(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Philosophisches Jahrbuch"

"f-f 



3fT<4 ** 



^%Vn 






i * * - 



fc$W£ 



v>*> 



»,. / 



* ^. 



.^4r : 



Philosophisches Jahrbuch. 



Jahrgang 1915. 



'hllosophisches Jahrbuch. 



Auf Veranlassung und mit Unterstützung 

der 
Görres-Gesellscliaft 

unter Mitwirkung- von 



Dr. Jos. Pohle, 

o. ö. Prof. an der Universität 
zu Breslau 



und 



Dr. Chr. Schreiber, 

Prof. an der philos.-theol. Lehranstalt 
zu Fulda 



herausgegeben von 

Dr. Const. Gutberiet, 

Professoi an der philos.-theologischen Lehranstalt in Fulda. 




28. Band. 



/5-7K '* 



Fulda 1915. 

Druck und Kommissions- Verlag der Fuldaer Actiendruckerei. 



Inhalt des Philosophischen Jahrbuches. 

28. Jahrgang. 1915. 



I. Abhandlungen. Seite 

1. Begodt, Die Bedeutung des Wortes <pavraaia bei Plato . 490-502 

2. Brühl, N, Die spezifischen Sinnesenergien nach Joh. Müller 

im Lichte der Tatsachen 23—54 

3. Cavelti, S., Zur Frage der Sinnesqualitäten 514—530 

4. Dyroff, A., Ueber Heinrich und Dietrich von Freiberg . 55—63 

5. — , Martin Deutinger als Vorläufer der Wertphilosophie . 457—475 

6. Geis, R., Logische Gefühle 329-343 

7. Gemelli, A., und Olgiati, F., Die zeitgenössische Philo- 
sophie in Italien 1-22, 145—165 

8. Gotthardt, J., Zur ältesten Geschichte des Wahrheits- 
begriffs 212-228 

9. Grabmann, M., Welchen Teil der Aristotelischen Politik 

hat der hl. Thomas von Aquin selbst kommentiert? . . 373—379 

10. Gutberiet, C., Swante Arrhenius über die Unendlichkeit 

der Welt 476-489 

11. Rüther, J., Der eleatische Gottesgedanke und das onto- 

logische Argument . . .• 200—211, 344-372 

12. Seitz, A.,' Kants „Kritizismus" 166-199 

13. Thome, J , Kants Stellung zu den Gottesbeweisen in seiner 
vorkritischen Periode 380—396 

14. Virnich, Th., Studie zum Kausalproblem 64—69 

15. Wunderle, G., Experimentelle Psychologie und praktische 
Pädagogik 503 — 513 

II. Rezensionen und Referate. 

1. Aster, E.V., Prinzipien der Erkenntnislehre (S. Aicher) 401—403 

2. Bach, E., Die Feindesliebe nach dem natürlichen und dem 
übernatürlichen Sittengesetze (Chr. Sc her er) . . . . 90—92 

3. Baum gar tner, M., Friedr. Ueberwegs Grundriss der Ge- 
schichte der Philosophie. II. Die mittlere oder die patristische 

und scholastische Zeit (Ed. "Hart mann) 432 f. 

4. Becher, E., Naturphilosophie (Ed. Hartmann) . . . 410-413 

5. _ Weltgebäude, Weltgesetze, Weltentwicklung (E. Hart- 

' mann) 531-532 

6. Brühl, N., Die spezifischen Sinnesenergien nach J.Müller 

im Lichte der Tatsachen (C. Gutberiet) 419—423 

7. Brunswig, A., Das Grundproblem Kants (G. Wunderle) 541—546 



' Seite 

8. Bund, II., Die Naturwissenschaft als Stützpunkt des reu- 

en Lebens (C. G utbe riet) 242 f. 

9. Cathrein, V., Die Einheit des sittlichen Bewusstseins der 
Menschheit (C. Gutberiet) 246-248 

10. Ettlingen M., Die Aesthetik Martin Deutingers in ihrem 
\W-rden, Wesen und Wirken (J. A. End res) 249—251 

11. Frischeisen-Köhler, Jahrbücher der Philosophie (E. 

II a r t m a n n) 547 f. ; 

12. Geuter, P., Der Farbensinn und seine Störungen (G. Gut- 
beriet 416—419 

13. Geyser, J., Die Seele, ihr Verhältnis zum Bewusstsein und 

zum Leibe (Ed. Hartmann) 85 f. 

11. Graf, G., Des Theodor Abu Kurra Traktat über den Schöpfer 
und die wahre Religion (Ed. Hart mann) 94 

15. Gredt, J., De cognitione sensuum externorum (AI. Mager) 229 — 241 

16. Gutberiet, C., Experimentelle Psychologie mit besonderer 
Berücksichtigung der Pädagogik (G. Wunderle) . . . 539-541 

17. Klein, J. , Der Gottesbegriff des Johannes Duns Skotus, 

vor allem nach seiner ethischen Seite betrachtet (H. Klug) 423—431 

18. Kleinpaul, R., Volkspsychologie: Das Seelenleben im 
Spiegel der Sprache (G. Wund er Le) 415 

19. Kroll, J., Die Lehren des Hermes Trismegistos (E. Hart- 
mann) 92 

20. Läpp, A., Die Wahrheit (G Wunderle) 403 f. 

21. Leisegang, H. , Die Begriffe der Zeit und Ewigkeit im 
späteren Piatonismus (Ed. Hart mann) 93 f. 

22. Meier, M., Descartes und die Renaissance (Chr. Schreiber) 94 f. 

23. Meumann, E., Intelligenz und Wille (S. A ich er) . . 313—315 

24. Müller, AI., Wahrheit und Wirklichkeit (J. Schnippe n- 
kötter) 397—400 

25. Oester reich, K., Friedrich Ueberwegs Grundriss der Ge- 
schichte der Philosophie. IV. Teil. Das neunzehnte Jahr- 
hundert und die Gegenwart (E. Hartmann) 546 f. 

26. Ostwald, W., Moderne Naturphilosophie. I. Die Ordnungs- 
wissenschaften (J. Schnippenkötter) 404 — 410 

27 Pletachi tte, (>., Der alte Gottesbeweis und das moderne 

li.nken (E. Rolf es) 244 f. 

Po ch, Fr., Die neuere Kritik der Entwicklungstheorie 

Gutberiet) 72—79 

29 Rade mache r, A., Der Entwicklungsgedanke in Religion 

and Dogma (C. Gutberlct) 79—84 

Riezler, K., Die Erforderlichkeit des Unmöglichen. Pro- 
imena zu cum;!- Theorie der Politik und zu anderen Theo- 
rien C Gutberiet) 534-538 

31. Schilling, G., Lehrbuch der Psychologie (R. Stölzle) 533 f. 



VII 

Seite 

32. Switalski, B. W., Zur Analyse des Subjektsbegrifis 

(Chr. Schreiber) 70—72 

33. Wartensleben, G. Gräfin, Die christliche Persönlichkeit, 

ein Idealbild . . . . , 86-88 

34. Wasmann, E., Das Gesellschaftsleben der Ameisen. Das 
Zusammenleben von Ameisen verschiedener Arten und von 
Ameisen und Termiten (R. Stölzle) 533 

35. Weingärtner, G., Rudolf Euckens Stellung zum Wahr- 
heitsproblem (Chr. Schreiber) 95—99 

36. Würschmidt, J., Dietrich von Freiberg: Ueber den Regen- 
bogen und die durch Strahlen erzielten Eindrücke (Ed. 

H a r t m a n n) 92 f. > 

37. Wundt,W., Probleme der Völkerpsychologie (M.Heidegger) 88—90 

III. Zeitschriftenschau. 

1. Annales de philosophie chretienne 109—111 

2. Archiv für die gesamte Psychologie 434—439 

3. Archiv für Geschichte der Philosophie 442—445 

4. Archiv für systematische Philosophie 257—261 

5. Archives de Psychologie 445—449 

6. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie . . 265 f. 

7. Psychologische Studien 254—257 

8. Revue de metaphysique et de morale 112 f. 

9. Revue de Philosophie 107—109 

10. Revue Neoscolastique de Philosophie . . 111 f. 

11. Revue philosophique de la France et de l'Etranger . . . 449—451 

12. Rivista di Filosofia 113—117, 451 

13. Rivista di Filosofia Neo-Scolastica 117-126,451—453 

14. Vierteliahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie und 
Soziologie jdo i. 

15. Zeitschrift für Philosophie und Pädagogik 126-128 

16. Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik 106 f., 

261—263, 439-442, 553 f. 

17. Zeitschrift für Psychologie . . . 103-106, 252-254, 549-553 

18. Zeitschrift für Sinnespsychologie 100—103 

IV. Novitätenschau des Jahres 1914. 

I. Allgemeines. 

A. Lehrbücher der Philosophie 267—269 

B. Philosophische Zeitschriften 269—277 

C. Sammelwerke und einzelne Schriften berühmter 
Philosophen 277—281 

D. Philosophische Schriften vermischten Inhalts . . . 281—290 



VIII 

beit« 



II. Logik und Erkenntnistheorie. 

A. Lehrbücher 290 f. 

B. Beiträge zur Logik und Erkenntnistheorie .... 291 f. 

III. Psychologie. 

A. Lehrbücher 293 f. 

B. Beiträge zur empirischen Psychologie 294—296 

C. Beiträge zur rationellen Psychologie 296 f. 

IV. Naturphilosophie und Anthropologie .... 297—300 
V. Theodicee 300 f. 

VI. Allgemeine Metaphysik und Ontologie . . . 301 
VII. Ethik, Natur- und Völkerrecht; Sozial- und 
Rechtsphilosophie. 

A. Lehrbücher und allgemeine Darstellungen . . . . 301 f. 

B. Beiträge zur Ethik 302—304 

C. Beiträge zur Gesellschaftslehre und zum Völkerrecht 304—306 
VIII. Aesthetik und Theorie der schönen Künste . . o06 f. 

IX. Religionswissenschaft. 

A. Religionsphilosophie 308 f. 

B. Vergleichende Religionsgeschichte 309 f. 

X. Geschichte der Philosophie. 

A. Lehrbücher und allgemeine Darstellungen . . . . 311 f. 

B. Beiträge: 

a) Zur anlik- heidnischen Philosophie 312 

b) Zur mittelalterlichen Philosophie 312 — 314 

c) Zur neueren Philosophie 314 t. 

d) Zur neuesten Philosophie 315 — 319 

V. Miszelleu und Nachrichten. 

1. An der Grenze des Fixsternhimmels 327 

2. Der Lichtäther 129—132 

Die Theosophische Reform 454-456 

4. Die zehn Hauptlehren der theosophischen Weltanschauung 326 f. 

5. Jenseits von Optimismus und Pessimismus . . .., . . 555 f. 
<i. Lateinische Übersetzungen der Aristotelischen Analytica 

poeteriora (Clemens Baeumker) 320—326 

7. Protagoras, Nietzsche und Stirner 132 — 135 

8. Ueber die psychischen Unterschiede von Knaben und Mädchen 135—139 

9. Weltanschauung der notwendigen Selbstentstehung . . . 139 — 142 
1". Zur Chronologie einiger Schriften des hl. Thomas (P. Minges) 142 f. 
11. Zur Psychologie Alexanders von Haies (P. Minges) . . 143 

Brackfehlerberichtigaiig : .Mager statt Mayer . . . . . 556 



Philosoph. Jahrbuch der Görres - Gesellschaft. 

28. Band. 1. Heft. 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 

Von Univ.-Prof. A. Gemelli 0. F. M. und F. Olgiati in Mailand. 



Wir können bei unserer Uebersicht über die zeitgenössische 
italienische Philosophie nur die Hauptrichtungen berücksichtigen.' Wir 
scheiden alle jene, zum Teil recht beachtenswerten, Gedankengänge 
aus, die keine wahre und eigentliche Bewegung hervorzubringen in 
der Lage waren. Diese Hauptrichtungen in Gruppen zu ordnen, ist 
nicht immer leicht, da ihre grundlegenden Ideen in fortwährender 
lebensvoller Entwicklung begriffen sind. Trotzdem geben wir uns 
der Hoffnung hin, dass aus unserer zusammenfassenden Darstellung 
mit aller Klarheit sich zum Beispiel ergeben wird, dass der Idealis- 
mus des Benedetto Croce nicht der Idealismus Hegels ist, der Posi- 
tivismus des Roberto Ardigö nicht der Positivismus von Aug. Comte, 
unsere Neuscholastik nicht die Neuscholastik der Universität Löwen. 
Worauf es uns ankommt, ist nicht eine blosse Aufzählung von Theo- 
rien und Philosophen, sondern das Eindringen in den Geist der 
Systeme, in ihre Entwicklung, in ihre hervorstechenden Merkmale, 
in ihre voraussichtliche künftige Richtungnahme. 

I. 

Die in Italien gegenwärtig vorherrschende philosophische Ten- 
denz ist ohne Zweifel der absolute Idealismus. 

Schon im verflossenen Jahrhundert war, mehr durch die Tätig- 
keit Bertrando Spaventas als durch das Verdienst August Veras, im 
südlichen Italien der Hegelianismus vertreten worden. Doch der 
Schüler Spaventas waren wenige, und niemand hätte, bei den da- 
maligen Triumphen des Positivismus, die Siege voraussehen können, 
die der neu-hegelianische Idealismus heute erringt, dank der Tätig- 
keit eines Benedetto Croce, eines Giovanni Gentile und ihrer Zeit- 
schrift ,,La Critica". 

1. Croce, ein Stubengelehrter, der niemals auf einem Lehr- 
stuhl doziert hat, der sich aber rühmen kann, auf die Geister einen 
Einfluss ausgeübt zu haben, den kein staatlicher Professor sich bis 
dahin träumen konnte, hat einen solchen Enthusiasmus geweckt, 
dass einer seiner gelehrten Gegner, Emilio Chiocchetti, mit Recht 
schreiben konnte, Italien sei voll seines Namens. 

Ohne den Gründen dieser Tatsache nachzugehen, ohne die Ver- 
dienste dieses Denkers für das Aufleben der philosophischen Studien 

Philosophisches Jahrbuch 181ü. 1 



A. Gemelli und F. ölgiati.. 

durch seine zahl reichen Veröffentlichungen und durch seine Ausgabe 
der ..Klassiker der modernen Philosophie" aufzuzählen, wollen wir 
einen Abriss seines Systems vorlegen. 

..Es ist unsere feste Ueberzeugung", schrieb Croce, „dass die Philo- 
sophie nicht aufstehen und vorwärtsschreiten kann, ohne irgendwie wieder 
:ni Hegel anzuknüpfen. Hegel war der letzte und zugleich der vorzüg- 
lichste Vertreter der idealistischen Bewegung, die auf die kantische Kritik 
folgte, die zwar die Idee der Synthese a priori errungen, aber das caput 
mortuum des Dinges an sich und das andere caput mortuum der prakti- 
schen Vernunft als Fundament theoretischer Behauptungen hinterlassen 

hatte . . ." 

„Hegel, mit seinen beiden grossen Vorläufern Fichte und Schelling, er- 
kannte, dass, wenn der Mensch nicht alles wissen kann, er nichts wissen 
kann; Hegel hielt die Objektivität der Erkenntnis aufrecht, widersetzte sich 
jeder' Transzendenz, überwand die launenhaften und oberflächlichen opti- 
mistischen und pessimistischen Wertungen und verstand es, das Denken 
mit der Wirklichkeit, das Wissen mit dem Leben zu versöhnen. Sein 
Ideal der Philosophie verkörpert das wahre und immerwährende Bedürfnis 
des menschlichen Geistes. Nach ihm dann wurde die Welt von neuem 
auseinandergerissen in Schein und verborgene Wirklichkeit, in Materie und 
unbekannten Gott, in sinnlose Tatsachen und transzendente Werte. Die 
Philosophie wurde vom Throne gestossen . . ., und um Duldung zu finden, 
liess sie sich zu Sklavendiensten herbei, die Instrumente der Physiker und 
Physiologen zu putzen und ihre Tatsachensammlungen in guter Ordnung 
zu halten. Daher die jetzt fühlbar werdende Notwendigkeit eines An- 
schlusses an die klassischen Idealisten und an Hegel, dessen Erkenntnis- 
begriffe als System und als Ganzes wir mit aller Macht in die Wirklichkeit 
umsetzen müssen". Diese Notwendigkeit des Ausgehens von Hegel betont 
Benedetto Croce um so mehr, als er die Ueberzeugung hat, dass der Philo- 
soph von Stuttgart die letzte Höhe darstellt, zu der die moderne Speku- 
lation emporgestiegen ist. 

Natürlich handelt es sich nicht darum, die Philosophie Hegels mecha- 
nisch zu wiederholen, nicht bloss weil „im Hegelianismus grosse Wahr- 
heiten und zugleich grosse Irrtümer im einzelnen sich finden, welch 
letztere einer Ueberprüfung bedürfen", sondern auch weil „bei den wahren 
Philosophen immer etwas unterhergeht, welches mehr ihnen selber ange- 
hört, und dessen sie sich nicht bewusst sind; und das ist der Keim zu 
einem neuen heben. Maschinenmässig die Philosophen wiederholen, heisst 

en Keim ersticken, seine Entwicklung und sein Auswachsen zu einem 
neuen und vollkommeneren System verhindern". Croce will somit die 
Philosophie Hegels überwinden in der Art, die er vorgezeichnet hat in 
seinem Buche: „Das was lebendig und das was tot ist an de r 
Philosophie Hegels" („Ciö che e vivo e ciö che e morto della lilo- 

i di Hegel- 

• abschliessende Eroberung des Hegeischen Systems ist nach Croce 
die Immanenz und das konkrete Allgemeine, oder die Lehre von der 
Wirklichkeit als Geist und als Dialektik der Gegensätzlichen „Der Geist 
l-t ganz das Peale; das ist der Schluss, zu dem das philosophische Denken 

ingi ist seil di n Griechen und seit dem Christentum bis zu den nach- 

kantischen Auffassungen, der Schluss, den Hegel besser als jeder andere 

letzt". ..Wer die Menschenwürde, die Würde des Denkens fühlt, 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 3 

der kann sein Genüge in keiner andern Lösung der Gegensätze und der 
Dualismen finden als in der Dialektik, die Hegels Genius errang", welcher 
der Wirklichkeit ihre aus der Einheit in der Gegensätzlichkeit resultierende 
Konkretheit wiedergab. Die Wirklichkeit ist nicht leere Gleichheit noch 
reine Gegensätzlichkeit, sondern tiefe Einheit der Gegensätzlichkeit. „Die 
Gegensätze sind keine Täuschung, und Täuschung ist auch nicht die Ein- 
heit. Die Gegensätze sind Gegensätze unter sich, aber keine Gegensätze 
gegenüber der Einheit, denn die wahre und konkrete Einheit ist nichts 
als Einheit oder Synthese von Gegensätzlichkeiten: sie ist nicht Still- 
ständigkeit, sie ist Entwicklung. Der philosophische Begriff ist universal 
konkret, und deshalb ist er Denkung der Realität als in ihrer Gesamtheit 
geeinter und geteilter''. Hegel bewies diese Wahrheit gut in der ersten 
Trias seiner Logik: Sein, Nichts, Werden. „Was ist das Sein ohne das 
Nichts — das reine, unbestimmte, unqualifizierbare, unaussprechbare, das 
Sein im allgemeinen, nicht dieses oder jenes Sein im besonderen? in 
welcher Weise unterscheidet es sich vom Nichts? Und was ist anderseits 
das Nichts ohne das Sein, das Nichts in sich aufgefasst, ohne Bestimmt- 
heit, ohne irgendeine Bezeichnung, das Nichts im allgemeinen, nicht das 
Nichts dieses oder jenes Dinges im besonderen, worin unterscheidet es 
sich von jenem Sein ? . . . Ausserhalb der Synthese vermengen sich die 
beiden Termini abstrakt genommen unter einander und wechseln ihre 
Rollen: Die Wahrheit ist nur im Dritten, und zwar für die erste Trias 
im Werden, welches deshalb, wie Hegel sagt, der erste konkrete Begriff 
ist". Konkreter Begriff, fügt derselbe Philosoph hinzu, der die Wirklichkeit 
umfasst in ihrem unerschöpflichen Reichtum, in ihrem Rhythmus, in ihrer 
Bewegung. 

Aber wenn der Geist die Synthese von Gegensätzlichen (von Sein 
und Nichts, von Gut und Bös, von Wahr und Falsch usw.) ist und auf 
diese Gegensätzlichen die Hegeische Trias Anwendung findet, so ist er doch 
auch Synthesis von Unterschiedenen (von Schön und Wahr, von Wahr und 
Nützlich, von Nützlich und Gut). Hier ist die Stelle, wo Hegel irrt. Nicht 
erwägend, dass „das Wahre zum Falschen nicht in derselben Beziehung 
steht, in der es zum Guten steht, dass das Schöne zum Hässlichen nicht 
in derselben Beziehung steht, in der es zur philosophischen Wahrheit 
steht", „fasste er dialektisch, nach Art der Dialektik der Gegensätzlichen, 
den Zusammenhang der Stufen". 

Stattdessen müssen die Unterschiedenen, oder auch die spiritualen 
Formen, verschieden aufgefasst werden, nämlich als Momente der Aktivität 
des Geistes, der Art jedoch, dass ein Unterschiedenes hinsichtlich des 
anderen Unterschiedenen sich verhalte wie ein niedrigerer Grad hinsichtlich 
eines höheren Grades, der nicht ohne den niederen bestehen kann. Er- 
klären wir uns: Groce unterscheidet im Geist zwei Aktivitäten, die theo- 
retische und die praktische; jede dieser beiden wird untereingeteilt in 
zwei Stufen : die theoretische Aktivität wird eingeteilt in eine phantasie- 
hafte Stufe (und wir haben dann die Intuition oder die Kunst) und in eine 
logische Stufe (und wir haben dann den Begriff oder die Philosophie); 
die praktische Aktivität wird unterschieden in eine ökonomische (indivi- 
duelle oder nützliche) und in eine ethische (universelle oder gute oder 
moralische). 

Diese vier Formen, geschieden und geeint zugleich, schliessen einander 
ein, denn wenn einerseits die Intuition bestehen kann ohne den Begriff, 
und die theoretische Aktivität existieren kann ohne die praktische, und 

1* 



A. (i em eil i und F. Olgiati 



6 



wenn es eine nützliche Tätigkeit geben kann, die weder moralisch noch 
unmoralisch ist, so erhebt sich doch anderseits der Begriff über der Intuition, 
der praktische Akt über dem theoretischen Akt, und es existieren keine 
moralischen Tätigkeiten, die nicht zugleich vollkommen nützliche oder 
ökonomische wären. Man versteht daher, wie die höhere Stufe immer die 
niedere in sich schliesst, wie man auch begreift, dass der Geist ein Kreis 
ist, in welchem das Letzte Materie des Ersten wird : die praktische Akti- 
vität in der Tat, die Empfinden, Erstreben, Wollen ist, treibt die Intuition 
an und die Kunst und so fort. 

Ohne jetzt beim Nachweis zu verweilen, wie für Croce diese Ver- 
mengung zwischen der Synthese der Gegensätzlichen und dem Zusammen- 
hang der Unterschiedenen die Wurzel aller anderen Irrtümer Hegels sei, 
wollen wir ein Wort anfügen über die vier spiritualen Formen, die ihm 
die Einteilung seiner Philosophie des Geistes eingegeben haben. 

Die erste. Form des theoretischen Geistes ist die intuitive Erkenntnis. 
Ausserhalb, entweder vor oder unter, dem intuitiven Akt ist die Sensation, 
ist die formlose Materie, die der Geist niemals in ihr selber erreichen 
kann, insofern sie reine Materie ist, und die er nur mit der Form und in 
der Form besitzt. Und die Materie, umkleidet und überwunden von der 
Form , gibt Platz der „konkreten Form" oder der Kunst. In seiner 
Aesthetik und in anderen Werken hält Croce gegen die empirische, 
praktizistische, intellektualistische, agnostizistische, mystische Aesthetik seine 
Aesthetik der reinen Anschauung aufrecht; sie enthält und umschliesst den 
Wahrheitsteil aller anderen Theorien und überwindet sie daher endgültig. 
Die Kunst ist, nach dem Leiter der Critica, reines Scheinen, reine Vor- 
stellung, reine Intuition. „Die Kunst beruht einzig auf der Phantasie; ihr 
einziger Reichtum sind die Vorstellungsbilder. Sie klassifiziert nicht die 
Objekte, sie gibt sie nicht als wirkliche oder vorgestellte aus, sie qualifi- 
ziert sie nicht, sie definiert sie nicht: sie fühlt sie und stellt sie dar, 
nichts mehr. Und deshalb ist die Kunst, insofern sie nicht abstrakte, 
sondern konkrete Erkenntnis ist und eine Erkenntnis ist, die das Reale 
ohne Veränderungen und Verfälschungen sammelt, Intuition; und insofern 
sie das Reale vorlegt in seiner Unmittelbarkeit, nämlich noch nicht ver- 
mittelt und geklärt durch den Begriff, ist sie reine Intuition zu nennen". 
Die Intuition ist sodann identisch mit der Expression; intuieren ist expri- 
mieren: „im aesthetischen Faktum fügt sich die expressive Aktivität nicht 
dem Faktum der Impressionen an, sondern diese werden von ihr ausge- 
arbeitet und gebildet. Sie erscheinen wieder in der Expression wie das 
Wasser, welches in einen Filter gegossen ist und als dasselbe und zugleich 
als verschieden auf der andern Seite des Filters wieder erscheint"; sodass 
„man mit Recht sagt, dass die Kunst reine Form ist, und dass Materie 
und Form, Inhalt und Form, in der Kunst ganz Eins ausmachen". Nicht 
genug: eben weil reine Intuition, ist die Kunst wesentlich Lyrik. Denn 
wenn die Intuition wirklich rein .ist von aller Abstraktion und allem be- 
grifflichen Element, so wird sie nur darstellen können „den Willen in 
seinen Offenbarungen, oder auch: sie kann nichts anderes darstellen als 
Geisteszustände", d. h. die Leidenschaftlichkeit, das Gefühl, die Persönlich- 
keit, die sich in jeder Kunst finden und die deren lyrischen Charakter 
bestimmen. Die Kunst schliesslich ist individual und amoralisch, denn sie 
ist der Ausdruck der Gefühle und der Impressionen des Individuums im 
Augenblick da dieses sich exprimiert; wenn es sich gut exprimiert, ist es 
ein Künstler, auch wenn es moralisch ein Schurke isl. Wenngleich es 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 5 

Aufgabe der Moral ist, die Grenzen der Freiheit in der Verbreitung der 
Mittel der künstlerischen Reproduktion oder der Veräusserlichung des 
aesthetischen Faktums festzusetzen, so ist die Kunst in sich doch weder 
moralisch noch unmoralisch. Und mit der Kunst identifiziert sich die 
Sprache, welche gleichfalls nur die Expression von Impressionen ist. 

Wie die Kunst die Erkenntnis des Individualen ist, so ist der Begriff 
Denkung des Universalen, welche, während sie mit der Vorstellung den 
Charakter der Expressivität gemeinsam hat (denn der Begriff existiert und 
kann existieren nur in den intuitiven und expressiven Formen oder in der 
Sprache), sich von ihr gründlich unterscheidet in zwei anderen Charakter- 
zügen, welche einen einzigen bilden: im Charakterzug der Universalität 
und dem der Konkretheit. Der Begriff ist universal, d. h. transzendent in- 
bezug auf die einzelnen Vorstellungen, und wegen dieser Universalität ist 
keine oder keine Zahl dieser Vorstellungen in der Lage, den Begriff zu 
decken (adeguare): der Begriff der Finalität zum Beispiel ist derart, dass 
man nicht ein Stück Realität, so um. fangreich es auch sei, erfassen kann, 
welches in sich die Finalität erschöpfen würde. Und er ist auch konkret, 
denn „wenn der Begriff universal und transzendent ist in Hinsicht auf die 
einzelne Vorstellung, so ist er doch immanent in jeder einzelnen Vor- 
stellung und deshalb in allen Vorstellungen. Seine Transzendenz ist also 
zugleich Immanenz": es gibt kein Stück der Wirklichkeit, so klein es auch 
sei, auf das der Begriff der Finalität nicht Anwendung fände, und dem 
dieser Betriff nicht immanent wäre. 



'»* 



Das ist der wahre Begriff, der reine Begriff, der wohl zu unterscheiden 
ist von den empirischen Pseudobegriffen der Naturwissenschaften und von 
den abstrakten Pseudobegriffen der mathematischen Wissenschaften. Die 
ersten in der Tat sind konkret, ohne universal zu sein, die zweiten sind 
universal, ohne konkret zu sein, und deshalb sind die einen wie die 
andern willkürlich und haben keinen theoretischen Wert, so nützlich 
und praktisch sie auch sind. Den Naturwissenschaften und der Mathematik 
spricht also Croce den Wahrheitswert ab ; er vervollständigt und unter- 
schreibt somit von einem philosophischen Gesichtspunkte aus die viel- 
fachen Kritiken, die von Poincare bis Le Roy, von Bergson bis Rickert 
gegen die Wissenschaften und deren Gesetze erhoben wurden. — Wenn 
der Begriff universal konkret ist, so ist er auch individuales Urteil, denn 
er ist Einheit von Individualem und Universalem, ist Synthese von sich 
und Intuition, Auffassen und Verstehen ist Urteilen, wie Urteilen Definieren 
ist. Das individuale Urteil in solcher Art ist die ganze Erkenntnis, die 
wir jeden Augenblick hervorbringen, die ganze Realität. Und indem 
Croce diesen Gedanken logisch entwickelt, schliesst er mit der Gleich- 
setzung der Geschichte und Philosophie, denn die eine wie die andere 
ist universaler konkreter Begriff, Synthese des intuitiven Elementes, 
d. h. der Vision des geschehenen Ereignisses, mit dem Begriff oder 
Denkung des Ereignisses, welche das reine geschaute Ereignis um- 
bildet zum Subjekt eines individualen Urteils oder einer geschichtlichen 
Erzählung. Aber wenn Croce auf der einen Seite in seiner Logica die 
Heterogeneität von Philosophie und Wissenschaft und die Identität von 
Philosophie und Geschichte verkündet, so spricht er auf der andern Seite 
der Religion das Recht ab, sich als ein autonomes Moment des Geistes 
auszugeben. Für ihn ist die Religion eine mythologische und unvoll- 
kommene Philosophie, die dem Philosophen die Materie liefert, welche in 



6 A. Gemelli und F. Olgiati. 

reine Form umgewandelt werden muss, d. h. in jene reflexe und vervoll- 
kommnete Religion, als welche die Philosophie zu gelten hat. 

Ueber der theoretischen Aktivität erhebt sich dann die praktische 
Aktivität. Und wie Croce in jener die Religion ausgeschlossen hatte, so 
weist er auch in dieser die spirituale Form des Gefühles zurück. Und es 
ist nicht dies allein eine seiner bemerkenswertesten Thesen : die praktische 
Genesis des Irrtums, die zuzuschreiben ist „der unberechtigten Ueber- 
tragung einer theoretischen Form auf eine andere und eines theoretischen 
Produktes auf ein anderes von ihm verschiedenes" ; die Identität von 
Handlung und Wollung und die Unterscheidung zwischen Wollung und 
Geschehnis; die Theorie der Freiheit, welche sich entgegenstellt dem De- 
terminismus und dem Arbitrarismus und den unlöslichen Zusammenhang 
von Notwendigkeit und Freiheit im Willensakt behauptet, insofern dieser 
immer entsteht über einem geschichtlichen Ergebnis, über einer determi- 
nierten und notwendigen Ereignislage, und immer etwas Neues und Freies 
hervorbringt; die Kritik der Werturteile; die Dialektik des Guten und 
Bösen, die das Gute auffasst als die Realität und das Böse als die Nicht- 
realität des Willens, sodass das Böse, wenn es real ist, nicht existiert 
ausser im Guten, das ihm entgegengesetzt ist und es besiegt (eine Auf- 
fassung, die verbunden ist mit der anderen vom Werden, betrachtet als 
Synthese von Sein und Nicht-Sein, und die den Optimismus und den 
Pessimismus überwindet) — alle diese Lehren werden von Croce weit- 
läufig entwickelt in seiner Studie über die praktische Aktivität im all- 
gemeinen. 

Die praktische Aktivität in ihren Spezialformen teilt er, wie wir sagten, 
hinwieder ein in die ulilitarische oder ökonomische und in die moralische 
oder ethische Aktivität. 

Der Willensakt als ökonomischer kann uns genügen als Individuen in 
einem bestimmten Punkt der Zeit und des Raumes ; als moralischer jedoch 
genügt er uns als über Zeit und Raum transzendenten Wesen, „befriedigt 
uns, nicht als Individuen, sondern als Menschen, und als Individuen nur 
insofern wir Menschen sind, und insofern wir Menschen sind, nur ver- 
mittels der individualen Befriedigung". 

Das Nützliche ist amoralisch oder vormoralisch, während der ethische 
Akt nicht unnützlich sein kann. „In dieser Möglichkeit unabhängiger Existenz 
der Utilität liegt das Moment der Unterscheidung, in der Unmöglichkeit 
der unabhängigen Existenz der Moralität liegt das Moment der Einheit . . . 
Die Moralität lebt konkret in der Utilität, das Universale im Individualen, 
das Ewige im Zufälligen". 

Folgerichtig bekämpft Croce die Negationen der ökonomischen Form 
und den moralischen Abstraktismus, der dem Begriffe „nützlich" den Posten 
streitig macht, der ihm im Organismus des Geistes zukommt, und er wider- 
setzt sich auch kraftvoll den Versuchen des Utilitarismus, Assoziationismus 
und Evolutionismus, welche die ethische Form unterdrücken möchten. 
„Der philosophischen Betrachtung", schreibt er, „leuchtet nach den viel- 
fachen und immer vergeblichen Versuchen des Utilitarismus lebendiger ent- 
gegen die Unterscheidung zwischen dem individualen Nützlichen und jenem, 
das zugleich überindividual ist; die Bejahung der moralischen Form, als 
geeinte und geschiedene zugleich, von der utilitarischen ; die Autonomie 
der Ethik gegen jeden Utilitarismus und jede heteronome Ethik". Man 
wird hieraus leicht sein Urteil verstehen hinsichtlich der Frage, ob das 
Prinzip der Ethik formal oder material sei. Es ist formal, antwortet er, insofern 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 7 

der moralische Akt immer dasjenige ist, welches das Einzelne oder die 
Gruppen von Einzelnen überwindet, und Wollung des Universalen ist, d. h. 
das Universale liebt, welches überall ist und in keinem Einzelding und in 
keiner auch noch so unermes dienen Anzahl solcher sich erschöpft. 

Aber die formale Ethik ist zugleich raaterial, wenn man mit dieser Be- 
nennung sagen will, dass sie abgeben muss „nicht so sehr die blosse logische 
Bedingung des ethischen Prinzips, als vielmehr dieses ethische Prinzip selber 
in seiner Konkretheit, bestimmend, was in ihrer Realität die moralische 
Wollung sei". Und indem er diese seine Hauptthesen entwickelt, hat der 
Verfasser Gelegenheit, bei tausend untergeordneten Theorien zu verweilen,, 
die aus jenen als notwendige Folgerungen entspringen: solche sind, um 
beispielsweise nur zwei anzuführen, die Lehre, welche die Rechtsphilo- 
sophie zurückführt auf die Philosophie der Oekonomie, und die Lehre von 
der Nichtrealität der Gesetze und von der Notwendigkeit, Fall für Fall 
zu arbeiten gemäss den geschichtlichen Bedürfnissen, da die Gesetze, so 
nützlich sie auch sind als Vorbereitungen für die synthetische und voll- 
kommene Wollung, doch nicht die reale und effektive Wollung selber bilden. 

Das ist in Kürze das System Benedetto Groces, welches zahl- 
reiche Anhänger zählt, und von dem man ausgehen muss, um die 
jüngste Haltung des italienischen Neuhegelianismus zu verstehen, 
die durch Giovanni Gentile von der Universität Palermo und seine 
Schule vertreten wird. 

2. Gentile, wie auch Guido de Ruggiero, Fazio-All- 
mayer und Giuseppe Saitta, sind nicht ganz befriedigt von der 
Philosophie Croces. Sie streben nach einem ,,aktualen Idealismus", 
nach „einer Lehre der absoluten Immanenz, die, wie absoluter 
Idealismus, zu gleicher Zeit auch wahrer und absoluter Positivis- 
mus sein soll". 

In seinem Werk über „Die zeitgenössische Philosophie" („La 
filosofia contemporanea") hält De Ruggiero dem Croce entgegen, dass, 
wenn die Realität Entwicklung ist, sie keine statischen Bestimmungen ver- 
tragen kann, die, weil statisch, unfähig sind, uns die konkrete Realität zu 
geben ; er sieht deshalb in der scheinbaren Einheitlichkeit des Croceanischen 
Gedankens einen tiefen Hiatus, einen ungelösten Widerspruch zwischen 
einer den lebensreichsten Dynamismus vertretenden Kultur und einer 
Vorliebe für Klassifikationen und Distinktionen, die dieses Leben zum Er- 
kalten bringt und die unfähig ist, es zu behaupten. Und er fährt fort: 
„Nach der Philosophie des Geistes ist die Autgabe der Philosophie 
unseres Erachtens die, in die Einheit von neuem die Unterscheidungen des 
Croceanischen Systems zu giessen, jedoch in der Weise, dass die berech- 
tigten Forderungen eingeschlossen werden, die von jenen Unterscheidungen 
erhoben werden". Auf diesen Weg hat sich Gentile begeben in einem in 
der philosophisohen Bibliothek von Palermo vor zwei Jahren veröffent- 
lichten Aufsatz „Der Akt des Denkens als reiner Akt" („Atto del 
pensare come atto puro") und insbesondere in seinem neuesten Werk: „Die 
Reform der Hegelianischen Dialektik" („La nforma della dialettica 
hegeliana"). 

Im Wiederanschluss an die Autfassung Spaventas betrachtet diese 
Schule jede Unterscheidung als abstrakt: die wahrp Konkretheit ist die 
Aktualität, der reine Akt, der indistinkt der ganze Geist ist. Nämlich nicht 



8 A. Gemelli und F. Olgiati. 

bloss in jedem Akt des Geistes ist der ganze Geist, denn der Geist ist 
notwendige Kreisförmigkeit,, sondern jedes Unterschiedene ist alle anderen 
Unterschiedenen, denn es gibt keine Unterscheidung. Der Geist ist Ak- 
tualität, reiner Akt, der keine Benennung hat, denn er ist die Einheit ohne 
Unterscheidung. Die Wirklichkeit ist Philosophie. „Demzufolge", erklärt 
De Ru<*giero, „ist die Kunst Philosophie, nicht in dem Sinne, dass sie 
Philosopheme ausdenke oder sich in eine höhere Erkenntnisform auflöse, 
sondern insofern sie spirituale Realität ist, d. h. geschichtliche Entwicklung. 
Demzufolge ist die Wissenschaft Philosophie, nicht als Erkenntnis einer dem 
Denken äusserlichen Realität, sondern als dieselbe spirituale Realität, welche 
die leere und unbewegliche Ewigkeit des Gesetzes aufstellt und auflösl. 
Und in demselben geschichtlichen Individuation prozess, welcher der Geist 
ist, wird die praktische Aktivität erfasst, die (insofern sie keine reine 
Praxis ist, sondern in sich reflektierte und selbstbewusste Aktivität) spiri- 
tuale Aktivität ist, reiner Gedanke. In dieser tiefen spiritualen Identität, 
welche die Verschiedenheiten der Aktivitäten des Geistes nicht annulliert, 
sondern anerkennt und bewahrheitet, geht die Philosophie aus dem einge- 
engten Partikularismus der Schulen heraus und ist die geschichtliche 
Realität selber in der Fülle ihrer Entfaltungen". 

Im Dienste dieses Programms wurden in den letzten Jahren mehrere 
Werke veröffentlicht, welche anzuführen sich lohnen dürfte, denn sie 
werden uns die Wendung erkennen lassen, die der italienische absolute 
Idealismus einzuschlagen im Begriffe steht. 

Nachdem Gentile in der oben angeführten Mitteilung erwähnt hat, das* 
es keine philosophische oder wissenschaftliche Forschung, kein Denken in 
irgend einer Form gibt ohne den Glauben des Denkens an sich selbst 
oder an den eigenen Wert, bemerkt er, dass das einzige Denken, dessen 
Wahrheit man behaupten kann, nicht das abstrakte Denken ist, sondern 
.las konkrete Denken; das wahre Denken ist nicht das Denken eines 
anderen oder unser gedachtes Denken, d. h. es ist nicht das Objekt des 
Denkens in seiner abstrakten Objektivität, sondern es ist das reale Denken, 
negiert in seiner abstrakten Objektivität und bejaht in einer konkreten 
Objektivität, die nicht ausserhalb des Subjektes ist, denn sie ist in Kraft 
des Aktes desselben. 

Deshalb ist das einzige konkrete Denken unser aktuales Denken. 
Ausserhalb dieser Aktualität besteht das Denken nicht, sondern das Ge- 
dachte, welches Natur ist, welches das in seiner Abstraktheit fixierte 
Denken ist. Und der dialektische Rhythmus des Denkens ist gerade das 
Sichverwandeln des Denkens in Gedachtes, des Aktes in das Ereignis, 
um dann ewig aufzuerstehen aus sich selber. Das konkrete Denken 
ist wahr, eben weil unser oder aktual. Das, was wir aktual denken, 
wenn wir es denken, d. h. wenn wir es objektiv setzen, das denken wir 
als Wahrheit: der Irrtum ist das Denken, welches man nicht denken 
kann, das Wahre ist das Denken, welches man nicht nicht denken kann : 
zwei Notwendigkeiten, welche eine einzige Notwendigkeit sind. Das absolut 
aktuale Denken ist universal durch seine Notwendigkeit selber, in dem 
Sinne dass, insofern es notwendig ist, es sich setzt als Denken nicht eines 
partikularen Denkenden, von dem die anderen ebenfalls partikularen Den- 
kenden abweichen können, sondern als Denken eines, der für alle denkt. 
Und Gentile fährt fort, indem er zeigt, dass das Wir, Subjekt unseres 
Denkens, nicht das Ich ist, welches gegen sich das Nicht-Ich (das andere) 
oder die anderen [ch (die anderen) hat; und deshalb nicht das empirische 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 9 

Ich ist . sondern das absolute Ich. Er fügt hinzu, dass das Denken in 
seiner Aktualität und als universales Ich weder der Zeit noch der Zahl 
unterworfen ist; dass nichts das Denken übersteigt (trascende), sondern 
dass das Denken absolute Immanenz ist, und dass es ausserhalb des 
aktualen Denkens weder aktual noch potenzial die altera res gibt. Schliess- 
lich beschreibt er den ewigen Prozess des Denkens: ,,Hier bewegt sich 
das Denken kreisförmig, sich über sich selbst drehend und deshalb sich 
selbst als Sein vernichtend. Hier ist sein Leben, sein Werden : das Denken. 
Es gibt weder reine Thesis noch reine Antithesis: nicht Sein und nicht 
Nicht-Sein, sondern die Synthesis, jener einzige Akt, der wir sind, das 
Henken. Das Sein (Thesis) in seiner Abstraktheit ist nichts, d.h. nichts 
von Denken (welches das wahre Sein ist). Aber diesem Denken, welches 
ewig ist, 'geht niemals das eigentliche Nichts voraus. Vielmehr wird dieses 
Nichts von ihm gesetzt, und ist, weil nichts von Denken, Denken des 
Nichts, oder Denken d. h. alles. Nicht die Thesis macht die Synthesis 
möglich, sondern im Gegenteil die Synthesis macht die Thesis möglich, 
indem sie dieselbe mit ihrer Antithesis erschafft, d. h. sich selbst erschafft. 
Und deshalb ist der reine Akt Selbsterschaffung (autoctisi)". 

Auf der Grundlage dieser Prinzipien gibt uns Gentile in seinen zwei 
Studien „Der Begriff der Geschichte der Philosophie" und 
„Der Kreislauf der Philosophie und der Geschichte der 
Philosophie" die Lösung des Problems des Irrtums in der Geschichte des 
philosophischen Denkens und, einschlussweise, des Bösen in der Geschichte. 
Schärfster Verfechter der Wahrheit, die sich macht und die sich schafft, 
>agt er : „Der Irrtum, wenn er Platz hat, ist Wahrheit . . ., jeder spirituale 
Akt ist Wahrheitsakt, absolut in seiner Relativität, absolut in seinem ge- 
schichtlichen Moment". Der Irrtum wird Irrtum nur dann, wenn der Geist, 
sich verändernd, sich entwickelnd, lebend, ihn nicht überwinden will. Der 
Irrtum als solcher ist eine Abstraktion ; statt von Irrtum müsste man besser 
sprechen vom irrenden Geist, der immer wieder sich selbst verbessert, 
der immer irrt, weil er nimmer irrt, der im Begriffe steht, sich in einem 
unendlichen Leben zu realisieren, das nicht zu einem statischen und un- 
veränderlichen Abschluss kommt. Deshalb ist der Irrtum das was wahr 
war in seinem Augenblick, das was falsch ist in einem späteren Augen- 
blick, wenn es sich nicht vervollständigt in einem höheren Prinzip. In 
der Realität also, im aktualen Denken gibt es keine Unterscheidungen von 
Wahr und Falsch, von Gut und Bös, gibt es keine Dualismen. Der Ein- 
wand, dass dann der Irrtum so viel gelte als die Wahrheit, wäre glatter 
Piatonismus, wäre der Versuch, der modernen Philosophie, der Synthese 
a priori, der Einheit der Entgegengesetzten zu widerstehen und zu wider- 
sprechen. 

Eine andere Frage, jene der Beziehungen zwischen Wissen- 
schaft und Philosophie, wird aufgegriffen von De Ruggiero in 
seiner Schrift „Die Wissenschaft als absolutes Erfassen" 
(„La scienza come sapere assoluto"). 

Er unterscheidet zwischen der gemachten (fatta) Wissenschaft (die Tod 
ist) und der sich machenden (che si fa) Wissenschaft (die Leben ist). Klassi- 
fikationen, Schematismen, Abstraktionen sind ein einfacher Modus, die ge- 
machte Wissenschaft zu analysieren, der alles das entschwinden lässf, was 
in der Wissenschaft lebendiges Prinzip ist. Aber sie sind nicht die wahre 
Wissenschaft, die Wissenschaft als Aktualität und als effektuale und lebende 



10 A.Gemelli und F. 1 g i a ! i. 

Realität. Diese Wissenschaft muss man auffassen nicht sowohl als Objekt, 
sondern als Subjekt, d. h. als Aktivität des Gedankens, die nichts empfängt 
von anderen, sondern aus sich selber die eigenen Bestimmungen schafft. 
Man muss anerkennen die Identität von Wissenschaft und Bewusstsein 
und dass die Aktivität, durch welche die Welt der Wissenschaft geschaffen 
wird, dieselbe ist, durch welche ich mich schaffe als Bewusstsein. Die 
Wissenschaft ist nicht etwas Gegebenes, das ausserhalb und vor uns 
existiert, sondern sie ist selber die Erschaffung unser durch uns. Man 
kann nicht sagen, dass die Wissenschaft Erkenntnis von Realität ist, son- 
dern sie selber ist die konkrete und lebende Realität. Wenn also die 
Wissenschaft Entwicklung ist, Denkens-Aktualifät ist, so kann es über der 
Wissenschaft nicht eine grössere Konkretheit geben, und die Philosophie 
selber kann nichts anderes sein als die Wissenschaft, aufgefasst- in ihrer 
Dynamik, in ihrer Bewegung ; es ist also die Einheit von Wissenschaft und 
Geschichte, von Wissenschaft und Philosophie anzuerkennen. Und dieses, 
fügt De Ruggiero hinzu, heisst begreifen, was das synthetische Urteil 
a priori ist, "heisst verstehen die grosse Wahrheit der Lehre Fichtes vom 
Ich als Prinzip der Wissenschaft, heisst erfassen die Lehre von der Wissen- 
schaft als Selbsterschaffung des Ich. 

Immer mit Hilfe desselben Grundprinzips versucht Vito Fazio- 
Allmayer in seinem Buch „Materie und Wahrnehmung" 
(„Materia e sensazione") die Sinneswahrnehmung als Gegebnis auf- 
zulösen in die Sinneswahrnehmung als Akt. 

Für ihn ist „die Materie wie die Gesamtheit der Sinnesqualitäten eine 
Schöpfung des Geistes. Man muss nicht vom Gegebnis ausgehen, sondern 
vom Akt, welcher die beiden Zielpunkte Objekt und Subjekt hervorbringt. 
Man muss also die Seele als Aktivität auffassen, und dann wird man dahin 
gelangen zu verstehen, dass die Beziehung das wahre Erste ist und nicht 
das Subjekt oder Objekt, und es wird der Begriff Gegebnis aufgelöst 
werden, indem man zeigt, wie nichts dem Bewusstsein gegeben ist, sondern 
alles durch die Aktivität und von der Aktivität ist, welche Beziehung 
zweier Termini ist: Objekt und Subjekt". 

Um schliesslich eine andere Veröffentlichung dieser Schule an- 
zuführen, so glaubt Giuseppe Saitta in seiner Abhandlung über 
„Die Persönlichkeit Gottes und die Philosophie der 
Immanenz" („La personalitä di Dio e la filosofia dell'immanenza") 
jede Larve von Transzendenz zerdrücken zu können durch die voll- 
ständig entwickelte und begriffene Synthese a priori. 

Von seinem Gesichtspunkte aus bilden Gott und die Welt eine un- 
mittelbare, ursprüngliche Einheit. Diese Unmittelbarkeit löst sich auf, aber 
die Auflösung hat nicht im Gefolge eine neue Einheit, in Hinsicht auf 
welche die erste Einheit das erste reine Unbestimmte darstellen würde; 
vielmehr erhält sich die unmittelbare Einheit trotz ihrer Selbstbewegung 
und Schöpfertätigkeit immer als solche; die Mittelbarkeit ist nichts als 
Materie immer neuer Schöpfungen, mit einem Worte: der Geist ist un- 
mittelbar sowohl als unmittelbarer individualer wie auch als individualer 
persönlicher. Deshalb ist dio Persönlichkeit Gottes, weit davon entfernt, 
im Widerspruch mit der Philosophie der Immanenz zu stehen, deren frucht- 
bares Prinzip. Das Eine, das Subjekt. Gott ist, trotz des Werdens, identisch 
zu rieb selbst, kraft einer Identität, die nicht abstrakt, sondern konkrel ist; 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 11 

daher die Identität zwischen dem Sichmachen und dem Gemachtsein, 
zwischen dem göttlichen Leben und dem menschlichen Leben — Identität, 
welche Razionalität ist, und in der eben die neue Persönlichkeit besteht. 

Wie aus diesen wenigen Strichen erhellt, haben Giovanni Gentile 
und seine Schule ihrem Gedanken eine volle und systematische 
Entwickelung noch nicht gegeben; sie sind aber im Begriffe, den 
Neuhegelianismus in eine Richtung abzubiegen, die verschieden ist 
von derjenigen B. Croces. Letzterer hat in der Voce von Florenz 
das Bedürfnis empfunden, seinen Freunden entgegenzutreten. 

Denken, hält er ihnen vor, ist vereinheitlichen durch Unterscheidung 
oder unterscheiden durch Vereinheitlichung. Dieweil ihr die Unterscheidung 
selbst als abstrakt betrachtet, fallt ihr in eine mystische Stellung, die sich 
ausdrückt oder vielmehr sich nicht ausdrückt mit dem Unaussprechlichen. 
Umsonst versucht ihr, um eurem Mystizismus der Aktualität einen idea- 
listischen Ausdruck zu geben, im Akt die Natur oder den Mechanismus 
zu deduzieren oder entgegenzusetzen; umsonst greift ihr zur Unter- 
scheidung des Denkens und des Gedachten, des Aktes und des Gegeb- 
nisses, des Gegenwärtigen und des Vergangenen. Vor allem : wie wird 
jemals der Akt Gegebnis. wie wird die Spiritualität Mechanismus, wie zer- 
bricht sich die Aktualität und gibt den Ursprung ab für ein Vergangenes? 
Wenn es sich um ein nicht chronologisches, sondern logisches Vergangenes 
handelt, so ist das Wort „Vergangenes" einfache Metapher, welche effektiv 
die Unterscheidung einer Form des Geistes von einer anderen Form des 
Geistes zeichnet. Siehe da die verstohlene Wiedereinführung jenes Kri- 
teriums der Unterscheidung in die Philosophie der Aktualität, welches aus 
ihr verbannt worden war. Und was noch schlimmer ist, die Unterscheidung 
selber geht los wie der sprichwörtliche „Pistolenschuss", ohne Grund. 
Und dann, scheint euch nicht, dass das Gegebene, das Gedachte, das 
Vergangene nichts zu tun habe mit der Mechanizität und der Naturalität, 
denn während diese undenkbar ist, ist das andere ewig wiederdenkbar V 
Es bleibt auch ungerechtfertigt der Uebergang von der Aktualität zur 
Geschichte: die logische Konsequenz eures Prinzips von der immanenten 
Aktualität wäre, um die Wahrheit zu sagen, die Eintauchung in ein gegen- 
wärtiges Unbewegliches, das frei wäre von Gegensätzen, denn jeder Gegen- 
satz gründet auf einer Unterscheidung. Und ich finde, fährt Groce fort, 
noch andere Unzuträglichkeiten in eurem aktualen Idealismus, obwohl 
ihr mit Grund protestiert gegen die Idee einer definitiven Philosophie, so 
würde die eure gerade eine definitive Philosophie sein, denn ausser ihr 
würde nichts anderes bleiben als die abstrakten Unterscheidungen, die im 
Objekt des Denkens erfolgen, der Empirismus, das gewöhnliche Auffassen 
der Menschen, die Nicht-Philosophie. Trotzdem, fährt er fort, würde ich 
mich bis zu einem gewissen Punkte beruhigen mit euren Negierungen der be- 
deutsamsten philosophischen Unterscheidungen ; das, was mich aber vor allem 
besorgt macht bei eurem aktualen Idealismus, ist die Depression, die er hervor- 
ruft im Bewusstsein der Kontraste der Wirklichkeit, ist das Beharren (acquie- 
scenza) beim Gegebnis als Gegebnis oder beim Akt als Akt, das enthalten ist 
in eurer Theorie des Irrtums und des Bösen, die von euch bis zur voll- 
ständigen Leere abgeschwächt und jeglicher Realität beraubt werden. Ich 
fürchte, dass ihr zum theoretischen und ethischen Indifferentismus abbieget : 
ihr werdet dorthin abbiegen nicht gerade als Menschen, denn so lebendig 
euer geschichtliches Gefühl ist, so erhaben ist auch euer ethisches Gefühl 



12 A. Gemelli und F. Olgiati. 

und eure Liebe zur Wahrheit. Aber ihr werdet dorthin abbiegen als 
Theoretiker, und diese Theorie wird im Gefolge haben oder hat schon im 
Gefolge alle jene Wirkungen, die den Theorien eigentümlich sind. 

Auf diese Schwierigkeit antwortete Gentile in der Voce mit 
einem langen Artikel unter Verteidigung seiner Doktrin, und der 
Meinungsaustausch dauert noch fort, höflich und lebhaft, während 
ausserhalb dieser Schulen der absolute Idealismus andere Kämpfe 
durch die Tätigkeit anderer Verteidiger ausficht. 

3. Man darf nämlich nicht glauben, bloss die Critica sei das 
Feld, auf dem die idealistische Schauung der Welt und des Lebens 
blüht. Es gibt vielmehr andere Gelehrte, die, wenn sie auch mit 
Croce und Gentile nicht übereinstimmen, doch irgend eine besondere 
und recht eigentliche Form des Idealismus begünstigen und befördern. 
Wir werden sie summarisch namhaft machen, wiewohl einige dieser 
Formen eine ausgedehntere Erörterung verdienten. 

Pasquale D'Ercole von der Universität Turin legt, besonders 
in seinem Werk „Der Versuch einer Panlogik oder die 
philosophische Enzyklopädie des Hegelianers Pietro 
Gerretti" („II saggio di panlogica, ovvero Tenciclopedia filosofica 
delF hegeliano Pietro Cerretti"), einen besonderen Idealismus vor, 
der zum Teil eine Verbesserung des Hegelianismus ist, den Cerretti 
gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts vertrat. 

In Rom will ein junger, gelehrter und unabhängiger Neuhegelianer, 
Adriano Tilgher, der in seinen Studien über die Rechtsphilosophie 
und über die Aesthetik durch die Originalität seiner Gesichtspunkte 
hervorragt, in seinen Veröffentlichungen über „Kunst, Erkenntnis 
und Wirklichkeit" („Arte, conoscenza e realta") und in seinen 
„Grundlinien einer Aesthetik" („Lineamenti d/estetica") die 
Philosophie der Kunst enger als Benedetto Croce an den hegeliani- 
schen Begriff der Dialektik anknüpfen, um daraus eine transzen- 
dente Deduktion des Begriffes der Kunst zu erzielen. 

Auch ein anderer Professor der Universität Turin, Annibale 
Pastore, will in zwei Bänden „Vom Sein und vom Erkennen" 
(„Dell'essere e del conoscere") und „Das reine Denken" („11 
pensiero puro") ein originelles System des reinen autologischen 
Denkens aufbauen. 

Zum Idealismus hin orientiert sind auch drei Denker, die durch 
ihre Bildung viele Hoffnungen auf sich lenken: Mario Losacco, 
Giovanni Amendola und Antonio Pagano. Der erste beleuchtet 
in „Rationalismus und Mystizismus" („Razionalismo e Misti- 
cismo") die Möglichkeit eines Einklangs zwischen der rationalisti- 
schen und mystischen Stellung des Geistes. Der zweite führt in 
seinem Buch „Die Kategorie" („La categoria") die Kategorie als 
formative Synthese der Erfahrung auf das Denken und das Denken 
auf den urteilenden Akt zurück. Der dritte legt in seinen zwei 
Bänden über „Das Individuum in der Ethik und im Recht- 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 13 

(„L'individuo nell'etiea e nel diritto") seinen „kritischen radikalen 
Idealismus" und seinen „pluralistischen Panpsychismus" auseinander. 
Eine besondere Erwähnung verdient Pietro Martinetti von 
der Wissenschaftlich-Literarischen Akademie zu Mailand wegen seiner 
„Einleitung zur Metaphysik: Theorie der Erkenntnis" 
(„Introduzione alla metafisica: teoria della conoscenza"), von der 
bis jetzt ein Band erschienen ist. Er ist ein Anhänger der Philo- 
sophie der Immanenz oder des unmittelbaren Gegebnisses, die in 
Deutschland durch Schuppe, Rehmke und von Schubert-Soldern be- 
gründet wurde : er bringt jedoch einige Modifikationen an. Dieser 
sein Idealismus, der zum Ausgangspunkt die vom Bewusstsein uns 
gegebene Einheit von Subjekt und Objekt hat, und der trotz seines 
Festhaltens an diesem Gegebnis sich nicht in sich selbst verschliessen 
will, sondern, über das Bewusstsein des Individuums als rein sub- 
jektivem Element hinaus, das absolute, generische Bewusstsein an- 
nimmt, dem gegenwärtig sind alle Elemente der Realität, die zer- 
streut den individualen Bewusstseinen sich darstellen, und in dem 
Subjekt und Objekt immer umschlungen sind als zwei Pole derselben 
einzigen Realität; — sein Versuch, die Metaphysik des Seins zu ver- 
schmelzen mit der Metaphysik des Erkennens ; — seine Auffassung des 
Realen als einer Vielheit von Bewusstseinen; — seine in der Rede 
„Im Reiche des Geistes" („Nel regno dello spirito") ausge- 
drückten Ideen in Sachen der Religion, sichern den Gedanken dieses 
Forschers, der einen grossen Teil seiner Tätigkeit auch der Ueber- 
setzung von philosophischen Werken (Kant, Afrikanus Spir, Höff- 
ding usw.) widmet, ohne Zweifel ein Interesse. 

4. Eine Bemerkung darf hier nicht vergessen werden. Neben- 
her mit dieser allgemeinen idealistischen Bewegung nimmt immer 
grössere Entwicklung die idealistische Pädagogik, durch das Ver- 
dienst vor allem des Giuseppe Lombardo-Radice und der von 
ihm geleiteten Zeitschrift „Rassegna di Pedagogia e di 
politica scolastica". Im Einklang mit Gentile und mit seiner 
„Summe der Pädagogik als philosophischer Wissen- 
schaft" („Sommario di pedagogia come scienza filosofica") macht 
Lombardo-Radice keinen Unterschied zwischen der Pädagogik und 
der Philosophie des Geistes, sondern setzt sie gleich mit der Philo- 
sophie. Die Pädagogik ist die Lehre von der Bildung des Geistes, 
und der Geist ist wesentlich Geschichtlichkeit, Werden, derart, dass 
den Geist studieren so viel ist als ihn studieren in seinem Bildungs- 
und Entwicklungsprozess. Nun aber ist das den Geist-Bilden identisch 
mit seinem Gebildetwerden, denn der Geist ist autonom: die Er- 
ziehung muss also notwendig Selbsterziehung sein; der Begriff der 
Erziehung identifiziert sich mit dem Begriffe geistiger Autonomie. 



6 

II. 

Dieser so blühende Frühling eines absoluten Idealismus fällt in 



Italien zusammen mit dem Herbst des Positivismus. 



14 A. Gemelli und F. Olsiati 



o 



Es sind erst einige Lustren, und es scheinen Jahrhunderte, als 
in Italien Comte und Spencer triumphierten, Cesare Lombroso und 
seine Kriminal-Anthropologie, die ..Rivista di Filosoüa scientifica" 
und ihre Mitarbeiter, von Angiulli zu Morselli, von Moleschott zu 
Trezza. Heute jedoch ist der Positivismus immer mehr im Schwinden : 
es genüge zu erwähnen, dass schon seit, einigen Jahren er nicht 
mehr in der Lage ist, eine eigene Zeitschrift zu haben, aus Mangel 
an Abonnenten ; die „Rivista di filosofia e di scienze affini" musste 
in der Tat sich bequemen zu einer Verschmelzung mit der damals 
vom (mittlerweile verstorbenen) Carlo Gantoni, einem Neukantianer, 
geleiteten „Rivista filosofica"; aus beiden entstand die gegenwärtige 
„Rivista di filosofia", die grossherzig allen Bestrebungen der Philo- 
sophieprofessoren Gastfreundschaft gewährt. 

1. Der ruhmvollste der Ueberlebenden, dessen Werk jedoch, 
nach dem Bekenntnis seiner eigenen Freunde, jetzt „in Schatten und 
Schweigen gehüllt" ist, bleibt ohne Zweifel der alte Roberto Ardigö, 
dessen System durchaus nicht zusammengeworfen werden kann mit 
dem anderer Positivisten anderer Länder. 

Mit jenen stimmt er überein „in der Annahme, dass der Sinn und 
die Erfahrung die Wage der Wahrheit sind - ', und dass an die Stelle „der 
gezwungenen und ranzigen Sublimitäten der metaphysischen Träume" die 
Tatsache gesetzt werden muss. „Die Tatsache ist göttlich; verum ipsum 
factum". Nur „mit der unfehlbaren Methode der Beobachtung und der 
Analyse" wird man zur Wahrheit gelangen können, ohne Ueberstürzungen 
und ohne Apriorismen, nicht sowohl unsere Ideen der Wirklichkeit auf- 
drängend, als vielmehr sie formend nach den Bedürfnissen der Wirklichkeit. 
Und da die Erfahrung und die Beobachtung uns nur Phänomene geben, 
ist der Schluss unabweisbar, dass „die Anstrengung, über die Phänomene 
hinauszuspringen, eitel ist: die Aufgabe der Wissenschaften kann keine 
andere sein, als aus ihnen die Koexistenz, die Abfolge und die Aehnlich- 
keiten herauszuheben", um daraus die grossen Gesetze abzuleiten. 

Nun, fährt Ardigö in seiner „Ps ychologie als positive Wissen- 
schaft" („La psicologia come scienza positiva") fort, lehren uns die 
Tatsachen, dass „eine einzige fundamentale Form existiert, die alle Formen 
der Phänomene mit ihrer einfachen Reduplikation erzeugt". Gegen den 
Materialismus und gegen den Spiritualismus hält er aufrecht, dass „der 
Geist und die Materie, die Seele und der Leib, kurz alle psychischen und 
physiologischen Akte zwei Aeusserungen einer und derselben psycho- 
physischen Substanz sind", welche, sich entwickelnd, von einem weniger 
vollkommenen Stadium zu einem immer vollkommeneren Stadium geht, um 
zur natürlichen Bildung des menschlichen Geistes zu gelangen. 

Derselbe Prozess ereignet sich auch im kosmischen Ganzen, wie 
Ardigö in „Die natürliche Bildung in der Tatsache des 
Sonnensystems" („La formazione naturale nel fatto del sistema 
solare") bemerkt. Die Beobachtung und die Erfahrung lehren uns, dass 
jede natürliche Bildung ein unendlich vorwärtsschreitendes Sich-Unter- 
scheiden ist; vom Ungeschiedenen kommt sie zum Geschiedenen, welches 
seinerseits ein Ungeschiedenes durch das sukzessive Geschiedene ist 
und so fort. Vom Ei kommt das Hühnchen, vom primitiven Nebelfleck 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 



15 



das Sonnensystem. In diesem Sichentwickeln ist alles unlösbar verbunden 
in einer unermesslichen Harmonie ; die Natur ist die Kontinuität eines 
Dinges mit allen anderen, ist Kontinuität im Raum und Kontinuität in der 
Zeit. In der Zeit zuerst : denn auch der primitive Nebelfleck ist nicht ein 
erstes Absolutes, sondern hat sich gebildet im Schosse eines unermesslich 
grösseren Ganzen, das ihn erzeugte, wie auch dieses Ganze hervorgebracht 
worden ist von einem Ungeschiedenen, in der Ewigkeit der vergangenen 
Zeit. Und dann im Raum: denn jenseits unseres Sonnensystems gibt es 
andere Welten und dann wieder andere, in der Unendlichkeit des Raumes. 
Und alles ist verbunden, wir wiederholen es, derart, dass was jetzt in mir 
vor sich geht, „notwendig" hervorgebracht ist vom ganzen Unendlichen 
des Raumes und vom ganzen Unendlichen der Zeit und „dargestellt 
werden kann durch den Schnittpunkt zweier sich schneidender Linien". 
In der Natur gibt es dann keine Unbeweglichkeit, kein Chaos, sondern 
„Bewegung in einer stabilen Ordnung", denn „in der Natur ist jede Be- 
wegung rhythmisch, vom Umlauf eines Gestirns bis zum Hämmern des 
Herzens, von der Umdrehung der Sonne bis zu jener eines elementaren 
Atoms ... das was ist, ist ein Rhythmus, der sich fortsetzt; das was wird, 
ist ein Rhythmus, der in der Bildung begriffen ist". Und alles geschieht 
notwendig, wie auch alles durch Zufall geschieht, denn da das, was ge- 
schieht, das Produkt des Unendlichen ist, so kann ich es nicht voraussehen. 
Wie Ardigö auf der einen Seite ein immer grösseres Unendliches an- 
nimmt, so nimmt er auf der anderen Seite ein immer kleineres Unend- 
liches an. Alles ist zusammengesetzt, es gibt nichts Einfaches: „Die 
Schönheit ist zusammengesetzt aus Sinneswahrnehmungen . . ., die Freiheit 
ist eine Summe von Instinkten . . ., der Wille ist eine Masse von Willens- 
atomen", und Sinneswahrnehmungen und Instinkte und Willensatome sind 
hinwiederum zusammengesetzt und so weiter bis zum Unendlichen. „Das 
Individuum als solches existiert nicht. Real existieren nur kollektive Ein- 
heiten, die aus Teilen resultieren ... In einem einzigen Menschen leben 
sozusagen viele verschiedene Menschen auf ein Mal", sagt Ardigö im sechsten 
Band seiner Werke ; er erkennt so wenig die persönliche Individualität an, 
dass er vor zwei Jahren in einem Artikel der „Rivista di filosofia" unter 
dem Titel „Estema, idea, logismo" zum Ausruf kam: „Es ist nicht 
absurd, zu denken, dass die Einheit (des Bewusstseins) erlangt würde, wenn 
man dazu gelangen könnte, zwei verschiedene Gehirne zusammen zu löten, 
mit einer Tätigkeit ähnlich der Verbindung zweier abgetrennter lebendiger 

Teile". . . . .„, 

In der „Moral der Positiv isten" („La morale dei positivisti") 
und in seiner „Soziologie" („Sociologia") besteht er, immer im Zu- 
sammenhang mit seinem System, darauf, 'dass die ethische Tatsache, die 
Gerechtigkeit, die antiegoistische Veranlagung des Menschen eine natür- 
liche Bildung ist, ähnlich derjenigen der Pflanzen. „Die Moral der alten 
Aegypter ist ebenso eine natürliche Frucht jenes Volkes in seinen^ Land, 
in seiner Zeit, wie die Fauna und die Flora der ägyptischen Gegend. 
Und dasselbe ist zu sagen von der Moral der Chinesen und aller 
anderen alten und modernen Völker". Von den wechselnden Bedingungen 
der wechselnden Seiten sind die sozialen, antiegoistischen Idealitäten 
hervorgebracht, die dann das Prinzip der menschlichen guten und sitt- 
lichen Handlungen bilden. Diese Handlungen kommen „von der physio- 
logischen Impulsivität der mentalen Idealität", und sind als freie anzu- 
sehen, wie wir auch für dieselben verantwortlich sind. Denn, so sehr 



16 A. Gemelli und F. Olgiati. 

alles das notwendig erfolgt, so sehr auch „die unwiderstehliche Kraft, 
die den Akt bestimmt, immer in allen Akten ist", so wird der sitt- 
liche Akt doch notwendig hervorgebracht „vom freien Willen, der bewegt 
wird von der Impulsivität der Idee", von einer ethischen Form, „die jedoch 
in einer unwiderstehlichen Weise tätig ist". 

2. Roberto Ardigö hat keine getreuen Schüler gefunden, welche 
diese Ideen fortsetzen und entwickeln würden. Seine beiden be- 
kanntesten Bewunderer, Giovanni Marchesini von der Universität 
Padua und Erminio Troilo von der Universität Rom. sind nicht 
in allem befriedigt von den Auffassungen ihres Meisters. 

Marchesini betont in einigen seiner Werke, wie in „Die Krisis 
des Positivismus und die philosophischen Probleme" („La 
crisi del positivismo e i problemi filosofici") und in „Die Fiktionen 
der Seele" („Le finzioni dell'anima"), die Notwendigkeit eines 
„idealistischen Positivismus", der es verstehe, „die Rechte der Tatsache 
und die Rechte der Idealitäten, die der materialistische Positivismus 
ebenso sehr wie der mystische Idealismus erschüttert und verletzt 
habe", zurückzufordern. Und auch Troilo bemerkt in zweien seiner 
bedeutendsten Werke, „Ideen und Ideale des Positivismus" 
und „Der Positivismus und die Rechte des Geistes" („Idee 
e ideali del positivismo" und „II positivismo e il diritto dello spirito"), 
nachdem er die Geschichte der Philosophie auf einen Zweikampf 
zwischen zwei grossen Gedankenrichtungen, auf ein grosses Drama, 
auf einen fortwährenden Kampf zwischen dem Positivismus und dem 
Idealismus zurückgeführt hat, — Troilo bemerkt, dass diese beiden 
Richtungen zwei ununterdrückbare Aeusserungen des Geistes sind, 
der unvervollständigt und zerhälltet wäre, wenn er mit blindem 
Exklusivismus auf eine einzige von diesen Orientationen zurückgeführt 
würde. In einem künftigen Werke wird er uns das System des 
neuen Positivismus vorlegen, der jene Verschmelzung und jene 
Synthese zu erlangen strebt, die der Totalität und der Integrität des 
Geistes entsprechen und zukommen. 

3. Der Schar der Positivisten wird allgemein zugerechnet der 
berühmte Geschichtsschreiber Pasquale Villari. 

In seinen philosophischen in „Kunst, Geschichte und Philo- 
sophie" („Arte, storia e filosofia") gesammelten Studien begrüsst er mit 
Begeisterung die von Galileo eingeleitete Periode, die, die Natur der un- 
fruchtbaren Metaphysik entziehend und auf die Feststellung der Tatsachen 
und auf die Induktion der Gesetze mittels der experimentellen und mathe- 
matischen Methode zurückgehend, die heutige Periode vorbereitet hat, in 
der die Moral-Wissenschaften nach den Naturwissenschaften studiert werden. 
Gewiss ist die Methode, die man bei diesen anwenden muss, verschieden, 
denn „die Meinung, die Zahlen und Formeln anwenden zu können auf die 
Passionen unseres Herzens und unserer Ideen würde eine vollständige Un- 
kenntnis der menschlichen Natur und der Natur des Denkens verraten". 
Trotzdem muss in den Moralwissenschaften eine Umwälzung bewirkt 
werden, ähnlich der von Galileo in den Naturwissenschaften bewirkten, 
insofern als die Philosophie, unter Beiseitelassung der metaphysischen Fragen 
der Wesenheit des Menschen, vielmehr den Menschen selber studieren 



r- 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 17 

wird, in den sinnenfälligen Aeusserungen, in denen er seine Natur ent- 
faltet; oder besser: die philosophische Methode wird sein die geschichtliche. 
Letztere wurde von Villari definiert als geschichtlicher Positivismus. Indes 
wir glauben, dass bei dem berühmten Schriftsteller viel tiefer die idea- 
listischen Neigungen gehen als die positivistischen. 

4. Jedoch stehen wir einem wahren und echten Positivismus 
gegenüber bei Federico Enriques von der Universität Bologna. Er 
hat das Verdienst, einer der hauptsächlichsten Gründer und Leiter 
der im Jahre 1907 entstandenen „Rivista di seien za" zu sein, 
deren Absicht es ist, die allgemeinsten Ergebnisse der einzelnen Wissen- 
schaften zusammenzufassen und zu erörtern, um so den wissen- 
schaftlichen Geist zu verbreiten und zu erziehen. Eine solche Zu- 
sammenfassung der letzten Ergebnisse der Wissenschaften, zu Wege 
gebracht mit Hilfe der Arbeitsorganisation und der Zusammenarbeit 
der vorzüglichsten Gelehrten und immer in Berührung gehalten 
mit den neuen Entdeckungen und mit der unaufhörlichen Entwicklung 
des Wissens, bildet für Enriques die wissenschaftliche Philosophie. 

Sie anerkennt weder das Unerkennbare noch das Absolute, denn, sagt 
E. in seinen „Problemen der Wissenschaft" („Problemi della scienza"), 
es gibt nichts Unerkennbares für den menschlichen Geist, und auch die un- 
ermessliehe Region des Unerkannten wird stufenweise immer kleiner. Mit 
dem logischen Prozesse dann, fügt er in seinen „Problemen der Logik" 
(„Problemi della logica") hinzu, erhalten wir „eine diskontinuierliche pro- 
gressive Reihe von Gedanken-Seinen, die geeignet ist, eine der konti- 
nuierlichen Realität sich nähernde Darstellung zu liefern". Hiermit verur- 
teilt Professor Enriques nicht völlig die Metaphysik und die Religion. 
Sein »kritischer Positivismus«, wie er ihn getauft hat, sieht in jedem meta- 
physischen System „eine subjektive Darstellung der Realität, ein vom mensch- 
lichen Geiste geformtes Modell, in welchem von realen Objekten abgezogene 
Elemente zusammengestellt werden, dermassen dass sie Rechenschaft ab- 
legen von einer gewissen Ordnung von Erkenntnissen nach einem gewissen 
Gesichtspunkt, den man willkürlicherweise als allgemeinen fasst". Dieses 
Modell „kann nützlich werden in der Entwicklung der Wissenschaft", so 
sehr, dass „in den sonderbarsten metaphysischen Systemen irgend etwas 
angetroffen wird, was das Vorspiel zu sein scheint zu irgend einer wissen- 
schaftlichen Entdeckung oder Voraussicht, die dann wirklich erreicht wird". 
Und auch die Religion verwirft er nicht ganz, „denn", bemerkt er in seinem 
Buch „Wissenschaft und Rationalismus" („Scienza e Razionalismo"), 
„die Religionen, welche wie die Wissenschaft im übrigen einer affektiven In- 
spiration gehorchen, sind freie Bilder der schöpferischen Vorstellungskraft, 
durch die ein jeder sich selber sein innerstes Leben verschönt, die Tätigkeits- 
energien anspornend"; sie sind „Ausweitungen poetischen Lebens, für deren 
Blühen und Gedeihen in den Herzen die Vernunft absolute Freiheit verlangt". 

5. Nur hingewiesen sei auf den Monismus von Enrico Mors eil i 
und auf den indeterministischen Kontingentismus eines anderen Posi- 
tivisten, des Professors Tarozzi, der den Tatsachen und Gesetzen 
zwar die Kontingenz zuschreibt, aber jede finalistische Betrachtung 
ausschliesst. Wir wollen uns auch nicht verbreiten über die 
pädagogischen Theorien des Positivismus, denn, wenngleich die- 

Philosophisches Jahrbuch 1915. 2 



18 A. Gemelli und F. Olgiati. 

selben in den Normalschulen noch den künftigen Lehrern vor- 
getragen werden, so haben sie doch vom philosophischen Gesichts- 
punkt aus keine Bedeutung, ausgenommen ihren Hass gegen die 
Metaphysik, die in den Werken des Silverio de Dominicis selbst 
deshalb getadelt wird, weil sie nichts getan hat, „um den Menschen 
materiell zu befreien". 

Grösserer Beachtung wert ist jedoch die wissenschaftliche Päda- 
gogik des Professors Guido Della Valle, des Nachfolgers von Luigi 
Credaro in der Leitung der „Bivista Pedagogica". In seinem 
gelehrten Buch über „Die Gesetze der geistigen Arbeit" („Le 
leggi del lavoro mentale") teilt er der wissenschaftlichen Pädagogik die 
Aufgabe zu, nicht so sehr die philosophische Pädagogik und die So- 
ziologie abzulösen, als vielmehr „diesen Wissenschaften einen festeren 
Unterbau zu geben, als es die unkritischen Phantasien der aprioristi- 
schen Aufbauer von abstrakten ideologischen Systemen sind". 

III. 

Zwischen den zwei von uns im Umriss gezeichneten äussersten 
Stellungen, dem absoluten Idealismus und dem Positivismus, üben 
auf die italienischen Denker einen sehr geringen Einfluss einige Strö- 
mungen aus, die in den vergangenen Jahren kraftvoll hervortraten. 

1. Wir denken da vor allem an den Neukantianismus, 
der in Italien rührige Verbreiter fand in Francesco Fiorentino, 
Carlo Cantoni und Feiice Tocco, dessen Reihen aber jetzt auf 
sehr kleine Häuflein zusammengeschmolzen sind.. In der Tat — mit 
Ausnahme von Masci und Chiappelli, die sich mehr durch 
die Zahl ihrer schätzenswerten Schriften als durch das Echo, das 
ihr Denken bei den anderen Studienbeflissenen fand, auszeichnen, mit 
Ausnahme ferner der Rechtsstudien von Giorgio DelVecchio und 
der Werke der Ethik eines vornehmen Geistes, wie es Giovanni 
Vidari von der Universität Turin ist (der, so sehr er in der Ethik 
ein Schüler Wundts zu sein scheint, im innersten lebendigen Geiste 
ein wahrer Fortsetzer der „Kritik der praktischen Vernunft" 
ist, wenigstens hinsichtlich des Wertes, den er der Moralität zuteilt) 
— mit Ausnahme also weniger hervorragender Denker, kommt 
der Gedanke Emanuel Kants heute in Italien nicht zum Gedeihen; 
wir werden später den Grund hierfür angeben. 

2. Für einen Augenblick schien es jedoch, als ob der Prag- 
matismus Wurzel fassen sollte, und zwar durch die Propaganda von 
Calderoni, Vailati und besonders von Giuseppe Prezzolini 
und Giovanni Papini. Allein diejenigen, welche die beiden letzteren 
Schriftsteller als Pragmatisten ansahen, täuschten sich gewaltig. 
Wenn man die von ihnen gegründeten Zeitschriften studieren wollte, 
den „Leonardo", die „Voce", die „An im a", und ihre sonstigen 
Veröffentlichungen, so würde man finden, dass sie hinter brillanten Ar- 
tikeln und genialen, immer in paradoxer und burschikoser Form aus- 
gedrückten Gedanken das System, kein System zu haben, verteidigen 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 19 

Prezzolini empfand, nachdem er mit den Pragmatisten sympathisiert 
hatte, lebhaft den Einfluss Bergsons, und jetzt hat er sich zur Philo- 
sophie des Benedetto Croce bekehrt; aber er, der sich einmal mit 
Julian der Sophist unterschrieb, würde niemals schwören, immer 
ein Neuhegelianer zu bleiben. Papini sodann, der viel geringere 
Gedankentiefe verrät als sein Freund, war eine Zeit von der Wahrheit 
des Pragmatismus überzeugt, den er definierte als „eine Flurgangs- 
theorie, den Flurgang eines Gasthofes, wo hundert Türen sind, die 
sieh zu hundert Zimmern öffnen. In einem befindet sieh ein Betpult 
und ein Mann, der den Glauben wiedererlangen will, in einem anderen 
ist ein Schreibpult und ein Mann, der jede Metaphysik töten will; 
in einem dritten ein Laboratorium und ein Mann, .der neue punti 
di presa nel futuro finden will . . . Aber der Flurgang gehört allen 
und alle gehen da vorbei, und wenn manchmal Unterhaltungen 
zwischen den verschiedenen Gästen vorkommen, so ist kein Kellner 
so grob, sie zu verhindern". So schrieb er im Jahre 1905; 
heute ist er der Philosoph des Futurismus, und nachdem er alle 
Philosophien höflichst zugelassen hatte, möchte er jetzt alle ver- 
nichten. In einem Vortrag im Teatro Costanzi zu Rom wandte 
er sich „gegen die Rückkehr zu den religiösen Glaubensbekennt- 
nissen und gegen die Rückkehr zu den Philosophien von deutschem 
Typ" und verwünschte alle Laiensakristane der verschiedenen 
Absoluten. Uebrigens wer eingedenk ist, dass das Leben von 
ihm definiert wurde als ein Spiel, in dem die Schauspieler, weil 
sie um jeden Preis etwas hersagen müssen, wissen müssen, dass sie 
Komödianten sind und nichts weiter, wird sich nicht wundern, wenn 
Giovanni Papini allerneuestens sich rühmte, sich zu verändern „mehr 
als ein Chamäleon und ein politisches Tier", „ein Pragmatist des 
Nachts zu sein und ein Idealist des Tags", „Meinungen zu wechseln, 
wie man die Wirtschaft wechselt", und wenn er ausrief: „Mein 
Geist ist ein Kinematograph, der jedes Programm wechselt. Ich 
will in so vielen Farben schillern wie der ausgezeichnete Harlekin 
..." Und doch! wenn auch hinsichtlich der aufbauenden Seite diese 
Schriftsteller und vor allem Papini ins Lächerliche verfallen sind, so 
war nach der destruktiven und negativen Seite ihr Wirken doch 
erfolgreich und teilweise wohltätig, und wir sind gewiss, dass der 
künftige Geschichtsschreiber der gegenwärtigen italienischen Philo- 
sophie in den Schriften dieser zügellosen Talente die ausdrucks- 
vollsten, schneidigsten und glücklichsten Formeln finden wird, welche 
die Kritiken zusammenfassen, die in den letzten Jahren geübt 
wurden am Naturalismus, Empirismus, Intellektualismus und allge- 
mein an so vielen Postulaten, welche die intellektuelle Welt annahm 
aus Gewohnheit oder sozusagen aus Trägheitszwang. 

IV. 

Eine Schule indessen, die zwischen den Idealisten und Positi- 
visten einen Mittelweg sucht und mit Ernsthaftigkeit einem Werk 



: >ü A. Gemelli und F. Olgiati. 

des Aufbaues zustrebt, ist die von der „Cultura Kilosofica" zu 
Florenz und ihrem ausgezeichneten Leiter Francesco De Sarlo 
vertretene wissenschaftliche Philosophie. Sie setzt fort 
und vervollkommnet den dualistischen Spiritualismus von Francesco 
ßonatelli, der vor wenigen Jahren- nach vielen ernsten Kämpfen mit 
dem Monismus, dem Kantianismus und dem Positivismus gestorben 
ist. Es ist hier nicht der Ort zu zeigen, wie Bonatelli die Auf- 
fassung des Denkens als reiner Wiederspiegelung und als objektiver 
Erkenntnis des vom Erkennenden weder entstellten noch umgeformten 
Dinges verteidigte, noch auch wie er, vor allem Leibniz, Lotze und 
Herbart verwertend, in seinen gnoseologischen und logischen Dualis- 
mus einen originellen Charakterzug hineinbrachte. Wir wollen bloss 
erwähnen, dass sein Unterricht sehr fruchtbar war und tiefe Spuren 
in den Geistern zurückliess. Er ist es, von dem De Sarlo, Giovanni 
Calö, Adolfo Levi, Antonio Aliotta (der gegenwärtige Nachfolger 
Bonatellis auf dem Lehrstuhl der Universität Padua und eine der 
schönsten Hoffnungen seiner Pachtung) und nicht wenige andere 
abstammen. 

Das Programm dieser Philosophen wurde klar ausgesprochen von De 
Sarlo und von Calö in ihren „Prinzipien ethischer Wissen- 
schaft" („Principü di scienza etica") : sie wollen „in das sich erneuernde 
italienische philosophische Bewusstsein" den Spiritualismas Bonatellis hinein- 
giessen, der zusammengefasst werden kann in folgenden Thesen: „Die 
Individualität des wahrhaft Realen und demgemäss die Substanzialität der 
einzelnen Geister auf dem Gebiete der Metaphysik und der Theismus auf dem 
Gebiete der Religionsphilosophie; die Absolutheit des Erkennens und die 
Existenz des Gesetzes, des Universalen, der Idee nicht als Realität oder Welt 
für sich, sondern als individuellen Gedanken inhalierender und objektiven, uni- 
versalen Charakter besitzender Realitäten; der nicht vulgäre, sondern wahrhaft 
philosophische Dualismus, der als auf einander unzurückf'ührbar ansieht 
die Materie und den Geist, die Bewegung und das Denken ; die Wirkursäch- 
lichkeit, die Freiheit, der Indeterminismus des Wollens als Vorrecht und 
konstitutiver Charakter des Geistes". In zahlreichen, ernsten Arbeiten 
wurde dann die Art und Weise dargelegt, in der sich diese Prinzipien 
verteidigen lassen, und wir wollen unter den vielen, die man anführen 
könnte, hier hloss erinnern an die Studie De Sarlos über den „Begriff 
der Seele in der modernen Psychologie" („II concetto dell'anima 
nella filosofia moderna") und über die Unsterblichkeit des menschlichen 
Geistes; an das Buch Calös über das „Problem der Freiheit im zeit- 
genössischen Denken" („U problema della libertä nello spirito con- 
temporaneo"), wo er dem Kontingentismus, nach einer Prüfung seiner 
mannigfachen Formen, „das unleugbare Verdienst" zuschreibt, „eine heilsame 
Reaktion zu gunsten der Freiheit gegen den Mechanismus und des Idealismus 
gegen den Materialismus" eingeleitet zu haben, und wo er die Philosophie 
einladet, „zurückzukehren zum Begriff der Wirklichkeit des Geistes und zur 
Verherrlichung der höchsten menschlichen Idealitäten". Wir wollen noch er- 
innern an die „Grundlinien einer spi ritualistischen Auffassung 
der Welt" („Linee di una concezione spiritualistica del mondo") von 
Aliotta, in denen der Verfasser seinen Gedanken entwickelt bezüglich des 
Erkenntnispmblems, bezüglich der Wahrheit des Selbstbewusstseins, bezüglich 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 21 

der Erkennbarkeit der Natur, bezüglich des Geistes, der die Wahrheit der 
Natur ist, bezüglich der Sinneswahrnehmung, bezüglich der Substanzialität des 
Ich, bezüglich der Freiheit, der Tendenz, der Finalität, des Absoluten. Es ist 
auch nicht zu vergessen das Bestreben, welches diese Schule auf dem Felde 
der pädagogischen Studien im Gefolge gehabt hat : Calö betrachtet in seinen 
„Tatsachen und Probkfemen der Erziehungswelt" („Fatti e 
problemi del mondo educativo") die Pädagogik als eine Wissenschaft, die 
begründet ist einerseits auf der Psychologie, welche die Tatsachen und die 
Gesetze der psychischen Welt liefert und ihr so die Erkenntnis der Mittel zu- 
führt, anderseits auf der Ethik, welche ihr die Kenntnis der Zwecke gibt, so- 
dass also ihr eigentliches Feld wäre „die Betrachtung der individualen und 
sozialen psychischen Gesetze unter dem Werkzeugs-Gesichtspunkt, nämlich als 
Mittel zur Erreichung der Zwecke, welche die Ethik der Pädagogik auferlegt". 
Wie wir bemerkt haben, ist die Stellung De Sarlos und seiner Freunde 
eine. Mittelstellung zwischen dem Naturalismus und Hegelianismus. Kein 
Wunder daher, wenn die „Cultura" sich in einem fortwährenden Kampfe 
mit Benedetto Groce und mit Giovanni Gentile befindet, ein Kampf, 
der (es sei mit Schmerz festgestellt) manchmal von beiden Seiten die in 
den philosophischen Diskussionen so unerlässliche Ernsthaftigkeit aus dem 
Auge verloren hat. Kein Wunder jedoch, wenn diese Forscher sich wider- 
setzen jedem Versuch, den Geist nach dem Schein der physischen Welt 
zu modellieren und das Leben des Bewusstseins aus denselben Elementen 
aufzubauen, aus denen die materielle Bealität besteht. Kurz, nach ihnen darf 
— um die jüngst bei einer Einleitungsvorlesung an der Universität Padua 
von Aliotta gesprochenen Worte zu gebrauchen — „die Philosophie nicht 
in den Irrtum des Naturalismus fallen, der allein die äusseren Phänomene 
würdig der Beachtung fand und aus dem B^wusstsein einen notwendigen 
Schein derselben machte, aber sie darf auch nicht in den entgegengesetzten 
Irrtum des Idealismus fallen, der die Natur leugnet. Um die Grösse und 
die Kraft des Geistes zu behaupten, haben wir nicht notwendig, eine solche 
Einöde um ihn zu schaffen, uns genügt es, dass das Bewusstsein das Ziel 
ist, dem das Leben des Universums zustrebt, dass unser Denken nicht 
ein reines Akzidenz im Werden der Dinge ist, sondern der Endpunkt, auf 
den ewig hingewandt ist die aktive Spontaneität, die in den innersten 
Fibern der Dinge sich regt". 

Wer uns gefolgt ist in der kurzen Beschreibung der Eigenart 
dieser Schule, wird jetzt leicht verstehen, wie sie die Vereinigung 
der Wissenschaft und der Philosophie erstrebt und wie sie den alten 
Spiritualismus mit den Untersuchungen der experimentellen Psychologie 
in Einklang zu setzen sucht. Die Leser mögen uns gestatten, einen 
Augenblick bei diesem Punkte zu verweilen, um die Natur dieser philo- 
sophischen Richtung in ihrem wahren Charakter erfassen zu können. 

Eines der Hauptwerke, das unter der Inspiration dieser Richtung 
steht, ist jenes von Antonio Aliotta : „Die idealistische Reaktion 
gegen die Wissenschaft" („La reazione idealistica contro la 
scienza"), das ein Beitrag sein möchte „zur Zurückforderung des 
Wertes des menschlichen Intellektes gegen die Masslosigkeiten des 
philosophischen Romantizismus", nämlich gegen alle Lehren, die heute 
den spekulativen Charakter der Wissenschaft und der abstrakten 
Begriffe bedrohen. 



22 A. Gemelli und F. Olgiati. 

Die Tatsache in ihrer konkreten Individualität kann gewiss nicht ein- 
geschlossen werden in das starre Schema einer Formel, sagt Aliotta; 
wegen einiger Merkmale der Dinge, die sich konstant wiederholen, und wegen 
der° kausalen Bestimmung tritt sie (die Tatsache) jedoch ein in das wissen- 
schaftliche Gesetz. Dieses letztere „verlangt nicht, dass eine identische 
Tatsache sich zweimal wiederhole, sonder» es fordert nur, dass beim 
Wechsel der Tatsache einige Elemente konstant bleiben". Nun wohl, diese 
beharrenden und allgemeinen Elemente, die den Gesetzen des Denkens ent- 
sprechen, existieren in der Wirklichkeit ; wie könnte man sonst den Erfolg 
der Wissenschaft erklären? Gewiss, „die Erfahrung gibt uns niemals die 
absolute Konstanz: aber wir sehen, dass sie sich derselben annähert, je 
mehr die Irrtumsursachen ausgeschaltet werden, d. h. je besser wir es 
erreichen, das Phänomen zu isolieren und so die idealen Bedingungen 
unseres Denkens zu realisieren. Wir sehen also, dass die Erfahrung un- 
seren Bedürfnissen nachgibt, dass sie sich in abstrakte Elemente auflösen 
und in unsere Formeln übersetzen lässt; und ist es vielleicht nicht er- 
laubt, zu folgern, dass in der Natur, wenn nicht unsere Konstanten, so 
doch wenigstens irgend eine Konstante sein muss"? Man sagt, dass „die 
Gesetze der Wissenschaft nicht so sehr wahr, als vielmehr bloss nützlich, 
bequem, ökonomisch sind; das ist eine reine petitio principii, denn ein 
Gesetz, eine Theorie könnte nicht als nützlich vorausgesehen werden, wenn sie 
nichts Objektives enthielte, wenn sie nicht irgend eine reale Beziehung in 
sich wiederspiegelte". Man wiederholt, dass „das Gesetz nicht wahr ist, 
sondern (der Wahrheit) angenähert; aber welchen Sinn kann das Wort 
• Annäherung- haben, und wie wollen wir über seinen Grad entscheiden, 
wenn wir nicht annehmen, dass ein wahres Gesetz im absoluten Sinne 
existiert, dem wir immer näher zu kommen suchen, indem wir unsere 
Formeln verbessern und vervollständigen"? Man sage deshalb auch nicht, 
dass der Begriff der Intuition arm macht, denn „heisst das vielleicht 
weniger sehen, wenn man in dem geschauten Moment nicht den blossen 
flüchtigen Anblick, sondern die unsichtbaren Bande sieht, welche ihn mit 
den anderen Momenten des universalen Lebens vereinen" ? In den einzelnen 
intuitiven Momenten gibt es irgend ein Element, welches sich wiederholt, 
wie dies die allgemeinen Schemata beweisen, welche das, was sich ereignet 
hat, zusammenfassen. „Die Wirklichkeit hat eine logische Struktur; wenn 
sie intelligibeler Elemente vollständig bar wäre, würde man nicht ver- 
stehen, wie der menschliche Geist dahin gelangen könnte, sie (die Wirk- 
lichkeit) einzuspannen in den Rahmen der präzisen Formeln und der in- 
tellektuellen Kategorien". 

Der kognoszitive Charakter, der von der jungen Schule De 
Sarlos der Wissenschaft zugeschrieben wird, gibt uns die Begründung 
für die von ihr (der Schule Del Sarlos) gewollte Vereinigung der 
Philosophie mit der experimentellen Psychologie. Und in dieser Hin- 
sicht wird von Nutzen sein ein Wort nicht bloss über die Methoden 
des Laboratoriums De Sarlos, sondern auch über die ganze italie- 
nische Bewegung bezüglich der Psychophysik. 

Wir werden ausführen, wie die Psychologie in Italien aufgefasst 
wird, wie ihre Beziehungen zu den anderen Wissenschaften und zur 
Philosophie gedeutet werden, und welche Methode man der Psycho- 
logie vorschreibt. (Schluss folgt.) 



Die spezifischen Sinnesenergien nach Joh. Müller 
im Lichte der Tatsachen. 

Von P. Norbert Brühl C. SS. R. in Geistingen a. d. Sieg 1 ). 



Gegenstand der vorliegenden Abhandlung ist die Lehre von den 
, spezifischen Sinnesenergien" im Sinne von J. Müller, d. h. wie er 
sie verstanden hat, mit Berücksichtigung neuerer Forschungsergeb- 
nisse, die eine Bestätigung dieser Lehre bilden. 

Drei Schritten von J. Müller sind es, die hauptsächlich hier in 
Betracht kommen: 1. Zur vergleichenden Physiologie des Gesichts- 
sinnes, Leipzig 1826: 2. Handbuch der Physiologie des Menschen, 
Goblenz 1833 ff. ; 3. Ueber die phantastischen Gesichtserscheinungen, 
Coblenz 1826 2 ). Im Handbuch der Physiologie hat J. Müller seine 
Lehre in zehn Lehrsätzen zusammengestellt, die er als „notwendige 
Vorbegriffe" der Physiologie der Sinnesorgane vorausschickt. An der 
Hand dieser zehn Lehrsätze soll hier die Lehre von den spezifischen 
Sinnesenergien zur Darstellung kommen, vielfach mit den Worten 
J. Müllers selbst. Bemerkt sei noch, dass es sich bei den Sinnes- 
energien zunächst nur um Empfindungen handelt (Lehrsatz I— 
VII), nicht um Wahrnehmungen: wohl aber bilden die Sinnes- 
empfmdungen die Grundlage für die Sinneswahrnehmungen (Lehr- 
satz VIII— X). 

Erster Lehrsatz: 

„Durch äussere Ursachen können wir keine Arten 
„des Empfindens haben, die wir nicht auch ohne äussere 
„Ursachen durch Empfindung der Zustände unserer 
„Nerven haben" (II 250). 

Beim Geftihlssinn ist dies ganz offenbar. Das Kälte- und 
Wärmegefühl, der Schmerz, das Wohlgefühl und die verschiedenen 
Emplindungsweisen, in denen sich der Gefühlssinn äussert, sind uns 

J ) Andere Arbeiten des Verfassers, Vorarbeiten zu dieser Schrift, auf die 
wiederholt verwiesen wird, sind: „Das Geschmacksorgan", Natur und Offenbarung 
1903 S. 290 ff.; „Die Farbenblindheit", ebendaselbst 1904 S. 31 ff.; „Das Ge- 
ruchsorgan", ebendaselbst 1904 S. 661 ff. : „Die Gefühlsempfindungen", eben- 
daselbst'1908 S. 449 ff. ; „Das Gehörorgan", Revue Luxembourgeoise 1911 p. 44 sqq. 

2 ) Das erste Werk wird angeführt einfach durch Angabe der Seitenzahl ; 
das zweite unter Beifügung der Bandzahl; das dritte ist in Nummern abgeteilt 
und wird daher durch Angabe der Nummer gekennzeichnet. 



24 Norbert Brühl. 

aus inneren Ursachen wohlbekannt überall, wo Gefühlsnerven sind 
(über ihre Häufigkeit vgl. II 501). Sie können auch von aussen 
erregt werden; aber die äusseren Ursachen vermögen kein neues 
Element in die Empfindung hineinzubringen, das ihnen nicht auch 
aus innerer Reizung zukommt (II 250). 

., Ebenso werden Gernchsempfiiidimgen aus inneren Ursachen 
., öfter beobachtet" (II 250). „Manche riechen oft etwas . . . was 
„doch nicht da ist, und was andere nicht riechen können ; bei nerven- 
„reizbaren Menschen kommt dieses oft vor; aber es ereignet sich 
„auch bei jedem Menschen" (II 489) 1 ). 

In ähnlicher Weise entstehen die Gesichtsempfindunge» : 
Farbe, Licht und Dunkel ohne äussere Ursache. „Im Zustande der 
„grössten Reizlosigkeit empfindet der Sehnerv nichts als das Dunkel. 
„Bei geschlossenen Augen äussert sich der Zustand der gereizten 
„Empfindung als Helligkeit, Blitzsehen, welches eine blosse Empfindung 
„und kein wirkliches Licht ist und daher auch kein Objekt beleuchten 
„kann. Es ist jedermann bekannt, wie leicht man bei geschlossenen 
„Augen die schönsten Farben sieht, besonders des Morgens, wenn 
„die Erregbarkeit der Nerven noch gross ist . . . Die äussere Natur 
„vermag uns daher hier keine Eindrücke zu schaffen, die nicht schon 
„aus inneren Ursachen in den Nerven möglich wären, und man sieht, 
„wie ein wegen Verdunkelung der durchsichtigen Medien von Jugend 
„auf Blinder die innere volle Anschauung des Lichtes und der Farben 
„haben muss, wenn die Nervenhaut und der Sehnerv . . . nur unver- 
sehrt sind. Die Vorstellungen, die man sich hie und da von den 
„wunderbar neuen Empfindungen macht, die ein von Geburt an 
„Blinder durch die Operation erhält, sind übertrieben und unrichtig 
„. . . Das Licht und die Farben sind ihm eingeboren und bedürfen 
„nur des Reizes, um zur Anschauung zu kommen" (II 250). 

Drei Dinge bedürfen hier einer Erklärung. Zunächst beruft sich 
J. Müller auf die allgemeine Erfahrung: „Es ist jedermann bekannt . . .". 
Vielleicht wird mancher an sich diese Erfahrung nicht in dem Masse 
gemacht haben, wie sie hier vorausgesetzt wird. Und doch schreibt 
Ranke 2 ): „Niemals ist das dunkle Gesichtsfeld auch beim gesunden 
Menschen von subjektiven Lichterscheinungen vollkommen frei". 
J. Müller beschreibt diese Lichterscheinungen anderswo, (Nr. 29) als 
„wallende Nebel, Lichtflecke, Feuerkugeln, sich metamorphosierende 
Farbenfelder". 

Vielen wird es ergehen, wie dem Verfasser ; sie beachten diese 
Krscheinungen nicht. Früher waren mir die wallenden Nebel un- 

') Vgl. auch Landois-Rosemann, Lehrbuch der Physiologie des Menschen " 
(1905) 698 und 826; ferner Möbius, Nervosität 2 (Webers Katechismen) 13!); 
Strümpell, Krankheiten des Nervensystems II (die spezielle Pathologie, 1886) 
4»i; Casper, Vierteljahrachr. d. gerichtl. Medizin XVI 283. Daselbst je ein Bei- 
spiel von jahrelang andauernder übler Geruchsempfindung und Empfindung 
von Wohlgerüchen bei sonst gesunden Menschen. 

'') Grnnd/.üge der Physiologie des Menschen 3 (Leipzig 1875) 766. 



Die spezifischen Sinnesenergien nach Joh. Müller. 25 

bekannt ; heute brauche ich nur die Augen mit der Hand zu bedecken, 
und sofort werden sie sichtbar. Lenke ich in dankler Nacht bei 
geöffneten oder geschlossenen Augen die Aufmerksamkeit darauf, so 
sind sie da. Als kleine bläulichweisse oder purpurfarbige mehr oder 
minder scharfumschriebene Wölkchen treten sie auf, dehnen sich 
aus, wandern durch das Gesichtsfeld und verschwinden, während 
neue auftreten. Stundenlang habe ich sie in schlaflosen Nächten 
beobachtet. Oft ist das ganze Gesichtsfeld wie mit Schäfchen bedeckt, 
die aber bald durch wallende Nebel abgelöst werden. Zuweilen ist. 
das ganze Gesichtsfeld hell erleuchtet, wie wenn ein Licht im Zimmer 
brennte. Anfangs wandte ich mich unwillkürlich dem Fenster zu, 
um zu sehen, ob es schon heller Tag sei ; aber bei diesem inneren 
Lichte werden keine äusseren Gegenstände sichtbar *). Heute wende 
ich die Aufmerksamkeit der Erscheinung selbst zu, um die Verwand- 
lungen zu beobachten, die in dem erleuchteten Gesichtsfelde vor sich 
gehen. Bei etwas Aufmerksamkeit und Uebung werden 
diese Erscheinungen jedem sichtbar. 

„Wer sehen will", bemerkt Hering 2 ), ,,hat immer Gelegenheit, 
etwas zu sehen, mögen seine Netzhäute belichtet oder verfinstert 
sein. Wer aber seine Augen schliesst, will gewöhnlich gar nicht 
sehen und macht daher auch keine Erfahrungen über die Eigenfarben 
seines Sehfeldes . . . Befindet er sich jedoch offenen Auges in einem 
völlig verfinsterten Baum und schaut sich absichtlich in demselben 
um, so bemerkt er jetzt erst, wie vieles, trotz völliger Unsichtbar- 
keit der Aussendinge, sein Sehfeld enthalten kann" 3 ). 

Bedenklich wird ferner manchem die Behauptung erscheinen, 
dass Schwarz und Dunkel Empfindungen seien. Und doch ist es so. 
„Schwarz ist eine Empfindung so gut wie Rot, Weiss und jede andere 
Farbe" 4 ). „Auch die Dunkelheit ist etwas Positives", schreibt J. Müller, 

') Sehr naiv ist die Auffassung: der helle Lichtglanz, den wir beim An- 
blick eines hell lodernden Feuers empfinden, könne „nicht in unserem Gehirn 
und Bewusstsein (sich befinden), da ja sonst unser Schädel im Innern grell 
erleuchtet und sehr stark erhitzt sein müsste, was doch tatsächlich nicht der 
Fall ist" (L. Fischer). 

'-) Grundzüge der Lehre vom Lichtsinn (Leipzig 1905 ff.) 212. Vgl. eben- 
daselbst 94. 

3 ) Wenn Boetzkes schreibt (Natur und Offenb. 1908 S. 344): „So wahr 
ein Sehender in stockfinsterer Nacht oder mit verbundenen Augen nichts sieht. 
so wahr ist das extreme Schwarz keine Farbe", dann ist allerdings beides 
gleich wahr oder vielmehr gleich falsch. Die Behauptung, von der B. jeden- 
falls fest überzeugt ist, beweist nur, dass er sich in seinem völlig verfinsterten 
Sehfeld noch nicht umgesehen hat. Nicht zutreffend ist nach dem Gesagten 
auch die Behauptung von Geyser, „dass unsere Fähigkeit, Licht und Farben- 
empfindungen zu erleben, in demselben Augenblick ihr Ende nimmt, in welchem 
... die äusseren Licht- und Farbenreize nicht mehr auf unsere Sinnesorgane 
einzuwirken vermögen" (Lehrbuch der allgemeinen Psychologie [1912] 320). 

4 ) Happe, Ueber den physiologischen Entwickelungsgang der Lehre von 
den Farben (Leipzig 1877) 29. 



26 Norbert Brühl. 

„und wird nur da empfunden, wo ein Lichtnerv ist (Nr. 7). Ist das 
„Organ gelähmt, so hört auch die sinnliche Anschauung der eigenen 
„Ruhe als Dunkel auf" (S. 51). Ebenso bemerkt Steinbuch : „Wenn 
kein äusseres Licht das Auge rührt . . ., erscheint ... der innere 
Sehraum als schwarze Finsternis, als Nacht, als positive Empfindung, 
die jeder aus Erfahrung kennt, und die wir als schwarze Ausdehnung 
unwillkürlich dahin setzen, wo wir überhaupt allen Ursprung von 
Gesichtsobjekten zu suchen gewohnt sind, nämlich in den Teil un- 
serer Aussenwelt, der unseren Augen gegenüber liegt, und den wir 
unser äusseres Sehfeld nennen. Hier scheint uns bei finsterer Nacht 
diese schwarze Ausdehnung gleichsam vor unseren Augen zu schweben. 
Dieses Schwarz ist also nicht . . . Negation aller Gesichtstätigkeit" 1 ). 
„Das Schwarz ist (also) eine wirkliche Empfindung . . ., wenn es auch 
durch Abwesenheit alles Lichtes hervorgerufen wird. Wir unter- 
scheiden die Empfindung des Schwarz deutlich von dem Mangel aller 
Empfindung ... Bei geschlossenen Augen sind wir uns wohl bewussst, 
dass das schwarze Gesichtsfeld eine Grenze hat ; wir lassen es sich 
keineswegs bis hinter unseren Rücken erstrecken" 2 ). 

Wir müssen daher mitWundt 3 ) schliessen, „dass das Schwarz 
aus irgend einem von allen äusseren Lichterregungen verschiedenen 
inneren Erregungszustand der Netzhaut hervorgeht, der die Eigen- 
schaft haben muss, nicht nur jene äusseren Erregungen in grösserer 
oder geringerer Stärke zu begleiten, sondern auch anzudauern, 
nachdem sie verschwunden sind". 

Drei Tatsachen aber sind es, die den unumstösslichen Beweis 
liefern, dass Schwarzsehen nicht das nämliche ist wie Nicht sehen. 
Den ersten Beweis liefert der Mariottesche oder blinde Fleck. Mit 
dem blinden Fleck in der Netzhaut des Auges, der jeder Empfindung 
bar ist, wird nicht Schwarz gesehen, sondern überhaupt nichts. Ein 
Gegenstand, dessen Bild auf den blinden Fleck fällt, gleichviel, 
welche Farbe der Gegenstand hat, verschwindet gänzlich aus dem 
Gesichtsfeld. Nicht einmal die Lücke kann unmittelbar zum Bewusst- 
sein kommen. Helmholtz schreibt darüber : „Man sieht in der Lücke 
des Sehfeldes weder irgend etwas Helles oder Farbiges oder Dunkles ; 
man sieht im strengen Sinne des Wortes nichts, und dieses Nichts 
kann sich nicht einmal als Lücke und Grenze des Sichtbaren geltend 
machen ; denn wenn die Lücke des sichtbaren Sehfeldes selbst sicht- 
bar sein sollte, so müsste sie in irgend einer Qualität des Sichtbaren 
erscheinen, was sie nicht tut" (0. 720). 

Der blinde Fleck hat eine scharf umschriebene Grenze und Aus- 
dehnung, und doch lassen sich beide nicht unmittelbar feststellen, 
weil eben nichts gesehen wird. Der Abstand zweier Lichtpunkte, 
deren Bild eben ausserhalb der Grenzen des blinden Flecks fällt, 



einbuch, Beiträge zur Physiologie der Sinne (Nürnberg 1811) 182 f. 
Helmholtz, Handbuch der Physiolog. Optik'-' (1896) 324. 
Grundzüg« der physiologischen Psycholog.' 1 (Leipzig J910) lßS. 



Die spezifischen Sinnesenergien nach Joh. Müller. 27 

so dass sie noch gerade sichtbar sind, lässt sich nicht aus dem 
Gesichtseindruck bestimmen, weil wir von der Lücke keinerlei Wahr- 
nehmung haben. Daraus schliesse ich, nebenbei bemerkt: dass die 
Schwarzempfindung es ist, welche eine so unmittelbare 
und so genaue Auffassung der räumlichen Verhältnisse 
ermöglicht, wie sie der Gesichtssinn bietet. Das scheint 
mir, wenn nicht der einzige, so doch gewiss ein Hauptzweck der 
Schwarzempfindung zu sein. 

Wäre die Schwarzempfindung nicht, so würden z. B. bei 
astronomischen Beobachtungen mit und ohne Fernrohr die nicht- 
beleuchteten Teile der Netzhaut sich verhalten wie der blinde Fleck. 
Zwei Sterne würden daher nicht als zwei getrennte Punkte erscheinen, 
sondern ineinanderfliessen, wie helle Kreise an der Grenze des 
blinden Flecks es tun (vgl. den Versuch im folgenden); die Raum- 
auffassung wäre gestört. So aber kommen die räumlichen Verhält- 
nisse in jeder Gesichtsempfindung unmittelbar zum Ausdruck. Auf 
diese Bedeutung der Schwarzempfindung hat meines Wissens bisher 
noch niemand hingewiesen. Wohl aber hat H. Schwarz 1 ) schon 
den richtigen Schluss gezogen. ,,dass sogar dann, wenn zwei Zapfen 
(der Netzhaut) um die ganze Weite des Auges, durch lauter un- 
empfindliche Stellen getrennt, von einander abstehen sollten, zwischen 
ihnen kein Zwischenraum gesehen würde ... die Zapfen grenzen 
für das sehende Auge . . . von selbst aneinander". 

Nichtsdestoweniger findet man nicht selten die Behauptung, der 
blinde Fleck werde mit der Farbe des gleichmässigen Grundes aus- 
gefüllt. Selbst Wundt schreibt (II 539) : „Dagegen wird die blinde Stelle 
im allgemeinen mit dem gleichmässigen Hintergrunde ausgefüllt, auf 
dem sich die Zeichnung befindet. Ebenso verschwinden auf der- 
selben die Typen einer Druckschrift, um die scheinbar leere Papier- 
fläche zurückzulassen". Das ist unrichtig. Da nur der gleich- 
massige Grund gesehen wird, die Lücke aber in keiner Weise, so 
ist eben das ganze Gesichtsfeld ausgefüllt, und einer Ausfüllung der 
Lücke bedarf es nicht, da sie für unser Sehen gar nicht vorhanden 
ist. Was die Buchstaben anbelangt, so verschwinden auch sie auf 
dem blinden Fleck. Es ist nämlich, wie Helmholtz (0. 717) richtig 
bemerkt, „ganz gleichgültig, was für nicht gesehene Objekte sich 
dabei in der Lücke des Sehfeldes wirklich befinden. Diese ver- 
schwinden". 

Wenn aber Wundt behauptet, die Typen verschwinden, „um 
die scheinbar leere Papier fläche zurückzulassen", so 
ist das nur dann richtig, wenn der ganze Grund eine leere Papier- 
fläche bildet und bloss die dem blinden Fleck entsprechende Stelle 
bedruckt ist. Ist aber der Grund eine bedruckte Fläche, dann er- 
scheint, wie Kaiser sagt, „die Lücke mit kleinen Buchstaben aus- 
gefüllt" 2 ). Es geschieht das allerdings nicht infolge psychischer Aus- 

J ) Das Wahrnehmungsproblem (1892) 191. 

2 ) Kompendium der physiologischen Optik i^ Wiesbaden 1872) 235. 



28 Norbert Brühl. 

füllung; eine solche nimmt nämlich auch Kaiser an. und darum ist 
sein Zeugnis um so unverdächtiger. Der wahre Grund liegt vielmehr 
darin, dass die ganze wirklich gesehene Fläche so ausgefüllt 
ist und weiter nichts gesehen wird, noch gesehen werden kann, 
und darum auch nichts ausgefüllt zu werden braucht. 

Die Behauptung, auch in diesem Falle erscheine die leere Papier- 
fläche, widerspricht der allgemeinen Erfahrung, von deren Richtig- 
keit sich jeder durch einen Versuch überzeugen kann. 
Zu wiederholten Malen habe ich diese Versuche angestellt und von 
andern anstellen lassen; niemals erschien die leere Papierfläche. 
Alle gegenteiligen Behauptungen, wonach an der Stelle des blinden 
Flecks etwas gesehen werden soll, lassen sich aus mangelhafter 
Fixation erklären. Darum ist auch leicht verständlich, dass die an- 
geblichen Erscheinungen mit der Uebung verschwinden. Wenn z. B. 
bei einem aus zwei farbigen Balken bestehenden Kreuz, dessen 
Kreuzungspunkt auf den blinden Fleck fällt, bald die eine, bald die 
andere Farbe erscheinen soll, so sagt Helmholtz (719), dass er 
früher auch geglaubt habe, dieses zu sehen, und fährt dann fort: 
., Seitdem ich aber durch vieles Beobachten eine grössere Uebung 
im indirekten Sehen erlangt habe, bin ich mir bei diesen Ver- 
suchen ganz bestimmt bewusst, dass ich die Kreuzungs- 
stelle nicht wahrnehmen kann. Auch Aubert, der einer der 
geübtesten Beobachter im indirekten Sehen ist, stimmt darin überein". 

Auch nach Lange, der behauptet, dass der blinde Fleck aus- 
gefüllt wird und dort etwas „gesehen" werde, hört bei häufiger 
Wiederholung des Versuches (also offenbar bei grösserer Einübung) 
„das Sehen an dieser Stelle ganz auf" 1 ). Ebenso, wenn 
Lipps behauptet, „dass wir etwas der Umgebung Analoges tatsäch- 
lich in der Lücke sehen", nämlich „ein Ineinanderfliessen dessen, 
was wir am Rande sehen" 2 ), so finde ich hierin und in allen von 
Lipps angegebenen Versuchen nur eine Bestätigung für das Gesagte. 
Die Behauptungen und Beobachtungen Lipps' sind durchaus richtig 
bis auf das — „in der Lücke". Sie erläutern und erklären ganz 
dasselbe wie der folgende Versuch, den ich selbst wiederholt ange- 
stellt habe und durch viele andere anstellen liess, genau mit dem- 
selben Erfolge. 

Man bringe auf schwarzem Grunde einen weissen Kreis an von 
24 mm Durchmesser und daneben zwei kleinere weisse Kreise von 
10 mm Durchmesser, je im Abstand von 10 mm zu beiden Seiten 
des grösseren Kreises (eine solche Figur findet sich bei Wundt 
(1 538). Bringt man nun den grossen Kreis auf die bekannte Weise 
zum Verschwinden, so bleiben die kleinen Kreise sichtbar, mit 
zwi^-henliegendem schwarzen Grund. Nun stellte ich mir die gleiche 
Vorrichtung her mit beweglichen kleinen Soheibchen, so dass diese 

1 Vgl Ostler, Die Realität der Aussenwelt (Paderborn l'»12) 351. 
I Ostler a. a. 0. 350, 



Die spezifischen. Sinnesenergien nach Joh. Müller. 29 

sich beliebig dem grösseren Kreise nähern Hessen. Schob man nun 
die kleinen Kreise an den grossen unmittelbar heran, so wollte es 
weder mir noch allen andern Beobachtern gelingen, den weissen 
Fleck zum Verschwinden zu bringen. Es zeigte sich immer ein 
kleiner verwaschener länglicher Fleck, aber nur einer, niemals zwei. 
Zur Vergewisserung, dass die richtige Augenstellung vorhanden sei, 
überdeckte ich die drei Kreise mit einem schwarzen Papier, das nur 
einen grossen Kreis trug, brachte ihn zum Verschwinden und liess 
im Augenblick des Verschwindens das aufgelegte Papier fallen. Es 
trat dann bei mir und bei allen andern Beobachtern der kleine 
längliche verwaschene Fleck wieder auf. Das heisst aber nichts 
anderes als : Der mittlere grosse Fleck blieb verschwunden, nur die 
beiden kleinen Flecke waren sichtbar und grenzten aneinander, 
die Lücke ist unsichtbar. 

Richtig ist also die Behauptung von Lipps, dass wir den Rand 
sehen, und dass die Ränder ineinander fliessen. Unrichtig aber ist, 
dass die Ränder in die Lücke verfliessen, denn die Lücke mit dem 
grossen Fleck blieb unsichtbar, und die beiden kleinen ineinander 
verschwommenen Flecke sind zusammen kleiner als der mittlere 
grosse Fleck. Würden die kleinen Flecke wirklich an ihrer Stelle 
sichtbar bleiben, und ausserdem noch sichtbar, wenn auch verwaschen, 
an Stelle der Lücke erscheinen, so müsste der ganze erschei- 
nende Fleck um mehr als das doppelte grösser sein, als es wirklich 
der Fall ist. Trotzdem ist auch die Behauptung verständlich, dass 
sie in der Lücke erscheinen. Da der grosse Fleck verschwunden 
ist, und die kleinen Flecke aneinander grenzen, so liegt die Aus- 
legung nahe, sie seien in die Lücke gerückt. Das Bestehen einer 
wirklichen grossen Lücke zwischen offensichtlich aneinander grenzen- 
den Punkten liegt uns nicht so nahe 1 ). 

In derselben Weise erklärt sich auch folgende Erscheinung: 
Werden neun etwas grössere Buchstaben in drei Reihen zu einem 
Quadrat von etwa 3— 4 cm Seite angeordnet, dann behaupten manche 
Beobachter, beim Verschwinden des Buchstabens inmitten des Qua- 
drates erschienen die beiden Buchstaben zur Seite des mittleren 
einander genähert, das Quadrat also seitlich eingezogen, andere be- 
haupten, sie sähen das Quadrat unverändert. Beides ist richtig. 
Beobachtet man nämlich nur die beiden seitlichen Buchstaben, so 
ist, wie oben bei den kleinen Kreisen, ihr Abstand um die Lücke 
verkürzt, die Buchstaben haben sich scheinbar genähert. Vergleicht 
man aber die seitlichen Buchstaben mit den unter und über ihnen 
liegenden Eckbuchstaben, so bilden sie mit diesen eine gerade Linie, 
und die Annäherung erweist sich als Schein infolge der nicht sicht- 
baren, aber doch vorhandenen Lücke. Richtig ist darum auch, 



x ) Uebrigens finde ich, dass schon Donders das Ineinanderfliessen zweier 
hellen runden Flecke zu einem Oval beobachtet hat, wenn die runden Flecke 
an der Grenze des blinden Fleckes stehen. Vgl. Pilz, Augenheilkunde (1854) 195. 



:;o Norbert Brü h I. 

wenn Wundt sagt, es „scheint die räumliche Distanz eines Diesseits 
und Jenseits (des blinden Fleckes) gelegenen Eindruckes vollkommen 
unverändert gegenüber einer parallelen Strecke, die ausserhalb der 
blinden Stelle fällt" (II 539); aber das beweist nicht, dass die 
I) linde Stelle selbst ihren Raumwert behält. Es können daher 
auch gewisse regelmässige Figuren, wie z. B. Kreise, im blinden 
Fleck keinerlei Unterbrechung und Veränderung zeigen, wie E. H. 
Weber fand, da die gesehenen Teile keine Veränderung und Ver- 
zerrung erleiden, die Figur selbst aber lückenlos aneinander schliesst. 
Wohl aber kann der Ausfall von Teilen zwar nicht gesehen, aber 
mittelbar bemerkt werden, wenn die Figuren ungleichartige Teile 
enthalten. 

Wir sehen also die Lücke nicht und können sie auch nicht sehen, 
und können auch nicht sehen, dass wir nichts sehen. Sehr richtig 
bemerkt Ostler, „es kann überhaupt keine Lücke im Sehfeld geben" 1 ). 
Wohl aber können wir mittelbar davon Kenntnis erhalten durch das 
Verschwinden eines Gegenstandes in der Lücke, dessen Vorhanden- 
sein uns gewiss ist, wie das ja schon bei den allbekannten Ver- 
suchen geschieht. Oder, wenn wir den Kopf eines Menschen auf 
dem blinden Flecke zum Verschwinden bringen, wie Mariotte es 
getan, so werden wir den Menschen nicht für kopflos halten, sondern 
uns der Lücke bewusst werden, ohne sie aber zu sehen, noch mit 
dem bekannten Kopf auszufüllen. 

Die Berufung Wundts (II 539) auf eine erblindete Stelle seines 
rechten Auges in der Gegend des deutlichen Sehens kann nicht als 
Einwand geltend gemacht werden. Wundt nimmt hier eine Aus- 
füllung auf Grund eines zentralen Vorganges an. Zunächst kann man 
fragen, ist die Stelle vollkommen erblindet? Dieses aber auch zu- 
gegeben, ist die Annahme einer zentralen Erregung durch Irradiation 
im Falle Wundts wohl möglich, dagegen ist sie beim Mariotteschen 
Fleck ausgeschlossen, da zentrale Erregungen stets an die Nerven- 
enden verlegt werden, im blinden Fleck aber endigen keine Nerven. 

Uebrigens bilden gerade die Fälle einer teilweisen Erblindung 
der Netzhaut einen weiteren Beweis dafür, dass Schwarz eine wirk- 
liche Empfindung ist und nicht gleichbedeutend mit Nichtsehen, was 
auch Wundt zugibt, wie wir bereits oben (S. 26) sahen. Nicht selten 
stirbt ein Teil der Netzhaut ab, sie erblindet teilweise durch Ver- 
stopfung einzelner Zweige der Netzhautarterie (Embolie). Die dadurch 
entstehende Lücke im Gesichtsfeld erscheint nicht schwarz, sondern 
überhaupt nicht, wie wir auch ausserhalb des Gesichtsfeldes nichts 
sehen. Ich war in der Lage, einen derartigen Fall bei seinem Auf- 
treten zu beobachten, und begleitete den davon Betroffenen zum 

') A. a. 0. 1Ü5. Das bedeutet aber für unser Sehen ganz gewiss „lücken- 
lose Geschlossenheit". Wie Ostler das S. 292 bestreiten kann, ist mir unver- 
ständlich. Seine Gleichnisse und der Schluss für unser Denken und Wissen 
beweisen nichts für das Sehen, Wir wissen auch, dass der blinde Fleck eine 
Lücke in unserem Sehfelde ist, aber wir sehen ihn nicht. 



Die spezifischen Sinnesenergien nach Juli. .Müller. 31 

Augenarzt. Während der Niederschrift dieser Arbeit suchte ich ihn 
nochmals auf. Bei geradeaus gerichtetem Blick sieht derselbe von 
einer gegenüberstehenden Person noch die Hand, wenn sie in Brust- 
höhe gehalten wird, aber nur verschwommen. Alles, was tiefer liegt, 
wird nicht gesehen ; die untere Hälfte des Gesichtsfeldes fehlt, sie 
erscheint nicht schwarz, sondern überhaupt nicht. 

Dasselbe ist der Fall bei dem halbseitigen Ausfall der Gesichts- 
empfindung beider Augen (homonyme Hemianopsie. Westphal, Jastro- 
witz, Gurschmann, Jany, Nieden u. a.). Es sind hierbei die gleich- 
namigen Netzhauthälften beider Augen untätig infolge einseitiger 
Erkrankung oder Zerstörung gewisser Hirnteile. „Dem Erkrankten 
erscheint das ausgefallene halbe Gesichtsfeld nicht schwarz, sondern 
als nicht vorhanden" (Landois-R. 823). 

Ein dritter Beweis dafür, dass Schwarz eine wirkliche Empfindung 
bedeutet, liegt in der Tatsache, dass Schwarzsehen auch durch ausser- 
gewöhnliche Reize erregt werden kann, sowohl innere w.ie äussere. 
So tritt Schwarzsehen auf bei Amoklauf, einer der Fallsucht ähn- 
lichen Krankheit 1 ). Ebenso kann die Schwarzempfindung erregt 
werden durch Elektrizität 2 ) und unter gewissen Bedingungen auch 
durch Druckreize. Schwarzsehen tritt ferner ein bei Ohnmachts- 
anfällen (Strümpell 322) und starkem Blutandrang zum Gehirn 8 ). 

Mit Recht bemerkt daher Brücke 4 ): „Wir sehen auch die 
Dunkelheit . . . ; ein Wesen, das keine Sehnerven hätte, würde auch 
die Dunkelheit nicht empfinden, so wenig wie wir urteilen, dass es 
hinter uns dunkel sei, weil wir nach rückwärts keine Augen haben". 
Und J. Müller schreibt (Nr. 63): „So lange die Empfindung des 
„Dunklen nicht aufgehoben ist, so lange der Blinde noch Dunkel 
„sieht, sind auch innere Lichtempfindungen möglich . . . das Dunkle 
„ist etwas Positives und wird nur da empfunden, wo Sehsinnsubstanz 
„ist ; denn von dem hinter uns ist es uns unmöglich, die Empfindung 
„des Dunklen zu haben". 

Auf den dritten Punkt, nämlich die Behauptung J. Müllers, dass 
Blindgeborene die Empfindung von Licht und Farbe haben müssen, 
wofern der Sehnerv gesund ist, werden wir später eingehen. Kehren 
wir vorläufig nach der etwas langen Abschweifung zu unserer These 
zurück, dass alle Sinnesempfindungen auch ohne äussere Ursachen 
auftreten können. Für die Gefühls-, Geruchs- und Gesichts- 
empfindungen ist der Naclrweis bereits erbracht. 

Für Geschmacksempfindungen führt J. Müller keine Belege 
an, da die Ekelempfindung, auf die er sich beruft, den Gefühls- 

*) Eulenburg, Realenzyklopädie der gesamten Heilkunde 3 (1894 ff.), Artikel: 
Epileptisches Irresein. 

2 ) Näheres siehe unten Lehrsatz 2 bei der elektrischen Erregung der 
Empfindungen. 

3 ) Vgl. eine derartige Beobachtung von Lebert, Prager Quartalschrift 
Bd. 68 S. 4 und 24. 

*) Vorlesungen über Physiologie 4 (Wien 1885—87) II 154. 



Morbert Brühl. 

empfutdungen beigerechnet werden muss. Sie sind indes gar nicht 
selten. Ueber eine beständige Sauerempfindung an der Zungenspitze 
habe ich bereits früher berichtet (Das Geschmacksorgan). Es han- 
delte sich dabei um einen Hypochonder, also wohl um eine krank- 
hafte Erscheinung; aber auch sonst kommen dauernde Geschmacks- 
empfindungen bei ,, manchen Personen" vor (Kiesow), wahrscheinlich 
sind sie nicht bloss häufig, sondern allgemein, wie das Lichtchaos 
und die Empfindungen unserer Glieder, die bei allen Menschen vor- 
handen sind, aber nur von wenigen beachtet werden. 

Ja, dass dem Lichtchaos eine ähnliche Dauerempiindung in 
sämtlichen Sinnen entspricht, ist mir nicht bloss wahrscheinlich, 
sondern sicher. Für vier Sinne kann ich mich auf eigene Erfahrung 
berufen : für Gesicht, Geschmack, Gehör und Gefühl. Zu jeder Zeit 
bin ich in der Lage, ihr Vorhandensein festzustellen, wenn« ich nur 
die Aufmerksamkeit darauf lenke. Für das Gehör besteht diese 
Empfindung bei mir in einem hohen Spitzmauspfeifen. Sie wird sich 
schwerlich darauf beschränken, aber bei andern derart schwachen 
Gehörsempfindungen ist es nicht leicht, sich mit Sicherheit zu über- 
zeugen, dass ein Schallreiz ausgeschlossen ist. Darum wird eine 
solche Empfindung auch beim Geruchssinn nur in den allerseltensten 
Fällen sicher nachweisbar sein. Gruithuisen, der aus diesen Dauer- 
empfindungen die Träume entstehen lässt, nennt sie Traumchaos. 
Er schreibt darüber *) : „Jeder Sinn hat sein Traumchaos". Und 
nachdem er die Verwandlungen beschrieben, die das Lichtchaos beim 
Uebergang vom Wachen zum Halbschlaf und Traum durchmacht, 
fährt er fort: „Dieses Traumchaos wird auch im Gehörorgan in ganz 
stiller Nacht bemerkt. Wenn man recht aufmerksam horcht, so 
glaubt man alle Augenblicke etwas zu hören, was doch bei näherer 
Ueberlegung den Umständen gemäss gar nicht gehört werden kann" 
(234). Ebenso behauptet Gruithuisen, er fühle „zu allen Zeiten in 
den Fingerspitzen bei grosser Aufmerksamkeit" ein dem sogenannten 
Ameisenlaufen ähnliches Gefühl. „Auch gibt es ein Traumchaos im 
Muskelsinn . . ." (234). „Aehnliche Regungen fühle ich auch bei 
grosser Aufmerksamkeit beim Geschmacks- und Geruchsorgan, aber 
weit seltener, als in den übrigen Sinnesorganen . . ." (235). Soweit 
Gruithuisen. 

Das Geschmackschaos besteht bei mir in einem schwach bitteren, 
sauren und salzigen Geschmack, von denen der salzige am schwächsten 
und nicht jederzeit wahrnehmbar ist, der bittere sich merklich ver- 
stärkt, wenn ich die Zunge von den Zähnen zurückziehe und in der 
Mundhöhle schwebend halte, der saure durch Hervorstrecken der 
Zunge. 

Einen stark süssen Geschmack am weichen Gaumen verspürte ein 
Bekannter von mir häufiger. Der Geschmack verstärkte sich durch 
Itäuspern, hielt ganze Tage an und war zur Zeit der Mitteilung 



l ) Beiträge zur Physiognomie und Eautognosie .München 1812) 234 f. 



Die spezifischen Sihnesen'ergien nach Job. Müller. H3 

(1905) halbseitig. Ob diese Geschmacksempfindung auch früher halb- 
seitig war, wusste sich der Betreffende nicht mehr zu erinnern. 

Bitteren Geschmack im Munde bei Erkrankung der Zentralorgane 
beobachtete M. Bosenthal l ). Auch kommt der bittere Geschmack vor 
bei entzündlicher Schwellung der Geschmackswärzchen am Zungen- 
rande 2 ;. Sehr häufig werden Geschmacksempfindungen beobachtet 
bei Paukenhöhle:; entzündungen und Mittelohreiterungen infolge von 
Reizzuständen der Paukensaite, welche Geschmacksfasern durch die 
Paukenhöhle zur Zunge führt. Es wurde dies selbst in solchen Fällen 
beobachtet, wo die Zunge für Schmeckstoffe ganz unempfindlich 
war 3 ). Auch bei Lähmungen des Antlitznerven sah man Geschmacks- 
empfindungen auftreten (Strümpell 47). Endlich kommen Geschmacks- 
empfindungen vor bei Geisteskranken und Nervehleidenden. Man 
führt sie zurück auf Beizung der entsprechenden Gebiete in der 
Hirnrinde (Landois-R. 966 und 826). 

„Auch Geliörsempfinduiigen haben wir von innen so gut wie 
„von aussen: denn so oft der Gehörnerv sich in einem gereizten 
„Zustande befindet, tritt das Empfindbare des Gehörnerven als Klingen, 
„Brausen, Schallen ein. Die Krankheiten dieses Nerven äussern sich 
„durch solche Empfindungen, und selbst bei leichteren Affektionen 
„des Nervensystems zeigt dieser Sinn seinen Anteil an der Ver- 
stimmung oft durch Sausen, Klingen, Läuten in den Ohren an" 
(II 251). 

Ja, Ohrgeräusche der verschiedensten Art aus inneren Ursachen 
sind so häufig, dass sie nach Politzer 4 ) bei zwei Dritteln aller Ohren- 
leiden beobachtet werden. „Hie und da hört auch jeder Gesunde 
ein Sausen mit hohem Toncharakter in seinen Ohren" 5 ). Auf die 
dem Lichtchaos entsprechende dauernde Gehörsempfindung Gruit- 
huisens und meine eigene Erfahrung hierin habe ich bereits hinge- 
wiesen (oben 32j. Auch J. Rosenthal schreibt 6 ), ich höre sie „jeder- 
zeit, freilich schwach, sobald ich in stiller Nacht die Aufmerksam- 
keit darauf lenke, und zwar immer in dem Ohr, auf welches ich 
achte". Ebenso sagt Goldscheider "•) : „Ich höre in jedem Moment 
bei Aufmerksamkeit und äusserer Stille in beiden Öhren ein sich 
gleichbleibendes Klingen mittlerer Höhe". 

Es treten also die eigentümlichen Empfindungen sämtlicher Sinne 
auch aus inneren Ursachen in die Erscheinung, und „aus allem 
„diesen", so schliesst J. Müller, „geht deutlich genug hervor, was 
„bewiesen werden sollte, dass durch äussere Einflüsse kein Modus 

1 ) Handbuch der Diagnostik und Therapie der Nervenkrankheiten (Erlangen 
1871) 187. 

2 ) M. Rosenthal a. a. 0. 503. 

3 ) Urbantschitsch, Lehrbuch der Ohrenheilkunde (Wien u. Leipzig 1880) 414. 
*) Lehrbuch der Ohrenheilkunde (Stuttgart 1878-82). 

5 ) Löwe, Lehrbuch der Ohrenheilkunde Berlin 1884) 139. 

a ) Biologisches Zentralblatt IV (Erlangen 1885) 11Ü. 

7 ) Die Lehre von den spezifischen Sinnesenergien (Berlin 1881) 11. 

Philosophisches Jahrbuch 1915. ° 



;-i4 Norbert Brühl. 

„der Empfindung in uns entsteht, der nicht auch ohne äussere Ur- 
sachen aus inneren in den entsprechenden Sinnen auftreten kann" 
(II 251). 

Zweiter Lehrsatz : 

., Dieselbe innere Ursache ruft in verschiedenen 
„Sinnen verschiedene Empfindungen nach der Natur 
^jedes Sinnes, nämlich das Empfindbare dieses Sinnes 
.,hervor" (-II 251). 

„Eine gleiche innere Ursache, die auf alle Sinnesnerven in der- 
selben Art einwirkt, ist die Anhäufung des Blutes in den Kapillar- 
^gefässen bei der Kongestion (Blutandrang) und Entzündung. Diese 
'„gleiche Ursache erregt in der Nervenhaut des Auges die Empfindung 
,','der Helligkeit . . . und der Blitze ; die Empfindung des Sausens und 
''Klingens in den Gehörnerven; die Empfindung des Schmerzes in 
"den °Gefühlsnerven" (II 251). 

Diesen Beispielen kann die bereits erwähnte Bitterempfindung 
bei Entzündung der Geschmackswärzchen sowie die Geschmacks- 
empfindungen bei Paukenhöhlenentzündungen angereiht werden 
(oben S. 33). Ferner gehören hierher die Geruchsempfindungen bei 
Entzündung der Riechnerven 1 ). Ueberhaupt sind die Entzündungen 
der Sinnesorgane vielfach von den entsprechenden Empfindungen 
begleitet, gleichviel ob die Entzündung die Endausbreitung des Nerven, 
den Nervenstamm oder die Nervenzentren betrifft. „Alle krankhaften 
Zustände der Sehsinnsubstanz", sagt J. Müller (Nr. 7), „äussern sich 
durch Licht- und Farbenerscheinungen", und Gruithuisen bemerkt: 
„Nirgends werden mehr Licht, Funken und Farben gesehen, als bei 
der Entzündung innerer Teile des Auges" 2 ). Ebenso ist es bei den 
andern Sinnesnerven. Den Augen- und Ohrenärzten sind diese Er- 
scheinungen geläufig, und bezüglich der Schmerzempfindung genügt 
es, jeden auf seine eigene Erfahrung hinzuweisen. 

„Ebenso bewirkt auch ein ins Blut gebrachtes Narkotikum (be- 
täubendes Gift) in jedem Sinnesnerven die ihm angemessenen 
„Störungen; Flimmern vor den Augen im Sehnerven, Ohrensausen im 
„Gehörnerven, Formikatio (das sogenannte Ameisenlaufen, Prickeln) 
„in den Gefühlsnerven" (II 251). 

Ein derartiges Gift, welches nach den Beobachtungen und Unter- 
suchungen Schroffs auf alle Sinne wirkt, mit Ausnahme des Gehörs, 

') Entzündung der Nerven (Polyneuritis) wird öfter bei Influenza beobachtet 
(vgl. Archiv f. Psychiatrie XXVI [1894] ^99 ff.). Namenilich ist dabei der Riech- 
nerv in Milleidenschaft gezogen, und es treten dabei subjektive Gerüche auf, 
die sich „oft noch lange nach der Genesung erhallen' 1 . Vgl. Grünwald, Atlas 
und Grünaus der Krankheiten der Mundhöhle und der Nase' 2 (München 1902) 
30, 73. lieber wochenlang andauernde subjektive Geiuchsemptin hingen bei 
Kiechnervenenlzündung (Sektionsbefund) berichtet Hack, Riechen und Geruchs- 
organ (Wiesbaden 1885) 39. 

*) Anthropologie 279. 



Die spezifischen Sinnesenergien nach Joh. Müller. 35 

ist das Santonin oder das Gift des Wurmsamens *). Auf Gesicht, 
Gehör und Gefühl wirkt nach Schroff auch das Gift der Tollkirsche, 
das Atropin 2 ), und nach neueren Beobachtungen auch auf den Ge- 
schmack. Neben einfachen Farbenempfindungen treten nach grossen 
Atropingaben nicht selten ausgeprägte Gesichtsphantasmen auf. 

Ich hatte Gelegenheit, zwei Fälle zu beobachten. Der erste be- 
traf einen äusserst ruhigen und besonnenen Menschen. Gelegentlich 
einer Atropinbehandlung wurde er abends derart von Gesichts- 
phantasmen heimgesucht, dass er aufstand und die Türe seines 
Zimmers verschloss. Der zw y eite Fall betraf die Frau eines Arztes, 
die infolge einer übermässigen Atropinbehandlung ihr ganzes Leben 
hindurch vorübergehend an Gesichtsphantasmen litt. Der Arzt selbst 
teilte uns die Geschichte in Gegenwart seiner Frau mit, und die Frau 
fügte hinzu: ,,Ich sehe die Leute vor mir, nicht anders als ich wirk- 
liche Menschen über die Strasse gehen sehe". Aber auch die ver- 
schiedenartigsten Gefühle treten nach Atropinvergiftungen auf, wie 
Schmerzen, Ekel, Kitzel, Kältegefühl usw. In ähnlicher Weise 
wirken Weingeist, Aether, Chloroform, Opium, indischer Hanf und 
die meisten Alkaloide unserer Giftpflanzen, deren Wirkungen sehr 
eingehend untersucht sind. 

Auch manche krankhafte Zustände beeinflussen alle Sinne. So 
ist die Verrücktheit (Paranoia hallucinatoria acuta) ausgezeichnet 
durch Halluzinationen in allen Sinnen 3 ). Ebenso ist bei Melancholie 
in 75 Fällen unter hundert das Auftreten von Halluzinationen nach- 
weisbar 4 ). Auch bei der Fallsucht zeigen sich die verschiedensten 
Sinnesempfindungen; namentlich treten dieselben als Vorboten des 
Anfalles (aura epileptica) auf. So beobachtete man bei 505 Fall- 
süchtigen vor dem Anfall 84 mal Gesiehtsempfindungen, 26 mal Ge- 
hörsempfindungen, 9 mal Geruchsempfindungen und einmal Ge- 
schmacksempfindungen 5 ). 

Eine weitere innere Ursache, die auf die verschiedenen Sinne 
wirkt, ist die sympathische Uebertragung oder Miterregung, d h. der 
Uebergang des Erregungszustandes von einem Nerv auf einen andern, 
vermittelt durch zentrale Teile. So werden z. B. bei Reizungen der 
Darmschleimhaut durch Würmer, Geschwüre, unverdauliche Speisen 
usw. sehr häufig Geruchsempfindungen beobachtet. Es war 
dies schon Cloquet bekannt 6 ). Auch die Schmidtschen Jahrbücher 



J ) Lehrbuch der Pharmakologie (Wien 1873) 379. 

2 ) A. a. 0. 514. 

3 ) Eulenburg, Art. Paranoia hallucinaforia. 
*) Eulenburg, Art. Melancholie. 

• 5 ) Eulenburg, Art. Epilepsie. Vgl. ebendas. Bd. 33 Art. Epileptisches Irre- 
sein : ferner Strümpell a. a. 0. 424. Mir erklärte ein solcher Kranker, dass er 
vor dem Anfall wiederholt die Eisenbahn habe am Fenster vorbeifahren gesehen, 
obgleich er wisse, dass dort kein Geleise sei. 

*) Osphvesiologie oder Lehre von den Gerüchen usw. (Deutsche Ausgabe 
Weimar 1824) 79. 

3* 



6 Norbert Brühl. 

berichten zwei derartige Fälle 1 ). Allgemein im Volke bekannt ist 
der Kitzel in der Nase bei Wurmreiz. Lieber Ohrensausen bei 
Wurmreiz und andern Reizzuständen im Unterleib finden sich bei 
Lincke eine ganze Reihe von Fällen verzeichnet 2 ). Ferner hat 
Meniere allein dreiundvierzig Fälle gesammelt, in denen .-ich die 
Ohrgeräusche von Magenerkrankungen abhängig erwiesen 3 ). Auch 
berichtet Lincke über einen Fall, wo der Sehnerv durch Unter- 
leibsleiden in Mitleidenschaft gezogen wurde. In all den genannten 
Fällen ist es der herumsclrweifende Nerv (N. vagus), der seinen Reiz- 
zustand auf die andern Sinnesnerven überträgt. 

Aehnliche Beziehungen bestehen zwischen dem dreiteiligen Nerv 
(N. trigeminus) und den andern Sinnesnerven. Wiederholt kommt 
Urbantschitsch (85, 112, 254, 470) rücksichtlich des Gehörs auf 
diesen Einfluss zu sprechen, der sich in inneren mitunter sogar 
musikalischen Gehörsempfindungen kundgib!. Entsprechend zeigen 
sich bei der sogenannten „sympathischen Augenerkrankung" im ge- 
sunden Auge Licht- und Farbenempfindungen, die auf einer Reiz- 
übertragung des dreiteiligen Nerven im kranken Auge beruhen. Wird 
der betreffende Zweig dieses Nerven (n. optico-ciliaris) im kranken 
Auge durchschnitten, so hören die Lichterscheinungen im gesunden 
Auge auf (Schirmer) 4 ). 

Koppe beobachtete verschiedene Fälle, wo verhärtete Narben 
am äusseren Schädel auf eingewachsene Zweige des dreiteiligen 
Nerven n. trigem.) einen derartigen Reiz ausübten, dass Halluzi- 
nationen des Gesichts-, Gehörs- und Geruchssinnes nebst anderen 
nervösen Störungen auftraten. Durch Ausschneiden der Narben brachte 
er sie sofort zur Heilung; in einem Falle sogar, nachdem die 
Störungen vierzig Jahre gedauert hatten 5 ). 

Umgekehrt übertragen die höheren Sinne ihren Reizzustand auf 
Gefühlsnerven: Starke Schall-, Licht- und Geruchsreize ziehen den 
dreiteiligen Nerv und andere Nerven in Mitleidenschaft und erregen 
Schmerzempfindungen. Es ist dies eine im Organismus selbst be- 
gründete und höchst zweckmässige Einrichtung, weil ohne sie die 
Sinnesorgane nicht nur schwer geschädigt, sondern bald zu Grunde 
gehen würden. Bekannt ist der Kitzel in der Nase beim Sehen in 
helles Licht; ferner das Auftreten von Gefühlsempfindüngen („Gänse- 
haut", „kaltes Ueberlaufen") nach Schrilltönen, sowie nach unan- 
genehmen Geschmacks- und Geruchsempfindungen. 

J. Müller bespricht diese Reizübertragung in seiner Schrift : 
..I >ie Phantastischen Gesichtserscheinungen", jedoch, dem Inhalt dieser 
Schrift entsprechend, nur mit Rücksicht auf den Gesichtssinn: 

') Jahrbücher der in- und ausländischen Medizin XVI 141 und XXII 29. 
1 Handbuch der Ohrenheilkunde I 571 ff. und III 37 ff. 
3 Vgl. Kaiser, Ueber subjektive Gehörsempfindungen (Halle 1897) 29. 
*) Bei Eulenburg, Art. Sympathische Ophthalmie. 

6 ) Ueher Kopfverletzungen als peiiphere Ursachen reflektierter Psychosen, 
'sches Archiv für klinische Medizin XII 353 ff. 



Die spezifischen Sinnesenergien nach Joh. Müller. 37 

„Hysterische und hypochondrische Personen sehen Nebel, Spinn- 
gewebe, Gitterwerk . . ., wenn ihre Verdauung oder eine andere 
„Funktion gestört ist" (Nr. 22). „Das Auge . . . empfindet die ihm 
„aus andern Organen mitgeteilten Reizungen leuchtend . . . ; es sieht 
„Nebel in Aftektionen der Unterleibsorgane, die ihm sympathisch 
„mitgeteilt werden" (Nr. 7). „Die Strahlen, die wallenden Nebel, die 
„Lichtflecken, die Feuerkugeln . . .. wovon unser dunkles Sehfeld bei 
„geschlossenen Augen nie ganz frei ist, sind nichts anderes als 
„Reflexe (Rückwirkungen) von Zuständen anderer Organe auf ein 
„Organ, das in jedem Zustande sich entweder licht, dunkel oder 
„farbig empfindet" (Nr. 29). 

Eine auf innerer Reizübertragung beruhende Erscheinung, die 
sich auf alle Sinne erstreckt und sie zu den ihnen eigentümlichen 
Empfindungen anregt, sind endlich die Träume und die Wach- 
halluzinationen, welch letztere von Esquirol mit Recht Träume der 
Wachenden genannt werden. Nach Joh. Mülller (Nr. 25 und 31) 
bestehen nämlich die Traum- und Wachbilder eben darin, dass das 
Organ der Einbildungskraft und des Vorstellungsvermögens seinen Er- 
regungszustand auf die Zentren der Sinnesorgane überträgt und diese 
in Miterregung versetzt. Gerade diese Erscheinungen, soweit sie den 
Gesichtssinn betreffen, bilden den Gegenstand der Müllerschen Schrift: 
„Ueber die Phantastischen Gesichtserscheinungen". 

Die Traum- und Wachbilder sind wirkliche Sinneserscheinungen, 
nicht anders, wie die von äusseren Gegenständen erregten. Nach 
Gruithuisen bewegen sich die Wachbilder und die nach dem Erwachen 
oft noch andauernden Traumbilder mit den Augen (Anthrop. 419), sie 
hinterlassen positive und negative Nachbilder und andere Ermüdungs- 
erscheinungen. Auch dafür führt Gruithuisen Beispiele an (Eau- 
tognosie 256 — 57», was auch anderweitig bestätigt ist: Bei nicht 
paralleler Einstellung der Augenachsen erscheinen diese Bilder doppelt, 
bei Nystagmus (Augenschwanken) hin und her schwankend, in der 
Grösse abhängig von der Anpassung des Auges auf eine bestimmte 
Entfernung; in der Farbe abhängig von dem Ermüdungszustande der 
Netzhaut 1 ;. Es mag dahingestellt bleiben, ob in diesen Fällen sich 
die Erregung bis in das äussere Organ fortpflanzt oder nicht. Letzteres 
nimmt J. Müller an (Nr. 71 ff.). Die Bewegung wäre dann nur eine 
scheinbare und rührte daher, dass bei Bewegung der Augen sich 
verschiedene von aussen erregte Bilder mit den innern decken. 
Jedenfalls beruhen sie zum Teil bloss auf zentraler Erregung, da sie 
auch bei Blinden vorkommen. 

Bei vielen ganz gesunden Menschen treten diese Wachbilder 
auf, wie bei J. Müller selbst, der sie in der genannten Schrift ein- 
gehend beschreibt. Andere bekannte Persönlichkeiten sind Goethe, 
Tieck, Tasso, Pascal, Spinoza, Walter Scott, Jean Paul, Moses 
Mendelssohn, der Physiker Lichtenberg und Cardanus. Weitere Bei- 

! ) Eulenburg, Art. Sinnestäuschungen, 



38 Norbert Brühl. 

spiele finden sich bei J. Müller (Nr. 47 ff.) und Gruithuisen (Eau- 
tognosie 239 ff.). J. Müller, Goethe und Gardanus konnten die Er- 
scheinung willkürlich hervorrufen; Cardanus bisweilen sogar dem 
Inhalte nach: ,, Video quae volo, nee omnino semper, cum volo. Mo- 
ventur autem perpetuo, quae videntur. Itaque video lucos, animalia, 
orbes ac quaeeunque cupio". ..Bei Menschen, welche am Delirium 
tremens leiden, findet mitunter etwas ähnliches statt, sie vermögen 
selbst am hellen Tage Halluzinationen hervorzurufen, sobald sie an 
bestimmte Dinge denken" (Landois-R. 880). Ebenso versicherte ein 
Staatsmann Gruithuisen, er könne sich seinen Vater im dunklen 
Zimmer vorstellen, wie wenn er ihn wirklich mit Augen sähe unter 
Farben- und Gestaltveränderungen (Anthrop. 347). Ja, diese Er- 
scheinungen treten bei Irren, an Zitterwahn Leidenden, aber auch 
bei vielen Nervösen mit grosser Leichtigkeit auf, und der Irrenarzt 
Ideler beobachtete deren mehr als hundert, darunter auch willkürliche. 
Alle Sinne beteiligen sich an diesen Wachbildern. Der berühmte 
Zoologe Savigny (1777 — 1851) hatte, wie er selbst erzählt, dreissig 
Jahre lang Gesichts-, Geruchs- und Gehörserscheinungen, ohne in 
seiner Geisteskraft geschwächt zu sein (Möbius 138). Ein Bekannter 
von Gruithuisen roch jede Blume, die er sich vorstellte (Anthrop. 
350); auch schreibt er (Eautognosie 240): „Im wachen Zustande 
nimmt beinahe jeder Mensch zuweilen einen Geruch wahr, wovon 
kein anderer etw T as wissen will . . ., und (er) kann sogleich durch 
einen andern angenehmen Geruch verdrängt werden ; und so ist es 
mit dem Geschmack". „Ich darf nicht an Jalappenpulver denken, 
ohne dessen Geschmack im Munde zu empfinden, sowie dieses eben 
jetzt geschah, als ich dieses Wort niederschrieb. Ebenso erging es 
van der Swieten mit dem Sennesblätterdekokt" (Anthropol. 353). 
„Es kommen auch förmliche Tasthalluzinationen vor, wo andere 
Menschen nichts zu tasten finden" 1 ). Rieselempfindungen, Gänse- 
haut usw. entstehen bei sehr vielen Menschen, wenn sie sich erlittene 
Schmerzen oder sonst ein unangenehmes oder gefährliches Erlebnis 
vorstellen, und zwar willkürlich 2 ;. 



') Baumann, Haeckels Welträtsel nach ihrer starken und schwachen Seite 
(Leipzig 1905) 20. 

