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Full text of "Poetik"

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POETIK 



VON 



D^KARL TUMLIRZ, 

K. K. LANDESSCHÜLINSPBKTOR IN GRAZ. 



I. TEIL. 
DIE SPRACHE DER DICHTKUNST. 




^^^^- ^m LEIPZIG. 

F. T E M P S K Y. fflpl^ G. P R B Y T A ö. 

1907. 



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DIE 

SPRACHE DER DICHTKUNST. 



VON 



m KARL TUMLIKZ, 

K. K. LANDBSSCHÜLINSPEKTOR IN GRAZ. 



^^ 



DER LEHRE VON DEN TROPEN UND FIGUREN DESSELBEN 
VERPASSERS FÜNFTE ERWEITERTE AUFLAGE. 



Preis gebunden 2 M. 80 Pfg. = a K 65 h. 




^^^^' ^m LEIPZIG. 

F. T E M P S K Y. m^ G. P R E Y T A G. 



1907. 



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• ■ --^ 






Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechtes, vorbehalten. 



\ Druck vou Gebrüder Stiepel in Reicheuberg. 



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Einleitung. 



»fl 



„Handlungen'^ y sagt Lessing in seinem Laokoon, yjSind der § 1, 
eigentliche Gegenstand der Poesie^^. Lessing hat durch diesen Satz die 
Dichtkunst streng von den bildenden Künsten geschieden, deren 
Gebiet die Darstellung der Körper mit ihren sichtbaren Eigenschaften ist. 

Doch muß der Ausdruck Handlung in einem weiteren Sinn 
genommen werden, als ihn das Wort gewöhnlich besitzt. Lessing selbst 
versteht unter Handlungen überhaupt „ Gegenstände, die aufeinander oder 
deren Teile aufeinander^ folgen^^. Solche Gegenstände sind auch Gef ühls- 
und Gedankenreihen, deren einzelne Teile ja ebenfalls eine zeitliche 
Aufeinanderfolge aufweisen. 

In diesem Sinne gilt der Satz Lessings auch für die Lyrik, wenn 
es auch dem gewöhnlichen Sprachgebrauch widerstrebt, innere Vor- 
gänge wie Gefühls- und Gedankenreihen als Handlungen zu bezeichnen. 

Genauer ausgedrückt muß demnach der Satz Lessings lauten: Vor- 
gänge, äußere und innere, bilden den Gegenstand der Poesie. 

Doch bedarf dieser Satz noch einer Einschränkung. Die Dichtkunst § 2* 
hat nicht Vorgänge überhaupt, sondern wesentlich das menschliche 
Leben zum Objekt. 

Das gesamte Gebiet des Innenlebens, die Welt der Gefühle und 
Strebungen, der Ideen und Reflexionen ist das weite Feld der Lyrik; die 
Gestaltung des äußeren Lebens, sei es eines einzelnen Menschen, sei 
es einer Gemeinschaft, ist Zweck des Epos. Innenleben und äußere 
Schicksale in ihrer Wechselwirkung darzustellen, ist die Aufgabe des 
Dramas. 

Epos, Lyrik und Drama haben es also zunächst nur mit dem 
Menschen zu tun. 

Wenn uns in der Dichtung andere Wesen als Menschen begegnen, 
/N^ wie Götter und Geister im Epos oder Tiere in der Fabel, dann nehmen 
o sie menschliche Züge an; sie erscheinen vermenschlicht. 
— Selbst wenn Vorgänge in der Natur den (Jegenstand dichterischer 

f* Darstellung bilden, wird die poetische Wirkimg hauptsächlich dadurch 
erzielt, daß diese Vorgänge in irgend eine Beziehung zu dem mensch- 
ji liehen Gemüt gebracht werden, z. B. 

Q Ein Blumenglöekeken Da kam ein Bienehen 

Vom Boden hervor Und naschte fein: 

War früh gesprosset Die müssen wohl beide 

I In lieblichem Flor, Für einander sein. Goethe. 

Das Poetische liegt hier in den beiden letzten Versen, in denen 
eine rührende Analogie zwischen der Natur und dem menschlichen Herzen 
* — ^ aufgedeckt wird. 

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^ 



6 

Demnach erscheinen im allgemeinen als Gegenstand der Dichtkunst 
äußere oder innere das menschliche Leben betreffende oder 
auf das menschliche Gemüt bezogene Vorgänge. 
§ 3^ Lessing gründet sein Gesetz auf die eigentümliche BeschaflEen- 

heit des Darstellungsmittels, dessen sich die Poesie bedient. Dieses 
Darstellungsmittel ist die Sprache. 

Die Worte, aus denen ein Gedicht besteht, und die Vorstel- 
lungen, welche sie in der Seele des Hörers oder Lesers erwecken, 
bilden zwei übereinstimmende Reihen, deren Teile aufeinander folgen. 
Daher muß auch der von dem Dichter dargestellte Gegenstand die 
Beihenf orm annehmen, d. h. seine Teile müssen nacheinander ins 
Bewußtsein treten imd sich auseinander entwickeln. 

Dies gilt nicht bloß von den körperlichen Gegenständen, bezüglich 
deren Lessing dies Kunstgesetz aus einer Anzahl homerischer Schilde- 
rungen nachweist, sondern auch von den Gegenständen des Innenlebens, 
den Gefühlen und Stimmungen. Auch diese stellt der Dichter gern in 
ihrem Werden, im Flusse ihrer Wandlungen oder in ihrer Wirkung 
dar, um sie möglichst lebendig und stark in unserer Seele widerklingen 
zu lassen. Vgl. 

Das ist der Tag des Herrn! d) Anbetend knie ich hier. 

a) Ich bin allein auf weiter Flur; e) süßes Oraun, geheimes Wehn- 
h) Noch eine Morgenglocke nur, Als knieten viele ungesehn 

c) Nun Stille nah und fern. Und beteten mit mir! 

f) Der Himmel nah und fern, 
Er ist so klar und feierlich, 

g) So ganx, als wollt* er Öffnen sich: 
h) Das ist der Tag des Herrn! 

§ 4. Allein damit, daß das Dargestellte in der Dichtung imter dem 

Einflüsse der Sprache die Reihenform annimmt, ist das Wesen der Dicht- 
kunst noch keineswegs erschlossen. Denn das ist eine Eigentümlichkeit 
der Rede überhaupt. 

Auch die Wissenschaft kann äußere und innere Vorgänge be- 
handeln und auch sie löst in ihrer Darstellung Vorstellungsreihen aus. 

Es muß demnach die Dichtkunst auch von der wissenschaftlichen 
Darstellung abgegrenzt werden. 

Daß der Unterschied zwischen der dichterischen und wissenschaft- 
lichen Darstellung nicht in dem Versmaß liegt, zum mindesten nicht 
allein liegt, ist klar. Denn einerseits sind viele unzweifelhaft poetische 
Produkte (Dramen, Romane, Idyllen usw.) in ungebundener Rede 
abgefaßt; anderseits gibt es zahlreiche Reimregeln und Merkverse, 
\ ja selbst ganze Lehrgebäude in Versen, die mit der Poesie so wenig zu 

^ schaflEen haben, als etwa die „Verse" 

Die Männer, Völker, Flüsse, Wind' 
Und Monat* maseuliiia sind. 



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Der Unterschied liegt tiefer; er. tritt am deutlichsten hervor, wenn 
man eine entschieden prosaische mit einer ebenso entschieden poeti- 
schen Darstellmig desselben Gegenstandes vergleicht. 

Wenn jemand etwas Selbsterlebtes wahrheitsgetreu erzählen will, § 5« 
so strengt er sein Gedächtnis an, um sich an alle Einzelnheiten 
genau zu erinnern.' Je treuer sein Gedächtnis, je stär):er sein Ver- 
mögen ist, das ehemals Wahrgenommene unverändert wiederzugeben, 
um 80 wahrer wird seine Darstellung sein. 

Denselben Zweck, die wahrheitsgetreue Darstellung vergangener 
Ereignisse, verfolgt der Geschichtschreiber. Da aber für diese 
seine eigene Erinnerung nicht ausreicht, stützt er sich auf die 
Berichte anderer, besonders solcher, die den Ereignissen möglichst 
nahe standen. Diese sind seine Quellen. Die Quellen auf ihre 
Verläßlichkeit zu prüfen, ist darum eine der wichtigsten Aufgaben des 
Historikers. Je zahlreichere und je verläßlichere Quellen ihm zu Gebote 
stehen, desto mehr erreicht er seinen Zweck: die Wahrheit. 

Erzählt aber jemand eine Begebenheit in der Absicht, die Zuhörer 
in eine bestimmte Stimmung zu versetzen, so unterdrückt er alle 
Einzelheiten, die seiner Absicht nicht förderlich oder ihr gar hinderlich 
wären; er gruppiert und verbindet das Übriggebliebene so, daß das Ganze 
seiner Absicht dient, fügt wohl auch neue erfundene Züge hinzu, 
schmückt die Tatsachen in seinem Sinne aus und bildet so aus Wahrheit 
und Dichtung ein Neues, das dem allgemeinen Inhalte nach zwar mit 
der wirklichen Begebenheit übereinstimmt, ihr jedoch durch eine mehr 
minder starke subjektive Färbimg ein verändertes Aussehen 
verleiht. 

Genau dasselbe Verfahren beobachtet der Dichter, wenn er einen § g, 
historisch überlieferten StoflE poetisch gestaltet. 

Schillers „Maria Stuart" weicht von der historischen Überlieferung 
vielfach ab. Der Dichter hat manches, was in der Geschichte gegen 
die unglückliche Schottenköigdgin spricht, weggelassen, abgeschwächt oder 
entschuldigt, dagegen Elisabeth in ein dunkleres Licht gestellt. Er hat 
einzelne Ereignisse, die weiter auseinanderliegen, näher zusammengerückt, 
um die Handlung übersichtlich zu machen, einiges auch frei erfunden, 
um die Wirkung zu vertiefen. 

Der Dichter folgt also keineswegs getreu dem Gedächtnisse oder 
der Überlieferung, sondern läßt seine Phantasie frei walten, die das 
Überlieferte in ihrem Lichte schaut, es darum eigenartig gestaltet und 
zu einem Ganzen bildet, welches den Eindruck der inneren Kon- 
sequenz macht und dadurch mächtig wirkt. 

Nicht die quellenmäßige Wirklichkeit, sondern die mächtig er- 
regende innere Wahrheit einer Handlung ist das Ziel des Dichters. 



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8 

Anmerkung. Da die eigenartige Auffassung und Gestaltung des Stoffes 
ein Ausfluß der dichterischen Individualität ist, erscheint es natürlich, daß ver- 
schiedene Dichter denselben Stoff je nach ihrer Eigenart verschieden behandeln. Ein 
klassisches Beispiel hiefür bieten in der griechischen Literatur die „Choephoren" des 
AeschyloSf die „Elektra'' des Sophokles und das gleichnamige Drama des Euripides. 
In der deutschen Literatur bieten „die Zwillinge" von Klinger, „Julius von Tarent" von 
Leisewitz und Schillers „Braut von Messina" Gelegenheit zu einem interessanten Ver- 
gleich. Selbst bei kleineren Gedichten (z. B. „Harmosan" von Platen und „Hormusan" 
von Rückert) läßt sich eine ähnliche Beobachtung machen. 

§ 7* Der verschiedenartigen Behandlung des Stoffes durch den Geschicht- 

schreiber und den Dichter entspricht auch die verschiedenartige Wirkung 
auf den Leser. 

Der Berichterstatter stützt sich auf die Treue seines Gedächtnisses, 
der Geschichtschreiber auf seinen historischen Scharfblick, also auf 
seinen eindringenden Verstand, beide wenden sich zunächst an das 
Verständnis und das unparteiische Urteil des Lesers. Sie 
erwecken in diesem die Überzeugung, daß das Dargelegte wahr sei, und sie 
unterstützen diese Überzeugung, wo es nottut, durch Beweise, Zeugnisse 
oder durch Berufung auf die allgemeine Erfahrung. Da aber als sichere 
Wahrheit nur das hingestellt werden kann, was sich als Tatsache 
beweisen und bezeugen läßt, bildet das Hauptgebiet historischer Dar- 
stellung der Verlauf der äußeren Ereignisse, während die inneren Trieb- 
federn, aus denen die Ereignisse hervorgegangen sind, bloß erschlossen, 
vermutet oder durch Kombination gewonnen werden können. 

Hier setzt der Dichter ein. Die dunkle und doch so interessante 
Welt der geheimen Regungen und Triebe der Menschenseele erschließt 
er seinen Lesern, indem seine Phantasie aus der unerschöpflichen 
Quelle des Allgemeinmenschlichen schöpft und die individu- 
ellen Züge der Erfahrung entlehnt, die uns lehrt, daß ein bestimmter 
Charakter in einer bestimmten Lage so und so zu denken, zu fühlen, 
zu wollen und sich zu äußern pflegt. 

Daß der schon einmal gestürzte Wallenstein, von der Gräfin 
Terzky vor die Wahl gestellt, entweder als gesunkene Größe einen 
Scheinkönig zu spielen oder, auf seine Truppenmacht gestützt, die ver- 
haßte Hofpartei zu zwingen, dem argverwüsteten Vaterlande den ersehnten 
Frieden wiederzugeben,^) das letztere wählt und wenn auch erst nach 
innerem Kampfe „zum Scheine" Verräter wird, ist durchaus glaubhaft 
dargestellt, da es der allgemeinen Erfahrung (Caesar, Kyros der Jüngere, 
Coriolan) entspricht. 

Je mehr der Dichter es versteht, das Wollen und Streben seines 
y Helden glaubhaft zu machen, desto mehr fühlt der Leser die innere 

\ Wahrheit seiner Gestalten. Darin findet der Ausspruch des Aristoteles, 



') Ein unhistorischer, aber von dem Dichter fein erfundener Zug, da dieser selbst- 
lose Zweck die Sympathie des Zuschauers für den sonst keineswegs sympathischen 
„Verräter" Wallenstein zu wecken imstande ist. 



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9 

daß die Dichtkunst philosophischer sei als die Geschichtschreibung, seine 
Begründung. 

Die gewaltige Wirkung, die eine echte Dichtung auf uns macht, § 8* 
erzielt der Dichter dadurch, daß er, wie er selbst die wesentlichsten Züge 
seines Gedichtes aus seiner Phantasie schöpft, sich vor allem an unsere 
Phantasie wendet, die er zwingt, ihm zu folgen imd unter seiner 
Führung Schritt für Schritt das nachzuschaffen, was er selbst 
geschaffen hat. Die Phantasie des Hörers oder Lesers ist 
also das Material, in dem der Dichter sein Werk schafft; 
sie gleicht dem Marmorblock, aus dem der bildende Künstler sein Werk 
herausarbeitet. 

Daß die Phantasie des Genießenden vollkommen geeignet ist, als § 9» 
geistiges Material für die Dichtung zu dienen, ergibt sich aus ihrem Wesen. 

Wir besitzen in der Phantasie ein Vermögen, Vorstellungen, welche 
wir aus der Erfahrung gewonnen haben, in mannigfacher Weise neu 
zu kombinieren. So hat die Phantasie der bildenden Künstler Gestalten 
wie die Sphinx, die Centauren, die Engel, die Nixen usw. durch 
Kombination menschlicher und tierischer Teile geschaffen; so verbinden 
wir im Traume die verschiedensten Gestalten und Erlebnisse zu einer oft 
recht verworrenen Bilderreihe. Ähnlich verbindet des Dichters Phantasie 
Überliefertes und Selbsterlebtes; aber er bringt Ordnung und inneren, 
ursächlichen Zusammenhang in das Ganze, wodurch er diesem den Schein 
des Lebens und der Wahrheit verleiht. Unsere Phantasie folgt ihm, in 
uns entsteht die gleiche Reihe von Vorstellungen, ein Vorgang nach dem 
andern zieht klar durch unser Bewußtsein, wir ahnen den Ausgang und ver- 
folgen gespannt, bewundernd, bangend und wiederaufatmend 
den Verlauf der äußeren oder inneren Vorgänge. Indem wir diese im 
Geiste nachschaffen, glauben wir das, was wir lesen oder hören, vor 
unserem geistigen Auge zu sehen, mitzuerleben und mitzufühlen. 

Eine ideale Welt wirkt auf uns mit der Intensität der wirklichen. 
Diese ideale Welt, in welche uns der Dichter versetzt, ergreift uns um 
so mehr, weil sie, frei von dem vielfach verworrenen und verwirrenden 
Getriebe der Wirklichkeit, uns einen tiefen Einblick in die Geheimnisse 
des menschlichen Lebens zu gewähren scheint. Was das Gemüt in der 
Wirklichkeit vermißt, edles, hingebimgsvoUes Handeln, tiefes, reines 
Empfinden, die Gerechtigkeit der Weltordnung : das zeigt uns der Dichter 
in dieser Welt der Phantasie. 

Daraus ergibt sich als Grenzscheide zwischen Prosa und Poesie § 10» 
folgendes : 

Der Boden der Wissenschaft und der Prosa ist die Wirklich- 
keit, der der Dichtung eine ideale Welt d. h. nicht die Welt, wie 
sie ist, sondern wie sie sich in der Phantasie des Dichters darstellt, ver- 
klärt oder verdüstert, erhaben oder lächerlich, schön oder 
niedrig. 



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10 

Zweck der Wissenschaft (Prosa) ist, unsere Erkenntnis der 
Dinge zu fördern und unsere Verstandeskräfte zu schärfen; 
Zweck der Poesie, unsere Phantasie mit idealen Zuständen und 
Gestalten zu beschäftigen und unser Gemüt mächtig zu ergreifen, uns 
zu erfreuen oder zu erschüttern. 

Was demnach für den Verstand allein berechnet ist, diesen allein 
zu fördern sucht, Herz und Phantasie gleichgiltig läßt, ist Prosa, ob 
die Form des Schriftwerkes gebunden oder ungebunden ist; was dagegen 
unsere Phantasie anregt und unser Gemüt bewegt, uns gleichsam zu einem 
geistigen Schauen veranlaßt und dabei in unserem Herzen Gefühle der 
Lust oder Unlust erregt, das ist Poesie, mag auch immerhin die Form 
prosaisch sein. 

§ IL Die Poesie wirkt demnach nicht bloß dadurch, daß sie unsere 

Phantasie zum NachschaflEen anregt, sondern auch dadurch, daß sie unser 
Gemüt bewegt. Diese Wirkung auf das Gemüt ist aber mit derauf unsere 
Phantasie innig verbunden. 

Denn indem eine bedeutungsvolle Handlung vor imserem geistigen 
Auge vorüberzieht, teilen sich uns unmittelbar die hohe Gesinnung, das 
starke Wollen, die edlen Gefühle des Helden mit, welche die Handlung 
tragen. Ebenso wird der geheimnisvolle Zusammenhang der Lebens- 
schicksale des Helden mit seinem Verdienst und seiner Schuld zu einer 
Quelle idealer Gefühle. Wir ahnen dabei bewegt die Hand der waltenden 
Gottheit. 

Aber auch im engen Rahmen vermag der Dichter mächtig auf unser 
Gemüt einzuwirken. Das kleinste l3rrische Gedicht ist hiezu geeignet. 
Wenn XJhland singt: 

Was xagst du, Herx, in solchen Tagen, 
Wo selbst die Dorne Rosen tragen? 

SO genügen diese wenigen Worte, um das durch den aufblühenden Früh- 
ling geweckte Gefühl der Hoffnungsfreudigkeit, das den Dichter beseelte, 
auch in unserer Brust zu wecken. Denn unsere Phantasie zaubert uns 
rasch den blühenden Frühling vor, der dem Dichter Anlaß zu froher 
Hoffnung gegeben und dieses Gefühl nun auch in uns erregt. 

Wie wir nämlich die Fähigkeit besitzen, das, was ein anderer 
gedacht hat, ihm nachzudenken, das, was die Phantasie eines anderen 
geschaut, ihm nachzuschauen, so sind wir auch imstande, das 
nachzuempfinden, was ein anderer in einer bestimmten Situation 
empfunden hat. 

Dadurch wird uns ein weites Gebiet schöner und tiefer Empfindungen 
y erschlossen, deren Keime in uns schlummern, die aber das Leben noch 

\ nicht oder nicht so stark in ims geweckt hat 

Wie viele haben in die Abenddämmenmg hinausgeblickt und viel- 
leicht dimkel geahnt, was Goethe in seinem herrlichen Nachtlied so 
ergreifend ausdrückt: 



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tJber allen Gipfeln Kaum einen Hauch; 

Ist Ruh, Die Vöglein schweigen im Walde, 

In äüen Wipfeln Warte nur, balde 

Spürest du Ruhest du auch. 

Phantasie und Gemüt werden durch die Poesie vorwiegend, aber § 12. 
nicht ausschließlich erregt; auch auf den Geist und die Sinnlich- 
keit des Lesers erstreckt sich ihre Wirkung. 

Auf den Geist wirkt die Dichtung durch die Tiefe der Auffassung 
eines Lebensproblems, durch die sittliche Weltanschauung des Dichters, 
durch den philosophischen und religiösen Gehalt der Dichtung und vor allem 
durch die ethischen und sozialen Ideen, die sie in uns weckt. (Vgl. die Frei- 
heitsidee in Schillers Wilhelm Teil und Goethes Götz, die Idee der Un- 
endlichkeit in Klopstocks Ode „Die Welten", die Idee der Treue in 
Wielands Oberen, die Idee des unverbrüchlichen Manneswortes in Platens 
Harmosan u. dgl.) 

Die mächtigste Wirkung auf den Geist übt die G e d a n k e n 1 y r i k, die 
unsern geistigen Blick in die geheimnisvollen Tiefen der Dinge dringen 
läßt. Vgl. 

Wenn ihr in der Menschheit traur'ger Blöße Aber flüchtet aus der Sinne Schrattken 

Steht vor des Oeseixes Größe, In die Freiheit der Gedaiiken, 

Wenn dem Heiligen die Schuld sich naht : Und die Furchterscheiwung ist entflohn 

Da erblasse vor der Wahrheit Strahle ^ Und der ew*ge Abgrund wird sich füllen; 

Eure Tugend, vor dem Ideale Nehmt die Gottheit auf in euren Willen 

Fliehe mutlos die beschämte Tat. Und sie steigt von ihrem Weltenthron. 

Kein Erschaffner hat dies 2jiel erflogen. Des Gesetzes strenge Fessel bindet 

Über diesen grauenvollen Schlund Nur den Sklavensinn, der es verschmäht; 

Trägt kein Nachen, keiner Brücke Bogen Mit des MenschenWiderstand verschwindet 

Und kein Anker findet Grund. Auch des Gottes Majestät. 

Schiller (Das Ideal und das Leben). 

Auf unsere Sinnlichkeit wirkt die Dichtung durch den Wohl- § IS* 
klang der Sprache und den Rhythmus der Verse. 

Welche Bedeutung der Ehythmus für die poetische Wirkung eines 
Gedichtes hat, erkennt man sofort, wenn man die Worte des Dichters in 
ihrer prosaischen Wortfolge aneinanderreiht, z. B. 

Dämon schlich, den Dolch im Gewände, xu Dionys, 
dem Tyrannen. — Die Häscher schlugen ihn in 
Bande. — Der Wüterich entgegnete finster: 
„Sprich, was wolltest du mit dem Dolche?^' 

Das klingt wenig poetisch, scheint mehr eine Skizze als ein dichte- 
risches Gemälde. Erst durch den Rhythmus erhält es die poetische 
Färbung; erst indem das geistige Bild sich mit dem sinnlich 
wohlgefälligen ^Ausdruck vermählt, entsteht der Eindruck des 
Dichterischen. 

Darum ist die metrische Form, wenn auch kein unentbehrliches, so 
doch auch kein loses, überflüssiges Gewand für die Dichtung, sondern 



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12 

hängt mit ihrem Wesen innig zusammen, so daß Platen mit Recht 
sagen konnte: 

Wer sich xu dichten erkühnt timl die Sprache verschmäht und dcfi Rhythmus^ 
Gliche dem Plastiker, der Bilder gehaun in die Luft. 
14. Aus dem Vorangeführten ergibt sich also das allgemeine Gesetz: 

Das innere Wesen der Poesie liegt in der eigentümlichen Art 
und Weise, wie der Dichter den Gegenstand gestaltet, um imsere Phan- 
tasie in Bewegung zu setzen, unser Gemüt zu ergreifen und unseren 
G e i 8 1 zu erleuchten ; das äußereWesen der Poesie liegt in dem Wohllaut 
der Sprache und dem Rhythmus, der unsere Sinnlichkeit angenehm befriedigt. 
Die poetische Gestaltungskraft ist eine besondere Gabe des echten 
Dichters, die sich weder lernen noch in eine Theorie erschöpfend zu- 
sammenfassen läßt. Jeder neue Dichter zeigt eine neue Eigenart. Diese 
ist etwas Persönliches, Subjektives. Für jeden Dichter gelten die 
Worte Goethes: 

Wodurch bewegt er aller HerxenV 
Wodurch besiegt er jedes Element? 
Ist es der Einklang nicht, der aus dem Busen driiigt 
Und in sein Herx die Welt xurücke schlingt? 

(Faust, Vorsp. a. d. Th.) 
Diese wesentlichste Seite der Dichtkunst kann keine Lehre erschöpfen. 
Beobachten läßt sich nur. a) die eigentümliche Gestaltung der Sprache 
zum Zwecke dichterischer Wirkung, b) die Gesetze, welche der Dichter 
beim Aufbau einer einzelnen Dichtung beobachtet und c) die Absichten, die 
er mit der Gestaltung der einzelnen Teile und des Ganzen verfolgt, 
woraus sich für die einzelnen Gattungen der Dichtkunst bestimmte 
technische Regeln ableiten lassen. 
15» Die empirische d. h. auf der Erfahrung und Beobachtung beruhende 

Poetik wird sich demnach zu befassen haben: 

1. mit der dichterischen Sprache im allgemeinen und dem Rhythmus 
und Verabau im besonderen; 

2. mit den Dichtungsgattungen und Dichtungsarten sowie mit den diesen 
eigentümlichen Gesetzen und ihrer psychologischen Begründung. 

Die dichterische Sprache. 
16. Die dichterische Sprache ist von der Schriftsprache des Alltags, 

von der Prosa, wesentlich verschieden. 

In der Schriftsprache des Verkehrs kommt es vor allem darauf^ 
an, veratändlich zu sein, unzweideutig und mit voller Bestimmtheit aus- 
zudrücken, was man will und soll. In gleicher Weise strebt die Kanzlei- 
sprache, die es fast durchwegs mit Rechtsfragen zu tun hat, nach 
klaren abstrakten Begriffsbestimmungen und genauer, dem logischen 
Gedankeninhalt angepaßter Satzkonstruktion. 

Die gleiche Richtung verfolgt endlich die Sprache der Wissen- 
schaft; denn diese 
Sticht das vertraute Gesetz in des Zufalls grau senden TVundern (Schiller) 



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13 

und ist so von vornherein darauf verwiesen, ans den konkreten augen- 
fälligen Einzelerscheinungen des Lebens das unsichtbare abstrakte 
Gesetz zu entwickeln. Aus „xwei Kirschen und zwei Kirschen sind 
rim^ Kirschen^^ wird schon auf der untersten Stufe der Erkenntnis die 
Regel „xwei und xwei ist vier^^ abgeleitet. 

Daher braucht die Sprache des Verkehrs und der Wissenschaft eine § 17* 
große Anzahl abstrakter Wörter. Da aber die Wörter, die im Volks- 
munde wirklich leben, ihre sinnliche Bedeutung mehr minder wahren, 
so bedient sich die Gelehrtensprache ebensogut wie die Verkehrs- und 
Kanzleisprache zur Bezeichnung abstrakter Begriffe mit Vorliebe des 
Fremdwortes, dessen Lautbestand an keine deutsche Wurzel mit 
sinnlicher Bedeutung anklingt und das sie leicht und mühelos der früher 
herrschenden lateinischen Gelehrtensprache oder dem Wortschatze der 
für den Handelsverkehr maßgebenden Kulturvölker entlehnt ; Abstraktion, 
Deduktion, Induktion, induktiv, Problem, problematisch, Terminologie 
usiv, Agio, Tarif, Refaktien, Assekurranx u, dgl. Refere?it, Referat, 
inspixieren, referieren, registrieren, protokollieren, dexernieren (Dexer- 
nefit), dekretieren, Resolution u, dgl. Da diese Sprachquelle aber 
nicht ausreicht, wird durch fortgesetzte Bedeutungsdifferenzienmg das 
deutsche Sprachgut allmählich seines ursprünglichen sinnlichen Vor- 
stellungsgehaltes entkleidet. So wird aus vielen deutschen 
Wörtern ein rein geistiges Ausdrueksmittel geschaffen, z. B. be- 
greifen (Begriff), auffassen (Auffassung), äußern (Äußerung), 
vortragen (Vortrag), eine Prüfung ablegen, Dienstjahre xurück- 
legen, schließen j hartnäckig y abhängen, ableiten hals- 
starrig, großmütig usw. 

Um das logische Verhältnis der Gedanken zueinander klar 
darzulegen, bedient sich die Prosa einer bedeutenden Menge genau 
differenzierter Formwörter (Konjunktionen und Präpositionen) und 
eines mit Bewußtsein scharf gegliederten Satzbaues (Satzgefüge). 

Der Dichter aber schafft aus seiner Phantasie heraus und § 18« 
für die Phantasie des Lesers. Er schaut somit im Geiste die Dinge 
und Vorgänge, die er darstellt, auch die inneren Vorgänge, Gefühle 
und Willensregungen, und deshalb stellt er sie auch anschaulich dar. 
Deshalb vermag er, wie Bürger richtig sagt: 

Auch das Geistige mit Tönen 
Z/u, verwandeln in ein Bild. 

Aus diesem Grunde sucht der Dichter schon im einzelnen Wort das 
Konkrete, Sinnliche statt des Abstrakten, bloß Begrifflichen. Er vermeidet 
daher abstrakte Wendungen und Ausdrücke, insbesondere die Fremd- 
wörter, welche keinen anschaulichen Vorstellungsinhalt bieten. ^) Darum 
zeigt die dichterische Sprache der Prosa gegenüber eine wohltuende 
Sprachreinheit. 

