(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Ostafrikanische studien"

This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world's books discoverable online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that 's often difficult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 

We also ask that you: 

+ Make non- commercial use of the file s We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can't off er guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
any where in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 

About Google Book Search 

Google's mission is to organize the world's Information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world's books while helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll text of this book on the web 

at http : //books . google . com/| 



Af 4-07O.I2» 



l^arbarli College librarg 



FROM THE 



SUBSCRIPTION FUND 

BEGUN IN 1858 




Google 



Digitized by LnOOQ IC 



Digitized by LnOOQ IC 



Digitized by 



Google 



Digitized by LnOOQ IC 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




W. Mnnzinger, 

Ostafrikanische Studien. 




\ 



Digitized by LnOOQ IC 



f\ 



Digitized by LnOOQ IC 






Ostafrikanische Studien 



Werner Munzinger. 



Mit einer Karte von Nord-Abyssinien nnd den Ländern am Mareb, 
Barka und Anseba. 



Zweite Ausgabe. 



Benno Schwabe, Verlajgsbuchhandlung. 
1883. 



Digitized by VjOOQ IC 



fyPi^ifOo. n 




, Subseription fui^d 



nüNB, NOV 10 1910 



Digitized by LnOOQ IC 




Herrn 



J. M. ZIE'GLfeR 



im Palmgarten zu Winterthur 



in inniger Verehrung 



der Verfasser. 



Digitized by LnOOQ IC 



f!^-'- 



Digitized by VjOOQ IC 



Inhalt. 



Sdte 

£inleitung 1 

Vom Rothen Meer. 

Briefe vom Rothen Meer 89 

Massna 114 

Das Samhar 132 

Der Bedni 143 

Die BeloQ und der Naib 162 

Ronte vom Samhar nach Keren 177 

* Reise in's Land der Marea. 

Von Keren nach Halhal 185 

üeber die Beit Takue 195 

Von Halhal nach Kelbetu 210 

Ueber das Volk der Marea 222 

Bäckkehr nach Keren 250 

Ueber die Beni Amer. 

Allgemeine Bemerkungen 275 

Ethnographisches 278 

Politische Verhältnisse 290 

Staat und Recht 307 

Inneres Leben 323 

Ueber die Spraclie To'bddauie. 

Ceber das To'becjauie 341 

Verbalwurzeln 355 

Sobstantive und Adjective 363 



Digitized by 



Google 



VIII 

Seite 

Reise durch das Land der Kunima. 

Sara^ 373 

Von Mai Sheka nach Adiabo 390 

Von Az Nebrid nach Mai Daro* 405 

Von Mai Daro nach Kassala 420 

• Der Mareb 436 

Land nnd Volk 448 

Verhältniss znm Ausland 456 

Aensseres Aussehen der beiden Völker 465 

Religion und Recht 469 

Blutrecht 4Ö9 

Inneres Leben, Wohnung und Geräth 505 

Viehzucht, Ackerbau, Handel 514 

Nahrung 521 

Schlussbetrachtungen 531 

Einige Bemeiitungen Ober Etlinograpliie von Kordofan 539 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 



Mauziuger, Ostafrik. Studien. 



Digitized by LnOOQ IC 



Digitized by VjOOQ IC 



Die Untersuchungen, die ich in diesem Buche veröffent- 
lichen will, betreffen hauptsächlich die Nord^renzen Abyssi- 
niens. Sie haben zur Grundlage jene Studien, die ich wäh- 
rend eines mehrjährigen Aufenthalte zwischen Meer und Nil 
gemacht und neben einzehien Abhandlungen in der Schrift 
über Recht und Sitten der Bogos veröffentlicht habe. Meine 
Betheiligung an der deutschen Expedition zur Aufsuchung 
Dr. VogeFs gab mir die Gelegenheit, die früheren Studien über 
diesen Strich zu vervollständigen und viele neue ihnen bei- 
zufügen. 

Ich vereinigte mich mit der deutschen Expedition den 
1. Juli 1861 in Massua; den 13. Juli brachen wir über die 
Lebkastrasse nach Keren auf, wo wir die Regenzeit verbrach- 
ten. In diese Zeit fällt die Reise in das Land der Marea 
(30. August bis 15. September), deren Verlauf und Resultate 
in diesem Buche beschrieben sind. Ende October brach die 
Gesammtexpedition nach Abyssinien auf; wir verfolgten den 
Anseba stromaufwärts bis Tsasega, setzten über den M'areb 
bei seiner Quelle und kamen über Godofelassie an den äussersten 
Abhang des Sarae zum Dorfe Mai sheka. Während nun von 
hier Herr v. Heuglin und Herr Dr. Steudner gegen Süd- 
abyssinien aufbrachen, kamen Herr Th. Kinzelbach und ich 
durch das Land der Bazen und der Barea über Algeden 
nach Kassala (16. November bis 22. December). Die Beschrei- 



Digitized by 



Google 



4 Einleitung. 

bung dieser Reise bildet einen andern Theil dieses Buches. 
Von Kassala gelangten wir über Chartum nach Kordofan, 
von wo wir unter schon bekannten Umständen umkehrten. 

Es ergibt sich aus diesen Daten und dem Inhalt vor- 
liegender Arbeit, dass meiiie Untersuchungen sich vorzüglich 
mit den Völkern beschäftigen, die von Meer zu Nil die Nord- 
grenzen Abyssiniens einnehmen und schon ein Blick auf die 
Karte zeigt, welche Interessen sich an diesen Strich knüpfen. 
Hier berührt sich das ägyptische Reich mit Abyssinien; hier 
streiten sich Christenthum und Islam in unmittelbarer Nähe. 
Die Stellung der Grenzvölker wird dadurch fest bestimmt. Als 
Bewohner der Tieflande sind sie den Bewohnern Abyssiniens 
entfremdet; werden sie auch Aegypten unterthan, so sind sie 
doch zu weit vom Mittelpunkt des Staates entfernt, um auch 
der Vortheile theilhaftig zu werden, die mit der Abhängigkeit 
verbunden sind. So sind sie beiden fremd: im Süden haben 
sie eine Monarchie, im Norden eine andere; sie sind von 
beiden abhängig und gehören doch eigentlich zu keiner; sie 
werden besteuert, aber nicht regiert und so haben sie die Frei- 
heit, ihr eigenthümliches Leben, Sitte und Recht treu zu be- 
wahren. 

Da aber die beiden Monarchien, je fester sie sich gestalten, 
sich um so näher rücken, so wird den Kampfplatz die Nord- 
grenze Abyssiniens abgeben; der Kampf der rohen Gewalten wii*d 
diese Völker, die im Wege stehen, erdrücken und das Grenz- 
land zu Einer grossen Wüste machen; so sehen wir Kordofan 
von Darfor, Darfor von Wadai durch Wüsten getrennt, weil 
kein Staatsvertrag die Grenzen schützt und niemand zwei 
Herren zumal dienen kann. Wenn aber Abyssinien sich gleich 
Aegypten zum Range einer civilisirten Macht emporschwingt, 
so wird die gegenseitige Berührung eine heilbringende und 
ihre Vermittler die Grenzvölker sein, die jetzt unbeachtet am 
Rand des Hochgebirges sich ausdehnen. 

Wir wissen, dass der Kampf zwischen den beiden Ländern 
nicht mehr ferne steht und wir werden später auf seine An- 



Digitized by 



Google 



Eioleitung. 5 

zeichen zurückkommen. Um nun die Lage der Grenzvölker 
bei diesem Zusammenstoss zu begreifen, müssen wir uns die 
Lage der beiden Länder, an die sie stossen, klar machen. 
Der Vergleich ist nicht ein willkürlicher; er liegt in der Natur, 
welche im VerhäJtniss von Abyssinien zu Aegypten einen ge- 
wissen freundlichen und feindlichen Dualismus, bedingt. Beide 
sind Nilländer, doch liegt das eine an seiner Quelle, das andere 
an der Mündung; beide liegen am Rothen Meer und beherr- 
schen sein nördliches und südliches Ende. Beide sind zu 
hoher Cultur geeignet, doch ist es Abyssinien durch seine 
hohe Lage und seine reichlichen Regen, Aegypten durch seinen 
Nu. Die zwei Länder standen immer in einem gewissen Ver- 
kehr, dahin deuten die Ruinen von Aksum und die Städte 
der Griechen am Rothen Meer; es waren ägyptische Griechen, 
die das Christenthum nach Abyssinien brachten, sodass es 
noch jetzt von der Mutterkirche, dem Stuhl des Marcus, ab- 
hängig ist. Freilich stehen sich, seit Aegypten den Islam an- 
genommen hat, die beiden auch religiös feindlich gegenüber. 
Wir sehen femer in Aegypten seit undenklichen Zeiten den 
Staat, wie er das Individuum herabwürdiget, während in 
Abyssinien die zerrissene, gebirgige Natur des Bodens die Ein- 
heit verhindert und den Staat auf sein Minimum reducirt. 
Deswegen konnte es dem starken Mohammed Ali mit verhält- 
nissmässig wenig Mühe gelingen, Aegypten zu regieren, wäh- 
rend der abyssinische Theodoros noch immer mit halbem Erfolg 
die Anarchie bekämpft. 



IL 

Wir brauchen uns nicht lange mit Aegypten zu beschäf- 
tigen, da es jedem Leser fast ebenso bekannt ist, wie jedes 
europäische Land, ein Land fast ohne Geschichte, das eine 
Korn- und Baumwollenkammer sein kann für ganz Europa, 



Digitized by 



Google 



6 Einleitung. 

wenn es nicht gar zu schlecht regiert wird. In Aegypten ist 
der Mensch ohne Erbarmen der Willkür des Mächtigsten un- 
terworfen; wüste Berge und todter Sand begrenzen das frucht- 
bare Thal und wehren jeder Hoffnung auf Befreiung; das 
offene Land verhindert jeden Aufstand; von allen Seiten iso- 
lirt sind die Aegypter auf sich selbst angewiesen und von der 
Natur bestimmt, in ihrem schönen Lande Sklavenbrod zu 
essen. Man muss aber Aegypten gesehen haben, um die Vater- 
landsliebe zu begreifen, die den tausendjährigen wahnsinnigen 
Druck ertragen Hess. Die Klagen der Israeliten in der Wüste 
sind die jedes Aegypters im Ausland; ich habe nie einen Aegyp- 
ter gesehen, der sich nicht nach seinen von Palmen beschat- 
teten Nilufern zurückgesehnt hätte; er ist ein gebomer Gärt- 
ner, davon zeugen die Gartenanlagen im Sudan ; und wenn das 
ägyptische Bataillon nur wenige Monate an einem Ort statio- 
nirt, so muss es seinen Gemüsegarten haben. Es ist klar, 
dass, wo Auswanderung so schwer, das Ausland so weit und 
fremd und das eigene Land so flach unbefestiget ist, von 
Freiheit keine Rede sein kann. Dazu kommt der Umstand, 
dass der Nil als Gemeingut das überflutete Land zum Ge- 
meingut macht, was zum Monopole in der Hand der Mäch- 
tigsten führt und dass die Bewässerung, die nur vereinigter 
Kraft möglich ist, zu Gemeinwesen zwingt. Aus diesen we- 
nigen Facten erklärt sich die ganze ägyptische Geschichte, 
die sich trotz der wechselnden Religion, trotz des neuen Volkes 
ziemlich gleich bleibt. 

Es darf uns daher nicht verwundern, wenn wir die Ge- 
schichte der Dynastie Psammetich's zum zweiten Mal von der 
Dynastie Mohammed Ali's aufgeführt sehen. Zu Psammetich's 
Zeiten bestand eine alte Civilisation ohne Fortschritt, als 
Mumie wohl erhalten; die alten Aegypter hatten vor den 
jetzigen nicht so viel voraus, wie man sich gern einbildet: 
Hütten neben Palästen standen ehemals und stehen jetzt, ge- 
heime Wissenschaft neben crasser Unwissenheit I Die Hellenen 
waren ihnen durch ihre Lebendigkeit ebenso sehr überlegen, 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 7 

als die Franken den heutigeÄ Aegyptern. Da traten zu beiden 
Zeiten Regeneratoren auf, einst Psammetich, jetzt Mohammed 
Ali; durch List werden sie ihrer Nebenbuhler Meister; beide 
sehen ein, dass man von den Fremden lernen müsse; sie 
ziehen die Franken in's Land, ob sie Griechen oder Franken 
heissen, machen sie zu ihren Soldaten oder wenigstens In- 
sknctoren und geben ihnen den Handel frei. Unter dem einen 
setzen sie sich in Naukratis fest, unter dem andern in Alexan- 
drien. Der lebhafte Verkehr mit dem Auslande macht Dol- 
metscher nöthig. Die Toleranz erstreckt sich sogar auf die 
Religion; mit Necho's Hülfe werden griechische Tempel ge- 
baut, Said Pascha subventionirt christliche Kirchen. Die alten 
Schützer des Landes oder vielmehr seine Herrscher, die 
Eriegerkaste, wird vernachlässigt und wandert gegen Süden 
aus; denn die Mamluken waren auch eine Kaste. Beide haben 
ihr Augenmerk auf die Schaffung einer Flotte, sie erkennen 
beide die Wichtigkeit des Indienhandels. Beide sind sie 
Vasallen des grossen asiatischen Reiches, einst Babylon, jetzt 
Stambul und entreissen ihm, wo sie können, ein Stück um 
das andere. Denn beider Hauptaugenmerk ist auf Syrien ge- 
richtet, um das sie sich vergeblich bemühen. 

Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, dass es ein 
Nachfolger Psammetich's war, der den Isthmus zu durch- 
stechen begann und eigenthümlich klingt die Sage, dass er 
das Werk aufgab, um nicht für Fremde zu bauen; sie klingt 
eigenthümlich heute, wo den Aegyptern der gleiche Gedanke 
zu kommen scheint. Man darf aber daraus keinen Schluss 
ziehen, da die Machtstellung des Mittelmeeres durchaus eine 
andere ist. 

Man kann Mohammed Ali beurtheüen, wie man will, man 
kann ihm seine Thaten nicht ableugnen: er war eine durchaus 
praktische Natur; er sah ein, dass die innere Wohlfahrt des 
Landes die äussere Machtstellung bedinge; er entdeckte die 
wahren Smaragdengruben wieder, die tausend Jahre brach 
gelegen hatten; was er damit schuf, sollte vielleicht nur das 



Digitized by 



Google 



g Einleittmg. 

Mittel sein zu kriegerischen Zwecken; aber das was Mittel 
war, wird nicht mehr vergehen, während der Zweck mit ihm 
zu Grabe ging. Die Anpflanzung der Baumwolle im Grossen 
und die Erhebung Alexandriens sind Facten seines Lands- 
mannes, des grossen Macedoniers, würdig. Man braucht nur 
zu bedenken, dass von der Million Centner Baumwolle, die 
jetzt ausgeführt wird, vor dreissig Jahren kein einziger da war. 

Mohammed Ali that alles, was ein weiser Despot thun 
kann, -aber er arbeitete, wie wenn er ewig leben könnte und 
bedachte nicht, dass von oben decretirte Zustände mit dem 
Urheber zusammenfallen. Er hinterliess seinen Nachfolgern 
ein friedliches Reich, ein Heer und eine Flotte, aber nicht 
den Geist der all das beseelte, und es wiederholte sich die 
alte orientalische Geschichte von Zufallsreichen, Meteoren, die 
ebenso schnell untergehen, wie sie aufgingen. Denn hinter 
dem grossen Mann stand kein Volk, das seine Ideen lebendig 
aufnahm; die Aegypter mussten zu jeder Neuerung gezwungen 
werden; sobald aber der Geist von oben fehlte, war von unten 
nichts mehr zu erwarten. Deswegen hat Aegypten als Staat 
keine eigentliche Lebenskraft und es fristet sein Dasein, indem 
es zwischen europäischem und türkischem Einfluss schwankt. 
Uns scheint offen gestanden eine aufrichtige Allianz mit dem 
Grossherrn das einzige Heil der jetzigen Dynastie; denn iso- 
lirt könnte sie nur leben, wenn immer ein Mohammed Ali 
ihr vorstände. 

Man kann nur mit dem höchsten Bedauern von den Re- 
gierungsacten eines Abbas und eines Said reden; man konnte 
freilich nichts anderes erwarten in einer Despotie, wo alles 
von Einer Person abhängt und wo die Erbfolge derart ist, 
dass der Herrscher nur an seine Familie denken kann. Trau- 
rig ist die Rolle, die die Europäer dabei gespielt haben. Man 
kann sich keinen Begriff machen von der Verschwendung, die 
diese beiden Regierungen charakterisirte, wenn man nicht in 
Aegypten gewesen ist; man braucht übrigens nur die Finanzen 
des Landes vor sechzehn Jahren mit den jetzigen zu vergleichen. 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 9 

während es doch damals zu Land und zur See kriegsgerüstet 
dastand. Man muss an die Pyramiden und alle andern un- 
nützen Bauwerke des Alterthums denken, wenn man alle die 
leer stehenden Paläste ansieht, die eine Laune aufrichten 
liess und eine andere wieder öde machte. Selbst nützliche 
Unternehmungen wurden immer verkehrt angegriffen; die 
Eisenbahn wird so unordentlich verwaltet, dass sie dem Waaren- 
verkehr wenig nützen kann; sie scheint nur für die Engländer 
gebaut zu sein. Weniger bekannt ist die Geschichte der 
Medjidie, der Dampfschiffiahrt auf dem Rothen Meer. Es war 
ein sehr glücklicher Gedanke, regelmässige Linien nach den 
Haupthäfen desselben zu errichten; sie hätten sich ausser- 
ordentlich rentirt und der Handel hätte einen ganz neuen 
Aufschwung genommen. Aber die Sache wurde schlecht aus- 
geführt; man kaufte schlechte Schiffe, man bemannte sie noch 
schlechter; man fuhr sehr unregelmässig, ^sodass der Handel 
sich nicht darauf einrichten konnte. Es war sehr gefährlich, 
mit einem solchen Dampfschiff zu reisen. Nach kurzer Zeit 
ging alles so schlecht, dass Said Pascha die Actien alle an 
sich brachte und nun mohammedanisch verwalten liess. • Nach 
seinem Tode gingen die Schiffe an die jetzige Regierung über, 
die, scheint es, die Sache kräftiger in die Hand nehmen will; 
die alten Dampfischiffe werden jetzt alle ausgebessert und mit 
neuen Maschinen versehen; es hat sich eine neue Gesellschaft 
gebildet; aber trotz der Weisheit des jetzigen Vicekönigs ist 
zu. furchten, dass die Unternehmung nicht auf europäischen 
Fuss gesetzt wird, solange der Staat sie dirigirt. Denn wenn 
in Europa der Staat nie so gut verwalten kann, wie eine 
Privatgesellschaft, was ist dann von der Verwaltung der 
türkischen Autokratie zu hoffen, wo das Staatsoberhaupt 
trotz allen Talentes immer in den Händen seiner Höflinge ist? 
Ein Hauptübel Aegyptens femer ist der Zustand der ange- 
siedelten Europäer und ihrer Conauln. Die verschiedenen 
Consulate sind wie ebenso viele Burgen, die jede ihre In- 
sassen gegen die andere wehrt; gegen die ägyptische Regie- 



Digitized by 



Google 



10 • Einleitung. 

rung aber sind sie alle einig. Dass der Europäer nicht auf 
den Fuss der Araber gestellt werde, ist recht und billig, da 
bei dem Charakter der Mohammedaner und ihrer Gesetz- 
gebung niemand mehr seines Lebens und Vermögens sicher 
wäre. Aber der Schutz geht zu weit, wenn er die Regierung 
gegenüber ihren Unterthanen blossstellt und gegenüber den 
Fremden machtlos macht. Er geht zu weit, weil er das Na- 
tionalgefiihl beleidigt und es könnte der Tag kommen, wo 
nur eine starke Regierung den Europäer schützen könnte, den 
Eingebomen und selbst den Europäern gegenüber. Wie kann 
sie aber das, wenn sie von allen verachtet ist? Diesen üebel- 
ständen ist abzuhelfen, wenn sich Aegypten fester an die 
Türkei anschliesst und wenn die Zerstreutheit der Europäer 
in eine Masse Consulate aufhörte, indem man nur die Gross- 
mächte vertretungsfähig erklärte. Diese Uebelstände werden 
sich sicherlich rächen und sie rächen sich schon durch die 
grosse Unsicherheit, die in Alexandrien herrscht; wer wird 
uns schützen, wenn ein paar Tausend Europäer diese Stadt 
für ein paar Tage zu terrorisiren den Muth hätten? 

Wir haben einige Uebelstände nur skizzenweise berührt, 
da uns das Verhältniss Aegyptens zum Süden hier näher an- 
geht. Da wir darauf später zurückkommen, so wollen wir 
hier nur erwähnen, dass der Besitz des Sudans durch die 
Abtretung der Küste des Rothen Meeres an die Pforte ungemein 
von seinem Werthe verlor; wir können nicht verschweigen, 
dass auch die Küstenländer dadurch ungemein verloren haben 
und sich noch immer nach der ägyptischen Ordnung zurück- 
sehnen. 

Aegypten hat im Sudan eine grosse Aufgabe, die vollstän- 
dig zu erfüllen der Küstenl)esitz nothwendig ist; aber bis 
jetzt ist der Sudan fast nur eine Versorgungsanstalt für Offi- 
ziere und Beamten geworden; die Handelsstrassen offen und 
sicher zu machen, daran hat man noch nicht gedacht. Selbst 
der weisse Fluss ist eine Strasse des Fluches geworden; die 
Verbindung mit Abyssinien und Darfor wird immer unsicherer, 



Digitized by 



Google 



Einleitung. \ \ 

während wenig Mühe sie für immer ordnen könnte iind ein 
Blick auf die Karte schon beweist, dass die natürliche Mün- 
dung des Handels dieser Länder der Nil ist. Weil das Rothe 
Meer der Türkei gehört und noch immer einer regelmässigen 
D^npfVerbindung harret, sucht sich der Sudanhandel auch 
jetzt noch den mühsamen und zeitraubenden Weg durch die 
Wüste, während wenig Mühe nöthig wäre, um ihn vom Nil 
Dach Suakin herüberzulenken. 



IIL 

Jetzt wollen wir nach Süden un9 wendend einen Blick 
nach Abyssinien werfen; wir kommen hier auf einen viel un- 
bekannteren Boden und müssen weiter ausholen. Um aber 
unsem Standpunkt zu bezeichnen, wollen wir unsere Betrach- 
tung mit einigen allgemeinen Bemerkungen vorbereiten. 

Wenn wir über abyssinische Politik einige Betrachtungen 
anstellen wollen, so geschieht es mit dem Wunsche, aus vielen 
Erfahrungen und Einzelbeobachtungen einige allgemeine prak- 
tische Schlüsse zu ziehen. Wir denken, dass die zerstreuten 
Daten, die der Reisende zu sammeln bemüht ist, am Ende zu 
grossen Resultaten führen müssen, die für alle gleich nütz- 
lich und interessant werden können. Der Wanderer findet 
nach langem Irren in engen gewundenen Thälem mit Freude 
eine Bergspitze, von wo er sich den gemachten Weg deutlich 
machen kann; auch den Naturforscher würde all sein Sam- 
meln von Geschlechtem und Arten wenig erbauen, wenn er 
nicht die Hofhung hätte, sich daraus ein System errichten zu 
können, das ihm den geheimen Gang, den Geist der Natur 
oflFen legt. Wenn wir nun von abyssinischer Politik reden, 
80 geschieht diess natürlich in Bezug auf europäische Politik; 
denn nur insofern sie in Wechselwirkung treten können, hat 
unsere Betrachtung ein allgemeines Interesse. 



Digitized by 



Google 



12 Einleitung. 

Die Ereignisse der letzten Jahre, die Revolutionen in 
Indien, Djeddap, Syrien hatten zur Ursache den Nationalstolz, 
der sich gegen die Fremdherrschaft auflehnt In Europa, wo 
die Geographie sich immer nationaler zu gestalten scheint, 
wollen nur wenige begreifen, dass die Orientalen auch ihr 
Selbstgefühl haben, das sie dem schwachen Fremden zum 
Freund, dem starken Anmasslichen aber zum Feind macht 
und dass die Religionsverschiedenheit dabei am wenigsten in 
Betracht kommt. Wir unterscheiden bei uns Nationen, die 
sich fast instinctmässig hassen und doch sieht jedermann ein, 
dass z. B. die Franzosen und Engländer in Religion, Sitte, 
Sprache und Recht sehr wenig von einander abweichen. Wie 
anders stellen sich die Afrikaner zu uns: ihre Farbe steht 
uns näher, als ihre Sitten, ihr Recht und ihre Religion. 

Die Leichtigkeit, womit die Türken und Araber den Orient 
in Besitz genommen haben, darf uns nicht zu einem Trug- 
schluss verführen. Der mohanmiedanische Eroberer theilt mit 
seinem afrikanischen Unterthanen eine gleiche Denkungsart, 
die Zufriedenheit mit dem Bestehenden; er lässt Sitten und 
Gebräuche, Recht und Unrecht, Glauben und Aberglauben 
ruhig fortwuchern. Er erobert, um sich zu bereichem; er 
duldet alles, was diesem Zwecke nicht entgegensteht. Erst 
wenn er recht eingewöhnt ist, sucht er seine Religion anzu- 
empfelilen, aber immer eher in gütlicher Weise, mit Ver- 
sprechungen von materiellem Gewinn. Man muss übrigens 
eingestehen, dass der Islam sich sehr der orientalischen Denk- 
weise anschmiegt. Der erobernde Europäer dagegen begnügt 
sich keineswegs mit dem Tribut; er will alles nach seiner 
Weise umgestalten. Unsere Cultur, die doch auch ihre Schat- 
tenseiten hat, soll dem Fremden aufgezwungen werden; un- 
sere schwerbegreifliche Religion hat Zacken, denen sich gern 
Schlacken anhängen. Mit unserer Sucht nach dem Neuen, 
unserm Hass gegen das Hergebrachte kommen wir dem Afri- 
kaner fremd und abstossend, ja wild vor, während der phleg- 
matische Türke sich schnell eingewöhnt. 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 13 

Man kann sagen, dass die Politik Europas im Allgemeinen 
für den Status quo im Orient ist. Niemand macht aus freiem 
Willen neue Eroberungen in entfernten Ländern, die unnützen 
Ruhm bringen und wenig materiellen Vortheil. Europa will 
in allen Meeren und Zonen respectirt sein; das Ziel ist ein 
sicherer freier Handel. Zu diesem Zweck schickt man Flotten 
und Heere aus, schliesst man Verträge ab, unterhält man Ge- 
sandte und Consuln. Wenn wir nun bei Messung unserer 
Kräfte berechnen können, dass Frankreich allein im Stande 
ist, alle möglichen Heere von Asien und Afrika zu besiegen, 
so kommen wir zum Schlüsse, dass die Barbaren gezwungen 
sind, uns ohne Weiteres zu respectiren. Dieser Schluss be- 
ruht auf dem Glauben, dass die Barbaren sich der Machtent- 
wickelung Europas bewusst sind. Es ist aber eine nicht zu 
leugnende Thatsache, dass wenige Ausländer sich einen rich- 
tigen Begrifif von Europa machen. Man sieht gewaltige Fre- 
gatten und grossmäulige Kanonen, die aber selten sich un- 
genirt aussprechen können und sich gewöhnlich mit guten 
Worten zufrieden geben müssen. Es ist verlorene Mühe, dem 
Barbaren zu erzählen, wie viele Heere und Flotten Europa 
ausrüsten kann; der logisch denkende Morgenländer weiss, 
dass der Mensch der etwas nehmen kann, es nehmen wird. 

Wir sind im Streit mit den Barbaren — so wollen wir 
kurzweg die Nichteuropäer nennen — moralisch und materiell 
vielfach im Nachtheil. Erstens suchen wir sie, während sie 
uns meiden. Wir sind die Angreifer, während die Barbaren 
den ganzen Vortheil eines Vertheidigungskrieges haben. Unser 
Interesse ist, mit den fremden Völkern in friedlichen Verkehr 
zu treten ; wir wollen sie bekehren und bekleiden. Im Gegen- 
theil glauben die Barbaren von unserer Annäherung nichts 
gewinnen zu können; niemand sucht uns auf. Wenn wir in 
die Fremde kommen, wird man uns wohl das erste Mal recht 
freundlich aufnehmen. Nach den drei der Gastfreundschaft 
heiligen Tagen schauen Wirth und Gast sich näher an und 
dann darf man versichert sein, dass wenig Leute, die uns 



Digitized by 



Google 



14 Einleitung. 

kennen, an unserm Besuche Freude haben. Die Geschichte 
Amerikas gilt fiir alle Welttheile. Eine Ausnahme macht 
vielleicht ein gestürzter Prinz, eine besiegte Partei, die mit 
Hülfe der mächtigen Fremden die feindliche Majorität unter- 
drücken will. 

Da wir uns im Verkehr mit dem Ausland bereichern 
wollen, lieben wir den Krieg nicht. Wir furchten kostspielige 
Eroberungen; wir erkaufen des Handels wegen den Frieden 
selbst mit Unehre. Wir parlamentiren, solange wir können ; 
wir sind unschlüssig bis zum Tod. Wie verechieden ist die 
Handlungsweise der Barbaren: immer entschlossen, immer 
zum Angriff bereit, selbst im Frieden Feind, scheuen sie 
keinen Krieg, gleichviel wie; sie kennen keine ängstlichen 
Rücksichten; man weicht selbst der Nothwendigkeit nur für 
einen Tag, um morgen firisch wieder anzufangen. Da ist 
höchstens ein Waffenstillstand möglich; der Krieg ist die Erb- 
schaft der Kinder und Kindeskinder. 

Wir kämpfen gewöhnlich mit Humanität; wir dürfen nicht 
zu sehr erbittern, da wir am Ende doch Frieden haben müssen. 
Die Fremden haben alle Vortheile der Barbarei, die kein 
Mittel scheut und nichts zu schonen hat. Wir sind weit vom 
Schlachtfeld entfernt, die Barbaren sind mitten darin. Für 
uns wird es schwer, Truppen weit fortzuschicken; wir sind in 
Feindesland, wo jeder Schritt ein Hinderniss ist; wir kennen 
das Land wenig. Die Eingebomen im Gegentheil können 
jeden Tag neue Heere aus dem Boden hervorrufen und sie 
ohne Aufwand ersetzen. Sie fühlen sich in ihrem Vaterland, 
wo jeder zu Opfern freudig bereit ist. Der Europäer streitet 
für's Geld, der Barbar für sein Vaterland, für seine Freiheit. 
Wir kämpfen für eine Sache, die uns von weitem interessirt, 
der Barbar kämpft für seine Existenz. Wir haben Unrecht, 
er hat Recht und wir fühlen es. 

Endlich sieht jedermann ein, dass die Zersplitterung Eu- 
ropa in mehrere Nationen, die sich eifersüchtig paralysiren 
und die Unbeständigkeit der Regierungen mit immer neuen 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 15 

Ansichten und Menschen eine consequente reife Politik dem 
Ausland gegenüber fast unmöglich macht. Wir sind zwar 
ganz überzeugt, dass die Zersplitterung Europas in viele un- 
abhängige Reiche der mannigfaltigen Entwickelung seiner 
Cultur und besonders der allmähligen Ausdehnung der indi- 
viduellen Freiheit forderlich und geradezu nothwendig ist. 
Dem Ausland gegenüber soUte sich Europa als Eine Macht 
zu gewissen allgemein gültigen Principien vereinigen können. 

Diese Gegensätze zusammengenommen führen uns zu dem 
Schluss: dass die Barbaren sich nicht ohne Weiteres von un- 
serer Uebermacht überzeugen lassen; dass unser Handel in 
der Fremde firiedlicherweise nicht beschützt werden kann; 
dass die Protection auf einen Krieg hinausläuft, der nicht 
so schnell beendigt werden kann, wie man nach der euro- 
päischen Militärmacht annehmen sollte und endlich immer zu 
Eroberungen fuhren muss; dass daher die Aufgabe der Diplo- 
matie, den Handel ohne Eroberungen zu beschützen, unaus- 
führbar ist; und so möchte man sich zu dem Extremen ver- 
leiten lassen, eher gar nichts zu thun, da doch die Mittel- 
strasse verschlossen ist. 

Ein frappantes Beispiel zu dem Gesagten bildet die Ge- 
schichte der Ostindischen Gompagnie, die mit wenig Freude 
die Thaten eines Clive aufnahm; gezwungen erobert sie ein 
Reich, wenigstens so gross wie Europa. 

Wir finden also die Lage Europas dem Ausland gegenüber 
immer sehr schwierig. Ein Land nach Vernichtung der Ur- 
einwohner zu besetzen, dazu braucht es eine Völkerwanderung, 
die für Afrika jedenfalls noch sehr ferne liegt. Wir dürfen 
also diese Aussicht nicht in Betracht ziehen. 

Unterdessen will der Europäer nicht zu Hause bleiben; er 
will mit dem Auslande einen einträglichen Handel treiben. 
Der Verkehr zwischen Culturvölkern und Barbaren muss noth- 
wendig zu Collisionen führen, die endlich in einen ewigen 
Krieg ausarten. Verträge sind immer ephemerisch. Wenn 
Friedensschlüsse selbst in Europa zwischen civilisirten Nationen 



Digitized by 



Google 



16 Einleitang. 

für niemand auf die Dauer bindend scheinen, was kann man 
dann von Verträgen mit Wilden erwarten? Erlittene Belei- 
digungen strafen und dann sich zurückziehen, das stellt den 
Ansiedler bloss. Sich um nichts zu bekümmern, das ist 
Schande und Tod von allen. So finden wdr uns in einem 
Labyrinthe, wo es schwer ist einen Weg hinauszufinden. Wir 
verlassen Europa mit einer grossen Meinung von seiner 
Macht; wir sind stolz, anmasslich, wie römische .Bürger: Dann 
kommen böse Tage; man jagt auf uns, wie auf wilde Thiere; 
der Hülfeschrei dringt bis Europa; man schickt Flotten aus, 
man untersucht; aber am Ende wird die Rache so kleinlich, 
dass die Eingebornen uns verachten und wir selber einsehen 
müssen, dass wir von vom herein viel bescheidener hätten 
sein sollen. 

Verhehlen wir uns nicht: die Ursache dieser inconsequen- 
ten Stellung Europas ist das Protectionssystem, worunter wir 
die durch Gesandten und Consuln kundgegebene Solidarität 
der Mächte für die Sicherheit ihrer Unterthanen im Ausland 
verstehen. 

Stellen wir uns ein Land vor, womit Europa keinen ofii- 
ciellen Verkehr hat, wie es z. B. mit Abyssinien fast bis auf 
den heutigen Tag der Fall ist. Der Fremde kommt ohne alle 
Ansprüche an; er weiss, dass seihe Sicherheit von dem guten 
Willen der Eingebornen abhängt; er wird also alle Vorsicht, 
alle Bescheidenheit aufbieten, um sich beliebt zu machen. 
Die Landeseingebornen, die, so wild sie auch sein mögen, 
einen ftiedlichen Charakter immer zu schätzen wissen, werden 
den hülf losen Fremden als Gast edehnüthig aufnehmen; mit 
einem klugen rücksichtsvollen Benehmen wird er sich immer 
gut befinden. Wenn durch Zufall einmal in hundert Jahren 
ein Unglück vorkommt, was einem in Europa ja auch zu- 
stossen kann, so fällt es doch nur auf die einzelne Person 
ohne Zusammenhang mit seiner Brüderschaft in Europa. Des- 
wegen sehen wir die Armenier und Griechen, die gewöhnlich 
sehr wenig Protection geniessen, allenthalben gut aufgenommen 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 17 

und geschätzt, da sie keine falschen Ansprüche machen; sie 
werden allmählig wie Landeskinder angesehen, des Land- 
rechtes theilhaftig und je nach ihrem Betragen gut oder 
schlecht behandelt. 

Wie verschieden ist die Stellung des protegirten Euro- 
päers. Er weiss, dass Consuln express für seinen Schutz 
dahingestellt sind; er glaubt sich sicher, da er seine Nation 
hinter sich fühlt Er vernachlässigt die Freundschaft der 
Eingebomen, die ihm unnütz scheint; er wird stolz und rück- 
sichtslos. Der Eingebome seinerseits wird ihn stets als Fremd- 
ling misstrauisch anschauen und da er schnell den Unter- 
schied zwischen Consul und ünterthan begreift, den Letztern 
eher verächtlich behandeln; das Gastrecht, das er ja selbst 
nicht in Anspruch genonmien , wird nie auf ihn angewendet. 
Seine Sicherheit hängt einzig und allein von dem Ansehen 
seines Consuls ab; stösst ihm ein Unglück zu, so fällt die 
Schande solidarisch auf die ganze Colonie; in Folge der Stell- 
vertretung werden alle, einer für den andern verantwortlich; 
bleibt er ungerächt, so ist die ganze Colonie preisgestellt, da 
ihre Sicherheit von der Macht ihres Vaterlandes abhängt. 

Was diese Stellung verschlimmert, ist das Misstrauen, das 
die Einrichtung von Consuln bei den Eingebomen erregt. 
Franken und Barbaren machen sich jeder eine andere Defi- 
nition von einem Consul. Die Franken verstehen darunter 
einen Staatsdiener, der das Interesse seiner Mitbürger wahren 
soll. Die Barbaren betrachten ihn als einen Spion, der das 
Land studirt, als einen Vorläufer der Fremdherrschaft. Wir 
erinnern uns sehr wohl, dass sich die Abyssinier immer wehr- 
ten, wenn wir von Consuln in Abyssinien redeten. Es gibt 
keine Consuln in unserem Land, denn wir haben unsere un- 
abhängigen Könige, sagen sie. Es scheint ihnen ein Consul 
dem Landesherrscher Concurrenz zu machen: begreifen kann 
man schon, dass sie sich einen so gewaltigen Begriff von den- 
selben machen, da sie an der Küste die Pascha's sich dem 
Willen der Consuln schmiegen sehen. 

HnnziDg^r, OsUfrik. Studien. 2 



Digitized by 



Google 



18 Einleitung. 

Unsere eigene Definition eines Consuls ist zweideutig: die 
Interessen seiner Regierung und seiner Mitbürger wahren, ist 
eine doppelte Aufgabe, die sich in gewissen Fallen wider- 
sprechen kann. Die Regierung hat allgemeine Zwecke, deren 
Erfüllung 'meist weit in die Zukunft reicht, sodass ihre Hand- 
lungsweise oft dem Glück der einzelnen Individuen verderb- 
lich sein muss. Hat die Gegenwart, das Individuum keine 
Rechte? 

Hat eine Regierung festbestimmte Absichten auf ein fremdes 
Land, wovon es ihr nothwendig scheint, dass es in der Bahn 
ihrer Politik irgendwo mitwirke, so schickt sie mit vollem 
Rechte ihre Gesandten aus, um sich darin festzusetzen und 
niemand darf sich über gestörte Interessen beklagen. Hat 
eine Regierung den festen Willen, ohne alle ehrgeizige Ab- 
sicht, rein im Interesse der Nationalwohlfahrt ihren Handel 
im Ausland energisch zu schützen, so sendet sie löblicher- 
weise ihre Stellvertreter dahin, da jedermann damit sein 
Leben und Vermögen versichert findet. Der Consul schliesst 
mit der Landesbehörde Verträge ab, deren Verletzung zu einem 
unvermeidlichen Krieg führt, worüber sich niemand zu be- 
klagen haben wird. 

Wo man aber nichts thun kann und thun will, wo keine 
überlegten Absichten uns zwingen, eine der Gegenwart schäd- 
liche Politik zu treiben, wo diplomatische Rücksichten eine 
entschiedene Handlungsweise verbieten, wo man Verträge ab- 
schliessen, aber nicht auf ihrer Vollziehung bestehen kann, da 
bethört man den Kaufinann, den Colonisten mit der falschen 
Hoffnung einer Protection, die ihn um so eher in den Ruin 
stürzt, je mehr er daran glaubt; da würde man viel besser 
thun, gar keine Stellvertreter hinzuschicken, da in deren Ab- 
wesenheit jeder Einzelne thun wird, was ihm der Instinct für 
seine Sicherheit zu thun befiehlt. 

Hier müssen wir mit Schmerzen der Katastrophe von 
I)jedda gedenken, deren fünfter Act niemanden befriedigen 
konnte, da die öffentliche Meinung im Orient den Sieg unsem 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 19 

Feinden zugeschrieben hat und daraus den Schluss zieht, dass 
man Europäer ungestraft ermorden kann, da wir unser Blut 
mit Geld bezahlen machen. Die Millionen, die wir uns be- 
zahlen Hessen, hätten vielleicht immerhin einigen Eindruck , 
zurückgelassen, wenn ihr Gewicht wirklich auf die Stadt 
Djedda gefallen wäre; wer kann aber glauben, dass der Sul- 
tan die Macht habe, sich von den Arabern entschädigen zu 
lassen, wenn man weiss, dass er den eingebornen Fürsten 
ungeheure Pensionen zahlt, um nur im Lande geduldet zu 
ßein?l 

Diese Katastrophe kann man sich kaum aus religiösem 
Fanatismus erklären. Die kuhanbetenden Banianen werden 
seit Jahrhunderten in Arabien tolerirt, während doch jeder 
Araber weiss, dass ihm der Christ religiös genommen viel 
näher steht. Der Baniane geniesst trotz seiner verächtlichen 
Religion aller Sicherheit, weil er unschädlich ist, während der 
eoroi^dsche Ehrgeiz die Unabhängigkeit des Landes bedroht. 
Wir glauben nicht, dass sich die europäischen Consuln je 
viel in die innere Politik der Halbinsel gemischt haben; 
immerhin hat sie die öffentliche Meinung des Landes ange- 
klagt, bei den Ereignissen im Hedjas 1857 die einen zu 
Gunsten der Türken, die andern zu Gunsten des Scherif mit- 
gewirkt zu haben und als Beispiel genügt die Anekdote, dass 
die Araber und die Türken in der Schlacht von Mekka, wo 
Abd-el-M6taleb gefangen genommen wurde, sich gegenseitig 
den Schimpfiiamen: Soldaten des Consuls, Christen zuwarfen. 
Der Araber liebt vor seinem Gott seine Unabhängigkeit, die 
er von Jahrtausenden her rein erhalten hat und mit Recht 
sucht er den Ausländer fem zu halten, dessen Eroberungs- 
geist er kennt. Jedenfalls musste bei dieser Gelegenheit klar 
werden, dass die Europäer weit entfernt, eine Herrscherpolitik 
zu treiben, für ihre eigene Sicherheit besorgt sein müssen 
und wir haben durchaus keine Sicherheit, dass sich nicht ein 
ähnliches Schauspiel in wenigen Jahren wiederholt. 

Wir wollen mit einem Beispiel die Schwierigkeiten, die der 

2* 



Digitized by 



Google 



20 Einleitung. 

europäischen Politik im Orient entgegenstehen, darlegen, indem 
wir uns fragen, was ihre Bemühungen, den Sklavenhandel im 
Rothen Meer abzuschafifen, bis jetzt gefruchtet haben. 



IV. 

In dem politischen Durcheinanderarbeiten, wo der eine 
auflöst was der andere gesponnen hat, ist es wohlthätig zu 
sehen, wenn ein und das andere Mal die Grossmächte sich 
über eine Idee vereinigen und von allen Sonderinteressen ab- 
sehend zusammenhandeln, wie diess bei den Bemühungen um 
Abschaffung des Sklavenhandels hervortritt. Und doch hat 
keine diplomatische Action weniger Erfolg gehabt, weil im 
Orient, wo der Staat das Individuum sehr wenig beschränkt, 
mit Verboten wenig erreicht ist. Die Pforte, den Grossmäch- 
ten nachgebend, fing an den Sklavenhandel durch hohe Zölle 
— ein Drittel des Werthes — zu erschweren und endlich wurde 
der Verkauf durch feierliche Fermane verboten — Feuerwerke, 
die mehr Licht als Wärme bringen. Die Douane ist der 
grossen Einnahme, die sie von den Sklaven hatte, beraubt, 
der Handel ist aber keineswegs abgeschafft; der Fortschritt 
besteht darin, dass man sich jetzt verbirgt, um Skandal zu 
vermeiden. Auf meiner Rückreise von Djedda nach Suez 
(Januar 1863) war das DampiBschiff, das der ägyptischen Re- 
gierung gehört, mit etwa 200 Sklaven befrachtet, für die nur 
die Hälfte des Fahrpreises bezahlt wurde. Sie wurden in Suez 
ohne alle Schwierigkeit ausgeschifft. Einige Aegypter, gegen 
die ich meine Verwunderung aussprach, sagten mir, man 
könne ihnen diess nicht verargen; denn seit der Isthmusdurch* 
schnitt den Bauer vom Pflug wegnehme, müsse man Sklaven 
einfuhren, um die verlornen Arbeitskräfte zu ersetzen. Auch 
im Sudan wird es mit dem Verbot nicht streng genommen; 
wir begegneten auf der Strasse von Chartum nach L'obeid 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 21 

mehreren Sklavenkarawanen; in L'obeid selbst hätte man Hun- 
derte aufkaufen können ; nur werden sie nicht mehr auf dem 
Markte ausgestellt. 

Weit entfernt, uns darüber zu beklagen, sehen wir ein, 
dass die Wegnahme von Hunderten von Sklaven die Handel- 
schafit des Rothen Meeres viel zu empfindlich berührt hätte. 
Was hätte z. B. in Massua der Kaimakan im Falle eines Auf- 
ruhrs thun können mit seinen paar im Lande selbst ange- 
worbenen Soldaten? Europäische KriegsschiflFe besuchen wohl 
dann und wann den Hafen; sie bleiben aber so kurze Zeit, 
dass man daraus keine Beruhigung schöpfen kann. 

Wenn auch der Sultan wohl weiss, dass er ohnmäcBtig 
ist, seine Fermane im Rothen Meere in Kraft zu setzen, so 
kann er sich doch den Rathschlägen seiner Alliirten nicht wider- 
setzen. Wenn in Folge davon europäische Colonien nieder- 
gemetzelt werden, so sollte man die Schuld wenigstens nicht 
auf ihn werfen. Der Zweck wäre viel eher erreicht, wenn 
ein paar Kriegsschiffe im Herbst das Meer ernstlich bewachen 
würden. Mit der Wegnahme von einigen Barken würde der 
Handel von selbst aufhören. 

Wir müssen hier der öffentlichen Meinung des Orients ge- 
denken — so seltsam sie klingen mag — die glaubt, dass die 
Christen die Sklaverei mit dem Zweck ausrotten wollen, das 
islamitische Reich zu Grunde zu richten. Untersuchen wir, 
was Wahres darin ist. Wenn auch jeder Europäer weiss, dass 
die christlichen Cabinete jetzt keine Kreuzzüge mehr machen 
and ihre Bemühungen eher einen philanthropischen Zweck 
haben, der im Geist der Zeit liegt, so müssen wir doch be- 
kennen, dass die Abschaffung der Sklaverei dem Islam einen 
schweren Schlag versetzen muss. Es ist unmöglich, das Ver- 
lältniss der Leibeigenen zu den Freien in Arabien und Afrika 
statistisch zu berechnen. Wer aber gut aufinerkt, wird ein- 
sehen, dass es ungefähr das gleiche ist, wie früher in Athen 
und Rom. Bedenkt man, dass z. B. in Arabien alle schweren 
Dienste und Handwerke von Sklaven ausgeübt werden, dass 



Digitized by 



Google 



22 Einleitung. 

auf jeder Barke drei Viertel der Matrosen Schwarze sind, dass 
der Ackerbau und der Hausdienst in ihren Händen ist und die 
Hälfte der Frauen den gleichen Ursprung hat, so wird man 
sich überzeugen, dass eine plötzliche Befreiung der Sklaven 
auf den Araber den gleichen Eindruck machen würde, den es 
auf den Bürger von Athen gemacht hätte, wenn er sich .eines 
Morgens ohne Leibeigene gefunden. Man muss im Orient nie 
von Arabern, Türken, immer nur von Muslimin reden; denn 
die Gesellschaft besteht zum grossen Theil aus Farbigen, die 
einmal eingewöhnt und fortgepflanzt, auf die Gesellschaft 
einen grossen Einfluss ausüben müssen. Man darf nicht ver- 
gessen, dass die Blutmischung die Hassen gegenseitig an- 
nähert. Genössen die Sklaven den gleichen Nationalzusam- 
menhang, wie ihn ihre Herren haben, so würden sie ohne 
Zweifel furchtbar werden und schon ihre Auswanderung würde 
Städte und Dörfer wüste lassen. Doch stehen die Sklaven 
ihren Herren selbst in Farbe, Beligion und Denkungsart so 
nahe, dass sie sich nie recht als getrennter Stand fühlen 
können. Dann gehören sie einer Unzahl von verschiedenen 
Nationen an, was eine Yereinigimg geradezu unmöglich macht; 
sie fühlen sich ihren Herren näher, ab ihren Genossen: stehen 
sie sich doch in ihrer Heimat Dorf gegen Dorf, Sprache 
gegen Sprache, Volk gegen Volk feindlich entgegen, ohne ein 
Band, das sie vereinigte. In der Kindheit ausgeführt, jeder 
an seinen einzelnen Herrn gewöhnt, meist milde behandelt, 
vergessen sie die Freiheit. Die Zustände der amerikanischen 
Neger sind davon himmelweit verschieden, wie jedermann 
leicht einsehen kann. Fügt man dem Gesagten bei, dass 
jeder eingeführte Sklave ein werther Proselyt für den Islam 
ist und dass der enge Verkehr mit den Schwarzen den Mo- 
hammedanern die Pforte Afrikas au&chliesst, so kann man 
nicht leugnen, dass die Abschaffung der Leibeigenschaft dem 
Islam selbst ernstlich an die Wurzel gehen muss. 

Niemand hat das Recht, der öffentlichen Meinung Europas, 
die den Negerhandel verdammt, zu widersprechen; niemand 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 23 

kann bezweifeln, dass der Verkehr mit Sklaven in dem Herrn 
einen despotischen launigen Charakter entwickelt, der beson- 
ders einem Republikaner schlecht ansteht; dass die Mischung 
der Farben und die Ausbreitung des schwarzen Elements in 
Amerika, sei es geknechtet oder frei, diesem Land sehr nach- 
theilig ist; dass endlich die Sklaverei im Orient, wenn sie auch 
nichts von der amerikanischen Grausamkeit hat, dem Princip 
der freien Selbstbestimmung des Menschen vriiderspricht. Man 
kann aber immerhin einwerfen, dass selbst eine gute Idee 
immer mit Vorsicht in's Leben geführt werden muss, dass 
man in Europa über viel Uebelstände hinaussieht, weil man 
das Heilmittel nicht kennt oder fürchtet; dass die Verschie- 
denheit von Vermögen, Geist, Muth und Glück der Gleichheit 
radical Hohn spricht und reell das Machtverhältniss ändert 
Wenn die Weissen untereinander ungleich sind, welche Kluft 
muss sich dann zwischen Weiss und Schwarz, Both und 
Schwarz aufthun? 

Stellt man sich recht den kindischen unzuverlässigen Cha- 
rakter des Schwarzen vor, der fast ohne Anlass von stoischer 
Ruhe in wahnsinnige Wuth übergeht, seinen Starrsinn, seine 
Verschlossenheit, wo Liebe und Hass nie zu unterscheiden 
sind, seine seltsame Denkungsart, die kaum sich menschlicher 
Logik anpasst, sein gemeines Herz, das Milde eher verwegen 
macht, das Härte nur einschüchtert, so kann man begreifen, 
dass dieses böse Kind, frei erklärt, in Mitte einer entwickelten 
Nation entweder der geistigen Schlauheit und Energie seiner 
früheren Herren unterliegen oder seiner materiellen Stärke 
bewusst, durch seine Bosheit und grausame Falschheit der 
Gesellschaft gefährlich werden muss. Denn einmal unab- 
hängig, fehlt dem Sklaven die Leitung des Herrn, anderseits 
die Erziehung, die ihm wenigstens Furcht abzwingt 

Ein Araber könnte Folgendes zu seiner Vertheidigung an- 
fiihren: der Schwarze, der in seinem Vaterland im tiefsten 
Schmutz der Barbarei liegt, wird, wenn er ausgeführt ist, immer 
einer gewissen Cultur theilhafbig; seine Fetische, seine bösen 



Digitized by 



Google 



24 Eioleitung. 

Geister tauscht er gegen Einen barmherzigen Gott aus, seine 
Beschwörungen gegen vernünftige Gebete. Heisst er in seiner 
Heimat auch frei, so geniesst er doch seine Unabhängigkeit 
nicht, da die unvollkommene Gesellschaft ihm weder seine 
Pei'son, noch sein Vermögen sichern kann. Heisst er Sklave, 
80 geniesst er doch festbestimmter Rechte, die jeder Muslim 
hat. Aus der alten hungrigen Faulheit aufgeschreckt, kommt 
er in ein thätiges Leben hinein; weiss er sich hineinzuschicken^ 
so kann er sich selbst Vermögen erwerben; hat er Muth und 
Geist, so ist ihm selbst der Weg zu politischen und mili- 
tärischen Ehren und Stellen keineswegs verschlossen. Endlich 
begünstigt der Islam die Befreiung als Belohnung langer guter 
Dienste. Daher kommt es, dass befreite Sklaven, die sich 
unter den Arabern eingewöhnt haben, nie in ihr Vaterland 
zurückkehren werden. 

Wir wollten mit diesen Bemerkungen einfach darauf hin- 
deuten, dass die beste Idee ihre widerwärtige Rückseite hat» 
Da die Sklaverei im Leben des Orients eingewurzelt ist, kann 
sie nicht mit einem Protokoll wegdecretirt werden ; sie gehört 
ganz und gar zur Integrität des türkischen Reiches; halbe 
Massregeln können nur schaden. 

Woher stammen aber die halben Massregeln? Daraus, 
dass die Grossmächte sich der Türkei gegenüber nicht einig 
genug fühlen. Man kann die Türken überreden, den Sklaven- 
handel zu verbieten, aber die Ausführung dieser Befehle über- 
wachen, hiesse die Unabhängigkeit des Reiches angreifen und 
dieses grosse Princip darf wegen kleinlicher Interessen nicht 
vefletzt werden. Deswegen fahren die Sklavenschiffe unge- 
stört im Rothen Meere herum und kein Engländer oder Fran- 
zose wagt es sie auch nur anzuhalten. 

Wenn man also das Recht nicht hat, den Türken zur Aus- 
führung ihrer Gesetze Beistand zu leisten, warum die Gesetze 
selbst, von denen man weiss, dass sie auf dem Papiere stehen 
bleiben? Die türkische Regierung verbietet den Sklavenhandel, 
aber verhindert ihn nicht. Die Unterthanen, die jetzt den 



Digitized by 



Google 



Einlei fcnng. 25 

Handel ausser dem Gesetze treiben, werden gegen die Franken 
erbittert; der Handel selbst erhält durch das Verbot einen 
grausamen Charakter, den er fiiiher nicht hatte; die Preise 
steigen bei dem scheinbaren Risico. 

Wir wollen damit sagen, dass halbe Massregeln nur schaden 
und ganze bei der Stellung der Diplomatie unmöglich sind. 
Wir glauben aber deswegen doch, dass die Gonsuln im Ein- 
zelnen viel thun könnten. Vorerst können sie ohne Mühe den 
Herrn Abyssiniens bewegen, den Sklavenhandel zu verbieten; 
Theodoros hatte es auf die Vorstellungen'des englischen Consuls 
hin schon gethan; doch hatte dieser eine nicht genug unab- 
hängige Stellung, um sich consequent dafür bemühen zu 
können und das Verbot blieb ein leeres Wort. Der erste 
beste Consul aber, der dem Kaiser beweist, dass er sich nicht 
in die innere Politik mischt, wird es leicht haben, das Verbot 
wirksam zu machen und dem Menschenhandel wäre damit eine 
bedeutende Quelle abgeschnitten. Femer wird jeder Consul 
die Macht haben, an der Küste alle Sklaven von christlicher 
Abkunft frei erklären zu lassen und das Privilegium, das bis 
jetzt nur mohammedanischen Freigebornen zugute kam, auch 
auf die Christen auszudehnen. In dieser Hinsicht hat Hen* 
Barroni, früherer englischer Consularagent in Massua, grosses 
Verdienst, eine grosse Anzahl Christen verdankt seinen Be- 
mühungen die Freiheit. Drittens muss immer wiederholt 
werden, dass die Consuln vorerst mit aller Strenge gegen die 
Europäer, die mit Sklaven handeln, einschreiten, dass sie 
zuerst im eigenen Hause Ordnung schaffen müssen, bevor sie 
Fremde belästigen: So viel einstweilen als Beispiel, was unsere 
PoUtik kann und was sie nicht kann. 



Digitized by 



Google 



26 Einleitung. 



V. 

Indem wir nun zu den Zuständen Abyssiniens übergehen, 
erlauben wir uns, aus unserem Skizzenbuche einige allgemeine 
Betrachtungen einzuschalten. 

* »Wer je Abyssinien gesehen hat, wird immer mit Bewun- 
»derung an diese afrikanische Schweiz zurückdenken, am süd* 
»liehen Ende des Bothen Meeres gelegen schroff gegen dessen 
»Gestade hinabstürzend, langsam gegen die oberägyptischen 
»Wüsten sich abstufend. In breiten Terrassen erhebt sich Abys- 
»sinien bis über 10,000' und seine Gipfel lassen unseren Alpen- 
»königen nur den ewigen Schnee. Die weiten Hochebenen 
»sind durch Klüfte zerrissen; die wilden Winterströme von 
»tropischem Begen geschwollen graben sich tiefer und tiefer 
»schauerliche Abgründe und die Zeit erweitert die schmalen 
»Klüfte zu breiten Tiefthälem, die mit der Pracht ihrer tropi- 
»schen Vegetation uns verfuhren. Aber wehe dem Anwohner! 
»Da lauert die geringelte Boa auf dem schmalen Weg; da ist 
»das Jagdgebiet des Löwen und der Elefant weidet friedlich; 
»da schreckt dich das blasse Fieber aus dem paradiesischen 
»Traum. Die Natur will den Menschen hier nicht zum Zeugen 
»ihrer Pracht haben. Und doch wie schön! Das hohe schilfige 
»Gras verschlingt den Heiter; nur mühevoll tritt er sich einen 
»Pfad, wenn nicht die Elefentenheerde ihn schon geebnet hat. 
»Die weitästige Sykomore mit ihrem Ungeheuern, hochragen- 
»den Stamm und den breiten Blättern bietet ihre Feigen und 
»ladet in ihren ewigen nächtigen Sdiatten. Die ast- und 
»blätterarme Adansonia verwundert dich mit ihrem fetten Leib 
»und ihrem mürben kraftlosen Holz. Hier ist Urwald; hier 
»liegen wuchtige Stämme der Verwesung preisgegeben und 
»versperren den Weg. Frisch sprosst das neue Gras aus der 
»nie abgeräumten, nutzlos verfaulenden Weide. Hab Acht! der 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 27 

»Domenbaum höhnt deiner Kleider mit den krummen Stacheln 
»und grausame Disteln und Nesseln verletzen den unbedach- 
»ten Fuss. 

dWo aber das Thal sich verengt und das Wasser mühsam 
»über die Granitblöcke von thurmhohen senkrechten Schiefer- 
»felsen sich einen kargen Weg bahnt, da ist es dunkel fast 
»den ganzen Tag; denn nur wenige Mittagsstunden dringt die 
»Sonne in die schauerliche Tiefe. Hier wird selbst der Vogel 
»scheu und stumm und die am spärlichen Wasser sidi labende 
»Gazelle lauscht ängstlich auf bei jedem Geräusch in der 
»fluchtwehrenden Enge. Da ist ÜEtst ewige Stille, ununter- 
»brochen von dem Murmeln des sich in^s Freie drängenden 
»Baches, selten gestört von dem Geheul der an den jähen 
»Abgrund sich klammernden Affen. 

»Weh' dem, der hier weilt in der Regenzeit; von langer 
»Fahrt müde bettet sich der Wanderer in dem Thal. Er ist 
»von der Hitze so erschöpft, selbst diese finstem Gründe 
»laden ihn zur Ruhe, im heissesten Mittag wi^t er sich in 
»süsse Träume; seiner harret das freundliche Heim — da 
»dröhnt es dumpf im Hochgebirg; ein Schuss, ein zweiter, 
»dann der schreckliche den ganzen Himmel durchrasende 
»Donner. 

»Doch furchtet er noch nicht, das Gewitter ist ja so fern. 
»Er weilt und träumt, er sei schon bei den Lieben. Da erhebt sich 
»von oben ein Rauschen, wie wenn der Wind durch die Blätter 
»führe. Es wird lauter, gewaltiger, es zischt, es prasselt, es 
»toset, es brüllt, als wenn die bösen Geister anfuhren — nun 
»naht es, mauergleich, schäumend und sich überstürzend — 
»es ist der Waldstrom. Der Bach vom Regen angeschwollen 
»ist ein mächtiger Strom geworden, doch seines kurzen Lebens 
»gedenk, stürzt wild und feurig er das Thal hinab; die tief- 
»gewurzelten Sykomoren sinken unter seiner Wucht und die 
»grasige Ebene wird von Schutt überrollt; das Wasser füllt 
»das ganze Thal und langt hoch an die Felsen hinauf. 

»Weh dir, du armer Mann, wo solltest du hin entfliehen? 



Digitized by 



Google 



2g Einleitung. 

»Hast du die Flügel des Adlers, hast du die Krallen des Affen, 
»der über dir schwebend deiner Noth höhnt? Bist du im 
»Bunde mit den Geistern, dass sie dich forttrügen? Hier ist 
»sie nicht dein Knecht, die Natur, sie ist dein dich vemich- 
»tender Feind. — Es sind wenig Jahre her, dass ein ganzes 
»Zeltenlager, in einem breiten trockenen Strombett gelagert, 
»die Beduinen mit ihren Heerden und Zelten von dem unge- 
»ahnten Waldstrom überfallen und fortgerissen wurden. Hun- 
»dert Menschen, Tausende von Ziegen wurden seine Beute. 

»So sind die Tiefländer Abyssiniens; wie feindlich und 
»doch so schön. Wie manchen Tag habe ich in dem schat- 
»tigen Wald neben der Quelle gelegen und den bunten lang- 
»geschweiften Vögeln zugeschaut oder im dichten Dombusch 
»dem plumpen Nashorn, der spiralhömigen Antilope aufge- 
»lauert! Wie manche überschwengliche Emdte haben wir der 
»Urwildniss abgelockt und wie reichlich belohnte sie die kleine 
»Mühe, die grosse Gefahr! 

»Doch besser ist es wohnen in dem kalten, vom Wind ge- 
»fegten, baumlosen, wildarmen Hochland. Da sengt keine über- 
»mächtige Sonne das immer grüne Gras; aber die Natur ist 
»massiger, spärlicher: keine wuchernde Vegetation, die oft 
»dem Menschen feindlich wird. Das Wasser sprudelt unge- 
»sucht aus dem Boden; die schwarze Erde gibt viel, aber 
»fordert den Schweiss; die kalte Luft ermöglicht die Arbeit. 
»Der Mensch ist stark und kann auch fleissig sein; der Acker- 
nbau .ladet zu Ruhe und Frieden und Dorf und Dorf unzähl- 
»bar verwirren den überzählenden Blick. Hier zeigt sich die 
»Natur vom Menschen besiegt; das ßaubthier hat sich schon 
»lange in die Wildniss zurückgezogen. Ein erfreulicher Blick; 
»doch massig schön, wie der Bewohner, den die rauhen 
»Winde schwärzen und selbst die Frauen hat die rauhe Ar- 
»beit männlich gestaltet. 

»Das ist das eigentliche Abyssinien, das schönste Land 
»von Afrika; seine Bewohner sind ganz verschiedenen Ur- 
»sprunges, doch hat sie das Klima einander ähnlich gemacht 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 29 

»und das Interesse dem Ausland gegenüber geeiniget. In den 
»ersten Jahrhunderten unserer Aera stand es auf der Höhe 
»der damaligen Cultur; das Christen thum, das ununterbrochen 
»von Aegypten den Nil hinauf bis hierher reichte, schuf einen 
»stetigen Verkehr mit dem römischen Reich. In Glauben, 
»Sitte, Recht und Feinheit des Lebens war es uns ähnlich. 
»Doch seit es von dem Abendland durch die Fortschritte des 
»Islams abgeschnitten ist, blieb seine Entwickelung stehen und 
»wie, wer steht, zurückgeht, so ist auch Abyssinien zurück- 
»gegangen und ist verwildert, wenn es auch jetzt noch Europa 
»viel näher steht, als dem nachbarlichen Afrika. Es ist um- 
»ringt von Feinden, wie die Rose von den Domen; im Norden, 
»wo das Hochland in Stufen abfällt, und endlich in unabseh- 
»bare Tiefebenen sich endet, da wohnen mohammedanische 
»Völker, meist rebellische Kinder des Hochlandes, die hell- 
»farbigen Habab, die Leute von Barka; ihnen folgen noch 
»nördlicher die altnomadischen fremdredenden Hadendoa. Im 
»Westen begrenzt Abyssinien das Nilland, türkischer Herr- 
»schaft unterworfen; im Südeji das halb mohammedanische, 
»halb teufelanbetende Reitervolk der Galla. Wohl brauchte 
»es Jahrhunderte, das Hochland vor allen diesen Feinden dem 
»Christenthum zu bewahren. Doch jetzt steht Abyssinien 
»gegen aussen unabhängig da; es hat nur die innern Feinde 
»zu furchten, die Anarchie, den freiwilligen Verfall seiner 
»Religion und Sitte, den Selbstmord. 

»Ueber dieses Land darf ich wohl reden; denn auch 
»sein Mensch steht uns kaum so fern. Er denkt, er träumt, 
»er liebt und hasst ja auch; er fühlt, wie wir, nur roher und 
»oft viel natürlicher und freimüthiger. Soll denn das schwarze 
»Gesicht immer ein schwarzes Herz verbergen? Auch dort 
»findest du mitleidige Herzen! Wenn der schneidende Abend- 
»wind dichte Nebel auf die Hochebene hinabregnet, da kann 
»der Wegfahrer getrost anklopfen und auch des erfromen 
»Bettlers harret ein freundlicher Gruss, ein fröhlich loderndes 
»Feuer und ein warmes in Milch eingebrocktes Brod. Auch 



Digitized by 



Google 



30 Einleitung. 

»dort gibt es Ritter, Beschützer der Frauen und Schwachen. 
»Der Misshandelte findet seinen Advocaten. Auch Freunde 
»kannst du erwerben, wenn auch nicht schnell, die am Tag 
»der Gefahr dich beschirmen. -Treue Liebe, glückliche Gatten 
Dsind nicht selten und wie oft folgt die trauernde ' Gattin 
»ihrem Herrn freiwillig in den frühen Tod! Du siehst in 
»Hungersnötheh die Mutter mit hohlen Wangen, die Kinder 
»frisch und munter: denn das letzte Brod spart sie für ihre 
»Lieben auf. Unermüdet wacht die Gattin bei ihrem kranken 
»Mann. Brave Söhne opfern jahrelange Arbeit, um ihrem 
»alten Vater sorgenfreie Tage zu bereiten. Gefühl fehlt nicht 
»und auch nicht Muth und Frohsinn; sie singen und tanzen 
»die stemenheUe Nacht durch; Bhapsodien loben den Helden, 
»den Löwentödter, den Menschenbezwinger. Treude und Leid 
»wird ausgesungen; das Lied dient auch der Klage; es be- 
ngleitet die Arbeit; es bejubelt die Hochzeit.« 



YI. 

Schon aus der bisherigen Besprechung ergibt sich, dass 
Abyssinien im Vergleich zum übrigen Afrika sehr gut und 
sehr schlecht bedacht ist Es vereiniget die verschiedensten 
Klimate der Welt, die südliche Hitze, die nordische Kälte. 
Wenn ihm auch die schiffbaren Flüsse mangeln^ so hat es 
Ueberfluss an fiiessendem Wasser. Der von tropischen Regen- 
güssen reichlich getränkte Boden versagt selten eine schöne 
Emdte. Wenn das Hochland besonders Weizen und Gerste 
erzeugen kann, eignet sich das Niederland für die edleren 
Gulturpflanzen, besonders für die Baumwolle, da der in uner- 
messlichen Ebenen ausgestreckte fette Alluvialboden unver- 
siegliche Brunnen in sich verbirgt und die vom Regen des 
Oberlandes reichlich genährten Ströme künstlich abgeleitet 
das Flachland überschwemmen. Das Kliina besonders im 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 3J 

Hochland ist sehr gesund und auch dem Europäer äusserst zu- 
träglich, im Gegensatz zu dem fieberreichen Westafrika, das 
uns zu yiel Opfer kostet. Der Volksgeist ist durchaus dem 
Ackerbau zugewandt. Ist die Industrie auch in ihrer Kind- 
heit, so muss man doch gestehen, dass sich der Abyssinier 
ohne fremde Zufuhr warm und gut bekleiden kann. Nur der 
Luxus wendet sich an's Ausland. Die Goldarbeiter, Maurer, 
Schmiede und Drechsler weisen Arbeiten vor, deren sich kein 
europäischer Handwerker schämen dürfte. Die natürlichen 
Talente des Volkes liegen, der Concurrenz und des guten Bei- 
spiels entbehrend, faul und unentwickelt darnieder. Wenn 
auch der Handel in Folge der Unsicherheit immer mehr ab- 
nimmt, so soll doch niemand glauben, es ständen die Abys- 
sinier ihren Brüdern, den Juden, Phöniziern und Arabern, an 
Krämergeist nach. Schulen sind selten. Wie in unserem 
Mittelalter lernen nur die Geistlichen und die Aerzte lesen 
und schreiben und ihre Wissenschaft dient ihnen nur, um die 
Psalmen David's zu recitiren. 

Die abyssinische Schrift ist sehr complicirt; da die Con- 
sonanten mit Buchstaben bezeichnet werden, die je nach dem 
angehängten Vocale sich umgestalten, so kommt das vollstän- 
dige Alphabet auf nahezu 200 Buchstaben, die ein yiereckiges 
Lapidaraussehen haben. Die altäthiopische Sprache ist sehr 
dem Arabischen, mehr noch dem Hebräischen verwandt; dem 
Lateinischen ähnlich lebt sie nur noch in drei Töchter- 
sprachen und wird als ausschliessliche Gelehrten- und Kir- 
chensprache fleissig studirt. Die Abyssinier haben nur eine 
theologisch -ascetische aus dem Griechischen übersetzte Lite- 
ratur; doch entbehren sie nicht der Geschichte, die in Chro- 
nikstil gehalten und fortgesetzt wird. Die abyssinischen Theo- 
logen sind sehr stark in spitzfindiger Dialektik ^ ihre Methode 
ist das Auswendiglernen, sodass man Leute findet, welche die 
ganze Bibel vom Anfang bis zum Ende auswendig hersagen 
können. Disputationen über Religion sind sehr beliebt und 
es mahnt an die Byzantiner, wenn man liederliche Soldaten, 



Digitized by 



Google 



32 Einleitung. 

gefallsüchtige Damen und hohe stolze Herren in allem Ernst 
über die ztvei Naturen in Christus oder über die Procession 
des heiligen Geistes disputiren hört. 

Uebrigens sind die Abyssinier sehr wissbegierig, sie lesen 
gern, wenn ihnen nur Leetüre geboten wird; sie lernen mit 
unerhörter Leichtigkeit und bewunderungswürdig ist die eiserne 
Beharrlichkeit, mit der sie ein ganzes Leben an Einem Zwecke 
fortarbeiten. Wir Europäer sind ungestüm; wir vollenden, 
was der Augenblick erlaubt; wir verlieren schnell die Geduld. 
Die Unverdrossenheit der Studenten in Gondar, die lange 
Jahre durch unablässig vom Morgen früh bis in die Nacht 
hinein mit ihren Professoren sich einschliessen und des Abends 
in der Stadt herumziehen, um ein nothdürftiges Abendbrod 
sich zu erbetteln, könnte manchen europäischen Schüler be- 
schämen. Ob Wissbegierde allein zu diesem Fleiss verhelfe 
oder auch die heftige Sucht hinaufzukommen, immerhin ist 
sie ehrenwerth und lässt auch Besseres hoffen. Geduld ist 
eine durchaus abyssinische Tugend. 

Den grossen Gaben hat die Natur ihren grössten Werth 
genommen, da sie das Land der Communicationsmittel be- 
raubt hat. Es fehlen die Flüsse, die sich schiffbar in das 
Rothe Meer ergiessen; es fehlen die allmählig nach Osten 
sinkenden Ebenen, die gegen die Küste auslaufend den KameeU 
transport ermöglichen. Die Flüsse verhindern in der Regen- 
zeit allen Verkehr, Strassen- und Brückenbau bedingt aber 
eine dauerhafte, erleuchtete Regierung. Denn bei der be- 
stehenden Unordnung sichern die unzugänglichen Felsenburgen, 
die reissenden Ströme, die schlechten Wege die Aufrührer, 
die selbst die alten von den Portugiesen erbauten Brücken 
abbrechen und die natürlichen Strassen unzugänglich machen. 
Eine vernünftige Regierung aber vorausgesetzt, scheint der 
Bau von fahrbaren Strassen nicht sehr schwierig, besonders 
vom Norden her, wohin das Hochland nur sehr langsam ab- 
fällt und der Gewinn wäre ungemein gross. Die Nähe Arabiens 
würde eine bedeutende Getreideausfuhr möglich machen. Der 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 33 

GaUakaffee würde schon seiner Billigkeit wegen in Aegypten 
Torherrschend werden. Das Niederland würde die nöthige 
Baumwolle erzeugen und selbst exportiren können, während 
die Spinner sie jetzt theilweise von Indien beziehen. Der 
durch leichtere Communication gesicherte Friede würde die 
Soldaten dem Pfluge zurückgeben und in wenig Jahren die 
Bevölkerung des Landes, das auf dem Flächenraum Frank- 
reichs nur vier Millionen Einwohner zählt, verdoppeln, während 
sie jetzt in Folge des Bürgerkrieges sichtlich abnimmt und 
ganze Provinzen öde und wüst liegen. 

Man hat das heutige Abyssinien oft mit dem Mittelalter 
verglichen und wirklich haben sie das Faustrecht, die Unord- 
nung, den kriegerischen Geist, die moralischen und religiösen 
Begriffe gemein. Man konnte es aber dem Mittelalter wohl 
ansehen, dass es die Keime der Entwickelung in sich trug 
und eher einem rohen Jüngling ähnlich sah, der trotz seiner 
Fehler viel verspricht. Viel richtiger kann man Abyssinien 
dem Frankenreich zur Zeit der Merovinger vergleichen. Die 
alte römische Gultur war verschwunden; die neuentstandenen 
Reiche hatten keinen Bestand, da sie nur auf der rohen Ge- 
walt fussten. Das Königthum war noch zu jung, um durch 
seine Salbung einzuschüchtern. Da der christliche Glaube' 
noch keine festen Wurzeln geschlagen hatte, war auch die 
Kirche noch keine Macht und ihre Hierarchie hatte im Feu- 
dalsystem noch nicht ihren Platz eingenommen. Eine hoff- 
nungslose Anarchie machte sich breit. Wenn auch Karl der 
Grosse alle die Länder vereinigte und eine Soldatenmonarchie 
gründete, so konnte der grosse Mann doch nicht verhindern, 
dass dem Frühsommer ein langer trauriger Winter folgte, 
wältrend dem erst die Keime eines dauernden Staatslebens 
sich entwickelten und aufsprossten. 

Die Garantien eines Staatslebens, ohne welche es zusammen- 
fallen oder von aussen unterstützt werden muss, sind ver- 
schiedene: ein Gleichgewicht der Kräfte; Kirche, Staat, Adel 
und König, die sich gegenseitig paralysiren; auf Gewohnheit 

Maoiinger, OsUfrik. Stadien. 3 



Digitized by 



Google 



34 Einleitung. 

beruhendes Recht erblicher Herrschaft; Obereinfluss der Reli- 
gion; Vaterlandsliebe; politische sich als Parteien bekämpfende 
Meinungen. Untersuchen wir, wie Abyssinien in Bezug hierauf 
constituirt ist. 

Man weiss, dass Abyssinien bis in die Mitte des letzten 
Jahrhunderts von Einer Kaiserfamilie regiert wurde, deren 
Gewalt sich ziemlich regelmässig von Vater auf Sohn fort- 
erbte. Der Volksglaube>, der sie von Salomon und der Kö- 
nigin von Saba abstammen lässt, verlieh ihr die religiöse 
Sanction. Wenn sich die Kinder dieser Familie auch oft um 
die Erbschaft stritten, so konnte es doch keinem Fremden in 
den Sinn kommen, ihr Recht auf den Thron zu bestreiten 
oder sich an ihre Stelle^ zu setzen. Ras Mikael war der erste 
Majordomus, der die Autorität der Kaiser auf die Seite stel- 
lend sich zum factischen Herrn des Landes machte. Indem 
er Kaiser jedes Jahr ein- und absetzte und sie jeder Autorität 
beraubte, versetzte er der Legitimität den empfindlichsten 
Schlag. Seitdem haben die sogenannten Hazie dem Namen 
nach fortregiert, bis ein Emporkömmling Namens Cassa ganz 
Abyssinien sich unterwarf und sich endlich auch unter dem 
Namen Theodoros die Kaiserkrone aufsetzte. Dadurch ist die 
legitime Linie auch dem Namen nach abgeschafft und Abys- 
sinien der Einen Lebensgarantie, der Legitimität, beraubt 
worden, da fortan jeder glückliche Soldat König werden kann. 

Femer hat Abyssinien ganz demokratisches Aussehen. Der 
Adel hat seinen Ursprung in der Unterdrückung der Urein- 
wohner durch einen neu eingewanderten Stamm, der sich 
Land und Leute theilte. Abyssinien ist aus mehreren Völker- 
schaften zusammengesetzt, die sich untereinander dulden. Hat 
dann und wann ein Stamm das Principat errungen, so konnte 
er sich doch nie feudal ausbilden. Die Erblichkeit der Stellen, 
die übrigens nie dauernd anerkannt war, kann für sich noch 
keine Aristokratie gründen. Abyssinien hat nie politische 
Ständeunterschiede gekannt; der Bauer, der Kaufinann, der 
Hirte, der Häuptling wechseln jeden Tag ihre Rollen. In 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 35 

Städten, deren Bevölkerung täglich sich ändert, konnte sich 
kein Bürgerthum entwickehi. Die Kirche, so mächtig sie ist, 
kann nicht den Einfluss ausüben, den sie auf unser Mittel- 
alter gehabt hat. Der Bischof ist ein Ausländer, ein Kopte. 
Wenn der Kirdienbann auch immer noch seine alten Schrecken 
bewahrt hat und die Freundschaft des Bischofs von den 
Fürsten eifrig 'nachgesucht wird, so fände ein anderer Grego- 
rius nie einen Klerus, der an keine materiellen Interessen 
gebunden, sich bei jedem Aufruf wie Ein Mann um seine 
Fahne schaarte. So kann auch von dieser Seite dem Lande 
die Regeneration nicht kommen. 

Wenn Abyssinien auch seit den ältesten Zeiten als Ein 
Reich existirt, so haben sich doch seine Bewohner nie als 
Ein Volk betrachtet. Daher darf man kaum von abyssinischem 
Patriotismus reden, wenn auch nicht zu leugnen ist, dass 
jeder Mensch die Erde, wo er geboren, die Sitte, worin er 
erzogen ist, liebt und dem Fremden abgeneigt ist. Wie eine 
Völkermasse durch Zufall zu Einem Reich verbunden, durch 
Gewöhnung und gemeinsame Interessen zu Einem Volke wird, 
80 muss ihre Vaterlandsliebe dem Ganzen Kraft und Zusam- 
menhang verschaffen, wie wir es an Frankreich erfahren haben. 
Wenn diese Völkermasse aber trotz ihrer politischen Einheit 
sich geistig immer getrennt fühlt, so wird sie ihre provinzielle 
Vaterlandsliebe eher auseinanderhalten und selbst an der po- 
Utischen Einheit nagen. Diess ist nun der Fall bei Aethiopien, 
das aus mehr als zwanzig Völkern zusammengesetzt ist, die 
sich trotz zweitausend Jahren immer fremd gegenüberstehen 
und nur dem Ausland gegenüber einig sind. Man sollte kaum 
glauben, dass das Volk der Kamant von wenig tausend Seelen, 
inmitten der christlichen Amhara angesessen, bis jetzt seine 
eigenthümliche Sprache, seine Sitten, sein Heidenthum Jahr- 
hunderte treu bewahrt hat. 

Endlich wird niemand bewusste Sittlichkeit und die Selbst-* 
Verleugnung, die das Sonderinteresse dem allgemeinen Wohl 
aufzuopfern weiss, in Abyssinien suchen. Wir sehen das Reich 



^ Digitized by 



Google 



36 Einleitung. 

in feindliche Stämme, in Localinteressen zersplittert. Wo es 
keine politischen Meinungen gibt, darf man auch nicht an 
Parteien denken. Die einzige politische Meinung des Volkes, 
worin alles einig ist, ist eine unendliche Sehnsucht nach Ord- 
nung und Friede im Interesse des materiellen Wohles. Die 
einzige Klage ist der Mangel an einer kiüfdgen einheitlichen 
Begierung mit regelmässiger Verwaltung. ' Diese Tendenz des 
Volksgeistes aber stellt einen Militärdespotismus in Aussicht. 
Die Völker, der Fehden und des Blutes müde, geben sich mit 
dem härtesten Joche zuftieden, wenn es nur den Bürgerkrieg 
verhindert. Da aber die Natur der Dinge es mit sich bringt, 
dass Soldatenreiche keine innere Lebensfähigkeit haben und 
so meistens mit dem Gründer fallen, so muss sich der König 
von Abyssinien das Beispiel Mohammed Ali's nachahmend einen 
Halt von aussen suchen, wenn er die Ordnung, die er ge- 
brächt, das Werk der Reform, das er begonnen, seinen Erben 
hinterlassen will. 



VII. 

Jetzt müssen wir deutlich machen, welche Stellung der 
jetzige König von Abyssinien zu diesen Verhältnissen ein- 
nimmt. 

Als König Theodoros vor etwa acht Jahren fast ohne Schwert- 
streich ganz Abyssinien sich unterworfen hatte und sich in 
Gondar die Kaiserkrone aufsetzte, da erschien der Mann, der 
vom einfachen Soldaten mit vieler Kühnheit, eisernem Cha- 
rakter und unendlichem Glück auf den Thron sich geschwungen 
hatte, dem Volk als ein von Gott gesandter Erlöser. Denn 
auch Abyssinien hatte seine prophetische Sage von einem 
kommenden Herrn, der dem Lande seine alte Grösse wieder- 
geben sollte. 

An die Stelle der alten Provinzfürsten trat Theodoros mit 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 37 

dem Plan, dem Lande seine politische und religiöse Einheit 
wiederzugeben; er will dessen natürliche Grenzen vom Nil bis 
zum Rothen Meer herstellen. Er bedroht die türkischen Grenz- 
provinzen. Er sucht die Verwaltung zu centralisiren. Er ver- 
bietet den Zweikampf der ihm unterworfenen sich befeinden- 
den Stämme. Feind der alterblichen Fürstenfamilien stellt er 
jedem Provinzstatthalter überwachende Legaten an die Seite. 
Um Rebellion unmöglich zu machen, verbietet er die Waffen- 
einfuhr und confiscirt alle vorhandenen Feuergewehre. Seine 
Lieblingsidee ist, die Macht des Islam zu stürzen; wenn er 
ihn auch nicht ausrotten kann, so verhindert er seine weitere 
Ausbreitung, indem er ihn seines Ansehens beraubt. Er schlägt 
seine Schlachten mit einer Kühnheit, die nur ein Fatalist 
haben kann, doch ermöglicht er den Sieg durch seine geniale 
Anordnung, Sein Glück grenzt so sehr an Wunder, dass ihn 
die Abyssinier den bösen Geistern verbündet glauben und 
Theodoros thut alles, diesen Wahn zu verstärken; er prophezeit 
seine Siege voraus, er zieht sich in die Einsamkeit zurück; 
er lauscht verkleidet den Anschlägen seiner Feinde und mächt 
sie dann mit seiner Allwissenheit betroffen. Er ist ein Freund 
des Soldaten und theilt seine Mühen im vollsten Mass; er 
setzt sich für einen Feldherm nur zu sehr der Gefahr aus, 
wenn er nicht an sein Schicksal glaubte. Er ist verschwen- 
derisch, wo es seinen Namen verherrlichen kann. Er ist ein 
Freund von Eilmärschen undUeberraschungen und verzeiht auch 
seinen Leuten die lluhe nicht. Er richtet weise, schnell und 
streng ohne Rücksicht der Person. Er hört alle Klagen an 
und selbst der ärmste Bauer kann sich gegen seinen Fürsten 
beklagen. Aber wehe dem der schuldig befunden wird, wehe 
dem Rebellen, dem Meineidigen, dem falschen Zeugen; der 
Tod folgt der grässlichsten Verstümmelung. Theodoros will 
das Land durch Schreck und Blut reformiren. 

Es gibt keine angesehene Familie in Abyssinien, die nicht 
verwaist wäre. Wie viel Fürsten starben den langsamen 
Tod der Missethäter. Glücklich jene, die auf dem Schlacht- 



Digitized by 



Google 



38 Einleitung. 

feld als Männer fielen. Die alten Beherrscher des Volkes 
liegen auf den Bergfesten gefangen. Wie oft hat Theodoros 
seinen eigenen Feldherren zugeprahlt: Meint Ihr, mein Reich 
stütze sich auf Euren Arm? Es ist kein Einziger von Euch, 
den ich nicht in Trauer gestürzt hätte; kein Einziger, dem 
ich die Blutrache nicht schuldig wäre; Ihr möchtet alle auf 
mich einstürzen und mich vernichten und dennoch dient Ihr 
mir, solange ich meine Macht von Gott habe und seine Heer- 
schaaren meine Schlachten schlagen. 

Und doch regiert Theodoros schon fast zehn Jahre und 
Abyssinien harrt noch immer des Friedens. Wo der Kaiser 
ist mit seinen Hunderttausenden, da rührt sich kein Feind 
und niemand wagt ihm in's Gesicht zu schauen. Aber seine 
Abwesenheit benutzen die Rebellen, die immer reisiges, beute- 
lustiges Volk finden, und brandschatzen die Provinzen. So 
hatte im Tigre Fürst Negussie sich festgesetzt; eine mächtige 
Armee stand ihm zu Gebot. Während Theodoros im fernen 
Süden sich abmühte, war er als König von Halbabyssinien 
anerkannt, und erst die plötzliche Rückkunft des Kaisers 
kostete ihm Thron und Leben. Die Haufen zerstoben, um 
sich um den ersten Neuerer wieder zu schaaren. Im Dembea 
hauste Geret von edlem' Fürstengeblüt, der Einzige, der den 
Kaiser von Angesicht bekämpfend den Heldentod starb. Im 
Godjam herrscht Tadla Gualu, der rechtmässige Herr dieser 
Provinz, fast ungestört, geschützt durch zahlreiche von der 
Natur befestigte mit Wasser und Holz reich versehene, Amba 
genannte Felsenburgen. Und so machen sich in jeder Provinz 
die Söhne der alterblichen Fürstenfamilien geltend, im ge- 
meinsamen Hass gegen den Usurpator verbunden, Repräsen- 
tanten der Provinzeigenthümlichkeiten; da sie wohl wissen, 
dass ihre Herrschaft nur Einen Tag dauert, verwüsten sie 
das Land, das sie nicht besitzen können. Der Bauer, der 
Erndte beraubt, schmiedet den Pflug zur Lanze und wird 
Soldat, Wohl thut Theodoros das Mögliche; aber selbst der 
Schrecken hat seineu Zauber verloren. Die Zerrissenheit des 



Digitized by 



Google 



£iiileitimg. 39 

Landes ermöglicht einen Guerrillakrieg, dem immer neue 
Köpfe nachwachsen. Die Freiheitsliebe des Volkes selber, 
das sein altes J^echt und Ver&ssung ungern aufgibt, leistet 
der Neuerung passiven Widerstand. Die An^ee selber, die 
mit Frauen und Tross auf mehrere Hunderttausende sich be- 
läuft, verödet das Land, wenn sie auch nur eine Woche weilt 
und Heuschrecken ähnlich muss sie weiterziehen, hinter sich 
die Hungersnoth, vor sich eine allgemeine Flucht. Der Krieg 
mit den mohammedanischen Galla, der Jahre lang mit seltener 
Hartnäckigkeit gefuhrt wurde, hat Südabyssinien, wo früher 
Milch und Honig floss und die Ochsenlast Weizen nur 1 Franc 
kostete, zu einer Wüste gemacht und den Handel ganz unter- 
brodien. . 

Theodoros hat also eine furchtbare Aufgabe: wer mag 
zweifeln, dass es ein grosser Mann sein muss, der sie nur 
unternimmt? Aber es ist eine eigenthümliche Lehre der Ge- 
schichte, dass ihre grossen Männer auch in ihren Fehlern so 
entschieden sind und besonders so wenig Mass halten, dass 
sie entweder daran untergehen, wie Cäsar und Napoleon, oder 
nur der Gegenwart frommen, wie Karl der Grosse. Auch 
Theodoros, wenn man den Afrikaner anreihen darf, hat Un- 
tugenden, die ihm seine Aufgabe noch schwieriger machen. 

Vorerst kann man nicht verkennen, dass er zu viel mit- 
einander anfängt, indem er gegen die Grenzländer seine Kraft 
und Zeit vergeudet, während das eigentliche Abyssinien der 
Anarchie verfällt. Theodoros ist launig, misstrauisch und 
glaubt seinem Feinde gegenüber auch Meineid und Verrath 
erlaubt Er wechselt Pläne und Neigungen schnell; er träumt 
für Abyssinien eine grosse Zukunft und vergisst nur zu oft 
die trübe Gegenwart Er gefällt sich nur zu sehr in einer 
Grausamkeit, die ihm zur Gewohnheit geworden ist. Denn 
wenn eine schwere Krankheit auch gewaltsame Mittel ver- 
langt, so dürfen sie doch nicht unnütz nach Blut riechen. 

Endlich hat Theodoros Europa gegenüber noch gar nicht 
die wahre Politik eingeschlagen. Er weiss wohl, dass Eu- 



Digitized by 



Google 



40 Einleitung. 

ropa ihm in allem, besonders in der Kriegskunst über* 
legen ist. Seit er von einem Haufen Türken bei Me- 
tamma geschlagen wurde, denkt er inmier An die Vorzüge 
europäischer Disciplin und sein Scharfblick begreift, dass die 
Freundschaft mit dem Ausland ihm viel nützen und lehren 
kann. Es hinge nur von ihm ab, uns einen ehrenvollen 
Tausch anzubieten, indem er unserm Handel Sicherheit, un- 
seren Missionen Toleranz, unserer Civilisation Nachahmung 
verspräche und dagegen unsere Anerkennung und Lehrmeister 
in Krieg und Gewerben verlangte. Das Heer, nach euro- 
päischer Manier geschult, könnte bedeutend redudrt und dem 
• Feldbau die gesparten Hände zurückerstattet werden. Unter 
europäischer Leitung gebaute Strassen und Brücken würden 
den Aufruhr an der Wurzel angreifen und den Handel neu 
beleben. 

Leider ist es eine Thatsache, dass die Abyssinier, ihren 
Kaiser nicht ausgenommen, uns immer mit Misstrauen an- 
sehen. Sie bewundern unsere Geschicklichkeit, aber glauben 
selten an unsere geistige Ueberlegenheit; sie bedenken nicht, 
wie wir zu unsem Erfindungen gekommen sind. Sie sind zu 
stolz, imi von uns verständigen Rath zu erwarten. Der Kaiser 
selber wittert nur zu oft in den guten Rathschlägen der 
fremden Consuln böse Schlingen, die das Land ihren Händen 
überliefern sollen. 

Wir sehen Abyssinien also unter der Leitung eines grossen 
Mannes sich aus der Anarchie zu einer Despotie heraus- 
kämpfen. Fremde Hülfe und Rath wäre nothwendig, sie 
dauerhaft und erblich zu machen: doch ist es ein delicates 
Unternehmen, einem Volke, das noch an sich glaubt. Hülfe 
anzubieten und bei der Eifersucht der Grossmächte zu ver- 
hüten, dass aus der wohlgemeinten Hülfe selbstsüchtige Inter- 
vention wird, die den Patienten zwischen zwei Systemen so 
lange herumzerrt, dass ihm die Medicin zum Gift, das neue 
Leben zum Tod wird. 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 41 



vra. 

Durch die bisherige Betrachtung haben -wir uns überzeugt, 
dass Abyssinien der Elemente, womit es sich dauernd neu 
constituiren soll, entbehrt, sodass ein König, der für die Zu- 
kunft denkt, gezwungen ist, sich einen Halt im Ausland zu 
suchen und von den Franken gegen innen denselben Dienst 
tfOL Tedangen, den sie dem Land vor dreihundert Jahren gegen 
aussen erwiesen haben, Von der Nothwendigkeit eines sot 
chen Schrittes überzeugt die Lage des Kaisers Theodoros, 'der 
trotz seiner leichten Siege, trotz seiner Charakterfestigkeit, 
die ihm das Zutrauen des Landes erworben hat, seit mehr 
als acht Jahren vergeblich bemüht ist, dem Lande die nöthige 
Buhe wiederzugeben; er muss also mit neuen Waffen streiten, 
die ihm nur die europäische Allianz geben kann. Wir Euro- 
lÄer haben keine Minute nöthig, um uns von der Nothwen- 
digkeit dieses Schrittes. zu überzeugen, einmal da wir die 
nöthigen Kenntnisse haben, um die Lage Abyssiniens im Welt- 
ganzen zu begreifen; anderseits bewahren wir, von dem Schau- 
platz des Interessenkampfes weit entfernt, die natürliche Un- 
be&ngenheit, die allein ein ruhig^es Urtheil erlaubt und wir 
gleichen dem Arzt, dessen Kenntnisse allen zugute kommen, 
ausser seiner eigenen Person. Für die Abyssinier, die sich 
mitten auf der Bühne befinden und von der Weltgeschichte 
nur ungenügende Begriffe haben, braucht es lange Zeit sich 
eine richtige Vorstellung von ihrer auswärtigen Politik zu 
machen. Trotz allen Nachrichten aus dem Abendland, die 
von Pilgern und Handelsleuten eingeführt werden, macht sich 
doch niemand die wahre Vorstellung von der europäischen 
Macht und Culturentwickelung und der abenteuerliche Plan 
des Kaisers Theodoros, die Türkei zu erobern und nach Jeru- 
salem zu gehen, kommt den Landeskindem ganz natürlich 



Digitized by 



Google 



42 EinleituDg. 

und ausführbar vor. Daher kommt es, dass bis jetzt die 
Herrscher von Abyssinien wenig Neigung gezeigt haben, mit 
Europa in diplomatischen Verkehr zu treten, da sie sich nicht 
vorstellen können, was dabei zu gewinnen sei. Die Gesandt- 
schaften, die vom Mittelalter bis jetzt nach dem Abendland 
gingen, hatten alle ihren Ursprung in »den Bemühungen ein- 
zelner Personen, meist angesiedelter Europäer, die sich damit 
zu Ehren verhelfen wollten, oder aber der Hofißnung, von den 
reichen Franken schöne Geschenke zu erhalten. 

Freilich kommt dieser Aengstlichkeit der Abyssinier die 
europäische Politik freundlich entgegen; gleich den arabischen 
Chalifen, die sich berechtigt, ja verpflichtet glaubten, den Is- 
lam mit dem Schwert allen Völkern au£sudringen, zwingen 
wir den unwilligen Fremden unsere Consuln, Missionare,, un- 
sere Waaren, unsere Tagenden und Laster auf. Daher kommt 
es, dass wir an Abyssinien denken, ohne dass es unserer ge- 
denke und mit der unbeschreiblichen Geduld, die uns besonders 
die Eifersucht verleiht, werden wir trotz der Kälte der Landes- 
kinder gegen unsere Einmischung dahin kommen, dieses Land, 
das von seinen Nachbarn gefürchtet ist und seinen Erbfeind, 
den Bürgerkrieg, in seinen Eingeweiden trägt, in das Netz des 
Völkerverkehrs hineinzuziehen. So können wir versichern, 
dass, wenn in neuester Zeit Theodoros auf der einen, sein 
Antagonist Negussie auf ^^r andern Seite an Allianzen ge- 
dacht haben, der erste Schritt zur Annäherung durchaus nicht 
von ihnen gemacht worden ist. Ist freilich einmal das Bei- 
spiel gegeben, werden die Abyssinier vom Instinct getrieben 
sich freiwillig in Europa Herren suchen und, was viel schlim- 
mer ist, jede besiegte Minorität, jede verfolgte Sekte wird das 
Mitleiden irgend einer Grossmacht für sich zu gewinnen 
trachten. Bei der eifersüchtigen Tagespolitik werden wir 
dann anstatt Vermittler zu werden eher eine Partei mehr ab- 
geben und die Verwirrung und das Elend in's Ungeheure 
steigern, da wir den Barbaren die mörderischen Waffen und 
die selbstbewussten Laster der Civilisation schenken werden. 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 43 

Für ein Volk gibt es nur zwei Wege, sich an's Ausland 
um Hülfe zu wenden. Den ersten nimmt eine unterdrückte 
Partei, ein gestürzter Prinz. Da ihre HoflFhung allein auf der 
Fremdengnade beruht, sind sie gezwungen, sich aller Selbst- 
ständigkeit zu begeben und sie müssen sich und das Land 
an die Fremden verkaufen, wenn sie sich ihrer auch nur für 
den Augenblick bedienen wollen und nach gewonnenem Siege 
alles thun werden, um sich ihrer zu entledigen. Es ist nun 
immer ein unangenehmes, gegen Gewissen und öffentliche 
Meinung sich auflehnendes^ Geschäft, gegen den Volkswillen 
zu interveniren, es widerspricht dem natürUdien Patriotismus 
des Volkes und macht eine bleibende militärische Occupation 
DÖthig mit all ihren Opfern, mit dem vollen Stempel eines 
widernatürlichen Druckes. 

Den zweiten Weg verfolgt eine Majoritiit, ein König, der 
sich zum Herrn des Landes gemacht hat und begreift, dass 
ihm das Ausland viel nützen kann. Wir haben nicht nÖthig, 
zu beweisen, wie vortheilhaft die Allianz für beide Seiten sein 
muss. Diesen Weg hätte Theodoros verfolgt, wenn ihn nicht 
die Uneinigkeit der Europäer daran verhindert hätte; den 
andern Weg versuchte Negussie zu betreten. Wir wollen uns 
über des letzteren Stellung zu Europa einige unparteiische 
Worte erlauben; wenn er auch längst gefallen ist, so reprä- 
sentirt er einen Typus, der in Abyssinien und überall von 
Zeit zu Zeit auftaucht. 

Als Theodoros^ alle Könige von Abyssinien und auch den 
Herrn des Tigre, Ubie, besiegt hatte, liess e^ in diesem 
Lande einen Statthalter und kehrte nach dem Süden zurück, 
um die mohammedanischen Galla zu bekämpfen. In seiner 
Abwesenheit erhoben sich die Unzufriedenen, besonders die 
ahen Anhänger Ubie's und machten einen Schwestersohn des- 
selben, Namens Negussie, zu ihrem Oberhaupte, dem es ge- 
lang, das ganze Tigre sich zu unterwerfen und eine sehr 
schöne Armee um sich zu sammeln. Es war ein sehr gut- 
müthiger, löwenherziger Jüngling, dieser Negussie, wenn auf 



Digitized by 



Google 



44 Einleitung. 

seinen Privatcharakter hier etwas ankäme; aber er herrschte 
fünf Jahre lang, ohne zu regieren, da ihn die alten Feld- 
herren Ubi6's zu ihrem Herrn gemacht hatten, um ihren 
freien Willen zu haben. Jeder trieb es, wie er wollte, ohne 
dass Negussie Recht schaffen konnte. Die Anarchie war so 
gross, dass sich die Soldaten im eigenen Lager schlugen. Im 
Lande fehlte die Sicherheit; die Steuern waren sehr gross, 
ohne dass der König davon Nutzen gehabt hätte; so z. B. 
empfing er von der Provinz Hamasen nur 10,000 Thaler, wäh-^ 
rend der ihm untergebene Statthalter derselben mehr als 
100,000 Thaler davon erpresste. Negussie fehlte es an einem 
festen Willen; seine Entscheidungen waren unbestimmt; jeden 
Tag fanden neue sich widerstrebende Räthe bei ihm Gehör. 
Fünf Jahre war er Herrscher des Landes, an der Spitze einer 
glänzenden Armee, weil Tbeodoros von Ahmed Beshir, der 
sich an die Spitze der Galla gestellt hatte , nicht loskommen 
konnte. Als endlich der Kaiser Zeit fand, in das Tigre ein- 
zurücken, entzog sich Negussie durch einen sehr klug ausge-^ 
führten Rückzug seiner Verfolgung; er umging ganz Abys- 
sinien und kam vom Dembelas den Ikf areb hinunter an den 
Atbara und von da über das Wolkait in's Tigr6, wo er noch 
ein voUes Jahr ungestört blieb. Er nahm den Rückzug, weil 
er wusste, dass seine Soldaten sich nie gegen Theodoros 
schlagen ¥nirden. Im folgenden Jahre (1861) kam Theodoros 
wieder über den Takkaze und diessmal erwartete ihn Negussie 
mit einem an Tüchtigkeit überlegenen Heere; er erklärte als 
ein guter Ritter auf seinem Ross siegen oder sterben zu 
wollen ; aber sein Heer, das fünf Jahre mit ihm gezecht hatte, 
liess ihn im Stich; ein panischer Schreck ging durch das 
Lager; der Kaiser erliess eine Proclamation, wo er jedem 
Soldaten Pardon anbot; auf diess hin zerstreute sich die Ar- 
mee; Negussie wurde auf der Flucht gefangen und starb einen 
schmählichen Tod und mit ihm alle Heerführer, die sich auf 
das treulose Versprechen des Kaisers verlassen hatten; so ver- 
schwand das neue Reich, von dem die Kunde selbst nach Europa 



Digitized by 



Google 



Einleitnnj^. 45 

gedrungen war, wie eine Wolke, die ein leichter Wind in den 
blauen Himmel auflöst. 

Diess ist ein sehr gewöhnliches Stück abyssinischer Ge- 
schichte; was dabei auffällt, ist die Bedeutung, die man Ne- 
gussie zuschrieb, während diess doch gewiss nicht der Mann 
war, um einen Theodoros, dessen Name allein ein Heer in die 
Flucht jagt, entgegengestellt zu werden. Und doch geschah 
diess und in Europa glaubte man daran. Wir wollen un- 
parteiisch erzählen, wie das zuging und müssen deswegen 
in die Vergangenheit zurückgreifen, indem wir uns auf eine 
Schrift von Hm. Beke «The French and the English in the 
Red Sea» (1862) beziehen, die sehr lehrreich, aber fast zu sehr 
englisch gefärbt ist. Es war in diesem Jahrhundert, dass 
Europa wieder Beziehungen mit Abyssinien anzuknüpfen suchte 
und zwar durch sdne Missionen. Die Franzosen und Eng- 
länder suchten sich in diesem Lande den Rang abzulaufeil 
und erkauften sich mit grossen Geschenken die flüchtige 
Gunst der Könige des Landes. Zum Unglück gerade der 
Missionen wurden sie an die eifersüchtige Politik der beiden 
Mächte gefesselt. Wenn Hr. Beke behauptet, Frankreich und 
Rom gingen Hand in Hand, so will ich das nicht bezweifeln; 
aber ich meine, England thue das mit seiner Mission auch; 
ich will aber noch weiter gehen, indem ich meine, dass ge- 
rade deswegen die beiden Nationen und die beiden Missionen 
in diesem Lande nocli so blutwenig ausgerichtet haben. Wenn 
Hr. Erapf die Ursache war, dass eine englische Gesandtschaft 
nach Shoa kam, so war diese durch ihr Misstrauen er- 
regendes Betragen wieder Schtdd, dass Hr. Krapf so übel be- 
handelt wurde und dass man seither in Shoa die Engländer 
nicht sonderlich liebte. Der Nutzen von dieser Gesandtschaft 
bUeb den Franzosen, wenn man es als Nutzen betrachtet, ein 
paar Wochen die Freundschaft eines Königs zu haben, den 
man dann ein paar Jahre nicht mehr sieht. Wenn die pro- 
testantische Mission aus Abyssinien verjagt -wurde, hat sie 
diess gewiss am meisten der Unklugheit zuzuschreiben, womit 



Digitized by 



Google 



46 Einleitang. 

sie ihren Glauben veröffentlichten vor einem Volke, das seine 
Mutter Gottes mehr verehrt als Gott selbst. Wenn die katho- 
lischen Missionäre in Abyssinien so viel Unglück hatten, so 
liegt die Schuld davon in ihrer Allianz mit den französischen 
Consuln, denen sie ihre Unparteilichkeit aufopfern mussten. 
Was den Einfluss von Rom und Frankreich im Tigre betrifft, 
so bestand er in einer gnädigen Aufnahme gegen Geschenke; 
sobald diese aufhörten, war es mit der Freundschaft vorbei; 
die katholischen Missionäre hatten unter der Regierung Ubie's 
wenigstens ebenso viel zu dulden, als unter der jetzigen ; das 
Haus des französischen Consuls in ^Mkullu wurde 1849 von 
den Soldaten eben desselben Fürsten ausgeplündert, ohne 
dass von Vergütung die Rede gewesen wäre. Wir brauchen 
nur Hm. Beke's Angaben über diese Zeit bis 1855 nachzu- 
lesen, um uns zu überzeugen, wie viel von beiden Seiten in- 
triguirt und doch nichts erreicht wurde; die protestantische 
Mission war vertrieben, die katholische war in einer so pre- 
cären Lage, dass sie sich nach dem Meere zurückziehen 
wollte; der französische Consul in Massua kümmerte sich 
nicht um das Innere; der englische hatte einen sehr bedeu- 
tenden Handelsvertrag mit Ras Ali abgeschlossen! Nun aber 
änderte sich die Situation. Theodoros besiegte Ubie im Februar 
1855 und wurde so Herr von Abyssinien. Zu dieser Zeit war 
englischer Consul in Abyssinien Hr. Walther Plowden, ein 
Mann von vieler Energie, aber wenig Biegsamkeit, der so- 
gleich erkannte, dass für das Land eine neue Epoche ge- 
kommen sei. Er verfügte sich sogleich zum Kaiser und blieb 
bei ihm bis zu seinem Tode (Frühjahr 1860). Er that das 
Mögliche, ihn mit europäischen Künsten und Ideen bekannt 
zu machen; aber er bot ihm keine Protection an, die übrigens 
nie verlangt wurde. Er suchte Freundschaft und Sicherheit 
für seine Schützlinge und dieser Zweck wurde erreicht. Mehr 
war nicht möglich, da der Kaiser in seinem Misstrauen 
Schlingen befürchtete; von eigentlichem Einfluss war keine 
Rede. Da England einfach den Negus als legitimen Landes- 



Digitized by 



Google 



- Einleitung. 47 

könig anerkannte und ihm so den Schutz seiner Gäste über- 
liess, konnte es nie zu Schaden kommen: als Hr. Plowden von 
Rebellen in der Nähe von Gondar ermordet wurde, so fiel die* 
Rache einfach dem Kaiser anheim , ohne dass für England eine 
Unehre damit verbunden gewesen wäre. Dass Hr. Plowden alles 
that, um den König für England zu stimmen, das ist natürlich; 
dass er ihn bewog, den Sklavenhandel zu verbieten, ist löblich, 
wenn der Erfolg davon auch null war und bald auch das 
Verbot aufgehoben wurde; aber der active Theil, den er an 
der Vertreibung der katholischen Mission nahm, machte ihm 
keine grosse Ehre und nützte ihm nichts; denn aus einer offe- 
nen klaren Politik kam er in das Gebiet der Intrigue. 

Man weiss, dass Theodoros seinen Thron durch eine Allianz 
mit dem koptischen Bischof in Abyssinien, dem sogenannten 
Abuna, zu befestigen suchte; die Folge davon war, dass der 
Kaiser die katholischen Missionäre Landes verwies und ihre 
Schüler, die eingebomen Priester, mit Gewalt zum Rücktritt 
bringen wollte. Der Erfolg war natürlich der entgegengesetzte, 
die Verfolgung stählte die junge Gemeinde, traurig aber war, 
dass ein englischer Consul sich dareinmischte, während er die 
günstige Gelegenheit hatte, der anerkannte Beschützer aller 
Europäer zu werden. Durch diese Vorgänge wurde die katho- 
lische Mission dem Kaiser und zugleich England feindlich; es 
kam ein neuer französischer CJonsul nach Massua; im Tigre 
erhob sich Negussie, der sich, solange der Abuna zum Kaiser 
hielt, der katholischen Mission günstig zeigte, und es entstand 
ein Bund zwischen diesen drei Potenzen. "Wir dürfen nicht 
vergessen, dass sich im Gefolge des englischen Consuls unter 
dem Schutz des Abuna eine protestantische Mission unter den 
Augen des Kaisers festsetzte. 

Da nun England beim Kaiser schon vorausgekommen war, 
wandte sich Frankreich an Negussie; die Verbindung bewerk- 
stelligte ein abyssinischer Priester, der zur katholischen Mis- 
sion gehörte, ein Mann von sehr vielem Talent und grosser 
Energie, der fortan die Seele dieses Bundes wurde. Mit vieler 



Digitized by 



Google 



48 Einleitung. 

Mühe, fast gegen die Neigung Negussie's, larachte er eine Ge- 
sandtschaft an Napoleon zu Stande, die im gleichen Jahre 
von französischer Seite erwiedert wurde. Das Unglück oder 
Glück wollte, dass die französische Gesandtschaft eben zur 
Zeit ankwi, als Negussie sich vor dem Kaiser flüchtete; sie 
wurde in Halai förmlich angegriffen und konnte nur mit Mühe 
und Noth das Meer erreichen. Es war ein Glück, weil man 
sich in Europa eine übertriebene Meinung von Negussie ge- 
macht hatte. Die Idee, die sich die öffentliche Meinung von 
diesem Verkehr machte, war, dass Frankreich den Negussie 
gegen den Kaiser unterstützen würde; der Preis sollte die Küste 
des Rothen Meeres bei Zul'a sein, die jedenfalls den Abyssiniem 
ebenso gehört, wie den Türken. Wir wissen nicht, ob die 
öffentliche Meinung ganz Recht hatte; wir wissen aber, dass 
Negussie sich noch wenige Tage vor seinem Tode über die 
Franzosen bitter beklagte: sie hätten ihn mit Hülfsversprechun- 
gen getäuscht, während er durch die ihnen gemachten Gon^ 
cessionen das Zutrauen seiner Unterthanen verloren habe. 
Sicher ist, dass noch in der letzten Stunde ein paar Hundert 
Franzosen, ja nur ein paar gut bediente Kanonen zu Gunsten 
Negussie's entschieden hätten. Aber sie kamen nicht und es 
war gut so; denn es ist leicht, Abyssinien zu erobern, aber 
sehr schwer es zu behaupten. Denn man kann nicht erwar- 
ten, dass sich Negussie dankbar gezeigt hätte, seine eifrigsten 
Anhänger waren allen Fremden sehr feind. Wenn also Frank- 
reich auch nichts für seinen Schützling that, so hatte es sich 
doch in eine schwierige Stellung gebracht. Anstatt den fekctischen 
Herrn des Landes anzuerkennen, stellte es sich zur Minorität 
und gab sich damit das Ansehen eines Protectors; man darf 
diess aber nicht ungestraft thun. 

So fiel Negussie unbeweint; Theodoros blieb der alleinige 
Herr des Landes, um dessen Freundschaft sich nun die Con^ 
suln beider Mächte bewarben. Wir wollen nicht bezweifeln, 
dass für beide in Abyssinien Interessen da sind, die sie wah- 
ren müssen; aber sie vei^essen, dass dieses Land sich noch 



•Digitized by 



Google 



Einleitung. 49 

immer in der Anarchie befindet und dass alle Verträge un- 
nütz sind, solange keine dauerhafte Regierung etablirt ist; 
man sollte bedenken, dass Europa mit Einigkeit Abyssinien 
zur Einheit verhelfen sollte, die erst einen politischen Ver- 
kehr erlaubt; man hätte den jetzigen abyssinischen Kaiser, 
der doch der einzige Mann von Genie ist, den das Land hat, 
in seinem Vorhaben unterstützen sollen und der europäische 
Geist hätte vielen Einfluss gewinnen können. Statt dessen 
führten sich Engländer und Franzosen einen Intriguenkrieg, 
der beiden schadete, da der Kaiser seine frühere gute Mei- 
nung von unserer Ehrlichkeit verloren hat und keinem mehr 
sein Vertrauen schenkt. Diess hat alle Europäer zu Schaden 
gebracht. Wir wissen nicht recht, welches Recht wir haben, " 
von den Abyssiniem Toleranz zu verlangen, wenn wir sie 
selbst in Europa nicht haben; wir sind der Ansicht, dass man 
die Missionen sich selbst überlassen soll; sie werden sich 
selbst besser zu helfen wissen; sie stehen auf einem ethi- 
schen Boden, der weltlichen Schutzes nicht bedarf, wenn er 
ein fester ist; wir hoflfen noch immer, dass die beiden einzigen 
Mächte, die Abyssinien kennt, sich zu einer gemeinschaftli- 
chen Politik verständigen können, die ihnen allein Einfluss 
verschaffen kann; jetzt ist es noch Zeit, da Abyssinien selbst 
der Einheit zustrebt. Fährt man aber fort, zu intriguiren 
und einer dem andern zu schaden, so werden die Abyssinier 
uns immer nur unserer Geschenke wegen Complimente ma- 
chen; wir werden uns selbst verächtlich machen oder wenn 
wir es nicht werden wollen, müssen wir einen Krieg anfangen, 
gefahrlicher als Mexico und hundertmal nutzloser. Diess ist 
die Meinung eines Unparteiischen, der wünscht, dass Abys- 
sinien ein ordentlicher fester Staat werde, in Friede und 
Freundschaft mit dem Ausland; dann werden Handel und Ge- 
werbe wieder aufblühen und der Europäer wird bis in's In- 
nere ohne Gefahr dringen können: die Vortheile werden dem 
Thätigsten gehören, ohne Intervention, ohne Intrigue. 



Maoxiuger, Osta/rik. Studieu. 



Digitized by 



Google 



50 Einleitung. 



IX. 

Jetzt wollen wir einen Blick auf das religiöse Leben Abys- 
siniens werfen und zum voraus bekennen, dass es durchaus 
nicht gesund ist. Wir finden vorerst eine vollständige Anarchie 
der Glaubensbekenntnisse. Die herrschende Bevölkerung bil- 
den die Christen; doch sind die Mohammedaner in den Städten 
und besonders in den Grenzprovinzen sehr ausgebreitet und 
mächtig. Im Süden haben sich viele Juden erhalten; das 
Heidenthum ist selbst mitten im Lande nicht ausgerottet; die 
Kordgrenzen besetzen die deistischen Bazen, die Südgrenzen 
die teufelanbetenden Galla. Das Christenthum selbst ist für 
den grössten Theil des Volkes ein äusserlicher Name geworden 
und mit jüdischen Gebräuchen arg vermischt. 

Man weiss, dass Abyssinien seit 1500 Jahren seinen Glau- 
ben bewahrt hat, auf eine Weise aber, dass Wichtiges und 
Unwichtiges, Dogma und Disciplin gleiche Bedeutung erhalten 
haben. Wir finden die gleichen Missbräuche, die unser Mit- 
telalter entstellt haben: den Mangel an theologischen Kennt- 
nissen; viel ünsittlichkeit und Ueberfluss an Mönchen; freche 
Simonie und Verkauf der Sakramente; theilweise sogar die 
Polygamie; strenge Fasten und Busse; viel Festtage; lose 
Eheverhältnisse; übermässige Verehrung von Bildern und Kreu- 
zen, vermengt mit schützenden Talismanen; wenig Kirchen, 
viel Heiligengeschichte; Glauben an Weissagereien und Vor- 
bedeutungen; Auslegung der Träume; Furcht vor Hexerei und 
bösen Künsten; doch jedenfalls keinen Unglauben und keine 
Gottesverachtung. Die judäisch- pharisäische Denkungsart, die 
allen Orientalen und besonders den Semiten eigen ist, klebt 
auch den Abyssiniern an; wir meinen damit den Formengeist, 
die Wichtigmachung von Gebräuchen und äussern Werken, 
die Unterscheidung zwischen Rein und Unrein, die Beschnei- 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 51 

dung, das Hängen an dem Buchstaben, gegen das sich Paulus 
wehrt. 

Die Kirchengüter befinden sich grösstentheils in den Hän- 
den der Fürsten, die darüber zu Gunsten ihrer Anhänger dispo- 
niren. Die Erblichkeit der Pfanfstellen von Vater auf Sohn 
erzeugt Lauheit und raubt der Kirche die nöthige Unabhän- 
gigkeit. Das sehr verbreitete Mönchsthum verhindert alle wohl- 
thätige Neuerung; die abyssinischen Mönche und Nonnen sind 
unruhige, anmassliche, ungebildete, faule Fanatiker, die den- 
noch vielen Respectes geniessen. Eine Beform derselben in 
arbeitende Orden wäre wohl wünschenswerth , aber schwer 
ausführbar. 

Das Hauptübel Abyssiniens aber ist der Stolz, der von 
dem kleinsten Erfolge aufgeblasen, sich überheilig und über- 
weise wähnt und nur ungern von fremden Missionären sich 
Rathes erholt. Deshalb müssen wir die Weisheit des Ka- 
nons bewundern, der den eingebornen Abyssinier von der 
Bischofswürde ausschliesst. Diese Einrichtung bewahrt allein 
den Zusammenhang mit der allgemeinen Kirche. Wehe dem, 
der sie abschafft! Ein Missionär, der sich seine Aufgabe zu 
Herzen nimmt, muss eine Selbstverleugnung ausüben, die 
leider nur wenigen ansteht; strenge Absonderung in Tisch 
und Leben geht nicht. Der Missionär muss eben leben, wie 
er seine schwarzen Brüder leben lassen kann; er zwingt sie 
mit dem guten Beispiel zur Bescheidenheit. Der Stolz, von 
dem kein Abyssinier frei ist und eigentlich kein Semite, hat 
eine andere gefährliche Seite; der Messias ist ihm immer 
ebenso gut wie den Aposteln ein weltlicher Herr; die Herrsch- 
sucht der Eingebornen wird dem fremden Missionär sehr ge- 
fahrlich, da sie ihn, ohne dass er es ahnt, in die Landes- 
politik hineinzieht. 

Nun darf man aber doch nicht verkennen, dass das Chri- 
stenthum uns Abyssinien geistig näher uud über das übrige 
Afrika stellt. Es hat dieses Land von dem abschetdichen 
Fetischismus, der abgöttischen Tyrannei gerettet. Wenn sich 

4* 



Digitized by 



Google 



52 Einleitung. 

die Völker auch bekämpfen, so sind die Opfer doch nur die 
Soldaten und die Güter; Weib und Kind sind respectirt. 
Kein freier Abyssinier wird von seinem Mitbürger in die Skla- 
verei verkauft. Die Leibeigenschaft erstreckt sich nur auf 
die von aussen eingeführten Schwarzen, die nur den kleinsten 
Theil der Bevölkerung ausmachen. Der Sklavenhandel ist 
den Christen bei Todesstrafe verboten. Die Frau ist un- 
verletzlich und hat ihre bestimmten grossen Rechte. Wenn 
wir Europäer, solange wir das Gastrecht nicht verletzen, 
immer freundlich aufgenommen sind, so müssen wir die Ur- 
sache sicherlich in den gleichen Religionsgefühlen suchen. 

Den erwähnten innem Gebrechen sollten nun die Missionen 
entgegenarbeiten. Es gibt zwei Gesichtspunkte, den Zweck 
einer Mission aufzufassen. Der eine ist allgemein philanthro- 
pisch; er wünscht die Erweiterung der Geographie; die Mis- 
sionäre werden Vorläufer der Reisenden und so der Civilisation 
und des Handels; ihre Berichte sind im Allgemeinen glaub- 
würdig, da sie Zeit haben, sich einzuleben und mit den Ein- 
gebomen in freundschaftlichen Verkehr zu treten. Die andere 
Auffassungsweise gehört der Pietät, die allein die nöthigen 
Opfer bringt und religiöse Bekehrung Afrikas anstrebt: eine 
so schöne Idee, dass man kaum wagen darf, zu sagen, wie 
schwer sie zu realisiren ist. 

Es gibt in Abyssinien eine protestantische und eine ka- 
tholischet Mission. Wenn wir uns darüber aussprechen, so 
stellen wir uns auf einen Standpunkt, der von der Richtig- 
keit der Lehre abstrahirt. Man weiss, dass die Jesuiten, die 
sich vor etwa 250 Jahren im Lande festgesetzt und den Ka- 
tholicismus zur Staatsreligion erhoben hatten, durch die In- 
toleranz, mit der sie alles romainisiren wollten, eine Revolution 
hervorriefen, die mit ihrer Verbannung endigte und eine blutige 
Verfolgung veranlasste, wo es an standhaften Bekennem, so- 
gar unter der Familie des damaligen Kaisers nicht fehlte. 
Die jetzige katholische Mission geht mit mehr Sorgfalt zu 
Werke. Im Unwesentlichen, der äthiopischen Liturgie, den 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 53 

Fasten und der Priesterehe, lässt sie dem Volke seine alt- 
orientalischen Gebräuche; im Wesentlichen, dem Streit um 
die Naturen und um das Principat Roms, sucht sie den Abys- 
siniem aus den eigenen Büchern zu beweisen, dass die alt- 
äthiopische Theologie und Kirche bis in^s siebente Jahrhundert 
mit der griechisch-katholischen Kirche übereinstimmte und 
dann erst von den Kopten usurpirt wurde: diess geschah in 
Folge der Eroberung Aegyptens durch die Araber, wodurch 
die Griechen von Ainka abgetrennt wurden; der Verkehr mit 
Abyssinien wurde nur den Kopten möglich und die Abyssinier 
wurden nach und nach genöthigt, sich ihre Bischöfe Yon die- 
sen letztem zu holen. Die Aenderung ging aber nur sehr 
allmählig vor sich; das Mittel war vorzüglich eine grobe Bü- 
cherverfälschung, indem man unbequeme Stellen einüach aus- 
radirte oder neue in den alten Text hineinschrieb. Doch 
stehen noch viele Zeugnisse des alten Glaubens aufrecht; merk- 
würdig sind besonders die zwei Stellen im Fetwa Negest (Kai- 
serrecht), die entschieden das Principat des römischen Bi- 
schofs anerkennen. Die Frage über die Naturen ist ein 
Wortstreit, der Griechen gefedlen konnte, aber bei ungebil- 
deten Völkern, denen es an scharfen geistigen Definitionen 
fehlt,- schlecht angebracht ist. Die äthiopischen Wörter akal 
(persona) und bahri (natura) haben keine feste Bedeutung und 
werden in Abyssinien crass materiell aufgefasst. Der Begriff 
vom Gottmensch ist doch überall der gleiche. Warum mit 
Hülfe von Sprachen streiten, deren Wörter nichts Ethisches 
haben, bei Völkern, die alles grob sinnlich auffassen? Kann sich 
doch der Mensch nichts ganz geistig denken; der feinste Be- 
griff muss einen körperlichen Anhalt haben; alle unsere Ideen 
sind Vergleichungen mit sinnlichen Gegenständen und es ist 
unmöglich, sich vor dem Tode von dieser Kette loszureissen 
und gerade deswegen hat das Ghristenthum als verständlichen 
Vermittler den Gottmenschen nöthig, den man wieder mit 
Definitionen unverständlich macht. 

Sehr weise arbeiten die katholischen Missionäre seit etwa 



Digitized by 



Google 



54 EinleitHiig, 

zwanzig Jahren daran, sich in Nordahyssinien festzusetzen und 
eingebome Priester zu erziehen. Denn die Nähe des Meeres 
und der Wildniss sichert ihnen in Zeiten der Verfolgung den 
Rückzug; anderseits können sie von den eifersüchtigen Blik- 
ken des Kaisers fem bei den halbfreien Grenzvölkern im 
Stillen Wurzel fassen. So haben sie denn mehrere Gemein- 
den von Okulekusai und das Hirtenvolk der Irop zu eifrigen 
Anhängern; auch in der Provinz Agame und den Bogos sind 
sie niedergelassen und mehr als dreissig eingebome Priester, 
die für das Land sehr gebildet sind, breiten den Glauben um 
so leichter aus, da sie als Landeskinder nicht das Misstraueii, 
das jeden Fremden empfängt, zu bekämpfen haben. Die Kir- 
chen werden fleissig besucht, die Ehen regelmässiger geschlos- 
sen ; das Volk hat sich dafür interessirt. Der Gründer dieser 
Mission war der Bischof Justin de Jacobis (f 31. Juli 1860), 
dessen tadellose Persönlichkeit allen Parteien Verehrung ab- 
zwang und dessen Edelmuth auch die Feinde beschämte. 
König Theodoros, der der Fiinheit wegen Eine Staatskirche 
wollte, versuchte in den ersten Jahren seiner Regierung die 
Katholiken zur koptischen Kirche zurückzuzwingen; doch hat 
die Standhaffcigkeit, die er erfuhr, der katholischen Sache 
eher g'enützt. 

Die protestantische Mission wirkt in Oberabyssinien, in 
der Nähe des Kaisers, dem die Idee eines König -Papstes 
gefällt; da aber Abjrssinien viel katholischer ist, als Rom, be- 
sonders in der Verehmng der Heiligen und der Beobachtung 
der Fasten und Festtage, hat der Protestantismus schweren 
Stand und seine Bekenner dürfen nie mit der ganzen Wahr- 
heit herausrücken. Auch die Nähe des Kaisers wirkt läh- 
mend auf ihre Arbeit, da er wohl neue Handwerke einge- 
führt haben will, aber keine neue Religion; deswegen wurde 
eine angefangene Schule aufgehoben, sobald sie sich mit Dog- 
men abgab. Da aber glücklicherweise mehrere der Missionäre 
auch Handwerker sind, wird ihre Geschicklichkeit den Ge- 
werbfleiss des Landes befördern. Anderseits ist der Einfluss, 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 55 

den die Bibelverbreitung in grossem Massstab auf das geistige 
Leben des Volkes ausüben wird, nicht zu berechnen und es 
ist zu wünschen, dass man fortfahre, gute Bücher von sitt- 
licher Belehrung in's Volk zu werfen. Wo Bildung ist, da 
wird es schon besser werden. Von diesem Standpunkt aus 
bin ich mit dieser Mission einverstanden; aber ihre Bemühun- 
gen, das Land directerweise protestantisch zu machen, schei- 
nen mir nicht zweckmässig. Wenn es sich darum handelt, 
auf der gegebenen Grundlage weiter zu bauen und nicht nie- 
derzureissen; wenn man erkennt, dass Abyssinien eine 
positive Religion nöthig hat; wenn jedermann zugeben muss, 
dass die Reformationsstürme die katholische Disciplin und 
das katholische Leben gereiniget haben; wenn die Analo- 
gie der abyssinischen Zustände mit unserem Mittelalter 
uns klar geworden ist, so dürfen wir wohl wünschen, dass 
die äthiopische Kirche der gleichen Regeneration theilhaftig 
werde. Unmöglich ist sie nicht, da der abyssinische Glaube 
im Wesentlichen durchaus katholisch ist. Es würde sich bei 
der Veränderung lediglich um mehr Wissenschaftlichkeit, grös- 
sern Eifer und strengere Sitten handeln, was vorsichtig durch- 
geführt niemanden vor den Kopf stossen würde. 

Abyssinien aber protestantisch machen zu wollen, das 
wäre ein Beginnen, so radical allem Hergebrachten in's Ge- 
sicht schlagend, dass die Leute, denen man plötzlich ihren 
frommen Glauben und besonders die Verehrung der Mutter 
Gottes rauben wollte, von allem Christenthum abwendig wür- 
den. Das rücksichtslose Abreissen würde sie so stutzig und 
verwirrt machen, dass sie das Kind mit dem Bade ausschütten 
und den Glauben allen zusammen, sogar an Gott, wegwerfen 
würden und mit der Verkündigung einer Religion, die keine 
Verwandtschaft mit dem hat, was bis jetzt für schönes gol- 
denes Christenthum galt, wird allein ein crasser, gedanken- 
loser Unglaube gepflanzt, der dem Volke den moralischen 
Halt nimmt, den ihm sein alter Glaube verliehen hatte. 
Mit dem Heidenthum kann man unbesorgt tabula rasa machen; 



Digitized by 



Google 



56 Einleitang. 

bei den Bazen, den Barea, den GaUa und Schankalla ist ein 
schönes ungepflügtes Feld; da kann man ebenso leicht den 
Heidelberger Katechismus einführen, wie jeden andern; aber 
der Geist der freien Forschung wird auch da nicht eindrin- 
gen. Wo aber ein Volk einmal den Glauben der Apostel rein 
bewahrt zu haben glaubt, da darf man des Systemes halber 
nicht in ein Extrem fallen; man muss nur das Mögliche ver- 
suchen, nur das Mögliche ist gut. 



W«nn es sich nun nur darum handeln würde, die abys- 
sinische Kirche zu reformiren , so wäre die Aufgabe nicht so 
schwer: eine viel grössere Gefahr droht ihr aber von dem 
Islam; ein sehr furchtbarer Kampf steht dem Missionär des 
Kreuzes bevor von dem Missionär des Halbmondes. Als der 
Islam mit den Waffen der Welt gegen Abyssinien anstürmte, 
konnte er mit Schwert und Lanze zurückgeschlagen werden 
und Abyssinien blieb politisch genommen in christlichen Hän- 
den. Aber seit die äussere Gefahr vorbei ist, hat auch die' 
Lauheit zugenommen, von den Anhängern Mohammed's klug 
benutzt. Während der Islam dem heidnischen Afrika gegen- 
über offene Gewalt braucht und täglich ganze Völker sich 
unterwirft,' darf er in Abyssinien nur bescheiden auftreten. 
Er benützt die Schwächen seines uneinigen Gegners; er er- 
ringt nur vereinzelte Erfolge und dennoch darf man nicht 
verschweigen , dass er einer stetigen Zunahme sich erfreut. 
Während er schon halb Afrika beherrscht und immer südli- 
cher dringt, hat er sich wohl den dritten Theil der Bevöl- 
kerung des eigentlichen Abyssiniens schon unterworfen und 
die Grenzen gegen alle Weltgegenden sind dem Christenthum 
jedenfalls für immer verloren. Die Galla werden in kurzer 
Zeit alle mohammedanisch sein; die Grenzvölker vom Norden, 



Digitized by 



Google 



Einleitnng. 57 

die Habab und die Marea, sind erst in unserer Zeit dem Kreuz 
abtrünnig geworden und die Bogos selbst sind kaum zu retten. 

Wir sebeu also: Christenthum und Islam in Afrika kämpfen 
einen ungleichen Kampf. Hüten wir uns mit dem Stolz gei- 
stiger Ueberlegenheit zu rufen: Post tenebras lux! Wie sollte 
der Halbmond dem Kreuze widerstehen? 

Vor 1300 Jahren hatte das Christenthum mehr räumliche 
Verbreitung als heute. Das römische W'eltreich, in das sich 
jetzt so viele, selbst die Türken theilen, war christlich und 
sandte seine Apostel nach dem heidnischen Norden. Was 
hier gewonnen wurde, ging im Süden und Osten verloren. 
DieBerberei, die einen Cyprian, einen Augustin, einen Ter- 
tullian erzeugt hatte, ging fast ohne Widerstand zu Moham- 
med's Neuerung über. Der grosse semitische Stamme dem 
allein die Einheit Gottes ein Axiom ist, zu dem allein Götter 
und Propheten reden, eroberte sich von Neuem die halbe 
Welt. Als Christus den Buchstaben todt und den Geist allein 
lebendig nannte, sprach er zu uns, den Abendländern, und er 
sprach uns aus der Seele: der Gehalt der Lehre überwältigt 
uns so sehr, dass wir auch die Wunder, die uns unwesentlich 
scheinen, gern mit glauben. Den Orientalen überzeugten die 
Wunder, aber sie gaben ihm den lebendigen Geist nicht: die 
orientalische Kirche blieb in dem Buchstaben, der Form be- 
fangen und nur den Namen hatte sie mit uns gemein. Diesen 
Widerspruch löste Mohammed, indem er dem alten äusserlichen 
an Formen und Fasten hangenden Judenthura einen neuen 
Namen, Islam, verlieh. Mit Recht konnte er ihn die Fort- 
setzung des Alten Testamentes nennen, und er wird so 
lange in der Welt unter wechselndem Namen vorkommen, 
als es Anbeter des Buchstabens gibt. So ging Afrika ver- 
loren, so ganz Vorderasien und Arabien. Was neugewonnen 
wurde, Indien, China und Japan, wurde ebenso schnell wie- 
der abtrünnig. Die Saat war auf felsigen Boden gefallen und 
die Vögel des Himmels, die Zufälle, frassen sie auf. Wenn 
nun nach tausend Jahren, in denen die ganze Weltlage sich 



Digitized by 



Google 



58 Einleitang. 

verändert und ihr Schwerpunkt sich zum Norden geneigt hat, 
wir von Neuem Afrikas Bekehrung versuchen, so liegt die 
Frage nahe: Welche Befähigung hat der heutige Afrikaner zum 
Christenthum; neigt sich sein Geist mehr zu uns oder zum 
Islam? Wer wird endlich Sieger sein? 

Der Afrikaner ist im Allgemeinen leichtgläubig; aber er 
wird selten fanatisch. Er ist nur da Heide, wo man ihm 
nichts Besseres gelehrt hat; aber er bekehrt sich mit Freuden 
zu einer hohem Gottesanschauung, wenn sie seiner Natur 
nicht Zwang anthui Er untersucht wenig; das Wunder scheint 
ihm natürlich; die Einheit Gottes hat bei ihm keinen Beweis 
nöthig. Dann hält er sehr fest daran , ohne aber an die Wei- 
terverbreitung, an Bekehrung seiner Nachbarn zu denken. 
Denn durch sein ganzes Leben zieht sich als rothe Ader der 
Hang zur Isolirtheit, zum Auseinandergehen , eine C^ntrifugal- 
kraft, die dann wieder durch einen extremen Despotismus 
bekämpft werden muss. Deswegen gibt es unter den eigent- 
lichen Afrikanern so wenig Aristokratien, die immer aus dem 
Hang der Familie, zusammenzubleiben, sich zu vereinigen, 
hervorgehen. Deswegen sehen wir in dem von Fremden un- 
berührten Afrika meist sehr primitive Demokratien, friedlich 
nebeneinander lebende Gemeinden ohne staatlichen Zusam- 
menhang, ohne- Beamten und König, ohne gegenseitige Schutz- 
und Hülfspflicht. Da aber die Extreme sich berühren, finden 
wir dann wieder crasse Autokratien, wo Einem Tyrannen Le- 
ben und Land , Weib und Kind seiner Unterthanen von Rechts 
wegen angehören. 

Jedem dieser Zustände kommt der Islam sehr erwünscht. 
Er mildert die unbedingte Autokratie, indem er die Gleich- 
berechtigung der Menschen vor dem göttlichen Gesetz aner- 
kennt. Den isolirten Gemeinden aber, denen zur Verbindung 
das Gefülil der Familie oder der organisirten Selbstwehr fehlt, 
bietet er einen Punkt der Einigung, die Religion, die jeden. 
Gläubigen zum Freund, jeden Käfer zum Feind stempelt und 
nur den letztern zur Sklaverei verdammt. Sie vereiniget ihre 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 59 

Proselyten zum Kampf gegen das Heidenthum. Nun darf die 
Gemeinde nicht mehr müssig dastehen , wenn das nachbailiche 
Dorf in Flammen aufgeht. Der Glaube gebietet schnelle Hülfe, 
festes Zusammenhalten. Es bildet sich ein Staat, aber keine 
Theokratie. Denn da im Islam Staat und Religion zusammen- 
fallen, muss die Kirche fehlen und ein eigentlicher Priester- 
stand ist nicht nöthig, wo der Gottesdienst in Gebeten besteht, 
die jeder Gläubige für sich verrichten kann. Der Fakih oder 
Schriftgelehrte ist eher ein Schulmeister, der den Kindern 
lesen, den Entwachsenen beten lehrt, aber es fehlt ihm die 
Hierarchie, die allein den Stand begründet. 

Der Islam geht zum Aeusserlichen , strebt nach Oeffent- 
lichkeit. Da seine Gebete nicht Bitten in unserem Sinne sind, 
sondern ein liob Gottes und seine Verherrlichung, so dürfen 
sie nicht in das stille Kämmerlein verschlossen werden, son- 
dern sie müssen am hellen Tageslicht in die Augen der Welt 
fallen, zum Stolz der Freunde, zum .Aerger der Feinde die 
Einheit Gottes manifestirend. Wir Christen gehen oder sollen 
wenigstens nicht in die Kirche gehen, um unsere Frömmig- 
keit zur Schau zu tragen; wir suchen sie oft nur auf, weil 
wir zu Hause inmitten der Freuden und Leiden der Familie 
oft der stillen Kammer entbehren, wo wir unsere herzinnig- 
lichsten Anliegen dem allerhörenden Vater vorbringen können. 
Der Mohammedaner denkt nicht daran, mit Beten das von 
Ewigkeit vorbestimmte, von Gottes Hand geschriebene Schick- 
sal ändern zu können; sondern es ist seine Pflicht, Gott öf- 
fentlich Zeugniss zu geben und was bei uns Heuchelei schiene, 
ist bei ihm eine Tugend. Dass diese Oeffentlichkeit der Eitel- 
keit des Menschen und besonders des Afrikaners, der so gerne 
glänzt, schmeichelt, ist gewiss; denn niemand wird sich ver- 
hehlen, dass das Bewusstsein, fromm zu sein, noch frömmer 
macht) dass auch die armselige Eitelkeit den zum Himmel 
strebenden Menschenstamm parasitisch umwuchert und oft 
erstickt. 

Die Religionssprache des Islam, das Arabische, hat etwas 



Digitized by 



Google 



50 Einleitung. 

Tönendes, Ehrfurchtgebietendes; sie ist männlich, fast hart, 
da wo sie wie in der Umgangssprache der vollen Vocale ent- 
behrt; aber nicht so in dem alten klangreichen Koran. Ob 
der Text desselben göttliche Hand verrathe, das ist eine Frage, 
die uns nicht angeht, da die meisten Mohammedaner wenig 
an den Sinn der Worte denken und die Formreligion sich an 
der Form ergötzt. Doch enthält er, seinem Gehalte nach 
genommen, eine Menge Kraftsprüche und Regeln für jede 
Situation des Lebens, womit auch der ungebildetste Mann 
den religiösen Gegner sich vom Leibe zu halten weiss. Die 
Form dieses Buches ist ungemein geschickt in der fast rhjrth- 
mischen Eintheilung der Verse und der freilich rohen Rei- 
mung, die das Auswendiglernen und die halb gesungene Re- 
citation fast angenehm macht. 

Wer es selbst nicht erfahren hat, der sollte nicht glauben, 
dass neben dem römischen Choral, neben dem protestantischen 
Kirchenlied auch das islamitische öflFentliche Gebet Kirchen- 
gesang genannt werden darf und dass auch er auf das Ge- 
müth wirken kann. Wir erlauben uns, aus unsem alten Ta- 
gebüchern eine Stelle mitzutheileu , worin wir den frischen 
Eindruck, den er auf uns machte, wiedergaben. 

„Es sind zehn Jahre her. Dort oben stand ich auf der 
Citadelle von Cairo, wo Mohammed Ali's Grabmoschee auf 
die verfallende Stadt hinuntersieht. Da liegt er ruhig, wo er 
seine Feinde vernichtete. Es war ein Abend, wie sie der 
Orient so wunderklar hat. Noch stand die Sonne am Rand 
des Horizontes und ihre Strahlen hingen an den Hunderten 
von Minarets im Scheiden. Es war ein Anblick, eigenthüm- 
lich schön, herrlicher als was ich je gesehen: dort im Westen 
der übergetretene meergleiche Nil, der alte Befruchter des 
Landes; noch weiter gegen Abend die in den Wüstensand 
scharfgezeichneten Pyramiden, die schon andere Zeiten ge- 
sehen haben und noch manche Stadt und Volk vergehen sehen 
werden, und hier unter mir Kahira, die siegreiche Stadt der 
Chalifen. Welch ein Contrast, dort das Sinnbild der Ewig- 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 61 

keit, hier der Vergänglichkeit! — Die Sonne sank: es dunkelt 
schnell im Orient. Da erhob sich mit Silberklang die Stimme 
des Gebetrufers vom nächsten Minaret und Hunderte ahmten 
ihr nach, singend: 

«Allahu ^.kbar! Gott ist gross 1 Gläubige betet: Es 
gibt nur Einen Gott und Mohammed ist sein Prophet!» 
Und Millionen beten zur gleichen Stunde im gleichen Glauben 
zum gleichen Gott in feierlichem Lobgesang. Die Töne stei-, 
gen ULud fallen, wie sich die Betenden beugen und erheben; 
bald erhebt sich der Choral zu den höchsten Brusttönen und 
füllt jauchzend die hohen Gewölbe, bald sinkt er hinab in 
die melancholischen Alttiefen und wird zu einem geisterhaften 
Murmeln und scheint zu ersterben. Dann erhebt er sich von 
Neuem, Männer und Knaben unisono, und erlöscht wieder, 
bis er sich in die eintönigen Schlussformeln auflöst. In dem 
von düstem Lampen ungebrochenen Dunkel können die Töne 
ungestört an's Herz dringen. — Wann werden die Tage kom- 
men, wo diese Stimmen Schweigen, Cairo in Schutt liegt und 
hn Lande der Rechtgläubigen Franken Gesetze geben? Wann 
wird dem Abendlande selbst die Stunde der Vernichtung schla- 
gen? — Ich war erschüttert, ich mochte weinen; denn der 
Sprach des alten blinden Sängers überfiel mich, dessen der 
siegende Scipio gedachte, als er in die Flammen Karthago's 
niederblickend und seines Volkes gedenkend ausrief: 

Einst wird kommen der Tag, wo die heilige Ilios hinsinkt,' 
Priamos selbst and das Volk des lanzenkundigen Königs!" 

Fahren wir in unserer Untersuchung fort! Die Moham- 
medaner alten Datums sind immer die gleichen Strenggläu- 
bigen wie von Alters her. Sie stimmen alle in unbedingtem 
Preis ihrer Religion und in unbedingter Verachtung aller an- 
dern überein und es wäre unmöglich, den feigsten, schwächsten 
Mohanmiedaner zu bewegen, seinen Glauben in den kleinsten 
Punkten zu verleugnen. Diese ungeschwächte Glaubenskraft, 
die unserer zweifelvollen unentschlossenen Civilisation abgeht, 



Digitized by 



Google 



62 Einleitung. 

flösst dem Neubekehrten Vertrauen ein. Indem femer der 
Islam das Märtyrerthum nur verdienstlich, nicht noth wendig 
macht — denn Gott kennt das Herz — erleichtert er jeden- 
falls den Uebertritt. Er verlangt von dem Afrikaner wenig 
Lebensreformen. Durch Scheidung und Polygamie wird auch 
Zügellosigkeit tolerirt. Dem rachsüchtigen Schwarzen gebietet 
der Koran den Hass; er sagt ihm nicht: Liebe deine Feinde, 
dulde! Er erlaubt ihm die Rache; er sagt ihm: Kämpfe, 
siege! Dem stolzen, sinnlichen Afrikaner bietet er eine lebens- 
frohe Männerreligion, die es zur Ehre macht, rechtgläubig zu 
sein. Das Kreuz ermahnt zur Selbstverleugnung, zur Demuth, 
die jedenfalls der Frau besser ansteht. 

Doch können wir nicht verhehlen, dass, so sehr der Islam 
dem Afrikaner zusagt, es ihm doch schwer wird, alle seine 
Vorschriften treu zu beobachten. Der Afrikaner hat keine 
unnatürlichen Laster; aber er ist lau im Gebet und nachlässig 
im Fasten. Er ist grosser Freund von geistigen Getränken; beson- 
ders die ackerbauenden Stämme leben hauptsächlich von Bier 
und man kann ohne Uebertreibung sagen , dass drei Viertel der 
Erndte immer darin aufgeht. Femer haben die Afrikaner meist 
einen sehr zweideutigen Begriff von der Heiligkeit der Ehe; 
gewöhnlich lebt der Jüngling in wilder Ehe mit seiner Ge- 
liebten, bis ihr^die Schwangerschaft mehr Rechte gibt. Ehe- 
bruch wird selten bestraft. So weit geht nun allerdings die 
Toleranz des Islam nicht; er verdammt den Genuss des 
Bieres und den Umgang mit Mädchen, die Urlaster Afrikas. 
Die neuem Religionslehrer verbieten sogar den Gebrauch des 
Tabaks, dem die Afrikaner leidenschaftlich ergeben sind. 
Die Ackerbauer bauen und rauchen, die Hirten schnupfen 
und kauen ihn. Dagegen kämpfen die Religionslehrer ver- 
geblich. Jedes Jahr durchziehen sogenannte Sheich das Land 
und eifern gegen die eingerissenen Missbräuche; sie schüren 
das Feuer der Frömmigkeit an; sie organisiren fronmie Ver- 
eine, deren Mitglieder, die Foqara, geloben, nicht mehr zu 
trinken, keinen Tabak mehr zu sich zu nehmen und im Be- 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 63 

ten fleissiger zu werden. Dann werden alle Bierhafen zer- 
brochen, der Tabak wird verpönt; aber kaum ist der Sheich 
wieder abgereist, so kömmt alles auf die alten Gebräuche 
zurück. Wir erinnern uns des jungen Sheich Djafer von Mekka, 
der vor einigen Jahren von Chartum nach Massua ging; er 
war stets von Hunderten von Gläubigen begleitet, in jedem 
Dorf erhielt er einen freiwilligen Tribut, den er sogleich unter 
die Annen vertheilte; er predigte viel und stiftete überall 
fromme Vereine. Die guten Vorsätze gingen aber nach seiner 
Abreise schnell zu Wasser. So schwer ist es mit dem Glau- 
ben das Leben zu reformiren. 

üebrigens schadet diess dem Islam durchaus nicht, da ihm 
die Moral immer eine Nebensache bleibt. Da der Glaube 
allein selig macht, so verliert selbst der grösste Sünder den 
Muth nicht: der Prophet wird seine Anhänger doch vom 
Feuer zu erretten vermögen. Diese Trennung von Theorie 
und Praxis beschützt vor Verzweiflung und spornt zu ernstem 
unbedingten Glauben, während das Christenthum, bei dem 
Glauben und Werk unzertrennlich sind, den Sünder oft zum 
Unglauben hinzieht, der ihm die Furcht benehmen soll. Wenn 
daher der Afrikaner auch gegen das Gesetz handelt, so wird 
er deswegen gar kein Zweifler oder Atheist. 

£s gehört wenig Genie dazu, die mohammedanische Ein- 
heit Gottes zu lehren oder zu lernen; wenig Gedächtniss, ein 
paar Suren auswendig zu wissen; Bibelübersetzung, Dogmatik, 
Liturgie sind überflüssig; Priester fehlen, höchstens sind 
Schulmeister da, die leicht ihren Unterhalt von denen finden, 
die lesen lernen wollen. Fehlen sie oder irren sie, so steht 
deswegen die Religion nicht in Gefahr, da die Glaubensfor- 
mel aus Einem kurzen Axiom besteht, das sich nicht ändern 
kann. Das christliche Dogma ist ziemlich verwickelt, umständ- 
lich; man muss denken, um es zu begreifen und begreiflich zu 
niachen; Irrthümer liegen nah, wie grobes materielles Ange- 
bäng und Auffassung. Deswegen weist der Afrikaner den 
Islam nie zurück und ist stolz auf seine Bekehrung; denn er 



Digitized by 



Google 



64 EinleituDg. 

erkennt den grossen Fortschritt vom Heidenthum weg ohne 
Mühe, während das complicirte Christen thum schon analysirt 
und studirt werden muss. Deswegen sind die Mohammedaner 
fast alle einig, von gleichem Glauben und Wort, während die 
Christen in keiner Frage zusammenstehen und sich unter- 
einander ärger bekämpfen, als die Heiden; einer stellt den 
andern bloss und macht ihn lächerlich. Der daraus entstehende 
Skandal flösst natürlich wenig Zutrauen ein, da der arme 
Heide am Ende nicht weiss, wem er zu glauben hat. Die 
Stellung des Missionärs wird daher bei jeder Religion eine 
ganz andere. Der Islam verträgt den einfältigsten Prediger, 
wenn er nur eifrig ist und das fehlt nie. Für unsere Mis- 
sionen haben wir ganz eigen thümliche, allseitig gebildete Gei- 
ster von grossem Charakter nöthig, da die Uebersetzung und 
Verdeutlichung unseres ßeligionssystemes schwierig ist und 
Irrthümer nahe an der Hand liegen; der hierarchische Stolz 
führt zu Schismen,^ die Errichtung des Klerus in Staat und 
Stand zu CoUisionen und weltlichen Umtrieben, wovon der 
Islam nichts weiss. 

Um diese Gegensätze zu vervollständigen, müssen wir be- 
denken, dass der Mohammedaner in Afrika schon lange zu 
Hause ist; selbst der Araber ist dem Afrikaner in Geist und 
Farbe nahe verwandt. Wir haben eigentlich nur Abyssinien 
und selbst dieses Land nur theilweise, da uns die Eingebor- 
nen in allem, besonders in der Farbe fremd vorkommen; wir 
linden es sehr schwer, uns den Gedankengang des Afrikaners 
anzugewöhnen, uns geistig zu acclimatisiren.*) Wir bleiben 



♦) Um uns deutlich zu machen, wollen wir die verschiedene Den- 
kungsart nur mit einem Beispiel darstellen. Um uns zu überzeugen, 
wie fanatisch wir sind, brauchen wir nur der ersten Unterhaltung zwi- 
schen Europäern zuzuhören, wo ganz anständige Leute über den Na- 
men einer Pflanze in Eifer gerathen können. Diese kommt dem Afri- 
kaner lächerlich vor; freilich ist diese die Frucht unserer etwas über- 
spannten Energie ; Toleranz ist das Kind der abgespannten Gleichgültigkeit. 
Daherkommt es, dass uns der Staat so eng unischliesst, dass uns die 
Gesellschaft in Ketten gefangen hält, dass unsere Freiheit durchaus 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 65 

immer fremd, wir stossen an, ohne es zu wollen; wir sind 
überlegen an Geist, aber es fehlt uns meist der gesunde Men- 
schenverstand. Unser Missionär hat lange Zeit nöthig, bis er 
nur die Sprache des Landes gehörig kennt. Viel hängt von 
seinem persönlichen Charakter und Betragen ab. Diess ist bei 
dem mohammedanischen Prediger keineswegs der Fall. Wäh- 
rend dieser nun gleichsam in sein eigenes Haus zu Gleich- 
gesinnten kommt, gehen wir in die Fremde und werden 
selten afrikanisch denken lernen. Wir müssten, kurz gesagt, 
zu Missionären wahre Heilige haben, die alles ihrem Zweck 
aufzuopfern im Stande sind , während in der Wirklichkeit un- 
sere Sendboten gewöhnliche Leute sind, die sich nie mit afri-* 
kanischer Nüchternheit zufrieden geben wollen und so vor- 
sichtig sind, sich unter den Schutz ihrer Regierung zu stellen, 



nicht die Ungenirtheit der einzelneu Person bedeutet. Die Intoleranz 
will sich in alles mischen. Das Gegentheil findet sich in Afrika, wo 
das Gesetz nur den Aufrührer und Verbrecher befeindet, sich aber um 
alles andere nicht kümmert Der Staat ist das Kind der Nothwendig- 
keit und oft selbst des Zwanges, da der Stärkste auf Kosten der an- 
dern leben will ; aber über die natürlichen Grenzen geht er nicht hinaus. 
Was gehen ihn Handel, Sitten, Strassen und Erziehung an? Das gilt 
selbst noch für die Türkei, wo man sich viel freier fühlt, als bei uns. 
Jeder denkt an sich und wenig an den Nachbarn; jeder ist Herr in 
seinem Haus und besonders in seiner Familie, die ihm gehört, nicht 
wie bei uns, wo der Staat die Kinder beansprucht Daher ist Kinds- 
mord in Afrika kein Verbrechen; die Mutter kennt besser ihren Vor- 
theil. Der Staat kümmert sich nur um die öffentliche Ordnung und 
selbst da ist er nur Cassationshof , da die Familie oder die Gemeinde 
die erste und meist entscheidende Instanz hat. Die Hauptregierang 
betrifft den Tribut, nicht als Budget, sondern als Zoll an den Mäch- 
tigsten, der sich und seine Diener damit bereichert und dafür die Leute 
unbel ästigt l&sst Der Staat in unserm Sinn des Wortes existirt in 
Afrika nicht und ebenso wenig die Gesellschaft Zweifelsohne ist das 
Menschengeschlecht* hier in seiner Kindheit begriffen; aber auch wir 
befinden uns nur in der Mittelstufe, solange der Staat den Bürger 
erziehen will. In Afrika hat der Mensch eine unbewusste Freiheit, die 
er missbraucht; wir werden einst eine bewusste Freiheit haben, die wir 
gebrauchen können. — Wenn nun der Europäer mit seinem bevormun- 
denden Geist nach Afrika kommt, so erscheint er dem Afrikaner als 
ein Tyrann: Nimm mein Geld, aber lass mir meine Sitte, sagt er ihm. 