*) In der Zeitschrift Natur und Offenbarung LIV 347 stellt Boetzkes die 
Behauptung auf, „dass auch psychische Nervenreize die Seele zu einer 
Sinneswahrnehmung determinieren können, das . . . (nachzuweisen) wird der 
Physiologie ebensowenig gelingen wie der Psychologie". Ich kann das nicht 
anders auffassen, als dass B. in Abrede stellt, dass die Sinne durch seelische 
Vorgänge zu der ihnen eigentümlichen Betätigung angeregt werden können. 
Und doch ist das eine durch zahllose Erfahrungen bewährte Tatsache. Es mag 
hier genügen, auf die eben angeführten Beispiele hinzuweisen, in denen der 
Gesichts-, Geruchs-, Geschmacks- und Gefühlssinn willkürlich erregt werden 
konnte ohne jeden äusseren Gegenstand. Dass heftige Gemütsbewegungen von 
körperlichen Empfindungen begleitet sind, ist wohl den meisten Menschen 
geläufig. 



Die spezifischen Sinnesenergien nach Joh. Müller. 39 

„Dass jeder Mensch wenigstens Spuren dieser Erscheinung habe", 
schreibt J. Müller (Nr. 42), „davon bin ich gewiss. In der Tat sind 
„unsere Traumbilder, die uns ja gewöhnlich auch im hellen Seh- 
„raum erscheinen, nichts anderes, als die Fortsetzung dieser Er- 
scheinungen vor dem Einschlafen, und so wie diese in die Traum- 
bilder übergehen, so bleiben sie auch oft nach dem Erwachen eine 
„kurze Zeit im Sehfelde haften ; worauf sie allmählich in Licht- und 
„Nebelflecken erlöschen, verscheucht durch die stärkere Anregung 
„der Sehsinnsubstanz von aussen". „Nicht selten", bemerkt Gruithuisen 
(Anthrop. 422), „habe ich meine sich metamorphosierenden Traum- 
bilder noch im Auge, nachdem ich . . . ganz bei Besinnung bin, und 
viele Personen traf ich schon, die ähnliche Erscheinungen hatten". 

Wer diese Erscheinungen an sich selbst beobachten will, dem 
sei folgendes empfohlen: Beim Erwachen nach einem lebhaften 
Traum setzt sich beim Schliessen der Augen bisweilen derselbe 
Traum sehr bald wieder fort. Dabei lässt sich häufig feststellen, 
dass wir noch bei vollem Bewusstsein sind. Es kommt eben darauf 
an, dass man seine Aufmerksamkeit darauf lenkt. 

Allen aber sind diese Erscheinungen „im Traume gewiss" (Nr. 42). 
Es genügt, jeden auf seine eigene Erfahrung zu verweisen. Wenn 
manchem Geruchsempfindungen im Traume nicht erinnerlich sind, so 
rührt dies daher, dass auch wirkliche Gerüche vielfach unbeachtet 
bleiben, wenn sie sich nicht gerade mit Gewalt aufdrängen; umso- 
weniger werden sie als flüchtige Traumerscheinungen in der Er- 
innerung haften bleiben. Sie sind indessen sicher bezeugt. Dubois- 
Reymond hat sie wiederholt an sich beobachtet, seitdem er die Auf- 
merksamkeit darauf richtete 1 ), ebenso J. Rosenthal 2 ). Auch be- 
richtet Rosenthal (a. a. 0.) von einem Geschmackstraum, wobei die 
Empfindung zweimal nach dem Erwachen kurze Zeit andauerte. Er 
bemerkt dazu, wenn es sich um einen Schmeckstoff gehandelt hätte, 
so wäre die Empfindung nicht sobald nach dem Erwachen ver- 
schwunden bei verstärkter Aufmerksamkeit darauf. 

Meine eigene Erfahrung bestätigt dasselbe auch für Geruchs-, 
Geschmacks-, Gehörs- und Tastempfindungen, und mir ist es in keiner 
Weise zweifelhaft, dass sich bei jedem gesunden Menschen alle Sinne 
an den Träumen beteiligen, auch Geruch und Geschmack. Man 
wähle nur eine bestimmte Empfindung und achte darauf, so wird 
man in kurzer Zeit sich überzeugen können, dass sie im Traume 
auftritt. Riech- und Schmeckstoffe sind meist schon der Natur der 
Sache nach ausgeschlossen. Wenn z. B. jemand träumt, er geniesse 
verschiedene Früchte oder verschiedenartiges Backwerk, wobei es 
sich schon nicht mehr um reine Geschmäcke, sondern auch um 
Geruchsempfindungen handelt, oder er rieche verschiedene Blumen 
oder sonstige Wohlgerüche, so kann an das Vorhandensein von 
wirklichen Schmeck- und Riechstoffen nicht gedacht werden. 



l ) Vgl. Goldscheider, Sinnesenergien 15. — 2 ) Biol. Zentralblatt 124. 



1 o Norberl Brühl 

Dritter Lehrsatz : 

„Dieselbe äussere Ursache erregt in den verschie- 
denen Sinnen verschiedene Empfindungen, nach der 
Natur jedes Sinnes" (II 251). 

„Der mechanische Einfluss des Schlages, Stosses, Druckes erregt 
„z. B. im Auge die Empfindung des Lichtes und der Farbe. Durch 
.Drücken des Auges ruft man bekanntlich bei geschlossenen Augen 
„die Empfindung eines feurigen Kreises hervor; durch leiseren Druck 
„bewirkt man die Empfindung von Farben und kann eine in die 
„andere umwandeln" (II 251). 

Dieser Druck bewirkt nicht bloss eine allgemeine Lichtempfindung 
im Auge, sondern auch scharf umschriebene Bilder, wenn er sich 
auf begrenzte Stellen der Netzhaut erstreckt. So kann z. B. das 
Adergeflecht bei starker plötzlicher Schwellung durch unmittelbaren 
Druck auf die Netzhaut in scharfumgrenzten Umrissen mit all seinen 
Verzweigungen als hellleuchtende Figur sichtbar werden (vgl. Gesichts- 
sinn S. 46 und 61). Das Druckbild findet sich auch bei Blinden. 
Schlodtmann wählte unter den Zöglingen der Blindenanstalt in Halle a/S. 
drei Zöglinge aus, die in den ersten Lebenstagen erblindeten. Sie 
hatten noch Hell- und Dunkelempfindung, vermochten aber nicht zu 
unterscheiden, woher das Licht kam. Auf Druck mit einer stumpfen 
Spitze erschien sofort das Druckbild, und „übereinstimmend und ohne 
Zögern" gaben sie als Ort der Empfindung die gegenüberliegende 
Seite an, wie es auch die Sehenden tun 1 ). 

Dass es sich bei diesen Erscheinungen um wirkliches Licht 
handle, welches von andern gesehen werden oder andere Gegenstände 
beleuchten könne, glaubt wohl kaum jemand ernstlich und ist so oft 
widerlegt worden, dass es sich nicht lohnt, darauf einzugehen. Das- 
selbe gilt von der Ansicht, es könne wenigstens innerhalb des Seh- 
nerven wirkliches Licht erzeugt werden ; doch soll auf diesen letzteren 
Einwand später geantwortet werden. 

„Der mechanische Einfluss erregt aber auch die eigentümlichen 
„Empfindungen des Gehörnerven" (II 252). Alles, was den Labyrinth- 
druck plötzlich steigert, sei es unmittelbar oder mittelbar, reizt den 
Gehörnerv und führt zu Ohrgeräuschen und zwar bei ganz gesunden 
Ohren (Politzer 224). Von den durch erhöhten Blutdruck erzeugten 
Geräuschen war bereits die Rede. Aber auch jede Berührung der 
Labyrinthfenster und Gehörknöchelchen, sowie Erhöhung des Luft- 
druckes in der Paukenhöhle zieht Ohrgeräusche nach sich. Bei einem 
Bettler in Paris, dessen harte Hirnhaut freilag, erzeugte ein Druck 
auf die Hirnhaut Funkensehen und Ohrenklingen 2 ). 

Während Seh- und Gehörnerv mechanischen Einflüssen ziemlich 
schwer zugänglich sind, durch ihre verborgene Lage im Innern von 



') Gräfes Archiv (1902) 264. 

') Oruühuisen, Anthropologie 382 und 379; an letzter Stelle verschiedene. 
Literatur über derartige Fälle. Vgl. auch J. Müller Nr. 13 und 22. 



Die spezifischen Sinnesenergien nach Joh. Müller. 41 

Knochenhöhlen, ist der Geschmacksnerv denselben mehr ausgesetzt, 
und doch findet man verhältnismässig selten Angaben über Geschmacks- 
empfindungen , die durch mechanische Einwirkungen auf die End- 
ausbreitungen dieses Nerven entstehen. Es müssen also besondere 
Schutzvorrichtungen vorhanden sein. Indessen liegen auch solche 
Fälle vor. So führt J Müller (II 489) die Beobachtung von Henle 
an, dass ein feiner Luftstrom an der Zunge einen salzigen Geschmack 
erzeuge, was ich nur bestätigen kann. Auch Bidder und Lewes 
erregten durch mechanische Beize Geschmacksempfindungen *), und 
Shore vermochte bei sich selbst durch Beiben bestimmter Zungen- 
teile süssen und bitteren Geschmack hervorzurufen 2 ). Bitteren Ge- 
schmack konnte auch Kiesow bei sich und „vielen anderen Personen" 
durch Beiben mit einem Glasstab erzeugen 3 ). Nagel empfindet schon 
dann verschiedene Geschmäcke, wenn er die Zunge herausstreckt 4 ), 
R. Wagner und Vintschgau bitteren Geschmack beim Zusammen- 
drücken der Zungen wurzel, Goldscheider häufig bitteren und salzigen 
Nachgeschmack bei Berührung der Wallwärzchen 5 ). 

Während es mir anfangs nicht gelang, durch seitliches Zusammen- 
pressen der Zungen wurzel bitteren Geschmack zu erregen, bin ich 
jetzt jederzeit dazu imstande. Einen ziemlich kräftigen bitteren Ge- 
schmack verspüre ich aber, wenn ich mit dem Zeigefinger einen 
starken Druck auf die Wallwärzchen ausübe; und der erste, den ich 
bat, den gleichen Versuch anzustellen, machte nicht bloss dieselbe 
Erfahrung, sondern fand auch, gerade wie ich es gefunden, dass der 
bittere Geschmack noch nach dem Versuch wieder auftauchte. 

Wenn Wundt (II 61) sagt: „Die Behauptung, mechanischer Druck 
auf die Zunge bringe saure oder bittere Geschmacksempfindungen 
hervor, beruht vielleicht auf einer Täuschung, die durch Assoziation 
mit. bestimmten Tastempfindungen entstanden ist", so werden damit 
diese Tatsachen nicht aus der Welt geschafft. Die Annahme Wundts, 
mit der durch den Druck hervorgerufenen Würgbewegung und Ekel- 
empfindung verbinde sich die Empfindung des bitteren Geschmackes, 
der vorzugsweise den Ekel errege, gibt zunächst wenigstens die 
mittelbare Erregung der Bitterempfindung durch mechanischen Beiz 
ohne SchmeckstofT wieder zu, ist indes unbegründet. Schon der von 
Goldscheider sowie dem oben erwähnten Versuchansteller und von 
mir verspürte Nachgeschmack beweist das : denn hierbei kann von 
Würgbewegung überhaupt keine Bede mehr sein. Ueberdies ist eine 
solche bei mir gar nicht vorhanden, wenn ich den Versuch anstelle. 
Ich besitze nämlich in dieser Hinsicht eine merkwürdige Unempfmd- 
lichkeit, so dass sie seinerzeit die Verwunderung des Arztes erregte, 

') Vgl. Weinmann, Die Lehre von den spezifischen Sinnesenergien (Leipzig 
1895) 46. 

'-) Vgl. Gutberiet, Psychophysik (Mainz 1905) 542. 

3 ) Vgl. W. Sternberg, Geschmack und Geruch (Berlin 1907) 118. 

4 ) Handbuch der Physiologie des Menschen (1904) 634. 
s ) Sinnesenergie ii 20, 



42 Norbert Brühl. 

der mir mit einer bleistiftdicken Sonde den Nasenrachenraum son- 
dierte, ohne dass eine Würgbewegung eintrat. Auch bin ich der 
festen Ueberzeugung, dass jeder bei kräftigem Druck der Wall- 
wärzchen den bitteren Geschmack empfinden wird 1 ). 

Ganz unzweifelhaft und regelmässig entstehen auch Geschmacks- 
empfindungen durch mechanische Reizung der Paukensaite in der 
Trommelhöhle des Ohres. Es ist das durch zahlreiche Beobachtungen 
und Versuche erwiesen: Jede Berührung der Pauken saite 
mit der Sonde ruft Geschmacksempfindungen an der 
Zunge hervor. Auch geschieht dies mitunter beim Einblasen von 
Pulvern in die Paukenhöhle und selbst bei der Ohrenluftdusche. 
Letzteres zu beobachten hatte ich selbst Gelegenheit. Die Sauer- 
empfindung an der Zungenspitze dauerte dabei eine ganze Stunde. 

Auch Geruchsempfindungen können nach Valentin auf 
mechanischem Wege ausgelöst werden, z. B. durch heftiges Schneuzen. 
Ja, er behauptet, sie jederzeit willkürlich hervorrufen zu können ; 
er schreibt: „Lasse ich meine vorher zusammengedrückten Nasen- 
flügel rasch zurückschnellen, so erhalte ich einen deutlichen Geruchs- 
eindruck" 2 ). Hierher gehören auch die Geruchsempfindungen, die 
entstehen infolge von Druck und Zerrung des Riechstreifens in der 
Schädelhöhle. Man hat solche öfter beobachtet bei Geschwülsten, 
Verknöcherung der Spinnwebenhaut, Verwachsungen des Riechnerven 
mit den Hirnhäuten und bei Wucherungen der Hirnbasis 3 ). 

Für Druck-, Schmerz- und Muskelgefühl stellen mecha- 
nische Einwirkungen den gewöhnlichen Reiz dar. 

Endlich ist auch für Wärme- und Kälteempfindung die 
Erregung durch mechanische Reize sichergestellt durch Versuche von 
Kiesow, Bader u. a. Hier wäre wohl auch die Beobachtung Toynbees 
einzureihen, dass nach einem Trommelfellriss vier Tage lang eine 
Kälteempfindung an der Zungenspitze eintrat 4 ). Die Verletzung er- 
streckte sich dabei offenbar auf einen Nerv: wahrscheinlich auf die 
Paukensaite, die auf dem Trommelfell liegt und zur Zungenspitze geht. 

Kein einziger Sinn also zeigt sich der mechanischen Erregung 
unzugänglich. 

,,Der elektrische Reiz kann als zweites Beispiel dienen, dass 
..derselbe Reiz in den verschiedenen Sinnesnerven verschiedene 
. Empfindungen hervorruft" (II 253). 

Einfache Lichtblitze im Auge erhält man schon mit zwei 
gestielten Platten aus Silber und Zink. Die Silberplatte wird in den 
Mund gelegt, der Stiel der Zinkplatte berührt den inneren feuchten 
Augenwinkel. Sobald nun die andern freien Enden der beiden Metalle 
in Berührung gebracht werden, sieht das Auge einen hellen Lichtblitz. 

1 ) In der Tat haben inzwischen verschiedene Personen, denen ich diesen 
Versuch empfahl, die gleiche Erfahrung gemacht. 

2 ) Grundriss der Physiologie des Menschen (Braunschweig 1855) 071. 
*) M. Rosenthal a. a. 0. 469. 

') Vgl. Urbantschitsch a. a. 0. 414. 



Die spezifischen Sinnesenergien nach Joh. Müller. 43 

Regelmässig lasse ich diesen Versuch auch von Schülern ausführen 
und erinnere mich keines Misserfolges, obgleich Helmholtz bemerkt, 
dass für ihn ein einfaches Plattenpaar nicht hinreiche. Auchi 
dauernde Lichtempfindungen erhält man mit Dauerstrom. 
Ritter sah je nach der Stärke und Richtung des Stromes grüne, 
rote und blaue Farben. Die von Ritter beobachteten Farben- 
erscheinungen wurden durch spätere Beobachtungen von Grapen- 
giesser, Most, Reinhold, Brenner, Purkinje, Neftel, Finkelstein u. a. 
bestätigt '). 

Leitet man mittelst scharf begrenzter Elektroden den Strom von 
der Schläfenseite oder durch die Lider dem Auge zu, so gilt nach 
Helmholtz (247) die Regel: „Elektrische konstante Durchströmung 
der Netzhaut in der Richtung von den Zapfen zu den zugehörigen 
Ganglienzellen gibt die Empfindung von dunkel ; die entgegengesetzte 
Durchströmung gibt die Empfindung von hell". Das Auftreten eines 
dunkelschwarzen ovalen Fleckes bei elektrischer Reizung wurde auch 
von Schwarz 2 ) und von Finkelstein (878) beobachtet. Letzterer ver- 
leg! ihn an die Stelle des gelben Fleckes der Netzhaut. Bei einem 
an Star Erblindeten erzeugte Le Roy mittelst Leydener Flaschen 
Bilder von Menschen und Tieren. 

Der Gehörnerv wird ebenfalls durch den elektrischen Strom 
erregt. Es sind jedoch hierzu stärkere Ströme erforderlich, weil das 
innere Ohr verhältnismässig gut geschützt ist gegen den galvanischen 
Strom. Je nach der Anordnung der Stromzuführung entstehen nur 
im Augenblicke des Oeffnens und Schliessens Gehörsempfindungen 
(Brennersche Normalformel), oder auch andauernde Empfindungen 
(Wreden», die an Stärke zunehmen, weil der elektrische Strom die 
Empfindlichkeit des Gehörnerven steigert. Mit zunehmender Strom- 
stärke nehmen die Klangempfindungen einen mehr musikalischen 
Charakter an und gewinnen an Deutlichkeit. In manchen Fällen er- 
zielt man mittelst des elektrischen Stromes selbst dann noch Gehörs- 
empfindungen, wenn das Gehör für äussere ! v challreize schon er- 
loschen ist (vgl. das Gehörorgan). 

Geruchsempfindungen hat zuerst Althaus mittelst des elek- 
trischen Stromes erregt. Infolge gänzlicher Unempfmdlichkeit der 
Nasenschleimhaut gegen Gefühlsreize konnte derselbe Stromstärken 
anwenden, die sonst unerträglich sind. Er benutzte hierzu nicht 
weniger als 35 Elemente 8 ). Dann hat Aronsohn gezeigt, dass der 
Riechnerv allgemein mit geringen Stromstärken erregbar ist 4 ). Man 
füllt zu diesem Zwecke die Nasenhöhlen mit körperwarmer Kochsalz- 
lösung und taucht in diese Lösung die Enden der Stromleitung. Auch 

*) Vgl. L. Finkelstein, Ueber optische Phänomene bei elektrischer Reizung 
des Sehapparates. Archiv f. Psychiatrie XXVI (1894) 867 ff. 
J ) Archiv für Psychiatrie XX11 (1890) 5^5. 
3 ) Vgl. Remak bei Eulenburg, Art. Elektrodiagnostik. 
*) Archiv f. Physiologie und Anatomie (1886) 337. 



1 1 Norbert Brühl 

hier gilt, die Brennersche Regel: Die Empfindung tritt auf bei Kathoden- 
Öffnung und Anodenschluss. 

Was die Geschmacksempfindungen angeht, so kann ich 
mich dafür auf eigene Versuche stützen (vgl. das Geschmacksorgan ). 
Die Empfindungen Salzig und Sauer erhält manschen mit einem 
Zink-Silberplattenpaare an der Zungenspitze. Dabei treten beide 
Geschmäcke sowohl an der Eintrittsstelle des Stromes auf, wie an 
der Austrittsstelle. Diese Gleichheit des Geschmackes an beiden 
Polen hatte übrigens schon Eulenburg bemerkt *). Nur in der Stärke 
der Empfindung zeigt sich ein Unterschied. Will man den Geschmack 
an der Austrittsstelle prüfen, wo er schwächer ist, so ist es ratsam, 
die Anode nicht an die Zunge anzulegen, sondern an die Wange. 
Einen alkalischen ,, Geschmack" gibt es überhaupt nicht; was davon 
zu halten sei, habe ich früher (a. a 0. 293 f.) ausführlich dargelegt. 

Einen kräftigen bitteren Geschmack erhält man auf den Wall- 
wärzchen und zwar ebenfalls an beiden Polen. Endlich erhielt ich 
auch einen süssen Geschmack an den seitlichen Rändern der Zunge 
und an der Zungenspitze durch Reiben dieser Teile mit der Kathode 
und nur mit dieser. Die Süssempfindung ist von allen elektrisch 
erregten Geschmäcken die schwächste ; auch ermüdet die Zunge für 
den süssen Geschmack sehr bald, erholt sich aber nach einiger Zeit 
wieder 2 ). Wer zweifelt, ob sich mittelst des elektrischen Stromes 
Geschmacksempfindungen erregen lassen, mache einen Versuch mit 
den Wallwärzchen, und seine Zweifel werden schwinden. Die gleichen 
Erfahrungen wurden übrigens von den verschiedensten Forschern 
gemacht. W. Sternberg berichtet darüber in seinem Werke „Geruch 
und Geschmack" ausführlich (68 ff.). 

Von Gefühlsempfindungen lassen sich Tast-, Schmerz-, 
Kälte-, Wärme- und Ekelempfindung zweifellos elektrisch erregen 
(vgl. auch unten zu Lehrsatz IV über die Gesetzmässigkeit der 
elektrischen Erregung). Temperaturempfindungen bei Anwendung 
galvanischer Ströme beobachteten Ritter, Dubois Reymond, Vintsch- 
gau, Rosenthal (vgl. Goldscheider 31). Auch treten sie auf bei elek- 
trischer Reizung der Kälte- und Wärmepunkte (vgl. Landois-R. 977). 

Einwendungen : 

I. Gegner der Lehre von den spezifischen Sinnesenergien erheben 
mit Rücksicht auf die elektrische Erregung des Geschmackssinnes 
immer wieder den Einwand, es könnte die zerlegende Wirkung des 

') Lehrbuch der funktionellen Nervenkrankheiten (1871) 296. 

') Schon in der erwähnten Schrift halte ich angegeben, dass der süsse 
Geschmack an der Kathode auftrete, konnte aber die Bedingungen nicht fest- 
stellen, weil der Geschmack nicht regelmässig auftrat. Der Grund ist eben die 
rasche Ermüdung. Einige Zeit später (am 12. Dezember 1-KJ5) schrieb ich an 
Dr. W. Sternberg, dass ich an der elektrischen Erregung der Süssempfindung 
nicht mehr zweifeln könne, weil ich sie wiederum beobachtet hatte. Inzwischen 
hauen ander« owohl wie ich selbst sie öfter wahrgenommen, und /.war regel- 
mässig, wenn nur die Erholung des Nerven abgewartet wurde, 



Die spezifischen Sinnesenergien nach Juli. Müller. 45 

Stromes auf die Speichelsalze oder auf die Geschmacks Wärzchen an 
den Enden der Stromzuführung Stoffe ausscheiden, welche ihrer- 
seits erst den Geschmack erregen : nicht der elektrische Strom also, 
sondern wirkliche Schmeckstoffe seien die Ursache der Geschmacks- 
empfindung (vgl. Wundt II 61). 
Dieser Einwand ist hinfällig: 

1. Wer annimmt, dass sämtliche Nerven gleichartig sind, muss 
die elektrische Erregung sämtlicher Nerven annehmen, sobald sie 
für einen einzigen Nerv erwiesen ist, er würde sonst mit sich selbst 
in Widerspruch treten. Nun ist die elektrische Erregung der Nerven 
schlechthin eine unleugbare Tatsache. Sehen wir indes von dieser 
Gleichartigkeit ab und halten uns nur an die erwiesene Tatsache, 
dass die verschiedenartigsten Nerven durch den galvanischen Strom 
erregbar sind : Die Bewegungsnerven, die Drüsennerven, verschiedene 
Empfindungsnerven. Vernünftiger Weise wird man daraus schliessen. 
dass auch jene Nerven durch Elektrizität erregbar seien, die etwa 
wegen ihrer verborgenen Lage einer Untersuchung unzugänglich sind. 
Ergibt nun auch hier der Versuch noch einen wirklichen Erfolg, wie 
es beim Geschmackssinn der Fall ist, dann wird man berechtigter 
Weise in dem Einwand, es könnten möglicherweise Schmeckstoffe 
vorhanden sein, nur eine billige Ausrede erblicken. Dieser Schluss 
ist um so unabweisbarer, als der Geschmacksnerv auch auf mecha- 
nische Reize hin mit den ihm eigentümlichen Empfindungen antwortet, 
wo von Schmeckstoffen keine Rede sein kann. 

2. „Schiebt man zwischen die Zunge und den stromzuleitenden 
Körper blaues Lackmuspapier, so sieht man keine Rötung desselben 
während des Auftretens des sauren Geschmackes, und doch ist . . . 
Lackmuspapier ein viel empfindlicheres Reagens gegen freie Säuren 
als unsere Zunge. Wenn also in diesem Falle an der Grenze des 
Lackmuspapieres und der Zunge nicht so viel freie Säure abgeschieden 
wird, um dasselbe zu röten, so kann es nicht die freie Säure sein, 
die wir schmecken" (J. Rosenthal 121). 

3. Der saure Geschmack bleibt auch dann, wenn die Berührungs- 
stelle mit einer alkalischen Flüssigkeit bestrichen und selbst kräftig 
eingerieben wird, also das Auftreten freier Säure ganz ausgeschlossen 
ist. Schon Volta hatte das nachgewiesen, und ich selbst habe mich 
wiederholt durch Versuche davon überzeugt. Um auch dem Ein- 
wände zu begegnen, die Säure trete in der Tiefe auf, die alkalische 
Flüssigkeit aber befinde sich nur an der Oberfläche der Zunge, habe 
ich die alkalische Flüssigkeit mit Zucker versetzt und kräftig ein- 
gerieben: der süsse Geschmack und das Einreiben gewährleisteten 
das Eindringen des Alkalis bis zu den geschmackempfindenden Teilen. 
Die Sauerempfindung blieb. 

4. Der saure Geschmack tritt, wie bereits bemerkt, an beiden 
Polen auf, auch an der Kathode, wo keine Säure ausgeschieden wird, 
also auch nicht die Ursache der Sauerempfindung sein kann. Das- 
selbe gilt auch von dem salzigen und bitteren Geschmack; auch sie 



46 Norbert Brühl. 

treten beiderseitig auf. Der „alkalische Geschmack" und sein Wechsel 
mit dem Polwechsel ist keine Tatsache, sondern eine aus der elektro- 
lvtischen Hypothese hervorgegangene Vermutung, die durch die 
Tatsachen widerlegt wird. Es handelt sich hierbei um eine Sache, 
die jeder leicht nachprüfen kann. 

5. Erregt man die Paukensaite elektrisch, so tritt stark saurer 
Geschmack an der Zunge auf. Ebenso erhält man Geschmacks- 
emplindungen, wenn man den Gehörnerv elektrisch erregt, indem 
man eine Elektrode in den mit Wasser gefüllten Gehörgang bringt. 
Der Geschmack tritt gleichzeitig mit Schmerz-, Schall- und Licht- 
empfmdungen auf, und diese Empfindungen halten oft tagelang an 
(Politzer 839, Urbantschitsch 517). Desgleichen erhielt Neftel bei 
Erregung des Sehnerven neben Licht- und Farbempfindungen jedes- 
mal auch bitteren Geschmack an der Zunge, sobald er mehr als 
neun Siemenselemente anwandte (vgl. Finkelstein 871). Da nun in 
allen diesen Fällen der elektrische Strom die Zunge überhaupt nicht 
trifft, und die Empfindungen bisweilen tagelang anhalten, so ist jeder 
Schmeckstoff ausgeschlossen. Eine Erregung des Nerven- Stammes 
durch Schmeckstoffe hält auch Wundt (I 502) für ausgeschlossen. 

II. Aber nicht bloss bei elektrischer Erregung, sondern allgemein, 
meint Weinmann (48), sei ,,bei Geruch und Geschmack das Fehlen 
entsprechender Materien niemals mit Sicherheit nachzuweisen". Darum 
auch hierüber einige Worte : 

1. Zunächst gilt auch hier der Beweis aus der Gleichartigkeit 
oder Aehnlichkeit. Entzündungen des Sehnerven sind immer von 
Lichtempfindungen begleitet, Entzündungen des Gehörnerven haben 
stets Gehörsempfindungen und Entzündungen von Gefühlsnerven stets 
Gefühlsempfindungen zur Folge. Wenn nun auch bei Entzündungen 
von Geschmacksnerven Geschmacksempfindungen auftreten und bei 
Entzündung des Riechnerven Geruchsempfindungen, so wird man 
über den Einwand, in den beiden letzteren Fällen könnten ver- 
borgene Schmeck- oder Riechstoffe vorhanden sein, ruhig zur Tages- 
ordnung übergehen können. 

2. Eine Sauerempfindung, die infolge der Ohrenluftdusche auf- 
tritt und eine ganze Stunde anhält; ferner jede Sauerempfindung 
an der Zunge, die durch mechanische Reizung der Paukensaite er- 
zeugt wird, schliesst einen Schmeckstoff mit Sicherheit aus; das 
leuchtet jedem ein. Eine solche Sauerempfindung an der Zunge ver- 
mochte Urbantschitsch (414) durch Berührung der Paukensaite auch 
dann noch zu erregen, wo die Zunge selbst sich gegen Schmeckstoffe 
und insbesondere gegen Weinsteinsäure -ganz unempfindlich erwies. 

3. Wenn in dem oben (32) berichteten Falle die Sauerempiindung 
beständig war, so ist damit ein Reiz durch eine Säure vollständig 
ausgeschlossen. Ueberdies hatte ich in jenem Falle, wie ich schon 
1903 angab, dem Betreffenden mittelst Lackmuspapier nachgewiesen, 
dass er durchaus keine Säure an seiner Zunge habe. Es geschah 



Die spezifischen Sinnesenergien nach Joh. Müller. 47 

dies nicht aus wissenschaftlichen Rücksichten, sondern um jenen 
Menschen zu beruhigen, der zu allerlei Befürchtungen neigte. 

4. Wenn jemand ganze Tage süssen Geschmack in der einen 
Mundhälfte verspürt (oben S. 32), dann ist eben durch die Halb- 
seitigkeit jede Erregung durch einen Süssstoff mit Sicherheit aus- 
geschlossen. 

5. Wenn Gruithuisen jedesmal bei dem Gedanken an Jalappen- 
pulver auch den entsprechenden Geschmack verspürt, der sich aus 
einer eigentümlichen Geruchsempfindung und einer bitteren Ge- 
schmacksempfindung zusammensetzt, dann kann von einem etwa 
vorhandenen Schmeck- und Riechstoffe keine Rede sein und ebenso- 
wenig, wenn jemand jede Blume riecht, die er sich vorstellt. 

6. Starke Geruchshalluzinationen mit ausgeprägter Entartung 
der Riechkolben l ) sowie innere Geruchsempfindungen, wobei der 
Riechstreifen durch eine Geschwulst zerstört war (ebenda), und 
Veilchengeruch, der häufig als Vorbote des epileptischen Anfalles 
auftritt 2 ), lassen sich durch Riechstoffe überhaupt nicht erklären. 
Aehnliche Fälle liessen sich in Menge anführen (vgl. Einwand III 2). 

III. Endlich mag hier noch eines dritten Einwandes gedacht 
werden, der mit den vorerwähnten zusammenhängt und darum zum 
Teil auch schon widerlegt ist. Die sogenannten fremdartigen oder 
ausserge wohnlichen Reize, sagt man, erzeugen zunächst den gewöhn- 
lichen Reiz, und dieser erregt erst den Sinn. So soll z. B. der Druck 
aufs Auge wirkliches Licht oder Aetherw r ellen hervorbringen, die dann 
in gewöhnlicher Weise auf den Sehnerv einwirken. 

Auch dieser Einwand ist ganz unhaltbar. 

1. Es ist das zunächst eine völlig unbewiesene Behauptung, die 
man schon deshalb einfach ablehnen könnte nach dem Grundsatz: 
„gratis asseritur, gratis negatur". Schlimmer ist, dass dieser Einwand 
im Widerspruch steht mit den Tatsachen. Wenn z. B. beim Druck 
auf die harte Hirnhaut Licht- und Schallempfindungen eintreten, so 
muss doch der Beweis erbracht werden, dass ein solcher Druck 
Licht und Schallwellen erzeugen kann. Das widerspricht aber jeg- 
licher Erfahrung. Ferner muss auch der Sehnervenstamm und die 
zentralen Teile überhaupt durch Licht erregbar sein ; auch das steht 
im Widerspruch mit den Tatsachen: ,, Licht auf den Stamm des 
blossgelegten Sehnerven geworfen ist völlig wirkungslos" (Landois-R. 
845). Es ergibt sich das auch schon aus der Unerregbarkeit des 
blinden Fleckes durch das Licht. ,, Licht, was auf die Eintrittsstelle 
des Sehnerven fällt, wird nicht empfunden", obgleich es „merklich 
in die Masse des Nerven eindringen kann und die Gefässe in seinem 
Innern noch erkennen lässt" (Helmholtz 0. 250). Zugleich ist damit 
auch der Einwurf erledigt, das durch Druck im Sehnervenstamm 
erzeugte Licht pflanze sich bis zur Netzhaut fort und errege dann 

*) Sanders bei Eulenburg, Art. Sinnestäuschungen. 
*; Uerends, Handbuch der Semiotik (1830) 238. 



18 Norbert B 



ruh 



diese. Der blinde Fleck zeigt, dass eine solche Fortleitung nicht 
stattlindet, ganz abgesehen davon, dass jene Licht- und Schall- 
erscheinungen auch bei Blinden und Tauben auftreten. Auch nach 
Wundt (I 486 und 502) ist die Unempfindlichkeit des Sehnerven- 
stammes für Licht sicher erwiesen. 

2. Wenn ausgeprägte Gesichtshalluzinationen bei Zahnschmerz 
auftreten durch Ausbreitung der Erregung auf das Sehzentrum, wenn 
solche Halluzinationen von manchen Menschen willkürlich hervor- 
gerufen werden, bei allen aber im Traume vorkommen, wenn Leber-, 
Darm- und andere Unterleibskrankheiten Gesichts- und Gehörs- 
empfindungen hervorrufen, so ist offenbar, dass dabei nicht jene 
physikalischen Licht- und Schalleinwirkungen vorhanden sind, welche 
gewöhnlich die gleichen Vorgänge vom äusseren Sinnesorgane her 
erregen. Wohl aber entsprechen die zentralen Vorgänge denen, die 
auch von Licht und Schall erregt werden können, und es ist damit 
der Beweis erbracht, dass nicht bloss ohne jene physikalischen Reize 
Licht- und Schallempfindungen zustande kommen, sondern auch, 
dass die Wirksamkeit jener gewöhnlichen Reize nicht als Zuleitung 
äusserer Eigenschaften zum Gehirn und zum Bewusstsein aufgefasst 
werden darf, sondern als Auslösung eben jener zentralen Vorgänge, 
die von den betreffenden Empfindungen begleitet sind. 

3. Geradezu widersinnig wäre der Einwand, wenn man ihn auf 
Geruch und Geschmack ausdehnen wollte, denn eine mechanische 
Berührung der Paukensaite kann keinen Schmeckstoff hervorbringen 
und Zerrungen des Riechnerven keinen Riechstoff. 

Es erweist sich also keine dieser Einwendungen als stichhaltig. 
Selbst Ettlinger gesteht, dass „diese Ausflüchte doch manchmal allzu 
künstlich sind, um namentlich für das optische Gebiet als hinreichend 
zu gelten" l ). 

Nicht zutreffend, vielmehr den Tatsachen widersprechend ist daher 
auch die Behauptung Wundts: „Mechanische und elektrische Reize 
rufen nur, wenn sie die Netzhaut, nicht wenn sie den Sehnerv treffen, 
Lichtemplindungen hervor; ebenso lassen sich durch mechanische 
und elektrische Reize keine Geruchs- und Geschmacksempfindungen 
bewirken, es sei denn, dass der elektrische Strom eine chemische 
Zersetzung erzeugt" 2 ). Was den Sehnerven angeht, so hat die 
Durchschneidung des Sehnerven-Stammes die Empfindung blendender 
Lichtmassen zur Folge 3 ). Und die Tatsache, dass Le Roy bei einem 
Starblinden mit der Leydener Flasche ausgeprägte Bilder von Men- 
schen und Tieren hervorrief, beweist, auch abgesehen von der Blind- 
heit, die elektrische Erregung des Sehzentrums. Uebrigens hat 
Szokalski wiederholt bei Blinden mit erstorbenem Sehnerv mittelst 



») Philos. Jahrbuch der Gürresgesellschaft XXVI (1913) 48. 

■) Grundriss der Psychologie * 54. 

r '; Tourluals Erfahrungen bei J. Müller 11 269. 



Die spezifischen Sinnesenergien nach Joh. Müller. 49 

des elektrischen Stromes Blitze erzeugt, deren Farbe sich von der 
Lage der Pole abhängig erwies 1 ). 

Ferner schreibt Szokalski : „Wenn man nach Exstirpation des 
Auges bei einem Tiere oder beim Menschen den Stumpf des Seh- 
nerven beleuchtet, so entsteht keine Empfindung der Helle und die 
Pupille des andern Auges zieht sich nicht zusammen ; wird er aber 
mechanisch, chemisch oder galvanisch gereizt, so erhält man ein 
ganz entgegengesetztes Resultat, wie ich mich vor kurzem an einem 
Kranken überzeugt habe, dem ich ein Auge . . . exstirpieren musste. 
Lind hat auch dieselbe Beobachtung gemacht" (72). Auch diese 
Versuche zeigen, dass der Einwand : der fremdartige Reiz erzeuge 
erst den gewöhnlichen, hinfällig ist. Der ^ehnervenstamm erwies 
sich für Licht unempfindlich, für die andern Reize erregbar, somit 
ist die unmittelbare Erregung des ganzen Sehnerven durch mecha- 
nische, chemische und elektrische Reize gesicherte Tatsache. 

Als drittes Beispiel eines äusseren Reizes, der mehrere Sinne 
zu erregen imstande ist, führt J. Müller den chemischen Reiz an 
(II 253). Sicher ist es, dass viele chemische Stoffe zugleich auf den 
Geschmackssinn, den Geruchssinn und auf den Gefühlssinn wirken. 
Der Aether z. B. schmeckt bitter, brennt auf den Schleim- 
häuten und erregt den bekannten Geruch. Chloroform erregt 
eingeatmet den Geruchssinn, zugleich ein Kältegefühl, ein 
Brennen in den Schleimhäuten und endlich süssen Geschmack, 
der vielfach als süsser Geruch bezeichnet wird, weil die Dämpfe 
durch die Nase zu den Enden des Geschmacksnerven gelangen. 
Menthol erregt den Geschmackssinn; es schmeckt bitter sowohl 
in Substanz als auch in Oel oder Weingeist gelöst; es erregt den 
Tastsinn, wie jeder feste Körper: es erregt die Schmerz- 
empfindung, ein Brennen, namentlich in den Schleimhäuten; es 
erregt den Temperatursinn, nämlich die Empfindung der Kälte 2 ); 
es erregt endlich den Geruchssinn zu dem bekannten Pfefferminz- 
geruch. Es vermag also Menthol fünf verschiedene Empfindungen 
auszulösen, je nach dem Nerven, auf den es wirkt, und zwar in ganz 
regelrechter gesetzmässiger Weise. Jeder dieser Nerven erweist sich 
für den Mentholreiz empfänglich. Aber jeder einzelne Nerv ant- 
wortet nur mit seiner Empfindung, und ist einer dieser Nerven un- 
tätig, so fehlt die betreffende Empfindung 3 ). Hier zeigt sich ganz 
offenbar, dass die Empfindung vom Nerv abhängt. In ähnlicher 
Weise erregen viele organische Säuren, z. B. Benzoesäure, Bernstein- 
säure, Gerbsäure usw., zugleich den Geschmacks-, Geruchs- 
und Gefühlssinn. 

Bei all den genannten chemischen Beispielen handelt es sich, 
wie bereits bemerkt, um den gewöhnlichen regelrechten, den soge- 

J ) Zerebralstörungen der Gesichtsfunktion. Vierteljahrsschrift für prakt. 
Heilkunde. Prag. 41. Band 74. — 2 ; Vgl. Landois-Rosemann 961. 

3 ) Vgl. meine Beobachtung eines Falles, wo Pfefferminzbonbons nicht er- 
kannt wurden wegen mangelnden Geruchssinnes. Nalur u. Offenbarung (1903) 294. 

Philoiophischee Jahrbuch 1915 4 



",<> Nurbert Brühl. 

nannten ,, adäquaten" Reiz, von dem noch die Rede sein wird. Und 
hier muss ich einer irrigen Auffassung entgegentreten. Helmholtz 
führt wiederholt 1 ) die Licht- und Schallwellen als Releg dafür an, 
dass derselbe Reiz mehrere Sinne treffen kann mit verschiedener 
Wirkung. Weinmann bemerkt hierzu 1 85) : „Es ist klar, dass das 
mit der Lehre von den spezifischen Energien nichts zu tun hat ; denn 
die Lehre bezieht sich auf das Wirken unadäquater Reize". 

Das ist ein Irrtum ! Es bringt nämlich Joh. Müller selbst gerade 
diese beiden Beispiele wiederholt und stützt sich noch ausdrücklich 
auf das Schallbeispiel zur Begründung seines Gesetzes von den 
spezifischen Sinnesenergien (II 255; vgl. 253—55). Helmholtz hat sie 
nur von J. Müller entlehnt. Die Lehre von den spezifischen Sinnes- 
energien hezieht sich also keineswegs allein, ja nicht einmal vor- 
wiegend auf die aussergewöhnlichen Reize, sie bezieht sich vielmehr 
auf jede Lebensäusserung der Sinne, gleichviel durch welchen Reiz 
sie hervorgerufen wird. Sachlich kommt den gewöhnlichen (adä- 
quaten) Reizen, für die das Organ angepasst ist, die grössere Wichtig- 
keit zu, auch in der Lehre Müllers. 

Wenn dennoch bei der Begründung dieser Lehre die ausser- 
gewöhnlichen Reize mehr in Betracht gezogen werden, aber durchaus 
nicht ausschliesslich, wie soeben dargetan wurde und später noch 
klarer wird, so liegt das darin, dass die aussergewöhnlichen Reize 
vorzüglich geeignet sind, die Richtigkeit der Lehre zu beweisen. 
Selbst Weinmann gesteht : „Immerhin ist zuzugeben, dass beispiels- 
weise ein Druck aufs Auge, dem eine Lichtempfindung folgt, ganz 
besonders imstande ist, daran zu erinnern, dass auch Lichtwellen 
lediglich den äusseren Anstoss zu entsprechenden Empfindungen 
bilden" (83). Das ist es aber gerade, was J. Müller behauptet, 
jeder Reiz, sowohl der gewöhnliche regelrechte, für den das Organ 
angepasst ist, wie der aussergewöhnliche, ist eben nur Reiz oder 
Anstoss, während die Sinnestätigkeit in ihrer Eigentümlickeit von 
diesem Reiz unabhängig und in der Natur des Sinnes selbst be- 
gründet ist. Wären die verschiedenen Sinne für keinen einzigen 
aussergewöhnlichen Reiz zugänglich, so bestände die Müllersche Lehre 
doch zu Recht und sie Hesse sich auch beweisen; allerdings würde 
sie eines schwerwiegenden Beweises entbehren. 

Vierter Lehrsatz: 

„Die eigentümlichen Empfindungen jedes Sinnes- 
nerven können durch mehrere innere und äussere Ein- 
flüsse zugleich hervorgerufen weiden" (II 253). 

„Das ergibt sich aus den vorher angeführten Tatsachen" (II 253) a ). 

') Physiol. Opt. 233. Tatsachen in der Wahrnehmung in ges. Vortr. II 220. 

2 ) In der in Broschürenform demnächst erscheinenden erweiterten Wieder- 
gabe der vorliegenden Ahhandlung habe ich, gestützt auf eigene und fremde 
Beobachtungen, statt der wenigen Tatsachen bei Müller, eine ausführliche Zu- 
sammenstellung diesbezüglicher Tatsachen in einer übersichtlichen Tabelle ge- 
geben, und insbesondere auch auf die Gesetzmässigkeit dieser Erscheinungen 
hingewiesen. 



Die spezifischen Sinnesenergien naeli Joh. Müller. 51 

Fünfter Lehrsatz : 

„Die Sinnesempfindung ist nicht die Leitung einer 
„Qualität oder eines Zustandes der äusseren Körper 
„zum Bewusstsein, sondern die Leitung einer Qualität, 
„eines Zustandes, eines Sinnesnerven zum Bewusstsein, 
„veranlasst durch eine äussere Ursache, und diese 
„Qualitäten sind verschieden in den verschiedenen 
„Sinnesnerven, die Sinnesenergien" (II 254; vgl. I 6681. 

Die bereits angeführten Tatsachen zeigen, dass der tiefgreifende 
Unterschied, der zwischen den verschiedenen Sinnesempfmdungen 
herrscht, gar nicht abhängt von der Art des Reizes, der den Sinn 
trifft, sondern allein von dem Sinnesnerv, der getroffen wird. Der 
Erfolg der Reizung ist beim Sehnerv unabänderlich Lichtempfindung, 
beim Gehörnerv ebenso unausbleiblich Tonempfindung usw., gleich- 
viel von welchem Reiz der Nerv erregt wird. Es besitzen also die 
Sinnesnerven, wie die Tatsachen erweisen, die Fähigkeit, auf jeden 
beliebigen Reiz, für den sie überhaupt empfänglich sind, in einer 
ganz bestimmten, jedem Sinn eigentümlichen Weise zu antworten x ). 
Und eben diesen „unabänderlichen Erfolg der Reizung einer Nerven- 
faser nennt man ihre spezifische Energie" 2 ). 

Man hat früher angenommen, sagt J. Müller, die Sinne seien 
blosse Leiter für die Eigenschaften der äusseren Dinge, so dass sie 
diese Eigenschaften einfach, wie sie sind, dem Bewusstsein über- 
brächten. Aber warum leitet dann der Sehnerv den Schall nicht, 
der Gehörnerv kein Licht, der Geschmacksnerv keinen Geruch usw.? 
Um dieser Schwierigkeit zu entgehen, hat man den einzelnen Sinnen 
eine spezifische Empfänglichkeit zugeschrieben, vermöge deren sie 
nur Leiter für bestimmte Eigenschaften sein sollten, nicht für andere 
(vgl. I 667 und II 254). „Allerdings besitzen die Sinnesnerven eine 
„spezifische Reizbarkeit für gewisse Einflüsse; denn manche Reize, 
„die auf ein Sinnesorgan heftig einwirken, wirken auf ein anderes 
„wenig oder gar nicht, z. B. das Licht . . . nur auf die Sehnerven 
„und die Gefühlsnerven ; langsamere Schwingungen nur auf den Ge- 
hörnerven und die Gefühlsnerven, aber nicht auf den Gesichts- 
nerv usw." (II 254). 

J. Müller gibt also hier das Angepasstsein bestimmter Organe 
an bestimmte Reize ausdrücklich zu. Nach Weinmann (16) dagegen 
soll J. Müller durch seine Lehre diese „auf der Hand liegende Tat- 
sache . . . verdunkeln"; er „legt kein Gewicht auf das Wirken der 
adäquaten Reize, auf die Angepasstheit der peripheren Apparate an 
dieselben" (79). Das stimmt doch nicht mit der angeführten Stelle. 
Ueberdies weist J. Müller in einer Reihe von Lehrsätzen ausführlich 
nach, dass der Bau des äusseren und des Mittelohres in hervor- 
ragender Weise geeignet ist, die Schallwellen mit grosser Stärke 

l ) Vgl. Helmholtz, Optik 584 ; Ges. Vorträge II (1903) 219. 
2 Hermann, Lehrb. der Physiologie 12 365. 



OL' 



Norbert Brüh 



dem Gehörnerven zuzuleiten. Ebenso sind die Ausführungen Müllers 
über den Gesichtssinn grossenteils nichts anderes als der Nachweis 
der Anpassung des Auges an das Licht 1 ). Die Empfänglichkeit für 



') Merkwürdiger Weise hat man sogar gerade in dieser Anpassung an 
bestimmte Reize das Müllersche Gesetz von den spezifischen Energien gefunden. 
So schreibt z. B. Landois (6. Aufl. S. 847) : „Unter den Reizen, welche den End- 
apparat des Sinneswerkzeuges treffen, unterscheidet man adäquate . . . Reize, 
für deren erregende Tätigkeit das Organ besonders gebaut ist, wie die Stäbchen 
und Zapfen der Netzhaut für die Schwingungen des Lichtäthers. So kommt 
einer jeden Nervenendigung eine spezifische Erregung zu: Gesetz der spezi- 
fischen Energie von J. Müller" (in der Ausgabe von Rosemann ist die Sache 
übrigens richtig gestellt). Aehnlich schreibt Gulberlet (Psychophysik 537): 
„Das von J. Müller aufgestellte Gesetz der spezifischen Sinnesenergien besagt, 
dass jeder Sinn nur auf einen ihm entsprechenden Reiz reagiert". Und bei 
Wundt heisst es (I 499) : „Die spezifische Energie aber soll sich in doppelter 
Weise äussern : einmal darin, dass jeder Sinnesnerv bestimmten Reizen allein 
zugänglich sei, der Sehnerv dem Licht, der Hörnerv dem Schall usw., und so- 
dann darin, dass jeder Nerv auf die allgemeinen Nervenreize, namentlich den 
mechanischen und elektrischen, nur in der spezifischen Form reagiere". Daiin 
besteht nun keineswegs das Müllerscho Gesetz. Der erste Teil der Wundischen 
Behauptung ist auch insofern unzutreffend, als J. Müller, den Talsachen ent- 
sprechend, sowohl für Licht- wie für Schallwellen auch die Gefühlsnerven 
empfänglich sein lässt, wie bereits angeführt wurde (51). Die spezifische 
Empfänglichkeit und leichtere Erregbarkeit der äusseren Sinnesorgane für be- 
stimmte Reize — Nagel nennt sie die „spezifische Disposition" — ist nicht im 
Geselz von J. Müller einbegriffen und hat nichts damit zu tun. Das muss um 
so schärfer hervorgehoben werden, weil dieser Irrtum ziemlich verbreitet ist. 
Auch die Ausführungen Ettlingers (43 ff.; leiden an dieser Unklarheit. Ettlinger 
behauptet, es gebe Tiere mit Empfindungsorganen, die normaler Weise für 
mehrere Reizklassen zugänglich seien, „ihre spezifische Qualität ist also min- 
destens eine mehrfache und darum dem Müllerschen Begriffe widersprechend" 
(54). Indessen bedeutet der Begriff der spezifischen Qualität nach J. Müller 
gar nicht die Zugänglichkeit des Sinnesorgans für eine bestimmte Reizklasse, 
sondern er besagt etwas ganz anderes : „Nicht zu verwechseln mit dieser Eigen- 
schaft" (der spezifischen Disposition), schreibt Pütter (Hwb. IX 82), „ist eine 
andere Eigenschaft, die man seit Job. Müller als die spezifische Energie der 
Sinnesorgane bezeichnet". Andererseits steht diese leichtere Empfänglichkeit 
für bestimmte Reize auch nicht im Widerspruch mit dem Müllerschen Gesetz. 
Da sie aber geeignet ist, das wahre Gesetz zu verdecken, so hatte J. Müller 
Grund genug, zu zeigen, dass diese Empfänglichkeit gar nicht so ausschliesslich 
sei, was keineswegs eine Verkennung der wirklich vorhandenen Empfänglich- 
keit bedeutet. Es ist deshalb umsoweniger begründet, wenn Ettlinger die mehr- 
fache („anelektive") Reizbarkeit der Sinnesorgane gegen J. Müller verwertet, 
da er sie selbst als Beweis für seine Lehre anführt. Ja, wenn es bei Tieren 
„Universalsinnesorgane" gäbe, die alle Reizklassen „normaler Weise" mit einer 
einheitlichen Empfindung beantworteten, die entweder mit einer uns bekannten 
Empfindung übereinstimmte oder davon verschieden wäre, so wäre das der 
klarste Beweis für die Lehre Müllers, und es fiele damit auch der beliebte Ein- 
wand, es handle sich um „anormale" Reize. Auch der zweite Teil der Wundt- 
scben Fassung ist nicht genau, wie sich im folgenden ergibt. 



Die spezifischen Sinnesenergien nach Joh. Müller 53 

bestimmte physikalische Reize ist begründet in den äusseren Endi- 
gungen der Sinnesnerven und, wie beim Licht erwiesen, nur in diesen. 
Sie ist die Ursache, weshalb die Energien der einzelnen Nerven 
für gewöhnlich durch diese bestimmten physikalischen Reize in 
Tätigkeit treten und diesen zugeordnet sind. 

Aber diese spezifische Reizbarkeit ist keine ausschliessliche, wie 
die Tatsachen lehren, und sie beweist nicht, was sie beweisen soll, 
nämlich dass die Sinne die Eigenschaften der äusseren Dinge wie 
Schläuche zum Bewusstsein leiten : „Die Vergleichung der Tatsachen 
„mit dieser Erklärung . . . zeigte bald, dass sie unbefriedigend ist, 
„denn dieselbe Ursache kann auf alle Sinnesorgane zugleich ein- 
wirken, wie die Elektrizität. Alle sind dafür empfänglich, und den- 
„noch empfindet jeder Sinnesnerv diese Ursache auf eine andere 
„Art. Der eine Nerv sieht davon Licht, der andere hört davon 
„einen Ton, der andere riecht, der andere schmeckt die Elektrizität, 
„der andere empfindet sie als Schmerz und Schlag" (I 667). Aehnlich 
wirken mechanische Reize und Blutandrang (a. a. 0.). „Wir sind 
„(daher) genötigt, jedem Sinnesnerven bestimmte Energien im Sinne 
„des Aristoteles zuzuschreiben, welche seine vitalen Qualitäten (,Le- 
„bensäusserungen' Nr. 8) sind ... Die Empfindung des Tones ist 
„daher die eigentümliche Energie des Hörnerven, die des Lichtes 
„und der Farbe die Energie des Gesichtsnerven usw." (II 255). 

Der Grundgedanke aller physiologischen Untersuchung ist, „dass 
„die Energien des Lichten, des Dunklen, des Farbigen nicht den 
„äusseren Dingen, den Ursachen der Erregung, sondern der Sehsinn- 
„substanz selbst immanent sind" (45). Das Licht leuchtet nur, in- 
dem es das Auge zu seiner Lebensäusserung, der Lichtempfindung, 
anregt, die dem äusseren Lichte fremdartig ist (vgl. 46). „Das 
„Licht ist also Sinnesenergie, und das äussere (Licht) könnte dann 
„nur selbst leuchten, wenn es wie die Sehsinnsubstanz die subjektive 
„Affektion als Selbstleuchten empfände" (Nr. 11). Wie sollte um- 
gekehrt, wenn es äusseres selbstleuchtendes Licht gäbe, „dieses ob- 
jektive Licht auch subjektiv leuchtend empfunden werden, . . . wenn 
„die Sehsinnsubstanz in der Affektion nicht selbstleuchtend ist" (Nr. 10). 
(Man beachte wohl, dass an den drei zuletzt angeführten Stellen 
nur von dem Lichtreiz für das Auge die Rede ist, also von dem 
gewöhnlichen oder „adäquaten" Reiz, und dass sich die Lehre von 
J. Müller auch hierauf bezieht.) 

Das ist also das Gesetz von den spezifischen Sinnesenergien : 

Die Formen, in denen sich die verschiedenen Sinne 
betätigen, wie Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Füh- 
len, sind nicht etwas, was in die Sinne von aussen hinein- 
getragen oder von ihnen aufgenommen wird, es sind 
keine Eigenschaften der äusseren Dinge, sondern es sind 
die den Sinnen eigentümlichen, ihnen innewohnenden 
Lebenstätigkeiten oder Lebensäusserungen. Der äussere 
Reiz wirkt nur auslösend. 



54 Norbert Brühl. 

Die Lehre Müllers hat noch andere zuverlässige Stützen. Wir 
werden dieselben samt der vorliegenden Abhandlung in einer eigenen 
Broschüre ausführlich zum Abdruck bringen. 

Hier sei nur eine kurze Inhaltsangabe des zweiten Teiles gegeben: 

Einen weiteren Beweis für seine Lehre leitet J. Müller aus der 
eigenartigen Wirkungsweise der Lebewesen her: Die auf äussere 
Einwirkungen hin erfolgenden Betätigungen der Lebewesen sind, wie 
die Erfahrungen auf dem Gebiete der Pflanzen- und Tierphysiologie 
lehren, unabhängig von den äusseren Reizen und nur durch die 
Natur der Lebewesen bedingt. Auch (dritter Beweis) bringt es die 
natürliche Einrichtung der Organe und ihre Wechselwirkung auf 
einander mit sich, dass alle Sinne auch ohne äusseren Reiz von 
andern Sinnesorganen her (sympathisch) zu der ihnen eigentümlichen 
Tätigkeit angeregt werden können. Vierter Beweis : Die angeborene 
Energie der Sinne ist eine nnumstössliche Tatsache. Einen 
fünften Beweis bilden die Nachbilder; sie zeigen, dass das Auge 
Licht und Farben selbst erzeugt. Ein sechster Beweis liegt in den so- 
genannten Sinnestäuschungen; es sind keine Täuschungen, es sind 
„Sinneswahrheiten". Ein siebenter Beweis folgt aus der Tat- 
sache, dass die Empfindungen der verschiedenen Sinne rücksichtlich 
derselben Gegenstände bei Tieren und Menschen und selbst bei 
den verschiedenen Menschen verschieden sind. 

Diesen sieben von J. Müller bereits angeführten Beweisen sind 
noch drei weitere beigefügt aus der Weissempfindung, den Inter- 
ferenzerscheinungen und dem Dopplerschen Gesetz. Letzteres wird 
nicht selten falsch aufgefasst und falsch dargestellt. 

Sechster Lehrsatz J. Müllers: Bei den Sinnen gibt es keine 
gegenseitige Vertretung. 

Stellung Wundts zu der Lehre von J. Müller. Die Lehre Wundts, 
insofern sie im Gegensatz steht zur Lehre von den spezifischen 
Sinnesenergien, beruht und stützt sich auf unbewiesene Voraus- 
setzungen. Im besonderen gilt das von der Behauptung Wundts, 
„dass die länger dauernde Funktion der peripheren Sinnesorgane 
unerlässlich ist", ehe die Gehirnzentren auf aussergewöhnliche Reize 
mit der jedem Sinne eigentümlichen Empfindung antworten. Diese 
Annahme ist durchaus unerwiesen; sie ist unbeweisbar: sie wider- 
spricht den Tatsachen. Das nämliche gilt von der Behauptung 
Wundts, dass die verschiedenen Empfindungsweisen innerhalb des- 
selben Sinnes unterschiedslos an dieselben Nervenelemente gebunden 
seien Die Tatsachen sprechen entschieden für das Gegenteil. 

Siebenter Lehrsatz: Die Frage, ob die spezifischen Sinnes- 
energien dem gesamten Sinnesnerv zukommen oder nur den ent- 
sprechenden Gehirnteilen, lässt sich nicht entscheiden. 

Im achten bis zehnten Lehrsatz behandelt J. Müller die Frage, 
inwiefern uns die Sinnesempfindungen zur Kenntnis der Aussenwelt 
und ihrer Eigenschaften führen können. Es geschieht dies mittelst der 
die Empfindungen begleitenden Vorstellungen und des schliessenden 
Verstandes. .1. Müller ist nicht Idealist, sondern gemässigter Realist. 



lieber Heinrich und Dietrich von Freiberg. 

Von Adolf Dyroff in Bonn. 



Engelb. Krebs hat in seinem bekannten grundlegenden Werke über 
„Meister Dietrich" (Münster 1906) der Vermutung Vorschub geleistet, dass 
der vielseitige mittelalterliche Dominikaner (1250—1310?) aus der sächsi- 
schen Stadt Freiberg stammt. Die Möglichkeit dieser Annahme kann nicht 
bestritten werden. Aber andere Möglichkeiten stehen daneben, zumal Krebs 
selber hervorhebt, dass das Freiberger Urkundenbuch auch in den aut das 
damalige Dominikanerkloster bezüglichen Teilen den Namen Dietrichs nir- 
gends aufweist (26). Krebs hat meinen Hinweis auf das adelige Geschlecht 
derer von Freyberg (26, 4) mit der Bemerkung abgelehnt, die von Heinr. 
Finke entdeckte Notiz über eine dem „Fr. T. lectori Vribergensi" gemachte 
Gabe schneide diese Möglichkeit ab. Ich sehe das immer noch nicht ein. 
Denn die Beziehung des „Fr. T." auf „Theodoricus" ist nur wahrschein- 
lich; so Krebs selbst (13). Sodann ist auch die Uebersetzung von „lector 
Vribergensis" strittig ; wie Krebs selbst (9) „prior Wircebergensis" mit „Prior 
von Würzburg" wiederzugeben bereit ist, so könnte „lector Vribergensis" 
„Lektor in Freiberg" bedeuten, wie denn auch z. B. Karl Bihlmeyer in 
Buchbergers Kirchlichem Handlexikon interpretiert. Es scheint mir daher 
kein Wagnis zu sein, noch einmal auf eine Familie „de Vriberch" hin- 
zuweisen 1 ). Noch jetzt wie seiner Zeit gehe ich davon aus, dass Heinrich 
von Hervord (14. Jahrhundert) zwar bei Johannes von Freiburg zwischen 
den Formen „de Vriburc" und „Vriburgensis" wechselt (Krebs 22), nicht 
aber bei dem zweimal in unmittelbarer Nachbarschaft angeführten Theo- 
doricus „de vriberch". Das beweist zwar nicht, ist aber ein Fingerzeig. 
Sodann heisst es bei Dietrich niemals de „vribergo", sondern stereotyp 
„de vriberch" oder dergl. (s. Krebs 25 f.). Ferner ist im 13. Jahrhundert 
eine Familie „de vriberch" nachweisbar, die vermutlich mehrere literarisch 
gebildete Mitglieder ihr eigen nannte. Wie Alois Bernt, Heinrich von 
Freiberg (Halle 1906) 179 ff. in weiterer Ausführung einiger von W. Toiseher 
gegebenen Winke zeigt, lebte in den Jahren 1258, 1259 ff., 1265 in dem 
einem Smilo von Lichtenberg gehörigen Gebiete Böhmens ein Theodoricus 

') S. Z. hatte ich die jetzt in Bayern ansässige , aus Schwaben (?) stam- 
mende Adelsfamüie „von Freyberg" im Auge, in deren Stammbaum auch ein 
Theodorich vorgekommen sein soll. 



56 Adolf Dyr off. 

Vriberch dietus „de vriberch" (Thiero de Wriberck, Ditricus dietus de 
vriberch) als Besitzer (?) von Bergwerken (191). Leitmeritz (190 ff.) und 
Deutschbrod sind die Orte, an die man für diese ursprünglich wohl bürger- 
liche Familie mit dem Beinamen „König" (Kunec, latinisiert Kuneco 1 ), Rex) 
denken darf. Wie auch der Zusammenhang dieser Familie mit der Stadt 
Freiberg in Sachsen sein mag 2 ), „de Vriberch" bedeutet, wie der Ausdruck 
„dietus" vor „de Vr." (oder „Vr.") und der Satz „Theodorico, qui Vri- 
berch dicitur" (Bernt 191) 3 ) lehren, für sie 4 ) sicher nicht mehr die Stadt. 
Bedenkt man die Tatsache, dass im Mittelalter in der gleichen Familie 
gerne die Vornamen beibehalten werden 5 ) durch Uebergang vom Gross- 
vater auf den Enkel, vom Vater auf den Sohn, vom Onkel auf den Neffen, 



') Die Belege bei Fedor Bech, Germania 19 S. 424, wo für 1313 der 
Meissner Canonicus Nycolaus und der Priester Petrus als Söhne eines Theodo- 
ricus Kuneko de Fr. auftreten. 

-') Es liegt nahe, zu denken, dass die Familien „de Vriberc" ursprünglich 
alle in den berühmten Bergwerken von Freiberg in Sachsen tätig waren, und 
dass einzelne Zweige dann den professionell betriebenen Silber- (und Eisen-) 
Bau auch auswärts in Diensten fremder Herren auszuüben suchten. Da ist es 
denn möglich, dass auch die schwäbischen (bayrischen) Freybergs schliesslich 
von dorther stammten, und ein merkwürdiger Zufall, dass ein Graf Egino von 
Freiburg 1234 vom Bischof von Basel mit den Silbergrnben (freilich auch mit 
dem Wildbann) im Breisgau belohnt wird (Bo.ehm e r-Will, Begesten zur 
Geschichte der Mainzer Erzbischöfe [Innsbruck 18B3] II 232 = 33, 127). 

3 ) Vgl. den Heinricus burgensis de Lipzc dietus de Vriberc i. J. 
1245 bei Fedor Bech, Germania 19 S. 421. 

4 ) Das Geschlecht scheint einen ähnlichen Weg genommen zu haben wie 
das Albrechts von Sachsen: Zuerst bürgerlich mit bürgerlichem Beinamen, dann 
durch einen Bischof geadelt, dann frühzeitig ausgestorben, falls nicht der Frei- 
singer Historiker Freiberger (f 1541) mit ihm zusammenhängt. Vgl. über eine 
andere Familie der Freiberger auch Bernt S. 178. 

5 j Die kirchliche Vorschrift, möglichst Heiligennamen bei der Taufe zu 
verwenden, wurde teils nicht beachtet, teils vertrug sie sich mit der Uebung 
der Familien, sobald nur Heiligennamen in der Familie waren. Bei einer fürst- 
lichen Familie (Witteisbach) habe ich seiner Zeit gefunden, dass der erste Sohn 
in der Regel den Namen vom Vater der Mutter, der zweite vom Bruder der Mutter, 
die folgenden vom Vater des Vaters oder vom Vater erhielten. Wegele, auf dessen 
Anregung ich nach dem Gesetze forschte, erkannte mein Ergebnis an. Da- 
neben ging die andere Uebung, einen Namen wie Emich, Poppo usw. mög- 
lichst in der Familie beizubehalten. Fedor Bech a. a. 0. hätte die verschiedenen 
Familien „de Vriberc" besser scheiden sollen. Die „de Vriberc" in Halle und 
Meissen bevorzugen „Heinrich", „Hinze", „Heinemann"; daneben kommt „Jo- 
hannes", gelegentlich „Christian" (1295), „Simon", „Erhart" vor, in Meissen 
auch „Borto", später (1380, 1385) „Pauwil" oder „Pavel", noch später (1407) 
„K.irlewicz" (offenbar aus Böhmen hereingebracht). In Böhmen 1385 ..Burgharl" 
L392 „Conrad" im Dienste Wenzels (s. Bech). 



Ueber Heinrich und Dietrich von Freiberg. 57 

so wird man sogar eine gewisse (wenn auch nicht grosse) Wahrscheinlich- 
keit dafür finden, dass der Dominikaner mit dem in Böhmen lebenden 
deutschen Bergwerksbesitzer und sonach vermutlich mit dem Dichter Hein- 
rich von Freiberg (1240 — 1300?) verwanui war. 

Eine blosse Möglichkeit, die sich aber mit solcher Annahme angenehm 
zusammenreimen würde, wäre dann, dass der Philosoph Dietrich im Jahre 
1303 deshalb in seinem Orden mit der Grenzbestimmung zwischen den 
Konventen zu Reb und Krems (Krebs 9) befasst wurde, weil er die lokalen 
Verhältnisse von seiner Jugend her besser kennen konnte als andere. 
Und ebenso, dass neben ihm deshalb mehreremale im Orden Johann von 
Lichtenberg (Krebs 9, 11 f.) auftritt, weil beide befreundet waren, wie der 
Dichter Heinrich von Freiberg dem Herrn Reinmunt von Lichtenburg ') 
näher stand 2 ). 

Für einen in Böhmen beheimateten Deutschen war das für Dietrich 
von Freiberg gebrauchte „Teutonicus-' gewiss eine passende Allgemein- 
bezeichnung, besser als „de Saxonia", „Alemannus" u. dgl., was für Dietrich 
eben nicht gebraucht wird. 

Es lockt mich nicht, die Pregersche Behauptung wieder aufzugreifen, 
dass Dietrich von Freiberg ein Schüler Alberts des Grossen war, obwohl 
einer romantischen Phantasie es leicht fiele, den berühmten älteren Ge- 
lehrten auf einer seiner Bergwerksfahrten mit Dietrich, dem Besitzer des 
Silberstollens des „Freibergers" (Fribergeri) bei Deutschbrod 3 j, zusammen- 
zuführen und ihn die Anregung zu den Studien des jungen Dietrich geben 
zu lassen 4 ). Nicht aber soll unerwähnt bleiben, dass der geistige Charakter 
des Dichters Heinrich von Freiberg trotz seiner verfänglichen Begeisterung 
für Gottfrieds von Strassburg Tristan zu dem des Theologen Dietrich von 
Freiberg nicht übel passt. Nur darf, was eigentlich selbstverständlich ist, 
bei der Vergleichung eines Dichters mit einem Theologen und Philosophen 
nie vergessen werden, dass der Dichter, abgesehen von untergeordneten 
x\nlässen, nur in religiösen, moralischen und psychologischen Dingen vom 
Theologen und Philosophen lernen kann. 

') Bei einem Adelsgeschlecht macht es wenig Unterschied, ob es nach 
dem Berg oder nach der Burg benannt wird. Johann von Lichtenberg, Sohn 
des Picard (Pleickart?), kann, wenn Krebs (12) mit Recht in „de Lucido Monte" 
die Latinisierung seines Namens sieht, recht wohl zu deutsch: Joh. ,,von 
Liuchtenburc" (Lmchtenburgenois) geheissen haben wie Heinrichs Reimund 
(Tristan 74 f.) . 

') In der Nachbarschaft des Namens Nicolaus de Vriberc (dieser Sohn 
eines Adolf de Vr.) tritt 1262 ein „Witgo" auf, einst Richter in Leitmeritz. 
Em Widego aber auch 1313 bei Nicolaus dem Sohn als Dietrich v. Fr. 

3 ) S. Bernt 191. 

*) Bernt 199 böte mehrere Möglichkeiten des Jugendstudiums auch für den 
Philosophen Dietrich v. Freiberg, z. B. das Dominikanerkloster von Leitmenlz, 
das v o r 1250 (vielleicht schon 1236) erbaut wurde. 



58 Adolf D y r o f f. 

Zunächst ist es auffallend, dass der vers- und wortgewandte Dichter 
Heinrich, wie schon andererseits gesagt wurde, ein gelehrter Dichter ist 
(Bernt 200). Man wird unter den epischen Dichtern des 13. Jahrhunderts 
weit suchen dürfen, bis man einen trifft, der ebenso tief denkt wie Hein- 
rich. Der knappe Goedeke nennt ihn „von allen Spätlingen den massvollsten 
und geistreichsten" (I 2 257). Das Wenige, was sich aus seinen Werken an 
nicht rein dichterischen Gedanken beibringen lässt, wiegt wegen seiner Form 
um so schwerer. 

Heinrich bescheidet sich in seinen Ausführungen über Gott nicht bei 
geläufigen Ausdrücken volkstümlicher Frömmigkeit, sondern spricht gelegent- 
lich beinahe wie ein Theologe. Von der „Legende vom Heiligen Kreuz", 
die man (Bernt 166) als Erstlingsarbeit anspricht, enthält der dem Dichter 
eigene Teil (1 — 94) nicht etwa bloss „herkömmliche Gedanken", wie Bernt 
(166) meint. Gott, der „herre ob aller herrschaft" (rex regum), wird dort 
so angeredet: üz diner gotlichen kraft (virtus) gevlozzen (emanavit) 
mit Ursprünge (in piincipio) hat gar alle dine hantge tat (opera manus 
tuae), der himel ierarchien, die drie, die sich drien in drie, 
besunder ir ieglich und in niun koere teilen sich; dar inne hat din 
gotheit mit manicvalter underscheit (differentia) geschaffen vil der 
engel schar, die diner majestcte clär lop ewiclichen immer geben, in diner 
krefte (virtute tua) ouch sweben himel und erde und allez daz, dem din 
vröne gotheit maz sine leben (vivere), sin wesen (esse) und gestalt 
(forma). 

Dieser erste allgemeinste Abschnitt ist, wie ich für den Kenner der 
mittelalterlichen Ideen durch die von mir beigesetzten lateinischen Termini 
der Zeit offensichtlich gemacht zu haben glaube, einfach ein Erzeugnis, 
dessen Inhalt Heinrich irgendwo in einer Schule oder in einem Buche 
oder im mündlichen Verkehr mit einem Theologen auflas. Der leichte 
neuplatonische Anstrich samt der Lehre von den Hierarchien mit den neun 
Chören führt auf Bekanntschaft mit der berühmten Lehre des Ps.-Dionysius 
Areopagita, durch die sich auch Dietrich „in seinem ganzen Denken" hatte 
„gefangen nehmen lassen" (Krebs 70*. 94*. 67*). Der Betonung der Drei- 
zahl bei Heinrich gehl bei Dietrich eine offenkundige Vorliebe für diese 
(z. B. Krebs 89*. 94* 168*) parallel, nimmt doch Dietrich auch 9 Himmels- 
sphären an. Das .,uz-gevlozzen" entspricht dem Emanationsbegriff Dietrichs 
(s. 7.. B. bei Krebs 67. 59*. 64* profluxus. 66*. 76*). Für „virtus" s. z. B. 
Krebs S. 57*. 64*, für „prineipium" (vgl. auch „aller wisheil ein begin" 
von (iott [Hl. Kreuz 71]) Krebs 64* Dens „totius entis prineipium". 76* 
und vor allem S. 148, wo die süddeutsche Nonne das „AI in prineipio" 
als Grundthese dos Meislers Dietrich an den Anfang stellt. Geradezu 
eine von Dietrich stark hervorgehobene Ansicht trifft der Satz, dass 
innerhalb der neun Chöre Coli die Vielzahl der ftngel durch mannig- 
faltigen Unterschied geschaffen hahe; vgl. Dietrich: ergo nulluni in- 



Ueber Heinrich und Dietrich von Freiberg. 59 

conveniens est dicere omnium ordinum spiritus convenire in specie et 
individualiter ad invicem distingui (Krebs 155* f., vgl. 161* multiplicari 
in infinitum). Für die Abhängigkeit der andern geschöpflichen Dinge von 
Gott nach Dietrich muss keine Stelle angegeben werden (s. aber z. B. Krebs 
106* f.), nur sei auf den leichten neuplatonischen Beiklang im Worte 
„sweben" (in gotes krefte) und auf die Anschauung hingewiesen, dass Gott 
der „mensurator" alles Geschöpflichen ist, indem er ihm die essentia ver- 
lieh. Dass Dietrich diese augustinisch-thomistische Theorie vom mensurare 
vertrat, bezeugt mittelbar der Gesamtinhalt seiner Schrift „De mensuris 
durationis" (Krebs 98* ff.). Von dem mystischen Klang des Satzes: „die 
wunder sint so manicvalt, da mit du hast gewundert" (Heinr. Hl. Kreuz 22 f.) 
leitet der Dichter zu der scharf markierten Schlussfolgerung fdä bi prüeve ich) 
über : Wenn Gott sagte : „machen einen menschen wir, ein bilde nach uns 
gestalt", so kann Gottes Gottheit „in ie wesender öwikeit" nicht „einvalt" 
gewesen sein, vielmehr „bewährt" sich eben dadurch seine „ewige trinität" 
(30 ff.). Aus dem folgenden hebe ich einstweilen nur noch den sonderbaren 
Ausdruck hervor: Gott Sohn „mischte", indem er dieselbe „Form" an sich 
nahm, die nach Gottvaters Gottheit „gefiguret" war, die Gottheit zu mensch- 
licher „bloedikeit" (v. 57 ff.) ; „de miscibilibus in mixto" schrieb Dietrich 
einen Traktat (Krebs 45* ff.), in dem der Begriff der „Form" seine gute 
Stelle hat (47*) und die „Mischung" als die Vereinigung zweier Sub- 
stanzen zu einer substanzialen Einheit definiert wird (49* und besonders 
noch über die Geistigkeit des Substrats bei der Mischung 50*). Die 
„compositiones" der Apotheker dürfen nach Dietrich nicht „mixtiones" ge- 
nannt werden (50*). 

Könnte man hier meinen, Heinrich von Freiberg habe sich die Vor- 
schrift Dietrichs von Freiberg über den Sprachgebrauch von „mixtio" wohl 
zu Herzen genommen, so hat schon Bernt (203) gefunden, dass der 
Preis der „wahren Minne", in die der „Tristan" Heinrichs ausklingt, ein 
Beleg für mystische Strömungen in Böhmen ist. Die mystische Vereinigung 
des weltverachtenden (6620 ff.) Christen mit Jesus Christus wird unter dem 
Bilde eines wahren blühenden Bosendorns (Christus) und einer Weinrebe 
(der begnadete Mensch) dargestellt, die sich gegenseitig in einander ver- 
flechten; Herz und Sinne sollen sich ebenso in Christus „verwerren und 
verweben" (Tristan 6847 ff., besonders 6876 ff.). Genau das lehrt Dietrich 
von Freiberg (Krebs 147. 126 ff.). Sogar die Bitte an Gott um die Gnade 
der Mitteilung Christi an uns findet sich bei Dietrich wie bei Heinrich. 
Das mit sichtlicher Freude von Heinrich ergriffene und behandelte Bild 
von dem Bosendorn und der Weinrebe musste natürlich bei einem so 
geschmackvollen Dichter Dietrichs Bild von „des adelares fluke" und vom 
„grünt ane grünt" (Krebs 148) völlig verdrängen. 

Dieser Zug erhält eine besondere Schärfe durch die Eindringlichkeif, 
mit der Heinrich die Falschheil der Well und die Vergänglichkeil, der „weit- 



00 Adolf Dyroff. 

liehen Minne" uns predigt: Die Welt gibt den Tod denen, die ihr dienen; 
sie streicht uns Honig in den Mund, lecken wir aber darnach, so träuft 
sie Galle darein. Sie macht, dass die Rose den Dorn gebiert, dass aus 
Weizen- und Kornsamen nur Disteln aufgehen. Wenn ihr Zucker uns je 
einmal schmeckte, so hob das sein Nachgeschmack wieder auf. Ihre Süsse 
säuert, ihre Freude macht traurig, ihr Sonnenschein bringt Hagelschauer 
(Tristan 6620 ff.). Die weltliche Minne ist zu allen Zeiten „hinschleichend" 
und vergänglich, nur die wahre Minne „unzurgänglich" (6847 ff.). Da 
hat Heinrich unter dem Einfluss der Mystik die Gedanken seines hier mit- 
wirkenden Vorbildes, des „Armen Heinrich" Hartmanns von Aue, wesent- 
lich verstärkt und durch den Bezug aut den Begriff der „wahren Minne'' 
eigenartig gestaltet. Man halte aus dem „Armen Heinrich" nur daneben 
(v. 97 ff.): 

Dirre werlte veste, 

ir staete unde ir beste, 

und ir groeste magenkraft, 

diu stät äne meisterschaft. 

Die „staete" ist es ja grade, was Heinrich von Freiberg der Welt 
ganz abspricht. Wenn dann Hartmann von Aue die Werke der Welt mit 
einer Kerze vergleicht, die eben, indem sie das Licht gebiert, zu Asche 
wird, und uns sagt, dass unser Lachen in Weinen erlischt, unsere Süssig- 
keit mit bitterer Galle ') vermischt ist, unser Blumenspross dann fallen muss, 
wenn er gerade am grössten zu sein wähnt, so fehlt allem dem die pole- 
mische Spitze gegen die falsche Welt, deren sich Heinrich bedient 2 ). 
Mehr noch : Bei Harlmann ist der predigtartige Passus nur erklärende Ein- 
leitung zu der Mitteilung, dass auch Herr Heinrich von Aue mitten im 
Glänze seines Daseins auf Gottes Gebot in schmähliches Leid fiel, bei 
Heinrich ist die Entgegensetzung von weltlicher und wahrer Minne der 
wesentliche Abschluss der ganzen Entwicklung seines Gedichtes. Gewiss 
kennt auch Hartmann die Minne zu Jesus Christus im Gegensatz zur irdi- 
schen Minne : er lässt die Heldin seines „Armen Heinrich" diesen Gegen- 
satz mit erneutem Hinweis auf die Hinfälligkeit des Erdenleibes, der wie 
ein schlechter Bau von Feuer, Hagel und Wogen leicht niedergeworfen 
wird und die Arbeit eines Jahres in einer halben Stunde zu schänden 
werden lässt (790 ff.), auch deutlich hervorkehren. Aber als Fall irdischer 
Minne erscheint die erlaubte („billich") Minne der Eltern zum Kinde (v. 799), 
und diese Minne des Mädchens zu Jesus Christus, ihrem göttlichen Bewerber 
(775), hindert nicht, dass — und das ist doch ein wahrhaft andersartiger 
Abschluss als bei Heinrich — es seinen irdischen „Bräutigam" schliesslich 
heiratet. Das innige gegenseitige Ineinanderaufgehen von Christus und 



l ) Das Rilrl (Honig zu Galle werdend) 152. 
io auch v. 8fi it., wo der gleiche Gedanke 



Ueber Heinrich und Dietrich von Freiberg. 61 

Menschenseele ist bei Hartmann nicht einmal in der Ferne sichtbar, viel- 
mehr begründet das .Mädchen ihre Liebe zum Himmel mit der vordring- 
lichen Pflicht der Selbstliebe (v. 820 f. 830). 

Dazu nehme man, dass Heinrich mit seiner „Legende vom Heiligen 
Kreuze' 1 als wohl einziger Dichter seiner Zeit ein Thema dichterisch- 
erzählend nahebringt, das den Theologen Dietrich, wie seine metaphysischen 
Traktate „De corpore Christi mortuo" (Krebs 114*), „De corporibus 
gloriosis (Krebs 109*), „De dotibus corporum gloriosorum" (Krebs 111* ff.) 
mittelbar zeigen, sehr wohl interessieren konnte. Wenn auch Heinrich 
wegen seiner Quelle das Kreuzes holz in den Vordergrund seiner Nach- 
dichtung rücken mag, so verraten doch die Verse 78 ff. (vgl. auch v. 870 
bis 872), was ihm die Hauptsache daran ist : 

„das criuze lobesam, 

dar an uns din menscheit 

mit bitterlichem töde erstreit 

das ewic immerwernde leben." 
Ein theologisch nicht beeinflusster Dichter würde schwerlich sagen, die 
„Menschheit" Christi habe uns das ewige Leben erworben, womit doch 
offensichtlich der Leib Christi als das Mittel des Heils erklärt wird. 

Die mit der Mystik zusammenhängende Ethik der Abscheidung vom 
Irdischen, der „Gelassenheit" d. h. Aufgabe der Selbstigkeit mit der Lauter- 
keit im Innern, wie sie bei Dietrich ausgesprochen ist (Krebs 147), liegt 
in dem, was Heinrich über die falsche Welt ausführt: 

„ein ieglich cristen wende 
herze, muot und sinne 

hin zu der wären minne". (Trist. 6856 ff.) 
„wir Christen sullen wenden 
an in lip, sele und unser leben", (v. 6870 ff.) 
Dass Tristan sündigt, lässt Heinrich unverhohlen (272 ff. vgl. 111 ff.). 
An Reinmunt von Lichtenburg, seinem Herrenideal '), rühmt er vor allem : 
„ja reine in sines herzen grünt 
ist er äne allez kunterfeit, 
der rechten reinen reinekeit 
gar siner tat und siner werc". (Trist. 78 ff.) 
Nun kann es sicherlieh ein Zufall sein, dass zwei gleichzeitig lebende 
Geistesmänner 2 ) mit dem gleichen Beinamen „de Vriberch" auch, soweit 

*) Ausserdem schreibt er ihm zu: „der triuvven stic, der züchte pfat" 
(Trist. 58), „zucht, mäze mit bescheidenheit" (Trist. 69 vgl. Seifried Helbling VII 
471 f. „mäze mit der bescheidenheit"), „manheit, triuwe und milde" (71). Das 
ist nur das Herrenideal seiner Zeit (vgl. über die mäze Wilh. Hermanns, 
Uebe? den Begriff der Mässigung usw. [Aachen 1913], Bonner Dissert). 

2 ) Der Tristan fällt um 1290. 



C " Adolf Dyroff. 

es bei ihrer wesentlich verschiedenen Beschäftigungsart möglich ist, gleichen 
geistigen Habitus und Uebereinstimmung selbst in einer Kleinigkeit („mixtio") 
zeigen. Aber man wird gestehen, der Zufall wäre immerhin merkwürdig. 
Die Engel — Heinrich vergisst nicht einmal bei dem Preise der überragenden 
Schönheit der sündigen Isolde der „troene" im Himmelreich mit ihren 
wunderschönen Engeln (Trist. 3929 ff.) — , die mystische Liebesvereinigung 
der Seele mit Christus, die Tat der Menschheit Christi am Kreuze bei 
beiden mit voller Hingabe ergriffene Themata! Ganz bestimmte theologisch- 
philosophische Voraussetzungen beim Dichter, wie sie vielleicht nur der 
gleichzeitig lebende gleichnamige Theologe kennt! Das genügt, um aus der 
blossen Möglichkeit wenigstens eine nicht ganz unbegründete Vermutung 
zu machen. 

Nun darf man auch darauf aufmerksam machen, dass Heinrich mit 
grosser Liebe an ein anderes Lieblingsthema Dietrichs rührt, an die Lehre 
von den Himmelssternen. Zweifellos hatte Heinrich seine astronomischen 
Kenntnisse wie alle die Leute im Mittelalter durch das Quadrivium erhalten. 
Aber man bedenke : Er will erklären, warum der von Tristan und der 
blonden Isolde gemeinsam getrunkene Trank „ser wider sin art" zuerst nicht 
wirkte, sondern Tristan anfänglich Kraft fand, der Sünde zu widerstehen 
(Trist. 217 ff. 260 ff.). Der Punkt ist für Heinrich höchst wichtig, denn 
der fromme Dichter 1 ) hatte allen Grund, das ganze Verhängnis auf die 
übernatürliche Wirkung des Zaubertranks zurückzuführen (s. Trist. 6710 ff.), 
selbst der so übel benachteiligte Marke erkennt an, dass Isolde und Tristan 
sündigen mussten (v. 6731 ff.). Heinrich spricht nun ganz so, wie jemand, 
der eine eigene neue Erklärung gibt (Bernt 169), wenn er sagt (v. 260 ff. > : 

„ichn mac dem tränke nicht sin art 

abe gereden noch enkan 

wan mit der rede, die getan 

ist von dem gestirne hie," 
nämlich, dass Tristan mit Königin Isolde einen Stern gemein hatte, „der 
im nu nicht als e erschein und ir beider minne pflac, an dem die kraft 
(virtus) des trankes lac und genaturet nach im was". Dieser Stern könne — 
so schliesst (vgl. „kiesen" v. 245) Heinrich per analogiam — , ebenso wie die 
„plannten", voran die „Fürsten des Gestirnes", Sonne und Mond, seine „eclyp- 
sim" 2 ), „daz heizet ein gebreche" 3 ), gehabt haben. Wer auf eine solche Er- 
klärung bei so heterogenem Stoffe verfällt, dem muss die Lehre der „aströlogi", 
auf die sich Heinrich mit Nachdruck beruft, einen tiefen Eindruck gemacht 
haben. Das Gleiche war bei Dietrich der Fall, der bei einem seiner Lieblings- 



') S. Trist. 31 ff. 51 ff. 

'-') Heinrich dekliniert nach damaligem Gelehrtenbrauch ganz richtig 
„eclypsis" (nomin.) — ,,eclypsim" (accus.) v. 248 f. 
8 ) „Gebreche" ist auch ein mystisches Wort. 



lieber Heinrich und Dietrich von Freiberg. 6B 

themata, den Intelligenzen (s. auch Krebs 106* f.), auf die Sphärentheorie 1 ) 
ausgiebig Rücksicht nimmt (z. B. Krebs 57*. 65*), wobei er im Gegensatz 
zu Albert dem Grossen statt 10 lieber 9 Sphären annimmt. Dass Heinrich 
den Astrologen die Kenntnis der hippokratisch - aristotelischen Elementar- 
gegensätze „kelde, hitze, trucken, naz u (v. 231 f.) als Erklärungsmittel zu- 
schreibt, sei nicht vergessen. Es ist selbstverständlich, dass Dietrich die 
vier Elementarqualitäten kennen musste (zum Ueberfluss s. Krebs 50*, wo 
die 4 in fast der gleichen Reihenfolge stehen, und 51* ff., wo auch über 
die Qualitäten der Naturkörper, darunter die Gestirne, gehandelt ist). 

Nur um das sichere Gesamtergebnis, dass Heinrich unter den Genossen 
von der damaligen Dichtergilde ein ungewöhnliches philosophisches Interesse 
bekundet, zu unterstreichen, seien für ihn einige Einzelheiten erwähnt: 
Der Tod ist nach ihm eine Folge des Uebermasses („überstreit") von Kälte 
im Körper : die „natürliche Hitze" verlässt eben den Leib (Hl. Kreuz 162 ff.). 
Also wieder die Lehre von den Elementarqualitäten ! In der Vorlage stand 
davon nichts (Bernt 166). Er unterscheidet säuberlich an den Dingen 
„natüre" (Definition) und „art" (Einteilung) (Trist. 229, ebenso Hl. Kreuz 
40 !), hat die Termini „genatüret" (Trist. 257), „form" (Hl. Kr. 58), „figure" 
(Hl. Kr. 42), „gefiguret" (ebenda 59 = figurata), „materien" ■= Gedichtstoff 
(Trist. 23), „geist in göz" (Hl. Kr. 45) 2 ). 

Ist es hiernach kühn, wenn wir eine Zugehörigkeit des Theologen 
Dietrich zu dem Geschlechte Heinrichs für möglich hallen? 



V) Die „spere" (Handschrift : spera) erwähnte Heinrich v. 230 ausdrück- 
lich neben natüre, art, louf, durchvart usw. als Forschungsgebiet der Astrologen. 

2 ) Die 3 Dimensionen ,,lanc, wit nnde breit" (TrisL. 426) sind vielleicht 
konventionell. Das ,,Tetragrammaton' ; (Hl. Kr. 233), die Bäume cedrus, cipressus, 
plnus (Hl. Kr. 372 ff.), die bekannten Steine crisolde. smaragde, topazius, onichns, 
sardius (Trist. 4518 ff.) tun hier nichts zur Sache. 



Studie zum Kausalproblem. 

Von Dr. Therese Virnich in Bonn. 



Wohl keinem Problem der neueren Philosophie ist eine solche Auf- 
merksamkeit geschenkt worden, als dem der Kausalität. Dennoch sind die 
Ansichten über Herkunft und Gültigkeit des Kausalsatzes geteilt. Nicht 
einmal der Inhalt ist auf eine allgemein anerkannte Form gebracht. 

Das Kausalproblem ist nur der Teil eines umfassenderen, nämlich des 
Erkenntnisproblems. Knüpft alles menschliche Wissen an die Erfahrung 
an, oder gibt es ausser dem Erfahrungswissen auch angeborene Ideen oder 
angeborene Formen der Erkenntnis? und weiter, sollte letzteres der Fall 
sein, entsprechen dann diese Ideen oder diese Formen einer ausser unserem 
Bewusstsein bestehenden Wirklichkeit, oder sind wir vielleicht nicht im 
stände, über ihre allgemeine Gültigkeit zu urteilen? Die Verwirrung, welche 
durch die einander widersprechenden Antworten des Empirismus und des 
Rationalismus, des Realismus und des Fhänomenalismus hervorgerufen wird, 
zeigt sich am deutlichsten in der Kausalfrage; andererseits ist aber auch 
eine Lösung dieser Frage für das Gesamtproblem von grösster Bedeutung. 

Ohne den Inhalt des Kausalsatzes festzulegen — es kann dies erst in 
der Folge der Untersuchung geschehen — , sei auf eine diesem Satze zu- 
kommende Eigentümlichkeit hingewiesen. Was den Kausalsatz auszeichnet, 
und was ihn in erster Linie zum Problem macht, ist der Charakter der 
Notwendigkeit, der ihm innewohnt. Jede Veränderung muss eine Ursache 
haben. Allerdings fällen wir auch andere Urteile allgemeinen Charakters, 
die notwendige Geltung beanspruchen ; doch bei diesen handelt es sich um 
Formalprinzipien unseres Denkens. Zu ihnen gehört zunächst der Satz 
der Identität A = A. All unser formuliertes Denken vollzieht sich in Ur- 
teilen. Wenn wir nun nicht im stände wären, die Subjektsvorstellung als 
mit sich identisch festzuhalten, vermöchten wir überhaupt nichts von ihr 
auszusagen. Die Identität der Vorstellungsinhalte ist die Vorbedingung für 
die Möglichkeit unseres Denkens. Der Satz A = A gibt gleichzeitig die 
Grundform aller in sich evidenten Sätze, jener Sätze nämlich, deren 
Prädikatsinhalt bereits im Subjektsinhalt gegeben ist. Sie scheinen über- 
flüssig und sind doch im wissenschaftlichen wie praktischen Leben von 
grösster Wichtigkeit, da sie den Subjektsinhalt klarer ins Bewusstsein 



Studie /.um Kausalproblem. GS 

erheben. Der Satz A =A ist logischen Ursprungs. Das Aussagen der Gleich- 
heit ist ein in Beziehung setzen, wozu mindestens zwei Gegenstände er- 
forderlich sind. Nun kann in der Denkordnung ein und derselbe Gegen- 
stand zweimal gesetzt und somit auf sich selbst bezogen werden. In der 
Seinsordnung ist jeder Gegenstand nur einmal da, die Beziehung ist un- 
möglich, aber auch überflüssig. 

Auch das zweite Formalprinzip unseres Denkens A non ungleich A trägt 
den Charakter der Notwendigkeit. Sachlich sagt es ja dasselbe wie der Satz 
der Identität, wenn es auch formell eine Erweiterung und Präzisierung 
bringt. Schon die negative Form dieses Satzes zeigt an, dass er aus 
unserem Denken erwachsen, sich auf das aussagende Denken bezieht. 

Die Enge unseres Bewusstseins und die Langsamkeit unseres Denkens 
bringen es mit sich, . dass alle jene Urteile, die nicht unmittelbar an die 
Wahrnehmung anknüpfen, oder deren Prädikatsinhalt nicht auf den ersten 
Blick durch den Subjektsinhalt gegeben erscheint, zum Bewusstsein ihrer 
Gültigkeit einer zureichenden Begründung bedürfen ; d. h. sie müssen sich 
auf unmittelbar evidente Sätze zurückführen lassen. Diesem Satz von der 
zureichenden Begründung eines Urteils kommt nicht jene allgemeine Art 
der Notwendigkeit zu wie den beiden ersten. Wir können uns einen feiner 
organisierten Geist wie den unsern vorstellen, für den er überflüssig wäre. 

Nicht zu verwechseln mit dem Satze der zureichenden Begründung 
ist der Satz der Kausalität. Jener ist logischer Natur, dieser ontologischer, 
wobei die Kategorie der Notwendigkeit allerdings auf einen logischen Ein- 
schlag deutet. Er bezieht sich nicht auf die Denkform, sondern auf den 
Denkinhalt. Da dieser nun durchgängig an die Erfahrung anknüpft, ist es 
nicht zu verwundern, dass der Empirismus auch die dem Satze inne- 
wohnende Notwendigkeit aus der Erfahrung glaubte ableiten zu können. 
Der Versuch musste scheitern. Auch die psychologische Erklärung Humes, 
wir hätten es mit einer inneren Nötigung zu tun, die von einer Vorstellung 
stets auf die mit ihr durch kausale Assoziation verknüpfte überleite, ist 
verfehlt. Hume unterscheidet verschiedene Arten der Assoziation; warum 
ist nun gerade die Assoziation durch kausale Verknüpfung an psychischen 
Zwang geknüpft, warum nicht auch die Assoziation durch Aehnlichkeit ? 
Uebrigens ist die Nötigung, an die Hume denkt, gar nicht vorhanden. 
Eine Nötigung, anzunehmen, dass zwei Vorgänge, die bisher stets auf ein- 
ander gefolgt sind, nun auch in alle Zukunft auf einander folgen werden, 
ist bei sorgfältiger Analyse nicht konstatierbar. Zudem gibt Hume dem 
Kausalsatz einen neuen Inhalt. Der Satz sagt ja nicht, dass zu gleichen 
Wirkungen stets die gleichen Ursachen gehören, sondern nur, dass über- 
haupt Ursachen vorhanden sein müssen. 

Eine Diskussion der Kantschen Hypothese, der Kausalsatz habe apriori- 
schen Charakter, er sei eine Form unseres Verstandes, über deren Gültig- 
keit ausserhalb unseres Denkens wir nicht zu urteilen vermöchten, kann 

Philosophisches Jahrbuch 1915. 5 



CG Therese Vi rnich.. 

erst in Frage kommen, wenn wir tatsächlich nicht im stände sein sollten, 
uns über den Ursprung des Satzes klar zu werden. 

Die am allgemeinsten angenommene Fassung des Kausalsatzes lautet: 
Jede Veränderung verlangt eine Ursache. Die Erfahrung bietet uns die 
mannigfaltigsten Veränderungen, angefangen von den einfachen Ort- und 
Lageveränderungen bis zu den kompliziertesten Kulturverschiebungen. Ein 
einfaches Beispiel: ein Stein, der gestern auf der linken Seite des Baches 
gelegen, liegt heute auf der rechten. Dass der Stein nicht aus sich heraus 
seine Lage ändert, sondern tot ist, lehrt eine Erfahrung, die so alt ist wie 
das Menschengeschlecht. Hat nun ein Stein seine Lage verändert, so be- 
haupte ich mit Notwendigkeit : diese Veränderung muss eine Ursache haben. 
Diese Notwendigkeit setzt sich aus zwei Stücken zusammen. Sie fusst 
1. auf der Erfahrungstatsache, dass der Stein in seinen Lage Veränderungen 
bedingt ist, und 2. auf dem logisch notwendigen, weil identifizierenden 
Urteil von der Form A = A : was bedingt ist, ist von etwas bedingt, und 
zwar selbstverständlich von einem andern. Ist es doch ein Widerspruch 
vA\ behaupten, dass etwas in derselben Beziehung bedingt und bedingend sei. 

Eben weil dem Kausalsatze zwei Urteile zu gründe liegen mit ver- 
schiedenen Graden der Gewissheit, ein aus der Erfahrung gewonnenes, 
dessen Gewissheit von der Genauigkeit der Beobachtung und der Voll- 
ständigkeit der Induktion abhängt, und ein identifizierendes mit apodiktischer 
Gewissheit, daher die Uneinigkeit in der Wertung der Notwendigkeit, die 
dem Satze eignet, daher auch die Unsicherheit in der Festlegung des In- 
haltes. So wollen ihn die einen nur auf bestimmte Veränderungen bezogen 
wissen, andere auf alle, andere auch auf das Sosein der Dinge, andere 
endlich auf das Sein schlechtweg. Nach dem angedeuteten Ursprung des 
Kausalsatzes ist in jedem Falle festzustellen, ob wir es mit etwas Bedingtem 
zu tun haben. Je augenscheinlicher die Bedingtheit zu tage tritt, um so 
gebieterischer macht sich in unserem Bewusstsein die Forderung des 
Kausalsatzes geltend. 

Nun lässt sich durchgängig der ganze Bereich des unserer Erfahrung 
zugänglichen Naturgeschehens als allseitig bedingt nachweisen, und damit 
auch die durch dieses Geschehen herbeigeführten Zustände. Durch den 
Kausalsatz wird aber nicht ausgesagt, dass dieses Geschehen stets von den- 
selben Bedingungen abhängig sein muss. Es ist durchaus nicht denkwidrig 
anzunehmen, dass das Naturgeschehen einmal andere Bahnen einschlägt, 
oder dass andere Welten möglich sind mit einer anderen Folge des Ge- 
schehens, selbst nicht, dass, wie St. Mül es ausmalt, Vorgänge regellos 
folgen. Denkwidrig ist nur, dass etwas Bedingtes zugleich unbedingt, oder 
etwas Unbedingtes zugleich bedingt sei. Wo z. B. Unbedingtheit voraus- 
gesetzt wird, ist es ein Widerspruch, nach einer Ursache zu suchen; die 
sogenannte causa sui ist ein Unding. 



Studie zum Kausalprobiem. 67 

Die Gebundenheit und Abhängigkeit alles Naturgeschehens kommt uns 
zumeist zum Bewusstsein in der unabänderlichen Gleichförmigkeit der Auf- 
einanderfolge. Doch ist diese Konstanz nur Erkenntnisgrund, nicht Seins- 
grund, Folge eines festverketteten Bedingungszusammenhangs, nicht Ursache. 
Sie berechtigt nicht, Kausalität und Gesetzmässigkeit gleichzusetzen, oder 
den Inhalt des Kausalsatzes auf die Gesetzmässigkeit der Naturvorgänge in 
ihrer räumlichen und zeitlichen Verknüpfung zu beschränken. Die für uns 
erkennbare Beziehung von Bedingtem und Bedingendem ist allerdings an 
Raum und Zeit geknüpft (wie könnte sie auch sonst bei körperlichen Vor- 
gängen stattfinden und noch viel weniger wie könnte sie erkannt werden?); 
aber sie erschöpft sich nicht darin. Die Veränderung, dieses Nacheinander 
von Zuständen kann nicht durch dieses Nacheinander bedingt sein, auch 
wenn die Folge konstant bleibt. Ist keine weitere Beziehung da, so ist 
überhaupt keine Bedingtheit vorhanden, sondern nur eine geordnete Folge 
isolierter, unbedingter Vorgänge. Die Erfahrung selbst weist darauf hin, 
dass für das Zustandekommen einer Veränderung mehr erforderlich ist als 
bloss räumliches und zeitliches Zusammentreffen ähnlicher Gegenstände. 

Nach einer Forderung der Methodik muss bei der Untersuchung eines 
Problems von den einfachsten Fällen ausgegangen werden. Darum soll 
hier ein einfacher Fall physischen Wirkens zur Erläuterung dessen, was 
wir in der innern Beziehung zwischen Ursache und Wirkung erkennen, 
vorgelegt werden. Von dem psychischen und psychophysischen Wirken 
wird abgesehen. Da unser Bewusstsein im innigsten Zusammenhang mit 
einem Körper steht, ist der gegebene Weg zur Entscheidung der Frage : 
Ist mir der Begriff körperlichen Wirkens im Anschluss an die Erfahrung 
gegeben, und ev. was bietet die Erfahrung, eine Analyse der Wahrnehmung 
beim Wirken anderer Körper auf den meinen und umgekehrt. Meine Hand 
kommt mit einem Stein in Berührung. Meine Empfindung ist eine andere, 
je nachdem der Stein unter oder auf meiner Hand liegt. In letzterem 
Falle habe ich ein Druckgefühl, und bei passivem Verhalten bewegt sich 
meine Hand in der Richtung des Druckes. Soll diese Bewegung verhindert 
werden, muss meine Hand einen Gegendruck ausüben, welcher dem Drucke 
des Steines gleichkommt. Dass sie diesen Druck ausübt, nehme ich in 
einem Spannungsgefühl der Muskeln wahr. In diesen Erfahrungstatsachen 
erfasse ich das Wirken als innere Nötigung. Diese Nötigung oder Kraft 
kann von verschiedener Intensität sein ; ich unterscheide sehr wohl den 
Druck des Eisenerzes von dem des Bimsteines. Wird auch die Kraft nicht 
in sich, sondern in ihren Wirkungen gemessen, so ist sie doch von diesen 
real verschieden. Die Wirkungen können hintangehalten werden, die Kraft 
bleibt ; sie kann aufgespeichert werden (elektrische Energie) ; die Wirkungen 
können variiert werden. 

Von den Wirkungen auf meinen Körper und durch diesen schliesse 
ich mittels Analogieschlusses auf das Wirken anderer Körper untereinander. 



es TWres*> Vi mich. 

Im Sturme, d. i. in der bewegten Luft, bin ich gezwungen, mich mitzu- 
bewegen, sobald seine Stärke die in meinen Muskeln gelagerte Widerstands- 
kraft übersteigt. Im selben Sturm wirbeln die Blätter, knicken Bäume, 
stürzen Gebäude. Soll ich nun nicht berechtigt sein, ähnliche innere not- 
wendige Beziehungen anzunehmen zwischen der Luft und meinem Körper 
wie zwischen jener und den andern ausser meinem Körper befindlichen 
Gegenständen? Dabei ist räumliche Berührung notwendige, aber nicht hin- 
reichende Voraussetzung. Es besteht eine innere Beziehung zwischen den 
Körpern, die eben, weil sie innerlich ist, in meiner Erfahrung nur kon- 
statiert werden kann, wenn ich im stände bin, den eigenen Körper in die 
Kausalkette einzuschieben. Doch auch wenn dies nicht geschieht, müsste 
schon Richtung und Intensität auf eine innere Abhängigkeit deuten. Dabei 
soll nicht geleugnet werden, dass manches an dem Begriff des Wirkens 
für uns unklar bleibt. 

Eine weit verbreitete, aber unbegründete Annahme ist, alles Wirken 
sei selbst wieder ein Gewirktwerden, jedes Bewegende selbst wieder ein 
Bewegtes. Die Erfahrung allein kann bei ihrer Beschränktheit nicht zu einem 
solch allgemeingültigen Urteil berechtigen. Zudem könnte gerade sie wegen 
der verschiedenen Grade der Bedingtheit, die sie uns bietet, eher für eine 
gegenteilige Ansicht angerufen werden. Andererseits enthält der Satz, dass 
es neben dem verursachten auch ein freies Wirken gebe, keinen Wider- 
spruch. Umgekehrt schliesst der Gedanke an ein Verursachtes ohne letzte 
Ursache, die selbst nicht wieder verursacht ist, einen Widerspruch ein. 
Mit jedem Bedingten ist nach dem Umfange seiner Bedingtheit ein Be- 
dingendes gesetzt. Ist nun dieses selbst wieder bedingt, so ist mit ihm 
abermals ein Bedingendes gesetzt, und so fort. Die ganze Reihe steht und 
fällt aber mit einem letzten Unbedingten ; die Grösse der Reihe tut nichts 
zur Sache, mit jedem neuen Glied der Reihe gewinnt die Forderung des 
Unbedingten an Kraft. Gibt es kein Unbedingtes, so auch kein Bedingtes. 

Was für das Geschehen, gilt entsprechend auch für das Sein. Ganz 
allgemein betrachtet, ist das Sein entweder abhängig oder unabhängig. 
Dieses besteht in sich selbständig, jenes nur so lange, als die Bedingungen 
wirksam sind, die ihm das Dasein verschaffen. Alles Gewordene muss 
demnach bedingt sein. Ein absolutes Werden aus nichts gibt es nicht; 
es ist dies eine Fiktion, wie schon der Begriff des Nichts andeutet. Das 
Nichts hat in der ontologischen Ordnung keine Berechtigung. Jedes Sein, 
das neu entsteht, muss von einem schon Bestehenden getragen werden, 
und zwar in einer innern notwendigen Verknüpfung. Entstände es aus 
sich, so müsste es schon da sein, ehe es zu existieren anfängt, was ein 
Widerspruch ist. 

Bedingtes und Bedingendes, Wirkung und Ursache müssen insofern 
proportional sein, als die Ursache die Wirkung nach dem ganzen Umfange 



Studie zum Kausalproblem. 69 

ihrer Bedingtheit decken muss. Finden wir eine Ursache, welche das nicht 
tut, so haben wir eben eine Teilursache. 

Das Vorhandensein und der Umfang der Ursache wird uns mit der 
Erkenntnis der Bedingtheit gewiss. Wie jedoch diese Ursachen im Ein- 
zelnen beschaffen sind, lehrt nur die Erfahrung. Führt uns somit der 
Kausalsatz über die Erfahrung hinaus? Ja und nein;, ja insofern, als das 
Bedingte, das sich der Erfahrung bietet, nicht mit dem Unbedingten zu- 
sammenfallen kann ; nein insofern, als das Unbedingte nur in dem Be- 
dingten erkannt wird, und nur soviel von ihm erfasst wird, als in dem 
Bedingten an Forderungen ausgesprochen liegt. Diese Erkenntnis des Un- 
bedingten, deutlicher gesagt, diese Gotteserkenntnis mag manchem unvoll- 
kommen erscheinen. Doch, erkennen wir irgend etwas vollkommen? Wir 
erkennen alles nur aus Wirkungen, nichts von Grund aus, nicht einmal 
uns selbst. 

Die Formulierung des Kausalsatzes: Jedes Bedingte setzt nach dem 
Umfange seiner Bedingtheit ein Bedingendes voraus, kann als Tautologie 
gescholten werden; dennoch ist sie nicht überflüssig. Sie legt den aus der 
Erfahrung abgeleiteten Begriff des Bedingten auseinander und stellt die 
Aufgabe, das unserer Erfahrung sich bietende Wirkliche nach all seinen 
Bedingungen zu untersuchen und den viel verschlungenen Fäden dieser 
Beziehungen nachzugehen. Sie leitet ferner an, in Natur-Sein und Ge- 
schehen, das in allseitiger Bedingtheit vor uns steht und in unübersehbar 
vielen ineinander greifenden Kausalreihen zu einem wunderbar harmonischen 
Ganzen sich auswächst, die überwältigende Offenbarung eines Unbedingten 
zu sehen, von dem der grosse Naturforscher Linne sagte: „Deum 
sempiternum, immensum, omniscium, omnipotentem expergefactus a tergo 
ranseuntem vidi et obstupui". 



Rezensionen und Relerate. 



Erkenntnistheorie. 

Zur Analyse des Subjektsbegriffs. Eine logisch-psychologische 
Studie. Von B. W. Switalski. Braimsberg (Ostpr.) 1914, 
Heynes Buchdruckerei. 57 S. 

Ueber Zweck und Einteilung der vorliegenden Studie sagt der Verf.: 
„Um eine allseits befriedigende Lösung des Problems der Subjektivität 
anzubahnen, muss möglichst unbefangen, also ohne jedes polemische 
Interesse, der Subjektsbegriff selbst durch Analyse der in ihm enthaltenen, 
für die Erkenntnisgewinnung wichtigen Momente geklärt werden. Einen 
Beitrag zu dieser Klärung soll die vorliegende Studie liefern, indem sie 
die Begriffspaare: Erkenntnissubjekt und Ichbewusstsein, Be- 
wusstseins-Subjekt und Wirklichkeit, empirisches und 
absolutes Subjekt vom logischen Gesichtspunkte aus, unter Zuhilfe- 
nahme psychologischer Erfahrungen, genauer zu bestimmen unternimmt" (5). 

Das Ergebnis des ersten und zweiten Teiles seiner Untersuchung 
fasst der Verf. wie folgt zusammen: 

.,Wie die Analyse des Erkenntnissubjekts (I) dem empirischen »Ich« das 
»reine« Ich, dem Subjektivismus die Autonomie als Norm und Ideal gegenüber- 
stellte, so hat die Analyse der Beziehungen, in die das empirische Subjekt sich 
verwickelt findet II), dem Einzelsubjekt die Umwelt mit vielen gleichgearteten 
Subjekten und der Relativität der konkreten Wechselverhältnisse und Wechsel- 
wirkungen die absolute Reinheit des idealen Grundgerüstes von Beziehungen 
entgegengesetzt and dieses ideale Invariantensyslem zugleich als einzig zuver- 
lässige Basis aller Erkenntnisbetätigung erwiesen. Die Idealität dieses Systems 
allgemeingültiger Beziehungen bringt es in einen besonders engen Zusammen- 
hang, ja, in ein Abhängigkeitsverhältnis zum autonomen »reinen« Ich, da 
ideale Geltung« immer »Geltung für ein Subjekt« besagt" (39). 

Das Gesamtergebnis ist folgendes: 

„Wir glauben nachgewiesen* zu haben, dass die eigenartige Mittelstellung 
des empirischen Subjektes zwischen vorgefundener Naturgebundenheit und 
si Ibsländiger Geistigkeit eine uneingeschränkte Gleichsetzung unserer im »Ich« 
sich kundtuenden Subjektivität mit der Autonomie verwehrt. Nur durch Selbst- 
überwindung d. h. durch Loslösung von allem empirisch Variablen in uns ge- 
langen wir zur Erstarkung unserer Selbständigkeit, also zur allmählich fort- 
schreitenden Annäherung an das Ideal der Autonomie (I)". 



ß. W. Switalski, Zur Analyse des SubjektsbegiiiTs. 71 

„Diese Vollendung des eigenen »Selbst« wird aber dadurch erschwert, 
dass wir nicht bloss Beobachter, sondern Glieder des Wirklichkeitszusammen- 
hanges sind. Im Wirken und Leiden haben wir zur Umwelt Stellung zu nehmen 
und in diesem Ringen mit ihr unsere Subjektsnatur zu entfalten. Die Varia- 
bilität der einzelnen Wirklichkeitsreihen, zu denen auch unsere Subjektivität 
im allgemeinen und unser Erkenntnisprozess im besonderen gehört, steigert 
die Komplikation unserer Erkenntnis, die eine allseitige und eindeutige Zu- 
ordnung ihrer selbst zu den übrigen Wirklichkeitsreihen anzustreben hat. Vor 
dem Versinken im Strome des wirklichen Geschehens sucht sich nun das 
empirische Subjekt zu retten, indem es, vermöge der in ihm erwachenden und 
erstarkenden Selbständigkeit (Autonomie), ein ideales Invarientensystem zum 
Behufe der Fixierung der einzelnen Reihen und ihrer Beziehung zu einander 
konstruiert (II)". 

„Das Ideal des autonomen Subjekts mit dieser Struktur eines apriorischen, 
aller Erfahrung zu Grunde liegenden Invarientensystems reicht aber als solches 
nicht aus. um alle Rätsel des Erkenntnisproblems, die aus dem Gegensatz 
unserer Subjektivität zu den von uns unabhängigen Erkenntnisobjekten sich 
ergeben, zu beseitigen. Gerade die Beziehung unserer Erkenntnisse auf die 
Realität wie die einander vielfach durchkreuzende Verknüpfung des Idealen 
und Realen in uns und um uns hat uns zu der Ueberzeugung geführt, dass 
unser Streben nach Autonomie und zugleich nach allgemeingültiger, sachlich 
bedingter Erfassung des Gegebenen nur deshalb realisierbar ist, weil das ab- 
solut autonome Subjekt nicht bloss ein von uns konstruiertes Ideal, sondern 
der aus sich seiende, Idealität, und Realität, uns und die Umwtlt in gleicher 
Weise schöpferisch begründende Golt ist. Für aas empirische Subjekt ergab 
sich aus dieser Erkenntnis und der in ihr gesetzten Spannung zwischen dem 
empirischen und dem absoluten Subjekt erst die vollgültige, unausgesetzt uns 
anregende und antreibende, ethisch religiöse Verpflichtung, aus der uns zer- 
splitternden Vielheil des Erlahrungslebens zur Einheit einer in Gott begründeten 
Weltansicht vorzudringen und so unsere Wahrheilserkenntnis immer mehr vom 
Dunkel der Empirie zu befreien, indem wir auf sie das Licht der »Wahrheit 
an sich wirken lassen (III)" (57). 

Die hiermit skizzierte Studie ist eine willkommene Ergänzung zu der 
in dieser Zeitschrift XXVII (1914) 384 f. besprochenen Schrift des Ver- 
fassers „Vom Denken und Erkennen" ; das dort nur in den Grundlinien 
gezeichnete erkenntnistheoretische System des Vf.s erhält hier einen wei- 
teren Ausbau durch eine methodisch wie sachlich gleicherweise vorzügliche 
Analyse mehrerer für die Lösung des Erkenntnisproblems grundlegender 
Begriffspaare. Der Verfasser denkt und spricht im Geist der modernen 
Philosophie. Ihre Art, das erkenntnistheoretische Problem anzupacken, 
greift er auf und ihre gesicherten Ergebnisse macht er sich zu eigen, unter 
Abweisung des für ihn Unhaltbaren. Eine grosse Rolle spielt in der vor- 
liegenden Studie (wie auch bei Alois Müller, „Wahrheit und Wirklichkeit, 
Untersuchungen zum realistischen Wahrheitsproblem", Bonn 1913) der „In- 
varianten"-Begriff. De nominibus non est disputandum : Der „Invarianten- 
begriff" deckt sich zum Teil mit dem Universalen (abstractum und re- 
flexum) der Scholastiker. Hieraus ersieht man, welch grosse Bedeutung 
der Universalienlehre bei der Lösung des erkenntnistheoretischen Poblems 



72 C. Gitberlet. 

zukommt, worauf von neuscholastischer Seite aus neuerdings wiederholt 
hingewiesen worden ist. Durch die Hinaufleitung aller Invarianten auf das 
absolute Subjekt, auf Gott, wird dem pantheistischen Einheitsbedürfnis in 
der allein berechtigten Weise Rechnung getragen, wie auch des Subjektivis- 
mus, Relativismus und Psychologismus begründete Forderungen durch die 
unbefangene Herausschälung alles Subjektiven und Variablen aus dem Kom- 
plex unserer Erkenntnisse zu ihrem Rechte kommen. 

Fulda. Dr. Chr. Schreiber. 



Naturphilosophie (und Religionsphilosophie). 

1. Die neuere Kritik der Entwicklungstheorie, besonders des 

Darwinismns. Von Fr. Posch. 

2. Der Entwicklungsgedanke in Religion und Dogma. Von 

A. Rademacher, Köln 1914, Bachern. 

1. Die Entwicklungslehre hat seit ihrer Begründung durch Darwin 
und Lamarck zahlreiche und starke Wandlungen durchgemacht, sie hat 
eine Geschichte hinter sich. Kaum ein Gedanke der ursprünglichen 
Theorie hat der Kritik Stand halten können, jedenfalls hat er sich sehr 
starke Modifikationen gefallen lassen müssen. Insbesondere sind es zwei 
neuere Entdeckungen bzw. Theorien, die eine radikale Revolution her- 
vorgebracht haben: es ist die Mendelsche Vererbungslehre und die 
de Vriessche Mutationstheorie. 

Gut orientiert der Vf. der an erster Stelle genannten Schrift über 
den gegenwärtigen Stand des Evolutionsproblems, indem er nicht nur 
die Theorie, sondern auch die Kritiken derselben vorführt 1 ). In Bezug 
auf die Erblichkeitsfrage sagt er: „In der Voraussetzung Darwins und 
Lamarcks individueller Variationen liegt eine grosse Schwäche ihrer 
Systeme. Der Mangel an kritischer Prüfung, die einfache Hinnahme der 
Eiblichkeit als Tatsache birgt besonders für den Darwinismus den gefähr- 
lichsten Angriffspunkt, an welchem denn auch ihm gefährliche Wunden 
geschlagen wurden. Darwin gesteht selbst einmal : »Die Gesetze, welche 
die Erblichkeit regeln, sind grösstenteils unbekannt«. Wir müssen uns 
wundern, dass er trotzdem so weitgehende Schlussfolgerungen gerade auf 
der Erblichkeit der kleinen Unterschiede aufbaute 8 . Der schärfste unter 
den neueren Kritikern, Johannsen, erklärt, dass „gerade die dürftige 
Einsicht in die Erblichkeitsgesetze eine Schwäche fast aller Entwicklungs- 
hypothesen ist". 



') Der Verf., Oberlehrer am Kaiser Karls-Gymnasium in Aachen, wurde 
zu den Fahnen einberufen, konnte also die neuesten Erscheinungen nicht mehr 
berücksichtigen ; wir werden sie nachtragen. 



1. Posch, Entwicklungstheorie, 2. Rademacher, Entwicklungsgedanke. 73 

Der Engländer Galton suchte auf statistischem und mathematischem 
Wege diesem Uebelstande abzuhelfen, nämlich Gesetzmässigkeiten in der 
Vererbung aufzufinden, und wirklich fand er als Erblichkeitsziffer *!*, 
d. h. die Kinder erhalten durchschnittlich von den Eltern deren persön- 
liche individuelle Abweichung. Das war sehr günstig für die Selektion : 
darch geschickte Auswahl kann man Neues, schliesslich eine neue Rasse 
züchten. Aber weitere Untersuchungen haben gezeigt, dass die Varia- 
bilität nur quantitativ verändert, nicht qualitativ neue Charaktere schafft, 
sie ist nur linear, nicht allseitig, wie es der Darwinismus verlangt. 
Es ist ja auch der Einfluss von Kreuzungen, welche neue Merkmals- 
kombinationen einführen können, oder von eingeführten wilden Rassen, 
und von sprunghaften Mutationen nicht auszuschliessen. Eine Typenver- 
scbiebung ist erst nachgewiesen, wenn feststeht, dass das Verschobene 
wirklich ein Typus, eine einheitliche Rasse war. Johannsen wider- 
legt die Einheit an dem Galtonschen Material selbst. 

Der Nachweis eines einzigen Ausgangstypus lässt sich nur erbringen, 
wenn mit Individuen gearbeitet wird, die gleichen Vater und Mutter 
haben, d. h. selbstbefruchtend sind. Den äusseren Merkmalen entspricht 
etwas in den Keimzellen und der Erbmasse; Johannsen nennt diese erb- 
lichen Elemente Genen. Die Gesamtheit aller Individuen, bei denen eine 
Kombination verschiedener Genen durch Kreuzung ausgeschlossen ist, 
nennt Johannsen eine „reine Linie", den durch sie dargestellten Typus 
einen Biotypus oder Genotypus. Versuche mit solchen reinen Linien an 
Bohnen angestellt beweisea, dass die Selektion für sie völlig null ist. 
Die Typen sind fest und die Norm ihrer Ueaktionsweise in den be- 
trachteten Merkmalen konstant. Daraus folgt: die Zuchtwahl kann nichts 
Neues schaffen; damit ist dem Darwinismus definitiv der Boden entzogen. 

,,Auf dem Boden des Mendelismus erbalten wir die Erklärung dafür, 
weshalb der Versuch, auf dem Wege der Selektion den genannten Erfolg 
herbeizuführen, erfolglos bleibt und erfolglos bleiben muss, und zwar 
durch das Prinzip der Anhäufung der Erbfaktoren". 

Neuerdings macht der Lamarekismus sich wieder als starker 
Konkurrent des Darwinismus geltend, der bekanntlich durch Anpassung 
die neuen Charaktere erklärt. Unter andern Schwierigkeiten ist besonders 
hervorzuheben, dass die Organismen Eigenschaften besitzen, die für sie 
ganz nutzlos sind, wie die Gallenbildungen der Blätter, die nur Insekten 
dienen. Die Hauptschwierigkeit aber besteht in der Vererbung der 
durch Anpassung erworbenen Eigenschaften. Bölsche glaubt das Problem 
durch Kammerer endgültig gelöst und damit die Weiterentwicklung der 
Organismen sicher begründet, der nüchterne Forscher Johannsen hält es 
dagegen „für ein gefährliches Zeichen, wenn einige Autoren immer und 
wieder als sprudelnder Born positiver Angaben auftreten". Posch kann 
aber erklären; „Es ist zur Zeit in keinem einzigen Falle mit Sicherheit 



74 C. Gutberiet. 

nachgewiesen". Dies trifft auch noch zu nach den neuesten Experimenten 
Kammerers, die Posch noch nicht kennen konnte. 

Darüber liegt eine neueste Abhandlung von F. Baltzer 1 ) vor. Er 
sagt unter anderm: 

„Wir sehen oft, dass eine neue Eigenschaft nur vom Körper, dem 
Soma, ausgebildet wird, dass aber die Keimzellen in diesem Soma das 
neue Merkmal nicht übernehmen. Dementsprechend fehlt es auch bei den 
aus ihnen hervorgehenden Nachkommen. Die Eigenschaft ist damit rein 
somatisch, sie ist auf das individuelle Leben des Tieres beschränkt 
geblieben und vererbt sich nicht. Der tierische und pflanzliche Körper 
bildet solche somatogenen, nicht erblichen Charaktere oft als An- 
passungen an äussere Lebensbedingungen". 

„Andererseits haben grosse Versuchsreihen gezeigt, dass nicht selten 
die im Soma gelegenen Keimzellen direkt, durch das Soma hindurch 
von äusseren Einwirkungen getroffen und beeinflusset werden. In diesem 
Fnlle bleibt das Muttertier unverändert; die Nachkommen aber zeigen 
eine Abänderung und vererben sie, auf die weiteren Generationen. Ein 
solches Merkmal wird, da es durch direkte Beeinflussung der Geschlechts- 
zellen von aussen entstand, als blastogene Eigenschaft bezeichnet. 
Solche blastogenen Erwerbungen können nicht als Anpassungen an be- 
sondere äussere Verhältnisse betrachtet werden. Vielmehr sind es be- 
liebige, für das Leben des Individuums anscheinend gleichgültige oder 
geringwertige und kaum nützliche Eigenschaften. Anpassungen können 
aus ihnen nur durch Selektion hervorgehen". 

„Nun finden wir aber in der Organisation zahlloser Organismen An- 
passungen, die sich als zum Artbild gehörend auf die Nachkommen ver- 
erben. Die Frage ist: Können solche Anpassungen auf die genannte 
Weise ohne Wirkung einer Selektion somatisch entstanden und erblich 
geworden sein? Gerade sie bilden ein Hauptproblem für die Deszendenz- 
theoretiker. Es erhellt daraus, wie bedeutsam es ist, wenn es gelingt, 
experimentell wirkliche Anpassungen hervorzurufen Aber auf der Hand 
liegt auch, dass sie deszendenztheoretisch nur Wert haben, wenn sie sich 
auf die Nachkommen vererben". 

Solche Versuche hat. nun seit längerer Zeit P. Kammerer am Feuer- 
salamander 2 ) unternommen; er glaubt; die Frage bejahen zu dürfen. 
Doch drückt sich Baltzer viel rückhaltender aus: es sei allerdings „die 
Wahrscheinlichkeit somatogener Entstehung und Vererbung der von K. 
erzieltet! Abänderungen gestiegen"; aber er gibt zu, dass „das Lager der- 



') Ueber die Vererbung erworbener Eigenschaften. Die Naturw. 1 ( J14 
S. 987-998. 

*) Vererbung erzwungen an Farbveränderungen. Ar eh. f. Knhv. -Median. 
1818. 



1. Posch, Entwicklungstheorie, 2. Rademacher, Entwicklungsgedanke. 75 

jenigen Forscher sehr gross ist, die annehmen, dass solche individuellen 
Anpassungen nicht auf die Nachkommen vererbt werden können. 

Auch ist der Einwand, dass die Neuerwerbungen auf Mutationen 
beruhen, nicht ganz abzuweisen, sowie auch der Umstand, dass die neu- 
erworbenen Charaktere bei Nachkommen, die in neutralem Milieu gehalten 
werden, sich wieder allmählich verlieren, wenig günstig für die Deszendenz- 
theorie ist 

So ist also auch durch diese neuesten Versuche die Frage, ob er- 
worbene Eigenschaften vererbt werden können, nicht entschieden, und es 
können darum die Deszendenztheoretiker die Vererblichkeit nicht als eine 
Stütze ihrer Lehre gebrauchen. 

Aber noch eine andere hochgehaltene Stütze der Deszendenz ist ge- 
stürzt : Der Atavismus. Wiedersheim glaubte mehrere hundert Kück- 
schläge am menschlichen Körper nachweisen zu können, die ganz sonnen- 
klar seine Abstammung vom Tiere bewiesen. Diese Berufung ist nun 
durch das sogenannte Dollosche Gesetz abgeschnitten. Dasselbe lautet: 
„1. Ein im Laufe der Stammesgeschichte verkümmertes Organ erlangt 
niemals wieder seine frühere Stärke. 2. Ein im Laufe der Stammes- 
geschichte gänzlich verschwundenes Organ kehrt niemals wieder. 3. Gehen 
bei der Anpassung an eine neue Lebensweise (z. B. beim Uebergang von 
Schreittieren zu Klettertiereu) Organe verloren, die bei der früheren 
Lebensweise einen hohen Gebrauchswert besassen, so entstehen bei der 
neuerlichen Rückkehr zur alten Lebensweise diese Organe niemals wieder; 
an ihrer Stelle wird ein Ersatz durch andere Organe geschaffen". Es 
gibt also keinen „Atavismus" in diesem Sinue, als solchen wollte man 
z. B. das Auftreten überzähliger Zehen beim Pferde ansehen. „Die Unter- 
suchungen Reinhardts über die Pleiodaktylie beim Pferde haben je- 
doch in klarster Weise gezeigt, dass es sich in allen genauer unter- 
suchten Fällen um eine asymmetrische Neubildung, und zwar 
meist um die Spaltung des mittleren Zehenstrahles handelt, ganz ebenso 
wie die Pleiodaktylie beim Schweine und beim Menschen nicht als ein 
.Atavismus' oder als ein Rückschlag auf eine entferntere Vorfahrenstufe 
angesehen werden darf . . . Diese sowie alle ähnlichen bisher beseht iebenen 
Fälle von angeblich morphologischen Atavismen haben sich bei 
genauerer Untersuchung als Erscheinungen erwiesen, die nicht das Ge- 
ringste mit den von den Vorfahren durchlaufenen Stufen zu tun haben" l ). 

Eingehend befasst sich der Vf. mit der dem Darwinismus direkt ent- 
gegengesetzten Mutationslehre. Während Darwin und auch La- 
marck eine allmähliche, in kleinen Schritten fortschreitende Weiterbildung 
der Organismen annahmen, zeigt die Mutation eine sprungweise Ent- 
wicklung. Vf. führt, deren mehrere Arten an : 

l ) Neuere Wege phylog. Fo; sehung. Vortrag von 0. Abel auf der 85. Vers. 
Deutscher Naturforscher. 



76 C. Gutberiet. 

„Die wichtigsten der den verschiedenen Arten der Mutationen gemein- 
samen Zage sind: sie treten plötzlich auf, aber selten; sie geben der 
von ihnen betroffenen Art ein neues, dem bisherigen durchaus ungleiches 
Aussehen . . . Sie können in jeder Richtung stattfinden und sind unbe- 
grenzt". De Vries glaubte eine solche Mutation an einer Oenothera 
beobachtet zu haben; ein neuerer Kritiker erklärt, ein unpassenderes 
Objekt hätte er nicht wählen können, auch Vf. unterwirft diese Beob- 
achtungen einer Kritik; nach Johannsen sind die neuen Eigenschaften 
durch Spaltungen und Rekombinationen nach Kreuzungen grossenteils 
zu'erklären. Aber trotzdem ist die Mutationstheorie selbst nicht über- 
wunden. 

„Wenn wir das Gesamtergebnis der neuen experimentellen Unter- 
suchungen über Mutationen im Zusammenhang mit den paläontologischen 
Arbeiten überblicken, so ist an dem Vorkommen von Mutationen, dem 
Auftreten neuer, erblich veränderter Formen nicht zu zweifeln. Freilich 
betreffen alle bis jetzt bekannten Fälle nur Bildungen von verhältnis- 
mässig geringem Umfang". In Bezug auf die letztere Einschränkung 
sagt Deperet: „Die Explosionen nach de Vries und Nilson, so interessant 
sie vom biologischen Gesichtspunkt auch sein mögen, erklären nur die 
Bildung verwandter Arten, die einander so nahe stehen, dass kein Natur- 
forscher daran denken wird, sie in verschiedene Gattungen einzureihen". 
Und in Bezug auf die Paläontologie bemerkt er : „Beschränkt man sich 
auf die Vorgänge, die genau zu beobachten sind, so wird man zur Zeit 
keinen einzigen Vorgang einer Saltation, keinen einzigen Fall plötzlicher 
Veränderungen mit vollständiger Sicherheit aus der Paläontologie anführen 
können, welche das Divergieren zweier Gattungen, zweier Familien und 
noch weniger zweier Ordnungen fossiler Tiere zu erklären gestatten" x ). 

Weit ungünstiger urteilen über die Mutationstheorie andere Fach- 
männer. In der Zeitschrift „Die Naturwissenschaften" wurde sie sogar 
als Mythus bezeichnet : 

Der „Mythus von der Mutationstheorie" ist eine Mitteilung aus der 
Science 1914 in den „Naturwissenschaften" 1914 S. 780. Besonders eifrig 
wurde die Theorie in Amerika aufgegriffen, und gerade von da kommt 
der gewaltigste Stoss gegen sie. Auf seine eigenen Beobachtungen und 
auf die der Proff. Bradley und Davis der Harvard-Universität gestützt, 
erklärt Edw. C Heffrey: 

„Die Mutationstheorie scheint demnach nutzlos auf der biologischen 
Bühne zu verweilen und kann jetzt augenscheinlich in die Rumpelkammer 
der erledigten Hypothesen verwiesen werden". Seine Beweisführung stützt 
sich auf die moderne Vererbungslehre: „Oenothera ist keine natürliche 
Art, sondern eine Bastardform". In den Bastarden treten bekanntlich 



') Die Umbildung der Tierwelt (deutsch von Wegener. 1909) 257. 



1. Posch, Entwicklungstheorie. 2. Rademacher, Enlwieklungsgedanke. 77 

frühere Eigenschaften von Vorfahren ganz unvermittelt auf. Die Mög- 
lichkeit bei Oenothera hatten bereits andere Forscher behauptet. 

Die hybride Natur einer Pflanze wird am besten durch die Sterilität 
des Pollens erkannt, die Heffrey nicht nur für Oenothera, sondern für 
die ganze Familie der Oenagraceen, zu der Oenothera gehört, nachweist. 
Die hybride Natur der Fuchsien ist bekannt, bei einigen Varietäten ist 
der Pollen fast ganz steril. Aber auch bei wildwachsenden Pflanzen, 
z. B. bei den Epilobien (Oenagraceen), kommt häufig Bastardierung vor. 
Bei 0. Lamarckiana, die de Vries untersuchte, ist ein Drittel des Pollens 
steril; auch bei den kräftigeren Mutanten ist der. Pollen grossenteils 
steril. Oenotheren, die als gute Arten verzeichnet werden, haben sterile 
Pollen. Die Untersuchung eines grossen Materials wilder Oenothera- 
Arten führte Heffrey zu dem „augenscheinlich unvermeidbaren Schluss, 
dass spontaner Hybridismus bei dieser Gattung äusserst gewöhnlich ist, 
und dass sie im allgemeinen einen Zustand hoher genetischer Unreinheit 
aufweist". 

Zum Nachweise der Entstehung der Arten durch Mutation oder 
Sprungvariation hätte darnach keine weniger geeignete Pflanzengruppe 
ausgewählt werden können. Doch ist mit der Ausschaltung der Oenothera 
die Mutationslehre selbst nicht widerlegt. 

„Ueber den gegenwärtigen Stand der Mutationstheorie" berichtet 
objektiv E. Lehmann 1 ): 

Von vorneherein weist er darauf hin, „dass durch in der freien Natur 
aufgefundene abweichende Formen niemals auch nur das allergeringste 
über den Charakter einer Form, ob Mutante oder Kombinante, oder auch 
nur selektiv entstandene Form ausgesagt werden kann. Es sind also 
die Mitteilungen über in der freien Natur aufgefundene Mutationen aus 
jeder ernsten Diskussion über das Mutationsproblem unweigerlich aus- 
zuscheiden. Solche neuaufgefundene Formen als Mutationen zu beschreiben, 
ist ein Missbrauch, der leider auch aus ernsten vererbungswissenschaft- 
lichen Werken noch nicht völlig ausgemerzt ist". 

Wie also Darwin die Beobachtungen über künstliche Zuchtwahl auf 
die freie Zuchtwahl ganz unlogisch übertrug, so ist es unlogisch und 
sachlich unrichtig, von den Mutationen der Kultur auf Mutationen in 
der Natur zu schliessen. 

Zwei neue Entdeckungen haben über die Mutationen mehr Licht 
verbreitet: Die reinen Linien von Johannsen und die Vererbungslehre 
Mendels. Johannsen „hat gezeigt, dass eine äusserlich scheinbar ein- 
heitliche Pflanzenart, eine elementare Art im Sinne de Vries', eine Popu- 
lation darstellt, aus einer Menge erblich durchaus konstanter, oft nur 
durch geringe Unterschiede getrennter Typen besteht. Erst durch die 

») Die Naturw. 1914 S. 597. 



78 C. Gutberiet. 

allersorgfältigste, auf statistischem Boden stehende Vererbungsunter- 
suchung lassen sieb häufig dies« Typen oder reinen Linien auffinden und 
isolieren. Es kann demjenigen, der auf dem Boden dieses durch ungemein 
zahlreiche Tatsachen belegten Prinzips steht, nicht im mindesten mehr 
fraglich sein, dass eine erbliche Veränderung irgend eines Typus erst 
dann mit Sicherheit feststellbar ist, wenn diese Feststellung innerhalb 
einer solchen reinen Linie einer genotypisch einheitlichen Sippe ausge- 
führt wird. Denn lesen wir solchen Untersuchungen eine Population 
zugrunde, so haben wir für alles weitere nicht die geringste Gewähr der 
Einheitlichkeit mehr, vor allem kann die schon vorhandene Vielförmig- 
keit in Verbindung mit Kreuzungseinflüssen früherer Generationen zu 
den allerverschiedensten Täuschungen führen". 

Der Mendelismus zeigt, „wie komplexer Natur auch anscheinend 
völlig reine Formen sind. Besonders bei fremdbefruchtenden Organismen 
kann man auch nach generationslanger Erziehung in reinen Linien, also 
in Stammbaumkulturen, ausgehend von einem einzigen selbstbefruchteten 
Individuum, noch nicht mit Sicherheit sagen, ob man es wirklich mit 
homozygotischem, isogenem Material zu tun hat. Immer werden auch 
dann noch einzelne Individuen verschiedener genotypischer, also erblicher 
Konstitution sein. Man kann aber, wie die moderne Mendelforschung 
gezeigt hat, den Pflanzen von aussen ihre innere genotypische Konsti- 
tution nicht ansehen, und so ist es wohl denkbar, dass auch nach langer 
Stammbaumkultur auch in äusserlich durchaus einheitlich erscheinendem 
Material neue Kombinationen von Erbeinheiten auftreten, welche dann 
äusserlich das Entstehen plötzlich auftretender, abweichender Varianten, 
mit andern Worten: Mutanten vortäuschen". 

„Wir haben also heute auf dem Boden des reinen Linienprinzips 
und des Mendelismus bei neuauftretenden und in der Kultur neu beob- 
achteten erblichen Formen scharf zu unterscheiden zwischen Mutanten 
und Kombinanten. Um Mutanten kann es sich nur handeln, wenn un- 
abhängig von einer Kreuzung eine Veränderung der genotypischen Kon- 
stitution aufgetreten ist. Eine solche Mutante lässt sich , mit völliger 
Sicherheit nur in durchaus isogenem Material feststellen und von einer 
Kombinante unterscheiden. Dabei kommt es auf die Grösse der Ab- 
weichung der Mutante von der Ausgangsform nicht an. Eine Kombinante 
hingegen tritt auf, wenn durch Zusatnmeutreffen oder Wiederzusammen- 
treffen vorher getrennter Erbeinheiten neuartige erbliche Formen ent- 
stehen". 

Ueber die Versuche de Vries' mit Oenothera ist viel diskutiert worden. 
„Es hat sich dabei herausgestellt, dass er bei seinen Arbeiten mit 
Oenothera Lamarckiana nicht von einer Form, die sich als homozygot 
erwies, ausgegangen ist. Er hat seine Mutation bei Oenothera nicht in 
einer reinen Linie betrachtet. Da die Oenoth^ren in der freien Natur 



1. Posch, Entwicklungstheorie. 2. Rademacher, Entwicklungsgedanke. 79 

fast durchgehends Fremdbestäuber sind, so ist so gut wie sicher, dass 
de Vries als Ausgangsmaterial für seine Untersuchungen nicht einheit- 
liches Material vor sich hatte, sondern hochgradig heterozygotisches". 
H. Nilson glaubt auf Grund seiner Untersuchungen an Oenothera fest- 
stellen zu können, dass die de Vriesschen Mutanten nur Neu'iombinationen 
versteckter Mendelscher Erbeinheiten sind Neueste Untersuchungen fan- 
den, dass bei den Oenothera-Abänderungen die Zahl der Chromosomen 
eine andere ist als die der Stammart. Lamarck. zählt 14, Gigas 18, 
andere 15. Darum nimmt man an, dass die Mutation auf einer neuen 
Verteilung der Chromosomen beim Reduktionsprozess beruht. 

So Lehmann. Man sieht, die Deszendenzlehre hat noch viele Probleme 
zu lösen, ehe sie so sicher auftreten kann, wie manche ihrer Vertreter in 
grosser Selbstgenügsamkeit zutun pflegen. Posch stellt ihr ein günstigeres 
Prognostikum für die Zukunft, unter drei Bedingungen: Erstens wird das 
Problem selbst mehr geklärt, die Frage schärfer formuliert. In erster 
Linie fragt man nicht : wie sind die gegenwärtigen Arten entstanden, 
sondern: wie können neue Formen im Reiche der Lebewesen entstehen? 
Zweitens wird die Frage nüchterner behandelt, die Phantasiestammbäume 
haben ihre Rolle ausgespielt. Drittens scheidet man die Weltanschauungs- 
fragen aus der Diskussion aus, die Finalität wird neben der Kausalität 
als berechtigter Faktor mehr und mehr anerkannt. 

Das mag bei ernsten Forschern zutreffen, aber gerade die populären 
Schriften verbreiten unter die Massen die Meinung, die Abstammung des 
Menschen vom Affen sei wissenschaftlich erwiesen. Die Weltanschauungs- 
frage verleiht bei den meisten der Frage den eigentlichen Reiz, ein 
Schöpfer ist damit abgetan. Aber auch in den höher stehenden Kreisen 
wird die Deszendenz bereits wie eine feststehende Tatsache auf alle 
geistigen Gebiete übertragen. Dies führt uns zu der an zweiter Stelle 
genannten Schrift. 

2. Der Entwicklungsgedanke ergriff nach dem Auftreten Darwins 
und Lamarcks die Geister so mächtig, dass man ihn auch auf das geistige 
Gebiet übertrug und überall nur Werden, Entwicklung erblickte. 
Der Kulturfortschritt wurde sogar als höchstes Moralprinzip proklamiert; 
die Handlung hat nur so viel sittlichen Wert, als sie den Kulturfortschritt 
fördert. Von rohesten Anfängen hat die Kultur unaufhaltsam sich bis 
zu der erstaunlichen Höhe unserer Zeit entwickelt, und viele sind davon 
so berauscht, dass sie durch sie in der Zukunft den Himmel auf Erden 
erwarten. Wie ein Donnerschlag erhebt der jetzige Krieg seine Stimme 
gegen die moderne Kultur. Eine solche Niedertracht in Gesinnung und 
entsetzliche Barbarei in Schandtaten bei unseren Feinden hat die Erde 
auch in den rohesten Zeiten nicht gesehen. 

Selbstverständlich muss auch die Religion ein Produkt der Ent- 
wicklung sein, vom Fetischismus bis zur höchsten Stufe, dem Monismus 



80 C. Gutberiet. 

und der Imnianenzreligion. Man hört, häufig, dass in unserer Zeit das 
religiöse Interesse sich gesteigert habe. Das ist eine arge Täuschung: 
das, was man da Religion nennt, ist der direkteste Gegensatz zur Reli- 
gion, d. h. der einzig wahren Religion. Alle Objektivität wird der Reli- 
gion benommen, sie besteht in einem Erlebnis, das Ich ist nun Gegen- 
stand der Religion. 

Ein Fachmann wie M. Müller konnte mit Berufung auf seine religions- 
geschichtlichen Forschungen erklären: Die Geschichte aller Religionen 
ist die Geschichte ihres Verfalls. Dies trifft ganz ausnahmslos zu, wenn 
nicht ein göttliches Prinzip in ihnen wirksam ist, wie auch ohne inneres 
vom Schöpfer begründetes Prinzip statt einer Weiterentwicklung der 
Organismen eine fortschreitende Verschlechterung sicher eingetreten wäre, 
wie dies seinerzeit A. Wiegand treffend nachwies. Nimmt man aber ein 
solches inneres Entwicklungsprinzip an, so kann man der Entwicklungslehre 
weitgehende Zugeständnisse machen, wie dies auch der Vf. vorliegender 
Schrift tut, indem er die richtige Mitte zwischen gänzlicher Ablehnung 
und fanatischer Verfechtung hält. Dementsprechend vertritt er auch 
eine Weiterentwicklung auf religiösem Gebiete, selbst inbezug auf die 
Offenbarung und das Dogma, wobei er freilich die absolute Unveränder- 
lichkeit der Wahrheit gegen Relativsten, Modernisten usw. sehr scharf 
betont. Er bemerkt sehr gut: „Die Glaubenslehren sind keine toten 
starren Formen, keine Versteinerungen, sondern Geist und Leben. Man 
kann in einem sehr wahren Sinne von einer Weiterbildung der 
Religion reden, indem man darunter nicht bloss die Durchdringung der 
Lebensführung mit den Grundsätzen des Glaubens, sondern auch die 
tiefere geistige Erfassung und harmonische Verbindung der Glaubens- 
lehren zur einheitlichen Weltanschauung versteht . . . Jede erkannte 
Wahrheit ist, wie auf dem Gebiete des Natürlichen, so auch auf dem des 
Glaubens,, die Prämisse für weitere, tiefere, allgemeinere Erkenntnisse. 
Wie der Balsam erst zerrieben werden muss, um seinen Wohlgeruch zu 
verbreiten, so müssen auch die Heilswahrheiten unter saurer Geistes- 
anstrengung analysiert und im einzelnen meditiert und spekulativ durch- 
drungen werden, um das Geist- und Herzbefriedigende, welches ihnen 
innewohnt, zum vollen Genuss gelangen zu lassen". 

Aeussere Impulse zur Weiterentwicklung sind wie bei dem biologi- 
schen Fortschritt auch hier wirksam. Es ist einmal die individuelle 
verschiedene Auffassung des Ofienbarungsinhaltes. Die Verschiedenheit 
regt zum Nachdenken an, fördert den Austausch und damit eine all- 
seitigere Erfassung der religiösen Gedanken. „Es entspricht weiterhin 
auch der Weisheit der göttlichen Pädagogik, dem Menschen nicht mit 
einem Male den verborgenen Schatz der Naturwahrheiten und der Glaubens- 
geheimnisse nufzuschliessen, aber sie hat ihm den Schlüssel in die Hand 
gegeben zu dem grossen Archiv der Urkunden, auf denen die Grosstaten 



1. Posch, Entwicklungstheorie, 2. Rademacher, Entwicklungsgedanke. 81 

Gottes im Reich der Natur wie der Gnade aufgeschrieben sind. Er soll 
sich selbst in sie vertiefen, um sie deuten und verstehen zu lernen". 

Dem möchte ich noch hinzufügen, dass Gottes Weisheit die geschöpf- 
lichen Kräfte wirken läsat, soweit sie seinen Plänen dienen können, und 
nicht selbst schafft, was sie vollbringen können. Er verlangt dabei von 
ihnen Anstrengung, bereitet ihnen aber dabei auf geistigem Gebiete 
edelste Befriedigung bei dem Gelingen ihrer Anstrengungen. Die Er- 
forschung selbst gehört zu den edelsten Beschäftigungen des Geistes. 

Dazu kommt, dass die göttliche Güte und Weisheit bei ihren Mit- 
teilungen an die Menschen sich deren Bedürfnissen und Fähigkeiten an- 
bequemt. Diese sind aber zu verschiedenen Zeiten verschieden. Das 
religiöse B^wusstsein muss bereits durch Aneignung einer früheren Wahr- 
heit einen bestimmten Eatwicklungsgrad erreicht haben, ehe es eine neue 
höhere Offenbarung fassen kann. Ganz deutlich zeigt sich die Notwendig- 
keit der Vorbereitung in der menschlichen Erforschung und Bearbeitung 
des Offenbarungsinhaltes in der Geschichte. Der Hochscholastik musste 
die patristische Periode vorausgehen, es musste auch eine gewis&e philo- 
sophische Bildung der theologischen Spekulation in die Hände arbeiten. 

Selbst wenn die theologische Wissenschaft eine Glaubenswahrheit bis 
zur Dogmatisierung vorbereitet und die Kirche sie als Dogma prokla- 
miert hat, ist die Entwicklung nicht abgeschlossen. 

„Die dogmatische Festlegung der so gewonnenen Erkenntnisse bildet 
den Abschluss der Entwicklung; sie ist die reife Frucht des vom Geiste 
Gottes geleiteten Wachstumsprozesses, die Krönung und Unantastbar- 
erkläiuog der Wahrheit. Und selbst die Dogmen bedeuten noch keinen 
absoluten Stillstand des religiösen Erkennens. Sie sind vielmehr Ruho- 
punkte, auf die sich das Denken stützen und auf die es sich als auf 
Verteidigungswerke nötigenfalls zurückziehen kann, aber nichts hindert, 
dass der Geist auch von da aus neue Eroberungszüge in das unbegrenzte 
Reich der göttlichen Wahrheit unternehme". Mit der Dogmatisierung ist 
nun auch eine sichere Grundlage für die tiefere Erfassung des Wie? ge- 
geben; hierin muss erst recht die theologische Spekulation ihre Auf- 
gabe erblicken. 

„Die Entwicklung bis zum Dogma durchläuft gewöhnlich die folgenden 
drei Stadien: Die betreffende Lehre wird ursprünglich, gewissermassen 
im Unterbewusstsein (?) der Gläubigen schlummernd oder in einer allge- 
meineren Wahrheit logisch eingeschlossen, für wahr gehalten, ohne dass 
jedoch eine besondere Aufmerksamkeit ihr zugewendet würde. Allmäh- 
lich wird sie, angeregt durch die theologische Spekulation oder die 
praktische Frömmigkeit oder durch irrige Meinungen oder Schulstreitig- 
keiten, Gegenstand der Aufmerksamkeit und der Erörterung lebhafter 
Debatten unter den Theologen und in den Theologenschulen und selbst 

Philosophisches Jahrbuch 1915 6 



82 C. Gutberiet. 

im christlichen Volke. Im Verlauf der oft Jahrhunderte währenden 
Kontroverse setzt sich eine bestimmte Ansicht durch, indem die Für- 
gründe immer evidenter erkannt und die Gegengründe mehr und mehr 
entkräftet werden. Damit ist die betreffende Wahrheit noch kein eigent- 
licher Glaubenssatz, aber sie wird zum Gemeingut der ordentlichen reli- 
giösen Unterweisung. Ein neuerdings wieder auftretender Widerspruch 
gegen die Lehre oder das Verlangen der Voiksfrömmigkeit oder der 
Bischöfe oder bestimmter Kreise kann darauf den Anlass bilden, dass das 
kirchliche Lehramt sich ex professo mit der Frage beschäftigt und durch 
den Spruch eines allgemeinen Konzils oder eine päpstliche Kathedral- 
entscheidung die Frage definitiv löst, die Lehre zum Dogma erhebt und 
allen Gläubigen die Glaubenspflicht auferlegt". 

Nachdrücklich bezeichnet der Vf. diesen Entwicklungsgang als einen 
organischen, dem biologischen analogen; ein Ausdruck, der trotz man- 
cher Verschiedenheit doch am besten die Sache trifft. „Wenn nämlich beim 
Organismus die dem Ganzen immanente Idee die Teile bestimmt und sich 
durch die Teile verwirklicht, so ist die Auswirkung des Dogmas als 
eine organische Tätigkeit zu bezeichnen". Hier ist natürlich die Idee 
als Entelechie, als ein treibendes Prinzip, als Lebensprinzip zu. verstehen. 
In der Tat ist das Himmelreich gleich dem Senfkorne, das zum grossen 
Baume auswächst. Dies Lebensprinzip entwickelt den Organismus vom 
Keime bis zum vollkommenen Lebewesen. So wird durch den mensch- 
lichen Geist unter der Leitung des Hl. Geistes der Glaubensschatz 
von kleinen Anfängen zu reicher Glaubenswissenschaft entwickelt. 

Das bezieht sich auf die Ontogenese, näher aber liegt der Vergleich 
mit der Phylogenese. Die Entwicklungslehre kann nur aufrecht erhalten 
werden, wenn man durch ein immanentes, vom Schöpfer eingepflanztes 
Entwicklungsgesetz den Fortschritt von den unvollkommensten zu den 
höchsten Organismen sich vollziehen lässt. Ein solches inneres positives 
Entwicklungsprinzip haben wir in der Kirche, wo es allerdings von der 
Mitwirkung freier Wesen abhängig ist, nicht mechanisch starr dort seinen 
Einfluss geltend macht. 

Das immanente Entwicklungsgesetz reicht aber in der Phylogonie 
nicht aus, es sind einzelne Etappen, an denen der Schöpfer unmittelbar 
eingreifen muss, so bei dem Auftreten der ersten vegetativen Lebewesen, 
sodann bei dem Auftreten sinnlicher Wesen, und noch mehr bei dem 
Auftreten des Menschen. So reicht das Entwicklungsprinzip für die 
Offenbarungsentwicklung nach Christus aus, aber für die neuen Mittei- 
lungen im Alten Testament musste Gott eigene Organe, Patriarchen, Pro- 
pheten, bestellen. Eine besondere Analogie liegt noch darin, dass, wie die 
am frühesten von der Entwicklung abgetriebenen Erdstriche (Australien) die 
ältesten, nur sehr unvollkommenen Tiere, Beuteltiere, aufweisen, so die 
von der Offenbarung früh losgerissenen Sekten, die Samaritaner von dem 



1. Posch, Entwicklungstheorie, 2. Rademacher, Entwicklungsgedanke. 88 

Judentum, die Orientalen von der Kirche, nur einen rudimentären Offen- 
barungsschatz, ohne alle Weiterbildung aufweisen. 

Der Vf. weist noch auf ein anderes Moment in der inneren organi- 
schen Ganzheit hin, auf den inneren Zusammenhang des katholischen 
Christentums mit der Vergangenheit, speziell mit dem Urchristentum. 