*) Dies ist der eigentliche Grund der Sprachreinheit unserer Dichter, nicht 
erhöhtes Nationalgefühl, das sich in anderer Hinsicht weit bedeutender kundgibt. 



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14 

Ebenso vermeidet er möglichst unterordnende Satzfolgen, ver- 
ziehtet auf die das logische Verhältnis der Sätze stark hervorhebenden 
Konjunktionen (infolgedessen, demungeachtet, demgemäß^ insofern, nach- 
dem usw,), vielfach selbst auf das Relativ und Eelativadverb (wodurch, 
woran, weshalb tisw,) und zieht schlichte Beiordnung oder bloße An- 
reihung ^er Sätze vor, z. B. 

Die Leidenschaft flieht. 

Die Liebe muß bleiben; 

Die Blume verblüht ^ 

Die Frucht muß treiben, Schiller. 

Ich fühVs, vergebens hab' ich alle Sehätxe Quillt imierlich doch keine neue Kraft ; 
Des Menschengeisfs auf mich herbeigerafft y Ich bin nicht um ein Haar breit höher ^ 
Und wenn ich mich am Ende niedersetze, Bin dem Unendlichen nicht näher. 

Goethe (Faust). 
19^ Im Satzbau wie in der Wahl der Wörter knüpft der Dichter 

an die lebendige, gesprochene Sprache des Volkes an. ^) Hier findet 
er die sinnliche Kraft des Ausdruckes, die er braucht. Allerdings ist in 
vielen Wendungen auch der gesprochenen Sprache der ursprüngliche 
sinnüche Gehalt infolge des alltäglichen Gebrauches und vielfach ver- 
dunkelter Übertragungen stark verblaßt. Wer denkt bei den Wendungen: 
Es geht ihm gut, das Geschäft geht schlecht, das Bier geht xur Neige ttsw, 
an ein Gehn? Und doch liegt diesen Wendungen eine sinnliche Auf- 
fassung zugrunde^ x, B, die Arbeit geht an, sie geht langsam vorwärts, 
geht schwer vonstatten, steht auf einmnl still, liegt ganx darnieder, 
geht XU Ende; das Unternehmen hebt sich vneder, kommt rasch in 
Gang, schreitet rüstig vorwärts, gelangt doch xum angest?'ebten 
Ziel u. dgl. Wer denkt bei Zweck, Fehler, eine Aufgabe treffen etc, 
an ein Schießeo ? Und doch ist der Zweck oder Na^el das Ziel, das man 
aufs Korn nimmt; man trifft den Na^el auf den Kopf trifft ins 
Schwarxe, hat einen Treffer oder verfehlt den Zweck, schießt über das 
Ziel, macht einen Fehler, wenn man den Zweck nicht scharf im Auge 
behält. Dann ruft man wohl fehlgeschossen ! oder weit gefehlt ! Dagegen 
ist ein Schuß, der gelingt, trefflich, der besser gelingt, vortrefflich, der 
nicht zu überbieten ist, unübertrefßich.^) 
20» So pulsiert unter den verblaßten Redewendungen doch ein frisches 

Leben, das der Dichter, um es sinnfällig zu machen, nur zu wecken braucht, 
indem er den oder jenen Zug, der zur Erweckung des sinnlichen Ge- 
haltes dient, stärker betont. Vgl. 

Ein Jüngling j den des Wissens heißer Durst 

Nach Sais in Ägypten trieb, der Priester 



*) Daraus erklärt sich auch die vielfache Apokope und Synkope der Wortformen : 
Und ich dacht' ; toie kommt's; ein Knab' ; solang' noch mein' Stimm' erschallt; 
von des Land's Geschäften u. a. 

^) Vgl. Hildebrand, Vom deutschen Sprachunterricht etc., 1901, 7. Aufl., 
ß. 103, 112 f. 



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15 

Oeheifne Weisheit xu erlernenj hatte 

Schon manchen Orad mit schnellem Geist durcheilt; 

Stets riß ihn seine Forschbegierde weiter 

Und kaum besänftigte der Hierophant 

Den ungeduldig Strebenden. Schiller. 

Er ist der Qlückliche, er hat vollendet. 

Für ihn ist keine Zukunft mehr, ihm spinnt 

Das Schicksal keine Tücke mehr — sein Leben 

Liegt faltenlos und leuchtend ausgebreitet j 

Kein dunkler Flecken blieb darin xurück 

Und unglMckhringend pocht ihm keine Stunde. Schiller (W. T.). 

Die alltägliche Wendung „Sein Leben ivar makellos^' erhält durch 
den Nebenzug ,yliegt faltenlos und leuchtend (wie ein helles Gewand) ausge- 
breitet^^ eine Anschaulichkeit, welche die ursprüngliche sinnliche Bedeutung 
der Redewendung zur vollen Geltung bringt. 

Freilich reicht die gewöhnliche Sprache des Verkehrs für die § 21» 
Bedürfnisse der Dichtung nicht aus. Wenn die Poesie in Schillei's 
„Huldigung der Künste" ihr Wirkungsgebiet mit den Worten 
kennzeichnet : 

Mein unermeßlich Reich ist der Gedanke 
Und mein geflügelt Werkxeug ist das Wort, 

80 muß sie sich dieses Werkzeug gar oft selbst erst schaffen, indem sie 
neue Wörter bildet, veraltete oder seltene neu belebt oder gebräuchliche 
in neuer Bedeutung oder neuer Verbindung gebraucht. Dadurch be- 
reichert sie die Sprache durch neue gehaltvolle Ausdrucksmittel, welche 
die herrlichsten Kleinode des Sprachschatzes bilden. Vgl. u. a. 

Klopstock: Haingesang, Meerkristall, AdlereiV , Klüglingsblicke, 
Freudenbegrüßung, Urenkel denkend, geistervolle, silberne Flut, Lenz- 
flur; am leichenvollen Ufer, herxenvoll Gesicht, unnachahmbar, feuervoll, 
Stümper der Tugend, der in Zähren schvrimmende süße Blick usw. 
(Wingolf u. a.). Goethe: ruhevoll, wohlig, wellenatmend, feucht- 
verklärt (Der Fischer), Ji olkendunst. Opfersteuern und Oebetshauch, 
verirrtes Äuge, heilig-glühend Herx, glühtest Rettungsdank, Blüten- 
träume (Prometheus), freudehell, jünglingfrisch, Sternenblick, Gipfel- 
gänge, Führertritt, Bruderquellen, Schattental, Liebesau^gen, schlangen- 
wandelnd, silberprangend, im rollenden Triumphe, Flammengipfel, freude- 
brausend (Mahomets Gesang) ; der eratmende Schritt, ahndevoll, Gesund- 
heitsblick (An Schwager Kronos), herbstliche Nojcht, mondliche Kelle, 
Stecher gewicht, pisperfs, dappelfs U7id rappelfs, bräutlicher Schwall 
(Hochzeitlied u. a.). Schiller: festgemauert, Schwalöh, Erdensohn, 
Feierklang, Zeitenschoß, pfeilgeschudnd, Lebensmai, weitschauender 
Giebel, feuerbraune Wogen, volkbelebte Gassen, Götterstärke, leergebrannt, 
Schattenland, breitgestirnt, kornbeladen, Flammenbäche, blindwütend, 
Friedensklänge, Würgerbanden, der Eungblinde, des Lichtes Himmels- 
fackel, wechselvolles Spiel (Glocke), Windesweben, bergetief, schwaneti- 



\ 



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16 

tveißy Götterfreund, entfleischt, entmenscht u. v. a, XJhland: Eegeti- 
bogenglanz, Bettlerkönigin, Sehnsuchtlaut, Schlummerschatten, himmel- 
her, vier färb, lustsam, Festtrommetenschall u, a, Körner: Eisenbraut. 
Platen: Wellenschäume, Weltgeheimnis, Silbersee u. v. a, 
§ 22* Die Anschaulichkeit der Darstellung erhöht der Dichter auch durch 

die lichtvolle Verbindung der einzelnen, einen Vorgang beleuchtenden 
Momente. Seinem tiefblickenden Auge entgeht keine für einen Vorgang 
wichtige Einzelbeobachtung. Der König in Thule wirft den geliebten 
Becher ins Meer. Goethe schildert den Sturz des Bechers mit den Worten : 

Er sah ihn stürxen, trinken 
Und sinken tief ins Meer 

d. h. stü/rxen in der Luft, trinken beim AuflEallen auf die Oberfläche des 
Wassers und sinken im Wasser. 

Ebenso verbindet Goethe drei Momente (1. Bewegung des Wassers, 
2. Rauschen, 3. Erscheinung) in den Versen: 

Alts dem bewegten Walser rauscht 
Ein feuchtes Weib hervor. 

Ähnlich Schiller im „Taucher". 

Und sieh, aus dem finster flutenden Schoß, 

Da hebet sich's schwanenweiß 

Und ein Arm und ein glänxender Nacken toird bloß 

Und es rudert mit Kraft und mit emsigetn Fleiß 

Und — er isfs. 

§ 23* Diese feine und zugleich scharfe Beobachtung äußerer Vorgänge 

setzt den wahren Dichter in den Stand, auch dem Alltäglichen, 
vielfach Beobachteten ein ungeahntes Leben einzuhauchen und ihm 
geistigen Reiz zu verleihen, z. B. 

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Ohnmächtige Schauer kih-nigen Eises 

Durch des Frühlings holden, beleben- In Streifen über die grünende, Flur. 

den Blick; Aber die Sonne duldet kein Weißes; 

Im Tale grimet Hoffnung sg lue k; ÜberallregtsichBildungundStreben^ 

Der alte Winter, in seiner Schwäche , Alles wül sie mit Farben beleben; 

Zog »ich in rauhe Berge xurück. Doch an Blumen fehles im Revier, 

Von dorther sendet er fliehend nur Sie nimmt geputzte Menschen dafür. 

Goethe (Faust). 

^ In gleicher Weise bietet ihm die anschauliche Betrachtung der Welt 

\ ein schönes Mittel, auch dem Abstrakten, einer Idee oder einer 6e- 

^ dankenreihe Körper und Leben zu verleihen, z. B. 

\ Ewigklar und spiegelrein und eben Wandellos im etvigen Ruin. 

} Fließt das xephyrleichte Leben Zwischen Sinnsnglück und Seelenfrieden 

/^ Im Olymp den Seligen dahin. Bleibt dem Menschen nur diz bange Wahl; 

Monde wechseln und Geschlechter fliehen; Auf der Stirn' des höhest Uraniden 
""^ Ihrer Götter Jugend Rosen blühen Leuchtet ihr vermählter Strahl. 

Schiller (Das Ideal und das Leben). 

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17 

Geibel schildert die literarische Bedeutung Platens, indem er 
seinen Geist sagen läßt: 

Ich deutete mit jeder leisen Wendung ^ 
Ein Fackelträger j nach dem Reich des Schönen; 
Umwallt vom Königsmantel der Vollendung, 
Schritt mein Oesang dahin in Feiertönen. 

Endlich wirkt noch ein wichtiger Umstand auf die Gestal- § 24* 
tung der dichterischen Rede, die Begeisterung, aus der heraus der 
Dichter sein Werk schafft und die er in dem Leser erregen will. In 
jeder echten Dichtung pulsiert der Herzschlag eines tiefen Gefühles. 
Schon in der gewöhnlichen Bede äußert eine lebhafte Gemütsbewegimg 
eine umgestaltende Wirkung auf den Satz bau und einen Einfluß auf 
die Wahl der Worte. Der dichterische Schwung, der echt ist, wenn 
er einer leidenschaftlich bewegten Seele entspringt, bewegt mch natur- 
gemäß gern in den Bahnen des Rhetorischen und hat dann viele 
Ausdrucksmittel mit dem Redner gemein. Nur daß das bloß Rhetorische, 
wie es vielfach die lateinische Dichtimg zeigt, ohne plastische und 
gemütstiefe Gestaltung der Rede zur echten Sprache der Dichtkunst 
noch nicht ausreicht. 

Rhetorischer Schwung neben tiefer Empfindung ist Klopstock eigen ; 
er belebt auch die Dichtungen der Freiheitsdichter und die der poli- 
tischen Dichter des 19. Jahrhunderts. Vgl. 

Wie Qna im FlugCy jugendlich ungestüm 

Und stolx, als reichten mir aus Idunas Qold 

Die Götter, sing' ich, meine Freunde 

Feiernd im kühneren Bardenliede! Klopstock. 

Frisch wuf, msin Volk! Die Flammenzeichen rauchen, 

Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Ldcht. 

Du sollst den Stahl in Feindesherzen tauchen; 

Frisch auf, mein Volk! — Die Flammenxeiehen rauchen, 

Die Saat ist reif; ihr Schnitter, zaudert nicht! 

Das höchste Heil, das letzte, liegt im Schwerte! 

Drück' dir den Speer ins treue Herz hinein! 

Der Freiheit eine Oasse! — Wasch* die Erde, 

Dein deutsches Land, mit deinem Blute rein. Kömer. 

Künstliche Ausdrucksmittel. 

Alle Kunst der Dichter kann aber den Umstand nicht ändern, § 25* 
daß die Sprache zunächst doch dem Verkehr als Verständigimgsmittel 
dient und daß in der hundertfältigen Verwendung des Alltages der Wort- 
schatz verblaßt ist. Die allermeisten Wörter bezeichnen daher Gegenstände, 
Eigenschaften, Vorgänge u. dgl. nur im allgemeinen, z. B. Baum, 
Fischy stolz, schlank, bekämpfen, bewegen, Sie geben gleichsam nur den 
Umriß der Sache, meist ohne bestimmte Färbung oder besondere Tiefe. 
Sie drücken also lediglich Begriffe aus und sprechen ,zunächst nur 

T u m 1 i r z, Die Sprache der Dichtkunst ^ 2 



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y- 



18 

zum Verstände, der aus ihnen sofort entnimmt, was er denken soll, 
z. B. Die Holxknechte fällten den Baum, 

Ein Gegenstand läßt sich aber mannigfach vorstellen: der 
Baum als belaubter Baum, kahler Baum, blühender Baum, morscher 
Baum, Obstbaum, Nadelbaum usw.; ebenso kann eine Eigenschaft 
in verschiedener Färbung erscheinen: stolz ist der Sieger; stolx ist 
der Pfau; stolx ist der Emporkömmling u^w., und mannigfacher Art 
sind auch die durch Zeitwörter ausgedrückten (inneren oder äußeren) 
Vorgänge, z. B. der Krieger kämpft (mit dem Feind), der Verkannte 
kämpft (mit dem Vorurteil), der Priester kämpft (mit dem Aberglauben) 
u^w, -Ja selbst in der gleichen Bedeutung kann dasselbe Zeitwort ver- 
schiedene Vorstellungen wecken, z. B. das Kämpfen eines Tieres, 
eines Ritters, einer Flotte, eines Reiches. Wie die durch ein 
Wort bezeichnete Sache vorgestellt wird, bleibt der Phantasie des 
Hörers überlassen. Von der Vorstellung aber hängt wesentlich das Ge- 
fühl ab, das ein Vorgang oder Gegenstand in unserem Gemüte erregt. 
Das Fällen eines blühenden Baumes macht auf imser Gemüt einen 
andern Eindruck als das Fällen eines morschen Baumes; ebenso erregt 
der edle Stolx eines Siegers in uns ein ganz anderes Gefühl als der 
lächerliche Stolx des Pfaues oder der hochmütige Stolx eines Empor- 
kömmlings, 

Wo es sich also darum handelt, in der Phantasie eine bestimmte 
Vorstellung, im Herzen ein bestimmtes Gefühl zu erregen, da muß 
sich die Sprache künstlicher Mittel bedienen. Dieser Mittel bedarf 
vor allen der Dichter, da es ihm zumeist darauf ankommt, seine Vor- 
stellungen in uns möglichst genau hervorzuzaubern, seine Gefühle 
möglichst tief und stark in uns zu erwecken. .^ 

[ ■ 
Der Vergleich. 

264 Am einfachsten läßt sich dieser Zweck erreicheu, wenn man 

mit dem Darzustellenden ein Bild verbindet, das die Phantasie oder das 
Gefühl in ähnlicher Weise anregt imd dabei der Sache die gewünschte 
Farbe oder den beabsichtigten Gefühlston verleiht, z. B. Das Mädchen 
ist schlank ude eine Tanne, — Der Hofbau&r ist stolx wie ein 
Pfau, — Ber Ritter kämpft um ein Löwe, 

Das Bild sagt mehr als der bloße Ausdruck (schlank, stolx, kämpfte); 
denn es erweckt noch Nebenvorstellungen (hochgewax^hsen — lächer- 
lich eitel — sieghafte Kraft), die der Anschauung erst das volle Licht 
und den richtigen Gefühlston verleihen. 

Die Heranziehung eines Bildes zur Verdeutlichung 
eines Darzustellenden heißt Vergleich. 

Vergleiche finden sich nicht bloß bei Dichtem, sondern auch bei 
Kednem häufig. Selbst in der gewöhnlichen Sprache werden sie oft an- 
gewendet, z. B. Der ist schlau vrie ein Fuchs. Das Oewand i^t weiß 



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19 



tvie Schnee (schneeweiß). Vgl. hart tvie ein Stein, schnell tvie em 
Blitz, treu tvie ein Hund, glatt tvie ein Spiegel %tsw. 

Bei einem Vergleiche sind drei Stücke zu unterscheiden: § 21. 

1. Der Gegenstand, der verglichen werden soll (das Mädchen, 
rfe/- Hofbauer, der Ritter), 

2. Das Bild, womit der Gegenstand verglichen wird (die Tanne, 
der Pfau, der Löwe), 

3. Der Vergleichungspunkt, d.h. das, worin Gegenstand und 
Bild miteinander verglichen werden (der schlanke Wuchs, das stolze Ge- 
baren, der mutige Kampf). 



Du bist tote eine Blume, 

So hold, 80 schön und rein.*) 



Rot tvie Blut 
Ist der Himmel. 



Heine. 



Schiller. 



Stehen teie Felsen doch xwei Männer gegen einander! 
Unbewegt tmd stolx vrill keiner dem andern sich nahem. Goethe. 



Ein Kleinodf hell tvie Sonnenschein. 



Seht den Felsenquell, 

Freudehell 

Wie ein Sternenblick. 



Ihre Locken flattern lose, 
Perlen blitxen drin wie Tau. 



Uhland. 



Goethe. 



Freiligrath. 



Dem dürren Laube gleich verwehen meine Träume. 

Freiligrath. 

Oft wird die Vergleichungspartikel (ude, gleich) ausgelassen und das § 28^ 
Bild dem Gegenstand als Apposition an die Seite gestellt (a) oder als 
Prädikat mit dem Gegenstand verbunden (b)\ 



a) Unbezwingbar nur, eine Felsenburg, 
Kämpft Harras noch. 



Schwer und dumpfig, 

Eine Wetterwolke, 

Durch die grüne Eb'ne schwankt der Marsch. 



Und nur dein Äuge schwebe stille. 
Ein blauer Himmel, über mir. 



Körner. 



Schiller. 



Geibel. 



punkt 



*) Du = Gegenstand ; Blume = Bild ; holde, reine Schönheit = Vergleichungs- 



2* 

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20 



b) Ein Pokal dureksiekt'gen Glases ist die Zeity so kelly so rein. 

* Anast. Grün. 

Mein Herx ist eine Knospe, 

Die still verborgen keimt. Ed. Ferrand. 



Denn was ich in der Fremde I Ist nur ein goldner Reifen 

Oesekn, gefühlt^ erkannt, \ Um deinen (des Vaterlandes) Diamant. 

Seidl. 

In ähnlicher Weise können Gegenstand und Bild in Form von 
Frage und Antwort miteinander verbunden werden: 

Was ist der Erde Qlüek? — Ein Schatten. 
Was ist der Erde Ruhm? — Ein Traum. 

Grillparzer, Medea. 

Was ist das Leid? — Ein Oxean. 
Was ist die Lust? — Die Perle drin. 

Petöfi. Übs. V. Kertbeny. 

In den beiden letzten Beispielen hat der Vergleich eine verkürzte 
Form, indem der Vergleichungspunkt nicht angegeben ist. 

Noch eine andere Form der Verkürzung ist möglich; es kann nämUch 
der Gegenstand nur angedeutet, nicht ausdrücklich genannt oder überhaupt 
nicht näher bestimmbar sein, z. B. 

Und so weit das Äuge blicket, 

Wogt es (das Ährenfeld) wie ein goldner Wald. Schiller. 



Dumpf rauscht es wie ein fernes Meer. Bürger. 

§ 29. In einem Vergleiche wird nur eine einzelne Vorstellung durch 

eine andere verdeutlicht. Wird aber eine Handlung oder ein Zustand 
mit einem bildlichen Vorgange verglichen, so nennt man ein der- 
artiges in seinen einzelnen Zügen mehr oder minder ausgeführtes 
Bild ein Gleichnis. 

Da eine Handlung oder ein Zustand aus mehreren Momenten besteht, 
so hat das Gleichnis in der Regel mehrere Vergleich'ungspunkte, 
auch wenn dieselben nicht besonders hervorgehoben sind; es ist also 
gewissermaßen ein fortgesetzter Vergleich, z. B. 

Des Menschen Seele Und wieder nieder (c) 

Gleicht dem Wasser: Zur Erde muß es, 

Vom Himmel kommt es, (a) Ewig wechselnd, (d) 

Zum Himmel steigt es, (b) Goethe. 

Dieses Gleichnis hat vier Vergleichungspunkte (a, b, c, d). 

Die meisten Gleichnisse finden sich in epischen Dichtungen; be- 
sonders die homerischen Gedichte sind reich an herrUchen Gleichnissen, 
z. B. lUas XL 414: 



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21 

Wie auf den Eber umher die Hund' und die blühenden Jäger 

Stürzen — er wandelt hervor aus tiefverwaehsenem Dickicht y 

Wetxend den weißen Zahn mit xurückgebogenem Rüssel — 

Rings nun stürmen sie an und wild mit klappenden Hauern 

Wütet er; dennoch best eh n sie, toie schrecklich er drohet: 

Also dort um OdysseuSf den göttlichen, stürxen sich ringsher 

Troer. (Übersetzung von Voß.) 

Hier wird eine Handlung (der Angriff der Troer und die Verteidigung 
des Odysseus) mit einer bildliehen (Angriff der Jäger, Verteidigung des 
Ebers) verglichen und wir sehen in diesem Gleichnisse folgende Momente 
der Handlung: 1. den Ansturm der Troer, 2. die kaltblütige Tapferkeit 
des Odysseus, 3. den allseitigen Angriff, 4. die wütende Verteidigung des 
Odysseus, 5. die hartnäckige Ausdauer der Troer. Diesen fünf Momenten 
entsprechen fünf Vergleichungspunkte. 

Unter den deutschen Dichtem liebt besonders Klopstock ausgeführte 
Oleichnisse, die sich im Stil und Ton eng an die homerischen anschließen. 

• Wie tief in der Feldschlacht 

Sterbend ein Gottesleugner sich wiüxt; der kommende Sieger 

Und das bäumende Roß, der rauschenden Panxer Oetöse 

Und das Geschrei und der Tötenden Wut und der donnernde Himmel 

Stürmen auf ihn; er liegt tmd sinkt mit gespaltenem Haupte 

Dumm und gedankenlos unter die Toten tmd glaubt %u vergehen; 

Dann erhebt er sich wieder und ist noch, denket noch, fluchet, 

Daß er noch ist, und spritzt mit bleichen, xuckenden Händen 

Himmelan Blut; Gott fluchet er, wollt' ihn gerne noch leugnen: 

Also betäubt sprang Kaiphas auf (Messias IV. 4 — 13.) 

Hier beleuchtet das Gleichnis einen Zustand (betäubt), der aus 
analogen Vorgängen in der Seele (Traum des Kaiphas) hervorgeht. 

Nicht immer müssen Gleichnisse so ausgeführt wie die angezogenen § 30* 
sein. Bei aller Kürze sind aber stets mehrere Vergleichungspunkte 
vorhanden : 

Ich fasse dich mit beiden Annen an! 

So klammert sich der Schiffer endlich noch 

Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte, Goethe (Tasso). 

Das Gefühl Tassos berührt sich mit dem eines Strandenden in 
folgenden Punkten: 1. Beide sind glücklich über die Rettung; 2. beide 
erfassen den rettenden Felsen (Antonio) nach langem Kampf (endlich); 
3. beiden ist der Fels die Ursache des Scheiterns. 

Ein ähnliches Beispiel bietet das Gedicht „Herbstgef ühl": 

De^' Buchenwald ist herbstlieh schon gerötet, 

So wie ein Kranker, der sieh tieigt xu sterben, 

Wenn flüchtig sich noch seine Wangen färben. Lenau. 

Auch das Gleichnis tritt nicht selten ohne Vergleichungswort neben § 31, 
den Vorgang, der dadurch veranschaulicht werden soll, ohne daß eine 
direkte Beziehung zwischen beiden ausgesprochen ist. (Vgl. § 28.) 



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22 

Kennst du im Wald des Räubers alten Brauch, 
Wann er im Dickieht bahnt geheime Stege? 
Hier knickt er einen ZfUDcig, dort einen Strauch, 
Wodtirch er tviederfindet seine Wege, 

hüte dich! Brach durch dein volles Herx. 

Drin Olüek und Jungend blühend sich umtoinden, 

Einmal den Weg sich erst des Lebens Schmerx, 

Wird er ihn immer, immer toieder finden. Scherenberg. 

Hier enthält die erste Strophe das Gleichnis, die zweite den 
zu veranschauUchenden inneren Vorgang. Dasselbe Verhältnis zwischen 
Bild und Gegenstand zeigt folgendes Beispiel: 

Dem dmikeln Schoß der heiVgen Erde Noch köstlicheren Samen bergen 

Vertrauen toir der Hände Tat, Wir trauernd in der Erde Schoß 

Vertraut der Sämann seine Saat, Und hoffen, daß er aus dem Särgen 

Und hofft, daß sie entkeimen werde Erblühen soll %u schönerm Los, 
Zum Segen nach des Himmels Rat. Schiller (Die Glocke). 

Die vollendetste Form zeigt aber das Gleichnis, wenn gegen- 
ständliche und bildliche Handlung ineinander aufgehen und zu 
einer sinnlich klaren Vorstellung verschmelzen, z. B. 

Es dehnte mit allmächfgem Streben Wie groß war diese Welt gestaltet, 

Die enge Brust ein kreisend All, Solang die Knospe sie rtoch barg; 

Herauszutreten in das Leben, Wie wenig, ach! hat sie entfaltet, 

In Tat und Wort, in Bild tmd Schall, Dies Wenige, tvie klein und karg! 

Schiller (Die Ideale). 

Der Vergleich muß zutreffend sein und der Vergleichungspunkt 
sich leicht ergeben. Dasselbe gilt vom Gleichnis. Beide sollen femer 
stimmungsvoll sein, d. h. der Stimmung entsprechen, die in dem 
Gedichte herrscht. Sie sollen endlich nicht angewendet werden, wenn sie 
nicht bedeutungsvoll sind, d. h. wenn sie nichts zur Verdeutlichung 
des Darzustellenden beitragen. Wo man eine Vorstellung oder ein Gefühl 
durch die gewöhnlichen Sprachmittel ebenso klar darstellen kann wie 
durch ein Bild, dort erscheint dieses überflüssig und gesucht. 

Am wenigsten ist eine Häufung von Bildern zu billigen; denn 
entweder ist eines von ihnen zutreffend, dann sind die übrigen überflüssig; 
oder es ist kein einziges zutreffend, dann sind alle falsch.*) So ist folgende 
Stelle fehlerhaft: 

Oleich der Wolke, deren Leuchten Israel im Lande Temen 

Führte, um ein Qeist der Wüste, toie ein fahler, luft'ger Schemen, 

Eine sandgeformte Trombe in der Wüste sand'gem Me^er, 

Wirbelt eine gelbe Säule Sandes hinter ihnen her, Freiligrath. 

Denn die beiden Bilder „Geist der Wüste" und „Schemen" besagen 
mit verschiedenen Worten dasselbe, die beiden anderen „Wolke" und 

*) Die Häufung der Bilder erzeugte den Schwulst der Dichter der zweiten 
schlesischen Schule (17. Jahrhundert). 



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23 

„Trombe" widersprechen einander hinsichtlich der Bewegung und des 
Aussehens: die Trombe leuchtet nicht und die leuchtende Wolke be- 
wegte sich langsam, nicht wirbelnd. 



Die Tropen. 

Ein wirksames Mittel, Phantasie und Gefühl anzuregen, beöitzt der § 33» 
Dichter in den Tropen. 

Unter Tropus (r^ojrog von T^gjrcö) versteht man den Gebraufh 
eines Wortes in der Bedeutung eines andern, z. B. Krone 
in der Bedeutung von Lo An oAqt Her r schaff , Keim (der Krankheit) 
für Anfang usw. So ist es ein Tropus, wenn Schiller Andromache zu 
Hektor sagen läßt: 

y.Müßig liegt dein Eiseii in der Halle"" (statt: Speer). 

Eine solche Vertauschung der Ausdrücke kann aber nur dann 
eintreten, wenn die ihnen entsprechenden Vorstellungen in unserm 
Bewußtsein einander so nahe liegen, daß eine die andere weckt. 

Dies ist zunächst der Fall, wenn zwischen beiden eine Ähnlich- § 34» 
keit oder Analogie besteht, die uns unmittelbar zu einem Vergleiche 
zwischen ihnen veranlaßt. Wie aus dem Keime die Pflanze, so entwickelt 
sich aus dem ersten Anfang die Krankheit, Wenn man also von einem 
„Keim der Krankheif^ redet, so denkt man dabei an den ersten Anfang 
ihres Entwicklungsprozesses, und da der Gedanke an einen Entwicklungs- 
prozeß mit dem bildlichen „^eim^^ unmittelbarer als mit dem abstrakten 
„Anfang" verbunden ist, so folgt daraus, daß der Ausdruck „Keim der 
Krankheüf^ für die Phantasie viel anregender ist als „der erste Anfang 
der Krankheit" ; denn mit jenem ist der natürliche Verlauf, mit diesem 
aber noch nicht gegeben. Dies ist so naheliegend, daß sich nicht bloß 
Dichter und Redner, sondern auch in vielen Fällen die gewöhnliche 
Sprache dieser Übertragung bedient. Wir sagen z. B. „Strahlen der 
Sonne" (Strahl, ehemals = Pfeil), Hahn und Mücke des Gewehrs usw. 
Vgl. die Scheltworte: Esel, Hund, Drache usw. 

