comoe 
folgte er der Route Treich-Laplene's, dann aber 
durchzog er das ungemein goldreiche Gebiet von 
Samata, welches von 40 — iio w hohen Hügeln 
bedeckt ist. Auch auf dem 700 m hohen Tafel- 
lande von Kong gibt es goldführende Quarz- 
gänge. 

Nach elfmonatlicher Abwesenheit hielt Capitän 
Binger am 5. Jänner 1889 wieder seinen Einzug 
in Kong, wo er mit Herrn Treich-Laplene zu- 
sammentraf und bei der Bevölkerung die beste 
Aufnahme fand. Wenige Tage darauf unter- 
zeichnete er mit König Karamokho-Ule einen 
Vertrag, welcher dessen Reich unter französischen 
Schutz stellte , dem französischen Handel mit 
Ausschluss aller anderen Nationen namhafte Be- 
günstigungen sicherte und sowohl Missionäre als 
französische Kaufleute zur Niederlassung im Lande 
ermächtigte. Im Vereine mit dem Vertrage, welchen 
Capitän Septans einige Monate zuvor in Bammako 
mit König Tieba und Treich-Laplene zu Bonduku 
abgeschlossen hatten, war somit eine Verbindung 
zwischen den französischen Besitzungen am oberen 
Nigir und jenen an der Goldküste hergestellt. Das 
sehr ausgedehnte Kongland erstreckt sich über 
nahezu drei Grade der Länge und Breite bis 
etwa 250 km südlich von Dschenne. Dann sandte 
Binger einen Theil seines Gefolges nach Bam- 
mako zurück, während er selbst mit Treich- 
Laplene südwärts nach der Guineaküste zog. Auf 
dem Wege dahin besuchte er die Landschaft 
Dschimini und beweg deren Herrscher zum Ab- 
schlüsse eines für Frankreich ebenso vortheil- 
haften Vertrages wie jener von Kong. Die Ein- 
wohnerschaft von Dschimini ist sehr friedlich und 
baut viel Indigo und Baumwolle, erzeugt auch 
baumwollene Decken, sowie weiss- und blau- 
gestreifte Zeuge, welche gegen Eisen und Salz 



ausgeführt werden. An Dschimini grenzt die 
Landschaft Anno, bei den Malinke Mangotu ge- 
nannt, ein schmaler Länderstreifen auf dem linken 
Comoeufer bis zum Indenieflusse; die Einge- 
geborenen scheinen die Gan zu sein, welche sich 
mit Acker- und Landbau beschäftigen, während 
die zahlreichen Mande-Duila hauptsächlich Handel 
treiben. In Auabu, der Residenz des Königs 
Komona-Guin von Anno, gelang es den beiden 
Franzosen, diesen Herrscher gleichfalls zum Ab- 
schlüsse eines vortheilhaften Schutzvertrages zu 
bewegen, der überdies den Franzosen das alleinige 
Recht der Schifffahrt auf dem Comoe gewährt. 
Krankheit und Erschöpfung setzten Binger ausser 
Stand zu marschiren ; er liess sich daher zum 
Comoe tragen, erkundete mit Treich-Laplene den 
richtigen Lauf des .^ttakru und gelangte nach 
zwanzigtägiger Wanderung nach dem Dorfe Bettie, 
bei dessen freundlichem Häuptling die Reisenden 
sich einigermassen von ihren Beschwerden erholen 
konnten. Ueber Malamalasso und Ale|)e erreichten 
sie endlich die französischen Factoreien zu Gross- 
Bassam an der Guineaküste, wo eine der denk- 
würdigsten Wanderungen auf afrikanischer Erde 
ihren Abschluss fand. F. v. H. 



DIE DEUTSCHEN SCHUTZGEBIETE BEI BEGINN DES 
JAHRES 1890. 

(Fortsetzung.) 
Deutsch- Ostafrika. 

Deutsch- Ostafrika hat unter den Kämpfen, die 
dort in der letzten Zeit mit den Eingeborenen ge- 
führt werden mussten, schwer zu leiden gehabt. 
Die aufständischen Araber waren bis zum vorigen 
Sommer im Besitz der ganzen Küste, mit Aus- 
nahme zweier Plätze, die Beamten der Ostafrikani- 
schen Gesellschaft waren vertrieben, die See- 
blockade, welche gegen den Sclavenhandel und 
die Waffenzufuhr errichtet war, konnte an den 
Verhältnissen auf dem Festlande nichts ändern. 
Die ersten Operationen Wissmann's, der am 
31. März in Sansibar eintraf, fanden am Kingani 
im Hinterlande von Bogamoyo statt. Bis Ende 
October war die Aufgabe der Wissmann'schen 
E^xpedition, die Küste vom äussersten nördlichen 
Punkt der deutschen Interessensphäre bis Pangani 
aufzuklären, gelöst. Die Bevölkerung war beruhigt 
und der Beweis geliefert, welch grosse Vortheile 
das energische H^ingreifen im Gefolge gehabt hatte. 

Es erübrigt nun noch die Zurückeroberung 
des südlichen Theiles der Küste, der sich noch 
in Gewalt der Aufständischen befindet. Was den 
Widerstand im Süden betrifft, so sollen die vor- 
läufigen Recognoscirungen ergeben haben, dass 
die Aufständischen dort nicht nur viel zahlreicher 
sind als im Norden, sondern dass sie auch ver- 
hältnissmässig feste Stellungen besitzen, die ohne 
artilleristischen Angriff nicht genommen werden 
können. Von dem Bestände der Wissmann'schen 
Truppenmacht, der sich zu Anfang d. J. auf etwa 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FOR DEN ORIENT, 



46 



I loo .Mann belief, werden mindestens 600 Mann 
den Herechnunjjcn zufoljje im Norden zurückbleiben 
müssen. Zu dc^n übrijjen 500 Mann Süllen, wie 
man hört, im Ganzen etwa 800 bis 900 Mann noch 
angeworben werden, so dass für die südliche 
Hälfte circa 1400 Mann zur Verfügung sein würden. 
Die für die Vermehrung erforderlichen Officiere 
und Linterofficiere sind dem Ueichscommissär be- 
kanntlich soeben zugeführt worden. 

In einzelnen Küstenpiätzen Ostafrikas haben 
nach Niederwerfung des Aufstandes im nördlichen 
Theil des Schutzgebietes, Handel und Verkehr 
wieder einigen Aufschwung genommen. Das be- 
lebende lilement dabei waren die gewinnsüchtigen 
Inder, welche die Araber, durch die Art, wie sie 
mit denselben Wuchergeschäfte betreiben, stets 
von Neuem zum Sciaven- und Elfenbeinhandel an- 
stacheln. Da die Araber ebenfalls wieder nur auf 
ihren eigenen Vortheil bedacht sind und die Neger 
theils von der Rodenarbeit, theils vom Handel 
zurückhalten, so hat in der ganzen Zeit der 
Insurrection Froduction und Handel an der Küste 
und im Binnenlande darniedergelegen. Eine 
Hesserung dieser Verhältnisse ist nicht zu erwarten, 
so lange nicht das civilisatorische Element seinen 
starken ICinfluss auf die Küste geltend macht und 
so lange nicht der Europäer die Macht hat, den 
Negern gej^enüber ihren Feinden, den Arabern 
und Indern, zu Hilfe zu kommen, und eine Um- 
gestaltung der Zustände zu Gunsten der Neger 
anzubahnen. 

Was die humanitären Zwecke betrifft, die 
von Deutschland im Verein mit den anderen 
Mächten durch die gemeinsame Blockade verfolgt 
wurden, so kann die erfolgte Schliessung der 
Sciavenmärkte auf den Inseln Peinba und Sansibar, 
wohin die meisten der aus dem Inland an das 
Meer transiioitirten Neger gebracht wurden, als 
ein nachhaltiger Erfolg angesehen werden. Das 
von den Mächten bei Verhängung der Blockade 
erstrebte Ziel, dem unwürdigen Sclavenhandel 
in den ostafrikanischen Küsten[)lätzen und den 
menschenmörderischen Sclavenjagden im Innern 
.Afrikas Einhalt zu thun, wird durch die jetzt 
gesicherte Mitwirkung des Sultans von Sansibar 
besser erreicht, als dies selbst bei unbegrenzter 
Fortdauer der Blockade möglich sein würde. Nach- 
dem die Sciavenmärkte in Peinba und Sansibar 
ilelinitiv geschlossen, die Einfuhr von Pulver und 
Waffen nach Sansibar und dem ostafrikanischen 
Festland gesperrt, sind ausreichende Garantien 
gegeben, dass wenigstens in diesem Theile .Afrikas 
dem Schrecken des Menschenhandels ein Ziel 
gesetzt ist. 

Zu den .Aufgaben, die sich die Dcuisch- 
Ostafrikanische Gesellschaft stellte, nämlich im 
deutsch- nationalen Interesse die Civilisirung des 
Schutzgebietes zu übernehmen, daselbst den Boden- 
bau und Verkehr, insbesondere Handel und Ge- 
werbe anzubahnen und zu fördern, trat noch als 
zweite Aufgabe die Einrichtung einer Zollver- 
waltung und einer den Gewohnheiten und Sitten 



der l'"ingeborenen möglichst entsprechenden alige- 
meinen Verwaltung, wie sie die durch den Vertrag 
dem Sultan gegenüber eingegangenen Verpflich- 
tungen erheischten. 

Bei der Entwicklung, welche die Gesellschaft 
anstrebte, wären auch durch die Hebung des 
Exports ihre Einkünfte gestiegen und auch die 
Interessen des Sultans gewahrt worden. Nur durch 
eine Productivmachung der Küstenländer lässt 
sich der Export heben, und kein Factor besteht 
seither an der Küste, der dieser .Aufgabe ge- 
wachsen gewesen wäre. Die Gesellschaft hatte 
bereits Saaten von feinen Erdnüssen von Marseille 
bezogen und dieselben zur Vertheilung gebracht, 
sie hatte Vesuchsfelder für liberischen Kaffee an- 
gelegt, ihre Baumwollenplantage stand im schönsten 
Flor. Wäre die Gesellschaft nicht in ihrer Ent- 
wicklung gestört worden, so ist anzunehmen, 
dass ihre Bemühungen, die Eingeborenen zur 
Cultur heranzuziehen und das Land productiv 
zu machen, von Erfolg gekrönt worden wären. 
Wuchs aber die Production, so wuchsen mit ihr 
die Zölle, und hiebei war der Sultan mit 50 Percent 
der Mehreinnahmen interessirt. Die Gesellschaft 
versuchte Mögliches und war sich der Bedeutung 
ihrer Aufgaben nicht nur in ihrem eigenen, sondern 
auch im Interesse der Gesammtheit des deutschen 
Vaterlandes sehr wohl bewusst. Der Sultan, die 
deutschen Ansiedler, Araber und Eingeborene 
hätten durch ihre .Arbeit Vortheil gefunden, wenn 
die Entwicklung ruhig hätte fortschreiten können 
und wenn sie nicht gewaltsam durch culturfeind- 
liche Elemente gestört worden wäre. -An Sclaven- 
händlern und gewissenlosen .Arabern, die in der 
.Ausbeutung friedfertiger Neger seither ihren Vor- 
theil gefunden und die sich in ihren Interessen 
gefährdet sahen und dem mit ihnen gemeinsam 
handelnden oder sich wenigstens sehr zweideutig 
benehmenden Sultan ist indess das Bestreben der 
Gesellschaft gescheitert. 

Wenn nun auch durch die Zerstörung der 
Stationen der Gesellschaft einerseits das Resultat 
jahrelanger und fleissiger .Arbeit vernichtet worden 
ist, welche nach vielen Richtungen das Beste 
versprach, so ist doch andererseits diese Einbusse 
mit der Erwägung aufzunehmen, dass die Mehr- 
zahl der Niederlassungen vor der Zeit ihrer 
Verfügung über die Küstenlandschaft angelegt 
war und dass beim Wiederangriff der .Arbeiten 
noch günstigere Operationsfelder gewählt werden 
können. Es kommt in Zukunft für die Gesellschaft 
nicht mehr die .Anknüpfung an vorhandene Unter- 
nehmungen in Frage, vielmehr ist die Freiheit 
ihrer Entschliessungf n und Bewegungen durch 
keinerlei Rücksicht auf die frühere Methode ihres 
Vorgehens beeinflusst. Durch Vernichtung der 
Willkürherrschaft der Wali und Sclavenhändler, 
welche vor Ausbruch des .Aufruhrs an der Küste 
uneingeschränkt obwaltete und jegliche wirth- 
schaftliche Niederlassung und somit die culturelle 
Erschliessung des Gebietes ausserordentlich er- 
schwerte, wird ihre Lage noch weiter verbessert 



46 



OESTERREICHT<=CHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT 



Die Vorbedingungen für die Wiederaufnahme 
des wirthschaftlichen Programnas der Geseilschaft 
sind nach einer Eingabe an den Reichskanzler: 

1. Die vollständige Unterwerfung und Pacifi- 
cation des Küstengebietes durch den entsendeten 
kaiserlichen Commissär, und 

2. die weitere Regelung der Verhältnisse 
zum Sultan von Sansibar sowohl hinsichtlich der 
Streitpunkte und beiderseitigen Ansprüche aus 
der Vergangenheit als der zukünftigen Normen 
und Bedingungen des Länderschutzes im Wege 
einer Vertragsrevision. 

Nach völliger Pacification des Küstenlandes 
und nach Herstellung der Autorität der deutschen 
Verwaltung beabsichtigt die Gesellschaft etwa 
folgendes Programm zur Ausführung zu bringen : 
Einrichtung einer Central-Zollerhebungsstelle und 
Aufnahme der Zollverwaltung an der Küste ; 
Etablirung von Facloreien in allen Häfen und 
an allen Hauptendpunkten der Karawanenstrasse 
für den Ein- und Verkauf afrikanischer und 
europäischer Producte; Entsendung von Expedi- 
tionen von den kaufmännischen Niederlagen 
an der Küste aus in das Innere, um mit den 
Häuptlingen der dort wohnenden Stämme Freund- 
schafts- und Handelsverträge abzuschliessen und 
Verkehrsbeziehungen anzuknüpfen; Anlage einer 
Versuchs[)lantage zum Behuf der Anleitung und 
Unterstützung der Eingeborenen zum Anbau der 
für den Handel erspriesslichen Erzeugnisse ; Wieder- 
aufnahme der Plantagenwirthschaft und Austheilung 
von Samen an die Eingeborenen der Küstenzone, 
um diese zur Anlage und Pflege von Anpflanzungen 
anzuregen; Herstellung von regelmässigen Dampfer- 
fahrten zwischen den Küstenplätzen und Zoll- 
stationen, Bau von Strassen nach dem Innern 
und Förderung und Unterstützung aller Arten von 
wirthschaftlichen und Erwerbsunternehraungen, 
wie Bergwerken, Baumschulen, Fruchtgärten, An- 
lagen von Banken und Creditinstituten u. s. w. 

Binnen welcher Zeit die feindlichen Elemente 
beseitigt sein werden, so dass Handel und Wandel 
sich wieder in den früheren Verhältnissen bewegen 
können, ist augenblicklich noch nicht abzusehen. 
W^ofern die Ergreifung oder Vernichtung der Haupt- 
anführer gelingen sollte, dürfte, wenigstens einst- 
weilen, ein geordneter Zustand zu erhoffen sein. In- 
dessen wird man ohne dauernde Unterhaltung einer 
bewaffneten Macht an den wichtigsten Punkten 
nicht auskommen. Die zukünftigen deutschen Unter- 
nehmungen auf dem Festlande und die eingeborenen 
Neger, auf deren ungestörte Arbeit für die Er- 
schliessung des Landes gerechnet werden muss, 
bedürfen eines Schutzes gegen Feindseligkeiten 
gewisser Araberkreise, welche der Festsetzung 
einer deutschen Verwaltung und der Mitwirkung 
der Neger dabei auf das Eifrigste widerstreben. 
Eine Erneuerung des ehemaligen Zustandes einer 
Raubwirthschaft der Sclavenhändler, welche die 
Bevölkerung des Landes und die Karawanen 
durch Abgaben ausbeuteten, ist unter allen Um- 
ständen, soll eine Cultivation der Gebiete erreicht 



werden, zu verhüten. Nach wie vor ist aber das 
Capital bereit, sich bei wirthschaftlichen Unter- 
nehmungen in Ostafrika hauptsächlich in jenem 
gesegneten Landstriche, welcher sich von der 
Küste von Usambara nach dem Kilimandscharo 
erstreckt, zu betheiligen, wenn die Vorbedingung 
der Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung 
erfüllt ist. 

Wie Meinecke in seinem verdienstvollen 
Werke über Ostafrikas Colonien hervorhebt, 
nehmen unter den Landschaften, welchen in der 
letzten Zeit eine grössere .Aufmerksamkeit ge- 
schenkt wurde und die durch die Natur des Landes 
und ihrer Bewohner bestimmt zu sein scheinen 
bald unter Cultur genommen zu werden, diejenigen 
am Kilimandscharo und in Usambara jetzt die 
erste Stelle ein. War schon früher durch die ab- 
gesandten Reisenden der Dcutsch-Ostafrikanischen 
Gesellschaft und des Dr. Meyer das Unheil, 
welches Kersten, 'l'homson und andere Reisende 
über diese Gebiete gefällt haben, bestätigt worden, 
so wurde volle Aufklärung doch erst in neuerer 
Zeit geschaffen. 

Moschi, der Sitz des Häuptlings Mandara, 
war im Jahre 1888 am Kilimandscharo der Central- 
punkt der dortigen deutschen Interessen, welche 
di^rch tüchtigeBcamte der Deutsch-Ostafrikanischen 
Gesellschaft wahrgenommen wurden. Ihnen ver- 
danken wir werthvoUe .Aufschlüsse über die 
Möglichkeit einer dortigen Ansiedelung von Euro- 
päern. Das Kilimandscharogebiet wird politisch 
von einer .Anzahl kleiner Fürsten beherrscht, welche 
mehr oder weniger von der Suaheli- und arabischen 
Cultur beleckt sind und deren Wadschagga- 
Unterthanen (einige brachte als .Abgesandte des 
Häuptlings Mandara der Reisende Ehlers im 
Berichtsjahre nach Deutschland) möglicherweise 
den europäischen Einflüssen sich weniger hart- 
näckig verschliessen werden als die Stämme an 
der Küste. Die Wadschagga sind ein Bantustamm, 
welcher in seinen ganzen Lebensgevvohnbeiten' 
mit den Massais grosse Aehnlichkeit und deren 
Tugenden und Laster besitzt. Sie bewohnen ein 
von allen Beobachtern als paradiesisch gerühmtes 
Land an den Abhängen des Kilimandscharo. 

Endlich ist noch Deutsch- Witus zu gedenken. 
Sowohl die Witu-Gesellschaft als auch die Englisch- 
Ostafrikanische Gesellschaft behauptete, die Zoll- 
pacht auf der Insel Lamu von der Sansibar-Re- 
gierung zugesichert erhalten zu haben. Ein Schieds- 
spruch des belgischen Ministers Baron Lambremont 
entschied zu Gunsten der englischen .Ansprüche. 
Hiedurch, wie durch die weiter versuchte .Aus- 
dehnung des englischen Einflusses, schien die 
kleine, wenig bemittelte Witu-Gesellschaft in eine 
bedrängte Lage kommen zu sollen. Nachdem 
jedoch die deutsche Regierung das Protectorat 
über die Küste von der VVitu-Grenze bis Kismaju 
am Juba erklärt hat, wurden Verhandlungen wegen 
Verschmelzung der Witu-Gesellschaft mit der 
Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, von der 
vor Jahren Expeditionen nach Kismaju (Jühlke's 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT 



47 



Ermordung) und Hohenzollernhafen am Wubuschi 
ausgegangen waren, eingeleitet, die hoffentlich 
von Erfolg gekrönt sein werden. 

In Folge der Verschiebung aller Verhältnisse 
sind in Ostafrika verwickelte und schwierige, 
besitz- und vermögensrechtliche Streitfragen 
zwischen dem Sultan und der ostafrikanischen 
Gesellschaft entstanden. 

Kraft des Vertrages des Sultans mit der 
Deutschen Ostafrikanischen Gesellschaft vom 
28. April 1888 war letzterer die „Regie" oder 
Pacht der Zölle in sämmtlichen Häfen des ihrer 
Verwaltung überlassencn Territoriums für 50 Jahre 
zugesagt worden. Im Einvernehmen mit dem 
Sultan war festgesetzt worden, das 7 Haupt- und 
7 Nebenzollstationcn an der Küste eingerichtet 
und die einzigen Verschififungsplätze sein sollten. 
Als Hauptzollstationen waren bestimmt : Tanga 
Pangani, Bogamoyo, üar-cs-Salaam, Kiloa, Ki- 
windje, Lindi und Mikindani. Auf Wunsch des 
Sultans war festgesetzt, dass sämmtliche indische 
Beamte der Küstenzollämter in den Dienst der 
Ostafrikanischen Gesellschaft übernommen werden 
sollten. Während des Aufstandes errichtete die 
Gesellschaft auf der Insel Sansibar eine Central- 
zoUerhebestelle, in welcher die Zölle auf die vom 
Continent nach Sansibar kommenden Waarcn von 
\ om Sultan Angestellten, welche unter Aufsicht und 
Leitung der Gesellschaft standen, für Rechnung 
der Gesellschaft erhoben wurden. Die Zölle auf 
die aus fremden Ländern in Sansibar eingehenden 
Waaren (Importzölle) erhob der Sultan selbst- 
ständig, wurde aber für diejenigen dieser Waaren, 
welche von der Insel nach der deutschen Küste 
des Continents weitergingen, von der Gesellschaft 
mit dem Zollbetrage (Rückgebühr) belastet. 
Zwischen dem Sultan und der Gesellschaft ent- 
standen darüber Differenzen, dass Ersterer der 
.Ansicht war, die Ostafrikanische Gesellschaft 
müsse, während sie nur auf Sansibar die Zölle 
verwaltete, beträchtlich geringere .Ausgaben ge- 
habt haben, als zu normalen Zeiten ; es dürfe 
daher nicht jene Bestimmung des Vertrags vom 
28. April 1888 in .Anwendung gebracht werden, 
wonach dem Sultan in jedem Monat für die Aus- 
gaben der Zollverwaltung 1 70.000 Rupien, sowie 
5 Percent (Kommission in Abzug zu bringen sei. 
Die Gesellschaft ihrerseits erklärte, dass die Zoll- 
verwaltung auf Sansibar und den beiden gehaltenen 
Zollplätzen Bogamoyo und Dar es-Salaam bei den 
ganz ausseiordentlichen Verhältnissen nicht 
weniger als die oben genannte Summe erfordert 
habe. Dank der kräftigen Hilfe des (Konsuls und 
des Dragomans gelang es nach schwierigen Ver- 
handlungen den Zwist mit dem Sultan zu be- 
gleichen und einen neuen Contract zu unter- 
zeichnen. Die Berechnung der dem Sultan als 
Entgelt für die Zollabtretung zu zahlenden Rente 
findet nach der Durchschnittssumme der Netto- 
zolleingänge des vergangenen, laufenden und 
nächsten Jahres statt. 

Deutschland erhält als l<>satz der Unkosten 



70.000 Rupien jährlich und verzichtet auf Ge- 
winnbetheiligung im Probejahr. Dagegen schenkt 
der Sultan zwei werthvollc Stationsbäuser ia 
Dar-es-Salaam und vermiethct auf vierzehn Jaiire 
die Zollstelle auf Sansibar mit Magazinen und 
Beamtenhäusern, 

Eine Erweiterung erfuhr das dcutsch-ost- 
afrikanische Schutzgebiet dadurch, dass das an 
der ostafrikanischen Küste zwischen der .Nord- 
grenze von Witu und der SOdgrenze der dem 
Sultan von Sansibar gehörigen Station Kisraaya 
gelegene Gebiet unter den Schutz des deutschen 
Reiches gestellt wurde. Diese deutsche Schutz- 
erklärung hat wenig mehr als formelle Bedeu- 
tung. Man entnimmt aus ihr, dass die deutsche 
Regierung unter allen Umständen beabsichtigt, 
an dem Schutzverhältniss mit Witu festzuhalten, 
auch nachdem den Engländern eine der wich- 
tigsten Positionen auf diesem Gebiete, nämliclf 
die Insel Lamu, eingeräumt worden ist. 

Das deutsche Schutzgebiet Süd-Somaliland 
umfasst zur Zeit eine Küstenstrecke von 35 Meilen 
Länge. Im Norden grenzt es an das dem Sultan 
von Sansibar gehörige nur 10 Quadratmeilen 
grosse Gebiet des Hafens Kismaju, welcher den 
Schlüssel zum Juba, dem grössten Flusse des 
mittleren Ostafrika und damit zu den weiten, 
gesegneten Ländern der Somali und Galla bis 
nach Abessinien hin bildet. Der Haupthafen des 
neuen deutschen Gebietes liegt etwa unter i ' 
s. Br. an der Mündung des Flüsschens Wubuschi, 
wo vor drei Jahren die deutsche Station Hohen- 
zollernhafen gegründet wurde. Im Süden schliesst 
die deutsche Somaliküste den Hafen Kweio ein, 
von wo aus Dr. Peters mit der deutschen Emin 
Pascha-Expedition seinen Marsch in's Innere an- 
trat. Nicht weit von der Kweiobai folgt nach 
Südwesten hin die Mandabucht, deren tiefer Ein- 
schnitt die Grenze zwischen Deutsch-Somali land 
und dem kleinen deutschen Witulande bezeichnet. 
Letzteres reicht dann südwestlich bis zu dem 
Tanaflusse, der Nordgrenze der Interessensphäre 
der Britisch-ostafrikanischen Gesellschaft. Im 
Süden wie im Norden der letzteren erstrecken 
sich also jetzt grössere deutsche Schutzgebiete. 

Wenngleich zu dem deutsch-ostafrikanischen 
Schutzgebiet in keiner unmittelbaren Beziehung 
stehend, ist doch bei Gelegenheit der Betrachtung 
desselben noch des im südöstlichen Afrika vor 
einiger Zeit in das Leben gerufenen Colonial- 
unternehmens im Pondoland» hier Erwähnung zu 
thun. Gerade an dieser Stella ist die Festsetzung 
deutschen Einflusses im gegenwärtigen Zeitpunkt, 
wo dort verschiedene nationale Elemente nach 
Einfluss ringen, von grosser Bedeutung. 

Den Bemühungen der Unternehmer ist es 
gelungen, von dem Häuptling der Poudos Usikav 
grössere Landparacellen zu erwerben, um an 
fünf verschiedenen Stellen Stationen anzulegen. 
Da das Klima in jeder Beziehung ein vorzügliches 
ist und der Plantagenbau entschieden mit Vor- 
theil betrieben werden kann, so war es vor 



48 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT 



Allem nöthig, der Gesellschaft grössere Land- 
complexe zu sichern. Die Deutschen haben daher 
für Jahre lang ausreichend Land, um den Plan- 
tagenbau in ausgedehntester Weise zu betreiben. 

Man darf annehmen, dass sich sämmtliche 
Stationen schon im nächsten Jahre erhalten 
können und nicht blos für die Beamten und Ar- 
beiter die nöthigen Nahrungsmittel abgeben 
werden, sondern auch Getreide zum Verkauf. 

Die Anlage der zweiten Station ist nahezu 
fertig ; sie zeichnet sich namentlich dadurch aus, 
dass sie sehr ausgedehnte Flächen von culturfähigem 
Land besitzt, auch ist das Klima milder wie in 
Wilhelmsburg. Erschwert sind die ersten Anlagen 
durch die hohen Preise des Mais. Während in 
früheren Jahren Mais fast gar nicht verkäuflich 
war, steht er jetzt hoch im Preise und wird mit 
15 Schilling per Sack bezahlt, und da nun der 
«Mais eine Hauptnahrung für Menschen und Vieh 
ist, so bedarf man desselben in grösseren Massen. 
Es ist also auch bei den jetzigen Preisverhältnissen 
eine grössere Anpflanzung von Mais entschieden 
eine gute Capitalsanlage. Wenn die deutschen An- 
siedler sich zunächst auf Tabakbau und Mais be- 
schränken, so ist damit ganz entschieden ein Gewinn 
zu erzielen. Es wird das immer die Hauptsache 
bleiben, dabei ist nicht ausgeschlossen, dass man 
auch mit Erfolg zur Anpflanzung von Kaffee, Thee, 
Ananas und Zuckerrohr in grösserem Massstabe 
übergeht, und dabei ebenso bedeutende Erfolge 
erzielt wie dies bereits an der Mündung des Um- 
zikuluflusses geschehen ist. Zunächst bleibt aller- 
dings das Hauptaugenmerk auf den Anbau von 
guten Tabakarten gerichtet, die sich vortheilhaft 
verkaufen lassen; ausserdem wird aber beabsichtigt, 
möglichst bald zu den Anpflanzungen von Thee 
und Kaffee überzugehen, die allerdings erst nach 
fünf Jahren Gewinn abwerfen können ; während- 
dessen können die Anlagen vollständig durch Tabak 
und Mais gewinnbringend gemacht werden, so dass 
die ersten Schwierigkeiten überwunden sind und 
das Unternehmen nur noch bis zum nächsten Früh- 
jahre von Berlin aus unterhalten zu werden braucht, 
und dann schon Gewinn abwerfen wird. 



M IS CELLE. 
Albinos im Indischen Archipel. Unter diesem 

Titel veröffentlicht Professor Dr. G. A. Wilken (in 
Bydragen tot de Taal-Land-en Volkenkunde van 
Nederl. Indie XXXIX, i) eine Abhandlung, in 
welcher er zunächst über die Art und die Er- 
scheinungen des Albinismus spricht, um dann alle 
ihm bekannt gewordenen Fälle dieser Anomalie 
aufzuführen, wobei er sich an Dr. R. Andree's 
„Ethnographische Parallelen und Vergleiche'", 
Neue Folge, zum Theil eng anschliesst. .Als Er- 
gebniss dieser Untersuchung zeigt es sich, dass Al- 
binismus bei den Bewohnern des malavischen Ar- 
chipels nicht ungewöhnlich, bei einzelnen Stämmen, 



z. B. den Dajaks, ferner bei den Bewohnern von 
Bangka so häufig ist, dass man ihn als endemisch 
betrachten kann. Weiter wird noch bemerkt, dass 
alle Beobachter einstimmig die helle Farbe der 
Haut und der Haare hervorheben, während nur 
einzelne die rothen Augen erwähnen, andere nur 
von blauen, hellblauen, grauen, hellbraunen oder 
dunkelgrauen .Augen sprechen. 

Obwohl Albinismus eine pathologische Er- 
scheinung ist, wird doch von verschiedenen Seiten 
mitgetheilt, dass die beobachteten .Albinos aus- 
nahmsweise stark und kräftig sind. 

Die Mittheilung, dass .Albinos alsXachkommen 
ganz normaler Eltern geboren sind, wiederholt 
sich mehrfach, während andererseits Berichte vor- 
liegen, dass die Erscheinung bei mehreren oder 
allen Personen derselben Familie vorkommt, aber 
auch dass Grosseltern oder noch weiter entfernte 
.Angehörige der aufsteigenden Linie damit behaftet 
sind. Dies scheint anzudeuten, dass .Albinismus 
erblich ist, doch grösstentheils atavistisch auftritt. 
Dr. Blume und Dr. Monnike wollen die Erschei- 
nung auf schwächere und Ivmphatischere Con- 
stitution zurückführen, Dr. .A. B. Meyer auf con- 
sanguinare Heiraten ; der zuletzt geäusserten Mei- 
nung tritt Dr. Wilken entgegen. Im .Archipel wird 
im .Allgemeinen an eine übernatürliche .Abstammung 
der .Albinos gedacht; mit Rücksicht hierauf werden 
sie zum Theil sehr schlecht behandelt, zum Theil 
geniessen sie grosses .Ansehen, und werden zum 
Theil nach dem Tode selbst verehrt. Von ersterem 
werden namentlich die Masser als Beispiel ange- 
führt, für letzteres finden sich Beispiele bei Malayen, 
im inneren Celebes, auf Ceram Laut und anderen 
Inseln. Bei anderen Stämmen ist es ungewiss, 
welche .Stellung sie einnehmen, doch scheint man 
sie im Ganzen gerne zu sehen. Schon in alten 
Zeiten — und auch jetzt noch geschieht dies — 
werden sie an die Höfe gebracht, um den Fürsten 
zur Kurzweil zu dienen. In dem malayischen Reich 
Matan in der West- Abtheilung von Borneu be- 
steht ein Gesetz, wonach .Albinos, Zwerge u. s. w. 
Sclaven des Fürsten werden müssen. Vielleicht dass 
sie auch hier als Gegenstand der Heiterkeit dienen 
sollen, obwohl, wie es heisst, die Verurtheilung zum 
Sclavenstand stattfindet, weil solche Leute als un- 
heilbringend betrachtet werden. 

Zum Schluss folgen noch einige .Angaben über 
partiellen Albinismus; in solchen Fällen sind nur 
einzelne Stellen der Haut von Pigment entblösst 
und also weiss (was übrigens auch eine Folge ver- 
schiedener Krankheiten sein kann). Ueber das Vor- 
kommen solcher Fälle auf Nias und bei den Mc- 
nangkabauschen Malayen liegen verschiedene Be- 
richte vor ; vielleicht gehört hieher auch das 
Vorkommen von ebenso wie der übrige Körper, 
doch heller gefärbten Flecken, wofür Malayen und 
Atjehers besondere Namen habear' 






S^^L^i 



Verantwortlicher Redacteur: A. v. Scala. 



Drmok von Ch. Rettter & M. Werthner* 



April-Heft 1890, 



Nr. 4. 



OESTERREICHISCHE 




Herausgegeben vom 

K. K. ÖSTERR. HANDELS-MUSEUM IN WIEN. 

Redigirt von A. von Scala. 



Monatlich «Int Nuinmtr. 



VERLAG DES K. K. ÖSTERR. HANDELS-MUSEUMS IN WIEN. 



Pr«b JIM. 9 t — M) Mwk. 




IIBALT: Die Kbe in Japan. Von Dr. H. Wliftrt. — Die Qannst- 
millel dl!« Orieit.s. (11.) Vi n (lutlac Troll. — Die Deutlichen 
Schutzgebiete Lei Begiuu ilis Jahres 181K). (Schlus«.) — H i s- 
cellrn; Der botanisihe Garten zu Buitenzorg. — Dritte 
NationaIau£8telIung in Totiio. — Chinesiacbo Namen der euro- 
päiscben (iesrhäftshttuser iu HonglioDg. 

DIE EHE IN JAPAN.') 

Von ßr. H. Weipert 
I. 
Geschichtliches. 
ie ly[)ische Entwicklung der Ehe ist die 
von der Weibergemeinschaft zur Ehe 
des Mutterrechtes und von dieser zur 
Ehe nach Vaterrecht, die zuerst durch 
Kiauenraub, später durch Kauf und schliesslich 
durch blossen Vertrag begründet wird. Daneben 
läuft eine andere l'^ntwicklungsreibe von der Poly- 
gamie durch das Concubineosystem hindurch zur 
Monogamie. 

Wir finden Japan in der ältesten halb-mythi- 
schen Periode, d. h. vom Kaiser Jimmu bis Mommu 
(660 v. Chr. bis 707 n. Chr.) im Stadium der 
Ehe nach Vaterrecht, geschlossen durch blossen 
Consens, beziehungsweise Cohabitation, aber poly- 
gamisch in dem Sinne, dass zwischen Frau, Con- 
cubine und Maitresse keinerlei Unterschied ge- 
macht wird , und die Frau jederzeit entlassen 
werden kann. So wenigstens berichtet Chamber- 
lain in seiner Vorrede zum Kojiki, Die Stellung 
der rechten Frau im Gegensatze zur Nebenfrau, 
wie sie sich im Wesentlichen bis heute erhalten 
hat, scheint sich erst am Ende dieser Periode 
unter chinesischem Einflüsse entwickelt zu haben. 
Jedoch fehlt es nicht an Spuren der früheren 
Stadien. Nach dem Berichte des Herrn Professor 
Naito ergibt sich aus alten Erzählungen und 
Märchen, insbesondere auch aus dem Manyöshü 
(10.000-Blättersammlung), einer der ältesten Ge- 
dichtsammlungen, dass in einer früheren Zeit die 
Frauen gar nicht mit ihren Männern zusammen 
wohnten, sondern die Männer nur ihre (gewöhn- 
lich mehreren) Frauen des Nachts besuchten, was 
Yobai (von yobavvari, laut rufen, vermuthlich um 
Einlass) genannt wurde. Auch die Kinder blieben 
im Hause der Mutter. Ein Rest dieses ältesten, 
offenbar mutterrechtlichen Zustandes ist es, wenn, 
wie Chamberlain a. a. O. erzählt, nach dem 

') Den MiltbellangeB der deutschen aMellaobafl für Katur- 
und Völkerkunde Osta>:ens In Tokio entnommen. 

MonaUachrift fDr den Orient. April 1890. 



Kojiki noch bis in's Mittelalter hinein die Ehe 
häufig zuerst nur heimlich war, bis nach einiger 
Zeit der Mann statt die Frau nur nächtlich zu 
besuchen, sie öff'entiich in das Haus seines Vaters 
brachte. 

Nach einer weiteren Mittbeilung Herrn Naito's 
bestand in alter Zeit die Sitte, dass ein Nicht- 
Shinnö, der eine zu einer Shinnöfamilie gehörige 
Frau heiratete, erst ein bis zwei Tage im Hause 
des Schwiegervaters wohnen musste. Darnach 
nahm er die Frau mit sich, indem zum Scheine 
eine Art Raub aufgeführt wurde. 

Darin liegt zugleich ein offenbares Residuum 
des früheren Frauenraubes. Ein ähnliches wird 
in einem alten Sprachgebrauch der Kuge (Hof- 
adel) zu finden sein, wornach für „eine Frau 
nehmen" der Ausdruck „nusumu" = „stehlen" 
angewendet wurde. 

Noch heute ist nach dem Minji Kwanrei 
Ruishu auf der Insel .Amakusa bei Nagasaki eine 
Form der Eheschliessung in Uebung, welche 
„tanin no musume wo nusumu" {== die Tochter 
eines Anderen stehlen) heisst und direct auf dem 
Frauenraub beruht. Sie kommt einmal vor als 
heimlich zwischen beiden Familien verabredeter 
Scheinraub, wenn man zu arm ist, um die Kosten 
einer Hochzeitsfeier zu bestreiten, oder wenn 
zwar die Eltern der Braut einwilligen, ein naher 
anderer Verwandter aber die Einwilligung ver- 
weigert. Sie kommt aber auch vor als wirkliche 
Entführung, wenn die Eltern ihre Einwilligung 
versagen, und endlich sogar als echter Raub, 
wenn weder die Eltern noch die intendirte Braut 
ihre Zustimmung erklärt haben. Freilich geht im 
letzteren Falle die Sache nur soweit, dass der Räuber 
die Geraubte in Güte zur Ehe zu überreden 
sucht. Schenkt sie ihm kein Gehör, so kehrt sie 
einfach alsbald zu ihren Eltern zurück. Gegen 
.Ausschreitungen ist dadurch gesorgt, dass die 
Verwandten und Nachbarn des Mannes ihn bei 
seinem „Raubzug" begleiten müssen. Bleibt die 
Frau, so wird am folgenden Tage der sonst bei 
der Eheschliessung übliche Vermittler in das Haus 
der Eltern geschickt, um Verzeihung zu erbitten, 
worauf dann meist noch nachträglich die Hoch- 
zeit gefeiert wird. Schon vorher findet aber ge- 
wöhnlich ein Gastmahl am Tage des Raubes im 
Hause des Mannes statt. 



50 



OESTERREICHl-~HE MONATSaCHRIFT FÖR DEN ORIENT 



Auch den im Minji Kwanrei Ruishu für den 
Sarara-Bezirk in Kawachi constatirten Gebrauch, 
beim Auszug der Braut vor der Hausthür der- 
selben mit Flinten zu schiessen oder ein Feuer 
anzuzünden, halte ich für ein Residuum des Frauen- 
raubes, obwohl die japanische Auslegung dahin 
geht, dass dadurch der Wunsch ausgedrückt 
werde, die Braut möge nicht — geschieden näm- 
lich — in das Eiternhaus zurückkehren. 

Ein anderer interessanter Zug ist die in der 
Zeit der Kojiki - Erzählungen herrschende Ge- 
schwisterehe, bekanntlich gleichfalls ein verbreitetes 
Charakteristicum gewisser frühzeitiger Entwick- 
lungsstufen. Es war ganz selbstverständlich, dass 
der Mann seine jüngere Schwester zur Frau nahm, 
selbst die Bezeichnung der Frau war stets „imo", 
d. h. „jüngere Schwester". Auch Ehen mit Tanten, 
Stiefmüttern und Halbschwestern werden nach 
Chamberlain berichtet. 

Nach dem Vorgang von Mabuchi und dem Ko- 
jiki-Commentator Motoori will auch Naito die Ge- 
schwisterehe durch den oben geschilderten Zustand 
des Yobai erklären, durch welchen es möglich ge- 
macht werde, dass Kinder desselben Vaters von 
verschiedenen Müttern in den Häusern der letzteren 
getrennt von einander und, ohne sich als Ge- 
schwister zu betrachten, aufwachsen. Allein solche 
Consanguinei wurden in der Zeit des Mutterr^chts 
offenbar überhaupt gar nicht als Geschwister an- 
gesehen. Nur die Mutter konnte das Verwandt- 
schaftsmittelglied bilden. Wenn aus dieser Zeit von 
der Ehe von Geschwistern berichtet wird, so können 
damit nur Uterini gemeint sein. ■ 

Dieser extreme Grad der Endogamie ver- 
schwand wahrscheinlich erst unter demEinfluss der 
chinesischen Cultur etwa im VI. Jahrhundert n. Chr. 
Andererseits findet sich von der in China herr- 
schenden Exogamie in, Japan auch nach dieser Zeit 
keine Spur. Man beschränkte sich darauf, die Ehe 
zwischen den nächsten Verwandten zu verbieten. 

Verschiedene Arten der Ehe. 
Es gibt in Japan eine in rechtlicher, wie in 
wirthschaftlicher Hinsicht wichtige Unterscheidung 
der Ehen je nach derHausangehörigkeit derselben. 
Der gewöhnliche F"all ist ja freilich, dass die Frau, 
wie bei uns, in das Haus des Mannes (als sog. 
Yome = Brautj eintritt und nun bis zur Auflösung 
der Ehe Kazoku desselben ist. Daneben aber findet 
sich ausserordentlich häufig auch der für unsere 
Auffassung undenkbare Fall, dass der Mann, nicht 
nur wirthschaftlich, sondern auch rechtlich in das 
Haus der Frau aufgenommen wird. Dies ist wieder 
in zweierlei Weise möglich. Einmal kann der Mann 
von dem Schwiegervater als Sohn adoptirt und 
gleichzeitig oder später mit der Tochter verheiratet 
werden. Ein solcher Ehemann wird als Mukoyoshi 
(Schwieger-Nährkind) bezeichnet. Es kann aber 
auch eine Frau, die selbst durch Erbgang Koshu 
geworden ist, einen Ehemann in ihr Haus auf- 
nehmen. Der Letztere heisst dann Nyü-fu oder Iri- 
muko. Hier wird der Ehemann alsbald Koshu an 



Stelle der Frau, im ersteren Fall dagegen nur 
dann, wenn der Schwiegersohn zugleich als Erb- 
sohn adoptirt worden und der Vater der F'rau stirbt 
oder sich zur Ruhe setzt. In beiden Fällen ergibt 
sich aber eine äusserst abhängige Lage des Ehe- 
mannes daraus, dass unter Umständen eine Tren- 
nung der Ehe und der Adoption herbeigeführt 
werden kann, die ihn natürlich seiner Stellung als 
Koshu und Inhaber des Familienvermögens wieder 
entkleidet, beziehungsweise ihm die .Aussicht darauf 
nimmt. 

So fremd uns die Vorstellung einer solchen 
Adoptivehe ist, so findet sie doch in dem Rechte 
vieler anderer Völker ihr .^nalogon. Sowohl die 
indische Tochterbeauftragung — d. h. Beauftragung 
der Tochter durch den sohnlosen Vater, sich für 
ihn einen Sohn zeugen zu lassen — , als die ma- 
layische Ambelanakehe — die wesentlich auf ein 
Erdienen der Braut durch Eintritt des Mannes in 
ihr Haus zurückweist — lassen sich zur Erklärung 
des Ursprungs heranziehen. Zunächst freilich scheint 
dieser Ursprung, wie der so vieler anderer japani- 
scher Sitten auf China zurückzuführen zu sein. Nach 
dem Ta-Tsing-Leu-Lee muss in China dieselbe 
^Einrichtung seit alter Zeit bestehen, wenn auch 
das Gesetzbuch dieselbe nicht ohne Tadel lässt. 
„Whoever eitherejects thehusband of hisdaughter, 
whom he had received into his house as his son-in- 
law, or receivcs into his house another person as 
the husband of such daughter, shall be punished 
with lOO blows. — It is remarked in a note in the 
original Chinese, that the bridegroom, who instead 
of taking home his bride to his own house, lives 
with her at the house of her parents, by so doing, 
deviates from the stablished forms of espousal, but 
that having been once so received as a son-in-law, 
the law protects him in the right, which he had 
acquired of either remaining there with his wife, or 
taking her away with him to a separate establish- 
ment." Neben dem hienach wahrscheinlich vor- 
liegenden Import sind aber bezüglich der grossen 
Verbreitung der Sitte in Japan alle diejenigen Fac- 
toren zu berücksichtigen, welche wir als Gründe 
der ausserordentlichen Bedeutung der .Adoption 
überhaupt in Japan unten zu erörtern haben werden. 

Die Frage, welche Gestalt und Stellung eine 
neue Ehe haben soll, hängt natürlich von den Ver- 
hältnissen im einzelnen Fall ab. Hat ein Mann einen 
Sohn und F2rben und massiges Vermögen, so sucht 
er für diesen eine Yome. Hat er -v iel Vermögen, so 
wird er wünschen, die Zukunft seines Hauses durch 
Begründung von Nebenlinien noch sicherer zu 
stellen; er wird einen oder mehrere Söhne oder 
Töchter hinzu adoptiren, diese verheiraten und 
ihnen die Mittel zur Begründung e'nes Nebenhauses 
(bunke) geben. Dasselbe wird er natürlich thun, 
wenn er mehrere eigene Kinder und ausreichendes 
Vermögen hat. F'ehlt es an den nöthigen Mitteln, 
so müssen die jüngeren Kinder unverheiratet im 
Hause bleiben, wenn es nicht gelingt, die Tochter 
als Yome, den Sohn als Muko in einem anderen 
Hause unterzubringen. Hat Jemand nur eine Tochter, 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT fOr DEM ORIENT. 






so wird er für diese in der Regel einen Muko-ySshi 
als Ehemann und Erben zu adoptiren suchen. Doch 
kommt es bei Acrmeren auch vor, dass die Tochter, 
wenn sie schön ist, als Yome weggegeben und ein 
Erbsohn adoptirt wird. Sind mehrere Töchter da, 
so hängt es wieder vom Vermögen ab, ob die 
jüngere Tochter als Yome weggegeben oder durch 
Adoption eines Muko ihr die Begründung eines 
Nebenhauses ermöglicht werden soll. 

Abschluss der Ehe. 
Der Ehevertrag. 

Was den Abschluss der Ehe angeht, so kennen 
die Japaner den Begriff unserer Verlobung nicht. 
Vielmehr wird ohne präliminarischen Vorvertrag 
alsbald die Eheschliessung selbst in allen Einzel- 
heiten durch einen Ehevertrag fest vereinbart. 

Voraussetzung des Ehevertrages ist vor Allem 
die Einwilligung der beiderseitigen Eltern und in 
der Regel auch der nächsten höheren anderen Ver- 
wandten, als welche insbesondere älterer Bruder 
und Vatersbruder namhaft gemacht werden. Die 
Einwilligung des Paares selbst tritt in den Hinter- 
grund, und wird sogar z. B. in Suwo direct als un- 
nöthig bezeichnet. Die Ehe ist, patriarchalischer An- 
schauung gemäss, wesentlich Sache der Familie, 
nicht der Eheleute. 

p-ür das Zustandekommen des Vertrages ver- 
langt die gute Sitte unbedingt die Thätigkeit eines 
Heiratsvermittlers, nicht nur, wenn es gilt eine 
passende Partie ausfindig zumachen, sondern sogar 
bei bereits vorhandenem Einverständniss. 

Der, oder richtiger die Vermittler — denn es 
soll eigentlich ein Ehepaar dazu genommen werden, 
das zum ersten Mal verheiratet ist und ein Kind 
hat — heissen Naködo {= naka-udo = chünin = 
Mittelsmann, auch baikainin, Vermittler, oder na- 
ködo-oya, Vermittler - Eltern, oder kari-oya, in- 
terimistische Eltern). Sie werden aus Verwandten 
oder Freunden gewählt , selten gemiethet, und 
haben ein recht verantwortliches Amt. Auf ihrer 
wahrheitsgetreuen Darstellung der beiderseitigen 
Verhältnisse und Eigenschaften beruht das Glück 
der Ehe ; sie haben ferner auch während der Ehe 
bei allen Schwierigkeiten und Streitigkeiten zu 
vermitteln und schliesslich eine eventuelle Scheidung 
zu reguliren, insbesondere dabei die Auseinander- 
setzung des Vermögens zu bewirken. Dafür ge- 
niessen sie — und zuweilen sogar noch ihr Erbe, 
auf den dann auch die Pflichten übergehen — 
lebenslang die respectvolle Verehrung der Eheleute, 
die ihnen die üblichen Höflichkeitsbesuche und Ge- 
schenke zu machen und nach ihrem Tode im 
Leichenzug zu folgen haben. Auch nach der Hoch- 
zeit erhalten die Vermittler häufig Geschenke. Es 
ist ein Gegenstand des Stolzes häufig Vermittler 
gewesen zu sein. 

Manchmal wird von jeder Seite ein Vermittler- 
paar in Thätigkeit gesetzt, und zuweilen sogar agirt 
zwischen diesen beiden wieder ein Dritter, soge- 
nannter Shita-baikainin (Untervermittler). Während 



diese nur den Vertragsabschluss besorgen, kommt 
manchmal bei reichen Häusern noch ein Hon-bai- 
kainin (hon = Haupt-) hinzu, dem die Abfassung 
der Urkunden und die Anordnung des Ceremoniells 
und der Geschenke obliegt. 

Eigenthümlich ist die Gestaltung des Ver- 
mittlerverhältnisses in Nagato. Hier wird jedem 
Mädchen im ii. bis 13. Jahr ein älterer Verwandter 
als sogenannter Kanc-oya bestimmt, welchem 
dann ein für allemal die gesammte Sorge und Ver- 
mittlungsthätigkeit hinsichtlich der Verheiratung 
des Mädchens obliegt. Zur Hochzeit schenkt er der 
Braut dann die Utensilien zum Schwarzfärben der 
Zähne, welches bei den verheirateten Frauen lan- 
desüblich ist. Dieses Färben geschieht mit einem 
Metalloxyd, daher der Name Kane-oya (kane = 
Metall, oya hier = Vater). 

Die Perfection des Ehevertrages wird durch 
bestimmte symbolische Handlungen, welche in den 
einzelnen Landesthfilen sehr verschieden geartet 
sind, aber meistens in Geschenken bestehen, zur 
sichtbaren Wahrnehmung gebracht. 

Am verbreitetsten auf dem Lande ist die Ueber- 
sendung eines Fasses Sake (Reisswein). Sie beisst 
z. B. in Rikuchü: Odaru (grosses Fass), in Echigo: 
Tokurizake (Flaschensake), in Sanuki : Nageire 
(wörtlich : llineingeworfenes == Geschenk), in 
Bungo: Sumidaru (Abschluss-Fass), im Shimozuke: 
Kuchikime (Mundabschluss), in Omi : Shimedaru 
(Abschlussfass). In Iwaki und Hizen wird ein Sack 
Thee geschickt. In Osumi besucht der Mann die 
Braut und dann die Braut den Mann, und beide 
bringen Mochi (Reismehlkuchen) mit. In Hiuga 
bringt die Schwiegermutter Sake und Fisch in das 
Haus der Braut, was Deiri (Ausgang-Eingang) ge- 
nannt wird. In Buzen wird ein Trinkgelage gefeiert 
(sumizake = Abschluss-sake). In Awa und Theilen 
von Hiuga begibt sich der Vermittler in das Haus 
der Braut und trinkt feierlich ein paar Schalen 
Sake (sakazuki = Sakeschale, genannt). In Rikuzen 
werden nur die Vertragsurkunden ausgetauscht. In 
Iga wird ein Fass Sake an die sämmtlichen Be- 
wohner des Ortes vertheilt. In Kawachi werden an 
alle Kinder des Dorfes Puppen aus gebranntem 
Thon vertheilt, was Hinamorai (Puppen-Empfang) 
genannt wird. 

Von diesen symbolischen Geschenken oder 
Handlungen ist das Yuinö, das eigentliche Hoch- 
zeitsgeschenk zu unterscheiden. Es wird zwar zu- 
weilen mit dem vorgenannten Geschenk verbunden, 
meistens aber und eigentlich erst nachher kurz vor 
der Hochzeit übersandt. Es besteht in Fisch, Ge- 
flügel, Seetang, Kleidungsstoffen, Flachs oder Geld, 
verschieden im Werth je nach Rang und Reichthum. 
Auch die Frau schickt dem Manne häufig ein Gegen- 
geschenk, welches aber im Werthe unter dem des 
Mannes bleibt und meist die Hälfte desselben nicht 
überschreitet. Der Gebrauch dieser Geschenke ist 
uralt. Er lässt sich nach Küchler a. a. O. bis in's 
8. Jahrhundert n. Chr. verfolgen und scheint ein 
Residuum des an Stelle des ursprünglichen Frauen- 
raubes später getretenen Frauenkaufes zu sein. Das 



52 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



Gegeojjeschenk der Frau ist vermuthlich erst 
späterem Höflichkeitsbedürfniss entsprungen. 

Die Hochzeitsfeier. 
Bezüglich der nun folgenden Hochzeitsfeier 
kann ich mich auf das Wesentlichste beschränken 
und im Uebrigen auf die eingehende Schilderung 
der Einzelheiten und ceremoniellen Vorschriften 
verweisen, welche Küchler a. a. O. gibt. 

Sie besteht heutzutage wesentlich in einem 
feierlichen Gastmahl, welches bei der gewöhnlichen 
Ehe im Hause des Bräutigams, bei der Adoptivehe 
dagegen natürlich im Hause der Braut gehalten 
wird. Im ersten Falle heisst sie Yome-iri (Bfaut- 
Eingang), im zweiten Muko-iri (Bräutigams-Ein- 
gang), im Allgemeinen Konrei oder Shügen. Dabei 
spielt das sogenannte San-san-ku-do (= drei-drei- 
neun-mal) eine Hauptrolle, das ist ein neunmaliges 
abwechselndes Trinken der Brautleute aus der von 
den Shakutori — zwei, Ochö und Mechö (= männ- 
licher und weiblicher Schmetterling) genannten, 
Schenkmädchen — ihnen dargereichten Sakeschale. 
Vor dem Sansankudo und bei diesem trinkt die 
Braut zuerst, nachher alsbald pflegt der Mann eine 
Gelegenheit zu ergreifen, um an den Tag zu legen, 
dass nun das Verhältniss umgekehrt sei. Die Braut 
trägt auf dem Wege zum Hause des Bräutigams 
einen langen weissen Schleier, der das ganze Gesicht 
verhüllt. Derselbe wird während des Sansankudo 
bis zur Stirn gehoben. Nachher wird er abgelegt 
und die Kleidung gewechselt (iro-naoshi = Farben- 
Wechsel). 

An das Yome-iri schliesst sich in vielen Ge- 
genden an einem der folgenden Tage noch das 
Sato-gayeri (Dorf-Rückkehr) an, ein Besuch der 
Eheleute bei den Eltern der Braut, und zuweilen 
auch das Hatsu-aruki (erstes Gehen), ein Vor- 
stellungsbesuch, den die Braut in Begleitung ihrer 
Schwiegermutter oder der Frau desNaködo in allen 
Häusern des Dorfes macht. 

Charakteristisch ist, dass bei sämmtlichen 
Hochzeitsfeierlichkeiten weder eine priesterliche, 
noch eine behordliclie Mitwirkung stattfindet. Der 
Ortsvorstand wird zwar an vielen Orten zum Mahle 
eingeladen, aber er sitzt dann bezeichnender Weise 
unter dem Naködo, der den obersten Ehrenplatz 
einnimmt. 

Die Heiratsanzeige. 
Man darf aber deshalb nicht annehmen, dass 
der japanische Staat sich um die. Eheschliessung 
gar nicht kümmere. Zur Zeit des Feudalismus fand 
sogar eine sehr energische Einmischung des Staates 
statt, freilich nur soweit derselbe ein Interesse hatte. 
Dies war der F'all bezüglich der Eheschlies- 
sungen der Daimyo (d. s. die jetzt mediatisirten 
feudalen Landesfürsten), der Kuge (oder Hofbe- 
amten) und der Samurai, (der Kriegerclasse). 

Die ersten beiden bedurften der Genehmigung 
des Shögun, die letzteren der ihrer unmittelbaren 
Verwaltungsvorgesetzten, des Kashira oder Waka- 
doshiyori. Das Gesuch war nach der Vertrags- 



schliessung, aber vor der Hochzeit einzureichen. 
Was die P'olge der Vernachlässigung dieser Vor- 
schriften angeht, so droht lyeyasu im lo. der so- 
genannten i8 Gesetze nur Strafe an. In einem Ge- 
setz des Shögun Yoshimune vom 28. April 1733 
(18. J. Kyohü) dagegen heisst es, dass P'rauen „nicht 
erlaubt sei, Ehefrauen zu werden" ohne Erfüllung 
der vorgeschriebenen Gesuche und Hochzeitsfeier- 
lichkeiten. Aehnliche Vorschriften s. b. Rudorff, 
Tokugawagesetzsammlung, a. a. O. in den Buke- 
shohatto. Bei den Heimin dagegen, dem Bürger- 
und Bauernstande , genügte eine auch nach der 
Hochzeit zulässige Anzeige an den Ortsvorstand, 
bald unmittelbar, bald durch Vermittlung des lyenushi 
oder Yanushi (des Hauseigenthümers), die lediglich 
der Richtigstellung der Register halber vorge- 
schrieben war. 

Die Regierung des neuen Regime blieb zu- 
nächst bei diesem System. Gebauer berichtet über 
eine Verordnung vom 4. Januar 1870, wonach die 
Eheschliessung zu ihrer Giltigkeit der vorherigen 
staatlichen Erlaubniss bedurfte. Die japanische Ge- 
setzsammlung enthält den Wortlaut nicht, so dass 
ich nicht feststellen konnte, ob sich die Verordnung 
— was indessen unwahrscheinlich ist — auch auf 
die Heimin bezogen hat. Erst durch Verordnung 
vom 23. August 1871 wurde das Princip geändert 
und bestimmt, dass alle Classen der Bevölkerung 
zur Eheschliessung keines vorherigen Gesuches 
um Genehmigung (negai) mehr bedürften, dass viel- 
mehr eine nachherige Anzeige an den Kocho (Ge- 
meindevorstand) oder Kuchö (Bezirksvorstand) 
zwecks Registrirung genüge. Eine Ausnahme be- 
steht jedoch für die Kwazoku, welche nach § 9 des 
Gesetzes vom 7. Juli 1884 zur Eheschliessung der 
Genehmigung des Kunaisho (Hofministerium) be- 
dürfen. 

Was die Folge der Nichtanmeldung anlangt, 
so wurde durch V. O. vom 27. December 1874 und 
nochmals durch V. O. vom g. December 1875 (Nr. 
209) bestimmt, dass Ehen ohne Anmeldung zu den 
Registern ungiltig seien. Die praktische Durchführ- 
barkeit dieser strengen Consequenz scheint indessen 
auf Schwierigkeiten gestossen zu sein. Man änderte 
jedoch das Gesetz nicht, sondern half sich durch 
eine etwas kühne Legalinierpretation. Durch Ver- 
fügung der Ministeriums vom 19. Juni 187 7 wurde 
erklärt, dass trotz der in der V. O. vom g. De- 
cember 1875 vorgeschriebenen .\nzeige die Ehe 
als giltig zu betrachten sei, wenn ihre thatsächliche 
Existenz von den Verwandten und Nachbarn nach 
freiem richterlichen Ermessen als anerkannt anzu- 
nehmen sei. 

Wir finden die Erklärung in dem Bericht des 
Minji Kwanrei Ruishu, wonach in vielen Landes- 
theilen die Anzeigeerstattung gewuhnheitsrecht- 
lichermassen eine äusserst la.xe war und vermuth- 
lich trotz der neuen Vorschriften noch ist. Sie findet 
•danach z. B. Chisagata-gori in Shinano und im 
Miike-göri in Chikugo nur jährlich einmal vom i. 
bis II. Januar, in Suwo in jedem August für alle 
im Jahre geschlossenen Ehen statt, im Takai-gbri 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIiT pOr DEN ORTEMT. 



53 



daselbst erst dann, wenn die Frau schwanger ge- 
\^m worden ist, in Bitchu erst dann, wenn ein Kind ge- 
'^» boren ist, in Mimasaka und Kawachi erst dann, 
wenn das Zusammenleben ergeben hat, dass die 
Eheleute gut zu einand<;r passen und sich vertragen, 
in Izumi und im Ni-i-gori in Chikugo zuweilen erst 
nach drei Jahren. Hesonders vorsichtig scheinen die 
Leute inMikawazusein. Dort findet sich der Brauch, 
dass zuerst ein blosses factisches Zusammenleben, 
Ashi-ire (Kusshineinsetzen) genannt, stattfindet, 
danach bei erkannter Friedfertigkeit der Frau die 
Anzeige erfolgt und dann erst das Yuinö, das Hoch- 
zeitsgeschenk, gegeben wird. 

Ptrfeclion der Ehe. 

Nach dem Vorstehenden erhellt, dass es gar 
nicht einfach ist, zu sagen, von welchem Moment 
an denn eigentlich eine Fhe in Japan als geschlossen 
gilt, von wann an also z. R. die Frau die Strafe des 
Ehebruches trifft, oder dieTrennung durch formelle 
Scheidung möglich ist u. s. w. Japanische Juristen 
geben die Antwort, dass die Ehe jedenfalls dann 
als perfect anzusehen sei, wenn die Anzeige er- 
stattet sei, in deren I'>manglung aber auch dann, 
wenn nur das Sansankudo stattgefunden habe, und 
höchst eventuell auch schon durch das factische 
Zusammenleben im Sinne der citirten Verfügung 
vom ig. Juni 1877. Man wird danach diese drei 
Momente als ebensoviele I'ormen der Eheschliessung 
zu betracliten haben, von denen jede allein genügt, 
wenn auch in der Regel alle drei sich vereinigt finden. 

Was die Folgen der Ferfection des Ehever- 
trages angeht, so ist von einer Klage auf Vollzug 
der Ehe oder Schadenersatz keine Rede, doch 
stimmen alle Berichte in Minji Kwanrei-Ruishu da- 
hin überein, dass nach dem Vertragsschluss in der 
Regel keine Partei mehr zurücktrete. Im fiebrigen 
scheinen die einzigen Conseiiuenzen des blossen 
Ehevertrages zu sein, dass die Rrautkinder den ehe- 
lichen gleichgestellt werden, und die Braut die 
Trauerptlicht gt;genüber den näheren Verwandten 
des Bräutigams auf sich zu nehmen hat. 

Ehehindernisse. 

d) Was das erforderliche Alter angeht, so ist 
in dem 44. der 100 Gesetze des lycyasu : „. . . . 
Nach dem 16. Jahre soll der junge Mann sich einen 
Brautwerber suchen", das 16. Jahr für den Mann 
vorgeschrieben. Die Frauen sind mit dem 13. Jahr 
heiratsfähig. Beide Grenzen scheinen bisher nicht 
geändert zu sein. 

V) Standesunterschiede, 

Im Keishiryo (Theil des Rio no Gige) ist be- 
züglich der Eheschliessungen der Mitglieder der 
kaiserlichen Familie bestimmt, dass den Shinno ge- 
stattet werden kann, sich untereinander und mit den 
ü des 4. Grades inclusive zu verheiraten, nicht 
aber mit O vom 5. Grad oder mit tiefer stehenden 
Unterthanen. Den O vom 5. Grade an dagegen 
war nicht nur die lilhe untereinander, sondern auch 
mit Unterthanen gestattet. Unter Shinnö wurden 



damals die Geschwister und die Kinder eines 
Kaisers oder einer Kaiserin verstanden, unter Ö 
die Nachkommen der Shinnö. () des vierten Grades 
sind die Ururenkel eines Kaisers oder einer 
Kaiserin. Spätere Nachkommen heissen noch O, 
gehijren aber nicht mehr zur kaiserlichen Familie 
im engeren Sinne. Heute heissen nach dem Haus- 
gesetz von 1889 die O überhaupt bis zum Urur- 
enkel Shinnö (bezw. die Frauen Naishinnö) und die 
späteren O (bezw. Nio-ö). Für die Ehe derselben 
ist Artikel 3g entscheidend, wonach die Mitglieder 
der kaiserlichen Familie nur untereinander und 
mit solchen adeligen Familien sich verheiraten 
dürfen, welche durch kaiserliche Verordnung be- 
stimmt sind. 

Seit alter Zeit waren Ehen zwischen den ver- 
schiedenen Ständen der Daimyo, Kuge, Samurai 
und Hciinin nur mit staatlicher Genehmigung ge- 
stattet. Doch war die Handhabung des Verbotes 
wohl nur bezüglich der beiden obersten Classen 
eine strenge. Im Uebrigen scheinen vielfach Um- 
gehungen ül)lich gewesen zu sein. So wird im Minji 
Kwanrei Ruishu aus dem 'I'oshima-gori in Musashi 
berichtet, dass man, um die Ehe einer Frau aus den 
Heimin mit einem Samurai zu ermöglichen, früher 
der Frau einen Karioya (interimistischer Vater), 
also einen fictiven Vater nur ad hoc bestellt habe, ^t^~-p 
später aber die Frau von einem Mann aus dem ,5 
Samuraistande, der dann die Frau in die Ehe gab, '■ ^ 
habe adoptiren lassen. /'^^^ 

Dieses Ehehinderniss ist durch V. O. vom ^'^' 
22. August 1871 für alle Classen beseitigt. Jedoch ^ "j 
soll eine geheime Verordnung für die Kwazokuexi- ^ 
stiren, welche ihnen auch jetzt noch die Einholung *--^ ' 
der Genehmigung der Regierung zur Pflicht macht. Mi^ 

c) Verwandtschaft und Schwägerschaft. Weder 
geschichtlich noch für das geltende Recht ist eine 
positive umfassende Anordnung über die Grenze 
der Ehe zwischen \'erwandten aufzufinden. Dass 
die chinesischen Grundsätze strenger Exogamie 
keinen Eingang gefunden haben, ist indessen zweifel- 
los, trotz des 44. der 100 Gesetze des lycyasu, in 
welchem es — nach der Kempermann'schcn Ueber- 
setzung im 2. Heft der Mittheilungen — ziemlich 
allgemein lautet: „. . . . man soll aber aus seinem 
eigenen Geschlechte kein Weib nehmen, sondern 
bei der Auswahl auf Familien- und Blutabstammung 
Bedacht nehmen". Gewöhnlich wird die Regel auf- 
gestellt, die Ehe sei verboten mit oji (Bruder der 
Eltern), oi (Geschwistersohn), oba (Schwester der 
l>2ltern), mei (Geschwistertochter), kyodai (Bruder) 
und shimai (Schwester), so dass das Verbot bis 
zum dritten Grade unserer Verwandtschaftsberech- 
nung einschliesslich reichen würde. Die gerade 
Linie ist dabei als selbstverständlich weggelassen. 
Für die letztere kommt auch Schwägerschaft, sowie 
die Adoptivverwandtschaft in Betracht, was in einer 
Ministerialverfügung vom 14. Januar 1S87 bezüg- 
lich der Ehe mit der Adoptivtochter (Yöjo) auch 
nach deren Entlassung aus der Adoption, ausdrück- 
lich ausgesprochen ist. Nach derselben Verfügung 



54 



TSESTERREICHISCHE MONATSSCHRrPT FÜR TJEW OHIENT. 



ist auch die Ehe mit der Schwester des Schwieger- 
sohnes und nach einer Verfügung vom 28. Februar 
1888 die mit der Schwester des Adoptivsohnes 
schlechthin verboten. Dagegen bildet (im vollstän- 
digen Gegensatz zu unserer Anschauung) die Adop- 
tivverwandtschaft kein Hinderniss für die Ehe 
zwischen Adoptivgeschwistern. Sonst wäre ja das 
ganze Institut dts Mukoyöshi, bei dem häufig die 
Ehe erst nach der Adoption geschlossen wird, gar 
nicht möglich. Die Ehe mit der Schwester der Frau 
ist nicht unzulässig, wird vielmehr in Suwo z. B. ge- 
radezu als üblich bezeichnet. 

Damit stimmen die Vorschriften über den 
Incest im Wesentlichen überein. Der Kwampö- 
ritsu bestraft den Geschlechtsumgang mit der 
Yöjo (Adoptivtochter), Shimai (Schwester), Oba 
(Tante), Mei (Nichte). Das nach chinesischem 
Muster gearbeitete Strafgesetzbuch aus dem Jahre 
1871 kennt den Incest mit i.der Concubine des 
Vattrs oder Grossvaters, 2. der Vatersschwester 
und Schwester, 3. der Frau oder Concubine des 
Sohnes und Enkels, der Mutterschwester, der 
Brudersfrau und Neffenfrau, der Nichte, Stief- 
tochter und Halbschwester. Der hier statuirte 
weitgehende Schutz in der Seitenlinie ist wohl 
nur dem chinesischen Vorbild entnommen und 
ohne Anhalt im japanischen Rechtsgefühl. Das 
neue jetzt geltende Strafgesetzbuch hat merk- 
würdigerweise über den Incest gar keine Vor- 
schrift. 

li) Bestehende Ehe ist Ehehinderniss und 
macht, wie es scheint, die zweite Ehe nichtig. 
Nach Art. 354 des jetzigen Strafgesetzbuches, 
wird der, welcher trotz bestehender legitimer 
Ehe (baigüsha aru mono) eine neue legitime Ehe 
eingeht, mit Gefängniss von fünf Monaten bis zu 
zw«i Jahren und mit Geldstrafen von 5 — 50 Yen 
bestraft. 

Eine Besonderheit ist, dass im Oitama-göri 
in Uzen nach Scheidung einer Ehe für beide 
Theile auf drei Jahre hin eine neue Eheschliessung 
verboten ist. 

e) Die ehebrecherische Ehefrau und ihr Mit- 
schuldiger dürfen nach Ministerialverfügung vom 
6. October 1886 keine Ehe schliessen. Die Be- 
stimmung scheint gänzlich neu und die Rechts- 
folge ist nicht ausgesprochen. Die Vorschrift 
trifft den Ehemann nicht, da nach Art. 353 des 
jetzigen Strafgesetzbuches nur die Ehefrau wegen 
Ehebruches bestraft wird. 

f) Ein eigenthümliches Ehehinderniss bestand 
früher (und wurde noch bestätigt in der Mini- 
sterialverfügung vom 22. Mai 1873) für die On- 
nakoshu (weiblicher Hausherr), d. h. die Tochter, 
w^che in Ermanglung vorgehender männlicher 
Erben in die Hausherrschaft succedirt ist. So 
lange sie diese Stellung einnimmt, war ihr zur 
Fortpflanzung des Hauses nur die Adoption, nicht 
die Ehe gestattet, weil im Falle der Verheiratung 
die Kinder das Haus des Mannes fortsetzen würden. 
Jetzt ist ihr aber durch Zusatz vom 22. Juli 1873 
zu der V. O. vom 22 Jänner 1873 (in welcher 



der Erbschaftsantritt durch die Tochter geregelt 
wird) ausser der Adoption auch gestattet worden, 
einen Ehemann in ihr Haus aufzunehmen, mit 
der selbstverständlichen FolgCj dass (ebenso, wie 
im Falle der Adoption ihr Adoptivsohn, so hier) 
ihr Ehemann alsbald in die Hausherrschaft als 
Erbe eintritt. Es wird also dadurch derselbe 
Effect erreicht, als wenn der Mann vom Vater 
der Frau adoptirt worden wäre. Durch Verord- 
nung vom 31. August 1877 ist der Erbin er- 
möglicht, sich trotz des Erbschaftsantrittes mit 
Genehmigung der Behörde von einem Manne in 
sein Haus aufnehmen zu lassen, mit der Folge 
natürlich, dass dann ihr Haus erlischt. 

g) Während der Trauerzeit für Eltern oder 
Grosseltern durfte eine Ehe nicht geschlossen 
werden. Zuwiderhandlung wurde nach dem Straf- 
gesetzbuch von. 187 I mit Zuchthaus bis zu neunzig 
Tagen bestraft. Heute besteht indess, wie es 
scheint, ein Rechtszwang in dieser Richtung nicht 
mehr. 

h) Die Eheschliessung zwischen Japanern und 
Ausländern ist in der Verordnung vom 14. März 
1873 geordnet. Darnach verliert sowohl die Aus- 
länderin, welche einen Japaner, als die Japanerin, 
welche einen Ausländer heiratet, ihr Indigenat. 
Japaner bedürfen der Erlaubniss der Regierung. 
Jedoch ist es nach Verfügung vom 11. März 1881 
auch gestattet, dass ein Japaner einen Ausländer 
zu seinem Adoptiv-Schwiegersohn (mukoyöshi) 
macht, und nach Verfügung vom 8. Juni 1881 
kann auch eine selbstständige Japanerin einen 
Ausländer als Ehemann und Hausherrn in das 
Haus eintreten lassen, beides selbstverständlich 
unter der Bedingung, dass der Ausländer japani- 
scher Unterthan wird. 

;■) Erbliche Krankheit in der Familie eines 
der Eheschliessenden (namentlich Schwindsucht 
und Lepra) wird (z. B in Echigo) als Grund 
zum Einschreiten der Verwandten gegen die Ehe 
erwähnt. 

j) Die Ehe ist den buddhistischen Priestern, 
ausser denen der Shinsecte, verboten, nicht je- 
doch den Priestern des Shinto, des nationalen 
Ahnencultus. 



DIE GENUSSMITTEL DES ORIENTES. 

Von Gustav Troll. 
II. 



Die Weinrebe und der Wein haben schon zu den 
ältesten Zeiten in den Ländern des Orientes eine 
grosse Rolle gespielt. Die Bibel berichtet uns, dass 
seit Noah's Zeiten her das auserwählte Volk Gottes 
das köstliche Geschenk der Rebe würdig gehegt und 
gepflegt hat. Dass Trauben sowohl als Rebensaft, 
bei den Kindern Israels in hohem Ansehen standen, 
beweist auch der Umstand, dass sie, nach dem Aus- 
zuge aus Egypten, sich erst dann entschlossen, das 
gelobte T^and zu betreten, als die ausgesandten 
Boten mit der Kunde von seiner grossartigen Frucht- 






I 



OBSTBRRBICHISCHE MONATSSCHRIFT pOr DER ORIENT. 



55 



barkeit zurückkamen und als Beweis dafür zwei 
küstiiciie Riesentrauben mitbrachten. Das alte, so- 
wohl als das neue '["estament spricht sehr häufig 
vom edlen Rebensafte und schon dies beweist, dass 
die Weincultur in jenen fernen Zeiten in hoher 
Blüthe stand. Von den alten Griechen und anderen 
Bewohnern des damaligen Morgenlandes weiss man 
es auch, dass sie einen guten Tropfen wohl zu 
schätzen wussten, ja es wurde sogar ein eigener 
Gott für die Weinseligen eingesetzt, dessen An- 
sehen bei seinen opferwilligen Anhängern sich so- 
gar bis auf unsere prosaischen und allen Göttern 
abholden Zeiten erhalten hat. Bacchus und seine 
Verbündete, Venus, haben ihr Reich trotz aller 
Götterstürze bis auf den heutigen Tag erhalten und 
die Medicinmänner wissen auch heute noch von 
einem mitunter übertriebenen Cultus dieser Gott- 
heiten zu erzählen, den sie freilich etwas prosaisch 
als Exccsse in baccho et in venere bezeichnen. 

Mit der Herrschaft des Islams begann der 
Verfall des Weinbaues im Oriente. Dem finsteren, 
fanatischen Charakter dieser Religion entsprach die 
heitere, sorglose Lebensauffassung, wie sie der 
Weinbau und Weingenuss mit sich brachte, nicht, 
deshalb erliess der Prophet sein Weinverbot und 
begrüntlete damit, man kann es wohl allen Ernstes 
behaupten, die Macht und die Schreckensherrschaft 
seiner Anhänger und Nachfolger. In allen Ländern, 
welche sich der Islam unterwarf, schwand die Wein- 
cultur zum Zwecke der Weingewinnung fast gänz- 
lich. Nur die Traube als Frucht war geduldet, ilires 
Wohlgeschmackes wegen geschätzt und im Ge- 
heimen von manchem sonst glaubenseifrigen Moslim 
sorgsam gepflegt. Wie manche Gartentraube ward 
im Verborgenen in Most und Wein verwandelt und 
wie mancher Rausch mag wohl daraus schon ent- 
standen sein ! In jenen Ländern des Islam, deren 
ursprüngliche christliche Bevölkerung ihrem Glauben 
trotz aller Bedrückung treu blieb, blieb auch der 
Weinbau erhalten, musste sich aber auf das ge- 
ringste Ausmass beschränken und hatte mit zahl- 
losen Schwierigkeiten zu käm[)fen. Erst seit unser 
Jahrhundert die Macht des Islams gebrochen und 
den christlichen Völkern seiner Herrschaft eine 
relative Freiheit gebracht hat, ist der Weinbau im 
Oriente wieder in Schwung gekommen. Die von 
Alters her vveingesegneten Länder haben nach und 
nach ihren natürlichen Reichthum auszubeuten ge- 
lernt, aber im Ganzen und Grossen ist der Weinbau 
auch heute noch im Oriente auf eine ziemlich 
niedrige Stufe gestellt. Inder grossen Mehrzahl der 
orientalischen Länder kann von Weinbau eigent- 
lich keine Rede sein. In Syrien wurde vonaltersher 
von der christlichen Secte der Maroniten Weinbau 
betrieben und seit dieses Volk im Libanon eine ge- 
wisse Freiheit geniesst, hat auch der Weinbau auf 
den Abhängen des Libanon wirklich zugenommen. 
Die Libanonweine zeichnen sich durch Stärke, 
edles Feuer und Wohlgeschmack aus, berühmt ist 
besonders der Wein von Sehtora, eines Dorfes am 
Fusse des Libanon in der sogenannten Bekaa ge- 
legen, an der Kunststrasse, die von Beirut nach 



Damaskus führt. In Palästina verdankt die Wein- 
cultur den deutschen Colonisten (Templern) ihre 
Wiedergeburt und die Weine von Jerusalem und 
Bethlehem zeugen von der untilgbaren Fruchtbar- 
keit des einstigen gelobten Landes. In Europa sind 
die Palästina- und Libanonweine noch viel zu wenig 
bekannt, obwohl sie sich ihres grossen Alkohol- 
und Phosphorsäure-Gehaltes wegen auch ganz be- 
sonders zu stärkenden Medicinalweinen eignen 
würden. Der natürliche Reichthum dieser gesegneten 
Landstriche wird jedoch früher oder später sicher 
zur Geltung kommen. 

An der ganzen nordafrikanischen Kflste ist der 
Weinbau, einestheils wegen der Bodenbeschaffen- 
heit, anderntheils wegen der ausschliesslichen Herr- 
schaft der Mohammedaner ganz in Verfall gerathen. 
Selbst Trauben wurden und werden auch heute 
noch von Spanien, Slcilien, Malta und Griechenland 
eingeführt. Nur Algier macht seit einiger Zeit eine 
rühmliche Ausnahme. So jung die dortigen Wein- 
culturen auch sind, so bilden sie doch schon jetzt 
einen Hauptreichthum des Landes und liefern den 
Hauptartikel im Waarenaustausch der C'olonie mit 
dem Mutterlande. Die Weine von Algier können 
sich an Güte und Feinheit mit den besseren Sorten 
der Palästina- und Libanon-Weine zwar nicht 
messen, aber sie eignen sich vortrefflich dazu, die 
im Niedergang begriffene Weinproduction Frank- 
reichs zu ersetzen. 

In Griechenland gewinnt die Weincultur eben- 
falls immer mehr und mehr an Boden und die 
griechischen Weine bilden schon heute einen 
wichtigen Handelsartikel. Kleinasien dagegen pro- 
ducirt wenig Wein, aber viel Trauben. DieSmyrnaer 
Trauben geniessen eines wohlbegründeten Rufes, sie 
versorgen nicht allein Constantinopel , sondern 
werden auch weiter exportirt. Auch die Balkan- 
halbinsel ist verhältnissmässig arm an Wein. Der 
ungemein rasche Aufschwung der Weincultur in 
.Algier erweist jedoch zur Genüge, dass der Wieder- 
aufschwung des Weinbaues im Oriente nur eine 
Frage der Zeit ist. 

Viele Länder des Orientes würden sich vor- 
züglich zum Weinbau eignen, obwohl sie ihn gegen- 
wärtig noch gar nicht betreiben. Das Klima von 
Abcssynien z. B. ist namentlich in den höher ge- 
legenen und besser bewässerten Theilcn für die 
Anpflanzung des Weinstockes wie geschaffen. Trotz- 
dem wird der Weinbau dort gar nicht betrieben, 
ja der Wein selbst ist fast ganz unbekannt. 

Mit der Zunahme europäischer Cultur und 
europäischen Einflusses ist in den Ländern des 
Orientes im engeren Sinne auch der Verbrauch 
von Wein bedeutend gestiegen, und da die eigene 
Erzeugung hicfür noch lange nicht genügt, so er- 
gibt sich die Nothwendigkeit fremder Einfuhr. In 
jedem einzelnen Gebiete des Orientes hat sich 
naturgemäss dasjenige Land dieses Bedürfnisses 
bemächtigt , welches vermöge seiner Lage und 
setner Handelsverbindungen hiezu am nächsten be- 
rufen war. So bezieht Marokko, das übrigens auch 
heute noch sehr wenig Wein verbraucht, seinen 



56 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT 



Bedarf fast ausschliesslich von Spanien. Algier, das 
noch vor zwanzig Jahren fast seinen gesammten 
Weinbedarfvom Mutterlande bezog, ist heute schon in 
der Lage, seinen eigenen Bedarf zu decken und 
namhafte Weinausfubr zu betreiben. In Tunis hat 
seit Kurzem der Weinbau ebenfalls begonnen, 
doch wird noch sehr viel von Frankreich (Kunst- 
wein), Algier und, besonders früher, von Italien 
eingeführt. Tripolis bezieht seinen Wein meist von 
Griechenland und Italien, doch ist der Verbrauch 
gering, in Egypten wurden früher hauptsächlich 
italienische und französische Weine getrunken ; in 
neuerer Zeit werden griechische Weine (nament- 
lich von Cypern) und Weine aus Oesterreich-Ungarn 
stark eingeführt. Palästina und Syrien deckt so 
ziemlich den eigenen Bedarf, doch werden noch 
ziemliche Mengen von Cyperweinen eingeführt, 
namentlich die geringeren Sorten des sogenannten 
Schlauchweines, der von seiner Aufbewahrung in 
Bocksschläuchen einen ziemlich unangenehmen Bei- 
geschmack erhält, und der nicht minder unangenehm 
schmeckende Harzwein, dessen Beigeschmack von 
einer Behandlung des Weines mit Pech herrührt. 
Kleinasien erzeugt zum Theil selbst Wein (der 
bekannteste ist der Brussa-Wein), zum Theil be- 
zieht es denselben von Cypern und Griechenland. 
Das eigentliche Weinland der Mohammedaner ist 
jedoch Persien, wo von altersher der Weincultur 
grosse Beachtung geschenkt wurde. Die berühmteste 
Sorte Perser-Weine ist der schwere , braunrothe 
^ Wein von Schiras, daran reihen sich die Weine 
/■von Ispahan und Hamadan. In Constantinopel wird 
ausser den feineren französischen und deutschen 
Flaschenweinen hauptsächlichgriechischer, in letzter 
Zeit auch viel rumänischer und ungarischer Wein 
getrunken. 

Die übrigen Balkanländer, soweit sie noch 
zum Oriente zählen, erzeugen ihren geringen Be- 
darf an Wein entweder selbst, oder beziehen ihn 
aus den Nachbarländern, namentlich von Rumänien 
und Ungarn. 

Im Verhältniss zu dem geradezu enormen 
Verbrauch von Branntwein, ist der Weinconsum 
des Orientes ein sehr geringer und beschränkt sich 
hauptsächlich auf die eingewanderten Fremden. 
In der letzten Zeit hat auch hier der Pseudo-Gott 
Gambrinus allenthalben seinen siegreichen Einzug 
gehalten und der Bierconsum ist fortwährend im 
Steigen begriffen. 

Der geringe Verbrauch von Wein erklärt sich 
nicht sowohl aus religiösen, als aus den wirthschaft- 
lichen Verhältnissen der orientalischen Länder. 
Die einheimische Bevölkerung ist im Allgemeinen 
sehr arm, sie muss in den meisten Fällen hart 
arbeiten, um sich den kargen Lebensunterhalt zu 
verdienen. Nichts ist daher natürlicher als dass die- 
jenigen, die der Stärkung bedürfen, oder die Be- 
täubung wünschen, zum billigen leicht erhältlichen 
Branntwein oder zu einem Narcoticum greifen. In 
den Küstenstädten des Orientes, da, wo die Ein- 
geborenen im Kampfe um ihre Erhaltung den ein- 
dringenden Fremden gew-enüber gezwungen sind, 



ihre Arbeitskräfte auf das Aeusserste anzuspannen, 
findet man daher überall die Thatsache, dass der 
Eingeborene mehr dem Branntweingenusse, der 
Fremde aber dem Weingenusse ergeben ist. Die 
Vornehmen unter den Einheimischen trinken öffent- 
lich Bier, auf welches sich das Verbot des Pro- 
pheten natürlich nicht bezieht, Wein aber nur im 
Geheimen. 

Dringt man weiter in das Innere orientalischer 
Länder, wo die Cultur immer mehr und schliesslich 
ganz schwindet , so findet man zahlreiche ein- 
heimische Getränke mit berauschender Wirkung, 
aber auch hier verhältnissmässig wenig weinartige. Es 
sind dies vornehmlich die Palmweine, zu deren Be- 
reitung die culturell wichtigste Pflanze jener Gegen- 
den, die Palme dient. Die Zellen der Blüthenscheiden, 
ferner die Fruchthüllen und das Gewebe des Stammes 
vieler Palmarten enthalten einen eiweiss- und zucker- 
reichen Saft. Dieser Saft wird nun auf irgend eine 
Weise gewonnen (häufig indem man den Stamm 
anbohrt und in das Bohrloch ein Rohr bringt, durch 
welches der Saft ausfliesst und dann der Gährung 
überlassen wird ; natürlich leiden die Bäume bei die- 
ser Behandlung sehr) und gibt in frischem Zustande 
ein mostähnliches Getränk, gegohren den Palm- 
wein. Im tropischen Asien dient namentlich die 
Weinpalme, Palmyrapalme (Borassus flabelliforius 
L.) zur Bereitung des Palmweines. Auf Ceylon und 
Java bereitet man denselben aus den Blüthenkätzchen 
der Weinpalmen. In einigen Theilen Ostafrikas dient 
Raphia vinifera, in anderen Elais guinensis zur Be- 
reitung des Palmweines, den man dort Bourdon und 
Malaffa nennt, in Marokko Lagmi. im indischen 
Archipel und auf den Molukken Sagawir (aus dem 
Safte von Arenga und anderen Palmen bereitet). In 
Indien nennt man den Palmwein auch Toddy, doch 
ist Toddy eigentlich ein englisches Getränk aus 
Branntwein, Zucker, Eis und Wasser. Auf den Ge- 
sellschaftsinseln findet sich der Palmwein unter 
dem Namen TU und wird aus Arenga saccharifera, 
Cocos nucifera und anderen Palmarten bereitet. In 
Afghanistan, Beludschistan und Turkestan kommt 
unter dem Namen Arza Arki ein Getränk vor, 
welches eine Art von Fruchtwein darstellt und aus 
Maulbeeren, Pfirsichen und Tamarinde bereitet 
wird; auch ein Schnaps wird daraus destillirt. Gut 
ausgegohrener Palmwein gibt ein ganz angenehmes, 
süssliches Getränk, in seinem Geschmacke ähnlich 
dem Traubenweine, ohne jedoch dessen physiolo- 
gische Wirkung zu besitzen. In Europa findet sich 
etwas Aehnliches im Ahorn und im Birkenvvein, die in 
Norddeutschland gebräuchlich sind. 

Bedeutend umfangreicher ist jene Classe 
alkoholischer Getränke, welche unter der Be- 
zeichnung Bier die grosse Menge der halb- 
gegohrenen Berauschungsgetränke des Orientes 
umfasst, die freilich mit den in Europa gang- 
baren Biersorten in den meisten Fällen keine 
besondere Aehnlichkeit aufweisen. Das Bier wird 
gewöhnlich als eine deutsche Erfindung betrachtet, 
und die Sage nennt den mythischen König 
Gambrinus von Brabant als den Entdecker der 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT fOr DEN ORIENT 



57 



angenehmen Eigenschaften des Gerstensaftes. Es 
ist jedoch längst nachgewiesen, dass das Bier 
bereits im Alterthum wohl bekannt war. Ver- 
schiedene griechische und römische Schriftsteller 
(Aeschyius, Sophokles, Flinius u. A.) erwähnen 
dasselbe in ihren Schriften. In der ägyptischen 
Stadt Pelusium, an einer der Nilmündungen ge- 
legen, wurde in alten Zeiten ein berühmtes Bier 
gebraut, wie etwa heute in München, und man 
nannte in Folge dessen das Bier auch vielfach 
Pelusisches Getränk, Von Egypten aus soll 
das Geheimniss des Bierbrauens sich weiter 
verbreitet haben und auch nach dem Norden 
Europas gekommen sein. Indessen ist es ziemlich 
wahrscheinlich, dass das Bier der alten Welt mit 
unseren heutigen Bieren keine grosse Aehnlichkeit 
gehabt haben dürfte und dass die culturgeschicht- 
liche Bedeutung dieses Getränkes erst durch die 
grosse Verbreitung, die es von den deutschen 
Ländern aus in allen l'heilen der Welt fand, 
bedingt worden ist. 

Nach den zu ihrer Bereitung dienenden Stoffen 
kann man die Biere in drei Classen einreihen. 
Die erste Classe, zugleich die älteste, kenn- 
zeichnet sich durch die gänzliche Abwesenheit 
von Malz, die zweite wird ausschliesslich mit 
gekeimter Gerste erzeugt und umfasst die ver- 
schiedenen Bierarten, wie sie in Europa gangbar 
sind. Die dritte Classe nimmt eine Zwischen- 
stellung unter den beiden ersten ein: als Be- 
reitungmateriale dienen für diese Bierarten rohe 
Kornfrüchte, jedoch wird auch Malz zugesetzt. 
Während die zweite Classe, also das, was der 
Europäer gewöhnlich unter Bier versteht, einen 
verhältnissmässig hohen Alkoholgehalt aufweist, 
enthalten die beiden letzteren (für die als typisch 
der Meth und die Busa gelten können) viel 
weniger Alkohol, dagegen mehr Extractivstoffe 
und stickstoffhaltige Substanzen, sie besitzen dem- 
nach einen ganz hervorragenden Nährwerth und 
sind nicht nur Genuss- sondern auch Nahrungs- 
mittel. 

Solche bierartige, zumeist der zweiten Classe 
angehörige Getränke finden sich im ganzen 
Oriente und ist dafür besonders der Name Busa 
(Kuza, Boza) verbreitet. Bei den mongolischen 
Völkern in Turkestan wird die Busa aus Reis 
erzeugt und gerade nur bo viel Malz zugesetzt, 
als zur Umwandlung der Stärke in Zucker er- 
forderlich ist. Dieses Malz wird aus Hirse be- 
reitet. Nach einer vorgenommenen Analyse dieser 
Busa enthielt dieselbe drei Tage nach der Be- 
reitung 3'I5 Percent Alkohol, 8m8 Percent Ex- 
tractivstoffe, 2' 15 Percent Stickstoffsubstanzen und 
0'i52 Percent Milchsäure. Durchschnittlich enthält 
dasselbe also i '/j — 2 Percent weniger Alkohol, 
als das gewöhnliche (europäische) Bier, zweimal 
mehr Extractivstoffe, 2 2 7mal mehr Stickstoff- 
Substanzen und etwa 4 — 5ma! mehr Milchsäure; 
ausserdem enthält die Busa auch noch circa 
0'65 Percent Fett. Aehnliche Getränke sind Bagari 
im Kaukasus und die bei dfii Kosaken gebräuch- 



liche Braga, aus Hafermehl oder Hirse mit Zusatz 
von Malz, theilweise auch mit Hopfen dargestellt. 

In der Krim wird von den Tataren ebenfalls 
ein bierartiges Getränk, Murra oder Burra, erzeugt, 
welches jedoch der ersten Classe der Bierc an- 
gehört, indem es ohne Malzzusatz aus Reis er- 
zeugt wird. Dieses Getränk enthält blos an 
0"25 Percent Alkohol, dagegen fast 8 F'ercent 
Extractivstoffe und über 2 Perceot Stickstoff- 
Substanzen. In ähnlicher Weise verhalten sich die 
übrigen bierartigen Getränke, welche bei allen 
orientalischen Völkern verbreitet und besonders 
in Afrika sehr zahlreich sind. Alle diese Biere 
werden, soweit sie der dritten Classe angehören, 
aus Getreide dargestellt. Bei ihrer Bereitung 
spielen der Reis und die Durra eine grosse 
Rolle. Die Durra oder Mohrenhirse, auch Kaffern- 
korn, Negerkorn, Kolbenbirse, Besenkraut ge- 
nannt (Sorghum persic. vulg.), ist in ganz Afrika 
und (^entralasien die verbreitetste Culturpflanze. 
Sie dient als Brotfrucht, als Viehfutter, zur Er- 
zeugung alkoholischer Getränke, von Spiritus 
und Essig; selbst die Rispen werden noch zur 
Anfertigung von Besen verwendet. Die grosse 
Nützlichkeit dieser Pflanze für jene Gebiete lässt 
sich nur mit jener der Cocos- oder Dattelpalme 
vergleichen. In primitivster W^eise wird die Durra 
bei den Negervölkern zwischen zwei Steinen ver-^ 
rieben und mit Wasser, unter Zusatz eines Gäh- 
rungserregers (Malz) angesetzt. Das trübe, milchige, 
säuerlich schmeckende Getränk, das auf diese 
Weise erhalten wird , hat wohl sehr wenig 
Aehnlichkeit mit dem, was wir Europäer unter 
Bier verstehen, dennoch erfreut sich dasselbe 
bei seinen Consumenten grosser Beliebtheit und 
wird in ansehnlichen Mengen genossen. Am ge- 
bräuchlichsten ist dieses Bier, für welches als 
typisch die Busa gelten kann, bei den Nilvölkern 
und im Sudan. In Egy[)ten stellt die Busa ein 
schmutzig - weisses , dickflüssiges, tintenartig 
schmeckendes Gebräu dar, dass die grösste 
Aehnlichkeit mit einem dünnen Mehlpapp bat 
und nach unseren Begriflen nichts weniger als 
angenehm schmeckt. Der Alkoholgehalt desselben 
ist sehr gering. In Nubien und Kordofan, dann 
im Sudan kommt ein ähnliches Getränk, aus Hirse 
bereitet, unter dem Namen Butbal vor, welches 
meist bedeutend stärker ist, d. b. berauschender 
wirkt, als die egyptische Busa. Der Name Dalla 
oder Talla ist für ein Bier aus Küschelraais im 
Sudan gebräuchlich und wird auch in Abessyoicn 
für ein aus Gerste bereitetes Getränk verwendet. 

Die Darstellung der abessynischen Dalla er- 
folgt in nachstehender W^eise : eine bestimmte 
Menge ausgewählter, gleichkörniger Gerste, die 
von aller Spreu gereinigt wurde, wird in eine Grube 
gebracht, welche man in den trockenen Erdboden 
gräbt und mit Blättern auslegt. Der Gerstenhaufen 
wird ebenfalls mit Blättern überdeckt und hierauf 
die Grube mit Erde zugeschüttet. Drei Tage nach- 
her wird die Gerste aus der Erde wieder ausge- 
graben, durch die fruchte Wärme des Bodens hat 



58 



DESTERT«EICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



dieselbe theilweise schon den Keimungsprocess 
durchgemacht und spielt nun die Rolle des Malzes. 
Man bereitet daraus einen flachen breiten Brot- 
kuchen, den man Bekel nennt. Nun wird weiters 
Gerste mit einer gewissen, kleineren Menge von 
MaschiUa (Sorghum) gemischt, geröstet und zu Mehl 
verrieben. Dazu kommen noch die getrockneten 
und gepulverten Blätter e.\ne.r Dschischu oder Gischu 
genannten Pflanze, welche die Würze bildet und 
somit die Rolle des Hopfens besitzt (sie soll mit 
demselben auch eine ziemliche Aehnlichkeit haben). 
Dies innige Gemisch von Gersten- und Sorghum- 
mehl mit Dschischu wird in ein grosses Gefäss ge- 
bracht, worauf der Bekel, der vorher mit Wasser 
zu einem Brei angerührt und langsam unter fort- 
währendem Umrühren bis zum Kochen erwärmt 
wurde, zugesetzt und das Ganze mit Wasser über- 
gössen wird. Das Gefäss wird nun gegen Abküh- 
lung geschützt und etwa zehn Tage lang ruhig 
stehen gelassen, in welcher Zeit die Gährung lang- 
sam vor sich geht. 

Die so erhaltene trübe, halbgegohrene Flüs- 
sigkeit wird vor dem Gebrauch durch ein Tuch 
tiltrirt und bildet die Dalla. Aehnlich ist die Be- 
reitungsweise aller dieser Getränke. 

In Mittelafrika wird ein aus Getreide her- 
gestelltes Bier Merissa und in Tumala Ngaslo 
.genannt. Ferner wird da in manchen Gebieten 
aus den Wurzelknollen von Cyperus esculentus 
(Erdmandel) eine Busa erzeugt. In Südafrika wird 
das Kafferbier, Mapira-Mabli bei den Kaflern 
aus Durra, bei anderen Völkern das Pombi aus 
verschiedenen Getreidearten dargestellt. In Nord- 
afrika dient der Lotus (wahrscheinlich Nimphea 
stellata W.), dessen Samen und Wurzelstöcke 
äusserst stärkereich sind und daher auch als 
Nahrungsmittel Verwendung finden, zur Bereitung 
eines bierartigen Getränkes Damutsch. 

Die zur ersten Classe gehörigen methartigen 
Biete sind ebenfalls recht zahlreich, zeichnen sich 
aber vor den anderen durch einen meist geringeren 
Alkoholgehalt, dagegen durch angenehmeren Ge- 
schmack aus. Unter dem Namen Busa kommen 
besonders in Nordatrika verschiedene Getränke vor, 
welche gewöhnlich aus Hirse mit ^satz von Honig 
bereitet werden und dieser Classe angehören. In 
Abessynien werden theils aus Honig und Kräutern 
(Tetsch), theils aus Getreide {Techl) verschiedene 
methartige Getränke hergestellt, ebenso weiter 
unten in Ostafrika aus Durra, Honig und allerlei 
Gewürzen die Boyaloa oder Oaloa. 

Der Tetsch oder Teg wird aus Honig, Wasser 
und Dschischublättern bereitet, indem man in einem 
grossen Gefässe den Honig mit einer grösseren 
Menge Wasser mischt, so dass eine schwach süsse 
Flüssigkeit erhalten wird. Hierauf gibt man die ge- 
trockneten und dann leicht gerösteten Dschischu- 
blätter hinzu und giesst das Ganze in ein grosses 
Thongefäss, welches verschlossen und dann mit 
glühenden Kohlen umgeben wird. Die Kohlen be- 
zwecken eine leichte Erwärmung der Flüssigkeit 
und werden nach kurzer Zeit wieder entfernt. So 



dann wird die Flüssigkeit von den Blättern klar 
abgegossen. Kurze Zeit danach stellt sich schon 
eine starke Gährung derselben ein und nach vier- 
undzwanzig Stunden ist das Getränk bereits ge- 
niessbar, am wohlschmeckendsten wird es aber 
erst nach drei bis vier Tagen. Es ist ein ange- 
nehmes, erfrischendes Getränk, welches, in Folge 
der Gährung, in der es sich befindet, stark kohlen- 
säurehältig ist. Es wird am Ende der Mahlzeiten 
genossen und häufig mit Araki gemischt, um die 
berauschende Wirkung zu erhöhen. 

In den Küstenstädten, wo die europäische 
Cultur festen Boden gefasst hat, nimmt der Ver- 
brauch des europäischen Bieres stetig zu und 
ist schon heute zu einem ansehnlichen Export- 
artikel für den Orienthandel geworden. In manchen 
Ländern des Orientes (so namentlich in Algerien, 
Tunis, Egypten, Palästina, Türkei) bestehen sogar 
schon eigene Bierbrauereien , die Erzeugnisse 
derselben lassen jedoch noch viel zu wünschen übrig. 
Im Gebiete des Mittelmeeres ist das sogenannte 
Wiener Bier (Birra di Vienna) allgemein ver- 
breitet. Es ist dies zumeist Dreher'sches Export- 
bier aus der 'Priester Brauerei, aber auch Grazer 
und Marburger Biere, und von österreichischen 
noch Liesinger, meist in Flaschen finden ihren 
Weg bis tief in's Innere dieser Gebiete. Selbst- 
verständlich wird, besonders in Egypten und in 
den grösseren Hafenstädten des türkischen Reiches, 
auch viel bayerisches Bier consumirt, ausserdem 
englische Biere und in den französischen Colonien 
Elsässer Bier. 

Bezüglich des Bieres stellen sich die Moham- 
medaner bekanntlich auf den Standpunkt, dass 
dasselbe durch den Koran nicht verboten sei, 
in Folge dessen wird der Genuss desselben als 
gestattet angesehen. Ich habe aber schon häufig 
beobachtet, dass biertrinkende Mohammedaner 
damit gewissermassen nur der Mode huldigen, 
während in Wahrheit das bitterlich schmeckende 
Getränk ihrem an Süssigkeiten gewohnten Gaumen 
wenig Reiz bietet. 

Hiemit wären die eigentlichen alkoholischen 
Getränke erschöpft, dagegen eröffnet sich noch 
eine ganze Reihe von Genussmitteln, welche theils 
in Form von Getränken, theils als Rauch- und 
Kaumittel, oder in Form von zubereiteten Zucker- 
plätzchen und Pillen bei den orientalischen Völkern 
allgemein in Gebrauch sind und wie die alkoholischen 
Getränke entweder erregend oder berauschend 
wirken. Je nach ihrer Wirkung kann man sie 
in zwei Gruppen eintheilen und zwar in solche, 
welche Coffein oder ähnliche Alkaloide enthalten 
und in Folge dessen eine erregende Wirkung 
auf das Nervensystem ausüben, also bei nicht 
übermässigem Genuss unschädlich, in vielen 
Fällen sogar zuträglich sind und in solche, die 
eine berauschende, zum Theil betäubende, also 
narkotische Wirkung auf die menschlichen Nerven, 
ausüben. Zur ersten Gruppe gehören insbesondere 
-Kaffee, Thee, Cacao, die Kolanuss und das Kath 



OESTERRBICH1SCHB MOWATSSCHBtFT FDR OEW ORIENT. 



M 



Uer Kaffee ist das orientalische Getränk par 
excelience, zugleich ein Genussmittel von echt 
orientalischer Herkunft und Abstammung, welches 
aus dem Morgenlande seinen Siegeszug durch die 
ganze Welt angetreten hat und heute für alle Cul- 
turvölker in socialer und volkswirthschaftlicher 
Hinsicht einer der wichtigsten und bedeutendsten 
Verbrauchsartikel geworden ist. Die Stammpllanze 
des Kaffees ist bekanntlich ein zur Gattung Coffea L. 
gehöriger Strauch, der im tropischen Afrika und 
Asien einheimisch ist und dessen wichtigste Art 
Coffea arabica L. im Sudan und in Abessinien ihre 
Heimat hat. Ob der Kaffeestrauch auch in Arabien 
einheimisch ist, hat man bisher nicht mit Bestimmt- 
heit feststellen können, es ist aber im hohen Grade 
wahrscheinlich. Gegenwärtig wird in fast allen, der 
Cultur erschlossenen tropischen Ländern, beson- 
ders aber in Südamerika und Westindien, Kaffee 
angebaut, die beste und geschätzteste Sorte ist 
aber immer noch der sogenannte Mokka, der echte, 
arabische Kaffee, der freilich in Europa so gut wie 
gar nicht zu haben ist. 

Der ungeheuere Verbrauch von Kaffee im 
Oriente ist bekannt, ebenso, dass die Bereitung 
dies vorzüglichen Genussmittels gegenüber der 
in Europa und anderen Culturländern gebräuch- 
lichen sehr verschieden ist. Unstreitig gebührt der 
orientalischen Kaffeebereitung der Vorzug, denn 
sie liefert einen wirklichen, duftigen Kaffee-Auszug, 
während der nach fränkischer Art zubereitete 
Kaffee wenig, oder gar kein Kaffee-Aroma besitzt 
und grosstentheils mit Milch vermischt genossen 
wird, was im Oriente nicht der Fall ist. In Persien 
wird feiner Kaffee häufig trocken gegessen und 
zwar entweder die massig geröstete Bohne selbst, 
oder zu feinem Pulver gestossen löffelweise, in 
der Art wie Bonbons oder Conserven. Die Araber 
trinken ihren Kaffee meist ohne Zucker, weil sie 
behaupten, dass das Aroma desselben auf diese 
Weise besser zur Geltung gelangt. In der 'l'hat hat 
dies Manches für sich und ich muss Jedem, der 
echten, feinen Kaffee kennen lernen will, anrathen, 
sich eine Tasse dieses duftigen Getränkes bei den 
Beduinen der syrisch-arabischen Wüste anbieten 
zu lassen, dann wird er wissen, wie dieser von den 
orientalischen Dichtern so gepriesene Wundertrank 
wirklich schmeckt. IJebrigens erhält man in den 
meisten Kaffeehäusern des Orientes, besonders aber 
in den arabischen Ländern, vorzüglichen Kaffee, 
und man muss gestehen, dass eine Schale dieses 
Getränkes nebst duftigem Tabakrauch aus Narghilc 
oder Cigaretten zu den wenigen wirklichen Ge- 
nüssen gehört, welche der Orient auch dem Euro- 
päer gewährt. Freilich ist nicht Alles Gold, was 
glänzt, und nicht Alles Kaffee, was in Kaffeeschalen 
ausgeschänkt wird. Habe ich doch schon so man- 
chen dicken Eft'endi und Sidi gesehen, der sich 
seine Kaffeeschale so lleissig füllen liess, dass es 
ihm darnach etwas schwer wurde, das Kaffeehaus 
zu verlassen. Dieser besonders starke Kaffee war 
aber hell und klar wie Wasser und hatte eine ver- 
dächtige Aehnlichkeit mit dem verpönten oder 



wenigstens unschicklichen Arak. So wahrt man die 
Form und thut doch, was das Herz begehrt, im 
Oriente so gut, wie anderwärts. 

Ein nicht minder wichtiges Genussmittel für 
die ganze heutige Welt ist der Thee, dessen Heimat 
bekanntlich in China liegt. Aber mit Ausnahme der 
chinesischen und russischen und einiger angrenzen- 
den asiatischen Völker, hat sich der Thee im Oriente 
als allgemeines Genussmittel nur noch bei den 
Persern und in Marokko eingebürgert, während er 
bei den übrigen orientalischen Völkern entweder 
gar nicht, oder sehr wenig gebräuchlich ist, jeden- 
falls aber nicht die dem Kaffee zukommende Wich- 
tigkeit besitzt. In Marokko ist der Gebrauch von 
Thee fast noch grösser, als jener von Kaffee. In 
Persien wird der Thee von bemittelten Leuten 
Morgens und Abends genossen, und zwar Abends 
meist mit einer Opiumpille. Die Afghanen und Ta- 
taren setzen ihrem Theeaufguss statt Zucker Salz 
zu, während die russischen Theetrinker bekannt- 
lich entweder gar keinen Zusatz machen, oder ein 
Stückchen Zucker in den Mund nehmen und darauf 
den Thee trinken, wodurch der feine Theeduft 
besser zur W^irkung gelangen soll. 

Cacao (von Theobroma Cacao L.) ist im tropi- 
schen Amerika einheimisch, wird jedoch auch in 
vielen anderen Tropenländern cultivirt und in den 
Culturländern stark verbraucht. Für den Orient be- 
sitzt der Cacao als Genussmittel keine Wichtigkeit, 
blos in einigen Gegenden Westafrikas werden aus 
demselben von den Eingebornen Getränke zu Ge- 
nusszwecken dargestellt. 

Ein wichtiges Genussmittel für einen bedeu- 
tenden Theil Afrikas bildet die Kolanuss (Guru- 
oder Ombene-Nuss). Es ist dies der Same von 
Sterculia acuminata Beauvais, eines 200 — 300 m 
hohen Baumes, der an der westafrikanischen Küste 
wächst und sich von dort weiter in's Innere zieht. 
In neuerer Zeit wurde der Kolabaum auch in San- 
sibar, Indien, Ceylon etc. gcptlanzt. Die Kolanuss 
stellt eine kastanienähnliche Frucht dar, welche in 
dem politischen und religiösen Leben der Neger- 
völker jener Gebiete eine bedeutende Rolle spielt. 
Wie seinerzeit die Cacaobohne in Mexico, so wird 
von Negern die Kola als Münze benutzt, ferner 
dient sie zur Bereitung eines kaffeeäbnlichen Ge- 
tränkes und wird wie die Hetelnuss gekaut. Die 
Kolanuss enthält nahezu 2'/, Percent Coffein und 
etwas Theobromin (das wirksame, dem Coflfern 
ähnliche Princip derCacaobohne),ausserdem Zucker, 
Stickstüffsubstanzen und Stärke. Der Cofftingehalt 
der Kola ist bedeutender, als jener des Kaffees und 
aller anderen bisher bekannten Droguen und diesem 
hohen Gehalte an dem wirksamen Principe ver- 
dankt die Kolanuss ihre Verwendung, die in ihrer 
Heimat eine so wichtige und ausgedehnte ist, wie 
jene der Coca in Südamerika. 