Dies wird nicht gebührend von Dogmenhistorikern gewürdigt, wenn 
sie verlangen, ältere, weniger klare Zeugnisse nicht nach späteren, be- 
stimmteren zu erklären. Diese Forderung ist unkatholisch und un- 
historisch. In der vom hl. Geiste geleiteten Entwicklung der Glaubens- 
lehre gibt es keine Neuerungen, das Neue ist Entfaltung des Alten, das 
Entwickelte ist im Keime im Früheren gegeben. Wo immer wir also 
etwas finden, was nur andeutungsweise das Spätere ausspricht, sind wir 
berechtigt, es als Keim des Späteren zu fassen und es in dessen Sinne 
zu verstehen. Bei dem gegenteiligen Verfahren liegt die Gefahr nahe, 
die reichlichere Entwicklung wieder auf die unvollkommenen Ansätze 
zurückschrauben zu wollen. Unter Umständen müssen wir das Frühere 
im Sinne des Späteren deuten, schon nach dem allgemeinen Grundsatz, 
dass man das weniger Klare durch das Klarere und nicht umgekehrt 
erläutern muss, spezieller deshalb, weil das Spätere auch in der frühesten 
Zeit des Christentums vorausgesetzt werden muss. So z. B. das Buss- 
sakrament, die Beicht. Es geht nicht an zu sagen, damals sei die Beicht 
die ultima ratio gewesen. Die Briefe des hl. Paulus lehren uns deutlich 
genug, dass damals gerade wie heute schwere Sünden oft begangen wurden. 
Tout comme chez nous. Zugleich aber wissen wir, dass der Empfang 
der hl. Eucharistie sehr häufig war. Vor derselben ist aber die Prüfung 
nötig, ob man auch rein genug sei, den hochheiligen Leib des Herrn zu 
empfangen. Werden nun j*ne frommen Christen, die in schwere Sünden 
gefallen, sich damit begnügt haben, durch eigene Tätigkeit die so not- 
wendige hohe Reinheit zu erlangen, dagegen das Mittel, das der Herr 
eingesetzt, unserer Unzulänglichkeit abzuhelfen, missachtet haben ? Eine 
so sich selbst genügende, ja anlassende Gesinnung wird man den ersten 
Christen nicht aufbürden dürfen. Noch mehr. Ohne Beicht ist Nach- 
lassung der Sünden nicht mehr möglich. Haben die ersten Christen dies 
nicht gewusst? 

Die mit dem Entwicklungsgedanken zusammenhängende, immer mehr 
um sich greifende historische Behandlung kann der wissenschaftlichen 
Theologie gute Dienste leisten, hat sie doch bereits zur Anerkennung 
gefühlt, dass das katholische Christentum mit dem Urchristentum des 
zweiten Jahrhunderts sich deckt; und insofern die Entwicklung auf dog- 
matischem Gebiete richtig aufgefasst und durchgeführt wird, hat der Vf. 
recht, wenn er erklärt: „Der Entwicklungsgedanke erwies sich als eine 
der fruchtbarsten nnd reizvollsten Ideen der wissenschaftlichen Theologie, 
und das harmonische Zusammenwirken des Geistes Gottes mit dem Geiste 

6* 



s| C. Gutberiet. 

des Menschen in der Enthüllung der geoffenbarten Wahrheit als ein 
Prinzip ungeahnten Fortschrittes und einer wahren Weiterbildung der 
Religion". 

Das ist in der Idee sehr richtig, in der Ausführung stellt sich die 
Sache ganz anders dar. Von einem „harmonischen Zusammenwirken des 
Geistes Gottes mit dem Geiste des Menschen in der Entwicklung" ist bei der 
Behandlung meist sehr wenig zu beobachten. Vielmehr geht es da gar 
„menschlich, allzu menschlich" her. Den Urtypus dieser rein menschlichen, 
zum Teil erbärmlich menschlichen Entwicklung stellt die Dogmengeschichte 
von A. Harnack dar. Nun können wir nicht leugnen, dass die protestan- 
tische historische Behandlung der Glaubenswahrheiten, nicht etwa der 
ideale Entwicklungsgedanke, bei uns den Anstoss zur Dogmengeschichte und 
zur historischen Behandlung der Dogmatik gegeben hat. Mussten sich doch 
unsere Dogmenhistoriker von protestantischer Seite den Vorwurf gefallen lassen, 
dass sie selbst inhaltlich Mimikrie, also Nachäffung der Protestanten, selbst 
Plagiat, trieben. Die Protestanten haben kein festes Dogma, deshalb sind sie 
auf Exegese und Geschichte angewiesen. Die katholische Dogmatik dagegen 
hat es immer als ihre vorzüglichste Aufgabe angesehen, den Gehalt der 
Dogmen auf spekulatiyem Wege zu erfassen; die positive Theologie, der 
Beweis aus Schrift und Tradition, war mehr Vorbereitung auf die eigentliche 
Aufgabe, nur aus polemischen Gründen musste der Nachweis aus den 
Offenbarungsquellen zeitweise mit mehr Nachdruck geführt werden. Diese 
Gründe sind allerdings auch in unserer Zeit schwerwiegend, und darum 
die historische und biblische Wissenschaft auch jetzt von grosser Bedeutung. 
Aber immerhin ist es zu bedauern, dass die Spekulation darunter leidet. 
Es ist ein Zeichen der Erlahmung spekulativen Denkens, wenn die Ge- 
schichte in den Vordergrund tritt. Weil auf philosophischem Gebiete die 
spekulative Kraft ausgegangen, weil nur noch Trümmer von feststehenden 
Ergebnissen vorhanden sind, ja die Wahrheit selbst degradiert worden ist zu 
Zweckmässigkeit, zu zeitweiligem Behelfe, muss man sich auf die Geschichte 
der Philosophie werfen. 

Ohne solide dogmatische Durchbildung ist es nicht einmal möglich, 
Dogmengpschichte zu schreiben, die grossen dogmatischen Kontroversen 
werden nicht einmal verstanden. Wie wäre es sonst möglich zu behaupten, 
das Konzil von Ephesus habe die Irrlehre des Nestorius nicht verstanden? 
Die von ihm gelehrte Perichoresis schliesse die ihm imputierte Häresie aus? 

Den Schluss der interessanten Schrift bildet: „Ein Beispiel dogmen- 
geschichtlicher Entwicklung", das die theoretischen Ausführungen lichtvoll 
an der Entwicklung des Primates illustriert: „Der Primat des heutigen 
Papsttums ist die organische Auswirkung des Primates des Petrus". 

Fulda. Di-. C. Gutberiet. 



Ed. Hart mann. J. Geyser, Die Seele usw. 85 

Psychologie. 

Die Seele, ihr Verhältnis zum Bewusstsein und zum Leibe. 

Von J. Geyser. Leipzig 1914, Meiner. 12. VI, 118 S. 
M 2,50. 

Dem immer mehr zunehmenden Interesse an den allgemeinen Grundlagen 
der Psychologie kommt Geyser in einer Abhandlung über die Seele entgegen, 
die wissenschaftliche Gründlichkeit mit Allgemeinverständlichkeit, sowie Kürze 
der Darstellung mit Reichhaltigkeit des Inhaltes vereinigt. Er bemüht sich, 
darin einen Seelenbegriff zu gewinnen, der nicht nur theoretisch einwandfrei, 
sondern auch praktisch brauchbar ist. 

Das erste Kapitel sucht den Begriff des Seelischen festzulegen. Dem 
Seelischen, so führt der Verfasser aus, ist es eigentümlich, dass es nur von 
dem einen wahrgenommen werden kann, dem es gegenwärtig ist, während das 
Körperliche von vielen erfasst werden kann. Im ersten Falle sind die Inhalte 
dem Akte, durch den sie erfahren werden, immanent, im zweiten Falle sind sie 
dem intentionalen Wissen, das sie erfasst, transzendent. Der naive Realismus, 
der die Wahrnehmungsobjekte ausserhalb des Wahrnehmungsaktes existieren 
Jässf, wird als logisch unhaltbar zurückgewiesen. 

Das zweite Kapitel führt den Nachweis, dass das Bewusstsein ein existie- 
rendes, einheitliches, beharrliches, individuelles Wahrnehmen ist, und widerlegt 
die entgegenstehenden Aufstellungen Kants und Natorps. Aus der Einheit des 
Bewusstseins ergibt sich nun das Dasein einer substanzialen Seele, die wir als 
Subjekt des Bewusstseins unmittelbar wahrnehmen, 

Das dritte Kapitel leitet aus der Talsache der Erinnerung die reale Dauer 
der Seele ab und zeigt, dass die Assoziationspsychologen, die kein bleibendes 
Subjekt anerkennen, weder der Passivität der Empfindung noch der Aktivität 
des Denkens und Wollens gerecht werden. 

Sehr beachtenswert sind die Ausführungen des vierten Kapitels über die 
Natur der Gedächtnisdispositionen. Diese sind nach Geyser nicht etwas gänz- 
lich Unbewusstes, wie die herkömmliche Auffassung annimmt, sondern keim- 
artige Bewusstseinszustände, welche die Randteile des den Bewusstseinsblick- 
punkt umgebenden weiten, aber unklaren und dunklen Blickfeldes erfüllen. So 
wird auch die Assoziation der Vorstellungen leicht erklärlich. Als Resultat 
aller bisherigen Darlegungen ergibt sich die Realdeiinition der Seele als eines 
im Menschen lebenden Einzelwesens, das die Zustände des Vorstellens und 
Fühlens sowie die Tätigkeiten des Denkens und Wollens in sich trägt und sich 
dieser seiner Lebensvorgänge bewusst ist. 

Das fünfte Kapitel bemüht sich um die Widerlegung des Materialismus, 
wobei die Berufung auf den seelischen Charakter des unmittelbar Wahrge- 
nommenen eine wichtige Rolle spielt. 

Das sechste Kapitel endlich behandelt die schwierige Frage nach der Natur 
der zwischen den seelischen und leiblichen Vorgängen bestehenden Abhängig- 
keit. Sowohl die Descartessche Wechselwirkungstheorie als auch die Parallelis- 
mushypothese, deren mannigfache Formen der Vf. einer eingehenden und scharf- 
sinnigen Kritik unterwirft, erweisen sich als unzulänglich, so dass nur noch 
die aristotelische Theorie übrig bleibt, die aus Leib und Seele eine Einheit 



86 C. Gutberiet. 

macht, ohne ihnen durch den Versuch ihrer Identifizierung ihre Eigenart zu 
rauben. Indem diese Theorie Leib und Seele auf eine innei liehe Weise, ähn- 
lich wie Sloff und Form in der Natur, im Menschen zu einem Dasein ver- 
bunden sein lässt, macht sie es verständlich, dass gewisse Veränderungen des 
einen Teils von solchen des anderen naturgeselzlich begleitet werden, ohne 
doch einander eigentlich zu bewirken (116). 

Zum Schlüsse möchten wir noch auf einen Funkt von besonderer 
Wichtigkeit hinweisen. Es handelt sich um die Geysersche Widerlegung des 
naiven Realismus. Diese lautet folgendermassen: „Wäre das Dasein der Ob- 
jekte vom Dasein des Erfahrens getrennt, so könnten diese Objekte von 
diesem Erfahren nicht erfahren sein ; denn das Erfahren ist ja ein Daseiendes 
gerade als Erfahren, als Wahrnehmen. Wäre also ein Objekt von 
diesem Daseienden getrennt, so wäre es vom Erfahren getrennt d. h. es würde 
eben nicht erfahren. Von jedem Objekte, das unmittelbar erfahren wird, gilt 
darum, dass es dem Akte des Erfahrens inexistiert." Daraus wird 
dann noch der Schluss gezogen, „dass in der Tat auch die in unserer Erfahrung 
vorkommenden Sinnesobjekte, die Farben, die Töne, die Empfindungs- 
inhalte von Druck und Zug, von Hart und Weich usw., ein seelisches 
Etwas sind*' («). 

Wir können diese Beweisführung nicht als stichhaltig anerkennen. Setze 
ich ein Wahrnehmungsobjekt voraus, etwa ein wahrgenommenes Rot, so ist 
es selbstverständlich, dass dieses wahrgenommene Rot als solches nicht 
ohne das Wahrgenommenwerden existiert. Es liegt aber die Notwendigkeit 
des Wahrgenommenwerdens nicht in der Natur des Rot, so dass ein nicht 
wahrgenommenes Rot ein Widerspruch wäre, sondern in der Voraussetzung, 
dass es sich eben um ein wahrgenommenes Rot handeln soll. 

Es genügt also nicht, nachzuweisen, dass ein Wahrnehmungsobjekt, 
z. B. ein wahrgenommenes Rot, nicht ohne das Wahrgenommenwerden existieren 
kann, sondern es müsste gezeigt werden, dass das Rot ein Wahrnehmungs- 
objekt sein muss. Man muss also bei dem Wahrnehmungsobjekte von dem 
Wahrgenommenwerden abstrahieren und sich fragen, ob das was wahr- 
genommen wird, das Pot, der Ton usw., notwendig Wahrnehmungsobjekt ist. 
Andernfalls kommt man über blosse Tautologien nicht hinaus. 

Wir wollen mit dem Gesagten übrigens nicht behaupten, dass die „naive" 
Ansicht Recht habe, sondern nur darauf hinweisen, dass die von Geyser 
dargebotene „logische" Widerlegung nicht zum Ziele führt. 

Möge die scharfsinnige und anregende Schrift, die niemand ohne Nutzen 
studieren wird, einen weiten Leserkreis finden. 

Fulda. Dr. Ed. Hartman». 



Die christliche Persönlichkeit ein Idealbild. Eine Beschreibung 
sub specie psychologica. Von Dr. Gabriele Gräfin Wartens- 
leben. Kempten 1914, Kösel. VIII u. 71 S. 
Statt einer Kritik dieser interessanten Studio geben wir eine Beur- 
teilung, welche ein kompetenter Kritiker, der Bischof v. Faulhaber, über 
die Schrift dem Verlage zugestellt hat, 



Gabr. Gräfin Wartensleben, Die christliche Persönlichkeit. 87 

Euer Hochwohlgeboren haben mich ersucht, über die Studie der Frau 
Gräfin Dr. von Wartensleben „Die christliche Persönlichkeii im Idealbild" 
ein Werturteil abzugeben. Da ich in die hochedlen Bestrebungen der 
gelehrten Verfasserin, ein wenig auch in die Entstehungsgeschichte der 
Studie — habent sua fata libelli — eingeweiht bin, habe ich keinen 
Grund, mit meinem Werturteil hinter dem Berge zu halten. 

Die Abhandlung will, was der Untertitel besser als der Obertitel an- 
kündigt, eine Psychologie der christlichen Lebensgestaltung 
im Grundriss geben. Die Beweisgänge führen auf Schritt und Tritt auf 
das religiöse Fragegebiet; hier hat die Verfasserin, obgleich persönlich 
mit den Erkenntnisquellen und der Sprache der kirchlichen Glaubens- 
wissenschaft vertraut, in bescheidener Vorsicht namentlich in den Defini- 
tionen die Fachvertreter der Theologie ausgiebig zu Wort kommen lassen. 
Das letzte literarische Ziel der Abhandlung aber ist nicht die Theologie, 
sondern die Psychologie der christlichen Lebensgebote. Wer das wach- 
sende Interesse der ernsten modernen Geister an der wissenschaftlichen 
Psychologie, besonders an der experimentellen, aus der Nähe beobachtet 
hat, wird diesen Versuch von Gräfin Wartensleben, einmal in systema- 
tischer Form die psychologischen Werte des katholischen Lebensideals 
in der Sprache der psychologischen Wissenschaft auf den Leuchter zu 
heben, freudig begrüssen. Aus dem Polyglottenwunder der apostolischen 
Pfingstpredigt habe ich immer den Grundsatz herausgelesen, es sei den 
verschiedenen Völkern und Volksklassen das religiöse Lehrgut und Lebens- 
ide-1 möglichst in ihrer Sprache darzubieten, dem Kinde in der Sprache 
des Kindes, dem Gelehrten in der Sprache des Gelehrten. 

Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis läs3t erkennen, dass es sich (auf 
72 Seiten) nicht um eine religionspsychologische Erörterung de3 gesamten 
Lehrinhaltes des Glaubens handelt, sondern nur um charakteristische 
Einzelzüge der christlichen Lebensgestaltung: Zentrierung des ge- 
samten Tugendlebens um die Gottesliebe, Wertung des inneren Friedens 
im persönlichen Erleben, zufriedenes Sichabfinden mit Leiden und Sterben, 
Glaube und Gebet, Anschluss an die Kirche, Stellung zur irdischen 
Kulturarbeit, Versöhnung zwischen Lebensideal und Lebensführung. Es 
' werden also gerade jene Momente der christlichen Lebenskunde aus- 
gewählt, die einerseits für eine psychologische Analyse ergiebiger sind, 
anderseits für den modernen Glaubensjünger lauter tief per so nliche 
Probleme, für den Aussenstehenden allerdings zum Teil Gespenster. 
Auch unter diesem Gesichtspunkt, als literarische Neuerscheinung, die 
den Gedankengängen der gebildeten Glaubensjünger mit dem Fein- 
gefühl des expertus Rupertus entgegengeht, ist mir die Abhandlung aus 
der Seele geschrieben. Derlei Abhandlungen, die ursprünglich für einen 
engeren Kreis bestimmt waren, mögen methodisch und stilistisch einen 
stark eigenartigen Charakter haben. Auch die Areopagrede des Apostels 



88 Martin Heidegger. 

hebt sich in ihrem homiletischen Charakter deutlich von andern pauli- 
nischen Reden ab. 

Die Studie ist in meinen Augen ein neuchristlicher Kommentar zu 
dem altchristlichen Wort: anima naturaliter christiana. Die Natur des 
Themas brachte es mit sich, die natürlichen Beziehungsmomente im 
christlichen Persönlichkeitsbild stärker hervortreten zu lassen. Die Lebens- 
werte der Kirche werden aber dadurch nicht naturalisiert» und wieder- 
holt (wie 47, 49) wird der Faktor Gnade im Vollbild der christlichen 
Persönlichkeit ausdrücklich betont. Gegen das nach psychologischen 
Gesichtspunkten aufgestellte Tugendsystem S. 23 ist vom theologischen 
Standpunkt aus nichts einzuwenden. Das von Oberflächlichen abgegriffene 
Wort vom seelischen Erlebnis wird seiner tieferen Bedeutung zurückge- 
geben. Wer es sich nicht verdriessen lässt, aus den manchmal schwer- 
kalibrigen Satzbauten und psychologischen Fachausdrücken vielleicht erst 
in mehrmaligem Ueberlesen die Gedanken auszukernen, wird altbekannte 
Lebenstalente der katholischen Psyche in neuem Lichte wiedererkennen: 
dass Ziel und Wesen der christlichen Vollkommenheit ausserhalb des 
Klosters so gut wie innerhalb desselben in der Gottesliebe liegen; dass 
das, was die moderne Psychologie „determinierende Tendenzen" und 
„latente Einstellung" nennt, in der „guten Meinung" von uns längst in 
seiner seelischen Tragweite erkannt ist (51 f.); dass „die innere Gebets- 
erfahrung des hl. Ignatius ein Resultat wissenschaftlicher Forschung von 
Jahrhunderten antizipiert hat" (52); dass das Busssakrament und die 
andern Gebote der Kirche von einer tiefen psychologischen Weisheit ein- 
gegeben und getragen sind (57—60); dass dem Tiefergrabenden in ein- 
fachen Katechismusantworten sich psychologische Tiefen öffnen (68) u. a. 
Die Seele dieser Studie ist der bekenntnisfreudige Anschlusa an das 
kirchliche Gnadenleben und die ebenso freudige ehi liehe Fühlung mit der 
wissenschaftlichen Forschung, und solchen Seelen gebe ich gern meinen 
Segen. 



Völkerpsychologie. 

Probleme der Völkerpsychologie. Von Wilhelm Wund t. Leip- 
zig 1911. 120 S. Brosch. M 2,80. 
Die vier Aufsätze des Bändchens: I. Ziele und Wege der Völker- 
psychologie; II. Zum Ursprung der Sprache; III. Der Einzelne 
und die Volksgemeinschaft; IV. Pragmatische und genetische 
Religionspsychologie geben eine klare, mit Details nicht zu sehr 
belastete Orientierung über Gegenstand und Aufgabe der Völkerpsychologie. 
Mit Ausnahme des letzten sind die andern mehr oder minder weitgehende 
Umarbeitungen früher erschienener Arbeiten. Wundt hat schon in der 



W. Wundt, Probleme der Völkerpsychologie. 89 

ersten Auflage seiner „Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele'' 
(1863) den Gedanken geäussert, dass durch die Wechselbeziehung und 
Gemeinschaft der Individuen spezifisch psychische Phänomene bedingt seien, 
die eine entsprechende wissenschaftliche Untersuchung verlangten. Die 
methodischen Grundgedanken haben sich für Wundt in der Folgezeit vor 
allem durch kritische Auseinandersetzungen mit Lazarus, Steinthal 
und H. Paul geklärt und die Völkerpsychologie in ihrer Eigenbedeutung 
konstituiert. 

Gegenstand dieser notwendigen Ergänzungswissenschaft zur Individual- 
Psychologie sind Sprache, Mythus und Sitte. Wiewohl zunächst und 
notwendig Objekt der Geschichte, werden diese Erscheinungen des Gemein- 
schaftslebens Probleme für die Völkerpsychologie, die auf die Heraus- 
stellung der letzten Motive und Entstehungsbedingungen abzweckt. — Diese 
allgemeinen Grundfragen des ersten Aufsatzes gewinnen in den folgenden 
konkrete Gestalt, indem W. zeigt, dass die Sprache nicht allein aus der 
Geschichte interpretiert werden kann, sondern aus den psychischen Motiven, 
die heute noch das Leben und Wachsen der Sprache befruchten und fördern. 
Ebenso darf die Entwicklung der geistigen Kultur nicht auf irgend ein 
Zentrum oder gar eine Einzelpersönlichkeit zurückgeführt werden, vielmehr 
ist die Gemeinschaft der schöpferische Faktor. 

Besonderes Interesse dürfte der letzte Aufsatz beanspruchen, der im 
Vorwort als „Schutzschrift der deutschen Psychologie gegenüber dem in 
theologischen Kreisen [Wobbermin, Troeltsch] gegenwärtig viel gepriesenen 
amerikanisch -englischen Pragmatismus" charakterisiert ist. W. gibt hier 
einen erneuten Beleg dafür, dass man bei uns zu Lande — von Ausnahmen 
abgesehen — die Wissenschaft immer noch als ein Gut verehrt, das zu sehr 
mit grossen Problemen und ernsten Aufgaben durchwachsen ist, als dass 
man sich mit den „Plattheiten" des Pragmatismus befreunden könnte. 
Dieser darf nach Wundt ebensowenig mit dem ethischen Idealismus wie 
mit dem metaphysischen oder psychologischen Voluntarismus in eins gesetzt 
werden. Der Pragmatismus ist reine Philosophie der „Bedürfnisbefriedigung" 
selbst auf jenen Gebieten, wo er machtlos zu sein scheint, in der Mathe- 
matik und Mechanik (Poincare, Mach). 

Die Beligionspsychologie ist ein notwendiger Bestandteil des Pragma- 
tismus schon deshalb, weil religiöse Bedürfnisse zur Konzeption dieser 
Lehre („Hypothese von Gott") geführt haben. Die Erweckungs- und Be- 
kehrungsliteratur, für die James' „Varieties of Religious Experience" (1902) 
typisch ist, soll erweisen, dass das eigentliche Wesen der Religion in der 
„Beruhigung des Gemüts und im Streben darnach" gelegen sei. Von deutschen 
Theologen ist dieses Material als Religionspsychologie übernommen, dabei 
aber sein Hauptzweck ausser Acht gelassen worden. Wundt betont da- 
gegen, dass aus Einzelphänomen wie Erweckung, Bekehrung das Wesen 
der Religion nicht ohne weiteres erschlossen werden dürfe. Die Psycho- 



90 Chr. S c h e r e r. 

logie „hat ebensowenig über den Wert logischer oder ethischer Normen 
wie über das metaphysische Wesen der Religion zu entscheiden" (112). 
Es kann nur eine genetische Religionspsychologie geben, die ihrerseits 
die Religionsgeschichte zur Voraussetzung hat. Die Religionsphilosophie 
schliesslich hat das Problem zu lösen, „inwiefern jene in aller Religion 
hervortretende Idee einer übersinnlichen Welt, die als Ergänzung (!) der 
sinnlichen gedacht wird, philosophisch begründet ist" (117). 

Ein näheres Eingehen auf die gestreiften völkerpsychologischen Pro- 
bleme würde zeigen, dass ihre Formulierung und Lösung stark beeinflusst 
sind von den allgemein philosophischen und entwicklungs geschicht- 
lichen Anschauungen Wundts und nicht zuletzt von seinen spezifisch 
psychologischen Theorien (Apperzeption). Eine kritische Stellungnahme 
müsste daher hier den Ausgangspunkt suchen. 

Wen die grossen Bände der Völkerpsychologie abschrecken, der findet 
in der besagten Schrift eine willkommene, wenn auch nicht überall gleich 
verständliche Einführung. 

Freibursi. B. Martin Heidegger. 



Ethik. 

Die Feindesliebe nach dem natürlichen und dein übernatür- 
lichen Sittengesetze. Eine historisch-ethische Untersuchung. 
Von Dr. theol. Eugen Bach, Domvikar und bischöflicher 
Sekretär in Augsburg. Kempten 1914, Kösel. VIII und 232 S. 
M 3,20. 
Die vorliegende Schrift trägt nicht nur theologischen, sondern 
zum grossen Teil so ausgesprochen philosophischen bzw. philo- 
sophiegeschichtlichen Charakter, dass es angezeigt erscheint, ihr 
auch in dieser Zeitschrift einige Worte zu widmen. 

Im zweiten Teile seiner Studie hat der Verfasser mit grossem Ge- 
schick die bis in die jüngste Zeit herauf spärlich diskutierte Spezialfrage 
erörtert, welche Stellung die Feindesliebe in der Geschichte der Ethik 
von den Tagen des Pythagoras bis zur jüngeren Stoa einnimmt. Eine 
ganze Fülle wertvoller Untersuchungen ist es, die Bach unter sorgfältiger 
Ausbeutung eines ansehnlichen Quellenmaterials und strenger Festhaltung 
leitender Gesichtspunkte zur Durchführung bringt. Die Geschichte der Ethik 
hat dadurch eine überaus begrüssenswerte Bereicherung erfahren. Besonders 
interessant und wohlgelungen sind die einlässlichen Untersuchungen Bachs 
über die Stellung der einzelnen Denker innerhalb der stoischen Ethik 
zu dem in Bede stehenden Problem. Der Autor verrät hier ein sehr feines 
Verständnis für die fundamentalen Unterschiede, die zwischen antiker 
und christlicher Auffassung der Feindesliebe bestehen. Ein reifes, 



E. Bach, Die Feindesliebe. 91 

.selbständiges Urteil, das auch in kritischen, hin und wieder vielleicht sogar 
in etwas kühnen kritischen Exkursen sich kundgibt, begegnet uns aller- 
wege. Das Ergebnis seiner philosophiegeschichtlichen Untersuchungen ist 
kurz das folgende : Die antike Moralphilosophie hat es nicht zur Erkenntnis 
des innersten Wesens der Feindesliebe und somit auch nicht ihres allein 
wirksamen Motivs gebracht. Einige Anläufe zur Konzeption der grossen 
Idee sind gemacht worden — so von Pittakos von Mytilene, Pythagoras, 
Empedokles, gewiss auch von Sokrates, Piaton, Aristoteles und einigen 
Stoikern — , aber im grossen und ganzen blieb sie den philosophischen 
Denkern des x\ltertums doch fremd, wurde wenigstens ihr spezifisch sitt- 
licher Charakter höchst unvollkommen erkannt. Bach ergänzt seine philo- 
sophiegeschichtlichen Untersuchungen durch eine Würdigung der antiken 
Volksmoral und kommt dabei zu dem gleichen Resultate. Die Idee 
der Feindesliebe voll erfasst und somit deren letzten Endes allein wirk- 
sames Motiv aufgezeigt zu haben, bedeutet, wofür Bach den wissenschaft- 
lichen Nachweis erbringt, das unvergleichliche Ruhmesblatt in der Geschichte 
der christlichen Ethik. Wenn so manche Philosophen der neueren Zeit 
wie J. G. Fichte, Schelling — wir fügen hinzu: der jüngere Fichte 
und R. Eucken — diese Tugend nicht hoch genug bewerten können, 
wenn selbst der „Immoralist" Nietzsche sie widerwillig als etwas Ge- 
waltiges anerkennt, so lässt sich in all dem der tiefgreifende Einfluss des 
Christentums nicht verkennen. Die höchste aller Tugenden, die Tugend 
schlechthin, ist nach christlicher Auffassung die Gottesliebe, in ihr 
wurzelt und in ihr vollendet sich die Feindesliebe, sie ist jene Tugend, 
vermöge deren wir unserem Feinde sein zeitliches und ewiges Wohl in 
wirksamer Weise wünschen und nach Kräften fördern und zwar aus 
Liebe zu Gott; entbehrt sie dieser Motivation, so haftet ihr, wie dies 
auch von der mehr heteronomen Fassung des einschlägigen Gebotes im 
alten Testamente gilt, immer etwas Unvollkommenes an. Feindes- 
liebe wird dann geübt aus Gehorsam gegen Gottes ausdrückliches Gebot, 
oder sie erscheint da, wo letzteres nicht in Frage kommt, als eine blosse 
Klugheits- oder Nützlichkeitsmaxime. Auf welches Mindestmass 
sich solche Feindesliebe beschränken und wie wenig kraftvoll sie aufbrechen 
wird im Seelenleben eines Menschen, lässt sich leicht vorstellen. Es ist 
aber auch durchaus begreiflich, da*s der ausserhalb des theozentrischen 
Ideenkreises stehende Mensch jede Art und jedes Mass von Feindesliebe 
als etwas schlechthin Törichtes, den von Haus aus viel wirksameren 
egoistischen Motiven Widerstreitendes bezeichnen und infolgedessen ab- 
lehnen wird (vgl. Stirner, Nietzsche). 

Auf die zahlreichen, spezifisch theologisshen Fragen, die Bach in 
seiner Studie erörtert, wollen wir nicht eingehen, können es uns indes 
nicht versagen, unserer Freude darüber Ausdruck zu verleihen, dass die 
Moraltheologie unserer Tage durch die feinsinnige, ernsten Wissenschaft- 



92 Eduard Hart mann. 

liehen Geist atmende Monographie Bachs eine so dankenswerte Bereicherung 
erfahren hat. Wir geben dem jungen Gelehrten unsere besten Wünsche 
für seine Zukunft mit auf den Weg. 

Bamberg. Prof. Dr. Chr. Sclierer. 



Geschichte der Philosophie. 

Beiträge zur Geschichte der Philosophie des Mittelalters. 

Texte und Untersuchungen. Herausgegeben von Clemens 
Baeumker. Münster, Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung. 
Band XII. Heft 2—4 : Die Lehren des Hermes Trisme- 
gistos. Von Dr. J. Kroll, gr. 8. XII, 441 S., M. 14,25. 1914. 
Mit reicher Sachkenntnis ausgerüstet tritt J. Kroll an die Schriften 
heran, die unter dem Namen des Hermes Trismegistos altägyptische 
Weisheit zu predigen vorgeben, in Wirklichkeit aber ein Agglomerat der 
verschiedenartigsten Ideen darstellen, die nur durch die Grundvorstellungen 
der Gnosis zusammengehalten werden. Eine eingehende Untersuchung 
der Hermetischen Lehren über Gott, die Welt und den Menschen führt 
den Verfasser zu dem Ergebnis, dass sich dieselben im allgemeinen durch- 
aus in den Ideenkreis des Hellenismus einordnen lassen. Das Wenige, 
was sich an fremdem Gute darin findet, ist eher asiatischen als ägyp- 
tischen Ursprungs. Von christlichem Einfluss ist nichts zu spüren. 

Eine genaue Datierung der Hermetischen Schriften kann noch nicht 
gegeben werden. Möglich sind sie seit Philons Zeit. 

Wenn auch noch manche Frage der Lösung harrt, so ist doch der 
bescheidene Wunsch des Verfassers, seine Arbeit möge dazu beitragen, 
dass unser Verständnis der Hermetica klarer und unser Urteil immer 
schärfer werde, ohne Zweifel erfüllt. 



Heft 5—6: Dietrich von Freiberg:, Ueber den Regenbogen 
und die durch Strahlen erzeugten Eindrücke. Von 

Dr. J. Wür schmidt. gr. 8. XV, 204 S. M. 7. 1914. 

Im Jahre 1910 veröffentlichte E. Krebs den Prolog des Werkes des 
Dietrich von Freiberg De eride et radialibus impressionibus samt 
den Kapitelüberschriften und den wichtigsten Figuren. B^i der hohen 
Bedeutung dieses Werkes, das zu den hervorragendsten naturwissen- 
schaftlichen Schriften des Mittelalters gehört, ist es sehr zu begrüssen, 
dass uns nunmehr von J. Würschmidt der vollständige lateinische Text 
mit allen Figuren, unter Zugrundelegung der drei vorhandenen Manuskripte, 
geboten wird. 

Wie der Vf. in der Einleitung bemerkt, ist Dietrich von Aristoteles 
und den grossen arabischen Physikern Alhacen, Avicenna und Averroes 



Gl. Baeumker, Beiträge zur Gesch. der Philosophie d. Mittelalters. 93 

abhängig, doch überragt er alle seine Vorgänger durch die Einsicht, dass 
bei der Erzeugung des Regenbogens in den Wassert ropfen eine zweimalige 
Brechung und eine einmalige Reflexion der Sonnenstrahlen stattfindet. 
Indem er diese Tatsache zum Ausgangspunkt seiner Theorie machte, hat 
er eine Leistung vollbracht, die Jahrhunderte lang nicht überboten 
worden ist, bis schliesslich in der neuesten Zeit das Problem des Regen- 
bogens seine vollständige Lösung gefunden hat. 

Dem lateinischen Texte schickt Würschmidt eine kurze Inhalts- 
angabe in deutscher Sprache voraus, wobei ihm seine physikalischen 
Kenntnisse — er ist Privatdozent der Physik an der Universität Er- 
langen — gut zustatten gekommen sind. 



Band XIII. Heft 4: Die Begriffe der Zeit und Ewigkeit im 
späteren Platonismus. Von H. Leisegang. gr. 8. 60 S. 
M. 2. 1913. 

Unter dem Namen „späterer Platonismus" fasst der Verfasser den 
eklektischen Platonismus, die jüdische-hellenistische Religionsphilosophie 
und den Neuplatonismus zusammen. Da uns aber nur von den Haupt- 
vertretern dieser philosopischen Richtungen eine eigene Z*ittheorie 
erhalten ist, so greift er aus dem eklektischen Platonismus nur Plutarch, 
aus der jüdisch-hellenistischen Philosophie Philon, aus dem Neuplato- 
nismus die ersten Vertreter seiner drei Schulen: Plotin, Jamblich, 
Proclus heraus, um schliesslich dem Ganzen die Behandlung der Zeit 
und Ewigkeit bei Damascius anzufügen. 

Eine scharfsinnige Analyse der Schriften der genannten Philosophen 
zeigt, dass die Begriffe Zeit und Ewigkeit im späteren Platonismus einen 
einheitlichen Ideenkomplex bilden, der sich folgendermassen charakteri- 
sieren lässt: 

„Ausgehend von der naiven Betrachtung des Naturmenschen, der 
das Fortschreiten der Zeit nur durch den beständigen Wechsel von 
Tag und Nacht, Sommer und Winter, Sonnenaufgang und Sonnen- 
untergang empfiadet, betrachten die späteren Platoniker die Zeit als 
eng verbünden mit dem Kreislauf der Gestirne und der regelmässigen 
Bewegung des kreisenden Kosmos. Für alle, mit Ausnahme Plotins, ist 
es die Zeit, die die kosmische Bewegung misst. Plotin allein kehrt das 
Verhältnis um und lehrt, dass es die Bewegung der Gestirne, der Wechsel 
von Tag und Nacht ist, der die Zeit in Abschnitte teilt, während sie 
selbst ein grosses Kontinuum bleibt. Die platonische Ideenlehre fügt 
zum Zeitbegriff den der Ewigkeit hinzu, und beide stehen sich wie 
Urbild und Abbild, wie Idee und Erscheinung gegenüber. Aus der 
naiven Beobachtung und der platonischen Ideenlehre ergeben sich dann 
die mannigfaltigen Kombinationen der Theorien, die die Zeit betrachten 



'.»! Chr. Schreiber. 

als Maas der kosmischen Bewegung und in ihrem Verhältnis zur 
Bewegung überhaupt, in ihrem Zusammenhang mit den Ideen, in ihrer 
Totalität als ewiges Kontinuum und in ihren einzelnen Abschnitten, 
schliesslich in ihrem Verhältnis zur Welt- und Menschenseele" (58). 



Band XIV. Heft 1 : Des Theodor Abu Kurra Traktat über 
den Schöpfer und die wahre Religion. Von Dr. G. Gral, 
gr. 8. 66 S. M. 2.10. 1913. 

G. Graf hat in dem vorliegenden Werke eine Schrift des syrischen 
Bischofs Theodor Abu. Kurra aus dem Arabischen ins Deutsche über- 
tragen, die auf einen ausgedehnten Interessentenkreis rechnen kann. 
Es handelt sich um das erst vor kurzem von dem Herausgeber der 
arabischen Zeitschrift al-Masriq, P. Louis Cheikho S. J. in Beirut, aus 
Licht gezogene Werk „Mimar von Theodor Abu Kurra, Bischof von 
Harrän am Ende des 9. und am Anfang des 10. Jahrhunderts, über die 
Existenz des Schöpfers und die wahre Religion". 

Die Abhandlung Abu Kürras, die in ihrem ersten Teile das Dasein 
Gottes, in ihrem zweiten Teile den göttlichen Ursprung des Christen- 
tums nachweist, zeichnet sich aus durch systematische Methode, kon- 
krete Anschaulichkeit der Problemstellung und Konsequenz der Beweis- 
führung. Dazu kommt noch, dass die Ausführungen über den Parsismus, 
Manichäismus und das Lehrsystem des Bardesanes eine wertvolle 
Bereicherung der religionsgeschichtlichen Quellenliteratur darstellen. 

Zum Schlüsse wollen wir noch darauf hinweisen, dass G. Graf auch 
die übrigen Schriften des syrischen Apologeten ins Deutsche übersetzt 
hat (Die arabischen Schriften des Theodor Abu Kurra, Bischofs von 
Harrän. Literarhistorische Untersuchungen und Uebersetzung. 3. und 
4. Heft des 10. Bandes der Forschungen zur christlichen Literatur- und 
Dogmengeschichte. Paderborn 1910). 



Verschiedenes. 
Descartes und die Renaissance. Von Dr. Matthias Meier, Privat- 
dozent der Philosophie an der Universität München. X und 68 S. 
Münster i. \V. 1914, Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung. 

Der Vf. will die Geistesart Descartes 1 „von einer neuen Seite her be- 
leuchten, nämlich in ihrer Beziehung zur Renaissance" (1). Nach 
einem kurzen Ueberblick (8 — 12) über die Ergebnisse der bisherigen, selbst- 
verständlich als durchaus berechtigt und notwendig anerkannten Betrachtungs- 
weisen der Descartesschen Philosophie, in denen Descartes als Erkenntnis- 
theoretiker (K. Fischer, J. E Erdmann), als Mathematiker (Cohen, Cassirer), 
in seinen Beziehungen zur Scholastik (Freudenthal, v. Herting, Picavet) 
gewürdigt wurde, beschreibt Meier die Aufgabe einer Untersuchung des 
Verhältnisses von Descartes zur Renaissance wie folgt: 



M. Meier. Descartes und die Renaissance. 95 

„So darf eine historische Untersuchung sich nicht bloss auf eine 
Gedankenvergleichung zwischen Descartes und der Antike beschränken, sondern 
muss den Quellen nachgehen, aus denen Descartes unmittelbar geschöpft 
hat. Diese Quelle war die Philosophie der Renaissance und die durch sie er- 
folgte Erneuerung der antiken Philosophie. Das ist das Milieu, in dem Des- 
cartes, soweit nicht die mathematischen und naturwissenschaftlichen Studien 
in Betracht kommen, heranwuchs. Es ist die humanistische Allge- 
meinbildung, aus der Descartes eine Fülle von Anregungen 
schöpfte. Wer nur bestrebt ist, das Neue und Eigenartige an Descartes in 
das Licht zu setzen, löst Descartes viel zu sehr los von seiner Zeit, mit der 
er in innigem Zusammenhange stand". 

„Lebendig von der antiken Tradition sind in der Renaissance Plato und 
die Stoa. Daneben auch Aristoteles und Epikur. Aber dem Epikur steht Des- 
cartes in seiner Korpuskulartheorie ablehnend gegenüber, wenn diese auch 
einige Berührung mit ihm aufweist. Gassend bekämpft er. Der humanistische 
Aristoteles ferner ist reiner Logiker; nach seinem sachlichen Problem ist 
Aristoteles damals nur in der scholastischen Form lebendig und fällt so- 
mit ausserhalb des Rahmens unserer Untersuchung. Diese Untersuchung kann 
sich darum beschränken auf die Stellung von Descartes zum Piatonismus 
und Stoizismus seiner Zeit. Die Lösung dieser Aufgabe wird zugleich im 
Sinne von H. Siebeck (Beiträge zur Entstehungsgeschichte der neueren Philo- 
sophie, Rektoratsrede, Giessen 1891) einen kleinen Beitrag zur geschichtlichen 
Kontinuität des philosophischen Denkens bilden" (13). 

Dementsprechend behandelt der Verf. die Stellung Descartes" zum 
Renaissance- PI atonismus, indem er (14 — 17) die Platonischen Ele- 
mente in der Descartesschen Philosophie (Lernen als Wiedererinnerung, 
Selbsterkenntnis, Substanzbegriff, Anthropologie), die Beziehung Descartes' 
zum Humanismus seiner Zeit (17) und zu den bedeutendsten Vertretern des 
Renaissance-Platonismus : Marsilius Ficinus und Johannes und Franz Pico 
della Mirandula (26—37), die Darstellung der Lehre von den angeborenen 
Ideen bei Descartes (18 - 26) vorführt, sowie die Stellung Descartes' zum 
Renaissance-Stoizismus (37 — 64) inbezug auf die Ethik, auf das 
lumen naturale (Darstellung dieser Lehre bei Descartes, der historische 
Zusammenhang in der Lehre vom lumen naturale), auf die notiones com- 
munes (ihre Darstellung und historische Erklärung, Zurückweisung der 
Ableitung derselben aus der Scholastik, auf den assensus im Urteil). 

Die vorliegende Studie empfiehlt sich durch die Neuheit ihres Gegen- 
standes und zeichnet sich aus durch grosse Klarheit, philosophische Schärfe 
und Genauigkeit, abgeklärtes und aus vorzüglicher Sachkenntnis schöpfendes 
Urteil und anziehende Darstellungsweise. 

Fulda. Dr. Chr. Schreiber. 

Kudolf Euckens Stellung zum Wahrheitsprobleui. Darstellung 
und Beurteilung. Von Dr. Georg Weingärtner. Mainz 1914, 
Kirchheim & Co. 81 S. 
„L e b e n s p h i 1 o s o p h i e" will Eucken bieten, keine lebensferne Schul- 
weisheit, keine minuziösen Einzeluntersuchungen; das „Ganze des 



<Hi Chr. Schreiber. 

Lebens" ist sein Problem, „seine Ausführungen bleiben in stetem leben- 
digem Kontakt mit der einen grossen Frage, die ihn drängt, die da fragt 
nach einem Sinn und Wert des Lebens" (4). 

Die Lösung dieses Problems sieht er in einem neuen Idealismus, 
der sich aufbaut aut „der Betrachtung geschichtlich gegebener Lebens- 
systeme der Menschheit, von ihm Syntagmen genannt" (5), unter Ablehnung 
der seitherigen Systeme des Naturalismus und kosmischen Idealismus 
(Noetismus), dann aber auch der Lebensordnungen der Religion, des 
Sozialismus und des künstlerischen Subjektivismus. „Das Leben selbst", 
sagt Eucken, „hat alle diese Fassungen gesprengt; das Leben selbst aber 
enthält auch die Faktoren einer neuen Lebensgestaltung ... Im Mittelpunkt 
dieser neuen Lebensgestallung, des »personalen Lebenssystems«, steht das 
Geistesleben ... in Wissenschaft, Religion, Moral und Kunst . . .". 
, So wird für den Menschen die Hauptaufgabe bei der Gestaltung seines 
Lebens: er muss sich in das Geistesleben versetzen . . .". 

„Diese ganze Aufgabe aber »führt notwendig zum Erkenntnisproblem ■■ 
(Eucken, Erkennen und Leben 6) . . ." „Und so tritt die Wahrheitstrage in 
Euckens Lebensphilosophie stark in den Vordergrund, sachlich, aber auch 
äusserlich, indem er immer wieder darauf zurückkommt" (7 ff.). Dieser 
Wahrheitsfrage bei Eucken geht der Verf. nach, indem er „die Stellung 
Euckens zum Wahrheitsproblem, seinen neuen Wahrheitsbegriff und seine 
neue Methode" (9) untersucht. 

1. Euckens Kritik der seitherigen Lösungen des Wahr- 
heitsproblems wendet sich gegen spekulative Lösungen, wie der Realis- 
mus, die Aufklärung (Parallelismus von Denken und Sein) und der kon- 
struktive Idealismus sie bietet; gegen die Lösung Kants und gegen die 
empiristischen Lösungen des Positivismus, Biologismus und Pragmatismus 
(10-37). 

2. Euckens eigene Lösung des Wahrheitsproblems gipfelt 
in einem neuen Wahrheitsbegriff. 

Die Voraussetzung zur Gewinnung dieses Wahrheitsbegriffes und 
der Wahrheit selber ist die, „dass unser geistiges Leben nicht unser 
eigenes, »bloss menschliches« Erzeugnis, sondern zugleich ein Welt leben 
ist, das in uns aufstrebt. Es muss sich in ihm eine selbständige Welt ent- 
fallen, die Wirklichkeit muss hier ein »Beisiehselbstsein« gewinnen; wie 
sollte sonst eine Welt, die Wirklichkeit darin erlebt und erkannt werden! 
Und diese geistige Welt darf uns nicht nur in ihren Wirkungen berühren, 
sonst würde alles doch in unsere subjektive Enge gezogen (vgl. Grund- 
linien einer neuen Lebensanschauung 121). Dieses Weltleben muss darum 
auch zugleich unsere eigene Tat sein: wie könnte es auch sonst unser 
Streben "fesseln ! ...Demnach ist Voraussetzung der Möglichkeit »echter*. 
Wahrheit, dass der Grundcharakter der Welt ein geistiger ist, »dass über 
den Menschen hinaus das Geistesleben den letzten Grund der Wirklichkeit 
bildet« (ebenda 64) ... Es muss im Menschen ein kosmisches Leben gegen- 
wärtig sein und sein eigenes Leben werden; das unendliche Leben muss 
der einzelnen Stelle zum Erlebnis werden, muss hier einen Quellpunkt 



G. Weingärtner, Rudolf Euckens Stellung zum Wahrheitsproblem. 97 

selbständigen Lebens schaffen (Der Sinn und Wert des Lebens 3 140, Grund- 
linien 106). Unser Streben muss in einer universalen Vernunft wurzeln 
und von ihr getrieben werden (Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt 2 
30) . . . Nur durch Anteilnahme des Menschen an einem solchen tätigen 
Leben ist ihm irgendwelche Wahrheit möglich" (39 f.). 

Der Begriff der Wahrheit auf solchem Standpunkte ist folgender: 
„Wahrheit hat es nicht mit einem ruhenden Sein zu tun, sondern mit dem 
schaffenden Leben, mit der Entfaltung des Geisteslebens. Darum bezeichnet 
Eucken die Wahrheit als ein Aufstreben des Lebens zu seiner eigenen, 
ihm nicht aufgedrängten, sondern immanenten Einheit (Grundlinien 178) 
. . ., als ein Teilhaben an einem allumfassenden, ursprünglichen, durch alle 
Mannigfaltigkeit hindurch auf sich selbst gerichteten Lebensprozess . . ." 
(Sinn und Wert des Lebens 3 77). Darum ist alles das wahr, was den 
Charakter, die Eigenart des Geisteslebens an sich trägt, jede Handlung, 
die Ausdruck oder Ausfluss des Geisteslebens ist, die ihm entspricht" (40). 

Den Beweis für die Richtigkeit dieses Wahrheitsbegriffes sucht Eucken 
zu erbringen mit Hilfe der noologischen Methode, die (im Gegensatz 
zur psychologischen Methode) ihren Standpunkt im Geiste (vovg), nicht 
im unmittelbaren psychischen Leben nimmt. Diese noologische Methode 
lässt sich in ihren Umrissen wie folgt beschreiben : „Nicht von einzelnen 
im voraus festgelegten Punkten darf ausgegangen werden, sondern vom 
Ganzen her, wenn wir ein Urteil über das Ganze gewinnen wollen. Ein 
solches Ganzes liegt aber nicht unmittelbar vor uns. So haben wir 
zu Beginn der Untersuchung kein festes Datum oder lei- 
tendes Prinzip. Eucken hebt das als einen Vorzug seiner Methode 
hervor (vgl. Prolegomena 39 f., Erkennen und Leben 120 f.). Darum gilt 
es zunächst, auf gute Gründe hin, wenn auch unter Vorbehalt letzter 
Rechtfertigung, ein Mittel zu suchen, um die erste Erfahrung zu prüfen 
und zu reinigen, »dann aber von irgend welchem Anhalt her die Ent- 
wicklung eines Gesamtbildes zu wagen« (Prolegomena 40)" (43 f.). Dieser 
„feste Anhaltspunkt kann nicht im Individuellen als solchem genommen 
werden, in dem Singuläres und Universelles sich treffen und noch unge- 
schieden sind (vgl. Grundlinien 200). Deshalb lehnt Eucken die psycho- 
logische Methode als ungeeignet ab (vgl. auch Erkennen und Leben 121 
124 f., Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt 2 80) . . . Es gilt einen 
Ausgangspunkt in einem dem individuellen Seelenleben überlegenen Ge- 
samtphänomen zu suchen. Ein solches Ganzes sieht Eucken in der 
• Arbeitswelt« der Menschheit, in dem von allen getragenen, jedem 
einzelnen zugänglichen Tun der Menschheit" (44). 

„Die Methode muss nun darauf bedacht sein, hierin ein einheitliches 
Ganzes von Tätigkeit und Gegenstand, von Denken und Wirklichkeit zu 
erreichen, denn sonst bleibt ein echtes Erkennen unmöglich . . . Das Mittel 
einen solchen »gegebenen Zusammenhang auf Realität und Rechtsbestand 
zu prüfen«, ist die Analyse" (44 f.', welche durch Reduktion und 
Diremtion (d. i. eine Scheidung von Funktion und Sachleistung) voll- 
zogen wird. 

PhiloiophUchea Jahrbach 1915. 7 



98 Chr. Schreiber. 

Der Analyse muss die Synthese zur Seite treten, denn „Reduktion 
und Diremtion haben vom Bilde des Geisteslebens bestimmte Linien frei- 
gelegt, sie können einen Umriss des Ganzen entwerfen. »Aber zu einem 
ganzen und vollen Bilde fehlt noch immer die Gruppierung um einen be- 
herrschenden .Mittelpunkt, die Durchleuchtung und Farbengebung aus einem 
lebendigen Ganzen<- (Prolegomena 69). Das soll die Synthese leisten; dies 
ist ihre eigenartige Bedeutung in Euckens Methode" (48). 

Hand in Hand mit dieser Aufstellung der eigenen, noologischen xMethode 
geht bei Eucken die Ablehnung der induktiven und deduktiven Methode 
des Realismus, der psychologischen des Psychologismus, der transzenden- 
talen des Kantianismus. 

3. Die Begründung des neuen Wahrheitsbegriffes, die 
Eucken mit Hilfe seiner noologischen Methode vornimmt, geht, wie dargelegt, 
von der Voraussetzung aus, dass weder das Denken allein, noch das Leben 
allein, noch ein von aussen an die Dinge herantretendes Denken zu höherer 
Wahrheitserkenntnis führen, vielmehr >muss bei uns ein neues Leben mit 
einem Weltcharakter entstehen, sonst gibt es kein Erkennen und keine 
innere Erhöhung des Menschen« (Erkennen und Leben 75). Es obliegt 
somit vor allem der Nachweis, dass es ein solches Weltleben in uns selber 
gibt, und dass es uns zur Wahrheit führt. 

Dieses Weltleben sieht Eucken in den durch das Denken (unter 
Beteiligung auch des geistigen Fühlens und Strebens) zur systematischen 
Einheit zusammengefassten, innerlich mit einander verbundenen und gegen- 
über dem menschlichen Individuum und der Natur zu innerer Selbständig- 
keit znsammengeschlossenen, also selbständig auftretenden Komplexen wie 
Wissenschalt und Kunst, Recht und Moral, die ein unabhängiges Ganzes, 
eine eigene Welt, ein eigenes Geistesleben im Menschen sein 
wollen und sind. 

Zur Wahrheit aber gelangen wir dadurch, dass dieses Geistesleben 
sich verinnerlicht, bei sich selbst ist mit der Umspannung des Gegensatzes 
von Subjekt und Objekt, als Gesinnung, Ueberzeugung, Charakter, Persön- 
lichkeit zu 'läge tritt. Als Entfaltungen, als Uroffenbarungen dieses 
Beisichselbstseins erhalten die Begriffe des Wahren, Guten und Schönen 
einen festen Boden und einen deutlichen Sinn; es entsteht hiev -ein neuer 
Begriff der Wahrheit über die gewöhnliche, bloss intellektuelle Fassung 
hinaus, indem jetzt als wahr nur das Tun gilt, welches jenes Gesamtleben 
gegenwärtig hält, es ausdrückt und fördert, während alle Einzeltätigkeil, 
die sich davon ablöst nnd sich selbst genügen will, zur Unwahrheit herab- 
sinkt« (Der Wahrheitsinhalt der Religion 3 111): »die Wahrheit ist ein 
Streben des Lebens zu sich selbst, ein Suchen des eigenen Wesens . . ., 

wird eine Uebereiustimmung mit sich selbst, einSichzusammenschliessen, 
Lnabhängigwerden und Selbsterhöhen des sonst zerstreuten und gebundenen 
Lebens< (Eintührung in eine Philosophie des Geisteslebens 245); >es gibt 
keine intellektuelle Wahrheit ohne eine gesamtgeistige Wahrheit« (Geistige 
Strömungen dea Gegenwart 4 64). Dieser Wahrheitsbegriff hat zur weiteren 
Voraussetzung, dass über den Menschen hinaus das Geistesleben den letzten 
(irund der Wirklichkeit bietet (Ebenda 64). Und darum ist der einzige 



G. Weingärtner, Rudolf Euckens Stellung zum Wahrheitsproblem. 99 

Weg zur Wahrheit der, dass der Mensch in seinem Leben über alle ein- 
zelnen Seelenvermögen hinaus zu einer Tiefe vordringt, »wo das Leben 
sich vom blossen Punkte ablöst und zu seinem Beisichselbstsein gestaltet 
(Der Sinn und Wert des Lebens 3 79). Dann steht es nicht mehr der Well 
gegenüber, sondern nimmt Teil an ihrem Leben, dann braucht dem Leben 
seine Wahrheit nicht von draussen bestätigt zu werden, »er trägt sie in 
seiner eigenen Verwirklichung«. Dies Leben entwickelt ja »in Erhebung 
über den Gegensatz von Mensch und Welt, von Kraft und Gegenstand eine 
geistige Innerlichkeit jenseits der subjektiven < (Ebenda 80). Freilich ist 
solches Leben ein >huhes Ideal, kein bequemer Ausgangspunkt«; es lässt 
sich nur durch die weltgeschichtliche Arbeit der Menschheit Schritt für 
Schritt erreichen. 

Der Wert der Arbeit Weingärtners liegt in der Neuheit ihres Gegen- 
standes, in der Selbständigkeit der Behandlung dieses Gegenstandes und 
in der Sachlichkeit und Gediegenheit der (freilich bloss aut die Hauptpunkte 
sich beschränkenden) Kritik, neben dem, dass die Darstellung der Eucken- 
schen Gedanken in steter engster Fühlungnahme mit Eucken selber vor- 
wärtsschreitet. Mit strenger Objektivität scheidet der Verf. bei der Beur- 
teilung sowohl der Kritik Euckens an den seitherigen Lösungen des 
Wahrheitsproblems wie auch der eigenen Lösung Euckens das Wahre vom 
Falschen. Bei aller Anerkennung der grossen Arbeit, die Eucken geleistet 
hat, muss er Euckens Lösung des Wahrheitsproblems für unzulänglich halten, 
weil sie auf einer unbewiesenen Voraussetzung ruht und zu einem 
falschen Kriterium der Wahrheit greift. Die unbewiesene Voraus- 
setzung ist die, dass „der Mensch aus sich unfähig sei, zu einem gegen- 
ständlichen Denken und darum zur Erkenntnis von überindividueller Wahr- 
heit, der sich Wollen und Fühlen in gleichem Range beigesellen" (74), 
„dass der Mensch, das Individuum, nicht Träger eines allgemeingültigen 
Lebens sein kann; mit anderen Worten, es ist im letzten Grunde — und 
ausgedehnt auf das ganze geistige Leben — die alte Universalienfrage, für 
die Aristoteles eine gemässigt realistische, Kant eine konzeptualistische 
Lösung gegeben, für die Eucken im Individuum keine Lösung finden kann, 
da er die aristotelische ablehnt, aber über die konzeptualistische hinaus 
eine Wahrheit der Dinge verlangt" (8u). Das Kriterium der Wahrheit aber 
ist „die Entfaltung eines geistigen Ganzen, das ;alle entwickelte Mannig- 
faltigkeit, in die es sich zerlegt, umschlossen hält" (76). Indes „dieser Prüf- 
stein der Wahrheit scheint uns nur einem haltlosen Relativismus zu 
überliefern. Im Laufe der Zeit entstanden mehrere Lebensordnungen, 
deren jede dem ganzen Leben einen einheitlichen Charakter zu geben 
suchte" (76). Hierin hat der Verfasser ganz entschieden Recht. 

Fulda. Dr. Chr. Schreiber. 



7* 



Zeitschrifteuschau. 



A. Philosophische Zeitschriften. 

1] Zeitschrift für Sinnesphysiologie. Herausgegeben von J. 
R. Ewald. Leipzig 1913, Barth. 
48. Bd., 1. u. 2. Heft: H. Gertz, Ueber die kompensatorische 
Gegenwenduug der Augen bei spontan bewegtem Kopfe. S. 1. „Von 
teleologischem Gesichtspunkte ist es bemerkenswert, dass die Blickkompen- 
sation ohne Mitwirkung des direkten Sehens in relativ grosser Genauigkeit 
erfolgt". — Fr. W. Fröhlich, Beiträge zur allgemeinen Physiologie 
der Sinnesorgane. S. 28. Die Cephalopoden (z. B. Tintenfisch) haben 
sehr grosse Augen, darum sind sie für die folgenden Experimente sehr 
geeignet. „Von den Augen der Cephalopoden lassen sich bei Belichtung 
einsinnige und mehrsinnige Stromschwankungen nachweisen". „Die mehr- 
sinnigen Schwankungen zeigen eine sehr weitgehende Uebereinstimmung 
mit denjenigen, welche sich bei Belichtung der Wirbeltieraugen ableiten 
lassen". „Der Erregungsvorgang in der Netzhaut der Cephalopoden ist 
rhythmischer Natur". „Die Helladaption ist der Ausdruck einer Ermüdung 
der Netzhaut". Farbige Lichter rufen entsprechend ihrer verschiedenen Wirk- 
samkeit eine verschieden starke Erregung der Netzhaut hervor. Die 
Ermüdbarkeit der Netzhaut ist geringer als die des Zentralnervensystems. 
„Das Maximum der Wirksamkeit spektraler Lichter auf das Cephalopoden- 
auge liegt im blauvioletten Teile des Spektrums". „Durch Helladaption 
bzw. Ermüdung des Auges nimmt die Wirksamkeit aller Strahlen, insbe- 
sondere der kurzwelligen, ab". „Die helladaptierte Netzhaut reagiert auf 
den Lichtreiz, an welchen sie sich adaptiert hat, mit weniger frequenten 
und weniger intensiven Erregungswellen". 

3. Heft : D. Katz und G. Revesz, Ein Beitrag zur Kenntnis 
des Lichtsinns der Vögel. S. 165. Die Theorie von der Funktion 
der Zapfen für Helladaption und der Stäbchen für die Dunkelheit wurde 
erschüttert durch Hess, der an Hühnern zeigte, dass ihre Zapfen nicht 
weniger adaptativ sind als die Stäbchen des Menschen, und die Schildkröten 
bloss mit Zapfen verschieden starker Adaption fähig sind. Die Verfasser 
zeigten, dass das sogenannte Purkinjesche Phänomen, das man an die 



Zeitschriftenschau. 101 

Stäbchen gebunden glaubte, sich auch bei den Zapfen zeigt. Umgekehrt 
zeigte Hess, dass auch Nachtvögel mit nur Stäbchen einer hochgradigen 
Helladaption fähig sind. Dieselbe Erfahrung machten die Verfasser am 
Steinkauz. — P. Lasaren , Das AVeber- Feehuersehe Gesetz und die 
Abhängigkeit des Reizwertes leuektender Objekte von ihrer Flächen- 
grösse. S. 171. Für das foveale Sehen gilt nach Loeser und Ricco die 
Regel, dass das Produkt des Reizwertes und der Flächengrösse eine Kon- 
stante ist. Für das periphere Sehen gilt das nicht, wie Piper und Henius 
empirisch nachwiesen. Vf. weist dies auf mathematischem Wege nach, 
indem er die Fechner-Helmholtzsche Formel, welche das Verhältnis des 
Reizes zur Empfindung ausdrückt, zugrunde legt. — Borchardt, Bei- 
träge zur Kenntnis der absoluten Schwelleneiupfindlichkeit der 
Netzhaut. S. 176. Aubert gibt an, dass die Helligkeit, welche uns neben 
dem Eigenlicht der Netzhaut zum Bewusstsein kommen kann, etwa der 
300ste Teil der Helligkeit eines weissen Papieres ist, welches vom Voll- 
mond beschienen wird. Bestimmtere Angaben boten Pertz und Breuer. 
„Unsere Zahlen ergaben erheblich grössere Empfindlichkeiten sowohl der 
zentralen als auch der peripheren Teile der Retina gegenüber den Angaben 
von Pertz und Breuer'*. — W. Treudelenburg, Versuche über bino- 
kulare 3Iiscliung von Spektralfarben. S. 199. Als gesichertes Resultat 
wird bezeichnet, ,,dass in den untersuchten spektralen Farbenmischungen 
die monokular und binokular gebrauchten Mengenverhältnisse der Kompo- 
nenten verschiedene sind, in dem Sinne, dass binokular der notwendige 
Anteil der kurzwelligen Komponenten viel geringer ist". — E. Minkowski, 
Die Zenkersche Theorie der Farbenperzeption. S. 211. Die Theorie 
sucht nicht in der Verschiedenheit der Schwingungszahlen der Reize, 
sondern in spezifischer Beschaffenheit der perzipierenden Elemente, die 
Erklärung für die Verschiedenheit der Farben, ähnlich wie Helmholtz die 
Qualität der Töne durch Mitschwingen kortischer Fasern, die auf die Reize 
gestimmt sind, erklärt. Der Vorzug dieser Theorie besteht nach Zenker 
selbst darin, „dass in ihr die Farbenperzeption nicht als Funktion der Zeit, 
sondern als eine Funktion des Ortes betrachtet wird". „Im Auge geschieht 
dies in der Weise, dass analog der Helmholtzschen Hörtheorie gezeigt wird, 
dass der Aufnahmeapparat auch hier in seinen verschiedenen Teilen (sei es 
nur in verschiedenen Schichten eines jeden Aussengliedes) auf die physi- 
kalischen Eigenschaften des Reizes, die der Qualität der Empfindung in be- 
stimmter Weise entsprechend abgestimmt ist. Zu diesem Zwecke werden die 
Plättchenstruktur und das Zustandekommen von stehenden Wellen und von 
Interferenzerscheinungen in Anspruch genommen". Die Interferenz und 
die stehenden Wellen ergeben sich aus der fast vollständigen Reflexion 
des Lichtes innerhalb des Auges. „Das Prinzip der stehenden Wellen geht 
einer ganzen Anzahl von Schwierigkeiten aus dem Wege, die andere phy- 
siologische Farbentheorien mit sich bringen". — W. Trendelenbnrg, 



102 Zeitschriftenschau. 

Eiue Beleuchtung Vorrichtung. S. 229. Für die Anordnung zur spek- 
tralen Farbenmischung nach v. Kries. 

4. Heft : H. Laurens, Ueber die räumliche Unterscheidurgs- 
fähigkeit im Dämmerungssehen. S. 233. ,,Ein sehr auffälliger oder 
grundsätzlicher Unterschied in Bezug auf die hier geprüften Verhältnisse 
dürfte daher zwischen den beiden Beobachtungsbedingungen, Tages- und 
Dämmerungssehen, resp. zwischen den beiden in dem einen und anderen 
Falle funktionierenden Bestandteilen des Sehorgans nicht vorhanden sein". 

— R. Dittler und Yasutaro Satake, Eine Methode zur Bestimmung 
der gegenfarbig wirkenden Wellenlänge des Spektrums. S. 240. 

— M. Gildemeister, Ueber einige Analogien zwischen den Wirkungen 
optischer und elektrischer Reize. S. 252. So lange Licht ins Auge 
fällt, haben wir eine Lichtempfindung, elektrische Ströme wirken auf 
empfindliches Organ nur, wenn sie sich verändern. „Licht ist ein Dauer- 
reiz, der elektrische Strom ein Uebergangsreiz". Aber auch sehr schwache 
Lichter sind Uebergangsreize und starke elektrische Ströme sind Dauer- 
reize. Das gilt aber auch für alle Sinnesgebiete. „Schwache Reize wirken 
nur im Anschluss an eine Veränderung der reizenden Einwirkung, starke 
aber dauernd". Für die Pflanzenphysiologie scheint das Gesetz nicht all- 
gemein zu gelten. — M. Gildemeister, Ueber die Wahrnehmbarkeit 
von Lichtblitzen. S. 256. Die Dauer eines Lichtblitzes muss, damit 
er wahrgenommen werde, um so länger sein, je schwächer er ist, und bei 
Blitzen von 0,0005 - 0,010 " ist das Produkt von Intensität und Dauer 
konstant. Aehnlich verhält sich der Muskel zum elektrischen Strom: „An 
der Schwelle ist bei sehr kurzdauernden elektrischen Stromstössen das 
Produkt von Dauer und Intensität (die Elektrizitätsmenge) konstant, von 
einer gewissen Grenze an aber wird es mit zunehmender Dauer des Strom- 
stosses immer grösser". „Je schwächer die Beleuchtung, desto länger die 
Dauer der eben wahrnehmbaren Pause". „Je heller das Feld, desto kürzer 
die eben wahrnehmbare Lücke, desto grösser das fehlende Lichtquantum". 
„Auch das aufgefundene Quantitätsgesetz — je heller das Feld, desto grösser 
ist die Lichtmenge, die herausgeschnitten werden muss, damit die Lücke 
eben wahrgenommen wird — hat in der elektrischen Reizphysiologie sein 
Analogon". Es fragt sich, ob ein Lichtblitz oder eine Dunkelpause der 
wirksame Reiz sei. „Es hat sich ergeben, dass bei grosser Lichtintensität 
die Pause beträchtlich länger sein muss als der Blitz, dass die Längen 
beider optischen Reize aber bei geringer Intensität etwa gleich werden. 
Lichtblitze, die wegen zu geringer Intensität und Dauer noch unter der 
Schwelle liegen, werden überschwellig, wenn sie innerhalb 1,5" oder weniger 
wiederholt werden. Es gibt also auch auf optischem Gebiete eine ,addition 
latente'". 

5. und 6. Heft: W. F. Ewald, Versuche zur Analyse der Licht- 
und Farbenreaktionen eines Wirbellosen (Daphnia pulex). p. 285. 



Zeitschriftenschau. 103 

Die Versuche am Wasserfloh ergaben : I. „Für die seitliche Orientierung von 
Daphnien zum Licht haben gleiche Lichtmengen gleiche Wirkung, ohne 
Rücksicht darauf, ob sie kontinuierlich oder intermittierend zugeführt wer- 
den". „Dagegen nimmt für die Bewegungsreflexe die Reizstärke zu propor- 
tional der Unterbrechungsfrequenz des intermittierenden Lichtes". IL „Für 
gewisse Bewegungsreaktionen rufen bestimmte Farben spezifische, durch 
Helligkeitswirkung nicht zu erklärende Effekte hervor". „Die eine Farben- 
gruppe mit dem Maximum im grünlichen Gelb hat eine positivierende 
Wirkung (auf Reflexe), die andere mit dem Maximum in bläulichem Violett 
hat eine negativierende Wirkung". „Der Effekt gewisser Grün- und Purpur- 
töne ist dagegen nicht spezifisch und lässt sich durch farblose Helligkeits- 
reize ersetzen. Die durch Weiss zu ersetzenden Töne sind annähernd die- 
selben wie bei gewissen menschlichen Dichromaten". „Aus diesen Beob- 
achtungen wird geschlossen, dass Daphnia eine dichromatische Farben- 
empfindlichkeit mit zwei Maxima bei den Komplementärfarben Grüngelb 
und Blauvioletl besitze". Es lässt sich auch ein sukzessiver und simultaner 
Helligkeitskontrast nachweisen. — St. Blachowski, Tachistoskopische 
Untersuchungen über den elementaren Wahrnehnmngs Vorgang bei 
Duukeladaptation. S. 325. Für das helladaptierte Auge wies Vf. früher 
einen Binnenkontrast nach, d. h. eine gegensinnige Wechselwirkung der 
Netzhautelemente in einer Netzhautpartie, die von objektiv gleichem Lichte 
getroffen wird. Diesen Kontrast weist er nun auch für Dunkeladaptation 
nach. — Fr. W. Fröhlich, Weitere Beiträge zur allgemeinen Phy- 
siologie der Sinnesorgane. S. 354. Aus den Beobachtungen am Cepha- 
lopodenauge glaubt Vf. für das menschliche Auge ableiten zu können : „Die 
Lichter verschiedener Wellenlänge rufen in der Netzhaut rhythmische Er- 
regungen verschiedener Intensität und Frequenz hervor ; diese verschieden 
intensiven und frequenten Erregungen werden durch den Sehnerven vom 
Sehzentrum geleitet und veranlassen dort in Abhängigkeit von ihrer Inten- 
sität und Frequenz antagonistische Prozesse. Erregung und Hemmung, 
die verschieden starken Erregungen bzw. Hemmungen sind als die physio- 
logische Grundlage der antagonistischen Licht- und Farbenwahrnehmungen 
anzusehen". „Die Wirkung eines Lichtes wäre demnach zu definieren: 

I. durch den Energiewert der Wellenlänge, 2. durch die Absorption, ab- 
hängig von der Wellenlänge, 3. durch die Reizfrequenz, welche jede Wellen- 
länge in Bezug auf das Auge besitzt". 

2] Zeitschrift für Psychologie. Herausgegeben von F. Schu- 
mann. 1914. 
«9. Bd., 1. u. 2. Heft : J. Pikler, Empfindung uud Vergleich. S. 1. 

II. Eingehendere Widerlegung der Ansicht, der Unterschied zweier auf- 
einanderfolgender Empfindungen werde durch einen Vergleich beider be- 
urteilt. Es gibt auch eine sinnliche Negat ion. „Obwohl sie uns von der 



104 Zeitschriitenschau. 

physischen Welt Bericht erstattet, wird sie nicht durch ein äusseres physi- 
sches Agens bewirkt, etwa auch nur auf die mittelbarste Weise ,ausgelöst', 
sondern der Organismus hält seinen inneren Tendenzen, Bedürfnissen, seinem 
Konservatismus gemäss die Empfindungsbereitschaft, als hier und jetzt un- 
angebracht, zurück, wie er körperliche Handlungsbereitschaften zurückhält, 
wo sie unnötig erscheinen. Die sinnliche Negation also, obwohl sie eine 
Sinnesfunktion ist, geht aus einem Trieb, nicht aus einer Sinnesbewegung 
hervor". „Die Theorie der sinnlichen Negation kann die Neuerung nicht 
unterlassen, das Dasein einer entscheidungs- oder anpassungsmässigen, auf 
Richtigkeit abzielenden Empfindungstätigkeit festzustellen 1 '. Widerlegung 
Hazays, der negative Empfindungen für unmöglich erklärt. — E. Bleuler, 
Psychische Kausalität und Willensakt. S. 30. „Die Psychologie ist 
eine Naturwissenschaft wie eine andere, wenn sie wissenschaftlich betrieben 
wird und nicht mit Hirngespinsten arbeitet . . . ; das Vorhandensein oder 
Fehlen der bewussten Qualität des Tatsachenmaterials kann keinen prin- 
zipiellen Unterschied bedingen . . .; die psychische Energie ist identisch 
mit der nervösen ; doch ist nicht alles Nervöse psychisch, wenn schon das 
Auch-psychische keine Grenzen gegen das Bloss-Nervöse hat . . . Zwischen 
psychischer und physischer Kausalität gibt es keine prinzipiellen Unter- 
schiede ... Die Auslösung und Hemmung von Reaktionen auf psychischem 
Gebiet muss ein den Schaltungen in einer elektrischen Anlage analoger 
Vorgang sein. Diese Vorstellung macht eine Menge von Einzelheiten des 
normalen und pathologischen Seelenlebens verständlich'. So auch den 
Willensakt. Beim Entschluss zu einer aktuellen Handlung werden durch 
den Sieg der stärkeren' Strebungen die Schaltungen so gestellt, dass diese 
gebahnt, andere Tendenzen ausgeschaltet, gehemmt werden". — G. Tichy, 
Experimentelle Analyse der Beanischen Würfel. S. 73. Das Spezi- 
fische dieser Figur besteht darin, dass man darin 6 oder 1 Würfel sehen 
kann, je nach welcher Seite man sie betrachtet, aber auch ohne Ver- 
änderung des Standpunktes. Wundt legt bei der Erklärung der umkehrbaren 
Figuren ein grosses Gewicht auf die Fixation; dagegen fand Tichy, dass 
die Versuchspersonen eine fixierte Ecke nicht nur als erhaben, , sondern 
auch als hohl sehen konnten, je nachdem sie die Akkommodation änderten. 
— Literaturbericht 

3. und 4 Heft: „Nach G. E. Müller gibt es neben dem visuellen 
Farbengedächtnisse und dem visuellen Formengedächtnisse noch ein visuelles 
topisches Gedächtnis, dessen Betätigungen in weitem Umfang von moto- 
rischen Vorgängen begleitet ist, das aber eben nicht selbst ein motorisches 
Gedächtnis ist. Während das Formgedächtnis sich auf die Gestalt und 
Grösse eines Gesichtsobjektes bezieht, hat es das topische Gedächtnis mit 
dem Ort und der Lage zu tun, die das Gesichtsobjekt in Beziehung auf 
den wirklichen oder einen nur innerlich vergegenwärtigten Standpunkt des 
Vorstellenden oder in Beziehung auf einen bestimmten Hintergrund oder 



Zeitschriftenschau. 105 

eine bestimmte Umgebung besitzt". Vf. fand auf eigene Beobachtungen und 
solcher von Frl. Kahn hin für dieses topische Gedächtnis : „Die Erlernung 
der Orte aufleuchtender Lämpchen, die in einem vertikal stehenden Tableau 
verteilt sind, geht bei gruppierter Anordnung derselben bedeutend 
leichter vor sich als bei ungruppierler Anordnung. Bei ungruppierter An- 
ordnung werden die Reihen vorwiegend akustisch-motorisch, bei gruppierter 
Anordnung vorwiegend mit Hilfe des topischen Gedächtnisses und unter 
starker Mitbeteiligung des Formengedächtnisses gelernt. Bei quadratischer 
Anordnung des Tableaus wurden die Reihen schneller gelernt und schneller 
reproduziert als bei beliebiger Anordnung. Die im Dunklen vorgeführten 
Reihen zeigen im Vergleich zu den im Hellen vorgeführten einen Unter- 
schied. Das Einprägen der Silbenorte mit nach den Silben gerichteten Kopf- 
bewegungen ist im allgemeinen, allerdings bei verschiedenen Individuen 
in verschiedenem Grade, vorteilhafter als das Einprägen, bei welchem nur 
Eigenbewegungen gestattet sind". — P. v. Liebermann und G. Revesz, 
Die binaurale Tonmischung:. S. 234. Es ist auffallend, dass nicht auch 
zwei Töne sich ebenso mischen, wie zwei Farben ; aber täten sie das, so 
würde z. B. beim Anschlagen der Quint mit ihrem Grundtone die Terz 
gehört, und so wäre Harmonie unmöglich. Und doch haben die Verfasser 
Tonmischung nachgewiesen. Wie kommt es, dass sie bis jetzt nicht 
beobachtet wurde? Normal wird die Tonmischung durch eine besondere 
Einrichtung des Ohres verhindert; sie besteht darin, dass verschiedene 
Qualitäten des Tones stets in verschiedenen Höhen erscheinen. In 
unserem Falle, der pathologisch sich an Liebermann findet, kommen ver- 
schiedene Qualitäten auf einer Höhe vor ; Liebermann hört denselben Ton 
an einem Ohre in anderer Qualität als am anderen. Die Einrichtung ist 
physiologisch ebenso wie bei der Farbenmischung zu denken. Farben 
mischen sich binokular nur dann, wenn die Lichtreize auf korrespondierende 
Punkte der Doppelnetzhaut treffen; so kann es auch in den zwei Schnecken 
Korrespondenz und Disparation geben. Die Optikusfasern der korrespon- 
dierenden Punkte der Netzhäute laufen nach einer Hirnhälfte, so können 
auch in den Schnecken Akustikusfasern zu derselben Stelle des Gehirns 
führen. „Sind, wi,e unter normalen Verhältnissen, die beiden psycho- 
physischen Prozesse, welche die von rechts und von links einlaufende Er- 
regung erzeugt, identisch, d. h. entsprechen ihnen, wenn sie einzeln ent- 
stehen, Empfindungen gleicher Qualität, so kann sich diese Zusammen- 
wirkung nur als Summation der Intensitäten äussern. Sobald aber, wie 
in unserem Falle, die psychophysischen Prozesse verschieden sind, so dass 
ihnen Empfindungen verschiedener Qualität entsprechen, so kommt zu 
der Summation der Intensitäten noch die qualitative Mischung. Der 
binaurale Ton ist auch da stärker, als die monauralen und er liegt seiner 
Qualität nach zwischen ihnen". „Dadurch ist es ermöglicht, einzelne Ab- 
schnitte der Tonqualitätenreihe als höhengleiche Reihen lückenlos her- 



106 Zeitschriftenschau. 

zustellen, eine Forderung der Reveszschen Anschauung, von der Unab- 
hängigkeit der beiden musikalischen Toneigenschaften". — V. Benussi, 
Die GestaltwahruehmuDgen. S. 256. „Bemerkungen zu den gleich- 
namigen Untersuchungen K. Bühlers, Bd. I." Die Untersuchungen und 
Ergebnisse Bühlers stimmen im wesentlichen mit denen des Vf.s überein, 
aber Bühler erwähnt dieselben nicht. — Besprechungen: Ueber die 
Einwirkung der Zirbeldrüsenstörung auf die Psyche. S. 293. Zusammen- 
fassende Darstellung. „Wir haben allen Grund, die Zirbeldrüse als ein 
Organ mit innerer Sekretion zu betrachten, das wohl u. a. die von Mar- 
burg seiner Zeit supponierte Aufgabe hat, hemmend auf die Genital- 
entwicklung einzugreifen ; seine Zerstörung hätte daher den Hypergenitalis- 
mus zur Folge. Das wäre ein Weg zur Erklärung für die in manchen 
Fällen auftretende geistige Frühreife. Ob nun diese Sekretion direkt auf 
das Gehirn wirkt, oder diese Wirkung auf dem Umwege der Beeinflussung 
des Genitalsystems entsteht, lässt sich mit unserem derzeitigen Wissen 
nicht entscheiden". — Literaturbericht. 

5. und 6 Heft: A. Gelb, Bibliographie der deutschen und aus- 
ländischen Literatur des Jahres 1913 über Psychologie, ihre Hilfswissen- 
schaften und Grenzgebiete. S. 317. Mit Unterstützung von Prof. H. C. 
Warren zusammengestellt. Enthält 2740 Nummern. 

3] Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik. 

Herausgegeben von H. Schwarz. Leipzig 1914. 
154. Bd., 1. Heft: P. Scheerer, Die Frage nach der Möglich- 
keit des Glückes. S. 1. „Die Aufdeckung des höchsten Gutes in der 
Selbstschätzungslust bedeutet nicht bloss die endgültige Beantwortung der 
Glückseligkeitsfrage, sondern sie schafft auch den Boden, aus dem eine 
altruistische Sittlichkeit, in Gesinnung und Handeln erwächst, die nur als 
der Weg erscheint, wie das Individuum sein persönliches höchstes Gut 
verwirklichen kann". — 0. Samuel, Die Substanz — eine reine An- 
schauung. S. 12. Der naive Verstand betrachtet die Substanz nicht als 
reine Anschauungsform, sondern als „Anschauungsinhalt, der aller Er- 
scheinung zugrunde liegt, ein Unbegriff im kantischen Sinne". Die Sub- 
stanz ist reine Anschauungsform, das Subjekt selbst. „Dieses Grundprinzip 
will erlebt sein, es genügt nicht, es bloss zu denken, denn es ist eine 
Wahrheit der Anschauung". — A. Lewkowitz, Die Religionsphüo- 
sophie des Neukantianismus. S. 91. Gegen Vaihinger, dessen „bio- 
logische Fundierung der Wissenschaft eine Unmöglichkeit ist". — H. H. 
Aall, Das Kuwusstsein als metaphysische Quelle des Kausalgesetzes. 
S. 95. Die Humesche Ableitung des Kausalgesetzes aus Gewohnheit ist 
unhaltbar, es entspringt vielmehr einem Bedürfnisse. „Wir streben 
nach einem Ziel, indem wir über das Dasein herrschen, d. h. wir treten 
als Ursache demselben gegenüber auf. Die Kausalität wird ein Ausschlag 



Zeitschriftenschau. 107 

der Teleologie". — J. Frankenberger, Objektiver Geist und Völker- 
psychologie S. 68. Hegel schränkte den „objektiven Geist" auf Recht 
und Moral ein, nach Dilthey u. a. umfasst er das ganze Reich des Geistigen : 
Kunst, Sprache, Religion, Wissenschaft. — Rezensionen. 

2. Heft: W Schmied -Kewarzik, Fr. Jodls Weltanschauung. 
S. 129. Er war ein begeisterter Anhänger von Feuerbach und erklärte 
mit ihm die Unmöglichkeit einer abschliessenden Weltansicht. Sein Grund- 
satz lautet: „Man kann im Erkennen nicht realistisch genug, im Erleben 
nicht ideal genug denken". — K. Dunkmann, Ueber den Kegriff der 
Willens Verhältnisse. S. 133. „Der Regriff des Willensverhältnisses ist 
lediglich auf das Verhältnis unserer Willen zu einander zu beziehen". Auf 
dasselbe muss die Ethik gegründet werden. „Die Tatsache des Sittlichen 
kommt darin zum Ausdruck, dass wir einerseits als Gemeinschaftswesen, 
andererseits als widerstrebende Wesen in einem fortgesetzten Konflikt uns 
befinden, und diesen Konflikt nennen wir den Kampf zwischen dem Guten 
und Rosen in unserer Brust". — J Frankenberger, Objektiver Geist 
und Völkerpsychologie. S. 151. Die Völkerpsychologie ist keine Schrulle, 
„sie ist eine Philosophie und in wesentlichen Punkten noch heute frucht- 
bare Synthese der tiefsten Probleme, die sich dem deutschen Geiste um 
die Mitte des 19. Jahrhunderts stellten". — Oliver v. Hazay, Ist intui- 
tive Philosophie möglich? S. 168. Ja, wenigstens in der Modifizierung 
des Vf.s, in der sie wohl von allen angenommen werde. — H. Schmitt, 
Zur Charakteristik der sprachlichen Darstellung. S. 188. Es ist 
Sitte geworden, den Schülern den Poesiegenuss durch innere Veranschau- 
lichung des sprachlich Dargestellten zu ermöglichen. Das stimmt aber 
nicht zu dem Wesen der sprachlichen Darstellung. „Die Sprache ist nicht 
Mittel für ein inneres Bild, sondern Selbstzweck"- — W. Kinkel, Lite- 
raturbericht über Werke aus dem Gebiete der Ethik und der 
Religionsphilosophie. S. 192. — Rezensionen. 

4] Revue de Philosophie. Directeur: E. Peillaube. Paris, Riviere. 

13 e annee 1913, Nr. 1- 7 : J. Fachen, L'amour mystique decrit 
et chante par Jacopone da Todi. p. 5. — G. Melin, La famille et 
Devolution, p. 26. (Fortsetzung). Kritik der evolutionistischen Lehre 
von der Familie. Die Evolutionisten tuen den Tatsachen Gewalt an. — 
P. Charles, La metaphysique du Kantisme. p. 113, 203, 363. 1. Das 
Diog an sich. 2. Die Kategorien. 3. Die Formen der sinnlichen An- 
schauung. — S. Beimond, L'univocite scotiste. p. 137. Das Fundament 
der Skotistischen Lehre Ton der Eindeutigkeit des Seinsbegriffes in der 
Logik, in der Metaphysik und in der Geschichte. — A. Talensin, D'une 
logique de l'action. p. 278. Kurze Darstellung der Lehre Blondels von 
der logique de l'action. — F. Pradel, Autour de la methode d'imma- 
nence. p. 286. Bericht über die beiden einander widerstreitenden 



108 Zeitschriftenschau. 

Auffassungen von der Blondelschen lrnmanenzruethode, welche A. Valensin 
und J. de Tonquedec vertreten — A. Veronnet, Les hypotheses cosmo- 
goniques. p. 333. Die Kauische Theorie von der Entwicklung' des 
Weltalls. — L'Experience religieuse dans le catholicisme. 1. Docu- 
ments: A. Brou, La Compagnie de Jesus; J. Calvet, St. Vincent 
de Paul; Demimuid, Les premieres Dames de Charite au XVII siede; 
Mgr. Monestes, Le Bienheureux Cur e d' Ars ; J. D a r n a n d , Un sauvage 
converti. p. 445—574. 2. Etudes: J. V. Bainvel, La vie intime du 
catholique: J. Pacheu, Les mystiques iuterpretes par les mystiques; 
C. Besse, Le chant religieux catholique; M. Festugiere, La liturgie 
catholique. — Analyses et compt.es rendus. p. 25, 188, 315, 421. 

Nr. 8 — 12: J. Maritaiu, L'intuition au sens de connaissance 
instinctive ou d'inclination. p. 5. Die Bergsonsche Intuition bedeutet 
bald unmittelbare Wahrnehmung, bald instinktives Erkennen. Daher die 
Unklarheit seiner Darlegungen. Von einem instinktiven Erkennen kann 
man sprechen, insofern der Verstand von den sinnlichen Fähigkeiten 
unterstützt und von den affektiven Fähigkeiten vielfach beeinflusst wird. — 
J. Ferraud, La Theosophie, p. 14. Die Lehre der Theosophie, ihre 
Vergangenheit, Gegenwart uad Zukunft. — A. Veronnet, Les hypo- 
theses cosraogoniques. p. 52, 152, 238, 479 (Fortsetzung). 1) Die 
Theorien von Kant, Laplace, Faye, Ligocdes, See, Darwin. 2) Die Ent- 
wicklung der Sonne und der Erde. — M. Gossard, Le sens metaphy- 
sique de la loi de conservation de l'energie. p. 119, 409. 1) Der 
physikalische Sinn des Gesetzes. 2) Die darin enthaltenen philosophischen 
Probleme. — M. d'Halluin, Le probleme de la mort. p. 266, 373. 
Die Tatsache, dass man einen leblosen Organismus durch Massage des 
Herzens wieder lebendig machen kann, nötigt uns, drei Phasen des 
Todes zu unterscheiden. Diese sind Scheintod, relativer Tod und ab- 
soluter Tod. — Fr. Bon vier, Le Totemisme est-il une religion? p. 341. 
Der Totemismus ist an sich keine Religion, sondern eine besondere Form 
der sozialen Vereinigung. Er kann aber mit der Religion in Beziehung 
treten und übt dann einen ungünstigen Einfluss auf sie aus. — P. Duhem, 
Le teraps et le mouvement selou les scolastiques. p. 453. — 
M. Serol, La valeur religieuse du Pragmatisme de William James, 
p. 307. Darstellung und Kritik des pragmatistischen Gottes- und 
Glaubensbegriffes. — L'enseign e men t ph ilos ophiq u e. p. 74, 189, 
299, 427. — Analyses et comptes rendus. p. 98, 196, 325, 442, 541. 
14 e annee 1914, Nr. 1 — 6: F. Duhem, Le temps et le mouve- 
ment selou les scolastiques. p. 5, 136, 225, 361, 470. Die Zeit- 
und Bewegungslehre bei Petrus Aureolus, Gregor von Rimini, Wilhelm 
Occara, Johannes Baridanas usw. — L. de Contenson, L'inneisme 
Kantien des fondements mathematiques. p. 16, 288. Kritik der 
Kantischen Lehre vom philosophischen und vom mathematischen Stand- 



Zeitschriftenschau. 101) 

punkte. Die „synthetischen Urteile a priori" Kants sind weder Urteile, 
noch synthetisch, noch a priori. — A. Yeronnet, Les hypotheses eos- 
inogoniques. p. 37, 261. Die Geschichte der Erde, die Entwicklung 
der Gestirne. Einige wissenschaftliche Antinomien. — Philippe Cham- 
pault, Des bases methodologiques de la Geographie humaine. p, 113. 
Vital de la Blache und Jean Brunhes suchen die bisherige beschreibende 
Geographie zu einer erklärenden Wissenschaft weiter zu bilden, die sie 
Anthropogeographie nennen. Sie bedienen sich dabei aber einer Methode, 
die durchaus unzulänglich ist. — S. Beimond, Simples remarques 
sur l'ideologie comparee de saint Thomas et de Duns Scot. p. 242. 
1) Kurze Darstellung der thomistischen Erkenntnislehre. 2) Piäzisierung 
der Hauptpunkte, worin Duns Skotus von Thomas abweicht. — P. Charles, 
La metaphysiquc du Kantisme. p. 337, 576. Kants Fehler liegt 
nicht so sehr in der Annahme einer Synthese a priori als in dem Ver- 
suche, hiermit die Leibnitzsche Idee von der analytischen Bewegung 
des Denkens zu vereinigen. Dadurch bat die innere Organisation der 
Kritik schwer gelitten. — J. Bulliot et 31. Serol, La Philosophie et 
la pens^e commune, p. 453. Der Philosoph hat bei dem Aufbau 
seines Systems von der Gesamtheit der Grundsätze des gemeinen Menschen- 
verstandes auszugehen. — M. Chossat, Saint Thomas d'Aquin et 
Siger de Brabant. p. 553. Es wird gegen P. Mandonnet der Nach- 
weis geführt, dass die Schrift des hl. Thomas De unitate nicht als 
Widerlegung der Schrift Sigers de anima intellectiva anzusehen ist. — 
J. Maritain, L'esprit de la Philosophie moderne, p. 601. 1. Die 
Vorbereitung der Caitesdanischen Reform. 2. D^scartes und die Theologie. 
— Notes et documents. p. 418, 504, 626. — Analyses et comptes 
rendus. p. 97, 193, 309, 431, 525, 647. 

5] Annales de Philosophie chretienne. Secretaire de la Ro- 
daction: L. Laberthonniere. Paris, Bloud. 

83 e annee 1912, Nr. 1—6: J. Durautel, La notion de la ereatiou 
dans S. Thomas, p. 5, 156, 225. Fortsetzung. Die Kategorien des 
Seins. 1. Die Eagel. 2. Die Menschen. 3. Die himmlischen Körper. 4. Die 
korruptibelen materiellen Dinge. — Ph. Borrell, Spinoza interprete 
du judaisme et du christianisme. p. 50, 113, 267. 1. Das politische 
und religiöse Milieu Spinozas. 2. Jüdische und christliche Lektüre. 
3. Das Werk Spinozas, a. Methode, b. Lehre über Gott, Christus und 
positive Religion. 4. Die verschiedenartige Interpretation, die Spinoza 
gefunden hat. Schluss: Spinoza gibt vom Judentum und Christentum 
eine rein rationalistische Erklärung, deren Elemente er bei jüdischen 
und christlichen Philosophen gefunden hat. Er bekennt sich persönlich 
zu keinem der Glaubenssätze, die Christentum oder Judentum als 
wesentlich betrachten. — R. d'Adhemar, 1/invention scientifique et 



110 Zeitschriftenschau. 

l'esprit philosophique. p. 337, Es gibt zweierlei Erfindungen: 
Neuschöpfungen, die dem Genie eigentümlich sind, und Erfindungen, die 
mehr von einer neuen Technik als von neuen Ideen abhängen. Es kann 
hervorragende Erfindungskraft mit geringem philosophischem Geiste 
zusammengehen. — P. Archainbault, Un spirituulisme sociale p. 363. 
Hinweis auf die Bedeutung der Theorie, welche Labe r thon nier e 
über die geistige und weltliche Auktorität in seiner gegen die Action 
francaise gerichteten Schrift „Positivisme et Catholicisme" niedergelegt 
hat. — J. Segond, Les antitheses de Bergsonisme. p. 449. Die 
Gegensätze von Qualität und Quantität, Dauer und Raum, Leben und 
Materie, Körper und Geist, Notwendigkeit und Freiheit bilden in der 
Bergsonschen Philosophie unlösbare Widersprüche, welche die Einheit 
des Systems zerreissen. — A. Favre Gilly, Mysticisine pai'en: com- 
tesse Mathieu de Noailles. p. 475, 587. — E. Coutan, L'attitude 
religieuse de F. II. Green, p. 561. Green will Wissenschaft und 
Religion vereinigen, indem er Gott, den absoluten Geist, als Quelle und 
Garantie für die spekulative und pi aktische Tätigkeit des Menschen 
hinstellt. Unser Denken muss mit der Gottheit eins werden, wenn ]es 
die Wahrheit erreichen soll. — Bibliographie p. 85, 178, 299, 385, 
496, 618. — 

84 e annee, 1912 1913. Nr. 1—6: V. Delbos, La personnalite de 
Maine de Biran et de son aetivite philosophique. p. 5, 113. — Bernard 
de Sailly, Theses de rcchange. p. 27, 137, 359. P. Schwalm, der 
im Jahre 1896 in der Revue Thomiste die Blondelsche Immanenzlehre 
bekämpfte, hat eine Schrift hinterlassen mit dem Titel „L'acte de foi est-il 
raisonnable?", welche eben diese Lehre mit aller Entschiedenheit ver- 
tritt. — Dom L. Pastourel 0, S. B., La doctrine mystique de 
J. Jean de la Croix. p. 54. Nach dem hl. Johannes vom Kreuze ist 
die grösste Gefahr für die Frömmigkeit der Extiinsezismus, und das 
wahre Heilmittel die Lehre von der Autonomie. — P. Archambault, 
Droit social et droit individuel. p. 225. Kritische Analyse des 
Duguitschen Werkes „Le droit social, le droit individuel et la trans- 
formation de l'Etat". Der Duguitsche Versuch, das Recht der Gesell- 
schaft gegen das Recht des Individuums abzugrenzen, wird als positivisti- 
scher Naturalismus zurückgewiesen. — E. C, Note sur l'absolu et dieu a 
propos de la Philosophie Hcgelienne p. 273. Das Unendliche ist bei Hegel 
nur die Synthese des Endlichen, das Absolute die Synthese des Bedingten. — 
J. Yialatoux, Experience et ideal, p. 337. Durkheim bemüht sich ver- 
geblich, die Moral auf blossen Erfahrungstatsachen aufzubauen ; denn die 
Moral fällt Werturteile. Diese aber setzen ein Ideal voraus, das aus der 
Erfahrung nicht abgeleitet werden kann. — L. Canet, Le Discours 
sur Phistoire universelle et l'Essai sur los moeurs. 449. Bosauet 
gründet die Wahrheit des Christentums auf eine Reihe historischer Tat- 



Zeitschriftenschau. 111 

sachen und gibt dadurch Voltaire die Möglichkeit, durch Bestreitung 
dieser Tatsachen d*s Christentum eifolgreich zu bekämpfen. — E. Gilson, 
Notes sur Campaueila. p. 491. Die Sonderbarkeiten der Philosophie 
Campanellas erklären sich aus der zu weit gehenden Anwendung des 
Analogieschlusses. Campanella schreibt zwar nur der sinnlichen Wahr- 
nehmung Gewissheit zu, sieht aber den Analogieschluss als eine Art 
Wahrnehmung an. Dabei wird das Objekt nicht in sich, sondern in einem 
anderen ihm ähnlichen Dinge wahrgenommen. — M. Legendre, L'histoire 
comme science morale. p. 561. — Bibliographie p. 74, 185, 
287, 398, 514, 614. 

6] Revue Neoscolastique de Philosophie. Directeur: M. de 
Wulf. Louvain, Institut superieure de philosophie. 
XX e annee, 1913. Nr. 1—4. P. de Munnyuck, La deinon- 
stration metaphysique du libre arbitre. p. 13, 181, 279. Die 

Freiheit des Willens kann nicht durch das Zeugnis des Bewußtseins 
bewiesen werden. Der Beweis muss sich auf das Prinzip der Kausalität 
stützen. Er lautet: Die Entscheidung des Willens gegenüber eiaem 
endlichen Gute kann nicht in der Erkenntnis des Verstandes ihre Ursache 
haben; also muss der Wille selbst bestimmende Ursache des Wollens 
sein. — L. de Lautsheere, Les earacteres de la philosophie moderne, 
p. 39. Für die moderne Philosophie sind charakteristisch: 1) Die 
Trennung der Philosophie von der Religion, 2) die Verachtung der philo- 
sophischen Tradition, 3) die enge Verbindung mit den Einzelwissen- 
schaften, 4) die hohe Wertschätzung der Erkenntnistheorie. — P. Man« 
donnet, Roger Bacon et la compositum des trois „Opus", p. 53, 164. 
Das Opus minus und das Opus tertium sind Projekte, die unvollendet 
geblieben und darum auch nicht an Clemens IV. geschickt worden sind. 
Nur das Opus maius ist dem Papste zugesandt worden. — G. Legrand, 
„L'experience religieuse" et la philosophie de W. James, p. 69. 

1. Die Art und Weise, wie James die religiösen Erscheinungen beobachtet. 

2. Seine Lehre vom Unterbewusstsein. 3. Die pragmatistische Ein- 
schätzung des Wertes der Religion. — P. le Guichaoua, A propos des 
rapports entre la metaphysique thomiste et la theorie de la cou- 
naissance. p. 88. Die Behauptung Rousselots, der Satz „das Sein 
existiert und das Existierende ist ein Sein" schliesse als notwendige 
Voraussetzung seiner Wahrheit das Dasein Gottes und der Seele ein, 
steht im Widerspruch mit der Lehre des hl. Thomas. — J. Lemaire, 
La preparatiou scientifique necessaire ä l'etude de la Cosmologie. 
p. 205. Das Studium der Komologie verlangt nicht nur eine philoso- 
phische, sondern auch eine fachwissenschaftliche Vorbereitung. — J. de 
Ghellinck, Un catalogue des oeuvres de Hugues de Saint-Victor. 
p. 226. — Cardinal D. J. Mercier, Vers l'unite. p. 253. Die speku- 



112 Zeitschriftenschau. 

lative und moralische Ordnung müssen eine innere Einheit bilden, wie 
es in der christlichen Philosophie der Fall ist. Die Versuche von Olle- 
Laprune, H. Bergson, Le Roy, Wilbois, Blonde!, die Einheit auf Kosten 
des Verstandes herbeizuführen, sind verfehlt, „denn in dem Reiche der 
Philosophie ist die Einheit Gesetz, aber das Zepter kann nur dem 
Intellekte gehören". — J. Cochez, L'esthetique de Plotin. p. 294. 
Unter Zugrundelegung aller Bücher Piotins, nicht nur derjenigen, die 
eigens vom Schönen handeln, und mit Berücksichtigung der von Por- 
phyrius überlieferten Chronologie derselben, wird eine eingehende Dar- 
stellung der Plotinschen Äesthetik gegeben. — F. Palhories, Le prag- 
raatisme en morale. p 339. Wendet man die pragmatistische 
Methode und Wahrheitstheorie an, so verlieren die Begriffe „Pflicht", 
„Verantwortung" usw. ihren SinD. Die Moral ist dann keine normative 
Wissenschaft mehr, sondern ein Kapitel der Psychologie. — D. Nys, 
Le temps a-t-il commence et finira-t-il? p. 409. Man kann behaupten, 
dass die Zeit niemals aufhören wird. Die Frage, ob die Weltbewegung 
und mit ihr die Zeit einmal angefangen hat, kann die Vernunft nicht 
mit Sicherheit beantworten. — A. Pelzer, Godefroid de Fontaines. 
Les inanuscrits de ses Quodlibets conserves ä la Vaticane et dans 
quelques autres bibliotheques. p. 365, 591. — M. de Wulf, Le 
mouvement neo-scolastique. p. 102, 388, 535. Comptes ren- 
dus. p. 107, 324, 396, 549. 

7] Revue de metaphysique et de morale. Secretaire de Li 
Redaction: Xavier Leon. Paris, Colin. 
22 e annee, 1914. Nr. 1—4: E. Boutroux, Religion et raison, 
p. 1. Die Vernunft bedarf, um ihre höchsten Synthesen zu vollziehen, 
einer Kraft, die höher steht als die Vernunft. D-i kommt ihr die Religion 
zu Hilfe, Religion nicht als das allen empirischen Religionsformen Ge- 
meinsame, sondern als Ideal gefasst. — J. M. Carre, ÜB inedit de 
Fichte, p. 17. Es werden hier zum ersten Male einige Aphorismen 
Fichtes veiöff-ntlkht, die J. M. Carre unter den Papieren H. Cr, Robin- 
sons aufgefunden hat. — H. Leon, Le soeialisme de Fichte d'apres 
l'ßtat comniercial i'erme. p. 27, 198. Nach Fichte fordert die 
Gerechtigkeit die Einführung einer sozialistischen Konstitution, die allen 
Menschen wahre Freiheit und Gleichheit bringen soll. — B. Lavergne, 
La repartition des richesses comprise conime simple introduction 
a l'economie sociale, p. 72. Die „Verraögensverteilung" fällt zusammen 
mit den statistischen Resultaten der Verteilung und bildet somit das 
erste Kapitel der Sozialökonomie. — E. de Miehelis, Les problewes 
de la Logique selon F. Enriques, p. 83. Enrique» vertritt einen 
„kritischen Positivisraus". Hiernach enthält die Wirklichkeit Elemente 
und Beziehungen, die wenigstens relativ konstant sind und darum Objekte 



Zeitschriftenschau. 113 

des logischen Denkens werden können. — A. Rivaiid, Textes inedits 
de Leibniz, publies par Iwan Jagodinsky. p. 94. Rivaud weist 
auf die philosophische Bedeutung der von Jagodinsky veröffentlichten 
Texte hin, die Leibniz gpgen Ende des Jahres 1675 und in den ersten 
Monaten des Jahres 1676 verfasst hat. — L. Dugas, La „feuille 
de charmille" de Jules Lequyer. p. 153. Dur^h Gegenüberstellung 
des ersten Entwurfes und des endgültigen Textes wird ein Ein- 
blick in die Arbeitsweise Lequyers geboten. — A. R. Schweitzer, 
Les idees direetrices de la lo^ique genetique des mathe- 
matiques. p. 175. Als leitende Prinzipien der Mathematik sind 
anzusehen: 1. Das Prinzip der Vergleichung. 2. Das Prinzip der 
Kontinuation. 3. Das Prinzip der Gedankenökonomie. — D. Rouslan, 
La morale de Rauh. p. 293. Die moralische üeberzeugung fiudet 
ihre experimentelle Rechtfertigung darin, dass sich das ßewusstsein 
derselben nicht entledigen kann, so lange es ehrlich und vorurteilsfrei 
bleibt. — M. Caullery, La nature des lois biologiques. p. 334. In 
der organischen Welt herrscht ein absoluter Determinismus. Dieser 
lässt sich zurückführen auf den Determinismus der anorganischen 

Erscheinungen. Jede Form des Vitalismus ist unwissenschaftlich. 

E\ Brehier, Philosophie et mythe. p. 361. Der Mythus setzt neben 
die Welt, welche Objekt des wissenschaftlichen Denkens ist, eine Welt, 
in der unser Handeln einen dauerernden Wert bat. Er findet sich nicht 
nur in der alten Philosophie, sondern auch in der christlichen Religion 
und der Philosophie der Gegenwart. — G. Belot, La valeur morale 
de la science. p. 431. Da der Wille der Gesellschaft das Prinzip der 
moralischen Verpflichtung ist, so werden Wissenschaft und Moral umso- 
mehr miteinander in Einklang kommen, je mehr die Gesellschaft den 
Forderungen der Wissenschaft entspricht, d. h. je mehr die demokratische 
Idee über die Autoritätsidee den Sieg davonträgt. — iL Gilson, L'in- 
neisme cartesieu et la theologie. p. 456. Descartes ist in seiner 
Erkenntnislehre von einer Reihe von Theologen beeinflusst worden, welche 
angeborene Ideen annahmen, um so die Prinzipien der Religion und der 
Moral auf das Zeugnis des Bewusstseins gründen zu können. — G. Dwels- 
hauvers, Du sentiraent religieux dans ses rapports avec l'art. 
p. 500. Ein Kunstweik hat religiöse Bedeutung, wenn es in uns das 
Gefühl der Vereinigung mit dem Weltall erweckt. — fitudes cri- 
tiques. p. 222, 382, 517. — Questions pratiques. p. 121, 262, 
410, 548. — 

8] Rivista di Pilosofia. Organo della Societä Filosofica italiana. 
Amministrazione : A. F. Formiggini, Genova. 
Anno V, Fase. 1 (Gennaio-Marzo 1913) : B. Varisco, Cultura 
e Scetticismo. p. 1. Diese bei der Eröffnung des Studienjahres 1912/13 

Philosophisch» Jahrbuch 1015. 8 



114 Zeitschriftenschau. 

an der Universität Rom gehaltene Rede behandelt „den Regriff der Re- 
zielmngen zwischen Kultur und Praxis" (1). — G. Folchieri, 11 carat- 
tere dell' opera di G. B. Vico. p. 13. Der Verf. will „die Natur und 
die Entwicklung des Denkens des G. R. Vico betrachten und den Punkt 
der Beziehung zwischen dem Wahren und dem Gewissen, über dem 
noch so viele Zweifel und Ungewissheiten lagern, aufklären" (15). — C. 
Mignone, L'utopia aella critica letteraria. p. 33. „Wir wollten nach- 
weisen die theoretische Unmöglichkeit des ästhetischen Urteils als Aus- 
drucks einer menschlichen notwendigen und allgemeinen Wahrheit" (52). 
— A. Zucca, La lotta morale. p. 54. Unter dem „sittlichen Kampf" 
versteht der Verf. „nicht bloss die auf die Unterdrückung der eigenen 
egoistischen Gefühle gerichteten Anstrengungen des Menschen, sondern auch 
die Tätigkeit, die er entfaltet, um die Vervollkommung der Geschöpfe und 
den höchsten sozialen Rhythmus herzustellen" (55). — Resprechungen. — 
Zeitschriftenschau. — Vermischte Nachrichten : 1. Nekrologe auf Raldasarre 
Labanca und Henri Poincare. 2. Ehrungen für Roberto Ai digö 
anlässlich seines 80. Geburtstages. 

AnnoV, Fase. 2-3 (Aprile-Agosto 1913): B. Varisco, La fllo- 
soiia di Schopenhauer, p. 145. Kurze Zusammenfassung der Philo- 
sophie Schopenhauers als Einleitung zu der von N. Palanga besorgten und 
demnächst erscheinenden italienischen Uebersetzung von Schopenhauers 
Werk „Die Welt als Wille und Vorstellung". — A. Faggi, La genesi 
storica della logica aristofcelica. p. 166. Kritische Resprechung des 
1913 erschienenen Ruches: „Sillogismo e proporzione" von A. Pastore, 
worin P. nachweist, „dass die Logik des Aristoteles nicht bloss eng ver- 
knüpft ist mit der Mathematik seiner Zeit, sondern dass die mathematische 
Theorie der Proportion das geschichtliche und logische Fundament der 
Aristotelischen Theorie vom Syllogismus ist, welcher somit nichts anderes 
ist, als eine verschleierte Proportion . . ., wie überhaupt in der 
griechischen Philosophie die Theorie des Be griff e-s entsteht aus der. 
Theorie der Zahl, die Theorie des Urteils aus der des mathematischen 
Verhältnisses, die Theorie de* Syllogismus aus der ebenfalls 
mathematischen der Proportion" (168). — A. Padoa, Legittiuiitä ed 
impot'tanza del metodo introspetüvo. p. 181. „Wenngleich die 
introspektive Psychologie und die experimentelle Psychologie sich beide 
das Studium der psychologischen 1 hänomene vorsetzen, so kann man 
doch nicht sagen, dass sie eigentlich mit denselben Phänomenen sich 
beschäftigen" (181 f.). Diese Selbständigkeit der introspektiven Psycho- 
logie und ihre Bedeutung legt der Verf. ausführlicher dar. — A. Tilgher. 
[mmagine e sentimento uell'opera darte. p. 206. Der Verfasser 
stellt aus den Werken des Bencd'etto Groce dessen Lehren über das 
Verhältnis /.wischen Vorstellung und Gefühl im Kunstwerk zusammen 
und übt an denselben Kritik. Nach Tilgher ist das Wesen der 



Zeitschriftenschau. 115 

Kunst nichts anderes als „unmittelbare Synthese von Vorstellung und 
Gefühl, von Subjekt und Objekt, von Erkenntnis und Leben, von Ich und 
Nicht -Ich" (221). — Bibliographie der italienischen philosophischen Ver- 
öffentlichungen des Jahres 1911 von A. Levi. — Besprechungen.. — 
Zeitschriftenschau. — Vermischte Nachrichten. 

Anuo V, Fase. 4 (Setteinbre- Ott obre 1913): R. Ardigö, Lo 
spirito aspetto speeifico culminante dell'energia in funzione nell' 
organismo aninialo. p. 337. „Ich beabsichtige zu beweisen, wie man 
schliesslich positiv erhärtet, dass der Geist wirklich das sei, was er sein 
soll : . . . Sinneswahrnehmung, Vernunft, Gefühl, Tätigkeit, Geist" (337). — 
B. Varisco, L'individuo e l'iiomo. p. 351. Was ist das Individuum? 
und was ist der Mensch in sich? Welches sind die Beziehungen des 
einen zum anderen? — E. Morselli, I liraiti della coscienza. p. 368. 
Eine Beschreibung und Darstellung des Bewusstseins und seiner Grenzen 
nach dem Zeugnis der Erfahrung. Die Abhandlung soll sein „eine 
(wenn auch nicht erschöpfende) Rechtfertigung des Intellekts gegen das 
Gefühl, der Logik gegen das Irrationale, kurz der positiven Philosophie 
gegen den geisterhaften modernen Neomystizismus . . ., eine freie und 
offene Erklärung zu Gunsten der Wissenschaft" (396). — M. Losacco, 
11 concetto fundamentale della „Fenomenologia" di Hegel. 397. 
1. Das allgemeine Problem der Phänomenologie und seine geschichtliche 
Stellung. 2. Die dialektische Methode. 3. Allgemeine Interpretation der 
Phänomenologie. 4. Die Stellung der „Phänomenologie" im System Hegels^ 

— Besprechungen und Bücherschau. — Vermischte Nachrichten: 1. Nekro 
log auf Ignaz Fetrone. 2. Um Marcellus Palingenius Stellatus. 3. Der 
Wissenschaftskongress zu Siena. — Italienische philosophische Bibliographie 
vom J. 1912 von A. Levi. 

Anno V, Fase. 5 (Novembre- Dicembre 1913): A. Faggi, Del 
gindizio particolare. p. 497. Richtigstellungen der Aristotelischen 
Regeln über die Umkehrung des partikularen Urteils; neue Formulierungen. 

— F. Weiss, Note critiche alla „Filosofia dello spirito" die Bene- 
detto Croce. p. 509. 1. Von der Aesthetik. 2. Von einigen Ideen 
Vicos inbezug auf die Poesie und die Sprache. 3. Die Theorie Croces von 
den Stufen des Geistes. 4. Das Eigentümliche der Kunst und des Schönen 
nach B. Croce. 5. Von einigen Ideen Croces inbezug auf die besonderen 
Fragen der Aesthetik. — G. M. Ferrari, L'uiuanesimo filosofico. p. 548, 
Der philosophische Humanismus: sein Wesen und sein Verhältnis zum 
Pragmatismus. — R. Resta, Concetto d'una psnlagogia. p. 567. 
1. Das pädagogische Problem in seinen wesentlichen Momenten. 2. Das 
menschliche Reale und seine natürliche erzieherische Tätigkeit. 3. Das 
Ideale, das Infinite und das Absolute. Das Ideale als höchster Ordnungs- 
wert des Realen. 4. Das menschliche Tun als Reales und Ideales (oder 
Finales) und die daraus sich ergebende Berechtigung der Pädagogik al* 

8* 



116 Zeitschrift ensehau. 

Wissenschaft der Entwicklung einer Regel für ideales Leben (die Homo- 
genesis der Werte) im Menschen. 5. Die Pädagogik als spezifische Doktrin 
in der Einheit des Wissbaren. — A. Marchesini, L'ainicizia nella vita 
e nella educazione. p. 586. Die Freundschaft in ihrem ethischen und 
eudämonistischen Wert. — M. B. Zanotti, Saggio di una filosofia dell' 
individuazione. p. 598. Versuch einer Philosophie der Individuation. : 
1. Der Geist und seine Grundlagen. (Forts, folgt.) — Kr i tische Bemer- 
kungen: Der Mythus und die hl. Poesie: 1. Die Aufführung der 
Bacchantinnen zu Florenz. 2. Das Moment der heiligen Kunst. 3. Hl. 
Charakter der griechischen Tragödie. 4. Euripides und das Drama des 
Dionysos. 5. Der Wagnerianische Versuch. — Besprechungen. — Italie- 
nische philosophische Bibliographie vom J. 1912 von A. Levi. 

Anno VI, Fase. 1 (Gennaio-Febbraio 1913): Redaktionswechsel: 
Die Redaktion der Zeitschrift übernimmt Prof. G. Vidari-Turin. — A. Faggi, 
Ancora del giudizio particolare. p. 5. Fortsetzung der Ausführungen 
zu den Aristotelischen Regeln über das partikulare Urteil. — A. Ruesch, 
II settimo enigma. p. 18. „Die Freiheit (das »siebte Welträtsel«), die 
uns für unsere Handlungen verantwortlich macht, und alles was daraus 
iolgt, ist eine Utopie" (30). — A. Tücher, Lineamenti di Etica. p. 32. 
1. Sein- und Seinsollen. 2. Freiheit und Sittlichkeit. 3. Dialektik des 
Guten und des Bösen. — M. Losacco, Le assunzioni. p. 56. Kritische 
Bemerkungen zu A. Meinongs Buch „Ueber Annahmen" (Leipzig 1910 2 ). 

— M. Zanotti-ßiauco, Saggio di una filosofia dell' individuazione. 
1>. 75. (Siehe Anno V, Fase. 5) 2. Von der Natur. 3. Vom Absoluten. 

— P Caraballese, 11 valore e la filosofia. p. 89. Bezugnehmend 
auf F. Masci, La filosofia dei valori (Roma 1913), erörtert der Verf. 
folgende Punkte: 1, Die Philosophie der Werte. 2. Der Begriff des 
Wertes. 3. Wert und Erkenntnis. 4. Philosophie und Religion. — 
A. Consorti, Per una interpretazione delle forme eurve degli orga- 
nisnii animali e vegetali. p. 101. - A. L., In difesa della filo- 
sofia del diritto. p. 107. Der Verf. wendet sich gegen das „antiphilo- 
sophische" und „antijuridische" Gutachten dreier Mitglieder der im .Schosse 
der Königl. Kommission für die Neuordnung der höheren Studien gebildeten 
l'nterkommission für die Fakultät der Jurisprudenz, wonach die Rechts- 
philosophie für das gesamte höhere Rechtsstudium, mit Ausnahme des 
politisch-sozialen Kursus, zu einem bloss fakultativen Nebenfach herab- 
gedrückt werden soll. — A. Gnesotto, Del giudizio particolare. p. 110. 
Kritische Bemerkungen zu A Faggis Aufsatz über das partikulare Urteil 
(siehe Anno V, Fase. 5 und Anno VI, Fase. 1). — . Besprechungen und 
Nachrichten, — Akten der „Italienischen philosophischen Gesellschaft". 

Anno VI, Fase. 2 (Marzo- Aprile 1914): G. Marchesini, Le basi 
incoscienti del dovere. p. 137. Das Unbewusste in der Moral und in 
der Erziehung. 6. dalli, L'essere. p. 151. „So stehen Monismu* 



Zeitschriftenschau. 117 

und Pluralismus, Immanenz und Transzendenz in Einklang mit- 
einander" (166). — F. Weiss, Xote critiche alla „Filosofia dello 
spirito" di Benedetto Croce. p. 167. Erkenntnis und Tätigkeit in 
der „Philosophie des Geistes" von B. Croce. — L. Limentani, II vero 
uella Morale. p. 183. „Die Wahrheit moralischer Urteile kann nichts 
anderes sein als der Ausdruck der Realität von Bewusstseinszuständen, 
von Zuständen des valutativen und operativen Bewusstseins" (191). — 
F. Albeggiani, 11 prammatismo di W. James, p. 200. 1. Der Wille 
zu glauben, 2. die Theorie der Wahrheit, 3 der Wert der Religion, 4. die 
Pädagogik im Pragmatismus des W. James. — M. Billia, Identitä della 
psieologia e della niorale. p. 220. Der (rein) psychologische Ursprung 
der Moral. — A. Pastore, Sopra la critica filosofica della scienza. 
p. 226. Der Verf. bespricht die Kämpfe zwischen Intellektualismus und 
x\ntiintellektualismus in der neuen Philosophie, besonders inhezug auf das 
Buch Aliottas, „Die idealistische Reaktion gegen die Wissenschaft". — 
A. Gnesotto, Del giudizio partieolare. p. 239. Kritische Bemerkungen 
zu den Ausführungen Faggis (siehe Anno V, Fase. 5 und Anno VI, Fase. 1) 
über das partikulare Urteil. — Besprechungen und Nachrichten. — Zeit- 
schriftenschau. 

9] Rivista di Filosofia Neo-Scolastica. Pubblicata per cura 
della Societä italiana per gli studi filosofici e psicologici, diretta 
dal Dott. Agostino Gemelli. Direzione: Milano, Via Maron- 
celli 23. Amministrazione : Firenze , Libreria Editrice Fioren- 
tina. Erscheint alle zwei Monate in Heften zu je wenigstens 
120 Seiten. Abonnement: Italien 10 Z.., Ausland 12,50 L. 

Anno V, Nr. 4 (20 Agosto 1913): A. Gemelli, In teina di 

psieofisiea. p. 333. Gegenüber der in philosophischen (auch neu- 
scholastischen) Kreisen Italiens herrschenden Geringschätzung der Psycho- 
physik und der psychophysischen Experimente will der Verfasser folgende 
Fragen beantworten: „Hat die »Laboratoriumspsychologie« wirklich nur 
einen sekundären Charakter r Darf man von der Psychologie jede Messung 
wirklich als unmöglich verbannen? Und darf man dafür halten, dass, auch 
wenn bei unseren Untersuchungen nur Zahlen zu tage gefördert würden, 
diese Ergebnisse gar keinen Wert für die Psychologie haben könnten? 
Welchen Wert haben die gegen die psychophysischen und psychophysio- 
logischen Ergebnisse erhobenen Einwände" ? (338). Der Verf., der in den 
Laboratorien Külpes zu Bonn und München und Kiesows zu Turin selber 
längere Zeit studiert und experimentiert hat, macht sich hier zum eifrigen 
Sachwalter der Psychophysik, die bis jetzt nur in den Laboratorien der 
Universitäten zu Turin (Kiesow, ein Schüler Wundts) und Rom (De Sanctis, 
ein Forscher im Geiste Binets) eine Heimstätte gefunden habe. — M. Ponzio, 



Hg Zeitschriftenschau. 

Dell' influenza esercitata da complessi associativi abituali sn 
alcune rappresenlazioni di movimento. p. 376. Der Verf. bespricht 
„einige Täuschungen, die während mehrerer unserer Bewegungen entstehen, 
denen wir sehr oft unterworfen sind, und die meistens der Beobachtung 
entgehen" (377). Damit verbindet er die Fragen nach der Objektivierung 
der Bewegung und nach der Umkehrung der scheinbaren Bewegung des 
Objektes. — B. Ricci, La scolastica nella storia della civiltä. p. 387. 
Panegyrikus auf den einigenden, verliefenden und befriedigenden Einfluss 
der Scholastik, genauer des thomistischen Systems, auf das gesamte Denken 
der Menschheit. — A. Gemelli, II problema deila realizzazioue se- 
condo 0. Külpe. p. 402. Gemelli, selber ein Schüler Külpes, bespricht 
den ersten Band des Külpeschen Buches „Die Realisierung. Ein Beitrag 
zur Grundlegung der Real Wissenschaften" (Leipzig 1013) nach folgenden 
Gesichtspui kten : 1. Die Evidenz der inneren Perzeption. 2. Die logischen 
Schwierigkeiten der Transzendenz. 3. Die Gegenwart aller Objekte im 
Bewusstsein. 4. Die abstrakte Natur jeder Realität. 5. Der empirische 
Inhalt der Begriffe von transzendenten Objekten. 6. Die Transzendenz und 
das Ideal der Wissenschaft. 7 Das Oekonomieprinzip und die Transzen- 
denz. 8. Psychologie, Metaphysik und Geisteswissenschaft 9. Die Mar- 
burger Schule. 10. Der positive Teil. 11. Ein Wort der Kritik. -- Be- 
sprechungen. — Zeitschriften- und Bücherschau. — Nekrologe über Giuseppe 
Allievo, bis vor kurzem Professor der Philosophie an der Universität 
Turin, und Igino Petrone, Professor der Moral an der Universität Neapel. 

Anno V, Nr. 5 (20 Ottobre 1913): E. Krebs, La lotta intoruo 
S. Tontaso d'Aquino nel Medioevo. p. 461. Der Verf. entwirft ein 
kurzes Bild „des Kampfes, der sich in den ersten Dezennien nach dem 
Tode des hl. Thomas über seine Lehre erhob", und der „überraschende 
Parallelen zwischen der Agitation jener Zeit und derjenigen unserer Tage" 
aufweist (461). — G. L. Calisse, Gli argoniento di Zenone d'Elt-a. 
p. 474. In Fortsetzung seines ersten Artikels über denselben Gegenstand 
(Anno V, Nr. 2) untersucht der Verf. nunmehr jenes Argument Zenons 
gegen die Möglichkeit der Bewegung, welches von Aristoteles als. drittes 
angeführt wird und vom fliegenden Pfeil entnommen ist. - S. Behnond, 
La° linjrua della teodicra secondo G. Duns Scoto. p. 495. Der Verf. 
setzt seine Darstellung der Theodicee des Duns Skotus fort (siehe Anno V, 
Nr. 1) und behandelt: II. B. Namen, welche die göttlichen Attribute be- 
zeichnen. C. Namen der zweiten Kategorie. III. Die Univokation des Seins- 
begriffs bei Skotus. Dieselbe ist nach dem Verfasser eine „logische im 
strikten Sinne". — A. Gemelli, Una nuova obbiezione coutro il vi- 
talismo. p. 506. Die epochemachenden Versuche und Entdeckungen von 
Carrel und anderen, „nach denen es möglich erscheint, dass selbst ein 
wichtiger, selbst ein vitaler Teil des Organismus ausserhalb des Organismus 
weiter lebe, dank gewisser technischer Hilfsmittel", beweisen nichts für den 



Zeitschriftenschau. 119 

rein mechanischen oder reia chemischen Charakter des Lebens. Der Ver- 
fasser unterzieht zum Nachweise dieses Satzes folgende Versuche einer 
Kritik : 1. Das Weiterleben „explantierter" Zellen. Gewebe, Organe usw. 
und die Experimente zur Verlängerung dieses Weiterlebens. 2. Die Kulturen 
in Glastuben von Carrel. 3. Die Anwendung dieser Carrelschen Kulturen 
auf die Technik der Pfropfreiser. L. Beobachtungen über die Verlängerung 
einiger vitaler Funktionen 5 Funktionieren von Organ -Vereinigungen 
ausserhalb des Organismus. — A. Cuschieri, A proposito del problema 
criteriologico. p. 527. Das sogenannte „kriteriologische" Problem ist 
kein kriteriologisches, sondern ein metaphysisches; es ist das Problem des 
universale metaphysicum. Dementsprechend sind unsere Gegner bei der 
Lösung dieses Problems nicht die Sensisten, Empiristen, Positivisten u. s. f. 
(denn sie marschieren auf dem Felde der Sinneswahrnehmungen, wir auf 
dem der Intellekterkenntnisse), sondern die Idealisten, mögen sie Kantianer 
oder Hegelianer sein, und zwar die Kantianer mehr als die Hegelianer. 

— A. Cappellazzi. Critica ed apologetica. p. 531. Der Verfasser 
verteidigt gegen Varisco nochmals (siehe Anno V, Nr. 2) den in seinem 
Handbuch der christliehen Apologetik eingeschlagenen philosophischen Ent- 
wicklungsgang. — Besprechungen. — Bücheranzeigen. — Nachrichten: 
Clemens Baeumker und die ihm von seinen Schülern zum 60. Geburts- 
tag gewidmete Festschrift. 

Anno V, Nr. 6 (20 Diceinbre 1013): E. l'hiocchetti, Francesco 
Acri. p. 566. Kurze Darlegung der Philosophie (und des Lebensganges) 
des am 21. November 1913 verstorbenen Professors für Geschichte der 
Philosophie Acri zu Bologna. Acri „hat begonnen als Philosoph und hat 
geendet als Mystiker und als Künstler und als Pragmatist, indem er über 
die Philosophie und über die philosophischen Systeme urteilte an der Hand 
von Kriterien, die er der Religion, dem Leben und der Kunst entnahm" 
(576). Er war besonders ein erklärter Gegner des Positivismus und Ma- 
teriaiismus. In seinem religiösen Leben war er ein treuer Katholik. 

— G. Tredici, La ülosofia di Bernardino Varisco. p. 586. Der 
Verfasser zeichnet in grossen Linien das philosophische System des 
Professors B. Varisco an der Universität Rom. Die Philosophie 
ist nach Varisco letzten Endes Erkenntnistheorie. Die Erkenntnistheorie 
aber ruht auf der Identität der Wirklichkeit mit der Erkenntnis, welche 
Identität von Varisco indes anders als von Hegel aufgefasst wird, inbezug 
auf die Beschaffenheit der Subjekte und der Körper vertritt Varisco eine 
an Mach und Ardigö erinnernde Theorie, wonach ein Subjekt die Einheit 
gewisser psychischer Tatsachen, ein Körper ebenfalls eine Einheit — aber 
anderer Art — von psychischen Tatsachen ist, nämlich solcher, die ein- 
geschlossen sein können oder zum Teil eingeschlossen sind in der Einheit 
eines und auch mehrerer Subjekte. Gott ist die Einheit des Seins. Variscos 
Philosophie ist also eine Philosophie der Immanenz und der Organizität 

8* 



120 Zeitschriftenschau. 

des Realen, im Sinne von Hegel und Bergson. — Die Kritik, die der Verf. 
nunmehr am Systeme Variscos übt, ist durchaus ablehnend. — In der 
Diskussion (die Abhandlung gelangte in der Novembersitzung der „Italieni- 
schen Gesellschaft tür die philosophischen und psychologischen Studien" 
zur Verlesung) wurde hingewiesen - auf die Notwendigkeit einer Untersuchung 
über das Merkmal der Exleriorität, welches die Sinneswahrnehmung be- 
gleitet, und über den psychologischen Ursprung des Substanzbegrifis; ferner 
wurden hervorgehoben die Verdienste Variscos um die Ueberwindung des 
Positivismus und Agnostizismus, seine kräftige Betonung des Studiums der 
höchsten Probleme in der Philosophie und seine pluralistische Weltauffassung 
trotz seiner Behauptung der Organizität des Universums. — E. Chiocchetti, 
La filosofia di Benedetto Croce. p. 606. II. Das System des Geistes 
in der Philosophie Croces (siehe Anno V, Nr. 3). 1. Der Geist als Binde- 
glied von Geschiedenem und Gegensätzlichem. — M. Brnsadelli, Contri- 
buto alla storia della filosofia. p. 626. Der Verf. hebt aus dem 
Kommentar zum Ekklesiastes von E. Podechard (erschienen in der Samm- 
lung der „Etudes bibliques", Paris) die Darlegungen über die Philosophie 
des Ekklesiastes, ihren Charakter, ihre Quellen und ihre apologetische 
Bedeutung heraus. — D. Lanua. Gli umori antiscolastici d'uii neo- 
fito dell' hegelismo. p. 634. In seiner in der „Voce", dem Organ 
italienischer Neuhegelianer, erschienenen Besprechung von Lannas Buch 
über „die Erkenntnistheorie bei Thomas von Aquin" hat der Priester und 
ehemalige Mitarbeiter an der „Rivista di Filosofia Neo-Scolastica" und 
Löwener Doktor der Philosophie, Bruno Nardi, sich als grimmigen Anti- 
scholastiker und temperamentvollen Hegelianer entpuppt, dem Verfasser 
einen falschen Wahrheitsbegrifi und anderes vorgeworfen. Lanna weist 
diese Angriffe zurück. In einer Anmerkung wendet sich auch Gemelli 
gegen die allerneuestens in derselben „Voce" (vom 25. Dezember) gegen 
die italienischen Neuscholastiker und insbesondere auch gegen Gemelli 
und seine Zeitschrift von Nardi ausgesprochenen persönlichen „Bosheiten 
und Lügen". — Besprechungen. — Nachrichten: 1. Wie im Aus- 
land die italienische Neuscholastik beurteilt wird, zeigt eine 
Bemerkung Grabmanns in seiner Antrittsvorlesung zu Wien, ein Aufsatz 
von Vaissiere in den „Etudes" (vom 20. November 1913) sowie gelegent- 
liche Urteile in zahlreichen ausländischen Zeitschriften, vor allem aber die 
Abhandlung Schreibers in der Festsehritt zum 70. Geburtstag Hertlings, 
über „das erkenntnistheoretische Problem in der neuesten italienischen 
Literatur". Von dieser Abhandlung wird eine ausführliche Inhaltsangabe 
mitgeteilt. 2. A. Gemelli als l'rivatdozent an der Universität Turin zuge- 
lassen. 3. Der Tod des Kardinals Rampolla. 

Anno VI, Nr. 1 (20 Febbraio 1914) : Die Redaktion veröffent- 
licht einen Bericht über die Sitzungen der „Italienischen Gesellschaft für 
die philosophischen und psychologischen Studien" vom 29. Dezember 1913 



Zeitschriftenschau. 121 

und 8. Januar 1914: L. Necchi behandelte das „Problem des Raumes" 
d. h. den Wert der Raumwahrnehmungen. Nach einem Ueberblick über 
die anatomisch-physiologische Seite der Frage liess der Referent zuerst die 
verschiedenen Vertreter des physiopsychologischen Nativismus und Empi- 
rismus und dann die des philosophischen Nativismus und Empirismus zu 
Worte kommen, um dann der kriteriologischen Bedeutung der Frage sich 
zuzuwenden und die Objektivität der Raumwahrnehmungen zu erhärten. 

— A. Masnovo, II problema criteriologico. p. 5. Die Lösung des 
kriteriologischen Problems darf nicht, wie Mercier will, ihren Ausgang 
nehmen von den Urteilen idealer Ordnung, sondern muss mit der 
Prüfung der Erkenntnisse realer Ordnung beginnen. — G. N. Borghiiio, 
luduzione e deduzione nella matematica. p. 13. Ist die Mathe- 
matik eine induktive oder deduktive Wissenschaft, sind Burali-Forti, Piano 
und Grassmann im Recht, oder Poincare? Und wenn in der Mathematik 
die Induktion eine Hauptrolle spielt, welcher Natur, welcher Gewissheit 
ist diese Induktion? Hat die „Verallgemeinerung" einen extrasubjektiven 
Wert? Antwort: Die mathematische Induktion ist vollkommen berechtigt. 

— C. Caristia, A proposito di dottrine teoeratiche. p 28. Analyse 
und Kritik des Buches von A. Falchi, Le moderne dottrine teoeratiche 
(Die modernen theokratischen Lehren), Torino 1908. „Eine Zusammen- 
stellung und objektive Wertung der theokratischen Lehren in ihrer regel- 
mässigen geschichtlichen Entwicklung bleibt noch zu leisten. Die nach 
vielen Seiten sehr sorgfältige Arbeit Falchis ist, kann man sagen, verfehlt 
in ihrer besonderen Finalität, denn sie ist umlauert von einem grund- 
legenden Irrtum, der als eine grosse Wahrheit Schritt für Schritt bis zu 
den letzten Zeilen immer wieder in die Erscheinung tritt: Der Untergang 
des Theokratismus beim Aufgehen des Lichtes des 16. Jahrhunderts — 
ein Untergang, der in Wahrheit in keiner Weise stattgehabt hat" (66). — 
Besprechungen und bibliographische Bemerkungen. — Nachrichten: Die 
von England ausgehende Anregung zu einer Gedächtnisfeier für Roger 
Bacon. 

Anno VI, Nr. 2 (20 Aprile 1914): Es wird berichtet über 
die Sitzung der „Italienischen Gesellschaft für die philosophischen und 
psychologischen Studien" vom 9. Februar 1914. F. Marzorati sprach 
über „die Kritik Arnaulds an der Ideenlehre Malebranches". Der Referent 
legt, aus den Quellen, zuerst die Ideenlehre Malebranches, dann diejenige 
Arnaulds dar und stellt darauf beide in kritischer Weise einander gegenüber. 
Seine Schlussfolgerungen weichen von denen Zimmermanns im „Phil. 
Jahrbuch" (1. Heft 1911) ab: „Zimmermann suchte bei Arnauld die objektiv 
gültige Kritik an der Ideenlehre Malebranches. Ich gedachte seinen Stand- 
punkt zu finden und fand ihn ungenügend, insofern er sich wesentlich aul 
kartesianische Ideen stützt. Daher die Erscheinung, dass Zimmermann im 
Grunde Arnauld Recht gibt, ich Malebranche. Das Endergebnis ist meiner 



122 Zeitschriftenschau. 

Ansicht nach dieses, dass beide Unrecht haben" (102), weil beide vom 
Kartesianismus angesteckt sind (105). — G. Wunderle, Compiti e raetodi 
della moderna psicologia della religione p 106. Italienische Ueber- 
setzung des von Wunderle im 2. Heft des ,Phil. Jahrb.' 1914 (120—154) 
veröffentlichten Vortrags über die Aufgaben und Methoden der modernen 
Religionspsychologie. — E. Chiocchetti, La filosofia di ßenedetto Croce. 
p. 123. Fortsetzung der analytisch -kritischen Darstellung der Philosophie 
des B Croce (siehe Anno V, Nr. 6). II. Das System des Geistes. 2. Das 
Gefühl und die ästhetische Synthese a priori. — B. Varisco, Sul nietodo 
della discuss'one filosoüca. p. 143. Gegen die oben (Anno V, Nr. 6) 
mitgeteilte Kiitik von G. Tredici an seiner Philosophie versucht Varisco, 
unter Anführung neuer Gesichtspunkte, den Nachweis, dass eine Philo- 
sophie, die nicht Philosophie der Immanenz ist, heute nicht mehr möglich 
ist. Diese Immanenzphilosophie hält Varisco für durchaus vereinbar mit 
dem Christentum und mit dem neuen Thomismus. — L. Botti, II pensiero 
put'O. p. 153. Analyse und Kritik des Werkes „II pensiero puro" von 
A. Pastore (Torino 1913). Pastore betrachtet das reine Denken „nicht 
im Hegeischen Sinne, sondern als Denken in der logischen (oder auto- 
logischen) Hervorbringung seiner selbst oder im Begreifen seiner selbst, welches 
das Denken logisch vollzieht" (153). — Besprechungen. — Zeitschriften- 
und Bücherschau. 

Anno VI, Nr. 3 (20 Giugno 1014) : Die Redaktion in Verbindung 
mit dem Katholischen Komitee für die Zentenarfeier Dantes (6. Zentenar 
des Todes Dantes im Jahre 1921) setzt einen Preis von 5000 Lire aus für 
die beste Bearbeitung des Themas : „Darlegung der philosophischen und 
theologischen Lehren von Dante Alighieri aus ihren Quellen". Der Be- 
teiligung sind keine nationalen Schranken gezogen. — A. Cnschieri, 11 
problcma criteriologico o il problema onlologico. p. 180. „Das 
sogenannte kriteriologische Problem ist substanziell zurückzuführen auf die 
immer alte und immer neue Frage der Universalien" (189). Wer das 
kriteriologische Problem lösen will, muss a. die experimentalen von 
den spekulativen Erkenntnissen unterscheiden; b. bei der spekulativen 
Erkenntnis die logische Form von der metaphysischen Form 
absondern ; e. alle logischen Begriffe ordnend und vereinigend auf 
einen ersten Begriff zurückführen; d. die metaphysischen Begriffe 
ordnend und vereinigend auf ein erstes Sein zurückführen; e. in 
diesem ersten Sein das Denken und die universale Wirklichkeit 
vereinigen" (195). M. Brusartelli, Francesco Suarez. p. 106. 

Besprechung des zweibändigen Werkes des französischen Jesuiteu De 
Scoraille über Suarez. 1. Suarez und Vasquez (ihr persönliches 
Verhältnis zu einander). 2. Am Rande der Philosophie (Suarez wird von 
S. mehr als Theologe denn als Philosoph dargestellt;. 3. Sein Leben und 
seine Ideen. 4. Die Probleme der Congregatio de auxiliis in ihrem ge- 



Zeitschriftenschau. 123 

schichtlichen Milieu : Jesuiten und Protestanten. 5. Vom Dogma zur Theo- 
logie : Jesuiten und Dominikaner. 6. Von der Motio zur Prämotio. 7. Vom 
artic. 13, q. 14 des ersten Teiles der Summe des hl. Thomas zur scientia 
media. 8. Die philosophischen Verwicklungen der Prädestination. 9. Das 
Problem der Beziehungen zwischen Staat und Kirche in der empirischen 
und in der rationalen Welt. 10. Lugische Umschreibung der Suareziani- 
schen Doktrin über den völklichen Ursprung der monarchischen Gewall. 
11. Folgerungen der Lehre: Das Volk und der Tyrann. 12. Scholastisch- 
jesuitische Doktrinen des 16. Jahrhunderts und moderne liberal-demokratische 
Doktrinen : negatives Verhältnis. — E. Chiocchetti, La filosofia di Bene- 
detto Croce. p. 219. II. Das System des Geistes (Forts.; siehe Anno VI, 
Nr. 2). 3. Die logische Synthese a priori. — G. Wuudeile, Conipiti e 
raetodi della nioderna psicologia dclla religione. p. 240 (siehe Anno 
VI, Nr. 2) — L. Botti, L'analisi dei processi di vonfronto. p. 256. 
Eingehende Besprechung des Werkes „II metodo degli equivalenti" von 
A. Gemelli (Firenze 1914). Das Buch zerfällt in zwei Teile, von denen 
der eine die Natur und den Wert der Methode der Aequivalenten, der 
andere die Anwendung der Methode auf die Analyse der Vergleichsprozesse 
enthält. — II prof. B. Varisco e la filosofia dell' immanenza. p 281. 
Den Ausführungen Variscos im 2. Heft 1914 der Riv. di Filosofia Neoscol. 
treten hier A. Cappellazzi und S. B e 1 m o n d entgegen und suchen 
nachzuweisen, dass der gnoseologische Aufbau der Immanenzphilosophie 
Variscos verfehlt ist, und sein System dem Christentum und der neu- 
scholastischen Philosophie schnurstracks widerspricht. — Barth. Minges, 
La nozione di Bio secondo Duns Scoto. p. 295. Der Verf. gibt eine 
kurze Inhaltsangabe zweier mit dem Gottesbegriff des Duns Skotus sich 
beschäftigender Werke, nämlich der „Etudes sur la philosophie de Duns 
Scoto. I. Dieu : Existence et cognoscibilite" (Paris 1913) von S. Beimond, 
und des Buches „Der Gottesbegriff des Johannes Duns Skotus, vor allem 
nach seiner ethischen Seite betrachtet" (Paderborn 1913) von J. Klein. 
Das erstere Werk leidet, trotz vieler Vorzüge, an dem unverzeihlichen 
Mangel, dass die gesamte (neueste) deutsche Literatur über den Gegenstand 
übergangen, oder doch nur lückenhaft und ungenau erst aus zweiten, viel- 
fach unzuverlässigen Quellen geschöpft ist. Die Arbeit Kleins ist, von 
kleineren Unrichtigkeiten und Unklarheiten abgesehen, als eine recht ge- 
lungene anzusehen. Sie kommt in den wesentlichen Punkten zu denselben 
Resultaten, wie Minges in seinen Skotusforschungen. — Sprechsaai: 
R. Fusari, Filosofia e Buddismo. p. 301. Der Verf. verteidigt seine 
Kritik an dem Werke „Filosofia e Buddismo" von A. Costa gegen des 
letzteren Angriffe im „Coenobium" (8. Jahrgang, 3. Heft S. 88). — Be- 
sprechungen. — Nachrichten: Zum Tode von G. Morando. 

Anuo VI, Nr. 4—5 (20 Settembre 1914): Die Redaktion ge- 
denkt des Wohlwollens des verstorb. Papstes Pius X. für die Zeitschrift 



124 Zeitschriftenschau. 

und erhofft vom neuen überhaupt der Kirche, auch wegen seiner ehemaligen 
Beziehungen zu Kardinal Rarnpolla, einem der Gründer und Förderer 
der Rivista di Filosof. Neoscol., ein ähnliches Wohlwollen. — Zugleich 
erstattet die Redaktion Bericht über die beiden Sitzungen der „Italienischen 
Gesellschaft für die philosophischen und psychol. Studien" vom 2. April 
1914 und 2. Juni 1914. In der Aprilsitzung fand eine lebhafte Diskussion 
statt über die „Kr it er iologie der Löwener Schule". Tredici, 
Professor im theologischen Seminar zu Mailand, legte eingehend die cha- 
rakteristischen und am meisten angefochtenen Sätze der Löwener Kriterio- 
logie dar und verteidigte deren Richtigkeit und deren Wert, verhehlte 
freilich auch nicht, dass einige Punkte noch der grösseren Klärung und 
Entwicklung bedürfen. Gegen Tredici erhoben sich Olgiati und Necchi; 
sie hoben vor allem die methodischen Schwächen der Problemstellung 
und Problemlösung der Löwener Schule hervor, worauf (nach einigen Be- 
merkungen von Marzorati und andern) Tredici nochmals für die Löwener 
eintrat, unter anderem auch durch den Hinweis darauf, dass anstelle der 
Löwener Lösung bis jetzt nichts Besseres gesetzt worden sei. — In der 
Juni-Sitzung sprach A. Gemelli über die Natur des Komischen 
unter Vorlegung seiner diesbezüglichen unter Külpes Leitung im Psycho- 
logischen Institut der Universität München angestellten experimentellen 
Untersuchungen. Der Vortrag sowie ein Auszug aus demselben sollen in 
einer der nächsten Nummern der Zeitschrift zur Veröffentlichung gelangen. 
— D. Lanna, Dio e l'odierno pensiero antieristiaiio. p. 342. Der 
Verf. untersucht zwei Fragen: „1. welches sind die fundamentalen Gesichts- 
punkte des mannigfachen Ansturms gegen die scholastischen Gottesbeweise? 
2. welche Widerstandskraft hat dieser Ansturm vor dem Forum der echten 
philosophischen Kritik" (343 f.)? — G. N. Borghino, Induzions e de- 
duzione nella matematica. p. 362 (Fortsetzung ; siehe Anno VI, Nr, 1). 
III. Die Deduktion. § 1. Allgemeine Begriffe. A. Sätze. Prinzipien. B. De- 
finitionen. C. Postulate. § 2. Die Prinzipien der Geometrie. A. Raum. 
B. Raumformen. C. Die Postulate in der Geometrie. § 3. Die Illation. 
Schlussergebnis: „I. Die Induktion hat vorwiegende Bedeutung -in der 
Mathematik als Fundamentalprozess, durch den der Geist von der Erfahrung 
auf dem Wege der Abstraktion sich mit Begriffen bereichert, aus denen 
die Wissenschaft sich entwickelt. IL Die Deduktion, in der Geometrie 
vorwiegend, in der Form, die sie geschichtlich in den vergangenen Jahr- 
hunderten annahm, hat Bedeutung als synthetisierende Form, durch die der 
Geist das wissenschaftliche System vervollkommnet und zur Voraussicht 
neuer Tatsachen befähigt wird. III. Die Induktion geht der Deduktion 
voraus, aber beide schliessen sich nicht gegenseitig aus, sondern vereinigen 
sich zu gegenseitigem Einklang und Ausbau". — E. Chiocchetti, La 
filosofia di Benedetto Croce. p. 397. II. Das System des Geistes (siehe 
(Anno VI, Nr. 2). 4. Die praktische Synthese a priori (Schluss). — M, 



Zeitschriftenschau. 125 

Brusadelli, Francesco Suarez. p. 417 (siehe Anno VI, Nr. 3). 13. 

Scholastiker und Thomist, bis zu welchem Grade? 14. Die konkreten 
Punkte des Abgehens vom hl. Thomas. 15. Der moderne und statistische 
Suarez bei Saitta. 16. Beispielserklärungen. 17. Vereinigung christlichen 
Philosophierens und christlichen Lebens. 18. Einzelpunkte. 19. Die Ma'teria 
prima gegenüber der forma substantialis. 20. Beziehungen zwischen Wesen- 
heit und Dasein ; was Suarez hierüber behauptet und was er nicht zu er- 
härten weiss. 21. Würdigung des Suarezianischen Standpunktes. 22. Der 
Gedanke des hl. Thomas und die theologische Seite des Problems. 23. Die 
Geschicke des Philosophen und Theologen Suarez. — II prof. B. Varisco 
e la filosofia dell' iinraanenza. p. 432. G. Tredici und C. äussern sich 
nochmals zur Immanenzphilosophie von Varisco. — Besprechungen. — 
Chronik der philosophischen Bewegung: 1. Die Auffassung und Lösung des 
kriteriologischen Problems seitens der Löwener Schule hat, wie 
sich bei den Debatten in der Aprilsitzung der „Italienischen Gesellschaft, 
für die philosophischen und psychologischen Studien" gezeigt hat, in den 
Kreisen der italienischen Neuscholastiker eine bemerkenswerte Erschütterung 
erlebt. Die Redaktion teilt schon seit langem diese Anschauung der Sach- 
lage. Die neueste Verteidigung der Löwener durch De Wulf in der 
Mainummer 1914 der „Revue Neoscolastique" und durch Noel in den 
„Annales de l'Institut superieur de Philosophie" (1913), in der „Revue 
l homiste" (März-April 1914) und in der „Chronique de lTnstitut de Philo- 
sophie" (Juli 1914) gibt die Redaktion wieder, ohne zu ihr Stellung zu 
nehmen. — 2. Die Redaktion gibt eine Uebersicht über Die Studien 
zur Geschichte der Philosophie des Franziskanerorden s ? 
wie sie niedergelegt sind in den „Franziskanischen Studien" der deutschen, 
in den „Studi Francescani" der italienischen, in der „Neerlandia Franciscana" 
der belgischen und im „Archivio Ibero-Americano" der spanischen Fran- 
ziskaner sowie in der „Bibliotheca Franciscana scholastica medii aevi" des 
Schriftstellerkollegiums der Franziskaner zu Quaracchi. In der Sammlung 
„Les Philnsophes beiges" hat A. De Poorter die „Eruditio regum et prin- 
cipum" des Franziskaners Guibert von Tournay veröffentlicht. 3. Günstige 
Aufnahme der Anregung zur Zentenarfeier Dantes. 4. Der Zentenarfeier 
Roger Bacons soll, wenn die Kriegsereignisse die Tätigkeit der Mitarbeiter 
nicht lahmlegen, das ganze Dezemberheft der Zeitschrift gewidmet sein. 
Hier eine Uebersicht über die zugesagten Beiträge: Brusadelli, Die Gestalt 
Roger Bacons; Bihl, Bio-Bibliographie R. Bacons; Spettmann, Die Philo- 
sophie R. Bacons ; Witzel, R. Bacon und die Bibelwissenschaften ; Schlund, 
R. Bacon und die Einzelwissenschaften ; Robinson, Neue Veröffentlichungen 
über R. Bacon. — Bericht über die am 10. Juni d. J. in London statt- 
gehabte Gedächtnisfeier zu Ehren R. Bacons. 5. Der neue Realismus 
nach der Darstellung Noels in der Juni-Nummer 1914 der „Chronique de 
l'Institut de Philosophie". 6. Neue Veröffentlichungen. 7. Zeitschriftenschau. 



126 Zeitschriftenschau. 

8. Eine Gesellschaft für das Studium der Religionspsychologie unter der 
Leitung von Stähl in. 9. Programm des für die Tage vom 31. August 
bis 7. September 1915 nach London einberufenen Fünften inter- 
nationalen Kongresses für Philosophie. 

B. Zeitschriften vermischten Inhalts. 

1] Zeitschrift für Philosophie und Pädagogik. Herausgegeben 
von 0. Flügel, K. Just und W. Rein. Langensalza 1913, 
Beyer. 

21. Jahrg., 1. Heft: R. ßoese, Theorie von C. S. Cornelius 
über Licht, Wärme und Elektrizität. S. 1. „Wenn nun auch 
die Ergebnisse der neueren Forschung zu einer andern Ansicht über den 
Aufbau der Materie geführt haben, indem sie als die Urbausteine nicht die 
Atome, sondern die Elektronen ansehen, wenn sie auch die Erscheinungen 
der Wärme und des Lichtes auf elektrische Zustände zurückführen, so ist 
das Resultat bei beiden Theorien dasselbe: die Erscheinungen der Wärme, 
des Lichtes und der Elektrizität beruhen auf Schwingungen desselben Welt- 
äthers". — 0. Conrad, Fichtes Idee der Nationalerziehung 
und die deutsche Lehrerschaft. S. 10. Zu Fichtes lUOjährigem 
Geburtstag. „Fichte ist geradezu ein Prophet des Deutschtums". — Mit- 
teilungen. 

2. Heft: J. Pokorny, Ueber durchgreifende logische 
Regeln, die sich ergeben, wenn man die Glieder der kate- 
gorischen Urteile als Thesen auffasst. S. 49. 97. Die Auffassung 
des Vf.s ist, „dass in jedem allgemeinen oder besonderen kategorischen 
Urteil sowohl das Subjekt als auch das Prädikat entweder die Setzung 
oder die Leugnung eines Begriffes ist" oder „eine positive oder negative 
Begriffsthese". — A. Griebel, Die Geometrie als Erkenntnis- 
problem. S. 57. 103. „Zwei grosse Probleme durchziehen die Geschichte 
der Geometrie und verknüpfen das Altertum mit der Neuzeit: Die Qua- 
dratur des Zirkels und der Beweis des Parallelenaxioms". „Es' ist auf- 
fallend, mit welcher Uebereinstimmung die Entdecker der nichteuklidischen 
Geometrie den Gegensatz zu Kant empfunden". — Mitteilungen. 

3. Heft: Fortsetzung des zweiten. 

4. Heft: Klempt, Die neu friesische Schule. S. 145. „Das 
alle Erkenntnisse beherrschende Gesetz bei Fries ist das Gesetz der Ein- 
heil". „Die Lehre von der Ahndung im ästhetischen Gefühl krönt das 
ganze System". — G. Vogel, Bodenreform und Schulwesen. 
S. 153. *201. 225. „Ein tieferes Verständnis für die soziale Fi age ist nicht 
möglich ohne Kenntnis der Bodenreform". — H. Schreiber, Die mo- 
llern e Element arklasse. S. 159. — Mitteilungen. 



Zeitschriftenschau. 127 

5. Heft: Klempt, Die neu friesische Schule. S. 193. 234. 
Otto ist ein warmer, begeisterter Vertreter der Friesschen Gedanken. Er 
ist nach ihm gerade jetzt höchst bedeutungsvoll, denn er gibt 1. eine 
einwandsfreie Aufweisung des religiösen Apriori, 2. den Nachweis der ob- 
jektiven Gültigkeit der Ideen. Vf. fällt im Anschluss an Fries und Otto 
das Urteil: „Zeit und Raum sind keine besonderen, ursprünglich im Men- 
schen fertig liegenden Formen des Denkens, sondern sie sind allmählich 
aus der Erfahrung gewonnen und in den Dingen der Aussenwelt gegeben". 
— Mitteilungen. — Besprechungen. 