Hunzinger, Oatafrik. Stadien. O 



j 



Digitized by 



Google 



QQ Einleitung. 

der jedenfalls Misstrauen erregt. Der Muslim ist von Natur 
Missionär; er macht seine Geschäfte und treibt nebenbei den 
Pfarrer; er erinnert lebhaft — verzeihe man den Vergleich — 
an die Apostel, die von ihrem Handwerk lebten. Er verlangt 
nichts und von wem sollte er es verlangen; er treibt Mission 
auf eigene Faust und Kosten. Bei den Christen aber ist 
Mission ein Geschäft, das eigens bezahlt und geleitet sein will; 
wir sehen es sogar oft ungern, wenn unsere besten Kräfte 
in's Ausland gehen. Deswegen können wir unsere Missionen 
nie auf den Standpunkt bringen, wie die Muslimin. 

Der Muslim glaubt alle Mittel, selbst Gewalt und Betrug 
erlaubt, wenn sie nur zum wahren Glauben führen. Man 
muss bedenken, dass der Afrikaner sich in Gottes Hand glaubt, 
die ihn blindlings führt und nöthigl In der Gewalt erkennt 
er einen Fingerzeig Gottes; wir haben oft Neubekehrte über 
das Motiv ihres Uebertrittes befragt: „Gott hat mir's ange- 
than" meinten sie; sie waren dazu gezwungen worden. Da- 
her hat die Gewalt in religiösen Sachen nichts Unnatürliches; 
da sie Gottes Wille scheint, muss die Bekehrung aufrichtig 
und fest gemeint sein. Die Afrikaner sind nämlich alle Fa- 
talisten und seien sie Christen, Heiden oder Mohammedaner, 
schreiben sie Leben und Tod, Glück und Unglück, Tugend 
und Verbrechen der unmittelbaren Hand Gottes zu. Mit die- 
ser blinden Nothwendigkeit entschuldigt sich der Missethäter, 
tröstet sich der Unglückliche; in das Unabänderliche sich er- 
gebend verlacht er selbst den Tod. Auch der kleinste Zufall 
wird Gott zugeschrieben: dem Schicksal, dem Tag, dem Ge- 
schriebenen, wer kann ihm entrinnen? In der Praxis freilich, 
instinctmässig nimmt der Kranke Arzneien ein und niemand 
stürzt sich der Consequenz wegen von einem Felsen hinunter. 
Dennoch wird niemand bezweifeln, dass der Glaube an die 
Nothwendigkeit, der jedem Afrikaner tief einwurzelt, ja mit 
angeboren ist, der Verbreitung des Islam grossen Vorschub 
leistet. 

Wir haben bis jetzt nur Momente kennen gelernt, die den 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 67 

Islam begünstigen; wir wollen jetzt eine Seite des Afrikaners, 
ja eines jeden Menschen erwägen, die ihn eher dem Christen- 
thum befreunden sollte: das ist der Wunderglaube. Der Islam 
ist eine natürliche Religion; sein einziges Wunder ist die 
Offenbarung, das natürlich ausse6a!It; da das ganze Alte Testa- 
ment, das Gemeingut aller Monotheisten, auf dem Verkehr der 
Propheten mit Gott beruht. Wenn aber Mohammed betheuerte, 
dass er nicht geschickt sei, um Wunder zu wirken, dass man 
seine Religion eben an und für sich glauben müsse, so hat 
es ihm niemand geglaubt. Seinen Schülern schien die Re- 
ligion ohne Wunder doch unbewiesen zu bleiben und Gott zu 
ideal dazustehen. Sie schrieben also ihrem Propheten trotz- 
dem mährchenhafte Wunder zu; sie schufen ihre Heiligen und 
ihre Sheich's, die Kranke heilen, die Zukunft voraussagen, 
selbst vom Tode auferstehen und je nach Gefallen Heil und 
Unheil bringen können. Solche Heilige werden in Person und 
Vermögen sehr respectirt; niemand wagt sie anzufassen, da 
plötzlicher Tod, Krankheiten, Regenmangel ihrem Unwillen 
zugeschrieben werden. Die Mohammedaner haben deshalb 
viel mehr Wunderglauben, als wir und einen eigentlichen 
Heiligencultus; der kleinste Zufall wird zum Wunder gestem- 
pelt; eine erfüllte Prophezeiung wiegt zehn falsche auf. Der 
Mensch und besonders der afrikanische Mensch will nichts 
Ton einer natürlichen Religion wissen; der Aberglaube wuchert 
trotz der Nüchternheit des Korans inmier fort. Denn der 
Mensch hat Wunder und Heilige, er hat Mittler nöthig, um 
einen persönlichen Gott zu verstehen ; darin liegt etwas Hand- 
greifliches, Verständliches. Besonders der Afrikaner glaubt 
lieber an das Unnatürliche und Uebernatürliche und zieht es 
dem Natürlichen weit vor. So sieht der Islam besonders in 
Afrika durchaus nicht mohammedanisch aus und die Reformen 
der Wehabiten und Fullata sind nur ohnmächtige Protesta- 
tionen gegen den Wunderglauben. Dieser Tendenz des Men- 
schengeistes trägt das Christenthum mehr Eechnung. Wenn 
wir aber alle die aufgeführten Gegensätze in Erwägung ziehen, 

5* 



Digitized by 



Google 



68 Einleitang. 

SO muss uns der Sieg des Kreuzes in Afrika und selbst in 
Abyssinien wenigstens in diesen Zeiten mehr als zweifelhaft 
erscheinen. Wir enthalten uns, den Islam an und für sieh 
zu beurtheilen; er bezeichnet den Standpunkt, auf dem sich 
der Orient vor 1200 Jahren befand und noch jetzt befindet; 
er ist der systematische Ausdruck des Formengeistes, der dem 
Orient eigen ist. Er brachte nichts Neues, er gab den vor- 
liegenden Zuständen nur einen neuen Namen; die orientali- 
schen Kirchen, die christlich geblieben sind, sind ihm in 
nichts überlegen; denn der pharisäische Geist ist beiden eigen- 
thümlich. Wir wollen deshalb die Bemühungen der Missionäre 
nicht unbedingt verurtheilen ; sie werden, wenn ehrlich ge- 
meint und von Liebe erzeugt, immer dankenswerth und 
fruchtbar sein, wenn wir die mit Nummern gezählten Bekeh- 
rungen, die nur die Aussenseite verändern, verachten; hofiFen 
wir viel von den Bestrebungen, den Afiikanern Bildung zu 
schenken und ihnen mit Thaten ein gutes Beispiel zu geben: 
denn eine gute That fällt nie auf steinigen Boden , wenn auch 
ihre Früchte nicht so unmittelbar an den Tag treten, wie 
glänzende aber zweifelhafte Bekehrungen. 



XL 

Wir wollen aus dem Gesagten einige Schlussfolgerungen 
ziehen; wir müssen uns aber, um deutlich zu sein, eines Um- 
weges bedienen. Wenn es widersinnig wäre, das Principat 
unserer modernen Civilisation zu leugnen, so muss doch nicht 
vergessen werden, dass wir es erst in der Neuzeit errungen 
haben. Die Indier, die Perser, Chaldäer, Araber und Aegypter 
sind indirect ebenso gut unsere Lehrer und Meister, wie die 
classischen Völker. Wie wir sie ersetzt haben, können uns 
auch andere in der geistigen Herrschaft einmal ersetzen. 
Der Schwerpunkt der Weltcultur lag früher dem Persischen 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 69 

Meerbusen und so dem Indischen Ocean näher; dann rückte 
er an das Mitt^lmeer dem Westen zu und schwebte über Sy- 
rien, Griechenland, Italien, Karthago, Spanien und Portugal, 
bis er durch die Entdeckung der neuen Welt auf Westeuropa, 
dem Atlantischen Ocean zu, ruhen blieb. 

Wir dürfen uns also nicht vorstellen, als wären wir par 
excellence das Volk der Cultur, die ja noch zu frischen Da- 
tums bei uns daheim ist; eine Reihe günstiger Umstände trieb 
uns zur Cultur, deren Fortschritt jedenfalls dem Fallgesetz 
unterworfen ist, d. h. je weiter sie kommt, um so schneller 
wird ihr Gang. Von diesen Triebfedern wollen wir die grössern 
bekannten hervorheben: die durch die geographische Lage, 
die Flüsse und Meerbusen gebotene, vom Dampf mächtig ver- 
mehrte materielle Verkehrsleichtigkeit — und die Erfindung 
der Buchdruckerkunst. 

Der Zusammenhang liegt nicht fern: Flüsse, Eisenbahnen 
vermitteln den materiellen, die Buchdruckerkunst den geistigen 
Verkehr der Völker. Und die Entwickelung der Menschheit 
begünstigt besonders die Aufhebung der Isolirtheit: denn der 
gegenseitige Verkehr befördert den Wetteifer; man stösst und 
wird gestossen. Diesem Krieg im Frieden verdanken wir 
unsere jetzige Ueberlegenheit und wem es darum zu thun ist, auch 
Ostafrika aus seiner Isolirtheit gegen sich und die Aussenwelt 
zu reissen, der vermehre seine materiellen Verkehrsmittel. 

Man sieht schon aus der Karte, welch unzugänglicher 
Klumpen Afrika ist; es fehlen ihm die Meerbusen, zu wenig 
Flüsse sind da und viel zu viel Wüsten. Von Abyssinien 
haben wir schon gesehen, wie seine Natur jeden Verkehr er- 
schwert. Also hat es gute fahrbare Strassen nöthig und um 
dazu zu kommen, ist es gesunder Politik angemessen, jede 
einheitliche Regierung, wie sie heissen möge, zu unterstützen. 
Dadurch wird der Ausgang nach dem Rothen Meere hin er- 
leichtert; da werden sich DampfschiflFslinien reichlich lohnen 
und diese und eine nicht so unmögliche Eisenbahn von Suakin 
zum Nil, sie werden ganz Ostafrika eine neue Gestalt ver- 



Digitized by 



Google 



70 Einleitung. 

leihen, da der Handel der Nilländer, den jetzt die Wüste so 
sehr hemmt und dem der selten schiffbare Nil kaum hilft, 
frisch und gewaltig dem nächsten Hafen zueilen und Inner- 
afrika öffnen wird. Denn es ist der Triumph der modernen 
Wissenschaft, dass sie die Natur besiegt in ihren Vortheilen 
und Nachtheilen. Europa verdankt seine Grösse seinen Flüssen 
und Meerbusen; bald werden diese nur hinderlich sein und 
der Dampf sich über alle hinwegsetzen; dann wird Afrika 
nicht mehr zurückgestellt sein. 

Wir deuten hier nur an und skizziren, da wir uns ein 
anderes Mal mit den ostafrikanischen Verkehrsmitteln be- 
schäftigen wollen. Wenden wir uns zu dem geistigen Verkehr 
der Völker; seine Factoren sind die neue Bahnen brechenden 
Genies, ihr Träger die menschliche Sprache. Es fehlt keinem 
Volke der Erde an hervorragenden Geistern und grossen 
Charakteren, keinem an einer ausdrucksvollen Sprache; aber 
die Geister anderswo entbehren der günstigen Gelegenheit und 
Verkehrsleichtigkeit, um auf die Massen einzuwirken. 

Wird die Sprache nur geredet, so vermittelt sie den engern 
Verkehr, aber reicht natürlich wenig weit. Da sie dem Ohr 
und dem Mund nur anvertraut ist, bilden sich die Menschen 
je nach dem Klima und der Lebensweise neue Dialekte, ja 
neue Sprachen daraus, wodurch die Vereinzelung der Stämme 
immer bestimmter, ihr freundlicher Verkehi» immer schwieriger 
wird. Ihr Unterschied in Charakter und Sitte drückt sich 
besonders frappant in der Sprache aus, wie der Stempel auf 
der Münze und verewigt den Völkerhass. 

Wird aber eine Sprache auch geschrieben, so verändert 
sie ihren Charakter; sie verliert an Schönheit und Formen- 
fülle; aber sie wird bequemer, einfacher, grammatisch be- 
handelt und festgestellt. Sie zerstört das Leben der Dialekte, 
die sich der geschriebenen Norm unwillkürlich zu nähern 
suchen. Die Schrift erleichtert den Ideenaustausch und macht 
erst Wissenschaft möglich, der das blosse Gedächtniss nicht 
genügen kann. 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 71 

Nun schenkt Gott jedem Volk Genies, die mit ihren neuen 
Ideen zum Fortschritt mahnen. Steht ihnen nur die Rede 
zu Gebote, so ist ihr Einfluss jedenfalls nur local; ihre Lehren 
werden schnell vergessen. Haben sie aber als Werkzeug die 
Schrift, so bemeistern sie sich der Wissenschaft. Das Manu- 
script aber ist so schwer zugänglich, dass die neuen Lehren 
und Künste nur einem sehr kleinen ausgewählten Publikum 
bekannt werden können. Der Geist wird das Monopol einer 
Zunft von Priestern und Gelehrten, die ihn zur Geheimlehre 
machen. 

Plötzlich aber verändert sich die Welt: die Buchdruckerkunst 
macht jede neue Idee zum Gemeingut des Volkes. Von jetzt 
an ist kein guter Gedanke mehr verloren und die Bildung 
verbreitet sich allmählig auch bis in die untersten Schichten 
der Gesellschaft. Wenn nun das Grösste gethan ist, so sind 
auch wir nicht weit; noch immer muss der grösste 
Theil des Volkes gleichsam weitergeschoben werden; auch 
Oberflächlichkeit ist da und ihr Kind, der Stolz; der Abstand 
zwischen dem Gelehrten und der Volksmasse ist noch so un- 
geheuer, dass die Wechselwirkung bis jetzt wenig gefrommt 
hat; noch immer haben wir uns von einer blinden Verehrung 
der Vergangenheit, heisse sie Alterthum oder Mittelalter, nicht 
frei gemacht. 

Nicht eine Bevorzugung also eines von Gott auserwählten 
Volkes, nicht eine verschiedene Gehirnbildung stellt uns über 
die barbarischen Völker, sondern der leichtere Verkehr für 
Geist und Materie, begünstigt durch viele kleinere Zufälle 
und Umstände. Wir waren einst roh und trag; wir sind es 
zum Theil nicht mehr seit kurzer Zeit. Wer weiss, wie lange 
der Germane in seiner Wildheit verharrt hat? Wer weiss, 
wozu uns die Uebertreibung der Cultur führen kann? Wer 
nun wünscht, es möge auch in Afrika und besonders in dem 
christlichen Abyssinien geistiges Leben und der Trieb zum 
Fortschritt erwachen, der habe Bedacht, dessen geistige Ver- 
kehrsmittel zu erweitern: man lehre es lesen! Man stifte 



Digitized by 



Google 



72 * Einleitung. 

Schulen! Man beschenke es mit Buchdruckereien ; man über- 
setze fiassliche Bücher, die von Confession abstrahiren und 
allgemeine Belehrung bieten. Man darf nicht fürchten, das 
Buch finde keine Leser. Kein Volk der Erde verschmäht 
Unterhaltung, keines ist frei von Neugierde und Wissenstrieb. 
So verstehen wir die Mission. 



XII. 

So viel haben wir von allgemeinen Betrachtungen Toraus- 
geschickt, um das Verständniss alles Folgenden zu erleichtern. 
Auf den Abhängen Abyssiniens gegen Norden finden wir nun 
mehrere kleinere Völker, halb Abyssinien, halb Aegypten unter- 
worfen, halb christlich, halb mohammedanisch, halb Nomaden, 
halb Ackerbauer, mehrere sehr eigenthümliche Sprachen 
sprechend; die meisten verwahrloste Vorposten des Hochlan- 
des. Da sie seit langer Zeit sich selbst überlassen sind, so 
haben sie ihre alte Sprache , Sitte und Recht unverfälscht auf 
die Gegenwart gebracht, was die Aegypter und Abyssinier nicht 
gethan haben. Es ist uns also hier allein die Gelegenheit 
geboten, ursprüngliche Volksverhältnisse zu studiren. 

Wir können nun alle diese Völker vom Rothen Meer bis 
zum Gash in drei Klassen theilen: 

Die erste Klasse bilden die A^azi,*) bei denen das Tigre 
vorherrscht; dazu gehören die Bewohner des Samhar und 
der Küste bis Aqiq; die Stänmie des Anseba (Habab, Bedjuk, 
Mensa, Bogos, Takue, Marea), einzelne Ansiedlungen im Barka 
(Beit Bidel), Algeden, Sabderat und die Hallenga. Alle diese 
Völker haben einen innern Zusammenhang, sie sind Abys- 



*) Wir werden sie auch schlechthin Aethiopen heissen, da ja das 
G'eez auch äthiopisch genannt wird; wir verwahren uns aber gegen 
jede weitere Ausdehnung des Begriffes: Aethiopen. 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 73 

sinier, alte Christen und bedienen sich des reinsten äthio- 
pischen Idioms, des Tigre. Freilich findet sich unter diesen 
Völkern auch fremde Mischung; so wissen wir, dass die Adelichen 
bei den Bogos, etwa ein Drittel der Bevölkerung, Agou sind 
und ihre Sprache ihren Unterthanen und auch ihren Nach- 
barn, den Takue, aufgedrungen haben; aber Sitte und Recht 
haben sie von dem Kern der Bevölkerung adoptirt. Ferner 
müssen wir vermuthen, wie sich im Lauf der Arbeit ergeben 
wird, dass der Adel der Mensa und der Marea arabischen 
Ursprunges ist; er hat sich aber auch der alten Landessitte 
bequemen müssen und der fremde Ursprung hat sich nur in 
einzelnen aber scharf geprägten Zügen erhalten. Die allein 
gültige Ausnahme bilden die Algeden und Sabderat; denn 
nur die Sprache haben sie mit den übrigen gemein, sonst 
gleichen sie eher ihren Nachbarn, den Bazen. 

Unter allen diesen Völkern herrscht nun eine merkwür- 
dige Uebereinstimmung in Sitte, Gebrauch und Recht. Wir 
nennen sie aristokratische Völker, weil der Ständeunterschied 
sie eigentlich charakterisirt und weil das ganze Recht auf der 
Familie aufgebaut ist. 

Wir haben vor mehreren Jahren Sitten und Recht der 
Bogos beschrieben; wir ahnten schon damals, dass sie nicht 
diesem Volke eigen thümlich seien, aber wir haben uns nun 
auFs Genaueste überzeugt, dass, was wir für die Bogos an- 
gegeben haben, für alle diese Völker im Grossen und Kleinen 
gilt. Auf Grundlage dieses Rechtes und dieser Sitten also 
werden wir in den folgenden Studien uns mit diesen Völkern 
beschäftigen. 

Nachdem tiieser allgemeine Zusammenhang erkannt war, 
blieben einzelne Punkte zu erläutern. Wir mussten ein G'eez- 
Volk als Quelle der Bevölkerung annehmen, das von Abys- 
sinien entsprungen das Tiefland in Besitz nahm. Nun wurde 
aber klar, dass diesem Urkern nach und nach neue Zweige 
sich anschlössen und die alte Bevölkerung sich allmählig unter- 
warfen. Wir mussten die Momente dieser kleinen Völker- 



Digitized by 



Google 



74 Einleitung« 

Wanderung verfolgen und diess werden wir in der Monographie 
über das Samhar und über die Marea thun. 

Beim Samhar aber musste auch die eigenthümliche Stellung 
gegen das Meer und gegen Abyssinien, zwischen denen es 
liegt, berücksichtigt werden, die Doppelstellung, die es von 
beiden abhängig macht und woraus die kleine Monarchie der 
Niab entstand. Hier also blieb die Sitte der A^azi bestehen und 
auch die Sprache, aber die Berührung mit dem Ausland und 
der Handel löste den alten Familienzusammenhang auf und 
es bildete sich ein islamitischer demokratisch -monarchischer 
Staat. Wenn wir also einerseits die Bildung dieses Staates 
untersuchen, durften wir anderseits nicht verschmähen, die 
Zustände der Insel Massua mit Benutzung fiüherer Arbeiten 
darzustellen, da sie das Festland und das Hochland mit dem 
Meer und Arabien in Berührung bringt. 

Eine zweite Monographie forderte das Volk der Marea; 
abgesehen vom geographischen Interesse, das besonders der 
Anseba in Anspruch nimmt, boten sie uns Gelegenheit, das 
aristokratische Recht der Ag'azi in seiner höchsten Entwicke- 
lung zu beobachten; es vervollständigte so das Recht der 
Bogos. 

Diese Völker nun waren früher alle christlich und zum abys- 
sinischen Reich gehörig. Da aber Abyssinien in Folge der 
Bürgerkriege und fremder Einfälle sich nach und nach auf 
das Hochland einschränkte, wurden diese Colonien isolirt; 
ihre Kirchen verfielen, der Glaube wurde lau und nach und 
nach gelang es dem* von allen Seiten andringenden Islam, sie 
fast alle für sich zu gewinnen und auch politisch neigten sie 
sich zu der mohammedanischen Grossmacht der Türkei. Wir 
werden aber zu beschreiben haben, dass der Islam bis jetzt 
nur äusserlich diese Völker unterworfen hat; auf Recht und 
Sitte hat er noch wenig Einfluss geübt. Anderseits sind sie 
Abyssinien so nahe, dass sie sich kaum seinem politischen 
Einfluss entziehen können; wir werden also darstellen, wie 
sich Abyssinien wieder gegen Norden auszudehnen strebt und 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 75 

diese Grenzvölker den Türken abzuringen droht. Wir werden 
ferner beobachten, dass diese Völker als Abyssinier und als 
Kinder des Hochlandes Ackerbauer waren, dass aber die 
Natur ihrer jetzigen Heimat sie allmählig zu halben No- 
maden umgestaltet. 

Die zweite Klasse bilden die von Norden kommende^ Bedui- 
nen mit der Sprache To'bedauie, rein vertreten durch die Ha- 
dendoa und die Besharin, zwischen Nil und Meer weidend 
bis an die Grenzen Aegyptens. Die Beni Amer, denen wir eine 
dritte Monographie vridmen, sind freilich ein Zwittervolk, 
wozu die Ag'iEtzi und die Bedu (oder Bedja) beigetragen 
haben; wir werden also die Verschmelzung dieser zwei frem- 
den Stämme darzustellen haben; in der Sprache streiten sie 
sich noch immer, aber in Sitte und Recht haben sich die 
Beni Amer von den Bedu bestimmen lassen. Wir finden also 
ein rein nomadisches Volk, fast ohne Ackerbau, in Zelten 
wohnend, Kameele ziehend, während die Ag^'azi sich erst in 
jüngster Zeit zu diesem für den Christen unreinen Thier 
bequemt haben. Auch hier finden wir eine Aristokratie, aber 
auf ganz anderer Basis , als bei den Tigrevölkern : denn wäh- 
rend sie hier auf einem Schutzverhältniss beruht, ist sie bei 
den Beni Amer'n feudal, indem der Herr seinen Unterworfenen 
mit Eigenthum belehnt und sich davon eine Nutzniessung und 
die Rechte des Herrn ausbedingt. Hierin und in dem gan- 
zen Recht, besonders in den Eheverhältnissen, stimmen die 
Beni Amer ganz mit den Hadendoa überein; der Einfluss des 
islamitischen Rechtes ist natürlich nicht zu verkennen. Wir 
werden also eine ganz eigenthümliche Rechtsauffassung kennen 
lernen, die sich besonders durch Bevorzugung der Frau cha- 
rakterisirt. 

Die dritte Klasse endlich bilden die Völker der Bazen (Ku- 
nama) und der Barea. Sie steht in einem so schneidenden 
Gegensatze zu den bisher erwähnten Zuständen, dass wir es 
nie bereuen können, ihnen eine eigene Reise gewidmet zu 
haben. Seltenes Glück erlaubte uns, diese Völker als erste 



Digitized by 



Google 



76 Einleitung. 

Europäer und auch als erste friedliche Reisende kennen zu 
lernen. Wir fanden die Bazen und die Barea als Nachbarn; 
man müsste sie für ein und dasselbe Volk nehmen, wenn die 
verschiedene Sprache diess nicht verböte; in Sitte und Recht 
sind sie sich ganz gleich. Zu den aristokratischen Völkern 
bilden sie einen eigenthümlichen Contrast; während dort die 
Familie den Staat bedingt, leben die Barea und die Bazen 
in Gemeinden; die Familie selbst hat keinen politischen Werth 
und hat einen andern Sinn, da sie im Verhältniss zwischen 
Onkel und Schwestersohn besteht. Richter ist nicht der 
Familienvater, sondern die Aeltesten der Gemeinde; keiner 
ist besser als der andere; keine Idee von Adel, fast keine 
Sklaverei. Von Religion und Cultur ist keine Rede, wenn 
auch der leere Begriff von Gott nicht fehlt. Diese Völker 
sind essentiell Ackerbauer und sesshaft. Die Person steht 
ihnen hoch, die Sache niedrig und diesen Principien gemäss 
entwickelt sich eine ganz eigenthümliche Anschauung von 
Sitte und Recht, die wir insofern chamitisch nennen können, 
als die aristokratischen Völker wohl alle semitisch sind und 
solche Verhältnisse bei näherem Studium nur noch bei den 
afrikanischen Völkern gefunden werden können. Sie sind 
wohl der Ueberrest des alten abyssinischen Reiches vor der 
Einwanderung der Semiten, vor Einführung der positiven 
Religionen, während die Zustände der A^azi- Völker uns den 
Zustand des abyssinischen Reiches nach Einwanderung der 
Semiten, nach Einführung jüdischer und christlicher Religion 
vor dem Ueberhandnehmen der Amhara veranschaulichen. Wir 
haben diesen Völkern eine eigene Monographie gewidmet; wir 
beschreiben ihre Zustände an und für sich und den Kampf, 
den sie mit ihren Nachbarn führen, isolirt und eingeengt 
wie sie sind zwischen den Christen und Mohammedanern. Au 
diese Reise schloss sich natürlich die Frage über den Lauf 
und Stromcharakter des MWeb. 

Um endlich ein viertes Volkselement, das Arabische, an- 
zureihen, das mit Hülfe des Islam in Afrika und besonders 



Digitized by 



Google 



Einleitung. . 77 

im Nilthal immer mächtiger wird, haben wir einige Bemer- 
kungen über die ethnographischen Verhältnisse von Kordofan 
angefügt, wir behalten uns aber Weiteres darüber vor. 

Wir wollten mit diesem vorläufigen Programm, das wir in 
den einzelnen Monographien ausführen, den Innern Zusammen- 
hang andeuten, in dem sie zueinander stehen. Jetzt müssen 
wir eine allgemeine Uebersicht über die Sprachen geben, die 
in diesem Gebiete gesprochen werden. 

Vorerst müssen wir die zwei Hauptsprachen hervorheben, 
die sich die abyssinischen Grenzvölker streitig machen, das 
Tigre und das Bedauie, die beide erst jenseits des Gash 
vom Arabischen begrenzt werden. Das Tigre oder Chassa, 
wie es im Barka genannt wird, ist die Sprache der Bewohner 
von Dahalak, der Beduinen des Samhar und der Beni Amer 
des Söhel bis zur Höhe von Aqiq; es beherrscht femer die 
Habab, die Mensa, Bedjuk, die Marea und den Gau Gümme- 
gan. Von den Bogos und den Takue wird es wenigstens ver- 
standen. Die Beni Amer theilt es mit dem Bedauie, sodass 
die Leute von Söhel nur Tigre sprechen, die Leute des Barka 
sich mehr dem Bedauie zuneigen, obgleich das Tigre überall 
verstanden wird. Es ist ferner die Sprache der Algeden, Sab- 
derat und. Hallenga, obgleich diese drei Stämme sich theil- 
weise auch des Bedauie bedienen. Bei den Barea wird es 
immer üblicher. Seine Grenze gegen das Arabische ist bei 
dem Stamme Menrfa am Gash. — Man weiss, dass das Tigre 
mit dem G'eez die innigste Verwandtschaft hat; es ist also 
grammatikalisch und lexikalisch eine durchaus semitische, dem 
Arabischen und Hebräischen verwandte Sprache; es ist die 
Schwester des Tigrina, das das abyssinische Hochland diesseits 
des Takkaze beherrscht. Es ist von uns genau studirt worden; 
eine ausführliche Wörtersammlung davon hat Herr Professor 
Dillmann seinem Lexicon Aethiopicum als Anhang beizufügen 
erlaubt. 

Die zweite Hauptsprache ist das To'bedauie oder die 
Beduinensprache, die Muttersprache der Hadendoa und der 



Digitized by 



Google 



78 • Einleitung. 

Besharin, zum Theil auch der Beni Amer im Barka; es ist 
die eigentliche originelle Sprache der Nomaden zwischen Nil 
und Meer bis zu den Grenzen Oberägyptens*). Sie wird auch 
Ton den Nachbarvölkern besonders am Nil häufig verstanden. 

Die dritte Sprache von Bedeutung ist die Sprache der 
Bazen oder der Kunäma. Sie steht ganz einzeln da; selbst 
mit der Sprache der Barea hat sie nur wenige Wörter gemein. 
Ihre südliche Grenze ist das abyssinische Shire und Wolkait, 
östlich scheidet sie der M'areb vom Dembelas, westlich der 
Atbara vom Arabischen. Das Nere wird nur von den Barea 
von Higr und Mogoreb gesprochen. Endlich finden wir das 
Bolen, einen Dialekt des Agou, bei den Bogos und durch Adop- 
tion auch bei den Takue einheimisch. 

Ueberschreitet man den Gash gegen Westen, so finden 
wir die arabische Sprache, die das Nilland zum grössten Theil 
beherrscht und sich bis Kordofan, ja an die Grenzen von 
Darfor erstreckt. Nur das schmale Nilthal von Dongola bis 
Assuan wird von zwei Dialekten der Nubasprache beherrscht. 

Wir wollen nun theils avS das Gesagte gestützt, theils auf 
das Folgende uns beziehend, die Völker vom Meer bis zum 
Nil tabellarisch zusammenstellen. Wir nennen Aethiopen die 
Völker abyssinischen G''eezursprunges. 

♦)Wir veröffentlichen unsere Studien über diese uralte Sprache 
in der vierten Abtheüung dieses Buches. 



Digitized by 



Google 



EinleitaDg. 79 



Digitized by LnOOQ IC 



80 Einleitung. 



o 
IS 



o 



Digitized by 



Google 



EinleituDf^. 



81 




O 

TS 



r 






u 

!3 



X 



o» o « « 



o 

TS 



I 

05 



.i2 ß 



3 B 

o 

M 

oj IT 



11 



^ 



^ 



o 

» o 
.SP '« 









-§5 



&< 

«} 






'5 

OS 



I 

-n 



c 



I I 

m 

® « ^ 





C3 ^ J3 _ 



3'P 



TS 






o 

- *C ÖD » .-^ 

^S fe ^ a ö 

(N CO 



c 

il 



1 ji 



I 



3 
c2 






Uanzinger, OtUfrik. Studien. 



Digitized by 



Google 



82 EinleiiuDg. 



XIIL 

Wenn wir uns jetzt noch über unsere Methode aus- 
sprechen, so geschieht diess zum Theil als Entschuldigung, 
zum Theil als Selbstlob. Unser Buch ist keine Reisebeschrei- 
bung im strengen Sinne des Wortes; was darin von der ge- 
machten Reise angeführt wird, steht nur da als Erläuterung, 
gewissermassen als Profil. Es fehlt ihm also der subjective 
Standpunkt, wo der Reisende so zu sagen der Held des 
Schauspiels ist, wo das wirkliche Object nur zu oft vor der 
Gestalt des Er^hlenden in den Hintergrund tritt. Wir fühlea 
hart, wie theuer uns diese Objectivität zu stehen kommt: der 
Leser wird nie an uns denken; unsere Freuden und Leiden 
bleiben ihm unbekannt. Wir wollen nun nicht über den 
Werth der eigentlichen Reisebeschreibung streiten; sie hat 
ihren Nutzen und ihren Schaden. Wären wir frischweg von 
Europa nach Afrika geworfen worden, so hätte unser Buch 
erzählt; da. aber lange Jahre einer intimen Bekanntschaft ihm 
vorausgingen, Jahre des Ein- und Mitlebens, so schwächte 
sich die subjective Anschauung, der Dualismus des Sehenden 
und des Gesehenen, die eigenen Erlebnisse verloren ihren 
Werth vor dem logisch vor uns sich entwickelnden Volks- 
bewusstsein. 

Der Reisende sieht ohne Zweifel täglich Begebnisse, die 
ihm auffallend, ja wunderbar vorkommen müssen; mit seiner 
schlichten Erzählung erregt er unser Erstaunen und bringt 
uns zu dem Schluss, der fremde Mensch, der Afrikaner, der 
Asiate habe eine andere Logik, ja er sei wirklich ein anderer 
Mensch. Der Schluss ist logisch, insofern aus einzelnen un- 
zusammenhängenden Daten Schlüsse gezogen werden düifen. 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 83 

Nun müssen wir aber bedenken, dass auch die einfachsten 
Alltagsbegebenheiten des europäischen Lebens demjenigen 
ebenso wunderbar vorkommen müssen, der nicht nach der 
Ursache fragt Untersucht man aber den innern Grund der 
Dinge dieser Welt, so verschwindet das Wunderbare und es 
tritt uns die nackte Thatsache entgegen, dass der Mensch, 
wer er sein möge, immer logisch denkt, dass also auch die 
geistige Welt nicht mit Wundem erklärt zu werden braucht. 

Der König von Dahome ist ein Lieblingsartikel der euro- 
päischen Zeitungswelt; man erstaunt über diese grässlichen 
Hekatomben, die dem Aberglauben geopfert werden; man 
kann eigentlich kaum begreifen, welche Freude der König 
daran haben kann und warum seine Unterthanen so gut sein 
wollen, sich hinrichten zu lassen. Man müsste also auf den 
Gedanken kommen, dieses Wunder habe seine natürlichen 
Ursachen, die von aller Willkür unabhängig sind. Um diese 
Ursachen begreiflich zu machen, müsste man aber die Sitte 
und das Recht, wie es sich in der Geschichte entwickelt, 
genau untersuchen und nicht mit den einzelnen Thatsachen 
muner wieder unsere Augen blenden. Dann würde man sehen, 
dass die Menschenopfer in Dahome ihren logischen Grund 
haben, ebenso gut wie- alle Abscheulichkeiten, die Europa unter 
dem Namen von Hexenprocessen und Religionskriegen befleckt 
haben und unter andern Namen noch beflecken. Der gleiche 
logische Geist nun baute einst Schaffotte und jetzt baut er 
Eisenbahnen; beide haben die Tendenz, die Ungleichheit der 
Menschen untereinander aufzuheben; die gleiche Energie ver- 
folgte, den Andersdenkenden mit der rohen Gewalt zu einer 
Z^t, wo der Glaube das höchste Gut schien, die jetzt den 
Anderslebend^ mit ethischer Gewalt verfolgt, in unserer Zeit, 
wo die Civilisation das höchste Gut scheint. 

Wenn wir also Afrika zum Gegenstand unseres philo- 
sophischen Studiums erheben wollen, so müssen wir noth- 
wendig die Anekdoten weglassen; sie haben für Afrika ebenso 
wenig Werth, wie für die Welt- und Naturgeschichte. Wir 



Digitized by 



Google 



84 Einleitung. 

müssen den afrikanischen Menschen in den Hauptmomenten 
seines Lebens zu erfassen suchen und den Gesetzen das Recht, 
den Sitten die Sitte substituiren ; dann wird sich zeigen, wie 
auf Grundlage von natürlichen Verhältnissen mit Hülfe von 
Anschauungen, die jedem Menschen gemein sind, auf dem 
Wege der gewöhnlichen Logik sich sehr eigenthümliche Zu- 
stände entwickeln können. Das Literesse wird geschwächt, 
insofern das Seltsame wegfällt und der Prediger wieder Recht 
behält, der sagt: Nichts Neues unter der Sonne; aber es 
wird dieses gemeine Theaterinteresse, das nur an Wundern 
Freude hat, reichlich ersetzt durch das philosophische Inter- 
esse, das den Menschen, wo er sei, mil logischer Schärfe sich 
seine Sitte und sein Recht ausbilden sieht, wo kein Lebens - 
moment vom Zufall dictirt wird. 

Im Bewusstsein dieser Aufgabe betrachten wir unsere Völker 
auf Grundlage der Geographie; denn es ist keinem Zweifel 
unterworfen, dass die Natur der mächtigste Factor der Ge- 
schichte ist und erst an ihrem Ende gänzlich besiegt sein 
wird. Wir fragen ferner den historischen Ursprüngen und 
Schicksalen des Volkes nach, und diess ist besonders noth- 
wendig, um uns seine Rechtsbegriffe erklären zu können ; das 
Recht selber, das wir diann untersuchen^ ist bei Völkern, wo 
es historisch natürlich entwickelt ist, kaum von der Sitte zu 
trennen; um es zu begreifen, müssen wir seine Basis fest- 
stellen; wir müssen wissen, wer* sein Object ist, ob es die 
Familie im Auge hat, die in der letzten Potenz^ zum Volk 
wird, oder das Zusammenleben von Einzelnen in der Ge- 
meinde; wir miissen dann die Geschichte fragen, warum hier 
das gleiche Recht für alle gilt, warum dort ein Doppelrecht 
besteht, das Ständeunterschied anerkennt. Wir müssen endlich 
untersuchen, was jedes Volk unter Familie versteht, woraus 
sich die wichtigsten Rechts- und Sittenmomente ergeben. 

Wir haben schon in der Schrift über Recht und Skteu 
der Bogos diese Bahn betreten, die wenigstens für afrikanische 
Völkerkunde neu ist; wenn wir darin fortgehen, so verhehlen 



Digitized by 



Google 



Einleitung. 85 

wir uns nicht die Schwierigkeit; aber der Versuch ist von 
der üeberzeugung geboten, dass nur auf diesem Wege eine 
wahrhafte Völkerkunde^ gewonnen werden kann. Der Leser 
wird nicht verkennen, dass wir wie das Volk, so auch das 
Land mit seiner Gestaltung als Erde und Wasser geistig auf- 
zufassen streben. So viel über die Tendenz: dass diese Arbeit 
nur ein kleiner Schritt in dieser Richtung ist, das können 
wir selbst uns am wenigsten verhehlen, die durch Erfahrung 
wissen, was es heisst, dem Volksgeist in fremdem Gewände, 
mit fremder Zunge in seinen Tiefen nachzugehen. 



Digitized by LnOOQ IC 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 



Digitized by LnOOQ IC 



Digitized by 



Google 



Briefe vom Rothen Meer. 



Wisht, den 18. August 1853. 

Den 8. August 1853 bestiegen wir, begleitet von der Fa- 
milie meines Reisegefährten und einigen Freunden, in Suez 
ein Boot, um unsere Barke, die — wegen Seichtigkeit des 
Hafens bei der Ebbe — auf die ßliede (Gäd el Merakib) vor- 
ausgegangen war, zu erreichen. Erst um Mittemacht lichteten 
wir die Anker und segelten, anfangs längs der afrikanischen 
Küste, dann der arabischen uns nähernd, mit günstigem Nord- 
wind (Shemmäl), der uns Nachmittags den 9. nach Cap Abu 
Zelima brachte, einer sandigen Rhede, die vor dem Nord- 
winde gut geschützt ist. Wir liefen an, die Matrosen be- 
schäftigten sich mit Fischen, mein Gefährte schrieb sein 
nautisches Tagebuch; ich nahm meine Flinte auf den Rücken, 
um mir die Berge anzusehen, die der Küste parallel laufen/ 
Wild zeigte sich nicht; um so mehr erregte die eigenthümliche 
Structur der Berge (Sandstein mit horizontalen Schieferlagen 
durchzogen ) meine Au&nerksamkeit. Ausläufer des Sinai mit 
heissen Quellen und Schwefelminen treten etwas nördlich von 
Abu Zelima bis an's Meer heran. Die Fläche zwischen diesem 
und den Vorbergen war früher vom Meere bedeckt, wie der 
mit Muscheln vermischte Flugsand beweist. Hier hatte ich 



Digitized by 



Google 



90 '^oni Rothen Meer. 

das erste Anzeichen, dass das Rothe Meer auf seiner arabi- 
schen Küste immer seichter wird, was besonders in Djedda 
klar hervortritt, wo die Stadt durch das Zurückgehen des 
Wassers bald eine Stunde vom wirklichen Hafen entfernt sein 
wird. 

Den 10. August früh verliessen wir die Rhede und schifften 
mit einem tüchtigen Nordost, der unser Schiffchen hübsch 
herumdrehte, Tor zu, das wir vor dem Assr (Nachmittags 
3V2 Uhr) erreichten. Der Hafen ist ziemlich geräumig und 
gut geschlossen, doch im Innern seicht Er ist von der Nord- 
seite durch Klippen, an denen schon manches Schiff scheiterte, 
von der Südseite durch eine mit Dattelpalmen bedeckte Land- 
zunge geschlossen. Tor ist ein armseliges Dorf mit kaum 
30 Häusern. Die Einwohner sind Christen syrischer Abkunft; 
ihre geistlichen Angelegenheiten werden durch einen armen 
alten, etwas bettlerischen, griechischen Priester vom Berge 
Sinai geleitet; im Uebrigen sind sie von den Beduan kaum 
zu unterscheiden. Sie scheinen arm, treiben aber mit Pro- 
visionen von Suez einen einträglichen Tauschhandel gegen 
Perlmutter- und Schildkrötenschalen, die von den Fischern 
hierher gebracht werden; dann und wann lässt der liebe Gott 
ein Schiff stranden, und das Strandrecht versteht sich hier 
von selbst. 

Die mohammedanischen Toriten wohnten früher den Christen 
zur Seite in einem Dorfe, dessen Ruinen, von einem nahen 
Hügel Raubnestem gleidi auf das Meer herabsehend, noch 
nicht der Zeit Platz gemacht haben. Jetzt leben sie draussen 
zwischen den Dattel wäldem und in der Wüste; doch ziehen 
fast alle jungen Leute aufs Meer, werden Matrosen oder 
fischen auf eigene Rechnung. Unsere Schiffsleute waren alle 
von Tor und deshalb mussten wir ihnen den 11. August firei- 
geben, um ihren Familien Lebewohl zu sagen. — Die Sprache 
der Toriten ist arabisch; wer aber von Cairo kommt, versteht 
davon kein Wort, die Aussprache ist viel gutturaler und wird 
dadurch sehr unverständlich. Die arabische Sprache hat überall 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer: Ol 

dasselbe Fundament von Wörtern und Formen, aber jede 
Provinz oder fast jedes Dorf gibt ihr einen eigenthümlichei^^ 
nur an Ort und Stelle verständlichen Zusatz. 

Den Tag nicht nutzlos zu verbringen, bestieg ich nach 
Mittag einen Esel, um das warme Bad zu besuchen, das sieb 
am Fusse des Berges befindet, der sich hinter Tor erhebt 
Die Gegend ist fast eine Wüste, doch mit niederem Kraut 
bedeckt; weiterhin folgen reizende Palmenwäldchen, in denen 
das Bad, das Abbas Pascha gehört und fast heisses Wassei* 
hat, versteckt liegt, — in seinem Rücken kahle Schieferberge, 
im Hintergrunde die majestätischen Formen des Sinai. Ich 
trat in den grössten der Palmengärten ein, der dem Kloster 
S. Katharina gehört; die Gärtner sind junge Griechen, wahr- 
hafte Gärtnerfiguren aus Arkadien, die Ruhe ihres Lebens 
spiegelte sich auf ihnen ab. Der Garten ist sehr gross, von 
rauschenden Bächen durchzogen; die Wipfel der schlanke^ 
Bäume sind voll der herrlichsten gelben und rothen Datteln. 
Alles grünt und wuchert und erscheint nach dem trockenen 
Aegypten ein wahres Paradie». Hier sieht man das fröhliche 
ungezwungene Schaffen der Natur, dort merkt man den 
Schweiss der Arbeit. 

Reghts von dieser Dattelpflanzung öffnet sich der Weg zum 
Wadi Mussa, wo der Ain (Quelle) Mussa ist. Daff Thal ist 
ebenfalls an Datteln reich. Hier ist der Weg zum Sinai, dev^ 
Berge der heiligen Erinnerungen. Die Geschichte, die auch 
der Muslim in seinem Buche anerkennt, lebt noch in den 
Namen der Gegenden und Stellen von Suez bis Tor. Eine 
jede Quelle, jedes Thal hat hier Moses oder Pharaon zum 
Taufpathen. Man sagt, dass der Gründer des Islam von den 
Mönchen des Sinai seine erste Erziehung erhalten habe; es 
soll sich noch jetzt in dem dortigen Kloster eine alte griechi- 
sche Handschrift befinden, die angeblich über die Anfänge 
Mohammed's merkwürdige Aufschlüsse liefert. 

Erst am 13. August- erlaubte uns der Wind, Tor zu ver- 
lassen; ausserhalb des Hafens hatten wir fast Sturm, der die 



Digitized by 



Google 



92 Vom Rothen Meer. 

Fluten über die Barke hinpeitschte. Um Mittag erreichten 
wir Ras Mohammed, wo wir innerhalb der Klippen Anker 
warfen. Erst den 14. gewannen wir das offene Meer, setzten 
die Fahrt während der Nacht ununterbrochen fort und kamen 
am 15. Nachmittags bei Gibl Antar an, einem kleinen runden 
schön geschlossenen Hafen. Wer den Roman Antar kennt, 
wird sehen, dass die orientalischen Erzählungen nicht blos 
Dichtungen sind; ihr historischer Grund hat sich in den Orts- 
namen aufbewahrt. 

Am Lande befanden sich viele Beduan, die den vorbei- 
ziehenden Barken Wasser, Holz und Kohlen liefern: Schelme 
mit scharfgeschnittenen Gesichtern. 

Den 16. endlich kamen wir trotz des widrigen Windes 
nach Wisht, einem wie die früheren ganz runden, aber 
ziemlich geräumigen Hafen. Es lagen vier Schiffe mit Sklaven 
vor Anker. Wisht ist ein Nest von 30 — 50 Häusern, alle 
an einen Felsen geklebt, auf dem ein Wartthurm ohne Ka- 
nonen steht. Man findet hier Vorrath von allen Lebens- 
bedürfnissen, da die Barken von Suez täglich hier einkehren 
und das Festland im Innern dattelreich und von zahlreichen 
Heerden durchzogen ist. Ich hatte ein Dromedar genommen, 
um eine kleine Excursion in die Berge zu machen. Doch 
wurde ich daran durch die Beduan verhindert, die nicht lieben, 
wenn ein Fremder ihre Brunnen sieht, da er durch seinen 
bösen Blick sie vertrocknen könnte. So fand ich den Aber- 
glauben Aegyptens hier wieder. Uebrigens zeigten sich mir 
die hiesigen Beduan von einer sehr vortheilhaften Seite, auf- 
richtig, höflich, gastlich, gesprächig und ohne die Scheu vor 
dem Fremden, die in diesen Ländern eine Beobachtung der 
Volkssitten so sehr erschwert. 

Da wir in dem heissesten Monat reisten, hatten wir auch 
auf dem Meere grosse Hitze, gewöhnlich schon am Morgen 
in der Cajüte 25*> R., in der Nacht, wenn der Wind schwieg, 
bis 27« R. 



Digitized by 



Google 



Vom Rotheu Meer. 93 

Djedda, den 30. August 1853. 

Am 17. August fuhren wir, Wisht hinter uns lassend, 
bei völlig ruhiger See zwischen Inseln und Khppen hindurch 
und ebenso den Morgen des 18.; Nachmittags 3 Uhr passirten 
wir die Fischerinsel Hasanieh, deren Nordcap vom 25. Grad ge- 
schnitten wird. Wir waren also den Tropen nicht mehr fern 
und es schien, dass sie sich als etwas mehr, denn eine astro- 
nomische Idee ausweisen wollten. 

Der Himmel umwölkte sich; es entlud sich ein Gewitter 
auf dem nahen Festlande, wo man heftig regnen sah. Der 
Wind drehte sich mehrmals und schien unser Bemühen, den 
im SW. gelegenen sicheren Hafen zu erreichen, vereiteln zu 
wollen. Endlich gelang es uns, einige hundert Schritte unter- 
halb der Insel Anker zu werfen. Der Wind wurde nach 5 Uhr 
ein entschiedener Süd- Munsun; es donnerte, regnete und von 
Süden kam eine heisse Luft, wie aus einem Feuerofen. Das 
Thermometer stieg in 5 Minuten von -f- 25** auf + 31** R. 
Nach 6 Uhr legte sich der Wind; es war, als ob die sich 
bekämpfenden Nord- und Südwinde einen Stillstand geschlos- 
sen hätten. Die Sonne war eben im Untergehen; von dem 
Festlande auf die Insel brückte sich ein lange nicht gesehener 
Regenbogen; auf dem Festlande^ sah man unaufhörlich regnen, 
hinter der Insel Wolken gegen Süden treiben: da hatte also 
der Nordost die Oberhand. Wir stiegen beruhigt in die Kajüte 
hinab, um unser Nachtmahl zu nehmen; kaum aber hatten 
wir uns gesetzt, als sich ein leises Säuseln von NO. erhob 
und nach 5 Minuten der Sturm wieder losbrauste; der Nordost 
hatte gesiegt und wir wai*en ihm ganz ausgesetzt. Wir hatten 
die drei Anker im Meere mit 8 Faden Tiefe und glücklicher 
Weise solidem Grund; doch wurden wir trotzdem noch einen 
Faden tiefer in's Meer hinausgeführt, wo wir uns erst mit 
Hülfe aller unserer Ketten festhalten konnten. Wären wir 
weiter in's Meer getrieben worden, so hätten wir wenig Hoff- 
nung gehabt, durch die vielen Klippen zu entkommen. Der 
Wind legte sich erst um 8 Uhr, erhob sich zwar um 12 Uhr 



Digitized by 



Google 



04 Vom Roihen Meer. 

von Neuem, doch ohne Heftigkeit und wir schliefen ruhig bis 
zum Morgen. 

Am 19. erlaubte uns ein Südwest kaum, in Mahar, dem 
nächsten Hafen, einzulaufen; er ist gut und sicher, da er 
gegen Norden und Süden von Korallenfelsen, an denen sich 
Austern finden, umzäunt ist; im Osten öfi'net sich ein Tlial, 
worin ein paar Dattelpalmen sichtbar werden. Es treibt sich 
eine Kabyle hier herum, halb Fischer, halb Hirten; ihrer zwei 
kamen an Bord, um unsere Barmherzigkeit zu prüfen. 

Der Himmel war den ganzen Abend schwarz umwölkt; mit 
Einbruch der Nacht blitzte und donnerte es unaufhörlich; es 
fiel ein leichter Regen , dem ein ziemlich heftiger Wind folgte. 
Dieser legte sich indess am Morgen des 20. ganz und erst am 
Abend des 22. konnten wir in Yambo, die erste Stadt, die 
wir bis jetzt getroffen, einlaufen. Ich hatte mir eine günsti- 
gere Vorstellung von dieser Stadt gemacht Sie hat aus der 
Ferne ein ganz imposantes Ansehen, gleicht aber, wenn man 
sich ihr nähert, einem Ruinenhaufen, — wie alle hier ge- 
legenen Ortschaften, da sie flache Dächer haben, — und kann 
kaum mehr als 5000 Einwohner haben, vielleicht nicht einmal 
so viel. Diese stehen nicht im besten Leumunde, sodass ich, 
als wir an's Land stiegen, meine Pistolen mitnahm. In der 
Stadt findet man wenig Eigenthümliches, ausser dass sehr 
viele Häuser aus rohen Palmenstämmen errichtet sind, be- 
sonders die Cafes, deren es in Folge des Pilgerdurchzuges 
viele gibt. Der Diwan (das Haus des Gouverneurs,. Mohafis), 
der über dem Hafen gebaut ist, liegt halb in Ruinen und der 
Palast des Sherif sieht nicht viel besser aus. Da unweit der 
Stadt sich wasserreiche Thäler und Dattelpflanzungen finden, 
wird sie jeden Morgen mit Fleisch und Früchten versorgt und 
ebenso mit sehr gutem Wasser, das an den Küsten des Rothen 
Meeres selten ist. Die Einwohner sind fast alle mit einem 
mannshohen soliden Stock bewafihet, der unt^i mit Silber- 
faden verziert ist. Die Beduan dagegen haben inuner. Säbel 
und Lanzen bei sich, und Luntengewehre sind nicht selten. 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 95 

Man sieht jetzt viele Pilgrime hier, besonders Mogrebiner, die 
sich durch den weisswolligen Burnus bemerklich machen. Wir 
spazierten über den engen schmutzigen Markt und mussten 
boren, wie die Kinder schrien: Ist kein Knüttel da, diese 
Ungläubigen todtzuschlagen? Wir thaten, als ob wir es nicht 
verständen. Man muss dergleichen gleichmüthig zu ertragen 
wissen, wenn man im Orient reisen will. 

Yambo ist für den Handel in drei Beziehungen wichtig. 
Erstens ist es der Hafen von Medina, was besonders im Som- 
mer einen grossen Verkehr mit Suez und Kosseir und ein 
reges Leben in der Stadt selbst verursacht, da die meisten 
Pilger nach Vollendung der Wallfahrt über Yambo zurück- 
kehren. Sodann ist es der Stapelplatz für das ägyptische 
Getreide, das von Kosseir hierher gebracht wird, theils im 
Auftrage der Regierung für die Truppen, theils durch Privat- 
speculation für die Bedürfnisse des Landes und besonders 
Djedda's. Endlich ist es der Markt für die Perlmutterschalen 
und anderen Producte des Meeres zwischen diesem Orte und 
Wisht, von wo die FisTcherbarken gewöhnlich im Frühling 
zurückkehren. Doch ist es für den Fremden nicht leicht, 
hier vortheilhafbe Einkäufe zu machen, da die Griechen von 
Djedda und die Muslimin von ebenda und Suez ihre Agenten 
in allen diesen kleinen Häfen haben, die auf der Stelle jede 
gute Gelegenheit benutzen können. Ueberhaupt haben die 
Europäer das Privilegium der Thätigkeit und Handelsintelli- 
genz nicht; in Schlauheit und Sparsamkeit thun es ihnen die 
orientalischen Kaufleute zuvor. Man sieht hier die reichsten 
Leute im blauen Hemde barfuss herumgehen, aller Reichthum 
wird sorgsam verheimlicht, da man die gute alte Zeit der 
Türkenherrsohaft noch nicht vergessen hat 

Yambo hat einen türJdschen Mohafis, der unter Djedda 
steht; das Land aber steht unter einem eingeborenen Fürsten, 
jetzt Sherif Abdallah, der allein auf die Beduan, welche sich 
um die Türken wenig kümmern, Einfluss besitzt. Er nimmt 
von jedem nach Djedda gehenden Schiffe 2 Thaler Hafengeld 



Digitized by 



Google 



9G Vom Rothen Meer. 

und bei dessen Rückkehr nach Suez einen dritten. Diese 
Abgabe wird erst seit einigen Jahren erhoben. Nach dem 
Tode Mohammed Ali Pascha's athmeten die Beduan wieder 
frei auf und errichteten nördlich von Yambo eine Station, wo 
sie jedem ankernden Schiffe mehrere Thaler Hafengeld abnah- 
men. Lief eine Barke nicht ein, so wurde sie in Kähnen ver- 
folgt und das Geld auf der hohen See abgepresst. Dieser 
Zustand rief Klagen in Cairo hervor, die nichts fruchteten, 
luid ebenso beim Sherif, der die Idee sehr willkürlich aber 
doch nicht so übel fand und die Sache am Ende so ordnete, 
dass man die Abgabe regelmässig in Yambo zahlt und der 
Gewinn, anstatt den Beduan, nun dem Sherif zukommt. 

Die Hitze nahm in den letzten Tagen immer zu und sank 
nie unter -\- 26**. Auch die Nächte waren heiss und feucht 
und am Morgen fiel so starker Thau, dass ich gewöhulicli 
gebadet aufstand. 

Den 23. bis 28. August schifften wir bei wenig Wind und 
grosser Hitze bis Rabuk, dem Vorhafen von Djedda. Das 
Land trägt hier ganze Waldungen von Dattelpalmen, worin 
zahlreiche Dörfer versteckt sind, während an der Küste nur 
wenige Hütten von Baumästen sich befinden. Der Hafen ist 
sehr geräumig und selbst für grosse Schiffe leicht zugänglich. 
Rabuk ist der Ort, wo die von Suez kommenden Pilgrime in's 
Meer untertauchen und, nachdem sie so die letzte Sündhaftig- 
keit abgelegt, als Zeichen der Reinheit ein weisses Stück 
Zeug um den Leib schlagen, Kopf, Füsse und eine Schulter 
bloss lassend. Ophthalmien, Sonnenstiche und Erkältungen, 
die sie iu's mörderische Klima von Mekka tragen, sind die 
gewöhnlichen Folgen dieser gottgefälligen Handlung. 

Den 29. nach Mittemacht hoben wir die Anker und wai'en 
um Mittag im Angesicht von Djed^da. Auf einer Reise, die 
man mit gutem Winde in 8 Tagen zurücklegen kann, hatten 
wir 20 Tage zugebracht, da wir seit 14 Tagen mit Gegenwind 
zu kämpfen hatten oder durch Windstille behindert wurden. 
Der Hafen von Djedda ist so seicht, dass man eine halbe 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 97 

Stunde von der Stadt entfernt ankern muss; das Innere ist 
fast trocken. 

Ehe wir an's Land treten,' werfen wir noch einmal den 
Blick auf das Meer zurück, dessen nördliche Hälfte wir jetzt 
durchfcthren haben. 

Das Rothe Meer ist von der Natur in manchen Beziehungen 
sehr vernachlässigt, in anderen wieder begünstigt worden. Es 
empfängt keinen einzigen schiffbaren Fluss, der den Zugang 
in das innere Land eröffnen könnte; die Küsten sind wüst, 
wasserarm und von räuberischen Nationen bevölkert; an das 
Uferland schliessen sich Hochebenen, die vom Meere aus 
sehr schwer zugänglich sind. Die Winde sind regellos und 
erlauben keine regelmässige Schifffahrt. Ausserdem ist das 
Meer voller Klippen, die oft kaum einen Durchgang gestatten, 
sodass eine Fahrt auf diesem Gewässer nicht zu den sicheren 
Unternehmungen gehört. Dazu kommt, dass selbst die vor- 
züglichsten Häfen gegen Stürme keinen hinlänglichen Schutz 
gewähren und dass der Eingang, das Bab-el-Mandeb (Thor 
der Bedrängniss), schwer zu passiren und 6 Monate im Jahre 
durch den conträren Munsun für Segelschiffe fast ganz ver- 
schlossen ist. 

Auf der andern Seite kommt dem Handel auf dem Rothen 
Meere der Reichthum der Nachbarländer zu statten: Abys- 
sinien und die Gallaländer führen ihm ihre Schätze zu; das 
Jemen liefert ihm seinen Kaffee; es steht in directer Verbin- 
dung mit dem fruchtbaren Aegypten und bildet für den indi- 
schen Transithandel den natürlichen Canal. Die Küsten, so 
wüst sie liegen, erzeugen Gummi, Myrrhen und Weihrauch, 
und das Meer selbst verbirgt Schätze, die unerschöpflich 
ticheinen: Perlen, Perlmutter- und Schildkrötenschalen. Auch 
fehlt es nicht an Händen, diese Schätze zu heben. Die hier 
lebenden Hirtenstämme sind von Natur auch rüstige Matrosen; 
ebenso gut oder noch besser, wie sie ihre Dromedare reiten, 
rerstehen sie ihre Barken zu lenken und in die Tiefen des 
Meeres zu tauchen, um ihm seine Perlen zu rauben. Der 

Moaiinger, OsUfrik. Studien. 7 



Digitized by 



Google 



98 Vom Rothen Meer. 

Araber legt sich nicht, wie der Europäer, sein ganzes Leben 
hindurch auf ein Handwerk, in dem er vollkommen zu werden 
sucht. Er ist jeder Thätigkeit fähig und wechselt seine Be- 
schäftigung täglich; deswegen finden wir in diesen Ländern 
keine gesonderten Berufsklassen , der Hirt ist zugleich Matrose 
und Fischer; er liebt das Land, scheut sich aber keineswegs 
vor dem Salzwasser, freilich ohne für das letztere die Leiden- 
schaft unserer Matrosen zu besitzen. Alle schwimmen gut 
und ausgezeichnete Taucher sind nicht selten, und dennoch 
macht niemand aus dem Seeleben sein beständiges Handwerk, 
ausgenommen vielleicht die Bewohner von Dahalak, die, so 
zu sagen, auf dem Meer und für das Meer geboren sind. 

Die Barken sind von verschiedener Form und Grösse und 
danach heissen sie Saya, Sembuk, Changia und Baglah, welche 
letztere bis 200 Tonnen tragen, mit Listrumenten und Steuer- 
rad versehen sind und meistens zum Verkehr mit Indien ge- 
braucht werden. Die anderen Arten sind von 5 — 100 Tonnen 
mit einfachem Steuerruder, einem oder zwei Masten, von denen 
der hintere immer ganz klein ist; das Segel ist das lateinische, 
das an eine Segelstange geknüpft wird. Die letztere ist be- 
weglich am Mastbaum angebracht und erfordert beim Lichten 
viele Menschenkräft;e. Das Segel ist von verschiedener Grösse 
und bildet ein Viereck, dessen eine Seite viel länger und nach 
dem Hintertheil gerichtet ist. Kehrt sich der Wind oder 
kreuzt man, so muss das Segel mit seinem Baum umgekehrt 
werden, was bei Sturm fast unmöglich ist. Die Barken sind 
offen, nur das Hintertheil hat ein kleines erhabenes Deck, an 
dem der zweite Mastbaum angebracht ist. Dieses bildet eine 
niedrige unbequeme Kajüte, worin man kaum aufrecht stehen 
kann. Man fährt gewöhnlich nur des Tages der Küste ent- 
lang, da man ausser dem Gompass und dem Senkblei keine 
Listrumente hat und die Karte fast unbekannt ist. Muss man 
bei einer Ueberfahrt nach der entgegengesetzten Küste die 
Nacht auf offenem Meere zubringen, so heisst dieses «Samret» 
und man bereitet sich dazu mit Kaffeegenuss und reichlichem 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 99 

Speisen vor. Unglücksfälle sind nicht selten und ich habe 
während meines Lehrjahres drei oder vier Mal auf den Klippen 
gesessen. Das Haupt der Matrosen ist der Nachoda, der zu- 
gleich Rubban (Steuermann und Pilot) ist; ihm ztmächst steht 
der Mokaddem, imser SchüFsmeister. Der Armateur heisst 
Nachodat el harr (Kapitän zu Land), der eigentliche Kapitän 
aber Nachodat el bahr (zu Meer). Der erstere gibt nur das 
Schijff und schiesst alle Unkosten vor, während der letztere 
den ganzen Betrieb in Händen hat, dessen Ertrag mit den 
Matros6n, je nach der Abmachung, zur Hälfte oder einem 
Drittheil getheilt wird. Feste Besoldung ohne bestimmten 
Antheil am Gewinn ist nicht gebräuchlich. Die Matrosen sind 
sehr religiös, wie ungenirt auch ihre Sprache imd ihr Lebens- 
wandel ist. Kommt die Barke an einem Sheich vorüber, so 
wird ihm zu Ehren eine Litanei gesungen, feines Brod (Futir) 
gebacken und Kaffee herumgereicht. Die Nahrung der Ma- 
trosen ist Brod und Beis mit Butter, und Kaffee. Vor den 
geistigen Getränken bewahrt sie die Religion und der Geiz. 
Sie lieben Geschichtenerzähler, die ihnen den Abend ausfüllen, 
und fehlen diese, so liest einer den anderen aus Antar oder 
Abu Seid vor, wo denn bei jeder religiösen Anspielung die 
allgemeine Zustimmung in andächtigen Phrasen ausgedrückt 
wird. Bei dem Namen des Propheten wird das: Gott habe 
ihn selig 1 nie vergessen. Die Matrosenausdrücke sind, wie 
bei uns, etwas imverständlich und fremdartig. Man muss 
wissen, dass unter Ach'u der zweite Anker (der Bruder des 
ersten) und unter Weled'u das kleine Segel (das Kind des 
anderen) verstanden wird, um zu begreifen, dass, wenn der 
Kapitän Ach'u befiehlt, die Position schlecht ist, wenn er 
aber Weled'u verlangt, der Wind günstig wird. Alle Manöver 
werden singend ausgeführt, in Ausdrücken, die des drolligen 
Witzes nicht entbehren. Die Matrosen -Conversation gehört 
auch auf dem Rothen Meere nicht in den Damensalon; die 
Grobheit scheint dem Meere einzuwohnen; doch findet man 
z. B. nicht das Yerhältniss des Vorgesetzten gegen seine Unter- 

7* 



Digitized by 



Google 



100 Vom Rothen Meer. 

gebenen, das sich so schneidend auf den europäischen Schififen 
ausdrückt, nicht die Lästerungen und Schimpfworte, womit 
man sich auf den Fahrzeugen der Civilisation am schlechten 
Winde zu rächen meint. Man findet beim Araber im Unglück 
eijie Resignation, die sein tiefes Religionsgefühl ihm einflösst. 
Lästerungen begegnet das Wort: Chaf Allah! (fürchte Gott); 
dem Unglück unterwirft man sich mit dem Allah akbar! (Gott 
ist allmächtig!) xmd selbst der vorzeitige Tod ist nur Nessib'na 
(unser Geschick). 

Obgleich das Rothe Meer, wie bemerkt, fast in keinem 
seiner Theile productionsunfähig ist, zeichnet sich doch im 
Norden hauptsächlich die Lisel Hasanieh durch ihren Fischerei- 
betrieb aus, während im Süden die Inseln von Dahalak den 
Mittelpunkt für alle Fischer von Jemen und Afirika bilden. 
Die Ausrüstung zu Fischereien erfolgt, wie jede Seeimtemeh- 
mung, durch einen Accord über die Vertheilung des Gewinnes. 

Die Liseln von Dahalak sind die Mittelstation zwischen 
Massua einerseits und Loheja und Djedda anderseits; sie 
bestehen aus zwei grösseren und mehreren kleineren Inseln, 
die meist unbewohnt sind. Die beiden grösseren sind Dahalak 
und Nora. Diese zwei Inseln haben eine sehr ärmliche Vege- 
tation, kleine Domenbäume und einige Dattelpalmen von der 
Gattung Dum. Man bewahrt das Regenwasser in Cistemen 
auf. Die Einwohner, deren Sprache den abyssinischen Ur- 
sprung nicht verleugnet, sind reich an Ziegen, Kameelen und 
Eseln, die alle meistens halbwild auf der Insel umher- 
schweifen und nur eingefangen werden, wenn man ihrer bedarf. 
Auf der Insel Döhel gibt es auch Kühe. Von der Ziegen- 
milch wird im Winter ein schmackhafter Käse in rundlicher 
Form bereitet. Auf der grossen Insel Dahalak befinden sich 
mehrere Ortschaften, deren jede ihr erbliches Haupt hat. Sie 
sind vom Pascha von Massua abhängig und zahlen von den 
Barken und Sklaven einen jährlichen Tribut von nahe an 
1000 Thalern, zu deren Eintreibung Soldaten herübergeschickt 
werden. Sonst ist die Regierung ganz einheimisch. 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 101 

Die Häupter der Dorfschaften waren früher sehr reich; 
aber die Habsucht der Türken hat sie heruntergebracht. Sie 
haben immer noch viele Barken, die sie mit ihren zahkeichen 
Sklaven und Unterthanen bemannt auf die Fischerei aus- 
schicken. Der alte Glanz zeigt sich noch in der echt patri- 
archalischen Gastfreundschaft. Naht ein Fremder dem Dorfe, 
so geht ihm der Chef desselben von Weitem entgegen, führt 
ihn in ein Haus, das eigens zur Fremdenaufrtahme bestimmt 
ist und labt ihn mit Speise und Trank. 

Die Leute von Dahalak bauen ihr Land nie an, obgleich 
der Boden Pflanzungen sehr günstig ist; sie fürchten, die 
Habgier ihrer Herren noch mehr zu reizen.' Ihre Hauptbe- 
schäftigung besteht in der Fischerei; mit der Viehzucht und 
den Hausarbeiten sind die Frauen und Kinder betraut. 

Die hauptsächlichsten Meerproducte sind die Perlen, die 
Perlmutter- und die Schildkrötenschalen. Das Meer von 
Dahalak ist die eigentliche Perlenregion; man findet sie in 
den Perlmutterschalen oder in einer kleinen, Bülbül benann- 
ten Muschel. Man betrachtet die gtossen Regen als ein gutes 
Zeichen für die Emdte der Perlen, die man die im Meere 
krystallisirten Thränen des Himmels nennt. Es scheint, dass 
viel Regen das Muschelthier krank macht, sodass sich ein 
Austiuss bildet, der durch Verhärtung zur Perle wird. Der 
Perlenmarkt ist zu DömöUo, auf der Ostseite der grossen 
Insel. Mit dem Handel beschäftigen sich hauptsächlich die 
Banianen; sie ziehen die weissen Perlen den gelben nicht vor, 
während bei ims die letzteren gar nicht geschätzt werden. 
Vor fünfzehn Jahren war ein Franzose von einem Pariser Hause 
beaufti*agt, die Perlen Dahalak^s zu imtersuchen; aber das 
Resultat seiner Nachforschungen und selbstunternommenen 
Fischereien war ein sehr ungünstiges Urtheil über die Qua- 
Utät derselben. 

Die Schildkrötenschalen (arab. Döbel, Bägeh) finden 
sich in allen Häfen von Dahalak käuflich und ebenso in Aqiq, 
Massua und den Plätzen von Jemen. Die Schildkrötenschale 



Digitized by 



Google 



102 '^om Rothen Meer. 

besteht aus dreizehn Stücken, von denen besonders die schweren 
mit dunkelgelbem Grund und braunschwarzen Blumen ge- 
schätzt und meistens nach Indien versandt werden. Zum 
Schildkrötenfange wird eine Barke mit wenigstens zwanzig Leuten 
bemannt, die nach und nach alle Inseln des Archipels besucht 
und bei jeder derselben beobachtet, ob sich Schildkröteneier 
auf dem Ufersande vorfinden. Ist dieses der Fall, so wird 
ein Mann mit Provision von Lebensmitteln und Wasser daselbst 
zurückgelassen, welcher der Schildkröte auflauert, bis sie weit 
genug in's Land ist, um ihr den Rückweg abschneiden und 
sie auf den Rücken legen zu können. Dann wartet er aiif 
die Rückkunft der Barke, die inzwischen die übrigen Inseln 
besucht hat. Nach der Heimkehr in den Hafen werden zuerst 
die Kosten zu Gunsten des Armateurs abgezogen und dann 
gewöhnlich zu gleichen Theilen zwischen diesem und den Ma- 
trosen getheilt. Doch bekommt der Matrose, der eine Schild- 
kröte gefangen, gewöhnlich das sechseckige Mittelstück als 
besondere Belohnung. 

Die Perlmutterschalen findet man von Suez bis zu den 
Küsten von Berbera; Djedda ist der grosse Markt für dieselben; 
ihre Qualität wird nach der Grösse und Schwere beurtheilt 
und ist natürlich sehr verschieden. Die Nacres (Sadaf) z. B. 
von den Inseln von Dahalak sind klein, weil man ihnen durch 
das beständige Fischen nicht die Zeit lässt, sich gehörig zu 
entwickeln. Man betreibt die Fischerei in Barken von 5 bis 
10 Tonnen, mit vieler Bemannung und mehreren Piroguen 
(Huri^s), länglichen schmalen ausgehöhlten Baumstämmen, die 
im Rothen Meere meist die Stelle der Kähne vertreten. An 
jedem windstillen Tage gehen die Huri's mit drei bis fünf Leuten 
nach verschiedenen Richtungen ab, und sobald sie eine Nacres- 
Bank entdeckt haben, tauchen sie so lange unter, bis die 
Huri mit dem Product so weit beschwert ist, dass sie in die 
Barke ausladen muss. Die letzteren gehen oft von Djedda bis 
Berbera imd bringen nach einigen Monaten meist schöne 
Ladungen zurück, da sie gewöhnlich noch einige firische Bänke 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 103 

entdecken, wo die Nacres zu ihrer ganzen Entwickelnng ge- 
kommen sind. Auf der Rückreise berühren sie meistens den 
Hafen Yon Naura im NW. von Dahalak und suchen da ihre 
Ladung zu yerkaufen. Die Perhnutterschalen gehen ebenso- 
wohl nach Indien, als nach Europa und Syrien, und sind 
durch diese dreifache Concurrenz im Preise schon sehr ge- 
stiegen. Mit dieser Fischerei ist natürlich die der Perlen ver- 
bunden, da diese sich im Innern der Schalen finden. Doch 
Uefert auch die Bülbül, eine kleine schwarze Muschel, eine 
etwas geringere Qualität. 

Ausser den erwähnten Producten befindet sich im Rothen 
Meere ein grosser Reichthum von Schwämmen, der aber bis 
jetzt wenig ausgebeutet wurde. Ich habe davon sehr schöne 
Muster gesehen. 

Diese verschiedenen Meerproducte geben den meisten An- 
wohnern des Rothen Meeres Beschäftigung imd Erwerb, be- 
sonders aber den Leuten von Dahalak, die durch ihre Lage 
darauf angewiesen sind. Bruce, in seiner Beschreibung der 
grossen Insel, kann nicht begreifen, wie Leute in diesem 
Lande wohnen bleiben, imd schreibt diess der natürlichen An- 
hänglichkeit der Menschen an das Heimatland zu. Mir 
scheint es aber, dass diese Leute sehr thöricht wären, ihre 
Inseln und ihr so überaus ergiebiges Meer gegen die unruhi- 
gen Küstenländer zu vertauschen. Jetzt können sie, ungestört 
von Krieg und Wirrsal des Continents, ihrem Geschäft nach- 
gehen, dessen Entwickelnng ihnen Wohlstand verspricht. Der 
Boden erlaubt ihnen, Heerden zu halten, die von Wölfen 
nicht gefährdet werden und auf den kleinen Eilanden keiner 
Aufsicht bedürfen. Sogar der Ackerbau würde ii;i Folge der 
Winterregen sehr lohnend sein, das Wasser ist reichlich vor- 
handen und süss, das Klima angenehm, im Sommer nie zu 
heiss. Auch sind diese von Bruce bemitleideten Inseln keines- 
wegs isolirt; täglich fahren Barken, die zwischen Massua, 
Loheja und Djedda einen lebhaften Verkehr unterhalten, hier 
vorüber und bringen alle möglichen Lebensbedürfiiisse (Butter, 



Digitized by 



Google 



104 Vom Rothen Meer. 

Durra, Reis, Datteln und andere Früchte) reichlich und wohl- 
feil hierher. 

Nach diesem Ueherblick über die commercielle Bedeutung 
des Rothen Meeres wenden wir uns zu Djedda zurück. Vom 
Hafen aus betrachtet bildet diese Stadt ein angenehmes Ge- 
mälde, dem die Wüste als Rahmen dient. Sie dehnt sich 
nicht weit aus, alles scheint über- und nebeneinander gebaut, 
sodass man mit einem Blick die Gesammtheit der Stadt 
übersieht. Unähnlich den meisten Ort«n im Orient, die von 
aussen grosse Pracht verheissen und im Innern das Elend 
zeigen, nimmt sich Djedda um so vortheilhafter aus, je naher 
man es betrachtet. Es ist sehr solid gebaut, die Häuser sind 
gross, hoch und elegant, wenn auch etwas unregelmässig; 
alles steht nett und frisch da und bekundet die Wohlhaben- 
heit der Bewohner, ganz im Gegensatz zu Cairo, wo Hütten 
an Paläste stossen und das Maulthier mit Mühe seinen Weg 
durch Schutt und Ruinen findet. 

Das Innere der Häuser entspricht dem Aeusseren: Dielen 
und Wände sind mit kostbaren indischen Matten bedeckt; die 
Nargileh, die dem Fremden fast zu freigebig geboten wird, 
ist reich mit Silber und* Perlen verziert. Was Indien, Persien 
und das glückliche Arabien an , Schätzen darbieten, das fehlt 
bei den Geldherren Djedda's nicht. Man versäumt hier keine 
Gelegenheit, seine Reichthümer zui' Schau zu tragen, da man 
sich jetzt sicher fühlt. Die Habgier der Pascha's ist noch 
immer die alte, aber sie hat die Zähne verloren. Ich sah 
hier einen Kaufmann, der seinen Stolz darein setzt, die meisten 
Barken zu besitzen; läuft eine derselben hier ein, so hissen 
alle anderen, die ihm gehören, ihre Flagger auf, und wir 
zählten eines Morgens mehi' als zwanzig solcher bewimpelten 
Fahrzeuge, obgleich der Eigenthümer derselben noch mehrere 
in See hatte. Es mögen etwa zehn Kaufleute hier leben, die 
über eine Million Thaler zu gebieten haben; einer der reich- 
sten ist Sheich Farek Yussir, ein ältlicher Mann von kleiner 
Statur, mit einem äusserst feingeschnittenen, listigen, immer 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 105 

lächelnden Gesicht. Er kleidet sich ärmlich und liebt nicht, 
Almosen zu geben; doch ist sein Haus reich ausgestattet. 
Farek Yussir ist, wie schon sein Name zeigt (Bastard), Sohn 
einer Sklavin, und hat seinen lleichthum von seinem Herrn 
geerbt. Sein Hauptgeschäft treibt er mit Indien; er besitzt 
mehrere Segel- und Dampfschiffe, die beständig dorthin fah- 
ren, und kauft überdiess ganze Schiffsladungen auf, um deren 
C.'oncurrenz mit den eigenen zu verhindern. So monopolisirt 
er gewisse Artikel und wird Herr des Marktes. 

Die grössten Handelsleute von Djedda sind nicht glänzen- 
den Ursprunges, die meisten frühere Sklaven, Lastträger u. s. f. 
Es sind besonders die Leute vom Hadramaut, die am ersten 
ihr Glück machen; an Intelligenz und Thätigkeit sind sie nur 
unseren Juden zu vei^leichen. Auch einige Griechen bilden 
sehr bedeutende Häuser und unterhalten Verbindungen über 
das ganze Rothe Meer.*) In Djedda residirt ein französischer 
und ein englischer Consul, der erstere wohl nur der Pilgrime 
wegen, die von Algier die heiligen Orte besuchen. Für Eng- 
land dagegen ist wegen des indischen Handels das Rothe 
Meer auch in commercieller Hinsicht von Bedeutung; in Djedda 
mögen jährlich 20 — 25 englische Schiffe von 600 bis 1000 
Tonnen einlaufen, mit Manufacturen, Schiffsbauholz, Tabak 
(zum Kauen und Schnupfen), Zucker, Droguen und beson- 
ders Reis, der in Bengalen gegen arabisches Salz einge- 
tauscht wird. 

Die Schiffe, die den Verkehr mit Indien unterhalten, fah- 
ren von dort mit dem Süd-Munsun ab, der bis zum Mai an- 
hält, und bleiben bis zimi August in Djedda, um dann unter 
Benutzung der letzten Nordwinde eine neue Fahrt nach In- 
dien dui'ch das Bab-el-Mandeb anzutreten. Die indischen 
Pilgrime aber waiien gewöhnlich bis zum folgenden Jahre. 
In jedem Sommer zieht die Wallfahrt nach Mekka eine be- 
deutende Anzahl von Leuten aus der ganzen mohammedani- 



*) Man weiss, dass das jetzt nicht mehr ist. 



Digitized by 



Google 



106 Vom Bothen Meer. 

sehen Welt hierher; diess wird auch commerciell sehr wichtig 
und yeranlasst einige Wochen vor dem Feste in Djedda eine 
grossartige Messe, auf welcher alle Productef des Orients zum 
Kauf ausgeboten werden. 

Djedda befindet sich demnach in einer für den Handel 
sehr günstigen Lage. Es liegt ungefähr in der Mitte des 
arabischen Küstenstrichs am Rothen Meere, ebenso weit von 
Mocha, wie von Suez entfernt, Suakin fast gegenüber, und 
nicht weit von Massua und den Häfen des Jemen. Es ist 
ausserdem der Hafen von Mekka imd wird dadurch einer der 
Brennpunkte des orientalischen Handels. Alle Kaufleute, die 
zur Wallfahrt kommen, benutzen diesen Platz, mit ihren fer- 
nen Freunden zusammen zu treffen und sich mit ihnen über 
die Operationen des kommenden Jahres zu verständigen, und 
der Zusammenfluss so vieler Handelsleute sichert eine schnelle 
Abwickelung der Geschäfte. Obgleich manche Kaufleute der 
andern kleineren Plätze direct mit Aegypten zu handeln su- 
chen, zieht doch die Mehrzahl der kleinen Handelsleute aus 
dem zuletzt angeführten Grunde den nahe gelegenen Markt 
von Djedda vor, sodass dieser Platz für den Grosshandel eine 
besondere Wichtigkeit erlangt hat. Unter den importirten 
Artikeln stehen wohl die groben Baumwollenzeuge in erster 
Linie und es ist bemerkenswerth, dass die Fabrikthätigkeit 
von Cairo das englische Product in dieser Beziehung {nsi von 
dem Markte verdrängt hat. Im Allgemeinen aber steht der 
Import hinter dem Export sehr zurück und die Ausdehnung 
des ersteren wird dadurch behindert, dass die halbcivilisirten 
Bewohner dieser Gegenden fest an ihren alten Gewohnheiten 
hängen und für solche Waaren, die mit denselben nicht in 
Einklang stehen, kein Interesse besitzen. 

In der Handelsstellung Djedda^s und der übrigen grossen 
Plätze des Rothen Meeres ist übrigens während der letzten 
zwanzig Jahre eine bedeutende Veränderung eingetreten. Früher 
theilte Djedda seine Wichtigkeit nur mit Mocha, das den 
ganzen Handel des Südens und auch der afrikanischen Plätze 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 107 

monopolisirte. Die Gründung Aden's bewirkte aber, dass 
Mocha fiast ganz aufgegeben wurde und sich der Handel, be- 
sonders von Afrika ausserhalb des Rothen Meeres (Berbera), 
nach der neuen Colonie zog. Doch die Position derselben 
jenseits des Bab-el-Mandeb, welches einen Verkehr mit dem 
Rothen Meere zur See selten erlaubt, zwang den Handel des 
Meerbusens, sich neue Wege zu suchen, und es erhob sich 
Hodeida, das in Kurzem fast den ganzen Ka£feehandel an 
sich zog, und Djedda gewann viel, indem sich nun die Pro- 
ducte von Massua und Suakin zu ihm wandten. Hodeida 
und das junge aber vielversprechende Lohe ja sind besonders 
hinsichtlich des Imports von Djedda abhängig und für ihren 
Export -ist das letztere, wenn nicht der Stapelplatz, doch der 
Transitpunkt, durch den sich der Verkehr mit Aegypten 
durchzieht *). 



*) HandelBberioht ftber Djedda. 
(Annales du commerce exterieur. No. 1040.) Vom Jahre 1856. 





1855. 


1856. 


Import. 


Frc. 16,188,000. 


Frc. 17,978,000. 


Export. 


» 10,177,000. 


» 9,914,000. 



Frc. 26,865,000. Frc. 27,892,000. 

Zum Import trug bei am meisten 
Suez mit Frc. 7,000,000 in Waaren. 

Bombay und Surat mit 2,%4,000 » 

Bengalen und Malabar 1,459,000 •» 

Hodeida 2,739,000 

Loheja 1,700,000 « 

Suakin 1,095,000 » 

Zu den wichtigsten Importartikeln gehörten 

ISuez Frc. 4,250,000. 

Bombay u.Surat 2,787,000. 
Bengalen 259,000. 

I Hodeida 2,028,000. 

Loheja 1,450,000. 

Gesan 283,000. 

Mocha 100,000. 



Digitized by 



Google 



108 



Vom Rothen Meer. 



Massua, deu 29. September 1853. 

Von Djedda hoben wir die Anker am 8. September, doch 

konnten wir erst am folgenden Tage das hohe Meer gewinnen 

und näherten uns am 10. der afrikanischen Küste bei Umm- 

el-Grush (Mutter der Haifische, die wirklich hier sehr zahl- 



Weizen, Durra, Duchn 



Reis 



1,281,000. 



841,000. 



IKosseir 
Konfada 
Loheja 
Ilodeida 



Gewürze, Pfeffer etc. 



Schmalz 



558000. 



Gummi 



Weihrauch etc. 



438,000. 
213,000. 
205,000. 
158,000. 
f Bengalen u. Malabar 790,000. 
45,000. 

260,000. 
213,000. 

81,000. 
400,000. 
130,000. 
403,000. 
327,000. 

30,000. 

17,000. 
kamen 855 imd 



'\Hodeida 
[ Bengalen 
577,000. 1 Secr 

I Singapor 
(Suakin 
'\Hodeida 
464,000. Suakin 

ISeer 
Singapor 
Hodeida 

Es kamen 22 Segelschiffe von Indien an. Barken 
liefen aus 782. 

Der importirte Kaffee bildet V3 etwa der Erndte im Jemen. — So 
weit der Bericht. 

1862 kamen 50 Segelschiffe nach Djedda; die Medjidie Vapore 
machte 15 Fahrten. In Djedda sind 1000 Indier, englische ünterthanen, 
wovon 200 Handeltreibende. 

Wir wollen diesem Bericht einige Notizen über Loheja folgen 
lassen. 

Ein Hafen, der direct von Djedda abhängig ist, ist Loheja oder 
Lehja. Ich verweilte da vom 25 — 27. December 1862. Ich schätzte 
die Einwohner auf etwa 10,000, von denen die Hälfte etwa innerhalb 
eines hohen Mauerquadrates leben. Die Douaue ergibt etwa 40,000 
Thaler jährlich. Die Bewohner sind sehr thätig; sie bauen ausgezeich- 
nete Schnellsegler. Sie geben sich viel mit Fischerei von Perlmutter- 
schalen, Perlen und Schildkröten ab. Ihr Hauptexport ist Kaffee und 
Duchn, beides meist auf Commission von Djedda. Sie haben etwa 200 
Barken, die über 20 Lasten (Hammel) tragen. Eine Barke von 25 
Lasten gilt 400 Thaler; sie mag etwa 300 Centner Kaffee tragen. Die 
bedeutendsten Kaufleute sind Seid Ahmed Abker und Ba Keshwin, der 
letztere ist ein Hadrami. Die Rhede ist für grosse Schiffe nicht zu- 
gänglich. Loheja gewinnt immer mehr an Bedeutung. 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 109 

reich sind). An den beiden folgenden Tagen schifften wir 
unter schwachem Winde und grosser Hitze hinab bis Dorura, 
das einen geräumigen Hafen bildet. Die Türken haben hier, 
um die Beduan im Zai\m zu halten, ein Gastell gebaut mit 
20 Soldaten und einer Kanone. Wir wurden von mehreren 
Besharin, einem Stamme, der von hier bis Kosseir schweift, 
besucht, sie brachten uns Kameelmilch, die sie gegen unsere 
Durra eintauschten. Sie sind schwarz, haben aber, wie alle 
Beduan, die Physiognomie von Kaukasiem und sollen an Wild- 
heit keinem Volke der Welt nachstehen. 

Den 13. Abends nach einer Küstenfahrt ohne Abwechslung 
liefen wir in den Hafen von Suakin ein und verweilten da- 
selbst bis zum 19. Wir hatten von Djedda aus Empfehlungs- 
briefe an Nur-ed-Din Pascha, den Statthalter^ und wurden 
von ihm mit aller möglichen Freimdschaft empfangen. Er 
gab uns einen Kawassen zur Begleitung, schickte uns Speisen 
auf das Schiff und bemühte sich sehr, uns gut zu unterhalten. 
Er ist erst seit \% Jahren hier; man sieht ihm an, dass er 
eben von Constantinopel gekommen ist Während in Europa 
die ernste Frage erörtert wird, in wessen Macht Stambul 
nach dem Verscheiden des „kranken Mannes*^ fallen soll, 
setzen sich die Türken in Afrika fest und dringen mit ihren 
Militär -Colonien in's Land hinein, Träger der orientalischen 
Civilisation und Religion. Beispiele sind Suakin, Aqiq,Mas8ua. 

Die Karte lehrt, dass diese drei Plätze auf kleinen, vom 
Festlande auf Schussweite entfernten Inselchen gelegen sind 
und Beduanstädten auf dem Continent vorliegen. Zuerst setzten 
sich auf diesen Inseln Kaufleute von Arabien und Persien fest. 



Der französische Handelsbericht (von 1857) setzt als Ausfuhr 10,000 
Sack Kaffee (mit einem Werth von 1% Mill. Frc.) an, (20,000 Kantar) 
und 20,000 Sack Duchn; jedenfalls übertreibt er nicht; dazu 2000 Stück 
Kuhhäute. 

In Loheja sind viele Banianen ansässig, engliscHe Unterthanen; sie 
sind Kaufleute und Goldschmiede. Nach Loheja kommt von Massua 
viel Schmalz, dagegen führen sie dahin Duchn aus. 



Digitized by 



Google 



110 Vom Bothen Meer. 

um den Handel mit den Beduan direct zu treiben, wogegen 
sie einen Tribut an die einheimischen Behörden entrichteten. 
Später schickten die Türken auf diese Eilande Soldaten, die 
in ihren Castellen sicher waren, aber auf dem Festlande keine 
Gewalt hatten. Noch vor 13 Jahren zahlte die Douane von 
Massua an die Beduan von Arkeko einen Tribut von 1005 Tha- 
lern; noch vor 12 Jahren konnte es der Statthalter von Sua- 
kin nicht verhindern, dass man auf der Insel vor seinem Di- 
wan einen Armenier, der unglücklich als Arzt practicirt hatte, 
buchstäblich in vier Stücke zerhieb. Auf das Festland durfte 
in jener Zeit gar kein Weisser. Die Beduan standen unter 
dem Emir, der in Suakin eine gleich grosse Gewalt ausübte, 
wie der Kaib in Massua. 

Aber in diesem Verhältniss trat ein Umschwung ein. Es 
traf sich, dass die türkische Begierung kräftige Leute in diese 
Gegenden schickte, die, mit gehörigen Mitteln versehen, ihren 
Einfluss auszudehnen verstanden. Nach Suakin sandte man 
400 Soldaten mit guten Offizieren und den jetzigen Pascha, 
der Reformen Uebt. Seitdem macht die Tracht der Beduan 
dem Kaftan Platz, die Haarfidsur weicht dem Turban, die 
Hütten von Stroh den steinernen Häusern. Unter der jetzi- 
gen Begierung kann man mit Sicherheit bis in's Gash, bis 
an die Grenze Aegyptens reisen. Die alten HäupÜinge haben 
nur noch nominellen Bang. Ich sah den früheren Emir, der 
ehedem über Tausende von Lanzen gebot und nie ausging, 
ohne von einigen Hundert Kriegern gefolgt zu sein, einzig im 
Tarbusch uns bewillkommnen. 

Die Suakin auf dem Festlande gegenüberliegende Stadt ist 
nicht klein und mag wohl 10,000 Einwohner haben, die alle 
in Matten- oder Strohhäusem wohnen; jedes derselben ist 
von dem andern durch hohe, aus Gras und Schilf geflochtene 
Hecken getrennt, und diese bilden die Strassen und machen 
den Einblick in das Innere der Häuser immöglich. Tiefer im 
Lande findet man nur vereinzelte Häuser, die zum Schutz ge- 
gen die Hyänen mit Domenhecken umgeben sind. 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 111 

Die Umgebungen der Stadt sind dürr und salzreich, daher 
hat das Wasser einen salzigen Beigeschmack. Doch erheben 
sich unweit der Stadt Vorgebirge, in denen sich schöne was- 
serreiche Thäler befinden sollen. Nach allem, was ich ge- 
hört, verliert sich ein ziemlich grosser Fluss, der von SW. 
kommt, unweit Suakin im Sande. Es war mir nicht vergönnt, 
mich selbst von der Richtigkeit dieser Angabe zu überzeugen; 
aber ich will doch nicht unterlassen, anzuführen, dass man 
glaubt, es sei der M'areb, den sonst die Karten in den Takkaze 
münden lassen, dessen Lauf aber bis jetzt noch niemand voll- 
ständig erforscht hat.' Ich hoffe, dass es mir vergönnt sein 
wird, bei meiner nächsten Beise diese Frage aufsuklären*). 

Die Eingebomen von Suakin sind den Beduan von Massua 
sehr ähnlich, doch zeigt ihre Sprache Differenzen, die auf 
fremde Einflüsse hinweisen. 

Der Hafen von Suakin ist sehr gut: man tritt durch einen 
natürlichen tiefen Canal ein und ankert dicht am Diwan. Das 
Meer ist an der afrikanischen Küste nicht so seicht, wie an 
der arabischen, der Boden senkt sich vielmehr plötzlich, so- 
dass man hier mehrere gute Häfen findet, während die ara- 
bische Seite arm daran ist. Durch Inseln und Klippen hin- 
durch fuhrt ein Fahrwasser von 10 Faden Tiefe. 

Suakin ist für den Handel nicht unwichtig. Ausser eini- 
gen Karawanen von Abyssinien, die Kaffee, Wachs, Moschus etc. 
hierher bringen, steigen viele Shellabin vom Gash (Takka) 
mit Elfenbein und Shankalla hier herab. Das Elfenbein 
wird immer von den Banianen angekauft; die Shankalla 
gehen meist nach Djedda, wo der Centralpunkt des Sklaven- 
handels ist. Man findet in Suakin ferner viele Kuh- und 
Ziegenhäute, Zähne des Hippopotamus, Straussenfedem und 
alle Meerproducte. Der wichtigste Handelsartikel ist jedoch 
das Gummi Suakni, von dem eine sehr grosse Menge ausge- 
führt wird; die Qualität ist freilich nicht besonders. Von 



*) Wir wissen jetzt, dass es der Barka ist. 



Digitized by 



Google 



112 Vom Rothen Meer. 

Suakin bis Berbera ist die ganze Küste fast ausschliesslich 
mit Gummibäumen bedeckt, deren Product nur zum kleinsten 
Theile eingesammelt wird. Im Allgemeinen muss man sagen, 
dass die Wichtigkeit dieses Handelsplatzes unter der weisen 
Regierung von Nur-ed-Din Pascha im Zunehmen begriflfen 
und dass er schon jetzt für Massua ein gefährlicher Rival ist .*) 
Nach dreitägiger einförmiger Küstenfahrt kamen wir den 
21. Mittags in Aqiq an, der Mittelstation zwischen Suakin 
und Massua. Es ist wie Suakin auf einer Insel gelegen, die 
eine Viertelstunde vom Festlande entfernt ist, ohne alle Ve- 
getation, doch nicht ohne commercielle Wichtigkeit, da viele 
Meerproducte hierher zum Verkauf gebracht werden und die 
Beduan hier ihren Markt haben. Im August ziehen alle 
männlichen Bewohner der Insel fort, um Perlmutterschalen 
und Perlen zu fischen und Schildkrötenschalen einzusammeln, 
und kehren erst im Frühling mit ihrer Beute zurück. Die 
Beduan dagegen bringen im Winter ihre Butter hierher, die 
sie gegen rohe Baumwollenzeuge von Cairo austauschen. Da- 
durch bildet sich ein Handelsverkehr, der den Türken, welche 
hier eine Zollstätte haben und eine Besatzung von zehn Mann 
unterhalten, jährlich 5 — 8000 Thaler eintragen soll! Die Insel 
selbst aber gewährt in Folge ihrer höchst kärglichen Vege- 
tation einen armseligen' Anblick und die Einwohner müssen 
Monate hindurch auf jede andere Nahrung als SchafHeisch 
und Fische verzichten; an Brod fehlt es fast immer, wie 
auch oft in Massua und Suakin. Die Communication mit 



*) Nach dem französischen Handelsbericht von 1859 hat die Doiiane 
von Suakin 60 — 70,000 Fr. Einnahmen ; nach jenem von 1856 ging von 
Suakin nach Djedda: für 1 Million Fr. im Ganzen; darunter waren: 

Butter für 400,000 Fr. 
Gummi für 403,000 Fr. 

Man weiss, dass der indische Telegraph über Suakin geht. Es 
wurde dann und wann von Dampfschififen der Me^jidie berührt; aber 
diess geschah mit so wenig Ordnung, dass die Kaufleute von Chartum 
sich nicht an diesen Weg gewöhnen konnten. 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. ' 113 

Djedda und dem Jemen ist noch immer sehr unvollständig. 
Die Einwohner sind wahrscheinlich den Leuten von Dahalak 
verwandt und beschäftigen sich, wie diese, ausschliesslich mit 
der Fischerei. 

Den 22. September verliessen wir Aqiq und kamen, durch 
isehr schlechten Wind hingehalten, erst den 26. in der Nacht 
vor Massua an. Am Morgen des folgeiiden Tages konnten 
wir in den Hafen einlaufen und das Meer wieder für längere 
Zeit nut dem Lande vertauschen. Dass ich an diesem Orte 
länger als ein Jahr verweilen würde, hatte idi nicht voraus- 
sehen können, als. ich Suez verliess. Was ich während dieses 
längeren Aufenthalts von Land und Leuten kennen lernte, 
habe ich auf den folgenden Blättern zu verzeichnen gesucht. 



Hunzinger, Ostafrik. Studien. 



Digitized by VjOOQ IC 



Mass ua. 



Massua*) hat dieselbe Lage wie Suakin und Aqiq, und 
verdankt wie diese seinen Ursprung den fremden Handelsleu- 
ten aus allen Weltgegenden, die von diesem sichern Anhalts- 
punkte aus den Handel mit dem Festlande versuchten. Noch 
jetzt werden alle Handelsgeschäfte auf der Insel vollzogen, 
und niemand denkt daran, seine Waaren dem Festlande an- 
zuvertrauen. Die Tradition schreibt die erste Ansiedelung 
den Persern zu; doch habe ich nur ein Anzeichen gefunden, 
das für diese Behauptung sprechen könnte — den Familien- 
namen Fares. Dagegen sind die ältesten Familien, die Haus- 
und Bodenbesitzer, die Azulai (von Azulis, Zula), die Dankali 
(von den Darfakil), die Jemeni (von Jemen) ; dann gibt es Hindi 
(von Indien), Mogrebi und Bunga8i(von Marokko), Djeddani (von 
Djedda), Habeshi (von Abyssinien). Familien, die sich ihrer 
Einwanderung nicht erinnern, habe ich nicht gefunden. Das 



*) Der Name heisst eigentlich Medsaü'a, was die Araber mit p,yj,ajo 
ausdrücken; er rührt sehr wahrscheinlich von dem äthiopischen Verb: 
„dsau a" „rufen" her, da man die Entfernung der Insel vom festen 
Land eine medsau*a nannte, d. h. so weit man einen Ruf hören kann; 
diess ist wirklich die Entfernung der Insel vom Gerar. In der Landes- 
sprache heisst die Insel Baz'6. 



Digitized by 



Google 



Vom Roihen Meer. Il5 

Andenken an die frühere Garnison, die sich mit den Einge> 
bomen vermischte, hat sich in den Familiennamen Turki und 
Bosakbash bewahrt. Dieses Conglomerat erhielt eine eigen- 
thümliche Färbung durch Vermischung mit Sklaven von den 
Galla; doch blieb der Grundton immer der Bedui, dessen 
Sprache, durch das Arabische viel bereichert, in Massua 
stets herrschend geblieben ist, wie seine Sitten und sein Cha- 
rakter in den Grundzügen auf der Insel immer bewahrt blie- 
ben, wenn sie auch durch fremden Einfluss und die Beschäf- 
tigung der Einwohner etwas umgestaltet wurden.*) Wie 
überall, glauben sich auch hier die Stadtleute von Massua 
den Landleuten durch feine Sitten überlegen, und Bedui ist 
bei ihnen fast ein Schimpfioame. Der Familienstolz ist so 
gross, dass erst die Verarmung der letzten Zeiten ein Mit- 
ghed einer alten hiesigen Familie nöthigen konnte, um Lohn 
zu arbeiten, während sonst immer die ganze Stadt für die 
Schulden eines Einzelnen einstand. Der Adel ist kein Pri- 
vilegium der Europäer; die Verwandten des Naib und die 
Belou überhaupt, so elend sie geworden sind, glauben sich 
doch immer besser, als andere Menschenkinder. 

Das Verhältniss des Mannes zur Frau und die Heiraths- 
gebräuche sind dieselben, die bei den Beduan herrschen; bei 
den Stadtleuten sind natürlich die Ausgaben für eine Heirath 
viel grösser, der Schmuck der Verlobtien ist viel gewichtiger, 
sodass manche ihr Leben lang Junggesellen bleiben müssen 
und Polygamie eine Seltenheit ist. 

Der Volksstamm hat im Ganzen durch die vielfache Rassen- 
veränderung an Schönheit gewonnen; er besitzt ein edles Profil 
und ist in der Farbe viel heller, als die Beduan; die Phy- 
siognomie ist, wie bei dem Abyssinier, ganz kaukasisch. Die 



*) Der firemde Einfluss zeigt sich besonders im Häuserbau; das 
viereckige Strohhaus mit spitzem Dach gehört nicht Afrika an, sondern 
es ist den Jemeniten entlehnt; die wahren Beduan leben selbst in den 
Dörfern noch immer in dem Mattenzelt (Ablu). 

8* 



Digitized by 



Google 



116 Vom Rothen Meer. 

Männer haben in ihrem Gesicht einen Ausdruck von Weich- 
lichkeit, Friedfertigkeit, der ihrem Charakter vollständig ent- 
spricht; wirklich haben die Türken von den Eingebomen der 
Stadt nichts zu fürchten, sie sind vielmehr die Wölfe unter 
den Schafen. Eine Flinte in die Hand zu nehmen, ist bei 
den Eingebomen schon eine grosse Sache; sie sind Friedens- 
freunde, in allen ihren Verhältnissen massig, ruhig, von einem 
feinen Ton; es fehlt ihnen nichts, als Energie. 

Man findet hier gute Handwerker, besonders von indischer 
Abstammung; sie lernen den Europäern mit Leichtigkeit ihre 
Kirnst ab, denken aber nie an eigene Erfindung. Es werden 
hier sehr schöne, solide Barken gebaut, die Maurer und Zim- 
merleute arbeiten mit vieler Geschicklichkeit und Schnellig- 
keit, man drechselt sehr hübsche Gefässe aus Büflfelhömern 
und arbeitet nicht übel in Elfenbein, die Frauen flechten die 
niedlichsten Körbe und Gefässe, die oft wasserdicht sind. 
An Kunsttalent mangelt es nicht, doch bleibt man beim Her- 
gebrachten stehen. 

Die Hauptbeschäftigung der Stadt ist der Handel, beson- 
ders mit den Karawanen, für welche die Stadtleute als Com- 
missionäre fungiren. Es soll hier firüher sehr reiche Kauf- 
leute gegeben haben; aber durch die Habsucht der Pascha's, 
durch eigene Grossthuerei und Verschwendung sind sie herab- 
gekommen. An Habsucht und Schachergeist fehlt es nicht, 
und in dieser Beziehung verleugnen sie den semitischen Cha- 
rakter nicht, aber der Familienstolz , der auch in der jetzigen 
Armuth rege bleibt, verhindert die Leute, sich wieder empor- 
zuraflFen. Der alte Reichthum ist fort, aber die schönen Sei- 
dengewänder werden nicht abgelegt, und die Hausfirau wird 
noch immer als eine Prinzessin betrachtet, fiir welche eine 
Sklavin arbeiten muss. Urtheilt man nach dem äussern An- 
schein, so glaubt man sich unter grossen Kaufleuten, die 
Stolz und Verschwendung, nicht aber Thätigkeit von ihren 
Vätern geerbt haben. 

Die Gesänge der Stadtbewohner sind fast nur religiös und 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 117 

haben einen eigenthümlichen Beiz. Ihre Gebete sind die des 
Islam, doch sehr lang, besonders das Gebet der Aesha, das 
fast gesungen wird, und nur zn sehr an unsern Rosenkranz 
erinnert, dessen Stelle es seit dreihundert Jahren vertritt. 
Ausserdem sind fiir alle Gelegenheiten, Feste, Hochzeiten 
u. 8. w. Gesänge üblich, in feierlichen erhabenen Tönen von 
wohllautenden Stimmen vorgetragen: ein Chor, der mir oft 
das Herz erschütterte. 

Die Religion erscheint hier viel liebenswürdiger als im 
übrigen Orient, und der arabische Fanatismus ist ÜEist un- 
bekannt. Schimpfwörter verbietet der gute Ton, der hier 
herrscht, das tägliche Brod von Aegypten wird hier nicht 
gegessen, und die arabische Roheit habe ich zu meinem 
Tröste in Massua nicht gefunden. Alles ist ästhetisch, fried- 
lich, fast weichlich, in allem massig, ohne Excess im Guten 
wie im Bösen; der schlechte Charakter bleibt verhüllt und 
bricht nur selten vollkommen hervor. Aber auch männliche 
Offenheit ist selten, schmeichlerische Falschheit ein Grundzug 
des hiesigen Yolkscharakters. Hingebung und Aufopferung 
für den Nächsten, Treue bis zum Tode muss man hier nicht 
erwarten: der Mangel an energischer Männlichkeit lässt eben- 
so wenig Tugenden, als Laster aufkommen und wird zu einem 
vorsichtigen gemässigten Egoismus. 

Die Bewohner leben von Fleisch, Reis, Durra, Milch und 
Kaffee. Geistige Getränke sind meist nur unter den Soldaten 
beliebt. Die Kleidung besteht in einem gefärbten Futta um 
die Lenden, einer seidenen Weste und einem langen weissen 
Hemde; den Tarbusch tragen nur die Türken; dagegen setzt 
man eine Takie auf, ein festes buntgewebtes Käppchen, um 
das man die Musseline wickelt. 

Die Bewohner der Insel habe ich auf kaum 5000 geschätzt, 
von denen viele die Nacht in ihren Häusern auf dem Fest- 
lande zubringen. Doch wird diese Zahl im Sonmier durch 
die Karawanen wohl verdoppelt. Da der Handel die Stadt 
ernährt, ist die Zahl der steinernen Magazine gross; sie sind 



Digitized by 



Google 



118 Vom Rothen Meer. 

aber meist sehr eng und klein und bestehen mit wenig Aus- 
nahmen nur aus dem Erdgeschoss. Als Wohnungen dienen 
fast nur Strohhäuser, die sogenannten M'ädeni, wie sie auch in 
Hodeida und Loheja vorkommen. Feuersbrünste sind auf der 
Insel und am Festland sehr häufig; doch lässt das Strohfeuer 
die steinernen Magazine unversehrt. Trotzdem wird immer 
wieder mit Holz gebaut, weil man nicht Geld genug hat, um 
in Stein zu bauen und weil man die Strohhütten kühler 
findet 

Trinkwasser wird entweder von Arkeko entnommen, wo es 
einen salzigen Beigeschmack hat oder von 'MkuUu, wo es 
sehr süss, aber halblau ist. Auf der Insel selbst unterhält 
man viele Cistemen, die sich im Winter mit Begenwasser 
füllen und für mehrere Monate hinreichen. 

Massua gegenüber liegen die Dörfer Hotumlu und Zaga 
und zwischen ihnen 'Mkullu, eine kleine Absiedlung der Eu- 
ropäer. 

'Mkullu ist ein angenehmer Winteraufenthalt; es liegt 
eine voDe Stunde vom Meer in einem Thal, das durch Hügel 
von der Ebene geschieden ist, die zum Meer sich hinzieht. 
Früher wohnten viele Eingeborene hier; neben ihnen liess 
sich der frühere französische Oonsul Hr. Degautin nieder; er 
baute mit eigenen Händen ein kleines Haus, das 1848 von 
der Lazaristenmission angekauft imd zur Kirche umgeschaflfen 
wurde. Nach und nach siedelten sich mehrere Europäer da- 
neben an; aber für die Verschönerung des Platzes wurde 
wenig gethan; die europäischen Häuser- sind kaum besser als 
die der Eingebomen und die Gärten sind zwar voll von Lor- 
beerrosen und Senna, aber eine eigentliche Cultur ist nicht 
sichtbar. Da die imiliegenden Dörfer wenig Wasser haben, 
kommen die Hirten und die Töchter des Landes, hier Wasser 
zu schöpfen, was mir die biblische Geschichte oft lebendig 
vergegenwärtigte. 'MkuUu gegenüber liegt ein kleiner Berg, 
nach dem Grabe eines Heiligen: Sheich Abdallah genannt, 
von dem man das Meer und die Insel übersieht Wie oft 



Digitized by 



Google 



Vom Rotheu Meer. 119 

habe ich dort umfächelt vom kühlen Seewinde gesessen und 
geharret, ob nicht ein nahendes Segel mir Kunde von der 
fernen Heimat verspreche, bis das Bellen der Schakale und 
das Heulen der Hyänen, die nur in der Nacht aus ihren 
Schlupfwinkeln sich hervorwagen, mich daran erinnerte, dass 
der Sternenhimmel mit seiner Tropenpracht über mir aufge- 
gangen sei. 

In neuerer Zeit ist ^Mkullu fast ganz verlassen; die La- 
zaristen haben sich ganz auf die Insel zurückgezogen, wo sie 
eine schöne Kirche und Missionshaus gebaut haben. Es ist 
übrigens vorauszusehen, dass 'Mkullu bald verschwinden 
wird, da der vorUegende Torrent jährlich grosse Stücke ab- 
reisst und sein Bett nach wenigen Jahren direct über die 
jetzige Ansiedlung gehen muss. Die Leute von Massua leben 
jetzt in Hotumlu und theilweise auch in Zaga. Hotumlu ist 
em ganz neues Dorf; der Name kommt wohl von dem Baum 
Hotum, der in dieser Gegend sehr häufig vorkommt. Der 
Name 'Mkullu kann „die Mutter von allem" bedeuten, nach 
dem alten Brunnen, der früher das Land weit und breit ver- 
sorgte oder „von allein," um die verschiedene Herkimft der 
Bewohner zu bezeichnen. Hotumlu reicht. von 'Mkullu fast 
bis an's Meer; es ist die Villa der Massuiner, die jede Nacht 
von der City zurückkehrend hier verweilen, vermehrt durch 
die arbeitsuchenden Beduinen. 

Ein Blick auf die Karte schon zeigt, dass Massua eine 
sehr wichtige Stellung im Handel des südlichen Rothen Meeres 
einnehmen muss. Es. ist der natürliche Nordhafen von Abys- 
sinien, und liegt dem Jemen, dem Lande des Kaffees, gegen- 
über, kaum zwei Tagereisen davon entfernt Auch von Djedda 
ist der Weg nicht weit; er führt über die Inseln von Daha- 
lak, die natürlich einen grossen Theil ihrer Meerproducte 
auf den Markt von Massua abgeben. Die Ebene zwischen 
dem Meer und dem Plateau Abyssiniens, die unter dem Na- 
men Samhar bekannt ist, hat auch Erzeugnisse (Giunmi, 
Senna, Butter, Schmalz und Häute), die für den Zwischen- 



Digitized by 



Google 



120 Vom Rothen Meer. 

handel des Rothen Meeres nicht ohne Wichtigkeit sind. End- 
lich besteht eine sichere und angenehme Karawanenstrassc 
von Sennaar und Takka nach Massua, sodass es im Stande 
ist, einen grossen Theil der Producte jener Länder, das El- 
fenbein, die Hippopotamuszähne, die Tamarinde zu empfangen. 

Der Hafen von Massua ist der beste des Bothen Meeres. 
Die Insel ist regelmässig regiert und bietet dem Handel schon 
durch ihre Lage eine natürliche Sicherheit; europäische Kauf- 
leute und Schiffe finden hier einen (französischen) Consul, so- 
dass sie für ihre Geschäfte keinerlei Schwierigkeiten zu be- 
fürchten haben. 

Diess gilt jedoch nur für die Insel. Die beständigen, oben 
besprochenen Umwälzungen, denen das abyssinische Festland 
ausgesetzt ist, üben natürlich einen sehr verderblichen 
Einfluss auf den Binnenhandel aus. Bei dem gegenwär- 
tigen Kriegszustande wagen die grossen Karawanen kaum 
mehr, ziun Meer hinabzusteigen. Dieselben steigen jähr- 
lich nur einmal von ihren Bergen herab, im Juni oder 
Juli. Die Waaren sind in Bockhäuten (Girbe) verpackt 
und gewöhnlich auf Maulthiere geladen, die den Weg von 
den Grenzen der Gallaländer in zwei bis drei Monaten zu- 
rücklegen können. Die Karawanen (Gafileh) sind aber oft 
gezwungen, an den Ufern des Takkaze zu warten, bis sein 
Wasser hinreichend geMlen ist, um den Uebergang zu ge- 
statten. Da die Regenzeit im Spätfrühling eintritt, und das 
Wasser vor October nicht sinkt, so kann man den Takkaze 
nur vom October bis April mit Waaren passiren. Diess be- 
stimmt den Zug der Karawanen, die im Winter bis in^s 60- 
djam gehen, im Frühling zurückkehrend den Takkaze passi- 
ren, und sich in Adua aufhalten, sodass sie im Juni in Massua 
ankommen. Man sieht, die Tagemärsche sind nicht gross, — 
aus Rücksicht für die Lastthiere, welche starke Tagemärsche 
auf der schwierigen Gebii^sstrasse nicht lange aushalten 
würden. 

Die Waaren, die von den Abyssiniem nach Massua ge- 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 121 

bracht werden, sind meistens Producte der Gallaländer, so 
der gute Kaffee, das Gold, das weisse Wachs u. s. w. Die 
Galla bringen ihre Waaren gewöhnlich nur bis in's Godjam, 
wo der grosse Stapelplatz, besonders für den Kaffee ist. 

Jeder abyssinische Kaufinann (Neggade) hat in Massua 
seinen Commissionär(Nesil), der sein Sicherheitsbürge ist (da 
Abyssinien mit der Türkei keinen officiellen Verkehr unter- 
hält), ihm ein Haus, Feuer und Wasser liefert, und alle seine 
Greschäfte während seines Aufenthalts besorgt. Dafür nimmt 
der Nesil von allen Käufen und Verkäufen eine mehr oder 
minder bedeutende Commissionsgebühr. Dieser Tribut, der 
zwischen 5 und 10 Procent beträgt, ist so fest in den Lan- 
desgebräuchen gewurzelt, dass es eine Thorheit wäre, ihn 
umgehen zu wollen, um so mehr, da es die Nesil sind, welche 
jedes Geschäft in Händen haben und es, nach ihrer Laune, 
zu Gunsten ihrer Freunde abmachen. 

Geschäfte mit den Abyssiniern sind einfach und schnell ab- 
gethan. Die ersten Tage nach ihrer Ankunft zögern sie sehr 
mit dem Verkauf der mitgebrachten Waaren; keiner will der 
erste sein, aus Furcht, den Markt zu verderben. Doch so- 
bald ein grosser Kaufinann das Beispiel gegeben und den 
ersten Verkauf gemacht hat, wird der ganze Vorrath von 
gleichen Waaren in einem Augenblick ohne weiteres Markten 
losgeschlagen. Tauschhandel ist nicht beliebt. Man muss 
mit guten Maria- Theresia -Thalem (Edri) versehen sein, um 
vortheilhaft kaufen zu können; erst später erhalt man beim 
Verkauf der eigenen Waaren einen Theil seines Geldeö wieder 
zurück, aber die Abyssinier nehmen doch kaum mehr, als die 
Hälfl;e des realisirten Geldes in Waaren zurück. Der Import 
ist dem Export bei weitem nicht propoiüonirt. 

Ehrlichkeit und Rechtlichkeit sind die erste Bedingung 
für den, der mit den Abyssiniern zu thun haben will. Sie 
sind sehr misstrauisch, wittern sofort Betrug, wo sie Schlau- 
heit bemerken, wissen dagegen Offenheit in Geschäften sehr 
wohl zu schätzea 



Digitized by 



Google 



122 Vom Rothen Meer. 

Die grossen Karawanen kommen, wie gesagt, nur einmal 
des Jahres nach Massua; doch gibt es viele kleine Kaufleute 
vom Tigre und Hamasen, die während des ganzen Jahres 
aus- und eingehen und den Markt stets in einiger Thätigköit 
erhalten. Die eigentliche Geschäftssaison sind die Sommer- 
monate. 

Die bösen Zeiten haben es mit sich gebracht, dass eine 
Karawane einer kleinen Armee nicht unähnlich sieht. Die 
grossen Neggade bringen nur wenige Diener nach Massua, 
da sie eine Unzahl Dienstleute auf der Grenze bei ihren Maul- 
thieren zurücklassen. Die Tracht des reisenden Abyssiniers 
besteht in kurzen engen ^^^Qkleidern und einer sehr langen 
dichten weissen Schärpe, die um die Hüfte gewickelt ist; da- 
rüber trägt er die ungenähte viereckige Toga (Quari), von 
der er ein Ende über die eine Schulter wirft. An seiner 
Rechten hängt das lange, krumme Schwert (Shotel), und aus- 
serdem trägt er einen grossen runden bucklichten Schild aus 
Büffelhaut und eine langspitzige Lanze. Aber auch Feuer- 
gewehre, mit denen besonders Europäer einen einträglichen 
Handel treiben, sind von jeher sehr verbreitet gewesen. Eine 
solche Ausrüstung ist zum Schutz der Karawanen in dem 
unruhigen Lande unentbehrlich; oft hört man von Schlachten, 
die geschlagen wurden, um den freien Durchgang zu erzwin- 
gen, sodass diese Karawanenzüge mehr an unsere alten Rit- 
terfahrten erinnern, als an die Reisen friedlicher Kaufleute. 
In Wahrheit ist jeder Abyssinier ein gebomer Krieger, — 
eine natürliche Folge der politischen Zustände des Landes, 
die unsern mittelalterlichen in allem ähnlich sehen, ausge- 
nommen in der Stellung der Stände. Wenn es in Abys- 
sinien auch einen Adel gibt, der sich nur mit Kriegen und 
Rauben beschäftigt, so ist er doch von dem Kaufmann nicht 
durch eine breite Kluft geschieden; der Uebergang von dem 
einen Stande zum andern ist sehr leicht und kommt täglich 
vor. Ein Geburtsrecht wird in Abyssinien durchaus nicht 
anerkannt, ausser für den Kaiser. Der Bauer, der Kaufinann, 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 123 

der Soldat, der Grundbesit^r, alle sind gleich wohlgeaehtet, 
und selbst den Geringsten kann das Glück in eine angesehene 
Stellung führen. Der Herr wird arm und dient, der Diener 
wird reich und spielt den Herrn. Verächtliches ist nichts 
dabei; deswegen ist hier auch das Verhältniss des Dieners 
zum Herrn ganz anders, als in Europa, es ist viel vertrau- 
Ucher und wird oft zur Freundschaft. Die Folge davon ist, 
dass auch der Diener viel mehr Ergebenheit zeigt, als in je- 
dem andern Lande; er mag alle Laster haben, dennoch be- 
sitzt er die in einem so wilden Lande unschätzbare Tugend, 
treu zu sein bis in den Tod, dem er für seinen Herrn mit 
Freude entgegengeht. Geburtsstolz wird man aus dem ange- 
fahrten Grunde bei den Abyssiniem kaum finden; viel stärker 
ist der Geldstolz. Da das Geld hier zehnmal mehr werth 
ist, als in Europa, und die grössten Handelsleute nicht mehr 
als ein paar tausend Thaler besitzen, muss es einem Europäer 
lächerlich vorkommen, Leute mit einem Vermögen von eini- 
gen hundert Thalern eine Grandezza annehmen zu sehen, wie 
wir sie bei unsem Millionären nicht [finden. Wenn man einen 
Neggade antrifft, der seine Quari bis zu den Augen empor- 
zieht, was den Umstehenden zeigen soll, dass er sie als ihm 
untei^eordnete Personen betrachtet, so kann man sicher sein, 
einen Gapitalisten von wen^stens dreihundert Edri vor sich zu 
haben, die freilich mit eigenem langjährigen Schweisse erworben 
sind. Doch gibt solche Anmassung, die dann und wann auch 
gegen den Europäer an den Tag tritt, eher Stoff zur Erhei- 
terung, als zum Verdruss. Uebrigens finden sich viele ehren- 
werthe Ausnahmen, besonders unter den reichern Kaufleuten, 
die von der Welt genug gesehen haben, um zu wissen, dass 
es noch grössere Geldherren gibt, als die abyssinischen 
Neggade. 

Die mohammedanischen Abyssinier sind ohne Zweifel be- 
deutendere und bessere Handelsleute, als ihre christlichen 
Landsleute; ihr Hauptgeschäft ist der Sklavenhandel, der sie 
oft nach Djedda führt. Ich habe nie ein Volk gesehen, das 



Digitized by 



Google 



124 Vom Rothen Meer. 

sich seine Religion so wahrhaft innig zu Herzen nimmt, wie 
diese Mohammedaner, die neben ihren Glaubensbriidem, den 
Arabern, in Zucht und Rechtlichkeit wie Engel dastehen, und 
wahre Früchte des Glaubens hervorbringen. Ohne Zweifel 
wirkt darauf der Umstand ein, dass sie in Abyssinien die 
Minorität bilden, wie es auch in den paritätischen Ländern 
Europas sichtbar ist. Die abyssinischen Muslimin sind ihrem 
Glauben sehr zugethan, oft sogar etwas fanatisch, was aber 
nie offen hervortritt. Sie dienen in Abyssinien als Zöllner, 
wie die Kopten in Aegypten; sind durchschnittlich gebildeter, 
als die Christen, und bessere Rechner und Diplomaten, wes- 
wegen sie oft zu Gesandtschaften zwischen christlichen Fürsten 
gebraucht werden. Sie sind in der Welt des Islam sehr gut 
angesehen, und es gehen aus ihrer Mitte oft Sheichs hervor, 
die man auch in Djedda und im übrigen Arabien sehr hoch 
verehrt, und eines nähern Umganges mit Gott theilhafiig 
glaubt. 

Jede Karawane theilt sich in verschiedene Gruppen, nach 
den bedeutenderen Kaufleuten, aus denen sie besteht, und 
um die sich die kleinem wie zu ihrem Hause gehörig schaa- 
ren. Das Haupt ist der Neggaderas, der frei gewählt wird, 
und während der Reise die Ausgaben für Zölle und andere 
Abgaben für die ganze Gemeinschaft bestreitet, und erst spä- 
ter die Auslagen von jedem Einzelnen einzieht. Das Leben 
während der Reise ist nicht unangenehm. Man ipacht ganz 
kurze Märsche, lagert immer ausserhalb der Städte im Schat- 
ten eines grossen Baumes, und erfreut sich mit Trinkgelagen 
(wozu man sich stets hinlänglich mit Honig versieht), wo 
nicht selten die Eifersucht des Chefs, durch die Trunkenheit 
aufgestachelt, tödtlichen Streit veranlasst, der zuweilen mit 
den Waffen ausgefochten wird. 

Die Wahl der Waaren, die ein Neggade nach Massua 
bringt, ist durch alte Gewohnheit geregelt; es würde einem 
kleinen Handeismanne sehr übel genommen werden, wenn er 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 125 

Elfenbein und Gold mit sich brächte, was nur den grossen 
Kaufleuten gestattet ist. 

Der christliche Neggade ist listig und interessirt, aber 
nicht sehr intelligent und ein ziemlich schlechter Bechner, 
daher ihn sein Geschäftsfreund in Massua, der mohammeda- 
iiische Nesil, mit guten Worten nach seinem Wunsche, aber 
natürlich nicht immer zum Vortheil des Christen zu behandeln 
Tersteht Aber der Krug geht eben nur so lange zum Brun- 
nen, bis er bricht, und Bechtlichkeit bewährt sich auch in 
Massua als die einzig dauerbare Grundlage des Verkehrs. 

Unter den Handelsartikeln wird Wachs aus den Provin- 
zen Tigre, Godjam, Korata, Amhara und von Gallabat fast 
ausschliesslich nach Massua geführt. Das Tigre -Wachs ist 
schwarz, roh, und sehr schmutzig; Gallabat ist fast weiss 
und verlangt keine andere Reinigung. Die andern Sorten 
sind hellgelb und schon einmal gereinigt. In Massua nimmt 
man eine letzte Reinigung vor, und giesst das Wachs in Brode 
von etwa 20 Pfand um. Es gibt hier mehrere Leute, die 
sich nur mit dem Bleichen des Wachses abgeben, indem sie 
es in dünnen Schnitten der Sonne aussetzen. Dieses weisse 
Wachs geht meist nach Djedda für den Localgebrauch, wäh- 
rend vom gelben viel nach Cairo und Europa kommt. Das 
letzte Jahr hat man ansehnliche Quantitäten nach Bourbon 
und Bombay exportirt. Es mögen jedes Jahi* 4 — 500 Centner 
Wachs in Massua ankommen , und die Zufuhr wächst mit der 
Nachfrage, da das Wachs reichlich und zum Theil in Land- 
schaften gewonnen wird, deren Verkehr mit Massua vom Was- 
serstande des Takkaze imabhängig ist. 

Der Kaffee ist das Hauptproduct der Gallaländer (Gudru, 
Narea, Kaffa); die erste Qualität, Gudru, hat kleine gelbliche 
Bohnen mit einem starken Aroma. Man vermischt sie aber 
oft mit der. untergeordneten Soi'te vom Godjam, die grosse, 
grüne Bohnen hat, und so dem Mochakaffee ähnlich sieht. 
Der Gallakaffee wird selten rein von Massua exportirt; die 
Eingebor nen mischen ihn mit dem Mocha, wodurch dieser 



Digitized by 



Google 



126 Vom Rothen Meer. 

etwas wohlfeiler zu stehen kommt. In Cairo und Syrien 
schätzt man nur die letztere Qualität. — Die Hauptkarawanen 
des Kaffees kommen im Sommer an. Beim Ankauf unter- 
scheidet man keine Qualitäten, man nimmt ihn, wie er sich 
in den Girbe findet, mit vielem Staub, Hülsen und schwarzen 
Körnern vermischt. — Es ist .bekannt, dass das Wort Kaffee 
aus dem Gallalande Kaffa stammt, dem Heimatlande der 
Sorten des Jemen und somit der ganzen Welt; doch während 
die vielen verschiedenen Töchter ihre Liebhaber gefunden ha- 
ben, bleibt die Mutter ganz unbeachtet. Der Galla- Kaffee 
ist nie auf den europäischen Markt gekommen, obwohl er des 
feinen Geruchs und Geschmacks nicht ermangelt. 

Das Elfenbein kommt von aUen Gebirgsländem dieses 
Continents, die waldig, nicht zu kalt, und nicht übervölkert 
sind, vom Tigre bis zu den fernsten Galla und von den Ha- 
bab bis ziun Sennaar. Den Werth des alljährlich nach Mas- 
sua geführten Elfenbeins kann man auf mehr als 20,000 Tixlr. 
veranschlagen, und die ganze Quantität wird gewöhnlich in 
Bausch und Bogen von den indischen Kaufleuten (Banianeu) 
angekauft. Schon vier Tagereisen von Massua, bei den Habab, 
wird auf Elefanten gejagt. Es finden sich imter den Belou 
mehrere gute Schützen, die nach einer Abmachung mit Han- 
delsleuten, welche ihnen das Material vorstrecken, auf halben 
Gewinn, mit einem kurzen, sehr schweren, massiven Lunten- 
gewehr von bedeutendem Kaliber auf diese Jagd ausziehen. 
Sie zielen, indem sie den Lauf auf die Schulter eines Beglei- 
tei*s auflegen, was den Rückschlag dieser kleinen Kanone 
schwächt. Man findet sehr gute Elefantenjäger in Dokouo 
und unter den Abyssiüiern; bei Vorsicht ist die Jagd nicht 
sehr gefährlich, doch sind noch wenige der in Massua be- 
kannten Jäger eines natürlichen Todes gestorben. 

Moschus kam früher in grosser Menge nach Massua; doch 
da diesem Artikel in Cairo und Djedda wenig nachgefragt 
wird, ist der Handel damit tast ganz angegeben. Dagegen 
wird Gold auch jetzt noch reichlich nach Maßsua gebracht 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 127 

und von hier nach Bombay exportirt. Beim Ankauf wird es 
im Kohlenfeuer geprüft. 

Für Sklaven war Massua früher ein bedeutender Markt; 
jetzt hat der Sklavenhandel aber sehr abgenommen, und im 
Jahre 1854 kamen kaum 1000 Köpfe an, meist Mädchen. 
Shankalla werden nur in geringer Anzahl als Sklaven nach 
Massua geführt, und bleiben meistens hier zum gewöhnlichen 
Hausdienst. Die Galla aber werden grösstentheils nach Djedda 
exportirt und theuer bezahlt. Sie sind sehr schön, aber durch- 
gängig hochmüthig und perfid. Sie werden nie zu niederen 
Üiensten verwandt, wozu sie sich kaum verstehen würden. 
Sie glauben sich bestimmt, im Haus zu regieren und stechen 
bei ihrem energischen Charakter die Hausfrau sehr leicht aus. 
Ihr Vaterland sind die verschiedenen heidnischen Gallaländer, 
wo die mohammedanischen Kauf leute sie wegstehlen oder von 
dem König des Landes oder den Eltern kaufen und auf den 
Markt nach dem Godjam bringen. Es ist den christlichen 
Abyssiniem unter Leibesstrafe verboten, sich am Sklavenhandel 
zu betheiligen; doch war es leicht, das Blutgesetz des Ubi6 
zu umgehen, zumal da auch die Christen kein Verbrechen 
darin sehen, Heiden zu Sklaven zu machen. Die Gallaknaben 
werden gewöhnlich von türkischen Offizieren angekauft und 
in die Armee unter die Lohntruppen des Sultans im Jemen 
und Djedda eingereiht. Die Mädchen kommen in den Harem 
und gewöhnlich hat man sich über sie mehr zu beklagen, als 
dass sie beklagt zu werden verdienten: denn im Allgemeinen 
behandeln die Europäer ihre freien Diener schlechter, als die 
Muslimin die Sklaven. Der Haupthandelsplatz für Sklaven 
ist Zeila, trotz der Nachbarschaft Aden's und der Landsleute 
von Wilberforce. Der Handel hat durch das Verbot wenig 
gelitten, nur wird er mit mehr Heimlichkeit betrieben, um 
ihn vor den Augen der Europäer zu verbergen. 

In frühem Jahren kamen sehr oft Schiffe aus Bourbon 
und Mauritius, um abyssinische Maulthiere und Pferde zu 
laden, die in den dortigen Plantagen verwendet werden. Doch 



Digitized by 



Google 



128 Vom Rothen Meer. 

hat dieser Handel fast aufgehört. Die Maulthiere gelten im 
Durchschnitt an der Küste nur 10 Thaler, doch muss mau 
riskiren, dass ein Theil der Ladung auf der Ueberfahi-t zu 
Grunde geht; bei gutem Wind und hinlänglichem Wasser und 
Heu hat man indess keinen beträchtlichen Verlust zu besor- 
gen. Das abyssinische Pferd ist schön, ein guter Renner, 
doch hat es nicht den eleganten Bau und die Intelligenz des 
echten Nedjd. 

Abyssiniens Ausfuhrhandel könnte noch sehr erweitert 
werden. Das Land ist reich und vielgestaltig; alle Klimata 
sind in seinen Grenzen vertreten, von der Kälte des Semien 
bis zur Fieberhitze der Takkaze-Ufer. Der Abyssinier ist 
durch seine Naturanlage Ackerbauer und überlässt die Aus- 
übung von Künsten und Gewerben meist den Juden (Falasha); 
demungeachtet sind die so verachteten Gewerbe, die sich mit 
dem Stein und dem Eisen befassen, zu einer seltenen Voll- 
kommenheit, besonders in Gondar gebracht Der Ackerbau 
wird sorgfältig betrieben, doch lassen die beständigen IQiege 
dem- unglücklichen Landmann keine Ruhe und seiner Emdte 
beraubt, zieht er es vor, selbst Soldat zu werden, um nicht 
zu säen, wo ihm zu erndten nicht vergönnt ist. So liegen 
jetzt viele fruchtbare Striche wüst; aus dem Pfluge hat mau 
ein Schwert geschmiedet. Im Friedenszustande könnte Abys- 
siiiien viel ausführen und mit Leichtigkeit den ägyptischen 
Weizen von den Seemärkten des rothen Meeres verdrängen. 
Die Schwierigkeit des Transports, aus Mangel an Strassen, 
ist ausser dem Kriege das einzige Hindemiss der wahren 
Entwickelung des abyssinischen Handels; das Land ißt so ge- 
birgig, die Pässe so schmal imd steil, dass selbst das vor- 
sichtige Maulthier nur mit Mühe und Gefahr seinen Weg findet 

Man bringt viel rothen Pfeffer von sehr guter Qualität 
für den Platzverbrauch nach Massua; er wird bei allen abys- 
sinischen Speisen verwendet. Der schwarze gewöhnliche Pfeffer 
wird von Indien eingeführt. 

Abyssinien erzeugt eine gute Baumwolle, die aber für 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 129 

den Landesgebrauch so wenig ausreicht, dass man ihr Massen 
von Surati beimischt, die von den Banianen nach Massua 
gebracljt wird. Das Spinnen derselben ist die gewöhnliche 
Beschäftigung der Frauen aller Stände. Alle Kleider werden 
im Lande gesponnen ; die rohen Baumwollenzeuge europäischer 
Fabrikation taugen für das meist kalte Abyssinien nicht. 
Man kennt das Färben der Stoffe nicht und bedarf deshalb 
der Einfuhr besonders von rothen Baumwollenzeugen (Suli) 
aus Indien, womit man die weissen Togen (Quari) säumt. 

Für die Europäer ist es nicht schwer, Besitzungen in 
Abyssinien zu erhalten; fast alle Reisenden, die dorthin ge- 
kommen sind, haben solche gehabt. Doch bis jetzt besteht 
der einzige Nutzen derselben in der Einführung der Kartoffeln 
durch Hm. Schimper. 

An Metallen ist Abyssinien reich, sie sind aber meistens 
unbenutzt. Das Eisen wird im Lande bearbeitet. Blei ist 
fast unbekannt; die Kugeln werden meist aus Eisen und sogar 
von Stein gemacht. Das Kupfer, das zu Kesseln verarbeitet 
wird, kommt von Cairo. 

Die Einfuhr nach Abyssinien (Waffen ausgenommen) wird 
in der nächsten Zeit schwerlich bedeutend werden, weil die 
Bewohner dieses Landes, abweichend von den afrikanischen 
und arabischen Beduinen eine eigenthümliche, in Gewerben, 
Küche, Getränken, Landbau etc. fest ausgebildete, wenn auch 
etwas rohe Sitte haben. Bis jetzt ist es noch keinem Euro- 
päer gelungen, unsere Cultur dorthin zu verpflanzen, im 
Gegentheil haben sich alle Europäer, die nach Abyssinien 
gekommen sind, der Landessitte anbequemt. Diese aber be- 
darf des Auslandes fftst gar nicht. 

Die Ebene zwischen Dokono und Zula, die sich wohl 
sechs Stunden weit erstreckt, ist nur von dem domigen 
Gummibaum bedeckt. Da diese Gegend schon als zum 
Gebiet der Saho gehörig betrachtet wird, haben diese das 
Recht der Erndte, die in den heissesten Sommermonaten auf 
Bestellung der Leute von Dokono vorgenommen wird; der 

Man Ein g« r , OtUfrik. Studien. 9 



Digitized by 



Googje 



130 Vom Rothen Meer. 

Ertrag "wird nach Massua gebracht. Bei der ungeheuren 
Menge von Gummibäumen im Samhar kann er sehr gesteigert 
werden; jetzt richtet sich der Umfang der Emdte nach der 
Bestellung. Der hiesige Gummi ist dem sogenannten Suakni^ 
der von Gadarif kommt, weit überlegen und kommt in grossen, 
weissen oder hellgelben, klaren, elastischen Stücken zu Markt, 
doch wird er beim Transport nicht genug geschont. 

Das Senna ist eine Medicinalpflanze, die nach den ersten 
Begen im Ueberfluss im ganzen Lande emporschiesst und nach 
Verlangen von den Beduinen gesammelt wird. Ihr officineller 
Gebrauch ist den Eingebomen gut bekannt. 

Der Handel der Insel mit den Bedidnen ist sehr bedeu- 
tend; da sie alle Hirten sind, die wenig Ackerbau treiben und 
keine Industrie besitzen, so werden hierdurch die Hauptgegen- 
süinde »des Exports und Imports von selbst bezeichnet Die 
Saho bringen Kuhhäute in der Milch bearbeitet (ielem) oder 
rothgegerbt (masbuk), dann sehr schöne grosse Ziegenhäute 
und Butter. Die Beduinen und die Habab haben dieselben 
Ausfuhrartikel, besonders aber rohe Kuhhäute, Butter und Fett. 

Mit der Butter, die flüssig in Schläuchen von allen Län- 
dern zwischen dem Meere und Kassala nach Massua gebracht 
wird, und den Häuten wird ein bedeutender Handel nach dem 
Jemen und Djedda getrieben. Diese Artikel werden gegen 
Durra vom Jemen und Baumwollenzeuge von Cairo, dem ein- 
zigen Kleidungsstoffe der Beduinen, ausgetauscht. Die rothen 
Kuhhäute gehen nach Aegypten, die bearbeiteten finden in 
Arabien bequemen Absatz. Die Karawanen der Habab haben 
in Zaga nahe bei Massua ihre Commissionäre, unter ähnlichen 
Verhältnissen, wie die Abyssinier. Auch die Leute von Ha- 
masen konmien mit den genannten Waaren nach Massua, 
ausserdem bringen sie Honig und viel Getreide. In ihren 
Ankäufen gleichen sie aber eher den Abyssiniem. 

Da die Beduinen sehr beschränkte Bedürfnisse haben, kann 
bei ihnen nur das importirt werden, was zur Kleidung nöthig 
ist. Der Unterschied, der sich in dieser Abhängigkeit von 



Digitized by 



Google 



Vom Hothen Meer. 131 

den Fremden zwischen den Beduinen und den Abyssiniern 
zeigt, rührt von der socialen Stellung der Frau her. Da die 
Frauen der erstem es für eine Schande halten zu spinnen 
und der Bedui selbst von dieser Kunst auch nichts versteht, 
beschränkt sich die Thätigkeit aller dieser Hirten auf die 
Bereitung der Butter, die ihnen als Tauschmittel zur Erwer- 
bung von Kleidungsstoffen und Cerealien dient» 

Die Handelserzeugnisse, welche die Jagd liefert, sind die 
schon erwähnten Elefantenzähne und dann die Straussen- 
federn. Auf den Grenzen der Habab und der Beni Amer 
liegen im weiten Umkreise die Gebiete einer grossen Völker- 
schaft, die unter dem Namen Hadendoa (oder Harendoa) vom 
Meer bis zum Gash umherzieht. Sie besitzt ausgedehnte 
Heiden und beschäftigt sich daneben mit Straussenjagd auf 
besonders dazu abgerichteten Pferden und Kameelen, mit 
denen man das edle Wild nach und nach umzingelt. Der 
Lieblingsaufenthalt des Strausses sind die Wüsten, die sich 
zwischen Massua und Suakin ausdehnen, wasser- und vege- 
tationsarme, trostlose Salzebenen, in denen sich die glühende 
Tropensonne wiederspiegelt. Dort sah ich die Strausse oft 
in grossen Heerden sich vorwäji;s bewegen, wie ein rasch hin- 
ziehendes Gewölk am fernen Horizont. 



y* 



Digitized by 



Google 



Das Samhar. 



Die abyssinische Gebirgskette, die vom Meer etwa 20 Stun^ 
den entfernt 6 — 7000 Fuss hoch südwestlich von Massua 
sich hinzieht und mit der Küste parallel zu laufen scheint, 
erhebt sich zwar von fem gesehen wie plötzlich aus der 
Ebene; aber die Steigung ist durch zahlreiche Vorgebirge 
vermittelt, die den ganzen Strich zwischen dem Meere und 
dem Hochgebirge ausfüllen und nach und nach je mehr sie 
nach Norden fortschreiten, von der Küste zurücktreten und 
nördlich von Massua einer Wüste Platz machen, die mit 
wenig ündulationen sich von Beremi bis an den Fuss des 
Gebirges unter den Namen Sheb und Gedged erstreckt. Wir 
müssen uns vorstellen, dass das Meer ursprünglich direct an 
die Wand des Hochgebirges anschlug; diese wurde aber durch 
die Gewalt der niederströmenden Begengewässer ausgehöhlt; 
sie verwitterte und zerbröckelte sich und daraus wurden die 
Vorgebirge, von den Regenbächen noch jetzt zerrissen und 
ausgewühlt. Was aber das eigentliche ebene Uferland angeht, 
so war es gewiss fiüher vom Meer bedeckt, da noch jetzt 
Muscheln in bedeutender Höhe über dem Wasserspiegel den 
Boden bedecken (z. B. in Sheb); man kann es deswegen 
nicht als Alluvium der Hochgebirgsströme betrachten, die 
übrigens einen viel zu raschen Fall haben, als dass sie viel 
Thon auflösen oder absetzen könnten. 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 133 

Im .Hintergrande des Golfes von Massua liegt die Stadt 
Arkeko, von den Eingebomen Dokono genannt, am Fuss 
des vereinzelt aus dem Meer emporsteigenden Berges Gedem, 
der den nahen Vorgebirgen Abyssiniens gegenüberliegend nur 
einen schmalen Pass nach dem nahen Zula (Azulis) offenlässt. 
Diesen Pass begrenzt das Küstenland Samhar von Süden vom 
Land der Danakil und Dokono liegt eigentlich in der Mitte 
zwischen zwei Zonen sprachlich und politisch; denn hier be- 
rühren sich die Tigresprache und die Sprache der Saho, die 
auch von den Danakil gesprochen wird. Wir wissen nicht die 
Bedeutung des Wortes Samhar; dagegen wird es von den 
Eingebornen auch Mudun oder in der Pluralform Mädäin ge- 
nannt, was das Land der festen Wohnsitze bedeutet nach der 
semitischen Wurzel adene (^4>^ mansit, ^Julo mansio im 
Gegensatz zu dem Zelt des Nomaden). Deswegen heissen hier 
auch die feststehenden Häuser Mädeni. Mudun nannten also 
die Nomaden das Land, weil sich feste Ansiedlungen darin 
bildeten. Geographisch erstreckt sich das Samhar sehr weit 
nördlich, wir können sagen bis Aqiq; doch behauptet es seineu 
Namen nur in der Nachbarschaft von Massua, während seine 
nördliche Fortsetzung unter dem Namen Söhel (Gestade) dem 
Land der Habab anliegt. 

Der natürliche Hafen und Marktplatz dieses Landes ist 
die Insel Massua. Sie vermittelt, wie wir gesehen haben, den 
Verkehr des Festlandes mit Arabien und den überseeischen 
Ländern überhaupt und ist also von beiden Seiten in- 
fluenzirt 

Das Land Samhar mit seiner Aufdachung gegen das Hoch- 
gebirge bietet in einer Breite von kaum drei Tagereisen den 
Contrast des Südens und des Nordens, der tropischen Hitze 
und des kühlen Bergklimas, der todten flachen Wüste und 
des lebensvollen Hochgebirgs. Diese Gontraste sind nur in 
seinem südlichen Theile durch die Vorgebirge vermittelt, wo 
sie ununterbrochen auiDsteigende Terrassen bilden, während sie 
sich nordwärts in die Ebenen von Motad, Gedged und Sheb 



Digitized by 



Google 



134 Vom Rothen Meer. 

yerlaufen, sodass das Hochgebirge von Mensa wie plötzlich 
und unvermittelt aus dem Flachland emporzutauchen scheint. 
Dadurch erhalten wir in engbegrenztem Raum die mannig- 
faltigsten Bodenformen: Wüsten mit spärlicher Vegetation, 
seltenem Wasser und vielem Salz; Heiden, meist mit Mimosen 
bestanden, in der Regenzeit von üppiger Vegetation bedeckt; 
Thäler mit fruchtbarem Boden, Erosionsschluchten der Wald- 
ströme, die in der Regenzeit vom Hochgebirge hinunterbrausen, 
Baumstämme und Felsenblöcke in blitzschnellem Lauf bis zum 
Meer tragen und natürliche Zugänge zu dem Gebirge bilden; 
kleinere vom Hochgebirge unabhängige, trockene, zerklüftete, 
baumlose Vorberge, wahrscheinlich frühere Inseln; über alle 
emporragend endlich das Hochgebirge mit seiner Alp und 
europäisch kaltem, aber durch die Tropenzone gemildertem 
Klima und ewigem Grün. 

Dieses Land liegt nun den Provinzen Okulekusai und 
Hamasen an; wo sich aber das Hochgebirge zum Ansebaland 
abflächt, da bildet es einen Sattel, [der vermittelnd zum jen- 
seitigen Barka und Gash hinüberführt 

Wir wollen nur insofern vom Klima reden, als dadurch 
der Charakter des Bewohners bestimmt wird. Die Sommerzeit 
dauert vom März bis October, wird aber jedes Jahr durch 
einen starken Augustregen unterbrochen. Im Schatten habe 
ich bis 40*>R. beobachtet, 30 sind ganz gewöhnlich, bei Tag 
wie in der Nacht. Doch wird die Hitze durch die herrschen- 
den Seewinde gemildert. Die Nächte sind nicht feucht; ich 
habe nie nachtheilige Folgen verspürt, wenn ich im Freien 
schlief. 

Die Regenzeit des Samhar fällt in unsern Winter, wah- 
rend die tropische Regenzeit in den Sommer fällt. Sie tritt 
in Abyssinien schon im April ein und dauert bis September; 
am Anseba und im Barka dagegen dauert sie von Juni Ws 
September; bei den Habab beginnt sie erst im Juli. Im Sam- 
har währt die Regeneeit von November bis Januar. Es regnet 
gewöhnlich in der Nacht und sehr stark. Was für uns nicht 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 135 

# 
sehr angenehm ist, wird für die Eingel^pmen ein Fest; alles 

eilt in's Freie, um die erste Kühle nach heissen Sommertagen 

zu gemessen und freut sich der frischen neuen Luft. Das 

Festland, das im Sommer dürr und wüst liegt, bedeckt sich 

plötzlich mit reichlichem Grün; die Heerden, die über den 

Sommer in den Bergen bleiben, steigen mit dem ersten Regen 

in die Ebene hinab, die nach kurzer Frist dem Auge das 

Bild einer vegetatidnsreichen, von Tausenden von Eameelen, 

Kühen und Ziegen durchzogenen belebten Prairie bietet. 

Wir sehen also, wie die tropische Regengrenze vor den 
Meereinflüsseh ausbiegt, sodass sie sich dem Gebirgsabfall 
nach halt. Die ganze Küste des Rothen Meeres stimmt also 
hierin mit Aegypten überein. Dieser Strich hält sich so genau 
an den Saum des Hochgebirges, dass seine Grenzvölker inner- 
halb eines kleinen Raumes einen Doppelwinter gemessen und 
benutzen können; so brauchen die Bewohner der Hochlande 
von Karneshim, Gümmegan und Mensa nur wenige hundert 
Fuss gegen die Küste sich zu bewegen, um mit dem Winter- 
regen zum zweiten Mal cultiviren zu können. Die natürliche 
Folge davon ist, dass sie zeitweise auch Bewohner des Sam- 
bar sind und es für Pflug und Weide ausbeuten. 

Anderseits ergibt sich aus dem Gesagten, dass das Samhar 
nur eine sehr unvollständige Regenzeit hat; denn sie dauert 
nur drei Monate und beschränkt sich auf wenige starke Regen- 
güsse, die um so weniger das Land befruchten, je stärker sie 
sind und so von dem leichten Boden absorbirt werden oder 
als Strom nach dem Meer abfliessen. Da nun die Weide 
nicht reichlich genug sein kann, um die Heerden der Ebene 
das ganze Jahr durch zu nähren, so sind die Bewohner des 
Samhar gezwungen, die Weiden des Hochlandes zu benutzen 
und werden ihrerseits zeitweise auch Bewohner Abyssiniens. 
So hangen Hochland und Tiefland auch politisch zusammen 
und es wird sich zeigen, dass dieser Zusammenhang wichtiger 
ist, als jede politische Abgrenzung. 

Drittens können wir aus diesen Angaben schliessen, dass 



Digitized by 



Google 



136 Vom Rothen Meer. 

das Samhar ein gesundes trockenes Klima hat; Dysenterien 
und Ophthalmien sind selten; Fieber kommen nur in der 
Regenzeit vor und sie sind meistens leicht. Die grosse Hitze 
its nicht ungesund, obwohl sie schwächt und den Appetit 
raubt. Die trockene, eher salzige Luft gibt dem Bewohner 
einen ausserordentlich schönen, reinen Teint; sie erhält ihn 
sogar gesund bei wenig Nahrung. Man muss sich verwundern, 
die Leute des Samhai* bei sehr spärlicher Nahrung so gut 
aussehend zu finden; man kann sich aber gar nicht erklären, 
wie die Kühe des Samhar, die sich nie satt fressen können, 
doch ausgezeichnete Hautfarbe haben und nie magern. Na- 
türlich ist das Samhar nur spärlich bewohnt. Man könnte 
das Land besser bebauen, vielleicht auch mit Stromstauen 
befruchten, aber die vorhandenen Bewohner gewinnen mehr, 
indem sie Massua mit Holz und Wasser versehen. 

Wenn ich das Samhar gesund nenne, so weiss ich, dass 
mir Bruce widerspricht; weit entfernt aber, seine Aussage 
Lügen zu strafen, habe ich selbst Jahre erlebt, wo ungewöhn- 
lich viel Regen fiel, infolge dessen auch ziemlich gefährliche 
Fieber hen-schten. Gerade die letzten Jahre 1859 — 61 war der 
Regen sehr stark ; die Eingebomen benutzten ihn zur Cultur, 
wovon die meisten ihr Fieber heimbrachten. Da« Samhar 
schien sich ganz verändern zu wollen; man muss aber wissen, 
dass solche Jahre eher eine Ausnahme bilden und nur in 
langem Zeiträumen wiederkehren. Die Culturplätze sind die 
Ebenen von Weddubo, Beremi, Arkeko und Motad; man hatte 
seit drei Jahren schöne Emdten, aber böse Luft, bewölkte Tage 
mit 30<>R. bedeuten viel mehr, als helle mit 40®. 

Wir wollen aus dem Vorhergehenden sogleich die Schlüsse 
entwickeln, die für die Folge wichtig werden. Die Bewohner 
des Hochlandes konnten nun die günstige Gelegenheit nicht 
versäumen, die ihnien die Regenzeit des Tieflandes bot: sie 
naiven es also in frühesten Zeiten in Besitz und benutzen 
es seitdem bis auf den heutigen Tag als Weide und für den 
Pflug. Politisch genommen haben die Abyssinier seit langer 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 137 

Zeit wenig im Samhar zu sagen; das- Land gehört im Staats- 
recht den Türken; aber deswegen haben die Abyssinier den 
Grund und Boden bis zum Meer keineswegs aufgegeben. Der 
Grundbesitz im Samhar gehört noch heute nicht den eigent- 
Hchen Bewohnern, sondern den Herren des anstossenden Hoch- 
landes. Die Ebenen Gedged und Sheb gehören den Mensa; 
alles Tiefland von da bis Asus und Gabe den Gümmegan, von 
Arkeko bis Zaga den Tsanadegle, Motad den Karneshim u. s. w. 
Dieser Bodenbesitz wird von niemandem bestritten; jedes 
Grundstück kennt trotz der Länge der Zeit seinen Herrn. 
Bodenbesitz verjährt nie. Deswegen findet man im Winter 
die Saaten der Abyssinier und ihre Heerden bis in die Ebene 
hinab, weil sie auf eigenem Boden sind, während die stän- 
digen Bewohner des Samhar, die Beduinen, die Tero'a, recht- 
Uch gesprochen auf fremder Erde sitzen. Sollte dieser Boden 
einmal von dem unbestrittenen Eigen thümer an einen Fremden 
abgetreten werden, der seine Rechte geltend zu machen weiss, 
könnte man juridisch wenig dagegen einwenden. Das Samhar 
ist also rechtlich und factisch viel mehr abyssinisch, als man 
sich gewöhnlich vorstellt. Aber auch die Bewohner sind es, 
abgesehen von ihrer frühem Verwandtschaft, die sich noch 
iu der Sprache kundgibt. Denn wir haben schon gesehen, 
dass die Natur sie von Abyssinien abhängig macht. Im^pril 
wird das ganze Land wieder öd und wüst und die zahlreichen 
Heerden müssen sich in's Hochland flüchten. Mit einem 
schweren Tribut erkaufen sich die Besitzer von den abyssini- 
sehen Fürsten und Gemeinden die Weide im Hochland und 
sie legen unbedenklich all ihre Habe in deren Hand. Sie 
vertheilen sich auf Tsanadegle, Saher, Asmara, Karneshim, 
Gümmegan, Mensa, Bogos und Habab. M^ muss wissen, 
dass die Leute vom Samhar sehr reich an Heerden sind; selbst 
die Leute von Massua halten viel auf Viehzucht. Die Abys- 
sinier haben also nicht nöthig, ein Land zu erobern, das ihnen 
die Natur ohne Weiteres geschenkt hat. So stehen die Be- 
wohner des Samhar in einer doppelten Abhängigkeit, von 



Digitized by 



Google 



138 "Vom Rothen Meer. 

Abyssinien wegen der Weide, von Massua wegen des Marktes; 
von beiden wegen der Sicherheit. Sie zahlen also an beide 
den Tribut und wenn man sagt, das Samhar gehöre den 
Türken, so sagt man nur die halbe Wahrheit. 

Unabhängiger stände Massua durch seine Insellage, wenn 
es sich dazu verstehen wollte, ein Fischerdorf zu werden; so- 
lange es aber Hafenstadt von Abyssinien bleiben will, ist sein 
Wohl von dem Abyssiniens abhängig und es muss alles auf- 
bieten, um die abyssinischen Karawanen an sich zu fesseln. 
Hierin hängt es nun auch von dem guten Willen der Festlän- 
der ab, die den Transit verhindern oder ablenken können. 
So konnte sich das Fürstenthum des Naib entwickeln, das 
allen diesen Verhältnissen Rechnung trug und eine Doppel- 
stellimg einnahm zwischen Abyssinien und dem Meer. Bevor 
wir dies« Verhältnisse erläutern wollen, müssen wir uns die 
Bewohner des Samhar näher ansehen. Wir finden Angesessene 
und Nomaden. 