Es heisst, dass der Genuss einiger Kolanüsse 
bei ganz ungenügender Nahrung die Neger zu den 
grössten Anstrengungen befähigen soll, ja dass 
derselbe sie in Stand setzt, tagelang ohne Nah- 
rung auszuhalten und dabei die grössten Strapaze a 



6Ö 



OESTERRfilCHISCHE MONATSSCHHIPT FÜR DEN ORIENT 



ZU ertragen. Jedenfalls sind diese Berichte ebenso 
übertrieben als jene über die Wunderwirkung der 
Coca, bei dem grossen Coffeingehalte ist jedoch 
eine stark erregende Wirkung ausser Zweifel. Die 
Neger halten nur die frische Nuss von weisser oder 
rother Farbe für brauchbar und trachten daher, die- 
selbe durch allerlei Mittel möglichst lange frisch 
zu erhalten. Zu diesem Zwecke wickelt man die 
Früchte einzeln in feuchte Blätter und schichtet 
sie auf einander in Körbe ; um jedoch die Schimmel- 
bildung zu verhindern, müssen dieselben häufig um- 
gepackt werden. Auf diese Weise sollen sich die 
Früchte acht bis zehn Monate lang frisch erhalten. 
Wahrscheinlich ist es hierauf zurückzuführen, dass 
die Kola in Europa noch so wenig Verbreitung ge- 
funden hat, es wurde aber bereits nachgewiesen, 
dass die trockene Nuss zwar den angenehmen 
aromatischen Geschmack der frischen verliert und 
nur bitter schmeckt, jedoch den vollen Coffei'ngehalt 
der frischen besitzt, demzufolge stände ihrem Ge- 
brauche als eines wirklich schätzbaren Ersatzmittels 
für Kaffee nichts im Wege. 

In Ostafrika und Arabien werden unter dem 
arabischen Namen Kath (Khat) die Blätter von Catha 
edulis Forsk. als Genussmittel verwendet. Der Auf- 
guss derselben schmeckt aromatisch erregend, wie 
Kaffee oder Thee, die Blätter enthalten jedoch kein 
Coffein, wie man anfangs glaubte, sondern ein an- 
deres Alkaloid in geringer Menge, dessen physio- 
logische Wirkung sich mit jener des Coffeins ziem- 
lich deckt. Man bereitet aus den Blättern eine 
extractartige Masse, welche mit grosser Vorliebe 
gekaut wird, oder mit kochendem Wasser oder 
Milch abgebrüht ein theeähnliches Getränk liefert, 
das schlafvertreibend wirken soll. 



DIE DEUTSCHEN SCHUTZGEBIETE BEI BEGINN DES 
JAHRES 1890. 

(Schluss.) 
Die Südsee-Schutzgebiete. 
Die wirthschaftltche Entwicklung der deutschen 
Schutzgebiete in der Südsee hat im abgelaufenen 
Jahre mit manchen durch äussere und Verwaltungs- 
gründe herbeigeführten Schwierigkeiten zu kämpfen 
gehabt. Eine wesentliche Ausdehnung der Cultur 
und Interessensphäre hat nicht stattgefunden, da- 
gegen haben die meisten Stationen in Kaiser Wil- 
helmsland und Bismarckarchipel sich eines guten 
Fortganges zu erfeuen gehabt. 

. Was zunächst die Verwaltung betrifft, so 
ist durch Allerhöchsten Erlass vom 17. Mai ein 
Uebereinkommen zwischen der Neu-Guinea-Com- 
pagnie und dem auswärtigen Amte erzielt worden, 
durch welches die staatliche Verwaltung des Schutz- 
gebietes auf Beamte des Reiches übertragen wird 
und die Compagnie sich aller ihrer Hoheitsrechte 
begibt. Die Uebernahme der Verwaltung durch 
einen kaiserlichen Commissär ist am l. October 
1889 geschehen. Die Kosten für die Mehrzahl der 



Verwaltungsbeamten bezahlt nach wie vor die 
Compagnie. An die Spitze der geschäftlichen Ver- 
waltung ist ein Director getreten, so dass die Com- 
pagnie den ganzen Apparat los wird und sich nun 
auf die wirthschaftliche Entwicklung des Schutz- 
gebietes mit um so grösserer Kraft werfen kann. 
In Kaiser Wilhelmsland hat sie, abgesehen von 
geographischen Untersuchungen, welche zur Ent- 
deckung einer neuen Gebirgskette im Innern, des 
Bismarckgebirges führte, mit einem Kostenaufwand 
von etwa 8 Millionen Mark Bedeutendes für die 
Cultur des Bodens und die Sicherung der Aft^beiter- 
verhältnisse gethan. Auf den Stationen wird Baum- 
wolle und Tabak gebaut, welche beide recht gut 
sein sollen und hohe Preise in Bremen erzielten, 
und Viehzucht getrieben. 

Wenn trotzdem die coloniale Action hier den- 
noch nur im langsamen Tempo vorrückte, so trugen 
die Schuld daran neben manchen Verwaltungs- 
schwierigkeiten, auch die Hindernisse, die einer 
regelmässigen Verbindung der Colonie mit Australien 
sowohl als mit Ostasien von Seiten einer feind- 
seligen Concurrenz bereitet wurden und die nun- 
mehr allerdings beseitigt worden sind. Auch die 
drohende Haltung der Eingeborenen, namentlich in 
den nördlichen Theilen von Neu-Guinea , den 
Fremden gegenüber, war eine lästige Fessel für 
das Colonisationswerk. Mehrfach waren die Co- 
lonisten gezwungen sich den Schutz und die Sicher- 
heit ihres Besitzes mit den Waffen in der Hand zu 
erkämpfen. Die Verwaltungsthätigkeit der Neu- 
Guinea Compagnie, deren administrativer Apparat 
eine ansehnliche Vergrösserung im letzten Jahre 
erfahren, war hauptsächlich darauf gerichtet, das 
Innere von Kaiser Wilhelmsland zu erforschen, die 
Küsten desselben genauer kennen zu lernen uod 
neue Stationen zu gründen, um weitere Ausgangs- 
punkte für die Ansiedler zu gewinnen. Die in geo- 
graphischer und ethnographischer Beziehung über 
Land und Leute gesammelten Informationen haben 
die Wissenschaft um manches neue Blatt bereichert 
und die Vorstellungen, die man bisher von der Con- 
figuration der Gestade, von der Zugänglichkeit, der 
Culturfähigkeit und dem Productenreichthum des 
Binnenlandes, sowie von der Vertheilung von Ge- 
birge und fliessendem Wasser hatte, wesentlich be- 
richtigt. Dank den durch die verschiedenen Expe- 
ditionen angestellten Ermittlungen kann es als 
feststehend gelten, dass die ganze Nordostküste 
Neu-Guineas, von der man früher glaubte, dass 
sie nur wenig eingebuchtet sei, verhältnissmässig 
reich an guten Häfen ist. Seeleute hatten früher die 
Angabe verbreitet, dass die Küste gefährliche 
Fisse enthalte ; diese Behauptung ist neuerdings 
durchj die Thatsachen widerlegt worden. Die 
Flüsse an der nördlichen Hälfte der deutschen 
Küste bieten überraschend günstige Gelegenheiten, 
in das Herz des Landes einzudringen, wenngleich 
die Uferlandschaften, ihrer der Ueberschwemmung 
ausgesetzten Lage wegen, dem weiteren Vor- 
dringen der Reisenden bisweilen frühzeitig ein Ziel 
setzten. Auch die Annahme, dass das Innere voir 



OESTERRElCHrSCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



I 



Neu-Guinea selir dünn mit Menschen besetzt sei, 
ist eine irrthümliche gewesen, dagegen fehlt es, das 
haben die neueren li.xpiorationen ergeben , an 
grösseren Gemeinwesen und an mächtigen Volks- 
stämmen. 

Neben dem Kaiser Wilhelms-Land ist auch 
derBismarck-Archipel in seinen weniger bekannten 
Theilen neuen Durchforschungen unterzogen 
worden, namentlich in Bezug auf die Arbeiter- 
verhältnisse auf den Salomon-Inseln. Die Ein- 
geborenen dieser Inseln sind als vorzügliche 
Arbeiter geschätzt, aber in P'olge von Gewalt- 
thätigkeiten gegen dieselben sind sie jetzt den 
Weissen so feindlich gesinnt, dass sie Niemanden 
in das Innere eindringen lassen. 

Das grösste Interesse bieten bei einem Rück- 
blicke auf die colonisatorische 'I'hätigkeit und die 
der wirthschafilichen Ausbeutung dienenden Re- 
cognoscirungszüge, die im Laufe des letzten Jahres 
im Südseeschutzgebiete unternommen wurden, 
die Reisen des Landeshauptmannes und der 
nach verschiedenen Theilen entsandten Gelehrten 
und Techniker. 

Als das Ergebniss dieser sowohl längs der 
Gestade als im Inneren ausgeführten Forschungs- 
reisen lässt sich Folgendes auf Grund der vor- 
liegenden Berichte sagen : Die Schifffahrt längs 
der Küste des Kaiser Wilhelms-Landes bietet im 
Gegensatze zu den darüber verbreiteten Nach- 
richten weder für Dampfer noch für Segelschiffe 
Schwierigkeiten oder gar Gefahren. Schwere 
Stürme und anhaltend schlechtes Wetter kommen 
kaum vor, das Fahrwasser ist von Klippen und Riffen 
frei, und die wenigen Küstenvorsprünge reichen 
so wenig weit in die See hinein, dass sie auch 
in der Nacht leicht zu vermeiden sind, weil man 
auch in der Dunkelheit die fast überall sehr hohe 
Küste wahrnimmt, ehe man einem Vorsprunge 
zu nahe kommt. 

Die vorangeführten Verhältnisse sind alle 
dazu angethan, die Navigirung zu erleichtern, 
und es kann für Dampfer, die zwischen der ost- 
asiatischen Küste und der Ost- und Südküste 
Australiens fahren, die Route längs des Kaiser Wil- 
helms-Landes, welche auch die kürzeste ist, nur 
empfohlen werden, umsomelir, da auch der 
weitere Weg nach Süden, wenn er zwischen 
Trobriand und Jurien-Insel hindurch an der t)st- 
küste von Normanby-Insel entlang genommen 
wird, keinerlei Gefahren birgt. Die die Küste 
umsäumenden Gebirge bestehen von der Nord- 
seitc des Huon-Golfes an überwiegend aus 
Korallenkalk und vulkanischen Gebilden, während 
weiter sütllich, d. h. an der Südseite des ge- 
nannten Golfes Gesteinforniationen sich zeigen, 
mit flachgewellten Berglehnen dazwischen, auf 
denen Felsgruppen in Gestalt von Nasen, Würfeln, 
Kö[)fcn ausgesetzt sind. Von den Hafenstationen, 
welche die Ausgangs- und Stützpunkte der 
Cülonisation und der sich allmälig immer er- 
weiternden Culturzone sind, ist Finschhafe^, der 
Sitz des Landeshaupimannes sowie der Verwal- 



tungs- und Gerichtsbebörden, für Kaiser Wil- 
helms-Land ein nicht sehr geräumiger, aber sicherer 
Hafen. Er besteht aus einer Aussenrhede und 
drei durch Verengung des Fahrwassers von ein- 
ander getrennten Abtbeilungen, von denen die 
Rhede und der äussere Hafen für Schiffe jeden 
Tiefganges geeignet sind. Tiefen zwischen 15 
und 40 m bietend. 

Der Constantinhafen hat nur Raum für wenig 
Schiffe und ist seiner grossen Tiefe wegen nicht 
bequem, immerhin kann er, da er zähen Unter- 
grund hat, als ein sicherer Hafen gelten, nament- 
lich wenn man in seinem nordöstlichen Winkel 
ankert. 

Dem Friedrich Wilhelms - Hafen mangelt 
wegen der Landgeschlossenheit aller Luftzug, 
weshalb sich das Ankern im äusseren liafen, 
und zwar westlich der Fischel-Insel, empfiehlt, 
wo man auch gegen Nordwinde geschützt liegt, 
da ein unterseeisches Riff, das von den östlichen 
Inseln ausgeht, den Hafen von Norden schliesst. 
Soweit festgestellt werden konnte, reicht dieses 
Riff indes nicht ganz bis an die westliche Reibe 
kleiner Inseln, so dass dort wahrscheinlich eine 
nördliche Ausfahrt existirt. 

Hatzfeldt-Hafen liegt zwischen zwei Land- 
spitzen und der kleinen Insel Tschirimotscb. 
Schutz empfängt derselbe, ausser durch das Riff 
dieser Insel , auch durch ein unterseeisches 
Korallenriff im Norden der den Hafen begren- 
zenden Westspitze. Westlich vom Hatzfeldt-Hafen 
liegen fünf mehr oder weniger tiefe und nicht 
sehr geräumige Buchten mit Untergrund, aber 
zum Ankern wenig zu empfehlen. Kleinere Hafen- 
einfahrten sind : Heinrichs-Hafen, Friedrich-Carl-, 
Alexis-Hafen. Der Charakter dieser Häfen ist 
derselbe : sie sind gebildet durch Hebung eines 
sehr unregelmässig gestalteten Korallenriffes, wes- 
halb alle Küsten Kalk oder Sandstrand besitzen 
und nur mit Alluvien von geringer Mächtigkeit 
bedeckt sind. Es finden sich Dutzende von Dörfern 
in den Häfen vertheilt, und können dieselben als 
stark bevölkert gelten. Wie fast überall in Kaiser 
Wilbelms-Land, ist auch hier die Bevölkerung 
eine durchaus friedfertige. 

Wie in den Vorjahren, so haben auch in 
neuerer Zeit die das Land durchforschenden 
Reisenden ihre besondere Aufmerksamkeit dem 
Studium der Vegetation zugewendet. 

Eine gründliche Kenntniss der Flora von 
Kaiser Wilhelms-Land ist aus verschiedenen 
Gründen äusserst wichtig Einmal setzt sie in 
den Stand, ein Unheil über den Gebalt der Flora 
an nutzbaren Producten zu gewinnen ; sodann 
gibt sie nach der Feststellung des zwischen den 
australischen Kaiser Wilhelms-Land- und indisch- 
malagischen Floren bestehenden Verwandtschafts- 
grades den Fingerzeig beim .Ausschauen nach 
bewährten Vorbildern ; sie erleichtert ferner dem 
Geologen die .Arbeit, da gewisse geologische 
Formationen bestimmte Ptlanzenformen tragen ; 
sie ist es endlich, von welcher die Beantwortung 



62 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



der rein wissenschaftlichen Frage nach der Stel- 
lung Neu-Guineas zu seinen Nachbarländern er- 
wartet wird. 

Von Interesse ist auch, was die genannten 
Forscher über die Sprachen, Sitten, Bräuche und 
die socialen Einrichtungen der Stämme berich- 
teten, die sie an den Ufern des Augusta-Flusses 
angetroffen. 

Ein unerlässlicbes Hilfsmittel zum Studium 
derselben ist jedenfalls eine vollständige Kennt- 
niss der Sprache. Eine solche Kenntniss besitzt 
bis jetzt aber noch Niemand, die im Kaiser 
Wilhelms-Land befindlichen Missionäre nicht aus- 
genommen. Der Grund hiefür liegt hauptsächlich 
in den abnorm kleinen Sprachgebieten, zum 
Theile auch in dem Bestreben der Eingeborenen, 
dem Weissen durch die Anwendung einer mit 
dem Pitschen-Englisch zu vergleichenden Sprech- 
weise entgegenzukommen. Im Durchschnitte mag 
ein Sprechbezirk 15 km Küstenlänge besitzen, 
nach dem Inneren hin ist die Ausdehnung noch 
viel geringer. Beispielsweise spricht ein etwa 
2 km vom Meere entfernt liegendes Dorf bereits 
einen anderen als den an der Küste herrschenden 
Jabbim-Dialect und in Tschirar, einem Dorfe, 
welches von der Stationsinsel in Hatzfeldt-Hafen 
aus sichtbar ist, konnten sich die Reisenden mit 
dem erlernten Küstendialect (Tsimbin-Dialect) nur 
durch Dolmetscher verständlich machen. Die 
Dörfer Gumbu, Bongu, Meale in der Astrolabe- 
Bai, welche in höchstens 2'/» Stunden nach- 
einander zu erreichen sind, besitzen ein jedes 
einen eigenen Dialect. Desgleichen herrscht 
zwischen Junohuk und Cap Craisilles fast in jedem 
Dorfe eine andere Sprache. 

Verhältnissmässig weite Ausdehnung besitzt 
der Jabbim-Dialect, derHatzfeldthafener-(Tsimbin)- 
Dialect von Cap-Gourdon bis Bilau, circa 15 km, 
und der Raluaner Dialect, welcher im Norden der 
Gazelle-Halbinsel sehr verbreitet ist. Für die Er- 
forschung des Landes ist der überaus häufige 
Wechsel der Sprachen recht hinderlich, denn der 
Weisse, welcher nicht direct mit den Eingeborenen 
verkehren kann, darf sicher sein, von seinem Dol- 
metsch hintergangen zu werden. 

Ein Zusammenhang irgend eines der bis jetzt aus 
Kaiser Wilhelms- Land bekannten Dialecte mit 
anderen Sprachen der Südsee, Australiens oder des 
malayischen Archipels hat sich bis jetzt noch nicht 
feststellen lassen, wenn auch in einigen der Dialecte 
Anklänge z. B. an das Malayische vorhanden sind. 
Eine Schrift irgend welcher Art kennen die Ein- 
geborenen nicht, was immerhin angesichts ihrer 
Leistungen in der Schnitzkunst und in dem Erfinden 
von gefälligen Mustern auffällig erscheint. Die 
meisten Eingeborenen sprechen wenig mehr als 
ihren eigenen Dialect; es befinden sich aber in 
jedem Dorf einige Bewohner, welche die Nachbar- 
sprachen beherrschen ; um zu dieser Kenntniss zu 
gelangen, pflegen jene eine längere oder kürzere 
Zeit in dem betreffenden Sprachbezirk zu leben. In 
Dörfern, welche vorwiegend Handel treiben, sind 



dagegen Eingeborene, welche 3 — 4 Sprachen ver- 
stehen, die Regel. 

Das Verhältniss der verheirateten Frau zum 
Mann erscheint äusserlich als ein sehr untergeord- 
netes, denn während die wirkliche eigentliche Arbeit 
des Mannes nur in dem Niederschlage der Bäume 
bei der Anlegung einer neuen Pflanzung besteht, 
und alles Andere, wie das Jagen und Fischen ledig- 
lich ein Sport für ihn ist, muss die Frau alle übrigen 
Arbeiten verrichten. Ihr fällt das Reinhalten und 
Abernten der Pflanzung, das Heimholen der Früchte, 
das Herbeischaffen des Feuerholzes, das Heim- 
schleppen der schweren Sagolasten, das Kochen, 
das Fischen mit dem Netz und sogar im Bedarfsfalle 
das Säugen neugeborener Hunde und Schweine zu. 
Bei alledem steht das Weib in keinem sclavischen 
Verhältnisse zum Mann ; sie ist eben von Jugend 
auf an keinen anderen Gedanken als den, arbeiten 
zu müssen, gewöhnt. Im Uebrigen scheint die Frau 
häufig von Einfluss auf EntSchliessung des Mannes 
zu sein. 

Gewöhnlich besitzt der Eingeborene nur eine 
Frau, angesehene und reiche Eingeborene, na- 
mentlich Häuptlinge, haben aber auch mehrere 
F"rauen. Ob es ein Vorrecht der Häuptlinge ist, 
mehrere Frauen zu nehmen oder ob nur ein grösserer 
Reichthum sie in den Stand setzt, Vielweiberei zu 
treiben, ist noch nicht festgestellt. 

In den Küstendörfern pflegt jede Familie ein 
Haus ausschliesslich für sich zu bewohnen, dagegen 
herrscht am oberen Augusta-Fluss die Sitte, zu 
mehreren F'amilien in einem Hause zusammen zu 
leben. Die Junggesellen leben getrennt von den Fa- 
milien in einem Junggesellenhaus, welches häufig 
an der übermenschengross aus Holz geschnitzten 
Figur, welche sich in ihm befindet, leicht er- 
kennbar ist. 

Einzeln lebende Individuen oder Familien 
kommen nur selten vor, meist sind letztere zur Bil- 
dung von Dörfern zusammengetreten, deren Grösse 
ausserordentlich verschieden ist. Die bedeutendsten 
Dorfschaften wurden am Kaiserin Augusta-Fluss ge- 
funden, woselbst Malu etwa 1000 Einwohner und 
das sogenannte „feindliche" Dorf sicherlich noch 
über 1000 Seelen aufweist. In den Dörfern ist 
immer eine Art Häuptling vorhanden, dessen Ein- 
fluss aber vielfach begrenzt zu sein scheint. Dann 
und wann haben gleichsprachige Dörfer eine .Art 
Gauverband gebildet, dessen Vorhandensein aber 
nur bei gewissen Festlichkeiten, wie z. B. der Be- 
schneidung , deutlich hervortritt; im Uebrigen 
pflegen die verschiedenen Dörfer verschiedene Inter- 
essen zu verfolgen und verkehren dementsprechend 
zwar nicht feindselig, aber auch nicht ganz rück- 
haltslos mit einander. 

Bei Gelegenheit der längs der Küsten von 
Kaiser Wilhelms-Land vorgenommenen Fahrten, 
wurden auch die Purdy-Inseln in den Bereich der 
Forschung gezogen. Die Purdy-Inseln, welche zwi- 
schen der Küste von Kaiser Wiihelms-Land und der 
Gruppe der Admiralitäts-Inseln liegen, haben durch 
die auf ihnen entdeckten, wie es scheint abbau- 



OESTBRREICHISCHB MONATSSCHRIFT fOr DEN ORIENT. 



H 

II 

II 



I 



würdigen Lager von phosphorsaurem Kali, wie 
sie auf den koralllnischen Inseln der Südsee öfter 
vorkommen , eine praktische Bedeutung erlangt. 
Sie s'nd unbewohnt und ragen nur einige Fuss über 
den Meeresspiegel empor. Zeitweise werden sie 
von den Bewohnern der Admiralitätsgruppe besucht, 
welche die auf ihnen befindlichen Cocospalmen-Be- 
stände anlegten. Eingegangene Proben erwiesen 
die Brauchbarkeit des Phosphats, welcher auf 60 
bis 70 M. per Tonne geschätzt wurde, und bereits 
im vergangenen Herbst ist eine grössere Menge 
zur Versendung bereit gemacht und nach dem Auf- 
hören des Nord-West-Monsuns im April verladen 
und nach Deutschland gebracht worden. 

Die Einwanderung Deutscher aus Australien 
hat sich nicht in Fluss bringen lassen. Die Gründe, 
welche zusammenwirkten, den Deutschen in Austra- 
lien die Auswanderung nach Neu-Guinea zu ver- 
leiden, sind nicht recht durchsichtig. .Australische 
Zeitungen behaupten, das bureaukratische Regle- 
ment und die Preise der Eändereien hätten von der 
Ansiedlung abgeschreckt, aber es ist nicht wohl 
anzunehmen, dass sich unter den vielen Tausenden 
von Deutschen nicht trotzdem tüchtige Leute 
befunden haben sollten , die noch dorthin zu über- 
siedeln geneigt gewesen wären. 

.Aus den bisherigen Erfahrungen ist übrigens 
zu entnehmen, dass eine Nutzbarmachung des Landes 
durch Verkauf oder Verpachtung an kleinere An- 
siedler, obwohl die Niederlassung von Europäern 
zum Zwecke der Bodencultur, zumal in den höher 
über dem Meere gelegenen Gebieten, keineswegs 
ausgeschlossen ist, doch langsam von Statten gehen 
wird. Die australischen Einwanderer , auf welche 
früher ein Auge geworfen war, haben es abgelehnt, 
unter den von der Compagnie gestellten Bedingungen 
anzusiedeln, und seitdem die Dampfer der Com- 
pagnie Kooktown nicht mehr anlaufen, besteht auch 
keineVerbindung mehrzwischen den beiden Ländern. 
Was aber die Einwanderung Deutscher betrifft, 
so ist die Verbindung mit dem Mutterlande zur Zeit 
noch zu kostspielig und umständlich, und ist die Mög- 
lichkeit des Gedeihens noch zu wenig bewiesen, als 
dass aus Deutschland eine grössere Auswanderung 
nach dem Schutzgebiet gelenkt werden könnte. 
Diese Mängel der Verbindung halten auch zur Zeit 
noch grössere heimische Capita's'cräfte zurück, in 
ausgedehntem Grunderwerb im Schutzgebiet .An- 
lage zu suchen ; dieselben wenden sich lieber nach 
Borneo, obwohl dort schon viel Geld verloren ist, 
oder nach Sumatra, wo eine regelmässige und re- 
lativ billige Verbindung ihnen gesichert ist. 

Zu dem Schutzgebiete der Marschall-Inseln ist, 
wie bekannt, die einen l~heil der Gilbert-Gruppe 
bildende sehr unbekannte Insel Nauru, auch Pleasant- 
Island genannt, neuerdings hinzugekommen. 

Wie aus den Mittheilungen des kaiserlichen 
("ommissärs für die Marschall-Inseln hervorgeht, 
sind die Eingeborenen von Nauru, deren Zahl vor 
Kurzem noch etwa 1200 betragen hat, in Folge der 
Kriegführung der letzten Jahre jedoch auf 900 bis 
1000 zusammengeschmolzen sein Süll, ein kräftig und 



schlank gebauter Menschenschlag, welcher an kör- 
perlichen und geistigen Eigenschaften bedeutend 
über den Bewohnern der Marschall-Inseln steht. 
Insbesondere das weibliche Geschlecht, an Zahl 
dem männlichen überlegen, zeichnet sich durch an- 
genehme Gesichtszüge und körperliche Wohlgestalt 
aus, welche bei älteren Individuen jedoch durch den 
vielleicht in Folge unverhältnissmässig langen 
Säugens der Kinder bedingten Verfall der Brust- 
partien wesentlich beeinträchtigt wird. 

Die äussere Erscheinung der Nauru-Leute ist 
derjenigen der Kingsmill-Eingeborenen am ähn- 
lichsten. Die Sprache soll eine eigenartige sein, 
aber manche Anklänge an diejenige der letzteren 
enthalten. Ob dies lediglich auf den durch ver- 
schlagene Kingsmill-Eingeborene geübten Einfluss, 
der thatsächlich bis in die neueste Zeit festzustellen 
ist, zurückgeführt werden muss — dies zu ent- 
scheiden mag der Untersuchung berufener Ethno- 
graphen vorbehalten sein. 

In seinen Schilderungen von Land und Leuten 
weist der Reichscommissär namentlich auf die fröh- 
liche Sinnesart der Bewohner hin, welche angeb- 
lich neben dem hübschen Aussehen der Insel und 
der Fülle der den Walfischfahrcrn dargebotenen 
Nahrungsmittel derselben den Namen „Pleasant- 
Island" verschalTt hat. Jedes Schiff wird mit Hände- 
klatschen und Geschrei begrüsst, die Eingeborenen, 
insbesondere die Weiber, stürzen den .Ankommen- 
den entgegen und drängen sich dazu, irgend etwas 
zu tragen. Alles mit lauten Rufen und Gesang be- 
gleitend. 

Im Gegensatz zu dieser kindlichen und fröh- 
lichen Sinnesart der Bewohner stehen scheinbar die 
traurigen anarchischen Zustände und die blutigen 
F"ehden, unter denen die Insel bis in die neueste 
Zeit gelitten hat. Die Kriegsschiffe, welche in den 
letzten Jahren die Insel angelaufen, beschränkten 
sich auf Friedensmahnungen. Dies vermochte eben- 
sowenig den Krieg aus der Welt zu schaffen, als 
die von der englischen und deutschen Regierung 
erlassenen Verbote der Waffeneinfuhr , so lange 
eine dauernde Controle an Ort und Stelle nicht be- 
stand. Bei der Fahrt an der Küste entlang sah man 
massenhaft Leute, ja Knaben, mit Gewehren auf 
der Schulter, denen Frauen häufig noch ein zweites 
Gewehr und die Patronentasche nachtrugen, und man 
versichert, dass ein über zwölf Jahre alter männ- 
licher Eingeborener seine Hütte ohne Schusswaffe 
nie verlasse. Walfischfänger haben bis in die neuere 
Zeit die Insel häutig besucht, um dort Wasser und 
Mundvorrath zu holen. Die ersten Weissen, welche 
dauernden Aufenthalt auf Nauru nahmen, sind ent- 
flohene australische Deportirtc gewesen. Sie haben 
die Insel mit jeder Art von Gräueln erfüllt und sind 
dann meist eines gewaltsamen Todes gestorben. 
l<:in alter Händler, Namens G. W. Harris, soll der 
einzige Ueberlebende sein. 

Seitdem der Handel mit Cocosöl und später 
mit Kopra zur Bedeutung gelangte, haben sie'' 
weisse Händler auf der Insel angesiedelt. Ihre Zah' 
beläuft sich beute auf 10, von denen 2 deutschen 



64 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT 



3 scandinavischen, 4 englischen und i holländi- 
schen Ursprungs sind. Diese Personen sind theils 
selbstständige Händler, theils Angestellte der in 
der Marschall-Gruppe angesessenen Handelshäuser, 
mit welchen jedoch auch die sclbstständigen Leute 
ausschliesslich Geschäfte betreiben. 



MISCELLEN. 
Der botanische Garten zu Buitenzorg. Die 

Anzahl der in den Tropen gelegenen botanischen 
Gärten ist grösser, als man gewöhnlich annimmt; 
in den englischen Besitzungen gibt es deren 
fünfzehn, in den französischen Colonien fünf, in 
den spanischen zwei, in den niederländischen nur 
einen, den zu Buitenzorg. Einige derselben sind 
allerdings im strengsten Sinne des Wortes keine 
botanischen, sondern agronomische oder Accli- 
matisationsgärten, andere, worunter der zu Calcutta, 
zu Peradeniya und zu Buitenzorg, vereinigen das 
wissenschaftliche Interesse mit dem für den tropi- 
schen Landbau; wenden wir uns zu dem zuletzt 
genannten Garten. Derselbe wurde schon im Jahre 
18 17 gegründet, gleich nachdem die Holländer 
von ihren Colonien in Indonesien wieder Besitz 
ergriffen hatten. Aus nur kleinen Anfängen her- 
vorgegangen, die je nach dem Bedürfniss weitere 
Ausdehnung erfuhren, besteht er jetzt aus drei 
verschiedenen Theilen, welche zusammen gegen 
140 ha Oberfläche haben. In dem ältesten Theil, 
der sich zu Buitenzorg in der unmittelbaren Nähe 
des vom General-Gouverneur bewohnten Palais 
befindet, werden gegen 9000 Pflanzenarten auf 
einer Grundfläche von 36 ha cultivirt ; in dem 
agronomischen Garten, der etwa eine Stunde weit 
entfernt liegt und etwa 70 ha gross ist, findet 
man nur für den colonialen Landbau wichtige 
Pflanzen, während der dritte, der „Berggarten", 
etwa 1500 m über dem Meeresspiegel, auf dem 
Abhang des manchmal noch thätigen Vulkan 
Gedeh liegt und eine Fläche von etwa 30 ha ein- 
nimmt ; dort werden diejenigen Arten angepflanzt, 
welche ein kühleres Klima nöthig haben und die 
theils aus den Tropen, theils aus Australien, aus 
Japan, aus China und anderen Ländern kommen. 
Endlich ist der Gartenverwaltung noch ein etwa 
250 ha grosses Stück Urwald überwiesen worden, 
welches in den Preanger Regentschaften liegt und 
gegen Verwüstungen durch die Eingebornen ge- 
schützt wird, um demselben seinen ursprünglichen 
Charakter zu bewahren. 

In dem botanischen Garten befindet sich u. A. 
ein Herbarium mit etwa 1 20.000 Arten, welches 
möglichst gegen den Einfluss des Klimas geschützt 
ist, und eine botanische Bibliothek von mehr als 
5000 Bänden. Es bestehen drei (bald werden es 
vier sein) Laboratorien, von denen eines für 
botanische Studien bestimmt, den Beamten des 
Gartens, ein zweites den fremden Gelehrten, welche 
vorübergehend dort arbeiten, zur Verfügung ge- 
stellt ist. Das pharmakologische Laboratorium, an 
dessen Spitze ein Militärapotheker steht, hat, wie- 



wohl erst im Anfang seiner Thätigkeit, doch schon 
Nutzen bewiesen. Gleiches wird mit dem agrono- 
mischen Laboratorium, zu dessen Errichtung die 
Regierung ihre Zustimmung gegeben hat, der Fall 
sein. Ein Botaniker und ein Chemiker sollen in 
demselben thätig sein ; durch diese Vermehrung 
des Personals wird sich eine strengere Trennung 
der rein theoretischen Thätigkeit von derjenigen 
Thätigkeit, welche mehr praktische Ziele in's 
Auge fasst, durchführen lassen und für beide mehr 
Müsse vorhanden sein. Zu den Einrichtungen des 
botanischen Gartens gehört noch ein photographi- 
sches und ein lithographisches Atelier und die 
nöthigen Geschäftszimmer. 

Dritte Nationalausstellung in Tokio, im 

Uyeno-Park zu Tokio, welcher auch die National- 
ausstellungen von 1877 und 1880 beherbergte, 
ist am 26. März d. J. die dritte japanische Landes- 
ausstellung mit einem Kostenaufwande von einer 
halben Million Yen eröffnet worden. Die Bau- 
lichkeiten bieten, wie dem „North China Herald^ 
geschrieben wird, wenig Lobenswerthes an künst- 
lerischer Gestaltung. Die Ausstellung nimmt einen 
Flächenraum von 8 Acres ein und ein gewissen- 
hafter Besucher wird, wenn er alle Galerien und 
Sectionen durchwandern will, etwa 15 — 16 eng- 
lische Meilen zurücklegen müssen. Den grössten 
Anziehungspunkt der Exposition wird wohl die 
einzig dastehende Collection von Kunstgegen- 
ständen aus der der gegenwärtigen (Meiji) Aera 
vorangegangenen Epoche bilden. Diese Collection, 
zu welcher die Edlen des Landes und der Kaiser 
selbst die kostbarsten Stücke beigetragen haben, 
ist in einem besonderen Pavillon untergebracht. 
Von der Ausstellung erwartet man eine Erweite- 
rung der Handelsbeziehungen, eine wesentlich 
geklärte Kenntniss von Land und Leuten Japans 
sowie einen starken Fremdenzuspruch. Die „Japan 
Mail" meint, die Ausstellung biete eine vor- 
zügliche Gelegenheit, um festzustellen, wie weit 
Japan zu alten Traditionen zurückkehren kann, 
ohne sich zu sehr von den F'orderungen seiner 
modernen Civilisation zu entfernen. 

Chinesische Namen der europäischen Ge- 
schäftshäuser In Hongkong, Da die Chinesen 
alle Dienstleistungen wahrnehmen, aber keine 
fremden Sprachen verstehen ausser dem Pidgin- 
Englisch, so haben die europäischen Häuser, 
Consulate etc. chinesische Namen angenommen, | 
um sich so den Kunden, dem Postträger u. s. w. 
bekannt zu machen ; dieselben werden amtlich 
protokollirt und dürfen nicht geändert werden. 
So heisst Oesterreich Ta-ao-ling und das k. und 
k. österreichisch-ungarische Consulat Ta-ao-ling 
shih Kwan, Kruse-Kolosa, Meyer = Me-ya, Med. 
Dr. Gerlach = Kalack Esang ; Blackhead = 
Pek-lik-hot. Das Wort Hongkong bedeutet „guter 
Hafen", sowie das nahe Canton „geräumige 
Stadt", auch die Stadt der Genien (Heiligen) 
und Widder (auf denen die Heiligen vom Himmel 
herabstiegen, um hier zu Stein zu werden) heisst. 



Verantwortlicher Redacteur: A. v. Scala. 



Druck von Ch. Reitser it M. Werthner in Wien. 




MaIHRft 1890. 



OBSTERREICHISCHE 






Nr. 5. 



P0Mt5st|rift für kn #rM 

Herausgegeben vom 

K. K. ÖSTERR. HANDELS-MUSEUM IN WIEN. 




Redigirt von A. von Scala. 



Monatlich ein« Nummgr. 



VERLAG DES K. K. ÖSTERR. HANDELS-MUSEUMS IN WIEN. 



Prall jttH. S I. ^ K) Mark. 



!■ 




I» 



INHALT: I>Jc fltnitM'lift Kiinu PuHclia • KxpedititioD. Von A.. r. 
Schnfitjtr - [.erchenf€(d. — Dil- Hauten in Arabien. — IMe K'm 
iu Ju|>au. Vou Dr. If. Weiptrt, (II.) — l>ie Ueuussmittül du.-i 
OrieiitcK. Von (iititluv Troll. (HI.) — K'U Itild aus den) 
chiiicMitichtMi Leben. — M i s c <• 1 1 cn : Das cliincsUcho Hee- 
Ar«oual äu K'^ing-Naa. — Aus Tbibet. 



DIE DEUTSCHE EMIN PASCHA-EXPEDITION. 

Von A. V. Schweiger-Lerchenfeld. 

s vergeht fast kein Monat, dass nicht 
das eine oder andere Werk, das von 
afrikanischen IJingen handelt, auf den 
Hücliermarkt gelangte. Die Zeit, in 
der solche Fublicationen Aufsehen 
erregen konnten, sind aber längst vorüber, denn 
in Folge der grossartigen Entwicklung der Be- 
ziehungen zwischen Europa und dem scliwarzen 
Erdtheile in seiner Gesammtheit vom tripolitani- 
schen Gestade bis zur Delagoa-Bai, hat sich die 
Zahl der Afrikareisenden in's Ungeheure ver- 
mehrt. Man reist heutzutage nach Zanzibar so 
leicht und guten Muthes, wie vor etwa zwei Jahr- 
zehnten nach Constantinopel oder Salonich. Auf 
sämmtlichen Schifffahrtsrouten nach der Ostküste 
und nach der Westküste von 7\ec)uatorial-.\frika 
sind beständig politische Functionäre und üffi- 
ciere unterwegs. Seit Stanley's erstem Congozuge 
ist die Situation so gründlich verändert, dass 
selbst der „Hismarck der Afrika-Forschung" die 
ungeheuerliche Robinsonade durch den „grossen 
Wald" bewirken musste, um die Si)annung und 
das Interesse, welches sich an seine Person 
knü()fte, rege zu erhalten. Sein Marsch mit Emin 
vom Albertsee bis Ragamoyo — an sich eine 
respectable Leistung — wurde kaum mehr be- 
achtet. Und wer hätte es sich noch vor einem 
Jahrzehnt träumen lassen, dass deutsche Waffen 
auf einem ausgedehnten afrikanischen Gebiete 
Kebellen niederzuwerfen haben würden? 

Indessen ist ohne weiteres klar, dass diese 
Dinge nur dem Fernstehenden gewissermassen als 
selbstverständlich sich darstellen. Die Verviel- 
fältigung der Beziehungen einerseits und die Ver- 
mehrung der Zahl Jener, welche sich in irgend 
welcher Form der Forschung oder dem Dienste 
in Afrika widmen, ändert nichts an der That- 
sache, dass die zu bewältigenden Aufgaben immer 
gleich schwierig bleiben, dass sie einen hohen 
Grad von Thatkraft und t)[)ferwilligkcit seitens 

.V^unUschrlfX rar den Orient. Mai 1890. 



aller Betheiligten verlangen, und dass auf Grund 
der ungeheueren räumlichen Verhältnisse immer 
ein Unterschied gemacht werden muss zwischen 
dem, was bisher geleistet worden ist und dem, 
was noch zu leisten sein wird. Es kommt aber noch 
ein anderer Umstand sehr in Betracht. Die un- 
geheure Mehrheit Jener, die sich für afrikanische 
Dinge interessirt, lebt sich in Vorstellungen ein, 
welche, gewissermassen den engen heimatlichen 
Verhältnissen angepasst, ganz verkehrter Natur 
sind. Die gemachten Erwerbungen, die Ausdeh- 
nung des Protectorates über weite, mitunter 
noch gänzlich unbekannte Gebiete, die Absteckung 
von Grenzen u. dgl. mehr wird als etwas positiv 
Zuverlässliches, formell und de facto zu Recht 
Bestehendes aufgefasst, als handelte es sich um 
die Sicherstellung eines unter jeder Bedingung 
unanfechtbaren Gutes. Dass das afrikanische 
Geschäft vorläufig über das Stadium einer ver- 
wegenen Speculation nicht hinausgekommen ist, 
wagen Wenige offen auszusprechen. Es werden 
Generationen vorübergehen, ehe man sich gegen- 
über all dem, was schon derzeit als erringens- 
werth und realisirbar hingenommen wird, klare 
und sichere Ziele gesteckt haben wird. 

Dass die Erbtheilung eines ganzen Con- 
tinentes am Ende des neunzehnten Jahrhunderts 
unter anderen Formen vor sich geht, dass sie 
mit der ungemessenen Energie des Zeitgeistes die 
Verwickeltesten Fragen dem kategorischen Im- 
perativ unterordnet, ist ohne weiteres klar. Wenn 
vor einem Jahrhundert die Colonisirung der neuen 
Welt im Schneckengange vor sich ging, liegen 
die Dinge heute mit Afrika ganz anders. Es sind 
der Bewerber viele und damit keiner dem an- 
deren zuvorkomme, werden mit Pinsel und Koth- 
stift einfach ganze Reiche, Gebiete so gross wie 
halb Europa, als Colonien dieser oder jener Macht 
erklärt. Manche dieser Länderstrecken von ge- 
waltiger .Ausdehnung werden unter Proteclorat 
genommen, indem man sie einfach für herrenlos 
erklärt, da — noch keine andere Macht sie in 
die Tasche gesteckt hat. Ein solches Vorgehen 
hat nur dann einen Sinn, wenn man mit derlei 
.Vnnectirungen nach der .\nsicht des Fürsten 
Bismarck sich — Compensationsobjccte schafft. 
Aber darin liegt ja an sieb die Voraussicht künfti- 
ger Complicaiionen. Sind diese zu hochgradiger 



66 



OESTüRRCICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT 



Spannung gelangt, dann wird das Compensations- 
ubject losgeschlagen. 

Wir haben diesen Vorgang erst in jüngster 
Zeit erlebt. Des lieben Friedens halber haben 
England und Deutschland in Ostafrika ein Ab- 
kommen getroffen, bei welchem ein solches 
Compensationsübject losgeschlagen wurde, näm- 
lich die südliche Sovtaliküsle. Es. kam aber noch 
ein zweites Übject dieser Art hinzu, das Sultanat 
Witu. Auf Colonialpolitiker machen derlei Trans- 
actionen einen gewaltigen Eindruck. Was aber 
bedeutet beispielsweise das Sultanat Witu? 
Bekanntlich hatte es sich eine deutsche Colonial- 
gesellschaft, die den Namen dieses Sultanates 
führt, angelegen sein lassen, dortselbst Betriebe 
in's Leben zu rufen. Nebenher behielt man den 
Tana-Fluss, in dessen Mündungsbereich das ge- 
nannte Sultanat liegt, als Handelsstrasse in das 
Innere der Galla-Länder, nach dem Kenia- 
Gebiete und in letzter Linie nach den Nilquellen 
im Auge. .411 diese grossartigen Fernsichten haben 
aber nicht verhindert, dass die Colonnen der 
deutschen Emin Pascha-Expedition fortgesetzt 
dem Hunger ausgesetzt waren, dass sie mit den 
ungeheuerlichsten Schwierigkeiten zu kämpfen 
hatten, um die nothwendigsten Bedürfnisse be- 
streiten zu können und dass auf der als „Han- 
delsstrasse" declarirten Tanaroute von einem 
Handel keine Spur anzutreffen war. 

Man fragt also, welcher Werth solchen Er- 
werbungen innewohnen könne, und ob es nicht 
besser sei, dieselben gelegentlich als .,Cümpen- 
sationsobjecte" loszuschlagen. Die Weisheit der 
deutschen Staatsmänner hat nicht verfehlt, mit 
richtigem Gefühl das Zweckdienliche solchen 
Vorgehens zu erkennen. Wenn übereifrige Co- 
lonial-Enthusiasten von „Opfern" und dergleichen 
sprechen, so sind die damit begründeten und ge- 
festigten guten Beziehungen zwischen zwei mäch- 
tigen Reichen des Opfers unbedingt werth. Man 
darf den Engländern das Wituland und die öde 
Somaliküste ohne patriotische Beklemmungen 
gönnen. Dass es ihnen gelingen werde, von dort 
aus den Handel des Sudan nach der Küste des 
Indischen Occans abzulenken, kann für jetzt und 
für eine ziemlich fernliegende Zukunft doch wohl 
nur die Bedeutung einer akademischen Frage 
haben. Bis wir einmal so weit sind, werden sich 
die Verhältnisse im Sudan gewiss derart ver- 
ändert haben , dass die Tanaroute möglicher- 
weise völlig in Vergessenheit gerathen könnte. 
Und Uganda, das Stanley die „Perle von Afrika" 
nennt, und dem zu Liebe die Engländer es 
hauptsächlich auf die Tanaioute abgesehen hatten, 
wird schliesslich doch wohl nicht werthvoller sein, 
als das zu Deutsch-Ostafrika gehörende Tangan- 
kijagebiet, das die Verbindung mit dem Congo- 
staate herstellt. Auf all diesen unermesslichen 
Landstrichen können also England und Deutschland, 
ohne Entfaltung eines sinnlosen Rivalitätsstreites 
ganz gut bestehen, denn die Aufgaben, welche 
jedes dieser Reiche in dem ihm zufallenden Ge- 



biete zu lösen hat, entzieht sich vorläufig noch 
jedem Calcul und wird auf Jahrzehnte hinaus die 
finanzielle und geistige Kraft der Civil isatoren 
in Anspruch nehmen. Welche Wandlungen bis 
dahin die internationale Politik genommen haben 
wird: wer vermöchte dies vorauszusagen? 

Mit der Nennung des Witulandes und der 
Tanaroute haben wir die Anknüpfung zu einer 
der merkwürdigsten Exjjeditionen, welche jemals auf 
afrikanischem Boden in Scene gesetzt wurden, ge- 
geben — merkwürdig auf Grund ihrer Voraus- 
setzungen und nicht minder wegen der politischen 
Complicationen, welche sie im Gefolge hatte — 
merkwürdig wegen der Hindernisse, die zu be- 
wältigen waren und ihres bisher noch völlig un- 
aufgeklärten Verlaufes. Der Leser weiss, dass es 
sich hier, wie schon aus der Ueberschrift dieses 
Aufsatzes hervorgeht, um die deutsche Emin Pascha- 
h'xpedition handelt. Dass dieselbe nicht verfehlt 
hat, allgemeines Interesse zu erregen, ist nach 
dem vorher Gesagten erklärlich, lieber den ersten 
Verlauf der Expedition bis zu dem Augenblicke, 
wo dessen Organisator und Führer, der energische 
und schneidige Dr. Peters , verschollen ging, 
wurden bisher nur etliche abgerissene und zu- 
sammenhanglose Berichte bekannt. Nun liegt die 
erste authentische Darstellung seitens eines Mit- 
gliedes dieser Expedition, des Capitän-Lieutenants 
a. D., Rust, vor, ein Bericht, der in mehrfachen Be- 
ziehungen zu denken gibt. ') Aus diesen Darlegungen 
ersieht man zunächst die hässlichen Folgen eines 
Rivalitätsstreites zwischen zwei sich sonst so nahe 
stehenden und blutsverwandten Völkern, deren Zu- 
sammenwirken aus civilisatorischen und politischen 
Gründen nicht nur wünschenswerth, sondern ge- 
boten ist; man ersieht ferner, welcher Ueber- 
griffe sich eine befreundete Macht schuldig machen 
kann, wenn deren F'unctionäre von der über- 
hitzten Phantasie massloser Si)eculanten auf dein 
Gebiete des Ländererwerbes beeinflusst werden, 
und auf Grund gänzlich fictiver Voraussetzungen 
sich zu förmlichen Gewaltacten hinreissen lassen. 
In letzter Linie erhärtet der Rust'sche Bericht 
die gänzliche Bedeutungslosigkeit Witus und der 
Tanaroute von wirthschaftlichen Gesichtspunkten, 
indem aus den Schilderungen der mannigfachen 
Verdriesslichkeiten, denen die Expedition ausge- 
setzt war, klar hervorgeht, dass Witu und sein .; 
Hinterland nicht zu jenen lirdstrichen gehören, in 1 
welchen Milch und Honig fliessen. Doch darüber | 
später. 

Die Odyssee des Dr. Peters als Leiter der 
seinerzeit viel genannten und commentirten deut- 
schen Emin Pascha-Expedition darf wohl als in 
allgemeinen Zügen bekannt vorausgesetzt werden. 
Dem Unternehmen wurde von keiner Seite Sym- 
pathie entgegengebracht, so dass es buchstäblich 
auf sich selbst gestellt war. Vom Fürsten Bis- 
marck weiss man nicht nur, dass er die Knochen 
des in diesem Sinne zu weltgeschichtlicher Be- 



') Die deutsche hmin Pascha- Expedition von Rust, Capitiui- 
Lieutenaut a. D. mit 1 Karte. Berlin, Friedrich Luctthart, 1890. 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



67 



dcutung gelanjjten pummerischcn Grenadiers für 
Bulg.irien nicht opfern mochte, sondern auch, (hiss 
er ähnlichen Ansichten auch in afrikanischen Dingen 
huldigte. Das Rust'sche Buch gibt die nöthigen Illu- 
strationen hiezu. Dr. Peters war Anfangs April 1889, 
in Heglcitung des 1 lerrn Rorchert, in Zanzihar ein- 
getroffen, nachdem von Ca[)itän-Lieutenant Rust 
schon früher die in Aden angeworbene Somali- 
truppe zuerst nach Zanzibar, und da sie hier nicht 
geduldet wurden, nach Bagamcjyo gebracht hatte. 
Schon dieser Umstand gab dem Dr. Peters 
einen Anhalts[)unkt für die zu erwartende ICnt- 
wicklung der Dinge. Von vSeite des Sultans Said 
Chalifa und der deutschen Behörden war nichts 
zu erwarten, von dem englischen Einflüsse in 
Zanzibar, den kein Gegendruck paralysirte, nur 
Hindernisse jeder Art. Dem Lieutenant von Tiede- 
mann, dem Kust die vSomalitruppe unterstellt hatte, 
wurde in Bagamoyo von ,, massgebender" Seite 
bedeutet, dass er dort Jedem ein Dorn im Auge 
sei und Rust selbst wurde vom Admiral Deinhard 
kurz ,, angefahren'', was er in Zanzibar eigentlich 
suche ; „aus der Expedition würde doch nichts 
werden." 

So wurde dem Dr. Peters in Zanzibar der 
Boden zu seiner Action entzogen und er sah sich 
unfreiwilliger Weise auf das Festland des deutschen 
Schutzgebietes verwiesen. Durch dasselbe in die 
Ae(|uatorialprüvinz vorzudringen, war nach dem 
damaligen Stande der Dinge unmöglich ; das 
Küstengebiet von Witu war aber in den Blockade- 
bezirk einbezogen und damit die einzig denkbare 
Zugangsroute, diejenige des Tana, gesperrt. 
Die Zeit bis zum Eintreffen der ausstehenden 
Ausrüstung wollte Peters zu einer Recogno- 
scirungsfahrt längs der Küste benützen, aber da 
zeigte sich sofort der verhängnissvolle Einlluss 
der Engländer, den zu beleuchten wir für nöthig 
halten, um die künftige Tragweite des eng- 
lischen Protectorates über Zanzibar klarzulegen. 
Um jene Recognoscirungsreise unternehmen zu 
können, mussten Peters und Rust einen der Sul- 
tansdampfcr benützen, welche den Passagier- und 
Fraihtcnvcrkehr zwischen Zanzibar und einigen 
Küstenplätzen vermitteln. Die Dampfer fahren 
nun zwar unter der Sultansllagge, doch hat sich 
die „British India Steam Navigation Co." einen 
Vertrag erwirkt, kraft dessen jene Route zu einer 
Zweiglinie der Gesellschaft geworden ist, welche 
natürlicherweise auch der britischen ostafrikani- 
schen Gesellschaft zu Gute kommt. Die Linie 
berührt die Häfen Mombassa, Melindi, Lamu, 
Barava, Merka und Makdischu. 

Dr. Peters und Rust benützten die „Kilwa", 
um di(^ geplante Fahrt durchzuführen. -Als in 
Mombassa gehalten wurde, lief das englische 
Kanonenboot „Mariner", das die Reisenden noch 
vor ihrer Abfahrt in Zanzibar gesehen hatten, 
gleichfalls in Mombassa ein, verliess jedoch schon 
nach einigen Stunden wieder den 1 lafen. Der 
Zweck dieses Besuches wurde den Reisenden 
erst klar, als ihnen vom Capitän der „Kilwa" 



bedeutet wurde, er hab4e Urdre, Lamu nicht an- 
zulaufen. Wie man weiss, ist Lainu die wichtigste 
maritime Zugangsstation zum Mündungsgebiete 
des Tana, beziehungsweise zum Sultanat Witu. 
Lamu ist aber, in englischen Mänden. Die weiteren 
Combinationen sind also nicht schwierig. Dem 
Dr. Pct<;rs war autgefallen, dass die ,, Kilwa" Posl- 
stücke für Lamu führte und verlangte vom Capitän 
Aufklärungen, welcher unumwunden mit der Be- 
merkung herausrückte, dass er gemessenen Befehl 
habe, Dr. Peters in Lamu nicht zu landen, worauf 
dieser bedauerte, die Veranlassung zu sein, dass 
in Lamu die Post ausbleibe. Zugleich gab er die 
Erklärung ab, in Lamu überhaupt nicht landen 
zu wollen. Daraufhin lief die ,, Kilwa" diesen 
Hafen an, wo trotz alledem in der Hauptsache 
das erreicht wurde, was vorerst beabsichtigt 
war. Tiedemann und die Herren der deutschen 
Colonie erschienen sofort an Bord und es konnten 
Berichte empfangen und Ordres ertheilt werden. 

Dr. Peters hatte seinen Plan, der streng 
geheim gehalten wurde, bald fertig ; ein Dampfer, 
die ,,Neera", wurde in Bombay gechartert. Der 
Dampfer gehörte einer englischen Gesellschaft, 
aber der Capitän war von Geburt Italicner, was 
der Expedition zu Gute kam. Inzwischen ereilte 
aber diese selbst ein schwerer Schlag. Trotz 
aller Vorsicht seitens des Dr. Peters kamen die 
Waffen der Expedition auf einem englischen 
Dampfer nach Zanzibar, wurden dort mit Be- 
schlag belegt und an Bord des ,\dmiralschiffes des 
englischen Blockadegeschwaders, der ,,Boa<licca", 
gebracht. Es handelte sich uij i8o Vorderladc- 
flinten, 150 Hinderladeflinten, mehrere Elephanten- 
tlinten, 120 Remington-Gewehre für Emin, Re- 
volver und die Jagdausrüstung der Mitglieder der 
Expedition. Schon dieser erste Eingriff der Blo- 
ckadebehörden erregte deutscherseits gewaltige 
Entrüstung. Nun stand allerdings in der Bluckadc- 
erklärung : ,,Die Blockade ist nur gegen die Ein- 
fuhr von Kriegsmaterial und die Ausfuhr von 
Sklaven gerichtet." Dass obige .Ausrüstung unter 
diese Bestimmung fiel, ist ohne weiteres klar 
und bedürfte keines Commentars. Es fragt sich 
aber, warum der Befehlshaber des britischen 
Blockade-Geschwaders, Admiral Freemantle, in der- 
selben Zeit die bewaffnete Expedition Mr. Smith 's, 
eines Beamten der britischen ostafrikanischen 
Gesellschaft von Melindi zum Tana unbeanstandet 
hatte abgehen lassen ? 

Dass hiermit zweierlei Mass gemessen wurde, 
ist völlig klar. Es sollte aber noch besser kommen. 
Dr. Peters' Remonstrationen blieben unberück- 
sichtigt. Der deutsche General-Consul lehnte ab, 
sich in diese Angelegenheit zh mischen. .Admiral 
Freemantle verhielt sich gleichfalls ablehnend, wozu 
er nicht unwesentlich durch das Benehmen des 
ileutschen .Admirals Deinhard bestärkt wurde. .Als 
die beiden .Admirale auf die Waffenkisten zu 
sprechen kamen und Freemantle fragte, was er mit 
den Sachen anfangen sollte , erwiderte Dein- 
hard : -Schmeisscn sie dieselben über Bord," So 



68 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



wurden die Waffen der Expedition grösstentheils 
zwangsweise nach Aden zurückgebracht. Ein Theil 
der kostbaren Ausrüstung wurde nachträglich durch 
die Vermittlung des deutschen Reichscommissärs 
Major Wissmann beschafft. 

Unter solchen Störungen und Enttäuschungen 
wurde die Expedition in der Zeit bis zum Eintreffen 
der „Neera" in Bagamoyo organisirt. Die Umtriebe 
der Engländer hatten auch hier mancherlei böse 
Folgen gehabt; das feuchte den Somali unge- 
wohnte Klima hatte Fieber unter sie getragen, die 
Leute wurden ungeduldig und wollten marschiren. 
Erst am 6. Juni traf die „Neera" in Bagamoyo ein 
und bereits drei Tage später verliess sie diesen 
Hafen mit der Bestimmung nach der Delagoa-Bai, 
um hierselbst Träger zu werben. Man weiss 
heute, welche Bewandtniss es mit dieser Fahrt 
nach dem Süden hatte. Das Geheimniss des eigent- 
lichen Zieles der Expedition wurde so streng ge- 
heim gehalten, dass selbst die Herren der Wiss- 
mann'schen Truppe keine Ahnung davon hatten. 
In einem weiten Bogen ausser Sicht von Zanzibar, 
wurde dieses im Süden und Osten umschifft und 
derCurs gegen die ausserhalb des Blockadebezirkes 
gelegene Somaliküste genommen. Der eben herr- 
schende Südwest-Monsun brachte die Expedition 
wiederholt in schwere Bedrängniss. Das Ziel, die 
Kweihu-Bai, nordöstlich von Lamu und der grossen 
Insel Pata, durfte nicht verfehlt werden, da man 
sonst Gefahr lief, unter die Kanonen der bei Lamu 
liegenden englischen Kriegsschiffe zu kommen. 
Hoher Seegang, ungenügende Oirentirungsbehelfe, 
schwere Regenböpn u. a. m. brachten die Ex- 
pedition in eine schiefe Lage, bis es endlich am 
14. Juni gelang, in die Kweihu-Bai einzulaufen und 
vor Anker zu gehen. 

Nun hiess es keine Zeit verlieren. Behufs Aus- 
schiffung und Ausrüstung der Mannschaften der Ex- 
pedition mussten Dhaus gemiethet und zu diesem 
Ende mit dem nahen Pata Verbindungen angeknüpft 
werden. Das Beginnen war bedenklich, denn Pata 
gehört dem Sultan von Zanzibar, und von Pata 
nach Lamu ist es nicht so weit, dass das Vorgefallr:ne 
daselbst nicht in kürzester Zeit bekannt werden 
konnte. Dr. Peters erwog diese Möglichkeit und be- 
schleunigte seine Massnahmen, welche nicht ohne 
Störungen und Zweideutigkeiten seitens der an- 
fangs wohlgesinnten Behörden und Notabilitäten 
von Pata durchgeführt werden konnten. 

Es würde zu weit führen, über alle Einzel- 
heiten des aussergewöhnlich beschwerlichen und 
umständlichen Zuges der Expedition im Hinter- 
lande von Pata und Lamu bis zu deren Eintreffen 
in Witu hier zu berichten. Von Wichtigkeit ist 
das Detail, dass an Bord der ,, Neera" sich noch 
80 Lasten (nicht Waffen, sondern Tauschartikel) 
befanden, als für diesen arg mitgenommenen 
Dampfer die Nothwendigkeit eintrat, in See zu 
gehen. Dort traf ihn eine Havarie, so dass die 
mittlerweile entsendeten drei britischen Kriegs- 
schiffe „Boadicea", ,,Cossack" und ,, Mariner", 
welche auf die ,, Neera" Jagd machen sollten, 



leichtes Spiel hatten. Das Schiff wurde mit 
Beschlag belegt • und nach Lamu gebracht. 
Dass sich hier der britische Blockade-Comman- 
dant eines gewaltthätigen Eingriffes schuldig ge- 
macht hatte, ist ohne Weiteres klar. Admiral 
Freemantle hatte dem Dr. Peters etwa drei Wochen 
vor diesem Zwischenfall formell erklärt, gegen 
sein Schiff nichts zu unternehmen, wenn es keine 
Kriegscontrebande führe. Die ,, Neera" war Herrn 
Borchert in aller Form übergeben worden. Herrn 
Toeppen, dem Vertreter der Witu-Gesellschaft, 
waren alle auf der ,, Neera" befindlichen Tausch- 
artikel mit dem Auftrage consignirt, theils aus 
den mitgebrachten Vorräthen, theils aus den neu 
anzukaufenden die Expedition billig und zweck- 
entsprechend mit Rücksicht auf die Tanaroute 
zu versehen. Herr Toeppen reclamirte in Folge 
dessen die auf der „Neera" befindlichen Lasten 
als ihm gehörig, indess ohne Erfolg. Der „Neera" 
wurde eine Wache von 25 Matrosen des „Ma- 
riner" gegeben und dieselbe nach Zanzibar über- 
führt, wo sie vor das Prisengericht gestellt wurde. 
Bekanntlich theilte dieses letztere nicht die Auf- 
fassung des Admirals Freemantle, und gab, aller- 
dings in einer Zeit, wo die Rückwirkung eines 
solchen Bescheides für die Expedition selbst nicht 
mehr in Betracht kam, das Schiff frei. Das Er- 
eigniss von Lamu war die mittelbare Veranlassung, 
dass die Peters'sche Expedition gezwungen war, 
sich in zwei Colonnen zu trennen, da neue Tausch- 
artikel von Zanzibar abgewartet werden mussten. 
Es war diesen Colonnen nicht bestimmt, sich je 
wieder zu vereinigen. 

Anfangs Juli war Peters endlich in Witu 
eingetroffen, und vom Sultan Fumo Bakari mit 
all den üblichen Ehrenbezeugungen empfangen 
worden. Der Sultan versprach, die Expedition 
nach Kräften unterstützen zu wollen, erklärte 
aber hinterher, mehr naiv als offenherzig, er sei 
nicht Herr aller Gebiete, die nominell ihm unter- 
ständen. Schlimmer als dieses Selbstbekenntniss 
liest sich eine Darlegung Rust's über die älteren 
Zustände im Witulande. Dieses Gebiet wurde 
1885 durch die Brüder Deinhard unter deutschen 
Schutz gebracht und dem damaligen Sultan von Pata, 
dessen Sohn der jetzige Sultan von Witu ist, zu- 
gesprochen. Es ward die Witu-Gesellschaft ge- 
gründet, welche Ländereien kaufte, an welchem 
Geschäfte sich auch Deinhard betheiligte. Doch 
sehr bald entstanden unliebsame Eifersüchteleien, 
Besitzstreitigkeiten und nun spielten die Ränke 
um den Einfluss beim Sultan, dessen General- 
vertreter Deinhard war und heute Toeppen ist. 
Hie Deinhard, hie Toeppen war die Losung ; 
jeder der Herren hatte seinen Anhang; es er- 
neuerte sich hier auf afrikanischem Boden der 
alte sprichwörtlich gewordene: „Querelle d'alle- 
mand". 

Von Witu war geraume Zeit kein Weiter- 
kommen. Die Trägerfrage zog sich endlos hin, 
Gewoibene desertirten, neu zu Werbende wurden 
von den Sclavenhaltern zu horrenden Preisen 






OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT 



69 



I 

11 



II 



angeboten. Kam es zu der üblichen Belastungs- 
probe, trat einer der Schwächsten hervor, lüftete 
die Last mit meist fingirten Anstrengungen un<l 
erklärte, sie nicht tragen zu können, worauf die 
anderen Träger im ('horus raisonnirten. lindlicli, 
am 26. Juli, nachdem in Witu weder Träger noch 
Lastthiere zu erlangen waren, entschloss sich 
Peters zum Aufbruche, während Rust die zweite 
Colonne zu führen hatte, und mit ihr aufbrechen 
sollte, sobald die 100 von Zanzil)ar her erwarteten 
Lasten eingetroffen sein würden. Indess sollte 
diese Colonne sich erst in tiamiji, stromauf des 
Tana, organisiren. Dazu bemerkt Rust: «Am 
.'Vbende vor dem Aufbruche sassen wir noch spät 
in die Nacht hinein am Feuer ; es waren ernste 
Stunden. Den hässlichen Plackereien und Intri- 
guen in Zanzibar waren wir ja entronnen, aber 
sie hatten viel unersetzlichen Schaden angerichtet. 
Das p-ehlen der Tauschartikel durch Wegnahme 
der „Neera" war der Grund, dass die Karawane 
nicht vereint vorgehen konnte, die erste Colonne 
auf dem Lande und in gleicher Höhe mit ihr die 
Boote auf dem Tana. Ks trat eine unglückliche 
Zersplitterung der Kräfte ein, die sich nicht 
wieder zusammenfinden konnten. Noch einmal 
traten die für uns Deutsche beschämenden Er- 
eignisse klar vor unseren Geist, aber die Zukunft 
lag in Dunkel gehüllt." 

Dieses Dunkel ist vorläufig nicht gelichtet. 
Von Dr. Peters weiss man nur so viel, dass er, 
der mehrmals Todtgesagte, unerwarteter Weise 
am Victoriasee auftauchte, mit dem König von 
Uganda Blutsbruderschaft schloss und mit Er- 
reichung dieses Zieles den Beweis erbracht hat, 
dass die deutsche Kmin Pascha-Expedition ihren 
Zweck gewiss erreicht hätte, wäre sie früher ab- 
gegangen und hätte sie nicht in Folge der ge- 
schilderten Zwischenfälle ein Vierteljahr verloren. 
Mit welchen Hindernissen Dr. Peters auf der von 
ihm eingeschlagenen, der wilden Massais wegen 
selbst von Stanley als ungangbare Tana-Kenia- 
Route zu bewältigen hatte, wird früher oder 
später bekannt werden. Selbst ohne Kenntniss 
der Einzelheiten und des Verlaufes dieses kühnen 
Zuges darf man Dr. Peters ebenbürtig dem „Emin- 
Befreier" Stanley zur Seite stellen, angesichts der 
Jugend und iler bisherigen geringen Erfahrenheit 
des schneidigen, von eiserner Willensstärke be- 
herrschten Mannes. Wie Alles in der Welt, ist 
auch der Ruhmeserwerb auf afrikanischem Boden 
vorwiegend eine Sache des Zufalls und des 
Glückes. Unter ganz gleichen Voraussetzungen 
können dem Einen Triumphe, dem Anderen 
Niederlagen zutheil werden. In entscheidender 
Stunde bleibt es völlig einerlei, ob das kritische 
Hinderniss der Aruwimiwald oder eine wasser- 
lose Wüste, ein mächtiges Heeresaufgebot oder 
ein aus dem Hinterhalle abgeschossener ver- 
gifteter Pfeil ist. Verhungern oder elend am 
Fieber verschmachten kann man im „grossen 
Wald" so gut, wie in einer Steppe des Galla- 
laudes. Treffer und Nieten sind immer gleich 



vertheilt. Mag der Engländer Stanley als kühner 
Bahnbrecher und durch die Romantik der Er- 
lebnisse populärer sein als Peters; die Befähigung 
zum Afrikaforscher wie er sein soll, wohnt diesem 
im gleichen Masse inne wie jenem. 

Gehen wir nun zur Sache. Von seinem Auf- 
enthalte in Witu weiss Rust nichts Gutes zu be- 
richten. Dicht neben Witu liegt Kau, das dem 
Sultan von Zanzibar gehört. Der verstorbene 
Sultan Said (^halifa hasste Dr. Peters, und dies 
um so heftiger, als die Engländer diese Stimmung 
schürten. Nichts war den Engländern unwill- 
kommener, als das Erscheinen der deutschen 
Emin Pascha-Expedition im Witulande. Englisches 
Geld (loss in Massen ; Manda und Pata waren 
davon überschwemmt ; die hervorragendsten 
zanzibarischen l'unctionäre waren davon be- 
stochen, zu dem Zwecke, Witu zu chikaniren, 
um es zu zwingen, die deutsche Schutzherrschaft 
mit der englischen zu vertauschen. Nun hat Eng- 
land dasselbe Ziel auf anderem Wege erreicht 
und man darf sich fragen, ob Deutschland — 
von allen englischen Intriguen und Händeln, 
welche gewiss Niemand billigen wird, abgesehen 
— nicht klug gehandelt hat, sich dieses Eris- 
apfels zu entledigen. Wenn man in deutschen 
C'olonialkreisen geltend macht, man habe „ein 
ganzes Reich für die Felsklippe Helgoland** ge- 
0()fert, darf man nicht vergessen, dass ein afrika- 
nisches „Reich" ein Ding ist, welches sich in 
dem Begriff, den man mit einem Reiche ver- 
bindet, nicht einordnen lässt. Wenn Rust selber 
gesteht, die Langsamkeit. Trägheit und Bosheit 
der Mohammedaner (von Witu) übersteige alle 
Grenzen, so fragt man sich, welchen Nutzen man 
zu erwarten habe, wenn man sich mit solchem 



Pack einlässt 



-Den Arabern und Suaheli 



ist es schon an und für sich nicht angenehm, 
wenn Europäer in das Gebiet kommen ; sie 
fürchten für ihren Handel mit dem Wapokomo 
(beiläufig bemerkt einem ganz unzuverlässigen 
Volke), den jene ihnen wegnehmen könnten, 
sowie dass die Wapokomo durch den Handel 
mit Europäern weniger gefügig werden und 
ihren Absatz in diesen für sie so wichtigen Ge- 
bieten schmälern." 

Was nun den Tana anlangt, bildet sein 
Thal den einzigen Culturboden inmitten der 
grossen ostafrikanischen Sandsteppe, welche die 
ganze Nordostecke des Erdtbeiles ausfüllt, das 
Massailand umschliesst und in ihren Ausläufern 
bis Usugara verfolgt werden kann. Peters weist 
darauf hin, dass der Tana gleich dem Nil (wenn 
auch im kleinen Massstabe) erst ein Culturland 
in die Wüste hineingetragen hat. Die Thalrinne 
mit ihrem .-Mluvion ist von grosser Fruchtbarkeit 
und überall dicht angebaut ; ausserhalb dieses 
Thalstriches hört aller Anbau auf. Wenn aber 
Peters auf die Producte des Culturstriches hin- 
weist und Mais, Tabak, Bohnen, Bananen und 
Kürbisse besonders aufzählt, will es uns denn 
doch bedünken, dass solche Schätze der Strapa* 



70 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT PÖR EHN ORIENT. 



und der Opfer nicht werth seien. Dazu kommt, 
dass die unzähligen Windungen und die wech- 
selnden Stromstärken des Tana, ihn zu einer 
Handelsstrasse ungeeignet machen. Ob derselbe 
thatsächlich bis Hamiji, also bis in die unmittel- 
bare Nähe des Kenia schiffbar ist, darf vorläufig 
noch nicht als sichergestellt gelten und sind die 
Berichte des Dr. Peters abzuwarten. In der 
Regenzeit bildet der Strom gefährliche Strudel 
und Schnellen, er steigt um 4 Meter über sein 
gewöhnliches Niveau und richtet allerlei Schaden 
an den Ufern an ; in dieser Zeit ist also an ein 
Befahren mit kleinen Canoes nicht zu denken. Bei 
Niederwasser aber tauchen überall Sandbänke 
auf, zwischen denen sich die Canoes hindurch- 
winden müssen. Dies gilt aber, wenn wir den 
Bericht Rust's richtig deuten, nur für den Unter- 
lauf, etwa bis Massa. Dieser Ort ist aber nur 
170 Kilometer von der Mündung des Tana, da- 
gegen etwa 300 Kilometer von Hamiji, dem an- 
geblichen Endpunkte der Schiffbarkeit, entfernt; 
wie mag es sonach mit dieser im Oberlaufe des 
Tana bestellt sein, nachdem Rust hervorhebt, 
dass der Strom (wobei er wohl den ihm be- 
kannten Theil, nämlich den Unterlauf meint) zur 
Zeit des Niederwassers für „kleinere Canoes" 
schiffbar sei? In einem Briefe, datirt den 28. Sep- 
tember in Oda Galla am oberen Tana, erklärt 
Peters allerdings, dass der Fluss bis dorthin 
„unzweifelhaft das ganze Jahr schiffbar" sei. 

In die Einzelheiten der Expedition des Ca- 
pitän-Lieutenants Rust können wir uns nicht 
einlassen. Es war kein F"ortkommen — - es war 
ein Schleichen. Die fast unabhängigen „Vasallen" 
des Sultans von Witu, die sich selber „Sultane" 
nennen, eigentlich aber nichts anderes als Orts- 
älteste sind und sehr geringe Autorität gegen- 
über ihren Untergebenen besitzen, zeichneten 
sich entweder durch Stupidität oder Uebelwollen, 
oder Heimtücke und dergleichen schöne Eigen- 
schaften aus. Bei diesem Anlasse gesteht Rust 
ein, welch geringen Werth das blosse Flaggen- 
hissen und „unter Schutz stellen" hat, wenn man 
das betreffende Land nicht sofort festhält durch 
Anlegung von Stationen. „Unter dem moralischen 
Drucke vielleicht unterwirft sich ein Eingeborener, 
aber sobald dieser nicht ins Thatsächliche über- 
setzt werden kann, hält er sich zu nichts mehr 
verpflichtet. Afrikanische Unzuverlässigkeit !" So 
erging es Rust in Malalulu, wo Dr. Peters kurz 
zuvor gewesen und die Flagge gehisst und dem 
Ersteren in einer brieflichen Mittheilung gute 
Aufnahme seitens des dortigen Sultans zugesichert 
hatte. Dieser liess sich aber nicht blicken. Rust 
sandte nach ihm und verlangte gleichzeitig Reis, 
auf das angebliche freundschaftliche Verhältniss 
des Dr. Peters zum Sultan hinweisend. Nach 
einiger Zeit erschien der „kleine Sultan", eine 
„Galgenphysiognomie", und eine Anzahl Bewaff- 
neter; der „grosse" Sultan ist abwesend. Auch ist 
die Reisration ungenügend. Rust erklärte, dass er, 
erhielte er die gewünschte Ration nicht vor 



Sonnenuntergang, handeln würde, wie es das 
ungastfreundschaftliche Vorgehen des Sultans er- 
fordert. Dies wirkte. 

Gab es keine Reibereien mit den Ortsvor- 
stehern , so stellten sich mit den gemietheten 
Bootsleuten, welche gerne ausrissen, Schwierig- 
keiten ein. Hunger und Krankheiten blieben nicht 
aus. Rust selber wurde vom Gallenfieber heim- 
gesucht und lag eine Zeit hindurch in bewusst- 
losem Zustande. Um das Uebermass des Miss- 
geschickes voll zu machen, brach im Lager bei 
Kemakombo Feuer aus, welches werthvolle Habe, 
darunter Pulver und Patronen zerstörte. Unge- 
ziefer, Reibereien mit den Uferbewohnern, Heu- 
schreckenschwärme, anstrengende Ruderarbeit bei 
schmälster Kost bildeten eine fortgesetzte Reihe 
von Unannehmlichkeiten auf diesem Zuge. Ueber alles 
Lob erhaben erwiesen sich die Somali, diesen ehr- 
geizigen, tüchtigen, ausdauernden Repräsentanten 
eines grossen, stolzen Vdlkcs, welches die Wapo- 
komo mit Verachtung behandelte. In der grössten 
Noth vermittelten die Somali den Verkehr stromab. 
Auch stromauf, als Boten zu Dr. Peters, wurden 
Somali verwendet. Aber weder konnte Dr. Peters 
erreicht werden, noch traf der heissersehnte Nach- 
zug unter Borchert ein. In der englischen Station 
Kone wurde der erste Brief Peters vorgefunden, in 
Malalulu (Massa) der zweite und — letzte. Peters 
berichtet über die von ihm bei Oda Galla unweit 
des Kenia errichtete Station und seine Absicht, 
auch bei letzterem einen ähnlichen Postt;n zu er- 
richten. Der Marsch durch die wasserlose Steppe 
hatte die Expedition furchtbar mitgenommen, wobei 
an manchen Tagen von Sonnenaufgang bis Sonnen- 
untergang ununterbrochen marschirt wurde. Peters 
hatte die Losung ausgesprochen: „was fällt, das 
fällt!" Die letzten Nachzügler langen sehr ver- 
spätet und „drei Viertel todt" in Oda Galla ein. 

Bald darauf kam es zu einem Zusammenstosse 
mit den Galla, wobei mehrere der letzteren fielen 
und der Sultan Hujo tödtlich verwundet wurde. 
Die Galla räumten hierauf ihre Dörfer, welche, 
sowie auch die Ernte des Jahres und die Boote 
Dr. Peters zufielen. Peter.? berichtete ferner, dass 
die englische Expedition unter Mr. Smith auf dem 
Wege von Kidore durch die Steppe von Somali 
angegriffen worden war. Mr. Smith war dann nach 
Kidore nochmals zurückgekehrt, hatte zwei Tage 
daselbst gelagert und war abermals marschirt. 
Später war der englische Führer durch Ukamba 
nach Mombassa zurückgekehrt. Peters hatte einige 
der verwundeten Träger in Massa getroffen und in 
seine Dienste genommen. Auf Grund dieser zwei 
Zwischenfälle entstand offenbar jenes bis nach 
Europa gedrungene Gerücht von der Nieder- 
metzelung der Expedition Peters', welches lange 
Zeit hindurch geglaubt wurde und zum Theile mit 
Veranlassung war, die noch unterwegs befind- 
lichen Colonnen zurückzurufen. Von dieser Sach- 
lage hatte Rust indess erst bei seinem Zusammen- 
treffen mit Borchert Kenntniss erhalten , einem 



OESTBRREICHISCHE MONATSSCHRIFT FOR DEN ORIENT. 



71 



Zusammentreffpn, das eines Zwischenfalles wegen 
früher stattfand als vorausgisetzt war. 

Das kam so. luncsder Hoote, mit «•inem Somali 
und zwei Wapokoino wurde, vermisst. Das Layrr 
befand sich damals olierhalh Mui. Nach lantjem 

I Warten kam endlich der Sumali in einem bejam- 
mernswerthen Zustande an. Er hatte sich, ohnedies 
am Kusse in Folgt; eines Sturzes in eine Wildfalle 
schwer verletzt, mühsam durch zwei 'iage, zum 
'l'heile durch Urwald fortgt schl(p|)t und die ganze 
Zeit ülier gehungert. Hei seiner Vernehmung stellte 
-sich heraus, dass die beiden Wapokomo in der 
Nacht vom Wachtfeuer geschlichen, in die zu- 
sammengek()p|)elten Boote ges[)rungen und mit 
dem Strome i)feilschnell liinuntergetrielien waren. 
Wii; er aufwacht, findet er sich allein in der Wildniss. 
„Diese knechts(digen, f(Mgen Wapokomo haben in 
ihrer Hinterlist und Bosheit sich nicht gescheut, 
das Leben des unglücklichen Somali preiszugel)en. 
Die Wuth meiner Somali über die Niedertracht der 
Wapokomo ist grenzenlos und muss ich Excessen 
sieurrn." 

Wenn auch für den Fortgang der Expedition 
nicht zweckdienlich, musste Rust in den Augen 
seiner treuen und als ritterlich geltenden Somali 
demnach moralisch sehr gewinnen, dass er persön- 
lic;h ohne Verzug daran ging, den Flüchtigen nach- 
zusetzen. Also wieder zurück — stromab ! Der 
Zeitverlust wurde von Kust auf vierzehn Tage 
veranschlagt — und Peters harrte mit Ungeduld 
der Ankunft der Nachhut! Mit solchen Fac- 
toren rechnet man kaum bei Aufstellung eines 
Reiseprogrammes. Kust versorgte und \erpro- 
viantirli' seine Leute und begab sich sodann mit 
fünf Somali und seinem „Roy" auf die Wapo- 
komo-Jagd. Dabei befand sich Rust noch obendrein 
in einem bedenklichen F'ieberzustande, der später 
in Delirien ausartete. Rust war vier Tage und vier 
Nächte in ununterbrochenen Gt fahren, f)hn<' in dieser 
Zeit bei voll» m Hewusstsein gew(;sen zu sein. Die 
Unterhandlungen mit dem Sultan von Wakolessa, 
dem die beiden Flüchtlinge gehörten, führten zu 
nichts. Es kam zu scharfen Auseinandersetzungen 
und der Ausbruch von F^eindseligkeiten schien un- 
ausbleiblich. Gleichwohl verlief der Zwischenfall 
ohne üble Naehwehen. Nach fünf jämmerlichen 
Rasttagen kam endlich die Erlösung. Es war am 
22. November, als Borchert auf dem Landwege in 
Wakolessa eintraf. Das Aussehen Rust's entsetzte 
ihn. Der Fieberkranke wurde in Pflege genommen, 
und er empfing zugleich die Nachricht über die 
N iedermetzeliing der Colonne des Dr. Pet«rs, vom 
Anmärsche Stanley's und ICmins und von der De- 
(lesche des C'omite's mit der Weisung zur Rückkehr. 
Während Borchert das Rust'sche Lager oberhalb 
Mui aufsuchte, wurde Rust, seines elenden Zustan- 
des wegen, gedrängt, nach Lamu zurückzukehren, 
was der wackere Reisende endlich n.ich langc-m 
Widerstreben zugab. In Kau bei Lamu musste er 
noch von einem clorligen Suahili-Kaufmanne die 
weisen Worte hören : .,|a, ja, ihr Europäer kommt 
in dies Land und wollt alles schnell erreichen ; ihr 



seid das Klima nicht gewohnt und werdet hier 
krank ; das geht hier nicht ; poll I poll ! (langsam ! 
langsam!)." 

Mit der Ankunft Rust's in Aden scliliesst der 
c-igentliche Bericht, an den eine wcrthvolle Ab- 
handlung über die Somali und eine vortreffliche 
Schilderung afrikanischen Naturlebens anschliesst, 
ab. Mit gr<')sster S])annung darf man nun den au- 
thentischen Nachrichten über den weiteren Verlauf 
der Peters'schen Expedition entgegensehen. Wir 
werdctn nicht verabsäumen, zu geeigneter Zeit auch 
über diesen kühnen Zug des energischen, von be- 
wunderungswürdiger Willensstärke beherrschten 
Reisenden zu berichten. 



DIE BAUTEN IN ARABIEN. 

Seit jeher war Arabien von zwei ethnisch 
und sprachlich nahe verwandten Racen bewohnt, 
den Kindern Isinaels, den unruhigen Beduinen 
des Nordens, und den sesshafteren, an staatliche 
Onlnung seit lange gew(')hnten Leuten des Südens, 
welche man nXs Joklaniden oder, wenn auch nicht 
genau, als Hirnjänten zu bezeichnen pflegt. So 
alt wie die Geschichte, ist auch der Gegensatz 
zwischen beiden. Im Allgemeinen fänden wir in 
den Männern des Südens das eigentliche Araber- 
thum am reinsten dargestellt; in der geschicht- 
lichen Zeit kehrt sich das freilich um, und der 
Ismaelite, der Beduine, fühlt sich bis heute als 
den eigentlichen Vertreter arabischen Wesens; 
aber die ältesten Spuren der Geschichte weisen 
in der That darauf hin, dass lange vor den 
Ismaeliten die Joktanidcn zu einer achtunggebie- 
tenden Culturentwicklung gediehen sind. An dem 
Siyle ihrer Bauten wie in der Mythologie der 
Sabaer in Yemen begegnet man die deutlichen 
Spuren unmittelbaren Einflusses der assyrisch- 
babylonischen Gesittung, welche sich also bis in 
jene entfernten Gegenden geltend machte; später 
ist die Landschaft Nedschrdn ganz dem Christen- 
thume gewonnen, und auch das Judenthura strebt 
in Yemen in die Höhe zu kommen. Bis in unser 
Jahrhundert hinein konnte man sich von der 
alten Geschichte Südarabiens nur ein schatten- 
haftes Bild entwerfen. Ivtwas klarer wurde die 
.Anschauung durch die seit dem Ende des vorigen 
Jahrhunderts von • europäischen Forschungs- 
reisenden gelieferten Beschreibungen grossartiger 
Ruinen alter Tempel und Paläste, welche weithin 
das Land bedecken und von untergegangener 
Herrlichkeit Zcugniss geben. Heute noch ragen 
gewaltige Zwingburgen von den Hc")hen nieder, 
wo in alter Zeit mächtige Geschlechter hausten. 

Wie das bürgerliche Wohnhaus dieser alten 
vorislamitischen Siidat aber beschaffen war, darüber 
geben die Ruinen geringe Auskunft. Bei der .Ab- 
geschiedenheit des Landes wird man jedoch nicht 
stark irren mit der Annahme, dass der Zeiten 
Lauf nur geringe .'\banderungen in diese Ver- 
hältnisse gebracht haben dürfte, dass somit das 



72 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



alte Wohnhaus dem heutigen ziemlich ähnlich 
sah. Der französische Reisende Josef Halevy, 
welcher 1870 bis in die Landschaft Dschauf vor- 
drang, fand nun auf seinem mühevollen Marsche 
von dem Küstenplatze Hodeida nach Sana die 
Häuser theils aus Stein, theils aus Ziegeln auf- 
geführt, während in den Dörfern auch Rohr als 
Baustoff Verwendung findet. Die städtischen 
Häuser sind in Yemen gewöhnlich mehrstöckig, 
solche mit blossem Erdgeschosse selten, Stadt- 
vesten dagegen allgemein. In Sana, der grössten, 
schönsten und reinlichsten Stadt Südarabiens, 
erheben sich überall mehrstöckige, von aussen 
geweisste Steinhäuser in den geraden, breiten, 
meistens gepflasterten Strassen. Sana besitzt auch 
mehrere sehr schöne und grosse Bauwerke, dar- 
unter Moscheen, deren Architektur an die be- 
rühmtesten Denkmäler der moslimischen Spanier 
erinnert. Leider hat Halevy nicht erfahren, aus 
welcher Zeit sie stammen. El-Medid, eine Stadt 
neueren Ursprungs, bezeichnet er ausdrücklich 
als einen offenen Platz, die adeligen Familien 
hausen in befestigten Thürmen der Umgebung. 
Fast jedeS Dorf besitzt einen solchen Thurm, 
der, wie in alter himjaritischer Zeit, dem Edel- 
manne als Wohnsitz dient. Manche Thürme, wie 
jene von El-Hazm, sind mit Zinnen versehen. 
Halevy schweigt über die innere Anlage der 
Häuser, einer gelegentlichen Andeutung ist blos 
zu entnehmen, dass sie flache Dachterrassen be- 
sitzen. Im Dschauf sind Steinhäuser nur das 
Eigenthum Ton Begüterten; der gemeine Mann 
erbaut sich sein Haus aus Lehraziegeln, die an 
der Sonne getrocknet sind. 

In der Landschaft Laheg, nahe an der Strasse 
von Bäb-el-Mandeb, sind alle Häuser, so berichtet 
Freiherr von Maltzan, wie Burgen gebaut, mit sehr 
vielen, oft fünf bis sechs Stockwerken, aber be- 
wohnt scheinen nur die obersten. Der Palast des 
Sultans in der Stadt El-Hauta ist eine wirklich im- 
posante und dabei keineswegs unharmonische Bau- 
masse, obwohl durchaus nicht regelmässig. Die 
Stirnseite des Hauptbaues erinnerte den deutschen 
Reisenden sogar lebhaft an einen Theil des Heidel- 
berger Schlosses. Hier befand sich zur Seite eines 
hohen, breiten Rundthurmes eine schöne P'enster- 
front mit Rundbogen, fünf Stockwerke überein- 
ander. Die beiden unteren Geschosse sowohl des 
Thurmes als des Schlossflügels waren von natür- 
licher Farbe, die höheren blendend weiss ange- 
strichen, was diese oberen Theile noch höher er- 
scheinen liess, als sie wirklich waren, gleichsam als 
ein auf einem anderen ruhendes Gebäude. Sonst 
fand Herr von Maltzan den Anstrich hier nirgends 
angewendet. Alle diese Burgen und Schlösser 
waren roth von der Farbe der Luftziegel, die 
hier aus einer eigenthümlich rothen Lehmerde ver- 
fertigt werden. Steine hat man in Laheg nicht, und 
zu Backsteinen hat es die einheimische Industrie 
noch nicht gebracht. Aber das Material der Luft- 
ziegel ist ein so ausgezeichnetes, dass alle diese 
Gebäude, selbst die schon alten, noch gerade und 



glatte Wandflächen zeigen, und nicht jene Uneben- 
heiten und Rauhheiten, wie sie anderwärts die Luft- 
ziegelbauten charakterisiren. In den Dörfern wech- 
seln Steinbauten mit solchen aus Luftziegeln und 
Reisighütten ab, die sich gewöhnlich um ein Castell 
(„Hisn'" oder „Hosn")gruppiren. Gemauerte Häuser 
haben meist nur die Häuptlinge und ihre Hareme ; 
Bauern und Beduinen wohnen in Hütten aus Stroh 
und Reisern, die an Farbe kaum vom Boden zu 
unterscheiden sind, mitunter, wie in ("hlifa, in 
Häusern von Rohr, Reisern und Dumpalmzweigen. 
Das Zeltleben ist in Südarabien ganz unbekannt : 
selbst die Beduinen unter der Bevölkerung wohnen 
nicht in Zelten, sondern in Strohhütten, die nur auf 
beschränktem Räume der Weide wegen zu Zeiten 
verlegt werden. 

Die Wahrzeichen sesshaften Lebens erstrecken 
sich nicht blos auf die ganze Südküste Arabiens 
und die in deren Bereich gehörenden Landschaften, 
wie z. B. Hadramaüt, sondern auch auf die Gestade 
des Ostens, am Golf von Oman und am Persischen 
Meerbusen. Zu (;ho reibe in Hadramaüt, einer von 
einem Schlosse beherrschten Stadt, sah Adolf von 
Wrede meistens vier- bis fünfstöckige, oben schmä- 
lere Häuser. Glasscheiben waren unbekannt, dafür 
starke Holzläden an den Fenstern ; die Fundamente 
der Gebäude, etwa 2 m hoch, aus unbehauenen 
Steinen, der obere Theil aus dauerhaften Lehm-..' 
Ziegeln. Die Terrasse steht etwa 60 f?« vor; die' 
Hausthür ist niedrig, oft gut geschnitzt, die Zimmer- 
einrichtung einfach ; nach aussen haben die Häuser 
Schiessscharten. Weiterhin im Osten matht sich 
der Einfluss des nahen Persien geltend. In Maskat 
herrscht nicht mehr das yemenische Haus, sondern 
das persische, meist aus dem Serpentin der Um- 
gebung gebaut. Ueberall in den Küstenplätzen und 
selbst weiter im Innern sieht man hohe feste Häuser, 
wie in Sohar, dessen festes Schloss zugleich ein 
schmuckvoller Bau ist und dessen Strassen oft mit 
Schwibbogen überbaut sind, in Scharga auf den 
Bahreininseln und selbst in El-Hofut, der wichtig- 
sten Stadt in der Landschaft El-Hasa. Die Burg 
der Festung („Kot" genannt) dieser Stadt ist ein 
Viereck von tiefem Graben umgeben, mit dicken 
und hohen Mauern und 15 — -16 Thürmen an jeder 
Seite. Ueberall aber gibt es auch hier wie an der 
Südküste, endlose Reihen von Holz- und Palm- 
blätterhütten für die ärmere Bevölkerung, eine 
schnell nach den Anforderungen der Temperatur und 
des Raumes herstellbare Gattung von Wohnungen. 
Im Westen, an der Küste des Rothen Meeres, er- 
stj-eckt sich diese vSitte ziemlich weit nach Norden, 
über Yemen hinaus in's Hedschas. Im yemenischen 
Küstenorte Lahoia sahen Ehrenberg und Hemprich 
in den niedlichen Zweighütten mit Mattenthüren, 
worin dort die Bewohner gleichsam in Villeggiatur 
lebten, Gestelle zum Sitzen und Liegen, ja sogar 
Tische, was sonst unerhört in Arabien ist. Herr von 
Maltzan fand diese Bauart sogar in dem der arabi- 
schen Küste gegenüberliegenden Massaüa , auf 
afrikanischem Boden. Auch in Aden haben viele 
Häuser, namentlich die der Engländer, gar keine 



■'* 






OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



78 



1^ 



yemaut:tt(-ii Wände, soiulern nur solche von l'leclit- 
werk, so dass man auch im Zimmer stets im Zuge ist. 
Aber auch im Innern der Halbinsel, inCxntral- 
arabien, sowohl im NeJschd als in dem neuen 
Schainviar-':^\.,VAW, welcher sich auf den Trümmern 
des Wahabitenreiches aufgebaut hat, wohnen sess- 
lafte Leute , diese jedoch schon ismaelitischen 
Stammes. Diese ethnographisch den Nordarabern 
beizuzählenden Riiwohncr des centralen Gebietes 
haben dt)rt Städte und Ortschaften. Selbst jenseits 
der grossen Sandwüste Ne/uJ, deren Schrecken 
neuerdings wieder durch den deutschen Reisenden 
Julius liuting ungemein lebendig geschildert 
wurden , im Wadi IJschof — dieser Name wie 
Dschauf „F^ohlIand" bedeutend, kehrt in den Ge- 
bieten arabischer Zunge mehrfach wieder — sind 
feste Siedlungen, zwar keine Stadt, aber Dürfer, 

II wohl von Alters her, vorhanden. .Sie verdienen 

^pdeshalb Beachtung und können wohl als Anhalts- 
■ ^"punkte für die ursprüngliche Baukunst der Araber 
dienen. Hat doch William Gifford I'algrave an einer 
Seitenmauer des Schlosses in lil-Dschof zwei tief 
eingegrabene Kreuze, zweifellos sehr alten Datums 

»und ganz ähnlich jenen entdeckt, welche sich nicht 
Selten in den Ruinen des syrischen Haurän finden. 
Man darf sie wohl als Zeugen des früheren Vor- 
-^^ waltens des christlichen Glaubens in jenen Ge- 
k ^i»Venden betrachten, womit man deren Alter an sich 
T r '''' \ oiislamitische Zeit hinaufrückt. 
\..'J Diese Architektur Innerarabiens ist nun <lurchaus 
'■^ roh. An der obenerwähnten Burg von El-Dschof 
beobachtet man einen Cyklopenbogen ganz nach 
Art jenes am sogenannten Paläste des Atreus in 
Mykenä. Nahe vom Mittc-lpunkte des Schlosses er- 
hebt sich ein viereckiger, sehr breiter 'I'hurm, 
welcher jünger .als der südliche Wall zu sein scheint 

Iund mit engen Schiessscharten versehen ist. Man 
sieht, dass hier versucht wurde, den Steinblücken 
eine gewisse Regelmässigkeit zu geben, während 
in einer jüngeren halbkreisförmigen Courtine die 
rohen Blöcke unsymmetrisch aufeinandcrgescliichtet 
sind. Auch der alte verfallene, das Thal über- 
schauende, einsame runde Thurm von MArid ist 
offenbar ein arabisches Bauwerk und nach arabi- 
schem Plane entworf(m. In Mail, der Hauptstadt 
des Schainmarreiches, mit breiten ungepllastcrten 
Strassen, herrscht Lehmziegelbau vor. Der „Palast" 
des Fürsten hat gewaltig dicke, etwa lO m hohe, 
I20 — 1 60 « lange Mauer wände, an deren oberen 
Rande Oeffnungen eher an Schiessscharten als an 
Fenster erinnern, uml aus welchen der ganzen 
änge nach halbrunde Bastionen hervortreten. 
Dieser Palast ist ein grosser Hofbau mit mehreren 
Höfen. Die übrigen Häuser von Hail haben meist 
zwei Stockwerke und wenige, aber beijueme Räume, 
in welche das Licht durch die Thüre und schmale 
Wandritzen unter der Decke gelangt. Fenster sind 
nicht vorhanden. Ueber den Zimmern liegt das Hache 
Dach, rings von einer hohen vSchutzmauer umzogen, 
das eine becjueme Schlafstätte gewährt. Kein<-m 
Hause fehlt der „Kahwa", der Kaffees.aal zum 
Empfang der Gäste; er ist ein unentbehrlicher Bc- 



standtheil jedes arabischen Hauses auf der ganzen 
Halbinsel und ändert sich höchstens in Grösse und 
Ausstattung. Ueberall ist der Kahwa alicr eine 
grosse , längliche Halle, deren Wände in roher 
Weise farbig getüncht und mit dreieckigen 
Nischen zur Aufnahme von Büchern oder anderen 
Geräthen versehen sind. Das Holzdach ist flach, 
der listrich mit feinem, reinem Sand bestreut und 
rings an den Wänden mit Teppichen und Diwanen 
ausgestattet. Die ganze Stadt Hai! ist von 6 — 7 m 
hohen Mauern umgeben, welche mit grossen Flögel- 
thoren und FestungsthOrmen versehen sind. Auch 
für das (lache Land sind die WachthOrme kenn- 
zeichnend, die von Ort zu Ort bis zum Tueik- 
Gebirge im Süden sich erheben als Schutz und 
Auslug gegen die etwaigen Ueberfälle der Beduinen. 
Solche Befestigungen, mehr oder minder stark, 
kehren überall wieder. Palgrave gedenkt derselben 
in Ujun, südlich vom Dschebel Selman, wo die 
Wartthürme ihn an Dam|)fschornsteine erinnerten, 
in Fl-Tueim, Horeimele, in der Umgebung von Rr- 
Riad, der Hauptstadt des Nedschd und des halben 
Arabien, und in dem aus zweistöckigen Luftziegel- 
häusern bestehenden Teima, das ein Kranz von 
5 — 67« hohen Thürmen schützt. Freilich darf man 
diese Befestigungen nicht für alt halten, viele wurden 
nachweislich erst in neuerer Zeit aufgeführt ; es 
unterliegt aber wohl keinem Zweifel, dass die Sille, 
derartige Schutzbauten zu errichten, in ein hohes 
Alterthum zurückreicht und so hinge besteht wie 
der Gegensatz zwischen der beduinischen und der 
ansässigen Bevölkerung. In den älteren arabischen 
Städten sind es blos die Häuser, welche die Ring- 
mauer umzieht ; die Gärten liegen ausserhalb der- 
selben und bleiben in der Regel ungeschützt; 
manchmal zieht sich noch ein zweiter Mauer- und 
Thurmgürtel um dieselben. 

Die Ismaeliten, 2u welchen auch die Be- 
wohner Mittelarabiens gehören, erstrecken sich 
dem Rande des Ruthen Meeres entlang südwärts 
bis in's Hedschas (die „Grenzmarke") herab, wo 
so viel sich erschliessen lässt, eine Urbevölkerung 
mit allerhand fremden Kiementen, die von Norden 
eindrangen, sich vermischt hatte. L.inge vor 
Christi Geburt hatte sich dort auf diese Weise 
aus verschiedenen Bestandtheilen eine Misch- 
bevölkerung zusammengefunden , die allmälig 
vollkommen arabisirt ward und ihren Mittelpunkt 
in Mekka besass. Diesem Platze, wo sich schon 
früh ein Heiligthum gänzlich unarabischer Art, 
die „Kaaba" (d. h. Würfel) befand, lAsst sich 
schon in jener ersten Zeit der Charakter einer 
städtischen Siedelung nicht absprechen, doch 
wird man sich keine allzu grossartigen Vor- 
stellungen davon machen dürfen. Heute aller- 
dings bietet diese Stadt ein ziemlich stattliches 
Bild und macht nach dem Zeugnisse Snocks van 
Hurgronje mit ihren breiten Strassen und hohen 
Häusern einen fast modernen Findruck. In den 
Nebengassen siebt man allerdings neben mehr 
oder weniger stattlichen Häusern auch elende 
Beduinenhütten und bienenkorbartige W^ohnungen. 



|(^r ^-. 

o 



74 



OESTliRREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



Die besseren Häuser sind aber aus Granit^ Sand- 
steinen oder Ziegeln erbaut, haben drei und 
mehrere Stockwerke und keine Spur eines Hofes, 
nähern sich also der sogenannten Steinkasten- 
architektur. Im Erdgeschoss bildet das Haupt- 
gemach für die männlichen Insassen eine Art 
grosser Vorhalle, aus welcher man zur Linken 
auf eine geräumige „Mastabah" oder Terrasse 
tritt, und eine zweite, aber kleinere ist auch im 
Hintergrunde des Hauses angebracht. Hinter ihr 
liegt eine Vorrathskammer. Der Mastabah gegen- 
über steht in der Vorhalle ein kleiner Feuerherd 
und seitwärts führt ein thürloser Gang zur Bade- 
stube sowie zur dunklen, gewundenen Treppe, 
auf deren mit einer harten Erdkruste bedeckten 
Steinstufen man in der zweiten, nördlicher ge- 
legenen Stadt des Landes, zu Medina, in das 
„Medschlis" oder den Empfangssaal gelangt. Die 
Häuser zu Medina sind wie jene in Mekka flach- 
dachig, unterscheiden sich aber von ihnen durch 
einen geräumigen Hof mit Gartenanlage, Spring- 
brunnen und Dattelbäumen. Vergitterte Balcone, 
wie der Europäer sie zuerst in Alexandrien er- 
blickt, sind hier häufig, und auch die Fenster, 
eigentlich blosse Ritzen in der Wand, haben 
blos einen Plankenverschluss. In Medina dienen 
als Baumaterial Lavaschlacken, Backsteine und 
Palmholz, die Umwallungsmauer der Stadt ist 
aber aus Granit- und Lavablöcken aufgeführt, 
die mit Mörtel verbunden sind. In den übrigen 
Plätzen des Hedschas herrscht ziemlich dieselbe 
Bauart, ohne sich zu grösseren Leistungen zu 
versteigen. Die angeblichen, in den Fels, einen 
weichen Sandstein, gehauenen Höhlenwohnungen 
von El-Hidschr, halbwegs zwischen Medina und 
Petra, hat Charles M. Doughty als Grabkammern, 
nicht als Behausungen für Lebende, wie man 
bislang meinte, nachgewiesen. Die Menschen 
wohnten auch hier in Häusern, von denen sich 
bei einigen noch die Grundmauern verfolgen 
lassen ; sie waren aus behauenem Stein, und 
Doughty fand auch zwei kleine Steinbrüche, 
welche das Material lieferten; der Hochbau 
scheint, wie in anderen Dörfern der Wüste, 
Stampfbau gewesen zu sein. Sie sind heute meist 
blos eine Anhäufung solcher Hütten aus Lehm- 
ziegeln und Koth, mit Palmblättern eingedeckt 
und Luftlöchern in den Wänden versehen. 

Diese Bauten des .südlichen und mittleren 
Arabiens pflegen gewöhnlich völlig unbeachtet 
zu bleiben, gewähren aber sehr wichtige Finger- 
zeige für die Geschichte des arabischen Hauses 
wie der arabischen Baukunst im Allgemeinen. 
Geblendet von dem Glänze der arabischen Ge- 
sittung, welche in die Geschichte unseres eigenen 
Mittelalters so mächtig eingriff, sind unsere Vor- 
stellungen über die Araber meist so falsch, wie 
jene über ihr Land. Gemeiniglich glaubt man, 
das ganze Innere Arabiens sei von nomadischen 
Beduinenstämmen durchzogen, die man auch für die 
eifrigsten Bekenner des Islam hält. Gerade das 
Gegentheil ist wahr. Der Islam ist bei ihnen nie- 



mals tief eingedrungen und im Innern Arabiens 
sind sie selten; sie sind nur auf die Wüstenstriche 
angewiesen, in welchen sie bloss in sehr be- 
schränkten Grenzen sich bewegen, denn auch 
über die nomadische Lebensweise herrschen die 
irrigsten Vorstellungen. Gleichviel nun, ob man 
die Beduinen mit Palgrave für eine Verschlechte- 
rung oder Verwilderung des reinen Arabers halten 
wolle oder nicht, zweifellos stehen diese Zelt- 
bewohner hinter dem sesshaften Theile des Volkes 
an Gesittung weit zurück und ist man berechtigt, 
in letzterem den Massstab für das ursprüngliche 
Können der Araber zu suchen. Dasselbe zeigt 
sich nun, wie wir sehen, höchst geringfügig. Wo 
sie sich selbst überlassen blieben, haben sie es 
in der Baukunst niemals so weit gebracht, um 
einen einfachen Bogen zusammenzusetzen, ge- 
schweige denn ein Gewölbe oder eine Kuppel ; 
ihre Originalleistungen in Schammar, Kasim und 
Nedschd, die alten wie die modernen, bringen 
dafür die schlagendsten Beweise. Zu höherer 
Stufe vermochten sie sich blos unter fremder 
Anleitung emporzuschwingen. Als sie der über- 
legenen griechischen und persischen Vorbilder 
in Syrien und Eran ansichtig wurden, ahmten 
sie diese so lange nach, bis sie, nach Palgrave's 
Ausdrucke, selbst erträgliche, aber niemals vor- 
zügliche Baumeister wurden. 



DIE EHE IN JAPAN/) 

Von Dr. H. Weipert 
II. 

Verhältniss während der Ehe. 

Persönliche Stellung der Ehegallen. 

Die sittliche Stellung der japanischen Ehe- 
frau hat schon häufig eingehende Schilderung 
erfahren. Ich kann mich daher hier auf die Haupt- 
punkte beschränken und im Uebrigen auf die 
Darstellung von Gebauer und Küchler -a. a. O. 
und von Hering im 41. Heft der „Mittheilungen" 
verweisen. 

Wenn es auch im Einzelnen hier wie ander- 
wärts von der Frau selbst abhängt, welche Stel- 
lung sie sich verschafft, so bestimmt sich f 
dieselbe doch im Allgemeinen dem durchaus | 
patriarchalen Charakter der japanischen F"amilie 
entsprechend, weiche die Frau dem Hausherrn 
gänzlich unterordnet. Nach ihm aber ist sie die ; 
lirste im Hause. Sie theilt auch Rang und Stand 
des Mannes, wenngleich die Japaner nicht soweit 
gehen, wie die Chinesen, welche der Frau das 
Recht geben, die Amtsabzeichen des Mannes zu 
tragen. Wo das Recht den Hausherrn durch den 
Rath der Verwandten beschränkt, hat auch sie 
ihre entscheidende Stimme in den Hausangelegen- 
heiten, so insbesondere bei der Verheiratung der 
der Kinder. .Andererseits ist dem Ehemanne Ehe- 
bruch und Concubinat erlaubt, während der Ehe- 



') Den Milthpilungen der deutschen Gesellschaft für Natur- 
und Völkerkunde Ostasieus in Tokio entnommen. 




OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT fOr DEN ORIENT 



76 



bruch der Krau nach dem Strafgesetzbuch von 
1871 mit einem Jahr Zuchthaus und nach g 353 
des jetzigen Strafgesetzbuches an ihr und ihrem 
Mitschuldigen (auf Antrag) mit Gefängniss von 
sechs Monaten bis zu zwei Jahren gestraft wird. 
Nadi früherem wie nach heutigem Rechte kann der 
lll Jihemann sogar den IChebruch in flagranti durch 
P" 'I'ödtung der Frau wie ihres Mitschuldigen be- 
strafen. 

C'.harakteristisch ist ferner, dass nach dem 
Strafgesetzbuche von 187 1 der Mann wegen 
'l'ödtung der Frau nur mit einem Jahr Zuchthaus 
bestraft wurde, wenn die That wegen Beleidigung, 
und nur mit 90 Tagen, wenn sie wegen Körper- 
verletzung der Frau gegen seine Eltern oder 
Grosseltern erfolgt war. Nach demselben Gesetze 
waren Thrulichkeiten des Mannes gegen die l'^rau 
straflos, ausser wenn eine Wunde verursacht war, 
in welchem l'\ille nur Milderung eintrat, während 
Thätlichkeiten seitens der Frau mindestens mit 
100 Tagen Zuchthaus bestraft wurden. (Long- 
ford a. a. O., S. 63.) 

Eine Prostituirung der Ehefrau wider ihren 
Willen war im Kwamporitsu (Vgl. Rudoiff a. a. 
O. Art. 47, Nr. 13) mit Todesstrafe bedroht, so 
dass dieselbe . erheblich günstiger stand, als die 
Tochter. ]3asselbe Verhältniss zeigt sich noch im 
Strafgesetzbuch von 187 1, wo die Prostituirung 
der I'^hefrau wider ihren Willen mit 70 Tagen 
Zuchthaus, die einer TocWter nur mit 50 Tagen 
bestraft wird. (Vgl. Longford, Trans. V. 2, S. 38.) 

Ehescheidipi^. 
Küchler gibt a. a. O. S. 130 ff. eine Zu- 
sammenstellung der Ehescheidungsgründe seitens 
eines japanischen Gelehrten, welche auf dem 
Taihoryo beruht und deren fortdauernde Gellung 
im Wesentlichen behauptet wird. Danach kann 

1. der Mann die Scheidung verlangen bei 
Kinderlosigkeit der Frau trotz erreichten 50. 
Lebensjahres, Ehebruch, Ungehorsam derselben 
gegen ihre Schwiegereltern, Schwatzhaftigkeit, 
Dieberei, Eifersucht und erblicher Krankheit, 
ausgenommen, wenn die l'rau ihre kranken 
Schwiegereltern besonders treu gepflegt hat oder 
nach der F,he im Rang gestiegen ist oder keinen 
Zufluchtsort hat. 

2. Die Frau kann die Scheidung \er/angen, 
wenn der Mann drei Jahre bei kinderloser Ehe 
und fünf Jahre bei vorhandenen Kindern die Frau 

^» verlassen hat oder verschollen ist. 
^H 3. Die Scheidung muss erfolgen, wenn der 

Mann Gcwaltthätigkeiten gegen die Verwandten 
der l""rau oder die Frau Gcwaltthätigkeiten oder 
Beleidigungen gegen die Verwandten des Mannes 
,^^ oder auch nur einen Vcrietzungsversuch gegen 
^^B ihren Mann sich hat zu Schulden kommen lassen , 
^^ oder wenn die Verwandten eines Theils Gcwalt- 
thätigkeiten gegen den andern 'I'heil begangen 
haben. 