Eine Vertauschung ist weiter möglich zwischen Vorstellungen, die § 35» 
äußerlich zusammenhängen wie der Teil mit dem Ganzen; denn 
die Phantasie ergänzt, sobald der Teil genannt ist, das Übrige, wie man 
bei einem Porträt, das nur den Kopf darstellt, die bekannte Gestalt 
leicht ergänzt. Daher gebraucht man den einzelnen Teil, auf den es 
zunächst und besonders ankommt, statt des Ganzen oder umge- 
kehrt, z. B. Er zählt die Häupter seiner Lieben, (Warum nicht „die 
Füße"?) — Wie viele Hände arbeiteten an diesem Werk! (Warum 
nicht „ffäupter"?) 

Schließlich liegt auch die Vertauschung solcher Vorstellungen nahe, 
die zueinander in einer inneren, ideellen Beziehung stehen, so daß man 
unmittelbar, wenn man die erste hört, auch an die zweite denkt. 



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24 

Man nennt also cIbs Ding, welches gemeint ist, nicht selbst, 
sondern irgend etwas, was zu demselben unmittelbar oder miflelbar in 
Beziehung steht. Wenn man sagt: „jE5r hat kein Herz fürs Vol¥\ 
so weiß jeder, daß gemeint ist, er hat kein „OefühV^ für das Volk; 
denn das Herz gilt als der Sitz des Gefühles. Ebenso ist die Vorstellung 
des Stabbrechens mit der des Verurteilens in unserm Bewußtsein 
so eng verbunden, daß der Sinn der Redensart „iü)er jemanden den Stab 
brechen" (= ihn verurteilen) sofort jedermann klar ist. 

Daher ist eine Vertauschung zweier Ausdrücke von einem dreifachen 
Gesichtspunkte aus möglich: 1. auf Grund ihrer Ähnlichkeit, 2. auf Grund 
ihrer äußeren Zusammengehörigkeit, 3. auf Grund einer zwischen ihnen 
bestehenden inneren Beziehung. 

Nach diesen drei verschiedenen Ursachen der Vertauschung unter- 
scheiden wir 3 Grundtropen: 1. die Metapher, 2. die Synekdoche, 
3. die Metonymie, 
§ 36* 1. Die Metapher (jLi£Taq>OQd) ist die Vertauschung von zwei 

Vorstellungen auf Grund ihrer gegeilseitigen Ähnlichkeit. 

Beispiele: Das Schiff der Wüste (= das Kamel) ; — das Haupt des StcuUes 
(= der Regent); — Lenx (= Jugend); — Schnee bedeckte seinen Scheitel (= weißes 
Haar); — ein Völkerhirt (milder Herrscher); — ein Blitx aus heitrem Himmel 
(plötzliches Unglück); — ein Strahl der Hoffnung, ein Schneckengang , ein 
saurer Apfel f eine harte Nuß, ein Hase, ein Fuchs (listig wie ein Fuchs), eine 
Elster; — schneeige Leinwand (weiß wie Schnee); — süße Worte, die goldne 
Sonne, bittre Erfahrung; — glühende Wangen, hochtrabende Redensarten, 
verblümte Bede, versteckter Sinn; — das Korn wogt; der Himmel lacht; 
der Kummer lastet auf uns; auf jemanden batien, im Überfluß schwimmen, 
dem Spiele frönen, huldigen usw. 

Metaphorisch können demnach Substantive, Adjektive und 
Adverbien sowie Verba gebraucht werden. 
§ 37* Der Zweck der Metapher ist, Klarheit der Anschauung zu ver- 

mitteln; deshalb gebraucht man für den eigentlichen Ausdruck den 
bildlichen, sinnlicheren, der für die Phantasie oder das Gemüt mehr 
enthält als der erstere, u. zw.: 

1. Konkretes für Abstraktes: 

Denn wer des Herren Joch nicht trägt, 

Darf sich mit seinem Kreux nicht schmücken. Schiller. 



So bricht der letzte Anker unsrer Hoffnung. Schiller. (T.) 



Wahre duftig xart 

Di^ Blume deutschen Gemütes! Hamerling. 



Bestrahlt von seines Ruhmes Olanx>. Schiller. 



Ein Tropfen Haß, der in dem Freudenbecher 
Zurückbleibt, macht den Segenstrank %u Oift. 

Schiller. (J. v. O.) 



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25 

Es gilt tms heut im rühren des Königs steinern Herx. Uhland. 



Vaterlandj umströme dich Olück und Heil.' Hamerling. 



2. Konkretes für Konkretes: 

Die Mäuslein (Kinder), sie lächeln, im stillen ergötzt. Goethe. 



Und hüllet das gitternde Würmlein mild 

In ein Stückchen Linnen ein, Ebert. 



Die Flügel der Morgenröte wehen, Klopstock. 



Des Abends Ooldnetx hing Überm Wald. Rttckert. 



Der ein' in goldnen Lockeny der andre grau von Haar. Uhland. 



Ist doch dein Haar so reines Gold 

Wie des reichsten Knahen Haar. Ebert. 



Jüngling, der den Wasserkothurn (= Schlittschuh) %u beseelen weiß. 

Klopstock. 

(Ajaxj der ein Turm war in der Schlacht. Schiller. 



Alle, die das Sandmeer (die Wüste) schon verschlungen. Freiligratb. 



Sein Heer durchwogte das Palmental. Freiligratb. 



Noch war mein Name nicht der Welt xur Beute. Platen. 

Dieser Art der Metapher, welche einen Begriff oder einen Gegenstand § 38» 
durch ein BUd plastisch veranschaulicht, steht eine andere gegenüber, 
welche das angeschaute Wesen eines Dinges oder Vorganges charak- 
terisiert u. zw. dadurch, daß sie demselben menschliche Verhältnisse 
und Zustände zuschreibt. Sie durchgeistigt das Leblose, indem sie 
es in die Sphäre des Menschlichen erhebt und verleiht ihm dadurch 
einen Gefühlswert, der dem Ding oder Vorgang an sich nicht zukommt: 

Traurig säuseln hier die Weiden. Lenau. 



Traulich rankt sich die Beb* empor an dem niedrigen Fenster. 

Schiller. 

In den Blumen, in den Zweigen 

Lispelt es und rauscht es lüstern. Freiligratb. 



Ein hochgegiebeltes Haus, 

Das melancholisch menschenleer ist. Heine. 



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26 



Mag der rauhe Oeißelsehlag 

Ihm die Seele spalten. Lenau. 



Die Fluren dürsten 

Nach erquiekendem Tau. Schiller. 



Wenn der Stamm xum Himmel eilet, 

Sucht die Wurxel scheu die Nacht. Schiller. 



Es schweigt die Nacht y die Erde träumt. Körner. 



Von dem Meißel beseelt, redet der fühlende Stein. Schiller. 

Die letzte Art dei* Metapher begründet die Personifikation (s. u.). 
39* Die Metapher veranschaulicht demnach Abstraktes und Kon- 

kretes oder vergeistigt das Leblose, indem sie die Vorstellung in 
eine andere Sphäre — in die sinnliche oder geistige — ^ versetzt. Sie 
hat dabei stets eine Proportion zur Voraussetzung. Wenn also 
Schiller von der Pappelallee sagt: 

„Dieses Dienergefolg* meldet den Herrscher mir an", 
so verhält sich die nach einer festen Regel angeordnete Reihe der 
Pappeln zu der Stadt wie das im geordneten Pomp vor einem 
Herrscher einherziehende Dienergefolge zu diesem. 

Die Metapher hängt mit dem Vergleiche zusammen, unterscheidet 
sich jedoch von diesem dadurch, daß ihr der Gegenstand fehlt und 
das Bild unmittelbar an seine Stelle tritt: 

Vom Himmel tönt ein schwermutsvolles Or ollen. 

Die dunkle Wimper blinxet manchesmal. Lenau. 

Hier ist das Bild (schwermutsvolles Grollen, Wimper) unmittelbar 
statt des Gegenstandes (Donner, Wolke) gesetzt. Beruht aber die 
Metapher auf dem Verbum, dann fehlt der verglichene (bild- 
liche) Gegenstand; die bildliche Handlung aber, die nur von ihm aus- 
gesagt werden kann, wird unmittelbar mit dem zu vergleichenden 
verbunden : 

Dummheit und Stolx wachsen (wie zwei Blumen) auf einem Höh, 

(Sprichwort) 

Alles schläft und übers OefilcP der Ruhe 

Wandelt leisen Schrittes dahin des Lebens 

Oemus (= wie ein nächtlicher Wanderer). Lenau. 



Und schauerlich gedreht im Kreise 

Beginnen sie des Hymnus Weise, 

Der durch das Herx xerreißend dringt. 

Die Bande um den Frevler schlingt. Schiller. 



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27 

Die Metapher soll nur solchen Gebieten entnommen sein, die § 40* 
nicht zu ferne liegen. Außerdem soll das gewählte Bild mit dem 
ganzen Zusammenhange der Eede stimmen. Wo es dem Zusammen- 
hang widerspricht^ dort entsteht ein fehlerhafter Tropus, den man 
Katach rese nennt, z. B. 

Da die lauten Tränen im sehenden Ätige ver8tu7nniten, Klopatock. 

Der Dichter sucht daher, wenn die Metapher an sich undeutlich 
wäre, sie dadurch schärfer zu beleuchten, daß er den Gegenstand als 
Attribut hinzufügt oder sonst irgendwie andeutet. So veranschaulicht 
Schiller in dem Verse 

jjDer Schiffe mastenreicher Wald'^ 
die Flotte mit ihren zahlreichen Masten unter dem Bilde eines Waldes, 
hebt aber durch die Wörter „mastenreiM' und ,, Schiffe^ ^ zugleich den 
zu Grunde liegenden Gegenstand (Flotte) hervor. Vgl. 

Der Schild der Sonne loard im Himmelsraum 

Zu Gottes Angesicht. Chamisso. 



Sanft schimmert vom Weltendome 

Die Lampe des Mondes. Lenau. 



Und rings von du ff gen Gärten ein blütenreicher Kranx. Uhland. 



lAchthehr erschien der Reiter rechts 

Mit mildem Frühlingsangesicht. Bürger. 

Diese Art der Metapher berührt sich am engsten mit dem Ver- 
gleich (§ 26). 

2. Die Synekdoche {avvexdoxfj) ist die Vertauschung ^4l4 
zweier Vorstellungen auf Grund ihrer äußeren Zu- 
sammengehörigkeit. 

Wir unterscheiden zwei Arten der Sjmekdoche. Bei der ersten 
Art (a) tritt der an der Sache besonders beteiligte Teil für das Ganze 
ein (pars pro toto), z. B. Meine Hand (=ich) ist vom Blute rein, — 
Mein Fuß (= ich) betritt dein Haus nicht uneder, — Eine ehrliche 
Hauty ein Lästermaul j ein Oraukopf, Rotkehlchen, Seltener 
steht (6) umgekehrt das Ganze für den Teil (totum pro parte) y z.B. 
Ihr kehrt mir das ganze Haus um, — Du bringst das ganze 
Zimmer in Unordnung, 

a) Der Teil für das Ganze (pars pro toto): 

Von fernher kommen toir gexogen 

Und flehen um ein wirtlich Dach (= Haus.) Schiller. 



Ihm glänxte die Locke silberweiß (= Haar). Schiller. 



Es pUmdert Mosleminen h and das schätxereiche Ktesiphon. Platen. 



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28 



IHeh kann mein Mund nicht glücklich sprecheny 
Solang' das Feindes Äuge wacht. 



Laßt den Oesang vor unserm Ohr 
Im Saale widerhallen! 



Weit umher ist in der ganxen Aue 

Keine Feder (Geflügel) Wfehr, keine Klaue (Vieh). 



Huf und Last gingen noch nicht übers Eis. 



Da griff mit beiden Hemden 

Der Kaiser nach dem Schaft (Spieß). 



Krachend trifft die glatte Schärfe (Beil). 



Keines Tempels heitre Säule 
Zeuget, daß man Götter ehrt. 



Schiller. 

Goethe. 

Schiller. 
Klopatock. 

Uhland. 
Goethe. 

Schiller. 



Bunte Kr euxesf ahnen xiehen durch die Felder ihre Bahn. Uhland. 
b) Das Ganze für den Teil (totum pro parte) : 
Nelson vernichtete bei Abukir die französische Flotte (statt: einen Teil derselben). 



Gewalt' ger Sturm bewegt das Haus (=« Halle). 



Schiller. 



Deckten dann mit Erde toieder ihn und seine stolxe Habe. Platen. 

§ 42« I^ ^®^ ^^ § ^^ angeführten Fällen ist der Teil sowohl von dem 

Ganzen als auch von den übrigen Teilen verschieden. Es können 
aber auch die einzelnen Teile, aus denen das Ganze besteht, gleich- 
artig sein und daraus ergibt sich eine zweite Art der Synekdoche, 
die Vertauschung der Art, des Speziellen, mit der Gattung, dem All- 
gemeinen (a), z. B. ein Judas (für Verräter), Nero, SoloUy eine 
Xanthippe^ oder umgekehrt der Gattung mit der Art (b), z. B. ein 
Silberling (= Denar). — Er reicht ihm ein Goldstück (= Du- 
katen). Hieher gehört die allgemeine Bezeichnung durch den Stand, 
die Abstammung u. dgl. statt der individuellen durch den Namen: der 
Mönchy der Doktor, der Franzose, 

a) Die Art für die Gattung (species pro genere): 

Wer den Heller nicht ehrt, ist des Tal er s nicht wert. Sprichwort. 



Qott halt' ihm verliehen ein Stücklein Brot, 
Das könnt' er allein nicht essen. 



Bürger. 



Der Rubel (= russisches Geld) krei.st im deutschen Latul. Platen. 

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29 



Keines Medieeers Oiite 

Lächelte der deutsehen Kunst, Schiller« 

b) Die Gattung statt der Art (genus pro specie) : 

Er selber auf seines Knappen Tier (statt Pferd) 

Vergnüget noch weiter des Jagens Begier. Schiller. 



Oib das Schwein und nimm den Vogel (Gans)! Chamisso« 



Sie hatten noch kein Feuer y Wald (Bäume, Holz) hatten sie genug. Simrock« 



Was xagst dUy ruft der Saracen' (= Omar). Platen. 



Es schenkte der Böhms (= böhmische König) des perlenden Weitis. Schiller. 



Da wallt dem Deutschen auch sein Blut. Uhland. 



Des Lebens ungemischte Freude 

Ward keinem Irdischen (= Menschen) Miteü. Schiller. 

Durch die Synekdoche wird die Aufmerksamkeit des Lesers auf § 43* 
denjenigen Teil eines Ganzen hingelenkt, der für die Handlung von 
besonderem Belang ist; daher wird er von dem Dichter in ein helleres 
Licht gerückt, während die übrigen Teile des Ganzen in ein Halbdunkel 
zurücktreten. In gleicher Weise wird auch die Gattung statt der 
Spezies hervorgehoben, wo es sich weniger um das Individuum handelt. 
So kommt es z. B. Schiller nicht darauf an, welcher böhmische König, 
sondern daß es der Böhmenkönig überhaupt im Gegensatze zu den 
übrigen Kurfürsten war, welcher den Wein schenkte. 

Daraus folgt für den Dichter die Eegel, daß er 1. die Synekdoche 
nicht willkürlich, sondern nur dann anwenden darf, wenn der Zusanmien- 
hang das Hervortreten des besonderen Teiles eines Ganzen (oder 
umgekehrt) natürlich erscheinen läßt, und 2. daß er auch nur den 
Teil wählen darf, den der Sinn erfordert. Denn wenn er sagt: „Wir 
flehen um ein tvirtlich Dach^^, so ist es vor allem das Obdach, auf 
das es dem Fremdling ankommt. Er kann aber nicht sagen: ,yWir 
flehen um eine unrtliche Schtvelle^^, obwohl auch „Schwelle" für „Haus^*' 
steht, wie z. B. in der Kedensart „Du betrittst meine Schwelle 
nicht mehr!^^ 

3. Die Metonymie (jJSKüWfila) ist die Vertauschung § 44^ 
zweier Vorstellungen auf Grund einer inneren, gedank- 
lichen Beziehung, die zwischen beiden besteht. 

Eine solche innere Beziehung ist zunächst vorhanden zwischen 
zwei Vorstellungen, die zueinander in einem Kausalitätsverhältnisse 
stehen, also zwischen Ursache (a) und Wirkung (6), Bewirkendem 
\c) und Bewirktem (rf), Urheber {e) oder Mittel (f) und Hervor- 



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30 

gebrachtem (g) und umgekehrt (l.ArtderMetonymie:?'es effidens pro 
re*effecta)y z. B. die Zügel schieß e7i lassen (schnell reiten). — Der 
Himmel zieht seine Schleusen auf, — Ein langes Oesicht 
machen (statt enttäuscht sein); — bis oben zugeknöpft sein (stolz, 
zurückhaltend sein) ; — von der Hand in den Mund leben; — ein Auge 
zudrücken ; — sich auf die Hinterfüße stellen; — ein echter 
Raphael (Bild von Eaphael). — Vergil wurde mehr gelesen als 
Ovid. — Alle Hebel (= Kräfte) in Bewegung setzen; — eine böse 
Zunge haben, 

a) Wie ertönt von jungem Froste (= Eis) die Bahn! Klopstock. 



Auf dem Feld verdarb der Qottesaegen (= Ernte). Chamisao. 



Bekriegt er nur die falschen Oötter? {= Glauben.) Schiller. 



Greift fröhlieh dann %/um Wanderstabe. Schiller. 



b) Die Unsterblichkeit ist ein großer Gedanke, 

Ist des Schweißes (der Arbeit) der Edeln wert. Klopstock. 



Bleich lehnt die Braut im Stuhle (= ist tot). Geibel. 



Und loas er sinnt, ist Schrecken . . , und was er schreibt, ist Blut. 

' Uhland. 

Und vor sich tmd hinter sich sieht er den Tod (todbringende Gefahr). 

Kömer. 

c) Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht m>ehr mein. Schiller. 



Wir hohen doch M^m Schmause genug 

Von des Halmes Frucht tmd Freuden des Weins? Klopstock. 



Ihm schenkte des Gesanges Gabe, 

Der Lieder süßen Mund ÄpoU. Schiller. 



d) Sie kommen, da kommt schon der nächtliche Graus (= die Grauenerregenden) 

Goethe. 

Stellte wunderbare Flammen. Goethe. 



Vom Strahl der Sonntagsfrühe war 

Des hohen Domes Kuppel blank. Bürger. 



Und erxahUe von den bunten Städten, 

Von den Kriegern, die den Donner tragen. Seume. 



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e) Also das wäre Verbrechen, (laß einst Proper» mich be-geisterty 

Daß Martial sieh xm mir auch, der verwegnsj gesellt? Goethe. 



Wer toird nicht einen Klopstock loben? 
Doch wird ihn jeder lesen? 



Kaum daß ich Bacchus, deti lustigen, habe. 
Kommt auch schon Amor, der lächelnde Knabe, 
P hob US, der herrliche, ßrulet sich ein. 



Aus der Ströme blauem Spiegel 
Lacht der unbewölkte Zeus. 



f) Das Schwert hat die meisten hinweggerafft. 



Lessing. 



Schiller. 



Schiller. 



Körner. 



Nicht blind mehr waltet der eiserne Speer (Faustrecht). Schiller. 
Oft hatte der Becher die beiden vereint. Vogl. 



Denn ohne die Leier im himmlischen Saal 
Ist die Freude gemein auch beim Nektarmahl. 



g) Der Tod, den er so manchesmal 
Vom Iselberg geschickt ins Tal. 



Schiller. 



Mosen. 



Eine gedankliche Beziehung ist femer vorhanden zwischen Vor- 
stellungen, die in iinserm Bewußtsein so eng miteinander verbunden 
sind, daß sie zusammen eine Gesamtvorstellung bilden, wie der 
Stoff (a) und der Gegenstand, der daraus erzeugt ist, Raum (b) und 
Zeit (c) und das sie Erfüllende, der abstrakte Zustand (Tätigkeit, 
Eigenschaft, Empfindung) und die Person oder der Gegenstand, an dem 
er wahrgenommen wird (2. Art der Metonymie), z.B. durch Pulver 
und Blei (= Kugel) hinrichten; altes Eisen (= Eisenwaren). — Sie 
war in Samt und Seide gekleidet (a). — Die ganze Stadt ist auf 
den Beinen (b), — Das romantische Mittelalter war vielfach aber- 
gläubisch (c). — Du hast den Kopf (= die Besinnung) verloren. — 
Wir unterstützen gern die verschämte Armut (= v. Arme). — Jugend 
hat keine Tugend (d). 



a) Nachbohrend bis ans Heft den Stahl. 



Laßt mir den besten Becher Weins 
In purem Qolde reichen! 



Schiller. 



Goethe. 



In rauhes Erx sollst du die Glieder schntlren, 

Mit Stahl bedecken deine xarte Brust, Schiller. (J. v. O.) 



45. 



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32 



Der Jüngling hüllt die schönen Glieder 

In Qold und Purpur tounderhar. A. W. Schlegel. 



h) Qanx Ortechenland (alle Griechen) ergreift der Schmerx. Schiller. 



E8 blutete der Brüder HerXy 

Qanx Deutschiandy ach, in Sehmach und Schmerx, 

Mit ihm sein Land Tirol. Mosen. 



Die xer streute Welt xu hindere 

In vertratdichem Verein. Schiller. 



Der Alte hat*s gerufen, der Himmel (Gott) hat's gekört. Uhland. 



Wohin des Himmels {= der Sonne) Strahl nicht leuchtet. Schiller. 



Heller ward's mit einemmale 

Von dem Qlanx der vollen Schale. (Gefäß für Inhalt) Goethe. 



e) Erblickt' ich Zukunft? (zukünftige Verhältnisse). Klopstock. 



Uns lehret Weisheit am Ende das Jahrhundert. Goethe. 



d) Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort. Schiller. 



Ja, so weit sie wandernd kreiste, 

Fand sie Elend überall (= Elende). Schiller. 



Da xerret an der Qlocke Strängen 

Der Aufruhr (die Aufrührer), daß sie heulend schallt. Schiller. 



Frei geht das Unglück du/rch die ganxe Erde. 

Schiller. (M. St.) 

Im tiefsten Staube wälxte dich der Spott. Schiller. 



Das ist Lütxows wilde, verwegene Jagd. Kömer. 



Und während ihn die Rache sucht, 

Genießt er seines Frevels Frucht. Schiller. 



Im Nebel ließ sich eine Klarheit sehen. Goethe. 



Und stimmen xu der Andacht Chor. Schiller. 



Denvh klammernd herrscht des Reiters Kraft (= kräftiger Schenkel), 
Um seinen (des Rosses) Bausch geschlagen. Lenau. 



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33 

Endlich besteht auch eine gedankliche Beziehung zwischen Vor- § 46# 
Stellungen, die unser Denken gewohnheitsmäBig miteinander ver- 
bindet (3. Art der Metonymie). So dienen uns Gegenstände als 
Symbole für abstrakte Zustände und Verhältnisse (a)^ gewisse Körper- 
teile dienen zur Bezeichnung bestimmter seelischer Vorgänge (b), 
manche Gegenstände erwecken in uns besondere Neben Vorstellungen (e) 
u. dgl. Vgl. (a) das Kreuz (Christentum) und der Halbmond (Is- 
lam); die Myrte (f. Hochzeit); (b) ein kluger Kopf (Geist), ein edles 
Herx (Gemüt); eine feine Nase (Spürsinn, Kombinationsgabe) haben; 
(c) die Nase hoch tragen (= hochmütig sein); auf dem Holxweg 
(Abweg) sein; ein Haar in etwas finden; ettvas auf die Ooldwage 
legen; sich aus dem Staub machen u. dgl. 

a) Sie Moingt jetxt deines Zepters (Herrschaft) Macht. Schiller. 



Sehon loar gesunken in den Staub der Sassaniden hoher Thron. 

Platen. 

Stillen Sinns nahm er den Palmxweig, 

Gab die Lorbeern seinen Treuen. Herder. 



Er wird den Ölxweig (Frieden) in den Lorbeer fleehten. 

Schiller. (W. P.) 

Und hoffte mit der Fiehte Kranx 

Des Sängers Schläfe xu umwinden. Schiller. 



Der Degen (Krieg, das Heer) hai den Kaiser arm gemacht, 
Der Pflug (Ackerbau, Bauer) ist's, der ihn toieder stärken muß. 

Schiller. (W.P.) 

Der Adler (Frankreichs) sinkt, die Fahne (Österreichs) fliegt. 

Kömer. 

Hin muß ich xiehn, dem jungen Tag entgegen. 

Dem Sterne (Schicksal) folgend, dem ich mich vertrau^.. Zedlitz. 



b) Nur von dem Herxen (= Gefühle) nehm' ich Bat. Schiller. 



Der allein besitxt die Musen, 

Der sie trägt im umarmen Busen. Schiller. 



Süßer Friede, 

Komm, ach, komm in meine Brust (Gemüt)! Goethe. 



Sie wollen 

Nur meinen Arm (Tapferkeit) und meinen Mut im Felde, 

Nur meinen Kopf (Scharfsinn) im Rat. Schiller. (D.C.) 



Er (der Hymnus) schaut, des Wirers Mark verxehrend. Schiller. 
T u m li r 2, Die Sprache der Dichtkunst. 3 

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34 



e) Der Herold klang. Klopstock. 



Und kein Rock (= Stand) ?uit mir unter etilen 

Wie mein eisernes Wams {— Soldatenstand) gefallen. 

Schiller. (W. L.) 

Hort das Befehlhuck (= den Wachtmeister)! 

Schiller. (W. L.) 

Die ZatiherrulCy die nach dem helleren Qolde (= Schatze), 

Dem neuen Gedanken, xuekt, Klopstock. 



Und wenn' 8 im dritten Himmel wär\ 

So aehf ieh's keine Fledermaus (Pfennig = nichts). Bürger. 



Es sehwankten heim die Wagen goldbesehwert (mit Schätzen von Korn). 

Ghamisso. 

Draus statt der goldnen (herrlichen) Lieder ein Blutstrahl hoch aufspringt, 

Uhland. 

Doch wo die Spur, die .,,. 

Den schwarxen (verruchten) Täter kenntlich macht? Schiller. 

§ 47» In vielen Fällen, wenn auch nicht immer, besteht zwischen dem 

metonymischen und dem eigentlichen Wort ein attributives Ver- 
hältnis: Tod = Todeskugel, Stahl — Schwert von Stahl, Gold = 
goldner Becher, Deutschland = Deutschlands Bewohner, Jahr- 
hundert = Ereignisse des Jahrhunderts, Andacht = andächtige 
Menschen, Klarheit = klare Stelle, die Palme = Siegespalme, der 
Stern = der Stern des Schicksals, der Herold = die Trompete 
des Heroldes. 

Daher kommt es auch vor, daß beide Ausdrücke verbunden sich 
finden, wobei das metonymische als das regierende Wort erscheint 
(besonders bei der 3. Art der Metonymie^), z. B. 

In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne, Schiller. 



Umsonst sei all dein Ringen nach Kränxen blut'gen Ruhms/ Uhland. 



In des Waldes Geheimnis entflieht mir auf eintnal die Landschaft. Schiller. 

Die Metonymie verleiht der Rede geistigen Reiz, indem sie 
Beziehungen hervorhebt, durch welche der Gedanke vertieft wird. Der 
metonymische Ausdruck besitzt nicht die sinnliche Klarheit der Metapher 
oder der Sjmekdoche, regt aber zur Reflexion an und erzeugt dadurch 
ein besonderes geistiges Vergnügen. 

Daher ist die Metonymie besonders in reflektierenden und 
gedankenschweren Dichtungen ein häufig wiederkehrendes Dar- 



*) Diese Art der Metonymie leitet zu der Periphrase (s. u. § 58) über. 

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35 

stellungßmittel und findet sich weit mehr in Oden, Hymnen, Ideen- 
dichtungen als in dem- einfachen lied und der poetischen Erzählung. 
Von den deutschen Dichtem gebrauchen sie Schiller, Klopstock, 
Platen, von den römischen Hör az mit Vorliebe. 

Verwandt mit den 3 Haupttropen sind einige sprachliche Dar- § 48. 
Stellungsformen, die man als Tropen im weiteren Sinne bezeichnen 
kann. Da sie teils der Metapher, teils der Synekdoche, teils der Metonymie 
nahestehen, können sie als Abarten dieser Tropen betrachtet werden. 

I. Abarten der Metapher. 

1. Die Personifikation (jigoaconoTzoila), die Vertauschung des Be- § 49. 
griflEes eines Leblosen mit der Vorstellung einer demselben ent- 
sprechenden Persönlichkeit, welche das handelnd hervorbringt, 
was eine Wirkimg oder Erscheinung des Leblosen ist. 

Durch die Personifikation wird also ein Lebloses zu einem persön- 
lichen, menschlich handelnden und empfindenden Wesen. Nur wo das 
Leblose als persönliches Wesen dargestellt ist, ist Personifikation anzu- 
nehmen; wo bloß durch einzelne menschliche Züge die JEigenschaften 
eines Leblosen dargestellt werden, bilden erstere Metaphern. (Vgl. § 38.) 
Schillers Vers (Spaziergang): 

Einen umarmenden Zweig schlingt um die Hütte der Baum 
enthält also eine Metapher, dagegen bieten die Anfangsverse in Goethes 
„Zueignimg" : 

Der Morgen kam; es scheuchten seine Tritte 
Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing .... 

eine Personifikation, indem der Morgen als heranschreitende Person vor- 
gestellt werden muß, da nur von dieser „Tritte" vernommen werden 
können. Vgl. 