Die Hauptbevölkerung des Samhar scheinen die Nomaden 
oder sogenannten Qabail (JlSLo von äJoaS)» auch Beduan ge- 
nannt, gebildet zu haben. Sie reden alle Tigre, mit Aus- 
nahme der Terrfa, die an den Abhängen von Asmara und 
Saher leben und die Sprache der Saho angenommen haben; 
denn, aller Wahrscheinlichkeit nach sind sie den Mensa ver- 
wandt imd ursprünglich Semiten. 

Diese Beduinen leben in bestimmten Abtheilungen; von 
Stämmen kann man bei ihnen nicht reden, da sich das Be- 
vnisstsein der Abstammung schon lange verloren hat; diese 
Abtheilungen mögen im Anfange auf Stammunterschieden 
beruht haben, aber jetzt drücken sie nur das Zusammenleben 
aus. Denn den Stämmen ging an der lebendig bewegten Küste 
die aristokratische Geschlossenheit verloren; es mischten sich 
Ansiedler von allen Seiten, die des Gewinnes wegen in's Sam- 
har kamen. Der Handel einigt und trennt; jeder lebt, wo er 
am meisten Gewinn findet, nicht wo sein Vater lebte; die 
Familie verliert ihre Bedeutung und so der Stanmibaum, denn 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 139 

Gebart ersetzt der Reichthum. So kann man die Nomaden 
der Küste nicht genau unterscheiden; der Grundtypus war 
jedenfalls äthiopisch (Geez) und er hat sich in der Sprache und 
den Sitten erhalten, dazu kamen Ansiedler von Mensa, Saho, 
Barka, Marea und auch über das Meer her. Sicher ist, dass 
diese Bevölkerung lange christlich war und erst zum Islam 
übertrat, als die Herrschaft mit dem türkischen Reich in Be- 
ziehung kam. 

In den Abtheilungen, die wir jetzt aufzählen, findet sich 
die Doppeltheilung des Zeltenlagers in Zaga und Az Aha; die 
Kameelbesitzer bilden eine Ansiedlung, die Kuhbesitzer die 
andere, da jeder Theil seine eigene Weide nöthig hat. Die erstem 
bilden so das Zaga, das stabiler ist; im Samhar sind aus 
diesen Lagern mehrere Dörfer geworden. So haben wir:. 

1) Gedem Zaga oder kurzweg Zaga, nahe bei 'MkuUu; es 
ist wohl die älteste Ansiedlung der Beduan; es war die erste 
Residenz der Herrscher des Samhar. Zu ihm gehört das 
Dorf Asus, als Az Aha (Kuhdorf) in der Ebene Motad. 

2) Az Ashker; bilden das Dorf 'Ailet. 

3) Az Atal (Ziegenlager); ist nomadisch. 

4) Az Shuma; ihr Zaga ist das Dorf Gumhod; der übrige 
grosse Stamm lebt nomadisch an den Abhängen von Kameshim. 

5) Mäs'hälit; haben keine feste Niederlassung; sie wohnen 
an den Abhängen von Mensa. 

6) Warea; weiden im Samhar und mit den Habab. 

7) Thaura; weiden mit Az Temariam (Habab) zusammen 
und besorgen den Waarentransport zwischen Keren und 
Massua. 

8) Grammaren; leben im Samhar und mit den Habab. Dann 
kennen wir folgende kleinere Stämme: Az 'Ömer Weld 'Ali; 
Az Regbat (die auch im Söhel vorkommen), Az Said, Az Emir 
Hussa, Az Hetelab, Az Sherenei etc. Die meisten dieser Stämme 
gehören ebenso gut zu den Habab, wie zum Samhar; wir 
dürfen auch diese letztem nicht vergessen, wenn sie auch nur 
uneigentlich zum Samhar gehören. Sie bewohnen das Land 



Digitized by 



Google 



140 Vom Rotlien Maar. 

Tom Anseba bis zum Meer in drei grossen Stämmen: Az Te- 
mariam, Az Tekles und Az Hibdes. Sie scheiden sich in Ade- 
liche und ünterthanen. Die erstem sollen von Tsanadegle 
stammen; die letztern sind ältere Einwohner, jedenfialls auch 
abyssinischen Ursprungs. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass 
das Samhar von diesen letztem bevölkert wurde: auch die 
Küste nördlich von den Habab bis Aqiq ist von den gleichen 
Stämmen bewohnt, wie wir später zeigen werden. Die Habab 
zahlten früher Tribut an die Fundj vom Sennaar, die auch das 
Barka unterworfen hatten. An ihre Stelle traten später die 
Naib von Dokono, aber der eigentliche Tribut ist ein Ge- 
schenk der neuesten Zeiten. Die Habab haben einen Stamm- 
fürsten aus Az Hibdes , mit dem Titel Kintebai. Dieser noch 
in Abyssinien gebräuchliche Titel bezeichnet den Ursprung 
des Volkes. Seit sich die Habab dem Naib unterworfen hatten, 
zahlte ihm der neugewählte Kintebai 100 Kameele, 100 Kühe, 
100 Ziegen, 100 Wolldecken u. s. w., um bestätigt zu werden. 
Dagegen erhielt der Kintebai vom Naib Ehrenkleider und 
Armbänder. Die Habab waren bis auf die letzte Generation 
Christen; man kann sagen, dass die Natur sie zu Moham- 
medanem machte. Als Ackerbauer zogen sie von Abyssinien 
aus; sie fanden wenig zur Cultur günstigen Boden, sie wurden 
Hirten; sie fanden ein Land, besonders dem Kameel günstig, 
wasserarm, doraeureich; da sie als christliche Abyssinier 
Abscheu vor dem Kameel haben mussten, wurden sie Moham- 
medaner. Freilich Hessen es auch die Naib an Drohungen 
und Versprechen nicht fehlen, um sie zu bekehren. Man 
•findet noch immer christliche Namen. Wir haben über die 
Habab nichts Weiteres zu sagen, da sie sich einerseits an die 
Beduinen des Samhar anlehnen, anderseits an die Völker 
des Anseba, die Mensa, Bogos und Marea, mit denen sie 
Sitten und Recht gemein haben. Sie sind Nomaden und trei- 
ben nur ausnahmsweise Ackerbau; sie sind besonders reich 
an Kameelen und Schafen; aus der Wolle der letzteren be- 
reiten sie Wollkleider, die von Massua bis Kassala besonders 



Digitized by 



Google 



Vom Rotlien Meer. 141 

von den Frauen getragen werden. Ihre Sprache ist das Tigre, 
das sie wohl am vollkommensten sprechen. Wenn wir nun 
eine Idee von den Volksursprüngen des Samhar gewinnen 
wollen, so müssen wir vorerst die Thatsache benutzen, dass 
das Land den Abyssiniern gehört. Die eigentlichen alten 
Herren des Landes waren also die Grenzgaue des Tigre, die 
das Küstenland bebauten und als Weide benutzten. In dieser Zeit 
waren abyssinische Colonien weit nach dem Norden vorge- 
schoben; das ganze Ansebaland bis zu den Marea und Habab 
war von ihnen bevölkert; die Nachkommen dieser Stämme 
sind die Unterthanen oder Tigre, die sich überall noch finden. 
Die alten Habab dehnten sich nördlich und südlich an der 
Küste aus; sie bevölkerten das Söhel bis Aqiq und rückten 
in das Samhar ein. Als Nomaden kamen sie mit den Be- 
wohnern von Massua zusammen, die sich da des Handels 
wegen an sicherer Stätte niedergelassen. Der gegenseitige* 
Verkehr lud zu festem Ansiedlungen ein; es entstand Zaga, 
zuerst ein Zeltenlager, das Massua mit Lebensbedürfnissen 
versorgte und noch versorgt. Je grösser Massua wurde, je 
mehr gewöhnten sich die Beduinen an das Land, 

Nun aber kamen neue Factoren, die die Lage aller dieser 
Völker veränderten. Wohl zuerst breitete sich ein neuer 
Stamm, angeblich von Arabien kommend, vom Meer landein- 
wärts aus; als Tero'a bemächtigte er sich der Abhänge von Saher, 
als Mensa unterwarf er sich die alten Herren des gleichnamigen 
Gaues, als Marea drang er sogar nach Erota. In jüngerer 
Zeit schickte Abyssinien frische Colonien nach dem Norden; 
die Beit Bidel bevölkerten das obere Barka; die Takue Hessen 
sich in Halhal nieder und die Beit Zeru in Geridsa; fast 
gleichzeitig wanderten die ersten Bogos in Mogarech ein: end- 
lich gründeten die Beit Zere Buruk (Bedjuk) das Dorf Wasentet 
und ihre Verwandten, die Söhne Abib's, unterwarfen sich das 
Land der Habab. Alle diese neuen Einwanderer wurden im 
Laufe der Zeit mächtig und unterwarfen sich die Ureinwohner, 
nahmen aber ihre Sitten und Recht an und mit wenig Aus- 



Digitized by 



Google 



142 Vom Rothen Meer. 

nahmen ihre Sprachen: Veränderungen, die wir in den folgen- 
den Untersuchungen constatiren werden. 

Auch das Samhar sollte seine Herren wechseln; aber sie 
kamen ihm von Norden; denn als neuer Factor treten etwa 
im 15. Jahrhundert die Belou auf. Sie kommen vom Norden 
der Küste nach und werden Herren von Zaga. 

Als die Türken im 15. Jahrhundert sich Massua's bemäch- 
tigten, scheinen die Belou sich mit ihnen vereinigt zu haben; 
die Türken Hessen eine Garnison zurück, die sich aber bald 
mit den Einwohnern vermischte. Die vornehmste Familie der 
Belou erhielt den Titel Naib. ^) Seitdem ist der Fürst des 
Samhar direct vom Sultan abhängig und er erhält von der 
Douane von Massua einen Sold, den er mit seinen Soldaten 
theilt. So nahm der Naib eine dreifache Stellung ein; er 
beherrschte die Stämme des Samhar, er musste das Mögliche 
thun, um mit Abyssinien in gutem Einverständniss zu leben, 
um den Handelsweg nach Massua zu lenken, und eben des- 
wegen erhielt er von Massua eine Entschädigung; es ist übri- 
gens mehr als wahrscheinlich, dass dieser Sold so alt ist wie 
Massua d. h. die Kauäeute der Insel mussten sich mit einer 
Abgabe mit den Bewohnern des Festlandes verständigen, um 
mit Abyssinien freien Verkehr zu haben. Bevor wir nun die 
Schicksale der Belou weiter verfolgen, müssen wir über die 
Beduan noch einige Bemerkungen beifugen. Doch müssen 
wir zum Voraus andeuten, wie wenig die Sitten des Landes 
von dem abweichen, was wir in der Schrift über das Recht 
der Bogos angegeben haben. 



1) Der frühere Sitz war Zaga; die jetzige Naibsfiuuilie setzte sich 
in Arkeko oder Dokono fest. So nennen es die Eingebomen; der 
Name soll von Dekeni kommen, in der Sahosprache „Elefant," da 
hier ein Wald gestanden habe, von EleÜEUiten bevölkert. 



Digitized by 



Google 



Der Bedui. 



Der Bedui ist durch seine Farbe Afrikaner, durch seine 
Physiognomie Kaukasier, durch seine Sprache Semite. Er ist 
im Ganzen schwarz, doch gibt es viele Nuancen und die ent- 
schiedene Farbe des Negers erreicht er nie. Im Lande selbst 
unterscheidet man roth (qaih), womit Türken, Europäer und 
sehr helle Eingebome bezeichnet werden, dimkelroth (hamel- 
mil) und schwarz (dsellim). Die Bewohner von Massua sind 
viel heller, als die Hirten. Das Gesicht ist wohlgestaltet, die 
Nase lang und gerade, die Stime hoch, das Auge gross; der 
Gesammtausdruck ruhig und nobel; der Körper eher lang, 
doch nicht selten fett imd nicht besonders stark gebaut; die 
Frau meist delicat, klein, wohlgeformt und besonders durch 
regelnulssige Gesichtszüge und die ganz griechische Nase aus- 
gezeichnet Sie ist im Ganzen schön, obgleich ohne den sanf- 
ten Ausdruck und die Lebendigkeit der Abyssinierin. 

Man muss den wahren Bedui bei den Habab suchen, die 
mit dem reinen Blut auch den ursprünglichen Charakter und 
Gesichtsausdruck bewahrt haben, während die Beduan des 
Samhar sich oft mit Arabern und Shoho vermischten. Die 
ganze Physiognomie hat etwas Edles. Der würdevolle Aus- 
druck ist gehoben durch die noble Haltung, den langsam^i 



Digitized by 



Google 



144 Vom Rothen Meer. 

fast affectirten Gang, die fast römische Tracht, das unbe- 
deckte Haupt mit seinem reichen Haarwuchs und die Ruhe 
im Vortrag. Die Stimme hat etwas Gutmüthiges, aber Ge- 
meines, was den Eindruck stört, und das Auge, das beim 
Kinde Muth und Feuer ist, verliert beim Mann den Ausdruck 
und erinnert daran, dass diese Nation ihre Blüthe und Kraft 
hinter sich hat. Die Physiognomie bleibt, doch Auge und 
Stimme verändern ihren Ausdruck mit dem Sinken des Men- 
schen oder des Volkes. 

Die Sprache des Bedui aber ist ganz semitisch. Sie ist 
das fast rein erhaltene Geez. Während es im christlichen 
Abyssinien, wie das Lateinische, nur in den Kirchenbüchern 
erhalten ist, sonst aber manche Veränderung erlitten hat, 
lebt es ausser seinem Vaterlande unter den Hirten so unver- 
fälscht fort, dass die abyssinischen Theologen oft bei den 
Habab die Volkssprache befragen, um den verlorenen Sinn 
eines alten Wortes wieder ausfindig zu machen. Das Geez 
ist durch den verdienstvollen Ludolf in die europäische Wis- 
senschaft eingeführt worden; doch fehlte diesem Gelehrten 
vor allem die Kenntniss des Tigre (so heisst das Geez unter 
den Beduan), womit er die Büchersprache vielfach hätte be- 
reichem, berichtigen und erklären können. 

Verfolgen wir jetzt das Leben des Bedui von der Wiege 
bis zum Grabe. 

Das neugebome Kind wird zunächst benannt. Die Leute 
in der Nähe von Massua nehmen ihre Namen fast immer aus 
den Erinnerungen des Islam , während . die neubekehrten 
Habab die alten ihrem Lande eigenthümlichen Namen noch 
immer nicht aufgegeben haben, die entweder ganz heidnisch 
klingen oder an das Christenthum mahnen. Die Beschneidung 
ist hier wie in Abyssinien allgemein, hat aber in dem letztem 
nicht mehr eine religiöse Bedeutung. Den heidnischen GaJla 
dagegen ist sie unbekannt. Die Incisio der Frauen, über die 
man sich in den ßeisebeschreibungen nach Darfor belehren 
mag, ist unter den Shoho, Beduan, Bogos und über's Gash 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 145 

hinaus bis nach Darfor hin allgemein gebräuchlich, um die 
Jungfiräulichkeit zu bewahren. Doch erstreckt sich diese bar- 
barische Sitte, die schwere Kindesnöthen und oft Fehlgeburten 
nach, sich ziehjt, nicht nach Abyssinien. 

Die Knaben und Mädchen wachsen zusammen bei den 
Ileerden auf, die fast ebenso gelehrt sind, wie ihre Hüter. 
Das Mädchen bleibt bis zur Heirath bei der Mutter, während 
der Knabe meistens den Vater auf den Markt von Massua 
begleitet und früh mit dem Reiten der Dromedare vertraut 
wird. Man denkt nie daran, diesen ein Handwerk oder das 
Mädchen weibliche Arbeit lernen zu lassen, da die einzige 
Bestimmung des Mädchens darin besteht zu heirathen und 
nichts zu thun, und die des Knaben , ein ebenso guter Butter- 
fabrikant zu werden, wie sein Vater. In Massua werden die 
Knaben früh in die Handelsgeschäfte eingeweiht und lernen 
meist lesen und schreiben, was bei den Beduan selten der 
Fall ist. Die Hirtenmädchen in djer Umgegend von Massua 
verdienen immer etwas Geld, indem sie in die Stadt Wasser 
und andere Provisionen tragen. Die kleinsten Mädchen wer- 
den sorglos dahin geschickt und oft um mehr als ihr Geld 
betrogen, deswegen werden sie gewöhnlich nicht die besten 
Frauen, sie werden kokett und sehr aufs Geld erpicht. Die 
Delicatesse der Unschuld darf man in diesem Lande nicht 
suchen, sie ist auch bei der einfachen Einrichtung der Häuser 
und der Ungenirtheit der Unterhaltung nicht möglich. Aer- 
gemiss ninmit man an der letztern nicht; auch besteht die 
einzige Sorge der Familie darin, dass das Mädchen den äus- 
sern Schein der Jungfräulichkeit nicht verliere. Ein solcher 
Fall ist das höchste Unglück für eine Familie. Bemerkt man, 
dass ein Mädchen verführt worden ist, so wendet man alle 
Mittel an, den Verführer kennen zu lernen, der oft durch 
eine Heirath sein Verbrechen sühnen muss. Hat ein Mädchen 
geboren, so wird das Kind von seiner Grossmutter unbarm- 
herzig getödtet. Ich habe oft von solchen Verbrechen gehört, 
ohne dass die Justiz sich darum bekümmert; die Eltern werden 

Msniinger, Ostafrik. Studien. 10 



Digitized by 



Google 



146 Vom Rotlien Meer. 

in diesön Ländern als Herren der Kinder betrachtet; der 
Staat hat hier nicht mitzusprechen. Zuvr eilen gelingt es, den 
ganzen Vorfall so geheim zu halten, dass das Mädchen spä- 
ter heirathet; im andern Falle sucht man dasselbe nach Da- 
halak zu verheirathen, da die Bewohner dieser Inseln stets 
Mangel an Frauen haben und deshalb nicht sehr wählerisch 
sind. 

Der Schleier wird vor der Heirath nie getragen und auch 
nacliher ist er nur vor Fremden und bei Reisen gebräuchlich 
und bedeckt das ganze Gesicht. Doch richten sich die Be- 
wohner Massua's viel mehr nach der arabischen Sitte. 

Die Mädchen haben auch, wenn sie erwachsen sind, alle 
mögliche Freiheit; sie gehen aus und ein, wie es ihnen be- 
liebt Ich kann hier eine eigenthümliche Sitte nicht uner- 
wähnt lassen. Am 8. des Monats Ashur ist es nämlich den 
Knaben erlaubt, jedes Mädchen, das sie antreffen, unbarm- 
herzig durchzupeitschen, was gar nicht sentimental ausgeführt 
wird. Da sich die Mädchen natürlich an diesem Tage in den 
Häusern verborgen halten, verstellen sich die Knaben ab 
Bettler oder wenden irgend eine andere List an, um sie 
herauszulocken. Da in dieses an sich unschuldige Spiel nicht 
selten sehr grosse Kinder sich mischen, entsteht oft böser 
Streit und Familienhass daraus. 

Das freie Verhältniss der beiden Geschlechter verändert 
sich gänzlich durch die Heirath. Die Verlobung wird mei- 
stens sehr früh zwischen den Eltern oder Vormündern abge- 
macht, die es dabei auf Familien -Allianzen absehen. Doch 
geschieht es oft, dass der Jüngling, der immer den ersten 
fSchritt zu einer solchen Verbindung zu thun hat, bis in das 
männliche Alter wartet und dann seiner Neigung folgend 
wählt Bei der Verlobung wird die Summe abgemacht, die 
der Knabe dem Vater des Mädchens zu geben hat, und der 
auch Geschenke in Kleidungsstücken für die Mutter und die 
Verlobte beigefügt werden. Doch wird diess dem Knaben gut 
geschrieben und der Werth dieser Geschenke ihm bei der 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 147 

Heirath.vom Schwiegei^ater in Kühen zurückerstattet. Die 
Summe ist natürlich je nach den Verhältnissen der Leute. 
Vom Tage der Verlobung an ist der Jüngling verpflichtet, 
seiner Braut und deren Mutter sorgfältig auszuweichen. Sie 
nach der Verlobung sehen zu wollen, wird für sehr unan- 
ständig gehalten und führt oft die Auflösung des Verhältnisses 
herbei. Begegnet der Jüngling der Braut unerwartet, so ver- 
hüllt diese ihr Gesicht und ihre Freundinnen umringen sie, 
um sie dem Blicke des Bräutigams zu entziehen. Man geht 
nie eine eheliche Verbindung ein, ohne die Wahrsagerin des 
Dorfes über sein künftiges Schicksal befiragt zu haben, und 
bei einem schlechten Omen wird das Verhältniss au^düsL. 
Kommt die Heirath durch irgend einen Zufall nicht zu Stande, 
so wird natürlich alles zurückerstattet, was der Vater von 
dem Ejiaben empfangen hat. 

Die Heirath erfolgt gewöhnlich ein Jahr nach der Ver- 
lobung, obgleich diess kein Gesetz ist. In Massua, das die 
alten Gebräuche nicht mehr so rein bewahrt hat, kann man 
in jeder Jahreszeit heirathen, während die Beduan nur im 
Winter diesen Act begehen, und, ohne Kalender ihres katho- 
lischen Alterthums eingedenk, nie in der Fastenzeit. Der 
Sonntag wird als ganz besonders günstig dazu angesehen. In 
Massua macht der Bräutigam dem Mufti einen Besuch, der 
ihm die Ermahnungen eines Pfarrers zu Theil werden lässt. 
Die Heirath selber verlangt aber nur die Zeugen, wie sie der 
Islam aufzählt. Man verheirathet sich, der Jüngling von sieb- 
zehn Jahren an, das Mädchen von zwölf, doch oft viel später, 
besonders in der Stadt. 

Am Tage der Heirath versammeln sich die Knaben bei 
dem Bräutigam und die Mädchen bei der Braut und verbrin- 
gen mit Spielen und Unterhaltung den Tag. Gegen Abend 
setzen sich die Freunde in Bewegung, um die Braut abzu- 
holen, die nach einigen Unterhandlungen vermummt von den 
Freundinnen in^s Haus des Bräutigams gebracht und diesem 
übergeben wird. Die Festlichkeit dauert drei Tage, die der 

10* 



Digitized by 



Google 



148 Vom Rothen Meer. 

Neuverheirathete gewöhnlich hei seiner Frau zubringt, wäh- 
rend die Anwesenden mit Ilonigwasser , Kaffee, Reis in But- 
ter, Süssigkeiten und Fleisch traetirt werden. Da der Wein 
fehlt, bleibt aber alles zieralich nüchtern. Tag und Nacht 
werden zwei verschieden gestimmte Pauken geschlagen, ge- 
sungen und von den Knaben Waflfentänze improvisirt. Eigen- 
thümlich ist die Sitte, dass jeder Eingeladene dem Bräutigam 
vor Zuführung der Braut einen oder mehrere Thaler zuwirft, 
was bei einer spätem Verheirathung des Gastes auf gleiche 
Weise zurückerstattet wird. Zu gleicher Zeit führt der Schwie- 
gervater die stipulirten Külie herbei, was dem Ehepaar einen 
gewissen Fonds sichert. — Das Hochzeitsgeschenk des Bräu- 
tigams an die Braut sind silberne Ringe um die Knöchel, die 
Arme, in die- Nase, die Ohren, und ein Kamm für die Haai*e. 
In der Stadt wird alles dieses sehr massiv gearbeitet, und eine 
Frau trägt oft für zweihundert Thaler Schmuck. Bei den Be- 
duan ist man aber viel bescheidener, meistens genügen zehn 
Thaler. Dessenungeachtet leben viele Leute im Concubinat, 
bis sie im Stande sind, ihrer Frau einen anständigen Schmuck 
zu geben. Dieserallein und die Kleidung, die den ganzen 
Leib bedeckt, unterscheidet die Frau von der Jungfrau. 

Die jungen Eheleute bleiben vierzig Tage im Hause, wo 
sie von den intimen Freunden besucht werden. Bei einigen 
Stämmen muss die Frau volle drei Jahre im Hause aushalten, 
ohne auszugehen oder eine Arbeit anzurühren. — Da die 
Heirath in der Stadt grosse Ausgaben mit sich fuhrt, ist Po- 
lygamie und Scheidung sehr selten, während der Bedui mit 
der Heirath seinen Viehstand vermehren will und daher oft 
drei Frauen nimmt. Diess ist besonders häufig bei den christ- 
lichen Bogos, die aber den Katechismus etwas vergessen zu 
haben scheinen. Heirathet jemand ein zweites Mal, so wird 
wenig Gepränge gemacht und der Mann bleibt nur etwa vier- 
zehn Tage im Hause. 

In jedem Hause ist in der Erde ein Geläss mit enger 
Oeffnung angebracht, das jeder Zeit, besonders in den Flitter- 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 149 

Wochen mit duftendem Rauchwerk angefüllt wird. Die junge 
Frau setzt sich, vom Kopf his zu Füssen wohL verhüllt, da- 
rauf und bleibt mehrere Stunden diesem Qualm, womit man 
den ganzen Körper wohlriechend machen will, ausgesetzt. 
Ausserdem werden Hände und Füsse stark mit Henna gefärbt, 
4ie Haare, nach der Art unserer Damen aufgescheitelt, mit 
Pommaden erfüllt und mit Blumen besteckt und endlich der 
ganze Körper mit wohlriechendem Oele gesalbt, sodass eine 
Dame von Weitem die Atmosphäre auf eine Weise afficirt, die 
einem Fremden Schwindel verursachen muss, von den Einge- 
bomen aber als Vorgeschmack des Paradieses betrachtet wird. 
Da die Frau nichts zu thun und kein anderes Bestreben hat, 
als dem Mann zu gefallen, so bringt sie die ganze Zeit, die 
nicht mit Schlafen oder Schwatzen hingeht, mit ihrer Toi- 
lette zu. 

Die Frau des Bedui betet selten, worin ihr übrigens ihr 
Mann das Beispiel gibt. In Massua dagegen sind die Frauen 
sehr aufs Beten versessen und etwas fanatisch. Wir können 
den Contrast nicht unbemerkt lassen, der sich in^ dieser Hin- 
sicht zwischen dem Christenthum und dem Islam zeigt. Un- 
sere Religion scheint eine Religion der Frauen zu sein und 
der Islam eine Religion der Männer. Im Beten gibt die christ- 
liche Frau ohne Zweifel das Exempel, während es bei den 
Muslimin gerade der Mann ist, dem das Bethaus ausschliess- 
Hch geöifnet ist, die Frau hingegen kaum an Religion und 
Gebet gemahnt wird. Auch würde sie bei den häufigen Nie- 
derwerfungen und Kopfdrehungen, die das Gebet fordert, eine 
sehr komische Rolle spielen. Die Frau schuldet dem Manne 
Gehorsam und Unterwürfigkeit, die sich in der Fusswaschung 
am besten ausdrückt. Sie geht nicht aus ohne des Mannes 
Wissen. Dagegen wird die verheirathete Frau als ein Wesen 
angesehen, das über der Arbeit steht. Der Mann selbst würde 
entrüstet sein, wenn man seiner Ehehälfte irgend einen häus- 
lichen Dienst zumuthen wollte. Uebrigens sind die wenigsten 
reich genug, sich eine Sklavin oder Dienerin zu halten. Da 



Digitized by 



Google 



150 Vom Rothen Meer. 

muss die Frau gezwungen aus ihrer Sphäre hinabsteigen. 
Doch ist die Küche und das Hauswesen so einfach, dass nicht 
viel Mühe erfordert wird. Mit Nähen, Stricken und Weben 
sind die Beduan- Frauen gänzlich unbekannt und würden 
solche Beschäftigung als Entehrung ansehen. In diesem Punkte 
sind sie noch viel schlinuner, als die Araberinnen, die doch au« 
der Faulheit keinen Grundsatz machen, während die abyssi- 
nischen Frauen, vornehm und gering, nie müssig gehen und 
ihren Stolz darein setzen, dass alle Kleider aus ihren fleis- 
sigen Händen hervorgehen und dass dem Mann bei der Heim- 
kehr von seinen Geschäften die Lieblingsgerichte vorgesetzt 
werden, die ihm die erfahrene Hand der Hausfrau selbst zu- 
bereitet hat Dieser Contrast in der Stellung der Frau führt 
mit sich, dass der Abyssinier mit selbstgewobenen Zeugen 
gekleidet geht und der ausländischen Fabrikate nicht bedarf, 
während der Bedui ohne die Einfuhr vom Ausland nackt 
gehen müsste. 

Scheidung kommt nicht sehr häufig vor, da der Mann Ge- 
legenheit hat, das Mädchen, das er heirathen will, kennen 
zu lernen. Die Kinder bleiben bei der Mutter, die dafür alle 
Ilochzeitsgeschenke behält. 

Ehebruch von Seiten der Frau wird selten ruchbar und 
meistens durch Scheidung im Stillen gesühnt. Der Mann da- 
gegen hat alle Freiheit, besonders bei den Habab, und be- 
nutzt sie ohne Scheu. Deswegen sind in jedem Dorfe öffent- 
liche Mädchen, meist von dem genannten Volke, und sie 
wohnen ungescheut mit den andern Leuten zusammen. Bei 
Todesfällen dienen sie als Klageweiber, bei Festlichkeiten 
werden sie angestellt, unter Begleitung der Pauken und Har- 
fen zu singen. Ausserdem geben sie sich mit Bereitung des 
Honigweins und des Bieres ab. Ihre Stellung ist zwar im 
Koran scharf genug bezeichnet, doch liegt darin in diesen 
Ländern, wo die Moral viel laxer aufgefasst wird, nicht das 
Schreckliche, wie z. B. in Europa. Und ebendeswegen, weil 
sie sich nicht so degradirt fühlen, wie ihres Gleichen in christ- 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 151 

liehen Ländern, verlieren sie nie einen gewissen Anstand, der 
sie von der ärgsten Versunkenheit zurückhält. Bei den Habab 
und zu Mensa wird die Einweihung eines öffentlichen Mäd- 
chens zu einem Volksfest gemacht, wo immer mehrere Kühe 
geschlachtet und eine Nacht unter Gesang und Waffentanz 
zugebracht wird. Der Leser wird sich eines Entsetzens über 
diese Sitte nicht erwehren können ; aber wir dürfen nicht ver- 
gessen, dass diese Barbaren kaum besser unterwiesen werden 
— und das Bewusstsein erst macht die Sünde zum Verbre- 
chen, — während' der stolze Europäer von Kindheit auf wohl 
weiss, was gut und schlecht ist und deshalb eine viel schwe- 
rere Verantwortlichkeit trägt. 

Die Eheleute bauen sich mit Beistand von Freunden und 
Verwandten ihr eigenes Haus. Zu diesem Behuf werden die 
Kameele ausgeschickt , um eine genügende Menge von Stangen 
und Rohrgras heimzubringen. In der Nachbarschaft von Mas- 
sua werden die Häuser gewöhnlich in der Form eines läng- 
lichen Vierecks aufgerichtet, die vier Hauptbalken mit verti- 
calen Stangen verbunden und das Ganze mit einer aufgebun- 
denen Schicht Gras bedeckt, ohne anderes Licht, als das 
durch die Thüre einströmt. Das Dach wird gewöhnlich mit 
einem Meergras bedeckt, das von Dahalak kommt und ganz 
wasserdicht ist. Das Haus ist in zwei Zimmer getheilt, wovon 
das eine der Familie vorbehalten ist und nach hinten einen 
ganz besondern niedern Ausgang hat. Diese Art Häuser ist 
aber unter den Habab und bei den übrigen Stämmen des 
Innern ungebräuchlich. Das eigenthümlich beduinische Haus 
hat die Form einer Kuppel , die durch gebogene Aeste und 
Stangen gebildet wird; die Wände sind von Matten, die Decke 
von Häuten gebildet, die den Regen abhalten und dazu bei- 
tragen , die Wohnung kiihl zu halten, da die Matten die freie 
Luft passiren lassen. In dieses runde Haus ist ein gleich- 
geformtes Häuschen hineingestellt, das von der Frau bewohnt 
wird und das Privatzimmer bildet. Diese Häuser können in 
zwei Tagen bequem aufgerichtet und sehr leicht abgebrochen 



Digitized by 



Google 



152 Vom Rothen Meer. 

und forttransportirt werden. Sie sind selten geräumig; wer 
einen grossen Haushalt hat, bringt ihn in zwei oder drei 
solcher Hütten unter, besonders wenn mehrere Frauen vor- 
handen sind. 

Diese Architectur verlangt keine Maurer noch Zimmerleute. 
Es gibt unter den Beduan keine Handwerker. Die Schuhe 
verfertigt sich jeder selbst: sie bestehen aus einer Sohle, die 
mit Riemen am Fusse befestigt wird und die Oberfläche des- 
selben sichtbar lässt. Viele Leute gehen barfuss, was aber 
in diesem Dornenlande nicht angenehm ist Die Leute von 
Massua verwenden viel mehr Kunst auf die Verfertigung die- 
ser Sandalen, die in der Stadt zu einem sehr geachteten 
Handwerk geworden ist. Das Leder dazu wird sehr solid 
bearbeitet, die Riemen bunt gefärbt, die Sohle sehr dicht ge- 
macht. Das Ganze erinnert an die Sandalen der alten Grie- 
chen, denen diese Tracht wohl entlehnt sein mag, während 
die leichten Schuhe der Beduan sehr einfach, aber auf Rei- 
sen viel bequemer sind. 

Die Kleidung besteht nur aus einem Stück Zeug, das 
um die Lenden gewickelt wird und einem grossen breiten 
viereckigen Stück, Arida, darüber, dessen zwei Enden kreuz- 
weise über die beiden Schultern geschlagen werden. Die un- 
verheiratheten Mädchen tragen im Innern selten mehr, als 
einen mit Franzen versehenen Gürtel um den Leib. Die Frauen 
tragen das FuttÄ und das Shadir, das den ganzen Leib 
bedeckt. Das Futta, das man in Massua von den Banianen 
kauft, wird oft (wie bei den Shohos) durch ein ganz weich 
und weiss gegerbtes Stück Kuhhaut ersetzt. Die Männer ver- 
achten Tarbusch und Turban, die nur in der Nachbarschaft 
von Massua gebräuchlich sind; abweichend von den Arabern 
lassen sie den Haaren ihr volles Wachsthum und frisiren sie 
auf sehr mannichfaltige Weise, meistens in der Art, wie es 
am Hofe Ludwig's XIV. gebräuchlich war; als Pommade dient 
wohlriechendes Oel und Schmalz, das den Haaren einen weiss- 
lichen Glanz gibt und ihren Wuchs befördern soll. Da die 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 153 

Beduan meist sehr reichliche, lange schwarze Haare haben, 
kann man einer solchen Frisur eine gewisse wilde Schönheit 
nicht absprechen. 

Die Beduan sind ihrer BescTiäftigung und ihrer natür- 
Hchen Anlage nach Hirten, treiben aber'auch unter Benutzung 
der Winterregen Ackerbau. Jetzt aber bleibt die Vieh- 
zucht noch immer die Hauptsache. Man kann nicht sagen, 
dass es in der Umgegend von Massua reiche Viehzüchter gibt, 
die Tausende von Kühen besitzen. Die Kuh des Samhar ist 
klein und gibt bei dem magern Futter wenig Milch; die der 
Berge ist viel beträchtlicher. Ziegen werden besonders in 
der Nähe der Stadt in grossen Heerden unterhalten, um diese 
mit Milch und Fleisch zu versorgen. Um die Milch in der 
Hitze zu conserviren, wird sie stark geräuchert, was ihr einen 
unangenehmen Geschmack verleiht. Das Kameel des Samhar ist 
sehr gross und fett, trägt viel, ist aber schwerfällig und ermüdet 
den Reiter. Seine fette Weide ist das Thal von Ailet. Das 
der Habab ist ebenso gross, aber im Bergsteigen sehr ge- 
wandt und dient zum Reiten und Tragen. Als Reitthier ist 
besonders das zarte feine Kameel der Hadendoa berühmt, das 
von Jugend auf zur Jagd abgerichtet wird. Die Qualität des 
Kameeis verbessert sich, je mehr man sich dem Gash und 
Sennaar nähert Die schlechteste Art ist das Dankali, das 
sehr klein und scheu ist. Die männlichen (Geml) dienen zum 
Reiten und Lasttragen ; die weiblichen (Ensa) geben eine Milch, 
die sich lange trinkbar erhält und der Gesundheit äusserst 
zuträglich ist. Die Beduan lieben das Kameelreiten sehr und 
thun es mit vieler Grazie. Den Sattel verfeiiigen sie selber 
aus einem sehr starken gelben Holz, auf die Weise, dass über 
den zwei Jochen ein Sitz angebracht ist, worauf man so be- 
quem wie auf einem Stuhle sitzt, die Beine herabhängend 
oder gekreuzt. Ein gutes Dromedar scheut Wettrennen mit 
dem Pferde nicht, das auf lange Distancen nicht mit ihm ri- 
valisiren kann. Für heisse Länder ist das Kameel das beste 
Reitthier; man kann Tage lang damit reisen, ohne sich er- 



Digitized by 



Google 



154 Vo™ Rothen Meer. 

müdet zu fühlen. Pferde sind unter den Beduan selten und 
werden erst gegen Barka zu häufiger, wo man die Dongola 
findet. Von dort kommen auch die Esel, die in allen diesen 
Gegenden als Lastthiere dienen; Maulthiere bringt der Ver- 
kehr mit Abyssinien hierher. 

Die Beduan haben zwar feste Dörfer, doch zieht ein Theil 
der Bewohner stets mit den Heerden umher, wie die Shohos, 
baut sich an den zeitweiligen Weideplätzen improvisirte Lager 
und beschreibt im Laufe des Jahres einen grossen Wander- 
kreis, der im nächsten Jahre von Neuem zurückgelegt wird. 
Es ist natürlich, dass über die nie fest begrenzten Weide- 
plätze oft Streit entsteht. — Das einzige Fabrikat der Beduan 
ist die Butter, die bei der grossen Hitze ganz flüssig in Bocks- 
häuten auf den Markt gebracht wu*d. Die Beduan sind grosse 
Liebhaber davon und trinken bedeutende Quantitäten ohne 
Widerwillen. Käse wird nicht fabrizirt. Die gewöhnliche 
Nahrung des Bedui ist Milch und Durra mit Butter. Brod 
ist im Innern selten; die Durra wird gemahlen und mit Was- 
ser zu einem Brei angemacht, der unter den Namen Asida, 
Keled sehr beliebt ist. Fleisch wird selten und eigentlich 
nur bei Festlichkeiten genossen. Reis, Datteln und Kaffee 
werden als Luxus betrachtet. Als Getränk hat man eine Art 
Bier, das aus Durra oder Hafer bereitet ist und sehr sauer 
und bitter schmeckt; die Habab und Bogos bereiten ausser- 
dem den Honigwein der Abyssinier (Mes, Tetsch). Leute, die 
sich streng an den Koran halten, trinken Honigwasser ohne 
Gährung, dessen sich auch die abyssinischen Muslimin be- 
dienen. 

Einen wichtigen Tlieil der Bevölkerung bilden die Skla- 
ven. Reine Galla bleiben selten im Lande und diess nur in 
Massua, während die Shankalla von den reichen Beduan für 
den Hausdienst angekauft werden und durch ihr gebundenes 
Verhältniss meist mehr Vertrauen sich erwerben, als gewöhn- 
liche Diener. Es gibt keine Nation, die unter so rohen Ge- 
sichtsformen so gute liebenswürdige Eigenschaften verbirgt, 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 155 

wie die Shankalla. Sie sind treu, friedlich, demüthig und 
äusserst thätig. Man kann alles aus ihnen machen, wenn 
schon die Galla intelligenter sind. Das tiefe Gemüthsleben 
spiegelt sich in den fröhlichen Liedern ab, die bei keiner Ar- 
beit fehlen, während der stolze melancholische Galla nie seine 
Heimat vergisst und seinem Schmerz in melodisch klagenden, 
aber eintönigen Gesängen Luft macht. Die Sklaven sind ihrer 
Mehrzahl nach weiblich. Der Sklave wird von den Muslimin 
nicht wie in Nordamerika für industrielle Zwecke gekauft, ist 
nicht Arbeiter, sondern wird ein Familienglied, das im Lauf 
der Jahre darin grossen Einfluss erlangt und selten schlecht 
behandelt wird. Wird eine Sklavin im Hause schwanger, so 
wird sie nie von ihrem Kinde, das natürlich auch Sklave 
wird, getrennt und nur bei höchster Nothwendigkeit mit ihm 
zusammen verkauft. 

Eine eigen thümliche Sklaverei existirt bei den Habab, wo 
es sehr viele einheimische Familien gibt, die Leibeigene sind. 
Diese Hörigkeit ist jedoch keineswegs streng, da der Leib- 
eigene bei schlechter Behandlung sich einen andern Herrn 
suchen darf, von dem man ihn nicht mehr zurücknehmen 
kann. Ich glaube diese Sklaverei aus den häufigen Kriegen 
erklären zu müssen, wo man die Gefangenen wegführt. Aus- 
serdem verkaufen arme Leute, von Elend getrieben, ihre Kin- 
der, die aber in ihrer Leibeigenschaft viel besser daran sind, 
als in der Freiheit. 

Oft werden bei dem ungeordneten Zustand des Landes 
Beduinenkinder geraubt und in Massua im Geheimen verkauft; 
so machen es viele Beduau zu ihrem Geschäft, von den wehr- 
losen Mensa Mädchen zu stehlen. Solche Raubzüge werden 
selten bestraft und es gibt viele Leute in der Umgegend von 
Massua, die dadurch reich geworden sind. 

In staatlicher Beziehung ist bei den Beduan die Eintrei- 
bung der Abgaben die Hauptsache. Verbrechen kommen selten 
vor. Zu Diebstahl fehlt die Anreizung, da alles Eigenthum 
in Heerden besteht und deren Raub eher als Krieg qualificirt 



Digitized by 



Google 



J56 ^0™ Rothen Meer. 

und demnach gerächt wird. Ich habe von einem einzigen 
Beispiel gehört, dass ein Bedui, der in Geschäften in's Innere 
ging, in der Wildniss beraubt und ermordet wurde. Der 
Naib wollte sich der Sache nicht annehmen, doch der damalige 
Gouverneur Ismael Aga Hess den Mörder, der gestand, dass 
er schon mehr als zwanzig Leute ermordet habe, am Gerar, 
vis-a-vis Massua, aufknüpfen. — Eigentliche Criminalproce- 
duren kommen nie vor, sie werden in patriarchalischer Weise 
erledigt: so wurde dann und wann auf der Insel gestohlen 
und selbst Leute vergiftet — man exilirt die Thäter. Im 
letzten Jahre wurde ein angesehener Bürger von Ailet ver- 
giftet; die Volksstimme und gewichtige Indicien warfen die 
Schuld seines Todes- auf Soldaten , die der Frau desselben 
nachgegangen waren. Doch wagte niemand zu klagen und 
der Pascha hätte es auch nicht gewagt, eine Untersuchung 
einzuleiten. Das höchste Verbrechen in diesem Lande ist 
Freimüthigkeit gegenüber dem Pascha, welches crimen laesae 
majestatis ohne Anstand mit Bastonnade und Fusseisen be- 
straft wird. Seitdem der Naib heruntergekommen ist, hat 
der Pascha auch die Rechtspflege auf sich genommen; doch 
ist die Justiz ziemlich blind, wenn sie auch nicht gleiche 
Wage hat, und wird stets mehr durch Laune, als durch 
ein Princip bestimmt. Mord scheint hier als ein Cjvilverbre- 
chen betrachtet zu werden, das erst auf Klage hin unter- 
sucht wird. 

Im Ganzen muss man gestehen, dass unter den Beduan 
schwere Verbrechen selten sind. Räuber und Mörder von 
Profession, wie man sie in Europa vor den Assisen erschei- 
nen sieht, findet man hier nicht. Es ist klar, dass in diesen 
Ländern viel zu wenig regiert wird, dass der Staat kaum 
-mehr, als eine finanzielle Einrichtung ist; die Türken sind 
die schlechtesten Regenten von der Welt, und doch geht in 
diesen barbarischen Ländern alles seinen ziemlich ordentlichen 
Gang und bei aller Ohnmacht des Staates ist es erstaunlich, 
wie wenig die öffentliche Ordnung und Sicheijieit gefährdet 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 157 

wird. Der Bedui ist zwar kleinen Diebereien und Betrüge- 
reien gar nicht abhold, doch fällt er nie in's Extrem. 

Den Beduan eigen thümlich sind die Wetten (Rähn), die 
wegen unbedeutender Streitpunkte oft sehr hoch gehen. Der 
Naib hat die Entscheidung und den Nutzen, da der Theil, 
der Unrecht hat, das gewettete Gut, seien es Kühe, Sklaven 
oder Geld, ihm übergeben muss. 

Die Waffen des Bedui bestehen in einer kurzen Lanze, 
einem schwarzen, runden, kleinen Schild meist aus Elephanten- 
haut und einem langen, geraden, breiten, zweischneidigen 
Schwert, das er über d« linke Schulter hängt. Die gewöhn- 
hehen Klingen sind deutsches Fabiikat, doch giebt es eine 
Art, die den Namen Frengi hat und sehr geschätzt wird. Sie 
ist damascirt und hat eine ausserordentliche Schärfe. Sie 
stammt wahrscheinlich von den Sarazenen ab, ist ziemlich 
selten und besonders bei den Habah sehr gesucht. Die Be- 
duan sind sehr gewandt in der Führung des Schwertes, mit 
dem bewaifnet sie selbst den Löwen nicht fürchten. Panzer 
sind selten geworden und nur noch gegen das Sennaar hin 
gebräuchlich. Kriege entstehen oft aus Räubereien oder Dif- 
ferenzen wegen der Weideplätze und werden gewöhnlich durch 
den Naib beigelegt. Die llabab sind als sehr hitzig bekannt 
und Händel bei ihnen fallen meist sehr blutig aus; der Sieger 
führt die Heerden des Besiegten fort, macht die Gefangenen 
zu Sklaven und verbrennt die Dörfer. Die stete Uneinigkeit 
zwischen den einzelnen Stämmen allein hat es dem Naib mög- 
lich gemacht, alle zu unterjochen. 

Die Beduan haben theils aus Gewohnheit, theils zur Sicher- 
heit die Sitte, bewaflSiet auszugehen. Vor einem Treflfen er- 
muthigen sich die Jünglinge mit Gesang und Waflfentanz unter 
Begleitung der Pauken. Es giebt im Lande eigentliche Sänger 
oder Declamatoren, die in halb melodischen Anreden das Lob 
eines Mannes improvisiren. Die Beduan lieben Tanz und Ge- 
sang unter Begleitung der Harfe. Der Tanz besteht mehr in 
wunderlichen Verbeugungen und Verdrehungen, als in einer 



Digitized by 



Google 



158 Vom RoUien Meer. 

leichten runden Bewegung, nie zu Paaren, wie bei uns, doch 
oft durch mehrere Personen zusammen ausgeführt und von 
Gesang und Declamation begleitet. Die Lieder der Beduan 
sind sehr einförmig, nach europäischem Ohr ohne Takt und 
ohne Melodie, doch ermangeln sie eines eigenthümlichen Reizes 
nicht. Sie fehlen bei keiner Gelegenheit, am allerwenigsten 
auf der Wanderschaft in der Wüste, wo das Lob des Propheten 
in Wechselreimen gesungen das Auge munter, die Nacht kurz 
und das Herz furchtlos macht. 

Die Religion der Beduan ist mit Ausnahme der Bewoh- 
ner Mensa^s der Islam. Doch ist er 4lei den meisten Stämmen 
noch so jungen Datums, dass er auf die Gesellschaft wenig 
eingewirkt hat. Von der altchristlichen Zeit sind noch inmier 
Ueberbleibsel da. Der Samstag heisst Sembet nush (kleiner 
Sabbat), der Sonntag Sembet abei (grosser Sabbat). Weih- 
nachten und Ostern kennen die Beduan so gut wie wir, ob- 
gleich sie doch kaum den Kalender lesen. Doch ist die Er- 
innerung an die alten Zustände ganz verloren, und obgleich 
man sich wenig um dogmatische Lehrsätze künmiert, hängt 
man doch fest an dem Glauben im Allgemeinen. Der Islam 
greift sehr schnell um sich, da er praktisch einfach und leicht 
verständlich ist und dem Hang der Menschen liach Formen 
schmeichelt. Die Beduan beten selten und fasten noch we- 
niger; den geistigen Getränken haben sie noch nicht abgesagt. 
Doch wissen sie und sind stolz darauf, dass sie Muslimin 
sind und Mohammed hat in ihre Lieder, d. h. in das Volks- 
gefülil Eingang gefunden. Die Feste des Islam haben die 
altnationalen verdrängt. 

Wo der Glaube nicht klar ist, da wuchert der Aberglaube. 
Es gibt viele wunderthätige Sheichs, die mit ein paar Koran- 
versen Kranke heilen, Teufel bannen und sogar ein kaltes 
Mädchenherz in Glut bringen können. Sie lassen sich natür- 
lich dafür gut bezahlen. Von einigen Frauen glaubt man 
sogar, dass sie dann und wann im Himmel Visiten abstatten. 
An bösen Geistern fehlt es besonders in alten Steinhäusern 



Digitized by 



Google 



Vom Bothen Meer. 159 

nicht, und wo einmal vor vielen hundert Jahren eine Unthat 
geschehen, da hat der Mussubian, der seinen Frieden nicht 
gefunden, noch immer seinen Sitz und verscheucht die ängst- 
lichen Menschenkinder. Alte Frauen (Gatata) prophezeien, 
und niemand thut einen wichtigen Schritt, ohne ihr Orakel 
zu befragen. Auch an Werwölfe glaubt man; die Hyänen 
sind böse Geister, deren Heulen den Tod verkündet. Schwarze 
Vögel zur Rechten und ein altes Weib zur Linken rathen von 
einer Reise ab, die nur an glücklichen Tagen unternommen 
wird. Wer am Freitag oder Sonntag in's Meer geht, mag 
Meerwasser zu sclmiecken bekommen. Und der böse Blick 
oder ein haderndes Wort bringt den Menschen aufs Sterbe- 
lager. 

Bei Krankheiten wird gewöhnlich sehr unvernünftig ver- 
fahren. In der Stadt gibt es einige einheimische Doctoren, 
die für Geld prakticiren und in Bezug auf die Land^krank- 
heiten ziemlich gute Erfahrungen besitzen. Doch helfen sich 
die meisten Leute ohne sie. Fieber soUen mit eiskaltem 
Wasser gekühlt werden, bei Diarrhoe wird eine Masse saurer 
Milch getrunken. Hauptmedicin ist aber das Waraka (Koran- 
verse), die das böse Auge kraftlos machen. Kommt endlich 
der Tod, so werden die Gebräuche des Islam beobachtet. Die 
Klageweiber überschreien den Schmerz. Der Mann trauert 
nur wenige Wochen um die Frau, während diese ein ganzes 
Jahr lang jede Nacht mit ihren melodischen Klagen in Wechsel- 
gesängen mit ihren Freundinnen ausfüllt. Die Gräber sind 
grosse runde Hügel, die von calcinirten Steinchen bedeckt und 
nie angetastet werden. Auf den Gräbern der Grossen bei den 
Habab werden Hunderte von Kühen geschlachtet und zu ihrem 
Andenken Steinhäuser (Maraba) errichtet. 

Der Bedui ist ruhig, bedacht, intelligent, wenn auch ohne 
die geistige Regsamkeit des Arabers. Er ist nicht schwung- 
haft und idealfetisch, besitzt aber viel praktischen Verstand. 
Er liebt das Geld, wird aber nie sehr reich, da er es durch 
kleine Kniffe zu erwerben sucht und nie in kaufmännischen 



Digitized by 



Google 



100 Vom Rothen Meer. 

Speculationen. Er Hebt zu leben und ist gastfreundlich gegen 
Landsleute, bettlerisch bei dem Europäer, an dem er nur 
eine Eigenschaft schätzt: sein Geld. Er ist sinnlich und 
kennt kein ideales Glück. Doch fehlt die Excentricität, die 
Leidenschaft. Deswegen wird er nie sehr unglücklich, und 
von Wahnsinn habe ich nur ein Beispiel gesehen, einen Men- 
schen, dem der Umgang mit freidenkenden Europäern seinen 
Glauben und damit den Verstand genommen hatte. 

Der Bedui ist nicht verschlossen und mürrisch, wie der 
Shoho: er ist heiter und artig, gesprächig und sogar zuvor- 
kommend; er weiss seine schlechten Eigenschaften unter 
schmeichelnden Worten zu verbergen; doch macht er unwill- 
kürlich den Eindruck eines verblühten abgelebten Volkes und 
diess' besonders aus drei Ursachen. 

Die erste ist der Mangel an moralischer Energie, die nur 
aus der Selbstachtung entspringt. Ich habe oft Gelegenheit 
gehabt, mich zu überzeugen, dass der Bedui nicht feig ist. 
Im Kampf mit wilden Thieren zeigt er oft eine bewunderungs- 
würdige Kaltblütigkeit. Ein Mann von Ailet wurde von einem 
Löwen angegriffen. Als man ihm nachher sagte, wie lange er 
mit demselben zu ringen gehabt, sagte er, er hätte ihn schnell 
tödten können , das köstliche Fell habe ihn aber gereut Einem 
andern wurde in der Nacht sein Kameel von einem Löwen 
angegriffen. Der Bedui stellt sich zwischen beide und furcht- 
los, aber respectvoU redet er den sitzenden Gegner an, wie 
er nur über seine Leiche weg könne. Der Löwe wartet ruhig 
bis er ausgeredet und als er sich zuletzt auf seine Beute stürzt, 
trifft ihn das schneidende Schwert. — In Kriegen haben sie 
oft Proben von Muth gegeben. Dessenungeachtet ist es ein 
paar hundert gar nicht gut bewaffneten Türken möglich, das 
ganze Land unterwürfig zu halten; sie haben den Bedoan 
gegenüber einen Ton der Ueberlegenheit, dem diese sich fügen; 
sie verüben alle Unthaten ungestraft, drängen Äch in das Haus 
und die Familie des Bedui frevlerisch ein und finden nie 
Widerstand. .Der Pascha regiert wie der leibhaftige Satan 



Digitized by 



Google 



Vom Rothen Meer. 161 

und wird doch von den Beduan nur ein gesteenger Herr ge- 
nannt. Revolution ist nie zu fürchten. Die Beduan haben 
sich selber aufgegeben, die guten Männer ohne Eigennutz und 
£hrliebe fehlen. Jeder denkt nur für sich und steht daher 
allein, d. h. hülflos da. Der Name Bedau ist ein Schimpf- 
wort geworden. — Die Folge davon ist schmeichlerische Falsch- 
heit, die Intriguen spinnt und Treue unmöglich macht. Es 
fehlt nicht an guten Herzen, wohl aber an einem lebendigen 
Gefühl für nationale Ehre. 

Das zweite Zeichen des Niedergangs ist der Hang zum 
Trank, der im Stillen überhand nimmt. Der Trunk findet 
gich bei jungen Nationen wie bei abgelebten. So bei den 
Oermanen und den Altvordern der Beduan. Seitdem aber der 
Islam gekommen ist, wurde aus dem leichten XJebel ein ver- 
derbliches Laster. Das Verbot gibt erst den Reiz der Sünde 
und unglücklicherweise üben die geistigen Getränke überall 
denselben ertödtenden Einfluss auf alle uncivilisirten Völker, 
und den Beduan sind sie ein Gift, wie den Indianern. 

Das dritte bedenkliche Zeichen ist nicht die Unsittlichkeit, 
aber der Mangel an sittlichem Bewusstsein. Man ist hier 
nicht lasterhafter, als anderswo; aber man fühlt sich durch 
das Laster nicht gedrückt. Man sieht das Sittengesetz nur 
mit dem Verstände, nicht mit dem Herzen an. Man weiss es, 
dass man den Koran verletzt, empfindet aber doch keine 
Reue, denn diese ist die Reaction eines reinen Herzens und 
Reinheit des Herzens kennt der Koran nicht. 



r, Ottafrik. Stadlea. 11 



Digitized by 



Google 



Die Belou und der Naib. 



Von den alten Zuständen des Sambar wissen wir; fast 
nichts, da die Erinnerungen nicht ül^er die FaaoiUie Naih' 
Ainer's hinausgehen. Man ^zähU von mehrerea Hetracher-.: 
familien, die sich folgten; sie sollen ¥on Abysainien abhängige; 
Christen gewesen sein nait deiB^ Titel Bahemegassi (Füir^t 
der Me6rregion), der noch jetzt in den Grenzprovil^z^> 
Abyssiniens in Gebrauch ist. Der letzte Herr vor den jetzigen; 
Naib war Judsei^ seipe Residenz Zaga, das seine Nacbkpncm^) 
noch inun^ nomp^ zu regieren haben; sein ZoUaint ataocl; 
ii^ Tad^ür ^uf di^r Strasse nach Saati. Nach der Tradition 
war: er ein Belou, da noch jetzt seine Familie Beloii Bait^ 
J.tis^ef heis$t.; . t 

; Es ist kaum zu bezweifeln, dass die jetzige Herrschen) 
fan^lie'^) von den Belou, die firiüber die jetzigen Beni Asaerb^n; 



*0 ^i^ Jetai^ Familie der Kaib. • - >^ 



N. Hömmed. '. K'M^ V. 
N. Hussein. N. Amer. 

(Von den Türken ermordet.) | 



N. Hassan. N. Otbman. 

I I 

N. Ahmed. Idris. 

N. Othman. N. Jahia. Abdorrahim. N. Othman. N. Hassan. 

III i 

N. Mohammed. H. Mohammed. N. Idris. H. Idris. 

Mohammed. 
Ahmed Arei. 
Wir fahren nur die wichtigem Linien an ; das N. bedeutet einen regie- 
renden Naib. Die jetzigen Prätendenten sind mit fetter Schrift gedruckt. 



Digitized by 



Google 



Ittnn^cbten/ Jierstammenl Die Y^r^andtechaft wird ydn beiden 
Seiten anei^annf und ist übrigens wohl kanm zehn Genera-^ 
titaen alt. Der Name des Stammyaters dieses Geschlechter 
ist tms nicht erhalten; er kam wahrscheinlich das Söhel (Meer* 
der) hinauf von Norden. Er sowohl als sein Sohn Amer 
lebten als Gäste, ohne an der Regierung Theil zu haben. Der 
erste r^erende Naib war Hömmed, der seine Jugend im 
Dienst von Jussef verbrachte. Die Sage, die alles ausschmückt, 
erzählt, der Diener habe einmal seines Herrn Pferd bestiegen, 
worauf Jussef den Sattel w^fichen liess. Darauf hin habe ihn 
d^ Sheich des Landes, Mahmud, gesegnet und Hommed habe 
der Segen 2um; Sieg yerhölfen. Die Wahrheit der Sage ist, 
dass Hömmed seinen firühem Herrn stürzte; die Geistlichen 
scheinen ihm beigestanden, zu haben, denn noch jetzt sind die- 
NaehjLommen des Sheiöh Mahmud die dngefoomen Sheich und 
Kadi Ytn Dokono. So gründete Hömmed eine neue Herrscher-^ . 
famälie, die seither in Dokono residirte. Es mag etwa vor 
150 Jahren gewesen sein. Man schildert ihn als hart und 
grausam; seine Herrschaft sdieint nicht sehr fest gewesen. zuo 
sein, da er sich einmal zu den DanaMl flüchten musstcl.. Er^ 
soll: da aus Eifersucht seinen Brudersohn ermordiet haben, 
desten Kinder nach Korbarea im Hamasen auswanderten und . 
noch: jetzt als Az Samra in Duarba leben. Hömmed hatte son . 
A»t T4^n den Türkeitf die seit der ersten Eroberung hier eine*. 
GaraifiCtn hidten, deren Nachkommen aber mit den Landte^-'. 
eingebomen sich yerschmolzen haben; es scheint, dass Höiämed : 
aadi»' mit ihnen im Unfrieden lebte, & sie ihm eeinen Sohn 
Hassan ^mordeten. 

• P» Naib*) (v^U SteUvertreter) betrachteten sich immlarf 
afe' £recte Vasallen des Sultans. Sie erhielten als Besoldung 
jMen Moiiat 1005 Thaler toq der Douane im Massua, die untere 
ihnel . Soldattufamilieii gleicbmässig vertbeilt wur de a. Diese. 



•)*Der Namielfaife hat inx Wut, Nijab" d^Lu,' wir 'sagön äW der ^ 
KinfsJWi^it wegen <idie 2inh», - : .> ..:.'* V , 

11* 



Digitized by 



Google 



164 Vom Rothea Meer. 

Soldaten bildeten das Dorf Dokono und waren in Compagnien 
veriheilt; sie bestanden aus Belou, aus Abkömmlingen der 
alten Garnison und aus zusammengelaufenem reisigen Y<dk. 
Sie Messen und heissen noch "Ashker ( JCm^) des Sultans. 
Die Geschichte der Naib besteht in Kämpfen für diese Be* 
soldung, genährt von der Elifersucht der zwei Familien ron 
Hasstm und Othman, den Söhnen Amer's, die noch jetzt fort- 
wirkt; sie wechselten beständig im Amte ab, wo dann der 
Amtlose die patriotische Sache verfocht; diese Familienfehde 
unterwarf sie immer der Regierung. 

Von Naib Hassan ist nichts bekannt. Naib Othman Amer's 
Sohn, in der Absicht, die Herrschaft zu befestigen, lässt tür- 
kische Truppen kommen, die in Dokono eine Festung bauen 
mit vier Thoren und Geschütz mnd die Stadt mit einer Mauer 
umgeben; sie unterstützen den Naib auf einem Feldzug gegen 
Buri. Der Naib zieht allen Handel . nach Dokono; Massua 
bleibt verlassen; die Douane selbst wird an's Festland verlegt 
Doch dauerte das EinversiÄndniss nicht lange, da die Türken 
sich gegen die Eingebomen alles erlauben und dem Naib sogar 
den üblichen Sold verweigern. Daraufhin erhebt sich das 
Land, die Soldaten werden ermordet; die wenigen, die Pardon 
erhalten, nach Abyssinien deportirt. Briefe werden an den 
Sultan geschickt, um sich zu entschuldigen; in einem Frieden 
werden die alten Vorrechte des Naib bestätigt, die Douane 
und der Handel aber zur grossem Sicherheit nach Maseua 
zurückverlegt. 

Ihm folgt Naib Ahmed Hassan's Sohn; er macht einen 
Feldzug gegen das Hamasen, wird aber von Bahemegassi 
Bokru von Tsasega aufs Haupt geschlagen. Erst später ge- 
lingt es ihm, die Scharte auszuwetzen, indem er mit Hülfe 
des Kaisers von Abyssinien Tsasega verbrennt und alles Land 
bis Molasenei verwüstet Er vermehrt den Sold um 700 Thaler. 

Sein Nachfolger ist Idris Othman^s Sohn; da in dieser Zrtt 
der Sultan sich wenig um das Bothe Meer kümmerte, erkennt 
Idris den Sherif von Mekka als seinen Herrn an. Zuletzt 



Digitized by 



Google 



Tom Rotben Meer. 165 

•« 
unterwirft er sich dem Herrn von Aegypten, dessen Truppen 

sich in Massua festsetzen; der neue Gouverneur Abedin Aga 
setzt den Sold wieder auf 1005 Thaler herab. 

Dim folgt sein Sohn Othman, der mit den Aegyptern ge- 
meinsame Sache macht; der Kaimakan im Einverständniss 
mit ihm verweigert den üblichen Sold und setzt mehrere 
Bürger von Dokono, die sich darüber beklagen, in's Gefäng- 
niss. Der Naib, von seiner Stadt zur Rede gestellt, verspricht ' 
die Auszahlung des Soldes, wenn aUe vornehmen Familien 
Geiseln stellten. Nun versammelt sich die ganze Bürger- 
schaft auf dem Bathsplatz; die Neggaret wird geschlagen; der 
Naib, angefordert das Volk gegen die Fremden zu führen^ 
legt sein Amt nieder, das an Jahia den Sohn Naib Ahmed^& 
übertragen wird. Der neue Naib schliesst Massua von allem 
Verkehr ab; am dritten Tag seiner Begierung beginnt der 
Angriff; eine auserlesene Schaar erbietet sich freiwillig, Massua 
, mit Barken zu erstürmen, während die Hauptarmee unt^ 
Führung des Naib mit vier Kanonen am Gerar gerade gegen- 
über der Insel sich anpflanzt. Die Leute, die den Seeweg 
genommen, dringen in die Insel ein und überfallen einen 
Kanonierposten; sie machen die Kanoniere nieder; nur drei 
werden gefangen und die Kanone erbeutet Zu früh aber er- 
heben sie das Siegesgeschrei; der Kainmkan, Hussein Aga, 
verschliesst den Diwan und bombardirt das Lager am Fest- 
land, während Bich die wenigen Eingedrungenen in den festen 
Häusern der Banianen verschanzen und behaupten. Doch ent- 
Bchliesst sich der Kaimakan, der nur über hundert Soldaten zu 
verfügen hat und Wassermangel fürchtet, zum Abzug; er 
ladet all seine Habe und Mannschaft auf drei Barken und 
zerlöchert alle andern Barken, um sie an der Verfolgung zu 
hindern. Da der grosse Weg durch die Batterie versperrt 
ist, nimmt er den engen Weg linksab bei Dokono vorbei und 
gewinnt die hohe See. Von seinen GefGbngenen nimmt er nur 
drei Mann mit, die ihm bis Dahalak als Lootsen dienen sollen 
und lässt sie da frei. Naib Jahia zieht in Massua ein; die 



Digitized by 



Google 



166 Vom Reiheii Me*. 

dr^i gefangenen Türken werden niedei^macht, * als Sölme'für 
.4ie drei Mann, die im Kampfe umkamen. Die Leute (Ton 
Dokono werden nur dureh die Vorstellungen des Kadi von ifer 
Plünderung der Insel abgehalten. Von Neuem gehen Briefe 
an den ägyptischen Statthalter im Hedjas; es wird Friede ge*- 
«chlossen; der alte Sold wird neu bestätigt; nur für die drei 
^etödteten Soldaten drei Monate als Blutsühne abgezogen; der 
Kaib wird anerkannt und ein neuer Kaimakan kommt nach 
Massua. 

Dein Naib Jahia folgt sein Sohn Mohammed; die patribti- 
soho Sache vertheidigt diessmal Hassan, der Sohn des Näib 
Idris^ der von den Patrioten abgesetzt worden war. Der Sold 
wird Wieder verweigert Mit Mühe verstehen sich die Bürger 
von Dokono dazu, den Naib auf einem Feldzug gegen Ae 
Teklesan zu begleiten, das verbrannt wird. Nach der Bäck- 
kehr wird alles aufrührisch; der Kaimakan, der niemaiKtcm 
traut, lässt den Naib Mohammed bewachen; s^ Nebenbuhkr 
Hassan wird mit schönen Worten nach Massua verlockt und 
■ gefangen genommen. Nun schickt der Kaunakan Ismail sein 
Kanonenboot nach Dokono; die übrigen Truppen greiGBn die 
Stadt zu Land an; sie wird bombardirt und eingeäsdiert; 
Widerstand ist nutzlos, da die Partei der regierenden Naib 
sich passiv verhält Hassan wird nach Djedda abgeführt; 
die Bewohner von Dokono zerstreuen sich; der alte Sold bleibt 
für immer abgesch^H^ Ismail lässt in Dokono aus den Trüminom 
der alten Cütadelle eine neue erbauen und bemannt sie .mit Ar- 
nauten. So war Dokono gedemüthigt; auch Naib Mohanümed, 
der sich durch einen Besuch bei Ubi6 verdächtig macht, wkd 
nach Djedda deportirt, wo er stirbt; seine Stelle nimmt sein 
Gegner Naib Hassan dn. J^ien Streit setzen noch ihre Nach- 
kommen fort, von der Familie von Idris der jetzige Naib 
Idris, von der Familie von Ahmed der jetzige Naib Mohaln- 
med Weld AbdurriAim. 

Seitdem hätten sich die Naib wieder aufschwingen können, 
"da sie von dem Festlande stets, allein anerkannt wurdeä; doch 



Digitized by 



Google 



isi^tB ' ihnen die Eini^eit; es ^totttfitea . in der eigenen Tieli 
verzweigten Familie Spaltungen aber die Erbfolge, v^l^f9| 
«ulcitzt mmer vor das türkische Tribunal gebracht wurdbn^ 
das nie gänzlich entschied, eiagedeiik des Wortes: Divide et 
impera. So ging die Macht der FamiUe gänzlich veiioren^ 
iArkeko yenurmte und seine Bewohner suchten meist anderie 
ZuAvehtfistätten. . 

Als ich nach Massua kam (Septeinber 1853), bekleidete in 
(Arkeko Idris, Sohn des oben erwähnten Naib Hassan, die 
.Würde eines Naib, und wurde von Ibrahim Pascha gebraucht, 
um den Tribut emzutreiben. Doch waren die Völker des 
Festlandes schon damals für den Naib Weld Abdurrahim, 
(einen Vetter von Idris, eingenommen, der als Schiedsrichter 
beliebt und wegen sein^ Klugheit und Entschlossenheit weithin 
geachtet war; dieser ging mit seinen nächsten Verwandtesi 
kach Djedda, um sich gegen den Pascha zu bdclagen und für 
rgeine Linie zu plaidiren. Unterdessen regierte der Pascha 
imii Idris, dem die Hände gebunden waren, und der aus 
'Mangel an Soldaten und Geld beim besten Willen zu seinen 
rOunsien nichts unternehmen konnte. > 

'' Diess zeigte besonders der Gonflict mit den Shoho 
^(Sah<>), der dem Pascha sehr wenig Ehre gemacht hat. Dieser 
Völkerstamm sollte, dem alten Gebrauche zuwider, zum Tribut 
gezwungen w^en. Der Pascha schickte Soldaten in ihr Land, 
'die sich Unordnungen erlaubten; diess führte bei d^n hitzigen 
•Temperament der Shoho zu einem Scharmützel, das aber 
(Ohne weitere Folgen zu bleiben schien. Kurze Zeit nachher 
•kamen einige Shoho in Geschäften nach Arkeko. Der Pascha 
Jä0st sie ergreifen und schickt sie mit einer Lügenprocedur 
^ds Hauptverbreeher nach Djedda. Die Shoho, durch diesen 
tttngerediten Act empört, erhoben sich; nahmen alle Kameele 
von Arkeko, die sich auf ihrem Weidegebiete blanden, weg, 
'Sperrten die Pässe nach Abyssinien und verhinderten alle Zu- 
Mir vom Innern nach Massua. Der Pascha hatte 200 Iri^egu- 
lite . .^ojkiter - Mustafa * Aga auf ^ dem » Festlande stehen , doch 



Digitized by 



Google 



168 ▼om RotlieD Meer. 

fürchtete er die Verantwortlichkeit, diesem Soldatendief eii^^i 
gescfanebenen Befehl zum Angriff zu geben, was dieser natür- 
lich für nothwendig erklärte. Nach langem Hin- und Her- 
reden mit dem Naib liees man die gefangenen Shoho im 
Stillen zurückkommen und lieferte sie an ihr Volk aus. Dodi 
da in diesem Gonflict die geringe Bedeutung des Naib und 
die Unentschlossenheit des Pascha klar zu Tage gd:ommen 
und der bisherige Bespect der Gebirgsvölker vor diesen Auto- 
ritäten verloren war, wurde die Sicdierheit auch nach d^a 
Frieden nie mehr ganz hergestellt und es verging kein Tag, 
dass die Shoho nicht einen räuberischen Anfall auf die Heer- 
den der Beduan oder auf die Rdsenden nach Abyssinien 
machten. Der Naib war ohnmächtig und der Pascha drohte 
nur mit Worten, seine 400 Soldaten amüsirten sich in ihrer 
Kaserne. Diess dauerte fast ein Jahr, bis August 1864. 

Um diese Zeit kam der jüngere Bruder des Naib Weld 
Abdurndiim, Abdul Kerim, aus Djedda an, mit der Nachricht, 
dass sein Bruder zum regierenden Naib erhoben und Idris 
entsetzt sei. In Folge dessen flüchtete sich dieser mit seinem 
Bruder Mohammed zu den Shoho in die Berge. Gleichzeitig 
fielen die Völkerschaften des Hamasen, durch die Schwäche 
des Naib ermuthigt, über das Dorf Ailet her, wo gerade die 
Heerden von Zaga weideten. Die Wächter derselben, mehr 
als 30 Mann, wurden erschlagen und die Heerden weggetrie- 
ben. Glücklicherweise stellten sich die Räuber mit diesem 
ersten Erfolge zufrieden und kehrten in ihr Hochland zurück. 
Der Naib Idris, um sich für seine Entsetzung zu rächen, 
wiegelte unterdessen die Shoho auf, g^en Massua zu ziehen, 
versammelte an 800 Mann im Taranta und zog geradewegs, 
ein kleiner Coriolan, gegen seine Vaterstadt. Als die Nach- 
richt davon, durch die Furcht vergrössert, nach Massua kam, 
flüchteten die Leute der Umgegend ihre Habe und Fanulien 
auf die Insel und nur wenige Männer wagten es, in ihren 
Dörfern zu bleiben. Der Pascha liess in Arkeko grosse Boote 
bereit halten, um im Nothfall die dort stationirenden Lande«- 



Digitized by 



Google 



Yotti Rothen Meeir. 169 

TerÜMidiger in Sicherheit zu bringen. Aber Naib Idris wnfiBte 
eigentlich nicht, was er wollte oder er besass nicht den Ein«- 
flnss, die Shoho zu entschiedenen Schritten zu bew^en und 
mochte selbst in sdner Vaterstadt geringer Sympathien ge^ 
wärtig sein. Er verweilte mehrere Tage in der Nachbarschaft 
Ton Massua, besuchte Zaga, wo ihn seine Freunde von ge- 
waltsamen Schritten abmahnten und nachdem er sich hinläng- 
lich an der Angst des Pascha geweidet, trat er ohne weitere 
Schritte den Bückzug in die Berge an. Indess benutzten die 
Shoho die Gel^enheit, nach allen Seiten hin zu plündern und 
die Heerden der Beduan wegzutreiben; es bildeten sich förm- 
liche Bäuberbanden, welche die nächste Umgegend Massua^s 
unsicher machten. 

Kun gelangte Mohammed zur Begierung; aber er wurde 
bald wieder durch Idris ersetzt, der nach Mekka gegangen 
war. Für den Pascha des He^jas bildet nämlich dieser Wett- 
streit dne gewisse Einkunftsquelle, da jeder jährlidi abge- 
setzte Naib seine Stelle mit Geschenken und Versprechungen 
wieder zu erhalten sucht und sie nur für die Zeit erlangt, die 
nöthig ist, um seine Schulden bezahlen zu können., Naib 
Mohammed lehnte sich mit bewaffiieter Hand gegen die Tür- 
ken auf; er versammelte eine ziemlich grosse Armee aus den 
Beduinen und den ihm befreundeten Abyssiniem; er zerstörte 
das Dorf Hotumlu und brachte die Türken sehr in Verlegen- 
heit. In der letzten Noth sandte der Statthalter in Massua 
einen Brief nach Kassala an den ägyptischen Statthalter, 
worin er ihn um Hülfe ersuchte; 400 schwarze Soldaten unt^ 
Befehl des bewährten Ali Aga kamen auf dem grossen Umweg 
über das Söhel in Eilmärschen nach Massua und schlugen 
den Naib mit seinen Tausenden bei Ailet aufs Haupt; dann 
drangen sie in die Berge der Shoho, die gehörig gedemüthigt 
wurden. Nachdem das Land beruhigt war, kehrten sie nach 
dem Gash zurück; der ganze Feldzug hatte sie drei Mann ge- 
kostet. 

Nun musste Mohammed wieder nach Mekka wandern, wäh- 



Digitized by 



Google 



Timd IdriB Abb Land beherrschte. Jetet mischten' ^icb itber 
^uidi die Europäer in diesen Wettstreit. Es wurde nkididi 
Idria für französisch, Mohammed aber für englisch ^gesinnt 
ai^eseh^i imd proportioneil war der erste für Negossi^, dar 
letztere für Tedros. Man erzählt^ dass dar Pascha von Maa^ 
flua die beiden Nebenbuhler einmal dieser Tendenzen beschul^ 
digte und fragte, wer denn eigentlich Ton der Partei des 
GroBsherm s^ Diese Freundschaften beechränkt^i sich aber 
meist nur auf schöne C!on^>limente. Nun wurde es anders. 
Der französische Consul Hr. Gilbert nämlich, ein sehr ent- 
schlossener und fähiger Mann, intereesirte sidi so sehr für 
den Naib Idris, dass er ihn von Eonstantinopd aus auf 
zehn Jahre bestätigen liess. Es ist natürlich, dass Idns für 
diese uneiiiörte Gunst nicht undankbar war; Hr. Gilbert war 
mehrere Jahre fast unumschränkter Herr des Landes. Als 
die Mission von Hm. Bussel nach Zula kam, um nach Abjr- 
sioien zu gehen, wurde. sie natürlich von dem Bruder des 
Naib, Ahmed Arei, empfangen und bergauf begleitet Hr. Gil*- 
bert war der erste europäische Consul, der eine wirkliche 
Mach^ ausübte; schade, doas er sie theilweise willkürlich 
verwandte und seinen starken Arm sogar dem Europäer 
fühlen Hess. 

Im Herbst 1860 wurde Hr. Gilbert von seinem Posten ab* 
berufen: bald darauf fiel auch Negussie. Nun wurde Moham- 
med, der sidi seither in Mekka aufgehalten hatte, wieder in's 
Amt eingesetzt; da aber Idris von höchster Stelle für zdm 
Jahre bestätigt war, so konnte man ihn sdilechterdings nicht 
absetzen; daher wurde fortan das Amt zwischen beiden ge- 
theilt. Mohammed erhielt das eigentliche Samhar mit den 
Habab; Idris das Land südlich von Arkeko. Was den Cha-^ 
rakter dieser zwei Häuptlinge betrifFt, so ist Mohammed im 
Allgemeinen beliebter, denn er hat den Vorzug eines an- 
zieh^iden Aeuss^n, guter zuvorkommender Manieren und viela: 
Beredsamkeit; er ist sogar ein guter Dichter, aber kein be- 
sonderer Held. Idris ist rauher, gröber^ auch ehrlicher. Er 



Digitized by 



Google 



hkt sich immer gegen die europäische Freundschaft ; dankbar 
(^esseigt; er erweist sich gegen alle Europäer sehlr zuvorbcubh 
mend und will unsere liebe wirklich verdienen, wählend Mo>- 
faammed nur zum Spiele die Freundschaft der Englämlet in 
Anspruch nahm. DerNaibIdris ilhd seine <Brüder sind ener^ 
gische Leute, klar/ entschieden, reell, gerecht. Besonders der 
dritte^ Bruder Ahmed Arei ist ein sehr bedeutender Charakter. 
Er hat sich bei den Shoho, die er firüher zu regieren hatte, 
«sehr respectirt ,und beliebt gemacht. Seinen Muth beweist der 
Löwe, den er, von seinen Dienern im Stich gelassen, mit dem 
Schwert nied^hieb. Li der letzten Zeit hat er den Auftrag 
des Pascha, von Massua bis zum Bab-el-Mandeb an allen 
Küstenplätzen die Ottomanische Flagge aufzuziehen, mit vieler 
Oewandth^t ausgeführt. Der Küstenbesitz war nämlich bis 
jetzt nur nominell; die Türkei hatten die ganze Küste ent- 
lang nichts zu befehlen. In dieser Zeit aber, wo es schien, 
als wollten sich die Franzosen im Rothen Meer festsetzen, 
mussten die Türken ihren Besitz manifestiren. Ahmed Arei 
besuchte die ganze Küste bis Beilul; er pflanzte die türkische 
Flagge auf der Lisel Desset auf — ich weiss nicht, ob es 
wahr ist, dass die französische Flagge aufgerichtet war — 
dann auf der Insel Hauakil, in Hamfila, ''Edd'*') imd den 
andern Küstenplätzen. Bfit Hü1£b des Sheich^s von ''Edd, 
Namens Othman, bewog er alle Küstenbewohner, die türkische 
•Obeiikoheit anzuerkennen; aber Tribut wurde keiner entrichtet. 
In Beilul allein Brklärten die Bewohner, keine Flagge dulden 
zu können, da sie von den Abyssiniem von Aussa abhängig 
und so dem Kaiser Theodoros allein unterthänig seien. 

Um noch einmal auf unser Verhaltniss zu den Naib zurück- 
zukommen, so weiss ich freimüthig gesagt nicht, warum wir 
den einen dem andern vorziehen sollen; ich weiss, was für 
grosse Interessen wir zu wahren haben; die Bevorzugung der 

*) Man weiss, dass dieser Platz einem französischen Hause gehören 
soll,; obgleich die Grültigkeit des Kanfes von den Eingebomen .ange- 
fochten wird .. ........... 



Digitized by 



Google 



772 



Yom RoUien Ifoer. 



einen Partei macht am Ende nur böses Blut, ohne reellen 
Nntien. Ist es möglich, dass die Franzosen und Englands, 
die in China nnd Japan für die inrklichen Interessen ein- 
müihig kämpfen, an den wüsten Küsten des Reihen Meeres 
bis anf die Ertörmlichkeiten Massna's sich bekämpfen ni^ 
verächtlich machen, während nichts sie hindert, einig zu sdn 
und auch hier die Franken geliebt und gefürchtet zu macl^n? 
Die Herrschaft des Naib erstreckte sich von Buri bis zu 
den Habab; sie umÜEisste das Grebiet der Saho, der Hasauerta, 
der Tero'a, das ganze Samhar mit Zula"^) und die Habab. Doch 
zahlten alle diese Völkerschaften wenig eigentlichen Tribut 
Die Einkünfte bestanden also aus den erwähnten 1005 Thal^m, 
die aus der Douane bezahlt wurden, aus gewissen !Auaid (von 
84>Le)9 ebenffidls von dem Zollamt und aus unregelmässigen 
Abgaben in Form von Greschenken. In ganz Nordostafrika 
ist übrigens der eigentliche Tribut ein Greschenk der neuesten 
Zeit, die desw^en überall hier die Zemen Sultanet (die Zeit 
des Kaiserthums) sehr bezeichnend benannt wird. Weder die 
Fundj, noch der Naib bekamen geregelte Abgaben; man muss 
sich aber die Einkünftie deswegen nicht geringer yorstellen. 
Seit die Türken wieder mächtiger geworden sind, zahlen die 
Bewohner des Samhar einen regelmässigen Tribut; die Dörfer 
sind sehr schwach besteuert, während die Beduan sehr viel 
zahlen müssen. So entrichtet Az Shuma allein 1000 Thaler. 
Die Habab zahlen 9700 Thaler, wovon Az Hibdes 6000, Äz 
Temariam 3000, Az Tekles nur 700 Thaler. Diese Steuern 
werden vom Naib eingezogen und an den Diwan entrichtet; 
der Naib hat davon den Zehnten; aber es steht ihm frei, für 
sich noch eine besondere Abgabe zu erheben. So hat der 
Naib nicht mehr seine frühere Stellung, aber er ist doch noch 
fast unumschränkter Richter; jeder Kläger dtirt seinen Gegner 



*) Zula wird vom Stamm Hamboketo der Hasauerta bewohnt, denen 
sich eine Sheichfamilie von Dokono beigeeeUt hat Yon eigentlichem 
Tribut war nie die Rede, so wenig wie bei den Saho. Die Sheiche* 
familie heisst Azuli, was auf das Adulis der Alten hindeutet 



Digitized by 



Google 



Tom Rothen Meer. 173 

laf die CSiassamet Naib (auf die Feindschaft des Naib), der 
nie mdertprochen wird. Die Ghassamet entspricht der abys- 
amiscl^n Dsagga. Er ist immerhin das nothwendige Medium 
zwischen den Türken und dem Festland und man muss ge- 
stehen, dass das Samhar sehr gut regiert ist; die herrschende 
Ordnung erfreut den Reisenden. 

Früher waren die Belou die Soldaten dieses Reiches, das 
ihr müiiärischer Geist in Ehren hielt. Sie bestanden aus 
emer beschränkten Anzahl Familien, die ihren Rang im Heer 
und den damit verbundenen Gehalt von Vater auf Sohn ver- 
erbten. Wessen Urgrossvater z. B. Fähnrich war, war es 
auch noch in neuester Zeit. So hatte jede Familie ihren Sold^ 
wovon sie lebte, etwa wie jetzt viele Leute von den Burgan- 
gutem; sie waren verpflichtet, den Naib auf seinen Zügen zu 
begleit^i; andere Gewerbe kannten sie nicht Der Sold wurde 
von den 1005 Thalem bestritten; sobald er abgeschafft wurde, 
hörte diese Soldateska zu existiren lau£ Mit ihrer Hülfe 
iHrachten es die Naib dahin, dass sie nach und nach in dem 
ganzen Eüstenlande bis zu den Grenzorten Abyssiniens die 
Gewalt von Schiedsrichtern bekamen; sie befestigten ihren 
Einfluss, indem sie hier Heirathsallianzen mit den entfern- 
teren Stämmen schlössen, dort durch treulose Rathschläge 
Zwistigkeiten hervorriefen und dann leicht der in ihi^er Ver- 
einzelung schwachen Gegner Meister wurden. Ihr Hauptbe- 
streben ging natürlich dahin, die abyssinischen Karawanen 
iwmmtlich nach Massua zu leiten, da diese ihnen die wichtigste 
finanzielle Hül&quelle sicherten. Sie thaten diess, seit [sie die 
Unmöglichkeit sahen, den Handel von Massua direct nach 
Dokono zu ziehen. Denn diess wollten die Türken nicht zu- 
geben, anderseits bot allein die insulare Lage die nöthige 
Sicheriieit für den Handel, während jedermann WfcCaeht, dass 
eine kräftige Regierung nie zu der getrennten Insel Zuflucht 
genommen hätte. Um nun dem Handel die gewünschte Rich- 
tung zu geben, brauchten die Naib List und Gewalt Ganz 
verschieden von den Fürsten von Adel sahen sie wohl em, 



Digitized by 



Google 



174 yomviioihen'Meer. 

dato 68 in ihrem Interesse liege ^ mit dem mäditig'en'AbTS^. 
simea in gutem Einverständniss zn: leben; daher sidherten sie 
sich dnirc]! Verträge die Frenndsdiafi der Grenzstädte; sie: 
li^ßSffli sich sogar meist Ton den . abyssinisdien Kaisem mit 
der Herrsdiafib belehnen nnd nahmen an der Politik des Hodn; 
landes eifrigen Antheil, wie das die wiederholten Kriegszfig^ 
in's Hamaisäi beweisen. Noch der jetzige Naib Mohammed 
yerbraonte vor etwa fim&ehn Jahren Tsasega. Sie wurden, 
sogar Yon den abyssimschen Kaisem mit Dörfern im Hoehr* 
lande belehnt^ die sie erst in der letzten Zeit verloren haben«; 
Noch vor einem Jahr (1862) ging der Naib Mohammed züm> 
Kais^ mit vielen kostbaren Geschenken, um sich in der be?; 
drohten Herrsdiaft sicher zu stellen. 

Gegen Schwächere wurde um desselben Zweckes willen) 
rücksichtslose Gewalt angewandt Als der Naib im An&pge. 
dieses Jahrhunderts merkte, dass das günstig gelegene "Edd- 
abyssinisohe Slarawanen anzidie, die über die Salzebenen^ 
dorthin! gingen und so den Einkünften Dokono's einen geföluv 
liehen Ablnruch zu machen drohe, überzog er dieses firiedr 
liehe Land plötzlich mit Krieg und Verwüstung und zwang 
den Häuptling dieses Ortes, auf das Buch feierlichst zu ge- 
loben, nie mehr Karawanen bei sich au&unehmen, was seith^ 
treulich gehalten wurde; das aufblühende "Edd wurde dadurch 
ruinirt und der Handel von Neuem an den Hafen von Massoa^ 
gefesselt. 

Die Naib machten wiederholte Yersudie, Mensa unter ihre. 
Botmassigkeit zu bringen. D^ Kintebai von Beit Ebrahe 
wurde noch in unserer Zeit wiederholt auffordert, sich zu 
unterwerfen und den Islam anzunehmen; endlich wurde das 
L^d mit Krieg überzogen; ich habe unterhalb Geleb die 
Walst^t gesehen, wo die nicht vorbereiteten Männer dieses. 
Dorfes dem Naib an Treffen lieferten, das mit ihrer Nied^- 
läge endete. Der Kintebai wurde nach Massua abgeführt und 
nur gegen Geiseln frei gelassen. Doch brachte es der Naü>.. 
ipe zu vollständiger Unterwerfung, wenn er auch den gerech«. 



Digitized by 



Google 



Vom Rotheu; MeeiV 1T5 

Uä O^nflus» auf Mensa be^tzt, den jede grössere ejnheitlichQ; 
Maobt ^^ kleine, yon Factionen zersplitterte Gemeinweeen 
auäübt. -r- Wir irissen, dass der Kaib sich die Habab untere 
urarfi aber den Berg (Mäs'halit), der die Habab vom Anseba 
tawnt;^ überschritt er nicht, obgleich der Islam in Be^ufc 
bedeutende Fortschritte gemacht hat 
; Dt^ Macht des Naib wurde meist durch firiedliche Unter-, 
ha^ungen aii£cecht erbalten; doch musste oft Waffengewalt 
#Q Diplomatie unterstützen. Dann wurde der He^bann auf-: 
geboten, dessen Kern die Belou bildeten, die imiiier viele: 
Feuergewehre mit sich führten, zu Tausenden vermehrt durch 
die Beduan und Saho. Die Expeditionen waren fast immer 
von Erfolg gekrönt; denn gegen den Schwachem wurde prompte 
Gewalt angewandt und wo etwas zu riskiren war, Unterhand- 
lungen vorgezogen. Der Naib reiste und reist noch fast das 
ganze Jahr herum, stets in Begleitung einer tüchtigen Schaar 
— hier um ein Schiedsgericht zu halten, dort um Differenzen 
wegen der Weidemarken zu schlichten, oder auch um Räu- 
bereien zu züchtigen x^d das Geraubte zurückzuerlangen, end- 
lich um den jährlichen Zehnten einzutreiben. Sein Reich war 
und ist keine ordentliche Monarchie, sondern nur das Rich- 
teramt zwischen Völkern, die in beständigem Zwischenverkehr 
leben, doch durchaus keine Conföderation bilden, im Gegen- 
theil täglich in Krieg untereinander verwickelt sind. 

Man weiss, dass die Naib sich in den letzten Zeiten ihrer 
Unabhängigkeit besonders gegen die Europäer sehr übermüthig 
betrugen. Man lese bei Bruce, welche vielleicht etwas über- 
triebenen Schwierigkeiten er zu bestehen hatte, um von Ar- 
keko fortzukommen. Noch in neuester Zeit waren Missionäre 
gezwungen, dem Naib tausend Thaler zu bezahlen, um in's 
Innere gehen zu können. Ein Belou der alten Zeit stand an 
Stolz einem Givis romanus nicht nach. 

Seit Dokono^s Macht gefallen ist und die Belou des Soldes 
verlustig gegangen sind, haben sie meist das Land verlassen 
und sich des Handels zwischen dem Meer und Nil bemächtigt; 



Digitized by 



Google 



176 Vom Bothen Meer. 

sie sind in allen Stämmen Nordabyssiniens zerstreut angesie« 
delt und treiben einen lebhaften Handd mit der Küalb; man 
findet sie selbst in Südabyssinien, unter den (Jalla, ja unter den 
Bazen. Sie yermitteln den Elfenbeinexport vom Nil nach 
Massua; sie bringen Wachs und Kaffee von Metamma; iihre 
Strasse ist Keren. Sonst beschäftige sie sich mit der Berei- 
tung von Schmalz, den sie nach dem Jemen ausfiihren. Sie sind 
überall als Ashker (Soldaten) bekannt und meist sehr ange- 
sehen. Man findet unter ihnen sehr ehrenfeste Leute. So 
blüht Arkeko in der Fremde. 



Digitized by 



Google 



Route vom Samhar nach Keren. 



Die Routen, die vom Samhar in^s Hochland von Abyssi- 
nien fuhren, sind hinreichend bekannt; wichtiger für uns sind 
diejenigen, die die nördlichen Abdachungen als Sattel benutzen, 
um in das jenseitige Tiefland Barka und Gash hinüberzu- 
gehen und so das Meer mit dem Sudan verbinden. Es gibt 
Bun zwar eine Route, die das Hochland umgehend in sehr 
weit nördlich geführtem Bogen um die Marea herum in's 
Barka einlenkt; doch ist sie viel zu weitschweifig, als dass 
sie dem Verkehr dienlich sein könnte. Allen Anforderungen 
entspricht allein die Strasse, die den Lebka-Torrent benutzend 
das Land der Bogos berührt. So haben wir den Weg von 
Hassua nach Keren zu erläutern. 

Von dem Gerar — so heisst die Küste direct gegenüber 
der Insel — führen mehrere Wege nach Keren; der directeste 
geht über Asus; von da benutzt er den Torrent von Kussret, 
der zwischen den Abhängen von Gümmegan bis an den Fuss 
des Hochgebirges nach Gabe fuhrt; der Bergübergang wird 
durch die Hochebene Maldi vermittelt, wovon ein Sattel, der 
den Debre Sina mit Wara verbindet, zum Land der Bogos 

Maatinger, Ofltafrik. Stadien. 12 



Digitized by 



Google 



178 Von* Rotten Meer. 

hinabführt. Diese Strasse ist aber nur für Lastochsen gang- 
bar und wird daher von den Handelsleuten weniger benutzt. 

Der zweite Weg geht über Amba, durchzieht die Ebene 
Gedged und tritt bei Af Lawa in das Gebirge ein; er verfolgt 
den Torrent Lawa aufwärts und verlässt ihn erst, um über 
einen steilen Sattel in die Hochebene von Geleb abzufallen. 
Der Torrent ist sehr bäum- und wasserreich; aber mehrere 
Katarakten erschweren den Weg und vollends der letzte Sat- 
tel (Mogerbebit) ist für Kameele nur mit grosser Gefahr gang- 
bar. Von Geleb nach Keren ist der Weg durch den Sattel 
von Belta und den jähen Abhang von Eibaba sehr erschwert 
Er wird deshalb selten benutzt. > : 

Der dritte Weg geht über das Lebka; da er die gewöhn- 
liche Karawanenstrasse ist, so wollen wir ihn ausfuhrlich be- 
schreiben; er wird uns auch das Profil des Samhar in nord- 
westlicher Richtung deutlich machen. Er theSt sich natür- 
licherweise in drei Theile. 

1) Vom Meer bis'Aia durchzieht er das Sämhar in NNW^ 
Richtung ohne bemerkbare Steigung. 

2) Von 'Ain verfolgt er den Strom Lebka, mit unausge- 
setzter Steigung zwisdien den Bergen von Az Temariam sids 
durchwindend, zuerst in wesüioher, dann in südwestlicher 
Richtung bis zum Sattel von Mäs^hälit, der vom Meergebiet 
zum jenseitigen Anseba hinüberfuhrt und so tritt er 

3) in fast südlicher Riditung in das Thal des Anseba über^ 
Vom Thal von ^MkuUu fuhren steinige Hügel zu der Ebene 

Weddubo, einem Thal ohne Torrent, das nordw^tlich sick 
gegen Beremi zum Meer hinzieht; es bestdt aus ganz ebe- 
nem, schwarzen Alluvialboden und vrird jährlich von den Leu^ 
ten von Massua oultivirt. Die Strasse durchschneidet es in 
einer Viertelstunde. 

Nun steigen wir etwa hundert Fuss hoch auf eine weite stei-* 
aige Fläche, die den Namen Desset (abyssinisch Insel) fuhrt;/ 
sie ist eine eigentliche Insel, da sie im Süden von Weddubo^ 



Digitized by 



Google 



Tom Bothen M«er. 179 

im Kordel Ton einem breiten Torrent abgeschlossen wird und 
sich in ihrer Erhebung bis zum Meer Hinzieht Es ist nicht 
unwahrscheinlich, dass sie einst eine Insel war. Sie ist mit 
Gräbern besetzt, die in yier Gruppen ein Viereck bilden; jede 
Gnq>pe besteht aus 7 — 10 Grabhügeln, die etwa fun&ehn 
Fuss hohe Kegel sind, eigentliche Steinhaufen. Ausserdem 
sieht man am Nord -Ende der Fläche einen kuppigen Thurm 
ohne Thor und Fenster, ohne Cement aui^ebaut. 

Diese Fläche fuhrt 'zum tieferUegenden Torrent von Desset 
hinab, der westlich dem Meer zuläuft. 

Nachdem wir über diesen Torrent gesetzt, durchziehen wir 
eine wüste baumarme Ebene im Niveau von Desset, die vom 
Torrent von Shakat qaih unterbrochen ist und kommen durch 
eine Hügelreihe zum grossen Torrent Amba, den wir b^ 
Maqret passiren. Bemerkenswerth sind nur die Gypshügel in 
der Nähe von Desset. 

Von Maqret fuhren Hügelzüge zu dem Torrent Käufer, be- 
waldet von vielen Tamarisken und Mimosen; auch der Hotum 
kommt sdir häufig vor. 

Von hier fuhrt die Ebene Sheb nach Ain ganz flach. Der 
Weg geht parallel mit dem Hochgebirge von Mensa; einige 
schwarze baumlose Berge unter dem Namen Wurek trennen 
Sheb von Gedged. Die ganze Ebene besteht aus sandigen, 
wellenförmigen Dünen, dann und wann von Humusstreifen 
unterbrodien, selten von Gersabäumen belebt. In diese todte 
Fläche sind isolirt Bergkegel hineingeworfen, unter denen der 
Sheb Göneb hervorzuheben ist, da die Strasse links an ihm 
vorbeifuhrt. Hier überschreiten wir einen Torrent, der von 
Haübo kommt und selten Wasser fuhrt; er hat sich ein wohl 
zwölf Fuss tiefes Flussbett ausgewühlt. Die ganze Wüste ist 
im Winter von reichhchem Grase bedeckt und von zahlrei- 
chen Heerden der Warea und Ganmiaren belebt. Von Göneb 
bis Ain ist der Weg steinig und reichlich mit Mimosen be- 
wachsen. 

12* 



Digitized by 



Google 



180 "^^^ Rothea Meer. 

Ain heisst das Thal, wo sich der Torrent Lebka aas den 
Bergen der Habab in's Freie hinaaszwängt, um etwa acht 
Stunden davon bei Qabet in's Meer txl- üallen, nachdem er 
den Berg Kafr Bläh berührt hat. Hier verlassen wir also die 
offene Ebene, um den Windungen des Torrent nadizu* 
gehen, 

Ain selbst ist von Hügeln ziemlich eingeschlossen; der 
Torrent hat das ganze Jahr spärliches fliessendes Wasser. 
Die Vegetation ist spärlich, meist hdhes Schilf längs dem 
Ufer. Von Bäumen sind ausser Asclepiaden (Oshar) und Ta- 
marisken besonders die Gersabäume*) (wohl Salvadora per- 
sica) zahlreich. 

Von Ain geht die Strasse im Torrent, der durch hohe 
kahle Berge eingeengt ist, aufwärts. Nur hie und da treten 
sie ein wenig zurück und erlauben die Bildung von kleinen 
Uferebenen; so ganz nahe ober Ain Oadrai duqqet, eine 
Ebene, die wie alle die Ebenen, die zwischen die steil ab- 
gezackten, flächelosen Berge vereinzelt hineingeworfen sind, 
von den Az Temariam und auch den Bedjuk £ast jedes Jahr 
cultivirt wird und eine schöne Emdte gibt Eine zweite Ufer- 
ebene ist Wonber harattib, die wohl hundert Fuss über 



*) Die Gersa ist ein kleiner, aber schattenreicher, sehr nützlicher 
Baum ; er ist im Samhar, im Lande der Habab und auch im Barka sehr 
häufig. Seine Frucht, die von der Grösse einer Eirsdie ist and eigent- 
lich einer vollen Kaffeebohne am ähnlichsten sieht, wird von den Be- 
duinen, die selten Getreide haben, im Frülyahr eingesammelt und 
aufgespeichert. Sie wird in Wasser gekocht uhd so als Beiila (ge- 
schweUt) gegessen. Sie ist sehr nährend, aber blähend Mtnd hat wenig- 
stens für den Anfänger einen Seifengeschmack. Der Abguss dieser 
Bohne gibt erkaltet eine schwarze, pechartige, sehr bittere Brühe ab, 
die sogenannte Mararet, die den Schmalz vor Banzigwerden bewahrt. 
Die Gersa findet sich auch im Lande der Bogos und im Barka, aber 
die Bewohner dieser Länder ziehen ihr die in Baum und Frucht ganz 
ähnliche Hamta vor; halb Baum, halb Strauch wird sie selten acht Fuss 
hoch; sie bildet die Hauptnahrung dieser Länder; auch sie wird als 
Beiila genossen und ist ziemlich schmackhaft. 



Digitized by 



Google 



Vom Bothed Meer« 181 

dem Toserent gelten ist; eiae dritte Azmat Obel. Hier tren- 
nen sich die Wege; der eine gewöhnliche Earawanenweg 
Terfolgt den bisherigen Torrent; der andere lenkt rechts ab 
in einen kleinen Zufluss des Lebka, und fuhrt ihn verlassend 
über mnen kuveea Sattel in die Ebenen Aide und Af Abed, 
wo die Az Temariam ihre Hauptsitze haben. Diese letztere 
Strasse wird in der Regenzeit, wo der grosse Torrent unweg- 
sam gemacht ist, auch von den Karawanen benutzt, die von 
Af Abed wieder bei Qelamet in den Lebka einbiegen. 

Oberhalb Azmat Obel bricht sich der Torrent einen oft 
kaum zehn Fuss breiten Weg durch furchtbar steil abfallende 
Schieferfelsen über kleine Katarakten, die schwer zu pas- 
sh'en sind. Diese Enge heisst mit Recht Aualid Öret (die 
Töchter der Unterwelt). Nun wird das Thal freier; es ver- 
einigen sich dem Haupttorrente mehrere Torrente; die Aus- 
sicht wird offener, nur von kleinen Hügeln beschränkt; links 
fallen die Vorberge von Mensa direct auf den Lebka ab, 
rdchts dehnt sich eine schiefe Ebene bis zu den Bergen von 
Az Tekles, die unser Stromgebiet von dem Anseba trennen. 
Die Station Qelamet, wo der Strom sehr breit ist und ober- 
flächliches Wasser hat, ist ein Scheidepunkt, da von hier der 
Weg nach dem untern Anseba und den Marea rechtsab, die 
Bora Az Tekles links lassend, über einen unbedeutenden Sat- 
tel zum Anseba von Gedlet fuhrt, an den Fuss von Geridsa. 
Die Mareakarawane benutzt diese Strasse. 

Oberhalb Qelamet wird der Strom wieder eng und hat 
Schnellen; doch finden hie und da hübsche, grasige Uferebe- 
nen zwischen dem Torrent und den ihn einschränkenden 
Ebenen Platz. Die Steigung wird immer stärker und fuhrt 
uns endlich an die eigentliche Quelle des Lebka. Ein Sattel 
von etwa vierhundert Fuss Höhe trennt das Gebirge Aggaro 
(Mensa) von der Rora Az Tekles und führt auf der andern 
Seite etwa sechshundert Fuss tief in das Hügelland von Bedjuk 
hinunter, das vom Anseba durchzogen wird; sein Zufluss, der 



Digitized by 



Google 



182 Yom Bothen Meer. 

Drnri, bringt uns in die Ebene Mogarech, an deren imdichem 
Ende Keren liegt, am Fuss des Zeban**"). 



*) Es «oheint uns nidit überflüssig, 




der einsefaien 


Beisettationen hier speoiell ansugeb^: 








Von Massua - 'MkuUu. 




Stunde 1. — 


— Desset 






1. 16. 


^ Shakat qcdh 






1. aa 


— Ambä 






2. - 


- Mai AuaHd 






2. — 


— Sheb Göneb 






4. 30. 


— Ain 






3. - 


— Asrniat Obel 






4. — 


— Aualid Öret 






1. — 


— Mohaber 






2. - 


— Qelamet 






2. 80. 


— Qogai 






3. 20. 


— Höhe Mäs'hÄlit 






1. 30. 


— (}abena (Anseba) 






1. - 


— Mohaber Dan 






2. 10. 


— Dorf One 






- 46. 


— » Tantaroa 






— 30. 


— » Eeren 


S« 




- 15. 




«nden 


34V4. 



Digitized by 



Google 



Eeise in's Land der Marea. 



Digitized by LnOOQ IC 



Digitized by LnOOQ IC 



Von Keren nach Halhal. 



bo nahe das Land der Marea den Bogos liegt, so war 
«8 doch noch nicht von Europäern besucht worden, da wir 
bis jetzt nicht über Halhal hinausgekommen waren. Ein Be- 
such dieses Gebietes musste schon als terra incognita nicht 
-wenig Interesse bieten und bot nebenbei die beste Gelegenheit,, 
über das untere Stromgebiet des Anseba sich in's Klare zu 
setzen. Während meines langen Aufenthaltes bei den Bogos 
war ich trotz meines guten Willens nie dazu gekommen, die- 
sen Wunsch zu erfüllen; es ist eine triviale Wahrheit, dass 
man auüschiebt, was man sicher in seinen Händen zu haben 
glaubt. Nun mahnte mich aber die kurze Zeit, die wir noch 
unter den Bogos verbringen sollten, an die Reue, die eine un- 
benutzte Gelegenheit mit. Recht verursacht Schon war der 
Tag der Abreise bestunmt, als den 23. August mein Freund 
Pedjas Imam in Keren einrückte, von seinem Vater Heilu 
beauftragt, den Tribut der Niederlande einzutreiben. Natür- 
lich musste ich nun die Abrtise hinausschieben, da ein plötz- 
liches Fortgehen gewiss nicht meinem wissenschaftlichen Eifer, 
sondern bösem Willen zugeschrieben, ja mir als Flucht aus- 



Digitized by 



Google 



186 'ELeiae in's Land der Marea. 

gelegt worden wäre. Mehrere Tage vergingen mit Besuchen; 
die alte Freundschaft wurde neu beschworen und zum Beweis 
erhielt ich den 27. August ein junges, sehr feuriges, gut ge- 
schultes Maulthier zum Geschenk, ^u gleicher Zeit fragte 
ich um die Erlaubmss, meine Reise machen zu können. Imam 
konnte nicht begreifen, was ich eigentlich da Schönes finden 
sollte; doch warf mein Bai dsaraba (Vermittler) Fitorari Sahlu 
geschickt ein, es könne schon im Interesse der Regierung 
nicht unnütz sein, wenn ein Freund diese unbekannten Gaue 
selbst ansehe und studire. Als mir Imam darauf sagte, dass 
er auch dahin zu gehen beabsichtige und so meine Gesell- 
schaft zu haben hofie, dankte ich ihm natürlich für seine 
Freundschaft, erwiodeiHie aber, dasa das Kiiegsgetümmel mei- 
nem friedlichen Geschäft nur hinderlich sein könne, da ich 
das Vertrauen der Eingebomen nöthig habe. Da ich zu glei- 
cher Zeit hörte, dass Imam wirklich einen Verwüstungszug 
•beabsiehtige und manche meinten, es scd auf die Marea ab- 
gesehen, so musste ich den Strom yorbeilassen, um auch nur 
seinen Lauf zu wissen und es schien, als ob mir die Politik 
die ganze Reise verderben wollte: denn es ist immer höchst 
gefährlich, vor oder nach einer Armee in ein Land zu kc»i^ 
men, wo man natürlich mit Misstrauen angesehm wird. 

Doch hob sich die Ungewissheit schneller, als ich gehofft; 
d» 29« Vormittags zog Imam mit tausend bewafiheten Män- 
nern von Eeren fort und noch denselben Tag vernahmen wir, 
dass der Heerzug, meine Strasse links lassend, den Weg über 
den Anseba nach dem Lebka genommen habe. So stand mei- 
ner Abreise nichts mehr entgegen. Es fehlte nicht an Ab- 
rathenden: die Marea seien ein Volk, dass nie Frankeii ge- 
sehen habe, das von Aegypten und zugleich von Abyssiiuen 
unabhängig lebe. Die Logik war nicht anzugreifsn; aber ich 
setzte mein Vertrauen in das Gast- und Geleitsrecfat, dessen 
sich auch die Marea rühm^; das übrige sollte meine Sprach- 
und Landeskenntniss thun imd die nie unnütz verschwendeten 
guten Worte... Mit Vergnügen nahm. ich Hm. Sohubert's Aa- 



Digitized by 



Google 



erbieten an, mich auf dieser Reise zu b^leiteQ.- Mcöuie Vor-t^ 
bereitungen waren bald gemacht; jeder von uuq 'ritt ein Mf^ul^ 
tiuer; ein drittes war für unsere Habseligkeiten b^stimmty die 
in Mehl für eine Woche, Kaffee und einigen zu Geschenken 
bestimmten Spezereien und Glasperlen bestanden. Das Mnu^- 
thier ist in Bergländem das nützlichste Lastthier; es t^ägt 
vid; aber das Au^>aoken raubt viel Zeit und ist der gene^uen 
Distancenberechnung sehr hinderlich. Unser Bett bildete eine 
abyssinische braungegerbte Haut; jeder von uns war noch njit 
einer Dedce versehen, die' auch als Teppich dienen sollte. 
Wir y^:ein£Mhten unserie Habe so viel wie möglich, da wir 
als Eingebome reisen und leben wollten. Ich hatte meine 
Uhr, die dem Zwecke genügte und einen Femrohrkompass mit 
Stock , Geschenk meines unglücklichen Freundes H. Page, das 
er mir einen Monat vor seinem Tode in Djedda geschenkt. 
Ausser vier neuangeworbenen Dienern, worunter sich auch 
Din befand, dw später die Kun&nareise mitmachte, nahm 
ich einen Handelsmann von Arkeko, Namens Gaber mit, da 
er das Marealand kannte. Die Zahl fünf sollte nicht die 
Sicherheit vermehren, aber den guten Anstand, der manche 
G^Bkhr verhütet Mehr mitzunehmen schien nicht ^äthlich, 
da es bei der heurigen Theure schwer fallen musste, viel 
Leute zu ernähren. 

So verlieseen wir unser Haus den 30. August Nachmittags 
um drei Uhr. Wir wählten den nördlichen Weg, der in lan- 
gem Bogen den Lalamba urngsht, um hinter Dobak wieder 
in die Sehne, die über Shinare fährt, einzufallen. Da der 
letztere Weg gegenwärtig über unbewohntes Land führt m^d 
wir über Imam's Bewegimgen sichere Nachrichten einziehen 
wollten, nahmen wir den erstem, um bei dem Stamm Az Gaim, 
der hinter dem Lalamba angesiedelt ist, zu übernachten. Ein 
furchtbarer Platzr^en zwang uns in One unter Dach zu ste- 
hen. V<m diesem Dorfe fuhrt der Weg üba: einen toinsen, 
aber steinigen und steilen Sattel, der den Lalamba und den 
Berg von Tshabb&b verbindet und in das Thal Gabdsi mi den 



Digitized by 



Google 



188 Reue in's Land der Msrea» 

Hütten von Az Gaün fuhi*t. Wir finden hier mehrere Ton 
Imam^s Soldaten, die uns erzählen, das Heer sei schon Ton 
seinem Raubzuge zurück; es habe die Habab vergeblich bis 
Qogai (am Fnss von Mäs'halit) angesucht; Imam selbst lagere 
in Wasentet 

Wir werden von einem der Häuptlinge, Idris Weld Nur- 
eddin, gut empfangen; da der Stamm proYisorisch in Matten* 
zelten lagert, ziehen wir vor im Freien zu schlafen. Die Az 
Gaim wohnten nämlich bis jetzt in Hubub ; da aber zwischen dem 
Stamm Az Gultane im Barka und dem Takuestamm Az Kelb 
Zwistigkeiten ausgebrochen waren, in Folge derer die letz- 
teren einen grossen Raubzug ausgeführt hatten, so schien es 
den Az Gaim, die neutral bleiben wollten, nicht räthlich, an 
der grossen Strasse zu wohnen; sie verliessen ihr Dorf und 
siedelten sich naher bei den Bogos an. Wir erhalten zum 
Nachtessen eine Ziege, da Durra nicht zu haben ist 

Den 31. August wenden wir uns g^en das nördliche Ende 
des Thaies, wo am Abhang des Berges Engelle das alte Dorf 
Hubub steht und lenken dann^ den Torrent Shit^o über- 
schreitend, in die Strasse von Dobak eia, wo mir eine Adan- 
sonia den Anhaltspunkt abgibt, um die ersten Directionen zu 
nehmen. Wir lassen zur Linken das Thal Ton Gabei Lugum, 
wo über einen Sattel eine Kameeistrasse nach Medjlel führt, 
die sich nach einem kurzen aber jähen Abhang mit d^ von 
Mogareh kommenden Strasse von Afharom vereinigt. Wir lenken 
in das Thal Bab Geng^en, das links vom Hochland Aretta, 
rechts von den Abhängen von Halhal und Eres beschränkt 
wird. So bildet sich ein grosses vidverzweigtes Thal, das bd 
Zeron zum Anseba ausläuft Der Weg iai ganz flach; di» 
gut cultivirte Bab Genger^n wird immer enger, bis zum Fuss 
des Abhanges, der als Gabei Elos sehr steil zum Hochland 
hinauffuhrt. Von der Höhe nehme ich Directionen. Dann senkt 
sich das Land wieder etwas; der Kamm bildet die Wasser- 
scheide, von welcher südlich alles dem Anseba, nördlich alles 
dem Barkä zugeht Vor ims sehen wir die Ebene HalhaV 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Maraa. 189 

die aUmäUig gegen die Marea hin aufsteigt und rechts von 
der etwas erhabenen Terrasse von Eres beschränkt ist; die 
Luft ist leicht und kalt; man glaubt sich im abyssinischen 
Hochland. Hier begegnet uns der Häuptling von Az Oabdja, 
mein alter Bekannter Nussur, der auf die Nachricht, ich sei 
seinetwegen gekommen und werde heute sein Gast sein, mit 
uns zurückkehrt. Wir gelangen zum Wasser Hindjune, wo 
wir uns unter derselben Sykomore lagern, wo ich ein Jahr 
▼orher mit Hm. y. Beurmann einen vergnügten Nachmittag 
verbrachte. Da die Wolken Regen befurchten lassen, brechen 
wir schnell auf und kommen, ein anderes Wasser, Tarakb6, 
überschreitend, nach einer halben Stunde zum Dorfe Halhal, 
Ansiedlung der Az Gabdja, das auf einem Hügel gelegen die 
Ebene beherrscht. Da die Ansiedlung noch jung ist, finden 
wir nur ganz kleine Hütten; wir werden in einer derselben 
einquartirt und lagern uns auf einem Bett, das mehr als die 
Hälfte derselben einnimmt. Nussur bringt uns sogleich eine 
Polenta. An Gastfreundlichkeit haben es die Az Gabdja nie 
fehlen lassen; leider befinden sich die Heerden im H^and, 
sodass keine Milch zu bekommen ist und auch Getreide ist 
wenig mehr vorräthig; die grosse Emdte vom letzten Jahr 
wurde fSast ganz an die Marea verkauft, die nichts geemdtet 
hatten. Die Leute haben mit dem Preis ihre Heerden stark 
vermehrt, aber sie sind bis zur neuen Emdte sehr bedrängt. 
Wir empfangen viele Besuche von alten Bekannten. 

Den 1. September bringt mir Nussur eine Ziege, wovon 
idi dem Landesgebrauch gemäss das Brustfleisch und die 
Haut dem Geber zurückschicke. Ich gehe auf den kleinen 
hinter uns liegenden unfemen Berg One, wo die eben aus 
dem Nebel auftauchenden Berge ein schönes Panorama ge- 
währen, doch ist die Richtung gegen die Bogos hin von dem 
Kanmie von Elos verdeckt. Den Nachmittag haben wir tüch- 
tigen Regen. 

Den. 2. September nimmt mein Maulthier, das seine alten 
Lagerfreunde noch nicht vergessen hat, Reissaus nach Eeren 



Digitized by 



Google 



im; ich sehidke drei meiner Diener, um es zurüoleiiibi^em 
Idi i^oachie ^en Spaziergang nach Sres, von wo man mit 
einen schönen Ueberblick ^r Berge gegeai den Anseba ver- 
spricht. Der Weg geht an der Quelle der Hindjune vorbei, 
wo sie sich einen vielleicht fonfzehn Fnss tiefen Graben aus- 
gehöhlt hat, ohne aber einen eigentlichen Sandtorrent su 
bilden; von da lassen wir den Weiler Az Tesfei unfern links, 
den von Euphorbien bedeckten Hügel Wonber, worauf früher 
das Dorf von Az Feda stand, rechts und durchschneiden eine 
langsam aufeteigende Ebene, bis sie von einer hohem T^-' 
rlisse beschränkt ist, als Fortsetzung des Kammes von Elos: 
diess ist Eres, aus Ebenen und Hügeln zusammengesetzt Einem 
schmalen Torrent nach steigen wir bis zur Terrasse hinauf; 
wir finden viele Steinkreise der frühem Häuser von Az Hesbei, 
Az Feit und der letzten Barea, Adjum&i, welche alle jetzt an- 
derswo angesiedelt sind. Wir sehen die Fläche mit Weizen, 
Gerste Und wdssei' Mashella gut bebaut Der wilde Oliven- 
baum ist hier besonders häufig, auch der grosse schattige Ädeda 
(in Abyssinien Kaueh, bei den Marea Tembuk genannt), des- 
sen schwärzlich und roth gestreiftes Holz in Adua zu Bett- 
stellen vei^immert wird. Wir finden auf dem Platz des altes 
Dorfes von Az Feit eine schöne Aussicht gegen Süden und 
Westen; die von Keren her postirten Thaler und Gebirge lie- 
gen ganz denÜich vor uns; auch der B^g von Keren, der 
Zeban, ist' deutlidi zu unterscheiden. Abyssinien ist von Wol« 
ken verhüllt Die Aussicht gegen die Marea und die Habab 
verschliessen die Höhen von Metk^l Ab^t und One, doch ragt 
das Gebirge von Dsereh und Agame heraus. Wir finden 
also hier wieder den Kamen One, der wahrscheinlich von den 
Barea herrührt. Diese letzten Anhöhen s^ien sehr bewaldet 
aus; sie wären sehr leicht urbar zu machen, da ihr Boden 
wenig schroff ist; mit der Urbarmachung verschwindet die 
scheinbare Unebenheit. So wäre auf der Karte angebautes Land 
und Wald, zu unterscheiden; das erstere scheint eben, aber 



Digitized by 



Google 



ReiM 'u's Land der Maa^ 191 

ermangelt nicht seiner Unebenheiten; dem letztem gibt der 
Banmwnchs das Aussehen von abgeschlossenen Bergen, wäh-» 
rend es entwaldet kaum von der Ebene zu trennen wäre; 
So bildet Halhal einen wenig .geneigten Kessel, dessen Tiefe 
die Wasser von Hindjune und Tarakbe bilden. Der begin- 
nende R^en zwingt uns zur Rückkdir; er hält auch den 
ganzen Nachmittag an. Die Angelegenheit des Tages ist na-* 
türlich der Tribut an Imam. In der Nacht kommt sogar d|e 
Nachricht, die Amhara seien im Anzug; doch reducirt sich 
die Armee auf einen Boten Imam's, einen Adelichen von Ke- 
ren, der in Tributsachen zu den Marea geht. Er erzählt, 
Imam habe das Dorf Wasentet (Bedjuk), da es seiner Armee 
den Unterhalt verweigert, vollständig ausplündern lassen und 
sei dann nach Keren zurückgekehrt; er ermahnt die Leute 
von Halhal, schleunigst den Tribut zu entrichten, sonst hätten 
sie alles zu befürchten. Sogleich wird auch in meiner Hütte 
Rath gehalten; man schickt Boten nach GabeiAlabu, das im 
Tribut mit Halhal zusammenhängt. Da sich die Leute nicht 
zu entschliessen wissen, kommen sie oft, ohne gerade rebel- 
liren zu wollen, in's Unglück. Ackerbauer müssen sich frei- 
lich jedem Mächtigen unterwerfen , da der Boden sie festhält, 
während die Hirten an nichts gebunden sind. Die Berech- 
nung des Tributs liefert mir unerwartet genaue Notizen zur 
Landesstatistik. 

Den 3. September sehe ich mir die Kirche hinter dem 
Dorfe an; sie war ziemlich gross, viereckig, mit flachem Dach; 
die Mauern sind noch 2 — 3 Fuss hoch erhalten. Das Thor 
befindet sich auf der westlichen Seite; die Altarkapelle ist 
noch jetzt an der Scheidemauer erkennbar; die Stützbalken 
sind kurz abgebrannt. Die Schieferplatten, die als Glocken 
dienten, wie es in Abyssinien der Brauch ist, sind in den 
letzten Jahren verschwunden. Die Kirche ist nach abyssini^ 
scher Weise von christlichen Gräbern umgeben. Ich konnte 
mir nicht ohne Schmerz die schönen grünen Hügel und was- 



Digitized by 



Google 



192 K6uw> in's L>Ad <^er Mare». 

serreichen Ebenen, von Weizen und Gerste bedeckt, ansehen^ 
diese Miniatur des abyssinisclien Hochlandes, und daneben die 
zerfEdlene Kirche mit den Gräbern so vieler Generationen; 
ich dachte an alle die Stämme^ die nach echt aMkanischer 
Weise jeder den andern yerdrängt, ohne selbst ihren Namen 
zu hinterlassen; ich dachte der alten Religion, die firüher 
allen Bergvölkern dieser Zone eigen war und ohne Hoffnung 
auf Rückkehr immer mehr dem Islam Platz macht, der sie 
uns immer mehr entfremdet. 

Der Aufenthalt zu dieser Zeit kann nicht sehr ange- 
nehm genannt werden; die Nächte verbittern unzählige Flöhe 
und Wanzen, den Tag die kleinen und grossen Fliegen. Die 
Ratten zerfressen all unser Gepäck und keine schützende 
Katze ist sichtbar. Termiten sind hingegen selten. Unsere 
Maulthiere besonders verlieren ob der peinigenden Mücken 
die Geduld. Hier lässt sich erst vom December an gut woh- 
nen; die Heerden befinden sich deswegen jetzt im Tiefland; 
erst in der trocknen Zeit werden sie in^s Dorf gebracht. Auf- 
fallend ist die Menge von Skorpionen; man kann fast keinen 
Stein aufheben, ohne ein oder zwei Stuck zu finden. Die' 
Gräbersteine liefern uns eine schöne Ausbeute an Käfern. 
Wild ist in diesem Hochland selten; es finden sich nur die 
zwei Antilopenarten Agasen und Sasseha, dann das Wild- 
schwein. Auch Vögel sehen wir nur selten, schon wegen 
des Mangels an Bäumen. Den Eingebomen kommt das Land 
freilich sehr waldig vor, da die bösen Zeiten, wo es brach lag, 
der Natur ihr Recht gegeben haben. Wenn die Az Gabdja 
so glücklich sind, noch einige Jahre in Frieden hier leben zu 
können, so wird das ganze Land wieder ganz kahl und der 
Vergleich mit dem Hamasen vollständig werdto. Was hier 
besonders erfreut, ist das lebendig hervorquellende nie ver- 
siegende Wasser. Was Pflanzen betrifft, so stimmen sie mit 
denen von Az Maman, was auf gleiche Höhe schliessen lässt; 
am Wasser finden sich fast nur Feigenbäume, besonders der 
liochländische Daro. Hyänen fehlen nicht, aber sie scheinen 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 193 

sehr feig zu sein, da man unsern Maulthieren erlaubt, im 
Freien zu übernachten. Das Dorf scheint sehr klein, da die 
ganz winzigen provisorischen Hütten eng zusammengedrängt 
sind; man geizt mit dem theuren Boden, soviel man kann, 
selbst für die Gräber, die eng aneinander liegen. Man sieht 
noch Spuren von viereckigen Steinhäusern, nach Art des 
Hamasen, woher die Takue stanunen. Seit Keren haben wir 
wenig Wind; erst im October kommt der Nord und vertreibt 
den Regen und die bösen Fliegen. 

Den 4. September mache ich der alten Kirche noch einen 
Besuch. Der Priester soll noch leben; er ist ein alter kin- 
derloser Manu, der mit den Heerden herumzieht; er ist fast 
einzig seiner Religion treu geblieben. Wenn auch fast das 
ganze Dorf mohanmiedanisch ist, so finden sich doch noch 
viele christliche Erinnerungen und Gebräuche. Die alten 
Festtage werden noch geheiligt; Mariam geniesst immer der 
alten Ehrfurcht. Dem Ackerbauer steht das Christenthum 
besser an, als die nomadische Araber -Religion. 

Im Laufe des Morgens bringen meine Leute endlich mein 
Maulthier zurück, das nur mit Noth eingefangen werden 
konnte; es hatte sich wieder im Lager Imam's zu seinem 
alten Kameraden, einem Pferde, gesellt. Es ist auffallend, 
dass die Maulthiere eine ungemeine Zuneigung zu den Pfer- 
den haben, die aber von diesen gar nicht erwiedert wird. 
Sie haben ein sehr gutes Ortsgedächtniss und vergessen einen 
einmal betretenen Weg jahrelang nicht. Mit meinen Leuten 
zusammen konmit ein Soldat Imam^s, der zur Zeit, al^ Ubi4 
das Dorf Halhal verwüstete, von dessen Soldaten nach Abys- 
sinien entführt wurde; seitdem ist er ein Mann geworden 
und bei Imam recht gut angesehen; nach sechzehnjähriger 
Abwesenheit wurde er im Lager bei Keren von seinen Ver- 
wandten wiedererkannt und kommt jetzt auf Besuch. Er 
wird unter Freudengeschrei in's Dorf geführt, mit Ziegenblut 
gewaschen und verhüllt in seiner Mutter Haus gefuhrt. Doch 
scheint der Civilisirte wenig Geschmack zu finden an seiner 

Mansinger, Ostofrik. Stadien. 13 



Digitized by 



Google 



194 Reise in's Land der Marea. 

neaierworbenen Verwandtschaft; et hält sich zu uns, wo er 
(loch Amharisch reden kann. 

Da nun nichts mehr der Weiterreise entgegensteht, be- 
stimme ich sie auf den" folgenden Tag und fordere Nnssur 
auf, mir bis zu den rothen Marea das Geleit zu geben. 



Digitized by 



Google 



Ueber die Beit Takue. 



Da die Ebene Halhal als Stammsitz der Beit Takue zu 
betrachten ist, so scheint es zweckmässig, einige Bemerkungen 
über dieses Volk hier einzuschalten. Da die Beit Takue ganz 
wie die Bogos einer aristokratischen Stammverfassung sich 
erfreuen, so müssen wir in der Anmerkung*) den Stammbauni 

*) StammtafeL 
Takue. 



Basira Bfioa. 



•I 



Obrahom. 



Segi. Fetroi. Umbarek. Gebre Cristos. 



I 



Hetbei Teafai Maman. Amit. Emir. Framhak. 



Makerios. 

I 

Girgis.: 



Jakob. 
Oab^ja. TihafEk 



Belenei. 



Feda. 



.k 



Feit Tesfa fiaxmes. Oaim. 



iGir 



I 
Jakob. 

AqbaÖirgis. Harauie. 

Itel. Abib. 

Bei et. Asfedai. 

Azoz. Monos. 



KeH). 

I I 

Gebre Cristos. Hamid. 

Hassama. Bomnet. 



iker. 



Nureddin. Shul 

Idris. Mohammed. 

I 



Gabash. 

I 

Gebre Cristos. 

l 

Feit 

Hattai. 

I 
Ada. 

Tedros. 

Takrorai. 



Hassama. 

Nuflsur.' 
Die mit fetter Schrifl gedruckten Namen sind alles noch bestehende 
Familien. 

13* 



Digitized by 



Google 



136 Reise in's Land der Marea. 

der herrschenden Geschlechter geben, wie ihn der Familien- 
stolz im Andenken behalten hat. Natürlicherweise erwähnen 
wir nur die Hauptlinien. Wir finden also dreizehn Genera- 
tionen bis zum Stammvater des Volkes, dem er seinen Namen 
gegeben hat; Belen nennt man die Takue auch uneigentlich 
nach ihrer Sprache. Dass die Takue von den Gümmegan im Ha- 
masen abstammen, wird von niemandem bezweifelt; noch jetzt 
werden sie von den letztem als Verwandte anerkannt und 
man zeigt bei Az Teklesan ihnen gehörige Grundstücke, die 
bei der Abwesenheit der Eigenthümer brach gelassen werden. 
Die Takue sind also ein Zweig der grossen Familie Beit Ato- 
shim, die das Hamasen beherrscht und grösstentheils auch 
bewohnt. Die Ueberlieferung nennt als den ersten Einwanderer 
von Abyssinien Samra Dsion, Takue's Sohn. Er soll (also 
etwa vor 300 Jahren) zusammen mit seinen Verwandten Bidel 
und Ze/u den Abhang von Af Gula hinab über Shütel an den 
Fuss des Debre Säle gekommen sein, wo sie zusammen in 
Hömmeret Goila ein Dorf gründeten ; man erzählt sogar, ihre 
Kirche habe bei Af Sabr (unweit Adarte) gestanden. Man 
weiss nicht, warum sie sich nicht mit ihrer ersten Nieder- 
lassung begnügten: sie beschlossen, sich einen besseren Wohn- 
sitz zu suchen und schickten Kundschafter in das benachbarte 
Hochland. Der eine lernte den Debre Säle kennen, der zweite 
Halhal, der dritte Ere. Jeder lobte seinen Fund und da 
keiner nachgeben wollte, kam es zur Trennung: Bidel nahm 
den Debre Säle in Besitz, wo noch Spuren seiner Dörfer und 
Kirchen vorhanden sind; Zei^u wandte sich nach Ere, von wo 
seine Nachkommen von den Marea verdrängt worden sind; 
Samra Dsion kam nach HalhaL Indem wir später auf die 
beiden Gefährten zurückzukommen gedenken, wollen wir jetzt 
seine und seines Stammes Schicksale weiterverfolgen. 

Die Nachkommen Samra Dsion's sind verktunmert imd aus- 
gestorben; ihr Dorf von Mai Auälid besteht nicht mehr, die 
Kirche ist zerfallen. Die jetzigen Takue stammen fast alle von 
Obrahom^s Söhnen, wovon die bedeutendsten Gebre Gristos und 



Digitized by 



Google 



Beise in's Land der Marea. 197 

Blakerios wurden : die andern Zweige schliessen sich ihnen an 
und leben mit ihnen zusammen. Nun aber kamen bei der 
Einwimderung auch Tigre oder Unterworfene mit; mit Samra 
Dsion kamen die Dsauen; mit Obrahom sollen aber sieben 
Männer gekommen sein, Namens Dsarui, Dengenei, Legenei, 
Sakrenei, Hamasenei, Garai, Kasenei, deren Nachkommen 
sich nach diesen Namen in ebenso viele Stämme scheiden; 
sie sind aber wohl alle eher Ursprungs-, denn Eigennamen, 
was bei Kasenei (Mann von Käsen, einem Dorf im Kameshim) 
und bei Hamasenei deutlich hervortritt. 

Was nun die Barea betrifft, so muss man sie als die alten 
Einwohner des Landes anerkennen; auch die Ortsnamen deuten 
darauf, wie z. B. Aretta. Wie gesagt, finden sich bei der 
Einwanderung nur spärliche Reste; der grösste Theil des 
Volkes sei schon früher freiwillig in ihre jetzigen Wohnsitze 
ausgewandert. Das Land am Anseba theilten damals Beit 
Mushe und oberhalb die Qaqin. Die Gengeren besassen Bab 
Gengeren und Aretta; sie bestehen noch immer; wir werden 
auf sie zurückkommen. Wer die jetzt ganz ausgestorbenen 
Beit Mushe seien, ist schwer zu entscheiden, sie hatten ihren 
Hauptsitz in Saraua, wo jetzt Az Feit wohnen. Die Takue 
behaupten, sie hätten von ihnen ihre jetzige Sprache ange- 
nommen; demnach wären die Beit Mushe den Bogos verwandt 
und die Takue müssen lange mit ihnen zusammengelebt haben. 
Nur so lässt sich erklären, dass die Takue Bolen reden, wäh- 
rend ihre Stammsprache äthiopisch ist; so wenig absolut darf 
man aus der Sprache auf den Ursprung schliessen; auch hier 
würde man sich irreführen lassen, wenn nicht die Tradition 
von der Verwandtschaft mit Gümmegan so frisch- und un- 
bezweifelt wäre. 

Wie wir sahen, waren die ersten Niederlassungen Az Samra 
Dsion mit eigener Kirche in Mai Aualid imd Az Obrahom in Hal- 
hal mit der heil. Jakobskirche. Als der Stamm für den engen 
Baum zu gross wurde, blieben die Gabdja und Tshaffa zusam- 
men in Halhal; erstere wohnten um den Nebekbaum (Kosla), 



Digitized by 



Google 



198 Reise in'a Land der Mares. 

letztere um die Sykomore (Darotet), woher der Doppelname 
des Dorfes rührt. Die Az Feda aber gründeten ein Dorf in 
Wonber mit einer Marienkirche; die Az Feit setzten sich in Eres, 
gehörten aber zur Kirche von Wonber. In Folge ron Streitig- 
« keiten verliessen die Az Tshaffa Halhal and liessen sich in Gabei 
Alabu nieder. Endlich konnten sich auch die Az Gabdfa nicht 
mehr behaupten; sie sind erst seit drei Jahren mit den Az Hesbei 
wieder dahin zurückgekehrt nach vielen Irrsalen, worauf wir 
wieder zurückkommen müssen. 

Nun muss ich aber sagen, wie die Takue das Ansebathal 
occupirt haben. Tekla Dsion, der älteste von Feda's Söhnen 
(etwa vor 140 Jahren), verlässt zuerst das Hochland und lässt 
sich in Zeron nieder, wo seine Nachkommen noch leben; Ze/e 
und Hassama (vor 100 Jahren) gehen nach Hubub; Bomnet geht 
nach Waliko und sein Brudersohn nach Maragas, das er aber 
wieder verlassen hat ; die letzten wanderten die Az Feit nach Sa- 
raua aus (vor 22 Jahren): Die Erstgebornen von Gebre Cnstos 
sind Az Eafii, von Makerios Az Feit; ihre Stammältesten wer- 
den noch immer in Eres begraben; eine steinerne Grabkammer 
ist ihnen gemeinschaftlich; stirbt der Shum (Häuptling) von 
Az Feit, so wird die Erde entfernt, der steinerne Deckel des 
Sarges ausgehoben, die alten Knochen zur Seite gelegt, der 
Leichnam beigesetzt und über den Deckel Erde geworfen; den 
Platz bezeichnen zwei über dem Kopf und Fuss eingerammte, 
etwa 4 Fuss hohe Steintafeln. 

So wurden die Takue, als es der zahlreichen Familie zu 
eng wurde, am Anseba Nachbarn der Bogos; sie scheinen 
sich meist nur feindlich mit ihnen berührt zu haben, doch 
sind sie jetzt durch gegenseitige Heirathen verschwägert wor- 
den. Was ihre nördlichen Nachbarn, die Beit Zer'u, ihre frühem 
Verwandten betri£Ft, so führten sie mit ihnen einen beständigen 
Krieg; die Beit Zer*'u sollen einmal sogar ihre Feinde in Hal- 
hid selbst aufgesucht und es verwüstet haben. Mit Abyssinien 
kamen die Takue wenig in Berührung. Man erzählt, ein 
gewisser Elos sei mit einem Heer von Hasaga bis Halhal ge- 



Digitized by 



Google 



Reise iu's Land der Marea. 199 

drangen;, von ihm rühre der aWeg des Elos» her; doch 
erinnert sich niemand der Zeit dieses Ueber£alles. Erst seit 
den letzten zwanzig Jahren mussten auch die Takue die abys- 
«nische Uebermacht fühlen. Ubie's Truppen lagerten nach 
Terzweifeiter Gegenwehr zum ersten Male 1844 in Halhal; die 
Blüthe der Jugend fiel im Heldenkampf; der lange angehäufte 
Beichthum des Landes verschwand; nur langsam konnte es 
«ich erholen. 1849 wiederholte Ubie seinen Besuch und drang 
sogSiX bis Ere; doch rettete sich der grösste Theil des Volkes 
durch Flucht. So machte sich Ubie auch hier gefürchtet und 
noch wird jeder abyssinische Heerzug, von wem er veranstaltet 
sei, kurzweg Ubie getauft. Doch blieb das Land unabhängig, 
von Tribut war keine Rede. Als Dedjas Heilu Statthalter 
des Hamasen wurde, unterwarf er sich den untern Anseba 
langsion und klug; nachdem er sich bei den Bogos festgesetzt 
hatte, fing er an auch Az Gaim und Az Keib massig zu be- 
steuern; er nannte das für den Anfang freiwillige Gabe. Als 
Marit an seine Stelle gesetzt wurde, begnügte er sich (August 
1859) mit der seinem Yoi^änger entrichteten Abgabe. Als er 
aber im November desselben Jahres gegen Bedjuk zu Feld 
zog, nss der Strom auch die Nachbarn in's Verderben: Hubub, 
Zeron, Waliko, Saraua wurden von den beutelustigen Amhara 
verwüstet, viele Heerden weggetrieben, die halbe Emdte zer- 
stört und besonders viele Leute erschlagen. Geschreckt sandten 
auch die Bewohner des Hochlandes, die Az Gabc^a und Az Tshaffa 
um Frieden und mussten sich dazu verstehen, den ersten 
regelmässigen Tribut an Abyssinien zu zahlen. Im Jalu* 1860 
zahlten nur die untern Takue Tribut an Imam; 1861 endlich 
will derselbe Fürst in die Fussstapfen Marit's eintreten und 
es ist vorauszusehen, dass die Takue wie die Bogos ganz 
regelmässige Unterthanen Abyssiniens werden müssen. 

Wie wir gesehen, waren die Takue Christen mit Kirchen 
ihre Priesterfamilie stammt von Az Shehei (vom Hamasen). 
Die Islamitisirung hat erst nach Ubie begonnen; die vollstän- 
dige Bekehrung datirt erst von 15 Jahren, obgleich es noch 



Digitized by 



Google 



^00 Heise in's Land der Mareft. 

jetzt einzelne Christen gibt. Das islamitische Recht, ist noch 
nicht durchgedrungen, obgleich Anklänge nicht fehlen. Wenn 
also das Leben noch christlich ist, so steht der Glaube ab 
Mohammed doch sehr fest und kann kaum rückgängig g^ 
macht werden. Das Beten und Fasten wird immer allgemeiner. 
Wenn wir nun das Volk der Takue vom Ausland wenig 
berührt sahen, finden wir seit alten Zeiten, wie es alle seine 
Energie gegen seine eigenen Eingeweide wendet. Die Ge* 
schichte besteht aus einer unaufhörlichen Reihe von Familien- 
fehden, wo aller Muth und Talent dem Brudermord geweiht 
sind. Die fürchterliche Hartnäckigkeit, die bei diesem per* 
manenten Bürgerkriege entwickelt wurde, hat das Volk sehr 
klein gemacht; nicht zufrieden, mit dem eigenen Schwert zu 
mähen, rufen die entzweiten Familien oft auch ausländische 
Hülfe herbei und, was besonders auffallend« ist, die dich am 
nächsten verwandten Stämme bekämpfen sich am heftigsten. 
So dauert die Blutfehde zwischen Az Gabdja und Az Täha& 
schon vierzig Jahre; während sie noch in Einem Dorf zusam- 
menleben, rufen die Az Tshaffa die rothen Marea zu Hülfe; 
einige Jahre später verwüsten dieselben mit Hülfe d^ 
Marea und der Algeden Az Gabdja in Halhal, wobei di^ 
Kirche niedergebrannt und der Nebekbaum, der dem Dorf 
den Namen gegeben, niedergehauen wird (1836). 1837 stiften 
die Az TshaflEa die Az Ali Bachit gegen die untern Takue auf; 
doch als die Beni Amer mit reicher Beute beladen den Rück- 
zug nach dem Barka antreten, vereinigen sich dieselben Az 
Tshaffa mit Az Gabdja und hauen ihre Freunde am Abhang 
des Gebirges zusammen. Im Jahre 1838 greifen die Az 
Tshaffa im Verein mit den gleichen Az Ali Bachit die Az Gabdja 
in Halhal an, werden aber zurückgeschlagen; erst 1843 gelingt 
es ihnen, das Dorf Halhal einzuäschern. 1847 vereinigen sich 
sonderbarer Weise die Blutfeinde Gabdja und Tshaffa, um im 
Bund mit Az Gultane .die Heerden von Az Kelb zu vernichten. 
Die Az Gultane wurden erst 1861 für diesen Ueberfidl bestraft; 
die Az Kelb überfielen ihr Zeltenlager am Fuss des Delnre 



Digitized by 



Google 



Reise in^s Land der Marea. 201 

Säle, nahmen 25 Heerden weg und tödteten 25 Hirten. Im 
Jahr 1850 vereinigen sich die gleichen Stämme wieder und 
verwüsten Hubub. Im folgenden Jahre hat die Freundschaft 
schon wieder ein Ende : die Leute von Az Tshaffa machen den 
Häupfäing von Az Gabdja, den weitberühmten Helden Azuz 
Weld Bejet, im Schlafe nieder. Nussur, sein Sohn, flüchtet sich 
zu den Az Tekles, verwüstet, von ihnen unterstützt, Az Tshaffis. 
und tödtet den Mörder seines Vaters. Dann lässt er sich in 
Dobak nieder unter dem Schutz der Bogos, denen er mütter- 
Ucherseits verwandt ist. Ich lernte ihn in dieser Zeit kennen 
und hatte oft Gelegenhdt, mich auch thatsächlich für ihn zu 
interessiren. Er ist kaum 25 Jahre alt, ziemlich schwarz, 
mit starkem Bart, fein gebogener Nase, die mit der hohen 
Stime &st zusammenläuft; er ist sehr muthig und zeigt jetzt 
Auch vielen Verstand. Er hat sich seitdem mit allen Blut- 
feinden ausgesöhnt,' er hat sich die Marea durch Verschwä- 
gerung zu Freunden gemacht und thut alles, um all das Blut, 
das sein Vater vergoss, vergessen zu machen. Er hat, was 
hier zu Lande viel heisst, seine vier Brüder zu Freunden ge- 
macht, indem er sie bei der Erbtheiluhg sehr grossmüthig be- 
handelte. Er ist bei seinem Stamm sehr beliebt und alles 
sammelt sich jetzt um ihn in Halhal zu einem grossen, blühen- 
den Dorf. Die Az Gabdja haben zwar wenig Unterworfene, die 
Bewohner des Dorfes sind also fast alles Brüder von gleichem 
Blut und Adel, auf die aber Nussur grossen Einfluss hat. 

Zu Europa ist Beit Takue, ohne es zu wissen, in ein ge- 
wisses Schutzverhältniss getreten. Die obem Takue, die auch 
im Barka Pflanzungen haben, brachten viele Jahre lang dem 
Häuptling der Beni Amer jährlich sieben Kameellasten Weizen 
als Tribut und erkauften sich damit die Sicherheit für ihre 
Heerden und Pflanzimgen im Tiefland. Die Häuptlinge der 
untern Takue hingegen hatten sich 1854, das Schicksal der 
Bogos fürchtend, förmlich den Türken unterworfen. Als nun 
aber die Grossmächte die Bogos vor den ägyptischen Angriffen 
sicherstellten, wurden auch die Takue in den Vertrag einge- 



Digitized by 



Google 



202 Beise in's Land der Marea* 

schlössen und hatten seitdem nichts mehr von dieser Seite zu 
fürchten. Da sie nun aber, des alten Blutes gedenk, die 
Heerden der Az Gultane, .die türkische Unterthanen sind, weg- 
geraubt haben, so ist zu erwarten, dass sie der bisherigen 
Immunität verlustig gehen und dass die Türken den Begriff 
von europäischer Unterthanenschaft nicht so weit treiben 
werden, um diese neuen Montenegriner immer in Buhe zu lassen. 
Ich hatte bei Abtragung des Tributes Gelegenheit, mich 
über die statistischen Verhältnisse von Beit Takue genau zu 
erkundigen. 

Bevölkerung. 
Dörfer: 1) Hubub, provisorisch in Gabdsi, bewohnt 
von Az Gaim, mit denen viele Gengeren und Az Tokel 
zusammenleben. Häuptlinge sind Hedad Weld Baka 
und Idris Weld Nureddin. Erwachsene Männer 350 

2) Waliko, bewohnt von Az Kelb mit ihren zahl- 
reichen Unterthanen; mit ihnen leben viele Az Tekles 
(Habab) als Niedergelassene. Häuptlinge sind Shuker 
Weld Bomnet und Dafla Weld Temariam. 500 

3) Zeron, bewohnt vonAz TeklaDsion, Häupt- 
ling ist Weld Feda. 100 

4) Saraua, bewohnt von Az Feit, Häuptling 
Takrurai. 200 

Im Hochland sind 

5) Halhal, bewohnt von Az Gabdja mit an- 
deren kleinen Zweigen der Takue; Häuptl. Nussur 300 

6) Kaseh, bewohnt von Az Tesfei 100 

7) Gabei Alabu, bewohnt von Az Tshaffa mit 
vielen Unterthanen und niedergelassenen Marea; Häupt- 
ling Asfedai Weld Abib 450 

Im Ganzen M. 2000 

Rechnet man an Weibern und Kindern drei auf jeden Mann, 

80 käme die Bevölkerung auf 8000 Seelen. Man darf sie nicht 

nach den Häusern berechnen, da ein grosser Theil derselben 

beständig mit den Heerden der Weide nachgeht. 



Digitized by 



Google 



Heise in's Land der Mareä. 203 

Ausser dieser Schätzung hatte ich Gelegenheit, eine genaue 
Berechnung der erwachsenen Shmagilli (der Vornehmen, d. h. 
der eigentlichen. Nachkommen von Takue) zu machen, deren 
Resultat fplgendes ist: 

Az Gabdja hat 200 streitbare Shmagilli 
Az Tshaffa 250 » » 

Az Shum Dähn 30 » » 

Az Hesbei 110 » » 

Az Tesfei 100 » 

Az Kelb und i ^oo » 

AzTeklaDsionJ 

Az Gaim 30 » » 

Gengeren 100 » » 



i 400 ^^'ixhlr. 320*) (1859 TMr. 500) 



1020 
Ich füge eine annähernde XJebersicht der Heerden, der 
pflügenden Stierpaare und des Tributs bei. 

Heerden. Stierpaare. Tribut (1861). 

Halhal und Kaseh 50 

Gabei Alabu 100 

Hubub 80 100 » 150 

WalikoundZeronlTO 180 >> 250 

Den Tribut entrichten Tshaflfa und Gabdja zusammen, 
letzteres übeminmit ein Drittel. Die Az Feit erkennen sich als 
dem Naib unterwürfig an; so konnte ich mir keine Idee von 
ihrem Besitzthum machen. Ausser Kühen ist besonders Hubub 
reich an Ziegen, viel weniger Waliko; die obem Takue be- 
sitzen deren fast gar keine. Die Eintreibung des Tributs ist 
für die Häuptlinge eine erwünschte Einnahmequelle; er wird 
nach den Jochen berechnet, deren jedes 1 Thlr. zahlt, üeber- 
diess werden die Heerden noch extra besteuert; vom Ueber- 
schuss werden die laufenden Gemeindeausgaben bestritten, 
doch kann sich der Häuptling immer etwas bei Seite legen. 

Wir fanden also, dass die eigentlichen Takue etwa die 

Hälfte der Bevölkerung ausmachen; das Yerhältniss ist bedeu- 

*) Unter Thaler verstehen wir immer den östreichischen Maria- 
Th.eresia-Thaler, etwa öV* Frc. 



Digitized by 



Google 



204 Reise in'a Land der Marea. 

tend stärker als bei den Bogos*); während wir bei den Bogos 
durch den alten onverkümmerten Landbesitz die frühem 
Herren des Landes kennen lernen, sehen wir in den Takne 
ein Volk, das entweder in ein £Etst leeres Land jgekomnieii 
ist oder die Ureinwohner vernichtet hat: denn der Bodenbesitz 
ist in Händen des herrschenden Stammes. 

Die meisten Tigre (Unterworfenen) halten ^ich in Waliko 
auf, da der Anseba ihren Heerden zusagt. Hier wohnen auch 



*)Wir erlauben uns, nach neueren Forschungen eine üebersicht 
der statistischen Verhältnisse der Bogos einzuschalten. 
Az Zemat, Adeliche und Unterworfene, wohnen in: 

Hashala — Qunne — Konfu — Deraq — Habin Mentel — Ge^jfla — 

Ealankuilei — Azafa — Guraroch — Tctjarasi. 
Az Itekel wohnen in 

Degi — Habin Mentel — Mai Goga (Boggu). 
Az Hadembes in Eeren. 
Az Ebrahe in Gabei Alabu und Ferh^n. 
Az Shebot in One und Seti (Boggu). Einzelne in Keren. 
Az Idjel in Tantarua und Keren. 
Az Bürhano in Faladarib und Tantdrua. 
Beit Gabru leben in Keren und mit den Az Shebot. 

Die Bevölkerung kann jedenfalls zu 10,000 Seelen berechnet werden, 
wovon 1% Muslimin. 

Kuhheerden: 
One und seine Tigre 50 Heerden. 



Bürhano 


5 


» 


Idjel 


15 


» 


Shebot in Keren 


5 


» 


Shebot in Boggu 


7 


» 


Kbrahe 


40 


» 


Hadembes 


35 


» 


Itekel 


30 


» 


iiSemat 


123 


» 



310 Heerden zu 50 Stück a 3 Thk. 46,500 Thlr. 
In Geld, Schmuck etc. kann man rechnen wenigstens 10,000 » 

Die Ziegen bilden das Vermögen der Unbemittelten; sie 
liefern mehr Milch als die Kühe; man kann 1000 H. 

annehmen zu 50 St. im Werth von 20 Thlr. 20,000 » 

Also mag das Gesammtvermögen betragen 80,000 Thlr. 
Also nimmt der höchste Tribut (1000 Thlr.) kaum mehr als 17o- Dabei 
sind die Pflugstiere nicht in Betracht gezogen, wovon wenigstens 1200 
Paare da sind, die besteuert werden. 



Digitized by 



Google 



Beiaa in'« Luid der Marea, 205 

Tiele Habab vom Stamme Az Tokios ; sie bonehmon sich aber 
den Takue gegenüber eher als Herren, denn als niedergelassene 
Schützlinge. Mit den obern Takue leben aber viele Marea, 
die aber auch in ihrer Heimat tributpflichtig sind. Die er- 
widmten Gengor6n sind ihres Ur^runges Thaura; ihre Ver- 
wandten loben mit Az Temariam zusammen und vermitteln den 
Waarentransport zwischen Eeren tmd Massua. Sie sprechen 
Tigre und waren bis auf die Gegenwart Christen. Früher 
waren sie auf dem Plateau Aretta angesiedelt. Dann liessen 
sie sich in Dobak nieder, von wo sie aber auf nichtige Yor- 
wände hin von den Bogos vertrieben wurden. Seitdem leben 
sie zerstreut in Hubub und Halhal, nur ein kleiner Theil von 
ihnen bewohnt in Duarba am Fuss des Aretta ein eignes Dorf. 
Sie werden von den Takue als ebenbürtiger Adel angesehen. 
Zu erwähnen haben wir noch die Az Tokel, die in Hubub loben; 
der Hexerei beschuldigt, wurden sie von ihrer Heimat Bedjuk 
vertrieben und fanden erst nach langem Herumirren gegen 
ein Geschenk von 100 Thlr. bei . den Az Gaim Schutz und 
Unterkommen. (Vergl. mein Recht der Bogos, pag. 91.) 

Die Grenze der Takue gegen die Bogos hin bildet die Berg- 
linie (Modakka), die sich von Afharom zum Sattel von Dobak 
zieht, dann der Lalamba und seine Verlängerung bis Tshabbab. 
Von hier an bildet der Anseba selbst die Grenze gegen die Bedjuk, 
denen das rechte Uferland gehört. Von der Enge Saraua an 
beginnt das Gebiet der Az Tekles. Gegen die Marea hin bildet 
die Grenze der Strom von Kerkeriu. Gegen das Barka ist 
die Grenze unbestimmt, da die Abfälle von Melbeb und Tshel- 
lema auch von den Marea beansprucht werden. Unter Hafiüei 
weiden die Heerden der Takue und der Beni Amor gemein- 
schaftlich, wenn auch das eigentliche Gebiet der letztern unter 
dem Debre Säle beginnt. 

Die Leute von Hubub bepflanzen Gabdsi und die Hoch- 
ebene Modakka mit Durra und Bohnen; doch benutzen sie oft 
auch die Tiefebene von Mecyiel. Die Leute von Zeron, Wa- 
liko und Saraua begnügen sich mit den fruchtbaren Uferebenen 



Digitized by 



Google 



206 Keisd in's Land der Marea. 

links vom Anseba, die selten ihre schöne Erndte verfehlen. 
Die Leute von Halhal bebauen die Hochebenen von Halhal 
selbst, Mai Aualid, Eres mit Weizen, Gerste, Nuhuk und Ma* 
shella woqar. Sie wechseln mit Weizen und Gerste; besonders 
die letztere ist sehr schön. Das Land wird in ganz kleine 
Streifen vertheilt, sodass jeder ein kleines Feld bekommt; die 
Häuser und Gräber sind auf den kleinstmöglichen Raum zu- 
sammengedrängt. Kother Pfeffer, Zwiebeln, kurz alles was 
Abyssinien hat, würde hier vollkommen gedeihen. Doch ist 
das Hochland für die Heerden nicht sehr günstig; in der 
Regenzeit sind die Fliegen unausstehlich, im Herbst wird die 
Kälte äusserst empfindlich. Das Hochland genügt übrigens 
den Bedürfhissen durchaus nicht; die Az Gabdja bebauen zu- 
sammen mit den Genger6n das Thal Bab Gengeren; die Az 
Tshaffa dagegen benutzen imBarka die Thäler Hafulei und Tshu- 
rum bis Hömmeret Goila. Die Hochebene Aretta wird von 
den Gengeren bebaut. Die Takue sind sehr eifrige Acker- 
bauer, doch pflügen sie nur einmal über die Saat hin; gedüngt 
wird theilweise, indem man die Heerden auf dem Feld über- 
nachten lässt. Tabak wird wenig gepflanzt, aber viel ge- 
raucht; man führt ihn von den Bogos und von Massua ein. 
Schnupfen und Kauen wird immer aUgemeiner. 