Indessen bemerkt Küchler selbst, dass ein 
Theil dieser Vorschriften jetzt veraltet sei, und 



in der That kann kaum ein Zweifel sein, dass 
dieser wie so mancher andere Import chinesi- 
scher Moral- und Rechtsliteratur lediglich auf 
dem Papier steht und für die Praxis keinerlei 
wesentliche Bedeutung hat oder auch gehabt hat. 
Nach dem im Minji Kwanrei Ruishu be- 
zeugten Gewohnheitsrecht ist die Scheidung zu- 
lässig : 

1. Mit beiderseitiger Einwilligung. 

2. Für den Mann : bei Ehebruch der Frau, 
Diebstahl, Ungehorsam gegen den .Mann oder 
seine Eltern, Uneinigkeit mit den Geschwistern 
des Mannes und erheblichem Verstoss gegen die 
Haussitte. 

3. Für die Frau : bei Verschwendungssucht 
und gewissen Bestrafungen des Mannes und hei 
ungerechtem und lieblosem Benehmen des Mannes, 
der Schwiegereltern oder Geschwister des Mannes. 
Die grundlose Entlassung eines Schwiegersohnes 
wurde nach dem Strafgesetzbuch von 1871 mit 
Zuchthaus bis zu 90 Tagen bestraft. (Longford 
a. a. O. S. 29.) 

Durch Verordnung vom 15. Mai 1873 ist 
der Frau der Antrag auf Scheidung sogar ge- 
stattet, wenn das Zusammenleben durch irgend 
welche Gründe gestört ist. 

Bei Verschollensein des Ehemannes wurde 
nach Art. 44, Nr. 3, des Kwamixlritsu (vergl. 
Rudorff a. a. O.) nach zehn Monaten der Frau 
die Wiederverheiratung gestattet. Spätere Ge- 
wohnheit erlaubte nach dem Minji Kwanrei 
Ruishu, dass nach angemessener Zeit ein älterer 
Verwandter des verschollenen Mannes an dessen 
Stelle die Scheidung ausspreche. Durch V. O. 
vom 12. Juli 1874 war speciell für den Fall der 
Verschollenheit, beziehungsweise des Entlaufens 
eines Mukoyushi bestimmt, dass nach zwei Jahren 
Scheidung verlangt werden könne. Heute kann 
die Frau eines in unbekannter Ferne Abwesenden 
nach Ministerialveifügung vom 9. Mai 1884 nach 
24 Monaten, in dringenden Fällen nach 10 Monaten, 
geschieden werden, und zwar durch die Provincial- 
behörde, wenn die beiderseitigen Verwandten 
einverstanden sind, andernfalls durch richterliche 
Entscheidung. 

Das Concuhinal. 
I. Das Halten von Nebenfrauen war von 
jeher ein Lu.\usprivilegium der oberen Classen. 
Für die unteren Stände von den Heimin abwärts 
verbot es sich in den meisten Fällen schon durch 
die Vermögensverhältnisse von selbst, es war 
ihnen aber auch gesetzlich allgemein untersagt. 
Im 52. der sogenannten 100 Gesetze des lyeyasu 
heisst CS nach der citirten Kempermann'schen 
Uebersetzung : Der Kaiser (tenshi) hat 12 Bei- 
schläferinnen, die Fürsten haben ihrer 8, die 
Taifu 5 und die Krieger 2, alle Personen von 
niedrigerem Stande haben nur ein eheliches Weib; 
so haben es die alten Weisen im Buche Raiki 
angeordnet und so ist es seit alten Zeiten Brauch 
gewesen. 



76 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT 



Im Minji Kwanrei Ruishu ist gleichfalls aus- 
drücklich bezeugt, dass das Concubinat als öffent- 
lich anerkanntes rechtliches Institut den Heimin 
nicht gestattet ist. In Uebereinstimmung hiemit 
ist durch V. O. vom 7. Juli 1874 für die Kwazoku 
und Shizoku bestimmt, dass ihre Nebenfrauen 
„wie rechte Frauen", d. h. als Angehörige des 
Hauses behandelt werden sollen, wenn das Ver- 
hältniss zum Eintrag in das Hausstandsregister 
angemeldet sei. Heute wird auch bei den Shizoku 
das Verhältniss der Nebenfrau nicht mehr ge- 
setzlich anerkannt, insbesondere werden dieselben 
seit I. Jänner 1882 nicht mehr als Hausange- 
hörige im Kosekichö eingetragen, und zwar 
angeblich lediglich deshalb, weil das neue Straf- 
gesetzbuch bei Bestimmung der Angehörigen die 
Nebenfrauen nicht erwähnt. Eine besondere Vor- 
schrift konnte ich nicht finden. Wie es bei den 
Kwazoku gehalten wird, ist nicht zu constatiren, 
da deren Hausregister beim Kunaishü (dem 
Ministerium des kaiserlichen Hauses) geführt 
werden (nach Gesetz vom 7. Juli 1884). 

Die allgemeine Bezeichnung für Nebenfrauen 
ist Shö oder Mekake (auch Tekake). Die Neben- 
frauen des Kaisers heissen anfangs Gontenji. Gon 
bedeutet Vice, tenji Palastdame, Hofdame. Die 
Gontenji werden im vorgerückteren Alter in der 
Regel zu Tenji befördert. Die Nebenfrauen des 
Shögun hiessen Otetsukichürö. Churö war die 
Bezeichnung für eine Palastdienerin des Shögun. 
Otetsuki bedeutet „Hand auflegen". Wenn die 
Nebenfrau des Shögun ein Kind geboren hatte, 
erhielt sie den Titel Oheyasama (die geehrte 
Frau im Zimmer). 

Bei der gebildeten, mit westlicher An- 
schauung befreundeten Classe scheint das Con- 
cubinat heute bereits äusserst selten geworden 
zu sein. 

2. Die persönliche Stellung der Nebenfrau 
ist mit der Zeit immer mehr herabgedrückt 
worden. 

Während sie im Taihöryo noch so sehr zur 
engsten Familie gerechnet wird, dass ihr ein 
Erbrecht auf gleicher Stufe mit der Tochter ge- 
geben ist (beide bekommen von dem zur Ver- 
theilung gelangenden Vermögen je einen halben 
Kopftheil, die rechte Frau dagegen zwei Kopf- 
theile), heisst es im 52. Gesetz des lyeyasu : 
„Zwischen Ehefrau und Beischläferin soll der- 
selbe Unterschied bestehen wie zwischen Herrin 
und Dienerin." Doch wurde noch nach dem 
Strafgesetzbuch von 187 1 der Ehebruch der 
Concubine gestraft, wenn auch um einen Grad 
geringer als der der rechten Frau (vergl. Long- 
ford a. a. O. S. 87). Im heutigen Strafgesetz- 
buch findet sich keine Bestimmung dieser Art. 
Bei vermögenderen Männern scheint die Gewohn- 
heit zuzunehmen, die Mekake nicht im Hause, 
sondern in einer abgesonderten Wohnung (shö- 
taku) zu halten. Aber auch wo sie — wie früher 
wohl die Regel — im Hause wohnt, hatte sie 
von jeher keinerlei näusliche Rechte, sogar die 



mütterlichen Rechte gegen ihre Kinder übt nicht 
sie selbst, sondern an ihrer Stelle die rechte 
Frau aus. 

Ihre Entlassung ist selbstverständlich in 
keiner Weise beschränkt, und von Aussteuer 
oder Dos ist keine Rede. Früher bekam sie bei 
Shügun und Daimyö immer, bei Samurai je nach 
den Vermögensverhältnissen, auch wenn sie nicht 
mit der Familie wohnte, ein Nadelgeld (teate). 
Heute wird sie vielfach wie eine Dienstmagd für 
einen bestimmten Monatslohn (ausser den Unter- 
haltungskosten) gemiethet. 

t 3. Die rechtliche Bedeutung des Concubinats 
äusserte sich früher vor Allem darin, dass bei 
allen Classen (auch bei den Heimin, obwohl hier 
das Verhältniss nur als sexueller Umgang mit 
einer Magd bezeichnet wurde) die demselben ent- 
sprossenen Kinder als eheliche Kinder, wenn 
auch zweiter Ordnung, anerkannt werden. Nach 
dem Taihöryo ist der Sohn der Nebenfrau (shoshi) 
nach dem Sohn der Hauptfrau (tekishi) zur Nach- 
folge in die Hausherrschaft berufen, und bei der 
Vermögensvertheilung erhalten die Shoshi (ebenso 
freilich die, gleichfalls Shoshi genannten, jüngeren 
Sühne der rechten Frau) einen Kopftheil, während 
der Tekishi zwei Theile bekommt. In einem Ge- 
setz des Shögun lyeshige vom 23. October des 
3. Jahres Höreki (1753) ist bestimmt, dass auch 
der jüngere Sohn der rechten Frau dem älteren 
Sohn der Nebenfrau #n Erbrecht vorgeht. Das- 
selbe wird im Minji Kw.^nrei Ruishu als Gewohn- 
heitsrecht bezeugt. Eine Ausnahme ist zu machen 
für einen Theil von Sagami, wo das Alter allein 
entscheidet, ferner für Theile von Echizen, 
Echigo und Aki, wo die Söhne von Nebenfrauen 
gar nicht successionsberechtigt sind, vielmehr 
besonders adoptirt werden müssen, wenn sie 
erben sollen. 

Heute wird, wie gesagt, das Concubinat 
nicht mehr öffentlich anerkannt, aber die Kinder 
erhalten genau dieselbe Stellung wie früher durch 
Anerkennung seitens des Vaters. 

In dem Strafgesetzbuch von 1871 war die 
Enterbung eines ehelichen zu Gunsten eines 
Concubinensohnes mit 90 Tagen Zuchthaus be- 
straft (vergl. Longford a. a. O. S. 28). 



DIE GENUSSMITTEL DES ORIENTES. 

Von Gustav Troll. 
III. 

Das hervorragendste der zur Gruppe der Nai 
Gotischen gehörigen Genussmittel ist unstreitig der 
Tabak, keines der anderen Genussmittel besitzt eine 
solche Bedeutung für den gesammteu Weltverkehr, 
als dieses. Der Gebrauch des Tabaks als Genuss- 
mittel verliert sich in vorgeschichtliche Perioden, 
über welche keinerlei bestimmte Anhaltspunkte 
vorliegen. Bekanntlich ist der Tabak ein amerika- * 
nisches Gewächs, dessen Verwendung als Genuss- 
mittel Columbus 1492 beider Entdeckung Amerikas 




OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIr-T FÖR DEN ORIENT 



77 



auf der Insel Guanahari bereits vorgefunden hat, 
wo die Eingeborenen Tabak in cylinderförmigen, 
durch ein Maisblatt ^eliildetcn Rollen rauchten. 
Auch auf Haiti und in Mexico war das Tabak- 
rauchen vor Ankunft der Europäer bekannt, ebenso 
ist das Kaudien bei den Indianern Nordamerikas 
eine uralte religiöse Sitte, welche als ein der Sonne 
und dem grossen Geist dargebrachtes Opfer auf- 
gefasst wurde. Dagegen war der Tabakgenuss den 
Eingeborenen Südamerikas bei der ersten Durch- 
forschung dieser Gebiete durch Europäer noch un- 
bekannt. Der Name des Tabaks soll von der Insel 
Tabago herrühren. Im Jahre 1496 lieferte der spa- 
nische Mönch Romana Pane zuerst eine Beschrei- 
bung der'1'abakptlanze, welche hierauf nach Spanien 
und Portugal eingeführt wurde und dort als Zier- 
pflanze diente. Der französische Gesandte in Por- 
tugal, Jean Nicot, führte die Pflanze 1560 in Frank- 
reich ein und empfahl sie als Heilmittel. ICs heisst, 
dass er damit Wundercuren verrichtet haben soll. 
Von dort aus verbreitete sich die Anwendung des 
Tabaks zunächst als Heilmittel. Wann der Genuss 
des Tabaks in l^uropa zuerst auftrat, lässt sich nicht 
mit Bestimmtheit ermitteln, sicher ist, dass derselbe 
zuerst als Schnupfmittel Verwendung fand. Das 
Tabakrauchen wurde um die Mitte des XVI. Jahr- 
hunderts von spanischen Matrosen, die aus Amerika 
heimkehrten, nach Spanien gebracht, später trat es 
in England auf und verbreitete sich im Anfang des 
XVII. Jahrhunderts über ganz Europa. InderTürkei 
soll es 1655 aufgekommen sein. Gegenwärtig ist 
der Tabak ein über die ganze Erde verbreitetes 
Genussmittel, das namentlich im Oriente zu einem 
unentbehrlichen Lebensbedürfnisse geworden ist. 
Der Orient wird als die Heimat des feinen Tabaks 
angesehen und man kann es kaum glauben, dass 
der Tabak hier nicht heimisch, sondern eine ver- 
hältnissmässig spät eingeführte Culturpflanze sein 
soll. In der That sollen neueste Forschungen, die 
noch im Zuge sind, es bis zu einem gewissen Grade 
wahrscheinlich erscheinen lassen, dass die Tabak- 
pflanze den Arabern schon zu einer Zeit bekannt 
war, als Amerika noch nicht entdeckt war. Mög- 
licherweise hat man es hier mit einer .\bart zu 
thun, jedenfalls wird diese Frage bald klar gestellt 
werden. Der Tabakverbrauch im Oriente ist gegen- 
wärtig sehr stark. Von den dort cultivirten Tabak- 
sorten wird bekanntlich die türkische besonders 
gerühmt und dürfte jedenfalls die beste Sorte 
europäischen Tabaks sein. Vortrefflicher Tabak 
wird in Syrien (im Libanon) gebaut, ebenfalls gute 
I Sorten erzeugen Oberegypten, Tunis, Algerien, 
Kleinasien. Als feinste Sorte des orientalischen 
Tabaks gilt der persische, namentlich der südlich 
von Schiras gebaute, der unter dem Namen 
„Tumbak" im ganzen Oriente verbreitet ist. Nach 
Europa gelangt dieser Tabak fast gar nicht, er 
wird auch im Oriente grösstenlheils nur zum 
Narghilc, der orientalischen Wasserpfeife, ver- 
wendet. Das Narghile-Rauchen ist die eigentliche 
orientalische Art zu rauchen and stammt von den 
Persern. Da der Rauch bei dieser Raucbweisc 



durch das Wasser abgespült wird, erfolgt nicht 
nur eine Abkühlung desselben, sondern er wird 
auch von den brcnzlichen Producten befreit und 
erhält, wenn das Wasser parfumirl ist, noch einen 
feinen Geruch, Das Rauchen mit Wasserpfeifen 
gilt sogar als hygienisch, es dürfte jedenfalls ge- 
sünder sein, als die europäische Pfeife. Das Nar- 
ghilc spielt eine grosse Rolle im Oriente, man 
findet es in jedem Haushalte, in jedem Kaflee* 
hause. Kaffee und Narghilc sind überhaupt zwei 
Begriffe, die fast immer in einander fallen. Ausser 
diesem langschläuchigen, mit einem gläsernen 
Gefässe zur Aufnahme des Wassers versehenen 
Narghile, kennt der Orientale noch ein kleineres, 
mit kurzem Rohr, wo das Wassergefäss aus einer 
Cocosschale gebildet ist und welches er auf Reisen 
zu rauchen pflegt, sei es nun, dass er in Geschäften 
mit einer Karawane reist, oder den Pilgerzug 
nach Mekka und anderen heiligen Orten mitmacht, 
gleichviel ob er zu Fuss geht, oder auf einem 
Esel, Maultbier, Pferd oder Kameel sitzt. 

Neben dem Narghile kommt im Oriente haupt- 
sächlich die Cigarette vor. Cigarren werden von 
Orientalen gar nicht geraucht, daher ist ihr Ver- 
brauch im Oriente sehr gering. Auch die Unsitte 
des Tabakkauens ist bei den Orientalen so gut wie 
gar nicht verbreitet. Dagegen wird Opium mit Tabak 
geraucht, und zwar meist in eigenen Tschibuks. Um 
dem Tabak einen feinen Geruch zu verleihen, wird 
ihm, besonders bei Cigaretten, in vielen orienta- 
lischen Ländern (Tunis und Algerien) Ambra zu- 
gesetzt. Die Ambra ist eine an der nordafrika- 
nischen Küste gewonnene Substanz, welche, nach 
den neueren Anschauungen ein aus dem Darme 
des Pottwales stammendes Product darstellt, wahr- 
scheinlich die verhärteten Fäces des Thieres. Der 
stark aromatische Geruch der Masse, die auf 
dem Meere schwimmend gefunden wird, soll von 
den zur Nahrung des Wales dienenden Seepolypen 
und Tintenfischen, namentlich von Eledone (Sepia) 
moschata herrühren; er erinnert an Moschus, ist 
aber nicht so durchdringend. 

Seit Einführung der Tabakregie im türki- 
schen Reiche ist der Tabak bedeutend schlechter 
geworden. In Egypten dagegen verdient er noch 
heute seinen alten Ruf. Freilich wird schon jetzt 
auch viel amerikanischer Tabak eingeführt. 

Vom Tabak bis zum Opium ist im Oriente 
nur ein Schritt. Ist der Tabak ein allgemeines 
menschliches Genussmittel geworden, so sind 
Opium und Haschisch specilisch orientalische 
Mittel für den Genuss und haben ausserhalb des 
Orientes so gut wie gar keine Verbreitung ge- 
funden. Der eingedickte Mohnsaft , den man 
Opium (Afuin) nennt, kam ursprünglich als Heil- 
mittel auf und wurde als solches auch nach Eu- 
ro|)a gebracht. Bald aber fand man ein ausge- 
zeichnetes narkotisches Genussmittel darin und 
cultivirte den Mohn im Grossen. Gegenwärtig 
wird hauptsächlich in Kleinasien, Persien, Indien 
und China Opium erzeugt. Das kleinasiatische 
und Smyrnaer Opium ist fast ausschliesslich fOr 



78 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



den europäischen Handel bestimmt. Das persische 
versorgt ausser . dem Productionslande einen 
grossen 'I'heil des Orientes und wird besonders 
nach China ausgeführt. Die üpiumerzeugung in 
Indien wird namentlich im mittleren Gangesgebiete 
und im Tafellande von Malwa betrieben. Das in- 
dische Opium wird, zu grossen Kugeln geformt, 
grösstentheils nach China exportirt und liefert 
der britischen Regierung in Indien ihre Haupt- 
einnahms(|uclle. Das sogenannte Akbari-Opium, 
eine sehr feine Sorte, wird durch Eintrocknen des 
Mohnsafles an der Sonne erzeugt, in Tafelform 
gebracht und ausschliesslich in Indien selbst ver- 
braucht. Das persische Opium gelangt in Form 
niedriger Kegel oder länglicher Stangen in den 
Handel und ist das alkaloidreichste. 

In China war das 0[)ium um die Mitte des 
vorigen Jahrhunderts noch ganz unbekannt, heute 
verbraucht China mehr Opium, als die ganze 
übrige Welt zusammen. Nirgends hat der ver- 
derbliche Opiumgenuss eine solche Ausdehnung 
gewonnen, wie im „himmlischen Reiche", dessen 
Söhne zu leidenschaftlichen Opiumrauchern ge- 
worden sind. Ein düsteres Verhängniss scheint 
über diesen sonst so genügsamen, anspruchslosen 
und arbeitsamen Menschen zu walten und sie zu 
Sclaven des Opiumrausches zu machen. Es scheint 
eine Eigenthümlichkeit der mongolischen Race zu 
sein, dass sie stets vor einem Götzen huldigend 
im Staube liegen muss, begründet in der melan- 
cholischen Seite des Volkscharakters und in dem 
Hang zu mystischen Ungeheuerlichkeiten. 

Zum Rauchen wird das Opium in der Weise 
hergerichtet, dass man es durch Ausziehen mit 
Wasser in eine Paste verwandelt und diese 
langsam über einer mit Asche bedeckten Gluth- 
pfanne röstet, wobei ein grosser Theil der gif- 
tigen Alkaloide zerstört wird. Nach dem Rösten 
wird es häufig nochmals aufgelöst und abermals 
abgedampft. Zum Rauchen legt man erbsengrosse 
Stücke des so erhaltenen „Tschandu" auf die 
eigenthümlich geformte Pfeife und unterhält durch 
häufige Annäherung an die kleine Flamme einer 
Lampe eine mangelhafte Verbrennung. Der Rauch 
wird, wie beim Narghilc in die Lunge eingezogen. 
Der in der Pfeife verbleibende Rückstand ist noch 
reich an narkotischen Alkaloiden und wird unter 
dem Namen „Tye" oder „Tinea" nochmals ge- 
raucht. Ja, der nun verbleibende Rückstand „Sam- 
sching" wird auch noch von der ärmsten Classe 
der Opiumfreunde genossen, die die Paradieses- 
speise nur in dieser Form erschwingen können. 

Bei den islamitischen Völkern des Morgen- 
landes ist der Opiumgenuss, besonders das Opium- 
rauchen, weniger verbreitet, diese unterstehen 
mehr dem Zauber des Hanfes. Trotzdem ist Opium 
im ganzen Oriente als Gcnussmittel bekannt. Die 
Araber und Türken geniessen es zumeist mit 
Liqueuten, die Perser dagegen in Form von so- 
genannten „Frohsinnspillcn", die aus Mastix, Rha- 
barber und anderen Stoffen hergestellt und meist 
mit Thee genommen werden. In manchen Gegenden 



sind kleine Opiumbonbons gebräuchlich, welchen 
das Wort „Maschallah", d. i. „Wie Gott will" 
aufgepresst ist. 

Die Ansichten über die grossere oder ge- 
ringere Schädlichkeit des Opiumgenusses gehen 
bezüglich der Art desselben ziemlich auseinander. 
Die Opiumesser behaupten durchwegs, dass das 
Essen von Opium lange nicht so schädlich auf 
den menschlichen Organismus wirkt , als das 
Rauchen. Wer nur einmal Gelegenheit halte 
chinesische oder indische Opiumraucher in einer 
jener berüchtigten 0|)iumspelunken zu sehen, in 
welchen sie sich zu versammeln pflegen, der wird 
den widerlichen Eindruck, den diese zitternden, 
schwankenden Gestalten mit den fahlen, einge- 
fallenen Gesichtern und den erloschenen Augen auf 
jeden Unbetheiligten machen, nicht sobald vergessen 
und die Ansicht von der besonderen Schädlichkeit 
des Opiumrauchens theilen. Andererseits wurde 
gerade in neuerer Zeit von hervorragenden Fach- 
gelehrten geltend gemacht, dass beim Rauchen 
nur ein geringer Theil des Opiums überhaupt 
zur Verbrennung gelangt (was durch die stark 
opiumhaltigen Pfeifenrückstände erwiesen ist) und 
auch in diesem durch den Verbrennungsprocess 
ein grosser Theil der narkotischen Alkaloide, be- 
sonders aber das Morphium zersetzt wird. Freilich 
ist es überhaupt fraglich, ob es das Morphium 
ist, welchem die narkotische Wirkung beim Opium- 
rauchen zukommt, und ob sich nicht gerade durch 
den Verbrennungsprocess eigenartige neue Al- 
kaloide bilden, deren Wirkung nachhaltiger und 
für den Organismus schädlicher ist, als wie sie 
sich im Opium direct vorfinden und beim Essen 
desselben aufgenommen werden. Die physiologische 
Opium wirkung ist vorerst erregend, dann beruhigend, 
schlafmachend, betäubend, es folgt ein von leb- 
haften Träumen und Hallucinationcn begleiteter 
Schlaf. Den Höhepunkt des Opiumrausches be- 
zeichnen die auftretenden Sinnestäuschungen, 
deren Natur stets eine mehr oder minder indi- 
viduelle ist, jedoch auch von den unmittelbar vor- 
hergegangenen Eindiücken und dem Geistes- 
zustände des Betäubten abhängt und die den 
Hauptreiz des Opiumgenusses bilden. Der Zauber 
des Haschischgenusses beruht ganz auf denselben 
Erscheinungen. 

EIN BILD AUS DEM CHINESISCHEN LEBEN. 

Edwin Arnold, einer der Orienlreisenden, 
dessen Name bei allen Denjenigen, welche sich 
mit dem Studium asiatischer Zustände beschäf- 
tigen, einen guten Klang hat, veröffentlichte 
kürzlich im „Daily Telegraph" einen Bericht über 
seine neueste Reise nach Japan, dem wir nach- 
stehende Skizze entnehmen : 

In San Francisco kamen ausser go Salon- 
passagieren auch 670 nach der Heimat zurück- 
kehrende chinesische Auswanderer an Bord, die 
im Hintertheil des Schiffes auf drei Verdecken 
untergebracht wurden ; sie lagen natürlich dicht- 



I 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



7» 



gedrängt aufeinander. Mit Ausnahme der (Jfficiere 
befanden sieb nur chinesische Mannschaften zur 
Hedienung des Schiffes und der Reisenden an 
Mord, die ihre Arbeit in ausgezeichneter Weise 
verricliteten und durch deren Vermittlung es 
möglich war, tiefere Blicke in das Leben der 
chinesisi'hen Mitpassagicre zu werfen. Auf die 
Frage, weshalb tlie Chinesen, wenn sie schon 
dem Tode nahe sind, doch so häufig noch an 
Rord gehen, um ohne Hoffnung, die Heimat lebend 
zu erreichen, noch die Reise anzutreten, meinte 
Ah-Kat, der zur Bedienung Arnold's bestimmte 
Kajütendiener, in seinem gebrochenen (Ridgern) 
Knglisch : „Sie wissen vielleicht viel, aber Sie 
kennen doch die Bodenseite eines chinesischen 
Gemüthes noch nicht; nehmen Sie an, ich sterbe 
an Bord, so komme ich wohlfeil nich China." 
Und das ist auch wirklich der Kall. Eine ver- 
zehrende Sehnsucht erfüllt jeden Chinesen, der 
ausserhalb seines Vaterlandes lebt, dass seine 
Gebeine nach seinem Tode der heimatlichen Erde 
anvertraut werden, und diese Sehnsucht wird 
noch durch die Lehren der Religion und die 
Macht der Gewohnheit verstärkt. In jedem ("on- 
tractsverhältniss, welches ihn ausserhalb seines 
Vaterlandes führt, bedingt sich der Chinese aus, 
dass im Falle seines Todes seine sterblichen 
Reste einem chinesischen Grabe anvertraut werden 
sollen. Diejenigen, welche in Californien -aus dem 
Leben scheiden, werden vorläufig von ihren 
Freunden zur Erde bestattet, aber nur, um nach 
einer gewissen Zeit wieder aufgegraben und für 
die letzte Reise nach der Heimat eingepackt zu 
werden. Die Dampfer auf dem Stillen Ocean sind 
daran gewöhnt, solche weniger angenehme Fracht, 
natürlich gegen hohe Bezahlung, anzunehmen und 
zu befördern ; gewöhnlich werden sie unter dem 
Namen „Fischgräten" in den Listen verzeichnet. 
Sieht man übrigens den schlitzäugigen Passa- 
gieren nicht scharf auf die Finger, wenn sie an 
Bord kommen, so machen sie häufig den Versuch, 
Alles, was von einem verstorbenen Freunde oder 
Verwandten noch übrig ist und ohne zu grosse 
lJnl)e(|uenilichkeit verführt werden kann, in einem 
Koffer oder einer Theekiste an Bord zu bringen, 
indem sie nicht nur der Gesellschaft einen Streich 
spielen, was einem chinesischen Herzen immer 
eine gewisse Befriedigung gewährt, sondern auch 
ihre gesellschaftlichen l'llichten im Geiste der 
Grundsätze des Confucius erfüllen. Das Schiff, 
auf dem Arnold die Reise machte, stand unter 
einer vorzüglichen Leitung, welche mit den 
Listen der Chinesen vollständig vertraut war, 
so dass nichts, was der Gesumlheit schädlich 
sein konnte, Zugang zu dem Hinterdeck, dem 
Aufenthalt der Chinesen, gefunden hatte. Den- 
noch muss der Aufenthalt dort, selbst für Je- 
mand, der gewohnt war in den Höhlen des 
chinesischen Viertels zu leben, manchmal ent- 
setzlich gewesen sein und Gefühle, wie Dantes 
Hölle erweckt haben. Die Dünste, welche -aus 
den zum Schutz gegen Regen und überschla- 



gende Wellen mit gcthcertcr Leinwand über- 
deckten Luken entstiegen, schlössen schon jede 
persönliche Untersuchung aus. Wenn man sich 
aber eine Gesellschaft von 700 Chinesen, die zu 
drei übereinander verpackt sind, vorstellt und 
dabei eine Reihe nasser Nächte und unruhiger 
'läge berücksichtigt, während welcher das Schiff 
Sprünge wie ein Delphin macht und die ganze 
Schaar bezopfter Gesellen zu einem hilflosen 
Chaos zusammenschüttelt, so wird man sich eine 
schwache Vorstellung von dem Bilde machen 
können, welches die Schiffswändc einschlössen. 
Im Laufe der ersten fünf oder sechs Nächte en- 
deten zwei der armen gelbhäutigen Burschen 
ihre Laufbahn. Sie waren sterbend an Bord ge- 
kommen, in dem letzten Stadium körperlicher 
Erschöpfung ; nur den einen hatte man eines 
Morgens todt auf seinem Schlafplatz gefunden, 
während <ler Tod des anderen in einer Nacht 
durch das Geschrei seiner Nachbarn kundgegeben 
wurde ; selbst Chinesen finden es unangenehm, 
wenn bei jeder Schlingcrung des Schiffes ein 
todter Körper gegen sie anrollt. Das Verfahren 
in solchen Italien ist durchaus gleichmässig. Da 
die Gesellschaft sich contractiich verpflichtet hat, 
den Chinesen lebend oder todt in seine Heimat 
zu bringen, wenn er sie entsprechenci dafür ent- 
schädigt, so hat das Schiff eine Anzahl roh be- 
arbeiteter Särge an Bord. Einer dersell)en wird 
aus dem Raum heraufgeholt und der Kajüten- 
wächter der Chinesen verlangt nun 30 Dollars für die 
liinbalsamirung. Nur selten findet sich das Geld 
in den Taschen des Verstorbenen oder in seinem 
Gürtel oder seinen Schuhen, denn wiewohl seine 
Landsleute den bereits Verstorbenen nicht leicht 
bestehlen würden, machen sich doch manche 
derselben weniger Gewissensbisse, sich das Geld 
eines im Sterben liegenden Gefährten anzueignen. 
Doch die Mehrzahl derselben ist recht freigebig, 
eine' zinnerne Schüssel wird mit gebranntem 
Zucker gefüllt, in welchen einige geweihte Kerzen 
hineingesteckt sind, und dann umhergetragen, 
um Beiträge für das Begräbniss zu sammeln. 
Jeder gutgesinnte Chinese nimmt mit den Finger- 
spitzen etwas Zucker und legt seine Gabe, sei 
es lo Cents, '/« oder '/^ Dollar in die Schüssel; dies 
dauert so lange, bis die erforderliche Summe 
gesammelt ist. Dann öffnet der Kajütendiener 
oder einer seiner Gehilfen die Schenkelschlag- 
ader des Verstorbenen und spritzt eine starke 
.Auflösung verschiedener, die Verwesung ver- 
hindernder Stoffe, wie Carbolsäure, .Arsenik u. A. 
in die Gefässe ein. Der so beschützte Körper 
wird in Leinwand gewickelt, in einen der roh be- 
arbeiteten Särge gelegt und an das Geländer 
des Schiffes festgebunden ; ein an demselben be- 
festigtes Papier trägt in chinesischen Schriftzeichen 
Namen und .Adresse des unglücklichen .Auswan- 
derers, der aus einem Passagier ein Theil der 
Ladung geworden ist. Friedlich standen während 
der weiteren Reise zwei Särge fest an das Ge- 
länder des Hinterdecks gebunden, die früheren 



80 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT 



Genossen des Verstorbenen sassen ruhig und 
gleichgiltig auf denselben oder um dieselben hin 
und rauchten ihre Pfeife. 



MISCELLEN. 
Das chinesische See-Arsenal zu Kiang-Nan. 

Dieses Arsenal liegt am Ufer des Flusses Hoangpu 
und circa 2 Meilen stromaufwärts von den Conces- 
sionen der Europäer in Shanghai. Es besteht seit 
etwa 20 Jahren und wurde vom General-Gouverneur 
der beiden Kiang, auch Viecekönig von Nanking 
genannt, dem bekannten Tso - Tsung - tang • — 
berühmt durch die Campagne von Kaschgar, in 
welcher er die chinesischen Truppen siegreich 
befehligte — gegründet. Das Arsenal von Kiang- 
Nan, welches zu dem Zwecke erbaut wurde, um 
als Reparaturs- und Vorrathsarsenal für die chine- 
sische Südflotte zu dienen , verlor durch das 
überwiegende Anwachsen der Nordflotte viel an 
Bedeutung, und wird jetzt in ein Arsenal für die 
Landarmee umgewandelt werden. Die Schiff- 
bauwerften sind seit Jahren unthätig und das 
Trockendock, welches nicht mehr als 8u m Länge 
hat, dient nur zum Reinigen des Bodens kleinerer 
Flusskanonenboote und Schleppdampfer. Die 
administrative Leitung des Arsenales ist in die 
Hände dreier Mandarine gelegt, die ein Comite 
bilden, dessen Secretär den Titel „Unterdirector" 
führt. Der techniche Theil der Leitung ist 
Europäern anvertraut. Das Arsenal besteht aus 
8 Werkstätten, nämlich: Montirungswerkstätte, 
Kesselwerkstätte, Gewehrfabrik, Kanonenfabrik, 
Werkstätte für die Erzeugung von Geschossen, 
Giesserei, Schiffswerfte, Trockendock. Folgende 
Europäer functioniren in diesem Arsenale: Ein 
Maschineningenieur (Engländer) ; ein Director 
der Kanonenfabrik, Engländer, Ingenieur der 
F"irma .Armstrong ; ein Director für die Fabrikation 
der Projectile, Engländer ; ein Uebersetzer für 
die Uebersetzung von in europäischen Sprachen 
geschriebenen Werken ; ein Professor der französi- 
schen Sprache, Director der französischen Schule 
des Arsenals. Trotz der Absicht, dieses See-Arsenal 
in ein rein militärisches umzuwandeln, scheint man 
doch das Trockendock für die etwa erforderlichen 
Reparaturen an den Schiffen der Südflotte erhalten 
zu wollen. Die Gewehrfabrik, ausschliesslich von 
Chinesen geleitet, besitzt eine vollständige Ein- 
richtung an Maschinen; die Aufsicht über diese 
letzteren führt ein englischer Maschineningenieur. 
Erzeugt werden Remington-Gewehre, doch wurde 
auch die Herstellung jener von Lee und Mauser 
versucht. Die Zahl der jährlich fabricirten Gewehre 
beträgt 2800 — 3000 , doch kommen dieselben 
doppelt so theuer zu stehen, als wenn man sie 
in Amerika kaufen würde. Die Werkstätten für 
die Erzeugung von Geschützen sind grossartig, 
ihr Maschinencomplex ist vollständig und ganz 
gleich jenem der Firma Armstrong. Man baut 
dort Armstrong-Geschütze von 30 / und weniger. 
Obwohl die maschi.ielien Einrichtungen auch für 
die F'abrikation der Rohre genügen würden, bezieht 



man letztere doch schon fertig von England. Alle 
anderen Geschütztheile werden in der Werkstätte 
erzeugt, und zwar nach dem gleichen Systeme, 
wie sie die Firma Armstrong herstellt. Die 
Direction dieser Werkstätte ist, wie schon erwähnt, 
einem Ingenieur der Firma Armstrong anvertraut. 
Bis zum Jahre 1888 erzeugte man nur Armstrong- 
Vorderlader ; später begann man Armstrong- 
Geschütze mit dem De Bang-Verschlusse herzu- 
stellen. Bis jetzt wurden von diesem Systeme 
4 Stück 203 /«»/-Geschütze gebaut ; 2 25 /-Ge- 
schütze sind nahezu vollendet. Das Arsenal kann 
jährlich im Durchschnitte 24 Geschütze zu 30 / 
herstellen. Die dort erzeugten Geschütze dienen 
für die Armirung der festen Plätze und der Schiffe 
des Vicekönigs von Nanking. Falls andere Pro- 
vinzen des chinesischen Reiches Geschütze aus 
dem Arsenale beziehen wollen, müssen sie die 
Kosten derselben dem Arsenalsfond ersetzen. 
Kürzlich wurden 2 8zöllige Geschütze für die 
Vertheidigung von Uei-Hai-Nei bestellt, die — 
wie es scheint — - auf Verschwindungslafetten 
installirt werden sollen. Auch die Werkstätte zur 
Herstellung von Projectilen ist vorzüglich ein- 
gerichtet. Die Geschosse, welche hier erzeugt 
werden, entsprechen den Calibern der Krupp- 
und Armstrong-Geschütze, mit denen China ver- 
sehen ist. Auch diese Werkstätte ist von einem 
Engländer geleitet ; sie fabricirt täglich im Mittel 
20 Geschosse für schweren und 200 Geschosse 
für leichten Caliber. Ein grosser Theil der! 
erzeugten Geschosse geht nach den anderen-1 
Provinzen Chinas. Dieses Product des Arsenales'^ 
ist das einzige, welches billiger zu stehen kommt, 
als man dasselbe in Euroija kaufen würde. 

(Rliltheilungen aus dem Gebiete des Seewesens.) 
Aus Thibet. Vor der letzten Versammlung 
der Pariser Geographischen Gesellschaft erstattete 
der Abbe Desgodins Bericht über seine Thätig- 
keit in Thibet. Nach einem vierunddreissigjährigen 
Aufenthalte daselbst ist er nach Frankreich zu- 
rückgekehrt, um ein französisch-englisch-thibetani- 
sches Lexikon herauszugeben, welches er im 
Vereine mit seinen Collegen in Thibet während 
dieser Zeit zusammengestellt hat. Die thibetani- 
schen Hochebenen schildert er als sehr spärlich 
bevölkert, die Bewohner müssen aber als ein 
schöner Menschenschlag gelten. Die Thierwelt ist 
ziemlich reich vertreten , hauptsächlich durch 
Pferde, Yaks und Schafe. Die Hauptstadt des 
Landes, Lhassa, zählt 15.000 Einwohner, be- 
stehend aus Chinesen, Mongolen und Leuten aus 
Nepal und Kaschmir. In dieser Zahl sind aber 
die 22.000 Lama-Mönche, welche in grossen und 
kleinen Klöstern zerstreut leben, nicht inbegriffen. 
Der Dalai-Lama ist nur das geistliche Hau|)t der 
Secte der sogenannten „gelben Lamas" und ge- 
niesst keinerlei Autorität über die Buddhisten im 
Norden von Thibet. Die Regierung Thibets ist 
thatsächlich die chinesische, und dieselbe besteht 
aus drei Gesandten, welche von sieben Manda- 
rinen und einer, durch das ganze Land zerstreuten 
Armee von 4000 Mann unterstützt werden. 



Yernntwortliclur Bedaeteur: A. v. Soala. 



Druck Ton Ch. Reiiter & M. W«rthn«r in Wien. 



D 



Juni-Heft 1890. 



OESTERREICHISCHE 






ünateclrift für kit #ritnt 



Herausgegeben vom 

K. K. ÖSTERR. HANDELS-MUSEUM IN WIEN. 




Redigirt von A. von Soala. 



Monatlich eine Nummer. 



VERLAG DES K. K. ÖSTERR. HANDELS-MUSEUMS IN WIEN. 



Preis jflhrl. S fl. » 10 Mark. 




IHHALT : iiii dunkeihten Afrika. Vm\ A.v. Schweigtr-Lerchenfeld. 
— liudrilui und Jiua. Von Hermann Ftigl. — Die GenusHmittel 
de» Oriente». Von Oustav Troll, (IV.) — Mlscelle: Confureuz 
der Misiiionäre in BhauKbaf. 

IM DUNKELSTEN AFRIKA.*) 

Von A. -von Schweif ir - Ltrchenfeld. 
I. 
Stanley und Emin Pascha. 
Ijelten hat ein Erforschungszug so sehr 
die öffentliche Meinung beeinflusst, die 
Urtheile Einzelner, ganzer Parteien, 
ja ganzer Völker von leidensciiaft- 
licher isrregung getrübt, wie der unbeschreiblich 
mühevolle und ereignissreiche Marsch Stanley's 
nach Ae(|uatoria und von dort nach der Küste 
von Sansibar. In der Regel werden solche Ex- 
peditionen im Dienste der Wissenschaft, oder zu 
Nutz und Frommen der Civilisation unternommen und 
darnach beurtheilt, auf ihren Werth geprüft. In 
diesem Falle war es anders. An sich ist der Stan- 
ley'sche Zug so grossartig, wie nur irgend ein 
früheres Unternehmen dieser Art; aber durch die 
Ver(|uickung rein menschlicher Dinge mit Zwischen- 
fällen von unverkennbarem politischen Anstrich 
haben hässliche Flecken den Glanz der Stanley'schen 
Leistung getrübt. Nicht dass einen der beiden 
llau|)tl)ctheiligten hiebei ein besonderes Ver- 
schulden träfe, denn die Charaktere Stanley's und 
Emin's sind, jeder in seiner Weise, von jeder Vcri 
unglimpfung geschützt. Die Disharmonie, weldie 
<ias Ergebniss des Unternehmens in vielfacher 
Weise beeinträchtigt, liegt weit tiefer, sie liegt 
ausserhali) der Personen, wenngleich diese es sind, 
dii- den Ton angeschlagen haben, der so störende 
Missklänge ergab. Die im Stanley'schen Rettungs- 
werke in die Erscheinung tretende Disharmonie 
ist kurz gesagt das Ergebniss eines wechsel- 
seitigen Misstrauens, das ,von der Parteien Hass 
und Gunst'" getragen und geschürt wurde und 
schliessli<'h auf das Gebiet der grossen Politik hin- 
übersiiielte, auf dem bekanntlich alle Gemüthlich- 
keit ein Ende findet. 

Wer das umfangreiche, an den nu-rkwünhg- 
sten Dingen überreiche Stanley'sche Reisewerk 
vom Anfange bis zu h'nde aufmerksam ilurchliest 

*) AufMurlning:, Kottuug und Uitrkzug AVii« Paacha's, Gouver- 
nenrn i)<>r Ac«|U»toi-ialprovinz. Von Henry M. S(aHt*if. AutorUirte 
dculsche AiitifCHbe von H. v. WobesiT. 3 R&ndfl mit l&O Abbll- 
ilnngen und 3 Karlen (.\II, 51S und VllI, 480 Selten). I.eipllg, 
F. A. UroekhaUB, ISSK). 

Munatiicbrift fir d«n Orient. Juni 1890. 



— nein : durchstudirt — hat behufs Gewinnung 
eines zutreffenden Urtheiles Dreierlei zu berück- 
sichtigen : erstens das eigentliche Endziel des Un- 
ternehmens in allen seinen Wechselwirkungen, ein- 
schliesslich des Verhältnisses der Hauptbetheiligten 
dieses Unternehmens zu einander; zweitens die nur 
mit der Person Stanley's verknüpfte Leistung als 
solche, als Forschungszug, die in ihren Einzel- 
heiten von einer dramatischen Beweglichkeit, die 
ihresgleichen nicht findet, und von ebenso gross- 
artiger als erschütternder Gesammtwirkung ist ; 
drittens die wissenschaftlichen Ergebnisse der Ex- 
pedition mit Losschälung alles dessen, was rein 
persönlicher Natur ist, die objectivc Beurthcilung 
der Leistung vom rein sachlichen Standpunkte. 
Auf Basis dieser dreifachen Beurthcilung gliedern 
wir unsere Besprechung des Stanley'schen Werkes 
in drei Theile und beginnen wir mit dem dem all- 
gemeinen Interesse zunächst liegenden Gegenstande 

— „Stanley und Emin" — der freilich derjenige 
Abschnitt des Gesammtunternehmens ist, den die 
öffentliche Meinung, bei förmlicher .Ausschliessung 
alles Anderen, bereits vor einiger Zeit aufgriff und 
in mehr oder weniger leidenschaftlicher Weise be- 
handelte. Wer ausserhalb des politischen und na- 
tionalen Parteihaders steht, hat die Aufgabe, die 
Dinge streng objectiv zu beurtheilen. Es soll den 
Lesern überlassen bleiben, zu beurtheilen, inwie- 
weit der Referent dieser schwierigen Aufgabe sich 
gewachsen zeigte. 

Halten wir uns zunächst eine rein mensch- 
liche Angelegenheit vor Augen. Ein schwer be- 
drängter, hilfsbedürftiger Mann, der sich um die 
Civilisation und Humanität die grössten Verdienste 
erworben und durch seltene Geistes- und Cha- 
raktereigenschaften die .Aufmerksamkeit aller Ur- 
theilsfähigen auf sich gezogen hat, wird von einer 
Schaar opferwilligster und ausdauerndster Pfad- 
finder aufgesucht, um gerettet zu werden. Die 
Hindernisse, welche hiebei zu überwinden sind, ge- 
stalten sich so ungeheuerlich, dass Naturen von 
seltener physischer und psychischer Constitution 
dazu gehören, sie zu bewältigen. Der Schrecken 
dauert nicht Wochen, nicht .Monate — er dauert 
jähre lang. Hunger und Kr.inkheiten, feindliche 
Angriffe und schier unglaubliche Strapazen lichten 
die Schaar, welche sich den Führern angeschlossen 
hat, in Schrecken erregender Weise ; jeder 



82 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



Tag fordert seine Opfer; die Lagerplätze werden 
zu Friedhöfen, welche Pestilenz aushauchen ; die 
Führer selber gerathen in einen Zustand des Elends, 
der grauenerregend ist : sie sehen ihre freute ver- 
schmachten und können nicht helfen; sie haben nur 
ein Ziel — die Rettung des Bedrängten — vor 
Augen ; sie hungern mit ihren Leidensgefährten, 
die sie in diese Wildnisse geführt haben ; sie werden 
selber von todbringenden Krankheiten ergriffen, 
und die Sorge, die Schutzbefohlenen möglicher- 
weise sich selbst überlassen zu müssen, fügt zu dem 
physischen Elend die grössten moralischen Qualen. 

Schliesslich wird Alles — allerdings mit un- 
geheueren Opfern — überwunden, und die Wackeren 
scheinen am Ziele ihrer Bestrebungen zu sein. Aber 
der Gesuchte ist nicht dort, wohin zu kommen ihm 
ein Leichtes gewesen wäre und die Erschöpften 
ringen noch Monate, um aus ihrer verzweifelten 
Lage herauszukommen . . . Nennen wir nun die 
Dinge bei ihrem wahren Namen . . . Bekanntlich 
waren Stanley und seine Leute das erste Mal Mitte 
December 1887 an den Albertsee gekommen, und 
hatten erwartet, daselbst Emin, der von dem Her- 
annahen des Zuges wusste, anzutreffen. Diese Er- 
wartung wurde grimmig enttäuscht. Mit Recht durfte 
Stanley sagen: „Als ich darüber nachgrübelte, wie 
die Hoffnungsfreudigkeit, welche uns bisher be- 
seelte, so seltsam ein plötzliches Ende gefunden 
hatte, kam mir der Gedanke, dass sich wohl nie- 
mals einem Reisenden im wilden Afrika eine ent- 
muthigendere Aussicht gezeigt habe, als sich uns 
hier (am Albertsee) enthüllt hatte. Von dem Augen- 
blicke an, als wir am 21. Jänner 1887 England 
verlassen hatten, bis zu diesem 14. December war 
keinem von uns die Idee gekommen, dass unsere 
Pläne so nahe am Ziele, wie wir es waren, noch 
vollständig vereitelt werden könnten. Wir hatten 
gehofft, hier Nachrichten vom Pascha anzutreffen; 
nach unserer Ansicht musste der Gouverneur einer 
Provinz, die zwei Dampfer, Rettungsboote, Canoes 
und Tausende von Leuten besass, an einem so 
kleinen See, wie der Albert-Njansa, den man an 
zwei Tagen von einem Ende zum anderen umfahren 
kann, überall bekannt sein. Als wir durch äusserste 
Schwäche gezwungen waren, unser Stahlboot in 
Ipotü zurückzulassen, hofften wir, dass eines von 
dreien der Fall sein würde : entweder, dass der 
Pascha, der durch mich von unserem Kommen in 
Kenntniss gesetzt war, die Eingeborenen von un- 
serem Erscheinen vorbereitet hätte, oder dass wir 
ein Canoe kaufen , oder ein solches anfertigen 
könnten. Allein, der Pascha hatte das südliche Ende 
des Sees nie besucht (!) und ebensowenig war ein 
Canoe zu haben, oder ein Baum zu finden, aus dem 
ein solches hergestellt werden konnte." 

Emin Pascha hatte im November 1887 an 
seinen Freund Dr. Felkin geschrieben: „Es ist Alles 
in gutem Gange; in den besten Beziehungen mit 
den Häuptlingen und den Leuten ; werde mich binnen 
Kurzem nach Kibiru am Ostufer des Albertsees 
begeben. Habe, um nach Stanley Umschau zu halten, 
eine Recognoscirungs - Abtheilung ausgeschickt, 



welche noch nicht zurückgekehrt ist. Erwarte 
Stanley ungefähr am 15. December . . ." Merk- 
würdigerweise war die Entsatz-Expedition fast auf 
den Tag genau am Albertsee angekommen ; sie 
fand Niemanden und nichts. Schon eine rein mensch- 
liche Erwägung hätte Emin bestimmen sollen, für 
seine Retter zu sorgen. Alles aufzubieten, um die 
— • wie es in der Natur der Sache lag — sehr 
herabgekommenen Eintreffenden entsprechend zu 
empfangen. 

Es ist ein Räthsel, wie ein Mann, in dessen 
Charakter die Weichmüthigkeit und das humanitäre 
Empfinden vorherrschen und in dessen Herzen der 
Undank keinen Platz hat, sich einer solchen Ver- 
säumniss schuldig machen konnte. Von Wadelai 
bis zum Südende des Albertsees sind es nur wenige 
Tagereisen und Emin konnte diese Strecke bequem 
im Dampfer zurücklegen. Und dennoch war, wie 
bereits erwähnt, sogar der Name Emin's in jener 
Gegend unbekannt! Stanley aber hätte 25 Tage- 
märsche bis Wadelai zurückzulegen gehabt, wobei 
es immerhin zweifelhaft war, ob Emin dortselbst 
anzutreffen war. Um aber den Wasserweg ein- 
schlagen zu können, bedurfte es eines Bootes. Es 
war keines zu haben; das Stahlboot „Advance" lag 
in Ipoto, also etwa zwanzig Tagemärsche rück- 
wärts. 

Man kann es Stanley nicht verdenken, wenn 
ihn diese Sachlage sehr bekümmerte. Immer ener- 
gisch und pflichttreu, versäumte er keinen Augen- 
blick, und machte sich auf den Weg nach Ipoto . . . 
„Das Unvermeidliche umgab uns, damit das Gesetz 
sich erfülle, dass man das Erstrebenswerthe nur 
mit Mühe und Geduld erreichen kann. Wohin wir 
blicken mochten, überall war uns das Vordringen 
verschlossen, ausgenommen unter Kämpfen, Tödten, 
Zerstören, Vernichten und Vernichtetwerden. Für 
Unjoro hatten wir kein Geld und keine passenden 
Waaren ; der Marsch nach Wadelai war nur eine 
nutzlose Vergeudung von Munition, deren -Mangel 
uns wahrscheinlich an der Rückkehr verhindert und 
in dieselbe Hilflosigkeit versetzt haben würde, in 
Welcher Emin Pascha sich befinden sollte. Richteten 
wir unsere Blicke auf die See, so wurden wir daran 
erinnert, dass wir Zweifüssler waren, die etwas 
Schwimmkraftbesitzendes brauchten, das sie über 
das Wasser zu tragen vermag. Alle Wege, mit 
Ausnahme desjenigen, auf dem wir gekommen 
waren, waren uns verschlossen und unsere Lebens- 
mittel inzwischen erschöpft." 

Der Gedanke an diese fast tragisch zu nen- 
nende Wendung der Dinge, kann nur mit einem 
stillen Vorwurfe gegen Emin vereint werden. Er 
hatte Tausende von Leuten, zwei Dampfer und 
einen Weg von nur vier Tagereisen bis zum Süd- 
ende des Sees. 

Was würde es dem Gouverneur von Ae(]uatoria 
weiter gekostet haben, dortselbst ein fliegendes Lager 
von nur etwa fünfzig Mann zu Stationiren und Vor- 
räthe aufzuhäufen? Die Provinz war ja damals noch 
vollkommen ruhig und Emin selber schildert in dem 
üben citirten Schreiben seine Lage als eine ganz 



^ 



OESTERRE1CHISCHB MONATSSCHRIFT F0R DEN ORIENT. 



gute. ICs ist auffällig, dass in der Besprechung der 
Controversc zwischen Stanley und Emin die Presse 
diesen Punkt bisher gar nicht berührt hat. Das ist 
unseres Eracbtens denn doch eine sehr einseitige 
Bcurtheilung des vielbesprochenen Verhältnisses 
zwischen den beiden Hauptacteuren in dieser Epopöe. 
Zur Ehre Stanley's sei's gesagt, dass er diesen be- 
schämenden Zwischenfall in keinerEmin ungünstigen 
Weise commentirt; er beschränkt sich auf die 
blosse Verwunderung, dass Emin — nicht ge- 
kommen. 

Am 7. Jänner 1888 traf die Expedition im 
Fort Bodo ein, am 18. April war sie wieder am 
Albertsee. Es waren also volle vier Monate ver- 
loren gegangen. Am 29. April erfolgte die erste 
Begegnung mit Emin Pascha, der mittlerweile auf 
Grund eines „Gerüchtes", dass im Süden des Sees 
weisse Leute gesehen worden seien, dahin aufge- 
brochen war. Die Begegnung geschah in später 
.Abendstunde im Lager zu Kavalli. Emin sagte zu 
Stanley: „Ich bin Ihnen viel tausend Dank schuldig, 
und weiss wirklich nicht, wie ich Ihnen denselben 
aussprechen soll . . ." Stanley war von der Persön- 
lichkeit Emin's im Grossen und Ganzen enttäuscht. 
Er hatte, wie dies seinem eigenen Wesen entsprach, 
einen strammen, körperlich starken und schneidigen 
Soldaten erwartet, und fand das Gegentheil. Wenn 
nun auch nicht jeder Mensch einen unternehmungs- 
lustigen, temperamentvollen Huszarenofficicr vor- 
stellen kann und neben solchen auch andere Indi- 
vidualitäten zu bestehen das Recht haben, war mit 
obiger Begegnung gleichwohl eine der Illusionen 
Stanley's zerstört. Das kann ihm, dem kühnen 
Afrikareisenden, unmöglich verübelt werden. Von 
seiner Unparteilichkeit und Ausserachtlassung allen 
persönlichen Geschmackes spricht der Umstand, 
dass er Emin liebevoll und mit grösster Nachsicht 
behandelte. Das war sehr schwer, denn Emin zeigte 
gleich bei Beginn der Unterredung wenig Lust, 
Afrika zu verlassen ; nicht so sehr seiner Person 
wegen, als der vielen Leute halber, im Ganzen 
10.000, welche fortzuschaffen waren. In diesem 
Punkte scheint auch Stanley sich keine richtige 
Vorstellung von den Hindernissen gemacht zu 
haben. 

Die späterhin von Kavalli aufgebrochene Ka- 
ravane von über 1500 Köpfen nennt er ,, ungeheuer" ; 
welche Bezeichnung würde er für die zehnmal 
grössere Menschenmenge — fast vorwiegend Frauen 
und Kinder — gewählt haben? 

Das Ergebniss aller Unterhandlungen war, dass 
Emin entschlossen war, Afrika zu verlassen, wenn 
seine Leute bereit seien; sonst wollte er bei ihnen 
bleiben. Es handelte sich um 65 Egypter und zwei 
Bataillone sudanesische Truppen, im Ganzen rund 
1450 Mann und deren Familien. Schon nach wenigen 
'lagen erklärte Emin, dass er überzeugt sei, seine 
Leute würden niemals nach Egyptcn gehen; höchstens 
die l^gypter. Diese los zu werden, wärel^min herz- 
lich froh. Nun rückte Stanley mit seinen Vorschlägen 
heraus. Ausser dem glatten .'\bzuge im Sinne der 
chcdivialen Ordre — die übrigens die Clausel ent- 



hielt, dass Emin bleibeo könne, wenn er dies für 
gut befinde, aber fortan auf eine officicile Unter- 
stützung nicht mehr zu rechnen habe — kamen 
noch weitere zwei Eventualitäten in Betracht : ent- 
weder trat Emin in die Dienste des Congostaates, 
oder er zog sich an den Victoria-Njansa zurück, um 
späterhin seine Erfahrungen einer Privatgesellschaft 
zu widmen. Zu beiden Anträgen war Stanley autori- 
sirt. Der König der Belgier, als Souverän des 
Congostaates, bot 1500 Pf. St. Jahresgchalt und 
10.000 — 12.000 Pf. St. als jährliche Subsidie für 
die Verwaltung von .'\equatoria. Alle Ueberkostcn 
sollten aus den Einnahmen der Provinz bestritten 
werden. Emin antwortete, er sei dem Könige der 
Belgier sehr verpflichtet, aber . . . „so lange ich 
hier bin, gehören die Provinzen Egypten und sie 
bleiben sein Eigenthum, bis ich fortgehe. Wenn ich 
weggehe, werden sie Niemands Land. Ich kann 
meine Flagge nicht in solcher Weise streichen und 
die rothe mit der blauen vertauschen.. Ich habe der 
ersteren mehr als zwanzig Jahre gedient, die letztere 
sah ich nie ?" 

Das war gewiss die Antwort eines Mannes, 
der das Herz am rechten Flecke hatte. Dagegen 
erscheint, wie so Vieles an Emin, räthselhaft, 
dass ihm der dritte Vorschlag, der .Abzug nach 
dem Victoria-Njansa so halb und halb zusagte. 
Es scheint also damals bei dem Pascha die Er- 
wägung vorgewaltet zu haben, unter gewissen 
Voraussetzungen Dienste bei der britisch-ostafri- 
kanischen Gesellschaft zu nehmen. Oder freute 
sich Emin lediglich darüber, neue Länder kennen 
zu lernen, um für seine ornithologischen und en- 
tomologischen Sammlungen neue werthvoUe Oh- 
jecte zu erobern ? Fast scheint das Letztere der 
Fall zu sein, denn Stanley hebt wiederholt die 
Freude hervor, welche Emin an Reisen und Ex- 
cursionen — natürlich nicht „Reisen" im Sinne 
Stanley's — hatte. 

Im Uebrigen hatte es mit der Entscheidung 
für den einen oder den anderen Vorschlag keine 
Eile, da Stanley die Nachhut, welche unter Major 
Barttelot in Jambuja zurückgeblieben war, ein- 
zuholen hatte. Wir kommen in einem zweiten 
Artikel, welcher den Einzelheiten der Expedition 
speciell gewidmet ist, auf die Erlebnisse der 
Barttelot'schen Coloane zurück, und halten einst- 
weilen an allen jenen Dingen und Vorfallenheiten 
fest, welche mit Emin verknüpft sind. Zunächst 
wünschte dieser die Leute nicht direct zu be- 
einflussen, sondern bat Stanley, durch eine Pro- 
clamation den Auszug vorzubereiten. Die .Art 
und Weise, wie Stanley solche Kundgebungen 
an die Afrikaner stylisirt, ist sehr bemerkens- 
werth. Er trifft vorzüglich den Ton, der dem 
Verständnisse dieser Leute angepasst ist ; zu- 
gleich gibt er sich das .Ansehen eines um das 
Schicksal seiner Schutzbefohlenen besorgten Vaters, 
lässt aber überall eine gewisse Autorität, die so 
gut wie inappellabel ist, durcbklingen. In eben 
solcher Fassung wurde die Proclamation an die 
egyptischen Officiere und Truppen in Wadelai 



84 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT fOr DEN ORIENT. 



erlassen und mit der Verlautbarung derselben 
Stanley's Officier Jephson betraut. 

Am 24. Mai war Stanley mit seinen Leuten 
aufgebrochen, um den ungeheueren Weg durch 
das Grasland, durch den „grossen Wald" und 
längs des Iti'iri-Aruwimi nach dem Lager der 
Nachhut bei Jambuja anzutreten. Darüber später. 
Am 17. August wurden die Trümmer der Bartte- 
lot'schen Colonne bei Banalja aufgefunden und 
bereits am 21. sehen wir Stanley, obwohl furcht- 
bar erschüttert über das Vorgefallene, physisch 
und moralisch leidend, wieder nach Osten auf- 
brechen. Erst am l8. Jänner trifft die Entsatz- 
Expedition wieder am Albertsee ein. Es waren 
also inzwischen fast acht Monate verstrichen. 
Was Stanley bei seiner dritten Ankunft am See 
erfuhr, war niederschmetternd genug : Emin und 
Jephson in den Händen der egyptischen Truppen, 
die mittlerweile rebellirt hatten ; blutige Kämpfe 
bei Redjaf und üufile mit den in der Aequatorial- 
provinz eingebrochenen Mahdisten. Schon bei 
der Ankunft im Fort Bodo, nördlich vom Ituri, 
schöpfte Stanley Verdacht, dass etwas Unheim- 
liches vorgefallen sein musste. Jephson, der dort 
einzutreffen hatte, fehlte, lieber seinen Verbleib 
war nichts in Erfahrung zu bringen. Stanley 
liess daher im Fort Bodo unter Lieutenant Stairs, 
einem der tüchtigsten Officiere der Expedition, 
eine starke Besatzung zurück und machte sich 
nach dem See auf. Hier empfing er Briefe von 
Emin und Jephson aus Dufile, welche die be- 
kannten Ereignisse schilderten. Es war am 
18. August 1888 eine partielle Meuterei unter 
den egyptischen Truppen ausgebrochen , und 
wurden Emin und Jephson zu Gefangenen ge- 
macht. Der Letztere schrieb unter dem 7. No- 
vember desselben Jahres Folgendes an Stanley : 
„Die Rebellion ist durch etwa ein halbes Dutzend 
Egypter (Officiere und Beamte) in Scene gesetzt 
worden und nach und nach haben sich Andere 
angeschlossen. Einige aus Neigung, die Meisten 
aber aus Furcht. Die Soldaten, mit Ausnahme 
derjenigen von Labore, haben sich niemals an 
dem Aufstande betheiligt, sondern in Ruhe dem 
Befehle der Officiere Folge geleistet. Die her- 
vorragendsten Schürer der Rebellion waren zwei 
Egypter, welche, wie wir später gehört haben, 
sich nach Nsabe begeben haben, um bei Ihnen 
Beschwerde zu führen. Der eine war des Paschas 
Adjutant Abdul Wahab Effendi, der früher auch 
an der Empörung Arabi Paschas theilgenommen 
hat, der andere Achmed Effendi Mahmud, ein 
einäugiger Beamter. Als der Pascha und ich uns 
auf dem Wege nach Redjaf befanden, zogen 
diese Beiden und einige Andere umher und er- 
zählten, sie hätten Sie gesehen ; Sie seien nur 
ein .Abenteurer und nicht von Egypten gekommen, 
die von Ihnen überbrachten Briefe von Khedive 
und NuSar Pascha seien Fälschungen ; es sei 
unwahr, dass Chartum gefallen sei, und der 
Pascha und Sie hätten ein Complot gemacht, um 
sie, ihre Frauen und Kinder aus dem Lande zu 



führen und sie als Sclaven den Engländern zu 
überantworten." 

Man kann sich denken, welche Wirkung 
diese Lügen unter einer unwissenden und fanati- 
schen Menge hatten. Es erfolgte eine allgemeine 
Rebellion, l'^min und Jephson wurden gefangen 
gesetzt. Einige der schlimmsten der Rebellen 
waren sogar dafür, Emin in Eisen zu legen, doch 
hegten die Officiere Furcht, diesen Plan auszu- 
führen, da die Soldaten erklärten, sie würden 
nie zugeben, dass an ihren Führer Hand gelegt 
werde. Zugleich wurden Pläne geschmiedet, Stan- 
ley in eine Falle zu locken, um ihn auf irgend 
eine Weise unschädlich zu machen. Mitten in 
diesen Wirren fiel ein schwerwiegendes Ereigniss 
vor: die Mahdisten waren in Lado eingetroffen 
und hatten drei Pfauen-Derwische mit der Auf- 
forderung in's Rebellenlager geschickt, dem Kha- 
lifen von Chartum sich zu ergeben. Die drei 
Sendboten wurden in's Gefängniss geworfen. Aut 
das hin griffen die Dangala Redjaf an und ver- 
trieben unter empfindlichen Verlusten die Egypter. 
Unter den Rebellenofficieren war die Bestürzung 
gross. Man war entschlossen, den Pascha frei- 
zugeben, zögerte aber damit, weil man dessen 
Rache fürchtete. Zugleich verweigerten die Sol- 
daten ihren Officieren den Gehorsam. Als über- 
dies die Rebellenofficiere bei dem Angriffe aut 
Redjaf eine zweite empfindliche Niederlage er- 
hielten, forderten die Soldaten stürmisch die Frei- 
lassung Emin's, die dann endlich erfolgte. Man 
schickte ihn, sowie Jephson — der, beiläufig be- 
merkt, während der dreimonatlichen Gefangen- 
schaft frei umhergehen konnte — nach Wadelai, 
wohin auch die Soldaten und Beamten und deren 
Familien folgten, da die Mahdisten mittlerweile 
bis Dufile vorgedrungen waren, wo erbitterte 
Kämpfe stattfanden. 

Für Stanley war nun die Zeit für entschie- 
denes Handeln gekommen, doch machte er die 
Rechnung ohne den Wirth, d. h. ohne den säu- 
menden und zögernden Emin Pascha, der, selber 
ohne jede autoritative Gewalt, so weit Einfluss 
auf seine Leute zu haben meinte, dass er auch 
jetzt noch ungefährdet in ihrer Mitte zubringen 
durfte. Stanley verlangte positive Entschlüsse und 
stellte hiefür einen Termin von 20 Tagen auf. 
Dieses Auftreten kränkte Emin. Es ist ganz un- 
erklärlich weshalb; denn überschaut man Alles, was 
Stanley an Opfern gebracht, an Strapazen durch- 
gemacht und an Enttäuschungen erlebt; erwägt 
man ferner, dass er seine Scliutzbefohlenen nicht 
den Fährlichkeiten eines Aufenthaltes auf unbe- 
stimmte Zeit im Herzen von Afrika aussetzen 
konnte, so ist die Empfindlichkeit Emin's ganz 
unverständlich. In dieser Zeit schrieb Jephson, 
mit dem Stanley fortgesetzt im brieflichen Ge- 
dankenaustausche stand: „Das Gefühl ist der 
schlimmste Feind des Paschas. Emin Pascha hält 
Niemand zurück als Emin selbst . . . ." Es sollte 
aber noch schlimmer kommen. Emin beantw'>rtete 
das entschiedene Begehren um positive Entschlüsse 




OESTERHEICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



85 



ausweichend ; am Sciilusse dieses Schreibens heisst 
es: „IJa Herr Jephson mit diesem Dam[)fer ab- 
fährt und mir freundiiclist versprochen hat, Ihnen 
dieses Schreiben zu überbringen, benütze ich die 
Gelegenheit, um Ihnen die grosse Hilfe und Unter- 
stützung, die seine Gegenwart mir gewesen ist, 
zu bezeugen. Unter den schwierigsten Verhält- 
nissen hat er einen so grossartigen Muth, eine 
so unerschütterliche Freundlichkeit und Geduld 
erwiesen, dass ich nicht umhin kann, ihm jeden 
Erfolg im Leben zu wünschen, um ihm für alle 
seine Langmuth zu danken. Da ich Sie wahr- 
scheinlich nicht mehr sehen zverde, möchte ich Sie 
bitten, seinen Verwandten von meinem Dank an 
ihn und sie Mittheilung zu machen . . . Ehe ich 
schliesse, bitte ich Sie, mir zu gestatten, auf's 
Neue Ihnen, Ihren Officieren und Mannschaften 
meinen herzlichsten Dank auszusprechen und Sie 
zu ersuchen, meine ewige Dankbarkeit den freund- 
lichen Leuten zu- übermitteln, welche Sie uns zu 
Hilfe gesandt haben. Möge Gott Sie und Ihre 
Truppen schützen und Ihnen eine glückliche, 
rasche Heimreist geben." 

üass diese Weichmüthigkeit durchaus nicht 
am Platze war, haben die weiteren lireignisse 
bewiesen. Aber Stanley war nicht der Mann, sich 
irremachen zu lassen. Zunächst zog er die Colonne 
des Lieutenants Stairs aus Fort Bodo heran. 
War diese eingetroffen, plante Stanley mit 
300 Gewehrträgern und 2000 Mann eingeborner 
Hilfstruppen den ."ilbertsee nordwärts entlang abzu- 
raarschiren und Emin gewaltsam zu befreien. Ihm 
war es unerklärlich, was der Gouverneur von 
seinen Leuten überhaupt noch Gutes erwarten 
konnte. Dass sie sich nun ihrem Oberhaupte 
demüthig erwiesen, konnte zwar einen Mann von 
dem Charakter Emin's täuschen, nicht aber den 
in der Beurtheilung der Afrikaner weit erfahreneren 
Stanley. Dieser calculirte so: Es ist leicht, die 
Motive der Officiere, welche Rebellen sind und 
Verräther und Mahdisten unter sich haben, die ihre 
Berathungen beeinflussen, zu verstehen und die 
natürlichen I'^olgen vorherzusagen. Sie werden um 
die Gunst des Khalifen buhlen, indem sie ihre 
angeblichen Befreier, ihren früheren Pascha und 
seine weissen Gefährten verrathen und in seine 
(des Khalifen) Hände bringen, um dafür Ehre und 
Ruhm zu erringen. Für die Schnellfeuergeschütze, 
die Magazin- und Remingtongewehre und einen 
Trupp weisser Gefangener würde der Khalif sie 
hübsch belohnen. Diejenigen, welche an der Ge- 
fangennahme derselben hauptsächlich betheiligt 
waren, zu Ehre und Geld bringenden Stellungen 
befördern und sie mit Staatskleidern ausstatten. 
U. s. m. 

Inzwischen hatte sich Emin dennoch ent- 
schlossen, Wadelai zu verlassen. Es wurden An- 
stalten getroffen, ihn und seine Gefährten einzu- 
holen. Wie aber die Hilfeleistung aufgefasst wurde, 
entnimmt man aus Folgendem. Das vorläufig an- 
gemeldeteGepäckwarungeheuer: l'"min 200 Lasten, 
Casati (der geklagt hatte, durch Kabba-Rega, den 



grimmigen Häuptling cer Wanyoro, „Alles ver- 
loren zu haben") 80 Lasten, der Apotheker Vita 
40 Lasten, der Grieche Marco 60 Lasten, zu- 
sammen 380 Lasten (d. s. ebensoviele Träger) 
für vier Personen! Ahttr Stanley ist ehrlich genug, 
um in seiner Verzweiflung auszurufen: „Allerdings 
habe ich versprochen. Alles nach dem Lager zu 
schaffen; nun, wenn ich ein solches Versprechen 
gegeben habe, muss ich es wohl halten." 

Am 17. Februar 1889 traf Emin mit seiner 
Karawane (65 Personen) im Lager ein. Es war 
auch eine Deputation der meuternden Officiere, 
geführt von Major Selim Bey, dabei. Es wurde 
eine grosse Parade abgehalten, und Stanley ver- 
stand es, sich Ansehen zu geben. Seine Officiere 
erschienen zum ersten Male in funkelneuen Uni- 
formen, was grosse Sensation erregte. Den nächsten 
Tag ereignete sich noch ein anderer aufregender 
Zwischenfall : Lieutenant Stairs (vom Fort Bodo) 
war im Lager eingetroffen . . . „mit gewaltigen 
Rcichthümern aller Art, fertiger Remington-, 
Maxim- und Winchestermunition, Schiesspulver, 
Zündhütchen, Ballen von Taschentüchern, weissen 
baumwollenen und blauen Leinwandstoflfen, ge- 
streiften prächtigen Kleidern, Perlen aller Arten. 
Rollen von blitzendem Draht u. s. w. Es waren 
Sansibariten, Mahdi, Leute aus Lado, Sudanesen, 
Manjema, Balegga, Bandussuma, Zwerge und Riesen, 
insgesammt 312 Träger." 

An demselben Tage hatte Stanley eine lange 
Unterredung mit der Deputation der meuternden 
Officiere, welche für diese die Erklärung abgab, 
nach Egypten abzuziehen. Zu diesem Ende erliess 
Stanley eine seiner schneidigen, lapidaren, dem 
Geiste der Afrikaner vortrefflich angepassten 
„Prociamationen", welche Selim nach Wadelai 
zu überbringen hatte . . . Nun begann aber das 
schreckliche Geschäft des Gepäcktransportes. Der 
Ausschiffungsplatz am Seeufer war drei Stunden 
vom Stanley'schen Lager entfernt und dieses lag 
auf dem hohen, steilrandigen Plateau des West- 
randes des Albertsees. Unter dem Gepäck befand 
sich alles erdenkliche Gerumpel, darunter zahl- 
reiche schwere Mahlsteine ! Die Träger murrten, 
und einmal musste Stanley, gegen seine innere 
Ueberzeugung und nur der Disciplin zu Liebe, 
gegen die widerhaarigen Sansibariten einschreiten. 
Als aber bekannt wurde, dass die Egypter die 
säumigen Träger sogar thätlich misshandelten, 
fand er sich veranlasst, gegen diese Art von 
„Dank" einzuschreiten. Ueberhaupt stellte es sich 
heraus, dass die Leute Emin's das Rettungswerk 
so auffassten, als müsste Alles ihrem Willen sich 
bereit finden. In Stanley kochte es, aber er unter- 
drückte den überschäumenden Groll gegen diese 
undankbare, anmassende und dabei über alle Massen 
hinterlistige Horde, die noch kurz zuvor kein 
Gewissen sich gemacht hätte, Emin, Stanley und 
alle Weissen den Mahdisten auszuliefern. Auch 
hierin erwies sich Stanley als ein Held, der nur 
die Erfüllung seiner Mission, die Ausübung seiner 
Pflicht vor Augen hatte. Im Uebrigen war er sich 



86 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT 



vollkommen darüber klar, wie er diese ver- 
kommene, feige und verrätherische Rotte zu be- 
handeln haben würde, sobald er sie einmal ganz 
in seiner Gewalt hatte. 

Und Emin ? Er hatte in dieser ganzen schweren 
Zeit nichts Besseres zu thun als — Vögel auszu- 
stopfen und Insecten zu conserviren! Allen Respect 
vor der Wissenschaft — aber Alles zur rechten 
Zeit. Die Gutmüthigkeit Stanle)''s ging so weit, 
dass er seinen Leuten den Auftrag gab , alles 
fliegende und kriechende Gethier, dessen sie hab- 
haft würden, dem Pascha zu bringen. Er wusste ja, 
dass er dem Gouverneur damit eine grosse Freude 
machte ! 

Am 26. Februar war Selim Bey mit der Frocla- 
mation Stanley's nach Wadelai zurückgekehrt, am 
26. März, also genau einen Monat später, traf ein 
Brief von ihm an Emin ein, mit der Nachricht, dass 
wahrscheinlich alle Rebellen sich unterwerfen und 
nach Kavalli kommen würden . . . Emin war ent- 
zückt . . . „Was habe ich gesagt? St-hen Sie jetzt, 
dass ich Recht hatte? Ich wusste es bestimmt, dass 
sie sämmtlich kommen würden" . . . Bezeichnend 
für Stanley's Auffassung der Dinge , gegenüber 
jener Emin's, ist, dass jener den Pascha auf den 
folgenden Umstand aufmerksam machte. Am 
26. Februar war Selim nach Wadelai gefahren, 
innerhalb acht Tagen sollte er zurück sein. Er ist 
aber nach einem Monat noch immer nicht da und 
sagt überhaupt nicht, wann er und die Anderen zu 
kommen gedenken. Alle Befehle sind also un- 
beachtet geblieben, alle Versprechen sind gebrochen 
worden . . . Aus Tagen seien Wochen, aus Wochen 
Monate geworden, und es würden ohne Zweifel 
noch Jahre vergehen, ehe an ein Fortkommen aus 
Afrika zu denken sei. Stanley bezeichnet es als 
eine Thorheit, diesen Leuten auch nur ein Wort zu 
glauben. 

Ganz unbegreiflich war die Vertrauensselig- 
keit Emin's; er hoffte noch immer auf ein gutes 
Ende. Da riss Stanley die Geduld. Er sagte zu 
Emin : „Ich habe ganz seltsame Dinge erfahren. 
Major Auasch Effendi vom 2. Bataillon, Osman 
Latif Efendi (der Vice-Gouverneur) und der Ma- 
schinist Mohammed haben mir insgeheim erzählt, 
dass weder Selim Bey, noch Fadl el Mulla Bey 
(das Haupt der Verschwörer) nach Egypten gehen 
wollen. Ersterer wird vielleicht bis hieher kommen 
und sich in diesem District niederlassen. Aber was 
die Officiere in Wadelai auch sagen mögen was 
sie zu thun beabsichtigen, jedenfalls bin ich gewarnt 
worden, so dass ich auf meiner Hut sein muss. 
Niemand hegt Vertrauen zu ihnen, nur Sie selbst. 
Sie müssen zugeben, dass ich die besten Gründe 
habe , ihre guten Absichten zu bezweifeln. Sie 
haben dreimal gegen Sie revoltirt, haben Herrn 
Jephson gefangen genommen. Sie haben es weit 
genug verbreitet, dass sie auch mich gefangen zu 
nehmen beabsichtigen. Aber lassen Sie mich Ihnen 
das sagen: es steht nicht in der Macht sämmtlicher 
Truppen der Provinz, mich gefangen zu nehmen, 
denn ehe sie sich diesem Lager bis auf Büchsen- 



schussweite nähern, wird jeder Officier in meiner 
Gewalt sein." 

Als Emin fragte, was geschehen werde, ant- 
wortete Stanley damit, dass er seine Officiere zu 
sich berief, denen er den Sachverhalt noch einmal 
auseinandersetzte und sie fragte, ob es unter den 
gegebenen Umständen räthlich sei, noch über den 
10. April hinaus zu warten. Alle Officiere ant- 
worteten verneinend. „Nun, Pascha," sagte Stanley, 
„da haben Sie Ihre Antwort. Wir marschiren am 
10. April." Auch jetzt noch fragte Emin, ob Stanley 
und seine Officiere ihn von dem Vorwurfe frei- 
sprächen, seine Leute verlassen zu haben, falls die- 
selben bis zum 10. April noch nicht eingetroffen 
sein sollten. Stanley und seine Officiere zögerten 
keinen Augenblick, Emin's Gewissen zu entlasten. 
Alsdann sandte Stanley am 27. März die Botschaft 
nach Wadelai, dass er am 10. April mit Emin den 
Heimmarsch antreten und keine Stunde länger 
warten würde. 

Unterdessen hatten Stanley's Träger mehr als 
Liebesdienste verrichtet; sie hatten 1355 Lasten 
vom Seeufer in das Lager auf dem Plateau ge- 
schleppt. Stanley selbst pflog Besprechungen mit 
dem Vice-Gouverneur Osman Latif und forschte 
ihn über die Stellung Emin's zu seinen Leuten aus. 
Osman Latif gestand, dass der Pascha geachtet, 
vielleicht auch beliebt, im Uebrigen aber den 
Leuten gleichgiltig sei. Sie sagen : „O, mag er sich 
mit Käfer- und Vögelsammeln beschäftigen — wir 
brauchen ihn nicht. Alsdann fand folgender, für 
beide Theile charakteristische Dialog statt: 

„Glauben .Sie, dass er (Emin) beliebter ge- 
wesen wäre, wenn er einige aufgeknüpft hätte?" 
,, Vielleicht, das weiss nur Gott." 
„Glauben Sie , dass Sie ihn lieber gehabt 
hätten, wenn er streng gegen Sie gewesen wäre ?" 
„Nein, aber ich würde ihn mehr gefürchtet 
haben." 

,,0 ja, natürlich." 

Osman Latif bat Stanley, von dem geführten 
Gespräche nichts dem Pascha wissen zu lassen. 
Stanley beruhigte den Vice-Gouverneur. 

Zum Ueberflusse trat nun auch Casati in 
die Action und hielt Emin eine förmliche Straf- 
predigt, dass er fortgehen wolle. Sogleich eilte 
Emin zu Stanley und erklärte, bleiben zu wollen. 
Es gehörte in der That die Geduld eines Engels 
dazu, derlei zu ertragen. Casati war von der 
Unsinnigkeit seiner Zumuthung nicht zu über- 
zeugen. Emin aber war nun wieder entschlossen, 
zu gehen. Er musste wissen warum. Von seinem 
ganzen Haushalte, etlichen fünfzig Personen, er- 
klärten nur zwei Diener, Serur und Belal, mit- 
gehen zu wollen. Und doch war Serur, wie es 
sich später herausstellte, ein Verräther. Auch 
sonst mehrten sich die Anzeichen, dass nicht 
Alles in Ordqung sei. Emin aber kümmerte sich 
um nichts. Als verschiedene Zuschriften aus 
Wadelai eintrafen, welche die Unordnung und 
Noth daselbst schilderten, stopfte Emin seine 
Vögel aus. Trotzdem blieb Stanley ruhig. Er 



OESTEHREICHISCHE MONATSSCHRIr-T fOr DEN ORIENT 






bedeutete aber Emin, dass von seinen Leuten 
Versuche gemacht worden seien, im Stanley'schen 
Lajjer Gewehre zu stehlen. Kr musste nun ener- 
jjisch einschreiten. Emin sollte seine Leute zur 
Musterung allarmiren. Ehe es noch dazu kam, 
hatte Stanley das gleiche Signal gegeben, und 
ehe fünf Minuten vergingen, stand Alles militärisch 
stramm unter Waffen. Die Egypter aber benahmen 
sich so lässig, dass noch nach zehn Minuten 
Niemand zur .Stelle war. Da Hess Stanley eine 
Compagnie Sansibariten interveniren. Die säu- 
migen Egypter wurden mit Stöcken und Knütteln 
aus den Zelten in Reih und Glied getrieben. Als- 
dann erklärte ihnen Stanley, dass von nun an 
er ihr Herr sei und mit den strengsten Mass- 
regeln vorgehen werde, um die Disciplin auf- 
rechtzuerhalten. Die Leute waren eingeschüchtert 
und erklärten nun, weder conspirirt zu haben, 
noch bleiben zu wollen. Nicht ohne Anflug von 
Ironie bemerkte Stanley zu Emin : 

,,Nun, Pascha , Sie sind sicherlich falsch 
unterrichtet gewesen. fJiese Leute behaupten 
sämmtlich, dass sie treu sind. Es ist nicht ein 
einziger Verräther unter ihnen." 

„Ich sehe meine Diener und Ordonnanzen 
nicht," bemerkte Emin. 

„Ach, Lieutenant Stairs, nehmen Sie eine 
Abtheilung und treiben Sie Alle heraus; bei dem 
geringsten Widerstände wissen Sie, was Sie zu 
thun haben." 

In wenigen Minuten waren die Leute am 
Platze. ICmin sollte sie befragen, was sie zu thun 
gedenken. Alle erklärten, mitzugehen, bis auf 
Serur . . . Wieso diese plötzliche Wandlung bei 
Letzterem ? . . „Das ist der Hauptverschwörer 
in meinem Haushalte," bemerkte Emin . . . . 
Stanley : ,,0, es bedarf nur einer Patrone, um 
seine Angelegenheit zu erledigen." Emin er- 
schrak über diese schneidige Aeusserung Stanley's 
so sehr, dass er ausrief: ,,Um Gottes Willen, 
Sie werden doch eine Untersuchung anstellen 
und nicht auf meine Worte hin handeln?" Und 
ein solcher Mann wollte Rebeilen meistern und 
unter den schwierigsten Verhältnissen bei dieser 
Horde, die er noch immer werth hielt , sich 
ihr zu Liebe zu opfern^ ausharren ! Ganz treffend 
bemerkt Stanley, ,,dass der wissenschaftliche 
Forscher, der Mann mit dem arglosen Herzen 
vollständig ungeeignet ist, diese speichelleckenden, 
hinterlistigen Schurken zu bekämpfen, die Betrug 
und Treulosigkeit zu ihrem Geschäfte gemacht 
haben." 

Am lo. .'Vpril wurde aufgebrochen. Es setzte 
sich eine Colonne von 1510 Köpfen in Be- 
wegung. Schon am dritten Tage musste die Reise 
wegen schwerer Erkrankung Stanley's unter- 
brochen werden; die C'olonne blieb bei Undissuma 
am 12. April liegen und kam erst wieder am 
8. Mai in Bewegung. Stanley war dem Tode 
nahe, Anlass genug, dass die Leute Emin's 
wieder zu conspiriren begannen und Unordnung 
stifteten. Ein erneuter Gewehrdiebstahl wurde 




mit der Hinrichtung des Urbebers^lsestraft. Als 
der Delin(|uent gehenkt werden sollte, Hess sich 
Stanley aus dem Bette hi naustragen. Obwohl 
selber ein Sterbender, vermochte ihn seine un- 
beugsame Energie dennoch a ufrecht zu erhalten 
und er hielt eine flammensprühcnde Standredc 
dem versammelten Volke. Als der Ucbeltbäter 
zwischen Himmel und Erde baumelte, wurde 
Stanley wieder nach seinem Schmerzenslager ge- 
bracht. 

Als Stanley halb und halb genesen war, 
fügte sich ein wunderbarer Zufall. Leute aus der 
Nachbarschaft des See-Ufers hatten zwei Packete 
Briefe Stanley überbracht. Sie hatten ihr Ziel 
offenbar verfehlt, denn es waren Briefe der kurz 
vorher aus dem Lager nach Wadelai abgegan- 
genen Post. Aus einigen dieser Briefe ging das 
verrätherische Treiben der Egypter klar hervor. 
In dem Schreiben eines sich im Lager befind- 
lichen Hauptmannes hiess es: „Ich bitte Sic im 
Namen Gottes mit der Absendung der Leute 
nicht zu zögern, weil, wenn wir sie zur Hilfe 
haben, wir den Marsch der Expedition vielfach 
hindern können ; wenn Sie aber selber mit 200 
Soldaten kämen, könnten wir Alles erreichen, 
was ich und Sie wünschen." 

Damit war die Situation völlig aufgeklärt. 
Stanley hatte ausgerufen : „Das nenne ich eine 
Entdeckung, Pascha !" und Emin dazu secundirt : 
,,Das hätte ich von Ibrahim Efendi Elham nicht 
erwartet; ich bin stets freundlich gegen ihn 
gewesen." 

Am 8. Mai setzte die Colonne ihren Marsch 
fort. Obwohl sie fast einen Monat dicht bei Kavalli 
liegen geblieben war und obwohl die einzelnen 
Tagesmärsche nur wenige Kilometer betrugen, 
war von Selim und den reuigen Rebellen nichts 
zu sehen. Dagegen desertirten Egypter Tag für 
Tag. Einer der Getreuen, Schukri Aga, Befehls- 
haber vn der Station Mswa, war endlich nach- 
gekommen. Er war mit 20 Soldaten aufgebrochen; 
in Kavalli hatte er nur noch 10 und beim Ein- 
treffen in Stanley's Lager nur noch zwei Be- 
gleiter — den Fahnenträger und den Trompeter ; 
alle Uebrigen waren ihrem Hauptmann davon- 
gelaufen. 

Dies in knappen Zügen die Geschichte der 
Rettung li^min's aus der Gewalt seiner ver- 
rätherischen Untergebenen. Auf die Details des 
Rückmarsches kommen wir im zweiten Artikel 
zurück. 



BUDDHA UND JINA. 

Von Hermann Feigl. 
Wenn von der Kraft der Reaction ein Rück- 
schluss auf die Kraft des Druckes zu ziehen ist, 
so müssen die religiös-socialen Verhältnisse Indiens 
um das VI. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung 
ziemlich trostlose gewesen sein. Fehlt in einem 
hierarchisch regierten Staate schon überhaupt die 
Voraussetzung der Gleichheit aller Staatsbürger, 



88 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



SO wird dieser Mangel um so fühlbarer, je weniger 
die Möglichkeit vorhanden ist, die Gegensätze aus- 
zugleichen und den Zurückgesetzten für den Ver- 
lust gewisser bürgerlicher Rechte eine Compen- 
sation zu bieten. Von einem Ausgleiche der Gegen- 
sätze konnte aber in Indien schon deshalb nicht die 
Rede sein, weil diese vorerst gar nicht willkürlich, 
sondern von der Natur selbst geschaffen worden 
waren ; von jeher und noch heute stehen in Indien 
die dunkelfarbigen dravidischen Ureinwohner und 
die hellfarbigen arischen Einwanderer einander 
schroff gegenüber, und wenn es auch möglich wäre, 
alle Kastenunterschiede aufzuheben , die Kluft 
zwischen dem hellfarbigen Arier und dem dunkel- 
häutigen (j^udra bliebe doch immer unüberbrückbar. 
Doch abgesehen von dem Racenunterschiede, 
welcher die Grundlage der Kastenbildung gewesen 
ist, hatten sich unter den Ariern selbst Standes- 
und Berufskasten gebildet, von denen die einen 
mit Prärogativen ausgestattet waren, deren die 
anderen weder theilhaftig wurden, nocl\ theilhaftig 
werden konnten. 

lieber allen anderen arischen und nichtarischen 
Kasten steht die Kaste der Brahmanen. Sie sind die 
Erdengötter, die selbst über dem Könige stehen, 
den sie salben, sie sind die Auserlesenen, deren 
Seele die Wiedergeburt nicht zu fürchten hat. Und 
im Gegensatze zu diesen Auserwählten steht der 
arme Qudra verachtet da und seufzt umsonst nach 
Erlösung; er ist vomStudium der heiligen Schriften, 
der Veden , ausgeschlossen, er kann darum in 
diesem Leben noch nicht, wie der Arier, nach Er- 
lösung streben. Um dieses Ziel zu erreichen, muss 
er erst in einer höheren Kaste wiedergeboren sein, 
in welcher er durch das Studium der Veden zur 
Erkenntniss und durch die Erkenntniss zur Erlösung 
gelangen kann, welche über den allen Guten er- 
reichbaren Freuden des Himmels steht. 

Je härter dieser geistige Druck auf den 
Niedrigen und von der Erlösung Ausgestossenen 
lastete, umsomehr wurde das Bedürfniss fühlbar, 
sich von Brahmanenthum und vedischer Tradition 
zu emancipiren und von jenen unabhängige Wege 
einzuschlagen. Im Sinne einer solchen Emanci- 
pation mögen um die Zeit des VI. und V. Jahr- 
hunderts V. Chr., und zwar an verschiedenen Orten 
Indiens, Lehrer aufgestanden sein, welche, als 
Reformatoren wirkend, Secten gründeten, in 
deren Schooss jedem treuen Anhänger der einzig 
wahre Weg zur Erlösung gezeigt werden sollte. 
Dass die Lehren, auf welche jene Reformatoren 
ihre Glaubenssätze gründeten, verbessernd an das 
Alte anknüpften und das Alte dort bestehen Hessen, 
wo es mit ihnen nicht in Collision gerieth, dafür 
brauchen wohl keine entschuldigenden Gründe 
herangezogen zu werden, ebenso einleuchtend ist 
es, aber besonders betont muss es werden, dass 
die von einander mehr oder weniger unabhängigen 
Lehrer oder Reformatoren — sowohl in Rücksicht 
auf die bestehenden Verhältnisse wie auch in Rück- 
sicht auf das Verständniss ihrer Anhänger — zur 
Behebung und Verbesserung der alten Mängel und 



Schäden sich derselben oder wenigstens ähnlicher 
Mittel bedienen mussten. Mögen sie auch in Diesem 
und Jenem von einander abgewichen sein , im 
Wesentlichen mussten sie wohl mit einander über- 
einstimmen. 

Wenngleich man aber auf eine solche Ueber- 
einstimmung gefasst ist, so kann man kaum genug 
staunen über die Aehnlichkeiten, welche die Lehr- 
gebäude zweier zeitgenössischer Reformatoren oder 
in diesem Falle besser gesagt, Religionsstifter — 
ich meine Buddha und Jina — aufweisen. Mögen 
wir immerhin über diesen Umstand hinwegsehen 
und ihn mit Rücksicht darauf, dass der Buddhismus 
und die Religion Jina's, der Jainismus, derselben 
Zeit und derselben Reaction gegen das Brahmanen- 
thum entstammen, begreiflich finden, wir sehen 
uns bei Betrachtung der Ausbreitung der beiden 
Religionen einem neuen Räthsel gegenübergestellt. 
Wie kommt es, dass der Buddhismus heute bei 
fünfhundert Millionen, also ein Dritttheil der ganzen 
Menschheit zu seinen Bekennern zählt, während der 
Jainismus zwar in Indien selbst und besonders im 
Kaufraannsstande noch seine Bekennerhat, sonstaber 
ausser Indien kaum dem Namen nach gekannt ist? 
Sollte der Buddhismus am Ende doch volks- 
thümlichere Lehren haben, und der Jainismus für 
die grosse Masse weniger leicht begreiflich sein? 
Eine Vergleichung der beiden Religionssysteme 
beweist uns nichts dergleichen. 

In gleicher Weise wie der Buddhismus trägt 
auch die Jaina-Religion den Charakter der Univer- 
salität an sich, indem sie sich nicht nur an den 
Arier, sondern auch an den Nicht-Arier, den triedrig 
geborenen (^udra und an den verachteten Aus- 
länder, den MIechha, wendet.') 

Wie im Buddhismus, so sind auch die An- 
hänger des Jainismus in einen geistlichen und einen 
Laienstand geschieden. Nirgrantha, „die von allen 
Banden Befreiten" heissen die Asketen der Jainas, 
Bikshus oder Samanen nennen sich die buddhisti- 
schen Mönche ; diese wie jene bilden einen Orden 
oder eine Brüderschaft. 

„Da im Weltleben," heisst es im Buddhismus, 
„die allseitige Erfüllung der zehn Gelübde und die 
Erlangung der wahren Erkenntniss nicht möglich 
ist, so kann der im Weltleben verharrende Mensch 
das Nirwana nicht erreichen, und so bleibt seine 
Erreichung schon in diesem Leben nur denen vor- 
behalten, die der Welt entsagen und unter Ab- 
legung der zehn Gelübde den achttheiligen Pfad 
zur Erleuchtung und Erlösung beschreiten." *) 

Und für die Jainareligion gilt: „Die Asketen 
allein sind befähigt, die Wahrheiten, welche der 
Jina lehrt, vollständig zu ergründen, seine Satzungen 
ganz zu befolgen und den höchsten Lohn, den 
er verspricht, zu erlangen. Die Laien aber, 
welche sich nicht ganz der Erforschung der Wahr- 



') Bezüglich der Daten über die Jainas stütze ieti mich auf 
die Schrift meines verehrten Lehrers (7. Bühler. Ueber die indische 
Secte der Jaina. Vortrag, gehalten in der k. Akademie der Wissen- 
schaften. Wien, 1887. 8». 

^) H. Feigl. Der Buddhismus. In Oesterroichisrher Monats- 
schrift für den Orient, XIV. Jahrgang (15. November 1888). Nr. 11. 



,^ poVZBUlEHl 
PRÜMVSUU 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRTKT FÜR DEN ORIENT. 



89 



lieit zu wiiimcn und dem weltlichen Lehen nirht 
zu entsagen vermögen, finden trotzdem im Jainis- 
mus eine Zuflucht, lis ist ihnen gestattet, als 
Hörer seiner Grundsätze theilhaftig zu werden 
und Pflichten zu übernehmen, die ein schwaches 
Abbild der an den Asceten gestellten Forde- 
rungen sind. Ihr Lohn ist natürlich ein geringerer. 
Wer in der Welt bleibt, kann das höchste Ziel 
nicht erreichen, aber er kann doch den Weg 
betreten, der zu demselben führt." ^) 

Das höchste Ziel ist auch dem Jaina die 
Erreichung des Nirwana oder Moksha, nämlich 
der Befreiung des Individuums von dem Samsara 
oder dem Kreislauf der Geburt und des Todes. 
Nach buddhistischer Lehre führt nur die Rr- 
kenntniss der vier lleilswahrheiten zum Heile: 
das Leiden, die Ursache des Leidens, die Auf- 
hebung des Leidens und der Weg, der zur Auf- 
hebung des Leidens führt. Der Weg, der zur 
Aufhebung des Leidens führt, heisst : rechte Er- 
kenntniss, rechtes Wollen, rechtes Wort, rechte 
That, rechtes Leben, rechtes Streben, rechtes 
Denken, rechtes Sichversenken. 

Für den Jaina heissen die Mittel, das höchste 
Ziel zu erreichen, die drei Kleinode: der j-echte 
Glaube, die rechte Erkenntniss und der rechte 
Wandel. 

Unter dem rechten Glauben versteht der 
Jaina die volle Hingebung an den Lehrer, den 
Jina, und die feste Ueberzeugung, dass dieser 
allein den Weg des Heiles gefunden hat und nur 
bei ihm Schutz und Zuflucht zu finden ist. Die- 
selbe Auszeichnung wird auch im Buddhismus für 
Buddha verlangt, welcher beim Antritt seines 
Lehramtes selbst erklärte: Ich allein bin Meister 
in dieser Welt, ich bin der Allerhöchste ; unter 
Göttern, Dämonen und Geistern gibt es Niemand 
mir Gleichen. 

Buddha und Jina, beide kommen auf gleiche 
Weise, und zwar durch eigene Kraft zur Er- 
kenntniss und finden den Weg des Heiles, den 
sie aus Mitleid mit der leidenden Menschheit ge- 
sucht haben. 

Deshalb führen aber auch beide die gleichen 
Namen! Man beachte: „weil er C/ina) die Welt 
und die Feinde im menschlichen Herzen be- 
zwungen hat, heisst er /iiia „der Sieger", Ma- 
AäZ'/ra „der grosse Held" ; weil er die höchste 
Erkenntniss besitzt, wird er Sarvajria oder Ke- 
valin „der Allwisseqde", Buddha der „Erleuchtete« 
genannt; weil er sich von der Welt befreit hat, 
erhält er die Namen Mukta „der Erlöste«, Siddha 
und Tiühdgala „der Vollendete", Arhal „der 
Heilige", und als der Verkünder der Lehre ist er 
der Tirthakara, „der Finder der Fürth« durch 
den Ocean des Sanisära. In diesen Bezeichnungen 
des Stifters ihrer Lehre begegnen sich die Jaina, 
wie das die Gleichheit seines Charakters mit dem 
des Buddha erwarten lässt, beinahe durchwegs 
mit den Buddhisten. Sie gebrauchen jedoch mit 



>) B«Mm, a. •. O. 



Vorliebe die Namen Jina und Arhal, während 
die Buddhisten es vorziehen, von dem Buddha, 
Tathägata oder Sugata zu sprechen. Der J'itel 
'Itrlhakara ist dem Jaina eigenthOmlich. Bei dca 
Buddhisten ist es eine Bezeichnung für Irr- 
lehrer.«*) 

Ist es nicht erstaunlich, den dem Buddha 
xat i$oy_Y,v zukommenden Namen auch einem 
Manne zugetheilt zu finden, dessen Anhänger nur 
auf ihn schwören und ihn über Alles erheben? 
Um das Mass des Erstaunlichen aber noch voller 
zu machen, sagt der Buddha xo!t '^i'^X'i* 8*^" 
legentlich jenes obenerwähnten Auss|)ruches, wo 
er sich als einziger Meister anerkennt, von sich 
weiter: Ich bin der unendliche _/;>i(7, und Die- 
jenigen, welche wie ich, die Unreinheit besiegen, 
sind auch Jinas. "*) 

Es ist wahrhaft zum Verwitren : Buddha und 
Jina sollen von einander verschiedene Personen 
sein, ihre Nachfolgerschaft in der Lehre erkennt 
jede nur ihren Meister an, und doch nennt sich 
Buddha selbst Jina und Jina wird Buddha genannt! 
Sollte man bei der Gegnerschaft der beiden 
Secten nicht eher erwarten, dass sie es sorgfältig 
vermieden, ihrem einzig verehrten Lehrer und 
Meister einen schmückenden Beinamen zu geben, 
der den Meister der gegnerischen Secte, den 
Irrlehrer, zierte ? Unter den vielen Attributen 
wäre, sollte man vermuthen, der eine oder der 
andere Name doch noch zu entbehren oder bei 
dem Reichthum der indischen Sprache wenigstens 
leicht durch ein synonymes Wort zu ersetzen 
gewesen. 

Aber die Concurrenz geht noch weiter. 

Wie der Brahmanismus Demiurgen kennt, 
die vierzehn Manu, die in verschiedenen Wclt- 
perioden erscheinen, um das Werk der Schöpfung 
zu vollbringen und das brahmanische Gesetz zu 
verkünden, so auch der Buddhismus und der 
Jainismus. 

Nach der Lehre der Jainas hat es nicht blos 
einen, sondern 24 Jinas gegeben, die in langen 
Zwischenräumen erschienen sind, um die alte 
Reinheit der entarteten Lehre wieder herzu- 
stellen; der 24. Jina ist Vardhamdna, der in der 
letzten Hälfte des VI. oder in der ersten Hälfte 
des V. Jahrhunderts v. Chr. auftrat. Nach der 
Lehre der Buddhisten ist Buddha der 25. Buddha 
und sein Auftreten fällt in dieselbe Zeit, wie das 
des Jina, nur um einige Jahre oder Jahrzehnte 
später. 

Die rechte Erkenntniss. die den Buddhisten 
sowohl wie den Jainas eines der Mittel — wohl 
das wichtigste und bedeutendste! — ist, um auf 
dem einzig richtigen Wege zum höchsten Ziele, 
dem Nirwana, zu gelangen, die rechte Erkennt- 
niss also der Jainas umfasst die Welt im kosmo- 
logischen wie im teleologischen Sinne beiläufig 
also : „Die Welt ist unersch.iflfen und besteht 

•I Bikln, *. a. O. 

') H. A'<rH, D«r llii<Ulbi:)iiin9 and Min« a«t«hirhl<> in Indtrn 
i-ic. tthnnuiiii von ii Jacobl. Lriptlir, ISSS— IWS. 8°, i Bdr. Bd. I., 
p«(. 1U4. 



90 



OESTERREICMISCHE MONATSSCHRIFT fOr DEN ORIENT. 



ohne Lenker, nur durch die Kräfte ihrer Bestand- 
theile und ist ewig. Die Bestandtheile der Welt 
sind sechs Substanzen: die Seelen, Dharma oder 
das moralische Verdienst, Adharma oder die 
Sünde, Raum, Zeit und die Atome der Materie. 
Aus den Verbindungen der letzteren entstehen 
vier Elemente, Erde, Feuer, Wasser, Wind und 
weiterhin die Körper, sowie andere Erscheinungen 
der Sinnenwelt und der übernatürlichen Welten. 
Die Formen der Erscheinungen sind meist un- 
veränderlich. Nur die Körper der Menschen und 
ihre Dauer nehmen in Folge des grösseren und 
geringeren Einflusses der Sünde oder des Ver- 
dienstes während unermesslich langer Perioden 
ab oder zu. Die Seelen sind jede für sich unab- 
hängige reale Existenzen, deren Grundlage reine 
Intelligenz ist und die einen Trieb zum Handeln 
besitzen. In der Welt sind sie stets an Körper 
gefesselt. Der Grund dieser Fesselung ist, dass 
sie dem Thätigkeitstriebe, den Leidenschaften, 
den Einflüssen der Sinne und der Sinnesobjecte 
sich hingeben oder einem falschen Glauben an- 
hangen. Die Thaten, die sie in den Körpern 
ausüben, sind das Karman, das Verdienst und 
und die Sünde. Dieses treibt sie, wenn ein 
Körper nach den Bedingungen seiner Existenz 
vergangen ist, in einen anderen, dessen Qualität 
von dem Charakter des Karman abhängt und 
besonders durch die daraus entspringenden 
letzten Gedanken vor dem Tode bestimmt wird. 
Tugend führt in den Himmel der Götter oder 
zur Geburt unter den Menschen in edlen, reinen 
Geschlechtern. Sünde stösst die Seelen in die 
Höllen, in die Leiber von Thieren, in Pflanzen, 
ja in die Aggregate der leblosen Materie. Denn 
nach der Jainalehre finden sich Seelen nicht 
blos in den Organismen, sondern auch in den 
scheinbar todten Massen, in Stein, in Erdklumpen, 
in Wassertropfen, im Feuer und im W inde. Durch 
die Verbindung mit den Körpern wird die Natur 
der Seele afficirt. In den Aggregaten der Materie 
wird das Licht ihrer Intelligenz vollständig ver- 
hüllt. Sie verliert das Bewusstsein, wird unbe- 
weglich und je nach den Dimensionen ihres Sitzes 
gross oder klein. In den Organismen hat sie 
stets Bewusstsein. Sie ist aber, je nach der Natur 
derselben, beweglich oder unbeweglich und mit 
fünf, vier, drei, zwei oder einem Sinnesorgane 
begabt. 

Die Knechtschaft der Seelen kann, wenn 
dieselben einen menschlichen Körper bewohnen, 
durch die Unterdrückung der Ursachen, welche 
zu ihrer Fesselung füJiren, und durch die Ver- 
nichtung des Karman aufgehoben werden. Die 
Unterdrückung der Ursachen vollzieht sich durch 
die Ueberwindung des Thätigkeitstriebes und 
der Leidenschaften, durch die Bändigung der 
Sinne und durch das Festhalten an dem rechten 
Glauben. Hiedurch wird die Ansammlung von 
neuem Karman, neuem Verdienst oder neuer 
Schuld verhindert. Die Vernichtung des noch 
aus früheren Existenzen vorhandenen Karman 



kann entweder spontan durch die Erschöpfung 
des Vorrathes oder durch Askese herbeigeführt 
werden. Im letzteren Falle ist ihr Endresultat 
die Erlangung einer Erkenntniss, welche das All 
durchdringt, des Kevala Jiiäna und des Nirwana 
oder Moksha, der vollen Befreiung von allen 
Banden. Diese Ziele können schon erreicht 
werden, während die Seele noch in ihrem Körper 
ist. Zerfällt aber ihr Leib, so wandert sie in die 
Nicht-Welt, wie der Jaina sagt, d. h. in den 
ausserhalb der Welt liegenden Himmel der Jina, 
der Erlösten. Dort dauert sie in ihrer ursprüng- 
lichen rein intellectuellen Natur ewig fort. Ihr 
Zustand ist der einer vollkommenen Ruhe, die 
durch nichts gestört wird." '') 

„Mit allen brahmanischen Religionen," setzt 
Biihler hinzu, „und dem Buddhismus berührt sich 
der Jainisraus in seiner Kosmologie und den Vor- 
stellungen üb°r die Weltperioden, und stimmt 
er genau in Bezug auf die Lehren von Karman, 
von der Fesselung und von der Erlösung der 
Seelen. Der Atheismus und die Ansicht von der 
Unerschaffenheit der Welt ist ihm mit dem Bud- 
dhismus und der Sänkhya Philosophie gemeinsam." 

Wir brauchen dem in Bezug auf den Buddhis- 
mus Gesagten nur noch hinzuzufügen, dass „wer 
nach Erlösung strebt, sich hüten muss, zwei Irrwege 
zu gehen. Der eine, das Trachten nach der Be- 
friedigung der Leidenschaften und der sinnlichen 
Genüsse, ist niedrig, gemein, entwürdigend, ver- 
derblich ; es ist der Weg der Weltkinder. Der 
andere, die Selbstpeinigung und Askese, ist 
trübselig, peinvoll und nutzlos. Der Mittelweg 
allein, den der Vollendete gefunden hat, ver- 
meidet diese beiden Irrwege, öffnet die Augen, 
verleiht Einsicht und führt zum Frieden, zur 
Weisheit, zur Erleuchtung, zum Nirwana." ') 

Also auch im Buddhismus kann das Nirwana 
schon erreicht werden, während die Seele noch 
in ihrem Körper ist! 

Und was die Wiedergeburt betrifft, so hängt 
sie im Buddhismus wie im Jainismus von der 
moralischen Beschaffenheit des Menschen ab und 
in beiden Religionen stimmt die Ansicht über 
den rechten Wandel, der zur Erlösung führt, bis 
auf einen Punkt — die Askese — überein. 

Der rechte Wandel, mit anderen Worten, 
das moralische Verhalten des Menschen hat sich 
vor Allem nach den fünf grossen Gelübden zu 
richten, welche auch den brahmanischen Büssern 
bekannt sind. Der Buddhist wie der Jaina ge- 
loben : 

1. Nichts zu tödten oder zu verletzen. 

2. Nicht zu stehlen. 

3. Keine Unzucht zu treiben. 

4. Nicht die Unwahrheit zu reden. 

5. Entsagung zu üben. 

Im Buddhismus bezieht sich das fünfte Gebot 
auf den Genuss berauschender Getränke, welche 
den Mönchen überhaupt verboten, den weltlichen 



») Bühler, a. a. O. 
') Vgl. Fcigl, a. a. O. 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



91 



Anhängern aber nur zu massigem Genüsse er- 
laubt sind. 

Währfind aber der Buddhismus selbst von 
den Mitgliedern der Brüderschaft nur noch ver- 
langt, dass sie die Benützung üppiger Betten 
meiden und auf einem harten niedrigen Lager 
schlafen, sowie alle und jede Weltlichkeit und 
den Genuss thierischcr Nahrung meiden, endlich 
dass sie immerdar in freiwilliger Armuth leben, 
verlangt die Satzung der Jainas von dem Asketen 
viel mehr. 

■ Der Jaina-Asket darf auch weder Haus noch 
Habe besitzen und er soll auch gegen angenehme 
wie unangenehme Sinneseindrücke gleichgiltig 
sein und jede Anhänglichkeit an Lebendes oder 
Todtes aufgeben; auch er soll begangene Ver- 
gehen bereuen, sie vor dem Lehrer beichten und 
Busse dafür thun; auch er soll gegen die Lehrer 
und Tugendhaften demüthig sein und sie be- 
dienen, fromme Betrachtungen anstellen, massig 
sein, aller schmackhaften Speisen sich enthalten 
und seinen Unterhalt durch Betteln erwerben. 
Aber der Jaina-Asket kennt zur Läuterung und 
Reinigung des Geistes auch noch eine körperliche 
Askese, welche der Buddhismus, wie wir oben 
bemerkt haben, entschieden verwirft. Der Jaina 
peinigt sich selbst, indem er in unnatürlichen 
und ermüdenden Stellungen sitzt, die Thätigkeit 
der Organe hemmt und oft sogar bis zum Ein- 
tritte des Hungertodes fastet. Ja, der freiwillige 
Tod durch Entziehung der Nahrung ist nach der 
strengeren Lehre für alle Asketen, welche die 
höchste . Stufe der Erkenntniss erlangt haben, 
durchaus nothwendig. ") 

In dieser Hinsicht steht \Vohl Buddha's 
Lehre höher, da sie zwischen sinnlichen Genüssen 
und Selbstpeinigung den Mittelweg zu gehen 
befiehlt und solche dem Brahmanenthum ent- 
lehnte und oft übertriebene Askese vollends ver- 
wirft. 