6. lieft: Klempt, Die neufriesische Schule. S. 257. Fries 
adoptiert die Kantschen Kategorien, und doch ist 1. diese Theorie wider- 
sprechend, 2. erklärt sie das Gegebene nicht. Eine Form ohne Inhalt ist 
eine Melodie ohne Töne : Wir müssen die Aussenwelt nach unseren Formen 
denken, wissen aber nicht, ob sie so sind. Nach Herbart sind Kinder und 
Tiere von Kant vergessen worden, diese müssten doch auch die ange- 
borenen Formen haben. Fries selbst muss gefühlt haben, dass die Lehre 
von den Kategorien in der Luft schwebe. Er sucht sie zu begründen, 
aber in einer Weise, dass er Kant nicht erklärt, sondern ihm widerspricht. 
Fries trennt wissenschaftliche Formen von idealen Erkenntnissen. Das sind 
nach Herbart Formen, durch die nichts erkannt wird, leere gehaltlose 
Formen, Erkenntnisse, die keine Erkenntnisse sind. — Mitteilungen. — 
Besprechungen. 

7. Heft: Klempt, Die neufriesische Schule. S. 257. (Schluss.) 
„So kann also unser Gesamturteil über den Neufriesianismus nur dahin 
lauten, dass er vom Herbartsehen Standpunkte aus abgelehnt werden muss, 
und zwar in jedem Teile, sowohl inbezug auf die Erkenntnistheorie als 
auch hinsichtlich der Religionsphilosophie und der Ethik". — F. Falbrecht, 
Eine neue Methodik der lateinischen Sprache und ein 
Stundenbild daraus. S. 274. — Mitteilungen. — Besprechungen. 

8. Heft: M. Ratkowski, Die Weisungen der vier ethischen 
Ideen für das gesellschaftliche Wollen. S. 305. Der Vf. hat 
früher nachgewiesen, dass „die vier ethischen Ideen der Gerechtigkeit, des 
Wohlwollens, der Gewissenstreue, der Eintracht, dass es nur diese vier 
ethischen Ideen geben kann, und dass aus denselben echt ethische Grund- 
weisungen oder Grundgesetze der Sittlichkeit sich ergeben". Aber nur von 
den Ideen der Eintracht und der Gerechtigkeit können ethische Weisungen 
für das gesellschaftliche Wollen ausgehen. - - H. Schmidkunz, Gegen- 
stand, Begriff, Namen. S. 317. Beitrag zu einer pädagogischen 
Logik: res et conceptus et nomen. „Keine Wissenschaft und kein Lehren 
und Lernen kann mit einem der drei ohne Rücksicht auf die andern zwei 
zurechtkommen". Die nächste pädagogische Forderung ist: „Je niedriger 
die pädagogische Stufe, desto mehr muss der Unterricht von der res aus- 
gehen, je höher, desto mehr kann der Ausgang auch von der idea oder 



128 Zeitschriftenschau. 

von der oratio genommen werden. Namentlich der akademische Lehrende 
und Lernende muss von solchen Rücksichten unabhängig sein". — Mit- 
teilungen. — Besprechungen. 

9. lieft: M. Ratkowski, Die Weisungen der vier ethischen 
Ideen für das gesellschaftliche Wollen. S. 353. § 5. Die 
Weisungen für das Verhalten der Organe der Religionsgenossenschaften. 
§ 6. Für die Organe aller Gesellschatten, also auch der Staaten, gelten 
keine anderen Sittengesetze als für die Privatpersonen. § 7. Herbarts 
Auffassung der Weisungen der ethischen Ideen für das gesellschaftliche 
Wollen. Zur Erkenntnis der Sittengesetze für das gesellschaftliche Wollen 
bedarf es nicht der Aufstellung besonderer „gesellschaftlicher Ideen". Dazu 
genügen die richtigen Folgerungen aus den vier ethischen Ideen, der Ge- 
wissenstreue, des Wohlwollens, der Eintracht und der Gerechtigkeit. — 
H. Schmidkunz, Gegenstand, Begriff, Namen. § 8. Päda- 
gogische Folgerungen. § 9. Die Wahrheit. III. Abschnitt: Der BegriJ. 
Die Vorstellung überhaupt. Ihr Grundcharakter. — Mitteilungen. — Be- 
sprechungen. 

10. Heft: H. Schmidkunz, Gegenstand, Begriff, Name. 
S. 401. Das Bildmässige der Vorstellung. Die Kunst als blosse Vorstellung 
Inhalt und Akt der Vorstellung. Vorstellung und Erscheinung. Werte der 
Vorstellung. Vorstellung und Begriff. — Mitteilungen. — Besprechungen. 

11. Heft: Nekrolog auf den am 9. Juli in Dölau bei Halle ver- 
storbenen Pastor em. Dr. h. c. Otto Flügel. — H. Schmidkunz, Gegen- 
stand, Begriff, Name S. 467. „Die alte Forderung ,res non verba' isl 
mindestens missverständlich. Der Schüler befindet sich erst dann in Sicher- 
heit, wenn er Gegenstand und Begriff und Namen hat, d. h. kennt und 
kann". — Mitteilungen. — Besprechungen. 

12. Heft: Just und Rain zeigen das Eingehen der Zeitschrift wegen 
des Todes ihres Trägers und wegen der schweren Kriegszeiten an. — 
H. Schmidt, Die geistigen Grundlagen der religionslosen 
Sittlichkeit. S. 513. Entgegen der religiösen Sittlichkeit, die dem 
Kinde einen Katalog aller Fehler, die es erwerben, und aller Laster, die 
es erproben kann, und ihm dann unter Androhung einer schrecklichen 
ewigen Strafe befiehlt, nie in Versuchung zu fallen, ist die religionslose 
Sittlichkeit rein auf Tatsachen gegründet" (!). Es folgt ein Erziehungsplan 
nach dieser Sittlichkeit in 7 Stufen. — Mitteilungen. 



Miszellen und Nachrichten. 



Der Lichtäther ist neuerdings Gegenstand heftiger Diskussion unter 
den Physikern geworden, und zwar bezieht sich dieselbe nicht mehr 
lediglich, wie bisher, auf seine sich scheinbar widersprechenden Eigen- 
schaften, sondern bedroht seine Existenz. Die Frage steht in innigster 
Beziehung zum Relativität sprinzip, das die Geister so lebhaft 
beschäftigt. Eine gute Uebersicht über den Stand der Verhandlungen 
gibt die Antrittsrede des Leidener Professor P. Ehrenfest: „Zur Krise 
der Lichtätherhypothese" *). 

Den Ausgangspunkt der Erörterung bildet das sogenannte Michel- 
sonsche Experiment, welches dartut, dass die Bewegung eines Körpers 
die Geschwindigkeit des Lichtes nicht ändert, mag er sich der Licht- 
quelle entgegen oder ihr zu bewegen. Das Experiment ist sehr sinnreich, 
aber auch wegen seiner Kompliziertheit nicht so leicht verständlich. 
Darum ersetzt es Ehrenfest durch ein ideales Experiment, welches das 
Wesentliche des Miobelsonschen anschaulich hervortreten lässt. 

Er denkt sich einen Experimentator im Mittelpunkt einer grossen 
Hohlkugel mit vollkommen spiegelnder Wand. Der Durchmesser der 
Kugel soll so gross sein, dass das Licht eine Stunde braucht, um vom 
Mittelpunkt bis zum Rande zu gelangen, al.no, da das Licht in der Sekunde 
42000 m zurücklegt, eine Länge von 42 000.60.60 m. Der Experimentator 
läsat nun momentan eine sehr helle Lampe aufleuchten. Darnach sieht er 
zwei Stunden lang gar nichts; am Ende der zwei Stunden leuchtet die 
Obei fläche der Kugel einen Augenblick auf. Nun denke man sich auch 
eine Hohlkugel von derselben Beschaffenheit, die aber nicht ruht, sondern 
sich mit dem Experimentator im Räume bewegt, etwa mit Vio der Licht- 
geschwindigkeit. Geht die Bewegung der des Lichtes entgegen, so wird 
die Zeit der Aufhellung kürzer werden, hat sie die Richtung des Lichtes, 
so wird die Zeit sich verlängern. Jedoch wird das Ergebnis von ver- 
schiedenen Forschern verschieden angegeben. Nach der Newtonschen 
Emissionstheorie sieht der zweite Beobachter dasselbe wie der erste: das 
gleichzeitige Aufleuchten der ganzen Kugelfläche. Ebenso wenn man mit 
Stockes und Hertz das Licht als einen Wellenvorgang des Aethers 

l ) Beilin 1913. Ein ausführliches Referat in „Naturwissenschaft" 1914 
S. 350 ff. 

Philosophisch« Jahrbuch !•!&. 9 



130 Misz eilen und Nachrichten. 

ansieht, der von den bewegten Körpern mitgeführt wird. Soll aber der 
Aether ruhen und der bewegte Körper sich hindurch bewegen, wie 
Fresnel und Lorentz annehmen, so muss nach zwei Stunden 
Dunkelheit zuerst der Äequator der Kugel (der grösste Kreis, der auf 
der Bewegungsrichtung senkrecht, steht) aufleuchten, weiter rücken zwei 
leuchtende Breitenkreise vom Äequator und symmetrisch nach den Polen 
hin, dann wird es wieder finster. 

Aber der Michelsonsche Versuch zeigt, dass beide Beobachter genau 
dasselbe sehen. Da nun die Newtonsche Emissionstheorie aufgegeben ist, 
und die Mitbewegung des A-thers durch Fizeau und Eichenwald wider- 
legt sein soll, so muss die Identität bei beiden Erscheinungen anders 
erklärt werden; dies geschieht sehr verschieden von Lorentz, Einstein 
und Ritz. Einstein nimmt an, dass die Bewegung durch den ruhenden 
Aether die Kräfte zwischen den Molekülen und die Form der Elektronen 
verändert, und zwar mit einer Gesetzmässigkeit, dass bei Bewegung und 
Kühe des Körpers das Licht mit derselben Geschwindigkeit sich fort- 
pflanzt. Wenn der Experimentator mit grosser Geschwindigkeit sich be- 
wegt (nur nicht schneller als das Licht), so werden auch seine Mess- 
instrumente in derselben Weise verändert. „Der durch das bewegte 
Laboratorium hindurchbrausende Aetherwind stört den Ablauf der Pro- 
zesse, mit denen der Experimentator operiert ; derselbe , Aetherwind' ver- 
dirbt aber auch — wenn wir uns so ausdrücken dürfen — die Mess- 
instruraente des Experimentators, er deformiert die Massstäbe, verändert 
den Gang der Uhren und die Federkraft der Fernwagen". „Wenn nun 
der Experimentator die durch den , Aetherwind' gestörten Prozesse mit 
seinen Instrumenten beobachtet, die derselbe , Aetherwind' verdorben hat, 
dann sieht er exakt das, was der ruhende Beobachter an den ungestörten 
Prozessen mit den unverdorbenen Instrumenten beobachtet hat". Im 
Falle des Kugelexperimentes wird durch den , Aetherwind' die Kugel in 
der Richtung ihrer Bewegung abgeplattet gerade um so viel, dass das 
Licht in jeder Richtung gleich lange braucht, um vom Mittelpunkt an den 
Rand und von da zurückzugelangen. 

Einstein und Ritz leugnen die Existenz des Aethers, da alle Ver- 
suche, einen Aetherwind nachzuweisen, negative Resultate ergaben. Mit 
Beseitigung des Aethers als Vermittler der Lichtfortpflanzung müssen 
sie annehmen und behaupten, dass die Elektronen der Körper einander 
die elektromagnetischen Impulse und das Licht durch den leeren Raum 
zuwerfen, womit sie sich der Newtonschen Auffassung des Lichtes nähern. 
Beide unterscheiden sich darin, dass nach Einstein die Lichtgeschwindig- 
keit sich nicht ändert, wenn die Lichtquelle sich uns nähert, nach Ritz 
aber vergrössert wird. Nach Einstein werden die Messinstrumente die- 
selbe Veränderung erleiden, wie sie die Lorentzsche Theorie verlangt, 
während nach Ritz keine Kontraktionen stattfinden. Solche Kontraktionen 



Miszellen und Nachrichten. 131 

sind in der Tat sehr unwahrscheinlich, und selbst ein Verteidiger des 
Einsteinschen Relativitätsprinzips, M. Born, nennt in einer Besprechung 
von Lorentz', Einsteins, Minkowskis „Relativitätsprinzip* dasselbe eine 
„erstaunliche Hypothese 8 . Und Ehrenfest, der ihr grosse Einfachheit 
und Einheitlichkeit nachrühmt, muss gestehen, dass sie drei Sätze 
einschliesst, die wir zugeben müssten: „1. Die Lichtquellen werfen uns 
die Lichtsigoale als selbständige Gebilde durch den leeren Raum zu, 
2. An d«n Lichtstrahlen einer Quelle, die auf uns zuläuft, und an einer 
andern Quelle, die Tor uns ruht, würden wir bei tatsächlicher Messung 
dieselbe Geschwindigkeit beobachten. 3. Wir erklären, dass uns die 
Kombination dieser beiden Aussagen befriedigt!!!" 

Die Ritzsche Erklärung stösst auf Schwierigkeiten, die bis jetzt 
nicht gelöst sind. B-ide sind unhaltbar, weil eine Wirkung in die Ferne 
eine innere Unmöglichkeit ist. 

Einen experimentellen Beweis für die Existenz des Lichtäthers hat 
G. Sagnac geliefert. „Die Naturwissenschaften" 1 ) berichten darüber: 

Auf einer rotierenden Scheibe bringt er ein Interferometer und eine 
Lichtquelle an, deren Licht er einfarbig macht und polarisiert. Das so 
erhaltene Lichtbündel wird an einer zwischen zwei Spiegeln einge- 
schlossenen Luftschicht in zwei Teile zerlegt und beide Teile an vier 
am Rande der Scheibe befestigten Spiegeln rings um die Scheibe herum- 
reflektiert. Der eine Teil umkreist hierbei die Scheibe rechts herum 
und der andere links herum. Nach Umkreisen der Scheibe gelangen beide 
Teile in dem Fernrohr des Interferometers zur Interferenz, die eine 
photographische Platte hinter ihm aufzeichnet. So lange die Scheibe in 
Ruhe ist, löschen die beiden übereinander gelagerten Teilbündel sich 
gegenseitig aus. Bei Eintritt einer Drehung zieht sich aber das bisher 
dunkle Feld in eine zentrale Franse zusammen, die auf beiden Seiten 
von parallelen Fransen begleitet wird. Je nachdem nun die Scheibe nach 
rechts oder nach links herumgedreht wird, verschiebt sich die zentrale 
Franse, was die photographische Platte genau feststellt, und durch diese 
Verschiebung wird die Existenz des Lichtäthers festgestellt. Denn ebenso 
wie die Beobachtung des Einflusses, den der Wind auf die Geschwindig- 
keit des Schalles ausübt, uns zu der Annahme einer Atmosphäre veran- 
lassen würde, falls keine anderen Gründe dafür vorlägen, so zwingt uus 
die Wirkung, welche der zu dem optischen System relative Aetherstrom 
bei den Interferenzerscheinungen zeigt, die Existenz eines Lichtäthers 
anzunehmen . . . Messungen zeigen, dass die Geschwindigkeit der Fort- 
pflanzung des Lichtes unabhängig ist von der Bewegung der Lichtquelle 
und des optischen Systems. Diese Eigenschaft des Raumes charakteri- 
siert experimentell den Lichtäther. 

') 1914 S. 379. 

9* 



13 l 2 Mi s zellen und Nachrichten. 

Ueber die Konstitution der Materie liefert in Verbindung mit der 
Elektronentheorie überraschenden Aufschluss der sogenannte „Zeemansche 
Effekt 8 . Durch Faradays Untersuchungen angeregt fand dieser englische 
Physiker mit besseren Instrumenten, Spektroskopen von grosser Auflösungs- 
kraft, Gitter- oder Interferenzplatten und grossen Elektromagneten: Unter 
der Wirkung eines starken Magnetfeldes spalten sich die Spektrallinien 
in drei Teile, von denen die mittlere von unveränderter Wellenlänge 
Schwingungen in der Richtung der magnetischen Kraftlinien ausführt, 
während die zwei anderen noch grösseren bzw. kleineren Wellen ver- 
schoben sind und sich auf kreisförmigen Bahnen in einer Ebene senk- 
recht zu den Kraftlinien bewegen. Man nimmt alle drei Komponenten 
wahr, wenn man die Spektrallinien in der Richtung senkrecht (trans- 
versal) zum Feld beobachtet. In der Richtung der Kraftlinien sieht man 
nur die zwei äusseren zirkulär polarisierten Komponenten (Longitudinal- 
eflekt), die Schwingungen der mittleren Komponenten, da sie nicht 
transversal sind, können dann nicht als Licht wahrgenommen werden. 

Nun kann man aber nach der Lorentzschen Theorie aus der Grösse 
der Wellenlängenänderung der äusseren Komponenten das charakteristische 
Verhältnis von Ladung zu Masse (° m) bestimmen und aus dem Drehungs- 
sinn der kreisförmigen Schwingungen das Vorzeichen der Ladung der 
schwingenden Zentren. Die so gefundenen Werte sind aber identisch mit 
den entsprechendeu der Elektronen, die man als die /S-Strahlen der 
radioaktiven Substanzen ansieht. 

Indes ist diese Dreispaltung zwar die normale, sie findet sich an den 
Helium-, dem grösseren Teile der Eisen- und Titanlinien, sehr häufig 
treten aber komplizierte Effekte auf: es gibt 4, 5 bis zu 17 Spaltungen. 
Aber vereinfacht wird diese Komplikation erstens dadurch, dass alle Linien 
einer und derselben Serie eines Elementes und entsprechende Serien ver- 
schiedener Elemente genau dieselbe Zerlegung zeigen; zweitens dadurch, 
dass in sehr starken Magnetfeldern viele komplizierte Effekte auf den 
normalen sich reduzieren". Serien der Spektrallinie eines Elementes nennt 
man Linien, deren Lage im Spektrum einfache Gesetzmäs.vigkeit zeigt, 
so dass man aus der Wellenlänge einiger weniger die der übrigen genau 
berechnen kann. Diese Serien verhalten sich auch ganz ähnlich zum 
magnetischen Felde. 

Eine noch feinere Zerlegung der Wasserstofflinie fand J. Stark. 
Er zeigte 14 parallele und 14 senkrechte Komponenten. 

Protagoras, Nietzsche und Stirner betitelt sich eine Schrift von 
B. Lachmann 2 ). Ein würdiges Triumvirat, das aber der Vf. glaubt noch 



') Die Naturwissenschaften 1914 S. 352 f. 

-') Ein Beitrag zur Philosophie des Individualismus und Egoismus. Berlin 



1914. 



Miszellen und Nachrichten. 133 

ergänzen zu müssen, da nicht einmal von Stirner, dem radikalsten Egoisten, 
„die stärkste und natürlichste Begründung des Egoismus in den Bereich 
der Untersuchungen gezogen worden ist". Diese Begründung gibt er 
am Schlüsse selbst. Nietzsche wird am niedrigsten eingeschätzt, es wird 
ihm sogar die Originalität abgesprochen; Protagoras ist der Bahnbrecher. 
„Den Einfluss des Protagoras spüren wir bis in die letzten Schriften 
Nietzsches, und jene Lehre ist der Grundstein seiner Philosophie ge- 
worden" (14). 

Dagegen zeigt sich in Protagoras „die Kraft des Genies" : 

„War so in gewissem Sinne durch Heraklit und Parmenides das Feld 
urbar gemacht, so ist dennoch das Auftreten des Protagoras eine 
gewaltige und für die ganze weitere Entwicklung der Philosophie ent- 
scheidende Tat". 

„Mit der souveränen Kraft des Genies durchbricht er die ängstlich 
aufgebauten Theorien, die schwankenden unsicheren Hypothesen und stellt 
an ihre Stelle den Fundamentalsatz, der Jahrtausende lang die Basis 
für ganze philosophische Richtungen gewesen ist: >Der Mensch ist das 
Mass aller Dinge, der seienden, dass sie sind, der nicbtseienden, dass sie 
nicht sind. Und wie ein jedes einem jeglichen scheint, so ist es für ihn . 

„Mit bewundernswerter, genialer Kühnheit hebt er den Menschen in 
den Mittelpunkt der Weltbetrachtung; noch mehr, er macht ihn aus 
dem Objekt der Erkenntnis zum Subjekt und verlässt damit alle bisher 
begangenen Bahnen*. 

„Leider ist das Werk des Protagoras ,Die Wahrheit', das mit diesem 
Satze begann, verloren gegangen, und es stehen uns nur spärliche Be- 
richte für die Kenntnis des Protagoras und seine Philosophie zur Ver- 
fügung. Aber auch diese genügen, um uns die grosse starke Persönlich- 
keit ahnen zu lassen und uns mit tiefem Staunen zu erfüllen, wie dieser 
geniale Mensch weit über seine Zeit hinaus mit klarem Blicke in die 
Welt gesehen hat". 

Diesem gewaltigen Denker gegenüber spielt ein Sokrates, Plato, 
Aristoteles eine klägliche Figur. Schon die Mitteilungen Piatos über 
Protagoras werden verdächtigt, er soll „sicherlich manches missverstanden, 
manches seiner eigenen Glorifizierung oder der des Sokrates wegen un- 
richtig wiedergegeben haben". 

Sie werden als schwache Wirrköpfe gebrandmarkt: 

„Natürlich musste seine Lehre in den Köpfen derer um Sokrates, so 
sie sich um scharfe Trennung zwischen Sein und Schein bemühten, heil- 
lose Verwirrung anrichten, und die leider nur wenigen Dialogstellen 
in denen solche Gegensätze zum Ausdruck kommen, sind amüsant und 
interessant. So versteigt sich Sokrates -Plato bis zu der Bemerkung: 
Nur der Anfang des Satzes befremdet mich, dass er nicht im Sinne 
seiner ,Wahrheit' sagt: Das Mass aller Dinge ist das Schwein oder der 



134 Miszellen und Nachrichten. 

Pavian oder noch ein sonderbareres Wesen, das Wahrnehmung9gabe hat. 
Wie wenig hat doch Plato den Satz des Protagoras verstanden oder 
verstehen wollen l" 

Nun, wir glauben, dass Plato zum mindesten ebenso viel Verständnis 
für die Lehre des Protagoras und aufrichtigen Willen, sie zu verstehen, 
gehabt, als sein Verehrer im 20. Jahi hundert. Es soll dies ja keine direkte 
Widerlegung sein, sondern ein argumentum ad hominem, speziell ad 
verecundiam. Wenn der Wahrheit alle objektive Bedeutung abgesprochen 
wird und sie nur relativ zu dem Erkennenden Bedeutung hat, so ist auch 
für das Schwein und den Pavian das ihm Wahrscheinende, das Nützliche 
gerade so wahr, wie das, was dem Menschen wahr d. h. ihm angemessen 
zu sein scheint. 

Doch die Bedeutung des Protagoras ist keine bloss zeitgenössische 
gewesen, seine Lehre hat weltgeschichtliche Bedeutung : 

„Die von Protagoras begründete Lehre von der Relativität aller Wert- 
urteile und der Ethik als Nützlichkeitstheorie verschwindet nicht mehr 
aus dem Gebiete der Philosophie. Wohl zeitweise zurückgedrängt, er- 
scheint sie immer wieder, zu den verschiedensten Zeiten und Epochen, 
stets weiter ausgebaut, neugewonnene Resultate der Wissenschaft be- 
nutzend. Aber stets klingt das Grundmotiv durch : ,Der Mensch ist das 
Mass aller Dinge*. " Fr. Nietzsche und M. Stirner haben das Werk ge- 
krönt, wobei Stirner, obgleich der Zeit nach früher als Nietzsche, doch 
das Hauptverdienst gebührt, weil Nietzsche „vom Standpunkte der Ent- 
wicklung der Lehre der Zurückgebliebene ist". 

Dagegen Stirner: 

„Es ist nicht möglich, die ganze überwältigende Persönlichkeit 
Stirners, wie sie uns aus seinem Werke entgegentritt, im Rahmen dieser 
Arbeit wiederzugeben, und ich muss mich darauf beschränken, ähnlich 
wie bei Nietzsche, aus seinem Werke einzelne Stellen herauszuheben, 
um an Hand dieser die Entwicklung zu schildern. Nietzsches Art ent- 
gegengesetzt ist das Werk Stirners in klarer, prägnanter Form und 
Sprache geschrieben. Scharf, klar, temperamentvoll — so ist dieses Buch 
im wahren Sinne aufrüttelnd und überwältigend". 

Das Ich ist Stirner das Einzige und Alles : 

„Gott und die Menschheit haben ihre Sache auf Nichts gestellt, auf 
nichts als auf Sich. Stelle Ich dann meine Sache gleichfalls auf Mich, 
der ich so gut wie Gott das Nichts von allem andern, der Ich mein Alles 
der Ich der Enzige bin". 

„Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache des Menschen. 
Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das 
Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige, und sie ist 
keine allgemeine, sondern ist einzig, wie Ich einzig bin. Mir geht 
nichts über Mich". 



Miszellen und Nachrichten. 135 

„Man steckt in unverrückbaren, wahren, heiligen Begriffen". „Heilig 
die Wahrheit, heilig das riecht, das Gesetz, die gute Sache, die Majestät, 
die Ehre, das Gemeinwohl, die Ordnung, das Vaterland usw. usw.". Wir 
alle stecken tief in diesem Chaos von Begriffen, aber es sind „Sparren", 
„fixe Ideen". „Aus fixen Ideen entstehen die Verbrechen. Die Heiligkeit 
der Ehe ist eine fixe Idee. Aus der Heiligkeit folgt, dass Untreue ein 
Verbrechen ist". „Da stossen wir auf den uralten Wahn der Welt, die 
des Pfaffentums noch nicht zu entraten gelernt hat". 

Das sind Auslassungen eines Tollhäuslers, aber Lachmann noch nicht 
toll genug, jedenfalls noch nicht hinreichend begründet. 

„Wie willst Du mir den Wert begreiflich machen, den Du einer 
Sache beilegst? . . . Diese Unmöglichkeit, eine Verständigung über die 
Auffassung der Werturteile eines andern zu erlangen, diese, wie mir 
scheint, stärkste und natürlichste. Begründung des Egoismus, ist noch 
von keinem, auch von Stirner nicht, in den Bereich der Untersuchungen 
gezogen worden . . ., sie soll Gegenstand einer neuen Arbeit werden". 

Dieser Standpunkt scheint ganz unwiderleglich ; denn meine Wider- 
legung ist nur für mich wahr, ich kann ja auch gar nicht wissen, was 
für ihn gut und wahr ist. Wohl, aber dann ist auch seine ganze Schrift 
nur für ihn wahr; nicht für andere; denn er erklärt ausdrücklich, dass 
nach Protagoras das Mass der Wahrheit nicht der Mensch im allgemeinen, 
die Menschheit, sondern der einzelne sei. Warum hat er es doch ge- 
schrieben, doch wohl für andere; den andern ist es ja auch rein unmög- 
lich, ihn zu verstehen. Also mög^ er die „ anderen* wenigstens mit der 
neuen Arbeit verschonen. 

Ueber die psychischen Unterschiede von Knaben und Mädchen 
haben die Engländer C. Burt und R. C. Moore 1 ) experimentelle Unter- 
suchungen angestellt, speziell zur Beantwortung der Frage, ob für die 
zwei Geschlechter ein gemeinsamer Unterricht möglich sei. Sie kommen 
zu dem Ergebnisse: „Die Korrelation zwischen der Grösse der sexuellen 
Verschiedenheit und der Grösse der Einfachheit, der zum Vergleich 
Herangezogenen ist eine sehr hohe, aber je grösser und komplizierter 
die Fähigkeit wird, um so kleiner wird die Verschiedenheit zwischen den 
Geschlechtern". Da also beim Schulunterricht sehr komplizierte Tätig- 
keiten der Schüler in Anspruch genommen werden, so verlangte die 
sexuelle Differenz, die nur bei einfachen Leistungen sehr bedeutend ist, 
eine Trennung des Unterrichtes. Damit ist aber, wie man glauben könnte, 
die Koedukation in keiner Weise experimentell beseitigt. Erziehung 
und Unterricht sind zwei sehr verschiedene Dinge. Aus der Gemeinsam- 
keit des Unterrichtes lässt sieb nicht auf Gemeinsamkeit der Erziehung 



') The Mental Differences between Sexes. Journ. of Ped. and Training. 
Ausführliches Referat im Arch. f. d. ges. Psychol. 1913 S. 215. 



136 Miszellen und Nachrichten. 

schliessen. Die Erziehung soll für das Leben, den Beruf heranbilden, 
die Frau hat aber einen ganz anderen Lebensberuf, wie der Mann. Die 
Erziehung soll die Individualität zu ihrer naturgemässen Entwicklung 
und Vollkommenheit heranbilden. Das Ideal der Weiblichkeit ist eben 
ein ganz anderes als das der Männlichkeit, sie stehen zum Teil in 
starkem Gegensatze zu einander. 

Damit hängt zusammen, dass für die Knaben Fächer notwendig oder 
nützlich werden, die für die Mädchen ohne allen Wert sind. 

Unterricht und Erziehung sind verschieden, aber in der Schule 
dürfen sie nicht von einander getrennt werden. Der Schule, insbesondere 
der Volksschule, fällt die unerlässliche Aufgabe zu, neben dem Unter- 
richte die Erziehung der Schüler in Verbindung mit den Eltern in die 
Hand zu nehmen. Also ist für die Volksschule die Koedukation ein 
Verderben, sie beeinträchtigt die dem weiblichen Geschlecht spezifische 
notwendige Erziehung. Doch sehen wir uns die Resultate des Experi- 
mentierens näher an. 

Die einfachste niedrigste Funktion, die Empfindlichkeit der 
Haut, wurde durch das Aesthesiometer geprüft. Dieselbe zeigt keine 
bemerkenswerte Korrelation mit der Intelligenz, aber die grösste Differenz 
zwischen Knaben und Mädchen, letztere sind fast zweimal so empfind- 
lich wie Knaben, und ein ähnliches Verhältnis besteht auch zwischen 
Erwachsenen. Auch die Schmerzempfindung ist beim Weibe heftiger, 
wohingegen anhaltenden, tiefergehenden Schmerz das Weib leichter trägt. 
Kinder von Arbeitern und Landbewohnern haben kleinere Raumschwellen 
als Erwachsene und Kinder von Kulturvölkern. Daraus schliessen die 
Verff., dass in dieser niedrigen Sphäre das Weib den Wilden und Kindern 
noch näher steht. 

Bei kinästhetischen Eindrücken sind die Knaben um 40% voraus, 
also gerade umgekehrt wie bei den Raumschwellen. Vielleicht kommt 
dies von der grösseren motorischen Uebung. 

In Bezug auf Geruch sind die Knaben, in Bezug auf Geschmack 
nach Thomson die Mädchen voraus. In B zug auf das Gehör waren 
die Mädchen und Frauen den Knaben und Männern überlegen, indem 
sie geringe Unterschiede der Schwingungen der Stimmgabel wahrnahmen. 
Desgleichen in Bezug auf Farbenunterschiede. Aber Raumlängen, 
Helligkeitsunterschiede schätzten die Knaben und Männer genauer, auch 
war die Schwelle für geringe Helligkeiten für sie niedriger. Diese 
D.ffrenzen der einfachen Sinneswahrnehmungen kehren in j-dem Alter 
wieder, weshalb sie nach den Vff. nicht erworben, sondern angeboren 
sein müssen. In Bezug auf Farbenwahrnehmung dürfte dies nicht zu- 
treffen, da das männliche Geschlecht sich weit mehr mit Farben beschäftigt 
und für sie interessiert, als das weibliche. 



Miszellen and Nachrichten. 137 

Bei der zweiten Gruppe der Untersuchungen, der der komplexen 
Wahrnehmungen und motorischen Prozesse, ist der Unterschied 
geringer, sie zeigt eine stärkere Korrelation zur Intelligenz. 

Bei gebundenen Reaktionen sind die Mädchen manchmal im Vorteil 
und zwar besonders bei komplizierteren Versuchen, doch ist dies nur in 
Bezug auf Schnelligkeit der. Fall: korrekter und geschickter reagieren 
die Knaben. Dies zeigte «ich besonders deutlich beim , Punkt-Mustern". 
Test, der zugleich die Aufmerksamkeit prüft und folglich die Intelligenz, 
gab den Mädchen den Vorzug, aber nur, wenn er nur kurze Zeit 
fortgesetzt wurde, bei längerer Dauer den Knaben. Dies ist der einzige 
Test, der gegen das Gesetz spricht, dass die grössten Intelligenz- 
kcffizienten mit den geringsten sexuellen Differenzen parallel gehen. 
Diesem Mangel an andauernder konzentrierter Aufmerksamkeit ist wohl 
auch die geringere geistige Produktionsfähigkeit des Weibes zuzuschreiben, 
freilich mag auch der Mangel an Uebung, das reichlichere ablenkbare 
Gefühlsleben, was die Vff. betonen, mit schuld sein. 

Das Gedächtnis der Mädchen zeigt sich konstant besser als das 
der Knaben, doch nur im Bilden neuer Assoziationen, umgekehrt beim Re- 
produzieren alter. Namentlich bei den „freien Assoziationen" waren die 
Knaben mit 35% im Vorteil, geringer war die D.fferenz bei den ge- 
bundenen Assoziationen; nur wenn mathematische Kenntnisse voraus- 
gesetzt werden müssen, sind die Männer günstiger gestellt. 

Um das Denken und Urteilen zu prüfen, wurden die Aufgaben 
gestellt: 1. ein logisches Gegenteil zu finden, 2. Analogien, 3. Syllo- 
gismen zu beurteilen, entweder falsche und richtige zu unterscheiden 
oder ausgelassene Prämissen zu ergänzen, 4. Vollendung eines Beweises. 
Es werden wichtige Worte ausgelassen, die Versuchsperson hat sie zu 
ergänzen. Nur beim AnalogWest hatten die Mädchen einen Vorsprung, 
sonst zeigten sich wenige Differenzen zwischen den Geschlechtern. Nur 
bei einer für die Knaben interessanteren Geschichtserzählung waren diese 
mit 31 % im Vorteil. 

Den grössten Wert legen die Vff. auf den Test der „fortlaufenden 
Korrelation' . Den Kindern wird aufgetragen, 100 Worte, wie sie sich 
am schnellsten darstellen, niederzuschreiben, ein Anfangswort kann an- 
gegeben werden. Vff. finden, wie auch schon in Amerika Jastrow, eine 
grössere Einheitlichkeit im Denken gegenüber der Variabilität der Männer. 
Erstere sind persönlicher und subjektiver in ihren Interessen, die letzteren 
unp-rsönlicher und objektiver. 

Aehnliche Ergebnisse fanden andere Forscher durch den Test der 
„diskreten Assoziationen": die Knaben antworten schneller, doch bei 
stärkeren Emotionen werden auch sie langsamer. 

Aus diesen Untersuchungen folgern die Vff. die Zweckmässigkeit der 
Koedukation oder doch der Parallelerziehung. Dass diese Folgerung 



138 Miszellen und Nachrichten. 

unlogisch ist, haben wir bereits bemerkt; die Resultate werden zu ein- 
seitig berücksichtigt. Dieselben sind aber auch an sich nicht einwand- 
frei. In einer Besprechung derselben bemerkt Lucy Loesch-Ernst, die 
selbst umfassendere Untersuchungen an deutschen, englischen und ameri- 
kanischen Schulkindern angestellt hat, dass die Experimentatoren eine 
wichtige Fehlerquelle nicht gebührend gewürdigt haben, dieselbe besteht 
darin, „dass die Knaben und Mädchen gerade in dem Alter zwischen 
12 1 . * und l^'a Jahren mit einander verglichen wurden, denn in diesem 
Alter sind sie nur scheinbar in der körperlichen Entwicklung einander 
am nächsten, hervorgerufen durch eine Verlangsamung des Wachstums 
der Knaben, die vor dem plötzlichen Aufschwung der 3 — 4 Jahre 
dauernden, der Pubertät vorausgehenden, erhöhten Entwicklung stehen, 
und dem schon begonnenen verstärkten Wachstum der Mädchen, die 
schon mitten in dieser Entwicklungsperiode begriffen sind. Es ist wieder- 
holt nachgewiesen, dass diesem erhöhten Wachstum vor vollendeter 
Pubertät auch eine erhöhte geistige Energie parallel geht, die nach 
vollendeter Pubertät wieder zurücksinkt. Diese erhöhte Entwicklung käme 
bei einer Untersuchung von Kindern in diesem Alter nur den Mädchen 
zu gute". 

Diese Fehlerquelle mindert allerdings die mathematische Genauigkeit 
der Feststellung der geistigen Unterschiede der Geschlechter. Aber auf 
das Gesamtergebnis der Untersuchuug hat sie keinen Einfluss. Denn 
die durch die Experimente festgestellte allgemeine Superiorität der 
Knaben muss in Anbetracht der körperlichen Verhältnisse höher ange- 
setzt werden; die ausnahmsweise Superiorität der Mädchen bzw. ihre 
Gleichheit mit den Knaben muss herabgemindert werden. 

Da3 wäre aber dann keine neu experimentelle B'eststellung, sondern 
die allbekannte Tatsache, dass im allgemeinen das weibliche Geschlecht 
gegen das männliche von Haus aus geistig etwas zurücksteht. Dieselbe 
Inferiorität wäre aber in den Jahren vor uud nach der Pubertät auf- 
gehoben. Tatsächlich will auch Lucy Loesch-Ernst bei ihren Versuchen 
wenig Unterschied gefunden haben und spricht sich demgemäss mit Burt 
und Moore für gemeinsamen Unterricht aus. Dabei kommt sie mit ihren 
eigenen Aufstellungen, den Einwänden gegen Burt und Moore in Kon- 
flikt, dena die erhöhte Entwicklung in der Zeit vor und in den Pubertäts- 
jahren geht vor allem auf das Gefühlsleben, und insbesondere sind es 
die sexuellen Gefühle, die sich da zu regen pflegen. Gar manche Mäd- 
chen erreichen schon in den Schuljahren die völlige Reife. Und dass 
auch den Knaben diese Gefühle nicht fremd sind, beweisen die Liebes- 
briefe, die bereits in der Schule gewechselt werden. 

Die Koedukation muss also für diese Jahre verhängnisvoll wirken, 
sie liefert den noch unbestimmten Gefühlen die konkreten Gegenstände. 
Es ist also ein offenbarer Fehlschluss von Loesch-Ernst, wenn sie für 



Miszellen und Nachrichten. 139 

die Koedukation anführt, die Unterschiede zwischen den Leistungen der 
Knaben seien nicht grösser als die zwischen Knaben und Mädchen. Die 
Knaben stehen gefühlsmässig einander indifferent gegenüber, Knaben und 
Mädchen aber verhalten sich gefühlsmässig wie einander anziehende ent- 
gegengesetzte Pole. 

Sodann sucht man ja auch neuestens die Knaben nach ihrer Be- 
gabung im Unterricht zu trennen. Es lässt sich nur schwer ausführen 
und ist der Trennungspunkt schwer festzusetzen. Für juDge Mädchen 
ist die Trennung bei dem Uebeifluss an ausgezeichneten Lehrerinnen 
und dem in die Augen springenden Unterschied des Geschlechtes sehr 
leicht. 

„ Weltanschauung der notwendigen Selbstentstehuug" x ). Die 
unten angeführte Schrift trägt die Widmung: „Zur Ehre der Ergründung 
des Grundprinzips der Schöpfung und des Tätigkeitsprinzips in der 
Natur (Grundkraft) seiner lieben Vaterstadt Hannover gewidmet". Es 
steht aber sehr zu befürchten, dass die liebe Vaterstadt diese nicht zu 
würdigen weiss, da diese „höhere Erkenntnis" ihre Fassungskraft über- 
steigt. Als Beleg führe ich einige Hauptgedanken als Folgerungen der 
tiefgründigen Spekulation des Verf.s an. 

„Folglich ist die Weltseele als Attributivwesenheit (Beschaffenheit 
und Eigenschaft) der inneren Zustandsform des Raumes:* 

,1. Die Wirkung der Ursächlichkeit des unmittelbaren Grundes 
der ,Ausdehnung im allgemeinen' durch den Weltgeist, also das ,Sein 
der Kaltform (innere ideale Ursprungsbeschaffenheit) des Raumes'." 

,2. Die Wirkung des mittelbaren Grundes der , Ausdehnung im 
allgemeinen 4 in der Form der Radiation derselben aller Punkte des 
Raumes, also die Wirkung als das , Werden der Warmform innerhalb der 
Kaltform (Relativzustand) mit dem damit verbundenen Auftreten (Ent- 
stehung) der substanziellen idealen Grundformen (Kreisformen)'. " 

r 3. Die Wirkung der Ursächlichkeit der müssenden Umwandlung der 
Idealformen (Kreisformen) in Realformen, in Gestaltungen substanziell- 
atomistischer Schwingungen bzw. physikalisch-chemischer Transmissions- 
wellen (Duo, Trio, Quarzo etc.) als Ursächlichkeit der realen Entwicklung". 

„Als , Sein' vollbrachter (beschaffter), bewusster , Ausdehnung' bzw. 
als aprioristische Ausgedebntheit ist die Beschaffenheit der inneren Zu- 
stand-forra des Raumes: die , Wesenheit der Empfindung' als Eigenschaft. 
Ist das ,Sein der Ausdehnung' die .Wesenheit der Empfindung als Eigen- 
schaft', ist also die Eigenschaft der Beschaffenheit der inneren Zustands- 
form des Raumes aus der , Ausdehnung im allgemeinen' entstanden, dann 
muss dem , Grundwesen des kontradiktorischen Prinzips' gemäss die 

') Die Welt der höheren Erkenntnis und der Ueberzeugung, von A. Sin- 
ram. Hamburg 1914, Kommiss. C. Behre. 



140 \lisz eilen und Nachrichten. 

Grundtendenz der Ausdehnung mittels der Eigenschaft (Empfindsam- 
keit) der Zustandsform des Raumes innerhalb des , Kampfes der überein- 
stimmenden Radialausdehnungstendenz' zur Zusammenziehung der 
Be8chaffenheitsform des Raumes fuhren, so dass dss innere , Grundgesetz' 
aus Notwendigkeit das ,der Ausdehnung und ZusamraenziehuDg' ist". 

,Aus Ausdehnung (Agens) und Zusammenziehung (Reagens) entstanden, 
ist die ,Welt der Realformen' in ihrer Wesenheit der Uebereinstimmung 
der idealen dualistischen Grundgesetzgebung bzw. als ,Welt der Er- 
füllungsforinen der idealen dualistischen Grundgesetzgebung': „die reale 
Offenbarung des dualistischen Grundgesetzes der zugleich 
Wesenheit (Einheitswesenheit) der Ausdehnung und Z u- 
saramenziehun g". 

Da ist nun das grosse Problem der Weltwerdung mit einem 
Schlage gelöst, die neue Wissenschaft hat durch die notwendige Selbst- 
entstehung ungehinderte Bewegungsfreiheit des Geistes geschaffen, welche 
der landläufigen Wissenschaft noch fehlt. Woher sollte diese sie be- 
kommen? 

„Aus der Kanzlei der vorgesetzten Dienststelle der Wissenschaft 
— der Kirche — gewiss nicht. Denn so lange noch die Wissenschaft 
die Vorschriften für ihre Tätigkeit aus und von der Kirche empfängt 
und am Gängelbande ihrer Grundfeindin gebt; so lange sie sich noch 
in der unwürdigen Rolle der Kostgängerei gefällt, so lange noch der Staat 
die Einmischung der Kirche in die Lehrfreiheit der Wissenschaft duldet, 
so lange auch noch wird die Wissenschaft und ihre Lehre geduldig ihre 
Fesseln tragen; so lange auch noch wird die Kirche der Wissenschaft 
den Fuss in den Nacken setzen. Warum auch nicht? Die Wissenschaft 
will ja so behandelt sein !" 

„Sind die Lehren der Kirche so grundfalsch und vernunftwidrig und 
abgeschmackt, dass sie vor den strengen Lehren der Logik und Wissen- 
schaft nicht bestehen können, und die Kirche daher die wissenschaft- 
lichen Fundschätze der Grundwahrheiten fürchten muss? ... Ist denn 
das Dasein eines persönlichen Gottes überhaupt nur Machwerk der 
Phantasie und Staffage und Blendwerk einer künstlich aufgeputzten 
Weltordnung als Symbolik der Herrschaft auf Erden. Beruhen gar 
die Darstellungen der Schöpfung der Welt durch einen persönlichen Gott 
auf Unwahrheiten und spekulativ-trügerischem Menschenwerk ?" 

„Nun denn, wenn an dem, dann in die Hölle mit allem Lug und Trug 
und Schein und Dunst, ist doch die Hölle nach der eigenen Lehre der 
Kirche der Sitz der Unwahrhaft i^keit und Lüge". 

„In welchen Abgrund niedriger Lebensauffassung über unzählige 
Blutfelder unchristlicher Barbaren die Menschheit von der Höhe alt- 
griechischer Kultur während der Aera der Unfreiheit des Geistes (Kirchen- 
regiment) geführt worden ist, gibt uns die registrierende Weltgeschichte 



Miszeilen und Nachrichten 141 

erschreckliche Kunde. Dieser Zeitabschnitt stellt den grössten Schand- 
fleck in der Geschichte der Menschheitsentwicklung dar. Entsetzen und 
Abscheu vor den Tyrannen des Geisteslebens erfüllt jedes redlichen 
Menschen Brust ! Aus jenem empörenden Bekenntnis der Geschichte 
systematischer geistiger Tyrannei erhebt sich für uns mit heiligen Ernstes 
Allgewalt die unbedingte Verpflichtung der Befreiung der Menschheit aus 
ihrer unwürdigen Lage geistiger Knechtschaft und erdichteter ewiger 
Verdammnis auf Erden!" 

Solch grimmiger Hass entspringt nicht intellektuellen Motiven, son- 
dern den unergründlichen Abgründen des menschlichen Herzens. Nur 
zu verwundern ist, dass er auch die moderne Wissenschaft so heftig 
angreift, ihr vorwirft, noch am Gängelbande der Kirche zu wandeln. 
Doch er verrät im Schlüssworte den eigentlichen Grund: sie will diesen 
Blödsinn nicht als die höchste Vollendung aller Wissenschaft anerkennen. 

„Wenn ich bei dem vorstehenden Entwurf der idealen Grundgesetz- 
gebung in Ausführung der Kardinalvorschrift der Grundwahrheit bis 
hierher dem logischen Gedankengange gefolgt zu sein glaube, und ich 
mich freue, in demselben der Menschheit die , Quelle der unendlich ewigen 
Grundwahrheiten' erschlossen zu haben, aus der ,der Strom des unend- 
lich-endlichen Lebens' sich ergiesst, so mischt sich gleichzeitig in dieses 
Gefühl der Freude die Trauer über die meinen ankündigenden Schriften 
und verschiedenseitigen Anträgen gegenüber an den Tag gelegte Ver- 
ständnis- und Interesselosigkeit. Ich will daher den weiten Ausbau 
meines Werkes, Die Welt der höheren Erkenntnis und der Ueber^eung, 
als nicht zeitgemäss einstellen und denselben der für höhere Ideen hoff -nt- 
Jich zugänglicheren Nachwelt überlassen, mit welcher Hoffaung ich dieses 
Buches , Erste Stufe' (Grundstufe) schliesse". Und in einer Note fügt er 
bei: „Vielleicht liegt die Abschliessung der leitenden Kreise von der 
fortschreitenden Entwicklung des menschlichen Geistes auf einem prin- 
zipiellen Gebiete. Man fürchtet — hierin ist sich alle Welt einig — 
die Wahrheit". 

Diese ungeheuerliche Verdächtigung der leitenden Kreise hat genau 
so viel Berechtigung wie die gleiche der modernen Wissenschaft gegen 
die Kirche. 

Doch in einer späteren verständigeren Generation wird ,, Befreiung 
vom unerträglichen Joch der geistigen Unterdrückung und vom Fluch 
der heutigen Heuchelei" werden ! 

„Im Sonnenlicht der freien Entwicklung werden die matten Irrlichter 
der traurig dunklen Kulturperiode der letzten Jahrhunderte verblassen; 
im Freiheitslande der Eikenntnis und der Überzeugung werden die Ge- 
schlechter der Zukunft, ihre hohe Stellung in der Natur verstehend, 
wandeln und die Segnungen ihrer Befreiung und Erhebung geniesaep. 



142 Miszellen und Nachrichten. 

Die .Epoche der geistigen Erleuchtung' ateht vor der Tür. Die Erlösungs- 
stunde hebt schon zum festen Schlag den Hammer . . ." 

„Glückauf du Menschheit der Zukunft zum fröhlichen Aufstieg in 
die Welt der geistigen Freiheit, der Wahrheit und des Lichts! Glückauf 
ihr kommenden Geschlechter zum Einzug in das schöne Reich des gei- 
stigen Paradieses, in dem für Euch der Baum der unendlich-endlichen 
Erkenotnis und des wahrhaftigen Lebens blüht ! Glückauf zum endlichen 
Siege der Menschenwürde und Vernunft!" 

In diesem seligen Paradiese muss der Vf. schon schwelgen, da er 
das Licht, die höhere Erkenntnis in so vollem Masse schon besitzt, dass 
er als Lehrer und Reformator der Menschheit auftreten kann. Freilich 
wird die Seligkeit getrübt durch die Verständnislosigkeit der Mitwelt für 
seine Grundwahrheiten. Die Finsternis nimmt das Licht nicht auf, dafür 
verweist er auf sein Manuskript zu seinem Vortrage vom 30. April 1909 
betreffend „Die Geistesnacht der Menschheit in der Welt der Erniedrigung 
und der Lüge". 

Zum Schlüsse legt er „seine Feder in die Hand der geistigen Frei- 
heit nieder", in anderer Lesart: „befehle ich den Geist (Inhalt) dieser 
Grundschrift in Euere Hände" ! 

Zur Chronologie einiger Schriften des heil. Thomas. Die Ab- 

iassungszeit des Sentenzenkommentars des Aquinalen pflegt in die Jahre 
1253 — 1255 verlegt zu werden, die seines Kommentares zu den 10 Büchern 
der Ethik in die Jahre 1261 — 1264; vgl. Grabmann, Thomas von Aquin, 
Kempten 1912, S. 15 f.; M. De Wulf, Geschichte der mittelalterlichen 
Philosophie, übersetzt von R. Eisler, Tübingen 1913, S. 291. In letzterem 
Kommentar hat Thomas nach allgemeiner Annahme die Uebersetzung des 
Wilh. von Moerbeke benutzt; dieser soll aber erst nach 1260 auf Veran- 
lassung des Aquinaten verschiedene Schriften des Stagiriten neu übersetzt 
oder doch deren ältere Uebertragungen revidiert haben. Zu den Neu- 
übersetzungen gehörten wohl das 4. — 10. Buch des Ethikkommentars, die 
vorher gar nicht bekannt gewesen sein sollen oder nur in einem aus dem 
Arabischen übersetzten Auszuge. Eine Uebersetzung dieser Bücher durch 
Robert Grosseteste scheint Grabmann nicht zugeben zu wollen; vgl. Fest- 
gabe zum 70. Geburtstag von Georg Frhr. v. Hertling, Freiburg 1913, 
S. 135. Wir selbst möchten eine solche festhalten, vgl. Festgabe zum 
60. Geburtstag von Clemens Baeumker, Münster 1913, S. 137. Sicher ist, 
dass Thomas schon in seinem Sentenzenkommentar die genannten sieben 
Bücher der Ethik zitiert. Daraus folgt, dass wohl schon Thomas bald nach 
1250 eine Uebersetzung dieser Bücher kannte, sei es die von Grosseteste 
oder eine andere. Will man aber die Ansicht beibehalten, dass Thomas die 
Uebersetzung Moerbekes gebrauchte, so muss man entweder für seinen 



Mis zellen und Nachrichten. 143 

Sentenzenkommentar oder für die letztere Uebersetzung bzw. auch für den 
Ethikkommentar eine andere Abfassungszeit annehmen. 

München. P. Parth. Minges 0. F. M. 

Zur Psychologie Alexanders von Haies. Alexander erklärHrn 
2. Teile seiner Summe im Beginne seiner Abhandlung über die Seele 
(qu. 59, ed. Coloniae 1622, 192a), er wolle zuerst über die Seele sprechen, 
dann über den Leib und zuletzt über das aus Leib und Seele Zusammen- 
gesetzte (de coniuncto) oder über den Menschen als Ganzes. Der Abschnitt 
über die Seele ist unvollendet. Denn zu Beginn der 63. Quaestion (209a) 
bemerkt er, dass er über die Trennbarkeit der Seele vom Leibe im letzten 
Teile bei der Erörterung über die jenseitige Vergeltung handeln werde; 
darüber findet sich aber im 4. Teile der Summe nichts, da der ganze 
Traktat über die letzten Dinge fehlt; betreffs der Seele vermissen wir also 
die Artikel über deren Unsterblichkeit, Zustand, Erkennen usw. nach der 
Trennung vom Leibe. Der Abschnitt über den Leib scheint aus der Feder 
Wilhelms von Melitona herzurühren, und übrigens ebenfalls nicht ^anz zu 
Ende geführt zu sein. Der Verfasser sagt nämlich zu Beginn der 75. 
Quaestion (248), er wolle sich nun mit dem menschlichen Leibe be- 
schäftigen, und zwar über den im Stande der Unschuld und über den der 
gefallenen Natur; über ersteren ergeht er sich sehr weitschweifig, über 
letzteren erfahren wir nichts. Ueber den Menschen als Ganzes (de con- 
iuncto) wird ebenfalls nichts geboten. Das im Anfange gegebene Ver- 
sprechen wird also in beträchtlichen und wichtigen Stücken nicht einge- 
halten; somit bleibt die Psychologie bzw. Anthropologie Alexanders ein 
Torso. Ueber diese grossen Lücken wurde, so viel wir wissen, in den seit- 
herigen Darstellungen der Lehre Alexanders nichts bemerkt, und doch 
dürfte es angezeigt sein, darauf aufmerksam zu machen, da sonst eine 
falsche Auffassung entstehen könnte. 

München. P. Parth. Minges 0. F. M. 



Philosoph. Jahrbuch der Görres - Gesellschaft. 

28. Band. 2. Heft. 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 

Von Univ.-Prof. A. Gemelli 0. F. M. und F. Olsiati in Mailand. 



(Schluss.) 

V. 

Wie der Leser aus der Darlegung der idealistischen Systeme 
ersehen haben wird, weisen Groce und Gentile eine Psychologie 
als philosophische Wissenschaft ab und leugnen die Möglichkeit der 
experimentellen Erforschung der psychischen Phänomene. 

Nach ihnen hat die Psychologie als empirische Wissenschaft 
nur bei jenen Gunst gefunden, die zu gebildet waren, um sich in die 
Betrachtung der Probleme des Geistes zu fügen, gleich als ob sie 
mit äusserer und naturalistischer Methode behandelt werden könnten, 
und die Angst hatten vor dem Schritt in die »uferlose« Philosophie. 
Nach Croce und Gentile muss man diese Phase überschreiten und 
inne werden, dass, um Psychologie zu treiben, es nötig ist, die 
naturalistischen Methoden zu verlassen und die Probleme der Psy- 
chologie spekulativ zu erfassen. 

Die zwischen den naturalistischen Methoden und der Spekulation 
unsicher und unschlüssig Hin- und Her-schwankenden, auf die Croce 
anspielt, sind De Sarlo und seine Schüler A. Aliotta, Berrettoni und 
andere, auch Guido Villa (Professor der Philosophie an der Universität 
Turin) und Assaggioli. So schwierig es auch immerhin ist, die Ideen 
dieser Gruppe genau zu fassen, so wollen wir uns doch bemühen, 
es auf die bestmögliche Weise zu tun. 

1. Villa setzt seine Theorien auseinander besonders in der 
zweiten Ausgabe seines Werkes „Die zeitgenössische Psycho- 
logie" („La psicologia contemporanea"), in dem er die mannig- 
fachen Strömungen der gegenwärtigen Psychologie einer Musterung 
unterzieht. 

Für den Verfasser leiden die gewöhnlichen Definitionen der Psycho- 
logie an dem Fehler, dass sie zwischen inneren und äusseren Tatsachen 
einen Unterschied annehmen, der in Wirklichkeit nicht besteht. Eine 
Psychologie der subjektiven Tatsachen ist nicht möglich, ausser durch die 
Rückkehr zur ranzigen Vermögenspsychologie; infolge des so innigen 
Bandes, das alle Ansichten des Bewusstseins zu einem einzigen Bündel 
zusammenschnürt, kann man, ohne Verzicht auf jeden explikativen Zweck 
der mentalen Tatsachen, die Perzeption, die Assoziation, den intellektualen 
Prozess nicht vom Gefühle losreissen und noch weniger die Erkenntnis 
vom Willen trennen. Eine so geartete Psychologie wäre absurd ; Beweis 
Philosophisches Jahrbuoh 1915 10 



146 A. Gemelli und F. Olgiati. 

liierfür, sagt Villa, ist die Tatsache, dass niemand jemals sich zu der 
Behauptung verstiegen hat, die Psychologie sei die Wissenschaft der inneren 
Welt, unter gleichzeitiger Anerkennung des Zusammenfallen der äusseren 
Welt mit unseren Sensationen und Perzeptionen. In Wirklichkeit wurzelt 
die Aulfassung dessen, der behauptet, die Psychologie sei die Wissenschaft 
der inneren Tatsachen, in der gewöhnlichen vulgären Ueberzeugung von 
der effektiven Existenz der äusseren Welt, die unserem Ich als etwas 
wesentlich Verschiedenes gegenübersteht. Aber diese Unterscheidung hat 
keine Seinsberechtigung. Von dem Augenblicke an, da die natürlichen 
Phänomene sich nur vermittels der Sensationen uns enthüllen und mentale 
Tatsachen sind, von denen wir nur mit Hilfe des unmittelbaren, sie kund- 
gebenden Bewusstseins Kunde haben, führt sich die äussere Beobachtung, 
welche die Grundlage der Wissenchschaften von der äusseren Welt sein 
soll, zurück auf die innere Erfahrung. Hiermit soll nicht gesagt sein, 
dass die Psychologie nicht eine Wissenschaft sui generis sei. Die Be- 
trachtungsweise des Psychologen, im Gegensatz zu derjenigen des Natur- 
forschers, ist mehr innerlich und mehr subjektiv: statt sich von der eige- 
nen Geistesarbeit zu entfernen, vertieft sie sich in dieselbe, sie in allen 
ihren Entwicklungen verfolgend, ihre Zusammenhänge und ihren innersten 
Grund aufzudecken suchend. Kurz, sie ist eine subjektive Betrachtung der 
Dinge. Subjektiv ist hier zu verstehen im allgemeinsten Sinne des Wortes, 
d. h. es drückt die gesamte menschliche und animalische Mentalität aus 
in ihren fundamentalsten Gharakterzügen, und als solches stellt es sich 
dem Objektiven gegenüber, das umfassen würde das weite Gebiet aller 
natürlichen Tatsachen, denen die Eigenschaften des Bewusstseins attribuiert 
werden. 

Einzige Forschungsmethode für die Psychologie ist die innere Beob- 
achtung. Für Villa sind die objektiven Methoden absolut unzureichend 
zur Erklärung der Bewusstseinsphänomene. Aus einer Analyse der mit 
diesen Methoden erzielten Resultate folgert er, dass sich immer mehr die 
dringende Notwendigkeit fühlbar mache, die direkte, natürlicherweise durch 
alle anderen Quellen psychologischer Kenntnisse unterstützte Intuition heran- 
zuziehen. Zwischen dem physischen Experimentieren, nach dessen Vor- 
bild man, wie Villa Wundt und seiner Schule zum Vorwurf macht, die 
moderne Psychologie umzugestalten versucht hat, und dem psychologischen 
Experimentieren besteht eine unzurückführbare und gründlegende Ver- 
schiedenheit. Beim ersteren ist die Feststellung der phänomenischen Modi- 
likation gegeben durch den Registrierapparat, während beim letzteren sie 
gegeben sein muss durch die subjektive Beobachtung der Person, die 
Objekt des Experimentes ist. Stellt man also die innere Beobachtung als 
unerlässliche Grundlage der experimentellen Methode in der Psychologie 
hin, dann ist es nicht möglich, sie (die innere Beobachtung) bei der Prüfung 
der verwickeiteren psychischen Prozesse zu ersetzen durch Methoden, die 
immer indirekt sind und bewusst oder unbewusst in die innere Beobachtung 
einmünden ... Die Hartnäckigkeit, schreibt er, mit der man dies nicht 
anerkennen will, führt zu dem wenig ermutigenden Ergebnis, dass man 
keine wahre allgemeine Psychologie zu schaffen vermag, sondern nur 
eine reine Experimentalpsychologie, die übermässig reich ist an Erkennt- 
nissen hinsichtlich der niederen psychischen Prozesse, und bei der die Physik 
und die Physiologie oft die Stelle der wahren Psychologie einnehmen. 

Die Ursache einer solchen irrigen Auffassung findet Villa in der Tat- 
sache, dass man die Psychologie nach dem Muster der physischen Wissen- 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 147 

schaft hat formen wollen. Diese Formung nach dem Muster der Physik 
kann den Psychologen aber nur zu einer irrigen Auffassung führen. Alle 
gelehrten und geduldigen Einzeluntersuchungen müssen vollzogen werden 
mit dem Hauptzweck, zu einer Synthese und zu einer Rekonstruktion zu 
gelangen. Während der Physiker bei der Rekonstruktion und bei der 
Synthese, die er vornimmt, sein Verfahren nach jenem idealen und rein 
rationalen Typ gestaltet, der für ihn im allgemeinen Plan der Wissenschaft 
von der physischen Welt ausgedrückt ist, hat hingegen der Psychologe als 
eigenes Modell seine eigene Psyche in ihrer konkreten, lebenden, beweg- 
lichen und mannigfachen Gesamtheit und Vollständigkeit. Der Psychologe 
rnuss alle Daten, welche die zahlreichen und verschiedenartigen Informations- 
quellen ihm liefern, konzentrieren im Herd des eigenen Bewusstseins, aus 
welchem (Bewusstsein) sie Bedeutung und Licht erhalten, und ausserhalb 
dessen diese Materialien keine andere Bedeutung haben würden als die 
eines Komplexes von Zeichen, die einer Deutung harren. Diese Deutung 
kann nur kommen von der Intuition des Psychologen, der unbewusst oder 
bewusst diese Daten gemäss jener persönlichen Vision, die direkt ihm von 
seiner innersten Natur zufliesst, anordnet, gestaltet und kurz erklärt. 

2. Beschäftigen wir uns nunmehr mit anderen Anhängern der- 
selben Richtung. Im Jahre 1905 veröffentlichte De Sarlo zu 
Florenz zugleich mit einigen seiner Schüler einen ersten Band 
(dem recht bald ein zweiter folgte) von „Untersuchungen zur 
Psychologie" („Ricerche di psicologia") , in dem die Psycho- 
logie aufgefasst wird, wie Villa an der obenangeführten Stelle 
sagt, „als eine blosse Sammlung von Datenmaterial", als „jene un- 
vollständige, formlose, unharmonische Psychologie, in der zu der 
Ueberfülle der Einzelheiten in der Behandlung der elementaren Pro- 
zesse des Bewusstseins einen seltsamen Kontrast bildet der fast 
absolute Mangel an allem und jedem, was die komplexeren und 
interessanteren Aeusserungen der Psyche betrifft". In diesen beiden 
Bänden definiert De Sarlo die Psychologie als „die Wissenschaft, 
welche die Gesetze der psychischen Tatsachen analysiert und er- 
forscht", und so schrieb er, dass es ein Nonsens sei, von einer intro- 
spektiven Psychologie als von einem von der experimentellen Psy- 
chologie verschiedenen Dinge zu sprechen. Es gibt, sagt De Sarlo, 
nur eine einzige Psychologie, die insoweit existiert, als die innere 
Beobachtung möglich ist, welche um so besser ihre Aufgabe erfüllen 
wird, je besser sie vom Experiment und von der äusseren Beob- 
achtung gestützt sein wird. — Diese beiden ersten Bände enthalten 
gute Beiträge zu dem, was Villa, mit offenbarer Ungerechtigkeit und 
unberechtigter Verachtung, „deutsche Psychologie" nennt. 

3. Die Jahre haben eine bemerkenswerte Umwandlung in die 
Ideen der florentinischen Schule hineingetragen. Schon Aliotta 
hatte eine Bresche geschlagen in den Massbegriff in der Psycho- 
physik, indem er in einer akzentuierten Kritik dem Mass, der Zahl 
jeden Wert absprach, weil die Bewusstseinstatsache nicht gemessen, 
sondern nur mitgemessen werden könne mit der physischen Tatsache ; 

10* 



148 A. Gemelli und F. Olgiati.. 



O ' 



er gab so dem Begriff der Psychophysik, wie er von Fechner an 
sich nach und nach entwickelt hat, eine irrige, plumpe Deutung. 

Aber noch direkter widersetzte sich einer Psychologie als empi- 
rischer Wissenschaft De Saiio in einer Reihe aufeinanderfolgender, 
da und dort und besonders in der „Cultura filosofica" er- 
schienener Arbeiten und zuletzt in zwei von ihm im „Circolo di 
Psicologia" zu Florenz und in der „Associazione fra psico- 
logi" ebendaselbst gehaltenen Vorträgen. 

De Sarlo spricht hier von einer wahren Krisis der modernen 
Psychologie, versucht eine Analyse der Ursachen dieser Krisis und 
gibt deren Heilmittel an. 

Er erwähnt einige der bedeutungsvollsten Anklagen, die gegen 
die Psychologie erhoben werden. Der ungeheure Stoff, der seit 
fünfzig Jahren durch Beobachtung und Experiment auf dieser Seite 
gesammelt wurde, scheint nicht die genügende Grundlage abzugeben 
für ein wahres Lehrsystem. Sodann weist die sogenannte experi- 
mentelle Psychologie gar nichts von Bedeutung auf. Sie hat in der 
Tat uns kein früher unbekanntes oder wenigstens nicht auch auf 
anderem Wege erkennbares Faktum kundgetan ; sie hat keine einzige 
originelle Entdeckung gemacht. Keine pädagogische, juridische, 
ethische Norm findet ihre Rechtfertigung in irgend einer Entdeckung 
der empirischen Psychologie. Nimmt man von den Texten der Psycho- 
logie das, was keine Beachtung verdient, hinweg, dann bleibt nur 
durch den sensus communis längt Bekanntes übrig. In ähnlicher 
Weise lassen sich selbst die charakteristischeren Offenbarungen der 
modernen Psychologie zerpflücken. 

Es ist nicht recht ersichtlich, ob De Sarlo diesen Behauptungen 
wirklich zustimmt oder nicht. Sein Gedanke ist indes klar ausge- 
sprochen in der folgenden Aeusserung : „Wenn man erwägt, dass 
es eine Zeit gab, in der man eine exakte Psychologie aufbauen zu 
können glaubte, die, auf die Beobachtung und auf das Experiment 
gestützt und nichts ohne Beweise behauptend, eine Stetigkeit der 
Entwicklung, eine Einheit der Richtung und der Methode darstellen 
sollte, eine Wissenschaft, welche die alte philosophische Psychologie 
zu ersetzen vermöchte — wenn man das alles erwägt, und dann 
einen Vergleich anstellt zwischen dem, was man erhoffte, und dem, 
was wirklich erreicht worden ist, dann scheinen die Entmutigung 
und die Enttäuschung der gegenwärtigen Zeit berechtigt zu sein". 
Der Grund dieses Misserfolgs liegt nach De Sarlo in drei Fehlern 
der modernen Psychologie, die da sind : die Einseitigkeit des Gesichts- 
punktes, unter dem die Forschung vorwärtsschreitet ; die Behandlung 
der psychologischen Probleme in Unabhängigkeit von der Philosophie ; 
der Mangel einer festen Terminologie. Letzthin sind diese drei 
Gründe nur Seiten einer und derselben Auffassung. 

Man muss zugeben, schreibt De Sarlo, dass der Versuch, eine Psycho- 
logie aufzubauen als organische, ganz auf der Beobachtung und dem Ex- 
periment beruhende Wissenschaft, vollständig misslungen ist und nur eme 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 149 

Täuschung war. Ein grosser Teil, wenn nicht alle Irrtümer und Unzu- 
länglichkeiten, die man heute den psychologischen Forschungen vorwirft, 
entspringen der Tatsache, dass viele Gelehrte, aus Furcht vor dem Fall 
in die Metaphysik und vor der Rückkehr zur alten Psychologie, den begriff- 
lichen Inhalt der psychischen Erfahrung bis zur vollständigen Unkenntlich- 
keit entstellten und verfälschten. Man begann zu vergessen, dass das ße- 
wusstsein Funktion eines Seins ist, und man wandelte es, fast möchte ich 
sagen, um in eine Substanz ; man schritt weiter zur Verfälschung der Natur 
der Psychizität, die notwendig eine Beziehung zwischen Subjekt und Ob- 
jekt einschliesst, und man verfiel so in eine Art von psychischem Atomis- 
mus : man verbannte jede Anspielung an die Aktivität eines realen 
Geistigen, derart dass dieses fas'. zu einem Schatten heruntersank. Man 
hatte vor, die Wissenschaft der psychischen Realität zu betreiben, und man 
leugnete, dass es ein derartiges Reales gäbe, ein mit bestimmten Eigen- 
tümlichkeiten und Anlagen ausgestattetes Sein ; man wollte die Entwicklung 
der verschiedenen psychischen Funktionen bestimmen, und man bestritt 
der Psyche den Charakter der Wirkfähigkeit; man wollte die Ursachen 
der psychischen Tatsachen erforschen und die psychologischen Gesetze be- 
stimmen, und man leugnete, dass es eine psychophysiologische und manch- 
mal sogar, dass es eine rein psychische Kausalität geben könnte. Jetzt ist 
es an der Zeit, solcher Unsitte entschieden entgegenzutreten und ohne 
Zaudern es zu proklamieren, dass kein Psychologiesystem in Wahrheit 
aufgebaut werden kann ohne eine bestimmte Direktive philosophischer 
Ordnung, welche Direktive dann erprobt wird an dem Ausweis der durch 
die Beobachtung oder durch die psychologische Analyse ins Licht gesetzten 
Tatsachen. Mag die Aktivität als solche direkt im Bewusstsein feststellbar 
sein oder nicht, sicher ist, dass ohne einen solchen Begriff das psychische 
Leben unverständlich bleibt. Mag das vom Bewusstsein oder vom Subjekt 
gelieferte Sein ein für sich bestehendes oder unabhängiges Reales bilden 
oder nicht, unleugbar ist, dass man ohne die Annahme eines Subjekts, 
das in einer gegebenen Weise sich zu einem Objekt verhält (worin eigent- 
lich das Bewusstsein besteht), nicht von psychischer Realität sprechen darf. 
Welche Auffassung man auch immer haben mag von der metaphysischen 
Konstitution der Seele, insbesondere wenn man die Seele selber mit den 
anderen realen existierenden Wesen in der Welt vergleicht : was aus einer 
ernsthaften und vorurteilslosen Reflexion über die psychischen Funktionen 
sich ergibt, ist die Unmöglichkeit, die Unterscheidung der Tätigkeitsformen, 
die zu den eigentlich menschlichen Werten in Beziehung stehen, von den 
Formen psychischer Tätigkeit, die der Mensch mit den anderen beseelten 
Wesen gemeinsam hat, ausser acht zu lassen. 

4. Ausdruck dieser Gegnerschaft gegen die » Laboratoriumspsycho- 
logie« (so nennen Villa und De Sarlo die Wissenschaft der psychischen 
Phänomene, die sich des Experimentes und der Beobachtung bedient) 
ist eine Zeitschrift von nicht übermässigem Umfang, die „Psyche", 
die seit drei Jahren unter der Leitung von Robert Assaggioli 
in Florenz erscheint und die weniger Beiträge zur Psychologie 
bringt, als vielmehr eine geordnete und sorgfältige Uebersicht über 
die psychologischen Hauptfragen bietet. Müssen wir das Vorhaben, 
die Ergebnisse der Psychologie ins Volk zu tragen, auch als recht 
nützlich bezeichnen, so können wir uns doch nicht länger mit ihr 
beschäftigen, da ihr volkstümlicher, fast enzyklopädischer Anstrich 



150 A. Gemelli und F. Olgiati. 

ihr den wissenschaftlichen Charakter benimmt und ihr nicht ermög- 
licht, Beiträge für den Fortschritt des Wissens zu liefern. 

Ohne irgendwie eine Wertung der dargelegten Gesichtspunkte 
zu beabsichtigen, sondern nur zum Zwecke der Orientierung wollen 
wir die Tatsache vermerken, dass die dargelegte Methode ihre Ver- 
treter zu keinem positiven Ergebnisse geführt hat. Sie haben die 
auf das Experiment und auf die Erfahrung gegründete Psychologie 
als unnütz und als unzulänglich bekämpft, sie haben eine auf der 
„Intuition" beruhende Psychologie, wie Villa will, oder eine „nach 
einer bestimmten Direktive philosophischer Ordnung aufgebaute 
Psychologie, die an dem Ausweis der durch die Beobachtung und 
durch die psychologische Analyse ins Licht gesetzten Tatsachen er- 
probt wird' : , wie sie De Sarlo vorschwebt, angepriesen. Aber bis 
jetzt haben sie sich darauf beschränkt, grosse allgemeine Fragen 
aufzuwerfen, ohne uns, abgesehen von den Erörterungen über die 
Methode, etwas Positives mitzuteilen. 

5. Das ist um so überraschender, wenn man einen Blick wirft 
auf die produktive Tätigkeit jener, die unter uns die Methoden der 
deutschen Psychologie zu Ehren gebracht haben. Förderer dieser 
Methoden sind insbesondere Kiesow, Professor für Psychologie an 
der Universität Turin (mit seinen Schülern Ponzo, Botti, Gemelli, 
Agliardi, Pastore u. a.), De Santis, gleichfalls Ordinarius für Psycho- 
logie zu Rom (der sich mehr den Anwendungen der Psychologie auf die 
Pädagogik, auf die Psychiatrie usw. gewidmet hat) und Colucci, 
Ordinarius für Psychologie zu Neapel. Organ dieser Bestrebungen 
ist die „Rivista di psicologia", die gute Beiträge enthält und 
unter der Leitung von G. Ferrari steht, dem ohne Zweifel das Ver- 
dienst gebührt, die experimentelle Psychologie in Italien bekannt 
gemacht zu haben, sowohl durch die erwähnte Zeitschrift als auch 
durch Uebersetzungen. Rechenschaft über ihre Studien legen die 
Anhänger dieser Richtung ab in der „Italienischen Gesellschaft 
für Psychologie", die jedes Jahr die Psychologiebeflissenen 
vereinigt. 

a. Eine Prüfung der verschiedenen zahlreichen Arbeiten zur ex- 
perimentellen Psychologie, die in den letzten Jahren erschienen sind, 
fällt ausserhalb unserer Aufgabe. Wir wollen bloss auf die Tal- 
sache hinweisen, dass Kiesow mit seiner Schule, die ohne Zweifel 
die rührigste in Italien ist, die Methoden und die Richtlinien der 
Schule Wundts nach Italien verpflanzt hat — ein nicht geringes Ver- 
dienst, zumal inanbetracht der grossen, insonderheit akademischen 
Schwierigkeiten , die gegen dieses Bestreben sich erhoben haben 
und sich leider noch erheben. 

Kiesow, ein sicherer, gewissenhafter Experimentator, hat nicht 
bloss eine beträchtliche Anzahl höchst bedeutungsvoller Werke ver- 
öffentlicht, er hat auch viele jugendliche Geister auf den Plan gerufen, 
sie für die experimentelle Forsehortätigkcit begeistert und ihre Schritte 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 151 

auf diesem Felde geleitet. Mit offenem Geiste hat er in seinem 
Laboratorium einigen Schülern die Möglichkeit gegeben, auch ab- 
weichende Richtungen einzuschlagen, und so hat einer der Unsrigen, 
Agostino Gemelli, Privatdozent an der Universität Turin, es ver- 
mocht, die von ihm unter Külpes Leitung in Bonn und in München 
erlernte und durch Eigenbeiträge bereicherte Methode der Schule 
Külpes in Italien bekannt zu machen; diese Methode hat bei uns 
das grosse Verdienst erworben, gezeigt zu haben, wie man die Selbst- 
beobachtung disziplinieren kann. Frucht dieser Richtung sind das 
Buch Gemellis „Die neuen Methoden und die neuen Hori- 
zonte der Psychologie" („I nuovi metodi e i nuovi orizzonti 
della psicologia") , in dem die Resultate der Külpeschen Schule 
dargelegt werden, und einige Studien über die Vergleichungs- 
prozesse, durch die er einen Beitrag zu einer auf empirischen 
Grundlagen ruhenden Kriteriologie zu liefern versucht hat. 

Kiesow hat das grosse Verdienst, die italienische psychologische 
Arbeit im Ausland zur Anerkennung gebracht zu haben; auf diese 
Weise hat er die Mitarbeit unserer Gelehrten an der Entdeckung 
der Gesetze des psychischen Lebens, der man mit solchem Eifer in 
den Laboratorien Deutschlands, Englands und der Vereinigten Staaten 
obliegt, möglich gemacht. 

b. Wir sehen von einer Analyse der einzelnen diesbezüglichen 
Arbeiten ab und weisen nur noch auf zwei Schriften hin, die den 
Philosophen interessieren dürften. De Santis hat in seinem Werk 
„Psychische Phänomene und Nervensystem" (,,Fenomeni 
psichici e sistema nervoso") das alte Problem der Beziehungen 
zwischen Leib und Seele wieder aufgegriffen und hierbei auch ein 
gutes Wort eingelegt zur Verteidigung der experimentellen Psychologie. 

Wenn wir auch mit dem Studium der zerebralen Ansicht des psychi- 
schen Faktums, oder der somatischen, morphologischen und funktionellen 
Begleiterscheinung, die von ihm unzertrennbar ist, nicht die kausale Er- 
klärung des Faktums zu geben uns einreden, so erheben wir doch den 
Anspruch, damit eine wertvolle Aufklärung zum Verständnis des psychi- 
schen Funktionierens in seiner Gesamtheit zu bieten. Wir halten deshalb 
diese Uebersetzungen oder Ueberführungen von einem Sitz zu 
einem anderen nicht (wie Assaggioli behauptet) für unnütz für die Auf- 
hellung der Dinge. 

Wenn der Psycholog die Sache geklärt hat, hat er seine Aufgabe 
erfüllt. Gewiss stösst er am Ende seiner Untersuchungen auf allgemeine 
Probleme von schwierigster Lösung, über die er, selbst wenn er sie an- 
packen würde, nur mit zaghaften Hypothesen wird hervortreten können. 
Dasjenige sodann, was wir gemeiniglich das Geheimnis nennen, das Un- 
bekannte, fällt nicht in den Wirkungskreis des Psychologen. Der Agnosti- 
zismus, der in der Philosophie, wie Varisco bemerkt, eine Torheit wäre, 
ist berechtigt in der Wissenschaft. Was nicht besagen will, dass der 
Psycholog sich in seine Unwissenheit ergeben soll; wir wollen nicht ver- 
zichten auf das Bemühen, die Wirklichkeit zu erfassen und sie zu fühlen. 
Die Philosophie ist nach dem ihr eigenen Geiste nicht nur Erkenntnis, 
sie ist auch ästhetische und religiöse Behauung des Universums, wie Lotze 



152 A. Gemelli und F. Olgiati. 

sagte; sie ist eine Art Einfühlung, Intropathie (Flournoy) unser selbst 
in die Wirklichkeit. Jenseits der Psychologie werden wir zusammen- 
treffen mit der Philosophie. 

Indes unser Ideal als Psychologen ist, endgültig wissenschaftliche 
Psychologie aufzubauen, eine positive Wissenschaft der psychischen Phä- 
nomene, eine natürliche Wissenschaft des Geistes (James), in der die 
Forschung sich zuwenden soll den Phänomenen, ihren gegenseitigen Be- 
ziehungen, ihren Gesetzen und ihren unmittelbaren Ursachen (Ribot). 

Wohl denn, ohne das Nervensystem ist ein solcher Aufbau unmög- 
lich. Das ist der Grund, weshalb wir es für nötig erachten, dass die 
jungen Psychologen sehen, wie geeint und zusammenfallend ist, was in 
Wirklichkeit unlöslich geeint und zusammenfallend ist; das ist der Grund, 
weshalb es uns unerlässlich scheint, unter Anwendung aller zur Verfügung 
stehenden Mittel die realen verifizierbaren Korrelationen zwischen psych- 
schen Phänomenen und Nervensystem auszuschöpfen. 

Unsere Stellung ist indes ein wenig verschieden von derjenigen der 
alten empirischen Psychologie, welche, unter Verwertung der induktiven 
Methode, gleichsam zu verbessern suchte, was an Aprioristischem hinsicht- 
lich der Beziehungen zwischen Seele und Leib in der rationalen oder 
spekulativen Psychologie enthalten war. Die wissenschaftliche Psychologie, 
wir wiederholen es, verlangt einfach die Unterscheidung zwischen ausge- 
dehnter und unausgedehnter Erfahrung, nie vergessend, dass die eine wie 
die andere in uns in eine einzige Erfahrung verschmelzen, jedoch sich un- 
abhängig 'erklärend gegenüber irgendwelcher dualistischer oder monistischer 
Lehrform. Eine solche Stellung, 3 ; macht für den Psychologen unerlässlich 
die Kenntnis der Natur; von der Biologie steigt er empor zur Psychologie; 
denn er wüsste nicht, wie er die psychologischen Gesetze erforschen und 
erhärten sollte, wenn er absehen sollte vom Inhalt, den das individualc 
Ich in seiner Bildung sich aneignet : ein Inhalt, welcher das Resultat eines 
Prozesses oder besser einer Reihe von Prozessen ist, nämlich einer wahren 
und eigentlichen Entwicklung und einer Aktivität, die unfassbar wäre ohne 
den Organismus und das Nervensystem einerseits und ohne die Natur und 
die Gesellschaft anderseits. 

c. Aehnliche Auffassungen vertrat neuerdings einer der Unsrigen, 
Gemelli, in einer Reihe von Aufsätzen, die in der ,,Rivista di 
Filosofia Neoscolastica" erschienen sind und die Ueberschrift 
tragen: „Zur Psychophy sik" („In tema di psicofisica"). 

Nachdem Gemelli die Methoden der modernen experimentellen 
Psychologie in ihrer geschichtlichen Entwicklung vorgeführt und ihren 
Wert und ihre Bedeutung gezeigt, und nachdem er ihre Berechtigung 
erwiesen hat, schreibt er: 

„Die Psychologie trägt, ebenso wie die anderen biologischen Wissen- 
schaften, auf diesem Wege, trotzdem sie die Metaphysik nicht ersetzen 
und verdrängen will, dazu bei, die wissenschaftlichen Grundlagen der 
Philosophie des Menschen zu befestigen. Sie ruft, mit Hilfe einer Reihe 
von physischen und physiologischen Reizen, systematisch bestimmte Be- 
wusstseinszustände hervor, vereinfacht sie, überwacht deren Entstehung, 
stellt sie von verschiedenen Gesichtspunkten aus einander gegenüber, 
von jenem ihrer Qualität, ihrer Intensität, ihrer Dauer, ihrer Tonalitäl, 
ihres dynamogenen Könnens, sie studiert im weiteren Verlauf, wie sie sich 
offenbaren und exteriorisieren können. Wer sieht, nicht, wie sie auf diese 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 153 

I 

Weise dem Studium der psychologischen Tatsachen eine neue Orientierung 
gibt und infolgedessen die Entwicklung der metaphysischen Erkenntnis vom 
Menschen fördert ? Auch hat die experimentelle Psychologie nicht wenig 
beigetragen zur Präzisierung des Spiritualismus in seinen Beziehungen zur 
Wissenschaft, und sie wird, daran ist nicht zu zweifeln, nicht verfehlen, 
auch noch andere Missverständnisse in dieser Hinsicht zu beseitigen. Man 
ist dahin gelangt, den wissenschaftlichen Beweis zu liefern, dass zwischen 
unseren psychischen Zuständen und den sie hervorrufenden Beizen oder 
den dynamischen oder zirkulatorischen Wirkungen, die sie bestimmen, 
abgegrenzte und regelmässige Beziehungen der Interdependenz bestehen. 
Und so hat man dazu beigetragen, von der Psychologie den subjektiven, 
willkürlichen Spiritualismus Descartes' und V. Cousins auszuschhessen. 
Zur gleichen Zeit ist das Vorurteil gefallen, dass die spiritualistische 
Philosophie und die Wissenschaft einander fremd gegenüberständen, und 
dass der materialistische Positivismus der einzige berechtigte Vertreter der 
positiven Wissenschaft sei". 

„Anderseits haben die Gelehrten, die zu sehr daran gewöhnt waren, 
bei der menschlichen Tätigkeit nur die äusseren, physischen und physio- 
logischen Seiten zu betrachten, in der experimentell psychologischen 
Schule gelernt, die innere Seite unseres psychischen Lebens nicht zu 
übersehen. Und jene, die seit langer Zeit die Gleichsetzung der Bewusst- 
seinstatsachen mit Bewegungsarten angenommen haben, ohne sich die Mühe 
einer Nachprüfung ihrer Schlussfolgerungen zu geben, sehen heute ein, 
dass ihr Weg ein verfehlter ist". 

„Es ist das nicht die einzige Wohltat, welche die moderne experi- 
mentelle Psychologie den philosophischen Auffassungen erwiesen hat. Ich 
könnte die Aufzählung leicht verlängern, aber ich kann nicht umhin, zwei 
Punkte, die mir von der grössten Wichtigkeit zu sein scheinen, ins Licht 
zu setzen". 

„An erster Stelle möchte ich hinweisen auf den direkten Einfluss, den 
die moderne Gedankenpsychologie auf die Logik und auf das Er- 
kenntnisproblem gehabt hat. Die experimentellen Studien von Watt, Messer, 
Ach und Bühler und aller derer, die unter der Leitung von Külpe gear- 
beitet haben, haben zu einer Darlegung von nicht geringer Wichtigkeit 
geführt, nämlich dass das Studium der Erkenntnislehre von der Philosophie 
zu trennen ist; heute muss man von einer Wissenschaft des Bealen 
sprechen, die ihre Grundlagen im Experimente hat, das, indem es die Ele- 
mente des Denkens herausstellt, dahin führt, unseren Forschungen über 
die Beziehungen zwischen uns und der Wirklichkeit eine praktische Unter- 
lage zu geben. Deshalb, scheint mir, ist es heute nicht möglich, Psycho- 
logie der mentalen Prozesse zu treiben, ohne eine Bildung auf dem Gebiete 
der Gnoseologie zu besitzen, wie es nicht möglich ist, Gnoseologie zu 
treiben, ohne die Ergebnisse der empirischen Psychologie zu kennen". 

„Marbe schrieb noch jüngst — und ich kann ihm nur Becht geben — , 
dass es leicht sein würde, mehrere Bände zu schreiben über die Meinungen 
mancher Philosophen, die den Tatsachendaten der empirischen Psycho- 
logie entgegengesetzt sind. Die Meinung Husserls, dass die moderne em- 
pirische Psychologie am denkbar weitesten abseits liege von der Philo- 
sophie, oder jene Windelbands (die bei uns von Croce wiederholt wurde), 
dass die empirische Psychologie vollständig unnütz sei für den Philo- 
sophen, ist nicht gegründet auf einer ernsten Prüfung des inneren Wertes 



154 A. Gemelli und F. Olaiati 



der Ergebnisse der experimentellen Psychologie, sondern vielmehr auf den 
philosophischen Voraussetzungen, die diese Männer sich gebildet haben". 

„Der andere Vorteil, den die »Laboratoriumspsychologie' der Philo- 
sophie gebracht hat, besteht in der Hinausschaffung einer Menge von Fragen 
aus der Psychologie, die mit der Psychologie nichts zu tun haben, z. B. 
über die Natur der Beziehungen zwischen Leib und Seele, über die Natur 
der Seele, über das Schicksal und den Ursprung der Seele". 

„Da haben wir so viele Fragen, welche neben der Psychologie als 
Wissenschaft die Existenz einer Psychologie als Philosophie rechtfertigen, 
oder besser von Fragen, die der Metaphysiker zu lösen berufen ist, die 
hingegen den Psychologen gar nicht interessieren". 

„Ist das Gebiet dieser Fragen klar gelegt, und ist vor allem der Geist 
des Psychologen frei gemacht von diesen Vorurteilen, dann darf dieser der 
psychologischen Forschung sich zuwenden, ohne sich zu fragen, was die 
Seele ist, indem er sie wenigstens vorläufig als Studienobjekt ansieht, 
wie der Physiker die Materie und die Kräfte des Weltalls studiert, ohne 
dass man von ihm erwartet, er möge uns sagen, welches das Wesen sei 
von Materie und Kraft". 

„Und so kann der Psycholog bei seiner Forschung Apparate gebrauchen 
und »Laboratoriumspsychologie« treiben und seine Ergebnisse in Ziffern 
übersetzen, ohne dass er gestört werden könnte durch jene, die über die 
Natur der Seele oder über die Beziehungen zwischen Leib und Seele 
diskutieren, schliesslich ohne dass die philosophischen Auffassungen vor 
ihm das Gespenst auftauchen Hessen, seine Arbeit sei umsonst getan, 
weil das, was er zu studieren trachte, aus seinen Händen entrinne". 

„Ist der Begriff der empirischen Psychologie klar gestellt und die An- 
wendung der besonderen Forschungsmittel als berechtigt erwiesen, dann 
kann auch anderseits der Philosoph sprechen von den Beziehungen zwischen 
Philosophie und Psychologie, ohne in ein Gebiet einzudringen, das nicht 
das seinige ist". 

„Kurz und gut : es ist nötig, dass die Psychologen mutig sprechen : 
Hinaus mit der Philosophie aus der Psychologie, indem sie 
den Philosophen den Buf einräumen: Hinaus mit der Psychologie 
aus der Philosophi e". 

In der Geltendmachung dieser Gesichtspunkte sieht sich Gemelli 
durch die Tatsache bestärkt, dass er unter Zugrundelegung der 
Aristotelischen Lehre vom menschlichen Kompositum, von der empi- 
rischen Psychologie die Gesetze für den Aufbau einer Psychologie, 
verstanden als empirische Wissenschaft der psychischen Phänomene, 
fordern kann, und dass er andrerseits den Weg öffnet zu einer Erklärung 
der Beziehungen zwischen Geist und Leib, die, während sie auf der 
einen Seite keines der Daten der empirischen Psychologie abzuweisen 
vorschreibt, auf der anderen Seite erlaubt, alle traditionellen Thesen 
über die Substanzialität der Seele anzunehmen. 

VI. 

Werfen wir, um nunmehr zur reinen Philosophie zurückzukehren, 
einen Blick auf eine der hervorragendsten Persönlichkeiten der 
liniversilätswelt, Rernardino Varisco, der in den letzten Monaten 
die Leitung der italienischen Ausgabe des Logos übernommen hat. 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 155 

Sein System entbehrt noch des Abschlusses, ja, Variscos Denken 
befand sich immer in fortwährender Entwicklung. Auf grund einer 
mutigen und unbefangenen Selbstkritik ist er dahin gelangt, sich von 
einer mechanistischen und positivistischen Auffassung der Welt frei 
zu machen und einer finalistischen Auffassung sich zuzuwenden. 
Seine beiden letzten Bücher ,, Die höchsten Probleme" („I massimi 
problemi") und „Erkenne dich selbst" („Conosci te stesso") sind 
der Ausdruck dieser Wandlung. 

Nach Varisco besteht das sachliche Verdienst Hegels darin, „dass er 
die fundamentale Identität der Wirklichkeit und der Erkenntnis begriffen 
und mit aller Klarheit zum Verständnis gebracht hat, und dass er, in Ver- 
folg dessen, vor allem festgestellt hat, dass die Einheit der Wirklichkeit 
nichts anderes als die Einheit des Subjekts sein kann". Aber er verwirft 
die Hegelsche These, welche die Universalität behauptet und darum die 
Pluralität leugnet. „Dass es viele Subjekte gibt, deren ein jedes seinerseits 
bewusst ist und zwar für sich — denn das Bewusstsein des einen ist nicht 
eo ipso das Bewusstsein des anderen — , ist allzu evident". Die Dualität 
Titius-Sempronius, die Bezeugung des Bewusstseins fordern die Annahme, 
dass jedes partikulare und empirische Subjekt, wenn es sich als Subjekt 
setzt, lebe und das universale und absolute Subjekt setze. 

Aber, kann man tragen, ist bei dem Zugeständnis einer Pluralität von 
Subjekten nicht jede Verbindung zwischen dem Ich und dem Anderen 
unmöglich gemacht, und wird die Annahme eines Anderen gegenüber dem 
Ich infolgedessen nicht ungerechtfertigt? Da das Erkennen mit sich bringt, 
dass das erkennende Objekt sich im erkennenden Subjekt befinde, wird 
damit nicht vielleicht eingeräumt, dass das Objekt, ausserhalb des Subjektes 
seiend, etwas Aeusserliches und Unerreichbares wird? 

Diese Schwierigkeit ist nach Varisco nicht zutreffend, „denn die vielen 
Subjekte bilden ein System, und jedes Subjekt ist die Einheit des Systems". 
Er sagt : „Die vielen unterdrücken, ist so wenig vernünftig, wie die Ein- 
heit nicht anerkennen : im einen wie im andern Falle schwindet das System 
oder die Wirklichkeit dahin". Die Wirklichkeit ist Einheit, „aber Einheit, 
die eine Vielfältigkeit in sich schliesst, Einheit von Vielfältigkeit"; sie ist 
„Einheit von Elementen, von denen keines ausserhalb des Systems ist, von 
denen jedes die anderen einschliesst und deshalb die Einheit des Systems 
konstituiert". Jedes Subjekt ist verknüpft mit dem ganzen Universum, 
und es ist das, was es ist, durch die Ordnung der Objekte, zwischen denen 
es existiert. Jede Existenz ist bedingt durch alle übrigen Existenzen; 
jeder von uns besitzt in sich einschlussweise die Welt; „es existiert 
nichts, was nicht in mir eingeschlossen wäre; ich bin ein Zentrum des 
Universums". 

Darum ruft Varisco einem jeden von uns zu: Erkenne dich selbst; 
und er beginnt eines seiner Bücher mit der Bemerkung, dass, indem ich 
mich selber erkenne, ich alle Dinge erkenne. Indem das Subjekt sich 
selbst erkennt, intelligit omnia alia; es erkennt auch die anderen 
Subjekte, denn ihre Existenz ist innerlichst und wesentlich verbunden mit 
ihm. Deshalb auch identifiziert er die Philosophie mit der Erkenntnis- 
theorie. „Gewiss, um diese Schlussfolgerung zu ziehen, muss man an- 
nehmen, dass in jedem Subjekt das konstitutive Bewusstsein nicht ganz 
gleicherweise klar ist, sondern dass neben dem klaren oder aktualen Be- 
wusstsein es eine noch viel umfangreichere Sphäre von Unterbewusstsein 



156 A. Gemelli und F. Olgiati. 

gibt. Aber dass es das Unterbewusstsein gibt, ist eine unleugbare Mit- 
erscheinung des Bewusstseins. Ich erinnere mich ; das, dessen ich mich 
eben erinnere, wäre nicht von meinem Bewusstsein jenes Element, welches 
es tatsächlich ist, wenn es nicht vorher ein Element meines Unterbewusst- 
seins gewesen wäre. Dass wir mit Klarheit unser bewusst sind, ist in 
jedem Fall das Ergebnis eines Prozesses, der unterbewusste Elemente ein- 
schliesst, und der sich zum Teil im Unterbewusstsein vollzieht. Ferner: 
Das Unterbewusstsein ist nicht ein deus ex machin a, der zur Be 
seitigung der Schwierigkeiten eingeführt wird; das wäre ein trügerischer 
Kunstgriff: das Bewusstsein ist nichts als das organisierte Unterbewusst- 
sein. Das Subjekt, als Einheit klaren Bewusstseins, nimmt einen Anfang; 
nichts Klareres und Gewisseres gibt es. Aber als unbewusste Einheit 
kann das Subjekt keinen Anfang erhalten haben, denn jeder Prozess hat 
zur Bedingung die Einheit der Erfahrung, die wenigstens unbewusste Ein- 
heit des Subjekts. Das Vorhandensein des phänomenischen Universums 
löst sich auf in das Vorhandensein gewisser Einheiten, welche sich gegen- 
seitig einschliessen, und die, sich gegenseitig interferenzierend, tätig sind, 
deren jede das Zentrum aller anderen ist. In jeder Einheit verläuft ein 
Prozess, der dem Interferieren zuzuschreiben und dem es zu danken ist, 
ob die Einheit sich entwickelt oder einwickelt, ob das Bewusstsein das 
Unterbewusstsein überwiegt oder umgekehrt". 

Mit dieser polyzentrischen Auffassung, gemäss deren all die vielen 
primitiven, unter einander geschiedenen, aber sich gegenseitig ein- 
schliessenden Einheiten ab aeterno dauern und in fortwährender Ent- 
wicklung sich befinden, sind die anderen Theorien Variscos verbunden. 
So z. B. daraus, dass „das gegenseitige Sicheinschliessen zweier Dinge 
voraussetzt, dass ein und dasselbe Element ganz und gar ein essentiales 
Element wie des einen so des anderen Dinges sei", schliesst er, dass „das 
Universum ein System ist, denn die Spontaneitäten enthalten alle, als 
Konstitutive einer jeden, ein und dasselbe Element, welches ganz in jeder 
ist", und dieses Element ist das Sein, welches wir in jedem Ding implicite 
finden, und von dem die konkreten Dinge nur Bestimmungen sind; das 
Sein, welches, durch die Identität des Realen mit der Erkenntnis, kein 
anderes Ding sein kann, als unser Seinsbegriff selber. So auch, um zu 
erklären, wie mehrere Subjekte dieselbe Realität auffassen, analysiert 
Varisco die Sensation und kommt zu dem Schluss, dass „es keine wahre 
Unterscheidung zwischen psychischen Tatsachen und physischen Tatsachen 
gibt; es ereignen sich nur psychische Tatsachen. Ein Subjekt ist die 
Einheit gewisser psychischer Tatsachen. Ein Körper ist ebenfalls eine 
Gruppe (auch Einheit, aber anderer Art) von psychischen Tatsachen, die 
eingeschlossen sein können oder zum Teil eingeschlossen sind in der Ein- 
heit eines Subjektes oder auch mehrerer Subjekte". 

Gegenwärtig beschäftigt sich Varisco mit der Frage, ob das Universum, 
diese systematische Einheit, sich selbst genügt oder nicht. „Zugegeben, 
dass das System nicht sich selbst genügt. Was würde das besagen? das 
würde besagen, dass die Einheit des Systems, das gegenseitige Sichein- 
schliessen seiner vielen Elemente oder seiner partikularen Bewusstseins- 
einheilen, eine höhere Bewusstseinseinheit fordert, in welcher alles das, 
was in einer irgendwelchen partikularen Einheit implicite sich findet (d. h. 
alles, was real ist), explicite enthalten ist. Man beachte: die höhere Ein- 
heil, als impreszindibel vorausgesetzt, muss explicite Bewusstseins- oder 
völlig autobewusste Einheit sein ; in der Tat, wenn sie nur implicite (unter- 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 157 

bewusste) Einheit wäre, so würde sie zusammenfallen mit der schon er- 
kannten Einheit des Systems: sie würde nicht Bedingung dieser Einheit 
sein. Die höhere Einheit kann nur Gott sein". Existiert aber Gott? Auf 
dieses höchste Problem hat Varisco noch nicht geantwortet. „Die Ein- 
heit des Seins und daher die Existenz eines Universalen, eines Rationalen, 
eines Ewigen, eines Göttlichen, das die Dinge durchdringt, sind nicht 
mehr zu bestreiten. Der Materialismus in jeglicher Form und der plumpe 
Atheismus sind für immer beseitigt. Und es ist zur selben Zeit über- 
wunden, endgültig ausgemerzt der vulgäre Begriff der Schöpfung, gemäss 
dem Gott und die Welt ausserhalb einander sein sollen. Es bleibt übrig zu 
wissen, ob das Göttliche nur als Immanentes in den Dingen existiere, oder 
ob es ausserdem auch seine eigentümlichen Bestimmungen habe ; ob es 
Bewusstseinseinheit sei oder nicht, Einheit, die transzendent wäre in Hin- 
sicht auf die einzelnen Bewusstseine, von denen jedes einzelne im übrigen 
transzendent ist in Hinsicht auf jedes andere". Varisco hält bis jetzt dafür, 
dass die theistische Lösung, so sehr man ihr eine unleugbare Ueberlegen- 
heit zuerkennen kann, weil sie die Finalität des Universums erklären 
würde, dennoch keine solche ist, die sich beweisen lasse, wenn wir uns 
auf eine theoretische Betrachtung des Universums beschränken. Die Lösung 
des Problems muss in einem anderen Vorgehen gefunden werden, welches 
die Praxis nicht vernachlässigt: in der Prüfung der Werte. Unter allen 
Werten des Universums ist der höchste für uns der Wert der mensch- 
lichen Persönlichkeit. Ist seine Bestimmung, zu bleiben, oder wird er mit 
den Wechselfällen des menschlichen Lebens aufhören V Das Problem ist 
verbunden mit dem der theistischen Auffassung. In der Tat, um das Ver- 
bleiben der Werte zu retten, muss man zugeben, dass die kausale Not- 
wendigkeit einer intentionalen Finalität sich unterordne, also zugeben, dass 
das Sein mit einer eigentlichen Bewusstseinseinheit begabt sei und in sich 
die konkreten Seine hervorbringe, nicht aus Notwendigkeit, sich zu be- 
stimmen, sondern um ein Ziel zu erreichen, um einen vorherbestimmten 
Plan zu verwirklichen. In welchem Falle, sagt Varisco, der Seinsbegriff 
sich in den traditionellen Begriff Gottes umformt. Er glaubt an diese 
Permanenz der Werte und infolgedessen an die Existenz eines persön- 
lichen Gottes ; aber er kann diese seine Ueberzeugung nicht als Beweis 
darbieten. Der Wertbegriff muss mehr vertieft werden, sagt er, und das 
Kriterium wird kein anderes sein können als das individuale Bewusstsein, 
nicht jegliches jedoch, sondern das rechte und tugendhafte Bewusstsein. 
Wie man sieht und wie Varisco es noch klarer sehen liess in mehreren seiner 
jüngsten Konferenzen, die auf Veranlassung der „Letture Fogazzaro" 
in der wissenschaftlich-literarischen Akademie zu Mailand gehalten wurden, 
hat er bis jetzt erst einige für die vernünftige Lösung des Problems not- 
wendige Bedingungen festgestellt, so sehr man mit Wahrscheinlichkeit voraus- 
sehen kann, dass er in nicht allzu ferner Zukunft sich einer spiritualistischen 
und theistischen Philosophie immer mehr nähern wird. 

VII. 

Eine Gruppe von Gelehrten, die jedoch immer mit gezücktem 
Sehwert den christlichen Spiritualismus verteidigt hat, ist die der 
Rosminianer, die als Organ die „Rivista Rosminiana" besitzen. 

Das Bild des Philosophen von Roveredo hat auch in diesen 
letzten Jahren lebhafte Debatten hervorgerufen, und die Literatur 



15s A. Gemell i und F. Olgiatj. 

über die Auslegung seines Denkens isl immer mehr im Anschwellen 
begriffen. Während einige in ihm einen Kantianer erblicken, sehen 
andere in-ihm einen Hegelianer, wieder andere einen Platoniker u.s. f. 
Jene, die in Italien den Gedanken ihres Meisters verteidigen und 
fortführen, behaupten hingegen, dass Rosmini zwar schon von anderen 
Philosophen entdeckte Elemente entlehnt, dass er dieselben aber 
zu bemeistern und einer wesentlich neuen und durchaus 
originellen Gedankeneinheit einzuverleiben verstanden habe. 
Sie sagen mit einem glücklich gewählten Ausdruck, dass Rosmini 
weder Kant noch Hegel noch irgend ein anderer ist: Rosmini ist 
R o s m i n i. 

Diese These, diese (wir möchten sagen) orthodoxe Auslegung 
des Roveredaners wurde entwickelt von Prof. Carlo Caviglione, 
einem der schärfsten Verfechter des Rosminianischen Denkens in 
Italien, dem auch die Gegner mit Giovanni Gentile „ein lebhaftes 
Talent und eine nicht gewöhnliche philosophische Regabung" zu- 
erkennen. So wenig auch Caviglioni einer fetischistischen Ver- 
ehrung für Rosmini beschuldigt werden darf — denn unter anderem 
ist er überzeugt, dass ein philosophisches System nicht in einer 
papageienhaften Wiederholung von Regriffen anderer bestehen darf, 
sondern als ein lebendiger, in fortwährender Entwicklung begriffener 
Organismus wieder gedacht werden muss — , so glaubt er doch, dass 
die Rosminianische Auffassung vortrefflich die Wirklichkeit wieder- 
gibt, und er erklärt, dass sie eines Tages die Oberhand gewinnen 
wird. Dieser Ueberzeugung gibt Caviglione Ausdruck mit dem (immer 
lobenswert ernsten) Feuereifer, mit dem er in seinen Schriften, in 
vielen Zeitschriften und auch in seinem Ruche „Der wahre Ros- 
mini; Versuch einer Auslegung" („II vero Rosmini; saggio 
di interpretazione") seine Ideen verteidigt. In letztgenannter Schrift 
finden wir, neben der von ihm und von den reinen Rosminianern 
gegebenen Auslegung, die Kritik der anderen Auslegungen, insonder- 
heit jener von Gentile und Carabellese, und die Besprechung der 
Urteile Bonatellis, Guastellas, Martinettis und anderer über Rosmini. 

Nach dem Verfasser ist Rosmini der Fortsetzer und Fortbildner jener 
italienischen philosophischen Tradition, die nur aus stupider Oberflächlich- 
keit von solchen, die nur das von auswärts Kommende bewundern, ver- 
nachlässigt werden kann. Was ist das Walire? Wo ist das Wahre? An 
welchen Eigentümlichkeiten erkennt und unterscheidet man das Wahre ? 
Auf diese und ähnliche Fragen gab Parmenides die erste Antwort, indem 
er die Eigentümlichkeiten beschrieb, durch die das Wahre sich von den 
wahren Dingen abhebt. Diese Eigentümlichkeiten verdienten es sehr wohl, 
in Gesängen gefeiert und in Gesängen verbreitet zu werden. Plato hörte 
und begriff diese Gesänge, und er wurde der grosse Fortsetzer des Parme- 
nideischen Gedankens. Von Griechenland nach Italien verpflanzt, erlangte 
diese Philosophie, nunmehr eine getreue Gefährtin der christlichen Ideali- 
täten, eine weitere Entwicklung ; sich dann mit der Galileischen Erfahrung 
verbindend, erschaute sie besser die tiefe Verwandtschaft, die zwischen den 
Gesetzen der Idee und den Gesetzen der Natur besteht, ohne jedoch die 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 159 

nicht weniger tiefen Verschiedenheiten, welche die erstere charakterisieren 
und sie von der zweiten unterscheiden, je zu vergessen. Rosmini be- 
geisterte sich für Plato, aber lieb und teuer war ihm der Name des 
Galileo, und er übertrug dessen Methoden auf die Philosophie. Dem Denken 
Kants, welches sich bewegt in dem circulus vitiosus einer Vernunft, die 
bei der Untersuchung ihrer eigenen Tauglichkeit die in Frage stehende 
Erkenntnis-Tauglichkeit voraussetzt, setzte Rosmini die Methode der Beob- 
achtung und der Erfahrung entgegen, d. h. er wollte ausgehen von der 
Beobachtung der kognoszitiven Tatsache. Eben bei der Analyse des Er- 
kennens war es, dass er den Piatonismus von den überflüssigen Elementen 
befreite, unter Beibehaltung des Notwendigen und des Hinreichenden, das 
ist einer einzigen Idee : der jeder Bestimmung entbehrenden Idee des Seins. 
Die Bestimmungen erhält man ausschliesslich durch die Erfahrung, und 
deshalb werden wir ohne die Erfahrung nichts anderes haben als die 
Fähigkeit des Erkennens, den actus primus des Intellekts, welcher her- 
vorgeht aus der Schauung jener einzigen Idee, die, verglichen dann mit 
den empirischen Daten, als ewige, als notwendige und deshalb als angeborene 
erscheint, als einzige und gemeinsame nicht bloss für alle Intelligenzen, 
sondern auch als gemeinsame für alle anderen Ideen, deren Untergrund 
sie bildet, da ja die Ideen allesamt sich durch nichts anderes unterscheiden, 
als durch die Bestimmungen. Die Ideen sind für Rosmini nicht eine Art 
von Idolen, sind nicht Substanzen, aber sie sind auf ihre Art ewig, denn 
die Beziehung zwischen dem idealen Sein und den Daten des Sinnes und 
der ganzen Wirklichkeit ist, wenn ich diese Beziehung von Seiten des 
idealen Seins, d. h. von der Form, betrachte, notwendig ewig. Weil wir 
eine solche ewige Beziehung erkennen können, muss mit absoluter Not- 
wendigkeit auch der andere Terminus der Beziehung, nämlich die Materie, 
in unser Bewusstsein fallen. Daher die Notwendigkeit für die Erfahrung, die 
Wissenschaften nicht mit Ausschluss der Philosophie aufzubauen. Diese 
Erfahrung als erkennende löst sich in Urteile auf, d. h. in Anwendungen 
der Kategorie oder Form ; aber mit solchen, von uns Menschen vollzogenen 
Anwendungen schafft man nicht die Wahrheit selber, sondern nur die Er- 
kenntnis derselben ; man schafft nur jenes subjektive Erkennen, welches 
in sich das wahre Objektive widerspiegelt, welch letzteres allerdings relativ 
ist zu einem Subjekt, aber zu einem ewigen, notwendigen, unveränder- 
lichen Subjekt wie es selber. — Grundlegendste Folgerungen erflossen aus 
dieser Auffassung, die den Piatonismus, die scholastische Theorie der 
tabula rasa und den Kantianismus versöhnte und überwand. Daraus 
ergab sich vor allem eine Erhebung des Wertes der menschlichen Person, 
denn, wenn die Ideen nicht mehr Kräfte oder Realitäten sind, gleich jener, 
welche auf unser Sinnesempfinden wirkt, dann sind unsere Bewegungen 
zu den Idealen und die Versuche, sie zu aktivieren, Frucht unserer freien 
Tätigkeit. Hiermit wurde zu keiner Form von Egozentrismus der Zugang 
eröffnet. Unsere Vernunft schafft nicht die objektive Wahrheit; diese 
ist relativ zu einem Subjekt ; aber da sie universal, notwendig, ewig und 
unendlich ist, so ist sie relativ zu einem Subjekt (welches nur ein einziges 
sein kann), das dieselben Eigentümlichkeiten hat und das jedoch evident 
über jedem kontingenten Subjekt steht und mit keinem derselben vermengt 
werden kann. Da sodann die Kategorie nur ideal ist und darum die reale 
Form der Existenz nicht erklärt, so bleibt für uns eine Lagune zwischen 
der Idee oder der Kategorie und der erfahrenen Wirklichkeit, eine Lagune, 
welche das Feld der Vervollständigung und des Glaubens ist. Schliesslich 



ICO A. Gemelli und F. Olgiali. 

würde es absurd sein, dass das Sein, welches notwendig, ewig, unendlich 
usw. ist und uns unbestimmt erscheint, nicht seine eigenen, gleichfalls 
ewigen, notwendigen und unendlichen^ßestimmungen hätte; es würde absurd 
sein, dass die Form des Erkennens nicht eine gänzlich adäquate Materie 
hätte ; es würde absurd sein, dass nicht jenes in jeder Weise vollendete 
und vollkommene Sein existierte, welches die Menschheit Gott nennt. 

Das ist der wahre Rosmini und der wahre Rosmini, sagt 
Caviglione, der uns auch eine der bemerkenswertesten Veröffent- 
lichungen seiner Schule geschenkt hat: „Der Ge wisse nsbiss" 
(„II rimorso"). In diesem Essay wird nicht nur die Art und Weise, 
wie der Assoziationismus und der Evolutionismus den Gewissens- 
biss deuten, einer höchst feinsinnigen Kritik unterzogen, sondern 
es wird der Ursprung und der hohe Wert dieses bedeutungsvollen 
psychischen Faktums in prächtiges Licht gerückt. 

Ein anderer Gelehrter von Ansehen, der sein ganzes Leben der 
Verbreitung der Rosminianischen Idee weihte, war der vor wenigen 
Monaten verstorbene Giuseppe Morando, der Leiter der„Rivista 
Rosminiana". Er veröffentlichte viele Werke, von denen wir er- 
wähnen wollen : „Optimismus und Pessimismus" („Ottimismo 
e pessimismo"), „Die Willensfreiheit" („11 libero arbitrio"), 
„Grundzüge der Philosophie" („Corso elementare di füosoüa") 
usw. In einem Ruch über die vierzig von der Römischen Kongre- 
gation verurteilten Sätze des Rosmini, suchte er den Philosophen von 
Roveredo gegenüber der Anklage auf Ontologismus und Pantheismus 
zu rechtfertigen und zu beweisen, dass den SätzenfRosminis von 
der kirchlichen Autorität ein Sinn gegeben worden sei, den sie 
nicht hatten. 

Dem Namen Morandos ist derjenige des Professors L. M. Billia 
von der Universität Pisa hinzuzufügen, der vor allem in seinem 
„Exil des hl. Augustinus" („Esiglio di S. Agostino") gegen jene, 
die dafür halten, dass das Objekt des Denkens sensibel und materiell 
sei, den Satz vertritt, dass „das Denken nichts anderes ist, als die 
Gegenwart des Seins, und das Sein ist weder sensibel noch mate- 
riell. Das Sein ist unendlich, und wenn es im Geiste nicht dieses 
Unendliche wäre, ich sage im menschlichen Geiste, dann würde kein 
Vernunftschluss uns zur Idee Gottes gelangen lassen". Er ruft laut 
aus die Notwendigkeit einer Rückkehr zu Plato und zu den Lehren 
des idealistischen Spiritualismus, der in Augustinus (der heute 
aus der christlichen Philosophie verbannt sei) einen trefflichen Ver- 
teidiger hatte. 

VIII. 
Ein gleiches Bestreben bekunden die Neuscholastiker Ita- 
liens, über die einige Worte am Platze sein dürften, da die junge 
von ihnen eingeleitete Bewegung viele besondere Züge bietet, welche 
die italienische Neuscholastik von der anderer Nationen deutlich 
unterscheiden. 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 161 

Am 4. August 1879 rief Papst Leo XIII durch die Enzyklika 
Rerum novarum die Katholiken zurück zum Studium der Scho- 
lastik und des hl. Thomas von Aquino, auf dass sie das Denken des 
Mittelalters fortsetzen möchten, ein Denken, welches seinerseits mit 
den glorreichsten Traditionen der griechischen Philosophie ver- 
knüpft war. 

Das Wort des Papstes hatte zunächst eine mehr materielle 
Wirkung, die aber notwendig und unerlässlich war. Es wurden 
nämlich die Werke des hl. Thomas neu gedruckt, seine Summen 
wurden verbreitet, man suchte in Texten und Handbüchern sein 
Denken getreu auszulegen, zusammenzufassen und wiederzugeben. 
Und um die grösste Genauigkeit zu erzielen, gebrauchte man oft 
seine Sprache, sein mittelalterliches Latein, die Ausdrücke, in die er 
seine Ideen kleidete. Unter den Gelehrten, die auf diese Weise das 
thomistische System verbreiteten, taten sich besonders hervor 
Liberatore, Zigliara, Sanseverino, Remer, De Maria, De Mandato, 
Lepidi, Tongiorgi, Lorenzelli und zahlreiche andere, 

Zwei von ihnen verdienen besondere Erwähnung: S. Tal am o 
und P. Guido Mattiussi. Der erstere legte in seinen sehr be- 
achtenswerten Schriften, wie: „Der Aristotelismus der Scho- 
lastik in der Geschichte der Philosophie" („L"Aristotelismo 
della scolastica nella storia della filosofia"), „Die Sklaverei nach 
Aristoteles und den scholastischen Lehrern" („La schia- 
vitü secondo Aristotele e i dottori scolastici"), und in seinen Mono- 
graphien über Eduard von Hartmann, über den zeitgenössischen 
Materialismus u. s. f. eine reiche und mannigfache Bildung an den 
Tag. Der zweite, gegenwärtig Professor an der Gregorianischen Uni- 
versität zu Rom, der die tüchtigsten oben erwähnten Thomisten an- 
gehörten, ist der beste Kenner des Gedankens des hl. Thomas, der 
gegenwärtig in Italien lebt, und in den Zeiten, da der Positivismus 
herrschte, wusste er sich eine ausgebreitete Kenntnis der Physik 
und Naturwissenschaft anzueignen und ihre Entdeckungen zu Studien 
über ihre Beziehungen zu den scholastischen Lehren zu benutzen. 

Während in den Seminarien und in den Klöstern man so die 
Artikel der Summe wieder auferstehen Hess, versuchten an den 
italienischen Universitäten drei katholische Philosophen (die in den 
letzten Jahren verstorben sind), Augusto Conti, Giuseppe Allievo 
und Francesco Acri, die christliche Philosophie systematisch durch- 
zudenken. Der grössere dieser drei war ohne Zweifel Acri, nicht 
bloss wegen seiner sehr schönen Uebersetzungen einiger Dialoge 
Piatos, sondern auch wegen des in allen seinen Schriften durchge- 
führten Prinzips : „Das Ganze ist im Ganzen, d. h. alle Ideen sind 
in jeder Idee; jede Idee, die einfach scheint, verbirgt immer mehr 
oder weniger Falten ; eine Idee ist eine unendliche Sphäre, die sich 
aus unendlichen Elementen zusammensetzt: aber wir können nicht 
das Ganze erkennen, wir können nicht in einer Idee alle anderen 
Ideen in ihrer vollkommenen Einheit, in ihrem tiefen Grunde sehen. 

Philosophisch«! Jahrbuch 1916. 11 



162 A. Gemelli und F. Olgiati 



B 



Daher die vielen Metaphysiken und ihre Unzulänglichkeit'*. Doch ver- 
mochte Acri nicht, einen lebendigen, ihn überdauernden Gedanken- 
strom zu erwecken. 

Dasselbe zeigte sich auch bei dem italienischen Modernismus, 
der nur ein kurzes und unfruchtbares Leben hatte. In der Tat, 
während anderswo , z. B. in Frankreich, der philosophische 
Modernismus sich mit beachtenswerten Systemen, z. B. mit den 
Systemen des Blondel, Laberthonniere, Le Roy, behauptete, ward 
ähnliches in Italien nicht verwirklicht. Bei uns erlangte der Moder- 
nismus eine mehr negative als positive Bedeutung, und er brachte 
nichts hervor als Vertreter (und dazu noch oft wenig tiefe) fremder 
Lehren. Auch von den grössten Zeitschriften des Modernismus floss 
den philosophischen Studien kein Nutzen zu, denn — wie gut be- 
merkt wurde — sie glichen oft einem Katfeetischchen, an das sich 
alle Zeitvertreiber heransetzen können, um hunderterlei zu schwätzen 
und mehr oder wenig sprühend die letzte Idee herauszuschiessen, 
die ihnen durch den Kopf geschwirrt war. 

Mitten in dieser Sachlage, im Januar 1909, gründete P. Gemelli 
(jetzt Dozent für Psychologie an der Universität Turin) zusammen 
mit Dr. Giulio Canella eine Zeitschrift, die„Rivista di Filosofia 
Neoscolastica", die noch besteht und die auch in den Universitäts- 
kreisen eine Aufnahme erlangte, die wir uns nie getraut hatten zu 
erwarten. 

Canella schied nach kurzer Zeit aus der Schriftleitung der neuen 
Zeitschrift aus, aber es gelang Gemelli, eine zahlreiche Schar von 
jungen Männern, Laien, Ordensleuten und Priestern an sich zu ziehen, 
die mit ihm rührig arbeiten, und so wurde die »Rivista di Filosofia 
Neoscolastica« der Mittelpunkt mehrerer anderer Gründungen; wir 
nennen die „Italienische Gesellschaft für die philosophi- 
schen und psychologischen Studien" („Societä italiana degli 
studi filosofici e psicologici"), welche die Scholastiker in Italien sam- 
melt, mehrere Preisausschreiben erlassen hat, die gute Veröffent- 
lichungen im Gefolge hatten, und drei Sammlungen ins Leben rief: die 
„Bibliothek für neuscholastische Philosophie" („Biblio- 
teca di Filosofia Neoscolastica"), die „Wissenschaftliche- Biblio- 
thek" („Biblioteca di Scienze"), die „Apologetische Bibliothek" 
(„Biblioteca di apologia") u. s. f. Das Verdienst an diesen mannig- 
fachen Anregungen gebührt Gemelli und seinen Mitarbeitern, die es 
sich zum Ziel gesetzt haben, das scholastische philosophische Denken 
in Italien bekannt zu machen und zu verbreiten. 

Es handelt sich um eine noch junge Bewegung, bei der ihre 
Natur selber und ebenso ihr Hauptzweck, den modernen Problemen 
und Systemen die Stirn zu bieten, um sie zu überwinden, allerdings 
bewirkt hat, dass bei vielen P'ragen die lebhaftesten Debatten sich 
entspannen, deren manche noch heute in offenem Austrag sich befinden. 
Inbezug auf das Erkenntnisproblem herrscht, wie einer der Unsrigen, 
Francesco Olgiati, jüngst in der „Rivista Tridentina" schrieb, eine 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 163 

grosse Meinungsverschiedenheit unter den italienischen Neuscholasti- 
kern, eine Meinungsverschiedenheit, die, wenn sie beweist, wie tief 
sie die Schwere des kantianischen Problems empfinden, doch auch 
zeigt, wie sie bis jetzt es noch nicht lertig gebracht haben, zu einer 
Einmütigkeit zu kommen. Während einige mit Guido Mattiussi zum 
absoluten Dogmatismus zurückkehren wollen, möchten andere mit 
Giacinto Tredici und Domenico Lanna die Kriteriologie Merciers und 
der Löwener Schule fortsetzen und ausbauen ; noch andere wie Emilio 
Chiocchetti, Lodovico Necchi, Amato Masnovo, auch Cuschieri von 
der Universität Malta, schlagen andere Lösungswege ein. 

Eine der Hauptfragen sodann, welche in den letzten Jahren 
innerhalb dieser Gruppe von Neuscholastikern behandelt wurde und 
die uns Gelegenheit gibt, einige ihrer Veröffentlichungen zu erwähnen, 
ist die aristotelische Abstraktionslehre und die Beziehung zwischen 
Wissenschaft und Philosophie. 

Sie sind ausgegangen — und viele von ihnen sind bei diesem 
Punkte stehen geblieben — von der traditionellen Lehre, die A. 
Gemelli in einem Vortrage auf dem internationalen Kongress zu 
Bologna vom Jahre 1911 auseinandersetzte: „Ueber die Be- 
ziehungen zwischen Wissenschaft und Philosophie" („Su i 
rapporti tra scienza e filosofia"). In den konkreten, individualen 
und veränderlichen Bestimmungen der Wirklichkeit erblicken die 
Scholastiker gemeinsame Wesenheiten, rationale Formen, essentiale 
Notionen, die unveränderlich sind und bleiben, und in welche die 
philosophische Abstraktion das konkrete Datum auflöst. Es erhebt 
sich so die abstrakte Idee, die unvollständig ist, da sie nur die 
gemeinsamen Züge des Realen berücksichtigt, aber nicht falsch ist, 
da sie, trotzdem sie nicht das ganze Sein der Wirklichkeit darstellt, 
sich dennoch auf etwas bezieht, was im Realen integral enthalten 
ist. Wenn deshalb im Urteil der abstrakte Begriff auf die Wirk- 
lichkeit angewendet wird, haben wir eine wahre und nicht bloss 
eine nützliche Erkenntnis. 

Gemäss dieser Theorie besteht zwischen Philosophie und Wissen- 
schaft, da sie von einem einzigen idealen Prozess, der Abstraktion, 
durchnervt sind, nicht mehr ein Unterschied der Natur, sondern bloss 
des Grades, und der Philosoph darf daher darnach streben, die eine 
mit der anderen zu vereinigen, um einer harmonischen Vereinheit- 
lichung des ganzen Wissens die Wege zu ebnen — ein Programm, 
das Gemelli in die Wirklichkeit umzusetzen suchte in einem seiner 
Hauptwerke: „Das Rätsel des Lebens und die neuen Hori- 
zonte der Biologie" („L'enigma della vita ed i nuovi orizzonti 
della biologia"). In diesem Buche, von dem in diesen Monaten die 
zweite Auflage erschien, vertritt der Verfasser, nach einer eingehenden 
kritischen Prüfung aller mechanistischen Theorien und Hypothesen, 
auch im Namen der wissenschaftlichen Forschungen den Vitalismus 
von Hans Driesch (mit einigen Abänderungen) und gelangt zu einer 
finalistischen und theistischen Auffassung des Universums. 

11* 



1U4 A. Gemelli und F. Olgiati 



a 



Ausdruck dieser Haltung sind auch zahlreiche psychologische 
Arbeiten Gemellis, darunter einige Uebersetzungen, z. B. : „Die 
Methoden der Psychologie, Physiologie und Biologie" 
(„I metodi della psicologia, fisiologia e biologia") usw., andere tech- 
nischer Natur als Beiträge zur experimentellen Psychologie oder zur 
angewandten Psychologie. Es ist hier nicht der Ort, sie namhaft 
zu machen. Es genügt, sie erwähnt zu haben, um zu zeigen, wie 
die Auffassung der Beziehungen zwischen Philosophie und Wissen- 
schaft für Gemelli als Richtschnur gedient hat, besonders in seinen 
psychologischen Experimentalstudien. Ausdruck dieser Haltung sind 
auch die verschiedenen Arbeiten über die Evolution, in denen die 
Lehre von der Polyphylogenese als die allein den Bedürfnissen der 
Philosophie und der Wissenschaft entsprechende vertreten wird. 

Doch gegen diese traditionale Richtung erhob sich einer unserer 
Freunde, Emilio Chiocchetti, Leiter der „Rivista Tridentina", 
besonders in seinen Studien über Benedetto Groce, die in Buch- 
form erschienen sind. 

Chiocchetti setzt in seinen Lehren, die ein vom Gesichtspunkt 
des traditionalen Dualismus aus unternommener Versuch der Ueber- 
windung des Idealismus Croces und der Philosophie Variscos, Acris 
und vieler anderer moderner Denker sind, einer atomistischen Auf- 
fassung eine organische Auffassung entgegen. Wir haben im 27. Band 
(1914) des „Phil. Jahrbuchs" S. 453—457 hierüber Chiocchetti 
selber zu Wort kommen und seine Theorie eingehend auseinander- 
setzen und begründen lassen. 

Zwischen diesen beiden extremen Tendenzen versucht einer der 
Unsrigen, F. Olgiati, in seinem jüngst erschienenen Buche über 
„Die Philosophie Henri Bergsons" („La filosofia di Enrico 
Bergson"), in welchem er alle Strömungen der italienischen Neu- 
scholastik ausführlich darlegt, einen Mittelweg, der unter Beibehaltung 
der aristotelischen Abstraktionslehre die Organizität des Universums 
und den Wert des konkreten Begriffes einräumt. Auch hierüber sowie 
über die Stellung Olgiatis zu Bergson haben wir im „Phil. Jahr- 
buch" XXVII (1914) 457—460 eingehend Bericht erstattet. 

Es ist das bloss eine der Fragen, die unter den italienischen 
Neuscholastikern erörtert wird, und deren Erörterung Zeugnis ablegt 
von dem lebhaften Bedürfnis unserer Kreise, uns immer mehr den 
zeitgenössischen Denkern anzunähern, um uns mit allem, was sie 
Wahres bieten, zu bereichern, unter treuem Festhalten jedoch an 
dem platonisch -aristotelischen Dualismus. Die italienischen Neu- 
scholastiker werden deshalb fortfahren, die ganze Geschichte der 
modernen Philosophie durchzudenken, von Cartesius bis auf unsere 
Tage, um die einzelnen Systeme zu überwinden, nicht sowohl im 
Sinne Hegels, als vielmehr im traditionalen Sinne. Denn gegen 
Hegel halten sie aufrecht, dass die Wahrheit sich nie verneint, 
sondern in aufeinanderfolgenden Behauptungen vorwärtsschreitet, 
welche, im Keim in den vorausgehenden Wahrheiten enthalten und 



Die zeitgenössische Philosophie in Italien. 165 

aus ihnen heraus sich entwickelnd, organisch verbunden bleiben mit 
den alten Wahrheiten und sie ausdrücklicher machen. 

Die vorstehende flüchtige und knappe Darlegung der zeit- 
genössischen italienischen Philosophie, die durchaus nicht den An- 
spruch erhebt, vollständig zu sein, zeigt zur Evidenz, wie lebhaft 
das philosophische Erwachen in Italien, das sehr gefördert wird auch 
durch das Gedeihen von Philosophischen Bibliotheken, wie 
die von Palermo und von Florenz und die der Italienischen Gesell- 
schaft für die philosophischen und psychologischen Studien der Neu- 
scholastiker zu Mailand, sich geltend macht. Alle fühlen heute das 
Bedürfnis, die Philosophie zu studieren, die einzige Wissenschaft, 
welche die grossen und die höchsten Probleme lösen kann. Und 
es ist gewiss tröstlich, hervorheben zu können, wie die entgegen- 
gesetztesten Strömungen und die sich widersprechendsten Denker 
dennoch übereinstimmen in der ernsthaften Förderung der geschicht- 
lichen Erkenntnis des antiken und modernen Denkens. Wenn wir 
nunmehr in dieser Mannigfaltigkeit der Bichtungen die hervorstechend- 
sten Züge sammeln und wenn wir von der Tatsache, dass der 
Positivismus immer mehr im Schwinden ist, absehen wollten, so 
müssten wir hervorheben, wie tief in Italien man das Bedürfnis fühlt 
nach einer Philosophie, die als absolutes Wissen auftritt. Die 
Belativität der Erkenntnis, die Philosophie des Als ob begegnen 
bei uns heute nur einem Gefühl der Abneigung. Die Gelehrten der 
entgegengesetzten Parteien sind einig in der Annahme, dass man bei 
Kant nicht Halt machen kann: man muss entweder vorwärts- 
schreiten oder sich rückwärts wenden. Gerade diese in den Geistern 
festgewurzelte Ueberzeugung ist es, die uns leicht voraussagen lässt, 
dass der Streit einer nicht fernen Zukunft, wie einer der Schrift- 
leiter des „Phil. Jahrbuches", Prof. Dr. Schreiber, richtig be- 
merkte 1 ), sich in Italien immer mehr zuspitzen wird zwischen 
einem hegelianischen Monismus, der bis zu seinen äussersten und 
extremsten Folgerungen getrieben werden wird, und einem christ- 
lichen Dualismus, der aus dem ernsten Studium der ganzen philo- 
sophischen Bewegung neue Kraft und neues Leben schöpfen wird. 

') Das erkenntnistheoretische Problem in der neuesten italienischen Lite- 
ratur (in der „Festschrift zum 70. Geburtstag Georg von Hertlings"), Kempten 
und München 1913, Köselsche Buchhandlung, S. 458. 



Kants , , Kritizismus 4 '. 

Von Universitätsprofessor Dr. Anton Seitz in München. 



Die individualistische Strömung der Neuzeit hat sich von Anbeginn an 
bereits zur Geltung gebracht in dem berühmten Ausgangspunkt aller 
Wirklichkeitserkenntnis, welchen Descartes in seinen Meditationes 1641 
aufgestellt hat: Cogito, ergo sum. Die formale Fehlerhaftigkeit dieses 
Satzes hat Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft" 1 ) dahin aufgedeckt: 
„Ich denke . . . hält den Satz : Ich existiere in sich — ist mit ihm identisch" ; 
es kann daher von einem denkenden Ich auf ein wirkliches Ich nicht erst 
geschlossen werden, sondern das Ich ist mit seiner denkenden Betätigung 
zugleich unmittelbar gegeben. Die Frage ist nur, ob ausser dieser imma- 
nenten, d. h. unmittelbar erlebten Innenwelt des Ich noch eine Aussenwelt 
ebenso unmittelbar gegeben und als objektiv gewiss erkennbar ist. 

1. Zu einer über das eigene Ich hinausragenden oder transzen- 
denten Wirklichkeit suchte die Philosophie vor Kant auf einem zwei- 
fachen, diametral entgegengesetzten Wege vorzudringen: Die sogenannten 
Me taphysiker, d.i. die mit Descartes eingeleitete, durch Spinoza, Leib- 
niz und Wolff weitergeführte „kontinentale Reihe" der rationalistischen 
Philosophen, mit Hilfe der von oben herab deduzierenden Vernunft bzw. 
ihrer allgemeinen Begriffe und deren Verbindungen zu Urteilen und Schlüssen, 
die sogenannten Empiriker dagegen, d. h. die „englische Reihe" eines 
Bacon, Hobbes, Locke, Berkeley und Hume, mittels der von unten, von der 
Erfahrung zu den allgemeinen Wesensprinzipien und Wirkensgesetzen herauf- 
steigenden Methode der „Induktion". Beide entgegengesetzte Extreme 
stellen, isoliert betrachtet, Einseitigkeiten dar, welche begreiflicherweise 
Kant nicht zu befriedigen vermochten : der rein empirische Standpunkt, 
weil er bloss zufällige Einzelerkenntnisse bietet, keine notwendige, allgemein- 
gültige Wahrheit mit apodiktischer Gewissheit, der rein rationalistische, 
weil er mit leeren Begriffen aus dem Bereich des Denkens operiert, ohne 
im Gebiet der Wirklichkeit eine zuverlässige Unterlage zu finden. Daher 
ging Kant auf die zwischen beiden in der Mitte liegende Wahrheit aus, 



') R. V. 275/6, A = Kritik der reinen Vernunft 2 , 1787 in „Kants gesammelte 
Schriften. Herausgegeben von der Königlich Preussischen Akademie der Wissen- 
schaften", Band III, Berlin 1904, S. 275/6, Anmerkung. 



Kants „Kritizismus". 167 

wenn auch nicht in der rechten Weise. Er schlug die Brücke zwischen 
dem ohne ein erkenntnistheoretisches Saltomortale mit seinen reinen 
Geistesvorstellungen nie in die reale Aussenwelt hinauskommenden Idealis- 
mus und dem mit seinen zufälligen Einzelerfahrungen nicht zu einem all- 
gemeingültigen, notwendigen Wahrheitsgebäude sich zu erheben vermögen- 
den Empirismus durch seinen „transzendentalen Idealismus". 

2. Um jedoch nicht durch den anrüchigen Begriff „Idealismus" sein 
Weltanschauungssystem von vorneherein in Misskredit zu bringen, legte er 
grosses Gewicht auf die authentische Unterscheidung: „Der Idealismus ist 
die Theorie, welche das Dasein der Gegenstände im Raum ausser uns 
entweder bloss für zweifelhaft und unerweislich, oder für falsch und un- 
möglich erklärt; der erstere ist der problematische des Cartesius, der nur 
eine empirische Behauptung, nämlich: Ich bin, für ungezweifelt erklärt; 
der zweite ist der dogmatische des Berkeley, der den Raum mit allen 
Dingen für blosse Einbildungen erklärt." Positiv „besteht" dieser dog- 
matische Idealismus Berkeleys „in der Behauptung, dass es keine andere 
als denkende Wesen gebe, die übrigen Dinge, die wir in der Anschauung 
wahrzunehmen glauben, wären nur Vorstellungen in den denkenden Wesen, 
denen in der Tat kein ausserhalb diesen befindlicher Gegenstand korre- 
spondierte. Ich [Kant] dagegen sage : es sind uns Dinge als ausser uns 
befindliche Gegenstände unserer Sinne gegeben, allein von dem, was sie 
an sich selbst sein mögen, wissen wir niehts, sondern kennen nur ihre 
Erscheinungen, d. i. die Vorstellungen, die sie in uns wirken, indem sie 
unsere Sinne affizieren" '). 

Den Idealismus Descartes' nennt Kant (Pr. 293 f.) „empirisch", weil 
er die erfahrungsgemäss unbestreitbare Idee des eigenen denkenden Ich 
zur Basis der objektiven Wirklichkeit nimmt, den Idealismus Berkeleys 
dagegen „mystisch und schwärmerisch", weil „es ein in der Tat verwerf- 
licher Idealismus ist, wirkliche Sachen (nicht Erscheinungen) in blosse Vor- 
stellungen zu verwandeln". Dem Vorwurf, er selbst verwandele die Welt 
der Wirklichkeit in eine Welt des Scheines, weil er nicht die objektive 
Wirklichkeit des dem erkennenden Subjekt Erscheinenden zugebe, meint 
er dadurch die Spitze abbrechen zu können, dass er denselben zurückfallen 
lässt auf „denjenigen, der umgekehrt blosse Vorstellungen zu Sachen 
macht". Er rechtfertigt sich damit: Sowohl der „träumende Idealismus", 
den man gewöhnlich Realismus nennt, dessen Annahme einer realen 
Aussenwelt aber vor Kants „reiner Vernunft" nur mehr als ein idealer 
Traum bestehen kann, als auch der „schwärmende", d. i. mystisch über- 
spannte Idealismus Berkeleys, der alles in einer reinen Vorstellungswelt 

*) Pr. 288 f. = „Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die 
als Wissenschaft wird auftreten können" in „Kants gesammelte Schriften", 
ebenda Bd. IV, Berlin 1903, S. 288 f. — Also nur die Wirksamkeit, nicht die 
Wirklichkeit der Aussenwelt steht in Kants System wissenschaftlich fest! 



168 Anton Seitz. 

auf- und untergehen lässt, haben „durch meinen sonst sogenannten trans- 
zendentalen, besser kritischep Idealismus abgehalten werden sollen. — 
Das Wort transzendental aber bedeutet bei mir niemals eine Beziehung 
unserer Erkenntnis auf Dinge, sondern nur auf Erkenntnisvermögen". — 
Was will also Kant mit dem Begriff „transzendentaler Idealismus" aus- 
drücken ? Unsere Erkenntnis baut von sich selbst, aus ihrem eigenen Inneren 
heraus, mit ihren geistigen Elementen, d. i. Ideen von ihr gegenüber- 
stehender, d. h. objektiver Aussenwelt auf. Diese löst sich vor der kriti- 
schen Vernunft zwar nicht in subjektiven Schein auf, welcher objektiv ein 
absolutes Nichts bedeutet, wohl aber in lauter Erscheinungen oder in ein 
bloss relatives Sein, dessen objektiver Charakter nach dem Ausweis der 
exakten, „kritischen" Vernunftforschung sich beschränkt auf eine Wirkung 
aus einer dahinterstehenden, unerforschlichen Welt der Wirklichkeit auf 
unser, und zwar unmittelbar bloss auf unser sinnliches Erkenntnisvermögen. 
3. Dieses Kantsche Weltanschauungssystem kann man ver- 
schieden benennen, je nachdem man es unter dem einen oder anderen 
Gesichtswinkel betrachtet, nämlich unter dem Gesichtspunkt des Erkenntnis- 
mittels — im allgemeinen : Idealismus, weil wir nur mittels der Ideen- 
bildung, und im besonderen : Sensualismus, weil wir speziell bloss 
mittels der sinnlichen Vosslellungstätigkeit zur Anschauung einer ausser uns 
bestehenden Erfahrungswelt gelangen können; vom Standpunkt des Er- 
kenntnisinhaltes: Phänomenalismus, weil unserer Erkenntnis nur zu- 
gänglich ist die Erscheinung (cpcuvö /uevov) oder Einwirkung eines Dinges 
auf unsere Sinneserfahrung, nicht der dahinter verborgene Wesensgrund 
(vov/lievov) des „Dinges an sich"; denn „dieses bedeutet eben den proble- 
matischen Begriff von einem Gegenstande für eine ganz andere Anschauung 
und einen ganz anderen Verstand als der unsrige". Mit unserem be- 
schränkten Erkenntnisvermögen kann die Objektivität einer Aussenwelt 
„nicht schlechthin abgeleugnet, in Ermangelung eines bestimmten Begriffs 
aber (da keine Kategorie dazu tauglich ist) auch nicht als Gegenstand für 
unsern Verstand behauptet werden" (B. V. 230 f.); vielmehr sind „Er- 
scheinungen ... die einzigen [Objekte], an denen unsere Erkenntnis ob- 
jektive Realität haben kann, nämlich wo den Begriffen Anschauung ent- 
spricht" (ebenda 225). Ein Verstand, welcher „nicht diskursiv, durch 
Kategorien, sondern intuitiv, in einer nichtsinnlichen Anschauung seinen 
Gegenstand zu erkennen" vermöchte, hiesse „selbst ein Problema" (ebenda 
212). — Während so Descartes' „problematischer Idealismus" jede reale 
Existenz ausser der des eigenen Ich dahingestellt sein lässt, und Berkeleys 
„dogmatischer Idealismus" die reale Aussenwelt positiv umwandelt in eine 
ideale Innenwelt vorstellender Subjekte, lässt Kants „transzendentaler Idea- 
lismus" neben der Innenwelt des eigenen Ich zwar noch eine Aussenwelt 
der Wirklichkeit bestehen, aber als eine terra incognita, als ein unerforschtes 
und in alle Ewigkeit unerforschbares Gebiet. Insofern verdient sein System 



Kants „Kritizismus". 169 

den Namen „Agnostizismus", d. h. Lehre, dass man vom innersten 
Kern der Wirklichkeit nichts wissen kann. 

4. Hierdurch stellt sich Kant in den schroffsten Gegensatz zur Meta- 
physik der aristotelisch-thomistischen Schule, deren Aufgabe 
und Bedeutung gerade darin besteht, dass sie der Wirklichkeit auf den 
tiefsten Grund zu gehen sich bemüht, soweit dies überhaupt in den 
Schranken menschlicher Erkenntnis möglich ist. An dieser althergebrachten 
metaphysischen Methode hat der Königsberger Denker auszusetzen (Pr. 
271), sie verwickle „in so unstatthatte und unsichere Behauptungen, dass 
zu aller Zeit eine Metaphysik der anderen entweder in Ansehung der Be- 
hauptungen selbst oder ihrer Beweise widersprochen und dadurch ihren 
Anspruch auf dauernden Beifall selbst vernichtet hat". Näherhin beant- 
wortet er (ebenda 327) die Frage : „Wie ist Metaphysik überhaupt mög- 
lich ?" dahin : „Metaphysik hat es ausser mit Naturbegriffen, die in der Er- 
fahrung jederzeit ihre Anwendung finden, noch mit reinen Vernunftbegriffen 
zu tun, die niemals in irgend einer nur immer möglichen Erfahrung ge- 
geben werden, mithin mit Begriffen, deren objektive Bealität (dass sie 
nicht blosse Hirngespinste sind), und mit Behauptungen, deren Wahrheit 
oder Falschheit durch keine Erfahrung bestätigt oder aufgedeckt werden 
kann; — den Kern und das Eigentümliche der Metaphysik" bildet „die 
Beschäftigung der Vernunft bloss mit sich selbst und, indem sie über ihre 
eigene Begriffe brütet, die unmittelbar daraus vermeintlich entspringende 
Bekanntschaft mit Objekten, ohne dazu der Vermittelung der Erfahrung 
nötig zu haben, noch überhaupt durch dieselbe dazu gelangen zu können". 
Die im Bereich möglicher Erfahrung verbleibenden, immanenten Verstandes- 
begriffe erklärt Kant (ebenda 329) als „reine", wogegen „die transzen- 
denten Vernunfterkenntnisse sich weder, was ihre Ideen betrifft, in der 
Erfahrung geben, noch ihre Sätze jemals durch Erfahrung bestätigen, noch 
widerlegen lassen". 

5. Die vom „transzendentalen Idealismus" erhobenen Bedenken 
gegen alle und jede Metaphysik zeugen weder von Tiefsinn noch von 
Scharfsinn, wohl aber verraten sie einen bedenklichen Mangel an beidem. 
Es ist ein sehr platter Einwand des nichts weniger als philosophisch ge- 
schulten Laienverstandes : Die Systeme der Philosophie widersprechen sich 
gegenseitig; also heben sie einander selbst auf, und versinkt jede höhere 
Wahrheitserkenntnis im Grab des allgemeinen Zweifels — modern aus- 
gedrückt des Agnostizismus. Eine solche Argumentation ist nicht besser 
als die oberflächliche Schlussfolgerung : Vielfach, ja meistens ist nicht Gold 
oder Edelstein, was im Scheinglanz des Echten funkelt. Weil nicht alles 
zugleich echt sein kann, und das meiste sogar durch nähere Vergleichung 
und Erprobung als unecht sich herausstellt, darum ist einfach alles eitel 
Trug und Schein. Wem leuchtete nicht ein, dass durch noch so viele 
Fälschungen die Wahrheit zwar für den Unkundigen und Leichtfertigen in 



170 • Anton Seitz. 

den Schatten, für den Kundigen und Gewissenhaften aber erst recht ans 
Licht gestellt wird? Und dass die Metaphysik bloss „über ihre eigene Be- 
griffe brütet", das lässt sich zwar jener rein deduktiven Methode nach- 
sagen, die mit einem Spinoza aus einem einzigen obersten Begriff der 
Substanz mit fingierter mathematischer Sicherheit das Netz der gesamten 
Wirklichkeit bis zu den verzweigtesten Fäden herausspinnt, aber durchaus 
nicht mit willkürlicher Verallgemeinerung auch auf die philosophia perennis 
übertragen, welche seit dem klassischen Altmeister der Metaphysik aus 
Stagira auf dem festen Boden der Wirklichkeitserfahrung ihren Geistesbau 
der tiefgründigsten Wirklichkeitserkenntnis aufführt. Höchstens mangelnde 
Kenntnis der alten Schulmetaphysik vermöchte den „kritischen" Philo- 
sophen — nicht aber Geschichtsforscher der Philosophie — einigermassen 
zu entschuldigen. 

Obwohl übrigens der „kritische" Idealist Kant von erkenntnis-theoreti- 
schem Standpunkt das scharfe Verdikt fällt (Pr. 366) : „Die Kritik verhält sich 
zur gewöhnlichen Schulmetaphysik gerade wie Chemie zur Alchymie", oder 
wie Astronomie zur „wahrsagenden Astrologie", räumt er (ebenda 364) 
unter psychologischem Gesichtspunkt gleichwohl ein : „Dass der Geist des 
Menschen metaphysische Untersuchungen einmal gänzlich aufgeben werde, 
ist ebensowenig zu erwarten, als dass wir, um nicht immer unreine Luft 
zu schöpfen, das Atemholen einmal lieber ganz und gar einstellen würden", 
ja, er lässt sich sogar erkenntnistheoretisch zu dem Geständnis herbei 
(R. V. 211): „Der Begriff eines Noumenon, d. i. eines Dinges, welches gar 
nicht als Gegenstand der Sinne, sondern als ein Ding an sich selbst (ledig- 
lich durch einen reinen Verstand) gedacht werden soll, ist gar nicht wider- 
sprechend ; denn man kann von der Sinnlichkeit doch nicht behaupten, 
dass sie die einzige mögliche Art der Anschauung x ) sei. Ferner ist dieser 
Begriff notwendig, um die sinnliche Anschauung nicht bis über die Dinge 
an sich selbst auszudehnen und also um die objektive Gültigkeit der sinn- 
lichen Erkenntnis einzuschränken." Damit gibt er nicht bloss die innere 
Widerspruchslosigkeit oder Möglichkeit, sondern sogar die Notwendigkeit 
der Metaphysik zu — freilich nur vom Standpunkt des subjektiven mensch- 
lichen Erkennens, was am deutlichsten hervorgeht aus seiner authentischen 
Erläuterung (ebenda 213): „Wenn wir sagen: die Sinne stellen uns die 
Gegenstände vor, wie sie erscheinen, der Verstand aber, wie sie sind, 
so ist das letztere nicht in transzendentaler, sondern bloss empirischer 
Bedeutung zu nehmen, nämlich wie sie als Gegenstände der Erfahrung im 
durchgängigen Zusammenhange der Erscheinungen müssen vorgestellt werden 
und nicht nach dem, was sie ausser der Beziehung auf mögliche Erfahrung 
und folglich auf Sinne überhaupt, mithin als Gegenstände des reinen Ver- 



') Und deren Erkenntnisprodukt, die Erscheinungswelt, die einzige mög- 
liche Welt. 



Kants „Kritizismus". 171 

Standes sein mögen." Die Notwendigkeit der Metaphysik ist demnach nicht 
im eigentlichen Sinn objektiv zu verstehen, sondern höchstens insoweit, 
als sie unabhängig von menschlicher Willkür mit der menschlichen Er- 
kenntnisform als allgemeiner Drang gegeben ist, als eine zwar allgemein- 
gültige, aber nicht minder subjektive Einrichtung der menschlichen Natur, 
deren objektive Gültigkeit sich auf das Gebiet des erkennenden Subjektes 
beschränkt. Der Mensch kann, ja muss metaphysisch denken, aber er 
kommt damit nicht weiter in das Gebiet der Wirklichkeit hinaus, als diese 
schon durch die Erscheinungswelt im Bereich der niederen, sinnlichen 
Erfahrung mit elementarer Gewalt in sie hineintritt; er bringt in diese 
Elemente der Sinneserfahrung bloss eine gewisse systematische Ordnung 
hinein. 

6. Wie geht nun Kants idealistischer Transzendentalismus oder Kriti- 
zismus zu Werke, um an Stelle des in seinen Fundamenten wankenden 
Gebäudes der alten Schulmetaphysik einen soliden Neubau moderner Welt- 
anschauung aufzuführen ? Er untersucht die Grundpfeiler der menschlichen 
Erkenntnis auf ihre Tragfähigkeit. In seiner „Kritik der reinen Vernunft" 
stellt er fest „zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis, Sinnlichkeit und 
Verstand, durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den 
zweiten aber gedacht werden" (46). Diese „zwei Grundquellen des Ge- 
müts" liefern uns „die Elemente aller unserer Erkenntnis, Anschauung 
und Begriffe" (74). Beide sind einander notwendig ergänzende Korrelate : 
„Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind" 
(75). Daraus ergibt sich folgerichtig jener Bewusstseinsidealismus 
oder Phänomenalismus, welcher schliesslich in Agnostizismus aus- 
artet, und dessen Quintessenz Kant am präzisesten zusammenfasst in der 
Anmerkung der „Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik" (288) J ) : 
„Alles, was uns als Gegenstand gegeben werden soll, muss uns in der 
Anschauung gegeben werden. Alle unsere Anschauung geschieht aber nur 
vermittelst der Sinne ; der Verstand schaut nichts an, sondern reflektiert 
nur. Da nun die Sinne ... in keinem einzigen Stück die Dinge an sich 
selbst, sondern nur ihre Erscheinungen zu erkennen geben, diese aber 
blosse Vorstellungen der Sinnlichkeit sind, so müssen auch alle Körper mit- 
samt dem Räume, darin sie sich befinden, für nichts als blosse Vor- 
stellungen in uns gehalten werden und existieren bloss in unsern Gedanken". 
Da, wie Kant weiterhin bemerkt (Pr. 336), „die Verknüpfung" unserer Vor- 
stellungen „nach .Erfahrungsgesetzen ebensowohl ihre objektive Wahrheit 
beweiset, als die Verknüpfung der Erscheinungen des inneren Sinnes die 
Wirklichkeit meiner Seele (als eines Gegenstandes des inneren Sinnes), 
so bin ich mir vermittelst der äusseren Erfahrung ebensowohl der Wirk- 
lichkeit der Körper als äusserer Erscheinungen im Räume, wie vermittelst 



l ) Vgl. R. V. 116 ff. 224. 



172 Anton Seitz. 

der innern Erfahrung des Daseins meiner Seele in der Zeit bewusst, — wo- 
von mir das Wesen an sich selbst, das diesen Erscheinungen zu Grunde 
liegt, unbekannt ist." 