Was nun Sitten imd Rechtsverhältnisse der Takue betrifft, 
so fand ich eine bis auf das Kleinste gehende Uebereinstim- 
mung mit allem, was ich früher als Recht und Sitten der 
Bogos beschrieben habe, sodass jedes dort gesagte Wort auch 
hierher passt. Ich war mir schon früher dieser Gleichheit bewusst, 
habe sie aber auf dieser Reise bis auf jede Einzelnheit con- 
statirt, ein Resultat, das bei der Verschiedenheit der Stämme 
auffällt, besonders wenn man berücksichtigt, dass die Habab, 
die Marea, die Mensa der gleichen Rechtsprincipien theilhafög 
sind, die bei den Bogos herrschenden Sitten und Gebräuche 
aber ausser den genannten Völkern auch dem Samhar und 
zum Theil auch dem Barka gemeinschaftlich sind. 

So dürfen wir nur auf das für die Bogos Gesagte hin-* 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 207 

weisen; selbst der Islam hat noch wenig Begriffe umgestaltet. 
Wir haben hier nur ganz wenig Ausnahmen zu constatiren. 
Wenn wir hier wie bei den Bogos eine ziemlich lose zu- 
sammenhängende Aristokratie finden, so müssen wir gestehen, 
dass diese letztere bei allem bösen Willen sich viel mehr 
schont , während die energischeren Takue sich durch die 
ewigen Familienfehden aufreiben. Das Verhältniss des Tigre 
ist das gleiche; früher brachte er seinem Herrn Bier, jetzt 
entrichtet er ihm eine kleine Abgabe in Getreide und Schmalz. 
Yersäumt er seine Pflicht, so wird er zum Dade gemacht, 
worauf er mit seiner Nachkommenschaft an seinen Herrn, für 
immer gekettet ist. Diese Art beschränkter Leibeigenschaft 
kommt übrigens auch bei den Bogos häufig vor. Sonst kann 
der Herr seinen Tigre nicht verhindern, sich einen neuen 
Herrn zu wählen; aber er hat das Recht, ihm bei seinem 
Austritt alle etwaigen Ansprüche ohne allen Beweis aufzählen 
2u können. Sklaven besitzen die Takue sehr wenige; der 
Ursprung der Sklaverei ist auch hier meist Zahlungsunfähig- 
keit. — Der Takue schwört, indem er das Grab eines Kinder- 
losen betritt. — Derjenige, der ein fremdes Feld bebaut, ent- 
richtet dem Grundbesitzer den dritten Theil der Emdte, was 
sich aus dem Mangel an genügendem Land erklärt. — Der 
gebundene Haus-, Feld- oder Kuhdieb befreit sich mit Zahlung 
von 30 Kühen, einem Kameel und einem Teppich; sonst vrird 
er leibeigen. Ehehindemisse finden wir dieselben, wie bei 
den Bogos; doch werden sie seit Einführung des Islam für 
die mütterlichen- Verwandten nicht mehr streng eingehalten 
und es ist vorauszusehen, dass in Kurzem das mohammeda- 
nische Ehegesetz das Landrecht ganz verdrängen wird. — 
Der Tochtersohn ist mit seiner mütterlichen Familie noch 
enger verbunden, als bei den Bogos, da er seinen mütterlichen 
Onkel rächen darf; ein Verhältniss, das seine höchste Aus- 
bildung bei den Barea und den Bazen erhalten hat. — Die 
Frau ist hier insofern besser gestellt, da sie vor dem Ge- 
meinderath (Mohäber) auf Scheidung klagen darf. Die Wittwe 



Digitized by 



Google 



208 Reise in'a Land der Mare«. 

trauert für ihren Mann, sei er ein Yomehmer oder ein Ge-» 
ringer, ein volles Jahr. — Der Landbesitzer, der sein Grund- 
stück verliehen hat, hat das Recht, es das folgende Jahr nach 
eigenem Gutdünken zu verwenden. Land wird unter alle 
Erben gleichmässig vertheilt. Gefundenes herrenloses Gut 
muss der Tigre seinem Herrn bringen, der ihn nach Gut- 
dünken dafür belohnt. — Der durch Eid überwiesene Dieb 
ist zu dreifacher Rückgabe verbunden. — Der Blutpreis ist 
derselbe wie bei den Bogos, er wird ohne Bevorzugung der 
nächsten Verwandten an alle Glieder der Familie gleichmässig 
vertheilt. Der Preis für einen getödteten Tigre beträgt aber 
120 Kühe, wovon die Hälfte seinem Herrn ist Im Blutpreis 
werden auch Land und Ziegen angenommen. — Auf ausser- 
eheliche Schwängerung steht der volle Blutpreis, den aber der 
Gebrauch auf 60 Kühe reducirt hat, nicht wie bei den Bogos, 
wo sich der Vater oft sogar mit einer einzigen Kuh versöhnen 
lässt. — Ausgeschlagener Zahn oder Auge gilt 10 Kühe. — 
Die Takue verstehen sich für ihren getödteten Gast oder 
Tigre selten zu Annahme des Blutpreises, während sie sich 
für den getödteten Verwandten leicht mit dem Blutgeld ver- 
söhnen lassen. Das Gast- und Geleitsrecht ist hier besonders 
heilig gehalten; man hat Beispiele, dass der Gast, der im 
Dorf seifet jemanden erschlagen hatte, unversehrt nach seiner 
Heimat entlassen vnirde. — Wer im Streit mit seinen Ver- 
wandten auswandert, dessen Land wird brach gelassen; des- 
wegen liegen die Grundstücke der Takue in ihrer alten Hei- 
mat bis auf heutige Zeit brach. — Der Kläger führt den 
Zeugenbeweis, in dessen Abwesenheit der Angeklagte zum 
Entlastungseid berechtigt ist, wie im mohammedanischen 
Gesetz. — Das Blut oder die Schuld der Frau übernimmt der 
Mann oder der Vater, je mit wem sie gerade lebt 

Wir haben sehr wenige Ausnahmen zu constatiren; im 
Uebrigen gleicht das Recht dem der Bogos auf das Haar; 
das Gleiche gilt von den Sitten und Gebräuchen, die für beide 
Völker ganz dieselben sind. Wir haben nur Weniges beizu- 



Digitized by 



Google 



Heise in's Land der Marea. 209 

fügen. Ein am Mittwoch geborenes Kind wurde früher ge- 
tödtet, jetzt ist man tolerant geworden. Das Leben der Frau 
ist das gleiche; Scheidung und Vielweiberei ist auch hier nur 
eine Ausnahme. Die Häuser waren früher viereckige steinerne 
Nihiss mit flachem Dach, me sie im Hamasen üblich sind 
oder Tuqlo mit steinerner Ringmauer. Jetzt baut man sie 
wie bei den Bogos oder lebt in Mattenzelten. 

Die Takue sind entschlossener, thätiger als die Bogos; es 
fehlt ihnen nicht an Muth; doch wenden sie ihn nur unter- 
einander an, während sie mit dem Ausland meist in Frieden 
leben. Das verkehrte, falsche Herz haben sie mit den Bogos * 
gemein; ihre Freundschaft ist unzuverlässig. — Die Landes- 
sprache ist das Bolen, das sie aber sehr eigenthümlich aus- 
sprechen und auch grammatikalisch mit dem Tigre vermengen. 
Doch wird das Tigre allgemein gesprochen und es ist voraus- 
zusehen, dass es bald das Belen ganz verdrängen wird. 



Mansinger, Ostafrik. Stadien. 14 



Digitized by 



Google 



Von Halhal nach Kelbetu. 



Donnerstag den 5. September um 9^/4 Uhr Morgens ver- 
lassen wir, begleitet von Nussur, das Dorf. Der Weg geht 
nordwärts zuerst durch anmuthige Kornfelder, dann wird er 
unebener und wir steigen mehrere Hügel auf und ab, die mit 
Oliven bewaldet und zuerst von der Querebene Sultane und 
dann vom Thal Mai Auälid (Jungfrauenwasser) unterbrochen 
sind. Das letztere ist lang und schmal, von Kornfeldern 
bedeckt; das Wasser, wo früher das Dorf stand, liegt Y4 St. 
rechtsab vom Weg. Von da konmien wir durch einen dichten 
Wald zu einem Bach, der sich nicht unfern mit Mai Aualid 
verbindet und den Kerkeriu bildet, der in jähem Abgrund 
das Gebiet der Halhal und Marea voneinander trennt; so 
liegt nur am Abfall von Metkel Abet ein sehr enger Pass 
oflfen, der als Beit Höbei (Affenhaus) schon von Weitem durch 
eine mächtige Felswand zu unterscheiden ist. Jenseits dieses 
Passes kommen wir über mehrere kleinere Berge zu der 
wasserscheidenden Höhe und sehen unter uns das grosse Thal 
Geridsa als Kessel, den diesseits und jenseits schief in die 
Mitte ablaufende Ebenen, hier Melebso, dort Rehi, durch den 
Torrent Eig getrennt, bilden. Von dem Kamme führt der Weg 
ganz sanft zur ersten Ebene hinab, deren Kornfelder mit zer- 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Mareä. 211 

streuten Weilern abwechselnd ein erfreuliches Bild gewähren. 
In der Tiefe des Kessels überschreiten wir den Torrent Eig, 
dessen Thal mit dichtem Wald die zwei Culturebenen trennt, 
und steigen die jenseitige Ebene Rehi hinauf, wo wir bei dem 
grossen Häuptling der rothen Marea unser Nachtquartier 
nehmen in einem Weiler von etwa 20 Mattenzelten. Wir setzen 
uns neben einige dem Dorf anliegende Felsblöcke; die ersten, 
die zum Willkomm zu uns herauskommen, sind einige hier 
angesessene Handelsleute von Dokono (Arkeko). Nach langem 
Warten, das die Eingebomen wohl zur Berathung über unser 
Kommen verwenden, schickt uns Beri Weld Dafla seine Grüsse; 
er wäre selbst gekommen, aber seine Augen seien sehr ange- 
griffen; wir möchten hineinkommen. Man führt uns innerhalb 
der Umzäunung in ein kleines, aber sehr reinlich gehaltenes 
Ablu, das einer alten Sklavin des Häuptlings gehört. Wir 
haben wenig Zudrang von Neugierigen; freilich ist das Dorf 
sehr klein und wennschon rings herum, so weit das Auge 
reicht, Weiler an Weiler zu erblicken sind, so sind sie doch 
weit genug voneinander entfernt, um Lärm zu vermeiden 
und dem Land einen Anstrich von Einsamkeit zu geben. Das 
Aassehen der Ebene versetzt uns ganz in das abyssinische 
Hochland; sie ist viel weiter und freier, als Halhal und ebenso 
baumlos. Die alte Hausmutter, die scheint es immer die Ein- 
quartirung der Gäste besorgt, überlässt uns ihr Bett und 
reservirt sich nur einen Winkel in der Hütte; sie wird von 
allen mit vieler Achtung behandelt, da sie als alte Haus- 
sklavin sich mit der Herrenfamilie fast identificirt. Gewiss 
sind gebome Sklaven, die nie die Freiheit gekannt haben, 
nicht unglücklich; sie finden ihre Lage natürlich und theilen 
Leid und Freud der Familie; wehe denen, die noch die Ehre 
der Freiheit kennen. 

Den 6. September Morgens früh verabschiedet sich Nussur, 
nachdem er uns in den Schutz Beri's übertragen hat; ich 
liebe sein offnes Gesicht und Rede, aber nicht seine Bettelei. 
Da ich ihm für seine Gastlichkeit und Geleit gegeben, was 

14* 



l 



Digitized by 



Google 



212 Reise in's Land der Marea, 

recht ist, erkläre ich ihm oflfen, dass ich aus eigenem Antrieb 
zu geben gewöhnt sei und nicht in Folge des danklosen 
Betteins, wo die Gabe erzwungen scheint. Ich führe diess an, 
um die Grenze der adelichen Gesinnung bei diesen Völkern 
anzugeben, anderseits um den Reisenden die gleiche Hand- 
lungsweise zu empfelden: dass der Gast, besonders der für 
steinreich angesehene Europäer freigebig sein muss, ist keine 
Frage; aber eine massige freiwillige Gabe hat mehr Werth, 
als grosse'Geschenke, die man sich so zu sagen abzwingen lässt. 
Nach Nussur's Abreise ^mache ich dem Häuptling Beri einen 
Besuch. Ich finde ihn in einem sehr grossen Mattenzelt; wir 
setzen uns auf ein Angareb in der äussern Abtheilung, die 
ein Vorhang von dem Frauengemach trennt. Ich kenne Beri 
schon vom letzten Jahr, wo er sich in Sachen des Tributs 
lange Zeit als Geisel in Keren aufhielt. Er ist ein Sechziger, 
obgleich ihn sein Augenübel viel älter scheinen lässt. Er ist 
sehr gesprächig; er klagt über das Hungerjahr, über die vielen 
Regen Tag und Nacht, die auch dieses Jahr den Getreide- 
wuchs verhindern, über das frühe Kommen der abyssinischen 
Tributexpedition. Er meint mit Recht, der Tribut sollte erst 
nach der Emdte genommen werden. Freilich kennt er die 
zweifelhaften Verhältnisse Abyssiniens nicht, wo jeder nimmt, 
was er kann, da er des moi^gen Tages nicht sicher ist. Er 
erzählt mir viel über die Ursprünge seines Volkes und be- 
stätigt seine Verwandtschaft mit den Mensa und Tero'a; er 
leugnet bestimmt den abyssinischen Ursprung. Er befragt 
mich etwas ängstlich über die Beweggründe meines Besuchs, 
obgleich er mich schon gestern hatte vernehmen lassen; ich 
erwiedere ihm offen, es habe mich als Nachbar interessirt, 
meine Nachbarn Äcfnnen zu lernen; er wisse wohl, dass es 
einem Franken nicht einfallen könne, nach ihrer Armuth gierig 
zu sein; es sei aber in Europa geehrt, wer viele fremde Völker 
besucht habe. Beri fand mich gewiss sehr thöricht; da er 
mir aber glaubte, war mir an seiner Meinung wenig gelegen. 
Von einem seiner Söhne, einem kleinen recht bescheidenen 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 213 

Knaben, geleitet, gehe ich dann nach Balkat, einer felsigen, 
nur Va St. fernen Anhöhe, welche die Ebene von Geridsa 
gegen Norden abschliesst. Wir haben eine prächtige Aussicht; 
gegen S. die ganze Ebene, unter uns der jähe Abgrund von 
Darikal und fest westlich der von seinem Winterwasser weiss 
glitzernde Anseba, der scheinbar stark fallend aus einer Enge, 
welche die Abhänge von One und AzTekles bildet, sich hin- 
auszwängt. Uns gegenüber das langgestreckte Hochgebirge 
der Habab, das mit uns in gleicher Höhe sich zu halten 
scheint. Die Anhöhe von Balkat trug firüher Beri's Dorf, das 
sich aber wegen ausgebrochener Pocken und der steten Ueber- 
fälle von Leoparden, die sich an Menschenfleisch gewöhnt 
hatten, flüchten musste. 

In's Dorf zurückgekehrt, hören wir, Dedjas Imam habe 
mit Kommen gedroht, wenn man sich nicht mit dem Tribut 
beeile; da Beri dazu bereit ist, sendet er Boten zu seinen 
vornehmsten Verwandten, um sich darüber zu verständigen. 
Abends besucht mich Dafla, Beri's Lieblingssohn, ein hübscher 
junger Mann, mit dem ich mich lange über die Landessitten 
unterhalte; mit Fragen muss ich immerhin vorsichtig sein, da 
wir noch nicht eingewöhnt sind oder, wie das Tigre sagt: 
«Wir haben noch nicht den Geruch genommen». Von Gast- 
freundlichkeit gibt Beri wenig Proben, um so besser bewirthen 
uns die Leute von Arkeko, die uns überall bei den Marea wie 
alte Bekannte aufnahmen. 

Den 7. September kommen viele Häuptlinge, Beri's Ver- 
wandte, hier an, um sich mit ihm über den an Imam zu ent- 
richtenden Tribut zu verständigen. Uns ist für morgen das 
Geleit versprochen imd wir sind dessen froh; unsere Maul- 
thiere sind von den Fliegen so gepeinigt, dass sie nicht mehr 
an's Fressen denken können; die Flöhe sind zum Glück weniger 
lästig, als zu Halhal. Wir sehen weder Hunde noch Katzen, 
dagegen bevölkern ihre Feinde, die Ratten, und die Hyänen 
das Land in unglaublicher Zahl; zwanzig Hyänen auf Einem 
Platz zu sehen, ist gar nichts Seltenes. Das Wild ist von der 



Digitized by 



Google 



214 Reise in's Land der Marea. 

Cultur verjagt worden, da in der ganzen Ebene kein Fleck 
brach da liegt. Der Mangel an Bäumen gibt dem Land ein 
kahles Aussehen; es macht den Eindruck, als ob die herben 
Herbstwinde alles weggefegt hätten. Die Marea scheinen uns 
sehr eifrige Muslimin, aber ihr Leben haben sie noch nicht 
dem Glauben angepasst. An Aberglauben fehlt es natürlich 
auch nicht. Die paar heitern Tage bringen uns fast in den 
Ruf von Regenvertreibern; auch unser vieles Schreiben scheint 
manchem Hexerei, da in diesem Lande alles Geschriebene 
Koran oder Talisman ist. Selbst Beri, dem es an klarem 
Verstand nicht- fehlt, scheint von Aberglauben nicht frei; er 
empfiehlt mir sein Maulthier, das heute krank von den Heer- 
den hierher gebracht wurde; ich verstehe den Sinn dieser 
Empfehlung nur mit Mühe und als ich ihm bedeute, dass 
alles in Gottes Hand sei, erwiedert er naiv, es gebe auch aus- 
ser Gott Kräfte, die nützen und schaden können. Wir sind 
im Ganzen sehr wohl angesehen; die Leute können nur nicht 
begreifen, dass wir mit all unserer Gelehrsamkeit Ungläubige 
bleiben konnten; es sei eben unsere Bekehrung nicht im Buch 
des Schicksals geschrieben, erwiedem wir ihnen. 

Den 8. September um 10 Uhr erscheint endlich unser Füh- 
rer zu den schwarzen Marea, ein anderer Sohn unseres Wir- 
thes, Adam, ein magerer langer Junge von etwa fünfzehn 
Jahren; er hatte sich bis jetzt am Anseba bei den Heerden 
aufgehalten, aber die Milch hatte bei ihm, scheint es, nicht 
angeschlagen. Er sollte also fortan unser Schützer sein und 
er konnte es wohl, da nicht sein Arm für unsere Sicherheit 
bürgt, sondern der gute Klang seines Namens. Wir brechen 
um V2II U^ unter leichtem Regen auf, gehen wohl eine 
Stunde lang zwischen kahlen Hügeln auf imd ab, bis gegen- 
über dem Berg Henik Hamas; von da kommen wir über ein 
tiefes von einem Bach durchflossenes enges Thal zu der jen- 
seitigen Fortsetzung der Hügelreihe, die zum Gebirgsabhang 
fuhrt; wir finden hier und da sogenannte Shiffr d. h. alte 
Heerdenlager , die überreichlich gedüngt, von hohem immer- 



Digitized by 



Google 



Reise in*8 Land der Marea. 215 

grünen Gras üppig bedeckt sind. Am Rand des Gebirges 
sehen wir uns gegenüber den Gebirgszug der schwarzen Marea, 
durch ein sehr tiefes geräumiges Thal von uns getrennt. Wir 
brauchen eine gute halbe Stunde, um den sehr jähen Abhang 
hinunterzusteigen und kommen in das Engthal Sor, einen 
Zweig des grossen Thaies, das die beiden Rora (Plateaux) 
voneinander trennt. Wiederum finden vrir unsern alten Be- 
kannten, die Adansonia; überhaupt lässt die Vegetation 
schliessen, dass \vir uns ziemlich auf gleicher Höhe mit dem 
Anseba bei Daueloch befinden. Wir gelangen dem Torrent 
nach, der jetzt fliessend ist, zu einem Heerdenlager von Az 
Tesfa Girgis, einem Zweig der rothen Marea; die Umzäunung 
befindet sich auf einer kleinen Uferebene. Obgleich es noch früh 
ist, satteln sdv ab, um unsere Maulthiere mit der prächtigen 
Weide für die Hungertage im Hochland zu entschädigen. Wir 
werden sogleich von der ganzen Bevölkerung dieses wandern- 
den Dorfes umringt; zum ersten Male haben sie die Gelegen- 
heit, sich von der Existenz weisser Menschen zu überzeugen. 
Der erste Eindruck ist nicht der günstigste; einerfragt sogar 
unsere Leute, ob wir fähig seien, Milch zu trinken; in der 
Meinung, er werde von uns nicht verstanden, bemerkt ein 
anderer unserem jungen Führer, die schwarzen Marea wür- 
den seinem Vater kaum dankbar dafür sein, ihnen solche 
Gäste zugeschickt zu haben. Alle zeigen sie ihr Misstrauen 
über unsere möglichen Absichten bei diesem unerhörten Be- 
such. Doch verändert sich die Scene, als ich mit ihnen in 
gut Tigre zu reden anfange; etwas Freigebigkeit öflfnet vol- 
lends das Thor der Freundschaft; ein paar Prisen Schnupf- 
tabak, die ich unter sie austheile, machen sie alle zu sehr 
artigen gesprächigen Leuten, was mir die trivialste Wahrheit, 
für die ganze Welt gültig, wieder beweist. Auch die Neugier 
ist bald befriedigt und jeder kehrt zu seinem Geschäfte zu- 
rück; der eine schnitzt sich mit dem Beil ein hölzernes Kopf- 
kissen zurecht; ein anderer hobelt und glättet seinen Krumm- 
stock mit einer Glasscherbe ; ein dritter ist sorgfältig bemüht» 



Digitized by 



Google 



216 Reise in's Land der Marea. 

seinem Freund die Haare zu Hechten und dieselben dann 
vermittelst schneeweissen Lammfettes einzupudern. Das Aus- 
sehen des Thaies gleicht dem des obem Anseba, wozu der 
hier vorherrschende auch bei den Bogos so gewöhnliche Wol- 
wal mit der Papierrinde viel beiträgt; auch zeigen sich viele 
Rieseneuphorbien (Qulqual), Tserga und Tamarindenbäume. 
Von Feigenbäumen ist die Tghaqamte sehr häufig; sie gleicht 
der Darosykomore im Holz, hat aber längliche Blätter. Affen 
zeigen sich in grossen Schaaren. Der JBoden ist wie in dem 
Lande der Bogos Granitschutt. 

Den 9. September gelangen wir in fast sechsstündigem 
Marsch von Sor das ganze Thal überschreitend an den Fuss 
des jenseitigen Gebirges. Wir gehen zuerst den Torrent hinab 
bis One, wo sich ihm ein Waldbach vereinigt; da das Thal 
sehr eng ist, waten wir beständig im Stromwasser. Unter 
One wird das Thal freier, die Aussicht offener ; in Hush ver- 
lassen wir endlich den nördlichen Sera zueilenden Strom. 
Wir haben seit Sor viele Heerdenlager angetroffen. Hush 
kann als Thaltiefe augesehen werden. Nun gehen wir über 
einige Hügel, die eine lokale Wasserscheide bilden, zum Was- 
sergebiet Azmat über; dieses Hügelland ist uns als Kednet 
bekannt, Sitz von Az Tshankera, die hier zerstreut in ihren 
Feldern leben. Der Baimiwuchs des ganzen Thaies erinnert 
an Boggu; die Sonne brennt wie im Barka, woran auch die 
Frühreife des Durra mahnt. Freie Aussicht über das Thal 
haben wir nur in Kednet. So gelangen wir, einen Zufluss 
des Azmat, den Kush, hinaufgehend, der ein breites sandiges 
Bett hat, an den Fuss des jenseitigen Gebirges. Wir finden 
hier auch Beni Amer, die mit ihren Ziegen von Sera hinauf- 
gekommen sind. Meine Leute sind jetzt, wo wir das Gebiet 
der schwarzen Marea betreten haben, etwas beängstigt; vor 
einem üeberfall schützt uns unser Geleitsmann, aber den 
Eintritt in's Land kann man uns immer verbieten. Wir hör- 
ten später, dass die schwarzen Marea sich über unsem Besuch 
nicht besonders freuten, da sie ihr Land so viel wie mög- 



Digitized by 



Google 



Beise in's Land der Marea. 217 

lieh 7or jedem Fremden zu verbergen suchen; glücklicher- 
weise kamen wir im bewohnten Lande an, ohne dass eine 
Nachricht uns vorausgeeilt wäre. Wir brechen nach kurzer 
Bast auf; der Vogel Wass, zu unserer Rechten pfeifend, ver- 
spricht meinen Leuten gute Aufnahme. Von Kush vdrd der 
Weg immer enger und steiler, bis zum eigentlichen Fuss des 
Berges, den wir zu Fuss hinaufklimmen. Die Steigung ist 
durch viele Krümmungen des Weges erleichtert und mag die 
Höhe des Halhalabhanges (Elos) haben. Auf dem Kamme an- 
gelangt, sehen wir noch einmal auf das jenseitige Geridsa 
zurück und durchziehen dann drei von Abgründen vonein- 
ander getrennte Culturebenen, Sheliwai, Erota und Kelbetu. 
Der dritten Ebene liegt das Dorf unseres gewählten Gastherm 
in Felsen versteckt an; wir haben aber auch in den zwei 
ersten mehrere Weiler passirt, deren Bewohner uns wahr- 
scheinlich für Abkömmlinge des Propheten halten; sie begrüs- 
sen uns mit vieler Ehrfurcht und wünschen ihrem Lande zu 
unserer heiligen Gegenwart Glück. Wir steigen mitten im 
Dorfe ab und setzen uns, bevor man nur unsem Besuch 
ahnen konnte; so sind wir auf eigene Faust hin des Gast- 
rechts theilhaftig. Der Empfang ist sehr feierlich; der Häupt- 
ling, Ab Bakita zubenannt (Glücksvater), eigentlich 'Ezaz Weld 
Mussa, kommt mit grossem Geleit aus seinem Haus auf uns 
zu; er ist ziemlich lang und schwarz; mit dem jungen Ge- 
sicht, dem frischen lebendigen Auge contrastirt seltsam der 
graue Bart; der Vorderkopf ist etwas kahl, die Hinterhaare 
schwärzlich, die Nase etwas gebogen. Er trägt ein weites 
farbiges Kleid, wie sie in Kassala gewoben werden; seine Be- 
gleiter tragen alle das Schwert auf der linken Schulter. Er 
bittet meinen Begleiter Gabir, den er kennt, mich zu bewill- 
kommnen. Mögt Ihr mit Glück und Frieden gekonmien sein, 
ruft er uns zu. Mögt Ihr uns mit Glück und Frieden er- 
wartet haben, erwiedere ich. Daraufhin gibt er Befehl, unsere 
Effecten in's Dorf, zu tragen und fuhrt uns in ein hübsches, 
ganz geräumiges Haus. Abends habe ich eine lange Unter- 



Digitized by 



Google 



218 Reise in^s Land der Marea. 

haltung mit Ab Bakita; da er meinen Besuch mit den Be- 
wegungen Imam's in Verbindung zu bringen sucht, habe ich 
ziemlich viel Mühe, ihn von meinen lautem Beweggründen zu 
überzeugen. Wir finden auch hier Hand^eute von Dokono, 
die sich sehr gefällig zeigen und mir als Cicerone dienen, 
was mir sehr lieb ist, da ich mit meinen Fragen die Ein- 
gebornen nicht misstrauisck machen will. 

Sie begleiten mich den 10. September auf den dem Dorfe 
gegenüberliegenden Debr Kuddus (heiliger Berg), auf dessen 
Rücken Spuren alter Wohnungen sichtbar sind. Von seiner 
Spitze aus kann ich mir einen klaren Begriff von der Form 
des Marealandes machen, eines durch Schluchten in eine 
Menge kleiner Ebenen zertheilten Plateau. Der Wald fehlt; 
nur die Abgründe sind bewaldet, während die Ebenen kahl 
daliegen. Bei Kelbetu gibt es noch viel Euphorbien (Qulqual), 
aber keine Oliven mehr. Die Fliegen und die Flöhe sind ganz 
verschwunden; die Luft ist viel wärmer, als in Geridsa. Alle 
diese Umstände überzeugen uns, dass wir ziemlich viel tiefer 
uns befinden. Das Dorf Kelbetu selbst ist von allen Seiten von 
Feldern umgeben, die durch Felsen und Wald malerisch un- 
terbrochen sind. Nach meiner Rückkehr bringt mir Ab Bakita 
eine fette Ziege ; überdiess versieht er uns jeden Morgen und 
Abend mit Milch und Brod. Der Tag vergeht mit sehr lehr- 
reichen Gesprächen mit den Eingebomen, die sich sehr ehr- 
erbietig gegen uns betragen ; unter den Besuchenden ist auch 
Mohammed Weld 'Abbi, ein Vornehmer von Az Tekles, dessen 
Bruder mir seit längerer Zeit befreundet ist. Er gibt mir 
vrichtige Aufschlüsse über die Geographie des untern Anseba. 

Den 11. September brechen wir um halb elf Uhr von den 
Dokono begleitet auf, um Fat zu besuchen, einen felsigen 
Berg, der vom südwestlichen Ende des Plateau auf das Tief- 
land des Barka direct hinabschaut. An einem nie vertrock- 
nenden Teiche vorbei kommen vnr über eine von Hügeln und 
Abhängen unterbrochene Ebene zu einem wild über Felsgeröll 
hinbrausenden Strom, der den* Fuss des Felsberges netzend^ 



Digitized by 



Google 



Beise in'a Land- der Marea. 219 

die ihm vorliegende Ebene gleichen Namens durchzieht und 
dann in's Barka hinunterfällt. Der Berg selbst besteht aus 
einem ungeheuren sehr hohen Felsthurm, der an seiner Basis 
von gewaltigen Felsblöcken umringt ist, die ordnungslos über- 
einander gefallen eine Unzahl von HÖUen und Schachten bil- 
den. Die alten Einwohner, welche die Wichtigkeit dieser 
Stätte als Zuflucht in bedrängten Zeiten einsahen, hatten ihr 
Dorf am Fuss des Berges über dem Strom errichtet und hal- 
fen der Natur einigermassen nach, um sich zu befestigen. 
Den Pass gegen Norden verwehrten sie mit einer starken 
Mauer ohne Cement, deren Reste noch drei Fuss hoch stehen. 
Das Thor bildeten zwei mit der Mauer verbundene Fekblöcke. 
Es finden sich im Innern dieser Befestigung mehrere mit dem 
Meissel ausgehöhlte Felsblöcke; darunter ist besonders ein 
ziemlich kleiner bemerkenswerth, da er im Innern ganz aus- 
gehöhlt ist und nur eine ganz enge OeflEnung hat; im Iniiem 
fanden sich Knochensplitter, sodass diese Höhle als eine 
Todtenkammer zu betrachten ist; sie gleicht im Aussehen ganz 
der auf Debre Sina bei Mensa noch benutzten Todtenhöhle. 
Eine andere ähnliche Höhle konnten wir mit allem Suchen 
nicht finden, obgleich die Dokono sie fiiniher gesehen zu ha- 
ben versicherten. Wir sehen auch ein zwölf Fuss langes und 
drei Fuss breites Grab, zwxi Fuss erhaben über dem Boden 
von sehr regelmässigen Steinen winkelrecht gebaut; es war 
wahrscheinlich früher viel höher, da viele ähnliche Steine 
zwecklos herumliegen. Senkrecht dazu liegt ganz in der Nähe 
ein ganz regelmässig viereckiger, sechs Ellen langer, einen Fuss 
breiter Stein, der einen Fuss hoch frei auf der Erde liegt; es 
ist uns aber unmöglich, ihn von der Stelle zu rücken; er 
scheint auch zu einem Grabe zu gehören. Wir finden femer 
viele Spuren runder Steinhäuser. Die herumliegenden Steine 
sind alle so regelmässig, dass sie behauen oder wenigstens 
zu dem Zweck sorgfältig ausgesucht sein müssen. Nachdem 
wir so der Menschen Werk besichtigt, besuchen wir die durch 
die Felsblöcke gebildeten unterirdischen Kammern. Wir zün- 



Digitized by 



Google 



220 ILeiee in's Land der Marcs. 

den eine Kerze an und steigen Schachte auf und ab, die 
meist miteinander in Verbindung stehen und in der Tiefe 
oft sehr geräumig sind. Wir finden Ueberreste von Thonge- 
fässen, die noch vor Kurzem unversehrt gewesen sein sollen. 
Aus den Abgründen, welche die Blöcke untereinander bilden, 
wachsen ungeheure Bäume gerade zum Himmel empor. Wir 
besichtigen eine Menge von Höhlen und klimmen sehr steile 
glatte Schachte auf und ab; doch finden wir keine Zeichen 
menschlicher Kunst. Der ganze Berg hat dieselbe Beschaf- 
fenheit; vor zwei Jahren, als man einen Einfall von Marit's 
Truppen befürchtete, hatten sich die Handelsleute von Dokono 
mit ihren Habseligkeiten für einen ganzen Monat hierher ge- 
flüchtet. Auf dem Gipfel, behaupten die Eingebomen, wohnt 
ein böser Geist, dessen Anblick Menschen und Vieh tödtet. 
Wir bestiegen ihn nicht, weil der bedeckte Himmel wenig Aus- 
sicht versprach. Es ist unzweifelhaft, dass es nicht die Marea 
waren, die sich diese Zufluchtstätte bereiteten; die freilich 
rohe Kunst verräth eine Cultur, die von den jetzigen Be- 
wohnern nicht erreicht wird; sie denken nie daran, der Natur 
irgendwie nachzuhelfen. Doch konnten wir darüber nichts 
Sicheres erfahren. Immerhin kamen wir etwas.* enttäuscht zu- 
rück, da ich gehofiFt, Inschriften zu finden, aber durchaus 
nicht unzufrieden; schon der Anblick des Felsenmeeres mit 
der ihm entsteigenden Felsenburg und der es umgebenden 
Wildniss bot einen erfreulichen Contrast zu der Einförmigkeit 
der Culturebenen. 

Wir hätten jetzt grosse Lust gehabt, noch einige Tage- 
reisen weit dem Anseba nachzugehen; aber wir wussten nicht, 
wie bald die Expedition von Keren aufisubrechen gedenke. 
So stellten wir unsere Abreise auf den folgenden Tag fest. 
Die übrige Zeit benutzte ich noch, um meine geographischen 
Kenntnisse zu vergenauem. Ab Bakita brachte mir noch ex- 
press mehrere Zeugen über den Lauf des Anseba und seinen 
Zusammenfluss mit dem Barka, die meisten Leute vom Barka, 
die oft bis To'ker gekommen waren. Sa konnte ich die Reise^ 



Digitized by 



Google 



Beise in's Land der Marea. 221 

als nicht ungelungen betrachten, da sie zu einem klaren Be- 
griff des Fluss- und Bergsystems der Marea mich führte. 
Ethnographisch erhielt ich nicht unwichtige Aufechlüsse. Alle 
diese Resultate sind in andern Abschnitten dargestellt. Kel- 
betu selbst hinterliess mir einen sehr freundlichen Eindruck; 
schon das nähere Zusammenwohnen zeichnet es vortheilhaft 
vor dem einsamen Rehi aus. Die dem Dorf anliegende Fel- 
sengruppe bot auch Jagdgelegenheit, indem sie von zahlreichen 
Wildschweinen, Hyänen und Tshuanbesa bewohnt ist. In drei 
Tagen waren wir wie alte Freunde geworden; der Häuptling 
und seine Leute wetteiferten in Gefälligkeit. Ich gab zum 
Abschied einige kleine mit Dank empfangene Geschenke; be- 
sondere Freude hatte Ab Bakita an einem Rasirmesser, das 
für das Haupt seines jüngsten Sohnes bestimmt war; mit vie- 
lem Nachdruck bat er mich, die Gabe zu segnen, damit sie 
das Haupt, das es berühre, glücklich machen möge. Um 
Mittag brachen wir auf, von allen Vornehmen und Geringen 
zum Dorf hinausbegleitet. Noch einmal empfiehlt sich Ab 
Bakita meiner Freundschaft für alle Zeiten und bittet mich, 
ihre Sache bei den abyssinischen Fürsten zu vertreten. Einer 
seiner Söhne und ein Bruderssohn sollen uns an die Grenze 
der Beit Takue begleiten; den Rückweg wählen wir über Ere. 
Mit beiderseits wohlgemeinten Wünschen trennen vrir uns. 



Digitized by 



Google 



lieber das Volk der Marea. 



Da bei den aristokratischen Völkern, die wir bis jetzt am 
Flussgebiet des Anseba kennen gelernt, der Begriflf von (Je- 
meinde und Familie zusammenfällt, sodass gewöhnlich jede 
Familie mit ihren Schutzbefohlenen ihren eigenen Wohnsitz 
innehält und die Bevölkerung nicht nach Köpfen gezählt wird, 
sondern nach engem und weitem Familien, so haben wir nie 
verschmäht, die Stammbäume der uns bekannten Völker mit- 
zutheilen, da daraus nur der Stammzusammenhang begreiflich 
wird und auch bei den Marea folgen wir der gleichen Me- 
thode. Es ist keine Frage, dass eine solche Stammverstei- 
nerung, wo jedes Individuum nur als Glied des Familienrin- 
ges seine Bedeutung hat , wo jedes Kind seiner Verwandtschaft 
und Genealogie sich bewusst ist, nur bei sehr isolirten Völ- 
kern sich bilden kann, bei Völkern, die von Verkehr und 
Handel -wenig berührt werden. 

Nun reicht aber der Stammbaum selten über fünfzehn Ge- 
nerationen hinaus, aus dem einfachen Grunde, weil er, je 
weiter zurück er geht, um so weniger politische Bedeutung 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 223 

hat; denn über sieben Grade hinaus reicht die eigentliche 
Blutsverwandtschaft nicht; die noch weiter liegende Verwandt- 
schaft begründet zwar ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, 
entbehrt aber aller politischen oder rechtlichen Folgen. Es 
wäre also mit der Geschichte eines Volkes schlecht bestellt, 
dessen Genealogie auf höchstens 350 Jahre zurückfuhrt. An 
ihre Stelle tritt eine Tradition, die mit Vorsicht gebraucht 
nicht ganz werthlos ist; denn es wird sich bald herausstellen, 
ob sie mit der Tradition der benachbarten oder verwandten 
Völker übereinstimme. Die letzte Instanz w^re freilich die 
Sprache, aber sie erlaubt wohl entscheidende Schlüsse auf 
grössere Völker, aber nicht auf kleine Stämme, die meist 
von einer einzigen oder von ganz wenigen Personen abstam- 
men. Während ein. ganzes Volk ungern seine Sprache auf- 
gibt, kann das ein kleiner zwischen fremdredende grosse Völ- 
ker eingedrängter Stamm wohl thun und am leichtesten kön- 
nen es seine Stammväter, die, in geringer Zahl eingewan- 
dert, sich neben den Ureinwohnern des Landes niederlassen 
und erst nach und nach zu einem selbstständigen Volke an- 
wachsen. 

Deswegen finden wir die Takue im Gebrauch des Belen, 
trotz ihrer äthiopischen Abstammung, weil ihre Stammväter, 
als sie noch wenige waren, sich an ein Belen redendes Volk 
anlehnen mussten; eben deswegen sind sie jetzt auf dem 
Punkte, diese Sprache gegen das Tigre zu vertauschen, weil 
sie von Tigre redenden Völkern umringt sind. Im Barka 
selbst haben gewiss das Tigre und das To'bedauie seit langer 
Zeit nebeneinander bestanden und bezeichnen zwei grundver- 
schiedene Völker; aber damit ist gar nicht gesagt, dass die 
jetzige Sprachvertheilung sich genau an die Volksursprünge 
halte; der Zufedl hat eher hier das To'bedauie, dort das 
Chassie überwiegen lassen; sonst könnte man sich nicht er- 
klären, dass der herrschende Stamm, die Nebtab, im Barka 
meist To' bedauie, im Söhel aber Chassie sprechen. Je grös- 



Digitized by 



Google 



224 Reise in*8 Land der Marea. 

ser freilich ein Volk wird, um so schwerer wird sich seine 
"Sprache verändern. 

Nach Sitten und Recht die Volksursprünge zu bestimmen, 
ist noch viel schwieriger; denn die Bogos, Takue, Mensa, Ha- 
bab und die Bewohner des Saml^ar stimmen in den wichtigsten 
Punkten vollkommen überein, obgleich sie historisch genom- 
men einander gar nicht verwandt sind. Da wir nun aber 
genau wissen, dass alle diese Stämme in nicht ferner Zeit 
von sehr verschiedenen Gegenden in ganz kleiner Zahl einge- 
wandert sind und die Ureinwohner dieses Landes ersetzt oder* 
unterjocht haben, so liegt der Schluss nahe, dass die früheren 
Einwohner eine gewisse Zusammengehörigkeit hatten und 
gemeinsames Recht und Sitten; dass die neuen Einwanderer 
sich dem gebotenen Gebrauch der Majorität fügten und dass 
sie dieses adoptirte Recht erst, als sie die Uebermacht er- 
langten, aristokratisch umgestalteten. Dass sie es trotz des 
ungleichartigen Ursprungs ziemlich gleichmässig bilden, ist 
leicht erklärlich aus dem Zustande einer einzigen fremden 
Familie, einer Minorität gegenüber der im Land einheimischen 
Majorität, die zum festen aristokratischen Zusammenhalten 
zwingt. 

Freilich erzählen alle diese Völker ihre Geschichte auf eine 
Art, dass man meinen möchte, sie seien von ewigen Zeiten 
her der Adel gewesen. Dem widerspricht aber, dass sie sich 
selber von wenigen Einwanderern herleiten. Denn klar ist, 
dass ein paar Fremde, die in ein bevölkertes Land kommen, 
nicht ohne Weiteres sich seiner Herrschaft bemächtigen kön- 
nen; sie müssen lange Zeit mit Duldung zufrieden sein, bis 
sie sich endlich genug vermehrt haben, um selbstständig auf- 
treten zu können. Deswegen sind die Ursprünge dieser Völ- 
ker sehr in's Dunkel gehüllt, weil unbedeutende Anfänge 
zu wenig Aufsehen machen, um der Erinnerung würdig ge- 
halten zu werden. 

Mit diesen Vorbehalten wollen wir den Ursprung der Marea 
erzählen, wie ihn die Tradition aufbewahrt hat. 



Digitized by 



Google 



Reise in^s Land der Marea. 225 

Wie sich aus der Anmerkung*) ergibt, kann man bis 
auf Mariu, der als Stammvater des Volkes gilt, zwanzig Ge- 
nerationen rechnen; die Besitznahme des Landes fiele also in 
die Mitte des 14. Jahrhunderts. Dass dieser Termin nicht zu 
weit hinauf verlegt sei, wird durch zwei Umstände bewiesen: 
1) Erinnern sich die Marea nur dunkel ihrer Einwan- 
derung und der ersten Zeit ihres Aufenthaltes, was auf alte 
Zeiten zurückweist; 

2) gibt es bei ihnen wenig Spuren von Ureinwohnern, 
was man sich nur aus der langen Dauer der Herrschaft er- 
klären kann. 

Von Mariu schreiben sich nun eine Menge von Familien 
her, von denen aber nur die Söhne Shum Reti's hervorzu- 
heben sind und zwar nur die vier erwähnten, deren Nach- 
kommen heutigen Tages den wichtigsten und herrschenden 
Theil des Volkes bilden. Die andern schwächern Zweige leh- 
nen sich an diese vier Hauptstämme an, ohne darum des 



*) Stammtafel der Harea. 

Maria. — Dann zwei Namen vergessen. — Matluq. — Seberdem. — 
Inkisem. — Jakob. — 'Azuz. — Mikal. — Reti. — Tedros. — 'Azuz. — 
Shum Reti. 

Shum Reti 
hat zehn Söhne, wovon die becfeutendsten 

von seiner ersten Frau von seiner zweiten Frau 

(schwarze Marea). (rothe Marea). 

8ham TembeUö. Tshankera. Ato Byrhan. Girgis. 

I I I 

Bhum ICahmad. Idjel. Ashhad 

I I I 

Mkam HtfmuMcL Gerenai. Daila. 

Shum TTknt. Mussa. Beri. 

Shum Idjel. Sham Nor. *Ezaz Ab Bakita. Abu Bekr. 

I (65 Jahr alt). (45 Jahr alt). 

Ibrahim. 
(40 Jahr alt). 

Die Ausgezeichneten sind die Stammfursten (Shum). 

Mnnzinger, Ostafiik. Studien. 15 



Digitized by 



Google 



226 Reise in's Land der Marea. 

Adels verlustig gegangen zu sein; das Machtverhältniss scheint 
auch nicht immer das heutige gewesen zu sein, da gerade 
diese schwachen verkommenen Zweige viel Grundbesitz haben^ 
was auf ihre frühere Bedeutung hinweist; so besitzen z. B. 
die Aterbat, die fast ausgestorben sind, noch jetzt den Berg 
Melbeb. 

Die Tradition behauptet, die Marea seien von Arabien 
eingewandert, sie seien Qoreishiten, Kinder Abu GaheVs, des 
Onkels und Feindes des Propheten. Nach seinem Tode, er- 
zählt man , fuhren Abu Gahel's Kinder über das Rothe Meer 
nach Buri (an der Bucht von Hanfila); von da verbreiteten 
sie sich landein: ein Zweig blieb in Samhar und bildete den 
Stamm Hazo, der noch existirt; ein zweiter setzte sich als 
Tero'a an den Abhängen von Abyssinien fest; ein dritter ge- 
langte in das Gebiet der jetzigen Mensa und bildete den 
Stamm Mensa, von dem die Marea ein Zweig sind. 

Die Abstammung von Abu Gahel lasse ich dahingestellt; 
die Brüderschaft dieser vier Zweige aber scheint unzweifel- 
haft zu sein, da alle vier die gleiche Tradition haben und 
sich noch heutigen Tages als stammverwandt betrachten. Die 
Mensa behaupten wenigstens vom Meere gekommen zu sein; 
die Terrfa und Hazo dagegen versichern, von Mekka selbst zu 
stammen. Eine arabische Abstammung scheint gar nicht un- 
wahrscheinlich. Der Häuptling der rothen Marea versicherte 
mir auf die Frage, ob sie je in Steinhäusern gelebt hätten, 
sie seien keine Abyssinier, sie seien Zeltenbewohner; auch 
jetzt wohnen die Marea nur in Zelten und sind noch immer 
halbe Nomaden. 

Hören wir, wie die Tradition weiter erzählt. In der Zeit, 
wo Mariu noch mit den Mensa zusammenlebte, verlor sich 
sein Maulthier. Der Herr folgt seiner Spur, kommt über 
den Anseba nach Halhal, dann nach Rehi, Kednet und fin- 
det endlich sein Thier wieder in der Ebene von Erota. Er 
fangt es und sucht ein Unterkommen für die Nacht; er 
findet ein kleines Dorf in Abligo, vom Stamm M'aqebu 



Digitized by 



Google 



Beise in's Land der Marea. 227 

bewohnt; der Häuptling desselben, Weld Durui, empfängt 
ihn als Herrn und ladet ihn ein, sich bei ihm niederzu- 
lassen. Mariu kehrt nach Mensa zurück, nimmt seine Fa- 
milie und seine siebzehn Tigre mit, wandert aus, ohne seine 
Absicht laut werden zu lassen, und lässt sich in Erota nieder. 
Er vertheilt das Land an seine Tigre, indem er sich die noch 
bestehende Abgabe ausbedingt. Er unterwirft sich auch die 
ATaqebu, die man für Äbyssinier hält und von denen nur 
spärliche Reste noch übrig sind. 

So weit die Sage. Abgesehen von der Ausschmückung be- 
wahrt sie das Andenken an die Verwandtschaft mit Mensa. 
Die M*" qeBu scheinen die Herren des Landes gewesen zu 
sein. Die siebzehn Tigre sind insofern historisch, als noch 
jetzt siebzehn verschiedene Tigrefamilien existiren. Ob diese 
nun mit Mariu, wenn dieser Name nicht überhaupt coUectiv 
ist, eingewandert sind oder ob sie von ihm erst unterjocht 
wurden, ist nicht mehr zu entscheiden. Die Sage behauptet 
das erstere und auch jetzt unterscheidet man zwischen MV 
qebu als Aboriginem, zwischen den siebzehn ältesten Tigre 
und spätem von allen Seiten hergekommenen Unterthanen. 
Jedenfalls sind die Marea auf sehr kriegerische Weise Herren 
des Landes geworden; denn sie nehmen ihren Unterthanen 
gegenüber eine ganz unerhört bevorzugte Stellung ein, die nur 
auf Kriegsrecht fussen kann. 

So war Erota der erste Sitz der Marea; bis auf Shum Reti 
war ihr Gebiet auf die sogenannte rothe Rora beschränkt. Geri- 
dsa, der jetzige Sitz der rothen Marea, war lange von den früher 
erwähnten Beit Zei\i bewohnt gewesen. Man w^ss nicht, 
warum sie das Land verliessen; Factum ist, dass die Marea 
dasselbe fast leer fanden. Es gibt noch einige ihres Stam- 
mes unter den Bogos; ein grosser Theil ist nach Abyssinien zu- 
rückgewandert und wohnt in Kameshim; bei den Marea sind 
nur noch die Bargalle übrig, ein Zweig der Ze/u, in Rehi 
ansässig. Shum Reti's Söhne verstanden sich, weil von ver- 
schiedenen Müttern geboren, schlecht zusammen. Girgis mit 

15* 



Digitized by 



Google 



228 Reise in's Land der Marea. 

seinen drei Brüdern von gleicher Mutter wandte sich zuerst 
nach Ser'a, wohin ihm auch die andern Brüder folgten. Als 
aber Tembelle heimlich nach Erota zurückkehrte, zog Girgis 
nach Shaka und von da nach Geridsa, das er fast unbewohnt 
fand. Er nahm das Land also ohne alle Mühe in Besitz; 
seinen mitgebrachten Tigre überliess er nur wenig Grundbe- 
sitz. Erst von dieser Zeit (etwa vor 180 Jahren) datirt die 
förmliche Trennung der Marea in schwarze (tsellam) und 
rothe (qaih). 

Den Titel Shum (Stammfürst) haben zwar nur die Nach- 
kommen Tembelle's; die mit dieser Würde verbundene Macht 
erstreckt sich aber auch nur auf die schwarzen iJlarea. Da 
von den rothen Marea die Nachkommen von Girgis bei Wei- 
tem die Oberhand haben, so stehen sie gewissermassen als 
Ein Stamm da, während die schwarzen nach den drei Söh- 
nen Reti's in drei Stämme sichtheilen: die Tembelle haben das 
Land von Andellet bis Kat und Sheliwai; die Atobyrhan von 
da nördlich den Rest des Hochlandes und jenseits Shaka; ihre 
Grenze ist der Sattel, der von One zum Anseba führt. Die 
Tshankera besitzen das Thal zwischen den zwei Hochgebirgen. 

Die Marea sollen ois auf die jüngsten Zeiten Christen ge- 
wesen sein; auch soll eine Kirche früher in Erota existirt ha- 
ben und ein Abkömmling der alten Priester noch vorhanden 
sein; doch war jedenfalls christliches Leben seit langem er- 
loschen. Die Bekehrung zum Islam fing mit den Tigre an, 
wie in Mensa und Bedjuk auch; die Adelichen folgten erst 
später. Die schwarzen Marea haben sich vor etwa vierzig 
Jahren bekehrt; der Vater unseres Wirthes Ab Bakita gab 
das Beispiel. Die rothen Marea sind erst vor fünfundzwanzig 
Jahren übergetreten. Seit das Volk mohammedanisch ist, 
werden keine Grabhügel nach Art der Bogos mehr errichtet, 
sondern man hat sich dem unter den Muslimin üblichen Ge- 
brauch genähert, indem man das Grab mit einer Ringmauer 
umgibt. 

Die alte Geschichte der Marea erzählt von einem langen 



Digitized by 



Google 



Beise iiv's Land der Marea. 229 

Krieg derselben mit den Medjelli. Man erinnert sich nicht, 
je von Abyssinien oder vom Barka abhängig gewesen zu sein. 
Die Unterwerfung war unsern Zeiten vorbehalten. Die schwar- 
zen Marea wurden vor etwa siebzehn Jahren gezwungen, den 
ersten Tribut an die Aegypter zu entrichten; doch zahlten 
sie ihn nicht regelmässig jedes Jahr; die türkischen Truppen 
lagerten dann in Kednet, vom Barka über Ser'^a das Thal 
hinauf kommend. Die rothen Marea wurden nur mit Gewalt 
unterworfen; das erste Jahr drangen die Türken bis Geridsa, 
wurden aber geschlagen; das zweite Jahr mussten sich die 
rothen Marea unterwerfen und haben seitdem dreimal Tribut 
entrichtet. Seit einigen Jahren haben beide Stämme den Tri- 
but verweigert. Während aber die schwarzen sich in Folge 
ihrer Lage kaum der türkischen Botmässigkeit entziehen kön- 
nen, haben die rothen ihr Auge auf Abyssinien geworfen; 
den ersten Tribut zahlten sie an Marit, den zweiten im letz- 
ten Jahre an Dedjas Heilu. 

Es ist schwer, die Kopfzahl der Marea zu schätzen, da 
sie in unzählige Weiler zerstreut sind, die oft je nach 
dem Feldbau den Platz ändern. Von vielen gutunterrichteten 
Männern wurden mir die rothen auf 1500 erwachsene Män- 
ner, die schwarzen auf 2500 geschätzt, was auf eine Gesammt- 
bevölkerung von etwa 16,000 Seelen schliessen lässt. Tribut 
zahlen die schwarzen das Doppelte von den rothen. Die 
Aegypter bezogen im Ganzen dreitausend Thaler. Das leben- 
dige Gut der rothen wird auf hundertfiinfzig Heerden ange- 
schlagen, das der schwarzen auf das Doppelte. An Marit 
zahlen die rothen vierhundert Thaler. Der Tribut lastet auf 
den Heerden, nicht auf dem Pflug; er wird von allen ohne 
Ausnahme, Vornehmen und Geringen, bezahlt. Der Feldbau 
erstreckt sich auf Weizen, Gerste, Nuhuk und Mashella; doch 
werden die erstem Producte im Grossen nur in Geridsa ge- 
pflanzt, obgleich sie der Boden von Erota durchaus" nicht 
verbietet. Die Az Tshankera allein benutzen das mittlere Tief- 
land. Tabak wird wenig gebaut. 



Digitized by 



Google 



230 Reise in's Land der Marea. 

Das g^nze Land besteht aus Ebenen, die von bewaldeten 
Schluchten unterbrochen und hervorgehoben werden. Die 
Grenzen sind natürlich bestimmt durch den nördlichen Gebirgs- 
abfall, durch den Anseba und den Abgrund Kerkeriu gegen 
die Takue. Die Tiefen des Ansebathales werden nicht zur 
Cultur benutzt, dagegen bringen die Heerden die Regenzeit 
dort zu, zur Zeit, wo die Fliegen das Hochland unausstehlich 
machen. In der trocknen Zeit erst nähern sie sich dem be- 
wohnten Land. So wird der Anseba der Weidegrund der 
rothen Marea, während die schwarzen ihre Kühe unter Kednet 
gegen Ser'^a hinunterschicken. Ziegen halten die rothen keine, 
dagegen die schwarzen ziemlich viel. Die Kühe sind halb 
Begeit, halb Arado (von der abyssinischen Rasse). Bei den 
rothen Marea sieht man schwarze Kühe besonders häufig, 
das Gleiche habe ich in Abyssinien bemerkt; es scheint, die 
schwarze Farbe sei gegen die Kälte angemessener, die rothe 
gegen die Sonne; wenigstens beobachtete ich immer, dass die 
schwarzen Kühe gegen die Sonne sehr empfindlich sind. 

Der Boden der rothen Marea ist schwarz, der der schwar- 
zen roth; daher heisst der erstere auch schwarzes Plateau 
(Rora tsellam), der letztere aber Rora qaih (rothes Plateau), 
im Gegensatz zu dem Namen des Volkes. Dieser letztere 
rührt daher, dass die einen Söhne Shum Reti's, Girgis und 
seine Brüder, sehr hellfarbig waren, Tembelle und seine Brü- 
der aber schwärzlich; diese Färbung hat sich im Allgemeinen 
noch so erhalten, dass der Name auch heutigen Tages passt. 
Das Land der Marea ist im Ganzen sehr fruchtbar; es war 
nicht seine Schuld, dass bei unserer Anwesenheit [ grosse 
Theuerung herrschte, da die Käfer, die Dinshere, die vorige 
Emdte vernichtet hatten. Die schwarze Rora ist sehr kalt, 
besonders im December; viel wärmer ist die rothe Rora, schon 
weil sie niedriger liegt. An Wasser ist Geridsa sehr reich, 
die Quellen sprudeln frei aus dem Boden hervor; spärlicher 
bedacht ist die rothe Rora, wo oft auch Brunnen gegraben 
werden müssen. 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 231 

Als Wohnung bedienen sich die Marea der Ablu oder 
Mattenzelte, wie sie in den nomadisirencfen Lagern der Ha- 
bab und der Bogos gebräuchlich sind; doch werden sie bei 
den Marea solider gebaut, mit viel mehr Stangen und einem 
dünnen Stützbalken versehen, vor dem Regen mit Kuhhäuten 
und oft auch etwas Durraschilf geschützt: so werden sie halb 
Zelt, halb Haus. Für die Ziegen, die gegen Regen und Kälte 
sehr empfindlich sind, werden grosse Hütten in der Art der 
Shogasho der Bogos erbaut. Es existirt nichts, was man Dorf 
nennen könnte ; jeder Vornehme errichtet sein Mattenzelt ne- 
ben seinem diessjährigen Feld, umgeben von seinen nächsten 
Verwandten und Sklaven. So sieht man in der Ebene von 
Rehi allein wohl funfeehn Weiler auf einen Blick; oft besteht 
ein solches Gehöft nur aus drei Hütten, doch auch wie bei 
Kelbetu aus wohl fünfzig. Auch ist die Lage derselben sehr 
veränderlich, da sie sich nach dem Feldbau richtet. In die- 
ser Vereinzelung gleichen die Marea den Terrfa, den Shoho 
und den Az Shehei. Sie scheint ihnen grössere Sicherheit zu 
gewähren, da die allfällige Verwüstimg immer nur einen Theil 
treffen kann. Die Leute haben also trotz des Ackerbaues und 
vielleicht gerade deswegen nomadischen Instinct, da jeder sei- 
nem Felde nahe zu leben wünscht. 

Als wir einst Recht und Sitten der Bogos zum Gegenstand . 
einer ziemlich eingehenden Monographie machten, war es uns 
keineswegs bloss darum zu thun, dieses Völklein besser be- 
kannt zu machen; wir wählten die Bogos, weil uns das 
ostafrikanische aristokratische Recht hier besonders conse- 
quent ausgebildet schien, während noch viele andere Völker ■ 
derselben Rechtsgefühle theilhaftig sind und in den Sitten 
besonders alle miteinander genau übereinstimmen. Wir mei- 
nen hiermit alle aristokratischen Völker Nordostafrikas, selbst 
die doch sonst ziemlich fremdartigen Beni Amer. Ein Beob- 
achter, der nicht gerade mit dem Mikroskop arbeitet, würde 
im Leben der Leute des Samhar, der Habab, Mensa, Bogos, 
Takue, Marea kaum einen bemerkbaren Unterschied finden. 



Digitized by 



Google 



232 Reise in's Land der Msreä. 

Wenn wir also von Recht und Sitte der Marea reden wollen, 
80 stützen wir uns auf die für die Bogos gelegte Basis und 
notiren lediglich nur die Ausnahmen. 

Das Recht der Bogos nun, so folgerichtig es ausgebaut 
ist, ist nach zwei Richtungen unvollendet geblieben. Wir 
sehen einen Stamm, der andere Stänmie beherrscht; seine 
Macht beruht auf seinem Ursprung von Einem Vater, den je 
der erstgeborne Sohn des Erstgebornen unter dem Namen 
Shnm repräsentirt. Nun ist aber in der Wirklichkeit diesem 
Shum nur der Name geblieben, die wirkliche Gewalt aber 
ist dem Zufall und der Faust anheimgestellt und so zeigt 
sich uns eine Familie ohne Vater und ohne Haupt. 

Femer sehen wir denselben Stamm über andere Stämme 
herrschen, aber die Unterthänigkeit beschränkt sich fast auf 
den Namen; die gegenseitigen Ansprüche sind nicht scharf 
begrenzt, wir fühlen, dass die Unterjochung auf halbem Wege 
stehen geblieben ist. 

Es wird nicht ganz unnütz scheinen, dem Recht der Uarea 
einige Betrachtungen zu widmen, da^ es gerade in diesem 
Doppelverhältniss des Adels unter sich und gegenüber den 
Unterthanen sich mit einer eigenthümlichen Energie aus- 
gebildet hat und so die äusserste Spitze dieser Verfassung 
. zeigt. 

Wenn ich von Adel rede, so verbinde ich damit nicht 
den europäischen Sinn des Wortes, sondern ich meine den 
patriarchalischen Adel der Semiten, dessen König der Erst- 
geborne ist als nothwendige Spitze des Hauses. Deswegen ist 
hi6r das Königthum aus dem Adel herausgewachsen, während 
es in Europa als Feind des Adels ein Kind der. Demokratie 
ist. Die Marea nun haben dieses Königthum des Stammvaters 
aufrecht erhalten und im Gefühl dieser Einheit bilden sie 
ihre Stellung gegenüber den Unterthanen viel schroffer aus. 

Wir sehen also seit undenklichen Zeiten den Erstgebornen 
des Erstgebornen von Mariu her den Titel Shum tragen; er 
bedeutet Stammfürst, .gerade wie Kintebai in Mensa oder 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 233 

bei den Habab. Dieser Shum regierte die Marea bis auf die 
Söhne Shum Reti's, die sich entzweiten und trennten. Das 
Shumet blieb freilich bei den schwarzen Marea als Erstge- 
bornen; aber die rothen Marea machten sich nach und nach 
selbstständig und wenn sich ^uch beide Stämme als Brüder 
fühlen, so sind sie in der Wirklichkeit zwei sich ganz 
fremde Völker. Die rothen Marea entzogen sich also der 
Gewalt des Shum und hatten auch nicht das Recht, einen 
Shum zu salben, aber die Rechte desselben übertrugen sie 
auf ihren Stammältesten, als Haupt der Familie Girgis. In 
beiden Stämmen findet sich also das monarchische Princip 
aufrecht erhalten. Man kann sogar sagen, dass bei den 
rotlien Marea das Amt ohne den Titel viel mehr reale Macht 
bewahrt hat, weil die Nachkommen von Girgis allein tonan- 
gebend sind, während die schwarzen Marea aus drei ganz 
gleich starken Zweigen bestehen, wo Az Tembelle nicht immer 
mächtig genug ist, die nach Unabhängigkeit strebenden Brü- 
der in Schranken zu halten. Das Verhältniss ist das gleiche, 
wie bei den Mensa: der kleinere Stamm Beit Shakan ist eini- 
ger, da die Familie von Mesmer vorwiegend ist, während in 
dem mächtigeren Beit Ebrahe die Familie des Kintebai kaimi 
die ebenso mächtigen Bruderzweige Az Ailiei und Az Hafa- 
rom zügeln kann. 

Der jetzige Shum der schwarzen Marea ist Nur, Bruder 
und Nachfolger des 1860 verstorbenen Shum Idjel; Häuptling 
der rothen Marea dagegen ist Beri Dafla's Sohn. Shiun wird 
gewöhnlich der erstgebome Sohn des verstorbenen Shum, 
doch steht die Wahl dem ganzen Stamm zu,, der oft dem 
Sohn den Bruder vorzieht; seit das Land mehr oder weniger 
von den Türken abhängig geworden ist, muss sich der Neu- 
erwählte auch ihrer Zustimmung versichern. Als Shum I^jel 
starb, wählte der Stamm seinen Bruder; doch thut dessen 
Sohn, der auch seine Partei hat, alles, um sich mit Hülfe 
des Deglel (des Fürsten der Beni Amer) an seine Stelle zu 
setzen. Diese Eifersucht ist es vorzüglich, die das Volk vom 



Digitized by 



Google 



234 Beise in's Land der Marea. 

Ausland abhängig macht; denn mit dem fremden Richter ge- 
ben sich die Streitenden einen Herrn. 

Der Shum bei den schwarzen und so auch der Häuptling 
bei den rothen Marea hat die Gerichtsbarkeit in allen Fällen, 
die nicht von d»r Familie entschieden werden. Bei den Bo- 
gos und den Takue fehlt diese letzte Instanz; können die 
streitigen Familien sich nicht über den Richter verständigen, 
muss am Ende die Faust entscheiden. Hier kennen die strei- 
tenden Brüder den Vater, der über allen stehend ihr natür- 
licher Richter wird. Der Verletzte also, der sein Recht nicht 
finden kann, citirt seinen Gegner auf- das Leben (Dsagga) des 
Shimi vor dessen Tribunal und ebenso ist bei den rothen 
Marea der Häuptling oberster Richter. Da das Amt des Shum 
eine patriarchalische Heiligkeit geniesst, so wird es als fluch- 
würdig angesehen, seinem Gericht zu trotzen. Da nun die 
rothen Marea viel einiger dastehen, so wird sehr oft an die 
höchste Behörde appellirt; bei den schwarzen Marea aber 
richtet gewöhnlich jeder der drei Hauptzweige selbstständig 
für sich und nur in den wichtigsten Fällen wird der Shum 
angerufen. Wir müssen hier nebenbei bemerken, dass das 
Recht der Marea sich von dem der Bogos in Bezug auf die 
Procedur insofern unterscheidet, dass die Frau in keinem Falle 
Zeugniss ablegen kann, was freilich die Bogos im Princip 
auch sagen; ferner steht dem Kläger der Zeugenbeweis, dem 
Beklagten der Entlastungseid zu, obgleich dieös wohl erst 
dem mohammedanischen Recht entlehnt ist, während das alte 
Recht dem Kläger auch den Eidbeweis gestattet. Die jetzt 
gewöhnlichste Eidform ist das Berühren des Koran, während 
früher das Grabüberschreiten üblich war. 

Der Shum hat nun ein bestimmtes Einkommen von dem 
Stamme und zwar erhält der Shum der schwarzen Marea am 
Tage seines Amtsantrittes von jeder Heerde des Stammes eine 
Kuh als Abgabe, zu welcher die Adelichen ebenso gut beitra- 
gen, wie die Gemeinen. 

Femer entrichtet bei den schwarzen Marea jede Cultur- 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 235 

ebene an den Shum einen jährlichen Bodenzins von sieben 
Gabeta Getreide (was einer grossen Ochsenlast gleichkommt). 
Unter Culturebene verstehen wir jede grössere, von Wald oder 
Schlucht abgegrenzte bebaute Fläche, wie z. B. Abligo, Erota, 
Kelbetü u. s. w. ; man zählt deren etwa zwanzig. 

In allen Fällen, wo die Gemeinen ihren Herrn unterstüz- 
zen müssen, bei dem Reggaz (Todtenfeier), dem Metlo (Aus- 
steuer) und Majbetot (Armenunterstützung), nimmt der Shimi 
bei den schwarzen, der Häuptling bei den rothen Marea den 
vollen Zehnten (von zehn Kühen eine) für sich selbst. 

Bei den Marea ist überdiess Gesetz, dass der Tigre oder 
Unterworfene die gleiche Abgabe, die er seinem Herrn zu ent- 
richten hat, zum zweiten Mal auch an den Shum oder bei 
den rothen an den Häuptling des Stammes zahlt, wer auch 
speciell sein Herr sein möge. 

Bevor wir nun die Stellung der Tigre untersuchen, müssen 
wir die Zusammengehörigkeit des Adels kurz näher bestimmen. 
Wir haben also rothe und schwarze Marea, beide selbstständig 
für sich. Die rothen Marea stehen nun in der gesammten 
Rechtsverantwortlichkeit (Terq) zusammen, sowohl was Blut, 
Leichenfeier, Armenunterstützung als Aussteuer betrifft; bei 
den schwarzen Marea dagegen stehen die drei Hauptstämme 
nur in Blutsachen, Armenunterstützung und Leichenfeier alle 
zusammen; in der Aussteuer handelt jeder Stamm unabhängig 
für sich. 

Die Stellung des Tigre oder Hömeg (Geringe, Gemeine), 
-wie man den Nicht -Marea nennt, ist im Gegensatz zu allen 
uns bekannten ähnlichen Verhältnissen auffallend gedrückt 
und so zu sagen rechtlos. Noch viel rücksichtsloser haben 
die Marea sie geordnet, als die immerhin sehr energischen 
Beni Amer, da im Barka die Religion wenigstens vor der 
Leibeigenschaft schützt, während bei den Marea der Tigre 
seiner Freiheit nie sicher ist. Es ist nicht nur die Grösse 
der Abgaben, die auffallt, sondern die doppelte Abhängigkeit 



Digitized by 



Google 



236 Reise in's Land der Marea. 

des Tigre, zuerst von seinem eigentlichen Hen*n und dann von 
jedem Adelichen des ganzen Stammes. 

Ein Abkömmling von Manu, ein sogenannter Weld Shum 
(Sohn des Shum), so nennt sich hier der Shmagilli, so arm und 
schwach und verächtlich er auch werden möge, verliert doch 
nie den Namen und die bedeutenden Vorrechte, die damit 
verbunden sind. So herabgekommen er auch sein mag, er 
wird immer als ein freier unabhängiger Mann behandelt; er 
hat nie nöthig, dem Schutz eines reicheren oder mächtigeren 
Verwandten sich zu empfehlen oder gar sich ihm zu unter- 
werfen. Wir haben bei den Bogos gesehen, wie der Tigre in 
der Wahrheit besser daran ist, als der schwache Shmagilli, 
da der letztere von seinen mächtigen Verwandten so viel wie 
möglich unterdrückt wird, während es ihr wahres Interesse 
ist, ihre Schutzbefohlenen Tigre so gut wie möglich an Leib 
und Gut zu hüten. Wir haben bei den Bogos die sogenannten 
dünnen Adelichen kennen gelernt (die Kadsin), die nicht Re- 
gimentsfähigen, die sich sogar in die Clientel des grossen 
Adels begeben und trotzdem nie aufrichtig beschützt werden; 
sie verstehen sich sogar dazu, zu melken und so ihr Adels- 
symbol aufzugeben, während der elendeste Marea nie sich zu 
dieser Handlung bequemen wird, die ihn zum Tigre herab- 
würdigt. Ferner ist der Weld Shum auf ewige Zeiten frei, 
was auch sein Betragen sein möge, er kann keinem andern 
Mann leibeigen werden; sein Adel ist unzerstörbar. Ganz im 
(iegentheil ist bei den Bogoe der Adeliche ebensowohl dem 
Verlust der Freiheit ausgesetzt, wie der Gemeine: der Adel 
hat eben nicht mehr Einheit und Zusammenhang genug, um 
auch den schwächeren Gliedern die angebornen Vorrechte zu 
sichern; die Oligarchie unterdrückt die Aristokratie. Bei den 
Marea ist ferner das Strafgesetz ein ganz anderes, je nachdem 
es einen Vornehmen betrifft oder aber einen Gemeinen. Die 
Abgaben sind folgende: 

Der Tigre liefert seinem Herrn jährlich eine Mäthäne 
Schmalz (etwa 8 Flaschen voll) und eine Gabeta Getreide; er 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 237 

bringt ihm jede Woche einen Schlauch voll Milch in's Haus. 
Jeder von ihm gemachte Fund gehört seinem Herrn; ebenso 
das Fleisch der Kuh, die crepirt oder lahm geworden ist. 
Von jeder Kuh, die der Tigre schlachtet, bringt er dem Herrn 
die Zunge und das Brustfleisch. Diesem gehört ferner jede 
unfruchtbare Kuh seines Tigr6; ferner aller von ihm gefun- 
dener Honig. Ist der Herr krank, so bringen ihm seine Tigre 
Milch und Fleisch als Arznei; ist der Kranke der Shum, so 
pflegen ihn die Tigre des ganzen Stammes auf dieselbe Weise. 
Der Tigre und seine Familie haben nicht das Recht, goldene 
oder silberne Armbänder zu tragen; die Tochter eines Vor- 
nehmen mrd nie einem Tigre zur Frau gegeben, es ist eine 
Ausnahme, wenn ein Vornehmer die Tochter eines Tigre 
heirathet. 

So weit die Pflichten des Tigre seinem Herrn gegenüber, 
nun hat er aber viel bedeutendere gegenüber dem ganzen 
Stamm und zwar vorerst bei dem Reggaz. 

Stirbt ein Adelicher, gleichviel von welcher Linie, so sind 
die Tigre des ganzen Stammes, zu dem er gehört, verpflichtet, 
jeder erwachsene Mann eine Kuh der Familie des Verstor- 
benen als Todtenopfer zu bringen. Ist der Verstorbene ein 
rother Marea, so ist jeder Tigre dieses Stammes zu dieser 
Steuer verpflichtet. Was nun bei der Leichenfeier die adelichen 
Verwandten an's Grab bringen, wird geschlachtet und verzehrt; 
was aber die Tigre bringen, fällt an die Erben des Hinge- 
schiedenen. Dieses Recht des Todten auf den Lebenden hat 
jeder Weld Shum, so arm und verlassen er auch sein Leben 
zugebracht hat. Von dieser Abgabe nimmt der Shum oder 
der Häuptling zehn Kühe für sich. Oft geschieht es, dass 
der Tigre zu arm ist, eine rechte Kuh zu liefern, dann kauft 
er eine alte Kuh um einen geringen Preis und lässt sie sich 
nicht bis zimi Grabe schleppen, sondern schlachtet sie und 
bringt das Fleisch zxir Todtenfeier. Es kommt oft vor, dass 
ein Vornehmer in Geldnoth von seinem Tigre Geld entlehnt 
mit der Aussicht auf den Tod eines Verwandten. 



Digitized by 



Google 



238 Reise in^s Land der Marea. 

Stirbt aber ein Tigre, so opfern seine Verwandten an seinem 
Grabe so viel Kühe sie wollen; sein Herr ist verpflichtet, eine 
einzige Kuh am Grabe zu schlachten. 

Verliert ein Adelicher sein Vermögen durch Krieg, so 
wendet er sich an den Shum oder bei den rothen an den 
Häuptling und dieser lässt ihm von jeder Heerde des Stammes, 
ob sie einem Vornehmen oder einem Tigre gehöre, eine Kuh 
entrichten; der Shum oder Häuptling nimmt von dieser Aus- 
hebung auch zehn Kühe für sich. 

Will ein Adelicher seinen Sohn oder seine Tochter aus- 
steuern, so gibt er dem Shum oder dem Häuptling Kunde 
davon und dieser versammelt an einem bestinunten Tage alle 
Tigre des Stammes und erhebt je nach dem Betrage der Hei- 
rathsgaben eine Steuer zu Gunsten des Adelichen und nimmt 
überdiess noch für sich selbst wieder zehn Kühe. Freilich 
halten hierin nur die rothen Marea zusammen, während bei 
den schwarzen Marea die Heirath nicht als Sache des ganzen 
Stammes betrachtet wird und so jeder der drei Zweige für 
sich steht. 

So hat bei den Marea jeder Weld Shum wohl seine eigenen 
Tigre, aber wir haben gesehen, dass diese in den wichtigsten 
Angelegenheiten als Gemeingut des Stammes behandelt und 
besteuert werden. Im Uebrigen unterstützt der Tigre seinen 
Herrn auch in der Bezahlung des Blutgeldes; der Herr nimmt 
ihn in jeder Noth in Anspruch, er entlehnt von ihm Geld, 
er bestiehlt ihn, er nimmt ihm fettes Schlachtvieh von der 
Heerde weg; der Tigre darf sich nicht beklagen. Weh ihm, 
wenn er die geringste seiner Pflichten versäumt; er wird vor- 
erst zum Dade (unveräusserlich) erklärt und dann zum Leib- 
eigenen. Das Gesetz ist besonders gegen den Unterschlag 
gefundenen Gutes streng; doch häiigt natürlich alles vom 
Charakter des Herrn ab. Uebrigens erleichtert das Gesetz 
den Austritt aus dem Dienstverband. Ist der Tigre mit seinem 
Herrn unzufirieden, so verlangt er von ihm, einem neuen Herrn 
überwiesen zu werden ; der Herr hat das Recht, sich von ihm 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 239 

alle nicht gelieferten Gebühren bezahlen zu lassen; den Aus- 
tritt darf er ihm nicht verwehren, die Sitte des Landes will 
es so und im Nothfall zwingt ihn dazu der Shum. 

Es ist keine Frage, dass alle diese Gesetze schon durch 
ihre Mannigfaltigkeit den Tigre in die beständige Gefahr 
bringen, leibeigen zu werden. Seine Lage hat viel Aehnlich- 
keit mit der des Tigre von Mensa; doch während dieser viel 
weniger Pflichten hat, ist er auf der andern Seite in viel 
schlimmerer Lage; denn wenn in Mensa ein Vornehmer Geld 
nöthig hat, so tritt er seine Unterthanen gegen einen Preis 
an einen andern Vornehmen ab; der Tigre wird also verkauft, 
ohne gerade leibeigen zu sein. So weit treiben die Marea den 
Begriff von Eigenthum nicht. Es versteht sich von selbst, 
dass alles bei den Bogos über den Ursprung der Leibeigen- 
schaft Gesagte hier seine volle Anwendung findet; sie gründet 
sich meist auf Rechtsmissbrauch. Auch hier unterscheidet 
man zwischen neuen und geerbten Sklaven. Der erstere, von 
freien Eltern abstammend, hat das Recht, sich zu befreien, 
indem er seine ganze Habe seinem Herrn überlässt; der letztere 
aber, der von Sklaven Erzeugte, kann auf keine Weise wieder 
frei werden; er gehört zur Kaste. 

Noch ist ein Wort über die Leute von Dokono zu sagen, 
die, seit ihre Vaterstadt von den Türken verbrannt und aller 
Vorrechte beraubt wurde, als Handelsleute die Länder zwi- 
schen Nil und Meer besuchen und sich auch bei den Marea 
in grosser Zahl niedergelassen haben. In dem Marealand 
finden sich etwa 80 Dokono häuslich niedergelassen. Sie sind 
freilich auch nicht Marea, sie müssen sich einen Schutzherm 
wählen und ihm eine Abgabe entrichten; aber sie sind ge- 
achtet und beliebt und kein Marea schämt sich, einem von 
ihnen seine Tochter zur Frau zu geben. So sind alle diese 
Dokono mit Töchtern des Adels verheirathet, von denen sie 
Kinder haben, die ein Mittelding zwischen Vornehm und 
Gering bilden. Diese Dokono haben im Land ihre Heerden 
und Felder und treiben nebenbei Handel. Ich werde ihnen 



Digitized by 



Google 



240 Beise in's Land der Marea. 

für ihre freundliche AufDahme und für die Gefälligkeit, wo- 
mit sie mir über das Land Au&chlüsse gaben ^ immer dank- 
bar sein. 

Aus dem bisher Gesagten ergibt sich eine ziemlich beson- 
dere Entwickelung des Eherechtes, wo also die Stände streng 
geschieden sind und nur ebenbürtige Ehen geschlossen werden. 
Die Heirathsbedingungen sind im Ganzen wie bei den Bogos, 
nur ist der Nackenpreis viel bedeutender; er besteht aus 
einem goldenen Nasenring, 2 silbernen Armringen, einer Eselin, 
5 Kühen, einer Kameellast Durra, 4 Kühen (als Preis des 
üblichen Teppichs) und 9 Kühen (an der Stelle von 2 Ka- 
meelen.) Wir führen diese Gegenstände, womit der Heirathende 
seine Frau erwirbt, speciell an, weil sie nicht zu dem gegen- 
wärtigen Zustande passen. Die Marea haben keine Kameele 
und können in ihrem Hochland keine haben; dieser Nacken- 
preis (Segad), der von undenklichen Zeiten her 
üblich ist, deutet auf ein nomadisches Yolk, das 
Kameele besitzt und weist bestimmt auf den von der 
Tradition beanspruchten arabischen Ursprung hin. 

Das Metlo ist willkürlich; hat der Bräutigam bei der Ver- 
lobung z. B. 1 Thaler entrichtet, so bekommt er bei der Hei- 
rath vom Vater der Braut das Doppelte, also eine Kuh. Für 
eine Wittwe wird nur der Nackenpreis entrichtet. Der Betrag 
des Metlo wird alleiniges Eigenthum des Bräutigams. Der 
Vater der Braut theilt das erhaltene Metlo mit seiner engem 
Familie, die ihn dann bei der verdoppelten Rückerstattung 
unterstützt; der Nackenpreis fällt ihm allein anheim. Wir 
müssen zum Verständniss dieser Verhältnisse wieder erinnern, 
dass wir uns auf die im Recht der Bogos entwickelten Grund- 
sätze beziehen, die auch hier im Allgemeinen geltend si^d. 

Der Nackenpreis einer Tigrait (Tochter eines Tigre) ist 
nur Eine Kuh; das Metlo ist auch hier nach Vermögen und 
Lust willkürlich. 

Die Stellung der Frau ist von der bei den Bogos wenig 
verschieden; sie kann nicht zeugen und nicht bürgen woA 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 241 

auch nicht erben; doch fängt man bei den schwarzen Marea 
an, nach mohanunedanischem Kecht auch die Töchter zur 
Erbschaft zuzulassen. Kommt die Frau zum ersten Male 
nieder, so ist ihre Familie verpflichtet, ihrem Gemahl zehn 
Kühe zu schenken, die dessen Privateigenthum werden. Bei 
allfälliger Scheidung nimmt die Frau nur ihr Hausgeräth, 
ihren Schmuck uivl was bewiesenermassen ihr Eigenthum ist, 
für sich; auf das sonstige Eigenthum hat sie keine Ansprüche. 
Können sich Mann und Frau nicht vertragen, so wird ihnen 
vom Familienrath ein Probejahr gegeben, nach welchem erst 
sie förmlich geschieden werden können. Die unzufriedene 
Frau darf, wenn sie eine Adeliche ist, nicht eigenmächtig 
ihren Mann verlassen; es verstösst diess gegen die Sitte des 
Landes. Dagegen flüchtet sich die Tigrait, die sich mit ihrem 
Mann unglücklich fühlt, aus seinem Haus, sie muss aber fortan 
im Ausland leben. Die Wittwe, wie die geschiedene Frau 
wartet ein volles Jahr, bis sie sich vrieder verheirathen darf. 
In allen diesen Beziehungen stinmien die Marea mit den Bogos 
und allen andern Nachbarn überein ; die gleiche Arbeitsscheu, 
Kleid, Schmuck, Haartracht, Rauchbad, Vorhang u. s. w. 
finden wir auch hier. Dagegen fallen die altchristlichen oder 
jüdischen Ehehindemisse immer mehr weg; bei den schwarzen 
Marea ist sogar die Heirath zwischen Geschwisterkindern üblich 
geworden. 

Das Erbrecht stimmte bis jetzt ganz mit dem der Bogos 
überein; die Bevorzugung der Erstgebornen ist die nothwen- 
dige Beigabe einer aristokratischen Verfassung. Der Islam 
aber, dessen Principien demokratisch sind, der bekanntlich 
alle Kinder gleichstellt und sogar die Töchter nicht ausschliesst, 
hat schon angefangen, sich bei den Marea einzunisten und 
das alte Volksrecht der neuen Religion anzupassen. Den Tigr6 
beerben natürlich seine Verwandten ; steht er allein, sein Herr. 

Was den Bodenbesitz betriff't, so sehen wir bei den schwar- 
zen Marea das Land meist in den Händen der siebzehn Ti- 
grefamilien, die mit Mariu gekommen waren; wir glauben 

Monstnger, OnUfrik. Studien. Iß 



Digitized by 



Google 



242 Reise in's Land der Marea. 

nur halb der Versicherung, Mariu selbst habe das Land seinen 
Unterthanen ausgetheilt Im Gegentheil scheint der Boden- 
besitz auf den Ureinwohner hinzudeuten. Bei den rothen Marea, 
die evident in das fast öde daliegende Geridsa als Stamm 
einrückten, haben die Vornehmen wenigstens nicht den glei- 
chen Edelmuth bewiesen, indem sie sich das meiste Land vor- 
behielten. Erwähnenswerth ist, dass neben, den Tigre die ver- 
kümmerten Zweige der Marea, die jetzt wenig mehr zu 
regieren haben, die grössten Landbesitzer sind, was beweist, 
dass nicht die herrschenden Geschlechter die efstgebomen 
Söhne Marinas sind. Dieser herabgekommene Adel nährt sich 
jetzt hauptsächlich von den Zinsen seiner Grundstücke. — Der 
Lohnbauer erhält von seinem Herrn ausser der Nahrung ein 
Drittel der Emdte. Der Bodenzins regelt sich nach den je- 
weiligen Bedürfnissen. Ueber sonstige Verträge ist nichts zu 
bemerken, da das Sachenrecht sich in nichts von dem der 
Bogos unterscheidet. 

Wenn wir nun endlich von der Verletzung der Person und 
der Sache reden müssen, so fällt uns wieder die ungeheure 
Bevorzugung des Adels gegenüber den Gemeinen auf. Fangen 
vdr mit dem Blutrecht an. Allgemeines Princip ist freilich 
Blut für Blut; doch erleidet es bedeutende Ausnahmen. Tödtet 
ein Adelicher einen Ebenbürtigen, so wird ihn dessen Familie 
nach Zeit und Gelegenheit rächen; sonderbarerweise mischt 
sich der Shum nicht in die Sache; von Blutgericht ist keine 
Rede. Selten verständigen sich die verletzten Familien zu 
Annahme des Blutpreises, der nicht weniger als 800 Kühe 
beträgt. So hoch schätzen die Marea ihr edles Blut. Sollte 
aber der Friede wirklich um diesen Preis zu Stande kommen, 
so hilft die ganze Familie bis auf sieben Grade (also die rothen 
für sich und ebenso die schwarzen) ihrem schuldigen Bruder 
bei der Entrichtung des Blutpreises, der auf alle Männer 
gleichmässig berechnet wird, und ebenso vertheilt die Familie 
des Todten den erhaltenen Blutpreis unter den ganzen Stamm, 
natürlich mit Bevorzugung der engem Familie. Da nun die 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 243 

Parteien meifit alle Blutsverwandte sind, so sind Geber und 
Empfänger oft die gleichen und die Entrichtung des Blut- 
geldes nur nominell. 

Der Blutpreis eines Tigre ist 150 Kühe. Tödtet nun ein 
Adelicher einen Tigre, so rächt sich dessen Herr dadurch, 
dass er einen beliebigen Tigre dieses Adelichen ermordet; die 
Familie des Getödteten darf natürlich nie daran denken, sich 
an einem Adelichen zu vergreifen. Hat ein Tigre das Unglück, 
einen Adelichen zu tödten, so wird er selbst hingerichtet und 
seine engere Familie geht als Dade (d. h. als unveräusserliche 
ünterthanen) an die Familie des Getödteten über, die auch 
ihr gesammtes Vermögen confiscirt. In diesem Fall aber 
geschieht es gewöhnlich, dass der Herr dieser Familie, der 
sie nicht im Stich lassen will, sie auf eigene Faust in's Aus- 
land, z. B. zu den Takue geleitet und so die Blutsverant- 
wortlichkeit auf sich selber nimmt. 

Eigenthümlich ist die Behandlung der Schwängerung als 
Blutverbrechen. Die Jungfrau oder Wittwe oder ledige Frau, 
die ausserehelich empfängt, wird von ihrem eigenen Vater 
oder Bruder durch den Strang zum Tode gebracht und ebenso 
der Schwängerer; das Kind aber wird erstickt. Dieses Gesetz 
wird bei beiden Klassen gleich streng gehandhabt. Eine Aus- 
nahme wird gemacht, wenn der Schwängerer ein Adelicher, 
die Frau aber eine Tigrait ist; dann werden beide begnadigt; 
der Bastard aber wird nie geduldet. Ist die Schwangere über- 
diess verlobt, so rächt sich ihr Verlobter an ihrem Vater. 
Das Recht ist um so unbarmherziger, je edler sich die be- 
fleckte Familie wähnt; das Motiv ist nicht Tugendstolz, sondern 
Adelsübermuth. Von Ausnahmen habe ich nie gehört. Ein 
ähnliches Gesetz haben auch die Beni Amer im Barka; es 
erinnert lebhaft an den hohen arabischen Begriff von Jung- 
frauenehre. 

Der Adeliche, der gestohlen hat, wird zu einfacher Rück- 
erstattung angehalten, ohne Busse oder Strafe. Bestiehlt ein 
Tigre den andern, so wird sein ganzes Vermögen von dem 

16* 



Digitized by 



Google 



244 Reisd in's Land der Marea. 

Herrn des letztem confiscirt Wagt er aber, das Eigenthum 
eines Adeliohen anzugreifen, so geht er als Dade und oft sogar 
als Leibeigener an -diesen letztern über, der auch sein Ver- 
mögen einziehen kann. Hat er aber im Dienst und Gefolge 
eines Adelichen den Raub begangen, so fällt natürlich alle 
Verantwortlichkeit auf diesen letztem. Verwundet der Tigre 
einen Tigr^, so zahlt er ihm eine Entschädigung; ich kenne 
ein Beispiel von sieben Kühen, die als Medicin galten. Von Ver- 
wundung Ton Adelichen untereinander kenne ich keinen neuern 
Fall. Verwundet aber der Tigre einen Adelichen, so muss er 
ihm all sein Hab und Gut überlassen und wird sein Sklave. 

Während also der Tigre beim geringsten Zufall seine Frei- 
heit verlieren kann, so steht der Adeliche ganz über jeder 
Strafe; stiehlt er, so kann er von seinem Ebenbürtigen auch 
bestohlen, tödtet er, so kann er getödtet werden. Aber er 
darf nie zur Verantwortung gezogen oder gefangen genommen 
werden; er kann, sei er stark oder schwach, nie seiner Frei- 
heit beraubt oder im Vollgenuss seiner Privilegien geschmälert 
werden. So kann er sich immer in Wahrheit adelich und 
Weld Shum nennen. Gegen diese allmächtige Aristokratie, 
die Einer Wurzel entsprossen ist, wo die vielen Zweige doch 
auf den Einen Stanmi deuten und von ihm leben, können die 
Tigre, die einer Menge verschiedener Stämme angehören, sich 
nimmer wehren; die einzige Rettung des Bedrückten ist, sich 
durch Auswanderung, bei den Takue oder den Beni Amer'n 
z. B., eine mildere Botmässigkeit zu suchen. Trotz dieser 
Erniedrigung aber', der nur der Name fehlt, um Leibeigen- 
schaft zu sein, muss man sich nicht vorstellen, die Tigre 
fühlten sich gedemüthigt; auch sie zählen ihre Vorfahren auf 
und ihre Verwandtschaft und wähnen sich ein Adel zweiter 
Klasse zu sein. Niemand bildet sich ein, dass es anders sein 
könnte. 

Was den europäischen Beobachter bei diesen Zuständen 
empört, ist keineswegs die niedrige Stellung des Tigre; sie 
muss auch in seinem Charakter gewissermassen gerechtfertigt 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 245 

sein, sondern die Leichtigkeit, womit der freie Mann zum 
Dade und Leibeigenen umgewandelt wird, eine Strafe, die 
nicht nur den Schuldigen triflft, sondern sein ganzes Fera, 
d. h. seine Familie auf zwei Grade hinaus. Die verabscheuungs- 
würdige Gewissenlosigkeit, womit man den Freien wegen 
wahrer oder eingebildeter Vergehen, Beleidigung, Schulden 
knechtet, ist nicht den Marea eigenthümlich; alle nördlichen 
GrenzTÖlker Abyssiniens: die Mensa, Bedjuk, Habab, Bogos 
und Takue, halten mit demselben Princip ihre Unterthanen in 
Respect; ihr Strafrecht läuft immer auf Verlust der Freiheit 
hinaus. Alle ihre Leibeigenen stammen von dieser unlautem 
Quelle; selten haben diese Herren nöthig gehabt, sich auf den 
Sklavenmärkten mit Kindern der Galla oder Negern zu ver- 
sehen ; mühelos finden sie wohlfeile Sklaven im eigenen Land, 
von derselben Farbe, oft vom eigenen Blut. Der Schuldner 
setzt seine Freiheit ein; ja es braucht sich der Arme nur 
kurze Zeit von dem Reichen ernähren zu lassen, um seiner 
Freiheit für ewig verlustig zu gehen. Die Az Tekles, ein 
Zweig der Habab, sind besonders durch ihre Gewissenlosigkeit 
in dieser Hinsicht berüchtigt; es gibt da Leute, Landeskinder, 
die wegen eines Stück Brod ihre Freiheit verloren haben. 
Freilich wird der ungerechte Ursprung dieser Leibeigenschaft 
dadurch charakterisirt, dass bei allen diesen Völkern der 
Sklave lebt wie und wo er will. Ebenso allgemein ist bei 
allen der Verkauf der Kinder durch die eigenen Eltern ; nicht 
dass es an Liebe fehlte, wo es Mütter gibt, aber die Freiheit 
des Unterthanen scheint so precär, dass manchem ein Stück 
Brod lieber ist. Das mohammedanische Recht, das jeden frei- 
gebomen Muslim von Gotteswegen für ewig frei erklärt, ist 
bei diesen neubekehrten Völkern noch nicht zur Anwendung 
gekommen. Seine Ermahnung, dem Sklaven Gott zu lieb die 
Freiheit zu schenken, wird hier nicht berücksichtigt. Die 
wahren alten Mohammedaner haben Sklaven, aber gekaufte; 
der Sklave muss arbeiten, aber er hat HoflFnung auf Befreiung ; 
der Kinderverkauf wird streng bestraft; der Sklave, der sich 



Digitized by 



Google 



246 Reise in's Land der Marea. 

als freigeboren ausweisen kann, wird befreit; wegen Ver- 
brechen kann niemand die Freiheit verlieren. Dieselben Grund- 
sätze sind auch dem christlichen Abyssinien eigen; man kann. 
also nicht sagen, der Islam sei hierin dem Christenthum an 
Humanität überlegen, sondern die angestellten Grundsätze 
beruhen auf einer hohem Selbstachtung, die jedem Monotheis- 
mus eigen ist. 

Wir wollen unsere Darstellung mit einigen allgemeinen 
Betrachtungen schliessen. Trotz der Autorität des Shum, der 
eben kein Strafrecht besitzt, sind die Marea, wie alle 
die genannten rechtsverwandten Völker, reich an innerem 
Zwist (Gedebo). Das adeliche Kind wird zum Stolz erzogen; 
je übermüthiger es wird, um so mehr freut sich der Vater 
des künftigen Helden; der Mangel an religiöser Erziehung zieht 
die Sucht nach fremdem Gut heran, der Mangel an einem 
wirklichen Staat lässt den Ehrgeiz ohne Schranken. Die Viel- 
weiberei bei den Häuptlingen nährt den Bruderzwist, da sich 
Kinder von verschiedenen Müttern nie vertragen können und 
den Bruderhass schon mit der Muttermilch einsaugen. Daher 
sieht man das hässliche Schauspiel, dass Brüder noch bei 
Lebzeiten ihres Vaters sich um die Erstgeburt streiten. Die 
Bevorzugung der jüngsten Frau und ihrer Kinder weckt die 
Eifersucht der älteren Kinder, deren Mutter vernachlässigt 
oder Verstössen ist und oft nehmen sie im Gedanken an die 
Zukunft Partei gegen den eigenen Vater. So sahen wir bei 
den rothen Marea die Autorität des Häuptlings Beri, der bis- 
her fast unumschränkt regiert hatte, dadurch sehr geschwächt, 
dass seine älteren Söhne, die ihre jüngeren Brüder der Mutter 
wegen bevorzugt sahen, gegen ihn auftraten. Das ist ganz 
biblische Geschichte von Isaak an bis auf Absalom. Die Leute 
selbst beklagen sich wohl über diesen Uebelstand; indem sie 
aber viele Kinder für die erste Quelle von Macht und Ehre 
halten, bedenken sie nicht, dass die verschiedenen Mütter eine 
Quelle von Hass und Neid sind, welcher die Kraft der Fa- 
milie ohne alles äussere Zuthun aufreibt. 



Digitized by 



Google 



Beise in's Land der Marea. 247 

Der innere Zwist besonders bei den schwarzen Marea, wo 
die drei fast gleich starken Stämme einander trotzen, raubt 
dem Stammkönig die nöthige Kraft, während die Marea, einig 
zusammenhaltend, jedem Feinde widerstehen könnten. Nach 
der geographischen Lage des Landes sollte man die Marea 
für die Herren des Barka ansehen, nicht umgekehrt; doch 
liefert der übertriebene Unabhängigkeitssinn, der seinem 
Bruder in nichts nachgeben will, das Land in die Hände der 
Fremden, besonders seit grössere Monarchien, die türkische 
und abyssinische, an den Grenzen der Republik stehen und 
keine Gelegenheit versäumen, um interveniren zu können. 

Der Unabhängigkeitssinn zeigt sich auch in der Zerstreut- 
heit der Dörfer; wenn sie auch für den Ackerbau bequemer 
ist, hat sie doch ihren wahren Grund in dem übertriebenen 
Individualismus; jeder will in seinem Haus Herr und Fürst 
sein und bedenkt nicht, dass die Nation, die nichts an das 
Gemeinwesen abgeben will , zerfallen muss. Die Marea haben 
mit ihren Nachbarn selten Krieg geführt, dagegen bekämpfen 
sie sich untereinander; jeder Tag bringt einen neuen blutigen 
Hader, in Folge dessen der Schwächere auswandert. Viel- 
leicht kann man noch froh sein, dass sie so zerstreut leben 
und jeder Luft genug hat; das Zusammenleben könnte den 
Streit nur heftiger und vernichtender machen. Die Takue 
wenigstens vertragen sich viel besser, seitdem sie das enge 
Halhal verlassend weit auseinandergerückt sind. Eine Folge 
des ewigen Zwistes ist auch, dass die Marea, besonders die 
rothen, die böse Gewohnheit haben, sich gegenseitig und ihre 
Nachbarn im Barka zu bestehlen; kommt die Strafe, so fällt 
der Schaden natürlich auf die Tigre; den Nutzen vertheilen 
sich die Herren. ^ 

Schon der Blick auf die Karte zeigt, dass die Marea vom 
Ausland ziemlich isolirt dastehen: Abgründe begrenzen das 
Land von allen Seiten; es ist daher kein Wunder, dass sie 
sich immer ziemlich unabhängig erhalten konnten. Der Tribut 
bedingt an und füi* sich noch keine Unterwerfung, solange 



Digitized by 



Google 



248 Reise in's Land der Marea. 

sie noch eigenes Gericht haben und selbst der Tribut ist noch 
gar nicht fest eingerichtet. Von der Lage rührt auch die 
Unwissenheit der Marea, deren Geographie kaum bis Eeren 
reicht. Uebrigens scheinen auch bei den Bogos, deren Hori- 
zont doch ein weiterer ist, die Marea, Dank den Abgrün- 
den und steilen Bergen, ein sehr entferntes Volk, von dem 
man um so seltener Nachrichten hat, da sich nie ein Marea 
bis nach Mogareh wagt. Dagegen verkehren die rothen Marea 
mit den Habab,* die schwarzen mit den Beni Amer'n, ihren 
respectiven Nachbarn. Die erstem verschwägern sich deshalb 
meist mit den Habab, denen sie sehr ähnlich sehen, die 
letzteren mit Az Amer und Gultane von Barka, denen sie 
auch in mancher Hinsicht gleichen. Da eine offene Strasse 
nach Halhal führt, so sind die rothen Marea eher den An- 
griffen von Abyssinien ausgesetzt; die. schwarzen dagegen 
müssen sich die Freundschaft der Beni Amer bewahren, da 
ihre Heerden in dem Barka die^ bfesto Weide finden. Die 
Marea gehen in theuren Zeiten mit Eseln und Stieren bis 
Kassala, um Getreide zu kaufen. 

Die ausschliessliche Sprache des Landes ist das Tigre, das 
die Marea so schön wie die Habab sprechen; niemand er- 
innert sich je eine andere Sprache gesprochen zu haben. Bei 
den schwarzen Marea ist auch das To'bedauie wenigen geläufig; 
auch das Tigre sprechen sie etwas mit dem affectirten Accent 
der Beni Amer. 

Die Frauen der Marea sind für diese Länder sehr fi*ucht- 
bar zu nennen; 6 — 8 Kinder sind* häufig. Die Zeugungskraft 
der Männer scheint spät aufzuhören; alle diese alten Häupt- 
linge hatten noch ganz kleine Kinder, fireilich von jungen 
Frautn. Die Mädchen zeichnet ein sehr reicher, dichter und 
langer Haarwuchs aus. Vielweiberei ist nur bei den Vor- 
nehmsten häufig, sonst im Ganzen selten. Im äusseren Aus- 
sehen unterscheiden sich die Marea wenig von allen ihren 
Nachbarn, den Habab, Takue, Bogos etc.; Nuancen gibt es 
für den Kenner schon, aber sie lassen sich nicht anatomisiren. 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Maiea. 249 

Da wir das Volk der Marea auf Grundlage und gewisser- 
massen in Fortsetzung des über die Bogos Festgestellten be- 
trachtet haben, so wollen wir auch aus ihrer geographischen 
Lage einen Vergleich ziehen. Die Bogos sind durch die Natur 
feindlichen und freundlichen Angriffen sehr ausgesetzt; sanft 
aufsteigende Thäler verbinden ihr Land mit dem Meer und 
dem Barka; so wird es Handelsstrasse und dem Luftzug des 
Lebens mehr ausgesetzt. Die Bogos haben alle Gelegenheit, 
an dem Handelsverkehr theilzunehmen ; das nachbarliche Barka 
bietet ihnen herrliche Erndten und fehlen sie, nahrhafte wilde 
Früchte.' Die Abgeschlossenheit des Landes erhält die Marea 
unabhängig, aber beraubt sie des freien Verkehrs. Eine 
schlechte Emdte führt Hungersnoth mit sich, da keine Kameei- 
strasse Proviant zuführt; selbst die wilden Früchte fehlen. 
Die Freiheit will ihre Opfer haben. 

Wenn ich die kleine unscheinbare Pflanze mit dem Mikro- 
skop bis auf ihre einzelnsten Theile untersuche — denn so 
eine Pflanze ist das kleine Volk, das wir uns angesehen — 
wenn ich dabei auch den Leser ermüde, der meinen Details 
folgen soll, so thue ich es mit der Hoffnung, hier und da 
dem an sich todten Stoff eine neue Seite des menschlichen 
Geistes abzugewinnen und wohl auch eine neue Wahrheit. 



Digitized by LnOOQ IC 



Rückkehr nach Keren. 



Krst bei Shell wai lassen wir den frühem Weg links und 
gehen auf dem sehr schmalen Scheitel, der links nach Kednet, 
rechts in ungeheurem Abgrund gegen das Barka hinunter- 
sehen lässt, etwa zwei Stunden weit; sehr selten erweitert er 
sich in eine hinaustretende Ebene. Nach und nach dehnt er 
sich aus und wir kommen in die Ebene Dekinet an einem 
Dorf vorbei. Vor uns haben wir einen von Osten nach Westen 
laufenden Bergzug, der in sanften Terrassen aufsteigt und dann 
wieder sehr unbedeutend in das offene Hügelland von Ire ab- 
fällt, wo wir in dem Weiler von Shum Idjel, der aus einigen 
zwanzig Hütten besteht, absteigen. Das Gebirge, auf dessen 
westlichem, gegen das Barka geneigtem Abfall Ire liegt, hängt 
in seiner östlichen Verlängerung mit Rehi zusammen. Die 
Wasser gehen alle in das zu unsem Füssen sich ausbreitende 
Barka. Die Ebenen von Ire sind ziemlich eng durch Fels 
und ^lüfte unterbrochen, die Weiler hier und da in die Felder 
hingestreut. Debre Säle dehnt sich im Süden vor uns aus; 
sein östliches Ende ist das Ziel der morgigen Reise. Wir 
sehen die Hügel von Afdehob und am En^e des Horizontes 
den über sein Plateau als Pyramide sich erhebenden Berg von 
Algeden, den die weit gezogene Barkafläche von uns trennt. 



Digitized by 



Google 



Beise in's Land der Marea. 251 

Ich glaube, dass die warme Luft des Barka, dem Ire zuge- 
wandt ist, auf die Vegetation bedeutenden Einfluss hat, wie 
die Nachbarschaft und der Verkehr auch die Menschen ein- 
ander ähnlicher gemacht hat, besonders da Ire Ton dem Ge- 
biet der rothen Marea durch den bedeutenden Gebirgsabfall 
klimatisch isolirt ist. Denn die meisten Bäume sind mit denen 
Ton Keren identisch, über welchem Ire doch fast 1000 Fuss 
erhaben sein muss. Wir finden das Durra noch sehr, klein, 
da dieses Jahr die Sonne gefehlt hat; Weizen kommt nicht 
mehr vor. Da Shum Nur abwesend ist, empfängt uns sein 
Bruder Omar und die Söhne des yerstorbenen Shum Idjel. 
Den 13. September brechen wir früh Morgens auf und nehmen 
unmittelbar hinter dem Dorfe vom bewohnten Land der Marea 
Abschied. Wir gehen eine Stunde lang über steinige Hügel und 
Abhänge, dann steigen wir, den Berg Mussa Qerbetu rechts 
lassend, in das sehr tiefe enge Thal von Shashagne hinab, 
das in eine Ebene führt, wo der Torrent, dem wir nachge- 
gangen, mit einem zweiten von Andellet und einem dritten 
von Melbeb herkommenden Strom sich vereinigend, durch die 
letzten Vorberge, die uns noch vom Barka trennen, nach der 
Ebene Mareit durchbricht Wir gehen den von Melbeb kom- 
menden Torrent hinauf und steigen so, dem Hochgebirge nach 
uns haltend, über den hohen Sattel Asalla in das Thal von 
Angesha hinab, das Ziel unseres Morgenmarsches. Wir finden 
uns so am östlichen Ende des Debre Säle, an seiner Nase, 
wie das die Eingebomen bezeichnen, wo ihn das Thal von 
Angesha von dem Gebiete der Marea trennt. Wir haben links 
die Höhen von Melbeb und Tsellema, rechts die äussere Berg- 
wand gegen das Barka, die durch den Af Marat, der sich 
nach dem Barka durchbricht, vom Debre Säle getrennt ist, 
der hier quer in^s Barka hinausliegt. Unser heutiger Weg 
war sehr beschwerlich, da er von einem Sattel zum andern 
das Hochgebirge umgeht, ohne in die Tiefe hinabzusteigen. 
Er gleicht einer Baumverästung: wir treffen ihn beim Zweig, 
der zum Ast führt; wir verfolgen ihn abwärts bis wo er vom 



Digitized by 



Google 



252 Reise iu's Ltmd der Marc». 

Stamm ausgeht; anstatt aber nun den Stamm hinabznklimmen, 
gehen wir auf einen entgegenliegenden Ast über bis zu seiner 
Spitze, um dann zu einem zweiten Baum überzugehen. Die 
Aeste smd die kleinen Torrente, der Stamm der vereinigte 
Strom. Der Af Marat oder Strom von Angesha hat eine 
starke Strömung, da er seine Quelle in dem wasserreichen 
Geridsa hat, während die Zuflüsse vom Sattel von Asalla und 
vom Sattel von Angesha nur momentan fliessen, da sie nur 
das lokale Abhangswasser mit sich führen. Wir sehen hier alle 
die grossen Bäume des Ansefaa, die Aie, Zellazel6 und Tama- 
rinden; auffallend ist eine kaum 2 Fuss dicke, aber wohl 
40 Fuss hohe Adansonie mit Wipfel ohne Aeste, da diesen 
^ Baum der kurze fette Stamm mit naher Yerästung charak- 
terisirt. 

Wir brechen um % 3 Uhr von hier auf, überschreiten den 
Hauptstrom, verfolgen noch eine halbe Stunde das Thal von 
Angesha aufwärts bis zu einem Sattel, der die Wasser von 
Angesha und Af Sabr trennt und zum Debre Säle hinaufführt. 
Vor diesem Sattel biegen wir in das Querthal Angesha Katsin 
ein, das zu einem zweiten Sattel führt, der in's Thal Hafulei 
hinabführt. So haben wir das Gebiet der Marea umgangen 
und treten wieder in das Land der Takue ein. Wir geben 
ein anmuthiges, grünes, schattiges Thal ohne Fels in sanftem 
Fall hinab in der Richtung des Berges Hafulei, und kommen 
dann der südlichen Verlängerung des Thaies nach zu einem 
Heerdenlager der Az Tesfa Girgis, desselben Stammes, den 
wir bei Sor getroffen. Das Thal selbst ist von den Az Tshaflfa 
sorgfältig angebaut. Den Namen Hafulei hat das Thal vom 
gleichnamigen Fruchtbaum, der hier sehr häufig ist. 

Den 14. September gehen wir um die Ecke des Berges 
Hafulei herum und kommen über einen unbedeutende^ Sattel 
zum Strom Kerkeriu hinüber, an dessen Ufer wir ein grosses 
Zeltenlager der Az Tshaffa finden, die uns mit Milch bewir- 
then. Nun verfolgen wir den Kerkeriu aufwärts und biegen 
dann, die Berge von Gabei Alabu links lassend, in seinen 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 253 

Znfluss, den Tshurum, ein, den wir bis zu seiner Quelle ver- 
folgen. Die Uferebenen sind alle angebaut, sodass wir durch 
die Pflanzungen kaum einen Weg finden; der Torrent fliesst, 
soll aber im Sommer nur theilweise Wasser haben. Das Thal 
mahnt an das Boggu der Bogos und es hat dieselbe Bedeu- 
tung für Gabei Alabu, wie Boggu für Keren, als Supplement 
zu der Hochebene. Hier reift das Durra sehr schnell und die 
Heerden gedeihen ausserordentlich. Für Baumwolle besonders 
wären diese Thäler sehr günstig. Das Thal Tshurum hat 
mehr W^asser, als Boggu, weil seine Quellen aus dem Innern 
des Hochlandes kommen, während Boggu nur von Abhangs- 
wasser genährt wird und so fast immer trocken liegt. Die 
Az Tshaffa cultiviren stromab bis Hömmeret Goila; dort fängt 
das Gebiet der Beni Amer an; das Thal verschwindet, die 
weite Ebene gehört den Hirten. Wir lagern um Mittag auf 
einer üferebene, wo uns Schwärme von 'Auer empfangen, ein 
bienenähnliches Insekt, dessen Stich unsere Maulthiere auf's 
Blut peinigt 

Nach kurzer Rast ersteigen wir die Höhe des Sattels, der 
einerseits Tshurum von Bab Genger6n trennt, anderseits Halhal 
und Aretta verbindet. Wir brauchen eine halbe Stunde, um 
den steilen, von dem hohen Gras unwegsam gemachten Abhang 
hinunterzuklettern und zu dem Punkte zu kommen, wo der 
Abhang von Gabei Elos anfängt. Es wird schon Nacht und 
in der Hoffnung, ein Heerdenlager unserer Freunde, der Az 
Gabdja, zu erreichen, eilen wir das Thal hinunter; die Aus- 
sicht auf ein freundliches Lagerfeuer und eine heisse Milch 
spornt unsere Schritte. Den Dienern vorauseilend komme ich 
mit Hm. Schubert und Gabir, dem Mann von Dokono, an 
dem Baum an und auf dem Hügel, von wo ich vor zwei 
Wochen Directionen genommen und wir erblicken zur Linken 
Lagerfeuer, die vnr den Az Gabdja zuschreiben. Wir gehen 
über Stock und Stein in der sehr finstern Nacht. Das Licht 
geht vor uns her; wir rufen unsere Gefährten mit Flinten- 
schüssen und haben kaum noch drei und nicht sehr siciiere 



Digitized by 



Google 



254 Reise in's Land der Marea. 

Schüsse, als wir neben dem hohen Lagerzaun ankommen. Da 
■wir weder Thür noch Thor sehen, rufen wir, aber die Hirten, 
durch das Schiessen erschreckt, halten uns für abyssinische 
Soldaten und bedeuten uns, schnell uns fortzumachen. Wir 
sehen, dass wir auf Az Tesfei gefallen sind, ein mir ganz 
fremder Stamm der Takue, Ein Wort gibt das andere; Gabir, 
etwas zu übermüthig, prahlt mit unsem Flinten. Die Leute 
des Dorfes, die einen Trupp Soldaten vor sich zu haben 
meinen, öffnen plötzlich den Zaun und dringen mit wildem 
Ejriegsgeschrei auf uns ein. Die Lanzen blitzen in der Nacht 
Ich sehe die Gefahr und bitte Schubert, sein Gewehr bereit 
zu halten, da in keinem Falle Flucht etwas nütze; ich ziehe 
meinen Revolver aus dem Halfter; aber da ich als alter Be- 
wohner des Landes wohl weiss, dass viele Hunde des Hasen Tod 
sind und Feuerwaffen in der Regenzeit auch den Dienst ver- 
sagen können; da ich bedenke, dass es hier zu Land fast 
ebenso misslich ist, zu tödten als getödtet zu werden, stecke 
ich meine Waffe wieder an ihren Platz und trete, meine Nil- 
peitsche in der Hand, in die Mitte der tobenden Hirten. Ich 
fasse den ersten besten, der mir ein bejahrter Mann zu sein 
scheint und frage ihn, was sie zu dieser Handlungsweise bringe. 
Auf mein Zureden besänftigt sich der Haufe; ich beklage mich 
über die verweigerte Gastfreundschaft. Die Leute erwiedem, 
sie hätten uns für Soldaten gehalten; schon gestern seien sie 
von solchen übel zugerichtet worden; sie baten, die Sache 
nicht übel zu nehmen und jetzt mit ihnen zu übernachten. 
Da aber die Gastft^undschaft einmal verletzt und zu fürchten 
war, der Streit möchte zum zweiten Mal ausbrechen, lehnte 
ich das Anerbieten ab. Wir fanden kaum eine Viertelstunde 
weiter das Lager der Az Gabdja, wo wir freundlich empfangen 
und bewirthet wurden. 

Den 15. September lenkten wir in das Thal von Dobak 
ein und nachdem wir den Sattel erstiegen, der es von Shin- 
nare trennt, sehen wir vor uns das « weisse * Mogareh und an 
seinem SW.-Ende Keren, wo wir um Mittag glücklich ankommen. 



Digitized by 



Google 



Geographische Skizze über das Ansebaland. 



Jedes Hochgebirge erscheint dem See- oder Wüstenfahrer 
von fern gesehen als Ein ununterbrochener Zug ohne Lücke 
und Thor; die fast eben fortlaufende Höhenlinie ist nur sel- 
ten durch Spitzen etwas mannichfaltiger gestaltet. Er gewinnt 
so den allgemeinen Ueberblick, aber nur die halbe Wahrheit. 
Denn, wenn er von der Neugierde gezogen sich den Bergen 
nähert, vergeht ihm die Illusion mit jedem Schritt mehr. Die 
Einheit fällt weg; Thal und Berg scheinen unordentlich unter- 
einander geworfen, unmöglich, darin irgend Einen zusammen- 
hängenden Naturgedanken zu finden. So hat er die Anschau- 
ung, die specielle Wirklichkeit; aber auch ihm fehlt die 
Wahrheit, wenn ihn die Ausnahme verführen sollte, die Regel 
zu vergessen. Was hülfe dem Reisenden der Wulst von Ber- 
gen und Flüssen, wenn daraus nicht ein System würde, was 
ihm den sinnreichen, poetischen, fast menschlich verständlichen 
Gang der Natur offen legt. So können auch wir unsere geo- 
graphischen Beobachtungen nur dadurch deuthch machen, 
dass wir ihnen zuerst ihre Stelle im grossen Ganzen ange- 
wiesen haben. Wir sind um so mehr dazu gezwungen, da nur 
das Basrelief ein Land treu wiedergibt, nicht die Karte. 



Digitized by 



Google 



256 Reise in's Land der Marea. 

Unr die Gebirgsconstniction der Marea zu begreifen, müs- 
sen wir auf ihr Princip, die Hochebene von Hamasen, zurück- 
gehen. Als Gebirgsstock , als Basis stellt sich uns das Pla- 
teau von Tsasega dar, östlich bis zum Abfall gegen das Sam- 
har, westlich gegen die QoUa Dembeläs sich ausdehnend, ohne 
in seinem Niveau durch ein Thal gestört zu sein — w^as die 
wahre Hochebene charakterisiri Ueberdiess ist Tsasega als 
die höchste Stufe Nordabyssiniens zu betrachten, da es sich 
gegen alle Seiten bald wieder absenkt; gegen Süden wird die 
Hochebene wenige Stunden ober Tsasega vom Mareb zer- 
schnitten und getheilt, und fast plötzlich gräbt sich dieser 
schnell erstarkende Fluss ein schauerlich tiefes Thal , wodurch 
das Plateau in zwei Arme getheilt wird, östlich die Hochebene 
von Aggela und Saher, westlich die Halbinsel Sarae. Ohne 
in dieser Richtung fortgehen zu wollen, haben wir der Ana- 
logie wegen diese Verästung der Basis aufgezeichnet, da im 
Norden dasselbe Phänomen sich uns darstellt, aber viel lang- 
samer, consequenter und r^elmässiger ausgeführt. Die Rolle 
des Mareb spielt hier der Anseba, der in regelmässigen sanf- 
ten Stufen in's Tiefland hinabfällt und so die nördliche Fort- 
setzung der Hochebene mit seinem breiten Thale in zwei Ge- 
birgsreihen theilt, die mit fast constanter Höhe das Daga 
sehr weit fortführen. So haben wir als Basis unserer Be- 
trachtung den Gebirgsstock, der gegen Norden in zwei fast 
parallel laufende Aeste ausläuft und den Anseba, der aus dem 
Stock hervorquellend stufenweise ein tiefes Thal sich bildet, 
das die Ausläufer des Hauptstockes voneinander trennt. 

Als Quelle eines Flusses muss man sonst annehmen die 
Stelle, wo er als lebendiges Wasser entspringt; diess gilt je- 
doch nur für ein constant fliessendes Wasser. Ist der Fluss 
nur ein Regenbett (Torrcnt), dann muss man den Arm als 
Quelle ansehen, der am weitesten aus dem Innern der Hoch- 
ebene herabläuft und keineswegs die vom Grebirge abfallenden 
Regenbäche; streiten sich mehrere Zuflüsse darum, muss der 
vorgezogen werden, der zum unteren Lauf das natürlichste 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 257 

Verhältniss bewahrt, ohne auflFallende Laufeveränderung. Die- 
sen Principien zu Folge muss als Quelle des Anseba der Mai 
Goila von Tsasega angesehen werden ; denn der Anseba kann 
nicht als Fluss, sondern nur als Torrent betrachtet werden, 
da er nur in der Regenzeit von drei Monaten fliessendes Was- 
ser hat. An Länge steht der Mai (JoiJa keinem Zuflüsse nach; 
überdiess stehen die andern Gewässer, die sich rechts und 
links dem Hauptlauf anfügen, in schiefen Winkeln darauf, 
während der Mai Goila senkrecht in ihn übergeht. 

Hüten wir uns, den Namen Anseba etymologisch erklären 
zu wollen oder ihn gar Ain Saba (Quelle von Saba) zu nen- 
nen, mit ungehöriger Bezüglichkeit auf das alte Saba. Denn 
seit sechs an seinen Ufern verbrachten Jahren haben wir nur 
Anseba ohne gutturalen Spiritus aussprechen liören. Wir 
können diesen Namen aus unsern Kenntnissen nicht erklären 
und möglichei*weise gehört er einer Sprache an , die mit ihrem 
Volk verschwunden oder ausgewandert ist. Der Name fängt 
von dem Augenblick an, wo der Strom, die auf seinem Ni- 
veau liegende Ebene verlassend, seinen Fall beginnt und hört 
erst weit unter dem Marea nach seinem Ende auf; denn da 
erhält er von Stunde zu Stunde verschiedene Lokalnamen, die 
eigentlich eher die anliegenden Uferebenen bezeichnen sollen, 
als das Strombett. Nur der Abyssinier und auch er nur zum 
Theil fasst den Fluss als ein Indi\iduum auf, dessen Leben 
er von der Quelle bis zum Ende verfolgt, das er demnach 
einheitlich tauft , während der Bewohner der Niederlande den 
Fluss, der ihm weder zur Schiffahrt, noch zur Cultui' dienlich 
ist, der vielmehr den Verkehr hindei't und durch seine Mias- 
men und durch seine Fliegenschwärme gefährlich wird, nur 
nach seinem Ufer beobachtet und dann und wann auch nach 
seinen Wassei'plätzen , wo aus tiefen Löchern das Vieh ge- 
tränkt wird. Der Name Anseba selbst dient auch zur 
Bezeichnung des anliegenden Landes und bezeichnet bei den 
Eingebomen die QoUa von Gundebertina bis Saraua. Wir 
theilen seinen Lauf vorläufig in oberen, mittleren und unteren 

M uusinger, OsUfiik. 8tudi«u. 17 



Digitized by 



Google 



258 Reise in's Land der Mareo. 

ein, indem wir uns vorbehalten, jeden besondere zu charak- 
terisiren. Der Oberlauf geht bis Kuariko, der Mittellauf bis 
Saraua, der Unterlauf bis zu seiner Vereinigung mit dem 
Barka. 

Der Anseba bildet sich sogleich nördlich von Tsasega ein 
Thal, das sich stufenweise immer mehr vertieft. Das Hoch- 
land zieht sich rechts als Ostrand durch Eameshim und 
Dümbesan ohne Abfall fort, während es links in den lang- 
samen, sanften Stufen von' Az Johannis, Az Maman und Gun- 
debertina sich abdacht. Der Anseba gräbt sich zwischen dem 
Ostrand und dem westlichen Terrassenland ein sehr tiefes, 
enges und steiniges Thal, reich an Katarakten, nimmt die 
Wasser von Kameshim und den Stufenländern auf und kommt 
erst in Gundebertina wieder zum Niveau des Westrandes. So 
weit geht der Oberlauf; sein Charakter besteht darin, dass er 
die Hochebene noch nicht consequent als tiefes Thal in zwei 
gabelförmige Ausläufer trennt, sondern sich vielmehr in zwei 
nach Norden parallel laufende Stufen scheidet, die eine höhere, 
den Stock fortsetzend, die andere in Stufen, die von Ost nach 
West gerichtet sind, sich senkend, wozu der Anseba wild mit 
weniger Ordnung, aber sich corrigirend, wieder zurückkommt; 
er ist in diesem seinem Oberlauf noch sehr eng, ohne Ufer- 
ebene, ohne Gebiet. 

Unter Gundebertina reisst sich der Anseba von seiner Ab- 
hängigkeit los und bildet sich ein eigenes Reich, die QoUa 
der Bogos; das Hochgebirge trennt sich erat hier entschieden; 
der Anseba in der Mitte bildet sich ein Thal, das breiter 
und enger mit dem Fluss auf gleichem Niveau steht, aus 
Uferebenen und wenig erhabenem Hügelland bestehend; die 
einzelnen Berge bilden keine Ausnahme von besonderem Cha- 
rakter. Dieses Flussgebiet bildet das Gebiet der Bogos, Be- 
djuk und Beit Takue von Kuariko bis Saraua, etwa zwölf 
Stunden lang und sehr breit; der Fluss mit langsamerem Fall, 
nur selten. von Katarakten gehemmt. Dieses Thal ist rechts 
und links von den Ausläufern des Hochgebirges in der Mitte 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 259 

gehalten; sein Ausläufer geht als Hochland von Mensa und 
Habab mit fast immer gleicher Höhe (5 — 6000 Fuss) und 
schönem, ebenem Land, ohne die Abfälle wohl fünf Stunden 
breit, von Südost nach Nordwest. Gegen Nordost fallt er in 
Vorbergen langgezogen gegen die Küste ab; gegen West be- 
grenzt er als Eibaba und Aggaro die Bogoa und Bedjuk von 
Mensa, verengt sich dann bei Mäs'hälit und erniedrigt sich zu 
einem Sattel ,. wovon gegen Ost gehend das Thal von Lebka 
ihn durchschneidet, und nähert sich endlich als Zerech und 
Agäme und Rora Az Tekles wieder dem Anseba. Der Abfall 
dieses Ostausläufers fällt gegen das Meer 5000 Fuss ab, aber 
ohne Steilheit, gegen den Anseba dagegen nur 1500 Fuss, 
aber als steile Mauer. 

Der Westausläufer des Hochgebirges verlängert sich von 
Gundebertina links hin gerade fortlaufend zur Rora Beit Andu 
und Rora Az Geret, wird dann plötzlich durch das tiefe und 
breite Thal von Boggu schief geschnitten und unterbrochen; 
setzt sich dann als Rora Az Gabru und Aretta wieder fort 
und geht durch einen schmalen, wenig gesenkten Sattel kaum 
unterbrochen in das Hochland der Halhal über, wo sein Ost- 
abfall bei Saraua, gegenüber der Rora Az Tekles, bis an's 
Wasser des Anseba tritt. Dieser Westausläufer des Hochlan- 
des ist sehr ungleich an Höhe; doch hält er sich stets im 
Niveau des Olivenbaums. Sein innerer Abfall ist nicht 
so kühn und klar, wie der Abfall von Mensa und viel unre- 
gelmässiger, mit vermittelnden Thälem und Vorbergen. Der 
Ostausläufer ist viel ausgedehnter, enthält grosse, bevölkerte 
Ebenen und fällt langsam vermittelst Längen- und Querthä- 
lem in das Samhar hinab; der Westausläufer ist schmal, mit 
kleinen Ebenen, wenig bewohnt und fällt den freilich viel 
kürzeren Abhang nach dem Barka viel steiler hinab. Aehnlich 
sind sich die beiden Gebirgsausläufer darin, dass sie dem Anseba 
nur Abhangswasger zuschicken; das eigentliche Hochwasser, 
das aus dem Kern der Hochebene herausläuft, schicken sie 
gegen aussen, Mensa und Habab dem Lawa und Lebka, 

17» 



Digitized by 



Google 



260 Reise in's Land der Marea. 

Rora Beit Andu und Bora Az Geret dem Barka zu. Den An- 
Rcba bereichern sie nur zufällig. Sie gehen parallel unter- 
einander und mit dem Anseba. 

Das Tiefland, das der Mittellauf durchzieht, ist nicht sehr 
breit und durch die Ausläufer der zwei Gebirgsketten bei 
Tshabbab in zwei Theile gesondert. Den oberen Theil cha- 
rakterisiren die grossen Hügel, fast Berge, die den Strom 
einengen und verbergen; unter Tshabbab erniedrigen sich die 
Hügel, die Uferebenen werden grösser und zahlreicher, das 
Land offener. Bei Saraua treten die Gebirgszüge wieder ganz 
nahe an den Strom, als ob sie sich vereinigen wollt-en und 
es gelingt ihm nur mit Mühe, sich durch die Felsen durch- 
zuzwängen; er wird eng, schroff, düster, steinig, selten durch 
eine Uferebene oder ein Thal erweitert. Das ist sein Unter- 
lauf. Die Gebirge, die ihm so den Weg versperren, sind links 
die von Halhal und Marea, äusserster Westauslä^fer, und rechts 
die Rora Asgede mit ihren Fortsetzungen, äusserster Ost- 
ausläufer des Hochgebirges. Hier scheint es, als ob sich diese 
Ausläufer wieder zum Charakter der abyssinischen Daga em- 
porschwingen wollten; ihre Höhe, die Ausdehnung, die Was- 
ser und die Vegetation ihres Rückens zeigen uns ein zweites 
Hamasen. Selbst die Trennung, die sie seit Gundebertina 
freiwillig eingegangen, scheint sie zu reuen, sie streben wie- 
der zusammenzuwachsen; doch lacht der schon mächtig ge- 
wordene Anseba ihrer Anstrengung, jetzt hat er Wasser ge- 
nug, imi Berge zu überschwemmen, siegreich durchbricht er 
die Engen und kämpft sich den Weg in's freie Land, während 
seine Gegner, die zwei Brüdergebirge, von der übermässigen 
Kraftentwickelung wie erschöpft, fast plötzlich zur Ebeiu* 
hinabfallen. Doch behauptet auch hier der östliche Ausläufer 
den Vorrang, da er ungleich breiter Aveitentlegene, abei* 
frische Zweige bis Beit Male und Hager sendet, wo zum letz- 
ten Male die Olivenwälder und die sprudelnden Quellen au 
das ferne Mutterhochland mahnen; seine Abdachung gegen 
das Meer ist allmälig, während der Westausläufer fast ohne 



Digitized by 



Google 



Heise in's Land der Marea. 261 

Uebergaug steil iu*s Barka abfällt. Gegen Süden, dem An- 
seba zu, sinken sie beide gleich plötzlich als senkrechte Mauer 
hinter. Die Ostkette beherbergt die Habab und die Beni Amer 
vom Söhel; schöne, fruchtbare Hochebenen werden nur zur 
Weide benutzt, wähi-end die Westkette, deren sparsame Enge 
den Raum um so kostbarer macht, zum letzten Mal die Pro- 
duction Hochabyssiniens, den Anbau von Weizen, Gerste und 
Xuhuk, erfolgreich nachahmt. Dicss ist das Land der Halhal 
und Marea, Ziel unserer Reise. 

Der Enge, seinem Element, entronnen verliert der Anseba 
seine Selbstständigkeit; er ist nicht mehr Princip, er wird Theil 
des Barka -Fluss- Systems schon vor seiner Vereinigung, er 
kommt in's Niveau der Ebene und anstatt den Namen zu 
geben, nimmt er ihn vom Ufer an und endlich übergibt er 
sich dem stärkeren Bruder, dem gewaltig breiten Barka, dessen 
Anfänge ihm bei Gundebertina so nahe standen. Auch hier 
spiegelt sich der Zusammenhang der Menschen und der Natur. 
Der abyssinische Anseba ist schmal, mager und nervig, wie 
der ihm anwohnende Mensch, aber gewaltiger mit grösserer 
Zugkraft und Wassermenge, die er fast unversehrt dem Ziele 
zuführt, während der Barka ungeheuer breit, das Kind der 
Ebene, grossen Namen und imponirendes Aussehen hat und der 
Vereinigung den Namen gibt; sein Wasser verliert er zum 
grossen Theil auf dem Wege; er kann seinem prahlerischen, 
fetten, phlegmatischen Anwohner verglichen werden. Und 
dass nicht der Anseba die Vereinigung tauft, ist natürlich, 
da der Barka, in der Ebene geboren und auferzogen, bis zum 
Ziel in seinem Elemente bleibt, während sein «Bruder .vom 
Berge» in der Fremde sich wohl dem Landeskind anschmie- 
gen muss. 

Das Gebiet von HaMial und Marea sendet seine Wasser 
spärlich dem Anseba, reichlich dem Barka zu. Doch müssen 
wir hier noch die Zuflüsse des mittleren Barka berühren, da 
ihr Thalgebiet politisch zu Halhal gezählt wird. 

Der Mittellauf des Anseba empfängt eine halbe Stunde unter- 



Digitized by 



Google 



262 Reise in's Land der Marea. 

halb Tshabbab den Feieloch, der von den Abhängen des Lalamba 
entspringt. Er ist ein von grossen Bäumen beschatteter breiter 
Strom ; da sein Lauf aber sehr kurz und der Scheitel des La- 
lamba schmal ist, so ist er fast beständig wasserlos. 

Bedeutender ist der Shitamo oder Bijan, mit diesem Na- 
men nahe seiner Mündung benannt, dessen Gebiet ein läng- 
liches Thal mit mehreren Ausläufern bildet; seine Quellen 
sind die Bäche von Bab Gengeren, Dobak, Gabei Lokum, die 
ebenso viele kleine Thäler bilden. Er lässt den Berg von 
Hubub Angelle rechts und vereinigt sich mit dem Anseba bei 
Zeron. 

Unter Zeron empfängt der Unterlauf des Anseba nur die 
Wasser des Bergabhanges, da das Hochgebirge selber dem 
Barka zugewandt ist; so den Strom von Darikal, der vom 
Abhang von Rehi sich in den Abgrund ein enges Thal aus- 
höhlt und unter Gedlet sich vereinigt; ebenso der Waldbach, 
der, von der Wasserscheide zwischen Shaka und Asunfa ent- 
springend, sich bei Höbero in den Anseba stürzt. Wir be- 
rücksichtigen diese Zuflüsse nur, weil der erstere eine, wenn 
auch unvollkommene Strasse nach Rehi bildet; die Karawanen 
von Massua laden ihre Kameele hier ab und transportiren 
ihre Waaren das Thal hinauf mit Eseln. Der Bach von Hö- 
bero führt zu einem nicht steilen Sattel, der auf der West- 
seite ganz sanft nach One und so nach Kednet hinabführt 
und so bildet er den kürzesten, Weg, auch für Kameele gang- 
bar, von Erota nach dem Anseba. 

In Sherit, eine Tagereise unterhalb Kednet, vereinigt 
sich der Strom von Se/a, so mit dem letzten Ausläufer gleich 
benannt; ihn bilden: 

1) Der Strom von Sor, mit dem sich der Bach von One 
vereinigt- , 

2) Der Strom von Azmat, den der Bach von Kednet, ein 
zweiter von den Abhängen von Ire und ein dritter von Kush 
bilden. 

Die zwei Bäche vereinigen sich eine Stunde unterhalb Azmat. 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 263 

Verfolgen wir den Anseba unterhalb Sherit bis zu seiner 
Vereinigung. 

Wenn es leider nicht möglich war, dem Lauf so weit nach- 
zugeben, hatten wir doch bei unserem Aufenthalt in Kelbetu 
die schönste Gelegenheit, durch eine Reihe von Augenzeugen, 
Leuten von Marea, Barka, Beit Male, uns über diese Strecke 
vollständig zu vergewissern. Von Höbero bis Sherit ist der 
Anseba noch immer eng und klippicht. Gegen Sherit hin er- 
weitert sich sein Thal, da das Marea-Gebirge plötzlich abfällt 
und die Habab-Berge mehr zurücktreten. 

In SeTa vereinigt sich mit dem Anseba von rechts der 
Strom von Adobha, der zwei Quellen hat; die erste kommt von 
den Abfällen der Habab, die zweite von Hager und dem Ge- 
birge von Beit Male. Von Hager (altem Kloster Agere Na- 
geran) werden schöne Hochebenen mit Wäldern von Oliven 
und Agam gerühmt. 

Die Vereinigung des Anseba mit dem Barka ge- 
schieht zwei Tagereisen unterhalb Sel'a bei Ijob. 
Nach den vielen Erkundigungen von allen Seiten kann ich 
über diesen Punkt keinem Zweifel mehr Raum geben. Wenn 
mir firüher der grosse Sheich der Beni Amer, ohne die Ver- 
einigung in Frage zu ziehen, als die Stätte derselben nicht 
Ijob, sondern Falkat nannte, verändert das die Hauptfrage 
nicht; übrigens kann Ijob auch Falkat heissen, da dieser 
letztere Name in der Tigre- Sprache «Gabel» bedeutet und 
also so gut wie Mohäber (Vereinigung) eigentlich jeder Mün- 
dung eines Flusses in den andern zukommt. Der Name Mo- 
häber ist daher sehr häufig und. das Gleiche kann mit Falkat 
stattfinden. 

Wir haben schon bemerkt, dass das Wasser von Halhal 
und Marea fast nur dem Barka zufliesst 

1) Den Sabr bilden erstens der Kerkeriu, Vereinigung 
des Wassers von Mai Aualid, von Tshurum und Halhal (Hin- 
djune). Die beiden letzteren, kaum eine Stunde unter der 
Höhe von Tshurum vereinigt, werfen sich zwei Stunden ober- 



Digitized by 



Google 



264 Reise in's Land der Marea. 

halb Mohäber in den Kerkeriu, der das Wasser von Mai 
Aualid und Beit Höbei zwischen dem Gebirge von Gabei Alabu 
und Mosafar nach Mohäber trägt, wo er zweitens den Aig 
empfängt, der in Molebso entsprungen, Mosafar und Tsellema 
trennend, am Berg Hafiilei vorbei nach Mohäber geht. Dann 
gehen sie vereinigt als Sabr an Hömmeret Goila vorbei tind 
münden in den Barka eine Stunde unter Adartie bei Af Sabr 
(Miuid des Sabr.) 

2) Den Hademdeme bilden die Wasser des Debre'Sale; er 
mündet in den Barka eine Stunde unter Dunguaz bei Af 
Hademdeme. 

3) Der Hombol und Marieit, beide von den Marea kom- 
mend, vereinigen sich miteinander im Tiefland angekommen 
und mit dem Barka bei Karkabat. 

Den Marieit bilden: 

a).Der Af Marat, der als Mädeit von Henik Hamas ent- 
springend, zwischen Tsellema und Melbet durchttiessend, in 
Angesha die Lokalwasser des Längenthaies von Asalle und 
den Höhen von Angesha aufnimmt und sich am Nordrand 
des Debre Säle in das Tiefland stürzt. 

b) Der Strom von Andelet, bereichert durch die Bäche 
von Melbet und Mussa Gerbetu, nimmt dieselbe West-Richtung. 

c) Der vereinigte Strom von Ire und Dekinet 

Diese drei Ströme vereinigen sich in der gleichbenannten 
Ebene Marieit und dann mit dem 

Hombol, der die Wasser von ganz Nord -Marea, Erota, 
Kelbetu, Fat mitführt. 

Von ihrer Vereinigung bei Ijob kennen wir den Lauf des 
Barka bis Kerr (von den Hadendoa mit dem Artikel To'kerr, 
vulgo Tokar genannt). Wir führen hier die übereinstimmen- 
den Angaben der Eingebornen an, da uns die vielen euro- 
päischen Reisenden keine bestimmte Nachricht über seinen 
weiteren Lauf gegeben haben. Dass der Anseba oder der 
vereinigte Anseba-Barka nach Aqiq tiiesse, das habe ich von 
niemandem gehört und auch wissend nie behauptet. Nach 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 265 

allen Berichten voji Augenzeugen strömt der vereinigte Fluss 
Hach ohne alle Hülfe der Kunst in die Ebene hinaus, die er 
auszuhöhlen wohl keine Kraft mehr hat; der ungeheure Lauf 
mit sehr breitem Bett bei unbedeutendem Fall macht, dass 
er nur wenig Hindernisse nöthig hat, um See oder Sumpf zu 
werden. Ich weiss nicht, was ilm in seinem Lauf gegen das 
Meer hemmt; aber die Eingebornen behaupten einstimmig, 
dass er nur bis To'kerr gehe: von einer Mündung bei Badur 
wusste niemand etwas, und wenn da auch ein Strom mündet, 
kann er wohl ein anderer sein, von den Abfällen des Gebirges 
herkonmiend. So lange niemand mit eigenen Augen diesen 
Punkt vergewissert hat, sollte man sich rein an die Aussagen 
der Eingebornen halten und sollte sich ja vor müssigen Con- 
jecturen hüten, die die Geographie nur zu oft in Verwirrung 
bringen. Der Versuch, den Anseba nach Aqiq zu bringen, 
würde seine Vereinigung mit dem Barka in Frage setzen, da 
der letztere mit dem Namen von To'kerr identisch ist und 
schwerlich wieder nach Aqiq zurückkehren kann. 

Das Gebiet des Anseba ist das Gebirge, er sinkt 
nur allmälig in die Ebene hinunter; der Barka ist das 
Kind der Ebene, seine fernsten Quellen kommen nur vom 
Gebirgsabhange, während das eigentliche Hochgebirge des 
Hamasen sein Wasser zwischen dem Anseba und Mareb ver- 
theilt. Daher hat der Barka, kaum geboren, wenig Fall mehr 
nöthig, um in Kerr anzukommen; sein Fall wird noch durch 
die Länge des Laufes vermindert, während der Anseba, der 
sonst direct in gerader Linie seinem Ziel entgegengeht, und 
vom Innern der Hochländer, 6000 Fuss, kommt, einen sehr 
bedeutenden Fall nöthig hat. Der Anseba ist immer von 
Bergen und Hügeln eingeschränkt, eng, reich an Katarakten, 
während der Barka, in offenem Land geboren, breit und offen 
daliegt, ohne Stix>mschnellen und Hindernisse. Wir möchten, 
wenn es erlaubt ist, den Anseba dem Nil oberhalb Assuan, 
den Barka dem Nil -Delta vergleichen. Der Anseba erkämpft 
sich sein Bett und höhlt es aus, der Barka scheint sich sein 



Digitized by 



Google 



266 Reise in's Land der Marea. 

Ufer erst gebildet zu haben. Der Anseba beraubt sein Ufer- 
land; der Barka scliaflft sich erst ein Ufer und macht es so 
zum fruchtbaren Alluvialland. 

Der Lauf des Anseba ist sehr schnell, der des Barka be- 
dächtig langsam. Das Wasser des ersteren wird im Winter 
sehr tief, während der letztere selten sein Flussbett ausfüllt 
Der Anseba bildet wenig und sehr kleine Uferebenen, wäh- 
rend der Barka so reich daran ist. Daher ist der Anseba für 
Cultur wenig geeignet und selbst unter Tshabbab, wo er am 
offensten ist, würde er, künstlich aufgehalten, wenig nützen, 
da sein Wasser doch nicht die Hügel überschwemmen kann. 
Im Gegentheil ist der Barka, der fast auf dem Niveau seines 
Ufers steht, zu künstlicher Bewässerung sehr geeignet, doch 
fehlt ihm vielleicht die nöthige Wassermenge. 

Da der Anseba wenig Ufer hat, ist seine Vegetation für 
die Viehzucht von wenig Bedeutung, während der Barka mit 
seinen Ebenen in dieser Beziehung sehr wichtig ist Dagegen 
ist der Anseba reich an schönen, hoch und gerade gewachsenen 
Bäumen, mit ewigem Schatten, der ihm einen dunkeln An- 
strich gibt, während der Barka von einförmigen Dum- Wal- 
dungen begleitet und so schattenlos ist. Der Anseba ist das 
Land christlicher Ackerbauer; seine Bewohner waren bis auf 
die neuesten Zeiten Christen; Ueberreste von Kirchen und 
Klöstern finden sich bis Hager, während das Barka-Land, üßt 
immer von heidnischen oder mohammedanischen Nomaden be- 
wohnt, ausschliesslich für Viehzucht benutzt wurde. 

Beide Flüsse fliessen nur im Winter auf der Oberfläche, 
doch haben sie das ganze Jahr einen bedeutenden unterirdi- 
schen Fluss, beim Anseba von durchschnittlich 6 Fuss, beim 
Barka von 15 Fuss Tiefe. Daher sind beide reich an kalten, 
feuchten Dünsten und bedrohen ihre Anwohner mit Fieber. 
Doch verbietet schon der Mangel an Raum dem Menschen, 
am Anseba seinen Wohnsitz aufzuschlagen; nur unterhalb 
Tshabbab ist er auf die Uferebene angewiesen, während 
der Barka als eigener Schöpfer seines Landes (als sein Herr) 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 267 

und als einzige Wasserquelle, ohne Berg und Höhe die Be- 
wohner in der Tiefe festhält. Dass aber der Anseba auch 
reich an Fieber ist, beweisen die jährlichen Septemberfieber 
der Leute von Bedjuk und selbst von One, und die Sage 
von den Beit Mushe, deren Dorf am Anseba in Einer Woche 
bis auf den letzten Mann vernichtet wurde, sodass Haus und 
Heerde ohne Herrn und Hirten gefunden wurden, muss eine 
furchtbare Wahrheit andeuten. 

Charakteristisch ist, dass die Wasser des West -Hochge- 
birges fast ohne Ausnahme dem Barka zueilen, sodass der 
Anseba keinen Zufiuss hat; der Strom von Sei^a macht der 
Bodenfigur nach keine, wahre Ausnahme von dem Gesetz. Das 
Gleiche kann man vom Ost-Hochgebirge, wenigstens von Maldi, 
Mensa bis Az Tekles nachweisen, deren grosse Gebirgswasser 
alle dem Meere zueilen. Die Zuflüsse des Anseba kommen 
ihm von den Abhängen und der QoUa; seinen Reichthum an 
Wasser bringt er sich schon von seiner Quelle mit. Unter- 
halb Az Tekles habe ich persönlich nicht beobachtet; wir 
haben aber da nie von einem bedeutenden Zufluss reden gehört, 
wenn man nicht den Adobha davon ausnimmt, dessen Quell- 
gebirge aber nicht mehr zum Habab-System zu gehören scheint 
Diesen Umstand verständlicht nur die Figur der beiden paral- 
lelen Hochländer, die sich uns wie zwei Mauern darstellen, 
deren schiefe Dächer gegen aussen gekehrt gegen West und 
Ost abfallen. Die Wasser von Bora Beit Andu, Adürbe, Beit 
Gabru, Orella, Halhal, Marea haben ihre grösste Höhe dem 
Anseba zugekehrt und senken sich gegen das Barka hinab; 
ebenso zeigen die Gebirge von Maldi, Mensa und Habab dem 
Anseba nur den Kücken und neigen sich zum Meer hinunter. 
Die beiden Hochgebirge öffnen sich gegen aussen in langen, 
vom Kern der Hochebene hervorkommenden Thälem, während 
sie sich vom Anseba stolz abschliessen, ohne Verbindung und 
Terrassenabfall, und so ist dieser Fluss unterhalb Saraua fast 
nur negativ als Trenner der Hochländer wichtig, und tiefer 
und tiefer wühlt er sich sein eigenes Bett und als Isolator in 



Digitized by 



Google 



268 Reise in^s Land der Marea. 

schauerlichem Abgrund zwei Hochländer trennend, die früher 
vielleicht zusammenhängend in Höhe, Natur und Boden ganz 
gleich sind, tritt er nirgends mit denselben in freundlichen 
Verkehr und Zusammenhang. 

• Nachdem wir nun so den allgemeinen Wasserzusammen- 
hang begriffen haben, werden wir die so gewonnene An- 
schauung zur Erklärung der üebii'gsformen benutzen. Um 
uns davon ein klares Bild zu machen, wollen wir sie nur mit 
Hülfe der Wasserkraft genetisch entwickeln. 

Man muss zuerst, die Wasserkraft ganz unberücksichtigt 
gelassen, das Hochland von Halhal imd Marea als einen eini- 
gen, gegen NNW. gerichteten Gebirgsstock fassen, von 6 Stun- 
den Breite und 15 Stunden Länge, als schiefe dem Barka 
zugewandte Ebene, den Scheitel dem Anseba zugewandt und 
in dieser Richtung steil abfallend, im Grossen und Ganzen 
als Fortsetzung der Rora Beit Gabru und Rora Aretta. 

Auf diese schräge Ebene hat das Wasser in zwei Direc- 
tionen gewirkt; die erste Direction ging von Ost nach West 
und hat sich drei Thäler ausgewaschen, die den Westrand 
des Gebirges in ebenso viele einzelne Gebirgszüge zertheilen, 
deren jeder einzelne vom andern durch eine schmale, aber 
sehr tiefe Kluft getrennt ist. Man kann sich so den südlichen 
Theil von Marea als eine Hand vorstellen, deren Fläche, öst- 
lich liegend, ihre langen Finger gegen Westen ausspreizt. Die 
Hand stellt das fast zusammenhängende Hochland von Halhal 
bis Geridsa vor; die Finger sind die Ausläufer von Gabei Alabu. 
Mosafar, Tsellema und Melbeb. Diese vier Höhenzüge sind 
offenbar gegen West in der gleichen Linie und haben gleiche 
Höhe. Doch fallen sie nicht plötzlich bis zum Barka hinab, 
sondern machen auf halbem Wege Halt, und die Mittelter- 
rass(», die dermassen gebildet wird, zeigt sich als Längenthal, 
das, dem obern Gebirgsrand parallel laufend, durch die Sättel 
von Asalle getrennt von Mussa Gerbetu bis zum Sattel von 
Angesha sich hinzieht und so die getrennten Gebirgsausläufer 
vor ihrem Fall in die Ebene wieder miteinander verbindet. 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Maren. 269 

Nördlich von Geridsa hört die Trennung in Querthäler auf, 
aber der Ostrand fällt von Andellet mit bedeutender Senkung 
gegen die Ebene von Ire ab. Von da fängt das Wasser an 
von Süden gegen Norden zu wirken und gmbt sich das Thal 
von Kednet aus, als Miniatur-Nachahmung des oberen Anseba, 
und zertheilt so das Gelnrge in zwei Ausläufer, die gegen 
Norden gerichtet sind. So dehnt sich Geridsa rechts bis Asunfa 
und Shaka aus , während Ire und Dekinet linkshin zuerst als 
sehr schmaler Gebirgsrücken fortzieht, in Sheliwai breiter wird 
und als Hochebene Ser'a erreicht. 

Debre Säle hängt bei Angesha mit seinem Eckwinkel iji- 
sofern mit dem Marea zusammen, als es davon nur durch 
eine Mittelterrasse getrennt ist und nicht von dem Niveau des 
Barka an allehi hinaussteht. Dieser Berg ist reich an grossen 
culturfahigen Ebenen, die aber schon lange nur als Weiden 
benutzt werden. Sein Wasser könnte nur für die Bewohner 
genügen. 

Alle diese Hochländer haben ungefähr das gleiche Niveau 
mit etwas höherem Ostrand. Wenn wir Keren zu 4400 Fuss 
über dem Meer annehmen, Boggu zu 3600 Fuss, Anseba und 
Tshabbab zu 4200 Fuss und Mensa zu 5000 Fuss, können 
wü- durch Schätzung und durch Vergleich analoger Vege- 
tations- Verhältnisse folgende Höhen annähernd annehmen: 
Halhal zu 5600 Fuss, Geridsa zu 5900 Fuss, das Thal von Ked- 
net bei Azmat, wo seine grösste Tiefe (wie Boggu) zu 3600 F., 
Kelbetu und Ire zu 5100 Fuss (wie Adürbe), Hafulei zu 
3600 Fuss und Debre Säle zu 5000—5600 Fuss. Die Berge 
von Habab sind von uns nicht geschätzt worden, sie müssen 
aber fast so hoch als Geridsa sein, da ihr Band sowohl von 
One Halhal über Mogedde hinaus, als von Debr Kuddus über 
Shaka hinaus von uns erblickt worden ist. Auch das Habab- 
Gebirge ist eine Kora, d. h. enthält Hochebenen, die aber den 
Heerden überlassen sind. So sind die abyssinischen Habah 
zu Nomaden geworden und die arabischen Marea zu fleissigen 
Ackerbauern. 



Digitized by 



Google 



270 Reise in's Land der Marea. 

Wenn man sich also unter den Hochgebirgen von Halhal 
und Marea ein Hufeisen vorstellt, dessen ?wei Arme gegen 
Norden gerichtet sind und an dessen südlichem Bogen eine 
Hand quer darauf geheftet ist, deren Finger gegen Westen 
ausgestreckt sind, hat man den wahrsten Begriff von ihrer 
allgemeinen Configuration. 

Alle diese Hochebenen , wie Molebso und Rehi (allgemein 
Geridsa genannt), Asunfa und Shaka, Ire und Dekinet, Erota, 
Sheliwai, Fat, Abligo u. s. w. muss man sich nicht als regel- 
mässig fortlaufend denken, sondern als unregelmässiges Hügel- 
land, das durch Wald, Feld, Kluft und Strom wieder in eine 
Menge kleiner Flächen streng abgesondert ist; die grösste 
dieser Ebenen ist gewiss Geridsa, das fast imunterbrochen 
von Rehi bis Tsellema und Mosafar und vom Abhang von Mo- 
lebso bis zum Henik Hamas fortläuft. 

Die Natur hat dieses Gebiet auch politisch eingetheilt: 

1) Den Anseba selber theilen sich von Tshabbab aus die 
Bedjuk und die unteren Beit Takue, die ersteren rechts, 
die anderen links des Flusses. 

2) Die Az Gabdja und Az Tshaffa trennt links der Ab- 
grund von Kerkeriu, rechts die Ebene von Beit Höbei von 
den Marea.' 

3) Die rothen Marea trennt der Abhang von Andellet von 
Ire, der Abfall von Tshabel von Kednet und äer Sattel von 
One von Shaka, alle drei Sitze der schwarzen Marea. 

4) Das so isolirte Shaka wird von Az Ato Byrhan, einem 
Zweig der schwarzen Marea, bewohnt. 

5) Die durch Andellet abgeschnittene Ebene von Ire mit 
ihrer Verlängerung bis B'at haben die Az Tembelle inne, ein 
anderer Zweig der schwarzen Marea. 

6) Nördlich von B'at und Sheliwai bis zum Abfall von 
Se/a wohnen Az Idjel, ein anderer Zweig von Az Ato Byrhan. 

7) Das Thal von Kednet haben die Az Tshankera inne, 
ein dritter Zweig der schwarzen Marea. ^ 



Digitized by 



Google 



Reise in's Land der Marea. 271 

8) Den Anseba selbst bewohnen vorzüglich die nomadischen 
Az Tekles. 

9) Debre Säle, früher christliches Land, ist jetzt Gemeinde- 
weide der Beni Amer, Beit Takue und Marea. 

10) Das Barka selbst gehört den Beni Araer'n, doch wird 
es auch von den Hochländern zur Weide benutzt und die 
Thäler von Tshurum, Medjlel bis Hömmeret Goila und Shelab 
sind noch Eigenthum der Beit Takue und werden von ihnen 
zur Cultur benutzt. 



Digitized by 



Google 



Digitized by LnOOQ IC 



lieber die Beni Amer. 