Haben wir hier einen Differenzpunkt zwischen 
Buddhismus und Jainismus zu verzeichnen, so 
gehen die beiden Religionen schon wieder den- 
selben Weg, wo es auf die äussere Bethätigung 
des Glaubens, auf den Cult ankommt. 

Wie der Buddhismus dem Cultus nicht ent- 
gehen konnte, sobald er anfing, in die Massen 
einzudringen, ") wie er in späterer Zeit Gebete, 
Predigten, Opfer, Weihungen, Wallfahrten und 
Fest- und Fasttage kennt, ebenso der Jainismus. 
Und aus denselben Gründen. 

„Die Verbindung eines Laienstandes mit dem 
Orden der Asketen hat natürlich eine gewaltige 
Rückwirkung auf diesen und seine Entwicklung, 
sowie die seiner Lehre ausgeübt und für den 
Jainismus ganz ähnliche Folgen wie für den Bud- 
dhismus nach sich gezogen. Was zunächst die 
Aenderungen in der Lehre betrifft, so ist es ohne 
Zweifel dem Einflüsse der Laien zuzuschreiben. 



•) BüliUr. a. a. O. 

*) Küppf», »Die Kftllgion des Itiuldti.i und ilire Botartuiig .** 
llerliD, 1857. 



dass das atheistische Jaina-System ebenso wie 
das buddhistische mit einem Cultus ausgestattet 
wurde. Der Asket mochte das natürliche Bedürf- 
niss des Menschen nach einer Verehrung höherer 
Mächte in seinem Streben nach dem Nirwana 
unterdrücken. Bei dem weltlichen Hörer, der 
jenem Ziele nicht unmittelbar zustrebte, konnte 
dies nichtgelingen. Da die Lehre keinen anderen 
Anhalt bot, so klammerte sich das religiöse Gefühl 
des Laien an die Person des Stifters derselben. 
Der Jina und mit ihm seine mythischen Vor- 
gänger wurden zu Göttern. Denkmäler und mit 
ihren Statuen geschmückte Tempel wurden er- 
richtet, besonders an solchen Orten, wo die 
Propheten der Sage nach die Vollendung er- 
reicht hatten. Hieran schloss sich eine Art von 
Cultus mit Spenden und Blumen und Weihrauch 
für die Jina, mit ihrer Verehrung durch Loblieder, 
mit der Feier ihres Eingangs in das Nirwüna, 
den der Jaina zu einem grossen Freudenfeste 
macht mit feierlichen Processionen und mit Wall- 
fahrten zu den Orten, wo derselbe erfolgte." "j 
Der Buddhismus, dessen beschaulicher Cha- 
rakter dem Mönchswesen förderlich war, kennt 
nicht nur Bettelmönche, die mit der Almosen- 
schale in der Hand das Land durchziehen, sondern 
auch Eremiten und sesshafte Mönche, die in 
Klöstern oft in grosser Zahl beisammen wohnen, 
und sich der Beschaulichkeit und dem Studium 
hingeben. Ebenso der Jainismus. 

„Die Pflicht, den Laien zu lehren und sein 
Leben zu überwachen, bedingte mit Nothwendig- 
keit die Verwandlung der wandernden Büsser in 
beinahe sesshafte Mönche, die sich der Seelsorge, 
der Missionsthätigkeit und der I'flege der Wissen- 
schaft widmen und nur hie und da die Pflicht, 
den Wohnort zu wechseln, erfüllen. Die Bedürf- 
nisse der Laiengemeinde erforderten die stetige 
Gegenwart . von Lehrern. Mochten diese auch von 
Zeit zu Zeit wechseln, so war es doch noth- 
wendig, für ihr Unterkommen zu sorgen. So ent- 
standen die Jaina-Klöster, welche genau den 
buddhistischen Sanghärama entsprechen. Mit den 
Klöstern und der Sesshaftigkeit in denselben kam 
sodann eine bestimmte Gliederung des Ordens, 
die bei dem Jaina-Princip des unbedingten Ge- 
horsams gegen den Lehrer sich strenger und 
fester gestaltete als im Buddhismus. Mit der Ent- 
wicklung des Ordens und der Müsse des Kloster- 
lebens folgte weiter der Beginn einer literari- 
schen und wissenschaftlichen Thätigkeit etc." ") 
Unter anderen verfassten diese Mönche auch 
die sogenannten Anga (vielleicht im III. Jahr- 
hundert V. Chr.), welche, im volksthümlichen 
Prakrit-Dialecte geschrieben. Legenden über Jina 
und seine Lchrthätigkeit. sowie Bruchstücke von 
systematischen Darstellungen der Lehre enthalten. 
„Sic zeigen," betont Bühler ausdrflcklicb, „ob- 
schon der Dialect verschieden ist. in der Form 
der Erzählungen und in der Ausdrucksweise eine 

■•) BtUiUr. a. ■. O. 
») BMItr, a. a. O. 



92 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT 



ausserordentliche Aehnlichkeit mit den heiligen 
Schriften der Buddhisten!" 

Wie Vieles müsste zu einer erschö[)fenden 
Darlegung der Vergleichspunkte zwischen Bud- 
dhismus und Jainismus noch beigebracht werden, 
und was für überraschende Details kämen hiebei 
noch zum Vorscheine. Doch lassen wir es uns 
an dieser gedrängten und mehr skizzenhaften als 
tiefer eindringenden Vergleichung der Haupt- 
momente der beiden Religionen genügen, und 
sehen wir uns nach ihren Stiftern selbst um. 

Da der Jainismus gegenüber dem Buddhismus 
den Anspruch auf Priorität hat, so möge auch 
das Leben Jina's zuerst betrachtet werden. 

Schon oben ist erwähnt worden, da?s der 
eigentliche Name des 24. Jina *^) Vardhamäna ist. 
Vardbamäna, der letzte Prophet der Jainas, 
war nach Bühlei's Darstellung der jüngere Sohn 
des Siddhärtha, eines Adeligen, der dem Ge- 
schlechte der im Sanskrit Jnäti oder JnAta, im 
Prakrit Näya genannten Kshatriya angehörte und 
nach dem alten Brauche der indischen Krieger- 
kaste auch den Namen eines brahmanischen Ge- 
schlechtes, der Käsyapa, trug. vSeine Mutter, die 
Trisalä hiess, stammte aus dem Geschlechte der 
Herrscher von Videha. Siddhärtha's Wohnsitz 
war Kundapura, das heutige Basukund, ein Vor- 
ort der reichen Stadt Vaisäli, des jetzigen Be- 
sarh, ia Magadha oder Bihär. Durch seine Ge- 
mahlin war Siddhärtha mit dem Könige von 
Vaisali verschwägert. 30 Jahre lang führte Var- 
dhamäna, wie es scheint im elterlichen Hause, ein 
weltliches Leben. Er heiratete und seine Frau 
YaSodä gebar ihm eine Tochter Anojjä, welche 
mit einem Adeligen Namens Jamäli vermählt 
wurde und wiederum eine Tochter hatte. In 
seinem 31. Jahre starben seine Eltern. Da sie 
Anhänger des 23. Jina, des Pärsva waren, er- 
wählten sie nach der Sitte der Jaina den Hunger- 
tod der Weisen. Unmittelbar darauf beschloss 
Vardhamäna der Welt zu entsagen. Er holte die 
Erlaubniss seines älteren Bruders Nandivardhana 
und der Machthaber seines Landes zu diesem 
Schritte ein, vertheilte sein Hab und Gut und 
wurde ein heimatloser Asket. Mehr als 12 Jahre 
wanderte er, nur während der Regenzeit rastend, 
in den Ländern der Lädha in Vajjabhümi und 
Subbhabhümi, dem heutigen Rärh in Bengalen, 
umher und lernte grosse Beschwerden, harte 
Misshandlungen von den Bewohnern jener 
Gegenden mit Gleichmuth ertragen. Dazu legte 
er sich die strengsten Kasteiungen auf — nach 
dem ersten Jahre warf er auch die Kleider ab 
— und gab sich ganz der tiefsten Meditation 
hin. Im 13. Jahre dieses Wanderlebens glaubte 
er die höchste Erkenntniss und die Würde eines 
Heiligen erlangt zu haben. Er trat dann als 



'*) Wenn ich Jina weiter oben duich „Siegor" wiedergegeben 
habe, 80 bin icti damit lifililer's Ueber.>etzung gefolgt. Kern über- 
setzt das Wort mit „Ueberwältiger, Bezwinger un<l Maebthaber," 
Indem er es von jinäti = überwältigen, bezwingen und niclit von 
jayali = besiegen ableitet, wie sehr auch, wie er hiezu bemerl«t, 
die Begriife beider in einander übergehen. (Vgl. Kern, 1. c. Bd. I, 
pag. 104.) 



Prophet auf, predigte die Nirgrantha-Lehre, an- 
geblich eine Modification der Religion Pär.sva's, 
und organisirte den Orden der Nirgrantha- 
Asketen. Seit der Zeit führte er den Namen der 
ehrwürdige Asket Mahävira. S^ine Laufbahn als 
Lehrer währte nicht ganz 30 Jahre, während 
welcher er, wie früher, ausser in der Regenzeit, 
im Lande umherzog. Er erwarb sich zahlreiche 
Anhänger des geistlichen wie des Laienstandes, 
unter denen aber schon im 14. Jahre seiner 
Lehrthätigkeit ein durch seinen Schwiegersohn 
veranlasstes Schisma entstand. Die Ausdehnung 
seines Wirkungskreises fällt ungefähr mit der 
der Reiche von Srävasti oder Kosala, Videha, 
Magadha und Anga, dem jetzigen Oude und den 
Provinzen Tirhut und Bihar im westlichen Ben- 
galen zusammen. Besonders häufig verbrachte er 
die Regenzeit in seiner V^1terstadt Vaisäli und 
und in Räjagriha. Als der Ort seines Todes wird 
die Stadt Päpä oder Pävä, das heutige Padraona 
angegeben, wo er während der Regenzeit seines 
letzten Lebensjahres in dem Hause der Schreiber 
des Königs Hastipäla weilte. Unmittelbar nach 
seinem Tode fand eine zweite Spaltung seiner 
Gemeinde statt. 

Betrachten wir nun auch in Kürze das Leben 
des Buddha. 

Buddha, dessen eigener Name Siddhärtha und 
Familienname Gautama war, soll von der Königin 
Maya ihrem Gemahle Suddhödana in Kapilavasiu 
geboren worden sein, sich in seinem 16. Jahre 
mit der Prinzessin Yasödhara vermählt und mit 
ihr 13 Jahre lang in glücklicher Ehe gelebt 
haben. Die dem jungen Manne fremden Er- 
scheinungen voa Alter, Krankheit und Tod sollen 
ihn zum Nachdenken über die Leiden dieser Welt 
bewogen, und seine Meditationen in ihm den 
Entschluss gereift haben, der Welt zu entsagen 
und ein Bettelmönch zu werden. Aber die Brah- 
manen, von denen er sich Belehrung holen wollte, 
konnten ihm diese nicht geben; ihre Gebete, 
Opfer und religiösen Gebräuche, das hatte 
Siddhärtha bald eingesehen, konnten die Seele 
nicht läutern und nicht zur Erlösung vom Tode 
und von der Wiedergeburt führen. Auch ihre 
Bussübungen und Selbstpeinigungen, denen er 
sich im Walde von Uruwelä selbst sechs Jahre 
lang hingab, befriedigten ihn nicht, und da er 
zur Erkenntniss gekommen war, dass weder reli- 
giöse Formeln noch die Askese zum Heile und zur 
Erlösung führen können, so beschloss er, fortan 
nur den Eingebungen seines Innern zu folgen 
und er strebte nach völliger Entfaltung der 
höheren geistigen Kräfte. Und nachdem er den 
Kampf gegen die irdischen Neigungen und Be- 
gierden , welche im Menschenherzen wohnen, 
überwunden, da er die letzten Anwandlungen 
menschlicher Schwäche unterdrückt hatte, da zog 
der tiefe Friede des Nirwana in sein Herz ein 
und sein Geist erhob sich durch alle Stufen 
mystischen Schauens bis zu jener erhabenen Höhe, 
wo dem Strebenden volle Erleuchtung zutheil 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FCR DEN ORIENT. 



\:^ Jf ^?^ 






93 



wird, llr war ein vollendeter, weltcrieuclitender 
Buddha geworden. Er erkannte die Ursache des 
lintstehens und Vergehens der Wesen, die Ur- 
sache des Leidens, des Todes und der Wieder- 
geburt, und das Mittel, allem Leiden ein iCnile 
zu machen, dem unablässigen Kreislauf von Ge- 
burt und Tod zu entgehen und die Erlösung, das 
Nirwdna zu erreichen. ^^) 

Vierundvierzig Jahre lang übte Buddha predi- 
gend, belehrend und bekehrend sein Lehramt aus 
und achtzig Jahre alt soll er um das Jahr 480 v.Chr. 
in Kusinärä gestorben sein. 

Wenn wir das Leben des Buddha Siddhärtha 
so betrachten, wie wir es eben gethan haben, so 
könnte wohl, di(! historische Wahrheit natürlich vor- 
ausgesetzt, auch der grüsste Skeptiker nichts da- 
gegen einzuwenden haben. Wer aber die Buddha- 
Legende kennt, wer es weiss, wie es im Leben 
dieses Rcligionsstifters von Wundt^rn wimmelt, der 
wird CS nicht begreifen können, wie wir zu einer so 
nüchternen Darstellung von Buddha's Lebenslauf 
gelangen konnten. Und doch haben wir vielleicht 
noch zu viel gesagt! 

Dieses Wenigen aber bedurften wir doch, um 
zwischen dem Leben Buddha's und dem Jina's Pa- 
rallelen ziehen zu können. Vergleichen wir die 
Lebensläufe der beiden Religionsstifter, so finden 
wir in ihnen manches Verwandte oder Gemein- 
same. 

Vardliamäna Jina und Siddhärtha Buddha, 
Beide stammen aus vornehmem Geschlechte, Beide 
führen bis um ihr dreissigstes Lebensjahr beiläufig 
ein weltliches Leben, und Beide entsagen dann der 
Welt un<I verlassen W<'ib und Kind, um sich als 
Asketen der Meditation hinzugeben und enillich die 
Früchte dieses Meditirens der Welt als neue, als 
einzig wahre Heilslehre mitzutheilen. 

„Bei der Betrachtung von Vardhamäna's Leben," 
sagt auch Bühler, „fällt es sofort auf, dass der 
Schauplatz von Vardhamana's Thätigkeit in den- 
selben 'l'heil von Indien verlegt wird, wo Buddha 
wirkte, und dass mehrere Persönlichkeiten, welche 
in der Geschichte Buddha's eine Rolle spielen, auch 
in der Jaina-Legende auftreten. Es sind gerade die 
Königreiche von Kosala, Videha und Magadha, 
welche Buddlia predigend durchzogen haben soll. 
Auch von den Bewohnern von Vaisäli wird erzählt, 
dass sich viele seiner Lehre zuwandten. Es ist somit 
klar, dass schon die älteste Jaina-Lcgcndc Vard- 
hamäna zum Landsmanne und Zeitgenossen Buddha's 
macht und es liegt nahe, in den Schriften der 
Buddhisten nach Bestätigung dieser Behau[)tungen 
zu suchen. Wirkli<-li finden sich solche in nicht 
gering<-r Anzahl." ") 

Die Nigantha (sanskr. Nirgrantha), das sind 
nämlich die Jainas, werden mit ihrem Oberhaupte 
Nätaputta in buddhistischen Schriften nicht allein 
des Oi'fteren erwähnt, sondern auch so charaktcri- 
sirt, dass an ihrer Identität gar nicht zu zweifeln ist. 
Und wenn man schon dem geschricbcnea Worte 

'») Vdl. Ftigt, a. a. O. 
") liUhter a. .^. O. 



kein Vertrauen schenken will^tW^e/ftigen In- 
schrifttafeln des altindiscben Königs A4<Aa, der 
während der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts 
v.Chr. über ganz Indien mit Ausnahme d('s Dtkhans 
herrschte, und der ein grosser Förderer des Bud- 
dhismus war, dass ihm auch dieSecte der Nigantha 
wohl bekannt war, und dass sie zu seiner Zeit auch 
schon eine so bedeutende .Anhängerschaft gehabt 
haben muss, dass sie der grosse König der beson- 
deren Berücksichtigung in seinem Edictc für werth 
hielt. 

Was damit gesagt sein soll? Dass die Jainas 
vor Allem nicht Unrecht haben, wenn sie den 
Ursprung ihrer Religion in die Zeit des Ursprungs 
des Buddliismus zurückvcrlegen und Jina und Buddha 
als Zeitgenossen hinstellen. 

Dass, als die Aehnlichkeit der beiden Reli- 
gionen, ihreUcbereinstimmung in den Dogmen und 
mutatis mutandis auch im Leben ihrer Stifter der 
Wissenschaft bekannt geworden war, auch bedeu- 
tende Zweifel sich zu regen begannen, ist einzu- 
sehen. Bei dem unleugbaren Vorhandensein von 
religiösen Schriften der beiden rivalisircnden Reli- 
gionen zweifelte man wohl nicht an deren uralter 
Sonderexistenz, aber man warf die Frage auf, 
welches von den zwei einander so ähnlichen Syste- 
men das ältere sei. Die Einen traten für die Priorität 
des Buddhismus, die Anderen für die des Jainis- 
mus ein. 

Ueber den Stand dieser Frage lässt sich Bühler 
in einer Anmerkung zu seinem Vortrage über die 
fainas also vernehmen : ,, Abgesehen von der sehr 
schwach begründeten Vermuthung Colebrooke's, 
Stevenson's und Thomas', der zufolge der Buddha 
ein abtrünniger Schüler des Stifters der Jaina sein 
sollte, war die besonders von Wilson, Weber und 
Lassen vertretene Ansicht, dass die Jaina eine alte 
Secte der Buddhisten seien, bis vor zehn (heute 
dreizehn) Jahren die allgemein herrschende. Die- 
selbe gründet sich einerseits auf die .Aehnlichkeit 
iler Jaina-Lehren, Schriften undTradition mit denen 
der Buddhisten, andererseits darauf, dass die cano- 
nischen Werke der Jaina einen jüngeren Dialect 
zeigen als die der Buddhisten, und dass sichere 
historische Zeugnisse für ihre frühere Existenz 
fehlten. Ich selbst (Bühler) bin früher von der 
Richtigkeit dieser Annahme überzeugt gewesen und 
habe sogar geglaubt, in der buddhistischen Schule 
der Sammitfya die Jaina zu erkennen. Bei eingehen- 
derer Beschäftigung mit der Jaina-Liieratur, zu 
welcher ich durch die für die englische Regierung 
unternommene Sammlung derselben in den Sieb- 
zigerjahren gezwungen wurde, fand ich zunächst, 
dass die Jaina ihren Namen gewechselt haben und 
sich in der älteren Zeit stets Nirgrantha oder Ni- 
gantha nennen. Die Bemerkung, dass die Buddhisten 
die Nigantha kennen, und v(m dem Haupte und 
Stifter derselben, dem Nätaputta, erzählen, er sei 
ein Rivale Buddha's gewesen und zuPävä gestorben, 
wo der letzte Tirthakara das Nirwana erreicht haben 
soll, veranlasste mich, anzunehmen, dass die Jaina 
und die Buddhisten derselben religiösen Bewegung 



94 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



entstammten. Meine Vermuthung wurde durch 
Jacobi, der unabhängig von mir auf einem anderen 
Wege zu derselben Ansicht gelangt war, bestätigt, 
indem er nachwies, dass der letzte Tirthakara im 
Jaina-Canon denselben Namen wie bei <len Bud- 
dhisten trägt. Nach der Veröffentlichung unserer 
Resultate, welche seitdem durch y^acoii mit grossem 
Scharfsinne weiter begründet sind, sind die An- 
sichten über diese Frage gethcilt. Ohhnberg, Kern, 
Hoernle und Andere haben die neue Ansicht unbe- 
denklich angenommen, während A. Weber und Barth 
auf dem früherenStandpunkte beharren, üieletzteren 
trauen der Jaina-Tradition nicht und halten es für 
wahrscheinlich, dass die Angaben derselben ge- 
fälscht seien. Einer solchen Behauptung stellen sich 
zwar grosse Schwierigkeiten entgegen, besonders 
die UnWahrscheinlichkeit, dass die Buddhisten die 
Thatsache des Abfalls ihrer verhassten Gegner 
vergessen haben sollten. Indessen ist dieselbe nicht 
absolut unmöglich, da der älteste erhaltene Jaina- 
Canon erst im fünften oder sechsten Jahrhunderte 
unserer Aera seine endgiltige Redaction erhalten 
hat und bis jetzt der Beweis, dassdiejaina in älterer 
Zeit eine feste Tradition besassen, nicht gelie- 
fert ist. '*) 

Wir ersehen hieraus, dass die Frage nach 
der Priorität zwar stets eine sehr rege gewesen, 
aber bis heute noch nicht endgiltig entschieden 
worden ist. 

Wurde in der oben citirten Stelle der Ver- 
muthung gedacht, dass Buddha ein abtrünniger 
Schüler des Stifters der Jaina sein sollte, wurde 
dem Buddha, zu dessen Fahne sich heute bei 
fünfhundert Millionen Menschen bekennen, gegen- 
über dem Vardham.ina, dem Stifter einer heute 
zusammengeschmolzenen Secte, also die inferiorere 
Rolle zugetheilt, so ist man seinerzeit noch weiter 
gegangen, und hat, ohne Rücksicht auf den Be- 
stand der Jaina-Secte und nur mit Benützung der 
buddhistischen Tradition, schlechtweg geleugnet, 
dass ein Buddha, so wie er uns als Religions- 
stifter dargestellt wird, überhaupt jemals existirt 
habe. 

Wie schon angedeutet, wimmelt es in der 
Lebensgeschichle Buddha's von Wundern, nach 
deren Hinweglassung uns von dem grossen Re- 
ligionsstifter beinahe nicht mehr übrig bleibt als 
sein Name. 

Der Franzose Emile Senarl hat diese Wunder 
in Rücksicht auf ihre mythologische Bedeutung 
untersucht und ist zu dem Schlüsse gekommen, 
dass zwar ein wirklicher Buddha einmal existirt 
haben mag, dass aber jener Buddha, von welchem 
die buddhistische Ueberlieferung erzählt, nie ge- 
lebt habe. Dieser Buddha ist kein Mensch ; seine 
Geburt, die Kämpfe, die er besteht, und sein Tod 
sind nicht die eines Menschen. 

Von alten Zeiten her weiss die Natursage 
der Inder, wie die der Griechen und der Deut- 
schen, von den Schicksalen des Sonnenheros zu 



") BühUr a. a. O. 



sagen : von seiner Geburt aus der Morgenwolke, 
welche kaum, dass sie ihm das Dasein gegeben, 
vor den Strahlen ihres leuchtenden Kindes selbst 
verschwinden muss ; von seinem Kampf und Sieg 
über den finsteren Dämon der Gewitterwolke ; 
wie er dann triumphirend über das Firmament 
einherzieht, bis endlich der Tag sich neigt und 
der Lichtheld dem Dunkel erliegt. 

Schritt für Schritt meint Senarl in der Ge- 
schichte vom Leben Buddha's die Geschichte 
vom Leben des Sonnenheros wiederzuerkennen: 
Wie die Sonne aus den nächtlichen Wolken, 
geht er aus dem dunklen Mutterschooss der 
Mäyä hervor; ein Lichtglanz dringt durch alle 
Welten, da er geboren wird ; Mäyä stirbt gleich 
der Morgenwolke, die vor den Sonnenstrahlen 
verschwindet. Wie der Sonnenheros den Gewitter- 
dämon, überwindet Buddha unter dem heiligen 
Baume in heissem Kampfe Mära, den Versucher; 
der Baum ist der dunkle Wolkenbaum am Himmel, 
um den der Gewitterkampf tobt. Als der Sieg 
errungen ist, macht sich Buddha auf, aller Welt 
ein Evangelium zu predigen, „das Rad der Lehre 
rollen zu lassen"* ; das ist der Sonnengott, der 
sein leuchtendes Rad über das Firmament rollen 
lässt. Endlich neigt sich das Leben Buddha's 
dem Ende zu ; noch erlebt er den schrecken- 
vollen Untergang seines ganzen Hauses, des 
(^akya-Geschlechts, welches von den Feinden 
vernichtet wird, wie beim Sonnenuntergang die 
Mächte des Lichts im blutigen Roth der Abend- 
wolke hinsterben. Nun ist auch für ihn selbst 
das Ende gekommen ; die Flammen des Scheiter- 
haufens, auf dem der Leib Buddha's verbrannt 
ist, werden von Wasserströmen, die aus der Luft 
herabregnen, gelöscht, wie der Sonnenheld im 
Feuermeer seiner letzten Strahlen stirbt und in 
dem Nass der Abenddünste am Horizont die 
letzten Flammen seiner göttlichen Leichenfeier 
verschwinden. '^) 

Einer solchen Erklärung des Wunderlichen 
in Buddha's Lebensgeschichte lässt sich gewiss 
nur beipflichten ; aber warum, fragt man, nur das 
Legendarische zur Grundlage der Untersuchung 
machen, und das übersehen und vergessen, was 
wir mit demselben Rechte historisch nennen 
können, wie irgend alltägliche und gewohnte Er- 
eignisse im Leben eines anderen Religions- 
forschers? Allerdings wirft man dieses mit Recht 
ein, aber wie gesagt, was bleibt uns denn vom 
historischen Buddha, wenn wir das Legendarische, 
das Mythologische weglassen ? 

Nicht umsonst haben wir Vardharaäaa's 
Leben so ausführlich wiedergegeben; wir wollten 
zeigen, dass es den Anstrich der Historicität 
überhaupt an sich trägt, was sich von Buddha's 
Leben durchaus nicht behaupten lässt. Der Vater 
Vardhamäna's, Siddhärtha, wohnte doch in einer 
Stadt, die wir heute noch geografjhisch bestimmen 



**) Senart, Kssai sur la legende du Buddha. Paris, 187,5. 
Oldenberg. Buddha. Seiu Leben, seine Lehre, seine Gemeinde. 
Berlin, 1881. 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 






können, während wir Buddlia's Geburtsort Kapila- 
vastu vergebens suchen ; und führen die in 
Vardhamana's Leben auftretenden Personen Namen, 
unter denen man sich reale Menschen vorstellen 
kann, so hat schon Ruddha's Mutter Mäyä, „die 
Wundermacht", einen Namen, der zum Mindesten 
sehr allegorisch klingt, wenn er es nicht wirk- 
lich ist. 

Mit diesen Bemerkungen soll nur angedeutet 
sein, dass die wirkliche Existenz des Buddha 
gegenüber der des Vardhamäna gar sehr in Frage 
gestellt werden kann und dass uns die Zeit, d. h. 
die wissenschaftliche Forschung in dieser Hin- 
sicht noch manche Ueberraschung bringen kann. 

Wie wäre es, wenn Vardhamäna Jina und 
Siddhärlha Buddha gar ein und dieselbe Person 
wären, deren Zweitheilung auf das Schisma in 
der Lehre zurückzuführen ist? Dass keiner von 
beiden Keligionsstiftern jemals gelebt habe, das 
könnte nur deshalb nicht behauptet werden, weil 
die Realität der gestifteten Gemeinde, der Lehre, 
dagegen beweisend auftritt; doch wer der ur- 
sprüngliche Stifter sowohl des Jainismus wie des 
Buddhismus ist, darum könnte mit Umgehung 
von Jina und Buddha noch immer gefragt werden. 



DIE GENUSSMITTEL DES ORIENTES. 

Von Gustav 2'roll. 
IV. 
Der indische Hanf, weicher das unter dem 
Namen „Haschisch" bekannte Genussmittel der 
Morgenländer liefert, wird besonders in seinem 
Stammlande in Indien (Bengalen), jedoch auch 
in verschiedenen anderen orientalischen Ländern 
cultivirt. IJie zu Genusszwecken bestimmte Masse 
besteht aus den Blüthenständen der weiblichen 
Pflanze, welche einen harzigen Stoff von be- 
täubender Wirkung und ebensolchem Gerüche 
ausschwitzen. In diesen Hanfharzen ist der 
mystische Zauber enthalten, dem so viele Mor- 
genländer ihr ganzes Leben lang unterworfen 
bleiben. Der Werth des indischen Hanfes als 
Handelsartikel richtet sich nach dem Harzgehalte 
und man unterscheidet hauptsächlich drei Sorten : 
I. Churus (Charas, 'I'schers, Momeka), welcher 
nur von den jüngeren Theilen der weiblichen 
Blüthenstände gesammelt wird unil fast reines, 
gelblichgrünes, oft in Kugeln geformtes Harz vor- 
stellt. Diese Sorte gilt als die wirkungsvollste 
und theuerste und wird in Indien selbst als kost- 
barstes Berauschungsmiltel verbraucht. 2. Ganjah 
(Gunjah, Kalpam, arabisch Ganga, Kinab, ])ersisch 
Kanab). Besonders geschätzt ist das bengalische 
Ganjah von Rajschahi und Bagrah, nördlich von 
Calcutta. Diese Sorte besteht aus den Blüthen- 
köpfen, ist harzreicher und zehnmal theurer als 
die nächstfolgende, jedoch immer noch bedeutend 
billiger als die erste. 3. Bang (indisch: Bhang, 
Bheng, Siddhi, Sabzi, arabisch Haschisch) wird 
in den ostindischen Tiefebenen (Bombay, Cal- 



cutta) und 'I'urkcstan gesammelt. Für den als 
Genussmittel verwendeten Hanf ist jedoch der 
Name Haschisch, ohne Rücksicht auf die Sorte, 
im (Jriente allgemein üblich geworden. 

Das Hanfkraut war schon in den ältesten 
Zeiten im Morgenlande als Berauschungsmittel 
bekannt, es lässt sich jedoch heute nicht mehr 
mit Sicherheit feststellen, ob dessen Gebrauch 
zuerst in Indien oder in Persien bekannt war. 
Im Sanskrit heisst die Pflanze Vijaya, d. i. Erfolg 
verheissend. In der Rajanighantu (einem indischen 
Arzneibuche aus dem XIII. Jahrhundert) wiid der 
Hanf ausführlich beschrieben und verschiedene 
Namen demselben angeführt : Vijaya, Wjaja, jaja, 
sämmtlich in der Bedeutung „Erfolggeber", dann 
Vrijpatta (starkblätterig), Chapala (taumeln 
machend), Ananda (zum Lachen reizend), Har- 
schini (Erreger des Geschlechtstriebes). In ara- 
bischen und persischen Werken wird der Hanf 
häufig erwähnt. Das älteste Werk, welches ihn 
anführt, ist eine Schrift Hassan's, welcher erzählt, 
dass Haider, der Stifter des unter seinem Namen 
bekannten Derwisch-Ordens, die wunderbare 
Wirkung dieses Krautes zuerst entdeckt habe. 
Haider lebte in strengster Enthaltsamkeit auf 
einem Berge zwischen Nischabar und Rama in 
Khorassan, wo er ein Kloster gründete. Nach- 
dem er zehn Jahre in dieser Zurückgezogenheit 
gelebt hatte, kam er eines Tages von einem 
Spaziergange überaus heiter und angeregt zurück 
und erzählte auf Befragen, er habe die Blätter 
einer fremdartigen Pflanze genossen. Dann führte 
er seine Gefährten an die Stelle, wo diese Pflanze 
wuchs und sie assen alle von derselben und 
fühlten sich ebenso fröhlich, wie ihr Meister. 
Haider scheint von seiner Entdeckung sofort 
umfassenden Gebrauch gemacht zu haben und 
sich eine Art Tinctur daraus bereitet zu haben, 
wenigstens besingt ein arabischer Dichter jener 
ICpoche den wonnespendencten Smaragdtrank 
Haiders. Auf Wunsch ihres sterbenden Scheiks 
pflanzten die Mönche um Haiders Grab eine 
Hanflaube und von da an soll die Cultur der 
Hanfpflanze in Khorassan verbreitet worden sein. 
Bei den Chosru's in Indien soll die Pflanze schon 
vorher bekannt gewesen sein, man nannte sie 
,,Kakirkraut", weil die Fakire seinem Genüsse 
besonders ergeben waren. Thatsächlich hat der 
Haschischgenuss bei den indischen Asketikern 
und Mystikern von jeher eine grosse Rolle ge- 
spielt und erklärt so manche, sonst ganz un- 
fassbare Thatsache von grässlichen Qualen und 
Martern, denen sich diese Leute unterzogen. 

Die verheerende Wirkung des Haschisch- 
genusses ist frühe bekannt geworden. Schon 
Ibn Baijtar berichtet gegen Ende des XII. Jahr- 
hunderts, dass Haschisch in kleinen Gaben be- 
rauscht, grössere Mengen aber Geistesverwirrung 
und Wahnsinn erzeugen und der gewohnheits- 
mässige Gcnuss Geistesschwäche oder Tobsucht 
hervorruft. Makrizi erwähnt den Gebrauch des 
Haschisch in Egypten und eifert gegen dessen 



96 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT 



aphrodisische Wirkung. Marco Polo berichtet im 
XIII. Jahrhundert über den Gebrauch, den die 
Assassinen (Haschischin) von diesem Stoffe 
machten : sie schläferten den in ihren Bund Auf- 
zunehmenden ein und brachten ihn in die Feen- 
gärten von Alamut oder Massiat, dem Zauber- 
reiche des „Alten vom Berge", wo Alles, was 
menschliche Sinne zu reizen und zu entzücken 
vermochte, vereinigt war. Aus dem Schlafe er- 
wacht, glaubte sich der Novize in's Paradies 
versetzt und genoss in vollen Zügen die ver- 
meinten himmlischen Freuden mit irdischen 
Sinnen. Dann wurde er wieder bewusstlos ge- 
macht, in seine alten Verhältnisse zurückgebracht 
und erwachte nun mit der verzehrenden Sehn- 
sucht im Herzen, jenes wonneduftige Paradies 
wieder zu betreten. Damit war er dem Alten 
vom Berge und seinen Genossen rettungslos ver- 
fallen. Seltsam und märchenhaft klingen die be- 
geisterten Schilderungen der arabischen Dichter 
über die wunderbaren Genüsse, welche das 
Rauschkraut selbst dem Aermsten zu verschaffen 
vermag und so ist es denn nicht zu verwundern, 
dass dessen Gebrauch immer mehr aufkam. Zur 
Zeit der Fatimiden-Khalifen schwelgte ganz 
Egypten in einem nicht enden wollendeti Hanf- 
rausche und die schwersten Strafen, die später 
auf den Haschischgenuss gesetzt wurden, konnten 
es nicht hindern, dass er immer mehr Ausbrei- 
tung und Anhänger gewann. Auch heute ist der 
Haschisch in Egypten und in verschiedenen an- 
deren orientalischen Ländern strenge verboten, 
aber der Dämon des Hanfes zählt trotzdem im 
ganzen Oriente eine grosse Schaar begeisterter 
Anhänger, [dieselben zerfallen, wie die Opium- 
freunde, in Hanfesser und Hanfraucher. Letztere 
dürften in der Minderheit sein, nur die Afghanen 
sind ausschliesslich leidenschaftliche Hanfraucher 
und wissen den „Tschers"*, das Rauchpräparat 
des Haschisch, m«t grosser Sorgfalt zu bereiten. 
Die verschiedenen Latwergen und Süssigkeiten 
aller Art, die mit Hanfkraut zubereitet werden, 
sind sehr zahlreich. So wird aus der Sorte Bheng 
durch Zerreiben mit Wasser oder Milch und Zu- 
satz von Zucker und Gewürz eine „Bang" ge- 
nannte trübe F"lüssigkeit erzeugt, von welcher 
30 Ä genügen, um Betäubung hervorzurufen. Die 
frischen Blüthenspitzen werden mit Butter aus- 
gezogen und man erhält auf diese Weise das 
.,Maju", ein fettes Extract, welches allerlei Con- 
fituren zugesetzt wird, die dann noch durch 
Vanille, Pistazien, Moschus u. dergl. verfeinert 
werden. Aus Hanfbarz, Bilsenkrautsamen, Butter 
und Honig bereiten die Inder den „Madschuhu", 
kleine runde Kügelchen, die mit Kaffee oder 
Thee genossen werden. Die Egypter lieben die 
Conservenform, worunter besonders „Dawamesk", 
aus Haschisch, Butter, Zucker und allerlei Ge- 
würz bereitet, sehr verbreitet ist. In der Türkei, 
in Tunis, Algerien etc. bereitet man mit Honig, 
Zucker, Kampher, Ambra, Moschus, Kanthariden, 
Opium, Datteln, Feigen, Pistazien, Mandeln, 



ätherischen Oelen und färbenden Stoffen allerlei 
Haschischpräparate in Form von Latwergen, 
Conserven, Scherbet etc. In den Bazaren wird 
der Haschisch meist in Form von dunkelbraunen, 
harten Täfelchen verkauft, die gewöhnlich zum 
Rauchen im Narghile verwendet werden. In Süd- 
afrika ist bei den Zulukaffern, Hottentotten und 
Buschmännern ein eigenthümliches, „Dacha" ge- 
nanntes Haschischpräparat in Gebrauch, welches 
entweder rein oder mit Tabak vermischt geraucht 
wird und dessen betäubende Wirkung so stark 
ist, dass schon nach wenigen Zügen Unzurech- 
nungsfähigkeit eintritt. Auch in Westafrika wird 
aus jungen Hanfptlanzen ein „Mapiri" genanntes 
berauschendes Getränk erzeugt und man kann 
mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass der 
Genuss des Haschisch auch in Innerafrika nicht 
unbekannt sein wird. Zweifellos ist Haschisch 
das verbreitetste und wichtigste, weil schädlichste 
unter allen Genussmitteln des Orientes und es 
wäre im Interesse der Wohlfahrt der sonst so 
anspruchslosen und genügsamen Morgenländer zu 
wünschen, dass die verderblichen Eigenschaften 
des Hanfkrautes niemals entdeckt wären. Aber 
der Hang zu Erregungs- und Reizmitteln ist bei 
allen Völkern aller Zeiten zu finden und hätten 
die Orientalen ihren Haschisch und ihr Opium 
nicht, so hätten sie zweifellos ein anderes Mittel 
zur Befriedigung dieses Hanges ausfindig ge- 
macht. 



M I S C E L L E. 

Conferenz der Missionäre in Shanghai. Der „London 

and China Telegraph' lierichtet in eingehender Weise 
über die vor Kurzem in Shanghai stattgehabte grosse 
Conferenz der chinesischen Missionäre. Zu derselben waren 
430 protestantische Missionäre beiderlei Geschlechtes er- 
schienen, welche etwa 40 verschiedenen Congregationen 
und Gesellschaften angehörten. Die Anwesenden bildeten 
genau den dritten Tbeil der 1295 dermalen in China 
thätigen Missionäre, welche sich in 390 verheii>atete 
Frauen, 316 unverheiratete Frauen und 589 männliche 
Mitglieder theilen. Dazu kommen noch 209 in die Orden 
aufgenommene eingeborene Priester. Die Conferenz re- 
präsentine im Ganzen 37.000 Gemeindeangehörige, welche 
jährlich etwa 37.000 $, das heisst i $ per Kopf zur Er- 
haltung der Kirchen beisteuern. 

Abgesehen von den vielleicht in der Natur der 
Sache liegenden und den eigenthümlichen Verhältnissen 
entsprechenden mehr oder weniger abstracten Verhand- 
lungsgegenständen weist der Congiess auch recht prak- 
tische und nützliche Resultate auf. So die beschlossene 
Revision und Neuauflage von chinesischen Bibelüber- 
setzungen, eine Resolution gegen den Missbrauch mit 
Opium und Morphium. Nicht ohne Interesse ist die zur 
Discussion gestandene Frage, ob der von den Chinesen 
geübte „Ahnencultus-' absolut zu bekämpfen sei, eine 
Frage, die der Congress nicht völlig zu bejahen ver- 
mochte. Angesichts der zahlreichen christlichen Secten, 
welche in China missionsweise thätig sind, hat sich die 
Conferenz auch mit dem Project einer Verschmelzung 
derselben zu einer „Church of China" beschäftigt, doch 
verliefen die diesfalls stattgefundenen Verhandlungen ohne 
praktisches Resultat. 



VerantworUicher Redactbur; A- v. Scala. 



Druck von Ch. Reiner & M. Werlhner iu Wien. 



Juli-Heft 1890. 






OESTERREICHISCHE "^ 



Nr. 7. 



üMtsstlrift für ku #rknt 



Herausgegeben vom 

K. K. ÖSTERR. HANDELS-MUSEUM IN WIEN. 

Redigirt von A. von Scala, 




Monatlich «lue Nummtr. 



VERLAG DES K. K. ÖSTERR, HANDELS-MUSEUMS IN WIEN. 



Prdi jlhri. 3 I. — K) Maifc. 



IIIHAI.T: Im duukelhleu Afrika. \on A.t. Schweiger-Ltrehen/eld. 
- Vimi Aberuliuilion di^r Tüikiii. Von F. v. H. — Dledonus». 
niiltel d«8 Orieutea. Vud Gusiuv Troll. — Kino titimnie aus 
einem Harem. — Mlacelle: Satanma-Fayenoen. 




IM DUNKELSTEN AFRIKA. 

Von A. von Schweiger - Lerchenfeld. 
II. 
Durch den Conlinenl. 
ic man weiss, wurde die Route, welche 
Stanley zur Befreiung Emin Paschas 
einzuschlagen gedachte, erst im letz« 
ten Augenblicke entschieden, obwohl 
lirsterer von Haus aus für die Congo» 
route eingetreten war. Der Reisende ging hiebei von 
der Voraussetzung aus, dass er von der Regierung 
des Congüstaates ausgiebige Unterstützung finden 
würde. Das Entsatz-Comite aber war anderer An- 
sicht und empfahl die östliche Route. Eigentlich 
waren es zwei östliche Routen, welche in Betracht 
kamen : jene durch das Massailand und jene über 
Msalala, Karagwe, Ankori und Asungora nach dem 
Albertsee. Die erstere wurde von Stanley auf 
i8 Monate, die zweite auf zo Monate, die Congo- 
route auf i8 Monate berechnet. Auffälligerweise 
wurde die letztere thatsächlich in der für ihre Be- 
wältigung angesetzten Frist zurückgelegt — ein in 
die Augen springender Zufall, da Stanley unmög- 
lich voraussetzen konnte, dass er den Weg zwi- 
schen dem unteren Aruwimi und dem Albertsee 
dreimal zurücklegen würde. Dass schliesslich, trotz 
der entgegengesetzten Ansicht des (^omites, den- 
noch die Congoroute gewählt wurde, ist dem König 
der Belgier zuzuschreiben, welcher mit grösstem 
Nachdrucke für dieselbe eintrat. 

Da man ausserhalb der betheiligten Kreise 
von dieser Sachlage keine Kenntniss hatte, musste 
die Wahl der Zufahrtsroute, welche bekanntlich 
über Egy|)ten und Sansibar ging, zu der Auslegung 
Anlass geben, als ob Stanley in der 'l'hat von der 
Ostküstc her nach dein Albertsee vordringen wolle. 
Da verliess Stanley ganz unerwartet Sansibar auf 
dem Seewege nach dem Cap der guten Hoffnung, 
und es war nicht zu verwundern, dass diese plötz- 
liche Acnderung des Reisevveges Interpretirungen 
erfuhr, die der grossen Aufgabe, welche hier zu 
lösen war, als nicht würdig sich erwiesen. Man 
ging so weit, dem Leiter der Expedition geheime 

Monataachrm für den Orient. Juli 1890. 



I'läne unterzuschieben, dessen spurloses Verschwin- 
den von der Aruwimi-Mündung in einen bis dahin 
noch unbetretenen Theil von Aecjuatorial-Afrika 
als etwas Absichtliches hinzustellen, damit ein un- 
durchdringlicher Schleier Stanley's Pläne aller 
Welt verhülle. Jetzt wissen wir, dass dies Alles 
müssige Combinationen waren und dass der that- 
kräftige Reisende, wie immer vorher, nur das sich 
selber vorgesteckte Ziel und nichts Anderes vor 
Augen hatte. 

Uebrigens genügt ein Blick auf die Karte, um 
zu erkennen, dass der Weg von der Aruwimi-Mün- 
dung bis zum Albertsee unter allen gegebenen weit- 
aus der kürzeste ist. Wenn Stanley ausser der Be- 
freiung Emins überhaupt noch eine andere Aufgabe 
zu lösen hatte, war es die, für die Gegenden des 
mittleren Congo eine neue Verbiodungsroute mit 
den Seen, beziehungsweise dem Nil aufzusuchen. 
Dies konnte aber nur in der Richtung eines der 
rechtsseitigen Zuflüsse des Congo stromab der 
Stanley-Fälle geschehen, und da erwies sich wieder 
der Aruwimi als der von der Natur vorgezeichnete 
Weg. So war Alles wohl überlegt, und die Ergeb- 
nisse der Expedition beweisen, dass Stanley, wie 
nicht anders zu erwarten, richtig caiculirt hatte. 

Am 21. Jänner 1887 war Stanley von England 
nach Egypten abgereist, wo mit den massgebenden 
Persönlichkeiten alle in Frage kommenden politi- 
schen Factoren durchbesprochen wurden. Am 
22. •'"ebruar erfolgte die Ankunft in Sansibar, wo 
Stanley Alles wohl vorbereitet fand, da Herr Eduard 
Mackenzic rührig vorgearbeitet hatte. Indess han- 
delte es sich noch um eine wichtige Angelegenheit, 
von der das Gelingen der Expedition vielleicht 
mehr abhing, als von der Tüchtigkeit des ange- 
worbenen Menschenmaterials und der Trefflichkeit 
der Ausrüstung. Diese Angelegenheit bezieht sich 
auf Vereinbarungen mit dem berühmteoTippu-Tib, 
dem grössten und einflussreichstenKarawanenhändler 
in Ost- und Aetjuatorial-Afrika, aber zugleich dem 
grausamsten und geldgierigsten Sciavenjägcr in 
jenen Gebieten. Stanley nennt diesen unzuver- 
lässigen, raubsüchtigen und barbarisch eigen- 
nützigen Halbwilden den „ungekrönten König der 
Region zwischen den Stanley-Fällen und dem Tan- 
ganjik.a". Er hat ein schwer erworbenes Vermögen 
in Waffen und Pulver angelegt, und Tausende von 
abenteuerlustigen Arabern haben sich unter 



98 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT 



seine Fahne geschaart. Stanley kannte den Mann 
nur zu gut, und er musste wissen, wie er daran war. 
Entdeckte er bei ihm feindselige Gesinnungen, dann 
wäre Stanley gezwungen gewesen, möglichst weit 
ausserhalb der Einfkisssphäre Tippu-Tib's zu ope- 
riren ; denn, wenn die Munition, welche für Emin 
Pascha bestimmt war, von Tippu-Tib erbeutet und 
verwendet wurde, gerieth die Existenz des jungen 
Congostaates in Gefahr und waren alle Hoffnungen 
der Expedition illusorisch. 

Der Wortlaut der Unterredung Stanley's mit 
Tippu-Tib ist in mehrfacher Beziehung interessant, 
insbesondere das Detail, aus welchem hervorgeht, 
dass Stanley neben dem humanen Werke der Be- 
freiung Emins gleichwohl auch ganz geschäftlich- 
praktische Dinge vor Augen hatte... „Ich brauchte 
Tippu-Tib's Hilfe nicht, um Emin Pascha zu er- 
reichen oder mir den Weg weisen zu lassen . . . 
Allein Dr. Junker hatte mir mitgetheiit, dass Emin 
Pascha im Besitze von etwa 75 Tonnen Elfenbein 
sei. Ein solches Quantum Elfenbein würde, das 
Pfund zu 8 Mark gerechnet, einen Werth von 
1,200.000 Mark repräsentiren. Die Betheiligung 
Egyptens am Fonds zum Entsätze Emin Paschas 
ist in Anbetracht der schlechten Finanzen des 
Landes eine bedeutende; in diesem Quantum hatten 
wir möglicherweise das Mittel, um den Staatsschatz 
wieder aufzufüllen, und behielten noch eine grosse 
Summe zur Deckung der Unkosten und vielleicht 
auch zu einem hübschen Geschenk für die über- 
lebenden Sansibariten übrig . . . Weshalb sollten 
wir nicht den Versuch machen, dieses Elfenbein 
nach dem Congo zu befördern ? Ich wünschte des- 
halb Tippu-Tib und seine Leute zu engagiren, 
damit sie mir bei dem Transport der Munition zu 
Emin Pascha und auf dem Rückwege beim Tragen 
des Elfenbeins behilflich seien. Nach langen Feil- 
schen schloss ich mit ihm einen Vertrag ab, nach 
welchem er sich verpflichtete, 600 Träger zu 
6 Pfd. Sterl. für jeden belasteten Mann und jede 
Rundreise von den Stanley-Fällen nach dem Albert- 
see hin und zurück zu liefern. Auf diese Weise 
würde, da jeder Mann 70 Pfund Elfenbein trägt, 
jede Rundreise dem Fontls die Su.-nme von 13.200 
Pfund Sterling netto ^n den Stanley-Fällen zu- 
führen." / 

Diese etwas ijCgenirte Weise Stanley's, über 
fremdes Eigenthj((m im Vorhinein zu verfügen, 
überrascht umsjDmehr, als er des Umstandes gar 
nicht gedenkl/ dass Emin, seine Ofiiciere, Beamte 
und Truppeil für eine lange Reihe von Jahren 
Gehälter uijd Löhne zu beanspruchen hatten und 
dass das aufgehäufte Elfenbein überhaupt als Er- 
trägniss ^er Provinz, beziehungsweise zur Deckung 
der VeA^waltungskosten in Betracht kam. Die 
Stanley'sche Auftheilung ist also ein Curiosum, 
das nebenher deutlich beweist, dass in dieRettungs- 
Ange,''legenheit sehr praktische geschäftliche Aus- 
sichtjen mitunterliefen. An sich erklärlich, berühren 
sie gleichwohl anstössig' durch die kühle Klarht-it 
der '[Pendenz und die gänzliche Ausserachtlassung dt-r 
Periion des Eigenthümers dieser Schätze Emin 



Paschas, Würden sich die Verhältnisse derartig 
gestaltet haben, dass Letzterer im vollen unbe- 
strittenen Besitze des Elfenbeines gewesen wäre, 
ist ohne Weiteres anzunehmen, Emin würde sich 
der, gelinde gesagt, unverfrorenen Transaction 
vStanley's mit aller Energie widersetzt haben. Es 
wäre dasselbe, wenn ein Forschungsreisender ohne 
weitere Umstände über die Regierungscassen eines 
noch officiell an der Spitze der Verwaltung 
stehenden Functionärs verfügen wollte. 

Um Tippu-Tib zu gewinnen, hatte Stanley 
demselben den Gouverneursposten im Districtc 
der Stanley-Fälle angeboten. Die Station ist be- 
kanntlich die exponirteste der Congolinieund wurde 
1883 von Stanley organisirt. Später gerieth der 
Commandant dieser Station, Capitän Dräne, in 
Streit mit den Arabern, wobei Tippu-Tib's Plan- 
tagen mit Krupp'schen Granaten beschossen, die 
Station selbst aber von den zwangsweise sich 
zurückziehenden Officieren niedergebrannt wurde. 
Ti()pu-Tib war noch immer im höchsten Grade 
erbost, doch gelang es Stanley, ihn zu beruhigen, 
wobei natürlicherweise das oben erwähnte An- 
erbieten seine Wirkung nicht verfehlte. Der schlaue, 
geldgierige Araber nahm den Posten an und damit 
war der — Bock zum Gärtner bestellt. Denn dass 
Tipjju-Tib seinen Verbindlichkeiten nachkommen 
würde, musste selbst einem Stanley mehr als illu- 
sorisch erscheinen . . . Und worin bestanden diese 
Verbindlichkeiten? Tippu-Tib musste sich laut 
Vertrag verpflichten: in der Fall-Station die Fahne 
de^ 'Congostaates zu hissen ; einen Residenten, 
dfer über die Zustände in der genannten Station 
an den König der Belgier zu berichten hatte, an- 
zunehmen; keinen Sciavenhandel zu treiben und 
keine Sclavenjagden unterhalb der Fälle zu ver- 
anstalten; das Eigenthum der Eingebornen in 
jenem Districte zu schonen. Eine weitere Bestim- 
mung betraf die bereits erwähnte Trägerfrage. 
Für alle diese Dienstleistungen sollte Tippu-Tib 
einen festen Gehalt beziehen, der in die Hände 
seines Agenten zu Sansibar auszubezahlen war. 
Ueberdies wurden Tippu-Tib und seinen Leuten 
(g6 Köpfen) freie Fahrt von Sansibar nach dem 
Congo, einschliesslich der Verpflegung, gewährt. 
Am 18. März (1887) langte die Expedition 
an der Mündung des Congo an, von wo Tags darauf 
abmarschirt wurde. Die Kataraktenstrecke, obwohl 
ein bekannter, von Stanley mehrfach betretener 
Weg, brachte die ersten Beschwerden der Reise. 
Nach kurzer Rast zu Leopoldville am Stanley[)ool 
setzte die Expedition am l. April die Reise auf 
mehreren Dampfern und grossen Booten fort und 
erreichte endlich am 28. Mai die Mündung des 
Aruwimi. Am 15. Juni war Stanley bei den Jam- 
bujafällen eingetroffen und hatte hier ein befestigtes 
Lager unter Befehl des M.ijors Eduard Barttelot 
errichtet. Am 28. Juni brach Stanley mit der 
„Vorhut" von Jambuja auf, womit die eigentliche 
lixpedition ihren Anfang nahm. Wie Alles, was 
Stanley unternimmt, wohl erwogen ist, hatte auch 
die Theilung der Expedition einen bestimmten 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



99 



Zweck, lir hatte annähernd Kenntniss von der 
Unwegsamkeit des von ihm zurückzulegenden Ge- 
bietes und wollte es vermeiden, seine ganze Colonne 
einem unv(;rherzusehenden Schicksale anheim- 
zustellcn. Insbesondere sollten ilie für liinin be- 
stimmten Lasten so lange im Jambujalager zurück- 
bleiben, bis Stanley über das Schicksal, bezie- 
hungsweise den Aufenthalt des zu Befreienden 
volle Kenntniss erlangt liaben würde. 

Dieses kluge Abwägen aller Möglichkeiten 
ist bezeichnend für Stanley's Handlungsweise, und 
Alles würde programmmässig sich abgespielt haben, 
wäreMajorHarttelüt nicht ermordet, dessen Colonne 
nicht zersprengt worden . . . Die mehrfachen 
Züge Stanley's längs des Aruwimi bis zum Albertsee 
nahmen folgenden Verlauf: Nach dem Aufbruche aus 
dem Jambujalager marschirte die aus 389 Leuten 
bestehende (gewissermassen eclairirende) Colonne 
durch einen dichten Wald, welcher die Expedition 
durch volle 160 Tage in seinen schattigen, feuchten, 
und unheimlichen Gründen einschloss. Stanley 
schildert diesen ungeheuerlichen Marsch wie folgt : 
,,Uer September, October und die erste Hälfte des 
November (1887) werden niemals meinem Ge- 
dächtnisse entschwinden. Stellen Sie sich die Be- 
schwerlichkeiten vor: ein undurchdringliches 
Dickicht, in den Schatten von 100 — 180 Fuss 
hülienHäumengchüllt, voller Sträucher und Dornen, 
versumpfte Wasserläufe, stellenweise ein tiefer 
Strom. Stellen Sic sich diesen Wald und dieses 
Gestrüpj) in allen Stadien der Vermoderung vor, 
der Boden wimmelnd von Insecten aller Arten, 
Farben und Grössen ; Affen auf den Bäumen, selt- 
same Thierstimmen nah und fern, im Hinterhalte 
lauernde Zwerge mit vergifteten Pfeilen und starke 
Ureinwohner mit entsetzlich scharfen Speeren ; 
jeden lag Fieber und Ruhr erzeugende, von 
Wasserdunst gesättigte Luft, eine niemals von 
der Sonne durchhellte Dämmerung bei Tag und 
eine undurchdringliche, fast greifbare Finsterniss 
bei Nacht: fassen Sie dies Alles zusammen, so 
können Sie sich ungefähr eine Vorstellung von 
den Beschwerden machen, welche wir in der Zeit 
vom 28. Juni bis 5. December 1887 zu besiegen 
hatten. Schlimmer als Alles aber waren die Zwerge. 
Auch das Thierleben ist so unbeschreiblich wild 
und unnahbar, dass die Jagd kein Vergnügen 
gewährt." 

Stanley durchzog das Waldgebiet, indem er 
eine Zeit hindurch dem Laufe des Aruwimi folgte. 
Drei Wochen wurde kein Rasttag gehalten. Am 
13. August tödteten die Eingebornen fünf Mann 
durch Pfeiischüsse und verwundeten den Lieutenant 
Stairs. Ende August stiess die Expedition auf eine 
arabische Karawane, an deren Spitze ein gewisser 
Ugarrowwa, vormals Diener bei Capitän Speke, 
stand. Der Karawanenführer verleitete 26 von den 
Leuten Stanley's zum Abfall von diesem. Da die 
Vorrälhe zu schwinden begannen, sah sich St mley 
selber gezwungen, 5O Mann an Ugarrowwa ab- 
zugraben Der Weitermarsch nach Kilonga-Longa 
forderte neuerliche Opfer : 56 Mann, welche iheils 



dem Hunger erlagen, theils flüchtig wurden. In 
dieser Schreckenszeit bestand die Nahrung vor» 
wiegend aus wilden Früchten und Schwämmen. 
Zu seinem Schmerze musste es Stanley in Kilonga- 
Longa erleben, dass seine Leute Ihre Waffen und 
Habseligkeiten verkauften. Als die Expedition 
wieder aufbrach, zeigte es sich, dass die übrig 
gebliebenen Mannschaften so ausgehungert waren, 
dass 70 Lasten und das Boot zurückgelassen 
werden mussten. 

Bald nach dem Aufbruche von Kilonga-Longa 
überschritt die Colonne den Iluri — wie der 
Oberlauf des Aruwimi heisst — und gelangte 
in ein von den Arabern gänzlich verwüstetes 
Gebiet. In Ibwiri, wo Stanley zwei Wochen lang 
rastete, zeigte sich unter dessen Leuten ein der- 
art bedenklicher meuternder Geist, dass der un- 
erschrockene und unbeugsame Forscher zwei 
Haupträdelsführer summarisch hängen licss, um 
die Ordnung zur Noth aufrecht zu erhalten. End- 
lich, am 5. December, war der grosse Wald 
zurückgelegt. Nun kam es aber, kurz vor dem 
Ziele, zu höchst störenden Zwischenfällen. Zu- 
nächst verwehrte der mächtige Häuptling Masam- 
boni den Durchzug. Stanley Hess sein Lager (ein 
Dorf) befestigen, um hierauf, da Unterhandlungen 
nichts fruchteten, die Stellungen der Gegner an- 
zugreifen, welche in wilder Flucht auseinander- 
stoben. Das geschah am 11. December; Tags 
darauf wurde der Spiegel des Albertsees sicht- 
bar. Da die Eingeborenen sich abermals zum 
Kampfe stellten, Stanley's Leuten aber die Mu- 
nition ausging, zog sich Stanley nach Ibwiri, das 
er befestigen liess, zurück. Hier erkrankte der 
Forscher an einer Magenentzündung und war 
gezwungen, einen vollen Monat in hilfloser Unthä- 
tigkeit zu verharren. Nachdem durch diese Stö- 
rungen im Ganzen fast sieben Wochen verloren 
gegangen waren, brach die Expedition abermals 
nach dem .Albertsee auf. Merkwürdigerweise ver- 
hielt sich diesmal Masamboni freundlich und ent- 
gegenkommend, offenbar deshalb, weil er von der 
Anwesenheit Emins am Albertsee erfahren haben 
musste. Denn als Stanley nur noch eine Tag- 
reise von letzterem entfernt war, erhielt er durch 
die Vermittlung des Häuptlings Nachricht von 
ICmin, dahin lautend, Stanley möge in Kavalli 
(am Südwestende des Sees) verbleiben. Am 
2g. April, 5 Uhr Nachmittags, kam der Dampfer 
Emin'sin Sicht, und wenige Stunden später konnten 
sich die kühnen Männer die Hände schütteln. 

Welchen Verlauf die Begegnung nahm, haben 
unsere Leser im ersten .'Artikel erfahren. Hlrst 
gegen Ende Mai war die Situation so weit ge- 
klärt, dass Stanley nun an die schwierigste Auf- 
gabe schreiten konnte, die Nachhut einzuholen. 
Am 25. Mai wurde der Rückmarsch mit Aufgebot 
eines feierlichen Ceremoniells angetreten. .Am 
17. traf er in Banaija ein, wo er durch Bonny 
erfuhr, dass Barttelot ermordet und seine Colonie 
zersprengt sei. Von den 257 Leuten waren nur 
71 übrig geblieben; von diesen waren nach vor- 



100 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



genommener Musterung kaum 51 diensttauglich, 
und diese „waren zum grössten Theil Vogel- 
scheuchen". Noch bevor Stanley von der Kata- 
strophe, welche Barttelot ereilt hatte, Kenntniss 
erhielt, schrieb er letzterem vom „Fort Bodo" 
aus. Uiese Station, am Aruwimi gelegen, ist von 
Kavalli am Albertsee westwärts 120 englische 
Meilen (77 Stunden Karawanenmarsches), von 
Jambuja in gerader östlicher Richtung 527 eng- 
lische Meilen (352 Stunden Karawanenmarsches) 
entfernt. Die ganze Marschroute, welche Stanley 
in den 170 Tagen vom 28. Juni bis 14. üecember 
zurückgelegt hatte, ist sonach 647 englische 
Meilen oder logi Kilometer lang — eine Strecke, 
welche (in der Luftlinie gemessen) derjenigen 
zwischen Hamburg und Genua ungefähr gleich- 
kommt. Da sich die Expedition 160 Tage indem 
grossen mittelafrikanischen Urwalde befand, wurde 
dieser in einer Breite, welche annähernd der- 
jenigen von Mitteleuropa entspricht, durchquert! 
Dieses vergleichende Beispiel wird gewiss dazu 
beitragen, von allen anderen Factoren abgesehen, 
die grossartige Leistung Stanley's in's richtige 
Licht zu stellen. 

Ausser der ersten Begegnung Stanley's mit 
Emin und den hieran sich knüpfenden Zwischen- 
fällen und ausser den aufregenden Ereignissen, 
welche der zweiten Begegnung vorausgingen, ein- 
schliesslich der langwierigen Vorbereitungen, ist 
keine Episode dieses grossen Unternehmens von 
annähernd gleichem Interesse, als die Geschichte 
der Nachhut. Stanley widmet ihr einen beson- 
deren Abschnitt, und wenn wir auf die Einzel- 
heiten seiner Ausführungen näher eingehen, ge- 
schieht es aus dem Grunde, weil die Schicksale 
der Barttelot'schen Colonne ein grelles Licht auf 
jene Verhältnisse, welche zur Zeit am Ober- 
Congo herrschen, werfen und als deren Urheber 
der berüchtigte Tippu-Tib, recte Hamed ben 
Mohammed, anzusehen ist. 

Unter welchen Voraussetzungen Stanley die 
Aruwimi-Route gewählt und die Barttelot'sche 
Colonne in Jambuja zurückgelassen hatte, ist be- 
kannt. Dem Major waren zugetheilt : William 
Bonny, J. S. Jameson, ein reicher Privatmann, den 
der Drang nach Abenteuern und geographischen 
Entdeckungen in das Lager Stanley's geführt 
hatte ; ferner Herbert Ward und Troup. Neben 
der Wortbrüchigkeit Tippu-Tibs hat die Bartte- 
lot'sche Colonne nichts so sehr demoralisirt, als 
die wiederholt aufgetauchten Gerüchte von der 
Ermordung Stanley's. Zwar glaubte Barttelot nicht 
daran ; um aber leichter die Nachsuche nach dem 
Verschollenen anstellen :ju können, entledigt er 
sich eines Theiles der Lasten, was ihm Stanley 



hinterher sehr verübelte 



„Er schickt alle 



meine Kleidungsstücke, Skizzen und Karten, die 
Reservevorräthe der Expedition an Arzneien, 
Chemikalien zum Photographiren, die Extrafedern 
für die Winchester- und Remingtongewehre, 
wichtige Theile der Zelte und meine ganze Privat- 
ausrüstung zurück nach Bangala (am Mittel- 



Congo). Er versetzt mich in den Zustand völ- 
liger Nacktheit, und ich bin so arm, dass ich 
gezwungen bin, mir ein Paar Beinkleider von 
Herrn Bonny zu leihen, ein zweites aus einer 
alten weissen wollenen Decke im Besitze eines 
Deserteurs und ein drittes Paar aus dem Vor- 
hang meines Zeltes zu schneiden . . . Ferner 
macht er (Barttelot) eine ausgewählte Sammlung 
von eingemachten Früchten, Sardinen, Weizen- 
mehl, Sago, Tapioca, Arrowroot u. s. w. zurecht 
und verladet dieselben mit dem Dampfer, welcher 
Herrn Troup heimträgt. Und doch gibt es 
33 Sterbende im Lager." Des weiteren macht 
Stanley folgende Bemerkungen : Im Ganzen waren 
Barttelot 158 Kisten mit 80.000 Patronen über- 
geben worden. Während des elfmonatlichen Lager- 
lebens war dieser Vorrath bis auf 35.580 Pa- 
tronenzusammengeschmolzen, obwohl kein Marsch, 
kein Kampf stattgefunden hatte. Ausserdem waren 
die Hälfte des Schiesspulvers und zwei Drittel 
der Stoffballen verschwunden. Obwohl in Jam- 
buja ursprünglich ein Vorrath von 300.OOO Zünd- 
hütchen vorhanden war, hielt man es doch für 
nothwendig, solche für 48 Pfd. St. von Tippu- 
Tib zu kaufen. 

Angesichts der Schneidigkeit Barttelot's, des 
Pflichteifers und der Regsamkeit der anderen, dem 
Major zugetheilten Hilfsarbeiter erscheint es wie 
ein Räthsel, dass die Nachhut mit ihren reichen 
Vorräthen an Munition und Provisionen fast ein 
Jahr lang am unteren Aruwimi festgenagelt blieb. 
Auch Stanley findet dieses Verhalten unerklärlich, 
umsomehr, als er klare Instructionen für den Be- 
fehlshaber und dessen Mitarbeiter hinterlassäen hatte. 
Wir denken, dass gerade diese letzteren Mitursache 
der Verzögerung, beziehungsweise der gänzlichen 
Desorganisation der Nachhut waren, denn die 
stramme Disciplin, das stricte Befolgen aller Be- 
fehle, wie überhaupt die militärische Organisation 
der Expedition schränkte den Wirkungskreis des 
Einzelnen auf ein Minimum ein. Zwar verwahrt sich 
Stanley, „Befehle" gegeben zu haben; es wären 
nur „Weisungen" gewesen, welche auf Grund der 
jeweiligen Sachlage nach eigenem Ermessen der 
betreffenden Colonnenführer befolgt oder nicht be- 
folgt werden sollten. Nun denke man sich in die 
Lage eine.s, an stramme Disciplin gewöhnten Offi- 
ciers, welcher den Auftrag hat, mit Hilfe der von 
Tippu-Tib beizustellenden Träger die von Stanley 
getroffenen Marschdispositionen durchzuführen, diese 
Träger aber trotz aller Urgenzen nicht erhält. Wenn 
Stanley selber volles Vertrauen in Tippu-Tib setzte 
und hinterher hierin grimmig getäuscht wurde : wie 
sollte der auf afrikanischem Gebiete und im Ver- 
kehr mit Araberhäuptlingen gänzlich unvertraute 
und arglose Barttelot mit einem Manne von der 
Verschlagenheit und dem heimlichen UebelwoUen 
— bei äusserlich tadelloser Freundlichkeit und 
scheinbarer Dienstbeflissenheit — eines Tippu-Tib 
fertig werden? Und wenn alsdann die Träger statt 
in „neun Tagen" noch nach Ablauf von elf Monaten 
nicht zur Stelle sind und ausserdem zahlreiche 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEM ORIENT. 



101 



störende Zwischenfälle störend einwirken : wie kann 
man es da verargen, wenn die Colonne nicht vom 
Flecke kommt? 

Stanley ist im höchsten Grade darüber auf- 
gebracht, dass Rarttelot Munition und Lebensmittel 
nach Bangala zurücksendet, angesichts der Noth, 
welche die Vorhut litt. Erstens konnte Barttelot 
von diesem Zustande der Dinge keine Kenntniss 
haben, wobei noch weiter in Betracht kommt, dass 
Stanley todtgesagt wurde ; zweitens nahmen die 
Verhandlungen mit Tippu-Tib, der Träger wegen, 
Monate in Anspruch ; ohne Träger aber war an ein 
Nachrücken überhaupt nicht zu denken ; drittens 
erwiesen sich auch die Instructionen als ein Hinder- 
niss. Stanley, der mit Recht auf die Befolgung 
solcher Instructionen grosses Gewicht legt, ist un- 
gehalten darüber, dass Barttelot's Mitarbeiter alle 
Dinge geschehen lassen, wie sie ihr Befehlshaber 
anordnet, was doch nur in Conse<iuenz der von 
Stanley hochgehaltenen Disciplin geschieht. Ais 
dieser mit Bonny, dem einzigen noch zur Stelle 
weilenden Officier Barttelot's, mit den Trümmern 
der Nachhut in Banalja zusammentrifft, ents[)innt 
sich folgender charakteristische Dialog : 

Stanley: „Nun, Herr Bonny, wenn es wahr ist, 
dass sie Alle so begierig waren und eifrig und 
dringend wünschten, fortzukommen, dann sagen Sie 
mir, weshalb Sie nicht auf einen besseren Plan 
verfallen sind, als zwischen Jambuja- und den 
Stanley-Fällen hin- und herzureisen ?" 

Bonny : »Das weiss ich wahrlich nicht. Ich 
war nicht Chef, und wie Sie bemerken werden, 
haben Sie in dem Instructionsschreiben nicht einmal 
meinen Namen genannt." 

Stanley: „Uns ist sehr wahr, und ich bitte 
deshalb um Entschuldigung." . . . 

Diese Entschuldigung ist doch wohl nur eine 
schwache Ausflucht, ja gewissermassen eine Selbst- 
bekenntniss mangelhafter Instructionen. Aber selbst 
den Fall gesetzt, die Nachhut, beziehungsweise 
deren Führer, hätten ganz nach eigenem Ermessen 
gehandc'lt: wurden nicht in Sansibar unter den 
Augen der competentcn Behörde mit Tippu-Tib 
bindende Abmachungen vereinbart, welche die 
Basis für das Verhalten der Nachhut abgaben ? 
Sehen wir einmal zu, wie es sich damit verhält. 

Am 17. August 1887 hörten die Führer der 
Nachhut jenseits des Aruwimi, didit gegenüber 
von Jambuja, Gewehrfeuer. „Weissgekleidete 
Männer" (d. h. Araber) trieben Rudel von Ein- 
geborenen gegen den F'luss. Es stellt sich heraus, 
dass es Marodeure Ti]ipu-Tib's sind, weiche von 
den Stanleyfäilen kommen. I lierbei erfährt Barttelot, 
dass diese letzteren nur sechs Tagmärsclie von 
Jambuja entfernt seien. Nichts ist begreiflicher, als 
der lilntschluss des Majors, in Anbetracht der ge- 
ringen Entfernung des Aufenthaltes Tippu-Tib's, 
diesen aufzusuchen, um nachzusehen, wie die Dinge 
stehen. Barttelot sendet Ward dorthin, und am 
2g. August bringt dieser die Botschaft, 'l'ip[)u-Tib 
werde die erforderlichen Träger innerhalb zehn 



Tage schicken. . . Das erste, im Juni gegebene 
Versprechen lautete „innerhalb neun Tagen", das 
Versprechen im August lautete „innerhalb zehn 
Tagen". . . . Einige Tage später kommt Jameson 
in Begleitung des Selim ben Mohammed, eines Neflfcn 
Tippu-Tib's, von den Fällen zurück. Diese Truppe 
soll die Vorhut des Trägcrcontigentes sein, das 
Tippu-Tib binnen Kurzem persönlich mitbrin- 
gen will. 

Während man in Jambuja auf ihn wartet, 
brechen aber Unruhen am Somumi aus, und Tippu- 
Tib ist gezwungen, dorthin zu eilen. Des langen 
Harrens müde, begibt sich Barttelot persönlich 
nach den Stanley-Fällen und begegnet hiebei dem 
Gesuchten, der sich auf dem Marsche nach Jambuja 
befindet. Es stellt sich heraus, dass Tippu-Tib nicht 
im Stande ist, die contractiichen 600 Träger zu- 
sammenzubringen, doch glaubt er, sie in Kasongo 
aufbringen zu können — 560 Kilometer oberhalb 
der Fälle 1 Zur Bewältigung dieses Weges (hin und 
zurück H20 Kilometer) waren aber 42 Tage er- 
forderlich. 

Unterdessen macht sich im Lager zu Jambuja 
der nacKtheilige Einfluss der Manjema bemerkbar, 
indem der Tauschhandel fast gänzlich aufhört. In 
Folge dessen sendet Barttelot Herrn Ward zum 
dritten Male nach den Fällen, damit dieser Klage 
gegen den Manjema-Führer vorbringe. Die Be- 
schwerde hat Erfolg, und der Führer wird sofort 
abberufen. Zu Beginn des Jahres 1888 trifft Selim 
ben Mohammed zum zweiten Male in Jambuja ein 
und zeigt ein derart feindseliges Verhalten, dass 
der Major und Jameson um die Mitte des Februar 
den vierten Besuch der Fälle unternehmen. Selim 
ist vorsichtig genug, mitzugehen, und es ist auch 
sonst ohne Weiteres klar, dass der Onkel den 
Neffen nur pro forma desavouiren werde. In der 
That erscheint Selim zum dritten Male in Jambuja, 
und es kommt abermals zu Differenzen zwischen 
ihm und dem Major, wodurch dieser gezwungen ist, 
den fünften Besuch an den F'ällen zu machen, damit 
jener entfernt werde. Um die Mitte des April kehrt 
Barttelot in's Lager zurück, und Selim erhält den 
Befeld, Jambuja zu verlassen. Statt sich aber nach 
den Fällen zu begeben, unternimmt er einen Raub- 
zug, kehrt jedoch bereits nach kurzer Zeit zurück 
und behauptet, er habe ein Gerücht vernommen, 
demzufolge die Vorhut auf dem Aruwimi herab- 
komme. 

Am 9. Mai 1888 begibt sich der Major zum 
sechsten Male nach den Fällen und am 22. des- 
selben Monates kehrt er mit dem unermüdlichen 
Jameson, der den Spuren Ti|)pu-Tib's n.ich Ku- 
songo gefolgt war und eine grosse Truppe von 
Manjema-Trägern aufgebracht hatte, zurück. Drei 
Tage später trifft der grosse afrikanische Cunctator 
ein — am 12, Mai 1888, anstatt am 18. Juni 1887, 
wie er versprochen hatte. Nun begannen .iber neue 
Schwierigkeiten. Da Tippu-Tib erklärte, die Lasten 
zu 60 Pfund seien zu schwer, musste alles Gepäck 
in Lasten zu 40, 30 und 20 Pfund umgepackt wer- 
den, so dass die Expedition — insgcsammt 100 



102 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR I^N ORIENT. 



Mannschaften und 900 Manjema, Männer, Frauen 
und Kinder — erst am 11. Juni aufbrecl.en iionnte. 

Es ist ohne Weiteres klar, dass die Nachhut, 
würde sie die 1290 Kilometer, welche Harttelot 
auf seinen sechs Reisen nach und von den Stanley- 
Fällen gemacht hatte, auf der directen Aruwimi- 
Route zurückgelegt haben, längst am Albertsee ein- 
getroffen sein würde. Der grenzenlose Wirrwarr ist 
jedenfalls auf das starre Festhalten Barttelots an 
den Abmachungen mit Tippu-Tib, beziehungsweise 
auf die Saumseligkeit des letzteren, der damit offen- 
bar das Unternehmen zum Scheitern bringen, sich 
selber aber schlauer Weise nicht biosssteilen 
wollte, zurückzuführen. Aber gesetzt den Fall, Hart- 
telot verliert schon nach den ersten Versuchen 
an den F'ällen die Geduld und marschirt von Jam- 
buja ab ; wäre unter solchen Umständen Barttelot 
nicht in die zwingende Lage versetzt worden, alle 
nicht transportfähigen Lasten zurückzulassen? Und 
welche Aussicht hatte das Unternehmen, wenn es 
in unfertigem Zustande in Scene gesetzt wurde? 
Man steht hier in der 'I'hat vor einem Dilemma, 
das keineswegs damit aus der Welt geschafft wird, 
wenn Stanley einmal den Verlust so vieler herr- 
licher Sachen des Reserve-Gepäcks, ein andermal 
den Träger-Wirrwarr bekrittelt und schliesslich 
gleichwohl mit keinem Worte eröffnet, was eigent- 
lich hätte geschehen sollen. Prüft man alleFactoren 
objectiv, so ergibt sich klar und deutlich das Ver- 
halten Ti])pu-'ribs als das Grundübel. Wenn es 
aber ein schwerer Irrthum war, sich auf diesen 
habsüchtigen und übelwollenden Araber-Chef zu 
verlassen, trifft die Schuld hieran keineswegs den 
Befehlshaber und die Officiere der Nachhut, son- 
dern — Stanley, der den ganzen Plan auf Tippu- 
Tib aufgebaut hatte. 

Dreizehn Tage nach dem Abmärsche der Horde 
von Manjema und der blutleeren Sansibariten von 
dem Unglückslager bei Jambuja unternimmt Bart- 
telot die siebente Reise nach den Stanley-Fällen 
und überlässt es der Colonne, sich ohne ihn nach 
Banalja durchzukämpfen. Am 43. Tage erreichte 
die Spitze der Nachhut auf dem 144 Kilometer 
langen Marsche das mit Palissaden umgebene Dorf 
Banalja, welches inzwischen eine Station Tippu- 
Tib's unter Befehl .Abdallah Karoni's geworden ist. 
Fast zur selben Stunde trifft der Major von den 
Fällen ein. Aber schon am nächsten Tage geräth 
er mit Karoni in Streit und droht, am 20. Juli die 
achte Reise nach den Fällen zu unternehmen und 
sich bei Tippu-Tib zu beschweren. 

Da ereignete sich am 19. die Katastrophe. 
Früh Morgens begann ein Manjema- Weib in ge- 
wohnter Weise das Tamburin zu schlagen und zu 
singen. William Bonny erzählt weiter: „Der Major 
sandte seinen Jungen Saudi, der erst etwa 13 Jahre 
alt war, hin mit dem Befehl, damit aufzuhören, 
worauf man sofort laute, ärgerliche Simmen hörte, 
sowie zwei Schüsse , die zum Trotz abgefeuert 
wurden. Nun schickte der Major einige Sudanesen 
hin, um die Leute, welche geschossen hatten, zu 
holen, während er selbst aus dem Bette sprang und, 



seine Revolver aus den Kasten nehmend, sagte : 
„Ich werde den ersten, den ich beim Schiessen 
treffe, niederstrecken." Ich bat ihn, sich nicht in 
die täglichen Gewohnheiten der Leute zu mengen, 
sondern lieber drinnen zu bleiben, da sie sich dann 
bald wieder beruhigen würden. Er begab sich je- 
doch mit dem Revolver hinaus, wo die Sudanesen 
waren. Sie sagten ihm, sie könnten die Leute nicht 
finden, welche geschossen hatten. Der Major stiess 
hierauf einige Manjema zur Seite, drängte sich 
durch, ging auf das das Tamburin schlagende und 
singende Weib zu und forderte es auf, stille zu sein. 
In demselben Augenblicke feuerte Sanga, der Gatte 
des Weibes, durch ein Luftloch in einer gegen- 
überliegenden Hütte einen Schuss ab, dessen Kugel 
den Major gerade unterhalb der Herzgegend traf, 
am Rücken wieder herauskam und in einem 'Theile 
der Veranda stecken blieb, unter welcher der Ge- 
troffene todt zu Boden stürzte." 

Man denke sich den Wirrwarr nach diesem 
entsetzlichen Vorfall — innerhalb eines Raumes 
von 1507« Länge und 24 w Breite, in welchem ins- 
gesammt 1000 Personen anwesend waren, darunter 
900 Kannibalen. Ein allgemeines Schreien, Flüchten 
und Plündern begann. Niemand, auch die Suda- 
nesen und Sansibariten nicht, machten hievon eine 
Ausnahme. Einen Augenblick hatte es den An- 
schein, dass es auch Bonny an den Kragen gehen 
sollte, doch schüchterte derselbe die auf ihn in 
drohender Haltung zukommenden Manjema durch 
seine Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart ein. Herr 
Jameson war nicht im Lager, sondern eine Tage- 
reise entfernt, mit dem Transport der zurückge- 
bliebenen Lasten beschäftigt. Am 22. Juli, trifft er 
im Lager ein, und schon am 25. tritt er die (achte) 
Reise nach den F'ällen an, um Tippu-'Tib zu be- 
wegen, persönlich die Führung der Nachhut zu 
übernehmen. Jameson, ein reicher Mann, erbot sich, 
10.000 Pf. St. aus seiner Tasche zu zahlen, und 
sollte diese Summe eventuell verdoppelt werden, 
obwohl er keine Garantie übernehmen könne, dass 
das Comite den Rest bestritte. Während difses Auf- 
enthaltes bei 'Tippu-Tib wurde der Mörder Sanga 
an den Stanley-Fällen eruirt, durch 'Tippu-'Tib, im 
Beisein des belgischen Residenten in der Fall- 
Station als Schuldiger erkannt und sofort erschossen. 
Da schon früher Herr Ward nach der Küste mit 
einer De[)esche an das Comite, welches die Bitte 
um neue Instructionen enthielt, entsendet worden 
war, hegte Jameson den Wunsch, Herrn Ward ent- 
gegenzueilen. E^r machte sich in einem Canoe mit 
10 Sansibariten von den Fällen auf, zog sich aber 
auf der strapaziösen Reise ein Gallenfieber zu, wel 
ches den 'Tod des wackeren Mitgliedes der E.xpe 
dition herbeiführte. Tag und Nacht ruderten die 
Canoeleute, um das Ziel, die Station Bangala, 
zu erreichen, wo sie gerade noch früh genug ein- 
trafen, um den Sterbenden Herrn Ward in die Arme 
zu legen und wo er seinen letzten Athemzug that. 
Es war dies in derselben Stunde, da Stanley in 
Banalja anlangte; und die Fi age that : „WoistJame- 



% 



1 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



103 



Da 1 1< ir 'rroup sclion von Jambuja aus als 
Invalide dii; RiUkreise nacli liuropa angetreten 
hatte, war William Honny der letzte der Officiere, 
in dessen Händen das Schicksal der ICxpedition la^. 
Wahrhaft jjrauenerregend ist die Sciiildening, 
welche Stanley von dem Lajjer in Banaija, wo er 
am 17. August eintraf, entwirft . . . „lis waren noch 
sechs Leichen unheerdigt, und zu Dutzenden sahen 
wir die Lebenden mit Eiterheulen vor uns. Andere 
waren in Folge von Dysentrie und Blutleere bis 
auf Haut und Knochen abgemagert; andere wieder, 
mit Geschwüren so gross wie Untertassen, krochen 
herbei und riefen uns mit hohler Stimme ihr 
schreckliches Willkommen zu — Willkommen auf 
diesem Kirchhofe! . . . Ich vernahm von Mord und 
Tod, von Krankheit und Sorge, von Kummer und 
Noth, und wohin ich sah, begegn(;ten meinen 
Blicken die hohlen Augen der vSterbenden mit 
solchem vertrauenden, flehenden Ausdruck, dass 
ich glaubte, das Herz müsse mir brechen, wenn 
nur ein Seufzer hörbar wurde . . . Hundert Gräber 
in Jambuja, 33 Mann im Lager zuiückgelassen, um 
umzukommen, 10 Leichen am Wege, etwa 40 Per- 
sonen im Dorfe, die im Begriffe standen, den 
schwachen Halt am Leben fahren zu lassen, über 
20 Desertirte und 60 im leidlichen Zustande ge- 
rettet!" . . . Das war der Rest von den 271 Mann, 
welche Stanley in Jambuja zurückgelassen hatte. 

Nachdem Stanley die Reste derBarttelot'schen 
Colonne gesammelt hatte, trat er am 21. August 
1888 (also nachdem er sich nur vier Tage Rast 
gegönnt hatte), den dritten Marsch nach dem 
Albertsee an, wo Je|)hR(m bei Kmin zurückgeblieben 
war. Von der aus.st'rordentlichcn Fürsorge Stan- 
ley's für seine Leute spricht der Umstan<l, dass 
Jener auf diesem beschwerlichen Marsche auch die 
Kranken mit sich nahm, und zwarinCanoes. Später 
mussten diese zurückgelassen werden. Ks wurden 
hartnäckige Kämpfe mit den lüngeborenen geführt, 
und schliesslich raffte der Hunger die Leute massen- 
haft hinweg. Line Abtiieihing Fourageure kam durch 
die aufopfernde Thätigkeit Stanley's gerade noch 
rechtzeitig zurück, um den grössten Theil der (-o- 
lonne vom Hungertode zu retten. Später wurden 
Pisang[)flanzungen betreten, das Land der Wam- 
bulti-Zwerg<' dur<h<iuert und am 20. Decendier 
endlich Fort Biido erreicht. 1 lier hatte Lieutenant 
Stairs während der siebenmonatlichen Abwesenheit 
Stanley's wacker ausgeharrt. VonlCminund Jeplison 
fehlten alle Nachrichten. Krst Mitte Jänner 1889 
wurde der Albert-See erreicht. 

Hier, zu Gavirass, erfuhr Stanley von der 
völlig veränderten Situation in Ac(iuat()ria. Wir 
hallen in unserem ersten Artikel hierüber ausführ- 
lich berichtet und aller Freignisse eingehend ge- 
dacht, bis zu dem Zeitpunkte, da Stanley und Kmin 
mit Gefolgschaft am 10. April das Lager von Ka- 
valli verliessen und wie nur zwei Tage später 
Stanley lebensgefährlich erkrankte, wodurch die 
("olonne gezwungen war, 28 Tage im Masamboni 
liegen zu bleiben. Nach der Genesung des Reisen- 
den wurden die Balaggaberge überstiegen, wobei 



mehrere Gefechte mit den Bewohnern stattfanden. 
Fnde Mai gelangte Hie Expedition zu dem 1877 
von Stanley aus der Ferne gesehenen See, dem 
Muta Nzige, dessen Umfang nun festgestellt werden 
konnte, und der den Namen All)ert Fdward-See 
erhielt. Der Weitermarsch ging längs des Süd- 
westufers des Victoria-Sees — welcher hier eine 
bisher unbekannte grosse Ausbuchtung nach Süd- 
westen, gegen den Tanganjika hat — und am 
27. August wurde die Missionsstation IJsam- 
biro am Südufer des Victoria-Sees erreicht. 
Nun ging der Marsch nach Süden, gerade 
aufTabora zu, auf die Plateaufläche von Unjamwesi. 
Am 10. November endlich wurde die erste deutsche 
Station, M[)wa[)wa, erreicht, und am 5. üecember 
trafen die Langersehnten in der Küstenstation Ba- 
gamoyo ein, nachdem sie kurz vorher von einer 
vom Major v. Wissmann entgegengeschickten Co- 
lonne unter v. Gravenreuth, welche Kleider und 
Provisionen mit sich führte, begrüsst worden waren. 
Das erste officiellc Willkommen wurde den Ge- 
retteten vom Kaiser Wilhelm zutheil, zur freudigen 
Ueberraschung der so lange Zeit von der Civili- 
sation abgeschnitten gewesenen heldenmüthigen 
RtMsenden. Mitten im Festjubel aber ereilte die eine 
der beiden Hauptpersonen dieser afrikanischen 
Anabasis ein tragisches Geschick — der Sturz 
ICmin Pascha's von der Terrasse des deutschen 
Hauses, das die Heimgekehrten gastlich aufge- 
nommen hatte. Bekanntlich ist es der ärztlichen 
Kunst gelungen, das kostbare Leben Kmin Pascha's 
zu retten. Während Stanley daheim auf seinen Lor- 
beeren ausruht, ist Kmin längst wieder in das 
Innere des dunklen Krdtheiles vorgedrungen, und 
harrt die civilisirte Welt mit grösster Spannung der 
Dinge, welche die Rückkehr Emin's nach Aequa- 
toria im Gefolge haben wird. 

Obwohl wir mit den beiden vorausgegangenen 
Artikeln über die ohnegleichen dastehende letzte 
grosse Expedition Stanley's die Geduld der freund- 
lichen Leser bereits mehr als billig in Anspruch 
genommen haben, erweist es sich gleichwohl als 
unumgänglich nothwendig, noch ein drittes Mal 
auf dieselbe zurückzukommen. Dieser Schluss- 
artikel soll ausschliesslich den geographischen Ent- 
deckungen und wirthschaftlich-commerciellen That- 
sachen gewidmet sein. 



VOM ABERGLAUBEN DER TÜRKEN. ^^.^CnJlfh^iJ 

Wenn Goethe den Aberglauben „Die Poesie 
des Lebens" nannte, so ist man heute zu der gewiss 
weit richtigeren Erkenntniss fortgeschritten: der 
.■\berglaube ist das Wissen der Vorzeit. Was uns 
vom Standpunkte strenger Forschung als »Vcr- 
irrung des menschlichen Geistes" gilt und, wie die 
Geschichte lehrt, oft unsägliche Greuel hervor- 
gerufen hat, die im Dienste eines Wahnes begangen 
wurden, ist daher gerade vom Standpunkte strenger 
l'orschung selbst der höchsten Beachtung werth, 
denn auch der .\berglaube hat seine Geschichte, 



104 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT fOr DEN ORIENT. 



und diese ist innerhalb der allgemeinen Geschichte 
der Menschheit eines der allerfesselndsten Capitel. 
Schon haben wir daraus die überraschende That- 
sache gewonnen, das antiker und moderner Volks- 
glaube in ihrer Wesenheit übereinstimmen. Ebenso 
aber wie trotz des tausendjährigen Ringens nach 
Licht und Freiheit des Geistes nur einzelne Geister, 
nicht die Massen, von dem schnürenden Alpdruck 
der alten Wahnvorstellungen befreit haben, welche 
blos milder und gefahrloser geworden sind, ebenso 
müssen wir angesichts derLehren der vergleichenden 
Völkerkunde das demüthigende Geständniss ab- 
legen , dass der Aberglaube bei den höchst- 
gestiegenen wie bei den niedrigsten Menschen- 
stämmen in seiner Wesenheit derselbe ist; auch 
hier sind nur Abstufungen des Grades zu erkennen. 
Dieses Mehr oder Weniger ist es demnach, welches 
für die Culturstellung der einzelnen Völker in's Ge- 
wicht fällt. 

Prüfen wir von diesem Gesichtspunkte den 
Aberglauben des Morgenlandes, worunter ich be- 
sonders das Reich der islamitischen Turkvölker ver- 
stehen möchte, so sehen wir dort zunächst den 
Glauben an das Geschick mit aller Kraft entwickelt. 
Eigenthümlich ist ihnen derselbe nicht, denn die 
Germanen und mehr noch die Slaven hatten und 
haben noch ihre drei Schicksalsgöttinnen, welche 
bei der Geburt eines Kindes dessen Lebensgang 
vorherbestimmen, bei den Türken jedoch ist das 
Kismet iehnü olahjak (d. h. das Geschick muss sich 
erfüllen), ein Bann, der schwer auf dem Einzelnen 
wie auf dem ganzen Volke lastet und dessen beste 
Kräfte nicht selten lähmt. Wie sehr sie auch in Ge- 
schlecht, Alter und Lebensstellung von einander 
verschieden sein mögen , festgewurzelte Ueber- 
zeugung Aller ist, dass man ebenso wenig den 
Lauf des Geschicks in der Zukunft beeinflussen, 
wie die Vergangenheit abändern könne. Wer eine 
der überlieferten Schicksalssatzungen bricht, wird 
daher von allen Türken auch schon als dem Un- 
heile verfallen betrachtet. Und dennoch ! Das reli- 
giöse Bedürfniss der Annahme übernatürlicher 
Kräfte , welches mit so tausendfach verästelten 
Klammerwurzeln im Gemüthe der Menschheit haftet, 
weiss das Unheil zu beschwören und auf mystischem 
Wege das Möglichste zur Sicherung des Daseins 
zu thun. So ist einer der unerschütterlichsten Aber- 
glaubenssätze : dass das Kismet sich nicht an einen 
Menschen heranwage, der einen Bau unternommen, 
so lange dieser nicht gänzlich ausgeführt ist. Des- 
halb sucht Jeder, der es vermag, sich sein Leben 
durch einen Bau zu verlängern, und mit Neid be- 
trachtet der Arme diese Hilfsmittel der Reichen. 
Ein Bau, der trotz des Glaubenssatzes durch den 
Tod seines Eigners unterbrochen wird, bleibt bei- 
nahe immer als vorzeitige Ruine stehen, soweit er 
eben gediehen ist. An den Ufern des Bosporus kann 
man eine Menge derartiger Häuserüberbleibsel ge- 
wahr werden. Wird irgend einmal ein solches aus- 
gebaut, so finden gar viele Opfer- und Besch wörungs- 
ceremonien statt, die „Scheitan", „Afrit" oder 
„Ghul", die darin Sitz genommen haben, daraus zu 



vertreiben. Erstere sind Teufel, die Afrit sind böse 
Geister und die Ghul eine Art Vampyre, die sich 
von Leichen nähren und deren Wächter, wenn sie 
Widerstand leisten, in das Höllenreich entführen. 
Mit diesen Dämonen tauchen auch die Türken tief 
in das graue Alterthum. Den Teufelsglauben haben 
sie wohl von den Juden, von welchen so Vieles 
in den Islam übergegangen ist ; im Satan der 
späteren Schriften des Alten Testaments erkennen 
wir aber den altpersischen Ahriman wieder, mit 
dem die Juden in der babylonischen Gefangenschaft 
bekannt geworden waren. Die Afrit treiben aber 
nicht allein in unbewohnten Räumen ihr unheim- 
liches Wesen, sondern machen es sich auch in be- 
wohnten gern bequem. Darum legt man inmitten 
jedes zur Nachtruhe vorbereiteten Bettes ein flaches 
Kissen, damit nicht ein Afrit den Platz des fiigen- 
thümers einnehme und ihm einen bösen Streich 
spiele, wenn er zur Ruhe gehen will. Die Ghul sind 
blos eine der vielen Formen des Vampyrglaubens, 
der zwar bei den slavischen Völkern am aus- 
geprägtesten erscheint, im Uebrigen aber über die 
ganze lirde verbreitet ist. Nachweislich wird er 
nicht blos in Ostasien, sondern auch in Afrika wie 
in Amerika und selbst in der Südsee angetroffen. 
Wenn Manche den Türken den Vampyrglauben ab- 
sprechen, so haben sie eben die Ghulen ausser- 
acht gelassen. Orthodox im Islam ist ferner der 
Glaube an die „Dschinn" (Genien, Nachtgeister), 
auf türkischem Gebiete sind diese indess ganz nebel- 
hafte Spukgestalten, die man nur vom Hörensagen 
kennt. Nachweisbare Schädigungen werden ihnen 
nicht zugeschoben. 

Auch das Traumauslegen ist sehr im Schwünge 
bei den Turkvölkern und liefert einen der ergiebigsten 
Gesprächsstoffe nicht blos im Harem, wo die Weiber 
grosses Gewicht darauf legen, sondern auch in 
den Kaffeehäusern. Jemand, der in dieser Kunst 
geschickt ist, ist in jedem türkischen Hause will- 
kommen. Wahrhaft gefürchtet ist der „Böse Blick' 
oder das „Böse Auge", und dieser Glaube, dass 
ein Mensch den anderen durch den blossen Blick 
schädigen und Krankheit oder Leiden über ihn 
bringen könne, ist eben so alt als weitverbreitet. 
Wir begegnen diesem Aberglauben schon im An- 
beginn der Geschichte und sehen ihn mit über- 
raschender Uebereinstimmung bei den verschie- 
densten Völkern durch den Lauf der Jahrhunderte 
sich bis in die Gegenwart fortpflanzen. Seinen 
geographischen Mittelpunkt hat er in den Ge- 
stadeländern des Mittelmeeres, von wo er sich 
concentrisch über die angrenzenden Erdtheile 
verbreitet. Kindern insbesondere soll der Böse 
Blick tödtlich sein ; die Bagdader Türken fürchten 
aber noch mehr als diesen den Bösen Geruch, 
von dem sich die Leute keine deutliche Vor- 
stellung machen können. Kein Kameel , kein 
Rind, kein Schaf, kein kleines Kind bringen die 
Türken ohne Schutz gegen das Böse Auge in's 
Freie. Solchen Schutz gewährt das Tragen von 
Amuletten oder Talismanen, worin sich ein Rest 
von altem Schamanismus ausspricht. Die türkische 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIi»T fOr DEN ORIENT 



105 



Legende führt, wie fast alle Cultureigenheiten, 
so auch den Talisman auf die Zeit und die 
Umgebung Mohammeds zurück. Amulette zum 
Schutze vor bösen Geistern und zur Heilung von 
Krankheiten sind aber weit älter und finden 
schon in den Schriften des Alten Testamentes 
Krwähnung. Es gibt deren sehr verschiedene 
Arten ; bei den Türken Mittelasiens bestehen sie 
entweder aus vollgeschriebenen Papierstreifen 
oder aus dem Augapfel der vSchafe, aus schwarzen 
Steinchen, aus Adlerkrallen, aus liulenfedern oder 
solchen sonn- und wettergebleichten Fetzen, die 
der Wind von irgend einer Votivstaude abge- 
weht hat. Man heftet sie theils an die Kappe, 
theils an den linken Aermel des Kleides. Gegen 
den Hosen Blick leistet irgend eine Verzierung 
von blauer Farbe, blauen Glas[)erlen u. dgl. gute 
Dienste ; in der Ermanglung dessen thut es auch 
ein Büschel Knoblauchknollen. Eine Specialität 
gegen das Böse Auge hat die Abbildung des 
mystischen Thieres Akama, das dem egyptiscben 
Sphinx ähnlich, aber weiblich ist, also so wie 
die Sphinxe bei uns häufig unrichtig dargestellt 
werden : Körper eines Löwen, Kopf und Brust 
einer Frau. Gärten und Felder schützt man — 
ähnlich wie in Niedersachsen — durch Pferde- 
köpfe und an manchen Orten, indem man einen 
ganzen todten Dachs mit Haut und Haaren, den 
Kopf nach oben, auf einen Pfahl steckt. Es gibt 
noch andere Amulette gegen den Bösen Blick, 
die zum Theile wenigstens offenbar noch aus 
dem classischen Alterthume und dem alten By- 
zanz herstammen: Vogelklauen, Hirschkäferhörner, 
geschnitzte Thiere u. s. w. Solche Talismane 
werden noch jetzt geschnitzt und wie Handels- 
waare verkauft; in der Regel sind es abgerundete 
viereckige Plättchen von hartem Stein, Achat, 
Karneol, Jaspis u. dgl. mit einem Bannspruch, 
der sich meist auf Allahs Macht, Güte und Hilfs- 
fähigkeit bezieht. Solche Täfelchen, mit magi- 
schen Worten beschrieben, kommen mehrfach 
in mannigfacher Form schon in den Keilschriften 
vor, ja gelegentlich werden kleine babylonische 
Keilschriftcylinder jetzt noch als Amulette ge- 
tragen; sie thun also noch immer den Dienst, 
zu dem sie vor 4 — 5000 Jahren augefertigt 
wurden. Den Haremsdamen ist es von grosser 
Wichtigkeit, ein Amulet zu tragen, in welchem 
der innigste Herzenswunsch verzeichnet steht. 
Kein menschliches Auge aber darf es erblicken 
und dies zu verbergen, ist eine sehr wichtige 
und schwierige Aufgabe. In der Regel leitet sich 
die Kraft des Amulets von nichts Anderem ab 
als von der Weihe und Kraft des eingegrabenen 
Spruches ; doch läuft zuweilen auch dunklerer 
Zauberglaube mit unter. Jedenfalls hält aber die 
türkische Frau, welche z. B. ihrem Kinde einen 
solchen Talisman umhängt, dasselbe gesichert 
gegen Unfälle, in ganz ähnlicher Weise wie etwa 
die Italienerin oder Spanierin, die ihrem Jungen 
ein Scapulier oder ein Madonnenbildchen um den 
Hals bindet. 



Nebst dem Bösen Auge erregt grosse Angst 
auch das „Berufen" oder „Beschreicn". Der 
Fremde thut nicht gut daran, ein hübsches, 
kleines Türkenkind aus nächster Nähe freundlich 
zu bewundern. Entschlüpft ihm etwa der unvor- 
sichtige Ausruf: Ne guzel tschudjuk ! (welch 
hübsches Kind!) so wird er schleunigst gebeten, 
dem bewunderten Kleinen in's Gesicht zu spuken 
oder das angestiftete Unheil doch mindestens durch 
ein Masch-AIIah ! (wie Gott will) zu mildern. Dies 
sind aber nicht hier und dort auftauchende Züge, 
es ist die Regel im türkischen Leben. Die Sage 
„vom Neid der Götter" gehört ja überhaupt zum 
haltbarsten und vertrautesten Besitze der Mensch- 
heit. Sind die Kinder einige Jahre alt, so lässt 
die Sorge, dass ihnen ein Zauber angethan werde, 
nach ; sie kommt erst später und nur beim weib- 
lichen Geschlechte wieder zum Vorscheine, näm- 
lich dann, wenn die Frauen Hoffnung haben, 
einen Sohn oder eine Tochter zu bekommen, 
dann aber auch mit grosser Heftigkeit; sie werden 
deshalb von ihren sämmtlichen Freundinnen und 
Verwandten mit Amuletten und sonstigen Sachen 
behängt. 

Von schädlichem Zauber höre man, ausser 
vom Bösen Auge und dem Berufen, wenig im 
türkischen Morgenlande, behaupten einige Quellen ; 
es sei selten, dass eine bestimmte Person als 
gewohnheitsmässige Urheberin von allerlei Unheil, 
als Hexe oder böser Zauberer, bezeichnet werde. 
Für gewöhnlich sei der Zauber bei den Türken 
gutartig ; er soll fördern, nicht bedrohen. Dieser 
Ansicht wird von anderer Seite widersprochen. 
Darnach wäre man vielmehr den Zauber- und 
Hexenkünsten gar hold, und Zauberinnen und 
Hexenmeister seien sehr viel umworbene und 
gefeierte Persönlichkeiten. Sie spielen im Harems- 
leben eine wichtige Rolle, und gar häufig komme 
es vor, dass sich zwei Frauen eines und des- 
selben Herrn bei äusserlicher Freundlichkeit heim- 
lich mit „Hexereien" förmlich duelliren. In Bag- 
dad befassen sich mit Hexengeschichten fast aus- 
schliesslich nur die alten Weiber, doch gibt es 
auch jüngere, die dies einträgliche Handwerk 
treiben. Bei der Verhexung handelt es sich ge- 
wöhnlich darum, seinem Nächsten einen Schabernak 
anzuthun, ihn, seine Kinder und sein Vieh krank 
zu machen oder gar zu tödten. Sehr oft ist die 
Beschwörung darauf gerichtet, die Männer im- 
potent und die Weiber unfruchtbar zu machen, 
wenigstens ermangelt man nicht, dergleichen Fehler 
dem Einflüsse derselben zuzuschreiben. Zur Hexerei 
gehören das Bilden von Knoten in Fäden, das 
Bestreichen mit Erdpech, doch auch Esswaaren, 
namentlich Butter und Zucker, sind dazu er- 
forderlich, welche von der Zauberin, wie die 
verwendeten Gelasse, späterhin zu eigenen, sehr 
ungeisterhaften culinarischen Zwecken benützt 
werden. Ein Haupthexenwerk ist aber der uralte 
Zauber mit Wachsfiguren, die Ceromantie, welche 
schon den vorbabylonischen Akkad bekannt war 
und bei Arabern und Türken bis auf unsere Tage 



106 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



sich erhalten hat. Auch egyptische und griechische 
Magier bilden Figürchen aus Wachs, den Per- 
sonen ähnlich, welchen sie Böses zudachten. Man 
verstopfte dann dem Figürchen den Mund, stach 
ihm die Augen aus, stiess ihm einen Speer in sein 
Herz, prügelte es weidlich durch, bewarf es mit 
Koth u. dgl., immer im Glauben dadurch das 
Gleiche dem Originale zuzufügen. Die Türken 
bewahren noch heute den Glauben an diesen 
Wachszauber. 

Daneben gibt es Wahrsager und Wahr- 
sagerinnen wie Kartenaufschläger in Fülle, in 
der Regel aber wird die Wahrsagerei von Frauen 
betrieben. Jede Zigeunerin ist von Rerufswegen 
dazu befähigt, doch geben sich auch ganz ehr- 
bare Türkinnen damit ab. Die Formen sind sehr 
mannigfaltig; die Eine wirft Figuren aus Glas- 
perlen, die Andere schaut in einen Brunnen, lässt 
aber den Kunden nicht hineinblicken, die Dritte 
hat grüne und geschälte Stäbchen, die Zigeune- 
rinnen lesen gewöhnlich die Zukunft aus den 
Linien der Hand (Chiromantie) oder sie haben 
einen Haufen von bunten Bohnen, den sie vor 
den Glücksjäger hinwerfen. Einige sind berühmt 
und sollen sich manchmal durch eine merkwürdige 
Bestimmtheit ihrer Aussagen auszeichnen; Manche 
haben wieder den Kniff, das Geheimnissvolle 
ihrer Weissagung durch eine kleinliche, aber 
sehr bestimmt gehaltene Vorschrift zu erhöhen. 
Ist der Kunde eine junge Dame, so beziehen sich 
sämmtliche Prophezeiungen mit rührender Ein- 
stimmigkeit auf den Zukünftigen. Seher und 
Seherinnen, die mit der Geisterwelt in Verbindung 
zu stehen vorgeben, sind ebenfalls eine ganz 
häufige Erscheinung in Stambul und erfreuen sich 
grossen Zudranges ; doch ist zu bemerken, dass 
die Türken stets nur an gute Vorhersagungen 
glauben, und dass Unglückspropheten, ja auch 
nur Geschickswarncr in höchster Ungunst bei 
ihnen stehen. Häufig auch pilgern sie an heilige 
Quellen, um aus deren Spiegel ihre Zukunft 
berausleuchten zu sehen. Eine solche befindet 
sich in Ejub am Ende des Goldenen Hornes. 
Tief beugen sich die Neugierigen, meist Mädchen 
über den Steinrand, das Bild ihres zukünftigen 
Gatten zu erschauen, und das Bild, welches ihre 
Phantasie derart der schönen Türkin vorspiegelt, 
bleibt oft für ihr ganzes Lebensgeschick ent- 
scheidend. 

Verlorenes oder GestoliJenes wieder zu Stande 
zu bringen, wendet der Orientale sich nicht an 
die Polizei, sondern an die weisen Frauen oder 
weisen Männer; letztere sind stets Derwische, 
welche durch ihre Beschwörungsformeln der 
Sache auf die Spur kommen. Sie wie ihre Kunden 
sind von der Untrüglichkeit ihrer Mittel über- 
zeugt. Auch die Türken Mittelasiens haben ihre 
Wahrsager, , Palschi", in den Chanaten „Faldschi" 
genannt, welche über verborgene Dinge Auf- 
schluss geben. So wie man in Westasien auf 
einer zufällig geöffneten Seite des Korans oder 
Mesnewis den Ausgang irgend eines Unter- 



nehmens erforschen will, so pflegt der mittel- 
asiatische Türke hierzu sich einer bestimmten 
Anzahl kleiner Stäbe zu bedienen, die, mit ge- 
schlossener Hand unter die Anwesenden ver- 
theilt und einzeln abgeliefert, je nach der ent- 
sprechenden Zahl und Länge das Substrat der 
Wahrsagung bilden. Manchmal werden die 
Stäbchen auf einen Haufen geworfen, und aus 
deren zufälliger Form und Lage pflegt der Sach- 
kundige zu prophezeien. Dies heisst „Tschöbfali"' 
und war, wie Ammianus Marcellinus erzählt, auch 
von den Hunnen angewendet worden, denn Attila 
liess vor dem Treffen von Chälons eben auf 
diesem Wege von seinen Zauberern den .Ausgang 
der Schlacht prophezeien. In Ermanglung von 
Holz werden hiezu kleine Steinchen gewählt, und 
da die Steppe weder das Eine noch das Andere 
hat, so ist bei den Kosak-Kirgisen .zu diesem 
Behufe der Schafsmist, d. h. die kleiqen Kügelchen 
desselben, „Kumalak", in Gebrauch gekommen. 
Der „Rimschi" oder „Irimtschi'' bildet ebenfalls 
eine (Masse der Wahrsager, die sich aus den 
Reihen der Weiber recrutirt. Der Rimschi weis- 
sagt Glück oder Unglück aus dem Blöken der 
Schafe, aus dem Züngeln der Flamme, aus dem 
Zischen des in heisses Fett gegossenen Wasser- 
tropfens, aus dem Kräuseln des durch den „Tün- 
dük" aufsteigenden Rauches u. s. w. Nur werden 
derartige Prophezeiungen von Männern nicht 
ganz ernst genommen, daher die Redensart 
Chatun-irimi : Weiberprophezeiung, d. h. Unsinn. 
Zu erwähnen ist endlich noch der „Dschau- 
rundschi", der Wortbedeutung nach der Schulter- 
blattmann, von Dschaurun, Schulterblatt,, weil er 
sich mit der Kunst abgibt , aus dem halb- 
verkohlten Schulterblatte der Thiere, namentlich 
der Schafe, Pferde, Rinder und Kameele wahr- 
zusagen. Das Schulterblatt wird mit Vorliebe aus 
dem Vordertheile des Thieres genommen ; es 
darf weder mit den Zähnen abgerissen noch mit 
einem Messer abgeschnitten werden, und pro- 
phezeit wird nur aus den Richtungen der Sprünge, 
welche das Bein nach längerem Liegen im Feuer 
erhalten hat. Die Auslegung des auf diesen Sprüngen 
beruhenden Orakels ist verschieden; der Eine 
I)rophezeit aus dem Sprunge das Gelingen oder 
Fehlschlagen einer Reise, der Andere wieder das 
Genesen oder .Sterben eines Kranken u. s. w. 
Schon Willem Ruysbroek berichtet über diese 
Art des Wahrsagens bei den Mongolen, doch ist 
dieselbe bei den Kosak-Kirgisen jetzt nicht mehr 
stark verbreitet, und Hermann Vambcry hat auf 
seine darauf bezüglichen Fragen nur in ver- 
schämter Weise Antwort erhalten. 