Und das Unglück schreitet schnell. Schiller. 



Es streckt die Rosenarme der Abend himmelu>ärts, Frankl. 



Mit ihrem eisernen Arm 

Winkte mir stets die strenge Bescheidenheit, Klopstock. 



Es sitxt die Zeit am großen Webestuhle, 

Im Teppich der Oeschicht' ein Bild xu weben. Geibel. 



Au>ch so das Qlück Lockige UrtsekuUl, 

Tappt unter die Menge, Bald auch den kahlen, 

Faßt bald des Knaben Schuldigen Scheitel. Goethe. 



Tannenbaum mit grünen Fingern 

Pocht ans niedere Fensterlein. Heine, 



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36 

Und die leichtgeschürxten Stunden 

Fliegen ans Geschäft gewandt. Schiller. 

50« Manchmal wird die Gestalt, unter der sich der Dichter das Ab- 

straktum vorstellt, hervorgehoben; meist geschieht dies in der Form der 
Apposition. In solchen Fällen berührt sich die Personifikation mit 
dem Vergleich (§ 28): 

Des Oesetxes Gespenst steht an der Konige Thron, Schiller. 



Und daß die alte Das xarte Seelehen 

Schwiegermutter Weisheit Ja nicht beleid'ge! Goethe. 



Da kommt der Lenx, der schöne Junge, Herein mit einem Freudensprunge 
Den alles lieben muß. Und lächelt seinen Gruß, Lenau. 



Schön ist der Friede/ Ein lieblicher Knabe 

Liegt er gelagert am ruhigen Bach. Schiller. (B. v. M.) 



Die Personifikation verleiht der Darstellung Leben; sie ist sehr 
häufig mit der Allegorie (§ 51) verbunden, bildet aber auch das 
poetische Prinzip für viele Dichtungsarten, besonders die Mythe, das 
Märchen und die Parabel. 
51* 2. Die Allegorie (äXJLtjyoQla) d. h. die Vertauschung der Vorstellung 

eines wirklichen Vorganges mit der eines analogen bildlichen, 
z. B. Eine Hand wäscht die andere (= ein Genosse hilft dem andern). 
— Früh krümmt sich, was ein Haken werden will. 

Es handelt sich dabei vor allem darum, daß man die einzelnen 
Momente (Gegenstände und Vorgänge) der bildlichen Handlung richtig 
deutet. Ein lehrreiches Beispiel bietet Grillparzer im 3. Aufzuge seiner 
Tragödie „König Ottokars Glück und Ende": 

Rudolf: Siehj Freund, du weißt wohl noch vom Hause her: 
Gar manchmal hat ein Landwirt aufgespeichert 
An Frucht und Futter für den Winter g'nug 
Bis voll xur Frühlingsxeit, Allein der Frühling 
Anstatt im Märxen, kommt er erst im Mai 
Und Schnee liegt dort, wo sonst wohl Saaten standen. 
Wenn da der Vorrat aufgeht, schmähst du ihn 
Als einen schlechten Wirt? 

Schweixpr: Behüte Gott! 

Das hat wohl mancher schon an sich erfahren, 
— Und Ihr? — Ja so? (zu seinen Landsleuten) 

Seht nur, er ist der Landwirt, 
Und dauert der Winter —• heißt der Krieg — so lang, 
Und ist die Brotfrucht aufgex^ehrt — das Geld, 

Ähnliche Beispiele sind: 

Der große Baum (= Mann) braucht überall viel Boden 

Und mehrere, xai nah gepflanzt, xer schlagen 

Sieh mir die Äste, Lessing, (N.) 



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37 



In den Oxean schifft mit tausend Masten ehr Jüngling^ 

Still auf gerettetem Boot kehrt in den Hafen der Qreis, Schiller. 



Den Sehmuek der Zweige höht ihr abgehauen: 

Da steh' ich, ein entlaubter Stamm! Doch innen 

Im Marke lebt die schaffende Gewalt, 

Die sprossend eine Welt aus sieh geboren. Schiller. (W. T.) 

Häufig ist die Allegorie mit der Personifikation verbunden, z. B § 52» 

Durch die Straßen der Städte, Morgen an jener. 

Vom Jammer gefolget, Aber noch keinen hat es verschont. 

Streitet das Unglück, Die unerwimschte 

Tjouemd umsehleicht es Sehmerxliehe Botschaft 

Die Häuser der Mensehen, Früher oder später 

Heule an dieser Bestellt es an jeder 

Pforte pocht es, Schwelle, wo ein Sterblicher wohnt, 

Schiller. (Br. v. M.) 

Ein Fichtenbaum steht einsam Er träumt von einer Palme, 

Im Norden auf kahler Höh, Die fem im Morgenland 

Ihn schläfert; mit weißer Decke Einsam und schweigend trauert 

Umhüllen ihn Eis und Schnee, Auf brennender Felsenwand, Heine. 

Die Allegorie ist eine weitergeführte Metapher. Sie begnügt § 53* 
sieh nicht damit, an die Stelle eines Begriffes einen anderen zu setzen, 
sondern sie läßt auch alle Bezeichnungen aus dem fremden Gebiete 
an die Stelle der eigentlichen treten, ohne in der Regel die Beziehung 
direkt anzudeuten. Nur aus dem Zusammenhang erkennt man, daß die 
bildliche Ausdrucksweise anders zu verstehen sei, z. B. „Nacht muß 
es sein, wo Friedlands Sterne strahlen'^. Dadurch unter- 
scheidet sie sich von der Metapher, z. B. „Mn Sternlein (= Lichtlein) 
sah ich blinken fem^^, die nur für den einzelnen BegriflP, nicht für den 
ganzen Gedanken ein Bild setzt. Die Metapher und Personifi- 
kation beruhen auf dem Vergleich, die Allegorie dagegen 
auf dem Gleichnis. 

Anm. Oft haben ganze Gedichte einen allegorischen Inhalt, z. B. i^Der 
Lenz'' von Lenau, „Die Einkehr" von Uhland, „Das Mädchen aus der Fremde'' von 
Schiller, „Die Schwestern" von Grillparzer, „Schwager Kronos" von Goethe, „Die 
beiden Musen" von Klopstock, „Die verlorene Kirche" von Uhland u. a. — Man 
pflegt auch solche Gedichte schlechtweg Allegorien zu nennen. Eine vielfache An- 
wendung findet die Allegorie im Rätsel. Vgl. die Rätsel von Schiller. 

II. Abarten der Synekdoche. 

1. Die Hyperbel (ineqßoXi/i) oder die Übertreibung. Sie besteht in § 54. 
derVertauschung einer unbestimmten Größe mit einer bestimmten 
(also eines Allgemeinen mit einem Besonderen) und bezweckt eine klare 
Anschauung des Ungeheueren, Übernatürlichen u. dgl., z. B, 



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Bis zum Himmel spitzet der damp feinde Oischt. Die ungeheuere 
Entfernung von der Erde bis zum Himmel dient als Bild für die 
ungeheuere Höhe des spritzenden Gischtes. 



Der toilde Strotn wird xum Meere, 



Denn unter mir lag's noch bergetief. 



Und mit Blitxesaohnelle wieder 
Ist er hier mit raschem Otisse. 



Schiller. 
Schiller. 

Goethe. 



Und ah wollte sie (die Flamme) im Wehen 

Mit sieh fort der Erde Wucht 

Beißen in gewalt'ger Muchtf 

Wikhgt sie in des Himmels Höhen 

Riesengroß. 



Ach, und hundert Flüsse 
Stürxen auf mich ein. 



Aus tausend Wtmden strömt schon das Blut. 



Rchilter. 

Goethe. 
Körner. 



Oanx Spanien vergöttert seine Königin, Schiller. (D. C.) 

§ 55* ^- Die Litotes {hxöxrjg Schlichtheit). Sie ist die Vertauschung 

eines Begriffes mit seinem negierten Gegenteil, wodurch der er- 
stere verstärkt wird, z. B. „nicht iiheV' für j^recht schön^', — 
Nicht ohne einen geheimen Schaitder betrat ich die Stätte des 
Todes. — Ich erschrak nicht wenig (= sehr). — Die Verwundung 
ist nicht unbedeutend, — Die Aufgabe ist nicht leicht 
(= recht schwer). 
Denn wo das Unglück toäJilt, wählt's nicht den schlecht' sten Mann. Rückert. 

Du Bethlehem im jüdischen Lande bist mit nichten die kleinste unter 

den Fürsten Judas. Matih. 2« 6. 



Die schlecht' sten Früchte sind es nicht. 
Woran die Wespen nagen. 



Das Korn, das ich dir gab, ist nicht gemeiner Art. 



Jung Rokmd spietf in freier Luft, 
Des Klage war nicht groß. 



Beim Morgenrot, beim Abendessen 
Blieb Ton und Triller unvergessen. 



Bürger. 
Rückert. 

Uhland. 

Hagedorn. 
Uhland. 



Und {man) ließ auch keinen dürsten. 
Durch die Vemeimmg des (Jegenteiles ist eigentlich der Grad 
des Begriffes unbestünmt gelassen. Aber gerade die geringe Angabe 
de» Grades veranlaßt den Hörer, ihn erheblich zu steigern. 



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III. Abarten der Metonymie. 

1 . Der Euphemismus (eifpfj/iMfiöc), der statt eines unangenehm § 56« 
berührenden Ausdruckes einen milden oder guten setzte z. B. die 
Eumeniden (= Erinnyen). — Allerharmer (= Tod). — Sie 
unterhalten sich sehr lebhaft (= streiten heftig). 

Die Hui den (= Unholden), sie kommen von durstiger Jagd. Goethe. 



Der bessere Teil der Tapferkeit ist Vorsicht {= Furcht). Shakespeare. 



Und ihr seid sehr bedacht (= feig) in solchem Fall der Ehre, 

Schiller. (M. St) 

Landsmann, tröstet Ihr 

Mein Weib, wenn mir was Menschliches begegnet! Schiller. (T.) 



Macbeth: Noch lebet Banquo und sein Sohn. 
Lady: Doch keinem gab 

Natur das Vorrecht der Unsterblichkeit. 

Shakespeare, Macbeth (Schiller). 

Um eine euphemistische Wendung richtig aufzufassen^ mufi man 
aus dem Zusammenhang die Absicht des Redenden heraushören^ eine 
unangenehm berührende oder verletzende Ausdrucksweise zu vermeiden. 
Scheu vor dem Zorn der Gottheit oder eines Dämons veranlaßt fromme 
Menschen, Scheu vor der Kegung des eigenen bösen Gewissens schuld- 
beladene, sich euphemistisch auszudrücken. 

2. Die Ironie {dgcoveta, illusio). Sie setzt spottend das Gegen- § 57. 
teil von dem, was sie meint, z. B. Das ist ein großer Feldherr j 
der vor der Schlacht zittert, ein tapferes Heer, das beim ersten 
Zusammenstoße davonläuft. 

Die wahre Bedeutung ist aber aus dem Zusammenhange und der 
Betonung ersichtlich. Am liebsten verkehrt die Ironie Tadel in schein- 
bares Lob oder umgekehrt. Sie wirkt als Spott, dient aber auch 
zum Ausdruck des Unwillens, der bittem Enttäuschung oder sitt- 
lichen Entrüstung. 

Der du den Tempel Gottes verbrichst und bauest ihn in drei 

Tagen, hilf dir selber! Matth. 27, 40. 



Ist ein rechter Bursch\ furcht* t sieh für {yot) Hexen. Goethe. (G.) 



Nun der halbe (Geist) dich nicht rettet, 

Ruf den ganxen doch herbei, 

Daß er neu dein Schloß dir baue, 

Deine Ketten brech* entx/wei! Uhiand. 



Mit der Axt hob' ich ihm das Bad gesegnet. Schiller. 

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Der weide Vater 
Muß aber doch sich erst erkunden^ erst 
Besinnen. Allerdings! Tat ich denn das 
Nicht auch? Erkundete, besann ich denn 
Mich erst nicht auch, als sie im Feuer schrie? 
Fürwahr/ Es ist doch gar was Schönes, 
So weise, so bedächtig sein. Leasing. (N.) 

Die Ironie wirkt durch den Kontrast, der sich zwischen dem, 
was sein sollte und direkt ausgesprochen wird, und der Wirk- 
lichkeit, die gemeint ist, scharf bemerkbar macht. Sie ist demnach 
nur dann anwendbar, wenn sie das Urteil des Hörers herausfordert, 
d.h. ihn durch eine eigentümliche Betonung der Worte anreizt, 
den eigentlichen Sinn zu erfassen. Daher spielt sie besonders in dem 
Gebiet des Sittlichen eine Rolle, da dieses der freien Beurteilung 
unterliegt und zugleich das Interesse des Hörers erweckt. 

Anmerkung. Ist der Spott, den die ironische Rede bezweckt, beifiend, so 
nennt man die Ironie Sarkasmus {caQxaafAdg), 

58. 3. Die Periphrase (TteQÜpQaaig), die Umschreibung eines Be- 

griffes durch ein ihm zukommendes Merkmal oder Attribut: Er 
tvurde zu seinen Vätern versammelt (= starb, weil wir beim 
Sterben an eine Vereinigung mit den Vätern denken). 

Du wirst hingehn, wo kein Tag mehr seheinet (= in die Unterwelt). 

Schiller. 



Und er lehrt die Kunst der Zange 

Und der Blasebälge Zug. Schiller. 



Denn der x^u Mosen auf des Horebs Hohen 

Im feurigen Buseh sich flammend niederließ 

Und ihm befahl, vor Pharao xu stehen^ 

Der einst den frommen Knaben Isais, 

Den Hirten, sich xum Streiter ausersehen, 

Der stets den Hirten gnädig sieh erwies, 

Er sprach xu mir aus dieses Baumes Zweigen: 

Oeh hin! Du sollst auf Erden für mich xeugen. Schiller. (J. v. O.) 

Das Merkmal muß nicht immer das wichtigste, ein Haupt- 
merkmal sein; es kann sehr wohl auch ein minder wichtiges, ja neben- 
sächüches zur Umschreibung dienen, vorausgesetzt, daß es nur in imserm 
Bewußtsein regelmäßig mit der betreffenden Vorstellung verbunden 
wird. (Vgl. Metonymie § 46.) So ist uns Italien vorzugsweise das 
Land, aus dem wir die Südfrüchte beziehen; daher verstehen wir sofort 
Goethe, wenn er Mignon sagen läßt: 

Kennst du das Land, wo die Zitronen blOhn, 
Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn? 



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Ähnliche Umschreibungen sind: 

Gewohnt des Streitlaufs, trat die von Alhion (englische Muse) 

Stolx in die Sehranken, so wie sie kam, da sie 

Einst mit der Maoni d* (griechischen Muse) und jener 

Am Kapitol (römischen Muse) in den heißen Sand trat. Klopstock. 



Steht vor mir, der sich gerühmet* 

In vermessner Prahlerei, 

Daß ihm nie mehr als die Hälfte 

Seines Geistes nötig sei? Uhland. 

Häufig wird die Periphrase dazu verwendet, abstrakte BegriflEe durch 
konkrete Anschauungen zu versinnlichen. So sagt Schiller: 

Solang' die Berge stehn auf ihrem Gnmde (= immer). 
Sobald die ersten Lerchen sehwirrten (« im Frühling). 

Zur Periphrase rechnet man auch Umschreibungen, bei welchen § 59» 
das Attribut eines Substantivs zum regierenden Substantiv ge- 
macht wird, z. B. 

Und sie nimmt die Wucht des Speeres (= den wuchtigen Speer). Schiller. 



Abgemessen knüpfen sie drauf an die Wage mit säubern 

Stricken die rasche Kraft der leicht hinxdehenden Pferde. Goethe. (H. u. D.) 

Diese Art der Periphrase berührt sich einerseits mit der Metonymie 
(§ 47), anderseits mit dem Epitheton (§ 92) und wird deshalb von 
manchen zu den Figuren gezählt. 

Sie hebt nachdrücklicher als das Epitheton die abstrakte Eigen- 
schaft hervor, die für die betreffende Handlung oder für die Vor- 
stellung des betreffenden Gegenstandes besondere Bedeutung hat, und 
verleiht, indem sie das Abstraktum stark betont, ähnlich wie die 
Metonymie dem Ausdruck geistigen Gehalt, während das Epitheton 
meist die sinnliche Anschauung fördert. 

Umschreibungen dieser Art sind besonders bei Schiller häufig zu 
finden, z. B. 

Auf kurxen Füßen tvird die Last 
Des langen Leibes aufgetürmt 



Eröffnet sich des Rachens Weite. 



Das Kirchlein kennst du, Herr, das hoch 

Des Meisters kühner Geist erbauet. 



Und wütend mit des Schweifes Kraft 

Hat es MIT Erde mich gerafft. (Der Kampf ni. d. Drachen.) 



Sie Moingt jetzt deines Zepters Macht. 

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Mir grauet vor der Oötter Neide; 
Des Lebens ungemischte Freude 
Ward keinem Irdischen xuteil (Der Ring d. Polykrates.) 

(Kraniche), die fernhin nach des Südens Wärme 
In graulichtem Geschwader xiehn. 



Sie'iöie Hand) hat der Leier xarte Saiten, 
Doch nie des Bogens Kraft gespannt, 

Oelocket von der Spiele Pracht, 



Sie schwingen in entfleischten Händen - 

Der Faekei düsterrote lut, (Die Kraniche d. Ibykus.) 

60. 4. Die Antonomasie (äwovo/uiaala), d. b. die Vertauschung des 

eigentlichen Namens einer Person mit einem ihr zukommenden Attribut, 
z. B. „Erderschütterer^^ für „Poseidon^ „ Wolkensammler'^ für „Zeus", 
die Patronymika „PeUde^^ für „Achilles", „Mäonide^^ für „Homer", der 
jyBesieger Karthagos^' für „Scipio". (Vgl. die Beinamen ^yAfricanus^^ , 
„Numantinus^^ u. a.) 

Und es kommt der Oott der Esse, 

Zeus* erfindungsreicher Sohn, Schiller. 



J.CÄ, sie tragen des korsikan' sehen Überwinders Zäume! Platen. 



Sei uns der Gastliche (Zeus Xenios) gewogen. 

Der von dem Fremdling toehrt die Schmach! Schiller. 



Doch dem Schlauen, Vielgewandten (Odysseua) 

Ward der schöne Preis xuteil. Schiller. 

Die Antonomasie berührt sich eng mit der Periphrase. Sie setzt 
wie diese Kenntnis der einschlägigen Verhältnisse voraus, besonders was 
mythologische, sagenhafte und historische Gestalten anbelangt. Sie ist 
daher meist für Gebildete berechnet und findet sich demnach am häu- 
figsten in der gelehrten Poesie. In den rhetorisch ausgeschmückten 
Dichtungen der Römer wird sie mit Vorliebe angewendet. 

61 ♦ Mcht immer ist es leicht zu entscheiden, ob der Ausdruck, den 

ein Dichter gebraucht, tropisch oder im eigentlichen Sinne auf- 
zufassen sei. So ist es in dem Vers 

jySie hatten noch kein Feuer, Wald haiten sie genug . . " Simrock. 

zweifelhaft, ob „Wald" im eigentlichen Sinn verstanden werden soll oder 
Synekdoche für „Holz" ist. Beides ist möglich. 

Anderseits berühren sich die Tropen mannigfach; besonders ist 
dies zwischen der Synekdoche und der Metonymie der Fall. So kann 
in den Versen: 



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4a 

„Es kteht' auch andrer Orten 

Manch treues Herx mir xu"' Seidl. 

Herx = Person stehn (Synekdoche) oder = Gemüt (Metonymie). 

Endlich sind manche sprachliche Wendungen so allgemein üblich, 
dafi der tropische Charakter, der ihnen ursprüngUch anhaftete, ganz 
verblaßt ist, z. B. Wie? das ganze Altertum hätte diese Wundef^ 
geglaubt und es sollte nicht gegönnt sein, sich nach dem Altertume 
XU richten? (Lessing.) 

Man fühlt sie dann kaum mehr als Tropus, wenn nicht etwa noch 
ein Attribut dazu Anlaß gibt, z. B. 

(Helden), die xu der Götter Qlanx und Ruhm 

Erhöh das blinde Heidentum. Schiller. 

In manchen dichterischen Wendungen vereinigen sich mehrere § 62* 
Tropen und Bilder, und zwar entweder derart, daß sie mehr äußerlich 
miteinander verbunden sind, z. B. 

Und stolXf als reichten mir aus Idunas Oold 

Die Q 'Otter, sing' ich meine Freunde . . . Klopstock. 

wo wir einen Vergleich {als reichten mi^^), eine Metonymie (Idunas 
Oold = goldene Schale) imd eine Periphrase (reichten mir [die 
goldenen Äpfel] au^ Idunas Oold = machten mich unsterblich) haben, 
oder so, daß in demselben Wort ein doppelter Tropus enthalten ist. 

Flügel am Fuß reixen sie. (= die Begier nach dem Mahl) m£hr, Klopstock. 

Hier steht zunächst Flügel = Schlittschuhe (Metapher), diese 
aber wieder für Bewegung (Metonymie), da der Sinn ist: Die 
rasche Beuwgung auf dem Eise macht hungrig. 



Figuren. 

Die Figur ist eine kunstgemäß geänderte Form des Aus- § ß3* 
druckes, die dazu dient, einem Worte oder einem Gedanken eine beson- 
dere Betommg zu verleihen. Man würde indes fehlgehn, wenn man 
meinte, daß die Figuren nur der dichterischen Sprache eigen- 
tümlich seien. Sie sind vielmehr zumeist den natürlichen Ausdrucks- 
formen, in denen sich die Kedeweise der Leidenschaft, der seelischen 
Erregung jeglicher Art bewegt, abgelauscht. Darin liegt der Grund, 
daß eine Mgur gerade die (Jemütsstimmung, der sie ihren natürlichen 
Ursprung verdankt, so leicht in dem Hörer wieder erweckt. Daher 
wenden die Dichter Figuren zumeist bei der Darstellung seelischer Erre- 
gung an. Manche Figuren allerdings werden von den Dichtem auch 
dazu benutzt, um einen besonderen Nachdruck auf ein Wort zu 
legen, eine malerische oder eine musikalische Wirkung zu 
erzielen. 



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Die Figur unterscheidet sich von dem Tropus wesentlich dadurch, 
daß sie lediglich durch eine besondere Verbindung der Worte wirkt, 
während die Bedeutung des einzelnen Wortes unverändert bleibt. 
Die Absicht einer jeden Figur ist, die Aufmerksamkeit und das 
Gemüt des Zuhörers auf eine Vorstellung zu lenken. Die 
Mittel, durch die dies erreicht werden kann, sind: 

1. der Gleichklang mehrerer Wörter, 

2. die Wiederholung desselben Wortes, 

3. die Häufung synonymer Ausdrücke, 

4. der Gegensatz, 

5. eine eigentümliche Verbindung der Gedanken, 

6. rhetorische Mittel. 
Man unterscheidet demgemäß: 

1. Figuren des Gleichklanges, 

2. Figuren der Wiederholung, 

3. Figuren der Häufung, 

4. Figuren des Gegensatzes, 

5. Syntaktische Figuren, 

6. Rhetorische Figuren. 

1. Figuren des Gleichklanges. 

64« Man unterscheidet drei Gruppen von Figuren des Gleichklanges. 

In der ersten Gruppe erstreckt sich der Gleichklang auf das 
ganze Wort. Durch den gleichen Klang zweier oder mehrerer Wörter 
wird die Aufmerksamkeit auf die durch diese ausgedrückten BegriflEe 
gelenkt. Der Dichter kann dabei einen ernsten Zweck verfolgen, 
besonders wenn er die Bedeutung eines Wortes durch ein gleiches 
Lautbild in ein scharfes licht rückt, indem er durch den Anklang 
lautlich gleicher Wörter oder Wortformen das Gefühl für den 
etymologischen Zusammenhang weckt (vgl. die Paronomasie). Er kann 
aber auch, wie dies beim Wortspiel häufig der Fall ist, durch eine 
nur scheinbare Lautverwandtschaft der anklingenden Wörter eine ko- 
mische, ironische oder satirische Wirkung beabsichtigen, wie Abraham 
a Santa Clara: „ . . Da heißt es Privilegia, Brieflügen^^, — (Er 
sagt) die Wahrheit denen Wirten, daß sie gar oft Kein-Wein für 
Rhein-Wein, Lugenberger für Luttenberger ausgeben u.dgl. 

Li der zweiten Gruppe erstreckt sich der Gleichklang bloß auf 
einzelne Laute oder Lautgruppen, hat keinen Bezug auf die Bedeutung 
des anklingenden Wortes und dient vorzugsweise zur Erhöhung des 
Wohllautes der Rede. Phonetische Figuren dieser Art sind die 
verschiedenen Arten des Reimes (Stimmreim, Stabreim, Vollreim). 

Die dritte Gruppe dieser Figuren stellt einen inneren Zusammenhang 
her zwischen dem Lautklang eines Wortes oder eines Satzes und der 



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Gehörsempfindung, die durch einen Vorgang erregt wird. Der 
Zweck dieser Figuren ist demimch direkte Scliallnachahmung durch 
die Eede, um dadurch eine lebhafte Versinnlichung des Dargestellten 
herbeizuführen (Lautsymbolik). 

L 1. Der Wortanklang oder die Paronomasie {jiaQovofxaola) be- § 65* 
steht in dem Gleichklang ganzer Wörter: 

Ich hin Regent im Land an Kaisers Statt 

Und vjiU nicht, daß der Bauer Häuser haue, Schiller. (T.) 



JSV setxt' ihn an, er trank ihn aus: 

„0 Trank voll süßer Labe!'' Goethe. 



Wir läuten gern mit lautem Sehall, Uhland. 



Weile noch ein Weilchen/ Rückert. 



Und solang' der Kaiser diesen Friedeland 

Läßt tealten, so tcird nicht Fried' im Land, Schiller. (W. L.) 



Dienen lerne heixeiten das Weih nach ihrer Bestimmung; 

Denn durch Dienen allein gelangt sie endlich xum Herrschen 

Zu der verdienten Gewalt, die doch ihr im Hause gehöret. Goethe. (H. ii. D.) 



Und sein Sold 
Muß dem Soldaten werden; darnadi heißt er, Schiller (W. P.) 

I. 2. Das Wortspiel oder die Parechesis {naqifixYioig) ist mit der § 66* 
Paranomasie verwandt und beruht auf dem Gleichklang einzelner Silben 
in mehreren Wörtern. Das Wortspiel wird meist im ironischen Sinne 
angewendet oder bezweckt eine komische Wirkung: 

Der Rheinstrom ist worden xu einem Peinstrom, 

Die Klöster sind ausgenommene Nester, 

Die Bistümer sind verwandelt in Wüsttümer, 

Die Abteien und die Stifter 

Sind nun Raubteien und Diebesklüfter, 

Und alle die gesegneten deutschen Länder 

Sind verkehrt worden in Elender, Schiller. (W. L.) 



Sirmio: Heute gilt es ein eleusisch wundervoll Mysterium, 
Phyllis: Was flüstert er von Läusen auf dem Mist herum? Platen. 

II. 1. Der Stabreim (Anreim) oder die Alliteration erfordert den § 67* 
Gleichklang der Anfangsbuchstaben^ wobei alle Vokale als gleich- 
klingend gelten, z. B. Haits und Mof, mit Mann und Maus, mit 
Kind und Kegel, über Stock und Stein, durch Nascht und Nebel, in 
Samt und Seide, Wohl und Wehe, Glück und Glas, Geld und G^tt, 
frank und frei, kühn und keck u, s. iv. 



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Die Alliteration kann vereinzelt als Kgur des Wohllautes vöinrehdet 
werden, wie dies bei den antiken und den meisten neueren DfeöKtem 
geschieht; sie kann aber auch als Stabreim ein Bindemittel des Verses 
bilden imd wird dann in der ganzen Dichtung angewendet. 

Ijeise xieht durch mein Qemüt 
Liebliches Geläute. 
Klinge, kleines FrüMingslied, 
Kling hinaus ins Weite! 



Der Sänger singt von der Minne Sold. 



Das ist der Idndtourm, kommt und sehatU, 
Der Hirt und Herden uns verschlungen! 
Das ist der Held, der ihn hex/wungen! 



Heine. 



Schiller. 



Schiller. 



Aus den Wassern schallt es Antwort und in Wirhein klingt es wider. Platen. 
Roland, der Ries' am Rathaus xn Bremen. Rttckert. 



Nun stürxte der Stein mit klatschendem Klange 
Mit schäumenclem Schall in die flimmernde Flut 
Und tauchte xur Tiefe mit dumpfem Oedonner. 
Aus der Wunde des Wassers schien gewachsen 
Eine baumhohe Blume; als deren Blätter 
Von toeißem CHschte fallend vergingen, 
Da rollten die Wogen mit riesigen Ringen 
Herauf und herab am Rande des Rheins. 



Jordan. 



„Der Glockenguß 
von Simrock. 



§68, 



Vgl. „Das Grab im Busento" von Platen, 
Breslau" von Müller, „Langobardische Stammsage^' 

Anmerkung Der Stabreim war bis zur Mitte des neunten Jahrhunderts 
der ausschließliche Reim der deutschen Poesie. Die Vorliebe der Deutschen für ihn 
zeigt sich noch in den vielen Formeln, z. B. f,Wi/nd und Wetter^*, „Stock und Stein'\ 
„Stumpf und Stiel", „Land und Leute" (s. o.) Vgl. das Schiller'Bche „I>onner und 
Doria". In neuerer Zeit hat den Stabreim Jordan in seinen „Nibelungen" 
angewendet. 

IL 2. Der Stimmreim oder die Assonanz benützt den Gleichklang 
der Vokale bei Verschiedenheit der Konsonanten, z. B. Jahr und T€tg, 
Schrot und Korn, angst und btx/ng, kurz und gut, fruchtbar, Turban, 
furchtsam, Hausfrau, Brautschau, stille, milde, Krone, folgen, fun- 
keln, schlummern u. dgl. 