Nachdem die objektive Wirklichkeit der Dinge, an denen Raum und 
Zeit wahrgenommen werden, bestritten ist, fällt zugleich die Objektivität 
von Raum und Zeit; sie sind bloss etwas an Erscheinungsformen. Ja, 
nicht einmal mit letzteren lässt Kant Raum und Zeit verknüpft ; er sondert 
sie vielmehr als subjektive Erkenntnisformen der sinnlichen Anschauung 
ab von ihrer objektiven Basis. Er trennt so willkürlich Materie und Form 
des sinnlichen Erfahrungsinhaltes und behauptet (R. V. 219) : „Sind es nur 
sinnliche Anschauungen, in denen wir alle Gegenstände lediglich als Er- 
scheinungen bestimmen, so geht die Form der Anschauung (als eine sub- 
jektive Beschaffenheit der Sinnlichkeit) vor aller Materie (den Empfindungen), 
mithin Raum und Zeit vor allen Erscheinungen und allen datis der Er- 
fahrung vorher und macht diese vielmehr allererst möglich." — Die 
Schulphilosophie der alten Metaphysik vermag Raum und Zeit 
nicht aufzubauschen zu selbständig für sich bestehenden Formen, sondern 
erkennt darin bloss etwas an den Dingen, nämlich die — nicht unserem 
Erkennen, sondern der Wirklichkeit anhaftenden Formen 

endlicher Beschränktheit, dass nämlich deren Dasein und Wirken 
bloss stückweise verläuft im Nebeneinander materieller Teile und im Nach- 
einander mannigfacher Bewegungs- und Veränderungsformen, nicht in einem 
In- und Uebereinander, sodass sie nicht mit einem Mal ihr Sein und Wirken 
voll und ganz zu erfassen und zu beherrschen im Stande sind. Kant 
hingegen scheidet Raum und Zeit erstens aus von der objektiven Wirklich- 
keit und versetzt sie in die subjektive, sinnliche Erfahrungs- oder Erscheinungs- 
welt als primäre Sinnesqualitäten, mit einem Wort er subjektiviert die- 
selben. Zweitens, er isoliert sie in dieser subjektiven Sinneswelt als reine 
Formen, indem er sie loslöst von der ihnen zugehörigen, mit ihnen sozu- 
sagen verwachsenen, d. i. konkreten Materie der Erscheinungswelt und zu 
selbständigen Gebilden macht, kurz abstrahiert und hypostasiert. 
Drittens, er schreibt diesen subjektivierten, abstrahierten und hypostasierten 
Gebilden die Priorität zu vor sämtlichen erst aus der Erfahrungs- oder 
Erscheinungswelt zu gewinnenden Eindrücken. 

7. Wie begründet Kant diese willkürlichen Abstraktionen und Kon- 
struktionen? Er vollendet zunächst den erkenntnistheoretischen Idealismus 
Lockes. Dieser war auf halbem Wege stehen geblieben dadurch, dass er 
zwar die sogenannten sekundären Sinnesqualitäten, d. i. die spezifischen 
Empfindungen der menschlichen Sinnesorgane: Licht, Farbe, Geschmack, 
Geruch, Wärme und Kälte, Härte und Weichheit endgültig als rein sub- 
jektive Empfindungszustände objektiver ßewegungsformen erklärt hatte, aber 
die sogenannten primären Sinnesqualitäten: Ausdehnung und Festigkeit, 
Zahl und Figur, Bewegung und Ruhe sinnenfälliger Erscheinungen noch als 



Kants „Kritizismus". 173 

objektiv hatte bestehen lassen. Kant subjektiviert auch letztere. Seine 
eigenen Worte lauten (Pr. 269) : „Unbeschadet der wirklichen l ) Existenz 
äusserer Dinge' 1 sind „schon lange vor Loekes Zeiten" als blosse Er- 
scheinungen in unserer Vorstellung bezeichnet worden „die Wärme, die 
Farbe, der Geschmack" usw., während ich „die übrigen Qualitäten der 
Körper, die man primarias nennt, die Ausdehnung, den Ort und überhaupt 
den Raum mit allem, was ihm anhängig ist 2 ) (Undurchdringlichkeit oder 
Materialität, Gestalt usw.), auch mit zu blossen Erscheinungen zähle", kurz 
„alle Eigenschaften, die die Anschauung eines Körpers ausmachen". — 
Die volle, von Fichte gezogene Konsequenz verlangte noch einen dritten 
und letzten Schritt: Wenn von der ganzen Aussenwelt, deren wir nur durch 
unsere gleichsam in sie ausgestreckten Fühlhörner der Sinne habhaft 
werden können, gar nichts als objektive Wirklichkeit Erkennbares mehr 
übrig bleibt, sondern alles in subjektive Erscheinungsformen sich auflöst, 
dann verwandelt sich alles objektive Sein nach der exakt wissenschaft- 
lichen Erkenntnis in subjektiven Schein und die ganze Welt der Wirklich- 
heit in eine Traumwelt des eigenen Ich. Darum hat auch Helmholtz ge- 
standen : „Ich sehe nicht, wie man ein System selbst des extremsten sub- 
jektiven Idealismus widerlegen könnte, welches das Leben als Traum be- 
trachten wollte, wenn man die Objektivität der Sinneswahrnehmung preis- 
gäbe, ohne die man nicht zur Gewissheit der Aussenwelt gelangen könnte" 3 ). 

Kant selbst möchte freilich der unaufhaltsamen Folgerung, „dass durch 
die Identität des Raumes und der Zeit die ganze Sinnenwelt in lauter 
Schein verwandelt werden würde", vorbeugen durch die Verwahrung, dass 
„man über die objektive Beschaffenheit . . . noch gar nicht urteilt" (ebenda 
290/1), nämlich mit dem Verstände, so lange man nur mit den Sinnen 
eine Erscheinungswelt in deren Bereich konstatiert. Allein wenn die objektive 
Welt für den urteilenden Verstand nicht positiv gegeben ist, dann ist sie 
eben auch für die exakt wissenschaftliche Betrachtung nichts mehr als eine 
leere Imagination oder Illusion und insofern Schein. Theoretisch mag man 
noch so scharf unterscheiden zwischen Schein und Erscheinung und letztere 
als nicht ausgemachten, sondern nur problematischen Schein beschönigen, 
praktisch ist damit nichts gedient, weil es zwischen Wirklich und Nicht- 
wirklich keinen verschwommenen Mittelzustand gibt. 

8. Worin liegt der Grundfehler dieser willkürlichen Umwandlung 
der objektiven Welt der Wirklichkeit in eine bloss für den subjektiven 
menschlichen Sinnesbereich existierende Erscheinungswelt? Er liegt schon 
in dem ersten Schritt auf der schiefen Ebene der einseitigen Immanenz- 

*) Freilich nicht erkennbaren. 

2 ) Umgekehrt ist der Raum „anhängig" den mit der Beschränkung durch 
ihn behafteten Gegenständen. 

3 ) Zitiert von C. Willems, Die Erkenntnislehre des modernen Idealismus, 
1906, S. 50. 



1?4 Anton Seitz. 

Philosophie, in der Vertauschung objektiver Qualitäten mit subjektiven 
Sinnesqualitäten. Mögen „sekundäre Sinnesqualitäten", wie Licht, Schall 
u.s. f., noch so sehr mit Schwingungen des Aethers und der Luft in Zu- 
sammenhang stehen, so bilden diese quantitativen Verhältnisse in der 
materiellen Welt doch bloss den mechanischen Unterbau für die qualitativen 
Verhältnisse in einer höheren, sinnenfälligen Welt. So wenig man mit dem 
Materialismus sagen kann: Das Denken ist eine Phosphoreszenz des Ge- 
hirns, so wenig kann man mit dem Phänomenalismus sagen: Das Licht 
und die Farbe sind Aetherschwingungen, sondern lediglich : dieselben setzen 
als materielle Basis Aetherschwingungen ebenso voraus, wie das Denken 
Gehirnbewegungen. 

Dies bestätigt u. a. Jos. Mausbach im I. Band der 1911 von Kösel 
in Kempten herausgegebenen „Apologetik für wissenschaftlich Gebildete: 
Religion Christentum Kirche": Die „scheinbar unschuldige Neuerung bei 
Galilei, Hobbes, Descartes, . . . dass die Sinneswahrnehmung nur subjektive 
Empfindung sei", sowie der vermeintliche Nachweis ihres „rein mecha- 
nischen Ursprungs" durch spätere Forschung „übersieht die Frage, ob die 
Bewegung (z. B. Luft- und Aetherschwingung) nicht blosse Vermittelung 
eines Reizes ist, und ob nicht qualitative Verschiedenheiten auf die Art 
und Mannigfaltigkeit der Bewegung bestimmend einwirken. Sie übersieht 
zunächst auch die sich anschliessende Frage, ob die Bewegung selbst und 
der Raum noch ihre Wirklichkeit behaupten können, wenn die Sinne uns 
täuschen" (17). „Auch die ältere Philosophie wusste, dass Töne und Farben 
durch Luft- oder Aetherschwingungen vermittelt werden ; sie erblickte auch 
in der Sinneswahrnehmung kein blosses Kopieren, sondern ein seelisches 
Nachbilden der Wirklichkeit. Aber warum soll dieses seelische Bilden 
ungetreu, rein subjektiv sein ? Das Reflektieren der roten Lichtstrahlen bei 
der Rose, der grünen bei ihren Blättern, muss doch irgendwie in der ver- 
schiedenen Beschaffenheit der Dinge begründet sein, und dieses meinen 
wir, wenn wir letzteren die Farbe beilegen. Auch das Medium der tele- 
graphischen Gedankenübertragung hat keine Aehnlichkeit mit dem geistigen 
Vorgang im Empfänger; dennoch entspricht dieser genau dem Gedanken 
des Absenders (301)". — „Was sollten wir denn überhaupt mit unseren 
Sinnen wahrnehmen", fragt der Trierer Philosophieprofessor C. Willems 1 ), 
„wenn nicht Eigenschaften der Gegenstände selbst? Etwa die objektiven 
Bewegungsformen von Luft- und Aetherwellen, von Atomschwingungen . . . 
oder unsere Nervenbewegungen, ... die direkten materiellen Wirkungen der 
äusseren Bewegungsvorgänge? Davon weiss unser Bewusstsein nichts, und 
der wirkliche Gegenstand unserer Wahrnehmung ist davon sehr verschieden. 
Oder sind etwa unsere Vorstellungen selbst an sich hell, dunkel, rot usw. ? 
Sicherlich, wenn wir nur unsere Vorstellungen wahrnehmen." 

') Die Erkenninislehre des modernen Idealismus, ebenda 28 f. 



Kants „Kritizismus". 175 

So wenig, wie die physikalischen Vorgänge materieller Bewegungs- 
formen, sind auch die psychologischen Lebensfunktionen, welche diese als 
Vorbedingungen voraussetzen oder als Mittel und Werkzeug benutzen, nicht 
blosse subjektive Erscheinungsformen, vielmehr Wirkungen objektiver An- 
stösse aus der Welt der Wirklichkeit. Wären sie rein subjektive Formen des 
inneren Sinnes, so müssten sie alle Eigenschaften des Subjektes teilen, 
welchem sie anhaften, vor allem dessen individuelle Eigenart und Unbe- 
ständigkeit. Es wäre somit nicht möglich, dass verschiedene menschliche 
Individuen gleichzeitig und vollends auf die Dauer z. B. die nämliche Rot- 
empfindung hätten, sondern die Farbenempfindung müsste in verschiedenen 
Subjekten ebenso gegenseitig verschieden und im nämlichen Subjekt wech- 
selnd sein wie die subjektive Geschmacksrichtung oder Gefühlsstimmung. 
Der überspannte erkenntnistheoretische Idealismus schon eines Locke löst 
objektive Qualitäten in lauter subjektive Sinnesqualitäten auf, ohne kritische 
Scheidung zwischen wirklich rein subjektiven Sinnesqualitäten, denen keine 
objektive Grundlage entspricht, wie z. B. Sinneshalluzinationen oder Eigen- 
geschmack infolge krankhaft veränderter subjektiver Disposition, und Sinnes- 
qualitäten, deren Subjekt bloss das Organ zur Aufnahme von Eindrücken 
aus der objektiven Welt der Wirklichkeit ist. Auch Willems ! ) entgeht es 
nicht : Die „subjektiven Empfindungen (z. B. die Funken bei einem Schlag 
oder Stoss auf das Auge, das Klingen in den Ohren, das Kribbeln in den 
Nerven)" können wir „sehr gut von den wirklichen Wahrnehmungen unter- 
scheiden". Uebrigens „weisen die Physiologen selbst darauf hin, dass Sinnes- 
organe, welche niemals durch äussere Objekte gereizt wurden, auch keine 
subjektiven Sinnesphänomene hervorbringen, z. B. bei Blindgeborenen". 

Die Immanenzphilosophie tut so, als ob das objektive Sein durch 
dessen subjektives Erfassen ganz und gar subjektiviert würde, und schneidet 
von vorneherein jede Möglichkeit einer wesentlich sachgemässen, wenn auch 
per accidens subjektiv gefärbten Auffassung der Wirklichkeit ab. Sie stellt 
das unvollständige Dilemma : Entweder reine Objektivität oder reine Sub- 
jektivität. Dabei übersieht sie die Möglichkeit eines dritten Zwischengliedes: 
Vermischung von Objektivität und Subjektivität ohne durchgängige Ver- 
mischung beider in dem erkennenden Subjekt, welches die objektive Welt 
mehr oder minder getreu und vollständig in sich geistig hineinstellt. 
Sowohl den sekundären Sinnesqualitäten, welche Locke, als auch den 
primären, welche Kant a priori als rein subjektiv hingestellt hat, kann, ja 
muss unter normalen Umständen eine objektive Welt entsprechen, so gewiss 
als die Wirkung auf das Subjekt eine hinreichende Ursache ausserhalb des 
Subjekts oder in der objektiven Welt der Wirklichkeit voraussetzt, und 
zwar in dem Masse entsprechen, als für diese objektive Welt Fassungs- 
kraft vorhanden ist in dem geistig sie sich zu eigen machenden Subjekt. 



J ) Ebenda S. 32. 



170 Anton Seitz. 

Der Verstand vermag mit seiner Urteilskraft Quantitäten der Wirklichkeit, 
eben jene Schwingungsverhältnisse in den Elementen des Lichtes, Tones 
u. dgl., zu berechnen; die Sinne vermögen nicht minder mit ihrer 
Empfindungsfähigkeit Qualitäten der Wirklichkeit, Licht-, Schall- u. dgl. 
Phänomene wahrzunehmen. Der Physiker hat eine besondere Fassungs- 
kraft für die Verhältnisse in der physikalischen Welt des Stoffes und der 
Kraft nebst deren Bewegungsformen, der Psychologe für die Verhältnisse 
in der geistig-sinnlichen Welt der nicht minder auf der Wirklichkeit auf- 
gebauten sensitiven Lebensvorgänge, der Metaphysiker für das Verhältnis 
zwischen Wirklichkeitserlebnissen und ihrer wirklich hinreichenden Ursache, 
sowie ihren inneren Wesenskern, der Logiker für die folgerichtige Ver- 
knüpfung alles, auch des wirklichen Seins. 

Speziell gegen Kants Begründung : „Alle Eigenschaften , die die 
Anschauungen eines Körpers ausmachen", sind „blosse Erscheinungen" 1 ), 
d. h. sie existieren bloss in dem sie anschauenden Subjekt bzw. dessen 
Anschauungsvermögen der Sinnlichkeit — , hat der Erkenntnistheoretiker 
einzuwenden unter metaphysischem Gesichtspunkt: Es besteht kein hin- 
reichender Grund, warum das sinnliche Anschauungsvermögen nicht seinen 
Stoff aus einer wirklichen Welt entnehmen sollte; im Gegenteil, eine 
blosse Erscheinungswelt wäre gar keine hinreichende Ursache, sich an 
sie für gebunden zu erachten. Sie würde ja kaleidoskopartig ebenso 
wechseln wie ihr Träger, das bald unter diesem, bald unter jenem vor- 
herrschenden Eindruck stehende Subjekt; nur wenn diesem der Stoff un- 
wandelbar aufgedrängt wird von einer objektiven Aussenwelt, ist eine hin- 
reichende Ursache vorhanden, diesen Erfahrungsstoff so und nicht anders 
sich zum Bewusstsein zu bringen. Eine subjektive Welt von Ideen- 
assoziationen drängt sich uns allerdings auch in den unwillkürlichen 
Phantasie- und Traumvorstellungen auf, jedoch nicht ohne das Bewusstsein 
ihrer Subjektivität und ihres Unterschiedes von Eindrücken, die nicht dem 
eigenen Geistesnerven, sondern äusseren Objekten entstammen. — Käme 
dagegen Kant mit der Ausrede auf feste, sozusagen eingegossene Formen 
der Sinnesempfindung sowie der Raum- und Zeitanschauung, die wie eine 
naturhafte Nötigung auf dem Menschengeist lasten, vergleichbar dem un- 
widerstehlichen Drang des Vogels zum Fliegen, so würde er unter dem 
logischen Gesichtswinkel zurückgeschlagen werden. In diesem Falle könnte 
der Menschengeist nicht zugleich diametral entgegengesetzte Ideen enthalten : 
übersinnliche, überräumliche und überzeitliche Vorstellungen. Der schla- 
gendste Beweis dafür, dass derselbe in keine sinnlich, räumlich und zeitlich 
beschränkten Anschauungen hineingebannt ist, besteht eben darin, dass er 
sich über dieselben zu erheben vermag. Wenn der nämliche Geist in 
seinem Inneren die Fähigkeit zur beiderseitigen Anschauungsweise vorfindet, 



') S. oben S. 173. 



Kants „Kritizismus". 177 

warum fühlt er dann in gewissen Fällen an eine ganz bestimmte Marsch- 
route sich gebunden, an einen erfahrungsgemäss beschränkten Inhalt? 
Worin liegt der Grund dieser Beschränkung? Da er nicht im Geisteswesen 
selber liegt, kann er bloss ausserhalb desselben liegen, in einer unabhängig 
von ihm bestehenden und die Anerkennung ihres Wirklichkeitsbestandes 
erzwingenden Aussenwelt. 

9. Der einzige wahre Kern an Kants Subjektivierung der objektiven 
Wirklichkeitserfahrung ist der von der Scholastik geprägte erkenntnis- 
theoretische Hauptsatz : Quidquid recipitur, secundum modum cognoscentis 
recipitur. Das bedeutet aber bloss : Das subjektive Erkenntnisorgan ver- 
leiht im Verhältnis zu seiner eigenartigen Fassungskraft dem Erkenntnis- 
objekt eine gewisse subjektive Färbung. Das an die Sinnlichkeit gebundene 
menschliche Geisteswesen speziell vermag sich nur auf sinnlicher Basis 
zu höherer geistiger Erkenntnis zu erheben und sucht deshalb für abstrakte, 
d. i. rein geistige Vorstellungen einen sinnlich anschaulichen Stützpunkt 
zu gewinnen; daher die vielen bildlichen Ausdrucksweisen, die Analogien 
aus der sinnlichen für die geistige Welt, die Anthropomorphismen zur 
Veranschaulichung des absoluten, göttlichen Geistes. Aber dieser unzu- 
reichenden, gleichsam auf Krücken daherwandelnden Erkenntnisweise wird 
sich der menschliche Geist klar bewusst; er verwechselt nicht ohne weiteres 
die Beschränktheit seines subjektiven Geisteshorizontes mit den objektiven 
Schranken der Wirklichkeit, er gewinnt nichtsdestoweniger einen wenigstens 
dämmernden Begriff von dem über sein eigenes endliches Wesen unendlich 
erhabenen, absolut vollkommenen Wesen, der Ur-Quelle und -Fülle aller 
Wirklichkeit, d. i. Gottes. Anderseits gelangt er auch zu einem von Ueber- 
tragung subjektiver Elemente geläuterten Begriff von Wesen, die unter 
seiner eigenen geistig-sinnlichen Natur stehen, auf rein sensitiver bzw. 
vegetativer Lebensstufe und auf der leblosen oder anorganischen Naturstufe. 
Anima humana fit quodammodo omnia : Das menschliche Erkenntnisprinzip 
wird gewissermassen alles, d. h. es passt seine Erkenntnisform jeder Form 
der Wirklichkeit, der höchsten wie der niedrigsten, an. So wenig giesst 
es die Wirklichkeit in irgendwelche, in seinem eigenen Inneren bereit- 
liegende Erkenntnisformen ; es erhebt sich vielmehr zu einer die eigene 
überragenden Wirklichkeitsform nicht minder, wie es zu einer ihr unter- 
geordneten sich herablässt, ohne das fremdartige Wesen als solches dem 
eigenen anzugleichen. 

10. Kant selbst ist es, der den verzweifelten Versuch unternimmt, der 
Wirklichkeit Zwang anzutun durch ein von ihm erfundenes abstraktes 
Schema leerer Anschauungsformen der Sinnlichkeit, nämlich der Vorstellungen 
von Raum und Zeit ohne jeden diese erfüllenden, stofflichen Inhalt. Er 
erklärt (R. V 50): „Wenn ich von der Vorstellung eines Körpers das, was 
der Verstand denkt, als Substanz, Kraft, Teilbarkeit usw., ingleichen was 
davon zur Empfindung gehört, als Undurchdringlichkeit, Härte, Farbe etc. 

Philosophisches Jahrbach 1915, 12 



178 Anton Seitz. 

absondere, so bleibt mir aus dieser empirischen Anschauung noch etwas 
übrig, nämlich Ausdehnung und Gestalt 1 ). Diese gehören zur reinen An- 
schauung, die a priori, auch ohne einen wirklichen Gegenstand der Sinne 
oder Empfindung, als eine blosse Form der Sinnlichkeit im Gemüte statt- 
findet" — eine mustergültige petitio principii: Was Kant beweisen sollte, 
dass Raum und Zeit Formen der ,, reinen Anschauung a priori" sind, das 
setzt er unbewiesen voraus, indem er den Stoff der sinnlichen Erscheinungs- 
welt mit einem Federstrich einfach „absondert" oder „weglässt". Aber 
wo in aller Welt böte sich uns die Erfahrung eines „reinen" Raumes oder 
einer „reinen" Zeit dar ohne einen Gegenstand, sei es auch nur aus der 
sinnlichen Erscheinungswelt, der räumlich und zeitlich bedingt ist? Seine 
abstrakten Vernunftspekulationen eines reinen Raumes und einer reinen 
Zeit nimmt Kant, wie bereits angedeutet 2 ), so ernst als urwüchsige An- 
schauungen der Sinnlichkeit, dass er sie sogar jeder anderen sinnlichen 
Anschauung als elementare Basis vorausgehen lässt. „Denn damit gewisse 
Empfindungen auf etwas ausser mir bezogen werden — ausser und neben 
einander ... in verschiedenen Orten — , dazu muss die Vorstellung des 
Raumes schon zum Grunde liegen . . . Der Raum ist eine notwendige Vor- 
stellung a priori, die allen äusseren Anschauungen zum Grunde liegt" 
(R. V. 52), — die Form aller Erscheinungen äusserer Sinne, d. i. die sub- 
jektive Bedingung der Sinnlichkeit, unter der allein uns äussere Anschauung 
möglich ist (ebenda 55), und analog ist die Zeit „die Form des inneren 
Sinnes, d. i. des Anschauens unserer selbst und unseres innern Zustandes, 
— die formale Bedingung a priori aller Erscheinungen überhaupt" (ebenda 
59 f., Tgl. 69). 

Diese Apriorität der Vorstellungen von Raum und Zeit beweist Kant 
aus dem Postulate der Möglichkeit, „a priori und also vor aller Bekannt- 
schaft mit den Dingen ... zu wissen, wie ihre Anschaffung beschaffen sein 
müsse", und somit ihrer „apodiktischen", nicht nur empirischen Gewiss- 
heit (Pr. 284) „Die geometrischen Sätze sind insgesamt apodiktisch, 
d. i. mit dem Bewusstsein ihrer Notwendigkeit verbunden, z. B. der Raum 
hat nur drei Abmessungen; dergleichen Sätze aber können nicht empirische 
oder Erfahrungsurteile sein" (R. V. 54). — Mit seiner Beweismethode tut 
sich Kant äusserst leicht. Er behauptet kategorisch (R. V. 171): „Reine 
Vorstellungen a priori (z. B. Raum und Zeit) können wir darum allein aus 
der Erfahrimg als klare Begriffe herausziehen, weil wir sie in die Er- 
fahrung gelegt hatten und diese daher durch jene allererst zu Stande 
brachten." Er stellt also einfach die abstrakten Begriffe von Raum und 
Zeit als gegebene Grössen hin, über die sich gar nicht weiter streiten lässt, 
und deduziert aus dieser unerwiesenen Voraussetzung a priori, dass sie 



') Pr. 283: „Raum und Zeit". 

2 ) S. oben S. 172; vgl. auch Pr. 287/8, 291, 322. 



Kants „Kritizismus". 179 

jeder Erfahrung als subjektive Bedingungen ihrer Möglichkeit vorausgehen 
müssen ; denn ihre Erkenntnis wird weder aus der Erfahrung noch aus den 
logischen Verstandesoperationen gewonnen, sondern rein intuitiv aus un- 
mittelbarer Anschauung. Zum Beweis dieser unmittelbaren inneren Er- 
fahrung hinwiederum beruft er sich (Pr. 285) auf zwei völlig sich deckende 
Dreiecke, die man begrifflich durchaus nicht von einander unterscheiden 
und nur durch unmittelbare Raumesanschauung auseinander halten kann : 
„Zwei sphärische Triangel von beiden Hemisphären, die einen Bogen des 

Aequators zur gemeinschaftlichen Basis haben ( X), können völlig gleich 

sein in Ansehung der Seiten sowohl als Winkel, so dass . . . nichts ange- 
troffen wird, was nicht zugleich in der Beschreibung des andern läge, und 
dennoch kann einer nicht an die Stelle des andern (nämlich auf dem ent- 
gegengesetzten Hemisphär) gesetzt werden; und hier ist denn doch eine 
innere Verschiedenheit der Triangel, die kein Verstand als innerlich an- 
geben kann, und die sich nur durch das äussere Verhältnis im Räume 
offenbart." — Aus unmittelbarer Anschauung wird so allerdings der Raum- 
begriff gewonnen, aber doch nicht a priori, sondern eben erst aus der 
Erfahrung, und keineswegs vor jeder anderen sinnlichen Erfahrung und 
losgelöst von jeder Materie der Sinnlichkeit. Denn zuerst fällt der Blick 
auf den Gegenstand, z. B. das Blatt Papier oder die Tafel, worauf die 
kongruenten Dreiecke gezeichnet sind, im allgemeinen, dann auf die darauf 
dargestellte Zeichnung im besonderen, und ganz zuletzt erfasst der Geist 
die durch die sinnenfällige Darstellung anschaulich gemachten abstrakten, 
d. i. begrifflichen Grössenverhältnisse des Raumes. Es findet somit ein 
Aufsteigen von konkreten Elementen sinnlicher Erfahrung zu abstrakter 
geistiger Begriffsbildung statt, nicht aber wird, wie Kant das Verhältnis 
umkehrt, ausgegangen von einem im vorneherein geistig geschauten Begriff 
des Raumverhältnisses; sonst bedürfte es überhaupt gar keiner Veran- 
schaulichungsmittel, d. h. Hilfsmittel aus einer äusseren, sinnenfälligen Er- 
fahrung mehr, sondern die Raumanschauung spränge wie ein elektrischer 
Funke aus dem sinnlichen Anschauungsvermögen augenblicklich hervor, 
und aus ihr erst könnte die geometrische Figur verstanden werden, nicht 
aus der geometrischen Figur die mathematische Wahrheit in Bezug auf 
das Verhältnis des Raumes. 

11. Obwohl Kant so grosses Gewicht legt auf unmittelbare Anschauung 
aus gegebener Sinneserfahrung heraus, möchte er doch nicht einseitig 
empiristische Bahnen wandeln, sondern auch der rationalistischen 
Methode die beste Seite abgewinnen. Er ist sich darüber klar: „Dass 
alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel ; 
— doch entspringt sie darum nicht eben alle aus der Erfahrung" (R. V. 27). 
Auch ist die Tragweite der Erfahrung eine beschränkte : „Erfahrung gibt 
niemals ihren Urteilen wahre oder strenge, sondern nur angenommene und 



180 Anton Seitz. 

komparative Allgemeinheit (durch Induktion) . . . Notwendigkeit und strenge 
Allgemeinheit sind sichere Kennzeichen einer Erkenntnis a priori" (ebenda 
29, vgl. 103). „Erfahrung lehrt mich zwar, was da sei, und wie es sei, 
niemals aber, dass es notwendiger Weise so und nicht anders sein müsse. 
Also kann sie die Natur der Dinge an sich selbst niemals lehren" (Pr. 294). 
Sie bedarf daher einer Ergänzung durch ein Vermögen, welches zur „Natur, 
materialiter betrachtet", d. i. zum „Inbegriff aller Gegenstände der Erfahrung" 
noch hinzufügt das formale Element ihrer „notwendigen Gesetzmässigkeit" 
(ebenda 295/6) und so die „nur subjektiv gültigen, blossen Wahrnehmungs- 
urteile" auf die Stufe von „Erfahrungsurteilen" mit „objektiver Gültigkeit" 
erhebt. — „Objektive Gültigkeit und notwendige Allgemeingültigkeit (für 
jedermann) sind Wechselbegriffe" (298). — „Das Objekt bleibt an sich selbst 
immer unbekannt ; wenn aber durch den Verstandesbegriff die Verknüpfung 
der Vorstellungen, die unserer Sinnlichkeit von ihm gegeben sind, als all- 
gemeingültig bestimmt wird, so wird — das Urteil objektiv (299)." Z. B. 
„das Urteil : die Luft ist elastisch, wird allgemeingültig und dadurch aller- 
erst Erfahrungsurteil, dass gewisse Urteile vorhergehen, die die Anschauung 
der Luft unter den Begriff der Ursache und Wirkung subsumieren und 
dadurch die Wahrnehmungen nicht bloss respective auf einander in meinem 
Subjekte, sondern in Ansehung der Form des Urteilens überhaupt (hier der 
hypothetischen) bestimmen und auf solche Art das empirische Urteil all- 
gemeingültig machen" (301). Zur Anschauung muss also noch hinzukommen 
ein reiner Verstandesbegriff, „und so ist der Verstand der Ursprung der 
allgemeinen Ordnung der Natur" (Pr. 322, vgl. B. V. 12G). „Die Grund- 
sätze a priori der Möglichkeit aller Erfahrung als einer objektiv gültigen 
empirischen Erkenntnis . . . sind nichts arideres als Sätze, welche alle Wahr- 
nehmung unter jene reine Verstandesbegriffe subsumieren" (Pr. 302). „Das 
Erfahrungsurteil muss also noch über die sinnliche Anschauung und die 
logische Verknüpfung derselben (nachdem sie durch Vergleichung allgemein 
gemacht werden) in einem Urteile etwas hinzufügen, was das synthetische 
Urteil als notwendig und hierdurch als allgemeingültig bestimmt, — d. i. 
ein Begriff von derjenigen synthetischen Einheit der Anschauungen, die 
nur durch eine gegebene logische Funktion der Urteile vorgestellt werden 
kann" (ebenda 304). „Die Grundsätze möglicher Erfahrung sind nun zu- 
gleich allgemeine Gesetze der Natur, welche a priori erkannt werden 
können. Und so ist die . . . Frage: Wie ist reine Naturwissenschaft mög- 
lich?, aufgelöset" (306). — Wirklich? 

Aufgelöst ist .allerdings erstens die Natur von einer objektiven Welt 
der Wirklichkeit in eine subjektive Ideenwelt, welche ihrem positiv oder 
erfahrungsgemäss gegebenen Inhalte nach auf lauter sinnlich anschauliche 
Elemente eingeschränkt bleibt, mag sie auch hinsichtlich ihrer formellen 
Ausgestaltung das höhere geistige Vermögen des die Elemente zu einem 
einheitlichen Ganzen verknüpfenden Verstandes, sowie der ihre Denknot- 



Kants „Kritizismus". 181 

wendigkeit oder Allgemeingültigkeit beurteilenden Vernunft passieren. — 
Aufgelöst ist zweitens die Wissenschaft von einer die objektive Wirklich- 
keit bis zu ihrem eigensten Grunde durchforschenden Denkoperation, wie 
sie die Metaphysik der alten Schule unternimmt, in eine rein formalistische 
Arbeitsmethode, welche bloss in die dem menschlichen Geist a priori 
innewohnenden Formen der sinnlichen Anschauung und des begrifflichen 
Denkens den lediglich der sinnlichen Erfahrungswelt zugehörigen Stoff 
hineingiesst oder diesen nach gewissen Kategorien, d. i. allgemeinen Gesichts- 
punkten ordnet, denen sie den Stempel der Objektivität aufdrückt — nicht 
in der materiellen Bedeutung der Wirklichkeit, die ja stets das unbekannte 
„Ding an sich" bleibt, sondern bloss in dem formalistischen Sinne der 
Allgemeingültigkeit. 

12. Wir begegnen hier einer völligen Begriffsfälschung der 
Objektivität. In Kants Immanenzphilosophie bedeutet objektiv nicht 
gegenständlich, d. i. der subjektiven Geisteswelt als objektive Welt der 
Wirklichkeit gegenüberstehend, sondern zuständlich, d. h. einen inneren 
Zustand des erkennenden Subjektes, der von anderen, aus zufälligen 
Affektionen der Sinnenwelt entstandenen Innenzuständen sich nur dadurch 
unterscheidet, dass er nicht bloss zufällig und nur für ein einzelnes oder 
mehrere einzelne, sondern für alle erkennenden Subjekte, und zwar mit 
innerer Naturnotwendigkeit Geltung hat. „Begriffe", sagt Kant (R. V. 105), 
„die den objektiven Grund der Möglichkeit der Erfahrung abgeben, sind 
eben darum notwendig. Die Entwicklung der Erfahrung aber, worin sie 
angetroffen werden, ist nicht ihre Deduktion (sondern Illustration), weil sie 
dabei doch nur zufällig sein würden". Er will damit sagen : Das Wahr- 
zeichen der Objektivität unserer Begriffe ist dies, dass sie als notwendige, 
allgemeingültige Erkenntnisformen jeder Erfahrung, welche nichts anderes 
ist als deren zufällige Anwendung auf einzelne Fälle, vorausgehen. Oder 
vollständig ausgedrückt, d. h. mit Ausdehnung auch auf die Sinnenwelt: 
Eine objektive Erkenntnis gibt es bloss in dem Sinne, dass unserem 
Erkenntnisvermögen, sowohl dem sinnlichen Anschauungs- wie dem geistigen 
Begriffsvermögen, von Natur gewisse Anschauungs- bzw. Denkformen ein- 
geprägt sind, nach denen wir, mögen wir uns dessen bewusst werden oder 
nicht, jeder subjektiven Willkür entrückt, alle Anstösse einer unbekannten 
Aussenwelt gleichförmig regulieren müssen. 

Wenn so Kant die Objektivität abstrakt formalistisch auffasst als 
Notwendigkeit und Allgemeinheit der Erkenntnisform und nicht als konkrete, 
ganz ausserhalb dem Subjekt gelegene und von ihm unabhängige Welt der 
Wirklichkeit, so begeht er eine verhängnisvolle Selbsttäuschung, die 
durch seine eigenen Worte (R. V. 128 f.) gerichtet wird: „W T ollte jemand 
. . . einen Mittelweg vorschlagen, nämlich dass sie (die Kategorien) weder 
selbstgedachte noch erste Prinzipien a priori unserer Erkenntnis, noch 
auch aus der Erfahrung geschöpft, sondern subjektive, uns mit unserer 



182 Anton Seitz. 

Existenz zugleich eingepflanzte Anlagen zum Denken wären, die von un- 
serm Urheber so eingerichtet worden, dass ihr Gebrauch mit den Gesetzen 
der Natur, an welchen die Erfahrung tortläuft, genau stimmte (eine Art 
von Präformationssystem der reinen Vernunft), so würde . . . den Kategorien 
die Notwendigkeit mangeln . . . Ich würde nicht sagen können : die Wirkung 
ist mit der Ursache im Objekte (d. i. notwendig) verbunden, sondern ich 
bin nur so eingerichtet, dass ich diese Vorstellung nicht anders als so ver- 
knüpft denken kann ; welches gerade das ist, was der Skeptiker am meisten 
wünscht; denn alsdann ist alle unsere Einsicht durch vermeinte objektive 
Gültigkeit unserer Urteile nichts als lauter Schein." Der Königsberger 
Philosoph spielt hier an auf das System der prästabilierten Harmonie in 
der Monadenlehre eines Leibniz, wonach die subjektiven Vorstellungskräfte 
der Monaden kraft göttlicher Veranstaltung ohne jede Einwirkung von aussen 
her sich so entfalten, dass ihr Resultat genau übereinstimmt mit dem un- 
abhängig von ihnen vor sich gehenden Ablauf des Naturgeschehens. Die 
innere Vorstellungswelt der menschlichen Seele und die Beziehungen der 
Aussenwelt, auch des menschlichen Leibes, sind vom Urheber der Natur 
so auf einander abgestimmt, wie zwei ganz gleichmässig gehende Uhren. 
Dem gegenüber tut sich Kant etwas darauf zu gute, dass er den Erkenntnis- 
prozess nicht rein a priori in der inneren Geisteswelt vor sich gehen lässt, 
sondern auf der Basis der Erfahrung, d. h. der Affektionen unserer Sinne, 
durch die zwar ihrem eigentlichen Wesen, dem ,,Ding an sich", nach un- 
bekannte, aber wenigstens in ihren Erscheinungen als objektive Realität 
sich bekundende Aussenwelt. Aber gerade diese Erscheinungen der Aussen- 
welt repräsentieren nicht deren objektiven Charakter, sondern reflektieren 
bloss die subjektive Beschaffenheit unseres Erkenntnisvermögens, die in 
dessen Innerem a priori bereit liegenden oder angeborenen Formen der 
sinnlichen Anschauung und ihrer Verknüpfungsweise im Denken. Diese 
drücken den von dem unbekannten X der Aussenwelt heranflutenden Ein- 
drücken derart ihren subjektiven Stempel auf, dass von der objektiven 
Beschaffenheit der Aussenwelt nichts mehr mit Sicherheit zu erkennen ist ; 
hat doch Kant mit allen, sogar den primären, d. i. die Aussenwelt ohne 
Modifikation durch unser Erkenntnisorgan widerspiegelnden Eigenschaften 
der Dinge radikal aufgeräumt ! 

13. Aus der objektiven Welt der Wirklichkeit wird so im Kantschen 
Erkenntnissystem eine subjektive Welt der Vorstellungen oder Er- 
scheinungen, die zwar von den höheren Erkenntniskräften in eine not- 
wendige und allgemeingültige Ordnung einregistriert wird, aber damit nicht 
über den Rahmen der Immanenzphilosophie hinauswächst zu einer trans- 
zendenten Welt der Wirklichkeit. „Die Gattung ist Vorstellung überhaupt 
(repraesentatio). Unter ihr steht die Vorstellung mit Bewusstsein (per- 
ceptio). Eine Perzeption, die sich lediglich auf das Subjekt als die Modi- 
fikation seines Zustandes bezieht, ist Empfindung (sensatio), eine objektive 



Kants „Kritizismus". 183 

Perzeption ist Erkenntnis (cognitio). Diese ist entweder Anschauung oder 
Begriff (intuitus vel conceptus). Jene bezieht sich unmittelbar auf den 
Gegenstand und ist einzeln, dieser mittelbar, vermittelst eines Merkmales, 
was mehreren Dingen gemein sein kann. Der Begriff ist entweder ein 
empirischer oder reiner Begriff, und der reine Begriff, sofern er lediglich 
im Verstände seinen Ursprung hat (nicht im reinen Bilde der Sinnlichkeit), 
heisst Notio Ein Begriff aus Notionen, der die Möglichkeit der Erfahrung 
übersteigt, ist die Idee oder der Vernunftbegriff" (B. V. 249 f.). — „Trans- 
zendentale ') Ideen betrachten alle Erfahrungserkenntnis als bestimmt durch 
eine absolute Totalität der Bedingungen . . . Das absolute Ganze aller Er- 
scheinungen ist nur eine Idee, denn da wir dergleichen niemals im Bilde 
entwerfen können, so bleibt es ein Problem ohne alle Auflösung" (ebenda 
254). — „Diese transzendentalen Ideen . . . haben keine Beziehung auf 
irgend ein Objekt . . . Aber eine subjektive Ableitung derselben aus der 
Natur unserer Vernunft konnten wir unternehmen. — Die Metaphysik hat 
zum eigentlichen Zwecke ihrer Nachforschungen nur drei Ideen: Gott, 
Freiheit und Unsterblichkeit" (259 f.). 

Demgemäss ist die Metaphysik objektiv gegenstandslos ; denn ihre Gegen- 
stände, lauter transzendentale Ideen, „haben keine Beziehung auf irgend ein 
Objekt", betreffen ein „unauflösbares Problem". Der ganze Erkenntnis- 
prozess ist somit eine rein formalistische Begriffsspielerei: „Alle unsere 
Erkenntnis hebt von den Sinnen an, geht von da zum Verstände und endigt 
bei der Vernunft, . . . den Stoff der Anschauung zu bearbeiten und unter 
die höchste Einheit des Denkens zu bringen" (B. V. 237) — man beachte 
„des Denkens", nicht des Seins. Woher soll da eine objektive Welt kom- 
men? Die Sinneserfahrung liefert uns bloss sinnenfällige Erscheinungen, 
nicht Dinge oder auch nur Eigenschaften oder Wirkungen derselben an sich, 
subjektive Affektionen unseres sinnlichen Anschauungsvermögens, die in 
bereit liegende Formen der reinen, d. i. aprioristischen Anschauung — des 
Baumes und der Zeit, sowie der Sinnlichkeit — und des reinen Denkens — 
der verschiedenen Verstandeskategorien — , also in lauter subjektive Er- 
kenntnisformen eingegossen werden. Das Verstandes- und vernunftgemässe 
Denken hiltt lediglich dazu, eine einheitliche, gesetzmässige Ordnung in 
das Chaos der subjektiven Vorstellungswelt hineinzubringen. „Verstandes- 
begriffe . . . enthalten nichts weiter, als die Einheit der Beflexion über die 
Erscheinungen, insofern sie notwendig zu einem möglichen empirischen 
Bewusstsein gehören sollen". Daraus ergibt sich zwar eine Notwendigkeit 
des Denkens, aber nicht einmal eine Wirklichkeit, sondern bloss eine Mög- 
lichkeit des Seins. Und „Vernunftbegriffe dienen zum Begreifen, wie Ver- 
standesbegriffe zum Verstehen (der Wahrnehmungen). Wenn sie das Un- 
bedingte enthalten, so betrefien sie etwas, worunter alle Erfahrung gehört, 



*) = die Erfahrung übersteigende. 



!<U Anton Seitz. 

welches selbst aber niemals ein Gegenstand der Erfahrung ist" (R. V. 244). 
Was aber ein Gegenstand der unmittelbaren Wirklichkeitserfahrung sein 
kann, das kann nach Kant auch nie als Wirklichkeit erkannt werden. 

Wir bringen es daher mit keiner, auch mit den höchsten Erkenntnis- 
kräften des Verstandes und der Vernunft nicht zu einer materiellen, d. h. 
sachlichen, inhaltlichen Erkenntnis objektiver Wirklichkeit; wir bringen es 
höchstens zu einer formalen oder begrifflichen Zusammenfassung subjektiver 
Geistesformeln, der Kategorien des Verstandes, welche wir als einheitlichen 
Massstab an die sinnliche Erscheinungswelt anlegen können, während die 
Ideen der Vernunft sogar mehr von der Wirklichkeit ab- als zu ihr hin- 
führen. Aber was ist mit der formalen Ordnung der Erscheinungswelt 
gewonnen ? Im Effekt gar nichts. Denn der Stoff der sinnlichen Erscheinungs- 
welt als solcher wird durch noch so vergeistigte Betrachtungsweise nicht 
im geringsten verändert, und über die bloss den Sinnen unmittelbar er- 
schlossene Erscheinungswelt kommt auch das höchste Geistesvermögen nicht 
hinaus. „Alles Denken muss sich, es sei geradezu (directe), oder im Um- 
schweife (indirecte), vermittelst gewisser Merkmale zuletzt auf Anschauungen, 
mithin bei uns auf Sinnlichkeit beziehen, weil uns auf andere Weise kein 
Gegenstand gegeben werden kann" (R. V. 49). Die „weitere Ausdehnung 
der Begriffe, über unsere sinnliche Anschauung hinaus, hilft uns aber zu 
nichts. Denn es sind alsdann leere Begriffe von Objekten, . . . blosse 
Gedankenformen ohne objektive Realität, weil wir keine Anschauung zur 
Hand haben" (ebenda 118). — „Die transzendentale Analytik hat demnach 
dieses wichtige Resultat: dass der Verstand a priori niemals mehr leisten 
könne, als die Form einer möglichen Erfahrung überhaupt zu antizipieren^ 
und da dasjenige, was nicht Erscheinung ist, kein Gegenstand der Erfahrung 
sein kann, dass er die Schranken der Sinnlichkeit, innerhalb denen uns 
allein Gegenstände gegeben werden, niemals überschreiten könne" (207, 
vgl. 224/5, 229 ff.). — „Wenn die Vernunft, die mit keinem Erfahrungs- 
gebrauche der Verstandesregeln, als der immer noch bedingt ist, völlig 
befriedigt sein kann, Vollendung dieser Kette von Bedingungen fordert 1 ), 
so wird der Verstand aus seinem Kreise getrieben, um teils Gegenstände 
der Erfahrung in einer so weit erstreckten Reihe vorzustellen, dergleichen 
gar keine Erfahrung fassen kann, teils sogar (um sie zu vollenden) gänz- 
lich ausserhalb derselben Noumena zu suchen, an welche sie jene Kette 
knüpfen könne. Das sind die transzendentalen Ideen" (Pr. 332 f.). 

14. Daraus ergibt sich die Anwendung auf die Gottesidee und 
analog die übrigen metaphysischen Begriffe: „Der deistische 2 ) Begriff ist 

*) D. h. von den bedingten Wesen in der endlichen Erfahrungswelt auf 
ein unbedingtes, unendlich vollkommenes Wesen über dieser Welt schliessen will. 

2 ) Zwischen ..theistisch" und „deisüsch" macht Kant ebensowenig einen 
Unterschied wie zwischen den aposteriorischen Gottesbeweisen und dem aprio- 
rischen, ontologischen. 



Kants „Kritizismus". 185 

ein ganz reiner Vernunftbegriff, welcher aber nur ein Ding, das alle Realität 
enthält, vorstellt, ohne deren eine einzige bestimmen zu können, weil dazu 
das Beispiel aus der Sinnenwelt entlehnt werden müsste . . . Aber alsdann 
würden die Elemente meines Begriffes immer in der Erscheinung liegen; 
... so bleibt nichts als die blosse Form des Denkens ohne Anschauung 
übrig, wodurch allein ich nichts Bestimmtes, also keinen Gegenstand er- 
kennen kann" (Pr. 355). — Abgesehen von der Verdrehung des empirischen 
Ausgangspunktes im metaphysischen Gottesbeweis 1 ) liegt hierin der Trug- 
schluss : Das Ziel und der Gegenstand der Erkenntnis gleicht deren Mittel- 
and Ausgangspunkt, oder: Der Realgrund, der Seinsgrund, deckt sich in- 
haltlich mit dem Idealgrund, dem Erkenntnisgrund. Daraus, dass „die 
Elemente" des Gottesbegriffs durch Schlussfolgerung aus der sinnenfälligen 
Erfahrungswelt entnommen werden, folgt keineswegs, dass der Gottesbegriff 
selbst aus solchen Bestandteilen „der Sinnenwelt" zusammengesetzt ist; 
vielmehr erhebt er sich darüber per viam negationis et eminentiae. 

Kant korrigiert übrigens im folgenden (Pr. 356 ff.) zum Teil sich selbst 
durch die Unterscheidung: Humes „gefährliche Argumente beziehen sich 
insgesamt auf den Anthropomorphismus, von dem er dafür hält, er sei von 
dem Theism unabtrennlich und mache ihn in sich selbst widersprechend". 
Dagegen „wir erlauben uns einen symbolischen Anthropomorphism" im 
Gegensatz zum „dogmatischen". — Wenn ich sage : wir sind genötigt, die 
Welt so anzusehen, als ob 2 ) sie das Werk eines höchsten Verstandes und 
Willens sei, so sage ich wirklich nichts mehr als: wie sich verhält eine 
Uhr, ein Schiff, ein Regiment zum Künstler, Baumeister, Befehlshaber, so 
die Sinnenwelt (oder alles das, was die Grundlage dieses Inbegriffes von 
Erscheinungen ausmacht) zu dem Unbekannten, das ich also hierdurch 
zwar nicht nach dem, was es an sich ist, aber doch nach dem, was es 
für mich ist, nämlich in Ansehung der Welt, davon ich ein Teil bin, er- 
kenne. — Vermittelst dieser Analogie bleibt doch ein für uns hinlänglich 
bestimmter Begriff von dem höchsten Wesen übrig, . . . und mehr ist uns 
auch nicht nötig ; ... so kann uns nichts hindern, von diesem Wesen eine 
Kausalität durch Vernunft in Ansehung der Welt zu prädizieren und so 
zum Theism überzuschreiten, ohne eben genötigt zu sein, ihm diese 
Vernunft an ihm selbst als eine ihm anklebende Eigenschaft beizulegen. 
Denn was das Erste betrifft, so ist es der einzige mögliche Weg, den Ge- 
brauch der Vernunft in Ansehung aller möglichen Erfahrung in der Sinnen- 
welt durchgängig mit sich einstimmig auf den höchsten Grad zu treiben, 
wenn man selbst wiederum eine höchste Vernunft als eine Ursache aller 

J ) = erfahrungsgemässe Wirkungen, nicht diese abstrakte Vernunftidee 
der vollgenügenden Allursächlichkeit. 

2 ) Vgl. des Kantinterpreten Vaihinger „Philosophie des Als Ob", im 1. Heft 
des 26. Bandes dieser Zeitschrift (S. 22 ff.) besprochen von Prof. Dr. Switahki 
in Braunsberg. 



186 Anton Seitz. 

Verknüpfungen in der Welt annimmt . . . Zweitens wird dadurch doch die 
Vernunft nicht als Eigenschaft auf das Urwesen selbst übertragen, sondern 
nur auf das Verhältnis desselben zur Sinnenwelt und also der Anthropo- 
morphismus gänzlich vermieden. — Dabei bleibt mir die Natur der obersten 
Ursache selbst unbekannt. — Auf solche Weise verschwinden die Schwierig- 
keiten, die dem Theism zu widerstehen scheinen , dadurch : dass man 
mit dem Grundsatze des Hume, den Gebrauch der Vernunft nicht über 
das Feld aller möglichen Erfahrung dogmatisch hinauszutreiben, einen 
anderen Grundsatz verbindet, den Hume gänzlich übersah, nämlich: das 
Feld möglicher Erfahrung nicht für dasjenige, was in den Augen unserer 
Vernunft sich selbst begrenzte, anzusehen. Kritik der Vernunft bezeichnet 
hier den wahren Mittelweg zwischen dem Dogmatism, den Hume bekämpfte, 
und dem Skeptizism, den er dagegen einführen wollte. — Erfahrung, welche 
alles, was zur Sinnenwelt gehört, enthält, begrenzt sich nicht selbst: sie 
gelangt von jedem Bedingten immer nur auf ein anderes Bedingte. Das, 
was sie begrenzen soll, muss gänzlich ausser ihr liegen, und dieses ist das 
Feld der reinen Verstandeswesen ... Da aber eine Grenze selbst etwas 
Positives ist, ... so ist es doch eine wirklich positive Erkenntnis, deren 
die Vernunft bloss dadurch teilhaftig wird, dass sie sich bis zu dieser Grenze 
erweitert . . . durch etwas, was ihr sonst unbekannt ist". In diesem Sinne 
gibt Kant sogar zu: „Die natürliche Theologie . . . sieht sich genötigt, 
zu der Idee eines höchsten Wesens hinauszusehen, . . . hierdurch aber 
nicht etwa sich bloss ein Wesen zu erdichten, sondern, da ausser der 
Sinnenwelt notwendig etwas, was nur der reine Verstand denkt, anzutreffen 
sein muss, dieses nur auf solche Weise, obwohl freilich bloss nach der 
Analogie, zu bestimmen". Die Einschränkung unserer Vernunft auf 
Gegenstände möglicher Erfahrung „hindert nicht, dass sie uns nicht bis zur 
objektiven Grenze der Erfahrung, nämlich der Beziehung auf etwas, was 
selbst nicht Gegenstand der Erfahrung, aber doch der oberste Grund aller 
derselben sein muss, führe". 

Hier lässt Kant zum Hinterpförtchen wieder herein, was er vorn hinaus- 
geworfen hat mit der widersprechenden Behauptung : „Wenn die Vernunft 
. . . Vollendung dieser Kette von Bedingungen fordert, so wird der Verstand 
aus seinem Kreise getrieben, um . . . Gegenstände der Erfahrung in einer 
so weit erstreckten Reihe vorzustellen, dergleichen gar keine Erfahrung 
fassen kann" 1 ). — Anderseits darf freilich Kants Konzession an den Theis- 
mus auch nicht überschätzt, sondern muss im Rahmen seiner Immanenz- 
philosophie gewürdigt werden. Er räumt zwar ein, dass die zur Ergänzung 
der Erfahrung dienende reine Vernunft die Gottesidee nicht förmlich „er- 
dichte", d. i. ohne jede aus der Erfahrungswelt ihr gelieferte Analogie völlig 
frei erfinde, nicht aber, dass sie damit eine transzendente Wirklichkeit, ein 



l ) S. oben S. 185. 



Kants „Kritizismus" 187 

„Ding an sich" des absoluten, göttlichen Wesens erreiche. Sie kommt viel- 
mehr auch im Gottesbegriff nicht hinaus über eine in ihr selbst liegende 
Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit der Begriffsbildung oder Denkform; 
sie ist jedoch nicht „genötigt", die aus der Analogie ihres eigenen Wesens 
erschlossene „Vernunft" auch nur in analoger, von jedem Anthropomorphis- 
mus geläuterter Weise einem allursächlichen göttlichen Wesen „an ihm 
selbst als eine ihm anklebende Eigenschaft beizulegen". Letzteres bleibt 
vielmehr durchaus „unbekannt", und der von ihm durch Analogie gewonnene 
Begriff ist lediglich ein „für uns hinlänglich bestimmter Begriff von dem 
höchsten Wesen", vermag indes dieses keineswegs „nach dem, was es an 
sich selbst ist", zum Ausdruck zu bringen. 

15. Um den grundverfehlten Standpunkt der Kantschen Immanenz- 
philosophie besser beurteilen zu können, müssen wir noch etwas näher 
auf denselben eingehen. Kants ganze Erkenntnistheorie steht auf der 
schwankenden Grundlage angeborener, subjektiver Erkenntnisformen a priori, 
fertiger Geistesschablonen, feststehender innerer Vorbedingungen, nach wel- 
chen der von aussen heranflutende Erfahrungsstoff ein ganz bestimmtes, 
subjektivistisches Gepräge erhält, gewissermassen eine unvermeidliche 
Färbung durch die eigene Geistesbrille. „Zur Bestätigung dieser Theorie 
von der Idealität des äusseren sowohl als inneren Sinnes, mithin aller 
Objekte der Sinne als blosser Erscheinungen kann vorzüglich die Bemerkung 
dienen : dass alles, was in unserer Erkenntnis zur Anschauung gehört, . . . 
nichts als blosse Verhältnisse enthalte, der Oerter in einer Anschauung 
(Ausdehnung), Veränderung der üerter (Bewegung) und Gesetze, nach denen 
diese Veränderung bestimmt wird (bewegende Kräfte). — Nun wird durch 
blosse Verhältnisse doch nicht eine Sache an sich erkannt, . . . nicht das 
Innere, was dem Objekte an sich zukommt. Mit der inneren Anschauung 
ist es ebenso bewandt. Nicht allein, dass darin die Vorstellungen äusserer 
Sinne den eigentlichen Stoff ausmachen, womit wir unser Gemüt besetzen, 
sondern die Zeit, in die wir diese Vorstellungen setzen, . . . enthält schon 
Verhältnisse des Nacheinander, des Zugleichseins und dessen, was mit dem 
Nacheinandersein zugleich ist (des Beharrlichen). Nun ist aber ... die Art, 
wie das Gemüt durch eigene Tätigkeit, nämlich dieses Setzen seiner Vor- 
stellung, mithin durch sich selbst affiziert wird, ... ein innerer Sinn seiner 
Form nach. Alles, was durch einen Sinn vorgestellt wird, ist sofern jeder- 
zeit Erscheinung oder Phänomen" (B.V. 69 f.). 

Dieser Phänomenalismus setzt sich aus der Sinnenwelt poten- 
ziert fort in die Verstandeswelt: „Ein Begriff wird niemals auf einen 
Gegenstand unmittelbar, sondern auf irgend eine andere Vorstellung von dem- 
selben (sie sei Anschauung oder selbst schon Begrifi) bezogen. Das Urteil 
ist also die mittelbare Erkenntnis eines Gegenstandes, mithin die Vorstellung 
einer Vorstellung desselben" (ebenda 85). Es müssen „auch Begriffe a priori 
vorausgehen, als Bedingungen, unter denen allein etwas ... als Gegenstand 



188 Anton Seitz. 

überhaupt gedacht wird. — Folglich wird die objektive Gültigkeit der 
Kategorien als Begriffe a priori darauf beruhen, dass durch sie allein Er- 
fahrung (der Form des Denkens nach) möglich sei" (104/5). — „Kategorien 
sind Begriffe, welche den Erscheinungen, mithin der Natur als dem Inbegriff 
aller Erscheinungen Gesetze a priori vorschreiben. — Denn Gesetze existieren 
. . . nur relativ auf das Subjekt, dem die Erscheinungen inhärieren, sofern 
es Verstand hat" (126/7). — „Wenn wir untersuchen, was denn die Be- 
ziehung auf einen Gegenstand unseren Vorstellungen für eine neue Be- 
schaffenheit gebe — Dignität — : so finden wir, dass sie nichts weiter tue, 
als die Verbindung der Vorstellungen auf eine gewisse Art notwendig zu 
machen und sie einer Regel zu unterwerfen; dass umgekehrt nur dadurch, 
dass eine gewisse Ordnung in dem Zeitverhältnisse unserer Vorstellungen 
notwendig ist, ihnen objektive Bedeutung erteilt wird" (172). „Diese Regel 
aber ist : dass in dem, was vorhergeht, die Bedingung anzutreffen sei, unter 
welcher die Begebenheit jederzeit (d. i. notwendiger Weise) folgt. Also ist 
der Satz vom zureichenden Grunde der Grund möglicher Erfahrung, 
nämlich der objektiven Erkenntnis der Erscheinungen in Ansehung des 
Verhältnisses derselben in der Reihenfolge der Zeit" (174). — „Sagte man: 
die Erfahrung böte unablässig Beispiele einer solchen Regelmässigkeit der 
Erscheinungen dar, die genugsam Anlass geben, den Begriff der Ursache 
davon abzusondern und dadurch zugleich die objektive Gültigkeit eines 
solchen Begriffs zu bewähren, so bemerkt man nicht, dass auf diese Weise 
der Begriff der Ursache gar nicht entspringen kann, sondern dass er ent- 
weder völlig a priori im Verstände müsse gegründet sein, oder als ein 
Hirngespinst gänzlich aufgegeben werden müsse" (103). 

16. Auf dem Boden dieser konsequenten Immanenzphilosophie gibt es 
eine Erkenntnis der Aussenwelt bloss durch die mit innerer Naturnotwendig- 
keit subjektiv gefärbte ideelle Erkenntniskraft hindurch, die von Objektivität 
im Sinne der Realität immer weiter sich entfernt, je mehr sie den reinen 
Vernunftideen a priori sich nähert. Kant selbst hat einen unhaltbaren 
Mittelweg vorgeschlagen zwischen analytischer Verstandeserkenntnis a priori 
und synthetischer Erfahrungserkenntnis a posteriori durch die sogenannten 
synthetischen Urteile a priori. Wie kam er hierzu und was verstand er 
hierunter? Erbetrachtetees als seine Lebensaufgabe, die wissenschaftliche 
Erkenntnis auf eine unerschütterlich feste Basis zu stellen. Die Schul- 
weisheit der alten Metaphysik schien ihm hierzu untauglich. Denn „meta- 
physische Erkenntnis muss lauter Urteile a priori enthalten" (Pr. 266). Da- 
mit komme ich jedoch keinen Schritt weiter aus dem Gebiet des Denkens 
in das Reich der Tatsachen. „Ich kann aus dem Begriffe eines Dinges 
durch meine ganze Denkkraft nicht den Begriff von etwas anderem, dessen 
Dasein notwendig mit dem ersteren verknüpft ist, herausbringen, sondern 
muss die Erfahrung zu Rate ziehen" (ebenda 370). Anderseits genügt aber 
auch die Erfahrung nicht zur Begründung eines eigentlichen Wissens, dessen 



Kants „Kritizismus". 189 

Grundzug die Form notwendiger, allgemeingültiger Gesetzlichkeit bildet; 
sie liefert bloss den Stoff des Wissens, dem aber wegen seiner Zufälligkeit 
und Vereinzelung gerade jene Grundform des Wissens oder das, was das 
Wissen als solches ausmacht, abgeht. Die beiden Hauptrichtungen der 
Philosophie vor Kant erscheinen diesem unfähig, eine haltbare Erkenntnis- 
theorie zu begründen, weil sie mit unzulänglichen Mitteln arbeiten l ) : Die 
Metaphysiker oder Rationalisten verfahren nach der analytischen Methode, 
welche die Vernunftbegriffe des reinen Denkens einfach in ihre schon ge- 
gebenen Bestandteile auflöst und damit die menschliche Erkenntnis ledig- 
lich erläutert, aber nicht erweitert, indem sie von den das Wissen konsti- 
tuierenden Elementen bloss das formelle pflegt : die Deduktion allgemeiner, 
notwendiger Begriffe 2 ). Die Empiristen wenden ebenso einseitig die ent- 
gegengesetzte, synthetische Methode an, welche die positiv gegebenen Er- 
fahrungselemente sammelt und zu einem einheitlichen Ganzen zusammen- 
setzt, wobei jedoch gerade das fehlt, was den wissenschaftlichen Charakter 
ausmacht : die Form der Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit. Denn die 
unmittelbare Erfahrung bleibt stets auf mehr oder minder vereinzelte Fälle 
beschränkt, die auch rein zufällig sein können. Dass dieselben jedesmal 
in gleicher Weise sich wiederholen müssen, kann man höchstens a priori 
behaupten aus einer mehr oder minder subjektiv begrenzten Lebenssphäre 
heraus. Deshalb hat der ausgereifteste Vertreter des Empirismus, der 
scharfsinnige Hume, rückhaltlos zugegeben : Alle aus der Erfahrung ge- 
schöpfte „vermeintliche Notwendigkeit oder dafür gehaltene Erkenntnis 
a priori ist nichts als eine lange Gewohnheit, ... die subjektive Notwendig- 
keit für objektiv zu halten" (Pr. 277). Als solche subjektive Denkgewöhnung, 
deren objektive Gültigkeit sich nicht nachweisen lässt, hat Hume sogar das 
oberste metaphysische Gesetz vom hinreichenden Grund erklärt, ohne 
welches wir keinen Schritt in der wissenschaftlichen Forschung machen 
können. Das Identitäts- oder Widerspruchsgesetz aber erw r eist Kant gerade 
als die Urform analytischer Urteile, welche „im Prädikate nichts sagen als 
das, was im Begriffe des Subjekts schon wirklich, obgleich nicht so klar 
gedacht war", z. B. „alle Körper sind ausgedehnt" ; hier „habe ich meinen 
Begriff vom Körper . . . nur aufgelöset. — Alle analytische Urteile beruhen 
gänzlich auf dem Satze des Widerspruchs . . . Denn weil das Prädikat 
eines bejahenden analytischen Urteils 3 ) schon vorher im Begriffe des Sub- 
jekts 4 ) gedacht wird, so kann es von ihm ohne Widerspruch nicht verneint 
werden" (ebenda 266/7). 

Wir haben demnach zu konstatieren : Die obersten metaphysischen 
Grundgesetze vermögen uns nicht in eine objektive Welt der Wirklichkeit 

l ) S. oben S. 179 f. 

*) Vgl. hierzu Pr. 266 ff., R. V. 33 ff. 

8 ) Z. B. ausgedehnt. 

4 ) Z. B. Körper. 



190 Anton Seitz. 

zu führen, wenn es wirklich bloss das Dilemma gibt zwischen entweder 
analytischer Erkenntnis a priori, welche aus der rein formalen Begriffswelt 
nicht herausführt, oder synthetischer a posteriori, welche keine wissenschaft- 
liche Erkenntnis ist, weil ihr hierzu die unentbehrliche Voraussetzung 
fehlt : jene apodiktische Gewissheit, welche aus der Notwendigkeit oder 
Allgemeingültigkeit hervorgeht; denn „alles, was a priori erkannt werden 
soll, wird eben dadurch für apodiktisch gewiss ausgegeben" (ebenda 369). 
Um den Angelpunkt wissenschaftlicher Gewissheitserkenntnis zu retten, hält 
Kant Umschau auf dem weiten Felde menschlichen Wissens, ob nicht das, 
was nach seiner Auffassung die alte Metaphysik mit ihrer deduktiven 
Methode ebenso wenig zu leisten vermag, wie die moderne Erfahrungs- 
wissenschaft mit ihrem induktiven Verfahren, von irgend einer wissenschaft- 
lichen Disziplin dargeboten werden könne, nämlich der Ausgleich einseitiger 
Gegensätze durch wechselseitige Ergänzung. Kaum hat er die Bedürfnis- 
frage nach einem festen Ausgangspunkt zur Gewissheit des menschlichen 
Erkennens gestellt, da findet er schon die Lösung, auch ohne die alte 
Metaphysik. Mit einer gegen diese gerichteten Spitze bemerkt er (Pr. 370) : 
„Eine gewöhnliche Ausflucht" der „falschen Freunde des gemeinen Menschen- 
verstandes" ist : „Es müssen doch einige Sätze sein, die unmittelbar gewiss 
sind, und von denen man . . . keine Rechenschaft zu geben brauchte, weil 
man sonst mit den Gründen seiner Urteile niemals zu Ende kommen 
würde; aber zum Beweise dieser Befugnis können sie (ausser dem Satze 
des Widerspruchs, der aber die Wahrheit synthetischer Urteile darzutun 
nicht hinreichend ist) niemals etwas anderes Ungezweifeltes anführen, als 
mathematische Sätze: z B. dass zwei mal zwei vier ausmachen, dass 
zwischen zwei Punkten nur eine gerade Linie sei, u. a. m." 

Noch eine zweite Wissenschaft zieht Kant in den Kreis seiner 
Betrachtung, um mit ihrer Hilfe den Weg zu finden zu einer unumstöss- 
lichen Gewissheitserkenntnis, unabhängig von jedem zufälligen Erfahrungs- 
stoff: die Naturwissenschaft, um als Resultat seiner Untersuchung zu 
verkünden : „Diese dem Naturforscher nachgeahmte Methode besteht darin : 
die Elemente der reinen Vernunft in dem zu suchen, was sich durch ein 
Experiment bestätigen oder widerlegen lässt. Nun lässt sich zur Prüfung 
der Sätze der reinen Vernunft . . . kein Experiment mit ihren Objekten 
machen (wie in der Naturwissenschaft) : also wird es nur mit Begriffen und 
Grundsätzen, die wir a priori annehmen, tunlich sein, indem man sie 
nämlich so einrichtet, dass dieselben Gegenstände einerseits als Gegenstände 
der Sinne und des Verstandes für die Erfahrung, anderseits aber doch 
als Gegenstände, die man bloss denkt, allenfalls für die isolierte und über die 
Erfahrungsgrenze hinausstrebende Vernunft, mithin von zwei verschiedenen 
Seiten betrachtet werden können" (R. V. 13*). Die letztere Seite, die im 
Zirkel des reinen Denkens sich bewegt, scheidet Kant ganz und gar aus, 
die erstere lässt er stehen, und mit ihr meint er die rechte Vermittlung 



Kants „Kritizismus". 191 

zwischen der allgemeingültigen, notwendigen Form des Wissens und dem 
objektiv gegebenen Stoff der Erfahrungswelt gefunden zu haben: „Er- 
fahrung ist selbst eine Erkenntnisart, die Verstand erfordert, dessen Regel 
ich in mir, noch ehe mir Gegenstände gegeben werden, mithin a priori 
voraussetzen muss" (ebenda 12). Er fasst so einfach in einem einzigen 
Begriff zusammen, was bisher durch die entgegengesetzten Richtungen in 
der Philosophie getrennt war: synthetisch und a priori und versteht unter 
synthetischen Urteilen a priori solche, welche sowohl apodiktisch gewiss 
sind, weil sie nicht aus der Erfahrung, sondern rein aus der Vernunft 
entspringen, aus welcher sie den Charakter der Notwendigkeit und All- 
gemeingültigkeit entnehmen, als auch objektiv, weil sie in der Wirklichkeits- 
erfahrung jederzeit verifiziert, d. i. bestätigt und veranschaulicht werden 
können so, wie ein naturwissenschaftliches Gesetz durch Experiment und 
ein mathematischer Satz durch sinnlich anschauliche Darstellung. 

17. Auf diese Weise gelangt Kant zur Rekonstruktion der Meta- 
physik als Wissenschaft nach dem Muster der exakten Mathematik 
und Naturwissenschaft. Er kommt (Pr. 274 ff.) zum „Schluss : dass Meta- 
physik es eigentlich mit synthetischen Sätzen a priori zu tun habe, — 
dass, ob wir gleich nicht annehmen können, dass Metaphysik als Wissen- 
schaft wirklich sei, wir doch mit Zuversicht sagen können, dass gewisse 
reine synthetische Erkenntnis a priori wirklich und gegeben sei, nämlich 
reine Mathematik und reine Naturwissenschaft; denn beide enthalten Sätze, 
die teils apodiktisch gewiss durch blosse Vernunft, teils durch die allge- 
meine Einstimmung aus der Erfahrung und dennoch als von Erfahrung 
unabhängig durchgängig anerkannt werden. Wie sind synthetische Sätze 
a priori möglich ? ... Auf die Auflösung dieser Aufgabe kommt das Stehen 
oder Fallen der Metaphysik und also ihre Existenz gänzlich an". Kant 
meint diese Aufgabe gelöst und damit die Metaphysik insoweit gerettet zu 
haben, als sie auf synthetischen Urteilen a priori beruht, gleich der reinen 
Mathematik und der reinen Naturwissenschaft. Zu betonen ist „rein", d. h. 
nicht ursprünglich aus der blossen Erfahrung hervorgehend, weil dieser der 
Charakter der Wissenschaft, das Element des Allgemeingültigen, Not- 
wendigen fehlte, sondern bloss nachträglich durch die Erfahrung veran- 
schaulicht und bestätigt. 

Zunächst meint Kant (Pr. 268 69): „Mathematische Urteile sind ins- 
gesamt synthetisch . . . Man sollte anfänglich wohl denken, dass der Satz 
7 -f 5= 12 ein bloss analytischer Satz sei, der aus dem Begriffe einer Summe 
von Sieben und Fünf nach dem Satze des Widerspruches erfolge. Allein 
der Begriff von Zwölf ist keineswegs dadurch schon gedacht, dass ich mir 
jene Vereinigung von Sieben und Fünf denke . . . Man muss über diese 
Begriffe hinausgehen, indem man die Anschauung zu Hülfe nimmt — etwa 
seine fünf Finger — , welches man desto deutlicher inne wird, wenn man 
etwas grössere Zahlen nimmt." Zu diesem Beispiel aus der Mathematik 



192 Anton Seitz. 

fügt Kant ein weiteres aus der Geometrie hinzu: ,,Dass die gerade Linie 
zwischen zwei Punkten die kürzeste sei, ist ein synthetischer Satz. Denn 
mein Begriff von Geraden enthält nichts von Grösse, sondern nur eine 
Qualität. Der Begriff des Kürzesten kommt also gänzlich hinzu und kann 
durch keine Zergliederung aus dem Begriffe der geraden Linie gezogen 
werden. Anschauung muss also hier zu Hülfe genommen werden. — Die 
Frage ist nicht, was wir zu dem gegebenen Begriffe hinzudenken sollen, 
sondern was wir wirklich in ihm, obzwar nur dunkel, denken; und da 
zeigt sieb, dass das Prädikat jenern Begriffe zwar notwendig, aber nicht 
unmittelbar, sondern vermittelst einer Anschauung, die hinzukommen muss, 
anhänge." — Richtig ist, dass die Anschauung an den tünf Fingern oder 
an den Kugeln einer Rechenmaschine wegen des in der Natur des Menschen 
begründeten sinnlichen Ausgangspunktes alles geistigen Erkennens zu Hülfe 
genommen werden muss, um den abstrakten Begriff einer Zahl klar zu 
machen, aber nicht erst bei der Zahl zwölf, sondern schon bei den diese Zahl 
zusammensetzenden Zahlengrössen Fünf und Sieben. Von dieser Klärung 
des Begriffs mittels sinnlicher Anschauung oder von seiner subjektiven An- 
eignung ist jedoch wohl zu unterscheiden seine objektive Eigenheit. Fassen 
wir diese an sich ins Auge, so braucht zu der Summe 7 + 5 gar nichts 
weiter hinzuzukommen, um die einfache Zahl 12 zu geben. Beides sind 
vielmehr identische Grössen, im einen Falle bloss in Teilstücke zerlegt, 
im andern Falle als einheitliches Ganzes genommen. Dieses Ganze ist 
objektiv im ersten Fall bloss „analysiert" oder aufgelöst in seine Teile nach 
einer bestimmten Anordnung (zwei Teile, deren erster = 5) ; daher haben 
wir es offenbar mit einem analytischen Urteil zu tun. Das Gleiche gilt von 
der geraden Linie, welche unmittelbar in sich die Begriffsbestimmung ent- 
hält : die weder nach der einen noch nach der anderen Seite ausbiegende 
und so einen Umweg nehmende, sondern den direkten oder nächsten = 
kürzesten Weg von dem einen Punkt zu einem andern nehmende Linie. 
Jede Verlängerung der Linie durch Ausbiegung würde den Begriff der 
geraden Linie selbst aufheben. Deshalb fällt nach dem Identitäts- bzw. 
Widerspruchsgesetz der Begriff der geraden mit dem der kürzesten Linie 
objektiv unmittelbar zusammen ; nur unserer subjektiven Fassungskraft 
muss der abstrakte Begriff durch anschauliche Zeichnung sinnenfällig ver- 
mittelt werden. 

Kant widerspricht übrigens sich selbst, da er kurz vorher (266) zwischen 
subjektiver Erfassung des Begriffs und dessen davon unabhängigem objek- 
tiven Inhalt ganz richtig unterschieden hat in dem Satze : „Analytische 
Urteile sagen im Prädikate nichts als das, was im Begriffe des Subjekts 
schon wirklich, obgleich nicht so klar und mit gleichem Bewusstsein ge- 
dacht ist". Nur hat er willkürlich die Schwere des Körpers als Beispiel für 
ein analytisches Urteil, der Ausgedehntheit desselben als Beispiel für ein 
synthetisches Urteil gegenübergestellt. Denn Schwere ist objektiv bloss die 



Kants „Kritizismus". 193 



» 



notwendige Wirkung der Masse und eine Qualität, die nicht minder wesent- 
lich dem Körper anhaftet als die Ausdehnung, Der Körper ist eben begriff- 
lich oder wesentlich eine ausgedehnte Masse oder eine in einem Neben- 
einander von Teilen angeordnete Materie. Beides : Ausdehnung und Masse 
sind objektive Begriftsbestimmungen, die das erkennende Subjekt nicht aus 
seinem eigenen Geistesinnern a priori herausnehmen, d. i. aus der Luft 
greifen kann, die es vielmehr von aussen her durch Erfahrung a posteriori 
kennen lernen muss, mit andern Worten induktiv gewonnene Begriffe, und 
insofern entstehen daraus synthetische Urteile, z. B. : Diese oder jene aus- 
gedehnten Masseneinheiten sind Körper. Insofern sie aber auf Grund einer 
ausnahmslosen Erfahrung als allgemeingültig und notwendig festgestellt 
werden, so dass deduktiv von denselben Begriffen aus ein sicherer Mass- 
stab an jede künftige Einzelerfahrung angelegt werden kann, insofern gehen 
daraus analytische Urteile hervor, z. B. : der Charakter der Ausdehnung 
und Massivität alles Materiellen muss auch diesem Körper, der Luft, an- 
haften, mag derselbe auch noch so verdünnt und gewissermassen ver- 
geistigt erscheinen. 

Analytisch und synthetisch sind demnach nur verschiedene Aus- 
gangs- öder Gesichtspunkte, unter welchen alle Objekte wissenschaftlichen Er- 
kennens als solche betrachtet werden können und müssen, auch da, wo 
anscheinend nur zufällige Einzelerkenntnisse vorliegen. Wenn z. B. die 
Erfahrung lehrt, dass ein bestimmter Körper gewisse individuelle Eigentüm- 
lichkeiten hat, die ihn von allen andern seiner Art unterscheiden, so kleidet 
die wissenschaftliche Erkenntnis diese und analoge Einzelerfahrungen sofort 
in das allgemeine Gesetz: Jedes Wesen der Wirklichkeit hat sogenannte 
individuelle Eigentümlichkeiten, die es von allen anderen Wesen der näm- 
lichen Kategorie unterscheiden. In Bezug auf das gemeinsame Wesen der 
Art sind solche individuelle Besonderheiten unwesentlich, in Bezug auf die 
Existenz in der Wirklichkeit sind sie wesentlich; denn alle Wirklichkeit 
ist als solche oder ihrem eigensten, wesentlichen Begriff zufolge konkret 
oder hat neben der abstrakten, mit homogenen Wesen gemeinsamen noch 
eine individuelle, d. i. unmittelbare Bestimmtheit in mannigfaltiger Form. 
Auch hier liegt ein synthetisches oder analytisches Urteil vor je nach dem 
Ausgangspunkt von Einzelerfahrungen a posteriori oder von der aus diesen 
abstrahierten allgemeinen Regel a priori. Beide Ausgangspunkte ergänzen 
sich zur wissenschaftlichen Erkenntnis, welche die Wirklichkeit nach allen 
Seiten hin getreu wiederzuspiegeln hat in ihrer harmonischen Vereinigung 
von Mannigfaltigkeit und Einheit. Bestände nicht in der Wirklichkeit selbst 
eine solche einheitliche Ordnung in der Vielheit, dann gäbe es auch keine 
Wissenschaft von ihr, dann herrschte vielmehr die grellste Dissonanz 
zwischen einem empirischen Chaos in der objektiven Welt der Wirklichkeit 
und einem intelligiblen Kosmos in der subjektiven Auffassung oder Ein- 
bildungskraft, die aus ihrem eigenen Geistesinneren fortwährend gleich einer 
Pbiloiophiich«8 Jahrbuch 1915 13 



194 Anton Seitz. 

Spinne Fäden zöge, d. h, Beziehungen anknüpfte, um das Bedürfnis des 
Geistes nach einheitlicher Ordnung der Vielheit in die Aussenwelt hinaus 
zu projizieren. Solche Spinnenfäden aus dem Geistesinneren heraus, wie 
ein Netz über die Aussenwelt der Wirklichkeit geworfen, die sich aber 
damit nicht fangen lässt, sondern das ewig unbekannte Ding an sich bleibt, 
sind in der Tat Kants immanente Erkenntnisformen oder innere Anschauungs- 
formen der Sinnlichkeit und Denkformen oder Kategorien des diese ver- 
knüpfenden Verstandes und der darüber noch hinausgehenden oder trans- 
zendenten Vernunft, die er vergebens mit der Wirklichkeit auszugleichen 
sucht durch die aus der „reinen" Mathematik und Naturwissenschaft ab- 
geleiteten Zwittergebilde sogenannter synthetischer Urteile a priori. 

Kants Begriffsverwirrung verrät sich schon dadurch, dass er (Pr. 268) 
nach dem Satze : „Mathematische Urteile sind insgesamt synthetisch" schon 
im nächsten Absatz im Gegenteil verkündigt : „Zuvörderst muss bemerkt 
werden : dass eigentliche mathematische Sätze jederzeit Urteile a priori 
und nicht empirisch sind, weil sie Notwendigkeit bei sich führen, welche 
aus Erfahrung nicht abgenommen werden kann." Dem Königsberger Denker 
fehlt das Verständnis für die oben dargelegte Wahrheit, dass Erfahrungs- 
inhalt und Vernunfturteil oder Wirklichkeitsstoff und Wissenschaftsform 
nicht gegen, sondern mit einander stehen und fallen, sich wechselseitig 
stützend, dass demzufolge induktive oder synthetische Urteile a posteriori 
und deduktive oder analytische a priori einander nicht aus-, sondern ein- 
schliessen, freilich nicht so, dass sie formell eins sind, sondern dass ma- 
teriell der nämliche Inhalt der Wirklichkeit — formell sowohl nach seiner 
allgemeingültigen, gesetzmässigen Ordnung, d. i. analytisch oder a priori, 
als auch nach seiner vereinzelten Erscheinung oder Durchführung dieser 
Ordnung, d. i. synthetisch oder a posteriori, ins Auge gefasst werden kann. 
Die materiell, d. h. inhaltlich den beiden verschiedenen Betrachtungsweisen 
des synthetischen und analytischen Urteils zugrunde liegende Einheit in 
der Welt der Wirklichkeit sowohl wie in der diese getreu in sich wider- 
spiegelnden menschlichen Erkenntnis stempelt Kant um zu einer formellen 
Einheit im menschlichen Erkenntnisvermögen, zu dem contradictum in 
adiecto der synthetischen Urteile a priori. Die menschliche Erkenntnis kann 
allerdings sowohl synthetisch oder a posteriori als auch analytisch oder 
a priori vorgehen, aber unter verschiedenen Gesichtspunkten, nicht unter 
einem und demselben Gesichtspunkt zugleich, was synthetisch a priori be- 
deuten würde. 

18. Wie begründet Kant näherhin dieses gegen das Widerspruchs- 
gesetz verstossende erkenntnistheoretische Monstrum synthetischer Urteile 
a priori von der Basis mathematischer Urteile aus? Wir finden bei der 
mathematischen Erkenntnis, dass „ihre Urteile jederzeit intuitiv sind, anstatt 
dass Philosophie sich mit diskursiven Urteilen, aus blossen Begriffen, be- 
gnügen muss und ihre apodiktischen Lehren wohl durch Anschauung er- 



Kants „Kritizismus". 195 

läutern, niemals aber daher ableiten kann; ... es muss ihr irgend eine 
reine Anschauung zum Grunde liegen, in welcher sie alle ihre Begriffe in 
concreto und dennoch a priori darstellen oder . . . konstruieren kann", 
indem „die Anschauung a priori mit dem Begriffe vor aller Erfahrung oder 
einzelnen Wahrnehmung unzertrennlich verbunden ist" (Pr. 281). — Ent- 
spricht dieses von Kant dargelegte Verhältnis zwischen philosophischer 
bzw. metaphysischer und mathematischer Erkenntnismethode der Wirklich- 
keit ? Keineswegs ; es fälscht die Wirklichkeit zugunsten der Mathematik. 
Denn falsch ist Kants Urteil 1) über die Philosophie, dass sie „aus blossen 
Begriffen" Erkenntnis schöpft. Mag dies zutreffen für eine einseitige ratio- 
nalistische oder aprioristische Methode der Philosophie, die allseitige Methode 
der scholastischen Metaphysik, der philosophia perennis, hat mit dieser 
einseitig deduktiven Richtung nichts zu schaffen, sondern geht in erster 
Linie induktiv zu Werke und erst, nachdem die Induktion durch den weiten 
Umfang einer möglichst ausgedehnten Erfahrung eine zwar nicht abso- 
lute, aber moralische Gewissheit gewonnen hat, wird sie zu einer deduktiven 
Regel erhoben, die auf alle unter sie fallenden Einzelerfahrungen immer 
wieder angewendet werden kann und tatsächlich durch sie fortschreitend 
bestätigt wird, wie jedes Gesetz der Naturwissenschaft durch beliebig oft 
angestellte Experimente. 2) Ein falsches Urteil fällt Kant über die Mathe- 
matik, dass sie ihre „apodiktischen Lehren aus reiner Anschauung — 
vor aller Erfahrung" ableite. Gerade jene „reine Anschauung" z. B. einer 
geraden Linie als kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten beruht ja 
auf der durch Zeichnung subjektiv veranschaulichten Erfahrung, und dass 
diese Erfahrung nicht bloss in. dem vorliegenden einzelnen Fall, sondern 
für alle Fälle gelten müsse, wird objektiv nicht minder analytisch, d. i. aus 
dem Wesen der geraden Linie abgeleitet, wie die physische Wahrheit, dass 
alle Körper schwer sind, oder die aus der inneren Denknotwendigkeit all- 
gemeingültig erhärtete metaphysische Wahrheit vom Kausalgesetz, wobei 
einzelne Fälle der Bewährung im praktischen Leben immer nur zur Illustra- 
tion der allgemeinen Regel angeführt werden. 

Wahr ist bloss so viel, dass die Mathematik weit mehr und reichere 
Veranschaulichungsmittel besitzt als jede andere Wissenschaft, weil die 
handgreifliche Kontrolle mathematischer Berechnungen an der Rechen- 
maschine und die augenscheinliche Demonstration geometrischer Sätze an 
hingezeichneten Figuren mit ihrer durchsichtigen Konstruktion keine höhere 
Geisteskraft in Anspruch nimmt als die sinnenfällige Wahrnehmung, während 
abstrakte philosophische Begriffe auch nach ihrer Darlegung aus Fällen 
ihrer praktischen Anwendung immer noch das höhere, geistige Denk- 
vermögen belasten, welches aus der praktischen Anwendung die theoretische 
Regel, aus der konkreten Verwirklichung die allgemeingültige Beziehung 
abstrahieren muss. Insbesondere der metaphysische Gottesbegriff kann nur 
sehr fragmentarisch aus den mangelhaften Reflexen seiner allumfassenden 

13* 



196 Anton Seitz. 

Vollkommenheit im sichtbaren Schöpfungswerk beleuchtet werden. Selbst 
die exakte Naturwissenschaft der Experimentalphysik steht der Mathematik 
insofern immer noch nach an Zahl und Leichtigkeit der Anschauungsmittel, 
als physikalische Experimente viel umständlicher sind als mathematische 
Konstruktionen und infolge äusserer Störungen auch nicht in allen Fällen 
gelingen. 

Weit übertrieben aber ist Kants kühne Behauptung, dass die „mathe- 
matischen Urteile von denen der Metaphysik himmelweit unterschieden sind. 
Denn in der Mathematik kann ich alles das durch mein Denken selbst 
machen (konstruieren), was ich mir durch einen Begriff als möglich vorstelle. 
Aber ich kann aus dem Begriffe eines Dinges durch meine ganze Denk- 
kraft nicht den Begriff von etwas anderem, dessen Dasein notwendig mit 
dem ersteren verknüpft ist, herausbringen, sondern muss die Erfahrung zu 
Rate ziehen; und obgleich mir mein Verstand a priori (doch immer nur 
in Beziehung auf mögliche Erfahrung) den Begriff von einer solchen Ver- 
knüpfung (der Kausalität) an die Hand gibt, so kann ich ihn doch nicht 
wie die Begriffe der Mathematik a priori in der Anschauung darstellen, . . . 
sondern dieser Begriff samt den Grundsätzen seiner Anwendung bedarf 
immer . . . eine Rechtfertigung und Deduktion seiner Möglichkeit, weil man 
sonst nicht weiss, wie weit er gültig sei, und ob er nur in der Erfahrung 
oder auch ausser ihr gebraucht werden könne" (Pr. 370/1). — Soweit ich 
in der Mathematik etwas „durch mein Denken" mache, leiste ich wesent- 
lich dieselbe Arbeit wie in der Logik, indem ich von einem Glied des 
logischen Zusammenhangs zum andern fortschreite. Insofern ist Mathe- 
matik nichts als auf das räumlich-zeitliche Gebiet angewandte Logik. So- 
weit ich aber mathematische Gedankenverknüpfungen veranschaulichen will, 
muss ich auch hier die konkrete ,, Erfahrung zu Rate ziehen". Durch mein 
Denken selbst „machen", d. h. willkürlich, ohne Gebundenheit an feste 
Normen des Denkens und Seins zugleich, „konstruieren" kann ich in der 
Mathematik ebensowenig wie in der Logik und Metaphysik, sofern ich den 
Anspruch auf Wirklichkeitserkenntnis noch aufrecht erhalten und nicht in 
ein geistiges Tändelspiel mit eingebildeten Vorstellungen verfallen will, die 
mitunter sogar gegen das elementarste logische Gesetz des Widerspruchs 
Verstössen, wie die Quadratur des Zirkels, oder jeder natürlichen Erfahrung 
Hohn sprechen, wie ein mehr als dreidimensionaler Raum, das unbekannte 
X oder „Ding an sich" des Spiritismus, in welches dieser wie in ein ur- 
chaotisches Nebelmeer sich zurückzieht. 

Einer „Rechtfertigung und Deduktion seiner Möglichkeit" bedarf der 
mathematische Begriff nicht minder wie jeder andere, einmal objektiv durch 
Darlegung seiner Allgemeingültigkeit aus den obersten Grundsätzen der 
Logik und aus einer wenigstens zur Kontrolle seiner Anwendbarkeit auf 
die Wirklichkeit ausreichenden Erfahrung, sodann subjektiv durch seine 
das geistige Verständnis erleichternde, sinnenfällige Veranschaulichung. Die 



Kants „Kritizismus". 197 



•• 



Mathematik darf mit ihren Konstruktionen nie die Wirklichkeitsphilosophie 
der Erkenntnistheorie so überwuchern, dass sie abstrakte Geistesformeln, wie 
unendliche Zahlenreihen für tatsächliche Wirklichkeitsformeln, für unend- 
liche Grössen in der konkreten Wirklichkeit ausgibt. Wenn ich z. B. den 
Bruch 10 /3 in der mathematischen Formel 3,333 . . . anschreibe, so muss 
ich mir immer bewusst bleiben, dass ich mit dieser mathematischen Kon- 
struktion kein actu Unendliches machen oder schaffen, dass die Mathematik 
mit ihren noch so anschaulich dargestellten Formeln keinen Sprung machen 
kann von der endlich beschränkten Wirklichkeit in eine schrankenlose 
Unendlichkeit oder von der negativen und relativen in die positive und 
absolute Unendlichkeit. Ich muss auch hier zur Kontrolle den Massstab 
der W T irklichkeitserfahrung anlegen, die als positiv gegebene, bedingte, 
konkrete d. i. bestimmte und zugleich endlich beschränkte Wirklichkeit im 
Gegensatz steht zu einem Gedankengebilde mit dem negativen Charakter 
der Unbestimmtheit und Unbeschränktheit, welcher logisch verwechselt wird 
mit positiver Unendlichkeit oder Absolutheit. 

19. Darin liegt gerade der Hauptfehler d e r Kantschen Erkenntnis- 
theorie, dass sie als I m m a n e n z p h i 1 o s o p h i e von dem inneren Geisteswesen 
heraus die Aussenwelt der Wirklichkeit autonom beherrschen zu können 
wähnt mit dem Zauberstab aprioristischer Formeln, jener synthetischen 
Urteile a priori, die zwar a priori sind, aber nicht synthetisch. Für deren 
Möglichkeit weiss Kant keinen anderen Grund anzuführen als das Bedürfnis 
für sein System. Dass sie aber einen Widerspruch in sich selbst dar- 
stellen, weil ein und dasselbe Urteil nicht zugleich aus der Erfahrung ge- 
nommen und doch nicht daraus genommen sein kann, hat Kant (Pr. 281/2) 
recht wohl gefühlt; denn er geht nicht mit Stillschweigen hinweg über 
„die Schwierigkeit, . . . etwas a priori anzuschauen". Er macht sich selbst 
den Einwand : „Anschauung ist eine Vorstellung, so wie sie unmittelbar 
von der Gegenwart des Gegenstandes abhängen würde. — Allein wie kann 
Anschauung des Gegenstandes vor dem Gegenstande selbst vorhergehen?" 
Er findet das „nur auf eine einzige Art möglich, wenn sie nämlich nichts 
anders enthält, als die Form der Sinnlichkeit, die in meinem Subjekt vor 
allen wirklichen Eindrücken vorhergeht". Diese einzige mögliche Art hat 
er selbst ursprünglich dahingestellt sein lassen, um sodann auf die Frage, 
ob eine solche Möglichkeit stattfindet, kategorisch zu antworten : Es ist nun 
einmal so : Stat pro ratione voluntas. Ich kann zwar nicht erklären, wie 
die Form der Sinnlichkeit in meinem Subjekte vor einem wirklichen Gegen- 
stand der Sinnlichkeit vorausgeht, aber je weniger an einen Beweis hier- 
für zu denken ist, desto zuversichtlicher muss die Behauptung oder Hypo- 
these aufgestellt werden. Die Kühnheit dieser Hypothese offenbart ja um 
so mehr die Geistesgrösse dessen, der damit die Welt aus den Angeln zu 
heben unternimmt. 



198 Anton Seit/,. 

Kant fühlt sich zum Kopernikus der Erkenntnistheorie berufen, der, 
wie jener berühmte Astronom die heliozentrische Weltanschauung an Stelle 
der geozentrischen, so den anthropozentrischen Standpunkt an Stelle des 
kosmo- und vollends theozentrischen setzt. Sogleich in der Vorrede seiner 
„Kritik der reinen Vernunft" (11 f.) wirft sich der Königsberger Philosoph 
stolz in die Brust mit der epochemachenden Ankündigung: „Bisher nahm 
man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; 
aber alle Versuche, über sie a priori etwas durch Begriffe auszumachen, 
wodurch unsere Erkenntnis erweitert würde, gingen unter dieser Voraus- 
setzung zu nichte. Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den 
Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, dass wir annehmen, 
die Gegenstände müssen sich nach unserer Erkenntnis richten, welches 
so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben 
a priori zusammenstimmt." Und damit niemand den Lorbeerkranz des 
philosophischen Kopernikus ihm vorenthalte, setzt er ihn sogleich sich 
selbst auf das Haupt, indem er fortfährt: „Es ist hiermit so, als mit den 
ersten Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Er- 
klärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, 
das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es 
nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen und 
dagegen die Sterne in Ruhe Hesse. In der Metaphysik kann man nun, was 
die Anschauung der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche Weise versuchen. 
Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände 
richten müsste, so sehe ich nicht ein, wie man a priori von ihr etwas 
wissen könne; richtet sich aber der Gegenstand (als Objekt der Sinne) 
nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens, so kann ich mir 
diese Möglichkeit ganz wohl vorstellen." 

Vorstellen in der Phantasie mag sich Kant, so viel ihm beliebt; nur 
muss er sich bewusst bleiben, dass er mit Phantasievorstellungen bloss 
subjektive Luftschlösser aufbaut, nicht das feste Gebäude der objektiven 
Wirklichkeit. In der Phantasie mag er sich auch mit Kopernikus geistes- 
verwandt fühlen, aber mit der kritisch prüfenden Vernunft darf er nicht 
übersehen : Kopernikus hat nicht, wie Kant und längst vor ihm der Sophist 
Protagoras, die Welt auf den Kopf gestellt, nämlich auf seine subjektive, 
innere Ideenwelt, auf aprioristische Erkenntnisformen sinnlicher Anschauung 
und deren verstandesmässige Verknüpfung nach gewissen Gesichtspunkten 
oder Kategorien, sondern er hat die eigenen, immanenten Anschauungen 
gemäss dem subjektiven Sinnenschein korrigiert nach objektiven Mass- 
stäben physikalischer Bewegungsvorgänge der Aussenwelt. Kopernikus hat 
eine wirkliche Sinnesillusion infolge des anthropozentrisch beschränkten 
Gesichtspunktes aus der Welt geschafft, Kant hat im Gegenteil die objektive 
Welt der Wirklichkeit als unbekanntes Ding an sich, als problematisches 
metaphysisches Hirngespinst aus dem Wege geräumt und das beschränkte 



Kants „Kritizismus 1 '. 199 

menschliche Anschauungs- und Begriffsvermögen zum Mittel- und Angel- 
punkt der Wirklichkeitserkenntnis gemacht, zum souveränen Beherrscher, 
welcher der Aussenwelt oder der Natur förmlich seine Gesetze diktiert. 
Er hat a priori den Schluss gezogen, „dass die oberste Gesetzgebung der 
Natur in uns selbst, d. i. in unserm Verstände, liegen müsse, und dass wir 
die allgemeinen Gesetze derselben nicht von der Natur vermittelst der Er- 
fahrung, sondern umgekehrt die Natur ihrer allgemeinen Gesetzmässigkeit 
nach bloss aus den in unserer Sinnlichkeit und dem Verstände liegenden 
Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung suchen müssen ; denn wie wäre 
es sonst möglich, diese Gesetze, da sie nicht etwa Regeln der analytischen 
Erkenntnis, sondern wahrhafte synthetische Erweiterungen derselben sind, 
a priori zu kennen ?" — eine mustergiltige petitio principii, ein klassischer 
circulus vitiosus: Nur was a priori erkannt wird, bildet die wissenschaft- 
liche Grundlage aller möglichen Erfahrung. Dieser Satz wird, statt be- 
wiesen, einfach vorausgesetzt. Und dann wird umgekehrt geschlossen: 
Was in der Erfahrungswelt wirklich wissenschaftlich erkennbar ist, liegt 
dort a priori bereit in unserem Gemüt als Form innerer Anschauung und 
verstandesmässiger Verknüpfungsweise. Auf solche Art wird das Resultat 
erschlichen : „Der Verstand schöpft seine Gesetze (a priori) nicht aus der 
Natur, sondern schreibt sie dieser vor" (Pr. 319 f. ; vgl. R. V. 126 ff.). — 
Nur schade, dass sich der Verstand ebensowenig wie die Natur von Kant 
als Diktator ihre Gesetze vorschreiben lassen! 

Der wahrhaft kritisch prüfende Verstand hält mit unerbittlicher Ent- 
schiedenheit daran fest: Aus bereitliegenden, fertigen Geistesschablonen 
kann man zwar ein subjektives Geistesprodukt formen, aber keine objektive 
Welt der Wirklichkeit hervorzaubern, ja nicht einmal die handgreiflichste 
Wirklichkeit wahrnehmen, weil der Menschengeist nicht eigentlich schöpfe- 
risch veranlagt ist, sondern höchstens die Gedanken des Urhebers aller 
Wirklichkeit, welcher der Natur seinen Geistesstempel aufgeprägt hat, mehr 
oder minder vollkommen nachzudenken und somit die Wirklichkeit zu 
kopieren, nicht originell hervorzubringen vermag. Darum muss er sich 
bescheiden in seinen Schranken halten und sich nach den Dingen der 
Wirklichkeit richten, nicht sich zum Richtmass der Wirklichkeit aufwerfen 
wollen. 



Der elektische Gottesgedanke und das ontologische 

Argument. 

Von Josef Rüther in Brilon. 



Den eleatischen Gottesgedanken und das ontologische Argument zu 
einander in Beziehung zu bringen, könnte auf den ersten Blick vielleicht 
verwunderlich erscheinen. Und doch wird man schon bei oberflächlicher 
Betrachtung Momente finden, die eine solche Zusammenstellung recht- 
fertigen. Kann man doch den Boden, auf dem das ontologische Argument 
erwuchs, eine gewisse Gleichsetzung von Denken und Sein, auch bei den 
Eleaten wiederfinden. Parmenides spricht sogar den Satz aus: „Dasselbe 
ist Denken und Sein" 1 ). Der ganze eleatische Gottesgedanke beruht auf 
dem nach seinen verschiedenen Bedeutungen noch nicht — wie bei Aristo- 
teles — unterschiedenen Seinsbegriffe, und gleichwie bei dem ontologischen 
Argument knüpft sich auch bei den Eleaten daran eine allerdings noch 
intuitiv gehaltene und der Dialektik entbehrende 2 ) Spekulation an. Um 
aber die ganze Aehnlichkeit ja Gleichheit beider Standpunkte und Gedanken- 
gänge zu überschauen, muss natürlich die Lehre der Eleaten genau be- 
stimmt und auch das ontologische Argument in seinen historischen Fassungen 
betrachtet und gewürdigt werden. 

1. Welches ist zunächst der Gottesbegriff desXenophanes? Er glaubt 
an einen Gott, welcher ist „ein einziger Gott, unter Göttern und Menschen 
der Grösste, weder an Gestalt den Sterblichen ähnlich noch an Gedanken" 3 ). 
Ihm ist die Gottheit „ganz Auge, ganz Geist, ganz Ohr" 4 ). Galen 5 ) be- 
zeugt ferner, dass Gott nach Xenophanes begrenzt, denkend und unver- 
änderlich sei, und Hippolytus 6 ), dass er ewig, einheitlich, überall gleich- 
artig, begrenzt und kugelgestaltig und in allen seinen Teilen wahrnehmend 

x ) ,,. . . to yaQ avTo voelv iariv Tt xa\ eivai" (Diels B. 5). 

a ) Vergl. Stein, Erkenntnistheorie der Sloa 6 ff. 

3 ) Diels B. 23 : .,el?9e c? i'r ts d-eoTm xa\ ur»Qiinoiai jueyiarog, oirt öiua: 
SvtjToZoi 6/jouo; ovre rotjiia . 

*) Diels B. 34: ,. .. ov).o; öpü, ovlo? Se roeT, ovlo: Si r'axoiW. 

5 ) Diels A. 36: „. . . to elvai nävra tv xa\ tovto vnÜQX eiy * e ° v neneQaafiivor, 
ioyixov, a/jti aßXr t TOf . 

6 ) Diels A. 33: „tpyol St xai &eov elvai ÜCSiov xai eva xai ouoior nävrt; xai 
Tiene^aa/uivor xat oipaiootiSij xal naat iol; fiOQiOii aia^rixov . 

{ 



Der eleatische Gottesgedanke und das ontologische Argument. 201 

sei. Nach anderem Zeugnisse *) ist Gott weder den Nichtseienden noch 
dem Vielen ähnlich, weder in Bewegung noch ohne Bewegung, weder be- 
grenzt noch unbegrenzt, sondern „kugelgestaltig". 

l ) Diels A. 28 (977a 14 ff.). Diese pseudoaristotelische Schrift (De Melisso 
etc.) will Deussen (Philosophie der Griechen, 1911, 69) nicht als Quelle gelten 
lassen, weil die hier sehr breite Darstellung dem Zeugnisse des Aristoteles 
widerspreche, dass Xenophanes sich nicht bestimmt ausgedrückt habe {ovSsv 
Smocupivioe). Aber dieses Wort des Aristoteles (Met. A. 5 986b 18) bezieht sich 
durchaus nicht auf die ganze hier in Betracht kommende Lehre des Xenophanes, 
sondern nur auf das, wovon an der betreffenden Stelle die Rede ist, und dann 
bleibt auch in der pseudoaristotelischen Schrift noch genug Unklares, z. B. die 
anscheinend widersprechenden Bestimmungen des Bewegt- und zugleich Unbe- 
wegtseins. Auch gegen Deussens zweites Argument, dass die Darstellung für 
die Zeit des Xenophanes zu spitzfindig sei und darum seine Ansichten nicht 
wiedergeben könne, ist zu sagen, dass wenn auch die logische Form, die ganze 
Dialektik der betreffenden Stellen nicht der Zeit des Xenophanes angehören 
mag, doch die als Lehre des Xenophanes hingestellten Sätze sehr wohl echt 
und auch die Zwischenglieder durchaus im Sinne des Xenophanes sein können. 
Und die ganze Deduktion scheint doch den Geist des Xenophanes zu treffen. 
A. Döring will ja sogar (Preuss. Jahrb. 19Ü0) die „ganz archaistische Be- 
schaffenheit der in Betracht kommenden Argumente" nachweisen. Was aber 
gerade unsere Stelle betrifft, so stimmt sie mit Simplicius (Phys. 22, 26 = 
Diels A. 31, 26) überein. Die Stelle lautet: „ulav Se Ttjv uq X ^y %toi ev t6 ov, 
xal nav xa\ ovre neneqaoftivov ovre aneiQov ovre xivcvpevov ovre r/qe/iovr Aevowavrjv 
. . . vnoTtöeoSai <pt]<iiv o QeöipqaaTOi . . ." Nun findet zwar Zeller (Philosophie 
der Griechen J 5 508, Anm. 1), dass diese Stelle auch anders verstanden werden 
könne. Er sagt: „. . . und wenn Kern (Quaest. Xen. 50; Beiträge 4, 6) ein- 
wendet, weil der Verbalbegriff nicht negiert sei, müsse erklärt werden : »Er 
setzt das iv xal nav als ein weder Begrenztes noch Unbegrenztes«, so bekenne 
ich, dies nicht zu verstehen. In dem Satze: »ovre neneqaajuevov ovre Snetgor 
vnoTi&erai* kann die Negation doch gerade so gut auf das vnorid-tTai als auf 
das ■ji^Tti^aafÄivQv und ansiqov bezogen werden . . ." Ganz richtig! Aber so heisst 
es dort nicht, sondern dort steht xa\ ode, mithin gehört das xai zum Verbal- 
begriff, und das ovte kann nur noch zu den beiden Adjektiven gehören. Nun 
will Zeller auch das Zeugnis des Simplicius überhaupt nicht gelten lassen; die 
Stelle sei von ihm eben aus der pseudoarisLotelischen Schrift geschöpft und 
sie widerspreche dem Fragmente Diels B. 26, das aussagt, Gott bewege sich 
nicht von der Stelle. Aber wenn einerseits Gott weder bewegt noch unbewegt 
genannt wird, so kann es doch anderseits kein Widerspruch sein, wenn von 
diesen beiden Eigenschaften einmal nur eine genannt wird. Als Zeugen gegen 
Simplicius und De Melisso etc. führt Zeller ferner (512/13) an, dass Aristoteles 
versichert habe, Xenophanes „habe sich über die Begrenztheit oder Unbegrenzt- 
heit des Einen nicht erklärt", während ihm an dieser Stelle „beide Prädikate 
ausdrücklich und ausführlich abgesprochen werden". Die Stelle bei Aristoteles 

vMet. A, 5 986 b 18) lautet : „IlaqpeviSrjg ju'ev yaq eotxe tov xara tov Xoyov lvo~ 
ariTeofrai, Mttiaoo; Se tov xarä ryv vlt/v, Sio xal o juev nensqaauivov, £ Ss untiqöv 



202 . Josef Rüther. 

Schön nach diesen wenigen Stellen erscheint der Gottesbegriff des 
Xenophanes widersprechend, da Gott einerseits geistig, ganz denkend und 

<pT]OiV tlvai avTO. sfvocparq; äe ttqwto; tovtwv erCaa^ . . . ovSev Sieoaa>?;vtoey, ov St 
ttj; ipioewz roxTuor ovSsre(ja; k'oixs SiyeZr . . ." Zeller bemerkt dazu (513 Anm. 1): 
„Dass dies nicht bloss besagen will, Xenophanes habe es unentschieden ge- 
lassen, ob er sich das Eins als formales oder materiales Prinzip denke, sondern 
dass ihm auch eine Bestimmung über Begrenztheit oder Unbegrenztheit des- 
selben abgesprochen werden soll, liegt am Tage. Jenes hatte auch Parmenides 
und Melissus nicht gesagt, denn die Unterscheidung des Formalen und Materialen 
kommt vor Aristoteles überhaupt nicht vor, sondern Aristoteles erschliesst es 
erst aus dem, was sie über den zweiten Punkt sagen, nur auf diesen kann sich 
daher das oCSer Siaoacpetv beziehen". Aber das ist durchaus nicht ausgemacht, 
denn der mit Sio beginnende Satz kann durchaus parenthetisch gefasst werden, 
sodass er mit dem folgenden nichts mehr zu tun hätte; und dann kommt es 
nicht darauf an, was Parmenides und Melissus gesagt haben, sondern was aus 
ihren Worten erschlossen werden kann, während aus denen des Xenophanes 
eben nichts erschlossen werden kann. JtaaacpeZv heisst gar nicht „überhaupt 
etwas sagen", sondern nur „sich klar ausdrucken", sodass Aristoteles sagt, die 
Ansichten der beiden ersten seien versländlich, hingegen Xenophanes habe sich 
nicht klar ausgedrückt. Und dieses ist es ja auch, was Kern behauptet hat, 
gegen den Zeller sich weiterhin wendet, und der des Aristoteles Worte so ver- 
steht, dass sich Xenophanes eben „widersprechend äussere". Kern bietet für 
die anscheinend gegensätzliche Bestimmung auch eine ganz annehmbare Er- 
klärung (Quaest. Xen. 12): „Initio haud scio an satis babuerit contendisse, 
eius quod vere sit nee multitudinem esse posse nee motum, sed esse unum et 
quiescere ; cum vero postea ei persuaderetur nihil recte dicere quiescere, quod 
non posset moveri, efiam quietem a dei natura sustulit. Quid enim obstet, 
quominus in antiquissimo philosopho cogitationes gradatim progredientes sta- 
tuamus, cum in aliis eas saepius ita progressas esse ipsis eorum libris doceamur, 
pi ofiteor me non posse perspicere". Uebrigens schloss sich auch nach Susemiehls 
Vorgange Diels (Doxographi graeci [1879] 110) Kerns Auffassung an. Wenn 
Zeller meint, einen solchen Widerspruch werde Aristoteles dem Xenophanes 
sicher vorgerückt haben, und wie man sich denn deutlicher ausdrücken könne, 
als es Xenophanes unserer Schrift zufolge getan habe, so lässt sich' darauf 
sagen, dass Aristoteles eben keinen Widerspruch, sondern das Streben nach 
einer höheren Einheit darin gesehen haben mag, den bewussten Willen, die 
Gottheit über die Begriffe der Grenze und der Bewegung zu erheben, was dem 
Philosophen des xivovv pi) Kivov/msvov gewiss sympathisch sein und ihm nicht 
als eigentlicher sinnhafter Widerspruch erscheinen konnte. Und das Nebenein- 
andersetzen von zwei dem Wortlaute nach unvereinbaren Gegensätzen kann 
man doch nicht als „deutlich" bezeichnen. Deutlich genommen waren sie ein 
barer Unsinn. Es ginge zu weit, noch deutlicher auf die Anmerkung Zellers 
einzugehen. Aber bemerkt werden muss, dass mit diesen Argumenten gegen 
unsere Stelle auch ein bedeutender Teil der Kritik fällt, die Zeller 499 ff. 
gegen die Schrift De Melisso etc. resp. gegen ihre Beweiskraft überhaupt richtet. 
Vergl. dazu übrigens Ueberweg Heinze (I" 74/75), wo Kerns Gründe zusammen- 
gefasst und gebilligt werden. 



Der eleatische Gottesgedanke und das ontologische Argument. 203 

wahrnehmend, andererseits körperlich erscheint, da er ja kugelgestaltig 
genannt wird und eine Vorstellung von Teilen vorliegt; da er ferner be- 
wegt und doch unbewegt, begrenzt und doch unbegrenzt erscheint. Wie 
kommen wir über diese Widersprüche hinaus? 

Xenophanes spricht es selber aus, dass sein Gott etwas Geheimnis- 
volles sei und im Grunde überhaupt nicht erkannt werden könne : „Und 
was nun die Wahrheit betrifft, so gab es und wird es niemand geben, der 
sie wüsste in Bezug auf die Götter und alle Dinge, welche ich erwähne" 1 ). 
Damit deutet er selbst an, dass es sich hier mehr um eine Intuition als 
um einen dialektisch greifbaren Goftesbegriff handele. Und auch zwei 
andere Fragmente 2 ), in denen er sagt, dass die verschiedenen Rassen sich 
die Gottheit verschieden vorstellten, und dass auch die Tiere, wenn sie 
dazu überhaupt imstande wären, sie nach ihrer eigenen Wesensart denken 
würden, zeigen, dass er selbst an eine anschauliche Bestimmbarkeit Gottes 
nicht glaubt. Ist ja doch Gott „weder an Gestalt den Sterblichen ähnlich 
noch an Gedanken". Den intuitiven Ursprung des Xenophanischen Gottes- 
gedankens bezeugt auch Aristoteles 3 ), der bezeugt, dass Xenophanes nicht 
in Verfolgung eines physischen Prinzips, sondern „im Hinblick auf das 
ganze Universum"*) die Gottheit als dessen „Einssein" bezeichnet habe« 
Xenophanes fasst also das als Gottheit, was, in allen Dingen lebend, ihnen 
zugrunde liegend und sie umschliessend, sie mit Geist und Wahrnehmung 
durchdringend und selbst denkend und wahrnehmend, so erhaben über alles 
menschliche Denken ist, dass die Aussagen über dasselbe nur in schein- 
baren Widersprüchen sich bewegen können. Dieses Eine, das nach allen 
„Richtungen" {rcävxrj) gleichartig, zugleich begrenzt und unbegrenzt ist, 
stellt er sich unter dem Bilde einer Kugel vor, vielleicht weil dieser Körper 
mit der relativ geringsten Oberfläche ihm eine Mittelstellung einzunehmen 
scheint zwischen dem, was keine Grenzen hat und der Vielheit der Dinge 
mit grösserer Begrenzung, vielleicht auch, weil er als die vollkommenste 
Form erscheint, in deren Oberfläche alle Punkte vom Mittelpunkte gleich 



*) Diels B. 34: ,,*<*«• iö fJttv ovv aa<p£i oiriq avijQ yivtr ovSe ti; earai si3a>s 
ctfupX &£wv re xai aaaa Xtyw ■Jieqt. navrwv 11 . 

*) Diels ß. 15 und 16. 

*) Diels A. 30: ,,. . . el? rov oXov ovqavov anoßXiipa; io tv BvvaC (ptjai iöv &eov"- 
4 ) Es kann nicht genug betont werden, dass Xenophanes nach seinem 
Fragment bei Diels B. 15 gar kein anderes Ziel in seinen Bestimmungen über 
Gott haben kann, als ihn eben über alle menschlichen Bestimmungen hinaus- 
zuheben. Denn wenn er gerade betont, dass alle Wesen Gott nach ihrer eigenen 
Art denken, so liegt doch darin ausgesprochen, dass er selbst, der diesen Fehler 
abweist, darauf zielt, ihn über alles hinauszuheben, was von einem Dinge in 
solcher Weise gesagt werden kann, dass es dadurch unterschieden würde. Er 
wählt daher das Moment, das allem gemeinsam ist, den Seinsbegriff, um mit 
ihm einen allgemeingültigen Gottesbegriff zu versuchen. 



204 Jose! Rüther. 

weit entfernt sind (7tävir t 6f.wiwg) *) und weil ihm so die Gleichartigkeit 
am besten sinnlich dargestellt erscheint, wie er ja auch sagt, Gott sei ganz 
Auge, ganz Geist, ganz Ohr. Sowohl dieser Ausdruck als auch die ge- 
wollten Widersprüche, dass Gott zugleich bewegt und unbewegt, begrenzt 
und unbegrenzt sei, zeigen, dass nach seiner Ansicht jede Bestimmung 
Gottes über Menschenbegriffe hinausgeht, und dass auch sein Bild von der 
Kugel eben nur ein Bild ist 2 ). 

x ) Zeller (538) sagt : „Gleichartigkeit bezeichnet also hier die Unveränder- 
lichkeit, vermöge deren die Welt und Weltursache, wie dies auch sonst bezeugt 
wird, immer als dieselben existiert haben müssen, ohne dass doch Xenophanes, 
wie wir finden werden, aus diesem Satze schon mit Parmenides auch für alle 
einzelnen Teile der Welt die Unmöglichkeit der Veränderung, des Entstehens 
und Vergehens abgeleitet hätte". Aber was uns hier bezeugt wird, ist nur der 
Schluss, dass Gott weder aus dem ojuoiov noch aus dem drS/uoior hätte werden 
können ; das aber ist etwas ganz anderes, als wenn gesagt wird, er sei selber 
ouoUoi narrt]. Und wenn Xenophanes nicht aus dem oftoiov närrrj die Unmög- 
lichkeit der Veränderung in den Teilen der Welt folgert, so zeigt das eben, dass 
er diese Eigenschaft nur von Gott aussagt. Man kann sich bei Zeller über- 
haupt nicht der Ansicht erwehren, dass er seinen eigenen Pantheismus überall 
wiederfindet, auch da, wo er durchaus nicht vorhanden ist. Weil er in Xeno- 
phanes den Pantheisten sieht, deshalb findet er es sonderbar, dass dieser den 
Schluss auf die Unveränderlichkeit der Welt nicht gemacht habe, während er 
doch billig umgekehrt schliessen sollte: weil Xenophanes diese Konsequenz 
nicht zieht, so macht er einen Unterschied zwischen der Welt und ihrem letzten 
Urgründe Gott. 

2 ) Ueberweg 1 9 77 will nicht darin finden, „dass Gott über die Räumlich- 
keit erhaben sei'', sondern nur, dass er als Kugel nicht grenzenlos sei und als 
einer nichts neben sich habe. Ebensowenig sei der andere Widerspruch bz. 
der Bewegung im Sinne moderner Abstraktion von allem Sinnlichen zu nehmen. 
Aber wenn auch die Ueberwegsche Erklärung hinsichtlich der Begrenzung etwas 
für sich hat, so ist zwischen Bewegung und Nichtbewegung doch keine Brücke 
zu schlagen. Gewiss sagt Xenophanes die Bewegung vom Absoluten aus im 
Gegensatze zum jui} ov\ aber deswegen musste doch dem Denker der offenbare 
Widerspruch einleuchten, er also an eine überi>egnffliche Einheit beider Be- 
stimmungen glauben. Dass Xenophanes keine wirkliche Kugelgestalt meint, 
dürfte auch der Umstand beweisen, dass sein Schüler Parmenides ganz in dem- 
selben Sinne das Bild der Kugel gebraucht und es ausdrücklich als ein Bild 
bezeichnet. Er nennt das Sein evxvxXov acpcüqrji; Ivaliyxiov oyxw (Diels B. 8 V. 43), 
und gibt für dieses Bild dieselben Gründe an, wie oben geschehen. — Eine 
geradezu eigentümliche Anschauung von Xenophanes hat A. Döring, der in den 
Preuss. Jahrb. 1900 S. 283 ff. zu erweisen sucht, dass Xenophanes unter dem 
kugelgestaltigen Gotte die Erde verstehe. Er gibt folgende Gründe an der be- 
zeichneten Stelle an: 1. Von einer Annahme einer kugelförmigen Hülle der 
Welt, des Firmamentes, finde sich bei Xenophanes keine Spur. 2. Was ausser- 
halb der Erde sich abspiele — Sonne und Gestirne — seien nur flüchtige Pro- 
jektionen über die Grenzen des Gottes hinaus ins Leere und Nichtseiende. 



f> 



Der eleatische Gotlesgedanke und das ontologische Argument. 205 

Der Ve ^ser der pseudoaristotelischen Schrift De Melisso etc. gibt 
als Begründ dafür, dass Gott weder eine Bewegung habe noch ohne 



Xenophanes «ro« leeren Raum um die Erdkugel für ein Nichtseiendes 

erklärt, was bei einem so primitiven Denker nicht verwundern könne (?) (294). 
Dabei werde der Satz nicht aufgehoben, dass er nicht durch etwas ausser ihm 
Seiendes begrenzt werde, da ja diese Vorgänge nur in Abhängigkeit und auf 
Grundlage der Gott-Erde stattfinde. 3. Es erkläre sich so am besten die so auf- 
fällige Angabe, dass die Erde nach unten ihre Wurzeln bis zum Endpunkte 
des Seienden erstrecke. Sie sei ihm eben der Inbegriff alles Seienden. 4. Eine 
in Teile gegliederte Welt würde dem Einheitspostulate des Xenophanes noch 
entschiedener widersprechen als die von ihm abgelehnte Annahme von Organen 
des Gottes. So sagt denn D. (298): „Der kugelförmige Gott war einmal ein 
empfindender und denkender Lehmklumpen". Wenn D. mit seinen Ausführungen 
auch vielleicht einige Schwierigkeiten der Texte fortschaffen sollte, so bringt 
er dafür die anderen in Konfusion. Im einzelnen ist gegen ihn zu sagen: 
Wenn Xenophanes auch keine weltumschliessende Kugel kennt, so folgt daraus 
noch nichts für seine Gleichsetzung der Erdkugel mit der Gottheit. Sein Gott 
ist eben etwas Geistiges. Wenn ihm die Erde Gott wäre, so hätte es ihm 
wahrhaftig nicht an der Möglichkeit gefehlt, sich verständlich auszudrücken, 
und er hätte nicht nötig gehabt, seine Gottheit mit so viel Geheimnis zu um- 
geben. Wenn ferner die Erde ihm Gott ist, so ist es bei der Tatsache, dass 
die Sterne doch nicht zu dieser Kugel gehören, weder mehr möglich, von einem 
kugelgestaltigen Gotte zu reden, noch kann von der Einheit und Einzigkeit des 
Gottes die Rede sein. Auch mit dem Satze von der Gleichartigkeit und Gleich- 
dichtigkeit streitet diese Vorstellung. Ferner, wäre iür Xenophanes die Erde 
Gott, so wäre der Ausdruck von einem Erstrecken bis zum Ende für eine 
solche Vorstellung doch etwas sonderbar; aber sie wäre auch gegen die eigene 
Voraussetzung, denn die Erdkugel erstreckt sich doch nicht „nach unten" bis 
zu den Gestirnen der anderen Erdhälfte, die doch auch noch zum Seienden 
gehören. Und wie passt zu einer solchen Vorstellung von Gott, wie D. sie 
will, die so sehr betonte Bestimmung der Unbewegtheit '? D. hat recht, dass eine 
in Teile zerfallende Welt dem Einheitspostulate des Xenophanes widersprechen 
würde, ist aber nicht Dörings Vorstellung vom Xenophanischem Gott eine 
durchaus auf der Teilung beruhende (Erde und Gestirne)? Den Gedanken 
Dörings müssen wir also ablehnen. In entwicklungsgeschichtlichen Vorstellungen 
durchaus befangen, meint er, ein alter Denker müsse notwendig auch primitiv 
sein. Bei einer solchen Lösung des Problems würde das noch viel grössere 
auftauchen, wie es überhaupt möglich sei, dass ein Grieche, doch auch ein 
denkender Mensch, so viel Geistreiches reden sollte, sich in solchen Dunkel- 
heiten bewegen sollte, um einen so einfachen, um nicht zu sagen trivialen Ge- 
danken auszudrücken, un 1 das noch grössere Problem, wie es möglich sei, dass 
die Nachwelt bis auf Döring einen solchen Gedanken nicht verstanden habe. 
Warum muss denn ein aller Denker notwendig unfähig sein, einen höheren 
Gedanken zu fassen, als ihm das Schema der Historiker bewilligt? Kern 
(Quaest. Xen. 8 sagt ganz richtig: „Persuadere mihi non possum talem Xeno- 
phanis doctrinam fuisse, ut revera dei sive eius, quod unum est, formam esse 



206 Josef Rüther. 

Bewegung sei, an '), unbewegt sei nur das Nichtsein. Bewegung aber be- 
stehe im Uebergange vom einen zum anderen. Beides aber, sowohl Nicht- 
sein als Vielheit, will er von Gott ausgeschlossen wissen in vollständiger 
Uebereinstimmung mit Xenophanes selber. Ist dieses die Lehre des Xeno- 
phanes, so zeigt er damit, dass er alle widersprechenden Bestimmungen 
über Gott nur deshalb aussagt, um ein Begriffsmoment negativ zu um- 
schreiben. Positiv würde der Gedanke etwa lauten: Gott ist nicht in dem 
Sinne existent, wie die veränderlichen Dinge, für welche die Veränderung 
(Bewegung) wesentlich ist, er ist aber darum doch wahrhaft existent, kein 
iit] ov. Mithin existiert er in einer höheren Ordnung, in einem erhabeneren 
Sinne des Seins, nicht als ein Bewegtes, nicht als ein Totes, sondern als 
ein ruhend Lebendiges. In ähnlicher Weise muss auch der Sinn des zu- 
gleich Bewegt- und Unbewegtseins der sein, dass er Gott unbewegt sein 
lässt, damit neben ihm kein Nichtsein — dessen Nichtexistenz die Eleaten 
ja nicht müde werden zu betonen — gedacht werde, also die Vorstellung 
eines Leeren nicht neben ihm aufkomme, hingegen ihn begrenzt sein lässt, 
weil er wesentliche Bestimmtheit und räumliche Begrenztheit noch nicht 
zu unterscheiden weiss und sie darum verwechselt 2 ). Um aber den Wider- 
spruch, der in seiner mathematischen Vorstellung liegt, zu überbrücken, 
wählt er, ebenfalls aus mathematischen Gründen, das Bild der Kugel als 
eines Seienden, das vom Mittelpunkte aus nach allen Seiten gleichmässig 
seinen Raum erfüllt in ähnlicher Weise, wie auch der selige Seuse sagt 3 ): 
„Gott ist als ein zirkelicher Ring, des Ringes mittler Punkt allenthalben 
ist, und sein Umschwank nirgends". 

Zum eingehenden Verständnis der Xenophanischen Gottesidee ist es 
notwendig, sie auf einen Gedankengang zurückzuführen und denjenigen 
Spuren nachzugehen, welche uns zeigen können, welches Moment nach 
seiner Ansicht das Wesentliche des Gottesbegriffes ist. An verschiedenen 
Stellen 4 ) wird als Wesensmerkmal Gottes angegeben das y.qaTiOTOv eivai, 
die Kraftfülle des Seins Das erinnert an die bekannte Formulierung „quo 
maius cogitari nequit". Nach dem Verfasser der berührten Schrift „De 
Melisso etc." hätte Xenophanes das y.Qäriojov slrai von Gott ausgesagt 
nicht mit Hinsicht auf die Dinge, sondern von seiner eigenen Wesenheit 5 ). 

conglobatam doceret, nisi forte eum virum quem sapuisse et circumspecle iudi- 
casse aliunde satis constet, hac in deeretorum parte plane delirasse putaverimus. 
Non est deus conglobata figura secundum Xenophanen". 

1 ) Diels A. 28 (977 b 15-20). 

2 ) Vergl. Diels A. 28 (977 b 5 ff.). 

3 ) Seuse, Ausgabe von Diepenbrock (1854) 142. 

4 ) Diels A. 31, 4. 

ß ) Diels A. 28 (977b 30 ff.) : „to Se x^aTiotov elrai 70)' freov ov% ovTwg 
vTToXapßaveiv XtytTctt loq ttqo; aXXo n tomvtt) tj tov &eov <pvot;, dXXa ttqo? tijv 
um ov Sia &en tv, hntC, roC ye ttqo; Stsqov oCSer av xiüXvot /utj ttJ avrov hmeixeia 
xut fjW/if) V7r£££££u', dXXa Sid Ttjr rüjr uXXoiy aofavtiar". 



Der eleatische Gottesgedanke und das ontologische Argument. 207 

Denn wenn das xQdTiomi sivai mit Hinsicht auf die Dinge von ihm aus- 
gesagt werde, so enthalte es nicht eine positive Aussage über Gott, sondern 
vielmehr eine negative über die Dinge. Damit würde deutlich ausgesprochen 
sein, dass Gott das •/.qdiiGxov in se, dass er also der absolut Machtvolle 
sei. Ebendort 1 } wird auch ausgesprochen, dass gerade im xQaTslv das 
Wesen Gottes liege. 

Es fragt sich nun, wie sich Xenophanes dieses xQarelv als Wesen der 
Gottheit näherhin denkt : Anderswo 2 ) nennt er Gott eV y.al näv. Dieses 
n:äv kann nach seiner Auffassung nicht die Summe der Dinge sein, die ja 

') Diels A. 28 (977a 27): „tovto yäf> freor xal freov Svvajjiv eivai, xqcctfT), 
ai.Xu fttj XQaTeZüfrctL, xal navrwv xqotiotov eivai". 

'-') Ueberweg-Heinze (1 9 76) nimmt an, „dass der Gott des Xenophanes die 
Einheit der Welt selbst oder das Weltganze sei", unter Hinweis auf die Stelle 

in PlatOS SophisteS (Diels A. 29) : „<'c evo; orro; tÖ,v nivriav xaXovtie'rur". — 

Aber diese Stelle besagt nach Zusammenhang und Sprachgebrauch nicht, was 
Ueberweg übersetzt, „dass dasjenige Eins sei, was man alles zu nennen pflegt", 
sondern dass das, was man alles zu nennen pflegt, eine Einheil sei; sie besagt 
also nicht eine Identität, sondern nur eine Einheit, wie ja auch der Theist 
eine Einheit des Seienden annimmt, ohne die Identität des Seienden, die Gleich- 
setzui.g von Gott und Welt anzuerkennen. — Auch die von Deussen (73) auf- 
geführten Stellen sind nicht eindeutig pantheistisch. Die Stelle bei Aristoteles : 

„ei; tov olor ovgarov änoßliipa; to er elraC <pijoi rov &eöv u , kann durchaus nicht 

übersetzt werden, wie es Deussen tut : „Er blickte auf das ganze Universum 
hin und bezeichnete die Einheit, die er darin wahrnahm, als den einen Gott". 
Diese Uebersetzung ist unrichtig 1. aus sprachlichen Gründen, weil iov Seov 
nicht Prädikat, sondern Objektsakkusativ ist (beim Prädikat würde kaum der 
Artikel stehen) und weil eivai nicht die Konstruktion des Acc. c. inf. bedeutet, 
sondern ein doppelter Acc. vorliegt, dessen Prädikat to er eivai ist. Wegen des 
Zusammenschlusses der Termini tv und eivai zu einem Begriffe und der Sub- 
stantivierung des Infinitivs kann hier beim Prädikat der Artikel stehen. Aber 
2. auch der Zusammenhang der Stelle bei Aristoteles lässt Deussens Auffassung 
nicht zu. Die Uebersetzung muss vielmehr lauten : „Im Hinblicke auf das 
ganze Universum (d. h. ohne einen Unterschied in den Bedeutungen des Seins 
zu machen, von dem bei Aristoteles vorher die Rede ist) bezeichnet er als Gott- 
heit das Einssein, d. h. das Prinzip der Einheit". Die von Deussen zwischen- 
geslellten Worte: „die er in ihm wahrnahm", stehen übrigens nicht im Texte 
und sind auch für den richtig verstandenen Sinn nicht nötig zu ergänzen. 
Auch Zeller (535 ff.) fasst diese Stelle pantheistisch. Es gilt also gegen ihn 
zunächst dieselbe Argumentation aus der Grammatik. Aber er beruft sich auch 
(Anm. 3 und 4 ebenda) auf Theophrast und Simplicius. Indessen wird man 
den Sinn des Aristoteles, der doch sprachlich deutlich gegeben ist, nicht nach 
den Worten seiner Schüler und Kommentatoren, der hier unklar ist, erklären, 
sondern umgekehrt. Und dann ergibt sich, dass z.B. in der Stelle: „tö ya$ h> 
tovto xa\ n ät tov 9e6r Ueyer o ä." (Anm. 4) das er xal näv als „Prinzip" der 
Einheit und Allheit auch bei den Kommentatoren zu fassen ist, wenn man 
nicht annehmen will, dass die Schüler den Lehrer missverstanden haben. Es 



208 Josef Rüther. 

eine Vielheit ist; und von jeder Vielheit behauptet er, dass in ihr das 
Verhältnis des xQaxuo&aL herrsche, was er von Gott ausgeschlossen 



kommt dann für die Auffassung dieser Stellen weiter noch in Betracht, was 
Karsten und Brandis dazu sagen, und wogegen Zeller (536 Anm. 2) polemisiert, 
dass nämlich der so theologisch denkende Xenophanes „nur das vom Werden 
gesonderte Sein für die Gottheit halte". Wenn Zeller dagegen sagt: „Aber es 
fragt sich eben, ob Xenophanes das Seiende vom Werdenden so bestimmt 
unterschieden hat, wie ihm hier zugetraut wird", so muss man darauf ant- 
worten: Was soll denn die ganze Betonung des unveränderlichen Seins bei 
Xenophanes, wenn er es eben nicht vom Werdenden zu trennen wusste? Was 
dann die von Zeller angeführten jüngeren Doxographen wie Cicero u. a. angeht, 
so haben diese ihre Ansicht eben von den älteren Kommentatoren und zwar 
in unklarer Vorstellung. Was sie sagen, lässt sich ebenso gut noch theistisch 
deuten wie pantheistisch, gerade wie bei ihren Quellen. Wenn Zeller ferner 
(537) meint : „ ... Da die griechischen Götter nichts anderes sind als die per- 
sonifizierten Kräfte der Natur und des Menschenlebens, so lag es für denjenigen, 
welcher an ihrer Vielheit Anstoss nahm, unbedingt näher, sie in die An- 
schauung der allgemeinen Naturkraft als in die Idee eines ausserweltlichen 
Gottes zusammenzufassen", so ist das eine Behauptung, die des Beweises be- 
dürfte und auch dann noch nicht viel für seine Auffassung beweisen würde. 
Die zweite von Deussen angeführte Stelle bei Timon (Diels A. 35) : „wohin 
immer ich meinen Blick richtete, da löste sich mir alles in eins und dasselbe 
auf" (Deussens Uebersetzung), beweist auch nichts für die pantheistische Auf- 
fassung. Denn abgesehen von der Unmöglichkeit, in dieser frühen Zeit schon 
einen Unterschied zwischen Pantheismus und Theismus zu konstruieren, kann 
auch jeder Theist sagen, dass er in allem die Einheit sehe, die ja auch tat- 
sächlich vorhanden ist. So sagt auch Heinrich Seuse in seinem Leben (cp. 55, 
Diepenbrock) : „Dies lautere einfältige Wesen ist die erste oberste Sache aller 
sächlichen Wesen, und von seiner besonderen Gegenv/ärtigkeit so umschliesset 
es alle zeitliche Gewordenheit, als ein Anfang und ein Ende aller Dinge. Es 
ist allzumal in allen Dingen und ist allzumal ausser allen Dingen". Es kann 
also auch die Formel £V *<*«. näv durchaus theistisch gedacht sein, da ja in dem 
absoluten Sein alles Sein tatsächlich beschlossen ist. Was aber sehr gegen 
die pantheistische Auffassung aller dieser Stellen spricht, das ist die ganze Art, 
wie Xenophanes von seinem Gotte als einem intelligenten spricht, und die Tat- 
sache, dass er ihn in Gegensatz zu den polytheistischen Göttern stellt. Deussen 
bezeichnet das allerdings als „dichterisch" (74). Ein „Schwanken zwischen 
persönlicher und unpersönlicher Fassung" gibt er übrigens selber zu (ebenda)- 
Da aber die „unpersönliche" Fassung mit der „persönlichen", wie gezeigt, in 
Wirklichkeit nicht kollidiert, so hätten wir ein Recht, Xenophanes als konse- 
quenten Theisten anzusprechen, wenn es nicht überhaupt verfehlt wäre, in 
dieser Zeit schon solche bewusste Unterscheidungen anzusetzen. Man kann 
Gomperz (Griech. Denker 1 13 1) zustimmen, wenn er im Kampfe des Xenophanes 
gegen die Vielgötter und in der Aufstellung seines eigenen Goltesbegriffes eine 
Wiederaufdeckung der indogermanischen Naturreligion sieht. Aber man muss 
sich auch ihm gegenüber verwahren, dass diese Religion Pantheismus sei. Der 



Der eleatische Gottesgedanke und das ontologische Argument. 209 

wissen will l ). Ist also die Gottheit zwar sv y.ai rtäv, aber nicht die Summe 
des Vielen, so ist sie ein etwas, das zwar in allem ist, aber doch von 
den Dingen verschieden ist. Was ist nun so in allen Dingen gleichmässig, 
dass es die Einheit des Ganzen und die Vielheit des Einen ausmacht? 
Das Sein! 2 ) Also das Sein selbst und zwar das lebendige, ja aller- 
lebendigste (xqÜtigtov) Sein, das allein wahrhaft ist und in dem alles 
andere ist, ist die Gottheit des Xenophanes. Wenn man auch nicht von 
einem durchaus bewussten Theismus bei Xenophanes sprechen kann (eben- 
sowenig wie von einem Pantheismus), so muss man nach dem Gesagten 
doch zugeben, dass sein ganzes Denken in der Richtung auf einen per- 
sönlichen Gott sich bewegt. Dazu kommtauch noch das Fragment: „Erde 
und Wasser ist alles, was da wird und wächst" 3 ), womit Xenophanes doch 
immerhin einen Wesensunterschied andeutet zwischen Gott und den Dingen ; 
denn die Gottheit ist nicht „Wasser und Erde", sondern „ganz Auge, ganz 
Geist, ganz Ohr" 4 ). 

Wir dürfen also behaupten: nach Xenophanes ist Gott das in den 
Dingen wirkende, aber nicht mit den Dingen gleichzusetzende, allmächtige 
(xqÜtigzov TtQog %i\v avxov diäSeoiv), allgegenwärtige, unveränderliche, 
unendliche, alldenkende und allwahrnehmende Sein, wobei aber das un- 
vollkommenere Denken noch nicht genügend zwischen den verschiedenen 
Bedeutungen des Seins, im besonderen dem allgemeinen und absoluten 
Sein scheidet. Aber es strahlt doch überall das absolute Sein in persön- 
licher Form als letztes Denkziel hindurch. Von dem allgemeinen Sein 
lässt sich ein xqücugtov sivca nicht aussagen, da es vielmehr je allge- 
meiner umso blasser wird, und erst recht lässt es sich nicht unabhängig 
von den Dingen denken. Mit dem xQaxelv aus eigener Seinsfülle ist also 
das absolute Sein gemeint. 

Wichtig ist für die Feststellung des Gottesgedankens bei Xenophanes 
auch besonders die Stelle bei Aristoteles 5 ;, wo es heisst, dass er „im 

Indogermane kennt keinen Pantheismus und keinen Theismus, sondern nur 
einen Gott. 

*) Diels A. 81; vergl. A. 28 (977b 20 ff.). 

2 ) Auch A. Stein a. ä. 0. 6 meint, dass Xenophanes durch die Betrachtung 
des Weltganzen zur Seinsidee gelangt sei und damit zur Einheitsidee. Dass 
natürlich bei ihm noch kein philosophisch klarer Seinsbegriff vorliegen kann, 
vergl. ebenda und Heinze „Logos" S. 2. 

8 ) Diels B. 29: „ytj xat vSioq 7rarr' la*' oaa yCvovrai yde cpiovra", 

*) Darin zeigt sich auch, dass Gomperz' (a. a. 0. 130) Auffassung, aus dem 
Fragmente Diels B. 26 : „Ewig unverrückt bleibt die Gottheit an derselben Stelle" 
folge ihre Räumlichkeit, unzutreffend ist, und dass es sich hier nur um die 
unbeholfene Darstellung der Unbeweglheit handelt. Auch Kinkel (Gesch. der 
Phil. I [1906] Hl f.) fasst Xenophanes' Gott als unräumlich auf. 

5 ) Diels A. 30. 

Philosophisches Jahrbuch 1915. 14 



210 Josef Rüther. 

Hinblick auf das ganze Universum die Gottheit das Einssein nenne", denn 
diese Stelle gibt uns an, wie er zu seiner Gottesidee kam. Hinzuzunehmen 
sind noch die schon genannten Stellen 1 ), wo er betont, dass die Gottes- 
vorstellungen verschiedener Rassen auch verschieden seien, und dass auch 
die Tiere, wenn sie einer solchen Vorstellung fähig wären, sie nach Ana- 
logie ihres eigenen Wesens denken würden. Indem Xenophanes zu diesen 
anthropomorphen Vorstellungen seine eigene in Gegensatz bringt, drückt 
er zugleich aus, dass die Gottesvorstellung ausgehen muss von etwas, was 
allem Seienden gemeinsam ist. Er blickt also auf den bXog ovqavög und 
findet als das allem gemeinsame Moment das des Seins. Indem er nun 
diesen gefundenen Begriff sublimiert und von allem zufälligen Sein trennt, 
ihn über alle Kategorien erhebt, was er durch die gewollten Widersprüche 
in seinen Bestimmungen scharf ausdrückt, gelangt er zum Begriffe des 
allgemeinen Seins. Aber er bleibt dabei nicht stehen, sondern indem er 
es in Gegensatz zu dem Vielen stellt, sucht er über den allgemeinen 
Seinsbegriff, der doch von dem Vielen nicht zu trennen ist, hinauszu- 
kommen, und indem er von diesem Sein als dem xqÜtiotov das höchste 
Leben und die grösste Vollkommenheit aussagt, belebt er den toten Seins- 
begriff. Indem er ferner dieses Sein hqcItlgtov sein lässt, nicht gegenüber 
den Dingen, sondern in sich selbst (nqog vrjv avxov diä&eoiv), gelangt er 
zum Begriffe des Absoluten, da das Absolute ja eben darin besteht, dass 
es in sich und schlechthin die höchste Seinsfülle besitzt. Und indem 
Xenophanes nun von diesem absoluten Sein aussagt, es sei ganz Auge, 
ganz Geist, ganz Ohr, macht er es zu dem allwissenden Allgeist. 

Natürlich wird dem Denker dieser sein Denkprozess noch nicht zum 
Bewusstsein gekommen sein, aber zum Verständnis einer historischen, nur 
in Fragmenten erhaltenen Gottesidee ist es unbedingt nötig, aus den Frag- 
menten den gedanklichen Weg zu erschliessen, auf welchem der Denker, 
wenn auch rein intuitiv und ohne jede Dialektik, zu seiner Idee kam ; denn 
in jeder Intuition steckt eine- unbewusste Dialektik. Soll dieser Weg bei 
Xenophanes durch einen Schluss dargestellt werden, so lautet er etwa so : 

Es ist eine empirische Tatsache, dass etwas existiert, dass es also 
ein Sein gibt. Dieses Sein ist allen Dingen gemeinsam, aber so, dass 
keines es in sich selbst hat, denn die Dinge entstehen und vergehen. Es 
muss also ein Sein geben, an welchem partizipierend die Dinge erst ihr 
Sein haben. Dieses ist das Sein. Weil durch dieses erst die Dinge sind, 
so ist es ev xal näv, aber nicht näv in dem Sinne, dass es die Summe 
der noXi.d wäre, sondern so, dass diese in ihm ihr Sein haben. Dieses 
Sein muss auch die Quelle aller Eigenschaften der Dinge sein, denn diese 
Eigenschaften sind ja auch auch ein Seiendes. Mithin ist es das xQäriOTOV, 
die Fülle aller Seinsrealität, aber wiederum nicht die Fülle des Seins als 



') Diels B. 15 und B. 16. 



Der eleatische Gottesgedanke und das ontologische Argument. 211 

die Summe des vielfachen Seienden, sondern nqdg trjv avzov dia&eoiv, 
in sich selbst. Es ist das absolute Sein. In ihm müssen daher diejenigen 
Seinsrealitäten, welche im irdischen Sein die erhabensten und mächtigsten 
sind, Wahrnehmung und Geist, eminenter vorhanden sein, und so ist Gott 
ganz Wahrnehmung und Geist. Und so wird man auch Kinkel zustimmen 
können 1 ): „Vielleicht darf man sogar dem Gotte des Xenophanes eine Art 
intellektueller Anschauung zuschreiben, derart, dass sein Denken zugleich 
die sinnliche Welt gebiert. So würde sich wenigstens der Satz verstehen 
lassen: , Sonder Mühe schwingt er das Weltall mit des Geistes Denkkraft' 2 ); 
das Denken Gottes ist zugleich das kosmische Geschehen." 

J ) Gesch. der Phil. I (1906) 137. 
-) Diels B. 25. 

(Schluss folgt.) 



14* 



Zur ältesten Geschichte des Wahrheitsbegriffs. 

Von Jos. Gotthardt in Pömbsen i. W. 



H. Die Ig 1 ) hat uns eine Geschichte der Vorsokratiker geschenkt, 
C. Ritter 2 ) und Gompertz 3 ) nebst Gercke*) und Norden 5 ) haben 
die Platoforschung und Maier 6 ) die Syllogistik des Aristoteles in 
wissenschaftlicher Weise uns von neuen Gesichtspunkten aus zu würdigen 
gelehrt, und damit können wir nicht allein der griechisch-römischen 
Auffassung vom Wahrheitsbegriff nachgehen, sondern auch ernste 
Ethnologen wie Ed. Meyer 7 ), Erman 8 ), Dahlmann 9 ) haben un- 
seren Blick für die Erfassung der Wahrheitsdefinition aller 
antiken Kulturvölker geschärft, wodurch uns gleichzeitig die letzten 
Einblicke in die prähistorische Zeit und ihr vorhandenes Wahrheitsgut 
ermöglicht werden. — „Die antike, das heisst die griechische Philosophie, 
mit ihrer Fortsetzung in der hellenistisch-römischen, beansprucht wissen- 
schaftliches Interesse nicht bloss als eigener Gegenstand der geschicht- 



') H. Diels, Die Fragmente der Vorsokratiker 2 (griechisch und deutsch). 
2 Bde. Berlin 1906-1910 (II 2 von Walther Kranz). 

-) C. Ritter, Plalon, sein Leben, seine Schriften, seine Lehre. München 
1910. Derselbe, Neue Untersuchungen über Piaton. München 1910. 

3 ) Theodor Gompertz, Griechische Denker, eine Geschichte der antiken 
Philosophie 2 . 3 Bde. Leipzig 1903—1909. Vgl. besonders II 203-526. 

4 ) Alfred Gercke, Geschichte der antiken Philosophie in: „Einleitung in die 
Altertumswissenschaft" von Alfred Gercke und Eduard Norden (2 Bde. Leipzig 
und Berlin 1910) 291—293. 

3 ) Eduard Norden, Beiträge zur Geschichte der griechischen Philosophie, 
Leipzig 1893. 

8 ) Heinrich Maier, Die Syllogistik des Aristoteles. Tübingen 1896—1900. 
Vgl. besonders II (1900) 324 ff. -„Methodik der Anwendung des Syllogismus". 

') Eduard Meyer, Geschichte des Altertums 3 . 5 Bde. Stuttgart und Berlin 
1910 ff. Vgl. besonders Band I erste und zweite Hälfte. 

8 ) Adolf Erman, Aegypten und ägyptisches Leben im Altertum. Berlin 
1896; Derselbe, Die orientalischen Religionen 2 in: „Kultur der Gegenwart" 
(Leipzig 1913) 30 ff. 

°) Joseph Dahlmann S. J., Die Sämkhya-Philosophie als Natur- und Er- 
lösungslehre. Freiburg 1902. Derselbe, Der Idealismus der indischen Religions- 
philosophie. Freiburg 1901. Derselbe, Indische Fahrten. Freiburg li)08, 2 Bde. 



Zur ältesten Geschichte des Wahrheitsbegriffs. 218 



B* 



liehen Forschung und der kulturhistorischen Betrachtung, sondern 
zugleich und noch mehr wegen der dauernden Bedeutung, welche ihrem 
Gedankengehalte vermöge ihrer Stellung in der Entwicklung des abend- 
ländischen Geisteslebens zukommt." x ) Gerade dieser Gedankengehalt, 
den Bonhöffer in der Neubearbeitung der „Geschichte der antiken 
Philosophie" von Windelband einleitend betont, hat seine stärkste 
Wirkungskraft in der oft versuchten Beantwortung der Frage: Quid est 
veritas? Nachdem Diels den letzten Spuren dieses Wahrheitsforschens 
und der jeweiligen Wahrheitsbegründung der vorsokratischen Antike bis 
zu den letzten Kulturdenkmälern nachgegangen ist und zwar in zwanzig- 
jähriger Forschungsarbeit (vgl. die Vorrede zu seinem epochemachenden 
Werke), sind andere hervorragende Altertumsforscher der Gegenwart 
ihm gefolgt. Wir nennen zur Orientierung nur folgende grundlegende 
Werke: C. L. von Peter: „Das Problem des Zufalls in der griechischen 
Philosophie". Jena 1909; Goedeckemeyer: „Abhandlungen zur Ge- 
schichte der Skepsis". Leipzig 1911; Robert Eisler: „Weltenmantel 
und Himmelszelt". München 1910; Otto Kern: „Die Herkunft der 
orphischen Hymnen". Berlin 1911; Goldbeck; „Die geozentrische Lehre 
des Aristoteles und ihre Auflösung". Berlin 1911; vgl. Abhandlungen 
der sächischen Gesellschaft der Wissenschaften, Bd. 28, Nr. 5 von 1911. 
wo Roseber einen altmilesischen Naturphilosophen nachweist J Hans 
von Arnim: „Stoicorum veterum fragmenta". Leipzig 1903. Besonders 
Trendelenburg, Erwin Rohde und vor ihnen Z eil er und Schleier- 
macher haben sich anerkennenswerte Verdienste um die kritische 
Erforschung und Eifassung der antiken Philosophie im allgemeinen und 
besonders des antiken Wahrheitsbegriffes erworben. Rühmlichst 
genannt zu werden verdient auch die 2. Aufl. der „Geschichte des 
Idealismus" von Otto Willmann (Braunschweig 1907) und Wundts „Ge- 
schichte der griechischen Ethik" (I. Bd. Leipzig 1908). 

Was lehrt uns die historische Würdigung des antiken 
Wahrheitsbegriffes? 

1. Zunächst kann die historische und prähistorische Wahrheits- 
auffassung der griechischen und römischen Antike keine Originalität 
für si< h in Anspruch nehmen, wie bis in die jüngste Zeit vielfach 
behauptet wurde, im Gegenteil, die antik-helleniscbe Ideenwelt ist von 
ägyptisch-orientalischem Geistesgut durchsetzt. „Mehr als eine Kultur- 
periode hat der Orient hinter sich, ehe die Hellenen auch nur zum Be- 
wusstsein ihrer selbst gelangen ;... Historische Realitäten steigen empor 
jenseits des historischen Königs Menes, der so lange für mythisch galt" a ). 

*) W. Windelband - A. Bonhöffer , Geschichte der antiken Philosophie 3 
(München 1912) 1. 

2 ) Staat und Gesellschaft der Griechen und Römer von ü. v. Wilamowitz- 
Moellendorf u. B. Nieze (Berlin u. Leipzig 1910) 2. 



214 Jos. Gotthardt. 

In der Tat hat die heutige Ethnographie den naturgemässen Zusammen- 
hang geographischer - kulturgeschichtlicher und ideenbeeinflussender 
Beziehung der ältesten arischen Völker mit denen Kleinasiens, Griechen- 
lands und Italiens überzeugend erwiesen. — Eduard Meyer hat in seiner 
für die nächste Zukunft massgebenden „Geschichte des Altertums" 
auf diesem ethnologischen Gebiete Pionierarbeit geleistet. Wenn 
aber die Antike Athens und Roms den Grundgehalt ihrer Ideen dem 
Kulturgut der sie in Handel und Kämpfen berührenden Arier in Vorder- 
und Kleinasien und Nordafrika zu verdanken hat, dann zweifelsohne 
auch den Wahrheitsbegriff, und so muss unsere historische Unter- 
suchung des genetischen Entwickelungsganges des „quid est veritas" 
zurückgehen zu den ältesten erreichbaren, in Papyrus oder Stein fixierten 
Kulturdenkmälern forschenden Geistes bei den heute in etwa erkenn- 
baren ersten Kulturträgern Asiens. Denn auf sie weist Athen mit seinen 
Geistesheroen zurück. „Seit einigen Jahren werden immer zahlreichere 
Wohustätten und Gräber auch in Griechenland entdeckt, die über die 
Zeiten zurückreichen, für die man ethnische Bezeichnungen wagen darf. . . . 
Zurzeit ist das Verdienst der Archäologie in Verbindung mit der Sprach- 
wissenschaft schon gross genug, wenn wir wagen dürfen, über die 
Bevölkerung etwas Positives zu sagen, die den Griechen unmittelbar 
voranging. Selbst das können wir aber nur, weil die schriftliche Ueber- 
lieferung, also die eigene geschichtliche Erinnerung der Griechen, zu 
Hilfe kommt. ... Es ist schon jetzt von grundlegender Bedeutung, dass 
die Existenz eines grossen Volkes ganz besonderer Rasse ausser Zweifel 
gesetzt ist, auf das die Griechen allerorten zuerst gestossen sind, das 
ihnen viel von der orientalisch-ägyptischen 1 ) Zivilisation vermitteln 
mochte ..." 2 ) Diese heute wissenschaftlich zugestandene Ideenkonnexion 
zwischen Orient und Okzident im weitesten Sinne des Wortes ermöglichte 
eine bis jetzt vielfach bekämpfte Entlehnung von noetischen und ethischen 
Wahrheiten, die freilich, historisch und analytisch betrachtet, bei dem 
Kulturgang Israels und des Christentums nur in beschränktem Masse 
zutrifft. Infolgedessen muss die Untersuchung bei den Uranfängen der 
geschichtlich feststellbaren Kulturentwicklung einsetzen. Wie bekannt, 
fehlt uns bis zum Augenblicke eine auf den Tatsachen moderner Einzel- 
forschung aufgebaute Kulturgeschichte, trotz Schurtz und Stein - 
hausen. Auch die „Völkerpsychologie" Wundts und W. Hahns: 
„Das Alter der wirtschaftlichen Kultur der Menschheit, ein Rückblick 
und ein Ausblick", 1905, kann nur als Versuch aufgefasst werden; nur 

') Von uns gesperrt. 

2 ) Wir führen dieses Urteil des anerkannt besten Kenners der griechisch- 
römischen Antike, des Berliner Altphilologen Wilamowitz-Moellendorff an, um die 
obenerwähnte Tatsache zu erhärten, dass der antike Geist Athens und 
Roms in der Kulturepoche Ideengut vom Orient entlehnt hat. 