Munxinger, OsUfrik. Studien. 28 



Digitized by VjOOQ IC 



Digitized by LnOOQ IC 



Allgemeine Bemerkungen. 

Das Land der Beni Amer theilt sich in zwei scharf ab- 
gegrenzte Striche, in das Barka und das Söhel. Das Söhel 
(arab. J^^L*., Meergestade) ist die directe Fortsetzung des 
Samhar gegen Norden. Es erstreckt sich als Gebiet der Beni 
Amer bis Aqiq. Es unterscheidet sich insofern vom Samhar, 
als es weniger von einem hoch aufsteigenden (iebirgsland be- 
grenzt wird, sondern sehr allmählig steigend zu dem wenig 
erhabenen Barka sich erhebt. Das Samhar lehnt sich an das 
60()0 Fuss hohe Abyssinien , das Söhel geht in das kaum 
2000 Fuss hohe Barka über. Wir müssen uns das Söhel als 
eine grosse Ebene vorstellen, von einem zemssenen Bergland 
begrenzt, als Wasserscheide zwischen Meer und Barka. Die 
Beni Amer bewohnen also hier die Verlängerung des Landes 
der Habab, welche aucli vom östlichen Abhang des Hochlandes 
bis zum Meergestade hinaus wohnen. Wir haben das Innere 
des Söhel nie besucht, wir lernten nur das Gestade kennen; 
es wird von allen Augenzeugen als sehr dürr geschildert und 
ist noch wasserloser, als das Samhar. 

Nach dem, was wir in der geographischen Skizze gesagt, 
lehnt sich das Barka an das nördliche Hochland Abyssiniens. 
Es bildet eine Ebene, die aber noch oft von letzten Gebirgs- 
ausläufern unterbrochen wird; es hat also einen Doppelcha- 

18* 



Digitized by 



Google 



276 üeber die Beni Amer. 

rakter, der sich auch seinen Bewohnern aufprägt; die Beni 
Amer sind nämlich halb aus Abyssiniem und halb aus Bedou 
oder Bedja, den Kindern der unermesslichen Fläche, zusam- 
mengesetzt. So fehlt es dem Barka nicht an Bergen; da sie 
aber keine Hochfläche bilden, so sind sie nur fähig, die ein- 
zelnen Ebenen voneinander zu trennen, nicht aber dem Lande 
einen Gebirgscharakter zu verleihen. 

Wir haben schon in andern Unte^uchungen gezeigt, dass 
das abyssinische Hochland, das nach Osten hin schroff gegen 
das Meeresgestade abfällt, gegen Norden nur allmählig zur 
Ebene sich abflacht und zwar in drei Richtungen: das Plateau 
von Tsasega als Fortsetzung des Okulekusai verlängert sich 
gegen Norden* in rechtem Flügel als Land des Anseba und 
zieht sich mit immer abnehmender Erhebung fest bis Suakin. 
Pas Plateau des Tigre sinkt gegen Norden zimi Shire, Adi- 
abo, Bazenland als linker Flügel; es streckt sich noch als 
unbedeutendes Plateau von Algeden aus, das sich zwischen 
M*areb und Barka legt und weist noch weit nördlich als Ha- 
dendoaberge seine letzten Spur€?n. In der Mitte dieser beiden 
Flügel endlich sinkt das marebumflossene Sarae zur QoUa 
Sarae ab und ihm lehnt sich von Norden das Flachland Barka 
an, gleichsam als Hof zwischen einem Flügelgebäude rechts 
vom Ansebaland beschränkt, links vom Plateau von Algeden. 
Ihm gehört also auch der untere Anseba an, wie das politisch 
getrennte Land der Barea. 

Dieses Tiefland durchzieht und schafft eigentlich der Strom 
Barka, den wir geographisch charakterisirt haben; seine 
durchschnittliche Höhe ist 2000 Fuss bis zum 16. Grad. Wir 
haben Höhenbestimmungen von Serobeti (2113), von Mogelo 
(2340), von Taura(2000 Fuss). Seine Höhe geht dem des Gash 
ungefähr parallel (Kassala 1800). Das Land Barka besteht 
aus grossen Alluvialebenen mit schwarzer fetter Erde, von 
den Strömen gebildet und unterbrochen von einzelnen Bergen 
und welligem, dürrem, steinigem Hügelland. Besonders das 



Digitized by 



Google 



üeber die Beni Amer. 277 

obere Barka bis El Hesh wird von Bergen sehr eingeschränkt; 
es ist grasreich und den Heerden besonders günstig. 

Der Name Barka bedeutet eigentlich Wildniss (im Amhar. 
Berha); es ist die «Baraka» der Abyssinier; die Ansebavölker 
nennen es Barka, die Beni Amer aber Baraka. Er bezeichnet 
sowohl den Strom selbst, als sein Gebiet. Es ergibt sich aus 
de^l früher Gesagten, dass er ein Torrent ist, d. h. nur aus- 
nahmsweise in der Regenzeit fliesst; sonst hat er nur unter- 
irdisches Wasser. Auch in der Regenzeit hat er selten viel 
Wasser, da sein Quellgebiet beschränkt ist. Dagegen erreicht 
er eine bedeutende Breite, die ihm in seinem Unterlauf kein 
Berg wehrt. Seinen Lauf bezeichnen die ihn fast bis zum 
16. Grad begleitenden Dumwälder. Das Land Barka hat also 
kein fliessendes Wasser, dagegen finden sich unweit Dunguaz 
bei Bela Genda zwei kleine Seen, wovon der grösste ^twa 
eine Quadratstunde gross ist und nie austrocknet In der 
Regenzeit findet sich überhaupt viel stagnirendes Wasser, das 
der thonige Boden aufbewahrt. Stunden weit ist oft der Boden 
mit Wasser bedeckt. Der Regen fällt von Ende Juni bis 
September, während das Söhel mit dem Samhar correspondirt; 
er fällt meist in der Nacht mit grosser Heftigkeit. Das Klima, 
ist der Viehzucht äusserst günstig; Ackerbau verbietet bis 
jetzt nur die dünne Bevölkerung und die Unsicherheit der 
Zustände; Baumwolle würde ausgezeichnet gedeihen. Obgleich 
Fieber wie in jedem heissen Tieflande nicht fehlen, so haben 
sie selten den gefährlichen Charakter der Sudanfieber. Wir 
haben qs also mit einem dünnbevölkerten Lande zu thun, da 
Nomaden nicht eng beieinander wohnen können; deswegen 
fehlt ihm der Reiz der ungestörten Wildheit nicht; zahlreich 
sind hier alle Thiere der afrikanischen Steppe vertreten , vom 
Elefanten und dem Nashorn bis zur Gazelle; die Vegetation 
ist fast ohne Ausnahme die des Sudan. 



Digitized by 



Google 



Ethnographisches. 



In diesen weitläufigen Niederungen also, die Abyssinien 
von Norden anliegen, auf eine Weise wie das Meer die Insel 
bespült, finden wir ein nomadisches Hirtenvolk, das gewöhn- 
lich unter dem Namen Beni Amer (Amer's Söhne) zusammen- 
gefasst wird. Sie theilen sich, wie gesagt, in zwei grosse 
gleich starke Provinzen, in die Bewohner des Barka und die 
Bewohner des Söhel. Wenn wir nun untersuchen wollen, was 
unter diesem Volke zu verstehen ist, so thun wir es gezwun- 
gen durch die vielen falschen Vorstellungen, die von Zeit zu 
Zeit in den geographischen Werken zu Tage treten. Denn 
in der Frage über ein äthiopisches Urvolk spielen natürlich 
die Beni Amer eine ge¥d88e Rolle. 

Um uns nun vollständig zu orientiren, müssen wir uns 
die Stellung der Beni Amer in Ostafirika ansehen und finden 
vorerst im Norden die Hadendoa und Besharin, die den gros- 
sen Raum zwischen Nil und Meer von den Grenzen Aegyptens 
an ausfüllen. Obgleich diese Völker politisch getrennt sind, 
haben sie ungefähr den gleichen Typus und gleiche Lebens- 
art, und sie spre(^hen ohne Ausnahme die gleiche Sprache, 
das To'bedauie, dessen Grundzüge wir den Kennern mitthei- 
len wollen, aber ohne zu wagen, seine Stellung zu den andeni 
Sprachen zu bestimmen. 



Digitized by 



Google 



üeber die Beni Amer. 279 

Im Süden der Beni Amer finden wir Semiten, die das 
Hochland in seiner weitesten Ausdehnung in Besitz halten 
und Dialecte der äthiopischen Sprache reden. Der eine die- 
ser Dialecte ist das Tigrina, noch immer den Bergbewoh- 
nern des eigentlichen Abyssiniens eigenthümlich , der andere 
ist das Tigre, das die nördlichen und östlichen Abfälle des 
Hochlandes .beherrscht. 

Zwischen diesen zwei Hauptstämmen stehen die Beni Amer 
keineswegs unabhängig in der Mitte, denn sie haben keine 
eigen thümliche Sprache, sondern reden die Sprache ihrer 
Nachbarn von Süden und Norden; ihr Land ist der Kampf- 
platz zwischen dem To' bedauie (vulgo Bedja) und dem Tigre 
oder, wie es hier zu Lande genannt wird, dem Hassa. 

Die natürlichste Erklärung ist daher, dass das Volk der 
Beni Amer das Erzeugniss von dem Zusammenstoss der bei- 
den Hauptnationen ist, indem sich die Aethiopen gegen Nor- 
den, die Bedou aber gegen Süden ausdehnten. Wir müssen 
nun untersuchen, inwiefern die jetzigen Verhältnisse des Vol- 
kes dieser Annahme entsprechen und welche Elemente hinzu- 
gesetzt wurden, um aus dieser Mischung ein neues Volk zu 
machen. 

Das Volk der Beni Amer besteht aus Adelichen, Unter- 
worfenen, Sheichfamilien und Sklaven. Die zwei letzten Ru- 
briken können wir einstweilen unberücksichtigt lassen, da ihre 
Anwesenheit im Lande eher zufallig ist. Es bleiben also die 
zwei erstem Abtheilungeu. Die Adelichen nun theilen sich in 
zwei Stämme, die sich ihrer Verschiedenheit immer bewusst 
sind, die Belou und Nebtab. 

Die Belou waren in frühern Zeiten die einzigen Herrscher 
des Volkes, sie sind erst in jüngsten Zeiten durch die Neb- 
tab ersetzt worden. Doch sind sie immer als adelich ange- 
sehen, haben ihre eigenen ünterthanen und bewohnen meh- 
rere Lager zwischen Barka und dem Gash. Der grösste 
Theil hat «ich in den verschiedenen Ansiedlungen zer- 
streut. 



Digitized by 



Google 



280 üeber die Beni Amcr. 

Die Nebtab dagegen bilden den eigentlichen Adel des 
Landes und sind von den Türken als solcher anerkannt. Sie 
sind alle Kinder eines Mannes von wenig Generationen her, 
haben sich aber sehr vermehrt und leben in vielen Zweigen 
über das ganze Gebiet zerstreut; wir wollen ihre Hauptzweige 
anführen. 

Zaga, Lager von Az Mussaj Residenz des obersten Häupt- 
lings des ganzen Volkes; in der Regenzeit ötationirt es in 
Afdehob, im Sommer am Barka in der Gegend von Dunguaz. 

Az Ali Bakit, lagert im obern Barka von Tshagie bis 
Shytel und Boggu. 

Wass, lagert an den Abhängen des Dembelas (Mansura etc.). 

Az Gultane am Debre Säle. 

Az Taule, am Barka (bei El Hesh etc.) in der Nähe von 
Az Ali Bakit. 

Az Omer und Az Amer weiden zwischen dem Barka und 
den Barea und Bazen. 

Az Nurei, AzNaseh, Seniab, Senkakdena leben unterhalb 
Zaga gegen die Hadendoa zu. 

Az Menn^a wohnen vereinzelt am Gash ober Kassala. 

Im Söhel wohnen Az Ukut, Hasri, Ibrahim u. a. m., sie 
kommen aber in der Regenzeit oft den Anseba und den Barka 
hinauf. 

Die Az Wossale gehören auch zum Adel, obgleich sie keine 
Nebtab sind, sie lagern wie die Az Ali Bakit am obern Barka. 

Wir müssen nicht vergessen, dass alle diese Stänmie No- 
maden sind, dass man also nur im Allgemeinen ihren Weide- 
bezirk angeben kann, da sie ihn nach Gonvenienz jederzeit 
ändern können. 

Mit dem Adel nun leben die Unterthanen zusammen 
oder sie bilden eigene Zeltenlager für sich. Während der 
Adel aber Einer Familie angehört, zerfallen die Unterthanen 
in viele einzelne Stämme, die sich nur der Sprache nach wie- 
der gruppiren lassen. 

Die Unterthanen scheiden sich selbst in zwei Gruppen, in 



Digitized by 



Google 



üeber die Beni Amer. 281 

Hassa und Bedaui. Hassa bezeichnet einen Tigre redenden 
Stamm, Bedaui dagegen einen Unterworfenen, dessen Sprache 
To'bedauie ist. 

Von den Stämmen wollen wir die wichtigsten anfuhren. 

Hassa sind: Az AUabia, Az Kukui, Az Bidel. Die er- 
stem sind sehr zahlreich, leben aber über das ganze Land 
zerstreut, während die beiden letztem eigene unabhängige 
Dörfer bilden. 

Femer Regbat (meist im Söhel), Ab Hasheia, Adambush 
und Karot, alles Slänmie, die mit ihren Herren zusammen- 
leben. 

Die Beit M'ale imd die Aflenda im Söhel sprechen auch 
nur Hassa; die letztem haben wir unter dem Namen Warea 
schon im Samhar gefunden; die erstem gehören zur Hälfte 
den Habab an; beide leben nördlich vom Lande der Habab, 
die Beit M^ale in der Nähe des Hager Nageran. 

Bedaui e sprechen die Abakel, Shijab, Shemmer, AUahio- 
here, Gugumta, Ramedj (in Zaga); sie leben mit den Neb- 
tab zusammen; die Qareb leben im Norden der Marea. 

Wir finden ferner Reste von Kelou (Haffara) in Zaga und 
dann Heikota, die beide meist Tigre sprechen. 

Ln Ganzen genommen leben also die ünterthanen neben 
ihren Herren; das Lager benennt sich gewöhnlich nach diesen 
letztem, besonders da die Tigrefamilien sich meist, je nach 
Convenienz , im Land zerstreuen. Während sie sich aber nach 
ihren Sprachen genau scheiden, hängen die Nebtab nur po- 
litisch zusammen; die Söhne der gleichen Familien sprechen 
verschiedene Sprachen. Die Nebtab, die im Söhel ansässig 
sind, sprechen nur Hassa, das sie offenbar ihren ünterthanen 
entlehnt haben. Die Nebtab im Barka reden die einen eher 
Hassa, die andem Bedauie; Zaga, Wass, Taule sprechen wie 
ihre Unterworfenen das letztere, während Az Gultane und 
Az Ali Bakit fast nur Hassa verstehen. Diess beweist, dass 
die Nebtab ihre gegenwärtige Sprache von ihren Ünterthanen 
erlemt haben. 



Digitized by 



Google 



282 üeber die Beni Amer. 

Die nahe Berührung der Sprachen bringt es mit sich, daßs 
von vielen beide verstanden und gesprochen werden , diess gilt 
übrigens fast nur im Barka, während im Söhel, in der Nach- 
barschaft der Habab, ausschliesslich Tigre gesprochen wird. 
Auch die Belou reden beide Sprachen, obgleich ihnen das 
To'bedauie eigenthümlicher anzugehören scheint. Da also die 
Unterworfenen in der Sprache den Ton angeben, so haben 
vnr sie eher als ältere Bewohner dos Landes anzusehen. 

Dieser Dualismus in der Bevölkerung zeigt sich auch in 
den arabischen Geographen, wo die Chassa und die Bedja 
unterschieden werden. Diese beiden Namen bedeuten natür- 
lich den ursprünglichen Volksunterschied, den die Sprach- 
verschiedenheit andeutet; aber darum sind Chassji und Bedja 
nicht Volksnamen. Die Araber theilten die Völker nach ihren 
Sprachen in zwei Klassen. Der Name Bedja ist ein alterirtes 
Bedou. Die Hadendoa und Beni Amer selbst nennen ihce 
Sprache To'bedauie, d. h. das Beduinische, ganz wie im Ara- 
bischen Äj^tXxJI. Da aber dieses d fast gequetscht lautet, 
so kann es das ungewöhnte Ohr wohl für ein ^ nehmen 
und dann für ein g; auch der Name Bidel klingt oft Bidjel 
und dann selbst Bigel. Auch jetzt noch nennen die Türken 
und Araber .das Bedauie einfach Bega; das Dorf der Beni 
Amer, das an den Mauern Kassala's angesiedelt ist, besteht 
aus vielen Unterthanen des Barka, die die Hoffnung auf Gewinn 
hierher gezogen hat; da sie fast alle das Bedauie reden, so 
nennen die Bewohner der Stadt ihr Dorf Bega, nicht dem 
möglichen Ursprung gemäss, um den sich niemand kümmert, 
sondern wegen ihrer Sprache. 

Was den Namen Chassa betrifft, so ist er verhärtet aus 
Ilasa, wie noch jetzt die Beni Amer den Namen aussprechen. 
Jedenfalls folgt aus der Thatsache, dass beide Namen so früh 
vorkommen, dass die beiden Sprachen schon lange sich in 
dieser Zone bekämpfen ; aber deswegen kann der Unterschied 
zwischen Besharin und Hadendoa doch älter sein, als Makrisi. 



Digitized by 



Google 



Ueber die Beni Amer. 283 

Wenn wir nun die zwei grossen Hauptstämme uns in das 
jetzige Land der Beni Amer eingewandert denken, indem wir 
die Hassa von den Geez herkommen lassen, die Bedou aber 
von den Hiidendoa und den Besharin vom Norden, auf eine 
Weise, dass wir die Wenigen von den Vielen herleiten, so 
fragt sich, ob und wen sie im Lande vorgefunden haben. In 
Bezug auf das Barka können wir theilweise darauf Antwort 
geben. 

Wir wissen nämlich aus der Tradition, dass in alten Zei- 
ten das Volk der Kelou die abyssinischen Nordgrenzen in 
Besitz hatte; man zeigt ihre Gräber noch im Sarae, Hamasen, 
und Barka bis Algeden. Vom Land der jetzigen Bogos hatten 
sie die Thäler von Boggu über Haggaz bis Shytel in Besitz. 
In Haggaz findet sich noch das Grab eines ihrer Häuptlinge, 
Thilo, wo die Landbebauer jährlich, um eine gute Erndte zu 
haben, Opfer spenden. Es ist noch jetzt das L^nd am obem 
Barka als Eigenthum der Kelou anerkannt. In Keren lebt 
nur noch eine Frau ihres Stammes, die aber noch immer 
von den ihr Land bauenden Bogos einen gewissen Bodenzins 
erhält. 



Noch jetzt wohnen einige HafiFura, die Kelou sind, in Al- 
geden und Zaga; das Dorf Tarifiit am Gash, das von den 
Kunäma vernichtet wurde, gehörte auch ihnen. Diess sind 
ihre lebendigen Reste bis auf die heutige Zeit. Zu welcher 
Sprache sie gehörten, ist freilich nicht mehr auszumachen. 

Ausser ihnen sollen das Barka die Heikota bewohnt haben. 

Dieser Stamm, der auch Haza genannt wird, war früher 
sehr bedeutend und soll zusammen mit den Kelou das Barka 
bewohnt haben. In neueren Zeiten war er am Gash ober 
Kassala angesiedelt und trieb Ackerbau und* Viehzucht; dann 
wurde er von dem jetzigen Häuptling der Beni Amer nach 
Kufit in das Land der Barea versetzt und nach Zerstörung 



Digitized by 



Google 



284 Ueber die Beni Amer. 

dieses Dorfes nach Dunguaz übergesiedelt. Doch entstand 
seitdem ein Process zwischen diesem Fürsten und dem Fürsteh 
der Hadendoa, Sheich Mussa, der die Heikota als seine Un- 
terthanen beanspruchte und derselbe wurde endlich zu des 
letztem Gunsten entschieden. 

Wir erwähnen die üeberreste der Kelou und der Heikota, 
weil sie sich von den übrigen Tigre dadurch unterscheiden, 
dass sie als Aboriginer gelten, während die gewöhnlichen 
Tigre ebensowohl wie ihre Herren sich eingewandert glauben. 

Diese zwei Stänmie bewohnten also das Barka; es ist aber 
anzunehmen, dass sie sich den Bergen nahe hielten. Zu ihnen 
kamen dann drei Stämme, die Beit Bidel, die AUabia und 
ihr Zweig, die Az Kukui; alle Christen, die vom Hamasen 
über Gerger hinab kamen. Es ist durch die Genealogie be- 
wiesen, dass sie zu der grossen Familie Atoshim gehören, die 
den grössten Theil des Hamasen noch jetzt innehat. Im Ha- 
masen erkennt man sie immer als Verwandte an; es gibt so- 
gar noch Bidel in Hazaga. Ueber die Bidel sind wir besonders 
genau unterrichtet, da sie mit den Takue in Verbindung ge- 
setzt sind. Die Tradition beider Stämme stimmt vollkommen 
überein. Sie bewohnten lange den DebreSale; ihr Stammvater 
heisst Mellak vom Stamme Dehebde. Erst in neuerer Zeit 
scheinen sie den Debre Säle verlassen zu haben. Sie sind jetzt 
fast ausgestorben; dagegen bekamen sie Zuwachs von Abys- 
sinien durch Teklei, der von Az Shehei vor etwa hundertund- 
funfzig Jahren auswanderte; er gewann die Oberhand im 
Stamme, sodass jetzt sein Urenkel Ibrahim als Häuptling 
der Beit Bidel anerkannt ist. Die Ansiedlung vermehrten 
überdiess Einwanderer von allen Seiten, sodass ihr der Name 
Bidel nur uneigentlich gebührt, da die wahren Beit Bidel 
fast verschwunden sind; sie war und ist aber immer von 
Abyssiniern zusammengesetzt, treibt Feldbau, spricht nur Tigre 
und hat sich ^erst in unserer Zeit zum Islam bekehrt. 
Sie ist nur fünfundzwanzig Jahre alt. Das christliche Gefühl 
hat sich noch so frisch erhalten, dass die Bidel in grosser 



Digitized by 



Google 



Ueber die Beni Amer. 285 

Noth anstatt des neuen Allah zum alten Gott Eg^iabeher ihre 
Zuflucht nehmen; in Zeit grosser Dürre fordert der Häupt- 
ling den Stamm auf, von Gott Regen zu erflehen; dann gehen 
alle Leute in Procession um das Dorf und singen: Egzio ma- 
herenna o Cristos, Gott erbarme dich unser, o Christus! 
Wunderbarer Klang im Munde von Mohammedanern! Die 
Bidel bewohnen die Ebenen zwischen dem Barka und den 
Barea. 

Ueber die Allabia und Az Kukui haben wir keine wei- 
tern Nachrichten; dagegen sind sie noch immer sehr zahl- 
reich, besonders die letztern bilden noch immer sehr gi'osse 
Zeltenlager. 

So blieb das Barka noch bis vor etwa hundertundfunfzig 
Jahren ; eigenthümlich ist die Beschreibung^ die die Tradition 
davon macht. 

Das Barka, so erzählte mir Ibrahim Weld Jaui, der sehr 
alte Häuptling von Beit Bidel, der es von seinem Grossvater 
Sare, Teklei's Sohn, wissen konnte — war in jener Zeit öde, 
wild und leer, fast nur von wilden Thieren bewohnt. Die 
wenigen Bewohner wagten sich kaum in die Ebene; sie wohn- 
ten an den Bergen in sicherer Stellung, während die Tiefe 
Urwald war. Das ist der Sinn der Sage von den funfeig 
Jünglingen, die, nachdem sie an Einem Tage die Weihe der 
Mannbarkeit erhalten, auf einem Raubzuge auch alle zusam- 
men spurlos verloren gingen. Auf das Gleiche deutet die 
Geschichte vom Elefanten, den die Riesenschlange auffirass, 
die hinwiederum von den schwarzen Ameisen aulgezehrt wurde. 
Noch jetzt hat das Barka des Fürchterlichen genug, der Mensch 
ist aber doch Meister geblieben. Dagegen scheint sich der 
Baumcharakter verändert zu haben; denn die Bidel behaupten, 
ihre Grosseltem hätten die erste Dumpalme bei Demba ge- 
sehen, während sie jetzt den Stromufern nach einen wohl 
funfeehn Stunden langen fortdauernden Wald bildet. 

Zu diesen bisherigejn Bewohnern des Landes traten nun 
von Westen kommend die Az Säle, von der Familie der S*adab 



Digitized by 



Google 



Ueber die Beni kmev. 

von Shendi,.al80 zum Stamme der Djalm gehörend. Sie sind 
also den Nebtab einigermassen verwandt. Sie Hessen sich 
neben den Bidel nieder, mit denen sie friedlich zusammen- 
wohnten. So viel über das obere Barka. Das untere Barka 
bevölkerten > die Bedou, die sich gegen Süden immer mehi* 
ausbreiteten. 

Was nun das Söhel betrifft, so ergibt sich aus der jetzigen 
Lage, dass es von Süden her bevölkert wurde. Denn die 
jetzigen Bewohner sind alle Hassa in Stämmen, die noch jetzt 
bei den Habab und im Samhar vorkommen; die Bevölkerung 
der Küste von Massua bis Aqiq ist, die später gekommenen 
Nebtab ungerechnet, ganz die gleiche. Deswegen finden wir 
mehrere Stämme, deren HeiTschaft zwischen dem Naib von 
Arkeko und dem .Deglel streitig ist. Natürlich war diese Be- 
völkerung christlich; deswegen machte sich der Verkehr zwi- 
schen Abyssinien und Suakin auf diesem Wege, nämUch den^ 
Anseba hinab; die Pilger nach Jerusalem gingeh bis Hager 
Nageran durch christliches Land und gelangten sicher bis 
Suakin, wo sie sich einschifften. Dieser freundliche Verkehr 
hörte mit der Islamitisirung des Landes auf; das Kloster Ha- 
ger wurde zerstört; die Pilger mussten sich andere Wege 
suchen, obgleich die Erinnerung an diesen Weg noch immer 
fortlebt und von Zeit zu Zeit ein Pilger mit Mühe und Noth 
nach Hager wallfahrtet. 

Zu den alten Bewohnern des Landes traten dann — wir 
denken vor etwa fünfhundert Jahren — die Belou. 

W^er dieser Stamm ist, kann nicht mehr entschieden 'wer- 
den. Sie selbst nennen sich Araber und sogar Abbasiden. 
Trotzdem sie ihrer Physiognomie nach jedenfalls zu den Semiten 
gehören, wollen wir darüber nicht entscheiden, um so weniger, 
da die Belou nur noch den kleinsten Theil des Volkes aus- 
machen. Uebrigens weiss ich nicht, warum man jede ara- 
bische Herkunft der Afrikaner leugnen sollte. Die Araber, 
die Spanien überschwemmten, können doch auch über das 
enge Meer gesetzt sein. In Westafrika lässt man sie gelten 



Digitized by 



Google 



lieber die Beni Amer. 287 

und in Ostafirika sollten sie unmöglich sein, da wo ein be- 
ständiger leichter Verkehr die Küsten verbindet? 

Wir wissen ja, dass Mohammed selbst alle seine Hoffnung 
auf Abyssinien setzte, dass er selbst Apostel dahin schickte; 
es gibt noch jetzt Familien in Abyssinien, die sich davon 
herschreiben. Wir wissen, dass Abyssinien und Arabien sich 
naher standen, als jetzt. Wir sehen noch jetzt täglich Ein- 
wanderungen nicht von Völkern, sondern von Familien, die 
aber in der Länge der Zeit zu einem Volke werden und be- 
sonders wenn es Semiten sind, die an der Stanamverfassung 
zäh festhalten. Analogien fehlen hier nicht, wie bei dem Volk 
Takue^s, der nach dreizehn Generationen nicht weniger als 
viertausend Nachkonmien hat. 

Trotzdem wollen wir den Ursprung der Belou dahingestellt 
lassen; ihre Herrschaft dehnte sich von Norden ausgehend 
aus; ihre ersten Sitze waren nach aller üeberlieferung in der 
Nähe von Aqiq*); sie unterwarfen sich nach und nach die 
Bewohner des Söhel und gingen mehr und mehr den Anseba 
und Barka hinauf; doch scheinen sie das obere Barka nicht 
berührt, zu haben. Die Jesuiten setzen auf ihrer Karte das 
Königreich Balou in diese Gegenden; es kann sich das nur 
auf die Belou beziehen. Sie waren so lange Zeit Herren des 
Landes, dass ihr Name (Belaui) mit dem Namen „Herr" 
gleichbedeutend geworden ist. Sie scheinen aber ziemlich 
strenges Regiment geführt zu haben, denn Belaui nennt man 
noch jeden sehr harten, grausamen, böswilligen Mann. Je- 
denfalls scheinen die Belou seit undenklichen Zeiten Moham- 
medaner gewesen zu sein. Wir wissen, dass ein Zweig 
dieses Stammes der Küste entlang nach Süden gehend nach 
dem Samhar kam und noch jetzt die Herrschaft demselben in 
Besitz hat. 



*) Darauf deutet hin, dass die Belou von Dokono auch von dieser 
Seite her kamen und dass auch die Kebtab, die zuerst sich den Belou 
anschlössen, im Söhel wohnten. 



Digitized by 



Google 



288 üeber die Beni Amer. 

Die Belou wurden erst in jüngster Zeit von den Nebtab 
ersetzt: wir dürfen hierin der Tradition glauben, da sie die 
neue Herrschaft auf kaum sechs Generationen zurückführt 
Der Stammvater des Geschlechtes kam als Gast zu den Belou 
und wurde ihnen verschwägert. 

Seinie Nachkommen sind also mütterlicherseits die Eindes- 
kinder der Belou. Wie es das Geschick mit sich brachte, 
das neue Geschlecht vermehrte sich stark, währei^d das alte 
immer mehr abnahm. So wurden die Nebtab Herren des 
Landes. Das Neggaret (die grosse Pauke) und der Fürsten- 
hut ging an sie über, obgleich die gedemüthigten Belou 
noch immer als ebenbürtiger Adel anerkannt sind. Sie schrei- 
ben sich von den Djalin her, denen sie noch ziemlich glei- 
chen. Ihre ersten Wohnsitze hatten sie im Söhel; die Gross- 
väter der jetzigen Generation sind da begraben: erst nach 
und nach erweiterte sich die Herrschaft den Barka hinauf 
und linksab bis an den Fuss des Hochgebirges. Auch der 
Herrschersitz hat sich in's Barka gezogen (Zaga). Mit ihnen 
wanderten auch Bewohner des Söhel mit, daher finden wir 
z. B. die Az Regbat auch im Barka. Nuii wurden auch die 
alten Bewohner des obem Barka unterworfen, die Bidel, 
Kukui u. s. w. , ebenso die Bedaui sprechenden Stämme, von 
denen man behauptet, sie seien mit den Nebtab eingewan- 
dert; wir glauben, sie seien ebenHadendoa und so immerhin 
von Norden her an den Barka gelangt, wo sie von den Neb- 
tab unterworfen wurden. 

So sehen wir das Land der heutigen Beni Amer von zwei 
Seiten her bevölkert. Von Süden kommen die Geez- Völker 
in zwei Richtungen: die einen dehnen sich vom Lande der 
Habab nordwärts aus bis Aqiq und füllen so alles Land zwi- 
schen Anseba und Meer mit Tigre redenden Stämmen; die 
andern steigen vom Hamasen gegen das Barka nieder. Sie 
sind alle Christen. 

Von Norden her breiten sich die Bedaui, d. h. die No- 
maden immer mehr gegen Süden aus; sie waren nie Christen, 



Digitized by 



Google 



lieber die Beni Amer. 289 

jetzt sind sie Mohammedaner. Sie scheinen das Geezelement 
ziemlich überwunden zu haben, da die jetzigen Beni Amer 
in Recht und Sitte sich eher zu den Hadendoa neigen. Die 
Belou und die Nebtab bilden nur einen kleinen Theil der Be- 
völkerung ; sie überwanden die alten Völker politisch, wurden 
aber sprachlich von ihnen überwunden; auch sie neigten und 
neigen sich aber eher zum Bedauie hin, besonders die Belou, 
deren Reich vorzüglich von Bedauie sprechenden Völkern 
scheint gebildet worden zu sein. So entstand ein Volk, das 
unter dem Namen Beni Amer zusammengefasst wird, obgleich 
es eigentlich nur den Belou zu gehören scheint. Das Klima 
hat diese verschiedenen Stämme einander ähnlich gemacht 
und auch dem Volksleben seinen Stempel aufgedrückt; denn 
während die Agäzi in dem kalten Hochland Ackerbauer ge- 
worden sind, während die immer nomadischen Hadendoa am 
Gash von der Ueberschwemmung zur Bodencultur eingeladen 
werden, haben die weitläufigen Ebenen des Barka und des 
Samhar die Bewohner zu nomadischen Hirten gemacht; die 
Beni Amer ebensowohl, wie die Habab und die Leute des 
Samhar haben sich fast ganz der Viehzucht gewidmet; sogar 
die Beit Bidel wenden sich immer mehr vom Ackerbau ab. 
Sie haben alle die Nomadenreligion angenommen und sind alle 
Kameelzüchter geworden , so viel Abscheu auch die christlichen 
Habab zuerst vor dem Kameel haben mussten. So bestimmt 
der Boden den Charakter und die Lebensart, trotz des ver- 
schiedenen Ui-sprunges. 



Muniing«r, OsUfrik. Studien. 1 9 



Digitized by LnO'OQ IC 



Politische Verhältnisse. 



N ach den bisher gewonnenen Resultaten kann man annehmen, 
dass die Beni Amer zwischen zwei grossen Nationen, den Abys- 
siniemim Süden und den Hadendoa im Norden, gewissermasseii 
eingekeilt, den Angriffen dieser Mächte ausgesetzt waren. Wir 
lesen denn auch in den abyssinischen Chroniken von Verwü- 
stungszügen, welche die abyssinischen Kaiser von Zeit zu Zeit 
in's Tiefland unternahmen; ebenso zeugt der heutige Nationalhass 
und der nicht beendetet Kampf gegen die Hadendoa von ui*- 
alter Feindschaft und die heutige Stellung beweist, dass die 
Beni Amer den Kurzem zogen. Sie mussten sich also um 
jeden Preis einen Halt suchen, um sich ihrer Feinde zu er- 
wehren und sie fanden ihn in den Fundj, die, vom Sennaar 
ausgehend, Nordostafrika unterwarfen; sie haben endlich die- 
sen Halt nach dem Untergang der Fundj in den Türken ge- 
funden. 

Man darf sich nicht über die leichte Eroberung grosser 
Landstriche im Orient wundem; sie ist nur leicht, solange 
sie sich mit dem orientalischen Begriff der Herrschaft und 
mit dem Tribut begnügt; sobald sie sich Recht und Gericht, 
Sitten und Verfassung unterwerfen will, wird sie auf ernste 



Digitized by 



Google 



Ueber die Beni Amer. 291 

Schwierigkeiten stossen und zwar b'esonders bei Nomaden. Diese 
wollen sich mit dem Tribut nur sichere Weide erkaufen, be- 
droht man aber ihre innere Freiheit und Eigenthümlichkeit, 
so haben sie Mittel genug, sich dem drohenden Joch zu ent- 
ziehen. Sie ziehen sich in die wasserlose Steppe zurück, wohin 
kein Heer folgen kann; die Kameelmilch ersetzt ihnen das 
Wasser; sie sind ohnediess an grosse Wanderungen gewöhnt 
und zum Transport eingerichtet; alle ihre Habseligkeiten sind 
leicht fortzuschaffen und ihr Verlust ist kein grosser Schaden. 
Das Haus ist ein Zelt, von Matten bedenkt, die schnell er- 
setzt werden können. Grundbesitz ist keiner da; wo Weide 
ist, da ist des Nomaden Heimat. Da hat die Auswande- 
rung für ihn keinen Schreck. Nomadische Völker sind also 
leicht zu unterwerfen, aber nur bis zu einem gewissen Punkte; 
was nicht den Tribut angeht, werden sie immer unabhän- 
gig sein. 

Die BeniAmer, ebenso wie die Habab, standen also unter 
der Botmässigkeit der Fundj , obgleich das obere Barka mehr 
von Abyssinien abhängig war. Die Fundj erhielten einen 
kleinen jährlichen Tribut in der Form eines Geschenkes und 
belehnten den Vornehmsten der Belou und dann der Nebtab 
mit dem braunen Sammethut als Abzeichen der Fürst^nwürde. 
Diese Art Dreispitz wird noch bis auf den heutigen Tag 
von dem Mek von Tegele, dem Sheich der Hallenga und dem 
der Hadendoa getragen, wie von dem Fürsten der Beni Amer. 
Zweites Abzeichen der Würde war das Neggaret, die Pauke 
von Metall, die noch jetzt im Hause der Deglel aufbewahrt 
und bei feierlichen Anlässen geschlagen wird. Der Titel eines 
solchen Belehnten wai* Deglel, eigentlich ein Tigrewort, das 
alt (senior) bedeutet; dieser Titel gebührt noch immer dem 
Stammfürsten der Beni Amer. Der Deglel als Haupt des 
Stammes erhielt natürlich nur freiwillige Gaben von seinen 
ebenbürtigen Verwandten; als Symbol der Familieneinheit war 
sein Amt heilig, aber -sonst war er nur der Erste von Gleich- 
gestellten, der lebendige Repräsentant des Stammvaters. An- 

19* 



Digitized by 



Google 



292 üeber cKe Beni Amer. 

ders stand natürlich das Yerhältniss zwischen dem herrschenden 
Stamm und seinen Unterthanen, auf deren Stellung wir zu- 
rückkommen werden. 

Das Yerhältniss zum Auslande änderte sich vollkommen 
mit der Eroberung des Sennaar durch Mohanmied Ali, der sich 
viel zu mächtig fühlte, um sich mit dem Scheinregiment der 
Fundj, an deren Platz er im Sudan trat, zu begnügen. Das 
Yerhältniss wurde strenger und fester, aber auch die Türken 
haben es nicht zu einer ordentlichen Regierung gebracht. Als 
die Fundj gefallen waren, näherten sich die Yölker des Su- 
dan nur misstrauisch den Türken, deren Farbe schon befrem- 
dete; die Türken selbst thaten alles, um diese Abneigung zu 
erhöhen; auf der Spitze ihrer Bajonette errichteten sie zuerst 
ihr Regiment, ohne die Yerhältnisse des Landes zu berücksich- 
tigen. Alles fühlte sich bedroht oder verletzt; man sah in 
dem Türken den fremden rohen Barbar, der nach Hab und 
Gut, ja nach Weib und Kind die Hand ausstreckt; es war 
kein einziger Stamm, der sich ganz freiwillig unterworfen 
hätte. Besonders die Hadendoa, die sich selbstständig stark 
genug fühlten, leisteten hartnäckigen Widerstand; ihr Muth 
und ihre Ausdauer zwangen selbst den Türken Bewunderung 
ab. Die Beni Amer dagegen wehrten sich nur in der ersten 
Zeit gegen die Fremdlinge; sie sahen bald ein, dass sie selbst 
die Türken nöthig hätten, ebenso gut wie vorher die Fimdj, 
als Halt gegen die erfolgreichen Angriffe ihrer Nachbarn, 
der Hadendoa, der Barea und der Abyssinier. Sie retteten 
durch ihre Unterwerfung eigentlich ihre Existenz. Dasselbe 
thaten auch die Hallenga, die, von alten Zeiten her von den 
Hadendoa bedrängt, sich mit den Türken gegen ihre Erb- 
feinde vereinigten. So wurden die Türken Herren des Landes; 
was sich nicht freiwillig unterwarf, das bezwang die imposante 
Militärmacht. 

Sobald aber die Herrschaft gesichert schien, handelte es sich 
um den Nutzen und die PoUtik änderte sich. Die rohe Ge- 
walt, mit der bis jetzt regiert wurde, erforderte eine bedeu- 



Digitized by 



Google 



üeber die Beni Amer. 293 

tende Militärmacht, die einerseits viel kostete, anderseits in 
den Händen eines Ehrgeizigen gefahrlich werden konnte. Der 
Tribut war sehr drückend, aber brachte keinen Nutzen, da 
die Bevölkerung im Verhältniss zum Areal sehr klein ist: die 
Occupation wurde darum um so schwieriger. Das Land durch 
neue Industrie und Hebung des Ackerbaus zu . bereichern, 
das verstanden die Türken nicht. Das Land wurde ausgesaugt, 
aber der Staatsschatz musste dessenungeachtet den Finanzen 
immer aufhelfen. Aufgeben konnte man das Sudan nicht, 
weil Aegypten damit einen militärischen Rückhalt hat und 
der Handel Aegyptens diese Besitzung verlangt. Eine wohl- 
feile Regierung konnte nur dadurch hergestellt werden, dass 
die Türken die natürlich im Lande schon vorhandenen Macht- 
verhältnisse zweckmässig benutzten und sich mit dem Adel 
des Landes verbanden. Die Türken sicherten dem Adel die 
Herrschaft über die Unterthanen zu; der Adel hingegen er- 
leichtert den Türken die Herrschaft. Seitdem ist eine grosse 
Militärmacht überflüssig geworden, denn der Adel ist fiir seine 
Einkünfte von den Türken abhängig. Auch die Stammfürsten 
empfangen jetzt an der Stelle der freiwilligen Gaben einen 
gewissen Tribut, den ihnen die Soldaten eintreiben helfen: 
so haben sich die Verhältnisse ganz geändert. In der ersten 
Zeit ihrer Herrschaft bedrückten die Türken Adel und Ge- 
meine ohne Unterschied und beide wurden gleich gerecht oder 
ungerecht behandelt. Die Gemeinen waren aber nicht fähig, 
den Vortheil der Gleichheit zu begreifen, sie schlössen sich 
der Regierung nur halb an; der Adel dagegen schmollte so 
lange, bis die Türken einsahen, dass von ihm alles abhänge. 
Nun wurden Türken und Adel gegen die Gemeinen einig. Die 
Türken nehmen also vorerst ihren eigenen Tribut und dann 
treiben sie einen zweiten ein zu Gunsten der herrschenden 
Klasse. Widerstand ist natürlich unmöglich und Klagen blei- 
ben ungehört. Seitdem regiert der Adel viel, unumschränkter 
und besonders der Deglel hat eine nie gekannte Macht be- 
kommen. Dieses System hat seinen Abschluss durch den 



Digitized by 



Google 



294 Ueber die Beni Amer. 

Besuch Said Pashas bekommen, der die Steuern vom Vieh 
auf den dritten Theil herabsetzte; man muss aber nicht glau- 
ben, der Ausfall sei den Besteuerten zu gute gekommen; er 
wurde nur den Häuptlingen überlassen*). 

*) Um uns diese Verhältnisse klarer zu machen, wollen wir die 
Bevölkerung und den Tribut der Az Ali Bakit hier aufzählen, eines 
der bedeutendsten Stämme der Beni Amer. 
Er hat ei'wachsene waflfentragende Männer: 

100 Nebtab oder Adeliche. ■ 

105 Tigre von Az Bejet. j ^ 

DO » «von Az Zemat. 1 n 

20 » von Az Erbet. I ^ 

HO » von Az Arei. f ^ ^ 

.56 » .von Az Nussur. > « ^ 

100 » von Az Omer. l c OQ 

30 » von Hintitere. 1 ^ 

70 » von Az Hömmed. I g 
'M) » von Az Daqalli. | 5 

50 » von Az Omer Hajet. ; 
760 erwaclisene Männer, wovon Vr Nebtab; 
Dazu kann man noch etwa 240 Mann rechnen, Arme oder Steuerfreie. 
1000 Mann oder 4000 Seelen. 
Der Tribut wird auf den Kopf berechnet, aber je nach dem Ver- 
mögen etwas erhöht ; auf den Mann kamen durchschnittlich vier Thaler. 
In frühem Zeiten nahmen die Türken von diesem Stamme zwei- 
tausend Thaler und überliessen es den Häuptlingen, was sie von ihren 
Uuterthanen nehmen wollten; seit Said Pasha ist es anders: 

Tribut von 1860. 

1) für den Diwan des Pasha, eigentliche Steuer Thaler 50t). 

2) zu Gunsten des Deglel Hamid, Fürsten der Beni Amer » 200. 

3) für den tributeintreibenden Lieutenant » .100. 

4) für den Statthalter des Stammfürsten Mohammed 

Weld Hömmed » 100. 

5) für seinen Bruder Erbet, Steuereinnehmer » 150. 

6) für seinen. Bruder Ali Bakit » 70. 

7) für Unterhalt der Truppen, einen Monat » 240. 

8) für den Häuptling der Ali Bakit, Mohammed » 400. 

9) für seinen Statthalter Hamid » 200. 

10) für ein dem Häuptling gekauftes Pferd von dem 

Tribut entschädigt » 80. 

11) (jreschLiik an den Fürsten des Hamaseu, Hcilu m 100. 

12) für laufende Jahresausgaben » 200. 

Thaler 2340. 



Digitized by 



Google 



üeber die Beni Amer. 295 

Es ist klar, dass die Häuptlinge keinen Grund haben, mit 
den Türken unzufrieden zu sein; sie haben viel grössere und 
sicherere Einnahmen, als früher. Würden die Türken das 
Land verlassen, so würde dieser Zustand einer Anarchie Platz 
machen; jeder Tribus würde sich vom Gesammtverband unab- 
hängig zu machen suchen und nach langem Kampf der Ge- 
wandteste Herr bleiben. 

Um diess genau zu verstehen, muss man bedenken, dass 
die Erbfolge bei diesen SlÄmmen nicht gesichert und regel- 
mässig war, während die jetzigen Häuptlinge die Türken be- 
nutzen, um ihr Amt ungefährdet ihren Kindern zu hinterlassen. 
Selbst bei den Beni Amer^n ging das Amt eines Deglel oft von 
einer Familie in die andere über. Bei andern Völkern ent- 
stammen die jetzigen Häuptlinge sogar ganz unbedeutenden 
Familien und unterdrücken mit Hülfe der Türken die alten 
Geschlechter, so in Algeden, Sabderat und bei den Hallenga, 
sodass sie den Türken alles verdanken. 

Natürlicherweise beschäftigen wir uns hier nicht nur mit 
den Beni Amer'n, sondern wir haben das ganze Sudan im Auge. 
Die Politik Said Pasha's vereinfietchte sicherlich die Regierung, 
aber sie hat ihre ungeheuren Schattenseiten, die wir nicht 
verkennen dürfen. Indem die Regierung einem Theil ihrer 
Unterthanen die Hand bot und das fehlende Militär durch 
ein Compromiss mit diesem zu ersetzen suchte, büsste sie den 
Respect ein, und mit dem Respect ging auch die Ordnung 
imd Sicherheit verloren. Solange die agressive Soldatenherr- 
schaft dauerte, erzwang die Hoffnungslosigkeit blinde Unter- 



Von dieser Summe geht also nur 75 an die Regierung, Vj an die 
Familie des Stammfürsten der Beni Amer, % an die wichtigsten Häupt- 
linge des Tribus selber. In andern Jahren ist die V^rtheilung etwas 
anders. Auffallend ist nur der kleine TheU, den die Regierung davon 
hat. Der Tribut aller Beni Amer schwankte früher von 20 — 30,000 
Thaler, wovon das Söhel die Hälfte zahlte. Die Bevölkerung übersteigt 
{gewiss 100,000 Seelen, sie kann aber auch das Doppelte betragen, so 
schwierig ist es, sich davon einen Begriff zu machen. 



Digitized by 



Google 



296 üeber die Beni Amer. 

würfigkeit. Seit aber die Truppen vermindert und die Häupt- 
linge wieder halb selbstständig geworden sind, haben sich 
die Eingebornen an den Gedanken gewöhnt, ihr Land einmal 
ganz von den Türken geräumt zu sehen. Um die Folgen da- 
von zu begreifen, braucht man nur die Provinz Taka seit 
Said Pasha sich anzusehen. Welcher Contrast zwischen ehe- 
mals und jetzt. Damals war Kosrew Bey Statthalter der 
Provinz und ihr unumschränkter Herr. Viertausend gut geübte 
Soldaten gehorchten seinen Befehlen; Widerstand war unmög- 
lich; von Cairo hatte er keine Kritik zu befurchten. Doch 
muss man gestehn, dass er seine Macht nicht missbrauchte; 
seine Gewissenhaftigkeit steht noch jetzt in gutem Andenken. 
Er war kein civilisirter Neutürke, sondern ein Osmanli vom 
alten Schlag; die Peitsche spielte ihre grosse Rolle, die Ab- 
gaben waren schwer, die Handlungsweise willkürlich. Aber 
er regierte mit gleichmässiger Strenge über Vornehme und 
Geringe; das Land war sicher und blühte auf. Man würde 
sich sehr täuschen, wenn man das europäische Rechtssystem, 
das eine öflfentliche Meinung, Heiligkeit der Eide, Wahrhaf- 
tigkeit der Zeugen voraussetzt, als für den Orient passend 
ansehen wollte: aber Gerechtigkeit erzwingt sich dessen- 
ungeachtet überall Achtimg. Ein grosser Tribut ruinirt nie- 
manden, wenn er gerecht vertheilt wird. Was ruinirt, ist die 
Unsicherheit der Wege, die Straflosigkeit der Verbrecher, das 
Faustrecht der Stämme, die sich untereinander befehden und 
bestehlen, die Unbekümmertheit und Unschlüssigkeit der Re- 
gierung. Darum müssen wir Kosrew, unter dem die Provinz 
Taka einer unbeschreiblichen Ruhe und Sicherheit genoss, un- 
bedingt loben. Man weiss , dass er auf die Beschwerden der 
Consuln hin abgesetzt wurde, weil er das Land der Bogos 
verheeren liess. Ihm folgte Elias Bey, ein tüchtiger Soldat, 
dei: sich um die Eroberung des Sudan sehr verdient gemacht. 
Er machte sich sehr gefürchtet und durch seine Energie selbst 
beliebt, wenn ihm auch die Gerechtigkeitsliebe seines Vor- 
gängers abging. 



Digitized by 



Google 



lieber die Beni Amer. 297 

Seit nun die Sheich von Said Pasha als eine gewisse Macht 
anerkannt und den Statthaltern nicht untergeordnet, sondern zur 
Seite gesetzt wurden, haben diese letztern viel von ihrer Au- 
torität eingebüsst und begnügen sich fast nur mit Tributein- 
treibung; ihr Benehmen ist unsicher, ängstlich, passiv, da 
sie nie freie Hand haben und die Sheich ihren Weg bis Cairo 
linden, um sich zu beklagen. So verfallen die einzelnen Stämme 
wieder der alten Anarchie; ein Stamm beraubt den andern 
oder bekriegt ihn, ohne dass die Regierung einschreiten kann. 
Der Tribut wird durch die Forderungen der Sheich sehr er- 
höht, ohne dass dafür den Unterthanen Sicherheit geboten 
wäre; seine Vertheilung geht willkürlich, parteiisch vor sich, 
da sie in den Händen von Coterien liegt. Früher nahm die 
Regierung einen Zehnten von allem beweglichen Vermögen; 
jetzt ist er in eine Kopfeteuer umgewandelt, die den Armen 
und den Reichen , den Heerdenbesitzer und den Hirten gleich- 
massig trifft. Für industrielle Völker, die von der Arbeit, 
Ackerbau und Handel leben, scheint diese Besteuerung nicht 
immer ganz ungerecht. Von Hirten aber, die sich von den 
Producten ihrer Heerden nähren, bei denen der Lohn gering 
ist, ist gewiss die Kopfsteuer , die sich bloss um die Zahl küm- 
mert ohne Rücksicht des Vermögens, widernatürlich und er- 
zeugt besonders bei den unterdrückten Armen grosses Miss- 
behagen. Für die landbauenden Stämme legte Said Pasha 
ausser der Kopfsteuer eine Abgabe auf den Feddan. Um die 
Bedeutung dieser Massregel zu begreifen, muss man wissen, 
dass die Anwohner des Gash in Folge der Ueberschwemmung 
ziemlich regelmässige schöne Emdten haben. Die Stämme 
aber, die der Flüsse entbehren, wie z. B. Algeden, cultiviren 
mit dem Regen, der aber in diesen Tiefländern nicht con- 
stant ist, sodass die Erndte häufig misslingt; für diese letz- 
tem wird eine Abgabe auf den Feddan, gleichviel wie sein 
Ertrag sei, oft sehr bedrückend. Dagegen zahlen reiche Han- 
delsstädte, wie z. B. Gos Redjeb, fast gar nichts, weil sie kei- 
nen Ackerbau treiben, dagegen um so mehr Handel. Die 



Digitized by 



Google 



298 Ueber die Beni Amer. 

grüne Erfahrung spricht für uns, da seit der Einführung des 
Feddan der Ackerbau mit Benutzung des Regens ziemlich 
abgenommen hat. Die Unzufriedenheit muss man sich freilich 
zum Theil auch aus dem conservativen Geist des Afrikaners 
erklären; eine neue Abgabe, wenn sie im Vergleich zur alten 
auch leicht wäre, erregt mit ihrem neuen Namen immer ein 
gewisses Misstrauen. 

Die Veränderung hat aber noch eine andere viel bedenk- 
lichere Folge; der Mangel an einem Heer hebt nicht nur die 
innere Sicherheit auf, sondern er verhindert eine kräftige aus- 
wärtige Politik. Die Sheich mit all ihrer Freundschaft bürgen 
für die Treue ihrer Unterthanen; aber sollte das Land ange- 
griffen werden, so kann der Landsturm, über den sie ver- 
fügen, nichts retten. Man hat das Heer reducirt, weil man 
keinen Aufstand mehr zu furchten braucht; aber an das Aus- 
land dachte man dabei nicht. 

Nun zeigt aber Abyssinien eine gewisse Tendenz, sich 
nach allen Seiten auszudehnen und der jetzige Kaiser Theo- 
doros ist ihr eifriger Träger; ein allgemeiner Angriff hat noch 
nicht stattgefunden, aber es sind vereinzelte Ereignisse vor- 
gekommen, die den ünterthanen Aegyptens klar bewiesen, 
dass die Regierung nichts zu ihrem Schutze thun konnte. 

Vom Hamasen aus fingen Heilu und auch Marit an, die 
Beni Amer des obem Barka zum Tribut aufzufordern; wenn 
sie sich auch mit Geschenken abfinden Hessen, so mussten 
die Beni Amer doch einsehen , dass die Türken sie nie gegen 
einen möglichen Angriff beschützen würden. Heihi besonders 
ist im Barka sehr respectirt und beliebt. Die Marea, von den 
Abyssiniem bedroht, entrichteten diesen beiden Fürsten Tribut 
und verweigerten ihn den Türken. Die Fürsten von Adiabo 
begnügten sich nicht mit der Unterwerfung der Bazen, son- 
dera sie machten sich auch die Barea unterthan, die lange 
Jahre Aegypten unterthan gewesen. Die Türken thaten nichts 
zu ihrer Unterstützung, sind aber deswegen nicht gesonnen, 
sich bescheiden zurückzuziehen, sodass (üe Barea wohl an 



Digitized by 



Google 



Ueber die Beni Amer. 299 

beide Mächte Tribut zahlen müssen. Auch Algeden muss sich 
mit Geschenken von Adiabo den Frieden erkaufen. Dsadiq 
verheerte letztes Jahr Az Ali Bakit; die Türken rührten 
sich nicht. Er überfiel ungestraft die Zeltenlager der Haden- 
doa bei Elit. Der Marktplatz Metamma zahlt doppelten Tri- 
but, an Abyssinien und an die Türken. Der Mek Omer Weld 
Nimr, der, bekanntlich mit den Türken blutverfeindet, im 
Wolkait sich festsetzte, wird von den Abyssiniern stets un- 
terstützt, um gegen die ägyptischen Unterthanen Krieg zu 
fuhren. 

Da nun die Unterthanen sehen , dass die Regierung nichts 
für sie thut, anderseits die grossen Pläne des Kaiser Theodoros 
allgemein bekannt sind, so werfen alle Völker der Grenze ihre 
Augen auf das Hochland und gewöhnen sich allmählig an die 
Idee eines Herrenwechsels. Die Aussicht, dem christlichen 
Abyssinien anzugehören, kann sogar ihren Reiz haben. Denn 
die Abyssinier, so speculirt der Sudanese, könnten die Rolle 
der Fundj übernehmen, aber nicht der Türken; sie würden 
den Sudan tributpflichtig machen, aber nie bleibend occupiren ; 
so könnten sie nur einen massigen Tribut verlangen und sich 
nicht in die inneren Angelegenheiten mischen; denn bleibende 
Garnisonen würde das Klima verbieten und schreckende Heer- 
züge der Wassermangel. Fügen wir bei, dass der Sudanese 
durch den national -afrikanischen Geist dem Abyssinier unge- 
mein näher steht, als dem fremdfarbigen Türken, mit dem er 
nur die Religion gemein hat. 

Die neuesten Zeiten haben einen Kampf zwischen den 
Abyssiniern und den Aegyptem im Sudan in Aussicht gestellt ; 
die Eingebornen und die Türken selbst sind abergläubisch 
davon überzeugt, dass das bestehende Regiment bald sein 
Ende nehmen werde. Daher rührt die Furcht vor den Abys- 
siniern, deren militärische Macht man überschätzt. Wir können 
den Vortheil discipliuirter Truppen über ungeordnete Horden 
nicht bezweifeln. Wir sehen aber, dass dieses stehende Heer 
nicht verhindern kann, dass die Rajas jährlich unter seinen 



Digitized by 



Google 



300 üeber die Beni Amer. 

Augen ausgeplündert werden. 'Nicht vergessen darf man, 
dass man bei einem möglichen Zusammenstoss in die Soldaten 
nicht alles Vertrauen setzen darf, da sie an den Krieg wenig 
gewöhnt und ein Theil von ihnen geborene Hochländer sind, 
die sich immer nach ihrem Vaterlande zurücksehnen. Die 
Abyssinier haben mehrere schätzenswcrthe Eigenschaften; sie 
sind gut beritten, frugal, kosten wenig und rekrutiren sifch 
bei dem kriegerischen Geiste des Volkes leicht; sie können 
das ganze Land verheeren und wieder verschwinden, bevor 
die Türken es nur wissen. Wenn wir nun einsehen, dass 
Abyssinien, wenn einig und fest regiert, den Aegyptern noch 
ernstlich zu schaffen geben kann, zeigt die Gegenwart, dass 
selbst bei den jetzigen elenden Zuständen des Hochlandes das 
passive Verhalten der Türken das Terrain Schritt für Schritt 
ohne allen feindlichen Zusammenstoss so zu sagen freiwillig 
aufgibt. 

Freilich scheint die Regierung noch zu Lebzeiten Said 
Pasha's ihren Fehler eingesehen zu haben; davon zeugt die 
Absendung Mussa Pasha's, dem es gewiss an Energie nicht 
fehlt, und es ist zu hoffen, dass der jetzige Pasha von Aegyp- 
ten die Sache ernsthaft genug nimmt, wo dann an einem glück- 
lichen Ausgang nicht zu zweifeln ist. Wir sagen, wir hoffen 
das, denn erstens ist es traurig anzusehen, wie diese schönen 
Nordgrenzen nie zur Ruhe kommen können, wie sie von beiden 
Seiten gebrandschatzt werden, ohne dass der Eine den Andern 
fortzujagen den Muth hat, als wenn sie zwei Raubvögel wären 
über demselben Aas; wir müssen wünschen, dass die Grenzen 
endlich festgestellt werden. Zweitens hoffen wir als Europäer, 
dass der Sudan den Türken bleibe ; nicht als ob wir die Abys- 
sinier für schlechter hielten als andere Menschen, sondern 
weil Abyssinien nicht im Stande ist, das Sudan zu organi- 
siren, solange es sich selbst nicht zu organisiren vermag und 
weil ihm dieser Besitz nichts nützen kann. Wir wissen, dass 
die türkische Occupation unserem Handel und unserer Wissen- 
schaft den Sudan geöffnet hat, den wir früher nur mit Lebens- 



Digitized by 



Google 



Ueber die Beni Amer. 301 

gefahr betreten konnten. Dass eine Reise nach Kassala an 
Gefahr der nach Timbuktu in nichts nachgab, davon zeugt 
die Reise Burckhardt's. Europa steht mit der Türkei in völker- 
rechtlichem Verkehr, während ^dr in Abyssinien doch immer 
noch von der Gastfreundschaft und der natürlichen Gerechtig- 
keitsliebe der Eingebomen allein abhängen. Femer finden 
wir, dass das türkische Regiment trotz seiner Gebrechen doch 
hundertmal der alten Zeit vorzuziehen ist, wo der Sudan eine 
Raub- und Mörderhölde war und ein ewiger Zweikampf die 
Völker vernichtete; wie es fiüher ausgesehen hat, das erzählt 
derselbe Burckhardt und das sehen wir noch jetzt an den un- 
abhängigen Völkern Nordafrikas. Wir kritisiren, weil wir 
Freund sind und wir können nicht begreifen, wie die Reisen- 
den, die allein es den Türken verdanken, dass sie Reisende 
sind, das schwarz sehen, was früher viel schwärzer war, wir 
begreifen nicht, dass ein Freund der Civiüsation die Invasion 
der Abyssinier im Sudan sich herwünschen kann, die alles 
zerstören und nichts aufbauen könnte und eine anarchische 
Wüste hinter sich lassen würde. Und so wollen wii* zu unserm 
Gegenstande zurückkehren, indem wir das Verhältniss der 
Beni Amer zu ihren Nachbarstämmen uns deutlich machen. 
Es ergibt sich aus der geographischen Lage: die Bewohner 
des Söhel stossen mit den Habab zusammen; die Beni 
Amer am untern Barka sind Nachbarn der Hadendoa; vom 
Süden stösst an das Barka das Barealand; das obere Barka 
hat es mit dem Hamasen, den Bogos und den Takue zu thün. 
Es versteht sich von selbst, dass alle diese Berührungen mit 
fremden Völkern in der Regel feindlich sind. Die Beni Amer 
und die Hadendoa standen sich immer feindlich gegenüber und 
selbst jetzt, wo sie unter der gleichen Regiemng stehen, dauert 
der alte Hass fort. Dem offenen Kampf haben die Türken 
ein Ende gemacht, aber die Räubereien dauern fort; auf dem 
Markt von Kassala wird sehr oft gestohlenes Gut verkauft. 
Der Hass der Beni Amer zeigt sich recht deutlich in der Art, 
wie sie den Ursprung der Hadendoa erzählen. Ein König 



Digitized by 



Google 



302 Ueber die Beni Amer. 

hatte eine Tochter, die verwahrte er in einer Burg auf der 
Insel Suakin; doch wurde sie da von einem Teufel (Djinn) 
hesucht und gebar ihm sieben Söhne, die Stammväter der 
Hadendoa; daher die geistreiche Etymologie von Suakin aus 
Sana el Djinn (der Teufel hat's gebaut). Der Hass, der sich 
in diesen lächerlichen Erfiudungen Luft macht, musste um so 
grösser sein, weil sie gegen die streitbaren Hadendoa im Nach- 
theil waren. Diese letztern bedienen' sich ausser dem Pferde, 
das nur in der Schlacht bestiegen wird, des Reitkameeis, das 
sie sehr gut dressiren, sodass es an Gelenkigkeit dem Pferde 
nichts nachgibt. Auf den leisesten Wink beugt oder erhebt 
es sich. Es wird auch zur Straussenjagd verwendet; die Ha- 
dendoa kommen oft zu diesem Zweck bis nach Desset in die 
Nähe von 'MkuUu, wobei sie sich freilich nicht immer mit 
der Jagd begnügen , sondern auch das Land unsicher machen. 
Ich weiss, dass vor einigen Jahren der Naib selbst mit Sol- 
daten sie aus dem Samhar vertreiben musste. Wenn nun die 
Hadendoa einen Raubzug unternehmen, so sitzen auf jedem 
Kameel zwei Mann; in dieser Art können sie sehr grosse 
Distancen in kurzer Zeit durchreiten. Um sich einen Begriff 
von der Schnelligkeit des Kameeis zu machen, will ich 
erwähnen, dass es im Tag sehr bequem 15 Stunden Weg 
zurücklegt. Ich kenne einen Postreiter, der im Auftrag des 
Boy von Dunguaz am Barka direct nach Kassala reiten sollte; 
die Abyssinier waren in's Barealand eingefallen; die türkische 
Garnison stand in Dunguaz und der Gouverneur der Provinz 
befand sich zufällig da. Da er von Kassala schnell Hülfstrup- 
pen kommen lassen wollte, wurde das beste Postkameel ge- 
sattelt; die directe Entfernung beträgt einige dreissig Stunden; 
die Post wurde um 10 Uhr Morgens expedirt und war um 
6 UTir Abends in Kassala; schon 2 Tage nachher rückten 
JiOO Soldaten mit einer Feldkanone in Dunguaz ein. Neben- 
bei bemerkt wird das Kameel in Afrika noch nicht gehörig 
benutzt; die Karawanen sind noch immer sehr schwerfällig, 
weil keine Agenten den Verkehr vermitteln und so der Herr 



Digitized by 



Google 



üeber die Beni Amer. 303 

der Waare die Weiterbeförderung selber besorgen muss und 
weil kein Unterschied für Eilgut gemacht wird. Bei wohl- 
feilen Waaren hat ein wenig Aufenthalt nichts zu sagen und 
da wird billigei'weise nur auf die Tragkraft des Kameeis Rück- 
sicht genommen; es macht kleine Tagereisen, aber trägt um 
so mehr; so braucht es von Kassala bis Suakin oft volle 
20 Tage und trägt 7 Kantar. Bei werthvoUen Waaren aber, 
die mehr Transportspesen vertragen können, wie Straussen- 
fedem, Wachs und Elfenbein etc. kann man nicht begreifen, 
warum man mit dem Kameel geizt und Zeit verliert; für. 
solche Waaren benutze man Reitkameele, die den gleichen 
Weg in 8 Tagen zurücklegen und man lege ihnen nur halbe 
Last auf; damit wird Zeit gewonnen, was die grösseren Spesen 
bei Weitem aufwiegt. Ein Wink für diejenigen, die den Han- 
del des Sudan organisiren wollen. 

Auch mit ihren südlichen Nachbarn, den Barea, stehen 
die Beni Amer auf schlechtem Fusse; über ihre gegenseitigen 
Thaten reden wir an einem andern Orte; hier sei nur bemerkt, 
dass die Türken auch hier den Beni Amer'u aufgeholfen haben ; 
die Barea wurden gewissermassen unter die Herrschaft des 
Deglel gestellt, eine Garnison in's Barealand (Kufit) verlegt 
und das Land beruhigt. Doch seit sich die Türken zurück- 
gezogen haben, ist die alte Fehde wieder ausgebrochen, ob- 
gleich die Barea ziemlich heruntei^ekommen sind.*) 

Zu den Bogos standen die Beni Amer in einem freund- 
lichen, ja sogar bevormundenden Verhältniss, wenn auch ein- 
zelne Feindseligkeiten nicht fehlten. Die Az Ali Bakit, ihre 
nächsten Nachbarn, hatten sich durch ihren Sheich Bejet 
grossen Einfluss bei den Bogos erworben, da diese letztern Um 
als Hüter des Landes gegen die übrigen Beni Amer ansahen; 
sie zahlten ihm eigentliche Abgaben, wogegen er ihnen er- 
laubte, im Tiefland zu cultiviren und die Weide zu benutzen. 
Er wurde sogar oft als Vermittler zwischen den streitenden 



*) Man vergl. den Abschnitt: Reise durch das Land der Bazen. 



Digitized by 



Google 



304 Ueber die Beni Amer. 

Bogos angerufen und war so einigermassen Schutzherr dieses 
Völkleins. Anderseits waren die Beni Amer, wenn sie sich 
gegen die Türken auflehnten, froh, sich in's Gehirge zu Freun- 
den zurückziehen zu können. Man weiss aber aus meinen 
frühem Mittheilungen, dass die Bogos sich täuschten; denn 
ihre Freunde, die Az Ali Bakit, machten halb gezwungen 
gemeinschaftliche Sache mit dem ganzen Barka und Gash, das 
(1854) unter Mitwirkung der Türken das Land der Bogos 
ausplünderte. Seitdem ist das Verhältniss der beiden Stämme 
.kälter geworden. 

Viel entschiedener treten die Takue gegen die Beni Amer 
auf: sie stehen ihnen unabhängig, oft sogar feindlich gegen- 
über; schon früher ist erzählt worden, wie sie die eindringen- 
den Beni Amer aufs Haupt schlugen. Die Az Ali Bakit 
Hessen dabei an 100 Todte zurück, doch erholten sie sich 
schnell. Auch der neuern Niederlage der Az Gultane haben 
wir erwähnt (Juni 1861). Um gerecht zu sein, muss man 
bedenken, dass die Beni Amer sich nie in die Angelegenheiten 
des Hochlandes gemischt hätten , wenn sie nicht von den ent- 
zweiten Factionen selbst um Intervention angegangen worden 
wären. 

Die Marea und die Beni Amer streiten sich oft und be- 
stehlen sich noch häufiger; aber sie liegen sich zu nah und 
sind für die Weide zu sehr voneinander abhängig, als dass 
sie dauernd Feinde bleiben könnten. Was die Wass betriflPt, 
so leben sie auf den Grenzen des Dembelas, mit dem sie sehr 
befreundet sind; wenn sie rebelliren, so ziehen sie sich in 
dieses Gebiet zurück. 

Noch müssen wir des Verkehrs der Az Ali Bakit mit dem 
Hamasen gedenken. Von jeher war das Verhältniss zu den 
Grenzgauen, Molasenei, Az Shehei, Az Danshim und Az Ma- 
man, entschieden feindlich. Diese vier Gaue benutzen nämlich 
sßit undenklicher Zeit die Weiden des Barka bis Shytel, die 
keinen eigentlichen Besitzer mehr haben, seit die Kelou aus- 
gestorben sind. Den Beni Amer'n lie^ natürlich alles daran, 



Digitized by 



Google 



üeber die Beni Amer. 305 

sie hier zu verdrängen; daher ein hartnäckiger Kampf, der 
noch nicht entschieden ist. Noch vor wenigen Jahren (1857 
und 1858) verheerten die Az Ali Bakit die Heerden dieser 
Gaue, die im Vertrauen auf einen kurz vorher geschlossenen 
Vertrag im Tiefland weideten. Sie wurden dafür nicht ge- 
züchtigt, da sie dem Fürsten des Hamasen wichtige Dienste 
leisteten. Wir wissen nämlich (Recht der Bogos, pag. 22), 
dass Dedjas Heilu, der Statthalter des Hamasen, durch Marit 
verdrängt wurde. Er zog sich mit seinem Anhang nach dem 
Barka zurück und bestimmte die Az Ali Bakit, ihm für die 
Wiedereroberung seines Landes behülflich zu sein. So stieg 
er im Juni 1859, begleitet von vielen seiner Anhänger und 
von 300 Beni Amer'n unter der Führung Bejet's, in's Hamasen 
hinauf und wurde Samstag den 4. Juni bei Az Gabru unweit 
Tsasega von Marit angegriffen. Die Schlacht entschied die 
Reiterei, an der Heilu Mangel litt. Heilu wurde gefangen 
genommen und an Negussie ausgeliefert; der alte Bejet fiel 
und mit ihm über 100 seiner Leute. Da seitdem Heilu wieder 
in die Regierung eingesetzt worden ist, muss er natürlich den 
Beni Amer'n schon für den Tod Bejet's dankbar sein, sodass 
die abyssinischen Grenzgaue gezwungen sich ruhig verhalten 
müssen. 

Das Verhältniss der Beni Amer zu allen erwähnten Grenz- 
nachbarn Abyssiniens charakterisirt sich durch ein den erstem 
eigenthümliches, besonders aus der Religion hervorgehendes 
Superioritätsgefühl, eine Arroganz, denen diese verwahrlosten 
Kinder des Hochlandes keinen Stolz noch Glauben entgegen- 
stellen können. Die Bogos und die Takue geben ihre Töchter 
den Beni Amer'n zu Frauen hin, obgleich sie wissen, dass 
diese sogleich zum Islam übergehen müssen ; einem Beni Amer 
würde es nie einfallen, seine Tochter einem Bogos zu geben, 
selbst wenn dieser Mohammedaner wäre, da er ihn nicht als 
ebenbürtig ansieht. Dieser Stolz, den jedes islamitische Volk 
hat, ist das Kind der Einheit, der Zusammengehörigkeit. Die 
Mohammedaner haben einen religiösen Patriotismus, der über 

Ifunzinger, Ostafrik. Studien. 20 



Digitized by 



Google 



306 Ueber die Beni Amer. 

Freund und Familie geht. Wenn sie einen Kriegszug gegen 
die sogenannten Kaffem vorhaben, so nehmen alle Stämme 
bis zum Gash daran Theil. Niemandem fällt es ein, aus 
Rücksicht auf seine christlichen Freunde und Verwandten den 
Kriegsplan zu verrathen. Schnell wird berathen und noch 
schneller gehandelt; ungeahnt fällt man in das feindliche 
Land ein. Das ist der Vortheil des Islam, der keine Neben- 
rücksichten kennt. Wie verschieden ist das Benehmen der 
Bogos und aller ähnlichen Völker. Das Gemeinwohl ist ihnen 
ein unverstandener Begriff; sie haben kein leitendes Band, 
das die Privatinteressen erstickt; sie berathen lange, da jede 
Familie für sich denkt und können nicht schweigen; wenn sie 
auch einig werden, richten sie nichts aus, da jeder Einzelne 
an seinen guten Freund oder Verwandten Botschaft schickt, 
um ihn zu warnen; so verräth jeder den andern. Daher ist 
die Arroganz des Mohammedaners, so xinangenehm sie auffällt, 
vollständig gerechtfertigt; der Familiengeist hat gewiss seine 
guten und edlen Seiten, aber er verhindert alles Zusammen- 
wirken. 



Digitized by 



Google 



Staat und Recht. 



Wir haben schon gesehen, dass alle Beni Amer unter 
emem Stammfürsten (Deglel) stehen, von dem Stamm der 
Nebtab. Der jetzige Deglel heisst Hamid, ein noch junger 
Mann mit feinem Gesicht und von feiner Gestalt, schmächtig 
gebaut, leicht und beweglich, gescheidt, sarkastisch, wenig 
würdevoll. Er hat einen ziemlich würdigen Nebenbuhler in 
seinem Vetter Mohammed Weld Höinmed, von seinem Vater 
auch Weld el Fil genannt, da dieser wegen seiner Gestalt auch 
a Elefant» zubenannt wurde. Dieser Mohammed ist erster 
Statthalter des Deglel, dem er fast gleichsteht; er wird wegen 
seiner Prunksucht auch Fashat genannt, ist würdevoll und 
gesetzt, macht viele Umstände und liebt schöne Kleider und 
grosses Gefolge. Das Amt des Deglel beschränkt sich fast auf 
das Eintreiben des Tributs, von dem er mit seinen nächsten 
Verwandten sein gutes Theil erhält. Ausserdem hat er das 
Becht der Imamet, d. h. auf den Zehnten von der Beute eines 
Raubzuges. Wären die Türken nicht da, so würden diese 
Rechte sehr in Frage gestellt werden. Uebrigens führt fast 
jeder Stamm der Beni Amer Krieg mit dem Ausland auf eigene 
Faust; auch im Gericht steht jeder gewöhnlich für sich nach 
dem herkömmlichen Recht; doch entscheidet in streitigen 

20» 



Digitized by 



Google 



308 üeber die Beni Amer. 

Fällen die Sherfe, d. h. das kanonische Recht, das von einem 
in Zaga residirenden Kadi gedeutet wird, der in den verschie- 
denen Lagern seine Agenten hat. Erste Instanz ist die Fa- 
milie, zweite der Herr für die Unterthanen und der Häupt- 
ling des Tribus für die Herren, dritte ist die Chassamet Allah 
oder das göttliche Recht, das aber bei der im ganzen Orient 
herrschenden Bestechlichkeit der Kadi meist sehr ungöttlich 
interpretirt wird. Die Residenz des Deglel und seiner Familie 
ist Zaga (par excellence so genannt, da für jeden Stamm das 
Zeltenlager der Kameele diesen Namen führt). Es wird von 
allen bewohnt, die mit der Regierung zu thun haben, ihren 
Dienern, Sklaven und Sklavinnen. Anständige Leute leben 
sonst weit davon, besonders im Herbst, wenn die Türken hier 
ihr Hauptquartier aufschlagen, um den Tribut einzuziehen. 
Deswegen ist Zaga ein sehr verrufener Ort; Honig, Wein und 
Bier genügen nie dem Bedarf. Jeder der grossen Häuptlinge 
hat eine Schaar Söldner, die ein wildes müssiges Leben führen. 
Die Venerie ist sehr häufig und dringt sogar in die vornehm- 
sten Familien ein, da sich die Häuptlinge trotz ihrer vielen 
rechtmässigen Frauen des Umgangs mit den Sklavinnen nicht 
enthalten können. In Zeiten der Gefahr wird das Neg- 
garet geschlagen; die Frauen flüchten sich in die Wildniss, 
die Männer bleiben und erhitzen sich mit kriegerischen Tänzen; 
oft sieht man bei dieser Gelegenheit betrunkene Sklaven, die 
sich mit dem Krummmesser den Leib zerschneiden, um ihren 
Muth zu zeigen. Solche Scenen konnte ich 1860 mit ansehen, 
als Dsadiq von dem Barealand aus das Barka bedrohte. 

Wir haben früher bemerkt, dass die Bevölkerung aus Skla- 
ven, Unterthanen, Sheichfamilien und Adelichen zusammen- 
gesetzt sei. Wir wollen zuerst die Stellung der Sklaven bei 
den Beni Amer'n deutlich machen. 

Die Sklaven bilden einen bedeutenden Theil der Bevöl- 
kerung; sie sind entweder vom Feind geraubt oder vom Aus- 
land angekauft; andere Quellen gibt es nicht, da ein Beni 
Amer nie sein Kind verkauft oder seiner Freiheit verlustig 



Digitized by 



Google 



Ueber die Beni Amer. 309 

gehen kann; vor dieser Schmach hat ihn der Islam bewahrt. 
Die Sklaven trennen sich in neuangekaufle und in eingebome 
(Wulud); ihre Stellung ist so verschieden, dass eigentlich nur 
die erste Kategorie den Namen Sklave verdient, während die 
letztem höchstens leibeigen genannt werden dürfen. Der 
neuangekaufte Sklave erfährt gleiche Behandlung, wie jeder mo- 
hammedanische Sklave; er kann weiterverkauft werden und ge- 
hört noch nicht der Familie an. Der im Lande gebome Sklave 
aber hat eigentlich nur den Namen, aber nicht die Stellung 
eines solchen, was sich besonders dadurch zeigt, dass er sich 
mit den Woreza (Unterworfenen) verschwägern darf. Die in 
einer solchen Ehe erzeugten Kinder werden als frei be- 
trachtet, da sie von freier Mutter abstammen. 

Wir kennen im Barka die Kishendoa, d. h. Sklavenstamm, 
alles eingeborne Leibeigene, die ein eigenes Zeltenlager ein- 
nehmen, sich selbstständig regieren mit eigenem Häuptling, 
und mit den Woreza nach Belieben verheirathen. Gebome 
Sklaven können leben wo sie wollen und beerben sich wie 
Freie; nur wenn keine Verwandten da sind, ist der Herr der 
natürliche Erbe. Auch ein neugekaufter Sklave kann seinen 
Herrn verlassen und sich einen beliebigen Schutzherrn wählen; 
aber sein Herr kann ihn ohne Rücksicht auf diesen letztem 
verkaufen. 

Auch im Blutrecht ist die Stellimg des gebomen Sklaven eigen- 
thümlich. Wird ein neugekaufter Sklave getödtet, so wird 
dem Herrn der Ankaufspreis ersetzt, da er noch als Waare 
angesehen wird. Ganz anders steht der gebome Sklave; da 
er zur Familie gehört, so verlangt sein Blut wieder Blut; hat 
er eigene Angehörige, so rächen sie. ihn; hat er keine, so 
rächt ihn sein Herr ; ist diess nicht thunlich, da vielleicht der 
Mörder zu vornehm ist, so schweigt die Sache; aber von Blut- 
geld ist niemals die Rede. Eine Analogie zu dieser Klasse 
bilden die gebomen Leibeigenen der Fürstenfamilie von Tsa- 
sega; sie heissen noch immer Sklaven, gehören aber zu den 
besten Familien des Landes; niemand bedenkt sich, einem 



Digitized by 



Google 



310 Ueber die Beni Amer. 

solchen Sklaven sich zu verschwägern; die ersten Staatsämter 
befinden sich in ihren Händen; der Belaten gieta z. B. wird 
immer aus ihrer Mitte gewählt. 

Die Beni Amer haben den Ehrgeiz, viel Sklaven zu be- 
sitzen; sie suchen sie auf alle Weise zu vermehren; die häu- 
figen Raubzüge haben meist nur diesen Beweggrund. Glück- 
licherweise ist im Lande selbst der Aermste und Schwächste 
nie der Gefahr ausgesetzt, seine Freiheit verlieren zu können. 
Selbst ein Bazen, der beweisen kann, dass er vor seiner Ge- 
fangennehmung Muslim war, wird sogleich freigelassen. Die 
Sklaven dienen ihren Herren eigentlich nur in der Jugend; 
die mannbare Sklavin wird Freudenmädchen, lebt in der Nach- 
barschaft ihres Herrn, aber ist fast allen Dienstes enthoben; 
der Mann verschmäht meist alle Arbeit und gehört zum Ge- 
folge seines Herrn. Wirklichen Nutzen zieht der Herr von 
seinem Sklaven nicht. . 

Ganz anders ist der Zustand der eingebomen Sklaven. Da 
sie befugt sind, sich untereinander oder mit den Kindern der 
Unterthanen zu verheirathen, so benehmen sie sich sehr an- 
ständig; sie können auf Erwerb von Vermögen denken, das 
sie auf ihre Kinder forterben. Im Barka kommt es selten vor, dass 
jemand seinen Sklaven freilässt. Uebrigens erleidet die Milde, 
womit der Sklave behandelt wird, ihre Ausnahmen; ich habe 
einzelne Frauen gekannt, die sich ein Vergnügen daraus 
machten, ihre Sklavinnen zu peinigen. Auch muss ich eines 
unzweifelhaften Factums erwähnen, das sich vor etwa zwanzig 
Jahren zutrug. Dem Deglel Ibrahim, der todkrank war, 
sagten die Weissager, er würde genesen, wenn er sich den 
Leib im Blute einer Jungfrau bade. Schrecklicherweise wurde 
dann wirklich eine junge Sklavin hingeschlachtet, aber das 
Bad nützte nichts, da der Herr kurz darauf starb. Wir 
müssen nebenbei bemerken, dass das Waschen mit Thierblut 
in der Heilkunst Afrikas eine grosse Rolle spielt; jeder Krank- 
heit fast glaubt man abzuhelfen, indem man eine Ziege schlachtet 
und das warme Blut dem Patienten über Kopf und Leib giesst. 



Digitized by 



Google 



Ueber die Beni Amer. 311 

Sklaven werden selten weiter verkauft, gebome gar nicht. 
Eine Ausnahme bilden solche Sklaven, die Flucht befürchten 
lassen, so die Barea und Bazen, die ihrem Vaterland zu nahe 
sind, um sich nicht immer nach den Bergen desselben 
zurückzusehnen. Wir haben Beispiele von Abyssiniem, die 
durch Bazen -Räu'ber aufgegriffen, an die Hadendoa verkauft, 
Mittel gefunden haben, in ihre Heimat zu kommen; ich kenne 
mehrere Bogosfrauen, die bis an den untern Gash ausgeführt 
wurden und dennoch versuchten sie die Flucht: wochenlang 
wanderten sie in der Wildniss, von Wurzeln und Früchten 
lebend, vor sich die blauen Berge als Kompass, und erreich- 
ten glücklich die Heimat. 

Auch bei den Beni Amer'n finden wir den Gegensatz von 
Adel und Unterworfenen. Den Adel bilden die Nebtab und in 
gewisser Beziehung die Belou, "obgleich sie des Regiments ver- 
lustig gegangen sind. Jeder Adeliche oder Herr heisst immer 
noch Belaui. Die Unterworfenen heissen je nach ihrem Ur- 
sprung O'Hassa und O'Bedaui oder kurzweg Woreza (Mann, 
Knecht). Wir wollen uns im Gegensatz zum Herrn des Wortes 
Knecht bedienen, obgleich es nur halb dem Begriff entspricht. 
Das Verhältniss, das wir nun zu beschreiben haben, ist dem- 
jenigen, das wir bei den Aristokraten des Anseba gefunden, 
sehr ähnlich; aber bei den Beni Amer'n ist der Knecht nicht 
sowohl ein Schützling, sondern ein Lehnsmann. Indem er 
aber sein Vermögen von seinem Herrn hat, dem er einen 
gewissen Zins schuldig ist, wird seine Stellung viel abhängiger. 
So finden wir eine neue eigenthümliche Phase der Unterthänig- 
keit, die wir kurz charakterisiren wollen. 

Bei den Beni Amer'n ist also alter Gebrauch, dass der 
Herr, der Vermögen hat, es frei an seine Knechte vertheilt; 
bekommt er z. B. als Antheil von der Kriegsbeute 100 Kühe, 
so bewahrt er sie keineswegs in seiner Heerde auf, sondern 
er überlässt sie den Knechten als eigentliches Geschenk. Wenn 
der Knecht heirathet, unterstützt ihn der Herr mit einer Gabe 
von einem Kameel. Ueberhaupt wendet sich der Knecht in 



Digitized by 



Google 



312 Ueber die Beni Amer. 

jeder Noth an seinen Herrn, der ihn wenn immer möglich 
unterstützt. Alle diese Geschenke werden das wahre Eigen- 
thum des Empfängers; der Knecht kann damit anfangen, was 
er will, er kann es veräussem und seihst verschleudern; der 
Herr darf ihm einen Vorwurf deshalb machen, aber rechtlich 
belangen oder strafen kann er ihn nicht. Stirbt der Knecht, 
so gehen diese Geschenke an seine natürlichen Erben. Der 
Herr hat aber von diesen Geschenken eine gewisse Nutz- 
niessung: der Knecht versorgt ihn mit Sclünalz; er bringt ihm 
täglich ein gewisses Mass Milch, d. h. er ernährt seinen 
Herrn und dessen Familie. Daher kommt es, dass dieser oft 
bis Mitternacht auf sein Abendessen warten muss, weil die 
Knechte erst zuletzt seiner gedenken. Der Knecht schlachtet 
ferner das Todtenopfer für seinen Herrn und für jedes Mit- 
glied seiner Familie; er überlässt dem Herrn jede sterile Kuh 
und wenn er schlachtet, bringt er ihm das Bruststück. Auch 
er steht seinem Herrn in jeder Verlegenheit bei und hilft ihm 
sogar in der Entrichtung des Tributs nach Kräften. 

Wir müssen übrigens darauf aufinerksam machen, dass der 
Herr gewöhnlich sein Vermögen an die Knechte vertheilt, dass 
er aber nicht dazu verpflichtet ist, sodass es Herren gibt, 
die vorziehen, ihr Eigenthum selber zu verwalten. Femerist 
die Pflicht, Schmalz zu liefern, seit der Türkenherrschaft ziem- 
lich in Vergessenheit gerathen. 

Dem Knecht steht es frei, zu leben wo er will und sich 
unter den Herren einen beliebigen Kai fer'a (Platzherr) zu 
suchen; seine Pflichten gegen den eigentlichen Herrn bleiben 
aber die gleichen. Der B'al fe/a kann ihn irgend eines Ver- 
brechens wegen binden, richten kann ihn aber nur der Herr. 
Ist der Knecht mit seinem bisherigen Herrn unzuMeden, so 
hat er die Befugniss, sich zum Kiiecht eines andern Vorneh- 
men zu erklären, indem er für jedes Glied seiner Familie ein 
Ohr von einer Kuh des neuen Herrn mit der Lanze spaltet; 
er muss aber seinem früheren Herrn alles, was er von ihm 
zum Geschenk bekommen, zurückgeben; was er aber davon 



Digitized by 



Google 



Ueber die Beni Amer. 313 

verloren oder verkauft hat, wird ihm nicht angerechnet. Uebri- 
gens ist dieses Recht des Uehertrittes seit der Herrschaft der 
Türken nicht mehr unbedingt, da sich die Häuptlinge oft 
ihres politischen Einflusses und des Arms der Soldaten be- 
dienen, imi ihre Knechte zum Bleiben zu zwingen. Gesetze, 
die lediglich auf dem Herkommen beruhen, verlieren natürlich 
ihre Autorität, sobald ihre Execution von fremden Herren 
abhängt, die sich um das Hergekommene nicht kümmern. 
Gewöhnlich heirathet jeder Stand für sich, doch hat der Ade- 
liche das Recht, die Tochter eines Knechtes zur Frau zu neh- 
men, nie umgekehrt; die Tochter eines Adelichen, sei er 
Nebtab oder Belou, vrird nie an einen Knecht verheirathet. 
Gewöhnlich sind aber jene Ehen nicht sehr glücklich, da die 
Standeserhöhung die Frau viel zu übermüthig macht. Da- 
gegen verschwägern sich die Nebtab mit den Belou und auch 
mit den Sheichfamilien, auf die wir zurückkommen müssen; 
die Belou werden immer noch als ebenbürtiger Adel behan- 
delt, doch verlieren sie immer mehr Boden und schon jetzt 
gibt es Nebtab, die ihnen ungern ihre Töchter bewilligen. 

Der natürliche Givilrichter des Knechtes ist seine Familie 
und dann sein Herr; in Criminalsachen der Herr und seit der 
türkischen Herrschaft der Dorfvorsteher (Sheich el beled). 
Der Knecht hat nicht das Recht, jemanden in. Fesseln zu 
legen; er muss sich dafür an seinen Herrn wenden. Der An- 
theil an der Kriegsbeute und jeder von ihm gemachte Fund 
gehört seinem Herrn, der ihm davon nur einen kleinen Theil 
überlässt; findet er z. B. einen todten Elefanten, der 100 Thlr. 
werth sein kann, so schenkt ihm der Herr etwa zwei Thaler. 
Handelt er gegen dieses Gesetz, so wird sein ganzes Vermögen 
von seinem Herrn eingezogen (gedbe) oder er wird, besonders 
wenn kein Vermögen da ist, mit dem Tode bestraft. Des- 
wegen geht der kleinste Theil der Kriegsbeute an die Knechte. 
Den Knecht beerben natürlich seine Kinder oder seine Verwandr 
ten; fehlen diese, so erbt der Herr. Derselbe hat endlich das 
Recht des Zeraf, d. h. er nimmt seinem Knecht eine Kuh 



Digitized by 



Google 



314 üeber die Beni Amer. 

oder Ziege, womit er Gäste bewirthen will; er verspricht ihm 
einen schönen Preis dafür, den er ihm aber selten bezahlt. 

Der Nebtabei, der einen Knecht tödtet, bleibt, wem dieser 
auch angehören möge, straflos; in der letzten Zeit sind auch 
die Belou so verächtlich geworden, dass ihr Blut mit dem 
der Knechte in eine Linie gestellt wird. Freilich sind die 
Türken dann und wann eingeschritten, aber sie thun es sehr 
selten, besonders seit sie mit den Nebtab zusammen regieren. 
Tödtet ein Knecht einen andern, so rächt diesen seine Fa-' 
milie oder der Mörder wird förmlich zum Tode verurtheilt; 
freilich lässt sich die Familie oft zur Annahme der Diet (Blut- 
preis) bewegen, die selten 100 Kühe ausmacht. Da so das 
Blut selten taxirt wird, so ist der Preis kein bestimmter, wie 
bei den Bogos. Wenn ein Sklave einen Knecht tödtet, so 
wird er von seinem eigenen Herrn mit dem Schwert hinge- 
richtet. Am strengsten wird der Mord eines Adelichen durch 
einen Knecht geahndet; der Mörder wird sogleich hingerichtet, 
sein Vermögen confiscirt und seine Familie wird zum Dade 
der verletzten Familie gemacht, ohne je wieder das Recht zu 
haben, den Herrn zu wechseln. Man kann wohl begreifen, 
dass dieser Fall selten vorkommt. 

Es muss nun bemerkt werden, dass es Unterthanen unter 
den Beni Amer'n gibt, die sich nur politisch den Nebtab 
unterworfen haben, sonst aber keinen eigentlichen Lehnsherrn 
kennen.. Dazu gehören die Beit Bidel und Az Kukui. Diese 
Stämme haben ihre eigenen Sitze und ihr eigenes Vermögen; 
sie sind Unterthanen der Nebtab im Ganzen, aber nicht 
Knechte dieser oder jener Person. Sie sind den Nebtab nicht 
ebenbürtig und vom Blutrecht ebenso geringschätzig behandelt, 
wie andere Knechte; da aber die Knechtschaft ihren eigent- 
lichen Sinn in der Belehnung hat, so sind diese unbelehnten 
Leute immer gewissermassen frißi. 

Der fremde Handelsmann ist insofern Unterworfener, als 
er während seines Aufenthaltes einen Schutzherrn nöthig hat; 
aber sein Verhältniss ist nur vorübergehend. Er wird von 



Digitized by 



Google 



Ueber die Beni Amer. 315 

seinem Wirth verköstigt, wogegen er ihm eine kleine Abgabe 
entrichtet. In frühern Zeiten wurden fremde Handelsleute 
ziemlich willkürlich behandelt; seit aber die Beni Amer selbst 
Handel treibend an's Meer gehen, wo sie ihrerseits auch Schutz 
nöthig haben, sind ihre Gäste viel gesicherter. 

Eine eigenthümliche Klasse von Unterworfenen bilden die 
Sheichfamilien. Es gibt überall, wo Mohammedaner leben, 
gewisse Heilige, denen das Volk, als von Gott bevorzugten 
Männern, Wunderkraffc zuschreibt; sei es, dass sie sich eines 
frommen Lebenswandels befleissigen, oder dass zufällig ihre 
Prophezeiung eingetroffen, oder dass ihr Fluch geschadet, 
jeder Stamm schätzt sich glücklich, einen solchen Heiligen bei 
sich zu haben, da er Glück zu bringen scheint. Er wird der 
Prieiäter des Volkes; er wird bei jeder Sache berathen; er 
segnet die Eheleute ein; er macht auch den Schulmeisterund 
sorgt für die Aufrechthaltung des Glaubens; wenn er vorbei- 
geht, so küssen ihm alle Leute die Hand. Natürlich hat er 
seine Privilegien, die er wie sein Amt auf seine Nachkommen 
forterbt Wir finden bei den afrikanischen Islamiten förm- 
liche Sheichdörf er (Az Sheich); so heisst die Hälfte des Dorfes 
Sabderat ein Az Sheich; im Barka finden wir Az Sheich el Ha- 
babi, Az Sheich Hömmed, Az Sheich Gende; bei den Habab Az 
Sheich Mohammed, wovon ein Zweig sich auch im Barka fest- 
gesetzt hat; diese letztem sind zwischen dem Deglel und dem 
Naib streitig. Alle diese Familien sind gewöhnlich gemeinen 
Ursprungs, aber die Religion heiligt und adelt sie. Sie ge- 
hören nicht zum Adel, aber sie heirathen dessen Töchter, 
denen sie von Gotteswegen ebenbürtig scheinen. Die meisten 
sind tributfrei; sie haben eigene Jurisdiction; niemand wagt 
es, einen Sheich zu verletzen, da ihr Segen oder Fluch so- 
gleich erhört wird. Sie schreiben sich immer Wunderkraft zu, 
da die Afrikaner lieber Wunder glauben, als natürliche Dinge, 
80 wird ihnen das Wunderwirken nicht schwer; eine erfüllte 
Wahrsagung wiegt hundert unerfüllte auf. Auch die benach- 
barten Christen haben grossen Respect vor ihnen und lassen 



Digitized by 



Google 



316 üeber die Beni Amer. 

sich von ihnen Talismane schreiben. Gewisse oft unsinnige 
Sprüche werden auf ein Papier geschrieben, das in Leder ver- 
näht am Arm oder Hals getragen wird. Diese sogenannten 
Hedjab sollen vor allen möglichen Gefahren schützen; die 
Afrikaner alle halten sehr viel darauf. Man sieht Leute, die 
wohl zwanzig solcher Ledertäschchen tragen; stirbt der 
Besitzer, so entsteht unter den Söhnen oft Streit über die 
Vertheilung dieser Amulete. Leider gibt es auch christliche 
Wunder thäter, die sich mit dieser Wunderfabrik abgeben. 
Dann behaupten die Sheich auch, die Leoparden und Heu- 
schrecken vertreiben zu können. Uebrigens sind die Sheich- 
familien gegenseitig sehr eifersüchtig; sie lachen oft eine die 
andere aus; es ist ein niederträchtiges, anmassliches Volk, 
das vom Aberglauben der Menge lebt. Sie bilden einen ziem- 
lich bedeutenden Theil der Bevölkerung, doch muss man sich 
nicht vorstellen, dass die sogenannten Az Sheich nur von 
solchen Heiligen bewohnt werden; viele Beni Amer ziehen es 
vor, der Erbauung wegen mit ihnen das Leben zu verbringen, 
ohne deswegen aus ihrem sonstigen Dienstverband auszutreten. 
Wenn wir die Stellung des Unterthanen bei den Beni 
Amer'n mit derjenigen der Tigre vergleichen, wie wir sie am 
Anseba gefunden, so zeigt sich der radicale Unterschied, dass, 
was dort Schutzverhältniss ist, hier Lehnsthum ist. Bei den 
Bogos unterwirft sich der Schwache dem Starken, auf dass 
er ihn beschütze; bei den Beni Amer'n ist der Unterworfene 
Lehnsmann; der Herr, der selbst die Verwaltung seines Ver- 
mögens scheut, zieht vor, es den kundigeren Händen seines 
Hirten zu übergeben; er überlässt es ihm vollständig, bedingt 
sich aber eine Leibrente aus. Wie das Vermögen fortgeerbt 
wird, so diese Leibrente oder die Pflicht des Unterthanen, 
seinen Herrn zu erhalten. Auf diese Basis stützt sich dieses 
Lehnsrecht; der Adeliche ist nur insofern Herr seines Unter- 
thanen, als er ihn zu seinem Pächter gemacht hat. Da die 
Beni Amer Nomaden sind, so war kein Land zu vertheilen, 
denn Weide hat keinen Herrn; das Lehn betraf also nur das 



Digitized by 



Google 



üeber die Beni Amer. 317 

bewegliche Eigenthum. Bei den Marea wird ein ähnliches 
Verhältniss angedeutet: der Adel habe das Land an die Tigre 
yertheilt und sich dabei seine Rechte vorbehalten; doch ist 
die Tradition nicht hinreichend sicher, dass wir daraus auch bei 
den Marea die Unterthänigkeit aus den Lehen herleiten könnten. 

Es ist klar, dass in dem beschriebenen Verhältnisse zwi 
sehen Herrn und Knecht nichts Ungerechtes liegt; die grossem 
Rechte bedingen grössere Pflichten; es ist nicht das Recht 
des Stärkeren, sondern das Recht des Gebers gegenüber dem 
Beschenkten. Es ist femer begreiflich, dass die scharfen 
Strafgesetze nur ausnahmsweise zur Anwendung kommen und 
dass die Sitte und der persönliche Verkehr das Gesetz selbst 
mildert. Jedem Herrn ist daran gelegen, einen guten Ruf zu 
haben; er muss seine Unterthanen schon deswegen schonen, 
weil sie sich der Botmässigkeit entziehen können. So tief 
daher die Unterworfenen stehen, so familiär, möchte ich sagen, 
stehen sie zu ihren Herren,; da sie eigentlich Pächter auf 
ewige Zeiten ^ind und der Reichthum des Landes meist in 
ihren Händen sich befindet, so haben sie bei jeder öffent- 
lichen Berathung die wichtigste Stimme; es ist ihre Sache, 
zu bestimmen, wo die beste Weide sei, wo der Lagerplatz 
aufgeschlagen werden solle. Man darf sich also nicht vor- 
stellen, als ob die Unterworfenen sich unglücklich fühlten, 
solange ihre Stellung auf der alten Basis ruht; anders kann 
freilich das Verhältniss werden, wenn die Türken sich mit 
dem Adel verbünden, um die Gemeinen mit roher Gewalt zu 
unterdrücken. 

Wenn wir fragen, wie sich ein solcher Feudalismus bilden 
konnte, so müssen wir seine Ursache in einer förmlichen Er- 
oberung suchen; entweder rückten die Belou als Stamm mit 
ihren angeworbenen Söldnern im Lande ein, vertilgten die alten 
Einwohner und belehnten ihre Soldaten mit dem erbeuteten 
Gut oder sie unterwarfen sich mit eigener Macht die Einge- 
bornen, nahmen ihnen ihr Vermögen ab und erstatteten es 
ihnen dann als Lehen zurück. 



Digitized by 



Google 



318 üeber die Beni Amer. 

Das Sachenrecht ist sehr einfach; da die Beni Amer nur 
Hirten sind, so haben sie nur bewegliches Eigenthum. Land, 
Gras, Baum und Wasser ist Gemeingut der ganzen Nation. 
Eine Ausnahme machen natürlich die Brunnen, deren erste 
Benutzung dem Gräber zusteht; ebenso gehört Honig dem 
Entdecker des Bienenstocks. Es ist also wenig Anlass zu 
Verwickelung da; da übrigens die Beni Amer Mohammedaner 
sind imd das islamitische Kecht auf die Zustände eines Hirten- 
volkes berechnet ist, so ist kein Wunder, dass es bei diesem 
Volke Rechtskraft erhalten hat. Wir können uns also auf 
wenige Bemerkungen beschränken. 

Wer entliehenes Gut verliert, wird nicht zur Entschädi- 
gung angehalten, es sei denn, dass Veruntreuung bewiesen 
wäre. Geschenke werden nicht als Schuld angesehen. Es 
kommt oft vor, dass sich Freunde und Verwandte gegenseitig 
unterstützen; einerseits sind sie keineswegs dazu verpflichtet; 
anderseits kann der Empfänger nicht zur Bückerstattung 
angehalten werden. Der Begriff von Geschenk ist derselbe, 
wie in Europa. Jedermann hat das Recht, zu seinen Leb- 
zeiten über sein Vermögen nach Belieben zu verfügen; aber 
er darf nicht ein Testament machen. Gekaufte Waare kann 
innerhalb drei Tagen zurückgegeben werden, wenn der Käufer 
einen Fehler daran entdeckt, den ihm der Verkäufer verheim- 
licht hatte. Dienstcontracte (mit Hirten, Mägden etc.) werden 
auf ein Jahr abgeschlossen; verlässt der Angestellte den Dienst 
vor der Zeit, so verliert er seinen ganzen Lohn; wird er vor 
der Zeit entlassen, so gehört ihm ebenso der ganze Lohn. 
Für verlorenes oder entwendetes Vieh wird der Hirte nicht 
verantwortlich gemacht. Erben sind die männlichen und weib- 
lichen Nachkommen und zwar so, dass zwei Töchter nur wie 
ein Sohn gerechnet werden. Hat der Erblasser keine Söhne, 
so werden die nächsten Verwandten den Töchtern zur Seite 
gestellt, so aber, dass diese letztem immerhin bevorzugt sind. 
Bei Lebzeiten der Mutter wird das Vermögen ihres verstor- 
benen Mannes nicht unter die Kinder vertheilt. Die Erben 



Digitized by 



Google 



lieber die Beni Amer. 319 

übernehmen natürlich auch die Schulden. Das Zelt, das 
immer Eigenthum der Frau ist, die es bei der Hochzeit von 
zu Hause mitbringt, geht bei ihrem Tod an ihre Tochter über. 

Die Ehehindemisse richten sich bei uncivilisirten Völkern 
inuner eher nach der Religion, die die Stelle des Naturrechts 
vertritt Die Beni Amer richten sich nach den Gesetzen des 
Islam; schon die Geschwisterkinder verbinden sich sehr häufig. 
Die Beit Bidel und die Allabja hingegen, ihres christlichen 
Ursprungs eingedenk, achten die Blutsverwandtschaft bis auf 
sieben Grade. Stirbt die Verlobte, so tritt ihre Schwester 
nur dann an ihren Platz, wenn ihr Vater damit zufrieden 
ist; doch wird der Nackenpreis noch einmal entrichtet; also 
bezieht sich der Ehevertrag nur auf die interessirten Perso- 
nen, nicht auf ihre Familien, wie bei den Bogos. Ebenso 
kann der Vater oder Bruder eines Verlobten in seine Rechte 
eintreten oder mit andern Worten seine Braut erben. Fer- 
ner nimmt der Bruder seine verwittwete Schwägerin nur zu 
sich, wenn sie damit einverstanden ist. Wir sehen also schon 
jetzt, dass die Frau eine sehr unabhängige Stellung hat 

Wenn wir nun über den Ehevertrag sprechen, müssen wir 
das von uns im Recht der Bogos entwickelte Verhältniss als 
bekannt voraussetzen. Auch die Beni Amer haben eine dop- 
pelte Ehe: 

1) Die Ehe durch Kauf. Der Mann kauft seine Frau, 
indem er ihrem Vater den Nackenpreis (Segad) entrichtet 
und den Dekran, ein kleines Geschenk an die Verwandten 
der Frau. Der willkürlich bestimmte Segad wird gemeinsames 
Vermögen der Gatten. Diese einfache Heirath wird immer 
häufiger; ursprünglich aber galt sie nur für Wittwen oder ge- 
schiedene Frauen und ist also eigentlich die Hädei Möbel der 
Bogos. 

2) Ehe mit Gütergemeinschaft Diese verlangt: 

a) den Dekran, wie bei der ersten Rubrik; 

b) den Segad, der gewöhnlich auf ein Kameel oder auf 
vier Kühe festgestellt wird und dem Ehepaar zukommt 



Digitized by 



Google 



320 Ueber die Beni Amer. 

Bei den Az Ali Bakit bringt der Mann ausserdem das 
sogenannte Gjmmei mit, das gewöhnlich in vierzig Ziegen be- 
steht und ebenfalls Ehegut wird. 

c) Das Metlo, das dem der Bogos entspricht, indem 
beide Theile dazu beitragen, das aber bei den Beni Amer'n 
gemeinschaftliches Vermögen der Eheleute wird. Die Grösse 
desselben richtet sich nach dem Vermögen der Contrahirenden, 
steht aber in einer bestimmten Proportion, sodass wenn der 
Mann neunzehn Kühe mitbringt, die Frau mit einer Kuh 
mehr, also mit zwanzig ausgesteuert wird. Dieses Vermögen 
wird am Tage der Verlobung vereinigt und vom Mann ver- 
waltet. Es ist gemeinschaftliches Gut der Gatten. 

d) Der Bräutigam schlachtet am Tage der Heirath ein 
Opfer, ist er ein ünterthan, ein Schaf, ist er adelich, eine Kuh 
(Mindik). Ausserdem bringt er unter verschiedenen Titeln 
drei Kühe, die dem Ehevermögfen einverleibt werden. 

Alle diese Aussteuern und Ausgaben lasten allein auf den 
betreffenden sich alliirenden Familien; ihre Verwandten sind 
nicht verbunden, sie dabei zu unterstützen. 

Die Eheleute treten also mit einem gemeinsamen Vermö- 
gen zusammen. Was sie als ledige Leute bisher besessen, wird 
nicht zusammengeworfen, sondern bleibt Eigenthum jedes 
Einzelnen. Was der Mann nun als Diener oder sonst erwirbt, 
ist sein Eigen, ohne Betheiligung der Frau. Die von der 
Frau gewobenen Matten sind aber Gemeingut, da der Mann 
die Palmenäste dafür schneidet und gewöhnlich den Verkauf 
besorgt. Was ihr der Mann in der Zeit der Ehe schenkt 
(Efin), wird ihr besonderes Eigenthum. 

Der Mann hat das Recht, sich von seiner Frau zu schei- 
den; bei der Trennung wird zuerst das Privatgut jedes Ein- 
zelnen ausgeschieden imd dann das Gemeingut in zwei Theile 
getheilt, sowohl Kühe wie Geld. Das Haus mit allem was 
darin ist fällt der Frau zu, die Waffen aber dem Mann. 

Die Frau hat zwei Wege, sich von ihrem Mann zu schei- 
den; entweder verlässt sie ihn einfach, indem sie ihr Zelt 



Digitized by 



Google 



lieber die Beni Amer. 321 

abbricht und heimzieht, oder sie klagt auf Scheidung wegen 
übler Behandlung oder Untreue. In beiden Fällen erhält sie 
nur ein Drittel des Gemeingutes. Kann si§ aber Impotenz 
beweisen, so erhält sie wie sonst die Hälfte. Es ist leicht 
begreiflich, dass solche Fälle selten der Oeflfentlichkeit preis- 
gegeben werden; doch fehlen Beispiele nicht, wo der Mann 
genöthigt wurde, vor Zeugen auf freiem Platze die Grundlo- 
sigkeit der Anklage zu beweisen. So schamlos drückt sich 
der Volksgeist auch in seinem Gesetz aus. 

Die geschiedene Frau wartet drei Monate ab, bevor sie 
sich wieder verheirathet, um sich über allfällige Schwanger- 
schaft zu vergewissem. Die Kinder, den Säugling ausgenom- 
men, bleiben bei dem Vater. "W ollen diese, wenn sie erwachsen 
sind, mit ihrer Mutter leben, so gibt ihnen der Vater ihr 
Erbtheil heraus und sie haben dann keine gegenseitigen An- 
sprüche mehr. 

Stirbt der Mann und haben seine Brüder keine Lust, sein 
Haus zu übernehmen, so bringt die Frau das Trauerjahr in 
ihrem Orte zu; nach Verfluss desselben wird ihr das Ver- 
mögen herausgegeben und sie kann sich frei wieder verhei- 
rathen. Stirbt aber die Frau, ohne Kinder zu hinterlassen, 
so wird ihr Antheil am Gemeingut ihren Verwandten heraus- 
gegeben; ha1i sie Kinder, so verwaltet der Mann den Antheil 
der Frau als Erbtheil der Kinder; tritt er aber in zweite 
Ehe, so wird das Vermögen den Kindern, herausgegeben. 
Ebenso bleibt das Gesammtvermögen beim Tode des Mannes 
so lange in den Händen seiner Wittwe, als sie ledig bleibt. 

Der Mörder einer Frau wird getödtet; die Rache gebührt 
ihren Verwandten, nicht dem Mann. Beispiele, dass eine 
Frau einen Mord begangen hat, gibt es nicht. Die Frau kann 
weder zeugen noch bürgen. Wegen Ehebruch habe ich nie 
klagen hören, weil die vier Zeugen, die der Islam verlangt, 
nie zu finden sind. 

Nach dem schon* oben Gesagten haben wir über das Blut- 
recht wenig mehr zu sagen. Da die Sitte Blut für Blut will, 

Mq nxiug er, Ostafrik. Studien. 21 



Digitized by 



Google 



322 lieber die Beni Amer. 

80 wird selten mit Geld Frieden gemacht; wer sich nicht rä- 
chen kann, schweigt lieber ganz, als dass er das Blutgeld 
annähme, das für einen Adelichen auf zweihundert Kühe und 
ein Pferd festgesetzt ist. Oft wird auch ohne alle Satisfection 
Friede gemacht; der Mörder gibt seine Tochter dem Sohne 
seines Opfers. Das Blutrecht der Unterworfenen ist uns schon 
bekannt. Eigenthümlich ist, dass auch bei den Beni Amer'n, 
wie bei den Marea, die aussereheliche Empfängniss eines Mäd- 
chens mit Blut gesühnt wird, sei es eine Adeliche oder nicht. 
Die beiden Schuldigen werden von den eigenen Brüdern mit 
dem Kinde getödtet und zwar ohne alle Ausnahme. Noch 
vor zwei Jahren kam ein solcher Fall vor. Für eine Wittwe 
oder geschiedene Frau dagegen ist das Gesetz nicht so con- 
sequent und der Schwängerer zahlt nur eine Busse. Das Kind 
aber wird lebendig begraben; das Volk duldet keinen Bastard. 
Nur das Kind einer ledigen Sklavin wird auferzogen, sein 
Vater muss aber für seinen Unterhalt sofgen. Nur die Marea 
kennen dieselbe Strenge,, während die Bogos und die Takue 
und Mensa ihr altes Gesetz nur dem Namen nach in Kraft 
erhalten. 



Digitized by VjOOQ IC 



Inneres Leben. 



Wir wollen uns nun das häusliche Leben der Beni Amer 
etwas näher ansehen. Wie bei den Völkern des Anseba, wird 
auch hier die Mutter mit dem neugebomen Spinde vor den 
Augen der Männer verborgen. Der Freudenschrei (Älal) be- 
grüsst nur den Knaben. Jeder Geburtstag wird als glücklich 
angesehen, besonders aber der jedem Mohammedaner heilige 
Freitag. Die Namen geben gewöhnlich die Helden des Islam 
her: Mohammed, Ahmed, Hömmed, Ali u. s. w. Doch sind 
besonders bei den Hassa christliche Namen nicht selten. Je- 
dermann hat seinen Eigennamen, dem der seines Vaters an- 
gehängt wird. Die Kinder werden ziemlich fiüh an die Ar- 
beit gewöhnt. Schulen kommen inmier mehr auf, selbst für 
die Mädchen. Beten lernen alle, lesen wenige, schreiben üast nie- 
mand; selbst die Schulmeister (Fokaha) und die Sheich schrei- 
ben sehr primitiv ; meist verwendet man die Leute von Arkeko 
zum Briefschreiben. Arabisch sprechen fast nur die Häupt- 
linge. Die Kinder bringen dem Lehrer Geschenke oder sie 
helfen ihm beim Schulehalten; so eine mohanmiedaniscbe Ju- 
denschule gleicht sich überall. 

Nach mohajnmedanischer Sitte werden die Knaben im 
siebenten Jahre beschnitten, die Mädchen aber nach ostafii- 
kanischer Sitte verschlossen. Das Fest der Mannbarkeit findet 
erst spät statt; man sieht oft solche sogenannte Knaben her- 
umlaufen, die wohl sechsundzwanzig Jahr alt sind; man wartet 

21* 



Digitized by 



Google 



324 lieber die Beni Amer. 

SO lange, weil erst der Mann die Kopfsteuer zahlen muss. 
Bei den Beit Bidel vereinigen sich alle Jünglinge, die zu 
Männern geweiht werden sollen ; sie schmücken sich mit Glas- 
perlen, besolden einen Guitarrenspieler und ziehen in den 
Wald, wo sie von den Heerden ihres Stammes Ziegen stahlen 
und schlachten und sich mit Gesang und Spiel wohl eine 
Woche amüsiren. 

Die Kinder werden oft sehr früh verheirathet und noch 
früher verlobt. Der Bräutigam macht sich mit seinen Genos- 
sen auf, um seine Braut abzuholen; doch nachdem er mit 
ihren Eltern Rücksprache genommen, kehrt er ohne sie ge- 
sehen zu haben zurück. Die Braut bleibt dann noch ein 
volles Jahr im väterlichen Hause. Nach Verfluss desselben 
schickt der Bräutigam Frauen und ein Kameel, um sie heim- 
zuholen; sie wird mit ihrem Zelte fortgeführt; doch werden 
die Brautführer vielfach gefoppt, indem man der wahren 
Braut ein anderes Mädchen unterschiebt, das sich sorg- 
fältig vermunmit fortführen lässt und erst ausser dem Dorfe 
qich lachend zu erkennen gibt und fortläuft. Die Hochzeit 
der Beni Amer ist aber nicht besonders fröhlich, es fehlt der 
christliche herzerfreuende Wein. Die Frau kann ^jederzeit in 
ihr Mutterhaus zurückkehren und verweilt da Monate lang 
und lässt dem Mann sagen, er möge zu ihr konunen, wenn 
sie ihm werth sei. 

Im Gebrauch hat die Frau noch viel grössere Vorrechte 
als im Gesetz. Nach der Heirath muss ihr der Mann ein 
Geschenk (Efin) geben. Nach der ersten Niederkunft wird 
die Frau durch Incision wieder verschlossen imd der Mann 
kann sich nur durch ein neues Geschenk das Haus öffnen. 
Für jedes böse Wort, das sich der Mann zu Schulden kom- 
men lässt, muss er wieder mit seiner Habe büssen und viel- 
leicht eine ganze Regennacht ausser dem Hause zubringen, 
bis er sich dazu versteht, seiner schwachem Hälfte ein Kameel 
oder eine Kuh zu schenken. So erwirbt sich die Frau ein 
eigentliches Vermögen, das der Mann nie antasten kann; es 



Digitized by 



Google 



Ueber die Beni Amer. 325 

gibt ihrer viele, die ihren Mann auf diese Weise minirten 
und ihn dann verliessen. Die Frauen haben untereinander 
viel Gemeinsinn; hat sich eine zu beklagen, so kommen ihr 
alle andern zu HüKe; jede gibt ihre Meinung. Natürlich muss 
der Mann immer Unrecht haben; das ganze Dorf kommt in 
Aufruhr. Dieser Corpsgeist verlangt von jeder Frau, sie mag 
ihren Gatten lieben oder nicht, dass sie ihm ihre Liebe ver- 
berge und ihn verächtlich behandle. Es wird ihr für eine 
Schande angerechnet, wenn sie ihrem Gatten ihre Liebe zeigt. 
Diese Männerverachtung geht so weit, dass die Frau, die um 
ihren Gatten, der kinderlos gestorben ist, klagt, von ihren 
Freundinnen verhöhnt wird. Man sieht oft, wie ganz anstän- 
dige Frauen wegen des kleinsten Streites mit dem Mann 
ihr Zelt abbrechen, um fortzuziehen; oft thun sie es nur, um 
den Mann einzuschüchtern, oft sogar, um der öfifentlichen 
Meinung ihrer Schwestern zu genügen, indem sie die Trotzigen 
spielen. Dann versammelt sich das ganze Lager, um sie zum 
Bleiben zu bewegen; wenn alles nichts hilft, lässt man einen 
ihrer Brautführer kommen; man sagt ihr, er sei hergekom- 
men, um sie zum Bleiben zu vermögen, da kann sie nicht 
widerstehen. Es existirt nämlich zwischen der Braut und den 
Genossen des Bräutigams eine feste ewige Freundschaft, die 
nie trügt; sie dürfen sich nie mehr sehen, aber thun einander 
alles zu Liebe. So wenig Liebe die Frau zu ihrem Mann hat 
oder zeigt, so viel hat sie für ihren Bruder , den sie über 
alles setzt. Oft hört man die Frauen die unanständigsten 
Schimpfwörter gegen die eigenen oder fremde Männer aus- 
stossen, selbst auf offener Strasse, ohne dass diese es wagen, 
die geringste Erwiderung auszusprechen. Da fast alles Ver- 
mögen gemeinschaftlich ist, so thut der Mann nicht den klein- 
sten Schritt, ohne mit seiner Frau zu berathen und hängt also 
sehr bedenklich von ihrem guten Willen ab. 

Die Frau melkt nicht; sie isst nie in Gegenwart ihres 
Mannes; sie spricht seinen Namen nur vor Fremden aus; sie 
verbirgt sich, wie auch der Mann vor der Schwiegermutter. 



Digitized by 



Google 



326 Ueber die Beni Amer. 

Das Rauchbad, wie wir es für die Bogos beschrieben, nimm 
sie im Freien; sie benutzt dazu die Wurzel des Nebekbaumes. 
Sie geht überhaupt aus, wie sie will; oft bringen die Freun- 
dinnen den ganzen Tag im Freien zu, schlachten eine Kuh 
auf gemeinschaftliche Rechnung und machen sich einen Schmaus. 
Ihre Kleidung besteht aus dem braunen Wollkleid und einem 
grossen Stück Calicot ; sie tragen kein Hemd; auf dem Kopf 
tragen sie hur einen ganz kleinen Hölqet (Silberkugel); Ge- 
schmeide tragen nur die Reichern; alle sind Liebhaberinnen 
von meist hellfarbigen Glasperlen, wovon sie Bänder an Hand, 
Bein, Knöchel, Hals und imi die Hüfte tragen; sie zeigen so 
viel Geschmack in der Farbenzusammenstellung, dass sie 
wirklich dabei gewinnen. Die Mädchen tragen ein Stück 
Calicot; der Belat (arabisch Rehad), der Fransengurt, ist hier 
nicht üblich. 

Die Frauen der Beni Amer halten wenig auf Schleier; sie 
verbergen das Gesicht höchstens vor ganz Fremden; in ihrem 
Zelt, das doch ziemlich offen ist, bleiben sie fast unbekleidet. 
Es ist Sitte im Lande, dass kein Fremder in das Haus eines 
Unterthanen tritt, während jedermann in dem Zelt eines Vor- 
nehmen aus- und eingeht; deswegen stehen die Frauen der 
letztem auch in schlechterm Ru£ Man kann von den Beni 
Amer'n sagen, was man den Griechinnen nachsagt; als Mäd- 
chen sind sie sehr sittsam, als Frauen glauben sie sich alles 
erlaubt; von ihrer Leichtfertigkeit in dieser Hinsicht kann 
man sich keinen Begriff machen; das Motiv ist eine niedrige 
Habsucht. 

Vielweiberei ist natürlich erlaubt, aber das Recht wird 
nur von den Vornehmsten und Reichsten benutzt. Der grösste 
Theil begnügt sich mit nur Einer Frau und viele leben mit 
ihr bis zum Tode. Wir wollen bei diesem Anlass von Neuem 
darauf hinweisen, dass die Polygamie selbst in A£rika nur 
als eine Ausnahme zu betrachten ist; dass sie also kein Be- 
dürfoiss ist, wie oft behauptet wird, wenn wir auch die Er- 
laubniss dazu keineswegs immer tadeln wollen. Das Klima 



Digitized by 



Google 



Ueber die Bfiiii ^mmL 327 

Tiat aabei wenig Schuld, vielmehr die Sucht, mäch- 
tige Verwandte oder viele Kinder zu bekommen, die dem 
Manne ein Hort sind in diesen Ländern, wo Familie gegen 
Familie steht, üeber die Fruchtbarkeit der Frauen ist nichts 
Besonderes zu sagen; ich kenne bis zehn Kinder aus Einer 
Ehe; der Sheich Bejet hatte zwanzig Kinder aus drei Ehen. 

Da wir bisher den Frauen viel Nachtheiliges nachgesagt 
haben, so wollen wir auch ihrer rühmlichsten Seite gedenken, 
ihres ausserordentlichen Ehrgefühls. Wer sich dem Schutz 
einer Frau empfiehlt, ist unverletzlich; er ist viel sicherer, als 
im Schutz des Mannes, der gewöhnlich wenig Ehrgefühl hat. 
Eine Frau wird ihren Schützling nie im Stich lassen. Es 
scheinen überhaupt bei den Beni Amer'n die Rollen gewechselt 
zu sein; die Frau zeigt sich auch in der Arbeit viel männ- 
licher; sie webt Tag und Nacht an den Palmenmatten, mit 
deren Ertrag sie meist den Tribut bezahlt; der Mann gibt 
sich mit den Heerden ab oder liegt den ganzen Tag unter 
dem Schatten der BBgligbäume vor dem Zeltenlager; hierin 
zeichnen sich besonders die Vornehmen aus, die ihre Heerden 
nicht selber zu besorgen haben. 

Die Beni Amer begraben, indem sie den. Leichnam nach 
islamitischer Weise in einen Sack genäht mit Erde verschüt- 
ten; das Grab wird mit Steinen bedeckt und kenntlich ge- 
macht. Dann wird der Todte an einem bestimmten Tage 
gefeiert, indem jeder Verwandte und Unterthan Opfer schlachtet. 
Als Ukut, Sohn Hömmed's, starb, ein Bruder Mohammed's, den 
vor oben erwähnt, wurden so viele Kameele, Kühe und Schafe 
geschlachtet, dass es an Essern fehlte und die Luft verpestet 
ward; man rechnete mehrere hundert Kühe. Die Frauen füh- 
ren bei dieser Feier eine Art Todtentanz auf, den die Wittwe 
mit rasirtem Kopf tind alle Verwandte mitmachen; eine der 
Schwestern des Todten frisirt sich das Haar nach Mannesart, 
und paradirt mit seinem Schwert und Schild; dabei wird na- 
türlich das Lob des Geschiedenen gesungen. Die Leichenfeier 
dauert oft mehrere Wochen lang. 



Digitized by 



Google 



328 lieber die Beni Am er. 

Um jetzt wieder dem Leben uns zuzuwenden, brauchen 
wir kaum zu wiederholen, dass die Beni Amer mit Leib und 
Seele wandernde Hirten sind. Ihr Haus ist also das Zelt 
mit. Stangengerüst, bedeckt mit russgeschwärzten, wasserdich- 
ten Palmenmatten; je vornehmer jemand ist, um so grösser 
und höher ist sein Haus.*) Die einfache Küche wird vor 
dem Zelt errichtet. Der Hausgeräthe sind wenig, zum Trans- 
port eingerichtet: ein grosses Ladenbett, mit einer schönen 
Matte bedeckt; einige kleine Schemel. Will das Lager sich 
bewegen, so sind die Zelte in einem Nu abgebrochen und die 
Kameele werden damit beladen; die Frauen verstehen sich 
so gut darauf, dass sie sich zwischen dem Hausgeräth ein 
betiuemes Lager herrichten, wo für sie und die Kinder Platz 
ist, mit einem Schattendach versehen, das die Herrin vor 
Sonne und Dornen schützt. Auf dem Gipfel dieses improvi- 
sirten Zeltes wird ein grosser Strauss Straussfedern befestigt. 
So ist es ein erfreulicher Anblick, das Lager, das eben eine 
Stadt schien, im Nu verschwinden zu sehen, sich verwandelnd 
in eine unabsehbare Reihe von schwerbeladenen, aber schnell 
laufenden Kameelen, begleitet von den wehrhaften Herren 
zu Pferde. Kommt eine grosse Gefahr, so scheint es den 
Beni Amer'n nicht einmal der Mühe werth, etwas mitzuneh- 
men; sie retten ihre Personen und ihre Heerden in die wasser- 
lose Steppe, wohin kein Feind ihnen folgen kann. Das Lager 
verlassen sie mit allem Gut; es wird von niemandem berührt, 
da es der öffentlichen Sicherheit anvertraut ist; sehr oft bin 
ich in solche verlassene Lager getreten, bevor seine Bewohner 
zurückgekehrt waren; alles war da, Haus und Geräth; nur 
die Menschen fehlten. 

Die Zcltenlager der Beni Amer, wie der meisten Nomaden, 
theilen sich, in zwei Abtheilungen: das Zaga imd das Az Aha. 
Zum Zaga gehören die Kameele und Ziegen, mit ähnlicher 



*) Auch auf die Hadendoa passt diese ganze Darstellung, sie be- 
gnügen sich aber meist mit niedrigen Zelten. 



Digitized by 



Google 



• Ueber die Beni Amer. 329 

Nahrung; es ändert selten den Platz, während das Az Aha 
(Kuhlager) oft frische Weide suchen muss. Deswegen wohnen 
die bequemeren Vornehmen .meist im Zaga. Der Name ist 
alt; Zaga im Samhar, Tsade Zaga im Hamasen ist dasselbe 
Wort; es bedeutet einen festen Hauptsitz. Das grosse Zaga 
par excellence ist die Residenz des Stammfiirsten; dagegen 
hat jeder einzelne Tribus sein Zaga und sein Az Aha. 

Die Beni Amer sind fleissige Hirten, die ihr Vieh mit 
grosser Liebe pflegen; sie halten Kameele, Kühe, Schafe und 
wenig Ziegen. Die meisten Tribus besitzen Kameele von der 
Hadendoarasse, die im Barka sehr gedeiht, weniger schlank, 
aber sehr tüchtig wird. Auch Reitkameele besitzen die Beni 
Amer, aber sie sind nicht im allgemeinen Gebrauch. Die 
Kühe gehören zwei Rassen an: der Arado und der Begeit 
oder Bulet. Die Arado ist die sehr kleine abyssinische Kuh 
mit grossen Hörnern, meist einfarbig. Die Begeit hat die 
Grösse einer grossen Schweizerkuh und viel von ihrem Aus- 
sehen; sie ist meist buntgefleckt und sehr lang. Sie verhält 
sich zur Arado, wie der Dongolawi zum abyssinischen Pferd; 
beide acclimatisiren sich schwer im Auslande. Das Vieh der 
Hadendoa ist alles Begeit, sie ist die landesthümliche Kuh 
der Bedau oder Bedja. Sie hat sehr gutes Fleisch und viel 
Milch, die aber wohl der Nahrung wegen nicht fett ist. Sie 
ist an Schnellmärsche gewöhnt, da meist nur die grossen 
Ströme Wasser genug bieten und so Weide und Trank weit 
voneinander entlegen sind. Die Kühe, wie die Schafe, werden 
jeden dritten Tag zur Weide gefuhrt. Diess ist der Gebrauch 
in ganz Nordostafrika, ausgenommen in den Steppen zwischen 
Atbara und Nil, wo sie erst am vierten Tage zum fernen Nil 
geführt werden. Die Brunnen werden in dem Strombett ge- 
graben und sind in trockenen Jahren oft über dreissig Fuss 
tief; sie werden eng angelegt und mit Tamariskenzweigen aus- 
geflochten, die der Mauer Halt geben, aber dem Wasser einen 
abscheulichen Geschmack verleihen; dessenungeachtet wird 
oft der Hirte, der in der Tiefe des Brunnens die Schläuche 



Digitized by 



Google 



330 Ueber die Beni Amer. • 

füllt, die von seinen Kameraden hinaufgezogen und in Lehm- 
UMgLi aniignlnnrt gfirdan, lam ^dem^mä6iamtäamWaaml\^ycr!^ 
begraben. In der Regenzeit trinken die Kühe das auf dem 
fetten Boden als Teich sich ansammelnde Regenwasser, das 
sie neu erfrischt und reinigt und belecken dann die längs 
des Barka so häufigen Natronschichten, die die Stelle un- 
seres Salzes vertreten. 

Die Beni Amer halten sich wenig Katzen; dagegen sind 
ihre Lager von sehr leichtfussigen, bissigen, immer bellenden, 
diebischen Hunden bevölkert, für die eigentlich niemand sorgt; 
deswegen durchstreifen sie in der Nacht die Zelte, besteigen 
sie wohl auch und fressen alles weg, was nicht sehr gut 
verwahrt wird. Meinem Diener wurde oft der Schuh vom 
Fuss weggefressen und das Fett von den neupommadisirten 
Haaren. Dagegen sind diese Hunde, die fast nur Beine haben 
und keinen Leib, äusserst gewandt und für die Jagd sehr 
geeignet. Die Beni Amer halten sich auch viele Hühner. 

Das Lieblingsthier des Beni Amer's ist das Pferd. Es werden 
viele abyssinische Pferde gehalten, schon wegen ihrer Wohlfeil- 
heit; sie sind aber für den prunkliebenden prahlerischen- Geist 
des Volkes viel zu klein; wer es nur vermag, schafiFt sich ein 
Dongolawi-Pferd an. Diese sind gross und stark genug, den Rei- 
ter mit Harnisch und selbst noch einen baumwollenen Pan- 
zer zu tragen, der ihnen bis auf die Hufe reicht. Die Beni Amer 
haben noch ziemlich viele Panzerhemden und beziehen solche 
auch von Arabien. Sie schützen vor Lanze und Schwert vollkom- 
men, sodass ein geharnischter Reiter ohne Furcht in einen Haufen 
Fussvolk hineinreiten kann; gegen Kugeln freilich halten sie 
nicht aus. Die Dongolawi- Pferde sind äusserst delicat; die 
Grossen der Beni Amer vergeuden ihr meistes Geld für solche 
Pferde, da sie jährlich wieder wegsterben. Die Nahrung der- 
selben besteht fast nur aus Milch und Durra. Weitere Nach- 
richten über die Pferde theilen wir unter den Notizen über 
Kordofan mit. In Kriegszeiten stehen die Pferde den ganzen 



Digitized by 



Google 



Ueber die Beni Amer. 33 t 

Tag und die ganze Nacht gesattelt und gepanzert vor dem 
Zelt. Seuchen werden immer dem bösen Auge zugeschrieben; 
hat ein Pferd einen Anfall, so wird jedem Dorfbewohner, der 
das Pferd erblickt hat, ein Haar ausgerissen und verbrannt; 
damit soll die Wirkung vereitelt werden. Wir brauchen kaum 
zu sagen, dass die Beni Amer gute furchtlose Reiter sind. 

Die Nahrung der Beni Amer ist sehr einfach und schlecht; 
sie trinken viel Milch und essen ausnahmsweise Fleisch, das in 
Butter geröstet wird und viel Polenta, die gesäuert und weich 
gekocht ist. Da sie zum Ritus der Malekiten gehören, essen 
sie auch das Fleisch des Wildschweins , das sie richtig genug 
kleines Rhinoceros nennen; man sagt ihnen sogar nach, dass 
sie auch Hyänenfleisch essen. Als Zuckerzeug dient ihnen 
der Akat, d. h. die Frucht der Dumpalme, deren braune mürbe 
Schale sehr gut schmeckt, der Chocolade ähnlich. Der 
harte Kern wird zu Tabaks- und Antimoniumbüchsen ver- 
wendet. Mit dem schwarzen Antimonium (Qohel) werden be- 
kanntlich die Augen schwarz gefärbt. 

Von der Kleidung ist fast nichts beizufügen; beide Ge- 
schlechter tragen die Tunika von weissem Calicot, dem soge- 
nannten Mehemmed-Ali, oder von inländischem am Gash fa- 
bricirten Zeug. Nur reichere oder vornehmere Leute tragen 
bunte Zeuge. Hosen tragen nur die Reiter; das Hemd ist selten. 
Den Kopf tragen die meisten unbedeckt, mit vollem Haar- 
wuchs, wie alle Nordostafirikaner. Nur die von den Türken 
eingesetzten Häuptlinge rasiren sich die Haare und tragen 
den rothen Tarbush. Als Fussbekleidung dienen Sandalen, 
wie sie überall hier gebräuchlich sind. 

Die Frauen der Beni Amer flechten sehr viele Palmen- 
matten, die ihre Männer auf den eigenen Kameelen auf der 
Lebkastrasse nach Massua ausführen. Im Barka hat man 
zwölf Stück für einen Thaler, an der Küste nur 4 — 6 Stück. 
Der Bedarf wird immer grösser, weil man an der Küste in 
Folge der häufigen Feuersbrünste die Strohdächer durch Mat- 
tendächer ersetzt, die schwer Feuer fangen. Mit dem Erlös 



Digitized by 



Google 



332 üeber die Beni Amer. 

der Matten wird gewöhnlich der Tribut bestritten. In Leder- 
arbeiten und Gerben sind die Hochländer den Beni Amer'n 
-weit überlegen; sie ersetzen übrigens das im Haushalt nöthige 
Leder durch Flechtwerk von Djerid; alles was sie haben wird 
in wasserdichten Körben aufbewahrt, besonders Wasser und 
Milch; vorzüglich schön sind ihre Mattenteppiche. Ackerbau 
wird nur ausnahmsweise getrieben, wie von den Beit Bidel 
und den Belou bei Dunguaz; auch die Herren von Zaga stellen 
oft Ackerbauer an, die ihnen ein Feld bebauen. Im Ganzen 
finden es die Beni Amer einträglicher, mit ihren überflüssigen 
Kameelen das Durra von Kassala und selbst von Gadarif, der 
Kornkammer des Ostsudan, zu holen und damit nach Keren 
imd oft nach Massua Handel zu treibön. Die Habab, die 
auch nur Hirten und weit von der Quelle weg sind, gehen 
meist bis zum Barka, wo sie ihren Bedarf kaufen. Da nun 
ein Kameel jährlich zwei solche Reisen machen kann, ohne 
sich zu ermüden und es sich so in einem Jahre fast bezahlt, 
so sind die Preise sehr gestiegen; ein Kameel, das früher zehn 
Thaler werth war, kostet jetzt zwanzig-,^ natürlich hat man 
dafür ein gutes, noch junges Thier. Im Verhältniss sind auch 
die Frachtkosten gestiegen; von Kassala nach Massua kostet 
die Last jetzt sechs, anstatt der frühern vier Thaler. Der 
Handel mit Häuten, Butter und Elfenbein ist in den Händen 
der sogenannten Ashker (der Leute von Dokono), denen übri- 
gens jetzt die Djalin bedeutende Concurrenz machen. Strausse 
werden zu Pferde gejagt; die Federn gehen direct nach Sua- 
kin. Auch Elefanten werden zu Pferd und zu Fuss oder mit 
dem Gewehr erlegt, die Zähne gehen nach Massua. Das ßhi- 
noceros wird meist an der Tränke mit Lanzen erlegt oder 
mit Hunden gejagt.*) In Zaga ist täglich Markt, wo meist 



*) Einige Bemerkungen über die Lebensweise des Nashorns, die 
wir ans einem von uns in der Zeitschrift f. Allg. Erdk. veröffentlichten 
Aufsatze wiederholen, werden fiir den Leser nicht ohne Interesse sein: 

Das Nashorn (Ehinoceros) heisst auf Arabisch: Cherdid, auf Tigre: 
Harish, auf Amhara: Oraris, auf Belcn: Gedane. Es hat in seinen 



Digitized by 



Google 



üeber die Beni Amer. 333 

Vieh und Pferde verkauft werden; er wird besonders lebhaft 
zur Zeit des Tributs, wo die Beni Amer um Geld verlegen 



Eigenthümlichkeiten viel Aehnlichkeit mit dem Wildschwein. Schlechte 
Nase, schlechte Augen, aber sehr gute Ohren. Es liebt einsame, von 
Menschen and Vieh nie begangene Grasplätze und tränkt sich bei ver- 
lassenen Wassern nach Sonnenuntergang oder vor Sonnenaufgang. Ist 
das Wasser verstopft, gräbt es wohl selbst den Brunnen aus. Wie 
das Wildschwein liebt es sich im Wasser und Koth herumzuwälzen. 
Beim Wasser angelangt, flieht es zweimal und erst das dritte Mal fasst 
es Zutrauen und kniet am Wasser nieder. Diess ist der Augenblick 
der Jagd. Der Jäger, der sich am Tage den Ort der Tränke gemerkt 
hat, macht sich, ein paar Schritte davon entfernt, eine enge sehr starke 
Umzäunung von undurchdringlichen Domen und erwartet da die An- 
kunft des Feindes. Hat sich das Rhinoceros recht voll getränkt, so erhebt 
sich der Jäger auf seine Knie; die linke Hand stützt er auf einen 
Baumstumpf und mit der rechten wirft er dem Thiere mit voller Gewalt 
seine sehr breite scharfe Lanze in den Bauch. Man sagt, dass das 
vollgetränkte Nashorn schon der kleinsten Wunde erliegt. Fällt es auf 
den Streich nieder, so macht man ihm den Garaus. Hat es die Kraft 
sich zu erheben, so lässt man es ruhig fliehen. Beim Morgengrauen 
verfolgt man die Blutspur imd in grösserer oder geringerer Entfernung 
findet man das Thier erschöpft auf dem Boden liegen. 

Die Jagd bei Tage ist viel gefährlicher; hat man einmal die Spur 
gefunden, so geht man ihr nach; von Felsblöcken und kleinen Hügeln 
kündet man das Thier aus, und bekommt man es in Sicht, so verfolgt 
man es mit Hunden. Das Nashorn wirft sich wüthend auf die Hunde, 
die es nur von hinten angreifen, und die Jäger haben Zeit, es vielfach 
zu verwunden. Doch ist diess in der Ebene eine gefährliche Sache, 
da das verwundete Nashorn sich blitzschnell in ganz gerader Richtung 
auf seinen Feind wirft und alles, was ihm in den Weg kommt, nieder- 
stösst. 

Sich mit einer Büchse dem Nashorn zu nähern ist fast unmöglich, 
^a es uns im Gehör weit überlegen ist; tiberdiess ist es in dieser ür- 
heide , wo der Boden von verfaultem Holze bedeckt ist und die Domen 
den Durchgang versperren, sehr schwer, sich ohne Geräusch dem wei- 
denden Thiere zu nähern. Einmal aufmerksam gemacht, flieht das Thier 
in vollem Galopp oder wendet sich gegen den Jäger; die Schnelligkeit 
seines Laufes und das Schnauben, das es dabei ausstösst, erinnert an 
die Locomotive, die den Dampf auslässt. 

Doch ist die Schwerfälligkeit des Thieres, sich umzuwenden, und 
seine Sucht, in ganz gerader Linie vorwärts zu eilen, wie eine Kugel, 
die dem Rohr entflieht, eine Sicherheit für den Jäger, der behend im 
Zickzack sein Heil findet. Auch diese Eigenschaft hat es mit dem Wild- 
schwein gemein. 



Digitized by 



Google 



334 üeber die Beni Amer. 

sind. Gourant sind nur die Thaler; als Münze geht der grosse 
ägyptische Piaster, wovon achtzehn auf einen Thaler gehen. 



Das Nashorn thut dem weidenden Vieh kein Leid an; doch Ter- 
wnndet stösst es ohne Unterschied alles nieder, was ihm in den Weg 
kommt. 

Das Nashorn yerabschent wie der Bär alles Todte. Wenn ein von 
ihm verfolgter Mensch sich auf den Boden wirft und den Athem zurück- 
hält, beschnüffelt ihn das Thier und wendet sich von ihm ab. Die 
gleiche Eigenschaft wird dem Löwen, dem Elefanten, dem Adler, dem 
Affen, kurz allen Thieren zugeschrieben, die Gadaver nicht fressen; 
während im Gegentheil der Geier, die Hyäne den Menschen nur im 
Schlaf überfallen und einem Wachenden sich nicht zu nähern getrauen. 

Der Mist des Nashorns gleicht dem der Elefanten, was auf ähnliche 
Nahrung sohliessen lässt; doch liebt das Nashorn mehr frisches Gras, 
während der Elefant, wie das Eameel, die Baumzweige abfrisst. Das 
Nashorn hat die sonderbare Gewohnheit, mit seinem Hom in seinem 
frischen Mist herumzuwühlen. 

Das Fleisch des Nashorns — und ebenso der Elefanten, Strausse, 
der Giraffe — wird nur von Mohammedanern gegessen; die Christen 
verabscheuen es. Solches Fleisch zu essen und den Islam anzunehmen 
ist eine identische Sache. Ist ein Nashorn getödtet, so machen sich die 
Beduinen mit ihren Kameelen auf und bringen sie mit Fleisch beladen 
zurück. Das Fleisch hat Aehnlichkeit mit dem der Ziege, schmeckt 
aber bitter. 

Das Hom wird in Massua und Suakin, je nach der Grösse, mit 
2 — 7 Thaler verkauft. Die Leute von Massua und die Abyssinier be- 
nutzen es zu Säbelgriffen und Kaffeetassen. Sein Abschabsei wird als 
ein gewaltiges Gegengift angesehen. Würde man einmal das Hom 
chemisch analysiren, so könnte man sehen, welchen Werth dieser Volks- 
glaube hat. 

Die Haut wird zu runden Schilden verarbeitet. Der Nashomschild 
ist dem von Elefantenhaut überlegen und gilt verarbeitet einen Thaler. 
Er hat das Aussehen eines Büffelschildes; doch ist dieser letztere viel 
stärker und deshalb geschätzter, da er zuweilen mit vier Thalem be- 
zahlt wird. Es gibt im Barka Leute, die sich ausschliesslich mit Be- 
arbeitung von Schilden beschäftigen; von je drei rohen Schilden neh- 
men sie einen als Lohn. Die Schilde von der Haut des Elefanten, Nas- 
horns, Büffels sind rund, der Durchmesser 2% Spannen; in der Mitte 
haben sie eine kleine kegelförmige Erhöhung; auf der innem Seite ist 
eine Handhabe angebracht. 

Es ist begreiflich, dass der Nashon^jäger sorgfältig auf die Spur 
Acht geben muss. Die Leute hier zu Lande sind im Spursuchen sehr 
geübt, und was ich oft ungläubig über die amerikanischen Wilden ge- 
lesen, habe ich völlig in Afrika wiedergefunden. Eine gestohlene Kuh 



Digitized by 



Google 



Ueber die Beni Amer. 335 

Wir müssen noch einmal auf den Durrahandel zurückkom- 
men. Das Land der Bogos ist in der Mitte von Gauen 
gelegen, die mehr consumiren, als erzeugen, von halben 
Hirten, die den Ackerbau ziemlich lässig treiben; die Bogos 
selbst haben sich jetzt fleissiger dem Ackerbau gewidmet. 
Auch verhindert die oft vorkommende Dürre regelmässige 
Emdten. Deswegen müssen die Bogos, Mensa, Takue und 
Bedjuk sich oft von auswärts mit Getreide versehen. Die 
Habab vollends pflanzen fast gar nicht und führen sogar nach 
dem Samhar aus. Deswegen kamen von jeher grosse Kara- 
wanen von Beni Amer'n mit Durra, das sie von Eassala und 
auch von den Barea brachten und es machte sich ein grosser 
Markt vorzüglich in Eeren, der von allen Seiten besucht wird, 
besonders im Sommer vor der Erndte. 

Wir haben keine sichere Angabe über den Reichthum der 
Beni Amer; jedenfalls besteht er &st nur in Heerden. Der 
Tribut wird im Herbst erhoben; etwa vierhundert Mann lagern 
in Zaga; kleinere Abtheilungen zerstreuen sich in den kleinem 
Zeltenlagem; sobald er erhoben ist, zieht der Deglel mit 
grossem Gefolge und einem halben Bataillon nach dem Söhel, 



ist schwer zu verheimlichen, wenn der Weg auch über Berg und Stein 
geht Ist der suchende Hirt einmal auf der Spur, so wird er sie schwer- 
lich verlieren, wenn nicht passirende Reisende oder Heerden sie ver- 
wirren. Geht die Fussspur verloren, so ist der Geruch, der an Steinen 
und Bäumen hängen bleibt, ein ziemlich sicherer Leiter. Die Spur der 
Sandalen zeigt den Stamm an, dem die Yiehräuber angehören, da jeder 
Tribus sie etwas anders schneidet. Ohne diese Fertigkeit im Spursuchen 
wäre der Diebstahl* in diesen Ländern, wo Polizei unbekannt ist, eine 
leichte Sache. Ist ein Stück Vieh verloren, so vergewissert sich der 
Hirt über die Spur; hat er sie gefunden, so gibt er seinen Genossen 
Nachricht: man verfolgt die Fährte; erreicht man die Räuber auf dem 
Weg, so entspinnt sich gewöhnlich ein blutiger Kampf. Geht die Fährte 
bis zu einem Dorf, so werden dessen Einwohner für das gestohlene 
Vieh verantwortlich gemacht und der Process ist fertig. Der eben an- 
gekommene Europäer, der nie auf Spuren seine Aufmerksamkeit ge- 
richtet hat, erstaunt, Fährten verfolgt zu sehen, wo sein Auge nichts 
entdeckt; doch gewöhnt sich das aufmerksame Auge sehr schnell, die 
kleinsten Merkmale zu beachten, und wird gelehrig. 



Digitized by 



Google 



336 Ueber die Beni Amer. 

von wo er erst im Frühling zurückkehrt. Die türkischen Sol- 
daten beziehen bei diesen Excursionen ein eigenes mit Domen 
verschanztes Lager (Zeribe), da die Erfahrnng sie misstranisch 
gemacht hat. (S. Recht der Bogos, S. 12.) 

Es ist schwer, die Beni Amer im Allgemeinen zu charak- 
terisiren, da sie eigentlich nicht Ein Volk sind. In der Kind- 
heit sind die Männer sehr schön; man sieht unter den Knaben 
wirklich ideale Schönheiten; mit der Mannbarkeit werden sie 
plump und das Gesicht verliert den Ausdruck. Unter den 
Frauen sieht man ausgezeichnete Schönheiten, sehr gerade 
Nase, frische Haut, aber ebenso wenig Ausdruck und die scham- 
lose Zunge verdirbt vollends ihren Reiz. Die Milch mit der 
heissen Luft verschönert die Haut und macht den Körper 
leicht; man hat im Barka Läufer, die es mit einem Pferd 
aufnehmen. Die Adelichen sind meist hellfarbig, die Unter- 
worfenen eher schwärzlich.' Die Haare sind meist schwarz; doch 
findet man hier und da auch rothe und blonde ganz weiche 
Haare. Die Beni Amer sind alle zur Corpulenz geneigt 

Man findet wenig Verrückte und Missgestaltete; dagegen 
hat der Beni Amer wenig geistige Fähigkeiten, besonders tief 
stehen die Unterworfenen von altem Schlag, so eigensinnig 
sie auch sind und wohl gerade deswegen. Dagegen haben 
die Beni Amer viel mehr Charakter, als ihre Nachbarn am 
Anseba; sie berathen sich schneller und führen das Beschlos- 
sene aus. Sie reden wenig und speculiren nicht; dagegen sind 
sie prahlerisch und höchst eingebildet. Sie haben wenig Heim- 
lichkeiten, wenig Pläne und Listen; was sie thun, geschieht 
oflfen; wer heimlich Rath hält und auf der Seite redet, scheint 
ein Verräther. Sie können verrathen ohne falsch zu sein , da sie 
zu wenig Ehrgefühl haben, um ein Hehl daraus zu machen. 
Ihre Gefühle sind unbeständig; es braucht wenig, um Liebe 
in Hass zu verwandeln. Sie sind besonders beim ersten Em- 
pfang sehr höflich; jeder reicht dem Gast die Hand und re- 
det mit ihm ; aber sie haben ihn bald satt. Im Ganzen wird 
er gut bewirthet; aber man sieht aus der ungeregelten Gast- 



Digitized by 



Google 



Ueber die Beni Amer. 337 

lichkrit, das6 wenig Herz dabei ist. Oft müssen die Gäste 
Ins nach Mittemacht auf ihr Abendessen warten. Mit der 
Sicherheit des Gastes ist es nicht sehr gut bestellt, da die 
Beni Amer wenig Ehrgefühl haben und das Gastrecht nicht 
sehr heilig halten. Oft sind arglose Gäste ohne Grund er- 
mordet, worden. Man kann sich nie auf eines Mannes Wort 
verlassen; es ist nicht Bosheit, die sie treulos macht, son- 
dern die Missachtung alles Fremden. Die Beni Amer sind viel 
mehr roh, als unsittlich; sie nehmen sich kein Blatt vor den 
Mund; jeder sagt, was er auf dem Herzen hat und scheut sich 
nicht, seinem Zuhörer die grösste Unverschämtheit in's Gesicht 
zu sagen. Wie bei allen geistlosen Völkern wird Tapferkeit 
ausserordentlich geehrt und geliebt; die Beni Amer selbst sind 
dafür nicht sehr berühmt; immerhin haben die Unterworfenen 
weniger Todesfurcht, als die Vornehmen, die sich in ihren 
Panzer verstecken. Dankbarkeit hält wenig an. Schmählich 
ist die Lieblosigkeit der Eander gegen die Aeltern, besonders 
gegen die bejahrte Mutter, die meist nur von ihren Töchtern 
ernährt wird. 

Diess fallt um so mehr auf, da ihre Nachbarn, die Barea, 
sich durch Kindesliebe auszeichnen. Mit grossem Unrecht 
glauben sich die Beni Amer diesen überlegen. Denn die Barea 
leben viel besser, haben gutes Brod, besseres Bier, sind tüch- 
tige Bauern, sind treuer, zuverlässiger und dankbarer als 
jene, die nur Milch haben von ihrem Vieh, dem sie viel Ei- 
genschaften entlehnt haben. Nur in gewissen Beziehungen 
dürfen sich diese ihren Nachbarn überlegen fühlen; sie haben 
viel Ausdauer und Kaltblütigkeit, viel Selbstvertrauen, das 
die Mängel verdeckt, ja ersetzt und einen gewissen National- 
zusammenhang, der den Barea abgeht; diese Eigenschaften 
verdanken sie aber vorzüglich ihrer Religion , die inmier noch 
lebenskräftig genug ist, um ihre Anhänger im Kampfe gegen 
die Ungläubigen unter Eine Fahne zu schaaren. Die am ge- 
nauesten zutreffende Beschreibung der Beni Amer gibt Mungo 
Park, wo er seine Gefangenschaft unter den Arabern der 

Mansinger, OsUfrik. Stadien. 22 



Digitized by 



Google 



338 Ueber die Beni Amer. 

Westküste erzahlt; auch das Yerhaltniss der Nomaden zu deü 
ackerbauenden Völkern, wie er es auseinandersetzt, passt toHt 
ständig auf die Stellung der Beni Amer zu iliren Nachbarn; 
die Sache ist die gleiche, man muss nur die Namen ändern. 
Glücklicherweise dulden es die Türken nicht, dass im Osten 
der Reisende die Erfahrungen des armen Park macht. 



Digitized by 



Google 



üeber die Sprache To'bedauie. 



22* 



Digitized by LnOOQ IC 



Digitized by 



Google 



Ueber das To'bedauie. 