Wie überall steht auch bei den Türken der 
Aberglaube wie die Zauberei in engster Ver- 
bindung mit der Heilkunst. Schon bei den Talis- 
manen oder Amuletten, die das Unheil allgemeinhin 
ablenken sollen, denkt man zumeist an Schutz 
gegen Krankheit und körperliche Unfälle. Im 
Uebrigen findet sich die Stufenleiter vom rein 
abergläubischen Heilungsverfahren bis zur Vcr- 



OESTER REICHISCHE MONATSSCHRIFT FOR DEN ORIENT. 



107 



binciunjj der wirklichen rationellen Miidicin mit 
einer überflüssigen, magischen l'^ormel bei den 
Türken vollständig ausgebildet. Zu unterst stehen 
jene Heilkünstler, die man füglich als schaina- 
nistische bezeichnen kann. Hei allen 'rurkvölkern 
ist der (jjaube an Zauberpriester, die man ge- 
meiniglich Schamanen nennt, wie bei den Mon- 
golen und Nordasiaten eingebürgert und stellt in 
der riiat ein Stück jener alten, ja uralten Ge- 
dankenwelt dar, welche dem Türkenthume viel- 
leicht schon seit Jahrtausenden eigen ist. Bei- 
l.lufig bemerkt ist es ganz falsch, von schama- 
nistischen Religicmen oder vom Schamanismus als 
einer Religion besonderer Art zu sprechen, denn 
das Schamanenthum ist blos eine l<^igenart des 
Priesterthums, ein Ausfluss besonderer Lebens- 
haltung; die Culturvorstellungen der Völker, bei 
welchen diese Schamanen auftreten, gehen aber 
wie die vieler anderer von der Seelenvorstellung 
aus und diese knüpft wieder insbesondere an 
das lireigniss des 'I'odes an. 

Bei den asiatischen Türken ist der Glaube an 
diese Zauberpriester, welche durch Zaubermitttl 
Gespenster bannen und mittelst Beschwörungen 
Krankheiten heilen, tief eingewurzelt, und weder 
Buddhismus noch Islam haben den „Kam", wie die 
türkischen Stämme den Schamanen nennen, gänz- 
lich zu beseitigen versucht. Bei den Völk(;rn des 
Altai spielt derselbe mit seiner unerlässlichenZauber- 
irommel noch immer die grösste Rolle. Die west- 
lichen Türken, namentlich die Osmanen, sind er- 
starkt in den Lehren des Islam und haben damit 
den Schamanenglaubcn besser überwunden, ohne 
jedoch einzelne Spuren desselben gänzlich zu ver- 
wischen. So sind einige Züge des alten Schamanen- 
thums auf die mohammedanischen Derwische über- 
gegangen. Menschen dieses Schlages sind auch die 
niedrigsten Meilkünstler, ihr Werk ist ausschliess- 
lich Magie. Den Rücken der Klinge eines gewöhn- 
lichen Messers setzen sie z. B. auf den Kopf des 
Kranken, fahren damit in cabbalislischen Figuren 
über dessen Scheitel sowie über die leidenden 
Körpertheile und murmeln dazu allerltM unverständ- 
lichen 1 lokusjxjkus. Andere führen ähnlichen Zauber 
mit einem Strick aus, und Keinem frhit es an Zu- 
spruch, denn sie heilen Alles was vorkommt. Dieser 
Art am nächsten stehen Jene, welche mit magisch- 
religiösen Formeln arbeiten. Ihre Heilkraft ist aber 
nicht blos an die Formel, sondern auch an die 
Person gebunden. Der einzelne „fromme Scheich" 
befasst sich damit, Kranke zu heilen, indem er sie 
anhaucht oder einen Koranvers über sie sjjricht, 
auch etwa einen solchen auf Papier schreibt, das 
Papier verbrennt, die Asche in ein Glas Wasser 
wirft, über das Wasser hinhaucht und dasselbe dem 
Patienten zu trinken gibt. Vielfach wird die Sym- 
pathie der Derwische in Anspruch genommen. Bei 
schwereren und hartnäckigeren Leiden wird der 
Patient in die Moschee geführt, und der Derwisch 
oder der Imam liest ihm aus dem Koran vor, haucht 
und schreit ihn an, bestreicht und bedrückt ihn mit 
den Händen und beschwört die Geister in so treffen- 



der und kunstgerechter Weise, dass ein europäi- 
scher Magnetiseur es wirklich nicht besser machen 
könnte. Hat diese Art von Heilverfahren auch einen 
anderen Namen als bei uns und geht dort auf Rech- 
nung der Dämonen, was hier als ein Nervenübel 
gilt, so sind doch die lirgcbnisse dieselben, und es 
ist unzweifelhaft, dass der lirfolg sehr häufig den 
anscheinenden Hokuspokus krönt. Haider Künstler 
aber gar einen Ruf von Heiligkeit, so macht er 
ganz gute Geschäfte dabei. Gewisse Personen be- 
sitzen eine derartige Heilkraft von Amtswegen, wie 
z. B. die Scheiche der heulenden Derwische, welche 
über die auf dem Boden liegenden Kranken hin- 
schreiten ; der Tritt des segnenden l-'usses ist für 
Manche offenbar die letzte Hoffnung. Diesen folgen 
die limpiriker, die eine wirkliche medicinische Me- 
thode haben, deren Wirkung aber nicht ausschliess- 
lich dem rationellen Verfahren zuschreiben, sondern 
vielmehr einen übertragbaren, besonderen Heilgeist 
für sich in Anspruch nehmen. Ihre Kunst vererbt 
sich in gewissen Familien. Der Vater bringt dem 
Sohne die Handgriffe bei, lehrt ihn aber dieselben 
mit einem gewissen Hokuspokus zu verbinden und 
überträgt ihm schliesslich seine Heilkraft durch An- 
hauchen. Manche von den Leuten sind berühmt und 
werden weithin gerufen. liin Heilkünstlcr der letz- 
teren Art übernimmt in der Regel das ganze Frbe 
seines Lehrers, dieF~ormein sowohl wie das eigent- 
liche Heilverfahren, auf Treu und Glauben und 
gibt Alles zusammen unverändert an seinen Nach- 
folger ab. Ks ist das die höchste Stufe des lleil- 
zaubers, denn von dem Manne, der in der Haupt- 
sache therapeutisch arbeitet und nur nebenher 
einige „Sym|)athie" mit einfliessen lässt, ist nur ein i» . 
Schritt zum eigentlichen Arzt, der die Zauberformel \)"-^ 
ganz bei Seite setzt. Erwägen wir, dass sympathe- \\lf- -^ 
tische Curen auch in einigen Theilen des hochge- 
sitteten Deutschland noch im Schwange gehen und QO 
sogar in gebildeten Kreisen mitunter Beachtung ^mm^ 
linden, so würde es uns schlecht anstehen, dieser ^ n i^ 
Seite ihres Aberglaubens willen die Türken geringe CLTI 
zu behandeln. Wir müssten vielmehr zuvor vor der , p^^ 
eigenen Thüre kehren. ^» 

Im Allgemeinen freilich ist das Reich des 
Aberglaubens im türkischen Morgenlande ungemein 
gross, und blos die wichtigsten Züge konnten hier 
zur Sprache gebracht werden. Deutlich aber geht 
aus diesen hervor, wie einestheils der Aberglaube 
auch bei den Türken an uralte Vorstellungen an- 
knüpft und zugleich im tiefsten Grunde mit allge- 
mein und weit verbreiteten Gedankenströmungen 
der Menschheit übereinstimmt. /' t>. H. 



DIE GENUSSMITTEL DES ORIENTES. 

Von Gustav Troll. 
V. 
Fin eigenartiges, bei den sfld- und ost- 
asiatischen Völkern allgemein verbreitetes Gcnuss- 
mittel ist der Btltlpfefftr, kurzweg Beltl genannt, 
worunter man die Blätter von Piper Bctie L. 






^^^^ 



108 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT 



versteht. Aus den frischen, aromatisch-brennend 
und bitter schmeckenden Betelblättern wird in 
Verbindung mit zusammenziehenden Stoffen 
(Gambir, Catechu und Betel- oder Arecanüssen) 
und mit etwas frisch gebranntem Kalk oder 
Muschelkalk ein Kaumittel hergestellt, dessen 
Gebrauch so allgemein ist, dass es nicht nur bei 
den Eingeborenen, sondern sogar bei den dort 
lebenden Europäern zu einem unentbehrlichen 
Lebensbedürfnisse geworden ist. Die Heimat der 
Betelpflanze ist Ostindien, dieselbe wird jedoch 
auch auf den Sunda-Inseln, den Molukken, in den 
chinesischen Provinzen Kwantung und Yunan und 
in manchen anderen Gegenden cultivirt. Im 
Bengalischen und auf Hindostanisch wird die 
Betelpflanze Pan genannt, in der Tamilensprache 
Vettilei, im Sanskrit Tamhul. Das Betelkauen er- 
folgt in der Weise, dass ein Stückchen der 
jungen und zarten oder gekochten Areca- oder 
Betelnuss (die Samen der Catechupalme Areca 
Catechu L., auch Pinang genannt) mit Kalk und 
Gewürz (Kardamom, Kampher, Aloeholz, Moschus) 
in ein frisches Betelblatt gewickelt, in den Mund 
geschoben und wie Kautabak von einer Seite 
zur anderen geschoben werden. In Folge des 
Kauens entsteht eine starke Speichelabsonderung, 
welche angeblich die Mundhöhle rein erhalten 
und Zahnfleisch und Zähne gut conserviren soll. 
Der Speichel nimmt hiebei eine blutrothe Fär- 
bung an und die Zähne werden schwarz. Früher 
wurde gewöhnlich nur die Arecanuss allein mit 
dem Betelblatt gekaut, jetzt kommen noch andere 
zusammenziehende Stoffe, wie Catechu und Gambir 
oder Lyciumextract dazu. Natürlich gibt es in 
der Zusammensetzung der sogenannten Betelhappen 
(Buyos oder Pan-supari genannt, von Pan=BeteI, 
Supari=Arecanu3s) eine grosse Mannigfaltigkeit, 
wie bei allen Genussmitteln, deren Gebrauch in 
allen Ständen und Gesellschaftsclassen eingeführt 
ist. Die Sitte des Betelkauens ist jedenfalls sehr 
alt, denn schon der mittelalterliche Orientreisende 
Marco Polo berichtet darüber Ende des XIII. 
Jahrhunderts. Der Weltumsegler Antonio Pigafetta 
beobachtete als Theilnehmer an der Magellan- 
schen Expedition den Betelgenuss anf den Phi- 
lippinen, und Garcia de Orla, der in der zweiten 
Hälfte des XVI. Jahrhunderts in Vorderindien 
lebte, gibt ebenfalls ausführliche Nachrichten 
hierüber, wie noch viele andere ältere Schrift- 
steller. Die durch das Hetelkauen beabsichtigte 
Wirkung ist mit der durch das Kauen von Coca- 
blättern und Tabak erzielten zu vergleichen, 
jedenfalls verschafft es seinen Liebhabern Genuss. 
Eine besondere Schädlichkeit dieses Mittels für 
den menschlichen Organismus ist bisher nicht 
nachgewiesen worden. 

Kaum weniger sonderbar erscheint uns ein 
anderes Genussmittel des extremen Orientes, die 
Kawa, oder Kawa-Kawa, auch Yakona, Yangona 
genannt, der Rauschpfeffer. E^s ist dies die Wurzel 
von Piper methysticum F'orster (Macropiper 
methysticum Miq.), einer auf den Inseln des Stillen 



Oceans stark verbreiteten Piperacee. Der Name 
stammt nach Fahrer von der polynesischen Kawa 
oder Awa, d. i. scharf, und bedeutet in der Ver- 
doppelung : sehr scharf. Die Wurzel enthält sehr 
viel Stärke und harzige Bestandtheile, welchen 
die berauschende Wirkung derselben zukommt. 
Der Geruch ist eigenartig, der Geschmack zu- 
sammenziehend und bitter, das Kauen ruft ver- 
mehrte Speichelabsonderung hervor. Die Wirkung 
der Wurzel ist narcotisch, die Schleimhäute ver- 
lieren ihre Empfindlichkeit und die Zunge wird 
taub. Die Eingeborenen erzeugen aus der Wurzel 
durch ein kurzdauerndes Ausziehen mit Wasser 
nach vorhergegangenem Durchkauen ein Getränk, 
das stark berauschende Eigenschaften besitzt. 
Dies geschieht meist in folgender Weise: Die 
Männer eines Dorfes versammeln sich in ihrem 
öffentlichen Kawahause, oder, falls ein solches 
nicht besteht, in einem anderen. Die gereinigte 
Wurzel wird zerschnitten und sodann von jungen 
Leuten (auf manchen Inseln auch von F'rauen 
und Mädchen) mit gesunden Zähnen gekaut. Das 
Kauen geht langsam und feierlich, wie bei Wieder- 
käuern vor sich. Die einzelnen durchgekauten 
Bissen werden aus dem Munde genommen und 
in eine grosse, ^Tanoa" genannte Holzschüssel 
gelegt. Auf die in der Tanoa befindlichen Bissen 
wird hierauf Wasser gegossen und das Ganze 
mit den Händen umgerührt. Bis zum Aufgiessen 
des Wassers herrscht in der Versammlung tiefes 
Schweigen. Von diesem Zeitpunkte an beginnen 
feierliche Gesänge, die durch Aufschlagen von 
Stöcken auf Bambus oder Holzklötze begleitet 
werden und bis zum Fertigstellen des Getränkes 
dauern. Mittelst eines Bündels Cocosfasern holt 
nun der Bereiter der Kawa alle erreichbaren festen 
Bestandtheile heraus und drückt sie unter vor- 
geschriebenen Körperbewegungen aus. Damit ist 
das Getränk fertig und wird in Cocosschalen ge- 
füllt, die dem Range nach an die Anwesenden 
vertheilt werden. Dabei wird ein bestimmtes 
Ceremoniell beobachtet, Gebete und Ausrufe an 
die Götter werden von den Trinkern streng ein- 
gehalten. Das Kawagetränk sieht, auf diese Weise 
dargestellt, schmutzig-grau aus und schmeckt 
aromatisch, bitter und prickelnd. Um Ekel zu 
vermeiden, geniessen die Trinker, wie schon Cook 
berichtet, etwas Speise und Cocosnüsse dazu. 

Was sollen wir nach allen diesen absonder- 
lichen Genussmitteln noch zu dem Flt'egenschwamm 
der Kamtschadalen sagen? Es drängt sich bei 
Betrachtung dieser so verschiedenartigen Stoffe, 
welche alle dem gleichen Zwecke, der Beschaffung 
von körperlich zu empfindendem Genüsse dienen, 
der Gedanke auf, dass die Bewohner jener so 
verschiedenartigen Länder bei der Befriedigung 
dieses Triebes mit Naturnothwendigkcit jene Sub- 
stanzen ergreifen mussten, welche in ihrem Bereiche 
lagen, und dass hiebei selbst die schädlichsten 
und giftigsten Stoffe nicht ausgeschlossen blieben. 
Aus dem Fliegenschwamme (Amanita muscaria 
Pers.), der äusserst giftige Eigenschaften besitzt. 



OESTEBREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT 



K» 



bereitet man in Kamtschatka mit den Blättern 
der Sumpfheidelbeere und verschiedenen Epilobien- 
Arten ein berauschendes Getränk, das so jjut 
und schlecht seinen Zweck erfüllt, wie der I laschisch 
der Araber oder der Absinth der Franzosen. Und 
wie die fanatischen Mystiker Indiens ihre Ver- 
zückunjjen zumeist den dunklen Gewalten, die 
im Hanfkraute einj^eschlossen sind, verdanken, so 
holen sich wahrscheinlich auch die Geisterbe- 
schwörer des hohen Nordens, die Schamanen, ihre 
Kraft und Hegeisterung aus dem Fliegenschwamme, 
um durch Zaubergesänge die Götter zu bezwingen 
und alle Krankheiten zu heilen, als Aerzte und 
Priester ihres gläubigen und abergläubischen 
Volkes. 

Dies sind in kurzen Umrissen die haupt- 
sächlichsten Genussmittel des Orientes. Manche, 
deren Gebrauch auch in Kuropa iheilweise sich 
vorfindet, wie z. B. das im Morgenlande eben- 
falls vorkommende Arsenikessen, will ich hier nicht 
weiter berühren. Es erübrigt nur noch, einige 
Genussmittel zu erwähnen, die eigentlich mehr 
zur Classe der Erfrischungsgetränke gehören. 
So namentlich der Kumys oder Kumis, Milch wein, 
Milchbranntwein, Brausemilch, Galazyme, ein Ge- 
tränk, das die Tataren aus Stuten- oder Kameel- 
milch bereiten. Das Wort Kumys wird abgeleitet 
von dem Namen des altasiatischen Volksstammes 
der Kumanen. Diese sollen zuerst von dem 
Kumys Gebrauch gemacht haben und nach ihrer 
Besiegung durch die Tataren 12 15 auf diese, 
nebst anderen Sitten und Gebräuchen, auch den 
Gebrauch des Kumys übertragen haben. Wilhelm 
Rubruck, der 1253 vom heil. Ludwig in die Tatarei 
geschickt wurde, erzählt viel von einem Getränke 
„Kosmos", worunter jedenfalls Kumys gemeint 
ist. Die Bereitung des Kumys geschieht in der 
Weise, dass man zu 10 Theilen frisch gemolkener, 
noch warmer Milch einen Theil fertigen Kumys 
zusetzt und das Gemisch unter öfterem Umrühren 
zwei bis drei Stunden stehen lässt. Dann füllt 
man die Milch in Flaschen und überlässt sie in 
einem kühlen Räume einer schwachen Nachgährung. 
Nach fünf bis sieben Tagen bildet der Kumys 
eine stark schäumende Flüssigkeit von angenehmem 
süss-säuerlichen Geschmacke, die fast 2 Percent 
Alkohol und ausserdem Milchsäure, Kohlensäure, 
Fett und Zucker enthält. In den Steppen und 
Niederungen, die sich von der Wolga bis zum 
Uralgebirge hinziehen, bereiten die Kirgisen den 
Kumys in einer etwas absonderlichen Art, Uie 
frische Haut einer ganzen hintern Extremität eines 
Pferdes dient als Gefäss hierzu. Die Haut von der 
Hüfte bis zum Ende des Unterschenkels wird 
zusammengenäht, so dass der breite Theil zum 
Boden und der schmale zum Halse des Gcfässes 
wird. Da wird nun die Milch hineingegossen, mit 
einem in das Gefäss hineinreichenden und oben 
luftdicht schliessenden hölzernen Kolben öfter 
umgerührt und der Gährung überlassen. Die 
Milch gährt, besonders im Frühjahr, sobald die 
Stuten ein Füllen geworfen haben, ziemlich 



schnell. Die orenburgischen Bascbkireo bereiten 
zwei Sorten Kumys, den jungen oder Kumys Saumel 
und den alten, echten. Der junge Kumys gährt 
nur zwei bis drei Tage, ist daher weniger stark und 
schäumend als der alte. Durch Destillation wird 
aus dem Kumys ein Branntwein dargestellt, den 
man Araca nennt und der, einer nochmaligen 
Destillation unterworfen, den Arsa liefert. Die 
Kuhmilch gibt ein ähnliches Getränk, den Airak, 
doch eignet sich die Kuhmilch überhaupt weniger 
zur Kumyserzeugung als die Stutenmilch, weil 
sie bedeutend weniger Milchzucker enthält. 

Ein ähnliches Getränk ist der im Kaukasus 
unter Anwendung eines eigenen Fermentes, der Ke- 
firkörner (Bacterien-Conglomerate, wahrscheinlich 
von Saccharomyces cerevisiae) aus Kubmilch dar- 
gestellte Kephyr (Kefir). Die Kefirkörner werden 
drei Stunden lang in lauwarmes Wasser gelegt, 
dann in auf 30" erwärmte Milch gegeben und 
die Milch acht Tage lang erneuert. Sodann werden 
die aufgequollenen Körner mit der sechs- bis 
achtfachen Menge abgerahmter Milch 24 Stunden 
lang stehen gelassen und dann die Milch abgeseiht. 
Das erhaltene Product ist der Kefir. Die Körner 
werden abgewaschen und weiter benützt. Der ge- 
wöhnliche Kefyr-Kumys oder Kapyr wird bereitet, 
indem man einen Theil Kefir mit zwei Theilen 
Milch in einer verschlossenen Flasche ein bis zwei 
Tage hindurch stehen lässt. Der Geruch und Ge- 
schmack des Kefir ähnelt der frischen Sahne, 
Sein Alkoholgehalt ist sehr gering (ungefähr 
0'8o Percent), ausserdem enthält er noch Fett, 
F^iweissstoffe und Milchsäure. In Folge seines 
grösseren Gehaltes an Eiweissstoflfen ist der Kefir 
viel dicker als der flüssigere und leichter trink- 
bare Kumys. ICinc besondere .^rt von Kefir kommt 
unter dem Namen Btdgarsky vor, eine andere wird 
als Karagrut bezeichnet, überhaupt gibt es eine 
grosse Menge solcher durch Gährung der Milch 
erzeugter Getränke, die aber ihres geringen Alkohol- 
gehaltes und erheblichen Nährwerthes wegen 
nicht als ausschliesslich Genusszwecken dienend 
angesehen werden können. 

An Erfrischungs-Getränken aller Art herrscht 
im Oriente, wie begreiflich, kein Mangel, Einige 
wenige enthalten einen geringen Theil von 
Alkohol, die meisten jedoch Säuren, und zwar 
hauptsächlich Essig, Citronensäure und allerlei 
Fruchtsäuren, Unter den saueren Getränken gibt 
es unzählige Arten von Limonaden, Rosen- und 
Rosinenwasser, wasserhell, schmutzig - grau, 
gelblich, gelbgrün, gelbbraun, rosenroth und 
purpurroth. Eine zweite Classe dieser Getränke 
bilden die aus Johannisbrot, Süssholz, Rosinen, 
u. s, w, erzeugten, meist fad-süss schmeckend 
und von bräunlicher Farbe, als deren Typus der 
Chuschaf der Araber und Perser gelten kann. 
Dann folgen die mandelmilchartigen Getränke, 
die bereits unter den Bieren erwähnte Braga, 
die in manchen Ländern (z. B, auch in Rumänien) 
ein halbgegohrenes, aus Kleie oder Hirse bereitetes 
säuerlich schmeckendes Getränk darstellt und 



110 



OEST£RREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



lediglich Erfrischungszwecken dient. Selbst in 
Ungarn findet sich in manchen Gegenden auf 
dem Lande unter dem Namen Korpaczibere ein 
ähnliches, aus Kleie hergestelltes Getränk. In 
den französischen Colonien, besonders in Algier 
und 'lunis, wird das in Südfrankreich einheimische, 
Coco genannte Getränk stark verkauft. Der Coco 
besteht aus gepulvertem Lakritzensafte, der mit 
Anisöl oder Pfefferminz und dergleichen aromatisirt 
und dem Trinkwasser zugesetzt wird. 

Wer einmal im Oriente gewesen ist und 
in den Bazaren von Kairo oder Damaskus das 
ohrenzerrcissende Geklapper, das die Verkäufer 
dieser Erfrischungsmittel mit ihren Messingstliaien 
machen, gehört hat, der wird es gewiss nicht ver- 
gessen, ebensowenig, als die hohläugigen, asch- 
fahlen, gespensterhaften Gestalten der Haschaschir 
in den schmutzigen versteckten Vorstadt-Kaffee- 
häusern in Tunis oder Kairo und die finsteren 
Opiumhühlen in den indischen und chinesischen 
Hafenstädten, wo die Sclaven ihrer unseligen 
Leidenschaft sich zusammenfinden, um in wenigen 
Stunden die noch erübrigte Lebenskraft zu ver- 
zehren. Die Natur hat dem Menschen gewiss wohl 
wollen, als sie ihm Mittel an die Hand gab, sich 
durch Erregung seiner Nerven körperlichen und 
seelischen Genuss zu verschaffen, um in rasch ver- 
rauchten Augenblicken einen kurzen Anklang 
himmlischer Wonnen zu em[)finden, aber das hat 
sie gewiss nicht gewollt, dass der Mensch durch 
übermässigen Genuss ihrer Gaben zum stumpf- 
sinnigen, noch unter dem Thiere stehenden 
Wesen herabsinke. Leider aber kennt der 
Mensch, wenn es sich um den Genuss handelt, 
nur selten das richtige Mass und Ziel, das einzu- 
halten war«. 



EINE STIMME AUS EINEM HAREM.*) 

Angesichts der grossen Zahl von Eng- 
länderinnen, die in der letzten Zeit türkische 
Harems besucht haben, und dank ihrer Kennt- 
niss unserer Sprache in der Lage waren, rich- 
tige Urtheile über unser Dasein abzugeben, ist 
es schwer Neues über ein Land zu schreiben, 
dessen Sitten und Gebräuche im Auslande fast 
ebenso gut bekannt sind wie bei uns selber. 

Auch ist das Interesse für das Orientalische in 
dem Masse geschwunden, als der Schleier, der 
über demselben lag, thatsächlich gelüftet, die 
Geheimnisse des Orientes nach und nach vor der 
Welt in ihrem wahren Lichte erschienen, das 
nicht selten des poetischen Reizes entbehrte, den 
man ihnen angedichtet hatte. 

In einer Beschreibung Constantinopels aus 
dem Jahre 1840 wurde das türkische Weib als 
ein Geheimniss hingestellt, dessen Entschleierung 
gefahrbringend sei, während Thakeray in seiner 
„Voyagefrom Cornhill to grandCairo" uns von einer 
Dame erzählt, auf die alle Rechtgläubigen mit 

*) Dem Nineteenth Century eijtiiümmen. 



Fingern zeigten, weil sie in ihrem eigenen Wagen 
vor der Moschee vorfuhr. Was die Schatten dieser 
braven Gläubigen sagen würden, wenn ihnen ein Blick 
auf unsere heutige Welt gestattet wäre, ist schwer 
zu bestimmen. 

Es bedurfte nur kurzer Zeit, den türkischen 
Müttern das erkennen zu lassen, was sich als 
wissenswerth für sie zeigte und während ehe- 
dem einige Kenntniss der französischen Sprache 
das Maximum dessen bildete, was eine Türkin 
lernte, ging sie nun daran, sich mehrere fremde 
Sprachen, (Klavier, Zeichnen und Malen anzueignen 
und sich so zur Frau heranzubilden, die in der 
Gesellschaft erscheinen kann. Uazu kam die 
Leetüre von Romanen und Novellen, und so kam 
das junge Mädchen, das ehedem das höchste 
Mass der Seligkeit darin erblickte, von einem 
ihr unbekannten Mann in Gemeinschaft mit einem 
halben Dutzend Rivalinnen tyrannisirt zu wer- 
den, dazu, Andeutungen einer irdischen Sec- 
ligkeit zu empfinden , die das übertrafen, 
was sie vom Paradies erwartete. Sie hörte 
von Bällen, Festen und Unterhaltungen, bei 
welchen Frauen offen mit Männern sprachen, die 
weder Doctoren noch ihre Vettern waren ; zum 
ersten Male vernahrti sie es,' dass das Weib 
ebenso hoch geschätzt wurde als der Mann, ja, 
dass sie von diesem jene Huldigung beanspruchen 
durfte, die sie bisher einzig als das seinem Ge- 
schlechte gebührende Vorrecht gekannt hatte ; in 
den Büchern begegnete sie den Darstellungen des 
glücklichen Familienlebens, in dem ein Weib die 
Liebe und das Vertrauen ihres Gatten genoss, 
und nach und nach drang das so eingesogene 
Gift in ihre Adern. Sie fühlte, dass sie Anrecht 
habe auf ■ mindestens einen Theil dieser Vor- 
rechte; allein die Scheu davor, die erste zu sein, 
die sie begehrt hätte, hätte manche Frau veran- 
lasst, noch für längere Zeit das ihr nun ver- 
hasste Joch zu tragen, wenn sie nicht von Rath- 
gebern umgeben wäre, die sie vorwärts drängen. 
Schlimm genug, dass die Bewegung gerade in 
den höheren Classen den Anfang nahm, welche 
in Folge ihres Ranges von einer Legion von 
niedrigen Armeniern und Griechen, dem Ab- 
schaum ihrer Nation, umgeben sind, welche stets 
mit dem Lobe an der Hand waren, wenn sie die 
Möglichkeit einer Belobung sahen und deren 
Beispiel bei den Türkinnen keine allzuhohe Meinung 
von europäischem Leben aufkommen Hessen. 

Das Dasein, welches sie im Harem geführt 
hatte, war nicht dazu angethan, sie für die plötz- 
lichen Veränderungen vorzubereiten, die in ihrer 
Lebensweise eintreten sollten. Es war ihr un- 
bekannt, dass es andere Ketten gebe als die- 
jenigen, welche die Tyrannei eines Mannes auf- 
erlegt und dass das Leben höhere Ziele biete 
als das der Existenz allein ; in der That ist die 
Selbstsucht eine Eigenschaft der Haremsinsassen, 
die Alle, welche leben wollen, besitzen müssen 
und unfassbar ist es ihnen, dass man an Andere 
denken könne , ehe man an sich selbst ge- 



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N- 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 






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(lacht. AiulcrKiseits sind die Mütter niclit be- 
fähiijt, iliren Töchtern jene reinen und hohen 
Priiicipicn zu lehren, welclie jede europäisdie 
Frau ihren Kindern beizubringen trachtet. In der 
That fehlt es ihnen auch an dem hiezu nöthigen 
Einflüsse. Die Mütter sind der grösseren Zahl 
nach Sclavinnen und erfreuen sich als solche 
nicht jener zarten Mochachtung, die eur(;|)äi- 
schen Müttern entjjegengebracht wird. Jedes Kind 
hat eine andere Mutter, für die es eine gewisse 
l'arteianhänglichkeit hat und die es gegen ihre 
Rivalinnen vertheiiligen wird. Gleichwohl fehlt 
die Achtung und auch der Grund für eine solche, 
da dem Kinde nichts als das Princip der Selbst- 
sucht gelehrt und dieses allein von der Mutter 
selbst geübt wird. „Jedermann für sich selbst" 
ist das Motto in den Harems, hat man dieses 
den Kindern einmal beigebracht, so lässt man 
sie nach ihrem Charakter aufwachsen, ohne ihnen 
das Rechte zu lehren oder das Unrechte zu wehren. 
Vor Kurzem wurde in einem englischen Blatte 
behauptet, die Moral in den Harems sei nicht 
schlimmer als jene in manchen Kreisen der euro- 
|)äischen Gesellschaft. Das mag wahr sein, doch 
sind es gewiss solche Plätze, die man nicht für 
die Erziehung junger Mädchen wählt, wogegen 
das Harem die Heimat für tausendc und aber- 
tausende von jungen Mädchen ist, die dort die 
ersten Hegriffe von Recht und Unrecht erlangen 
sollen, wozu das schlechte Heispiel der sie um- 
gebenden Sclavinnen wenig geeignet ist. Eine 
Türkin von 15 Jahren weiss so viel vom 
Leben wie eine Europäerin von 40 — 
ein gewiss unnatürlfcher Zustand. Unter diesen 
Umständen kann ein Mädchen kaum beschei<len 
sein und es ist begreiflich, dass mit der Reaction 
die Extreme erreicht wurden, die wir heute wahr- 
nehmen. 

Der Sprung von der Unwissenheit zur Kennt- 
niss war zu plötzlich; das türkische Weib war 
vom hellen Glänze, der auf einmal auf dasselbe 
einwirkte, geblendet, sie wusste nur schwer Recht 
und Unrecht von einander zu unterscheiden, 
und es darf uns kaum in Erstaunen versetzen, 
wenn sie ihren Weg verfehlt. In einer solchen 
Krisis bedurfte sie eines stärkeren Armes, um 
sie zu stützen, eines solchen aber musste sie in 
Folge der Position, in der sie sich befand, ent- 
behren. Denn keine anständige l*'rau aus der 
europäischen Gesellschaft könnte in einem Harem 
leben, ohne dasselbe, von Ekel erfüllt, zu ver- 
lassen, oder aber veranlasst zu sein, um der 
Selbsterhaltung willen es den Anderen gleich 
zu thun. 

Je vvenigei' die I'tlichten gegen unseren Mit- 
menschen in unserer Religion l'>wähnung finden, 
desto eingehender .ist das bezeichnet, was wir 
uns selber schulden, die Gesetze sind in der 
That zu strenge, als dass das türkische Mädchen 
nicht nach dem ersten Heraustreten aus dem 
hergebrachten Leben nicht fühlen müsste, dass 
sie damit vom Himmel ausgeschlossen sei. Wer 



l'-uropäerinnen nachahmt, zählt mit diesen, hcisst 
es in unseren Büchern, und so wusste die Frau gleich 
vom Anfange her, was ihr, wenn sie trachtete, 
CS den Euroiiäerinnen gleich zu thun, bevorstand ; 
wissend, dass es zu spät war, zurückzutreten, 
entschloss sie sich vorwärts zu schreiten. Vod 
der Narrheit zum Laster ist mitunter nur ein 
Schritt, und in diesem F'alle war er rasch gc- 
than — hoffen wir, dass er über Kurz nach rück- 
wärts erfolge. Bereits lassen sich Beispiele von 
Frauen aufzählen, die, wohlerzogen, manches Jahr 
in Eurüjja verbrachten, befreit von den alten 
l'"csscln leben, ohne darum die Vorschriften der 
Ehre ausser Acht zu lassen, die in jedem Lande 
bestehen ; es wäre Zeit, dass solche Beisiiielc 
häufiger befolgt würden. Wenn das türkische Mäd- 
chen zur Erkenntniss gekommen sein wird, dass 
keine wohlerzogene Dame einem ihr unbekannten 
Herrn Zeichen gibt, keine, die noch über einige 
Selbstachtung verfügt, einem Manne antworten 
würde, der sie in der Strasse anspricht, dass die 
Trennung der Ehe überall in der Welt als eine 
Schande dann betrachtet wird, wenn sie eine 
l-'ülge der Pflichtvergessenheit der Frau ist, dass 
alle Frauen, die aus diesem Grunde geschieden 
sind, ihre Stellung einbüssen: dann wird sie in 
der That fortschreiten, und wir mögen hoffen, dass 
wir endlich glücklich , geachtet und frei wie 
jene Frauen sein werden, die wir nachzuahmen 
wünschen. 

All dies ist gleichwohl von secundärer Be- 
deutung. Was uns am meisten fehlt, nach was 
wir mit all unseren Kräften streben müssen, ist 
die Abschaffung der Vielweiberei, und dazu wird 
uns die Freigebung der Sciaverei verhelfen. So 
lange die Sciaverei besieht, wird die Vielweiberei 
in unseren Harems in der schlimmsten Form fort- 
bestehen. Von der humanitären Frage ganz ab- 
gesehen, stellt sich die Sciaverei als ein härteres 
Joch für uns dar als für die Sciaven selber. Ohne 
die Sciaverei wird sich kein türkisches Mädclicn 
dazu hergeben, die zweite Stelle in tiem Hause 
eines Gatten einzunehmen, und wir werden ohne 
jene ununterbrochene Eifersucht leben , ohne 
jene tausende von Schmerzen, die unser Unglück 
ausmachen. Man weiss in Europa nicht, dass ein 
Harem selten mehr als eine legitime Frau hat, 
die mitunter eine Circassierin, meist aber eine 
Türkin ist. Ist letzteres der Fall, so bringt sie 
ihrem Gatten meist zehn oder zwölf Sclavinnen 
mit, die als Theil ihrer Ausstattung gelten ; ist 
sie selbst eine Sclavin, so kauft der Gatte eine 
solche Zahl für sie, was schliesslich dasselbe be- 
deutet. Wie immer civilisirt nun auch unsere 
Ehemänner seien, jeder von ihnen ist noch zu sehr 
Türke, um sich sehnsüchtiger Blicke nach diesen 
Sclavinnen enthalten zu können, während diese 
selber zu furchtsam sind oder zu niedrig stehen, 
um diese Ermuthigung zurückzuweisen. Thatsäch- 
lich wissen sie, dass dies der einzige Weg für sie 
sei, eine hohe Position in der Gesellschaft ein- 
zunehmen, und kaum können sie für eine Herrin 



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OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



fühlen, die nie für sie Gefühl gezeigt hat. In der 
Regel erreichen sie, was sie anstreben, und die 
Frau steht ihnen machtlos gegenüber, da der Mann 
das Gesetz für sich hat. Ist die erstere energisch, 
so verkauft sie mitunter die Sclavin — was ihr 
übrigens gegenwärtig verwehrt wird — • oder sie 
kehrt zurück nach dem Hause ihres Vaters. In 
jedem Falle ist sie verlassen, da der Gatte sich 
über Kurz eine andere Sclavin wählt, der Vater 
aber, der vielleicht selbst ein halbes Dutzend 
Frauen hat, nur auf die Seite seines Schwieger- 
sohnes treten kann. 

Im Laufe der Zeit wird die Sclavin eine Oda- 
liske, die Kinder fast im Alter jener der Herrin 
hat, so mächtig wie diese selber ; trotzdem ist 
ihr Contract kein geschriebener und sie bleibt 
immer eine Sclavin. 

Begreiflicherweise versteht sich kein türki- 
sches Mädchen zu einer solchen Position, während 
andererseits kein Mann gewillt ist, thatsächlich 
zwei Frauen zu heiraten ; so wird man der Poly- 
gamie an den Leib rücken, wenn die Sclaverei 
unterdrückt, und zweifelsohne geschieht damit 
nur Gutes für uns. 

Dagegen wird man gleichwohl manchen 
Widerstand erheben, wie sich dies zeigte, als die 
englische Regierung diese Angelegenheit in 
Egypten in die Hand nahm. Es kostete manche 
blutige Schlacht, die Vereinigten Staaten von 
der Sclaverei zu befreien, aber keines der Argu- 
mente, die man dort anwandte, wäre bei uns 
von Nutzen. Die Amerikaner benützten die Sclaven 
als Vieh, sie waren für sie die Quelle grosser 
Reichthümer und kaum entbehrlich, wie dies aus 
der grossen Zahl der Landeigner hervorgeht, 
die während des Krieges zu Grunde gingen. In 
unserem F"alle verursachen die Sclaven eine Aus- 
gabe, ohne die wir es leicht richten können. 
Allerdings müssen wir zugestehen, dass wir ausser 
Armeniern und Griechen in Constantinopel und 
den Fellahs in Kairo Niemanden finden, der uns 
dient ; allein hat dies nicht seine Ursache darin, 
dass wir nie nach Anderem für diesen Zweck 
suchen? 

Gibt es nicht in Constantinopel Tausende 
und aber Tausende, die oft nahe daran sind, 
Hungers zu sterben, und die, wenn sie dazu 
ausgebildet würden, gute Diener abgeben würden ? 
Man mag dagegen einwenden, dass die Armen 
der Türkei zu stolz sind, sich als Diener ver- 
wenden zu lassen, und dass es kaum möglich 
sein würde, sie zu meinen Ansichten zu bekehren. 
Es kommt dies nur daher, weil sie es nicht 
besser verstehen und der erste Schritt wäre, 
ihnen Gelegenheit zu geben , sich etwas von 
jener freieren Beurtheilung zu erwerben, die wir 
erlangt haben, wobei wir Sorge tragen sollen, 
jene Schollen zu meiden, an denen wir selber 
Schiffbruch gelitten haben. Durch eine Anzahl 
freier Schulen von begabten Directoren geleitet 
und mit Lehrern aus der grossen Zahl jener 
reinen gutherzigen Frauen versorgt, wie sie sich 



in Europa finden, würde dies leicht erreicht 
werden. Bald würden sie zu der Ueberzeugung 
kommen, dass der Dienst keine Schande und es 
besser sei, zu arbeiten, als zu hungern. 

Ich glaube den Beweis erbracht zu haben, 
dass die Sclaverei nicht nothwendig sei und 
deren Aufhebung unsern Zustand bessern würde. 
Wir machen auf Civilisation Anspruch, während 
wir nur die Lasten der Christen imitiren, ohne 
das Gute ihrer Sitten zu studiren ; im Kampfe 
um unsere Freiheit vergessen wir, an unsere 
Ruhe zu denken, und vergessen, dass, während 
die Sclaverei tausende unserer Mitmenschen um 
ihr Geistesleben bringt, wir kein Recht haben, 
uns zu beklagen, dass wir getreten werden. Erste 
Pflicht gegen uns und sie ist es, den grössten 
Flecken in unserem Dasein, der auch nicht einmal 
durch die Religion herbeigeführt wurde, auszu- 
löschen; nach und nach, erst wenn wir uns reif 
zeigen, können wir hoffen, jene Rechte zu er- 
langen, die man uns heute verweigert. 

Ohne dieses werden alle Bestrebungen nach 
Freiheit, statt auf die Erweiterung unserer Privi- 
legien abzuzielen, nur dazu dienen, uns in einem 
verächtlicheren Lichte den Millionen gegenüber 
erscheinen zu lassen, die auf uns blicken. 



M I S C E L L E. 

Satsuma-Fayencen. Die Menge der grossen, von Gold 
und bunten Farben gleissenden Vasen und Figuren, welche als 
„Altes Satsuma", als „Kaiserliches Satsuma" oft mit einem 
falschen Ursprungszeugnisse über die Herkunft aus einem 
buddhistischenTempel den europaischen Markt überschwem- 
men, kann auf die Bezeichnung „Satsuma" keinen Anspruch 
machen, sondern ist von Töpfern in Kioto, Os'aka, Shiba 
bei Tokio und Ota bei Yokohama aus eingeführtem Sa- 
tsuma-Thon angefertigt und so decorirt worden, wie es 
den mehr und mehr verwildernden Anspiücheu unserer 
Curiositätenhändler entsprach ; oder es wurden echte Sa- 
tsun:.a-GefKsse undecorirt in die Malerwerkstätten der 
Hauptstädte geschickt, um decorirt nach Satsuma zurück- 
gebracht und dort, nachdem sie noch scheinbar alt ge- 
macht waren, an solche Europäer abgesetzt zu werden, 
welche an der Quelle zu kaufen für sicherer hielten. 
Wurden Töpferwaaren auch schon seit Jahrhunderten in 
mehreren Orten Satsumas hergestellt, so reicht doch die 
Anfertigung des „Nishiki de Satsuma", wie die mit Gold 
und Emailfarben auf elfenbeinfarbener, fein gekrackter 
Glasur verzierten Halbporzellane wegen der Aehnlichkeit 
ihres Decors mit den Goldseidengeweben genannt werden, 
nach dem Urtheile der japanischen Autoritäten nicht über 
ein Jahrhundert zurück. Gegen Ende des XVIH. Jahr- 
hunderts sandte ein Fürst von Satsuma zwei Arbeiter in 
die Kaiserstadt Kioto, bei den dortigen Künstlern die 
Schmelzmalerei und die Vergoldung auf Thon zu erlernen. 
Dort in der Werkstatt des berühmten Töpfers Dohachi 
sammelten sie die Erfahrungen, mit denen sie dann in 
ihrer Heimat das „Nishiki de Satsuma" schufen. Das neue 
Verfahren wurde nicht auf grosse Prunkstücke, für welche 
im japanischen Haushalte keine Verwendung war, ange- 
wandt, sondern blieb auf kleine Gebrauchsgegenstände, 
Kümmchen zum Bereiten und Trinken des Thees, kleine 
Räuchergefässe, Dosen zur Bewahrung von Räucherwerk 
und andere Kleinigkeiten beschränkt. Auch war die Her- 
stellung keineswegs eine massenhafte, da die neue W.iare 
zu kostspielig war, um in Jedermanns Haushalte benützt 
zu werden, und die schönsten Stücke waren wohl nur 
für den Fürsten zu dessen persönlichem Gebrauch oder 
zu Geschenken bestimmt. [Jahrbuch der Hamburgischen 
Wissenschaftlichen Anstalten l890.) 



Verantworüicher Eedacteur: A. v. Scata. 



Druck von Ch. Reisser it M. Werthner in Wien. 



AuKust-Heft 1890. 



Nr. 8. 



0£ST£RRE1CH ISCHE 



P0iiats5t|rift für kii #rient 

Herausgegeben vom 

K. ÖSTERR. HANDELS-MUSEUM IN WIEN. 



z' JEDNOTA > 
, K pou/:3U2:Em 

\ P Bi Ji AY-SJ L4J — 



Redigirt von A. von Scala. 



y nWrty'ÄnCyui 



VERLAG DES K. K. ÖSTERR. HANDEIS-MUSEUHS IN WIEN. 



frdt jUiri. 5 I. — H) Hark. 



INRAI.T: l.rtikovai', diu bh-IiIbiIh^ llanf«laclt. Von F. Ii<nlilz. — 
Itip Alterlhünier dor Khiucr in Kninbuilht-ha. Von Friedricti 
p. lltltwttld. — DayukiHrh« Ivtiiisi. Von llerntiinn Feiql. — \>v.r 
hculiui; Statu! der .Saliarabalinfrane. Von l'rofeasor Or. Philipp 
PnuiiUchke. — MiHcirlleii: Die lIet)er«c)iWfiiiinitugL-ii lu Cbtna. 
— Die Kilo iii Cliina. 




LESKOVAC, DIE SERBISCHE HANFSTAOT. 

Von /''. Kamlz. 
iertnal berührte ich während des 
Herbstes 1889 Leskovac auf ver- 
schiedenen Routen. Von Ni5 aus er- 
reiclit man diese neuserbische Stadt, 
deren malerisclie Lage durch viele 
ihre weciiseireiche Vergangenheit bekundende 
Rauten noch an Keiz gewinnt, auf dem Vranjaer 
Schienenstrange in zwei Stunden. 

Drei Brücken verbinden die von der Veter-' 
nica durchllossenen Stadttheile, in welchen dunkles 
Laub ülierragende Minarehs und Konakfirste von 
der einstigen Türkenherrschaft erzählen. An diese 
mahnt auch der „llisar", der 350/« hohe Schloss- 
berg auf dem linken Klussufer. George Brown sah 
noch im Jahre 1677 ^^^ ''"^ krönende, die nahe 
sumpfige Niederung beherrschende Castell. In alt- 
serbischer Zeit IJibo^ica genannt, war es auch ab- 
wechselnd bulgarisch oder Byzanz unterworfen. 
Kaiser Manuel trat Leskovac und sein Gebiet an 
Stefan Ncmanja ab, fortan theilten beide die Ge- 
schicke des Serbenstaates. Nach Kosovo türkisch, 
im Frieden zu Szegedin (1444) dem serbischen 
Despoten Djuro Brankovic wieder zugesprochen, 
wurde Leskovac nach den Alles niederwerfenden 
llalbmondssiegen 1455 dem Sultansreiche dauern<l 
einverleibt. Erst i68g eroberten Prinz Eugen's 
Schaaren die Zwingburg, und von da ab verfiel sie. 
Nun bedecken köstlichen Wein zeitigende Cul- 
turen mit eingestreuten edlen Obstbäumen den 
blutgetränkten Boden, der ursprünglich eine bis 
auf wenige Ziegelreste verschwundene n'>mische 
Akropolis trug, Kaum lässt sich ihre einstige Ge- 
stalt mehr bestimmen, denn ihre Mauerreste wurden 
zum mittelalterlichen Schlossbau, für Moscheen und 
Konaks verwendet, die, obschon seit 1878 dem 
Verfalle jireisgegeben, uns ilen im Schwinden be- 
griffenen orientalischen Zuschnitt dieses einst viel- 
gepriesenen Ilallimondshortes vergegenwärtigen. 
Zu Beginn unseres Jahrhunderts war Leskovac 
noch das Centrum eines ausgedehnten Paiialiks, 
dessen Grenzen selbst die fernen, seit 1833 ser- 

Monatucbril't lUr doa Uriout. August 1890. 



bisch gewordenen Kreise KruSevac, ('"uprija und 
Aleksinac umschlossen. Später fiel Leskovac aber 
den Ejalets Priätina, Ni5, Kusi'^uk und zuletzt, als 
Mithad's Stern in NiS glänzte, diesem zu. Das durch 
die fortgesetzte arnautischc Einwanderung sich 
stetig stärkende moslimische Element übte wieder- 
holt solch starken Druck auf die mehr als zweimal 
so starke christliche Majorität, dass es 1841 in und 
um Leskovac zum lange vorbereiteten Kajah- 
aufstande kam. Er gab dem Gouverneur Mohamed 
PaSa viel zu schaffen, und lange nachdem er von 
den Albanesen blutig niedergeschlagen war, zeigten 
Flintenkugelspuren an dt^n Mauern den versuchten 
Angriff auf das Regierungsgebäude. Bald darauf 
sank Leskovac zum Mudirsitze herab ; zuletzt jedoch 
amtirte dort wieder ein Kaimakam. 

.^Is Serbien 1877 in die russische Action ein- 
trat und dessen Colonnen sich Leskovac näherten, 
flüchteten seine wohlhabenderen Moslims nach 
Vranja und anderen Städten des Kosovo -Vilajets. 
Zu diesem Zwecke retjuirirten Spahics und Zapties 
in tler ganzen Umgebung alle auffindbaren Wagen 
und Gespanne von der Rajah, welche dadurch über 
tausend nicht mehr zurückgekehrte Ochsen, Büffel 
u. s. w. einbüsste. Die ärmeren mohammedanischen 
Leskovacer eilten aber nach der schwer zugäng- 
lichen Grdili<5ka Klisura, wo sie mit Zuzüglern vom 
Lande durch den Kaimakan Afis PaSa .^gic und 
Esat Beg zu BaSibozuks organisirt wurden. Mit 
ihnen wollten sich 1500 Amanten unter Sumber 
und Suli Aga aus der Pusta und oberen Veternica 
vereinigen , um das serbische Vordringen abzu- 
wehren. Die christliche Bevölkerung schnitt jedoch 
durch ihre tapfere Verthcidigung der Dilaverbeg- 
Kula zu Vui''je dieser ("olonne den Weg ab. Beide 
erbittert kämpfende Theile erlitten grosse Verluste. 
Hier fiel Vladimir Radcnkovic, der Führer der .Auf- 
ständischen, am 3. Jänner 1878. Mit ihm starben 
viele Tapfere für die Befreiung des angestammten 
Bodens und die Bewahrung des .schon am 23. De- 
cember 1878 von einer schwachen serbischen .\W- 
thcilung besetzten Leskovac vor Brand und Plün- 
derung. Ein Decenniuni genügte, um die Stadt ihres 
türkischen Charakters nahezu gänzlich zu ent- 
kleiden. Von den vor der serbischen .\nnexion in 
900 Häusern wohnenden 4500 Mohammedanern 
traf ich im Herbste 1889 kaum 60 in 15 Häusern, 
von den 8 Diamien mit 6 Minarehs blieben 3 er- 



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OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



halten, von den lo Tekies nur eines; selbst das 
Türkenbad wurde rasirt! Auch die eine noch' „ar- 
beitende" Moschee wird bald verödet sein, denn 
wie allerorts, fühlt sich der Moslim auch hier nicht 
wohl unter christlichem Regiment. Kr verkauft sein 
Haus, seine Landgüter selbst zum halben Werthe 
und zieht dahin, wo er wieder der Vorrechte des 
Echt- und Rechtgläubigen über die waffenlose 
Rajah theilhaftig wird. Zu den vornehmsten einge- 
wandertenArnautenfamilien zählte jene SaSir PaSa's. 
Aus einem der angesehensten Ipeker Arnauten- 
geschlechter stammend und mit der einflussreichen 
Buäatlisippe aus Skodra nahe verwandt, sammelte 
er zu Leskovac grosse Reichihümer; sein Nach- 
komme Sahsuvar Paäa und dessen Sohn Ismail 
Pasa mehrten dieselben so sehr, dass des Letzteren 
Einfluss zu Constantinopel bis vor wenigen Jahren 
unbestritten war. 

Sasir Paäa erbaute im Centrum des rechtsuferigen 
Stadttheiles ein imposantes, fünfzig Schritte langes 
„Saraj" mit vorspringenden Flügeln, von welchen 
einer des PaSa's Frauen und üdalisken beherbergte ; 
der andere alsSelamlik diente. Der sie verbindende 
lange Mittelbau mit breitem offenen Cardak und 
grosser doppelseitiger Freitreppe enthielt die 
Gerichts- und Administrationsräume. Mit echt- 
orientalisch gemalten Ornamentfriesen , Festons 
u. s. w. geschmückt, macht das Saraj noch heute einen 
guten Eindruck, obschon es durch seine Verwen- 
dung als Tabakdepöt viel gelitten hat. Das von 
den Vlasotincer und Leskovacer Bezirken ange- 
kaufte Gebäude soll dem geplanten grossen Gym- 
nasium zum Opfer fallen, für welches die noth- 
wendigen Gelder und viel Baumaterial bereits l88g 
gesammelt waren, dessen Beginn aber die ersehnte 
ministerielle Entscheidung verzögerte. Der einer 
anderen, reich begüterten Familie entstammende, 
zu Leskovac und Pe^enjevci zwei grosse Liegen- 
schaften besitzende Pasaagic erbaute neben dem 
Saraj die seinen Namen tragende , nun verlassene 
Moschee mit Minareh. 

Gewöhnlich ist der arnautische Beg, dieser 
spanische Hidalgo und magyarische Edelmann des 
illyrischen Dreiecks, lange nicht so koranseifrig, 
wie stolz und unduldsam gegen die seiner Herr- 
schaft verfallene orientalische Christenheit. In noch 
viel höherem Grade als dem asiatischen Moslim sind 
ihm alle Klöster und Kirchen verhasst; den Bau 
neuer sucht er aber meist gewaltsam zu hindern. 
Consul Hahn erzählte ganz merkwürdige erlebte 
Beispiele von unerhörtem Fanatismus während 
seiner albanesischen Amtscarriere. Als die Lesko- 
vacer christliche Gemeinde durch Bitten und reiche 
Baksis zu Constantinopel einen Ferman erwirkte, 
der ihr den Bau eines grosseren Gotteshauses ge- 
stattete , suchten ihre arnautischen Zwingherren 
diesen durch arge Bedrohungen lange zu hindern. 
Man griff zur List ; gab vor, ein neues Popenhaus 
zu bauen. So entstand im entlegensten Südlhtile 
des Christeni|uartiers, zwischen Bäumen versteckt, 
die von Aussen kaum sichtbare, tiefliegende drei- 
schiffige Basilika Sveta-Bogorodica, deren Länge 



ausser allem Verhältnisse zu ihrer Höhe steht, ohne 
Thurm, Kuppeln oder sonstige aus der Ferne auf- 
fällige Zierde, wohl aber mit einem der Nordseite 
angefügten Schornsteine, der — wie erzählt wird 
— die Moslims über die wirkliche Bestimmung der 
Baute täuschen sollte. 

Im Jahre 1839 wurde die Kirche gründlich 
renovirt. Ein breiter, von 18 Säulen gebildeter Ar- 
kadengang an der West- und Südfronte bildet ihren 
einzigen monumentalen Aussenschmuck. Sechs 
Stufen führen zum bescheidenen Haupteingange 
hinab, über dem die ,,Roi>anstvo Sveta Bogoro- 
dica" im Bilde und ein später eingebrochenes kleines 
Fenster. Dieses und einige spärliche schmale Ein- 
schnitte an der Südfacade lassen nur wenig Licht 
in das Innere der mit grossen (juadratischcn Ziegeln 
gepflasterten Schiffe dringen. Man wähnt sich in 
einer Katakombe ; die starken Säulen, der dunkle 
Freskenschmuck erhöhen den mysteriösen Eindruck. 
Der Reflex riesiger, vor der reichgeschmückten 
Ikonostasis brennender Wachskerzen fällt auf den 
„Sto za Kraljica" (Königinstuhl) und lässt auch hier 
die natürliche Begabung der Bulgaren für das Kunst- 
handwerk bewundern. Der thronartige Betstuhl ist 
eine prächtige Arbeit des zu Vlasotinci lebenden 
• Holzschnitzers Majstor 2asa aus Samakov. Krone, 
Wappen, Blumen und sonstige Zier sind in Nuss- 
holz überraschend schön geschnitten ; die empfan- 
genen 60 Ducaten waren wohl verdient. Und gleich 
kunstreich ist der den Altar schmückende Baldachin. 
Es sind Werke von bleibendem Kunstwerth. Nahe 
der Hauptfa(;ade erhebt sich seit 1879 ein unge- 
schlachter sechsseitiger Glockenthurm ; zierlicher 
ist der Kiosk, der den treffliches Wasser spenden- 
den Brunnen überdacht und das Centrum des an- 
heimelnden, durch das Schul- und Popenhaus ab- 
geschlossenen Platzes bildet. 

Seit der serbischen Besitznahme hat sich das 
städtische Bildungswesen sehr gehoben. .'\n der 
sechsclassigen Normalschule für Knaben und Mäd- 
chen mit vielen Parallelcursen ertheilen 14 Lehrer 
und .} Lehrerinnen nahezu 900 Schülern Unterricht. 
Das vierclassige Unter-Gymnasium wird von 150 
männlichen und 20 weiblichen Zöglingen besucht. 
Es zählt einen Director, fünf Professoren, einen 
Gesangslehrer, einen Meister für Gymnastik und 
militärisches Exercitiuin, eine Lehrerin für Hand- 
arbeiten ; die Religion lehrt an beiden Anstalten 
der gewesene Pfarrer im syrmischen Ireg, Herr 
Luka Botovic. Dieser gleich gefällige, wie gebildete 
Geistliche war mir ein stets bereiter kundiger Be- 
gleiter. In seiner Gesellschaft stieg ich an einem 
herrlich blauenden Sonntagsmorgen zur neuen 
Kirche Sv. Ilija hinan, deren weisser Bau mit blin- 
kender Metallkuppel weit hinein in's Moravathal 
leuchtet. 

Er steht auf der westlichen Hisarhöhe , um- 
schlossen von Rebengärten, neben dem Friedhofe, 
in herrlicher Lage auf der Stelle einer gleich- 
namigen, im Volke als heilthätig gepriesenen 
Kirchcuruine, zu der Kranke selbst aus weiter Ent- 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT PÖR DEN ORIENT. 



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fsrnung pilgerten oder gebracht wurden. In einer 
mit allerlei Bildern, Kreuzen und Ampeln kapcllen- 
artig ausgestalteten Hütte curirte hier eine viel 
aufgesuchte Baba durch Hesprcchungen, mysteriöse 
Arzneien u. s. w. die schlimmsten Gehrechen. Uic 
Geistlichkeit eiferte vergebens gegen diesen Ein- 
griff in ihren Wirkungskreis; denn die Bauern 
nahmen die Partei der frommen Wunderfrau, die 
sich auch mit kleinsten Geschenken begnügte. 
Alimälig wuchsen diese zu einer bedeutenden 
Summe an und bildeten den von der Baba gestifteten 
Grundfond zum Baue des neuen Gotteshauses. Bald 
flössen Liebesgaben in Geld und Materialien von 
allen Seiten. Architekt Ivackovii'- vom Belgrader 
königlichen Bauamte entwarf den l'lan, Werkmeister 
Kadojiü aus Crna trava führte ihn aus und am Hin 
dan 1889 wurde die im byzantinischen Style ge- 
haltene Kirche durch den bald darauf durch die 
Radicalen seines Amtes entsetzten Niser Bischof 
üimitrije Pavlovi(^ feierlich geweiht. Die ansehn- 
liche Kuppelbaute zeigt sehr harmonische Verhält- 
nisse und wäre gelungen zu nennen, wenn nicht an 
der Westfacade der unansehnliche Eingang zu auf- 
fallend mit dem unmittelbar über demselben ange- 
brachten riesigen Fenster contrastirte. Im noch 
kahlen, weiss getünchten Innenraume führt eine 
Stiege zur Frauengalerie. Die Ikonostasis zieren 
erst zwei Bilder eines macedonischen Samouks 
(Autodidakten) und ein Symantron in schlichtem 
Holzstuhle ersetzt den noch fehlenden Glocken- 
thurm. Der Gottesdienst in dieser von der Stadt 
etwas fernliegenden Kirche wird von einem ihrer 
acht Geistlichen gehalten. Während der Muezin nur 
mehr von einem Minareh .'\llah preiset, besitzen 
nun (i88g) die in 2343 Häusern wohnenden 10.914 
orientalischen Christen von Leskovac zwei Kirchen 
und seine 15 spanisch-israelitischen Familien eine 
kleine Synagoge mit Schule. 

Die Communal Verwaltung wurde zu Leskovac 
rasch nach serbischem Muster organisirt. Wie alle 
1878 annectirten vStädte, besitzt es bereits seine 
vollständige Autonomie. Das Obsstinski sud (Ge- 
meindegericht) zählt : I Vorsitzenden, 3 Kmetcn, 
16 Ausschüsse, 8 Beisitzer, I Rechnungsführer, 
I Notar, mehrere Schreiber und Diurnisten. Den 
Sicherheitsdienst \ ersieht I Polizeibeamter mit 4 Ge- 
hilfen, 12 Panduren und 18 Nachtwächtern. Die 
Feuerwehr steht unter einem besonderen Com- 
mandanten. Für die Gcsundheits[)flege sorgen ein 
Gemeindearzt, eine Geburtshelferin und zwei .Apo- 
theken. Das Haupteinkommen der Stadt aus den 
Abgaben von I läusern, Gewölben, Kaflee- und 
Gastlocalen, Waaggeldern, vom Jahrmarkte u. s. w. 
mit 60.000 Frs. balancirt sich mit den .'Vusgaben ; 
das Baarvermögen betrug 1889 gegen 20.000 Frs. 
Eine städtische Sparcasse macht den nur gegen 
riesige Zinsen zugänglichen Geldverleihern wohl- 
thätige Concurrenz. Sehr viel geschah bereits für 
die Kegulirung und Verschönerung der Strassen 
und Plätze ; auch die Pflasterung und Beleuchtung 
machen gute Fortschritte , und schon heute ist der 
Charakter dieser vor einem Jahrzehnt noch . halb- 



asiatischen Stadt ein mehr occidcnlalen Forderungen 
entsprechender. 

An diesem überraschend schnellen Umschwünge 
haben die aus dem Fürstenthum entsendeten Offi- 
cierc und Beamten grossen .Antheil. Es dürfte in- 
teressant sein, den staatlichen Apparat einer ser- 
bischen Bezirksstadt kennen zu lernen. Zu Leskovac 
befanden sich im Herbste 1889: der Stab des 'I'cr- 
ritorial-Bataillons, ferner : I. Das„Srezko nafelstvo" 
(Bezirksamt) mit dem leitenden Bezirkshauptmann, 
I -Adjuncten, 7 i'raktikanten für den Kanzleidienst, 
I Steuerbeamten, i Tabakrcgic-Aufseher und seinen 
Gehilfen, 1 Bezirksarzte und lo Gendarmen. II. 
l<'ine Abtheilung des Ni.^ier Kreisgerichtes für die 
Lesküvacer und Vlasotincer Bezirke, bestehend aus 
I Präsidenten, 3 Richtern, l Secretär, l Rech- 
nungsführer, 2 Schreibern und 3 Praktikanten. III. 
Das Post- und Telegraphenamt, das i Chef, i Post- 
beamten und 3 'I'elegraphisten beschäftigt. 

Die l<2isenbahnstation II. Classe, mit i Vor- 
stande und 2 Gehilfen, welche Leskovac mit Niä 
undVranja verbindet, gewinnttäglich an Bedeutung. 
Der Bezirk führt ansehnliche Quantitäten von Ge- 
treide, Wein, Obst und anderen Bodenproducten 
aus. In erster Linie steht aber der Verkehr mit 
Hanf und Seilerwaaren. Man darf ohne Ueber- 
treibung sagen : Leskovac und seine Umgebung 
leben vom Hanfbau. Schon Herodot rühmte den 
thrakisch-dardanischcn Hanf. Der Leskovaccr gilt 
allgemein als der vorzüglichste im ganzen Toplica- 
und Moravagebiete ; denn die Pflanze gedeiht hier 
bis zu 3'5 m Höhe. Zur Samengewinnung wird der 
schwarze, im Herbste geerntete Hanf bevorzugt. 
Man versetzt ihn Ende April ; der weisse wird schon 
im .\ugust abgeschnitten. Durchschnittlich gewinnt 
ein Bauerngehöft lO q Hanf, einzelne sehr wohl- 
habende z. B. in Pe<>enjevce bis 35 y, welche 1889 
mit 56 Frs. per^ bezahlt wurden. .Anfangs October, 
wenn aller geerntete Hanf pyramidenförmig in end- 
losen Reihen getrocknet wird, erscheinen die Ort- 
schaften wie von ricsigi-n Zeltlagern eingehüllt, die 
später als Flachs meist nach Leskovac wandern. 
Dieses bildet gewissermassen die Börse, aufweichen 
nach dem jeweiligen Ernteausfall und Zuströmen 
der Waare ihr Marktpreis bestimmt wird. Die leider 
in ilcn letzten J.ihren häutig versuchte Fälschung 
des Gewichtes durch Befeuchtung des Ballenkerns 
oder Zusatz von I leu u. s. w. machte die fremden 
Käufer sehr vorsichtig. Noch immer gehen aber 
grosse (Quantitäten nach Ungarn, Bulgarien, Ru- 
mänien, .Albanien u. s. w. Der überschüssige Rest 
wird von der ärmeren Bevölkerung zu Seilen in 
verschiedenster Stärke verarbeitet , für welche 
Skopija (Skoi)lje), Philippopel, .Adrianopel, Buk.-irest 
und die Dobrut^a die bedeutendsten auswärtigen 
Abnehmer sind. 

Zu Leskovac schnurren in und bei jedem 
Hause der entfernteren Quartiere Räder und Räd- 
chen ; man glaubt sich in eine einzige riesige Stricke- 
und Schiffstaufabrik versetzt. Daneben ist man auf 
zahllosen primitiven Webstühlen thäiig, denn die 
aus Ziegenhaar erzeugten Lesküvacer „Bissacke" 



116 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR tEN ORIENT. 



und aus Wolle hergestellten Pferdedecken, Kotzen 
u. s. w. erfreuen sich gleichfalls guten Rufes. Die 
Leskovacer PVauen verstehen es auch, [)r;ichtig ge- 
musterte gazeartige Stoffe aus feiner Baumwolle mit 
eingewebter selbstgesponnener Seide lierzustellen, 
die lohnenden Absatz finden. Von Gewerben wird 
namentlich die Töpferei schwungvoll betrieben; 
die beliebten Formen weisen auch hier häufig An- 
klänge an die Gefässe auf, welche aus den zer- 
störten Römerslätten der Umgebung zu Tage ge- 
langen. Die städtische Industrie beschränkt sich 
vorerst auf eine bescheidene, immerhin aber als 
grcsser Fortschritt zu begrüssende Buchdruckerei 
und eine sehr gut arbeitende Dampfmühle. 

Vom Balkone des ganz europäisch mit Cafe, 
Billard und Speisesaal eingerichteten „Hotel Solun" 
(Salonik) sieht man auf den Hisar und die zierliche, 
ungemein malerische Lepenicabrücke, über welche 
an Samstagen das rege Markttreiben in der langen 
Bazarstrasse seinen Weg nimmt. Oft sperren endlose 
Ochsen- und Büffelwagenreihen die Strasse. Eine 
denkbar bunte Staffage, 'darunter einzelne um 
Lebane siedelnde Arnauten, drängt sich lärmend 
durch die Hecken der ambulanten Händler und vor 
den ihr Bestes in die Augen rückenden Verkaufs- 
läden, bis am Nachmittag sich der Knäuel immer 
mehr lichtet und die Stadt wieder ihre ruhige All- 
tagsphysiognomie gewinnt! 

DIE ALTERTHÜMER DER KHMER IN KAM- 
BODSCHA, 

Von Friedrich von Hellwald. 

Tiefes Dunkel lastet auf der Vergangenheit 
der grossen, in ihrem Innern heute noch sehr un- 
genügend bekannten hinterindischen Halbinsel. 
Indess wendet die Forschung der Gegenwart mit 
immer regerem Eifer diesem bisher vernachlässigten 
Felde sich zu, die ebenso zahlreichen als mannig- 
fachen Völker und Stämme, welchen sie zum Wohn- 
sitze dient, werden uns näher gerückt und auch ein 
Zipfel von dem Schleier gelüftet , welcher uns 
neidisch die Geschichte derselben verhüllt. Ins- 
besondere arbeiten die Franzosen mit ebenso be- 
wundernswerthem Fleisse als Geschick an der Ent- 
schleierung Hinterindiens , dessen geschichtliche 
Wichtigkeit selbst heute erst von tiefer blickenden 
Völkerforschern geahnt wird. Fast alle hervor- 
ragenden Beiträge, welche die letzten dreissig Jahre 
zur Geographie und Geschichte Hinterindiens 
brachten, sind französischen Ursprungs. Sie eröff- 
neten einen allmälig immer deutlicheren Einblick, 
einen bis dahin gänzlich unbekannten und in seinem 
Dunkel übersehenen Culturkreis mächtiger Trag- 
weite, der seinen Mittelpunkt in Kambodscha, dem 
Lande am unteren Mekhong, hat, auf der einen 
Seite aber nach Indien, auf der anderen nach China 
übergreift , im Norden bis Tibet hinauf und im 
Süden im ostindischen Archipel bis an die Grenzen 
Polynesiens reicht. 

Von den zahlreichen Stämmen der Halbinsel, 
die gegenwärtig die verschiedensten Gesittungs- 



stufen bis hinab zu tiefer Barbarei darstellen, sind 
im Zeitenlaufe viele verschwunden, andere sind nur 
noch durch einige Familien vertreten, während vier 
von ihnen eine grosse Ausbreitung noch in ge- 
schichtlicher Zeit erfahren haben ; es sind dies die 
eigentlichen yl/a/(i;)'«a, d'nt favanen, die Cham oder 
Tsiampa und die Khmer. Die beiden letzteren sind 
es allein, die uns hier interessiren, denn sie haben 
in der Geschichte des südlichen Hinterindien eine 
grosse Rolle gespielt und prächtige Denkmäler 
ihres Daseins und ihrer Grösse hinterlassen, beide 
aber sind in unseren Tagen von ihrer vormaligen 
Höhe stark herabgesunken. Das Volk der Cham findet 
sich schon seit ältesten Zeiten im Süden Hinter- 
indiens ; als der Buddhismus in Hinterindien ge- 
predigt ward, was schon frühe geschah , muss 
Kambodscha schon ein Jahrhundert vorher den 
Cham unterworfen gewesen sein ; sie hatten den 
mächtigen Staat Tsiampa gegründet, welcher beim 
Beginne der christlichen Zeitrechnung ganz Cochin- 
china bis Hue umfasste und in den darauffolgenden 
Jahrhunderten die indischen Cultureintlüsse erfuhr, 
welche so mächtig auf das Volk wirken sollten. 
Einige Jahrhunderte später drängten die Khmer 
dieses ansässige Volk ostwärts zurück oder unter- 
warfen es, gelangten aber ihrerseits im V. oder 
VI. christlichen Jahrhundert unter den Einfluss der- 
selben Cultur. So herrschten noch im IX Jahr- 
hundert die Cham im heutigen Kambodscha und in 
Cochinchina ; ja als Marco Polo im XIII. Jahrhundert 
Hinterindien besuchte , blühte noch das Reich 
Tsiampa, wie er es nennt, d. h. das Reich der 
Cham. Die Inschriften der Cham haben indi.sche 
Schrift, und es sind drei Dialecte zu unterscheiden : 
das Dalil oder die heilige Sprache, das eigentliche 
Cham, die alte Vulgärsprache, und das Bani, wel- 
ches heute ihre Stelle einnimmt. Man weiss nichts 
über die Zeitrechnung der Cham, oder ob sie über- 
haupt eine besassen. Endlich veranlassten die 
Khmer einen Theil der Cham nach Norden bis 
Bassak zu ziehen, indem sie selbst das mittlere 
Mekhongbecken besetzten. Schliesslich drangen auch 
die Annamiten vor und drückten gleichfalls auf die 
Cham, die, man kann sagen, durch zwanzig Jahr- 
hunderte mit jenen kämpften. Erst im XVII. Jahr- 
hundert machten die Annamiten dem Reiche der 
Cham ein Ende, und in den Kämpfen mit diesen 
waren die Khmer, die aber schon vorher den Sia- 
mesen erlegen waren, ihre Verbündeten. Die Cham 
sind heute auf ein paar Zehntausend zusammen- 
geschmolzen, der Mehrzahl nach Mohammedaner 
und in Sprache und Schrift von den Malayen ver- 
schieden. Die Khmer sind noch durch ein paar 
hunderttausend Kö])fe vertreten. 

Die alten Khmer, als deren Nachkommen die 
heutigen Kambodschaner zu betrachten sind, waren 
ein hochgesittetes Volk, wie die von ihnen hi'nter- 
lassenen Baureste, Meisterwerke aus Stein, glänzend 
beweisen. Ganz Kambodscha ist mit Ruinen — 
man kann sagen übersäet. Sie bilden um das 
Nordende des grossen Tonle-Sap-Sees einen unge- 
heueren Halbkreis, der an den (jaellen des klemen 



i 



/-' JE D NOTA 



OESTER REICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



IIT 



Flusses von Hattamijanjj lieginnt und sich Ijis in die 
unbewohnten Waldunjjttn erstrecict, die nach Osten 
hin zwischen dem Tonle-Sap und dem Mekhong 
hinziehen; in diesen verliert er sich. Aber auf der 
ganzttn weittin Strecke trifft der Reisende auf Schritt 
und 'IVitt Spuren einer hohen, nun länj^st ver- 
schwundenen Gesittung, Spuren, die jjleich ihren 
Urhebern in Verjjesscnheit bleiben zu sollen 
scheinen, denn man bat Mühe, sie unter der tropi- 
schen Vegetation, welche sie umwuchert, wieder- 
zufinden. Krst durch chinesische Annalen des 
XIII. Jahrhunderts wurde man auf sie hinjjewiesen ; 
im Jahre löoi sj)rach davon Ribadeneyra, und 
1606 berichtete Cristobal de Jai|ue, dass man 1570 
in Kambodscha eine alte Stadt mit herrlichen Bau- 
werken entdeckt habe. Die 'I'hatsache ward 1672 
durch den französischen Missionär P. Ohevreul be- 
stätigt, lirst indess im XI.K. Jahrhundert wandte 
sich das allgemeine Augenmerk jenen fernen Ge- 
genden zu, und der Abbe C. li. Houillevaux, ein 
ehemaliger Missionär, war der lirste, welcher im 
Jahre 1850 die Khmer-Alterthiimer der Provinzen 
Battambang und Angkor besuchte und nach seiner 
Rückkunft in seinem 1856 erschienenen Buche 
schilderte. Ihm folgte ein Jahrzehnt später sein 
Landsmann Henri Mouhot, dessen Berichte zuerst 
grossen Wiederhall fanden und Aufsehen erregten. 
Seither häuften sich die Forschungen und Ent- 
deckungen. Im Jahre 1864 konnte Adolf Bastian 
diese Wunderbauten besuchen und ihren brahmani- 
schen Charakter in seinen Bezi<diungen zur buddhisti- 
schen Weihe feststellen, 1866 kamen die Kngländer 
Kennedy und Thomson, während DouJart de Lagrce 
im Vereine mit Francis Garnier wnA DelaporU 1866 
bis 1867 die ersten gründlichen Studien begann. 
Seitdem brachte Hr. Dtlaporte auf zwei hinter 
einander folgenden Bereisungen die herrliche Samm- 
lung von Alterlhümern zusammen, welche zuerst in 
Compi«:gne, dermalen aber im Museum des 'I'ro- 
cadero in Paris aufbewahrt wird. In der jüngsten 
Zeit wurden die Ruinenstätten von Z. B. Rochedragon 
und dem Architekten L. Fournereau besucht, der 
1887 mit einer archäologischen Mission in Kam- 
bodscha betraut ward. 

Die Trümmerstädte westlich und südlich vom 
Ponle-Sap-See gehören alle einer viel jüngeren 
Zeit an, als die Prachtüberreste im Norden. Dort 
liegen gleich in unmittelbarer Nähe von Battam- 
bang die Ruinen von lianon, Wal Kk und Hasel, 
an welchen noch im vorigen Jahrhundert gebaut 
worden sein soll. Letztere bestehen theils aus 
Ziegel, theils aus Stein, haben von der Zeit viel 
gelitten, sind, von der üppigen tropischen Vege- 
tation überwuchert, ganze Galerien eingesunken, 
doch steht noch ein et«a"'2i m langes und 6'1 m 
breites Gebäude ziemlich wohlerhalten da. Man 
erkennt noch manche Bildnerei, z. B. einen 
sitzenden Mann' mit langem Barte, auch vier- 
köpfige Elephanten und andere phantastische 
Figuren. Iii der Nähe gewahrt man prächtige 
Säulen ; einige stehen noch, andere haben sich 
geneigt, viele sind umgestürzt gleich den Thürmen, 



welche sich einst neben diesen Säulen erhoben. 
Der Ueberlieferung zufolge war Baset ein Lust- 
schloss, das oftmals von den Königen besucht 
wurde. Unfern liegen die Ruinen des Tcmpel- 
klosters Wat Fk auf dem Gipfel eines kleinen 
Hügels, der aus dem Gestrüppe und dem Wald 
emporragt. Eine moderne Mauer bildet die Um- 
wallung. Der innere, wenig grosse Hofraum, 
welcher das Denkmal umgibt, ist mit Gesträuch 
überwuchert und enthält mehrere zertrümmerte 
kleine Bauwerke. Steile Treppen führen zu den 
vier hohen Thürmen in der Mitte jeder Schau- 
seite. IJiese alte Pagode zeigt wenig Skulpturen, 
aber mehrere Inschriften, welche die Eingebornen 
nicht zu entziffern vermögen. Banon gleicht einer 
Burgruine aus unserer Ritterzeit. Acht ThOrme 
sind durch Galerien verbunden und stehen von 
zwei Seiten her mit einem centralen Thurmc in 
Verbindung, der etwa 9 m im Durchmesser und 
I9W Höhe hat. Das Ganze ist trefflich gearbeitet 
und aus Sandstein, bildet also schon dadurch 
einen Gegensatz zur siamesischen Baukunst, 
welche Ziegelsteine und Fayence verwendet. 
Banon war gewiss ein Tempel ; man findet im 
mittleren Hofraume und in zwei kleinen, durch 
einen Gang verbundenen Thürmen eine grosse 
Menge kolossaler buddhistischer Götzenbilder, die 
wohl so alt sind als das Gebäude selbst, sodann 
kleinere Idole aus sehr verschiedenen Zeiten. 

Alles übertrifft an Grossartigkeit der Tempel 
von Angkor- Wat (Ongkor, auch Nakhon oder 
Nokhor genannt), etwa 22 km nördlich von Tonle- 
Sap; er bedeckt für sich allein einen ebenso 
grossen Flächenraum, wie der von Karnak. Der 
Eindruck dieses Riesenwerkes ist geradezu über- 
wältigend. Ungeheure steinerne Löwen behüten 
die erste 'Terrasse. Dann folgt eine gepflasterte 
Brücke über einen breiten Graben und mündet 
in eine grosse, gerade Galerie, welche drei 
'Thürme überragen. Phantastische Schlangen von 
herrlicher Ausführung recken fächerartig ihre neun 
Köpfe an den Seiten des Haupteinganges. Zu 
beiden Seiten der 'Thürme verlängern die Galerien 
sich in finstere Gänge, worin grosse Bildsäulen 
heute noch die Verehrung der Gläubigen em- 
pfangen. Jede der beiden Galerien ist an ihrem 
Ende von einem Porticus durchbrochen. Der 
Gesammtbau ist ein stufenartiger Terrassenbau 
aus Sandstein ; drei umlaufende Säulengänge mit 
dazwischen liegenden Höfen steigen von 10 zu 
10 m über einander empor, während eine in der 
Verlängerung der drei vorgeschobenen Thore 
liegende Haupttreppe des innersten, Baues zur 
Basis des Domes selbst emporführt. Die 6 und 
4*3 m hohen, auf piner doppelten Säulenreihe 
ruhenden Galerien dieses Tempels bilden ein 
Rechteck von 134 und 197 "5 m. Die Zahl der 
verwendeten Säulen wird auf 1532 angegeben. 
Diese ganz herrliche Golonnadc bewundert man 
umsomehr, je näher man ihr tritt. Die hohen 
viereckigen Säulen, zu welchen man vom Ein- 
gange her zuerst kommt, sind alle aus einem 



118 



OESTtRREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



einzisjen Stück; jeder Porticus, alle Capitäle und 
die runden Dächer sind aus grossen Blöcken 
zusammengefügt, Sculptur und Politur überall 
geradezu bewunderungswürdig, die Steine so voll- 
kommen an einander gepasst, dass man die Ritzen 
suchen muss. Keine Spuren von Mörtel oder 
vom Meissel sind sichtbar, die Flächen geschliffen 
wie Marmor. An den Wänden sind meistens in 
trefflichen Rasreliefs wohl über loo.OOO einzelne 
Figuren oder wenigstens Köpfe ausgehauen, die 
alle möglichen Menschen- und Thiergestalten dar- 
stellen. Zwei der Basreliefs im Peristyl des 
zweiten und dritten Stockwerkes haben Paradies 
und Hölle nach buddhistischen Vorstellungen zum 
Gegenstande; weitaus die Mehrzahl der Bildhauer- 
arbeiten in Angkor Wat wie in den übrigen 
Ruinen Kambodschas stellt indess Scenen aus 
dem Ramayana und Mahabharatha dar. Angkor Wat 
steht Alles in Allem an Grossartigkeit auf Erden 
keinen anderen Ruinen, selbst den egyptischen 
nicht nach, und einer seiner Tempel kann den 
Vergleich mit unseren schönsten Basiliken aus- 
halten. 

Vier Kilometer von Angkor Wat liegt Angkor- 
Thom, die Hauptstadt desehemaligen Khmer-Reiches. 
üelaporte liess hier den alten Palast der Könige 
entblössen und ausgraben, der ein einziges, gross- 
artiges, staunenerregendes Werk alter Sculptur 
ist, dessen übereinander gesetzte Terrassen mit 
einer Fülle von Basreliefs verziert sind ; auch hier 
finden sich überall Rama und Wischnu wieder, auch 
hier der riesenhafte dreiköpfige Klephant, der überall 
am Ehrenplatze thront, so wie er auch alle Thore 
der Stadt krönt. Mit diesen elephantentragenden 
Thoren, welche das vierfache Antlitz Brahma's in- 
mitten von hundert anderen Personen schmückt, 
mit seinen Alleen von Riesen, welche ungeheuere 
„Naga" (Schlangen) stützen, seinen von Elephanten, 
Löwen und prächtigen „Garudas" getragenen 
1 errassen, mit seinem noch seltsameren Tempel, 
dessen fünfzig zu Pyramiden gru])pirten Thürme 
fünfzig vierfache und von abgestuften Tiaren ge- 
krönte Gij)fel bilden, ist Angkor- Thom zweifelsohne 
die |)hantastisclieste Schöpfung, die jemals einem 
menschlichen Gehirn entsprang. Die prachtvollen 
Strassen, die zu der alten Stadt führen, die Mauern, 
von denen sie umgeben ist, die daran angebrachten 
Thürme, die als 'l'hore dienenden Triumphbogen, 
die gigantischen zu den IVmpeln führenden Trep- 
pen und die Tempel selbst, auf denen sich hunderte 
von Glockenthürmen erheben — alles dies über- 
trifft an imposanter Erscheinung Alles, was jemals 
die Architektur der Griechen und Römer geleistet 
hat, lässt unwillkürlich an einen noch unbekannten 
Michel Angelo denken und neben der griechischen 
eine ihr würdig zur Seile siehende asiatische Kunst 
erscheinen. 

Diese Kunst der alten Khmer stellt unzweifel- 
haft eine andere Form des Schönen dar, aber doch 
unbedingt des Schönen. Sie gipfelt in der Baukunst 
und der Bildhauerei. Erstere war nach kirchlicher 
wie nach weltlicher Richtung gleich hoch ent- 



wickelt, doch ist es schwer, sie beide strenge aus- 
einander zu halten, denn nur zu häufig treten sie 
vermischt auf; so sind z. B. in manchen Palast- 
anlagen Tempel eingefügt, während umgekehrt oft 
ein Tempel eine grosse Centralanlage bürgerlicher 
Gebäude beherrscht. Ganz überraschend ist die 
Mannigfaltigkeit der einzelnen Elemente, aus welchen 
diese khmerische Baukunst sich zusammensetzt. 
Da sehen wir Brücken aus schmalen Wölbungen 
an einander gereiht und dabei so fest gebaut, dass 
sie bis heute den Einwirkungen der Hochwasser 
widerstehen, reich ausgeschmückte Terrassen, auf 
welchen Tempel und Paläste sich erheben, gedeckte 
Säulengänge, oft dreischiffig und mit gewölbter 
Ueberdachung angelegt, endlich Thürme an den 
Ecken der Galerien. Eine besondere Gruppe von 
Bauten bilden die Stufenpyramiden, welche vom 
einfachen Hügel bis zum mächtigen Bauwerk sich 
erheben, und aus der Verbindung mit den in der 
Fläche angelegten Tempeln entstehen die erstaun- 
lichsten Werke der kambodschanischen Kirchen- 
architektur ; die aus stufenweise übereinander empor- 
steigenden Stockwerken sich aufbauenden Tempel- 
anlagen, bei welchen die Thürme die Ecken und 
Treppen flankiren und das Prachtgebäude des 
Allerheiligsten die Spitze der architektonischen 
Pyramide krönt. Auch die zahlreichen Thürme 
lassen sich häufig als langsam aufsteigende Pyra- 
miden von leicht gebogenem Umriss bezeichnen. 
Eigentliche Kuppelthürme kommen nicht vor, wie 
denn überhaupt die Wölbung, obgleich in ihren 
Grundzügen bekannt, im Allgemeinen nur wenig 
zur Anwendung gelangt. 

Reicher bildnerischer Schmuck überzieht alle 
diese khmerischen Bauwerke, zumeist in geradezu 
überwuchernder F'ülle. Die meisten Bildwerke sind 
aus Stein gehauen, doch kam auch Gold, Silber, 
Kupfer und Holz zur Verwendung. Die hölzernen 
Bildwerke waren alle bemalt und die steinernen 
scheinen es grösstentheils gewesen zu sein. Den 
Stoff dazu liefert hauptsächlich die indische Sym- 
bolik, deren künstlerische Aus- und Umgestaltung 
die Khmer sich angelegen sein Hessen. Gerade 
in der selbstständigen Verwerthung der mythologi- 
schen Motive liegt das Kennzeichnende ihrer Kunst. 
In den Figuren vermisst man freilich das eindrin- 
gende Studium des menschlichen Körpers, sie haben 
etwas Schematisches, das, immer wiederholt, zu 
flachen, inhaltlosen Formen führt. Viel sorgfältiger 
ist der Schmuck des Körpers als dieser selbst 
nachgebildet, ebenso sehr grosse Sorgfalt der 
Ausprägung der verschiedenen Racentypen zu- 
gewandt. 

Die Zeit, aus welcher diese Bauten stammen, 
lässt sich schwer mit Sicherheit bestimmen ; viele 
sind gewiss das Ergebniss einer sehr langen 
Periode. Doch ist im Allgemeinen anzunehmen, 
dass sie in der Zeit vom Anfang der christlichen 
Aera bis in das XV. und X\T Jahrhundert ent- 
standen sind und insbesondere die schönsten 
Werke zwischen dem VIII. und XIII. bis XIV. 
Jahrhundert aufgeführt wurden. Einen Anhalts- 



OESTER REICHISCHE MONATSSCHRIFT fOR DEV ORIENT. 



119 



punkt liefern auch die Inschriften, welche Pro- 
fessor Kern und Aymonier zu entziffern begonnen 
haben. Sie lassen keinen Zweifel, dass die alten 
Khmer von der Aera Cakas oder Calevahanas an 
rechneten. Daraus lässt sich auch das Alter ge- 
wisser Hauten vermuthen, vor Allem jenes des 
'rem|)els von Angkor Wat, der mit Wahrschein- 
lichkeit dem Könige Surya Rarman zugeschrieben 
wird, welcher im Jahre I012 n. Chr. den Thron 
bestieg und unter dessen Herrschaft der Buddhismus 
an die Stelle des Hrahmaglaubens trat. Letztere 
'J'hatsache scheint viel dazu beigetragen zu haben, 
das Reich der Khmer zu schwächen, welches im 
XII. und XIII. Jahrhundert von endlosen inneren 
Wirren heimgesucht ward, die seine Grrtsse für 
immer begruben. Innerhalb ihrer Gesammtdauer 
lassen sich deutlich drei Perioden in der lint- 
wicklung der khmerischen Kunst unterscheiden. 
Die erste ist die phantastische Epoche, in welcher 
die Künstler ihrer Einbildungskraft die Zügel 
schiessen liessen und die grossartigen Zierwerke 
von Angkor Thom, Preakhan u. A. schufen. 
Dabei erfanden sie eine Unzahl von Schmuck- 
motiven, die sich weiter ausbildeten, vielleicht 
verbildeten in der zweiten Epoche, deren Haupt- 
typus Angkor Wat darstellt. Darin bewundert 
man namentlich die Grösse der Anlage, die Ent- 
wicklung der Linien, der V^erbindungen, der 
Ausladungen, den Reichthum der Gesimse, die 
Feinheit der Ornamente und die prächtige Aus- 
führung aller einzelnen Theile. Die dritte Periode, 
jene des Ziegelbaues, bietet keine Säulengänge 
mehr, und die in ihrer Erscheinung einfachen 
ThOrme sind nicht mehr mit Auszackungen über- 
laden ; aber sie ruhen wunderbar auf ihrem 
Unterbaue, haben imposante Verhältnisse und 
ihre trefflich ausgeführte Ornamentik überrascht 
durch die Phantasie, die Mannigfaltigkeit und 
glückliche Anordnung der Motive, sowie durch 
das vollendete Verständniss der Wirkung. 

Das gleichzeitige Vorkommen buddhistischer 
und brahmanischer Symbole schien den Entdeckern 
lange unerklärlich. Das Räthsel hat wohl auf- 
gehört eines zu sein, seitdem Gustave Le Hon 
in Indien selbst und besonders in Nepal die 
Verquickung des Buddhismus mit den wieder auf- 
lebenden brahmanischen Vorstellungen dargethan 
hat. Aehnliches dürfte wohl auch in Kambodscha 
im Spiele gewesen sein. Man kennt dort übrigens 
noch andere Bauwerke von gänzlich verschiedenem 
Charakter. Da sind zunächst grosse, ausgehauene 
Felsen, an welchen man Bildwerke ersten Ranges 
bewundert, d.\nn Mischwerke, wie Kaker, die 
gleichfalls sehr bemerkenswerthe Leistungen der 
Rildnerei aufweisen, ferner Denkmäler aus ge- 
branntem 'Phon, die in verschiedenen Gegenden 
zerstreut sind, endlich oft sehr schöne Hauten, 
die sich zu Hunderten im Thale des Menam, 
den Wäldern Slams und Hirmas erheben und 
die als üebergangs- oder Rindeglied zwischen 
der Kunst Indiens und jener Hinterindiens ge- 
dient zu haben scheinen. Denn es unterliegt 



keinem Zweifel, dass die Kunst Kambodschas, 
dessen Verkehr mit Indien zu einer Zeit sehr 
lebhaft war, an jene Indiens sich anschliesst, 
dass Kambodscha dem indischen Culturkreise 
angehört. Bei allem indischen Charakter hat aber 
die khmerische Kunst umgestaltende Einflüsse 
erfahren, an welchen, wie die Drachen beweisen, 
auch China nicht fremd blieb, während sie sich 
andererseits zu einer unleugbaren Selbstständig- 
keit emporarbeitete. So ist denn die khmerische 
Kunst, entsprossen aus der Verbindung Indiens 
mit China, gereinigt, veredelt von Künstlern, die 
man die Athener des äussersten Morgenlandes 
nennen könnte, in der 'Ihat als der schönste 
Ausdruck menschlichen Genies in diesen weiten 
Gebieten zu betrachten, weshalb Fergusson, der 
grosse Kenner indischer Baukunst, mit vollem 
Rechte sagen könnte: Seit der Aufdeckung der 
assyrischen Ruinen ist die Entdeckung der ver- 
fallenen Städte Kambodschas die wichtigste That- 
sache in der Kunstgeschichte des Orients. 



DAYAKISCHE KUNST. 

Von Hermann Feigl. 
Einen schätzcnswerthen Beitrag zur Kunst- 
geschichte der ostasiatischen Völker liefert Pro- 
fessor A. R. Hein in dem jüngst erschienenen 
Werke, welches der Besprechung der bildenden 
Künste bei den Dayaks auf Borneo gewidmet ist. ') 
Für Diejenigen, welche in dieser Besprechung 
mehr suchen, als ihnen darin geboten ist, sei 
bemerkt, dass Hein ausdrücklich betont, dass er 
in seinem Werke nicht eine Geschichte, sondern 
eine Schilderung der dayakischen Kunst gebe, 
da zur ersteren die nothwendigen wissenschaft- 
lichen Behelfe fehlen, zur letzteren aber der Um- 
stand dränge, dass die Eigenartigkeit des natür- 
lichen Volkes bald dem Anstürme fremdländischer 
Cultur zum Opfer fallen und verschwinden werde. 
So schildert er auf Grund des heute auf Borneo 
befindlichen und in den Museen gesammelten 
Materials die d.-iyakische Baukunst, Plastik, Malerei, 
die technischen Künste (Textilarbeiten und Klein- 
kunst) und die Tätowirung und schliesst endlich 
mit Betrachtungen über die künstlerischen Erzeug- 
nisse der 'Dayaks und über den EintUiss, den 
fremde Völker wohl darauf genommen haben 
mögen. 

Ueber die Baukunst der Dayaks lässt sich 
nicht viel mehr sagen, als über die anderer 
Naturvölker, es wäre denn cl;e mehr für den 
Ethnographen als für den Kunstfreund bedeutungs- 
volle Thatsache, dass auf Borneo wie auf Java, 
Sumatra, auf den Philippinen und den übrigen 
Inseln des Archipels das Pfahlbausystem — aus 
hier nicht näher zu erörternden Gründen — vor- 



•) Hein, Aloli Ralmniid: Die bnd»drn KBoste b«l den 
havaks auf Borneo. Bin Re.traK 'ur allftemcineu Kilaslfe»obleht«. 
.Mit pinfin Tiu-Ibilitr, lehii rafeln, SO Textllla«trallOB*li and «law 
Karl«. Wi«n, ISM. 4». XIV— »8 SS. 



120 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



herrscht. Desgleichen ist auch die Anlage der 
Bedachungen sowohl der dayakischen wie der 
malayischen Bauten überhaupt in steil ansteigenden 
und tief herabreichenden und vorladenden Giebel- 
dächern nicht auf frei wählende künstlerische 
Absicht, sondern auf das praktische Bedürfniss, 
den in jenen Gegenden häufigen Niederschlägen 
zu begegnen, zurückzuführen. 

Einfach und zweckents[)rechend wie die Bau- 
kunst ist auch die Plastik der Dayaks. Ihre zu- 
meist in Holz gearbeiteten Sculpturen entbehren 



zwar nicht eines gewissen Charakters und ver- 
rathen oft treffliche Beobachtung, nichtsdesto- 
weniger aber sind sie meistentheils nur ziemlich 
rohe Gebilde, die jeder feineren Ausführung er- 
mangeln. Sie verdanken ihre Entstehung wohl 
meistentheils den religiösen Vorstellungen, und 
da es bei Abgottsbildern und Talismanen weniger 
auf die äussere Form als auf den inneren Werth 
ankommt, so begnügt sich der üayak oft auch nur 
mit einem Holzstäbchen, an dessen Ende ein 
menschliches Angesicht geschnitzt ist. Daneben 









Vorderseite eines dayakisclien Scliildes. 
(Lient. V. Tyszli a.) 



Vorderansicht einea dayalciscbcn Schiides 
aus Surawalc. (Bieber.) 



Dayakscliild aus Kutai. 
(v. De Waii.) 



kommt auch die ganze menschliche Gestalt zur 
Darstellung, und manche Figuren sind ziemlich 
gut ausgearbeitet, während bei anderen wieder 
Ohren, Nase und Mund nur durch charakteristische 
Einschnitte angedeutet sind ; manche sind fratzen- 
haft mit aus dem Munde hangenden Zungen, 
theilweise wohl auch sehr obscön, und einige 
erinnern an das asiatisch-semitische Urbild der 
sogenannten mediceischen Venus , ^) welches 



') Vergl. Bocic, C. Reis in Oost-en-Zuid-Borneo van Koetei 
naar Ban.lerniassin (in I87ilen 1880). S. Gravenhage 1881—1887. 4°. 
Atlas pl. XXVII. Fig. 6—8, Verschillende tambatongs (amuietlen). 



letzteren Umstandes Prof. Hein auffallender Weise 
gar nicht erwähnt hat. 

Auf einer bedeutend höheren Stufe als die 
Plastik steht bei den Dayaks die Kunst der Ver- 
zierung von Flächen, doch sind es auch hier 
keineswegs die figuralen Darstellungen, in welchen 
die Dayaks ihr Bestes leisten. Da, um mit Heitis 
eigenen Worten zu sprechen, „die weitaus 
wichtigsten und originellsten Hervorbringungen 
der dayakischen Malerei die bizarren Decorationen 
der Schilde sind", so hat er demgemäss das 
Capitel über die Malerei der Dayaks auch der aus- 






'^A 




OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT PÖR DEN ORIENT. 



121 



Ornftiiifiilation (mhih «iiiya 
kiRt-tien t'rancnrockna 
(Sarong). (Dr. Hai-/..) 



schliesslichen Betrach- 
tunjj ihrer Schilde ge- 
weiht. 

Hein sieht in den 
jjemalten Verzieninjjen 
tier dayakischen Schilde 
durchwegs figurale Dar- 
stellungen, von denen 
einzelne so zum Orna- 
mente umstylisirt seien, 
dass die Figureneie- 
mente in ihnen nicht 
mehr zu erkennen «der 
wenigstens sehr schwer 
zu reconstruiren sind. 
Die Richtigkeit dieses 
Satzes ist, scheint uns, 
ebenso schwer zu be- 
weisen als zu bestreiten. 
Wenn auch die überwiegende Mehrheit der dayaki- 
schen Schilde mit Kratzengesichtern oder Dämonen- 
gestalten l)emalt erscheint, während eine geringere 
Anzahl aus Kreisen, Spiralen und Curven bestehende 
Ornamente zeigt, so ist es doch wohl sehr ge- 
wagt, diese letzteren insgesammt als Umstyli- 
sirungen figuraler Formen zu betrachten. Es mag 
ja sein, dass diese Annahme in manchen Fällen 
richtig ist, aber verallgemeinert darf sie wohl 
schon deshalb nicht werden, weil es dem Natur- 
menschen gewiss näher liegt, aus einigen leicht 
hingeworfenen krummen Linien ein Gesicht zu- 
sammenzusetzen, als ein Gesicht in ein Ornament 
zu verwandeln, in welchem die ursprüngliche 
Form der Darstellung völlig verschwindet. Zur 
Bildung einer Spirale gehört weder zeichnerisches 
Genie noch künstlerische Anleitung ; noNhe krumm- 
linige Figuren trifft das ungelehrte Kind ebenso 
leicht wie der cuiturlose Wilde, und gewiss viel 
leichter, als eine tadellose gerade Linie, Das 
Spiralmotiv ist so alt wie die bildende Kunst, 
und wir finden es ebenso im alten Egy[iten wie 
in Phönikien und Griechenland ; ob es nun überall 
dort seinen Ursprung der Metalltechnik verdankt 
oder nicht, es ist gewiss das älteste krummlinige 
Ornament und charakterisirt die Anfänge der 
bildenden Kunst. Und dem wilden Dayak sollte 
die Spirale nicht Urmotiv, sondern Ableitung und 
Stylisirung sein? Lind was liegt wieder nfdier, als 
dass der naive Wilde wie ein Kind in zwei 
nebeneinander stehenden Spiralen zwei Glotz- 
augen sah? Dann bedurfte es nur noch eines 
daruntergesetzten Querstriches, um den Mund 
anzudeuten, und mit einigen weiteren Strichen, 
die sich von selbst ergaben oder tler Phantasie 
ihre lintstehung verdankten, war das mehr oder 
minder carikirte Menschenantlitz oder Hall)thier- 
gesicht in rohen Umrissen fertig. 

So liesse sich die Bemalung der dayakischen 
Schilde mit Dämonengesichtern und -Gestalten 
ganz wohl erklären, ohne erstens die Dayaks zu 
besonderen Meistern in der l'",ntwicklung von 
Ornamenten aus Figuren machen ^u müssen, und 



r)hne zweitens sie auf isntichnuagen von fremdea 
Völkern anzuweisen. 

Was den fremdländischen fMntluss auf die 
eben besprochenen Gebilde der dayakischen Kunst 
betrifft, weist Frof. //<■/■« auf ähnliche Schöpfungen 
der indischen und chinesischen Kunst hin. Vor 
Allem sind es die indischen RAkschasas, böse 
Luftgeister, deren menschendrachenäbniiche 
Häupter nach Hein die Darstellungen der dayaki- 
schen Schilddämonen beeinflusst haben können. 
Vor diesen ist es der in Ostindien wie in 
China und Japan bekannte Drache, der den 
Dayaks bei Bemalung ihrer Schilde als Vorbild 
gedient haben mag; die grösste Bedeutung für 
die Lösung der Frage nach einem eventuellen 
V^)rbilde der dayakischen Dämonenschilde scheint 
aber nach Hein den chinesischen Tigerfratzen 
innezuwohnen, Tiger und Drache spielen in der 
chinesischen Kriegführung eine grosse Rolle ; 
nach dem Tiger ist eine Schlachtordnung ge- 
nannt, und Tiger und Drache schmücken die 
I hinesischen Feldzeichen, Fahnen und Schilde. 
Nicht nur in der Darstellung des Kopfes, sondern 
auch in der der Tatzen des Dämons so manchen 
Dayakschildes findet Hein überraschende Aehn- 
lichkeiten mit der Gesichtsmaske und den drci- 
klauigen Vordertatzen eines chinesischen Tiger- 
decors, was nicht riu leugnen ist. Doch die Ver- 
niuthung Hein's, dass die auf den Dayakschilden 
vorkommenden Dämonenköpfe ohne Körper jenen 
religiösen Vorstellungen der Dayaks, wonach 
gewisse Geister (Vampyre) blos in der Form 
freischwebender Köpfe erscheinen, ihren Ursprung 
verdanken, liesse sich wohl besser ilurch den 
Verdacht des ultra non posse ersetzen, da es 
immerhin leichter ist, ein Fratzengesicht, als 
einen ganzen Körper zu zeichnen. 

Sonderbar ist es, dass Prof. Hein ausdrück- 
lich anerkennt, dass Dämonenfratzen in China, 
Japan, Indien und im ostindischen Archipel ganz 
allgemein und daher die dayakischen Dämonen- 
bilder keine vereinzelte Erscheinung sind, und 
dass er trotzdem an der Annahme einer Ent- 
lehnung mehr festhält, als es vermöge der zu 
erbringenden Beweise geboten erscheint. Er be- 
zweifelt zwar sehr, dass die für die balinesischen 
Käkschasas charakteristischen, stark entwickelten 
Mauer einen berechtigten Schluss auf eine Vor- 
bildlichkeit derselben für die Dayakschilde zu- 
lassen, da chinesische Masken mit Mauern sehr 
häufig sind und da auch die Tigermaskenschilde 
der chinesischen Armee dieselbe Erscheinung 
aufweisen, dafür aber sieht er selbst in Details 
der Dayakschilde chinesischen Einfluss und er- 
klärt z. B. Linien, welche nichts weiter als un- 
symbolische Spiralen zu sein brauchen, für die 
chinesischen Yin- und Yang-Symbole. Und doch 
ist /fein, der mit grossem Fleisse sein Material 
gesammelt und Analoga zusammengestellt hat, 
nicht der Schuld eines apodiktischen Fehlschusses 
zu zeihen, denn er erklärt ausdrücklich : Obzwar 
ein aufmerksames Studium der dayakischen Schild« 



122 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT 



malereien viele Details erkennen lässt, die auf 
China zurückweisen, und wenn auch angenommen 
werden kann, dass die chinesischen Tiger- und 
Drachenschilde den dayakischen Schilddämonen 
in vorbildlicher Weise vorhergingen, so sind 
doch die Dayakschilde keine Copien, sondern 
selbst wenn ursprünglich von aussen beeinflusst, 
doch in ihrer eigenartig bizarren Ausgestaltung 
durchaus von dayakischem Kunstgeiste erfüllt. 

Seine besten Früchte trägt dieser Kunstgeist 
in den technischen Künsten, den decorativen und 
Kleinkünsten, und Gegenstände aus Wolle und 
Holz, Hörn und Bein, Metall und Thon geben den 



Dayaks reichliche Gelegenheit, ihre Begabung in 
der Kunst der Ornamentirung zu bethätigen. Hein 
hebt auch besonders lobend das Stylgefühl der 
Dayaks hervor, vermöge dessen sie die Ornament- 
formen der verschiedenen Gruppen nie vermengen, 
sondern so strenge auseinander halten, dass man 
bei jeder Form genau bestimmen kann, in welchem 
Stoffe und in welcher Art sie zur Ausführung ge- 
bracht wird. 

Im Gegensatze zu den grösstentheils aus 
krummen Linien zusammengesetzten Schildbemalun- 
gen zeigen die dayakischen Textiiarbeiten aus- 
nahmslos Ornamente geometrischer Art, welche in 




Dayakischer Frauenhut aus 

den drei F'arben: roth, blau und gelb, ausgeführt 
sind. Das Muster besteht hauptsächlich aus rhom- 
bischen und deltoidischen Figuren und die eckig 
abgebrochene Spirale, welche es durchzieht, dient 
auch oft als Bordüre. Der Mäander, das Zickzack- 
band, Dreiecke, Quadrate, Rechtecke, Rhomben 
undDeltoide, selbst auch Kreise sind die Elemente, 
aus welchen sich die Ornamente zusammensetzen. 
Nach dem von verschiedener Seite ausgesprochenen 
Grundsatze, dass der Naturmensch Ornament und 
geometrische Figur nicht selbstständig kennt, son- 
dern aus figürlichen Objecten ableitet, und nach 
seinen eigenen Erfahrungen besteht Hein darauf, 
dass die complicirten geometrischen Gebilde nur 
allmälig schematisirte Nachbildungen von be- 
stimmten Objecten sind und dass die Muster alle 



Uandjermasin. (Har rasen.) 

gegenständliche Namen und in der Regel sym- 
l)olische Bedeutung haben. Mag dem auch in einigen 
Fällen so sein, so spricht dagegen der Umstand, 
dass die dayakischen Gewebe in ihrer Ornamen- 
tirung oft grosse Aehnlichkeit mit indischen Textil- 
erzeugnissen aufweisen, wir aber dem Culturvolke 
der Indier in diesem Punkte weder Schematisirung 
von Objecten, noch die Beilegung symbolischer 
Bedeutungen nachweisen können. Im Falle einer 
I<;ntlehnung also fällt diese Annahme bei den dayaki- 
schen Objecten ebenso weg wie im Falte einer zu- 
fälligen Uebereinstimmung, denn worauf der in- 
dische gewiss auch geometrisch ungebildete Weber 
verfallen konnte, das konnte wohl auch der Dayak 
ohne Stylisirung und ohne Symbolisirung bilden. 
Wie in den dayakischen Geweben die gerade 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT fOr DEN ORIENT 



123 



'i 



Linie vorherrscht, so findet 
in den aus Hambu und Palm- 
l)lattstreifen gefertigten Ge- 
flechten besonders der Kreis 
ornamentale Verwendung und 
die unterbro(:h<;nen und in 
Tangenten auslaufenden Kreis- 
linien bilden oft Muster der 
anmuthigsten Form. Besonders 
EU bemerken ist hier die uns 
gänzlich ungeläufige diagonale 
Lagerung der Symmetralen, 
die übrigens auch auf ("elebes 
und Sumatra gefunden wird, 
wie denn ülierhaupt auch die 
anderen Inseln des indischen 
Archipels eine dem dayaki- 
schen Ornamentstyl ähnliche 
Ornamentirung pflegen. 

Die in Holz, l^amliu, Hörn 
und Bein ausgeführten Ar- 
beiten der Dayaks zeigen, 
wie es die Natur des ver- 
arbeiteten Materials eben zu- 
lässt, schon eine bedeutend 
freiere und ungebundenere 
Darstellungsweise in denZeich- 
nungen, und besonders ist es 
ein Motiv, das Kyma, die 
Woge, das in den verschie- 
densten Varianten auftritt. 
Pflanzliche und thierische Ge- 
bilde werden ebenso wie rein 
lineare Zeichnungen dazu ver- 
wendet, das Kyma zu variiren 
und die zierlichsten Arabesken- 
gewinde zu bilden. 

Wenn die Dayaks schon (fie 
Gegenstände des Friedens, 
Spinnräder, Ruder, Särge, 
selbst Tüpferschlägel mit ge- 
schnitzten und geritzten Orna- 
menten zu verzieren lieben, so 
ist es nur zu erwarten, dass sie 
auch auf die künstlerische 
Ausstattung ihrer Waffen be- 
sonderen Werth legen. Nicht 
nur der Griff, worin die Klinge 
befestigt ist, sondern auch die 
Klinge selbst wird verziert, 
mit Kujifer und Silber ein- 
gelegt und mit in Reihen ge- 
ordneten Stiften beschlagen. 
Höheren Werth noch, als auf seine Waffen, legt 
der Dayak auf gewisse I'>zeugnisse der Keramik. 
Die Bedeutung der Keramik für die Bewohner Bor- 
neos müsste auffallend erscheinen, wenn wir ni<-ht 
wüssten , dass die Verehrung alter Gefässe als 
Gegenstände religiösen VaiUs in ganz Ostasien, in 
China sowohl wie in Japan, wie auch im ostindi- 
schen Archipel gang und gäbe ist. So ein heiliger 
Topf kostet oft tausende Gulden, er wird dem 



MaDda-i (Si-bwort) des 
Sallin'! von Kiitai. 



Figenthume der Familie unter besonderlichen Feier- 
lichkeiten einverleibt, und mancher Krug ist seinem 
Besitzer um Nichts in der Welt feil, wenn dem be- 
treffenden Gegenstande ausgezeichnete Figen- 
schaften, selbst z. B. sogar die Gabe der Weis- 
sagung, beigelegt werden. Da nun die keramischen 
Producte Borneos selbst, welche ohne Tö|)fer- 
scheibe und aus gewöhnlichem Thon hergestellt 
werden, nur für den praktischen Bedarf berechnet 
sind, so ist von ihrer künstlerischen Ausstattung 
nichts zu erwarten, und die kostbaren heiligen Ge- 
fässe, die sich auf Borneo finden, dürften wohl 
sämmtlich aus China importirt sein. Ihre Verzierun- 
gen bestehen aus Drachen, Spinnradhaspeln, Rhom- 
benfiguren, Arabesken, Blumen und Anderem. 