Die Sehollen rollten Stoß auf Stoß. 



Lenore fuhr ums Morgenrot 
Empor aus schweren Träumen, 

Er hat den Knahen wohl in dem Arm. 



Bürger. 

Borger. 
Goethe. 



Da kommen drei Reiter, sie reiten hervw. Goethe. 

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In den spanischen Bomanzen vertritt die Assonanz ünsern Reim; 
tiie und da findet sieh auch bei unsem Dichtern statt des Vollreimes der 
bloße Vokalreim: 

Von dem D(nne Er ist niefnals gestorben, 

Schwer und bang Er lebt darin noch Jetxt; 

Tönt die Qloeke Er hat im Schloß verborgen 

Grabgesang. Zum Schlaf sich hingesetzt. 

Schiller. Rttckert. 



Auf des Lagers weichen Kissen 

Buht die Jungfrau, schlaf befangen. 

Tief gesenkt die braune JVimper, Freiligiath. 

Purpur auf den heißen Wangen. 

IL 3. Der Vollreim umfaßt den Gleichklang der Vokale und der § 69« 
darauf folgenden Konsonanten; vgl. die Redensarten: Gfut und 
Blut, Knall und Fall, mit Rat und Tat, außer Rand und Band, 
ohne Sang und Klang, auf Sehritt und Tritt, weit und breit, 
schlecht und recht; zweisilbig: in Hülle und Fülle, Handel und 
Wandel, schalten und walten, hüben und drüben; mitgefangen, 
mitgehangen, Jugend hat keine Tugend, Wie geivonnen, so zer- 
ronnen. 

Der Vollreim umfaßt zumeist nur eine (betonte) oder zwei Silben 
(eine betonte und eine unbetonte); doch gibt es auch drei- und vier- 
silbige Reime: Oeselligheit: Gefälligkeit: Anstelligkeit; 
schrankenlos: gedankenlos; Vergängliche: Unzulängliche; das 
Unbeschreibliche: Etvig-Weibliche; demütige: Wehmütig e^usw. 
Manchmal reimen auch ganze Wendungen: 
JVbcÄ eine Stunde laßt mich hier verweilen im Sonnenschein, 
Mit Blumen Lust und Gram des Lebens teilen im Sonnenschein/ 

Rückert. 
A n m; Der Reim beruht auf der Laut Wirkung, also auf der gesprochenen 
Rede. Da in vielen Gegenden manche Laute nicht oder nicht ganz der Schriftsprache 
gemäB aufgesprochen werden, z. B. tt = i, ö U = e, äu, eu = ei, d = t, so findet 
man oft Reime wie: Getümmel: Himmel, Hölle: Stelle, Geläute: Weite, Freude: 
Leide: Seite u. a. In der Schriftsprache werden solche Reime als unreine Reime 
empfunden. 

Je nach der Stellung der reimenden Wörter unterscheiden wir § 70« 
mehrere Arten des Reims; die wichtigsten sind: 

a) Der Bndreim, wenn die durch den Reim verbundenen Wörter 
am Ende der Verse stehn: 

Was rennt das Volk ? Was wälxt sich dort 

Die langen Gassen brausend fort? 

Stürxt Rhodus unter Fevers Flammen? 

Es rottet sich im Sturm zusammen 

Und einen Ritter, hoch xu Roß, 

Gewahr ich aus dem Mensehentroß, Schiller. 



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b) Der Binnenreim, wenn die reimenden Wörter in einem 
Verse enthalten sind: 

Dann folget ein singendes, klingendes Chor — 

Das toset find koset so lange — 

Sie kommen und xeigen und neigen si^ alV, 

Unxählige, selige Leute. Goethe. 

Der Endreim wird in den deutschen Gedichtoi als Mittel zur 
Verbindung der Verse verwendet. Den Beiz des Beimes kennzeichnet 
treffend Helena im zweiten Teil von Goethes Faust mit folgenden 
Worten : 

Vielfache Wunder seh' ich, hör' ich an: 



Ein Ton seheint sieh dem andern xu bequemen, 
Und hat ein Wort Man Ohre sieh gesellt, 
Ein andres kommt, dem ersten liebx/ukosen. 

Die Dichter wählen daher für denBeim gerne bedeutungsvolle 
Worte, die, durch den Gleichklang hervorgehoben, einen stärkeren Eindruck 
hervorrufen imd den Gedanken gleichsam von einem Punkte aus hell 
beleuchten. 

Anm. Die Alten bezeichneten den Gleichklang der Wortauagänge mit ofioio- 
reXtvTor (similiter desinens) (a), und wenn die gleichen Wortausgänge durch Kasus- 
endungen gebildet wurden, mit 6f*ouhiTotTov (similiter cadens) (b), z. B. a) Äudaeter 
terrOas, humilitet' plaeas. — Stabat mater dolorosa iuxta erueem lacrimosa. 
b) Ämorem pudarem, — Vgl. das Lied „Dies irae." 

§ 7L ni. 1. Die Schallnachahraung eines Naturlautes durch ein 

Wort nannten die Alten Onomatopöie (ivofjunonoäa). 

Schallnachahmende Wörter sind in allen Sprachen häufig, da ein 
großer Teil des Wortschatzes aller Völker der Onomatopöie seinen Ursprung 
verdankt. Solche Wörter sind im Deutschen z. B. klappern, krachen, 
rctsseln, prasseln, qtuiken, quieken iisw. — Als Onomatopöie bezeichnet 
man aber am besten nur die Neubildung eines solchen Wortes. 

Ein Naturlaut kann zunächst durch eine Interjektion wiedergegeben 
werden, die ihn möglichst nachzuahmen sucht: 

Und draußen — horch/ ging's trapp, trapp, trapp! 

Als lüic von Rossehufen. Bürger. 

Und horch und horch! den Pfortenring! 

Oanx lose, leise: Klinglingling. Bürger. 



Und hurre, hurre, vorwärts ging's, Bürger. 

Aus solchen Interjektionen werden dann Verba gebildet, die ein 
Schallen nachahmend bezeichnen: 

Laut klifft und klafft es, frei vom Koppel, Bürger. 



Xun dappelt's und rappelt's und klappert* 8 im SaaL Goethe. 

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PirrI trippelt's Jieran 

Und stapft %Mm Kahn, Kopisch. 



Muß sehn das Knirschen und das Jappen 

Der Rachen, welche nach ihm schnappen. Bürger. 

2. Die Lautsymbolik (Harmonie) besteht in der Nachahmung einer § 72* 
Gehörsempfindung durch den Klang und den Rhythmus der Rede. 
Die Sprache sucht hier nicht ein Gleiches, sondern bloß ein dem Natur- 
laute Ähnliches zu schaffen. Zu beachten sind daböi sowohl die 
Vokale als auch die Konsonanten. 

Htirtig mit Dannergepolter entrollt' ihm der tückische Marmor,*) Voß. 

Und der Donner in den Bergen 
Stürxendy rollend, grollend dröhnte. 

Longfellow (ttbs. v. Böttger). 

Und hohler und hohler hört man's heulen. Schiller. 



Doch schlürft es und schlamp ft es aufs beste. Goethe. 

Näher und näher 

Kam das Oekling' und das Klatschen der Peitsch' und der Pferde 
Getrampel. Voß. 

Da pfeift es und geigt es und klinget uml klirrt, 

Da ringelt's und schleift es und rauschet und wirrt, 

Da pispert's und knistert's und flüstert's und schwirrt. Goethe. 

2. Figuren der Wiederholung. 

Die Wiederholung desselben Wortes (nodiXloYla oder iteratiö) § 73* 
hebt den betreflfenden Begriff mehrfach, also nachdrücklich hervor: 

Der Schwerting, Sachsenher Mg, der saß beim Festesmahl, 

Da schäumten Weine perlend im eisernen Pokal, 

Da rauchten Speisen köstlich im eisernen Geschirr, 

Da ward von Eisenpanxern ein wild und rauh Geklirr. Ebert. 

Besonders in der Leidenschaft, im Zorn, in der Aufregung der 
Angst, des Schreckens, des Staunens, der Freude und des Schmerzes 
werden einzelne Wörter und ganze Wendungen auch im gewöhnlichen Leben 
oft wiederholt. So ruft das Kind in der Angst: Mutter, Mutter! — 
Jubelnd ruft es, wenn es die langersehnte sieht: Sie kommt, sie kommt! 
— Li demselben Sinne wenden die Dichter die Figur der Wiederholung 
an. Schmerzlich bewegt, sagt Grafin Orsina in „Emilia Galotti^^: 
Nicht gelesen? nicht gelesen? nicht einmal gelesen? 

Aber auch in der feierlichen Rede bedient man sich gerne der 
Wiederholung. So sagt Attinghausen in „Wilhelm Teil": 
Seid einig, einig, einig! 

*) Voß' Übersetzung des homerisch«ii (Od. XI. 698) A^tts ijwta niöwÖs xvlMsro 
Xäag dvaidi^g, 

T u m 1 i r z, Die Sprache der Dichtkunst 4,^ 

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50 

Die Wiederholung eines Wortes oder mehrerer Wörter hat ihren 
psychologischen Grund entweder darin, daß die betreffende Vorstellung 
unsere Seele ganz erfüllt und wir unwillkürlich an ihr festhalten, oder 
darin, daß wir diese Vorstellung einem andern tief einprägen wollen. 
Daher werden die Worte entweder unmittelbar nacheinander wieder- 
holt, oder sie kehren an den Stellen der Rede wieder, die am nach- 
drücklichsten hervorgehoben werden, am Anfange oder am Ende der 
Verse oder Sätze. 

Wiederholt können nicht bloß einzelne Wörter, sondern auch Wen- 
dungen und Sätze werden. Auch kann das Wort in verschiedener Form 
oder Bedeutung wiederholt sein. 

Die Figur der Wiederholung ist neben vielen Klangfiguren in Goethes 
Erlkönig mehrfach und mit größter Wirkung angewendet: 

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? 
Es ist der Vater mit seinem Kind; 
Er hat den Knaben wohl in dem Arm, 
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm, 

yjMein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?^' — 
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht? 
Den Erlenkönig mit Krön' und Schweif? — 
„Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif." — 

„ „Du liebes Kind, komm, geh mit mir! 
Oar schöne Spiele spieV ich mit dir! 
Manch bunte Blumen sind an dem Strand; 
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.** " — 

Mein Vater, mein Vater/ und hörest du niefit, 
Was Erlenkönig mir leise verspricht? — 
„Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind! 
In dürren Blättern säuselt der Wind." — 

„ „Willst, feiner Knabe^ du mit mir gehn? 
Meine Töchter sollen dich warten schön; 
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn 
Und toiegen u/nd tanxen und singen dich ein."" — 

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort 
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? — 
„Mein Sohn, mein Sohn, ich seh* es genau. 
Es scheinen die alten Weiden so grau." — 

„ „Ich liebe dich, mich reixt deine schöne GestaU, 
Und bist du nicht tvillig, so brauch' ich Gewalt." " — 
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an! 
Erlkönig hat mir ein Leids getan! — 

Dem Vater grauset's, er reitet geschunnd, 
Er hält in Armen das ächtende Kind, 
Erreicht den Hof mit Mühe und Not; 
In seinen Armen das Kind war tot. 



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51 

Die Alten unterschieden mannigfache Figuren der Wiederholung. § 74* 
Maßgebend für die Einteilung derselben war zunächst die Stellung, welche 
des wiederholte Wort im Satze hatte. Demgemäß hatten sie auch für die ein- 
zelnen Arten dieser Figuren besondere Bezeichnungen (§§ 75 — 80). Als 
Abarten der Figuren der Palillogie wurde die Wiederholung einer ganzen 
Wendung sowie die eines Wortes in verschiedener grammati- 
scher Form oder in verschiedener Bedeutung aufgefaßt (§§ 81 — 83). 

Die Figuren der Wiederholung, welche eine bestimmte Stellung des 
wiederholten Wortes erfordern, sind: 

1. Die Epizeuxis (kTilCev^ig), d. i. die Wiederholung eines Wortes § 75. 
immittelbar nacheinander: 

Mit Nachdruck: Wach auf, toa eh auf mein Sohn Roland! Uhland. 



Eindringlich: Laß ab, laß ab von dieser Spur! Bttiger. 



Entsetzt: Verloren! Verloren! wer rettet mich? Bürger. 

Ängstlich: Die Glocke, Qlocke tönt nicht mehr. Qoethe. 



Erschrocken: Sieh da, sieh da Timotheus! Schiller. 



Schmerzlich: Es wollte keines, keines für ihn passen. Chamisso. 



Feierlich: Walle! walle manche Strecke! Goethe. 

2. Die Anaphora (ävatpogö), die Wiederholung desselben Wortes oder § 76. 
derselben Worte zu Anfang mehrerer Sätze^ Satzglieder oder Verse: 

Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen! Goethe. 



Sei wahr xu jeder Zeit, wahr in der Gegenwart, 

Für die Vergangenheit tmd auf die kü/nffge Fahrt. 

Wahr in der Gegenwart, so toie du bist dich zeigend, 

Wahr für Vergangenheit, Getanes nicht verschweigend . . Rttckert. 



J.eÄ, und Rom in seiner Schande, das xuvor die Welt gewann, 
Flehte uMm Olymp um einen, flehte nur um einen Mann. Platen. 

Wälxe sie, BusentoweUe, wälxe sie von Meer xum Meere! Platen. 



Gegrüßet seid mir, edle Herrn, 

Gegrüßt ihr, schöne Damen! Goethe. 



Einstimmig, heißt es in dem Protokoll, 

Einstimmig ward der RcUschluß angenommen. Chamisso. 

Und immer höher schwoll die Flut 

Und immer lauter schnob der Wind 

Und immer tiefer sank der Mut. Bttrger. 



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52 



Lockt dich der tiefe Himmel niehty Lockt dich dein eigen Angesicht 
Das feuehtfferklärte Blau? Nicht her in ew'gen Tau? Goethe. 



§ 77* 3. Die Epiphora ßnupoQd), die Wiederholung desselbwi Wortes 

oder derselben Worte am Ende mehrerer Sätze, Satzglieder oder Verse: 

Auf! und nicht länger dich verhehle dem Vaterland! 

Entgegen schmllt ja deine Seele dem Vaterland. Platen. 



Ach, edler Feldherr, es ist geschehn, 

Jetxt hebt sich der östliche Strahl, — 

Sei ruhig, mein Lieber, auf himmlischen Whn 

Entsprang der heilebende Strahl. L. Brachmann. 



VieUeicht vor wenig Tagen noch, heut' nicht mehr, 

Seit der Sesin gefangen sitxt, nicht mehr. Schiller. (W. T.) 



WolV oder wolle nicht! Er ist entdeckt. 

Der tolerante Schwätxer ist entdeckt. Lessing. 



Anm. Die Wiederholung desselben Verses am Ende der einzelnen Strophen 
(Absätze) eines Gedichtes nennt man Relrain oder Kehrreim: 

Röslein, Röslein, Röslein rot, 

Röslein auf der Heiden. Goethe. 

Der Refrain findet sich ziemlich häufig in lyrischen oder kleineren epischen 
Gedichten. (Vgl. j^Die Sonne bringt es an den Tag" von Chamisao.) 

§ 78^ 4. Der Zyklus (xibxXog), die Wiederholimg des Anfangswortes 

am Ende desselben Satzes: 

Der Hunger kam, der Hunger. Chamisso. 



Endlos unter mir seh' ich den Äther, über mir endlos. Schiller. 

Zum Zyklus kann man auch die Wiederholung desselben Wortes 
nach mehreren Vokativen oder nach einem eingeschalteten Ankün- 
digungssatz rechnen: 

Herein, o du Outer, du AUer, herein! Goethe. 



Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften, 

Ihr traulich stillen Täler, lebet wohl! Schiller. (J. v.O.) 



Land! ^'ief es und donnert' es, Land! L. Brachmann. 



§ 79# 5« Die Epanastrophe (i7tavaoTQoq>ij), die Wiederaufnahme des End- 

wortes eines Satzes am Anfang des nächstfolgenden: 

Wer einem Sieger tviderspricht, der widerspricht mit Unbedacht. 

Plftten. 



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58 



Doch darf ich hitteny bitV i4ih eifif. 

Und du fiast mich nicht verlassen, 
Mich verlassen wirst du nie. 



Goethe. 



Rtickert. 



Ja, Sire, wir waren Brüder! Brüder durch 
Ein edler Band, als die Natur es schmiedet. 
Sein schöner Lebenslauf war Liebe, Liebe 
Für mich sein großer, schöner Tod. 



Schiller. (D.C.) 



Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen, 
Wind und Wellen nicht mit seinem Herxen. 



Goethe. 



6. Die Epanodos (kndvodog), die Wiederholung des Anfangs- § 80« 
Wortes des ersten Satzes am Schlusse des zweiten:*) 



Der König ist tot, es lebe der König! 



Und danket Qott so warm, als ick 
Für diesen Tnmk euch, danke. 



Schläft er nicht, möchf er doch schlafen. 



Delavigne. 

Goethe. 
Goethe. 



Sie beugte sich über xu s^wpfen. 
Und er faßte den anderen Krug und beugte sich über. 

Goethe. (H. u. D.) 



Um Mitternacht hab' ich geflacht 
Und aufgeblickt zum Himmel; 



Kein Stern vom Stemgemmmel 
Hat mir gelacht um Mitternacht. 

Rückert. 
Im engeren Sinne nennt man Epanodos die Wiederholung der Worte 
in umgekehrter Ordnung, z.B. 

Das Ende kommt, es kommt das Ende. 



Der Friede wohnt in diesem Kleide, 

In Euren Zügen wohnt der Friede nicht. 

Doch hin und her durch Flur und Wald 
Und her und hin durch Wald und Flur. 



Hesekiel. 
Schiller. (T.) 
Bürger. 



Und es praßten bei uns die Obern und raubten im großen 
Und es raubten und praßten bis xu den Kleinsten die deinen. 
Goethe. (H.u.D.) 



*) Zur Übersicht über die angeftthrten Figuren d«r Wiederholung diene folgende 
Skizze, wobei x das Wort, die punktierte Linie den Satz darstellt: 



1. 

2. X , 

a X, 

4. X 

6 X, 

ft. X 



= Epizeuxis. 
= Anaphora. 
= Epiphora, 
=5 Zyklus. 
» Epanastrophe. 
3= Epanodos. 



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64 

81. Die Wiederholung einer ganzen ßeihie von Wörtern nennt man ge- 

wöhnlieh Epanalepsis {inavdXijtpig, Wiederaufnahme). 

lieb', solang du lieben kannst! 

lieb', solang du lieben magst! 

Die Stunde kommt, die Stunde kommt, 

Wo du an Orabem stehst wnd klagst. Freiligrath. 



Sie singen von allem Süßen, was Mensehenbrust durekbebt, 

Sie singen von allem Hohen, was Mensehenherx erhebt, Uhland. 



„Steh! du segelst umsonst — vor dir Unendlichkeit" 
„„Steh! du segelst umsonst — Pilger, auch hinter mir."" 

Schiner. 

Der Kikhig ruft mit einemmal: 

„Hilf Himmel! seh' ich recht? 

Ich hob' verspottet im offnen Saal 

Mein eigenes Geschlecht. 

Hilf Himmel! Schwester Herta, bleich. 

Im gratien Pilgergewand! 

Hilf Himmel! in meinem Prunksal reich, 

Den BeUdstab in der Hand!" Uhland. 



Die Sterne, die begehrt man nicht. 
Man fretit sich ihrer Pracht, 
Und mit Entxüeken blickt man auf 
In jeder stillen Nacht. 
„Und mit Entxücken blick' ich auf 
So manchen lieben Tag." Goethe. 

Anm. Manche Rhetoren gebrauchten den Ausdruck Epanalepsis für die 
Figuren der Wiederholung überhaupt, so daß in ihm alle Arten begriffen waren. 

82. Die Wiederholung desselben Wortes in verschiedenen Kasus 

heißt Polyptoton (tioIvtitcotov) : 

Und dunkbar im Triumphgepräng' 

Will ihn das Volk dem Volke xeigen. Schiller. 



Des rühme der blut'ge Tyrann sieh nicht. 

Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht. Schiller. 



SoU allein der Christ den Christen 

Nicht machen dürfen? Lesaing. (N.) 



Und laß ihn noch die goldne Last 

Zu andern Lasten tragen. Goethe. 



Wo Chosrus ErücelJesdegerd auf Leichen eine Leiche lag. Platen. 



Doch vergeblich in den Schluchten 

Häuft er Tote nur xu Toten. Geibel. 



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55 

Die Wiederholung desselben Wortes in verschiedener Bedeu- § 83^ 
tnng heifit Dilogie (ddoyla): 

Er hat in ihrem Klange 

Wohl mehr als Klang gehört W. Müller. 

Er schmier te, wie man Stiefel schmiert. Platen. 



Der Jüngling tritt im Frühling 

Als Frühling selbst hervor Goethe. 



Und setxet ihr nicht das Leben ein, 

Nie toird euch das Leben gewonnen sein, Schiller. 

3. Figuren der Häufung. 

Die Figuren der Häufung lassen den hervorzuhebenden Begriff in § 84^ 
verschiedenen Wörtern doppelt oder mehrfach hervortreten, 
um ein längeres Verweilen der Seele bei dem dargestellten Gegenstande 
zu veranlassen. Auch die Häufung synonymer Wörter aur nachdrück- 
lichen Verstärkung des Ausdruckes ist kein bloß künstliches^ sondern 
ursprünglich ein natürliches Mittel der Sprache. Der Scheltende 
häuft im Zorn sinnverwandte Schimpfwörter, der Zärtliche im^ 
Übermaß des Gefühles synonyme Koseworte. Bei den orientalischen 
Völkern macht das lebhaftere Empfinden die Eigentümlichkeit der Rede 
zu einer sehr häufigen Erscheinung, z. B. Wissety daß einst in des 
Glückes Verkümmerung — und des Wohlstands Zertrüm- 
merung — ich mit Oott gemacht einen Anschlag — und ihm ge- 
geben des Gelübdes Handschlag, — nie starkes Getränk zu er- 
handeln, — noch mit Zechern xu wandeln, — noch mich mit 
Wein XU erfüllen — undmit Rausch xu verhüllen. (Eückert.) 

Die Figuren der Häufung haben vielfach dieselbe Veranlassung und 
Wirkung wie die der Wiederholung. Besonders in gewissen Affekten 
(Zärtlichkeit, Zorn, Mitleid, Wohlgefallen) häuft man die Ausdrücke, weil 
sich gleichsam die Seele von der sie bew^enden Vorstellung nicht los- 
machen kann. So nennt der Kapuziner (^Wallensteins Lager") in seiner 
Entrüstung den Peldherm: 

Das ist so ein Ähab und Jeroboam 

So ein Bramarbas und Eisenfresser — 

So ein Teufelsbeschw'örer tmd König Saul^ 

So ein Jehu tmd Holofern, 

So ein listiger Fuchs Her ödes — 

So ein hochmütiger Nebukadnedzer, 

So ein Sündenvater und muffiger Ketxer, 

Ebenso sagt Simon Dach zärtlich: 

Ännehen von Tharau ist, die mir geflült, 

Sie ist tnein Leben, mein Out und mein Geld (= mein Alles). 



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56 

§ 85» Bei den Figuren der Häufung lassen sieh zwei Gruppen unter- 

scheiden : 

1. Man wendet mehrere Wörter gleicher oder verwandter Bedeutung 
an, um eine nachdrückliche und vielseitige Hervorhebung eines Be- 
griffes zu erzielen; 

2. man hebt an einem Gegenstande eine besonders hervorragende 
Eigenschaft hervor, um den Eindruck, den der Gegenstand machen 
soll, nachdrücklich zu verstärken, indem man den Gegenstand von einer 
Seite aus stark beleuchtet, z. B. der schlachtgerilstete, 
fürstliche Mohr (Freiligrath). 

Beide Arten der Häufung sind einander nahe verwandt; vgl. ^^Troh 
Wirbel, Sturm und Wogendrang^^ (Bürger) und „Z>a gähnet und 
lüirbelt der schäumende Schlund/^ (Goethe.) 

Zur ersten Gruppe gehört die Perissologie, die Tautologie 
und der Pleonasmus, zur zweiten das Hendiadys, die Prolepsis, 
die Epexegese und das Epitheton. 

§ 86* 1. Die Perissologie (ncQioaokoyia), die Häufung synonymer 

Wörter zur starken Betonimg eines Begriffes. Vgl. die Redensarten : „ Geld 
und Ouf% „mit Sack und Pack^^, „mit Fug und Rechf^, „ohne Ruh 
und Rasf', „voll Wonne und Lust^^, „mit Spott und Hohn^^, „Schimpf 
und Schande^^, },(^ß ^^^^ OalW^, „hinter Schloß und EiegeV', „am 
hellen lichten Tag^^^ „hegen und pflegen^% „sengen und brennen^', „bitten 
und beschwörend^ usw. 

Demi ich hob* es dem ja gegeben Zn hüten trage und Leib tmd Blut 

Von dem ich Ehre tmd irdisches Out Und Seele und Atem tmd Leben. 

SchiUer. 

Erreicht den Hof mit Mühe und Not. Gtoethe. 



Bim ist% als ob's ihn hdwuberriefy 

Doch es fehlen ihm Schtcingen tmd Flügel. Körner. 

Unermeßlich tmd unendlich, JAegst du vor mdr atisgebreitet, 

Olänxendy ruhig, ahntingssehtaer Altes, heiVges, eto'ges Meer. 

Anast. Grün. 

Und toenn du vergönnest und toenn dir nicht graut. 

So schnwusen die Zwerge behaglich und laut. Goethe. 

Besonders wirkungsvoll wird die Perissologie, wenn der Dichter 
neben dem Gegenstand noch einzelne Züge, Seiten oder Teile her- 
vorhebt, wodurch das Ganze eine mehrfache, starke Beleuchtimg er- 
fährt. Ähnlich wirkt auch die Anführung einer Reihe von Teil Vorstel- 
lung en, aus denen sich das Ganze zusammensetzt. Die Darstellung 
zeichnet sich dann durch größeren Reichtum nnd durch Fülle aus; der 
Eindruck, den wir gewinnen, ist stärker und gleichsam gesättigter. Bei- 
spiele dieser Art sind: 



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57 



I>rwn rcuok bei der mondUehen Helle 
Ina Betty m das Strohs ins Gestelle/ 



Zum Drehen und Walxen und lustigen Hopp. 

So heiß, so stumm, so trübe, 
So sternlos war die Naeht. 



Und hinterher bei KnaU und Klang, 

Der Troß mit Hund und Roß und Mann. 



Und Knall und Sehall und Jagdgebrülle 
Verschlingt auf einmal Totenstille. 



Von Flöten, Saitenspiel, Gesang 
Ward jedes Herx erfreut. 



Goethe. 
Goethe. 

Lenau. 

Bürger. 

Bürger. 

Uhland. 



Aber aus den goldnen Saiten 
Ijoekt Apoll die Harmonie 



Und das holde Maß der Zeiten 
Und die Macht der Melodie. 

Schiller. 
Häufig verleiht die Perissologie dem Ausdruck ein feierliches 
Gepräge (melden und hundtun; ich tu euch kund und xu wissen). 
Eine Perissologie ist es daher auch^ wenn neben der allgemeinen 
Bezeichnung einer Tätigkeit noch die besondere Art derselben ange- 
geben ist, z. B. 

Heulend kommt der Sturm geflogen. 



Und tat nur spöttlieh um sich blicken. 



Schiller. 
Uhland. 



Was Eure Fürstlichkeit bewegen mag 

Also XU tun an Ihrem Herrn und Kaiser, 

Qebuhrt nicht uns xu richten und xu deuten. Schiller. (W. T.) 



Ha^ du dem Herx 
Erforschet, schwörst du und gelobest du, 
Wahrheit xu beichten ffor dem Gott der Wahrheit? Schiller. (M. St) 

2. Der Pleonasmus (nXBovaafidg), die überflüssige Hinzufügung § 87« 
eines Wortes, dessen Begriff schon im Satze enthalten ist: 

Des Waldes nächtlicher Ort Schiller. 

Dadurch wird bewirkt, daß die Aufmerksamkeit der Leser länger bei 
der betreflfenden Vorstellung, die doppelt ins Bewußtsein tritt, verweilt. 
Die pleonastische Hervorhebung eines Wortes geschieht im Deutschen be- 
sonders oft: 

1. durch ein Pronomen: 

Die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn. 



Das Kind, es denkt . 



Die Ratte, die ra^eMe, so lange sie mag! 



Schiller. 
Goethe. 
Qoetiie. 



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58 

2. durch das innere Objekt (figura et3miologica) oder bei unpersön- 
lichen Verben durch die Setzung eines stammverwandten Subjektes: 

Schlaf süßen Schlaf {=^ schlaf sUfi)! Schubart. 

Ich muß die Laute nehmen. 

Fliegen den kühnen Flug. Klopstock. 



Und träumen seligen Traum, Heine. 



Es regnete der Regen aUe Tage. ChamiBso. 

3. durch ein Attribut: 

Der Väter sonst' ger Ruhm. Platen. 

4. durch die Häufung der Negation: 

Keine Luft von keiner Seite. Goethe. 

Das disputiert ihm niemand nicht. Schiller. (W. L.) 



Was hast du angerichtet^ Das ist kein Spidxeug nicht. Chamisso. 
Pleonastisch ist auch die volkstümliche Wendimg: 

Wie war*s so dunkel in dem Wolf seinen Leib! Grimm. 



Auf der Fortuna ihrem Schiff 

Ist Er x/u segeln im Begriff. Schiller. (W. L.) 

Anmerkung. Der Unterschied zwischen dem Pleonasmus und 
der Perissologie besteht darin, daß bei jenem nur durch ein Form wort 
ein längeres Verweilen bei dem betreffenden Begriffe bezweckt wird, ohne d a fi 
er verstärkt würde, bei dieser dagegen eine Verstärkung der Vorstellung 
eintritt Daher verleiht eine richtige Perissologie dem Ausdruck Fülle und 
Reichtum. 