Wenn ich mir erlaube, die vorliegende Arbeit an diesem 
Orte mitzutheilen, so geschieht es, weil das To'bedanie in 
Nordostafrika eine sehr hervorragende Stellung einnimmt Es 
ist die Originalsprache der alten sogenannten Bedja, sovde 
die Sprache aller Besharin und Hadendoa und eines Theils 
der Beni Amer, reicht also zwischen Meer und Nil von Ober- 
ägypten bis an den Fuss des abyssinischen Hochlandes. Es 
ist die Beduinensprache, was auch schon ihr Name andeutet. 
Ich hatte während meines frühem Aufenthaltes in Afrika be- 
sonders im Umgang mit den Beni Amer^n Gelegenheit, mich 
mit dieser Sprache bekannt zu machen; während meiner Be- 
theiligung an der deutschen Expedition konnte ich noch ein- 
mal die frühem Studien neu durchsehen und vervollsländigen, 
woraus die vorliegende Arbeit entstanden ist, für deren Ge- 
nauigkeit im Allgemeinen ich bürgen kann: in einzelnen Fällen 
können sich schon Fehler eingeschlichen haben, da es fast 
unmöglich ist, eine ungeschriebene Sprache mit fremden Buch- 
staben genau wiederzugeben. Wenn ich die Aufroierksamkeit 
der Sprachforscher auf diese Sprache zu lenken suche, so 
geschieht es, weil sie in Afrika eine sehr eigenthümliche Stel- 
lung einzunehmen scheint. Sie hat jedenÜEdls nichts Afrika- 



Digitized by 



Google 



342 Ueber die Sprache To^edauie. 

nisches an sich; die Conjugation klingt an das Semitische an, 
dagegen fehlen ihr die eigenthümlichen semitischen Buch- 
staben, das arabische ^ain, ghain, cha, gim, qaf, the, (ad und 
das äthiopische ds und ts. Der Artikel hat geschlechtliche 
Ausbildung; die Yocalisation ist mannigfaltig; das Verb schliesst 
den Satz; von der semitischen Wurzelregelmässigkeit und 
Satzbildung ist keine Spur. Es wäre unmöglich, diese Sprache 
mit semitischen Buchstaben wiederzugeben, während sie eher 
in unsere Schreibweise passt Ich führe diess an, um zu 
zeigen, dass ihre Stellung erst zu bestimmen ist; aber ich 
betrachte mich nur als Quellensammler und überlasse es den 
Sprachforschem, diess zu thun, indem sie dieselbe verglei- 
chend betrachten. Man wird aus der Wörtersammlung er- 
sehen, dass sich ziemlich viel arabische und Tigre -Wurzeln 
eingeschlichen haben; übrigens glaube ich diess dem Umstände 
zuschreiben zu müssen, dass ich die Sprache von den Beni 
Amer'n lernte, die mit dem Ausland viel in Berührung kom- 
men, was bei den Hadendoa weniger der Fall ist. 

Was zuerst die Aussprache der Buchstaben betrifit, 
so ist zu bemerken: 

a, u, i lauten wie im Deutschen. 

Das ist sehr dunkel. 

e ist ein breites e, wie das französische e in mere. e lautet 
wie das französische e. 

& ist sehr kurz, £ast stumm. 

ä, ö, ü lauten wie im Deutschen. 

au, ou, ai, oi, ui sind Diphthonge. 

Das Zeichen ^ über dem Yocal bedeutet, dass er sehr ge- 
dehnt lautet 

d, b, f, g, h, j, k, 1, m, n, r lauten wie im Deutschen. 

d hält die Mitte zwischen dem arabischen dhad und dem 
italienischen g vor e und i; deswegen klingt das Wort beda 
fast wie begia, was- die Araber durch ihr gim (^) aiisdrücken. 

dj lautet wie das italienische g vor e und i, ausser als d'j, 
das nach deutscher Manier auszusprechen ist 



Digitized by 



Google 



Heber die Sprache To'bedauie. 843 

U lautet wie im Französischen 11 in maille. 

ng wird so ausgesprochen, dass man beide Buchstaben hört 

q, dem arabischen qaf entsprechend, kommt nur in Fremd- 
wörtern vor. 

s ist sehr hart, wie im Arabischen sin, ausser wenn es am 
Ende steht, wo es unserem deutschen s entspricht. 

8 klingt wie ein arabisches Doppel -sin. 

sh ist das englische sh, das deutsche seh. Wo das s und h 
getrennt gesprochen werden sollen, schreiben wir s'h. Das 
aspirirte sh entspricht dem arabischen shin. 

t ist das deutsche t; t ist aspirirt, wie das arab. tha. 

w ist das englische w. 

r, d und 1 wechseln oft miteinander; deswegen sagt man 
Hadendoa und Harendoa. 

Verdoppelung des Buchstabens bedeutet Verstärkung desselben. 
Wir bedienen uns mehrerer Zeichen und Abkürzungen, 
die erklärt sein wollen. 

Den Accent deuten wir durch das Zeichen ' an. 

Den Artikel trennen wir von seinem Substantiv durch \ 
z. B. o'mek, to'ne. Steht aber das Substantiv in der unbe- 
stinmiten Form, d. h. ohne Artikel da, so bezeichnen wir es 
mit dem Buchstaben A, z. B. to'niy das Feuer. A. net, Feuer. 

PL bezeichnet den Plural. 

Ar. (Arabisch), Ti. (Tigre), setzen wir zu Wörtern, die von 
diesen Sprachen zu stammen scheinen. 

Das Verbum geben wir in der 3. P. Sing, des Perfects, 
übersetzen es aber der Kürze wegen im Infinitiv. 

Bei jedem Verbum bringen wir folgende Formen: A. das 
Activ oder Neutrum, z. B. eJchdnn, lieben; P. das Passiv, z. B, 
tukehann, geliebt werden; C. das Causativ, z. B. esekhann, 
machen, dass man liebt; Liebe einflössen. Mit CG. bezeich- 
nen wir das doppelte Causativ, mit N. das Nomen actionis, 
mit PP. das Participium Perf. Pass., mit Adj. ein Adjectiv, 
mit Imp. den Imperativ.* 

Wir wollen jetzt einen grammatikalischen Abriss der 



Digitized by 



Google 



344 Ueber die Sprache To^edauiew 

Sprache geben, wobei -wir natürlich nur die gewöhnlichsten 
Formen berücksichtigen können. 

Das To'bedauie hat Artikel in unserm Sinne des Wortes, 
sie sind aber indeclinabel. Sie heissen: 

Sing. 0, der. PL e und^'e, die. 

U, die. te, die. 

tOy das. te, die. 

te vor Vocalen wird auch abgekürzt zu f. 

üebrigens werden die Geschlechter oft verwechselt; ganz 
wie man im Deutschen „das Weib" sagt, so heisst es hier 
o'sha, die Kuh, Besonders der Artikel to drückt oft die weib- 
liche Person aus. — Den Geschlechtsunterschied drückt meist 
nur der veränderte Artikel aus, z. B. 6*mek^ der Esel, to'fnek^ 
die Eselin etc. Will man aber das Substantiv unbestimmt 
hinstellen, so lässt man den Artikel weg, wie man im Deut- 
schen „Esel" sagt, so hier „wci". Oft aber erleidet dabei 
die Wurzel einen Zuwachs, indem man ihr ein b oder ein t 
anhängt War der Artikel o', so wird b angehängt; war er 
aber te' oder to', so wird t angehängt, z. B. o'sha, die Kuh, 
shaby Kuh; o'jo, der Stier, job, Stier; tc'sha, das Fleisch, 
shat, Fleisch. 

Auch die Adjective sind dieser Regel unterworfen und 
fügen, wenn ihr Substantiv unbestimmt ist, für das männliche 
Geschlecht b an, für das weibliche t; z. B. o'Jcam o'era, das 
weisse Kameel; Jcam eräb^ weisses Kameel; Jcatn erat, weisse 
Kameeistute; o'dai, der gute; daib, gut m.; dait, gut fem. 

Die Pluralbildung haben wir so oft wie möglich angegeben. 
Oft wird der Plural nur durch den verschiedenen Artikel aus- 
gedrückt, z. B. o'sha, die Kuh, e'sha, die Kühe; oft durch 
den der Wurzel angehängten Vocal a, der, wenn der Artikel 
fehlt, ab oder at wird; z. B. helei, Hase, hdejab, Hasen etc.; 
häufig aber bewirkt er auch eine innere Wurzelverändenmg, 
z. B.: o'ias, der Hund, PI. e'es, die Hunde; o'or, der Knabe, 
PI. e'er, die Knaben etc. 



Digitized by 



Google 



Ueber die Sprache To^edanie, 345 

Pronomina. 

Persönliches Pronomen. 
Singular. 

1. Fers, cme, aneb^ ich (ar. ana). 

2. » m. herok, fem. betok, da. 

3. » m. hero, er, fem. betö, sie. 

PlnraL 

1. Fers, hene, henen, wir (ar. nehna), 

2. » m. berak, fem. betak, ihr. 
8. » m. 6era, fem. 5eta, sie. 

Pronomina suffixa. 
Singular. 
1) Für den Accusativ: 1. Fers, o, mich, mein. 

2. » ok, dich, dein. 

3. » oh, ihn, sein. 
Flural. 

1. Fers, on, ono, uns, unser. 

2. » oitna, euch, euer. 

3. » oJhona, sie, ihr. 

Sie werden dem Verb nachgestellt und ebenso dem Sub- 
stantiv, wo sie dann Possesslypronomina werden, z. B. gau-o^ 
mein Haus, gau-on, unser Haus etc. 

Singular. FluraL 

2) Für den Dativ: 1. Fers, heb, für mich, mir. hon, for uns, uns. 

2. » hok, für dich, dir. AoAma, für euch, euch. 

3. » Ao5, für ihn, ihm, ihr. Ao^a, für sie, ihnen. 
Auch diese werden dem Verb nachgestellt, z. B. tidi hos, 

sie sagte ihr. Diese Form drückt oft auch den Accusativ aus. 

Pronomen reflexivum. 

Singular. 

1. Fers, aneb ebije, ich . . . mich selbst 

2. » berok ebijek, fem. betok ebijek, du . . . dich selbst. 

3. » bero ebije, fem. beio ebije, er (sie) . . . sich selbst 

Flural. 

1. Fers, henen ebijen, wir . . . uns selbst. 

2. » berak ebOkna, fem. betak ebiekna, ihr . . . euch selbst 

3. > bera ebüna, fem. beta ebiena, sie . . . sich selbst 

Substantivisches possessives Pronomen. 
Singular. 

1. Fers, a/nibu, der Meinige, fem. anitu. 

2. » beriok, der Deinige, fem. betjok, 

3. » berio, der Seinige, fem. betjo. 



Digitized by 



Google 



346 Ueber die Sprache To1i)edaiiie. 

Plnral. 

1. Pers. henebu, der unsere > fem. hmetu, 

2. » bereok, der Eurige, fem. heteok. 
S* » bereoh, der Ihrige, fem. beteoh. 

Das Pronomen wird mit den Präpositionen verbunden, in- 
dem man sich des Pronomen siiffixum bedient oder aber auch 
des substantivischen Possessivs; z. B. geb-o, mit mir; geb-ok^ 
mit dir; oder aber berio-geb, mit ihm, bereoh-geb, mit euch. 

Demonstrative Pronomina. 

Singular. 

Substantivische: m. onu, Dieser, fem. ton^tu. Diese. 

» m. benu, bebu, Jener, fem. betu, Jene. 

Adjectivische: m. on, dieser, fem. ton, diese. 
»• m. ben, jener, fem. bei, jene. 

Plural 
m. ena, Diese, fem. tenta. Diese, 
m. belinay Jene, fem. belita, Jene, 
m. enn, diese, fem. tmn, diese, 
m. belin, jene, fem. belit, jene. 

Fragende Pronomina. 

aOy aue, a'&w, wer? at, von wem? narif was? na teJck, welcher 

Mann? na teket, welche Frau? 

Postpositionen. 

Eigentliche Declination scheint zu fehlen ; ihre Stelle vertreten 

die Postpositionen. 

1) eb, iby von (oft für unsern Genitiv), in, seit; z» B. Kerm-eb endoa, 
die, Leute von Keren; Mohammed-ib gau, Mohammed's Haus. 

2) gebf mit. Dem Pronomen wird es vor-, dem Substantiv nachge- 
setzt; z. B. geb^okj mit dir; Kefiai-geb, mit Keflai. 

8) itay it, ta, für. Keflai-ta, für Keflai. 

4) ehe, e, durch, von, mit Hülfe von, z. B. Mohammed-ehe, durch 
Mohammed. 

Verschiedene Adverbien, Conjunctionen etc. 
usure, vom, vorher. «, wie, z, B. Mahmud-i, wie'Mah- 

erree, hinten, nach. mud. 

este, oben, auf. gellet, wegen. 

nett, unten, unter. mama, ein gewisser, un tel. 

te*engi, mitten, die Mitte. kako, wie? warum? 

efi, zwischen. aflei, von jetzt an. 

bakai, ausser. naty ein wenig. 

kik, bis. han, auch, selbst. 

ne, seit, z. B. ero-ne, seit gestern, engat Tuin, auch gar keiner. 



Digitized by 



Google 



lieber die Sprache To'bedaaie* 



347 



UkUlCy untereinander. 

u, und. 

u — Uy entweder — oder. 

aletl^ wenn doch. 

ao, ja. 

kike, nein. 

äbada, (ar.) niemals. 

ekeü, vielleicht. 

gäOeik, gleich, regelmassig. 

kesso, alle. 

haddo, einzig. 

Icrnüy vergebens. 



gidey dort. 

sufy früher. 

höku, so, auf diese Art. 

nafihim, wo; nanhirnkik, bis wo? 

nanhime, von wo? 

nehoh, wann? nehob kiky bis virann? 

nador^ welche Zeit? 

enonihim^ hier. 

hehomhimy dort. 

da, jetzt. 

hib^ zusammen. 

ma, komm! 



1 engar^ engal, fem. engat 

2 melöj A. melöh, 

3 mehei. 

4 /^i^. 

5 et, A. ctö. 

6 esögur, esögut 

7 eseremd, A. e^eretndd. 

8 esimhei. 

10 tcmcn, 

o^usurib, der Erste. 
o^enUme, der Zweite. 
o^emhejCf der Dritte. 
o'efedge, der Vierte, 
o'cte, der Fünfte, 
o'e^emn^, der Zehnte etc. 



Zahlwörter. 
Hauptzahlen. 



11 temene engat. 

12 temene me7o& etc. 

20 to^^r. 

21 to^ti^ engar, etc. 
30 me^e« temun, 
40 /"e^^t^ temun. 
50 et temun, etc. 

100 «Äeft. 
• 1000 e?/ (ar.; 

Ordnungszahlen . 

melohhe, sie zwei. 
meheje, sie drei 
temen^e, sie zehn. 

edereb, ein Zweitel. 
meheiae, ein Drittel. 
fedgae, ein Viertel. 
^*'ae, ein Fünftel etc. 



Das Zeitwort. Man wird aus dem Wurzelverzeichnisse 
ersehen, dass sich die Verba in zwei grosse Gruppen theilen, 
jenachdem bei der (Konjugation entweder Suffixe an die Wurzel 
treten oder Präfixe, oder diese selbst sich umgestaltet. Zur 
ersten Gruppe gehören alle auf ja endenden Verba, z. B. sekia^ 
oria, gigja etc.; zur zweiten alle übrigen. Danach bilden 
sie auch ihr Causativ und Passiv verschieden. Denn die 
Verba auf ja bilden das Causativ durch Anfügung eines s an 
das Ende der Wurzel, das Passiv aber durch ein angefugtes wj, 



Digitized by 



Google 



348 



üeber die Spradie To'bedaaie. 



wobei die Wurzel unberührt bleibt, während die Gausativa 
und Passiva der zweiten Gruppe die Wurzel selbst afficiren. 
Das Bedauie bedient sich mehrerer Hülfszeitwörter. 



Positive Form. 




Negative Form« 


1) S. 1. efi, ich bin, ich existire, j'y 


S. 1. Mke, ich bin nicht 


2.tefia. 


[suis. 


2. UUa. 


3. ifi. 




a kiki. 


PL 1. nifi. 




PL 1. ibtnifc. 


2. tifina. 




2. ib'eena. 


3. ifin. 




3. X;tÄ;en. 


2) S. 1. ehe, ich bin. 




S. 1. kahHy ich bin nicht 


2. t&i^e. 




2. ib'^Ä^e. 


3. ehe. 




3. A;t^'. 


PL 1. nehe. 




PL 1. kinn&i&i. 


2. t&Une. 




2. ÄrtYMrtine. 


3. eMn. 




3. itiAoine. 

2. Fonn. - 


3) S. 1. dberi, ich habe. S. 1. kdbiri 


, ich habe nicht kdölhro. 


2. teberie. 


2. käberi 


kitberöa. 


3. eheri. 


8. Ä^&en, 


hibero. 


PL 1. neheri. PL 1. kenberi. kenbaro. 


2. teberini. 


2. A;e«i5>erina. hitberöna. 


3. eberin. 


3. JbeMn 


kiberon. 




Perfecl 


t. 


a) S. 1. e(icr, ich tödtete. 


e/ie^, ich verliess. eheid, ich w&hlte. 


2. «eiere. 


tefdege. 


teheida. 


3. oeder. 


ofdeg. 


jeheid. 


PL 1. neder. 


nefdeg. 


neheid. 


2. Udema. . 


tefdegna. 


teheidHO. 


3. edema. 


efdegncu 


jeheidna. 


b) S. 1. am^, ich fand. 




PL 1. nemru, wir fimden. 


2. temro. 




2. temröna. 


3. ^fm^rti. 




ö. effiruft. 


o) S. 1. ednifjednn, ich kam. 


kod^, ich ging verloren. 


2. eta, fem. etat. 




kodta. 


3. ea, fem. eta. 




kodje. 


PL 1. ena. 




kodna. 


2. eiane. 




kodtane. 


3. eait. 




kodj<m. 


S. 1. gigen, ich ging. 




hijen, ich gab. 


2. gigta. 




hejeta. 


3. ^t^/a. 




Mja. 



Digitized by 



Google 



Ueber die Sprache To'bedauie. 



849 



PI. 1. gigna, irir gingen. hiena, wir gaben. 

2. gigtane. JuUäne. 

3. gigjan. hijan. 

Das Perfect bildet die negative Form mit dem Particip und dem 
Hülfszeitwort hake; das Particip, -welches nicht verändert wird, 
bildet sich aus der Wurzel mit der Endung ab. Wir haben also: 

demb hake, ich tödtete nicht (eigentlich: ich bin nicht tödtend.) 

fdegdb hake, ich riss nicht ans. 

heidäb Tcake, ich wählte nicht 

merab kake, ich fand nicht 

Jea5 kake, ich kam nicht 

kodah kake, ich ging nicht verloren. 

gigäb kake, ich ging nicht. 

hij<ib kake, ich gab nicht. 

Aorist 
efhndig, ich verlasse. 
fendigci. 
efendig* 
nefedig. 
tefidigna. 
fedigna, 

ebdin, ich vergesse, eföri, ich fliehe. 
tefori, 
ofori, 
nefori. 
tefoma, 
oforin. 



a) S. 1. endir, ich tödte. 

2. tendira, 

3. endir. 
PL 1. neder. 

2. tedema. 

3. edema. 

S. 1 

2. tebdin. 

3. oehdin. 
PL 1. nebdin. 

2. tibdinna. 

3. ebditm, 

b) S. 1. ämerri, ich finde. 

2. merrie. 

3. wem. 

c) S. 1. etnty ich komme. 

2. e^/a. 

3. ejini. 

1. ^ct. 

2. e^^na. 

3. iena. 



PL 



Ä;atttim, ich lange an. 

kantitiui, 

kintim. 

nekätim, 

iekeiemna, 

ketimna. 

enkeshi, ich werde kurz. 

tenkeshi, 

inkeshu 

nenkeshi. 

terikeshin. 

enkeshin, 

PL 1. nemSr, wir finden. 

2. temema* 

3. etnema. 

kodSnt, ich gehe verloren. 

kodteja, 

kodini, 

kodnei. 

kodtena. 

kodena. 



hiSni, ich gebe. 

Jiaieja, 

hejeni. 

hanei. 

hatSna, 

haiena. 

Der negative Aorist wird gebildet aus der Perfectform 
mit vorgestelltem Tca, he, obgleich Unregehnässigkeiten nicht 
fehlen; wir haben also: 
a) S. 1. kdder, ich tödte nicht PL 1. hmder, wir tödten nicht 

2. kidera, 2. kitdema. 

3. kider. 8. kideran. 



Digitized by 



Google 



350 



Ueber die Sprache To'bedaoie^ 



PL 



b) 



. 1. kafoTy ich fliehe nicht 


kankesh, ich werde nicht kurz. 


2. hitfora. 






ketnekesh. 


3. hifor. 






kenkesh. 


1. hönfor. 






kenenkesh. 


2. kitfoma. 






ketnekeshna. 


3. kifortui. 






kenkeshne. 


8. 1. kakodm, ich gehe nicht 


kiseken, ich gehe nicht 


2. kakodta. 


[yerloren. 


kisekta. 


3. Ä;aX;o(&>. 






kesekje. 


PI. 1. kakodna. 






kiseknm. 


2. kakodtäne. 






kesiktene. 


3. X;aA;o(2'jan. 






kesek^an. 


c) 


S. 1. 


kdmro, ich finde nicht 




2. 


Äi^mero. 






3. 


kimro. 






PL 1. 


kommero. 






2. 


kitmeröna. 




3. 


kimeron. 





Das Präsens mit dem Hülfszeitwort. 
Es wird positiv und negativ zusammengesetzt aus der po- 
sitiven Perfectform des Zeitwortes und der positiven oder 
negativen Form des Hülfezeitwortes ehe, z. B.: 

eder ehe, ich tödte. eder kahH, ich t5dte nicht etc. 

teder teh^e, du tödtest etc. 

Das Plusquamperfect. 
Seine negative Form ist die des Perfects. 

S. 1. ider, ich hatte getodtet 

2. tidera, 

3. ider. 



PL 1. nidw. 

2. tidSma. 

3. idema. 

S. 1. ofur, ich war geflohen. 

2. tofura. 

3. ofur. 
PI. 1. nofur. 

2. tofumci. 

3. ofoma. 

S. 1. heje, ich hatte gegeben. 

2. hatie. 

3. Ä^'c. 



ehtd, ich hatte gewählt 

ihid. 
nihid, 
tehidna. 
ihidna. 

ibden, ich hatte vergessen. 

tibdena. 

ihden. 

nibden, 

tibderma. 

ibdenna. 

PL 1. hani, wir hatten gegeben. 

2. Tiatina. 

3. A^n. 



Digitized by 



Google 



Ueber die Sprache To'bedaaie. 



351 



S. 1. ie, ich war gekommen. 


kodi, ich war verloren gegangen, 


2. eta. 




kodüe. 


3. ii. 




kodi. 


PL 1. Snnü 




kodini. 


2. etina. 




kodüna. 


3. iSna. 




kodina. 




Optativ. 


S. 1. idre, o dass ich getödtet hätte ! 


! ofure, o dass ich geflohen wäre. 


2. tidria. 




tefuria. 


3. Wr«. 




efuri. 


PL 1. nidr€. 




nefuri. 


2. (idcme. 




tefumea. 


3. ideme. 




efume. 


S. 1. tie, dass ich gekommen wäre. 


sekU, wäre ich gegangen. 


2. e4;% 




sekdie. 


3. <e. 




sekii. 


PL 1. enie. 




seknie. 


2. eetneo. 




sekdine. 


3. iini* 




sekine. 




Negativer Optativ. 


S. 1. badire, c 


» hätte ich nicht ge- 


bafüritt o wäre ich nicht geflohei 


2. hitdirea. 


[tödtet. 


betfürie. 


3. Wim. 




bifurie. 


PL 1. hindtre. 




benfurie. 


2. hitdime. 




betfurinea. 


3. W(?fni€. 




biforine. 


8. 1. do^'e, 


wäre ich nicht ge« 


bdsekei, o wäre ich nicht gegangei 


2. 6t(ü«^ 


Pcommen. 


bisekie. 


3. ötce. 




bisakei. 


PL 1. hiniiji. 




binsakei* 


2. 5ti^'i^'ne. 




bidsiikeine. 


3. bmne. 




büaküne. 



Der Gonditional bildet sich aus dem Optativ durch an- 
gehängtes ky z. B. sekieJc^ ich wäre gegangen; ofurek^ ich 
würde geflohen sein; hadirek, ich hätte nicht getödtet etc. 



Imperativ. 



Positive Form. 
S. 2. dera, tödtel fem. deri. 

3. bidcTy dass er tödtel 
PL 2. dema, todtet! 

3. bidema, dass sie tödten! 



Negative Form. 
S. 2.örfder(i,tödtenichtIfem.öa€Jert. 

S.bidir, dass er nicht tödtel 
PL 2.bddema, tödtet nicht 1 

3. bidimoy dass sie nicht tödtan 1 



Digitized by 



Google 



352 Ueber die Sprache To'bedaüie. 

2) ma, komm! fem. tnai, hie, dass er kommet 
bcnna, komm nicht! fem. hamm. biet, dass er nicht komme! 

VLmana, kommet! fem. tnanai, biin, dass sie kommen! 

bamana, kommet nicht! bieini, dass sie nicht kommen! 

3) fora, flieh! foma, flieht! bafur, flieh nicht! etc. 

4) seka, geh! aeki, sekane, geht! bastka, geh nicht etc. 

Einige Formen des Nomen actionis zeigt die Wörtersamm- 
Inng; das- Particip auf oft, z. B. eoft, kommend, kennen wir 
schon; eine andere Form bildet sich durch angebängtes hena^ 
z. B. hesrhenüy der Beschäftigte, eibabkena^ der Reisende. 

Das Gerundium bildet sich aus dem Stamm mittelst der 
Endung ee (die wir als Postposition kennen lernten) mit an- 
gefügtem fai oder hat, das „seiend'' bedeutet 

Die Nebensätze bilden sich mit Postpositionen. Es wer- 
den also ausgedrückt: 
i) Finalsätze: durch den Optativ mit thai, z. B. ofure-thai 

dass ich fliehe; bisekie-thai, dass du nicht gehest 

2) Gausalsätze: durch das Perfect mit angehängter Partikel 
neg oder neJc, z. B. erea-nek, weil er liebte. 

3) Temporalsätze: a) durch den Aorist mit Aüfe, z. B. 
eteja-Jcik eseni, ich warte, bis du kommst 

b) durch das Perfect mit angehängtem eS (oder ei) und 
ii der; z. B. sek haru ee dor, als ich fort wollte (eig. 
Gang als ich wollte); ahaden ei dar, als ich vergessen 
hatte. 

c) durch das Perfect mit angehängter Partikel ek oder eg, 
z. B. jeann-ek, als ich kam; efor-ek ea, er kam, als ich floh. 

d) durch das Perfect mit ke, z. B. jeanneb-Jce gigeni, er 
geht, so oft ich komme. 

4) Vergleichungen durch den Optativ mit der Partikel 
nati, z. B. betfori-nati, als wenn du dich nicht flüchtetest 

5) Beispiele von Relativsätzen sind: tehene mhin-ke jeann, 
ich kam in den Ort, wo Ihr seid; teHeket fedat atu^ wer 
ist die Frau, die gekommen ist? 



Digitized by 



Google 



üeber die Sprache To'bedauie. 353 

Beispiele. 

Heilu ashoio abu, wer ist Feind von Heilu? 

naka eJien, wie viel sind sie? 

Wedele kimreketi, man findet keinen Tansch. 

cmag akdte, es mag übel gehen. 

kane auer, ich habe es wissentlich gethan. 

<ji^de daftei, hast du das Ranchbad genommen? 

to^budjon nehßf wir sind im Vaterland. 

taba de derago nädha semena, wir sind am Stromufer gehend vorbei- 
gezogen. 

o'mtY mehei ofno hojo J^erritca, du suchst jeden Morgen Streit mit mir. 

Jßrumab jekna, wir werden am Morgen gehen. 

nakik Baraka tebeja, wie oft bist du in's Barka gegangen? 

Uheit sekidne ehSn, sie werden morgen gehen. 

^^mbe heremei, wir marschiren fünf Tage. 

heddadebin^di sekna, wir werden in der Finstemiss fortgehen. 

gudHhtru ee dor merdmen\jej als es (das Land) am Vermehren war, 
wurde es verwüstet 

sek haru ee dor ea, er kam als ich gehen wollte. 

deminuek beseki, er soll nach dem Essen fortgehen. 

ered-nek ea, er kam weil er liebte (aus Liebe). 

demtejek seka, geh nach dem Essen. 

jeann-ek gigia, er ging nach meiner Ankunft. 

tomanek sakia, er ging rasirt seiend. 

abaden-ei dor ea, er kam, nachdem ich (ihn) vergessen hatte. 

forte nauadrit Keren-eb Het cüiu, wer ist das schöne Mädchen, das nach 
Eeren kam? {He% von ea), 

ero erhhieneb o^kam nan sugo, vom gestern gesehenen Eameel was ist 
der Preis? (sug, Preis). 

Jeheit Heit hinken, wir wissen nicht, was morgen kommt. 

o'mAtn ektem^eb kinken, wir wissen nicht, wo er hingekommen ist 

o^nihin tektSna, wisst Ihr den Ort? 

endieVka gabelna, was immer er sagt, nehmen wir an. 

ieneb tneswäb kinke, wir hörten nicht, was er sagte. 

shebo tnehedtja, bist du gut aufgestanden? 

^hebo amhan, kere amhd, guten Morgen! 

eagab etmna, guten Tag! 

eker merina, findet Glück! (ker, ar.). 

kak tajemna, wie habt Ihr den Tag zugebracht? 

esgab nqjan, gute Nacht! 

kak teheje? debtiwa? afimabane? debei ane? Glückwünsche und Grüsse. 

endir hen badir, soll ich tödten oder nicht? 

sekm hen basekei, soll ich gehen oder nicht? 

oHek mukr 6*uerab kike, der Mann hört keinen Bath an. 

aUte endo^u iddit, eher war* er in seinem Vaterland geblieben. 

äüfihi hiweto ijek, er hätte gefunden, was Gott ihm gegeben. 

Uansinger, Ottafrik. Stadien. 23 



Digitized by 



Google 



354 üeber die Sprache To'bedauie. 

AUahi amdn geh sekiet ereei, bei Gott, ich möchte mit ihm gehen. 

nan eshegisddne tehene, warum eilt Ihr so? 

o^Gaah nekatm-ei dor edutni, ich werde reden, wenn wir zum Gasb 

kommen. 
na sekenasia kahasa eäb, was ist die von Abyssinien kommende Nachricht? 
dlete ishega iije, möge er schnell kommen. 
o^ondir iei, der Mörder muss sterben. 
o*iei kidge, der Todte kommt nicht mehr. 
e^gaui e^tnelal ereeni, ich ziehe den Häusern das Freie vor. 
gauio had wunn o^mbe d'nc^ja neb, mein Haus war wie ein grosser 

Teich, den Tag da ich darin war. 
fhemton tefru u ane ederr, meine Schwiegennutter gebar und ich 

wurde verheirathet. 
jeherune heb bäka ane herab koke, sie haben nur von mir verlangt, ich 

habe nie verlangt. 

Kurze Lieder. 

(Klagelied) 
Meinen Genossen du liebst, meinen Vorwurf du hassest, von uns beiden 

1. eraan eritiniena, heniei tetkerire, kessen 
Einen du wählst nicht und das liebe ich nicht, o Medina. 
engal abuktiena, ete kiken medinai, 

d. h. du hast meinen Freund gern, du hast meinen Vorwurf nicht 
gern und wenn du von uns beiden Einen nicht wählst, habe ich es 
nicht gem. 
Zunge BÜSS, der Bauch falsch, schlecht die Laune schadet und die 

2. midäbo nefrur^ o^fi o^hedlul, amago t^nie debamnefir, 
Leute lässt nicht beisammen. 

enda kisoreremna. 
Von Eatmin Leute vom Gol den Fussweg wie Bilol ich machte 

3. Katminei endon, o'Golit gerabi BiloJ-thai akuas 
den Gash. 

o'Gash. 

Hömmed Ele, Häuptling der Hallenga, sagt seinen Brüdern von 
Ghatmin, er habe den Fusspfad von Gol (wie das Gashland bei Eas- 
sala auch heisst) wie Bilol gemacht. Bilol ist nämlich eine Gegend 
am Atbara , wo die Kühe ohne Hirt weiden , so sicher ist sie vor 
Feinden und wilden Thieren. 
In's Sennar mit Kameelen wir gehen, nach Djedda mit Schiffen 

4. Sennar e^keme hentbi, Gidja je^aroe, 
wenn sie bloss sind die Frauen die unsem, dafür reisen wir unüier. 

rebobinek te^ma fheneb, thai ebabkenamnei. 

Der Nebenbuhler dass er nicht lache, der Feind dass er's nicht wisse, 

5. o^hogqjo bifätb, 6*asho bikan, 
ich die bösen Handlungen alle gut scheinend ich empfange. 
ane amag wora kasso to^shbo sedat dmorim. 



Digitized by 



Google 



Verbalwurzeln. 



efdig, verlassen, lassen, scheiden; P. efdeg; C. isfedig; N. A. o'fidüg^ 

das Verlassen; -^eyerfd^r, die geschiedene Frau. 
owodtj die religiöse Abwaschung verrichten (ar. tewode)) P. woddn^a, 

C. woddsja. 
6* ad, der Fluch; A. ijad, verfluchen; P. etoad; d*atoide, der Verfluchte. 
to^gud, die Menge; A. güdjüy sich vermehren, viel sein; C. gudtsja; 

Adj. gudah, viel; agddk, die Meisten. 
ektem, anlangen; P. etketam, hingebracht werden; G. eskitem; Adj. ketemy 

zureichend, angelangt. 
haüija, bellen; C. haüisja; N. o^häuti, das Gebell. 
nekeshjVvLTZ] N. menkesh, die Kürze; A. inkesh, kurz werden; C. eshhtkesh, 
t^baski, das Fasten; A. baskitja, fasten; o^h(Mkitij der Fastende. 
te^sirha, das freie Geleit (Ti.); slssera, das Geleit geben. 
lemed, die Gewöhnung (Ti.); A. öJmid, sich gewöhnen; C. aslämed, 
nekit, der Hang (Ti. nM)] A. niketja, gewöhnt sein; P. neketmja, ge- 
wöhnt werden. 
6*ghtüf, das Kiederknien des Kameeis; A. ignef^ niederknien; C. esghnef; 

Adj. gendfy kniend. 
te^shekd, (ar.), die Anklage; A. eahkija, anklagen; C. eshkisja; P. eshkinija, 
Umiwjay fertig sein (ar.); C. temnisija, beenden; A^*. temnina, fertig. 
te^dehb, der Kauf und Verkauf; A. edlub, kaufen, verkaufen; P. 

edleb; C. esdelub, Verkauf verursachen; Adj. deldb, verkauft. 
hamer, sauer (ar., Ti.) ; jcÄdmcr, sauer werden; C. is^hdmer, säuern. 
oWabj das Abschlagen, Abneigung; A. ^ib, abschlagen; P. etörtib, 

ungern gesehen sein; Adj. rebd, ungeneigt; atörba, gehasst, unbeliebt. 
eshi, alt werden; ahlja, alt; C. eshishiy alt machen; N. shitjo, Alter. 
wokeljd, beauftragen (ar.); P. ujökelemja, beauftragt werden. 
te^ttuie, die Hülfe, Unterstützung; A, jedui, helfen; G. esau, zu Hülfe 

schicken. 
hasib, spitz; es'Iias, spitzen. 

23* 



Digitized by 



Google 



356 üeber die Sprache To'bedauie, 

gemedy lang, Tl.gemeddb; igmed, lang werden; C. esegmed, verlangem; 
N. megmedy Länge. 

€i8*haUy (Ti.), schleifen; C. äsisJiaU; P. etesdhel; P.P. ateshdJa, geschliffen. 

kano, Liebe, Freundschaft; *A. ekhdnny lieben; C. esekhann] P. tukehdnn. 

er^Qy lieben (geschlechtlich), C. erisja; N. er eint, Liebe; erOy erena, 
Freund. 

esfido, vermehren, zuf&gen; P. mishöei; C. eshishou; N. shaoeUy Ver- 
mehrung, Zuschuss. 

o^gig, der Gang; A. gigja, gehen; C. gigisja, schicken; CC. gigsisja, 
schicken lassen. 

o^seky der Gkmg; A. sikja, gehen; "P.sikemjUy begangen werden; C. se- 
kesija, schicken; sikena, der Gang, Nachricht; Adj. sekini, gehend. 

belolja, sich anzünden; C. helolisijay anzünden; CC. heloMsjay an- 
zünden lassen. 

elüy brennen; Imp. lua; Hau, sich verbrennen, brennen; o^Mue, der 
Verbrannte. 

debely Haufen; A. edbel, anhäufen; C. esdibel; P. edbel 

hämiy bitter; o^hdme, die Bitterkeit, Galle; ihämiy bitter sein; C. e^t- 
8hemy verbittern. 

mdra^ sich erweitem; C. dsmara, erweitern; A^j. maralöiy weit; 
te^meröty die Weite. 

söijay benachrichtigen, anzeigen; C. sosisja; P. sömomja; N. sötiby das 
Benachrichtigen. 

wuija, herbeirufen; C. wüsi^ja, herbeilassen. 

digoga, Auftrag, Gesandter; digogSja, aussenden; P. digogdmie; C. dt- 
gotesia, 

0*8^ y PI. e^sma, der Name; A. esem, nennen; P. etösam; C. ^taösam, 

la, kommen; C. esisja, kommen lassen; N. o^cyo, das Kommen. 

htJOy bringen, geben; N. o'm^iou, die Gabe. 

kendnl das Wissen, die Kunde; ikdin, wissen, kennen; C. esöken, be- 
kannt machen; P. etokakdn, 

o^masuy das Hören, Gehör; omasu, hören; C. ostndsu, verkünden; 
P. etmessöu; masua, hörend. 

ihcy nehmen; Imp. aha; C. esisihou; esuk ihcy mit Gewalt nehmen. 

te^nun, das Fortnehmen; nimsu, fortnehmen, wegreissen; C. nüesjä; 
P. nünen^a. 

enget, stehen; C. esenget; N. mhnget, das Stehen. 

safhörnja, besprengt werden. 

es^hegy ausputzen, auskehren. 

ihem, waschen (eine Person); P. esihem, sich waschen. 

eshgüd, waschen (ein Kleid); C. ashishegud; N. o^shgud, das Waschen. 

o^derr, das Tödten; eder, tödten; C. esöd^; o^medör, der Tödter. 

esd, sich setzen; Imp. sa; C. esosa, sitzen machen; o^miaa, das Sitzen. 

hokrer, das Band; jcÄiifcur, binden; C. eshakur; P. unihokuw, o'amho- 
kerd, der Gebundene. 

esni, warten; C. esisen, warten machen; esenija, wartend. 



Digitized by 



Google 



Ueber die Sprache To1)e(laaie. 357 

akish, geizig sein; C. eshohish, geizig machen; N. te'k^hi, der Geiz; 

o^ki^hü, der Geizige. 
to^korotn, der Kuss; kordn^e, küssen; C. koräme^a, küssen lassen. 
debala, rund, kugelig; edbely kugelig sein; G. esdebel 
idSr, bauen (ein Haus); P. edärr, gebaut werden. 
loaua, der Schrei der Thiere; wauija, schreien. 
gegga, stammeln. 

etäher, segnen (Ti.) ; esetharr, gesegnet werden. 
gurha, Noth, Enge; sunguorha, in Noth bringen; P. umguorJiara, in 

Noth sein. 
shiböh, gut, Güte; iaJibob, gut, besser werden; G. eshislibob, verbessern. 
isily spucken. 
jihitj sich erbrechen. 

omoMa, sich streiten; esmotita, Händel stiften; amoteteha, streit- 
suchend, zornig. 
oHej, die Beschuldigung; omohi^, beschuldigen; G. estnohi^; PP. etmo» 

hid, beschuldigt. 
jiadiy verwunden; G. escid; P. etadai, verwundet werden; N. a^i^y 

Wunde; PP. eta^a, verwundet, 
o^gwa, der Trank; güije, trinken; C. guesie; P. gwamia; to'gwäne, 

der Schlauch. 
gdshia, sieden (das Wasser); G. gashishjay zum Sieden bringen. 
beshök, gesotten, gekocht (Fleisch etc.); öbsJ^ok, gekocht sein; C, ahisli' 

bok, kochen. 
efef, ausschütten, ausgiessen. 
o^busSf das Hinüberschütten; ebaaSy hinüberschütten (aus einem G^fass 

in's andere). 
to'gtcdhir, der Diebstahl; ogwdher, stehlen; P. etogwdher; PP. atog^ 

woher a, gestohlen; C. esogwdher; o'agwdheri, der Dieb. 
eqta (ar. qoi^d)^ zerbrechen, zerschneiden; PP. qatay zerbrochen; G. eS" 

qatd; U*nUqte, der Bruch. 
telagja, verbergen; P. telagSn^a; PP. teldgema, verborgen; G. teld- 

geaia; N. teldgie, Verborgenheit. 
shiie, denken, bedenken; N. to^shie, der Gedanke; G. shdshie, in Er- 
innerung bringen; P. shdmmie, 
la, kalt, Kälte; G. laste, kalt machen; A. Uije, kalt werden. 
2<imja, sich Fett in die Haare thun; Jasia, Einem Fett in die Haare 

thun; N. te^lassH, die Pommade. 
edamer, einem die Glieder drücken. 
selhissay einen streicheln. 
iddUf einen kneifen, zwicken, mit den Augen winken; G. esoddu; 

P. etodda, 
te^höguane, das Eratzen; jehögtounn, kratzen; P. etogtodnn, 
nebüy warm, heiss; N. nubui, EUtze; A. M)d, warm werden; G. eanabdf 

erwärmen. 
bedeU (Ti.), Austausch, Veränderung; ebdeJ, verändern; P. embeddl. 



Digitized by 



Google 



358 üeber die Sprache To'bedauie. 

to^nin, die Poesie, das Recitativj ninja^ besingen, recitiren. 

te^kafa^ der Trauergesang; kafja, klagen; P. kdfemja, beklagt werden; 
C. käfesja, 

ergig, vertreiben; P. etregäg; C. esrigeg, 

lehei, kahlköpfig; N. te^melhei, Eahlköpfigkeit; ellehe, kahlköpfig sein. 

o'hadda, der Häuptling, Herr; N. te^haddai, das Amt; Je^e^c^a, Häupt- 
ling werden; C. eshadda, 

o^hejed, die Wohl; jehSidf wählen; C. esheid; P. eth^ad, 

o'hassei, der Erzürnte; N. te'hassiejy der Zorn; jehässe, zornig werden; 
C. eshäss, zornig machen. 

edenn, anfangen; P. etodann; C. esodenn; N. t^todann, der Anfang. 

j ehedem, die Worte, die Sprache; edomja, sprechen; C. edömesjct. 

to^gwija, die Zählung; erf^^», zählen ; T.edagwei; te^dogweitOy die Zsihl. 

emlay führen, begleiten; P. Um^lla; C. hmela. 

ämanja (ar.), trauen, glauben; P. amenhnja; C. ametießja; erndn, Glauben. 

mnker (Ti., ar.), rathen; C. Ssmiker, berathen; N. rnukr, Rath. 

Jeabekj ergreifen, anfassen; C. esahek; P. etahak. 

duija, schlafen, sich niederlegen; C. döstja, schlafen machen. 

hererija^ schnell marschiren. 

dabja, eilen, schnell laufen; N. te^edeb, der Lauf; C. -ddbeshjcu 

emeisak, kriegerische Drohungen ausstossen, bedrohen; "S.Jeskat, Drohung. 

ekhil, sich verschleiern (von der Frau). 

erku, sich fürchten; C. eeroky Furcht einjagen; N. merkuje, Furcht 

monojüf erschaffen (TL). 

jikamCf 1) gross werden, 2) sich bedecken, bekleiden; C. esheni, gross 
ziehen, bedecken. 

afr^, schwach, elend werden; C. afresja, schwächen; afrei y schwach, 
schlecht. 

ishHm, zerreissen (Ti.). 

ijay sterben. 

engil, aufdecken, öffnen, entdecken; C. emigel; P. engel; N. o^ngul, 
t6*mengel, das Oeffiien; negdlo, offen. 

jehebi, abschlagen, verweigern; C. eshab; P. ethahai. 

rada, Frage; rddja, fragen; C. radesja. 

jeheahi, abreissen (da& Zelt); C. eshhesh; P. etheshdi; PP. teheshdjo, 
abgerissen. 

ta'fira, der Tribut; efra, Tribut geben; C. sesferay Tribut eintreiben. 

ddsija, hinuntergehen; C. dasisija, hinunterstellen. 

ihero, wollen, suchen; C. is^hero; heraudhy wollend. 

ekcj werden, geschehen. 

efedy böse Anschläge, Gelüste haben. 

dirtrjtty in den Augen Gelüste zeigen. 

ediy sagen; C. esiaöd; N. middOy das Gesagte, der Spruch. 

eiioiy Nachricht geben (von bösen Anschlägen); N. te'^e^u«, das Nach- 
richtgeben. 

ö^eded, die Vertheilung, der TheW-, jeeded y theilen. 



Digitized by 



Google 



Ueber die Sprache To'bedauie. 359 

enfer, schmecken, süss sein; C. esnifer, 
thamesja, versuchen (Ti.). 
tskidf erwürgen; C. sisekid; P. esdehid, 
jeherit, schlachten. 

elleb, das Schwert ziehen; PP. 6*lluhy das Gezogene. 
eshhok, sich verirren; G. shishhok, 
ederr, vom Weg abgehen. 
rewija, hinaufsteigen; C. rtwistja, 
esgij lang werden, sich entfernen. 
jehakef, umarmen (Ti.). 
efiak<, fortnehmen; C. esfaik. 
geräria, geschwollen sein; C. geraresQcu 
ahumja, hineingehen, -kommen; C. shumeshja. 
öria, begraben; P. drtnia; C. öresia. 
^kses, zusammenrollen (die Matte); C. ciskctses; P. ikses, 
etmuk, einwickeln; C. esdemok» 
jeäker, hart, stark, grob werden; C. esäker, verharten, grob machen; 

akra, grob. 
edügy Spioniren; C. esödug; edogwa, Spion. 

ümma, erschrecken; N, et»/«*, Schrecken; C. esimma; meha, erschrocken. 
eta, eng sein; C. esdtUj beengen; eta, ataloj, eng. 
ehharr, aufwachen; C. esebharr, aufwecken; hera^ wachend. 
fherguit, der Hunger; hSrgoa, hungrig; jeherög, hungern; C. asherög, 
auer, machen; C. esuer, 

hnshdy spalten; P. etmeshä; C. shishmesha; meshdo, gespalten. 
ofija, schliessen; P. esemja; C. esi^a; dsama, geschlossen. 
ogöi, müde werden; C. esgöi, müde machen. 

enau, mangeln, fehlen; C. esono; N. menou, Mangel, Abwesenheit. 
ennok, ermüden; C. esenok. 

eda, schlagen; C. eshoda; P. etoda; d'da, der Schlag. 
efoTy fliehen; C. eafor; fora, Flüchtling; ferat, Flucht. 
o^ege, der Hauch; egäte^ rauchen; C. egdsija, 
nasremjay siegen (ar.). 
teminiy Bürge (ar.); thnena, bürgen. 
madjul, Bürge; edjelljej bürgen. 

kodie, verloren gehen; kodishie, verlieren; koda, verloren. 
ashhat, ausgleiten. 
deha, fett; edha, fett werden; eshodha, fett machen; te*edha, die 

Fettigkeit 
nehau, Magerkeit; nehaue^ mager; A. ennehau, magern; C. esenhau, 
tega, schwer, fest, sehr (bezeichnet auch den Superlativ); tegia, schwer 

sein; C. tigesja; N. meteg. Schwere. 
enSfr, geheilt werden; C. esenhrr, heilen; N. menSr, Heilung, Gesundheit. 
ökui, sich kleiden; C. esdok, bekleiden; PP. akuaju, bekleidet. 
shuk, das Selbst, die Seele, der Athem; etnshukja, athmen. 
hemJiemja, wiehern (Ti.). 



Digitized by 



Google 



360 Ueber die Sprache To'bedauie. 

tgtf, sich stossen; esögef, anstossen; N. megefj Anstoss; nUgefenaf An« 

stoss gebend. 
hdleij Idiot, verrückt; hatiOf verrückt werden; hdleaja, verrückt machen; 

o^hdle, Verrücktheit 
ashegia, sich beeilen; Adv. esMgd, schnell. 

o^new, der Schimpf; newja, beschimpfen; P. newomja; C. netoisia, 
egid, werfen; C. eaögid; P. etogad; N. o'gad, der Wurf; PP. ö'atogda, 

das Geworfene. 
oksha, die Lanze werfen. 

jeidem, klein werden; C. esheedem, verkleinern; edemie, klein. 
ishdOf mischen, vermengen; P. emshaoei. 
bolaja, spielen; C. bolasia. 
o^da, der Feldbau; jeaden^ das Feld bauen; o^ädena, der Bauer; C. 

esady biu3n lassen. 
to'hin, die Furcht; ebbän, fürchten; C, esebbän; banloi, furchtsam. 
o^shinger, die HässlicHkeit; shingera, hässlich; shingeria, h&sslich werden; 

C. shingerisja, entstellen. 
te'mUo, die Thräne; melocya, Thränen vergiessen; C. melodisia. 
shof, leicht, leichtsinnig ; enshof, leicht sein ; C. enshinshof; N. te^shäfa, 

die Leichtigkeit. 
jo^kaesa, die Erbschaft; hossamja, beerben. 

damja, essen; C. ddmsia; te'edemte, das Essen; te^memta, das Nähren. 
tefUreTf fertig, aufgezehrt sein; eshero^ aufzehren, fertig machen. 
edir, heirathen; P. tedarty verheirathet werden; C. esederr, verhei- 

rathen; derr, Heirath. 
erneg, schlecht werden; amago, schlecht, bös; N. mdme^, Schlechtigkeit; 

C. asotneg, verschlechtem. 
fabab, die Verachtung; äbabja, verachten; P. dbdbemja; C. ahöhe^a^ 

o^dbäbena, der Verächter; o^<ü>abema, der Verachtete. 
egser, die Lüge; 6* güsser e, der Lügner; ogwaser, lügen; C. esgtoaser. 
mam, das Reiten; jedmm, reiten; Imp. ama, reitet esdmm, reiten 

lassen. 
efnek, beissen; C. esfenük; P. etfenäk; N. te^mefnek, das Beissen. 
hugjat mahlen; o'hug, das Mahlen; C. hügusja; P. hügemia\ fhügma^ 

die Mahlende. 
ennok, fein sein (vom Mehl); nok, fein; G. isenok. 
o^mu, Nässe, Feuchtigkeit; meija, feucht werden; G. me^a, anfeuchten; 

N. mesdiby das Anfeuchten. 
biddefja, schwimmen; C. bedefi^a, 
tofro, fem. sie hat geboren; c/re, geboren werden; o^frei, die Geburt; 

to^mofrS, das Gebären; G. esfer, gebären helfen; te^sfdrene, die Ge- 
burtshelferin. 
geif neu; egiü, sich erneuern; G. esegiei, erneuern. 
kedje, säugen; G. kedishje, säugen lassen. 
jedrrj sich nähren, leben; G. esdrr, unterhalten; N. marrit, Nahrung, 

Unterhalt. 



Digitized by 



Google 



(Jeber die Sprache To'bedauie. 361 

t^delli, 'das Loch; edia, ein Loch machen, durchbohren; P. etdela; 
C. esdela; dday ausgebohrt 

demia, stinkend; edmije, stinken; G. eshdem; N. te*demiet, der Gestank. 

ebäden, vergessen; C. eshbäden; P. etbeddän; N. to'bdnet, das Ver- 
gessen; badene, vergesslich. 

eftegg, ausziehen (einen Pfahl); P. etfetdg; N. oytüg, das Ausreissen. 

o^je^, das Aufstehen, Weggehen; ^'eib'a, aufstehen; C. jiki^ja. 

htssen^a, vorübergehen; G. hesisia; hasscnnana, Vorübergehender. 

J:o8, Zahlung; oksi, zahlen (eine Schuld); G. iskos; P. okse, 
. emirUf finden; P. etmerei; G. estner; N. o^tnrei, der Fund. 

elu, hängen; G. esiselu, aufhängen. 

dübby der Fall; dübja, fallen. 

shelek, wenig; eahleh, wenig werden; C. eshisheUk. 

efiäk, tragen; C. esfäik. 

dafia, das Rauchbad nehmen (von der Frau). 

eribi, laden, belasten; G. ^ereb; N. eribe, Last. 

ddregja, können, vermögen; o^dreg, die Kraft; G. adregUfja. ^ 

egem, nicht wissen, ignoriren. 

te'inen, das Antimonium; annjaf die Augen schminken; P. onutnja. 

nelUss, reinlich; nehess, rein sein; enhess, reinigen; G. esenhdss. 

henwisjaf beschämt, bescheiden sein. 

funkuy die Schwangere; A. nokuet; unku, fem. tunku, schwanger wer- 
den; G. asnok, schwängern. 

keta, rein, hell; ketja, hell werden (vom Wasser); G. keti^a, 

kebja, inivit mulierem; N. o^keb; P. kibemja; fem. kebSmte. 

neösemja, sich zanken. 

ekU, bissig sein (in Worten), wollüstig sein; Adj. ekiil, bissig, wollüstig. 

härerOj leer; j^errer, leer werden; esherro, leeren. 

eshhibb, besuchen. 

em^i rasiren; P. etöman; G. esömen; N. matte, das Rasiren; te^nUnen, 
das Rasirmesser. 

shibub, das Sehen; eahbib, sehen; P. eshdebob. 

rehjäf sehen (Ti., ar.); N. «rÄc, das Sehen; G. erhi^a; P. rthdmja. 

Mdeby füllen; G. essödeb; P. teddeb; N. o*dabb, das Füllen. 

jeager, zurückkehren; jeeger, zurückgeben; G. eseger, zurückgeben lassen. 
o^ogur, die Rückgabe; o'mäger, die Rückkehr. 

^/cid, lachen; G. esfeid; e'fied, das Lachen. 

^e'Ären^^, das Schnarchen; Ä;eti^na, schnarchen. 

t&d&Ja, reisen; oHbdbkena, der Reisende. 

o'6e2)e&, der Rost; asabeb, rosten. 

oHwash, der Schmutz; jetro^^ta, sich beschmutzen; C. jewashishia, be- 
schmutzen. 

eddmeTf sich beschmutzen. 

belin^a, sich trocknen; belema, trocken; G. belimsia, trocknen; N. &e- 
lemsdiby das Trocknen. 

icoshik, das Pfeifen; woshikie, pfeifen. 



Digitized by 



Google 



362 üeber die Sprache To'bedauie. 

onfek, flatum ventris emisit. 

eiwe, dursten; C. esidu, durstig machen; N. te^jaue, der Durst; juCj 

durstig. 
embelelj Traum; embelajja, tr&umen; C. embeldlesia; emheldlena, Träumer. 
o^duf, der Schweiss; dufja, schwitzen; C. dufesja, 
mehje, genügen; mehtni heb, es genügt mir. 

geb, Sattheit; gebja, satt werden; C. gibesja, sättigen; geba, satt. 
o^mormoi, die Begleitung, das Gefolge; o^mormi, der Begleiter; omörctnh 

begleiten, folgen; C. esörefin, begleiten lassen, Begleitung mitgeben, 
esw o#a, Auftrag, Testament; emäta, Auftrag geben, ein Testament machen; 

C. esisnata. 
jeelel, krümmen. 
jeheneg, kiümmen. 
haurikenja, herumlaufen, flaner. 
to^shish, der Husten; eshish, husten. 

edde, einem Mann die Haare frisiren; P. emediai, die Haare frisirt haben; 
.C. esddCj frisiren lassen; emedia, frisirt. 
o^hadguiy die Frauenfrisur; jehddug, eine Frau frisiren; P. imhddog^ 

frisirt werden; C. eshadog. 
ehe, efiy sein, Hülfszeitwort. 

edif, übersetzen (über den Strom); C. esödif; N. mendafi. Fuhrt. 
onhts, mangeln, unvollständig sein; C. sonkus; Adj. n^iis, unvollständig. 
toküje, springen; C. tökesja. 

ferja (TL), fliegen; N. o'ferdi, das Fliegen; C. feresja, 
börekja, fliegen; N. o^börekdi, das Fliegen. 
idi, machen, wie auer. 
hSimia, neu aufgehen (vom Mond). 
bßja = 8akja, gehen. 
haued, den Abend zubringen; C. eshdued; N. hauda, das Zubringen 

(6*hauad, die Nacht). 
hemendja, Abends verreisen; N. hemenit, der Abend. 
askerremy früh Morgens verreisen; C. asiskerrem; N. sekermotj das frühe 

Verreisen. 
mehija, Morgen werden; o^mhi, der Morgen; mehissia, den Morgen 

zubringen. 
jditn, den Tag zubringen; C. asejem. 
meramjej rauben, verwüsten; P. merametnje. 
noddri, schön; noddriey schön werden; C. noadrisia, verschönem; N. 

noadribj Schönheit. 
neheff, sauber werden; C. esinheff, säubern. 
eshetn, helfen. 

wolikj der Schrei; wöHkja, zu Hülfe schreien. 
hdbia, pflastern (das Haus etc.) 
egda, hinuntergehen (den Berg). 
ashushy Empfang; jewÄcsÄ, empfangen. 
^ftd, auseinanderbringen, trennen; C. esfetd; lif, fethäb, Trennung. 



Digitized by 



Google 



Substantive und Adjective. 



AUähij (ar.), Gott. 
o^änkuane, der Herr Gott. 

» o*hilib, der Mächtige. 

» o^edergaby der Starke. 

o'melek^ ar., der Engel. 
o'hlis, PI. e'hhse, der Teufel (ar. 

Iblü), 
te^serda, die Wahrsagerin (Ti. serdeit), 
te^stUl, das Gebet. 
o^b^e, der Regen. 
te^b^e, das Firmament. 
te^dinncy der Himmel (ar. Djtnne/). 
o*kefri, der Ungläubige (ar. hafir). 
o^mesellemi , der Muslim; A. mesel- 

lemib. 
o^b^äm, der Wind. 
2>6raw heram, Sturm. 
ö'aulei, der Bergwind. 
ie'njcntZdd, der Regenschauer. 
kelönfet, anhaltender Regen. 
olessOy PI. Hesso, die Wolke; A. 

lessob. 
o'gim (Ti.), der Nebel. 
6*say der Thau. 
te^hudy der Donner. 
t^telaUy der Blitz, 
em&t, Hagel. 
o'h^oky der Stern. 
to^ein, die Sonne. 
o'idrik, der Mond. 



Vedriky der Mondschein. 
te^hedaddebifiy die Finstemiss. 
te^edite, der grosse Bär. 
aseremad, die Woche. 
o^huhe, der Tag. 
e/e^ (Ti.), Termin. 
o'<?or, die Zeit; A. (?ore. 
o^krum; PI. e^krum, der Morgen; A. 

PI. ÄJorMmaft. 
nebohob, Nachmittag. 
englHreb, Abend (ar. moghreb), 
akohitak, vor Nachi 
o^hatidd, PI. je^haüed, die Nacht. 
leheit, morgen, demain. 

» betkait, übermorgen, 
crö, gestern, 
ere betkait, vorgestern. 
am«e, heute. 
te^hebi, die Regenzeit, 
se«^', der Frühherbst (September 

und October. 
emab, der Winter (Novbr. — März). 
'mhagai , die trockene Zeit. 
te^ein mofreiy Sonnenaufgang, Ost. 
te''ein dübb, Sonnenuntergang, West. 
te^gtbh, der Nord (ar. Direction von 

Mekka.) 
o^sid, der Süd. 
tonnet das Feuer; A. net, 
te'had, die Gluthkohle. 



Digitized by 



Google 



364 



üeber die Sprache To'bedaoie. 



o'hash, der Staub. 

net hash, Asche. 

o'sögudi der Feuerbrand. 

o'jem^ PL e'em, das Wasser j A.jem. 

edjemid, Regenwasser. 

o^dejo, der Teich; A. dejo. 

o'kuann, PI. e^kuenn, der Strom. 

taba, PI. tabat, Torrent. 

taba enferis, Torrentmündung. 

o'di^äg, PL e'deregy das Ufer. 

loh, Bachrinne. 

gtiedj, PL guedjab, Quelle. 

o^baher, das Meer, das grosse Wasser. 

» o'endffer, das Süsswasser, 
Fluss. 

» o^hameb, das Salzwasser. 
«o'^M«, PL te^bura, die Erde, Land, 

Gebiet; A. bur, PL öwraf. 
^e'kejejy der Thon. 
olugg, der Koth. 
te^isse, der Stromsand; A. e««^. 
o^beledy ar., das Vaterland, 
o'a««, PL je'awe, der Stein; A. atieb. 
sikuauneb, Quarzit. 
gagerhush, verwitterter Granit. 
sotauib, Thonschiefer. 
o'berr (ar. harr), Land, Wildniss. 
o*meläl, die Wüste. 
te'kdnbul, PL te'kenbel, der HügeL 
o'orfta, PL c'grda, der Berg. 
o'kary PL e'ifccrr, die Schlucht, Thal. 
o^haddy die Ebene. 
te'legi, PL te'legiäd, der Weg. 
*e'<7erd6t, PL te^gdrätja, der Pfad. 
sheJhoteniby Abgrund, Rain. 
o^kaddaiy Bergsattel. 
te^risha, der Berggipfel. 
o'cio ; PL e'<f 0, Wasserbecken im Fels. 
tore, Brunnen. 

tö*8ura; PL te'sura, die Tränke. 
e(2e?e, Loch. 

o'deruk, der Wassertrog. 
bcUak, Dickicht 
herbob, ABhang, Thonwand. 
oHekk, der Mann. 
t^tekäy die Frau. 



endabf Männer. 

ummaty Menschen. 

admibj Kinder Adam's. 

te^may die Frauen. 

o^oTy PL je^-er, der Knabe. 

^'or, PL fer, das Mädchen. 

o'tj'aZ, die Familie (ar.). 

baby Vater. 

endet y Mutter. 

o^hotOy die Grossmutter. 

6*hobOy der Grossvater. 

o'dwro, der Onkel. 

t^deratOy die Tante. 

end^'e endo<iy Mutterland, -stamm. 

babie endaa, Vaterland, -stamm. 

•d^hamoy der Schwiegervater (Ti.). 

te^hamOy die Schwiegermutter. 

ö^mälljOy der Schwager. 

te'mdlitOy die Schwägerin. 

kwdby weiblich. 

rebäby männlich. 

o^hijOy der Gemahl. 

te^hijOy die Gemahlin. 

te^däkenidf die Thiere. 

teHijo; PL eHijoty das wilde Thier. 

oreo, zahmes Thier. 

o'fi^a, PL e'«Aa, die Kuh; A. ahdb, 

te'näjy die Ziege. 

teHeay die Ziegen. 

o*boky PL e'&eA;, der Ziegenbock. 

o^nüy PL e'na, der Schafbock. 

o'jOy PL c^o, der Stier; A:job. 

Job kotiby verschnittener Stier. 

aby männliches Zicklein 1 «. ,■, 

übet, weibliches » / ' 

re&a&, männl. Junge von mitüerm 

Alter. 
teWengeniy PL eVenpcnc, weibl. Junge 

von mittl. Alter; A. rengenä>, 
ö*legay das männl. Kalb (TL). 
endady weibl. Kalb. 
to^jue, PL te'juey die junge Kuh; A» 

juet. 
alandojiiy zum ersten Mal trächtige 

Kuh. 
shuijaby trächtige Kuh, 



Digitized by 



Google 



üeber die Sprache To'bedanie. 



365 



dehäla, einjährige Kuh. 
melohkreb, 2 jähr. Kuh, \ nach den 
fedig nateb, 3j&hr. Kuh, / Zähnen. 
dtrm, PI. dirmad, Heerde. 
shekuaf PL sJ^kudb, Hirte. 
flaue, Domenzaun. 
to*dinn, PL te'denn. Dorn; A. dint, 
o*hcataiy der Hengst, ^PL e^hattat, 
te'hattaiy die Stute, | die Pferde. 
o'mek, PL e^mek, der EseL 
to'mek, PL te'mek, die Eselin. 
ö'jas, der Hund, 1 PL e^es, die 
^o'jos, die Hündin, / Hunde. 
to*€^jüfflmOy PL te'djümmo, die Katze 

(Ti.). 
o'Äror, PL A. korab, Sattel (Ti.). 
o'Ugam, der Zaum, Gebiss (Ti.). 
o'krub, der Elefant; PL A. kurbab. 
o^woeje, der Rüssel, 
o'do, PL c'da, Elefantenzahn; A. dafc. 
haris, Nashorn (Ti.). 
o'küire, PL e'küire, der Strauss; 

PL A. küirib, küilH. 
kuhib, Ei. 
(iiÄ:, Hahn (ar.). 
kaUy Perlhuhn. 
rebekau, Rebhuhn. 
totel, das Tora (Ti.). 
koddte, dasB'eza, fl.dH» äthiop. 

rahob, Gazelle. 

seräf, Giraffe. 

eräb, grosse, weisse Gazelle. 

derkua haUob, Schildkröte. 

Umab (Ti. alma)^ Krokodil. 

abdergegdb, Riesenschlange. 

korkuor, PL korkuorab, Schlange. 

gedit, eine Art schwarzer Gift- 
schlange. 

riahy Straussenfedem (ar.). 

anbor, PL enber, Flügel, Feder. 

Jfcerat, PL kerei , Hyäne (Ti.). 

d'hada, Löwe; PL A. haddb. 

lengig, PL lengigdb , Leopard. 

o'emeno, A. menoft, Hyänenhund, 
Toqla. 



a^a5a (Ti.), Büffel. 

to^keleiy PL c'Äcfet, der Vogel; A» 

o'do, PL e'do, Wurm, Käfer; A. dob. 

t^aud, der Honig. 

o'ujut, PL <e*ait, die Biene. 

o>/a, PL ^tifa, die Fliege; A. tifab. 

toHat, die Ijaus. 

Mre«^, die Kameellaus. 

to^se, die rothe Kameellaus. 

beram, Zecken. 

jaue, Heuschrecken. 

to'gibb, PL te'gba, die Maus; A. gebot. 

lolis, Tausendfuss; lat. julus. 

hanganöb, hangandt, Ameise. 

o^kam, PL e^kam, Kameeh 

to'kam, PL te'kam, Kameel- \ Ankämet. 
Stute. f 

o*ankua, der Höcker. 

kwikwei, Adler. 

banob, grosser Geier. 

oUdlafiko, der Affe; A. lalankob. 

oUehumbo, id., A. lehumbob. 

waga, der Totachaffe. 

kebbhri, Taube. 

jemgonnib, wilde Ente (eig. Wasser- 
hüter). 

teHenalo; A. tenalöb, Skorpion. 

o'goi; PL e'goi; A. gojäb, Kröte. 

o^ad, die süsse Milch. 

te'mesa, die Buttermilch. 

^o'(2ii&&, die geronnene Milch. 

ö'simil, die Butter. 

o^la, der Schmalz. 

^o'sdmwm, das Fett 

o'helei, der Hase; A. PL helejdb. 

o'baha, PL ^baha, das Beni IsraeL 

meläliknii, eig. wilde Ziege, die 



negnegöb, Eidechse. 
harduie, Wildschwein (Ti.). 
te'edf, PL i^edfa, die Rinde; A. 

edfat. 
o'demo, die Rinde, der Bast. 
o*hindi, PL je'hindi, der Baum; A. 



Digitized by 



Google 



366 



Ueber die Sprache To^bedauie. 



gedem, Wurzel. 

toWat, das Blatt. 

teheky Wald. 

o^homr, die Adansonia (Ti. u. ar.). 

tauHj die Aqba, Mimosenart. 

teHesho, der Higligbaom. 

te^gaba^ Bhamnus Nebeka (ambar. 

gdba). 
o^gäbüf die Fracht des Nebek. 
diüa, die Hafule (Fruchtbaum). 
kitr, eine Art Mimose. 
.o^arade, die Tamarinde; A. ar<ndeb 

(Ti.). 
o^ama^ die Tamariske. 
o^ajca, die Dampalme. 
te^aka^ die Dumfrucht. 
toladj der Palmzweig, Djerid. 
serobj der Serobbaum. 
mika, der Gersabaum (Salvadora 

pers.?) 
kam, der Hamtebaum. 
o*en({era, der Aahebaam. 
ö'hib, der Ädai, | alles Baamarten 
o'o/ou, derGemroty Imit ihren Namen 
ito'*cta/,derTahtei,J im Tigre. 
o*hamag^ die Frucht. 
far^ Blüthe, Knospe. 
o^siam^ das Gra». 
serde^ das Serdetgras. 
tibedihy die wilde Tagossa. 
aahraUa^ lange Grasart. 
o^eldb, trockenes liegendes Hea. 
halilogoi, Heaart 
te'danay Kalebasse; Kürbis. 
o^herro, das Durra. 

» o^urbtm^ \ grosskömiges 

» o^umhtish,) vom Crash. 

» 6*bälut, das Durra von Al- 
geden. 

» o^basenei, das bittere Bazen- 
Dorra. 
o*guledy das Korn. 
o*b%y das Mehl; A. bib. 
o^agga, das Durraschilf; A. aggat. 
to'mii, der wilde Balsambaum (Ti. 
atnkua). 



kat^}udj, Ricinasstaude. 

demmarab, Gold. 

feshte^ das Silber; A. eshtSb. 

arer, Blei (Ti.). 

to^endif Eisen; A. endiL 

o^belo, das Kupfer; A. belob. 

gestir, Zinn (ar.). 

ö^gau, PL e^gauy das Haas; A. gaudb 

H&user. 
o^endooy Ansiedlang, Familie, Stamm. 
o^f^ommar, PI. je^hhnmery Zelt 
&eda&. Matte. 

imbadi, Matte als Bettteppich. 
te^dagina, Feaerheerd. 
to^jait, das Seil. 
o^helal, der Kelal, Haarnadel von 

Holz. 
itierwed (Ti.), Fingerring. 
X;o2e/, silbernes Armband. 
bela, der Rehat der Mädchen (Ti. 

belat). 
o^kma, PI. ^kma, hörnernes Armband. 
totale, PL te'aley die Glasperle; A. 

a7at. 
to'gde, Wollkleid. 

o'hdlek, das Kleid; PL A. halakäb, 
oV {7c^(2a, der Lederschorz (Ti. nodcT (^ . 
to*me1kei, das Kopftuch, der Schleier. 
o^kerkeb, Stadtsandalen. 
te^geddd, einfache Beduinensandalen. 
o^kwoleiy PL e'ktoolt^ey der Stock, 

A. PL kwolejab, 
to^sirty der Stab, Stange; A. sirrt. 
eheUi, gekrümmte Zeltstange. 
mokudty id. 
dakiUf Zeltstütze (Ti.). 
o^ad, der grosse Kochtopf. 
ö'nkaliu^ der kleine » 
o^kal, wasserdichter Korb. 
o*amur (Ti.), geflochtene Schüssel. 
te^Mddla^ hölzerne Schüssel. 
tt^guffa^ ein geflochtener Sack. 
otenHy Mattenteppich. 
o^nal, PL 6*1101 y das Angar^b. 
o^oUib, der BreL 
o^giddf, ein Vorhang von Matte. 



Digitized by 



Google 



Ueber die Sprache To*bedauie. 



367 



o^kerari, ein Vorhang von Ba8t(Ti.). 

emtaras, Kopfkissen von Holz (Ti.). 

o^gder, eiserne Brodpfanne (ar.). 

tonbak, Tabak. 

te'daüe (ar. dauie)y Pfeife. 

oHem, das Brod, Polenta. 

» o^hemraby das gesäuerte Brod. 
» o'gasis, das ungesäuerte Brod. 

te'difo (Ti. djifot), gekochte Durra- 
kömer. 

te^hogguay Tabaksdose (Ti.). 

o^derdr (Ti.), Abendessen. 

o*mah(is8ei, das Morgenessen. 

o*entar, ein geflochtener Teller. 

torie, der grosse Mahlstein. 

metongohy der kleine Mahlstein. 

egesene, Zeltpfahl. 

o^embadety'PLe'embadabyäaB Schwert. 

te'meshmemy die Schwertscheide. 

to^fhid, die Lanze; PI. A. fendt. 

to^kenddbi, das Stieleisen der Lanze. 

o*g(tbif PL egbe, der Schild; A. gebeb. 

o'hendjery das Erummesser. 

edray Panzer (Ti. dere). 

to^düy PI. te^doy Gegenstand; A. dat. 

ö^ergudby lederner Schöpfeimer. 

o^nautty Schöpfseil. 

6*hareby der Schlauch (Ti.). 

mesttty Teppich. 

kankefy Sessel. 

te^sudhy der Spiegel. 

mesheggy ein Netz, um etwas darin 
aufzuhängen. 

t6*melaüy die kleine Axt. 

to^mesdr (Ti.), die grosse Axt. 

tnelote edity Axtstiel. 

te'shinshely die Kette (ar. Ti.). 

o^odarha, das Hydromel. 

ö'mashhay das Bier. 

te^futiy das Biermalz. 

to^bely der Lederschnrz. 
hodhodiby Rinne um das Zelt, um 
das Wasser abzuleiten. 

o^adty Pl.jVcdc, die Haut; A. edeb. 

aha ade, Kuhhaut. 

ade bishuky gegerbte Haut. 



ade aasuy ungegerbte Haut. 

o^Mlbetiy Butterschlauch. 

kabur (Ti.), Trommel. 

o^fidig, die Schuhsohle. 

o^mehely die Medicin. 

to*efOy das äussere Haus, die Flur. 

to^esse, das Innenhaus. 

to^garay der Hof, Umzäunung; A. 
garat 

ö*July der Faden. 

adarahit, Lumpen, Fetzen. 

o'herdOy Amulet; PI. A. herddb. 

o^saggi (Ti.), das Netz. 

sisity Kehrwisch. 

o^sity die Fleischbrühe. 

diffay Geschenk (Ti.). 

ketrauy Pech (ar.). 

simm, Gift (ar., Ti.). 

te^konsübety die Nadel. 

o^dey das Rauchbad der Fi-auen. 

o^nibesh; P^. A. nibeshay das Grab. 

te^dBbtty das Leichentuch. 

to^auy die Todtenklage. 

roguash (Ti.), Todtenopfer. 

emelegy Todtentanz. 

o^agumitty der Kopf; PI. A. gunndb. 

d'eje^ PI. je'eiy die Hand, der Arm. 

t^regedy PI. A. regeddby das Bein. 

sheneky Kinn, Bart. 

te*bitey PI. te^biijay die Stirn. 

o'jeffy PI. e'jafay der Mund. 

d*dnguily PI. je^anguly das Ohr. 

jefe hamOy Schnurrbart. 

to^kohy'Vl. te'korey der Zahn; A. 
koreb. 

o^g^iMfiy das Zahnfleisch. 

te^meshdkuoney die Schläfe. 

ederagy Wange. 

o^dahay PL e^dahä, Kinnlade. 

te^kökelemy Hinterkopf. 

miahken, Nacken. 

te^hamOy das Haar; A. hamob. 

o^dahy der kurze Haarwuchs, rund- 
geschnittenes Haar. 

shimbehdne, Augenbrauen. 

tdUy Hals. • 



Digitized by 



Google 



368 



Ueber die Sprache To'bedauie. 



o^guedj, PI. e^gttej, das Ange; PI. 

A. guedjäb. 
sibela, Gurgel, 
o'wirfaft, 'die Zunge. 
o^htrka, die Schulter. 
te'gana, die hoble Hand. 
te^gibab, die Brust. 
o^gina, das Herz. 
te^bäba, die Armhöhle. 
o^nug, PI. e^nugy die Mutterbrust 
o'/, der Bauch; A. ßh» 
toHefa, der Nabel. 
e^dembi, die Waden. 
neA^Äo, Oberarm. 
sekuka, Unterarm. 
o^guonnehü, die natürliche Elle. 
6*gtmba, der Ein- oder Eniebogen. 
eduidujo, Schienbein. 
tö*klubj der Knöchel. 
te^tibelei, die Zehen. 
te^sökenay der Fuss. « 
o^naff, PI. e'tic^, der Nagel, die 

Klaue. 
te^engidmüat^ das Rückgrat 
d^beiby die Rippe. 
to^sha, das Fleisch, A. «Äo* (vergL 

o'do/, das Fleischstück. 

te*onkola, die Niere. 

to^se, die Leber. 

e'mana, die Eingeweide. 

reged usurib, Vorderbein der Kuh. 

» urreb, Hinterbein der Kuh. 
enniwa, Schwanz. 

to^mitäty PI. te'mitet, der Knochen, 
o'&ot, das Blut. 
te'kedem, der Hintere. 
wod, Pud. mul. 
o^mid, Pud. masc. 
e*ula, die Hoden. 
o7uw, der Anus. 
rebob, die Scham. 
gidiby Gesicht. 
elenda, Schatten. 
o^mat; PI. A. matab, die Spur, 
o'^t^, der Daumen. 



boikutf der Embryo. 

teydhj der AugapfeL 

te^mikol, das Mark. 

am5a, menschliche Excremente. 

safareb, Mist. 

endoby Kuhexcremente. 

o'^^A^ hadalat, der Urin. 

endody Kameelexcremente. 

UPgenäde (Ti.), Leichnam. 

era, weiss; A. m. erdb; fem. ^a<. 

(idero, roth; A. m. äderob; fem. 

dderot. 
hadel, schwarz. 
döKf, braun. 

o'hdbiro, die Farbe (Ti.). 
olgumi, stumm (Ti.). 
o^ngewa, taub. 
o^homdshei, blind. 
6*gerrabeiy hinkend. 
idemboy krumm. 
hanni, steril. 
noÄrw«/, schwanger. 
amnatj Kindbetterin. 
däheniy gesund; A. dähenib. 
Jehd^ krank; A. m. Uhab, fem. lehat. 
te^kankanity das Fieber. 
o^worreby die Pocken. 
fi ttjoty Bauchgrimmen. 
o^haleg, die venerische Krankheit (Ti.) . 
o'begely der Tripper (TL begen), 
ö^asul, die Wunde. 
te'adjdüj Hiebwunde. 
berreshimia, venerische Beule. 
foet, der Eiter. 
to'kUlay der Schnupfen. 
farasjafy zahnlos. 
rtfofy aufgeblasen (von Körper). 
gululi (Ti. guluT), Idiot, dumm. 
delha, linkhändig; A. ddhab, 
fennoMt, die monaÜ. Reinigung. 
te'fenhi, die Frau in den Regeln. 
te^nekirij die Wittwe. 
nedaiy Waise. 

shekena, volljährig, mannbar. 
titUy Zwilling. 
o^malai, die Kraft. 



Digitized by 



Google 



üeber die Sprache To'bedanie. 



369 



ierad, stark (Ti.). 

heriahenöi, arglistig. 

ginniy gescheidt, fröhlich. 

fadab, mathig (Ti.). 

hatera, id. (TL). 

oWiiro^ der Freund; A. rerdb. 

c^asho, der Feind; A. aahob. 

oWohena^ id.; A. rohenah, 

eaurkena, der Aeltere, der Erste 

(von esur). 
hesTj Geschäft ; hesrhena, beschäftigt. 
c^hamädda, PL je^ham&dda^ der 

Räuber; A. hamadddb. 
/e'm'e, die Lust, Geschmack; TLme^. 
c^badhibf der Zeuge. 
tt'beddehay das Zengniss. 
te'kerame, das Almosen (ar.). 
o/hc, Streit 
te^dä?ienij der Friede. 
nuisig, id. (?) 
^«Bdft; Ursache (Ti.). 
o'moÄ^uere, die Kälte. 
te'gnübi^ die Schuld, Sünde. 
tesni, die hergebrachte Sitte. 
<>*inetlauif das Heiraths-MeÜo. 
^o'moX;, der Nackenpreis der Frau. 
daiy gut; A. däib; dai dt«, es ist 

gut, 
wuurm, gross. 
dij klein. 

iouera, anders, verschieden. 
nefedy süss, wohlschmeckend. 
€«^a, ungesalbt, trocken (vom Haar). 



äOcenaj passgehendes (Pferd). 

shuär, Galopp (TL). 

gerweliniy schnellgehendes (Pferd). 

fafariniy trabendes (Pferd). 

mei godib, rechts. 

tera godib, links. 

hädcTj freigebig. 

o'hadariy der Wirth (Ti.). 

o^anma , PL je^amne , der Gast. 

ahera, das kanonische Recht; ar. 
sherie. 

to^ktaby das Buch (Koran). 

indjoru, frei, edeL 

tnogddem, böse Zunge. 

te^hunguni, die Räude. 

to'mer&a, die Rache (Ti.). 

meskin, arm (ar.). 

sidku, wahr (ar.). 

ieY^a, die Kopffrisur der Männer; 
A. /etat. 

je^eshei, das verlassene Lager. 

HaasOy der die Tigr^sprache spricht» 
ar. Chassa. 

to^hassa, das Tigr^. 

Mäkäde, der Abyssinier. 

ö*Bidaui, 1) der das Bedauie spricht; 
2) Unterworfener. 

t6*B(tdau%e, die Sprache dieses Na- 
mens. 

o^Belaui, \) der Herr, der Adliche, 
2) der Belou. 

o^kiaha, PL jt'kUhay der Sklave. 

to^kisha, VI. je^kisha, die Sklavin. 



Ifansinger, Ottofrtk. Studien. 



24 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 



Eeise durch das Land der Kunäma. 



24* 



Digitized by LnOOQ IC 



Digitized by VjOOQ IC 



Sarae. 



Bevor wir die Reise durch das Land der Kun&ma antreten, 
wollen wir uns Land und Volk von Sarae etwas näher an- 
schauen. Man darf sich nicht verhehlen, dass die Reisenden, 
welche Abyssinien erforscht haben, sich meist den* grossen 
Strassen nach hielten, sodass sie nur ein unvollständiges, ja 
sogar parteiisches Bild davon gegeben haben. Diess wird 
um so bedenklicher, wenn wir wissen, dass die Abyssinier, 
je vertrauter sie mit den Europäern sind, um so schlechter 
und verschmitzter werden, sodass nur eine Reise durch die 
von Fremden unberührte Provinz «uns den Einwohner in seinem 
wahren Charakter zeigen kann. Die paar Tage, die wir in 
Mai Sheka mit alten guten Bekannten verbrachten, genügten 
freilich für ein tieferes Eindringen in did Landesverhältnisse 
nicht; doch hatten wir seit Jahren mit Leuten von Sarae viel 
und eng verkehrt und so geben wir die folgenden Notizen als 
einen kleinen Beitrag zur Kunde des Landes. 

Geographisch ist Sarae ziemlich bekannt. Es zeigt sich 
uns als Hochland am rechten Ufer des Mareb, von dessen 
Bogen es theilweise umflossen wird. Gegen Nordwest, wo der 
Bogen sich öflnet, flacht es sich als Qolla allmählig gegen 
das Barka ab; von Süden und Westen wird es durch das sehr 



Digitized by 



Google 



374 Heise durch das Land der Kan&ma. 

tiefe Thal des Mareb von dem gegenüberliegenden Hochland 
von Aggela und Okulekusei, der directen Fortsetzung des 
Hamasen, scharf getrennt. Nur im Norden geht es fast eben 
in die Fläche des Hamasen über, wo die Höhen von Abba 
Matta die Grenzlinie bilden. Das Marebthal ist als QoUa 
Tedrer und als QoUa Gundet bekannt; beide gehören dem 
Sarae nur halb an. Die eigentliche Qolla Sarae aber, ge- 
wöhnlich auch Dembelas genannt, sinkt von 5 — 3000 Fuss 
gegen NW. ab; sie harrt noch immer genauerer Untersuchung 
und verdient sie. 

So ist das eigentliche Hochland von Sarae (die Daga) eine 
eigentliche Fortsetzung des Plateaus von Tsasega (7000 F.); 
nur liegt es niedriger (durchschnittlich 6000 F.). Die Fläche 
ist hier häufiger durch Hügelreihen und Thaleinschnitte unter- 
brochen und sowohl durch die Unebenheit des Bodens, als 
durch die gegenüberliegenden Hochebenen des .Okulekusei vor 
den Ostwinden mehr geschützt, weswegen auch das Klima viel 
milder ist. Auch der Boden ist vom Hamasen verschieden; 
der Fels tritt häufiger hervor; wo er fehlt, ist der Boden von 
dichtgesäeten grossen Rollsteindii bedeckt, welche die Feuch- 
tigkeit erhalten. In dem Fels finden steh zahlreiche sehr ge- 
räumige Höhlen, wohin in Kriegsnöthen Hab und Gut, ja 
Menschen und Vieh gerettet werden. Die Erde der Daga ist 
schwarz. Eisen findet sich jmr bei Anäbetta und im Dem- 
belas. Die Daga ist reich an fliessendem Wasser, während 
die Qolla ganz die Natur des Bogoslandes besitzt und Wasser 
nur in tiefen Brunnen gefunden werden kann. Das Klima 
der Daga ist sehr gesund; Fieber regieren nur in der Qolla. 
Die Kälte ist weniger empfindlich als im Hamasen, wo kein 
vorliegender Wall vor dem vom Meer aufeteigenden Nebel und 
Wind schützt 

Von den vorkommenden Culturpflanzen soll weiter unten 
die Bede sein. An Bäumen ist das Sarae reicher als das Ha- 
masen, doch sind sie nur in Thälem und Einschnitten sehr 
entwickelt, während die Ebenen immerhin baumlos genannt 



Digitized by 



Google 



Reise, durch das Land der Eimama. 375 

werden müssen. Die Schuld daran mögen die Winde tragen 
und der seit ewigen Zeiten nrbarmachende Mensch. Die 
Selien-Pahne kommt hier und da vor; Oliven (Woira) sind 
selten; allgemein ist die Euphorbia Qulqual in ganzen Wäl- 
dern. Von den andern Arten wollen wir nur die verbreitet- 
aten nennen: die Wonsa (Cordia abyssin.), die Sykomore Daro, 
dann die Fruchtbäume Mell^o (Malhetta), den Agam und 
,Häde. Die Gaba (Bhamnus Nebeka) kommt auch noch vor, 
aber fast ohne Frucht. Erwähnen wir noch der Aie, Woiwo 
und Tembuk, alle auch im Ansebalande gewöhnliche Bäume. 
Tamarinden finden sich erst in der Qolla. 

Wild findet sich im Hochland fa/at nur die Hyäne, der 
Schakal, das Zesseha und das Perlhuhn, während die Qolla 
alle jene Thiere besitzt, die wir am Anseba kennen gelernt 
haben. 

Das Jahr theilt sich hier in vier Jahreszeiten: 

1) die Regenzeit, Eeremt (von Juni bis September). 

2) die kalte Zeit, Qui (im Tigre Qaim) bis Januar. 

3) die trockene Zeit, Hägai, Februar und März, und 

4) die nasse heisse Zeit, Tsetja, April und Mai.'*') 

In dem Qui herrschen Ostwinde; der Hägai ist iasi wind- 
los; im April bringen die Nordwinde plötzliche Regengüsse 
als eine Art Vorwinter. Doch der anhaltende Diqanni genannte 
Regen wird vom S.- und SW.-Wind hergebracht und dauert 
bis Ende Juli, während das Ende der Regenzeit dem Nord- 
wind angehört und sich durch plötzliche kurzanhaltende Ge- 
witter charaktensirt. Auch im November fallen ausnahms- 
weise Regen. 

Das Land Sarae ist im Allgemeinen nur von einem Stamme, 
der Familie Atkame Mel6ggen, bewohnt; der erstere Name 
gehört gewiss dem Stammvater an; die Bedeutung von Me- 
leggen ist uns unklar. Im Land sollen früher die Mehiou 
und die Belou gewohnt haben, welche letztere wir im Barka 

*) Im Aetbiopischen XtAjB»', tsedei. 



Digitized by 



Google 



376 Reise durch das Land der Kan&ma. 

und Samhar wiederfindeiL Es bleiben uns von ihnen gut- 
. gemauerte Brunnen, Graber und dürftige NachkommenschafL. 
Der Rest der Bevölkerung, insofern sie nicht zum herrschen* 
den Stamm gehört, ist heterogenen Ursprungs. Die Atkame 
Meleggen schreiben sich Tom Salaua her, woher sie vor 
600 Jahren emgewandert sein sollen; sie halten sich also für 
Amhara. Ihre feindlichen Nachbarn jenseits des Mardbthals, 
die Okulekusei, rühmen sich desselben Ursprungs; sie sind 
nur in drei Stämmen bekannt: Okule, Eusein, Loggein. Die 
beiden ersten bilden die sehr bekannte starke Republik zwi- 
schen dem Tigre und dem Meer, wovon die Städte Halai und 
Dixa sich auszeichnen. Der dritte Stamm trennt das Sarae 
im Norden vom Hamasen, wozu er politisch gehört; er lebt 
in etwa 40 Dörfern zwischen Himberti und Teramni unter dem 
Namen Loggon Tshuan und zahlt 2500 Thaler Tribut an den 
Kaiser durch den Statthalter des Hamasen. Auch der regie- 
rende Stamm von Adiabo glaubt sich gleichen Ursprungs. 

Die eigentlichen Bewohner des Sarae erinnern sich jetzt 
kaum dieser Verwandtschaft; dagegen ist unbestritten, dass 
die am Gash wohnenden Hallenga von ihnen herstammen; 
man erzahlt, dass diese letztem wohl in Folge von Krieg 
den Mareb hinab fortgezogen sind. 

Betrachten wir also die Bewohner des Sarae, Adiabo und 
Okulekusei als Verwandte, so sehen wir einen grossen Stamm 
das Land schrägüber vom Meerabhang bis zum Barka be- 
wohnen und sogar einen Sprössling in's ferne Taka aussenden. 
Wichtig ist, dass dieser Stamm nicht autochthon ist, sondern 
sich der Einwanderung erinnert. 

Das Volk von Sarae zerfiUlt in folgende Abtheilungen: 

1) die Familie von Atkame bewohnt Teramni (nördlich von 
Godofelassie auf der Grenze des Hamasen). 

2) die Familie von Ato Anbesa bewohnt in 44 Dörfern 
Godofelassie; ihr angehörig ist auch Az Mongunti, nord- 
westlich von Godofelassie, auch in einigen 40 Dörfern; femer 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der KTm&ma. 



377 



finden sich einzelne ihrer Ansiedlungen in Teramni und 
Mai Tsade, so z. B. unser Mai Sheka. 

3) Die Familie von Johannis bewohnt Mai Tsade in 
55 Dörfern.*) 

4) Die Familie Ma^e hat Kohein inne; sie ist doppelt so 
stark, als die Ton Johannis. 

5) die Familie Tesfa bewohnt die Qolla Sarae, uneigentlich 
Dembelas genannt. Sie soll sehr ausgedehnt sein, aber ist 
uns nicht näher bekannt. 

6) Die Familien von Jakob und Akelom bewohnen Mara- 
gus, westlich von Mai Tsade, auch in 55 Dörfern. 
Diese sechs Familien stehen jetzt unter der Oberhoheit des 

Kaisers Theodoros, dem sie jede 1500 Thaler Tribut entrichten. 
Statthalter des Landes ist Heilu, der Fürst des Hamasen. 
Vom Tribut abgesehen stehen diese Familien sich gegenseitig 
und dem Ausland ziemlich selbstständig gegenüber. Während 
das Hamasen eine Art Monarchie bildet, gelangt das Sarae 
nie zu politischer Einheit. Die einzelnen Stämme hielten 



♦) Wir wollen beispielsweise die Dörfer von Mai Tsade aufzählen; 
mit a bezeichnen wir ein Dorf, das über 1000 Einwohner bat; mit m 
ein mittelgrosses, etwa 500 E. stark; mit n die kleinen Weiler von 
50 — 200 E. Der Name „Az" oder „Adi" ist synonym mit „Beit" und 
„Enda^ and bedeutet wie im Tigre Ansiedlung, Stamm, Familie, Haus, 
Dorf. Das Ganze heisst Enda Azmad Johannis, die Ansiedlung der 
Sprossen von Johannis. 

Az Wadsot, a. Beit Gabriel, m. 

Az Eettejo, n. Az Anker ti, a, 

Az Kettejo Tahtei n. Az Wottelech, a. 

Tennabach, a. Mosseda, m. 

Mametshakat, m. Az Qolaqol, n. 

End' abba Heishi n. Az Habber, n. 

Az Dsoggar, a. 

Addi Eensenaba, a. 

G'aben, a. 

Az Tshomai, n. 

Tem'ei, n. 

Az Achillo, n. 

Mai Sheka, n. 

Anagaben, a. 



Mehmad, m. 
Gadba, n. 
Badem, m. 
Anabetta, a. 
Az Auhe, n. 
fiananit, a. 
Az Taffa, a. 
Az Nefas, a. 
Az Koloto, n. 
Az Bahro, a. 
Az Kosmo, a. 



Az Sillo, n. 
Az Wodderki, n. 
Az Engana, a. 
Az Jejehi, a. 
Demba, a. 
Adi Haala, a. 
Az Keshi, m. 
'Abi Addi, ra. 
Az Arba, a. 
Seb*a, m. 
Adi Beg'e, a. 



Az Dongollo, n. Daro Konat, a. 
Tshendik, n. Az Atal, a. 
Az Ergeb, a. Adi Hambi, a. 



Az Hudug, a. 
'Abi addi, n. (IL) 
Az Eorei, a. 
Beit Zion, a. 
Az Byrh&n, m. 
Az Walido, n. 
Az Tsherger, n. 



Digitized by 



Google 



378 Beise durch das Land der EunanuL 

immer nur lose zusammen, machten Krieg und Frieden auf 
eigene Faust und bekämpften sich oft gegenseitig in blutiger 
Fehde. 

Die Nachkommen dieser sechs Familien betrachten sich 
als Brüder; wohl haben sich in jeder derselben besonders 
amtsfähige vornehmere Zweige gebildet, ohne aber aristokra- 
tisch sich zu versteinern. Recht sprechen die AeUesten der 
Familie; während der Schuldige im Hamasen auf das Leben 
des Königs citirt wird, muss er hier auf das Leben der Brüder- 
schaft (Dsagga hauat) geladen vor Gericht erscheinen. Selten 
wird an den kaiserlichen Statthalter Heilu appellirt, öfters 
in schwierigen Fällen an den Kaiser selbst. Das Land hat 
selbstständiges Blutgericht. In der Blutsverantwortlichkeit 
steht jede der sechs Familien für sich da. 

Das Sarae ist erst seit Kaiser Theodoros' Regierung an 
Heilu gekommen; seine Herrschaft ^drd selbst jetzt nur un- 
gern anerkannt und er kann sich nur dadurch behaupten, 
dass er die strätenden Stämme gegeneinander aufhetzt. £s 
fehlt den Leuten des Sarae an Einigkeit, wodurch sich die 
Republik Okulekusei so auszeichnet und stärkt. Die einzelnen 
Stämme lebten bisher in beständiger Blutfehde; besonders die 
QoUa Sarae ist schon durch ihre Entferntheit dem Gesammt- 
verbande sehr entfremdet. Dem Ausland gegenüber können 
sie sich selten einigen; daher sind ihnen das monarchisch 
regierte Hamasen und der fest zusammenhaltende geordnete 
Bund von ,Okulekusei sehr überlegen. 

Zum Hamasen stand das Sarae fast, immer in feindlichen 
Beziehungen; doch seit Dedjas Heilu durch des gefürchteten 
Theodoros Willen mit allem Land diesseits des Mareb. (Mareb 
mellash) belohnt worden ist, herrscht zwischen den zwei 
Provinzen fast ununterbrochener Friede. Ueberdiess stammt 
Heilu's Sohn Imam, der vermuthliche Amtsnachfolger, mütt^- 
licherseits von Mai Tsade, was die Herrschaft jedenfalls 
befestigt. 

Mit Okulekusei führt das Sarae seit undenklicher Zeit 



Digitized by 



Google 



Beise durch das Land der Eunama. • 379 

einen blutigen Krieg, den bis jetzt selbst die Befehle des 
Kaisers nicht beendigen konnten. Die Leute von Sarae, die 
nie zusammenhandeln können, unternehmen beständig Raub- 
züge gegen die Heerden ihrer Feinde, während die Okulekusei 
dann und wann den Heerbann erlassen und im offenen Krieg 
das Land Sarae vervrüsten. Noch vor neun Jahren wurde nahe 
bei Anäbetta eine grosse Schlacht geschlagen; die Feinde 
waren etwa 12,000 Mann stark in's Land gerückt; die Leute 
von Mai Tsade, die allein standen, stellten ihnen etwa 
8000 Mann entgegen; sie waren stark an Reiterei, während 
die Okulekusei viel Feuerwaffen hatten. Der Kampf wurde 
zum Nachtheil von Mai Tsade entschieden, einige Weiler ver- 
brannt, doch verloren sie nur etwa 400 Mann, während die 
Sieger etwa 800 Todte auf dem Schlachtfeld zurückliessen. 
Die Allgewalt des Kaisers allein wird diesem mörderischen 
Streit ein Ende .machen können. 

Man dai'f sich also nicht verwundern, wenn die Bevölke- 
rung sichtlich abnimmt; auch haben in den letzten Jahren 
verschiedene Krankheiten ihr sehr zugesetzt. Die Leute von 
Sarae klagen sehr über die schlechten Zeiten, besonders seit 
dem Regierungsautritt des jetzigen Kaisers, über die schlech- 
ten Emdten, den zunehmenden Wassermangel und die Ver- 
mehrung der schlechten Sitten. Ich glaube nicht zu über- 
treiben, wenn ich das Volk des ganzen Sarae auf mindestens 
300,000 Seelen schätze. Dazu gehören einige sogenannte 
Unterthanen verschiedenen Ursprungs, die aber durch nichts 
von dem Adel sich unterscheiden, indem sie nur des Her- 
kommens wegen etwas Bier oder Honig ihren Herren zu Weih- 
nachten bringen, und dann die wenigen Leibeigenen, die 
meistens im Lande geboren sind und nur den Namen der 
Knechtschaft übrig haben, indem sie sich mit den Freien -ver- 
heirathen. 

Da die Bevölkerung in keinem Verhältniss zum Boden 
steht, so liegt viel Land brach, der Bodenpreis ist gering und 
der Pacht besteht meist nur in einem Geschenk an den Eigen- 



Digitized by 



Google 



380 * Reise durch das Land der Eanima. 

thümer von der Erndte. Desungeacbtet lastet der Tribut, 
vergaugenen Verhältnissen angemessen, noch immer auf dem 
Boden, sodass die Eigenthümer für manchen brachliegenden 
Acker bezahlen müssen, während die wirklichen Nutzniesser, 
die landlosen Bauern, üst unbelastet sind. Der Ackerbau 
wird ziemlich sorgfältig betrieben; ich glaube, es wird nicht 
unnütz sein, wenn ich eine kleine Liste der Nutzpflanzen gebe. 
Voraus zu bemerken ist, dass die Leute von Sarae auch das 
nahgelegene Marebthal, besonders die Qolla Tedrer, zur Cultur 
benutzen; anderseits ist Eohein und Qolla Sarae fast ganz 
Tiefland. Die Hauptfrucht der Daga ist Thef , ^ilhrend Wei- 
zen fast unbekannt ist; die der Qolla das Durra Mashella. 
Ich setze die wissenschaftlichen botanischen Namen als be- 
kannt voraus. 

1) Der schwarze Thef (Poa abyss.) wird in der Daga und 
Qolla gebaut; der Boden wird zweimal aufeinander gepflügt; 
die Saat findet im August statt, die Erndte im October. 

2) Der weisse Thef gedeiht nur in der Daga; der Boden 
wird im Mai vorgepflügt, zum zweiten Mal im Juli vor der 
Saat; Erndte im folgenden Januar. 

3) Der Segem (Gerste), nur in der Daga. über 5000 Fuss. 
Die erste vorbereitende Pflügung (Dse^e) und die zweite 
über die unterlegte Saat (Häre?) folgen schnell aufeinan- 
der. Hatte der Boden brach gelegen, unterbleibt die 
Dse^e; die Saat wird dann auf den frisch geackerten 
Boden hingestreut und darüber weggepflügt Die Saat 
findet im Juni statt, die Erndte im September. 

4) Die Dagussa (Eleusine Tokusso), in der Daga und Qolla. 
Die erste Pflügung schon im September, die zweite Pflü- 
gung mit der Saat im nächsten Juli, die Erndte im 
•October. 

5) Die weisse Mashella (Sorghum vulg.), in der Daga und 
Qolla. Ohne alle Vorbereitung wird das Korn gesäet und 
darauf hingepflügt; Saat im Mai; Erndte im November 
oder December. 



Digitized by 



Google 



Beise durch das Land der Eundma. 381 

6) Die Mashella Woqar ebenso, doch in derQoUa seltener; 
wir haben sie auch auf ELalhal nnd in Geridsa gefunden; 
Saat im Juni, Emdte im Februar, in der Qolla etwas 
fiiiher. 

7) AJer (Erbsen). Nur in der Daga; Saat im September, 
Emdte im November. Ohne Dsege. Auch die folgenden 
Pflanzen bis mit Nr. 14 gehören der Daga an. 

8) Sabbere; wie die Erbsen, nur etwas später. 

9) Börsen (Linsen). Ebenso, auch ohne Dsege. 

10) En(a(e (Lein). Von Juni bis September, ohne Dsege; 
er wird gemahlen als Brei mit Pfeffer genossen; der 
Flachs bleibt unbenutzt. 

11) Baq61a, ebenso. 

12) Nuhuk (Guizotia oleifera), eine Oelpflanze. Von Juni bis 
November, ohne Dsege. 

13) Berberi, rother Pfeffer, vom November bis April, wird 
hier wenig gepflanzt 

14) Auch Tabak ist selten, da gegen das Bauchen ein reli- 
giöses Vorurtheil besteht und die Schnupfer indischen 
Tabak (Surati) von Massua beziehen« 

15) Odonguare (Bohnen), werden nur in der Qolla gebaut. 

16) Baumwolle (Tut, Öddub), wird ziemlich viel in der Qolla 
Sarae und in Eohein gebaut, sie hat weissen, starken, 
langen Faden. Sie wird in Eohein oft mit Durra ver- 
mischt ausgesäet, wo dann natürlich die Baumwolle das 
letztere überlebt und dann oft Jahre lang stehen bleibt 
Doch genügt sie keineswegs weder hier noch in Abyssinien 
überhaupt dem Bedarf; daher wird sie mit der viel ge- 
ringem Qualität, die von Bombai eingeftihrt wird, ver- 
mischt, von den Frauen zu Garn gesponnen und dann 
von Mohammedanern, die Webstühle haben, zu Zeugen 
verwoben. 

Getreidearten werden nie auf dem gleichen Feld vermischt 
ausgesäet, was an das mosaische Gesetz erinnert; eine Aus- 
nahme macht im Tiefland die Baumwolle. In der schwarzen 



Digitized by 



Google 



382 Beise durch das Land der Kundma. 

Erde, die man nie ausmhen lässt nnd nie düngt, folgen sich 
Thef, fibnn Mashella, dann Ater, dann wieder Thef n. s. w. 
In der rothen TieflandKrde wechseln Mashella und Dagussa. 
Beide werden nach Aufgang der Saat nodi einmal umgepflügt 
Düngung wird nur in der QoUa in magerem Granitaetett für 
Dagussa angewandt, indem man die Heerde einige Zeit lang 
im Felde übernachten lässt. Einen Monat nach der Saat 
werden alle Felder gejätet, ausser Erbsen, Linsen und Nuhuk, 
die das Unkraut nicht aufkommen lassen. Der Pflug unter- 
scheidet sich nicht vom gewöhnlichen abyssinischen. In der 
Daga wird die Pflugschar mit Eisen beschlagen, in der 
Qolla thut ein hartes Holz den Dienst; gepflügt wird nur mit 
Stieren; Esel und Pferde werden nie zur Landarbeit benutzt 
In Gregenden, wo Kühe das I^ima nicht aushalten können, 
werden Menschen an den Pflug gespannt, so in Adi Golbo, 
Mai Gor§o gegen den Mareb hin. Die reife Frucht wird mit 
dem Halm oder Schilf eingebracht, die Mashella ausgenom- 
men, die geschnitten wird; mit feuchtem Kuhmist wird im 
Freien ein Dreschboden gepflastert und das Korn von der 
Aehre getrennt, indem man eine Anzahl Stiere unaufhörlich 
über die ausgebreiteten Garben im Kreise herumtreibt. Dreschen 
vnvd nur bei ganz kleinen Quantitäten ausnahmsweise ange- 
wandt Der Miethbauer nimmt gewöhnlich ein Viertel der 
Emdte oder er wird eigens bezahlt und hat das Recht, einige 
Tage für eigene Rechnung zu arbeiten. Ausser dem Soldaten 
hat der Ackerbau wenig Feinde; Vögel sind beim Baummangel 
wenig da; die Heuschrecken erscheinen iasi nur jede zwanzig 
Jahre; der Käfer Dinshere, der so oft die Bogosemdte ver- 
nichtet, tritt nur in der Qolla auf. 

Im Sarae ist Viehzucht nur eine Nebensache; während es 
bei den Bogos und den andern Hirtenvölkern Herren gibt, die 
Hunderte von Kühen besitzen und selbst im benachbarten 
Gundet des Häuptlings Achilla 999 Kühe weitberühmt waren, 
haben im Sarae die Reichsten nur 10, 20 oder höchstens 
30 Stück, die nie weit weg vom Dorf zur Weide geführt 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 383 

werden tmd jede Nacht in die Umzäunung einkehren. Nur 
die Kälber werden in den Häusern über Nacht gduitten* Den 
Kühen wird zum Zeichen der Abkunft das eine Ohr geschlitzt. 
Auch hier, wie h&, den Bogos, gilt es für unanständig, dass 
eine Frau melkt; sonst kennt man hier wenig von den Sere 
oder verpönten Gebräuchen, die dort so in Schwung sind. 
Frische Butter und Ziegenmilch wird nicht genossen. Ziegen 
halten die Leute von Sarae fast keine, Schafe gar nicht. Da- 
gegen werden viele Pferde gehalten, doch müssen sie immer 
neu von Oberabyssinien rekrutirt werden, da keine eigentliche 
Zucht besteht; besser ist hierin das Hamasen bestellt, das 
viel Pferde und besonders schöne Maulthiere zieht. Des- 
wegen sieht man im Sarae meist nur Hengste, grösstentheils 
von Gallarace, da sie für den Krieg vorgezogen werden: kleine, 
aber sehr leichtf üssige , ausdauernde Thiere, merkwürdig ge- 
wöhnt, über das Geröll sicher zu galoppiren. Auch Maul- 
thiere findet man viele, die aber auch nicht im Land geboren 
sind. Dagegen besitzt das Sarae gute eingeborene Lastesel. 

Bienenzucht ist allgemein; die Körbe werden aus Mist 
geformt und an die Bäume befestigt. Der Honig wird im 
Land als Tedj getrunken, das Wachs geht nach Massua. 

Eigentlicher Handel ist wenig da; dagegen ist der Transit 
wichtig, da viele Kaufleute den Weg von Oberabyssinien über 
18hir6, Gundet, Mai Sheka, Godofelassie, Asmara, Ailet dem- 
jenigen über Adua und Dixa vorziehen, besonders um den 
Plackereien der Saho zu entgehen. In Godofelassie wird ein 
recht bedeutender Wochenmarkt gehalten, ebenso in Maragus 
und in Mai Mene. Die kaiserliche Douane, die von der in 
Adua abhängig ist, befindet sich in Godofelassie; sie wird 
meist verpachtet. 

Von Industrie kann kaum die Rede sein; von den Baum- 
wollenzeugen brauche ich nichts beizufügen, da sie sich nicht 
Ton den bekannten abyssinischen unterscheiden. Eisen wird 
geschmolzen und zu besonders schönen Lanzen und Messern 
verarbeitet. Von einer gewissen Grasart (Regh6) werden sehr 



Digitized by 



Google 



384 Reise dorch das Land der Kan&ma. 

nette Körbchen geflochten; gute Goldarbeiter finden sich in 
Godofelassie; andere Gewerbe sind nicht nöthig, da jeder sich 
selbst seine Kleider näht und niemand Schuhe trägt Die 
Leute Yon Sarae wohnen in Tsuqlo, den sudanarabischen 

Thuql (jjjb) in Namen und Form ähnlich, d. i. runden Stein- 
häusern mit konischem Strohdach, während dem Hamasen 
das Hydmo eigen ist, d. i. das viereckige Steinhaus mit flachem 
Dach. Die Gräber befinden sich neben der Kirche in dem 
geweihten Hof; nur Excommunicirte werden nicht da begra- 
ben. Früher wurde der Todte in einer steinernen Grabkam- 
mer beigesetzt; doch tritt an ihre Stelle allmählig das ein- 
fache Verschütten ohne Sarg, wie das auch bei allen Moham- 
medanern gebräuchlich ist. 

Die herrschende Religion ist das Christenthum; Kirchen 
befinden sich in jedem grossem Dorf, immer an den sie um- 
gebenden Bäumen erkennbar. Die Ehen werden selten damit 
unauflöslich geschlossen, dass die Vermählten zusammen com- 
municiren. Dagegen ist die Beichte allgemein üblich. Der 
Islam ist fremd und nur wenig verbreitet; seine Anhänger 
sind fast nur Ansassen ohne Grundbesitz; sie bilden ein 
Drittheil der Bevölkerung von Godofelassie und sind Handels- 
leute und Baumwollenweber. Von Geisterglauben sah ich 
keine Spur; dagegen viel Glauben an Vorbedeutungen, Träume, 
Wahrsagerei, Talismane, Zauberer und Werwölfe (Buda). 

Die Leute von Sarae sind durchschnittlich eher lang ge- 
wachsen; ihre Farbe geht vom Olivengelb in's Braun (hamel- 
m61); ganz schwarz ist selten. Sie haben kleine, eher braune 
Augen; Stumpfnasen, wenig aber feine Haare, meist von 
schwarzer, selten von rother Farbe und wenig Bart. Im 
Gegensatz zum Hamasen und den andern Nordabyssiniern 
haben sie Waden. Die Hautfarbe ist frischer als im Hamasen, 
dessen Bewohner aschgrau aussehen, was wohl den herrschen- 
den Winden zuzuschreiben ist Schönheiten sind selten; die 
Frauen sind im Allgemeinen schöner als die Männer, was im 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Eunama. 385 

Hamasen gar nicht der Fall ist. Blinde oder sonst von der 
Natur Vernachlässigte sind selten. Man sieht viel recht alte 
Leute und man sähe viel mehr, wenn es der Krieg erlaubte. 
Die Bewohner von Sarae sind sehr unerschrocken; sie sind 
gute Reiter von Haus aus und könnten sich ihren Nachbarn 
furchtbar machen, wenn sie einig wären. Sie zeichnen sich 
^urch Redlichkeit für verwahrtes Gut aus; es kommt oft vor, 
dass ein Fremder in der Bedrängniss sein Gut im ersten 
besten Haus niederlegt, ohne alle Zeugen, und nicht darum 
betrogen wird. Diess ist um so lobenswerther, da die Leute 
von Sarae sehr habsüchtig sind und dem Reiz des Geldes 
kaum etwas widersteht. Deswegen sind sie untereinander 
gar nicht edelmüthig; der Starke drückt den Schwachen, so- 
viel er kann. Zwist folgt und Uneinigkeit und sollten sie 
sich auch einmal gegen die drohende Gefahr vereinigen, so 
ist es dem firemden Feind leicht, einen der Häuptlinge nach 
dem andern vom Bund abwendig zu machen. Deswegen kann 
das Sarae sich nicht unabhängig erhalten; Heilu, der es mit 
Waffengewalt nie hätte unterwerfen können, löste den gegen 
ihn geschlossenen Bund dadurch auf, dass er die Vornehm- 
sten mit Versprechen und Geschenken vom Gemeinwohl ab- 
trünnig machte. Trotz der Habgier aber sind die Leute hier 
nicht so bettlerisch wie im Hamasen, wo dem Reisenden und 
Fremden das Leben oft sauer genug gemacht wird. Was den 
Volkscharakter betrifft, so ist es inmier schwer, allgemein 
gültige Sätze aufzustellen: doch schienen mir die Leute im 
Allgemeinen kalt und ruhig zu sein; sie brausen selten auf, 
aber einmal erzeugter Zorn wurzelt ewig. Der Jähzorn ist 
verachtet, da er leichten, schnell besänftigten Sinn verräth. 
Freundschaft ist schwer zu erwerben, aber wird um so dauer- 
hafter und aufopferungsfähiger. Dankbarkeit ist ihnen nicht 
fremd. Gesunder klarer prosaischer Verstand ist allgemein. 
Die Gastfreundschaft wird hoch gehalten; das Geleitsrecht 
wird immer noch geübt, oft indem der Wirth seinem fort- 

Mansinger, Ostafrik. Stadien. 25 



Digitized by 



Google 



386 Reise durch das Land der Konama. 

ziehenden Gast nur seinen Stab als Pass und Kennzeichen 
des Schutzes mitgibt. 

Die Leute von Sarae sind im ÄUgemeinen treu; sie werden 
gute, wahrhafte, redliche Diener und brave Soldaten. Die 
Sitten sind noch viel besser, als im Tigre, wo die durch- 
ziehenden Eaufleute alle Sittlichkeit und Ehrlichkeit verbannt 
haben; doch thun die als Soldaten im Lande hausenden Am- 
hara das Mögliche, die guten Sitten zu verderben. Hausr 
diebstahl ist verachtet und selten; dagegen ist Railb eine 
Ehrensache, solange er gegen die Stammfeinde gerichtet ist. 
Die Sitten des Landes können nicht schlecht genannt werden 
und sind es schon nicht wegen des kalten trügen Temperaments 
des Volkes, das geschlechtliche Enthaltsamkeit mit sich führt. 
Den Mädchen und Frauen kann selten etwas vorgeworfen 
werden; dagegen sind geschiedene Frauen und Wittwen scho^ 
ihrer hülflosen Lage wegen nicht so streng gehütet. Eigent- 
liche Prostitution ist selten, ausser auf den Marktplätzen, wie 
Godofelassie. Venerie ist von Amharasoldaten eingeführt worr 
den. Die meisten Leute leben hier und im Hamasen mit der 
gleichen einen Frau bis zum Tode; doch gibt es auch Fälle 
von Scheidung und Polygamie, besonders unter den Vor- 
nehmeren. 

Die Bevölkerung nährt sich fast nur von Vegetabilien; 
Fleisch wird nur ausnahmsweise an Festtagen genossen; selbst 
bei der Leichenfeier (dem sogenannten Rega§, Meshaq), 
werden nur wenig Kühe geopfert, ganz verschieden von den 
Grenzvölkem, wie z. B. den Bogos, die wahre Hekatomben 
hinschlachten und für den Todten an einem Tage mehr aus- 
geben, als während seines ganzen Lebens. 

Die Sprache des Volkes ist' das Tigrina, das diesseits des 
Takkaze herrscht; doch wird es hier viel schöner und ver- 
ständlicher ausgesprochen, als im Hamasen. Das Amharische 
ist als Herrschersprache sehr verbreitet und beliebt 

Schliessen wir mit einigen Bemerkungen über Gebrauch« 
und Recht des Volkes. Ist ein Kind geboren, so wird kein 



Digitized by 



Google 



Beise durch das Land der Eun&ma. 3g7 

Mann in's Haus gelassen, bis der Pfarrer mit geweihtem 
Wasser es gereinigt hat; diess* geschieht schon den dritten 
Tag. Die Geburt eines Knaben wird mit siebenmaligem, eines 
Mädchens mit f iinfinaligem Freudenschrei b^rüsst. Beschnei- 
dang ist für beide Geschlechter üblich und zwar wenige Tage 
schon nach der Geburt; nicht aber die Incision, wie sie bei 
den Grenzvölkem Sitte ist. Das Fest der Volljährigkeit, das 
bei den Bogos immer noch üblich ist, ist hier ausser Brauch 
gekommen. Wie bei den Grenzvölkern, geht die Verlobung 
oft sehr firüh vor sich, von welcher Zeit an Braut und Bräuti- 
gam sich gegenseitig ausweichen. Der Heirathscontract ist 
der Art, dass der Vater des Mädchens bei der Hochzeit fünf- 
mal den Werth geben muss, den er bpi der Verlobung vom 
Vater des Knaben empfangen; der Betrag wird Geraeingut 
des Paares und bei allfälliger Scheidung zur Hälfte getheilt« 
Ausserdem sollte der Bräutigam den Nackenpreis, der selten 
zehn Thaler übersteigt, bezahlen, was aber gewöhnlich so 
lange hinausgeschoben wird, bis eine Scheidung den Anspruch 
rechtlich erledigt. Die Frau hat ausser dem natürlichen An- 
halt an ihre Familie immer einen eigenen Anwalt und Bürgen^ 
der sie ihrem Manne gegenüber schützt. Eigenthümlich ist der 
Brauch, dass die Frau in der ersten Zeit einen grossen Theil 
des Jahres im väterlichen Hause zubringt, wo sie der 
Mann besuchen muss. Auf Vernachlässigung der Frau, Streit, 
Beschimpfung und Schlag stehen empfindliche Geldstrafen. Die 
Wittwe wird hier zu Lande niemals von ihrem Schwager wieder 
geheirathet, doch habe ich den Zöllner von Godofelassie, den 
sogenannten Neggaderas, gekannt, der trotz des Verbots 
der Kirche seines Bruders Wittwe zu sich nahm und ebenso 
ein Stiefbruder des verstorbenen Alula von Tsasega; dieses 
Vergehen wird aber mit Excommunication bestraft. Die Wittwe 
trägt ihr Leid zwei Jahre, Die geschiedene Frau darf sich 
erst nach zwei Monaten wieder verheirathen, um alle ünge- 
wissheit über allfällige Schwangerschaft zu vermeiden. Der 
Schwangrer ausser der Ehe wird meistens zur Ehe gezwxmgen 

25* 



Digitized by 



Google 



888 Beise durch das Laod der Kanama. 

imd zahlt dann dem Vater einfach den Nackenpreis von zwölf 
Thalem; sonst wird er deswegen nicht zur Rede gestellt und 
Bastarde werden überhaupt nicht verachtet. Die meisten 
Fürsten von Abyssinien haben natürliche Söhne, die oft ihre 
Nachfolger werden; so ist selbst Heilu, der jetzige Fürst von 
Tsasega, ein Bastard. 

Die Frau theilt im vollsten Masse die Haus- und Feldar- 
beit; auch die Reichste steht vor Tage auf, mahlt Getreide, 
bäckt das Brod und geht auf das Feld, wo nur der Pflug 
dem Mann vorbehalten ist. Dagegen hat sie viel mehr Auto- 
rität im Hause, als z. B. die Bogosfrau und steht dem Mann 
ebenbürtig zur Seite; sie erzieht ihre Kinder sehr streng und 
hat daher in ihrem Alter mehr Dankbarkeit zu gewärtigen, 
als die nachsichtige Bogosmutter. Ihre gewöhnliche Kleidung 
ist ein langes weites Hemd und das Quari als Ueberwurf ; den 
Kopf haben sie unbedeckt, das Gesicht unverhüllt Man 
rühmt die Fruchtbarkeit der Frauen des Sarae und des Ha- 
masen. Das im Tiefland gewöhnliche Rauchbad (Tannet, Dish), 
ist hier auch noch üblich und theilweise sogar im Tigr6 jen- 
seits des Mareb. Der Weide Ginni (der Teufelssohn), eine 
Art krampfhaften Zustandes, der mit Beschwörung, Tanz und 
Gesang vertrieben wird, kommt hier viel seltener vor, als bei 
den Bogos, doch ist er um so langwieriger. Auch hier ver- 
birgt sich die Frau vor ihrem Tochtermann; dagegen erlaubt 
ihr die Sitte, den Namen ihres Mannes auszusprechen. 

Als Beweismittel vor Gericht gelten Zeugen, auch für das 
Alibi, dann der Wotwojam oder das geheime Gestimdniss 
eines Schuldigen und der Qerr, d. h. der Wiederfund des ge- 
stohlenen Gutes, wo dann der Käufer zur Restitution ange- 
halten wird. Dem Kläger kommt der Zeugenbeweis zu, in 
Abwesenheit desselben reinigt sich der Beklagte mit dem Eid 
in der Kirche. Der Bürge, hier Methen genannt, wenn zur 
Zahlung angehalten, hat seinem Schuldner gegenüber nur das 
Recht auf einfache Restitution. 

Will jemand ein gekaufi;es Grundstück wieder verkaufen^ 



Digitized by 



Google 



Beise durch das Land der Eundma. 389 

80 muss er es zuerst dem früheren Besitzer zum Kauf an- 
tragen. Holz neben dem Felde gehört dem Bauer, wilder 
Honig jeden&lls dem Finder. Ausgeliehenes Gut, wenn ver- 
loren, kann nicht reclamirt werden. Jedes Geschenk ist eine 
wahre Schuld, die zurückgefordert werden kann. Das Gut 
und die Schulden des Vaters erben die Kinder, die vor seinem 
Tode noch' nicht ausgesteuert waren, und die Frau des Ver- 
storbenen, jede Person zu gleichen Theilen; der Erstgeborne 
hat keinen Vorzug. Der Vater hat aber das Recht zu 
testiren. 

Diebstahl wird im Landesrecht nie peinlich bestraft; der 
Dieb wird zu einfacher Restitution angehalten; sind der Diebe 
aber mehrere, aus verschiedenen Dörfern, so muss jeder den 
ganzen Betrag des gestohlenen Gutes erstatten. Der Acker- 
dieb wird mit Schlägen gezüchtigt. Ein gestohlener Pflug 
wird mit einem Ochsen erstattet. Für das Blut gilt ein no- 
mineller Preis von 120 Kühen, für Verwimdung von 50 Kühen; 
doch ist Mord im Lande selten und dem Ausland gegenüber 
gehört er in's Völkerrecht. Ebenso wird, wenn die einzelnen 
Stämme sich bekriegen, das Blut der im Kampfe GeCallenen 
durchaus nicht berechnet; des Streites müde, machen sie ge- 
wöhnlich im Bausch und Bogen Frieden. Gegen Mörder aber, 
die das Land unsicher machen, wird auch im Lande Blut- 
recht gehalten. Ist man um einen Preis übereingekom- 
men, so helfen sich die Verwandten gegenseitig, ohne gesetz- 
lich aber in der Weise der Bogos eine Verantwortiichkeit 
(Terq) zu haben. 



Digitized by 



Google 



Von Mai Sheka nach Adiabo 

(16. bis 21. November 1861). 



Zwei Wege führen von Mai Tsade nach Adiabo; der eine 
überschreitet das Marebthal bei Gundet und steigt südwestiich 
zur Hochebene von Shire hinauf, die sich nordwärts gegen 
Adiabo abflacht. Dieser Weg ist lang, bequem und ziemlich 
bekannt. Der andere schneidet den Bogen und setzt erst 
über den Strom, um nach Adiabo hinaufzusteigen; er ist kurz, 
aber sehr zerrissen, beschwerlich und nie begangen. Wir 
wählten der Neuheit wegen diesen Weg, der ziemlich regel- 
mässig nach Westen geht. Wir nahmen herzlichen Abschied 
von unseren Freunden in Mai Sheka; nur Eefiai wollte uns 
erst den folgenden Morgen verlassen. Wir hatten sechs Leute 
von Mai Tsade gemiethet, da wir nur einen einzigen Diener, 
einen Bogos, Namens Din, von Keren mitgebracht hatten. 
Wir hatten Mehl von Thef und Dagussa, ein wenig Reis, 
rothen Pfeffer und KaflFee; alle unsere Sachen wurden auf 
Maulthiere gepackt; das Barometer trug ein eigens dafür be- 
stellter Mann. Mai Sheka liegt gerade am Rande des Gebirgs- 
abhanges, da wo das Thal von Gundet in den compacten 
Plateaustock eine schmale Zunge ausschneidet, die uns als 
das Thal von Fasion bekannt ist. Der Abfall wird durch 



Digitized by 



Google 



Reiae durch das Land der Eanima. 391 

eine Terrasse vermittelt, wozu der Weg langsam hinabführt. 
Von dieser Terrasse bis zur Tiefe des Thaies ist ein zweiter 
steilerer Abhang, den das Felsgeröll sehr beschwerlich macht 

Das Tiefthal, das sich so in den Gebirgsstock eindrängt 
und damit den Hauptstock von Mai Tsade von dem südlichen 
auf den Mareb direct hinabschauenden Tafelland durch einen 
Abgrund von etwa 1000 Fuss trennt, heisst an seiner Wurzel 
Mai Hötem, am Abhang Fasion, dann Sheich Marhe und bei 
seinem Ausgange in das breite oflfene Thal von Gundet Mai 
Gömm'e; es ist kaum eine halbe Stunde breit und von einem 
Torrent durchzogen, der nur hier und da fliessendes Wasser 
hat und selten perennirendes. Es ist nicht bewohnt, wird aber 
von den Bewohnern der Höhe mit langfruchtiger Mashella, 
Dagussa und QoUa-Thef bebaut; Gerste und Mashella Woqar 
kommen nicht mehr vor. Wir finden in der Tiefe Granit- 
blöcke und rothe Erde, im Bache aber das gleiche Geröll, 
das die Ebenen von Mai Tsade so unwegsam macht und wohl 
vom Wasser hinabgeschwemmt worden ist; dagegen ist die 
schwarze Dagaerde zurückgeblieben. Auch die Vegetation hat 
sich schon ganz verändert; von Sykomoren sehen wir die 
Daro durch die Shagla ersetzt und Mimosen herrschen vor. 
Wir bringen die Nacht vom 16. November bei Sheich Marh6 
zu, auf einer Uferebene. Wir haben eine klare und kalte 
Nacht. Unsere Maulthiere füttern wir mit dem sehr nahr- 
haften Dagussastroh vom nahen Felde; es macht neben dem 
der Gerste in diesen Ländern das Hauptfutter aus; nur 
Weizenstroh wird für schädlich gehalten. 

Den 17. Nov. verlassen wir den Torrent bei Mai Gömm'e, 
einem Tränkeplatz, wo wir in die freie Ebene von Gundet 
heraustreten ; hier führt der Weg nach Adua linksab zwischen 
Hügeln durch direct zum Mareb, der nur 2 Stunden von hier 
entfernt und von der Ebene Gundet theilweise durch den Berg 
von Aila getrennt ist Unser Weg geht westlich ab dem 
Höhenzug von Barakft und Eohein zu, von dem uns eine 
4 Stunden breite Ebene trennt. Wir nehmen hier von Keflai 



Digitized by 



Qoogle 



392 Reise durch das Land der Kanima. 

herzlichen Abschied und kommen über gut bebaute Ebene» 
nach Mai Kodo, einem von NW. kommenden, kein GeröU 
mehr, sondern feinen Sand führenden breiten Torrent. Wir 
lassen zahlreiche zu Gundet gehörige Dörfer links und durch- 
ziehen die freie Ebene, die ganz unmerklichen, aber bestän- 
digen Fall gegen Westen hat und mit sehr schön stehenden 
schwarzen und weissen Qolla-Thef, Dagussa und besonders 
prachtvoller fast reifer Mashella bebaut ist. Die Dagussa ist 
schon geschnitten und wartet in Stöcken geschichtet des 
Dreschers. 

Als wir an einem der Dörfer, Az Sejabo, vorbeikamen, ritt 
uns ein Sohn Aito Achilla^s, in der Meinung, wir seien eine 
zollpflichtige Karawane, ziemlich weit nach. AchiUa war der 
weit und breit berühmt« Häuptling von Gundet; er zählte 
seine Kühe bis auf 999 Stück und besass Elefantengewehre die 
Menge; er hatte vierzig Söhne, fast so viel wie Priamos und 
starb als fast himdertjähriger Greis. Doch hatte er noch vor 
dem Tode des Schicksals Laune erfahren müssen: der Herr- 
scher des Senden, De^jas Ubie, brandschatzte ihn oft und 
hielt ihn sogar einige Zeit gefangen. Jetzt ist der schon 
damals geschmälerte Beichthum vollends zersplittert worden. 
Sein Sohn ritt ein schönes weisses Ross; er selbst sah schön 
und fett aus, gerade wie ein Nebtab im Barka, wie denn alle 
Leute von Gundet durch schöne Hautfarbe sich vor den Be- 
wohnern des Hochlandes auszeichnen; auch in Charakter und 
Sitte gleichen sie eh«* den Bewohnern der Nordgrenze voa 
Abyssinien; politisch stehen sie unter Heilu, ohne aber zum 
Sarae zu gehören; ihr Ursprung ist ungewiss. Achilla's Sohn 
forderte uns auf, zu halten; als er uns aber als Fremde er* 
kannte, ersuchte er uns bei ihm einzukehren; als wir Eile 
vorschützten, glaubte er, wir könnten ihm auch hier etwas 
von unsern Schätzen zur Erinnerung mitgeben, was ihm aber 
von unsern Leuten ernstlich verwiesen wurde. So ritten wir 
bis Mai Sabri weiter. 

Die durchzogene ganz flache Ebene von Gundet weist einen 



Digitized by 



Google 



Heise durch das Land der Kunama. 393 

Tothen, fruchtbaren Boden; das hier und da hervortretende 
Gestein ist mürber Thonschiefer und Granit. Eisen kommt 
nicht vor. Die Vegetation ist ganz wie im Bogoslande; Rham- 
nus Nebeka mit vielen Früchten und der Higlig (Qoget) sind 
die charakteristischen Bäume. Fieber sind häufig. Wasser 
ist sehr selten, oft in bis 40 Fuss tiefen Brunnen. Die Tor- 
rente haben keine dauernde Strömung, ausser Mai Sabri, das 
auch nur an einigen Stellen fliesst. Dieser Torrent hat ein 
sandiges Bett; er entspringt von Tsade Qelei, dem Einschnitt 
zwischen der Hochebene Mai Tsade und Maragus, und ver- 
einigt sich mit Sheich Marhe. Das Gebiet von Gundet reicht 
bis Mai Sabri; seine Dörfer liegen alle auf Anhöhen. Un- 
mittelbar am Mareb am Fusse des erwähnten Berges liegt Aila, 
dessen Bewohner Brüder von Kohein sind. Der Rest der 
Ebene westlich von Mai Sabri ist Gült (Pfründe) von Az Mon- 
gunti, dessen Unterthanen hier mehrere Dörfer bewohnen. 
Am Nordwest-Ende der Ebene, die sich bis an den Abfall 
von Maragus erstreckt, liegt Az Bochro, dessen Bewohner 
Brüder der Sarae sind und Baumwolle pflanzen. Die Fort- 
setzung der Ebene gegen Nordwest wäre die Baraka Kohein, 
wenn sie nicht von einem unbedeutenden wasserscheidenden 
Sattel davon unvollständig getrennt wäre. 

Von Mai Sabri* setzen wir die Reise in der Ebene noch 
eine Stunde fort; sie ist ganz flach mit langsamer Steigung 
und tbeil weise mit Quarzitstückchen bedeckt, bis zum Ab- 
hänge der Hügelkette Barakit. Der Abhang zeigt sich sehr 
steil. Der Gau Barakit besteht aus einem in der Hauptsache 
mit Kohein parallelgehenden Höhenzug, der aber im Einzelnen 
sehr zersplittert ist. Von fem betrachtet liegt er dem Lande 
Kohein als vermittelnde Terrasse vor; doch einerseits mangelt 
ihm jede Flächenentwickelung, das Ganze löst sich in ein 
Chaos vereinzelter Höhen auf, die unter sich nur sehr unvoll- 
kommen zusammenhängen; anderseits trennt ein Abgrund 
die beiden Gaue, den nur selten sehr schmale, unwegsame 
Querzüge überbrücken. So besteht Barakit aus lauter An- 



Digitized by 



Google 



394 Beiae durch das Land der Eoninia« 

höhen und Ahhängen; die Anhohen tragen natürlich nur kleine 
Weiler, da das zerrissene Terrain kein grösseres Zusammen- 
wohnen erlaubt Da aber die Abhänge äusserlich aus Erde 
bestehen und der Fels mangelt, so sind sie alle bebaubar. 
Dieses Hügelland mahnt TÖllig an das Ansebaland der Bogos, 
mit dem es die verwirrten aber sanften Formen und die 
Bäume, besonders den Ebermet, gemein hat. Die Bewohner 
sind Unterthanen von Az Mongunti; sie leiden besonders im 
Sommer an Wassermangel, da der abschüssige Boden keine 
Quelle ernähren kann. Jetzt findet sich noch Wasser in Fels- 
trögen und Schluchten; im Sommer holen sie es Ton Mai Sabri. 
Wir finden die Höhen mit schönem langkolbigem Durra be- 
baut und theilweise mit Gerste. Wir übernachten in Mäs'häl 
und lagern in dem sehr sauber gekehrten Gehöfte des Dorf- 
Yorstehers. Die Häuser sind bald Hydmo, bald Thuqlo, wie 
in Mai Tsade, von nettgebauten Steinmauern umschlossen, in 
denen gewöhnlich eine grössere Familie zusammenwohnt. Die 
Leute sehen eher schwarz aus; die Frauen sind denen der 
Bogos ähnlich, besonders in der Frisur der Haare, die sie 
nach beiden Seiten flechten. Wir sehen viele Hunde und 
Hühner. Wir werden mit Shiro, Thefbrod und Bier gut 
bewirthet. 

Von Mäs'häl zur Höhe von Kohein führen uns (den 
18. November), sehr steile und tiefe Abgründe, die den Weg für 
uns und besonders für die Packthiere sehr beschwerlidi 
machen. Wir müssen den ganzen Weg zu Fuss machen, so 
uneben ist er. Dte Abhänge zwischen Barakit und Kohein 
zeigen Glimmerschiefer, aber weniger Wald, als der östliche 
Abhang von Barakit; Tahsee und Qulqual herrschen vor. Der 
östliche Abhang von Kohein ist sehr steil, aber von morschem, 
senkrecht stehendem Schirfer weich gebildet. Auf der Höhe 
von Kohein, die ziemlich über Barakit hinausragt, finden wir 
vereinzelte Granitblöcke. Wir gehen an kleinem Dörfern 
vorbei bis zimi Wasser von Debri, das in einer ganz engen, 
tiefen Schlucht das Land trennt. Diess ist das einzige Was- 



Digitized by 



Google 



Beise durch das Land der Kun&ma. 395 

8er, das wir seit Mäs'häl gefunden. Wir finden hier Daro- 
Sykomoren und Tsergla; von Wild stossen uns nur Perl- 
hühner auf. 

Die Schlucht, in der sich das Wasser Ton Debri findet, 
liegt etwa 300 Fuss tiefer als das gleichnamige Dorf, zu dem 
wir den sehr steilen Abhang hinaufklimmen. Von da bis zum 
Dorfe Eesad Gua, unserem Nachtlager, ist nur eine halbe 
Stunde; das Aussehen des Landes verändert sich jenseits 
Debri; die Höhenzüge zeigen sich uns weniger zerrissen und 
entwickeln einige wenn auch nicht ausgedehnte Hochflächen, 
die kaum 200 Fuss unter dem Niveau von Mai Sheka liegen. 
Der Weg geht immer auf und ab, aber nicht mehr so radical; 
das Gestein bleibt das gleiche. Zwischen Debri und Eesad Gua 
ist eine Höhe, wo wir gegen West und Nord eine sehr weite 
Aussicht bekommen, die uns das geographische Bild des Lan- 
des deutlich macht. Wir befinden uns auf einer Insel, gegen 
Süd und West vom Mareb umschlossen; von Norden klüftet 
sie die Baraka von Maragus und Qolla Sarae ab. Uns gegen- 
über jenseits des tiefen Marebthals die Daga des Tigre, die 
nach Nordwest schrägüberlaufend zum Shire und Adiabo 
sich abdacht. An schönen mit weissem Thef und Gerste be- 
bauten Feldern vorbei gelangen wir gegen Abend nach Kesad 
Gua (Krähenhals), so genannt von einer schwarzen Felsmasse 
über dem Dorfe; es ist ein kleiner halb aus Thuqlo, halb aus 
Hydmo bestehender Weiler. Wir klopfen am ersten und 
schönsten Hofe an; in Abwesenheit des Hausherrn ladet uns 
die Frau ein, einzukehren. Der Hof umzäunt mit hohen 
gut gebauten Mauern ein grosses Haus, das sich an die eine 
Mauer anlehnt. Wir breiten unsere Decken im Hofe aus und 
ich schicke einen der Leute in's Dorf, um nachzufragen, ob 
keine Milch zu kaufen sei. Mit ihm kommen mehrere Frauen 
mit frisch gemolkener Milch. Eine derselben wirft sich vor 
mir nieder und bittet mich um die Absolution: ich sage ihr, 
^sie möge in Frieden ziehen. Das durfte uns nicht wundem; 
da man hier noch keine Europäer gesehen, hielt man uns für 



Digitized by 



Google 



396 Reise durch das Land der Eunima. 

Kopten vom Stamm des Bischöfe von Abyssinien; da der 
Diener nach Milch fragte, fürchtete die Frau, ich würde ihre 
Kühe verfluchen und kam deshalb, um sich freizukaufen. 
Timor dömini! Als es Nacht geworden, kam auch der Haus- 
herr von seinen Feldern in der Baraka zurück, ein alter kur- 
zer, fast grauer Mann mit einem pockennarbigen, mutzen 
Gesicht, aber gutmüthigen Augen; der brave Mann — sein 
Name darf schon angeschrieben werden — heisst Weide Hau- 
ariat (Apostelsohn). Er bringt uns einen grossen Topf Bier, 
viele weisse Thefbrode und ein schönes Schaf und entschul- 
digt sich noch, dass er nicht mehr geben könne. Ich hörte 
von unsem Leuten, er sei früher sehr vermögend gewesen, 
jetzt aber heruntergekommen. Die Milch liessen wir uns 
schmecken, das Bier gaben wir unsem Leuten. 

Wir benutzen den. Frühmorgen des 19. November, um 
Directionen zu nehmen, wobei uns unser Wirth behülflich ist. 
Vor der Abreise lässt er uns noch Milch und speciell für die 
Herren starkgebrautes Bier bringen. Wir nehmen freundlichen 
Abschied von ihm und gehen den Morgen bis zum unfemen 
Mai Mene. Der Weg geht fast eben bergab; das Aussehen 
des Landes, Vegetation und Gestein gleicht ganz der Gegend 
um Gundebertina (am Anseba). Wir finden wenig Vegetation; 
wieder kommen in abenteuerlichen Formen Granitblöcke vor; 
sie drängen sich oft so zusammen, dass sie den Weg verengen. 
Der Boden ist rother Thon, nur ganz unten am Wasser finden 
wir eigentlichen Granitschutt. Noch diesseits des Wassers 
überschreiten wir einen grossen von Daro beschatteten Platz, 
wo jeden Samstag Markt gehalten wird. Da der Platz zwi- 
schen Godofelassie und Adiabo fast in der Mitte liegt, so 
wird er von beiden Seiten sehr besucht. Das Dorf von Mai 
Mene liegt ein paar Minuten jenseits des Wassers auf einer 
Anhöhe. Wir lagern uns neben dem Torrent, der zwischen 
bebauten Hügeln abwärts südlich dem Mareb sich zuwendet, 
im Schatten einer Daro. Wir finden oberflächliches, aber^ 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Knnama. 397 

nicht fliessendes Wasser. Wir schlachten unser mitgebrachtes 
Schaf und warten den Nachmittag ab. 

Von Mai Mene westlich durchziehen wir die erste Stunde 
eine ziemlich breite Ebene; die Gegend wird immer wilder, 
die Felsblöcke mächtiger, ihre Figuren grotesker; doch ist 
alles cultivirt. Die zweite Stimde läuft der Weg auf einem 
schmalen Gebirgsrücken, der uns den doppelten Abhang zeigt; 
doch sind auch diese Abhänge angebaut; wir passiren Felder 
von Mashella mit Dagussa und noch öfter mit schöngewach- 
sener Baimiwolle vermischt. In der dritten Stunde sehen wir 
uns gegenüber die Ebene von Mai Gorso, klein aber in ihrer 
ganzen Fläche von eng zusammengebauten Weilern und schön- 
fruchtenden Feldern bedeckt. Der Gebirgsrücken führt nun 
so zur jenseitigen Ebene hinüber, dass er sich als fussbreiter 
Grat concav einbeugt, zu beiden Seiten mit jähen Abhängen, 
die aber sorgfältig meist mit Baumwolle bepflanzt sind. Mai 
Gorso bildet so eine Halbinsel. Das Dorf besteht aus meh- 
reren aneinanderliegenden Weilern; die Häuser sind Thuqlo, 
in dem Durra halb verborgen. Der Baum ist so kostbar ge- 
halten, dass die Felder bis an die Wohnungen anreichen und 
nur ein enger eingezäunter Pfad dazuf ührt. Wir reiten in's 
Dorf hinein; da aber der Shum zum Kaiser gereist ist und 
sich sonst niemand unserer annehmen will, so ziehen wir uns 
unter einen Nebekbaum über dem Dorfe zurück und lagern. 
Da wir hören, dass im Dorfe böse Fieber herrschen, die von 
den Bauern vom Mareb hinaufgeschleppt werden, so trösten 
wir uns über die unfreundliche Aufnahme. Unsere Leute sind 
80 glücklich, an den Abhängen etwas Holz zu finden; zum 
fernen Wasser zeigt ihnen ein Eingebomer den Weg. Wir 
werden von Mücken sehr geplagt; die Nacht verkältet ein sehr 
starker Wind. Alles trägt natürlich dazu bei, uns diese ein- 
same Ebene, die auch der Bäume entbehrt, in nicht zu freund- 
lichem. Lichte erscheinen zu lassen. Freilich erfreuen den 
Blick die schönen fleissigen Pflanzungen, wo kein Plätzchen 
brach liegt und selbst der Abgrund benutzt wird. Aber die 



Digitized by 



Google 



398 Beise durch das Land der Kunima. 

Freude verbittert der Gedanke, dass es Menschen sind, die 
hier an den Pflug gespannt werden. Der benachbarte Mareb 
ist der Viehzucht feindlich. Mag es eine Fli^e sein, die 
wirklich die Kühe todtsticht, oder aber eine Epidemie, die 
man sich mit dem Vorhandensein dieser Fliege erklären will, 
der sogenannte Hedro vernichtet alles Vieh. Ich konnte die 
Fliege nicht sehen, die das Unheil bewirken soll; es wäre 
möglich, dass es die Tsetse ist. Denkbar ist aber auch, dass 
der Grund der Ejrankheit im Marebklima liegt; denn in Afrika 
wird auch das Wechselfieber auf gleiche Weise nicht dem 
Klima, sondern dem Mückenstich zugeschrieben. Sicher ist 
freilich, dass eine Art Bremsen besonders im obem Barka 
vorkommt; wir haben eine besonders schlimme, die einer Biene 
ähnlich sah, auf der Mareareise kennen gelernt; die Bewohner 
des Barka brauchen sich aber nicht sehr davor zu fürchten, 
indem der Feind sich auf die unzähligen Heerden vertheilt. 
Deswegen sieht man im Herbst die Heerden der Beni Am^ 
auf sehr kleinem Raum zusammengedrängt und dieser Um- 
stand würde die Schuld allerdings auf die Fliegen werfen. 
Thatsache ist, dass der Hedro an diesem Mareb kein Vieh 
aufkommen lässt; die Leute von Mai Gorso kaufen sich jeden 
Frühling wieder Pflugstiere, um sie nach der Regenzeit wieder 
zu verüeren. Diess gilt auch von Adi Golbo, das südlich von 
hier auch auf den Mareb hinunterschaut und ebenso von Mai 
Daro im Lande der Eunama. In Abwesenheit der Viehzucht 
ist der Mensch um so mehr auf den Ackerbau angewiesen, 
trotzdem er ihn allein besorgen muss. So spannen die Män- 
ner sich selbst je zwei zusammen an den Pflug, indem sie das 
Joch mit den Händen über dem Nacken halten; der Pflug ist 
der gleiche, nur leichter gebaut. Am Ende des Feldes wird 
Brod und Bier aufjgestellt und bei jeder neuen Furche eine 
Stärkung eingenommen. Es ist möglich, dass dia harte un- 
menschliche Arbeit den Menschen ungastfreundlich gemacht 
hat; jedenfalls hat sie ihn athletisch entwickelt; die Leute 
von Mai Gorso sind gedrungene Gestalten mit ungemein breiter 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 399 

Brust; sie haben darin viel Aehnlichkeit mit den Kunama, 
denen sie vielleicht verwandt gewesen sein mögen, obgleich 
der herrschende Thdl des Gaues von Kohein stammt. Das 
Leben muss immerhin ein gansi anderes sein, wo man keine 
Milch kennt und Fleisch nur von den Reicheren an Festtagen 
vom Markt von Mai Mene geholt wird. Ziegen und Esel sind 
zwar dem Hedro nicht ausgesetzt, doch sahen wir wenig Zie- 
gen; Esel aber werden hier und da an den Pflug gespannt. 
Der Reiche unterscheidet sich dadurch, dass er mehr Tage- 
löhner an den Pflug spannen kann. Die Leute von Mai 6or§o, 
von Adi Gallo und Adi Golbo, die alle auf Ausläufern von 
Kohein über dem Marebthal wohnen, cultiviren alle in seiner 
Tiefe. Bevor wir zu ihm hinabsteigen, wollen wir einige Be- 
merkungen über das Land Kohein einschalten. 

Im Zusammenhang mit Barakit stellt sich uns Kohein, wie 
gesagt, als eine Art Insel dar, die auf der einen Seite der 
Mareb umfliesst, auf der andern ein grosses , Tiefthal, die so- 
genannte Baraka, umzingelt Diese Baraka, die ihr Wasser 
nordwestlich dem Mareb zuschickt, gehört den Leuten von 
Kohein und Barakit. Der Name Baraka (das „k'^ sprechen 
die Abyssinier gebrochen fast wie ein „ch" aus) ist synonym 
mit dem amharischen Berha und wohl auch mit dem Tigre- 
wort Barka und bedeutet eine tiefjgelegene Wildniss, wo der 
Mensch sich nicht fest ansiedelt Sie ist sehr fruchtbar und 
durch ihre Lage heiss; sie wird zum Anbau von Qolla-Thefi 
Dagussa und Mashella benutzt. Sie ist den Leuten dieses 
Landes, was das Barka den Bogos und Takue ist. Wie diese 
ist sie der Weide und dem Ackerbau günstig, aber den Men- 
schen verjagen die kalten Fieber. Dies6 Baraka nun legt sich 
als Tiefbhal wie die Meerenge, die eine hohe vulkanische Insel 
vom Festland trennt, zwischen Kohein und die Qolla Sarae, 
eine Masse. von Gebirgsketten, die sich nach Norden abdachen 
und bis jetzt von Europäern meines Wissens nicht besucht 
worden sind. Die Baraka läuft auf den Mareb hinaus und 
schenkt ihm seine Wasser. Sie wäre eine Fortsetzung des 



Digitized by 



Google 



400 ReiBe durch das Land der Kan&ma. 

Gundetthales, aber ein Sattel, der Maiagus ittü E<4iein ver- 
bindet, bildet die Wasserscheide. 

Geographisch rechnen wir zu Kohein auch Barakit, dann 
die drei Vorspriinge des Gebirges gegen Westen, Adi Golbo, 
Adi Gallo und Mai Gorso, die den Leuten von Kohein ver- 
wandt sein sollen. Interessant ist ein nördlicher schmaler 
Ausläufer, Debre Mariam, wo eine Art Einsiedelei angelegt 
ist. (Debr bedeutet im Tigre jeden Berg, im Abyssinischen 
aber einen Klosterberg.) 

Kohein leidet allgemein an Wassermangel, weil die Zer- 
rissenheit des Bodens, der selten als Fläche sich gestaltet, 
das Regenwasser schnell abfliessen lässt Deswegen trocknet 
sogar Mai Mene im Hochsommer oft aus und dann sind die 
Bewohner genöthigt, sich ihren Bedarf sehr weit in den um- 
liegenden Tiefthälern zu holen, die Barakit von Mai Sabri, 
die Kohein aus der Baraka, die Mai Gorfo vom Mareb. 

Trotz der th^ilweisen Erhabenheit rechnen die Abyssinier 
das Land Kohein zur Qolla. Von Feldfrüchten gedeiht noch 
Gerste, aber kein Weizen. Baumwolle findet sich am west- 
lichen Ende. Die Leute des eigentlichen Kohein haben wenig 
aber schönes Vieh; sie cultiviren mit Stieren. Dem Lande 
mangelt wie gesagt die weite Fläche, wenn auch das eigent- 
liche Kohein günstiger entwickelt ist, als das Vorland Barakit. 
Dennoch werden die steilsten Abhänge zur Cultur fleissig be- 
nutzt und sie beweisen, wie der Mensch durch Hindemisse 
erst Energie bekonmit. Man sieht die Abgründe schön be- 
baut und sie erlauben es, da sie nicht felsige Oberfläche vor- 
weisen. Wir fwiden den westlichen Theil zwischen Mai Mene 
und Mai Gorso von Felsblöcken übersäet, aber auch hier wohl- 
weislich jeden Schuh sorgfältig umgehackt und mit Baum- 
wolle bepflanzt, da die Felsen die Feuchtigkeit länger bewah- 
ren. Was die Bewohner betrifft, so kennen wir schon ihre 
Abstammung als Kinder des Sarae; sie stehen jetzt unter 
Heilu, als Theil der Statthalterschaft diesseits des Mareb (Ne- 
garit Mareb mellash). Da ihr Land schon etwas tiefer liegt, 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 401 

SO sehen sie eher den Bogos ähnlich oder den Leuten des 
Barka; besonders gleichen sie ihnen in der Schönheit der 
Haut, worin sich alle Niederländer auszeichnen. 

Mai Gorso fällt direct zum Mareb ab; wir steigen den 
20. November den Berg hinunter, wie er in angelehnten 
Pfeilern 'allmählig sich abdacht. So geht der Weg auf ver- 
ästeten Graten, die oft nur einen Fuss breit über die Kluft 
gebaut sind; der kleinste Fehltritt würde den Gehenden un- 
wiederbringlich verderben. Die Abhänge sind mit hohem Gras 
bedeckt; der herrschende Baum ist der Wolwol mit der Pa- 
pyrusrinde; der Boden besteht aus schwärzlichem vermoderten 
Schiefer; Fels fehlt und auch die Cultur. Diese Gebirgsgrate 
führen zum eigentlichen Abhang, der jäh aber schnell uns 
bei Aräkebu zum Mareb hinunterbringt. 

Das Marebthal ist hier etwa eine halbe Stunde breit. Der 
Strom ist links vom Wege durch Medebei Tabor beschränkt, 
das als ein ungeheurer wohl 3000 Fuss hoher senkrechter 
Felsstock bis dicht an das Wasser abfällt. Schon vom Sarae 
aus dient er als Wegweiser; er ist die Grenzscheide zwischen 
Shire und Adiabo, auffallend durch seine kühne, viereckige, 
burgartige Ambaform, ähnlich dem Tsad'amba oder Shytel. 
Die Uferebenen des Mareb sind theilweise von hohem Schilf 
und wucherndem Gras bedeckt, theilweise mit Durra, Da^ussa, 
Bohnen und Baumwolle bepflanzt. Auf dem rechten Ufer 
cultiviren die Leute von Mai Gorso, etwas weiter oben Az 
Gallo und Golbo, auf dem linken Ufer die Leute von Adiabo, 
alle natürlich nur mit Menschenhand. Das Strombett ist 
1 50 Schritt breit, wovon aber nur ein Fünftel fliessendes untiefes 
Wasser hat. Das Bett ist sandig, ohne Fels und Stein, und 
zeigt wenig Fall; es macht hier viel Krümmungen. Die Ufer- 
ebenen sind fast nicht über das Sandniveau erhaben und auf 
beiden Seiten flach. Diese Umstände machen das Thal so 
reich an tödlichen Fiebern. Es ist der Lieblingsaufenthalt 
des Löwen. Wir finden hier die gleichen Bäume,, wie am 
Anseba: die Tamariske (Tarfa, Obel), die Ricinusstaude, viele 

Hunzinger, OHtafrik. Studien. 26 



Digitized by 



Google 



402 Reise durch das Land der Kundma. 

mit Früchten beladene Adansonien, ungeheure Mimosen und 
sehr häufig die Asclepias Oschar (hier Gend*c genannt). Ta- 
marinden finden sich etwas höher, als Arakebu, aber durch- 
aus keine Palmen. Die Gräser sind meist Gramineen, so das 
strohartige Sar Walid, das von den Bogos zum Dachdecken be- 
"nutzt wird, dann das rankende den Boden überspinnende 
Serdetgras; die anliegenden Hügel hingegen zeigen das feine 
dem Thef so ähnliche röthliche Gras, das im Barka auf den 
Quarzithügeln so gemein ist. Das Wasser ist gut und frisch. 
Im Marebthal sind keine festen Ansiedlungen; die Leute des 
Hochlandes verlassen so schnell als möglich ihre eilig ge- 
emdteten Felder aus Furcht vor den Fiebern. Wir werden 
leider verhindert, die Höhe des Mareb über dem Meere zu 
bestimmen, da sich das Barometer gerade an diesem Punkte 
schadhaft zeigt und erst in Adiabo reparirt werden konnte. 
Ich schätze sie im Vergleich zu den uns bekannten Höhen 
und nach der Vegetation auf nahe an 4000 Fuss, besonders 
da die letztere ganz mit der von Gabena am Anseba von 
Bedjuk übereinstimmt. 

Den Mareb überschreitend, halten wir uns dicht an dem links 
abliegenden Medebei Tabor, indem wir einen breiten, wasser- 
und fischreichen, von hohen Bäumen besetzten Torrent an- 
steigen, der, zwischen Shire und Adiabo sich eine Kluft gra- 
bend, bei Arakebu in den Mareb fällt und ziemlich allmählig 
zum Hochland hinaufführt. Da er grosse Krümmungen macht 
und viele Felsabfälle hat, so verlassen wir ihn eine Zeitlang 
und suchen uns über die ihn begleitenden sehr zerklüfteten 
Hügclreihen einen beschwerlichen, von hohem Gras, Dornen 
und Wald verschlossenen Weg, der uns bei Woddach wieder 
zu dem erwähnten Torrent zurückführt. Nach fast dreistün- 
digem beschwerlichen Marsche finden wir uns kaum mehr als 
eine Stunde vom Mareb entfernt. Auch hier zeigen die Ufer- 
ebenen schöne Durrafelder, die den Bewohnern von Medebei 
Tabor gehören. Dagegen sind die anliegenden Hügel unbebaut. 
Der Torrent zeigt reichliches, aber nur als Teich zu Tage 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Eunäma. 403 

tretendes Wasser. Wir lagern dicht an ihm unter einer Ta- 
marinde; die Bauern bringen uns geröstete frische Durra- 
kolben. Wir sind vom Mareb schon ziemlich gestiegen, aber 
mit bedeutenden Rückschritten, da wir uns über die vor- 
stehenden querüberliegenden Hügelreihen den Weg suchen 
mussten. Diese Hügelzüge liegen ganz wüst und brach da; 
die vorherrschenden Bäimie sind der Wolwol, die Adansonia 
(Dima), die ihm ähnliche Dürsel und der im Bogoslande so 
häutige Hafulestrauch mit brauner Frucht. Die Nacht ist lau 
und von wilden Thieren ungestört. 