Zur ältesten Geschichte des Wahrheitsbegrifls. 215 



« 



der erste Band, 3. Aufl., von Eduard Meyer: „Geschichte des Altertums 
Erste Hälfte: „Einleitung. Elemente der Anthropologie". Zweite Hälfte : 
„Die ältesten geschichtlichen Völker und Kulturen bis zum sechzehnten 
Jahrhundert" (natürlich a. Chr. n.) (Berlin 1910/12) hat den Wunsch von 
Wilamowitz-Moellendorff weiter geführt. — Es leuchtet nach diesen wenigen 
Notizen ein, dass heute eine Geschichte der antiken Philosophie im 
weitesten Sinne des Wortes vorerst vom wissenschaftlich-philologisch- 
historischen Standpunkt aus nur ein frommer Wunsch sein kann und 
kaum noch das Werk einer Arbeitskraft sein wird. Die ältesten Kultur- 
taten erweitern sich in Umfang und Bedeutung mit der fortschreitenden 
Spatenarbeit und der vertieften Sprachforschung. Alle oberflächlichen 
Zusammenfassungen schaffen nur Verwirrung, wie Ed. Nordens neuestes 
Werk über die Logosidee in der Antike zeigt. Engelbert Krebs hat in 
der Polemik gegen Reitzensteins „Poimandres" wackere Arbeit 
geleistet, aber erst nach Nordens grundlegenden Studien, die er als 
fachmännischer Philologe und Historiker gemacht hat, ist ganze 
Arbeit möglich. Nordens Anschauungen sind indes nicht alle zu billigen. 
2. J. Kohl er hatte s. Z. (1899) eine schwungvolle Einleitung zu 
Helmholts „Weltgeschichte" geschrieben über „Die Grundbegriffe einer 
Entwickelungsgeschichte der Menschheit." In der vor einiger Zeit 
erschienenen 2. Aufl. dieses Werkes ist sie unter dem Drucke der seit 
5 Jahren völlig veränderten historischen Auffassung der Ideenentstehung 
und des genetischen Auswachsens in den einzelnen Kulturepochen und 
bei den verschiedenen Kulturvölkern weggefallen, und Tille, der neue 
Herausgeber, geht bescheidene Wege ernüchterten historischen Denkens, 
wie sie Lamprecht, Ed. Meyer und Lexis ihn gelehrt haben. 
Heute heisst es, in Detailarbeit schrittweise vorangehen, um die Einzel- 
heiten zu einem dauerhaften Gewebe zu verknüpfen. — Wir fragen in- 
folgedessen: Bei welchen ältesten Völkern kommt die älteste Wahr- 
heitsbegründung, die bewusste Fragestellung: „quid est 
veritas" zuerst vor? Welche primitiven Spuren lassen sich in zuver- 
lässigem Gange ausfindig machen, die Bausteine zu dem Men schheits- 
problem der letzten Wahrheitsbegründung liefern, und ferner: Wie ist 
das in der universalen Kulturentwicklung gewonnene Stückgut vom 
Orient und Aegypten nach Athen und Rom gebracht, durch Aristoteles 
und die Scholastik, fort und fort von neuem geprüft und geschliffen, zum 
Kleinod der vernünftigen Menschheit geworden? — Zunächst steht unan- 
gefochten fest, was Eduard Meyer a. a. 0. 245 ausfährt: „Eine höhere 
Kultur, wie sie die Voraussetzung aller Geschichtserkenntnis bildet, ist 
auf Erden zuerst und selbständig an eben den drei Stellen entstanden, 
an denen die Schrift geschaffen ist, in Aegypten, Babylonien und 
China. ... Die ägyptische Kultur ragt am weitesten hinauf; Babylonien 
steht durchweg um mehrere Jahrhunderte hinter ihr zurück; China folgt 



216 Jos. Gotthardt. 

noch später ; aber im Verhältnis zu dem Zeitraum, den wir für die 
Entwicklung des Menschen überhaupt in Anspruch nehmen müssen, 
schwindet dieser unterschied auf eine geringfügige Differenz zusammen." 
Simmel hat in seinem beachtenswerten Buche: „Die Probleme der 
Geschichtsphilosophie" 3. Aufl. 1907 diesen Kulturgang früher bestritten 
und rechnet nach dem Vorgehen L. Reinhardts: „Der Mensch zur Eiszeit 
in Europa und seine Kulturentwicklung bis zum Ende der Steinzeit" 
1906 mit ungezählten Jahrtausenden, wie es Sophus Müller „Urge- 
schichte Europas", deutsche Ausgabe 1905, schon getan hatte. 
Ed. Meyer räumt nach dem Vorgehen der modernen Kulturhistoriker 
wie Erman, Oldenburg u. a. ein: „Das schwierigste Problem der 
Urgeschichte des Menschen bildet die Kultur der jüngeren paläolithischen 
Zeit, welche uns in den französischen Höhlenfunden von Brassenpony, 
la Madelaine, Font de Gaume, Combarelles, Bruniquel, in Altamira 
bei Santander in Asturien, dem Kesslerloch bei Schaffhausen u. a. ent- 
gegengetreten ist. . . . Hier tritt uns eine Kultur entgegen, die ihrem 
geistigen Inhalt nach der folgenden Epoche, der neolithischen Zeit, weit- 
aus überlegen ist" (a. a. 0. 246 f.). Was folgt aus diesem Ideenkampf 
um die älteste Kulturentwicklung? — Zunächst steht fest, dass es eine 
prähistorische, eine paläolithische Zeit gab (um deren Aufklärung sich 
Schucbardt und Gustaf Kossinna innerhalb der germanischen 
Altertumsforschung und speziellen Erfassung der germanischen Kultur- 
entwicklung die grössten Verdienste erworben haben durch die Begrün- 
dung der „prähistorischen Zeitschrift" und des Vereins für prähistorische 
Forschung). Von der paläolithischen Zeitepoche dringt ein 
hoher Kulturgeist, den wir aus den vorhandenen schwachen Kultur- 
denkmälern eruieren können, an unser Auge, und wir können Rück- 
schlüsse auf den Ideengeist und das Wahrheitsforschen jener prähisto- 
rischen, sagen wir einfach „paläolischen Menschen", bilden. „Hier zeigen 
die Schnitzereien aus Renntierhorn und Mammutzahn und die Zeichnungen 
und Malereien an den Wänden der Höhlen und auf den Waffen und 
Stäben aus Hörn, Knochen und Stein (vor allem Darstellungen des 
Mammut, des Rentiers, des Wisent, des Wildochsen, des zweihufigen 
Wildpferdes, des Steinbockes u. a., aber auch von Menschen und 
Zelten) eine Höhe der Kunst, der scharfen Beobachtung und rea- 
listischen Wiedergabe der Natur und eine Entwicklung der 
Technik, der die neolithische Zeit nirgends auch nur -ähnliches an die 
Seite zu setzen hat; . . . erst die Schöpfungen der Aegypter kurz vor 
der ersten Dynastie, die der Babylonier etwa seit Sargon und Naramsin, 
oder auch die der Kreter auf der Höhe der Kultur lassen sich an 
künstlerischem Empfinden diesen Erzeugnissen vergleichen, ja bei manchen 
Tierzeichen aber wird man in Aegypten bis zur fünften Dynastie 
hinabgehen müssen, um gleichwertige Parallelen zu finden. So scheint 



Zur ältesten Geschichte des Wahrheitsbegriffs. 217 

die Annahme unabweislich, dass wir es hier mit einer sich abspielenden 
Kalturentwicklung des primitiven Menschen zu tun haben, die mit ganz 
beschränkten äusseren Mitteln eine ganz erstaunliche Höhe erreicht 
hat, die dann aber durch eine grosse Katastrophe vernichtet worden ist" 
(a. a. 0. 247). Was ergibt sich aus diesem modernen Forschungs- 
resultat aus Altamira und den Höhlenfunden auf französischem Boden? 
Die prähistorischen Völker haben an der Hand einer über- 
kommenen, nur von der üroffenbarung aus erklärlichen 
Kultur einen Ideenkreis zum Gegenstande ihrer Reflexion gemacht, 
der nur aus vorhandenen Werken ihrer realistischen technischen Kunst 
Rück- und Parallelscblüsse ermöglicht. — Welcher Art sind diese Rück- 
schlüsse? Zunächst haben die prähistorischen Menschen, nach 
ihren Kunstwerken zu seh Hessen, dieselbe Naturauffassung 
wie die heutige Naturdarstellung; in der Zusammenstellung 
offenbart sich eine klare Erkenntnis der Zusammengehörig- 
keit, Z w eck d ienlich kei t und relativen Beziehung zum 
Menschen; damit ist aber die Grenzbestimmung zwischen Tier und 
Mensch — Organisch — Anorganisch - Vernünftig — Selbstbestimmend 
und Vernunftlos — Bestimmtwerden gegeben. Wie Brass s. Z. gegen 
Haeckel und den kritischen Agnostizismus ausführte, war damit dem 
auch den Wahr h eits begr iff berührenden Evolutionismus der 
Boden genommen; wir müssen sogar aus verschiedenen typischen Dar- 
stellungen die Verbindung zwischen realer Objektivität und abstrahierender 
subjektiver Erfassung jener Kulturträger auf dem Gebiete der Wahrheits- 
etappen notwendig annehmen, falls wir überhaupt die bemerkenswerte 
Technik, die realistische Naturwiedergabe, die sinnvolle Anordnung in 
etwa nach der Weise moderner Kunstentfaltung und technischer Ver- 
vollkommnung verstehen lernen wollen. — Dennoch hat der prähistorische 
Mensch eine adäquate Auffassung von dem Organismus, der feingearteten 
natürlichen Konstruktion der organischen und anorganischen Daseins- 
welt, von den individuellen Differenzierungen im Reiche der ihn um- 
gebenden Natur, in der er mit verständigem Sinne wie in einem Buche 
liest ; er betrachtet seine Sinne als Hüifsmittel zur Ergründung der 
ausser ihm liegenden Daseinswabrheit aller von ihm erreichbaren Natur- 
wesen und sucht sich selber Rechenschaft über die Naturgemäss- 
heit seines Naturerkennens durch die technisch -anatomisch 
staunenswerte Wiedergabe des Beobachteten und Erkannten zu geben. 
Damit aber gibt er indirekt dem Ethnologen die Möglichkeit, ihn als ein 
nach geordnetem Wahrheit.ssuchen und Erkenntnisgewinnung strebendes 
Individuum zu würdigen, und Wahrheit war für den paläolithLschen 
Menschen die Erkenntnis seiner nächsten Umgebung, deren Ausgang und 
Daseinszweck, sowie die variable Aneignung des im Naturreiche Gege- 
benen für seine individuelle Person und deren Gemeinschaftsleben, 



218 Jos. Gotthardt. 

Wahrheit war für ihn Erfassung geklärter Grundideen, nach denen die 
sichtbare Welt zielbewusst geschaffen und geordnet ist. Wahrheit ist 
für diesen prähistorischen Menschen die Erkenntnis des wesentlichen 
Unterschiedes zwischen ihm, dem in geistiger Entwicklung fortschrei- 
tenden Individuum und der Aussenwelt, die in fertigem Zustande für 
Selbst- und Arterhaltung bemüht ist. — Hier fehlt der Raum, auf diese 
feinen Nuancen der Wahrheitserkenntnis des paläolithischen 
Menschen im Anschluss an die aufgefundenen Malereien und typischen 
Darstellungen näher einzugehen; wir können nur das eine allseitig 
begründete Urteil abgeben : Der älteste prähistorische Mensch war ein 
Wahrheitssucher, der auf die ihm indirekt aufgeworfene Frage : Was 
ist Wahrheit? die Antwort gegeben hat: Wahrheit ist die Erkenntnis 
des eigenen Ichs, seiner Wechselbeziehung zur vernunftlosen Natur, seiner 
verantwortlichen Herrschaft über die Natur und seiner von einem 
geistigen Wesen gewollten und unabweisbar festgesetzten Unterordnung 
unter einem höchsten Willen, einem Verhältnis, welches seinen typischen 
Ausdruck im Natur- und Menschenleben findet. Wahrheit ist Wirklich- 
keit im Sein, Denken, Wollen und Handeln, ist Uebereinstimmung 
zwischen der partiellen Aussen-Wirklichkeit und der die partielle Seite 
auffassenden und typisch oder auch realistisch darstellenden 
Seele. Diese Folgen ergeben sich fast notwendig aus den tatsäch- 
lichen Denkoperationen, die jene technisch-vollendeten Darstellungen, 
Gruppierungen, eigenartigen oft künstlerischen Konzeptionen zur Voraus- 
setzung haben; moderne Künstler bewundern nicht ohne Grund die 
zarten, anatomisch sicheren Linienführungen, die in den Wand-, Stein- 
und Stabmalereien von Altamira sich vorfinden. Wir haben also schon 
in der paläolithischen Zeit die Stellung der Wahrheitsfrage, ihre 
eigenartige Begrün düng und die stets bedeutungsvolle Rechenschaft, 
die sich der zeitgenössische Künstler von ihrem inneren Werte gibt. — 
3. In der neolithischen Zeit, der Epoche des polierten Steines (jüngere 
Steinzeit), war die Wahrheiterfassung eine weniger vollkommene^ eine 
mehr an Naivität grenzende Würdigung des Makrokosmos und Mikro- 
kosmos. Der Zusammenhang mit der oben erwähnten älteren Steinzeit 
war nicht mehr vorhanden ; warum diese abrupte Stellung untereinander, 
diese Zusammenhanglosigkeit eine allgemeine ist, hat bis jetzt kein 
Kulturhistoriker ausfindig machen können. Luschan hat es im 40. Bande 
der Zeitschrift für Ethnologie (1908) versucht, allein Ed. Meyer sagt 
mit Recht: „Zwischen der paläolithischen Kultur und den Anfängen der 
neolithischen Zeit gibt es geschichtlich keine Verbindung, wenn auch einige 
wenige technische Errungenschaften in der Bearbeitung des Feuersteins 
durch die Katastrophe hindurch gerettet sein mögen" (a. a. S. 247). 
Aber auch hier hat die Kulturentwickelung und Hand in Hand mit ihr 
das Wahrheitssuchen und die Beantwortung der latent glimmenden 



Zur ältesten Geschichte des Wahrheitsbegriffs. 219 

Frage: „quid est veritas" einen gewissen, heute an der Hand der Aus- 
grabungen fixierbaren Anlauf genommen. Zur zusammenfassenden 
Orientierung möchten wir hier ein Urteil wiedergeben, das Karge in 
seiner kleineren Schrift: „Die Resultate der neueren Ausgrabungen und 
Forschungen in Palästina", Münster 1910, S. 23 ff. nach fachmännischer 
Detailuntersuchung fällt (Was für die neolithische Zeit Palästinas gilt, 
hat entsprechend für die übrigen Paralleländer Geltung): 

„Die mannigfaltigen Ueberreste neolithischer Kultur, die durch die Abtragung 
des Hügels von Geser bis auf den Felsgrund zu Tage gekommen sind, erlauben 
es uns, ein Bild des damaligen Menschen zu zeichnen". 

„Als Wohnung dienten den neolithischen Menschen Palästinas die durch 
das ganze Land verbreiteten Höhlen und Grotten. Mit Hülfe von Feuerstein- 
werkzeugen verstanden sie die Höhlen künstlich zu erweitern und ihrem Ge- 
brauche anzupassen. Sie legten einen fast immer geraden und unregelmässigen 
Eingang gelegentlich mit primitiven Treppenstufen an ; Rinnen leiteten das 
Regenwasser in Sammelbecken; Felsschalen und Tröge dienten den Zwecken 
der einfachen Haushaltung und eine Grube in der Mitte der Höhle als Herd. 
In Gegenden, wo es keine Höhlen gab, oder sobald die friedlichen Zustände es 
ermöglichten, baute der Mensch sich selber Wohnungen aus Stein und Holz. 
Solche Hütten fanden sich bald in zahlreichen Gruppen zusammen; ein Wall 
aus gestampfter Erde auf einer Steingrundlage, oben vielleicht mit Palisaden- 
reihen gekrönt, diente diesen menschlichen Ansiedelungen als Schutz. Die neo- 
lithischen Bewohner Palästinas trieben lebhaften Ackerbau, wie die primitiven 
Mühlsteine beweisen, die man überall gefunden hat. Rinder, Ziegen, Schafe 
und Schweine . . . treffen wir schon als Haustiere. Geflügel wird nicht gefehlt 
haben. Ob diese Menschen die Kunst des Webens kannten, ist noch nicht sicher 
festzustellen. Die Ackerbaugeräte wusste man schon recht kunstvoll aus Feuer- 
steinsplittern mit Holzfassung herzustellen. Der Pflug hatte wohl bereits die 
Form, welche noch heute in Palästina gebraucht wird, nur dass jetzt das Eisen 
die Steinspitze ersetzt." 

„Aus Ton stellte man mit der Hand Gefässe und Krüge für den täglichen 
Gebrauch her , die Töpferscheibe ist gegen Schluss dieser Periode wohl bekannt, 
aber noch verhältnismässig wenig im Gebrauch. Trotzdem zeigen die kerami- 
schen Erzeugnisse schon eine gewisse Eleganz . . . Eingeritzte geometrische 
Muster geben eine einfache und wirkungsvolle Verzierung . . . Form und Ansatz 
des Henkels boten eine Menge von Variationen. . . . Das naive Interesse des 
natürlichen Menschen am Komischen bewog den Töpfer, Gefässe sehr kurioser 
Formen herzustellen, Gefässe in Tiergestalt, besonders Vögel; oder solche, die 
durch aufgesetzte Knöpfe eine Frau darstellen, wie sie sich auch als Gesicht- 
vasen in der alten kretischen und mykenischen Kunst finden. Die Tierdarstellungen 
zeigen trotz aller ünbeholfeuheit ein lebhaftes Naturgefühl. Für die Orna- 
mentierung der Gefässe wird die Farbe bald ein wichtiger Faktor; sie ist ja 
viel reicher und dekorativer als die Form. Die schönsten und reichsten farbigen 
Dekorationen finden wir gerade in der älteren Keramik. Bald zog man Natur- 
gegenstände in den Bereich der vielfarbigen Dekorationen : Pflanzen und Bäume 
wechseln mit Tieren in den verschiedensten Kompositionen; meist wird noch 



220- Jos. Gotthardt. 

die ganze Fläche in Farbe gelegt. Man kann die vielfarbige Dekoration in 
Palästina als Stil der voi semitischen Bevölkerung bezeichnen, welcher im alten 
Aegypten und im ältesten Babylonien seine Parallele hat . . . Jedenfalls sind 
diese ältesten Kunstdarstellungen aus Palästina von ausserordentlichem Interesse." 

4. An diese Schlussbemerkung knüpfen wir im Zusammenhange mit 
der vorausgehenden Darlegung an und ziehen folgende Schlüsse: Zu- 
vörderst ist auch bei dem neolithischen Menschen das Bestreben zu 
beobachten, die Aussenwelt in ihren Einzelerscheinungen, in ihren an- 
ziehenden Sonderheiten zu begreifen und aus innerem Wahrheitsdrange 
und verständnisvollem Suchen künstlerisch mit einer unverkennbaren 
technischen Entwicklung darzustellen. Diese Tatsache setzt aber voraus: 
scharfe Beobachtungsgabe, ernstliche Kombination der Einzelzüge, un- 
entwegtes Festhalten an dem treuen Wahrheitsbericht der Sinne, etappen- 
mässitres Nachgrübeln über Struktur und Zweck der Einzelwesen im 
Zusammenhang der sie umgebenden Schöpfung, nachdenkendes Interesse 
für die Lebensbedingungen und Arterhaltungsvoraussetzungen, kurz ein 
sinniges Naturlauschen und Naturverständnis mit der Endbeziehung auf 
das individuell davon verschiedene Ich. Nur dem schrittweis vorgehenden 
Naturei forschen, dem anatomischen Verständnis der charak- 
teristischen Naturlinien war eine solche „Naivitäts — Kunst" mög- 
lich, und wir können auch hier sagen: Für den neolithischen Menschen 
ergab sich Wahrheitssuchen aus innerem Wahrheitsdrang, aus Lust und 
Freude an der Beobachtung und dem allmählichen Verständnis des natür- 
lichen Seins und Naturgeschehens, des Werdens ausserhalb des Menschen 
im organischen und speziell der unvernünftigen Schöpfung. „Die indi- 
viduellen körperlichen und geistigen Anlagen des Einzelnen erhalten 
immer grösseren Spielraum der Betätigung, die in sehr verschiedener 
Weise erkannt und ausgenutzt wird : und so gewinnt der Charakter des 
einzelnen Menschen nicht nur selbständige Bedeutung für sein eigenes 
Leben, sondern wirkt zugleich auf di« Gestaltung der Gesamtheit zurück" 
(Ed. Meyer a. a. 0. 9). Wenn aber so das individuelle Können und Erkennen 
des auf primitiver Kulturstufe stehenden Menschen sich ausdehnt, so muss 
die Wahrheit. sbegründung schliesslich in der Kette seiner Einzel- 
deduktionen liegen, und daraus ergibt sich wieder die Tatsache, die 
Karge und auch Winkler jüngst statuiert haben, dass damit für den 
neolithischen Menschen die Wahrheitsbestimmung und Wahrheits- 
durchleuchtung nur in dem Endglied seiner individuellen geistigen Ent- 
faltung lag. Sollen wir ein abschliessendes Urteil für die Wahrheit s- 
ergründung und Begründung des Menschen der heute allgemein 
angenommenen jüngeren Steinzeit geben, so lautet es dahin: Inder 
neolithischen Kulturepoche strebt das Individuum und die in Gruppen 
vereinigte menschliche Gesamtheit nach dem Verständnis der organischen 
und anorganischen Schöpfung, des im Gesamtleben pulsierenden Werdens 



Zur ältesten Geschichte des Wahrheitsbegriffs. 221 

und metamorphosischen Vergehens, der idealen Erhabenheit des suchenden 
und scharf beobachtenden Ichs über Tier und Pflanze und beson- 
ders die von Menschenhand konstruierten leblosen Dinge. 

a) Wenn wir auch heute noch kein zusammenfassendes Werk über 
die prähistorische Zeit besitzen und erst in jüngerer Zeit ein solches 
von Berliner Hochschulgelehrten vorbereitet wird, so dürfen wir doch das 
eine behaupten: Der prähistorische Mensch hat einen beachtenswerten 
Trieb und eine unverkennbare Anlage, Naturerscheinungen, ob- 
jektiven Naturbestand nach seiner subjektiven Auffassung nach- 
zubilden, die erkannten Charakterzüge im Natur- und Menschheits- 
leben festzuhalten und dem Einzel- Erkannten und Individuell -dar- 
gestellten Wahrheits- d. h. Wirklichkeitswert beizumessen. Wir haben 
demnach in seinem sonderbaren Handeln die Grundzüge für die 
wissenschaftlichen Wahrheitsmomente aus konstatierbaren Wirklichkeits- 
gründen, Harmonie zwischen Gegebenem und individuell, aber adäquat 
Erkanntem, zwischen Natur- und Seelenbild, zwischen letzterem und der 
realistischen Wiedergabe. Die Geschichte der Noetik ist noch zu schreiben, 
und auch die Geschichte der modernen Logik in ihren positiven Vertretern 
bedarf nach Prantl und Sigwart einer erneuten Darstellung, und sie 
muss beginnen bei dem logischen Denken des positiv gerichteten prä- 
historischen Menschen, der in seinem konkreten Schaffen Zeugnis gibt 
von seinem Wahrheitssuchen, seiner Wahrheitsfreude und dem unmittel- 
baren Wahrheitsausdruck. 

ß) Nach dieser kurzen Darlegung kommen wir auf die historischen 
d.h. geschichtlich erkennbaren Wahrheitssucher und selbständigen 
Kritiker des Wahrheitswertes und Wahrheitsbegriffes. Obenan, stehen 
nach Meyers und Er m ans neuesten grundlegenden Untersuchungen 
die Aegypter als die ältesten Kulturträger. Was sagen sie auf die 
Frage: „quid est veritas?" Wie bestimmen und begrenzen sie diese Kern- 
frage? Wenn Kays er s. Z. ein Buch uns schenkte, das eine Parallele 
zwischen „Ägypten einst und jetzt" ziehen wollte, so blieb seine Arbeit 
nur Stückwerk, weil es erst Adolf Erman vorbehalten war, durch seine 
philologische Einzelkritik uns einen vertieften Einblick in das verzweigte 
Denken der alten Bewohner am Nil bis tief in das Herz Afrikas hinein 
zu ermöglichen. Sein Werk: „Aegypten und ägyptisches Leben im Alter- 
tum" ist die Grundlage, auf der die fachmännische Aegyptiologie weiter 
arbeiten muss. Was lehrt uns aber die neueste ägyptiologische 
Forschung betreffend des Wahrheitsbegriffes? 0. Willmann hat 
in der 2. Auflage seiner „Geschichte des Idealismus" bereits Erman 
gegenüber Brugsch („Religion und Mythologie der Aegypter") Recht 
gegeben, weil auch Kugler den Ausführungen Ermans in seinem Auf- 
satze „Die wissenschaftliche Kultur einer untergegangenen Welt" mit 
einigen Einschränkungen beipflichtete, und Meyer erklärt in seiner „Ge- 



222 Jos. Gotthardt. 

schichte Aegyptens", speziell aber in seiner „Geschichte des Altertums" 
a. a. 0. 77: „Die Zeiten, wo man in der ägyptischen Religion ein theo- 
logisch-philosophisches System sah, in den Formen der späteren Theo- 
logie ihren Ursprung suchte und dabei ungeordnete Gedanken derselben 
nach Art der griechischen Theosophen und der Neuplatoniker noch weiter 
ausspann, . . . sind glücklich vorüber". Hier sei nur auf die schwierige 
Datierung und endgültige Eotziffnrung der vorhandenen Ueberreste der 
ägyptischen Literatur hingewiesen. Erman sagt in „Die orientalischen 
Religionen" in „Kultur der Gegenwart" S. 30: „Unser Wissen von der 
ägyptischen Religion ist zur Zeit noch ein lückenhaftes und unsicheres 
. . . Viele der Texte sind nur in ganz verderbter Gestalt überliefert, und 
unsere Sprachkenntnisse reichen noch nicht zum vollen Verständnisse 
dieser alten Literatur aus . . . Aber auch die ägyptischen Quellen, die 
unzähligen Inschriften der Gräber und Tempel und die vielen Papyrus 
magischen und religiösen Inhaltes sind bei ihrer Einseitigkeit nicht leicht 
zu verstehen . . . Wir haben keine Erzählungen der Göttersagen und 
keine Darstellungen der Götterlehre. Dazu kommt als ein weiterer Uebel- 
stand, dass die einzelnen religiösen Texte sich nur schwer datieren 
lassen". — Daraus ergibt sich aber die Notwendigkeit, dass wir die 
Methode Willmanns, die sich an Brugsch, Wiedemann fast aus- 
schliesslich anlehnt, fallen lassen müssen und aus dem angeblich vor- 
handenen systematischen Religionsgebäude der Aegypter wenig oder gar 
nichts für unsere Untersuchung des historischen Wahrheitsbegriffes ge- 
winnen können. Was uns aber zuverlässige Bausteine liefert, sind die 
archäologisch-kulturhistorischen Untersuchungen Ermans und Ed. Meyers, 
die modernen Ausgrabungen in Aegypten und die glaubwürdigen Berichte 
von ernsten Reisenden; besonders hat der Papyrusfund von Elepbantine 
manches Streiflicht auf ägyptisches Denken und Empfinden, allerdings in 
späterer Zeit, geworfen. Welche Resultate ergeben sich abei aus den 
neuesten Altertumsfunden? 

y) Zunächst entlehnt der Aegypter der ältesten Zeiten seine Begriffe, 
wie es bei jedem Menschen aller Kulturepochen wie auch der prähistori- 
schen Kulturzeit der Fall ist, den nächsten primitiven Beobachtungen ; 
seine geistige Auffassung wird uns durch die aufgefundenen von niederer 
zu höherer Kulturstufe fortschreitenden bildlichen Darstellungen zur 
Analyse näher gerückt. Ja, „der älteste Schriftkeim liegt in den Bildern 
und den strichartigen Symbolen, welche wir als Abzeichen der Schiffe, 
als Wappen der Gaue und Ortschaften, ferner als Amuletten u. a. kennen 
gelernt haben; auch die mannigfachen Strichzeichen, die sich zu allen 
Zeiten auf den Gefässcherben finden , werden wohl Eigentumsmarken 
sein ...; überall ist der dargestellte Gegenstand zugleich 
die Verkörperung einer Idee; und nur in dieser Symbolik 
besteht seine Bedeutung" (Meyer a. a. 0. 110 f.). Daran an- 



Zur ältesten Geschichte des Wahrheitsbegriffs. 228 

schliessend ergibt sich für die Beurteilung des noetischen Wahrheits- 
begriffes der alten Aegypter ein Hinausgehen über die prähistorische 
Zeit; wir haben bereits eine Symbolik, die Zeugnis gibt von einem 
vertieften Denken, von einem Uebergange der Idee zu ihrer symbo- 
lischen Fixierung; mag die Hieroglyphen- Weisheit durch neue Datie- 
rungen noch weiter gefördert werdeD, für die Noetik ist die Tatsache 
der kritischen Wahrheitsmessung und Wahrheitsdeutung im Natur- und 
Menschenleben gegeben, und ein fein abgegrenzter Ideenreichtum gibt 
Zeugnis von der regen Geistesarbeit der alten Nilbevölkerung lange vor 
der biblischen Zeit. Die Gräber von Abydos und Negada erzählen 
von dem intensiven Suchen des Aegypters nach dem Stein der Weisen, 
und wir können, auf Erman und Meyer gestützt, sagen: Der Aegypter 
ist Idealist in seiner Naturerfassung; er gibt seinen Gedanken jenen 
schemenhaften Charakter, der in den Pyramidenmalereien, in den Stein- 
verzierungen seinen bildlichen Ausdruck gefunden hat. Was der Bewohner 
in der fruchtbaren Nilniederung in grandioser Vegetation sich entwickeln 
sah, das überträgt er in seiner abstrahierenden Geistestätig- 
keit auf seine Natur-, Menschen- und speziell Seelenauf- 
fassung, und Wahrheit war für ihn das Auswachsen der Beobachtung 
in ungemessene Welträume mit eventueller Wirklichkeit; die Pyramiden, 
„Bauten der Ewigkeit", suchten dazu den Wahrheitsgehalt in der Er- 
scheinungen Flucht festzuhalten, und so haben wir bei den Aegyptern 
eine Philosophie in Stein und Granit. Es ist für uns belanglos, zu 
untersuchen, wie der Aegypter seinen Götter- und Unsterblichkeitsglauben, 
seine ethischen und religiösen Ideen im einzelnen in seinen Kultur- 
denkmälern projizierte, auf alle Fälle war für ihn Wahrheit „das Hinaus- 
gehen der Idee über Welt und Schauen". 

d. Eine ähnliche Beobachtung machen wir auf Grund der neuesten 
Babelforschung, der Ausgrabungen zwischen Euphrat und Tigris bei dem 
Zweitältesten, in Inschrift und anderen Literaturdenkmälern erreichbaren 
historischen Volke der Babylonier. Winckler, Jeretnias und neuestens 
Lehmann haben uns die Rätsel der Keilschrift gelöst und damit den Ein- 
blick in das Wahrheitsstreben der alten Babylonier ermöglicht. Besonders 
begegnen wir hier einer ausgebildeten Theorie des Wahr- 
heitssuchen s, die z. B. bei den Aegyptern vollständig fehlt, da letztere 
jeder Theorie abhold waren : „Eins aber fehlt . . . aller wissenschaftlichen 
Literatur der Aegypter : jegliches theoretische Interesse. Die praktische 
Aufgabe dominiert ausschliesslich ; ein Problem um seiner selbst willen 
zu untersuchen, ist ihnen nicht in den Sinn gekommen, und wo sie sich 
einmal zur Spekulation erhoben, bewegt diese sich immer in den Formen 
eines theologischen Mystizismus" (Meyer a. a. 0. 152). In Babylonien 
und Assyrien haben wir in den geordneten Lebensverhältnissen, in den 
kodifizierten Rechtsanschauungen, in den Handels- und Völkerrechts- 



2'M .los. Gotthardt. 

beziehungen die Ansätze zur rehVxiven Theorie, die zuletzt auch auf die 
Prinzipien des Denkens, des Lebens- und Wahrheitswertes eingeht 1 ). 
Wenn auch die philosophisch -theologisch -historischen Deduktionen von 
Friedrich Delitzsch, wie Oettli und Zimmern später überzeugend nach- 
gewiesen haben, ohne Zweifel über den Objekten Wert der aufgefundenen 
literarischen Denkmäler hinausging, so ist doch nach den Untersuchungen 
von E. Huber „die Personennamen aus der Zeit der Könige von Ur 
und Nisin 1907" nicht mehr zu zweifeln, dass wir, wie Kugler in 
seinem geistvollen Buche „Sternkunde und Steindienst in Babel" betont, 
in dem Kulturlande von Mesopotamien die Anfänge systematischer Theo- 
rien von Wahrheitsproblemen haben. Freilich „werden wir annehmen 
dürfen, dass die ältesten erhaltenen Urkunden von der Zeit der Schrift- 
erfindung" (Urkunden, die über solche Theorien handeln. D. V.) nicht 
sehr weit abstehen und die Vorstufen in Sinear eben so rasch durch- 
laufen sind, wie in Aegypten in der Zeit der letzten Horusdiener von 
Menes (Meyer a. a. 0. 437). Aber es kommt die heute ziemlich allgemein 
zugestandene Tatsache hinzu, dass die babylonische Kultur, die Geistes- 
bildung der Sumer, von der ägyptischen Kultur manches entlehnt hat, 
was dem Berichte der hl. Schrift nicht widerspricht. Ein grosses Hinder- 
nis bietet allerdings die bis jetzt noch mangelhaft erreichte Fixierung 
der einzelnen Kulturepochen Babylons, was erst nach Beant- 
wortung der Entstehungszeit der Tontafeln des Asurbanipal möglich 
ist. So viel steht aber heute schon fest, „dass man (in Sinear) anfing, 
sich (nach den Beobachtungen der Erderscheinungen) am Himmel genauer 
zu orientieren und die einzelnen Sterne zu Gruppen zusammenzufassen 
. . . und zweitens, dass man einige dieser Sternbilder mit den Göttern 
in Verbindung setzte und somit auch glaubte, dass sie von diesen 
Sternen aus das Geschick beeinflussen und verkünden. Aus diesen Ele- 
menten ist dann im eisten Jahrtausend, von dem neuen semitischen 
Stamm der Chaldäer, der damals in Sinear eindrang, ein ausgebildetes 
System der Sternkunde und Sterndeutung entwickelt worden ; die chal- 
däische Astrologie, welche zwar, wie die ältere Deutung einzelner 
Himmelszeichen . . . durchaus den praktischen Zwecken der Voraus- 
berechnung des Schicksals dienen will, aber diese Aufgabe methodisch 
in die Hand nimmt und so auf empirischer Grundlage „zu- 
gleich die erste Wissenschaft der Astronomie begründet 2 )" 
. . . (Meyer a. a. 0. 527 f.). Infolgedessen ist der mit scharfer Sinnes- 
wahrnehmung und ernstem Denkstreben ausgerüstete Chaldäer der erste, 
der sich reflexiv Rechenschaft über d^n Wahrheits- und Wirklichkeits- 
gehalt seiner aus der täglichen exakten Beobachtung gewonnenen Ideen 



x ) Vgl. Hilprecht, Exploration in Bible Lands 1903. 
8 ) Von uns gesperrt. 



Zur ältesten Geschichte des Wahrheitsbegriffs. 225 

und Denkresultate gibt. Die sogenannten „Wahlsprüche" sind die von 
den Griechen uns literarisch aufbewahrten Niederschläge des chaldäischen 
Wahrheitssuchens, und erst Zimmern, Kugler, der nach Meyers rühm- 
lichster Anerkennung als erster die Kulturbedeutung der Chaldäer, 
speziell auf astronomischem Gebiete, wissenschaftlich untersucht, erfasst 
und dargestellt hat, haben uns die Möglichkeit verschafft, abseits von 
den bisherigen vielfach irrigen Ansichten eines Hommel, dem auch Kaulen 
in seinem bekannten Buche und selbst jetzt noch einige Schüler trotz der 
grundschürfenden Untersuchungen und Widerlegungen Meyers folgen, das 
Wahrheitssuchen im Lande des Paradieses heute nach mehr denn sechs- 
tausend Jahren gebührend zu würdigen. „Die wissenschaftliche Behandlung 
der babylonischen Sternkunde hat, nach den Vorarbeiten von Epping, 
Fr. X. Kugler in Angriff genommen (Sternkunde und Sterndienst in 
Babel I, 1907 ff.), dessen Ergebnisse durch diejenigen, zu denen von der 
griechischen Astronomie aus Fr. Boll, Sphaera 1903, gelangt ist, aufs 
beste ergänzt werden" (Meyer a. a. 0. 530). Bei eingehenderem Studium 
muss man gestehen, dass in Willmanns verdienstvoller Geschichte des 
Idealismus dieser Teil (Band I „Die chaldäische Weisheit") einer voll- 
ständigen Umarbeitung bedarf, da nur die griechische Literatur benützt 
ist, und heute der babylonische Geist an den Quellen seiner Kultur- 
denkmäler belauscht werden muss. Jetzt erst kennen wir die Bussriten, 
Beschwörungsformeln, die hieratischen Bestimmungen und den Kodex 
Hammurabi mit seinen möglichen Rückschlüssen und dem objektiven 
Gedankeninhalt des weisen Denkers, gerechten Richters nach jenen An- 
schauungen von Recht und Sühne; erst jetzt hat uns Schrank in 
seinem lesenswerten Buche : „Priester und Büsser in Babylonischen Sühn- 
riten", 1907, gezeigt, welchen idealen Geistesaufstieg das Volk nahm, wie 
es auf natürlichem Wege die Mittel und die Notwendigkeit eines geklärten 
Gottsuchens zielbewusst erkannte und verfolgte. — Die vorhandene Lite- 
ratur, die „umfangreichen Syllabare" der Bibliothek Assurbanipals, die 
Schreibvorlagen und textkritischen Uebungen geben Zeugnis von dem 
durch ägyptische Wahrheit bereits erleuchteten Wahrheitssinn der alten 
Babylonier. Gern räumen wir ein, dass nur gewisse Gesellschaftsklassen 
diesem idealen Streben sich widmeten, allein in dem letzten Jahrtausend 
ging das Fortbildungsstreben, als Gemeingut des gesamten babylonischen 
Kulturvolkes, breitere Wege, um seinen unverkennbaren Einfiuss auf das 
bedeutendste Kulturvolk der Antike, die Griechen, vorerst auf die in 
Kleinasien, auszuüben. Unter Hammurabi haben wir geordnete Rechts- 
verhältnisse und Urkunden von allgemein historischem Werte. „Aller- 
dings fehlt selbstverständlich den babylonischen Urkunden der Hinter- 
grund einer allseitig durchgebildeten geistigen Kultur, als deren Träger 
sich der Kaiser fühlt und deren Grundgedanken er überall in kurzem, 
zum Ziel treffendem Wort einen durchaus individuell geprägten Ausdruck 

Philoiaphiiehat Jthrbueh 191«. 15 



226 Jos. Gotthardt. 

zu verleihen vermag; aber auch in Hammurabis Erlassen er- 
kennen wir einen fest durchgebildeten, von geordneten 
Anschauungen beherrschten Reichsorganismus" (Meyer a. a. 0. 
565). Wenn diese Tatsache aber von der modernen orientalischen Aus- 
grabungs- und gesamten Forschungswissenschaft bestätigt wird, dann 
unterliegt es auch keinem Zweifel, dass wir in dem systematischen Auf- 
bau die Grundprinzipien einer in der Praxis als feste Norm bestehenden 
Wahrheitserrungenschaft zu erkennen haben, die in ihrem Wirklichkeits- 
wert ein Fingerzeig für die noetische Bewertung dieses Wahrheitsbesitzes 
sind. Wir müssen abschliessend sagen: 

5. Zuerst hat der Babylonier seit den Tagen seiner Kulturbedeutung 
gebucht, geforscht, mit verständigen Sinnen beobachtet, seine Beobachtungs- 
resultate auf induktivem Wege gesammelt und später zu einem System 
verarbeitet ; er hat den Wert der empirischen Forschung erkannt und 
ihm allgemeine Bedeutung beigelegt, indem er fortan nach bestimmten 
Regeln seine Welt- und praktische Lebensanschauung formulierte und 
damit die Denkresultate nach der Weisung von allgemein gültigen Prin- 
zipien erweiterte, ergänzte und somit sich selber vergewisserte über den 
relativen Wert der Wahrheit. Die Antwort auf die Frage: „Quid est 
veritas?" lautet demnach vom babylonischen Standpunkte: 
Wahrheit ist die Gleichförmigkeit zwischen dem Erkenntnisinhalt und 
dem objektiven Realbestand in dem Natur- und Menschheitswirken; der 
Grund für diese Konformität ist als Tatsache erster Ordnung 
hinzunehmen, denn jeder Zweifel würde vor dem Sonaengotte 
Schemesch nicht bestehen können. Mensch und Natur sind 
wahr, wirklich und als solche erkennbar. Wahrheit ist ferner 
nach babylonischem Ermessen die Konnexbeziehung zwischen Erkennen 
und Wirklichkeit, zwischen Realdasein und dem idealen Geistesbild, 
zwischen geordnetem Aufbau der Gedankenreihen und ihrem praktischen 
Lebenswerte und endlich zwischen dem Geschaffenen und einem „Zeit- 
und Raumlosen", zwischen Mensch und einem höheren Schaffungs- 
und Fruchtbarkeitsprinzip. Zu begrüssen wäre es, aber nicht zu ver- 
wundern, wenn neue Tontafeln und Zylinder gar allgemeine noetische 
Sätze und Ausführungen enthielten, und so der noch nicht ganz lücken- 
los geschlossene Beweis erbracht würde, dass Athen nicht allein den 
Inhalt, sondern sogar die Form seiner Denkweisheit Babylon 
entlehnt hat. Die Priorität des Wahrheitssuchens in systematischer 
Form gebührt also den Gelehrten und Weisen, die sich um Hammurabi 
sammelten und mit ihm den Zusammenhang zwischen Welt- und Natur- 
Geschehen, zwischen Einzelbeobachtung und bleibendem Gedankenbild 
einerseits und dem transzendentalen Gesamtbild, dem Schicksal über den 
Sternen anderseits, aus den Sternen — Gedanken und andere Vorgänge — 
Konstellationen zu erkennen und auf das individuelle und Völkerleben an- 



Zur ältesten Geschichte des Wahrheitsbesriffs. 227 



&■ 



zuwenden suchten. „In ihrer Gesamtheit zeigen dieee Tatsachen, dass 
bei denjenigen Völkern und Gebieten der Alten Welt, die überhaupt zu 
einer höheren Kultur fortgeschritten sind, diese Entwicklung etwa im 
fünften Jahrtausend v. Chr. begonnen hat. Aeusserlich ist sie dadurch 
erkennbar, dass diese Völker Spuren ihres Daseins hinterlassen haben, 
die sich bis auf unsere Zeit erhalten haben; ihr inneres Wesen besteht 
darin, dass sie ein geistiges Leben entwickeln, dass ihnen eine von allen 
anderen unterschiedene Sonderart, eine Volksindividualität verleiht und 
sie dadurch weiter zu historischem Leben und historischer Wirkung 
befähigt. Im einzelnen ist diese Entwicklung hier etwas früher, dort 
etwas später erkennbar, verläuft bald rascher, bald langsamer, bis das 
Volk entweder in das sich bildende und immer mehr verbreiternde Bett 
des vollen geschichtlichen Lebens eintritt, oder aber ein Zustand erreicht 
worden ist, über den es nach seiner Veranlagung und den äusseren 
Bedingungen seines Daseins, solange diese sich nicht ändern, nicht mehr 
hinauskommen kann" (Meyer a. a. 0. 840 f). Dieses vorausgesetzt, ist 
das Wahrheitsproblem das letzte in seiner theoretischen Fixierung, 
das erste in seiner praktischen Bearbeitung, und bei den Babyloniern 
trifft Theorie und Praxis zusammen. Es ist bis jetzt nicht genügend 
gewürdigt worden, weil uns die Tafeln von Assurbanipal Bücher mit 
sieben Siegeln waren und die Berichte griechischer Schriftsteller aus 
zweiter Quelle geschöpft waren. Willmann hat den ersten Versuch gemacht, 
der angesichts des zerstreuten Materials im letzten Grunde für die 
gesamte Behandlung der vorgriechischen Zeit missglücken musste und 
auch missglückt ist, ohne dass dadurch das Verdienst des grossen 
Philosophen auch nur im geringsten geschmälert wird. — Was von den 
Babyloniern gilt, ist auch von den Chinesen in ihrer ältesten Kultur- 
epoche zu konstatieren. Ihre Literatur ist schon umfangreicher, und 
für sie gelten die Forschungsresultate Schraders über die Indo- 
germanen in geringer Verschiebung, indem nämlich bei den Chinesen 
die Geistesentwicklung einen merklichen Stillstand zu verzeichnen hat. 
Aber auch bei ihnen wie bei den Völkern des Veda ist der Erkenntnis- 
ausgang die Natur und die Vorgänge im Natur- und Menschenleben. 
Es sind die fortlaufenden Beobachtungen der Gegenstand angestrengten 
Nachdenkens, und Wahrheit ist für sie die Uebereinstimmung des 
Erkennens mit dem beobachteten Einzelzug eines Gegenstandes oder 
einer Handlung. Der Indogermane gab sich darüber schon mehr Rechen- 
schaft als der Chinese, aber trotzdem ist bei ihm kein System der 
Noetik ausfindig gemacht worden; Deussen hat uns in seinem Buche 
„Sechzig Upanishads c 2. Aufl. 1905 und „Philosophie der Upanishads" 
2. Aufl. 1901 und Dahlmann in seinem „Idealismus der indischen Religions- 
philosophie" 1901 mit den Denkgesetzen und noetischen Prinzipien der 
indischen Weisheit vertraut gemacht. Deussen hat dann die Unter- 

15* 



223 Jos. Gotthardt. 

sut-hungen in dem Werke: „Die nachvedische Philosophie der Inder — 
die Philosophie der Chinesen und Japaner" 1908 zu Ende geführt und 
im „System des Vedänta" für die weiteren Untersuchungsfragen den 
Boden in mustergültiger Weise geebnet und zwar für die altvedische 
Periode, den Rigveda, für die jungvedische Zeit, das Upanishad, und die 
nachvedische Epoche, wo das Mimausa, Vedänta, Ny äya, Vaices- 
hikan, Sänkhya, Yoga eigene Blüten philosophischer Grund- 
orientierung trieben. In allen einzelnen Systemen finden sich die 
gemeinsamen Merkmale für die Beantwortung der Wahrheitsfrage : 
Wahrheit ist der reale Kern des objektiven Sach- und Tatbestandes, 
die Konformität zwischen Sein und individueller Kenntnisnahme, welch 
letztere eine allgemein gültige Bedeutung für sich beansprucht und 
zuletzt die Personifizierung geistiger Wesen nach den ausgeprägten 
Sinneswahrnehmungen und ihren unkontrollierbaren Ausdehnungen ins 
Phantastische ist, was bei dem Pantheismus des Rigveda, besonders des 
Vfdänta, zur Geltung kommt. — Die sogenannten Hermetischen Bücher 
sind reich an noetischen Ansätzen, und grübelnd geht der Weise in 
meinen uns erhaltenen Hymnen der Wahrheitsquelle nach, und die Weis- 
heit spricht von sich selber in dem X. Hymnus des Rigveda: ,,Ich bin 
die Herrscherin, die Schätze um sich her sammelt, denkend. . . . uner- 
fasslich im Denken sind, die alle von mir leben" (bei Willmann a. a. 0. 
I 89). Es ist hieraus zu folgern, dass nach der alten Philosophie der 
Inder die Wahrheitsquelle unerfasslich ist in ihrer Tiefe, 
ihrem Werte und in ihrem heiligen Ursprünge. Nur dem 
denkenden, d. h. wahrheitsliebenden und wahrheitssuchenden Menschen 
sendet die Wahrheit durch „Sonnenlicht und Farbenpracht" Lichtstrahlen 
gesteigerter Weltordnung entgegen, und dem willigen Herzen wird 
Götterglaube, Jenseitshoffnung und selbstlose Nächstenliebe zuteil: das 
sind die praktischen Wahrheiten. Es ist heute eine erleichterte 
Arbeit, aus den gut interpretierten Rigveda-Upanishad- und Vedänta- 
texten ein System noetischer Leitsätze herauszufinden, das eine 
dankenswerte Brücke zum Verständnis der kretischen, altgriechi- 
schen und sogar ar i s totelis che n Wahrheitsbestimmung bildet. Der 
Kern aus dem zusammenfassenden Verständnis der Wahrheitsbegründung 
der gesamten indischen Philosophie lässt sich wie folgt bestimmen : Im 
Verein mit einer angeborenen Neigung zu Wahrheitsverständnis und 
Wirklichkeitswürdigung steuert die geübte Beobachtung zur durch- 
dringenden Erfassung von Mikrokosmus und Makrokosmus, gibt sich 
gelegentlich selber Rechenschaft über die Realität des Denkens und 
Forschens und erkennt als Antwort auf die Frage: „quid est veritas ?" 
den Satz: Wahrheit ist Natur -Welt-, Selbst- und Jenseitsbestimmung 
im richtigen Anlehnen an die Sinne und deren gemeinsame Tätigkeit 
mit Geistesgrübeln und Seelenschauen. 



Rezensionen und Referate. 



Erkenntnistheorie. 

De cognitione sensuum externonim. Inquisitio psychologico- 
criteriologica circa realismum criticum et obiectivitatem 
qualitatum sensibilium. Auetore: J. Gredt 0. S. B. Romae 
1913. VIII, 298 p. 1,50 Fr. 
Wie der Untertitel des beinahe 100 Seiten starken Büchleins andeutet, 
will der Verfasser eine psychologisch-erkenntnistheoretische Untersuchung 
über den kritischen . Realismus und die Gegenständlichkeit der sinnen- 
fälligen Eigenschaften anstellen. Aus der ganzen Abhandlung tritt sicht- 
lich das Bestreben hervor, keine der zur Sache gehörigen Tatsachen 
der neueren Naturwissenschaft und Psychologie zu übersehen. Ueberhaupt 
zählt vorliegende Schrift zum Besten, was der strenge Realismus zu 
seiner Selbsterhaltung vorbrachte. Trotzdem müssen wir zu unserem 
Bedauern dem sogleich hinzufügen, dass der Verfasser seinen Geist und 
seinen ungewöhnlichen philosophischen Scharfsinn in den Dienst einer 
Sache stellte, die nun einmal mit Recht als verloren gilt. Denn beim 
heutigen Stand der vorliegenden Frage ist die an sich vortreffliche 
Arbeit methodologisch als verfehlt und sachlich als unhaltbar zu bezeichnen. 
Es kann nicht unsere Absicht sein, zum Belege unserer doppelten 
Behauptung auf Einzelheiten einzugehen. Wir wiederholten nur schon 
oft Gesagtes. Uns ist vielmehr daran gelegen, Gesichtspunkte hervor- 
zuheben, die bisher nicht genügende Beachtung gefunden haben und doch 
von entscheidender Bedeutung für die Austragung des Streites sind. Wir 
müssen vor allem einen Standpunkt gewinnen, der nicht in, sondern 
über der Sache gelegen ist. 

I. 
Man könnte meinen, das Problem im Realismus wäre die künstliche 
Frucht müssigen Erfindungsdranges einiger Philosophen. Dem aber ist 
keineswegs so. Den Alten, soweit sie nicht dem wissenschaftlichen 
Zweifel an allem huldigten, waren die Gegenständlichkeit und das An- 
sichsein der Aussenwelt keine lösungsbedürftige Frage, sondern unmittel- 
bar einleuchtende Gewissheit. Unleugbare Tatsachen aber, wie sie die 
modernen Natui Wissenschaften hinstellten, warfen mit einemmal neues, 



230 Aloys Mayer. 

überraschendes Licht in unsere Naturbetrachtung, sie verschoben den 
Gesichtswinkel, unter dem wir bisher das Weltall anzuschauen gewohnt 
waren, diese Tatsachen schufen das unmittelbare Einleuchten von ehe- 
dem zum inhaltschweren, brennenden Problem um. Seitdem kann keine 
Philosophie, die es ernst mit ihrem Berufe nimmt, die einmal angeregte 
Frage umgehen. Sie alle müssen zu ihr Stellung nehmen. 

Die unmittelbar gegebene Erfahrung ist der allein zulässige Aus- 
gangspunkt jeder wissenschaftlichen Untersuchung, wenn sie sich von 
ihrer Forschung überhaupt einen Erfolg versprechen will. Die tatsäch- 
liche Erfahrung aber muss erst recht Ausgangspunkt für die Behandlung 
einer Frage sein, die ihre Aufstellung einzig und allein Tatsachen verdankt. 
All unsere Erfahrung trägt das Gepräge der Einheitlichkeit und der 
Einzigkeit. Der Lehrsatz von der Einzigkeit der Erfahrung war bereits 
bei den Alten, wenn auch mehr oder weniger unbewusst, in Geltung. 
Seine ausnehmend bewusste Bedeutung gewann er allerdings erst in der 
neuesten Zeit infolge der eigenartigen Erweiterung dessen, was wir eben 
unsere Erfahrung nennen. 

Nicht in der Stellung, die wir zur Erfahrung einnehmen, liegt der 
Unterschied zwischen alter und neuer Auffassung in der Philosophie. Wir 
stehen immer nur einer einzigen Erfahrung gegenüber. Der Unterschied, 
der beide Weltauffassungen von einander sondert, ruht vielmehr in der 
völligen Umwertung, die sich im Laufe der Jahrhunderte an der Natur 
der Erfahrung selber vollzogen hat. 

Für Aristoteles und die Alten war Erfahrung — um es mit einem 
Wort zu sagen — formell physischer Natur. Eine vom erkennenden 
Ich unabhängige, ansichseiende Aussenwelt mit ihren qualitativen, quanti- 
tativen und wesentlichen Unterschieden war Ausgangspunkt und Gegen- 
stand ihrer Spekulation. In die seelische Innenwelt vermochten sie nicht 
anders einzudringen als von der Aussenwelt her. Das beseelte Wesen 
war ihnen in erster Linie Körper, ein Stück Aussenwelt. Wenn man 
auf einen Untergrund des Körpers, auf eine Seele schloss, so geschah 
das nur, weil sich in seiner Tätigkeit eine andere Gesetzlichkeit äusserte, 
als im leblosen Körper. Hinsichtlich des Wertes für die Erfahrung 
stehen beide, belebter wie lebloser Körper, auf derselben Stufe. Die Seelen- 
lehre der Alten ist eine Herleitung aus ihrer Naturlehre. Den Begriffen, 
auf denen sich des Aristoteles Psychologie systematisch aufbaut, haften 
die Spuren ihres Ursprunges, d. i. der aristotelischen Physik an. Die 
einzige Erfahrung war für die Alten formell physischer Natur. 

Die Erfahrung hingegen, an die sich die neuzeitliche Philosophie 
hingewiesen sieht, trägt wesentlich psychischen Charakter. Nicht mehr 
die physische Welt in ihrem Ansichsein, sondern die physische Welt in 
ihrer wesentlichen Beziehung zur sinnlichen Wahrnehmung bildet unsere 
unmittelbare Erfahrung. Die Physik wird hier zur Funktion der Psycho- 



Gredt, De cognitione sensuum externorum. 231 

logie. Die Aussenwelt kann nur aus dem Innenleben heraus verstanden 
werden. Besser könnten alte und neue Auffassung im philosophischen 
Denken nicht gekennzeichnet werden, als durch die jeweilige Gegenüber- 
stellung und Aufeinanderbeziehung der Natur- und der Seelenlehre. 

Erfahrung aber, ob formell psychischer oder formell physischer 
Natur, bleibt beidemal eine Erfahrung, unvermischte Gegenständlichkeit, 
objektive Aussenwelt, die sich dem erfahrenden Ich entgegenstellt. Das 
Ich selber fällt niemals in die Erfahrung, es bleibt immer erfahrungs- 
jenseitig. Daher sind Subjektivismus und Idealismus ebensowenig not- 
wendige Folgerungen aus der formell psychischen als der formell phy- 
sischen Erfahrung. Einen solchen Vorwurf gegen die neue Richtung 
könnte nur erheben, wer in vollständiger Verkennung des wahren Sach- 
verhaltes sich niemals ernst Rechenschaft gegeben hätte über die wesent- 
liche Verschiedenheit zwischen erfahrendem Ich und erfahrenem Etwas. 

Die Mächte aber, die eine Umwertung und Umartung der physischen 
in die psychische Erfahrung vollbrachten, sind eben jene unleugbaren 
Tatsachen der modernen Naturwissenschaft und' Psychologie, die wir 
oben als die treibenden, schöpferischen Faktoren des Problems von der 
Gegenständlichkeit der Aussenwelt bezeichneten. 

Eingenommen von der Richtigkeit des neuen Weltbildes, wie es ein 
Cusanus, Telesius und Kopernikus entwarfen, eingenommen auch von der 
Wahrheit der neuen Wissenschaft, wie sie Leonardo, Kepler, Galilei 
lehrten, entdeckte Cartesius, dass unser Innenleben ungleich reicher und 
verwickelter ist, als es die Induktion aus der alten physischen Erfahrung 
zu schliessen gestattete. Er zog darum eine scharf ausgeprägte Scheide- 
linie zwischen Körper und Gedankenwelt, die durch logische Induktion 
nicht mehr überschritten werden konnte. Sie machte für beide Welten 
eine eigene, selbständige Behandlung notwendig. Das Diesseits und 
Jenseits der Kluft, die nun zwischen Geist und Körper klaffte, begannen 
in der englischen Erfahrungsphilosophie sich wieder einander zu nähern. 
Aber zur Einzigkeit der Erfahrung kam es auch in England noch nicht. 
Die Zweiteilung der Erfahrung, in äussere und innere, wie sie Locke ein- 
führte, blieb lange klassisch. Erst der neueren und neuesten Psychologie 
gelang es, die Einzigkeit der Erfahrung wieder herzustellen, freilich nicht 
im Sinn der Alten, sondern im Sinn, den die vorausgegangene Entwickelung 
ahnen Hess. Ausgehend von der unbestreitbaren Tatsache, dass uns die 
Aussenwelt nie anders gegeben ist als in unserer Wahrnehmung, stellte 
sie den Grundsatz auf: Unsere Erfahrung ist eine einheitliche und 
einzige, aber formell psychischer Natur. Auf diesen Boden wird sich 
von nun ab jede Arbeit stellen müssen, die die Objektivität der Aussen- 
welt im allgemeinen und die der sinnenfälligen Eigenschaften im beson- 
deren zum Gegenstand ihrer Untersuchung macht. Sie muss von den 



232 Aloys Mayer. 

Tatsachen ausgehen, die an der Wurzel der ganzen Frage liegen, und 
daraus ihre Schlüsse ziehen. 

Es wäre unseres Erachtens ein schwerer Irrtum, der Erkenntnis- 
theorie die Aufgabe zuzuschreiben, den Wert und Machtbereich der 
Erkenntnisvermögen zu untersuchen. Wir könnten in diesem Punkte 
nichts anderes und nichts Besseres vorbringen, als es bereits die Alten 
taten. Ein gewaltiges Feld aber eröffnet sich der Criteriologie, wenn 
es gilt, den Uebergang von der alten physischen zur neuen psychischen 
Erfahrung vor der Vernunft zu rechtfertigen, den ununterbrochenen 
Fortlauf des Physischen in das Psychische aufzudecken. 

Die Vergangenheit und ihre Wissensschätze betätigen sich zu wirk- 
sam in unserer geistigen Erziehung und Bildung, als dass sie nicht tiefe 
Spuren in unserer Denkweise zurückliessen. Unsere Philosophie ist noch 
weit entfernt, das logische und harmonische Ineinandergreifen zwischen 
naivem und kritischem Denken gefunden zu haben. Beide stehen vor- 
läufig noch in einem gegensätzlichen Verhältnis zu einander. Alther- 
gebrachte Auffassungen lassen sich nicht einfach mit einem Schwämme 
auswischen und ohne weiteres neue an ihre Stelle setzen. Das Neue 
ergreift Platz nur in dem Grade, als das Alte verschwindet. Und dieser 
auf Gegenseitigkeit beruhende Vorgang ist seiner Natur nach langwierig. 
Die beiden in beständigem Auf- und Niedergehen begriffenen Standpunkte 
geraten aneinander, verwirren die Geister, ziehen Fehlgriffe und Irrtümer 
nach sich. Daraus erklärt sich die nicht enden wollende Fehde zwischen 
herkömmlicher und neuzeitlicher Philosophie. Indes, die Bewegung 
schreitet unaufhaltsam voran, bis sich die Umrisse ihres Wahrheits- 
gehaltes in klarer, bestimmter und nicht mehr zu verkennender Form 
zeigen. Es kann nicht in eigentlichem Sinn von einem Untergang oder 
einem Ueberlebtsein des alten Standpunktes die Rede sein. Das Alte 
lebt im Neuen in höherer, vollkommenerer Weise fort. Die Aussenwelt 
aus der Innenwelt heraus zu erklären, bedeutet ohne Zweifel einen 
mächtigen, geistigen Fortschritt gegenüber dem Stadium, das nur eine 
Erklärung der Innenwelt von der Aussenwelt her ermöglicht. 

Jede Arbeit, die einen nützlichen, oder auch nur nennenswerten 
Beitrag zur Lösung des Erkenntnisproblems liefern will, hat sich 
eines streng induktiven Verfahrens zu befleissigen. Sie muss ausgehen 
von den Tatsachen, die dem Problem das Dasein gaben. Gerade den 
entgegengesetzten Weg schlägt der Verfasser unserer Schrift ein. Ueberall 
stehen Begriffsbestimmungen, Grundsätze, Behauptungen oben an, denen 
der notwendige Ausweis ihrer Herkunft fehlt. Daraus folgen mühelos 
andere Ableitungen, die schliesslich in die Tatsachen ausmünden, die 
als Ausgangspunkt hätten dienen müssen. Das deduktive, abstrakte 
Verfahren leistet Grosses in der Mathematik, in der Philosophie aber 
und zumal bei Problemen, die aus den Tatsachen der Erfahrung hervor- 



Gredt, De cognitione sensuum externorum. 233 

brechen, wird es wertlos, wenn nicht die strengste Induktion voraus- 
gegangen. Eine solche Art und Weise zu philosophieren ist um so ver- 
hängnisvoller, als sie den verführerischen Schein von grosser Klarheit 
und Bestimmtheit an sich trägt. So philosophierte weder Aristoteles, 
noch der hl. Thomas, wenigstens nicht in seinen Kommentaren zum 
Stagiriten. Das letzte Kapitel der letzten Analytiken verrät unzwei- 
deutig, wie Aristoteles über Ursprung und Geltung der Prinzipien dachte. 
Jenes Kapitel ist für die ganze Aristotelische Methode von grössteni 
Interesse. 

Wollte sich der Verfasser nun doch einmal, entgegen der durchaus 
berechtigten Behauptung von der formell psychischen Natur unserer 
Erfahrung, auf den Standpunkt der aristotelisch-thomistischen Erfahrungs- 
welt stellen, dann hätte er Methode und Gedankengang der Aristotelischen 
Schrift De anima und ihren Thomistischen Kommentar als Grundlage 
nehmen und unserem Verständnis näher bringen sollen. Er hätte dabei 
besonders die Lehre von der Identität des sensibile in actu und sensus 
in actu berücksichtigen müssen. Vielleicht wäre der Verfasser nebenbei 
zu Ergebnissen gekommen, die ihn in überraschender Weise der modernen 
Auffassung nahe gebracht hätten. Jedenfalls hätte er die philosophisch - 
Literatur durch einen überaus verdienstlichen Beitrag bereichert, der 
ihm den Dank vieler eingetragen hätte. 

Es wird das ungeschmälerte Verdienst des ehemaligen Professors 
und heutigen Kardinals Mercier bleiben, als einer der eisten unter den 
kirchlich gesinnten Philosophen das uns beschäftigende Problem in seiner 
Neuheit richtig erkannt, scharfsinnig erfasst und mit ebensoviel Erfoig 
als Geschick behandelt zu haben. Ob nun die Gegenständlichkeit der 
Aussenwelt vermittels eines Ursächlichkeitsschlusses gefolgert werden 
kann, ist eine ganz andere Frage, die wir hier nicht anschneiden wollen. 
Vergessen wir nicht, dass die Stellung einer Frage häufig ihre Lösung 
an Wert und Bedeutung weit überragt. 

Wir betonen es noch einmal : Anders kann die Frage nicht gestellt 
werden, als es die Modernen tun. und die Antwort darauf darf nicht 
die Antwort auf eine andere, wenn auch scheinbar noch so ähnliche 
Frage sein, sondern eine Antwort, die der Fragestellung Punkt für 
Punkt entspricht. 

II. 

Die Arbeit, die uns vorliegt, ist nicht nur methodologisch verfehlt, 
sondern auch sachlich unhaltbar. Nicht etwa vom Standpunkt der 
modernen Philosophie aus, sondern von des Verfassers eigenem Standpunkt 
erheben wir diesen 2. Vorwurf. Wir wollen ihn begründen, indem wir 
des näheren eingehen 1) auf des Verfassers Lehre von dem ein- und 
ausgeprägten Erkenntnisbild, 2) auf seinen Wahrheitsbegriff und 3) auf 
seine Aufstellung der Formalobjekte der einzelneu Sinne. 



234 Aloys Mayer. 

1. unser Erkennen spielt sich, trotz seiner Einheit, als ein doppel- 
seitiger Vorgang ab. Das bestätigt uns unsere unmittelbare Erfahrung. 
Auf der einen Seite stellen wir eine Aktion des Erkenntnisgegenstandes, 
auf der anderen Seite eine Reaktion des Erkenntnisvermögens fest. Wir 
reden hier von der Erkenntnis im allgemeinen und von der Sinnes- 
erkenntnis im besonderen, die ja hier in Frage steht. Aktion und Reaktion 
aber sind Bewegungen, Veränderungen, Uebergänge von einer Zuständ- 
igkeit in eine andere. Jede Philosophie weiss, dass Bewegung und 
Veränderung ihr formales Gepräge nicht von ihren Ausgangspunkten 
erhalten. In der herkömmlichen Sprache der Schule sagte man: Nicht 
der terminus a quo, sondern der terminns ad quem artet die Bewegung. 

Die Gegenstände der Sinneserkenntnis gehören der physischen Welt 
an, unterliegen also in ihrer Tätigkeit den Gesetzen der blossen Körper- 
welt. Was die Tätigkeit des Körperlichen von der Tätigkeit des 
Seelischen unterscheidet, ist: Der Körper kann sich nur transitiv betä- 
tigen, d. h. Anfang und Abschluss seiner Tätigkeit sind, räumlich und 
zeitlich, wesentlich voneinander getrennt. Das Eigentümliche der Tätig- 
keit der Seele hingegen besteht in dem Zusammenfallen des Ausgangs- 
und Abschlusspunktes. Die Tätigkeit strömt gleichsam in sich selbst 
zurück, sie ist immanent. 

Die Aktion, in der die Einwirkung des sinnenfälligen Dinges auf 
den Sinn liegt, ist demnach wesentlich transitiv. Ihr Anfang und Ab- 
schluss sind räumlich-zeitlich voneinander geschieden. Das Formale des 
Erkenntnisgegenstandes als solchem, insofern er nämlich auf das Wahr- 
nehmungsvermögen einwirkt, darf daher nicht im Gegenstand an sich, 
sondern nur dort, wo seine Wirksamkeit abschliesst, im Wahrnehmungs- 
organ gesucht werden. Ausgangspunkt des Reizes, der die Wahrnehmung 
hervorruft, ist das Ding in seinem physischen Ansichsein. Abschluss- 
punkt aber ist die Wirkung des Reizes im Sinnesorgan. Eine Eigen- 
tümlichkeit der transitiven Tätigkeit, durch die das Ding auf den Sinn 
einwirkt, muss hervorgehoben werden. Sie kommt dem Ding nur und 
ausschliesslich zu in dem Augenblick, wo es die Wahrnehmung verursacht. 
Wenn Körper auf blosse Körper wirken, vollzieht sich die Aufnahme 
der Wirkung in rein leidender Weise. Anders verhält es sich, wenn ein 
Körper auf ein beseeltes Organ seine Tätigkeit ausübt. Das Sinnesorgan 
ist zwar auch körperlich. Denn nur so kann es der Einwirkung von 
Körpern zugänglich sein. Aber es ist nicht rein körperlich, sondern 
beseelter Stoff. Die Aufnahme der Wirkung des sinnenfälligen Gegen- 
standes im Wahrnehmungsvermögen kann nicht Leiden im eigentlichen 
Sinn, muss vielmehr Tätigkeit genannt werden. Leiden vermag nur der 
träge Stoff, im beseelten Organ hingegen wird Leiden Tätigkeit. Die 
eigenartige Veränderung, die der Sinn durch den formellen Abschlus« 
d»T 8innenfäliigen Betätigung erfährt, heisst in der Sprache der Schule 



Gredt, De cognitione sensuum externorum. 235 

eingeprägtes Erkenntnisbild. Species impressa sensibilis bedeutet also 
nichts anderes, als den natürlichen Abschluss der transitiven Einwirkung 
des sinnenfälligen Gegenstandes im beseelten Organ. 

Die Aktion des Erkenntnisgegenstandes zieht auf der anderen Seite 
eine Reaktion des Erkenntnisvermögens nach sich Erkennen bezeichneten 
wir bereits, im Gegensatz zur Aktualisierung der Sinnenfälligkeit des 
Gegenstandes, als eine Tätigkeit, deren Anfang und Abschluss keine 
räumlich-zeitliche Trennung zulässt, also als eine immanente Tätigkeit. 
Ist das Erkennen wesentlich Reaktion, dann setzt es notwendig, um 
selbst sein zu können, eine Aktion voraus. Erst auf einen Reiz von 
aussen her löst sich seine Tätigkeit aus. Die formale Wirkung des 
äusseren Reizes, die sich dem Sinnesorgan einprägt, wird so zum Aus- 
gangspunkt der Reaktion, die ihrerseits, wie wir sahen, ihren Abschluss 
eben da findet, wo sie ihren Ausgang nahm. Den formellen Abschluss 
der immanenten Tätigkeit nannte die Schule das ausgeprägte Erkenntnis- 
bild. Wenn die endgültige Aufnahme des Reizes im beseelten Organ 
nicht auf dem Weg des Leidens geschieht, sondern auf dem Weg der 
Tätigkeit, dann müssen ein- und ausgeprägtes Erkenntnisbild in der 
Sinneswahrnehmung, ob auch gedanklich unterscheidbar, doch sachlich 
durchaus identisch sein. Es gehört zum Wesen der sinnlichen Wahr- 
nehmung, dass das Gereiztsein des Organes ipso facto dessen Tätigkeit ist. 

Aus der Darlegung der Lehre von den Erkenntnisbildern folgt mit 
unabweisbarer Klarheit die Tatsache, dass das Erkennen als immanente 
Tätigkeit niemals aus sich heraustritt, niemals ein Ding in seinem 
physischen Ansichsein erreicht. Was es vom physischen Gegenstand 
erreicht, ist der formelle Abschluss seiner sinnenfälligen Wirksamkeit 
im Psychischen, das eingeprägte Erkenntnisbild. Behaupten wollen, das 
Wahrnehmen schliesse im Gegenstand ab, hiesse das Erkennen zu einer 
transitiven Tätigkeit umstempeln. Es müsste ja, um zum physischen 
Ansichsein des Dinges zu gelangen, den räumlich-zeitlichen Abstand 
durchlaufen, der das eingeprägte Erkenntnisbild vom Original trennt. 
Will das Wahrnehmen nach etwas langen, dann muss es in sich selber 
greifen. In ihm aber ist nichts vorhanden, ausser was von aussen hinein- 
gelegt wurde. Wir können nicht mehr daran zweifeln, dass unser 
Erkennen von unserer unmittelbaren Ei fahrung abhängt, und diese 
Erfahrung ist formell psychischer Natur. Hätte der Verfasser seine 
Lehre von den Erkenntnisbildern folgerichtig weitervertieft, er wäre 
unfehlbar zum gleichen Ergebnis gekommen. 

Mit diesem Zugeständnis wäre die Zuverlässigkeit, Gewissheit und 
Objektivität der sinnlichen Wahrnehmung noch lauge nicht gefährdet. 
Sie sind uns vielmehr durch eine dreifache untrügliche Bürgschaft gesichert. 
Einmal unterliegt die transitive Betätigung der sinuenfälligen Gegenstände 
als physische Bewegung strengstens den Naturgesetzen, die, wie wir 



236 Aloys Mayer. 

wissen, in ihrer Notwendigkeit und Regelmässigkeit keine Ausnahme 
gestatten. Eine Störung wäre äusserer Zufall. Dann ist das Erkennen 
eine Reaktion und das sinnliche Erkennen eine Reaktion, die mit der 
gleichen Notwendigkeit erfolgt, wie die Aktion selber. Ein- und aus- 
geprägtes Erkenntnisbild sind absolut identisch. Eine dritte Bürgschaft 
ist in dem Umstand gegeben, dass die sinnenfällige Betätigung nicht 
eine blosse Teilbetätigung des Erkenntnisgegenstandes ist, sondern dessen 
volle Wirklichkeit, dessen Form im ganzen Umfang mit ins Spiel zieht. 

Die erkenntnistheoretische Schwierigkeit in der Sinneswahrnehmung 
lässt sich beinahe ausschliesslich auf die Frage nach dem Verhältnis 
zwischen eingeprägtem Erkenntnisbild und Erkenntnisding einschränken. 
An der Tatsache, dass das Erkennen nur das von ihm ausgeprägte 
Erkenntnisbild erreicht, lässt sich ohne Widerspruch nicht rütteln, weder 
iu der alten, noch in der neuen Philosophie. Wenn nun in der sinn- 
lichen Wahrnehmung ein- und ausgeprägtes Erkenntnisbild von Natur 
aus identisch sind, dann bleibt nur die Frage übrig: Als was hat das 
eingeprägte Erkenntnisbild zu gelten? Vom Sinn ist es nicht hervor- 
gebracht, auch war es nicht von Anfang an im Sinn vorhanden, es kam 
also nur von aussen her. Was aber von aussen kommt, hat eine, wenn 
auch noch so winzige, räumlich-zeitliche Entfernung zu durchlaufen. 
Es kann daher nur als Abschluss einer transitiven Bewegung oder 
Tätigkeit dem Sinn gegenwärtig sein. Eingeprägtes Erkenntnisbild und 
Gegenstand verhalten sich demnach zu einander, wie Ausgang und Ab- 
schluss einer transitiven Bewegung, mit anderen Worten: wie Ursache 
und Wirkung. Denn etwas anderes, als wirkliche Wirkursächlichkeit ist 
transitive Bewegung nicht. Nur sei noch einmal hervorgehoben, dass es 
sich beim sinnenfälligen Gegenstand als solchem nicht um eine Teil- 
ursächlichkeit bandelt, sondern um eine Ursächlichkeit, die sich gerade 
so weit ausdehnt, als die Form und Wirklichkeit des Dinges selber. 

Es ist nun Sache der Physik und näherhin der Psychophysik, das 
entscheidende Wort zu sprechen über das Verhältnis von Sinnending 
und eingeprägtem Erkenntnisbild, die durch eine transitive Bewegung 
miteinder wesentlich verbunden sind. Die ganze Physik, alte wie moderne, 
lässt sich mit dem einen Wort wiedergeben: Transitive Bewegung. 
Unter allen Arten transitiver Bewegung aber nimmt die wirkliche Sinnen- 
fälligkeit eine Ausnahmestellung ein, insofern sie ihren formellen Abschluss 
nicht im blossen Stoff, sondern im beseelten Stoff hat. Die Aufnahme 
des eingeprägten Erkenntnisbildes vollzieht sich nicht auf rein leidendem, 
sondern auf tätigem Weg. Damit sind die Grenzen der Physik über- 
schritten. Wir befinden uns in der Psychologie. Es war daher natürlich, 
dass bei der ungeahnten Entwickelung der Naturwissenschaften die reine 
IM y.'iik jene einzigartige transitive Bewegung. aus ihrem Programm streichen 
und einer neuen Zweigabteilung, der Psychophysik, überweisen würd". 



Gredt, De cognitione sensuum externorum. 237 

Aristoteles und die Alten konnten in dem räumlich-zeitlichen Aus- 
einanderfallen des Dinges an sich und dem formalen Abschluss seiner 
sinuenfälligen Betätigung, dem eingeprägten Erkenntnisbild, kein Problem, 
keine lösungsbedürftige Frage sehen. Denn ihre Physik, aufgebaut auf 
dem Grundsatz von der Unterordnung der Ursachen und auf dem klar- 
bestimmten Bewegungsbegriff von der einseitigen Uebertragung einer 
Vollkommenheit, war von einer wissenschaftlichen Geschlossenheit, Strenge 
und Folgerichtigkeit, die überhaupt jede Fragestellung über formelle oder 
nicht formelle Uebereinstimmung zwischen Erkenntnisbild und Ding an 
sich aussehloss. Die Form des Dinges an sich und die Form, die es der 
Wahrnehmung einprägt, sind nur dadurch unterschieden, dass jede einer 
sachlich verschiedenen Unterlage innehattet. In sich decken sich beide 
Formen aufs genaueste. 

An der Wiege der modernen Weltanschauung spielten sich die 
gewaltigen Umwälzuugen in der Naturwissenschaft ab, die die alte Physik 
immer mehr verdrängten. Sie setzten an ihre Stelle eine neue Physik, 
die sich heute allgemeiner Anerkennung erfreut. Die Unterordnung der 
physischen Ursachen mussten ihrer Gleichordnung weichen. Der Bewe- 
gungsbegriff von ehedem mit seiner einseitigen Uebertragung einer 
Vollkommenheit löste sich in die Bestimmung des wesentlich gegenseitigen 
Austausches zweier gleichwertiger Vollkommenheiten auf. Der Ver- 
schiebung der Auffassungen und Begriffe im menschlichen Denken, die 
dabei unausbleiblich waren, konnte sich auch der eigenartige Ursächlich- 
keits- und Bewegungsfall zwischen Erkenntnisgegenstand uud Erkenntnis- 
bild auf die Dauer nicht entziehen. Seitdem ängstigt und reizt das 
Problem der Sinneserkenntnis den Denker. Es heischt gebieterisch eine 
Auseinandersetzung, ehe es den Zugang zur eigentlichen Philosophie 
eröffnet. — Bleiben wir uns bewusst, dass wir das Problem nicht anders 
stellen können, als es die Modernen tun, und dass wir in seiner Lösung 
von der unmittelbaren Erfahrung ausgehen müssen, die formell psychischer 
Natur ist. 

2) Nach der Ansicht aller ernst zu nehmenden Philosophen besagt 
Wahrheit eine Beziehung. Jede Beziehung schliesst zwei Glieder in ihrem 
Begriff mit ein. Letzten Grundes beruhen alle Beziehungen auf gegen- 
seitigem (vorübergehendem oder bleibendem) Einwirken und Leiden der 
Dinge. Demnach muss eines der Glieder Träger oder Ausgangspunkt, 
das andere Zielpunkt oder Abschluss der Beziehung sein. Was der 
Beziehung ihr formales Gepräge verleiht, ist, wie bei der Bewegung, ihr 
Zielpunkt oder Abschluss. Die Beziehung nun, die wir Wahrheit nennen, 
hat das Eigentümliche, dass sie nicht eine Beziehung zwischen Ding und 
Ding, sondern zwischen Ding und einem Erkenntnisvermögen ist. Das 
Formale der Wahrheitsbeziehung kommt, wie ohne weiteres einleuchtet, 
vom Erkenntnisvermögen her. Nun aber wissen wir, dass die Tätigkeit 



238 Aloys Mayer. 

des Erkenntnisvermögens, in der die Wahrheitsbeziehung wurzelt, direkt 
keine andere Beziehung knüpft, als mit ihrem Abschluss, dem aus- 
geprägten Erkenntnisbild. Das ausgeprägte Erkenntnisbild indes ist nichts 
anderes, als das hie et nunc und in dieser bestimmten Weise aktuierte 
Erkenntnisvermögen. Man könnte demnach leicht versucht sein, die 
Wahrheit in einer Beziehung des Erkenntnisvermögens zu sich selber 
zu sehen. Dem aber ist nur scheinbar so. Das Erkennen ist wesentlich 
eine Reaktion auf den Abschluss einer von anderswoher kommenden Aktion. 
So wird der Abschluss der Aktion — freilich unter einem andern Betracht — 
zum Ausgang und auch Abschluss der Reaktion, die ja immanent ist. 
Die Wahrheit wird also zur Beziehung zwischen ein- und ausgeprägtem 
Erkenntnisbild oder zur Gleichung zwischen beiden Erkenntnisbildern. — 
Wenn in der Sinneserkenntnis nicht nur eine wesentliche Gleichung ) 
sondern eine wesentliche Gleichheit zwischen beiden Erkenntnisbildern 
besteht und das eingeprägte Erkenntnisbild der Formalabschluss einer 
nach Naturgesetzen sich vollziehenden Tätigkeit ist, dann kommt der 
Wahrheit der Sinneserkenntnis eine Notwendigkeit und Ausnahmslosigkeit 
zu, die auf gleicher Stufe mit jener der Naturgesetze stehen. Das 
Erkenntnisproblem entstand nicht etwa aus einer Anzweiflung der Gleichung 
zwischen beiden Erkenntnisbildern, sondern aus der ganz neu zu Tag 
getretenen Gleichung zwischen eingeprägtem Erkenntnisbild und dem 
physischen Ansichsein des Dinges. Jede Erkenntnistheorie hat hinfort zwei 
Fragen zu lösen, die jede für sich eine besondere Abhandlung verlangt: 
die Frage nach der Gleichung zwischen beiden Erkenntnisbildern und 
die Frage nach der Gleichung zwischen eingeprägtem Erkenntnisbild und 
dem Ding an sich. 1 ) Die Lösung der ersten Frage wird uns keine 
grösseren Schwierigkeiten bereiten als den Alten. Mehr Aufmerksamkeit 
und Arbeit verlangt die Behandlung der 2. Frage, die um so mühevoller 
ist, als uns die Alten hierin nichts vorgearbeitet haben. Eines aber 
folgt auch aus unserem 2. Punkt, aus der folgerichtigen Vertiefung des 
Wahrheitsbegriffes, mit unabweisbarer Gewissheit : Die Wahrheit besteht 



*) Ungerechtfertigt ist daher der Vorwurf, den der Verfasser Merciers Cri- 
teriologie 5 macht (p. 56, Note 4.). als bewiese sie aller Folgerichtigkeit zuwider 
in n. 140 den objektiven Wert der Ideen aus dem materiellen Enthaltensein 
ihrer Objekte in den Gegenständen der äusseren Sinne, während sie doch bereits 
in n. 111 die Objektivität der Verstandeserkenntnis dargetan hätte. Der aprio- 
ristische Subjektivismus Kants — das vergisst der Verf. — wird durch den blossen 
Nachweis hinfällig, dass das ausgeprägte Erkenntnisbild das eingeprägte not- 
wendig voraussetzt. Mehr bedurfte es vorläufig nicht. Später kommt dann 
die ganz andere Frage nach der Herkunft des eingeprägten Erkenntnisbildes 
an die Reihe. Unabhängig davon kann festgestellt werden, das das subjektiv 
hervorgebrachte ausgeprägte Erkenntnisbild auf dem von anderswoher gegebenen 
eingeprägten Erkenntnisbild fusst. 



Gredt, De cognitione sensuum externorum. 239 

nicht direkt in der Beziehung zwischen Erkenntnisvermögen und Ding 
an sich, sondern zwischen Erkenntnisvermögen und dem eingeprägten 
Erkenntnisbild. Also wiederum: Unsere unmittelbare Erfahrung, auf der 
alle Wahrheit und Gewissheit in erster Linie fussen muss, ist formell 
psychischer Natur. 

3) Die Streitfrage zwischen kritischen und strengen Realisten wird 
allgemein so formuliert: Berichten unsere Sinne die reine Objektivität 
oder ändern sie ihren Bericht durch subjektive Zutaten? 

Der hl. Thomas 1 ) schliesst klar und entschieden jede subjektive 
Zugabe vom objektiven Erkenntnisbild aus. Mit einer Sicherheit und 
Folgerichtigkeit, die nur ihm eigen sind, dehnt er die absolute Objek- 
tivität des Sinnenzeugnisses auf alle Sinne ohne Unterschied aus. Ohne 
das wäre der nahe Hintergrund der Wissenschaften und die allgemeine 
Gültigkeit des Satzes vom Widerspruch und damit alle Gewissheit 
gefährdet. Auf dem Standpunkt der alten Physik stehend konnte der 
Heilige ohne Irrtum nicht anders urteilen. 

Der Verfasser unseres Schriftchens hält den Weg, den der Aquinate 
ging, ohne wesentliche Einschränkungen nicht mehr für gangbar. In 
der bestimmten Absicht, nicht nur die allseitige Gegenständlichkeit der 
sinnenfälligen Eigenschaften zu beweisen, sondern auch einen einheit- 
lichen Schlüssel zur Lösung der entgegenstehenden Schwierigkeiten zu 
bieten, schlägt der Verfasser einen Mittelweg ein. Er scheidet die 
Wahrnehmungsvermögen in niedere und höhere Sinne. Für Tastsinn, 
Geschmack und Geruch gibt er subjektive Einflüsse auf die Wahrnehmung 
zu. Für Gehör und Gesicht dagegen stellt er solche in Abrede. Die 
Schwierigkeiten, die sich für die reine Objektivität dieser beiden 
letzteren Sinne ergeben, sucht er aus dem Wege zu räumen, indem er 
als Gegenstand des Gehörsinnes nur die im Ohr schwingende Luft, als 
Gegenstand des Geruchsinnes nur das mit der Netzhaut in Beziehung 
stehende Sichtbare gelten lässt. Das sind allerdings so durchgreifende 
Aenderungen, dass man aus ihnen den Thomismus nur schwer wieder- 
erkennt. An und für sich steht der Einteilung der Sinne in höhere und 
niedere Sinne nichts im Weg. Sie aber auf Kosten von Zugeständnissen, 
wie sie der Verfasser macht, durchführen, bedeutet einen Schritt von 
unabsehbarer Tragweite. Wahrnehmung bleibt Wahrnehmung, ob sie 
sich in höheren oder niederen Sinnen vollzieht. Gibt man einen sub- 
jektiven Zuschnitt des objektiven Zeugnisses bei den niederen Sinnen 
zu, dann ist der ernste Zweifel an der reinen Objektivität der höheren 
Sinneswahrnehmung auch nicht mehr hintan zu halten. Nur zu leicht 
ist man bei Wertung und Scheidung der Objektivität in der höheren und 
niederen Sinneserkenntnis Täuschungen ausgesetzt, die uns den wahren 
Sachverhalt verdecken. Bei der grobstofflichen Natur der niederen 
*) Z. B. S. Th. I. qu. 85, a. 2. 



240 Aloys Mayer. 

Sinne drängt sich dem Beobachter das subjektive Mitbetätigtsein der 
sinne als unabweisbare Tatsache auf. Nicht so bei dem mehr ver- 
geistigten Vorgang des Hörens und in Besonderheit des Sehens. Auch 
<ii^ feinste Beobachtung vermag nicht unmittelbar zu unterscheiden, ob 
hier reine Objektivität in das Wahrnehniungsbild eingeht, oder ob auch 
hier der Sinn gestaltend sich betätigt. Bei einigem Nachdenken aber 
kommt man zu dem Ergebnis, dass selbst bei den beiden höheren Sinnen 
das Psychische ebensowenig ausgeschaltet werden kann, als bei den 
niederen Sinnen. Es unterliegt keinem Zweifel, dass das eigentlich 
Sehbare nicht anders als in Beziehung zur Netzhaut bestimmt werden 
kann. Das Netzhhautbild aber entsteht aller Wahrscheinlichkeit nach 
aus einem chemischen Vorgang, der durch die Belichtung der Netzhaut 
veranlasst ist. Die Netzhautreizung ihrerseits ist nicht ein rein physischer, 
sondern ein biochemischer, physiologischer, psychischer Vorgang. Das 
Psychische lässt sich dabei auf keinen Fall beiseite schieben. Bezeichnet 
man ferner als Gegenstand des Gehörs die im Ohr schwingende Luft, 
so entsteht gleich die Frage, ob die im äusseren, oder mittleren, oder 
inneren Ohr schwingende Luft gemeint ist. Eine Scheidung dürfte kaum 
angebracht sein. Die Luftschwingungen im äusseren Ohr pflanzen sich 
in das Mittelohr fort und dringen ohne Unterbrechung in das innere 
Ohr ein, durch all die verwickelten Wege und Gänge hin bis zu den 
Cortischen Bögen und Zellen und dem nervus acusticus. Hier aber lässt 
sich Physisches und Psychisches nicht mehr von einander scheiden. Also 
auch in die Bestimmung des Gegenstandes des Gehörsinnes muss das 
Psychische miteinbezogen werden. Es steht somit fest, dass weder die 
niederen noch die höheren Sinne reine Objektivität berichten, Objektivität 
im Sinn der alten Physik. Freilich werden wir dadurch in die Unmöglich- 
keit versetzt, genau zu sondern zwischen objektivem Gegebensein und 
subjektiver Zutat. Wir brauchen uns darüber nicht zu ängstigen, wenn 
wir ohne Bedenken die These der modernen Psychologie von der formell 
psychischen Natur unserer unmittelbaren Erfahrung unterschreiben. 
Man möge ja nicht mit dem Gespenst des Idealismus, Subjektivismus 
und Sceptizismus drohen. Es ist eben höchstens ein Gespenst, aber 
keine Wirklichkeit. Psychisch deckt sich nicht mit Subjektiv und 
Physisch nicht mit Objektiv. Die moderne Psychologie zeigt, dass es 
viele psychische Zustände gibt, die auf den gleichen Titel hin objektiv 
sind, wie die physischen Gegenstände. Sie weist desgleichen nach, dass 
Ich und körperliches Individuum nicht zusammenfallen. Selbst in die 
Gefühle, die noch am ehesten als ausschliesslich subjektiv angesehen 
werden könnten, mischen sich objektive Elemente ein. Ganz neu ist 
überdies die Lehre von der formell psychischen Natur unserer unmittel- 
baren Erfahrung nicht; sie war keimhaft vorhanden in der aristotelischen 
Lehre von der Identität des sensibile in actu und sensus in actu. 



Gredt, De cognitione sensuum externorum. 241 

Fassen wir Gedankengang und Beweisführung des Schriftchens, das 
uns beschäftigt, in einem Ueberblick zusammen, so stehen wir vor der 
unbeugsamen Alternative: Entweder ist sein Verfasser kritischer Realist, 
— was er unbewusst und in Wirklichkeit auch ist — dann beweist er 
das Gegenteil von dem, was er beweisen will, oder der Verf. ist strenger 
Realist, — was er bewusst sein will — dann zieht er seinen Schluss 
aus Vordersätzen, die das Gegenteil des Schlusses in sich bergen. 

Auf einen Gedanken sei noch hingewiesen, der alle Beachtung ver- 
dient : Die Aussenwelt ist uns nie anders als in unserer Erkenntnis 
gegeben. Was individuell unserer Betrachtung vorliegt, ist die in unserer 
Erkenntnis gegebene Aussenwelt. Unser Erkenntnisvorgang ist, obwohl 
aus verschiedenen Teilen, physischen, physiologischen und psychischen, 
zusammengesetzt, eine individuelle Einheit und Wirklichkeit. Die wissen- 
schaftliche Zerlegung eines wirklichen Ganzen in seine Teile und die 
gesonderte Betrachtung der Teile für sich ist durchaus berechtigt. Nur 
dürfte man nicht vergessen, dass das Vorgehen, Teile eines wirklichen 
Ganzen aus diesem Ganzen loszutrennen und gesondert für sich zu be- 
trachten, eine Abstraktion, aber keine unmittelbare Anschauung der Wirk- 
keitlich mehr ist. Denn abstrahieren heisst ein bestimmtes Etwas losge- 
trennt von allen Beziehungen, die es hat oder haben kann, in sich betrachten. 
Welcher Wert dem Inhalt der Abstraktion zukommt, darüber hat sich 
niemand klarer ausgesprochen, als der hl. Thomas im Anschluss an 
Aristoteles. Die physische Aussenwelt, unabhängig von unserer Erkenntnis 
betrachtet, hat für uns erkennende Wesen keinen anderen Wert als den 
der Abstraktion. Auf die äussere Sinneserkenntnis angewandt lautet 
die These : Die sekundären sinnenfälligen Eigenschaften sind formell 
psychische Qualitäten, aber mit der Einschränkung, dass sie in den 
primären sinnenfälligen Eigenschaften, die physischer Natur sind, als 
ihrem Fundamente wurzeln. Es wäre nur zu wünschen, dass alle vor- 
urteilsfreien Philosophen sich zum Satz des kritischen Realismus bekannten 
und ihre Kräfte zu einem gemeinsamen Lösungsversuch vereinigten. 
Mag die in jeder Beziehung befriedigende Lösung vielleicht noch in 
ferner Zukunft liegen, bedenken wir wohl, wie viele Jahrhunderte das 
philosophische Mittelalter sich an dem Universalienproblem abmühte, bis 
endlich doch die allseits befriedigende Lösung sich fand. 

Beuron. P. Aloys Mayer 0. S. B. 



L'hilosophiä^hcs Jahrbuch 1915 16 



242 C. Gutberiet. 

Naturphilosophie. 

Die Naturwissenschaft als Stützpunkt des religiösen Glau- 
bens. Mit einem Vorwort zur Kantfrage. Von Hugo Bund. 
Berlin 1915, Hause. 

Mit dieser Schrift schenkt uns der Vf. eine angenehmere Gabe, als 
er dies mit seinem „Kant, der Philosoph des Katholizismus" getan. Frei- 
lich hat er uns durch das Zurückkommen auf jene Schmähschrift die Freude 
an dieser sehr getrübt. Er zeigt, wie die Naturwissenschaften, die so 
häufig gegen [den Glauben missbraucht werden , demselben gerade zur 
Stütze dienen, und zwar nicht bloss insofern sie, wie Zeller meint, eine 
fromme Stimmung erzeugen könnten, während sie dem Inhalt des Glaubens 
widersprächen; sondern er weist ihnen einen Einfluss auf die religiöse Er- 
kenntnis zu. 

Aber das können wir nur von dem zweiten seiner Beweise, dem au» 
der Gesetzmässigkeit in der Welt, die von der Naturwissenschaft in immer 
deutlicheres Licht gestellt wird, zugeben. Die erstaunliche Ordnung in der 
Welt lässt sich nur durch eine höhere Intelligenz erklären. Dagegen kann 
das erste Argument aus der Unermesslichkeit der Welt in Raum und Zeit, 
die allerdings von der Naturwissenschaft immer mehr erweitert wird, für 
sich nur zu einer frommen Stimmung führen, die, wenn man nicht bereits den 
Urheber dieser Unermesslichkeiten anerkennt, nur ein unbestimmtes Schau- 
dern vor dem Erhabenen, Ueberwältigenden, nicht aber schon Religion ist. 

Sehr anschaulich schildert der Vf. diese Stimmung z. T. nach Dichtern. 
Der Mensch erkennt sich gegenüber dieser Unendlichkeit als ein Stäubchen, 
als eine Eintagsfliege, „schwebend über dem Meere der Ewigkeit und Un- 
endlichkeit", und „das ganze Treiben dieser Welt nur noch als einen 
flüchtigen Traum". Von dieser Eitelkeit wendet er sich ab nach oben, 
und die Weltentsagung, das Kloster ist die konsequente Folgerung. Nur 
droben findet er einen Halt. 

In dieser Beweisführung zeigt sich deutlich, dass sie die religiöse Er- 
kenntnis bereits voraussetzt, dieselbe nur verstärken, affektiv machen kann, 
wie der Vf. auch eigentlich zugesteht, wenn er erklärt : „Um wie viel mehr 
muss doch das alles [der Ekel an dem Treiben dieser nichtigen Welt] der 
Fall sein für den, dem die Existenz einer anderen Welt längst schon zur 
Gewissheit geworden, und dem weit darüber hinaus nunmehr auch noch 
durch die kosmologische Perspektive in voller Tat und Wahrheit das ganze 
Treiben dieser Welt nur noch als flüchtiger Traum erscheint." 

Beweiskiaft erhält die Unermesslichkeit der Welt erst dadurch, dass 
man sie mit der Gesetzmässigkeit und Ordnung verbindet. Eine gering- 
fügige Ordnung könnte wohl auch ohne Intelligenz zustande kommen, aber 
eine so gewaltige, allen Vors'.ellungen spottende, unermessliche Ordnung 
kann nicht von selbst entstehen. 



H. Bund, Die Naturwissenschaft als Stützpunkt des relig. Glaubens. 243 

Die Art und Weise, wie der Vf. von der Unermesslichkeit des Uni- 
versums spricht, arbeitet sogar den atheistischen Naturwissenschaftlern in die 
Hände : Schon der Ausdruck „unendlich" für erstaunlich gross ist verfäng- 
lich. Die Monisten stützen sich gerade auf die Unendlichkeit der Welt und 
die Ewigkeit des Weltganges für ihre Gottesleugnung, für die Selbständig- 
keit des Universums. Seine Ausdrücke von Nebel zu Nebel und wieder 
Nebel decken sich mit dem ewigen Kreislauf der Atheisten. 

Es lässt sich aber umgekehrt zeigen, dass das Universum in Raum 
und Zeit begrenzt ist, und daraus folgt mit Notwendigkeit, dass es nicht 
aus sich, durch sich sein kann. Der Vf. meint, die Naturwissenschaften 
zeigten ein doppeltes, ein Janusgesicht, es lägen in ihnen Motive zum Un- 
glauben. Das ist durchaus zu bestreiten. Keine einzige Tatsache, kein 
einziges Naturgesetz kann angeführt werden, welches gegen die theistische 
Weltauffassung streitet. Die Naturforscher überschreiten ihr Gebiet, wenn 
sie über das Uebersinnliche, Ueberweltliche Behauptungen aufstellen. Es 
sind meistens Herzensbedürfnisse, welche Gott nicht anerkennen wollen, 
und Ueberhebung; weil sie gar manche neue Entdeckungen gemacht, gar 
manches seither Unerklärte erklärt haben, wenigstens durch Hypothese 
erklärt zu haben meinen, kommen sie zu der Ansicht, sie könnten alles 
naturwissenschaftlich erklären. 

Sehr unerquicklich ist die erneute Polemik gegen die Kantianer, speziell 
gegen Vaihinger, und die Wiederaufnahme der Verdächtigungen der katholi- 
schen Kirche. Offenbar hat der Verfasser das ihm am verhassteste Objekt 
aufgegriffen, um es Kant aufzuhängen ; damit hat er geglaubt, ihn am wirk- 
samsten bei einer grossen Anzahl von Gesinnungsgenossen kompromittieren 
zu können. Da könnten wir mit weit grösserem Rechte unredliche Motive 
annehmen, als er sie den Katholiken unterschiebt, wenn sie die Natur- 
wissenschaft in den Dienst des Gottesglaubens stellen. Sie sollen dies 
„allein nur in allgemein hierarchischem Interesse" tun, ,.zu ihrer eigenen, 
wie der Kirche Verherrlichung". Schon in seinem früheren Werke hatte er 
„ausführlich besprochen, wie die Lage der heutigen exakten Forschung in 
der Tat eine derartige ist, dass die Kirche durch die frommen und gelehrten 
Väter der Gesellschaft Jesu sich ihrer wirklich auch mit vollstem Rechte 
für ihre Zwecke hat bemächtigen können!" Für die Feinde der Kirche 
gibt es, wenn es sich um deren Verleumdung und Verdächtigung handelt, 
kein Sittengesetz, der Zweck heiligt die Mittel. Zwischen Kant und Katho- 
lisch gähnt ein so tiefer Abgrund, dass nur böser Wille ihn verdecken und 
gar Kant als Philosophen des Katholizismus ausgeben kann. Gegenüber 
Vaihinger zeigt er sich besonders darum so empört, weil derselbe schon seit 
längerer Zeit die Kantsche Spekulation als Alsobphilosophie erkannt, aber 
nicht den Mut gehabt, dies zu veröffentlichen, bis das kräftige Auftreten 
Nietzsches ihn zu dem Wagnisse ermutigte. 

Fulda. Dr. C. Gutberiet. 

16* 



244 E. Rolf es. 

Theodicee. 

Der alte Gottesbeweis und das moderne Denken. Von Dr. 

Guill. Pletschette. Paderborn 1914, Ferd. Schöningh. 251 S. 
8°. M 3. 

Der Verf. will an der Hand des Aristoteles die Beweise für das Dasein 
Gottes entwickeln und dann dartun, wie sich zu diesen Beweisen das 
reifere moderne wissenschaftliche und philosophische Denken verhält (18). 

Nach einer frischen und ansprechenden Erörterung über die Methode 
und Befähigung des Aristoteles und über seine Naturphilosophie als Grund- 
lage seiner Theologie legt er die drei Gottesbeweise aus der Zweck- 
beziehung, den Vollkommenheitsgraden und der Bewegung vor und weiss 
sie mit Scharfsinn und Erudition zu vertreten. 

Leider sehe ich, dass ich ihn durch ein mir früher in einer Schrift 
untergelaufenes Missverständnis zu einem Irrtum bezüglich des Beweises 
aus der Bewegung, der freilich nur einen untergeordneten Punkt betrifft, 
verführt habe (94 ff.). Es handelt sich um das erste der drei Argumente, 
mit denen Thomas v. A. in CG. 1, 13 nach Aristoteles Physik 7, 1 be- 
weist, dass die Reihe der bewegenden und wieder bewegten Dinge nicht 
ins Unendliche geht. Ich hatte, was Vf. billigt, dieses Argument S. 96 f. 
der „Gottesbeweise bei Thomas v. Aq. und Aristoteles" für hinfällig ge- 
halten, weil ich an eine Bewegung dachte, wo das eine hinter dem andern 
steht und es in grader Linie vorwärtsbewegt. Das ist nicht richtig. Wie 
mich fortgesetzte Studien überzeugt haben, ist an die von Aristoteles an- 
genommene Kreisbewegung des Universums zu denken. Folgten sich die 
Sphären, deren höhere jedesmal die niedere herumführt, ohne Ende, so 
würde der äusserste Umschwung einen unendlichen Umfang haben und 
doch an einem Tage vor sich gehen. Aristoteles hat also vom Standpunkte 
seines kosmischen Systems vollkommen richtig gefolgert; vgl. den Kom- 
mentar des Ferrariensis zu dieser Stelle von C. G. 

Zu beanstanden ist S. 49 der Satz : „auch gibt es dort (in der über- 
irdischen Region) keine erste Materie". Da die himmlischen Sphären und 
die Gestirne Körper sind, so bestehen auch sie, so gut wie die unter- 
himmlischen oder sublunarischen Körper, nach Aristoteles aus Materie und 
Form, nur kann ihre Materie keine andere Form annehmen, als sie hat. 

Das K. 7 : Der aristotelische Gott und die Welt, befriedigt weniger. 
Vf. meint S. 133 f. : „Indem Aristoteles die Transzendenz Gottes zu sehr 
betonte, hat er die Erforschung seines Verhältnisses zur Welt vernachlässigt. 
Und das ist die klaffende Lücke seines theologischen Systems. Das Ver- 
hältnis Gottes zur Welt, das war im ganzen Altertum die gefährliche Klippe, 
an der das Denken auch der ernsten und grössten Philosophen scheiterte. 
Sogar Plato liegt der Gedanke einer Schöpfung aus nichts ferne. Was 
speziell die Stellung des aristotelischen Gottes zur Welt angeht, so wurden 



G. Pletschette, Der alte Gottesbeweis und das moderne Denken. 245 

über diese Frage in den letzten Jahrzehnten heftige Kontroversen geführt, 
zuerst von Zeller und Brentano, dann von Stöckl und Rolfes . . . Rolfes 
mit Brentano verteidigt die Thesis, es könne Gott im Sinne des Aristoteles 
ein Erkennen der Welt sowie ein schöpferisches und überhaupt tätiges 
Eingreifen in diese nicht abgesprochen werden. Wir sind mit Stöckl der 
Ansicht, dasswohl niemals die Streitfrage endgültig entschieden werden wird." 

Was uns angeht, so wollen wir an dieser Stelle mit dem Verfasser 
hierüber nicht rechten. Wir meinen nur a priori die Erwägung anstellen 
zu dürfen, dass es doch mit einem philosophischen System eigen bestellt 
sein müsste, wenn es über diese eigentlichen Grundfragen aller Spekulation 
im Unklaren Hesse. Da jedoch der Vf. sich am Schlüsse dieses Kapitels 
S. 144 ff. für seine Auffassung auch auf die Auktorität des vortrefflichen 
Willmann in seiner Geschichte des Idealismus I 510 ff. beruft, so möge 
er uns erlauben, ihn aufmerksam zu machen, dass Willmann, was ja 
Pletschettes im wesentlichen schon früher fertig gestellte Arbeit noch nicht 
berücksichtigen konnte, in einer neueren Schrift, 3. Teil der philosophischen 
Propädeutik, Freiburg 1914, Herder, sich, wenn wir so sagen dürfen, in 
einer Art Palinodie also vernehmen lässt: „Aristoteles hat keinen formu- 
lierten Schöpfungsbegriff, aber darum darf man ihm nicht die Meinung zu- 
schreiben, dass der Nus die Weltherrschaft mit dem Sphärengeist, der den 
Himmel bewegt, und der Physis, als dem Inbegriff der Entelechien, teile; 
diese sind vielmehr im Nus eingeschlossen, wie bei Plato in Zeus' Natur 
ein königlicher Geist und eine königliche Seele innewohnen" (107). Und 
in der Anm. 10 derselben S. 107 fügt er bei: „Nach dem oben Gesagten 
sind die Stellen des § 34 ,Die aristotelische Gotteslehre' (Geschichte des 
Idealismus I), welche sich der Zellerschen Auffassung nähern, zu be- 
richtigen, womit auch die Argumente von Rolfes (,Die aristotelische Auf- 
fassung vom Verhältnis Gottes zur Welt', 1892) zur Geltung kommen". 

Den zweiten Teil seiner Arbeit, in dem der Gottesbeweis der Vorzeit 
gegenüber der modernen Wissenschaft behandelt wird, hat der Vf. sach- 
entsprechend in der Weise eingerichtet, dass er zuerst die Naturphilosophie 
des Aristoteles und seine Theorie der Bewegung am Massstabe des fort- 
geschrittenen Wissens der Neuzeit prüft, um den Schluss zu ziehen, dass 
die Mangelhaftigkeit seines positiven Wissens der Geltung seines teleo- 
logischen und kinetischen Gottesbeweises keinen Eintrag tut. Sodann wird 
die Gültigkeit des Kausalitätsgesetzes und endlich die Kantische Kritik der 
Gottesbeweise besprochen, 

Den schönen Abschluss des Ganzen bildet ein Kapitel mit der Ueber- 
schrift: Der Gottesbeweis und die Leuchten der modernen Wissenschaft, 
mit erhebenden Bekenntnissen der grössten Forscher zum Glauben an den 
wahren Gott. 

Köln-Lindenthal. Dr. E. Rolfes. 



246 C. Gutberiet. 

Ethik. 

Die Einheit des sittlichen Bewusstseins der Menschheit. 

Von V. Cathrein S. J. Freiburg 1914, Herder. 3 Bde. 

Dieses grossartig angelegte Werk des hochverdienten Vf.s bildet die 
notwendige Ergänzung und Krönung seiner hervorragenden Moralphilosophie; 
denn nach ihm ist Moralphilosophie ohne diesen historischen Nachweis 
nicht möglich. Gewiss liefert derselbe die schlagendste Widerlegung der 
falschen, insbesondere der evolutionistischen Theorien über den Ursprung 
der Sittlichkeit. 

Es war dies allerdings eine schwierige Aufgabe, und wir glauben es 
dem Vf. wohl, dass sie ihm unsägliche Mühe verursacht hat. Man braucht 
nicht mit ähnlichen Studien sich befasst zu haben, um dies zu verstehen. 
Ein Material, ein so zerstreutes, allseitiges Material für so starke drei Bände 
mit 694 + 653 + 583 Seiten auch nur zusammenzubringen , scheint ein 
ganzes Menschenalter zu fordern. Es übersteigt die Kräfte eines einzelnen, 
aber die Mitglieder einer Genossenschaft haben den grossen Vorteil vor 
uns Weltpriestern voraus, dass sie in stetem Verkehr mit auf den ver- 
schiedensten Gebieten orientierten Mitbrüdern leben, die ihnen hilfreiche 
Hand bei ihren literarischen Arbeiten bieten können. 

Doch diese unsägliche Mühe ist reichlich belohnt: Der Vf. hat den 
vollgültigen Beweis geliefert, dass alle Völker, auch die tiefstehendsten, 
nicht etwa bloss in einigen allgemeinen ethischen Grundsätzen, sondern in 
allen Geboten des Dekalogs übereinstimmen. Es sind nicht gerade alle 
Völker in absoluter Allgemeinheit befragt worden, aber doch so viele, dass 
ein durchaus hinreichender Induktionsbeweis gegeben ist, und nicht nur 
Ethiker, sondern, bei dem innigen Zusammenhange zwischen Ethos und 
Religion, auch die Apologeten werden ihm Dank wissen, zumal er speziell 
nachgewiesen, dass die Sittlichkeit eine ursprüngliche, nicht eine erst auf 
späterer Stufe auftretende Zugabe zur Religion bildet. Auch die Ethno- 
logen können viel aus dem Werke lernen, sie sind aber so sehr in ihren 
evolutionistischen Vorurteilen befangen, dass sie für die entgegenstehenden 
Forschungen gar kein Verständnis zeigen. Hat doch Wundt den Nachweis 
A. Längs und W. Schmidts von der reineren Sittlichkeit und Religion gerade 
der primitivsten Völker einfach abgelehnt mit der Verdächtigung, ihre 
Forschungen seien von religiösen Motiven beeinflusst. Aber gerade umge- 
kehrt stützt sich sein grosses völkerpsychologisches Werk ganz und gar 
auf das unbewiesene darwinistische Dogma und den tierischen Urständ 
des Menschen. 

Der erste Band behandelt die Kulturvölker, die Naturvölker Europas, 
Asiens und Afrikas (nördliche Hälfte), der zweite die Südhälfte der Natur- 
völker Afrikas und die Naturvölker Nordamerikas, der dritte die Natur- 
völker Südamerikas, Australiens und Ozeaniens. 



V. Cathrein, Die Einheit des sittlichen Bewusstseins der Menschheit. 247 

Das Ergebnis dieser allseitigen, sorgfältigen Durchforschung der Mensch- 
heit ist kurz zusammengefasst folgendes. 

Alle Völker, auch die in der Kultur am tiefsten stehenden, haben 
einen Grundstock von sittlichen Begriffen und Grundsätzen, die einen un- 
verlierbaren Gemeinbesitz der Menschheit bilden. Alle unterscheiden zwischen 
gut und bös, zwischen Tugend und Laster, zwischen guten und bösen 
Menschen. Ueberall wird das Gute als erstrebenswert anerkannt und ge- 
billigt, während das Böse, das Laster als verabscheuungswürdig gilt. Das 
Gute wird belohnt und gelobt, das Böse getadelt und bestraft. Die allge- 
meinen Grundsätze, dass man das Gute tun, das Böse meiden, dass man 
kein Unrecht tun, dass man andern nicht zufügen solle, was man nicht 
erdulden mag u.dgl., begegnen uns praktisch überall. Desgleichen sind 
die allgemeinen Gebote, dass man nicht ungerecht töten, nicht ehebrechen, 
stehlen, falsches Zeugnis ablegen solle, in ihrer allgemeinen Form überall 
bekannt. Damit steht nicht in Widerspruch , dass sie z. B. in manchen 
Fällen die Tötung eines Menschen für zulässig halten, wo wir sie mit 
unserer besseren Erkenntnis verurteilen müssen. Das sind Verirrungen, die 
sich meist aus den konkreten Verhältnissen, in denen die Wilden leben, 
leicht erklären lassen. 

Sodann ist wohl zu beachten: Obwohl sehr oft nicht nach den er- 
kannten Grundsätzen gehandelt wird — was übrigens bekanntlich auch bei 
den Zivilisierten der Fall ist — , stets sucht sich die Erkenntnis des Guten 
durchzusetzen und gegen das Böse zu reagieren. Die Begriffe der Schuld 
und Unschuld, des Verbrechens, der Sühne und Strafe finden sich 
überall. Ueberall sucht man sich durch Prozesse, Zeugen, Eide, Ordalien 
oder Zaubermittel von der Schuld des Angeklagten zu übet zeugen, bevor 
man ihn straft. Wird seine Unschuld erwiesen, so bleibt er straffrei. Man 
hat also die Ueberzeugung, dass nur der Schuldige gestraft werden darf. 
Die Strafe ist auch nicht für alle Vergehen gleich, das schwerere Ver- 
brechen wird schwerer bestraft. Man hat behauptet, auf den untersten 
Kulturstufen sei das Gute das dem einzelnen, nicht das der Gesellschaft 
Wohltuende. Aber wie kommt es denn, dass immer und überall Mord, 
Diebstahl, Ehebruch u. dgl. verabscheut und bestraft werden, obwohl sie 
doch dem einzelnen oft vorteilhaft sind. Gerade das Rechtsgefüh! 
ist bei allen Völkern sehr scharf ausgeprägt. Ueberall werden Mord, wenig- 
stens unter den Familien- und Stammesangehörigen, schwere Körper- 
verletzung, Ehebruch, Diebstahl, Verleumdung usw. verabscheut und be- 
straft. Auch wenn die Gerechtigkeit noch so oft verletzt wird, immer 
reagiert dagegen nicht nur der Betroffene, sondern auch die Genossenschaft, 
die Gesamtheit. Fast bei allen unzivilisierten Völkern besteht die Blut- 
rache als gebilligte und geregelte Institution, die Familie greift zur Selbst- 
hülfe gegen erlittenes Unrecht, weil die Gesamtheit noch nicht genügend 
organisiert ist. 



248 C. Gutberiet. 

Die der Gerechtigkeit verwandten Tugenden: Wahrhaftigkeit, 
Treue, Freigebigkeit, Gastfreundschaft, Dankbarkeit 
gelten bis zu einem gewissen Grade auch bei den Naturvölkern, wenn sie 
sich auch nicht in derselben Weise wie bei uns äussern. Es wird viel 
gelogen, — es fragt sich, ob mehr als bei den Zivilisierten. Aber trotzdem 
wird die Lüge, wenigstens die Schadenlüge, verabscheut, insbesondere der 
Meineid, der die höheren Mächte zu Zeugen der Lüge anruft. Dass die 
Dankbarkeit ihnen abgehe, wie man oft behauptet, wird vom Vf. 
widerlegt. 

Ein hervorstechender Zug der wilden Völker ist ein starkes Gefühl 
der Zusammengehörigkeit und Solidarität unter den Genossen 
desselben Stammes gegenüber äusseren Feinden. Daher der hohe Wert 
der Tapferkeit, woraus sich zum Teil auch die tiefere Stellung der 
Frau erklärt. 

Die Familie, die Ehe findet sich in irgend einer Form ausnahmslos 
bei allen Völkern. Die leichte Auflösbarkeit bei vielen spricht nicht da- 
gegen, ebensowenig wie bei den Modernen. Es gibt aber nicht wenige 
primitive Stämme, bei denen sie unauflöslich ist. Die Polygamie ist zwar 
sehr stark verbreitet, aber bei zahlreichen Stämmen herrscht wenigstens 
im Prinzip die Monogamie. Die Polyandrie ist sehr vereinzelt und hat 
ihren Grund in örtlichen Verhältnissen, namentlich im Frauenmangel. Das 
Mutterrecht, die Verwandtschaftsbezeichnung nicht nach dem Vater, 
sondern nach der Mutter, ist nicht ursprünglich. Gynokratie findet sich 
nirgends. Der Vater ist Richter, Herr, und oft unabhängig, doch ist der 
Ansatz zum Gemeinwesen gegeben, wenigstens im Kriege wird ein Anführer 
gewählt. Die gegenseitige Anhänglichkeit der Familienmitglieder ist gross. 
Das Eigentum an Kleidern, Waffen und Werkzeugen ist individuell, es ge- 
hört allerdings nicht der Familie, sondern dem Vater. Es besteht überall 
ein Erbrecht. 

Bei allen Völkern begegnet uns ein S ü h n e b e d ü r f n i s, das aus dem 
Gefühle der Schuld, der moralischen Unreinheit entspringt. 

Die Annahme einer jenseitigen Vergeltung findet sich bei manchen 
Völkern entweder gar nicht, oder doch nur dunkel. Aber die Mehrzahl 
nimmt eine Scheidung der Guten und Bösen nach dem Tode an. 

So kann es keinem Zweifel unterliegen, dass das Menschengeschlecht 
in seiner Allgemeinheit ein einheitliches sittliches Bewusstsein besitzt. 

Fulda. Dr. C. Gutberiet. 



M. Ettlinger, Die Aesthetik Martin Deutingers. 249 

Aesthetik. 
Die Aesthetik Martin Deutingers in ihrem Werden, Wesen 
und Wirken. Von Dr. Max Ettlinger, Privatdozent an der 
Universität München. Kempten und München 1914, Kösel. 
VIII, 172 S. 8°. geh. M 3,50. 
Dem Münchener Philosophen Martin Deutinger ist in den letztver- 
flossenen Jahren eine rege literarische Beachtung zu teil geworden. In 
eingehenden monographischen Darstellungen wurden einzelne Teile seines 
Systems gewürdigt, so von G. Sattel „Deutingers Gotteslehre" (1905); der- 
selbe behandelte auch „M. Deutinger als Ethiker" (1908), F. Richarz „M. 
Deutinger als Erkenntnistheoretiker" (1912). Eine allgemeine Würdigung 
Deutingers versuchte der Referent in dem ersten Bändchen („Martin 
Deutinger" 1906) der von M. Spahn herausgegebenen Serie „Kultur und 
Katholizismus", in der „Akademischen Bonifatius-Korrespondenz" (1911 f.) 
und in „Ueber den Wassern" (1914), H. Reintjes, in der „Salzburger kath. 
Kirchenzeitung" (1914) zum 60. Jahrestage vom Tode Deutingers Joh. 
Eckardt. 

Mit Vorliebe und Geschick hatte Deutinger vormals das Gebiet der 
Aesthetik gepflegt. Es ist das Verdienst E. v. Hartmanns, in seinem 
gründlichen Werke „Die deutsche Aesthetik seit Kant" (1886) Deutinger 
vorurteilslos die gebührende Stelle in der Geschichte der deutschen Aesthetik 
angewiesen zu haben. Naeh kleineren Abhandlungen von J. Hatzfeld, 
„M. Deutinger als Musikästhetiker" (Wissensch. Beilage zur Germania 1918 
Nr. 39 — 42), „Die Kirchenmusik in M. Deutingers Kunstlehre" (Cäcilien- 
vereinsorgan 1914, Heft 7), K. Muth, „Religion, Kunst und Poesie" bei 
M. Deutinger (Festschrift für G. v. Hertling, Kempten 1913, 493 ff.) *) würdigt 
AI. Ettlinger die Aesthetik Deutingers in monographischer Weise. Gleich 
E. v. Hartmann sieht Ettlinger das Neue und Bahnbrechende der Leistung 
Deutingers in der Durchdringung kunstphilosophischer und kunstgeschicht- 
licher Einsichten, die sich auf die ästhetischen Grundvoraussetzungen und 
die Theorie der einzelnen Künste erstreckt. Zugleich lässt nun Deulinger. 
durch Schelling angeregt und in Uebereinstimmung mit dem voluntaristischen 
Grundzug seiner Denkweise, gegenüber der überwiegenden Betonung des 
ästhetischen Eindrucks und Urteils in der vorausgehenden Kunstphilosophie 
das künstlerische Schaffen in den Vordergrund der Untersuchung treten. 
Psychologische Voraussetzung für das künstlerische Schaffen ist nach Deu- 
tinger das Können, das mit dem Denken und Tun (= Handeln) jenen Ternar 
geistiger Tätigkeiten bildet, dem die Gebiete der Wissenschaft, Moral und 

') Zum hundertsten Geburtstag Deutingers (24. März 1915) wird dem Ver- 
nehmen nach in der „Sammlung Kösel" eine Neuausgabe der Odeons-Vor- 
lesungen Deutingers „Ueber das Verhältnis der Poesie zur Religion" mit einer 
Einleitung von K. Muth erscheinen. 



250 J. A. Endres. 

Kunst entsprechen. Mit dem Können verbindet nämlich Deutinger den 
spezifischen Sinn einer Macht des Geistes, wodurch er der äusseren Welt 
das Gepräge seines inneren Lebens aufdrückt. Von hier aus erscheint 
Deutinger als das Wesentliche an der Kunst und ihrem Werk der Inhalt. 
Er ist Gehaltsästhetiker. „Nicht die Erscheinung als solche macht das 
Schöne, sondern das sich Offenbaren eines höheren Grundes innerhalb der 
Erscheinung". Aufgabe der Kunst, ist es, ein Ideales oder, wie Deutinger 
mit den Romantikern sagt, das Ewigp, Unendliche darzustellen. Wenn 
er sich aber in der näheren Ausführung dieses Gedankens an die deutschen 
Idealisten, so in der Unterscheidung eines symbolisch, plastisch und ideal 
Schönen insbesondere an Hegel anschliesst, so geschieht es mit ausdrück- 
licher Ablehnung der monistischen und evolutionistischen Denkweise, die 
er hier vorfindet. 

Von der künstlerischen Idee verlangt Deutinger Darstellbarkeit, Dar- 
stellungsbedürftigkeit und, ins Werk gesetzt, einheitliche Durchführung im 
Ganzen des Kunstwertes (Einheit und Ganzheit). Das ist es, was er sub- 
jektive Kriterien des Kunstwerks nennt. 

Nach dem Gesichtspunkt der Durchdringbarkeit des bildsamen Stoffes 
durch die Idee und den Geist scheidet und gruppiert Deutinger die ein- 
zelnen Künste im Anschluss an Baader in der Weise, dass er Baukunst 
und Poesie als die beiden äussersten Pole, und Plastik, Malerei und Musik 
als mittlere Verbindung betrachtet. In der Baukunst hat der an die mathe- 
matischen Gesetze gebundene Stoff die Vorherrschaft, in den mittleren 
Künsten die sinnenfällige Form. Die Poesie bewegt sich in Freiheit von 
Stoff und äusserlicher Form. Ihr Darstellungsmittel, die Sprache, hat die 
innigste Beziehung zum Geiste. Sie ist zugleich Werkzeug des Denkens 
und Könnens. Malerei und Poesie kennt und schätzt Deutinger persönlich 
am meisten. Dem „Gebiete der dichtenden Kunst" widmet er darum den 
ganzen zweiten Band seiner Kunstlehre. 

Entsprechend dem starken geschichtlichen Einschlag der Deutingerschen 
Aesthetik widmet Ettlinger ein eigenes Kapitel der historischen Entfaltung 
der Künste und besonders der Poesie nach Deutinger. Das allgemeine 
Schema im Stufengang der Kunstentwicklung übernimmt der Münchener 
Philosoph von Hegel (symbolische, klassische, romantische Kunst), verbindet 
aber damit einen Sinn, der durch seine theistische und christliche Denk- 
weise gegeben ist im Gegensatz zu der evolutionistischen von Hegel. Auch 
überragt Deutinger in der geschichtlichen Stoffbewältigung Hegel durch die 
von ihm angestrebte Universalität, die namentlich auch der Kunst und 
Poesie des Orients aufgrund damaliger Vorarbeiten gerecht zu werden 
trachtet. Dass er hierbei nicht alle Einzelheiten zu überschauen vermochte, 
gesieht er offen zu. „Aber ich kann mich", so meint er, „in einem Walde 
sehr gut zurechtfinden, ohne jeden einzelnen Baum zu kennen". Dabei 
bleibt bestehen, dass Deutinger wie in den rein philosophischen Teilen seine? 



M. Ettlinger, Die Aesthetik Martin Deutingers. 251 

Systems, so auch bei der geschichtlichen Betrachtung unter dem Banne 
eines beengenden Schematismus steht, der ihn zu manchen künstlichen 
Konstruktionen verleitet. 

Die Absicht, welche Ettlinger mit seiner Studie verbindet, hat er auf 
dem Titel derselben klar umschrieben: Werden, Wesen und Wirken der 
Deutingerschen Aesthetik. Der Nachdruck ruht auf Werden und Wesen, 
doch auch die Nachwirkung ist nicht vergessen. Wo Ettlinger Kritik übt. 
ist sie in erster Linie gegen irrige und ungenügende Darstellungen gerichtet, 
weniger gegen die anfechtbaren Ansichten Deutingers selbst, so dass der 
eigene ästhetische Standpunkt des Verfassers weniger zur Geltung kommt. 
Um so mehr tritt die eigenartige Leistung Deutingers hervor, die sich nicht 
nur ebenbürtig neben den ästhetischen Systemen der berühmten deutschen 
Idealisten präsentiert, sondern sie nicht selten durch bessere Motivierung 
übertrifft. Es ist ein entschiedenes Verdienst Ettlingers, nach E. v. Hart- 
mann neuerdings und in umfassenderer Weise die Bedeutung Deutingers 
in der Geschichte der deutschen Aesthetik ins rechte Licht gestellt und 
zugleich die Punkte aufgezeigt zu haben, an denen die intensive Arbeit 
des Münchener Aesthetikers auch heute noch anregend und fördernd zu 
wirken vermag. 

Regensburg. Dr. J. A. Endres. 



Zeitschriftenschau. 



A. Philosophische Zeitschriften. 

1] Zeitschrift für Psychologie. Herausgegeben von F. Schu- 
mann. 1914. 
70. Bd., 1. und 2. Heft: K. Reinhardt, Ueher den Vergleich 
erinnerter Objekte, insbesondere hinsichtlich ihrer Grösse. S. 1. 

Das Resultat des Grössenvergleichs ist im einzelnen abhängig von der 
Zeit seit der Wahrnehmung, von dem Grade der Einprägung, von der 
jeweiligen Disposition der Versuchspersonen, von der Grösse der Objekte 
selbst, grössere Objekte werden weniger richtig verglichen als kleinere. Es 
ist ferner abhängig von dem Eindruck, den entweder die Gestalt oder der 
Flächeninhalt oder die Farbe gemacht hat. Der Grössenvergleich erinnerter 
Objekte geschieht „a. unmittelbar auf Grund der betreffenden Vor- 
stellungsbilder, wobei er entweder ein Simultanvergleich (innerlich über- 
einander oder nebeneinander gelegter Objekte) oder ein Sukzessivvergleich 
ist, b. mittelbar auf Grund von Erinnerungen an wörtliche Charakteri- 
sierungen oder an Reaktionen affektiver Art, welche die Objekte bei ihrer 
Wahrnehmung hervorriefen". „Beim Personenvergleiche spielt jedoch oft 
noch ein gewisser Nebeneindruck (Vergegenwärtigung der Kopfhaltung) eine 
wesentliche Rolle". — L. Edinger, Zur Methodik der Tierpsychologie. 
S. 101. 1. Der Hund. Die richtige Methode der Tierpsychologie wäre 
„tunlichst objektive Aufnahme eines einzelnen Tieres", wie dies bei 
Kranken gebräuchlich ist, um den Status festzustellen. Vt. hat nun mehrere 
Jahre seinen gelehrigen Hund beobachtet und sehr kunstreiche Leistungen 
gefunden, die aber meist durch „Gnosien" und „Praxien" erklärbar sind. 
Doch zeigte sich auch ein beschränktes intelligere, nämlich „immer da, 
wo ich die Annahme eines Einsehens oder Voraussehens nicht umgehen 
konnte". „Wenn ich im Laboratorium, das zwei Ausgänge hat, die Treppe 
herabkomme, springt der Hund, die Augen immer aut mich gerichtet, 
zwischen beiden hin und her, erwartend, welchen ich wählen werde". Er 
sieht den Spaziergang voraus, wenn ich den Touristenanzug anlege. Auf 
Einsicht beruht es, wenn er im Strassentrubel absichtlich verloren morgens 
mich im Laboratorium, nachmittags aber zu Hause aufsucht. Auf diese 
Weise müssen noch andere Tiere zahlreich beobachtet werden. — A. Aall, 



Zeitschriftenschau. 253 

Der Traum. S. 125. Versuch einer theoretischen Erklärung auf Grund- 
lage von psychologischen Beobachtungen. „Eine befriedigende Erklärung 
der Bewusstseinsphänomene, die für den Traum charakteristisch sind, liegt 
zurzeit nicht vor". Im Traume findet eine ungestörte Selbstvertiefung der 
Bewusstseinserregungen statt. Aber die Stützpunkte der Sinnesauffassung 
sind schwankend. Das Ichbewusstsein ist erschüttert. Das Urteilsleben ist 
zerrüttet. Es findet ein Parallelismus mit der Märchendichtung statt. 

3. und 4. Heft: H. W. Meyer, Bereitschaft und Wieder- 
erkennen. S. 161. „1. Das einfache Wiedererkennen einer Silbe ist 
begünstigt, wenn diese vorher durch eine andere Silbe oder eine Zahl in 
Bereitschaft gesetzt worden ist. 2. Die Bereitschaft einer Silbe, die da- 
durch entsteht, dass man sich bei Gegebensein einer andern mit ihr asso- 
ziierten Silbe ihrer zu erinnern versucht, hält bei manchen Versuchspersonen 
über Erwarten lange an. . . . 3. In der Wiedererkennungsmethode hat man 
ein geeignetes Mittel, um den zeitlichen Abfall der Bereitschaft näher zu 
studieren. 4. Den als sehr sicher bezeichneten Wiedererkennungen ent- 
sprechen kürzere Arbeitszeiten als den nur als sicher bezeichneten, und 
diesen wieder kürzere als den als unsicher bezeichneten. Das Entsprechende 
gilt von den Fällen, wo eine Silbe als neu bezeichnet worden ist. 5. Die 
Urteilszeiten für die als neu bezeichneten Silben waren im allgemeinen 
länger als die für die als alt bezeichneten. 6. Gewisse Tatsachen scheinen 
darauf hinzuweisen, dass das Wesen der Unbekanntheitsqualität nur in dem 
Ausbleiben der Bekanntheit besteht. 7. Das einfache Wiedererkennen 
kann in der Tat bei akzessorischen Erinnerungen auch als Kriterium der 
Vollrichtigkeit dienen". — L. J. Martin , Ueber die Abhängigkeit 
visueller Vorstellungsbilder vom Denken. S. 212. „Die Experimente 
zeigen : Im Falle von willkürlichen simultanen und sukzessiven Vorstellungs- 
bildern, d. h. wo die Versuchsperson sich anstrengen muss, um ein de- 
tailliertes visuelles Vorstellungsbild oder detaillierte Vorstellungsbilder zu 
erhalten, sind diese im Hinblick auf unanschauliches Denken nicht unab- 
hängige psychologische Elemente, sondern von diesem abhängig, eine Re- 
präsentation, «in Ausdruck, eine Illustration usw. des unanschaulichen 
Denkens". — Literaturbericht. — Preisaufgabe der Akademie 
für 1917: „Der Anteil der Erfahrung in den menschlichen Sinneswahr- 
nehmungen soll systematisch untersucht und dargestellt werden". 

5. und 6. Heft : St. Baley, Versuche über den dichotischen 
Zusammenklang wenig verschiedener Töne. S. 321. Gegen Wundt 
hat Stumpf nachgewiesen, dass die Unterschiedsempfindlichkeit nicht nur 
bei sukzessiven Tönen, sondern auch, wenngleich schwerer, bei gleichzeitigen 
bestimmt werden kann, nur dass die Schwelle viel höher liegt. K. J. Schäfer 
und A. Guttmann bestimmten sie bei monotischem Hören, Vf. verteilt 3ie 
an die beiden Ohren (dichotisch). Melati leugnet die Schwelle für dicho- 
tisches Hören. Als erstes Ergebnis des Vf.s bezeichnet er die Existenz 



254 Zeitschriftenschau. 

einer Schwelle für alle herangezogenen Versuchspersonen. Auch die Höhe 
der Schwelle wurde bestätigt. Differieren die beiden Töne etwas in der 
Höhe, so ergab sich : „Der aus zwei verschiedenen Primärtönen resultierende 
dichotische , Zwischenton' verhält sich in räumlicher Beziehung ähnlich wie 
der diotisch zngeführte einfache Ton". „Zwei Töne, die deutlich gleich- 
zeitig dichotisch als verschieden perzipiert werden, werden in der Regel 
auch richtig nach rechts und links lokalisiert". „Sind die Klangfarben un- 
ähnlich, dann kommen alle die früher beschriebenen Erscheinungen nicht 
zum Vorschein oder wenigstens sehr abgeschwächt". — Derselbe, Ver- 
suche über die Legalisation beim dichotischen Hören. S. 347. Auch 
ohne Kopfbewegungen kann bei zwei gleichzeitig erklingenden Tönen er- 
kannt werden, welcher von rechts und welcher von links kommt, wie 
Stumpf und v. Kries nachgewiesen. Vf. weist dies auch für eine grössere 
Anzahl von Tönen nach. — H. Henning, Das Panumsche Phänomen. 
S. 373. „Bietet man dem linken Auge eine vertikale Linie, dem rechten 
aber zwei einander nahestehende Vertikallinien, und vereinigt man dann 
die Gerade des linken Gesichtsfeldes mit einer der beiden Geraden des 
rechten Gesichtsfeldes, so scheinen die beiden Geraden des vereinigten 
Gesichtsfeldes in einer vertikalen Ebene zu liegen, die durch die Gesichts- 
linie des linken Auges geht. Die eine Gerade scheint also räumlich vor 
der andern zu stehen. In diesem Falle bilden sich die beiden Linien auf 
den vertikalen Trennungslinien ab und treffen demgemäss identische Netz- 
hautbilder". Damit glaubt Panum die Tiefenempfindung erklären zu können. 
Jaentsch hat das Phänomen wieder eingehend untersucht und es gegen die 
Heringsche Theorie von den identischen Netzhautbildern ins Feld geführt; 
doch fand Vf. : „Bei kleinsten Fadenabständen stimmen die Ergebnisse 
Jaentschs vollkommen zur Heringschen Theorie, dass die Raumwerte den 
Netzhautpunkten zugeordnet sind"; mit der Jaentschschen Theorie selbst 
stimmen sie aber nicht, diese stimmt überhaupt nicht zu den Tatsachen. 
— E. v. Aster, Theodor Lipps f. S. 429. Ein langes schweres Siech- 
tum vor seinem Tode und die dadurch verursachte Untätigkeit „hat er 
selbst vielleicht am wenigsten empfunden ; was wir andern klar erkennen, ist 
die unverlierbare Bedeutung seines Lebenswerkes für die Entwicklung der 
Psychologie und Philosophie unserer Zeit". — Literaturbericht. 

2] Psychologische Studien. Herausgeg. von W. Wund t. 1913. 
IX. Bd., 1. und 2. Heft: Fr. Sander, Elementar - ästhetische 
Wirkungen zusammengesetzter geometrischer Figuren. S. 1. „Das 
ästhetische Wertungserlebnis wird sicher von Faktoren bestimmt, die sich 
nicht durch einfache intellektuelle Reduktion auf rationale Zahlenverhält- 
nisse erklären lassen". „Diese Beispiele zeigen deutlich die Beteiligung 
von Spannungs- und Lösungsgefühlen an der ästhetischen Gestaltwirkung, 
von denen die ersteren so lebhaft werden können, dass sie unmittelbar 



Zeitschriftenschau. 255 

einen motorischen Akt herbeiführen. Dabei erfolgt dann meist die Ein- 
stellung der optimalen Aufmerksamkeit, die jene Spannungsgefühle in ihr 
Gegenteil umkehren". — L. W. Krämers, Experimentelle Analyse eines 
einlachen Reaktionsvorgangs. S. 35. Für eine Theorie der Willens- 
handlung können die Versuche nur in eingeschränktem Masse verwandt 
werden. Der analysierte Prozess ist zwar Willenshandlung, er darf aber 
nicht mit derselben schlechthin identifiziert werden. Jedenfalls bestätigen 
sie aber die emotionale Willenstheorie von Wundt. 

3. und 4. Heft : K. Lehnert, Untersuchungen über die Auf- 
lassung von Rechtecken. S. 147. Vf. unterscheidet Auffassung der 
Gestalt (G) und Auffassung der Komponenten Breite (£?) und Höhe (H). 
Die Komponenten üben eine Induktion auf einander aus, z. B. das Niedrig- 
werden auf die Breite und entweder im Verlaufe des unteren oder des 
oberen Breitengrenzrjäizes. Inbezug auf erstere können zweierlei Wirkungs- 
weisen vorliegen: entweder kann die Figur statt objektiv schmäler sub- 
jektiv gleich ( y ) oder statt objektiv gleich subjektiv schmäler werden (ß \ 
Die Wirkungen des objektiv Niedrigen auf den oberen Breitengrenzreiz 
sind auch zweifach: die objektiv niedriger gewordene Figur erscheint ent- 
weder statt breiter gleich (<*) oder statt gleich breiter (S). Es kann die 
beachtete Komponente die nicht beachtete Komponente induzieren und um- 
gekehrt. Ein Maximum der Iuduktion ist immer an ein Maximum der 
Wohlgefälligkeit gebunden, wie auch ein Minimum der Induktion mit dem 
Minimum der Wohlgefälligkeit zusammenfällt. - - K. Herfurth, Die Kon- 
stanz des mittleren Schätzungswertes bei Umkehrung der Lage 
des Normal- und Vergleichreizes. S. 220. „1. Durch die prozentuale 
Uebereinstimmung der berechneten und interpolierten Werte ist der Nach- 
weis der Korrespondenz der Aequivalente bei Umkehrung der Versuchslage 
für alle sechs Hauptwerte geführt worden, wodurch zugleich die Konstanz 
des mittleren Schätzungswertes unter der gegebenen Voraussetzung bedingt 
ist. Bei der Verwendung des Korrespondenzsatzes als Kriterium für die 
Güte der Hauptwerte ergibt sich für das arithmetische Mittel der drei 
Hauptlälle in der Wertordnung eine so hervorragende Stellung, dass er 
einzig und allein als der Aequivalenzwert zu gelten hat". — W. Wundt : 
Zu der Abhandlung von A. Zimmer über dieses Thema in Bd. 47 der 
Zeitschrilt für Sinnesphysiologie, nach der nicht die Motive der Fixation 
der Objekte und der Bewegung der Augen für die Bichtung der Inversion 
entscheidend sind, sondern die Richtung der Aufmerksamkeit, bemerkt 
Wundt, dass Z. nicht die letztere Veröffentlichung Wundts, sondern frühere 
berücksichtigt hat, in denen unvollkommene Methoden zur schwierigen 
freien Fixation angegeben waren. Ferner hat Z. bei seinen Versuchen der 
„Komplikation der Täuschungsursachen" nicht die nötige Beachtung ge- 
schenkt. 



256 Zeitschriftenschau. 

5. Heft : 0. Kahnt, Ueber den Gang des Schätzungsfehlers bei 
der Vergleichuug von Zeitstrecken. S. 279. „Zeiten unter 0,5" werden 
im allgemeinen unterschätzt. Eine Ueberschätzung erfahren Zeiten zwischen 
0,5" und 0,72". Beträchtliche dauernde Unterschätzung findet bei den 
Zeiten über 0,72 " statt". „Die beliebig gewählte Pause zwischen Normal- 
reiz und Vergleichungsintervall nimmt an absoluter Länge mit den Zeiten 
zu und durchläuft dabei etwa die Werte von 0,6 " bis 3,0 " ; dagegen ver- 
mindert sich die relative Länge der Pause mit der Zunahme der zweiten". 
— A. Hammer, Untersuchung der Hemmung einer vorbereitenden 
AVilleushandlung. S. 321. Die Untersuchung geht aus von der anti- 
zipierenden Reaktion, wie sie z. B. bei der Beobachtung eines Sterndurch- 
gangs stattfindet. 

6. Heft : Derselbe, Ueber die Beeinflussung tachistoskopischer 
Auffassung durch vorausgehende Eindrücke. S. 367. Die „assoziative 
Modifikation" ist besonders bei der Raumwahrnehmung längst bekannt. Durch 
einen Nebenreiz wird ein Reiz modifiziert ; sie verschmelzen oder haben eine 
Ausgleichung oder auch Kontrastwirkung. Sichere quantitative Angaben 
fehlen noch, solche gibt Vf. „1. Die Beeinflussungen der tachistoskopischen 
Auffassung durch vorangehende Eindrücke können direkter und indirekter 
Natur sein. 2. Die direkten bestehen in subjektiven Verschiebungen des 
Normalreizes (N), die je nach ihrer Richtung als Assimilations- oder als 
Kontrastwirkungen aufzufassen sind. 3. Sie bilden in ihrer Gesamtheit 
eine stetige, ungerade Funktion der Entfernung x der Vorreize vom Af, 
die angenähert als eine Sinnesschwingung dargestellt werden kann. 4. Es 
ist infolgedessen das Gebiet der assimilierenden Vorreize von dem der 
kontrastierenden völlig getrennt; ferner nimmt die r e 1 a t i v e Wirkung der 
Vorreize mit wechselnder Entfernung ständig ab, und das Maximum der 
absoluten Wirkung liegt stets im Assimilationsgebiet. 5. Die indirekten 
Beeinflussungen bestehen in Modifikationen, und zwar durchweg in Ver- 
ringerungen der konstanten Fehler. Sie sind am stärksten bei dem identi- 
sehen Vorreize und in der Nähe desselben, wo durchweg vollständige oder 
fast vollständige Kompensationen der konstanten Fehler auftreten. Ihre 
Stärke nimmt mit zunehmender Entfernung der Reize vom N beständig ab 
und wird schliesslich gleich Null. 6. Mathematisch kann der Verlauf der 
indirekten Beeinflussungen dargestellt werden durch: S(x) = s(x). E(o), 
wobei E (o) die durch den identischen Vorreiz verursachte Verschiebung 
des Aequivalenzpunktes, s(x) eine gerade Funktion von x ist, die mit 
wachsenden (x) von dem Betrage Eins stetig in den Wert Null übergeht". 
Auch für die übrigen gefundenen Verhältnisse werden mathematische For- 
meln gegeben. — Fr. Giese, Untersuchungen über die Zöllnersche 
Täuschung. S. 405. Darüber ist schon viel diskutiert worden. Vf. ver- 
sucht es mit einer Zerlegung des Musters (zwei Geraden mit ablenkenden 
Nebenlinien) und sucht nach dem Unterschiede der Täuschung bei simultaner 



Zeitschriftenschau. 257 

und sukzessiver Darbietung der Stücke; er fand: 1° Sukzession wirkt 
täusehungsmindernd auf die Figur und ihre Modifikationen ein. 2° es stehen 
die benutzten Figuren hinsichtlich ihrer Täuschungsgrösse in einer bestimmten 
Stufenfolge, welche bei sukzessiver Darbietung auffällig in die Erscheinung 
tritt. Die Abstraktion von den täuschenden Winkelansätzen wird bei der 
Sukzession erleichtert. 

3] Archiv für systematische Philosophie. Herausgegeben von 
L. Stein. Berlin 1914, L. Simion. 
20. Bd., 1. Heft : F. Rappaport. Zur Logik des Wollen». S. 1. 

Es ist zwischen rationaler und intellektueller Logik zu unter- 
scheiden; es muss festgestellt werden, „wie die transzendentale Analytik 
als formale Logik die Voraussetzungen der Naturwissenschaften enthält, 
jene der Geisteswissenschaften in einer transzendentalen Dialektik des 
Willens als Reallogik gesucht werden müssend „Ohne Anwendung des 
Prinzips der Wertbegriffe verlieren die Geisteswissenschaften ihre Syste- 
matisierbarkeit". „Die Kategorie des Willens ist das Zentrum und' der 
eigentliche Inhalt der Philosophie als Metaphysik und zugleich die Methodik 
der sogenannten Geistes-, recte Vernunftwissenschaften". — A. Sichler, 
Zur Verteidigung der Wundtschen Psychologie. S. 19. Eine Meta- 
kritik gegen Th. Skribanowitz' „W. Wundts Voluntarismus in seinen Grund- 
lagen geprüft" 1906, der zu dem Ergebnis kam, das, was Wundt unter 
.Wille* versteht, sei nicht der Wille unserer Erfahrung, sondern ein durch 
Wundt eingeführter Pseudowille. — S. Werner, Wille und Willens- 
freiheit. S. 53. „Die leiblichen und seelischen Mechanismen spielen selbst 
in den wirklichen Willenshandlungen mit, indem der Wille meist nur hinter 
dem Vorgang als Ganzem steht". — Fr. Delinow, Wesen und Wert 
des Rechtsgefühls. S. 90. „Der Wert des Rechtsgefühls liegt darin, dass 
es schnell und leicht einen Fingerzeig gibt ; nicht darin, dass es die Richtig- 
keit der postulierten Ansicht gewährte". — E. Barthel, Kausalforschung 
und Metaphysik. S. 93. Die Kausalhypothese ist unrichtig; sie führt 
nicht zur Wahrheitserkenntnis, dient vielmehr praktischen Zwecken. Die 
Naturwissenschaft benötigt der Kausalhypothese, die metaphysische Wesens- 
analyse führt zur Wahrheit. — 0. Hilferding, Zur Analyse mensch- 
licher Denkarten. S. 101. Ueberall begegnet man der Behauptung an- 
geborener Originalität als charakteristischer Denkart eines über das gewöhn- 
liche Mass ragenden Intellekts, die jedoch von Genialität wesentlich noch 
zu unterscheiden wäre. Dies kann nur festgehalten werden, wenn es durch 
eine Analyse, durch Zurückführung menschlicher Denkarten auf ihre Elemente 
bestätigt wird. Eine solche unternimmt der Vf. in einer Analogisierung 
der Denkformen mit mechanischen, chemischen, kristallinischen Umwand- 
lungen. Denn auch im Unterbewusstsein finden energetische Umwandlungen 
statt, deren Resultat ins Bewusstsein tritt. — Rezensionen. 

Philosophisches Jahrbueh 1915. yj 



258 Zeitschriftenschau. 

2. Heft : A. Sichler, Zur Verteidigung der Wundtschen Psycho- 
logie. S. 129. „Was hat sich aus der Skr.schen Kritik als haltbar er- 
geben? Einzig das, dass einige wenige Ausdrücke bei Wundt vielleicht 
nicht ganz korrekt waren, eigentlich sinnstörend sind sie nicht einmal. 
So viel steht ja jedenfalls fest, von dieser Seite wird Wundt niemals 
überwunden werden". — Tli. Rudert, Zum Problem der Psychologie 
und des Monismus. S. 168. „Die gegenwärtige Philosophie, in ihren 
eigenen elementarsten Existenzbedingungen irre gemacht durch gewisse 
laienhafte Spekulationen der Naturwissenschaft und den verheerenden Ein- 
fluss auf das philosophische Fassungsvermögen der öffentlichen Meinung 
sowie indirekt des Ethos unserer ganzen modernen Kultur, wagt es 
jedenfalls nicht recht, die einzig mögliche Schlussfolgerung zu ziehen, 
nämlich die, dass die Behandlung auch der menschlichen Seele, 
bei welcher die Fähigkeit begrifflichen Denkens zu der jenes animalischen 
hinzukommt, als ungefähr homogene Einheit, zu deutsch das Stets bis 
zu einem gewissen Grad in einen Topf werfen von Bewusstsein und Geist, 
welches unser ganzes Denken durchseucht, das fachphilosophische keines- 
wegs ganz ausgenommen, einen schlechterdings unhaltbaren Zustand unseres 
ganzen wissenschaftlichen Betriebes bedingen, die fundamentalste all der 
mannigfachen Reformbedürftigkeiten unserer Kultur bedeuten muss!" — 
H. Prager, Ueber die erkenntnistheoretischen und metaphysischen 
Grundlagen der Rechtsphilosophie. S. 177. Vortrag, gehalten in der 
„Freien juristischen Vereinigung" in Wien. — F. Juran, Ursprung und 
Gegenstand der Erfahrung. S. 191. Zur Einführung in die Transzen- 
dental-Philosophie. Es ist nicht der Weg durch das Labyrinth der „Kritik 
der r. Vernunft". Es ist der Weg, den das Problem selbst gegangen ist: 
„der Weg der Geschichte". — E. Minkowski, Inhalt, symbolische 
Darstellung und Begründung des Grundsatzes der Identität als 
Grundsatzes unseres Vorstellens. S. 209. „Das Vorgestellte wird so 
vorgestellt, dass an ihm die Gleichheit inbezug auf die Form des Vorge- 
stelltseins für alles Vorgestellte abgelesen werden kann. Der Grundsatz 
der Identität soll als Grundsatz an einer einzelnen bewussten Vorstellung 
ablesbar sein". — A. Koralnik, Die Philosophie der Fiktion. S. 220. 
Die Philosophie des Als-ob stellt den Kantianismus „in einer, wenn auch 
nicht ganz neuen, so doch scharf präzisierten Form dar". „Alles in allem 
ist diese geistreiche und gut fundierte Philosophie, die allerdings in rein 
erkenntnistheoretischer Hinsicht sehr fraglich ist, ein höchst interessanter 
Versuch. Es ist die Gegenströmung und die Wehr gegen den wieder er- 
wachenden Neukantianismus, das Suchen nach absoluten, objektiven Werten, 
nach dem .Reich der Wahrheit' ... Die Lösung aber — die liegt in der 
Linie der Unendlichkeit". — A. Manien, Una nuova classifieazionc 
d»-i fatti psichici. S. 230. I. Ursprüngliche: 1. Sinneswahrnehmungen, 
2. affektive Zustände. 11. Abgeleitete: A. Vorwiegen der repräsentativen 



Zeitschri fte.nschau. 259 

Prozesse über die affektiven: 1. Sinnestätigkeit : Perzeption, Repräsentation. 
2. Erkennende Tätigkeit: Mentale Assoziation, Wiedererkennen, Urteil, Be- 
griff, Sehluss. 2. Aesthetische Tätigkeit: Reproduktive Einbildungskraft, 
schöpferische Einbildungskraft, Sprache, Mimik usw. 4. Soziale Tätigkeit: 
Moral, Recht, Wirtschaft, Politik, Patriotismus usw. 5. Religiöse Tätigkeit : 
Animismus, Fetischismus, Theismus, Atheismus. Aszese usw. 6. Nicht- 
zielbewusste impulsive Tätigkeit: Allgemeine und spezielle physiopsychische 
Haltungen. Reflexinstinktive, automatische Akte. Unfreiwillige Aufmerk- 
samkeit. 7. Zielbewusste impulsive Tätigkeit oder Wille : Freiwillige Auf- 
merksamkeit, Willensakt, Charakter, ß. Ueberwiegen der affektiven Pro- 
zesse über die repräsentativen: 1. Gefühle, 2. Affekte, 3. Leidenschaften. 
— R ezensionen. 