§ 88« 3. Die Tautologie (tavroioYla), d. h. die Erklärung des Gesagten 

durch dieselben Worte. Sie ist ein verstärkter Pleonasmus und verleiht 
dem Worte, das wiederholt wird, einen besonderen Nachdruck. Sie cha- 
rakterisiert oft auch eine leidenschaftliche Stimmimg. (Vgl. das dritte 
Beispiel !) 

Wes ich mich erbarme, des erbarm' ich mich! Luther. 



hn Dorfe war das Alte das Alte. Jean Paul. 

Mutter y Mutter, hin ist hin! 

Verloren ist verloren! Bürger. 



ja, ich sehe. Ich sehe, was ich sehe, Gott, Oottf Lessing. (E.G.) 

Anmerkung. Die Tautologie ist besonders der Sprache der Ungebildeten 
eigen, die oft ein Wort, das ihnen unverständlich ist, durch dasselbe Wort 
erklären, z. B. Konstitution ist halt — Konstitution. Daher gilt die Tautologie, 
wo sie nicht motiviert ist, als ein Zeichen von Gedankenarmut. 



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59 

4 Die Epexegeee (iyteSijyfjoig), d. i. ein nachträglicher erklärender § 89. 
Zu8atz> der sich eigentlich von selbst versteht. Dadurch aber> daß der 
Dichter die eigentliche Bezeichnung der Person oder Sache etwas hinaus- 
schiebt, erregt er eine gewisse Spannung und durch diese unsere Auf- 
merksamkeit. (Vgl. das zweite Beispiel!) 

Nim isfs um den Armen, den Türmer , gesehehn. Goethe. 



Sie trinken das mühsam geholte, das Bier. Goethe. 



Und der es euch anrät und der es befiehlt, 

Er ist es, der gern mit den Kvndelem spielt : 

Der alte Getreue, der Eekart. Goethe. 



Eilt es durch Anger, Feld und Busch 

Zur Kirche, %/ur Kapelle. Goethe. 

Eine ähnliche Wirkung wird erzielt, wenn auf eine Eeihe von bild- 
lichen Ausdrücken, die zunächst dunkel oder halbverständlich bleiben, 
die eigentliche Bezeichnung folgt, welche die Bede auf einmal klar 
und verständlich macht : 

Und einen schlimmern Wurm gebar 

Dein Herx, als dieser Drache war. 

Die Schlange, die das Herx vergiftet ^ 

Die Zwietracht und Verderben stiftet, 

Das ist der widerspenstige Oeist. Schiller. 

5. Die Prolepsis {jiQdXrjyjig), die Beifügung einer Eigenschaft, die § 90^ 
erst durch die betreffende Handlung erzeugt wird, zu einem Substantiv. 
Durch die vorzeitige Hervorhebung wird die Eigenschaft stärker betont. 

Ihm schloß auf ewig Hekate den stummen Mund. Schiller. 



Wahrlich, detn ist kein Herx im ehernen Busen, der jetxo 

Nicht die Not der Menschen, der umgetriebnen, empfindet. Goethe. (H. u. D.) 



Schon hielt sie mühsam in der empörten Brust 

Den engen Atem. Klopstock. 



Den schlechten Mann muß man verachten, 

Der nie bedacht, was er vollbringt. Schiller. 



Da xwang mm Schilbung, nach Schätxen gierig. 

Sein freudloses Volk xum härtesten Frondienst. Jordan. 

Auch die Vorwegnahme eines Gedankens nennt man Prolepsis 
oder Prokatalepsis, z. B. 

Bedenk*, auf ungetreuen Wellen — 

Wie leicht kann sie der Sturm xerschellen — 

Sehfüimmt deiner Flotte xweifelnd Qliick. Schiller. 



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Dl* 6. Das Hendiadys (Sv dia dvoh), die Beiordnung zweier Be- 

griffe, von denen der eine subordiniert sein sollte, 2. B- Leidm&^iaft und 
Liebe (leidenschaftliehe Liebe) ; in Wut und Verxweißing (in der Wut 
der Verzweiflung). 

Wer reitet so spät dtMrch Nacht und Wind (= windige, stürmische Nacht)? 

Goethe. 

AfUfst rieselt ihm durch Mark und Bein. Bürger. 

(Helden), die xu der Götter Qlanx und Ruhm 

Erhob das blinde Heidentum, Schiller. 



Und von des Schiffes ödem La/uf 

Blieb Land und Rettung fem (= das rettende Land). L. Brachmann. 

Durch die koordinierte Nebeneinanderstellung der beiden Begriffe 
wird der untergeordnete Begriff stärker hervorgehoben. Dies ge- 
schieht auch, wenn zwei Verba nebeneinander gestellt werden: 

Und liefen und heulten davon (= liefen heulend). Goethe. 

„Lawrf/" rief es und donnert' es, „Land/" L. Brachmami. * 

92* 7. Das Epitheton (ornans), das schmückende Beiwort, das ein 

in der Vorstellung des Gegenstandes am meisten hervorragendes Merk- 
mal betont : 

Und drinnen waltet 

Die xiichtige Hausfrau 

Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden 

Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden 

Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein 

Die schimmernde Wolle, den schneeichten Lein. Schiller. 



Steht er mit festen, Reicht er nicht auf 

Markigen Knochen Nur mit der Eiche 

Auf der wohlbegründeteny Oder der Rebe 

Dauernden Erde, Sich xu vergleichen. Goethe. 

§ 93* Durch das Epitheton sucht der Dichter entweder die klare An- 

schauung eines Gregenstandes in uns zu fördern oder er bezweckt 
damit, uns seinen Gegenstand von einer Seite zu zeigen, die diesen im 
Sinne der Dichtung charakterisiert. Wenn Klopstoek sagt: 

yySo schweigt der Jüngling lang, 

Dem wenige Lenxe verwelkten, 

Und der dem silberhaarigen, tatenumgebenen Greise, 

Wie sehr er ihn liebe, das Flammenwort hinströmen wiW* — , 

80 gibt er uns mit dem Epitheton y^süherkaarig" eine lebhafte Anschau- 
ung des Greises; dagegen kennzeichnet er duiK^h das Wort yytaten- 



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umgebest'* die ruhmreiche Vergangenheit des Greises (d. i, des Vaterlandes) ; 
er bietet uns also nicht bloß die äußere Erscheinung, sondern 
auch die Bedeutung des Greises. 

Epitheta der ersten Art kann man anschauliche (plastische), 
solche der zweiten Art kennzeichnende (charakterisierende) 
Epitheta nennen. 

Plastisch sind folgende Epitheta in Goethes „Hermann und Doro- 
thea" (Euterpe): Die langen doppelten Höfe — die wohlge- 
zimmerten Scheunen — des Bimbaimis lastende Zweige — der 
kräftig strotxende Kohl — der wohlumxäunete Weinberg 

— von unbehauenen Platten u, s. w. 

Kennzeichnende Epitheta sind folgende : diekluge, verstän- 
dige Hausfrau — das wohlversehene Haus — du gutes, treff- 
liches Mädchen — ein allverhindernder Gh-aben — strahlend 
Über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung — der bittre Schtveiß 
der ewig drängenden Arbeit — in still verzehrendes Elend 

— des edelreifenden Alters Wert u, s, w, 

WeiP OMf mir, du dtmkles Auge, 

Übe deine ganxe Macht, 

Ernste, milde, iräumeriachej 

Unergründlieh süße Nacht! Lenau. 

Wie wirkungsvoll richtig angewendete Epitheta sind, zeigt uns 
Schillers „Spaziergang". Vgl. u. a. folgende Stellen: 

Sei mir gegrüßt, mein Berg mit dem rötlich strahlenden Gipfel! 

Sei mir, Sonne, gegrüßt, die ihn so liebUeh bescheint! 
Dich auch grüß* ich, belebte Flur, euch, säuselnde Linden, 

Und den fröhlichen Chor, der auf den Ästen sich toiegt. 
Ruhige BUme, dich auch, die unermeßlich sich ausgießt 

Um das braune Oebirg*, über den grünenden Wald. 

Deiner Lüfte balsamischer Strom durchrinnt mich erquickend. 

Und den durstigen Blick labt das energische Licht. 
Kräftig auf blühender Au erglänxen die wechselnden Farben, 

Aber der reifende Streit löset in Anmut sith auf. 
Frei empfängt mich die Wiese mit weithin verbreitetem Teppich; 

Durch ihr freundliches Orün schlingt sich der ländliche Pfad. 
Um mich summt die geschäftige Bien*, mit zweifelndem Flügel 

Wiegt der Schmetterling sich über dem rötlichen Klee, 

Doch jetzt braus fs aus dem nahen Gebüsch ; tief neigen der Erlen 
Kronen sieh, und im Wind wogt das versilberte Oras. 

Mich umfängt ambrosische Naeht; in duftende Kühlung 
Nimmt ein prächtiges Dach schattender Buchest mich ein. 



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6? 

In des Wcddes öeheimnU etttflieht mir auf einmal die Landschaft, 
Und ein schlängelnder Pfad leitet mich steigend empor. 

Nur verstohlen durchdrvngt der Zweige laubichtes Qitter 

Sparsames Licht und es blickt lachend, das Blaue herein u. s, w. 

Das Epitheton verleiht dem Ausdruck eine eigenartige Schön- 
heit, indem es entweder die äußere Erscheinung oder das Wesen eines 
Dinges in ein helles Licht rückt. — Es wird daher mit Recht unter die 
Vorzüge der dichterischen Sprache gerechnet und die sinnliche Klarheit 
der homerischen Gedichte beruht nicht ziun geringsten Teile auf seinen 
treffenden Beiwörtern. 

4. Figuren des Gegensatzes. 

§ 94* Wenn zwei Dinge einander gegenübergestellt werden, so tritt, wenn 

sie einander ähnlich sind, ihre Übereinstimmung, wenn sie aber 
einander entgegengesetzt sind, der Gegensatz viel stärker her- 
vor. Neben einem Kleinen erscheint der Große um so größer, der 
Häßliche neben dem Schönen um so häßlicher, das Helle neben dem 
Dunklen um so heller u. s. w. und umgekehrt. 

Will man einen Gegensatz recht deutlich zum Bewußtsein bringen, 
so bedient auch die Sprache sich des Mittels, daß sie entgegengesetzte 
Gedanken einander gegenüberstellt, z. B. 

Es bildet ein Talent sich in der Stille, 

Sich ein Charakter in dem Strom der Welt Goethe. 

Der Gegensatz wirkt um so stärker, wenn er sich dort offenbart, 
wo wir Übereinstimmung voraussetzen, oder wenn sich ein Zu- 
sammenhang zeigt, wo wir einen Gegensatz erwarten. In beiden 
Fällen ist das Moment der Überraschung wirksam. 

Auf hochgestappelte Ballen blickt 
Der Kaufherr mit Erg'ötxen; 
Ein armer Fischer daneben flickt 
Betrübt an xerrissenen Netxen. Anast. Grün. 



Es hat der Schuster Franz xum Dichter sich entzückt: 

Was er als Schuster tat, das tut er noch — er flickt, Leasing. 

Die Figuren des Gegensatzes wirken also nach zwei Richtungen: 
sie heben durch Gegenüberstellung den Gegensatz stärker hervor oder 
sie stellen eine überraschende Verbindung entgegengesetzter 
Vorstellungen her. 

95» 1. Die Antithese (ävTi^eoig^ oppositio), die Entgegenstellung von 

zwei Begriffen oder Gedanken überhaupt. Der Gegensatz ist ausgedrückt 
durch entgegengesetzte Prädikate, selten durch entgegengesetzte Subjekte. 

Die Leidenschaft flieht, — Die Liebe muß bleiben y 

Die Blume verblüht, — Die Frucht muß treiben. Schiller. 



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63 
Der Wahn ist kur%, die Reu* ist lang. Schiller. 



Armut ist die größte Plage, 

Reiektum ist das höchste Out, Goethe. 



Leicht beieinander wohnen die Gedanken, 

Doch hart im Baume stoßen sich die Sachen, Schiller. (W. T.) 



Kurx ist der Sehmerx und ewig ist die Freude. Schiller. (J. v. O.) 



Da sprach er: Wenn ich schösse, ich war' wie HÖder blind; 

Er traf der Götter Freude, ich traf mein einziges Kind. Simrock. 

2. Der Kontrast, die Entgegenstellung zweier Gedanken, die einen § 96* 
inneren Widerspruch enthalten. Dies ist der Fall, wenn sich ein 
Gegensatz offenbart, wo wir eine Übereinstimmung erwarten sollten. 

Ganx Deutschland seufxte unter Kriegeslast; 

Doch Friede war's im WaUensteinsehen Lager. Schiller. (W. P.) 



Und auf seinem Königssitxe 

Schweift er elend, heimatlos. Schiller. 



Der König furchtbar prächtig tde Mufger Nordliehtschein, 

Die Königin süß und milde, eUs blickte Vollmond drein. Uhland. 



Ein Gott bist du dem Volke worden, 

Ein Feind kommst du xurück dem Orden. Schiller. 



Ein kleiner Mann, ein großes Pferd, 
Ein kurxer Arm, ein langes Schwert, 
Muß eins dem andern helfen, Uhland. 

3. Das Oxymoron (6Sv/icdqov), die Verbindung entgegengesetzter § 97* 
Begriffe zur Einheit einer Vorstellung: Ein beredtes Schweigen 
(vgl. cum tacent, clamant). Ein glänxendes Elend. Ein kluger 
Narr, (Geliert.) Pöbelweisheit (Schiller.) 

Hinx, des Mumers Schwiegervater, 

Schling den Takt erbärmlich schön. Lichtwer. 



Das ist Ja gottlos gebetet, Schiller. (R.) 



süßes Graun! Uhland. 



Der Wandrer lauscht mit tcollustvollem Grausen. Schiller. 

4. Das Paradoxon (TtagadoSov = wider Erwarten), die Verbin- § 98. 
düng widersprechender Vorstellungen im Kausal Verhältnis. An eine 
Voraussetzung knüpft sich eine Folge, die unserer Erwartung 
entgegengesetzt ist, z. B. 



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64 
NatariuSj ich machte das Buch xu gut, mithin -^xusehleoht, J. Paul. 



Eratauneruwerte Dinge hoffte man 

Auf dieser Kr iegesbühnc xu erleben. 

jjfifl wirklieh 

Geriet man nah genug hier aneinander y 

Doch — um als Freund, als Oast sieh xu bewirten. Schiller. (W. P.) 



Warum xog das erx4im$e Paar, 

Sistan und wer sein Gegner war. 

Die Degen? Aller Welt xum Schrecken 

Sie — friedlieh wieder einxustecken. Lessing. 

Paradox ist es, wenn einem Subjekte ein völlig unerwartetes Prä- 
dikat beigefügt wird: 

Der wahre Bettler ist 

Doch einx/ig und aüein der wahre König. Lessing. (N.) 



Dann sind sie euch hold, die Unholden. Goethe. 



Ruh' aber für ein starkes Herx ist — Hölle. Byron. 

Das Paradoxon gewährt den Eeiz der Überraschung, da wir etwas 
anderes erwarten, als wirklieh eintritt. Die Überraschung kann 
komisch (lächerlich) wirken, wenn auf das Oroße, Würdige etwas 
Kleinliches folgt (s. Beisp. von Lessing „Auf einen Zweikampf"), 
Aber sie kann auch einen ernsten Eindruck machen, wenn sie einen 
ungeahnten Zusammenhang fremdartiger, widersprechender Vor- 
stellungen aufdeckt : 

Nur der Irrtum ist das Leben 

Und das Wissen ist — der Tod. Schiller. 



Das eigensinnige Herx, der Alehymist, 

Hofft immer neu und jauchxt, — wenn es betrogen ist. Byron. 



Es reißt sich los, uhis erst sieh uns ergab, 

Wir lassen los, was wir begierig faßten. 

Es gibt ein Glück, allein toir kennen* s nicht, 

Wir kennen* s wohl und wissen* s nicht xu schätxen. Goethe. (T.) 

5. Syntaktische Figuren. 

99. Die sjmtaktischen Figuren beruhen auf einer eigentümlichen Ver- 

bindung der Gedanken oder Wörter. Abgerissene Worte und Sätze 
kennzeichnen die gleichsam atemlose Bede der höchsten Erregung, welche 
die natürliche Verbindung einer zusammenhängenden Darstellung nicht 
aufkommen läßt, z. B. : Oe?i — laß alle Glocken ^nsammenläuten, — 



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65 

alles soll in die Kirche — auf die Knie fallen alles — beten für mich 
— alle Gefangenen sollen los sein und ledig — ich tvill den Armen 
alles doppelt und dreifach unedergeben — ich tvill — so geh doch — so 
ruf doch den Beichtvater . . . (Schiller, „Die Räuber"). Umgekehrt zeugt 
oft eine Häufung der Verbindungen davon, daß mit einem Blicke der 
Zusammenhang überschaut wird: Wie? Sie hier, mein Vater? Und 
nur Sie? — Und meine Mutter? nicht hier? — Und der Graf? nicht 
hier? Und Sie so unruhig, mein Vater? (Lessing, „Em. Gal.") Es kann 
sich auch dem Erregten plötzlich ein Gedanke aufdrängen, den er im- 
vermittelt in die Bede einfließen läßt, z. B. Eben hatte ich mich — 
weiter vom Altäre, als ich sonst pflege, — denn ich kam xu spät — 
auf meine Knie gelassen . . . (Lessing, „Em. Gal."). Er kann dabei den 
Faden verlieren und aus der Konstruktion fallen oder er eilt bei der 
aufgeregten Rede über belanglose Zwischenglieder hinweg, verschmilzt 
Fügungen miteinander, die sich sonst nicht vereinigen lassen u. dgl. 

Alle diese Eigentümlichkeiten der leidenschaftlichen Rede benutzt 
auch der Dichter mit starker Wirkung. Manchmal verwendet er auch 
diese syntaktischen Figuren, um die Handlung zu malen, d. h. die 
Vorgänge derselben durch eine entsprechende Anordnung imd Gestaltung 
der Sätze anschaulich zu machen. 

Außerdem können die syntaktischen Figuren angewendet werden, 
um der poetischen Sprache eine eigenartige Färbung zu verleihen, 
durch die sie sich von der Sprache der Prosa abhebt. 

1. Das Asyndeton {äo{fvdexoy = unverbunden), der Mangel an § 100, 
verbindenden Konjunktionen: Ich kam, sah, siegte (veni, vidi, vici). 

Die Bosse toieherten, es schmetterten Trompeten, 

Die Fahnen flatterten, die Fahrt ward angetreten, Rttckert. 

Erschrocken blickt der Qraf umher; 

Er stößt ins Hom, es tönet nicht; 

Er ruft und hört sieh selber nicht; 

Der Schwung der Peitsche sauset nicht; 

Er spornt sein Roß in bettle Seiten 

Und kann nicht vor-, nicht rückwärts reiten, Bürger. 

Das Asyndeton ist besonders dort am Platze, wo der Dichter eine 
Menge von Eindrücken, die sich zu gleicher Zeit dem Geiste 
des Betrachtenden aufdrängen, zu schildern hat. So schildert Schiller 
die Feuersbrunst in der „Glocke" folgendermaßen : 

Flackernd steigt die Feuersäule, Tiere wimmern 

Durch der Straße lange Zeile Unter Trümmern; 

Wächst es fort mit Windeseile; Alles rennet, rettet, flüchtet; 

Kochend, wie aus Ofens Rauchen, Taghell ist die NaM gelichtet, 

Qlühn die Lüfte; Balken krachen, Durch der Hände lange Kette 

Pfosten stürxen, Fenster klirren, Um die Wette 

Kinder jammern, Mütter irren, Fliegt der Eimer; hoch im Bogen 

Spritxen Quellen Wasserwogen, 
T u m li r E, IHe Spi«che der Dichtkunst. 5 

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66 

§ lOL 2. Das Polysyndeton {noXvoivdetov = vielverbunden), die mehr- 

fache Wiederholung derselben Konjtuaktion : 

ijnd drinnen waltet Und wehret den Knaben 

Die nichtige Hausfrau, Und reget ohrC Ende 

Die Mutter der Kinder, Die fleißigen Hände 

Und herr sehet weise Und mehrt den Oetcinn 

Im häustichen Kreise Mit ordnendem Sinn 

Und lehret die Mädchen u. s. w, Schiller. (Gl.) 

Das Polysyndeton malt oft die rasche, unmittelbare Auf- 
einanderfolge einzelner Handlimgen oder Momente eines Vor- 
ganges, z. B. 

Da treibet die Angst ihn, da faßt er sich MtU 

Und toirft sich hinein in die brausende Flut 

Und teilt mit gewaltigen Armen 

Den Strom und ein Oott hat Erbarmen, 

Und gewinnt das Ufer und eilet fort 

Und danket dem rettenden Ootte, Schiller. (Bürgsch.) 

So malt Goethe das rasche Ausbreiten des Brandes in 
„Hermann und Dorothea" folgendermaßen: * 

Der Brand lief 
Eilig die Straßen hindurch, erxetigend sich sdber den Zugtcind. 
Und es brannten die Scheunen der reichgesammelten Ernte 
Und es brannten die Straßen bis xu dem Markt und das Haus war 
Meines Vaters hier neben verxehrt und dieses xugleich mit, 

§ 102. 3. Die Parenthese (nager^eaig), die Einschiebung eines Neben- 

gedankens in der Form eines selbständigen Hauptsatzes. 

Der Dichter unterbricht den Fluß der Rede und knüpft an das 
unmittelbar zuvor Gesagte einen sich ihm selbst oder der redenden 
Person aufdrängenden Gedanken, der entweder eine Erläuterung, Be- 
gründung, Vennutung oder den Ausdruck einer hervorbrechenden Stim- 
mung enthält. 

EJr hört — schon kann er nicht mehr sehn — 

Die nahen Stimmen furchtbar krähn. Schiller. 



Und eilt mit freudigen Sprüngen — man weiß, wie Kinder sind — 
Zur Burg hinan und stehet den Vater auf geschtoind. Chamisso. 

Da häkelt — jetxt hat er am längsten gelebt — 

Den Zipfel ein eiserner Zacken. Goethe. 



.Per stille Oott — o weinet, meine Brüder/ — 
Der stille Oott taveht meine Fackel nieder. Schiller. 

Parenthetisch steht häufig ein Ausruf, welcher die Gemüts- 
bewegung, die durch die Handlung erregt wird, kennzeichnet; 

Und hinter ihm — welch Abenteuer! — 

Bringt man geschleppt ein Ungeheuer^ Schiller. 



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67 

4. Das Anakoluth (ävax6Xotr&op), das Abgehen von der angefan- § 103* 
genen Satzkonstruktion: 

Der, schläft er nichty möehV er doch schlafen! Goethe. 

Eine Anakoluthie entspringt oft der Überfülle und Heftigkeit zu- 
strömender Vorstellungen, so daß der Dichter durch sie einen Gemüts- 
zustand zeichnen kann: 

Einsam auf des Berges Rohen, 

Stark und immer grün Mi stehen — 

Tanne, könnt' ich mit dir tauschen! Freiligrath. 



Montag morgens — ich weiß es genau; denn Tages vorher war 
Jener schreckliche Brand, der unser Städtehen verxehrte — 
Zwanxig Jahre sind's nun; es war ein Sonntag wie heute 

u. s. ic. Goethe. (H. u. D.) 

Doch zeugen auffallende Anakoluthien auch oft von einer geistigen oder 
sprachlichen Unbeholfenheit des Redenden. Daher kann der Dichter 
solche Personen durch sie treffend charakterisieren. 

5. Die Ellipse {eXleiipig), die Auslassung eines Wortes oder eines § 104. 
Gedankens, der sich aus dem Zusammenhange ergibt : 

Der Graf im Behagen des Traumes: 

„Bedienet euch immer des Raumes !^^ Goethe. 



Nicht lang, da ward's im Saale gar schwül. Ebert. 



Und wenn ihr die schwarxen Gesellen fra^t: 

Das ist Lütxows tvilde, verwegene Jagd, Kömer. 

Oft skizziert die Ellipse in großen Umrissen das Gemälde, dessen 
Vervollständigung der Phantasie des Lesers überlassend. Diese Darstellung 
kann imter Umständen einen großen malerischen Effekt haben. Sie 
eignet sich am ehesten für Schilderungen düsterer oder geheimnis- 
voller Zustände oder Vorgänge, z. B. 

Dämmerung! — D<is Lager! — Dumpf herüber schon 

Vom Zelt des Feldherrn donnerte der Ton 

Der aif endlichen Lärmkanonen; 

Dann Zapfenstreich, Querpfeifen, Trommelschlag, 

IZusammenflutend die Musik darnach 

Von xtffdundxwanxig Bataillonen, Freiligrath. 

Auch in heftiger leidenschaftlicher Erregung findet man oft nicht 
Zeit oder Worte, um einen Satz vollständig auszugestalten. Man über- 
springt in Hast Nebensätze und Satzteile, um sich möglichst kurz und 
scharf auszudrücken, z. B. 

Ich liebe, wer mir Gutes tut, und hasse. 

Wer mich verletxt, und isfs der eigne Sohn, 

Den ich geboren, — desto hassenswerter ! Schiller. (J. v. O.) 

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68 

oder unterdrückt den Nachsatz, weil man entweder nicht imstande 
ist oder es nicht wagt, dem Gedanken, der einen heftig bewegt, beäng- 
stigt, Ausdruck zu verleihen. 

Wenn der Quß mißlang? 

Wenn die Form Tier sprang? Schiller. 

So unterdrückt Schiller im „Taucher" das aufregende Hinabspringen 
des Jünglings und setzt dafür nur ein gleichzeitiges Moment, den Schrei 
des Entsetzens: 

Jetxt sehneüf eh die Brandung miederkehrt, 

Der Jüngling sieh Gott befiehlt, 

Und — ein Schrei des Entsetxens wird rings gehört — 

Und schon hat ihn der Wirbel hinweggespült. 

Ein Mägdlein itdndet Blut* und Klee, 

Er (der Tod) tritt heran; ihr wird so weh — 

Wer mag den Strauß vollenden? Geibel. 

Die zuletzt erwähnte Art der Ellipse berührt sich mit der Aposio- 
pesis (§ 115). 

Anmerkung. Die gewöhnliche Ersparung von Formwörtern (Ende gut, 
alles gtä! — Bitte sehr! — Danke!) ist eine grammatische Eigentümlichkeit, aber 
noch keine eigentliche Figur. Zu dieser gehören nur die Ersparungen, deren Ergänzung 
uns weniger geläufig erscheint, so daß unsere Aufmerksamkeit erregt wird, 
besonders also die Ellipsen eines ganzen Gedankens. 

§ 105* 6. Das Zeugma {CevyjLia, die Zusammenjochung, das Joch), die 

Beziehung eines Prädikates auf mehrere Subjekte, von denen nur eines 
zu ihm paßt: 

Und so lag xerbrochen der Wagen und hilflos die Mensehen. 

Goethe. (H. u. D.) 

Doch rechnet man zum Zeugma auch die unrichtige Beziehung 
eines Wortes auf mehrere andere, während es grammatisch nur zu einem 
derselben gehören kann. Dies ist besonders der Fall, wenn ein Wort 
ausgelassen wird, das in anderer Form vorangeht. 

Fahnen, giUe alte Fahnen, 

Die den Cid so oft begleitet 

In und siegreich aus der Schlacht. Herder. 



Die Weiber mögen abMehn und jede habe frei, 

Was (Obj.) sie vermag %u tragen tmd (Subj.) ihr das Liebste sei. Chamisso. 

Ich lasse jedem seinen Sinn und Neigung. SchHler. (W. T.) 

Geschah mit meinem Wissen und Erlaubnis. Schiller. (W. T.) 

^ 106* 7, Das Hyperbaton (vjtiQßazov, verbi transgressio, Quint.), die ab-- 

sichtliche Abweichung von 4er gewöhnlichen Wortstellung im Satzeu 
Die Sprache erhält dadurch einen gehobenen Ton; deshalb ist das 



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Hyperbaton eine besonders charakteristische Eigentümlichkeit der poe- 
tischen Sprache nicht bloß bei den deutschen, sondern auch bei den 
antiken Dichtem. 

Seine Worf und Werke Edel sei der Mensch, 

Merkt' ich und den Brauch. Goethe. Hilfreich und gut! Goethe. 



Sckön isfSy Großes m$ tun und Unsterbliches. Platen. 

Streng herrscht und blind der eiserne Befehl. Schiller» (W. T.) 

Die ich rief, die Geister, 

Werd? ich nun nicht los. Goethe. 



Nicht die ganxe, nicht die halbe 

Blieb mir, Saite nicht noch Schaft. Uhland. 

Im Hyperbaton erhält das Wort eine Stellung, die ihm den beab- 
sichtigten Nachdruck verleiht; daher steht das hervorgehobene Wort be- 
sonders am Anfang oder am Ende: 

Trauernd tief saß Don Diego, 

Wohl war keiner je so traurig. Herder. 

In seinen Armen das Kind war tot. Goethe. 



Wir wollen sein ein einxig Volk von Brüdern, 

In keiner Not uns trennen und Gefahr. Schiller. (T.) 

oder in chiastischer*) Weise: 

Das Leben (») ist der Güter (l>) höchstes nicht. 

Der Übel (h) größtes aber ist die Schuld (»). Schiller. (Br.v.M.) 

Anmerkung: Das Hyperbaton (= veränderte Wortstellung) unter- 
scheidet sich von der grammatischen Inversion, d. i. der geänderten Wort- 
folge. Vgl.: 

Der Metisch sei edel, hilfreich und gut! (Natürl. Wortfolge.) 

Edel, hilfreich und gut sei der Mensch! (Inversion.) 

Eklet sei der Mensch, hilfreich und gut! (Hyperbaton.) 

8. Die Hypallage (vnakXayri, Verwechslung), die Beziehung eines § 107* 
Wortes zu einem anderen Satzteil, als zu dem es dem Sinne nach 
gehört : 

Laßt mir den besten Becher Weins 

In purem Golde reichen! 

(statt: „einen Becher des besten Weines**.) Goethe. 