Wie die meisten Naturvölker, so lieben es 
auch die Dayaks, ihren grossentheils unbedeckten 
Körper zu tätowiren, und Männer wie Frauen legen 
Gewicht darauf, ihren Leib, Brust und Rücken, 
Beine und Arme mit geschmackvollen Mustern ver- 
zieren zu lassen. Schachbrettfiguren, Spiralen und 
Curven in hübscher ornamentaler Anordnung bilden 
auf den menschlichen Kör|)ern ebensolche Zeich- 
nungen, wie wir sie theils an den dayakischen Ge- 
weben, theils in ihren Schnitzereien und Bambu- 
ritzungen als geometrische Gebilde oder Arabesken 
wiederfinden. 

Wenn nun schliesslich auch die Frage nach 
dem ßinflusse fremder Völker auf die Kunstpro- 
ducte Borneos erörtert werden soll, so wissen wir, 
dass die Araber schon im IX. Jahrhundert China 
und Japan und die Inseln des malayischen .Archipels 
besucht haben, und Vieles weist darauf hin, dass 
sie auch auf die 
Bewohner Borneos 

einen gewissen 
Finfluss genom- 
men haben. Eben- 
so ist der Einfluss 
der Indier auf diese 
Inselbewohner aus 
Manchem zu er- 
schliessen,doch ist 
dieser wie jener 
der Araber nur 

vorübergehend 
und von verschwin- 
dender Bedeutung 
gegen das , was 
den Bewohnern 
Borneos von ("hi- 
nesen überbracht 
und gelehrt wurde. 
Chinesische Ein- 
wanderer haben 
seinerzeit die Insel 
colonisirt, sich an- 
sässig gemacht 
und Dayakinnen 
geheiratet ; und .i..u»i «BKk«g". 

j ■' o-L j DJmiTrt (bciUger Topf) tod Tunil>uu 

dass die Sohne des ;*. ,. _, „ \. rr /^ 

bltog, mit Tl«r K><rok< (L«(aM>) 

ältesten Cultur- T«nii»rt. 




124 



OESTEHREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 






reiches ihrer neuen Heimat nicht nur gegenständlich 
Manches mitgebracht haben, sondern ihren neuen 
Genossen auch manche Anleitungen gegeben 
haben müssen, das geht aus vielen künstlerischen 
Schöpfungen der Dayaks unzweifelhaft hervor. 
Schwer aber, sehr schwer dürfte es sein, die genaue 
Grenze zu ziehen zwischen chinesischem Import und 
dayakischer Selbsterrungenschaft. Unter allen Um- 
ständen hat der Verfasser unsere Aufmerksamkeit auf 
ein Gebiet gelenkt, das bisher nur zu stiefmütterlich 
betrachtet und eingehenderer Behandlung kaum für 
werth erachtet wurde. Mögen wir auch auf so 
Manches nicht schwören, was ffein in seinem Werke 
vorbringt, wir legen das Buch doch mit dem dank- 
baren Gefühle aus der Hand, dass der Autor viel 
Fleiss, Mühe und Kenntnisse aufgeboten hat, um uns 
zum Studium einer Sache anzuregen, an welches er 
sich als der Erste gewagt, und dass er sich seiner Auf- 
gabe nach Massgabe des vorhandenen Materials und 
von seinem Standpunkte aus als Künstler trefflich 
entledigt hat. 

DER HEUTIGE STAND DER SAHARABAHNFRAGE. 

Von Professor Dr. Philipp Paulitschke. 

Der Gedanke an eine Eisenbahn durch die 
Saharawüste tauchte in concreter Form das erste 
Mal in den Siebzigerjahren unseres Jahrhunderts 
auf. Der Ingenieur Duponchel war jes, der in einer 
Anzahl von Broschüren und Fachschriften sich 
über die Verkehrs-, Handels- und Productions- 
verhältnisse der sogenannten Algierischen Sahara 
zu dem Zweche näher erging, für die Verlängerung 
des algierischen Bahnnetzes nach dem Süden, 
nach den fruchtbaren und grösseren Oasen im 
Süden der afrikanischen Colonie, in seiner Heimat 
zu wirken. Er machte die Franzosen darauf auf- 
merksam, wie man dem grossen Karawanenverkehr 
der Provinz Oran nach den Gurära-Oasen (mit all- 
jährlich 20.000 Kameelen), der die Verfrachtung von 
Gerste und Datteln bezweckte, Concurrenz bieten 
könne, denn der blosse Transport verzehnfachte 
den Verkaufspreis der beiden Tauschobjecte, wobei 
die Erhaltungskosten für ein Lastthier sammt 
Führer per Tag nicht mehr als Frs. 1-50 betrug 
und der Tarif pro Kilometer-Tonne o"05 cts. 
nicht überstieg. Den Umsatz des Dattel- und Ge- 
treidehandels veranschlagte man mindestens auf 
lOO.OOO q, und selbst nach Abzug von 80 Percent 
für den Transport konnte man nach Duponchel's 
Berechnungen, im Falle man z. B. eine Bahn von 
looo km von Oran nach Gurära erbaute, auf eine 
sichere Einnahme von 10.000 Frs. auf den km. 
rechnen. Auch dem Gewinne aus dem Salzhandel 
der Sahara (22.000 bis 30.000 Kameellasten u 
150 bis 200 kg jährlich) stellte der französische 
Ingenieur ein sehr günstiges Prognostikon, von 
dem Handel mit Reis, Baumwolle, Indigo, Sesam, 
Erdnüssen u. A. m. mit dem Sudan ganz abgesehen. 

Diese mercantilen und zahlreiche philanthro- 
pische und politische Verheissungen beschäftigten 
lebhaft die französische Welt. Duponchel baute 
ein ganzes ökonomisches System auf der Basis 



seines Bahnprojectes auf und berechnete den Um- 
satz, der sich aus der Ausbeutung der agrarischen 
und commerciellen Vortheile des Sudans nur 
durch 60.000 seiner französischen Landsleute 
adäquat den in Algier und am Senegal erreichten 
Resultaten ergeben sollte, auf eine Milliarde. Ihm 
schwebte damals der Ausbau der E^isenbahn von 
Larruat zum Niger (1920 km also '/g weniger 
als die Pacificbahnstrecke von Omaha nach San 
Francisco, die 3080 km beträgt) vor Augen, 
richtiger wohl die Strecke von Affreville bis an 
den Niger (2574 *"^)> welche nach Duponchel's 
Berechnungen mit einem Kostenaufwande von 
400,000.000 Frs. hätte hergestellt werden können. 
An Einnahme hätte man jährlich von dieser Bahn, 
so versicherte Duponchel, 45,400.000 Frs. erhoffen 
können, was die Betriebskosten und die Zinsen 
des Actiencapitals decken sollte , im Ganzen 
günstige Chancen, die durch das Inslebentreten 
einer staatlich garantirten Actiengesellschaft von 
höchstens Frs. 100 bis 150 Millionen gesichert 
würden. 

Für die Bahnlinie hatte man damals drei Wege 
in Betracht gezogen, einen westlichen über Igelli 
und durch das Thal des Gir mit der Provinz Oran 
correspondirend, einen östlichen über Wargia längs 
des Thaies der Mia, mit der Provinz Constantine 
correspondirend, und einen mittleren über Larruat 
und an den Ufern des Lua entlang, mit der Provinz 
.\lgier correspondirend. Der erste und zweite Weg 
wurden nicht empfohlen, weil sie einerseits über 
marokkanisches Gebiet zogen, anderseits ungesunde 
Gegenden durschnitten und weil Höhendifferenzen 
von 1400»/ auszugleichen waren. Die Strecke in 
der l^rovinz Algier beabsichtigte Duponchel von 
Algier nach Affreville, dann im Thal des Scheliff 
und nach Larruat, El-Golea, Bugemma und Taudeni 
(Angerutgruppe) zu führen. Von der letztgenannten 
Station bis an den Nigerfluss (über Kamba nach 
Burrum) beträgt die Entfernung nur mehr goo km. 
Duponchel schlug vor, den Bau mit 3000 Arbeitern, 
die er für das erste Jahr leicht aufzutreiben gedachte, 
anzufangen und 300 km pro Jahr auszufertigen. Mit 
zunehmender Arbeiterzahl schmeichelte er sich, in 
4 — 5 Jahren den Niger erreichen zu können. Mit 
einem Arbeiterstande von 15.000 Köpfen, führte 
Duponchel aus, könnte die Bahn in das Herz des 
afrikanischen Continents mit einer jährlichen 
Schnelligkeit von 1200 bis 1^00 km fortgeführt 
werden. 

Der Gedanke Duponchel's wurde in Frankreich : 
rasch ergriffen, von der Fachpresse des In- und 
Auslandes lebhaft commentirt, und es bildete sich 
1870 eine Commission, die der Regierung ein Gut- 
achten über das Project abgab. Ein Credit von 
480.000 Eres, wurde bekanntlich auf den \^orsch!ag 
C. de Freycinet's, damaligen Ministers der öffent- 
lichen Arbeiten (am 13. Juli 1879 vom Präsidenten 
Grevy genehmigt), bewilligt und mehrere Sectionen 
einer Sahara-E.xpedition ausgesandt, von welcher 
dieFlatter'sche wegen ihres Unsterns sehr bekannt 
geworden ist. 



I 



OESTEBREICHISCHE MON ATSSCHRIiT PÖR DEN ORtENT 



125 



Natürlich tloss noch viel Wasser die Seine 
hiiial), l)is man die Arbeiten in Süd-Algerien, die von 
inililärisclier Seite ungemein jjefürdcrt wurden, 
durchjjeführt, das Material zusainmengetrajjcn und 
gesichtet hatte. Ein ganzes iJecennium hiedureh be- 
theiligten sieh Staat und Private in Frankreich 
(Mission Klatter's, Pouyannc, Mission Choisy, Pont* 
& Chaussces, Du|)onchel, Rolland, Fock, HIanc) an 
denselben. IJasKrj/ebniss derselben war dielCrkrrint- 
niss der Natur und der geringen Bedeutung des l''lug- 
sandes auf dem grösseren Theile des für die Bahn 
in Aussicht genommenen Terrains, die Ueberzeugung 
von der feindseligen Haltung der die Sahara mit 
ihrer Handelsvermittlung beherrschenden Tuareg- 
stämme, eine genaue Uebersicht über die physischen 
Hindernisse des Hahnbaues nach deren Wesen und 
Extension und die mögliche Anwendung von Rc- 
medien gegen dieselben, die Feststellung der Art 
und Weise der bestmöglichen Wassergewinnung 
auf der von der Bahn zu durchlaufenden Strecke 
durch artesische Brunnen. Selbstverständlich war 
es ganz unmöglich, über den 26. Grad nördlicher 
Breite von Algier aus in die Sahara einzudringen, 
und man musste über diese Region hinaus alle Be- 
rechnungen und die Richtung der 'l'race nur an 
der Hand von Analogien aufstellen. 

Mitten in die Zeit, in welcher diese Arbeit 
gethan wurde, fiel der mächtige Pulsschlag des 
colonialen Aufschwunges in Europa, und in unseren 
'lagen ward derselbe zu einem fieberhaften. 
Politische Arrangements und Compensationcn, 
wie sie bisher in der Politik und Weltwirthsehaft 
einzig dastehen, secundirtcn und steigerten das 
Interesse an Afrika derart, dass man auch an 
die Beschreibung von Interessensi>hären in der 
grossen Wüste schritt oder schreiten musste. 
Wohl hatte auch die .■\usbrcitung der französi- 
schen Herrschaft vom Senegal aus über die Re- 
gionen des oberen Niger und bis fast in die 
geographische Länge von Algier und vor die 
'1 höre von Timbuktu den Wunsch rege gemacht, 
Algier mit Senegambien durch einen Babnstrang 
zu verbinden. Seit dem im Jahre l88g gelegentlich 
der Weltausstellung abgehaltenen Colonialen Con- 
gresse von Paris, wo alle möglichen wirthschaft- 
liehen Projecte erörtert wurden, blieb die Frage 
der Erbauung der Saharabahn unausgesetzt auf 
der Tagesordnung in l>~i ankreich, und das englisch- 
Iranzösische Abkommen vom Juli 1890, namentlich 
aber die Absicht, der französischen Kammer bei 
ihrem Zusammentritte ein Saharabahnproject zur 
Schlussfassung vorzulegen, machte die in Rede 
stehende Frage zu einer brennenden. Kein Wunder, 
dass angesichts der nähergerückten Entscheidung 
dieser Frage das wichtigste, die Saharabahn be- 
Ireflende, wissenschaftlich wie praktisch ver- 
wendbare Materiale exponirt und in 'Vereinen, 
wie in der Fach- und Tagespresse nach allen 
Seiten durchgegangen wird. 

Eine Grup|ie von Materialien betrifft die 
Natur der Sanddünen der Sahara, die von dem In- 
genieur Georges Rolland (Bulletin de la Socicte 



gt(jlogique de france, 9. November 1881) ein- 
gehend behandelt wurde, während der Genie- 
capitän E. Courbis, der von dem Service geo- 
graphique de l'armee mit deren eingebendem 
Studium in der Umgebung von Wargia betraut ge- 
wesen war, über den Gegenstand in eine lebhafte 
Controverse geologischer Natur mit den lagenieuren 
Blanc und l^'ock sich einliess (Compte reodu des 
seance.s de la commission centrale der Pariser Gco- 
grajjhischen Gesellschaft 189O, Nr. 5,6, I 2 und 13) 
und auch andere Fachmänner, wie Virlet d'Aoust, 
Jules Garnier u. A., hierüber ihr Votum abgaben. 
Uie Sache drehte sich um die Beziehungen und 
den C^onnex zwischen den Dünenketten und dem 
Terrainrelief. Blanc machte nach seinen Studien 
das Vorkommen der Uüneoketten von „accidcnts 
topographifjues du sol", wie er sagt, abhängig, 
während Courbis behauptet, „que lä oü sc trouve 
une nappe acjuiftTe pcu profonde, il y a des 
dunes et (|ue l'absence de oappe correspond ä 
l'absence de dunes". Mit den Beweisen und den 
Phasen der Controverse. können wir uns an dieser 
Stelle nicht beschäftigen. Es wird genügen, 
darauf hinzuweisen, dass man in Ueberelnstim- 
mung constatirte, die Dünen bildeten kein physi- 
sches Hinderniss des Bahnbaus, ja sie seien nicht 
einmal ein solches Hinderniss, das gar so viel zu 
schaffen geben würde. 

In erhöhterem Grade als dieser mehr wissen- 
schaftlich denn praktisch bedeutenden Meinungs- 
differenz wendet sich das Interesse der Franzosen 
den für die Sahara-Eisenbahn in Vorschlag ge- 
brachten Tiacen zu. Diese bleiben die piece de 
resistance für alle Talente und für alle Mitthei- 
lung und Discussion von Erfahrungen. Es gibt 
wohl keinen Weg, welcher vom Nordrande Afrikas 
nach dem Westen und dem Centrum der Sahara 
führt, der für eine Sabarabahnlinie nicht mit in 
Combination gezogen worden wäre. Von dem 
Projecte einer einfachen, die Saharawüste über- 
schreitenden schmalspurigen Bahn ging man in 
der Erwägung und Speculatlon nach und nach 
zu dem Projecte einer grossen Sudanbahn über, 
indem man, wie es scheint, alle die Babnprujcctc, 
die seinerzeit Chediw Ismail Pascha von Egypten 
den Nil entlang nach dem Sudan zur .Ausführung 
zu bringen gedachte, wenigstens in der Con- 
ception weit übertraf. Nichts Geringeres als 
„faire un tout de l'.AIgerie, du Senegal et du 
Congo, par Ic Sahara Touareg et par Ic Suudan 
central et Occidental" schwebt den Franzosco bei 
den Saharabahnprojecten vor, und von dieser 
.Auffassung der Dinge scheint die Mehrzahl der 
Projectanten zielbcwusst auszugehen. 

Indessen der wirklich annehmbaren und 
realisirbaren Projecte des Transsaharicn sind heute 
nicht gar so viele an der Obertläche der all- 
gemeinen Discussion. Die Natur der Dinge und 
die Ivntwicklung der französischen Herrschaft in 
.Algier und am Senegal unificirte die projectirten, 
d. i. in der Oeffentlichkcit aufgetauchten Tracco 
zu einigen wenigen, deren Verfechter gegen- 



126 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



wärtig die Ingenieure G. Rolland und E. Blanc 
sind und die darzulegen Zweck der nachfolgenden 
Darstellung ist. Ein eigenartiges Project, welches 
Rene Allain in der Sitzung der Geographischen 
Gesellschaft zu Paris am 21. März 1890 vor- 
legte, mag hier nur beiläufig erwähnt werden. 
Allain fasste nämlich das Cap Nun an der atlanti- 
schen Küste (südwestlich von Marokko, circa 
29" nördlicher Breite) als Ausgangspunkt einer 
Saharabahn in's Auge, also einen Küstenpunkt, 
der bislang von keiner der Colonialmächte und 
auch von Marokko nicht beansprucht ward, wie- 
wohl in allerneuester Zeit der Sultan von Marokko 
sein Land bis an das Wadi Draa, also über 
das Cap Nun gegen Süden und Südwesten, in 
Anspruch nimmt. Vom Cap Nun will er die Bahn 
über das Wadi üraa gelegt wissen, bei dem 
Punkte Tizgi, dann das Tendüf passiren lassen 
und über 'I'aodeni, ünan, Arauan Timbuktu er- 
reichen. Dies sei, so plaidirt er, die allerkürzeste 
und vortheilhafteste Route, einfach auszuführen und 
alle Projecte längs des Senegal übertreffend. Da 
diese Trace sozusagen neutrales Gebiet durch- 
zöge längs der Strasse, die Mardochee, Lenz und 
Caillie zum Theile beschritten, käme es vor 
Allem darauf an, mit den anwohnenden Mauren 
sich auf guten Fuss zu stellen und in der Ex- 
ploitation den Vorgang General Annenkoff's zu 
befolgen. Die Franzosen scheinen diesen Vor- 
schlag nicht ernst genommen zu haben. Algier 
bliebe durch eine solche Bahn eben dann nicht 
mit dem Soudan francais verbunden und somit 
hat dieser Vorschlag, der natürlich nur aka- 
demisch gemacht wurde, keine Bedeutung oder 
wenigstens keine Protectoren oder Interessenten. 
Das die öffentliche Meinung in Frankreich 
am meisten beschäftigende Transsaharienproject 
ist gegenwärtig das des Ingenieurs Georges Rol- 
land, eines Mannes, der bisher die umfassendsten 
Studien mit Ausdauer und Hingebung über die 
Sache gemacht hat. Er ging von dem Grundsatze 
aus : ,,L'Algerie est la porte de la France sur 
notre route directe vers le Soudan", und damit 
hatte er seinen Standpunkt sattsam charakterisirt. 
Rolland will die Saharabahn von Algier aus nach 
dem Sudan geleitet wissen zu dem Zwecke einer 
,,contjuete pacifique de l'interieur africain'-. Die 
Niederwerfung der Tuareg oder doch den Zu- 
sammenbruch ihrer Macht über die Sahara, wenn 
nicht die Eroberung des Kernes ihrer Heimat, er- 
hofüt er von dem Bahnbaue. Die Trace soll so ge- 
leitet werden, dass sie die wichtigsten gegen den 
Süden reichenden t)asen berührt und sich deren 
als bequemer, den effectiveu Bau durch ihre Mittel 
fördernder, wie später das grosse Gebäude er- 
haltender Stützpunkte bedient. Von den drei Traten, 
der Trace uccidentale (.Arzew — Saida — A'in Sefra 
— Igli — Tuarrit — Timassao — Burrum am Niger, 
2100 km), der Trace centrale (.-Mgier — Blidah — 
Berruaghia — Laghuat — El Golea — Tuarrit — Bur- 
rum, 2800 hni) und der Trace Orientale (Philippe- 
ville — Constantiue — Biskra — Wargla — Aingid — 



Timassao — Burrum , 2600 km in weiterer Fort- 
setzung als Sudanbahn bis Kuka am Tschad- 
See 3400 km, bis Massina 3600 kni) will er ledig- 
lich die östliche Route als „seul practicable, le seul 
raisonnable, le seul susceptible d'une mise en train 
immediate" anerkennen und stellt sehr genaue Be- 
rechnungen über deren Realisirbarkeit an. Bis 
Wargla gilt ihm die Bahnstrecke als in jeder Hin- 
sicht wühlfundirt, physisch sowohl wie vom Stand- 
punkte der Kosten. Die Strecke Biskra — Wargla 
könne, berechnet Rolland, mit 40.OOO — 45.000 P'rs. 
per km gebaut werden. Die Kosten der Ex- 
ploitation überstiegen 2500 Frs. per km nicht. 
Ingenieur Fock will gar nur 19.000 Frcs. 
Baukosten per Kilometer annehmen. In zwei 
Wintercampagnen soll diese Section ausgebaut 
werden können. Von Wargla müsse man die 
Bahn bis zum Posten Timassinin und von diesem 
bis zu dem Zweigpunkte Amgid mit Raschheit ver- 
längern, lieber den Verlauf der Bahn von Amgid 
ab hat Rolland noch keine detaillirte, ökonomische 
oder technische Darlegung enthaltende Aeusserung 
gethan. Er beschränkt sich nur hervorzuheben : 
,,D'Amguid nous dominerons tout le Sahara central ;•' 
damit soll natürlich auch darauf hingewiesen werden, 
dass der weitere Bahnbau glatt von Statten gehen 
werde. Keineswegs würden die Kosten 50.000 Frs. 
per km bei der Fortsetzung der schmalspurigen 
Bahn nach dem Sudan übersteigen können. Die Höhe 
derGesammtbaukosten schwankt nach französischen 
Angaben zwischen 135 und 300 Millionen Frcs. 

Neben dem skizzirtenTracenprojecteRolland's 
werden in Frankreich zur Stunde noch zwei 
andere lebhaft ventilirt und ganz besonders vom 
Ingenieur Edouard Blanc verfochten. Im Ganzen 
scheint es sich hiebei darum zu bandeln, dass 
bei eventueller officieller Annahme des Rolland- 
schen Projectes die Möglichkeit der Ausführbar- 
keit anderer Projecte nicht geleugnet, sondern 
anerkannt werde. Die Discussion läuft also auf 
moralische Satisfaction gegenüber jenen Männern 
hinaus, die sich das Studium anderer Tracen als 
der Rolland'schen angelegen sein Hessen. Rolland 
beantragte die sofortige Verlängerung der bis 
Biskra gehenden algierischen Bahnen bis Wargla, 
definitive Studien und Niederlegung derselben 
über die Verlängerung dieser Bahn von Wargla 
bis Amgid und die Absendung einer Colonne 
zur sofortigen Occupation von Amgid und 
Temassinin. Damit glaubte der Ingenieur den 
ersten Theil der bevorzugten Strecke des Trans- 
saharien durchzusetzen und auch hinsichtlich der 
materiellen Opfer und der politischen Bahnen, 
die die Saharabahn noch immerhin wandeln 
möchte, die Richtung gewiesen zu haben, von 
welcher kaum jemals mehr würde abgewichen 
werden können. 

Blanc verweist nun zunächst darauf, dass eine 
Saharabahn von Algerien aus zunächst nach der 
fruchtbaren und grossen Oase Tuat mit der 
Hauptstadt Ain Salah (Insalah) gerichtet sein 
müsse, die zwar von Frankreich leider noch nicht 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FOR DEM ORIENT. 



127 



einmal occupirt worden sei, wo jedoch durch 
die Bahn ein prädominanter französischer Ein- 
fluss geschaffen werden müsse. Diese Strecke 
sei auch technisch leichter zu bewältigen, als der 
Aufstieg auf das Gebirgsmassiv von Ahaggar 
(das Kernland der Tuareg). Politische Schwierig- 
keiten mit dem Nachbarstaate Marokko beständen 
nicht, da Tuat der Machtsphäre des Sultanats 
entrückt sei. Militärisch wäre Insalah leicht zu 
halten und keineswegs, wie Kolland meinte, „un 
point strat^gicjue en l'air", vielmehr wären dies 
Amgid ■ und Temassinin auf Rolland's Trace. 
Drei wichtige Linien liefen von französischen 
Vorposten in Süd-Oran nach Tuat und dies ga- 
rantire eine hinreichend lebhafte und zweck- 
mässige Verbindung. Als Mittelglieder auf dem 
Wege nach Insalah könnten die grossen Oasen 
von Gurara und 'I'idikelt benützt werden. 

Eine zweite Linie, deren Berechtigung Blanc 
vertritt, ist die Koute vom Golf von Gabes über 
das zum türkischen Reiche gehörige Hhadames 
und Rhat. Dieser Route stehen die bedeutendsten 
politischen Schwierigkeiten entgegen. Blanc wünscht 
die Route eingeschlagen zu sehen, um den leichtesten 
Zugang zum Tschad-See zu erlangen. Rhadames 
hält er seiner Lage nach eher für eine Depen- 
dencc von Tunis als von Tripolis und deducirt 
aus diesem Umstände ein Anrecht l-'rankreichs 
auf diese Oase, während Rolland eine Bahnstrecke 
mit Berührung der beiden Oasen als „pas ligne 
fran^aise" erklärt hatte. Blanc geht so weit, seinen 
Landsleuten an's Herz zu legen, bei der bevor- 
stehenden Erneuerung der türkisch-französischen 
Handelsverträge, von der Türkei die Cession von 
Rhadames zu verlangen. Die grosse Route vom 
Mittelmeere nach dem 'l'schad - See , meint 
Blanc, sollte vollständig neutralisirt werden, wie 
das schon von Seiten mehrerer Mächte in Vor- 
schlag gebracht worden sei. Dabei ist der Ein- 
wand wohlberechtigt, dass es schwer halten 
dürfte, Plätze occupiren zu wollen, wo eine be- 
freundete Macht, wie das ottomanische Reich zu 
Rhadames, Garnisonen unterhält. Im Ganzen lässt 
sich behaupten, dass auch die von Blanc em- 
pfohlenen Routen einer Saharabahn über Tuat 
oder Rhadames ihre bedeutenden Vortheile hätte, 
wenngleich anerkannt werden muss, dass die 
Lösung der an und für sich nicht einfachen Frage 
durch politische Complicationen nur erschwert 
und in die Ferne gerückt würde. 

MISCELLEN. 
Die Ueberschwemmungen in China. Grosse 

Flüsse sind in der Kegel ein Segen für das Land, 
welches sie durchströmen. .-Xls .Arterien, durch 
welche der Handel der Völker pulsirt, als billigstes 
und bestes Transportmittel für Reisende und 
Waaren sind sie von unschätzbarem Werthe und 
gelegentliche Ueberschwemmungen müssen als 
ziemlich leicht zu nehmende Nachtheile betrachtet 
werden. In keiner Weise aber gilt dies für den 
Hoang-ho oder Gelben Fluss. 



Dieser grosse Strom ist für die ScbifTfabrt 
wenig werthvoll und seine häufigen furchtbaren 
Ueberschwemmungen machen ihn zu eiocm 
wahren Fluche für mehrere Provinzen des chine- 
sischen Reiches. Sein Gefälle ist ungewöhnlich 
stark, seine Ufer sind besonders schwach und ge- 
brechlich. Jahrhundertelange ungeschickte Ver- 
suche zur Regelung dieses „irrenden" Stromes 
haben denselben nur noch gefährlicher gemacht, 
indem seine Ufer durch fortwährendes Erhöhen 
der Dämme über das Niveau des Landes ge- 
hoben wurden. 

Soeben ist dieser Strom wieder aus seinen 
Ufern getreten und ärger als sonst sind die 
Folgen dieser Katastrophe. Die sommerlichen 
Wasserläufe, welche mit grosser Schnelligkeit 
in Lung-Wang-Miao münden, wo der , Grosse 
Canal" in den Gelben F'luss einströmt, verur- 
sachten das Bersten der Ufer und setzten etwa 
200 // Landes unter Wasser. Der also über- 
füllte „Grosse Canal" entleerte seine Wasscr- 
inassen in den Peiho, der seinerseits aus den 
Ufern trat und das Land zwischen Peking und 
Chang-Chih-wan überschwemmte, so dass der ge- 
sammte Verkehr stockte und der District von Tung- 
chow in einen riesigen See verwandelt wurde. 

Dieses neuerliche Unglück sollte denn doch 
die Regierung zu Peking zum Nachdenken ver- 
anlassen. Der Fluss ist eine chronische Ursache 
zu grossen Geldausgaben und liefert kaum ent- 
sprechende Vortheile. Er findet in zahllosen 
kleinen Wasserarmen seinen Weg durch das ' _ 
versandete Delta in's Meer, und keiner dieser ^ ■" 
Arme ist von der See aus schiffbar. Fast alUcr^j'P^^ 
jährlich werden grosse Läuderstrecken untcr^C.-^ 
Wasser gesetzt, Dörfer und manchmal Städte' '^>i — 
mit enormen Erntevorräthen hinweggespült unn-,;"^™o 
fast immer sind dabei grosse Verluste aPjT, "[/H 

Leben :^' rn-*^/ 



Menschenleben zu beklagen. Die am 
bleibende Bevölkerung wird zu Bettlern und 
muss verhungern. Zu ihren Gunsten geschieht 
unendlich viel durch Wohlthätigkeitsacte und 
dennoch gehen sie elend zu Grunde. 

Aber die chinesische Regierung lernt nur 
langsam und verwendet das Gelernte noch saum- 
seliger. Es geschieht .Allerlei, um dem Unglück 
zu steuern, die Dämme werden wieder zusammen- 
geflickt und die geschädigten Bewohner werden 
„gewissennassen" unterstützt. Aber nichts ist 
bisher geschehen, um einer Wiedtrholung solcher 
Katastrüi)hen vorzubeugen. 

Und doch könnte die Nation, die die grosse 
Mauer erbaute und den Grossen Canal gegraben, 
das Regulirungswerk mit tüchtigen Ingenieuren 
und bei ihren billigen .Arbeitslöhnen in .Angriff 
nehmen. Dies Werk wäre wichtiger als die Eisen- 
bahnbauten. Trotzdem dürfte dies kaum unter- 
nommen werden ; man wird weiter „repariren'', 
habgierige .Mandarine werden dabei ihre Taschen 
füllen und die bedauernswerthen Völker werden 
stets von Neuem in Noth und Elend versinken. 
(CkiHa Overland Tradt Report.) 



c':z 



128 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



Die Ehe in China. ') in China gibt es zwei 
Arten von Eben, welche etwa dem römischen 
connubium und concubinatus entsprechen, und 
von denen die erstere schon melir ein formeller 
Vertrag, die letztere aber zumeist noch ein reiner 
Kauf ist. Die erste Ehe darf von dem Manne 
giltiger Weise nur mit einer Frau eingegangen 
werden, welche ihm vom Vater oder einem älteren 
männlichen Verwandten seiner Familie, in dessen 
patria potestas er steht, aus einer Familie von 
gleichem Range und gleichen Vermögensverhält- 
nissen erwählt wird. Diese Frau (ch'i) erwirbt 
alle Rechte der ersten oder Hauptfrau und ist 
gegen Zurücksetzung gegenüber den anderen 
Frauen, die der Mann noch heiraten kann, durch 
das chinesische Strafgesetz geschützt. Der Chinese 
kann nämlich gesetzlicher Weise noch eine Art 
Eheschliessung eingehen, namentlich dann, wenn 
die Ehe mit der ersten Frau kinderlos geblieben 
ist. In diesem Falle empfiehlt es ihm die Frau 
oft selbst an, weil sie dann als die Mutter aller 
im Mause geborenen Kinder gilt. 

Bei dieser Art von Ehcschliessung kann sich 
der Mann die Braut selbst ohne Rücksicht auf Rang 
oder sonstige Verhältnisse wählen, auch geht die 
Hochzeit nicht unter so viel Ceremonien vor sich 
wie die erste. Solcher Nel)enfrauen (chich) kann 
der Chinese so viele heiraten, als er Lust hat und 
erhalten kann ; unter einander stehen sie gleich, 
sind aber der ersten Frau untergeordnet, wie wir 
das bei allen Völkern finden, bei denen Polygamie 
herrscht. Nichtsdestoweniger ist diese zweite Ehe 
nicht ein Concubinat in unserem Sinne, denn die 
Eheschliessung geht immer unter gewissen For- 
malitäten vor sich, die Kinder sind alle legitim und 
gleichgestellt und haben ein gegründetes Erbrecht. 
Die erste Frau gilt übrigens, wie bereits erwähnt, 
juristisch als die Mutter aller Kinder, welche in der 
Familie geboren werden, wie dies auch nach indi- 
schem und islamitischem Rechte der Fall ist. 

Die Ehe wird in China geschlossen auf Grund 
eines Contractes, welcher entweder nur mündlich 
oder schriftlich von den Familienhäuptern, in deren 
patria potestas sich Bräutigam und Braut befinden, 
in Verbindung mit den Heiratsvermittlern (mei Jen) 
aufgesetzt wird. Wurde das Uebereinkommen nur 
mündlich abgemacht, dann gelten — ein bezeich- 
nender Ueberrest des ehemaligen Brautkaufes — 
die lleiratsgeschenke , welche' der Bräutigam 
seiner Braut gegeben hat, als genügender Beweis 
für den Abschluss des Contractes. Einen Ehecon- 
tract fordert auch das römische und germanische 
Recht, der Hauptunterschied besteht aber darin, 
dass, während nach modernem Rechte der animus 
matrimonii der Nupturienten Haupterforderniss ist, 
in China ohne Rücksicht auf Neigung derselben der 
Contract nur zwischen den Familienhäuptern abge- 
schlossen wird. Braut und Bräutigam können 
niemals selbst einen giltigen Ehecontract unter- 
zeichnen, ausser wenn gar keine älteren männ- 



*) Wir entnehmen diese Notiz einem interessanten Artiltel 
des „Globus" aus der Feder des Herrn Dr. Jos. h, Grunzel. 



liehen Verwandten mehr am Leben und sie in Folge 
dessen sui juris geworden sind. 

Nur einen Fall gibt es noch, wo der Sohn zeit- 
weise sui juris werden kann, wenn er nämlich in 
amtlicher Stellung von seiner Heimat abwesend ist. 
Eine Witwe aber ist nicht sui juris, sie gehört, falls 
der Gatte todt ist, der Familie des Gatten, wurde 
die Ehe aber geschieden, wieder ihrer früheren 
Familie an und muss, wenn sie sich zum zweiten 
Male verheiraten will, einen älteren Verwandten 
haben, der für sie den Contract schliesst, sonst wird 
die Ehe mit dem neuen Gatten nicht anerkannt und 
die Schuldigen werden bestraft. Ilaben den Con- 
tract Verwandte ersten Grades unterzeichnet, so 
sind sie, in zweiter Linie auch die Heiratsver- 
mittler, für ihn verantwortlich, sind aber die Unter- 
zeichner entferntere Verwandte, dann fällt ein Theil 
der Verantwortlichkeit auf die V^erlobten selbst. Die 
contrahirenden Parteien haben sich von der gei- 
stigen und körperlichen Gesundheit der Verlobten 
zu überzeugen und zu prüfen, ob keine Ehehinder- 
nisse vorliegen. In den Contract wird auch der Be- 
trag der Heiratsgeschenke aufgenommen, welche 
der Bräutigam dem Vater der Braut gibt, und we|i;he 
oft mehrere tausende von Taels im Werthe haben. 
Besondere Feierlichkeiten sind, wie bei allenVölkern, 
auch bei den Chinesen, insbesondere für die Heirat 
mit der Hausfrau gebräuchlich, aber nicht absolut 
nothwendig, namentlich entbehren sie jedes reli- 
giösen Beigeschmackes. 

Entgegen den Satzungen des römischen 
Rechts, in Uebereinstimmung aber mit dem ca- 
nonischen, haben nach chinesischem Recht beide 
Parteien das Recht, auf Vollzug der contractlich 
vereinbarten Heirat zu dringen. Jede dem Con- 
tracte zuwider laufende Handlung muss rück- 
gängig gemacht werden und wird streng bestraft. 
In Folge dessen ist eine gewaltsame Entführung 
der Braut vor der im Contracte festgesetzten Zeit 
strafbar, ebenso aber auch die Vorenthaltung der 
Braut über den festgesetzten Zeitpunkt hinaus 
von selten der Familie. Für Ueberschreitungen 
der Ehegesetze im Falle einer Heirat zweiter 
Art, einer Concubinenehe, treten mildere Strafen 
ein. Ein eigener Fall ist der folgende. Befindet 
sich ein Sohn in officieller Sendung abwesend 
von der Familie, so ist er während dieser Zeit 
sui juris, und er kann in Folge dessen selbst- 
ständig Ehecontracte schliessen und die Ehe auch 
wirklich vollziehen. Aber auch das Oberhaupt 
seiner Familie hat das Recht, für ihn während 
dieser Zeit giltige Contracte zu schliessen. Ist 
nun der Sohn die von ihm contrahirte Ehe wirk- 
lich eingegangen, dann ist der von seiner Familie 
aufgestellte Contract ungiltig, ist die Ehe aber 
noch nicht vollzogen, dann haben die von der 
Familie eingegangenen Contracte Vorrang vor 
denen, welche er selbst abgeschlossen hat. Diese 
Thatsache illustrirt so recht schlagend die hohe 
juristische Bedeutung, welche der chinesischen 
Familie innewohnt, und die Machtvollkommenheit, 
welche ihrem Oberhaupte eingeräumt ist. 



Verautworüicher Redacteur: A. v. Scala. 



Druck von Ch. Reisser & M. Werthner in Wien. 



September-October-Heft 1890. 



Nr, 9 und 10. 



ÜESTERREICHISCHE 



P0Mt55t|nft für kn #mnt 

Ileraustieeeben vom 

K. K. ÖSTEKR. HANDELS-MUSEUM IN WIEN. 

Redigirt von Ä. von Scala. 



Monatlich eine Nummer. 



VERLAG DES K. K, ÖS7ERR. HANDELS-MUSEUMS IN WIEN. 



Prait jlhrL S I. — H) Mark. 



INHALT: Indischer Volksschimick un i die Art, ihn zu trafen. 
Von Ludwig Jlana Fischer. — Im dunkelsten Afrika. Von 
A. V. Üiliweii/er-Lerc'ieti/elU. — Zar Ufscbichti: der Null. Von 
llr. M. Huherlandt. — M I »c.el 1 en ; TeppichausstcUui g und 
Aut:8tellUDg von kunslffewcrblichon Objecton im Handelii-Museum. 
— Programm der Vorlesungen Im IlandnU-Musoum. 

INDISCHER VOLKSSCHMUCK UND DIE ART, IHN 
ZU TRAGEN. 

Im jüngsten Hefte der .'\nnalen des k. k. natur- 
historisclien Hofmuseums, welche vom Intendanten 
Hofralh von Hauer redigirt werden und Original- 
abhandlungen aus dem Gebiete der Naturwissen- 



schaften, Praehistorie und Ethnographie bringen, 
findet sich eine Abhandlung des bekannten Malers 
Herrn Ludwig Hans Fischer über „indischen Schmuck 
und die Art, ihn zu tragen", welche nicht verfehlen 
wird, sowohl durch ihren interessanten sachlichen 
Inhalt wie durch die Fülle schöner und genauer 
Illustrationen die lebhafte Aufmerksamkeit der 
Fachkreise zu erregen. Herr L. H. Fischer, der 
den Orient vielfach bereist und sein durch seine 
künstlerische Beschäftigung ohnedies geschärftes 
Auge dabei für die Eigenart des Orients in Farben 




Fig. 1. Indibclier miberarbeiter aus dem Fondschab. 



und l<"ormen ausserordentlich geübt hat, hat ge- 
legentlich seiner Reise durch Indien im Jahre 1889, 
die er mit Herrn Grafen Carl I.anckorohski unter- 
nahm, einer Anregung des Leiters der ethnogra- 
phischen Sammlungen des naturhistorischen Mu- 
seums, Herrn Custos />a«s Heger, folgend, seine 
besondere Aufmerksamkeit dem durch seine rei- 
zenilen Formen wie durch seinen Reichthum und 
Fülle als auffallend bekannten indischen Schmuck 



Sachen sich befand,') eine vortreffliche Typen- 
sammlung hauptsächlich aus dem Gebiete desV'oIks- 
schmucks angelegt, welche sich nun im Besitze des 
Hofmuseums befindet , und in Verbindung damit 
sorgfältig die Daten gesammelt, welche sich auf 
Material, Erzeugung, Verwendung u. s. w. be- 
ziehen. Vor -Allem aber hat sein Stift und Pinsel 
mit Schärfe und Genauigkeit den Eindruck fest- 
gehalten, welchen der Schmuck, wenn getragen, 



zugewendet. Er hat parallel mit den reichen Samm- '' am Menschen selbst, in Harmonie oder Contrast 
lungen des Grafen Lanckoroiiski, worunter eine 



kleine, aber erlesene CoUection indischer Schmyck- 

Monatsschrift für den Orient. September und October läiH). 



1) DIeselb« war zuglelcb mit dca Qbrigea Sammlangeo im 
Frllliling d. J. im K. k Ilaudrls-Museum «xpoairl. 



130 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



mit Hautfarbe , Haar und Tracht u. s. w. ausübt 
— gewiss ein sehr belangreiches Moment, auf wel- 
ches noch selten geachtet worden ist. So ist eine 
Abhandlung entstanden, welche interessant genug 
erscheint, in diesen Blättern auch einem anderen 
und weiteren Leserkreise als dem der Annalen zu- 
geführt zu werden. Wer die vortrefflichen und reich- 
haltigen Sammlungen indischen Schmuckes mit 
ihrer mustergiltigen Bestimmung und Etiquettirung 
im Berliner Museum für Völkerkunde — ein grosses 
Verdienst der Herreu Dr. Jagor und Dr. Grün- 
wedel — gesehen hat, wird allerdings in der Arbeit 
des Herrn L. H. Fischer nur in Einzelheiten hie 
und da Ergänzungen finden, andererseits Manches, 
namentlich bezüglich der vielen Schmuckformen zu 
Grunde liegenden Anschauungen — Blumen und 
Blüthen , Flechtmuster u. s. w. , worüber die 
Schmucknamen häufig Aufschluss geben — ver- 
missen; aber die Literatur über indischen Schmuck 
ist noch so arm, dass der vorliegende Beitrag für 
weitere Kreise nurmit Freude begrüsst werden kann. 

* 

„Auf meiner vorjährigen Reise durch Indien," 
so beginnt Hans Fischer seine Abhandlung, 
„hatte ich Gelegenheit, eine Collection indischen 
Volksschmuckes für das k. k. Hofmuseum zu 
sammeln, und habe bei dieser Thätigkeit auch 
Beobachtungen zu machen nicht versäumt, in 
welcher Weise diese Gegenstände getragen 
werden. Die in Folgendem in Zeichnung bei- 
gegebenen Schmuckgegenstände sind grössten- 
theils dieser Sammlung entnommen und stellen 
die wichtigsten Typen dar, welche zum besseren 
Verständnisse der nach der Natur aufgenommenen 
Figurentypen dienen sollen, auf denen die Art 
des Tragens von Schmuck ersichtlich gemacht 
ist. Ich habe mich um so eher entschliessen 
können, diese Beobachtungen der Oeffentlichkeit 
zuzuführen, als gerade über diesen Gegenstand 
wenig publicirt worden ist. Zusammenhängendes 
über indischen Schmuck gibt es nur in Herklot's 
Qanoon -i -Islam ; Baden - Bowell , Handbook of 
the manufactures and arts of the Panjäb ; Manches 
der Art, aber dürftig auch in den: „Indo-Aryans" 
von Räjendra Lala-Mitra. Ein ganzer Satz 
von Schmucksachen einer Masslafrau steht im 
„Orientalist" , leider aber ohne Bilder. Sehr 
schöne Illustrationen finden sich in den Werken : 
Alwar and his treasures von Thomas Holbein, 
Hendley, und Les civilisations de l'Indes, von 
Dr. L e Bon. In der indischen Reiseliteratur ist 
eigentlich nur Einiges aus Nordindien im Buche 
Ujfalvy's: „Aus dem westlichen Hymälaya" 
zu finden, wo zahlreiche Illustrationen beigegeben 
sind, deren einige den meinen sehr nahe kommen. 

Die prunkende Putzliebe der Orientalen 
findet in den Völkern Indiens ihren Gipfelpunkt 
und kommt am meisten in den Schmuckgegen- 
ständen derselben zum Ausdruck. Nirgends in 
der Welt entfaltet der Schmuck so mannigfaltige 
Formen und wird auf so mannigfaltige Weise 
angewendet wie eben dort, wo die schöpferische 



Phantasie, in allen Kunsterzeugnissen übersprudelnd , 
auch auf diesem Gebiete in's Masslose sich steigerte, 
nicht nur was die einzelnen Objecte anbelangt, 
sondern auch in der Art und Weise, wie und 
wo die Schmuckgegenstände verwendet werden. 
Das zuweilen sehr einfache Costüm lässt, be- 
sonders im Süden, viele schmuckfähige Körper- 
theile unbedeckt, welche dann mit Vorliebe mit 
Schmuck geziert werden: Ohren, Nase, Hals, 
Ober- und Unterarme, Finger, Fussgelenke und 
Zehen erscheinen oft, so weit als nur zulässig, 
mit Schmuck beladen. Nur eines ist auffallend, 
dass die Lippen nie zur Aufnahme von Schmuck 
dienen, wie dies bei anderen, namentlich afri- 
kanischen und amerikanischen Völkern der Fall ist. 
Zum Schmuck dienen auch bei Völkern primitiver 
Stufen häufig das Bemalen und Tätowiren der 
Haut, sowie Aufkleben von Blattgold oder aus- 
gestochener Blättchen von Goldpapier, insoweit 
diese Behandlungen der Haut nicht speciellen 
religiösen Gründen entspringen. 

Cultur und Geschichte eines Volkes sind so 
innig verwoben, dass man deren Beziehungen zu 
einander in jedem einzelnen Culturproducte 
wahrnehmen und der Zeit nach verfolgen kann. 
Die Geschichte Indiens ist so wechselvoll und 
hatte stets Verschiebungen der Völkermassen 
zur Folge, dass heute Indien beim ersten 
Anblicke als ein kaum zu entwirrendes Conglo- 
merat von Racen , Religionen , Sprachen und 
Staaten erscheint. Es scheint fast ein Naturgesetz 
zu sein, und die Geschichte erzählt oft genug 
davon, dass die Völker des Nordens stets nach 
Süden drängen. Was für Europa die südlichen 
Halbinseln, das ist für Asien Indien, und da 
lässt sich genau verfolgen, wie von dem grossen 
Macedonier angefangen stets Eroberer vom 
Norden her auf Indien eindrangen und ihre 
Spuren zurückgelassen haben. Es ist daher leicht 
erklärlich, dass wir im Norden Indiens Formen 
in der Kunstindustrie begegnen, deren Ursprung 
wir weit ausser den Grenzen Indiens zu suchen 
haben, wie denn auch die Kunst, namentlich die 
Architektur im Norden, fast durchwegs moham- 
medanischen Ursprungs ist, wenn sie auch in 
Indien sich eigenartig entwickelt hat. 

Bei dem heutigen Völkergemische in Indien 
und bei dem fortschreitendem Einflüsse euro- 
päischer Cultur ist es gegenwärtig sehr schwierig, 
sich nur halbwegs darüber klar zu werden, was 
einem oder dem anderen Volke speciell eigen 
ist, welche Schwierigkeit noch dadurch wächst, 
dass der Verkehr der einzelnen Provinzen unter- 
einander durch die vielen Bahnen ein sehr reger 
geworden und der Handel ein sehr verbreiteter, 
ist. Man findet daher einzelne Schmuckgegen- 
stände über ganz Indien verbreitet und findet 
einen Anhaltspunkt für die eigentliche Prove- 
nienz oft nur darin, wenn man berücksichtigt, 
wo dieselben erzeugt werden. 

So schwierig, ja gerade unmöglich es anfangs 
erscheint, Typen für die einzelnen Völkerschaften 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



131 






Fig. i. 

BlnfhaiMisob« Uaarnadula 

(Cud]r, Ceylon). 






festzustellen, so gelang es mir doch, mit der 
Zeit solche aufzufinden, namentlich bei den 
\\ niedersten Volksschichten, welche auch gewöhnlich 
strenger an den hergebrachten Formen hängen. 
Der üorfschmied vererbt seine Kunst vom Vater 
auf den Sohn und Enkel stets mit denselben 
alterthümlichen Gussformen, denselben einfachen 
Gerätben, denselben Zeichnungen, und es ist ja 
nur der gegenwärtige Luxus, der die Mode 
hervorruft. 

Leider sind meine Bemühungen durch die 
sehr reichen Sammlungen in Indien nicht viel 
gefördert worden, denn wenn auch Schmuck- 
gegenstände oft sehr reichhaltig und in allen 
Formen vertreten waren, so waren sie stets unter 
iehr allgemeinen Namen und Bezeichnungen aus- 
gestellt. Es kommt doch gerade bei indischen 
Schmuckgegenständen häufig darauf an, dass 



man seine wirkliche Bestimmung kennt, da man 
dem einzelnen Gegenstand dieselbe durchaus 
nicht ansieht. So gibt es Finger- und Zehen-, 
(Jlir- und Nasenringe, Arm- und Knöcbelringc, 
welche Eines für das Andere angesehen werden 
könnten. 

Ich habe daher hauptsächlich mein Augen- 
merk darauf gerichtet, welchen Schmuck die Haupt- 
masse des Volkes trägt, und wie er getragen 
wird. Der Schmuck der Reichen scheint mir in 
diesem Falle für den Ethnologen von geringerer 
Wichtigkeit, weil er einestheils in jedem Juwelicr- 
laden zu haben, anderentheils bereits häufig euro- 
päischen Fabrikaten nachgebildet oder selbst 
solches ist. 

Das Material, welches in Indien zu Schmuck 
verwendet wird, ist hauptsächlich Silber und in 
Ermanglung dessen Zinn, Zink und Blei, ebenso 
häufig aber verschiedene Legirungen, welche gold- 
ähnliche Metalle liefern. Im Allgemeinen herrschen 
im Süden die gelben Metalle vor, während nach 
Nordwest zu die weissen Metalle, und namentlich 
Silber, immer vorherrschender werden. Beispiels- 
weise kommt in Peshawar fast nur Silber vor. 
Gold kommt in Indien sehr wenig zur Verwendung 
und wird von den niederen und Mittelständea fast 
gar nicht getragen. Diese Verhältnisse finden ihre 
natürliche Basis in der Art und Weise, wie die 
Metalle in Indien vorkommen. An Gold ist Indien 
arm, dagegen findet sich stark silberhaltiges Blei 
und Zinn an zahlreichen Punkten und in Massen, 
womit ein Licht auf die Eigenthümlichkeit des 
indischen Schmuckmetalls fällt. 

An Edelsteinen werden in Indien alle be- 
kannten Arten getragen, sowie Halbedelsteine. 
Der Schliff ist aber in der Regel sehr primitiv, 
soweit nicht in Europa geschliffene Steine zur 







^>röv 



Fig. 3. Ohrscbmuck nach den Ueoi&lden Im F«Ueotemp«l tn 
Adsch&nt«. 




Fig. 4. Ohrscbmuck einer Singbalesin. 

„ 5. Erweitertes Ohrläppchen .der Tamilen. 

„ 6. MetallriQg. t ■—'*•' •*• 

„ 7. Holzfeder a's Ohrschmuck (Tamilen). 

, 8—10. Ohrscbmuck der Tamilen. 



Fig. 11. Ohrläppchen eines Knides, durch Bleiringe ausgedehnt. 
„ 12, 13. Männlicher Ohrschmuck der Tamilen. 
„ 14. Männlicher Ohrschmuck aus Madras. 
^*\ 15. Hiudu-Ohr8t.bmuck aus der Provinz Bombay. 




-f^i 



OESTER REICHISCHE MONATSSCHRIFT KÖR DEN ORIENT. 



183 



Verwendung kommen, Fiinzelne Provinzen scheinen 
eine besondere Vorliebe für bestimmte Steine 
oder Farben zu haben; so fiel es mir auf, dass 
in dtr Provinz Madras besonders zu Ohrringen 
für Männer fast durcliwegs grüne Steine getragen 
werden. In Dschcyi)or vericauft man in grossen 
Mengen Sclimuck aus indischen Granaten, und 
für die Himälaya-Districte ist der Türkis charak- 
teristisch. 

Glas ersetzt natürlich in Imitation alle Stein- 
sorten, wobei erwähnt werden mag, dass flache 
S()litter von Glassatz durch eine färbige Zinnfolie 
zur Aehnlichkeit mit den betreffenden Edelsteinen, 
die in Indien fast durchwegs nachgeschliffen sind, 
gebracht werden; es wird aber auch in Form 
von Perlen der verschiedensten Art verwendet. 
In Süd-Inditn sind Armringe aus Glas, welche 



hauptsächlich in Puna, Taragalla und Surat erteugt 
werden, ein beliebter Schmuck. 

Perlen und Corallec sind ebenso häufig in 
Verwendung wie Steine. 

Elfenbein wird hauptsächlich zu Armringen 
verarbeitet. 

Ein eigenartiges Material zur Erzeugung von 
Schmuckgegenständen, in allen Theilcn Indiens 
verwendet, ist eineComposition aus Harzen, welche 
vergoldet und bemalt hauptsächlich zu Armringen 
billigster Sorte verarbeitet wird. 

Conchylien, sowie Perlmutter kommen selten 
in Verwendung. Von ersteren sieht man öfters 
Kaurimuscheln und eine grosse weisse Schnecke, 
Changu {Turbinella rapa), von der das Mittelstück 
als Bracelett verwendet wird. .Ausserdem werden 
im Daccadistrict (Rengalen) ans dieser Muschel 




/' JEDNOTA ^> 
/K POVZBUZtlM' 
\ PRÜMYSLU 
V CECHACM 



Flg. 16. Schmuck der Tamilen, 
a Naeenscbmuck für den Nasen(lU«rel, iNaRenschmuck fllr die Na«en«cheldewand, c, d Knopf für den zweileo NasenSügel, < ObrrlD(, 
/ Schmuck für den oberen Kand der Obrleiste, ; doügleioben Ton Männern und Frauen getragen. 



die verschiedenartigsten Formen von Braceletten 
geschnitten, einfache und breite Reifen sowohl, 
als jene breiten, aus dem Mittelstück der Muschel 
geschnittenen. Bei letzteren fehlt jede weitere 
Bearbeitung und bleibt die natürliche, glänzend 
weisse Oberfläche der Muschel erhalten. Perl- 
mutter habe ich nur gelegentlich als Amulet und 
in Ceylon zu Ringen verarbeitet gesehen. 

In gewisser Beziehung ganz isolirt stehen die 
Singhalesen auf Ceylon und charakterisiren sich 
schon durch den Umstand, dass sie keinerlei 
Schmuck in den Nasenflügeln tragen. Die Form 
der weiblichen Ohrringe (Fig. 4) kommt in Indien 
nirgends mehr vor, ebenso haben sie einige Arten 
Halsketten und Haarnadeln (Fig. 2), welche nur 
von ihnen in dieser Form getragen werden. Zehen- 
ringe werden meines Wissens von den Sin- 
ghalesinnen gleichfalls nicht getragen, und unter- 



scheiden sie sich dadurch von den Tamilen, welche 
in grosser Anzahl in Ceylon leben. 

Die Tamilen Ceylons sind aus Süd-Indien 
eingewandert und sind mit den Tamilen Süd- 
Indiens zu identificiren. Für diese ist der reiche 
Schmuck der Ohren charakteristisch, dem sich 
die Männer nicht verschliessen (Fig. 12, 13). Be- 
sonders jene üoppelknöpfe, welche in dem oberen 
Rand der Ohrleiste getragen werden (Fig. l6^), 
sind bei beiden Geschlechtern gleich beliebt. 
Aehnliche Schräubchen mit einem stets grünen 
Stein (oder Glas) sind für die Männer der Provinz 
Madras charakteristisch (Fig. 14). 

Der Schmuck des weiblichen Ohres liegt 
schon allein in der weiten Durchbohrung des 
Ohrläppchens. Schon die Ohrläppchen der Kinder 
«erden durch Bleiringe (Fig. 11) allmälig erweitert 
und in die Länge gezogen, bis das Ohrläppchen 



134 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR tEM ORIENT. 



nur mehr zum schmalen Streifen wird und häufig 
bis an die Schultern herabhängt (Fig. 5). 

Diese erweiterten Ohrläppchen scheinen ein 
Ueberrest des Costumes aus alten Zeiten zu sein. 
Buddha wird bekanntlich stets mit solchen Ohren, 
wenn auch ohne darin gehängten Schmuck, ab- 
gebildet. (Er hat sich eben, um seine weltab- 
gekehrte Sinneswandlung auch äusserlich zu zeigen, 



alles Schmuckes begeben.) Auf den ältesten Fres- 
ken, die uns in den Felsentempeln von Adschanta 
erhalten sind und welche vom 2. Jahrhundert v. 
Chr. bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. zurückgreifen, 
haben alieFiguren solcheOhren und ist der Schmuck 
den tamilischen am ähnlichsten. Besonders häufig 
sieht man auf diesen Fresken Ringe durch das 
Ohrläppchen gesteckt, die ich nach der Malerei 




Fi;. 17. Tamilin aus Madras. 



für Elfenbein halte (Fig. 3). Auch die alten 
Dichter erwähnen der bis an die Schultern aus- 
gezogenen Ohren. 

Letztgenannten Ringen ganz ähnlich sind 
Metallringe oder spiralförmig gewundene Streifen 
aus Holzbast (Fig. 6, 7), welche bei den Ta- 
milenfrauen der ärmsten Classen sehr häufig zu 
finden sind. Ausserdem kommen auf den Fresken 
in Adschanta noch Ohrringe, welche den singhale- 
sischen ganz ähnlich sind , vor. Die wohl- 



habenderen Classen sind sehr erfinderisch in den 
Formen und der Art, wie der Schmuck am 
Ohre befestigt wird, wie aus den F"iguren 8, 
g, 10 zu entnehmen ist. 

Alle Schmuckgegenslände bleiben sich im 
Wesentlichen durch ganz Süd-Indien gleich und 
erleiden nur geringe Variationen. Madras, Tanjore, 
Tritschinapali, Madura sind in dieser Beziehung 
ziemlich gleichartig. Der Ohrschmuck wird zu- 
weilen noch durch glockenförmige Anhängsel, 




OESTCRREICHISCHE MONATSSCHRIFT FOr DEN ORIENT. 



135 



mit Perlen verziert, ergänzt (Fig. 15 und 16 e), 
die Nase tritt ebenfalls als Träger von Schmuck- 
gegenständen auf, von welchen drei Formen zu 
bemerken sind: einfache fJoutons (Fig. i6 f, d), 
aus einem einzelnen weissen Stein oder einem 
Stern aus Metall bestehend, in dem einen, ein 
mit Steinen und Perlen verzierter Ring (Fig. 16 a) 
in dem anderen Nasenflügel und ein Ornament 



mit einem angebängten Tropfen, zumeist eine 
Perle, in der Nasenscbeidewand (Fig. 16 b"). 

Den Kopf ziert weiters zuweilen eine runde 
gravirte oder mit Steinen besetzte Metallplatte 
in der Form eines Kugelsegmentes, welcher 
häufig eine schuppenförmige, oft reich vczierte 
IJecoration des herabhängenden Zopfes, in zwei 
Quasten endigend, angefügt ist (Fig. 19). In die 




l PRUMYSUJ ' 



Flg. Ifi. Tamllin aas TrlUchinapall. 



Stirne hängt in der Regel eine Perle oder ein 
kleines Ornament, von welchen aus längs dem 
Scheitel breite Ketten gegen die Ohren zu laufen. 
Finzelne Ornamente können überdies noch in die 
Haare gesteckt werden. 

Den Hals zieren Ketten verschiedenster Form 
ohne besondere Eigenheiten. Aber nur im Süden 
Indiens vorkommend sind die V-förmigen Ober- 
armreifen, wie in Fig. 18 ersichtlich ist, die oft 
sehr reich und schön verziert sind, aber auch 



bei niederen Classen vorkommen und da zu einem 
blossen Drahtgestelle herabsinken. 

Den Unterarm zieren gleichfalls einige Arm- 
reifen, bei armen Frauen nicht selten von Glas 
oder Harzmasse. 

Die Knöchel des Fusses sind mit Reifen, 
oft mit kettenartigen Ringen geziert, und in der 
Regel steckt an der zweiten Zehe ein einfacher 
Metallring. Auf Ceylon sah ich bei den Tamilinnen 
Ringe als Zehen- wie als Fingerringe getragen, 



136 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



welche nach demselben Principe geformt waren 
wie die V-förmigen Armringe. Dieselben waren 
sehr roh aus weissem Metall gearbeitet und an 
der einen Ecke mit einem viereckigen Knopf ver- 
ziert, welcher nach vorne zu liegen kam. Selten 
aber geht der Schmuck des Fusses über einen 
Reifen und einen Ring hinaus; dies unterscheidet 
die Süd-Inderinnen auffallend von den Frauen der 
nördlichen und Central-Provinzen. 

Ich kann nicht sagen , dass mir in Süd- 
Indien ausser den wenigen genannten Gegen- 
ständen solche aufgefallen wären, welche ein 
Volk oder eine bestimmte Gegend auszeichneten. 
Im Allgemeinen sind jene angeführten Schmuck- 
gegenstände überall mit geringen Variationen zu 
finden; es scheint eben, dass jedes Individuum 
den Schmuck trägt, den es besitzt, und je nach 
seinem Wohlstande mehr oder kostbarer. 

Nur auf der Hochebene im Innern des Dek- 
kan wird das Bild mit der veränderten, sonnver- 
brannten Landschaft ein anderes; schon das Co- 
stüm verändert sich, die meist rothen, gelbgrünen 
oder gelben Costüme der Frauen machen den 
fast ausschliesslich indigoblauen Tüchern Platz, 
auf welche ich noch zu reden komme; die Männer 
zeichnen sich durch grosse Turbane aus und 
tragen ein Tuch um den Oberkörper gelegt und 
Sandalen an den Füssen. Ganz anders als alle 
Frauen des Dekkan sah ich eine Frau aus Ka- 
nara. Dieselbe trug eine Unterjacke, Blau mit 
Gelb und rothe Stickerei, und ein blaues Tuch 
um den Körper gelegt. Sie trug in den Ohren 
Schmuck wie die Tamilinnen und hatte einen 
Nasenring aus Draht, der zur Verstärkung an 
der Aussenseite wieder mit Draht umwickelt war. 
Hinter den Ohren kamen aus den schwarzge- 
lockten Haaren Quasten hervor, ähnlich wie jene 
auf Fig. l8 und 19 am Zopfe angehängten, und 
hingen auf die Schultern herab. Das Auffallendste 
an ihr waren ziemlich roh gearbeitete Elfenbein- 
ringe, welche den Ober- und Unterarm bedeckten, 
so dass nur das Ellbogengelenk frei war. An 
den Knöcheln trug sie schwere Ringe und an 
jeder Zehe gleichfalls einen Ring. 

Das Costüm der Süd-Inderin besteht in der 
Regel nur aus einem langen, meterbreiten Baum- 
wollstoffe, den sie sehr malerisch erst um die 
Lenden wickelt und den Rest über die Brust um 
die Schulter wirft oder zum Schutze gegen die 
Sonne über den Kopf legt. Der persönliche Ge- 
schmack kommt im Legen dieses Gewandes ebenso 
zur Geltung, wie dies bei dem Himation der 
Griechinnen der Fall war. 

Die Farbe dieses Tuches ist bei den Tamilen 
fastdurchwegs roth, in Tritschinapali häufig gelb, 
grünlich oder orange mit andersfarbigen Stieifen 
an den Enden. Nur auf der Hochebene des Dekkan 
ist es fast durchwegs indigoblau mit carminrothen 
oder gelben Streifen am Rande. 

Ein weiteres Kleidungsstück, übrigens in 
ganz Indien zu finden, ist eine Art kurze Jacke, 
wenn man dieses Costümstück so nennen darf. 



Es besteht aus einem oft mehrfarbigen Stück 
Zeug, an welches kurze enganliegende Aermel 
befestigt sind. Der Rückentheil fehlt zuweilen 
ganz und wird dann nur durch Schnüre am Halse 
und unter den Schulterblättern befestigt. Dieses 
Costümstück vertritt eigentlich die Stelle eines 
Mieders, auf welches die Süd-Inderinnen in der 
Regel ganz verzichten, in civilisirteren und nörd- 
licheren Gegenden fehlt es aber nie und ist bei 
Mohammedanerinnen zu einer Art Hemd ver- 
längert ; dies unterscheidet das Costüm der Mo- 
hammedanerin wesentlich von dem der Hindus, 
bei welchen der Bauch stets unbedeckt bleibt, 
ausser er wird von der Sari verhüllt. 

Der untere, um die Lenden und Beine ge- 
legte Theil dieses Tuches wird zuweilen zwischen 
den Beinen durchgezogen und in der Kreuzgegend 
wieder befestigt, wodurch eine Art Hose entsteht. 
Auf ähnliche Weise tragen fast alle Männer ihren 
Lendenschurz, die Frauen aber nur bei der Feld- 
arbeit. Es erinnert mich dieser Lendenschurz ganz 
an die Art und Weise, wie solche auf den egyp- 
tischen Hieroglyphen bei Darstellungen von 
Männern der unteren Volksschichte stets vor- 
kommen. 

Bei Männern bleibt aber der Oberkörper zu- 
meist ganz nackt und sehr häufig auch der Kopf. 
Bei den niedersten Classen reducirt sich der 
Lendenschurz oft nur auf einen Streifen Leinwand, 
der durch eine Schnur um die Hüften befestigt 
wird. Der Turban wird in ganz Süd-Indien ge- 
tragen und variirt sehr in der Grösse. 

Fussbekleidungen werden so gut • wie gar 
nicht getragen, nur in den Städten findet man 
solche, und auf der Hochebene des Dekkan, wo 
der Boden steinig, kommen Sandalen oder Schna- 
belschuhe vor. 

Der Schmuck der Männer beschränkt sich 
hauptsächlich auf Ohrringe einfacher Art, ohne 
bestimmten Typus und ist meist den Formen, 
welche die Frauen in der Ohrleiste tragen, ent- 
nommen, so bei den Tamilen (Fig. 16 g), oder 
in Madras die schon erwähnte Form (Fig. 14), 
selten dass ein einfacher Hals-, Arm- oder Fuss- 
ring getragen wird. 

In Bezug auf Costüm und Schmuck könnte 
Bombay als die beiläufige Grenze zwischen Süd- 
und Nord-Indien genannt werden, oder besser 
gesagt, hier beginnt der Einfluss der vom Norden 
eindringenden arischen Bevölkerung fühlbar zu 
werden. 

Hier, wo von allen Seiten das Volk zu- 
sammenströmt, bedarf es einer genauen Kenntniss 
der umliegenden Provinzen, um mit einiger Sicher- 
heit die einzelnen Typen zu erkennen, namentlich 
da durch den Verkehr die Eigenart der einzelnen 
Stämme immer mehr verwischt wird. Die Hindu- 
frau behält noch den Typus der Süd-Inderin in 
ihren Schmucksachen bei, einzelne Kasten scheinen 
ihre eigene Art, sich zu schmücken, angenommen 
zu haben, so z. B. die schön und edel geformten 
Brahmaninnen der Parsukaste, welche mit Vorliebe 



' OE8TERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



187 



\ PRu; 





Flg. ID. Kopficbmnck «na 8fld-Indlen. 



grosse , dünne Nasenringe mit Perlen besetzt 
tragen und dafür wenigen Wertii auf den reichen 
Ohrschmuclc legen (Fig. 20). üie Muselmanin 
hingegen trägt keine Nasenringe, kleine Ringe 



in den Ohren und Arm-, und Fussringe wie die 
Hindus. Silberne Halsketten, meist mit kleinen 
Silberkugeln verziert, welche in Bombay in jedem 
L:tden zu sehen sind, werden von allen Frauen 



138 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



getragen und auch von den Europäerinnen nicht 
verschmäht. Die Formen sind so bekannt, dass 
eine Zeichnung davon zu bringen überflüssig wäre. 

Die Parsis, welche einen bedeutenden Bruch- 
theil der Bevölkerung in Bombay ausmachen, 
haben in ihren Schmuckgegenständen nichts Cha- 
rakteristisches, die Frauen verschmähen jeden 
anderen Schmuck, den nicht auch eine Europäerin 
tragen würde, höchstens dass zu dem Ohrring 
noch ein zweiter knopfartiger in die Ohrleiste 
gefügt wird. 

Nördlich von Bombay, bei Ahmedabad, be- 
gegnet man zuweilen den dunkelfarbigen, kräftigen 
Bhils, jenem Stamm, welcher hauptsächlich die 



südlichen Gebirge von Radschputana bewohnt. 
Die Frauen tragen eigenartige, mühlsteinförmige, 
grosse Ohrringe, welche des Gewichtes wegen 
oft durch Kettchen gehalten werden müssen. Der 
Ohrrand ist mit kleinen Ringen behängt, an welchen 
Knöpfchen oder muschelförmige Anhängsel be- 
festigt sind. Der linke Nasenflügel ist durch einen 
Ring oder Knopf verziert. Am Halse werden 
Perlschnüre und Ketten verschiedener Form ge- 
tragen, während den Arm stets glatte, starke 
Ringe aus Elfenbein oder bei den ärmer en aus 
Glas zieren. Ein einfacher F'ussring und ein oder 
zwei Zehenringe vervollständigen den Schmuck 
(Fig. 2 1, 2 2). 




Fig. iO, Brabmauili, Parsu-Kaste (Bombay). 



In den nördlichen Theilen von Indien werden 
Schmuckgegenstände und Costüme immer com- 
plicirter, letztere schon wegen der oft ganz 
empfindlichen Winterkälte. Bei den Frauen wird 
Ober- und Unterkleid zuweilen ganz getrennt; 
ersteres bildet ein beliebiges Stück Zeug (Sari), 
oft reich verziert, oft schleierartig, das stecs über 
den Kopf gelegt und dessen Ende mit der Hand 
über die Brust gehalten wird; letzteres wird zum 
wirklichen genähten Frauenrock oder bei den 
Mohammedanerinnen zur Hose. Auch die Männer 
erscheinen reicher gekleidet und besonders die 
Mohammedaner unterscheiden sich wenig von ihren 
Glaubensbrüdern in Arabien, was sogar so weit 
geht, dass sie auch den Bart in derselben Weise 



zuschneiden und diesen nicht wie die Radschputen 
vom Kinn nach beiden Seiten gestrichen tragen. 
Es wäre eine sehr lohnende .Aufgabe, das nörd- 
liche Indien in Bezug auf die Costüme zu studiren ; 
man müsste ein eigenes Studium daraus machen, 
welches gewiss von grossem Nutzen für die Ethno- 
graphie wäre. 

Selbst die ärmste Frau besitzt in Nord-Indien 
mehr Schmuck als Frauen irgendwo anders. Die 
Masse der Ohr- und Nasenringe, die vielen Hals- 
ringe und Ketten, die oft vollkommen mit Reifen 
bedeckten Unterarme fallen nicht so auf wie die 
schweren Ringe am Fussgelenke und an den 
Zehen. Wenn Frauen des Weges kommen, so 
glaubt man das Kettengerassel einer escortirten 




OESTBRRfICHISCHE MONATSSCHRIFT FOr DEN ORIENT. 



139 



Verbrecherbande zu hören ; das sind die schweren 
Siiberringe, häufijj hohl gemacht, mit Steinchen 
darin, oder es hänjjt eigens ein HQndel Schellen 
daran. Ebenso sind viele Zehenringe zu Schellen 
gemacht oder klappern im Gehen von selbst 
aneinander. 



Diese Zehenringe haben mannigfaltige Formen, 
sind meist aus Zinn oder Silber, in Amrizar auch 
emaillirt. Häufig sind es einfache, flache Keifen, 
oft mit einem Bündel Silberperlen verziert, und 
jttner der kleinen mit dem der grossen Zehe durch 
Ketteben verbunden. Manchmal sind sämmtlicbe 



Y^l'^"i 




Fig. ül. Bhil'Frau aus Katlilanar (l'roTtnx Uombay). 



Zehen mit Ringen besteckt und jeder einzelne 
durch ein Kettchen mit dem Fussgelenkc ver- 
bunden. Auf diesen Ringen ist dann stets eine 
zugespitzte Metallplatte befestigt, welche gleichsam 
als Schild über der Zehe liegt. Diese Schilde sind, 
besonders häutig in Amrizar, zuweilen blau oder 
grün emaillirt (Fig. 27). Der Ring der grossen 
Zehe hat oben eine entsprechend grosse verzierte 



l'latte, unten aber einen Querstab, auf welchem die 
beiden nächstliegenden Zehen ruhen (Fig. 260, 6). 

In der Regel sind die Zehenringe nicht ge- 
schlossen, sondern werden durch Zusammendrückea 
an der Zehe befestigt; jene einfachen Reifen als 
Zehenringe, welche in Süd-Indien getragen werden, 
kommen im Norden nicht vor. 

Die Fussringe, welche am Knöchel aufliegen. 



140 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



sind zumeist kreisrund, hohl, mit eingeschlossenen 
Steinchen und geschlossen, oder offen und in 
zwei Kugeln endigend, welche nahezu aneinander 
stossen. Sehr häufig sind diese Fussverzierungen 
aus Ketten gebildet, am unteren Rand mit allerlei 
Kugeln oder Plättchen verziert und schmiegen 
sich an den Fuss an (Fig. 34 a, Ö). Das Material 
ist durchwegs weisses Metall, zumeist Silber, nur 



in Radschputana sah ich auch solche aus polirtem 
Eisen. 

In ganz Radschputana herrscht derselbe Typus 
mit geringen Variationen vor, das Princip ist 
stets dasselbe, nur die Form wechselt zuweilen. 

Der Schmuck des Kopfes besteht aus fol- 
genden wesentlichen Stücken: Vom Beginn des 
Scheitels in die Stirne hängt eine Perle oder ein 




Flg. 22. Bhil-Frau (Mahratta). 



verziertes Ornament, von diesem laufen längs der 
Haarscheitel nach beiden Ohren Ketten, meist 
aus Silber, die zu Beginn und Abschluss vier- 
eckige oder runde Platten eingefügt haben, welche 
die einzelnen Kettchen tragen und auseinander- 
halten. In Amrizar sah ich solche Ketten, bei 
welchen die Platten nahe dem Ohre die F'orm 
eines phrygischen Schildes hatten und so gross 
waren, dass sie die Schläfen fast bedeckten. 

Je nach dem Reichthume der Trägerin sind 
diese Ketten mehr oder weniger reich und oft 



sehr schön gearbeitet. Sie kommen, sowie die 
Nasenringe kleinerer Gattung, stets auf alten 
Bildern vor, wobei mir aber auffiel, dass diese 
abgebildeten Frauen nie so überladen an Schmuck 
sind, wie dies heute der Fall ist. Es scheint des- 
halb diese Mode erst neueren Datums aufge- 
kommen zu sein. 

Das Ohr selbst ist zumeist der ganzen Ohr- 
leiste entlang durch kleine Ringe, oft 10 — 15 an 
der Zahl, geziert, während im Ohrläppchen 3 — 5 
grössere Ringe stecken (Fig. 40, 42, 43). Letztere 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



141 



sind zumeist aus Siiberdrabt und durch aufgelegte 
viereckige oder runde schildförmige Platten ver- 
ziert. Uebrigens kommen auch vielfach Ohrringe 
in der Form von Manchettenknöpfen vor. Das 
Ohrläppchen ist nicht, wie im Süden, ausgedehnt, 
das Loch darin ist nur so gross als nöthig, um 
den Schmuck aufzunehmen, das Gewicht des 
Schmuckes wird oft durch tragende Ketteben 
oder Fäden aufgehoben, die am Ohransatze oder 
in den Haaren befestigt werden. Wo immerhin 
Platz zum Anbringen von Ohrschmuck ist, wird 
dieser ausgenützt, der Rand der Ohrmuschel wird 



nicht selten durch das Gewicht der vielen Ringe 
nach abwärts gebogen, ja sogar die Ohrecke 
wird durchlöchert und dient zur Aufnahme eines 
grossen Ringes von lO Centimcter Durchmesser 
(Fig. 24). Derselbe Ring mit Steinen und Perlen 
verziert wird auch sehr häufig als Nasenring im 
linken Flügel getragen (Fig. 36) und hängt so 
über Mund, Kinn und Wange. Unwillkürlich fragt 
man sich: Wie essen, wie küssen diese Mädchen? 
Auf jeden Fall aber macht dieser Nasenscbmuck 
den Eindruck, als hätte er den Zweck, die Leiden- 
schaften zu massigen. Als Maler, der oft stunden- 




X- 



«S;i'-0^. 



^\^; 



Fig. 23. Rad8cb|)ute nach einem moderneu indischen QemUde. 



lang unbeobachtet in einem Winkel bei der Arbeit 
sitzt, hatte ich häufig Gelegenheit, zankende und 
kreischende Weiber zu beobachten, welche die 
schmelzende, einschmeichelnde Stimme der indi- 
schen Mädchen schon längst abgelegt hatten; wie 
die Kampf hähne fuhren sie gegeneinander, blieben 
aber stets in respectvoller Entfernung von den 
Fingerspitzen der Gegnerin, denen der Nasenring 
einen zu willkommenen .'\nhaltspunkt geboten hätte. 
Nicht immer sind es dünne Drahtreife, oft 
sind solche Ringe reich verziert und werden von 
einem Faden, der hinter das Ohr geht, theiis ge- 



tragen, theils an die Wange gedrückt. Diese 
Ringe im Nasenflügel werden stets nur in einem, 
gewöhnlich dem linken Flügel getragen, der andere 
Nasenflügel wird durch eine knopfartige Verzierung 
bedeckt; gewöhnlich fehlt auch nicht die Perle, 
welche in der Nasenscheidewand befestigt wird. 
In der Nähe des nördlichen Indus scheinen diese 
manchettenknopfartigen Nasenverzierungen die 
Ringe oft ganz zu verdrängen. Ich sah dort 
Frauen, welche in jedem Nasenflügel einen solchen 
Knopf trugen. 

Armspangen, welche nur die Hälfte des Um- 



142 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FOR DEN ORIENT. 



fanges vom Oberarme decken und durch Schnüre 
befestigt werden, kommen sehr häufig und iu ver- 
schiedenen Formen vor; zumeist sind sie schuppen- 
förmig oder bestehen aus einer Reihe länglicher 
Kapseln, zuweilen sind sie auch aus kleinen Glas- 
perlen gemacht. Dieser Schmuck ist für Radsch- 
putana, namentlich Adschmir und Dscheypur, 
charakteristisch. 

Dort, wo die beiden Enden geknüpft werden, 
nämlich an der unteren Seite des Oberarmes, 
hängt häufig noch eine längliche quasten- oder 



dütenförmige Verzierung oder eine Art Knopf 
mit einem Stein darin. 

Der Unterarm ist stets mit mehreren Ringen 
bedeckt, welche verjüngend gegen das Handgelenk 
die Form des Armes mitmachen. Die einfachste 
Form sind Bronzeringe, welche nicht zu öffnen 
sind, oder jene aus Harzcomposition, die man in 
ganz Indien sieht. Diese Armbänder sind stets so 
klein, dass ich annehmen muss, dieselben werden 
den jungen Mädchen angesteckt und werden im 
Wachsthume durch grössere vermehrt, so dass 




Fig. 24. Fran aus Ämrizar. 



schliesslich die ganze Reihe von Ringen nicht 
mehr vom Arme zu trennen sind. Bei aller Zart- 
heit der indischen Frauenhände ist doch nicht 
anzunehmen, dass jene Armbänder, welche ich 
mitgebracht, dazu bestimmt sind, über die Hand 
gezogen zu werden. In Europa ist es mir wenig- 
stens nicht gelungen, einer noch so zarten Mäd- 
chenhand ein solches Armband anzustecken. Andere 
Armbänder sind entweder elastisch oder haben 
einen Verschluss zum Oeffnen, bei welchem ein 
Stück des Armbandes herauszunehmen ist, wie in 



Fig. 48 ersichtlich. Der Verschluss wird durch 
einen eingeschobenen Stift hergestellt, wie bei den 
arabischen Schmuckgegenständen. 

Am meisten charakteristisch für die moham- 
medanischen Völker Indiens oder solche, welche 
mit ihnen in Verbindung stehen, sind eine Art 
Halsketten, wie dieselben bei arabischen Stämmen 
in Afrika oder Asien vorkommen, und welche 
Form offenbar auch von dort ihren Ursprung 
herleitet. Dieselben bestehen aus einer meist 
länglich viereckigen Schliesse aus Silberblech, 




flg. 25. Ring ilnr grossen und kleinen Zohe durch Keltrbcn vor- 
liunden. 
, S« n, *. Ring für die grosse Zehe, Zink. 
, 27. Zellenring bUu eniaiilirt (Amriiar), Sillier. 
y, 29, .12. Zebenriuge aus l>Mciieypur. 



Kig. 29, 30. Zehenring fllr die gross« Zehe (l>esh»w«r), Silber. 
, 31. Zehenring (Peahowarl, Silber. 
, 3.1. Knssring mit Schelle (Ahm»d«biid), Silber. 
„ 34 (I fc. Fnssringe au« Teshawar. 
, »6. Uracelett (Pe»b»w»r), Silber. 



144 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



vielleicht auch zum Aufbewahren von geschrie- 
benen Amuletten zu verwenden, sind reich mit 
Ornamenten verziert und am unteren Rande mit 
Kettchen und Anhängseln behangen. Zu beiden 
Seiten geht eine Reihe von Ketten ab oder ein 
Bündel Glasperlen, die in eine Schliesse endigen. 
Auf Fig. 36 ist ein solcher Halsschmuck ersichtlich. 
Massive Halsringe (Fig. 47) sind in ganz 
Nord-Indien gebräuchlich, ein ebenso häufiger 
Schmuck' besteht aus kleinen viereckigen Amulet- 
kapseln, welche an einer Schnur in gewissen 
Abständen aufgereiht werden und tief auf die 
Brust hängen, ähnlich auch die aus Münzen her- 
gestellten Halsketten auf Fig. 37. 



Fingerringe weisen keine charakteristischen 
Formen auf; jene runden schalenförmigen Auf- 
sätze, in welchen ein kleiner runder Spiegel ein- 
gesetzt ist, kommen in ganz Indien vor und werden 
von den Frauen stets am Zeigefinger getragen 
(Fig. 45). Dieselben fehlen auf älteren Bildern 
fast nie bei weiblichen Darstellungen. 

Der Schmuck der Männer besteht haupt- 
sächlich in Ohrringen und Halsketten verschiedener 
Formen. Erstere werden bei Reichen meist als 
grosse Brillantboutons, letztere als Ketten mit 
einer Art Medaillon um den Hals getragen. Arm- 
bänder sind ebenfalls nicht selten. Die Abbildung 
F'g- 23, welche einem indischen Originalgemälde 







Fig.^SG. Ilindu-Mädcl en aus Labore. 



entnommen ist, macht den Schmuck ersichtlich, 
auf älteren Bildern ist der Schmuck zumeist reicher, 
Ohrringe fehlen wenigstens nie. 

Alles über den Schmuck im nördlichen 
Indien Gesagte ist für ganz Radschputana giltig, 
zum grossen Theile auch für das Pendschab und 
die Gebiete am Ganges. In Benares beispiels- 
weise ist mir gar nichts aufgefallen, was ich 
nicht an anderen Orten schon getroffen hätte, 
vielleicht dass ein Armband zu erwähnen wäre, 
welches dort vielfach verkauft wird. Es ist dies 
ein tiicht ganz geschlossener Reifen aus Bronze, 
dessen Enden durch Tigerköpfe abgeschlossen 
sind, und erinnert an eine altrömische Form mit 



Widderköpfen. Ganz ähnliche Armbänder habe 
ich in der Provinz Sikkim begegnet, nur war 
die Arbeit eine andere und der Charakter 
chinesisch. 

Das Eigenthümliche in den Schmucksachen 
der verschiedenen Städte ist wohl aus den Zeich- 
nungen am besten zu ersehen und habe ich ab- 
sichtlich solche Typen gewählt, welche am 
häufigsten in einer Stadt vorkommen. 

Besonders reich und schön ist der Silber- 
schmuck in Peschawar, anderer wird dort kaum 
getragen. Die auffallende Menge von Silber- 
arbeitern lässt darauf schliessen, dass diese einen 
ausgebreiteten Handel mit ihrer Waare treiben, 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



146 



nicht nur nach den nördlicher gelegenen Städten 
Indiens, sondern auch namentlich nach Afgha- 
nistan. 

Die Charakteristik dieser Schmuckgegen- 
stände ergibt sich aus den Abbildungen. 

Was die reichen Schmuckgegenstände an- 
belangt, muss ich auf die Museen, die oben an- 
geführte Literatur und die darin enthaltenen 
Zeichnungen verweisen, da diese gar nicht in 
den Rahmen dieses Aufsatzes gehören, ausserdem 



mir solche gar nicht immer zugänglich waren. 
Die Silberarbeiter führen gewöhnlich nur die 
billigeren gangbaren Sorten, während die kost- 
baren Schmucke stets nur auf Bestellung ange- 
fertigt werden. 

Ganz anders als im Obrigen Indien ist der 
Schmuck in der Provinz Sikkim, welche ja geo- 
graphisch auch gar nicht mehr zu Indien zu 
zählen ist. Die grösstentheils mongolische Bevöl- 
kerung oder deren Mischracen hat ihre Schmuck- 




WVS»- 



Fig. 87. Ttnxerin ani Delhi. 



formen nur zum Theile von indischen Völkern 
entlehnt, denn ßhotan, Tibet, ja selbst China 
liegen denselben in jeder Beziehung viel näher 
als Indien. Es darf daher nicht Wunder nehmen, 
wenn wir fast durchwegs centralasiatischen 
Formen begegnen. So fällt schon das Material 
auf; Silber ist sehr selten zu sehen und fast alle 
Schmuckgegensiände sind aus vergoldeter Bronze. 
Der Türkis ist der fast ausschliessliche Stein, 
und auffallenderweise gesellt sich diesen die 
Coralle als häufige Begleiterin bei, so bei dem 



diademartigen Kopfschmucke der Frauen (Fig. 49), 
wo auf einem rothen Wulste aus Tuch abwech- 
selnd je ein Türkis und eine Corallc aufgenäht 
erscheinen. Die langen Ohrringe der Frauen, 
sowie Finger und Ohrringe der Männer sind 
stets mit Türkisen besetzt, ebenso sind diese 
sehr geschickt bei jenen .'\muletkapsela ver- 
wendet, welche jede Frau an einer Pcrlschnur 
um den Hals trägt. Die Steine sind wie Mosaik 
eingefügt und sind selten von guter Qualität. 
Armbänder der Frauen sind gewöhnlich aus 




Fig. 3s. Bracelett (Peshawar), bilber. 
„ 89. Bracelett aus Pcsbawar. 
„ 41. Ohrring (Amrizar), vergoldete Bionze. 
„ 40, 42, 43. Ohrringe (vdliäQ, Labore), Silber. 



Fig. 44. Chi ring (Pesbawar), Silber. 
f, 45. Spiegelriug für den Zeigefinger (Pesbawar), Silber. 
„ 46. Ohrringe aus Dscbeypur. 




UESTERnEICinOCHE MONATSSCHRIFT ffln DEN ORTEN'l 



U7 




Fig. 47. Hulsrlng (Hllber) aus Peshaw&r. 



Muscheln (Changu) geschnitten. Dieselben be- 
stehen aus dein etwa 8 — lo Centiraeter breiten 



Mittelstück dieser Masche/ und werden den jungen 
Mädchen an die Arme gegeben, so lange sie 




/ JEDMOTA 
, K P V Z B U 2. £ N I , 
\ PRUMYSLM / 

- V cechAch 



Flg. 4S. ArrareireB (Silbor) itua Pntaawar. 

noch im Wachsthum sich befinden, und sind bfi | zu trenneo. Ausserdem sah ich Armbänder aus 
eiwa<hsfnen Flauen nicht mt hr vom Handgelenke j Hronzc und Silber, letztere sehr schön gearbeitet. 



148 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 




Fig. 49. Lepcha-Fran. (Dardacblling). 







Fig. 50. Ilindumädchen (Mi.?cbras8e). Uardscbiiing. 




OESTERREICHI8CHE MONATSSCHRIFT POR DEN ORIENT. 



149 



Es sind dies Reifen , welche nicht ganz ge- 
schlossen sind und an welchen die beiden Enden 
durch styiisirte Tigerköpfe im chinesischen Style 
verziert sind. 

Hier tragen fast alle Männer, ausser anderen 
Ringen , grosse mühlsteinförmige Ringe aus 
Elfenbein am Daumen, die ursprünglich den 
Zweck hatten, den Daumen vor dem Zurück- 
schnellen der Bogensehne zu schützen. Auch die 
Sikb tragen diesen Ring. 

Zum Schmucke gehört schliesslich, wie bereits 
erwähnt, auch das Tätowiren und Bemalen der 
Haut. Erstcres ist in ganz Indien gebräuchlich, 
aber nirgends auffallend. In Süd-Indien wohl 
häufiger als im Norden ist diese Sitte weniger 
allgemein als bei den nordafrikaniscben Arabern. 



Hingegen tritt die Bemaluog der Haut ia Indien 
in den Vordergrund und entspringt in der Regel 
religiösen Gebräuchen. Namentlich alle Hindu- 
völker tragen das Abzeichen ihres Glaubens an 
der Stirne. So vor Allem zeichnen sich die 
Vishnuiten durch zwei senkrechte weisse Streifen 
an der Stirne, welche sich an der Nasenwurzel 
verbinden, aus, zwischen welchen eine rothe 
Linie eingezeichnet ist. Die Qivaiten hingegen 
haben einen breiten, weissen Querstreifen über 
der Stirne, oder i — 3 feine weisse Qucrlinien. 
Um bei der von Natur aus niederen Stirne der 
Malerei die nüthige Fläche zu bieten, ist der 
Schädel zumeist zur Hälfte geschoren, oder es 
wird blos die Partie über der Stirne viereckig 
ausgescboren, so dass an den Schläfen die Haare 





Flg. 51. fichmuckgogenst&nde aus Sikklm. 
[a Weibliolier Ohrring, b minDlicber Ohrring, e Fingerring, i minnlleher Ohrring. 



Stehen bleiben. Aber nicht nur das Gesicht wird 
bemalt, manchmal sieht man Männer aus den 
Tempeln kommen, welche den Oberkörper, Arme 
und Beine mit breiten weissen Streifen bekleckst 
haben, welche ihnen die Priester als Zeichen 
einer gewährten Absolution aufgemalt haben. 
Am tollsten wird in dieser Weise bei einem Feste 
im Frühjahre vorgegangen, welches ich in Radsch- 
putana mitmachte. Alle Männer, welche die 
Tempel verliessen, erschienen mit grellroth be- 
schmierten Gesichtern und waren überdies mit 
einer rothen P'lüssigkeit vom Turban bis zu den 
Sandalen besprengt. Fakire sind fast stets am 
ganzen Körper mit Asche eingerieben und er- 
halten dadurch eine abschreckend hässliche graue 
Farbe, über welche überdies noch verschiedene 
Abzeichen mit Farbe j.emalt werden. 



Weit bescheidener tritt die Malerei bei den 
Frauen auf, gewöhnlich beschränkt sich diese 
auf einen kleinen kreisrunden rothen Fleck mitten 
auf der Stirne. 

Nur in Tritschinapali und Madura, sowie in 
Madras sah ich Mädchen, welche ihr Gesicht mit 
einer safrangelben Schminke eingerieben hatten 
und dadurch nach unseren Begriffen sich wenig 
verschönerten. Es ist mir nicht bekannt, ob diese 
Manipulation diesem oder einem religiösen Motive 
entspringt. 

Häufig tragen Frauen an der Stirne Ab- 
zeichen von aufgeklebten Sternchen aus Gold- 
papier oder ein Stückchen Blattgold, dem soge- 
nannten altindischen Tilaka. Bei Hoch Zeitsfeier- 
lichkeiten werden hiemit wahre Orgien gefeiert. 
Das Gesicht des Bräutigams und der Braut wird 



150 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



mit rother Farbe beschmiert und überdies mit 
Gold und GoldpIättcVien förmlich bepflastert. Die 
Mohammedanerinnen Indiens färben sich die Finger- 
spitzen und die innere Fläche der Hand wie die 
Araberinnen und auch die Männer die weissen 
Barthaare roth, wahrscheinlich mit Henna. 

Nur in Sikkim sind die Frauen einzelner 
Stämme an den Wangen röthlich geschminkt und 
dürfte dies rein der Erhöhung ihrer Schönheit 
gelten. Die Leptscha-Frauen bemalen sich das 
Gesicht mit einer bräunlichen harzigen Flüssigkeit, 
welche auf der nie gewaschenen fetten Haut zu 
Perlen zusammenrinnt und so den Eindruck von 
Sommersprossen erzeugt. Da diese Bemalung 
auch wirklich an jenen Stellen des Gesichtes am 
häufigsten vorkommt, wo gerade die Sommer- 
sprossen am dichtesten sind, so Nasenrücken, 
Stirne und unter den Augen, so drängt sich die 
Vermulhung auf, dass diese Frauen geradezu 
Sommersprossen — als Beweis einer zarten Haut 
— imitiren wollen. Man sagt übrigens, dass diese 
Entstellung des Gesichtes den Zweck habe, die 
Tugend der Frau vor etwaigen Angriffen zu schützen. 
Als Analogon hiezu sei der Sitte der Ladakh- 
frauen erwähnt, ihr Gesicht mit Kleister zu be- 
schmieren und dann mit kleinen Samenkörnern 
von Grasarten oder Aehnlichem in ziemlich regel- 
mässigen und symmetrischen Linien zu belegen, 
was in dem trockenen Klima, da auch nur selten 
gewaschen wird, ziemlich lange währt und den 
widerlichen Eindruck einer stark entwickelten 
Hautkrankheit macht (H. v. Schlagintweit, Reisen 
in Hochasien, Bd. II, p. 298). Endlich ist in 
dieser Hinsicht zu erinnern, dass das Bemalen 
des Gesichtes mit rother Erdfarbe, selbst mit 
Russ, in ganz Tibet von den Frauen geübt wird 
(vergleiche Huc und Gäbet, Reisen durch die 
Mongolei etc.)." 

IM DUNKELSTEN AFRIKA.») 

Von A. von Schweiger - Lerchenfeld. 

III. 

Geographische Ergebnisse. 

In den vorangegangenen beiden Artikeln 
haben wir das, je nach dem Parteistandpunkte un- 
gleich commentirte 'Ihema „Stanley und Emin", 
sodann die grossartige Gesammtleistung der Ex- 
pedition beleuchtet. Es erübrigt noch, einen orien- 
tirenden Blick auf die wissenschaftlichen For- 
schungsergebnisse des Unternehmens zu werfen. 
Es ist eine auffällige Erscheinung, dass Stanley, 
der bei passenden Anlässen mit Vorliebe in fach- 
wissenschaftliche Erörterungen eingeht, und sogar 
grossen Werth auf die sachliche Commentirung geo- 
graphischer Dinge legt, im Grossen und Ganzen 
dennoch mit einer unverkennbaren Absichtlichkeit 
sich in einen mitunter peinlich berührenden Gegen- 
satz zu den Männern der Wissenschaft und deren 
Bestrebungen stellt. 

Zunächst beweist dies sein Verhalten gegen- 
über den naturwissenschaftlichen Arbeiten Emin's, 



>) Siehe Nr. 6 und Nr. 7 dieses Blattes. 



denen er theils ziemlich respectlos , theils mit 
schlecht verhüllter Ironie begegnet, als wollte er 
gewissermassen verschämt bekennen, dass solche 
Thätigkeit allenfalls einem bebrillten Professor, 
nimmer aber einem afrikanischen Bahnbrecher ge- 
zieme. Diese Erscheinung spricht gewiss nicht zu 
Gunsten Stanley's ; denn Achtung vor der Wissen- 
schaft ziemt jedem V Gebildeten, umsomehr einem 
Manne, der mit Auszeichnung auf dem Gebiete der 
Ländererforschung gearbeitethat und der von seinem 
Standpunkte aus selbst geringfügigen Dingen eicen, 
wie er meint, allgemein anzuerkennenden Werth 
beilegt. Wenn es nun in den Augen Stanley's als 
ungemein wichtig erscheint, dass dieser oder jener 
Fluss diesem oder jenem Stromgebiete angehört, 
wenn er eingehend Wohnstätten, Waffen, Sitten 
und Gebräuche schildert, so sollte man meinen, 
dass er gute Gründe hätte, auch der naturwissen- 
schaftlichen Forschung das Recht zuzuerkennen, in 
ähnlicher Weise zu verfahren. 

Die Sache hat aber noch einen anderen Haken. 
Stanley, der unverhüllt zur Schau trägt, dass er 
nicht als Mann der Wissenschaft gelten wolle, lässt 
sich häufig genug in wissenschaftliche Erörterungen 
ein, die einen erstaunenerregenden Mangel an Me- 
thode und exacter Grundlage verrathen. Man fühlt 
überall die Lücken einer gründlichen höheren Fach- 
bildung und manches kritische Rankenwerk, ins- 
besondere auf historischem und ethnologischem 
Gebiete, mit welchem er seine Beobachtungen aus- 
schmückt, lassen Einem die Haare zu Berge stehen. 
Mit Recht behauptet Fr. Ratzel, dass Stanley's 
geologische Speculationen haarsträubend seien. 
Einen unerklärlichen Abscheu trägt er gegenüber 
den Kartographen zur Schau. Aus manchen An- 
spielungen liest man heraus, dass Stanley der streng 
wissenschaftlich vorgehenden Kartographie rund- 
weg die Berechtigung abspricht, das von ihm ge- 
lieferte Material kritisch zu sichten, als ob allem, 
was der Forschungsreisende oft und unter den 
schwierigsten Verhältnissen und mit den unzu- 
reichendsten Mitteln — von anderen störenden 
Factoren ganz abgesehen — zu Wege bringt, 
der Werth des absolut Wahren und des Unum- 
stösslichen zukäme. Man achtet sich selbst, wenn 
man das Streben jener ehrlich arbeitenden Männer 
achtet, die mit Hintansetzung jedes persönlichen 
Vortheiles einzig nur auf die Sicherstellung voll- 
wichtig beglaubigter Thatsachen bedacht sind. 

Dagegen schätzt Stanley, wie nicht anders zu 
denken, seine eigenen Forschungsergebnisse un- 
gemein hoch. Lassen wir dieselben vorerst in 
knapper Uebersicht vor uns Revue passiren. Sie 
betreffen in erster Linie das Aruwimi-Gebiet, als- 
dann die Gegenden zwischen dem Albert Edward- 
See und dem südwestlichen Theile des Victoria- 
Sees. Was den Aruwimi betrifft, stellt es sich 
jetzt heraus, dass er keiner von den grösseren Neben- 
flüssen des Congo ist. Uelle-Ubangi, Kassai, Lubi- 
lasch übertreffen ihn bedeutend und auch der 
Tschuapa dürfte grösser sein. Der Aruwimi. wel- 
cher das ungeheuere Waldland zwischen dem Congo 




OE6TERRE1CHISCHE MONATSSCHRIPT FÖR DEN ORIENT, 



161 



und den Seen durchströmt, hat mehrere Namen ; 
er hf.isst in den verschiedenen Abschnitten seines 
Laufes Dudu, Dugerre, Luhali, Nevwa, Itire. Auf 
den letzten 300 englischen Meilen bis zu seiner 
Quelle geniesst er einen besonderen Ruf als Ituri. 
Der Hauptstrom des Ituri ist in einer Entfernung 
von 680 englischen Meilen vor seiner Mündung 
125 Yards breit und 9 Fuss tief. Seine Quellen ver- 
legt Stanley in die Nähe der Berge, welche die 
Namen Schweinfurth's Junker's und limin's tragen 
(südwestlich von Wadelai). Die Stromentwicklung 
schätzt Stanley auf etwa 800 englische Meilen, wo- 
von 680 Meilen längs seiner Ufer zurückgelegt 
wurden. Auf dem ersten Marsche nach dem Albert- 
See zog die Expedition 150 englische Meilen seinen 
Ufern entlang, oder doch in deren unmittelbaren 
Nähe ; als Stanley umkehrte, um die bei Kilonga- 
Longa zurückgelassenen Boote zu holen, wurde 
dieselbe Strecke zurückgelegt; 480 englische Meilen 
weit wanderte die Expedition längs den Ufern 
dieses Stromes, oder befuhr ihn mit Booten, als es 
sich darum handelte, die Barttelot'sche Colonne auf- 
zusuchen. Dieselbe Anzahl von Meilen musste zurück- 
gelegt werden, um zum dritten Male den Aibertsee zu 
erreichen. Der Aruwimi dürfte sonach heute einer 
der bestbekannten Nebenströme des Congo sein. 

Die Beschreibung des Waldgebietes selbst, 
dessen Flächenausdehnung Stanley auf 260.OOO 
englische Geviertmeilen schätzt, steht an Lebendig- 
keit und Anschaulichkeit weit hinter einer ähnlichen 
Schilderung, die Schweinfurth gibt, zurück; völlig 
begreiflich, da Stanley auf naturwissenschaftlichem 
Gebiete ein Laie ist. Freilich versteht er ganz vor- 
trefflich , die Lücken seines Fachwissens durch 
phantasievolle Ausschmückungen zu verschleiern, 
was den oberflächlichen Leser ohneweiters be- 
sticht. Die Wirkung hiebei aber wird kaum eine 
andere sein, als sie von den gewandten Federn bei 
der Schilderung exotischer Hintergründe zu roman- 
haften Vorgängen erreicht wird. 

Mehr an die gegebenen geographischen 
Thatsachen als an alles von der Einbildungskraft 
eingegebene malerische Beiwerk hält sich Stanley 
rücksichtlich des Albertsees. Er erklärt es für 
unbegreiflich, wie Samuel Baker annehmen konnte, 
dass der See sich vom Ausgangspunkte des hoch- 
gelegenen Landes, oder der Terrasse, oberhalb 
Vakovia zu so ungeheuerer Länge nach Süd- 
westen erstreckte. Der entlegenste südwestliche 
Punkt desselben ist ungefähr bei l " li" Nord- 
breite, das ist etwa 4 — 5 englische Meilen von 
dem Punkte, wo Baker sich befand. Was die 
Sache noch unerklärlicher macht, ist, dass Baker 
behauptet, der Tag, an welchem er den See er- 
blickte, sei ein ungemein heller gewesen. War dies 
der Fall, so hätte — wie Stanley nachweist — 
Baker sehen müssen, dass er blos eine seichte, 
10 englische Meilen breite Bucht vor sich hatte, 
in welche ein Fluss (der Semliki) mündet, der aus 
Südwesten durch eine fast ebene Fläche kommt. 
War nun der Tag thatsächlich hell, so musste 
Baker den Sihnecberg gesehen haben, dcrgerade 



vor ihm lag. Dagegen berichtet Baker über die 
,, Blauen Berge", <lie sich als der etwa looo m 
über dem See aufragende Rand des Plateaus ent- 
puppen. Interessant ist, das sowohl Stanley als 
ICmin ein allmäliges Einschrumpfen dc3 Sees con- 








V 



^i.^ 






i^. 



€ 




T>rall-rraa, Sa<l-Indi«ii. (Sieh« .ladtwliar VolkuekmMk.*) 



152 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



Statinen. Vor hundert oder mehr Jahren musste der 
See IG — 15 englische Meilen länger und bei Va- 
kovia Weit breiter als derzeit gewesen sein. Emin 
berichtet: „Inseln, die früher in der Nähe des west- 
lichen Ufers sich befanden, sind nun Vorsprünge 
des Ufers geworden, und unsere Stationen, sowie 
Dörfer der Eingeborenen wurden darauf angelegt." 
Die Entdeckung, der Stanley weitaus den 
grössten Werth beimisst, betrifft den 5500 m 
hohen Ruwenzori oder den „Wolkenkönig". In 
ihm wurde das seit den ältesten Zeiten in die 
Quellregion des Nil verlegte hypothetische „Mond- 
gebirge (Lunae Montes) erkannt. Die ausführ- 
lichen Darlegungen über diesen Gegenstand sind 
die einzigen in Stanley's Reisewerk, die einen 
gewissen wissenschaftlichen Anstrich erhalten, da 
sie auf die meisten der vorhandenen Quellen sich 
erstrecken. Aber hier scheint der berühmte 
Reisende in der Person des ehrenwerthen Herrn 
Richard Charles P. Daly, Vorsitzenden der ameri- 
kanischen geograpischen Gesellschaft in New- 
York, einen sehr achtbaren Mitarbeiter gehabt zu 
haben, wie aus einer flüchtigen Bemerkung 
Stanley's hervorgeht. Gleichwohl würde ein ge- 
lehrterer Bearbeiter dieses Themas ganz anders 
verfahren sein, als die beiden Amerikaner in 
corpore, eingedenk des reichen historischen und 
culturgeschichtlichen Materiales, welches in den 
classischen Quellen des Alterthums zu finden ist. 
Was Stanley hauptsächlich abgeht, ist die Fähig- 
keit, sich ein zutreffendes Gesammtbild von den 
ältesten Völkerbeziehungen zu machen, das frei- 
lich nicht ohneweiters zu gewinnen ist, son- 
dern eingehende Culturforschungen voraussetzt. 
So musste sich denn auch unser Forscher damit 
begnügen, die ihm von anderer Seite gelieferten 
Thatsachen aneinander zu reihen, und diese That- 
sachen sind im Vi'^esentlichen nichts Anderes, als 
das kartographische Material aus älterer und 
ältester Zeit, das längst bekannt ist. Auch die 
mitgetheilten Bruchstücke aus arabischen Kosmo- 
graphien dürfen den Reiz der Neuheit nicht für 
sich beanspruchen. Neu hingegen ist ein Docu- 
ment, das für die Beurtheilung dessen, was die 
geographische Wissenschaft der Araber vor etwa 
zwei Jahrhunderten für plausibel und wissenswerth 
hielt. Es handelt sich hier um eine Handschrift, 
die sich im Besitze des jetzigen egyptischen 
Unterrichtsministers Ali Pascha Mubarek befindet, 
und welche von Vandyk, Lehrer der englischen 
Sprache an den Staatsschulen in Cairo, für das 
Stanley'sche Werk übersetzt wurde. Das Ela- 
borat, welches eine Compilation einer Anzahl 
wunderlicher F'abeln über die Quellen des Nil 
und das Mondgebirge ist, trägt die Jahreszahl 
1098 der Hedschra, d. i. 1686 n. Chr. 

Es kann nicht Zweck dieses Referates sein, 
auf diese und ähnliche Phantastereien arabischer 
Kosmographen näher einzugehen. Gegenüber der 
Stanley'schen Beurtheilung dieser Dinge aber hätten 
wir, wie uns scheint, begründete Einwendung zu 
machen. Da Stanley auf die modernen Karto- 



graphen schlecht zu sprechen ist, lässt er logi- 
scherweise auch die Kartenzeichner des Alter- 
thums und des Mittelalters nicht verschont .... 
„Ein Kartograph ist der grösste Sünder, den es 
gibt", ruft der erzürnte Reisende aus. Ein anderes- 
mal beklagt er sich, dass die Kartographen Details 
seiner Aufnahmen umgeändert hätten und fügt die 
Bemerkung (es handelt sich um den Entwurf der 
Karte des Victoriasees) bei : „Ich thue das mit 
dem schmerzlichen Bewusstsein, dass irgend ein 
dummer (!) englischer oder deutscher Karten- 
zeichner aus Laune oder Unverstand das Becken 
vielleicht innerhalb der nächsten zehn Jahre 500 
oder 700 km weiter nach Osten oder Westen, 
nach Norden oder Süden verlegen und unsere 
Arbeiten vollständig wegwischen wird. Indessen 
tröste ich mich damit, dass sich in den Schränken 
des britischen Museums ein Exemplar des Werkes 
„Im dunkelsten Afrika", welches diese Karte ent- 
hält, vorfinden wird, und ich dann Aussicht habe, 
als ehrlicher Zeuge der Wahrheit angeführt zu 
werden, in derselben Weise, wie ich zur Be- 
schämung der Kartographen des 19. Jahrhunderts 
die gelehrten Kartographen des Alterthums citire." 

Das nennt man stolz gesprochen! Aber was 
in aller Welt mag Stanley mit jener Beschämung 
meinen ? Glaubt er vielleicht, dass Niemand ausser 
ihm (beziehungsweise dem Herrn Daly, der das 
Material geliefert) etwas von der Existenz der 
kartographischen Darstellungen eines Homer, 
eines Hekatäus und Hipparchus, eines Ptolemäus 
und Edrisi, nichts von John Ruysch, Sylvanus, 
Hieronymus de Verrazano, Sebastian Cabot u. s. w. 
weiss ? Steht bei uns nicht in jedem Leitfaden 
der Geschichte der geographischen Entdeckungen 
ganz dasselbe — und noch viel mehr — was 
Stanley seinem Reisewerke als „kritisches" 
Material anhängt? Wen also will der Reisende 
damit „beschämen", da doch jeder deutsche 
Quartaner über dieselben Dinge Aufschluss zu 
geben vermag? 

Da Stanley von der fixen Idee ausgeht, dass 
die „dummen Kartographen" Alles wieder weg- 
streichen , was Andere mühsam aufgezeichnet 
haben, ist er der naiven Meinung, er hätte mit 
der Wiederbelebung ältester und älterer karto- 
graphischer Darstellungen des Nilgebietes die 
wissenschaftliche Ehre jener Wackeren gerettet. 
Diese Ehre aber wurde von gar Niemandem an- 
gegriffen, am allerwenigsten von den Männern 
der Wissenschaft. Bei allem Aufblähen geht aber, 
wie schon einmal erwähnt, Stanley die Fähigkeit 
ab, gegebene Thatsachen einander entgegen zu 
halten, und vor Allem fehlt ihm die tiefere wissen- 
schaftliche Bildung, um sich darüber eine klare 
Vorstellung zu machen, in welchem Zusammen- 
hange die kartographischen Quellen mit den ge- 
schichtlichen Thatsachen und culturhistorischen 
Erscheinungen der Vorzeit stehen. Wäre Stanley 
in die Wesenheit dieser Dinge eingedrungen, 
würde er nicht die kindische Behauptung aufge- 
stellt haben : die nachgeborenen Kartographen 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



IftS 



liätien die Aibeiten der Vorgänger aus purer 
Laune verstümmelt. 