3. Heft: B. v. Ludwig, Philosophischer Realismus. S. 257. 
Widerlegung der Einwände gegen den Idealismus. „Die Anerkennung einer 
alles beherrschenden Gesetzmässigkeit widerstreitet den idealistischen Prin- 
zipien nicht im geringsten, gleichviel ob diese Gesetzmässigkeit als eine 
, äussere' oder eine , innere' gefasst wird". — B. Rawitz, Ueber das Ver- 
gessen. S. 264. Bei den Wilden weiss nach Ratzel „Heute nichts von 
Gestern, und Morgen lernt nicht von Heute" ; aber diese Traditionslosigkeit 
findet sich auch bei den Zivilisierten : „Weil das weitaus Meiste dessen, 
was geschieht, was der Mensch erlebt, keine genügende Erregungswirkung 
hat, darum vergessen wir". — J. Schlaf, Geozentrischer Bestand und 
Himmelsmechanik. S. 290. „Fällt nun selbst die letzte entfernteste 
Spur eines äusseren Beweises für den heliozentrischen Standpunkt, so bietet 
sich der geozentrischen Feststellung sogar mehr wie ein, und zwar seiner 
Natur nach völlig unantastbarer äusserer Beweis". Nämlich aus den Sonnen- 
flecken (dieser ist aber bereits gründlich widerlegt, z. B. von Plassmann 
im Hochland). — G. Wendel, Der freie Wille und seine Bedeutung 
in der Erfahrung. S. 298. 0. Bastyr stellte die These auf: „Die Moti- 
vation des Willensaktes ist eben das, was wir freien Willen nennen, der 
Willensakt muss einen zureichenden Grund haben. Dieser zureichende 
Grund, das Motiv, ist jedoch ganz heterogen gegenüber dem Kausalnexus". 
Dagegen Vf. : „Die Motivation des Willensaktes ist aber das, was wir Kau- 
salität nennen: der Willensakt muss einen zureichenden Grund haben. 
Dieser hinreichende Grund, das Motiv, ist jedoch insofern verschieden von 
dem Kausalnexus des äusseren Naturgeschehens, als hier die Ursachen in 
der äusseren Natur, dort in der Willens-, in einer ererbten Gemütsbeschaffen- 
heit des Individuums liegen". — H. Prager, Ueber die erkenntnis- 
theoretischen und metaphysischen Grundlagen der Rechtsphilo- 
sophie. S. 300. „Das Recht (unseres empirisch-sozialen Lebens) wird als 
Erkenntnis gesucht, als Idee ersehnt, als Lösung von Konflikten er- 
strebt, es wird gefordert, als Begriff gedacht, aber erlebt wird es 
nur als Erlebnis von Unrecht; es gibt kein positives Rechtserlebnis 

17* 



260 Zeitschriftenschau. 

als Rechtsgefühl, sondern nur ein Unrechtserlebnis, aus dem das Recht 
quillt, und die Ethik hat in der Rechtssphäre nichts zu suchen". — A. 
Trobitsch, Die Kausalität im Lichte des „Denktriebes zur Einheit". 
S. 311. „Ihres grammatisch verhüllenden Kleides beraubt, steht nun die 
Kausalität vor uns, und siehe da, nichts anderes ist sie in solch hüllenloser 
Nacktheit als eine der Ausstrahlungen des Urgegebenen, des Lebens selbst, 
des Einheitsdranges". — E. Müller, Vom Sinn des Widersinns. S. 335. 
„Im Grunde kann es ein Nichts nicht geben ... Die Negation ist nur ein 
Aspekt, der uns draussen entgegentritt, wie er im eigenen Inneren uns 
real gegeben ist. Im letzten Grunde ist es der Gegensatz zwischen Sub- 
jekt und Objekt, zwischen Ich und Nicht-Ich, innerhalb dessen der Wider- 
sinn notwendig an die Spuren des Absoluten gekettet ist". — Rezensionen. 
4. Heft : J. Zahlfleisch, Einige Vorbemerkungen zu einer neuen 
Erkenntnistheorie. S. 385. Gegen Kant, der jedes Gefühl für patho- 
logisch erklärt, zeigt die Untersuchung, dass dieser Seelenzustand in er- 
kenntnistheoretischer Hinsicht wertvoll ist. Die „Gefühlsanschauung" geht 
durch die ganze Natur. — B. Lemcke, Die vier Möglichkeiten. S. 103. 
Die Möglichkeit ist ein Teil des Grundes. 1. Die Möglichkeit zu wirken 
ist Teil der Ursache, 2. die Möglichkeit zu erkennen ein Teil des Erkenntnis- 
grundes, 3. die Möglichkeit zu sein ist Seinsgrund, 4. die Möglichkeit zu 
wollen ein Teil des Motivs. — J. Fischer, Die Religion als Problem 
der Philosophie. S. 427. Religion ist Verhältnis des Menschen zu Gott. 
Gott ist ein metaphysischer Regriff, welcher der Philosophie zusteht. Die 
monotheistische Religion hat den krassen Dualismus geschaffen. „Frei sein 
heisst Unbedingtsein, Unbedingtsein heisst Gottsein. Ist der Mensch vom 
Zwange der Sünde frei, dann ist er zurückgekehrt zu Gott und in ihm, 
ihm gleich". — 0. Kroger, Theoretische und praktische Philosophie 
im Lichte des reinen Idealismus. S. 465. „Das Ich und Nichtich sind 
untrennbar in Eins verschlungen, sie sind eine unbegreifliche Wesenheit". 
Aber sie stehen sich doch gegensätzlich einander gegenüber? Nun, der 
Widerspruch gehört zum Wesen des Seins. Es ist aber eigentlich kein 
Widerspruch, sondern eine Unbegreiflichkeit. — Leman, Zu den Auf- 
sätzen von E. Bartel über Kausalität. S. 474. Bartel erklärt das 
Kausalitätsgesetz flür eine wissenschaftlich wertlose Hypothese, und sucht 
es durch ein Experiment darzutun. Seine Voraussetzungen treffen bei dem 
Versuche nicht zu. — G. Wendel, Zur Ethik. S. 481. Die Gefühle 
haben allerdings einen hohen Wert; „besteht doch aller sittlicher Fort- 
schritt in einer immer feiner werdenden Differenzieruug von Gefühlen und 
Willensanlagen. Der ganze Wert eines Menschen in praktischer Hinsicht 
beruht ganz wesentlich auf der Beschaffenheit und dem Reichtum seines 
Gefühlslebens". Aber die moralische Qualität erhalten die Gefühle erst 
durch den vernünftigen Willen. — Derselbe, Der freie Wille und seine 
Bedeutung in der Erfahrung. S. 484. J. Rehmke verteidigt nicht den 



Zeitschriftenschau. 261 

Indeterminismus, leugnet aber die Gegensätzlichkeit von Notwendigkeit und 
Freiheit, die Vf. verteidigt. — Rezensionen. 

4] Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik. 
Herausgegeben von H. Schwarz. Leipzig 1914. 

155. Bd., 1. Heft: H. Schwarz, Universale und charakteristische 
Religion bei R. Eucken. S. 1. Nach Eucken ist die Werteinheit zu- 
gleich die Welteinheit. „Das Gute, das Geistesleben wird zur Weltmacht, 
nein, zur weltüberlegenen Macht, zur Allmacht". „Hiermit erweitert sich aber 
auch die Bedeutung des Menschen ins Unendliche". „In seinen Willens- 
bewegungen und Gedanken ruhet die Tiefe der Welt". „Die Rettung darf 
nicht ontologisch verstanden werden. Sie ist nichts anderes als das Sich- 
zusammenfassen und Selbständigwerden des Geisteslebens selbst, wie es in 
Geisteserlebnissen erfahren wird, die zugleich für das menschliche Indi- 
viduum Erfüllungsgewissheit mit den Werten ewigen Lebens bedeuten". — 
0. v. d. Pfordten, Erkenntnistheorie und Konformismus. S. 18. 
Das Programm des Konformismus lautet : „Wissenschaften als gegebenen 
Besitz hinnehmen heisst auch die von ihnen gebildeten Begriffe zunächst 
einmal als wertvoll akzeptieren und gelten lassen". — E. Mally, lieber 
die Unabhängigkeit der Gegenstände vom Denken. S. 37. „I. ,Dass 
ein Gedanke sich selbst erfasst', ist weder falsch noch wahr, sondern diese 
Worte entbehren eines legitimen Sinnes, und damit auch die Frage, ob 
ein Denken sich selbst erfasse. II. 1. Wenn es überhaupt einen Sinn hat, 
zu fragen, ob ein Gegenstand als eben erfasster oder als eben nicht er- 
fasster gedacht sei, so muss darauf geantwortet werden : Der Gegenstand 
ein^s Gedankens ist weder als durch diesen erfasster noch als durch ihn 
nicht erfasster getroffen, sondern ohne jede Rücksicht auf das gegenwärtige 
Bewusstsein. II. 2. Ein Gegenstand ist seinem Wesen nach unabhängig 
vom Erfassen; er ist derselbe, ob er erfasst ist oder nicht. IL 3. Wenn 
eine Aussage einen Sinn hat, d. h. wenn sie wahr oder falsch ist, so hat 
sie einen Sinn unabhängig vom Erfasstsein dessen, worüber sie aussagt: 
sie oder ihre Negation gilt von dem Gegenstande ,an sich', und nicht 
erst, weil dieser Gegenstand gedacht oder erfasst ist. III. Die Frage, ob 
jeder Gegenstand erfassbar sei, ist zu allgemein, d. h. zu unbestimmt ge- 
stellt, um einen legitimen Sinn zu haben. IV. 1. Wenn ,Sinn' so viel 
wie ,Erfasstsein' heisst, so haben Seinaussagen überhaupt keinen Sinn. 
IV. 2. Wenn ,Sein' so viel wie ,Erfasstsein' heisst, so haben Aussagen 
überhaupt keinen Sinn". — GL Böhme, Die Abhängigkeit der Raum- 
auffassungen Kants in der ersten Phase der vorkritischen Pe- 
riode oder von seiner Auffassung des Newtonseheii Attraktions- 
gesetzes. S. 52. Diese wird für die Jahre 1746-1758 nachgewiesen.— 
Rezensionen. — Selbstanzeigen. 



262 Zeitschriftenschau. 

2. Heft: A. Dorner, v. Hartmaiiiis Pessimismus. S. 129. Mit 

Rücksicht auf Korwans Aufsatz in Bd. 149 dieser Zeitschrift. K. hat die 
übrigen Auseinandersetzungen des Vf. s mit Hartmann ignoriert. „Ich 
muss darauf hinweisen, dass K. durchaus nicht diejenige philosophische 
Ruhe und Besonnenheit zu besitzen scheint, um in einen fremden Stand- 
punkt sich zu versetzen, sondern überall nur Irrtümer und Unkenntnis rügt, 
wo ich von ihm abweiche, und eben deshalb auch gelegentlich offene 
Türen einrennt". — M. Heidegger, Die Lehre vom Urteil im Posi- 
tivismus. S. 148. Es gibt vier Modifikationen des Psychologismus. „W. 
Wundt fasst das Entstehen, H. Maier das Bestehen aus Teilakten, Th. 
Lipps die Vollendung des Urteilsvorgangs vornehmlich ins Auge". „Fr. 
Brentano, der durch die am weitesten ausgreifende Fragestellung (Klassifi- 
kation der psychischen Phänomene) zu seiner Urteilslehre gelangt, ist des- 
halb Th. Lipps vorausgestellt, weil des letzteren Urteilslehre am meisten 
einer logischen sich nähert". W. Wundt leitet das Urteil aus der Grund- 
eigenschaft der apperzeptiven Geistestätigkeit ab. — H. Prager, Tom Sinn, 
Widersinn, Unsinn und Wahnsinn. S. 173. „Der Sinn eines Erleb- 
nisses ist als solcher seinem Inhalt nach vielfach unbestimmt und uner- 
kennbar, seiner Form nach, d. h. seinem unveränderlichen, einmaligen Sinn 
nach, aber stets vorhanden, es ist die Form, in die sich jede Wirklichkeit 
giessen muss, soll sie ihren Sinn bekommen". Widersinn ist, was seinem 
Wesen nach nicht rationalisierbar ist, was als irrational dem Erkennen sich 
gibt. Es darf nicht mit Unsinn = Sinnlosigkeit verwechselt werden. „Sinn- 
los ist ein Erlebnis dann, wenn kein Fünkchen der Vernunft es beleuchten 
kann". Im Wahnsinn fallen Erkenntnis und Erlebnis zusammen. „Nur 
das Genie kennt den Wahnsinn, und nur das Genie, der wunderbare ,Idiot', 
weiss alles'; das Genie in seinem Wahnsinn oder in einem Augenblicke, 
seines Wahnsinns hat die Welt restlos erkannt und völlig erlebt". — Fr. 
Selety, Ueher die Wiederholung des Gleichen im kosmischen Ge- 
schehen infolge des psychologischen Gesetzes der Schwelle. S. 185. 
Mit Wahrscheinlichkeit kann man behaupten: „Ist die Zahl der möglichen 
Fälle beschränkt, und ist Raum und Zeit unendlich, so kommt jeder mög- 
liche Fall vor und zwar unendlich oft". Aber die Bedingung der endlichen 
Zahl möglicher Fälle lässt sich nicht beweisen. „Ich glaube aber die Be- 
dingung beweisen zu können, dass alle Fälle, die in der Natur vorkommen, 
Gruppen mit einer endlichen Zahl von möglichen Fällen angehören, von 
denen einige wahrscheinlich unendlich oft vorkommen ; z. B. werde ich 
zeigen, dass es eine endliche Zahl möglicher optischer Phänomene gibt, 
und brauche dann nur die Annahme, dass Licht von gewisser Intensität 
überhaupt unendlich oft im Universum vorkommt. Dann muss es uns 
wahrscheinlich vorkommen, dass alle Phänomene dieser Gruppe unendlich 
oft sich wiederholen". Nach dem Gesetze von der Schwelle existiert nur 
eine endliche Zahl unterscheidbarer Möglichkeiten. „Wir können daher 



Zeitschriftenschau. 263 

unter jenen Voraussetzungen den Schluss ziehen, dass ein Mensch, wenn 
er im unendlichen Räume genug weit fortschreiten oder in der Zeit an 
derselben Stelle genug lange warten könnte, mit Notwendigkeit jedes Gesichts- 
feld wieder erleben müsste, d. h. es gibt in der Natur zu jedem endlichen 
sichtbaren Ding und Ereignis unzählige, die sich für die Wahrnehmung 
durch nichts von diesem unterscheiden würden". — Rezensionen. 

B. Zeitschriften vermischten Inhalts. 

1] Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie 
und Soziologie, herausgegeben von P. Barth. Leipzig 1914, 
• Reisland. 

1. Heft: E. Sauerbeck, Vom Wesen der Wissenschaft. S. I. 

, Zusammenfassung : Ausser Unterschieden des Gegenstandes (oberster : 
Natur und Geist) zeigen die — echten — Wirklichkeits - Wissenschaften 
Unterschiede des gedanklichen Verfahrens der Methode. Reide Arten des 
Unterschiedes gehen nicht etwa in der Weise parallel, dass durchweg 
Unterschieden im Gegenstand solche in der Methode entsprächen. Es gibt 
eine einzige Methode, die unzweifelhaft einem der beiden Hauptgebiete, 
und zwar dem psychischen, eigentümlich ist: die teleologische Methode, sie 
gerade ist in manchem Betracht eine unvollkommene Methode, nur im 
Bunde mit anderen zu wissenschaftlicher Leistung fähig. Die übrigen (3) 
Methoden sind auf Gegenstände der einen wie der andern Art anwendbar 
. . . Die den beiden Reihen der Gegenständlichkeit, dem Physischen und 
Psychischen, gemeinsamen Methoden sind I. die Methode des Empirismus, 
11. eine Methode rationalistischer Art". Neben den echten Wirklichkeits- 
wissenschaften gibt es 1. unechte; sie bestehen aus blossem Wissen von 
Art, Ort, zeitlichem Verhalten der Dinge, 2. Vorwissenschaften, Systematik. 
— Sw. Ristitsch, Der Satz vom Grunde und die Gründung- der 
punktuellen dynamischen Atomistik. S. 82. Zur Erinnerung an St. 
J. Boscowich und dessen Kritik Leibniz'. „In der punktuellen dynamischen 
Atomistik von B. wird der logische Grund und der Realgrund prinzipiell 
unterschieden gegen das Leibnizsche System". — Friedrich Jodl f. Er 
war 8 Jahre lang ein treuer Freund und Berater dieser Zeitschrift. „Viel- 
leicht hat Jodl die Schwierigkeit der neuen Wege unterschätzt, seine ehr- 
liche Folgerichtigkeit bleibt darum nicht weniger anzuerkennen". — Notizen : 
Gerade, Ebene, Raum von E. Bartel. — Um Kants Grab. — Preis- 
aufgabe der Kant-Gesellschaft : „Der Einfluss Kants und der von ihm aus- 
gehenden deutschen idealistischen Philosophie auf die Männer der Reform- 
und Erhebungszeit". — Besprechungen. 

2. Heft: A. Jarotzky, lieber das Problem einer individual- 
psychologischen Begründung einer altruistischen Moral. S. 151. 



264 Zeitschriftenschau. 

Das Pflichtgefühl ein ererbter Instinkt. Die bisherigen Versuche, den Ge- 
horsam gegen das Pflichtgefühl rational zu begründen, sind verfehlt. Die 
Harmonie zwischen Individuum und Gesellschaft ist Tatsache. Die altruisti- 
sche (soziale) Gesinnung ist Mittel der höchsten Entfaltung der Persönlich- 
keit. — R. Müller - Freienfels, Die Bedeutung der motorischen 
Faktoren und der Gefühle für Wahrnehmung, Aufmerksamkeit 
und Urteil. I. S. 215. „Die Vorstellung ist in Wirklichkeit die Repro- 
duktion einer Wahrnehmung, d. h. des ganzen Komplexes von Empfindung, 
Gefühl und Bewegungstendenzen." — Besprechungen. 

3. Heft: Fr. Dittmann, Die Geschichtsphilosophie Comtes und 
Hegels. Ein Vergleich S. 281. „Als vorläufiges Ergebnis können wir 
feststellen, dass C. und H., indem sie beide von ihren ursprünglich ent- 
gegengesetzten Voraussetzungen etwas abweichen, sich schliesslich gewisser- 
massen auf einer mittleren Linie begegnen". — A. Kranold, Methodo- 
logische Betrachtungen zum Problem der sozialen Fehlurteile. S. 313. 
Steffen unterscheidet zwei grosse Gruppen : Den sozialen Aberglauben und 
die sozialen Vorurteile, gelegentlich nennt er noch einen dritten Typus: 
„Das Verkehrtdenken", — R. Müller - Freieufels, Die Bedeutung der 
motorischen Faktoren und der Gefühle für Wahrnehmung, Auf- 
merksamkeit und Urteil. II. S. 335. III. Das Wahrnehmen in seiner 
synthetischen Funktion : Dingbildung, Typisierung, Generalisierung. IV. Wahr- 
nehmungsurteile und Wahrnehmungsbegriffe. Man wird dem Wesen des 
Urteils nur gerecht, „wenn man es als Handlung, als motorischen Akt 
fasst". „Und genau so wie mit dem Urteil ist es mit der davon unzer- 
trennlichen Lehre vom Begriff. Auch dieser ist zunächst eine automatisch 
erfolgende, motorisch - akustische Formulierung einer Wahrnehmung". — 
W. Sturm, Die logischen Mängel der Machschen Antimetaphysik 
und die realistische Ergänzung seines Positivismus. S. 372. Die 
realistische Ergänzung ist: „Erfahrungsmässige Notwendigkeit des Dinges 
an sich. Unnötigkeit des selbständigen Subjekts. Die Annahme des Sub- 
jektes als Wurzel der dem Ding an sich zugeschriebenen Widersprüche". 

4. Heft: H. Werner, Eine psychophysiologische Theorie der 
Uebung. S. 447. „Zwei gleichzeitige Auslösungen psychophysischer 
Phänomene rufen zwischen ihren Erregungsstationen eine ßahnung hervor, 
die um so stärker wird, je öfter diese gleichzeitige Erregung erfolgt, und 
die schliesslich dazu führt, dass die beiden Phänomene einander in allen 
Wirkungen stellvertreten können". Die Uebungsfähigkeit beruht auf dem 
physiologischen Gegensatz der Spannung und Entspannung, dem psycho- 
logischen Gegensatz der Unlust und Lust. — Besprechungen. 



Zeitschriftenschau. 265 

2] Divus Dr. Thomas, Jahrbuch für Philosophie und speku- 
lative Theologie, II. Serie, herausgegeben von E. Commer. 
Wien und Berlin 1914, Mechitaristenclruekerei. 

1. Heft: E. Commer, J. Gredts Elemente der Philosophie. S. 1. 

Das Werk des Mitarbeiters Comraers wird warm gewürdigt ; es ist ihm 
auch die höchste Auszeichnung zu teil geworden durch Pius X. , der Vf. 
widmet ihm zu seinem Triumph als Encomium einen „Titulus". — H. Kirfel, 
Das natürliche Verlangen nach der Anschauung Gottes. S. 33. 
Die darauf bezügliche Stelle des hl. Thomas 1 q. 12 a. 1 macht den Er- 
klärern grosse Schwierigkeit. Der Vf. urteilt: „Das natürliche Verlangen 
nach der Anschauung Gottes, aus welchem der hl. Thomas die Möglich- 
keit derselben zu beweisen suchte, beruht nicht auf der übernatürlichen 
Erkenntnis von göttlichen Wirkungen, die der übernatürlichen Ordnung an- 
gehören, sondern auf der natürlichen Erkenntnis irgend welcher natürlichen 
Wirkungen; es zielt formell und direkt nicht auf die volle Erkenntnis der 
göttlichen Wesenheit als solcher, sondern auf die volle Erkenntnis der 
ersten Ursache der geschauten Wirkungen ab; man kann es ein wirk- 
sames Verlangen nennen, insofern es den Menschen zum Nachdenken und 
Nachforschen über die erste Ursache antreibt". — R. M. Schultheis, Be- 
merkungen zur Lehre von den Merkmalen der Kirche. S. 57. Die 
Bemerkungen beziehen sich auf Auffassungen von Spacil und Ottiger. — 
R. Kopp, Vaterland und Vaterlandsliebe. S. 89. „Nach der christ- 
lichen Moral mit besonderer Berücksichtigung des hl. Thomas". — Lite- 
rarische Besprechungen. 

2. Heft: G. M. Mauser, Zur Geschichte der Philosophie der 
patristisch-mittelalterlicheu Zeit. S. 133. 1. Histoire de la Philosophie 
ancienne, par C. Sortais. 2. Avicennas Bearbeitung der aristotelischen 
Metaphysik, von K. Sauter. 3. Die Hauptlehren des Averroes nach seiner 
Schrift : Die Widerlegung des Gazali, von M. Horten. — J. Gredt, H. Ostlers 
Kritischer Realismus. S. 147. Vf. stimmt Ostler zu, wenn er die 
sekundären sinnlichen Eigenschaften, Farben usw., für objektiv erklärt, glaubt 
aber, dass nicht bloss „die Aussenwelt unseres Leibes, wie Ostler will, 
sondern auch die Umwelt unmittelbar erkannt werde". — R. Kopp, Vater- 
land und Vaterlandsliebe. S. 160. Der hl. Thomas nennt das Vater- 
land das connaturale prineipium producens (nos) in esse et gubernans und, 
erklärend, in qua nati et nutriti sumus. Während bei Aristoteles Bürger- 
recht Zugehörigkeit zum Vaterlande bedeutet, können auch Nichtbürger 
ein Vaterland haben. „Die katholische Kirche berücksichtigt den nationalen 
Gedanken ihrer Glieder, sie respektiert das irdische Vaterland ihrer Glieder, 
zeigt ihnen die Wege zum gemeinsamen unvergänglichen Vaterland. Der 
Katholik ist also nicht , vaterlandslos', und die katholische Kirche ist nicht 
,vaterlandsfeindlich'. Sie arbeitet an den Grundfesten des Vaterlands". — 



266 Zeitschriftenschau. 

Literarische Besprechungen. — Fr. Zimmermann , Des Claudius Ma- 
mertus Schrift: De statu animae libri tres. S. 238. 

3. Heft : Pius X. Gedicht von E. Commer. S. 256. — E. Com- 
merz, Kardinal LorenzeJli. S. 257. Bildnis und Lebensskizze des her- 
vorragenden Thomisten und Prätekten der Studienkongregation. — Doku- 
mente Pius' X. S. 259. Motuproprio de potestate conferendi academicos 
gradus facta Anselmiano Urbis Collegio. Motupr. de studio doctrinae S. 
Thomae A. in scholis catholicis promovendo. — E. Commer, Die Päpst- 
lichen Allokutionen vom 25. und 27. Mai. S. 266. — R. Kopp, 
Vaterland und Vaterlandsliebe. S. 297. „II. Teil : die Vaterlandsliebe". 
- Fr. Zimmermann, Des Claudius Mamertus Schrift : De statu ani- 
mae libri tres. S. 333. II. Darstellung des Inhaltes. — J. Gredt, 
Aristotelica. S. 368. Die Lehre vom Ursprung des menschlichen Geistes 
(berücksichtigt die entsprechende Schrift von Brentano 1911). 2. Ar. und 
seine Weltanschauung. Kritik Brentanos. 3. Aristoteles über die Seele. 
Uebersetzung von A. Busse. 4. Aristoteles' Politik. Uebersetzt und erklärt 
von E. Rolfes. — Kritische Besprechungen. 

4. Heft : E. Commer, Bild und Titulus, Benedict. XV. — Doku- 
mente Pius' X. „In diesen schweren, schwarzen Wolken ging die Sonne der 
Kirche vorzeitig unter". „So schied er, wie der siebente Gregor, mit dem 
Bewusstsein: Dilexi iustitiam et odivi iniquitatem". — R. Kopp, Vaterland 
und Vaterlandsliebe nach der christlichen Moral mit besonderer 
Berücksichtigung des h!. Thomas. S 445. Stellung der Vaterlands- 
liebe in der Summa theol. Die Vaterlandsliebe in ihren Teiltugenden. Die 
Gerechtigkeit und die ihr beigegliederten Tugenden ; die anderen Kardinal- 
tugenden. „Die Lehre des hl. Ihomas über Vaterland und Vaterlands- 
liebe geht also den goldenen Mittelweg zwischen den beiden Extremen des 
Kosmopolitismus und des Radikalnationalismus". — Fr. Zimmermann. 
Des Claudius Mamertus Schrift : De statu animae libri tres. S. 470. 
III. Darstellung des Systems. — Fr Herzig, Zur Geschichte und Philo- 
sophie des psycho-physischen Parallelismus. S. 495. Vf. vertritt 
die aristotelisch-scholastische Leine. — Literarische Besprechungen. 



Novitätenscliau. 



Eine Bibliographie der philosophischen Erscheinungen 

des Jahres 1914. 



Zusammengestellt von 
Prof. Dr. Pohle in Breslau und Prof. Dr. Ed. Hartmann in Fulda. 

Die mit einem * bezeichneten Werke gehören dem Jahre 1913 an. 



I. Allgemeines. 

A. Lehrbücher und allgemeine Darstellungen. 

Abhandlungen der Friesschen Schule. Neue Folge. Herausgegeben 
von G. Hessenberg und L. Nelson. IV. Band. 3. Heft. Göttincn, 
Vandenhoeck u. Ruprecht gr. 8. 427 — 691 S. M. 6,80. 

Amor Ruibal, A., Los problemas fundamentales de la filosofia y del 
dogma. Tome I. Santiago. 8. 403 p. Pes. 6. 

Bergson, H., L'evolution creatrice. 15 e edition. Paris, Alcan. Fr. 7,50. 

— , Matiere et memoire. Essai sur la relation du corps ä l'esprit. ll e 
edition. Paris, F. Alcan. Fr. 5. 

Calgara, A., La filosofia scolastica e il filosofismo moderno. Sulmona, 
Tip. sociale. 

Cohen, H., System der Philosophie. 1. Teil. Logik der reinen Er- 
kenntnis 2. verbesserte Aufl. Berlin, B. Cassirer. gr. 8. XXVIII, 
612 S mit Bildnis. M. 14. 

Colin et, Ph., Philosophie, histoire, religions. Louvain, Desbarax. 

Oonat, J. S. J., Summa philosophiae christianae. Pars I. Logica. 
Editio secunda et tertia. Pars III. Ontologia. Editio secunda et 
tertia, Pars VI. Theodicea. Iunsbruck, Rauch. 8. VIII, 152; V, 
206; VI, 227 p. M. 1,60; 2,15; 2,45. 

Enriques, F., Problems of science. London. 8. Sh. 10. 

Festschrift für Alois Riehl. Von Freunden und Schülern zu seinem 
70. Geburtstage dargebracht. Halle, Niemey^r. gr. 8 VII, 522 S. 
mit 1 Bildnis. M. 14. 

Fouillee, A., Esquisse d'une Interpretation du monde. Publiee par E. 
Boirac. Paris, Alcan. 8. 417 p. 

Funke, H., Philosophie und Weltanschauung. Skizzen zur Einführung 
in das Studium der Philosophie und zur philosophischen Orien- 
tierung für weitere gebildete Kreise. r'ad«rborn, Bonifatius-Druckerei. 
8. XV, 178 S. M. 2,20 



268 Novität enschau. 

Hagemann, G„ Elemente der Philosophie. II. Metaphysik. Ein Leit- 
faden für akademische Vorlesungen sowie zum Selbstunterricht. 

7. Aufl., durchgesehen und teilweise umgearbeitet von A. Enders. 
Freiburg, Herder, gr. 8. X, 240 S. M. 3,20. 

Hofmann, P, Die antithetische Struktur des Bewusstseins. Grund- 
legung einer Theorie der Weltanschauungsformen. Berlin, G. Reimer, 
gr. 8. XVIII, 421 S. Jk 8. 

Guerrieri, A., Questioni e note di filosofia contemporanea. Perugia, 
Unione tip. cooperativa. 8. 464 p. L. 6. 

James, W., Introduction ä la philosophie. Essai sur quelques problemes de 
metaphysique. Traduit par R. Picard. Paris, Riviere. 8. 301 p. Fr. 4. 

Jevons, F. B., Philosophy what it is. Cambridge, University Press. 8. 
144 p. Sh. 1/6. 

K! imke, F., II monismo e le sui basi filosofiche. Studio critico. Traduz. 
del Prof. A. Ferro. 2 vol. Firenze, Libreria Edit. Fiorentina. L. 10. 

Lech er t, A., Brevis cursus philosophiae iuxta systema S. Thomae 
Aquinatis complectens Logicam, Metaphysicam atque Ethicam ad 
usum iuvenum studiosorum per quaesita et responsa expositus. 
Vol. I. Logica et Ontologia. Freiburg, Herder. 302 p. Fr. 3. 

L es sing, Th., Philosophie als Tat. Zwei Teile. Göttingen. Hapke. 

8. XV, 481 S. Jk 8. 

Licht, F. M., Katechismus der Philosophie für Jeden, der lesen kann 
und willig ist, geschrieben. Bamberg, Handels-Druckerei und Verlags- 
haudlung. 8. 59 S. Jk. 1. 

Ma^giore, G., L'unitä del mondo nel sistemo del pensiero. Palermo, 
Firenze. 8. 282 p. L. 5. 

Meiuongs, AI., gesammelte Abhandlungen. Herausgegeben und mit Zu- 
sätzen versehen von seinen Schülern. In 3 Bänden. 1. Band. Ab- 
handlungen zur Psychologie. Leipzig, Barth, gr. 8. X, 634 S. M. 16. 

Natorp, P., Philosophische Propädeutik in Leitsätzen zu akademischen 
Vorlesungen. Allgemeine Einleitung in die Philosophie und Anfangs- 
gründe der Logik, Ethik und Psychologie. 4., wiederum durch- 
gesehene Auflage. Marburg, Elwerts Verlag. 8. 70 S. Jk. 1,50. 

Page, CS., The New Philosophy. Chicago. 8. 808 p. $ 4,50. 

Ppsch, T. S. J., Institutiones logicae et ontologicae secundum prineipia 
S. Thomae Aquinatis ad usum scholasticum accomodatae. Pars I. 
Introductio in philosophiam et Logica. Ed. II. abbreviata, emendata, 
novis aucta a Carolo Fr ick, S. J. Freiburg, Herder. XXII, 683 S. 
gr. 8. M. 12. 

Petitot, H., Introduction ä la philosophie traditionelle ou classique. 
Paris, Beauchesne. kl. 8. 227 p. Fr. 3. 

Philosophie, die, der Gegenwart. Eine internationale Jahresübersicht 
über alle auf dem Gebiete der Philosophie erschienenen Zeitschriften, 
Bücher, Aufsätze, Dissertationen usw. in sachlicher und alphabetischer 
Anordnung, herausgegeben von A. Rüge. III. Literatur 1912. 
Heidelberg, Weiss, gr. 8. XII, 324 S. Jk 17,50. 

Rüge, A., Einführung in die Philosophie. Zugleich an Stelle der 
5. Auflage von J. H. Kirchmanns „Katechismus der Philosophie", 
kl. 8. VIII, 238 S. Jk 3. 

Spir, A, Saggi die filosofia critica. Milano. 8. XLVJII, 150. L. 2,50 

üpbues, G., Di« Sinnenwell und Idtmnwaid. Oötetwieck, Zickfeldt. gr. 
8. 47 S. Jk 1,60. 



Novitätenschau. 269 

Willmann, 0, Historische Einführung in die Metaphysik. 3. Teil der 
Philosophischen Propädeutik für den Gymnasialunterricht und das 
Selbststudium. Freiburg, Herder, gr. 8. IV, 124 S. M. 2. 

Windel band, W., Einleitung in din Philosophie. Tübingen Mohr 
gr. 8. XII, 441 S. M. 7,50. 

—-, Präludien, Aufsätze und Reden zur Philosophie und ihrer Geschichte. 
5., erweiterte Auflage. 2 Bände. Tübingen, Mohr. 8. XI, 299 S* 
und IV, 345 S M. 10. 

Zum 70. Geburtstag Alois Riehls. Festschrift der Kantstudien. Mit 
Beiträgen von F. Medicus, R. Hönigswald, H. Spitzer, H Scholz, 
H. Rickert, B. Hell herausgegeben von H. Vaihinger und B. Bauch, 
Berlin, Reuther & Reichard. gr. 8. III, 248 S. Mit 1 Bildnis. M. 5.' 

B. Philosophische Zeitschriften. 

American Journal of Psycho.logy. Edited by G. Stanley-Hall, E. 

C. Sanford and E. B. Titchener. Clark University, Worcester, Mass. 

Fl. Chandler Publisher. 4 numbers per year $ 5. 
American Journal of Religious Psychology and Education. Edited 

by G. Stanley Hall. L. N. Wilson, Publisher. Worcester, Mass. 

The volume of 6 parts begins in July. Per year $ 2,50. 
Annalen der Naturphilosophie. Jährlich 4 Hefte, die einen Band 

bilden. Herausgegeben von W. Ostwald. Leipzig, Veit & Co. M. 14. 
Annales des Sciences psychiques. Recueil d'observations et d'ex- 

periences. Directeur: Darieux. Paraissant tous les deux mois Paris 

Alcan. Fr. 12. 

Annee philosophique. Publiee sous la directum de F. Pillon. 24 e annee 
1913. Paris, Alcan. Fr. 5. 

Annee psychologique. Publiee par A. Binet avec la collaboration de 
Larguier des Bancels, Th. Simon, Maigre, Plateau, Ruyssen, Stern 
20^ annee. 1913. Paris, Masson. 8. Fr. 15. 

Annee sociologique. Periodique annuel, publie sous la direction de' 
E Durkheim. 17« annee (1912— 1913). Paris, Alcan. 8. ^r. 12,50. 

Apollon. Herausgegeben von Sergius Makowski-Petersburg, Selbst- 
verlag. Jährlich 12 Hefte. Rubel 12. 

Archives de Psychologie. Parait ä dates irregulieres. Environ 4 fas- 
cicules par annee. Le prix de chaque fascicule varie suivant sa 
grosseur. Par abonnement: Fr. 15 pour un volume (au moins 400 
pages). Geneve, Kundig (Paris, Lemoigne). 

Archives of Philosophy, Psychology and Scientifics Methods. 
Edited by C a 1 1 e 1 and W o o d b r i d g e. New-York, Sub Station 84. 1 vol. $ 5. 

Archiv für die gesamte Psychologie. Unter Mitwirkung von 
H. Höffding, A. Kirschmann, E. Kräpelin, 0. Külpe, A. Lehmann, 
Th. Lipps, G. Martius, G. Störring und W. Wundt herausgegeben 
von E. Meumann und W. Wirt h. Leipzig, Engelmann. Erscheint 
in Heften, deren vier einen Band von etwa 40 Bogen bilden. 

Archiv für Philosophie in zwei Abteilungen, nämlich 

Archiv für Geschichte der Philosophie. In Gemeinschaft mit 
B. Erdmann und P. Natorp herausgegeben von L. Stein. 
XX. Bd. 1—4. Berlin, Reimer, gr. 8. M. 1. 

Archiv für systematische Philosophie. Herausgegeben von B. 
Erdmann, P. Natorp und L. Stein. Neue Folge der philosoph. 
Monatshefte. Berlin, Reimer, gr. 8. Bd. XX. 1—4. M. 12 



270 Novitätenschau. 

Archiv für Rechts- und Wirt schaf tsph il osophie mit, beson- 
derer Berücksichtigung der tiesetzgebungsfragen. Herausgegeben von 
J. Kohler und Fr. Berolsheimer. Berlin-Wilmersdorf, Rothschild, 
gr. 8. 

Athenaeum. Philosophische und staatswisseuschaftliche Zeitschrift. 
Herausgegeben von d^r ungarischen Akademie der Wissenschaften. 
Redakteur J. Fauer. Jährlich 4 Hefte. f(r. 10 

Blätter zur Pflege persönlichen Lebens. Herausgegeben von 
J. Müller, Mainberg (Uuterfrauken). Verlag der Grünen Blätter. 
Jährlich 4 Hefte. Ji 3,40. 

BöJcseleti Folyöirat (Philosophische Blätter). Scerkeszti es kiadja 
Dr. K i s s. Budapest, gr. 8. 4 Hefte. FL 5. 

Bolletino della Biblioteca Filosofica. Fireaze, Piazza Donatello 5. II 
Bolletino si publica mensilmente. 

British Journal of Psycholog y. Edited by Warren and W. 
H. Rivers, Cambridge, University-Press. 1 vol. Sh. 15. 

Bulletin de la Societe frau§aise de Philosophie. Administrateur : 
M. X. Leon, Secretaire general: M. A. Lalande. 13 e annee. 
Chaque annee 8 numeros. Fr. 8 (Union postale Fr. 10). 

Bulletin d* l'Institut de sociologie Solvay. Bruxelles, 
Parc Leopold. Publication periodique paraissant en fasciculea grand 
in -8. L'annee forme un volume de 100 feuilles environ. Prix de 
l'abonneinent JFr. 20. 

Bulletin de l'Institut general psychologique. Administrateur: 
Courtier. 6 fois par an. Paris, rue de Conde 14. Fr. 20. 

Bulletin delaSociete libre pour l'etude psychologique de 
l'enfant. Administratenr: Boitel. Paris, Schleicher. 4 fasc. par an. 
Fr. 3. 

Bulletin de la Societe d'etudes de Marseille. Administrateur : 
Anastay. Tous les deux mois. Marseille, rue de Rome 41. Fr. 2. 

Bulletin de la Societe d'etudes psychiques de Nancy. Ad- 
ministratur: Thomas. Tous les deux mois. Nancy, rue de Faubourg 
St. Jean 25. Fr. 6. 

Bulletin mensuel de l'Institut de Sociologie. Editeurs: Misch 
et Thron. Chaque annee un fort volume de plus de 1500 pages de 
texte serre. Paris, Riviere. Fr. 10. 

Ceskä Mysl. Philosophische Zeitschrift. Organ der philosophischen 
Assoziation. Herausgegeben von Fr. Cäda und Fr. Krejci. Prag, 
Leichter. Jährlich 6 Hefte. Kr. 8. 

Ciencia Tomist a. Rivista cientifica. Bajo la direccion de los Dominicanos 
Espanoles. Madrid, St° Domingo el Real. Jährlich 6 Hefte. 

Coenobium. Rivista internazionale di liberi studi. Lugano. Casa edit. 
del Coenobium. Un anno. L 12. 

Critica. Rivista di Letteratura, Storia e Filosofia. Diretta da B. Croce. 
Napoli, Laterza. Si publica ogni bimestre in fascicoli die 80 pagine. L. 8. 

Cultura Filosofica. Rivista bimensile. Direttore: Sarlo. Prato 
Colini. L. 8. 

Experimentelle Pädagogik. Organ der Arbeitsgemeinschaft für ex- 
perimentelle Pädagogik mit besonderer Berücksichtigung der experi- 
mentellen Didaktik und der Erziehung Schwachbegabter und abnormer 
Kinder. Begründet und herausgegeben von W. A. Lay und E. Meu- 
mann. Leipzig, Nemnich. gr. 8. Jährlich 2 Bände ä M>. 6,50. 



Novitätenschau. 271 

Fortschritte der Psychologie und ihrer Anwendungen. Unter Mitwirkung 
von W. Peters herausgegeben von K. Mar be. Leipzig, Teubner er 8 
1 Band 6 Hefte. M. 12. 8 ' 

Hibbert Journal. Edited by Jacks. A Quarterly Review of Religion, 
Theology and Philosophy. London, Williams & Norgate. Each volume 
has four parts. Sh. 10. 

Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft. Kiel (Beselerallee 39), Verlag 
der Schopenhauer-Gesellschaft, gr. 8. XVI, 335 S. mit 1 Bildnis M 10. 

Jahrbücher der Philosophie. Eine kritische Uebersicht der Philo- 
sophie der Gegenwart. Herausgegeben in Gemeinschaft mit zahlreichen 
Fachgenossen von Frischeisen-Köhler. 2. Jahrgang Berlin 
Mittler & Sohn. VI, 240 S. M. 8. 

Jahrbüchlein der „Gustav Glogau-Gesellschaft". Herausgegeben von 
Prof. Cl äsen, Flensburg. Geschäftsleitung: W. Frühauf, Lingen (Ems). 
M. 0,40. 

Jahrhundert, Das monistische. Zeitschrift für wissenschaftliche Welt- 
anschauung und Kulturpolitik (7. Jahrgang der Zeitschrift des deutschen 
Monistenbundes). Im Auftrage des deutschen Monistenbundes heraus- 
gegeben von W. Ostwald. München, Reinhardt. 18 Hefte. M. 8. 

Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geistes- 
wissenschaften. Herausgegeben von S. Freud. Schrittleitung- 
Rank und H. Sachs. 2. Jahrg. Wien, Heller. 6 Hefte. M. 15. 

International Journal of Ethics. Edited by Bums Weston, 
Philadelphia. Red. F. Tilly, Cornell University, Ithaca, New -York! 
Four parts. $ 2,50. 

Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse. 
Offizielles Organ der internationalen psychoanalytischen Vereinigung. 
Herausgegeben von S. Freud, redigiert von S. Ferenczi und Rank. 
Leipzig, Heller. Je 6 Hefte m 18. Zusammen mit „Imago" M 30. 

Internationale Zeitschrift für wissenschaftliche Synthese. 
Redigiert von G. Bruni, A. Dionisi, F. Enriques, A. Giardina 
und E. Rignano. Leipzig, Engelmann. Jährlich 4 Lieferungen von ie 
150 bis 200 S. M. 20. 

Journal de Psychologie normale et pathologique. Dirige par 
P. Jan et et G. Dumas. XI«* annee. Paris, Alcan. Parait tous les 
deux mois. Un an Fr. 14. 

Journal für Psychologie und Neurologie. Herausgegeben von 
A. Forel und 0. Vogt. Redigiert von K. Brodmann. Leipzig, 
Barth. In zwanglosen Heften erscheinend. 6 Hefte bilden einen Band 
der 20 M. kostet. 

Journal of abnormal Psychology. Edited by Prince. Bimonthly 
Boston, The Old Corner Bookstore. % 3. 

Journal of comparative Neurology and Psychology. Editors: 
C. L. Herrick, C. J. Herrick, R. M. Yerkes. On volume of six 
numbers each year. Adress Subscriptions G. J. Herr ick, Denison 
University, Granville, Ohio. $ 4,30. 

Journal of Philosophy, Psychology and Scientific Methods. 
Edited by Woodbridge. Bimens. Lancaster, Scientific Press. $ 3. 

Kantstudien. Philosophische Zeitschrift. Unter Mitwirkung von E. Adickes, 
E. Boutroux, J. E. Creighton, B. Erdmann, R. Eucken, P. Menzer, 
A. Riehl und W. Windelband herausgegeben von H. Vaihinger und 
Br. Bauch. Die Kantstudien erscheinen in zwanglosen Heften, die 



272 Novitätenschau. 

zu Bänden von ungefähr 500 Seiten zusammengefasst werden. Berlin, 
Reuther & Reichard. Preis des Bandes M. 12. 

Leben, Das. Zeitschrift einer universal neuen Weltanschauung. Heraus- 
gegeben von P. Becker. 4. Jahrgang. Magdeburg, Verlag der Zeit- 
schrift „das Leben". 26 Nummern. M. 2.80. 

Lebensreform, Die. Herausgegeben von E. W. Trojan. 20. Jahr- 
gang. Schöneberg-Berlin, Verlag „Lebensreform". 24 Nummern. M. 4. 

Leonardo, Rivista d'idee. Direttore Papini. Esce ogni due mesi. 
Firenze, Borgo Albizi. Fr. 7,50. 

Logos. Internationale Zeitschrift für Philosophie der Kultur. Unter Mit- 
wirkung von R. Eucken, O. Gierke, E. Husserl, Fr. Meinecke. 
H. Rickert, G. Simmel, E. Troeltsch, M. Weber, W. Windel- 
band und H. Wölfflin herausgegeben von G. Mehlis. Tübingen, Mohr. 
Lex.-8. Jährlich M 9. 

Mendel Journal. Edited by Taylor, Garnett, Evans. London. 

Menschenkenner, Der. Monatsschrift für praktische Psychologie. Heraus- 
gegeben von F. Dumstrey und M. Thumm Kintzel. 7. Jahrgang. 
12" Nummern. Leipzig, Wigand. gr. 8. Jährlich M. 6. 

Menschheitsziele. Eine Rundschau für wissenschaftlich begründete 
Weltanschauung und Gesellschaftsreform. Herausgegeben von H. Mo- 
le naar. Leipzig, Wigand. 4 Hefte M. 6 (einzelne Hefte M. 1,80). 

Magyar filozofiai tärsasäg közlemenyei. Mitteilungen der Un- 
gar, philosoph. Gesellschaft. Budapest. Selbstverlag der Gesellschaft. 
4 Hefte. Kr. 8. 

M i n d. A Quaterly Review of Psychology and Philosophy. Edited by G. 
F. Stoot. Published for the Mind Association by London, Macmillan. 
Yearly Sh. 12. 

Mitteilungen der deutschen Gesellschaft für psychische Forschung. 
Schriftleiter: G. Kaleta. Leipzig, Theos. Verlagshaus. 12 Hefte. Mb. 

Mitteilungen der Gesellschaft für Tierpsychologie Im Auftrage der 
Gesellschaft herausgegeben vom geschäftsführenden Ausschuss. Ver- 
antwortlich. H. E. Ziegler. 2. Jahrgang. 4. Nummern. Elberfeld 
Roonstr. 54, Gesellschaft für Tierpsychologie, gr. 8. M. 3,20. 

Monatshefte der Comenius-Gesellschaft für Volkserziehung. 
Herausgegeben von L. Keller. Jena, Diederichs. 5 Hefte. M. 4. 

Monatshefte der Comenius-Gesellschaft für Kultur und Geistes- 
leben. Herausgegeben von L. Keller. Jena, Diederichs. 5 Hefte. 
M. 10. 

Monatsschrift für Soziologie. Seit 1910 verschmolzen mit dem 
Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, in Verbindung mit 
W. Sombart und M. Weber herausgegeben von E. Jaffe. Tübingen, 
Mohr. 

Monismus, Der, Zeitschrift für einheitliche Weltanschauung und Kultur- 
politik. Blätter des deutschen Monistenbundes. Herausgegeben von 
J. Unold. Redaktion: A. v. Hügel. München, Verlag des deutschen 
Monistenbundes. Jährlich 12 Nummern. M. 3. 

Monist. Edited byCarus. Devoted to the Etablishment and Illustration 
of the Principles of Monisme in Science, Philosophy, Religion and 
Sociology. Chicago, Open Court. $ 2. 

Monist. Halbmonatsschrift zur Förderung einer vernünftigen Einheits- 
Weltanschauung. Herausgegeben von A. Teichmann. 9. Jahrgang. 
Leipzig, Teichmann. 24 Nummern M. 6. 



Novitätenschau. 273 

Neue metaphysische Rundschau. Monatsschrift für philosophische, 
psychologische und okkulte Forschungen in Wissenschaft, Kunst und 
Religion. Herausgegeben von P. Zill mann. Berlin, Zillmann. 6 Hefte. 
M. 6. 

Nieuwe Banen. Maanschrift ter Verdedigingen Verdieping van de 
Christelijke Wereldsbeschouwung onder Redaktie van A. Hartog. 
Amsterdam, Kruyt. 10 Nr. Fl. 2,50. 

Nu ovo risorgimento. Rivista di filosofia, scienze, lettere, educazione 
e studi sociali. Torino, Bocca. 12 Hefte. 

Open Court. Edited by P. Carus. Chicago, Illinois, The Open Court 
Publishing Co. Published monthly, each number containing 64 p. 
1 vol. $ 1. 

Philosophical Review. With the Cooperation of J. Seth edited by 
J. E. Creighton, Cornell University, Ithaca, New-York. New- York, 
Longmans & Green. Jearly 6 numbers. Sh. 14. 

Philosophie de l'avenir. Revue de Socialisme rationel, paraissant 
tous les deux mois. Fondee par F. Borde. Bruxelles, Manceau. 8. Fr. 6. 

Philosophisches Jahrbuch. Auf Veranlassung und mit Unter- 
stützung der Görresgesellschaft unter Mitwirkung von J. Pohle und 
Chr. Schreiber herausgegeben von C. Gutberiet. XXVIII. Jahrgang. 
4 Hefte. Fulda, Actiendruckerei. gr. 8. Ji. 9. 

Philosophische Wochenschrift und Literatur -Zeitung. 
Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herausgegeben von 
Jerusalem, Kinkel und H. Renner. Leipzig, H. Rohde. Jähr- 
lich Jk 12. 

Pia tonist. Edited by Th. Johnson. 4 Hefte. Osceola, Missouri. 

Proceedings of the Aristotelian Society for the systematic Study 
of Philosophy. London, Williams and Norgate. 8. Sh. 2/6. 

Proceedings of the Society of Psychical Research. London, Trübner & Co. 

Przeglad Filosoficzny. Herausgegeben von W. Wer y ho. Warschau. 
Jährlich 4 — 5 Hefte. Ruh. 5. 

Psiche, Rivista di studi psicologici. Direttori: E Morselli, S. de 
Sanctis, G. Villa. Redattore-capo : R. Assagioli. Firenze, Via degli 
Alfani. La rivista si pubblica ogni due mesi in lascicoli di almeno 
64 p Abbonamento annuo : L. 10. 

Psychische Studien. Herausgegeben und redigiert von A, Aksakow. 
Leipzig, Mutze, gr. 8. Halbjährlich M. 5. 

Psychological Review. Edited by J. M. Baldwin, H. C. Warren. 
New-York, Macrnillan. The Review is issued in two sections : the 
Article Section appears bimonthly, the Literary Section 
(Psychological Bulletin) appears on the fifteenth of each month. 
Annuel Subscription to Both Sections $ 4 (Postal Union $ 4,30). 
In Connection with the Review is published annualy : 

Psychological Index. Index and Review. $ 4,50 (Postal Union 
$ 4,85). Index alone 75 (Postal Unione) Cents. 

Psychologische Studien. Herausgegeben von W. Wundt. Neue 
Folge der Philosophischen Studien. Die Psychologischen Studien 
erscheinen in Heften zu je 4 — 6 Bogen, von denen je 6 einen Band 
bilden. Leipzig, Engelmann. 

Psyke. Tidskrift for psykologisk forskning. Herausgegeben von Syd- 
ney Alrutz. Unter Mitwirkung von H. Höffding, A. Grotenfeld 
et M. Vold. Stockholm, Bonnier. 

18 
Philoiophiiehti Jahrbuek 1915 



274 Novität, enschau. 

Publications of the University of Pennsylvania. Philosophical 

Series, edited by G. St. Füll ertön and J. Mc. Keen, Philadelphia, 

University of Pennsylvania, Press Publishers. 
Rassegna critica di Filosofia, Scienze e Lettere. Fondata dal Prof. 

A. Anguilli. Anno XXXIII. Nuova Serie. Direttori: G. A, Golozza. 

et E. D. Marinis. 12 Hefte. Napoli. L. 7. 
Razon y Fe. Revista mensual. Redaccion A. Agailera. Madrid, Plaza 

de Sto Domingo. Pes. 20. 
Religion und Geisteskultur. Zeitschrift für religiöse Vertiefung 

des modernen Geisteslebens. Herausgegeben von Steinmann. 

Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht. 4 Hefte. M. 6. 
Review of Theology and Philosoph y. Edited by Allan Menzies. 

Edingburgh, Schultze & Co. Yearly Subscription Sh. 15. 
Revue de l'Hypnotisme et delaPsychologie physiologique. 

Dirigee par Berillon. 21 e annee. Paris. 
Revista de Studii Sociale. Publicata de G. D. Scraba. Bucuresti. 

Abonnement 8 lei pe an. 
Revue de Metaphysique et de Morale. Secretaire de la Redaction: 

X. Leon. Paraissant tous les deux mois. 22 e annee. Paris, Colin. 

gr. 8. Un an (6 numeros): Fr. 11. Union postale Fr. 15. 
Revue de Philosophie. Directeur: E. Peillaube. I5 e annee. Parait 

tous les mois. Prix de l'abonnement : Fr. 20. Union postale Fr. 25, 
Revue des Etudes psychiques. Directeur: D. Vesme. Paris. 

Passage Saulnier 23. Fr. 8. 
Revue des Idees. Etudes de critique generale. Paraissant le quince 

de chaque mois. Directeur: E. Duj ardin. Prix du numero: 

lr. 1,40. France un an Fr. 16. Union postale Fr. 18. Admini- 
stration: Paris, rue du Vingt-neuf Juillet 7. 
Revue des'sciences philosophiques et theologiques. Paris, 

Lecoffre. 4 Hefte ä 14 Bogen. Fr. 12. 
Revue generale des sciences psychiques. Directeur: E. Bosc. 

Publiee tous les mois. Paris, Daragon. Abonnement annuel Fr. 10. 
Revue des sciences psychologiques, psychologie, psychiatrie, 

Psychologie sociale, methodologie. Publiee par J. Tastevin et 

P. L. Couchoud. Paris, Rivi^re. 4 fascicules. Fr. 12,50. 
Revue internationale de psychologie comparative. Direc- 
teur: A. Mailloux. Editeurs: V. Giard et E. Briere. Parait deux 

fois par mois. Paris, rue du Soufflot 15. Fr. 15. Union postale 

Fr. 18. 
Revue international de sociologie. Publiee par R.Worms 

et la societe de sociologie de Paris. Paris, Giard & Briere. 

12 num. Fr. 20. 
Revue mensuelle de l'Ecole d'Ant hr opologie de Paris. Dirigee 

par les professeurs de cette ecole. Fr. 10. 
Revue Neo-Scolastique. Publiee per la Societe philosophique de 

Louvain. Fondateur: D. Mercier. Louvain, Institut superieur de 

Philosophie. 21 e annee, 4 numeros. Fr. 10. Union postale Fr. 12. 
Revue philosophique de la France et de l'Etranger. Parait 

tous les mois. Directeur: Th. Ribot. 39 e annee. Paris, Alcan. gr. 8. 

Fr. 30. Pour l'Etrang. Fr. 33. 
Revue psychologique. Directeur: M. Joteiko. Un fasc. par tri- 

meatre. Bruxellee (rue Madeleine 42). Un an Fr. 10. 



Novitätenschaü. 27f> 

Revue scientifique et morale du spiritisme. Directeur: De- 
lanne. 18 e annee. Parait tous les mois. Paris, Boulevard Grel- 
mans 40. Fr. 10. 

Revue Thoiniste. Directeur: R. P. Montag ne. 0. P. 22 e annee. 
Parait tous les deux mois. Toulouse, Privat St. Honore 22. Fr. 14. 

Rivista di Filosofia. Direttori: A. Faggi, F. Juvalta, A. Lev, 
G. Marchesini, L. Valli, B. Varisco. Die Zeitschrift bildet 
die Fortsetzung der Rivista Filosofica und der Rivista di Filosofia 
e Scienze affini. Modena, A. F. Formiggini. 5 Hefte. L. 12. 

Rivista di Filosofia Neo-scolastica. Segretari di Redazione: 
G. Canella et A. A. Gemelli. 4 Hefte. Florenz. Libreria editr, 
Fiorentina. Fr. 9. 

Rivista di Psicologia applicata alla Pedagogia ed alla Psicopato- 
logia. Publicata da G. C. Ferrari. Bologna. Esce ogni due mesi. 
L'abonnamento annuo L. 8. Per l'Estero L. 10. 

Rivista filosofica. Fondata da C. Cantoni in continuazione delte 
„Filosofia delle scuole italiane" e della ,, Rivista italiana di Filo- 
sofia". Segretario di redazione: E. Juvalta. Pavia, Bizzoni. 
5 Hefte. L. 12. 

Rivista italiana di sociologia % Consiglio direttivo : A. Bosco, 
G. Gavaglieri, G Sergi, V. Tangorra, E. Tedeschi. Roma. 
Abonnamento annuo. 6 Hefte. L. 10 (Unione postale L. 15). 

Rivista mensile di Filosofia scientifica. Direttore: Morselli. 
Genova, Via Assarotti 46. 

Rivista Rosminiana. Periodico mensile diretto dal Cav. G. Mo- 
rando, Lodi. 10 Hefte. L. 12,50. 

Ruch filozoficzny. Herausgegeben von K. T war dowski. Lemberg, 
Selbstverlag. Jährlich 10 Hefte. Kr. 10. 

Rundschau, Ethische Monatsschrift zur Läuterung und Vertiefung der 
ethischen Anschauungen und zur Förderung ethischer Bestrebungen. 
Herausgegeben und redigiert von M. Schwant je. Berlin, Schwantje. 
12 Hefte. JL 3. 

Rundschau, Neue metaphysische. Monatsschrift für philosophische, 
psychologische und okkulte Forschungen in Wissenschaft, Kunst und 
Religion. Herausgegeben und redigiert von P. Zillmann. Berlin- 
Lichterfelde, Zillmann. gr. 8. 6 Hefte. M. 6. 

Ruskaja Mysl. Herausgegeben von P. Struve und A. Kieswetter. 
Selbstverlag, Moskau. Jährlich 12 Hefte. Bub. 20. 

Scientia. Revue internationale de Synthese scientifique. Direction : 
G. Bruni, A. Dionisi, F.Enriques, A. Giardina, E. Rignano. 
Editeurs: Zanichelli Bologna, Alcan Paris, Engelmann in Leipzig, 
Williams & Norgate Londres. 6 numeros par an, de 240 — 250 p. 
chacun. Prix de l'abonnement : 30 Fr., 24 J6, 24 Sh. 

St u dies in Psycholog y. Edited by Seashore. New- York, Mac- 
millan. $ 1. 

Studies from the Yale Psychol ogical Laboratory. Edited 
by Judd. New-Vork, Macmillan. $ 1. 

Studii Filosofice. Organul Societatii de Studii filosofice din Bucu- 
resti. Redactia: C. Rädulescu-Motru, Bucuresti. Jedes Heft 
Lei 1,50. 

Szellem. Philosoph. Zeitschrift. Herausgegeben von L. Fülep. Buda- 
pest, Nagel. 3 Hefte. Kr. 10. 

18* 



27G Novitätenschau. 

Thomas, Divus, Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. 
2. Serie. Herausgegeben von E. Coratner. Wien, Mechitaristen- 
Buchdruckerei. 4 Hefte. Ji. 12,50. 

Tat, Die. Wege zum freien Menschentum. Eine Monatsschrift. Heraus- 
gegeben von E. Horneffer. Leipzig, Verlag der Tat. Ji. 8. 

Tierseele. Zeitschrift für vergleichende Seelenkunde. Herausgegeben 
von K. Krall. 2. Jahrgang. 4 Hefte. Bonn, Eisele. Ji. 12. 

Tijdschrift voor Wijsbegeerte. Herausgegeben von Bierens 
de Haan, J. de Boer, Grondys, Kohnstamm, Meyer und 
Pen. Amsterdam. 

Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie und 
Soziologie. Gegründet von R. Avenarius. In Verbindung mit 
Fr. Jodl und Ä. Rhiel herausgegeben von P. Barth. 38. Jahrgang. 
4 Hefte. Leipzig, Reisland. M. 12. 

Weg zum Licht. Monatsschrift zur Förderung geistiger Welt- 
anschauung. Schriftleiter: C. Zawadzki. 6. Jahrgang. Leipzig, 
Theosoph. Verlagshaus. 12 Nummern. Ji. 6. 

Weltanschauung, Neue. Monatsschrift für Kulturfortschritt auf 
naturwissenschaftlicher Grundlage. Redigiert von W. Breitenbach. 
Berlin-Halensee, Reflektor- Verlag. 12 Hefte. Ji. 4. 

Wissenschaftliche Rundschau. Zeitschrift für die allgemein- 
wissenschaftliche Fortbildung des Lehrers. Herausgegeben von 
M.H.Bange Leipzig, Thomas. 24 Hefte. Ji 6. 

Wissen und Wollen, Organ des Schafferlogenbundes für neupsycho- 
logische Persönlichkeitskultur und Gesellschaftsveredelung. 4. Jahrg. 
Leipzig, Excelsior-Verlag. gr. 8. 12 Nummern. Ji. 4. ' 

Woprossy Philosophii i Psychologii. Herausgegeben von 
L. Lopatin im Selbstverlag der Moskauer Psychologischen Gesell- 
schaft in Moskau. Jährlich 6—7 Hefte, Bub. 7. 

Zeitschrift für Aesthetik und allgemeine Kunstwissenschaft. 
Herausgegeben von M. Dessoir. Stuttgart, Enke. Lex.-8. Ji. 10. 

Zeitschrift für angewandte Psychologie und psychologische 
Sammelforschung. Zugleich Organ des Instituts für angewandte 
Psychologie und psychologische Sammelforschung. Herausgegeben 
von W. Stern und 0. Lipmann. Erweiterte Fortsetzung der Bei- 
träge zur Psychologie der Aussage. Leipzig, Barth, gr. 8. Ji 20. 

Zeitschrift für immanente Philosophie. Unter Mitwirkung 
von W. Schuppe und R. v. Schubert-Soldern herausgegeben von 
B.R.Kaufmann. 4 Hefte. Berlin, Phil.-histor. Verlag. ^.10." 

Zeitschrift für pädagogische Psychologie und experi- 
mentelle Pädagogik. Herausgegeben von E. Meumann und 0. 
Scheibner, unter redakt. Mitwirkung von A. Fischer und H. Gaudig. 
Leipzig, Quelle & Meyer, gr. 8. 12 Hefte. Ji. 10. 

Zeitschrift für Philosophie und Pädagogik. Herausgegeben 
von 0. Flügel und W. Rein. Langensalza, Beyer & Söhne. 8, 
6 Hefte. Ji 6. 

Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik. 
Vormals Fichte -ülricische Zeitschrift. Im Verein mit H. Siebeck, 
J. Volkelt und R. Falckenberg herausgegeben und redigiert von 
H. Schwarz. 12 Hefte. Leipzig, Voigtländer. Lex.-8. Ji. 6. 

Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnes- 
organe. In Gemeinschaft mit S. Exner, J. v. Kries, Th. Lipps, 



Novitätenschau. 277 

Ä. Meinong, G. E. Müller, C. Pelmann, L. Stumpf, Th. Ziehen heraus- 
gegeben von F. Schumann und J. R. Ewald. Leipzig, Barth. 
Jährlich erscheinen 2 — 3 Bände, jeder zu 6 Heften. 1 Band M. 15. 
Zeitschrift für Religionspsychologie. Grenzfragen der Theo- 
logie und Medizin. Herausgegeben von G. Runze, 0. Klemm, 
J. Bresler. Leipzig, Barth, gr. 8. Monatl. 2— 3 Bog. Jährl. M. 10. 

C. Sammelwerke und einzelne Werke berühmter Philosophen. 

Abu Kurra, des Th., Traktat über den Schöpfer und die wahre Religion. 
Uebersetzt von G. Graf. 1. Heft des XIV. Bandes der Beiträge zur 
Geschichte der Philosophie des Mittelalters. Münster, Aschendorff. 
gr. 8. 6H S. M. 2,10. 

A dickes, E., Ein neu aufgefundenes Kollegheft nach Kants Vorlesung 
über physische Geographie. Tübingen Mohr. Lex. -8. V. 91 S. M 2,40. 

Auerbach, B., Lebensweisheit. Aus den Schriften Auerbachs ausgewählt 
und herausgegeben von E. Wölbe. 2. Aufl. Berlin-Halensee, Reflek- 
tor-Verlag. 8. 215 S. mit Bildnis. M 2. 

Baeumker, Fr., Das Inevitabile des Honorius Augustodunensis 
und dessen Lehre über das Zusammenwirken von Wille und Gnade. 
6. Heft des XIII. Bandes der Beiträge zur Geschichte der Philosophie 
des Mittelalters. Münster, Aschendorff. Lex.-8. 94 S. M 3,25. 

Benedicti de Spinoza Opera quotquot reperta sunt, recognoverunt 
J. van Vloten et J. P. N. Land. 4 me partie. Paris, Alcan. Fr. 18. 

*Berkeley, G., The Principles of Human Knowledge. Vol. IV. ßibliothecae 
philosophorum. Edited by T. J. Mc. Cormack. Leipzig, Meiner. 8. 
XV, 128 p. M 2,50. 

— , Three Dialogues between Hylas and Philonous. Vol. V. Bibliothecae 
philosophorum. Ebda. 8. VI, 136 p. M. 2,50. 

Bolzano's B., Werke. Mit Unterstützung der Gesellschaft zur Förderung 
deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen und der 
Kantgesellschaft unter Mitwirkung der philosophischen Gesellschaft an 
der Universität zu Wien herausgegeben von A. Höfler. I. Wissen- 
schaftslehre in 4 Bänden. Versuch einer ausführlichen und grösstenteils 
neuen Darstellung der Logik mit steter Rücksicht auf deren bisherige 
Bearbeiter. Herausgegeben von mehreren seiner Freunde. Mit einer 
Vorrede von J. Heinroth. 4. Band der Hauptwerke der Philosophie 
in originalgetreuen Neudrucken. Leipzig, Meiner. 8. XVI, 574 S. M. 12. 

Bruneteau, E., De ente et essentia Divi Thomae. Texte latin, 
precede d"une introduction, accompagne d'une traduction et d'un 
double commentaire historique et philosophique. Paris, Bloud. 16. 
160 p. 

Brunschvicg, L., Boutroux, P., Gazier, F., Oeuvres de Blaise 
Pascal, publiees suivant l'ordre chronologique avec documents com- 
plementaires, introduction et notes. T. IV et V. Paris, Hachette. 
8. LXXXI, 356, 423 p. Fr. 15. 

Casini, T., Scritti danteschi con due facsimih e con documenti inediti. 
Citta di Castello, Lapi. 

Gomte, A., Entwurf der wissenschaftlichen Arbeiten, welche für eine 
Reorganisation der Gesellschaft erforderlich sind. Deutsch heraus- 
gegeben, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von W. Ostwald. 
Leipzig, Verlag Unesma. kl. 8. XV, 213 S. M. 3,60. 



278 Novitätenschau. 

Diltheys, W., Gesammelte Schriften. 2. Band. Weltanschauung und 
Analyse des Menschen seit Renaissance und Reformation. Abhand- 
lungen zur Geschichte der Philosophie und Religion. Leipzig, Teubner. 
gr. 8. XI, 528 S. M. 12. 

Descartes, R., Meditationen über die Grundlagen der Philosophie. Ueber- 
setzt von A. Buchenau. 2. Band der Sammlung Meiners Volksausgaben. 
Leipzig, Meiner. 8. 78 S. M. 1,40. 

Fichte, Joh. Gottl , Ideen über Gott und Unsterblichkeit. Zwei religions- 
philosophische Vorlesungen aus der Zeit vor dem Atheismusstreit. Mit 
Einleitung herausgegeben von Fr. ßüchsel. Leipzig, Meiner. 56 S. J& 2. 

— , Ueber den Begriff des wahrhaften Krieges. Herausgegeben und ein- 
geleitet von K. K. Loewenstein. Berlin, Zeit im Bild- Verlag. M 0,75. 

— , Ueber den Begriff des wahrhaften Krieges. Anschliessend Rede an 
seine Zuhörer bei Abbrechung der Vorlesungen vom 19. 2. 1813. 
6. Band der Hauptwerke der Philosophie in originalgetreuen Neudrucken. 
Leipzig, Meiner. 8. VI, 87 S. M. 1. 

— , Ueber Gott und Unsterblichkeit. Aus einer Kollegnachschrift von 1795. 
Mitgeteilt von E.Bergmann. Berlin, Reuther & Reinhard. 32 S. Ml. 

Fridericus, Königliche Gedanken und Aussprüche Friedrichs des Grossen. 
Ausgewählt und chronologisch geordnet von Hans F. Helmolt. Berlin, 
Deutsche Bibliothek, kl. 8. VIII, 94 S. Ml. 

Fries, J. Fr., System der Logik. Ein Handbuch für Lehrer und zum 
Selbstgebrauch. 3. verb. Auflage. Heidelberg bey Chr. Fr. Winter 
1837. 5. Band der Hauptwerke der Philosophie in originalgetreuen 
Nachdrucken. Leipzig, Meiner. 8. XX, 454 S. J& 6. 

Guy aus, J. M., philosophische Werke in Auswahl. In deutscher Sprache 
herausgegeben und eingeleitet von E. Bergmann. 6. (Schluss-)Band. 
Die englische Ethik der Gegenwart. Mit einer Einleitung von E. Berg- 
mann. Leipzig, Kröner. gr. 8. XXIV, 575 S. M. 10. 

Hartmann s's Ed. v., ausgewählte Werke. Neue Auflage. I. Band. 1. 
Abteilung : Kritische Grundlegung des transzendentalen Realismus. Eine 
Sichtung und Fortbildung der erkenntnistheoretischen Prinzipien Kants. 
4. Aufl. 

— , 2. Abteilung: Das Grundproblem der Erkenntnistheorie. Eine phäno- 
menologische Durchwanderung der möglichen erkenntnistheoretischen 
Standpunkte. 2. Aufl. Mit hinterlassenen Aufzeichnungen des Verfassers 
aus der Jahre 1894: Rückblick auf meine 25jährige Schriftstellerlauf- 
-bahn. Leipzig, Kröner. gr. 8. XI, 187 S.; VIII, 191 S. M. 2; 2. 

Herbart, .1. Fr., Ethik (Praktische Philosophie). Mit Ergänzungen aus 
Herbarts Handexemplar sowie mit Einleitung, Anmerkungen und Re- 
gistern herausgegeben von 0. Flügel u. Th. Fritzsch. Leipzig, Klink- 
hardt. Lex.-8. XVI, 175 S. M. 2,50. 

— , Lehrbuch zur Psychologie. Text der 2. Auflage mit den Abweichungen 
der 1. Auflage und mit Herbarts Abhandlung : „Ueber die Möglichkeit 
und Notwendigkeit, Mathematik auf Psychologie anzuwenden." Mit 
Einleitung, Anmerkungen und Registern bearbeitet von 0. Flügel und 
Th. Fritzsch. Leipzig, Klinkhardt. Lex.-8. XVI, 160 S. M 2,25. 

Hegels handschriftliche Zusätze zu seiner Rechtsphilosophie. Ein Brief 
Hegels an Staatsrat Schultz. Heransgegeben von G. Lasson. 2. Heft 
des II. Bandes des Hegel- Archivs. Leipzig, Meiner, gr. 8. VI, 
64 S. M. 3,80. 



Novitätenschau. 279 

*Hobbes, The Metaphysical System of H. in 12 Chapters from Elements 
of Philosophy concerning body, thogether with briefer Extracts from 
Human Nature and Leviathan. Selected by M. W. Calkins. Vol. VI. 
ßibliothecae philosophorum. Leipzig, Meiner. 8. XXV, 187 S. M 3. 

* H u m e , D., An Enquiry Concerning Human Understanding and Selections 
from a Treatise of Human Nature. With Humes Autobiography and a 
Letter from Adam Smith. Edited by J. Mc Cormack and M. W. Calkins. 
Vol. VII. ßibliothecae philosophorum. Leipzig, Meiner. 8. XXVIII 
267 p. M 2,50. 

— , An Enquiry concerning the Principles of Morals. Reprinted from the Edit. 
of 1777. Vol. VIII. Bibliothecae philosophorum. Leipzig, Meiner 
8. V, 169 p. M. 2,50. 

— , Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Herausgegeben 
von R. Richter. 3. Band der Sammlung Meiners Volksausgaben. Leipzig, 
Meiner. 8. VIII, 223 S. M. 1,40. 

James, W., Das pluralistische Universum. Ins Deutsche übertragen und 
mit einer Einführung versehen von J. Goldstein. Leipzig, Kröner. 8. 
XXIV, 224 S. 

Kant's Critique of Judgment. Translated with Intreduction ant Notes by 
J. H. Bernard. London, Macmillan. 2 nd edit. 8. Sh. 10. 

Kant, Ausgewählte kleine Schriften. Für den Schulgebrauch und zum 
Selbststudium mit einer ausführlichen Einleitung in die Kantische 
Philosophie und in das philosophische Denken überhaupt heraus- 
gegeben von H. Hegenwald. 1. Band der Sammlung Meiners Volks- 
ausgaben. Leipzig, Meiner. 8. LVI, 125 S. M. 1,40. 

— , Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht. 
Herausgegeben von der Loge Plato z. b. Einigkeit in Wiesbaden. 
Wiesbaden, Staadt. kl. 8. 50 S. M. 1,50. 

— , Kritik der praktischen Vernunft. Herausgegeben von B. Kellermann. 
Erste Einleitung in die Kritik der Unteilskraft. Herausgegeben von 
O. Bück. Berlin, Cassierer. gr. 8. 643 S. M. 11,50. 

— , Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft. Herausgegeben 
Von 0. Buek. Bd. 48 b der Philosophischen Bibliothek. Leipzig, 
Meiner. 8. XX, S. 189—320. M 2,50. 

— , Populäre Schriften. Herausgegeben von E. v. Aster. Berlin, Deutsche 
Bibliothek, kl. 8. XVIII, 265 S. M. 1. 

— , Schriften von 1790—1796. Herausgegeben von A.Buchenau, E. Cassirer, 
B. Kellermann. Berlin, Cassirer. gr. 8. 643 S. M. 11,50. 

— , Worin besteht der Fortschritt zum Besseren im Menschengeschlecht? 
Ein bisher ungedruckter und unbekannter Aufsatz Kants. Heraus- 
gegeben und besprochen von G. Kullmann. Wiesbaden Staadt. gr. 8. 
51 S. M. 2. b 

— , Zum ewigen Frieden. Mit Ergänzungen aus Kants ührigen Schriften 
und einer ausführlichen Einleitung über die Entwicklung des Friedens- 
gedankens herausgegeben von Karl Vorländer. Leipzig, Meiner. 8. 
LVI, 74 S. M. 2,80. 

Kierkegaard, S., Kritik der Gegenwart. Ins Deutsche übersetzt und 
mit einem Nachwort versehen von Th. Haecker. Innsbruck, Brenner- 
verlag, gr. 8. 87 S. JH. \. 

-, Der Pfahl im Fleisch. Uebersetzl und mit einem Nachwort versehen 
von Th. Haecker. Innsbruck, Brennerverlag, gr. 8. 47 S. M 1 



a. 



280 Novitätenschau. 

Kungfutse, Gespräche. Aus dem Chinesischen verdeutscht und erläutert 
von R, Wilhelm. Mit Titelzeichnung von E. Schneider. 2. Auflage. 
Jena, Diederichs. 8. VII, XXXI, 256 S. M. 6. 

I.eibniz, G. W., Ausgewählte philosophische Schriften. Im Original- 
Text herausgegeben von H. Schmallenbach. 1. Bändchen der Biblio- 
theca philosophorum. Leipzig. 8. XX, 164 p. M. 3. 

Locke, J., Reasonableness of Christianity 1695. Uebersetzt von C. Winckler, 
mit einer Einleitung herausgegeben von L. Zscharnack. Giessen, Töpel- 
mann. gr. 8. LXVI, 140 S. M. 5. 

— , Essay concerning Human Understanding. Books II and IV (with omissions). 
Selected by M. W. Calkins. Vol. IX. Bibliothecae philosophorum. 
Leipzig, Meiner. 8. LVII, 348 p. M. 4. 

Lotze, Microcosmo. Vol. II e III, trad di G. Capone. Braga. 

Maimonides, des, Seelenhygiene. Auszug aus dem dritten Kapitel des 
diätetischen Sendschreibens des Maimonides an den Sultan AI malik 
Alafdhal (ca. 1198). Zum ersten Male nach einer Oxforder arabischen 
und Münchener hebräischen Handschrift herausgegeben, übersetzt und 
kritisch beleuchtet von Dr. Kroner. Frankfurt a. M., Kauffmann. gr. 8. 
8, 18 S. jft 1,20. 

Meister E c k h a r t. Ausgewählt und übersetzt von J. Bernhart. / 7. Bänd- 
chen der Sammlung Kösel. kl. 8. XI, 201 S. M. 1. 

*Nicolo Cusano, Della dotta ignoranza. Testo latino con note di Paolo 
Rotta. Bari, Laterza. 

Nietzsche, F., Vom Krieg und Kriegsvolke. Leipzig, Kröner. 

Olympiodorus, In Piatonis Phaedonem commentaria. Ed. W. Norvin. 
Leipzig, Teubner. 

Pegues, Th., Commentaire fram-ais litteral de la Somme theologique de 
saint Thomas d'Aquin. VIII. Les vertus et les vices. Toulouse, 
Privat. 

Plato. Vol. I: Euthyphro, Apology, Crito, Phaedo, Phaedrus. With an 
englisch Translation by H. N. Fowler. London, Heinemann. 12. 604 p. 

Sh. 5. 

Piatons Dialog Menon oder lieber die Tugend. Uebersetzt und erläutert 
von Apelt. 152. Band der Philosophischen Bibliothek. Leipzig, 
Meiner. 8. 91 S. M. 1,80. 

Piatons Dialog Phaidros. Uebersetzt, erläutert und mit ausführlichem 
Register versehen von Ritter. 152. Band der Philosophischen Bibliothek 
Leipzig, Meiner. 8. 158 S. M. 2,40. 

Po ort er, M. d., Le traite „Eruditio regum et principum" de Guibert de 
Tournai, F. M. Textes et etudes. Louvain, Instit. super, de Philos. 
XVI, 92 p. Fr. 5. 

Probst, J. H., La mystique de Ramon Lull et l'art de contemplation. 
Heft 2—3 der Beiträge zur Geschichte der Philosophie des Mittel- 
alters. Münster, Aschendorff. gr. 8. VIII, 124 S. M>. 4,25. 

Housseaus, Bekenntnisse aus seiner Jugend. Für die deutsche Biblio- 
thek nach der Uebersetzung von Levin Schücking herausgegeben und 
eingeleitet von Br. Wille. Berlin, Deutsche Bibliothek, kl. 8. XV, 
327 S. M. 1. 

S r. h ellin g, F. v., Briefe über Dogmatismus und Kritizismus. Heraus- 
gegeben und eingeleitet von 0. Braun. 3. Band der Hauptwerke der 
Philosophie in originalgetreuen Neudrucken. Leipzig, Meiner. 8. 
93 S. M. 2,50. 



Novitätenschau. 281 

Schillers philosophische Schriften und Dichtungen. Für die deutsche 
Bibliothek herausgegeben mit einer Einführung in Schillers Gedanken- 
welt von C. Enders. Berlin, Deutsche Bibliothek. XX, 304 S. M. 1. 

Schinzberg, A., Les fragments philosophique de Royer-Collard, 
Reunis et publies pour la premiere fois ä part, avec une introduction 
sur la philosophie ecossaise et spiritualiste au XIX e siecle. Paris, 
Alcan. 8. CXLVIII, 326 p. Fr. 6. 

Schleiermacher, Fr., Monologe nebst den Vorarbeiten. Kritische 
Ausgabe. Mit Einleitung, Bibliographie, Index und Anmerkungen von 
F. M. Schiele. 2., erweiterte Auflage von H. Mulert. Bd. 84 der 
Philosophischen Bibliothek. Leipzig, Meiner. 8. XLVIII, 199 S. M.%. 

Schopenhauer, A, Erstlingsmanuskripte. Die Genesis des Systems. 
Herausgegeben von P. Deussen. München, Piper. M. 6. 

— , Ueber Lesen und Bücher. N. 138 der Insel-Bücherei. Leipzig, Insel- 
Verlag. 8. 81 S. M. 0,50. 

— , Von der Nichtigkeit des Daseins. Eine Auswahl aus den kleineren 
Schriften. Für die deutsche Bibliothek herausgegeben von Buchenau. 
Berlin, Deutsche Bibliothek, kl. 8. IX, 297 S. Jk 1. 

Spinoza, Briefwechsel. Uebertragen und mit Einleitung, Anmerkungen 
und Register versehen von C. Gebhardt. Bd. 96 a der Philosophischen 
Bibliothek. Leipzig, Meiner. 8. XXXVIII, 388 S. M 4. 

— , Ethik. Für die deutsche Bibliothek nach der Uebersetzung von B. Auer- 
bach herausgegeben von A. Buchenau. Berlin, Deutsche Bibliothek, 
kl. 8. XIII, 270 S. M. \. 

— , Lebensbeschreibungen und Gespräche. Uebertragen und herausgegeben 
von C Gebhardt. Bd. 96 b der Philosophischen Bibliothek. Leipzig, 
Meiner. 8. XI, 197 S. M 3. 

*Tetens, J. N., Ueber die allgemeine spekulativistische Philosophie. — 
Philosophische Versuche über die menschliche Natur und ihre Ent- 
wicklung. 1. Band. Besorgt von W. Uebele. Berlin, Reuther cK- 
Reichard. gr. 8. 779 S. M. 16. 

Valentin, A., Pages choisies de Dante, traductions, resumes et commen- 
taires. Paris, A. Colin. 

Voltaire, Oeuvres inedites. Tome I. Melanges historiques publies par 
F. Caussi. Paris. 8. Fr. 10 

*Wallerand, G., Les ceuvres logiques de Siger de Courtrai. Edition 
de textes et etude. Louvain, Inst, super, de Philosophie. V'U, 74 et 
176 p. Fr. 7,50. 

Wulf, M. de et Hof fm ans, J., Les Quodlibet V, VI, VII de Gode- 
froid de Fontaine s. Texte inedit. Louvain. Institut super, de 
Philosophie. 420 p. Fr. 10. 

Würschmidt, J., Dietrich von Freiberg. Ueber den Regenbogen und 
die durch Strahlen erzeugten Eindrücke. Heft 5 — 6 des XII. Bandes 
der Beiträge zur Geschichte der Philosophie des Mittelalters. Münster, 
Aschendorff. Lex.-8. XVI, 204 S. M. 7. 

Zanta, L., La traduction francaise du Manuel d'Epictete d'Andre de l!i- 
vaudeau, avec une introduction. Paris, Champion. 8. 174 p. 

D. Philosophische Schriften vermischten Inhalts. 

Allen, J., Men and Systems. London, Fowler. 12. Sh. 1. 

— , The Might of Mind. London, Fowler. 12. Sh. 1. 

Alten loh, E., Zur Soziologie des Kino. Jena, Diederichs. 8. 94 S. .#.2,50. 



282 Novitätenschau. 

Arnold, R. F., Die Kultur der Renaissance. Gesittung, Forschung, 

Dichtung. 2., neubearbeitete und vermehrte Auflage. Nr. 189 der 

Sammlung Göschen. Berlin, Göschen, kl. 8. 136 S. M 0,90. 
Arundale, G., Der Weg des Dienens. Autorisierte Uebersetzung aus 

dem Englischen. Leipzig, Verlag der theosophischen Kultur. 8. 41 S. M. 1. 
Astromonte, A., Aphorismen. Zürich, Gebr. Leemann. 8. 52 S. ^.1,40. 
Auerbach, M., Einfälle und Betrachtungen. 2. Teil. Philosophische und 

weltliche Gedanken. Dresden, E. Reisser. gr. 8. III, 167 S. M. 3. 
Baker, J. H. , Educational Aims and Civic Needs. London, Longmans. 

8. Sh. 3/6. 
Bardegg, K., Natur, Wissenschaft und Zweck. Leipzig, 0. Hillmann. 

gr. 8. 117 S. M. 3. 
*Batiffol, P., Monceaux, P., Chenon, E., Vanderpol, A., etc. 

L'Eglise et la guerre. Paris, Bloud. 
Bau mann, J., Trostbüchlein aus , moderner Wissenschaft in allgemein- 
verständlicher Darstellung. Göttingen, Peppmüller. 8. 30 S. Ml. 
Becker, J., Der pädagogische Impressionismus. Aschaffenburg, Rom- 
berger. 8. 57 S. Ml. 
Berger, A., Der deutsche Idealismus und der Weltkrieg. Darmstadt, 

Bergstraesser. M 0,60. 
Berth, E., Les mefaits des intellectuels. Paris. Fr. 4. 
Besant, A., Betrachtungen über Christus. Uebersetzt von A. Bethe. 

Leipzig, Theosoph. Verlagshaus. gr. 8. 14 S. M. 0,40. 
— , Die Mysterien. Ein Vortrag. Uebersetzt von A. Dunkhase. Ebenda. 

15 S. M. 0,40. 
— , Einführung in den Yoga. Deutsch von J. Cordes und Fr. Feerhow. 

Leipzig, Grieben. M. 2. 
— , Die Meister. Drei Vorträge. Uebersetzt von J. L. Guttmann. Leipzig, 

Grieben. M. 1. 
— , Mysticism. London. 8. Sh. 2/6. 
Bisch off, H., Der persönliche Erfolg. 2. Bd. Willensenergie. 2. Aufl. 

Leipzig, Altmann. 8. III, 92 S. M. 1. 
Bischoff, D., Deutsche Gesinnung. Jena, E. Diederichs. M. 0.80. 
— , Volkserziehungsgedanken eines deutschen Freimaurers. Ebenda. 8. 

IV, 123 S. M 2. 
Blondel, Ch., La psycho-physiologie de Gall. Ses idees directrices. Paris, 

Alcan. 16. 167 p. Fr. 2,50. 
Hon, G., La vie des verites. Paris. 18. Fr. 3,50. 
Branford, Interpretation and Forcasts. A Study of Survivals and Ten- 

dencies in Contemporary Society. London, Duckworth. 8. 411 p. 
Breit, E., Die Kulturwerte der Krieges. Ein Buch für Heer und Volk. 

Einsiedeln, Benziger. kl. 8. 44 S. M. 0,80. 
Bremond, A., La piete grecque. Baris, Bloud. 
Bretsch, E., Karma Yoga oder Bete und arbeite, horch, Rohm. 8. 

32 S. M. 0,40. 
Buchner, G., Licht aus dem Orient. J. B. Kerning, Der Mann, seine 

Werke und seine Schule. Lorch, Rohm. kl. 8. 30 S. M. 0,25. 
Ca low, B., The Spirit of Nature, or Arguments for Mans Reconciliation 

witli it. London, Jarrold. 8. Sh. 3/6. 
Carpenter, W. , The spiritual Message of Dante. London, Williams 

Norgate. 
Cartault, A., L'inlellectuel. Paris, Alcan. 8. Fr. 5. 



Novitätenschau. 283 

Christentum und Antike. Von einem deutschen Romfahrer. Leipzig, 

Haberland. gr. 8. 70 S. mit 1 Abbildung. M. 2. 
Christiansen, H., Meine Lösung der Welträtsel. Wiesbaden, Staadt. 

gr. 8. 226 S. M. 4. 
Clouard, H., Les disciplines. Necessite litteraire et sociale d'une 

renaissance classique. Paris, Riviere. 
Cohn, J., Der Sinn der gegenwärtigen Kultur. Leipzig, Meiner. 8. XI, 

297 S. M. 8. 
Cohen, H., Ueber das Eigentümliche des deutschen Geistes. Nr. 8 der 

Philosophischen Vorträge. Berlin, Reuther & Reichard. gr. 8. 45 S. 

M. 0,80 
Coli ins, M., Lust und Schmerz. Eine Abhandlung über den praktischen 

Okkultismus für die Leser des „Licht auf den Weg". Aus dem Eng- 
lischen übersetzt von F. Hartmann. 2. Aufl. Leipzig, Altmann. kl. 8. 

24 S. M. 0,50. 
Cooper, W. D., Where two worlds meet. London. 8. 332 p. Sil. 3/6. 
Croce, B., Zur Theorie und Geschichte der Historiographie. Aus dem 

Italienischen übersetzt von E. Pizzo. Tübingen, Mohr. M 7 
Dar roch, A., Education and the new Utilitarianism and other Educational 

Addresses. London, Longmans. 8. 178 p. Sh. 3/6. 
Delius, R. v., Deutschland und die Genies der Fremde. Stuttgart, Die 

Lese. M 0,50. 
Dilthey, W., Gesammelte Schriften. Bd. I: Weltanschauung und Analyse 

des Menschen seit Renaissance und Reformation. Leipzig u. Berlin, 

B. G. Teubner. 
Donat, Jos., The Freedom of Science. London, Herder. , 8. Sh. 10. 
Dowson, J., A classical Dictionary of Hindu Mythology and Religion, 

Geography, History and Literature. Popular x edition. London, Paul. 

8. Sh. 7/6. 
Driesch, H., The Problem of Individualitv. ^London, Macmillan. 8. 94 p. 

Sh. 3/6. 
Dugas, L., L'amitie antique. Paris, Alcan. 8. Fr. 5. 
— , L. Penseurs libres et liberte de pensees. Paris, Alcan. Fr. 2,50. 
Dunkmann, D., Krieg und Weltanschauung. Dresden, Ungelenk, gr. 8. 

36 S. M. 0,50. 
— , D. K., Metaphysik der Geschichte. Leipzig, Deichert. 
Egerton, F. C, The Future ot Education. London. 8. 304 p. Sh. 3/6. 
Elsenhans, Th., Der Krieg als Erzieher. Vortrag. Dresden, Dressel. 

8. 31 S. M. 0,60. 
''Emmerson, M. J., Evolution of the Educational Ideal. Boston. 8. $ 1. 
Engelbrecht, K., Der Deutsche und dieser Krieg. Berlin, Hofmann. 8. 

69 S. Ji. 0,80. 
Er d mann, B., Ueber den modernen Monismus. Akademische Festrede. 

Berlin, Paetel. 8. 53 S. M. 1,20. 
Eucken, R., Die weltgeschichtliche Bedeutung des deutschen Geistes. 

Stuttgart. Deutsche Verlagsanstalt. M. 0,50. 
Evlachov, A. M., Realismus und IrrealismusV Band I. Russisch. War- 
schau. 8. 492 p. Rb. 2,50. 
Ewald, K., Der Weltgedanke. Unsere Ursache,^unser Ziel. Das Leben 

nach dem Tode. Die Kunst,\[die Schönheit, die Liebe. Chemnitz, 

Thümmler. kl. 8. 32 S. Ji'l. 
*Fabreguettes, M. P., La logique judiciaire et lart de juger. Paris. 



284 Novitätenschau. 

Feerhow, F., Die medizinische Astrologie. Unter Berücksichtigung des 
Pflanzenheilverfahrens, der Homöopathie und Biochemie dargestellt. 
Leipzig, Theosoph. Verlagshaus. gr. 8. VIII, 116 S. JH. 2. 

Ferero, G, Ancient Borne and Modern America. A comparative Study 
of Morals and Manners. London. 8. 360 p. Sh. 8/6. 

Fi not, J., Progres et bonheur. Paris. 8. 2 vol. 277, 395 p. fr. 7.50. 

F i e s s i n g e r , Ch., La formation des caracteres. Perrin. 16. 314 p. 

Fouillee, A, Humanitaires et libertaires. Au point de vue sociologique 
et moral. Etudes critiques. Paris, Alcan. 16. 211 p. Ir. 2,50. 

Frischeisen-Köhler, M., Das Problem des ewigen Friedens. Be- 
trachtungen über das Wesen und die Bedeutung des Krieges. Berlin, 
Mittler & Sohn. gr. 8. 48 S. JH. 1. 

Friz, M., Jdeale. 6 keden. Basel, Helbing. gr. 8. 71 S. JH. 1.80. 

Gedanken, Helfende. Nach den Schriften von J. Müller und anderen. 
Freiburg i. B., F. Lorenz, kl. 8. 16 S. JH. 0,10. 

G e i g e 1 , A., Andwaranaut. Ueber Wissen und Glauben. Würzburg. 
C. Kabitzsch. 8. IX, 106 S. Jk 3,50. 

G e i s s 1 e r , E., Was ist deutsch ? Von der. Eigenart deutschen Menschen- 
tums in der Gegenwart und für die Zukunft. Halle, Schroedel. M. 0,60. 

Gerasimov, N., Nirwana und Seligkeit. Bussisch. Moskau. 8. 263 p. 
Rb. 1,50. 

G e r 1 i n g , B., Die Graphologie und die Deutung des Charakters aus der 
Handschrift. Mit 43 Schriftproben. Oranienburg, Möller, kl. 8. 31 S. 
JH. 0,20. 

Glagolev, S., Die naturwissenschaftlichen Fragen in ihren Beziehungen 
zur christlichen Weltauflassung. Bussisch. Sergiew Possard 8. 
224 p. Rb. 1,36. 

(ilück, Das, der Menschheit. Evangelium einer Kinderseele. Von einer 
Arbeiterfrau niedergeschrieben, den Arbeitern gewidmet. Jena, Mellen- 
bach, Verlag „Gesundes Leben". 8. 56 S. M. 0,75. 

Gorsemann, E., Lebenslicht. Ein Jahrbuch zur Förderung einer höheren 
Lebenskunst. Leipzig, Jägersche Verlagsbuchhandlung. 8. 132 S. 
M. 2,50. 

Grävell, Die Grunderfordernisse zum Studium der Geisteswissenschaft. 
Leipzig, Theosoph. Verlagshaus. gr. 8. 16 S. JH. 0,40. 

Graindorge, F. T., Vie et opinions de M. Frederic Thomas Graindorge, 
docteur en philosophie de TUniversite de Jena. Paris. 18. X, 434 p. 
Fr. 10. 

Grisebach, E., Kulturphilosophische Arbeit der Gegenwart. Eine syn- 
thetische Darstellung ihrer besonderen Denkweisen. Habilitationsschrift. 
(Jena). Weida i. fh., Thomas & Hubert. 8. 135 S. 

1 (i ii i 1 bert , C, L'illusion du merveilleux. Preface de Bernheim. Paris, 
.Michel. 223 p. Fr. 3,50. 

Gurevitsch, A. V., Philosophische Forschungen und Skizzen. Russisch. 
Moskau. 8. XXXI, 311 p. Rb. 2,50. 

(i urnhill, .1., Spiritual Philosophy considered in its Bearing on Science, 
Beligion and Psychology and as affording a Key to some of the Pro- 
blems of Evolution. London, Longmans. 8. Sh. 7/6. 

Guthrie, K. S.. The spiritual Message of Literature. London, Henderson 
8. Sh. 6/6. 

Gutkind, F., Siderische Geburt. Seraphische Wandern 1154 vom Tode 
der Welt zur Taufe der Tat. Berlin. 8. 239 S. JH. 5. 



Novitäten sc hau. 285 

Ha e ekel, E., Monistische Bausteine. Mit einer Einleitung herausgegeben 
von W. Breitenbach. 2. Heft. Brackwede, Breitenbach. 8. VIII, 

252 S. M 3. 
Häberlein, P., Die Grundfrage der Philosophie. Berner Antrittsvorlesung. 

Basel, Kober. 8. 31 S. M. 0,60. 
* Halb wachs, M., Essai sur Quetelet et la statistique morale. Paris, 

Alcan. 16. 180 p. 
Hammacher, E., Hauptfragen der modernen Kultur. Leipzig, Teubner. 

gr. 8. V, 351 S. Jk 10. 
Handbuch der freigeistigen Bewegung Deutschlands, Oesterreichs und 

der Schweiz. Herausgegeben im Auftrage des Weimarer Kartells von 

AI. Henning. Mit 1 Uebersichtskarte. Frankfurt a. AI., Neuer Frank- 
furter Verlag, kl. 8. 428 S. Jk. '2. 
Happeler, H., Bibelwunder und Wissenschaft. Betrachtungen eines 

Arztes. Stuttgart, Steinkopf. 8. 105 S. Jk 1,50. 
Häring, D., Das Rätsel des Krieges. Stuttgart, Verlag der evang. 

Gesellschaft. 
Hartmann, Fr., Vom Leben — fürs Leben. Ein Vers-Katechismus 

moderner Bekenntnisse nebst zahlreichen Zitaten, Sentenzen usw. 

Leipzig (3, Albertstr. 291), Selbstverlag. 8. 40 S. Jk 1. 
Hatvany, L , Die Wissenschaft des nicht Wissenswerten. Ein Kollegien- 
heft. 2. vermehrte und veränderte Auflage. Alünchen, G. Müller. 8. 

114 S. Jk 1. 
Hellwig, A., Gesundbeten und andere mystische Heilverfahren. 3. Heft 

der Beiträge zur Geschichte der neueren Mystik und Magie. Leipzig, 

Heims, gr. 8. 46 S. Jk 0,80. 
He ss ler, R., Religion und Technik in Harmonie. Leipzig. J. Robolsky 

8. XIII, 96 S. M. 2. 
Hirsch, J., Die Genesis des Ruhmes. Ein Beitrag zur Alethodenlehre der 

Geschichte. Leipzig, Barth. 8. XV, 285 S. Jk 6,60. 
Hooper, G. E., Common Sense. An Analysis and Interpreation. London, 

Watts. 8.' Sh. 2/6. 
Hör neffer, E, Der Krieg. Rede, gehalten bei der vaterländischen 

Feier des Kartells freiheitlicher Vereine. Alünchen, August 1914. 

München, Reinhardt. 8. 21 S. Jk 0,50. 
Hübner, 0., Intellektualie, die Krankheit unseres Zeitalters. Kritische 

Reflexionen eines Aszendisten über ernste Probleme der Gegenwart. 

Leipzig, F. Eckardt. 8. 78 S. Ji. 1. 
Jäger, S., Wie können wir von Leid und Krankheit frei. werden? Ent- 
hüllungen geistiger Weltgesetze. 2., verbesserte und vermehrte Auflage. 

Alellenbach, Verlag „Gesundes Leben". 8. 35 S. Jk 0,50. 
J o d 1 , Fr., Vom wahren und vom falschen Idealismus. Leipzig, Kröner. 

gr. 8. 40 S. M 1. 
Joel, K., Antibarbarus. Vorträge und Aufsätze. Jena, Diederichs. 8. 

192 S. Jk 3. 
— , Die philosophische Krisis der Gegenwart. Rektoratsrede. Leipzig, 

Meiner, gr. 8. 56 S. Jk 1,40. 
Jörgensen, J., Aleine Weltanschauung. Einzige autorisierte Uebertragung 

von Joh. Alayrhofer. Trier, Petrus-Verlag. 8. 34 S. Jk 1,40. 
Jörn, W., Die neue Aloral und das Heiligtum der Ehe. Chemnitz, 

Koezle. 8. 33 S. Jk 0,30. 



280 NovitätenschaU. 

Kahl, W., Pessimismus und Optimismus im Kriege. Berlin, Heymann. 

Jk 0,50. 
Kann, A., Ein philosophischer Gedankengang. Der Zwang zur Erwägung, 

zwecks Fortentwicklung. — Der Ideenstreit. — Der Kampf ums 

Dasein im Kopfe. — Eine Begründung des Materialismus und eine 

Begründung des Idealismus. Eine Erklärung des willensbedinglen 

„Ich" und seiner Willensfreiheit und der Rätselfragen der Menschheit. 

Wien (IV, Kolschitzkygasse 5), Selbstverlag, gr. 8. VIII, 108 S. Jfc 1,50. 
Kattenbusch, Fr., Vaterlandsliebe und Weltbürgertum. Rektoratsrede. 

Gotha, Perthes. Lex. 8. 23 S. Jb. 1. 
K a u t z s c h , K., Philosophische Bücher des Alten Testamentes. Tübingen, 

Mohr. .* 0,50. 
Kellen, T., Energie und Erfolg. Paderborn, Schöning. 8. 118 S. Jb. I. 
Kemmerich, M., Das Kausalgesetz der Weltgeschichte. 2 Bde. München, 

Langen. VIII, 398 u. VII, 452 S. Jb. 30. 
Knowlson, T. Seh., How to become efficient. An introduetory Study 

of First Principles. London, Laurie. 8. 144 p. Sh. 1/6. 
K o 1 b , K., Dreizehn Ketzerbriefe an eine Dame. Dresden, Freideutscher 

Verlag, kl. 8. 122 S. Jk 1. 
Köhler, W., Geist und Freiheit. Allgemeine Kritik des Gesetzesbegriffes 

in Natur- und Geisteswissenschaft. Tübingen, Mohr. gr. 8. VIII, 

174 S. Jb 4,80. 
König, K., Vom Sinn des Krieges. Stuttgart, die Lese. Jk 0,25. 
Köster, A., Der Krieg und die Universität. Rektoratsrede. Leipzig, 

Insel-Verlag. 8. 28 S. Jb. 0,50. 
Kovalewsky, M, La Russie sociale. Paris. 18. Ir. 2,50. 
Kraus, K., Die chinesische Mauer. Leipzig, Wolf. 29 S. Jb. 0,35. 
Krieg, M., Fritz Mauthners Kritik der Sprache. Eine Revolution der 

Philosophie. München, Müller, gr. 8. 197 S. Jb. 3. 
K r u 1 1 a , R., Unsere Erkenntnis. Eine einheitliche, logisch aufgebaute, 

zusammenhängende Darstellung der menschlichen Gesamterkennlnisse 

in vier Bänden. 1. Band. Theoretische Chemie. Eine möglichst vom 

Standpunkte absoluter Notwendigkeit gegebene Darstellung der theo- 
retischen Chemie im Rahmen der übrigen Wissenschaften. Wien, 

Gerold. 8. XV, 423 S. Mit 115 Figuren und 5 Tafen. Jb 10. 
Küstner, O., Nation und Wissenschaft. Rektoratsrede. Breslau, Tre- 

wendt & Granier. 8. 20 S. Jb. 0,50. 
Kiiny, J., Die Grundlage der neuen Gesetzgebung, durch die jedem 

Menschen Glück und Frieden zugesichert wird. Basel, Finkh. 8. 

124 S. Jb 2. 
Lab tau, T., Die Stunde der Erlösung. Ein Lebenswort. Berlin, Posekel. 

Jb. 2,50. 
Leadbeater, C. W., Ein Textbuch der Theosophie. Uebersetzt aus dem 

Englischen, bearbeitet von E. Pieper. Leipzig, Grieben. Jb. 1,80. 
Le Bon, G., La vie des verites. Paris, Flammarion. 
Lenk, E., Die Unabhängigkeit von der Natur. Leipzig, Thomas. 8. 58 S. 

Jb. 1. 
Leutrodt, W., Das doppelte Gesicht der Gegenwarl. Berlin, Fischer. 8. 

XV, 215 S. Jb. 3,50. 
Loewenstein, E., Nervöse Leute. Gedanken eines Laien. Leipzig, 

Wolff. gr. 8. 280 S. Jb. 3,50. 



Novitätenschau. 287 

L h o t z k y , H., Das Evangelium von der Kraft. Ein Buch zum Erleben. 
Ludwigshafen, Hans Lhotzky Verlag, kl. 8. 228 S. M 1,50. 

Lueben, R., Sebastian Fox Morcillo und seine Naturphilosophie. An- 
hang: Die Staatsphilosophie Morcillos von i\l. Honecker. Bonn, Han- 
stein 8. 151 S. M 4. 

Maggioni, D., L'educazione filosofica ed altri scritti inediti con intro- 
duzione e nota di Michele Losacco. Bari, Societa tipogr.-editr. barese. 

Mann, F. K., Der Marschall Vauban und die Volkswirtschaftslehre des 
Absolutismus. Eine Kritik des Merkantilsystems. Leipzig, Duncker 
& Humblot. 

Märten s, K., Geschmack und Bildung. Kleine Essays. Berlin. 8. 247 S. 

M a i e r , IL, Das geschichtliche Erkennen. Rede. Göttingen, Vandenhoeck 
& Ruprecht. Lex. 8. 37 S. M 0,80. 

Masaryk, Th., Russland und Europa. Studien über die geistigen Strö- 
mungen in Russland. I. Folge. Zur russischen Geschichts- und 
Religionsphilosophie. Soziologische Skizzen. Jena, E. Diedeiichs. 
gr. 8. 533 S. M 12. 

Mausbach, J., Vom gerechten Krieg und seinen Wirkungen. Münster, 
Borgmeyer. 8. 24 S. M 0,50. 

Meffert, Fr., Bankrott der freidenkerischen Weltanschauung. 4 Nummern 
der apologetischen Volksbibliothek. Zusammengestellt für die Kolpor- 
tage. (Das Freidenkertum und sein Glaubensbekenntnis. Gibt es eine 
Moral ohne GottV Die religionslose Moral ein Ersatz der Moral? 
Weltanschauung.) M. Gladbach, Volksvereins-Verlag. 8. II, 16, 16, 
16 und 16 S. M 0,20. 

Meins, E., Im Kampfe der Sternenwelt. Ein Weckruf. Leipzig, Siegis- 
mund & Volkening. 8. 304 S. M. 3. 

Merlant, J., De Montaigne ä Vauvenargues. Paris. 18. Fr. 3,50. 

Meyer, R., Von der Wissenschaft und Nichtwissenschaft. Zwei Briefe 
vom menschlichen Verstehen und Wollen. Tübingen, Kloeres. gr. 8. 

VIII, 168 S. Jk 4. 

Michaelis, A., Der Einfluss der Mutter. Eine Studie. 2. Auflage. 

Baden-Baden, E. Sommermeyer, kl. 8. 88 S. Jk 1,25. 
Michelis, E. de, II problema delle scienze storiche. Torino, Bocca. 

IX, 360 p. 

Michelis, H., Monistische Charakterköpfe. Beiträge zu einer Entwicklungs- 
geschichte des monistischen Denkens in Einzeldarstellungen. Leipzig, 
8. VII, 94 S. Jk 1,50. 

Mohr, K., Mehr Wille! Essays über Willens- und Charakterbildung. 
Paderborn, Schöningh. 8. IV, 348 S. Jk 2,50. 

Müller, J., Reden über den Krieg. 3 Hefte. München, H. Beck. Jk 0,50. 

O'Donnell, E, Animal Ghosts or Animal Haunting and the Hereafter. 
London, Rider. 8. XI, 302 p. Sh. 3/6. 

Oer, S. v., Our failings. Translated from the 10. ed. by the Countess. 
A. ßothmer. Freiburg, Herder. 8. X, 271 S. Jk 3,50. 

Oettinger, W., Die Rassenhygiene und ihre wissenschaftlichen Grundlagen. 
Berlin, Fischers medizinische Buchhandlung, gr. 8. V, 77 S. Ji 120. 

Ostwald, W., Monistische Sonntagspredigten. 4. Reihe. Leipzig, Verlag 
Unesma. kl. 8. IV, 384 S. Ml. 

— , Ernst Haeckel. Festrede. Mit einem Prolog von M. v. d. Porten und 
einer Autotypie, darstellend die Begrüssung Haeckel-Ostwald in Jena 



288 Novitätenschau. 

1911 vor der Tür des Schwarzen Bären. Nr. 30 der Flugschriften des 

deutschen Monistenbundes. Leipzig, Verlag Unesiaa. 8. 51 S. M 0,60. 
Pearson, E., Ideals and Realities. Essays. London, Washbourne. 

8. 149 p. Sh. 2/6. 
Peralter, Les premieres phases d'un rnouvement de l'esprit. Paris, Ponsot. 
— , L., Die ersten Phasen einer geistigen Bewegung. Mystik, Okkultismus. 

Leipzig, Altmann. 
Pfordten, 0. v. der, Das Gefühl und die Pädagogik. Heidelberg. 8. 

133 S. M. 3,40. 
Pichler, H., Der Krieg vom Standpunkte der Naturgesetze. Dresden, 

Globus, gr. 8. 46 S. Jk 0,80. 
Püllner, 0., Schicksal und Sterne. 8. Bd. der Astrologischen Bibliothek. 

Leipzig, Theosophisches Verlagshaus. gr. 8. III, 101 S. m. 22 Fig. M. 2. 
Potet, B., Die entschleierte Magie. Leipzig, Altmann. 8. VIII, 158 S. M. 6. 
Primot, A, La psychologie d'une conversion du positivisme au spiritua- 

lisme. Paris. 8. 680 p. Fr. 7,50. 
Provo, H., Allerlei über die Liebe. Kulturpsychologische Betrachtungen. 

Leipzig, Sphinx-Verlag. 8. 64 S. M>. 0,80. 
Ranzoli, II caso nel pensiero e nella vita. Milano. 
Reynolds, M. J., How Man conquered Nature. London, Macmillan. 8. 

J Sh. 1/8. 
Rochas, A. de, Die aufeinanderfolgenden Leben. Uebersetzt von H. Kordon. 

Leipzig, Altmann. 
Rosenfeld, J., Die doppelte Wahrheit. Bern, Scheitlin. 
Rudolph, H., Die zehn Hauptlehren der theosophischen Weltanschauung. 

14. Heft der Theosophischen Bausteine zur Förderung der theoso- 
phischen Kultur. Leipzig, Theosoph. Kulturverlag. 8. 21 S. M. 0,30. 
— , Theosophie. Gesammelte theosophische Vorträge über die Einheit 

von Religion, Wissenschaft, Philosophie und Ethik. 1. Bd. Der Pfad 

zur Selbsterkenntnis. Leipzig, Theosoph. Kulturverlag, gr. 8. IX, 

321 S. M. 4,50. 
Rudert, Th., Ueber die Möglichkeit und Notwendigkeit einer Vereinheit- 
lichung der Terminologie der Geisteswissenschaften. Berlin-Halenses, 

Verlag für aktuelle Philosophie, gr. 8. 58 S. M. 3. 
Schaefer, H., Niedergang und Erhebung der Kulturmenschheit. 2. Aufl. 

Berlin, Hof mann. 8. 200 S. M. 2,25. 
Schaukai, R., Zettelkasten eines Zeitgenossen. Aus Hans Bürgers 

Papieren. München, G. Müller. 8. 348 S. M. 4. 
Schneider, J. B., Von Liebe und Leben. Zeitgemässe Betrachtungen. 

Werder, Verlag Sexualreform, gr. 8. 137 S. M. 3. 
Schmitz, 0., Die Weltanschauung der Halbgebildeten. München, Müller. 

205 S. M. 5. 
Scholz, H., Der Idealismus als Träger des Kriegsgedankens. Gotha, 

Perthes. M 0,60. 
Schreiner, E., In diesem Zeichen wirst du siegen. Stuttgart, Ulshöfer. 

8. 227 S. M. 3,50. 
Schrenck-Notzing, Der Kampf um die Materialisations-Phänomene. 

Eine Verteidigungsschrift. München, Reinhardt. Lex. 8. VIII, 160 S. 

mit 20 Abbildungen und 3 Tafeln. M 1,60. 
— , Materialisations-Phänomene. Ein Beitrag zur Erforschung der mediu- 

mistischen Teleplastie. Mit 150 Abbildungen und 30 Tafeln. München, 

Reinhardt, gr. 8. XII, 524 S. M. 14. 



No vität ensc li a u. 289 

Schwab, Fr., Dämonische Gedankenschöpfung' oder das Ich and die Iche. 
3., durchgesehene Auflage. Lorch, Rohm. kl. 8. 16 S. M 0,10. 

— , Die Macht der Gedanken. 3., durchgesehene und verbesserte Auflage. 
Ebenda, kl. 8. 15 S. M 0,10. 

Schwarz, E., Der Krieg als nationales Erlebnis. Rede. Strassburg, 
Trübner. gr. 8. 16 S. M. 0,50. 

Scott, Geoffrey, The Architecture of Humanism. A Study in the History 
of Taste. London, Constable. 8. 284 p. Sh. 7/6. 

Seiling, M., Ernst Haeckel und der Spiritismus. Ein Protest. 2., ver- 
besserte Auflage Leipzig, Mutze. 8 III, 47 S. M 1. 

Seil, R., Recht und Würde des Krieges. Bonn, Cohen. 8. 207 S. M. 0,40. 

Seiliiere, E., Mysticisme et domination. Essais de eritique imperialiste. 
Paris, Alcan. 

Silacara, Bh., Laienbuddhismus. Rechte Gesinnung. Vom rechten Ver- 
ständnis. Trier. Verlag der Zeitschrift für Buddhismus. 

Silberer, H., Probleme der Mystik und ihrer Symbolik. Wien, Heller 
& Co. gr. 8. 283 S. M. % 

Si lber gl eit, R.. Wahres. Absurdes. Paradoxes. Berlin, A. Nauck. 8. 
90 S. M 2,50. 

Sinapius, D., Die Macht der Gedanken und ihr Einfluss auf Gesundheit 
und Schicksal 3. Aufl. Lorch, Rohm. 8. 22 S. M 0,20. 

Sinram, A., Die Welt der höheren Erkenntnis und der Ueberzeugung, 
Weltanschauung der notwendigen Selbstentstehung. Hamburg, Behre. 
gr. 8. 184 S. mit 14 Figuren. M. 2. 

Sortais, G., Les catholiques en face de la democratie et du droit commun 
Paris, Gigord. 16. 309 p. 

Spranger. E., Lebensformen. Ein Entwurf. Aus Festschrift für Alois 
Riehl. Halle, Niemeyer, gr. 8. 110 S. M. 2,40. 

Steiner, Rudolf, An Outline of Occult Science. London, Theosophical 
Publ. Society. 8. Sh. 7/6. 

Suttner, B. v., For la batalilojn! El la germana lingvo esperantigita de 
A. Caumont. Dresden, Ader & Borel. 8. 320 p. M. 2,50. 

Syehova, E., Okkulter Wegweiser für das Alltagsleben und die Ent- 
wicklung des Willens zur höchsten Macht. Leipzig, Altmann. 2. Aufl. 
8. IV, "185 S. M 1,50. 

Thiele, E., Seele . . . Träume eines Zeitgemässen über der Menschen 
Vergangenheit und Zukunft. Leipzig, O. Hillmann. 8. 108 S. M. 1,50. 

Toulouse, La vie novwelle. Paris. 18. Fr. 3,50. 

Traub, G., Der Krieg und die Seele. Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt. 
M 0,50. 

Trine, W., Der Neubau des Lebens. Richtlinien. Einzig berechtigte 
Uebersetzung aus dem Englischen von Christlieb. Einband und Um- 
schlag von Dora Krais. Stuttgart, Engelhorn Nachfolger. 1. — 5. Taus. 
8. 235 S. M 4. 

Tyrrell, George, Essays on Faith and Immortality. London, Arnold. 8. 
294 p. Sh. 5. 

Valli, L, II valore supremo. Genova, Formiggini. 8. 323. 

Varisco, B., The Great Problems. Transl. by R. C. Lodge. London, 
Allen. 

Vehling, D., Das Vermächtnis des Einsamen. Apercus. New-York, 
Didion. kl. 8. 168 S. M. 2,50. 

Philosophisches Jahrbuch 1915. U 



290 Novitätenschau. 

Verlage, J., Die Wissenschaft des Seins. Ein Kursus über Geistes- 
wissenschaft. 10 Abhandlungen über das unveränderliche Gesetz von 
Ursache und Wirkung. Die Materie. Der natürliche Fall. Die geistige 
Auferstehung. Was Heilen bedeutet. Das Wort. Gedankenüber- 
tragung. Hypnotismus usw. Nebst einem Schlussatz. Praktische 
Ratschläge. 2. Aufl. Schmiedeberg, Baumann. 8. 170 S. M 2. 

Verus, S, Einführung in die Geschichte des freien Gedankens in 100 
Lebensabrissen seiner Vorkämpfer. Frankfurt a. M., Neuer Frankfurter 
Verlag, gr. 8 XVI, 224 S. M. 2,25. 

Volter a, V., Hadamard, J., Langevin, P. et Boutroux, P. Henri 
Poincare, L'oeuvre scientifique. L'oeuvre philosophique. Paris, Alcan. 
Fr. 3,50. 

Vorbrodt, G. , Flournoys Seherin von Genf und Religionspsychologie. 
Leipzig, Meiner. 8. 59 S. M. 1,20. 

Voss, E., Theosophie, theosophische Lehren, theosophische Gesellschaft, 
ein Dreigestirn. Leipzig, Theos. Kultur-Verlag. 8. 6 S. M 0,10. 

Wagner, R., Aussprüche und Gedanken. Gesammelt, eingeleitet und 
herausgegeben von R. Rehlen. Berlin. 8. 660 S. M. 5. 

W a 1 1 a s , Graham, The Great Society. Psychological Analysis. London. 
Macmillan. 8. 418 p. Sh. 7/6. 

Was wir Ernst Haeckel verdanken. Ein Buch der Verehrung und Dank- 
barkeit. Im Auftrage des deutschen Monistenbundes herausgegeben 
von H. Schmidt. Mit 12 Abbildungen, darunter 5 Haeckel-Porträts. 
2 Bände. Leipzig, Verlag Unesma. 8. XV, 432 u. VIII, 416 S. M 8. 

Watts, Diana, The Renaissance ot the Greek Ideal. London, Heinemann. 
Folio. 186 p. Sh. 21. 

Wodan, A., Astrologie als Wegweiser zu Gesundheit und Lebensglück. 
Leipzig-Gohlis, Wodan-Verlag. M 3. 

Weinstein, M. B., Der Untergang der Welt und der Erde in Sage und 
Wissenschaft. 470. Bändchen der Sammlung „Aus Kultur und Geistes- 
welt." Leipzig, Teubner. kl. 8. V, 107 S. M 1. 

Winter, L., Die Sprache als Mutter meiner Weltanschauung. Leipzig, 
Volger. 8. 112 S. M 2. 

Wrangel, F., Wissenschaft und Theosophie. Leipzig, Altmann. 8. 47 S. 
M. 0,50. 

Ziegler, J. H., Die Umwälzung in den Grundanschauungen der Gegen- 
wart. Bern, Semminger. 

Z i e g 1 e r, Th., Der Krieg als Erzieher. Vortrag. Frankfurt a. M., Knauer. 
8. 8 S. M 0,10. 

Ziegler, Z., Menschen und Probleme. Berlin. 8. IX, 424 p. M 7. 

Zini, Z., La La doppia maschera delPuniverso. Torino. 8. 546 p. L. 14. 

Zschimmer, E., Philosophie der Technik. Vom Sinn der Technik und 
Kritik des Unsinns über die Technik. Jena, E. Diederichs. 8. 184 S. M> 3. 

II. Logik und Erkenntnistheorie. 

A. Lehrbücher und allgemeine Darstellungen. 

Bradley, F. H., Essays on Truth and Realitv. Oxford, Clarendon Press. 

8. 480 p. Sh. 12/6 
Casalini, AI., Studi filosofici sulla cognizione, le sue forme e funzioni. 

Roma, Loescher. 8. 285 p. L. 5. 
Cohen ,11. S. unter 1, A. 



Novitäten schau. 291 

Coutural, L , The Algebra of Logic. London, Open Court Co. 8. Sh 3/6. 

Donat, J. S. J. S. unt. I, A. 

Flügel, 0., Abriss der Logik und die Lehre von Trugschlüssen. 5. Aufl. 

Langensalza, Beyer, gr. 8. XVIII, 126 S. M. 2. 
Fries, J. Fr., System der Logik. Ein Handbuch für Lehrer und zum 

Selbstgebrauch. Nach der 3., verbess. Auflage neu herausgegeben. 

Leipzig, Meiner 8. XX, 454 S. Jk. 6. 
Husserl, E. Logische Untersuchungen. 1. Band: Prologomena zur reinen 

Logik. 2. Band: Untersuchungen zur Phänomenologie und Theorie 

der Erkenntnis. Halle, Niemeyer, gr. 8 XXII, 257; XL 508 S. 

Jk 6 und 14. 
Ketcham, V. A., The Theory and Practice of Argumentation and Debate. 

London, Macmillan. 8 Sh. 5/6. 
König, J., Neue Grundlagen der Logik, Arithmetik und Mengenlehre. 

Leipzig, Veit & Co. gr. 8. VIII., 259 S. Jk 8. 
Lasker, E, Das Begreifen der Welt. Berlin, Joseph. gr. 8. IV, 

491 S. Jk 11. 
Lecher t, A. S. unt. I, A. 
Levy, H., Ueber die apriorischen Elemente der Erkenntnis. 1. Tl.: Die 

Stufen der reinen Anschauung. Erkenntnistheoretische Untersuchungen 

über den Raum und die geometrischen Gestalten. Leipzig, Meiner. 

8. IX, 204 S. M. 6. 
Macpherson, W., How to argue successfully. London, Rout ledge. 12. 

116 p. Sh. 1. 
Natorp, P. S. unt. I. A. 
Pesch, F. S. unt. I, A. 
Rother, A. J., Truth and Error. A Studv in Critical Logic. London, 

Herder, gr. 8, Sh. 2. 
Russell, L. J., An Introduction to Logic from the Standpoint of Education. 

London, Macmillan. 8. 148 p. Sh. 2/6. 
Sidgewick, A., Elementary Logic. Cambridge, University Press. 8. 

260 p. Sh. 3/6. 
Uphues, Einführung in die moderne Logik. Osterwieck, Zickfeldt. 
Wendel, G., Kritik des Erkennens. Bonn, Georgi. Lex. -8. VI, 236 S. M. 4. 
Williams, St., Principles of Logic. London, Jack. 12. 6 ed. 

B. Beiträge zur Logik und Erkenntnistheorie. 

Bergson, H., Essai sur les donnees immediates de la conscience, 

13 e edition. Paris, Alcan, Fr. 3,75. 
Bloch, W., Der Pragmatismus von James und Schiller nebst Exkursen 

über Weltanschauung und über dis Hypothese. [Aus: „Zeitschrift für 

Philosophie und philosophische Kritik".] Leipzig, Barth. Lex 8. 

VIII, 107 S. M. 3. 

Borel, E., Le Hasard. Paris, Alcan. Fr. 3,50. 

Boutroux, E., Nalural Law in Science and Philosophy. London, Nutt. 
8. 218 p. Sh. 7/6. 

Boutroux, P., Les principes d'analyse mathematique. Tome I. Les 
nombres, la grandeur, les figures, le calcul combinatoire, le calcul 
algebrique, calcul des fonctions, l'algebre geometrique. Paris, Hermann. 
XI, 547 p. Fr. 14. 

19* 



292 Novitätenschau. 

Brockdorff, G. v., Diskontinuität und Dialektik. Festabhandlung für 
Herrn Geheimrat Professor Dr. Alois Riehl zum 27. 4. 1914. Oster- 
wiek. Zickfeldt: gr. 8. 70 S. Ji. 1. 

Dennert, E., Wesen und Recht der Kausalität. Wider Verworns revo- 
lutionären Konditionismus. Godesberg, Naturwissensch. Verlag. 46 S. 
M. 0,60. 

Eisler, R., Der Zweck. Seine Bedeutung für Natur und Geist. Berlin, 
E. Mittler & Sohn. gr. 8. V, 286 S. Ji. 7. 

Forel, A., Ueber unser menschliches Erkenntnisvermögen. Leipzig, 
Barth. Ji. 0,80. 

Gabrilovitsch, L., Ueber mathematisches Denken und den Begriff der 
aktuellen Form. Simion. 8. 92 S. M. 2.50. 

Gebhards, K., Machs Erkenntnistheorie und der Realismus. Stuttgart, 
Spemann. Ji. 4. 

Geiger, M., Beiträge zur Phänomenologie und phaenomenologischen 
Philosophie. Halle, Niemeyer. 

Läpp, A., Die Wahrheit. Ein erkenntnistheoretischer Versuch, orien- 
tiert an Rickert, Husserl und an Vaihingers „Philosophie des Als Ob". 
Stuttgart, W. Speemann. 

Lieber t, A., Das Problem der Geltung. Berlin, Reuther & Reinhard, 
gr. 8. VI, 262 S. M. 8. 

Petrescu, N., Die Denkfunktion der Verneinung. Eine krit. Unter- 
suchung. Leipzig, Teubner. gr. 8. VII, 81 S. Ji. 2. 

Poincare, H., Science and Method. Translated by Fr. Maitland. With 
a Preface by Bertrand Russell. London, Nelson. 8. 288 p. Sh. 5. 

Pokorny, Ueber durchgreifende logische Regeln, die sich ergeben, wenn 
man die Glieder kategorischer Urteile als Thesen auffasst. Aus Zeit- 
schritt für Philosophie und Pädagogik. Langensalza, Beyer & Söhne, 
gr. 8. 16 Seiten. Jb. 0,40. 

Reverdin, H., La notion d'experience d'apres William James. Paris, 
Fischbacher. 8. 221 p. 

Sauerbeck, E., Vom Wesen der Wissenschaft, insbesondere der drei 
Wirklichkeitswissenschaften, der Naturwissenschaft, der Psychologie 
und der Geschichte. Leipzig. 8. XVI, 192 S. Ji. 4. 

Stern, V., Die logischen Mängel der Machschen Antimetaphysik und die 
realistische Ergänzung seines Positivismus. Leipzig, Reisland. Ji. 7. 

Sternberg, K., Zur Logik der Geschichtswissenschaft. Nr. 7 der Philo- 
sophischen Vorträge, veröffentlicht von der Kantgesellschaft. Berlin, 
Reuther & Reichard. gr. 8. 61 S. Ji 1,20. 

Stickers-Luzern, J., Was ist Energetik? Eine erkenntnistheoretische 
Untersuchung der Ostwald'schen Energetik. Berlin - Wilmersdorf, 
Schnippel. 

Vogt, G., Was ist Wahrheit? Erkenntnistheoretische Studie. Hamburg, 
Hephaestos-Verlag. Ji. 8. 

Weingärtner, G., Rudolf Euckens Stellung zum Wahrheitsproblem. 
.Stellung und Beurteilung. Mainz, Kircheini. 82 S. Ji. 1.50. 

Ziehen, Th., Zum gegenwärtigen Stand der Erkenntnistheorie. Zugleich 
Versuch einer Einteilung der Erkenntnistheorien. Wiesbaden, J. Berg- 
mann. Lex 8 III, 73 S. Ji 2,80. 

7. -chi in mer, E., Das Welterlebnis. 3. Tl. Nebst Anhang: Prole- 
gomena zur Panlogik. Leipzig. 



Novitätenschau. 293 

III. Psychologie, 

A. Lehrbücher und allgemeine Darstellungen. 

Bergson, H., Essai sur les donnees immediates de la conscience. 13 e 
edition. Paris, Alcan. Fr. 3,75. 

Bericht über den 6. Kongress für experimentelle Psychologie in Göttingen 
vom 15. — 18. 4. 1914. Im Auftrage des Vorstandes herausgegeben 
von F. Schumann. Leipzig, gr. 8. IV, 350 S. M. 11. 

Buchenau, A, Natorps Monismus der Erfahrung und das Problem der 
Psychologie. Langensalza, Beyer. 

Butt mann, W. J., Die Hauptergebnisse der modernen Psychologie mit 
besonderer Berücksichtigung der Individualforsehung. Leipzig. 8. XIII, 
392 S. M. 4,40. 

Ebbinghaus, H., Abriss der Psychologie. 5. Auflage, durchgesehen von 
E. Dürr. Leipzig, Veit. gr. 8. 208 S. Ji 4. 

E g e r , H., Experimentelle Psychologie. Ausgewählte Kapitel für die Zwecke 
der Pädagogik und Heilpädagogik. Sechs Vorträge, gehalten im Ferien- 
kurse in Jena 1913. 9. Band der Aktuellen Fragen aus der Pädagogik 
der Gegenwart. Langensalza, Beltz. gr. 8. V, 111 S. M. 3,20. 

Eisenmeier, J., Die Psychologie und ihre zentrale Stellung in der Philo- 
sophie. Eine Einführung in die wissenschaftliehe Philosophie. Halle, 
Niemeyer, gr. 8. VIII, 111 S. M. 3,20. 

Etchart, C. B., Psychologie energetique. Traduit de Pespagnol. Paris, 
Biviere 18. Fr. 3. 

Glober, W., Know your own Mind. A Little Book on Practical Psycho- 
logy. Cambridge, University Press. 12. 214 p Sh. 2. 

Hoff ding, H., Psychologie in Umrissen auf Grundlagen der Erfahrung. 
Fünfte deutsche, nach der vielfach geänderten sechsten dänischen 
bearbeitete Ausgabe. Leipzig, Beisland. gr. 8. 512 S. Jk 10. 

Holt, E. B, The Concept of Consciousness. London, Allen. 8. Sh. 12/6. 

Ingenieros, J., Principes de psychologie biologique. Paris, Alcan. 

Kaplan, L., Grundzüge der Psychoanalyse. Wien, Deuticke. gr. 8. HI, 
306 S. M. 6. 

Kleinpeter, H., Vorträge zur Einführung in die Psychologie. Leipzig, 
Barth. 8. VI, 435 S. M. 6. 

Kr am er, U., Neue Grundlagen zur Psychologie des Denkens. Brunn. 
8. 127 S. M. 3. 

Legahn, Fr. A., Entwicklungsgeschichte des Bewusstseins auf physiolo- 
gischer Grundlage. Leipzig, Engelmann. gr. 8. III, 544 S. mit 
179 Fig. M. 17,60. 

Lehmann, A., Die Hauptgesetze des menschlichen Gefühlslebens. 2., 
völlig umgearbeitete Auflage Leipzig, Beisland. gr. 8. VIII, 421 S. 
M. 11. 

Messer, A , Psychologie. 13. Band des Sammelwerkes „Das Weltbild 
der Gegenwart." Berlin, Deutsche Verlagsanstalt. 8. XII, 395 S. M. 6. 

Münsterberg, H,, Grundzüge der Psyehotechnik. Leipzig, Barth, gr. 8. 
XII, 767 S. Jk 16. 

Natorp, P. S. und I, A. 

Phalen, A., Zur Bestimmung des Begriffs des Psychischen. Uppsala, 
Akademische Buchhandlung. Leipzig, Harrassowitz. gr. 8. VI, 617 S, 
.*. 14. 



294 N o v i tä t e n s c h a u. 

Schilling, G., Lehrbuch der Psychologie. Neu herausgegeben und mit 
Anmerkungen versehen von 0. Flügel. Langensalza, Beiz. gr. 8. 
VIII, 228 S. Jk. 2,80. 

Wundt, W., Völkerpsychologie. Eine Untersuchung der Entwicklungs- 
gesetze von Sprache, Mythus und Sitte. V. Band Mythus und Beligion. 
2., neu bearbeitete Auflage. 2. Teil. Leipzig, Kröner. gr. 8. XIII. 
494 S. M. 11. 

Ziehen, Th., Leitfaden der physiologischen Psychologie in 16 Vorle- 
sungen. 10.. umgearbeitete Aufl. mit 69 Abbildungen. Jena, Fischer. 
503 S. 

Zimmermann, B., Seelenkunde. Ein Versuch eine begriffliche Dar- 
stellung vom Wesen des Menschen zu geben nach Geist, Leib und 
Seele. Pr.-Bahnau, Buchhandlung des evangel. Gemeinschafts-Brüder- 
hauses. 8. 64 S. M. 0,50. 

B. Beiträge zur empirischen Psychologie. 

Abhandlungen, Psychologische. Herausgegeben von C. G. Jung. 
1. Band. Wien, Deutike. gr. 8. V, 211 S. J& 7. 

A m e n t , W., Die Seele des Kindes. Eine vergleichende Lebens- 
geschichte. Mit 44 Bildern und 1 Vignette Ton E. Heermann. 4. ver- 
besserte Auflage. Stuttgart, Frankh, 8. 95 S. M 1- 

Andrews, C. B. Life, Emotions and Intellect. London. 

Ash, E. L., How to treat by Suggestion, with or without Hypnosis. London. 
Mills & Boon. 8. 104 p. Sh. 1. 

Austen, J., Sense and Sensibility. Edited with intreduction, notes and 
queries by E. L. Miller. London, Macmillan. Sk. 1. 

B a 1 1 a r d , Ph. B., Obliviscence and Beminiscence. Cambridge, University 

Press, gr. 8. 50 p. Sh. 4. 
Binswanger, 0., Die seelischen Wirkungen des Krieges. Stuttgart, 

Deutsche Verlagsanstalt. M. 0,50. 
Blondel, Ch., La conscience morbide. Essai de Psychopathologie 

generale. Paris, Alcan. 
Bobertag, 0., lieber Intelligenzprüfungen nach der Methode von Binet 

und Simon. Leipzig, Barth. 8. 175 S. M. 4. 
Brecht, F. A., Methode zur Schulung der Phantasie. Berlin. 8. 160 S. 

M. 4,50. 
Brischar, K., Das Genie. Ein Versuch. Leipzig, Spohr. 8. 35 S-. 

M. 0,80. 
Boswood, B. Ph., Obliviscence and Beminiscence. London, Cambridge 

University Press. 
Damm, H., Korrelative Beziehungen zwischen elementaren Vergleichs- 
leistungen. Ein Beitrag zur psychologischen Korrelationsforschung. 

Leipzig, Barth, gr. 8. IV. 84 S. M. 2,60. 
Dontchet-Dezeuze, M., l/image et les reflexes conditionnels dans 

les travaux de Pavlov. Preface de G. Bohr. Paris, Alcan. 16. 

176 p. M. 2,50. 
Dumont, T. Q., The Art and Science of Personal-Magnetism. London, 

Fowler. 8. Sh. 4/6. 
Erdmann, B., Psychologie des Eigensprecliens.. Berlin, G. Beimer. 

Lex. 8. 31 S. M 1. 
Evard, M., L' adolescenle. Paris. 8. Fr. 5. 



Novitätensebau. 296 

Flournoy, Th., Experimental - Untersuchungen zur Religions-, Unterbe- 
wusstseins- und Sprachpsychologie. Herausgegeben und eingeleitet von 
G. Vorbrodt. 2. Heft. Die Seherin von Genf. Mit Geleitwort von M. 
Dessoir. Autorisierte Uebersetzung. Leipzig, Meiner. XXII, 556 S. .#16. 

Freud, S., On Dreams. London, Heinemann. 8. 142 p. Sh, 3'6. 

— , Psychopathology of everyday Life. London, Unwin. 8 350 p. Sh. 12 6. 

F r i e d e r i c i , H., Ueber die Wirksamkeit der sukzessiven Attention. Ein 
Beitrag zur Lehre vom Willen. 4. Heft des II. Bandes der Unter- 
suchungen zur Psychologie und Philosophie. Leipzig. 8. VIII, 88 S. m. 3. 

Gallinger, A, Zur Grundlegung einer Lehre von der Erinnerung. Halle, 
Niemeyer, gr. 8. IV, 149 S. M 4. 

Gaultier, P., L'adolescent. Paris, Bloud et Gay. 

Gemelli, A., II metodo degli equivalenti. Firenze, Librer. edit. Fioren- 
tina. 8. 34 p. 

— , Intorno alla influenza esercitata dalla posizione delle parti del corpo 
sull' apprezzamento di distanze tattili. Contributo allo studio della 
influenza delle immagini visive sulle rappresentazioni tattili. Pavi, Fusi. 

G e r 1 i n g , R., Die Phrenologie, ihr Wesen und ihre Bedeutung für die 
.Menschenkenntnis. Oranienburg, Möller, kl. 8. 28 S. M. 0,20. 

Hauer, F. v., Beiträge zur Theorie der Farbenempfindungen. Wien, 
Holder, gr. 8. 23 S. M 0,78. 

He 11 w ig, A., Zur Psychologie der richterlichen Urteilsfindung. Stuttgart. 
8. 62 S. M 2. 

Hoc he, A., Krieg und Seelenleben. Freiburg, Speyer & Kaerner. gr. 8. 
35 S. .* 0,90. 

Hoppe, Th., Die Taubstummblinden in Wort und Bild. Potsdam. 8. 
57 S. mit 19 Abbildungen. Ji> 3. 

K 1 e i n g a u 1 , R., Volkspsychologie. Das Seelenleben im Spiegel der 
Sprache. Berlin. 8. VII, 211 p. M 4,80. 

Kenilworth, W. W., La contröle psychique par la connaissance de 
soi — meme. Paris. 8. Fr. 7,50. 

Kostyleff, N, Le mecanisme cerebral de la pensee. Paris, Alcan. 
8. Fr. 5. 

Lamers, G., S. .!., De psychologie van het geheugen. Theorie en 
praktijk volgens de nieuwste resultaten der wetenschap. Nijmegen, 
Malmberg. 

Leyendecker, H., Zur Phaenomenologie der Täuschung. Halle, Nie- 
meyer. 

L o b s i e n , M., Intelligenzprüfungen auf Grund von Gruppenbeobachtungen. 
8. Bd. der aktuellen Fragen aus der Pädagogik der Gegenwart. Langen- 
salza, Beltz. gr. 8. IV, 60 S. M 1,89. 

Lorand, A., Die menschliche Intelligenz und ihre Steigerung durch 
hygienische und therapeutische Massnahmen. Eine Anleitung zum 
rationellen Denken. Leipzig, Klinkhardt. gr. 8. VIII, 413 S. M 4. 

Martin, E., Psychologie de la volonte. Paris, Alcan. 8. IV, 180 p. 

Meumann, E., Psychologie des Alltaglebens. Geistige Verrichtungen 
und Pflichten des täglichen Lebens. Leipzig, Nemmich. M. 5. 

*M e u n i e r , R., Les ämes en peine. 2 vol Paris, Sansot. Ir. 2. 

Münsterberg, H., Psycho'ogy and social Sanity. New- York, Garden 
Cety. 8. IX, 320 p. Sh. 1,25. 



296 Novitätenschau 

Nayrac, J. P., Psychologie et physiologie de l'attention. Deuxieme 
edition, revue et augmentee. Preface de Th. Ribot. Paris, Alcan. 

Fr. 3,75. 
Pauli, R., öeber eine Methode zur Untersuchung und Demonstration der 
Enge des Bewusstseins sowie zur Messung der Geschwindigkeit der 
Aufmerksamkeitswanderung. 1. Heft der Münchener Studien zur 
Psychologie und Philosophie. Stuttgart, Spemann. gr. 8. VII, 36 S. 

M 1,50. 
P r in ce, Morton, The Unconscious. London, Macmillan. 8. Sh. 8/6. 
Rath, C, Ueber die Vererbung von Dispositionen zum Verbrechen. Eine 

statistische und psychologische Untersuchung. 2. Heft der Münchener 

Studien zur Psychologie und Philosophie. Stuttgart, Spemann. gr. 8. 

III und S. 37 — 138 mit Figuren. M 4 
Rh od es, Geoffrey, The Mind at Work. A Handbook of applied Psycho- 

logy. With Gontributions by Ch. Buttar, C. J, Foley and L. L. Bernard. 

London, Murby. 8. VIII, 235 p. Sh. 3/6. 
Schulhof, H., Individualpsychologie und Frauenfrage. 6. Heft der 

Schriften des Vereins für Individualpsychologie. München, Reinhardt. 

gr. 8. 31 S. Ji 0.80. 
Seashore, C. E., Psychology in daily Life. London, Appleton. 8 Sh. 6. 
Severen, Elisabeth, Psycho-Therapy. Its Doctrine and Praclice. London, 

Rider. 8. 220 p. Sh. 3/6. 
Shand, A. F.. The Foundations of Character. A Study of the Tendencies 

of the Emotions and Sentiments. London, Macmillan. 8. 564 p. 

Sh, 12. 
Specht, W., Wahrnehmung und Halluzination. Leipzig, Engelmann. 

gr. 8. VI, 147 S. M 5. 
Sperber, H., Ueber den Affekt als Ursache der Sprachveränderung. 

Versuch einer dynamologischen Betrachtung des Sprachlebens. Halle, 

Niemeyer. 8. IV, 106 S. M 2,40. 
Stern, W., Psychologie der frühen Kindheit bis zum sechsten Lebens- 

jähre. Leipzig, Quelle & Meyer. XII, 370 S. mit 5 Tafeln. M 7. 
Strasser- Eppelbaum, V., Zur Psychologie des Alkoholismus. Ergeb- 
nisse experimenteller und individualpsychologischer Untersuchungen. 

5. Heft der Schriften des Vereins für Individualpsychologie. München, 

Reinhardt, gr. 8. 52 S. M 1,50. 
Tu r ck, H., The Man of Genius. Schwerin. Stiller, gr. 8. VII, 483 S. 

M 12. 
V i 1 1 e y, Le monde des aveugles. Essai de psychologie. Paris, Flammarion 
Warner Brown, The Judgement of very Weak Sensory Stimuli with 

Special Reference to the Absolute Threshold of Sensation for Common 

Salt. University of California Press. 69 p. 
West, ML, Education and Psychology. London, Longmans. 8. 350 p. Sh. 5 
Wunderle, G., Das Seelenleben unter dem Einfluss des Krieges. Eich- 

stätt, Brönner. Ji 0,60. 

C. Beiträge zur rationellen Psychologie. 

Dubois, P., Ueber Einfluss des Geistes auf den Körper. 6. Auflage. Aus 
• lern Französischen übersetzt von E. Ringier Berlin, Francke. kl. 8. 
108 S. M 1. 



Novitätenschau, 297 

G e y s e r , J., Die Seele, ihr Verhältnis zum Bewustsein und zum Leibe. 
6. Band der Sammlung Wissen und Forschen. Leipzig, Meiner. 8. 
VI, 117 S. M. 3. 

Kern, B., Die Willensfreiheit. Vorträge. Berlin, A. Hirschwald. gr. 8. 
75 S. M 2. 

Loewenthal, E., System des naturalistischen Transzendentalismus oder 
die menschliche Unsterblichkeit in naturalistischer Beleuchtung und 
Begründung. 4., neu bearbeitete Auflage. Berlin, Dreyer. 16. A 1 

Meffert, Fr., Der Mensch und seine Seele 5 Nummern der apologe- 
tischen Volksbibliothek. Zusammengestellt für die Kolportage. (Hat 
der Mensch eine Seele? Vom Jenseits. Moderne Geisterseherei. 
Das Tier und sein Verstand. Gescheite Tiere.) M.-Gadbach, Volks- 
vereins-Verlag. 8. II, 16, 16, 16, 16 u. 16 S. M 0,25. 

i i a t , C , Quelques Conferences sur Tarne humaine. Paris, Alcan, 8. 
163 p. Fr. 2,50. 

Porten, M. v., Das Problem der Willensfreiheit. Nr. 29 der Flugschrif- 
ten des deutschen Monistenbundes Leipzig, Verlag Unesma. 8. 20 S. 
M 0,30. 

Stutzer, G., Geheimnisse des Seelenlebens Ein Beitrag zur Beurtei- 
lung des Spiritismus. Braunschweig, Wollermann. 8. VIII, 174 S Jko, 

Werner, S., Das Problem von der menschlischen Willensfreiheit. Ver- 
such einer Lösung aut analytischem Wege. Berlin, Simion. gr. 8. 
152 S. M. 3,50. 

Weser, J., Sein oder Nichtsein der Seele. Mit besonderer Berücksich- 
tigung der Wundt'schen Apperzeptionstheorie. Mergentheim, Ohlinger. 
8. 62 S. M 1,20. 

!V. Naturphilosophie und Anthropologie. 

Auvard et Schultz, L'evolutionisme. Paris. 8. 

Bart hei, E., Die Erde als Totalebene. Hyperbolische Raumtheorie, mit 

einer Voruntersuchung über die Kegelschnitte. Leipzig, Hillmann. gr. 8. 

110 S. M. 2,50. 
— , Vertikaldimerision und Weltraum. Leipzig, Hillmann. 
Bartoli, G., Scienza cosmica. II mistero dell'universo e la scienza. 

Torino. 16. 342 p. L. 4. 
Becher, E., Weltgebäude, Weltgesetze, Weltentwicklung. Ein Bild der 

unbelebten Natur. Berlin, Reimer, gr. 8. VI, 315 S. M> 6. 
— , Naturphilosophie. 1. Band der 7. Abteilung des III. Teiles der Kultur 

der Gegenwart. Leipzig, Teubner. Lex. 8. XII, 424 S. M. 14. 
Brass, A., Zur Abstammung des Menschen. Leipzig, Biologischer Verlag 

gr. 8. VIII, 144 S. mit zahlreichen Figuren. M 1,50. 
— , Zur Urgeschichte des Menschen. Leipzig, Biologischer Verlag, gr 8. 

IV, 130 S. mit Figuren. M 1,50. 
Bumüller, J., Die Urzeit des Menschen. 3., vermehrte Auflage. Köln, 

Bachern. 8. VII, 307 S. mit 142 Abbildungen M 5. 
Carpenter, E., Intermediate Types among Primitive Folk. A Study in 

Social Evolution. London, Allen. 8. 186 p. Sh. 4/6. 
Carus, P., The mechanistic Principle and the Non-Mechanicai London, 

Open Court Co 8. Sh. 4. 
— , The Principle of Relativiiy in the light of the Philosophy of Science. 

London. Open Court Co 8. Sh. 4. 



298 Novitätenschau. 

Cooper, E., The Women of Egypt. Illustrated. London, Hurst. 8. 
380 p. Sh. 6. 

Christians, W., Der Mensch im Weltall. Eine Weltanschauung. Berlin, 
W. Löwenthal. 8. 109 S. IM. 

Dannemann, F., Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in 
ihrem Zusammenhange. 4. Bd. Das Emporblühen der modernen 
Naturwissenschaften seit der Entdeckung des Energieprinzips. Leipzig. 

Dexler, H, Ueber den dermaligen Stand des Krallismus. Prag. 49 p. 

D r i e s c h , H , The History and Theory of Vitalism London, Macmillan. 
8. 248 p. Sh. 5. 

Duhem, P., Le Systeme du monde. Histoire des doctrines cosmologiques 
de Piaton ä Copernic. Tome II. Paris, Hermann. 8. 524 p. Fr. 18,50. 

Einstein, A., Die formale Grundlage der allgemeinen Relativitätstheorie. 
Berlin, Reiner. Lex. 8. 550 S. M 2. 

Evans, V., The Soul of a Dog. 2 nd edition. London, Sherlock. 8. Sh. 1. 

Feerhow, F., Eine neue Naturkraft oder eine Kette von Täuschungen? 
Reichenbachs Od und seine Nachentdeckungen. Historisch-kritische 
Studie über die Strahlung des Menschen und andere wenig bekannte 
Strahlungen. Leipzig, Altmann. 8. XIV, 160 S. M. 2. 

Feist, S., Indogermanen und Germanen. Ein Beitrag zur europäischen 
Urgeschichtsforschung. Halle. 8. V, 76 S. M. 2. 

Flamm, L,, Die neuen Anschauungen über Raum und Zeit. Das Rela- 
tivitätsprinzip. Vortrag. Wien, Braumüller. 8. 46 S. M. 1,20. 

F 1 i e s s , W., Vom Leben und vom Tod. Biologische Vorträge. 2., ver- 
mehrte Auflage. Jena, Diederichs. VIII, 133 S M 2,50. 

Florian, M., Der Begriff der Zeit bei Henri Bergson. Dissertation. (Greifs- 
wald). Greifswald, Abel. 8. 326 S. M 2. 

Foerster, J. Tr., Das bisherige Geheimnis der Natur erforscht. Sonne, 
Erde, Mond und Sterne als ein durch innere Kräfte bewegtes und 
belebtes Ganze. Wittenberg, Wunschmann. kl. 8. 42 S. Ml. 

Gallicham, W. M., Woman under Polygamy. Illustrated. London, 
Holden. 8. 240 p. Sh. 16. 

Geikie, J., The Antiquity of Man in Europe. The Munro Lectures, 
1913. London, Oliver & Boyd. 8. 348 p. Sh. 10/6. 

Gemelli, A., L'enigma della vita e i nuovi orizzonti della biografia. 2 vol. 
Firenze, Libr. ed. Fiorentina. 4. XXII, 818 p. con 146 fig. L. 12. 

Gramont-Lesparre, A. de, Les inconnus de la biologie deterministe. 
Paris, Alcan. 8. 

Grohe, G. A., Gedanken über Raum und Zeit. Heidelberg. 8. III, 
208 S. M 4. 

Gutberiet, G., L'uomo, la sua origine e il suo sviluppo. Critica dell'antro- 

pologia monistica. Vol. I : II corpo. Vol. II : La psiche. Versione 

italiana. L. E. Bongioanni. Torino, Libreria Editr. Internazionale. 

G u t h e , K. E., Definitions in Physics. London, Macmillan. 8. Sh. 3/6. 

Harter, G., Das Rätsel der denkenden Tiere. Wien, Braumüller, gr. 8. 

76 S. M 1,40. 
Hartley, G. G., The Position of Women in Primitive Society. A Study 

of the Matriarchate. London, Nash. 8. VIII, 275 p. Sh. 3/6. 
Hegg, E., Das Ewige im Zeitlichen. Eine naturwissenschaftliche Formu- 
lierung. Hern, A Francke. gr. 8. VIII, 101 S. mit 1 Bildnis. M 2,40. 
H o p p e I e r , H., Die Predigt unseres Körpers. Stuttgart, Steinkopf 8. 
120 S. M 1,50. 



Novitätenschau. 299 

Jäger, S., Das Geheimnis alles Werdens, Enthüllungen über das Ver- 
hältnis zwischen Mensch, Planet und Sonne Mellenbach, Verlag „Ge- 
sundes Leben". 8. III, 54 S. M 0,80. 

Johnstone, J., The Pilosophy of Biology. Cambridge, Universitv Press. 
8. 408 p. Sh. 9. 

Joosens, J., Les theories modernes sur la matiere. Etüde de philosophie 
scientifique. Paris Gabalda. 

Joyce, T. A., Mexican Archaeology. An Introduction to the Archaeo- 
logy of the Mexican and Mayan Civilizations of Pre-spanish America. 
London, Warner. 8. 384 p. Sh. 12 6. 

Kafka, G., Einführung in die Tierpsychologie auf experimenteller und 
ethnologischer Grundlage. I. Bd. Die Sinne der Wirbellosen. Leipzig. 

Lanessan, J. L. de, Transformisme et creationisme. Gontribution ä 
l'histoire du transformisme depuis l'antiquite jusqu'ä nos jours. Paris, 
Alcan. Fr. 6. 

Les idees modernes sur la Constitution de la matiere. Conferences failes 
en 1912 ä la Societe francaise de physique Paris, Gauthier-Villars. 

*Levy, E., L'evangile de la raisson. Le probleme biologique. Paris, 
Perrin. 16. 297 p. 

Lipschütz, A., Warum wir sterben. 3. Auflage. Stuttgart, Frankh. 8. 
88 S. mit 36 Abbildungen. M 1. 

Lyell, Sir Ch., The geological Evidence of the Antiquity of Man. London, 
Dent. 12. 428 p. Sh. 1. 

M ä d a y , St., Gibt es denkende Tiere. Eine Entgegnung auf Kralls „Den- 
kende Tiere". Leipzig, Engelmann. gr. 8. XV, 461 S. M 9,60 

Marchand, W., Die Herkunft der lebenden Wesen. München, Reinhart. 
8. 54 S. M 0,50. 

Ostwald, W., Moderne Naturphilosophie. I. Die Ordnungswissenschaften. 
Leipzig, Akademische Verlagsgesellschaft, gr. 8. VII, 410 S. M. 12. 

Perrin, Die Atome. Deutsch von Lottermoser. Leipzig, Steinkopf. 

Planck, M., Dynamische und statistische Gesetzmässigkeit. Leipzig, 
Barth. M 1. 

*Ri n i e r i , P. H., II transformismo e l'embriologia secondo la scienza e 
secondo la Genesi. Genova. 

R o u x , W., Die Selbstregulation, ein charakteristisches und nicht not- 
wendig vitalistisches Vermögen aller Lebewesen. Leipzig, Engelmann. 
M. 5,50. 

R o y c e , J., II mondo e I'individuo. Vol. II : La quarta concezione. Trad. 
dall'inglese di G. Rensi. Bari, Laterza. 

Schlegel, E., Naturphilosophische Studien. Erkenntniswege. — Alte 
Energetiker in der Medizin (weiteres über Paraceslus). — Zusammen- 
hänge wichtiger Grundprobleme. — .Signaturenkunde. Tübingen, 
Kloeres. gr. 8. III, 52 S. M. 1,20. 

Schmucker, S. C, The Meaning of Evolution. London, Maemiüan. 8. 
Sh. 5/6. 

Schuster, The Wife in Ancient and Modern Times. London, Sidgwick. 
8. XI, 151 p. Sh. 1. 

Sergi, G., L"evoluzione organica e le origini umane. Torino. 

Silberstein, L, The Theory of Relativity. London, Macmillan. 8. 
304 p. Sh. 12. 

Thomson, Sir J. J., The Atomic Theory. Romanes Lecture. London, 
Clarendon Press. 8. Sh. 1/6. 



300 Novitätenschau. 

Tschermak, A., Wie die Tiere sehen, verglichen mit dem Menschen. 
Vortrag. Wien, Braumüller. 8. 86 S. M 2,50. 

Tschirn. G., Die ewige Entwicklung des Weltalls, ein Hauptstück der 
einheitlichen Weltanschauung. Frankfurt a. M., Neuer Frankfurter 
Verlag. 8. 30 S. M 0,30. 

Ude, J., Kann der Mensch vom Tier abstammen? Graz, Styria. 8. VII, 
207 S. M. 2. 

Un gl ehrt, G., Das Wesen der Kraft und Materie und die Entstehung 
der rotierenden Bewegung im All. Tübingen. Kloeres. 8. 56 S. 
M 1,20. 

Valentin er, S., Grundlagen der Quantentheorie in elementarer Dar- 
stellung. Braunschweig, Vieweg. 

Volkelt, H., Ueber die Vorstellungen der Tiere. Ein Beitrag zur Ent- 
wicklungspsychologie. 2. Heft der Arbeiten zur Entwicklungspsycho- 
logie. Herausgegeben von F. Krüger. I. Band. Leipzig, Engelmann, 
gr. 8. VI, 126 S. M 4. 

Walter, J., Nature and Cognition of Space ancl Time. West Newton, 
Johnston and Penney. 

Weimarn, P. v., Zur Lehre von den Zuständen der Materie. 2 Bände. 
Text und Atlas. Dresden. 8. X, 190 S. mit 52 Tafeln. M. 7. 

Willy, R., Die schöpferische Menschheit. Ein kosmo-sozialer Zusammen- 
hang. Berlin. 8. 160 S. M 3. 

Witte, H., Raum und Zeit im Lichte der neueren Physik. Braunschweig. 
Vieweg. M 2,80. 

Ze lind er, L., Der ewige Kreislauf des Weltalls. Braunschweig, Vieweg. 
M 10,50. 

Ziegler, J. H., Die Umwälzungen in den Grundanschauungen der Natur- 
wissenschaft. Bern. 8. 155 S. M 2,70. 

V. Theodicee. 

Barrett, Sir W. F., Creative Thought and the Problem of Evil. 2" d 

edition. London, Watkins. 8. Sh. 1. 
Bittre mieux, Jos., De analogica nostra cognitione et praedicatione Dei. 

Louvain, Peeters. 8. XII, 294 p. Fr. 5. 
C a s t e 1 , R. P. S., Dieu et l'äme. Tournai, Castermnn, 
Clapperton, J A., The Essentials of Theology. London, Kelly. 8. 

474 p. Sh. 3/6. 
I) o n a t , J. S. unt. I, A. 