Schon hebt sich der östliche Strahl (statt: „im Osten der Strahl**). L. Brachmann. 



Es rinnet der Tränen vergeblicher Lauf Schiller. 



*) Der Chiasmus (Kreuzstellung) verbindet zwei Paare entsprechender Vor- 
stellungen so, daß der ersten die vierte, der zweiten die dritte entspricht nach dem 
Schema: JXi (X = X)i daher der Name. 



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70 

Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab, Schiller. 



Mit des Jammers stummen Blicken. Schiller. 



Aber da trat herbei der Apotheker behende, 
Zupfte den geistlichen Herrn und sagte die wispernden Worte, Goethe. (H. u. D.) 

Die Wirkung der Hypallage beruht vor allem darauf, daß das Wort, 
welches in eine unerwartete Beziehung tritt, unsere Aufmerksamkeit er- 
regt, also hervorgehoben erseheint. In Fällen aber wie: 

„Und ruft mit hocherstauntem Blick,^^ Schiller, 

verleiht die Hypallage der Darstellung ein lebhafteres, sinnlichereK 
Gepräge dadurch, daß die abstrakte Eigenschaft nicht mit der Person, 
sondern mit irgendeinem Umstand verbunden wird, an welchem die 
Eigenschaft sichtlich hervortritt. (Vgl. die letzten Beispiele.) 

§ 108* 9. Die Enallage (haXXayij) ist die Abweichung des Ausdruckes 

von dem gewöhnlichen Sprachgebrauche: 

Denn wir hohen 

Deiner Gaben 

Vollgemessen! Goethe. 

Eine solche Abweichung kann in der mannigfachsten Weise statt- 
finden, in bezug auf das Nomen, das Verb, eine Partikel oder 
selbst in bezug auf die Satzkonstruktion. 

Die wichtigsten Fälle der Enallage sind: 

1. Der Grebrauch seltener oder veralteter Formen (Archaismen) 
des Nomens, Pronomens oder Verbums: 

Die Hausgenossin, drei arms Kind (= Kinder). Goethe. 



Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer 

Vom Morgen strahlt. Goethe. 



Der wackere Schwabe forcht sich nit. Uhland. 



Das ist seine Beute, 

WoA da kreucht und fleugt. Schiller. (T.) 



Das ein verbrochen Hufeisen was. Goethe. 

2. Die Bildung neuer Formen nach Analogie anderer verwandter 
Wörter : 

Nun ist das Meine meiner als jemals. Goethe. (H. u. D.) 



Das Wunder, es dauert vum morgenden Ta^. Goethe. 

3. Der Gebrauch eines Kasus statt eines andern oder statt einer 
präpositionalen Wendung. Häufig liegt diesem Gebrauch eine alter- 
tümliche Ausdrucksweise oder eine Anlehnung an fremde Sprachen 
zugrunde. 

Es schenkte der Böhme des perlenden Weins. Schiller. 



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Es sei ihr Tempelherr 
Kein Irdischer und keines Irdischen. 



Es lacht' auch andrer Orten 
Manch treues Herx mir xu. 

4. Der transitive Gebrauch eines intransitiven Verbs: 
Urenkel denkend (statt: an U.). 



Höh res bebt das Blatt im Moose, 
Als das Felshaupt trotxt im Sturm. 



Lessing (N.). 



Seidl. 



Klopstock. 



Rttckert. 



Und glühtest y jung und gut, 

Betrogen, Rettungsdank 

Dem Schlafenden da droben? Goethe. 

5. Der attributive Gebrauch der prädikativen Form des Adjektivs: 

Ist deine Mutter so edle Dam% 

Wie du berühmst, mein Kind, 

So hat sie wohl ein Schloß lustsam 

Und stattlich Hof gesind? Uhland. 



Bei einem Wirte wunder mild. 
Da war ich jüngst xu Gaste, 



Uhland. 



Soll ich den lieben Vater mein 

Im besten Schlafe wecken? Uhland. 

6. Der Gebrauch des Komparativs im Sinne eines gesteigerten 
Positivs nach Analogie der klassischen Sprachen: 

Wie Ona im Fluge, jugendlieh ungestüm 
Und stolx, als reichten mir aus Idunnas Qold 
Die Q'ötteTf sing' ich, meine Freunde 
Feiernd in kühnerem Bardenliede. 



Klopstock. 
Klopstock. 



Hör* es mein leiseres Ohr! 

7. Der abweichende Gebrauch einzelner Partikeln, besonders der 
Konjimktionen : 

Bin weder Fräulein, weder schön. Goethe (F.). 



Alba: Wer nimmt's auf sich, den König xu belehren? 
Domingo: Noch Sie, noch ich, Schiller (D. C), 

Die Enallage verleiht der Sprache den Beiz des ungewöhnlichen. 
Sie wird daher besonders angewendet, wenn der Dichter entweder eine 
volkstümliche Färbung der Rede beabsichtigt (wie Uhland), oder wenn 
er seiner Darstellimg den Charakter des Erhabenen, Schwungvollen 
geben will (Klopstock). 



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72 

6. Rhetorische Figuren. 

§ 109* Die rhetorischen Figuren haben den Zweck, einem Gedanken durch 

eine eigentümliche Gestaltung des ganzen Satzes eine 
besondere Betonung zu verleihen und dadurch den Eindruck zu erhöhen, 
den er auf den Zuhörer machen soll. 

Die rhetorischen Figuren beruhen zum Teil auf der Vertauschung 
der Satzformen (Frage, Frage und Antwort, Ausruf statt der einfachen 
Behauptung), Vertauschung der Personen (2. statt 3. oder 1.), endlich 
auf einer künstlichen Steigerung des Gedankens (durch plötzliches Ab- 
brechen oder stufenweise Verstärkung). 

Der (Jebrauch der fragenden Satzform oder des Ausrufes statt 
eines einfachen Behauptungssatzes ist auch der gewöhnlichen Ausdrucks- 
weise nicht fremd. Man kann den Gedanken j^Das Tal ist hetrlich^' auch 
durch die Frage ^Ist das Tal nicht herrlich?^ oder durch den Ausruf 
y^Ist das ein herrliches Tal!^^ ausdrücken. In dem Behauptungssatz 
äußert sich der kritische Verstand ohne sonderliche Gemütsbewegung; in 
dem Fragesatz äußert sich das Gefühl der Bewunderung, das Mitbewun- 
derung fordert; in dem Ausrufsatz endlich kommt ein noch stärkeres 
Gefühl, etwa das des Entzückens, zum Ausdruck. Auch das Abbrechen 
eines Satzes kommt in der gewöhnlichen Sprache oft vor, z. B. j^Sie 
sind ein — fast hätte ich etwas gesagt^. Dagegen sind die anderen 
rhetorischen Figuren fast ausschließlich der Dichtung und der gehobenen 
Sprache des Redners eigentümlich. 

§ 110 1. Die rhetorische Frage {hgAtri^a, interrogatio), die Frage statt 

einer Behauptimg des Gegenteils: 

Wer xählt die Völker^ nennt die Namen^ 

Die gastlich hier vusammenkumen? Schiller. 

Der Sinn dieser Frage ist klar, da die Antwort nur verneinend 
ausfallen kann (niemand). Soll die Antwort bejahend ausfallen, so muß 
die Frage die Negation enthalten (s. o. : „Js/ das Tal nicht he?THch?"), 

Was wäre %u tun in der herbstlichen Nacht? Goethe. 



Wer wußte je das Leben recht xu fassen? 

Wer hat die Hälfte nicht davon verloren 

Im Trawn, im Fieber^ im Gespräch mit Toren, 

In Liebesqualy im leeren Zeitverprassen? Platen. 



,jWas hab' ich, 

Wenn ich nicht alles habe?^' sprach der Jüngling^ 

„Oibt's etwa hier ein Weniger und Mehr? 

Ist deiiie Wahrheit wie der Sinne Qlück 

Nur eine Summe, die man größer, kleiner 

Besitzen kann und. i^mner doch besitzt? 

Ist sie nicht eine eim%,*ge, ungeteilte?'^ Schiller. 



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73 

Die rhetorische Frage verleiht der negativen Behauptung einen 
stärkeren Nachdruck als ein Behauptungssatz, weil durch sie der Hörer 
zur Verneinung, also gleichzeitig zur Anerkennung der Meinung 
des Redenden gezwungen wird. 

2. Die rhetorische Antwort (&rt6xQiaig, responsio), eine Antwort, § 111* 
welche der Sache eine andere Wendung giht, als durch die Frage an- 
gestrebt wurde: 

B. Klärchen, siehat du nicht, wo wir sind? 

K. Unter dem Himmel, der so oft sieh herrlicher xu wölben schien, wenn der Edle 
unter ihm ging» Goethe (£.). 

Erfolgt die Antwort auf die eigene Frage, so nennt man diese 
Figur Hypophora {fmo^poga, subiectio). 

War dies Herrschsucht? 

Doch Brutus sagt, daß er herrschsüchtig war, 

Und Brutus ist ein ehrenwerter Mann. (Shakespeare (Cäaar). 

Bravheit ist er seiner Ehre Für sie stirbt aus echtem Stamme 

Schuldig; schadet der die Jugend? Selbst das neugeborne Kind, Herder. 

Ein Beispiel der eigentümlichen Hypophora, die im Slavischen sich 
häufig findet, bietet Goethe (Klaggesang von der edlen Frauen des Asan Aga) : 

Was ist Weißes dort am grünen Walde? Wären' s Schwäne, wären weggefloge^i, 
Ist es Schnee wohl, oder sind es Schwäne? Ist kein Schneenicht, es sind keine Schwäne, 
War' es Schnee, er wäre weggeschmolxen; 's ist der Olanx der Zelten Asan Aga. 

Die Verbindung von mehreren Fragen und Antworten, wodurch 
gleichsam die Gesprächsform nachgeahmt wird, heißt Dialogismus {diaXo- 
yiafxog, communicatio). 

Ist der Prater ein Park? Nein. Ist er eine Wiese? Nein. Ist er ein Oartenf 
Nein. Ein Wald? Nein. Eine Lustanstcdt? Nein. Was denn? Alles dies zu- 
sammengenommen. Stifter. 

Die Form des Dialogismus findet sich ziemlich häufig in Balladen. 
Vgl. die schottische Ballade „Edward" (Herder) und auch Goethes „Erl- 
könig". 

3. Der rhetorische Ausruf {ixfpcovrjaig, gewöhnlich exclamatio § 112» 
genannt) dient zum Ausdruck eines Gedankens, der von einer lebhaften 
Gemütsbewegung des Kedenden begleitet ist; 

Hat der alte Hexenmeister 

Sich doch einmal wegbegeben f Goethe. 



ihr Heiligen des Himmels, 

Wie ward Cid auf dieses Woi't! Herder. 



Wie tief ich auf immer geschlagen nun bin ! Bürger. 



So mög* auch Oott, der allmächtige Hortj 

Der das Flehen der Schwachen erhöret, 

Zu Ehren Euch bringen hier und dort! Schiller. 



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74 



Welch ein Gefilde 
Zum schönsten Bilde 
Für Dietrichs Hand! 



Wie herrlieh leuchtet 
Mir die Natur! 



Wie glänxt die Sonne 
Wie lacht die Flur! 



Bürger. 



Goethe. 



Der Ausruf ist nur dann richtig angewendet, wenn er wirklich der 
Ausdruck einer starken Erregung (Freude, Entrüstung, Verzweiflung oder 
Begeisterung, Staunen, Entzücken u. a.) ist. 

Da jedes starke Gefühl eine möglichst prägnante, kurze Passung des 
Gedankens erheischt, wie oben bei der Ellipse gezeigt wurde, so ist es 
leicht erklärlich, daß mit dem rhetorischen Ausruf häufig die Ellipse 
verbunden ist, z. B. 

Welche Miene! Welche Blicke! 



Welch entsetzliches Qeioässer! 



Goethe. 



J3a, wohl gesprochen, lieher Mann! Bürger. 

113* 4. Die Apostrophe {ä7iooxQO(pi^, Anrede) ist die direkte Anrede 

einer abwesenden Person, als ob sie gegenwärtig wäre: 

braver Mann! braver Mann! zeige dich! Bürger. 



Rienxij letzter Römer! Jedes Blatt, 
Das noch am welken Freiheitsbaum gediehn, 
Sei tcie ein Kranz für deine Ruhestatt! 



Byron. 



Es di&tit ein Stein, worauf er litt, dem Toten 
Zur Ruhestätte wie zum Monumente — 
Und Friede sei dir, Schmerzenssohn, entboten! 

Die Hiäle gibst du hin dem Elemente, 
Allnächtlich strahlend über dir entzünden 
Des Kreuzes Sterne sich am Firmamente, 

Und was du littest, wird dein Lied verkünden. 



Chamisso. 



Auch sich selbst kann der Sprechende apostrophieren (Selbst- 
apostrophe), sei es, daß er direkt sich nennt, als ob er eine 2. Person 
wäre, wobei dann auch die 1. mit der 2. Person vertauscht erscheint: 
Da bist du nun, Oräflein, da bist du zu Haus. Goethe, 

oder daß er einzelne Teile seiner Person anspricht: 

Im Sa^ voll Pracht und Herrlichkeit 

Schließt, Äugen, euch! Goethe. 

Herz, mein Herz, sei nicht beklommen 
Und ertrage dein Geschick! Heine. 

Die Apostrophe kann aber auch an einen leblosen Gegenstand, 
ja selbst an einen abstrakten Begriff gerichtet sein, der dann personi- 
fiziert erscheint, z. B. 



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75 



Ich hah* dich nicht vergessehj 

Mein liebes Österreich! Seidl. 



Willkommen^ o sÜbemer Mond, 

SMmery stiller Oefährt* der Nacht.' Klopstock. 



Eilende Wolken, Segler der Lüfte! 

Wer mit euch wanderte, mit euch schiffte! 

Grüßet mir freundlieh mein Jugendland! Schiller. 



xf 



Du Schwert an meiner Linken, 

Was soll dein freudig Blinken? K6rner. 



Und nun komm, du alter Besen! Goethe. 



Aber, o Tat -^ 

Darf at4s dunkler Ferne sich attch dir nahen die Dichtkunst? 

Klopstock (M.). 

Ooldne Träume, kommt ihr wieder? Goethe. 

Vgl. in dem Gedichte „Des Sängers Fluch" von Uhland die drei- 
fache Apostrophe: 

Weh* euch, ihr stolxen Rallen! 

Weh* euch, ihr duffgen Gärten im holden Maienlicht! 

Weh* dir, verrttchter Mörder! du Fluch des Sängertums! 

Bei der Apostrophe wendet sich der Dichter von den Zuhörern ab § 114» 
und dem Gegenstande oder der Sache zu, die er anspricht. Da erscheint 
gleichsam das Apostrophierte leibhaftig vor den Augen der Zuhörer, deren 
Phantasie somit einen starken Impuls empfängt, die Gestalt oder Sache 
sich lebhaft zu vergegenwärtigen. 

Daher verwendet Homer und nach seinem Vorbild andere Epiker, 
z. B. Voß und Goethe an Stellen, die eine große Spannung erregen, 
die Apostrophe an eine Person statt der Bezeichnung derselben, z. B. 

Drauf antwortetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau, 

Voß (L.). 

Aber du zaudertest noch, vorsichtiger Nachbar^ und saugtest . . 

Goethe (H. u. D.), 

5. Die Aposiopesis {änoauoTitjoig, reticentia), das absichtliche, § 115« 
plötzliche Abbrechen derRede. Der Redende will etwas aussprechen, 
besinnt sich jedoch plötzlich imd bricht mit einer motivierten Wendung 
ab. Das Fehlende zu ergänzen, bleibt dem Hörer überlassen. Dieser 
nimmt die Ergänzung im Geiste auch vor und fühlt so ganz die Wucht 
des Gedankens, den der Redende auszusprechen sich gleichsam scheut: 

Man hat ihm Steckbriefe tuichgesMckt, die Beleidigten schreien lata um 
Genugtuiung, ein Preis ist auf seinen Kopf gesetzt. Der Name Moor — Ne in, me i n e 
armen Lippen sollen nimmermehr einen Vater ermorden. Schiller (R,). 



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76 

Just: Mache Er sich keine Mühe, Herr Wirt! Der Trapfen soll %/u Qift 
werden, den — doch ich will nicht schwören; ich bin noch nüchtern. 

Lessing (M. v. B.). 

Mehr als mein Leben lieb^ ich meine Freiheit^ 

Und wer mich hier fferwundet — doch warum 
Mit euch mich streiten über meine Rechte! 

Schiller (J. v. O.). 

Wem hier, wem jetzt 

Die Schuppen nicht vom Auge fallen — • doch 

Sei blind, wer will! Lessing (N.). 

§ 116* Eine gewissermaßen umgekehrte Aposiopesis findet sich oft in 

lyrischen Gedichten. Das Gedicht beginnt derart^ daß es unmittelbar 
an einen vorhergehenden, nicht ausgesprochenen Gedanken an- 
knüpft. Dieser ist dann aus dem Zusammenhang zu erschließen. 

Und frische Nahrung, neues Blut 

Saug* ich aus freier Welt, Goethe. 

Und drätU der Winter noch so sehr 

Mit trotvigen Oeberden, GeibeL 



So willst du treulos von mir scheiden 

Mit deinen holden Phantasien? Schiller. 

§ 117« 6. Die Redeeinfuhrung (didXoyog, Sermocinatio). Eine ab- 

wesende Person oder ein Gegenstand wird redend eingeführt. Gewöhnlich 
werden dabei die Gedanken, die bei der Betrachtung des Gegenstandes in 
uns erregt werden, dem Gegenstande selbst in den Mund gelegt. 

So läßt Freiligrath in seinem Gedichte „Der Blumen Rache" die 
Blumen singen: 

Mädchen, Mädchen! von der Erde Wo uns Lenxenslüfte kühlten, 

Hast du grausam uns gerissen, Unsre schwanken Stengel beugend, 

Daß wir in der bunten Scherbe Wo tvir nachts als Elfen spielten. 

Schmachten, welken, sterben müssen. Unserm Blätterhaus entsteigend. 

wie ruhten wir so selig Hell umfloß uns Tau und Regefi, 

An der Erde MtUterbrüsten, Jetxt umfließt uns trübe Lache; 

Wo, durch grüne Wipfel brechend, Wir verblühn; doch eh* wir sterben, 

Sonnenstrahlen heiß uns küßten, Mädchen, trifft dich unsre Rache. 

Andere Beispiele bieten „Die Baumpredigt" von A. Grün, „Die 
beiden Rosen" von Platen. 

Eine besondere Anwendung findet die Redeeinführung in der Fabel. 
Die Wirkung der Sermocinatio ist dieselbe, wie die der Personifikation. 
Sie erhebt das Leb- imd Gefühllose in die Sphäre des Bewußten. 
§ 118* 7. Die Klimax {xXTjuai, gradatio), die Steigerung des Gedankens 

durch die stufenmäßige Verstärkung des Ausdruckes oder Bildes: 

Eine schöne Menschenseele finden, 

Ist Gewinn; ein schönerer Gewinn ist, 

Sie erhalten; doch der schönst* und schwerste, 

Sie, die schon verloren war, vu retten. Herder. 



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77 



Gefährlich isfs, den Leu Mt wecken, 

Verderblich ist des Tigers Zahn, 

Jedoch d^r schrecklichste der Schrecken, 

Das ist der Mensch in seinen Wahn, Schiller. 



Tapfer ist der Löwensieger, 

Tapfer ist der Weltbexwinger, 

Tapfrer, wer sich selbst bezwingt. Herder. 

Wenn du dein Wort nicht hältst, so möge dein Sohn ein Feiger, ein Nichts- 
würdiger werden; er möge, wenn er zwischen Tod und Schande %u wählen hat, die 
Schande wählen; er möge neunzig Jahre ein Spott der Weiber leben und noch im 
neunzigsten Jahre ungern sterben! Lessing (Philotas). 

Eine eigenartige Verstäricung erhält die Eede durch die Wiederholung 
eines Adjektivs oder Adverbiums im Komparativ (mit „immer^^). 

Drauf wird es düster um ihn her 

Und immer düstrer wie im. Grab. Bürger. 



Da sehlug der Qreis die Saiten, er schlug sie umndervoU, 

Daß reicher, immer reicher der Klang xum Ohre schwoll. Uhland. 

Goethe gebraucht in demselben Sinne die Verbindimg des Positivs 
mit dem Komparativ ohne , nimmer* ^: 

Naß und nässer 
Wird*s im Saal und auf den Stufen, 

Du kennst mich wohl, an die Mim engen Bunde 
Dein strebend Herx sich fest und fester schloß. 



So kommt denn. Freunde, wenn auf euren Wegen 
Des Lebens Bürde schwer und schwerer drückt. 

Die Griechen nannten xÜfjLa^ eine Figur der Wiederholung, bei der 
das Schlußwort eines jeden Satzgliedes am Anfange des nächsten wieder- 
holt wurde, z. B. : Demosth. de cor. 288. Ovx ehtov x, r, X,, welche Stelle 
Quintil 9, 3, 55 übersetzt: Non enim dixi quidem, sed non scripsi, 
nee scripsi quidem, sed non obii legationem, nee obii quidem, sed 
non persu^ Thebanis, Ein Beispiel für diese EHimax enthält der Anfang 
des Evang. Matth.: Abraham zeugte Isaak eta 

Die Verbindung einzelner Figuren miteinander ist nicht § 119# 
bloß möglich, sondern sogar sehr häufig. So haben wir in dem im § 90 
angeführten Beispiel: 

BedenJ^, auf ungetreuen Wellen — 

Wie leicht kann sie der Sturm xerschellen — 

Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Qlück. 

nicht bloß eine Prolepsis dem Sinne, sondern auch eine Paranthese 
der Form nach. Ebenso bietet (§ 106) 

Die ich rief, die Geister ... 



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78 

ein Hyperbaton in Bezug auf die Stellung, zugleich aber auch eine 
Epexegese. — Das Beispiel (§ 80 und 103): 

DeTy schläft er nicht, möchf er doch schlafen 
vereinigt eine Figur der Wiederholung (Epanodos) mit einer syn- 
taktischen Figur (dem Anakoluth), das § 75 zitierte: 

Sieh da, sieh da, Timotheus . . . 
die Epizeuxis mit dem rhetorischen Ausruf und in dem § 76 an- 
geführten Beispiel: 

Lockt dich der tiefe Himmel nicht, 
Das feuchtverklärte Blau? 
Lockt dich dein eigen Angesicht 
Nicht her in ewigen Tau? 

sind gar 3 Figuren (Anaphora, Epitheton, rhet. Frage) und eine 
Metapher eng miteinander verbunden. 

Solche Verbindimgen finden ach besonders zwischen den syntak- 
tischen oder rhetorischen Figuren einerseits und den übrigen 
Figuren andererseits. Bei den phonetischen Figuren der Onomatopöie und 
der Harmonie findet eine Berührung mit den übrigen phonetischen Figuren 
statt (der Assonanz, Alliteration oder dem Reime) ; die Wiederholung des 
gleichen Wortes ist dem Sinne nach eine Art Pleonasmus, dem Lautbilde 
nach eine phonetische Figur (Alliteration). 

So besteht zwischen den einzelnen Figuren eine mannigfache Be- 
rührung, wodurch die starke Wirkung, die den einzelnen von ihnen zu- 
kommt, noch erhöht wird. 

Anmerkung. Die Alten unterschieden noch eine Menge rhetorische Figuren ; 
da aber dieselben in der Dichtung nur eine beschränkte Anwendung finden, sind sie 
hier übergangen worden. 

§ 120* Als Hauptgrundsatz muß festgehalten werden : Die Tropen imd 

Figuren dürfen kein äußerlicher Zierat der Rede sein. Sie müssen 
aus einer inneren N'otwendigkeit entspringen und den Gedanken 
klarer, schöner und kräftiger machen. Wo dies nicht der Fall ist, 
wo sie sich als ein gesuchter imd überschwenglicher Schmuck erweisen, 
dort machen sie den Ausdruck matt und frostig. Und besonders von 
den Tropen gilt, was Rückert von dem Bilde sagt: 

Was ihr Bild nennt unverständig, 
Ist ein Gleichnis, kalt u/nd hohl, 
Wo der Oeist nicht ein Symbol 
Mit der Sprache zeugt lebendig. 



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Anhang. 



Übersicht über die Tropen und Figuren. 



1. Die Metapher. 
Abarten: a) Die Perso- 
nifikation. 
6; D i e Alle- 
gorie. 



A, Die Tropen. 

2. Die Synekdoclie. 

a) Die Hyperbel. 

b) Die Litotes. 



3. Die i^etonymie. 

a) Der Euphemismus. 

b) Die Ironie. 

c) Die Periphrase. 

d) Die Antonomasie. 



1. Die Figuren des 

Gleichlclanges. 

A. 

a) Die Paronomasie. 

b) Die Parechesis. 

B. 

a) Die Alliteration 

b) Die Assonanz. 

c) Der Voll reim. 

a 

a) Die Onomatopöie. 

b) Die Lautsymbolik. 

4. Die Figuren des 
Gegensatzes. 

A. 

a) Die Antithese. 

b) Der Kontrast. 

B. 

a) Das Oxymoron. 

b) Das Paradoxon. 



/^. Die Figuren. 

2. Die Figuren der 
Wiederliolung. 

A. 

a) Die Epizeiixis. 

b) Die Anaphora, 
c^ Die Epiphora. 

d) Der Cyklus. 

e^ Die Epanastrophe. 
f) Die Epanodos. 

B. 
a) Die Epanalepsis. 
&^ Das Polyptoton. 

e) Die Dilogie. 

5. Die syntaktischen 
Figuren. 

A. 

a) Das Asyndeton. 

b) Das Polysyndeton. 

B. 

a) Die Parenthese. 

b) Das Anakoluth. 

C. 
«^ Die Ellipse. 
b) Das Zeiigma. 

Z). 
flr-^ Das Hyperbaton. 
6j Die Hypallage. 
e) Die Enallage. 



3. Die Figuren der 
Häufung. 

a) Die Perissologie. 

b) Der Pleonasmus. 
e) Die Tautologie. 

«y Die Epexegese. 

e) Die Prolepsis. 

f) Das Hendiadys. 
P') Das Epitheton 

(ornans). 



6. Die rhetorischen 
Figuren. 

. A, 

a) Die rhetorische 
frage. 

b) Die rhetorische Antwort 
(Hypophora, Dialogis- 
mus). 

c) Der rhetorische 
Ausruf. 

d) Die Apostrophe. 

B. 

a) Die Aposiopesis. 

b) Die Sermocinatio. 

c) Die Klimax. 



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80 



Deutsche Verslelire, 



Der Rhythmus. 

§ 121, Auf dem Throne saß Fernando, 

Seiner Untertanen Klagen 
Anxuhören und %u richten^ 
Strafend den u/nd jenen lohend; 
Denn kein Volk tut seine Pflichten 
Ohne Straf* und ohne Lohn. Herder. (Cid). 

Der Unterschied zwischen der poetischen und prosaischen Sprache 
fällt unmittelbar auf. Bei jener zeigt sich eine Hegelmäßigkeit in der 
Auf einanderfolge von stärker und schwächer gesprochenen 
Silben, welche dieser abgeht. 

Dieser gesetzmäßig geordnete Wechsel von stärkeren 
und schwächerenSilben bildet den Rhythmus eines Gedichtes. 

Jedes Gedicht ist an einen bestimmten Rhythmus gebunden; 
daher heißt auch die poetische Sprache die gebundene, die prosaische 
die ungebundene Bede. 

Dagegen ist der Reim (§ 69) kein wesentliches Merkmal der 
dichterischen Darstellung. Reimlose Verse sind ebenso zahlreich wie 
gereimte. Vgl. „Der Cid" von Herder, „Die Abassiden" von Platen. — 
Die Verse in Dramen sind in der Regel ohne Reim. 

Anm. Das Wort Rhythmus (griechisch: QV^f*6g, lateinisch: numerus) kommt 
vom St Qv = „fließen'S bedeutet also eigentlich „Fluß, Lauf, Bewegung". Ala 
Kunstausdruck bezeichnet es aber dieOrdnung einerBewegung. Diese beruht 
auf der Einheit (dem Gesetz) in der Mannifaltigkeit. 

§ 122« Der Rhythmus wurzelt in dem Gefühl für die Ordnung der 

Zeit, das jedermann ebenso angeboren ist wie der Sinn für die Symmetrie, 
die Ordnung des Raumes. 

Die einfachste Form des Rhythmus, die Taktgleichheit, zeigt 
sich beim Dreschen der Bauern, beim Marschieren der Soldaten. Einen 
höher entwickelten Rhythmus zeigt der Tanz und die Musik. 

Auch die Sprache ist eine Bewegung, ein Fluß artikulierter Töne. 
Daher empfindet das Ohr einen gesetzmäßig geregelten, taktgleichen Fluß 
der Rede angenehm. 

Die dichterische Sprache erzielt diesen rhythmischen Fluß der 
Sprache durch die regelmäßige Wiederholung desselben gegen- 
seitigen Verhältnisses rhythmisch verschiedener Silben. 

Rhythmisch verschieden sind die Silben entweder nach ihrer Zeit- 
dauer (Quantität) oder nach der Tonstärke (Akzent). Der Rhythmus 
der antiken Verse beruht auf der Quantität (quantitierender Rhythmus), 



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81 

der Ehythmus der deutschen Verse auf der verschiedenen Tonstärke 
der Silben (akzentuierender Rhythmus). 

In dem Verse des Horaz : 

Bäa- I tüs il' I Uy qul \ pröcül \ n^gä \ttts\ 
wechselt ständig eine kurze Silbe mit einer langen^ in dem Verse 
Schillers (B. v. M.): 

So weit I die Sön- \ 7ie leztch- \ tet, ist \ dis Hoff- \ nung ditch \ 
je eine schwächer betonte Silbe mit einer stärker betonten. 