Es steht demnach ausser Frage, dass unser 
grosser Reisender hier einer gründlichen und 
eingehenden Belehrung bedarf. Zuvörderst möge 
derseliie darauf aufmerksam gemacht werden, dass 
die vergleichende Culturforschung den Beweis er- 
bracht hat, dass die Beziehungen der alten Völker 
nach Massslab der damaligon Verkehrsverhältnisse 
von einer überraschenden Vielseitigkeit und räum- 
lichen Ausdehnung waren. So weit unsere Kenntniss 
von diesen Beziehungen zurückreicht, findet man, 
dass die Völker immer die Gelegenheit suchten 
und fanden, miteinander in Verkehr zu treten. 
Weder die mächtigen Staatengebilde, noch die 
alten Culturkreise waren von ,, chinesischen" Mauern 
umgürtet. Die zwischen Nordafrika und West- 
asien hin- und herwogenden Kriegszüge, die 
uralten Völkerbewegungen aus dem Herzen Asiens 
nach den Ostgestaden des Mittelmeeres, die kühnen 
und erfolgreichen Handelszüge der Phöniker und 
die so gut wie unbekannten zu beiden Seiten 
des Ruthen Meeres, d. h. zwischen Südwest- 
arabien und „Aethiopien" sich abspielenden Er- 
eignisse, welche erst im salomonischen Zeitalter 
in einzelnen greifbaren Zügen aus der Dämme- 
rung der Mythe hervortreten : dies Alles gestattet 
gewisse Voraussetzungen, welche der Geographie, 
wenn auch vorerst nur in hypothetischer Form, 
zugute kommen. 

Wendet man diese Voraussetzung auf die 
Nilquellen an , so wird sich ohneweiters die 
Nothwendigkeit ergeben, an der Muthmassung 
festzuhalten, dass insbesondere die Egypter ein 
grosses Interesse für den Ursprung des „heiligen 
Stromes" hatten. Zur Befriedigung eines solchen 
nationalen und religiösen Interesses sind die 
Wege, welche zum Ziele führen, bekanntlich 
niemals zu weit. Wie weit stromaufwärts die 
Kenntniss der Egypter über den Nil reichte, ist 
documentarisch nicht festzustellen. Dass sie aber 
mindestens bis dorthin, wo heute Chartum liegt, 
vortrefflich zu Hause waren, darüber berichten 
vor Allem die — Steine. Wo der vereinigte Nil 
den Asbam aufnimmt, bilden beide Flüsse die 
sogenannte „Insel Meroe", auf welcher über 170 
Pyramiden, mehr oder weniger zerstört, die Lage 
der alten Residenz Aethiopiens bezeichnen. An 
der grossen Beuge des Nils bei Dongola lag die 
alläthiopische Hauptstadt Napatra ; sie wurde von 
Petronius, einem General des Augustus, er- 
stürmt. 

Es ist sonach die Frage erlaubt: wenn 
römische Truppen nilaufwärts so weit vorge- 
drungen sind, dass seitdem nur ein einziges 
europäisches Heer (das englische unter Wolseley) 
diesen Zug wiederholen und um eine verhältniss- 
mässig kurze Wegstrecke überbieten konnte: 
sollte der antike Gesichtskreis über Meroe wirk- 
lich nicht hinausgereicht h.aben ? Die grosse 
Wasser- und Dschungel wildniss des Nil muss 
allerdings als die Grenze jedweden Machtein- 



flusses und jedweder Culturbcstrebung angeseben 
werden. Dies schliesst aber nicht in sich, dass 
jeder Verkehr in dieser Richtung gesperrt war. 
Die Pygmäen des Homer, des Herodot und der 



;'^V:' 







*•■ 



Lcptecht-Frau aoi DCrdMJiUliiic. (Slrbe .Indiscbar VolkHcbanck*.) 



154 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



anderen alten Schriftsteller sind gefunden worden, 
zuerst von Scliweinfurth, dann von Felkin, zu- 
letzt von Stanley, und zwar in einem Verbrei- 
tungsgebiet, welches annähernd richtig in den 
ältesten kartographischen Darstellungen angegeben 
ist. Woher diese Kunde? Und woher jene andere 
Kunde vom Mondgebirge, von welchem die 
silberschimmernden Wasser der Nilquellen nieder- 
stürzen ? 

Wenn Stanley sich darüber ereifert, dass 
die kartographischen Darstellungen aus ältester 
und älterer Zeit von den Nachfolgern entstellt 
wurden — was übrigens gar nicht zutrifift — so 
vergisst er, dass die Informationen, über welche 
das Alterthum verfügte, späterhin ganz einfach 
deshalb ignorirt wurden, weil die ohnedies nur 
als Hypothesen aufgefassten Anschauungen durch 
den Unsinn mittelalterlicher Kosmographen, ins- 
besondere der arabischen, um allen Credit ge- 
bracht wurden. Wenn nach Stanley's Ansicht jede 
kartographische Arbeit „Tabu", d. h. unantastbar, 
sein sollte, hätten ja auch die lächerlichen Dar- 
stellungen der arabischen Geographen respectirt 
werden sollen. Die Wissenschaft und der gesunde 
Menschenverstand konnten selbstredend mit 
solchen Phantastereien sich weiter nicht abgeben, 
und mit diesen zugleich wurde das „Moudgebirge" 
zu einer Fiction, die von den Karten wegzu- 
streichen die neue geographische Wissenschaft 
sich beeilte. Nach der Entdeckung der Quellseen 
des Nil, welche in ein Plateau von gewaltiger 
Ausdehnung eingebettet sind, ergaben sich keine 
Anhaltspunkte für die Existenz* eines mit dem 
Nilsystem zusammenhängenden mächtigen Ge- 
birges. Baker, Gessi, Emin und Andere, welche 
den Albertsee bereisten, nahmen im Gesichtskreis 
desselben keine bemerkenswerthe Gebirgsfor- 
mation wahr. Die imposanten centralafrikani- 
schen Alpengipfel im Osten des Victoriasees — 
Kilimandscharo und Kenia — Hessen sich in das 
Nilsystem nicht einfügen. 

So standen die Dinge , als Stanley — oder 
richtiger, einige seiner Begleiter — aus den Wolken 
und Nebeln der Treibhausluft des Semlikithales 
zwischen dem Albertsee und dem Albert Edvi'ard- 
see die gleissenden Schneefelder eines in seiner 
Gesammtheit verhüllten Gebirges aufblitzen sahen, 
eine Wahrnehmung, welche selbst mit massigem 
Aufwände von Einbildungskraft die Anknüpfung an 
das lang gesuchte Mondgebirge gab. Was die 
Priorität der Entdeckung betrifft, hat bekannt- 
lich Casati hinterher dieselbe wenigstens theihveise 
für sich beansprucht. Daraus ergibt sich, dass Emin 
eben durch Casati von der Existenz des Gebirges 
Kenntniss hatte, während Stanley den Sachverhalt 
s(> darstellt, als wäre seine Mittheilung als grosse 
Ueberraschung aufgenommen worden. 

Gleich dem Kilimandscharo und dem Kenia ist 
auch der Ruwenzori ein Massiv von geringer Aus- 
dehnung nach Länge und Breite, eine isolirte ge- 
waltige Erhebung des innerafrikanischen See- 
plateaus. Die höchsten Gipfel (5500 — 5800 ni) 



liegen im Norden, in einem Grate von west- 
östlicher Richtung; der Steilabfall des Gebirges, 
durch eine grosse Zahl von Querspalten, in denen 
die seitlichen Quellbäche des Semliki abfliessen, 
reichlich gegliedert, liegt auf der Westseite. Die 
Stanley'sche Karte gibt eine grosse Zahl von 
Kämmen und anderen Detailformen im Innern des 
Gebirges an, denen lediglich die Bedeutung einer 
kartographischen Ausschmückung zukommt, da 
diese innere Region des Massivs von Niemandem 
betreten worden ist, und Detailaufnahmen ä la vue 
angesichts der tiefen Lage der Marschlinie (die 
Cöten derselben bewegten sich zwischen 400 und 
1500 rn) gewiss nicht gemacht werden konnten. Es 
drängt sich da unwillkürlich die Frage auf, ob auch 
diesfalls Stanley über die „dummen" Kartographen 
raisonniren wird, wenn sie sein grösstentheils will- 
kürlich entworfenes Detailbild vom Ruwenzori nach- 
mals corrigiren werden. Oder sollte jeder Strich, 
den der berühmte Reisende auf das Papier wirft, 
in der That für alle kommenden Zeiten unantast- 
bar sein ? 

Anlass zu Misstrauen gibt übrigens der fol- 
gende Sachverhalt. Die neben Seite 292 (der deut- 
schen Ausgabe) gegebene Darstellung des Ruwen- 
zori, des Semlikithales, der beiden Seen und der 
näheren Umgebung weist gegenüber der karto- 
graphischen Darstellung ganz wesentliche Wider- 
sprüche auf. So ist die Lage des Gordon Benett- 
Berges und der Mackinnon-Spitze falsch und deren 
Zusammenhang mit dem Hauptgebirge nicht ersicht- 
lich. Noch auffälliger ist, dass auf der Karte 
zwischen dem Gebirge und dem Albert-Edwardsee 
eine Gestade-Ebene von wechselnder Breite (10 
bis ^okm) sich erstreckt, wogegen die vorerwähnte 
Ansicht aus der Vogelschau das Gebirge direct aus 
dem -See mit steilen Abstürzen aufsteigen lässt. Der 
Gegensatz, welcher in den beiden Darstellungen 
in die Erscheinung tritt, wirkt verwirrend. 

Auf die Detailbeschreibung des Ruwenzori 
wollen wir, obwohl die Expedition des Lieutenants 
Stairs vieles Interessante enthält, nicht weiter ein- 
gehen. Dagegen verlohnt es sich, Stanley als ,, Geo- 
logen" reden zu hören. Ueberlassen wir ihm das 
W^ort. ,,Ohne Zweifel gibt es viele Leute, die wie 
ich bereitwillig zugestehen, dass sie beim Betrachten 
eines alterthümlichenWerkes, mag es eine egyptische 
Pyramide oder eine Sphinx, das Parthenon in 
Athen, der Sonnentempel in Palmyra, der 
Palast von Persepolis oder nur ein altes eng- 
lisches Schloss sein, eine gewisse Erregung fühlen 
. . . Aber noch mächtiger und grösser ist das Ge- 
fühl, welches beim Anblickeines eisgrauen Berges, 
wie der Ruwenzori, erweckt wird, von dem man 
weiss, dass er unzählige Jahrtausende alt ist. Wenn 
man bedenkt, wie lange Zeit es für den geschmol- 
zenen vSchnee bedurfte, um diese Hunderte von 
Faden tiefen Schluchten aus dem felsigen Scheitel 
der Kette auszuhöhlen, oder wie viele Zeitalter es 
brauchte, um die von den Seiten und aus dem 
Schoosse des Gebirges herabgespültenTrümmer aus- 
zubreiten und über das Semlikithal und die Njansa- 




OE8TERBEICHI8CHE MONATSSCHRIFT KÖR DEN ORIENT. 



165 



Ebene auszustreuen, wird man staunen über die 
Unermesslichkeit der Zeit, die vergangen ist, seit- 
dem der Ruwenzori zum Dasein emporstieg. Es 
befällt uns auf die leise kleine Frage: Wo warst 
du, als die Grundlagen der Erde gelegt wurden? Er- 
kläre dies, wenn du es verstehst?^ eine wt)lil- 
thuende Ehrfurcht und man gewinnt die 
frohe Ueberzeugung, dass es gut war, 
dies gesehen zu haben !" 

Man traut seinen Augen nicht, derlei 
Zeug in dem Werke eines berühmten 
Forschungsreisenden stehen zu sehen . . . 
Noch seltsamer nimmt sich der nach- 
folgende Erguss aus: ,, Bedenkt man, 
dass solche Naturereignisse (langdauernde 
Regengüsse) seit der Zeit der Erhebung 
der grossen Gebirgskette und der ge- 
waltigen Versenkung, durch welche die 
jetzt vom Albert Edward-Njansa, dem 
Semlikithal und dem Albertsee einge- 
nommene Schlucht entstanden ist, perio- 
disch stattgefunden haben, dann wird man 
sich nicht sehr darüber wundern, dass 
der Ruwenzori jetzt nur mehr ein Skelet 
ist von dem, was er ursprünglich war. 
„Du bist Staub und sollst wieder zum 
Staube zurückkehren." Sein Haupt ist 
viel von seiner glorreichen Höhe abge- 
schoren, seine Schultern sind abge- 
scliliffen und abgewetzt, durch seine Seiten 
haben "Dutzende von Flüssen sich tiefe 
Canäle gebahnt und die Rippen treten, 
wenn auch nicht kahl und nackt, so doch 
als unbestreitbare Merkzeichen hervor von 
den Erschütterungen und Zerstörungen, 
denen das Gebirge ausgesetzt gewesen ist, 
seitdem es vom Feuer geboren wurde. 
Langsam, aber sicher kehrt der Berg 
dahin zurück, woher er gekommen ist. 
Nach einigen Generationen (! !) wifd der 
Albert Edwardsee eine grosse Ebene sein, 
und später wird der Albertsee dasselbe 
Schicksal theilen. Die Geographen jener 
fernen Zeit werden sich dann die Augen 
reiben müssen, wenn sie zufällig die Um- 
risse der beiden Njansas, wie ich sie im 
Jahre i88g beschrieben habe, entdecken 
sollten." 

Es ist kaum möglich, noch laien- 
hafter über diesen Gegenstand zu schrei- 
ben. Insbesondere ist es die kindliche 
Umschreibung der Wirkungen der De- 
nudation, welche vorweg verbUiflft, von 
den ,, einigen Generationen", nach deren 
Ablauf den bodenplastischen Verhältnissen 
jenes Gebietes eine so durchgreifende Ver- 
änderung bevorstehen soll, gar nicht zu 
reden. Ein Forscher, der auf seine Re- 
putation etwas hält, sollte doch über 
wissenschaftliche Fragen, die ihm nicht 
geläufig sind, sich so weit orientiren, um 
wenigstens etwas zur Sache sagen zu 



können. Damit lässt sich ja, was bei Stanley 
nicht ohneweiters von der Hand zu weisen ist, noch 
weit wirkungsvoller flunkern, als mit seichten 
Phrasen. 

Doch genug davon. Eine wichtige geographi- 
sche Entschleierung betrifft den von Stanley 1877 




Pr»B «u Owalto-. (8i«h« Jndlioh« VwKMchiBack*.) 



156 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



zuerst gesehenen Müta Nzige, jetzt Albert Edwardsee | 
genannt. Die Expedition war, nachdem sie am 
I. Mai an dem Ruwenzori vorübergezogen war, 
am 27. Mai zum Müta Nzige gelangt. Etwa 50 km 
weit wurde längs seinen Ufern marschirt und 
etwa 100 km weit nach »Süden konnte die Ufer- 
linie verfolgt werden. Der Albert Edwardsee hängt 
mit dem Albertsee durch den Semlikifluss zusammen, 
und zwar strömt dieser aus dem ersteren in den 
letzteren. Es ist also festgestellt, dass der Albert 
Edwardsee, worüber bis dahin Zweifel bestanden, 
tiem Wassersystem des Nil und nicht dem des Congo 
angehört . . . Auch die Karte des Victoriasees 
'(Ukerewe) hat durch Stanley eine erhebliche Cor- 
rectur erfahren. Die bisherige fast kreisrunde Dar- 
stellung stimmt mit der Wirklichkeit nicht überein, 
da sich der See beträchtlich nach Südwesten aus- 
dehnt. Die äusserste Spitze liegt 2" 48' Süd- 
breite und ist nur 155 englische Meilen vom Nord- 
ende des Tanganjikasees entfernt. Durch diese 
Correctur erhält der Ukerewe einen Zuwachs an 
Areal von ca. 27.000 englischen Geviertmeilen. 
Die neue festgestellte Uferlinie wird von vielen, 
meist stark bevölkerten Inseln umlagert. 

Die vielen ethnographischen Aufschlüsse, 
welche von Stanley gegeben werden, bilden zweifel- 
los die werthvoUste Bereicherung, welche wir dem 
kühnen Reisenden verdanken. Dies gilt insbesondere 
von dem Zwergenvolke des Grossen Waldes und 
von den ,, Völkern des Graslandes". Leider aber 
wirken auch hier wissenschaftlich sein sollende 
Reflexionen und allerlei weit hergeholte Commen- 
tare sehr störend. Mitunter passiren dem wackeren 
Pionnier ganz unglaubliche Dinge. Was soll man 
sich beispielsweise von der salbungsvollen Reflexion 
denken, welche Stanley bei Betrachtung eines 
Avatiko-Zwerges anstellt? . . . ,,Mir war der Mann 
noch weit ehrwürdiger als die Memnonssäule (!) — 
Theben". Jeder Schulknabe weiss, dass die Alter- 
thümer, auf welche der Reisende hier anspielt, die 
beiden Memnonskolosse in der Ebene der thebani- 
schen Todtenstadt sind. Weiter erläutert Stanley: 
,,Der kleine Körper des Zwerges repräsentirte die 
ältesten Typen des ursprünglichen Menschen- 
geschlechtes, die Abkömmlinge der ältesten Zeit- 
alter, die Ismaels der primitiven Race u. s. w." 
Das Alles ist baarer Unsinn. Ist die deutsche 
Uebersetzung wortgetreu, dann hat in obigen Sätzen 
Stanley ein stylistisches Meisterstück geschaffen, 
das selbst mit dem urclassischen Dictum ,,Im 
Schatten kühler Denkungsart u. s. w." sich messen 
darf . . . Abkömmlinge von Zeitaltern — was soll 
das heissen? — 

Von den Zwergen im „Grossen Walde" sagt 
Stanley : „Ihre Verwandten sind in den Cap- 
colonien als Buschmänner, im Becken des Lu- 
congo als Watua, in Monbuttu als Akka, bei 
den Mabode als Balia, im Thale des Ihuru als 
Wambutti und unter dem Schatten des Mond- 
gebirges als Batua bekannt." Hier schliesst sich 
also Stanley der Anschauung Schweinfurth's, 
dessen Bedeutung als Afrikaforscher er ganz un- 



berufenerweise gelegentlich herabgesetzt , an. 
Schweinfurth erblickt nämlich in den bisher be- 
kannt gewordenen Zwergvölkern die versprengten 
Ueberreste einer grossen afrikanischen Urrace, eine 
Ansicht, welcher auch Gustav Fritsch beipflichtet, 
indem er die Buschmänner als ein Volk bezeichnet, 
das jedenfalls Jahrtausende unverändert in seiner 
Entwicklung geblieben sein muss. Es dürfte dem- 
nach von Interesse sein, hier die Ziffern sprechen 
zu lassen. Nach Gustav Fritsch betrug die durch- 
schnittliche Grösse von sechs erwachsenen Busch- 
männern aus verschiedenen Gegenden nur l'444 m, 
während die Zahl für fünf Frauen f448 m be- 
trug. Für die Akka sind von Felkin folgende Ziffern 
mitgetheilt worden: Höhe I'364 m, Umfang des 
Kopfes über den Ohren 0-549 m, Kopfhöhe von 
Ohr zu Ohr 0-278 »?, Länge der Hand Ol 55 m, 
des Fusses 0^204 m,- des Beines 0*683 m, 
des Oberarmes 0*324 m, des Unterarmes 0'382 m, 
Brustumfang o'768 m. Hiezu die Daten Stanley's 
über einen Avatikozwerg : Höhe I'2I9 m, Um- 
fang des Kopfes 05 14 m, Länge der Hand 
o*io2 m, des Fusses 0-158 m, des Beines 0*559 m, 
des Armes 0'5oi m (bei Felkin Ober- und Unter- 
arm zusammen o 706 m), Brustumfang 0'647 m. 
Der Avatikozwerg ist also noch kleiner als 
der Akka, wenigstens den vorstehenden Daten 
nach. Dass aber Stanley nur eine einzige Mes- 
sung vornehmen liess, ist sehr bedauerlich, da 
eine derartige einschichtige Untersuchung nichts 
entscheidet. Felkin bezeichnet die Hautfarbe als 
chocoladebraun, Stanley als „kupferig". Der 
Körper des Avatikozwerges fühlte sich beinahe 
pelzartig an, da er mit Haaren von fast i"3 cm 
Länge bedeckt war. Die weiteren Commentare 
Stanley's sind mehr erlustigend als belehrend. 
Sie lauten: „Man denke, vor 26 Jahrhunderten 
nahmen seine Vorfahren die fünf nassamanischen 
Erforscher gefangen und vergnügten sich mit 
ihnen in ihren Dörfern an den Ufern des Niger. 
Und sogar schon vor 40 Jahrhunderten waren 
sie als Zwerge bekannt und wurde die berühmte 
Schlacht zwischen ihnen und den Störchen in 
Gesänge gebracht. Seit den Zeiten des Heka- 
täus, 500 Jahre v. Gh., sind ihre Wohnsitze auf 
jeder Karte in die Gegenden des Mondgebirges 
verlegt worden. Als Moses die Kinder Jacobs 
aus dem Lande Gosen führte, herrschten sie als 
unbestrittene Herren über das dunkelste Afrika." 
Setzen wir hier die sachliche Belehrung des 
deutschen Gelehrten und Reisenden Dr. Gustav 
Fritsch hinzu: „Der geringe Unterschied in der 
Gestaltung beider Geschlechter (bei den Busch- 
männern) ist ein Zeichen, dass die Ausbildung 
des Körpers überhaupt auf einer verhältnissmässig 
niedrigen Stufe stehen geblieben ist, und ein Be- 
weis dafür, dass die v-ollkommene Entwicklung 
des Menschen gemäss der in seinem Organismus 
vorhandenen Anlage nur unter dem Einflüsse der 
Cultur erreichbar ist. Je geringer der Grad der 
Cultur, umsomehr nähert sich der Habitus in 
vielen Beziehungen dem thierischen, ohne dass 




OESTBRREICHI8CHB MONATSSCHRIFT f4r DEN ORIENT. 



157 



man deshalb die Schranken zwischen Mensch 
und Affe fallen sähe, was wohl kein Vernünfiiger 
erwarten wird. Das Thier im Menschen hat wohl 
Niemand geleugnet, aber wenn es auch wegen 
Vernachlässigung der höheren Anlagen in manchen 
Fällen stärker zu Tage tritt, bleibt das Indivi- 
duum doch immer noch ein menschliches Thier, 
d. h. ein Mensch, der nur nicht in der cigen- 
artigfn Weise entwickelt ist." 

Während Felkin mittheilt, die Sprache der 
Akka sei unbekannt, gibt Stanley eine tabellarische 
Uebersicht einer ziemlich ansehnlichen Zahl von 
Vücabeln der Sprache der Wambutti, welche 
aber von diesen Ku-mbutti oder Biikwa ge- 
nannt wird. Aus letzterem Worte hat Schwein- 
furth wahrscheinlich „Akka" heraus gehört. Im 
(Jebrigen glauben wir, dass es angezeigt sein 
wird, der Liste Stanley's, sowie den Erläuterungen, 
welche er hieran knüpft, mit Vorsicht zu be- 
gegnen. Wo immer der berühmte Reisende in 
wissenschaftliche Erörterungen sich einlässt, 
tragen sie unverkennbar das Gepräge von ge- 
wagten Speculationen oder unmethodischen Schluss- 
folgerungen. Er hätte diesfalls von seinem grossen 
Stammesgenossen Huxley lernen können, dass — 
wie dieser sagt — eine inductive Hypothese nur 
dann als bewiesen gilt, wenn es sich zeigt, 
dass die Thatsachen völlig im Einklänge damit 
sind. Die logische Basis jeder inductiven Unter- 
suchung ist Uebereinstimmung der beobachteten 
Thatsachen mit den theoretischen Folgerungen. 

Stanley unterscheidet unter den Zwergen 
des Waldlandes zwei „Species", die sich nach 
Hautfarbe, Form des Kopfes und charakteristi- 
schen Gesichtszügen durchaus unähnlich sind. 
Der Unterschied ist so gross wie der zwischen 
„einem Türken und einem Skandinavier". Das ist 
sicher ein sehr misslungener Vergleich. Die beiden 
„Species" sind die Batua und die Wambutti. 
Letztere haben ein rundes Gesicht, gazellen- 
artige, weit von einander entfernte Augen, hohe 
Stirn, die ihnen den Ausdruck unverhüllter Offen- 
heit gibt, und sind von dunkelgelber Elfenbein- 
farbe. Die Batua haben längliche Köpfe, lange, 
schmale Gesichter und röthliche, kleine, sehr 
nahe zusammenstehende Augen, die ihnen einen 
mürrischen, ängstlichen und zänkischen Blick 
geben. 

Ueber die Wirkungen des Pfeilgiftes, dessen 
sich die Zwerge bedienen, berichtet Stanley, dass 
zweierlei solche Gifte in Verwendung kämen ; 
das eine habe Farbe und Consistenz des Peches, 
das andere solche eines hellen Leimes. Als Gegen- 
mittel bei Verwundungen durch Pfeile mit solchen 
Giften haben Injectionen von kohlensaurem 
Ammonium sich als wirksam erwiesen. Immerhin 
beweisen die mitgetheilten Thatsachen, dass die 
Wirksamkeit eine begrenzte war. Frisches Gift 
— im Gegensatze zu bereits längere Zeit in 
Verwendung gestandenem — rief ausserordent- 
liche Schwäche, Herzklopfen, Uebelkeit, Todtcn- 
blässe und Schweisspericn auf dem ganzen Körper 



hervor. Der Tod erfolgte in der Regel sehr bald; 
ein Mann starb innerhalb einer Minute, ein 
anderer erst in fünfviertel Stunden. Eine Frau 
starb, nachdem man sie lOO Schritte weit ge- 
tragen, eine andere nach 20 Minuten. Es kamen 
aber auch Fälle vor, in denen der Tod erst nach 
mehreren Tagen eintrat , was als Beweis zu 
nehmen ist, dass das Gift alt war. Uebrigcns 
haben die Zwerge selber grossen Respcct vor 
den Giften, deren sie sich bedienen, und darf die 
Herstellung desselben nur ausserhalb der Lager 
vorgenommen werden. 

Nächst den Zwergen sind es die Eingeborenen- 
stämme des „Graslandes", ober welche Stanley 
weitläufiger berichtet. Auch hier lässt es sich 
der berühmte Reisende nicht entgehen, dem Ethno- 
graphen einen Klaps zu versetzen. Er pole- 
misirt gegen die Bezeichnung „Bantu", welche 
er unwissenschaftlich nennt Eine zutreffendere 
Bezeichnung aufzustellen, hat er nicht den Muth, 
weil „jeder Reisende, der den Ehrgeiz besitzt, 
sich bei den wissenschaftlich Gebildeten ver- 
ständlich zu machen", ^azu beizutiagen gezwungen 
ist, sich jenes unwissenschaftlichen Ausdruckes 
zu bedienen. Nun bezeichnet „Bantü" — richtiger 
aba-niu — allerdings nichts Anderes als „die 
Menschen". Sie ist von Dr. W. G. J. Blenk, 
den ,,)akob Grimm Südafrikas", zuerst gebraucht 
worden, und zwar aus nachfolgendem Grunde. 
Der eigentliche Stamm, die Wurzel des Wortes, 
ist nlu, die Vorsilbe, das Präfix ist aba, und 
dieses zerfällt wieder in a-ba, wobei ba das 
eigentliche, den Begriff der Mehrzahl in sich 
schliessende Präfi.x, a aber eine Art von Artikel 
bildet. Die wunderbare Uebereinstimmung , in 
welchen die Wurzeln ntu == Mensch sammt ihrem 
Präfix durch all die südafrikanischen Idiome geht, 
hat ihnen und den sie redenden Völkern, unter 
Zugrundelegung der Kafirform, den Namen der 
Bantu verliehen — ,,ein nach Form und Inhalt 
treffender und würdiger Name". Stanley beweist 
also auch hier durch seine Spötteleien, dass ihm 
das wissenschaftliche Verständniss fQr solche 
Dinge völlig abgeht. 

Unter den Bantustämmen des „Graslandes" 
zeichnen sich vor Allem die Wahuma durch ihre 
Grösse, körperliche Wohlgestalt und „fast euro- 
päischen Gesichtszüge" aus. Nun aber kommt 
wieder eine jener Behauptungen, mit der Stanley 
seine wissenschaftlich sein sollenden Commentare 
auf den Kopf stellt. Er sagt: „Die Wahuma sind 
die echten Abkömmlinge Act semitischen Stämme (!), 
welche aus Asien über das Rothe Meer ausge- 
wandert sind und sich an der Küste und den einst 
unter dem Namen Aethiopicn bekannten Hoch- 
landen von Abessinien niedergelassen haben." 
Da hört denn doch die Gemüthlichkeit auf. Nach 
dem Urthcile der massgebendsten Gelehrten — 
Waitz, Haeckel, Fr. Müller — bilden die Baatu 
eine eigene Race, welche der Ncgerrace zunächst- 
steht. Nach Fr. Müller sassen die ß.intu wahr- 
scheinlich im Osten des Verbreitungsgebietes der 



158 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



Neger, wo sie frühzeitig im Verkehr mit den von 
Asien eindringenden Stämmen der mittelländischen 
Race, speciell den Hamilen, standen. Den Zusam- 
menhang mit der mittelländischen Race weist 
übrigens G. Fritsch entschieden zurück, und Robert 
Hartmann erklärt die Bantu für echte Nigritier. 
Auch O. Peschel bezeichnet es als einen Miss- 
griff, die Bantu von den Negern abzutrennen. 
Und nun kommt Stanley und macht aus dem 
Bantustamme der Wahuraa vollends ein Volk von 
semitischer Abkunft. Man sollte kaum glauben, 
dass eine derartige ethnologische Begriffsverwirrung 
möglich wäre. Der Kaffer aber ist nach diesen 
grossen ethnographischen Gelehrten, „eine feine 
Verschmelzung des Hindu- und des westafrikani- 
schen Typus." Stanley begnügt sich also in seiner 
phantastischen Ethnologie nicht mit den Bantu- 
Semiten, sondern greift sogar nach dem fernen 
Indien hinüber. Von den Zulus behauptet er, sie 
hätten „kaukasische Köpfe." Weiter in die „wissen- 
schaftlichen" Speculationen, die Stanley ent- 
wickelt, einzugehen, wäre wahrhaftig Zeitver- 
schwendung. 

So gewinnt man denn aus der Gesammt- 
beurtheilung des von Stanley in seinem jüngsten 
Werke niedergelegten Materiales ein Bild von 
wechselnden Umrissen, indem es uns einerseits 
den schneidigen und erfahrenen Pionnier, den 
energischen Bahnbrecher, den „Strategen" der 
afrikanischen Ländererforschung vor Augen führt, 
andererseits aber den gefeierten Mann in einer Be- 
leuchtung zeigt, an der das eigene Licht, d. h. 
die wissenschaftliche Schulung, oder auch nur 
der geniale Funke eines methodischen Erfassens 
der Dinge, wesentlich zurücktritt vor den Reflexen 
des bengalischen Lichtes, das durch das selbst- 
gefällige Auftreten die Reclame und die jederzeit 
in solchen Dingen urtheilslose öffentliche Meinung 
auf den „Bismarck der Afrikaforschung" geworfen 
haben. Jedem verdienten Manne soll der Antheil 
am Ruhme werden, der ihm gebührt — darüber 
hinaus aber ist es Pflicht jedes Unbefangenen, 
Prätensionen entgegenzutreten. 



ZUR GESCHICHTE DER NULL 

Von Dr. M. Haberlandt, 

Jeder Gebildete weiss oder sollte es wenigstens 
wissen, dass wir unsere Ziffern, welche nach ihren 
Ueberbringern die „arabischen" heissen, eigentlich 
dem Volke der Inder verdanken. Weniger bekannt 
aber ist, dass wir nicht nur die äussere Figur 
unserer Ziffern, sondern das ganze innere Princip 
unserer Ziffernschrift, das nach dem Stellenwerth, 
von jenem alten Volke erhalten haben, an welchem 
neben seiner philosophischen vielleicht seine rech- 
nerische Begabung am höchsten zu bewundern ist. 

Ebenfalls eine indische Erfindung, jünger als 
die Stellenwerthschrift, ist die unscheinbare Null, 
dieser Talisman des Rechnens, der jene kürzeste 
Methode der Ziffernschrift allererst möglich machte. 



damit aber zugleich in der wohlgeordneten Welt der 
Zahlen jenes Ideal darstellte, das auf gar wenig 
Gebieten vorläufig noch irgendwie erreicht ist. 
Selbst ein Nichts, ein Zeichen für Nichts, von dem 
der naive Verstand mittelalterlicher Abacisten nicht 
glauben mochte, dass man damit — mit einem 
Zeichen für Nichts — etwas Wirkliches richtig 
herausrechnen könnte, ist es doch ein sehr brauch- 
bares Etwas, das der Menschheit bisher einen un- 
messbaren Zeitgewinn eingebracht und den rech- 
nenden Verstand um mehr als die Hälfte seiner 
Arbeit entlastet hat. Jedenfalls war diese Erfindung 
eine Bekrönung und Vollendung der Stellenwerth- 
schrift, wodurch diese erst zu ihrer epochalen Be- 
deutung gelangte. Wie weit immer an der Hand 
der Sprache die Ziffernschrift geführt war, die 
Krücke von Stufenzahlzeichen, von Werthmarken 
und ähnlichen Behelfen war ohne die Null nicht 
zu entbehren ; denn wie sollte man ohne dieselben 
Zahlen wie 1900, lOQO, 1009, 19 u. s. w. unter- 
scheiden ? Erst durch ein Füllzeichen, ein Zeichen 
für Nichts, das an die Stelle der nicht vorhandenen 
Stufenzahlen einzutreten hatte, konnte das Streben, 
durch gänzliche Fortlassung der Stufenzahlzeichen 
die Ziffernschrift zu vereinfachen, von Erfolg sein. 

Wie den Indern, die sich selbst bis ungefähr 
in's 3. Jahrhundert n. Ch. G. ohne die Null bei 
ihren Rechnungen behalfen, die Erfindung jenes 
Zeichens gelang, ist bei ihrer offenbaren Wichtig- 
keit und der anscheinenden Simplicität dieses Ein- 
falles nicht ohne ein tieferes Interesse. Es erscheint 
uns fast wunderbar, dass so viele scharfsinnige und 
gutrechnende Völker des Alterthums, dass der be- 
deutendste Mathematiker der Zeit , Archimedes, 
welche ihre complicirten Berechnungen in den 
schwerfälligsten Ziffernschriften, mit kolossalem 
Aufwand von Mühe und Zeit durchführten, nicht 
daran gedacht haben, durch Einführung eines 
Zeichens für Nichts das von der Sprache ja bereits 
verrathene Princip desStellenwerthes durchführbar 
zu machen. Aber wie sollte ein immer nur die 
Wirklichkeit der Welt in's Auge fassender Grieche 
auf den Gedanken kommen, dass man für etwas, 
was gar nicht da ist, ein Zeichen, also etwas Wirk- 
liches setzen könne ! Es scheint, dass nur einem 
Geiste, der mit dem Nichts als einem gewohnten 
Denkbegriff umging, dieser feine Kunstgriff ge- 
lingen konnte, dass der indische Verstand durch 
seine sonstige Richtung auf das nicht Vorhandene 
wie dazu angelegt war, „in dem Nichts ein brauch- 
bares Etwas zu sehen und durch das Nichts die 
Vollendung des Etwas zu bewirken". 

Welches andere Volk möchte wie dazu präde- 
stinirt scheinen, die Null zu erfinden, als das der 
Inder, welches im Kern jeder Erscheinung Hohlheit 
und Leere gewahrt, dem die Welt wie eine leere 
Wasserblase, wie eine verkörperte Null (cünya) 
erscheint? Diese kühnen Leugner aller Realität, 
welche das Nichts in ihrer Dialektik zu hundert 
Tinten gebrauchen und mit dem Begriff des Nicht- 
seins (abhäva) virtuos herumspielen, sind wohl auch 
die wahren Väter der NuU in der Kunst der Zahlen, 




OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FOr DEN ORIENT. 



159 



WO thatsächlich einmal das Nichts ebenso viel 
werth war als das lüwas. 

Freiiicii ist mit dieser aligemeinen Beziehung 
der Idee von der Null auf eine tiefeinjjewurzelte 
liigenthiimlichkeit des indischen Geistes und eine 
wiciitige Kategorie seiner Logik, nichts für die 
Kenntniss des eigentlichen Herganges der wichtigen 
Erfindung gewonnen. Man konnte wie bei so 
manciien indischen Hervorbringungen den Zu- 
sammenhang mit dem ganzen indischen Wesen 
ausgeprägt finden, ohne doch die Ideenbildung und 
Ausgestaltung des Einfalls in ihren historisch-inter- 
essanten Einzelheiten irgendwie zu erkennen. Die 
„Weisheit der Brahmanen" war bislier allein citirt 
worden, wo man gern nach Erfinder und der ur- 
sprünglichen Form seines Einfalles gefragt hätte. 
Durch neues Material, das uns durch einen 
sehr verdienten Alterthumsforscher, Herrn Dr. 
Hörnle, bekannt geworden, durch Auffindung einer 
alten indischen Arithmetik, 'J welche in höchst 
interessanter Weise den alten originalen Gebrauch 
der Null aufzeigt, sind wir nun in der Lage, in die 
Entstehungsweise des Gebrauches der Null Ein- 
sicht zu nehmen. Zu unserer Ueberraschung und 
doch für die culturhistorische Betrachtung nicht 
ganz unerwartet, stellt sich dabei die Thatsache 
heraus, dass es mehr ein mechanischer äusserlicher 
Weg gewesen, auf welchem die indische Rechen- 
kunst zur Einführung der Null in die Ziffernschrift 
gekommen, als durch den zündenden Lichtblitz 
einer Intuition. v 

Nach den gelehrten Auseinandersetzungen 
ihres Herausgebers ist besagte altindische Arith- 
metik, von der leider nur Bruchstücke erhalten 
sind, etwa in das 3. Jahrhundert unserer Aera 
zu setzen, und wäre in ihr das Fragment eines 
ehemaligen buddhistischen oder Jaina-Werkes zu 
erkennen (vielleicht der Theil einer grösseren 
Schrift über Astronomie, von welcher Arithmetik 
und Geometrie unter den Indern immer nur als eine 
Abtheilung vorgetragen werden). Es scheint, dass 
hier eine der Quellen vorliegt, aus welchen die 
späteren indischen Arithmetiker und Astronomen, 
wieAryabhatta,Varähamihira,Brahmaguptau. A.m., 
ihre arithmetischen Kenntnisse schöpften. Wie dem 
auch immer sein mag, sicher ist, dass in jenem 
arithmetischen Bruchstück uns der älteste Gebrauch 
der Null entgegentritt, wovon bisher erst in be- 
trächtlich späterer Zeit und an einem ganz un- 
erwarteten Orte, nämlich in einem Lehrbuch der 
Metrik, das dem Pingala zugeschrieben wird und 
in eine viel spätere Zeit gehört, die ersten Spuren 
aufzufinden waren. 

Hier nun aber beobachten wir die Null, man 
möchte fast sagen in ihrem prähistorischen Ge- 
brauch, oder mit einem Bilde zu reden, als Larve 
oder Puppe, aus welcher der künftige Schmetter- 
ling sich erst hervorzumetamorphisiren hat. Wir 
treffen nämlich in der Kechengewohnheit jener 



>) Od tba DakliskaU-Maniisorlpt, lly K. IIürDle. Vi^rband- 
lungeD des VII. internal ioDulen Orisnullalen-CoDgronsei. Aiiarho 
Scf-rion. 



Zeit, deren arithmetischer Spiegel jenes alte 
Werkchen ist, die Null als ein FüUzeicben für 
jede aus irgend einem Grunde leer bleibende 
Stelle in den Rechenoperationen an ; ja, die Form 
dieses Zeichens als eines kleinen Ringelcbens o 
belehrt uns sogar noch weiter über seine Vor- 
geschichte, indem wir erkennen, dass es aus der 
indischen Schriftübung, wo es als Kürzungszeichen 
für ausgelassene Worttheile sowohl am Anfang 
wie am Schlüsse der Wortkörper seit ältester 
Zeit vorkommt, in die Rechenschrift berüber- 
genommen worden ist. Dadurch widerlegt sieb 
von selbst die bisher geltende Annahme (Weber, 
Indische Literaturgeschichte, p. 274. Anm.), dass 
das Zahlzeichen für die Null analog den übrigen 
Zahlzeichen für i — 9, welche die abgekürzten 
Formen der Anfangsbuchstaben der Zahlwörter 
sein sollen, ') aus dem Anfangsbuchstaben des 
Wortes „(jiünya", „leer", hervorgegangen sei. In 
den Anschreibungen der Rechenoperationen fungirt 
das Ringelchen schon hier unter dem Namen 
„^ünya", d. i. „der leere Platz", also für alle 
Auslassungen, zumeist im Sinne der zu suchenden 
unbekannten Grösse, unseres X, des „pbalam", 
der „Rechenfrucht", wie die Inder sagen. Diese 
älteste indische Null ist also nichts weniger noch 
als eine Ziffer, welche den mathematischen Begriff 
des Nichts bezeichnete, wie die Null des 5. Jahr- 
hunderts in Indien bis auf heute, sondern sie ist 
vorerst nur ein mechanisches Hilfszeichen, das 
von seiner ursprünglichen allgemeineren Verwen- 
dung her allmälig erst seinen Platz in der Stellen- 
werthschrift und damit seine epochemachende 
Bedeutung erhielt. Wenn der Inder im Besitz des 
Stellenwerthprincips angesichts der Schwierigkeit, 
fehlende Stufenzahlen in einer bestimmten Zahl- 
grösse auszudrücken, zu seinem altgewohnten 
Mittel, den leeren Platz auszufüllen, zum „(;ünya" 
griff, so war das einerseits für ihn keine beson- 
dere Geistesthat, andererseits und überhaupt be- 
trachtet lag darin aber wieder die eigentliche 
Vollendung der Stelienwerthschrifu In dieser Ver- 
wendungsweise wurde das 9Ünyam o erst zur 
eigentlichen Null, zur Ziffer, welche die Ziffern- 
reihe nun mit einem solchen geistreichen Apert,'u 
zu eröffnen scheint. 

Wie wir uns hier überzeugen, war die Null 
nur der letzte Nagel zu dem Kunstwerk des Stellen- 
werthprincips. Diese wunderbare Idee, so einfach 
als universell, den Ziffern in Anlehnung an das 
in der Sprache gelegene decadische Zahlsystcm 
mit abgekürztem Verfahren, durch Nebenordnung, 
wachsende Werthe zu verleiben, ist eine solche, 
wie sie die Inder in verschiedenen ihrer Wissen- 
schaften mit höclistem Scharfsinn und schönem 
Erfindungsgeist zu Hunderten producirtcn. An 
eine formelhafte, den Raum auf's Aeusserste sparende 
Darstellungsweise gewöhnt und den höchsten Ehr- 
geiz darein .letzend, immer noch Regeln und Wörter 

■) Dlew Anaicht wird bokaanllli-h tob Aoderca wU Bursall 
(ID i«liicn Kleiuent« o( South Indlan PalaMgraph;, p. 47— -M) Im- 
atritlcn. 



160 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



ZU Sparen , besitzt beispielsweise die indische 
Sprachwissenschaft und nach ihrem Muster Juris- 
prudenz, Philosophie, Astronomie u. s. w. eine 
grosse Reihe künstlicher formelhafter Bildungen, 
welche ganz den gleichen findigen Geist athmen 
wie die Idee des Stellenwerthes der Z ffern. So 
ist an die erste Stelle der indischen Grammaliken 
ein lautphysiologisch sehr richtig geordnetes 
Lautsystem gerückt, dessen einzelne Laute mit 
entsprechenden stummen Buchstaben als Indices 
versehen sind, welche gestatten, gewisse Laut- 
gruppen, wie Vocale , Diphthonge, Gutturale, 
Tönende, Aspiraten u. s. w., nach allen möglichen 
Gesichtspunkten kurz und schlagend zu bezeichnen, 
indem der erste Laut mit dem Index des letzten 
der betreffenden Reihe zu einem Worte zusammen- 
treten und nun namenartig jene Gruppe bezeichnen. 
Die grammatischen F'unctionen sind in ähnlicher 
Weise mit höchster Vorausberechnung und all- 
seitiger scharfsinnigster Rücksichtnahme zum 
Zwecke höchster Kürze der Gesammtdarstellung 
formelhaft benannt, so dass nun der Vortrag des 
grammatischen Stoffes in lauter kurzen anägmati- 
schen Formeln, in welchen selbst die Stellung 
der Formeltheile und gewisse Ellipsen ihre fest- 
bestimmte Bedeutung haben, sich vollzieht. Von 
dieser das Unglaublichste an Oekonomie und 
Formelkunst leistenden Geistesrichtung ist die 
Idee der Stellenwerthschrift ein echter Sprosse; 
wenn aber jene in letzter Instanz der esoterischen 
Stellung indischer Wissenschaft diente, ihre Ge- 
heimhaltung im Kreise der Wissenden verbürgte, 
so hat jener Scharfsinn mit der Erfindung des 
Princips des Stellenwerthes einmal auch aller 
Welt gedient und das wimmelnde Reich der 
Zahlen jedem Kinde fernster Zonen,jMnl 'S|p'4teiiJ.eir 
Zeiten mühelos ausgeliefert. / J t U ■ '•; 

; K POVZ.MJ^t. 
\ PRUWlVt]L'.l 



nur spärlich verbreitet, wie denn auch die Literatur 
über orientalische Teppiche nur wenig bietet. 
Man will darum den Anlass dieser Ausstellung 
benützen, um ausser der Herausgabe eines be- 
schreibenden Kataloges die Publication einer um- 
fangreicheren, mit Illustrationen versehenen Studie 
über orientalische Teppiche zu veranlassen. Die 
Anmeldungen für diese Exposition werden ab 
1. November d. J. im Museum entgegengenommen. 

Ausstellung von kunstgewerblichen Objecten 

im Handels-Museum. Wie in früheren Jahren, 
soll auch heuer in den Räumendes Haadels-Museums 
in der Zeit vom i. December bis Ende Jänner 
eine kleine Ausstellung von solchen verkäuflichen 
Objecten stattfinden, die unter der Aufsicht der 
k. k. Fachschulen in der Provinz von Kunst- 
gewerbetreibenden hergestellt wurden. Die Aus- 
stellung wird Objecte der Holzindustrie, der Korb- 
flechterei, Silberschmuck und Keramisches bieten 
und wurde die Mehrzahl derselben nach den vom 
Museum beigestellten Originalen hergestellt. 



Programm der Vorlesungen im Ic. k. öster- 
reichischen Handels-Museum. Das Programm für 
die Vorlesungen im llandels-Museum in der Winter- 
saison i8go — 91 ist nachstehendes: 

Am 26. Nov. Prof. Dr. J. Karabaiek : Neue 
Entdeckungen zur Geschichte des 
Papieres und Druckes. 

Dec. Julius Böhm : „Reclame". 

„ Dr. R. V. Scala : Die sociale Frage 
im römischen Kaiserreiche. 

„ Dr. F. Ritter v. Haymsrk : Charles 
Dickens und dessen Bedeutung 
für die Socialreform in England 
und Amerika. 



3- 
10. 

'7- 



ii 



V CECKftCIi 

MISCELLEN. "^ "^ 

Teppichausstellung im Handels-Museum. In 

der am 13. d. M. unter dem Vorsitze des Ministerial- 
rathes Grafen Latour im k. k. Handels-Museum 
abgehaltenen Sitzung der kunstgewerblichen Section 
dieser Anstalt wurde die Abhaltung einer grösseren 
Ausstellung von orientalischen Teppichen in den 
Räumen des Museums beschlossen. Diese Aus- 
stellung, für welche die Zeit vom 1. April bis 
15. Juni n. J. in Aussicht genommen, soll vor 
Allem eine möglichst vollständige Collection muster- 
giltiger modertier Teppiche der verschiedenen Pro- 
ductionsländer des Orientes bieten ; ausserdem 
aber sollen alte Einzelstücke hervorragender Art 
aus dem Besitze von Amateurs, Museen und 
Händlern vorgeführt werden und wird in dieser 
Richtung auch auf die Mitwirkung des Auslandes 
gerechnet. Wiewohl sich der orientalische Teppich 
in jenen Kreisen des Publicums, dessen Geschmack 
eine gewisse Verfeinerung bekundet, allgemeiner 
Beliebtheit erfreut, sind Kenntnisse über Qualität 
und Herkunft dieses Erzeugnisses im Allgemeinen 



14. J.inn. 



Fcbr 



18. 

25- 



März 



I I. 



Prof. Dr. Ph. Paulilschke : Stanley 
und die Culturarbeit in Afrika, I. 

Prof. Dr. Ph. Paulitschke : Stanley 
und die Culturarbeit in Afrika, H. 

Dr. Friedr. Carus : Die Stickerei- 
Industrie Vorarlbergs. 

Dr. Jacob Simon : Das alte und 
neue Athen. Eine Reiseerin- 
nerung. 

F. V. Hellwald: Die Insel Formosa. 

F. V. Helhvald: Kambodscha und 
seine Alterthümer. 

C. V. Vinienti : Die Athos-Mönche 
und ihre Kunst. 

Prof. Aug. Oncken: Der Artikel ii 
des Frankfurter F'riedens und 
der Ablauf der europäischen 
Handelsverträge im Jahre 1892. 



VerautwortUchsr Bedactear: A. v. Scala. 



Druck Toa Ch. Rejtter & M. Werthner in Wien. 




November-December-Heft 1890. 



Nr. 11 und 12 



0£S lERREiCHlSCHE 




üMtetlrift für kn #runt 



Herausgegeben vom 



K. K. ÖSTERR. HANDELS-MUSEUMJJi_WIEN. 

Redigirt' von A. von Scala./ '^^u-i^iinzEi'' 



Monatlich eine Nummer. 



r 



VERLAG DES K. K. ÖSTERR, HANDELS-MUSEUMS IN WIEN. 



V cim 



CTv 



f. = 10 Hark. 




INHALT: Neuo Entdcckuntfen iiir Uesc-hUhle tUs Papieres UDd 
I>rtK>kea. Von Joseph Karabactk. — BeogaHscbe Jute. Von 
Kmtl SchUigintunit. — Lage und Producte des Landes Punt. 
Von J. Krall. — Wcrtt-Chlua» Erachliesiiunc. — Das Japanische 
Theater. — Zur Kutwicklunifugeschichte des Islam. Von Htr- 
mann Feigl. — Zur JapaniHi-hcn Fapicrindostrie. — Mi scellen: 
Das Datum auf de» Philippinen. — Die Uevötkening .Siaiiis. 
— Indische Edelsteine. — Wilde Thlere und giftige .Schlangen 
in Ostindien. 

NEUE ENTDECKUNGEN ZUR GESCHICHTE DES 
PAPIERES UND DRUCKES.') 

Von Josef h Karabacek. 

Unter den zahllosen Fragen und Pro- 
blemen von allgemeinem und speciellem 
Charakter, welche durch wissenschaft- 
liche Bestrebungen zu unserer Erkenntniss 
gebracht werden sollen, gehören unstreitig zu 
den interessantesten jene, welche aus unserem 
jihysischen und intellcctuellen Leben resultiren, 
deren Erforschung uns auf tiefen Spuren in der 
Entwicklung der Menschheit bis zu den ersten 
unscheinbaren Keimen zurückleitet. 

Dahin gehört vor Allem das Capitel der Er- 
findungen, das dunkel in seiner ersten Anlage, 
dennoch zur höchsten Vollendung sich entwickelt, 
fesselnd und zugleich anregend, den genialen 
Schöpfer in seiner Werkstatt aufzusuchen gebietet. 
Ja, den genialen Schöpfer ! — wenn nicht dessen 
Name in den allermeisten Fällen von der undank- 
baren Nachwelt vergessen worden wäre ! 

Wer kennt wohl den gesegneten Erfinder des 
Plluges? Wer den Erfinder der Schrift? Niemand 
vermag die Namen der Erfinder der Töpferscheibe 
und des Stahles zu nennen. 

Man wird mich nicht corrigiren dürfen, wenn 
ich behaupte, dass wie so viele Andere, auch Ber- 
thold Schwarz das Schiesspulver nicht erfunden 
habe und dass wir den .Namen des chinesischen 
[ersten Pulvermachers auch nicht kennen. Und ist 
das die Welt regierende Geld, wie in so vielen 
Fällen, trotz seines guten Klanges nicht auch von 
unbekannter Herkunft? 

Die menschliche Wissbegierde also, der die 
wissenschaftliche Forschung unterthan ist , bleibt 
den anonymen Urhebern dieser und noch vielen 
anderen grossen revolutionär wirkenden Welt- 
erfindungen gegenüber unbefriedigt, indem sie sich 
über das Leben und Wirken derselben nicht 

') Vorlrag, gelmUen am 2«. November 181)0 im k. k. Oeater- 
ralchiachrn Haudels-Musonm. 

MouaUicIirift fttr deu Orieot. Noveiubi-r Uccaiobcr ItiW. 



pflichtschuldigst zu unterrichten vermag. Und viel- 
leicht ist es ganz gut so ; denn besässen wir von 
gewissen Erfindern etwa gar autobiographische 
Daten, wie solche in unseren Tagen üblich ge- 
worden sind, dann hätten wohl Manche derselben 
— wie ein lachender Philosoph von einigen Selbst- 
biographen behauptete — dereinst vor Gott zwei 
Leben zu verantworten gehabt. 

Preisen wir also unsere kleinste Jugend glück- 
lich, welcher in dieser Beziehung in den Schul- 
büchern hie und da noch unverfälschte Ideale ge- 
boten werden und die auf solche Weise den be- 
glaubigten Stempel der Erfindung in die wiss- 
begierige Brust sich versenken darf. Darin 
unterscheiden sich ihre Lehrbücher in Nichts von 
den chinesischen Annalen, in welchen man bis in 
das dritte Jahrtausend vor Christi Geburt hinauf, 
die Geschichte der Erfindungen mit allen er- 
wünschten Einzelheiten verfolgen kann. Der Mensch 
bleibt sich eben gleich, im Osten wie im Westen 
unserer Erde, wenn es sich darum handelt, den der 
geschichtlichen Erinnerung entbehrenden Facten 
des menschlichen Ingeniums ein entsprechendes 
Denkmal zu setzen. Es sind dies freilich keine Altäre, 
wie sie die Alten dem Erfindungsgeiste zu errichten 
pllegten, sondern — ich kann sie nicht anders 
nennen — Märtyrer der Geschichte der Erfindungen ! 
Solche , .Märtyrer'' kennt den Namen nach die 
Culturgeschichte recht viele. Ich will sie gar nicht 
nennen, alle die Erfinder aus der Literatur gewisser 
höherer Töchterschulen, wo z. B. der Nach- 
weis auch des Erfinders des Strickstrumpfes von 
dem Ernste des betreffenden Berufsstudiums gewiss 
ein befriedigendes Zeugniss gibt. Aber, wir sollten 
doch nicht über derlei Ungereimtheiten lächeln, da 
wir Alle ja unbestreitbar Sinn für das edlere Ko- 
mische haben, das, weit entfernt von dem Lächer- 
lichen der Thorheiten, unbekümmert um Zeit und 
Ort, um Individualität und Nationalität an der Ober- 
fläche des Lebens sich zeigt. Denn blicken wir nur 
zurück auf jene Zustände, welche durch die graue 
Vorzeit von uns getrennt erscheinen, so finden wir 
in dieser Beziehung beileibe nicht den Zusammen- 
hang mit der sogenannten aufgeklärten Gegenwart 
unterbrochen. Nur charakterisiren wir jene, also 
die Vorzeit, mit den Schlagwörtern .Aberglaube, 
Vorurtheil und Unwissenheit, während wir heute 
alles dieszusammengenommen — Imponiren heissen! 



162 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



Den heutigen Chinesen imponirt es nun ge- 
wiss auch, lernen zu müssen, wie ihre ersten mythi- 
schen Kaiser im dritten Jahrtausend vor Christo zu- 
gleich die ersten Erfinder waren. 

Die Araber, sicher ein nicht minder hochstehen- 
des Culturvolk, gehen noch weiter, indem sie un- 
seren gemeinsamen Stammvater Adam als Erfinder 
der Schrift preisen. Dies imponirt auch, beein- 
trächtigt aber sicher nicht die Wirkung, wenn die 
Muhammedaner in ihre Ruhmeshalle als erste 
Preisgekrönte in allen Künsten (also auch der Le- 
benskunst) noch sämmtliche Erzväter und Propheten 
hinein versetzen, so um nur Einige zu nennen, Seth 
als den ersten Knopfraacher, Enoch als den ersten 
Schneider, Noah als ersten Zimmermann und 
Tischler, Abraham als ersten Milchmann, den bibli- 
schen Josef als ersten Uhrmacher , Aaron als 
ersten Inhaber eines Ministerportefeuilles, Hiob als 
den Ersten der Geduldigsten, endlich Jakob als 
den Ersten, welcher ein beschauliches Leben führte. 

Die solcher Weise zum Ausdruck gelangende 
Naivetät der Orientalen hängt auf's innigste zu- 
sammen mit der Entwicklung des Culturlebens, 
mit dem Fortschritte des Naturvolkes zum Cultur- 
volke. Bei dem wachsenden, mannigfachen Einfluss 
der Producte eigener und fremder Erfindungen 
auf die Gestaltung so vieler Verhältnisse des socialen 
und geistigen Lebens, war es nur die reciprokp 
Wirkung, wenn den Arabern bei der unter ihren 
Augen sich unausgesetzt prakticirenden Vervoll- 
kommnung der Künste, endlich der Gedanke auf 
die Erforschung ihres Ursprungs geleitet wurde. 
Allein es war schon zu spät. Je mehr Jahrhunderte 
die Berichte der Schriftsteller von dem wirklichen 
Zeitalter der Erfindung trennen, desto mehr sehen 
wir auch bei dem gänzlichen Mangel von Anhalts- 
punkten den Kreis ihrer Vorstellungen vom Natür- 
lichen zum Wunderbaren erweitert, und so kommt 
es, dass bei der oft nicht geringen kindlichen Ein- 
falt des orientalischen Gemüthes, dem ernsten For- 
scher mitunter die abenteuerlichsten und lächer- 
lichsten Angaben begegnen. 

Der Culturhistoriker von heute, welcher etwa 
ein Buch der Erfindungen schreiben sollte, befände 
sich in dieser Beziehung also in keiner angenehmen 
Situation, indem er zumeist an der Stelle positiver 
Daten, blos hypothetische Lückenbüsser zu bieten 
vermöchte. Denn nur selten, äusserst selten dürfte 
es sich überhaupt ereignen, dass die Epoche einer 
grossen Welterfindung der Vorzeit noch genau wird 
fixirt und die Erfindung selbst in ihrer Weiter- 
entwicklung zu uns herauf wird verfolgt werden 
können. Wenn ich nun trotzdem solch einem seltenen 
Fall gegenüber in beneidenswerther Lage zu sein, 
mich erklären darf, so sei gleich hinzuzufügen ge- 
stattet, dass dieser besondere GUicksumstand wohl 
kaum sobald eingetreten wäre, wenn nicht die aus 
edler Begeisterung entsprungene munificente That 
unseres erlauchten Protectors der Wissenschaften 
den Anstoss gegeben , wenn nicht die Weiter- 
förderung unter huldreichen Schutz gestellt worden 
wäre. 



Ich erbitte mir nun Ihre Aufmerksamkeit, 
indem ich das Wagniss unternehme, bei knapp 
bemessener Zeit auf zwei der allermerkwürdigsten 
Erfindungen einer entlegenen Cultur hinzuweisen, 
welche, plötzlich hervortretend, den treibenden 
Anstoss zu einer blühend sich emporschwingenden 
Kraft im Fortschritte der Menschheit gegeben 
haben. 

Ich meine das Papier und den Druck, 

Diese beiden Culturerscheinungen hängen, 
historisch oder retrospectiv betrachtet, zunächst 
zusammen mit der geistigen Individualität der 
Araber. 

Indem dieselben frühzeitig frem ie Bildung 
an sich zogen, erstiegen sie mit staunenswerthem 
und weitgreifendem Wissenseifer rasch die Zwischen- 
stufen hinauf zu dem Gipfelpunkt höchster Geistes- 
thätigkeit. 

Und wie wir die Nation in mächtigem Ringen 
von der Barbarei zur Cultur sich emporarbeiten 
sehen, müssen wir eben den auf die fremde 
Bildung gerichteten Trieb derselben als einen 
ihrer intellectuellen Vorzüge anerkennen. Das arabi- 
sche Element erscheint uns da gewissermassen 
als der Krystallisationspunkt, zu dem sich die 
verschiedenen fremden Culturen hingezogen fühlten. 

Auf solche Weise also sind die Araber unsere 
Lehrmeister, die Pfadfinder auf kaum od^r nie be- 
tretenen Wegen menschlicher Geistesarbeit ge- 
worden, indem auch das von fremdher Empfan- 
gene unter ihren kunstgeschickten Händen neue 
Form und Gestalt von individualisirtem Charakter 
annahm, Ihre Leistungen in dieser Richtung be- 
zeichneten mit wenigen Ausnahmen stets einen grund- 
legenden Fortschritt. 

So geschah es im Jahre 751, dass durch 
ein Spiel des Zufalls im Kriegsglück in dem 
fernen Transoxania, an der Ostgrenze des Reiches 
unter gefangenen Feinden der Araber einige 
Chinesen sich befanden, welche Papierarbeiter 
waren. Denn in China verstand man seit ge- 
raumer Zeit Schreibpapier aus verfilzten Bastfasern 
zu erzeugen. Alsbald mussten jene Kriegsgefan- 
genen unter staatlicher Aufsicht ihre Kunst aus- 
üben, und damit war der Anstoss zur Papier- 
fabrikation auch im Khalifenstaate gegeben.^) 

Schon in den Jahren 794 auf 795 wurde zu 
Bagdad die zweite Reichs-Papierfabrik errichtet 
und von da an datirt der rapide Aufschwung 
dieses Industriezweiges, dessen Siegeszug durch 
die ganze civilisirte Weit kein anderes Schreib- 
material, selbst nicht der aegj'ptische Papyrus, mehr 
aufzuhalten vermochte. 

Aus dieser fernen Zeit und nahezu an. die 
Grenze jenes ersten Versuches der Papierbereitung 
zu Samarkand hinaufreichend, sicher aus den 
letzten Jahren des VIIF. Jahrhunderts, besitzt die 
Sammlung Erzherzog Rainer bereits Papierproben, 
welche sich zu tausenden Exemplaren verviel- 

') J. Karabacek, „Das arabische Papier", 1887, p. 22 ff.; Der- 
selbe, nErgebuisse aus dem Papyros Erzherzog Rainer" 1889, p. 21. 




OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FOr DEN ORIENT. 



163 



I 



fältigend, von da weiter durch die Jahrhunderte 
gehen. Diese einzige Serie hat einen völligen Um- 
schwung unserer althergebrachten Anschauung 
über diesen Gegenstand herbeigeführt. Einen 
Umsturz allerorten, sowohl was die materielle als 
die historische lirkenntniss der Papiergeschichte 
betrifft. Die materielle oder naturwissenschaftliche 
Prüfungunserer Papiere verdanken wirdemPflanzen- 
physiolügen der Wiener Universität, meinem 
verehrten Collegen Julius Wiesner. Seine Arbeit') 
bezeichnet, wie es ein Berufenerer ja aussprechen 
durfte, „eine Art Denkstein auf dem Gebiete der mi- 
kroskopischen Untersuchung von Producten mensch- 
licher Tluitigkeit".-) Sie ist das Ergebniss einer 
auf Grund unseres ausserordentlichen Materiales 
zu Stande gekommenen Erweiterung und Er- 
gänzung der bisherigen mikroskopischen Methoden 
der Papieruntersuchung. Welche Schwierigkeiten 
diese Art von Untersuchung aber bot, wie zeit- 
raubend und mühevoll dieselbe gewesen ist, vermag 
auch der Laie zu beurtheilen, wenn er die Ge- 
legenheit findet, die bei der Papierbereitung ein- 
tretenden Zerstörungsformen der in Betracht 
kommenden Fasern durch das Mikroskop zu beob- 
achten. Dank dem eindringenden Scharfsinn Wies- 
ner's sind nunmehr neue, unwiderlegliche Kriterien, 
untrügliche Erkennungszeichen geschaffen , um die 
Identificirung der mechanisch sehr stark ange- 
griffenen Papierfasern, also die Unterscheidung 
zwischen Flachs- und Hanffaser oder zwischen 
Leinen- und Baumwollfaser, auch Demjenigen mit 
Hilfe des Miktoskopes zu ermöglichen, welchem 
der geübte Blick der Pllanzenphysiologen mangelt. 

So hat also das Resultat der materiellen 
Prüfung Wiesner's im Vereine mit der eigenen 
historischen Untersuchung die Tliatsache ergeben, 
dass unser bisheriges Wissen über den Ursprung, 
das Wesen und die Weiterverbreitung des Papieres 
auf falschen Grundlagen aufgebaut war, dass dem 
Oriente schon um viele Jahrhunderte früher die 
Erfindung des lladernpapieres und der uns heute 
bekannten technischen Bereitungsweise desselben, 
nicht aber Europa gebühre, wie man bisher an- 
zunehmen sich berechtigt glaubte. 

Und weiter, nicht nur allein diese Streitfrage 
über die Priorität, welche heftige und langwierige 
literarische Fehden hervorgerufen, wird nun mit 
einem Schlage beseitigt, sondern auch das über 
die Technik der Papierbereitung des Mittelalters 
gebreitete Dunkel ist mit einemmale materiell und 
historisch aufgehellt. Die vielgestaltige Wolken- 
decke, welche den Sternenhimmel der Wahrheit 
verhüllte, ist, um mit dem persischen Dichter zu 
sprechen, gelüftet, entschwunden. Bisher galten 
zwei Fundamentalsätze, die wichtigsten der 
ganzen Papiergeschichte, allgemein als erwiesen, 
nämlich : 

I. Die ältesten (gefilzten) Papiere sind aus 
roher Baumwolle erzeugt worden. Zwei der jüngsten 



■) „Die mlkroikopUcbe Uulcrsuchunv dos Papiere».* 1887. 
3) Slittheilangen de.i k. k. techootog. Gewerbe-Museums, IX., 

1888, p. 69. 



Zeugnisse hiefür will ich angeben, blos deshalb, 
weil sie literarische Extreme sind: das „Lehrbuch 
der Papierfabrikation" von Prof. Hoyer und die 
neueste Auflage von Brockhaus' Conversatioas- 
Lexikon. 

Der zweite Fundamentalsatz lautet : 

2. Die ßaumwollenpapiere sind die Vorläufer 
des Hadernpapieres gewesen, dessen Erfmdung 
den Deutschen oder Italienern des XIII. Jahr- 
hunderts zuzuschreiben ist. 

Der erste, uns zunächst interessirende Punkt 
steht mit dem frühesten Vorkommen des Papieres 
in Mittelasien in Zusammenhang: die Araber 
— so die bisherige Annahme — sollen nämlich die 
Methode, ausBaumwolle Papier zu bereiten, um das 
Jahr 704 von den Chinesen erlernt und dann nach 
dem Abendlande weiter verbreitet haben. Nun zeigt 
es sich aber, dass die Araber die Papierbereitung 
aus Baumwolle — einem, nebenbei gesagt, für 
diesen Zweck wenig tauglichen Materiale — von 
den Chinesen gar nicht gelernt haben konnten, da 
die Cultur der Baumwolle in China in so früher Zeit 
gänzlich unbekannt war. 

Damit stimmen auch unsere arabischen Nach- 
richten. Sie führen in eine Zeit zurück, in welcher 
wir das arabische Volk in seiner staatenbildenden 
Grosse bewundern dürfen. Wie ich früher schon zu 
streifen mir erlaubte, brachte die angestrebte Su- 
prematie über die turkestanischen Staaten die 
Araber schon um die Mitte des VIII. Jahrhunderts 1» . 
in kriegerische Berührung mit den Chinesen. Als^^/^ 
nämlich in der bezeichneten Epoche zufolge Zwistig-iiTvi *^ 
keiten ein Krieg zwischen zwei turkestanischen 
Machthabern ausbrach und der eine, zu schwach (~)/r) 
im Widerstände, den Kaiser von China um Hilfe ^.^^ 
anflehte, glaubte der arabische Statthalter der an- ^ _ ^ 
grenzenden Provinz den richtigen Zeitpunkt für (* r\ 
eine militärische Intervention gekommen. AmTharaz- r-^ 
flusse fand der blutige Zusammenstoss statt. Der r^ 
Kampf endigte mit einer völligen Niederlage der 
vereinigten Türken und Chinesen, welche nach 
schweren Verlusten an Todten und nach Zurück- 
lassung zahlreicher Gefangener von den Siegern 
bis zur chinesischen Grenze verfolgt wurden. 

Unter den Gefangenen, welche in die Haupt- 
stadt Samarkand gebracht wurden, befanden sich 
einige Chinesen, die, wie bemerkt, von Profession 
Papiermacher waren. Dass sie alsbald ihre Kunst 
auszuüben veranlasst wurden, habe ich gleichfalls 
erwähnt. Die Aufgabe der historischen Forschung 
war nun, den Zeitpunkt dieses epochemachenden 
Ereignisses zu fixiren, und da ergab es sich, dass 
dasselbe, nicht wie angenommen, im Jahre 704, 
sondern im Juli des Jahres 751 stattgefunden haben 
müsse. Nicht gering war nun die Genugtbuung, a1* 
jetzt, drei Jahre nach dieser historischen Unter- 
suchung von China her die Bestätigung dessen kam, 
was auf Grund der arabischen Quellen damals fest- 
gestellt werden konnte. Angeregt durch diese Er- 
gebnisse, hat der Sinologe Friedrich Hirth in 
Shanghai in den chinesischenGeschichtswerken'nach- 
geforscht und in der Palastausgabe der .Annairn 



164 



OESTiiRREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



T'ang-shu gefunden, dass der Feldherr KaoHsieu-fa, 
ein Koreaner von Geburt, thatsächlich im 7. Monat 
(d. i. im Juli) des Jahres 751 von den Arabern bei 
Kangii, einer Stadt im Gebiete des Tharazflusses, 
eine vollständige Niederlage erlitten habe. ^) 

Die wunderbare Uebereinstimmung zwischen 
der arabischen und chinesischen Ueberlieferung 
bezüglich der den Feldzug hervorrufenden Um- 
stände, des Ortes, des Monates und Jahres, lassen 
also die berichtete Thatsache von der Gefangen- 
nehmung der chinesischen Papierarbeiter durch die 
Araber als ganz besonders beglaubigt erscheinen. 

Somit kann historisch sicher das Jahr 751 
n. Chr. als die Epoche und Samarkand als der Aus- 
gangspunkt der Papierfabrikation des Morgen- und 
Abendlandes angenommen werden. 

Nun, die Freude an dieser Entdeckung ver- 
möchte freilich einigermassen herabgestimmt zu 
werden, wenn man sich an den bespöttelnden Aus- 
spruch des deutschen Demokritos erinnern wollte, 
demzufolge „unter allen Entdeckungen wohl zu- 
unterst die hochgelehrten Erfindungen stehen, z. B. 
ein in der Geschichte vergessener König oder (wie 
in diesem Falle) eine richtige Jahreszahl". Von diesem 
Gesichtspunkte aus bescheideich mich daher gerne, 
diese unterste Stufe der Entdecker einzunehmen 
und blos das richtig gestellt zu haben, was durch 
mehr als ein Jahrhundert den Streit der Gelehrten 
bildete : die Epoche einer der grössten Welt- 
erfindungen , woran sich weitere hochwichtige 
historische Thatsachen knüpfen, welche dazu an- 
gethan sind, den für unseren Erdtheil, in gewisser 
Beziehung auch von unserer Zeit unverdient in 
Anspruch genommenen Ruhm der Entdeckung in 
der Vervollkommnung eines wichtigsten Cultur- 
trägers gebührend einzuschränken. 

Eine Entdeckung gewaltigster Tragweite war 
es in der That, welche sich an das historische Er- 
eigniss zu Samarkand knüpfte. Denn das „Samar- 
kander Papier", welches in raschem Siegeslaufe in 
der ganzen islamitischen Welt berühmt wurde, be- 
zeichnet bereits einen unendlichen Fortschritt in 
der substantiellen Darstellung des Papierzeuges, 
einen Sieg fremden Ingeniums über die Erfindungs- 
gabe der Chinesen. Denn sobald von diesen das 
Princip der Darstellung gefilzter Papiere, d. h, die 
Herstellung eines feinfaserigen Ganzzeuges und das 
Schöpfen desselben zur Papierform gegeben war, 
schritt man gleich zur Bereitung des Beschreib- 
stoffes aus linnenen Hadern oder Lumpen. 

Auch dieses F~actum konnte historisch sicher- 
gestellt werden und erhielt jüngst in gleich über- 
raschender Weise eine, wenn auch indirecte Be- 
kräftigung aus dem Chinesischen. Die Sache ver- 
hält sich so: Mit der Materie, also dem Beschreib- 
stoffe, haben die Araber auch den Namen uns so 
überliefert, wie sie ihn kennen gelernt haben. Es 
ist die von den Arabern aufgenommene persische 
Bezeichnung ä*lS oder ^\S Koghiz (sprich : Köghtz) 
für „Papier". Die etymologische Bedeutung dieser 



') Fr. Hirlh, Chinesische Studien, I, 1890, pag. 270. 



Bezeichnung war bis heute unbekannt geblieben, 
doch konnte dieVermuthung ausgesprochen werden, 
dass damit ein Lehnwort vorliege, das auf den 
chinesischen Papierterminus zurückführe. *) Und so 
ist es auch. Der schon genannte Sinologe Hirth 
hatte diese Bemerkung wiederum zum Anlass seiner 
Nachforschungen genommen und richtig in einem 
buchärisch-chinesischen Wörterbuche die persi- 
sche Bezeichnung Kdghiz gleichgestellt gefunden mit 
dem chinesischen Kok- dz' , d. h. „Papier aus der 
Rinde des Papier- Maulbeerbaumes". -) 

Es ist dies in der That das Papier, welches die 
Chinesen damals fabricirien und heute noch fabri- 
ciren, mit welchem allein sie im Jahre 751 die per- 
sischen Bewohner Samarkands unter der .\utorität 
des arabischen Statthalters bekannt gemacht haben 
konnten. Indess der Mangel an nöthigem Rohmate- 
rial (der Papier-Maulbeerbaum war in Samarkand 
unbekannt) führte die gelehrigen Schüler der Chi- 
nesen sogleich zur Verwendung der Bastfasern de« 
Leines oder Flachses in ausgenützten Geweben, also 
Hadern. Dagegen fällt es nicht in's Gewicht, wenn der 
mehrfach genannte Sinologe Hirth jüngstens nach 
seinen chinesischen Quellen die Erfindung auch des 
„Lumpenpapieres" aus Missverständniss seinen 
Chinesen vindicirt, welche dasselbe, wie es die 
mikroskopischen Untersuchungen durchaus er- 
wiesen, thatsächlich ja gar nicht erzeugt haben. 
Der ganze Bericht trägt, um es kurz zu sagen, so 
sehr den Stempel der Kritiklosigkeit an sich, dass 
er schon von obenhin betrachtet, völlig bedeutungs- 
los erscheinen muss. ^) 

Im Gegentheil, die historisch festbegründete 
Thatsache der Bereitung des ersten Linnen- 
Hadernpapieres zu Samarkand •*) steht in vollstän- 
diger Uebereinstimmung auch mit dem Resultate, 
zu welchem der mikroskopische Befund an den 
ältesten, fast gleichzeitigen Beweisstücken der erz- 
herzoglichen Sammlung geführt hat. Und diese 
zweifellos auf dem Wege der Correspondenz aus 
dem fernen Osten nach Aegypten gelangten Hadern- 
papiere, also greifbare Belegstücke, datiren aus 
einer um nahezu fünfhundert Jahre früheren Zeit, 
als diejenige ist, welche man bisher zu Gunsten der 
Erfindung der Deutschen oder Italiener in .Anspruch 
nahm. *) Es ist natürlich, dass, nachdem einmal die 
hochwichtige Erfindung des L'nnenpapiers prak- 



*) Das arabische Papier, 1. c. p. 31. 

') F. Hirth, Chine«. Studien, p. 269. 

') Chinesische Studien, p. *.^G!). Die Gründe hiefur werden 
in den „Mittheiluogen aus der Sammlung der Papyrus Erzherzog 
Rainer" dargelegt werden. 

*) Welche von Herrn Hirth übersehen wurde. 

*) Abgesehen von mehrfachen Inthtimarn und Missverstdnd- 
nissen, welche in Herrn Ilirth's Abhandlung „Die Erfindung des 
Papiers in China" (in Foung pao, Archives pour servir ä Tetudc 
de l'histoire ... de l'Asie Orientale elc, redigees par MM. G, 
Schlegel et H. Cordier, Leide 1890. Extrait du Vol I und in „Chi- 
neiisohe Studien" 1890,(1. B, p. 259-271) zu Tage treten, .'scheint 
es doch geboten, ein sehr arges Versehen gleich hier zu corrigireo, 
weil es Anlass zur Verbreitung eines neuen Irrthmus neben könnte. 
Herr Hirth schreibt nämlich: „Wenn es (das Hadernpapier) trotzdem 
der arabischen Welt bis in's 12. oder 13. Jahrhundert hinein fremd 
blieb etc.", und beruft sica dabei auf meine Abhandlung „Das 
arabische Papier", Seite 31. Dort ist aber nicht von den Arabern 
sondern von den — Italienern und Deutschen die Rede. Nur eine 
sehr flüchtige Lectttre Itonnte hier die Thatsachen gewissermassen 
auf den Kopf stellen und das i;;noriien, was Wiesner und icli 
materiell unti historisch eben zu begründen vermochten, nämlich 
dass die Araber schon Mitte des S. Jahrhunderts Hadernpapier er- 
zeugten. 









OESTERREIClnüCME MONATSSCHRIFT r " . : DEN ORIENT. 



166 



ticirt wurde, sehr bald auch die Befreiung von der 
ihm anhaftenden Localisirung in Samarkand nach- 
folgen musste, worauf es rasch zu allgemeiner 
volkswirthschaftlicher Bedeutung gelangte. So be- 
zeichnet <lenn der nun beginnende Siegeslauf durch 
die civilisirte Welt in Ost und West einen wichtigen 
Abschnitt in der Geschichte dieses Beschreibstoffes. 
Dieses grosse, in der Culturgeschichte der Mensch- 
heit epochemachende Ereigniss ward zunächst ver- 
anlasst durch die Entwicklung der Staatsverwal- 
tung auf einer breiteren Grundlage des Kanzlei- 
wesens' und stand in innigstem Zusammenhange 
mit dem Em|)orblühen geistiger Thätigkeit, mit dem 
Aufschwünge einer nationalen Literatur und der 
eifrigen Pflege wissenschaftlicher Studien. Als im 
Jahre 794 — 95 unter der Regierung Harün-al- 
Raschid's in der Chalifenresidenz Bagdad die zweite 
Reichspapierfabrik errichtet wurde — ein histori- 
sches Factum, welches gleichfalls unbekannt ge- 
blieben iät — erfolgte die Weiterverbreitung des 
Papieres nach Westen und erst von diesem Zeit- 
punkte an kann von einer Bekanntschaft mit dem 
Papiere in den Staaten der abendländischenChristen- 
heit ernstlich die Rede sein. 

In rascher Aufeinanderfolge entstanden auf 
allen Gebieten des arabischen Weltreiches Papier- 
fabriken in Arabien, Aegypten, Syrien, Nordafrika, 
Spanien und Persien. Es zeigt sich unseren er- 
staunten Blicken das Bild einer glücklich blühenden 
Industrie von ungemessener örtlicher Ausdehnung. 

Fast jede Fabriksstätte wies ihre Besonder- 
heiten auf. Durch Damascus gelangte das Papier 
unter dem Namen chart? Damascena auch in Europa 
zur Berühmtheit. Gleich berühmt und wenn man 
will, auch verhängnissvoll, wurde für die gelehrte 
europäische Forschung aber das Papier der nun- 
mehr mit Grund vermutheten F"abriksstätte zu 
Hierapolis oder Mambedsch in Nordsyrien, denn 
dasselbe bot unverschuldeterweise wohl den 
Anlass zu der seit Jahrhunderten bis in diesen Tagen 
bestandenen und mit zäher Begeisterung vcr- 
fochtenen Fabel von der Existenz des BaumwoUen- 
papieres. Nun löst sich die Sache sehr einfach und 
mit einem Schlage ist der alte Irrthura, welcher 
von den Lehrstühlen herab immer wieder Ver- 
breitung fand, entwurzelt. 

Durch die Aehnlichkeit der äusseren Erschei- 
nung veranlasst, hat man den mittelalterlichen 
Namen dieses Papieres als Bambycin oder Bombycin 
Papier auf den Stoff, auf die Baumwolle bezogen, 
aus der es bereitet worden sein soll, weil bomby.x 
im späteren Sprachgebrauche auch Baumwolle be- 
deutet. Einer der grössten Irrthümer in der Wissen- 
schaft! Ein Baumwollenpapier hat es niemals ge- 
geben, das lehren die mikroskopischen Unter- 
suchungen Wiesner's zur Evidenz.') 

Dazu kommt, um den letzten Zweifel zu be- 
seitigen, dass die früher erwähnte Stadt Hierapolis 
oder Mambidsch auch den Namen Bambyce führte, 
dass von ihr nachgewiesen werden konnte, wie ihre 

') I)>Minn(^ii spricht Herr lUrtli. 1. <-., von der liaamvTollo als 
Papiermalerial in Cuiua! 



Industrieerzeugnisse, welche besonderen Ruf ge- 
nossen, im Auslande nach ihr benannt worden sind, 
so die bambycischen Zeuge, so auch das bamby- 
cische Papier, nicht aber wie in Folge naheliegender 
Namensvcrwechslung das „Baumwolleopapicr". •) 

Unter den anderen Fabriksstätten waren es 
namentlich die aegyptischen, welche mit Bagdad 
rivalisirten und durch die Massenerzeugung im- 
ponirten. Die aegyptischen Papiere waren imX. und 
XI. Jahrhundert so sehr schon verbreitet, dass der 
persische Reisende Nasiri Chosrau, als er im Jahre 
1035 das Nilland besuchte, bemerken konnte, wie 
die Gemüseverkäufer, Specerei- und Kurzwaaren- 
händler im Bazar von Altkairo jeden Artikel, den 
sie verkauften, in I'apier eingewickelt, den Kunden 
einhändigten. Es mag vielleicht interessiren, bei dieser 
Gelegenheit zu erfahren, auf welche Weise jenes 
von den Kaufleuten so zweckmässig verwendete 
Packpapier entstanden ist. Darüber klärt uns der 
um das Jahr 1200 Egypten bereisende Bagdader 
Arzt Abdellatif auf, indem er erzählt, wie die Be- 
duinen und Fellähen sämmtliche Grabkammern 
durchsuchten, um die darin gefundenen Mumien- 
leinwanden oder Todtenlappen entweder, falls sie 
noch genügende Maltbarkeit hatten, für sich zu 
Kleidungsstücken zu verwenden oder an die Papier- 
macher zu verkaufen, welche daraus das Pack- 
papier für die Specereihändler verfertigten.^ 

Um die Massenhaftigkeit des aegyptischen 
Papierverbrauches des frühen Mittelalters an einem 
greifbaren Beispiele zu erhärten, will ich Zahlen 
nennen. In der ungezählte tausende Stücke ent- 
haltenden Sammlung der Papyrus Erzherzog Rainer, 
deren Bestand sich zum grössten Theil aus der 
mittelaegyptischen Fundstätte von el-Faijüm zu- 
sammensetzt, befinden sich auch mehr als 20.000 
Urkunden-Papiere, welche aus einer zweiten Fund- 
stätte von Hermoupolis stammend, ihrer Haupt- 
masse nach in die beiden genannten Jahrhunderte, 
nämlich in das X. und XI. Jahrhundert, gehören und 
sich darin Jahr für Jahr aneinander reihen ! 

Aegypten deckte in der That den enormen 
Bedarf an Kanzlei- und Actenpapieren der Staats- 
verwaltung zum grossen Theile. Berechnungen, 
welche auf Grund unseres Materiales und der 
historischen Berichte angestellt werden konnten, 
ergaben die Maasse aller officiellen Kanzleiformate, 
von dem grössten Bogenformat von 73*3 : 109 9 fW 
und einen Flächeninhalt von 8065*7 ^"^^ ^'^ herab 
zu dem kleinsten Format von 6"1 : 9'i cm. Dieses 
feinste Beschreibmaterial führte den Namen 
J>jU».J((_5j^ (loarai el-baihJik) Papier der Depeschen 
oder jAi^\^^j^ (warak tl-thdr) Vogelpapier, weil 
es für die Taubenpost bestimmt war und eigens 
zu diesem Zwecke fabricirt wurde. Die Kosten für 
dasselbe wurden auf Anweisung des Chefs der 
Staatskanzlei aus dem Erträgnisse der Kairiner 
Seidenfärberei bestritten. Die Depesche wurde 
aus solch einem Bogen herausgeschnitten und an 



■) T>*a arabische Tapler, p. *3 S. nnd mrin« ,Kpj* Qaallwi 

lur Papierm.«ohirhlc", 1S8.1, p. 43 tl. 
*) Da« arabisch« I'apier, p. 97. 



166 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT fOr DEN ORIENT 



dem P'lügel der Brieftaube befestigt. Die Brief- 
taubenstationen lagen drei gewöhnliche Post- 
stationen von einander entfernt. Jeder Vogel flog 
stets nur von einer zur andern, d. h. zu seiner 
Station, ohne dieselbe zu übergehen. Daselbst 
wurde dem gefiederten Boten die Depesche abge- 
nommen und dem nächsten an die Reihe kommen- 
den Vogel an dem Flügel befestigt, und so ging es 
fort von Station zu Station, bis die letzte Post- 
taube an die Endstation bei dem Sultanspalast in 
der Bergcitadelle von Kairo anlangte. Von hier 
brachte sodann der Taubenthurmwächter die Taube 
dem Chef der Geheimkanzlei, welcher die Depesche 
abnahm und sie las. Auf diese Weise langten täglich 
Taubenposten aus Syrien und Aegypten, ja aus der 
Hauptstadt selbst an, aus welcher demnach alle 
Neuigkeiten und Ereignisse, als : Brände, Mord- 
thaten, Diebstähle und dgl., wie sie eben die Tages- 
chronik einer Weltstadt bot, schnellstens zur Kennt- 
niss des Herrschers gelangten. Man ersieht daraus, 
dass auch der Verbrauch der feinsten und kost- 
barsten aller Papiersorten ein immenser gewesen 
sein mag.i) 

Unser unvergleichliches Material gestattete 
aber noch viel weitergehende Studien zu machen, 
welche uns jetzt die materielle Seite der ganzen 
mittelalterlichen Papierbereitung genau erkennen 
lassen. 

So wurden auch in dieser Beziehung wieder, 
dank dem Zusammenwirken der naturwissenschaft- 
lichen und historisch-antiquarischen Prüfung, die 
wichtigsten Streitfragen der Papiergeschichte end- 
giltig gelöst. Auf diesem Wege der merkwürdigsten 
Coincidenz zweier an sich so divergirenden For- 
schungsmethoden haben wir festgestellt, dass die 
Araber von Anbeginn schon die Leimung und 
Füllung des Papierzeuges kannten und dieselbe 
mittelst Reiswasser , Weizenstärke oder Tra- 
ganth ausübten. Dass sie schon frühzeitig auch auf 
der Drahtform geschöpfte, also gerippte Papiere 
zu erzeugen verstanden, hat sich ebenso aus den 
Stücken der erzherzoglichen Sammlung, wie aus 
altarabischen Quellennachrichten feststellen lassen. 

Auch in der Erzeugung von sogenannten 
Modepapieren sind uns die Araber weit voraus- 
gegangen. So verstanden sie durch Beimischung 
von gewissen Farbstoffen in die Stärkekleister- 
leimung, z. B. Safran oder Sykomorensaft, den 
Papieren einen Stich in's Gelbe oder Rothbraune 
zu geben, als wären die Blätter in F'olge des Alters 
vergilbt oder gebräunt. Man nannte diese Operation 
das „Antikisiren" des Papieres, und wir haben 
Fälle zu verzeichnen, aus denen hervorgeht, dass 
insbesondere Urkundenfälscher sich auf ein solches 
,, Antikisiren" bestens verstanden haben. Sehr in- 
teressant ist, wenn wir in dieser Beziehung weiter 
gehen, was wir über die mittelalterliche arabische 
Papierfärberei überhaupt erfahren. Wir finden dabei 
sowohl Körperfarben , wie Saftfarben , theils in 
selbstständiger Anwendung, theils in Mischungen. 



*) Da« arabische Pai^ier, I. c. p, 70 f. 



Die Pigmente sind meist Abkochungen von Pflanzen- 
theilen, die nach dem Kochen manchmal zur Er- 
höhung der Modification oder Schattirung mit einem 
Mittel als Beize, stets aber mit einem klebenden 
Bindemittel (Stärke) versetzt wurden. Das Auftragen 
der Farbe geschah oberflächlich auf das fertige 
Papier, und zwar: 

I. Durch ,,Eintauchen", 2, durch Einreiben 
oder Verstreichen auf einem Streichbrett , und 
3. durch das Abziehen, indem der schwach ange- 
feuchtete Bogen ausgebreitet auf die Oberfläche 
der in einem genügend weiten Gefässe befindlichen 
Farbenbrühe gelegt und wieder davon abgehoben 
wurde. 

Muss es nicht in uns das höchste Erstaunen 
hervorrufen, wenn wir also sehen, dass wir heute 
in der Buntpapierfärberei genau so verfahren, wie 
die Araber vor achthundert und mehr Jahren es 
prakticirt haben? 

Auch die Farbenliste ist hochinteressant. Es 
gab blaue Papiere, die man insbesondere zum Ein- 
hüllen der Medicamente und zur Ausfertigung von 
Todesurtheilen verwendete. Zur Färbung ge- 
brauchte man entweder Indigo oder Alocsaft. Zu 
ölgrünem Papier wurde Aloesaft mit Safran tem- 
perirt. Violette Papiere entstanden aus der Mischung 
des Aloesaftes mit aufgelöstem Lack der Coccus- 
schildlaus. Rothes Papier, dessen Gebrauch in den 
Kanzleien, sowie zur Correspondenz der Grossen 
mit dem Herrscher, als ein Vorrecht hohen Ranges 
und Beweis auszeichnender Bevorzugung galt, wurde 
durch die Färbung mit dem eben genannten Lack 
erzeugt. F^erner gab es aloeholzartige Papiere. Die- 
selben zeigten ein rosiges Pigment, das durch 
einen Absud des Brasilienholzes hervorgebracht 
wurde. Saatfarbige Papiere brachte man zustande 
aus einer Mischung von Safranlösung und einer aus 
krystallisirtcm Grünspan bestehenden Beize. Gelbes 
Papier endlich wurde hervorgebracht, indem man 
eine Safranlösung zur Erhöhung der Pigmentirung 
mit einem Absud von Citronrinde (Limonschale) 
versetzte. 

Wollte ich die Zeit meiner Zuhörer übermässig 
in Anspruch nehmen, was mir ferne liegt, so könnte 
ich den abgerissenen Faden in der menschlichen 
Culturentwickelung, welchen ich eben aufgenommen 
habe, wohl noch viel weiter bis in die Gegenwart 
spinnen, um Sie unvermuthct dabei zu überraschen, 
wie Sie tagtäglich unter ihren Händen — vielleicht 
sogar unbewusst — die Erinnerung an die glän- 
zende Erfindung des von dem Schauplatze seiner 
Culturmission längst abgetretenen arabischenVolkes 
pflegen. Denn weoa Sie morgen etwa aus täglicher 
Gewohnheit einen Bogen Papier in die Hand 
nehmen werden, oder ein Buch, vielleicht gar ein 
Riess betrachten wollten, so wird sich dabei nichts 
Anderes ereignen, als wie vor 1000 Jahren, da die 
Araber den Bogen zum Buche und das Buch zum 
Riess vervielfachten. Trotzdem Sie sich dabei euro- 
päisch fühlen, werden Sie doch arabisch handeln, 
ja noch mehr, Sie werden dabei unbewusst arabisch 
sprechen. Denn das, was Sie Bogen, Buch und 



h 



OBSreRRBICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



167 



Riess nennen, haben die Aralier schon so benannt. 
Das französische main de papter, Huch Papier, ist 
nichts Anderes, als die wörtliche (Jebersetzunfj aus 
dem Arabischen Kifa Hand (metonymisch für 
Blatt), die Bezeichnung für das Buch Papier. Und 
rizma die arabische Benennung für Kiess, wörtlich 
Bündel, Packet, ging gleichlautend als risma in's 
Italienische über, wurde im S()anischen restna, im 
Französischen zu rame, im Englischen ream und im 
Deutschen mit Abwerfung der letzten Silbe von 
rizma zu Riess (altdeutsch rizz). 

Doch verlassen wir die Gegenwart und fassen 
wir noch einmal rückgewendeten Blickes die 
Epoche der Erfindung des Leinenhadernpapiers in's 
Auge. 

Da ist es vielleicht noch überraschender als 
dieses zu sehen, wie sich damit eine zweite, nicht 
minder epochemachende Erfindung verbindet, der 
zur Huldigung und zum Danke noch keine Denkmals- 
Commission amtszuhandeln in der Lage war. 

Sowie nämlich die Araber, wenn auch nicht 
,^^ Selbstschöpferisch, doch in findiger Erkenntniss 
^^■tnit dem Papiere vorbedächtig Neues ergriffen, 
haben sie aus gleicher Bezugsquelle wohl nicht 
lange darnach auch die Kunst des Formschnittes 
bezogen. Unter dieser Bezeichnung verbergen sich 
die Origines der Kunst Gutenberg's, welche bisher 
so sehr mit Dunkelheit und Vorurtheilen aller Art 
umgeben war. 

Bevor jedoch die Araber zur Anwendung des 
Modeldruckes zum Behufe der Vervielfältigung 
literarischer Erzeugnisse gelangten, machten sie 
dieselbe Schule durch, welche wir um einige Jahr- 
hunderte später für Deutschland und Italien in An- 
spruch zu nehmen gewohnt sind: ich meine die vor- 
bereitende Ausübung des Zeugdruckes. In dieser 
Beziehung schritten also die Araber wiederum 
voran. Ja noch mehr, sie übten nebenbei die Kunst 
der Zeugpolychromirung aus, welche schon in alter 
Zeit, wie auch heute, zur Verwechslung mit dem 
eigentlichen Zeugdruck Anlass gab. Sie verstanden 
nämlich, wie die westlichen Völker der malayischen 
Race. namentlich auf Java, die Herstellung von 
bunt gemusterten Zeugen, denen bei Anwendung 
der Wachsreservage ein combinirtes Dessiniren 
und Färben zugrunde lag. Ausser dieser uralten 
„Reservage" mit Wachs prakticirten sie indess 
noch ein anderes Verfahren, das bisher gänzlich 
unbekannt blieb. Sie verwendeten nämlich in der 
Zeugfärberei auch festes thicrisches, aber schmelz- 
bares Fett : den Ziegentalg als farbenabweisendes 
Mittel, indem er .heiss geschmolzen und applioirt, 
bei leichter Erstarrung eine ganz vorzügliche Re- 
servage abgab, so dass der damit etwa im[>rägnirtc 
Stoff durch irgend welche Farbstofflüsung gezogen, 
von derselben unangegriffen herauskam. M.in be- 
nützte diese Wirkung der an der Gewebcllächc 
keine Spuren hinterlassenden Reservage zu dem 
Kunststückchen, ein weisses Schnupftuch in die 
Farbbrühe zu tauchen, um es alsd.inn ungefärbt 
herauszuziehen. 



Dies konnte nur geschehen, indem man das 
Schnupftuch vorher in heissen geschmolzenen 
Ziegentalg so lange eintauchte, bis es von dem-' 
selben vollständig durchtränkt war. 

Indem wir also den Auftrag der Reservage 
mittelst Aufgiesscns oder des Pinsels, sei es aus 
freier Hand oder nach Vorschrift der Patrone, bis 
in die arabische Zeit und noch weiter hinauf ver- 
folgen können, wird dieses technische Verfahren 
der Zeugmusterung doch nur als Vcläufcr des 
eigentlichen Zeugdruckes betrachtet wer<len können. 

Was diesen letzteren selbst betrifft, so finden 
wir die Araber schon in der ersten Hälfte des 
VII. Jahrhunderts, genau in der Epoche der Grün- 
dung ihres Einheitsstaates, von Byzanz und Persien 
her im Besitz der Kenntniss des Zeugdruckes, 
während zur selben Zeit im äussersten Osten Asiens, 
in China, die Anwendung des Models zum Buch- 
drucke eine völlig neue Epoche des civilisatori- 
schen Fortschrittes eröffnete. 

Freilich ist der Zeitpunkt dieser neuen Erfin- 
dung der Söhne des Mittelreiches auch wieder nicht 
genau zu fixiren möglich. Die Angaben schwanken 
sehr, und Einige meinen, der chinesische Model- 
druck auf Papier sei gar erst zu Beginn des 
.\. Jahrhundertes in China aufgekommen. 

Wie dem auch sei, Thatsache ist, dass um die 
Mitte des \. Jahrhundertes der Tafel- oder Model- 
druck in China schon ganz allgemein in Gebrauch 
war, so sehr, dass ein erfinderischer Kopf sich mit 
gedruckten Anweisungen auf Geldzahlung, welche 
die schweren Metallmünzen vertraten, zu helfen 
suchte, ein Ausweg, der etwas später, um die 
Wende des X. Jahrhundertes, dazu führte, von 
Staatswegen Papiergeld auszugeben. 

Unter solchen Umständen wird man es gewiss 
mit mir als ein besonderes Forscherglück be- 
trachten, dass es mir gegönnt war, zur grösstcn 
Ueberraschung und höchsten Freude unter den 
tausenden von Papieren der erzherzoglichen Samm- 
lung nicht weniger als dreissig arabische Model- 
drucke schon des X. Jahreshundertes, zwei wohl 
noch aus dem I.\. Jahrhundertes, aufzufinden. 

Und merkwürdig ! Alle diese phänomenalen 
Stücke reichen eben in die Wiegenzeit des chinesi- 
schen Druckverfahrens hinauf und erweisen sich 
•mit demselben gan.« und gar als identisch. Sie 
documentiren, dass man in den muhammedanischen 
Ländern des vorderen Orientes , also auch in 
-Aegypten, den Druck zu einer Zeit bereits allgemein 
ausübte, zu welcher sich auch für Ostasien der 
Ursprung desselben nahe zurückleitct. 

So sehr wir uns nun dieser Entdeckung freuen 
dürfen, so unangenehm mischt sich in dem Freuden- 
kelch auch ein bitterer Tropfen des Acrgers. Kaum 
hatte ich von diesem Funde nur mit einem Worte 
in der Ocffentlichkeit Erwähnung gclhan, als ein 
grausamer Zufall mich un.l meine Drucke mit einer 
unerhörten Sagenbildung zu umgeben begann. In 
einigen Berichten über die Entdeckung, welche die 
VV'iener Tagespresse mit liebenswürdiger Schnel- 
ligkeit brachte, war nämlich gesagt, dass diese 



168 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN pRlENT. 



unsere Drucke mittelst „Holznadeln" hergestellt 
worden seien. Jedermann konnte den Druckfehler 
erkennen und die sonderbaren Holznadeln still- 
schweigend in Holzmodeln corrigiren. Allein, wie 
schon einmal der Druckfehlerteufel zuweilen auch 
seine Laune hat, fanden flugs einige französische 
und amerikanische Journaleheraus, dass der Wiener 
Gelehrte in der berühmten Sammlung der Papyrus 
Erzherzog Rainer einen mit beweglichen Typen 
hergestellten Druck aus vorgutenbergischer, ja aus 
der Zeit der Pharaonen, circa lOOO Jahre vor Christi 
Geburt, auf Papyrus entdeckt habe. Denn was 
Anderes konnten die „Holznadeln" gewesen sein 
als bewegliche Typen. Es ist selbstverständlich 
Alles geschehen, um dieser unsinnigen Mythen- 
bildung Einhalt zu thun. Vergebens ! Sie scheint in 
Amerika unausrottbar zu sein. 

Vielleicht bieten gegen solch teuflische Hexerei 
unsere Drucke selbst den wirksamsten Schutz, 
wenigstens sind sie ja zumeist talismanischer Natur. 

Es sei daher gestattet, einen dieser Talismane 
hier anzurufen. 

Es ist ein Streifen gerippten Papieres von 
0"4i m Länge und o'oSm Breite. Er charakterisirt 
sich wie alle anderen Stücke als sogenannter 
Reiberdruck, welcher mittelst drei Platten herge- 
stellt worden ist. Der Vorgang hiebei war eine 
Art Abziehverfahren, ähnlich dem bei unseren 
„Bürstenabzügen". 

An der Spitze unseres ornamentirten Schrift- 
streifens steht nun in für uns unverständlichen 
Zeichen der grosse magische Name Gottes : 

C\\\\ f^\\\ 
Darunter folgen einige talismanische Buchstaben 
des Korän's und sodann der Text des ersten Ge- 
betes. Merkwürdig ist dabei, dass in demselben die 
talismanische Kraft zu dem Besitzer und dieser zu 
jener spricht. Hier die wörtliche Uebersetzung') : 
(T) Tritt näher und fürchte Dich nicht, denn 

Du bist sicher. 
(B) Befreie mich von .... (Hier fügt der Be- 
sitzer seinen diesbezüglichen Wunsch ein.) 
(T) Wenn Du den Koran vorliesest, so machen 
wir zwischen Dir und Denen, die nicht 
glauben an ein zukünftiges Lebefl, einen 
dichten Vorhang, und Gott wird Dir bei- 
stehen mit mächtigem Beistande. 
(B) Der Heilende ist Gott! Der Genügende ist 
Gott! Der Verzeihende ist Gott! Er ist 
der beste Beschützer und der beste Helfer ! 
In Gottes Schutz ziehe ich mich zurück. 
(T) O Träger des Namen Gottes, da! nimm! 
(B) Bei dem Besitzer der Allmacht und der 
Allherrlichkeit: ich setze mein ganzes 
Vertrauen auf den Allmächtigen, den 
Wahrhaften, den Ewigdauernden, welcher 
nicht stirbt. 
(T) Ich habe getroffen und getödtet Den- 
jenigen, welcher Dir verderbenbringendes 
Uebles wollte. 



') (T) = Tnllamaniscbe Kraft; (B) = Besitzer des Talismans. 



(B^ Es ist keine Macht und keine Kraft ausser 
in Gott, dem Allerhöchsten, demGrössten; 
ich stelle meine Angelegenheit Gott an- 
heim, denn Gott blickt auf seine Diener. 

(T) Er ist es, welcher Dich zum Islam einlädt. 
Dich behütet und von Dir das Uebel eines 
jeglichen Unglückes abwendet. 

Der zweite Theil unseres Modeldruckes ent- 
hält als Schutzgebet die erste Sure des Koran's, 
welche bekanntlich dem frommen Muhammedaner 
in allen Lagen und unter allen Umständen Hilfe zu 
bringen vermag. 

Sie lautet : 

„Im Namen Gottes des Allbarmherzigen, des 
Allerbarmenden ! Lob sei Gott, dem Herrn der 
Welten, dem Allbarmherzigen, dem Allerbarmen- 
den, dem Herrscher am Tage des Gerichtes ! Dir 
dienen wir! Dich rufen wir um Beistand an, führe 
uns den geraden Weg, den Weg Jener, gegen die 
Du wohl wohlthj^tig warst, auf denen nicht Dein 
Zorn lastet und die nicht irre gehen. Sprich : Er 
ist Gott der Einzige, Gott der Ewige, er zeugte 
nicht und ward nicht gezeugt, und kein Wesen ist 
ihm gleich !" 

Das dritte talismanische Schutzmittel ist sehr 
alt, sein Text stammt aus dem Anfange des 
VII. Jahrhunderts und ist historisch wohl begründet. 
Einer der Gefährten des Propheten Muhammed, 
Namens Abu Dudschana, hatte nämlich einstmal 
während eines nächtlichen Spazierganges ein un- 
angenehmes Abenteuer zu bestehen. Er begegnete 
einer Persönlichkeit, deren Haut, als er sie be- 
rührte, wie die eines Stachelschweines sich an- 
fühlte. Es war der leibhaftige Satan. Abu Du- 
dschana begab sich des Morgens zu dem Propheten 
und bat ihn um ein Amulet, um künftig gegen ähn- 
liche Fährlichkeiten einer nächtlichen Excursion 
geschützt zu sein. Muhammed that mehr, als ver- 
langt worden war, und dictirte nun dieses vor- 
liegende Amulet, welches nach der Ueberlieferung 
erprobt ist für die Abwehr von Unglücksfällen, 
Leibschäden, Zauber, Krankheiten, Schreck- 
gespenstern, des bösen Blickes der Geister und 
Menschen sowie ihrer Schlechtigkeit und Schäd- 
lichkeit. 

Es ist in Briefform gefasst. Muhammed adres- 
sirt es an Denjenigen, der es bei nächtlichen Fahrten 
benützen will. Der Text lautet : 

„Lob sei Gott, welcher Himmel und Erde 
geschaffen hat ! Und dennoch gibt es Welche, die 
im Unglauben verharren, um ihrem Herrn andere 
Wesen gleichzusetzen ! Dieses ist der Brief des 
arabischen, koreischitischen Propheten, des Herrn 
des Stabes und der Kameelin, der Cisterne, der 
Fürbitte, des Lichtes, des deutlichen Beweises, 
der nächtlichen Himmelfahrt und des Korans, des 
Besitzers einer richtigen Sentenz unseres Erlösers 
von dem Höllenfeuer (welche lautet): Es gibt keinen 
Gott ausser Gott, Muhammed ist der Gesandte 
Gottes ! 

An Denjenigen, der sich zur Nachtzeit zu dem 
Wohnort von den Wohnörtern eines bewohnten 



^' JE D NOTA , 
. K POVZBUZENI , 

\ PRUMYS L 'J (icSTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT pOR DEN ORIENT 
i \t P P P M» W * * 



169 



V CEC M ACH 



Landes begibt, auf dass it nur mit Glück reisen 



möge 



Bei Gott: O Allbarmherziger! Aber darnach: 
O Satan ! O Herrscher (der Dämonen) ! Wer von 
Euch verliebt und begierig, oder ausschweifend 
und unüberlegt, oder grausam und zerstörungs- 
süchtig ist, so lasst ab von dem zur Nachtzeit 
reisenden Träger des Wortes Gottes und geht 
davon zu den Götzendienern und zu Jenen, welche 
vorgeben, dass mit Gott zugleich eine andere Gott- 
heit existire: Es gibt keinen Gott ausser Ihm, dem 
Allmächtigen ! 

Bewahre den Besitzer meines Briefes vor dem 
Einfluss des bösen Auges und vor dem bösen Blick! 
Beschütze ihn vor der Schlechtigkeit des Menschen- 
geschlechtes und ungläubiger Individuen." 

So der vollständige Inhalt unseres Druckes. 
Wie man daraus entnehmen kann, enthält er Gebete 
talismanischer Tendenz. Auch die anderen Drucke 
bieten ähnlichen Inhalt; es sind zuweilen auch 
fromme Tractätchen, deren Herstellungsart eben 
auf die Massenhaftigkeit ihres Consums zu schliessen 
berechtigt. 

Wenn schon überhaupt diese Modeldrucke 
vermöge ihres ehrwürdigen Alters unser Erstaunen 
zu erregen vermögen, wird dieses nur um so grösser, 
indem wir in einigen von ihnen gleichfalls wieder 
die Vorläufer einer Kunstübung zu erblicken ver- 
mögen, deren Ursprung man viele Jahrhunderte 
später auf europäischem Boden gefunden zu haben 
glaubt. Schreibt doch unser vielgelesener Kunst- 
ästhetiker Moriz Carriere in seinem Werke: „Die 
Kunst im Zusammenhange der Culturentwicklung" 
(IV, 103 f) wörtlich ; 

„Von entscheidender Wichtigkeit für die 
deutsche Kunst endlich war, dass mit der Buch- 
druckerkunst auch die Vervielfältigung der Zeich- 
nungen durch Holzschnitt und Kupferstich in 
Uebung kam. Schon im .»Mterthum grub man Zeich- 
nungen in Metallplatten, um Kästchen oder die 
Rückseite von Spiegeln zu verzieren; in Italien 
stellte man das Niello her, indem man die ver- 
tieften Linien mit einem andersfarbigen Metall aus- 
füllte ; aber sie abzudrucken warder neue Gedanke, 
und dies ist eine deutsche Erfindung, die zu künstleri- 
schen Zwecken zuerst bei uns verwerthet ward." 

Dieser Anschauung steht nun die unleugbare 
Thatsache gegenüber, dass unter unseren arabischen 
Modeldrucken auch die ältesten Versuche iler An- 
wendung von Zeichnungen in zweierlei Farben, 
schwarz und roth, als Textdrucke vorliegen. Vor- 
erst ornamental, erscheinen sie sowohl in geschrie- 
benen als gedruckten Texten als Eindrucke. 

So befinden wir uns denn wiederum in der 
fatalen Lage, die Priorität der einem Culturvolke 
zugeschriebenen Erfindung abweisen zu müssen, 
einer Erfindung, welche sich in dem bezogenen 
l'alle unter Anwendung einer Art kunstwissen- 
schaftlicher Reduplication für uns lediglich in eine 
blosse Ehrerfindung auflöst. 

Wahrhaftig , wir wollen uns über diesen 
Abzug keineswegs kränken ; können wir uns doch 



vollaufdamit begnügen, die bahnbrechende Richtung 
für den Holzschnitt in Deutschland durch unseren 
Albrecht Dürer eingeleitet zu sehen. 

Verweilen wir noch einen kleinen Augenblick 
bei unseren Modeldrucken, so fällt noch insbe- 
sondere eine merkwürdige Erscheinung an ihnen 
in's Auge. 

Bekanntlich leitet man die Entstehung der 
sogenannten xylographischen Werke, d. h, der 
Holztafeldrucke zurück auf die Bilderdrucke, indem 
der Entwicklungsgang in folgender Weise ange- 
nommen wird : ,,Beim Fortschreiten der Kunst be- 
kommen die Zeichnungen Andeutungen von Schat- 
tirung. Auf die einfachen Unterschriften der Bilder 
folgen ganze Sprüche, gewöhnlich Bibelstellen und 
Verse , oft in der Form von Devisen aus dem 
Munde einer Figur hervorgehend. Aus den Sprüchen 
werden schliesslich ganze Textseiten, die dem Bilde 
gegenüberstehen. Das Bedürfniss der weltlichen 
Belehrung führte schliesslich zu einem Buch ohne 
Bilder.*) Nun, sollen wir wirklich an diese Ent- 
wicklung glauben? 