Den 21. November steigen wir zuerst sehr allmählig; das 
Terrain erhebt sich regelmässiger, eher als schiefe Ebene; aber 
der Weg muss durch das hohe Gras und die Dornensträuche 
erkämpft werden; das Ganze ist von hochstämmigem Wald 
wohlbedeckt. So kommen wir zum eigentlichen directen Ge- 
birgsabhang, der nicht sehr steil, aber fast eine Stunde lang 
ist. Wir bemerken am Abhang eine sehr breite Kalkschicht 
und über ihr ockerfarbigen Thon. Der ganze Abhang ist mit 
Bambusrohr (Shimel, HöU) mit den langen schmalen Blättern 
und dem sehr schlanken ungeästeten Stamm dicht bewaldet. 
Auf der Höhe angelangt, kommen wir Berg auf Berg ab zu 
dem ersten Dorf von Adiabo, Gunnegunne, mit meist verfal- 
lenen Häusern. Es ist auch gegen Adiabo sehr vereinzelt 
gelegen; noch sehen wir nur ein sehr zerrissenes Hügelland. 
Noch einmal überschauen wir ganz Kohein, das uns in glei- 
cher Höhe über dem Mareb entgegenschaut. Ein schmaler 
Grat führt nach der Hochebene hinüber, wo die Hauptan- 
siedlungen von Adiabo angelegt sind und auch unser Ziel, 
Az Nebrid. Links fällt dieser Grat zu einer Kluft ab, die 
Adiabo vom Shire scheidet und woraus der Torrent entspringt, 
den wir aufwärts gekommen. Rechts fällt er zu einem wellen- 
föimigen Thal ab, das sich zur Ebene von Rohabaita wieder- 
erhebt. Die vor uns liegende Ebene stellt sich als eni Kessel 
dar, wovon nur die Ränder bewohnt und bebaut sind, wäh- 
rend sich in seiner Tiefe allein reichliches Wasser als Teich 

26* 



Digitized by 



Google 



404 Heise durch das Land der Kun&ma. 

findet und ein sehr dorniger Wald. Auf dem Rand des Kes- 
sels erheben sich hier und da wohl 100 Fuss hohe Tafelbei^e, 
von Dörfern gekrönt. Auf einer solchen Tafel liegt Az Nebrid, 
das wir bei Einbruch der Nacht nach mühsamem Wege durch 
Gebüsch und jungfräuliches Gras erreichen. 



Digitized by 



Google 



Von Az Nebrid nach Mai Daro. 

(26.-29. November). 



Az Nebrid ist ein kleiner Weiler mit einer Kirche; es steht 
auf einer der erwähnten tafelartigen Erhebungen. Wir sat- 
telten vor dem alleinstehenden Hofe ab, der Aito Tselala's 
Wohnungen umschliesst. Nach langem Warten führte uns 
ein Diener in ein nahestehendes Gehöft, wo wir so gut wie 
möglich unter freiem Himmel lagerten. Spät in der Nacht 
schickte uns der Häuptling einige Brodkuchen und einen 
grossen Krug Bier. Die Aufnahme schien nicht viel zu ver- 
sprechen, aber wir hatten uns darauf gefasst gemacht und 
die Ruhe hatten wir alle nöthig, am meisten imsere Last- 
thiere, die von dem unaufhörlichen Bergauf- und Bergabsteigen 
ganz wund und matt geworden waren. Wir selbst hatten in 
dem zerklüfteten Lande unsere Reitthiere selten benutzen 
können. 

Im Laufe des Morgens des 22. Novembers liess uns der 
Statthalter sagen, er erwarte uns auf dem freien Platze zwi- 
schen unsem Häusern; er wollte so der Etiquette von keiner 
Seite zu nahe treten. Wir gingen ihn zu begrüssen und sein 
rundes offenes Gesicht machte uns bald mit ihm vertraut. Er 
ist mittlerer Grösse, eher schwärzlich und in seinem Auftreten 



Digitized by 



Google 



406 Reise durch das Land der Kunama. 

sehr bescheiden, obgleich sein Muth weitbekannt ist. Er ist 
etwa 30 Jahr alt, der ältere Bruder des regierenden Aito 
Tsadiq, der, von seinem Besuche beim Kaiser zurückgekehrt, 
sich zur Zeit noch in Axum aufhielt. Tselala war Anhänger 
von Dedjas Negussie, was ihn beim Kaiser eben nicht em- 
pfehlen konnte; dazu hindert ihn seine stotternde Zunge, sich 
in öflfentlichen Versammlungen geltend zu machen und mit 
einigen gut angebrachten Worten sich die Gunst des Herrn 
zu erwerben. So wurde der zungenfertige Tsadiq Herr von 
Adiabo, obgleich ihm seine Verwandten fast ebenbürtig zur 
Seite stehen. Tsadiq's Charakter wurde uns nicht sehr ge- 
rühmt, und seine Thaten stellen ihn in ein keineswegs gün- 
stiges Licht, während wir von Tselala durchaus als Freunde 
schieden. Kaum hatte ich, auf den Rasen niedergesessen, 
unser Anliegen eröffnet, so theilte mir Tselala mit, er beab- 
sichtige selber, in längstens 14 Tagen einen Kriegszug durch 
das Land der Kunama bis zu den Barea zu machen und er 
habe nichts dagegen, wenn ich die Armee begleite. Diess 
war nun freilich keine Freudenbotschaft, und ich deutete ihm 
auch an, dass eine Reise im Gefolge des Heeres uns wenig 
nützen würde, das Land kennen zu lernen. Wir trennten 
uns, ohne etwas abgeschlossen zu haben; im Laufe der Unter- 
haltung mussten wir die Neugierde der Herren befriedigen, 
das Fernrohr besonders wurde wiederholt probirt; zu Herrn 
Kinzelbach's Erstaunen aber hatten die Adiabo so scharfe 
Augen, dass das Femrohr ihnen wenig nützen konnte. Die 
Abyssinier haben eine so übertriebene Idee von der Tragweite 
eines Fernrohrs, dass sie sogar ein Teleskop nicht befriedigen 
könnte. Sie erzählten mir, Theodoros habe den Marsch seines 
Gegenkönigs Negussie dem Wolkait zu von Adiabo aus mit 
dem Fernrohr verfolgt; überhaupt liebt jeder Fürst ein Fern- 
rohr zu haben, ich denke aber kaum aus strategischen Grün- 
den. Während so die Adiabo unsere Instrumente anstaunten, 
machten sie mit unserer Person gar kein Aufsehen. Es ist 
mir oft aufgefallen, dass die Afrikaner, die an Europäer ge- 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunäma. 407 

wohnt sind, gegen unsere P'arbe viel intoleranter sind, als die 
Neulinge, wie hier, wo nur wenig Europäer hingekommen 
sind. Den Rest des Tages benutzten wir, uns mit den ange- 
sehensten Dienern von Tselala bekannt zu machen ; wir sahen 
mehrere Bazensklaven mit etwas aufgeworfenen Lippen, aber 
mit ziemlich hellem Teint, sehr vollen Wimpern und schönen 
Augen. Wir wissen bereits, dass die Hauptbeschäftigung Adi- 
abos der Krieg gegen die Bazen (oder Kunäma) und Barea 
ist, wobei es gewöhnlich auf Sklaven abgesehen ist. In den 
letzten Jahren war der Erfolg so gross, dass ganz Adiabo 
mit Bazensklaven überfüllt ist; die Barea kaufen ihre Ange- 
Hörigen wenn immer möglich wieder zurück, während die 
Bazen sich nie um ihre verlorenen Landeskinder bekümmern. 
So werden die Adiabo, die es eigentlich auf ein Lösegeld ab- 
sehen, förmliche Sklavenhändler; denn die Beute im Lande 
zu behalten, ist bei der Leichtigkeit der Flucht nicht räthlich. 
Die Sklaven wurden so zu sehr billigem Preis von den Sklaven- 
händlern aufgekauft, meist nur zu 10 Thalern. So ist man 
weitergegangen, als man sich wohl verzeihen möchte, aber 
der Gedanke, die Heiden .zu bekämpfen, gegen die jedes Un- 
recht erlaubt sei, tröstet den christlichen Abyssinier. 

Da wir uns, um die Lastthiere nicht zu überladen, in Mai 
Sheka nur mit dem nöthigsten Mehl versehen hatten, und hier 
durchaus nichts Getreideartiges aufzutreiben war, so waren 
wir sehr erfreut, als Aito Tselala uns gegen Abend eine Kuh, 
eine von jenen, die er vor Kurzem am Gash den Hadendoa- 
abgenommen, zuschickte. Wir luden dazu einen Mann von 
den Bazen und einige Barea ein, die als Abgeordnete ihrer 
Gaue zufällig sich hier befanden, um die Stinunung ihres 
neuen Gebieters zu erforschen und über den Tribut zu ver- 
handeln. Die Barea sprechen fertig Tigre und kennen meinen 
Namen schon, aber essen als Mohammedaner nicht mit, wäh- 
rend der Bazen, Namens Ashku, leider kein fremdes Wort 
versteht, aber dem Essen um so mehr zuspricht. 

Auch den folgenden Jag (23. November) konnten wir über 



Digitized by 



Google 



408 ReiBC durch das Land der Kunama. 

unsere Aussichten nicht in's Klare kommen. Nicht zu ver- 
kennen war, dass Tselala uns misstraute, da wir vorausgereist 
die Bazen und Barea von seinem Vorhaben in Kenntniss setzen 
konnten. Anderseits war er in seinem Rechte, uns nicht 
gerade Gunst erweisen zu wollen, da wir ja noch nicht 
Freundschaft geschlossen hatten. Denn nach abyssinischem 
Brauche ist das Geschenk das Thor der Liebe. Wir mussten 
uns entschliessen, etwas zu riskiren; wir Hessen die zwei Ver- 
trauten Tselala's kommen und baten sie, ihren Herrn günstig 
für uns zu stimmen; wir versprachen jedem eine kleine Be- 
lohnung im Falle des Gelingens. Der eine bat sich einen 
Thaler aus, des andern höchster Wunsch war eine kleine 
Taschenpistole, die nicht viel mehr werth war, zu besitzen; 
andere untergeordnete Diener wurden mit blauen Seidenbän- 
dem (Mateb) hoch erfreut; so hatten wir uns der Freund- 
schaft der Diener versichert, die jedenfalls wichtiger ist, als 
die des Herrn. Endlich schickten wir durch meine Leute ein 
Steinschlossgewehr an Tselala. Es war diess das beste Ge- 
schenk, was wir machen konnten, da die Grenzvölker Abys- 
siniens in Adiabo und Wolkait solche Flinten mit langem 
starken Rohr sehr schätzen; das ScUoss ist leichter in ein 
Luntenschloss umzuwandeln. Wir wurden sogleich zu Tselala 
geladen ; in einem grossen Saal, wo auch Rosse und Maulthiere 
standen, waren alle seine Freunde und Diener versammelt; 
einem kleinen Pfefiferragout mit schneeweissen Thefbroden 
(Tabita) folgte sehr guter Tedj. Tselala dankte uns sehr 
herzlich und benachrichtigte uns, dass er heute nach Az Daro 
auf den Marktplatz reiten werde; da werde eine allgemeine 
Versammlung der Herren von Adiabo über den Bazenzug 
einen endgültigen Beschluss fassen und es werde jedenfalls 
davon abhängen, was er für uns thun könne. So mussten 
wir uns wieder gedulden; unsere Reise war nicht unmöglich 
geworden, aber der beabsichtigte Heerzug konnte uns doch 
nur schaden. Leute, die wir nach dem Markte Az Daro, 
etwa 2V2 Stunden von hier, schickten, kamen Abends leer 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kan&ma. 409 

zurück. Getreide und Schmalz war gar nicht auf dem Markte 
zu sehen ^ sondern allein rother Pf eflfer, womit wir schon ver- 
sehen waren. So mussten wir uns an unser Fleisch halten, 
das wir wie trockene Wäsche in lange Riemen zerschnitten 
aufgehängt hatten. Wir erhielten den ganzen Tag durch vielen 
Besuch, doch benahmen sich die Leute sehr höflich, ja freund- 
lich gegen uns; wir trieben einen kleinen Tauschhandel mit 
Pfeffer, Antimonium und blauer Seide, womit wir uns Bier 
und etwas Schmalz verschaflften. Milch ist in Adiabo gar 
nicht zu Hause. Wir fanden die Temperatur sehr warm, so- 
gar des Nachts. 

Endlich Sonntags den 24. vernehmen wir, dass Aito Tse- 
lala zurück ist und mit ihm mehrere Häuptlinge, seine Ver- 
wandten. Wir finden sie auf dem neben der Kirche befind- 
lichen Gottesacker, wo eben einer der Vornehmsten des Stam- 
mes begraben wird. Hunderte von Männern und Frauen 
sitzen in weitem Kreise, in dessen Mitte die nächsten Ver- 
wandten des Todten sich die Wangen blutig reissen und mit 
vielen Leidgeberden sein Klagelied singen, worauf die ganze 
Versammlung respondirt. Nach beendigter Feier kommt Tse- 
lala.auf mich zu, mit ihm die mächtigsten Herren des Landes 
und Aschku und die drei Bazen; wü* setzen uns neben der Kirche 
auf den Boden. Zu unserer grossen Freude kündigt Tselala 
mir an, er und seine Brüder hätten nichts gegen mein Pro- 
ject; ich möge die vierzehn Tage, wo noch Friede sei, wie ich 
-wolle benutzen. Er bittet mich, vor der ganzen Versammlung 
unser Vorhaben auseinanderzusetzen; dann beeidigt mich sein 
erster Rath, der Belata Lebassie, und umgekehrt mein Diener 
den Tselala und seine Verwandten. Ich verspreche feierlich, 
auf unserer Reise nie etwas zu sagen oder zu thun, was dem 
Interesse des Kaisers und des Landes Adiabo schädlich sein 
könnte. Tselala und seine Brüder schwören, mich immer als 
Freund und Bruder anzusehen und für mich auf dieser Reise 
mit ihrem Blute einzustehen. Sie bitten mich, das Mögliche 
zu thun, das gute Einverständniss von Adiabo mit dem Nie- 



Digitized by 



Google 



410 Reise durch das Land der Kunäma. 

derlande von Barka zu befördern, so viel mir möglich. Ver- 
wünschungen werden gegen den Eidbrüchigen ausgesprochen 
und von beiden Seiten mit Amen bekräftigt. Dann ladet 
Tselala die Abgeordneten von den Bazen und Barka vor sich. 
Er kündet ihnen meine Heise an, befiehlt ihnen, mich bis in's 
Barka zu begleiten, wo ich ihrer Hülfe nicht mehr bedürfe; 
unser Herr Tsadiq und dieser rothe Mann sind einer und der- 
selbe für euch; ist er todt, so ist Tsadiq todt, droht er ihnen. 
Der Abgeordnete der Bazen antwortet, man solle keine Furcht 
haben, ich sei auf seinem Kopfe, und so die Barea. 

Nach dieser Verhandlung musste das Femrohr auch den 
andern Häuptlingen vorgezeigt werden. Tselala lässt uns 
sagen, wir möchten so wenig als möglich von unserer Habe 
vorzeigen, denn er würde es als unser Wirth ungern sehen, 
wenn wir nun auch all den Häuptlingen den Zoll bezahlen 
müssten. Wir kommen aber mit einigen Zündkapseln wohl- 
feil weg. Wir bringen den Tag mit Ashku und den Barea 
zu und worden schnell mit ihnen vertraut; sie schildern uns 
ihre precäve zwischen Türken und Abyssiniern eingezwängte 
Lage, ohne dass der eine den andern forttriebe; sie klagen 
über ihr ungewisses Verhältniss zu Tsadiq, der nicht fried- 
liche Herrschaft suche, sondern Vorwand zum Krieg; man 
sehe sie hier kaum für Menschen an, trotzdem ihnen die 
Abyssinier in Gultur nicht überlegen seien. Ich musste die 
Gerechtigkeit dieser Bemerkung zugeben, da es eben allen 
unterdrückten Völkern von Afrika gar nicht an einer gewissen 
Bildung fehlt, aber an Einheit, worin ihnen die monotheisti- 
schen Völker so überlegen sind. 

Erst gegen Abend sind wir in unserer Hütte Herren und 
Meister; wir zünden unsere der Astronomie reservirten Stearin- 
kerzen an und Herr Kinzelbach macht sich daran, das am 
Mareb untauglich gewordene Barometer zu repariren. Wir 
entfernen das Quecksilber; die Röhre ist unbeschädigt, aber 
die Bänder sind von jahrelangem Liegen morsch geworden. 
Wir haben glücklicherweise blaue Seide; unsere Abyssinier 



Digitized by LnÖOQ IC 



Reise durch das Land der Kanama. 411 

spinnen daraus starken Faden; wir binden alles neu; das 
Quecksilber wird gereinigt und die Luft ausgekocht. Erst 
gegen Moi^en ist das Werk vollbracht. Ich würde Reisenden, 
die sich nirgends lange aufhalten können und denen es nicht 
um mathematische Genauigkeit zu thun ist, nie solche Baro- 
meter anempfehlen, da sie immer einen eigenen Träger er- 
fordern, auf deren Sorge man sich selten ganz yerlassen kann. 
Jedenfalls müsste der Reisende dann das Instrument auch zu 
repariren verstehen. Die Spiralbarometer scheinen mir nicht 
zuverlässig. Das einfachste leicht transportable Instrument 
zur Höhenbestimmung ist gewiss das Hypsometer; nur müsste 
es für bergige Gegenden in sehr kleinem Massstab angefertigt 
werden. 

Den 25. November rüsten wir uns zur Abreise. Wir finden 
drei Soldaten von Adiabo, die uns nur bis Mai Daro beglei- 
ten wollen, da das Angebot sie zu Hause finden muss; sie 
sollen unsere Packthiere besorgen. Wir benutzen den Tag, 
um uns mit den Verhältnissen des Landes bekannter zu machen 
und nehmen mit dem Gompass die nöthigen Directionen. Da 
Tselala vernommen hat, dass wir uns gar kein Mehl ver- 
schaffen konnten, so ladet er unsere Leute ein, von seinem 
Acker soviel Thef zu schneiden, als wir nöthig finden; darauf 
vertheüen wir es unter die Frauen des Dorfes zum Mahlen. 
Auch erhalten wir von ihm Honig und einen grossen Topf 
braunes Dagussabier, das wir mit unseren Barea zusammen 
trinken. Die erste Fremdheit überwunden, behandeln uns die 
Leute schon mit viel mehr Freundschaft; es fehlt nun an 
allem Nöthigen nicht mehr; eine Frau bringt uns Schmalz, 
die andere sogar Milch. 

Dienstag den 26. November brachen wir von Az Nebrid 
auf. Die Leute, die uns von Mai Tsade her begleitet hatten, 
kehrten jetzt zurück; sie begleiteten uns zum Dorf hinaus, 
ebenso Tselala mit seinem Gefolge. Der Abschied war herz- 
lich; jeder wünschte uns aufirichtig glückliche Reise, um so 
mehr, da das Land der Bazen seit Menschengedenken nie 



Digitized by 



Google 



412 Reise durch das Land der Kun4ma. 

friedlich durchzogen worden war. Auch TselaJa's Frau Hess 
uns Adieu sagen und schickte uns noch Pfefiferconfitüre (Dül- 
leh) und einen Vorrath Weizenbrod. Unsere Gesellschaft be- 
stand jetzt aus uns zwei Europäern, dem treuen Din und vier 
Soldaten von Adiabo; dann begleitete uns der erwähnte Ashku 
und die drei Barea, zwei von ihnen zu Pferd. Bis an die 
Grenze des bewohnten Landes, Tsade Mudri, gab uns Belata 
Lebassie das Geleit. Von der Tafelerhöhung von Az Nebrid 
hinabgestiegen, geht der Weg über ein wellenförmiges, be- 
bautes Land an mehreren Dörfern ziemlich eben vorbei. Tsade 
Mudri selbst ist aus mehreren Dörfern zusammengesetzt und 
bildet jetzt die letzte Ansiedlung von Adiabo gegen Norden. 
Von diesem Punkte hatten wir zum ersten Male freie Aus- 
-sicht. gegen W. und SW. bis zum Berge Dorkutan in Wolkait 
und zum Takkazethal, das von Hügelreihen begleitet ist; 
gerade unter uns sinkt das Hochland in tiefem Abgrunde zu 
einer sehr einförmigen, regelmässigen Tiefebene, einer soge- 
nannten Baraka, ab, die sich auch gegen Norden fortsetzt, wo 
wir sie wieder treffen sollen. Während also Adiabo, eine 
tiefere Terrasse des Shire, im Osten vom Marebthal abge- 
schnitten ist, fällt es im Westen zu der Baraka ab, die nur 
von Höhenzügen längs des Takkaze, als Wasserscheide gegen 
den Mareb hin, unterbrochen bis an den Fuss der Wolkait- 
berge reicht. In die Fortsetzung dieser Tiefebene fällt Adiabo 
auch nordwärts ab, aber allmähliger stufenweise. 

Einmal den ersten ziemlich jähen aber kurzen Abhang 
hinab geht der Weg etwa drei Stunden fortwährend abwärts. 
Diese schiefe Ebene zeigt sich als Hügelland mit Thonschiefer 
und Quarz, das oft mit schwarzem, ganz steinlosem, durch- 
löchertem Schlammboden abwechselt. Die ganze Ebene liegt 
voUkonmien öd und wüst da, von ziemlich lichtem niederem 
Wald bedeckt; charakteristisch ist das ungeheuer hohe Schilf- 
gras, das den Reiter vollständig verbirgt. Wir sehen viel 
Elefantenmist von der letzten Regenzeit her. Wild und Vögel 
fehlen ganz; Wasser findet sich nur hier und da in unbedeu- 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der KuD^ma« 413 

tenden Bachrinnen. Wir passiren die Plätze von mehreren 
Dörfern, die seit lange verlassen sind, da die Bewohner, zu 
sehr den Ueberf allen der Kunama ausgesetzt, sich bis Tsade 
Mudri zurückgezogen haben. Noch zeigen sich die Spuren 
früherer Kirchen, die immer an dem Euphorbienhain, der sie 
umgibt, kenntlich sind. Wir langen gegen Abend bei einem 
etwa 15 Schritt breiten Torrent an, der kein fliessendes Was- 
ser hat, aber hier und da, wie an unserem Lagerplatz, den 
unterirdischen Strom in grossen Lachen oder Teichen zu Tage 
treten lässt. Sein Regenwasser schickt er ostwärts zu dem 
unfemen Mareb. Wir bringen in dem sandigen Bett eine 
kalte Nacht zu. Den namenlosen Ort wollen wir nach der 
naheliegenden Dorfruine Az Berai nennen. 

Der Morgenmarsch vom 27. November ging bis Herret 
durch mehr hügeliges, oft felsiges Land. Das Terrain erhebt 
sich von Az Berai weg, die Hügel zeigen uns grünen Schiefer; 
das Land wird immer zerrissener, öder, bamn- und graslos 
und voll von Domen; der Weg führt auf und ab zu einer 
Anhöhe gerade über dem Wasser von Herret, wo wir uns 
wieder orientiren können, da ein letzter Berg uns die Aus- 
sicht auf die naheliegende Tiefe der Baraka nur halb verdeckt 
und rückwärts Adiabos Felsenblöcke noch einmal sichtbar 
werden. Weit hinter der Tiefebene treten schon die Berge 
der Kunama jenseits Mai Daro hervor. Rechts von uns jen- 
seits des Marebthals sehen wir die Berge von Thuql, zu Qolla 
Sarae gehörig, die sich dem Mareb parallel bis zum Barka- 
land hinziehen, gegen den Mareb steil abfallend, gegen Nor- 
den in's Barka sich abflachend. Wir haben unter diesem 
Morgenmarsch mehrere Bachrinnen passirt, die häufig Teiche 
zum Vorschein treten lassen. Ihr Bett ist inuner sehr uneben 
und schmal. Auch Herret ist ein schmaler, von Felsen ein- 
gegrenzter Torrent mit einem ziemlich bedeutenden Teiche. 

Der Weg Nachmittags führt direct bergauf auf die Hoch- 
fläche, von wo wir endlich eine ganz un verdeckte Aussicht 
erhalten auf die von fernen Bergen bis nach Bazen begrenzte 



Digitized by 



Google 



414 Reise durch das Land der Kunäma. 

Tiefebene, mit welcher der Berg in zwei Terrassen vermittelt 
ist Wir bringen "die Nacht auf der zweiten zu, wieder an 
einem wasserreichen Torrent mit Teichen , der Godgodo heisst. 
Das Aussehen des Landes veründert sich auf dem diesseitigen 
Abhang; der Wald wird stark und dicht, während der jen- 
seitige Abhang dürr und kahl ist. Das hohe Schilfgras (Sar 
Wdlid) macht einem sehr feinen thefähnlichen Halmgras Platz, 
das auch im Barkaland sich findet und den Boden gelb färbt. 
Das Gestein des Torrent ist horizontalliegender Schiefer, die 
Ebene mit Quarzstücken besäet. 

Ein letzter Abhang führt uns den 28. November in die 
grosse Baraka, die sich vom Mareb bis zum Takkaze erstreckt. 
Die Aussicht ist wundervoll. Eine weitgedehnte Ebene, rechts 
von dem Hügelland des Mareb beschränkt, links bis unmittel- 
bar an den Fuss von Adiabo sich hinziehend; im Südwesten 
ragt ganz entblösst Wolkait^s Amba, der gewaltige Dorkutan, 
hinter dem Hügelland des Takkaze heraus. Die Ebene ist 
gleichmässig flach; eine grasreiche Steppe, aus der hier und 
da bewaldete Striche wie Inseln aus dem Meer herausschauen. 
Unser Weg geht dem mehr bewaldeten Ostrand der Steppe 
nach; der Boden zeigt nur wenig Unebenheit; das Land hat 
ganz den Charakter des Barka; die Bäume werden immer 
dorniger, worunter besonders der Kithri (Kedad) sich aus- 
zeichnet. Wir finden wieder die Fruchtbäume der Bogos 
(Hafule, Häde), die Adansonia schaut riesig gross aus dem 
niedem Wald heraus. Als Gras wechseln das erwähnte feine 
Thefgras mit Rohr Und grobem Gramineen. 

Lange Strecken sind verbrannt; auch wir legen Feuer an, 
wo wir können, denn keine Heerde berauben wir der Weide, 
sondern wir bahnen den Nachfolgenden den Weg. Nur hier 
und da finden sich rundliche Erhebungen mit Quarzsteinchen 
übersäet; selten ist ein einsamer Felsblock hingeworfen. Gra- 
nit haben wir diesseits des Mareb keinen mehr gesehen; das 
Gestein seit Adiabo ist Glimmerschiefer. Die Regel bildet ein 
rother, fetter, steinloser Thonboden, der nur hier und da mit 



Digitized by 



Google 



Heise durch das Land der Kunäma. 415 

ganz und gar von jedem Baum entblössten Stellen mit einem 
schwarzen, löcherigen, aufgesprungenen Moorboden, ganz ähn- 
lich dem abyssinischen als Misk bekannten, in Vertiefungen 
sich bildenden Moor abwechselt. Die ganze Ebene würde sehr 
fruchtbar sein; das auffallend frische Aussehen der Vegetation 
in dieser Zeit, wo bei den Bogos z. B. schon alles trocken 
ist, die grünen Blätter und das Gras zeugen von der Frische 
des Bodens. Diese Steppe steht seit undenklichen Zeiten wüst 
und leer, das ungestörte Revier der Elephanten, Rhinoceros, 
Büffel und Giraffen, von denen sich die Spuren reichlich 
finden. Die Feindseligkeit der Menschen hat das schönste 
Land zu einer unbetretenen Wüste gemacht, deren Vegetation 
dem Feuer geweiht ist, um des Menschen Fuss nicht zu hem- 
men. Nur selten wagen sich die Kunama hierher, um den 
sehr reichlichen Honig auszunehmen, den die Bienen auf den 
Adansonien anlegen. "Wieder finden wir die Termitenhügel, 
und selbst die Baumstämme sind oft ganz von ihren Erd- 
kanälen bedeckt. Wild und Vögel sehen wir fast keine. 

Die eigentliche Grenze der Kunama oder der Bazen ist 
der Abhang gegen Godgodo; in der Steppe aber, die bis 
Tsade Mudri hinauf langt, bezeichnet ein mächtiger, isolirter 
Felsberg, der mit Godgodo parallel in der Tief fläche steht, 
Kässona genannt, den Punkt, worüber die Elefantenjäger 
von Adiabo nicht hinausgehen dürfen. Wir passiren den nur 
20 Schritt breiten Torrent Abra, der aus der Steppe westlich 
sein Wasser zum Mareb schickt, und langen an einem zweiten 
Torrent, Dekeshbo, an, der die Grenze der Steppe bildet. Wir 
sehen wieder die Tamarinde und die schlanke Aie des Anseba. 
Dekeshbo's Teichwasser findet sich in einer felsigen Schlucht, 
in welcher die Hitze sehr fühlbar wird. 

Von Dekeshbo lenken wir von Neuem in ein ziemlich stei- 
niges Hügelland ein, das die Steppe vom nördlichen Mareb 
scheidet. Wir steigen einen ziemlich steilen Grat hinan, der 
uns vom jenseitigen Marebthal trennt. Die Hügel sind von 
Quarzsteinen bedeckt; spärliches Rohrgras zeigt sich; das 



Digitized by 



Google 



416 Reise durch das Land der Knnama. 

ganze '^üste Aussehen dieser Hügel wird durch die schwarz- 
verbrannten Strecken noch trauriger gemacht. Der Wald wird 
licht und niedrig, man kann ihn eher Gestrüpp nennen, dessen 
Domen den Weg verschliessen und uns Hände und Gesicht 
zerreissen. Wir bringen eine windstille, eher warme Nacht 
auf einem Masebu genannten Hügel zu, wo kein Wasser zu 
finden ist. Das unserm Ashku gehörige Pferd, da& sehr er- 
müdet ist, zwingt uns zu diesem Nachtlager, wo unsere Maul- 
thiere kaum einen Halm finden. Merkwürdig sind uns die 
ruhigen Nächte; wir hören seit Adiabo nie den Schrei eines 
wilden Thieres, selbst die Hyäne scheint zu fehlen ; auch Wild 
ist uns keins aufgestossen. 

29. November. Bei Masebu hatten wir den Rücken des 
Hügelzuges erstiegen; nun steigen wir auf seiner andern Seite 
in ein Thal hinab, wo zum erstenmal wieder die Durracultur 
den menschlichen Bewohner venüth. Die Ufer des Torrent, 
mit dem wir abwärts gehen, sind mit prächtigen Bäumen be- 
setzt, worunter sich die Adansonia und die sehr schön ge- 
wachsene Nebek auszeichnen; auch die Dumpalme wird sicht- 
bar, aber nur als Strauch. Wir kommen den Strom rechts 
lassend durch Gebüsch und hohes Gras gegen den Hügel hin, 
worauf das Dorf Mai Daro steht. An seinem Fuss in einem 
Torrent stossen wir auf einen Haufen bewaffneter Leute. Wir 
kommen so unvorbereitet zu diesen Negern ausser der Mena- 
gerie, dass es auf beiden Seiten Eindruck macht. Wir greifen 
zu den Waffen und stehen einen Augenblick schweigend ein- 
ander gegenüber:. Doch geht uns unser Führer Ashku voraus; 
wenige Worte genügen , uns als Gäste von Tselala bekannt zu 
machen; die versammelten Leute sind der Häuptling von Mai 
Daro, Selass, und die Abgeordneten des Stammes Eimasa, die 
sich nach Adiabo begeben wollten, jetzt aber mit uns zurück- 
kehren. Selass lässt uns sagen, wir seien bei ihm willkom- 
men; wir steigen den steilen aber nicht sehr hohen Hügel 
hinauf, auf dem Mai Daro steht, und sehen vergnügt zym 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. ^ 417 

dritten Mal unsern alten Freund, den Mareb, tief zu unseni 
Füssen. 

Wir konnten nur zwei Tage in Mai Daro bleiben , weil wir 
nicht vom Heerzug hier überrascht sein wollten, ohne eigene 
Diener; zudem drangen die drei Barea, die mit uns gekom- 
men waren und nun allein unsere Begleiter sein sollten, auf 
schleunige Abreise; ich glaube, w^ohl um der Verantwortlich- 
keit doch 80 bald als möglich enthoben zu sein. Wir waren 
übrigens sehr gut aufgenommen; auf Aito Tselala's Befehl 
wurde uns von unserm Wirth Selass eine Kuh gegeben, die 
von der ganzen Gesellschaft zusammen verzehrt wurde. Ferner 
hatte die freundliche Fürsorge desselben befohlen, es möge 
jedes Dorf von Mai Daro uns eine Kürbisschale voll Honig 
bringen, wovon wir uns auch ausschliesslich nährten. Wir 
hatten schon lange keinen Schmalz mehr, und hier war nicht 
das Milchland, uns damit zu versehen. Dagegen wurde das 
Brod, das man uns brachte, mit Sesambrei gewürzt. Auch 
kaufte einer der Barea uns für einen halben Thaler in Zeug 
etwa 6 Flaschen Honig, der aber nicht von Wachs und 
Schmutz frei war. Wir machten davon Honigwasser, das hier 
zu Lande allgemein getrunken wird, fett macht, aber auch 
sehr aufbläht. 

Wir begegneten hier den Leuten von Eiraasa, die unsere 
Abreise abwarteten, um nach Mai Daro in Tributangelegen- 
heiten zu gehen. Ihr Haupt war ein gewisser Issa, ein Mann 
von sehr intelligentem Aussehen und eher einem Manne von 
Barka oder Algeden gleichsehend. Er kannte meinen Namen 
und lud uns ein, wenn wir je zurückkehren sollten, seinen 
Stamm zu besuchen; wir würden mit aller Sicherheit das Land 
bereisen können. Er hatte eine Idee, dass ihm die Europäer 
besonders den bedrohlichen Türken gegenüber von Nutzen 
sein könnten und verfehlte darum nicht, sich um unsere Freund- 
schaft zu bemühen. Issa spielte in dieser Zeit eine eigentlich 
politische Rolle. Sein Stamm, Eimasa, den Barka und Al- 
geden benachbart, ist immer den Angriffen der ägyptischen 

Ifunsiuger, Ostafrik. Studien. 07 



Digitized by 



Google 



418 . Reise durch das Land der Kundma. 

Herrschaft in Kassala ausgesetzt; die Herren von Barka, Al- 
geden, Sabderat führen mit ihrer Hülfe beständigen Krieg 
gegen die Kunama. Issa, der alle die nöthigen Sprachen ver- 
steht, knüpfte ein Einverständniss mit Adiabo ah, indem er 
diesem Tribut versprach, und dagegen seine Hülfe gegen die 
Niederlande in Anspruch nahm. Er hatte als Führer den 
Heerzug gegen Mogelo begleitet; dann führte er die Truppe 
den Mareb (Gash) hinab bis Elit, wo die dort weidenden Ha- 
dendoa überfallen wurden. Jetzt ging er nach Adiabo, und 
leitete auch den nach unserer Abreise ausgeführten Zug gegen 
Mogoreb. So suchte er alle Nachbarn seines Stammes ein- 
zuschüchtern und ihnen Frieden abzuzwingen. 

Wir werden von den Leuten von Mai Daro sehr freundlich 
behandelt, was wir offenbar der guten Empfehlung unseres 
Führers Ashku zu verdanken hatten. Er Hess uns sogleich 
sagen, wir möchten ohne Scheu unsere astronomischen Beob- 
achtungen anstellen, und so erscholl zum ersten Male auch 
hier Herrn Kinzelbach's „stop", so abergläubisch es auch ge- 
deutet wurde. Doch war es nicht leicht, zu arbeiten. Die 
Leute, die, von ihrer Feldarbeit erlöst, nichts anderes zu thun 
hatten, Hessen sich^s nicht nehmen, herumzustehen, wo man 
gern allein wäre. Sie hatten nichts einzuwenden, aber sie 
begriffen nicht, wie viel Ruhe man dazu nöthig hat. Dazu 
brannte die Sonne, als wenn wir in Massua wären, üebri- 
gens konnten wir uns keineswegs beklagen, da wir in dem 
halbcivilisirten Abyssinien immer mehr Argwohn und lästiges 
Aufsehen erregt hatten, als bei diesen sogenannten Wilden. 
Wir mussten sie sogar ob ihrer Ruhe bewundem, da nach 
allen ihren Fragen kein Zweifel obwalten konnte, dass sie 
uns für wahre Astrologen und Hexenmeister ansahen. Es 
scheint, dass die Wilden in vielen Sachen noch viel vernünf- 
tiger und toleranter sind, als die Halbwilden, vorzüglich was 
die verschiedene Hautfarbe angeht 

Die Aussicht von Mai Daro ist durch die Hügel gegen Süd 
und West ganz beschränkt; freier ist sie im Norden, bis zu 



Digitized by 



Google 



Reise darch das Land der Kanama. 419 

der Terrasse von Alemmo und Betkom, zu der eine Fläche vom 
Mareb aufsteigt. Gerade unter uns haben wir den Mareb, des- 
sen Lauf uns deutlich wird. Im Nordwesten begrenzen felsige 
Berge, die nach Eimasa führen, die Aussicht gerade über 
dem Mareb, im Südwesten sehen wir die Hügelzüge von Anal, 
zu denen der Mareb zurückkehrt. Diess um uns gegen Süden 
sich erstreckende Hügelland ist zum Theil sehr hoch und 
spärlich bewohnt; die Ebenen werden der Fieber und Feinde 
wegen gemieden. Gegen Westen hin geht die Aussicht frei 
zunächst zum offenen Marebthal, bis wo es gegen Süden aus- 
biegt und jenseits zu den sehr hohen Bergen von Thuql (Dem- 
belas). 

Ein längerer Aufenthalt in Mai Daro wäre w'ohl der sicherste 
Weg gewesen , über das ganze Land der Kunama sich zu be- 
lehren und mit den verschiedenen Stämmen in Verbindung 
zu treten; es war uns aber nur vergönnt, anzubahnen, nicht 
mit Muse zu studiren. 



27' 



Digitized by 



Google 



Von Mai Daro nach Kassala. 

(Den 1.— 22. December 1861.) 



Den 1. December früh verliessen wir Mai Daro; wir waren 
jetzt nur noch von Ashku und den Barea begleitet, da die 
von Adiabo mitgenommenen Soldaten schon hier zurückkehr- 
ten. Wir hatten glücklicherweise unsem Bogos, Din, der nun, 
da er allein stand, um so thätiger und allseitiger wurde. Das 
Packen der Maulthiere, das nur er verstand, war bei dem 
vielen Auf- und Absteigen keine leichte Arbeit und wir ver- 
loren damit immer viel Zeit. Wir leimten die Begleitung von 
Selass ab, stiegen den Dorfhügel hinunter und kamen durch 
eine schöne, aber schmale mit ungeheuren (bis 40 Fuss hohen) 
Mimosen ('Aqba) gut bewaldete, zum Theil cultivirte Ebene 
zum Mareb, der hier 180 Schritt breit ist, während sein Bett 
etwas weiter unten wohl das Doppelte beträgt. Er hatte schon 
kein fliessendes Wasser mehr; der Spiegel floss 4 — 5 Fuss 
unterirdisch. Sein Bett bestand aus offenem Sand ohne Fels 
und soll es von Medebei Tabor bis hierher ebenso sein. Doch 
fehlen von Zeit zu Zeit offene Laehen nicht, die nie versiegen. 
Die Uferebenen sind hier und da durch Hügel eingeschränkt 
Wir sehen einzelne sehr hohe Dumpalmen. 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 421 

Wir setzen über den Mareb und der Weg geht auf einer 
unmerklich aufsteigenden schiefen Ebene der nördlich quer- 
überliegenden Berglinie entgegen, die durch die Terrasse von 
Alemmo und Betkom gebildet wird. Die Fläche ist oft von 
Hügeln unterbrochen, auf denen wir Dörfer wahrnehmen, die 
noch zu Balka gehören. Die Ebene bis zum Abhang des 
Berges ist sehr gut cultivirt; wir finden Durra, Duchn, Se- 
sam und eine andere gurkenförmige Oelfrucht, die hier zu 
Lande Shebob genannt wird und auch in Algeden bekannt 
ist; sie wird mit Durra zusammenges'aet. Die Emdte war 
schon vollendet. Das Land zeigte sich als sehr reicher schwar- 
zer Alluvialboden, mit Löchern und Rissen, ganz wie bei 
Bisha. Die ganze Gegend ist baumarm, dagegen sind unbe- 
baute Stellen mit Domengesträuch dicht bewachsen. Die Hügel 
sind mit dem nackten blätterlosen Wolwol mit der grauen 
Papierrinde bewaldet. Nach dieser vier Stunden breiten Ebene 
steigen wir in dem Bett eines engen Torrent sanft zu der 
Kante empor, die als Wasserscheide die südliche Marebebene 
und die etwa 200 Fuss höhere Terrasse von Betkom trennt, 
deren Wasser alle dem Mogoreb und so dem, Barkastrom zu- 
laufen. Diese Terrasse besteht wieder aus mehreren überein- 
anderliegenden Ebenen, deren höchste, der Gau Afla, gerade 
auf das Barka hinabschaut?. Wir lassen den Gau von Alemmo 
rechtsab und gelangen über mehrere breite Torrente an 
vielen Dörfern vorbei nach Tender, dem Wohnorte unseres Be-. 
gleiters Ashku, das auf einem Hügel gelegen ist, gerade über 
einem Strome, der von Afla kommt und immer oberflächliches 
Wasser hat. Die auf dieser Terrasse befindlichen Dörfer ge- 
hören zu dem Gau Betkom. 

Das Dorf Tender ist gross, die Häuser sind geräumig, aber 
von gleicher Bauart wie bei den Barea, glockenförmig. Die 
Leute scheinen sehr wohlhabend zu sein; wir sehen zahlreiche 
Heerden von Kühen, Schafen und Ziegen. Auffallend sind 
die Hunde, die sehr stark und böse sind, aber von auffallender 
Kleinheit. Ich erinnere mich nicht, die gleiche Art früher 



Digitized by 



Google 



422 Reise durch das Laud der Kuuani«. 

gesehen zu haben. Ashku räumt uns eine grosse leere Hütte 
^in; wir werden mit gutem Blrod und Polentat versorgt, ebenso 
.mit Bier, öodass wir uns schon bei den Barea wähnen. 

Den 2. December verbrachten wir umringt von Leuten, die 
von allen Dörfern herkamen, um uns zu begrüssen. Jeder 
Neuangekonmiene drückt uns die Hand und setzt sieh. Die 
Leute sehen nicht so wohlbeleibt aus, als in Mai Daro, wohl 
wegen dos häufigen Genusses des Bieres; auch in der Farbe 
und dem Körper gleichen sie mehr den benachbarten Barea. 
Wir werden von einem Mann von Alemmo besucht, der, in 
seiner Jugend geraubt, unter den Türken in Kassala sieben 
Jahre lang Soldat gewesen war; er hatte seinen Abschied ge- 
kommen und war dann den sichersten Weg den Gashfluss 
hinaufgißkommen, bis er auf Landsleute traf, die ihn nach 
seiner Heimat geleiteten. Er sprach geläufig Arabisch und 
die Civilisatiön hatte ihn doch etwas angesteckt; er gedachte 
•mit Sehnsucht des Soldatenlebens, doch schien er sich recht 
wohl zu befinden und er fand seine Laudsleute ebenso gut, als 
jedes andere Volk; nur bedauerte er die Abwesenheit aller 
JReligion, deren er freilich auch wenig übrig hatte. Wir waren 
den ganzen Tag in einem grossen Gedränge; Leute der ganzen 
Umgegend brachten Bier und Brod, um unsere Anwesenheit 
zu feiern. Ashku liess eine Kuh schlachten. So glich unser 
Haus einer grossen Bierhalle. Unaufhörlich wurde Bier an- 
gefeuchtet und herumgereicht; die jungem Leute warteten auf 
-und vertheilten das gesottene Fleisch, indem sie sich ihrer 
Schilde als Schüsseln bedienten. Wer satt war, ging hinaus- 
XInter den Anwesenden, die das Haus füllten, sah ich ein 
paar Greise mit recht respectabeln Gesichtern, die mit vieler 
Ehrerbietung behandelt wurden. Die Kunäma hatten fredlicli 
auch einen politischen Zwöck bei ihrem Besuche. Unser Füh- 
rer Ashku war von dem Gau abgesandt worden, um sich mit 
Adiabo über den Tribut zu verständigen. Leider versteht er 
das Tigrina so schlecht, dass er wenig verhandeln konnte. 
Glücklicherweise waren wir da, um positive Nachrichtien zu 



Digitized by 



Google 



Beise durch das Land der Kunama. 423 

geben. Alle Welt wusste, dass die Freundschaft Tselala's 
uns das Bazenland geöfihet hatte. Auch wussten sie, dass 
das Ansebaland , das früher noch viel elender gewesen als die 
Bazen, durch Vermittelung der europäischen Mächte politische 
Sicherheit den Türken gegenüber erlangt hatte. Wir sollten 
im Lande bleiben und Vermittler werden. Ich konnte sie na- 
türlich nur auf eine ferne Zukunft vertrösten; heute seien wir 
ja nur Durchreisende. 

So verbrachten wir einen sehr mühsamen Tag; wir waren 
in die dumpfe Hütte eingezwängt, aber Leute, die uns zu 
Ehren von weit hergekommen sind, darf man wohl nicht 
abweisen. Ln Laufe des Tages bat mich der Wirth, ein paaa: 
Flintenschüsse im Hofe abzufeuern; das würde uns in den 
Augen der versammelten Leute höher stellen und das Land 
würde sich dadurch geehrt fühlen. Ich habe es ja auch in 
Mai Daro gethan und er hoflfe, ich werde seine Landsleute 
wenigstens ebenso bereit finden, uns zu bewirthen, als die 
Bazen von Mai Daro. Ich konnte es ihm nicht abschlagen. 
Wir konnten mit der Aufnahme nur zufrieden sein, wiBnn es 
auch nicht an Leuten fehlte, die, unserm frcimden Gesicht 
Hiisstrauend, unsere Barea inständig baten, uns doch bald 
mit fortzunehmen. Wir hatten gute Gelegenheit, unsere Kennt- 
niss des Landes zu erweitern; aber um uns ein vollständiges 
Bild davon zu machen, hätten wir uns viel länger aufhalten 
müssen. Am Abend verliessen uns die meisten Leute; dagegen 
versammelten sich die Greise des Gaues um uns, um über die 
Lage des Landes zu berathen. Dolmetscher war ein gewisser 
Burru, ein geborner Abyssinier, der, in seiner Jugend von 
Adiabo weggeraubt, hier auferzogen worden ist. Er spricht 
noch seine Muttersprache, aber er hat gar keine Lust, nach 
Abyssinien zurückzukehren, so gut gefiel es ihm hier. Die 
Leute vom Lande hatten ihn immer wie einen der Ihrigen 
behandelt und er kann ihnen jetzt als Dolmetscher den Abys- 
siniem gegenüber nützlich sein. Die versammelten Greise 
wollen von uns über ihre Zukunft belehrt sein; einerseits 



Digitized by 



Google 



424 Reise durch das Land der Kunama. 

glauben sie uns natürlicherweise mit den Absichten des Herrn 
von Adiabo vertraut, anderseits schreiben sie uns prophetische 
Gabe zu, denn sie sehen uns im Besitze der Schrift und der 
Sternkunde. Nach allem, was ich von Erfahrung weiss, ant- 
worte ich, dass sie sich jetzt vor Adiabo nicht zu fürchten 
brauchten, solange sie den Tribut entrichteten. Diess hat sich 
auch nachher bestätigt. Dann bitten sie mich, in Zu- 
kunft jedenfalls wiederzukommen und dann solle ich den Ver- 
mittler Abyssinien gegenüber machen; denn sie seien immer 
bereit, einen regelmässigen Tribut zu entrichten; Friede und 
Ruhe gingen ihnen über alles. Ich antworte ihnen, dass, 
wenn sie den Raub und den Mord ihres Gastes aufgäben, Gott 
auch ihnen bessere Zeiten geben würde; denn der schlechte 
Ruf des Landes verhindere den wohlwollenden Europäer, sie 
zu besuchen und ihnen behülflich zu sein. Wir sind, sagen 
sie mir, alle Kinder Adam's; aber wir sind getrennt von den 
andern Menschen ; wir kennen Gott und sind in seinem Schutz, 
aber wir haben keine Formeln, keine Kirche und Fasten. 
Wir sind kein schlechtes Volk, aber wir stehen freundlos da, 
weil wir weder Christen noch Mohammedaner sind. Wir 
Europäer, sage ich, lieben alle Völker und wünschen den 
Leidenden zu helfen. Mögt Ihr, erwiedem die Greise, für 
immer den Frieden gebracht haben. So endete diese Unter- 
haltung. Ich will weitere Reflexionen aufsparen, um die Er- 
zählung nicht zu unterbrechen. 

3. December. Den folgenden Tag bat uns Ashku, unsere 
Abreise nicht zu beschleunigen ; es seien noch mehrere Dörfer, 
die uns bewirthen wollten. Wir konnten nicht lumhin, den 
Morgen uns noch aufzuhalten , besonders da unsere Barea mit 
dem unaufhörlichen Gelage sehr zufrieden waren. So hatten 
wir wieder grosse Gesellschaft, die sich freilich nicht sehr 
genirtc; die Leute setzten sich sogar auf unsere Teppiche, die 
zugleich als Bett und Tisch dienten, ja einer schlägt mir vor, 
meinen Teppich um eine Kuh an ihn abzutreten. Ich erhielt 
einen Besuch von einer älteren Frau, die mir Hand und Stirn 



Digitized by 



Google 



Reise dorch das Land der Kunama. 425 

küsste; sie war vor einigen Jahren von den Leuten von Adiabo 
nach dem Ilamasen verkauft und von da zu den Bogos 
flüchtig geworden, wo wir sie aufnahmen und nach ihrer Hei- 
mat zurückschickten. Sie brachte uns einen kleinen Schlauch 
voll Mehl. Während meines Aufenthalts bei den Bogos hatten 
wir Europäer oft Gelegenheit, Sklaven in ihr Vaterland Zu- 
rückzuschicken und jedenfalls ist diess der. geeignetste Weg, 
sich ein Volk zu verpflichten. Einmal wurden fünf Sklavinnen 
von der Küste von Massua geraubt und über Keren gebracht, 
um sie im Barka zu verkaufen. Es war mir möglich, ihrer 
habhaft zu werden; ich Hess ihnen die Wahl frei, ob sie zu 
ihren Herren nach Massua oder in ihre Heimat gehen wollten. 
Nur eine, die in Massua geboren war, kehrte zurück, die 
andern wünschten in ihr Vaterland zu gehen; eine war von 
den Barea, die andern von Samero und hier. — Wir ver- 
Hessen das Dorf um Mittag; ich beschenkte unsern Wirth mit 
einem Thaler, einem Rasirmesser, Gewürznelken und einigen 
Glasperlen ; er hatte nichts erwartet und drückte sehr einfach 
in seinem gebrochenen Tigrina seinen Dank aus: du gut, ich 
gut; du Freund, ich Fröund. Von Tender kommen wir über 
HügeHand in einer Stunde nach Kerta, das aus drei Dörfern 
besteht; dicht liegt ihm Samero an, auf dem Abhänge des 
Barealandes sehr luftig frei gelegen. Diese Dörfer sind volk- 
reich und gut gebaut; sie stehen mit den Barea, deren un- 
mittelbare Nachbarn sie sind, in beständigem freundlichen 
Verkehr. Von der Höhe von Samero liegt das ganze -obere 
Barkaland frei vor uns und auch die kühne Spitze von 
Ashera und die weisse Burg (Tsad'amba) ragt in den Himmel 
empor. 

Von Samero geht es ziemlich steil bergab bis zu den zwei 
Dörfern von Beigetta, wo wir Brunnen finden. , Vom Abhang 
an gehört das Land den Barea. Den Torrent verfolgend, der 
das enge Thal von Beigetta bildet, treten wir in das breite 
Thal von Amida hinaus, in welchem die Hauptansiedlungen 
der Barea liegen. Wir schneiden es schief und kommen an 



Digitized by 



Google 



426 BeiBe -darch das Land der Kanama. 

seiner gegenüberliegenden Seite, wo Dorf an Dorf liegt, zuletzt 
nach Mogelo, dem Marktplatz. 

Wir bleiben in Mogelo bis zum 8. December. Einer unserer 
Bareabegleiter, Namens Hamid, der von hier gebürtig, lud 
uns freundlichst zu sich ein; er konnte uns freilich nur ein 
aus Matten errichtetes Zelt (Ablu) zur Verfügung stellen, denn 
das Dorf war im Frühjahr von Tsadiq's Soldaten eingeäschert 
worden und die Bewohner fühlten sich noch nicht sicher 
genug, ihre Häuser neu aufeubauen. So bivouaquirte alles in 
Zelten, die zur Nothdurft mit etwas Durraschilf bedeckt wur- 
den; eine Schattenlaube diente als Atrium. Noch hatte sich 
das Dorf gar nicht von den Folgen dieser Verheerung erholt; 
die Heerden waren alle verloren, der Markt hatte das alte 
Leben nicht wiedererhalten und noch sehr viele der wegge- 
führten Kinder und Frauen des Dorfes harrten in Adiabo des 
Lösegeldes. So fanden wir Mogelo gar nicht als das heitere 
blühende Dorf, wie es uns früher beschrieben worden; selbst 
der landesübliche Beigen (Ooila) erschallt nicht mehr in der 
Nacht. Wir wurden von den Barea mit Bier, Brod und 
Fleisch reichlich versehen; unser Wirth wurde darin von seinen 
Landsleuten gehörig unterstützt und half uns redlich bei der 
Consumtion. Wir erhielten den ganzen Tag hindurch Be- 
suche von den angesehensten Leuten des Landes, die 
mir viel über den Ruin ihres Vaterlandes klagten. Ich konnte 
ihnen freilich wenig Trost geben, denn mit Abyssinien steht 
Europa in keiner völkerrechtlichen Beziehung und das Ex- 
periment, das die Mächte mit den Bogos gemacht, möchten 
sie kaum für die Barea wiederholen; die Aegypter selbst wür- 
den kaum das Land aufgeben wollen. Unter den Besuchen- 
den war auch Ahmed el-Negash, ein älterer Mann, Massuiner 
von Geburt; ^eine Mutter ist Bazen und er selbst unter den 
Barea verheirathet und seit lange angesessen. Er hatte im 
vergangenen Jahre für Tsadiq den Tribut der Barea einge- 
zogen und war auf dem gleichen Weg, den wir gekommen, 
nach Adiabo hinaufgegangen, als Abgeordneter des Landes. 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunäma. 427 

Er konnte furchtlos diese Strasse gehen, da es sein Mutter- 
land ist. Er bereicherte meine Kenntniss des Bazenlandes 
und urtheilte besser über die Bazen als über die Barea; ihr 
einziger Fehler sei die Abneigung gegen die Fremden. Er 
hatte die Idee, es sollte in Mai Daro ein allgemeiner Markt 
für die Bazen eingerichtet werden, um das Land unter abys- 
simscher Oberhoheit dem allgemeinen Verkehr zu öfiFnen. Er 
war nicht gut auf Tsadiq zu sprechen ; denn es sei ihm nur 
darum zu thun, das Land so viel wie möglich auszurauben 
und sich mit dem Lösegeld der Gefangenen zu bereichern; an 
eine friedliche Herrschaft über das eroberte Land denke er 
gar nicht, er sei eben immer eine Art indirecter Sklaven- 
händler, wie die sudanesischen Fürsten. Dagegen war er für 
dessen Bruder Tselala sehr eingenommen. Ahmed el-Negash 
hat einen Sohn, der ganz ein Barea geworden ist und sich 
als Räuber den Leuten von Barka furchtbar gemacht hat. 
Ahmed el-Negash bestätigt meine bisher gesammelten Notizen 
über den Lauf des Mareb. 

Ich fand hier zwei Barea, die mütterlicherseits von den 
Bazen abstammen und diBis Tigre geläufig sprechen. Die kurze 
Zeit erlaubte mir nicht, meiner Arbeit über die Bazensprache 
die nöthige Vollständigkeit zu geben; sie scheint sehr compli- 
jdri gebaut zu sein und verlangt jedenfalls längeres Studium. 
So müsste ich mich mit einem Vocabular begnügen. Auch 
verhinderten die den ganzen Tag herumstehenden Leute jede 
anhaltende Beschäftigung. Wir konnten keinen Augenblick 
in unserm engen Raum ungestört sein. Wir besuchten auch 
den Markt, der jeden Morgen auf einem freien Platze unterhalb 
des Dorfes gehalten wird; Vieh, Getreide und Honig wurde 
da feilgeboten, aber er sah ziemlich verlassen aus; besonders 
haben sich die Massuiner, die bei der vorhergegangenen Ver- 
wüstung viel eingebüsst hatten, fast ganz vom Platzhandel 
Eurückgezogen. 

Wir reisen den 8. von Mogelo ab; wir miethen zwei Ka- 
meele, da unsere Maulthiere den Rücken ganz wund haben 



Digitized by 



Google 



428 Reise durch das Land der Kunäma. 

und die grosse Hitze sie sehr ermüdet hat. Wir nehmen 
den directen Weg über Mogoreb, der sich erst am östlichen 
Abhang von Algeden bei Taura mit der von uns und andern 
oft begangenen von Bisha herkommenden grossen Strasse ver- 
einigt. Wir bringen die Nacht in dem nahegelegenen Ametta 
zu , wollin uns ein anderer unserer Bareabegleiter, Abdu Weld 
Ilasballah, eingeladen hat. Der kurze Weg ist vollkommen 
eben; v^rir sehen wenig Bäume, darunter einige Dumpalmen. 
Wir werden hier sehr gut empfangen; Abdu bringt uns eine 
Ziege, Brod und Bier in Ueberfluss. Für die Weiterreise gibt 
er uns noch einen grossen Schlauch voll Mehl, das wir übri- 
gens unversehrt nach Chartum brachten. Wir erhielten hier 
den Besuch eines alten Bekannten von mir, eines Handels- 
mannes von Massua gebürtig, Namens AliQaderi; er brachte 
eine Ziege und, was viel werth voller war, er beschenkte uns 
mit einer neuen irdenen Kaffeekanne, da wir unsere eigene 
gerade nur bis Mogelo unversehrt gebracht hatten. Wir hätten 
gern noch einige Tage in diesem freundlichen Dorfe, wo die 
Leute bei Weitem nicht so zudringlich waren, zugebracht; wir 
wussten aber, dass der Heerzug von'Adiabo nicht mehr lange 
auf sich warten lassen werde und es ist auch für den Freund 
gefährlich, sich in den Strom hineinzustellen. 

Wir brachen den 9. früh auf; Abdu begleitete uns zu Pferd 
bis Algeden. Ausserdem hatten wir einige Barea bis Algeden 
gemiethet, um unsere Thiere und Gepäck zu besorgen. So 
wandten wir uns wieder westwärts. Von Ametta führt ein 
enges Thal wohl eine Stunde lang zu einem nicht hohen Sattel, 
der die Wasserscheide zwischen Amida und Mogoreib bildet; 
am Abhang sehen wir weissen Marmor und grosse Kalklager 
mit Thonschiefer abwechselnd, aber keinen Granit Rechts 
haben wir einen Berg, der schroff und hoch sich bis Bisha 
hinzieht; seine Höhe ist bis in die Mitte von sehr grossem 
rundlichen Geröll bedeckt, das grosse Spalten offen lässt und 
wie der Berg von Bisha, den ich in frühem Jahren erstiegen 
habe, kupferroth und nackt aussieht, fast ohne Baum und 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kun&ma. 429 

Strauch. Von dem Sattel steigen wir in ein anderes weiteres 
Thal hinunter und wir kommen, das noch zu Hagr geliörige 
Dorf Sherif links lassend, zu einem fliessenden von Tamarin- 
den besetzten Wasser, das von Sherif kommend dem Mogoreib 
zugeht. Diesem Fluss nach führt uns ein ganz ebener, sanft 
sich abdachender Weg mit wenig Cultur zwischen Hügeln an 
mehreren Dörfern (Kafidjo links, Haze rechts) vorbei in das 
grosse von Süden nach Norden abfallende Thal von Mogoreb, 
an dessen Strom Mogoreib wir das Mittagslager nehmen. Das 
Thal ist etwa anderthalb Stunden breit, ganz eben, ohne Stein 
und Hügel, Alluvialland, mit schönen Feldern bedeckt. Wir 
haben uns gegenüber im Westen am Fusse eines Berges das 
Dorf Mahou. Im Süden ist das Thal von dem Höhenzug 
acht Stunden weit von Eimasa beschränkt; im Norden öffnet 
es sich in das freie Barka, dem es sein Wasser zuschickt. 
Hier wird viel Durra, Duchn und auch etwas Baumwolle ge- 
pflanzt. Die ganze Ebene hat durchaus das Aussehen des 
Barka, schön gefärbt von dem getrockneten niederliegenden 
gelben Heu. Wit lagern^ an den Brunnen (Elefeno), die ziem- 
lich tief in den Torrent gegraben sind, unter Dumpalmen , die 
sehr häufig sind und immer nur den Strombetten nach vor- 
kommen. Wir finden zahlreiche Heerden von Mogoreb, die 
hier getränkt werden. Die Herren derselben laden uns ein, 
die Nacht in dem nahegelegenen Dorf mit ihnen zuzubringen, 
was mr ablehnen müssen. Die Leute benehmen sich sehr 
artig gegen uns; es that uns sehr leid, einige Tage später 
hören zu müssen, der Heerzug von Adiabo habe sich hierher 
gewandt und alle die schönen Dörfer verbrannt und die gast- 
lichen Heerden weggeraubt. Wir brechen von Elefeno der 
grossen Hitze wegen erst gegen Abend auf; wir lassen den 
nach Nordost laufenden Torrent rechts und treten zwischen 
kleinen Bergen durch in die grosse Ebene Serobeti hinaus zu 
einem Torrent Boka, der auch mit dem Mogoreib sich ver- 
einigt und zeit- und stellenweise Wasser hält. Wir hatten 
rechts von uns den grossen breiten Berg, der, von Bisha über 



Digitized by 



Google 



430 Reite durch das Land der Knnäma. 

Ametta westlich sich ausstreckend, das Thal Mogoreb von 
Osten einschränkt. Links lassen wir den Berg und das Thal 
von Az Negeb, das auch zum Mogoreb gehört. Der ganze 
Weg war mit Domenwald und hohem Gras bedeckt, ohne 
Fels, fast ohne Unebenheit, der Lehmboden hier und da mit 
Quarztrümmern bedeckt. Trotz des bedeckten Himmels ist 
die Nacht sehr kalt. 

Den 10. December verlassen wir die Ebene Serobeti, die 
sich nordwärts dem Barka zuneigt und steigen schräg über 
die vom Plateau von Algeden sich abdachenden Hügelreihen 
in den Strom von Taura hinab, wo sich der Weg von Bisba 
her vereinigt. Wir verfolgen ihn aufwärts bis zu einer Schlucht, 
wo sich im Fels linksab vom Wege Wasser findet. Das Gestein 
dieses engen Thaies ist Thonschiefer; es ist mit Wonsa (Auhe)y 
Tamrix und Nebek dicht besetzt. Der sißit Elefeno durch- 
zogene Strich ist sehr fruchtbar, aber ganz unbewohiit und 
als Grenze zwischen den Barea und Beni Amer'n sehr grfäfar- 
lich; daher wird das schöne Heu von Serobeti selten abge- 
weidet. - .. . 

Nachmittags steigen wir den langen aber nicht sehr steilen, 
felsigen Abhang des Tanratorrent entlang zum Plateau von 
Algeden hinauf in eine schöne Ebene, die zu Oria gehörig ihr 
Wasser dem südlichen Mareb (Gash) zuschickt und im Westen 
von dem Berg Dablot begrenzt ist. Ein kleiner Sattel führt 
uns an seinem westlichen Fuss zum Dorf Algeden. 

Wir benutzten unsem Aufenthalt zur Besteigung des Dablot 
und zu einem südlichen Abstecher nach dem Mareb (jetit 
Gash), wobei wir auf der Rückkehr Elit, das letzte Dorf der 
Bazen am rechten Gashufer, besuchten. Wir wurden von 
unserem alten Bekannten, Mohammed Nur, dem alten aber 
sehr rüstigen Sheich des Dorfes, empfemgen; wir konnten uns 
über ihn gar nicht beklagen, doch fiel mir auf, dass in dieser 
Gegend die religiöse Intoleranz jährlich zunimmt Man muss 
freilich bedenken, dass Algeden ein Grenzort gegen die heid- 
nischen Bazen ist und sehr nahe am christlichen Abjssinien 



Digitized by 



Google 



Reise duröh das Land der Kon&ma. 431 

liegt; so dürfen sich die Muslim hier wohl noch als kämpfende 
Kirche betrachten und selbst der uns sonst sehr freundschaft- 
lich behandelnde Sheich Mohammed Nur bestrebte sich, uns 
gegenüber sogar seine Verachtung der Ungläubigen an's Licht 
zu stellen. Er kam mit Affeetation immer auf die religiösen 
Controversen, was mir, dem es um geographische Kenntnisse 
zu thun war, ungelegen kam, wenn ich auch nicht verschmähe, 
mit einem Schriftgelehrten zu disputiren, wo man wenigstens- 
Arabisch lernen kann. Diese Intoleranz, die man uns gegen- 
über entwickelt, wird gepflegt durch die grossen reisenden 
Sheichs, die zeitweise von Mekka ausgehend das Land predi- 
gend durchwandern und den Glauben neu beleben. Dieses Jahr 
war es der Gouverneur der Provinz Taka, Hassan Bei, selbst 
gewesen, der schon im Interesse der ägyptischen Herrschaft 
im Sudan die Gläubigen zur Einheit ermahnte; denn die Abys- 
sinier griffen immer mehr in die Politik des Niederlandes ein 
und sprachen deutlich ihre Absicht aus, sich auch den Sudan 
zu erobern. Ich konnte aber wohl bemerken, dass Mohammed 
Nur den Türken nicht sehr gewogen war und vielleicht die 
Abyssinier ihnen vorgezogen hätte. Wenigstens stand er mit 
Adiabo in freundlichem Verkehr. Wir wollen übrigens unsern 
späteren Betrachtungen nicht vorgreifen. Hassan Bei war den 
Tag vor unserer Ankunft nach Tsaga zu den Beni Amer'n ab- 
gegangen; hier hatte er den Tribut von 2573 Thalem erhoben, 
welcher auf die Zahl der Felder berechnet ist. 

Mohammed Nur erzählte uns viel von den Raubzügen, die 
Algeden und Sabderat gemeinschaftlich gegen die Bazen unter- 
nehmen; seit die letztern aber unter dem Schutz von Adiabo 
stehen, dessen Name im Niederland sehr gefürchtet ist, hat 
dieser Krieg ziemlich aufgehört. Auf meine Frage, was denn 
die Bazen verbrochen hätten, hatte Mohammed Nur die ge- 
nügende Antwort, sie wollten ihnen weder Tribut zahlen, noch 
sich bekehren. 

Trotz unserer vielen Nachfragen konnten wir nicht genau 
erfahren, woraus eigentlich die Bevölkerung^» von Algeden be- 



Digitized by 



Google 



432 Reise üurch das Land der Kanäuia. 

stehe. Der Stamm Algeden wohnt in zwei Dörfern, das 
grössere heisst Algeden nach dem Stamme, theiH sich aber in 
vier besondere Niederlassungen: 

1) Haramata, von Homran und Haflfara bewohnt, 

2) Eliti, von Elit-Bazen bewohnt, 

3) Gellabat, von andern Bazen bewohnt, 

4) Balot, von Belou bewohnt. 

Das zweite kleinere Dorf heisst Bintana und liegt auf der 
hintern Seite des Dablot. Jedenfalls bilden den Kern der Be- 
völkerung Bazen, die aber schon seit lange islamitisirt sind; 
darauf deutet die Gemeindeverfassung, die keine Aristokratie 
kennt und keine Unterthanen. Auch soll es noch vor kurzem 
Regenmacher (Alfei) hier gegeben haben. Zu dieser Urbe- 
völkerung kamen die Niedergelassenen. Einige behaupten nun, 
Algeden sei ein eigener Stammname und ihre Verwandtschaft 
mit den Belou komme nur von mütterlicher Seite her. Die 
Homran gehören zu den Shukrie, die wahrscheinlich Araber 
sind; die Haffara dagegen sind Kelou, die alte Einwohner des 
Landes sind und vom Nil bis zum Meer sich noch in spär- 
lichen Resten erhalten haben. So ist Algeden höchst wahr- 
scheinlich eine Niederlassung der Bazen, vermischt mit vielen 
Eingewanderten und mit den Nachbarn verschwägert. Sie 
sind alle eifrige Mohammedaner und sprechen Tigre. Sie sind 
tapfer, gewandte Reiter, gastfreundlich, haben viel schöne 
Heerden und treiben Ackerbau; ihre Pflanzungen liegen nörd- 
lich gegen Hauasheit, dann westlich bis Aradeb und südlich 
in der Ebene On bis fast nach Elit; sie bauen auch viel Sesam 
und Baumwolle, welche letztere im Dorfe gewoben wird. Die 
Häuser sind Thuql und reichen zwischen den Felsblöcken an- 
genistet bis hoch an den Berg hinauf. 

Den 12. December bestieg ich den dem Dorfe unmittelbar 
anliegenden Berg Dablot , der wenigstens 1000 Fuss über der 
Ebene sich erhebt, um gegen den Berg von Kassala hin einen 
freien Blick zu gewinnen. Wir kt)unten nur mit Lebensgefahr 
den Gipfel erklimmen; einer dabei geholten Erkältung muss 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 433 

ich wohl die Fieber zuscJhreiben, die mich nachher so hart- 
näckig verfolgten. Ich fühlte mich denselben Tag schon un- 
wohl, aber wir Hessen uns deswegen nicht abhalten, einen 
längstgehegten Wunsch zu erfüllen und den Mareb und das 
Bazendorf Elit zu besuchen. Mohammed Nur verstand sich 
trotz eines Geschenkes nur ungern dazu, uns dahin zu führen ; 
er nahm einen seiner Verwandten mit, um für ihn und uns 
zu sorgen. Wir brachen den 13. fiüh Morgens auf. Da dem 
Dorfe Algeden, wo es nicht dem Dablot anliegt, Hügel vor- 
liegen, mussten wir über einen Sattel hinübersteigen, um in 
die Ebene On zu kommen, mit der wir schon von Taura kom- 
mend bekannt geworden sind; sie erstreckt sich ganz flach 
gegen Süden bis zum Mareb , dem sie ihre Wasser zuschickt. 
Sie ist links von dem Bergzuge beschränkt, der als Fortsetzung 
des Plateaus von Algeden bis nach Eimasa reicht und das 
tiefere Barka vom Marebthal scheidet, rechts aber von dem 
isolirten Berge von Elit. Es ist uns nicht möglich, denselben 
Tag zum Mareb zu kommen, da die grosse Hitze uns sehr 
zusetzt. Wir übernachten nach achtstündigem Marsch durch 
die schöne Wildniss neben einem Felsen, in dessen Spalten 
sich reichliches Wasser erhalten hat. Den Tag über löschen 
wir den Durst mit Wasser, das sich auf den Adansonien sam- 
melt; einer von uns besteigt den Baum, füllt den Schlauch 
aus der Höhlung, die sich gewöhnlich bildet, wo die Aeste 
sich vom Stamme absondern und reicht ihn an einem Seile uns 
hinab; wir hatten den Trost, auf diese Weise in der Mittags- 
hitze auch unsere geplagten Maulthiere tränken zu können. 

Den 14. Morgens gelangten wir nach etwa zweistündigem 
Marsch zum Mareb, der nun Gash heisst und sehr breit und 
offen daliegt. Wir finden Wasser etwa 2 Fuss unter der 
Oberfläche und wenden uns nun zur Rückkehr, indem wir uns 
etwas westlich halten, dem Berge Elit zu, den wir in drei 
Stunden erreichen. Der Berg Elit bildet ein grosses, inwen- 
dig hohles Viereck, das sich gegen Norden und Süden mit 

Munziug«r, Ostarrik. Studien. 28 



Digitized by 



Google 



434 Heise durch das Land der Kon&ma. 

engen Thoren öflfnet. Im Innern befindet sich eine ziemlich 
grosse, von den Elit bebaute Ebene. 

Das Dorf Elit selbst liegt auf der Südseite des Berges, auf 
seiner halben Höhe; drei sehr steile Aufgänge führen zu ihm 
hinauf; für Pferde ist es unmöglich, zum Dorfe zu kommen. 
Die Häuser, die sich von denen der andern Bazen nicht unter- 
scheiden, liegen zwischen den Felsen zerstreut. Wir wurden 
schon am Fusse des Berges von den Einwohnern sehr fireund- 
lieh empfangen und mit Bier bewirthet. Dann klonmien wir 
den Berg hinauf und brachten die Nacht in dem sehr freund- 
lichen Dorfe zu. Ich hatte mich schon auf dem Wege sehr 
unwohl gefühlt, aber hier hatte ich meinen ersten Fieber- 
anfall; deswegen finde ich auch bei dieser Stelle mein Tage- 
buch viel unvollständiger, als ich es gewünscht hätte. 

Die Leute von Elit gleichen durchaus den andern Bazen; 
sie reden die gleiche Sprache, viele verstehen aber auch Tigre. 
Sie sehen ebenso stark und fett aus; besonders die Frauen 
zeichnen sich durch Schönheit aus. Eigenthümlich ist aber 
die braune Farbe der Zähne, die gewöhnlich dem häufigen 
Genuss der sauem Adansoniafrucht zugeschrieben wird. Die 
Elit sind den andern Bazen immer befreundet, obgleich sie 
wenig gegenseitigen Verkehr haben. Dagegen stehen sie in 
viel näheren Beziehungen zu dem benachbarten Algeden , dem 
sie so zu sagen unterworfen sind. Sie verfertigen aus dem 
Adansoniabast hübsche Stricke und Netze und bringen sie auf 
den Markt von Algeden zum Verkauf; ihre Felder befinden 
sich meistens gegen den Mareb hin. Wasser findet sich in 
einer Höhle gerade über dem Dorfe, das selten ganz ver- 
trocknet. Wir wurden mit Brod, Bier und Honig gut be- 
wirthet; es that mir leid, dass das Fieber mich hinderte, mit 
den Einwohnern in nähern Verkehr zu treten und ihrer Gast- 
lichkeit mehr Ehre anzuthun. 

Den 15. kehrten wir im Eilmarsch nach Algeden zurück; 
das Dorf war aber wie ausgestorben; es war unterdessen die 
Nachricht gekommen, dass die Adiabo den Gau Mogoreb ver- 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kundma. 435 

wüstet hätten. Auf diese Kunde hin hatte sich fast die ganze 
Bevölkerung des Dorfes in die Wildniss geflüchtet; wir fanden 
in dem Dorfe nur wenige Leute, die hier blieben, um die Hab- 
seligkeiten zu hüten, die in der Eile nicht mitgenommen wer- 
den konnten. Wir mussten nun schon unserer Sicherheit wegen 
Kassala zu erreichen suchen ; mit grosser Mühe fanden wir 
ein Kameel und einige Begleiter. Auf dem Wege nach Sab- 
derat wurde auch Herr Kinzelbach wahrscheinlich in Folge 
eines Sonnenstichs heftig krank; auch unser einziger Diener 
Din war seit Algeden von Fieber geplagt. In Sabderat muss- 
ten wir uns einige Tage aufhalten, da wir kein Kameel be- 
kommen konnten, denn auch hier hatte sich alles vor den 
Abyssiniem in die Berge geflüchtet. Wir ermangelten jeder 
Pflege, da jeder von uns für sich selber zu sorgen hatte und 
die geängstigten Dorfbewohner Besseres zu thun hatten, als 
Christen zu pflegen. -Ich fürchte fast, dass sie uns mit ihren 
Feinden, den abyssinischen Christen, zusammenwarfen. Mit 
Mühe und Noth erreichten wir den 22. December Kassala und 
fanden in dem Hause des Herrn Kozzika wie gewohnt freund- 
liche Aufnahme, 



28* 



Digitized by 



Google 



Der Mareb- 



Wir hoffen durch unsere Reise den Lauf und Stromcha- 
rakter des Mareb endgültig festgestellt zu haben, lieber beides 
waren die Geographen sehr uneinig; besonders die Identität 
desselben mit dem Gash war unbewiesen und konnte es nur 
durch eine Reise durch das Land der Kunäma werden. Wir 
passirten den Mareb zum ersten Male bei seiner Quelle (bei 
Az Gebrei); dann zwischen Kohein und Adiabo bei Arakebu 
am nördlichen Fuss von Medebei Tabor, zum dritten Male bei 
Mai Daro; wir traten an seine Ufer zum vierten Male bei Elit 
und zum fünften Male' bei Kassala, um von seinem Stromge- 
biete über die Hauede in dasjenige des Atbara üjberzugehen 
und sowohl die geographische Configuration des Bodens, als 
die Aussagen aller Eingebomen bewiesen uns, dass wir es 
immer mit einem und demselben Flusse zu thun hatten. 

Der Mareb ist seinem abyssinischen Laufe nach längst be- 
kannt. Seine Quelle befindet sich etwas über dem Dorfe Az 
Gebrei (unweit von Adi Baro) im Hamasen. Nachdem er als 
Bach seine Matten durchzogen, fällt er eine halbe Stunde 
östlich vom Dorfe in einen Abgrund oder besser gesagt: wäh- 
rend er in seinem ersten Anfang die Ebene durchfiiesst, ge- 
lingt es ihm hier sich ein tieferes Thal zu bilden und dann 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kuoäma. 437 

erst tritt er charakteristisch in die Geographie des Landes 
ein. Die Abyssinier sind ako nicht im Unrecht, wenn sie 
diesen Punkt, wo er als Wasserfall in sein eigenes Thal sich 
stürzt, 'Ain Mareb nennen, da er erst hier selbstständig auf- 
tritt. Der Name Mareb gebührt ihm von hier, bis wo er, zwi- 
schen dem Dembelas und Adiabo sich hinauszwängend, Abys- 
sinien verlässt. Sein Name, der „Sonnenuntergang" bezeich- 
net (vom äthiopischen Verb: ^araba, occidit sol), deutet auf 
seinen endgültigen Lauf und beweist, dass die Abyssinier ihn 
nicht misskannten. Wie er nun um sich selber eine Spirale 
bildet, die sich erst bei Oundet aufwickelt, brauchen wir nicht 
zu beschreiben, da ihn schon die portugiesischen Missionäre 
bestimmt haben. Er gräbt sich ein sehr tiefes Thal und trennt 
60 von seiner Quelle an das nördlichere Hamasen vom Gau 
Loggon; dann sich eher südlich wendend, schneidet er das 
südliche Hamasen und das sich ihm anschliessende Sarae von 
dem Gau Saher und ihrer Fortsetzung, dem Okulekusei, ab 
und wo er, sich wieder nach Westen und Nordwesten wendend, 
auf sich selbst zurückkehrt, trennt er das Sarae und seinen 
Ausläufer, die Qolla Sarae, von dem Tigre und seiner nord- 
westlichen Fortsetzung, dem Shire und Adiabo. Man kann 
diese erste Partie seinen Oberlauf nennen; seine Grenze ist 
zwischen Eohein (Mai Gor§o) und Adiabo: bis hierher gehört 
er zu Hochabyssinien und trennt scharf und tief sich einwüh- 
lend seine Ufergebiete, er ist so lange ein Waldstrom und ein 
eigentlicher Fluss, denn so lange hat er beständig fliessendes 
oberflächliches Wasser. Wir fanden ihn bei Arakebu nur den 
fünften Theil seines Bettes mit Wasser füllend; nur in der 
Regenzeit nimmt er seine ganze Breite ein. 

Von Arakebu nordwärts gehend, verändert der Mareb 
seinen Gebirgscharakter; er tritt in das Land der Eunama 
ein und da hier das Hochgebirge entschieden gegen Norden 
abfällt, so nähert sich der Mareb immer mehr dem Niveau 
seines Uferlandes. Während er also im Anfang -seines Mit- 
tellaufes die Abfälle von Adiabo von der Qolla Sarae noch 



Digitized by 



Google 



438 Heise durch das Land der Kunama. 

entschieden trennt, wird er in seiner untern Fortsetzung sei- 
nem Uferlande assimilirt und da trennt er nicht mehr, sondern 
er begleitet nur und verliert so sein Thal; er hört auf, die 
Geographie des Landes zu machen. Was nun seinen Lauf 
betrifft, so kann ihn nur die Karte deutlich machen; hervor- 
zuheben ist nur, dass er, anstatt nun das Land durchbrechend 
consequent zum Barka abzufallen, sich gegen Westen und so- 
gar Südwesten wendet und sich langsam einen Weg in's Nie- 
derland sucht. Wir nennen nun seinen Mittellauf die Strecke, 
solange er im Lande der Kunama bleibt, also von unter Ara- 
kebu bis etwas unter Elit; so lange heisst er Sona. Auch 
sein Flusscharakter wird im Mittellailf ein ganz anderer: er 
ist nicht mehr der abyssinische Waldstrom; er wird aber 
deswegen auch nicht Torrent in der Weise des Anseba oder 
des Barka; er bildet ein Mittelding, das Erläuterung verlangt. 

Wir lernten bisher in Afrika die Wasser unter zwei For- 
men sich weiterbewegen; erlaubt es ihnen ihre Quantität und 
die Dichtigkeit des Bodens, so fliesst das Wasser, auf der 
Oberfläche seines Bettes zu Tage tretend; es bildet eine fort- 
laufende Linie, die wir gewöhnlich Fluss nennen. In Europa 
ist diese Form die häufigste, in Afrika dagegen kommt sie 
viel seltener vor. 

Wo aber der Boden das Wasser nicht an der Oberfläche 
halten kann, wo das durchsickernde Wasser erst spät auf 
einer festen Schicht Widerstand findet, da zeigt sich uns der 
Strom als Torrent, d. h. es erscheint ein Sandbett, das nur 
zur Regenzeit überfluthet wird und das ganze übrige Jahr 
scheinbar trocken daliegt, weil der Wasserstrom unterirdisch 
sich fortzieht. Beweis dafür ist, dass für je einen Strom 
überall in gleicher Tiefe Wasser gefunden wird; könnte man 
den Sand entfernen, so würde sich ein fortlaufender Fluss den 
Augen darstellen, der sich sehr tief gehöhlt hat. Da aber 
die Strömung nur im abschüssigen Gebirge die Triebkraft hat, 
den Sand fortzuschleppen, so kann dieser letztere als Bett 
erst da auftreten, wo der Fluss in der Ebene hinläuft und 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Eunama. 439 

den Wasserstrom bedecken. Hier kann er nun immerbin den 
Thon im Wasser aufgelöst forttragen, während der Quarz und 
die andern krystallinischen Bestandtheile liegen bleiben. Doch 
ist auch der Sand in Bewegung, die aber mit der Wasser- 
strömung nicht Schritt hält und so zurückbleiben und sich 
ansetzen muss. 

Es hängt nun natürlich von der Bodenstructur ab, wie tief 
der Wasserspiegel unter dem Sandspiegel sich befindet. Wo 
das Terrain sehr abschüssig ist, wird wenig Wasser von der 
Erde absorbirt werden und so wird der unterirdische Strom 
fast ohne Nahrung ^bleiben und selbst ganz versiegen. Diess 
haben wir im Gau Kohein beobachten können. Wo aber der 
Boden mehr eben geworden und von dem Regen- und Fluss- 
wasser seinen Theil absorbirt, da wird es von der Tiefe der 
undurchdringlichen Thonschicht abhängen, wo die Strömung 
sich findet. Deswegen finden wir sehr unterschiedliche Tiefen; 
beim Anseba z. B. strömt das Wasser fast das ganze Jahr 
etwa 6 Fuss tief unter dem Sande, während der Barka durch- 
schnittlich erst 20 Fuss unter der Oberfläche Wasser zeigt. 
Es ist natürlich, dass diese unterirdische Strömung immer 
tiefer sinkt, je weniger Wasser im Strome vorhanden ist, 
d. h. je trockener die Jahreszeit ist; den tiefsten Stand er- 
reicht sie unmittelbar vor der Regenzeit. Nun fallen die 
ersten Regen und vermehren nach und nach die Wassermenge 
so, dass sie bis auf das Niveau des Sandspiegels hinaufdringt 
imd endlich einen oberflächlichen Fluss bilden kann; deim 
zuerst muss das Sandbett mit Wasser ausgefüllt werden, bevor 
ein zu Tage tretender Strom entstehen kann. Wir fanden 
nicht für überflüssig, uns so über den Charakter des Tor- 
rent zu verbreiten, weil man sich in Europa gewöhnlich 
einen sehr irrigen Begriff von dem afrikanischen Stromleben 
macht; wir wollen hier nur andeuten, wie zweckmässig es 
wäre, auch auf den Karten die verschiedenen Stromformen, 
durch Farben z. B., zu unterscheiden, sodass nur der wirk- 
liche Fluss blau, der Torrent aber gelb gezeichnet würde. 



Digitized by 



Google 



440 Reise durch dae Land der 'Eunima. 

Erst jetzt können wir uns den besondern Charakter des Ma- 
reb-Mittellaufes verdeutlichen. 

Der Mareb in seinem Mittellaufe mit seinen Zuflüssen zeigt 
uns nun die Wasserströmung in einer dritten Form, einem 
Mittelding zwischen Fluss und Torrent, und diesen Charakter 
verliert er erst in seinem Unterlaufe in der Landschaft Taka. 
Abgesehen von der Regenzeit, wo er natürlich regelmässiger 
Fluss wird, also vom Juli bis September, zeigt er sich als 
Torrent, auf eine Weise aber, dass das Sandbett hier und da 
von Teichen unterbrochen wird, wo das Wasser für kurze 
Zeit an die Oberfläche hinausquillt. Daher rührt die Sage, 
die schon auf des Jesuiten Lobo Karte sich findet, der Mareb 
verliere sich im Lande der Shangalla (Kunama), um später 
wieder zum Vorschein zu kommen. Diese Sage, die richtig 
verstanden nicht unwahr ist, blieb falsöh, solange man sich 
unter dem Mareb einen Fluss im europäischen Sinn des Wor- 
tes vorstellte, wo also der Wasserstrom unter irgend einem 
Felsen durch verschwinden konnte. Der richtige Sinn der 
Sage, wie wir ihn durch eigene Anschauung erkannten, ist, 
dass der Mareb in seinem Mittellaufe nicht mehr einen con- 
tinuirlichen Fluss bilden kann: 1) weil ihm seine Uferländer, 
die weniger Regen haben als das abyssinische Hochland, nicht 
mehr so viel Wasser zuführen; 2) weil die grössere Hitze mehr 
Wasser verdunstet; 3) weil die wasserdichte Thonschicht tiefer 
liegt, als im eigentlichen Abyssinien. So würde er zu einem 
Torrent, wie es der Anseba und Barka auch sind. Da aber 
das Land der Kunama eine viel festere Bodengestaltung hat, 
als die Tiefländer des Anseba und Barka, die meist aus Granit- 
schutt bestehen, so kann er sich kein so regelmässiges Bett 
graben; oft treten Felsen hemmend in den Weg oder schief 
entgegenliegende Schieferlager treiben das Wasser an die Ober- 
fläche, ohne ihm das Weiterfliessen zu gestatten, ganz, nach 
Art artesischer Brunnen, und so finden sich sehr häufig Quell- 
teiche lebendigen Wassers, welche die Monotonie des trockenen 
Sandbettes erfreulich unterbrechen. 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunima. 441 

Diese Eigenschaft theilt der Mareb natürlich auch mit 
seinen Zuflüssen von der linken Seite, da sie geologisch ihm 
gleichgestellt sind. Alle die Zuflüsse, die wir von Adiabo bis 
Mai Daro überschritten, sind solche Halbtorrente, in denen sich 
von Zeit zu Zeit grosse oder kleine Teiche mit perennirendem 
Wasser finden. Sie haben alle ein sehr unbedeutendes Bett, 
da sie von Westen nach Osten gehen, während der Boden 
von Süden nach Norden abfällt und da der Thonschiefer ihnen 
nicht erlaubt, sich nach Belieben auszudehnen. Man weiss 
oft sogar nicht, nach welcher Seite hin diess der Fall ist, so 
mühsam streiten sie sich mit dem zäh wderstrebenden Boden. 
Dieser Reichthum an Teichen macht das Land der Kunäma 
sehr wasserreich, weil an solchen Stellen oft ein sehr grosses 
Wasserquantum an den Tag tritt. 

Der Mareb behält diesen Charakter während seines ganzen 
Mittellaufs; wo die Thonschicht horizontal mit der Oberfläche 
fortläuft, zeigt er sich als Torrent und diess ist die Regel, 
während die Teiche von der Unregelmässigkeit des Bodens 
herrühren. 

Von Medebei Tabor bis Mai Daro, wo wir wieder auf den 
Mareb stossen, soll er ein sehr sandiges offenes Bett haben, 
ohne von Felsen viel unterbrochen zu sein oder wie im Ober- 
lauf viel Geröll zu führen; doch treten schon hier und da 
Teiche an die Oberfläche. Bei Mai Daro, wo vär den Mareb 
überschritten, fanden wir ihn als Torrent mit untiefem Wasser- 
spiegel und ebenso bei Elit. Die Teiche sind aber auf dieser 
Strecke sehr häufig und bedeutend gross und man bringt 
daraus grosse Fische bis nach Kassala auf den Markt. 

Es ist natürlich, dass der Mareb die grossen Beugungen 
macht, die auf der Karte angegeben sind, da er sich nicht 
nach Belieben durch den Schiefer Bahn brechen kann, son- 
dern ihm nachgeben muss; er ist auch darin ganz verschieden 
von dem Anseba, der lejcht die Granitberge durchbricht. Wo 
er aber als Unterlauf unter dem Namen Gash in die freie 
Ebene von Taka hinaustritt, wird er regelmässiger und ver- 



Digitized by 



Google 



442 Reise durch das Land der Konima. 

ändert von Neuem seinen Charakter. Bevor wir ihn nun 
weiter verfolgen wollen, müssen wir einige Worte über die 
Identität des Mareb mit dem Gash einschalten. 

In einer frühem, von Hm. Maltebrun publicirten Arbeit 
haben wir die Identität a priori behauptet aus Gründen, die 
auch jetzt noch gelten. Wie nämlich aus Hrn. Petermann's 
Karte ersichtlich ist, waren die Geographen über diesen Punkt 
gar nicht einig; die einen liessen ihn sogar in der Nähe von 
Dorkutan in den Takkaze fallen. Ich kann mir diese Angabe 
nur daraus erklären, dass der Mareb unter Mai Daro wirklich 
bedeutend nach Süden sich wendet und ihre Gewährsleute 
Abyssinier waren. Die meisten aber brachten ihn nach Taka 
hinunter. Ich schloss mich dieser Ansicht aus folgenden Grün- 
den an. 

Die grossen Ströme von Nordabyssinien sind der Anseba 
und der Barka, deren Quelle und Lauf weithin uns bekannt 
sind und dann der Atbara, dessen westlicher Zufluss der 
Takkaze ist. Woher sollte der Gash kommen, den wir schon 
damals, aus dem Lande der Kunäma tretend, kannten, so räson- 
nirten wir. Seit dieser Zeit nun haben wir den Mareb bis 
Mai Daro als einen Fluss constatirt und hier unter dem Namen 
Sona passirt. Wir sehen ihn von da südlich nach Anal sich 
wenden; wir finden den Sona von Neuem an Eimasa und an 
Elit vorüberziehend, wo er zum Gash wird. Die Identität kann 
also kaum angefochten werden. Zudem sind nun die Kunäma 
oder Bazen selbst gewiss die besten Kenner ihres Flusses 
und alle ohne Ausnahme erklärten sie, der Sona von Mai 
Daro und Elit sei derselbe Strom. Auch die Algeden bewiesen 
den Zusammenhang, indem sie oft von Elit den Strom hinauf- 
gehend die Dörfer von Mai Daro verwüstet haben. Ebenso 
haben die Soldaten von Adiabo den Mareb hinabziehend die 
Hadendoa bei Elit überfallen. 

Wer nun noch Zweifel hegen möchte, den sollten wir 
fragen, wo nun eigentlich der Strom Gash, der von Elit ab* 
wärts uns vollständig bekannt ist, herkommen kann, wenn er 



Digitized by 



Google 



Heise durch das Land der Kunama. 443 

nicht die Fortsetzung des Mareb-Sona ist, den wir bis Anal 
zusammenhängend kennen? 

Eine andere Frage aber ist, bis wohin sich der Unterlauf 
des Mareb fortziehe. Der Mareb heisst nämlich von Elit ab- 
wärts Gash (so lautet seine Aussprache und nicht Qash, da 
das arabische (Jf, q nichts mit dem Namen zu thun hat).*) 
Aus dem abschüssigen Bergland der Kunama tritt er in die 
grosse Ebene Taka, der er so nothwendig ist, wie der Nil 
Aegypten. Sein Unterlauf durchströmt nun ein Flachland, 
das wohl als Anschwemmung von ihm selbst gebildet worden 
ist. Denn das Land Taka zeigt sich als eine dem Gash flach 
anliegende steinlose Ebene. Einzelne Berge freilich springen 
hier und da hervor und unterbrechen die Einförmigkeit, aber 
als blosse Ausnahmen bilden sie keine Gebirgslandschaft mehr. 
Der Gash verliert daher auch seinen frühern Charakter, er 
wird nach und nach förmlich Torrent; in der Ebene strömt 
er nur in der Regenzeit überirdisch. Die Teiche verschwin- 
den; in der trockenen Zeit findet man untief unter dem Sande 
eine reichliche überirdische Strömung. Er tritt schon bei 
Kassala sehr nahe an den Atbara hinan und es fragt sich, 
was bei seiner beständigen Neigung gegen Westen die Ver- 
einigung so lange hindere und ob er sich überhaupt mit ihm 
vereinige. 

Bei meinem ersten Aufenthalt in Kassala konnte ich dar- 
über nicht klar werden; gewiss konnte ich erfahren, dass er 
sich noch sehr weit nördlich fortziehe und es war Herrn A. de 
Courvars Verdienst, zuerst erkannt zu haben, dass er, wie 
er sich ausdrückt, in einem Arme in den Atbara münde; aber 
er hätte genauer genommen sagen können, dass er wenigstens 
darein münden könne. 

Der Gash geht nämlich von Kassala an Ehret vorbei in 



*) Der Name Gash, der eher dem Strome zukommt, als dem Strom- 
land, hat mit dem arabischen Worte gesh nichts zu thun. Gesh be- 
deutet Gras und hat das harte sh. 



Digitized by 



Google 



444 Reise durch das Land der Kunäma. 

das Gebiet der Hadendoa nordwärts, parallel mit dem Atbara, 
kaum 15 Stunden von ihm entfernt. Seinen natürlichen Lauf 
unterbrechen zwei Umstände, vorerst die von der Natur ge- 
bildete Wüste El Hauede, dann die Kunst des Menschen. 

Die Hauede vorerst legt sich etwas erhaben zwischen die 
zwei Flüsse und hindert sehr lange ihr Zusammenkommen. 
Die Kunst femer, die den Gash zur Bewässerung des Landes 
benutzt, vertheilt seine Wassermasse und hindert ihr Weiter- 
kommen. Von Kassala nordwärts ist nämlich das rechte Ufer 
höher, als das linke; so ist es möglich, das linke Ufer durch 
Hindernisse unter Wasser zu setzen, während das rechte Ufer 
schon zu hoch liegt. Die Folge davon scheint mir zu sein, 
dass der Gash, der bedeutenden Schlamm mit sich führt, das 
linke Ufer damit bereichert, es so erhöht und vom rechten 
Ufer, das nicht überfluthet werden kann, aber dem Wasser- 
drang ausgesetzt ist, Stück für Stück abreisst, die der Strom 
weiter nördlich absetzt oder aber dem linken Ufer, über das 
er wegläuft, schenkt. Nothwendige Folge dieses vielhundert- 
jährigen Processes ist, dass das linke Ufer immer höher zu 
liegen kommt und je femer es vom Flusse ist, um so schwerer 
vom Wasser überströmt werden kann; dass ferner das linke Ufer 
immer mehr nach Osten weicht und das Strombett selbst 
sich also immer mehr rechtsab vom Atbara entfernt. Das 
links vom Strom angesetzte Land, das endlich so hoch zu 
liegen kommt, dass es für das Wasser nicht mehr erreichbar 
wird,, muss nothwendig eine Art Steppe fruchtbaren aber 
wasserlosen Bodens abgeben. Und diess ist die Hauede durch- 
aus; sie zeigt gutes, aber unbewässertes Land; wenn sie Regen 
erhält, erzeugt sie üppiges Gras. 

Aus diesen Zuständen wollen wir uns erklären, warum 
der Gash nicht seiner natürlichen Richtung nach sich dem 
Atbara zuwendet. Wir müssen uns vorstellen, dass der Gash 
in alter Zeit direct dem Atbara zufloss, sich aber nach und 
nach durch Ablagerung den Weg dahin versperrte und vor 
dem gegen Westen von ihm selbst augelegten Damm rechts ab- 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kun&ma. 445 

m 
weichen mnsste. Je weiter die Ablagerung ging, um so mehr 
verlängert sich der Damm zwischen beiden Flüssen und dieser 
Damm ist die Hauede, die sich immer mehr ausstrecken muss, 
sodass es am Ende dem Gash unmöglich werden muss, sich 
dem Atbara wieder zu nähern. So suchen wir uns die Gegen- 
wart der Hauede zu erklären. 

Nun tritt aber ein anderes Moment hinzu. Der G^sh wird 
eben nicht nur seitwärts ablagern, sondern auch vorwärts. 
Er wird also auch nicht mehr nordwärts gehen können und 
muss deswegen immer östlicher abzulaufen suchen. Da nun 
in Folge der menschlichen Kunst der ohnehin sanftere Lauf 
des Stromes gehemmt ist und so die linke Uferebene den her- 
beigeführten Schlamm zum grössten Theil für sich behalten 
kann, so wird sie sich sehr schnell erheben, während wenig 
Schlamm übrig sein wird, um den nordwärts angesetzten 
Damm zu erhöhen; auch arbeitet der Wasserzug energischer 
gerade vor sich hin, als auf die Seiten. Deswegen wird der 
nördliche Damm nur langsam sich erheben können und es 
wird dem Hochwasser noch lange möglich sein, ihn zu über- 
schreiten. Diess ist nun auch in der Wirklichkeit der Fall. 

Der Gash wird nämlich auf seinem linken Ufer durch 
künstliche Dämme zur Ueberschwemmung gebracht (die Breite 
der überschwemmten Ebene fanden wir durchschnittlich andert- 
halb Stunden). Seine Anwohner sind die Hallenga, die Ser 
golab und die Hadendoa, im Verein mit den gemischten Ein- 
wohnern von Kassala. Unter Aufsicht der Regierung errichten 
sie dem ganzen Laufe nach von oberhalb Kassala an künst- 
Eche Stromwehren (Djisr), die, den Wasserstrom hemimend, 
ihn auf das flache Land ableiten. Diess geschieht vom Monat 
August an, wo der Strom regelmässig zu fliessen anfängt. Er * 
bedeckt das Land zwei Monate lang. Sobald er zu sinken 
anfängt, trocknet das stagnirende Wasser aus; wird der Boden 
endlich betretbar (November), so pflanzen die Leute ihr Durra 
auf dieselbe Art, wie bei uns Bohnen gesetzt werden. Der 
üppige Boden und die heisse Sonne bringen es bald zur 



Digitized by 



Google 



446 Reise durch das Land der Kunima. 

schönsten Eradte, die schon im Fehniar stattfindet. Der 
Gash macht also das Land Taka zu einem ungemein frucht- 
hseren Strich; man kann sich davon einen Begriff maehen, 
wenn man weiss, dass in guten Jahren die Kameellast in 
Kassala nur Vs Thaler kostet, in schlechten Jahren aber 
höchstens V/2 ThaJer. 

D^r Gash wird von oberhalb Kassala (Hellet Sherif) bis 
Umbereb gegenüber Fsduk von den Hadendoa auf diese Manier 
zur Cultur benutzt; so weit reicht also der Winterstrom in 
gewöhnlichen Jahren und man muss sich verwundem, dass 
er bei der Ableitung so weit hin gelangen kann. In Jahren 
aber, wo in Abyssinien sehr viel Bogen fällt, ist es ihm trotz 
allem doch noch möglich, sich bis zum Atbara Bahn zu 
brechen; doch ist diess seit zwanzig Jahren nicht mehr vor- 
gekommen und wird immer seltener werden. Ueber diesen 
Punkt konnte ich mich bei meiner Rückreise von Berber nach 
Kassala überzeugen, nachdem wir schon früher von Augen- 
zeugen berichtet worden waren. Den 16. August 1862 über- 
schritt ich ein kleines Sandbett ()y^j Chor), und zwar in der 
Ebene Suane bei Umm Handel, etwas nördlich von dem 
Punkte, den Herr v. Courvsd als Mündung bezeichnet Diesen 
Ort heissen die Hadendoa Gash -da (Gash -Mund) und bezeu- 
gen so durch das lebendige Wort den Ursprung. Als ferneres 
Zeugniss stehen hier einige Tamarisken (Tarfa), die am Gash 
von Kassala häufig, sonst nirgends in der Umgegend vorkom- 
men und deren Samen nur der Wasserstrom herbeiführen 
konnte. Es thut nichts zur Sache, dass das Sandbett sehr 
klein ist, da es der Fluss nur sehr selten erneuert und bei 
der Ableitung nie eine grosse Wassermasse hierher gelangen 
*kann. So darf der Gash kaum als ein Zufluss des Atbara 
angesehen werden, da er ihm nur ausnahmsweise Wasser zu- 
führt und jedenÜEÜls in sehr geringer Quantität. Sein Nutzen 
bleibt also ganz der Landschaft Taka, die er wohl dreissig 
Stunden lang befruchtet. Jedenfalls bringt er dem Lande viel 
mehr Gewinn, als der bedeutendere Atbara, der bei den meist 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der KuD&ma. 447 

hoheu Ufern wenig zur Ueberschwemmung geeignet ist; an 
Fiebern sind sie beide reich genug, besonders der Gash. 

Die Zuflüsse des Gash brauchen wir nicht speciell anzu- 
geben, da sie aus der Karte ersichtlich sind; sein Wasserge- 
biet ist jedenfalls ungeheuer gross; er empfängt schon vom 
Hamasen, was nicht nördlich zum Anseba geht; dann das 
östliche Abhangswasser des Okulekusei; alles Wasser von 
Sarae, Kohein, Adiabo, QoUa Sarae und der meisten Kunäma. 
Bemerkenswerth ist nur der Zufluss, der uns oberhalb Balka 
als „kleiner Mareb" (Mareb Nush) vom Dembelas kommend 
angegeben wurde und sehr bedeutend sein soll. In Hinsicht 
auf dieses grosse Quellgebiet darf es nicht Wunder nehmen, 
wenn er so ausreichend dem Lande Taka genügen kann. 



Digitized by 



Google 



Land und Volk. 



Wir haben das Land der Eunäma von Süden nach Norden 
gehend kennen gelernt; wir haben die Kenntniss desselben an- 
gebahnt, ohne selbst einstweilen ein klares Bild davon geben 
zu können; man weiss aus dem Yorhergesagten, dass uns die 
Umstände nur die directe Durchreise erlaubten. Wir konnten 
damit für den Anfang wohl zufrieden sein, aber es wäre zu 
wünschen, es würde die Linie von Mai Daro über Anal bis 
Dika hinüber und von da querdurch über Sogodas nach Elit 
begangen; nur so könnten wir zu einem vollständigen Bilde 
des Landes kommen. 

Das Land der Kunäma ist vorzugsweise Hügelland; Ge- 
birge fehlen nicht, aber sie haben auch keinen entscheidenden 
Einfluss auf Land und Volk; die grosse Baraka selbst, die, 
von Adiabo beginnend, sich gegen Norden und- Westen flach 
fortzieht, steht öde und verlassen da. Nur das Land jenseits 
des Mareb, das sich gegen die Hochfläche von Betkom auf- 
dacht, zeigt mehr Zusammenhang; aber das ganze Land bietet 
eine Einförmigkeit und Charakterlosigkeit, die sich, vorläufig 
gesagt, in dem Sinn des Bewohners abspiegelt. Suchen wir 
uns zu Orientiren. 

Das Land ist von zwei Strömen durchflössen, dem Takkaze 
und dem Mareb, die ungefähr dem gleichen Ziele zulaufen. 



Digitized by 



Google 



Reiae durch das Land der Kunama. 449 

Sie bilden beide sehr tiefliegende, bedeutende Plateaux schnei- 
dende Thäler. So trennt der Takkaze das Land Tigre und 
das Semien mit seinem abgrundartigen Erosionsthal, so der 
Mareb das Sarae und seinen Qollagebirgszug von dem Tigre 
und seiner Verlängerung, Shire und Adiabo. Beide treten nun 
im Lande der Kunama in^s Freie hinaus; das Hochgebirge tritt 
mehr zurück und das Thal assimilirt sich mehr dem niedrig- 
gelegenen Lande. Eine Hügelkette, die sich längs des rechten 
Ufers des Takkaze hinzieht, bildet die Wasserscheide zwischen 
beiden Flüssen. Ganz ihm analog ziehen sich dem linken 
Marebufer entlang Hügel. Zwischen diesen beiden Hügelreihen 
nun streckt sich eine Tiefebene aus, die schon am Fuss von 
Adiabo beginnt und die Baraka heisst Wir haben sie schon 
charakterisirt und brauchen um so weniger dabei zu verweilen, 
da sie seit undenklichen Zeiten wild und öd dasteht. Zu be- 
merken ist nur, dass sie ihr Wasser östlich dem Mareb zu- 
schickt. 

Was nun die Hügelreihe am Takkaze betri£ft, so haben 
wir sie nur von Tsade Mudri erblicken können. Wir wissen, 
dass diese Hügel von den Dika-Bazen bewohnt werden; Dika 
ist nämlich der. landesübliche Name für Takkaze. Augenzeu- 
gen beschrieben mir ihr Land als schwer zugänglich, von 
Dornenbäumen dicht bewaldet und felsig. Sie stehen mit den 
übrigen Kunama in freundlichem Verkehr und sprechen die 
gleiche Sprache, wenn auch einen besondem Dialekt. Sie 
sind geographisch vom Wolkait abhängig, mit dem sie in be- 
ständigem Krieg leben. Ihr Land ist reich an grossen Höhlen. 
Nach allen Berichten sind die Dika sehr zahlreich. Von 
Anal bis zu den ersten Dörfern der Dika wurde mir die Ent- 
fernung auf eine Tagereise angegeben. 

Wir haben gesehen, dass sich das Hochland von Adiabo 
gegen Norden dem Mareb nach langsam abdacht, bis es ein 
Niveau erreicht und unsere Strasse ging zum Theil auch dieser 
Abdachung nach. Da ihm parallel die Qolla Sarae ebenfalls 
nordwäiis abläuft, so sehen wir ungefähr bis auf die Höhe 

lluQxinger, OsUfrik. 8tudien. 29 



Digitized by 



Google 



460 Reise durch das Land der Kttn&ma. 

von Mai Daro den Mareb zwischen den zwei Bergreihen nord- 
wärts ziehen. Hier nun wendet er sich nach Westen und das 
mehr offene Land ladet zur Ansiedlung ein. Wir finden also 
vorerst die Landscht^ Bazena, die nur südlich und westlich 
von Hügeln beengt ist, im Osteli und Norden aber wohl 
5 Stunden weit ziemlich frei daliegt. 

Bazena, auch Balka genannt, ist wohl der wichtigste Punkt 
der Kunama, da hier die bequemste Strafe nach dem Barka 
sich bietet. Sein Hauptort ist Mai Daro, nicht der Grosse des 
Dorfes wegen, sondern als Mittelpunkt. In frühern Zeiten 
enthielt diese Landschaft mehr als 40 Weiler, die seit 
dem Durchzug Ubie's sehr zusammengeschmolzen sind, doch 
mag sie immer noch an 15 Weiler zählen. Die Ebenen sind 
unbewohnt; die sehr zerstreuten Dörfer finden sich auf den 
Hügeln zu beiden Seiten des Stromes im Walde versteckt. 
Während nun das Land jenseits des Mareb gegen Norden zu 
einer schiefen Ebene sich aufdacht, treten weiter unten gegen 
Westen Gebirge dem Strome nahe und beschrilnken den Blick, 
während das linke Ufer fortwährend von einer Hügelkette be- 
gleitet wird. Hier finden wir wenige Stunden entfernt zwei 
Ansiedlungen, Anagulle und Fodie; dann biegt sich der Strom 
gegen Süden und wir finden den Gau Anal (oder Ainal), der 
sehr bedeutend sein soll. 

Bevor wir nun stromabwärts gehen, wollen wir das Land 
nördlich von Mai Daro verfolgen. Wir finden also zwischen 
dem Marebthal und dem Barka eine Hochfläche, die wir auf 
unserer Reise quer überschritten haben. Diese Hochebene 
besteht aus mehreren gutbevölkerten Terrassen :Betkom,Alpmme 
und Afla.*) Die höchste Erhebung bildet Afla, das, am wei- 



*) Wir haben uns folgende Dorfnamen aufgeschrieben: Ogenna, 
Alemmo, Kedaglo, Gullo, Maradama, Koita, Shigetta, Ashitii, Tsad- 
amba, Ashigola, Gonge Kula, Shigirta, Atabeddala, Afilo oder Afla, 
Ebintena, Teititta, Tarbotta, Amta, Lagaderbe, Kedura, Amdada, 
Tebera, Seiletta, Gega, Soli, ^agaro, Betkom, Tendere, Musdaura, 
Samero, Kerta. 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 451 

testen gegen Osten sich erhebend, direct auf das Barka hin- 
nnterscbant und als immer grün und wasserreich geschildeii; 
wird. Seine Wasser sendet es nach Beikom, das seinerseits 
sie dem Mogoreib zuschickt. Diese Hochebene flacht sich 
also schräg gegen Nordwest ab, sich sowohl vom Barka, als 
vom Mareb isoHrend. Ihre Bewohner leben in der offenen 
Ebene und sind schon deswegen viel zugänglicher, gleichen 
eher .den Barea und stehen mit ihnen in stetem Verkehr. Als 
Grenzorte gegen die Barea müssen wir Samero und Kerta 
erwähnen und dann den mohammedanischen Gau Dsaude in 
drei Dörfern.- 

Nachdem sich der Mareb gegen Süden gewendet, kehrt er 
wieda: nach Nordwesten zurück und jiier finden wir auf seinem 
rechten Ufer die zwei Gaue Eimasa und Seiest Logodat (auch 
Ashka), beide sehr volkreich und in unmittelbarer Nachbar- 
schaft von Mogoreb; auch sie bilden eine Zwischenterrasse 
zwischen Mareb und Barka, ganz wie die Hodifläche Betkom. 
Ihr Land legt sich wieder schräg zwischen beide und zieht 
sich immer schmaler werdend als Gebirge bis nach Algeden 
fort, indem es rechts tief in's Barka hinabfällt, links 'weniger 
tief auf den Mareb. 

Auf dem linken Ufer des Mareb finden wir dann, aber 
mehr landein, den Gau Sogodas, Nachbarn der Homran, und 
ihm gegenüber auf dem rechten Ufei* Elit, das wir besucht 
haben. Zwischen Sogodas und Dika hat man uns mehrere 
Dorfer genannt, ohne uns aber deren geographische Position 
zu verdeutlichen. Da Herr Baker sich lange am Takkaze auf- 
gehalten hat, hat er wohl über diese Seite des Kunämalandes 
Erkundigungen einziehen können, wenn er sie auch nicht be- 
sucht hat 

Wir sind nun gar nicht in der Lage, die Zahl der Ku- 
nama zu schätzen; jeden&lls ist sie der Bareabevölkerung 
wohl zehnfach überlegen und möchte so immerhin zwischen 
1 — 200,000 Einwohnern schwanken. Wir finden sie in viele 
Gaue vertheilt, die sich gegenseitig nichts angehen, sich aber 

29* 



Digitized by 



Google 



452 Reise durch das Land der Kon&ma. 

immerhin als Freunde und Brüder anerkennen. Vom Lande 
selbst ist i^enig mehr zu sagen: das Klima ist durch seine 
Höhe bestimmt. Fieber sollen im Ganzen selten sein, obgleich 
gerade bei unserem Besuche ausnahmsweise darüber geklagt 
wurde. Das Aussehen der Leute sprach von grosser Gesund- 
heit; wir sahen nur starke und wohlbeleibte Leute. AufEeülend 
war uns die spärliche Vertretung des Thierreiches; wir sahen 
auf dem ganzen Weg wenig Wild und Vögel. Doch konmien 
alle Thiere des Barka auch hier vor, wohl aber in geringer 
Zahl. 

Es ist schwer zu entscheiden , wann die Kunäma ihr jetzi- 
ges Land in Besitz genommen haben. Sicher ist, dass sie 
seit undenklichen Zeiten hier sind, obgleich sie behaupten, 
von Abyssinien her eingewandert zu sein. Auch die Abys- 
sinier halten die Kunäma für die alten Axumiten. Sie schei- 
nen nach und nach von den Semiten verdrängt worden zu 
sein. Der eigene Name des Volkes ist Kunäma, sonst heissen 
sie bei ihren Nachbarn auch Bazen, Baza. 

Das Land der Barea breitet sich am Fuss des Bazenlandes 
aus und tritt eben zum Barka hinaus, zu dem es geographisch 
gehört. Es theilt sich natürlicherweise in zwei Gaue: Hagr 
und Mogoreb; während Hagr einfach dem Kunämaland an- 
liegt, ohne ihm im Wasser oder sonst verbunden zu sein, ist 
das Thal Mogoreib die tiefere Fortsetzung von Betkom. Von 
dem Gau Hagr (oder Higr) gehört einzig das Dorf Sheref 
geographisch zu Mogoreb, da es jenseits der Wasserscheide 
liegt. Der Gau Hagr theilt sich in mehrere von einzelnen 
Bergen getrennte Thäler, die alle sich gegen die Barkaebene 
öffnen. Doch werden sie im Norden durch den sehr hohen, 
langgestreckten Berg Nebi (oder Lebi), der dem ganzen Land 
von Bisha bis Mogoreb vorliegt, einigermassen abgeschlossen. 
Dieser Berg hat beständiges Wasser und trug früher das Dorf 
Asretta. Er zeichnet sich wie der Berg von Bisha auch durch 
das Felsenmeer aus, das seine obere Hälfte krönt. 

Der Name Barea, mit dem die Amhara einen Sklaven be- 



Digitized by 



Google 



Reise darch das Land der Kundma. 



453 



zeichnen, ist nicht im Lande einheimisch; ich kenne keinen 
Collectivnamen für dieses Volk. Die Kundma heissen die 
Barea Marda und ihr Land Kolkotta. Die Barea selbst nen- 
nen die Leute von Hagr Nere, den zweiten Gau bilden die 
Mogoreb. Wir wollen die Namen der einzelnen Dörfei' auf- 
zählen: 



L Gau Hagr (Nere). 

1) Shilko 

2) Haberetta 

3) Meshgul 

4) Terbetta 

5) Gert^ 



Moham- 
medaner. 



6) Tumbu 

7) Arnetta 

8) Qishot Qerre 

9) Mogelo 

10) Karkotta 

11) Shishekor) 

12) Ona I Teged( 

13) Asrak 

14) Lugderetta 

15) Beigetta 

16) Simetta 

17) Sheref 

18) Debr Shille 

19) Kebäbe 



II. Gau Mogoreb 

1) Afidjo 

2) Hadte 

3) Kobbetago 

4) Az Mahas 

5) Az Negeb 

6) Degeda 



Gemischter Religion. 



meist Mo- 
hammedaner 



Reine Barea- Religion. CoUectivname: Tem- 
bider6. 



Arretta, gemischter Religion. 



20) Bisha, halb von Beni Amer'n, halb von Barea bewohnt. 

Von diesen Dörfern sind von Hagr ausser Nr. 3, 6, 16, 
17, von Mogoreb ausser 6 alle ziemlich gross, sodass man, 
jedes zu 1000 Einwohner ungefähr genommen, die ganze Be- 
völkerung auf 20,000 Seelen anschlagen kann. 

In Tributsachen stehen zusammen 2 und 3; 4 und 5; 6, 
7, 8, 10; 11 und 12; und 13—17; sonst steht jedes für 
sich da. 



Digitized by 



Google 



454 Reise durch das Land der Kun&ma. 

Was nun die Nationalität derselben betrifft, so sind Habe- 
retta und Shilko nicht eigentliche Barea, sondern ^ngewan* 
derte Haffara; ihres Ursprunges also Tigre, haben sie die 
Landessprache angenommen. Die übrigen sind wirkliche 
Barea, aber der Islam ändert ihre Sitten um. lieber den 
Ursprung dieses Volkes ist es schwer, Muthmassungen zu 
haben. Dass sie früher auch im jetzigen Lande der Bogos 
und Takue angesiedelt waren, ist kaum zu bezweifln. Man 
behauptet, der Stamm Az Shehei im Hamasen stamme auch 
von den Barea ab. Mit der Bazensprache haben sie nur 
wenige Wörter gemein. Eigentliche. Erinnerungen fehlen. 
Einmal wurde mir erzählt, es sei in alter Zeit ein Prophet 
durch Afrika gezogen; von seinen zurückgelassenen Sklaven 
sollen die Barea abstammen. Doch hat diese Sage keinen 
weiteren Anhalt, um irgend die Vergangenheit au£suhellen. 
Die zwei Gaue Hagr und Mogoreb leben in Freundschaft 
und gehen oft gegenseitig Heirathen ein; aber jeder hat bei 
gleichem Recht verschiedenes Gericht und ist im Rath, Poli- 
tik, Krieg und Frieden von dem andern unabhängig. Sie 
reden dieselbe Sprache; sonst ist kein Datum da, das ihren 
gemeinsamen Ursprung bewiese. In Zahl und Namen ist Hagr 
bedeutender, aber die Mogoreb haben bessere Lanzen und mehr 
Ausdauer. Mogoreb ist zum grössten Theil mohammedanisch. 
Die Barea leben nicht nach Stamm und Familien zusammen, 
sondern jeder lebt als Barea in jeder beliebigen Gemeinde; 
die aristokratische Genossenschaft ist hier nicht bekannt. 

Die aufgezählten Dörfer sind alle an Bergabhängen ange- 
legt; einige derselben ziehen sich wohl der Sicherheit und der 
Gesundheit wegen sogar weit zum Scheitel hinauf, besonders 
Bisha. Das Gleiche sehen wir in Algeden und Sabd^rat, wo 
die Hütten über dem Abgrund hängen, und besonders bei 
Elit. Die Berge selbst sind unbewohnt. Die D&rfer sind eng 
zusammengedrängt. Das Land ist audi au den Abhängen 
nahe den Dörfern gut bebaut und ähnlich unsem Wdnbergen 
mit Terrassen gegen das Wasser geschützt. Brunnen hat jedes 



Digitized by 



Google 



Beise durch da» Land der Kunäma. 455 

.Dorf, oft in sehr grosser Tiefe; wir haben deren 60 Fuss tief 
in den festen Boden gegraben gesehen. Sie sind trichterförmig 
construirt, sodass man bis zur halben Tiefe hinabsteigen 
kann, müssen jedes Jahr nach der Regenzeit erneuert 
werden und sind nicht ausgemauert. Fliessendes Wasser sah 
ich nur im Strome Kufit; das Bett des Amida birgt übrigens 
auch unfemes Wasser, das ausgezeichnet ist. 

Das Aussehen des Landes ist dem des Barkalandes ganz 
ähnlich; doch scheint es gesunder zu sein, wenn auch Fieber 
nicht fehlen und Blindheit häufig ist. Man muss sich das 
Land als eine offene Ebene vorstellen, die Berge bilden nur 
die Ausnahmen. Der Boden ist schwarzer Thon, an den 
Bergabhängen bei den Dörfern ist er rothe harte Erde. Regen 
fallen wie im Barka meist in der Nacht; dass das Barealand 
ein heisses Land ist, versteht sich nach seiner Lage von selbst. 



Digitized by 



Google 



Verhältniss zum Ausland. 



Betrachten wir nun die Stellung der beiden Völker auf 
der Karte, so erscheint sie uns als eine exceptionelle. Unter 
sich sind zwar die Kunama und Barea selten Freunde gewesen 
und haben nie viel gegenseitigen Verkehr gehabt, aber die 
Gleichheit der religiösen und rechtlichen Begriffe Hess sie 
lange, vielleicht undenkliche Zeiten nebeneinander leben, ohne 
dass sie sich, trotz der Fremdheit, aufgerieben hätten. Dem 
Ausland gegenüber befanden sie sich aber in einem perma- 
nenten Belagerungszustande. Denn sie haben mit ihren Nach- 
barn nichts gemein; sie sind nicht Christen und nicht Mo- 
hammedaner, sie werden von beiden als Heiden verachtet, die 
man ohne Sorge oder Reue verfolgen, knechten und ausrot- 
ten dürfe. Daraus ist ein ewiger Krieg entstanden, mit oft 
wechselndem Glücke. So tapfer sich nun immer unsere Völker 
gewehrt haben, so muss doch dieser Krieg des Einen gegen 
alle zur völligen Vernichtung des Volkes führen, das sich 
von nirgends her regeneriren oder finsch ergänzen kann, wie 
die Abyssinier oder die Leute von Barka, die in ihren grossen 
Nationen einen Anhalt haben. Da aber in neuester Zeit 
Abyssinien einerseits zu einer gewaltigen Monarchie sich zu 
gestalten scheint, anderei'scits die mohammedanischen Völker 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 457 

unter dem ägyptischen Vicekönig vereinigt worden sind, so 
ist vollends keine Hoffnung mehr vorhanden, diEtös sich unsere 
Völker selbstständig erhalten können; sie müssen sich ver* 
nichten lassen oder aber sich unterwerfen und wir werden 
betrachten müssen, welcher Anfang dazu schon gemacht wor- 
den ist. Es folgt aus der Geographie, dass die Bazen es be- 
sonders mit den Leuten von Adiabo und Wolkait, die Barea 
mit den Leuten von Barka zu thun hatten und haben. 
Uebrigens sind auch die Bazen mit den Mohammedanern oft 
feindlich zusammengestossen und in neuester Zeit haben auch 
die Barea Abyssiniens Uebermacht kennen gelernt. Wir wollen 
also zuerst das Verhältniss der beiden Völker den Moham- 
medanern gegenüber in's Auge ÜEtssen. 

Die Barea sind die unmittelbaren Nachbarn der Beni Amer. 
Die Berührung konnte nur eine feindliche s^n; die Barea 
sind Demokraten, Ackerbauer; die Beni Amer Aristokraten, 
Komaden. Die Beni Amer verwüsten ganze Dörfer; die Barea 
entgegnen mit kühnangelegteu Raubzügen, die östlich bis zu 
den Bergen der Bogos und Marea, westlich bis zu den Ha- 
dendoa ausgedehnt werden. Sie gehen in klmnen Banden, 
ohne Furcht und ohne Mitleiden. Von Schonung wissen die 
sonst sehr friedfertigen Barea im Auslande nichts. Die Beni 
Aroer sind bei Weitem nicht so muthig, halten aber besser 
zusammen und in der Ebene haben sie den Vortbeil, gut be- 
ritten zu sein. Die Barea haben ein sehr ungünstiges Terrain, 
sie wohnen in Ebenen, die flach gegen das Barka auslaufen; 
im Rücken haben sie die unfreundlichen Bazen. Dessenun- 
geachtet blieben die Beni Amer immer im offenen Nachtheil, 
da sie als reiche Heerdenbesitzer mehr verlieren konnten. 
Man kann nicht sagen, wem die Schuld zuzuschieben ist. 
Jedenfalls sind die Beni Amer sehr unzuverlässig und treulos, 
besonders gegen die Ungläubigen, denen gegenüber sie sich 
alles erlaubt glauben. So wüthete seit undenklichen Zeiten 
ein erbarmungsloser Kampf; die Barea überfallen die Heerden 
und morden die unvorsichtigen Beni Amer oft neben ihren 



Digitized by 



Google 



458 Beise durch das Land der Kuntoab 

Dörfern; die Beni Amer dagegen suchen die Barea zur Zdt 
der Emdte auf und suchen diese zu yemichten. Seit nun das 
Barka den Aegyptem unterworfen ist, stehen sich die Beni 
Amer ungleich besser, da sie deren Mithülfe versichert sind. 
Ganz anders stehen die Barea zu ihren westlichen Nach- 
barn, den Algeden, mit denen sie sich seit undenklichen Zei- 
ten verschwägern; so sind sie immer gute Freunde geblieben, 
umsomehr, da sich beide gegensdtig als Ack^auer besser 
verstehen, ab mit den nomadischen Beni Amer'n, mit denen 
die Algeden dar Weide wegen in beständigem Zwist leben. 
Besonders der Gau Mogoreb ist mit Algeden innig befreundet. 
Dag^en stehen die Algeden und die Sabderat den Basen 9ehi 
feindlich gegenüber. Das naheliegende Dorf Elit musste sich 
ihnen sehr bald unterwerfen; die andern Bazen sind* zwar 
nicht nahe genug, um den Sieg der einen oder der andern 
definitiv zu beschüessen oder einen Frieden für beide Theile 
räthlich zu machen; sie leben aber nicht weit genug, um sich 
zu ignoriren und da nun den Algeden wohl bekannt ist, dass 
die Bazen keinen politischen Zusammenhang haben, so sehen 
sie da eine leichte Beute und eine bequeme Vorrathskammer 
von Sklaven. So veranstalten sie fast jedes Jahr in Gemein- 
schaft mit Sabderat und Hallenga Raubzüge (Ghazwa), die 
oft sehr weit gehen; die beutelustigen Schaaren ziehen den 
Gttsh hinauf bis Mai Daro oder gehen südlich bis Anal und 
dringen sogar bis zum Takkaze. Die Mohammedaner sind in 
ihrem Hass gegen die sogenannten Heiden so dnig, dass nie 
eine Nachricht von ihrem Vorhaben zu den Bazen dringt. Sie 
fallen in der Nacht dort ein, Weib und Kind werden als 
Sklaven fortgeschleppt, die Männer ohne Erbarmen nieder- 
gehauen. Diese Einfälle gelingen um so eher, da die Bazen 
theilweise den Fluss Gash zur Cultivinmg benutzen und sich 
so kaum von seinem Thal zu weit entfernen dürfen. Uebri- 
gens vertheidigen sich die Bazen oft mit vielem Math, wenn 
nicht die Uebermacht allen Widerstand unmöglich maefat. Um 
sich einen vollkommenen Begriff von diesen Verhältnissen zu 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 459 

machen, bitte ich de» Leeer, über den Krieg der Bewohner 
Ton Wadai bei Mohammed el-Tursi nachzulesen oder auch 
die Zustände der Neger in Westafirika bei Mungo Park 
zu studiren. Wir finden dort die Verlültnisse des östlichen 
Sudan, den Vernichtungskrieg der Araber oder Mohammedaner 
gegen die Neger ganz exBßt abgespiegelt Der letzte mir be- 
kannte Zug dieser Art ÜEind im Jahre 1660 statt und die Ver- 
anlassung verdient erwähnt zu werden. Am Gash wohnte ein 
Theil des Stammes Hafiara, der auch in Alge<fen und Sab- 
derat zahlreich vertreten ist, in dem Dörfchen Tarifat, dessen 
Häuptling sich mit den benachbarten Bazen von Anal be- 
freundete und sogar eine Tochter derselben zur Frau nahm. 
In der Folge benahm er sich gegen seine Schwäger sehr un- 
freundlich und verkaufte sogar mehrere Landeskinder, die 
bei ihm dngekehrt waren. Sein Schwiegervater bat ihn ver- 
gebens um Rückerstattung derselben. Als die Bazen alle 
Bitten erfolglos sahen, überfielen sie in grosser Zahl das 
Dorf Tarifat in der Nacht; die ganze Bevölkerung desselben 
vmrde schonungslos vertilgt; nur die Sklaven, die sich von 
ihrem Stamm vorfanden und ihre Tochter, des Häuptlings 
Frau, wurde heimgeführt, das Dorf wurde verbrannt und es 
fand sich kein lebender Mann, der die Nachricht hätte weiter- 
bringen können. Die Algeden hatten das Benehmen des 
Sheichs von Tari&t durchaus nicht gebilligt, jetzt benutzten 
sie seinen Untergang zu neuen Raubzügen. Bald darauf ver- 
einigten sie sich mit den Sabderat und brachten etwa 80 Ge- 
fangene von den B^en heim. Ich war zufällig in Sabderat 
anwesend, als die Kriegerschaar beutebeladen einzog. 

Die Herrschaft der Türken hat bis jetzt wenig in diesen 
Verhältnissen geändert. In der ersten Zeit begünstigten sie 
selber diese Razzias und nahmen ihren guten Theil von der 
Beute. Die Raubzüge wurden dann von türkischen Soldaten 
begleitet und von einem Offizier angeführt. Wir wissen, dass 
solche auch gegen' die Völker am Anseba gerichtet wurden; 
die letzteren wurden aber durch europäische Intervention ge- 



Digitized by 



Google 



460 Reise darch das Land der Eunama. 

rettet. Die Bazen wurden mehrere Male geplündert; aber eine 
Eroberung verhinderte die Entfernung und der bergige waldige 
Boden. Seit Said Pasha an die Regierung kam, wurde den 
Türken alle BetheiligUng an solchen Zügen verboten und die 
Gouverneure machten selbst den vergeblichen Versuch, ihre 
Unterthanen davon abzuhalten. Was ihnen misslang, haben 
dagegen die Abyseinier zu Stande gebracht, wie wir sehen 
werden. 

Das Land der Barea dagegen konnte sich der Unterwer- 
fung unter die Türken nicht entziehen; die Beni Amer thaten 
das Mögliche, sie zu unterjochen. Auf ihren Rath hin bauten 
die Aegypter in Kufit eine Art Festung, neben welcher die 
Beni Amer ein Dorf anlegten. Solange die Festung von Sol- 
daten besetzt war, blieb das Land sehr ruhig und gewann 
selbst dabei, als jeder seiner friedlichen Arbeit nachgehen 
könnte und die Türken die Barea schätzen lernten. Da aber 
im Jahre 1856 auf hohem Befehl Kufit von der Garnison ver- 
lassen wurde, verbrannten die Barea, der alten Feindschaft 
gedenk, das Dorf Kufit, dessen Bewohner dann bei Dunguaz 
ein neues Dorf gründeten. Die Barea blieben seither den 
Türken theilweise unterworfen, doch bezahlen sie ihren Tribut 
nur unregelmässig und lassen ihn oft jahrelang ausstehen; mit 
den Beni Amer'n sind sie immer sehr gespannt und der oft 
geschlossene Friede wird ebenso oft gebrochen. Wir erhielten 
folgende Angaben über den den Türken bezahlten Tribut: 

Hagr zahlt 1500 Maria-Theresia-Thaler, 

Mogoreb 1000 » 

Eimasa 300 » 

Seiest Logodat 300 d 

AbjBsinien hat erst seit einigen Jahren in die Politik dieser 
Länder eingegriffen. In frühem Zeiten befeindeten sich Adi- 
abo und die Bazen unablässig und es scheint, dass die Bazen 
sonst den Kurzem zogen, da die Adiabo ihre Ansiedlungen ganz 
in^s Hochland zurückziehen mussten. In dem letzten Jahr- 
zehnt hat die abyssinische Politik einen eigenthümlichen agres- 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunima. 48 1 

siven Aufschwung genommen. Seitdem der Kaiser Tkeodoros 
die Absicht Terkündet hat, dem Reich seine alten Grenzen 
zurückzugeben, treten auch die Nordabyssinier viel entschie- 
dener gegen ihre Nachbarn auf. Die frühern Kaiser und auch 
Ubie machten oft grosse Heerzüge in die Niederlande und 
drangen sogar weit in's Barka hinein; der Zug Ubie's im 
Jahre 1850, der auf dem Rückw^ von Barka Mai Daro ver- 
wüstete, ist noch nicht vergessen, aber auch er öfifhete das 
Land dem Verkehr nicht. Wir haben den Fortschritt im Osten 
anderswo beobachtet; was die Bazen betrifft, so griff zuerst 
der Vorgänger des jetzigen Hauptes von Adiabo, Marradj, die 
Bazen kräftig an; er machte mehrere Heerzüge durch das 
Bazenland. 

Sein Werk setzt der jetzige Statthalter Tsadiq mit vieler 
Energie fort; er hat sich schon den grössten Theil der Bazen 
unterworfen; den Gau Dika unterwarf sich 1859 der Statt- 
halter von Wolkait von Seiten Dedjas Negussie's, Tesamma 
Sahlu. Das Frühjahr 1860 wurde denkwürdig durch die 
Flucht Dedjas Negussie^s, der durch das Bazenland durch von 
dem Kaiser Theodoros verfolgt wurde. Ueber Kohein kam er 
nach Mai Daro, verweilte eine Zeit lang am Setit und stieg 
dann zum Wolkait hinauf, wo er überall gut empfangen wurde. 
Theodoros kam ihm bis Adiabo nach, gelangte querüber zu 
den Dika-Bazen und kehrte von da in's Hochland zurück. 
Die beiden Heere standen sich immer sehr nahe gegenüber, 
aber Negussie konnte unbelästigt das Tigre gewinnen, wo ihn 
erst in Jahresfirist sein Schicksal erreichte. Die Bazen ge- 
wöhnten sich allmählig daran, abyssinische Unterthanen zu 
werden und sie benutzten die neue Stellung, um ihren alten 
Feinden im Norden Schrecken einzuflössen. Sie werden nun 
des abyssinischen Völkerrechts theilhaftig und können sich mit 
dem Beistand ihres neuen Herrn gegen die Angriffe der Mo- 
hammedaner vertheidigen. Im Frühjahr 1861 zeigten sie den 
Herren von Adiabo den Weg zu den Barea, in Folge dessen 
Mogelo gänzlich zerstört wurde; Weib und Kind wurden weg- 



Digitized by 



Google 



462 Reise durch das Land der Künima. 

geführt und noch bei onserm Besuch waren nicht alle Landes- 
kinder losgekauft. Im Sonuner desselben Jahres zogen die 
Adiabo, von den Eimasa angeführt und von allen Bazen be- 
gleitet, den Gash hinunter bis nahe an EUt, wo die Haden- 
doa, die sich der Weide wegen hier aufhielten, lagerten. Nach 
einem sehr blutigen Kampfe wurden ungeheure Heerden weg- 
geführt Kurz nach unserer Durchreise verwüsteten sie den 
Gau Mogoreb, der bisher verschont gd^eben war und ver- 
nichteten seinen Heerdenreichthum. Endlich im Juni 1862 
verbeerten sie, immer von den Bazen geführt und im Einver- 
ständniss mit einer missmuthigen Partei dw Beni Amer, ein 
Zeltenlager der Az Ali Bakit am obem Barka. So unter- 
warfen sie sich nicht nur das Land der Barea und Kunama, 
sondern erschreckten auch die Bewohner des Tieflandes, so- 
dass nun die Algeden und die Beni Amer ihnen mit Ge- 
schenken den Frieden abkauften. Diess kam natürlich den 
Bazen zu gute, die seither als abyssinische Unterthanen von 
ihren Angriffen unbelastigt leben können. 

So sind die Bazen wenigstens von einer Seite beschützt 
und nicht zu bezweifeln ist, dass ihr Anscbluss an Abyssinien 
nicht ohne Folgen bleiben wird. Jedenfalls ist damit den 
Fortsehritten des Islam die Pforte geradewegs verschlossen, 
da unsere afrikanischen Völker gewöhnlich der Religion des 
Mächtigeren sich anschliessen. Ob sie aber deswegen Christen 
werden, ist eine andere Frage, denn die abyssinische Kirche 
hat keine Tendenz sich auszubreiten; auch sind die Leute von 
Adiabo durchaus keine Kreuzfahrer; ich habe sie sogar im 
Verdacht, die Bazen lieber als Heiden behalten zu wollen, 
denn leider sehen die Adiabo in einer regelmässigen Unter- 
werfung wenig Nutzen; es convenirt ihnen besser, das Land 
dann und wann auszuplündern. Der jetzige Statthalter Tsa- 
diq ist sehr raubsüchtig; er könnte das ganze Land ruhig und 
friedlich verwalten, aber er .sucht oft express den Anlass zum 
Krieg. Daher fühlen sich die Bazen noch gar nicht bdiag- 
lich unter seiner Regierung; sie zahlen willig den Tribut, ohne 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der KuQ&ma. 463 

deswegen de8 Friedens sicher zu sein. Wenn Tsadiq in's 
Niederland zieht, begleiten ihn immer die tapfersten Bazen, 
während die Dörfer sich vor ihren Herren und Freunden in 
die Wildniss flüchten und erst zurückkehren, wenn die Abys- 
sinier schon lange den Rückzug angetreten haben. Die Leute 
von Adiabo sind auch nicht gerade Sklavenjäger, aber wo sie 
einfidlen, führen sie die ganze Bevölkerung kriegsgefangen 
weg und ist Friede geschlossen, müssen ihre Angehörigen, die 
ohnehin durch die Verheerung verarmt sind, sie loskaufen; 
so haben die Leute von Mogelo alle ihre Habe als Lösegeld 
nach Adiabo geliefert, um ihre Kinder und Frauen zurück- 
zuerhalten. Wenn aber die Angehörigen keine Lust zeigen, 
ihre ge&ngenen Kinder loszukaufen, sind die Adiabo doch am 
Ende gezwungen, sie selber an die Meistbietenden loszuschla- 
gen und der Sklavenhandel, den sonst die Abyssinier verab- 
scheuen , wird de facto eingeführt. In dieser Hinricht müssen 
wir den Statthalter von Adiabo entschieden tadeln, so dank- 
bar wir ihm auch dafür sind, dass er das Land den Reisen- 
den und wohl einmal auch dem Handelsmann zugänglich 
macht. 

So sind jetzt die Gaue von Mai Daro, Betkom, Alemmo, 
Afla und Anal an Adiabo tributpflichtig. Die Abgaben sind 
freilich noch niedrig und bestehen meist in Honig. Dika ist 
noch ziemlich unabhängig. £lit hängt von Algeden ab und 
auch Eimasa und alle Barea zahlen nun Steuern an Abys- 
sinien. Doch sind die zwei letztem schon viel z^ nahe an den 
mohammedanischen Besitzungen, als dass sie nun vor den 
Türken sicher wären. So müssen sie sich oft dazu verstehen, 
zwei Herren zugleich unterthan zu sein. Eine Folge dieser 
Unterwerfung ist, dass die Barea und Kunama jetzt mehr in 
Berührung kommen und friedlich zusanunen Idben müssen. 
Tsadiq schickt gewöhnlich eigene Diener in die verschiedenen 
Gaue, um den Tribut einzuziehen; doöh ist er noch wenig 
geordnet und die Bazen besonders sind noch nicht an die 
Herrschaft göwöhnt; sie lehnen sich oft auf oder tödten die 



Digitized by 



Google 



464 Heise durch das LHnd der Kuuama. 

Soldaten Tsadiq's auf dem Wege und sehen nur höchst ungern 
die Fremden im Lande. Deswegen fand ich in Az Nebrid 
nur mit Mühe Leute, die mich nach Mai Daro begleiten 
wollten. 

Der Tribut wir^ nach der Zahl der erwachsenen Männer 
berechnet, da jedermann seinen Acker baut und so das Ein- 
kommen bei allen ungefähr dasselbe ist Finden die Barea 
oder die Bazen nöthig, mit dem Fürsten von Adiabo oder 
Barka politisch in Tributsachen zu verhandeln, so bestimmen 
die Aeltesten der Gemeinden einige Leute, die der abyssini- 
schen Sprache mächtig sind, als Gesandte in's Ausland zu 
gehen. Ein solcher Gesandter wird Diener der Gemeinde, die 
ihn vom Tribut freispricht, ihm ein genügendes Feld bebaut 
und einige Einkünfte sichert. Dadurch wird er aber durch- 
aus nicht vor den andern bevorzugt; er ist ein bezahlter Ge- 
meindediener. 

So befinden sich diese beiden Völker in einer Uebergangs- 
periode; die Zeit der Abgeschlossenheit ist vorbei; hoffentlich 
werden fortan die Sklavenjagden aufhören. Es ist keine Frage, 
dass die eigenthümliche Lage der Barea und Kunama zwischen 
zwei Feinden das Volk allmählig vernichten musste; beson- 
ders die Barea sind in den letzten Jahren sehr herunterge- 
kommen. Sehnlichst wünschen sie, es möchte einer ihrer 
Feinde das Feld räumen, um dem andern ganz sich zu unter- 
werfen und mit vielem Ernst glaubten sie, es werde den euro- 
päischen Mächten, deren Einfluss sich auch in Afrika fühlbar 
macht, möglich sein, sie von dieser Doppelstellung zu befreien. 
Auch die Bazen sehnen sich nach Ruhe und das grosse Un- 
glück, das beide Völker bisher verfolgt hat, öffnet die Augeu 
des Volkes, der Fremdenhass schwindet; jetzt kann sich der 
Kluge ihre Liebe verdienen. 



Digitized by 



Google 



Aeusseres Aussehen der beiden Völker. 



Es ist sehr schwer, die Körperbeschafifenhcit der Barea 
und der Kunama allgemein zu charakterisiren, da sie zwei 
verschiedene Völker bilden und die Barea besonders sich 
immer vom Ausland her rekrutirt haben. Aehnlich sind sich 
die beiden Völker, insofern sie beide eher schwärzliche Haut- 
farbe haben, wenn auch das Rothe und Gelbbraune durchaus 
nicht fehlt. Verschieden sind sie, insofern die Kunama zur 
Fettheit sich neigen, während die Barea meistens mager sind. 

Unter den Barea selbst zeichnen sich besonders die Mo- 
goreb durch ihre helle Gesichtsfarbe aus, während die Nero 
meist schmutzigschwarz sind. Im Gesicht sind sie kaum von 
dem gemeinen Mann des Barka zu unterscheiden. Sie haben 
meist etwas Markirtes, Unregelmässiges in den Zügen, was, 
mit der von den Geez- Völkern entlehnten Frisur verbunden, 
den Ausdruck eher unangenehm macht. Sie haben wenig, 
meist kurzes, oft weiches Haupthaar, das oft an's Rothe an- 
streift. Man findet häufig gebogene grosse Nasen. Was die 
Statur betrifift, sind die Nere im Ganzen klein und festgebaut, 
die Mogoreb lang und mächtig; sie sind b^ide wenig beleibt. 

Die Kunama sehen sich untereinander viel ähnlicher, als 
die Barea, was bei ihrem isolirten Leben auch begreiflich ist. 

Hunzinger, Ostafrik. Studien. 3Q 



Digitized by 



Google 



466 Reise durch das Land der Kun&ma. 

Sie sind im Ganzen dunkler, als die Barea; das Kohlsch\^arz 
ist nicht selten. Doch zeichnen sich die unmittelbaren Nach- 
barn der Barea, die Leute von Eimasa und Betkom, durch 
lichtere Farbe aus; überhaupt sehen sie ihren Nachbarn viel 
ähnlicher, als ihren südlichen Stammgenossen. Diess erklärt 
sich au3 dem Handels- und Eheverkehr mit den Barea, wäh- 
rend die andern Kunama ihr Blut und ihre Sitten von aller 
Fremdheit rein erhalten haben. Die Kunama haben einen 
grossen, aber keineswegs aufgeworfenen Mund, eine nie sehr 
stumpfe, oft gebogene Nase; im Haupthaar und dessen Tracht 
unterscheiden sie sich wenig von den Barea oder den Leuten vom 
Barka; man findet es oft sogar recht lang. Sie haben wie 
die Barea auch nur schwachen Bart und rasiren wie alle 
Völker dieser Zone* den Schnurrbart. Die Augenbrauen sind 
meist sehr dicht und buschig. 

Die Kunama sind alle sehr kräftig, hochgebaut, breit- 
brustig. Ich habe selten ein so durchaus gesundes, mächtig 
constituirtes Volk getroffen. Man sieht keine Krüppel. Die 
Kraft des Volkes ist von keiner Syphilis untei^aben; diese 
Krankheit ist hier ganz unbekannt. Sie sind meistens fett, 
ich möchte fast sagen aufgedunsen und contrastiren dadurch 
seltsam mit den Barea. Auch die Elit, die doch ziemlieh 
weit nordwestlich vorgeschoben sind, haben diese Merkmale 
des Volkes treu bewahrt, während sich bei den Eimasa und 
Betkom viele hagere Figuren zeigen. Wir werden weiter unten 
diese Unterschiede durch die verschiedene Nahrung zu er- 
klären versuchen. 

Bei den Kunama sind die vielen Narben auffallend, die 
den ganzen Leib, selbst das Gesicht und besonders den Bauch 
bedecken. Sie sollen meist der Gesundheit und auch der 
Schönheit dienen und gelten immer als Erkenntnisszeichen des 
Stammes. Die Barea sind darin viel massiger, indem sie wie 
die Bogos und die Barea nur die Brust und die Arme mit 
einer Art Nessel brandmarken. Diese glatten, glänzenden, 
oft runden Brandmale sollen bei dem Weibe die Schönheit be- 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kundma. 467 

fördern, beim Mann den Arm kräftigen. Wir bemerkten bei 
den Kunäma femer sehr oft ganz ungeheure Brustwarzen und 
einen auffallend knopfartig vorstehenden unförmlichen Nabel. 

Wir fanden die Kunäma -Männer im Ganzen viel schöner, 
als die Barea, obgleich die erstem besonders durch die Be- 
leibtheit und die schwarze Haut den Innerafrikanem ähnlicher 
sehen, wenn auch der sogenannte Negertypus fehlt. Bei den 
Barea haben die Frauen meist regelmässige, lebhafte, oft so- 
gar schöne Züge. 

Bei den Barea, die schon mehr den Miasmen des Barka 
ausgesetzt sind, sieht man viele Blinde, die sich aber recht 
gut zurechtfinden und oft sogar ihrer Arbeit nachgehen. Bei 
den Kunama ist Blindheit selten. 

Bei beiden Völkern ist langes Leben nicht selten und wenn 
es auch unmöglich ist, die Lebensdauer zu bestimmen, so 
haben wir doch viele Greise gesehen, die, nach ihren Söhnen 
zu schliessen, gewiss die Siebzig überschritten haben mussten. 
Eigentlicher Wahnsinn ist fast unerhört, dagegen kommen 
einzelne Fälle von Blödsinn bei beiden Völkern vor. 

Jedes dieser Völker hat seine besondere Sprache; die Barea 
sprechen die sogenannte Nere bena; die Kunama das soge- 
nannte Bazena aura. Wir haben die erstere Sprache ziem- 
lich eingehend studirt, während wir die letztere fast nur lexi- 
kalisch kennen lernen konnten. Wir werden die bezüglichen 
Arbeiten später mittheilen. Diese Sprachen haben keine Ver- 
wandtschaft untereinander, wenn auch in den Wörtern ein- 
zelne Anklänge nicht fehlen. 

Die Bareasprache ist beiden Stämmen, den Hagr und Mo- 
goreb, gemein, doch ist der Dialekt der letzteren etwas ge- 
quetschter und so schwerer verständlich. Uebrigens ist die 
Tigresprache schon sehr verbreitet und gewinnt durch die 
öftere Berührung mit dem Norden; nur die Leute von Tem- 
badere sprechen ausschliesslich Barea. Wenn nun die Barea 
auch sehr leicht Tigre lemeu, so sind sie doch durchaus un- 
fähig, die semitischen Laute, das ^ (qaf )» das c (ain), und die 

30* 



Digitized by 



Google 



468 Heise durch das Land der Eunama. 

verschiedenen Nuancen von t und s nachzuahmen und so 
klingt das Tigre in ihrem Munde sehr eigenthümlich; übrigens 
folgen sie lexikalisch dem westlichen Dialekt von Algeden. 

Die Kunäma reden vom Takkaze an bis zum Mareb hinab 
die gleiche Sprache, die allen verständlich ist, wenn auch die 
Provinz Dika besonders lexikalisch einen etwas verschiedenen 
Dialekt spricht. 

Im Aügemeinen verstehen die Kunäma nur ihre eigene 
Sprache. Sie haben von ihren Herren von Adiabo bis jetzt 
nur die nothwendigsten Worte Tigrina gelernt; wollen sich 
die Abyssinier ihnen verständlich machen, so reden sie mit 
ihnen im Infinitiv ohne alle Grammatik, ganz wie die Colo- 
nisten von Bourbon und Maurice mit ihren frühern Sklaven. 
Wir fanden auf unserer Route keinen einzigen Kunäma, der 
sich in einer fremden Sprache gehörig ausdrücken konnte. 
Eine Ausnahme machen die Grenzvölker nach Norden hin; 
so redeil viele Eimasa ganz geläufig Barea und Tigre; die 
Leute von Elit verstehen durchgängig das Tigre. Auch im 
Gau Betkom finden sich einzelne Leute, die mit dem Barea 
und dem Tigre vertraut sind. 

Ohne unserer spätem Mittheilung über die Bazensprache 
vorgreifen zu wollen, wollen wir hier nur bemerken, dass sie 
einen sehr weichen, vocakeichen, einförmigen Klang hat; sie 
entbehrt des Accentes und aller rauhen Consonanten. Sie passt 
sehr gut zu dem stillen, gleichförmigen, auch accentlosen 
Charakter des Volkes. 



Digitized by 



Google 



Religion und Recht. 



Lfm das ganze Leben der Barea und der Kunäma uns zu 
verdeutlichen, müssen wir uns vorerst ihre religiösen Begriffe 
deutlich zu machen suchen. Indem wir nun bemerken, dass 
die beiden Völker in Religionssachen durchaus übereinstim- 
men, müssen wir von vornherein die Ausnahmen angeben, in- 
sofern einzelne Glieder dieser Völker islamitisirt sind. 

So müssen wir denn bemerken, dass bei den Barea, wie 
schon früher gezeigt wurde, die beiden Dörfer Haberetta und 
Shilko ihrer Abstammung nach Tigre und Mohammedaner 
sind, wenn sie in Spräche und Sitte auch durchaus Barea 
geworden sind. In den andern Dörfern hat der Islam grosse 
Fortschritte gemacht und es ist kaum zu bezweifeln, dass in 
kurzer Zeit alle Barea die neue Religion angenommen haben 
werden. Tembädere allein hat sich bis jetzt von der Neuerung 
ganz frei gehalten. DioMogoreb sind auch zum grossen Theil 
Mohammedaner. Bei den Kunama ist der Islam noch viel 
weniger verbreitet; die Mareb- und Takkazebewohner, Mai 
Daro, Anal, Dika, Betkom und Afla, kennen ihn noch gar 
nicht und haben bis jetzt gar keine Tendenz, sich ihm zu 
nähern; in der gegenwärtigen Zeit müsste sie ihre politische 
Lage eher dem Christenthum zudrängen, wenn die Herren von 



Digitized by 



Google 



470 Reise durch das Land der Kundma. 

Adiabo etwas an's Proselytenmaclien dächten. Anders ver- 
halten sich die nördlichen Grenzvölker; so ist Elit, das durch- 
aus von Algeden abhängt, fast ganz mohammedanisch gewor- 
den und auch in Eimasa ist ein grosser Theil des Volkes zum 
Halbmond bekehrt. Ausserdem finden sich einige moham- 
medanische Kunäma-Dörfer bei Samero. Doch sind im Ganzen 
die Kimäma ihrer alten Religion sehr zugethan, während die 
Baarea numerisch genommen schon die grosse Hälfte moham- 
medanisch sind und moralisch der Islam unzweifelhaft schon 
das Uebergewicht besitzt. 

Eine andere Frage ist aber die, inwieweit die bekehrten 
Barea und Kunäma die mohammedanischen Gebräuche ange- 
nommen haben. Die Bekehrung zum Islam ist nämlich bei 
den Meisten eine ganz oberflächliche; nur die Leute von Ila- 
beretta und Shilko, die von Alters her Mohammedaner sind, 
beten und fasten regelmässig. Die übrigen Mohammedaner 
bekennen Sich zur Einheit Gottes und der Sendung des Pro- 
pheten, sind aber für dessen Vorschriften sehr gleichgültig. 
Ihre Bekehrung hält sie keineswegs von dem häufigen Gcnuss 
des Bieres ab. In dieser Hinsicht hat überhaupt der Islam 
in ganz Afrika wenig durchgegriflFen, so leicht er sonst Pro- 
selyten macht. Auch im Genuss des Fleisches sind die Mo- 
hammedaner in diesen Ländern wenig skrupulös ; nur die Be- 
wohner von Haberetta und Shilko enthalten sich des Fleisches, 
das nicht nach mohammedanischem Ritus geschlachtet ist. 
Die andern Kunäma und Barea verschmähen auch nach clirist- 
lichem Gebrauche geschlachtetes Fleisch nicht und gemessen 
sogar ohne Bedenken Aas. Ich wurde bei den Barea oft von 
Mohammedanern um Fleisch gebeten^ was mich befremden 
musste, da in Ostafrika sonst die Mohanmiedaner grossen 
Abscheu gegen fremdes Fleisch hegen. Warum sollten wir 
Sklaven nicht davon essen, wenn es so vornehmen Herren (wie 
sie uns nannten) gut genug ist? sagten sie. 