Haeckel, E, Gott-Natur (Theophysis). Studien über monistische Reli- 
gion. Leipzig, A. Kröner. gr. 8. 71 S. M 1 
Kirchner, V., Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Eine Konfrontation 

von Häckel und Glogau. 570. Heft des Pädagogischen Magazins. 

Langensalza, Beyer. 8. 87 S. M. 1,20. 
Pletsche tte, G., Der alte Gottesbeweis und das moderne Denken. 

Paderborn, Schöningh. IV, 251 S. Jb. 3. 
Robinson, A. W., God and the World. A Survey of Thought. With 

a preparatory Note by Sir Oliver Logde. London. 8. 109 p. Sh. 1. 
Saitta, G., La persomalita di Dio e la iilosofia delP immanenza, Saggio 

slorico-filosofico. Fano, Societa Tipografica Cooperativa. 
Steinmann, Th., Die Frage nach Gott. Gesammelte Aufsätze. Tübingen, 

Mehr., gr. 8. VIII, 314 S. Jb 6. 



Novitäten schau. 301 

Stillger, S., Gibt es einen Gott? Eine Antwort auf die grosse Mensch- 
heitsfrage. Regensburg, Pustet, kl. 48 S. M 0,50 

Zimmermann, 0. J. S., Der Gottesbeweis des Weltkrieges. Tatsachen 
und Gedanken. 1. und 2. Auflage. Münster, Aschendorff. 8. 52 S. 



j. 



tt 0,50. 



VS. Allgemeine Metaphysik und Ontologie. 

A 1 e x a n d e r , S., The Basis of Realism. London, Milford 8. 36 p. Sh. 1 . 

Bio ad, G. D., Perception, Physics and Reality. An Enquiry into the In- 
formation tbat Physical Science can supply about the Real. Cambridge, 
üniversity Press. 8. 400 p. Sh. 10. 

Donat, J., III. Ontologia. Editio II. et III. emendata. Innsbruck, Rauch. 
V, 206 p. M. 2,15. 

Effertz, O, Vorlesungen über Metaphysik. Gehalten an der Ecole des 
hautes etudes sociales zu Paris 1912—1914. Aus dem Franz. über- 
setzt vom Verfasser. Leiden, E Brill. gr. 8. V, 68 u. XII S. M, 1,50. 

*F r a n k 1 a n d , F. M., Thoughts an ultimate Problems. Being a Series of 
short Studies on theological and metaphysical Subjects. 5. edition. 
London, Nutt. 13. 

Hage mann, G., S. u. I, A. 

Horvath, P. 0. P., Metaphysik der Relationen. Graz, Mosers Buch- 
handlung (J. Meyerhoft). M> 4,50. 

Lechert, A. S. unt. I, A. 

Muniz, N., Problemes de la vie. Etudes de positivisme metaphysique. 
Traduit de Pespagnol. Paris, M. Riviere. 

Monaco, N. S. J., Praelectiones metaphysicae generalis. Prati, Libreria 
Giachetti. 8. XIII, 350 p. L. 5,50 

Sachs, J., Grundzüge der Metaphysik im Geiste des hl. Thomas von 
Aquin. Unter Zugrundelegung der Vorlesungen von M. Schneid. 4., 
vermehrte und verbesserte Auflage. Paderborn, Schöningh. gr. 8. 
X, 228 S. M 4. 

Sentroul, C., Kant et Aristote. Deuxieme edition francaise de L'objet 
de la metaphysique selon Kant et selon Aristote. Memoire couronnee 
par la Kantgesellschaft. Louvain, Inbtit. super, de Philosophie. Jßr. 5. 

Stebbing, L. S., Pragmatism and French Voluntarism. Cambridge, 
Üniversity Press. 8. 180 p. Sh. 2/6. 

Street er, Burnett Hillmann, Re-statement and Re-union. A Study in 
First Principles. London, Macmillan. 8. 218 p. Sh. 2/6. 

Will mann, 0. S. u. I. A. 

VII. Ethik, Natur- und Völkerrecht, Sozial- und 

Rechtsphilosophie. 

A. Lehrbücher und allgemeine Darstellungen. 

Allier, R., Belot, G., Cantecor, G., Ehrhardt, E., Monod, W., 
Ruyssen, Th., Wagner, Ch., Morale religieuse et morale laique. 
. Paris, Alcan. 8. Fr. 6. 
Au er, S. J., De moralitate actuum humanorum in genere secundum 
mentem Sancti Thomae Aquinatis. Ratisbonae, Manz. 



302 Novitätenschau. 

Büttner, G., Tm Banne des logischen Zwanges. Ethische Grundfragen 

in erkenntniskritischer Beleuchtung nebst einem pädagogischen und 

religionsphilosophischen Ausblick. Leipzig, Wunderlich, gr. 8. VII, 

216 S M 4. 
Cathrein, V., Filosofia morale. Esposizione scientiflca dell' ordine morale 

e giuridico. l a versione ital. a cura del Can. E. Tommasi. 1° vol. 

Filosofia morale generale Firenze, Libr. ed. Fiorentina. 
Cesarini-Sforza, W., Introduzione alla filosofia del diritto Parma, 

Luigi Battei. 
Christensen, S., Lifsfilosofiske Omrids. Kjöbenhavn. 8. 148 p. Kr. 2,50. 
Consentini, Fr., Filosofia del diritto. Torino. 8. 618 p. L. 14 
E 1 1 w o o d , Ch., A., Principes de Psycho-sociologie. Traduit par P. Com- 

bret de Lanux. Paris, Gard & Briere. IV, 308 p 
Eucken, R., Der Sinn und Wert des Lebens. 4., umgearbeitete und er- 
weiterte Auflage 15.— 17. Taus. Leipzig, Quelle und Meyer, gr. 8. 

V, 180 S. mit Bildnis. M. 2,80. 
Haering, Th., Das christliche Leben. Ethik. 3., verm. und verbess. Aufl. 

Stuttgart, Vereinsbuehhandlung. 8 542 S M 7. 
Heymans, G., Einführung in die Ethik. Auf Grundlage der Erfahrung. 

Leipzig, Barth, gr. 8. VII, 319 S. M. 8,60. 
I n g 1 e z a , G. la, Principios y axiomas del derecho universal. Madrid. 8. 

364 p. Pes. 5. 
L e s s i n g , Th., Studien zur Wertaxiomatik. Untersuchungen über reine 

Ethik und reines Recht. 2., erweiterte Ausgabe. Leipzig, Meiner, gr. 8. 

XIX, 121 S. M 3,60. 
Macksey, C, De ethica naturali. Praelectiones scholasticae. Freiburg, 

Herder. 8. VIII, 594 p. Fr. 6,50. 
M i c e 1 i , V., Principi die filosofia del diritto. Milano. 16. XII, 892 p. L. 9. 
X a t o r p , P., S. u. I, A. 
Radbruch, G., Grundzüge der Rechtsphilosophie. Leipzig. 8. XI, 

215 S. M 4,40. 
R o u x , P., Precis de science sociale, Paris. 18. Fr. 3,50. 
Rzesnitzek, F., Grundzüge der Ethik. Breslau, Goerlich. gr. 8. IV, 

183 S. M 2. 
Schlatter, A., Die christliche Ethik. Calw, Vereinsbuchhandlung, gr. 8. 

386 S. M B. 
Spann, 0., Kurzgefasstes System der Gesellschaftslehre. Berlin. 8. XVI, 

384 S. M. 9. 

V e c c h i a , P., Filosofia morale. Per corsi universitäre Milano, Roma: 

Napoli, Soc. ed. Dante Alighieri. 8. 304 p. L. 2,50. 

V e e c h i o , del G., Die Ideen einer vergleichenden universalen Rechts- 

wissenschaft. Uebersetzt von A. Hellwig. Berlin- Wilmersdorf, Roth- 
schild. 8. 29 S. M 1. 

\ i n e t , A., Philosophie morale et sociale. Tome I. Paris. 8. Fr. 6. 

Witherspoon, J., Lectures on Moral Philosophy. 8. London, Mil- 
ford. Sh. 6/6. 

B. Beiträge zur Ethik. 

A 1 b r e c h t , D., Der Zug nach der Sittlichkeit. Berlin-Lichterfelde. H. Ber- 
mühler. 8. 67 S. Ji 1. 

Bach, E., Die Feindesliebe nach dem natürlichen und dem übernatür- 
lichen Sittengesetze. Eine historisch-ethische Untersuchung. Kempten, 
Kösel. gr. 8. IX, 232 S. M 3,20. 



Novitätenschau. 303 

Bauer, K., Das Gewissen in Vergangenheit und Gegenwart, beleuchtet. 
Riga, Yonck & Polieswky. gr. 8. 141 S. M 1,80. 

Budde, G., Noologische Pädagogik. Entwurf einer Persönlichkeits-Päda- 
gogik auf der Grundlage der Philosophie Rudolf Euckens. Langensalza, 
Beyer, gr. 8. VIII, 436 S. M 9. 

C a t h r e i n , V., S. J., Die Einheit des sittlichen Bewusstseins der Mensch- 
heit. Eine ethnographische Untersuchung. 3 Bände. Freiburg, Her- 
der. XII, 694; IX, 653; VIII, 592 S. M. 36. 

Deploige, S., L'idee de responsabilite dans la Sociologie contemporaine. 
Communication faite ä la Semaine sociale de France (Versailles, 
juillet-aoüt 1913). Louvain, Institut Superieur de Philosophie. 

Devine, E. T., Misery and its Causes. New edition. London, Macmillan. 

8. Sh. 2. 
Eucken, R., Die sittlichen Kräfte des Krieges. Leipzig, Gräfe. „/£ 0,10. 
— , Present-Day Ethics in their relations to the Spiritual Life. Deem 

Lectures delivered in 1913 at New-York University. Translated by 

Margaret v. Legdewitz. English edition by W. Tudor Jones. London. 

Williams & Norgarte. 8. 141 p. Sh. 3. 
Finot, J., Progres et bonheur. Philosophie, morale et science du 

progres et du bonheur. 2 vol. Paris, F. Alcan. 
Gartmeier, J., Vorfragen zur christlichen Ethik. Nach einem Manu- 
skript aus dem Nachlasse des Erzbischofs von Stein. Programm. 

Landshut. 8. 50 S. 
Görland, A., Ethik als Kritik der Weltgeschichte. Leipzig, Teubner. 8. 

XI, 404 S. M 7.50. 
Hubert, H., Ueber Willenseinheit bei Arbeitsgemeinschaft und Arbeits- 
teilung. Als Vorarbeit zu einer Ethik. Leipzig, Fock. gr. 8. VII, 

142 S. M. 2,50. 
Hillis, N. D., The Quest of Happiness. New-edition. London, Macmillan. 

8. Sh. 2. 
Jakobovits, J., Die Lüge im Urteil der neuesten deutschen Ethiker. 

16. Heft der Studien zur Philosophie und Religion. Paderborn, 

Schöningh. 8. XVI, 138 S. M 4. 
Kerler, D., Jenseits von Optimismus und Pessimismus. Versuch einer 

Deutung des Lebens aus den Tatsachen einer impersonalistischen 

Ethik. Ulm, Kerler. gr. 8. VI, 213 S. M. 5. 
King, H. Ch., Rational Living. Some practical Inferences from modern 

Psychology. London, Macmillan. 8. 290 p. Sh. 2. 
Lachmann, ß., Protagoras, Nietzsche, Stirner. Platz dem Egoismus! 

Berlin, Simion. gr. 8 71 S. M 1,50. 
Limentani, L., La morale della simpatia. Genova, Formiggini. 8. XVI, 

260 p. 
Marthaler, H., Warum muss der Mensch gut sein? — Die Lebensfrage 

aller Sittlichkeit. Oeffentlicher Vortrag. Bern, Francke. 8. 23 S. 

M 0,35. 
Mayer, H., Kinderideale. Eine experimentell -pädagogische Studie zur 

Religions- und Moralpädagogik. Kempten, Kösel. 8. VIII, 155 S. 

M 2,50. 
Meinhof, C, Sittlichkeit und Krieg. Hamburg, Boysen. JL 0,20. 
Mohrmann, W., Dogmengeschichte der Zurechnungslehre. Jena, Fischer. 

gr. 8. VII, 110 S. Ji 3. 



304 Novitätenschau. 

M orale religieuse et morale laique. Lecons faites ä l'ecole des Hautes 
Etudes par R Allier, G. Belot, G. Cantecor, E. Ehrhardt, W. Monod, 
Th. Ruyssen et Ch Wagner. Paris. 8. Fr. 6. 

Parenti, P., La filosofia e le scienze morali Nota critica. Pontassieve, 
Carrai. 8. 79 p. L. 2. 

Rauh, F., Etudes de morale, reeueillies et publiees par H. Daudin etc. 
Critique des theories morales. Paris, Alcan XXV, 505 p 

Ravä, A., Lo stato come organo etico. Roma, 8. 83 p. L. 3. 

R e h s i , G., La transeendenza. Studio sul problema morale. Porino, Bucca. 

Rösener, C, Der Kampf ums Ich. Eine Auseinandersetzung zwischen 
christlichem und Nietzschesche m Individualismus. Giessen, Töpelmann. 
S. 64 S. M 1,20. 

Schleussner, W., Vom Ursprung des Bösen. Kempten, Kösel. Lex. -8. 
6 S. M. 0,80. 

Schröter, H., Sittliche Weltordnung (Sozial- und Volksgemeinschaft). 
(Umschlag: Das ideell-reale All [Christliche Grundamchauung.]) Leipzig, 
Wigand. 8. VI, 81 S. M 1,50. 

Schulte, J., Unsere Lebensideale und die Kultur der Gegenwart. Zeit- 
geschichtliche Erwägungen und grundsätzliche Erörterungen für Ge- 
bildete. Freiburg i. B., Herder. 8. XIV, 255 S. M 2,80. 

Ströbele, G., Die schönste Seele. Gedanken über Charakterbildung und 
Seelenkultur. Mergentheim, Ohlinger. 8. VII, 154 S. M 2,20. 

Vesper, N., Anticipations ä une morale du risque. Paris. 16. Fr. 3,50 

Wartensleben, G , Gräfin, Die christliche Persönlichkeit im Ideal- 
bild. Kempten, Kösel. VI, 71 S. M. 2. 

W a t s o n , J. B S., Formation of Character. London, Allenson. 8. 
136 p. Sh 2. 

Wedel, M. u. A., Das höhere Leben. Leipzig. 8. III, 150 S. M 3,50. 

Weiss, A. M., Die Kunst, zu leben. 9., durchgesehene Auflage. Frei- 
burg i. B., Herder, kl. 8. XIX, 561 S. M. 3,40 

Westerius, X., Das Seligkeitsstreben in der kantischen und thomistischen 
Ethik. Hamm, Breer & Thiemann. gr. 8. 33 S. M 1. 

Wielikowski, G. A., Die Neukantianer in der Rechtsphilosophie. München, 
Beck. 

Zini, Z., La morale al bivio. Torino. 16. 176 p. L. 3. 

C. Beiträge zur Gesellschaftslehre, zur Rechtsphilosophie und zum 

Völkerrecht. 

Adam, H. L., Woman and Crime. Illustrated. London, Laurie. gr. 8. 

IX, S06 p. Sh. 6. 
Adler, M. , Wegweiser. Studien zur Geistesgeschichte des Sozialismus. 

Stuttgart. 8. VII, 248 S M. 2. 
Bücher, K., Schumpeter, J. und W i e s e r , Fr. v., Wirtschaft und 

Wirtschaftswissenschaft. 1. Abteilung eines Grundrisses der Sozial- 
ökonomik. Tübingen. 8. XIV, 454 S. M 11. 
Carlo, E di, Intorno ad alcune questioni di filosofia del diritto. Palermo, 

Soc. ed. Universit. 8. 67 p. 
Cesarini-Sforza, W., II concetto del diritto e la giurisprudenza integrale. 

Milano, Societa editrice libraria. 
Cunningham, W, Christianity and Economic Science. London, Murray. 

8. 120 p Sh. 2/6. 



Novitätenschau. 305 

C r a i k , Sir Henry, The State in its Relation to Education. New edition. 

London, Macmillan. 8. 210 p. Sh. 3/6. 
D e h e r m e , G., Le pouvoir social des femmes. Paris, Perrin. 16. 280 p. 
Drage, G., The State and the Poor. London, Collins. 12. 264 p. Sh. 1. 
Draghicesco, D., L'ideal createur. Essai psycho-sociologique sur l'evo- 

lution sociale. Paris, Alcan. Fr. 7,50. 
Figgis, J. N., The divine Right of Kings. 2 nd ed. Cambridge, Uni- 

versity Press. 8. 418 p. Sh. 6. 
F o u i 1 1 e e v A., Humanitaires et libertaires au point de vue sociologique 

et moral. Paris, Alcan. 
Free man, G., Authority. London, Allenson. 8. 196 p. Sh. 26. 
*G au Hier, P., Les maladies sociales. Paris, Hachette et Cie. Fr. 3,50. 
G e h r i g , H., Die Begründung des Prinzips der Sozialreform. 2. Band der 

,, Sozialwissenschaftlichen Studien." Jena. 8. V, 381 S. M. 8. 
Gentile, P., Per une concezione etico-giuridica del socialismo secondo 

i principii dell' idealismo critico. Bologna. 
Gottl-Ottilienfeld, Fr., v., Herkner, H., Hettner, A., Michels, R., 

Momberg, P und Oldenburg, K., Die natürlichen und technischen 

Beziehungen der Wirtschaft. 2. Abteilung eines Grundrisses der 

Sozialökonomik. Tübingen. 8, X, 387 S. M 9. 
Haag, C. G., A Theory of Interest. London, Macmillan. 8. Sh. 6/6. 
Hartz, Fr., Wesen und Zweckbeziehung der Strafe. Eine ethische 

Würdigung der absoluten und relativen Strafrechtstheorien. Münster, 

Aschendorff. gr. 8. XI, 258 S. M 6. 
H o b s o n , J. A,, Work and Wealth. A Human Valuation. London, .Mac- 
millan. 8. 386 p. Sh. 8/6. 
Jellinek, G., Allgemeine Staatslehre. 3 Auflage Berlin, Häring. 8. 

XXXII, 837 S. 
K e 1 i s c h e k , Fr., Kraft, Ursache und Tod und das Erkennen. Beiträge 

zur Philosophie des Sozialismus. Strassburg, Singer. 8. 261 S. M 4. 
Kipp, Th., Von der Macht des Rechts. Rede. Berlin, Heymann. 8. 

34 S. M 0,50. 
K i r k a 1 d y , A. W., Economics and Syndicalism. Cambridge, University 

Press. 12. 152 p. Sh. 1. 
Koch, A., Wesen und Wertung des Luxus. Rede des Rektors der 

Universität Tübingen am Geburtstag des Königs 1914. Tübingen, 

Mohr. Lex. 8. 51 S. M 1,50. 
Labriola, A., II socialismo contemporaneo. Lineamenti storici. Rocca, 

San Giovanni. 8. XXXI, 442 p. L. 4. 
Layton, W. S., The Relations of Capital and Labour. London, Collins. 

12. 264 p. Sh. 1. 
L e v i , A., Contributi ad una teoria filosofica dell'ordine giuridico. Genova. 

8. XVI, 500 p. L. 7,50. 
Maxwell, J., Le concept social du crime. Son evolution. Paris, Alcan. 

8. Fr. 7,50. 
M o r e 1 a n d , W. H., An Introduction to Economics for Indian Students. 

London, Macmillan. 8. Sh. 5. 

Müller-Leyer, F., Soziologie der Leiden. München. 8. XIII, 266 S. M 3. 

P a g e 1 , A., Beiträge zur philosophischen Rechtslehre. Zugleich eine 
kritische Würdigung der rechtsphilosophischen Bedeutung Wilhelm 
Schuppes. Berlin. 8. 128 S. A3. 

Philosophisches Jahrbuch 1915. 20 



306 Novitätenschau. 

Palante, G., Pessimisme et individualisme. Paris, Alcan. 16. VI, 168 p. 
*Pesch, H., Le liberalisme, le socialisme et la sociologie chretienne. 

Traduit de l'allemand par C. Fritsch, R. P. Martial et M. Van Dieren. 

2 e serie, vol. I. Louvain, A. Uystpruyst. 
*Porsenna, N. et Manolesco, S., Interdependance des facteurs sociaux. 

Bucarest, Lonesco. 
Rouma, G., Pedagogie sociologique. Les influences des milieux en 

education. Paris. 8. Fr. 6. 
Schmitt, K., Der Wert des Staates und die Bedeutung des einzelnen. 

Tübingen, Mohr. gr. 8. VI, 110 S. M 3. 
Teleky, L, Vorlesungen über soziale Medizin. I.Teil. Jena. 8. VIII, 

282 S. M 8. 
Tönnies, F., Die Entwicklung der sozialen Frage. 2. Aufl. Berlin, 

Göschen. 
Urlin, E L., A Short History of Marriage, Marriage-Rites, Gustoms and 

Folklore in many countries and all ages. London, Rider. 8 XI, 

276 p. Sh. 3/6. 
Valdour, J., La methode concrete en science sociale. Paris, Rousseau. 

18. 140 p. 
W i t h e r s , H., Poverty and Waste. London, Smith & Eider. 8. 190 p. 

Sh. 3/6. 

VIII. Aesthetik und Theorie der schönen Künste. 

Abercrombie, L., The Epic. London, Secker. 12 96 p. Sh. 1. 
Barrington, Mrs. R., Essays on the Purpose of Art. London, Longmans. 

Reissue. 8. Sh. 7/6. 
Bell, Mrs. A., Architecture. London, Jack. 12. 6 d. 
Bergmann, E., Geschichte der Aesthetik und Kunstphilosophie. Leipzig, 

Veit. M 1,20. 
Bergson, H., Le rire. Essai sur la signification du comique. 12. edition. 

Paris, Alcan. 
Bernstein, X., Die Kunst nach W. Wundt. Nürnberg, Heerdegen & 

Barbeck. VIII, 107 S. M 2. 
Bizarri, R., Studi sull' estetica. Firenze, Libreria edit. Fiorentina. 8. 

400 p. L. 4,50. 
Bulley, M. H.. Ancient and Mediaeval Art. London, Methuen. Illustrated, 

8. 358 p. Sh. 5. 
Cortissoz, Art and Common Sense. London, Smith & Eider. 8. 454 p. 

Sh. 7/6. 
Coulombeau, M., Six causeries sur Part. Paris, Bloud. 
C r a m, R. A., The Ministry of Art. London, Constable. 8. Sh. 6. 
Dauzat, A., Le sentiment et !a nature de son expression artistique. 

Paris, Alcan. 8. 288 p. 
Da vi es, R., Six Centuries of Painting. London, Jack. Illustrated. 8. 

356 p. Sh. 10/6. 
Duhern, H., Impressions d'art contemporain. Paris, Figuiere. 
*Fauconnet, A., L'esthetique de Schopenhauer. Paris, Alcan. 8. XX11, 

462 p. 
Furtwangler, A., and Urlichs, H. L., Greek and Roman Sculpture. 

London, Dent. Illustr. 8. 254 p. Sh. 7/6. 



Novitäten schau. 307 

Gardner, P., The Principles of Greek Art. Illustrated. New edition. 

London, Macmillan. 8. 370 p. Sh. 10. 
Goyat, Essai sur la formation philosophique du poete. Paris, Alcan. 
Hern, Y., La vie esthetique (en suedois). Helsingfors. 
Holman-Hunt, W„ Pre-Raphaelitism and the pre-raphaelite Brother- 

hood. London, Chadman & Call. gr. 8. 3 Vols. 374 und 456 p. 

Sh. 21. 
Huch, R., Natur und Geist als die Wurzeln des Lebens und der Kunst. 

München, Reinhardt. 8. 93 S. M 2,50. 
Jaspert, Das Problem der ästhetischen Einfühlung und die ästhetische 

Erziehung. Anregungen. 575. Heft des Pädagogischen Magazins. 

Langensalza, Beyer. 8. 28 S. M 0,35. 
Kolb, V., Ueber die Erhabenheit der Redekunst. Rede. Salzburg, 

A. Pustet, gr. 8. 15 S. M 0,25. 
Lip ps, Th., Aesthetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. 1. Teil. 

Grundlegung der Aesthetik. 2. unveränd. Aufl. Leipzig, L. Voss. 

gr. 8. XIII, 601 S. M. 12. 
Major, E. , Die Quellen des künstlerischen Schaffens. Versuch einer 

Aesthetik. Leipzig, Klinkhardt & Biermann. 8. VII, 181 S. M. 5. 
Marcel, P., Art et esthetique. Paris. Fr. 3,50. 
Martens, K., Geschmack und Bildung. Kleine Essays. Berlin, Fleischel. 

8. 247 S. M 3,50. 
Moertl, L., Was ist schön? Eine ästhetische Studie. München, Ver- 
lag Natur und Kultur, gr. 8. III, 226 S. M 260. 
Pay, J., Kunst und Illusion. Leipzig, Veit & Co. gr. 8. X, 224 S. M 6. 
Rankin, A. H., The Teaching of Colour. Illustrated. London, Pitmau. 

8. 178 p. Sh. 4. 
Sampson, A., Studies in Milton and an Essay on Poetry. London, 

Murray. 8. Sh. 8. 
Schott, G. , Die Bedeutung des Symbolischen. Vortrag. München, 

Kaiser. 8 16 S. M 0,30. 
Shaftesbury, Second Characters or the Language of Forms. Edited 

by B. Rand. Cambridge, University Press. 8. 182. 
Soissons, Count de, The aesthetic Purpose of Byzantine Architecture 

and other Essays. London, Murray. 8. 200 p. Sh. 12/6. 
*Souriau, P., L'esthetique de la lumiere. Paris, Hachette. 
*Tietze, H., Die Methode der Kunstgeschichte. Leipzig. 8. XI, 489 S. 

M 12. 
Travaglio, C, Armonia fra scienza ed arte. Savigliano, Fissore & 

Liprandi. 8. 24 p. 
Vasari, G., Lives of the most eminent Painters, Sculptors and Architects. 

Newly translated by Gaston du C. de Vere. London, Lee Warner. 

Vols VI. 4. 290 p. Sh. 25. 
Vorin, P., L'erreur et la verite dans l'art, ou comment comprendre 

l'art? Paris, Egmard. 
Waldstein, Sir Ch., Greek Sculpture and Modern Art. Cambridge 

University Press. 8. 82 p. and Plates. Sh. 7/6. 
Win ans, W., Animal Sculpture. Suggestions for greater Realism in 

Modelling and in Pose. With 26 Illustrations. London, Putnam. 

8. XII, 128 p. Sh. 7/6. 

20* 



308 Novitätenschau. 

IX. Religionswissenschaft. 

A. Religionsphilosophie. 

Bampton, F., Modernism and Modern Thought, London, Sands. 
Benett, W., Religion and Free Will. A contributioa to the Pbilosophy 

of Values. Oxford, Clarendon Press. 8. 345 p. $ 3. 
B i 1 1 1 i n g e r, E., Monistisches Christentum. Gegen die Naturphilosophie 

des Prof. Ostwald und den Kirchenaustritt. Leipzig, Heinsius. 8. 

96 S. M 1,20. 
Ca ra beilese, R., L'essere ed il problema religiöse Bari. 8. XXVI, 

256 p. L. 5,50. 
Ci ciriello, G., 11 modernisme e la teologia cattolica. Andria, Rossiguoli. 
Cohausz, C. , Licht und Leben. Erlösungsschreie der Menschheit. 

VVarendorf, Schnell. 204 S. M 1.80. 
— , Idole des 20. Jahrhunderts. Religiös -wissenschaftliche Vorträge. 

3. Auflage. Köln, Bachern. 8. 175 S. M 2,80. 
Cohn, J., Religion und Kulturwerte. Nr. 6 der Philosophischen Vor- 
träge, veröffentlicht von der Kantgesellschaft. Berlin, Reuther & 

Reichhardt. gr. 8. 26 S. M 1. 
Dawson, E., Spiritual Religion. London, Longmans. 8. 160 p. Sh. 7/6. 
Du nk mann, K, Idealismus oder Christentum? Die Entscheidungsfrage 

der Gegenwart, Leipzig, Deichert 8. VII, 165 S. M 3,60. 
Eberhard, P., Das religiöse Erlebnis. Gotha, Perthes. 8. 32 S. ^.0,50. 
— , Die Religion und der Krieg. Ebenda. 8. 40 S. M 0,50. 
— , Worin liegt der Wert des Christentums als Religion? Ebenda. 8. 

30 S. M 0,50. 
Encyclopedia of Religion and Ethics. Edited by James Hastings 

with the assistance John A. Salbie and Louis H. Gray. Vol. V: 

Fiction-Hyksos. London, Clark. 4. 916. Sh. 28. 
Galloway, G., The Pbilosophy of Religion. London, Clark. 8. 614 p. 

Sh. 12. 
Grabowski, N., Die Wissenschaft von Gott und das Leben nach dem 

Tode. Ein Buch der Höherentwicklung des Geisteslebens der Mensch- 
heit. 3. umgearb. Aufl. Leipzig, Spohr. gr. 8. VII, 159 S. M. 2,50. 
Ha ecke 1, E. , Gott — Natur (Theophysis). Studien über monistische 

Religion. Leipzig, Kröner. gr. 8. 118 S. M. 1. 
Hall, W. A.N., The Radiant Life. Short Studies in Essentiel Religion. 

London, Scott. 8. 202 p. ' Sh. 2/6. 
Haser t, C, Der Mensch, woher er kommt, wohin er geht. 3. Auflage. 

Graz, Moser. III, 194 S. M. 1,40. 
Hörne ff er, E. , Am Webstuhl der Zeit. Religiöse Reden. Leipzig. 

Kröner. gr. 8. 6, 416 S. M. 4. 
Herzog, K., Ontologie der religiösen Erfahrung. Spekulativer Beitrag 

zur Metaphysik der Religionspsychologie. Leipzig, Deichert. gr. 8. 

VI, 279 S. M. 7. 
Hettinger, Fr., Apologie des Christentums. 1. Band, 1. Abteilung. 

Der Beweis des Christentums. 10. Aufl. Herausgeg. von E. Müller. 

Freiburg, Herder. 8. XLVI, 485 S. M. 5. 
Hülst, Mgr. de, Melanges. Tome III. Philosophie et Religion. Questions 

contemporaines. Autobiographie. Paris, de Gigord. 
Lamanna, E. P., La Religione nella vita dello spirito. Firenze, La 

Cultura filosofica. L. 7. 



Novitätenschau. 309 

Maas dorr, W., Die Religion und die Philosophie der Zukunft. 2. Aufl. 
Lorch, Rohm. 8. 35 S. M. 0,40. 

Mariott i, P., Le grandi veritä. Studio apologetico. Torino, Paravia. 
8. 211 p. L. 2. 

Neuner, L. , Leitfaden (Katechismus) für eine deutsch» Religion auf 
naturwissenschaftlicher Grundlage. Ein Entwurf. München, Meran 
(Tirol, Am Küchelberg), Selbstverlag. 8. 49 S. M. 0.60. 

Opitz, H., Der Erlösungsgedanke im Lichte der Philosophie und der 
Religion. Gütersloh, Bertelsmann. 8. 26 S. M. 0,80. 

Ostwald, W., Religion und Monismus. Nr. 2 der Arbeiten zum Monis- 
mus. Herausgegeben von W. Ostwald. Leipzig, Verlag Unesms. 
kl. 8. IV, 105 S. M. 0,90. 

Rad ein acher, A, Der Entwicklungsgedanke in Religion und Dogma. 
Köln, Bachern. 8. 102 S. M. 1,80. 

Religion, Die, der Freude. Von W. Rathald. Einband und Titel- 
zeichnung von F. Ehmcke. Leipzig, Drugulin. gr. 8. II, 206 S. 
M. 4,50. 

Sal vatorelli, L., Introduzione bibliografica alla scienza delle religioni. 
Roma. 

Schaeder, E., Theozentrische Theologie. Eine Untersuchung zur dog- 
matischen Prinzipienlehre. 2. systematischer Teil. Leipzig, Deichen, 
gr. 8. VIII, 324 S. M. 6,80, 

Schneider, W., La vie future et la preuve du consentement universel. 
Trad. Cazagnol. Paris, Bloud et Gay. 

Shimmin, F. N., Permanent Values of Religion. London, Hammond. 
12. 230 p. Sh. 2/6. 

Vom Wissen zum Glauben. Grundlagen einer einheitlichen Welt- und 
Lebensanschauung. Von einem Gottsucher. Leipzig, Leineweber. 
8, 106 S. M. 2. 

Worcester, E., Religion and Life. London, Harper. 8. Sh. 5. 

Ziemssen, O., Diesseits und Jenseits. Gedanken über Gott, Welt und 
Fortleben. Gotha, Thienemann. 8. 43 S. M. 1. 

B. Vergleichende Religionsgesehichte. 

Aal de rs, G. Ch., Sporen van Animisme in het Oude Testament? 
Kampen, Kok. gr. 8. 62 S. M. 0,60. 

Andres, Fr., Die Engellehre der griechischen Apologeten des 2. Jahr- 
hunderts und ihr Verhältnis zur griechisch-römischen Dämonologie. 
Paderborn, Schöuingh. M. 6. 

Bartmann, B., Paulus, Di« Grundzüge seiner Lehre und die moderne 
Religionsgeschichte. Paderborn, Bonifazius- Druckerei, gr. 8. VII. 
156 S. M. 3. 

Besse, R. P., Les Religions laiques. Un romantisme religieux. Paris, 
Nouvelle Librairie Nationale. Fr. 3,50. 

Beth, R. , Religion und Magie bei den Naturvölkern. Ein religions- 
gescbichtlicher Beitrag zur Frage nach den Anfängen der Religion. 
Leipzig, Teubner. gr. 8. XII, 228 S. M. 5. 

Buddh ist's Scriptures. A Selection translated from the Pali. With 
Intioductiou by E. J. Thomas. London, Murray. 16. 124 p. Sh. 2. 

Buerdorff, B., Jehovahs Entwicklungsgang vorn Fetisch zum Welt- 
schöpfe;. Bamberg, Handelsdruckerei. 64 S. M. 0,20. 



310 Novitätenschau. 

Colin et, Ph., Qu'est-ce que l'histoire des religions? Rome et Louvain. 
Coit, St., The Soul of America. A Constructive Essay in the Sociology 

of Religion. New-York, Macmillan. 8. 418 p. Sh. 8/6. 
Dahlke, P., Buddhismus als Religion und Moral. Leipzig, W. Mark- 
graf, gr. 8. 457 S. M. 8. 
Döller, J., Das Gebet im Alten Testament in religionsgeschichtlicher 

Beleuchtung. Heft 21 der Theologischen Studien der österreichischen 

Leo-Gesellschaft. Wien, „Reichspost". gr. 8. 107 S. M. 3. 
Fischer, P., Nietzsche Zarathustra und Jesus Christus. 2. Auflage. 

Stuttgart, Verlag der evangelischen Gesellschaft. 8. VIII, 88 S. 

M. 1,30. 
Graillot, H. , Le culte de Cybele, mere des dieux, ä Rome et dans 

l'empire Romain. Paris, Fontemoing. 8. 610 p. 
Groth, A., Jesuslegende und Christentum. Leipzig, Hillmann. 191 S. M. 3. 
Hilaire, J. Barthelemy St., The Buddha and his Religion. New edition. 

London, Paul. 8. 384 p. Sh. 3/6. 
Horten, M., Einführung in die höhere Geisteskultur des Islam.' Bonn, 

Cohen. 
J i r k u. A., Materialien zur Volksreligion Israels. Leipzig, Deichert. 8. 

VII, 150 S. M. 3,60. 
Kellett, E. E., The Religion of our Northern Ancestors. London, 

Kelly. 12. 142 p. Sh. 1. 
Krebs, E., Heiland und Erlösung. 6 Vorträge über die Erlösungsidee 

im Heidentum und Christentum. Freiburg, Herder. VII, 160 S. 

M. 1,80. 
Langdon, S. , Tammuy and Ishtar. A Monograph upon Babylonian 

Religion and Theology. London, Clarendon Press. 8. 208 p. Sh. 10/6. 
Lote, R., Du Christianisme au Germanisme. L'evolution religieuse 

au XVHI e siecle et la deviation de l'ideal moderne en Allemagne. 

Paris, Alcan. 
Martin, E., The Gods of India. A brief Description of their History, 

Character and Worship. Illustrated. London, Dent. 8.348 p. Sh. 4/6. 
Moulton, J., Early Zoroastrianism. Lectures delivered at Oxford and 

in London 1912. London, Williams, gr. 8. XVIII, 468 p. Sh. 10/6. 
Nicholson, R. A., The Mystics of Islam. London, Bell. 8. 186 p. Sh. 2/6. 
Paccard, A. J., Etüde sur l'Islam primitif. La morale de lTslam d'apres 

le Coran. These en theologie protestante. Alencon, Coueslant. 8. 

128 p. 
Schlesinger, E., Moderne Theosophie und altes Christentum. Hamm, 

Breer. 76 S. M. 1. 
Scott, Ch., The Religions of Antiquity as preparatory to Christianity. 

London, Smith & Eider. 8. 220 p. Sh. 2. 
Singhe, M., Buddhismus als Weltreligion. Trier, Verlag der „Zeitschrift 

für Buddhismus". Nr. 3 und 4 der Buddhist. Taschenbibliothek. 

kl. 8. 122 S. M. 0,60. 
Storia delle Religion i. Letture pubblicate sotto la direzione di 

C. C. Martindale. Vol. L Traduz. dall' Inglese di G. Bruscoli. 

Firenze, Libreria Ed. Fiorentina. 
Wolfsdorf, E., Der Monismus als Fortentwicklung des Christianismus. 

Bamberg, Handelsdruckerei. 16. 64 S. M. 0,60. 



Novitätenschau. 311 

X. Geschichte der Philosophie. 

A. Lehrbücher und allgemeine Darstellungen. 

Bensow, 0., Grunddragen i filosofiens historia. 2. Medeltiden och yare 

tiden och med Kant. Stockholm. 8. VIII, p. 169—349. Kr. 3,50. 

Burnet, J., The history of Greek Philosophy. Vol. I. Thaies to Plato. 

London, Macmillan. 8. 370 p. Sh. 10. 
Duhem, P., Le Systeme du monde. Histoire des doctrines cosmologiques 
de Piaton ä Aristote. Tome I. Paris, Hermann. 8. 512 p. Fr. 18.50. 
Eucken, R., The Problem of Human Life as viewed by the Great 
Thinkers from Plato to the Present Time. London, ünwin. 8. 
642 p. Sh. 10/6. 
Hall, St., Die Begründer der modernen Psychologie: Lotze, Fechner, 
Helmholtz, Wundt. Uebersetzt und mit Anmerkungen verseben von 
R. Schmidt. Durch Vorwort eingeführt von M. Brahn. 7. Band der 
Sammlung „Wissen und Forschen." Leipzig, Meiner. 8. XXVIII, 
392 S. M. 7,50. 
Hertling, Gg. v., Historische Beiträge zur Philosophie. Herausgegeben 

von J. Endres. Kempten, Kösel. Lex. 8. IV, 345 S. M. 5. 
Hönigswald, R., Die Skepsis in Philosophie und Wissenschaft. Göt- 
tingen, Vandenhoeck & Ruprecht. 8. V11I, 170 S. M 2,50. 
Krebs, E., Heiland und Erlösung. Sechs Vorträge über die Erlösuiags- 
ideen in Heidentum und Christentum. Freiburg, Herder. 12. VI. 
160 S. M. 1,80. 
Lewkowitz, A., Die klassische Rechts- und Staatsphilosophie von 

Montesquieu bis Hegel. Breslau. 8. IV, 118 S. M. 3. 
Marcone, R., Historia philosophiae scholarum usui accomodata. Vol. II. 
Philosophia aetatis patristicae, mediae, recentis usque ad saeculum 
XIX. gr. 8. XII, 430 p. Fr. 4. 
Schinz, M„ Geschichte der französischen Philosophie seit der Revo- 
lution. I.Band: Die Anfänge des französischen Positivismus. 1. Teil: 
Die Erkenntnislehre. Strassburg, Trübner. gr. 8. XII, 266 S. M 6. 
Schreiber, E., Die volkswirtschaftlichen Anschauungen der Scholastik 

seit Thomas von Aquino. Jena, Fischer. 
Steiner, R., Die, Rätsel der Philosophie, in ihrer Geschichte als Umriss 
dargestellt. Zugleich neue Ausgabe des Werkes „Welt- und Lebens- 
anschauungen im 19. Jahrhundert", ergänzt durch eine Vorgeschichte 
über abendländische Philosophie und bis zur Gegenwart fortgesetzt. 
2. Bd. Berlin, Cronbach. 8. VIII, 255 S. Jt 3. 
Sydow, E. von, Der Gedanke des Idealreiches in der idealistischen 
Philosophie von Kant bis Hegel im Zusammenhang der geschichts- 
philosophischen Entwicklung. Leipzig, Meiner, gr. 8. VIII, 130 S. 
M 4,50. 
Taylor, H. 0., The Mediaeval Mind. A History of the Development of 
Thought and Emotion in the Middle Ages. 2 d editiou. London, 
lieber weg, Fr, Grundriss der Geschichte der Philosophie. 3. Teil. Die 
Neuzeit bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. 11., mit einem Philo- 
sophen- und Literatoren -Register versehene Auflage. Vollständig 
neu bearbeitet und herausgegeben von M. Frischeisen-Köhler. Berlin, 
E. Mittler, gr. 8. XI, 439 u. 144 S. M 10. — 2. Teil. Die mittlere 
oder die patristische und scholastische Zeit. 10., vollständig neu 



312 Novitätenschau. 

bearbeitete und stark vermehrte, mit einem Philosophen- und 
Literatoren-Register versehene Auflage. Herausgegeben von M. Baum- 
gartner. Berlin, Mittler, gr. 8. 658 u. 266 S. M 15. 

*Wulf, M. de, Geschichte der mittelalterlichen Philosophie. Uebersetzt 
von R. Eisler. Tübingen, Mohr. -M>. 12,50. 

Weber, A., Histoire de la philosophie europeenne. Paris. 8. Fr. 12. 

Zeller, E., Grundriss der Geschichte der griechischen Philosophie. 
11., verbesserte Auflage, bearbeitet von Fr. Lortzing. Leipzig, Reis- 
land, gr. 8. 390 S. M 7. 

B. Beiträge. 

a^ Zur antik-heidnischen Philosophie. 

Defourny, M., Aristote. Theorie economique et politique sociale. 
Louvain, Instit. super, de Philosophie. 4. 134 p. 

Fowler, W. W., Roman. Ideas of Deity in the last Century before the 
Christian Era. London, Macmillan. 8. 176 p. Sh. 5. 

Friedrich, W., Zu Cassius Dio 61,10 und Seneca de const. 9,2. Ein 
Beitrag zur Erklärung der politischen Schriften des Philosophen 
Seneca. Darmstadt, Schlapp. 8. 40 S. M 1,20. 

Garbe, R., Indien und das Christentum. Eine Untersuchung der religions- 
geschichtlichen Zusammenhänge. Tübingen, Mohr. gr. 8. VIII, 300 S. 

M. 6. 
Heinisch, P., Griechische Philosophie und Altes Testament. II. Septua- 

ginta und das Buch der Weisheit. Münster, Aschendorff. gr. 8. 

40 S. M. 0,50. 
Hennebicq, L., L'idee du juste dans l'Orient grec avant Socrate. 

Paris. 8. Fr. 10. 
*Herbertz, R., Das Wahrheitsproblem in der griechischen Philosophie. 

Berlin, Reiner. 8. VIII, 263 S. 
Jaeger, W., Nemesios von Emesa. Quellenforschungen zum Neuplatonismus 

und seinen Anfängen bei Poseidonios. Berlin, Weidmann. 8. XI, 

148 S. M 5. 
Logothetes, Die ethische Philosophie Piatos (griechisch). Athen, 

Sakellarios. 
Loria, G., Le scienze esatte nell'antica Grecia. Milano, Hoepli. 
Makarewicz, M., Die Grundprobleme der Ethik bei Aristoteles. Leipzig, 

Reisland. 8. XV, 222 S. M 6. 
Mancini, G. C, L'etica stoica da Zenone a Crisippo. Arpino, Soc: 

tip. Arpinate. 8. VIII, 250 p. 
Natorp, P., üeber Piatos Ideenlehre. Nr. 5 der Philosophischen Vorträge, 

veröffentlicht von der Kantgesellschaft. Berlin, Reuther & Reichardt. 

gr. 8. 42 S. M. 1. 
Salomone, M., Seneca e suoi pensieri di filosofia e di pedagogia. 

Torino. 16. 50 p. L. 1,50. 
Suzuki, D. T., A brief History of early Chinese Philosophy. London, 

Probsthain. 8. VII, 188 p. Sh. 5. 
Wundt, M., Piatons Leben und Werk. Jena, Dieterichs. 8. 173 S. M 4. 

b) Zur mittelalterlichen Philosophie. 

Bacher, W., Die Agada in Maimunis Werken. Aus „Moses ben Mai- 
mon". Leipzig, Fock. gr 8. S, 131 — 197. M 2,10 



Novitätenschau. 313 

Baneth, E., Maimonides als Chronologe und Astronom. Aus „ Moses 
ben Maimon." Leipzig, Fock. gr. 8. S. 243—279. M 1,15. 

Beeinelmans, Fr., Zeit und Ewigkeit nach Thomas von Aquino. 1. Heft 
des VIII. Bandes der Beiträge zur Geschichte der Philosophie des 
Mittelalters. Münster, Aschendorff. gr. 8. 64 S. M 2,25. 

Beimond, S., Etudes sur la Philosophie de Duns Scot. I. Dieu. Existence 
et cognoscibilite. Paris, Beauchesne. kl. 8. XV, 362 p. Fr. 4. 

Berliner, A., Zur Ehrenrettung des Maimonides. Aus „Moses ben 
Maimon". Leipzig, Fock. gr. 8. S. 103—180. M 0,85. 

B e r t o n i , G., Dante. Genova, Formiggini. 

Bertrant, L., Saint Augustin. London, Constable. 8. 404 p. Sh. 7/6. 

Blau, L., Das Gesetzbuch des Maimonides, historisch betrachtet. Aus 
„Moses ben Maimon". Leipzig, Fock. gr. 8. S. 331—358. M. 0,90. 

Bridges, J. H., The Life and Work of Roger Bacon. An Introduction 
to the Opus Majus. Edited with Notes and Tables by H. Gordon 
Jones. London, Williams & Norgate. 8. 174 p. Sh. 3. 

Carpenter, W. B., The spiritual Message ot Dante. London. 8. 262 d 
Sh. 5. 

Endres, J. A., Forschungen zur Geschichte der frühmittelalterlichen 
Philosophie. 2. u. 3. Heft des XVII. Bandes der Beiträge, zur Ge- 
schichte der Philosophie des Mittelalters. Münster, Aschendorff 
gr. 8. VII, 152 S. Mb. 

Eppenstein, S., Moses ben Maimon, ein Lebens- und Charakterbild 
Leipzig, Fock. gr. 8. 103 S. M 3,25. 

Guttmann, J., Die Beziehungen der Religionsphilosophie des Mai- 
monides zu den Lehren seiner jüdischen Vorgänger. Aus „Moses 
ben Maimon". Leipzig, Fock. gr. 8. S. 197—242. M 1,40. 

— , Moses ben Maimon. Sein Leben, seine Werke und sein Einfluss 
2. Band. Leipzig, Fock. VIII, 358 S. M 9. 

H e r 1 1 i n g , G., Albertus Magnus. Beiträge zu seiner Würdigung. 
2. Aufl. 5. u. 6. Heft des XIII. Bandes der Beiträge zur Geschichte 
der Philosophie des Mittelalters. Münster, Aschendorff. gr. 8 VIII 
183 S. M 6. 

H o o g v e 1 d , J. H., Thomas van Aquino. Inleiding tot Leven en Leer 
naar Martin Grabmann. Utrecht, Van Rossum. 

Jarrett, B., S. Antonino and Mediaeval Economics. London Herder 
8. 130 p. Sh. 1. 

Israel, G., Die Tugendlehre Bonaventuras. Dissertation. Berlin 
Ebering. gr. 8. 77 S. M. 2,50 

Katz, B., Die Erkenntnistheorie Maimons in ihrem Verhältnis zu Kant. 
Dissertation (Leipzig). Berlin-Charlattenburg, Gertz. 8. 81 S. 

Klein, J., Der Gottesbegriff des Duns Scotus, vor allem nach seiner 
ethischen Seite betrachtet. Paderborn, Schöningh. 8. XXII, 242 S. 
M. 3. 

Kroll, J., Die Lehren des Hermes Trismegistos. Heft 2—4 des XII. 
Bandes der Beiträge zur Geschichte der Philosophie des Mittelalters. 
Münster, Aschendorff. Lex. 8. XII, 440 S. M 14,25. 

L i 1 t 1 e , A. G., Roger Bacon. Essays contributed by various Writers 
on the Occasion of the Commemoration of the 7 th Centenary of his 
Birth. London, Clarendon Press. 8. 434 p. Sh. 16. 

Lohmeyer, E., Die Lehre vom Willen bei Anselm vom Cauterbury. 
Leipzig, Duichert. gr. 8. III, 740 S. M 1,80. 



314 Novitätenschau. 

Miguel, A. P., Abenmasorra y su escuela. Origenes de la filosofia 
Hispano Mulsulmana. Madrid, Imprenta Iberica, E. Maestre. 

Orlich, P. A. M., L'uso dei beni nella morale die San Tommaso. Monza, 
Artigianelli. 

Pick, B., The Cabala. Its lnfluence on Judaism and Christianity. 
London, Open Court Co. 8. Sh. 3/6. 

Sandys, Sir J. E., Roger Bacon. London, Milford. 8. 18 p. Sh. 1. 

S c h m e k e 1 , A., Die positive Philosophie in ihrer geschichtlichen Ent- 
wicklung. Forschungen. 2. Band. Isidor von Sevilla, sein System 
und seine Quelle. Berlin. 8. X, 291 S. M 10. 

Taylor, H. , The Mediaeval Mind. A History of the Development 
of Thought and Emotion in the Middle Ages. 2 Vols. 2 nd ed. 
London, Macmillan. 8. 622 & 628 pp. Sh. 21. 

T o 1 1 i n g t o n , R. B., Clement of Alexandria. A Study in Christian 
Liberalism. London, Williams & Norgate. 

T r a v a g 1 i o , C, Le scienze della educazione nella Divina Commedia 
(Dante). Savigliano, Fissore. 

c) Zur neueren Philosophie. 

Allbutt, Sir Th. C, Palissy, Bacon and the Revival of Natural Science. 
London, Milford. 8. 16 p. Sh. 1. 

Barillari, M., La dottrina del diritto di Goffredo Guglielmo Leibniz. 
Napoli 8. 186 p. L. 5. 

Bei in, J. P., Le mouvement philosophique de 1748 ä 1789. Etüde sur 
la diffusion des idees des philosophes ä Paris. Paris, Belin freres. 
8. 383 p. 

Besand, A., Giordano Bruno, Theosophy's Apostle in the sixteent Cen- 
tury. London, Advar. 

Brinkschulte, E., Julius Caesar Scaligers kunsttheoretische An- 
schauungen und deren Hauptquellen. 10. Heft der Renaissance und 
Philosophie. Bonn, Hanstein, gr. 8. IV, 128 S. M 3,40. 

Camerer, Th., Die Lehre Spinozas. 2. Auflage. Stuttgart, Cotta. 
gr. 8. XX, 300 S. M 6. 

Co c hin, D., Descartes. Paris, Alcan. 8. 283 p. Fr. 5. 

Eiert, W., Jakob Böhmes deutsches Christentum. Berlin-Lichterfeld, 
Runge. 6. IX, 36 S. M. 0,50. 

G o b i n e a u , C te A., The Renaissance : Savonarola, Cesare Borgia, 
Julius II, Leo X, Michael Angelo. English edition, edited by Oscar 
Levy. London, Heinemann. 

Huan, G., Le Dieu de Spinoza. Paris. 8. Fr. 5. 

Jagodinskij, J. J., Die Philosophie Leibniz'. (Russisch). Kasan. 8. 
XV, 432 p. Rb. 3. 

Ketschekjan, S. F., Die ethische Weltanschauung Spinozas. (Russisch). 
Moskau. 8. Mb. 1. 

Maier, E., Die Willensfreiheit bei Laurentius Valla und bei Petrus 
Pomponatius, Mit einem Anhang zur Willenstheorie der Spät- 
scholastik, besonders des Becanus. 7. Heft der Renaissance und 
Philosophie. Bonn, Hanstein, gr. 8. III, 141 S. Jt> 4. 

Meier, M., Descartes und die Renaissance. Münster, Aschendorff. gr. 8, 
X, 68 S. M 2,50. 



Novitätenschau. 315 

Roretz, R., Diderots Weltanschauung. Ihre Voraussetzungen, ihre 

Leitmotive. Mit 1 eingedruckten Bildnis. Wien, Gerold & Co. gr. 8. 

36 S. M 1,50. 
Rosenfeld, J., Die doppelte Wahrheit mit besonderer Rücksicht auf 

Leibniz und Hume. 75. Band der Berner Studien zur Philosophie 

und ihrer Geschichte. Herausgegeben von L. Stein. Bern, Scheitlin. 

gr. 8. 67 S. M. 1. 
Raoul De Scoraille, P. S. J. , Fraacois Suarez, d'apres ses lettres, 

ses autres ecrits inedits et un grand noinbre de documents nouveaux. 

Tome I: L'Etudiant. Le Maitre. Tome II: Le Docteur. Le Religieux. 

Paris, Lethiellieux. 
Tischen dorf, K., Berkeley als Ethiker. Dissertation (Jena). Berlin, 

Preuss. 8. 71 8. 
Thormeyer, P., Die grossen englischen Philosophen Locke, Berkeley, 

Hume. Leipzig, Teubner. J\ 1. 
T r o i 1 o , E., La filosofia di Gicrdano Bruno. 2. vol. I. La filosofia 

oggettiva. II. La filosofia soggettiva. Roma. 161, 167 p. 
Vernay, J., Essai sur la pedagogie de Leibniz. Heidelberg, Winter. 

gr. 8. 111 S. M. 2,80. 
Vos, K., Menno C mons. 1496 — 1561. Zijn leven en werken en zijne 

reforinatorische denkbeeiden. Leiden. 8. VIII, 350 p. FL 3. 
Zanta, L., La renaissance du stoicisme au XVI e siecle. Paris, Champion. 

8. 366 p. 

d) Zur neuesten Philosophie. 

Albrecht, G , Eugen Dührings Wertlehre. Nebst einem Exkurs zur 

Marxschen Wertlehre. Jena, Fischer, gr. 8. III, 56 S. M 1,80. 
Albert, Fr., Das Verhältnis Herbert Spencers zu David Hume in der 

Erkenntnistheorie. Philos. Dissertation. Leipzig -Seifhennersdorf, 

Grossmann. 8. 82 S. 
Allievo, G. , La psicologia di Herbert Spencer. 2 a ediz. Torino, 

Unione tipogr.-editr. Torinese. 
Bachmann, V., Die religiöse Gedankenwelt Jean Pauls. Dissertation. 

Erlangen. 140 S. 
Barbey d'Aurevilly, J., Goethe et Diderot. Paris Lemerre. 
Beer, M., Schopenhauer. London, Jack. 12. 6 d. 
Bloch, W.. Der Pragmatismus von James und Schiller nebst Exkursen 

über Weltanschauung und über die Hypothese. Leipzig. 8. VIII, 

107 S. M8. 
Bohner, H., Die Grundlage der Lotzeschen Religionsphilosophie. Philos. 

Dissertation (Erlangen). Borna-Leipzig, Noske. 3. X, 61 S. 
Boyd, W. , From Locke to Montessori. A critical Account of the 

Montessori point of view. London, Harrap. gr. 8. 272 p. Sh. 2 6. 
Brandes, G., Friedrich Nietzsche. London. 8. 124 p. Sh. 6. 
*Broens, O., Darstellung und Würdigung des sprachphilosophischen 

Gegensatzes zwischen Paul, Wundt und Marty. Dissertation. 69 S. 
Brunswig, A., Das Grundproblem Kants. Eine kritische Untersuchung 

und Einführung in die Kant-Philosophie. Leipzig, Teubner. gr. 8. 

VI, 170 S. M 3,60. 
Buchenau, A., Grundprobleme der Kritik der reinen Vernunft. Zugleich 

eine Einführung in den kritischen Idealismus. 3. Band der Samm- 
lung „Wissen und Forschen". Leipzig, Meiner. 8. VI, 194 S. M. 3. 



316 Novitätenschau. 

Bus er, H. und W., Friedrich Nietzsche, der Hochstapler im Philosophen- 
rock und Prophet des Henkerstaates im Lichte seines berühmt ge- 
machten Werkes „Also sprach Zarathustra" oder: Herunter mit der 
Maske! Augsburg, Gärtnerstr. 18, Selbstverlag. 8. 64 S. M 0,80. 

Carus, P. , Nietzsche and other Eyponents of Individualism. London, 
Open Court. 8. Sh. 5. 

Chamberlain, H. S., Immanuel Kant. A Study and comparison 
with Goethe, Leonardo da Vinci, Bruno, Plato and Descartes. 2 vols. 
London. 8. 456, 530 p. S 1,5. 

Chatterton, Hill G., The Philosophie of Nietzsche. New- York. 8. 
292 p. $ 2,50. 

Crespi, A., Meditazioni Spenceriane. Alba. 8. 286 p. L. 10. 

Croce, B.. Historical Materialism and the Economic? of Karl Marx. 
London. 8. 212 p Sh. 5. 

Eis n er, Kurt, Fichte. Zum Gedächtnis des 100. Jahrestages. Berlin, 
Buchhandlung Vorwärts, gr. 8. 8 S. M 0,05. 

Etterich, W., Die Ethik Friedrich Nietzsches im Grundriss, im Verhält- 
nis zur Kantischen Ethik betrachtet. Philos. Dissertation (Bonn). 
Dortmund, Strauch. 8. 117 S. 

Ettlinger, M., Die Aesthetik Martin Deutingers. Kempten, Kösel. 
gr. 8. VIII, 172 S. Ji 3,50. 

Fauconnet, A., L'esthetique de Schopenhauer. Paris, Alcan. 

Flemming, S., Nietzsches Metaphysik und ihr Verhältnis zur Erkenntnis- 
theorie und Ethik. Philos. Dissertation (Leipzig). Berlin, Simion. 
8. 117 S. 

Galli, Kant e Rosmini. Civita di Castillo, Lopi. 

Gerrard, Th. J., Bergson, an Exposition and Criticism. St. Louis, Herder. 

Giuliano, B., Der Grundirrtum Hegels. Aus dem Italienischen über- 
setzt von W. M. Frankl. Graz, Lauschner & Lubensky. 53 S. M. 1. 

Gogarten, F., Fichte als religiöser Denker. Jena, Diederichs. 8. 
°120 S. M 2,50. 

Goldschmidt, L., Verwahrung gegen die Behandlung Kants in Lehre 
und Schrift. Anruf an die Hochschulen und Regierungen. Gotha, 
F. Perthes, gr. 8. 30 S. M, 0,80. 

Guy au, J. M., Die englische Ethik der Gegenwart. Deutsch von A. 
Poesner. Leipzig, Kröner. 

Hack, V., Hiltys Auffassung vom Christentum. Dissertation. Breslau. 
90 S. 

Hall. St., Wilhelm Wundt, der Begründer der modernen Psychologie. 
Uebersetzt und mit Anmerkungen versehen von R. Schmidt. Leipzig, 
Meiner. 8. XVII, 178 S. Ji 3,50. 

Hartmann, K., Wille und Willensbildung. Eine kritische Darstellung 
der Theorien von Herbart bis zur Gegenwart. Dissertation (Halle). 
Halle, Waisenhaus. 8. 80 S. 

Hasse, H., Schopenhauers Erkenntnislehre als System einer Gemein- 
schaft des Rationalen und Irrationalen. Leipzig, Felix Meiner. 

Hedwall, K., Fichte3 filosofi i förhallande tili Kants kriticism. Up,«ala. 
8. 216 p. Kr. 4. 

He mar, V. R„ Henri Poincare. Paris, Bloud Gay. 

Herweck, Fr., Die Giessner Beteiligung an dem Fichteschen Atheismus- 
atreit. Dissertation Glossen). Leipzig. 8. 47 



Novitätenschau. 317 

Hirsch, E., Die Religionsphilosophie Fichtes zur Zeit des Atheismus- 
streites in ihrem Zusammenhange mit der Wissenschaftslehre und 
Ethik. Dissertation (Göttingen). Göttingen, Hutb. 8. 68. 

— , Fichtes Religionsphilosophie im Rahmen der philosophischen Gesamt- 
entwicklung Fichtes. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, gr. 8. 
VI, 132 S. Jk 3,60. 

Hocks, fi., Das Verhältnis der Erkenntnis zur Unendlichkeit der Welt 
bei Nietzsche. Eine Darstellung seiner Erkenntnislehre. Leipzig, 
Barth. 8. VII, 71 S. Jk 2,50. 

Hoff ding, H., Henri Bergsons Filosofi. Kjobenhavn. 8. 76p. Kr. 1,50. 

Hollenhorst, F., Ueber die Beziehungen von Herbart zu Christian 
Wolff. Bonn, Cohen. 

Hörn, C, Goethe als Eaergetiker. Verglichen mit den Energetikern 
Robert Mayer, Ottomar Rosenbach, Ernst Mach. Leipzig, Barth. 
8. 91 S. Jk 2. 

Hu an, G., Essai sur le dualisme de Spir. Paris. 8. Fr. 3. 

Husbands, H. W., The Relations of Philo3ophy and Poetry in the 19 lh 
Century. London, Hoddler. 8. Sh. 1. 

Kampmann, H., Jocobi und Fries. Ein Beitrag zur Lehre von der 
zweifachen Erkenntnis. Dissertation (Münster). Münster i. W., West- 
fäl. Vereinsdruckerei. 8. 62 S. 

Keller, A., Eine Philosophie des Lebens. Henri Bergson. Jena, Diede- 
richs. gr. 8. 46 S. Jk 0,80. 

Kempen, A., Benekes Religionsphilosophie im Zusammenhang seines 
Systems, seiner Gottes- und Unsterblichkeitslehre. Münster, Coppen- 
rath. IV, 81 S. Jk 1,50. 

Kesseler, K., Der Kampf Rudolf Euckens um einen geistigen Grund 
und Inhalt des Lebens. Mit besonderer Berücksichtigung seiner 
Bedeutung für die Pädagogik. 578. Heft des Pädagog. Magazins. 
Langensalza, Beyer. 8. 34 S. M. 0,40. 

Knox, H. V., The Philosophy of William James. London, Constable. 
8. 122 p. Sh. 1. 

Kor mann, Fr., Schopenhauer und Mainländer. Philosophische Studien 
als Beitrag zur Würdigung Schopenhauers. Jena, G. Neuenhahn. 
8. 78. Jk 1,50. 

Kost er, A., Der junge Kant im Kampf um die Geschichte. Berlin, 
Simion. gr. 8. 110 S. Jk 2,80. 

Kraus, G., Bernard Altum als Naturphilosoph. Ein Beitrag zur Natur- 
philosophie des 19. Jahrhunderts. 15. Heft der Studien zur Philo- 
sophie und Religion, herausgegeben von R. Stölzle. Paderborn, F. 
Schöningh. 8. XI, 178 S. mit 1 Bildnis. M 4,60. 

Krön e r, R., Kants Weltanschauung. Tübingen. 8. III, 91 S. Jk 2,50. 
Lachmann, B., Protagoras-Nietzsche-Stirner. Berlin, Simion Nchf. 
Largent, A., L'abbe de Broglie, sa vie, ses ceuvres. Paris, Bloud. 
Lask, E., Fichtes Idealismus und die Geschichte. Anastatischer Neu- 
druck. Tübingen, Mohr. Lex.-8. XII, 271 S. Jk 6. 

Lavalette Montbrun, A., Maine de Biran, critique et disciple de 

Pascal. Paris, Alcan. 8. Fr. 5. 
Levy, E. , Rudolf Steiners Weltanschauung und ihre Gegner. Berlin, 

S. Cronbach. 8. III, 330 S. M. 2. 
Lindsay, A. D„ The philosophy of Immanuel Kant. London. 



318 Novitätenschau. 

Loew, W., Das Grundproblem der Ethik Schleiermachers in seiner Be- 
ziehung zu Kants Ethik. Nr. 31 der Ergänzungshefte der Kant- 
studien. Berlin, Reuther & Reichard. gr. 8. VIII, 113 S. Ji 4. 

Lurie, E., Schleiermachers Aesthetik. Berner Dissertation. 

Macgowan, W. S., The Religious Philo3ophy of Rudolf Eucken. London. 
8. 104 p. Sh. 2. 

Maritain, J., La Philosophie Bergsonienne. Paris, Riviere. 477 p. Fr. 9. 

Masaryk, Th., Zur russischen Geschichte und Religionsphilosophie. 
Soziologische Studien. Bd. II. Jena, Diederichs. 

Mayer, 0., Fichte über das Volk. Rede zum Rektoratswechsel an der 
Universität Leipzig. Leipzig, Edelmann. Lex. 8. 13 S. Ji 0,40. 

M e d i c u s , Fr., Fichtes Leben. Leipzig, Meiner. 8. V, 176 S. mit 
1 Bildnis. Ji 3. 

Mirtov, D. P., Lotzes Lehre vom menschlichen und absoluten Geist. 
(Russisch). St. Petersburg. 8. CXLVII, 518 p. Rh. 3,50. 

Morgan, C. L., Spencer's Philosophy of Science. Oxford, Clarendon 
Press. 

Mohns, W., Herbarts Stellung zur englischen Moralphilosophie. Disser- 
tation (Leipzig). Langensalza, Beyer. 8. VI, 87 S. 

Nelson, L., Die kritische Ethik bei Kant, Schiller und Fries. Eine 
Revision ihrer Prinzipien. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 
gr. 8. VIII, 201 S. Ji 5. 

Neukirchen, A., Das Verhältnis der Anthropologie Kants zu seiner 
Psychologie. Dissertation (München). Bonn, Hauptmann. 8. VII, 
178 S. 

Olgiati, Fr., La filosofia di Enrico Bergson. Torino, Bocca. 8. XVIII, 

317 p. L. 4. 
Ostwald, W., Auguste Comte. Der Mann und sein Werk. Leipzig, 

Verlag ünesma. kl. 8. XII, 288 S. mit 1 Bildnis. Ji. 5. 
Ott, E., Henri Bergson, der Philosoph moderner Religion. 480. Bdchen. 

„Aus Natur und^Geisteswelt", Neue Auflage, kl. 8. III, 131 S. M 1. 

Pelazza, A., Guiglielmo Schuppe e !a filosofia dell' immanenza. Milano, 
Libreria edit. Milanese. 

Petersen, P., Goethe und Aristoteles. Braunschweig, Westermann, 
gr. 8. IV, 58 S. M. 1,25. 

Porten, M. v., Die Grundlagen der Kantschen Philosophie. Leipzig, 
Verlag Unesma, 8. 26 S. Ji. 0,50. 

Reuter, H., S.Kierkegaards religionsphilosophische Gedanken im Ver- 
hältnis zu Hegels religionsphilosophischem System. 23. Heft der 
Abhandlungen zur Philosophie und ihrer Geschichte. Leipzig. 8. 
VI, 131 S. Ji. 3,50. 

Richard, G., La question sociale et le mouvement philosophique au 
XIX e siecle. Paris, Colin. 

Rieffert, J. B., Die Lehre von der empirischen Anschauung bei Schopen- 
hauer und ihre historischen Voraussetzungen. Halle. 8. X, 248 S. 
Ji 6,50. 

Ruhe, A., Henri Bergson. Tänkesättet Bergson i dess grunddrag. 
Stockholm. 8. 175 p. . Kr. 4. 

Russell, B., The philosophy of Bergson. Cambridge, Bowes. 

Schaffganz, H., Nietzsches Gefühlslehre. Leipzig, Meiner, gr. 8. 
VIII, 133 S. Ji. 3,50. 



Novitätenschau. 319 

Scholz, H., Schleiermacher und Goethe. Ein Beitrag zur Geschichte des 

deutschen Geistes. 2. Aufl. Leipzig, Hinrichs. III, 72 S. M. 1,80. 
Schott, G., Harald Höffding als Religionsphilosoph. München, Kaiser 

gr. 8. 80 S. M. 1,50. 
Schulte- Hubbert, B., Die Philosophie von Friedrich Paulsen. Ein 

Beitrag zur Kritik der modernen Philosophie. Berlin, Norddeutsche 

Verlagsgesellschaft, gr. 8. XI, 146 S. M. 3. 
S i m k h o v i t c h , V. G., Marxismus gegen Sozialismus. Uebersetzt von 

Th. Jappe. Jena, Fischer. 
S i r e , L., L'attitude religieuse de Brunetiere. These. Montbeliard, Soc. 

d'impr. mondbeliardaise. 92 p. 
S o d e u r , Kierkegaard und Nietzsche. Versuch einer vergleichenden 

Würdigung. Tübingen, Mohr. 8. 48 S. M. 0,50. 
Stähler, P., J. G. Fichte, ein deutscher Denker. 11. Band der Bib- 
liothek für Philosophie. Berlin, Simion. gr. 8. 50 S. M. 1,50. 
Stein, A., Der Begriff des Geistes bei Dilthey. Bern, Akademische 

Buchhandlung von M. Drechsel. gr. 8. VIII, 107 S. M. 3,20. 
Stern, V., Die logischen Mängel der Machschen Antimetaphysik und 

die realistische Ergänzung seines Positivismus. Leipzig, Reisland 

8. 48 S. M. 1. * * 

Steriad, Alice, L'interpretation de la doctrine de Kant par l'ecole de 

Marburg. Etüde sur l'idealisme critique. Paris, Giard. 
Taine, H., Les philosophes classiques du XIX e siecle en France. ll e 

edition. Paris, Hachette. 16. X, 381 p. Fr. 3,50. 
T e r - G e o r g i a n, W., Friedrich Nietzsches Stellung zur Religion. Disser- 
tation (Leipzig). Halle, John. 8. 92 S. 
T h e o d o r e s c u , CA., Die Erkenntnislehre Bergsons. Dissertation 

(Jena). Jena, Fommann. 8. 56 S. 
Till et, A. W., Spencer's Synthetic Philosophy. What it is all about. 

London, King. 8. 198 p. Sh. 6. 
T r i v e r o , C, Nuova critica della morale Kantiana in relazione colla 

teoria dei bisogni. Torino, Bocca. 8. VIII, 308 p. L. 8. 
Valette Monbrun, A. de la, Maine de Biran. Critique et disciple de 

Pascal. Paris. 8. Fr. 5. 
Vaudon, J., Le P. Gratry. Paris, Tequi. 
Vyscheslavzev, B. Die Ethik Fichtes. Russisch. Moskau. 8. XIII 

437 p. Rh. 3. 
Weck, E., Der Erkenntnisbegriff bei Paul Natorp. Dissertation (Bonn). 

Ohligs, Müller. 8. 70 S. 
Wendland, J., Die religiöse Entwicklung Schleiermachers. Tübingen, 

Mohr. gr. 8. XIII, 243 S. M. 6,40. 
Weyrauch, J. J., Robert Mayer zur Jahrhundertfeier seiner Geburt. 

Stuttgart, Wittwer. gr. 8. V, 105 S. M. 5. 
Whitney, G. F., and Fagel, P. H., An Introduction to Kants Critical 

Philosophy. London, Macmillan. 8. Sh. 4/6. 



Miszellen und Nachrichten. 



Lateinische Uebersetzungen der aristotelischen Analytica 
posteriora. Es ist allbekannt, dass vom aristotelischen Organon zwar 
die Kategorien und die Schrift De interpretatione (ebenso wie Porphyrs 
Einleitung zu den Kategorien) dem frühen Mittelalter schon von Anfang an 
durch die Uebersetzungen des Boethius bekannt und durch dessen Kom- 
mentare ihrem Inhalte nach zugänglich waren, dass aber nicht auch das 
Gleiche für die Hauptschriften des Organons, die ersten und zweiten Analytiken 
und die Topik samt deren Anhang, der Schrift über die sophistischen Trug- 
schlüsse, galt. Noch Abaelard in seiner Dialektik (um 1121) ist für diese 
Teile der aristotelischen Logik auf die Monographien des Boethius ange- 
wiesen, in denen dieser den Inhalt der betreffenden aristotelischen Schriften 
(mit anderweitigen Elementen durchsetzt) in kompendiöser Form wieder- 
gab. Bald aber kommen auch jene Stücke des Organons, insbesondere . 
deren wichtigster Bestandteil, die beiden Analytiken, in Umlauf 1 ). Um von 
Zweifelhaftem abzusehen, so nimmt, wie Clerval in seinem trefflichen Buche 
über die Schulen von Chartres zeigte, um 1140 der zeitweise auch in 
Paris lehrende Dietrich (Thierry) von Chartres wenigstens das erste Buch 
der Analytica priora in sein „Heptateuchon" auf. Otto von Freising (f 1158), 
der an den Schulen Franciens seine Studien machte, und Johann von 
Salisbury (im Metalogicus, 1159) kennen die ganze „Logica nova", ja der 

l ) Bei dieser Gelegenheit sei darauf aufmerksam gemacht, dass schon 
lange vor Abaelard eine solche indirekte Bekanntschaft mit der Reihenfolge 
und dem ungefähren Hauptinhalte der einzelnen Bücher des aristotelischen 
Organons sich findet. Ich weise hin auf die längst bekannte Brüsseler Hand- 
schrift aus Notkers Schule, die, soweit ich sehe, in diesem Zusammenhang 
bisher noch nicht herangezogen ist, vermutlich, weil das betreffende Stück in 
den Prolegomena von Paul Pipers Ausgabe der Notkerschen Schriften unter 
Lesarten und dergleichen Angaben versteckt ist. Viel exakter als z. B. bei 
Alkuin (vgl. Prantl, Geschichte der Logik im Abendlande II* 16 ff.) wird hier 
(die Schriften Notkers und seiner Schule herausgegeben von P. Piper Bd. I 
Freiburg i. Br. und Tübingen 1882 p. LV1I ff.) im Anschluss an die Reihenfolge 
der aristotelischen Bücher über den Inhalt derselben berichtet: De Ysagogis 
(p. LVII), De Calhegoriis (ebd.). De Pergermeniis (LX), De Primis Analiticis 
(LXHI), De Secundis Analiticis (LXV), De Topicis (LXVII). 



Miszellen und Nachrichten. 321 

letztere spricht (Metal. II 20; PL 199, 885 D) bei einem Zitat aus den 
Analytica posteriora von einer „nova translatio", kennt also wenigstens von 
den Analytica posteriora bereits zwei Uebersetzungen. 

Welches war nun die Uebersetzung, in der diese Logica nova zuerst 
aus dem Dunkel hervortrat, welches die „translatio nova", die wenigstens 
von den zweiten Analytiken schon dem Johann von Salisbury vorlag? Die 
arabisch lateinische Uebersetzung Gerhards von Cremona kommt für das 
letztere noch nicht in Betracht; es kann sich bei Johann von Salisbury 
nur um griechisch-lateinische Uebersetzungen handeln. Weil wir hier nur 
mit der älteren Zeit — dem zwölften Jahrhundert — uns beschäftigen, 
möge auch das, was Albertus Magnus in seinem Kommentar zu den Ana- 
lytica posteriora (I 4, 9 und II 2, 5, bei Borgnet T. II p. 108b und 179b) 
von einer „translatio Joannis a graeco facta" sagt, vorläufig ausser Betracht 
bleiben. 

Viele Verhandlungen sind in dieser Frage, über die jüngst Artur 
Schneider („Die abendländische Spekulation des zwölften Jahrhunderts in 
ihrem Verhältnis zur aristotelischen und jüdisch-arabischen Philosophie". 
Beitr. z. Gesch. d. Philos. d. M.-A. XVII, 4 [Münster 1915] S. 11 ff.) eine 
verständnisvolle Uebersicht gebracht hat, gepflogen, von Jourdain, Prantl, 
Val. Rose, Schaarschmidt, Mandonnet, Schmidlin, Grabmann, Hofmeister, 
Webb u. a., ohne dass sich Einigkeit erzielen liess. Ursprünglich nahm 
man es als selbstverständlich an, dass es bei der Uebersetzung, in der 
erste und zweite Analytik, Topik und Elenchi zuerst wieder bekannt wurden, 
sich um die Uebersetzung des Boethius handeln müsse, von der diese Teile 
wegen ihrer grösseren Schwierigkeiten (und weil es zu diesen keine Kom- 
mentare des Boethius gab, der nur die Topik Ciceros erläuterte) unbenutzt 
geblieben und dadurch in Vergessenheit geraten seien, bis sie im Laufe 
des zwölften Jahrhunderts aus dem Dunkel wieder auftauchten. Den Ver- 
fasser der von Johann von Salisbury erwähnten neuen Uebersetzung suchte 
man teils in Jakob von Venedig, auf den schon Jourdain (Recherches 2 58 f.) 
auf Grund eines Zusatzes in einer späteren Redaktion der Chronik des 
Robert von Torigni, Abtes von Mont-Saint-Michel, zum Jahre 1128 1 ) hin- 
gewiesen hatte, teils (so Val. Rose) in Henricus Aristippus von S. Severina 
in Calabrien (f 1162), der in der Vorrede zu seiner Uebersetzung des 
platonischen Phaedon (1156) die „Apodictice" (d. h. die Analytik, insbe- 
sondere die Analytica posteriora) als den Siziliern zugänglich erwähnt. 

Daraus ergaben sich mancherlei Kombinationen. Insbesondere fand die 
neuestens von Schmidlin vertretene Behauptung Beifall, dass eine Ueber- 



x ) Die Uebersetzung, die Adolf Stahr nach der ersten Auflage von Jourdains 
Buch besorgt hat, gibt (S. 63) die Jahreszahl 1228 an. Auf diesen Druckfehler 
gründet Schaarschmidt (Johannes Saresberiensis 120, 4) eine wunderliche Hypo- 
these über die Person jenes Jakob. 

Philosophische» Jahrbusb 1915. 21 



322 Mis zellen und Nachrichten. 

setzung des gesamten Organons durch Boethius überhaupt nicht existiert 
habe, dass vielmehr die „alte Uebersetzung" der Analytik die um 1128 
von Jakob von Venedig veranstaltete sei, die von Johann von Salisbury 
erwähnte „translatio nova" dagegen die des Henricus Aristippus. Dabei 
machte man auch stilistische Gründe geltend : die als boethianisch gehende 
alte Uebersetzung weise ein höchst mangelhaftes Latein auf, das man un- 
möglich dem Verfasser der „Philosophiae consolatio" zutrauen dürfe, wo- 
bei freilich nicht beachtet wurde, dass auch die anerkannt echten Ueber- 
setzungen des Boethius das gleiche Streben nach absoluter Wörtlichkeit 
und darum den gleichen gräzisierenden Ton aufweisen. 

Umgekehrt wurde von anderen die Existenz einer Uebersetzung des 
Jakob von Venedig bezweifelt, da von einer solchen nur durch einen 
späteren Zusatz zu der Chronik Roberts berichtet werde, während keine 
einzige bekannte Handschrift ihn als Uebersetzer nenne, und seine Ueber- 
setzertätigkeit auch sonst nirgendwo erwähnt werde. 

Aber auch die dann bleibende Kombination, dass die alte Uebersetzung 
die des Boethius, die „translatio nova" die des Henricus Aristippus sei, ist 
keineswegs dem Zweifel entnommen. Denn dafür, dass der Platoübersetzer 
Aristipp ausser dem vierten Buch der aristotelischen Meteorologie, für welche 
dieses handschriftlich bezeugt ist, auch noch andere aristotelische Schriften, 
insbesondere die Analytik, übertrug, wie Valentin Rose vermutete, fehlt jeder 
wirkliche Beweis. Weder reicht die Erwähnung der Analytik („Apodictice") 
unter den in Sizilien zugänglichen Schriften, die wir im Prolog von 
Aristipps Phaedon-Uebersetzung finden, schon hin, ihn selbst als Ueber- 
setzer dieser Analytik darzutun, noch lässt sich aus den Aeusserungen des 
Johann von Salisbury (Metalogicus I 15. II 20. III 5. IV 2; Epist. 211; 
PL 199, 843 D. 885 D. 902 D. 917 A. 235 C) ein sicherer Schluss darauf 
ziehen, dass er der Urheber der von Johann erwähnten translatio nova 
der zweiten Analytiken war ; denn wenn Johannes von einem griechischen 
Uebersetzer spricht, dessen Belehrung er in Apulien genossen habe, und 
zwar auch „in operibus Aristotelis" (Epist. 211; PL 199, 235 C), wenn er 
diesen auch einmal als Severitaner von Abstammung (natione Severitanus, 
.Metal. III 5, PL 199, 902 D) bezeichnet, so passt das alles gewiss vortreff- 
lich auf Henricus Aristippus aus S. Severina in Unteritalien; aber ein 
zwingender Beweis dafür, dass dieser als Uebersetzer anderer Schriften 
aus dem Griechischen bekannte Graecus interpres nun auch Uebersetzungen 
von Schriften des Organons, insbesondere von den Analytica posteriora, 
verfasst habe, ist dadurch immer noch nicht gegeben. 

So waren überall Zweifel. Sicher stand, dass Johannes zwei Ueber- 
setzungen kannte, eine alte und eine neue; aber jedem Vorschlag der 
Identifizierung Hessen sich Bedenken gegenüberstellen. 

Eines freilich hätte man niemals bezweifeln sollen, nämlich dass 
Boethius das ganze Organon einschliesslich der Analytik und Topik in das 



Misz eilen und Nachrichten. 323 

Lateinische übertragen hat. Ob die von Thomas von Aquino unter dem 
Namen des Boethius angeführten Uebersetzungen von Büchern der Meta- 
physik und von De anima (die Stellen bei Jourdain 2 399 f.) wirklich von 
Boethius herrührten, ob dieser wirklich das im Prolog zum zweiten Buche 
seines zweiten Kommentars zu De interpretatione gegebene Uebersetzungs- 
und Kommentierungsprogramm ausgeführt hat — zu einem grossen Teil 
hat er es sicher nicht ausgeführt — , das möge hier auf sich beruhen 
bleiben. Aber dass er Analytik und Topik übersetzt hat, das steht durch 
seine Selbstzeugnisse (gesammelt z. B. bei Schaarschmidt, Johannes Sares- 
beriensis 120, 1) lest. Dass die Uebersetzung der Topik, beider Analytiken 
und der Elenchi nicht die erste war, sondern dass schon eine ältere vor- 
lag, sagt ja auch jene Notiz zur Chronik des Robert von Torigni unter 
dem Jahre 1128 ausdrücklich (Jacobus clericus de Venecia transtulit de 
greco in latinum quosdam libros Aristotilis et commentatus est, scilicet 
Topica, Analeticos Priores et Posteriores et Elencos, quamvis antiquior 
translatio super eosdem libros haberetur). Zu bezweifeln, dass diese ältere 
Uebersetzung die des Boethius war, liegt kein ausreichender Grund vor. 
Aber so lange die Uebersetzertätigkeit des Jakob von Venedig einzig durch 
jenen späteren Zusatz bezeugt war und die Existenz einer Uebersetzung 
des Henricus Aristippus von S. Severina nur auf blosser Vermutung be- 
ruhte, bewegte man sich doch noch auf sehr unsicherem Boden. 

Nicht alle Zweifel, wohl aber die bedeutendsten derselben, werden 
durch einen unvermuteten Fund beseitigt, welchen derselbe treffliche 
amerikanische Gelehrte, von dessen anderweitigen Verdiensten um die 
Aufhellung der Rezeption der aristotelischen Schriften ich jüngst in diesem 
Jahrbuch, vgl. XXVI 478—487, berichtete 1 ), Charles Homer Haskins, 
Professor in dem amerikanischen Cambridge, vor kurzem gemacht hat. 
Es handelt sich um ein Manuskript der Bibliothek des Domkapitels in Toledo 
in Spanien (Ms. 17 — 14) aus dem dreizehnten Jahrhundert, das in dem 
gedruckten Katalog der Bibliothek nicht verzeichnet ist, vermutlich weil es 
sicli zur Zeit der Abfassung desselben nicht in Toledo befand. Haskins 
berichtet über seinen Fund in einem Aufsatz in den Harvard Studies in 
Classical Philology XXV (1914) 87—105: „Medieval Versions of the Posterior 
Analytics", in welchem er zugleich die ganze Frage und ihre Geschichte 
lichtvoll behandelt. Nur sehr kurze Zeit hat Haskins die Handschrift be- 
nutzen können,- „während der Stunde, in der am 2. und am 14. Mai 1913 
die Bibliothek geöffnet war", und als später Freunde den Versuch machten, 
dieselbe aufs neue einzusehen, war sie verstellt und nicht zu finden. Aber 



J ) Das dreizehnte Jahrhundert, was dort S. 486 Z, 7 v.u. steht, is 
natürlich ein Schreibfehler, den der verständige und wohlwollende Leser sofort 
in das zwölfte Jahrhundert korrigiert habiMi w rd, von dem vorher und nach- 
her allein die Rede ist. 

21* 



324 Miszellen und Nachrichten. 

die Notizen, die er in der kurzen Zeit hat machen können, werfen doch 
ungeahntes Licht auf die Frage und bewähren aufs neue den Satz, dass 
ein einziger handschriftlicher Fund meist wertvoller ist als viele scharf- 
sinnige Konjekturen. 

Zunächst ist zu bemerken, dass jene Handschrift drei Uebersetzungen 
der Analytica posteriora enthält, an erster Stelle die bisher unbekannte 
neue griechisch-lateinische Uebersetzung, von der noch su sprechen sein 
wird, dann die unter dem Namen des Boethius gehende bekannte Ueber- 
setzung, endlich die gewöhnliche arabisch-lateinische Uebersetzung, an die 
eine Uebersetzung des Kommentars von Themistius sich anschliesst. 

Von grösster Bedeutung aber ist der Prolog, der die übliche Form eines 
Widmungsbriefes von dem ungenannten Urheber der Uebersetzung an einen 
ungenannten Adressaten trägt. Seiner grossen Wichtigkeit halber setze ich 
ihn vollständig her, so wie Haskins S. 93 ihn mitteilt: 

,,[V]allatum multis occupationibus me dilectio vestra compulit ut Poste- 
riores Analeticos Aristotelis de greco in latinum transferrem. Quod eo 
affectuosius agressus sum, quod cognoscebam librum illum multos in se 
seiende fruetus continere et certum erat noticiam eius nostris temporibus 
latinis non patere. Nam translatio Boecii apud nos integra non invenitur, 
et id ipsum quod de ea reperitur vitio corruptionis obfuscatur. Trans- 
lationem vero Jacobi obscuritatis tenebris involvi silentio suo peribent 
Francie magistri, qui quamvis illam translacionem et commentarios ab 
eodem Jacobo translatos habeant, tarnen noticiam illius libri non audent 
profiteri. Eapropter siquid utilitatis ex mea translatione sibi noverit latinitas 
provenire, postulationi vestre debebit imputare . . . Non enim spe lucri aut 
inanis glorie ad transferendum accessi, sed ut aliquid conferens latinitati 
vestre morem gererem voluntati. Geterum si in aliquo visus fuero rationis 
tramitem excessisse, vestra vel aliorum doctorum ammonitione non eru- 
bescam emendare". 

Deutlich werden hier die alte Uebersetzung, die auch hier dem Boethius 
zugeschrieben wird (was selbstverständlich der alte Severinus Boethius, kein 
mittelalterlicher Boetius, etwa Boetius der Däne, ist), und die neue des 
Jacobus de Venetia unterschieden. So erhält das angezweifelte Zeugnis 
der Chronik Roberts von Torigni seine volle Bestätigung. Auch sehen wir, 
was der Zusatz : „et commentatus est" bei Robert bedeutet. Der Kleriker 
aus Venedig hat nicht selbständige Kommentare geschrieben, sondern einen 
griechischen Kommentar — welchen? lässt sich zur Zeit nicht bestimmen 
— ins Lateinische übersetzt. So schliesst sich ja auch in derselben Hand- 
schrift an die arabisch-lateinische Uebersetzung der Analytica posteriora 
eine Uebersetzung (vermutlich eine arabisch -lateinische) des Kommentars 
von Themistius an. Auch sehen wir — wie schon aus Johannes von 
Salisbury entnommen werden konnte — , welches der Grund war, weshalb 
die Uebersetzung der Analytica posteriora, obwohl vorhanden, doch so lange 



Miszellen undNachrichten. 325 

in Verborgenheit blieb. Es waren die Schwierigkeiten des Verständnisses, 
über die auch Johannes so lebhafte Klage führt (Metal. IV 6, PI. 199, 919 C: 
Posteriorum vero analyticorum subtilis «juidem scientia est et paucis ingeniis 
pervia) und die er zum Teil der Uebersetzung als solcher zuschreibt 
(ebenda 920 A, Haskins S. 94 f. erinnert an die vielen beibehaltenen grie- 
chischen Wörter, die in den Handschriften hoffnungslos verderbt sind). 

Aber wer ist der Verfasser der neuen, von der Jakobs von Venedig 
verschiedenen griechisch-lateinischen Uebersetzung, die in der Handschrift 
von Toledo an erster Stelle steht ? Jedenfalls kein Gelehrter der nordischen 
Lande ; denn er stellt sich und seinen Kreis („apud nos") den „Francie 
magistri" gegenüber, und doch einer, der von den Vorgängen in der wissen- 
schaftlichen Welt des Nordens Kunde hatte ; denn er berichtet über das 
Verhalten dieser Lehrer im Frankenreiche gegenüber der Uebersetzung des 
Jakob von Venedig. Er gehört also ohne Frage Italien, aller Wahrschein- 
lichkeit nach Unteritalien, an. Auch ist er später als Jakob von Venedig, 
dessen Uebersetzertätigkeit nicht allzuweit von 1128 abstehen kann. 

Dadurch aber erhält die Vermutung Roses, dass der Verfasser der 
,,nova translatio" der zweiten Analytik bei Johannes Saresberiensis der der 
sizilischen Uebersetzerschule angehörige Aristippus aus S. Severina in 
Galabrien sei, ein ganz neues Gesicht. Jetzt haben wir in der Tat eine 
weitere dritte griechisch-lateinische Uebersetzung, neben und nach den 
Uebersetzungen des Boethius und des Jacobus de Venetia, und dieses neue 
Faktum gibt der Roseschen Vermutung, dass der Verfasser der von Johann 
Metal. II 20 erwähnten nova translatio mit dem „Graecus interpres, natione 
Severitanus" III 5 identisch sei, wenigstens eine starke Unterstützung. 

Freilich bleiben der Möglichkeiten trotz alledem noch viele, zumal die 
Handschrift von Toledo ja nicht dem zwölften, sondern erst dem drei- 
zehnten Jahrhundert angehört. So erinnert Haskins an die schon von 
Jourdain (s. o.) hervorgehobenen Stellen bei Albertus Magnus, an denen 
dieser von einer „translatio Joannis a Graeco facta" der Analytica posteriora 
redet, ohne dass es bisher gelungen wäre, diesen Johannes zu identifizieren. 

Nun gäbe es zwar ein einfaches Mittel, zu einer Entscheidung darüber 
zu kommen, ob die Uebersetzung des Toletaner Codex die von Johannes 
Saresberiensis erwähnte neue Uebersetzung ist. Johann erwähnt Metal. II 
20, PL 885 D, dass dieselbe einen Ausdruck des Aristoteles (es handelt 
sich um Anal. post. I 22, p. 83 a 33 tsgeTiOf-iata) nicht mit „monstra", 
sondern mit „cicadationes" wiedergebe. Ob dies in der neuaufgefundenen 
Uebersetzung nun der Fall ist, dies festzustellen, war Haskins aus den oben 
bemerkten Gründen nicht möglich. So muss die Entscheidung über diesen 
Punkt der Zukunft überlassen bleiben. Aber die Existenz von mindestens 
vier mittelalterlichen Uebersetzungen der Analytica posteriora ist nunmehr 
sichergestellt, der alten des Boethius, der neuen des Jacob von Venedig, 
der neuen des Toletaner Codex, von der freilich der Verfasser noch nicht 



326 Miszellen und Nachrichten. 

ermittelt ist und deren Identität mit der von Albertus Magnus erwähnten 
eines gewissen Johannes wenigstens nicht ausgeschlossen ist, und endlich 
der arabisch-lateinischen des Gerhard von Cremona 1 ). 

München. Clemens Baeumker. 

Die zehn Hauptlehren der theosophischen Weltanschauung 

betitelt sich eine Schrift 2 ) von R. Rudolph. Darin werden folgende 
Hauptsätze vorgetragen und verteidigt. 1. Allem Dasein liegt eine schranken- 
lose Wesenheit (die Gottheit) zu Grunde. 2. Das Weltall ist, geistig be- 
trachtet, eine bewusste intelligente Einheit (Weltintelligenz). 3. Alles Da- 
sein ist Kausalität und die Weltordnung unbedingte Gerechtigkeit. 4. Der 
Mensch ist eine unsterbliche Seele und besitzt wie das Weltall eine sieben- 
fältige Natur. 5. Der Mensch ist der Schöpfer seines Schicksals. 6. Es 
ist die Bestimmung des Menschen, sich zum Herrn des Schicksals zu 
machen und endlich sich über dasselbe zu erheben. 7. Der Tod ist ein 
Bewusstseinswechsel, keine Vernichtung. 8. Der Mensch verkörpert sich 
so oft auf Erden, bis er den Zustand des Christus erreicht. 9. Das End- 
ziel der Entwicklung ist das ewige Leben oder die absolute Freiheit. 10. Der 
Mensch erlangt, weil er im Wesen eins mit Gott ist, die Erlösung durch 
die göttliche Selbsterkenntnis oder Theosophie. 

Das ist nach der Versicherung des Vf.s „der Glaube und die Erkenntnis 
aller grossen Männer und Genies, Philosophen, Dichter und Künstler ge- 
wesen und wird es immer sein, und zu ihr werden einst alle Menschen 
in ihrer Entwicklung gelangen". Ja, auch das Christentum lehrt die theo- 
sophische Weltanschauung. Es gibt ein exoterisches und ein esoterisches 
Christentum, eine orthodoxe und eine mystische Auffassung der Religion. 
„Die Mystiker aller Religionen lehren ein und dasselbe : die göttliche Natur 
aller Dinge auf Grund der Allgegenwart Gottes. Das Wort ,Christentum' 
bedeutet ,Christusbewusstsein', und das ist Theosophie". 

Darnach war also Jesus Christus formeller Pantheist. Nun, der Vf. 
erklärt, dass es jedem freisteht, eine andere Ansicht wie die hier vorge- 
tragene, zu haben. Von dieser Freiheit machen wir Gebrauch, müssen* 

J ) Wenigstens in einer Anmerkung sei darauf hingewiesen, dass Haskins 
zur Frage der Rezeption des Aristoteles auch sonst einige neue Beiträge bringt. 
Von der Physik findet sich eine (unvollständige) griechisch -lateinische üeber- 
selzung in einer vatikanischen Handschrift (Ms. Regina 1885, fol. 89— 94 v) aus 
dem zwölften Jahrhundert (p. 88 f., vgl. Harvard Studies XXII!, 1914, p. IM). 
— Die Paduaner Handschrift der griechisch-lateinischen Metaphysikübersetzung 
stammt erst aus dem vierzehnten Jahrhundert (p. 88, 1). — Die von Val. Rose 
aus einer Nürnberger Handschrift herangezogene Notiz über Henricus Aristippus 
als Verf. einer Uebersetzung des IV. Buches der Meteorologica findet sieh auch 
in Ms. 1428 fol. 171 und Ms. 9726 fol. 58' 'der Bihlioleca Nacional in Madrid. 

2 ) Theosophische Bausleine zur Förderung der iheosophischen Kultur. 
Leipzig, Theosophischer Kulturverlag. 



Miszellen und Nachrichten. 327 

es aber als unbillige Forderung bezeichnen, wenn wir unser Schicksal 
bestimmen, uns über dasselbe erheben sollen, wenn „alles Dasein 
Kausalität ist". 

Au der Grenze des Fixsternhimmels. Die Sterne werden nach 
ihrer Helligkeit in Klassen eingeteilt, sodass der Stern einer niederen Klasse 
ca. 4 /io der Helligkeit der vorhergehenden beträgt. Man hat die Zahl der 
einzelnen festzustellen versucht, was aber bei den enorm zahlreichen sehr 
schwachlichtstarken Sternen grosse Schwierigkeiten bietet, weshalb die An- 
gaben für die 14. oder 15. Klasse bisher sehr unsicher waren. Durch 
Zuhilfenahme der Photographie hat neuestens Franklin Adams genauere 
Angaben machen können. Hiernach ergibt sich die Gesamtzahl bis zur 
9. Grösse zu 97400, bis zur 11. zu 700000, bis zur 13 zu 3 700000, bis 
zur 15. zu 15 500000, bis zur 16. 30000000, bis zur 17. 55000000. 
Diese Zunahme erfolgt aber viel langsamer als nach dem Gesetze der 
Abnahme der Lichtstärke zu erwarten war. Dieselbe müsste nämlich das 
Vierfache der vorausgehenden Sternklasse betragen. Sind nämlich die 
Sterne gleichmässig im Räume verteilt und Sterne von verschiedener 
Helligkeit gleichmässig gemischt, so muss, da die Helligkeit der niederen 
Klasse l !i der vorhergehenden beträgt, für einen Beobachter auf Erden 
die Gesamtzahl der Sterne bis zu einer bestimmten Grössenklasse viermal 
so gross sein als die Gesamtzahl bis zur nächst helleren Grössenklasse. 
Darnach müsste es bei 30000000 Sternen bis zur 16. Grösse, 120000000 
bis zur 17. Grösse geben. Woraus sich ergibt, dass die Zahl der schwachen 
Sterne weit kleiner ist, als man bisher angenommen hat. Indes weichen 
die photographischen Helligkeiten von den gesehenen stark ab; ein roter 
Stern ist photographisch weniger hell, als er gesehen wird. Und die röt- 
lichen Sterne scheinen unter den schwachen zu überwiegen. 

Ludendorff schliesst: „Wie dem aber auch sei, wir dürfen jedenfalls 
aus ihren Abzahlungen den Schluss ziehen, dass wir mit unseren licht- 
starken Instrumenten bereits an die Grenzen unseres Fixsternsystems 
dringen, wo die Sterne schon verhältnismässig dünn gestreut sind" *). 

') Ludendorff, Die neuesten Fortschritte der Fixsternkunde (Die Natur- 
wissenschaften [1915] 43 ff.). 



Philosoph. Jahrbuch der Görres - Gesellschaft. 

28. Band. 3. Heft. 



--♦-sc—»- 



Logische Gefühle. 

Von Dr. Rudolf Geis in Innsbruck. 



Vorliegende Untersuchungen wollen vom Standpunkt der scho- 
lastischen Philosophie das Thema der Bedeutung der logischen Ge- 
fühle in kurzen Linien behandeln. Von einer spekulativen Grund- 
lage aus wird die gefährliche Klippe der Ueberschätzung, zu der die 
moderne Geistesrichtung hintreibt, vermieden. Die alten, aber ge- 
sunden Prinzipien der scholastischen Philosophie können mit Fug 
und Recht auf die modernsten Themata angewendet werden. Sie 
werden das Gute daran im wahren Lichte erstrahlen lassen, vor 
dem Falschen uns behüten und so der Wahrheit echte Diener sein. 

Wenn wir von jenen Gefühlen sprechen, die mit dem höheren 
Erkenntnisleben des Menschen im Zusammenhang stehen, besteht die 
Gefahr, die gewöhnliche Definition von Gefühl zu verlassen und am 
Zustandekommen des höheren Gefühls nur das geistige Strebe- 
vermögen beteiligt sein zu lassen. Die Definition, die wir im fol- 
genden zu Grunde legen, lautet: ein Gefühl ist eine unwillkürliche 
und unwirksame Aeusserung des sinnlichen (»der beider Strebe- 
vermögen, das mehr passive Element, das sich von jedem Streben 
unterscheidet. Die Gefühle, die mit dem höheren Leben zusammen- 
hängen und dieses beeinflussen, nennen wir höhere Gefühle. Es 
widerspricht dieser Begriffsbestimmung des Gefühles nicht, wenn wir 
bei diesen höheren Gefühlen das Mitwirken des höheren Strebe- 
vermögens, die „geistige Seite des Gefühls" (Bessmer), betonen. Diese 
Begriffsmodifikation wird sich uns aufdrängen bei Beobachtung der 
betreffenden Tatsachen ; trotzdem halten wir fest, dass wir nur dort 
eigentliche Gefühle anerkennen können, wo auch das niedere Strebe- 
vermögen mittut, mit anderen Worten, wo die „sinnliche Seite" 
nicht fehlt. 

I. 

Dafür, dass zwischen Erkennen und Fühlen ein enger Zusammen- 
hang stattfinden muss, führen wir als rein äusseren Grund zunächst 
an, dass die Modernen so viel von intellektuellen Gefühlen, vom 
Wahrheitsgefühl und dgl. sprechen. Bevor wir die tatsächlichen 
Zusammenhänge feststellen wollen, müssen wir erst eine Vorfrage 
lösen: Ist ein Einfluss möglich a) des Erkennens auf das Fühlen, 
und b) des Fühlens auf das Erkennen ? 

Philosophische» Jahrbuch 1915. 22 



330 Rudolf Geis. 

a. Zur Möglichkeit des Einflusses des Erkennens auf das Gefühl. 
Die Schwierigkeit ist die: Wie kann ein rein geistiger Akt, wie das 
höhere Erkennen, ein Gefühl veranlassen und zu seiner Begleitung 
haben oder nach sich ziehen? Dass die Erkenntnis allgemein dem 
Strebe vermögen voranleuchten muss und nicht nur kann, sei 
flüchtig erwähnt. Hier ist die Frage aber, wie die rein geistige Er- 
kenntnis auf das sinnliche Strebevermögen einwirken kann. Nach 
der Lehre des hl. Thomas ist es auf zwei Weisen möglich: 

a, vermittels des sinnlichen Erkenntnisvermögens. Es kann der 
Erkenntnisgegenstand gleichzeitig secundum rationes immateriales 
(unanschaulich) vom Verstände aufgefasst werden, und vom niederen 
Erkenntnisvermögen secundum rationes materiales (anschaulich). Die 
Doppelart von Erkenntnis, wonach der Gegenstand von zwei ver- 
schiedenen, einander untergeordneten Erkenntnisvermögen aufgefasst 
wird, ist der Menschennatur durchaus angemessen. Denken wir 
an den Begriff des rein Geistigen und des Sinnlichen, an ihre 
Vereinigung in der Menschennatur, an die Entstehung des geistigen 
Erkenntnisbildes aus den sinnlichen Erkenntnisbildern des Gegen- 
standes, ferner an die Abhängigkeit der Vollkommenheit der geistigen 
Erkenntnisbilder von der Vollkommenheit der sinnlichen: all das 
zeigt uns, dass wir es bei der Menschennatur nicht mit einem rein 
geistigen Wesen zu tun haben, das nur rein geistige Erkenntnisakte 
setzt, sondern mit einem Wesen, in dem entitativ das geistige 
Prinzip mit dem Materiellen verbunden ist. Der Mensch ist also ein 
geistig-sinnliches Wesen, welches seiner Natur entsprechend die 
geistigen Erkenntnisakte immer von sinnlichen begleitet sein lässt. 
Dafür hat die Philosophie der Schule den kurzen terminus technicus 
geprägt von der dependentia externa, im Gegensatz zur interna. Der 
geistige Erkenntnisakt hängt von der ihn ' begleitenden sinnlichen 
Vorstellung nicht ab ut a causa (dependentia interna), sondern ut 
a conditione (dependentia externa). Unter dieser Voraussetzung ist 
der Zusammenhang zwischen geistigen Erkenntnisakten und Gefühl 
ersichtlich : wenn das geistige Erkenntnisvermögen das Objekt erfasst, 
kann das sinnliche Erkenntnisvermögen das gleiche Objekt zugleich 
erfassen von der anschaulichen Seite her, als ein bonum oder, 
malum sensibile; damit hat aber das sinnliche Strebevermögen ein 
obiectum proprium. So schliesst sich also vermittels des sinnlichen 
Erkenntnisvermögens an einen geistigen Erkenntnisakt ein Gefühl an. 
ß, aber auch vermittels des geistigen Strebevermögens kann 
an einen Erkenntnisakt ein Gefühl sich anlehnen: eine zweite Art 
von Vermittlung. An jeden Erkenntnisakt, der ein Objekt als gut 
oder schlecht auffasst, schliesst sich nämlich eine Regung des 
geistigen Strebevermögens an, und zwar ohne weitere Ueberlegung, 
die sonst das Erkenntnisvermögen dem freien Akte des Willens 
vorausschickt. Die Scholastiker sprechen hier von den motus primo 
primi, jenen unfreien Willensregungen, die jedem freien Akte voran- 
gehen, wie die Erfahrung uns des öfteren klar zeigt. Wie wir oben 



Logische Gefühle. 331 

(in a) auf das enge Ineinandergreifen des sensitiven und geistigen 
Lebens innerhalb des Erkennens hingewiesen haben, so tun wir es 
hier für die Strebeakte. Die Scholastiker haben hierfür als terminus 
technieus das Wort redundantia, „Ueberfliessen", gebildet. Redundanz 
besteht darin, dass der Akt eines Strebevermögens intensiver wird 
durch den direkten Einfluss eines stärkeren Aktes des anderen Strebe- 
vermögens. Ist demnach ein geistiger Erkenntnisakt vorhanden, so 
nimmt gewöhnlich das geistige Strebevermögen sofort zu seinem 
Inhalt Stellung durch jene motus primo primi, jene notwendigen Er- 
regungen; sofort ist ein Akt der Hinneigung oder Abneigung da. 
Dieser geistige Strebeakt findet gleichsam Wiederhall im sinnlichen 
Strebevermögen. Zufolge der redundantia quoad intensitatem ver- 
stärkt sich ein Akt des sinnlichen Strebevermögens gleicher Richtung. 
Die Frage : ist aber gerade auch immer ein Akt des sinnlichen 
Strebevermögens da, dürfte keine Schwierigkeiten machen, wenn wir 
bedenken, wie reich und fruchtbar unser Innenleben an Akten ist; 
Akte des sinnlichen Strebevermögens sind wohl immer vorhanden, 
welche im gegebenen Momente der „überfliessenden" Einwirkung 
jener motus primo primi sofort unterliegen, und so für jene geistigen 
Vorgänge die sinnliche Unterlage bilden, die gefühlsmässige Begleitung 
ausmachen können. Somit haben wir gezeigt, wie auch das geistige 
Strebevermögen Vermittlung sein kann zwischen geistiger Erkenntnis 
und Gefühl. Auf eine zweifache Vermittlung hin kann also das 
geistige Erkennen Gefühle veranlassen. 

b. Zur Möglichkeit des Einflusses der Gefühle auf das Erkennen. 
Eine zweite Vorfrage betrifft das umgekehrte Verhältnis: kann ein 
Gefühl Einfluss haben auf das Erkennen? Hier scheint es modernen 
Anschauungen gegenüber am Platze zu sein, mit allem Nachdruck 
auf eine fundamentale Wahrheit hinzuweisen, die man so viel ver- 
kennt: Fühlen im eigentlichen Sinne (Erleben im modernen Sinne) 
und Erkennen sind wesentlich verschiedene Dinge ; die Wahrheit als 
solche fühle (erlebe) ich nicht, sondern erkenne ich nur. Was Irr- 
tümer auf diesem Gebiete in der modernen Philosophie für Folgen 
haben, zeigt ein flüchtiger Blick in Bücher und Leben der Modernen. 
Wenn ich die Wahrheit nur mehr fühle, dann fällt jedes objektive 
Kriterium weg; ein Gefühl selbst wird Kriterium ; auch die sittlichen 
Normen werden zu Gefühlserlebnissen. Alles, was bisher noch als 
objektiv galt, wird subjektiviert. Und diese Dinge greifen über die 
wissenschaftliche Theorie hinaus ins praktische Leben und in die 
Religion (Modernismus). Wir halten also fest an der begrifflichen 
und realen Unterscheidung zwischen Fühlen und Erkennen, ohne 
damit den Einfluss der Gefühle auf das Erkennen zu leugnen. 
Stellen wir darum die zweite Vorfrage so : Inwieweit kann der direkte 
Einfluss der Gefühle auf das Erkennen sich erstrecken? 

Ein jeder Erkenntnisakt hängt von zwei Prinzipien ab, einem 
formalen und einem effektiven, entsprechend seinem formalen und 
seinem physischen Sein. Das formale Prinzip ist das Objekt, das 

90* 



332 Rudolf Geis. 

effektive der Verstand als Potenz. Damit dieser zur Wirkung über- 
gehe, d. h. den actus secundus setze, muss er determiniert werden. 
Das Objekt erzeugt in jedem Falle, wenn das Erkenntnisvermögen 
sich ihm zuwendet, eine logische, eine formale Notwendigkeit; sie 
besagt: wenn der Akt gesetzt wird, so muss seine Form, sein 
logischer Inhalt dem Objekt entsprechen, weil das Erkenntnisvermögen 
das Objekt nicht anders ausdrücken kann, als es von diesem de- 
terminiert worden ist; es ist also eine Notwendigkeit quoad speci- 
ficationem, nicht quoad exercitium. Das genügt aber noch nicht zur 
Entstehung des Aktes, da dieser zugleich ein physisches Sein besitzt. 
Um das physisch effektive Prinzip, den Verstand, zum Vollzug (exer- 
citium) zu bestimmen, kann entweder das Objekt allein ausreichen, 
oder es muss das Strebevermögen das ersetzen, was das Objekt 
nicht leisten kann. Im ersten Falle manifestiert sich das Objekt 
dem Erkenntnisvermögen mit der Klarheit (Evidenz), dass dieses 
zustimmen muss (necessitas quoad exercitium); die Sicherheit, 
mit der das Erkenntnisvermögen in diesem Falle den objektiven 
Tatbestand behauptet, nennen wir certitudo necessaria. Im zweiten 
Falle sprechen wir von certitudo libera. Das Objekt manifestiert 
sich zwar mit logischer Notwendigkeit, aber nicht mit jener unmittel- 
baren Durchsichtigkeit, die bei der logischen Synthese zweier Be- 
griffe deren objektiven Nexus unmittelbar erkennen lässt und darüber 
sofort ein Urteil zu fällen den Verstand nötigt (vgl. den Satz: ,,Sein 
ist nicht Nichtsein" mit irgend einer längeren Beweisführung). Dass 
der Akt hier ebenfalls zustande kommt, dazu muss das Strebe- 
vermögen, zunächst der freie Wille, den Verstand anspornen, jenen 
Erkenntnisakt zu vollziehen, der wegen der necessitas logica als 
vernünftig erkannt ist. Weil hier der freie Willensentschluss mit- 
wirkt, sprechen wir von certitudo libera. Hier haben wir also das 
Hintertürchen, durch welches das Strebevermögen seinen Einfluss auf 
das Erkennen zur Geltung bringen kann. Zunächst ist da der Wille, 
der einen Einfluss ausübt, denn es handelt sich hier um Akte des 
geistigen Lebens. Es sind aber nicht immer freie Willensakte, 
sondern oft nur Neigungen, die mit solchen des niederen Strebe- 
vermögens eng verbunden dabei Einfluss haben. So sehen wir, wie 
das Gefühl das geistige Erkennen beeinflussen kann durch Vermitt- 
lung des höheren Strebevermögens. 

Dieser Einfluss kann seine Grenzen überschreiten zum Schaden 
der Wahrheit der Erkenntnis. Es kann das Gefühl bzw. der Willens- 
akt den Verstand so beeinflussen, dass dieser die Gründe für das 
kontradiktorische Gegenteil des zu Behauptenden ganz unbeachtet 
lässt und so, mit alleiniger Kenntnis der Gründe für, einseitig das 
Dargebotene für wahr hält. Es handelt sich hier um eine firmitas 
intellectui interna, aber nur per accidens, wie die Scholastiker sagen. 
Per accidens: weil dieser Denkakt sich unter Umständen als falsch 
herausstellen kann, wenn nachträglich die Gründe für das Kontra- 
diktorische als überwiegende erkannt werden. Es ist darum die 



Logische Gefühle. 333 

Festigkeit, Sicherheit dieses Erkennens nicht wesentlich und not- 
wendig (per se), sondern nur zufällig (per accidens); eine solche, 
die sich auch als Trug herausstellen kann. 

Einem noch stärkeren Einfluss kann der Verstand von Seiten 
des Strebevermögens unterliegen, und zwar einem Einfluss, der einer 
Knechtung geradezu gleichkommt. Der Wille aus sich allein oder 
veranlasst durch ein Gefühl kann sich selbst zum Richter über Wahr 
oder Falsch aufwerfen, nicht zwar so, dass er wie der Verstand 
die Gründe für und wider abwägt (das ist nur dem Erkenntnis- 
vermögen eigentümlich), sondern so, dass er die Gründe überhaupt 
nicht zur Geltung kommen lässt. Er setzt sich sogar über den Protest 
des Verstandes, der in der Einsicht der Unvernünftigkeit eines solchen 
Vorgehens besteht (intellektuelles Gewissen), hinweg, und ohne eine 
objektive Ueberlegung zustande kommen zu lassen, gebietet er dem 
Versland, etwas für Wahrheit zu halten. Diese firmitas des Wahr- 
haltens ist keine firmitas intellectus, sondern voluntatis, eine firmitas 
intellectui externa also. A priori ist die Möglichkeit derartiger apo- 
diktischer „Willensurteile" (Geyser) zuzugeben, jedoch nur für Objekte, 
die nicht mit physischer Notwendigkeit vom Verstand aufgenommen 
werden (certitudo necessaria). 

II. 

Die Beantwortung der Vorfragen hat uns gezeigt, dass in 
mannigfacher Weise Gefühl und Erkennen sich beeinflussen können. 
Nun wollen wir das Tatsachenmaterial, das uns die empirische 
Psychologie bietet, nach den gewonnenen Gesichtspunkten ordnen. 
Die Hauptfrage wird die sein, was ist das Wahrheitsgefühl oder 
logische Gefühl und welches ist seine Bedeutung, Wir halten die 
gleiche Ordnung ein wie bei den Vorfragen und behandeln a) die Ge- 
fühle, die durch die Erkenntnisvorgänge in besonderer Weise hervor- 
gerufen werden, a. beim gewöhnlichen Erkennen, ß. beim intuitiven 
Erkennen; und b) den Einfluss der Gefühle auf das Erkennen. 

a. Ein Einfluss des Erkennens auf das Gefühl zeigt sich a, 
beim gewöhnlichen Erkennen. Jedes Ding hat von Natur aus das 
Streben, seinen Zweck zu erfüllen (appetitus naturalis). Das Er- 
kenntnisvermögen ist dazu bestimmt, das erkennende Subjekt in 
Verbindung zu setzen mit der Welt des Objektiven, diese geistiger- 
weise zu reproduzieren. Dass es in der Erfüllung dieser Aufgabe 
Unterschiede in der Vollkommenheit gibt, lehrt uns reichlich die 
Erfahrung. Formell ist die höchste Vollkommenheit des Erkennens 
erreicht in dem Akte, der ein Objekt mit Sicherheit für wahr hält, 
der Grund hierfür ist der : der sichere Akt orientiert uns am besten 
in der Welt des Transzendenten, weil er mit der grössten Bestimmt- 
heit, mit Notwendigkeit hinausweist. Die graduelle 1 ) Steigerung 
dieser Vollkommenheit erkennen wir nicht nur in abstracto, sondern 

l ) „Graduell" ist aber hier nicht zu verstehen, als sei Sicherheit ein 
höherer Grad von Wahrscheinlichkeit, 



33-4 Rudolf Geis. 

auch in concreto. Redensarten wie: „Ich bin nun sattelfest", oder 
„während des Studiums haben sich meine Anschauungen gefestigt" 
und dergl. bezeichnen Urteile, die den Grad der formellen Voll- 
kommenheit der betreffenden Urteile in actu signato aussprechen. 
Aber auch in actu exercito ist uns unmittelbar bekannt, inwieweit 
der Erkenntnistrieb (appetitus naturalis) sein Ziel erreicht hat. Es 
ist also der vollkommene Erkenntnisakt als solcher schon, abgesehen 
von diesem oder jenem Inhalt, ein bonum für den appetitus natu- 
ralis, dieses bonum wird als solches erkannt, und wir nehmen dann 
mit dem appetitus vitalis zu ihm hinneigende Stellung (in actu 
elicito). Es gilt also auch hier: „Ubicumque invenitur in aliquo 
cognoscente operatio perfecta, ibi etiam invenitur operatio delecta- 
bilis . . . Delectatio ergo est operationis perfectio." (S. Th. In Arist. 
Ethic. X 6.) In dieser Stellungnahme finden wir sehr oft das Gefühl 
enthalten als den Hauptbestandteil der Stellungnahme. 

Wenn ich zweifle, d. h. meiner Sache noch nicht sicher bin, so 
ist damit gegeben, dass meinem Erkennen noch ein Mangel an for- 
meller Vollkommenheit anhaftet, damit verbindet sich oft ein Gefühl 
der Unlust. Besonders deutlich treten diese Gefühle hervor, wo aus 
Meinungen durch neue und klare Gründe sichere Kenntnisse ent- 
stehen. Welche Freude haben wir z. B., wenn wir selbst in gewöhn- 
lichen Dingen für eine Meinung, die wir unserer Unsicherheit wegen 
nicht auszusprechen wagten, eine Bestätigung finden. Und die 
körperlichen Komponenten zeigen uns, dass es sich nicht um rein 
geistige Freude handelt, sondern um ein eigentliches Gefühl. Welche 
sichtliche Freude, oft sinnliche Erregung bringt uns die Lösung einer 
mathematischen Aufgabe, an der wir lange herumgemacht haben. 
Von noch viel mehr Freude ist die Forscherarbeit des Gelehrten 
begleitet. Wir sprechen hier zwar gerne von den „geistigen" Freuden; 
jedoch wir legen dann einen ethischen Sinn in das Wort: 
geistig im Gegensatz zu nieder, tierisch. Psychologisch aber sind 
diese „geistigen" Freuden sehr gemischt mit sinnlichen Vorgängen, 
und deshalb sind sie meist Gefühle. Ein trockener Bücherwurm 
lebt oft ein psychologisch ebenso reiches Gefühlsleben als mancher 
naturschwärmerische Gefühlsmensch. Das intellektuelle Finden als 
solches betrachtet bereitet grosse Freude. Der ganze Mensch nimmt 
daran Anteil. Die Gefühle, die sich an diese intellektuellen Vor- 
gänge anschliessen und sie begleiten, nennen wir logische Gefühle 
oder intellektuelle Gefühle. Insofern die Sicherheit, die dem Erkennen 
eigentümliche Vollkommenheit ist, spricht man auch von Sicherheits- 
gefühl. Oder insofern diese wieder ihren Grund hat in der Evidenz, 
von Evidenzgefühl; oder weil all das den letzten Sinn hat, die 
Wahrheit zu erkennen, haben diese Gefühle den Namen Wahrheits- 
gefühl; es sind Bezeichnungen für ein und dasselbe. 

Was ist nun also das logische Gefühl oder Wahrheitsgefühl usw.? 
Ist es ein Gefühl im eigentlichen Sinne? Wir antworten mit ja. 
Damit sagen wir nicht, dass jeder Akt des Strebevermögens, der 



Logische Gefühle. 335 

sich an das Erkennen als solches anschliesst, ein Gefühl im eigent- 
lichen Sinne ist, sondern so viel, dass jene Lust und Unlust, die 
sich so oft und auffällig anschliesst, und die wir Wahrheits- usw. 
-gefühl nennen, eigentliche Gefühle sind. Das beweist uns die 
innere Selbstbeobachtung, das zeigen uns die körperlichen Begleit- 
erscheinungen, die wir an uns wie an anderen beobachten können. 
Die Hauptschwierigkeit, wie das geistige Erkennen den sinnlichen 
Akt des Gefühls hervorrufen kann, haben wir in den Vorfragen 
schon besprochen und hierin keine Schwierigkeit entdeckt. Eine 
wichtige Konsequenz unserer Auffassung ist die Posteriorität des 
Wahrheitsgefühls gegenüber dem entsprechenden Erkenntnisakt. Das 
Wahrheitsgefühl schliesst sich an den Erkenntnisakt an, diesem 
kommt also eine Priorität, wenn nicht der Zeit, so wenigstens der 
Natur zu. Oder genauer, das Evidenzgefühl schliesst sich an jene 
Eigenschaft des Erkenntnisvorgangs an, die wir Evidenz nennen. 
Das Evidenzgefühl ersetzt nicht jene Eigenschaft, sondern ist eine 
Folge von ihr. Die Klarheit, mit der ein objektiver Sachverhalt sich 
dem Geiste vorstellt, ist die evidentia obiectiva. Ist das Objekt des 
Erkenntnisaktes mit dieser Eigenschaft behaftet, so zeigt sich das 
auch im Erkenntnisbild, der erkannte objektive Sachverhalt ist mir, 
dem Subjekte, evident (evidentia subiectiva). „Es ist mir klar, dass 
es sich so verhält", ro und ähnlich urteilen wir. Diese subjektive 
Evidenz bedingt dann die Festigkeit meiner Zustimmung, die Sicher- 
heit der Erkenntnis. Bis dahin geht das Erkenntnistheoretische und 
hier fängt das Psychologische an. An die Gewissheit schliesst sich 
das Gefühl an; die Gewissheit ist die Eigenschaft, die die formale 
Vollkommenheit des Erkenntnisaktes ausmacht. Hierin findet der 
Erkenntnistrieb seine Befriedigung, denn Gewissheit ist dem Er- 
kenntnisvermögen höchst konnaturell. Also die objektive und sub- 
jektive Evidenz, die im Erkenntnisakte enthalten sind, die ein bonum 
darstellen, sind das Objekt des Evidenzgefühles. 

Die logischen Gefühle finden sich sowohl bei der natürlichen 
(gewöhnlichen) wie bei der wissenschaftlichen Erkenntnis, wie schon 
oben die Beispiele gezeigt haben. Unter der wissenschaftlichen Er- 
kenntnis verstehen wir jene, die alles aus den Gründen erklärt, und 
die logischen Mittelglieder, die die zu erkennende Wahrheit oder 
Tatsache mit den Gründen verbinden, erfasst. Da bei der wissenschaft- 
lichen Erkenntnis das Streben nach Wahrheit exklusiver ist , zeigt 
sich hier oft das logische Gefühl deutlicher. 

Alle oben genannten Gefühle werden mit Verwischung der beson- 
deren Merkmale einzelner oft zusammengefasst im Begriff Interesse 
(in seiner Bedeutung Interesse für). „Das rein theoretische Interesse 
ist die Lust an evidenten Urteilen", sagt A. Höfler 1 ). Da aber der 
Begriff Interesse oft nur dispositionell gebraucht wird und da er 
ferner oft eingeschränkt wird auf die logischen Gefühle bei der Be- 



l ) Psychologie (Wien und Prag 1897) 464, 



336 Rudolf Geis. 

arbeitung nur eines bestimmten Wissensgebietes, scheint der Begriff 
nicht geeignet, Sammelbegriff obengenannter Gefühle zu sein. 

ß. Beim intuitiven Erkennen scheint uns aber die Erfahrung 
Schwierigkeiten zu machen in der konsequenten Durchführung un- 
serer Auffassung der Trennung von logischem Gefühl und Erkennen. 
Das intuitive Denken, dieses unmittelbare Schauen der Wahrheit, 
das nicht wie das diskursive abstrakte Denken ein logisches Klettern 
von Begriff zu Begriff ist, scheint ein einfacher Vorgang zu sein, 
nicht ein doppelter, und zwar ein Fühlen wenigstens in seinen 
Anfangsstadien. Es ist sehr schwer, die Vorgänge des Genies, die 
oft diesem selbst dunkel bleiben, zu analysieren. Aber beobachten 
wir einige Fälle intuitiven Denkens niederen Grades. Wir suchen 
an der Lösung einer mathematischen Aufgabe, durch Anwendung 
der Regeln gelangen wir nicht zum Ziele, wir finden da den Ausweg 
nicht, und doch muss es einen Ausweg geben. Wir „fühlen" vielleicht 
in irgend einer Richtung einen Ausweg, wir ahnen, wo die Lösung 
zu finden ist; die ganze Aufmerksamkeit ist in diese Richtung ge- 
lenkt, und da bringt uns oft ein zufälliger Gedanke, der der Sache 
vielleicht fremd ist, auf die Lösung. Wie durch einen Sprung ge- 
langen wir zum Ziele. Hernach können wir durch logische Beweis- 
führung den Weg in seine einzelnen Teile zerlegen, aber das erste 
Mal ging es nur durch einen Sprung, es war nicht ein vermitteltes 
Erkennen, sondern ein unmittelbares Schauen der Wahrheit. Was 
hat uns nun am Anfang die Erkenntnis jener Richtung vermittelt? 
War es das Gefühl? „Ich fühle, wo die Lösung liegen muss", sagen 
wir oft. Wenden wir unsere oben aufgestellten Prinzipien an, so 
müssen wir sagen: das Gefühl ist ein Stellungnehmen, Stellung 
nehmen wir aber nur zu einem uns bekannten Objekt, demnach ist 
das Erkennen das primäre, das Gefühl das sekundäre. Jenes 
Ahnen und Fühlen besagt also ein unmittelbares Erkennen, ein 
Schauen des Objekts, das zu Anfang nur unklar und dunkel erkannt 
wird; wir erkennen bei der Intuition nicht erst ein medium quod, 
wie z. B. eine Ursache aus ihren nächstliegenden Wirkungen, son- 
dern wir überspringen die letzteren und kommen ohne Mittelglieder 
zum Erkenntnisziele, zum Objekt. Jenes Ahnen ist aber mit Ge- 
fühlen verbunden, weil es eben Erkennen der Wahrheit und des- 
halb eine Befriedigung des Erkenntnistriebes ist. Weil der Erkenntnis- 
akt selbst zu Anfang so unbestimmt ist, so dunkel und oft einem 
Tasten gleichkommt, und weil er sich deshalb von dem ihn be- 
gleitenden Gefühle wenig unterscheidet, erscheint dieser Vorgang 
nicht aus Erkennen und Fühlen zusammengesetzt, sondern ein ein- 
facher , und zwar ein Gefühl teils wegen der äusseren Analogie, teils 
wegen der Wirkung, die ein begleitendes Gefühl ist. Eine Bestätigung 
dieser Auffassung der Intuition liegt darin: je näher wir dem Ziele 
kommen, desto klarer und vollendeter wird das Erkennen und desto 
stärker das Gefühl. Das Lustgefühl wird stärker, je mehr wir uns 
vom Zweiflen entfernen und dem Ziele, dem sicheren Erkennen 



Logische Gefühle. 337 

zustreben. Wäre aber das Schauen nur allein ein Gefühl, so hinge 
die Klarheit des Schauens von der Intensität des Gefühles ab: je 
intensiver der Gefühlsvorgang wäre, desto klarer müsste ich damit 
die Wahrheit schauen. Eine solche Auffassung enthält aber erstens 
einen Widerspruch ; denn die Klarheit ist ihrem Wesen nach Eigen- 
schaft der Erkenntnis, hier würde sie zur Eigenschaft eines Gefühls 
werden. Zweitens ist sie unnatürlich, denn die natürliche, der Er- 
fahrung gemässe Auffassung kann nur unsere sein: je klarer das 
Schauen {= Erkennen), desto intensiver ist das sich anschliessende 
Gefühl *). 

b. Sprechen wir vom Einfluss des Gefühls auf das Erkennen. 
Welcher tatsächliche Einfluss kommt den Gefühlen auf das Erkennen 
zu? welche Bedeutung haben a) für das gewöhnliche Erkennen, 
aa) die logischen Gefühle im engen Sinne, ßß) die logischen Gefühle 
im weiten Sinne, ß) welche Bedeutung haben sie für das intuitive 
Erkennen. 

a) Auf das gewöhnliche Erkennen äussern aa) die logischen 
Gefühle im engen Sinne. Nachdem wir uns klar geworden sind, 
was das logische, das Wahrheitsgefühl im strengen Sinne ist, wollen 
wir seine Bedeutung untersucheji. Sie liegt im Einfluss auf das Er- 
kennen. Th. Elsenhans sagt vom Evidenzgefühl, es sei ein Kenn- 
zeichen des befriedigten Erkenntnistriebes 2 ); ja, es wird sogar, im 
Zusammenhang des Weltganzen betrachtet, als eines der Mittel er- 
scheinen, durch welches eines der höchsten Ziele menschlicher Ent- 
wicklung, das Ideal der Wahrheit erreicht werden soll 3 ). An den 
sicheren Erkenntnisakt sehliesst sich ein Lust- und Befriedigungs- 
gefühl an, an den Zweifel, an das blosse Meinen, an das noch un- 
gelöste Problem eine Unlust. Wenn ich aber aus der Nacht des 
Zweifels mich emporgerungen habe zum sicheren Festhalten an einer 
Wahrheit, wenn ich einem Problem gegenüber mir eine Position 
erkämpft habe, so ist damit ein Stück Verstandesarbeit geleistet; 
aber psychologisch ist der Vorgang noch nicht abgeschlossen. An 
das theoretische Festhalten einer Wahrheit durch das Erkenntnis- 
vermögen sehliesst sich ein Stellungnehmen (actus elicitus) des Be- 
gehrungsvermögens an. Wir erfreuen uns an dem Erfolg des Er- 
kenntnisvermögens. Diese Erfahrung der Verbindung der Lust mit 
dem Erkenntnisakt spornt uns zu weiterer intensiverer Erkenntnis- 



') Eine Schwierigkeit liesse sich machen: Beim Vollbesitz der Sicherheit 
tritt oft nicht das höchste Lustgefühl ein, sondern eine deprimierende Reaktion. 
Zu antworten wäre : Ein Grund hierfür ist der : die Wahrheitserkenntnis bleibt 
uns immer offen; ruht aber der Verstand in einer erworbenen Sicherheit und 
betätigt sich nicht mehr weiter, so bedeutet das Negation des Erkenntnis- 
triebes, der erst in der Erkenntnis des Unendlichen befriedigt ist, also ent- 
springt ein Unlustgefühl. 

2 ) Fries und Kant (Ein Beitr. z. Gesch. und System. Grundlegung der 
Erkenntnistheorie, Giessen 1906), z. B. S. 106. 

s ) A. a. 0. 



338 Rudolf Geis. 

arbeit an, schon um der damit verbundenen Lust willen. So ent- 
steht nun ein gegenseitiges Unterstützen von Erkenntnis und Lust, 
die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf einen bestimmten Frage- 
punkt, und so bohren wir uns immer tiefer in die zu erkennende 
Wahrheit ein. Dass wir das bestimmt dem Einfluss der logischen 
Gefühle zuschreiben dürfen, beweisen die Fälle, wo wir uns in ganz 
abstrakte Wahrheiten, die gar keine praktischen Konsequenzen haben 
und oft auch nicht den der angewandten Mühe entsprechenden 
Nutzen bringen, verbohren, in Spitzfindigkeiten und Spielereien. Wir 
forschen, weil uns das Forschen Spass macht. Wir erleben (= fühlen 
Freude über . . .) immer und immer die Befriedigung des Erkenntnis- 
triebes (in einem actus elicitus). Der Erkenntnistrieb allein würde 
diese gesteigerte Erkenntnisarbeit nicht erklären, wenn wir unter 
Erkenntnistrieb die natürliche Neigung des Erkenntnisvermögens 
seiner Bestimmung zu genügen (appetitus naturalis) verstehen (so 
haben wir bisher immer Erkenntnistrieb verstanden). Nur wenn wir 
Erkenntnistrieb im weiteren Sinne nehmen (appetitus naturalis und 
appetitus vitalis) und die logischen Gefühle, die jeweiligen Kenn- 
zeichen des befriedigten Erkenntnistriebes, dazu rechnen, ist der 
Erkenntnistrieb Erklärungsgrund für das rastlose Wahrheitssuchen. 
Das logische Gefühl ist also in dem Sinne ein „Mittel", das Ideal 
der Wahrheit zu erreichen. Das ist die erste Wirkung des logischen 
Gefühls, das Erkennen zu vertiefen und uns der Wahrheit näher 
zu führen. 

yiir können noch eine zweite Wirkung der logischen Gefühle 
hervorheben. Bei der Erkenntnis kommt es uns immer auf die 
Sicherheit an. Die Sicherheit und Festigkeit, mit der der Verstand 
an einer Sache festhält, kann aber eine mächtige Stütze im Gefühle 
erhalten. Es ist z. B. ein grosser Unterschied, ob der Schüler in 
der Schule etwas beweist, was er zuvor rein nur auswendig hat 
lernen müssen, oder was er selbst entdeckt hat und wo er selbst 
dahinter gekommen ist. Da, wo ich etwas verstanden und eingesehen 
habe, wo ich mit Lust und Freude daran studiert habe, bin ich auch 
ein ganz anderer Verteidiger. Ich spreche aus meiner Ueberzeugung 
heraus. Ueberzeugung besagt an sich ein verstandesmässiges Fest- 
halten an einer Wahrheit auf Grund tieferer Einsicht und tieferen 
Verständnisses. Das Gefühl kann dabei ganz fehlen, aber in den 
meisten Fällen ist es eine sehr auffallende Folgeerscheinung der 
verstandesmässigen Ueberzeugung; so tritt nicht allein der kühle 
Verstand für die Wahrheit ein, sondern es hängt gewissermassen 
der ganze Mensch daran. Es steht viel auf dem Spiele dabei, denn 
es handelt sich event. nicht nur um die Korrektur eines Erkenntnis- 
aktes, sondern um die Umwälzung der ganzen Gefühlslage, in die 
das Auffinden der Wahrheit den Menschen versetzt hat. Es ist also 
an dem Festhalten nicht nur der für das Wahrhalten in erster 
Linie kompetente Verstand beteiligt, sondern der ganze Mensch hat 
Stellung genommen mit allen seinen Vermögen, und ist mitinter- 



Logische Gefühle. 339 

essiert an dem Wahr und Falsch des Fürwahrgehaltenen. So ge- 
winnt aber die Sicherheit des Verstandes eine Hilfe. Die Festigkeit 
des Verstandes in sich, die certitudo formalis, bleibt per se dieselbe, 
aber per accidens nimmt sie zu, d. h. durch die Begleiterscheinungen 
gewinnt sie an Wirkung. Und so erleben wir die Wahrheit. Das 
ist der wahre Sinn des vielgebrauchten Wortes Erleben. Der Er- 
kenntnisakt ist die Voraussetzung, das Erlebnis ist sekundäre Begleit- 
erscheinung. Was die Modernen vielfach unter Erleben verstehen, 
ist kein eigentliches Erleben zu nennen. Trotzdem sollen wir be- 
müht sein, die Wahrheit zu erleben, das aber im wahren Sinne. Wir 
müssen uns dazu erziehen, uns ganz hinter die Wahrheit zu stellen, 
wir sollen uns nicht begnügen mit einem blossen Wissen um die 
Sache, sondern uns „überzeugen", durch das pikante Suchen in das 
Verständnis eindringen und uns die Wahrheit ganz zu eigen machen, 
nicht nur mit dem kühlen Verstände, so dass es uns nicht eine 
gleichgültige Sache ist, ob wir die These oder Antithese als wahr 
aussprechen. So nur können wir dem Ideal der Wahrheit dienen. 

Die Wahrheitserkenntnis wird demnach durch die logischen Ge- 
fühle im strengen Sinne nicht geschädigt und subjektiviert, sondern 
gefördert, weil zum Festhalten des Verstandes die entsprechende 
Stellungnahme des Strebevermögens im Gefühl hinzutritt. Ein solches 
Wissen von einer Wahrheit ist gewöhnliche Ueberzeugung. Die 
Ueberzeugung hat also vor dem einfachen verstandesmässigen Wissen 
ausser der tieferen Einsicht gewöhnlich das Beisein der logischen 
Gefühle voraus und unterscheidet sich hierin von jenem. Unter Ueber- 
zeugung verstehen wir also jenen Erkenntnisvorgang, der mit wahrer 
Sicherheit von dem Verstände gesetzt ist und von dem Sicherheits- 
gefühl meistens begleitet wird, so dass also nicht der Verstand 
allein, sondern das ganze Ich mit Herz und Wille für die Wahrheit 
einsteht. Die Ueberzeugung gehört nicht einfachhin zur Kategorie 
des „subjektiven Wahrheitsgefühls", wie die Modernen oft wollen, 
sondern sie wird gebildet von dem Mitwirken des logischen Gefühls 
im engen Sinne mit dem Erkennen. Das Wort Ueberzeugung wird 
aber auch in Fällen gebraucht, wo andere Gefühle die Erkenntnis 
beeinflussen, als die logischen Gefühle im engen Sinne : Ueberzeugung 
abusiv gebraucht; darüber wollen wir im folgenden handeln. 

ßß) Wir kommen damit zu dem Einfluss der logischen Gefühle 
im weiten Sinne. Unter logischen Gefühlen im engen Sinne ver- 
standen wir jene Gefühle, die sich an die formale Vollkommenheit 
bzw. Unvollkommenheit des Erkenntnisaktes anschliessen, und diese 
als konvenient bzw. inkonvenient dem Erkenntnistrieb anzeigen. 
Logisches Gefühl im weiten Sinne ist Lust oder Unlust, die sich an 
die inhaltliche Eigenschaft des Erkenntnisaktes anschliesst, an die 
Gutheit oder Schlechtkeit des Objektes. Wenn ich mich nicht mehr 
allein dadurch bestimmen lasse, ob der oder jener Tatbestand 
in Wirklichkeit zutrifft, wofür ich die Evidenz als Kriterium habe, 
sondern wenn ich mein Fürwahrhalten von der Genehmheit der 



340 Rudolf Geis. 

Ansicht abhängig sein lasse, und mich so durch die vorgefasste 
Stellungnahme des Willens und Gefühls beim Erkennen beeinflussen 
lasse, darf ich nicht mehr sagen, das Objektive war mir Norm; 
eine Ueberzeugung, die von der Mitwirkung solcher Gefühle gebildet 
wird, ist höchstens per accidens wahr, sie kann falsch sein. Wann 
kommen wir zu einer solchen Ueberzeugung, die nur auf „Herzens- 
gründen" beruht. Vor allem kommt das vor bei Fragen des prak- 
tischen sittlichen Lebens, d. h. bei Wahrheiten, die für uns praktische 
Konsequenzen haben; besonders bei Fragen der Weltanschauung. 
Weltanschauung ist ein Gedankengebäude, das unserm Erkenntnis- 
trieb inbezug auf seine letzten und wichtigsten Fragen : woher, 
wohin, wozu, Antwort und Befriedigung gibt und damit dem Strebe- 
vermögen den Weg zeigt zur Befriedigung des Glückseligkeitstriebes. 
Hier handelt es sich offenkundig um den innigsten Zusammenhang 
zwischen Erkennen und Streben wegen der praktischen Konsequenzen. 
Diese Wahrheiten sind nicht nur dazu da, den Erkenntnistrieb zu 
befriedigen, sie haben auch innige Beziehung zum Glückseligkeits- 
trieb, zur ganzen Strebensrichtung des Menschen. Das Gefühl ver- 
tritt nun die Interessen des ganzen Subjektes beim Erkenntnis- 
vorgang. Geyser nennt die Gefühle „das Bewusstseinssymptom des 
harmonischen oder disharmonischen Verhältnisses der in uns ver- 
laufenden körperlichen, seelischen und geistigen Vorgänge zu den 
teils angeborenen teils erworbenen Betätigungstendenzen unserer 
Seele" l ). Wenn jemand sich schlechte Betätigungstendenzen der 
Seele erworben hat, so entsteht eine Disharmonie mit der Erkenntnis 
einer Wahrheit, die eine positive sittliche Forderung stellt. Der 
Ausdruck dieser Disharmonie ist ein Unlustgefühl, das sich dem ge- 
blendeten Verstände als negatives logisches Gefühl im engen Sinne 
vortäuscht und so den Verstand subjektiv beeinflusst (bei den principia 
primaria der Ethik, die mit certitudo necessaria [invincibiliter] er- 
kannt werden, ist das nicht möglich, nur bei den principia secun- 
daria, die mit certitudo libera erschlossen und erkannt werden). 
Es liegt in dem Worte der heiligen Schrift, dass nur die, die reinen 
Herzens sind, Gott die ewige Wahrheit schauen werden, auch für 
den Bereich des Natürlichen eine tiefe psychologische Wahrheit : Je 
mehr die sittliche Läuterung des Charakters fortschreitet und die 
Losschälung von ungeordneten Neigungen, um so grösser wird die 
Aufnahmefähigkeit für die objektive Wahrheit; die logische Wahr- 
heit stützt sich auf die psychologisch-ethische Unterlage des er- 
kennenden Subjektes. Alle jene, welche sich den objektiven Sitten- 
geboten gegenüber praktisch ablehnend verhalten, sind in der grössten 
Gefahr, aus diesem Grunde in der Theorie in Irrtümer zu verfallen. 
So laufen z. B. alle monistischen Bestrebungen darauf hinaus, den 
unbequemen persönlichen Gott zu eliminieren, eben weil er in der 
Praxis zu bestimmte sittliche Forderungen stellt. So hängen Sitt- 
lichkeit und Erkennen eng zusammen, und die beeinflussende Ver- 

*) Lehrb. der Allgem. Psychologie 2 (Münster i. W. 1912) 654. 



Logische Gefühle. 341 

mittlung der Sittlichkeit auf das Erkennen leistet das Gefühl. Der 
sittliche Mensch anerkennt die sittlichen Forderungen, über die die 
Vernunft auf Grund von Evidenz entscheidet, daran schliesst sich 
nicht nur ein Evidenzgefühl an, sondern auch logische Gefühle im 
weiten Sinne. Ein solcher „erlebt" oft die Notwendigkeit des Sitten- 
gebotes zur Erreichung eines guten Zieles. Dieses Erleben sagt: er 
erkennt in sich (experientia interna), wie dieses oder jenes Opfer, 
das vom Sittengebote vorgeschrieben war, seinen Erfolg hatte, konse- 
quenterweise freut er sich hierüber, so entsteht das Lustgefühl am 
Inhalt des Erkenntnisaktes, das logische Gefühl im weiten Sinne. 
Damit haben wir eine zweite Bedeutung des Wortes Erleben ange- 
deutet. Wir dürfen ihr objektive Gültigkeit nur zuschreiben, wenn 
wir nach genauer Selbstbeobachtung erkannt haben, dass es sich 
nicht um Illusionen handelt. 

Folgen wir aber blind diesen Inhaltsgefühlen und lassen wir sie 
überwuchern, so wird das Resultat sein, dass wir uns viele Vor- 
urteile bilden. Diese entstehen, wenn nicht immer, so doch sehr 
oft aus derartigen Gefühlen. Am besten sieht man das bei Welt- 
anschauungsfragen, auch bei kleinen und weniger wichtigen Dingen 
bringen wir Vorurteile mit. Manchmal ist es sogar nur die Lust 
am Rechthaben, die uns den Weg zur Wahrheit verschliesst. Oft 
machen wir an anderen die Beobachtung, dass sie durch Vernunft- 
gründe nicht zur gegenteiligen Ansicht zu gewinnen sind ; stellen wir 
diesen aber die Gegenansicht als etwas Gutes, Schönes oder Nütz- 
liches hin, schildern wir die Vorteile, die sie bringt, dann haben wir 
das Spiel gewonnen, d. h. mit Herzensgründen erreichen wir oft 
viel mehr als mit Vernunftgründen. Die captatio benevolentiae ist 
die Anwendung dieser Wahrheit für die Rhetorik. Dieses Erkennen, 
bei dem der Wunsch Vater des Gedankens ist, nennen die Modernen 
in ihrer Terminologie das autonome subjektive Wahrheitsgefühl, oder 
den Bedürfnisglauben. Diesem stellen sie gegenüber das heteronome 
subjektive Wahrheitsgefühl oder den Autoritätsglauben. Wir müssen 
ihnen hier entgegnen, es gibt zwar ein solches Glauben, das sub- 
jektivierte Erkenntnis ist, aber an sich ist Glauben eine Art der 
objektiven Erkenntnis. Es gibt Autoritäten, die für die Erkenntnis 
Bedeutung haben, ohne dass sie in uns irgend welches Gefühl aus- 
lösen. Wenn der Historiker bei seiner wissenschaftlichen Forschung 
sich auf ein Zeugnis eines Menschen beruft, weil ihm dieser als 
Autorität gilt, so braucht er deshalb in keiner persönlichen Stellung- 
nahme zu dieser sich zu befinden. Eine solche Autorität ist derart, 
dass wir ihr vernünftigerweise Glauben schenken, aber dazu nicht 
verpflichtet sind ; nur logisch genötigt, müssen wir ihr glauben, wir 
schöpfen Wahrheit bei ihr, wenn wir wollen, sie hat nur ein be- 
dingtes Recht, Glauben zu verlangen. Daneben gibt es aber auch 
Autoritäten, die nicht nur ein bedingtes Recht haben, uns zu be- 
lehren, sondern auch ein absolutes; ethisch genötigt müssen wir 
diesen glauben. Bei ihnen spielt das Gefühl bedeutend mit. Ein Kind 



342 Rudolf Geis. 

glaubt seinen Eltern, weil es aus Erfahrung weiss, dass diese ihm 
wohlgesinnt sind, damit ist ihm die Gewissheit gegeben, dass sie 
ihm auch die Wahrheit sagen. So entsteht im Kinde das Vertrauen 
auf die Worte der Eltern. Dieses Vertrauen beruht auf einer sinn- 
lichen und geistigen Hinneigung, die das Kind mit den Eltern ver- 
bindet, auf der Liebe. Diese Gesinnungen und Gefühle dehnen sich 
auf alles, was von den Eltern kommt, aus (Gefühlsexpansion). Wenn 
sie belehren, so wird ihren Worten das gleiche Gefühl der Zu- 
neigung, der freudigen Annahme entgegengebracht; es handelt sich 
also um logische Gefühle im weiten Sinne. Die Einsicht in die 
Gründe der Wahrheit ist dabei oft sehr gering, das Fehlende ersetzt 
die Lust am Festhalten der Wahrheiten, die auch die Autoritäts- 
personen zu ihrer Ansicht gemacht haben. Hier liegt der Grund, 
warum das Glauben oft auch ein von nur „subjektiven Wahrheits- 
gefühlen" begleiteter Erkenntnisakt ist, per se besagt aber der Be- 
griff Glauben nicht, dass die Erkenntnis gefälscht ist durch subjektive 
Einflüsse. Ob das Gefühl beim Glauben, beim Wissen auf Grund 
einer Autorität das Erkennen fälscht, hängt von der Autorität selbst 
und von der Art der Stellungnahme zu ihr ab. Wenn eine solche 
Autorität ihre moralische Macht ausübt, um jemanden zu einer 
Ansicht zu zwingen, ohne selbst die Merkmale einer wahren Wissens- 
autorität (scienlia und veracitas) zu besitzen, ist sie für die Wissen- 
schaft auf alle Fälle unbrauchbar, denn sie ist eine reine Machtautorität, 
der deshalb auch die Kompetenz fehlt. Kann aber eine Autorität ihre 
Kompetenz erweisen, und nehme ich zu ihr vernünftig Stellung, so ist 
sie für das Erkennen nützlich, und die Gefühle, die um sie entstehen, 
hindern das Erkennen keineswegs. Zu einer vernünftigen Stellung- 
nahme gehört, dass die wirkliche Kompetenz voll anerkannt, nicht 
geschmälert, aber auch nicht vergrössert wird. So haben wir eine 
Darstellung gegeben über den Einfluss der logischen Gefühle im engen 
Sinne und im weiten Sinne auf das gewöhnliche Erkennen. 

ß) Zur Bedeutung der logischen Gefühle für das intuitive Er- 
kennen. Weil bei der Intuition die Wahrheit viel unmittelbarer aufge- 
nommen wird, sind dort die logischen Gefühle im engen Sinne viel 
intensiver und sie beschleunigen oft die Erkenntnisvorgänge im Genie. 
Die logischen Gefühle im weiten Sinne scheinen wenig Einfluss zu haben 
auf das intuitive Denken, denn die Erfahrung zeigt uns, dass das Genie 
nicht strebend erreicht werden kann; die Poesie sieht deshalb im 
Genius einen Gott, der ungerufen den Menschen zur Wahrheit führt. 
Indes als Voraussetzungen bedingen sie oft das intuitive Denken, 
insofern sie die Aufmerksamkeit und Sammlung des Strebevermögens 
erleichtern und für längere Zeit ermöglichen. 

Nehmen wir als gefühlsbegleiteten Erkenntnisakt das Beispiel: 
„Ich fühle beim Anblick des Sternenhimmels die Allmacht Gottes". 
Mit einer Analyse dieses Beispiels wollen wir unsere Ausführungen über 
Gefühl und Erkennen schliessen. Ich sehe die Sterne, ihre Pracht und 
Erhabenheit. Sofort schliesst sich eine Stellungnahme des höheren 



Logische Gefühle. 343 

Strebevermögens und per redundantiam des niederen Strebevermögens 
an, ein Gefühl des Staunens und des Sich-Beugens vor dem Erhabenen. 
Und wie wir gewohnt sind, bei einem Kunstwerke sofort an das erhabene 
Genie des Künstlers zu denken, so verknüpft die Ideenassoziation mit 
dem Sternenhimmel den Gedanken an die Allmacht Gottes. Dieses 
mag auch nur verschwommen (indistinkt) unserm Geiste vorschweben, 
dem Strebevermögen ist damit doch die Richtung nach dem Er- 
habenen, Höheren, Absoluten gegeben, von dem der Mensch sich 
abhängig fühlt. Es schliesst sich also an die Erkenntnis des Sternen- 
himmels vermittels einer Assoziation von der Allmacht Gottes ein 
Gefühlsakt an sie an, so dass ich tatsächlich bei jener Erkenntnis 
des Sternenhimmels mich von Gottes Allmacht abhängig „fühle". 

Das Ergebnis dieser ganzen Darlegung ist also dieses: Das 
Gefühl hat für das Erkennen die hohe Bedeutung einer fördernden 
Begleiterscheinung. Als logisches Gefühl im engen Sinne spornt es 
uns an zur Erkenntnisarbeit und vertieft sie und begleitet ihren 
Abschluss mit dem Gefühl der Beruhigung über die Befriedigung 
des Erkenntnistriebes. Als logisches Gefühl im weiten Sinne hat es 
jedoch ebenso oft einen gefährlichen als einen günstigen Einfluss auf 
die Wahrheit unseres Erkennens. 

Wir haben somit aus dem dichten Gewebe der Akte des 
menschlichen Innenlebens eine einzelne Gruppe von Gefühlen, die 
logischen Gefühle, herausgehoben. Wir haben sie nach ihrem Wesen, 
ihrer Ursache und ihren Wirkungen betrachtet. Fassen wir die 
einzelnen Resultate zu einem Ganzen zusammen, so gelangen wir 
zu einer Anerkennung der hohen teleologischen Bedeutung der Ge- 
fühle auch für das höhere Erkennen des Menschen. Und da ein Gleiches 
für das niedere Leben wie für das Wollen gilt, so müssen wir die 
Stellung der Gefühle im Haushalt des menschlichen Innenlebens 
zentral nennen. Nach der einen Seite vertritt das Gefühl die In- 
teressen des vegetativ sinnlichen Teils der Menschennatur, auf der 
anderen Seite fügt es den geistigen Akten des Menschen, die in sich 
betrachtet die vollkommensten sind, noch eine Vollkommenheit hinzu, 
indem es alle menschlichen Kräfte zusammenfasst und auf das Ob- 
jekt des geistigen Aktes, mit dem es in engster Weise verbunden 
ist, konzentriert. So sorgt es bei dem geistigen Erkennen dafür, 
dass das Erkenntnisobjekt nicht nur in eine „Provinz" des Menschen, 
den Verstand eingeht, sondern für alle menschlichen Kräfte frucht- 
bar wird. Das Wollen leitet es in seine Richtung und unterstützt 
es in seinem Wirken. Unser Streben nach der Wahrheit darf nicht 
alles Gefühlsmässige unberechtigt unterdrücken, sondern es soll 
vielmehr, wie es vom Gottschöpfer gedacht und für die Menschennatur 
angemessen ist, die Stütze des Gefühls nicht verschmähen, sondern 
sie zu positiver Hilfeleistung heranziehen, damit der Mensch mit seinem 
ganzen Herzen und Gemüt, mit allen seinen Kräftenin ihrer Harmonie 
dem geistig erkannten und erstrebten Ziele entgegenarbeite. 



Der eleatische Gottesgedanke uud das ontologische 

Argument. 

Von Josef Rüther in Brilon. 



(Schluss.) 
2. Parmenides 'leitet den Gedanken des Xenophanes weiter. Dabei 
ist vor allem auffällig, dass er dort, wo Xenophanes von Gott spricht, selber 
nur vom Sein redet. In den Fragmenten unterscheidet er wie Xenophanes 
zwischen der Welt des Seins und der des Scheins. Von dem wahren Sein 
behauptet er, dass es ein Zusammenhängendes sei, und dass es in ihm 
keine Vielheit gebe. „Ein Zusammenhängendes aber ist mir das Sein, denn 
wo ich auch beginne, dahin werde ich wieder zurückkommen" 1 ). Von 
diesem Sein sagt er weiter aus, es sei „ungeworden, unvergänglich, ganz, 
eingeboren, unerschütterlich und ohne Ende': „Es war nie und wird nicht 
sein, weil es allzusammen nur im Jetzt vor