Im Morgenlande wenigstens , sehen wir an 
unseren Beispielen den Textdruck um Jahrhunderte 
früher zur Vollkommenheit entwickelt, und während 
man im Abendlande selbst nach der Erfindung der 
beweglichen Typen den Tafeldruck nicht ganz 
aufgab , namentlich für Sachen , wozu kleinere 
Typen erforderlich, deren Guss noch zu schwierig 
war,'') zeigen die meisten unserer arabischen Tafel- 
drucke schon einen ausserordentlich, hie und da 
fast mikroskopisch kleinen und zarten Schnitt der 
Schrifttexte, so dass der Rückschluss auf eine noch 
längere Kunstübung wohl berechtigt erscheint. 
Unter solchen Umständen darf es gar nicht Wunder 
nehmen, dass sich dieser arabische Formschnitt 
sehr bald auch ungeahnten Zwecken höherer Staats- 
nothwendigkeit dienstbar zu erweisen vermochte. 
Denn als in der Bedrängniss des II. Kreuzzuges, 
1 147, die finanzielle Noth in den muhammedani- 
schen Staaten Nordsyriens am höchsten stieg, indem 
dort dem Geldmarkte bereits alles gemünzte Edel- 
metall entzogen worden war, begann man gedruckte 
Papiergeldnoten mit Zwangscurs in fabelhafter 
Menge auszugeben. Im Jahre 1147 Papiergeld! 
Dieses Wort erregt in uns sofort eine Fülle geistiger 
und materieller Beziehungen, Begriffe und Vor- 
stellungen für die Gegenwart und Vergangenheit : 
doch was konnten wir in dieser Beziehung bisher 
unter Vergangenheit verstehen ? Wir dachten dabei 
zurück an unsere Bankozetteln, an die Assignaten 
der ersten französischen Republik , noch weiter 
zurück an den berüchtigten Schotten John Law zu 
Anfang des XVIII. Jahrhunderts und führen sodann 
einen zeitlich wie räumlich gewaltigen Sprung aus 
zu den Arabern des XII. Jahrhunderts, ja noch 
weiter zurück in das XI. Jahrhundert zu den Chi- 
nesen, welchen hierin der Vorrang gebührt. 

Die Verbindungsglieder fehlen. Eine Zeitlücke 



^) Lorek, nandbiicb <lpr <Twhlcht^ drr ItuehdrnekerkaiMt, 
ISSi, 1., V t» f- 

•} Lork, 1. r. |i. «0. 



Ifc 



170 



OESTERREICHISCHE M0N;^TSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT 



von 700 Jahren gähnt uns entgegen, welche nur 
noch durch spärliche Angaben nothdürftig aus- 
gefüllt wird. Und so müssen wir uns denn zufrieden 
geben mit der blossen lirkenntniss, dass es nichts 
Neues mehr unter der Sonne gebe, dass die Welt 
in finanziellen Dingen uns eben auch so erscheint, 
wie sie der persische Dichter schildert : 

als ein Weib, ein altes, 

Voll Tücken, schlau, erfinderisch an Qualen, 

Ihr Anfang ist, ihr Ende unbekannt, 

Und, ach, ihr Alter über alle Zahlen; 

Wer je sie schaute, fand sie, wie sie ist, 

Nie wird dem Blick in and'rer Form sie strahlen! 

Das Elend, welches die Druckherstellung des 
ersten Papiergeldes über einen grossen Theil der 
muhammedanischen Welt herbeiführte, lässt sich 
begreifen, wenn wir in dem arabischen Berichte 
lesen, dass jede Anweisung auf i Golddinär, also 
etwa 13 Frs. lautete. Die Folgen dieser unsinnigen 
Papiergeldwirthschaft blieben nicht aus. 

Indem Niemand an die Zahlungsfähigkeit des 
Staates auch nur im Entferntesten glauben konnte, 
wurden die Papiere bald so sehr entwerthet, dass 
selbst der Aermste mit Leichtigkeit in den Besitz 
von 10 — 20.000 derselben gelangen konnte. Sehr 
anschauliche Berichte liefert hierüber der gleich- 
zeitige arabische Historiker Abu Schäma in der 
Lebensbeschreibung des Sultans Nur ed d;n Mahmud, 
in dessen von den Kriegsstürmen zunächst be- 
troffenen Ländern diePapiergeldnöthen am höchsten 
gestiegen waren. 

Der edle Sultan erlebte nicht die Befriedigung, 
ruhige und gesunde wirthschaftliche Verhältnisse 
einkehren zu sehen. 

Wie dann in der Folge der wirthschaftliche 
und dynastische Ruin in diesen Ländern eintrat, ist 
bekannt; unbekannt war aber bisher die Ursache, 
welche ihn herbeigeführt. 

Seit dieser Zeit des ersten verunglückten 
Experimentes mit den Staats-Papiergeldnoten im 
Islam tritt eine Pause in der Erzeugung von derlei 
Drucksorten ein. Erst zum Schluss des darauf- 
folgenden Jahrhunderts brach wieder über einen 
grossen Theil Mittel- und Vorderasiens die Calamität 
der Papiergeldwirthschaft herein, welche von China 
ihren Ausgang nahm. 

Aber während das chinesische Papiergeld 
bereits seinen Weg gegangen und schon im Jahre 
1287 vollständig entwerthet war, ergiesst sich die 
Fluth desselben mit neuer vernichtender Gewalt ein 
paar Jahre später, 1293, über die westlichen Ge- 
biete Asiens, d. h. über das grosse Reich der persi- 
schen lichäniden, in Folge massloser Verschwen- 
dung der Hofhaltung und der Eingebung einer 
momentanen Laune. 

In Tebriz wurde in dem genannten Jahre 1293 
die erste Druckerei hiefür eingerichtet. Das da- 
selbst erzeugte und emittirte Papiergeld war nach 
chinesischen Vorlagen gearbeitet und adjustirt. 
Dann folgten Schlag auf Schlag die Städte des 
arabischen und persischen Irak, Kirman und Chorä- 
sän , sowie Mesopotamien , Dijär Bekr , Mossul, 
Meijafarikfn und Schiräz : allüberall entwickelte 



sich eine fieberhafte Thätigkeit in der Erzeugung 
gedruckter Geldnoten, bis der elementare Aus- 
bruch der Volkswuth und die Geissei des dichteri- 
schen Spottes auch dieser Episode ein schnelles 
Ende bereiteten. Sie war glimpflich genug abge- 
laufen und hinderte nicht, dass nach ihr mit dem 
Thronwechsel eine drei Decennien währende Blüthe- 
zeit des Ilchaniden-Reiches hereinbrach. 

Aus diesen von mir angeführten ältesten Bei- 
spielen von Erzeugnissen des Holzmodel- oder 
Plattendruckes, welcher die Etappe zum Druck 
mittelst beweglicher Lettern bildete , geht also 
augenscheinlich hervor, dass der Druck hauptsäch- 
lich für solche Objecte Anwendung fand, welche in 
Massenhaftigkeit erzeugt, in die Massen des Volkes 
einzudringen bestimmt waren. 

So sehen wir denn schon in sehr früher Zeit, 
fast genau siebenhundert Jahre vor dem Erscheinen 
unserer ersten europäischen Tafeldrucke in Buch- 
form, Papier und Druck als wichtige Hebel in die 
Culturbewegung morgenländischer Volker wirksam 
eingreifen. Und diese beiden Culturträger von einst 
und jetzt tragen den offenbaren Stempel der Sieges- 
gewalt eines Volkes an sich, das gross in geistigen 
Eroberungen, energisch in der praktischen Ver- 
werthung derselben, zu dem Aufbau menschlicher 
Cultur mächtige Quadern geliefert hat, die unver- 
gänglicher als seine Siegeskränze die Jahrhunderte, 
selbst seines nationalen Lebens, zu überdauern ver- 
mochten. 

Freilich sind es nur vereinzelte Wegspuren 
auf diesem ungeheueren Gebiete des menschlichen 
Culturfortschrittes, welche ich hier durcji ein halbes 
Jahrtausend zurück zu verfolgen im Stande war. 

Darum mag auch hie und da die Befriedigung 
hierüber keine vollständige sein. Aber in wissen- 
schaftlichen Dingen gilt wohl auch das Wort des 
Zweiflers Cartesius, dass wir Grosses hoffen dürfen, 
wenn nur das Kleinste gefunden ist, das zweifellos 
und unerschütterlich feststeht. Sollte dieses Letztere 
darzuthun mir gelungen sein, dann darf ich miih 
reichlich belohnt fühlen. 



BENGALISCHE JUTE. 

Von Emil Schlagintweii . 

Als während des Krimkrieges, 1854 — 1856, in 
England der Bezug von Flachs aus Russland zum 
Stillstand kam, brachten Handelsfirmen in Calcutta 
Jutefaser der besten Sorte auf den Markt, und 
während die Pflanze 1851 auf der Londoner Aus- 
stellung keine Beachtung gefunden hatte, wurde 
man jetzt in Indien durch den überaus starken Anbau 
der neuen Handelspflanze bange und fürchtete Ver- 
nachlässigung der NahrungsfrOchte ; im Februar 
1873 wurde eine eigene Centralbehörde geschaffen, 
um über die Ausbeute und die Herstellung von Jute 
jährlich zu berichten und, der Uebersicht, erstattet 
von Babu Hem Tschandar Kar, entnehmen wir die 
nachstehenden Angaben. 

Der Ernte von 1890 war die Witterung sehr 
günstig. In einzelnen Districten litten die Pflanzungen 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



171 



unter übermässigem Regen, aber im Ganzen ist eine 
jjute Mittelernte erzielt worden. Im Vorjahre ge- 
langten 8'/^ Millionen Centner zur Ausfuhr; in 
diesem Jalire wird den Ausfuhrfirmen ein Fünftel 
mehr an Rohmaterial zur Verfügung stehen. 

Jute gehört zur Gruppe der Lindenbäume 
und ist die wichtigste Gespinnstpflanze in Unter- 
bengalen; neuerdings beginnt sie in Behar und 
Tschota-Nagpur , den 'I~afelländern westlich von 
Unterbengalen, über welche man die mittleren 
Gangesländer erreicht, San oder Hanf zu ver- 
drängend Die Wissenschaft unterscheidet zwei Arten : 
('orchorus olitorius und C^orchorus capsularis; die 
liingeborencn haben örtlich verschiedene Bezeich- 
nungen. Grundnamen sind Pat für die Pflanze, 
Koschta für die Faser. 

Der Anbau von Jute zum Hausgebrauch lässt 
sich für Unterbengalen schon in sehr alter Zeit nach- 
weisen ; als Packmaterial kommen Gewebe im XVII. 
und XV III. Jahrhundert in den europäischen Handel, 
auch Seile gelangen zur Ausfuhr. In rohem Zu- 
stande ging Jute damals nicht auswärts ; die 
ersten Versuche hissen sich für das Ende des ab- 
gelaufenen Jahrhunderts erweisen, und zeitweise 
sollen die Umsätze bedeutend gewesen sein; 182g 
war die Ausfuhr auf 364 Centner zurückgegangen 
und hat diese t2 '£ gewerthet. Nach fünfjahren wurde 
das Zehnfache in der Quantität ausgeführt, die Ziffer 
hob sich aber niemals auf eine Viertelmillion, weil 
russischer Flachs billiger zu haben war. Nach dem 
russischen Kriege im Jahre 1858 wurden 969.724 
Centner verschifft; in zehn Jahren verdreifachte 
sich die Ziffer und nahm- seither stetig zu; allein im 
Jahre 1872 stieg die Zahl der mit Jute ange- 
bauten Fläche um ein volles Drittel. Vom wirth- 
schaftlichen Standpunkte aus erwies sich die ne<ie 
1 landelspflanze als grosse Wohlthat für die Bevöl- 
kerung ; der Zuiluss von Silber entriss einen bedeu- 
tenden Percentsatz der Bevölkerung der drücken- 
den Verschuldung, die sie der Früchte der Arbeit 
beraubt hatte. Die Frage, ob durch die neue Ge- 
s|)innst[)flanze die Menge von Nahrungsgetreide zu- 
1 iickgegangen sei, verneint der Berichterstatter, weil 
der Preis von Reis nicht in höherem Masse stieg, 
■ds das Silber an Werth einbüsste, und weil der 
lauer meist Land zweiter Güte zur Verfügung hat, 
las sonst fast nichts eintrug und sich für Jute 
eignet, während das beste Land den reichsten Er- 
trag in Reis abwirft. Man kann behaupten, dass der 
bengalische Bauer mit Jute sein Einkommen, 
das er sonst aus Reis und Oelsamen erzielte, mehrt, 
nicht aber den Reis zurücksetzt. Nur in solchen 
Dörfern mag zu ■ Jute im Uebermass gegriffen 
ein, wo der Mahadschan oder Dorfkrämer eine 
jössere Lieferung übernahm und, um sich die er- 
lorderlichc Menge zu sichern, den Bauern zur Zeit 
der Saat Vorschüsse auf die Jute-Ernte gegen 
die Verbindlichkeit macht, eine bestimmte Menge 
Ljutcn Landes damit zu bepflanzen. 

Am meisten sagt Jute ein feuchtes Klima zu, 
mit wechselnder Witterung während der Reifezeit ; 
zu viele Feuchtigkeit macht die Faser zu markig 



(rooty ist hiefür der technische Austiruck), Trocken- 
heit dagegen hält sie im Wachsthum zurück und 
bewirkt Sprödigkeit. 

Die Bearbeitung des Feldes und die Zeit der 
Ernte wechselt nach Districten. Das Land erfordert 
viele Arbeit; es muss so oft geackert werden, bis 
jede Krume gestürzt, der Sonne ausgesetzt und 
zu Pulver gebracht ist. Die Saat wird im April- 
Mai eingegeben, nur auf magerem Boden später. 
Den Samen zieht der Bauer selbst, sortirt ihn aber 
nicht und erzielt deswegen sehr ungleiche Pflanzen. 
Ist die Saat aufgegangen, so erfordert die Pflanzung 
geringe Aufmerksamkeit ; nur sieht man darauf, 
dass die Schösslinge nicht zu dicht stehen und 
dünnt man in solchen Fällen aus. August bis Mitte 
October sind die Erntemonate. Die richtige Zeit 
zum Schnitt ist gekommen, wenn die Pflanze in 
voller Blüthe ist und eben die Samenkapseln sich 
bilden. In dieser Zeit ist aber die Thätigkeit des 
Landmannes durch andere Arbeiten stark in An- 
spruch genommen, und die Regel ist, dass die 
Samen ausgebildet sind, wenn der Schnitt beginnt. 
Häufig ist auch der Fall,' dass die Pflanze zu früh 
eingebracht wird, selbst noch vor Eintritt der 
Blüthe; meist gibt das Anschwellen der Flüsse beim 
Eintritt der Regenzeit den Anlass dazu, aber auch 
der Wunsch, mit frischer Waare bald auf dem Markte 
zu sein, führt hiezu. Solche Faser ist aber schwach, 
reisst ; dagegen verliert Faser, die nach der Samen- 
bildung abgenommen ist, an Glanz und ist nur zu 
gröberer Waare verwendbar. 

Die Halme werden in Büschel gebunden und 
diese vom Felde weg in den nächsten Teich oder 
Wasserlauf gebracht, hier mit Stämmen von Pi.sang- 
bäumen, meist aber durch eine Lage Stroh, auf die 
Lehmbrocken gelegt sind — Steine fehlen in Unter- 
bengalen — beschwert und einem Gährungspro- 
cesse, wie Hanf und Flachs bei uns, ausgesetzt, 
damit die holzigen Theile des Stengels sich leichter 
von der Faser ablösen. Ist die Zersetzung genügend 
rasch vorgeschritten, dann schlägt man auf die 
Stengel, so lange sie noch im Wasser liegen und 
kann dann die Faser ausziehen. Je reiner das Wasser 
und je öfter nach den Stengeln gesehen und der 
Process der Fäulniss überwacht wird, desto weisser 
und seidenartiger wird die Faser. Der Bauer ist 
aber hierin äusserst sorglos ; fliessendem Wasser 
vertraut er seine Ernte nicht gerne an aus Furcht, 
sie möchte weggeschwemmt werden ; die Teiche 
dagegen sind klein, abflusslos und vielfach so dicht 
belegt, dass tlie Ausdünstung lästig und die Be- 
nützung des Wa.ssers selbst zum Waschen unmög- 
lich wird. 

Ertragsschätzungen von Jute nach Bodengrösse 
und Bodenbeschaffenheit sind vielfach versucht 
worden ; Thatsache ist, dass Juteland zu hohem 
Preise in Pacht genommen wird und auch sonstige 
Wahrnehmungen lassen die Schlussfolgcrung zu, 
dass die Rente hieraus eine hohe ist. Dagegen ist 
ebenfalls festgestellt, d-iss Jute den Boden aus- 
saugt. Die Regel ist, dass auf dem Juteacker 
als Winterfrucht noch Senf oder andere Oelfrüchte 



172 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



gezogen und im nächsten Jahre Reis gepflanzt wird; 
Bestellung mit Jute zwei Jahre hintereinander 
verträgt nur das bauwürdigste Land. 

Man hört häufig behaupten, Jute sei in Güte 
zurückgegangen. Es ist zuzugeben, dass die Bauern 
auch schlechtes Land mit Jute bestellen und 
Jahr für Jahr geringwerthige Waare abliefern. 
Neuerdings erzielen niedere Sorten schlechte Preise ; 
der Bauer ist dadurch sorgsamer geworden, hält 
besser auf die Zeit der Ernte, röstet die Stengel 
sorgfältiger und zieht die Faser mit Fleiss aus, 
alles Bedingungen für feine Waare. 

Die fertige Waare wird, je nach dem Standort 
des Feldes, zum nächsten Hat oder Dorfmarkt ge- 
bracht, lieber aber führt man sie nach den grösseren 
Zwischenmärkten. Hier sind kleine Händler, die 
sich je nach der Oertlichkeit Paikar, Pharia oder 
Bepari nennen, die Aufkäufer, die dann ihre Vor- 
räthe den Mahadschans oder Inhabern von Lager- 
häusern anbieten. Es kommt auch vor, dass Bepari 
als Unterkäufer der Mahadschans von Dorf zu Dorf 
gehen und in den einzelnen Gehöften ihre Einkäufe 
machen ; diese Mittelspersonen heissen Bhasania 
Bepari und bringen von Jahr zu Jahr grössere Vor- 
räthe an sich. Die Mahadschans suchen sich Abneh- 
mer bei den Ausfuhrfirmen; man kann sagen, die 
Hälfte des Preises, den die Ausfuhr-Grosshandlung 
erhält, bleibt in den Händen der Bepari und Mahad- 
schans hängen. Ein wichtiges Glied in diesem 
Zwischenhandel bildet der Bootsmann, welcher die 
von den Mahadschans gesammelte Ernte nach den 
Ausfuhrmärkten liefert ; Unterbengalen ist mit schiff- 
baren Flussarmen so reich ausgestattet, dass flache 
Schiffe von fünf Tonnen Laderaum fast überall hin- 
gelangen. Die grossen Stapelplätze für Jute 
(Siradschgandsch an der schiffbaren Dschamuna, 
Name für den Unterlauf des Brahmaputra und 
Naraingandsch bei Dacca) sind mit Calcutta durch 
Wasserwege verbunden und Naraingandsch ist von 
dem wichtigen Eisenbahn-Knotenpunkte Goalanda 
nur wenige Kilometer entfernt. Dennoch wird 
nahezu die Hälfte der Jahresernte zu Schiff nach 
Calcutta verfrachtet und hievon haben Dampfer ein 
Viertel an sich gezogen. Die Segelboote der Ein- 
geborenen fassen bis zu 40 Tonnen und bringen 
bis Calcutta 30 Tage zu, während die Dampfer in 
fünf Tagen und die Bahnen in so viel Stunden 
verkehren. Die Preise stellen sich halb so hoch 
bei Segelfracht als bei Dampfbenützung. Auf die 
Stapelplätze gelangt die Waare in offenen Bündeln, 
mit Stricken verschnürt ; hier werden Ballen gebildet 
mitUeberzug, die aber in Calcutta wieder ausein- 
andergenommen werden müssen, um sortirt und 
zum Seetransport durch hydraulische Pressen fest- 
gepackt zu werden. 

Am lebhaftesten ist der Handel vom November 
bis Februar. Welche Bedeutung der Jute für 
Unterbengalen zukommt, zeigt sich am besten an der 
Entwicklung des Hauptmarktes Siradschgandsch, 
heute eine Stadt von 700.000 Einwohnern. Vor 
dreissig Jahren machte Siradschgandsch den Ein- 
druck einer Stadt ohne Häuser ; heute zeigt schon 



meilenweit, ehe man sich den Ausladequais nähert, 
das Treiben auf dem Flusse die Nähe einer Gross- 
stadt an. Flotten kleiner Boote kommen von Norden 
herabgeschwommen; grössere Fahrzeuge, darunter 
cjualmende Dampfer suchen den Weg thalwärts 
nach Calcutta. Am Ufer sind Haufen von Kulis mit 
dem Ausladen der rohen Bündel von Jute be- 
schäftigt, die Andere sofort in Ballen bringen und 
in dieser Verpackung grösseren Schiffen übergeben. 
Kommt die Zeit des täglichen „Bazars" oder der 
Börse, so besteigen die Aufkäufer kleine Ruder- 
boote und machen von Schiff zu Schiff Abschlüsse. 
Das Ufer ist eine völlig schattenlose Sandwüste ; 
die Stadt liegt 8 km landeinwärts. Der Weg dahin 
in der brennenden Sonne ist so anstrengend, dass 
selbst gering bemittelte Arbeiter sich einen elenden 
Klepper sichern. Im Juni steigt der Fluss und dann 
gelangen Schiffe in einer canalartigen Rinne bis 
zur Stadt, und der Bazar findet in den Strassen der 
Stadt statt, bis der Fluss im October wieder in 
sein Bett zurücktritt. 

Man unterscheidet im Handel nicht weniger 
als zehn Sorten ; daneben laufen noch eine Menge 
örtlicher Bezeichnungen. Uttariyä, wörtlich Nord- 
Jute, ist die preiswertheste Sorte : zart, weiss, 
stark und lange Faser. Deswal gilt als weich und 
kräftig ; sie wird neuerdings vernachlässigt wegen 
grösserer Sorglosigkeit der Pflanzer, kommt aber 
aus klimatisch bevorzugten Districten, ist zuerst 
am Platz und ist guter Preise sicher, so oft die 
Nachfrage nach Jute rege ist. Dacca ist eine 
Sorte für Seilerwaaren ; sie kommt aus dem Ueber- 
schwemmungsgebiete östlich von Calcutta, ist grob- 
faserig, weil die Ausbildung der Pflanze unter über- 
grosser Bodenfeuchtigkeit leidet, wird aber für 
starke Stricke gesucht. Dasselbe gilt von Bhatial. 
Naraingandschi wird der dunkleren Farbe wegen, 
Folge zu starker Verwesung unter Wasser, ge- 
mieden, ist aber eine ausgezeichnete Gespinnst- 
faser. Als feinste Waaren gelten Bakrabadi und die 
Erzeugnisse von Maimansingh, nördlich von Dacca. 

Die Eingeborenen fertigten seit Alters Ge- 
treidesäcke aus Jute, Gunny, für den Hausge- 
brauch. Die Weberei für den europäischen Markt 
lohnte, solange als Jute nicht in Europa auf me- 
chanischen Stühlen verarbeitet wurde ; die traurige 
Lage des Gewerbes in der Gegenwart veran- 
schaulicht nachstehender Bericht : 

„Schon das Aeussere zeigt an, dass die Weber 
halb am Hungertuche nagen; sie sind schwächlich 
und unsauber. Ihr ganzes Leben geht innerhalb 
der Mauern unglaublich unreiner Häuser dahin. Ihr 
Lohn ist sehr gering, wird nicht regelmässig bei 
der Ablieferung bezahlt, erleidet mancherlei Ab- 
züge und dabei fehlt es häufig an Aufträgen. Man 
kann es beinahe ein Glück nennen, dass die Nach- 
frage von Gunnytuch von Jahr zu Jahr abnimmt ; 
denn dann stirbt das Handvi'erk allmälig ab." An 
Stelle der Handweberei ist für Jute auch in 
Indien Fabriksarbeit getreten; Hauptsitz für Jute- 
Webereien ist die Umgegend von Calcutta ge- 
worden. Eine solche Fabrik hat vorwiegend Weiber 



OESTERREICHI8CHE MONATSSCHRIFT PÖR DEN ORIENT. 



173 



und Kinder zu Arbeitern; die Mehrzahl der Kinder 
ist unter zehn Jahren. Üie Maschinen laufen zwölf 
Stunden im Tag, die Arbeiter werden aber von 
sechs zu sechs Stunden abgelöst, weil die In- 
haber die Erfahrung machten, dass frische Kräfte 
viel mehr leisten. 

Indien eigen ist noch die Darstellung von 
l'apicr aus Jute; Hauptsitz ist die Umgegend 
von Kangpur, an der Caicutta-Dardschiling-Bahn 
gelegen, einer der ältesten üistricte, in denen 
Jute gepflegt wurde. Das Papier ist grob, 
dient aber den Lithographien der Eingeborenen 
zum Druck und in den englischen Kanzleien zum 
Concepti)apier. Die Bereitung ist folgende : 40 Pfund 
Jute werden 20 Pfund Leim beigegeben und beide 
während 24 Stunden in einem gemauerten Trog 
von 3 m Länge, bei 2 m Tiefe und 0-50 m Breite 
unter Wasser gehalten. Dann nimmt man die Masse 
heraus, entfernt das Wasser durch Druck und lässt 
das Gemenge im Schatten während vier Tage ab- 
trocknen. Dann wird wieder Leim beigemengt, der 
Process der Sättigung im Wasser und des Trock- 
nens wiederholt. Hierauf wird das Gemenge in 
Cubus von 20—30 cm geschnitten in einem Mörser 
zerstossen, woran sechs Arbeiter sich ablösen. 
Dann wird das Pulver auf eine feine Bambusmatte 
gelegt, genässt und mit den Flüssen geknetet unter 
Zuführung von Wasser nach Bedarf. Dieser fein 
gearbeitete Stoff wird nun wieder in einen Trog 
gebracht, und unter fortwährendem Umrühren mit 
Wasser verdünnt. Die feinsten 'l'heilchen steigen 
nach aufwärts und werden mit einem behutsam unter- 
geführten feinen Bambussieb abgehoben; ist die 
Lage genügend abgetrocknet, so lässt man eine 
zweite Schicht oberen Schaums sich auflagern. Erst 
zwölf Schichten gelten als genügend, um Papier- 
starke zu geben ; das trockene Blatt wird unter 
einer Presse geglättet, auf beiden Seiten mittelst 
einer Bürste mit Reisstärke überstrichen und ist 
nun zum Verkauf fertig. 

Ueber die Zukunft der Jutefaser äussert sich 
.Mii amtlicher Bericht sehr günstig: „Lässt man die 
Ziffern von Land unter Jute und vom Ertrag 
der Aecker auch nur als annähernde Schätzungen 
gelten, so nehmen diese Pflanzungen nicht mehr als 
den dreizehnten Theil des Ackerlandes unterm Pflug 
ein; ein sehr erheblicher Percentsatz der ange- 
bauten Fläche lag aber früher Öde und fortgesetzt 
wird hiefür Brachland nutzbar gemacht; des- 
wegen thut Jute dem Anbau von Nahrungs- 
getreide keinen Abbruch. In einem Lande, wo am 
Herkommen so ängstlich gehangen wird, wie in 
Indien, werden Neuerungen nicht willig aufge- 
nommen, und Handel wie Fabriken in Jute 
brachten anfangs mancherlei Störungen, die sehr 
unangenehm empfunden wurden. 

Der Gewinn wirkte jedoch aneifernd, und die ge- 
sammte Bevölkerung hat sich in dem neuen Laufe 
der Dinge völlig zurechtgefunden ; manches lästige 
Vorurtheil ist abgelegt worden, und der Beweis 
ist geliefert, dass Handcisanforderungen auch auf 
die indischen Kasten umgestaltend einwirken." 



LAGE UND PROOUCTE DES LANDES PUNT. 

Von 7. Krall. 
Die politischen Vorgänge, vor Allem das 
Vorgehen der Italiener gegen Abcssynien haben 
in den letzten Jahren zu wiederholten Malen die 
allgetoeine Aufmerksamkeit auf die ostafrikanischen 
Küstengebiete von Suakin und Massaua an bis 
zu dem Lande der Somalen hin gelenkt. Hiero- 
glyphischen Texten verdanken wir die merk- 
würdige Kunde, dass ein Theil dieser Küsten- 
gebiete unter dem Namen Punt schon vor Jahr- 
tausenden in der Handels- und Culturgeschichte 
des Orients eine hervorragende Rolle gespielt 
hat. Schon in der ersten Hälfte des dritten Jahr- 
tausends V. Chr. hatten, wie eine hieroglyphische In- 
schrift aus der Zeit des Königs S-ncheres lehrt, 
die Fahrten der Aegypter nach dem Lande Punt 
begonnen. Näheres erfahren wir über dieses Land 
durch die Inschriften und Darstellungen des be- 
rühmten Terrassentempels von Deir el-Bahari, 
welche die Königin Machere (um 1520 v. Chr.) 
zur Erinnerung an eine grosse Flottenexpedition 
nach Punt im westlichen Theben hat aufführen 
lassen. Unter ihrem Bruder und Nachfolger, dem 
grossen Eroberer Thethmosis III., bildet Punt 
einen Bestandtheil des egyptischen Reiches. 
Regelmässige Tribute des Landes Punt werden in 
den Annalen Thethmosis III. verzeichnet. Noch 
in der Zeit der Ptolemäer wird das Land Punt 
in hieroglyphischen Texten widerholt erwähnt. 
Es ist bei der grossen Wichtigkeit des 
Gegenstandes begreiflich, dass von verschiedenen 
Seiten Versuche gemacht wurden, die genaue 
Lage dieses Landes Punt festzustellen. Dümichen, 
Chabas, Mariette, Brugsch, Maspero, Golenischeff, 
Lieblein und noch neuerdings Schweinfurth ') und 
Glaser 2) haben sich mit der Frage mehr oder 
minder eingehend beschäftigt. Massgebend war die 
Liste der Producte des Landes Punt, welche uns 
an zwei Stellen, in den Inschriften des Tempels 
von Deir el-Bahari und in einem Petersburger 
Papyrus ganz ausführlich und in fast gleich- 
lautender Weise aufgezählt werden. In erster 
Linie war es eine feine Anteart, welche die 
aegyptischen Seefahrer nach dem Lande Punt 
lockte. Wir sehen in Deir el-Bahari an der Rinde 
der Aute - Sykomoren kleine eckige Körper, 
welche das Ante bezeichen, das Einschnitten an 
diesen Bäumen entquoll. Dieselben Darstellungen 
zeigen uns, dass schon unter Königin Machere 
Antebäume — 31 an der Zahl — in Kübeln 
auf die Schiffe gebracht wurden, um in Aegyptcn 
acclimatisirt zu werden, ein Vorgang, der sich 
in späterer Zeit oft wiederholte. Nach dem Ante 
folgen in der Liste der Producte Ebenholz, 

K 10' allt'ma" «pporU mm PAnbl« llearaiue et l'ucieona 

1S90, Nr. J7, 8. SSI u. ff. Der »Jagnoiebiirte K«Qnrr SOdarablon. 
Iiemerkt mit Rocht, daa« Puot nnmöitlicb dem •Oilllchro Arabieo 
ouuprefheo kSnne, dk das ch»r»kteritUiK'he Thler Ar.bk-n., du 
lv»meel, unter den Praducten dea Landea •um fel.l^ dageien ferad- 
rBcklge Rinder, welche et an der arabiarhan Welbranrbkllalc nicht 
(ibt, unter denaelben eracheloeu. 



174 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



Elfenbein, Gold, Electron, Antimon (?), mehrere 
Aflfen- und Hundearten, Pantherfelle, Perlmutter (?), 
Bumerangs, Strausseneier, Sclaven, Sciavinnen, 
Vieh. Bezeichnenderweise fehlt das Silber in 
diesen Listen der Producte des Landes Punt. 

Indem das Ante bald als Weihrauch^ bald 
als Myrrhe aufgefasst wurde, schien die Gleich- 
setzung des Landes Punt mit den Weihrauch- 
ländern xat" i^'-'XV» ^^^ Somaliküste und dem 
südlichen Arabien von selbst geboten zu 
sein. 

Nur darüber schien ein Zweifel gestattet 
zu sein, ob das eine oder das andere der beiden 
genannten Gebiete unter der aegyptischen Be- 
zeichnung zu verstehen sei. Der afrikanischen 
Küste ward von der Mehrzahl der Fachgenossen 
der Vorzug gegeben, wenn sie nicht die Ansicht 
Dümichen's theilten, dass das Land Punt auf 
„beiden Seiten des Meeres" lag. 

Der Weihrauch gehört zu jenen Producten, 
welche auf die Culturgeschichte des Alterthums 
einen massgebenden Einfluss geübt haben. 
Aegypten war der Hauptabnehmer des Weihrauchs 
in alter Zeit; in dem anderen Culturherde der 
alten Welt, in Babylonien scheint der Verbrauch 
des Weihrauchs ein viel geringerer gewesen zu 
sein. Schon in den ältesten Texten, deren Nieder- 
schrift in das IV. Jahrtausend v. Chr. fällt, wird 
der Weihrauch (Sontr) häufig erwähnt. In dem 
aegyptischen Culte ward von demselben ein sehr 
ausgiebiger Gebrauch gemacht. Speciell bediente 
man sich des Weihrauches bei dem Todten- 
rituale. Unter den Dingen, welche dem Ver- 
storbenen dargebracht werden, deren er bedarf 
und von denen auch „die Götter leben", wird 
der Weihrauch erwähnt und in den Gräbern des 
alten Reiches in mannigfacher Gestalt dargestellt. 
Merkwürdigerweise ward der Weihrauch oft in 
Form von Obelisken in den Handel gebracht. 
Eine Inschrift aus der Zeit Thethmosis III. er- 
wähnt „vier Weihrauchobelisken". Inder ältesten 
Zeit, im IV. Jahrtausende v. Chr., für welches 
Beziehungen Aegyptens zum südlichen Syrien nicht 
nachzuweisen sind, scheint man Weihrauchsorten 
aus dem fernen Süden bezogen zu haben. 
Wenigstens möchte man dies aus den Stellen 
der Pyramideninschriften schliessen, in denen der 
Weihrauch als Product der unmittelbar an 
Egypten grenzenden äthiopischen Landschaft be- 
zeichnet wird, ähnlich wie Elephantine (Abu) 
von dem Elfenbein (Ab) den Namen erhalten 
hat, der hier auf den Markt gebracht wurde. 
Wie dem auch sei, Thatsache ist, dass bereits 
in den Annalen Thethmosis III. der Weih- 
rauch zu den regelmässigen Tributen des südli- 
chen Syrien (des Lothennui)-Landes) im XV. Jahr- 
hunderte V. Chr. erscheint. Wir werden an die 
Ismaeiiter erinnert, welche in den Geschichten 
Josephs Weihrauchsorten vom Ostjordanlande 
nach Aegypten brachten (i Moses 37, 25). 

') Merkwürdig iai, dass dieser Name eine gute Transcription von 
„luden", dem aabäisci'en Namen der Myrriie, darstellt. 



Bei diesen sudsyrischen Gebieten stehen wir 
am Ausgange der Karawanenstrasse, welche aus 
dem südwestlichen Arabien, aus dem Lande der 
Sabäer, das in der Geschichte Salomo's zuerst 
erwähnt wird, nach Norden, speciell nach der 
philistäischen Stadt Gaza führte. In Gaza fand 
Alexander der Grosse so riesige Quantitäten von 
Weihrauch und Myrrhe vor, dass er seinem Pä- 
dagogen Leonidas, der ihm als Knaben beim Opfer 
Verschwendung von Weihrauch vorgehalten hatte, 
so lange er nicht Herr des Weihrauchlandes sei, 
500 Talente Weihrauch und 100 Talente Myrrhe 
mit der Mahnung schicken konnte, fortan nicht 
kleinlich gegen die Götter zu sein. Nach der 
Eroberung von Gaza sah sich Alexander als 
Herrn der aficüjj.ato'föfio? an. Diese „Weihrauch- 
strasse", deren Zurücklegung nach Plinius an 
70 Tage erforderte, hat den Gebieten, welche 
sie berührte, vor Allem den Reichen der Sabäer, 
Minäer und Nabatäer einen verhältnissmässig 
hohen Grad von Cultur und bedeutenden Wohl- 
stand gebracht. Die Somaliküste erscheint durch- 
wegs als eine Art Colonialland der Sabäer. 

Die Kenntniss des Karawanenweges ward 
naturgemäss von allen daran betheiligten Stämmen 
als grosses Geschäftsgeheimniss gehütet, umso- 
mehr als die jeweiligen Machthaber im Nilthalc 
oder in Syrien und Mesopotamien mit Vorliebe dar- 
nach strebten, Herren der Weihrauchstrasse zu 
werden. Wir erinnern an die verunglückten Ex- 
peditionen des Demetrios Poliorketes und seines 
Feldherrn Athenaios gegen die Nabatäer, an die 
Unternehmungen des Herren Aegyptens, des 
Kaisers Augustus, dessen Feldherr Aelius Gallus 
von dem Statthalter der Nabatäer, Syllaios, so 
gut geführt wurde, dass die römischen IVuppen 
auf einen Weg, den sie auf dem Rückmarsche 
in 60 Tagen zurücklegten, nicht weniger als 
6 Monate verwendeten. Nicht anders steht es mit 
dem Zuge, welchen von einer anderen Richtung 
her Antiochos III. der Grosse 205 gegen ' die 
arabischen Gerrhäer am Persischen Meerbusen 
unternommen hat. Er begnügte sich mit einem 
Geschenke von 500 Talenten Silber, 1000 Ta- 
lenten Weihiauch und 200 Talenten axaxT"^. Die 
in dem XIV. Capitel der Genesis erwähnte Unter- 
nehmung babylonischer F'ürsten, welche in die 
Geschichten Abrahams verflochten erscheint, stellt 
wohl auch nur einen ungemein kühnen Beutezug 
in die Gebiete dar, welche von der Weihrauch- 
strasse Vortheil zogen. An der syrisch-arabischen 
Wüste entlang, auf jenem Wege, den Nebu- 
kadnezar viele Jahrhunderte später in umgekehrter 
Richtung zurücklegte, kam der Zug in die 
Gegend von Damaskos, von da durch das Trans- 
jordanland, das Wadi-el-Arabah nach Elath am 
Golfe von Akabah, dann nach Kadegch Barnea. 
Es bestand wohl die Absicht von hier aus Gaza 
zu überfallen. Die Umstände, welche die baby- 
lonischen Fürsten nöthigten, diesen Plan auf- 
zugeben, kennen wir nicht. 

Mit Recht ist schon von Sprenger darauf 



JEDNOTA . 
K P0VZBU2EUI , 
, PRÜMYSU|J / 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FOR DEM ORIENT. 



hingewiesen worden, dass von dem Momente an, 
wo in der römischen Kaiser/eit der Seeweg auf- 
kam, man den Weihrauch von den südarabischen 
Häfen zu Schiffe nach dem Westen brachte, der 
lanjjwierigere und beschwerlichere und darum 
nicht concurrenzfähige Karawanenverkehr langsam 
einging und die Verhältnisse auf der arabischen 
Halbinsel eine total veränderte Gestalt gewannen. 
Vor Allem war damit der Macht und Hlüthe des 
Sabäerreiches sowie der anderen an dem Kara- 
wanenhandel betheiligten Stämme, namentlich den 
Minäern, der Todesstoss versetzt worden. lirwägt 
man alle die angeführten Momente, so wird man 
zugeben müssen, dass der viel schwierigere Kara- 
wanenverkehr sich kaum entwickeln konnte, wenn 
ein auch kürzerer Seeweg von den Weihrauch- 
ländern nach Aegypten, wie dies nach den all- 
gemein üblichen Ansätzen für das Land Punt 
folgen würde, bereits seit ältester Zeit in Blüthe 
stand. Diese und ähnliche Erwägungen nöthigen 
uns ') die Frage aufzuwerfen, ob die Gleich- 
setzung des Ante mit dem Weihrauche — es ist 
dies, wie bereits bemerkt, der springende Punkt 
der ganzen Frage — hinlänglich gesichert ist, 
und ob nicht vielmehr eine andere Auffassung 
des Ante den gegebenen Bedingungen besser 
entspricht. 

Es gab zahlreiche Arten von Ante. Sie 
werden als Ausflüsse aus den Augen verschie- 
dener Götter bezeichnet und dadurch als gummi- 
oder harzartige Substanzen charakterisirt. In einer 
Inschrift des Laboratoriums des Edfutempels, 
welche der Ptolemäerzeit entstammt, werden nicht 
weniger als siebzehn Antearten aufgezählt, von 
denen die meisten in den aegyptischen Tempeln 
Verwendung fanden. Zeigt es sich, dass das .^nte 
allgemein als ,, Gummi" oder ,, Gummiharz" zu 
fassen ist, so ist Gewicht darauf au legen, dass 
das aus dem Lande Punt gebrachte ' Ante zu 
wiederholten Malen als „Gomi" (Gummi)-Ante oder 
einfach als Gummi bezeichnet wird. 

Das Ante-Gummi ward von den aegyptischen 
Malern zum Anmachen der Farben gelsraucht, 
wozu noch jetzt feine Gummiarten verwendet 
werden. Nach einer Inschrift aus Denderah über 
die Osiris-Mysterien wurden Götterbilder mit in 
Wasser aufgelöstem Ante viermal bestrichen ; 
nachdem einige Tage zum Trocknen verflossen 
waren, wurden die Farben aufgetragen, welche 
durch das Gummi consistenter wurden. Bei der 
Bereitung der Tinte spielte, wie die erhaltenen 
Recepte lehren, das Ante-Gummi ebenfalls eine 
grosse Rolle. Endlich ward das Ante-Gummi bei 
der Mumification verwendet. Nachdem der Leich- 
nam siebzig Tage lang, so erzählt uns Herodot 
(II, 86) in Natron gelegen, ward er aus dem- 
selben genommen und mit Gummi überstrichen. 
So sind die Stellen der funerären Texte zu ver- 
stehen, in denen von Salbung des Verstorbenen 



') Vurg;!. unsere Sludkn inr Geschichte de« >ll«n AegypKni. 
IV, Da. I,«n.l l'unt, 181K) (Sllr.nng-borlchto d«r Wiener Akudomio 
clor ■\Vi!«ousi'haficu, Bd. CWl, Nr. XI). 



mit .^nte-Gummi die Rede ist. Es ist wahrschein- 
lich, wenn auch vorläufig nicht zu bciegco, dass 
die Myrrhe, welche zu 40 Percent Gummi ent- 
hält, auch zu den vielen Antearten gezählt wurde. 
Eine Prüfung der einschlägigen Stellen führt 
etwa zu folgenden Ergebnissen : Alle Stellen, in 
denen das Ante vorkommt, lassen sich durch die 
Annahme, dass wir es mit dem Gummi arabicum 
zu thun haben, und mehrere derselben nur durch 
diese Annahme erklären. Oft würde auch die 
Myrrhe eben wegen ihres grossen Gehaltes an 
Gummi entsprechen, der Weihrauch ist jedoch 
ganz ausgeschlossen. 

Wenn auch mindere Gummisorten in Aegypten 
selbst gewonnen werden und dementsprechend 
auch das Ante in den Pyramidentexten, deren 
Entstehung lange vor den Beginn der Fahrten 
nach dem Lande Punt fällt, erwähnt wird, so 
wurden doch die feineren Sorten, welche speciell 
für die Malerei in Betracht kommen, aus der Ferne 
bezogen. Die Acacia Senegal, von welcher das 
vorzüglichste Gummi arabicum gewonnen wurde, 
wächst im Stromlande des weissen Nil und des 
Atbara und in Kordofan. Von Kordofan wird das 
Gummi nach El-Dabbe in Dongola oder nach Cbar- 
tiim gebracht. Kiesige Quantitäten werden in die- 
sen Gegenden gewonnen ; 1876 gingen in Cbartiim 
10.000 Centner ein. Auch die Landschaft Sennaar 
am blauen Nil lieferte ein Gummi von so gutem 
Aussehen wie das kordofanische. Dagegen ist 
die Qualität des Gummi, welches in den Gegenden 
zwischen Sennaar und dem Kothen Meere, dann 
in Gezireh, gegenüber der Mündung des Atbara 
auf der Hochebene Takka, im Gebiete der 
Bischarin und an der Küste des Rothen Meeres 
von Massaua an gewonnen wird, eine mindere.') 

Als Ausfallspforte für alle diese Gebiete 
dient die Küste von Suakin pach Massaua, und 
es wird nach den bisherigen Darlegungen als 
berechtigt erscheinen, wenn wir an diesem Küsten- 
striche das Land Punt suchen. Wie in unseren 
Tagen, so kamen in alter Zeit grosse Quantitäten 
Gummi an diesen Theil der Küste des Kothen 
Meeres, um von da nach den Culturtändcrn der 
alten Welt gebracht zu werden. In einem sehr 
instructiven Aufsatze von Sidney Sonnino (L'Africa 
italiana, Nuova Antologia, III. Serie, Bd. XXV) 
werden als Producte, welche an die Küste von 
Suakin bis Massaua kamen : „penne di struzzo 
(dal Darfur), gomme (dal Kordofan), avorio (da 
Bahr el-Ghazal), caffe, [>elli e cereali" angeführt 
und dazu bemerkt „per la via di Suakioi si 
esportavano specialmentc una parte dellc gomme, 
dell' avorio, del caffe e una piccola quantilä di 
penne". Man wird bei dieser Liste an die Pro- 
ductenverzeichnisse des Landes Punt deutlich 
gemahnt. 

Wenn in den aegyptischen Texten Tributge- 
genstände des Landes Punt vielfach als Producte 

■) Terfl. Flockiger, Pbarmakotnoaia 4ea PlaBimreirlie« 
S. 3, i, 10, 11, Wletner, die teehnUch Tsrwradelra Oaninlarmi, 
IUr«e und Ualsame, S. 3 IT., und die KohitolTo de* I'iUoienreickn, 
8. 13 IT.). 



176 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT, 



Aethiopiens bezeichnet werden, wenn dieselben 
fast durchgehends mit denjenigen Aethiopiens 
identisch sind, überhaupt die Zugehörigkeit von 
Punt mit Aethiopien überall gebührend hervor- 
gehoben wird, so lehrt uns ein Blick auf die 
Karte, dass die Küste von Suakin nach Massaua 
in vorzüglicher Weise diesen Bedingungen ent- 
spricht. Das Nilthal nähert sich in der Breite von 
Suakin ganz bedeutend dem Meere. ,,Von Meroe 
bis zu diesem Meere — sagt Strabo — kann 
der Weg von einem raschen Wanderer in fünf- 
zehn Tagen zurückgelegt werden." 

Es ist bekannt, dass man zur Zeit der aegyp- 
tischen Herrschaft im Sudan sich ernstlich mit 
dem Gedanken an den Bau einer Eisenbahn vom 
Nilthale, von Berber aus nach Suakin getragen 
hat, um dem Handel des Sudan mit Aegypten 
raschere und sichere Bahnen zu weisen. 

Der Verkehr nilabwärts ist ungemein lang- 
wierig und beschwerlich und musste es in ältester 
Zeit noch mehr sein, wo die Herrschaft Aegyptens 
nach Süden bis zum ersten Katarakt, bestenfalls 
bis Wadi Haifa reichte. Das Aufblühen und Zu- 
rücktreten einzelner Gebiete und Häfen an der 
unwirthlichen Küste des Rothen Meeres ist durch 
die politischen Verhältnisse der Hinterländer, durch 
den Gang des Welthandels bedingt. Nach der 
Gründung des axumitischen Reiches gewann der 
Hafen von Adulis, welcher den Verkehr des an 
Rühproducten so reichen, an Industrieerzeugnissen 
so armen Hinterlandes mit der vorderasiatischen 
Culturwelt vermittelte, eine grosse Bedeutung. 
In früherer Zeit war das Gebiet um Suakin von 
grösserer Bedeutung wegen seiner bequemen Ver- 
bindung mit Nubien, dessen Residenzen Napata 
und Meroe auf die natürlichen Centren des weit 
ausgedehnten Gebietes hinweisen. 

Die Bewohner von Punt werden in den 
aegyptischen Texten als friedfertig und den 
Aegyptern stammverwandt (als rothe Menschen) 
bezeichnet. Daneben erscheinen auch Neger als 
Bewohner des Landes. Sie standen unter Häupt- 
lingen, deren einer P-rohu genannt, sammt seiner 
Centnerschweren Gemahlin in Deir el-Bahari ab- 
gebildet erscheint. Die Darstellung derselben er- 
innert, wie schon von verschiedenen Seiten be- 
merkt wurde, an die dicken Weiber afrikanischer 
Völkerschaften. „Ich halte dafür," sagt Schwein- 
furth, dass ,, Weiber, deren Körpergewicht drei 
Centner beträgt, unter den Bongo durchaus nicht 
zu den Seltenheiten gehören." Als Gott des Landes 
Punt dachten sich die Aegypter in späterer Zeit 
den zwerg- und fratzenhaft gestalteten Gespielen 
und Diener des Sonnengottes, mit Namen Bes. 

Alle Momente sprechen dafür, dass das Land 
Punt in dem Küstenstriche von Suakin gegen 
Massaua hin zu suchen ist, wo die Producte der 
reichen Hinterländer, vor Allem das Ante-Gummi, 
zum Theil aus weiter Ferne, zusammenkamen. 
Ein stricter Beweis wird jedoch erst dann ge- 
liefert werden können, wenn es gelingt, in jenen 
Gebieten aegyptische Inschiiften oder Denkmäler 



vorzufinden. Aehnlich wie in Syrien am Nähr «1 
Kelb oder am Sinai, vor Allem im Wadi Maghara, 
so hat das vielschreibende aegyptische Volk gewiss 
auch in Punt ;;weifellose Spuren seiner Anwesen- 
heit hinterlassen. Möchte es diesen Zeilen ver- 
gönnt sein, die Anregung zu geben, dass sie an 
jenem Küstenstriche gesucht werden, weicher der 
näheren wissenschaftlichen Erforschung bald zu- 
gänglich werden dürfte. 



WEST-CHINAS ERSCHLIESSUNG. 

Durch einen am 31. März 1890 zwischen der 
britischen und chinesischen Regierung verein- 
barten Zusatzartikel zum Vertrage von Chefoo 
vom Jahre 1876 ward Tschung-King, am Yangtse- 
kiang, die Haupthandelsstadt im westlichen China, 
zum Range eines Vertragshafens erhoben. Damit 
gewinnen diese entfernten Gebiete für uns erhöhte 
Bedeutung. „Westliches China" nennen sie die 
Leute in den Seehäfen und für diese liegen die 
Provinzen Sz-Tschwan, Kwei-tschou und Yünnan 
allerdings im Westen ; für den Abendländer, der 
sich nicht vergegenwärtigt, dass das eigentliche 
China mit seinen 18 Provinzen nur einen dritten 
Theil des gesammten chinesischen Reiches um- 
fasst, ist die Bezeichnung doch recht irreführend, 
denn er ist irrthümlich gewohnt, das westliche 
China hart an der russischen Grenze zu suchen, 
in Ostturkestan und der Dsungarei, Landet, über 
die sich Chinas Scepter, nicht aber der Name er- 
streckt. Dem Europäer dünken die genannten 
Provinzen noch stark im Osten und erst ein genauer 
Blick auf die Landkarte erlöst ihn von seinem 
Irrthume. In Wahrheit bilden dieselben indess den 
südwestlichen Theil des chinesischen Reiches. 
Yünnan ist der Grenznachbar von Birma und 
Tonking. 

Erst in den jüngsten Jahrzehnten ward der 
Schleier gelüftet, welcher bis dahin diesen ent- 
legenen Theil des himmlischen Reiches bedeckte. 
Der edle Venetianer Marco Polo hatte allerdings 
schon im dreizehnten Jahrhundert seine Reisen in 
Sz-Tschwan beschrieben und von dem Reichthume, 
der Fruchtbarkeit des Landes erzählt, aber seine 
Berichte wurden nahezu sechshundert Jahre lang 
ungläubig hingenommen, bis endlich die moderne 
Forschung deren Richtigkeit erwies. .Aber selbst 
Europäer, die in China ihren Wohnsitz auf- 
schlugen, blieben ohne Kenntniss vom Grossen 
Westen. Zumeist in den Seeplätzen der Ostküste 
in Handelsgeschäfte verwickelt, hatten sie keine 
Verbindung oder Berührung mit jenen entfernten 
Gebieten, und sprach einmal davon einer der 
seltenen Reisenden oder ein Missionär, so hinter- 
liessen ihre Reden kaum mehr als einen nebel- 
haften Eindruck. 

Die löblichen Bestrebungen der indischen Re- 
gierung, einen Handelsweg von Indien durch das 
damals noch selbstständige Reich Birma nach dem 
südlichen China zu eröffnen, brachten diese Region 




OE8TERREICMISCHE MONATSSCHRIFT PÖR DEM ORIENT. 



177 



zuerst dem allgemeinen Interesse näher. Bezie- 
hungen zu derselben hatten sich freilich schon 
einige Jahre zuvor ergeben. Yünnan, ein theils 
von Mohammedanern, theils von rohen Bergvölkern 
bewohntes, rauhes, wenig zugängliches und von 
Europäern damals so viel wie gar nicht erforschtes 
Ali)enland, hatte sich nämlich gegen die chinesische 
Herrschaft erhoben, zur Unabhängigkeit empor- 
geschwungen und in das mohammedanische Reich 
der Panthay oder Pansi verwandelt, dessen Sultan 
Soliman in Talifu Hof hielt und lange Zeit die 
gegen thn ausgesandten Heere der Pekinger Re- 
gierung mit Glück bekämpfte. Nur der Osten der 
Provinz mit der Hauptstadt Yünnan-fu verblieb 
in der Gewalt der Chinesen. Als Soliman's Herr- 
schaft so weit befestigt war, dass er daran denken 
konnte, Freundschaftsbündnisse mit auswärtigen 
Mächten anzuknüpfen, wandte er sich 1867 an 
seine nächsten, wahrhaft machtvollen Nachbarn, 
die Briten, wozu die Mission des englischen Major 
Sladen willkommenen Anlass zu bieten schien. Aus 
Sladen, Capitän William und A. Bowers, dann dem 
Naturforscher Dr. John Anderson und den Herren 
Stuart und Burn zusammengesezt, hatte sie die 
Aufgabe, zu untersuchen, inwieweit eine Möglich- 
keit vorhanden sei zur Wiedereröffnung einer 
llandelsstrasse, die seit uralten Zeiten den Jrawaddy 

I^^hinauf bis Bamo und von da durch die Land- 
^■schaften der unabhängigen Schan-Staaten bis Talifu 
^"^in Yünnan zog. Der Sladen'schen Mission gelang 
es indess nur bis Momei'n im Gebiete der Schan, 
nicht aber in's eigentliche China vorzudringen, 
weil die Panthay damals eben in der Eroberung 
des noch chinesisch gebliebenen Landestheiles be- 
griffen waren. Später indess, im Winter 1872 — 73, 
fiel nach langem erbitterten Kampfe das Reich 
der Panthay, und am ig. Jänner 1873 eroberten 
die Chinesen die Hauptstadt Talifu. Jetzt schien 
der Weg von Birma nach Yünnan wieder offen, 
und der britische Gesandte in Peking verhandelte 
alsbald wegen Empfang einer britischen Mission 
in Yünnan. Darauf hin erfolgte die Entsendung 
des Obersten Horace Browne, welchen Dr. Anderson 
und Herr Elias Ney, sowie eine Leibwache von 
fünfzehn Sikh begleiteten; am 21. November 1874 
segelten sie von Calcutta nach Rangoon und am 
15. Februar 1875 brach die Ex()edition von der 
birmanischen Grenzstadt Tsitkau, 25 km von Bamo 
entfernt, nach Manwein auf. Es ist dies ein den 
('hinesen zinspflichtiges Schandorf, vier Märsche 
von Tsitkau. Unterdessen war Herr Margary, ein 
junger, vielversprechender Consulatsbeamter be- 
ordert, von China aus der Gesandtschaft entgegen- 
zugehen und dieselbe über die Grenze zu geleiten. 
In der Ausführung dieses Auftrages begriffen, 
ward er jedoch am 2i. Februar durch den Militär- 
gouverneur von Momefn in Yünnan ermordet. Api 
nächsten Tage sahen sich Oberst Browne und 
seine Leute beim Dorfe Tsurai, in Sicht von 
Manwein, von mehreren hundert Chinesen umringt 
und angegriffen, und nur tapferste Gegenwehr be- 
wahrte ihre Schädel vor dem Geschicke, die 



Mauern von Momefn in Gesellschaft jenes des 
armen Margary zu schmücken. Aber die Expedition 
war zum Rückzuge gezwungen und kehrte unver- 
richtcter Dinge heim. 

Das Schicksal des unglücklichen Margary und 
der traurige Ausgang der Browne'schen Expedition 
hätten nahezu einen Krieg zwischen England und 
China zur Folge gehabt, doch wurden die entstan- 
denen Schwierigkeiten endlich 1876 durch den 
Vertrag von Chefoo beigelegt. Derselbe sollte 
einen regelmässigen Grenzverkehr zwischen Birma 
und Yünnan anbahnen und den Handel entwickeln. 
Man bewerthete diesen auf 500.000 t im Jahre, 
die sich hauptsächlich auf die Einfuhr roher Baum- 
wolle aus Birma nach Yünnan und auf Opium ver- 
theilten, welches letzteres Land als Stapelartikel 
lieferte. Inzwischen öffnete der Bericht des Herrn 
E. Colborne Baber über seine mit Herrn Grosvenor 
1876 im amtlichen Auftrage ausgeführte Reise durch 
Yünnan, allmälig den Engländern die .Xugen über 
den Werth oder richtiger Unwerth der „Gold- und 
Silber-Handelsstrasse" nach China. Bis dahin dachte 
man, der Weg ins Herz von Yünnan, wenn man 
einmal das Kachyen-Gebirge überstiegen habe, sei 
ein vergleichsweise leichter. Herr Baber zeigte 
indess, dass die wirklichen Schwierigkeiten des 
Weges erst in Momei^n anfangen und schilderte die 
Handelsstrasse von dort nach Talifu als „die mög- 
lichst schlechteste Strasse mit dem möglichst 
geringsten Handelsverkehr." Sie ist in der That 
ein sogar für einen vorsichtigen Fussgänger äusserst 
gefährlicher Saumpfad, blos für Maulthierc und 
Last-Kuli benutzbar ; Reiter sind oft genöthigt 
abzusitzen und ihre Thiere weite Strecken über die 
steilen Hänge der Gebirge und an den gähnenden 
-Abgründen vorbei, am Zügel zu führen. Der Luft- 
linie nach beträgt die Entfernung von Bamo nach 
Yünnan-fu freilich blos 580 km, in Wirklichkeit 
aber windet sich der Pfad an 1560 km lang durch 
rauhes Alpenland bis zu einer Meereshöhe von 
7925 m empor. Die Entfernungen sind weit grösser 
als man glaubt. Von Talifu hat man noch 2300 km 
(oder in der Luftlinie 1730) nach Tschung-King, 
der eigentlichen Handelsmetropole des westlichen 
China. Herr Baber schloss mit der Bemerkung, 
dass „wie abgeneigt auch die meisten Engländer 
sind, es zuzugeben, der einfache und offenbare 
Weg nach dem östlichen Yünnan vom Golf von 
Tonking ausgehe." 

Dort im Nordosten Hinterindiens hatten nun 
seit Jahren die Franzosen Fuss gefasst, welche auf 
der ganzen Halbinsel die natürlichen Nebenbuhler 
der Briten wurden und im Osten sich ebenso zu 
Herren des Landes machten, wie jene im Westen. 
Mit der politischen Herrschaft allein nicht zufrieden, 
waren indess auch sie unausgesetzt bestrebt, den 
Süden Chinas dem Handel zu erschliessen und einen 
dafür tauglichen Ueberlandweg ausfindig zu machen. 
In diesem Wettbewerb verblieb der Sieg den 
Franzosen, welche handelten, während die Eng- 
länder unterhandelten. Indess die verschiedenen 
britischen Gesandten Jahr für Jahr mit der Pekinger 



178 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



Regierung wegen der Eröffnung neuer Ilandels- 
wege nach Tibet und Westchina verhandelten, 
machten die Franzosen allen fruchtlosen Erörte- 
rungen ein kurzes Ende, indem sie im Lande selbst 
sich festsetzten und dasselbe für immer der ohn- 
mächtigen Oberherrschaft Chinas entrückten. Das 
Ergebniss war, dass Frankreich den Wettlauf 
gewann; indem es Tonking seinem hinterindischen 
Reiche einfügte, verläuft dessen Grenze längs jener 
der chinesischen Provinzen Kwang-si und Yünnan, 
in welche der Eintritt von den günstigsten Punkten 
ermöglicht ist. Der sogenannte Rothe Fluss ist die 
natürliche Abzugsstrasse für die Erzeugnisse des 
südwestlichen China nach dem Meere. Die Entfer- 
nung von Laokai, an der Grenze von Yünnan, bis 
Hanoi, der neuen französischen Hauptstadt von 
Tonking, beträgt keine 320 km. Dieser besser unter 
den einheimischen Namen Song-koi, Song-ka oder 
Hong-kiang bekannte Strom entquillt den Bergen 
im Süden von Talifu in Yünnan und mündet bei 
Haiphong, im Golf von Tonking, etwa 800 km von 
dem grossen Nachbarstapelplatze Hongkong ent- 
fernt. Hanoi liegt an den Ufern des Stromes unfern 
von seiner Mündung. Im Juli 1889 gelang es den 
Franzosen in achttägiger Dampferfahrt von Hanoi 
aus das Ende der Schiffbarkeit in Laokai zu er- 
reichen, auch glückte es ihnen für Ein- und Ausfuhr 
günstige Zollsätze zu erwirken, so dass aller Vortheil 
auf ihrer Seite liegt. 

Die Chinesen, welche mit ihnen in Wettbewerb 
auf ihren eigenen Gewässern treten könnten, 
namentlich auf dem Si-kiang oder Weststrome, 
welcher dem Songkoi parallel ganz auf chinesischem 
Gebiete fliesst, dann auch auf dem Yangtsekiang, 
der bis zu den Grenzen von Yünnan und Sz-Tschwan 
schiffbar ist, thun im Gegentheil wenig, die Ent- 
wicklung ihrer eigenen Hilfsmittel zu fördern, 
während die Vorschriften der Behörden den eigenen 
Handel grösstentheils zum Vortheil auswärtiger Be- 
werber lähmen. Der Weststrom entspringt im west- 
lichen Yünnan, durchfliesst die beiden Provinzen 
Kwang-si und Kwang-Tung, bespült die Mauern 
der grossen Stadt Canton und ergiesst sich in's 
Meer durch die Tigermündung gegenüber von 
Hongkong ; er ist schiffbar aufwärts bis zur Stadt 
Pe-se an der Grenze Yünnans und könnte eine 
wichtige Handelsstrasse sein ohne die Hemmungs- 
politik der chinesischen Regierung. Der Si-kiang 
bietet weit mehr natürliche Vortheile als der Song- 
koi; er ist viel wasserreicher und hat einen gerin- 
geren Fall, daher auch schwächere Stromschnellen. 
Aber er ist brach gelegt durch das Verbot, ihn mit 
Dampfern zu befahren und durch Zölle, die doppelt 
so hoch sind als jene auf der französischen Strasse. 
Ferner steht den Franzosen frei, die Schiffbarkeit 
des Songkoi in mannigfacher Weise zu verbessern ; 
auf den chinesischen Flüssen darf kein Stein an- 
gerührt, kein Hinderniss hinweggeräumt werden. 
Die chinesischen Behörden verschanzen sich hinter 
den Widerstand des Volkes, so oft Verkehrsver- 
besserungen zur Sprache kommen. Wer immer 
aber in China gelebt, und die Telegraphendrähte 



das Land kreuzen, einen Dampfbetrieb nach dem 
anderen widerstandslos eröffnen gesehen hat, weiss, 
dass es ein' blosser Vorwand ist, um ihren nicht un- 
natürlichen Widerwillen gegen fremde Einmischung 
in ihre Angelegenhe iten zu bemänteln. 

Der nächste w ichtige Schritt, um Zutritt zu 
Westchina zu erlan gen, ward in dem seltsam ab- 
gefassten Artikel des Chefoo -Vertrages gethan, 
wodurch Tschung -king dem britischen Handel 
bedingungsweise erschlossen ward. Der Artikel 
lautet nämlich: „Der britischen Regierung wird es 
ferner freistehen, Beamte zum Aufenthalte nach 
Tschung-King zu entsenden, um die Verhältnisse des 
englischen Handels in Sz-Tschwan zu beaufsich- 
tigen. Britischen Handelsleuten wird es nicht ver- 
stattet in Tschung-King zu wohnen oder Nieder- 
lassungen oder Waarenhäuser dort zu eröffnen, so 
lange nicht Dampfschiffe zu diesem Hafen Zutritt 
erlangen. Wenn es Dampfern glücken wird, den Strom 
so weit aufwärts zu kommen, können weitere Ver- 
einbarungen in Betracht gezogen werden." Auf 
Grund dieses Artikels ward der Consulatsbeamte 
.\lexander Hosie nach Westchina entboten, wo er 
drei Jahre zubrachte ; er nützte diese Zeit , um auf 
verschiedenen Bereisungen ungemein werthvolle 
Nachrichten und Erkundigungen über dieses inter- 
essante Land zu sammeln. 

Um seinen Posten in Tschung-King in Sz- 
Tschwan anzutreten, verliess Hosie Ende October 
i88i Wuhu, welcher Hafenort am Yangtsekiang 
etwa 480 km oberhalb Schanghai liegt und fuhr 
auf einem prächtigen Dampfer weitere 480 km den 
Strom hinauf nach Hankow, das er in den üblichen 
zwei Tagen erreichte. Von da nach den 640 km 
entfernten I-tschang benöth igle er aber, des seichten 
Fahrwassers halber, acht Tage. Dort langte er am 
17. December an und miethete eines der üppigen 
einheimischen Reiseboote, welche als „Kwa-tse" 
bekannt sind; dieses brachte ihn an seineBestimmung, 
nach Tschung-King, abermals 720 ^ot weiter. Dieser 
Platz zählt an 200.000 Einwohner und bietet nicht 
das geringste Be merkenswerthe, ist aber, wie ge- 
sagt, die Handelsmetropole des westlichen China 
und diente Herrn Hosie als Ausgangspunkt zu 
mehreren Reisen, die er nach Norden, Süden und 
Westen unternahm. Die erste derselben im 
Frühjahre 1882 dauerte 68 Tage. Sie führte ihn 
südwärts von Tschung-King durch die Provinz 
Kwei-tschou, die chinesische Schweiz und Heimat 
der Miao-tse, eines Stammes der Ureinwohner, von 
dem nicht wenige Familien schon im südlichen Sz- 
Tschwan getroffen werden. Uebrigens sind die Miao- 
tse von den Chinesen fast gänzlich ausgerottet und 
das nördliche Kwei-tschou kann man geradezu als 
einen einzigen Friedhof dieses Volkes bezeichnen. 
Nach einem Besuche der Provinzialhauptstadt Kwei- 
jang-fu wandte Hosie sich westwärts nach Yünnan- 
fu, der Hauptstadt Yünnans und von dort über die 
Gebirge im Nordosten dieser Provinz am Nan- 
kwang- Flusse hinab zum Yangtsekiang, um auf 
diesem wieder nach Tschung-King zu gelangen. 
Auf dieser Wanderung stiess Hosie zuerst auf die 




OESTERRBICHISCHB MONATSSCHRIPT fOR DEN ORIENT. 



179 



Wachslaus (Coccus ceriferus), eine Schildlaus, welche 
eine Flüssigkeit liefert, die zu einer weissen, wachs- 
artigen Masse erhärtet und zu Kerzen verwendet 
wird. Die Zucht dieses Insects ist nebst jener des 
Seidenwurms ein glänzender Reweis des chinesi- 
schen Scharfsinnes, welcher die winzigen Leistungen 
von Insecten für grosse industrielle Zwecke zu ver- 
wenden weiss. 

Hosie's zweite Reise, vom Februar bis Juli 
1883 erstreckte sich über ein noch grösseres und 
auch noch interessanteres Gebiet. Von Tschung- 
King in Nordwestrichtung wandernd, kreuzte er die 
berühmte Ebene von Tsching-tu-fu, das einzige 
grosse Flachlandstück im westlichen China. Sie 
bildet ein Tafelland von etwa 330 m Meereshöhe 
am Fusse der Gebirge Tibets und umfasst einen 
Flächenraum von 6200 km^, worauf etwa 3^/2 Mil- 
lionen Menschen wohnen. Dann wandte er sich süd- 
westlich zum Lande der Lolo, eines Volksstammes, 
der eine unabhängige „Insel", wenn wir uns dieses 
Ausdruckes in ethnographischer Bedeutung be- 
dienen dürfen, im südöstlichen 'I'heile der Provinz 
Sz-Tschwan mitten unter den Chinesen bildet. Diese 
Lolo sind schon zuvor sowohl von Baber als von 
F'rancis Garnier geschildert worden. Als er das 
Lololand hinter sich hatte, kam Hosie in das be- 
rühmte Tschien-tschang -Thal, das Baber 1877 
ebenfalls besucht hatte, und welches nach den Er- 
mittlungen Henry Jule's das Cain-du Marco Polo's 
ist. Zugleich ist es auch die vornehmlichste Ge- 
burtsstätte der Wachsschildlaus, welche hier ihre 
ersten Entwicklungsstadien durchlebt, ehe sie durch 
Kuliläufer, die nur bei Nacht reisen, zur Vollendung 
ihrer Aufzucht in den Bezirk von Kia-ting, 320 km 
weiter im Nordosten, gebracht wird. Dann über- 
stieg Hosie die schneebedeckten Kämme des Tsang- 
schan und kreuzte auf der ,, Sonnenbrücke" den 
Goldstaubiluss, wie in jener Gegend der Yangtse- 
kiang heisst, um nach Talifu zu gelangen, dem Ca- 
rajan Marco Polos. Von hier begab sich der eng- 
lische Reisende auf den Rückweg, denen wieder über 
^"ünnan-fu im östlichen Yünnan nahm. Durch das 
nördlich gerichtete Thal des Tschi-sing erreichte 
er den schiffbaren Yangtsekiang und traf nach 
sechsmonatlicher Abwesenheit wieder in Tschung- 
King ein'. 

Eine dritte Wanderung fiel in den Sommer 1884 
und bezweckte hauptsächlich Genaueres über die 
Wachsschildlaus in Erfahrung zu bringen. Diesmal 
durchzog er zunächst das Thal des Kialing, eines 
Flusses, der von Norden kommt und unter den 
Mauern Tschung - Kings in den Yangtsekiang 
mündet. Drei Tagemärsche brachten ihn nach dem 
Markte von Ho-tschou am Zusammenflusse des Fu, 
welcher dem Kia-ling von Westen zuströmt. Der 
Platz ist berühmt wegen seiner Soja-Industrie. Die 
pikante Sauce wird aus der Sojabohne gewonnen, 
von welcher ausgedehnte Pflanzungen in der Nach- 
barschaft vorhanden sind. Durch ungemein wohl- 
bebaute Landschaften, wie sie in Sz-Tscliwan typisch 
sind, kam Hosie in die Bezirke von Kia-ling und 
Omei, wo der Schildlausbaum gedeiht, einer Eschen- 



art, welche die Chinesen unter dem Namen Pai-Ia- 
schu kennen. Von hier bestieg Hosie den hüben 
Berg Omei, ein ungeheurer Kalkfels, dessen Gipfel, 
3350 m hoch, in den Wolken thront. Die ganze 
Gegend ist dem Buddhadienst ergeben, welchem der 
Berg durch die frommen Kaiser der Tangdynastic 
im VIII. Jahrhundert unserer Zeitrechnung aus- 
schliesslich geweiht worden sein soll. An den 
schluchtenreichen Abhängen des Berges stieg Hosie 
herab und wandte sich dann südlich durch eine 
arme, gebirgige Gegend nach den Ufern des Gol- 
denen Stromes , den er wieder hinabfuhr. Auf 
dieser Wanderung hatten er und seine Genossen 
grosse Beschwerden zu ertragen ; sie Alle wurden 
vom Fieber niedergeworfen, welchem auch einer 
von ihnen erlag. 

Die Frucht dieser ausgedehnten, umfassenden 
Forschungen ist eine ausführliche Monographie 
über Sz-Tschwan, wie sich deren keine andere der 
achtzehn Provinzen Chinas rühmen kann. Die 
Völkerkunde insbesondere verdankt dem umsich- 
tigen Beobachter höchst werthvolle Nachrichten 
über die noch so wenig bekannten Stämme der 
eben in diesen Gegenden hausenden Urvölker, die 
um so willkommener erscheinen, als die Erhebung 
Tschung-Kingszu einem Vertragshafen dieses reiche 
und interessante Land endlich dem abendländi- 
schen Unternehmungsgeiste eröffnet hat. 

F. V. H. 



DAS JAPANISCHE THEATER.') 

Beschränken sich die japanischen Schauspieler, 
gleich den unseren, darauf, den Gedanken des 
Autors zu erfassen und ihn so wiederzugeben, wie 
sie ihn verstehen? Keineswegs. Sic können weit 
mehr; sie arbeiten an der Abfassung des Stückes 
selbst mit, sie componiren es, wenn man so sagen 
darf, denn der Autor gibt ihnen in der Regel nur 
eine Idee, den breiteren oder schmäleren Canevas, 
in welchen sie die ihnen beliebigen Muster sticken. 
So spielt denn der Verfasser eine untergeordnete 
und wenig rühmliche Rolle. Ohne ihn weiter zu be- 
fragen, corrigircn und modeln die grossen Mimen an 
iliren Rollen, an der Handlung selbst, bis hinab in 
die Tiefen der Intrigue. So wird oft wochenlang dem 
Publicum ein Stück vorgeführt, bevor es noch eine 
definitive Gestalt angenommen hat. Offenbar sind 
die japanischen Schauspieler Improvisatoren ersten 
Ranges. Derartiges lässt sich schwer mit unseren 
dramatischen Regeln in Einklang bringen. Die Ein- 
heit der Handlung, des Ortes und der Zeit 
machen dem japanischen Dramaturgen nicht viel 
Kopfzerbrechens. Am wenigsten wird die Einheit 
der Handlung respectirt. Das japanische Drama 
ist mehr ein Bild des wirklichen Lebens als ein 
ideales, künstlerischen Principicn unterworfenes 
Gemälde. Daher nehmen denn auch Autor und 
Schauspieler gleichen Anthcil an der Mache des 
Stückes und scheuen sich nicht, es mit Beiwerk tu 



■) Siner der jüngalrn Nnmioarn tob S. Blnc't ,L« Jap«* 
arUsttqie" r tnomnion. 



180 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



überladen, das mit der eigentlichen Handlung in keinem Zusammenhange steht. Nicht nur erblicken 
sie hierin keinen Fehler, sie glauben vielmehr sich damit. ihrem Ziele, der Wahrheit, zu nähern; und in 
der That gelingt ihnen dies auch, indem sie im Drama des realen Lebens nicht den gewöhnlichen Lauf 
der Dinge einschränken und in dessen Entwicklung eine Fülle fremdartiger, mehr oder minderbanaler 
Episoden einflechten. Derartige Regeln lassen der Phantasie und dem Erfindungsgeiste des Schauspielers 
den weitesten Spielraum. Er soll eine Rolle nicht spielen, er soll sie auf der Scene durchleben. Es genügt, 
wenn er den Grundgedanken des Dramas erfasst und sich mit der Person, die er darstellen soll, identificirt. 

Man ersieht aus dem Gesagten, wie die dramatische Kunst dort eine ganz andere ist, als die 
unserige. Die Grundzüge eines Stückes wechseln allerdings nicht von einem Tag zum andern, doch 
ist die Recitation keine solche, dass sie die Schauspieler binden würde. Diese sind demnach darauf 
eingeschult, im Grossen und Ganzen der Entwicklung der Intrigue zu folgen, ohne sich durch die mehr 
oder minder unvorhergesehene Wendung, die dieselbe nehmen kann, aus der Fassung bringen zu 
lassen. Immer hat der Schauspieler die richtige Antwort bereit, und die grösste Schwierigkeit des 
Metiers, das sie in dieser Richtung völlig beherrschen, liegt darin, einerseits die ungelegenen Ueberstür- 
zungen, welche Unordnung und Verwirrung herbeiführen, andererseits aber Pausen und Ueber- 
raschungen zu vermeiden, die den Dialog in ungeschickter Weise in's Stocken bringen können. 

Begreiflich findet der Souffleur hier keinen Raum. Dessen- 
ungeachtet wird der Text in extenso von gewissen Stellen ge- 
schrieben, deren Worte für im Vorhinein berechnete Effecte wesent- 
liche Bedeutung haben. In solchen Fällen bedient man sich ab und 
zu eines Souffleurs, welcher jedoch nicht, wie bei uns, in einer Nische 
verborgen ist; er kauert ungenirt im Rücken des Schauspielers; das 
Publicum kann ihn mit dem Hefte in der Hand sehen, achtet aber 
seiner Thätigkeit, die übrigens nur von kurzer Dauer, kaum. 

Aber nicht durch die Zwischenfälle allein entfernt sich das 
japanische Drama — nicht selten im Interesse der Wahrheit — von 
der einheitlichen Handlung. Man würde auch Mühe haben, eine Lösung 
des Knotens in der Handlung zu finden, deren es eigentlich keine, 
oder wenn man will, mehrere gibt. Die Intrigue variirt vom Beginn 
bis zum Ende der Vorstellung in eigenthümlicher Weise. Eine und die- 
selbe Serie von Begebenheiten, die zu einer Lösung führen, zieht 
sich nicht über zwei oder drei Acte des sechs oder acht .Acte bieten- 
den Stückes hinaus. Man sieht also drei oder vier, unter sich kaum 
im Zusammenhange stehende dramatische Situationen sich successive 
aufrollen, und es fällt schwer, herauszufinden, wodurch Anfang und 
Ende zusammengehalten werden. 

Gleichwohl sind dies nicht ebensoviele voneinander unter- 
schiedene Dramen, und bei genauer Prüfung ist es nicht unmöglich, 
dem Faden der Ereignisse zu folgen, die man während zehn Stunden 
vor Augen hat. Dieses lose Gefüge ist so eigentlich ein Abbild des 
Lebens. Dass alle agirenden Personen in einem gegebenen Momente 
sterben, ist für die Japaner kein Grund, die Vorstellung zu schliessen. 
Die Todten sind ausser Spiel, aber 
ihr Ende kann dramatische Con- 
sequenzen nach sich ziehen, die kennen 
zu lernen von Interesse ist. 

Dieser Gesichtspunkt kommt 
umsomehr in der japanischen Kunst in 
Betracht, als dort — nicht wie bei 
uns, die Eifersucht, die hier nur als 
Zwischenfall auftritt — 
sondern die Rache die 
dominirende Leiden- 
schaft ist. Die Heraus- 
forderung , der Plan 
und die Vorbereitung 
der Rache, das ist die 
Basis der dramatischen 
Kunst, auf der sie voll- 
ständig ruht. Der Ja- 
paner ist in hohem 
Grade rachgierig und 





OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



181 



die Geschichte Japans eine unendliche Epopfie 
der Rache. 

So erklärt sich denn auch die lange 
Dauer der Vorstellungen : Eine Rache hirgt 
in sich den Keim zu einer weiteren ; kein 
Grund demnach, auf diesem Wege innezu- 
halten. Gleich Corsica hat Japan seine be- 
rühmten vendette, die Jahrhunderte lang 
währten und eine endlose Kette von Morden 
bildeten. IJas, was das vStück zum Abschluss 
bringt, ist nicht eine definitive Lösung, son- 
dern die vorgerückte Zeit. In die Ewigkeit 
hinaus kann ja doch nicht fortgespielt werden. 
Das japanische Drama ist gleichsam ein 
Fenster mit dem Ausblick auf einen Winkel 
irdischen Lebens; solch ein ganzer Tag 
Theatervorstellung führt nothgedrungen zur Er- 
müdung, und da schliesst man eben das Fenster. 
In früheren Zeiten begann man die Vorstellung am 
frühen Morgen, um erst in der sinkenden Nacht zu 
schliessen ; das konnte so fünfzehn bis achtzehn 
Stunden ohne Unterbrechung fortgehen. DieCivili- 
sation hat auch hier mildernd gewirkt ; heutzutage 
meint man mit zehn (!) Stunden Drama genug zu 
ha6en; man fängt später an und schliesst früher. 

Die grösseren Theater werden in jüngster 
Zeit bei einbrechender Dunkelheit durch Gas- 
llammen erhellt; sie haben eine Rampe wie bei 
uns. Die Schauspielhäuser zweiten Ranges sind 
jedoch noch nicht soweit und behelfen sich mit dem 
ursprünglich allein gekannten Beleuchtungssystem, 
das so phantastische Effecte erzielt. Es ist dies so 
echt eine japanische Specialität, die leider zu 
schwinden scheint und mit ihr eine locale Färbung 
der schönsten Art. 

Der Zuschauerraum wird nicht beleuchtet, die 
Besucher können im Dunkeln bleiben, auch die 
Scene ist völlig finster ; nur das Antlitz des einzelnen 
Schauspielers wird in's Licht gestellt. Was der 
Japaner in erster Linie auf dem Theater sucht, ist 
eben das Physiognomienspiel, daher auch der Schau- 
spieler in all seinen Bewegungen von einer Art 
neutralen Wesens begleitet wird, das ihm ein Lam- 
pion, welches an einer Stange hängt, ununter- 
brochen unter das Antlitz hält; jeder Auftretende 
hat seinen „Schatten", der nicht von ihm lässt. 
Man mus zugeben, dass das auf die Darstellung der 
Wahrheit sonst so erpichte japanische Publicum, 
was diese Beleuchtung anlangt, viel von seinen 
Ansprüchen fallen lassen muss. 

Die Mode des Händeklatschens, die noch nicht 
ganz im Schwange ist, aber sich einnisten wird, 
wurde gleichfalls Europa entlehnt. Der alte Brauch, 
den Namen des Autors laut zu schreien, überwiegt 
heute noch, verliert jedoch täglich an Terrain. 

In Europa ruft man den Künstler, wenn er 
die Scene verlassen hat, in Ja[>an aber mitten im 
Monolog oder Dialog, ja oft auch gelegentlich 
einer stummen Scene. Der Japaner legt in diese 
Rufe einen schwer zu besfhreibenden Ausdruck, 
ein Gemisch von Wohlwollen und manirirter Affec- 
tation. 






N 




Bei einem Zustande der dramatischen Kunst, 
wie wir ihn geschildert, darf es nicht Wunder 
nehmen, dass die japanische Literatur nahezu keine 
geschriebenen Dramen aufweist; wenige, soge- 
nannte classische Dramen bilden eben die Aus- 
nahme. Will man ilas Drama „lesen", so muss man 
mit einer Art Libretto vorlieb nehmen, das eine 
Analyse des Stückes enthält. Solcher Bachelchen 
gibt es mehrere für ein und dasselbe Schauspiel 
und stimmen dieselben nicht immer miteinander 
überein. Dies rührt davon her, dass sie von ver- 
schiedenen Zuschauern für die Buchhandlungen und 
die einheimischen Zeitungen zusammengestellt 
werden, und das nur während einer Reihe von 
Vorstellungen, in denen, wie früher eingehend er- 
wähnt , das Stück so sehr an Form und Inhalt 
wechselt. 

Die berühmten Künstler spielen nur in Tokio 
und Kioto. Alle anderen Städte, Osaka, das an 
Einwohnerzahl die frühere kaiserliche Residenz 
überflügelt hat, nicht ausgenommen, haben nur 
Truppen zweiten Ranges. Letztere Stadt ist zu sehr 
ein Handels- und Industrieemporium geworden, als 
dass sie genügend Zeit für das Theater opfern 
könnte. Dieses ist eben in Japan keine Erholung 
am Abend eines durchgearbeiteten Tages, sondern 
ein Tageswerk selbst. 

Ein grösseres Theater in Tokio fasst an zwei- 
tausend Personen. Die dortige Bevölkerung ist 
ebenso z.ihlreich als enthusiastisch, und so macht 
deshalb ein Drama mehrere Monate volle Häuser; 
anders wären aber auch die riesigen Kosten der 
Inscenirung nicht hereinzubringen. 



ZUR ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DES ISLAM. 

Von Heitnann t'eigl. 
Ist es schon interessant, die Kämpfe zu be- 
trachten, welche die Lehre Muhammed's mit dem 
arabischen Volksgeiste zu bestehen hatte, um 
Boden fassen zu können, so ist es nicht minder 
anziehend, den Entwicklungsgang der muslimi- 
schen Religion in Bezug auf ihr inneres Wesen 
zu verfolgen. Wie es kein weltliches Gesetzbuch 
gibt, welches in casuistischer Darstellung für alle 



182 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



Rechtsfälle des civilen Lebens erschöpfend Vor- 
sorgen kann, so gibt es auch kein Religionsbuch, 
in welchem aller Kundgebungen des geistlichen 
Lebens gedacht sein könnte, in welchem der 
fromme Gläubige auf alle Gewissensfragen Ant- 
wort fände. In letzterer Hinsicht hilft über den 
Mangel detaillirter Gesetzgebung der Umstand 
hinweg, dass jeder Glaubenssatz als eine Summe 
von Gesetzen betrachtet werden kann, welche 
aus ihm nach Massgabe des jeweiligen religiösen 
Bedürfnisses mehr oder minder leicht abzuleiten 
sind. Wenn wir nun auf Grund dieser in Bezug 
auf die Moral kaum bestreitbaren Behauptung 
weiter annehmen dürfen, dass der philosophische 
Auf- und Ausbau einer Religion um so voll- 
kommener ist, in je weniger Lehren und Gebote 
diese Dogmen und Moralgesetze zusammenfasst, so 
stehen wir bei Betrachtung der Lehre Muhammed's 
keinem Zweifel gegenüber, dass ihr ursprüng- 
licher Aufbau von einem Beispiele der Vollkommen- 
heit sehr weit entfernt ist. 

Muhammed's Lehre war so inconsequent wie 
sein Leben und seine durch Abu Bekr im Koran 
gesammelten und von Osman neuerdings redigirten 
Aussprüche zeigen manche Lücke, welche die das 
heilige Buch um Rath fragenden Gläubigen oft 
wichtige oder präcise Entscheidungen sowohl in 
moraltheologischer wie in ritueller Beziehung nicht 
leicht verschmerzen Hessen. Das praktische religiöse 
Bedürfniss liess es bald erkennen, dass der Koran 
unzureichend sei und einer Ergänzung von dem- 
selben Gewichte und derselben Autorität bedürfe, 
wie das ewig unveränderliche Buch AUah's selber. 
Diese Ergänzung fand der Koran in der Sunna 
und im Hadith. Lässt sich auch für das, was im 
Islam die Sunna heisst, in anderen geoffenbarten 
Religionen eine Parallele finden, die wir gewöhn- 
lich mit dem vagen Begriffsausdrucke „Tradition" 
zu bezeichnen pflegen, so finden wir für das 
muslimische Hadith, weder in Rücksicht auf seine 
Bedeutung, noch in Hinsicht auf sein formales 
Auftreten, nirgendwo ein passendes Seitenstück. 
Und doch ist das Hadith ein integrirender Be- 
standtheil des Islam, ohne welchen wir uns heute 
die Religion Muhammed's so wenig vorstellen 
können, als der Muslim seiner zum Ausbaue des 
lückenhaften Religionssystems des Propheten be- 
durfte. Von welcher Bedeutung das Hadith für 
die verschiedenen Beziehungen des muhammedani- 
schen Lebens ist, darüber belehren uns Dr. Gold- 
Ziher's „Muhammedanische Studien^ *) mit einer 
Ausführlichkeit und einer Gediegenheit, welcher 
der behandelte Gegenstand würdig ist, und wofür 
dem ausgezeichneten Gelehrten nicht nur die 
vollste Anerkennung des ^Fachmannes, sondern 
auch der Dank aller Gebildeten gebührt, denen 
Geschichts- und Religionswissenschaft nicht blos 
vom Hörensagen bekannt sind. 



*) Mohammedanische Studien. Von Ignaz Goldziher. II. Theil. 
Halle a. 8. 1890. 8" X, 420 S. — Der I. Theil des Werkes erschien 
im Jahre 1888. Man vergleiche hiezu den besprechenden Artikel 
„Araberthum und Islam" von H. Peigl in Nr. ,5 und 6 (Mai- und 
Junibeft) 1889 der „Oesterreichischen Monatschrift für den Orient". 



Was versteht man unter Hadith? Wozu dient 
es? Wozu wird es gebraucht und missbraucht? 
Das sind die hauptsächlichsten Fragen, welche 
uns in den folgenden Zeilen beschäftigen werden 
und bei deren Beantwortung wir Goldziher als 
dem besten Gewährsmanne folgen können. 

Hadith bedeutet zwar im Allgemeinen : Mit- 
theilung und Erzählung; dass das Wort aber schon 
seit den ersten Zeiten des Islam zur Bezeichnung 
einer bestimmten Art von Erzählungen und Mit- 
theilungen gebraucht wurde, geht aus Rede- 
wendungen, wie „das schönste Hadith ist das 
Buch Alläh's'' unzweideutig hervor. Hadith heisst 
alles Dasjenige, was der Prophet ^^hinsichtlich der 
Ausübung der von ihm vorgeschriebenen religiösen 
Pflichten, hinsichtlich der allgemeinen Lebens- 
führung und des gesellschaftlichen Verhaltens oder 
mit Bezug auf Vergangenheit und Zukunft, ob 
nun in öffentlicher Versammlung oder im privaten 
Verkehre" seinen Anhängern gelegentlich mit- 
getheilt hat und was diese zur Erbauung und Be- 
lehrung der Gemeinde aufbewahrt haben. Solche 
„Hadithe" genannten Mittheilungen des Propheten 
wurden denen hinterbracht, welche in fernen 
Ländern wohnten und also nicht Ohrenzeugen der 
Aussprüche des Propheten sein konnten; zu solchen 
Hadithen — und dies wolle als hochbedeutsam 
bemerkt werden! — dichteten aber auch die 
frommen Ueberlieferer »manches Heilsame aus 
Eigenem hinzu, was sie als im Geiste des Propheten 
gedacht, ihm unbedenklich zuschreiben zu dürfen 
glaubten oder von dessen Heilsamkeit sie im 
Allgemeinen überzeugt waren." Nach diesem lässt 
sich urtheilen, dass die Authenticität der Hadithe 
eine sehr zweifelhafte Sache ist; ebenso schwierig 
ist es auch, über den ältesten Bestand des Hadith, 
selbst in der auf Mohammed folgenden Generation 
zu entscheiden. Goldziher spricht deshalb die An- 
sicht aus, dass wir den weitaus grössten Theil 
des Hadith als Resultat der religiösen, historischen 
und gesellschaftlichen Entwicklung des Islam in 
den beiden ersten Jahrhunderten betrachten können. 
Daran knüpft er zugleich auch die Bemerkung, 
dass uns das Hadith nicht als Document für die 
Kindheitsgeschichte des Islam, sondern nur als 
Mittel dienen kann, dessen reifere Entwicklungs- 
stadien zu verfolgen. „Es bietet uns ein unschätz- 
bares Material von Zeugnissen für den Entwick- 
lungsgang, den der Islam während jener Zeiten 
durchmacht, in welchen er aus einander wider- 
strebenden Kräften, aus mächtigen Gegensätzen 
sich zu systematischer Abrundung herausformt. 
Und in dieser Bedeutung des Hadith liegt die 
Wichtigkeit der gehörigen Würdigung und Kenntniss 
desselben für die Erfassung des Islam, dessen 
merkwürdigste Entwicklungsphasen von der succes- 
siven Entstehung des Hadith begleitet sind." 

Jedes Hadith besteht aus zwei Thcilen, deren 
einer so wichtig und nothwendig ist wie der andere. 
Man begnügt sich nicht damit, zu wissen, was über- 
liefert ist, sondern man Trill auch die Ueberlieferer 
kennen ; deshalb hat dem Wortlaute des Aus- 




OE8TERRBICHISCHB MONATSSCHRIFT pOr DEN ORIENT. 



188 



Spruches, dem Texte [Main) <les Hadi'th die wohl- 
geordnete Reihe oder Kette der Gewährsmänner 
vorauszugehen, welche vom letzten Ueberlieferer 
angefangen bis hinauf zum ersten Urheber die be- 
treffende Mittheilung von einander übernommen 
haben. Ohne diese Kette, welche die Stütze {Isndd) 
des Hadith genannt wird, gibt es keine Ueberliefe- 
rung, welche auf Glaubwürdigkeit Anspruch er- 
heben könnte. Die Muhammedaner selbst glauben 
zwar annehmen zu dürfen , dass das Hadith ur- 
sprünglich nur auf mündliche Ueberlieferung be- 
rechnet war, doch Manches spricht dafür, dass es 
schon von jeher schriftlich auf|;ezeichnet und auf- 
bewahrt wurde. Bei der Wichtigkeit, welche man 
den Aussprüchen des Propheten beilegte, ist es fast 
undenkbar, dass man sie dem Zufalle mündlicher 
Aufbewahrung preisgab, und in der That wird uns 
auch eine Reihe von Büchern aus der ersten Gene- 
ration des Islam genannt, in denen Aussprüche 
Muhammed's gesammelt worden sein sollen. Ja 
selbst die Schiiten, von denen man irrthümlicher- 
weise gerne behauptet, dass sie nur den Koran als 
Richtschnur des religiösen Wandels anerkennen, 
selbst sie berufen sich gerne auf alte Schrift- 
werke, in welchen die Berechtigung ihrer Lehre zu 
fmden ist. 

Wenn nun, wie wir gesehen haben, Hadith die 
Ueberlieferung ist, was ist dann Sunna, womit man 
stets den Begriff der Tradition zu verbinden ge- 
wohnt ist? Sagen wir es kurz: „Hadith ist eine auf 
den Propheten zurückgeführte mündliche Mit- 
theilung; Sunna ist, ohne Rücksicht darauf, ob dar- 
über etwas mündlich Mitgetheiltes vorliegt oder 
nicht, der in der alten muhammedanischen Ge- 
meinde lebende Usus mit Bezug auf ein religiöses 
oder gesetzliches Moment." Wenn also in einem 
Hadith eine Regel enthalten ist, so hat diese selbst- 
verständlich auch als Sunna zu gelten; nicht jede 
Sunna lässt sich aber aus einem Hadith ableiten, 
ja es ist sogar möglich, dass die in einem Hadith 
enthaltene Weisung mit der Sunna, dem Gewohn- 
heitsrechte geradezu in Widerspruch steht. 

Eine Sunna kannten schon die heidnischen 
Araber in vormuhammedanischer Zeit; ihre Sunna 
lehrte sie, den Sitten und Gewohnheiten ihrer Vor- 
fahren treu zu bleiben und ihr Leben danach ein- 
zurichten. Der Regriff der Sunna wurde nur aus 
der Heidenzeit herübergenommen und den neuen 
muhammedanischen Anschauungen in der Weise 
angepasst, dass „den frommen Nachfolgern Muham- 
med's und seiner ältesten Gemeinde Dasjenige als 
Sunna galt, was als die Uebung des Propheten und 
seiner ältesten Getreuen nachgewiesen werden 
konnte." 

Auf das strenge F'esthalten an der Sunna wird 
umsomehr Gewicht gelegt, als der junge Islam so- 
wohl in politischer als auch in ritualistischer Hin- 
sicht sich gegen die Zumuthung mancher Neuerungen 
zu wehren hatte. Niemand soll im Islam anders 
handeln oder anders den religiösen Gebräuchen ob- 
liegen, als es die traditionelle Sitte, die Sunna vor- 
schreibt. Die eigene Handlungsweise, die ausdrück- 



liche .Anordnung oder dir stillschweigende Billigung 
des Propheten ist der Massstab für das, was als 
Sunna zu gelten hat. Nach der Sunna richtete man 
sich nicht nur in ernsten und wichtigen Phallen des 
Lebens, man fragte sie auch in den kleinlichsten 
Dingen um Rath. 

Was die Sunna für den Mohammedaner be- 
deutete, wie hoch sie von allem Anfange an im 
Islam gehalten wurde, dies bezeugt der Grundsatz, 
der sich schon im I. Jahrhundertc herausgebildet 
hatte: „Die Sunna ist der Richter über den Koran, 
nicht umgekehrt." Und die Macht der Sunna hat 
seitdem bedeutend zugenommen ! Eher war es noch 
in alter Zeit möglich, der Sunna zuwider zu handeln 
oder ihr praktische Geltung abzusprechen , als 
später. Gewann die Sunna neben dem Koran immer 
mehr Boden, bis man so weit gekommen war, sie 
so wie den Koran als von Gatt geoffenbart zu be- 
trachten, so war man endlich auch an dem Punkte 
angelangt, Sunna und Koran als vollständig gleich- 
werthig nebeneinander zu stellen und schliesslich 
scheute man sich auch nicht mehr zu behaupten, 
dass Gebote der Sunna solche des Korans abrogiren 
können. Als die Werthschätzung der Sunna so weit 
gediehen war, wetteiferten fromme Muhammedaner 
in der Nachahmung jener Altvordern [Sola/), welche 
ihre Lebensgewohnheiten unter den Augen und 
nach dem Muster des Propheten gebildet hatten, 
und forschten eifrig nach den Lebensgewohnheiten 
Muhammed's und seiner Genossen, um ihr eigenes 
Leben darnach, einrichten zu können. Gebräuche, 
die längst aus der Uebung gekommen waren, 
wurden auf diese Weise wieder eingeführt und Je- 
dem wurde es von den frommen Gläubigen als hohes 
Verdienst angerechnet, wenn er durch Wiederein- 
führung einer solchen alten Gewohnheit „die Sunna 
wieder belebte." Um den Ruf und das Verdienst 
eines „Wiedcrbelebers der Sunna" zu gewinnen, 
verüben die Ueberfrommen die einfältigsten Dinge. 
Obwohl die Rechtsgewohnheit des öffentlichen Eid- 
fluches längst ausser Gebrauch gekommen ist, ver- 
flucht ein Gelehrter von Cordova im IV. Jahrhundert 
(d. H.) sein Weib in öffentlicher Moschecversamm- 
lung, weil es einmal so Sitte gewesen ist; der an- 
dalusische Fürst Al-Hakam greift im Kriege die 
Christen zu jener Tageszeit an, in welcher der 
Prophet einst gegen die Ungläubigen gekämpft 
hat ; ein .\nderer lässt gar noch im Jahre 693 
wieder das alte Hohlmass einführen, welches zur 
Zeit Muhammed's in Medina in Gebrauch gewesen 
war, u. dgl. m. 

Je mehr man auf die strenge Befolgung der 
Sunna zu halten angefangen hatte, mit desto 
grösserem .\bscheu verwarf man jede Neuerung 
als Ketzerei. Was nicht im Zeitalter des Propheten 
geübt worden war, was ohne entsprechendes Beispiel 
aus der alten Zeit geübt wurde, galt als etwas 
Willkürliches, was unbedingt zu verwerfen und zu 
verdammen war. Dergleichen brauchte nicht einmal 
dem Geiste der Sunna zu widersprechen, es ge- 
nügte, dass es in ihr nicht nachzuweisen war, und 
es wurde mit aller Strenge verpönt. 



184 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÜR DEN ORIENT. 



Der Gebrauch von Kaffee und Tabak, des 
Buckdrucks, die Benützung von Tischen, Messern 
und Gabeln, von Sieben etc. Alles, was nach der 
Zeit Muhanimed's aufgekommen war, wollten 
fromme Fanatiker verworfen wissen und legten zu 
solchem Zwecke dem Propheten selbst das Ver- 
dammungsurtheil in den Mund. 

Nur der besseren Kinsicht verständiger Theo- 
logen ist es zu danken, dass derartige Uebertrei- 
bungen sowohl in Hinsicht auf die Wiederbelebung 
dervSunnaals auch in Hinsicht auf die Verwerfung 
von Neuerungen als Ketzereien nicht so weit aus- 
arteten, dass sie das gesellschaftliche Leben be- 
hinderten und die allzu Frommen in den wieder 
erweckten patriarchalischen Zuständen der An- 
forderungen einer fortgeschrittenen Zeit vergessen 
liessen. Man fing an, die Neuerungen nicht sammt 
und sonders ohne Rücksicht auf ihren Zweck und ihre 
Nützlichkeit für das praktische Leben zu verwerfen, 
sondern man machte Unterschiede zwischen guten, 
lobenswerthen und schlechten, verwerflichen Neue- 
rungen. 

Nachdem wir das Wesen von Sunna und Ha- 
dith und den Unterschied zwischen beiden kennen 
gelernt haben, sehen wir nun zu, was für eine be- 
deutungsvolle Rolle in der Entwickelung des Islam 
sie sowohl in theologischer wie in hierarchischer 
Hinsicht gespielt haben. 

Nicht allerorten, wo die Herrschaft des jungen 
Islam Boden gefasst hatte und selbst nicht in den 
berufensten Kreisen, das heisst, am Hofe der Kha- 
lifen, erfreute sich die Religion Muhammed's der- 
selben Aufmerksamkeit und Pflege, wie die unter 
dem Deckmantel der Religionsforderung sich breit 
machenden weltlichen Interessen. Mag die Sunna 
in Medina, dem Ausgangspunkte der muhammeda- 
nischen Lehre , für welche man hier auch das 
meiste Verständniss hatte, mag die Sunna auch 
dort von allem Anfange an zur Grundlage des reli- 
giösen Lebens gemacht worden sein, in den ent- 
fernteren Provinzen musste sich der Islam, we- 
nigstens im ersten Jahrhunderte seines Bestehens, 
mit einem ziemlich fremden und frostigen Ent- 
gegenkommen begnügen. Wollen wir schon der 
gleichgiltigen und in religiösen Dingen unwissenden 
grossen Masse der unterworfenen Völker ihre ab- 
sichtliche oder unabsichtliche Indifferenz zu Gute 
halten, so können wir doch unser Staunen nicht 
unterdrücken, wenn wir hören, dass selbst von 
regierungswegen zur Festigung der religiösen An- 
gelegenheiten sehr wenig geschehen ist. Die Dy- 
nastie der Umejjaden fasste den Khalifenberuf 
keineswegs so ideal auf, wie wir uns gerne vor- 
stellen. Sie lebten zwar auch nach der Sunna, aber 
nur dort, wo es ihnen genehm und ihren ma- 
teriellen Interessen förderlich war. 

Unsere Bewunderung, die wir dem rasch um 
sich greifenden und die Gemüther entflammenden 
Islam entgegenzubringen gewohnt sind, schrumpft 
auf ein bedenkliches Kopfschütteln zusammen, 
wenn wir hören, dass die guten muslimischen Unter- 
thanen nicht einmal wussten, wie sie beten sollten. 



und dass die tapferen muslimischen Eroberer zwar 
überall eiligst für Allah Moscheen bauten, nichts- 
destoweniger aber in den Elementen des Cultus 
ganz unwissend waren. Freilich entsetzten sich 
die Frommen, wenn sie einen Prediger von der 
Kanzel herab profane arabische Verse als Koran- 
stellen citiren hörten, aber die Regierung fühlte 
sich keineswegs genöthigt, Missständen abzuhelfen, 
die ihr nicht in materieller oder dynastischer Hin- 
sicht direct schaden konnten. 

Die umejjadischen Herrscher fühlten sich 
eben nicht als Khalifen, als Nachfolger des Pro- 
pheten, dessen geistiges Erbe sie in einem theo- 
kratischen Staate zu vertreten hatten, sondern als 
Könige eines weltlichen Reiches. 

Umsomehr hatten die Frommen Ursache, das 
von Muhammed gelegte Samenkorn des Glaubens 
mit aller Fürsorglichkeit zu pflegen, und wenn sie 
im Eifer für die gute Sache des Guten zu viel 
thaten, können wir es ihnen in Rücksicht auf den 
Zweck, den sie verfolgten, durchaus nicht übel 
nehmen. 

Sie sammelten aus dem Munde der unter 
ihnen lebenden „Genossen" und „Nachfolger" des 
Propheten das Material zur Sunna, welche dem 
muhammedanischen Gesetze und Rechte zu Grunde 
liegen sollte, sie unternahmen Reisen in ferne 
Gegenden, um Hadithe und Sunnas zu sammeln, 
und endlich scheuten sie sich auch nicht, Lehren, die 
sie dem Sinne des Islam zusagend fanden, mit einer 
beglaubigenden Kette von Gewährsmännern zu 
versehen und als von Muhammed selbst herrührend 
auszugeben und in Umlauf zu setzen. 

Was die gute Meinung der Frommen- zu ihrem 
Zwecke thun konnte, das glaubte sich auch die re- 
gierende Macht zu ihren Absichten erlauben zu 
dürfen. Erdichteten die Gläubigen Hadithe gegen 
die gottlose Regierung, so liess diese wieder Ha- 
dithe verfertigen, wenn es galt einer ihrer .An- 
sichten allgemeine Anerkennung zu verschaffen 
oder die opponirenden Frommen zurückzuweisen. 
Da es an willigen Werkzeugen niemals mangelte, 
welche solchen officiellen Traditionslügen als Ge- 
währsmänner ihren wohlklingenden Namen liehen, 
so waren die Herrscher auch nicht in Verlegenheit, 
durch erlogene Hadithe ihren persönlichen oder 
dynastischen Wünschen Geltung zu verschaffen. 
Dass solche käufliche Traditionsschmiede von den 
wahrhaft Frommen gebührend verabscheut wurden, 
ist ebenso einleuchtend, als dass Jeder, der sich 
reine Hände und ein reines Gewissen bewahren 
wollte, der Regierung aus dem Wege ging. Es 
gab da eine Zeit, wo man es geradezu als Schimpf 
betrachtete, in die Dienste der Regierung zu treten, 
und charaktervolle Männer sich weigeren, ein von 
derselben abhängiges Amt anzunehmen. 

Wie zu politischen und dynastischen Zwecken, 
so machten sich die Umejjadenfürsten die Tradition 
auch hinsichtlich religiöser Dinge ihren Wünschen 
dienstbar. Die patriarchalische Sitte verlangte es, 
dass der Imäm am Freitage zwei Ansprachen an 
die versammelte Gemeinde hielt, und die umejjadi- 



JEONOTA X 



OESTERREICHISCHE MONATSSCHRIFT FÖR DEN ORIENT. 



185 



sehen Herrscher legten auch Werth darauf, sich 
ihren Unterthanen von der Kanzel aus zu zeigen. 
Dünkelhaft aber, wie sie waren, glaubten sie bei 
dem feierlichen Acte, der von jeher stehend voll- 
zogen wurde, nicht wie irgend ein armseliger 
Prediger stehen zu müssen, sondern angesichts 
des ihnen unterthänigen Volkes auch sitzen zu 
dürfen. Ua nun die sunnatreuen Frommen gegen 
diese unerhörte Neuerung ihre Stimme erhoben, 
die aristokratisch gesinnten Umejjaden aber dem 
Volke gegenüber ihr angemasstes Recht behaupten 
wollten, so musste ein officieller Theologe den 
Leuten erklären, dass schon der Khalife Osman 
die Gewohnheit gehabt habe, wenigstens die 
zweite Ansprache an die Gläubigen sitzend vor- 
zutragen. 

Erdichtete Hadithe dienten, wie wir schon be- 
merkt haben, nicht nur egoistischen Zwecken, 
sondern auch als Mittel, die gute Sache des 
Glaubens zu fördern. Was der Prophet nicht 
wirklich gesagt hatte, das konnte er ja, wenn 
Gelegenheit gewesen wäre, gesagt haben, und 
auf kleine Unrichtigkeiten in der Anführung der 
Gewährsmänner kam es dann auch nicht gerade 
mehr an, wenn man im Auge behielt, „dass die 
Anlehnung eines neuen, dem angestrebten Ziele 
entsprechenden Lehrsatzes an die Autorität 
Muhammeds die J<'orm war, in welche man die 
hohe religiöse Berechtigung der Lehre zu fassen 
für gut fand." 

Im II. Jahrhunderte (d. H.) wusste man recht 
gut, dass unter den guten Hadithen sehr viele 
falsche waren, doch eben weil sie gut waren, 
sah man ihnen die fälschliche Zurückführung auf 
den Propheten nach, ja man führte zu Gunsten 
der unechten Hadithe wieder Aussprüche Muham- 
med's an, welche selbstverständlicherweise eben- 
falls unecht waren. „Nach meinem Hingänge", 
soll der Prophet gesagt haben, „werden die mir 
beigelegten Aussjjrüche sich vermehren, ebenso 
wie man auch den früheren Propheten in grosser 
Anzahl Aussprüche zugeschrieben hat. Was man 
euch nun als meinen Spruch mittheilt, dass müsst 
ihr mit dem Gottesbuch (Koran) vergleichen; 
was mit diesem in Einklang ist, das ist von mir, 
ob ich es nun wirklich selbst gesagt habe oder 
nicht.-' Damit erklärte man also unumwunden, 
dass die religiöse Correctheit eines apokryphen 
Ausspruches ihn den authentischen Aussprüchen 
des l'ropheten gleichwerthig erscheinen lasse. 

l''ür gewisse Arten von Traditionen genügte 
es aber nicht, sich auf mündliche Anordnungen 
des Pro|)heten zu berufen, und in solchen Fällen 
brachte man die Schriftstücke bei, welche den 
Willen Muhammed's beurkundeten. Gewöhnlich 
[)roducirte man nur sogenannte Copien, zu welchen 
natürlich das Original fehlte, worum sich gläubige 
Gemüther auch nicht bekümmerten. Geschah 
Letzteres dennoch oder hatte man es zu erwarten, 
so war man auch um die Originalstücke nicht 
verlegen und wies sogar Documente vor, welche 
mit dem Insiegel des Propheten versehen waren. 



Kennzeichnet eine solche Lässigkeit in religiösen 
Dingen die Herrschaft der Umejjaden, so sehen 
wir nach deren Sturz unter der Regierung der 
Abbäsiden die Verhältnisse sich sehr verändern. 
Wie die umejjadische Herrschaft eine weltliche 
war, wie die Umejjadenfürsten sich als Könige 
gefühlt hatten, so zeigte sich di