Während so der Islam eigentlich nur dem Namen nach 
vegetirt, übt er einen durchgreifenden Einfluss auf das Recht 



Digitized by 



Google 



Heise durch das Land der Kundnuu 471 

des Volkes, besonders bei den Barea. Alle neuen Moham- 
medaner nehmen ohne Anstand das mohammedanische Ehe- 
und Erbrecht an, das, wie wir sehen werden, dem nationalen 
Recht ganz zuwiderläuft, und wir werden auf diese Revolution 
der Rechtsideen weitläufig zurückkommen müssen. Nachdem 
wir so die Ausnahmen constatirt haben, wollen wir die eigent- 
liche ursprüngliche Volksreligion der Barea und der Kunama 
untersuchen. Wir wollen uns nicht anmassen, darüber voll- 
ständig klar geworden zu sein; wir konnten uns verhältniss- 
mässig viel zu wenig aufhalten und auch unsere Sprachkennt- 
nisse waren viel zu unvollkonmien , als dass wir in alle die 
geheimen Schachte des Volksbewusstseins hätten eindringen 
können. 

Unzweifelhaft steht fest, dass die Barea und die Kunama 
in ihrem religiösen Bewusstsein ganz und gar übereinstimmen 
und dass sie demnach auch ihr Volksrecht gleichmässig ge- 
bildet haben. Wir werden also in der folgenden Untersuchung 
zwischen den zwei Völkern wenig Unterscheidungen zu machen 
haben. In früheren Jahren, wo ich das Land der Barea nur 
in seinem Grenzort Bisha zu besuchen Gelegenheit hatte, 
glaubte ich irrthümlich, die Kunama und die Barea seien 
verrottete Christen, wie es z. B. die Bogos noch sind, ver- 
wahrloste Kolonien der abyssinischen Kirche, denen aller 
Gottesdienst abhanden gekommen sei. Diese Idee bekam ich 
von den Mohammedanern des Barka und von Bisha selbst, 
die in ihrer oberflächlichen Kenntniss des Christenthums alle 
Andersgläubige unter dem Namen Kostan oder auch Kofär, 
Ungläubige (Ajf) zusammenzuwerfen belieben. Eine genauere 
Ansicht der Dinge verbietet aber vollständig, diese zwei Völker 
für alte Christen anzusehen. Denn wenn auch die Bogos, 
Mensa und alle andern Grenzvölker von Abyssinien nur spär- 
liche religiöse Ideen und eigentlich gar keinen Gottesdienst 
mehr haben, so sind doch Spuren des Christenthums genug 
geblieben, um sie als Kinder der äthiopischen Kirche zu er-- 
kennen, was aus unsem frühem Arbeiten klar genug hervor- 



Digitized by 



Google 



472 Heise durch das Land der Kun&ma. 

geht. Diess ist aber bei den Barea und Kunama gar nicht 
der Fall, denn sie haben durchaus keine Reminiscenz früheren 
Christenthums. Die Woche wird durch keinen Sonntag, das 
Jahr durch keine Festtage, die irgend auf die unsem deute- 
ten, abgetheilt. Jeder Tag ist dem andern gleich, der Pflug 
ruht an keinem Tage. Keine Ruine mahnt an alte verfellene 
Kirchen. Die Barea und die Kunama selbst leugnen ent- 
schieden, je Christen gewesen zu sein. Wir sind ein beson- 
deres Volk, sagen sie, Mohammedaner und Christen sind uns 
gleich fremd. Es fehlt ihnen nicht der Begriff von Einem 
Gott, dem Herrn der Welt, und auch bestimmte Namen dafür 
sind in beiden Sprachen da; aber sie zollen ihm keine An- 
betung. Wer kennt ihn nicht, sagten sie mir auf meine 
Frage: aber es bleibt bei dem leeren Begriff, der nie mit denj. 
Leben der Menschen in Zusammenhang tritt oder wohlthätig 
und schadend eingreift. Ich möchte nicht die Frage aufwer- 
fen, ob vielleicht auch dieser kahle Begriff von den nachbar- 
lichen Monotheisten entlehnt ist; denn die Idee Gottes scheint 
mir eine für jeden Menschen naheliegende, ja nothwendige 
zu sein. Jedenfalls ist diese Idee hier nie in Heidenthum 
ausgeartet. Diese Völker haben keine Götter, noch Götzen; 
es fehlen ihnen die Kirchen und der Gottesdienst; sie haben 
keine Festtage in unserem Sinn und es fehlen ihnen das Gebet 
und die Offenbarung. Selbst der Begriff von Unsterblichkeit 
findet sich nur undeutlich; während einige ein unterirdisches 
Leben nach dem Tode in der Art der Bogos anzunehmen 
scheinen, erklärten mir die andern unumwunden, todt sei 
todt. Schwer ist es immerhin, die ursprüngliche Idee des 
Volkes zu erkennen, da die umliegenden christlichen und mo- 
hammedanischen Völker nothwendig die religiösen Begriffe 
influenziren. Auf einen gewissen Unsterblichkeitsglauben deuten 
aber gewiss die sehr sorgfältig gemachten Gräber, die dem 
unbedingt todt en Verstorbenen nicht zukommen würden. Wir 
werden später darauf zurückkommen. 



Digitized by 



Google 



Reise darch das Land der Kan&ma. 473 

Dagegen finden sich gewisse abergläubische Gebräuche und 
ein Fest, dem religiöse Bedeutung nicht abgesprochen werden 
kann. 

Die Barea und soviel mir bekannt auch die Kunäma feiern 
jährlich nach der Emdte im November ein Fest, das die 
Barea Thijot nennen. Es ist ein Fest des Dankes wohl für 
die vollendete Erndte, der Versöhnung und der Erinnerung 
an die Todten. Jedes Haus bereitet für diesen Tag viel Bier 
vor; auch für jeden Todten des Hauses wird ein kleiner Topf 
voll zwei Tage lang im Hause hingestellt und dann von den 
Lebenden getrunken. An diesem Feste begibt sich die ganze 
Bevölkerung eines Gaues an einen besondern Platz, wo Spiel 
und Tanz den Tag verkürzen. Wer an diesem Tage Schläge 
gut hat, gibt sie ungestraft zurück. Es ist ein Tag des 
Friedens, wo alle Fehde ruht. Bei den Barea ist der Fest- 
platz Therbo Wodeg bei Aretta, ein Hain, der heilig gehalten 
wird. Die Kunama feiern das gleiche Fest; ich konnte aber 
nicht erfahren, auf welchem Platze. Erst nach diesem Feste 
ist es erlaubt, den wilden Honig einzusammeln. 

Je weniger Religion unsere Völker haben, um so mehr 
wuchert der Aberglaube. Sehr stark ist der Glaube an Ta- 
lismane und Amulete; besonders Wurzeln werden geheime 
Kmfte zugeschrieben ; am Hals, an den Armen getragen, sollen 
sie Krankheiten verhüten, die feindliche Waflfe und Gift un- 
schädlich machen. Auch die sogenannten Hedjab (v-)L^), von 
christlichen und mohammedanischen Priestern geschrieben, 
werden in Hautriemen eingenäht am' Arme getragen. Bei 
unserer Durchreise wurden auch wir oft gebeten, solche Ta- 
lismane zu schreiben. Der gleiche Aberglaube ist überhaupt 
ganz Ostafrika gemein. Von Geister- und Hexenglauben, der 
in Abyssinien so stark ausgebildet ist, findet sich keine Spur, 
oder besser gesagt, ich sah und hörte nichts, das daraufhin- 
deuten könnte. Freilich sind grosse steinerne Gebäude viel 
eher geeignet, die Phantasie zu erregen, als leichte Stroh- 
hütten. 



Digitized by 



Google 



474 Heise durch das Land der Kunama. 

Merkwürdig ist die Priesterschaft des Alfai, wie ihn die 
Barea und Kunama nennen, der die Macht haben soll, Regen 
zu machen. Uebrigens bestand dieses Amt früher auch in 
Algeden und scheint noch jetzt den Nuba-Negern gemein zu 
sein. Der Alfai der Barea, der auch von den nördlichen Ku- 
nama consultirt wird, lebt nahe bei Tembadere auf einem 
Berge allein mit seiner Familie. Das Volk bringt ihm Abgaben, 
Kleidungsstücke und Früchte und bebaut ihm ein eigenes 
grosses Feld. Er ist eine Art König, dessen Amt nach dem 
Erbrecht auf den Bruder oder Schwestersohn übergeht. Er 
soll Regen herabbeschwören und die Heuschrecken vertreiben. 
Erfüllt sich aber die Erwartung nicht und entsteht grosse 
Dürre im Lande, so wird der Alfai zu Tode gesteinigt, wobei 
seine nächsten Verwandten gezwungen sind, den ersten Stein 
auf ihn zu werfen.' Als wir durchreisten, war das Amt des 
Alfai bei den Barea noch immer von einem alten Manne be- 
setzt; ich hörte aber, das Regenmachen sei ihm zu gefährlich 
geworden und so habe er sich von seinem Amte losgesagt. Das 
gleiche Amt findet sich übrigens auch bei den Kunama. Ebenso 
wie das Fest Thijot deutet auch der Alfai auf eine Ai-t von 
Cultus, den weiter zu erforschen uns aber nicht vergönnt war. 

Die eigentliche Religion der Barea und der Kunama be- 
steht aber in einer ausserordentlichen Ehrfurcht vor dem 
Alter. Was alt, schwach, greis oder blind ist, gebietet bei 
diesen Völkern allein Achtung. Niemand redet vor seineu 
Eltern, da die gegenseitige Achtung je nach dem Alter sich 
abstuft. Jünglinge mischen sich nie in's Gespräch der Aelteru 
und selbst bejahrte Männer horchen mit Ehrfurcht den Worten 
der Grauen. Vater und Mutter sind äusserst hoch gehalten. 
Nie wagt es der Sohn, seinen Elteni zu widersprechen oder 
sich gegen ihren selbst ungerechten Spruch aufzulehnen. Be- 
sonders die Mutter wird sehr geliebt und in ihrem Alter zärt- 
lich gepflegt; die Söhne bauen ihr ihr eigenes Feld und er- 
tragen geduldig jede Schmähung von ihr. Es gilt als ein 
unheilbringender Fluch, seine Eltern zu misshandeln. 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunäma. 475 

Vortheilhaft tritt diese Hochachtung des Alters hervor 
gegenüber dem Betragen der umliegenden Völker; die Bogos 
und alle Geez- Völker, wie auch die Beni Amer, achten nur 
die physische I^aft. Je älter der Mann wird und je schwächer, 
um so mehr verliert er von seinem Ansehen. Bei den Bogos 
und allen uns bisher bekannten Völkern zaudert kein Jüng- 
ling, in den Rath der Grauen hineinzureden und mit seiner 
jungen Kraft zu trotzen. Auch die Eltern werden von den 
erwachsenen Kindern oft sehr lieblos behandelt und oft steht 
der Sohn seinem eigenen Vater feindlich gegenüber und ver- 
nachlässigt seine nothleidende verwittwete Mutter. Glücklicher- 
weise beruht die Gesellschaft da auf andern Stützen, auf dem 
aristokratischen Familienzusammenhang. Bei den Beni Amer'n 
tritt diese Missachtung der Eltern noch viel schroffer und im- 
angenehmer hervor. Wir kennen viele sehr mächtige Häupt- 
linge im Barka, deren alte Mütter kaum ein Obdach haben 
und nothdürftig ihren Unterhalt von ihren Töchtern erbetteln. 
Denn zu der Frauen Ehre sei es gesagt, die Töchter verges- 
sen doch nicht so ganz die heilige Pflicht. 

Diese Ehrfurcht vor dem Alter ist nun die Garantie der 
Gesellschaft bei unsem Völkern. Es gibt gewiss keinen Staat, 
keine Gesellschaft, die durch Zufall oder Personen lange sich 
halten kann. Es muss ein gewisses inneres Leben, ein Be- 
wusstsein da sein, das die auseinandergehenden Kräfte zusam- 
menhält, eine so zu nennende Religion. Bei den aristokrati- 
schen Völkern, bei denen eine geoffenbarte positive Religion 
nur zufällig nebensächlich sich findet, ist es die Familie und 
ihr Trieb, durch enges Zusammenhalten sich zu verewigen, 
was dem Egoismus des Individuums entgegenarbeitet. Bei den 
jetzt zu betrachtenden Völkern fehlt auch dieser Halt, da- 
gegen vertritt seine Stelle die unbedingte Ehrfurcht vor dem 
Alter und die Waffe des Greises, der Fluch. Denn hier ist 
jeder überzeugt, dass irgend ein Unternehmen, 'das den Segen 
der Alten nicht für sich hat, scheitern, dass jeder von ihnen 
ausgesprochene Fluch vernichten muss. • 



Digitized by 



Google 



476 Reise durch das Land der Eundma. 

Diess vorausgesetzt, wollen wir dem aristokratischen Fa- 
milienstaat der Bogos, wie wir ihn früher als Beispiel der 
Geez- Völker beleuchtet haben, die demokratische Gemeinde 
der Barea und Kunäma entgegenstellen. Wir müssen ein- 
für allemal bemerken, dass rechtlich genommen diese beiden 
Völker ganz gleichmässig entwickelt sind, dass also unsere 
Darstellung^, wo wir es nicht besonders bemerken, für beide 
gleich gültig ist. Doch müssen wir hervorheben, dass dieses 
Recht bei den Kunäma, die in fast keine Berührung mit dem 
Auslande kommen, noch viel reiner erhalten ist und dass bei 
ihnen die Ehrfurcht vor dem Alter noch viel lebendiger dem 
Volke innewohnt. 

Was nun dieses Recht und den Staat charakterisirt, ist 
die vollständige Gleichheit der einzelnen Personen. Es fehlt 
die Monarchie; kein bevorzugter Stamm hat je aristokratisch 
die Stammfremden beherrscht; die Familie selbst ist politisch 
ohne alle Bedeutung. 

Wenn nun auch die Barea und die Kunäma dieselben 
RcchtsbegriflFe haben, so stehen sie sich durchaus fremd und 
oft feindlich gegenüber. Dagegen hängen die Barea für sich 
und die Kunäma für sich völkerrechtlich zusammen. Wenn 
auch ausnahmsweise die einzelnen Gaue sich feindlich gegen- 
überstehen können, so ist jeder Barea von Hagr auch in Mo- 
goreb sicher und umgekehrt und ebenso kann jeder Kunäma 
ungefährdet alles Land durchziehen, wo seine Sprache ge- 
sprochen wird. 

Wir brauchen uns aber nicht mehr beim staatlichen Zu- 
sammenhang der beiden Völker aufzuhalten. Wir haben schon 
gesehen, dass jedes wieder in Gaue zerfällt, so die Barea in 
Hagr und Mogoreb, und diese wieder in Gemeinden. Um uns 
xiie Sache zu vereinfachen, wollen wir bei diesen zwei Gauen 
stehen bleiben, weil auch die Kunäma-Gaue analog gestaltet 
sind. Bei den Barea also steht jeder Gau rechtlich und po- 
litisch unabhängig da; das Gericht erstreckt sich nie über den 
eigenen Gau hinaus. 



Digitized by 



Google 



Heise durch das Land der Kunäma. 477 

Den Gau bilden die Gemeinden, denen gegenüber die Fa- 
milie ohnmächtig ist. Die Gemeinde bilden die Bewohner des 
Dorfes, was auch ihre Abstammung sein möge; sie besteht 
aus Personen, nicht aus Familien. Selbst der eingewanderte 
Fremde wird, wenn er einmal der Landessprache mächtig ist 
oder sich im Lande yerheirathet hat, mit dem alten Bewohner 
ebenbürtig; kein exclusives Stammgefühl unterscheidet zwi- 
schen Bürger- und Einwohnergemeinde. Nur der ganz neue 
Gast oder der vorüberziehende Reisende oder Kaufmann muss 
sich einen Wirth suchen und wird von ihm geschützt. Wird 
der Gast getödtet, so rächt sich der Wirth sonderbarerweise 
dadurch, dass er des Mörders Gast tödtet. Ohne Wirth ist 
der Fremde als Feind betrachtet und so rechtlos; besonders 
bei den Kunama, die von allen Seiten bedrängt sind, ist der 
Fremde erst wenn er in's Haus getreten ist sicher; will er 
in's Freie gehen, muss er sich von einem Landeseingebornen 
begleiten lassen. 

Die Gemeinde richten und beherrschen die' Greise des 
Dorfes; sie stützen sich auf die Einmüthigkeit der Gemeinde, 
die ihren Ausspruch unbedingt achtet, ihren Fluch fürchtet 
und dem einzelnen Trotz gegenüber sich wie Ein Mann erhebt. 
Nur die engere Familie ist vom Vater abhängig; was über 
ihr hinaus ist, geht unbedingt in der Gemeinde auf. 

Der Mann, bevor er sein eigenes Haus baut, d. h. bevor 
er sich ein Weib nimmt, ist in seines Vaters Gewalt und sein 
Verdienst gehört dem letztern. Die Stelle des verstorbenen 
Vaters nimmt der ältere Bruder ein. Weiter geht die Gewalt 
des Vaters nicht; des Kindes Leben und Freiheit gehört dem 
mütterlichen Onkel. Wir werden dadurch einen ganz andern 
Familienbegriflf sich entwickeln sehen. 

lieber das Haus hinaus besteht kein Familienzusammen- 
hang mehr; das Haus ist die Grenze der Familie; wer seinen 
eigenen Herd hat ist Bürger; die einzelnen Häuser bilden die 
Gemeinde. Ueber die Gemeinde richten die Greise, die sich 
unter einem bestimmten Baum versammeln oder unter einer 



Digitized by 



Google 



478 Reise durch das Land der Kunäma. 

eigens als Rathplatz mitten im Dorfe errichteten Schattenlaube 
(Logodat). Hier sitzen die Alten und um sie herum das Volk. 
Wird eine Rechtsfrage vor sie gebracht, so hat jeder An- 
wesende das Recht, seine Meinung zu sagen; der Jüngste be- 
ginnt und so aufwärts und das letzte entscheidende Wort hat 
der Aelteste von allen. Oft verlangen die Parteien nur ein 
unmassgebliches Urtheil und werden dann nach gegebenem 
Rathe an die Aeltesten einer andern Gemeinde gewiesen, ganz 
wie wir es bei den Bogos auch gesehen. Oft erscheint der 
Gegenstand so wichtig, dass die Greise sich zu einer gehei- 
men Berathung zurückziehen zu müssen glauben. Die Sprüche 
sind meist sehr einfach, die Berathung kurz und gut. Die 
Greise haben gewisse gesetzgebende Gewalt; aber im Allge- 
meinen gilt die Tradition früherer Rechtssprüche, die unter 
dem Namen Butha mit Gesetzeskraft citirt werden. Dieses 
traditionelle Recht wird sich im Laufe unserer Untersuchung 
entwickeln, zum Voraus sei nur bemerkt, dass dem einfachen 
Sinn dieser Völker gemäss das Gesetz auf grösstmögliche Ver- 
einfachung ausgeht. Das Gesetz ist hier da, um Processe zu 
vermeiden, während das raffinirte Rechtsgefühl der Bogos ein 
Gesetz gebildet hat, das im Buchstaben gut, in der Praxis 
auf Verwickelimg ausgeht. 

Da nun in der Gemeinde jedes Haus unabhängig vom 
andern dasteht und die Familie in der Gemeinde sich auflöst, 
so sehen wir hier nicht den Zwist und Hass der Familien, wie 
er uns bei den aristokratischen Völkern, den Bogos ft. a. ent- 
gegengetreten ist. Kommt Streit vor zwischen zwei Personen, 
so sind sie vorerst sich allein überlassen. Mag die eine sogar 
landesfremd sein und die andere einer grossen Familie ange- 
hören, so ist die Lage dieselbe, denn niemand mischt sich 
in den Handel; die Zuschauer des Kampfes hüten sich wohl, 
dem einen oder dem andern zu helfen. 

Aus dieser Unparteilichkeit der Familie dem Einzelnen 
gegenüber ergibt sich folgendes Verhältniss: 

Vorerst wird jedes Individuum dem andern gleich; nie- 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 479 

mand wird gezwungen, sich einer herrschenden Aristokratie 
gegenüber einen Schutzherm zu suchen, wie wir das bei den 
Bogos gesehen. 

Ferner kann ein Streit der Personen nie ausarten und sich 
verewigen, da sich die Familie nicht hineinmischt. Die Ge- 
meinde hat kein Interesse, für den einen oder andern Partei 
zu nehmen; jeder Bürger ist ihr gleich lieb, am liebsten ist 
ihr der Friede und so tritt sie nur versöhnend auf. Ganz 
anders ist es, wo die Familie in Masse für ihr Kind einstehen 
und schon ihrer Existenz halber Partei ergreifen muss. Daher 
fehlen bei den Barea und Kunama die langdauemden Blut- 
fehden, die das Volk zerstören. 

Hat sich nun jemand zu beklagen, so trägt er seine Sache 
den Greisen vor und der Beklagte wird vor Gericht geladen. 
Niemand wagt, sich der Vorladung zu entziehen. Da hilft 
weder Name, noch Reichthum, noch Tapferkeit, noch Ver- 
wandtschaft; denn die ganze Gemeinde steht gegen das rebel- 
lische Kind auf und zwingt es zum Gehorsam. Wer sich nicht 
fügen will, mag durch Auswanderung sich retten. Die Ver- 
bannung ist die alleinige und härteste Strafe für einen Barea 
oder Kunama, da jeder seiner Heimat zugethan ist. 

Auch politisch sind die Grauen die einzige Behörde. Sie 
schliessen Krieg und Frieden. Wollen sie mit einem Nach- 
barstamme Frieden haben, so verbieten sie den Männern alle 
Raubzüge dagegen, indem sie darüber ihren Fluch aussprechen. 

Oft werden. vom Ausland her geraubte Heerden in ein 
Dorf gebracht; gehören sie einem befreundeten Stamme an, so 
wird der Räuber zur Rückerstattung aufgefordert. Weigert 
er sich hartnäckig, so versammeln die Grauen die Gemeinde 
und führen sie zum Hofe des Räubers. Dann wii'd ihm all 
sein Hab und Gut weggenommen, sein Haus eingeworfen und 
seine Person verbannt. Seine eigenen Verwandten und Freunde 
werden gezwungen, bei dieser Execution mitzuhelfen; weigern 
sie sich, wird ihnen das Nämliche angethan. So weiss die 



Digitized by 



Google 



480 Reise durch das Land der Eun&ma. 

Gemeinde sich dem Einzelnen gegenüber Achtung zu ver- 
schaflfen. 

Die Gesandten, die beauftragt sind, mit dem Ausland zu 
verhandeln oder den Tribut einzuziehen, sind einfache Diener 
der Gemeinde mit einer gewissen Entschädigung; sonst sind 
sie in keiner Weise ihren Mitbürgern überlegen. 

Als Beweismittel kennen unsere Völker das Zeugniss und 
den Eid. Der Zeuge wird hier vor Gericht geladen und ver- 
hört, während er bei den Abyssiniem und den Bogos etc. von 
den Parteien aufgesucht und so gleichsam Richter wird. Die 
Zeugenzahl kann nach Verlangen der Beklagten bis auf drei 
gebracht werden. Unfähig zum Zeugen ist der Dieb, der Räu- 
ber, der notorische Lügner, das Weib und das Kind. Der 
Zeuge macht eine einfache Aussage ohne alle eidliche Be- 
kräftigung. Fehlen Zeugen, so kann der Kläger selbst den 
Eid abgeben oder den Beklagten schwören lassen. Das alte 
Recht der Bogos statuirt denselben Grundsatz, der bei ge- 
wissenlosen Völkern zu vielen Missbräuchen führen muss. — 
Es gibt verschiedene Schwurarten: der Schwörende schlägt 
seines Sohnes Hand oder dessen rechten oberen Schenkel oder 
er tritt auf sein Schwert oder auf seines Verwandten Grab. 
Bei den Barea ist ausserdem üblich, dass der Schwörende in 
dem erwähnten heiligen Hain Therbo Wodeg einen Ast bricht; 
In welchen Fragen Zeugniss und Eid statthaben, wird sich 
im Laufe der Untersuchung ergeben. 

Bevor wir aber weitei^ehen können, wollen wir die Aus- 
nahmen constatiren, die der theilweise eingeführte Islam bei 
den Barea und Kunäma in die Rechtspflege gebracht hat; wenn 
wir auch dem Laufe der Untersuchung vorgreifen, so können 
wir sie dann um so unbesorgter ausnahmslos fortsetzen. Wo 
nämlich der Islam eingedrungen ist, verändert er natürlicher- 
weise die Rechtsverhältnisse; denn er ist eine ausnehmend 
praktische Religion. 

Die Mohammedaner ersetzen die landesübliche Heirath 
durch den Seflfah (Trauung), wodurch die Ehe- und Erbver- 



Digitized by 



Google 



Beise durch das Land der Kunama. 481 

häJtnisse sich total verändern. Bei der Scheidung erhält die 
Frau die Hälfte des Vermögens und den Mann beerben seine 
eigenen Söhne, nicht wie im alten Recht der Bruder und der 
Schwestersohn. Entsteht darüber Process, so entscheidet na- 
türlich nicht mehr die Gemeinde, deren Recht ganz andern 
Grundsätzen huldigt, sondern bei den Barea wenden sich die 
Mohammedaner an die Gemeinde Haberetta, als älteste Colo- 
nie des Islam und zuverlässige Rechtsquelle. Dieses Einzeln- 
gericht erstreckt sich aber nur auf das Ehe- und Erbrecht; 
in andern Fragen kennen die Barea und Eunäma, seien sie 
Mohammedaner oder nicht, keinen Unterschied. Wir wollten 
zuvor diese Ausnahme notiren, um nicht mehr darauf zurück- 
kommen zu müssen. 

Aus dem bisher Gesagten ergibt sich, dass unsere Völker 
in einer unbedingten Demokratie leben. Niemand ist vornehm 
oder gering; niemand wähnt sich besser zu sein als die an- 
dern. Reichthum und Armuth hat politisch genommen keine 
Bedeutung. Kein Adel ragt über die Masse hervor; selbst 
der Fremde ist schnell eingebürgert. Das Alter allein hat 
seine ungefährlichen Vorrechte. Deswegen entbehren die 
Barea und Kunäma der genealogischen Geschichte; Stamm- 
bäume, wie wir sie bei den aristokratischen Völkern gefunden, 
sind da werthlos, wo die Familie politisch machtlos ist und 
die Verwandtschaft sich schnell vei^sst. 

Da somit der Gegensatz von Paüicier und Plebejer ganz 
unbekannt ist, können wir nur vom Verhältnisse des Herrn 
zum Lohndiener sprechen und selbst hier wird die Freiheit 
der Untergebenen auf die geringstmögliche Art geschmälert: 
das Recht ist dem Diener ungemein günstig. Vorerst ist zu 
bemerken, dass die Barea und Kunama wenig Dienstboten 
brauchen, da jedermann arbeitet. Der Dienstbote, sei er Hirt 
oder Bauer oder Magd, heisst Kerai (im Tigre „Lohn"). Die 
Bezahlung beträgt etwa 4 Fr. in Zeug; ausserdem hat er aber 
bestimmte Tage, wo er mit seines Herrn Stieren für eigene 
Rechnung pflügen und sich ein kleines Feld anbauen kann. 

If an Singer, Ostafrik. Studien. 31 



Digitized by 



Google 



482 Reise durch das Land der Eun&ma. 

Der Hirt oder Bauer hat gewöhnKch das Recht auf acht 
solcher Tage, die Magd auf die Hälfte. Oft lautet der Con- 
tract, dass der Besitzer der Stiere zwei Tage für eigene Rech- 
nung pflügt und den dritten zum Nutzen seines sonst unhe- 
zahlten Gehülfen. In Gesellschaft das gleiche Feld zusammen 
zu pflügen und sich die Emdte zu theilen, wie wir es anders- 
wo gefunden, kommt hier nicht vor und verhindert manchen 
Streit; nie gehört ein Feld zwei Herren. Vereinigen zwei 
Personen ihre Stiere zu einem Joch, so wii*d an einem Tag 
auf des einen, am andern Tag auf des andern Feld gepflügt. 
Jedermann verlässt sich allein auf sein eigenes Glück. Die 
Dienstzeit währt eigentlich von der Regenzeit bis nach der 
Erndte; ist aber der Dienstbote mit seinem Herrn zufrieden, 
so bleibt er das ganze Jahr ohne weitere Entschädigung. Das 
Recht ist aber dem Dienstboten gegenüber sehr liberal. Tödtet 
de^ Hirt ein Stück von der eigenen Heerde, so hat der Herr 
doch kein Recht, ihn zur Entschädigung anzuhalten. Oft 
kommt es sogar vor, dass der Hirt ohne Erlaubniss sich von 
seiner Heerde entfernt und sich einem Raubzug anschliesst 
Was ihm dabei von Beute zu Theil wird, gehört ihm aus- 
schliesslich und der Herr darf sich nicht über Vernachlässi- 
gung seines Gutes beklagen. Wir wollen aus diesen Einz^n- 
heiten zwei Schlüsse ziehen: 

1) Zeigt sich darin das Streben, auch dem Reichthum 
keine Aristokratie einzuräumen, indem das Recht den Armen 
bevorzugt und die Einfachheit alle Verwickelung vermeidet. 
Diess wird bedeutend, wenn man weiss, dass bei den aristo- 
kratischen Völkern die verwickelten, hakenreichen Verhältnisse 
des Herrn zum Untergebenen fast allein die Leibeigenschaft 
unterhalten und den Freien knechten oder wenigstens unter- 
than machen. 

2) Zeigt sich darin der Hauptcharakter des hiesigen Rechts, 
das die Sache sehr gering, die Person ungemein hoch schätzt, 
ein Princip, das sich noch weiter entwickeln soll. 

Da wir bisher das Princip vollständiger Gleichheit con- 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 483 

sequent durchgeführt sehen, so tritt die Frage nahe: Gibt es 
Sklaven bei diesen Völkern und welches ist ihre Stellung zu 
den Freien? 

Zuerst müssen wir bemerken, dass die Barea und die 
Bazen nur ausnahmsweise Sklaven besitzen und zwar auswär- 
tige und einheimische. Vom Ausland kommen Sklaven durch 
Beraubung feindlicher Stämme; meist werden sie aber von 
ihren Verwandten ausgelöst oder, bevor sie sich eingewöhnt 
haben, als Waare weiterverkauft. Die Barea und die Bazen 
kaufen sich nie vom Ausland Sklaven an. Eine andere Quelle 
der Sklaven ist der Kinderverkauf, der auch hier üblich ist. 
In Hungersnöthen verkaufen die Verwandten ihr Kind an 
einen reichen Nachbar. Was aber bei den aristokratischen 
Völkern am ersten Knechte erzeugt, ist ihr scharfes Recht, 
das nicht nur die Person, sondern die ganze Familie für ver- 
letztes Eigenthum, Schulden oder Diebstahl verantwortlich 
macht; so haben wir bei den Bogos und den Marea gesehen, 
dass die meisten Leibeigenen Kinder freier Eltern sind, die 
etwas verbrochen oder Schulden hinterlassen hatten oder 
dessen beschuldigt waren. Wir sahen, bis zu welcher Unge- 
rechtigkeit die Ueberschätzung des Adels von der einen Seite 
und des Eigenthums von der andern führen und wie sie die 
Freiheit gefährden kann. 

Nun entbehrt der Barea und Kunama aller Standesunter- 
schiede und auch das Eigenthum geniesst wenig Bedeutung. 
Denn diese Völker leben in einer ewigen Unsicherheit, wo der 
Mensch wenig an die Zukunft denken kann. Sie sind ferner 
durchaus nicht Nomaden und überhaupt kaum Viehzüchter 
und es ist eine Thatsache, dass bewegliches Eigenthum 
den Eigenthumsbegriff verschärft. Ausserdem treiben 
sie wenig Handel und kennen kaum das Geld oder andres 
bewegliches Eigenthum, ausser der Emdte, die der Gegen- 
wart nur dienen soll. Grund und Boden ist zum Ueberfluss 
da. Also kann der Begriff von Eigenthum nicht stark sein. 
Daraus folgt der wichtige Rechtssatz: die Person darf der 

31* 



Digitized by 



Google 



484 Reise durch das Land der Knnäma. 

Sache wegen keinesfalls angetastet werden. Sie darf 
also wegen Schulden oder Verbrechen gegen das Eigenthum 
nie geknechtet werden. Eine Ausnahme bildet der Mann, der 
Landeseingebome verkauft hat; er kann von dessen Verwand- 
ten füglich wieder verkauft werden. Es folgt aus dem Gesag- 
ten, dass die Sklaverei der Hauptquellen entbehrt, die sie 
häufig machen könnten. 

Nun müssen wir die Stellung der wenigen Sklaven unter- 
suchen, die sich im Lande finden. Wenn wir nun das Prin- 
cip der persönlichen Freiheit und Gleidiheit auch auf die 
Leibeigenen ausgedehnt finden, so ist diess keine nothwendige 
Folge des bisher Gesagten; denn der Sklave ist eine Waare 
und keine Person. Nun muss man aber wissen, dass die Barea 
und Bazen einer Art Tradition zur Folge sich selbst alle 
Sklaven schelten. Sie wollen damit sagen, dass der Mensch 
natürlich frei ist und seine Freiheit nie verlieren kann. Des- 
wegen ist Gesetz bei diesen Völkern, dass der landeseinge- 
borene Sklave durch blosse Entfernung von seinem Herrn 
vollständig frei wird. Hat er Grund, mit diesem unzufrieden 
zu sein, zieht er sich in ein anderes Dorf zurück, lebt wo er 
will, heirathet und zeugt mit Freien, ohne alle Belästigung 
und Nachrede. Verheirathet der Herr seinen Sklaven, indem 
er Vaterstelle an ihm vertritt, erklärt er ihn dadurch factisch 
frei. Der Herr hat auch nicht das Recht, seinen landesein- 
gebomen Sklaven zu tödten; er würde sich dadurch der Blut- 
rache der Verwandten des Getödteten aussetzen. Der Erbe 
des Sklaven ist wie bei den Freien der Bruder oder Schwester- 
Bohn; bei seinen Lebzeiten fallen aber sein Erwerb und Kriegs- 
beute dem Herrn zu. 

Ohne dem Erbrecht vorgreifen zu wollen, müssen wir doch 
beifügen, dass das Kind der Mutter nachgeht; ist sie Sklavin, 
so ist das Kind es auch; ist sie fi*ei, so ist auch das Kind 
frei trotz des geknechteten Vaters. 

Fremde Sklaven haben zwar nicht die gleichen Rechte, 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kan&ma. 485 

wie Landeseingeborne; doch sind sie einmal eingewöhnt, ge- 
niessen auch sie die gleiche Freiheit. 

Um zn resumiren, sehen wir, dass die Sklaverei hier ein 
fremdes Gewächs ist, das sich gegenüber dem Princip der 
GleiQhheit nicht halten kann; sie bleibt immer eine Ausnahme; 
wenn sie auch dem Namen nach vorkommen kann, so fehlt 
der eigentliche Begriff der Leibeigenschaft, da bei den Barea 
und Kunäma, wer nicht Herr, auch nicht Sklave werden kann. 
Nach dieser Philosophie ist jeder Mensch in gewisser Hinsicht 
Sklave und in gewisser Hinsicht frei; die Person kann nie 
Sache werden oder ihretwegen das Princip der Persönlichkeit, 
die Freiheit, verlieren. 



Digitized by 



Google 



Familie. 



Wir müssen nun die ehelichen Verhältnisse betrachten. 
Eine Verlobung, wie sie uns bei den Bogos bekannt wurde, 
kennen unsere Völker nicht. Wer heirathen will, hält bei 
dem Vater um die Hand der Tochter an, deren Willen nicht 
berathen mrä. Sehr oft knüpft aber der Jüngling selbst Be- 
kanntschaft an; wird das Mädchen schwanger, so hält er um 
ihre Hand an und sie wird seine Frau. Ist er aber nicht 
gesonnen, sie zu heirathen oder ist er der Familie des Mäd- 
chens nicht genehm, so gebärt das Mädchen in ihres Vaters 
Haus und das Kind gehört von Rechtswegen der mütterlichen 
Familie, von der es ernährt und auferzogen wird. Bei diesen 
Völkern gilt Schwängerung durchaus nicht für ein Ver- 
brechen wie bei den Bogos. Aussereheliche Kinder werden für 
ebenso gut angesehen, wie die andern; auch für die Mutter 
ist keine Schande damit verbunden. Wir finden darin einen 
grossen Gegensatz zu den aristokratischen Völkern, besonders 
den Beni Amer'n und den Marea, die nie ein uneheliches 
Kind dulden und sogar die unvorsichtige Mutter dem Familien- 
stolz opfern; denn sittliches Gefühl ist keineswegs die Trieb- 
feder dieser unmenschlichen Grausamkeit. 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Laud der Kunama. 487 

Der Bräutigam zahlt unter verschiedenen Titeln eine Ab- 
gabe an die Familie der Braut und so trivial und kleinlich 
sie ist, so mag ihre Aufzählung immerhin das Leben des 
Volkes deutlich machen. 

Er schenkt der Mutter der Braut 1 Kuh, die auch zu 
4 Ziegen berechnet wird. 
Desgl. der väterlichen Tante 1 Ziege und die Haut 
der Mindik. 
» dem mütterlichen Onkel der Braut 1 Ziege. 
» dem mütterlichen Grossvater 1 junge Ziege. 
» dem Vater der Braut 1 — 4 Kühe, jede zu 
4 Ziegen berechnet. 
Er bringt 1 Kuh als Nackenpreis (Segad), die gemein- 
schaftliches Gut von Mann und Frau wird. 
Desgl. 1 Ziege der Mutter der Braut, die dafür Bier 
bereitet. 
» 1 rothhaarige Ziege, die von der väterlichen 
Vei'wandtschaft der Braut geschlachtet wird. 
)) 1 einfarbiges Schaf, das Eigenthum des Braut- 
paares wird. 
Dazu kommt noch die Kuh Mindik, das Opfer, das die Heirath 
besiegelt, die ohne Fehler und Mangel, Zeichen und Brand- 
mal sein muss. Der Vater der Braut hat durchaus keine 
Verpflichtung, ihr etwas mitzugeben. Doch kommt es vor, 
dass er, um seine Zuneigung zu beweisen, Aecker, Kühe und 
Hausgeräth mitgibt, was dann des Paares gemeinschaftliches 
Gut wird. Verlobung, Entrichtung der Ehegebühr und Hei- 
rath folgen kurz aufeinander. Ist die Braut von zweiter Ehe, 
so hat sie das Recht, frei über ihre Hand zu verfügen imd 
ihi- gewählter Mann schenkt ihr ein Kleid und eine Kuh, die 
gemeinschaftliches Eigenthum des Paares wird. Die Familie 
des Bräutigams ist nicht gezwungen, ihn bei der Heirath zu 
unterstützen; doch erhält er gewöhnlich Hochzeitsgeschenke 
von Freunden und Venvandten, die er bei gleicher Gelegen- 
heit wieder zuiiickgeben muss. Der sogenannte Therq oder 



Digitized by 



Google 



488 Reise durch das Land der Kouima. 

die gegenseitige Verantwortiichkeit der Familie ist diesen 
Völkern fremd; nur wenn es gilt, einen im Ausland geknech- 
teten Verwandten loszukaufen, vereinigen sich die Familien, 
um das Lösegeld erschwingen zu können. 

Die Heirathshindermsse gehen nicht so weit als hei den 
Geez- Völkern, die bis zum 7. Grade sich nicht vermischen, 
sie sind aber nicht so beschränkt, wie bei den Mohammeda- 
nern, wo schon Vettern sich untereinander verheirathen.*) 

Stirbt ein Mann, so wird seine Wittwe von seinem Bruder 
von gleicher Mutter und fehlt dieser, von seinem Schwester- 
sohne ohne alle Abgabe erblicher Weise geheirathet, ohne 
dass der Wille der Frau dabei in Betracht konunt. Hat aber 
dieser sogenannte Erbe keine Lust, die Wittwe zu überneh- 
men, so wird er doch als ihr Vater und Vormund betrachtet, 
und bei ihrer allfälligen Verheirathung zu ßathe gezogen. Es 
hat hier der Mann das Recht, seine Stiefinutter oder die Frau 
seines verstorbenen Vaters zu sich zu nehmen, wie diess bei 
den Bogos geschieht. Die Wittwe bleibt ungefähr ein Jahr 
in Trauer im Hause ihres verstorbenen Mannes. Haben dann 
die Erben keine Lust, sie in der Familie zu behalten, so wird 
sie in ihres Vaters Haus zurückgeschickt. Will man sie aber 
„erben", so verweilt sie noch zwei andere Jahre im Hause als 
Wittwe ohne auszugehen, und erst dann wird sie von dem 
Bruder oder Schwestersohn ihres verstorbenen Mannes geheira- 
thet. Jedenfalls bleibt sie drei volle Jahre Wittwe, bevor 
sie sich wieder verheirathen kann. 

Die Blutrache - einer getödteten Frau betrifft in erster Linie 
ihre Kinder, sind keine da, ihren Bruder von gleicher Mutter 



♦) Folgendes ist die Tafel der Blutsverwandtschaft: 

Väterlich. Mütterlich. 



Onkel u. Tante. Vater. Mutter. Onkel u. Tante. 

Kinder. Kinder. Ich. Bruder. Sohn. Tochter 

I I I Schwester. | | 

Kinder. Kinder. Kinder. | Kinder. Kinder. 

Kinder. 



Digitized by 



Google 



Reise darch das Land der Kimama. 489 

oder den Sohn ihrer Schwester; nie den eigenen Manu, ausser 
der Mord würde in seiner Gegenwart geschehen. 

Der Mann hat das Recht, zu heirathen so viel Frauen er 
will. Er kann sich von seiner Frau ohne weiteren Process 
scheiden, wenn er will. In diesem Fall erhält die Frau die 
Hälfte des gemeinschaftlichen Vermögens, wie es bei der. Hoch- 
zeit angelegt wurde; von dem bisherigen Erwerb erhält sie 
nichts, ausser die Hälfte des vorräthigen Duchn (Bultub), 
v^ährend das Durra und das Haus dem Manne gehört. Bei 
den Mohammedanern aber erhält die Frau gewöhnlich die 
Hälfte des ganzen Vermögens. Auch die Frau hat das Recht, 
wenn sie unzufrieden ist, auszuziehen und in ihres Vaters 
Haus zurückzukehren. Sei sie nun mit des Mannes Willen 
oder durch eigene Entfernung geschieden, so wird sie sogleich 
frei und ledig und kann vom ersten Augenblick an wieder 
verheiraÜiet werden. Die Kinder geschiedener Eltern gehen 
mit Ausnahme der Säuglinge zum Vater. 

Gross ist in dieser Hinsicht der Gegensatz zu den Bogos, 
Marea, Habab, wo die geschiedene Frau auch in ihres Vaters 
Hause noch zu ihres frühem Mannes Disposition steht, bis er 
sie eigentlich frei und ledig erklärt. Während bei diesen 
Stämmen also auch die Scheidung verklauselt ist und leicht 
Processe verursacht, offenbart sich bei den Barea und Bazen 
wieder der einfeK^he Sinn des Volkes, das allen Anlass zu 
Streit und Process von vornherein abschneidet. 

Schulden, die ohne des Mannes Wissen von der Frau con- 
trahirt werden, fallen ihm nicht zur Last und sind überhaupt 
ungültig. Die Frau hat keine bürgerlichen Rechte: sie kann 
nicht zeugen und nur wenn sie keinen Bruder hat erben; sie 
darf nicht bürgen, noch klagen, noch in Anklagezustand ver- 
setzt werden. In dieser Hinsicht stimmt das hiesige Recht 
ganz mit dem der Geez- Völker überein. 

In engem Zusammenhang mit dem Eherecht steht das 
Erbrecht und hier begegnen wir einer ganz eigenthümlichen 
Anschauung der Familie, wie wir sie sonst nicht kennen. Es 



Digitized by 



Google 



490 Reise darch das Land der Kuuama. 

sind nämlich von der Erbschaft die eigenen Kinder ausge- 
schlossen; dagegen erbt in 

1. Linie der Bruder von gleicher Mutter, 

2. ^ der älteste Sohn seiner ältesten Schwester, 

3. » der zweite Sohn » » » u. s. f. 

4. » der Sohn der Jüngern Schwester, 

5. » die Schwester des Erblassers, 

6. » ihr Schwesterkind. 

Die Güter gehen also nur an die Geschwister und an ihue 
Nachkommen von weiblicher Seite; das gleiche Piincip ist 
auch für die Blutrache consequent durchgeführt, indem nur 
Bruder und Schwesterkind dafür verantwortlich sind, während 
die eigenen Kinder das Blut ihres Vaters gar nichts angeht. 
Wir können uns nicht erklären, was diese originelle An- 
schauung der Familie motivirt hat; bei den Bazen, wo die 
Ehe sehr lose ist und Ehebruch nicht geahndet wird, könnte 
man sie daraus begründen, dass bei der Ungewissheit der 
Vaterschaft die mütterliche Abstammung allein anerkannt wird 
und darauf deutet, dass der bevorzugte Erbe der Bruder von 
gleicher Mutter, nicht von gleichem Vater ist; aber bei den 
Barea, wo die Ehe sehr streng sittlich und Ehebruch höchst 
selten ist, kann nichts diese Anschauung erklären. Wii* sehen 
schon bei den Bogos und all den benachbarten Völkern das 
Schwesterldnd eine sehr bevorzugte Rolle spielen; es hängt 
innig mit seiner Mutterfamilie zusammen und geniesst ihr 
gegenüber eine gewisse Straflosigkeit. Doch geht diese Liebe 
zwischen Onkel und Neffen mütterlicherseits nicht so weit, 
dass sie die Basis der natürlichsten Verwandtschaft zwischen 
Vater und Sohn zerstören würde. 

Bei den Barea und Bazen lernen wir aber eine ganz neue 
Familie kennen, indem sie rechtlich nur von mütterlicher Seite 
besteht und den mütterlichen Onkel und sein Schwesterkind 
in Eigenthum und Blut eng verbindet, während sie das Ver- 
hältniss zwischen Vater und Sohn, wie es unserer occidenta- 
lischen und auch der orientalischen Anschauung entspricht, ganz 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 491 

mi^sachtet. Niemand yvird die Tragweite dieses Familieube- 
giiffs verkennen; wenn meine eigenen Kinder mich nichts an- 
gehen, sondern allein ihren mütterlichen Verwandten nach- 
gehen, wenn dagegen mein Schwesterkind eng mit mir 
zusammenhängt und mein Erbe und Rächer ist, so muss sich 
natürlich das ganze Leben von Grund aus ändern. 

Von diesem Erbschaftsgesetz sind uns folgende Ausnalmieu 
bekannt. Die Frau nimmt von der Hinterlassenschaft ihres 
Mannes nur den bei der Hochzeit entrichteten Nackenpreis 
und den im Hause befindlichen Vorrath von Duchn. Ferner 
hat der Sterbende wenigstens bei den Barea das Recht, 
gegen die Ansprüche der rechtmässigen Erben, der Schwester- 
söhne, zu Gunsten der eigenen Kinder oder anderer Freunde 
zu testiren; die Execution versichert er alsdann durch gewichtige 
Zeugen. Die eigenen Kinder haben zwar keine Ansprüche auf 
das väterliche Vermögen, doch hat [der Vater die Pflicht, sie 
zur Heirath auszusteuern; sind sie bei dessen Tode noch un- 
mündig, so werden sie von den Vaterstelle vertretenden Erben, 
dem Bruder des Todten oder dessen Schwestersohn, auferzogen 
und ausgesteuert. 

Die Erbschaft und auch allfällige Schulden werden aber 
erst nach mehreren Monaten angetreten; ungetheilt, Acker, 
Kühe, Geld en bloc geht sie an den nächsten berechtigten 
Erben über, ebenso wie die Wittwe des Verstorbenen, wie wir 
schon oben bemerkt haben, und auch darin zeigt sich die Ein- 
fachheit, die Processe ersparen will. 



Digitized by 



Google 



Das Eigenthum. 



Die Barea und die Bazen erinnern sich nicht der Zeit 
ihrer Einwanderung. Da sie nicht als Stamm einwanderten, 
sondern als Gemeinden, die sich der Sprache nach zusammen- 
hielten und verstanden, so haben sich die allfälligen Abori- 
giner, welche es auch gewesen sein mögen, schnell mit ihnen 
verschmolzen. So hat jedes Grundstück seinen Herrn, ohne 
dass man daraus die alten Stammsitze erkennen könnte, wie 
z. B. bei den Bogos. Grundbesitz fehlt keineswegs, aber er 
hat wenig Werth, da eine ungeheure Masse Land seit Urzeiten 
brach daliegt Der Preis eines Ackers (ungefähr 2 Morgen) 
kann auf eine Kuh, also etwa 15 Fr. sich belaufen. Grund- 
stücke werden selten veräussert: der benöthigte Besitzer gibt 
sein Land dem Käufer meist nur als Schuldpfand hin, das er 
gegen den erlegten Preis jederzeit wieder an sich bringen kann. 
Deswegen wird beim Verkauf besonders stipulirt, ob der Acker 
für immer verkauft sei oder ob der Herr sich das Recht vor- 
behalte, ihn später wieder an sich zu bringen. Das Gesetz 
begünstigt also die Stetigkeit des Grundbesitzes. 

Wer kein eigen Land hat, wendet sich an einen Landbe- 
sitzer und bittet ihn um die Erlaubniss, ein Stück von dessen 
Grund bebauen zu können; da viel zu viel Land da ist, so 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 493 

wird ihm diess nie abgeschlagen; der Herr spricht seinen 
Segenswunsch aus und erhält bei der Emdte eine kleine Ab- 
gabe. Niemand würde sich unterstehen, gegen den Willen 
des Grundbesitzers zu cultiviren, da sein Fluch nach dem 
Volksglauben die Emdte vernichten muss. Entsteht ein Streit 
über Grundbesitz, so steht der Beweis dem Kläger zu, indem 
er seine Aussage durch Zeugen oder Eid bekräftigt. Wandert 
jemand vom Gau aus, so hinterlässt er einen Bevollmächtig- 
ten, der das Land bebauen lässt und die daraus entspringende 
Abgabe dem Herrn zuschickt. 

Gefundenes herrenloses Gut gehört dem ersten Finder; kein 
adelicher Herr ist da, wie bei den Bogos, der auf den Fund 
Ansprüche macht. Auch der wilde Honig gehört dem Finder; 
findet er sich aber in einem bebauten Acker, so darf ihn nur 
der Bauer desselben ausnehmen. Kriegsbeute wird nach eigenem 
Gesetz vertheilt, worauf wir zurückkommen werden. 

In den Dörfern selbst beschränkt kein Grundbesitz den 
Raum. Jeder baut sein Haus, wo er geeigneten Platz findet; 
wandert er aus, so kann er sich das Recht vorbehalten, nach 
allfalliger Rückkehr seinen Hausplatz wieder einzunehmen. 
Gras, Holz, Durraschilf und Stroh, selbst auf den Feldern, 
sind Gemeingut des ganzen Gaues. Bei Sodbrunnen hat der 
Gräber das Recht der ersten Benutzung. 

Schulden werden gewöhnlich durch Bürgen versichert; ganz 
wie bei den Bogos hat der Bürge, der anstatt des Schuldners 
zur Zahlung angehalten wird, das Recht, vom Schuldner den 
doppelten Betrag zu fordern. Nun haben wir bei den Bogos 
gesehen , wie das aristokratische Recht den Gläubiger äusserst 
kräftig beschützt und sogar die Freiheit des Schuldners für 
die Schuld haftbar macht. Bei den Barea und Bazen aber 
finden wir als Entwickelung des schon oben aufgestellten 
Grundsatzes, dass die Person des Eigenthums wegen nie zu 
Schaden kommen kann: die Freiheit des Menschen ist ihm 
unendlich mehr werth, als alles mögliche Geld und Gut. Da- 
her ist der Schuldner dem Gläubiger gegenüber äusserst 



Digitized by 



Google 



494 Roise durch das Land der Kunama. 

günstig gestellt. Der Gläubiger hat also kein Recht, seinen 
Schuldner mit Gewalt zur Zahlung zu zwingen, ihn anzu- 
greifen, zu verhaften oder auch nur öfientlich darüber zur 
Rede zu stellen; kann er nicht zu seinem Gelde kommen, 
so lässt er ihn durch einen Dritten vor die Gemeindeältesten 
laden und fordert ihn zur Zahlung auf; kann oder will der 
Schuldner sich nicht verständigen , so gibt die Gemeinde dem 
Gläubiger das Faustrecht, d. h. er hat das Recht, seinem 
Schuldner den Betrag zu stehlen. Er nimmt ihm z. B. seine 
Lanze weg, aber in keinem Falle darf er sie ihm aus der 
Hand reissen. 

Der Erbe übernimmt auch die Schulden, aber bei Zah- 
lungsunfähigkeit haftet er keineswegs mit seiner Person dafür; 
die hässlichen Gebräuche der Bogos, wo die Kinder für ihres 
Vaters Schuld leibeigen werden, sind also hier ganz unbekannt. 
Wer geliehenes Gut verliert, muss es bezahlen. Geschenke 
und Gaben, wie wir sie bei den Geez- Völkern als Majcbtot 
kennen gelernt haben, gehören hier nicht vor Gesetz; Gabe 
und Rückerstattung ist rein Sache der persönlichen Gut- 
willigkeit. 

Diebstahl heisst die Verletzung des Eigenthums inner- 
halb des Gaues; er ist kein Verbrechen; ist er bewiesen, 
wird das gestohlene Gut einfach als Schuld ange- 
sehen. Hier besonders zeigt es sich, wie hoch diesen Völkern 
die Person , wie niedrig das Eigenthum steht. Der gefangene 
Dieb darf nicht verwundet und getödtet, noch zur Busse an- 
gehalten werden; er erhält höchstens von seinen Verfolgern 
ein paar tüchtige Schläge; man nimmt ihm das gestohlene 
Gut ab und lässt ihn laufen. Von Gefangenschaft, Lösegeld 
oder gar Knechtung des ertappten Diebes ist keine Rede. 
Ein von seinen Landsleuten verfolgter Dieb schlägt sich nie; 
er sucht zu entfliehen, indem er seine Beute im Stich lässt; 
seine Verfolger hüten sich wohl, ihn zu verletzen, da das ver- 
gossene Blut des Diebes Blutrache heischt. 

Vermisst jemand sein Eigenthum , z. B. Vieh , so gibt er 



Digitized by 



Google 



Beise doroh das Land der Kundma. 495 

sich alle Mühe, den Platz wo es verborgen ist auszukund- 
schaften; hat er einmal einen bestimmten Verdacht oder be- 
lehrt ihn die Fussspur, so tritt er vor die Alten des Dorfes 
und verlangt die Freiheit einer unbedingten Hausuntersuchung, 
die ihm nie verweigert wird. Findet er sein Stück Vieh noch 
lebendig vor, so nimmt er es einfach zurück und die Sache 
ist abgethan. Findet er aber nur das Fleisch und Haut, so 
bemächtigt er sich derselben sammt allem vorräthigen Geräth, 
das zum Kochen und Schlachten gedient hatte und er hat 
überdiess das Recht, den Dieb zum vollen Werthersatz anzu- 
halten. Eine trächtige Kuh wird dreifach angeschlagen. Die 
Gemeindeältesten sind also behülflich, die Thatsache des Dieb- 
stahls festzustellen; aber ganz wie bei einer Schuld massen 
sie sich keineswegs die Competenz an, den Dieb von Gerichts- 
wegen zum Ersatz anzuhalten. Der Dieb leistet entweder frei- 
willig Ersatz oder der Beschädigte entschädigt sich dadurch, 
dass er sich bei der ersten Gelegenheit den verlornen Betrag 
wieder zurückstiehlt. Würde er aber für sein Eigenthum, und 
wenn es ein Kameel wäi'e, nur eine Ziege oder eine Lanze 
wegnehmen, so wird schon dadurch die ganze Schuld des 
Diebes getilgt und er hat keine weitern Ansprüche mehr dar- 
auf, er hat es ja selber genommen. Oft geschieht es, dass 
der Dieb, zu Mitteln gekommen oder dem Frieden zu Liebe, 
mit seinem Gläubiger — so darf man ihn nennen — sich zu 
verständigen wünscht; dann bittet er die Greise des Dorfes, 
ihn zu begleiten; sie treten alle zusammen in das Haus des 
bestohlenen Mannes, der sich von dem hohen Besuch so ge- 
ehrt fühlt, dass er mit Freuden an der Stelle des gestohlenen 
Gutes von dem Diebe das kleinste Geschenk, selbst eine Ziege, 
als volle Entschädigung annimmt und wenn es nur ein Procent 
des Verlorenen betrüge. 

Bei Diebstahl ist der einzige Beweis das gefundene Eigen- 
thum selber. Zeugen werden nicht angerufen und der Eid 
gar nicht. Ist das gestohlene Gut durch Verkauf in zweite 
Hand übergegangen, so ist der Käufer rechtmässiger Besitzer 



Digitized by 



Google 



496 Reise durch das Land der Kunäma. 

(res non clamat dominum); aber er übei^bt das Gut dem 
frühem Herrn, um damit den Dieb zu überführen. Ist aBer 
das gestohlene Vieh weit fort verkauft oder in Feindesland 
gebracht worden, so wird es natürlich unmöglich, das leben- 
dige Stück den Aeltesten vorzuzeigen und es werden Zeugen 
angenommen. 

Raub heisst die Verletzung des Eigenthums ausserhalb 
des Gaues, dem Fremden und dem Feinde zum Schaden. Die 
Räuber bilden eine eigene Klasse des Volkes mit eigenen 
Kriegsgesetzen. Denken wir uns einen jungen, durch seinen 
Muth bekannten Mann; er zeichnet sich zuerst durch kleine 
Streiche aus und macht sich einen gewissen Namen; hat er 
nun Entschlossenheit genug, so bringt er eine .erbeutete Kuh 
den Greisen des Dorfes zum Geschenk, verachert sich ihres 
Segens und wird förmlicher Räuberhauptmann, den die Jüng- 
linge nach Lust und Willen auf Raubzüge begleiten. Wäh- 
rend nun die Barea im friedlichen Gemeindeleben den Staat 
fast auf nichts reduciren, sehen sie wohl ein, dass der Krieg 
monarchische Einheit verlangt. Döswegen ist der Räuber- 
hauptmann auf die Dauer der Expedition unumschränkter 
Herr und Führer der Bande und hat auf blinden Gehorsam 
zu rechnen. Von der Beute hat er den besten Theil. Nach 
ihm sind die Alten bevorzugt; so erhält ein Greis, der mit 
der Expedition war, den doppelten Antheil eines Jünglings, 
auch wenn er ein Stamm&emder wäre. Von der jedesmaligen 
Beute geht eine Kuh an die Greise des Dorfes, wovon der 
Zug ausging, da ohne ihren Segen erhalten zu haben keine 
Bande sich auf den Weg macht. Glauben die Greise eine 
vorgehabte Expedition den Interessen des Gaues schädlich 
oder haben die Räuber vor, einen befreundeten Stamm anzu- 
greifen, so verhindern die Greise das Vorhaben einfach da- 
durch, dass sie gegen jeden Theilnehmer den Fluch aus- 
sprechen und ein fluchbelastetes Unternehmen macht niemand 
mit. Oft verhindert der Vater, der für seinen Sohn fürchtet, 
diesen, Räuber zu werden, indem er ihm mit dem Fluche 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kun&ma. 497 

droht. Oft bestraft der Vater seinen lieblosen Sohn dadurch, 
dass er ihn verflucht, worauf er von seinen Genossen verhin- 
dert wird, am Zuge theilzunehmen; denn die andern wollen 
seinetwegen nicht in's Unglück kommen. 

Nicht selten kommt es vor, dass der mit Beute heimkeh- 
rende Zug von einer Gemeinde des gleichen Gaues aufgehalten 
wird, indem diese die Bäuber zur Rückgabe zwingen wollen. 
Behauptet diese nämlich, das Vieh gehöre einem dem Gau 
verwandten Stamme an, so verstehen sich die Bäuber dazu, 
die Beute bei einem unparteiischen Mittelmann niederzulegen, 
der darüber zu entscheiden hat, ob Rückgabe statthaft sei. 
Gehört das geraubte Vieh aber einem fremden Stamme, dem 
zu Liebe die Gemeinde den Räubern den Weg verlegt, so ver- 
theidigen die letzteren ihre Beute, indem sie sich ihrer Stöcke 
als Wafife bedienen; die Lanzen werden vorsätzlich bei Seite 
gelegt, da die Streitenden alle Kinder Eines Gaues sind, die 
sich nicht fremden Gutes wegen in Blutstreit bringen wollen. 

Ein vom Ausland her geraubtes Kind vrird, wenn es sich 
in ein anderes Haus des gleichen Dorfes flüchtet, wieder dem 
Räuber zurückerstattet; denn das Haus an und für sich hat 
nicht das Schutzrecht, sondern nur die Gemeinde. Kann sich 
aber das ge&ngene Kind in ein anderes Dorf flüchten, so wird 
es in den Schutz der Gemeinde aufgenommen und frei in sein 
altes Vaterland zurückgeleitet, woher es auch stammen möge. 

Noch müssen wir anführen, dass, wer einen Jagdhund 
tödtet, dem Herrn eine Ziege als Ersatz gibt. Tödtet eine 
an einen Baum hingestellte Lanze im Fallen eine Kuh oder 
Ziege, so muss sie von dem Eigenthümer der Lanze erstattet 
werden, wenn die Waffe an einen grünen Baum angelehnt 
war; aber wenn der Baum dürr war, so wird die Lanze als 
schuldlos betrachtet, da die Kuh nichts dabei zu suchen hatte. 



Uunsinger, OsUfrlk. Studieu. 



32 



Digitized by 



Google 



Blutrecbt 



Wir haben gesehen, dass das Recht unserer Völker die 
Person dem Eigenthum gegenüber äusserst hoch stellt und so- 
gar dem Diebstahl gegenüber sich passiv verhält. Wir müssen 
jetzt noch untersuchen, wie das Gesetz die menschliche Sicher- 
heit schützt und das geraubte Leben rächt. Nun können wir 
aber nicht erwarten, dass lose verbundene Gemeinden die 
Blutrache über sich nehmen und die Selbsthülfe verbieten; 
diess ist nur einer monarchischen Regierung möglich. Des- 
wegen sind auch die Barea und die Kunäma auf die Selbst- 
hülfe der Rache angewiesen, ohne sie aber consequent aus- 
zubilden. Denn wir haben keine unter sich verantwortliche 
Familie, die jeden Privathandel zum Gemeingut des Stammes 
macht Wir finden also nicht die Feindschaft und Bluthändel 
zwischen Familie und Familie, Stamm und Stamm, wie sie 
im übrigen Nordabyssinien so häufig sind und sich zu den 
spätesten Generationen forterben. Also werden wir auch das 
Blutrecht ganz eigen thümlich ausgebildet finden, in einer 
Weise vdeder, die den einfachen, friedliebenden Sinn unserer 
Völker in helles Licht stellt. 

Vorerst heischt des Volkes Gewissen, dass Blut Blut ver- 
langt, dass der Mörder sterben muss. Jedermann findet billig 



Digitized by 



Google 



Heise durch das Land der Kunama. 499 

und recht, dass die Verwandten des Todten ihn hinrichten 
und keine eifersüchtige Familie beschützt den Mörder gegen 
die Rächer. Der Mörder kann sich nur damit retten, dass 
er sich schleunigst verbannt, indem er bei einem andern Gaue 
Schutz und Heimat sucht. 

Zweitens macht das Recht für den Mörder nur. seine 
nächsten Verwandten, d. h. seinen Bruder von gleicher Mutter 
oder seinen Schwestersohn, verantwortlich. Der Vater, die 
Kinder und andere Verwandte stehen nicht für ihn ein. 
Umgekehrt ist der einzig berechtigte Rächer der Bruder oder 
der Schwestersohn. Das Erbrecht erstreckt sich also auch 
auf die Blutrache. Die andere Familie sieht unparteiiaich 
dem Kampfe zu und die Gemeinde mischt sich nur in die 
Sache, wenn es sich um Versöhnung handelt. Dadurch ist 
dem Bluthandel von vornherein der Nerv abgeschnitten, indem 
ihn die Sitte auf den kleinsten Raum beschränkt. 

Nun müssen wir zwei Fälle unterscheiden, ob nämlich der 
Mörder offenkundig ist oder aber nur Verdacht da ist. Be- 
trachten wir den letzten Fall. ^ 

Ist jemand des Mordes angeklagt, so kann er sich durch 
einen feierlichen Eid von dem Verdachte befreien, der seiner 
Originalität wegen angeführt zu werden verdient. Der des Mor- 
des Verdächtige begibt sich, von der ganzen Mannschaft seines 
Dorfes begleitet, drei Tage aufeinander zum Dorfe des Er- 
mordeten, setzt sich einen Augenblick und kehrt wieder in 
seinen Wohnort zurück und so noch den vierten Tag. Bleiben 
bei diesen wiederholten Besuchen die Landsleute des Ermor- 
deten ruhig in ihren Häusern, so betrachtet man vom vierten 
Tage an den Blutverdacht für aufgehoben und die Unschuld 
des Beklagten scheint allgemein anerkannt. Glauben aber 
die Verwandten des Todten an seine Schuld, so gehen sie, 
von der Mannschaft ihres eigenen Dorfes begleitet, den andern 
entgegen. Fliehen nun der Angeklagte und seine Genossen 
vor dem Zusammenstoss, so werden sie verfolgt, der Mörder 
oder sein nächster Verwandter wird umgebracht .und das Blut 

32* 



Digitized by 



Google 



500 Reise durch das Land der Kundma. 

ist gesühnt. Denn die Flucht wird dem bösen Gewissen des 
Beklagten zugeschrieben. Bleiben er und seine Genossen aber 
ruhig und furchtlos sitzen, so tritt seine Unschuld klar an 
den Tag; die Greise des Dorfes vermitteln zwischen den 
Parteien und die Anklage wird fallen gelassen. Wenn es aber 
geschähe, dass bei dem Zusammenstoss der Beklagte, trotzdem 
dass er seine Unschuld betheuert und ruhig sitzen bleibt, 
niedergestossen wird, so wird sein Blut nicht als Sühne des 
alten, sondern als frisch angesehen und heischt Bache. 

Bei Mord ist von Zeugenbeweis keine Rede; der Eid des 
Beklagten, wie wir ihn beschrieben, allein reinigt und er trägt 
nicht den Charakter eines Gerichts, sondern eines Gottesur- 
theils, wo das Gewissen Recht haben muss. 

Ist der Mörder offenkundig, so wird er getödtet oder wan- 
dert in einen andern Gau aus;* zu bleiben und dem Gau zu 
trotzen, darf auch dem Kühnsten nicht einfallen, da die ganze 
Gemeinde sich gegen ihn erheben würde. Er bleibt einige 
Zeit, ja Jahre lang in der Fremde; der Mann von Hagr geht 
nach Mogoreb und umgekehrt, der von Mai Daro nach Dika, 
von Eimasa nach Mai Daro u. s. f. Glaubt er endlich die 
Herzen eher zum Frieden geneigt, so schickt er an die Greise 
des Dorfes, wo der Ermordete wohnte, Botschaft mit der Bitte, 
sich für ihn zu verwenden. Die Greise sind so angesehen, 
dass die Familie des Todten gern oder ungern sich ihren 
Bitten um Frieden fügen und sich zum Empfang eines Sülrn- 
geldes verstehen muss. Nun wird ein Tag festgesetzt, an 
dem Friede geschlossen werden soll. Der Mörder wählt sich 
in dem Dorfe einen Schutzherm, dem er Durra zuschickt, dass 
daraus für den Versöhnungstag Bier bereitet werde. An dem 
bestimmten Tage also versammelt sich die ganze Mannschaft 
des Dorfes, die Familie des Todten ausgenonmien, geht dem 
Mörder, der vor das Dorf gekommen ist, entgegen, schliesst 
ihn in einen dichten Kreis ein und führt ihn nun ungefährdet 
bis zum Hause seines Opfers. Der Mörder tritt in das Haus 
und schlachtet eine sterile Kuh als Todtenopfer für den Er- 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Knnama. 501 

mordeten, dessen Bruder bei dieser Handlung den Kopf der 
Kuh anfasst. Dann trinken beide, der Mörder und der Rächer, 
Bier aus einem Hörn und essen zusammen Fleisch aus einer 
Schüssel. Jeder der beiden sticht der Opferkuh ein Auge 
aus; auch tauschen sie für die Zeit, wo sie zusammen- 
sitzen, ihre Kleider aus. Auf diese Art wird der Friede be- 
schworen und besiegelt. Nun hat der Mörder den Blutpreis 
zu entrichten, der aber auch für die Verhältnisse des Landes 
sehr geringfügig ist, sodass man wohl sieht, dass unsere 
Völker sich gern rächen, aber ist die Sache in die Länge ge- 
zogen, nicht des Geldes wegen Frieden schliessen, sondern 
aus Rücksicht für die Greise, deren Segen und Fluch jeder 
hochschätzt. 

Der Blutpreis beläuft sich nämlich nur auf 15 Kühe und 
zwar 1 Kuh mit ihren Jungen, 2 trächtige, 2 dreijährige 
Kälber. Die übrigen 10 Stück werden in Ziegen entrichtet 
oder in Zeug und zwar so, dass die Kuh nicht über 10 und 
nicht unter 4 Ziegen, oder zu 5— 3 Zeugstücken geschätzt 
wird; also zahlt er 

für 7 Kühe 10 + 9 + 8 + 7 + 6 + 5 + 4 Ziegen = 49 Ziegen, 
»3 » 5 + 4 + 3 For (Zeug) = 12 For. 

Nach der Versöhnung wird der Mörder von der Gemeinde 
zu seinem Schutzherm begleitet, wo nun das vorbereitete Bier 
zum Besten gegeben wird; die Verwandten des Todten schicken 
von der Opferkuh die Hälfte des Fleisches, wo dann das 
ganze Dorf freudig Theil ni^imt. Von diesem Tage an bis 
auf ein Jahr bleibt der Mörder in seinem eigenen Wohnort, 
ohne je die Verwandten des Todten oder ihr Dorf zu be- 
suchen. Am Jahrestag macht er von Neuem einen Besuch 
und wird von ihnen fortan wie der beste Verwandte und 
Freund angesehen; haben sie Kinder zu verheirathen, so wird 
er um Rath gefragt und hilft bei der Aussteuer brüderlich 
mit. Stirbt jemand von der Familie, so bringt er eine Opfer- 
kuh an das Grab und wenn es seine einzige Pflugkuh wäre. 
Versäumt er das, so nehmen sie sie selber weg. So entsteht 



Digitized by 



Google 



502 Reise durch das Land der Kun^ma. 

zwischen den Versöhnten eine Art Verwändtschaft, wenn auch 
die Wechselheirathen zwischen den versöhnten Familien, wie 
sie bei den Bogos den Frieden besiegeln, hier ungebräuchlich 
sind. 

Wir müssen hier noch einige Miscellen anfügen, die auf 
das Blutrecht Bezug haben. Vorerst fragen auch die Barea 
und die Kunama nicht nach der Absicht und Zurechnungs- 
fähigkeit; Zufall und Willen ändern nichts an der Thatsache 
des vergossenen Blutes oder an der Nothwendigkeit der Sühne; 
auch der Mord wird eben nicht als Verbrechen behandelt. 
Verwundung fällt nicht in's Blutrecht; der Thäter zahlt 
dem Verwundeten eine Entschädigung; versäumt er selbst diess, 
so nehmen ihm die Verwandten des letztem eine Kuh weg. 
Vergiftung wird nie rechtlich behandelt; doch muss der Ver- 
gifter sich darauf gefasst machen, mit gleicher Münze bezahlt 
zu werden. Man behauptet, die Barea seien gewandt im Gift- 
mischen; doch steht diese Eigenschaft so im Widerspruch mit 
dem sonst offenen Charakter des Volkes, dass ich in dieser 
Sage die Böswilligkeit der Nachbarn vermuthe. Der Mann, 
der ein Landeskind seinen Eltern entwendet, wird von diesen 
gebunden, bis er es zurückbringen lässt; ist diess nicht mehr 
möglich, indem das Kind schon verkauft ist, so wird er von 
des Kindes Verwandten verkauft oder selbst getödtet. Von 
seiner Familie hat er dabei keine Hülfe zu erwarten. Ehe- 
bruch wird nicht criminell als Blutverbrechen behandelt. 
Findet jemand einen Fremden b^i seiner Frau, so hat er blos 
das Recht ihn zu schlagen. Was die Sitte befiehlt, werden 
wir später sehen. Auch aussereheliche Schwängerung wird 
daher nicht geahndet. Körperhöhe Verletzungen können in 
gleichem Masse zurückgegeben werden, Zahn um Zahn, Auge 
um Auge. Die Raffinirtheit der aristokratischen Völker, die 
sogar für das Unglück, das eine Lanze oder Schwert zufällig 
anrichten kann, den Besitzer verantwortlich machen, ist hier 
unerhört. 

Was die Betheiligung der Familie an dem Blutrecht an- 



Digitized by 



Google 



Reise dnrch das Land der Kun&ma. 503 

betrifft, so haben wir schon bemerkt, dass nur die engere 
Famih'e, der Bruder und Schwestersohn, direct dafür verant- 
wortlich ist. Uebrigens wird der Mörder, der den Blutpreis 
bezahlt, von seinen väterlichen und mütterlichen Verwandten 
freiwillig unterstützt. Der Blutpreis kommt an die recht- 
mässigen Erben. Wer seinen Bruder, seiner Mutter Kind, 
tödtet, hat keine Rache zu befürchten; hat der Bruder aber 
eine andere Mutter, so wird der Mörder von deren Familie 
blutrechtlich belangt. Ebenso wird der Vater, der sein eigenes 
Kind tödtet oder verkauft, von dessen mütterlichem Onkel 
zur Rechenschaft gezogen. 

Hat der Mörder, sei er einheimisch oder fremd, die Zeit, 
sich in das erste beste Haus zu flüchten, so gelangt er unter 
den Schutz der Gemeinde, wo das Haus steht, und es ist 
Ehrensache der Gemeinde, ihn sicher und frei in's Ausland 
zu geleiten. Es ist dabei ganz gleichgültig, wo sein Opfer 
zu Hause sei. Endlich haben die Barea und Kunäma nicht 
die abscheuliche Sitte der Bogos, dem gefallenen Blutfeind 
Beine, Fuss und Kopf abzuschneiden ; selbst die Wafifen, die 
er mit sich trug, werden neben der Leiche niedergelegt. 

Da die Facta für sich sprechen, brauchen wir auf die 
eminente Humanität nicht hinzudeuten, die das Blutrecht der 
Barea und Bazen charakterisirt. Es ist nicht zu bezweifeln, 
dass Bluthändel nie ausarten und sich verlängern können» 
wie anderswo; die Gemeinde benutzt freudig jede Gelegenheit, 
Frieden zu stiften; sie steht wie ein Mann dem Mörder gegen- 
über; sein Tod wird von allen als gerechte Sühne angesehen» 
keine Hand wird zu seiner Rettung aufgehoben. Aber kann 
er dem ersten Zorn entfliehen, so scheint er durch das Exil 
schon hart genug gestraft und die Versöhnung vermitteln die 
Greise, denen niemand zu widersprechen wagt. So wird der 
allgemeine innere Friede nie auf die Länge unterbrochen. 

Wir haben das Recht dieser Gemeinden speciell bei den 
Barea studirt; doch konnten wir uns genügend überzeugen, 
dass die Bazen vollständig der gleichen Rechts- und Staats- 



Digitized by 



Google 



504 Reise durch das Land der Knn&ma. 

principien theilhaftig sind. Die Ausnahmen sind zu kleinlich, 
als dass sie bei dieser allgemeinen Untersuchung der Rede 
werth wären und wenn man in Betracht zieht, dass die Barea 
und Kunama ganz verschiedene Völker sind, dass aber die 
letztern numerisch und räumlich den Barea vielmal überlegen 
sind und ohne Zweifel viel länger im Lande sich befinden, so 
müssen wir annehmen, dass die Barea den Kunama ihr voll- 
ständiges B.echt entlehnt haben. 



Digitized by 



Google 



Inneres Leben, Wohnung und Geräth. 



Nachdem wir uns ein allgemeines Bild der Rechtsverhält- 
nisse der Barea und Kunäma gemacht haben, müssen wir nun 
concreter in das Leben und die Sitten dieser beiden Völker 
eingehen; wir werden hier viel grössere Verschiedenheiten 
zwischen den beiden Völkern wahrnehmen, als uns das recht- 
liche Leben hätte versprechen können. Wir wollen mit der 
Wohnung anfangen. 

Die Barea und die Bazen wohnen als Ackerbauer in festen 
Wohnsitzen; wo sie zusammenbleiben können, leben sie in 
sehr grossen Dörfern dicht nebeneinander. Wo aber die Un- 
gunst der Zeiten und die Gefahr des Ueberfalles, gegen den 
man auch vereint hülflos war, es so wollte, da zerstreuten 
sie sich in kleine Weiler, um doch nicht alles zusammen auf's 
Spiel zu setzen. Ebenso bestehen die Dörfer, die bisher einer 
gewissen Sicherheit genossen, aus grossen, dicht zusammen- 
geworfenen Häusern, während da, wo feindliche Mordbrenner 
durchzogen, die alten geräumigen Häuser meist nur mit ganz 
klemen, engen, schnell aufgebauten provisorischen Hütten 
ersetzt wurden. Die Barea und Kunama haben durchaus 
nicht den Hang auseinander zu wohnen, wie die aristokratischen 



Digitized by 



Google 



506 Reke durch das Land der Kanama. 

Völker, wo jede adeliche Familie ihr eigenes unabhängiges 
Gehöft haben will und selbst Verwandte oft auseinanderziehen 
müssen, um sich nicht im Hader aufzureiben. Wir glauben 
nicht zu fehlen, wenn wir dem aristokratischen Leben das 
Gehöft, das Auseinanderwohnen, dem demokratischen das 
Dorf, das Zusammenleben zuschreiben. Uebrigens sind die 
uns bekannten aristokratischen Völker, die immer Viehzüchter 
und theil weise Nomaden sind, schon der Weide wegen ge- 
zwungen, sich zu vereinzeln, während unsere demokratischen 
Völker, die allein Ackerbauer sind und Viehzucht nur als 
Nebensache treiben, eng zusammen wohnen können. Daher 
linden wir hier und bei den Barea meist sehr grosse Dörfer, 
die auf verhältnissmässig kleinem Räume aneinanderliegen. 

Die Häuser der Barea und Bazen sehen sich ganz gleich; 
es sind runde kuppeiförmige Hütten aus einem Stück, sodass 
Wand und Dach zusammenfallen und die Hütten das Aus- 
sehen grosser Bienenkörbe bieten. Sie sind den Thuql vom 
Sudan und den abyssinischen Tuqlo sehr ähnlich; aber der 
Unterschied besteht darin, dass bei diesen Wand und Dach 
getrennt sind; die Wand bildet einen Cylinder, der von einem 
kegelförmigen Giebel hutartig bedeckt ist. Auch besteht hier 
der Cylinder meist aus einer rohen Stein- oder Lehmmauer, 
während die Bazen und Barea höchst selten Stein verwenden. 
Die Grösse des Hauses ist sehr verschieden, man kann ihm 
durchschnittlich 20 Fuss Durchmesser geben. Doch begnügt 
sich fast niemand mit einer Hütte wie bei den Bogos, sondern 
jeder Mann fast baut sich mehrere, eine für die Frau, eine 
andere für die Gäste, eine dritte für das Getreide u. s. w. Ein 
solches Hüttenconglomerat wird gewöhnlich von einer Um- 
zäunung abgetrennt, die meist aus einem Stangengitter be- 
steht, das mit Stroh bekleidet ist, oft aber nur aus Dornen - 
ästen, die als Wall das Gehöft umfrieden. Das Haus wird 
aus dünnen aber sehr festen Stangen meist von Nebeka Rham- 
nus aufgeflochten, die mit Reifen bis an den Giebel so fest 
zusammengebunden sind, dass das Innere keinen Stützbalken 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunäma. 507 

nöthig hat. Sie sind mit Stroh von Gramineen oder mit 
Durraschilf bedeckt, das sehr schön und fleissig so zu sagen 
geflochten ist und allen Regen abhält. Man sieht in Dörfern, 
die an Bergabhängen gelegen und so dem Regenstrom sehr 
ausgesetzt sind, wie Elit, oft kleine Häuschen , die auf hohen, 
stelzenartigen Balken ruhen, sodass der allfällige Regenbach 
unschädlich darunter durchlaufen kann ; man baut sie express 
als Getreidespeicher. Ferner bauen die Barea und die Ku- 
näma vor den Eingang der eigentlichen geschlossenen Hütte 
Veranda's, sogenannte Logodat, wie sie auch im Sudan gäng 
und gebe sind, Schattendächer mit flachem Dach, nach allen 
Seiten offen. Sie dienen in der heissen trockenen Zeit als 
Aufenthaltsort der Familie und sind kühl, weil dem Wind aus- 
gesetzt. Solche Lauben werden auch auf Rathsplätzen er- 
richtet und bei Hochzeiten und Todtenfeiem, um die vielen 
Besucher schattig unterbringen zu können. Das Haus selbst 
wird durch keine Netzvorhänge getrennt; höchstens wird eine 
Matte vor das Bett gezogen. Die Einrichtung , im Innern des 
Hauses ein zweites Haus im Hause (Ablu) zu errichten, das 
der Frau gehört, wie wir bei den Bogos u. a. gesehen, ist hier 
unbekannt. Im Hause selbst findet sich wenig Geräthe. Ein 
festgerammtes, ganz niederes, breites Bett ungefähr wie bei 
den Bogos dient der Familie als Schlafstätte. 

Auch das Tragbett, das jedem Leser als Angareb im Sudan 
bekannt ist, findet sich sehr häufig. Das übrige Geräth bil- 
den Matten und verschiedene aus Palmenzweigen (Djerid) 
geflochtene Gefässe, die Wasser, Milch, Durra u. s. w. aufnehmen 
sollen. Leder wird hiefür wenig verwandt. Die Bazen, be- 
sonders die Anal und Dika, benutzen die im Lande befindlichen 
natürlichen grossen Höhlen, um in Kriegszeiten ihre Habe vor 
dem Feinde zu verbergen. 

Es versteht sich von selbst, dass bei einem solchen sehr 
einfachen Hause Kunst und Industrie wenig Anwendung finden. 
Da die Barea und Kunama wenig Vieh besitzen, so spielen 
die Kuh- und Ziegenhäute nicht die Rolle im Hausgeräthe, 



Digitized by 



Google 



508 Reise durch das Land der Eoiiama. 

wie bei den Viehzüchtern und auch die Gerberei ist sehr roh. 
Die Haut ersetzt das Pahnen- und Strohgetiecht und der 
Kürbiss. Zum Aufheben von Wasser, Milch und Bier dienen 
schöne im Lande wachsende Kalebassen. Das Getreide wird 
in grossen Körben aufbewahrt und transportirt Als Teppich 
dient die aus Djerid feingeflochtene Matte. Man flechtet auch 
sehr niedliche buntgefärbte Stroh- und Djerid-Körbchen zum 
Aufbewahren von Mehl und Hausrath. Wir sahen auch recht 
schöne gutgebrannte Thongefässe. Die Barea und Kunama 
zeigen in ihrem einfachen Leben sehr viel Kunstsinn und 
mechanische Geschicklichkeit, die freilich nur geringe Bedürf- 
nisse zu befriedigen hat: die Hütten selbst sind sehr sauber 
aufgebaut und bedacht; auch die Angareb und die im Hause 
befindlichen Stühlchen sind hübsch gearbeitet. Wir möchten 
darauf aufinerksam machen, dass die B^isenden in Inner- 
afrika auch den «Negern viel mechanisches Talent zuschreiben. 

Zum Bauchen bedienen sich beide Völker einer Wasser- 
pfeife, von der Form der arabischen Buri. Schnupftabak be- 
wahren sie in winzigen Kürbissen auf, von der Grösse eines 
Eies, die mit Fisclihaut überzogen wie Perlmutter aussehen 
und mit einer kleinen Oeffnung versehen sind, die mit einem 
Zäpfchen geschlossen wird. Die Bazen rauchen viel mehr, ak 
die Barea, doch konmit bei beiden das Schnupfen und Kauen 
immer mehr auf; der Kautabak wird grob gerieben mit Natron 
oder Asche vermischt unter die Zunge gelegt. Dieser Ge- 
brauch, der nur uneigentlich Kauen genannt werden darf, ist 
in ganz Nordabyssinien von Massua bis Ghartum allgemein 
verbreitet. Während aber die Beni Amer, die Bogos, die Mas- 
suiner von Surat eingeführten Tabak verwenden, begnügen 
sich die Barea und Kunama mit ihrem eigenen Landesproduct 

Eigenthümlich ist bei den Bazen die Manier Lasten zu 
tragen. Bei den Barea wie bei allen Grenzvölkern Abyssi- 
niens belasten sich die Frauen den Rücken, die Männer hängen 
sich die Last kurz an die Schultern. Die Abyssinier tragen 
meistens auf dem Kopfe, ganz wie bei uns das Wasser ge- 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kun&ma. 509 

tragen wird. Die Bazen hingegen erleichtern sich die Mühe, 
indem sie eine Art Waage einrichten: ein Querhok, an beiden 
Enden mit einem herabhängenden Schnurgeflecht versehen, in 
welchem die gleichmässig vertheilte Bürde ruht. Das Quer- 
holz legt sich den Träger über eine Achsel, sodass die Lasten 
vorn und hinten hinabhängen. Die Schnüre sind sehr hübsch 
aus Mimosen oder Adansonienbast geflochten; die Last, sei es 
Wasser, Milch oder Honig, liegt in grossen Kalebassen. Es 
ist etwas Eigenthümliches um den Instinkt der verschiedenen 
Völker, sich die Arbeit bequem zu machen und es muss gewiss 
ein tiefer physischer Grund in der verschiedenen Manier liegen, 
wie sie es angreifen. So ein geringfügiger Theil der Arbeit 
das Tragen ist, so könnte man doch auch darin Vergleiche an- 
stellen und z. B. bemerken, dass nur afrikanische Völker sich 
dieser Tragwaage bedienen, während sie bei Europäern und 
Semiten unbekannt ist. 

Während wir nun diesen beiden Völkern, besonders den 
Bazen, ein gewisses mechanisches aber unentwickeltes Talent 
nicht absprechen können, so dürfen wir natürlich nicht daran 
denken, dass in Kunst und Wissen diese Völker irgendwie 
der Naturstufe entrückt sind. Von Schrift ist natürlich keine 
Rede, ohne dass wir behaupten möchten, diese Völker seien 
immer so unwissend gewesen. Welche Befähigung sie aber 
zur höheren Entwickelung besitzen, darüber werden wir später 
ein Urtheil abgeben. 

Was nun Kleidung und Schmuck betriff't, so müssen wir 
von jedem Volke besonders reden, da die Barea durch häufige 
Berührung mit dem Auslande und auch durch eigenen Cha- 
rakter gewissermassen civilisirter sind. Zum Voraus müssen 
wir bemerken, dass die Barea und Kunäma keine Baumwolle 
pflanzen, ausser den Mogoreb, die deren Cultur den Algeden 
abgelernt haben. Da femer Schafe selten sind und auch kein 
Hanf oder Lein gepflanzt wird, so entbehren beide Völker 
des Stoffes, um sich selbst bekleiden zu können; sie helfen 
dem Mangel aber auf verschiedene Art ab. 



Digitized by 



Google 



510 Reise durch das Land der Kunama. 

Die-Bazen tragen alle Lederschiirzen , die bei Mann und 
Frau die Brust ganz offen lassen. Die Schürzen der Frauen 
gehen bis auf die Knöchel herab, während die Männer auf- 
geschürzt sind. Kleider von Baumwolle oder Wolle sind dem 
Volke unbekannt; doch je mehr die Bazen dem Verkehr ge- 
öffnet werden, um so mehr wird auch das Zeug Eingang 
finden. Schon jetzt gibt es viele Leute, die solches tragen. 
Als wir von Adiabo kommend die Grenze der Bazen über- 
schritten, verschloss unser Führer Ashku das Kleid, das er 
in Adiabo getragen, in einen Fellsack und begnügte sich fortan 
nur mit dem Lederschurz. Wir müssen bemerken, dass die 
Leute vom Barka, Bogos, Mensa, Habab erst in neuester 
Zeit aUgemein sich an Kleider gewöhnt haben; früher trugen 
die Männer das sogenannte Belamat, die Frauen das Waliko, 
die Lederschürze, deren sie sich besonders für die Arbeit in 
Haus und Feld noch immer bedienen. Das Kleid von Baum- 
wollenzeug war nur den Vornehmsten vorbehalten. Noch jetzt 
tragen die ärmeren Bogosfrauen den Lederschurz und werfen 
sich nur über Kopf und Brust ein Baimiwollentuch. Die 
Barea hingegen sind alle in Baumwollenzeuge gekleidet, die 
theils in Algeden und dem Gashlande fabricirt, theils 
von Europa her über Massua und Suakin importirt werden. 
Das Kleid besteht, wie bei den Bogos und den andern Nord- 
abyssiniem, für beide Geschlechter in einem grossen vierecki- 
gen Stück Zeug, das über den Körper geworfen wird. Hosen 
und Hemd sind sehr selten. Es ist schwer zu sagen, ob die 
Barea das Kleid erst in neuerer Zeit von ihren Nachbarn an- 
genommen haben oder ob ihnen das Lederkleid von Alters her 
unbekannt war. In letzterem Falle müssten wir uns verwun- 
dem, dass sie nie an eigene BaumwoUencultur gedacht haben. 

Der Rehät oder Belat, d. h. der Ledergurt mit Fransen, 
den wir bei den Habab, Mensa, Bogos, ja über dem Gash 
und Nil hinüber bis Kordofan und nordwäils bis Kosseir als 
Kleid der Mädchen finden, ist sowohl den Bazen als den 
Barea gänzlich unbekannt. In der Fussbekleidung unter- 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kundma. 511 

scheiden sich unsere beiden Völker keineswegs von ihren Nach- 
barn; sie tragen Sandalen, wie sie in ganz Nordafrika und 
theilweise auch in Arabien gebräuchlich sind, deren Sohle oft 
aus Elefantenhaut besteht. Hier ist beizufügen, dass die 
Barea und Bazen nichts von Verschleierung des Gesichts 
wissen; den Abyssiniern ähnlich denken die Frauen nie daran, 
ilir Gesicht vor dem Fremden zu verbergen. Ueberhaupt ist 
nicht Afrika das Vaterland des Schleiers; selbst bei den mo- 
hammedanischen Völkern verhüllen sich die Frauen nur vor 
ganz Fremden, während sie nach der ersten Bekanntschaft 
ihr Gesicht nicht vorenthalten können. 

Was die Haare betrifft, so ist die Kopffirisur der Männer, 
wie wir sie bei allen Nordostafrikanern bis zum Atbara ge- 
funden und in den abyssinischen Reisewerken als Beduinen- 
tracht bewundern können, auch auf die Barea und Kunama 
übergegangen. Diese Kopftracht, die dem Haare das Aussehen 
einer Perrücke gibt, heisst Hallengai. Die Frauen dagegen 
haben eigenthümliche Arten, das Kopfhaar zu frisiren. Bei 
den Barea flechten sie die Haare von der Stirn rückwärts, 
wie es in Abyssinien der Brauch ist. Die Bazenfrauen lassen 
einen Scheitel offen; das Haar wird in Flechten dem Vorder- 
kopf angeschnürt und fällt ungebunden auf den Nacken hinab, 
sodass das Hinterhaar schwulstig hervortritt. Eine einzelne 
Flechte fällt vorwärts über die Mittelstim hinab und wird 
gewöhnlich mit Glasperlen geschmückt. Die Bazenfrauen be- 
festigen am Scheitel zwei grosse flach dem Kopf anliegende 
Metallringe. Die Bareafrauen dagegen tragen durchaus keinen 
Kopfschmuck. Die sogenannte Kufiet oder die Hohlkugel, die 
bei den Bogos und den Geez- Völkern gebräuchlich ist, ist 
den Barea und Kunama unbekannt. 

Beide Völker lassen nur den Bart wachsen; alles andere 
Haar wird rasirt oder ausgerissen. Die Bazen flechten oft 
sogai' den Bart spitz zu und befestigen in dem Ende eine 
Glasperle. Ueberhaupt haben sie viel Sinn für alles Bunte 
und Phantastische, während die Barea sich kaum um Schmuck 



Digitized by 



Google 



512 Reise durch das Land der Kun&ma. 

bekümmern. Die Bareafraiien halten wenig auf Schmuck; an 
den Armen tragen sie ein Band von Glasperlen, um die 
Knöchel einen Ring von Haut. In dem Nasenflügel trägt erst 
die verheirathete Frau einen Ring. Silberne Fingerringe sind 
sehr selten. Die Bazen dagegen zieren sich, soviel bei den 
beschränkten Mitteln nur immer möglich ist Die Frauen 
tragen grosse Ohrringe von Silber oder Zinn; rothe Glasperlen 
werden schön gruppirt überall in den Haaren angebracht. 
In den rechten Nasenflügel hängen sie einen ungeheuren Ring. 
Am Arm tragen sie kupferne Bänder, die von Massua her 
eingeführt werden; um die Knöchel eiserne Ringe. Auch die 
Männer sind dem Schmuck nicht abgeneigt; sie tragen um 
Hals und Arme so viel Glasperlen, als sie sich nur verschafifen 
können; in die Haare stecken sie sich gern bunte Yogelfedem. 
Nicht zu vergessen ist, dass beide Völker sich das Haar 
fleissig mit Fett oder Oel einreiben, welches sie oft mit einem 
grünen wohlriechenden Kraute vermischen, das dem ganzen 
Haare das Aussehen von Gras gibt. Der Kelal oder die Steck- 
nadel von Hom oder Holz, wie sie in ganz Nordost -Afrika 
in die Haare gesteckt wird, ist auch diesen beiden Völkern 
gemein. Eigenthümlich sind die Hautstreifen, die bei beiden 
als Halsband dienen und wohl einen abergläubischen Zweck 
haben, ebenso wie die Masse Talismane und "Wurzeln, die 
dem ganzen Körper angehängt, ja den Haaren eingeflochten 
sind. Wir können nicht verhehlen, dass besonders der Bazen 
mit seinem gewaltigen fetten Leibe in seiner Ledertracht und 
mit Glasperlen überhängt , im ersten Augenblick recht an den 
Innerafnkaner mahnt, ohne dass seine Gesichtszüge etwas mit 
diesem gemein hätten. 

In Verfertigung der Waffen stehen die Barea und Kunäma 
viel tiefer, als alle andern Afrikaner. Der Bogen, den die 
Nilvölker so ausgezeichnet handhaben und vervollkommnet 
haben, fehlt beiden Völkern. Ihre einzige Waffe ist eine sehr 
schlecht geschmiedete unansehnliche Lanze und ein krummes 
Messer. Im Lande selbst findet sich kein Eisen; es wird von 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunäma. 513 

Abyssinien eingeführt; die östlichen Bazen kaufen es von 
Adiabo, die Dika- Bazen von Wolkait. Eisenschmiede sind 
wenige da und verstehen ihr Handwerk nur sehr unvollkom- 
men, sodass, wer eine schöne Lanze haben will, sie von den 
Nachbarn kauft. Das zweischneidige Schwert, das bei den 
andern Völkern dieser Zone so beliebt ist, ist bei den Barea 
und Kunama sehr selten. Dagegen tragen die Barea und die 
Kunäma sehr hübsche kleine Beile , von der Form der Gudeb, 
die zum Holzhauen ungemein geschickt und sehr leicht sind. 
Das Eisen ruht in dem Stiel, nicht umgekehrt wie bei uns- 
Die Bazen pflegen immer ein solches Beil mit sich zu führen, 
als Waffe und als Instrument. Rasirmesser sind noch wenig 
bekannt; die Leute rasiren sich meist mit ihren scharfge- 
schliffenen rohen Messern und selbst mit der Lanze, doch 
kann man mit einem Rasirmesser ihnen die höchste Freude 
bereiten. Spiegel sind noch selten, doch haben die kleinen 
nürnberger schon ihren Weg gefunden. 



liansing^r, Ostafrik. Stadien. 33 



Digitized by 



Google 



Viehzucht, Ackerbau, Handel. 



Ihrer Beschäftigung nacK sind die Barea und die Kunama 
durchaus Ackerbauer; Viehzucht bleibt ihnen auch da, wo 
das Klima sie erlaubt, eine Nebensache. Das wahre Eigen- 
thum besteht ^Iso in Grundstücken und deren Ertrag, dem 
Getreide. Da aber bei den bösen Zeiten die Bevölkerung 
eher abnehmen muss und jedenfalls sehr viel Land brach 
liegt, so hat der Boden selbst wenig Werth; anderseits ist 
das Getreide ein nur vorübergehendes Eigenthum, das immer 
eher dem schnellen Genuss dient, als der Speculation. Den 
Handel im Lande selbst und Wuchei^eschäfte begünstigt das 
Gesetz nicht, das den Gläubiger vernachlässigt; den Handel 
mit dem Auslande hindern die ewigen Kriege, die den Barea 
und Kunäma überall vogelfrei machen. So kommt es, dass 
der Ertrag der Erndte eher dem Augenblick dienen soll, dass 
also wenig an Sparen und Anhäufen gedacht wird — es gibt 
so zu sagen kein wahres Eigenthum oder es hat factisch 
und gesetzlich wenig Werth. Der Ackerbau nun wird sehr 
fleissig und lebendig betrieben; man könnte nicht sagen, wer 
sich darin mehr auszeichne, die Barea oder die Kunäma. 
Niemand bleibt dabei müssig, auch die Frau ist nicht aus- 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 515 

genommen. Mann, Frau und Kind, Reich und Arm, Alt und 
Jung, keiner entzieht sich der Feldarbeit. Fehlt der Frau 
der helfende Mann, so pflügt sie im Nothfall selbst. Es ist 
ein wohlthätiger Anblick, das sonst so ruhige Volk hier so 
viel Energie entwickeln zu sehen. Das Gäten, das Bewachen 
der aufechiessenden Saat und Frucht und der Erndte bilden 
gemeinschaftliche Arbeit beider Geschlechter, während bei den 
Bogos die Frau der Feldarbeit enthoben ist. Nur ganz greise 
Leute müssen nicht mehr in's Feld gehen. Die Barea und 
Kunama pflügen mit Stieren und Kühen; selbst die Milchkühe 
werden nicht in Ruhe gelassen. Wenn keine Kuh da ist, 
wird auch der Esel an den Pflug gespannt. Wenn alles fehlt, 
beugt sich der Mensch selbst unter das Joch. Wer nur einen 
Stier hat, pflügt auch mit diesem allein. Bei den Barea 
werden auch Kameele zum Pflügen benutzt. Niemand will 
müssig, niemand ohne Feld bleiben; wir haben schon gesehen, 
auch der Knecht und die Magd bekommen ihren eigenen 
Acker; dem Gesandten, der in's Ausland geschickt wird, be- 
sorgt die Gemeinde sein Feld. Von Sonn- und Festtagen ist 
bei den Barea und Kunama keine Rede; solange es regnet, 
ist jeder Tag der Arbeit heilig. 

Der Pflug ist kleiner, als der uns von Abyssinien her be- 
kannte, hat übrigens die gleiche rohe Einrichtung; der leichte, 
sehr fette Alluvialboden erleichtert den Ackerbau sehr. Von 
Düngung ist selten die Rede; von Abwechselung der Getreide- 
arteu ebenso wenig. Scheint der Acker mager zu werden, 
so ist Land genug da, um ihn ruhen zu lassen. Doch kann 
oft mehrere Jahre lang dasselbe Land immer wieder bebaut 
werden. Der Ackerbau beginnt nach dem ersten Regen, ge- 
wöhnlich Anfang Juli. Die Saat wird einfach auf den Boden 
gestreut und darüber hingepflügt. Von Vorpflügen, wie in 
Abyssinien, braucht keine Rede zu sein. Auch das Gäten gibt 
wenig zu thun, da die heisse Sonne wenig Unkraut aufkom- 
men lässt. Die Erndte findet schon Anfang October statt; 
oft ist die Frucht schon im September reif. Die Barea und 

33» 



Digitized by 



Google 



516 Reise durch das Land der Kunäma. 

die Kunama pflügen und säen etwa vier Wochen lang unaus- 
gesetzt; der weiche ebene Boden erlaubt ihnen, sehr grosse 
Strecken zu bepflanzen. Sie pflanzen besonders Durra, Ma- 
shella und Duchn. Von ersterem haben sie mehrere Arten, 
wovon besonders eine sehr bittere zu erwähnen ist, die bei 
den nördlichen Bazen vorkommt. Alle diese Arten sind dem 
heissen Lande angewöhnt; die Frucht ist trockener als die 
der Bogos und der Abjssinier, aber sie reift schnell und 
leidet weniger vom ßegenmangel. Deswegen haben .auch 
die Bogos angefangen, mit Bareasamen anzubauen. Duchn 
wird in mehr sandigem Boden angebaut und bildet die Haupt- 
nahrung des Volkes. Femer kommen zwei Oelpflanzen vor: 
der Sesam, dessen Oel die fehlende Butter ersetzt und der 
Shebob, eine rankende kürbissartige Frucht, aus der Oel ge- 
wonnen wird. Der Sesam kommt auch weiter westlich bei 
den Algeden u. s. w. vor, während der Shebob fast nur bei den 
Barea und Kunäma zu Hause ist. Der letztere wird zwischen 
jias Durra hineingepflanzt. Dasselbe geschieht mit den Boh- 
nen, wie auch in Abyssinien und in dem Bogoslande; doch 
sind sie weniger häufig. Tabak wird bei beiden Völkern ge- 
baut; er wird grün abgenommen, zu einem Brei zerstampft 
und in runde faustgrosse Kugeln geknetet, die im Schatten 
getrocknet sehr hart werden. Er sieht ganz schwarz aus und 
ist sehr stark, sodass er zum Rauchen und Schnupfen sich 
eignet Im Geschmack ähnelt er dem Tabak von Arabien, 
dem sogenannten Hummi, wie er für die Wasserpfeife ge- 
braucht wird. Er ist nicht imangenehm und jedenfalls ist 
der Boden ihm nicht ungünstig. 

Endlich ist das Land reich an Kürbissen, die auch wild 
vorkommen und zu Gefässen benutzt werden. An wilden 
Früchten ist das Land der Barea und Kunäma sehr reich; 
der Harnte und Gersa kommen auch hier vor imd besonders 
der Khamnus Nebeka, dessen Frucht zu sehr schmackhaften 
Broden geknetet und theilweise ausgeführt wird. Auch die 
Tamarinde fehlt nicht. Die Landwirthschaft hat viele Feinde, 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Eundma. 517 

besonders an dem Vogel Bub, der oft zu Millionen über das 
Getreide herfällt. Heuschrecken wandern seltener durch. Der 
Dinsherekäfer ist auch sehr verderblich, doch ist diese Gefahr 
nicht so gross, da die Frucht in der heissen Sonne schnell 
reift und der Käfer nur die grüne Frucht angreift;. Der 
grösste Feind des Bauern ist aber, wie überall in Afrika, 
Mangel an Regen, der sehr oft der Frucht schädlich ist. Doch 
können sich im Allgemeinen die Barea und die Kunäma nicht 
über die Emdte beklagen, wenn die vielen Feinde ihnen den 
Genuss gönnen; das Land ist jedenfalls fruchtbar und mit 
wenig Ausnahmen ist fast jeder Fleck bebaubar. 

Der Viehzucht sind die Landesverhältnisse weniger günstig. 
Der ewige Krieg gewährt wenig Aufmunterung, da der Feind 
sich am liebsten an das leicht bewegliche Eigenthum hält. 
Auch ist der Mareb dem Hornvieh durch den Hedro feindlich, 
wie wir schon früher erwähnt haben. Doch kann man im 
Allgemeinen nicht sagen, dass Viehzucht dem Lande unan- 
gemessen sei; besonders das Barealand hat sehr schöne Wei- 
den und gutes Klima. Man kann aber, solange man uncivili- 
sirt ist, nicht recht Ackerbauer und Viehzüchter zugleich sein; 
so blieb Viehzucht beiden Völkern eine Nebensache. Bei den 
Bazen sollen übrigens die Leute von Anal, Afla und Betkom 
ziemlich reich an Hornvieh sein; man versicherte mir, es gäbe 
da Besitzer von 50 Kühen. Im Ganzen aber hat der reichste 
höchstens 10 Stück, was auch bei den Hochabyssiniem der 
Fall ist. Mai Darö soll früher auch Heerden besessen haben; 
jetzt sahen wir nur wenige Heerden, die in Gemeinschaft mit 
Adiabo von den Hadendoa erbeutet worden waren und schlecht 
genug fortkamen. Auch die Barea besitzen Kühe, besonders 
die Mogoreb, die schon viel mehr Viehzüchter sind. Im Gan- 
zen genommen aber sind beide Völker trotz ihrer Heerden 
keine Hirten; sie behandeln ihr Vieh mit wenig Sorgfalt; sie 
widmen ihnen nicht die Liebe, die ihnen bei den Nomaden- 
völkem gezollt wird. Man muss auch bedenken, dass nie- 
mand Vieh besitzt, das er von seinem Vater und Grossvater 



Digitized by 



Google 



518 Reise durch das Land der Kanama. 

her geerbt hätte, wie wir das bei den Nomadenvölkem 
sehen, die unglaublich an ihrem alten eingebomen Stammyieh 
hängen und dessen Stammbaum nachrechnen. Bei den unsichem 
Verhaltnissen des Landes wechselt der Besitz sehr häufig; 
was heute erbeutet ward, geht morgen wieder verloren; es 
ist wenig rechtmässiges Eigenthum dabei. Das fühlen die 
Leute auch; sie verkaufen sehr gern und oft kaufen sie lieber 
aus dem Erlös ein Pferd oder heirathen eine zweite Frau. 
Der Geist des Nomaden, der sein Vieh allem vorzieht und 
ebenso über den Tod einer Kuh oder eines Kameeis Thränen 
vergiessen kann, yrie über ein gestorbenes Kind, dessen Trach- 
ten und Schaffen nur dahin geht, seinen Viehstand zu ver- 
mehren, dessen einziger Stolz eine schöne Heerde ist, ist dem 
Barea und dem Bazen ganz fremd. So ist die Viehzucht 
nicht eine landeseigenthümliche geworden; man sieht an den 
verschiedenen Rassen der Kühe, dass sie meist nicht im Lande 
geboren sind und auch vielleicht nicht da ihr Leben enden 
werden. Auch Kameele finden sich bei den Barea, die von 
den Nachbarn erbeutet werden; das Land ist ihnen durch 
seinen Reichthum an Mimosen sehr günstig. Ziegen und 
Schafe sind selten. Alles Vieh kommt jeden dritten Tag zur 
Tränke und bringt dann die folgende Nacht im Dorfe zu; den 
folgenden Tag und die Nacht ^nrd es sehr weit vom bewohn- 
ten Lande auf die Weide getrieben; nach der Emdte weidet 
es das Durraschilf ab, das viel Milch erzeugt. Der Preis ist 
wie im Barka. 

Die Barea und Kunäma besitzen sehr viele Esel, die klein, 
aber ausdauernd und etwa 2 — 3 Thaler werth sind. Sie 
werden als Lastthiere ausschliesslich verwandt, da die Ochsen 
hier zu Lande nicht belastet werden. Auch werden sie theil- 
weise vor den Pflug gespannt. Den Frauen sind sie sehr 
willige Reitthiere. Pferde sind selten und nur von abyssini- 
scher Rasse. Die Barea sind darin als Demokraten wenig 
¥iihlerisch und sorgsam ; sie sind auch nicht besondere Reiter. 
Alle können doch nicht beritten sein und so darf auch der 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 519 

Wohlhabendste nicht die Gleichheit verletzen, indem er sich 
zu Pferde setzt und thut er diess, so kann er nicht umhin, 
es seinen Gefährten zu offeriren und es so zu einer Art Ge- 
meingut zu machen. 

Die Bazen haben gar keine Pferde. Katzen finden sich 
zahm bei beiden Völkern; sie sind nicht von unserer Haus- 
katze unterschieden. Auch Hunde kommen häufig vor und 
werden zur Jagd benutzt; es sind meist sehr leichte hohe 
magere Thiere (Windhunde), wie sie im ganzen Barka und 
Gash verbreitet sind. Dagegen flEinden wir in Betkom eine 
eigenthümliche Hundeart. Sie ist sehr fest und derb gebaut, 
aber ungemein klein, sodass ich sie im Anfiang für junge 
Hunde nahm. Sie sind äusserst tiefer ab Wächter und gegen 
die Fremden sehr bissig. Ich gab mir vei^eblich Mühe, ein 
Exemplar zu bekommen; es schien mir, die Bazen wollten 
sich nicht gern davon trennen. 

Von eigentlichem Handel kann natürlich (bei unsem Völ- 
kern kaum die Rede sein. Die Bazen haben gar keinen 
Marktplatz und sind gegen fremde Handelsleute sehr abge- 
schlossen. Eigentlichen Verkehr haben sie nur im Norden 
mit den Barea, die bis Betkom gehen und Honig und Getreide 
ankaufen. Auch besuchen die nördlichen Bazen häufig den 
Markt von Mogelo. Dieser Platz vermittelt den Handel dieser 
Zone; er wird von allen Barea und theilweise auch von den 
Bazen besucht; man sieht da Händler von Algeden, vom 
Barka, Leute von Massua, die hier zahlreich angesiedelt sind 
und den Handel vermitteln und auch Djalin, die überall hin- 
kommen, wo etwas zu gewinnen ist. .Da die Barea und die 
Bazen mit fast allen ihren Nachbarn in Fehde leben, so müs- 
sen die Fremden sie in Mogelo aufsuchen. Hier ist jeden 
Morgen Markt; er ist geographisch sehr günstig gelegen, in 
der Mitte des Landes. Ausserhalb des Dorfes befindet sich 
ein grosser umzäunter Platz, der als neutraler Boden von 
allen geachtet ist. Da die Barea, wie wir sahen, unterneh- 
mende Räuber sind, so finden sich hier alle möglichen Gegen- 



Digitized by 



Google 



520 Reise durch das Land der Konama. 

stände zum Verkauf ausgestellt: Pferde, Esel, Maulthiere, 
Vieh, Waflfen, Glasperlen und besonders Durra. Die Leute 
von Kassala und Massua stellen ihre Zeuge, Schmuck, Wohl- 
gerüche u. s. w. aus, die den Barea nothwendig sind, während 
die Bazen wenig Einfuhr bedürfen. Eisen kommt meist nur 
direct von Abyssinien, von den Bazen kommt hierher Durra, 
Duchn und Honig, der bei ihnen wild sehr reichlich vor- 
kommt. Das Wachs wird aber nicht benutzt, noch zum Ver- 
kauf gebracht, obgleich die Bazen selbst sehr viel Honig ver- 
brauchen. Elfenbein kommt einiges von den Bazen, wo viel 
ElefEuiten vorkommen, die aber meist von fremden Jägern zu 
Pferde erlegt werden. Glasperlen erleiden viel Modeänderung 
und bringen wenig Gewinn. Geld ist bei den Barea ziemlich 
bekannt, während die Bazen noch gar nicht damit vertraut 
sind. Sie haben sich seit einiger Zeit gewöhnt, Zeuge als 
Zahlung anzunehmen. Der Markt von Mogelo erfreute sich 
früher starken Zulaufs; doch seit es (1861) von Tsadiq's Trup- 
pen verbrannt und verwüstet worden ist, wobei die fremden 
Kaufleute vielen Schaden erlitten, ist der Platz sehr herunter- 
gekommen und das Zutrauen nicht wiedergekehrt. — Die 
Barea führen Durra auch dann und wann nach dem Barka 
und sogar bis nach Keren aus; doch erlauben ihnen ihre 
Feinde, die Beni Amer, selten friedlichen Durchzug. So 
sind es meist die Leute von Bisha, die halb Beni Amer sind 
und Kameele besitzen, die die Ausfuhr vermitteln. Auch 
nach Kassala hin bringen die Barea ihr und der Bazen Durra; 
ist aber die Erndte misslungen, so sind sie genöthigt, sich 
von daher zu verproviantiren imd dann wandern grosse Züge, 
Männer und Frauen mit Eseln und Vieh, der Hauptstadt der 
Taka zu. Sie durchziehen da meist feindliches Gebiet und 
werden oft auf dem Wege von den Hadendoa und den Beni 
Amer'n angegriffen und in Sklaverei gebracht; doch thun die 
Algeden, die den Barea eng befreundet und verschwägert sind, 
das Mögliche, diese Karawanen sicher bis Kassala zu geleiten. 



Digitized by 



Google 



Nahrung. 



Aus dem bisher Gesagten ei^ibt sich nothwendig, dass 
die Barea und die Bazen meist Pflanzennahrung gemessen. 
Milch und Fleisch ist eme Seltenheit, da sie zu wenig Haus* 
vieh haben und das Thierreich auch im Walde schwach ver- 
treten ist. So wenig nun beide Viehzüchter sind, so schlach- 
ten sie doch nur selten, ausser bei Feierlichkeiten und von 
eingebrachter Beute, die schnell vom Messer decimirt wird. 
In der Auswahl des Fleisches sind sie aber gar nicht wähle- 
risch. Die altmohammedanischen Dörfer ausgenommen, unter- 
scheiden sie nie zwischen christlichem und mohammedanischem 
Fleisch; ich habe oft Mohammedaner getroffen, die mich um 
Fleisch baten. Auch Aas wird nicht verschmäht und das 
haben sie z. B. mit den Bogos gemein. Dagegen wird das 
Fleisch der Hyäne nicht gegessen, während die Beni Amer 
nichts dagegen haben. Ob es wahr ist, dass die Bazen 
Schlangen und Mäuse für Leckerbissen halten, kann ich nicht 
entscheiden, dia ich wenigstens kein Beispiel gesehen habe. 
Fleisch wird nur in Wasser gekocht oder auf dem Feuer ge- 
braten. Milch ist natürlich auch ziemlich selten und ebenso 
Butter, die Sesamöl ersetzt. Wenn also beide Völker sich 



Digitized by 



Google 



522 Reise durch das Land der Kunama. 

meist an vegetabilische Kost halten, so unterscheiden sie sich 
so radikal in deren Bereitung, dass wir jede Speise und 
jeden Trank einzeln betrachten müssen. 

Die Barea gemessen meist gesäuertes Brod von Durra oder 
Duchn. Sie haben zwar auch die Polenta, die bei den 
Bogos u. s. w. genössen wird; sie ziehen sie aber gesäuert 
vor; so heisst sie Deblib, ist sehr schmackhaft und als Pro- 
viant sehr bequem, da sie sich wohl eine Woche erhalt, ohne 
zu verderben. Die abyssinische Tabita, eine Art Brod oder 
vielmehr sehr dünner Kuchen, ist den Barea auch bekannt 
Die Barea unterscheiden sich von den Beni Amer'n, den 
Bogos u. s. w. dadurch, dass sie nie viel auf einmal verzehren 
können, dagegen das Mahl oft wiederholen, während die er- 
wähnten Völker den Tag über nur zweimal, oft nur einmal 
essen und lange hungern, dann aber eine ungeheure Quanti- 
tät auf einmal verschlingen können. Die Barea trinken aber 
viel mehr, als sie essen. Ihr Bier, das sehr gut ist, bildet 
eigentlioh ihre Hauptnahrung und fehlt in keinem Hause. 
Alles trinkt es, sogar den kleinen Kindern ersetzt es die Mildi. 
Das Bier kann als trockner Teig lange aufbewahrt werden 
und braucht nur mit Wasser angefeuchtet zu werden, sobald 
man es nöthig hat. Das Bier der Barea ist in Ostafrika sehr 
berühmt. Die Barea nehmen es in grosser Menge zu sich, 
aber sie werden selten davon berauscht und auch die Feld- 
arbeiter und die Hirten haben ihren Schlauch voll Bier mit 
sich im Freien« Auch der Grast wird ungemein freigebig mit 
Bier bewirthet, während man ihm selten mit Fleisch aufwartet. 
Das Bareabier ist sehr nahrhaft, sodass es den Menschen ohne 
weiteres Zuthun satt macht 

Die Bazen hingegen essen ausschliesslich die ungesäuerte 
Polenta und sie finden sich hierdurch vollständig charakteri- 
sirt, denn sie sagen: wir sind verschieden von allen andern 
Völkern; wir haben keine Ofienbarung und wir essen un- 
gesäuertes Brod. Bier wird nur wenig getrunken; eine 
Ausnalime bilden die Leute von Tender und Eimasa, deren 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 523 

Lebensart mehr den Barea ähnlich ist. Dagegen essen die 
Bazen viel Honig und trinken Honigwasser, ohne aber den 
Honigwein zu kennen. Sie trinken also auch ungesäuert. 
Als Surrogat der Butter wird aus Sesam ein Brei bereitet, 
der das Brod würzen soll. 

Der Unterschied zwischen den Barea und Kunama hin- 
sichtlich ihrer Nahrung besteht also darin, dass die einen das 
Brod gesäuert, die andern ungesäuert essen; dass die einen 
sich vorzugsweise von Bier, die andern von Honig nähren. 
Die natürliche Folge davon sehe ich in der körperlichen Be- 
schaffenheit der zwei Völker. Die Biertrinker sind mager und 
schmächtig; die Honigesser sind sehr fett und gewaltig. Um 
diesen Unterschied zu verstehen, muss man wissen, dass das 
Bareabier sehr scharf und säuerlich ist und mit unserem Bier 
nur den Namen gemein hat. Denselben Einfluss konnten wir 
auch anderswo häufig beobachten; bei den Bogos z. B. sind 
habituelle Biertrinker mager und sehen fahl aus, während die 
Trinker süssen Methes sehr fett werden und schöne Haut be- 
kommen. 



Digitized by 



Google 



Häusliches Leben. 



Nun wollen wir einen kurzen Blick in das innere Leben 
der Barea und der Bazen werfen. Zuerst bemerken wir, dass 
bei beiden Völkern Polygamie erlaubt ist. Doch während bei 
den Bazen nur die Reicheren mehrere Frauen nehmen, sind 
die Barea grosse Freunde von neuen Ehen und wer kann, 
vermehrt seinen Haushalt. Ich habe auch nicht gehört, dass 
sich die frühere Frau über den Zuwachs sehr beklage. Trotz- 
dem ist aber selbst hier Polygamie nur eine Ausnahme. Die 
sittlichen Begriffe bei diesen Völkern sind nun unter sich sehr 
verschieden, ebenso wie von anderswo herrschenden Begriffen. 
Ausser der Ehe wird nämlich sehr wenig auf Zucht und Ehre 
, gehalten; die jungen Leute machen Bekanntschaften; es wird 
der Jungfrau gar nicht übel genommen, wenn sie sich ihrer 
Liebe ganz hingibt. Wird sie schwanger, so ist sie ganz 
ebenso gut angesehen wie früher; auch der Schwängerer hat 
keine Strafe oder Feindschaft zu erwarten, Aussereheliche 
Kinder werden auferzogen und in nichts schlechter angesehen, 
als andere. Wir sind ja nicht adelich , meinen die guten 
Leute. So wird also das Leben ausser der Ehe durchaus 
unbeschränkt. Ebenso ist eine geschiedene Frau in ihren 
Neigungen und Handlungen ganz frei. 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 525 

Uebrigens kommen auch keine öffentlichen Frauen vor, 
ausser bei den Barea, wo der viele Zulauf von Fremden 
auf den Markt sie begreiflich macht; es sind übrigens nicht 
blos geborene Barea, die sich dazu hergeben, sondern Mäd- 
chen vom Barka, entflohene Sklavinnen oder Frauen, die der 
Strafe der Schwangerschaft sich entziehen mussten. Unnatür- 
liche Laster sind ganz unbekannt Was das eheliche Leben 
betrifft, so ist ein grosser Unterschied zwischen den Barea 
und den Bazen. Man schilderte uns die Bazenfrauen als sehr 
frei; man klagte die Männer sogar an, dass sie die eigene 
Frau dem Gastfreund hingäben, und stellte alle eheliche Treue 
in Abrede. Uebrigens kann ich nicht entscheiden, ob diese 
Berichte, die ich den mir bekannten Barea verdanke, nicht 
übertrieben sind; wir hielten uns zu kurze Zeit auf, um end- 
gültig über die Moralität des Volkes entscheiden zu können. 
Die Frauen der Barea hingegen werden überall als exempla- 
risch treu und sittsam geschildert und dadurch bilden sie in 
Ostafrika eine bemerkenswerthe Ausnahme. Sie werden des- 
wegen von den umliegenden Völkern sehr gesucht, und man 
findet in den Nachbarstämmen viele Barea -Töchter ver- 
heirathet. Die Barea verschwägern sich besonders mit Al- 
geden, Beit Bidel imd auch den Beni Amer'n. Hagr und 
Mogoreb gehen immer gegenseitige Ehen ein, während die 
Bazen und Barea nur höchst selten sich untereinander ver- 
schwägern. Die Bazen verheirathen sich meist nur unter- 
einander. Die Heirathen gehen immer nach vollendeter Emdte ^ 
vor sich. Der Bräutigam, von seinen Freunden und den 
Mädchen seines Dorfes begleitet, holt die Braut aus ihrer 
Heimat ab und bringt sie in ihr neues Haus; beim Eintritte muss 
sie sich quer auf den Boden legen und er schreitet über ihre 
Wangen. Das Fest dauert acht Tage und unterscheidet sich 
wenig von allen ähnlichen Gelegenheiten. Freunde und Ver- 
wandte bringen freiwillige Gaben. Eigenthünüich ist hier, 
dass die Hochzeit nicht eine Sache der Familie, sondern der 
Gemeinde ist, die sich dabei betheiligt und alle Fremde dazu 



Digitized by 



Google 



526 Heise durch das Land der Kunama. 

einladet und bewirthet. Der Mann bleibt nun während der 
acht Festtage im Hause verschlossen. Oft wird der Bräutigam 
bei dieser Gelegenheit von irgend einer Frau des Dorfes be- 
sungen; er gibt ihr dafür ein Geschenk und hat er nichts 
anderes, so theilt er mit ihr sogar sein eigenes Kleid. 

Das Leben der Frau im Hause nun zeigt eine au£EEJlende 
Aehnlichkeit mit dem der Abyssinierin. Sie theilt alle Arbeit 
mit dem Manne, nicht wie bei den Bogos und ihren Nachbarn, 
wo die Frau vom Feldbau ausgeschlossen ist und nur im' Hause 
sich beschäftigen soll. Schon die junge Braut, die bei den 
Bogos lange Zeit faul ruhen bleibt, beschäftigt sich wie die 
andern; sie arbeitet auf dem Felde, sie mahlt das Korn und 
macht Bier; selbst die Reichste ist selten müssig und wenige 
halten sich eine Magd. So ist es auch in Abyssinien, wo die 
Frau immer zuerst aufsteht. Was das Melken anbetarifft, so 
kann hier das Mädchen melken, aber bei der Frau scheint 
es unanständig; den Barea aber, die viel mit den Beni Amer^n 
zusammenkommen, theilt sich das Yorurtheil gegen das Melken 
der Frau überhaupt nach und nach mit. Die Frauen dieser 
Länder sind sehr beschäftigt und haben wenig Zeit, müssig 
auf ihrem Bette zu liegen und Toilette zu machen, wie die 
Bogos, aber man sieht selten unzufriedene Frauen oder un- 
glückliche Ehen. 

Die Barea haben den Gebrauch des Rauchbades, wozu sie 
die Wurzel der Higüg anwenden und vom Barka her die 
» Wolldecken beziehen, die auch bei den Bogos gebräuchlich 
sind. Die Frau spricht nie den Namen des Gatten aus und 
isst nie in seiner Gegenwart; sie verbirgt sich vor ihrem 
Schwiegervater, so will es die Sitte, die hierin mit der der 
aristokratischen Völker übereinstimmt. Mann und Frau theilen 
selten dasselbe Bett; die Barea erklären, das geschähe darum, 
dass der Athem des Weibes den Mann nicht schwäche. Fremde 
Leute hüten sich bei den Barea, in irgend ein Haus, wo eine 
verheirathete Frau wohnt, zu treten, damit ja kein Gerede 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 527 

über sie entstehe; wie es damit bei den Bazen stehe, kann 
ich nicht sagen. 

Die Frauen der Barea und Kunama sollen ziemlich frucht- 
bar sein. Man rühmt die Leichtigkeit der Entbindung, ohne 
Schrei und Noth, während bei den Bogos und den Barka das 
keinesw^s der Fall ist. Die Barea und die Bazen ziehen 
Mädchen den Knaben vor, ganz entgegengesetzt ihren Nach- 
barvölkern, und diess ist bei den Gesetzen des Landes sehr 
natürlich. Die Frau, die zum ersten Male empfangen hat, 
begibt sich in ihrer Mutter Haus, wo sie niederkommt; sie 
verweilt da nach der Entbindung noch drei Monate. Ihr 
Mann schickt ihr Getreide, Salz und ein Wollkleid; die Ver- 
wandten und Freunde schlachten 2äegen. Spätere Male kommt 
die Frau in ihrem eigenen Hause nieder. Es kommt kein 
Mann während des Monats nach der Entbindung in ihr Haus. 
Eine Woche nach der Geburt wird das Kind benannt; die 
Barea und die Kunama haben viel eijgenthümliche Namen, die 
letztern adoptiren oft auch islamitische. Die dem Lande 
eigenen Namen haben nichts Christliches und auch sie ver- 
bieten den Gedanken früheren Ghristenthums. Von Barea- 
Namen für Männer wollen wir anführen: Ashush, Aggar, 
Basen, Auet, Selman; für Frauen: Wardet, Shajet, Ashei, 
Daret, Belu. Von Bazen -Namen haben wir uns folgende 
notirt: KuUu, Adigi, Karme, Tofa, Merko, Ashgu, Gadi, 
Kerfe, Laku, Gabon, Andu, Ishma, Maberi, Torta, Sbeddin, 
Segede, Ashora, Auro, Shelfo, Moshellem, Djaba. 

Dem Kinde wird oft der Name des Grossvaters und des 
mütterlichen Onkels verliehen. Da die Eltern meist auf dem 
Felde beschäftigt sind, habe ich erzählen hören, dass die 
Mutter, die ihr Kind nicht mitnehmen und keine andere ältere 
Schwester ihm zur Hüterin zurücklassen kann, das Kind mit 
einem Strick im Hause an einen Pfahl bindet und daneben 
eine Schüssel voll Milch oder Brod stellt und dann ruhig das 
Haus verschliesst. Wenn das Kind des Weinens satt ist, kostet 
es von der Nahrung und schläft dann ruhig ein. Beschnei- 



Digitized by 



Google 



528 Reise darch das Land der Kun4ina. 

düng kommt erst nach dem sechsten Jahre vor und bei den 
Barea wenigstens für beide Geschlechter, während ich bei den 
Bazen nur für das männliche Geschlecht sicher berichtet bin. 
Einderverkauf ist nicht selten, besonders bei Hungersnoth, 
aber wie aus dem früher Gesagten sich ergibt, ist es nicht 
der Vater, der das Kind verkaufen darf, sondern der mütter- 
liche OnkeL Knaben gehen meist mit rasirtem Kopf. Werden 
sie mannbar, so lassen sie das Haupthaar wachsen, aber es 
findet hier kein Fest statt, wie das bei den Bogos u. a. uns 
bekannt ist. 

Den Barea und Bazen ist eine grosse Ehrfurcht vor dem 
Grabe gemeinschaftlich. Stirbt jemand, so geht der Trauer- 
schrei in die umliegenden Dörfer. Wenn in der Nacht, wird 
das Begräbniss auf den Frühmorgen aufgespart; wenn am Tage, 
so wird nur so lange gezögert, bis das Grab in Ordnung ge- 
bracht ist 

Es ist übrigens allgemeine Sitte in Afrika, so schnell als 
möglich zu begraben. Bei den Barea und den Kunäma ist 
es Brauch, dass das ganze Dorf, Alt und Jung ohne Aus- 
nahme, den Todten zu Grabe begleitet; niemand pflügt, noch 
säet, noch mahlt, bis die Leiche bestattet ist Das Grab 
der Barea und Kunäma ist durchaus von dem uns bisher be- 
kannten verschieden. Jede Familie hat eine ziemlich geräu- 
mige Höhle, zu der ein schiefer Schacht hinabführt Die 
enge Oe£fhung desselben wird mit einem Steine verschlossen, 
der Platz mit einer Art niedriger Mauer bezeichnet. Hier 
werden Männer, Frauen und Kinder beigesetzt, jede Familie 
in ihrer eigenen Gruft. Der Leichnam wird verhüllt auf einem 
Tragbette hingetragen; ein Mann steigt hinunter, schiebt die 
alten Knochen bei Seite, und dann wird der Todte einfEich 
auf den Boden hingelegt. Fremde und Mohammedaner werden 
nach ihrer Landesart an besonderen Plätzen begraben, wäh- 
rend die Barea und Kunäma im wahren Sinne des Wortes 
den Todten beisetzen. Nach dem Begräbniss bringen die 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kunama. 529 

jungen ledigen Leute des Dorfes Holz aus dem Walde, aus 
dem sie eine grosse Schattenlaube errichten, die zur Auf- 
nahme der von allen Seiten herbeiströmenden Klagenden be- 
stimmt ist; auch holen sie Wasser und Holz zum Brennen. 
Kein junger Mann darf sich dieses Dienstes entheben. Die 
eigentliche Trauer dauert eine* Woche; auch die Männer be- 
klagen den Todten laut, wie es die Hochabyssinier thun, 
während die aristokratischen Völker das Weinen den Frauen 
überlassen und es für unmännlich halten, das Leid äusserlich 
zu zeigen. Während dieser Zeit bringt jeder Dorfbewohner 
sein Essen in die Trauerhalle, um es da in Gemeinschaft zu 
verzehren. So bildet sich ein wochenlanges Leichenmahl, an 
dem die ganze Gemeinde und viele Gäste von den andern 
Dörfern theilnehmen. Auch unsere Völker haben den Ge- 
brauch, die Opferkuh zu schlachten; die Bazen begnügen sich 
mit einer, während die Barea bei dieser Gelegenheit bis 
10 Stück opfern. Die ledigen jungen Leute besorgen die Auf- 
wartung und bedienen die Alten mit Fleisch und Bier. Der 
Gebrauch, den wir sonst gefunden, den Kühen bei dieser Ge- 
legenheit mit dem Schwert die Hinterbeine abzuschlagen, 
kommt hier nicht vor. Während dieser acht Tage wird der Todte 
von allen Anwesenden besungen und beweint. Nach Verlauf 
der Woche entfernen sich alle Fremde und die Trauer, die 
ein Jahr währt, geht fortan nur die engere Familie an. 

Es zeigen sich hierin zwei Seiten des Lebens. Erstlich 
offenbart sich eine grosse Ehrfurcht vor dem Todten und eine 
Sorgfalt für denselben, die sich sicherlich an einen gewissen Un- 
sterblichkeitsglauben anlehnt; sodann tritt das innige Zusam- 
menleben der Gemeinde in Freud und Leid uns wieder wohl- 
thuend entgegen. Niemand wagt es, eine Ausnahme zu 
machen, denn jeder weiss, dass auch sein Tag kommt. Da 
ist kein Unterschied zwischen Mächtig und Gering, jedem wird 
das gleiche Beileid gezollt. Bei andern Völkern weiss man 
ebenso gut, dass der Tag kommen muss und desungeachtet 

Muaxiuger, OsUfrik. Studien. 34 



Digitiz^ed by 



Google 



530 Reise durch das Land der Kan&ma. 

hat man oft grosse Noth, den Todten zu begraben, wenn es 
ihm an Familie fehlt und es ist traurig zu bemerken, dass 
bei den aristokratischen Völkern, sei es durch die Geburt oder 
das Geld, der Vornehme noch im Tode seinen Rang behauptet, 
während wenige den Armen zur letzten Ruhe begleiten. 



Digitized by 



Google 



Schi ussbetrachtungen . 



Wir wissen schon, dass die Barea und die Kunama sich 
in einer Ausnahmestellung befinden, indem sie von unbarm- 
herzigen Feinden umringt sind. Deswegen lebt das Volk in 
seinem innem Leben Mediich und freundlich, fast ohne Gesetz 
und Staat, frei und gleich, nur vor dem grauen Haare sich 
beugend. Ganz anders wird der Barea und der Kunama, 
wenn er sich gegen das Ausland wendet. Die Nothwehr zwingt 
ihn, das angethane Leid so gut wie möglich dem Feinde zurück- 
zugeben. Daher sehen wir förmliche Räuberbanden, die 
monarchisch organisirt sind. Besonders die Barea sind seit 
langen Zeiten weit und breit als Räuber berühmt und ge- 
fürchtet; sie sind der 'Schrecken des Landes von den Bogos 
bis zum Gash, während die Bazen bis in's Tigre hinein die 
Wege unsicher machen. Die Barea kämpfen fliehend, selten 
greifen sie an; sie fliehen, kommen wieder und umringen 
den schon sich sicher wähnenden Feind. Sie sind behend 
wie Schlangen. Raub scheint ihnen ein ganz ehrenhaftes 
Handwerk, da er sich gegen den Feind wendet; dagegen ist 
Hausdiebstahl eine Schande und fast unbekannt. In Zeiten 
der Hungersnoth stehlen sich die Barea gern untereinander 
Ziegen und Esel, oft selbst vom gleichen Dorfe weg. Auch 

34* 



Digitized by 



Google 



532 Reise durch das Land der Kundma. 

im Bezahlen der Schulden sind sie wenig gewissenhaft. Sonst 
sind sie sehr Zuverlässig für anvertrautes Gut; fast keine 
Thür ist da und das Durra bleibt auf den Feldern unbewacht, 
so auch in Algeden. Bei beiden Völkern hört man äusserst 
wenig von Mord innerhalb des Landes; Vater- oder Mutter- 
mord ist ganz unerhört, Brudermord ist äusserst selten. 
Selbstmord setzt viel mehr Civilisation voraus. 

Die Barea und die Bazen sind sehr wachsam in der Nacht; 
die Unsicherheit und das näuberleben gewöhnt sie an einen 
leisen Schlaf. Sie haben wenig Furcht vor Schlangen; man 
sieht oft Leute, die solche unbesorgt im Kleide herumtragen 
und ihnen sogar eine schützende Kraft zuschreiben. Tapfer- 
keit ist beiden keineswegs abzusprechen; in jetziger Zeit aber, 
wo sich Norden und Süden monarchisch concentrirt haben, 
nützt dieser ungeregelte Muth wenig und in den letzten Jahren 
sind bei dem unaufhörlichen Kampfe so viele der besten 
Männer umgekommen, dass den übrigen doch am Ende das 
Selbstvertrauen abhanden kommen muss. Eigenthümlich ist bei 
den Bazen, dass Frau und Kind durch eine Thüre fliehen, 
die Männer durch eine andere; so streiten die letztem nur 
für sich. Es sind einige Jahre her, dass Bogoshirten einen 
Barearäuber, der Kühe wegstehlen wollte, gelangen nahmen; 
sie banden ihn fest und schickten sich sehr bedächtig an, ihn 
zu tödten; er sah ganz kaltblütig zu und als ihn die erste 
Lanze traf, sprach er: So stirbt ein Mann! und fiel ohne alle 
Klage. Leider sind beide Völker viel zu lose verbunden, um 
sich mit Erfolg wehren zu können, obgleich die Barea sich 
gegenseitig in der Gefahr beistehen. 

Wir haben in den Barea und Kunäma echt demokratische 
Völker kennen gelernt, wie sie vielleicht in der Welt nirgends 
sonst vorkommen; jeder fühlt sich dem andern gleich und 
frei; keiner will besser als der andere werden. Wir sind alle 
Sklaven, sagen sie ireimüthig und das ist ein stolzes Wort; 
die Gemeinde allein beschränkt die persönliche Freiheit durch 
den Ausspruch der Greise, denen keiner widerspricht. Skla- 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Kundma. 533 

verei scheint unnatürlich und selbst der Fremde wird schnell 
eingebürgert Da die Familie in der Gemeinde aufgeht, so 
fehlt der Geburtsstolz, der andere Völker so hoch und auch 
so niedrig stellt. Die vollständige Gleichheit ist vorzüglich 
in dem Charakter des Volkes begründet, der der Veränderung 
abhold ist und wenig emporstrebt. Dieser gleichförmige Cha- 
rakter ist besonders bei den Bazen, die wenig fremden Ein- 
fluss zu erleiden hatten, rein bewahrt. 

Bei den Bazen ist die Ehrfurcht vor dem Alter bei Weitem 
stärker ausgebildet, als bei den Barea. Sie sind ihrem Charakter 
nach ruhiger und ich möchte sagen eintöniger, wie ihre Sprache. 
Sie sind unter sich sehr sanft und höflich; keiner unterbricht 
den andern, keiner wird in der Berathung hitzig oder schlägt 
im Zorn der Rede mit dem Stocke auf den Boden, wie wir 
es bei den Bogos und den andern Nordostafrikanern jeden 
Tag gesehen; keiner prahlt mit seinem Muthe. Daher gebietet 
auch die Raths Versammlung Ehrfurcht; alles wird ruhig ab- 
gemacht, ohne Lärm und Streit; was beschlossen ist, ist 
fertig. Sonst sind die Bazen gern fröhlich, aber auf eine 
stille Weise. Man sieht des Abends Mann und Frau traulich 
im Hofe auf einer Bank sitzend zusammen plaudern und aus 
der Pfeife rauchen. 

Wenn nun die Barea immer noch die Eigenschaft haben, 
dass sie friedlich zusammenleben können, so ist bei ihnen die 
Ehrfurcht vor dem Alter schon viel geringer, da sie sich täg- 
lich von ihren Nachbarn vom Barka ein böses Beispiel nehmen 
können. Ihr Geist ist auch viel lebhafter und unmhiger; 
daher hört man bei ihnen schon viel mehr leeres Geschrei. 
Da wir nun die Barea viel genauer kennen, wollen wir sie 
noch genauer charakterisiren. Die Barea sind dankbar, ein- 
fach oflfen, ohne Trug; sie haben viel gesunden Menschenver- 
stand; sie brausen schnell auf, aber kühlen sich leicht wieder 
ab imd verzeihen gem. Sie tragen Beleidigungen wenig nach 
und in dieser Hinsicht glauben wir die stillen Wasser des 
Bazenherzens viel tiefer und nachhaltiger. Die bei den aristo- 



Digitized by 



Google 



534 Reise durch das Land der Kundma. 

kratischen Völkern uns bekannte Rachsucht, die die kleinste 
Verletzung Jahre lang nachträgt, ist den Barea fremd und 
unnatürlich. Es geschieht Qft, dass nach heftigem Streit der, 
welcher Unrecht hatte, des andern Hand ergreift und um 
Verzeihung bittet. Ein Bogos oder ein Habab könnte das nie 
über sich bringen. Sie haben wenig Schimpfwörter. Die 
Barea und auch die Bazen können den Wohlstand yertragen, 
ganz im Gegensätze zu allen ihren Nachbarn, die, wenn sie 
satt sind, böse und übermüthig werden. Je reicher und satter 
ein Barea wird, um so besser, liberaler und genügsamer wird 
er. Der Hunger macht ihn zum Diebe und Räuber. Die Barea 
helfen sich gegenseitig gem. Sie sind barmherzig, selbst gegen 
die Fremden. Nur wenn sie in Feindesland sind, vergessen 
sie die Menschlichkeit. Die Frauen beklagen selbst das ge- 
raubte Kind der feindlichen Beni Amer, während die Beni- 
Amer- Frauen den geraubten Sklaven verhöhnen und hassea 
Wenn der Barea in der Wildniss das verwaiste Löwenjunge 
sieht, gedenkt er der heulenden Mutter, die ihr Kind sucht, 
und vergleicht sie mit seiner eigenen weinenden Mutter. Die 
Barea sind sehr dienstfei-tig , nicht wie die Bogos, die nur 
die Furcht nützlich machen kann; sie sind dankbar selbst für 
den kleinsten Dienst und vergessen einen Freund nicht. Der 
Fremde hat gleiches Recht und hat er sich gut benommen, 
so wird er bei seinem Tode wie ein Bruder beweint. Wittwen 
und Waisen werden nie misshandelt oder in ihren Rechten 
verletzt. Die Barea sind durchaus nicht habsüchtig, der semi- 
tische Charakter, der Geld über alles stellt, fehlt ihnen; sie 
stehlen aus Hunger und weil das Eigenthum wenig Werth 
hat, aber sie geizen nicht nach fremder Habe. Sie sind un- 
gemein gastlich. Ich erinnere mich, dass Moharrem Effendi, 
ein ägyptischer Oberst, der in Kufit den Tribut einzog, sich 
üiir gegenüber über die Barea sehr rühmend aussprach und 
ihre Offenheit, die keine lutrigue und keinen Verrath kennte 
im Gegensatz zu den „Hunden von Beni Amer'n" mit Freuden 
hervorhob. Sie geben, sagte er mir, den Tribut, soviel das 



Digitized by 



Google 



Reise durch das Land der Eim4ma. 535 

ihre Umstände erlauben; weiter hinaus sagen sie entschie- 
den: genug! und dann hilft kein Zwang. 

Ich habe viele Leute von Barka und Algedeu und Massua, 
die lange Zeit im Barealande verweilt haben, über die geistige 
Fähigkeit der Barea befragt und die Antwort war, ob nicht 
die weisen Gesetze, die express gemacht sind, um allen Streit 
zu verhüten, das beste Zeugniss guten Verstandes abgäben. 
Jedenfalls halte ich besonders die Barea für sehr bildungs- 
fähig; die Bazen sind es nicht minder, aber sie hegen noch 
viel mehr Vorurtheile gegen alles Fremde. Wir wollen bei- 
fügen, dass beide Völker sehr liederreich sind und viel mehr 
Melodien haben, als alle ihre Nachbarn. Ihr Nachtgesang 
(Goila) ist weit und breit berühmt. Das Recitativ, das den 
Tigre und den To'bedauie eigen ist, passt schon zur Sprache 
nicht. 

Die Barea und Kunama bekämpfen sich im Innern des 
Gaues nur höchst selten. Da alle Entscheidung in den Händen 
der Greise liegt, alles gleich, niemand vornehm ist oder es 
werden will, die ehrgeizige Jugend von der Regierung ausge- 
schlossen ist und die Familie in der Gemeinde aufgeht, so 
wird Streit und Bürgerkrieg unmöglich und es könnte eine 
80 eigenthümliche Republik noch Jahrtausende fortvegetiren, 
wenn sie von allem Auslande isolirt werden könnte. Diese 
Völker fühlen diess auch sehr gut; besonders die Bazen thun 
das Mögliche sich zu isoliren; sie lieben alles Einheimische, 
sie hassen alles Fremde. Sie haben wenig Neugierde; sie 
wollen lieber bleiben wie sie sind. Sie haben bisher nur fort- 
vegetirt und ohne Zweifel grenzt oft Gleichheit an Gemeinheit. 
Es ist jetzt aber die Zeit gekommen, wo auch diese Völker 
dem Zuge der Weltgeschichte ausgesetzt werden sollen, und es 
wäre Schade, wenn diess nur geschähe, um sie um so schneller 
zu verderben. Von zwei Seiten werden die Barea und Kunama 
gedrückt; von Süden dringen die Abyssinier, von Norden die 
Mohanmiedaner vor; religiös machen die letztern die grössten 



Digitized by 



Google 



536 Reise durch das Land der Kunäma. 

Fortschritte, politisch die Christen. Es wäre Schade, wenn 
so besonders durch das Herz zu einem bessern Leben befähigte 
Völker zwischen den zwei feindlichen Mühlsteinen zusammen- 
gedrückt werden sollten. Hat hier die europäische Politik 
und Mission keine Aufgabe? 



Digitized by 



Google 



/ 

/ 

Einige Bemerkungen 

über 

Ethnographie von Kordofan. 



Digitized by LnOOQ IC 



Digitized by 



Google 



I. 

Die 80 verdienstliche Arbeit von Dr. Waitz über die Psy- 
chologie der Naturvölker gibt uns das Resultat aller bisheri- 
gen Forschungen über die Völker von Kordoüan. Um künftige 
Forschung zu erleichtern, wollen wir uns seiner Darstellung 
mit einigen Beobachtungen anschliessen, die wir während 
unseres Aufenthalts in L'obeid als Mitglied der deutschen 
Expedition zu machen die Gelegenheit hatten. Jedoch scheint 
uns die Scheidung von Aethiopen und Negern, vrie sie auch 
Dr. Waitz annimmt, sehr zweifelhaft und bedenklich wird sie 
vollends, wenn sie sich auf die Sprache stützen soll. 

Dass die abyssinischen Hauptsprachen, das Tigre und das 
Tigrina, als lebende Töchter des Geez semitisch sind, ist un- 
bezweifelt. Da wir nun sicher sind, dass sie schon vor zwei 
Jahrtausenden landesüblich waren, so soll man die Abyssinier 
nicht Aethiopen nennen, sondern ein&ch Semiten. Die Farbe 
darf nicht abschrecken, da auch die edelsten Geschlechter 
Arabiens von Schwärze nicht frei sind, während die edelsten 
Geschlechter Abyssiniens hellgelb sind. Es finden sich in 
Abyssinien dann noch verschiedene Völklein oder eher Völker- 
trümmer, wie die Agau, zu denen auch die Bogos gehören, 
deren Sprache durchaus noch nicht placirt ist. Das Gleiche 
gilt von den Galla. Die Stellung der Amhara aber, des civi- 
lisirtesten Stammes im Lande, ist nicht genau festgestellt; es 



Digitized by 



Google 



540 Bemerkungen über Kordofim. 

wird erst durch spätere Untersuchungen klar werden, ob sie 
das Semitische ihrer Sprache ursprünglich haben oder ob es 
eine ungeheure Gopie ist mit ursprünglich fremder Basis. 

Jedenfalls ist gerade aus den Sprachen ersichtlich, dass 
die sogenannten Aethiopen, d. h. die Völker Nordostafrikas, 
mit dem Flussgebiet des Nil ethnographisch gar nicht zusam- 
mengehören, sondern, wie es auch ihre Geschichte lehrt, durch 
ZuMl zusammengeworfen worden sind. Es gibt kein Land 
auf der Welt, wo verhältnissmässig auf so kleinem Räume 
so viele Sprachen, die nichts miteinander gemein haben, ge- 
sprochen werden. Die Asiaten, die Europäer stehen in un- 
geheuren Gruppen zusammen, während hier durchaus kein 
Zusammenhang gefrmden werden kann. Diese Thatsache redet 
direct gegen die Annahme, die sogenannten. Aethiopen seien 
eine Völkerfamilie, führt uns auf die Vermuthung, dass alle 
diese Nordostafrikaner Parcellen sind von grossen weitliegen- 
den Völkerfittnilien, deren Colonien auf dem kleinen, aber von 
d^ Natur begünstigten Räume zusammengetroffen sind, dass 
man also ihre Verwandtschaft nicht untereinander, sondern 
weitweg zu suchen hat. Das gleiche Leben, klimatisch und 
politisch, hat sie dann einander ähnlicher gemacht. 

Was den N^er betrifft, so weiss ich nicht, was man dar- 
unter versteht und am allerwenigsten begreife ich die Bedeu- 
tung von Negersprache. Diese Classification ist höchstens 
dazu da, eine ganze Masse uns unbekannter Volks- und 
Sprachtypen unter einem Namen zusammenzuwerfen, ein beque- 
mes aber nicht richtiges Verfahren. Von Weitem angesehen, 
dem Europäer absolut entg^engehalten, steht der Afrikaner 
allerdings als ein ganz besonderer Mensch da; aber bei ge- 
nauerer Beobachtung weiss der aufrichtige Reisende nicht 
mehr, wo der Neger eigentlich anfängt, und der Glaube an 
die absolute Rassentrennung versch¥dndet mehr und mehr. 

Was nun die Völker von Kordofan angeht, so müssen wir 
die eigentlichen Araber (vr^) zusammen mit den arabisirten 
Stämmen ( yj^r^x«) von den Nichtarabern streng scheiden. 



Digitized by 



Google 



Bemerkungen über Kordo&n. 541 

Deswegen dürfen wir aber die letztem nicht unter dem Namen 
Nuba zusammenwerfen. Dass Nubien früher viel mehr Au3- 
dehnung hatte, sagen die alten Autoren; diess beweist aber 
nur, dass die Nubier zurückgedrängt worden sind. Araber, 
Fundj, Forianer u. s. w. haben ihren Platz eingenommen. 
Der Name Nubier ist im Sudan durchaus kein geogra- 
phischer Sammelname; er existirt nur als Stammesbezeichnung. 
„Nuba" werden nur die Sklaven aus den Ländern südwestlich 
von Tegele genannt; die Leute von Tegele selbst werden 
unter ihrem eigenen Namen unterschieden und blos unwissende 
Sklavenhändler werfen verschiedene Völker unter einem Namen 
zusammen, wie z. B. die Gallasklaven in Kairo „Habeshi", im 
Sudan „Makade", was mit Habeshi gleichbedeutend „Abys- 
sinier" heisst, genannt werden, weil sie eben über Abjssinien 
eingeführt werden; deswegen heisst auch der arabische Kaffee 
Mocha, weil hier früher sein Hauptstapelplatz war u. s. w. 

Nuba heissen ferner die Bewohner des Nillandes nördlich 
von Dongola bis Assuan , so sage ich nicht nach eigener Er- 
fahrung, sondern nach allen Zeugnissen, welche die jetzigen 
sogenannten Barabra Nubier nennen. Und wirklich steht der 
Namensgemeinschaft nichts entgegen. Dafür entscheidet die 
Sprache, die wir gut genug kennen, um zu wissen, dass das 
Berg -Nuba dem der Nilbewohner verwandt ist. Jedenfalls 
ist zu wünschen, dass die beiden oder vielmehr die drei 
Dialekte, das Mahassi inbegriffen, besser studirt würden. 

Endlich müssen wir constatiren, dass die Barabra oder 
Danagele, die in Kordofan ansässig sind, aus ihrer Ver- 
wandtschaft mit den Nuba -Sklaven kein Hehl machen, wenn 
auch nicht ohne Scham, und dass so die Tradition davon 
fortlebt. 

Wir finden also das Volk der Nuba südwestlich von Tegele 
und dann nördlich von Dongola, getrennt durch Kordofan und 
dia Steppe. Die Bewohner von Tegele sind ganz andeiii Ge- 
schlechtes, die von Kordofan sind jedenfalls sehr gemischten 
und zweifelhatten Ursprunges. Dass die Nuba die Steppe 



Digitized by 



Google 



542 Bemerkungen über Kordofan. 

zwischen Kordofan und Nil nicht occupirt haben, ist begreif- 
lich, da sie ihrem ackerbauenden Sinn wenig gefallen konnte; 
sie blieb also den Arabern vorbehalten, deren nomadische Ge- 
wohnheiten nur da Befriedigung fanden. Wahrscheinlich ist 
aber, dass die Nuba einst auch Kordofan förmlich besessen 
haben; denn von ihren Bergen herabsteigend wären sie kaum 
gleichgültig daran vorbeigezogen und für ein nicht nomadi- 
sches Volk scheint die Strecke viel zu ausgedehnt. 

Dass die jetzigen freien Bewohner von Kordofen wenig- 
stens der Hauptfärbung nach Nuba seien, ist keineswegs wahr- 
scheinlich; von Sklaven, die willkürlich ihrem Vaterland 
entrissen sind, darf gar nicht die Rede sein. Daher darf man 
nicht sagen, es werde in L'obeid Nuba geredet oder gar in 
Kob6; das hiesse höchstens nur, dass sich da Nubasklaven 
befinden, die ihre Muttersprache noch nicht vergessen haben. 
Die freien Bewohner Kordofan's reden -nur Arabisch. Selbst 
die ansässigen Danagele, die des Handels wegen von Norden 
wieder bis Kordofan zurückgewandert sind, haben meist ihre 
Rotäne (ihr Nicht -Arabisch) ganz vergessen. 

Was nun die Nuba- Sprache betrifiFt, so flechte ich hier 
eine kleine Wörtersammlung ein , die ich in L'obeid aufeeich- 
nete. Meine Professoren waren nicht der Art, dass ich mich 
mit Sicherheit an die Zeitwörter und die grammatischen For- 
men wagen konnte. Da ich bei unserm nicht sehr ausgedehn- 
ten Aufenthalt keine besseren Lehrer finden konnte, musste 
ich mich mit der erhaltenen Probe, die von ihrer Seite keine 
Intelligenz voraussetzt, zufrieden geben. Viel glücklicher war 
ich mit den Sprachen von Tegele und For, wovon ich später 
berichten werde. 



.Digitized by 



Google 



Bemerkungen über Kordofan. 



543 



Sammlung von Nuba-Wörtern. 



Deutsch. 


Mein Kuba. 


BuBsegger. 


BüppeU. 


Gott 


hü 


bell 




Himmel 


are 


are . 




Wind 


ir4jo 


erso 


irscha 


Kegen 


oddo 


op 


areh? 


Thau 


odje 






Donner 


aren dorga 






Blitz 


sal^jo 






Stern 


omdo, pl. omin 


odo 


ondoa 


Sonne 


idji 


eis 


es 


Mond 


nonto 


nonto 


nundo 


Feuer 


ika 


ika 


eka 


Asche 


obt6 






Erde, Land 


tob 


weda 




Sand 


oindo 


tor 




Thon 


digda 






Wasser 


otho 


oto 


otu 


Teich 


odj 


artokas (See) 


hadg 


Fluss 


toale 


torha 


ser 


Stein 


kurra, pl. kokorri 


kakar 


kager 


Wüste 


hedje 






Wald 
Berg 


kotti 
koldi 


> kudu 
i 


kndou 


Weg 


ob, pl. obin 






Brunnen 


kol 


kol -de 


koll 


Jahr 




ongr 




Tag 


orgo 


top 




Nacht 


kolel 


faler 




Woche 


otorre 


kanda 




Freitag 


war 


candanian 


biseit 


Samstag 


samde 


warganian 


kuljenis 


Sonntag 


fin'gor 


wendeon 


unis- 


Montag 


fuinni 


alon 


wara 


Dienstag 


kideg6 


oganon 


sandak 


Mi