Die Elemente, aus denen der Rhythmus des Verses entsteht, sind 
also Verbindungen von Silben, die zu einander in einem bestimmten, 
gleichbleibenden Verhältnisse (kurz — lang, schwach — stark) stehn. Diese 
gleichgeordneten Silbenverbindungen bilden die Takte einer rhyth- 
mischen Reihe oder — nach dem antiken Sprachgebrauche — die Füße 
eines Verses. 

Im Deutschen wird in jedem Takte eine Silbe durch den Ton § 123* 
hervorgehoben; sie bildet den guten Taktteil oder die Hebung. Der 
andere aus einer oder zwei Silben bestehende Teil des Taktes wird schwächer 
gesprochen; er bildet den schlechten Taktteil oder die Senkung. 

Durch die regelmäßige Wiederkehr desselben Taktes kömmt in den 
Fluß der Rede eine rhythmische Wellenbewegung, wobei der Welkn- 
berg der Hebung, das Wellental der Senkung entspricht : 

Holds Ätigen sah ieh blinken. Goethe. 

Unwillkürlich wird dabei auch die Zeitdauer der Takte geregelt; 
das ist aber nicht möglich ohne eine gewisse ausgleichende Einwirkung 
auf die natürliche Betonung und die normale Quantität der Silben. 

Die natürliche Betonung. In bezug auf die Betonung unterscheidet § 124* 
man im Deutschen drei Arten von Silben: 

1. Hochtonige ('), d. h. Silben, die den Hauptakzent eines 
Wortes haben. In einem Worte kann nur eine Silbe den Hochton ^ 
haben, z.B. R^genbogenglanx, Man bezeichnet den Hochton durch 
den Akut: Schimmer^ Blümengeiuinde^ Urteil, 

2. Tief tonige ('), d. h. Silben, die den Nebenton haben, z. B. 
Armut, Reichtum — liebreich, vorteilhaft. Ein Wort kann 
mehrere tieftonige Silben haben. Das Zeichen des Tieftons ist der 
Gravis. 

3. Unbetonte (v-^), d. h. solche Silben, die in der Aussprache nicht 
hervorgehoben werden, z. B. Vdtär, Zeiten, schweigend, Oottessegen, 

Hochtonige und tieftonige Silben können im allgemeinen als 
schwere, unbetonte als leichte Silben bezeichnet werden. 

Im Deutschen haben wir im allgemeinen eine absteigende Betonimg. § 125» 
Denmach liegt der Hauptton regelmäßig auf der ersten Silbe des Wortes: 

Sanger, HdllCy ßlütenkranx, Fichtenbaum^ Lieblingsplatx, 

T u m 1 i r z, Die Sprache der Dichtkunst. (5 



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§126. 



82 

Eine Ausnahme von dieser Regel bilden 

1. die mit schwächeren (unbetonten) Vorsilben (§ 128) zusammen- 
gesetzten Wörter: Qedichtj verlassen, erhaben, entrinnen, besiligi 
— voraus, dahin, hinab] 

2. die Wörter auf 'Ci tmd -ieren: AbUi, probieren, amtieren; 

3. die echt zusammengesetzten Verba (§ 126, 3): umarmen, und 
viele von denselben abgeleiteten Substantiva auf -ung: Umarmung, 

Hochtonig ist daher 

1. in einfachen Wörtern die Stammsilbe: Himmel, Rose, 
xägerij weilte^ lieblich, reizend, Jugend, FV^tidey steinig, schuldiger, 
reichlichere; 

2. in zusammengesetzten Wörtern im allgemeinen die Stamm- 
silbe des ersten Teiles, u. zw.: 

a) wenn das zusammengesetzte Wort ein Nomen ist, die Stamm- 
; «Übe des Bestimmungswortes oder die Vorsilbe: Angesicht, Mißtrauen, 

Anmut, Oläubensheld, Marmorsäule, hlütenreich, vortrefflich, voll- 
koniTnen, unübertrefflich, mißgestaltet, r4ichgegliedert, schbngefiedert; 

b) wenn das zusammengesetzte Wort ein Verb um ist, die Stamm- 
silbe des Nomens, welches das scheinbare Bestimmungswort bildet:*') 
rdtschlagefi, stillstehen^ weissagen, lüstuHindeln, frohlocken; oder die 
Stammsilbe der trennbaren Partikel: du s sprechen (ich spreche aui), 
herdnJeommen, empörwachsen, auflachen (lache auf), tv4gwenden, 
dürc Mammen, hervortreten, 

3. Dagegen ruht der Hochton auf der Stammsilbe des Verbums, 
wenn dieses mit einer untrennbaren Partikel zusammengesetzt ist: 
mißgönnen, mißtrauen, umarmen, durchkreuzt, umstrahlt, durch- 
wandelst, umhüllt, unterschätzen, unterhalten, hinterbringen, durch- 
wagte, durchr duschte, durchsprengte, durchblätterte, durchglüht: 
vollenden, vollbringen, vollziehen. 

§ 127* Tieftonig sind im allgemeinen alle n icht hochtonigen Silben, 

die kein stummes e liaben, also 

1. alle Vor- und Nachsilben mit vollem Vokal (a, [ij, o, u) 
oder Diphthong, erstere aber nur, wenn auf ihnen nicht der Hauptton 
ruht: mißtrauen, abscheulich, Beicht ümy Armut, Dichtung, Freiheit, 
Jüngling, Fräulein, strafbar, löbesäm, 

Anmerkung. Doch werden die schwächeren Nachsilben mit dem Vokal i, z. B- 
-i g, -z ig, -i n, -i c h t, -I i c h, -i 8 c h in der Senkung regelmäßig unbetont gebraucht (s. u.) . 

2. In zusammengesetzten Wörtern alle nicht hoch- 
tonigen Stammsilben. 

Fttrstensöhn, aufgepflanzt, tiefsinnig, blütenreich, R4genbögenglänx. 



*) Die Zusammensetzung mit dem Nomen ist eine scheinbare; denn entweder 
ist das ganze Verb von einem zusammengesetzten Substantiv (z. B. Batschlag) a b- 
geleitet oder unecht zusammengesetzt (kontrahiert), z. B. stiü-stehen = still stehen. 



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8S 

Unbetont sind § 128. 

1. alle Silben mit stummem e, u. zw. a) alle Bildungssilben mit e 
(-chen, er-, ver-, ge-, zer-, ent-, u. dgl.); b) alle Flexions- 
endungen: v^rg^ss^Uy ^ntsdgP.nd, Empfang, Baumch^n, redP., 
G^bet, g^hH; 

2. die schwächeren Vor- und Nachsilben mit i (s. o.): in- (indSs)^ 
-ig fschäittg), -in (Königin), -zig (Einzig), Ach (Fittieh), 

Die natürliche Quantität der Silben. 

Die Zeitdauer (Quantität) einer Silbe ist durch ihren Lautgehalt § 129* 
bedingt, d. h. durch die Anzahl der Laute, die sie besitzt, und die Summe 
der Zeiteinheiten, die diese zur Aussprache benötigen. 

Darum sind auch lange (hoch- oder tieftonige) Silben nicht gleich 
lang. Die Aussprache von auch erfordert weniger Zeit als die von Bauchy 
diese wieder weniger als die von Brauch und diese wieder weniger als die 
von Strauch oder braucht. Vgl. und, rund, Grund; — Hand, Rand, 
Brandy Strand; — Ohr, Rohr^ fror, bohrt; — aß, Paß, Spaß; — Eis, 
Reis, Oreis, preist usw. 

Noch bedeutender ist der Unterschied der Zeitdauer zwischen tief- 
tonigen und unbetonten Silben, z. B. schiffbar: Schiffer; reichen: 
Reichtum; Armer: Armut; heimeln: Heimat: Heimkehr: Steine 
steinern: steinicht; trübe: Trübsal usw. 

Die natürliche Tonstärke der im Verse einander entsprechen- 
den Hebungen und ebenso die der einander entsprechenden Senkungen 
ist vielfach ungleich; noch mehr ist die natürliche Quantität der 
einander entsprechenden Hebungssilben und die der einander entsprechenden 
Senkungssilben verschieden. 

Einfluß des Rhythnfius auf die Tonstärke der Silben. 
Vergleicht man die Verse: § 130* 

Auf dem Throne saß Fernando^ 
Semer Untertanen Klangen 
Anxuhören 

die einen vollkommen gleichen Rhythmus haben, miteinander, so erkennt 
man, daß die Takte: Throne \ saß Fer . | . . . Unter \ tanen . . . 
anxu I hören , . . taktgleich, also rhythmisch vollkommen gleichwertig 
sind. Die tief tonigen Silben: tan — hJör haben denselben Vers ton 
.wie die hochtonigen saß — Thron. Durch den Rhythmus wurde der 
Tief ton so verstärkt, daß er an Stärke dem Hochton in dem ihm 
entsprechenden Takte gleichkommt. Die Wörter Üniertänen, anzuhören 
haben also im Verse nicht je einen Hoch- und Tiefton, sondern eine 
doppelte Hebung: Untertanen, dnxnhiren. 

6* 
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84 

Daher kann eine tieftonige Silbe ganz gleichwertig mit einei* hoch- 
tonigen den Eeim bUden, 2. B. 

Und rings von duft'gen Gärten ein blütenreicher Kranx, 

Drin sprangen frische Brunnen im Regenbogen gldnx. Uhland. 

Die Versiärkung durch den Einfluß des Gefühls für die Taktgleich- 
heit kann so weit gehn, daß selbst eine unbetonte Silbe die für die 
Hebung erforderliche Tonstärke erhält, z. B. 

f f f t 

Einsam in die Wüste tragen 
Muß ich mein gequältes Herx, 
Von den Glücklichen gemieden 
Und den Fröhlichen ein Spott 

Darin zeigt sich eine für das Wesen des deutschen Verses höchst 
bedeutsame Erscheinung: 

Durch die an- und ausgleichende Macht des Rhythmus 
erhalten die Hebungen die gleiche Tonstärke, die Wellen- 
berge der rhythmischen Eeihe somit die gleiche Höhe. 

Einfluß des Rhythmus auf die Zeitdauer der Silben. 

131* Auch hinsichtüch der Zeitdauer der guten und schlechten Taktteile 

macht sich der an- und ausgleichende Einfluß des Rhythmus bemerkbar. 
Schon die gewöhnliche Sprache zeigt zwei Eigentümlichkeiten des 
Deutschen hinsichtlich der Quantität der Silben: 

1. Eine betonte Silbe kann über ihre natürliche Quantität gedehnt 
werden. Das gewöhnliche Fragewort w(is? wird in der erstaunten 
Frage zu einem langgedehnten Wa(a,a, .)s?, das gewöhnliche demon- 
strative das zu einem erstaunten da(aaa)s also ist es! In den Rufen: 
Feuer! Hallo! Hoch! Wehe! All Heil! in dem Kommando: Z'eÄr^ 
euch! Ergreift den Säbel! usw, kann die betonte Silbe, auf die der 
Nachdruck gelegt wird, beliebig gedehnt werden. 

Dabei macht es keinen Unterschied, ob die Silbe einen langen oder 
kurzen Vokal hat. In Silben mit langem Vokal wird der Vokal, in 
Silben mit kurzem Vokal der unmittelbar darauffolgende Konsonant 
gedehnt, z. B. Himfmmmjmel! Herrfrr) ! Vgl. füh.Jen und füL.len, 
ka..men: kom..men, Aa,,le: al.,le, (im) Ho..fe: (ich) hof..fey 
Qua.J: Fal.J, Bee.J: Bei. J usw. 

Auf dieser EigentümUchkeit beruht die Erscheinung, daß im Neu- 
hochdeutschen jetzt alle betonten Stammsilben (durch Vokal oder durch 
Konsonanz) lang sind. , 

2. Eine unbetonte Silbe kann unter ihre natürliche Zeitdauer 
gekürzt werden, z. B. nie mehr: nimmeTy vor das: vors, in das: ins, 
(was) gibt es : gibfs u, dgL In der Mundart : Heim at: Heim. e ty Nach- 
bar: Nachher u. a. 



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Daher kann die unbetonte Silbe ihren vollen Vokal unter Um- 
ständen ganz verlieren: Drii-teil: Drittel, Urteil: Urtel, Jungfrau: 
Jungfer, Jungherr: Junker, Schultheiß: 8chultz(e), (Grün) -Mahd: ' 
Grummet, Urlaub: erlauben u, dgl, oder ihren Vokal ganz ab- oder 
ausstoßen: Gebirge: Gebirg, Königes: Königs, Saehe: Sax^h, merke es: 
merk's, Geleise: Gleise, geleiten: begleiten, Himmel: himm-lisch, Uhlan- 
(tische: Uhland'sche (Gedichte), ew'ge Nacht, Ungar: Ungarisch: 
Ungrisch u. dgl: Vgl. 

Seme Wort* und Werke 

Merkt* ich und den Brauch. Goethe. 

Beide Eigentümlichkeiten werden dem Rhythmus oft dienstbar ge- s 132, 
macht. Eine schwere (hoch- oder tief tonige) Silbe verliert in der 
Senkung den vollen Lautgehalt, in der Hebung aber gewinnt eine 
leichte (unbetonte) Silbe an Lautgehalt. 
In den Versen: 

Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll, 

Das Herx wuchs ihm so sehnsuchtsvoll . . Goethe. 

sind die schlechten Taktteile: Wasser: Herx wuchs, Walser: sehn- 
sticht s- gleichwertig, dagegen erhält in den Versen: 

Kommt mit ängstlicher Beschwörung . . Goethe. 

Er hat das Olück von Tausenden gegründet . . Schiller. 

Tret* ich noch jetxt mit schauderndem QefiMe . . Goethe. 

Ldebliches Oeläute . . Heine, 

die unbetonte Endsilbe nicht bloß den Hebüngston, sondern auch statt des 
stummen e ein volltönendes und die Endung -e?', -es klingt wie das Fürwort 
er, es, die Endung -es, -em, -en wie der Artikel des, dem, den; vgl. 
Scheu in des Gebirges Klüften. Schiller. 

Taktgleichheit. 
Li der Möglichkeit der Tonverstärkung und der Tonentziehung, der § 133^ 
Dehnung und Kürzung der Silben gewinnt der Dichter ein Mittel, die für 
den Rhythmus unbedingt erforderliche Taktgleichheit herzustellen. 
Diese äußert sich darin, daß 

1. die Tonstärke der Hebungen gleich ist, 

2. die Zeitabstände von einem Gipfel der Hebung zum 
andern gleich groß sind: 

12345 

Rektors Ldebe stirbt im Lethe nicht. Schiller. 

Mit andern Worten: im rhythmischen Fluß der Verse erscheinen die 
Wellenberge gleich hoch und die Wellenlängen gleich groß.*) 

♦) Vgl. Brücke, Die physiologischen Grundlagen der neuhochdeutschen Vers- 
kunst (Wien 1871) und Herrn. Paul, Deutsche Metrik (im Grundriß der germanischen <• 
Philologie IL, s. S. 9091) 



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86 

Versetzte Betonung. 

§ 134» Nicht selten bietet ein Wort, dessen der Dichter an einer Stelle 

nicht leicht entraten kann, ihm größere Schwierigkeiten, da es sich seiner 
natürlichen Betonung nach nicht leicht in den Rhythmus einfügen läßt. 
Dies ist besonders der Fall, wenn drei schwere Silben unmittelbai: 
aufeinander folgen, z. B. unsichtbar , unnenvbar, schwermutsvoU u, dgl. 
Der Dichter schwächt dann entweder den Ton der zweiten Silbe ab^ 
daß sie zur Senkung wird, z. B. 

Unsichtbar wird einer nur im Himmel. Goethe. 



Vom Himmel tönt ein schwermutsvolles QroUen. Lenau. 

oder er verlegt den Hauptton auf die zweite Silbe: 

Unsichtbar geht der Neigung Zauberbrücke, Grillparzer (Arg.). 



Uful ein unnennbar Sehnen^ dich Mt retten, Schiller (J. v. O.). 

Noch schwieriger gestaltet sich der Rhythmus, wenn zwei schwere 
und eine leichte Silbe zusammentreffen, z. B. notwendig, aufrichtig j 
anklagen, spitzfindig. In diesem Falle steht dem Dichter nur die 
Versetzung des Tones zu Gebote; die Tonschwächimg der zweiten Silbe, 
wie sie sich z. B. im Mhd. bei Hartmann findet : 

da^ ist ein unsichtiger geist . . (Iwein 1B91). 

widerstrebt heute noch mehr dem Sprachgebrauche. Diese Versetzung 
findet sich schon frühzeitig, z. B. 

Mir 'st diu ere unmdere. Walther v. d. V. 

und ist im Nhd. allgemein üblich: 

Und eine Gunst ist die Notwendigkeit. Schiller (W.). 

Bist du gastfreundlich diesem Königshause . . Goethe (Iph.). 

Und Troubadours j spitxfind'^ge Rätsel lösend, Schiller (J. v. O.). 



Und Euer Werk wahnsinnig selbst xerstören, Schiller (ebd.). 



Auf halb währen Worten ertappt und halber Verstellung. 

— Goethe (H. u. D.). 

So ganx natürlich, ganx alltaglich klänge, Leasing (N.). 



Aufrichtig, Jud, aufrichtig. Lessing (ebd.). 



Durch Saladins gutherx'gen Wahn geschmeichelt. Lessing (ebd.). 

Emporblühn soll die Wange, fortglühn der Herxen Olut. 

Anast Grün. 

§ ISb* Diese Versetzung des Tones ist bei den Vorsilben un — , al — 

bereits im Althochdeutschen zu beobachten; sie wird in der neueren Zeit 



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B7 

nicht bloß bei un- und all- sondern auch bei anderen Vorsilben (ur, 
miß-j volly erX') häufiger, besonders wenn ein Gegensatz die iiachdrück- 
liche Verlegung des Tones auf die Stammsilbe als den T^räger der Bedeutung 

fordert: 

Viel lieber^ was ihr eitch unsittlich nennty 

Als was ich mir u unedel nennen müßte. Goethe (T. II. 3.). 

Auch die gewöhnliche Sprache zeigt aus diesem Grunde mehrfach 
versetzte Betonung u. zw. nicht bloß bei diesen Vorsilben, z. B. ünendlichj 
unsterblich^ unglaublich, unmöglich, ünsäglichy unermeßlich, uralt, all- 
mächtig, allmählich, allein, allgittig, mißlungen, mißraten, vollenden u, a,, 
sondern auch bei Wörtern, deren Bedeutung durch den zweiten Teil der 
Zusammensetzung bestimmt wird, z.B. Jahraus, Jahrein, Jahrx^hnt, 
Jahrhundert, stromaufwärts, bergauf, bergab, kleinwinxigy groß- 
machtig, blutarm (gegenüber blutarm), blutjung, steinreich, herz- 
innig j spottbillig, glückselig u. a. 

In der Umgangssprache finden sich auch Beispiele wie vorzüglich, 
vollkommen, vortr^fßich, gotfsj ammerlich u. a. 

Der Dichter folgt also einer auch in der täglichen Sprache mehrfach 
sich kundgebenden Übung, wenn er ßÄrwÄrdi^, untrüglich, unglücklich, 
unbändig, alltaglich u. dgh betont. Vgl. unsterblich, z. B. Goethe 
(R. Eleg. XVI, femer „Gott und Bajadere^^; Klopst.ock,, Messias I, 1., 
Wingolf 6; Schiller, Ilias), Unsterblichkeit (Klo^^ioQ^, Wingolf 1, 
Hermann und Thusnelda), unhöldige (Goethe, Der getreue Eckart), 
unzahlige (Hochzeitlied), unglücklich (Alexis und Dora und Ven. Eleg. 29), 
unerreichbar (Wirkung in der Feme), unmaßig (Phoebus und Hermes), 
unaufh d Itsam (^ ^ ^ ^ Alexis und Dora, dagegen ü naufh d Itsam Amyntas), 
Klopstock: unbiegsam (Wingolf 3), Unwissender (Wingolf 6), un- 
dichterisch (Wingolf 7) unfern, ohnmächtig (Freiligrath), unmündig 
(Anast. Grün), allnächtlich (Chamisso, Salas y Gomez), alieuehtender 
(Goethe, Alexis und Doris), Urenkel (Klopstock, Wingolf I) u. a. 

Häufig findet sich die versetzte Betonung in zusammengesetzten § 136. 
Verben. Hier wirkt die Analogie der mit untrennbaren Partikeln 
zusammengesetzten Verba, welche den Hauptton auf der Stammsilbe des 
Grundwortes haben : durchb 6 hren, durchz i ehn, umg ehn, unterh d Iten u. a. 

Der Dichter wendet diese Betonung auch bei unechter Zusammen- 
setzung mit einer trennbaren Partikel an; er macht dadurch die trennbare 
Zusammensetzimg zu einer untrennbaren, u. zw. nicht bloß im In- 
finitiv und Partizip, z.B. nachbohrend (Schiller, Der Kampf mit dem 
Drachen, 21), anschmiegend {^chiWer , Die Geschlechter), aufstöhnend 
(Voß, Hias XVI., 498), aufblühende (Voß, Od. XI., 39), einschdukelnde 
(Goethe, Epigr. 8), hindeutend (U hl and, die zwo Jungfraun), mit- 
hädemd (Rückert, geham. Sonette), anhauchen (Freiligrath, 
Der Blumen Bache), einw eihend (Klopstock, Der Lehrling der Griechen), 
fortdauernd (ders. Etats g6n.), anstimmen (Platen, Sonett 47), ab- 
mdgem (Anast. Grün, Nib. im Frack), hinstrimen (Klopstock, 



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Mein Vaterland) u, v. a., sondern auch in den aussagenden Formen 
des Zeitwortes, in denen die Analogie der untrennbar zusammengesetzten 
Verba besonders deutlich hervortritt, z. B. 

Niemand hielt sieh aodann, und lata auflachten die Mädchen, 

Goethe (Herrn, u. D.). 

Vgl. Nachdrangt das Volk (Schiller, Der Kampf mit dem Drachen), 
hinsank (Voß, Ilias XL, 491), niederliegt {Goethe , Klaggesang von der 
edlen Frauen), nachtdnt (PlsLten, AnKopisch), aufdrang (ders., Pyra- 
mide d. Cestius), aufquillt, einschreibt ich, einschmelzt, (Rückert, 
Gehamischte Sonette), aufstieg, abfällt (Anast. Grün, Nib. im Fr.), 
aufführ (Freiligrath, Mirage), xugirrtet {Kl o^ stock, Der Lehrling 
der Griechen), zur ü fte (ders.. Die Etats g6n.), ausstr 4 cket (Herder, Cid 3) u. a. 

Anders ist die versetzte Betonung aufzufassen, wenn das Verbum 
(Partizip, Infinitiv) mit einem Substantiv oder Adverb zusammen- 
gesetzt ist, z.B. schwarzquellend (Schiller, Kampf mit dem Drachen, 
Str. 21), blindw ü tend (ders., Glocke), schwerl ästend (V o ß, Hias XVI, 548), 
tiefbrennend (ders., 518), lustwandelnd (Rückert), weitschdllendes 
(P 1 a t e n, OdeVI), femsch i ffende (Od. XVII), schwerw i egendes (Od. XXXI), 
sanftl ä ekelnden, süßt i nend (Klopstock, Mess. IV.), herh ä ngend (ders.). 

Hier erscheint der adverbielle oder substantivische Bestandteil in der 
schwächeren Betonung, die ihm getrennt vom Verbum zukommt 
(also „weitschdllend'^ betont = weit schallend). 

Auch für diese Art der Tonversetzung bietet die gewöhnhche Sprache 
Analogien, z. B. frohlocken, lobsingen, lobpreisen, 
137» Den gleichen Eindruck können zusammengesetzte Adjektive mit 

versetzter Betonimg machen, z. B. 

Niehts-wurdig ist die Nation . . . Schiller (J. v. 0.). 

Frühxeitig einen Lebenagang erkoren, Platen. 

Nie hätt* ich, hei meiner ho öh-fur etlichen Ehr*! 

Oeglaubet, daß so spott-wohlfeil ich war*. Bürger. 



Umsonst, bis an seinen sanft-seligen Tod. (ders.). 

Doch geht der Gebrauch vielfach weiter. Schon die gewöhnliche 
Sprache zeigt ein Streben nach bequemer Verteilung des Silbengewichtes,*) 
daher betont man — besonders wenn der zweite Bestandteil der Zusammen- 
setzung nicht selbständig gebraucht werden kann, oft den zweiten Teil: 
notwendig (neben nötwendig), dreifältig, barmherzig, wahrhaftig, 
leibhaftig (neben leibhaftig), wahrscheinlich (neben ivähr scheinlich), 
willkommen, gottselig, abscheuli^ch u, a. — stets: vielleicht. 

Bei Dichtem findet sich diese durch den Ehythmus geforderte Art 
der Betonung bei zusammengesetzten Adjektiven und Adverbien sehr 
häufig, z. B. BeliiWex: jungfraulich (Der Genius), notwendig (regel- 

♦) Vgl. Otto Behaghel, Die deutsche Sprache, 3. Aufl., S. 200 (Wien, Tempsky 1904). 

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89 

mäßig), hochhärxig (Taucher), vollkommen: Goethe: hochrot (Klag- 
gesang etc.), inländisch, aitslandisch (Die Kränze), gutmütig (Eleg. 
Hermann und Dorothea), rechtmäßig (Ballade), taillkürlich (Ven. Epig. 14), 
altgriechisch (ders. 20), rückwärts (Alexis und Dora) ; ebenso Preilig- 
rath (Ein Flüchtling); Klo p stock: umschdffbar (Mein Irrtum), groß- 
äugig (Lehrling der Griechen); Chamisso: einstimmig (Der Szekl. 
Landtag); ühland: lustsdm (Klein Roland, Str. 18), einstmals (Der 
Schenk v. Limburg); Bürger: durchldvchtigst, hohlwangig; Anast. 
Grün: Schlaftrünkne, Schlaßöse, schonblättrig, dreistimmig (Nib. im 
Frack); Freiligrath: fußfällig (Die irische Witwe). — Häufig findet 
sich diese Tonversetzung bei Platen, z. B. stromreichen, vielfältig, 
siegreicher, dreifarbig, nochmalig (Acqua PaoUna). 

Beim Substantiv ist die Betonung der zweiten Stammsilbe Regel, § I38. 
wenn es von einem echt zusammengesetzten Verb abgeleitet ist, z. B. 
Durchdringung, Umarmung, Umschreibung, (dagegen: Umkehr, Um- 
sicht), Übersetzung, Vollendung, Unterscheidung, unterschiedlich (da- 
gegen Unterschied), Unterhältung u. a. 

Doch macht sich auch bei anderer Zusammensetzung das gleiche 
Streben nach Verteilung des Silbengewichtes wie beim Adjektiv geltend, 
in der gewöhnlichen Sprache zumeist in Städtenamen imd anderen Eigen- 
namen: Walds dssen, Rheinfelden, Schaffhdusen, Mauthäusen, Neu- 
kirchen. Wach du u. dgL oder in scheinbaren Zusanmiensetzungen : 
Forelle, Holunder. 

Die dichterische Sprache wendet dieses Prinzip in gleicher Weise 
wie beim Adjektiv an, z. B. Notwendigkeit (Schiller, Der Genius u. oft), 
Strauchr Sslein (Anast. Grün), Seejüngfrau (Rückert), Schrift- 
xeichen, Buxihstdben (Chamisso), Westfrießland, Mitleiden, Frank- 
reich, Herold, Schildknappen, Anklage (Schiller, J. v. 0.), Schatz- 
meister, Kundschdftereiy Filneck von Stauffen (L es sing, N".) Groß- 
mütter, Jungfräulein, Goldlacken (Heine). 

In der Wortzusammensetzung kann sich dieser Gebrauch, wie die § 139» 
angeführten Beispiele zeigen, immerhin auf eine Analogie mit — wenn 
auch nicht häufigen — Fällen gleicher Betonungsart der gewöhnlichen 
Sprache stützen. 

Hart wirkt aber die Tonversetzung, wenn die zweite Silbe, deren 
Ton über den der ersten emporgehoben wird, eine tieftonige Ab- 
leitungssilbe ist, z. B. 

Zwei kostbare Hyaxintheu. Herder (Cid). 

Nicht unbesonnene strafbare lAAst Goethe (Iph.). 



Die unermeßlichen Reichtumer an Lessing (N.). 



Grausamer Mann. VVieland (Soramerm.). 



Weisheit spinnt goldene Fäden. Bodenstedt. 

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An dem Rheine vu Säkkingen. Scheffel. 



Das Mädchen heiratet aus Ärger, Heine. 

Ebenso hat der Kh}thmus etwas Gewaltsames, wenn in einem zwei- 
silbigen Substantiv das Grundwort den Hochton erhält, z. B. 

Ärger als selbst Ohnmacht schadet das Sudelgesckleeht. Platen. 

Allerdings kann auch in den beiden zuletzt angeführten Fällen durch 
den Widerstreit des natürlichen Akzentes mit der von dem Rhythmus 
geforderten Betonung eine malerische Wirkung erzielt werden. So 
malt in dem Verse Schillers: 

Freiheit ruft die Vernunft j Freiheit die wilde Begierde, 

Das zweite Freiheit, das wüste, die Endsilbe überlang hinausziehende 
Geschrei des Pöbels, ein malerischer Effekt, der auch in der Glocke 
wiederkehrt : 

Freiheit tmd Gleichheit hört mmi scliaUen, 

Auch in dem Ausruf Talbots (J. v. 0.). 

Unsinn, du siegst und ich muß unter gehn! 
malt sich in der Betonung des Wortes Unsimi der Grimm des geschlagenen 
Feldherm. Vgl. auch: 

Erlkönig hat mir ein Leids getan, Goethe. 

Rhythmus und Vortrag. 

§ 140* Wenn ein Anfänger in der Musik ein Übungsstück spielt, so ist 

seine ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet, ohne Rücksicht auf die 
Melodie den Takt streng einzuhalten. Der Künstler aber hält zwar auch 
den Takt ein, bringt aber nicht in erster Linie diesen, sondern den 
musikalischen Inhalt, die Melodie, den Ausdruck des Gefühles, zu Gehör. 
Ebenso ist es beim Vortrage eines Gedichtes. 

Das Kind folgt beim Hersagen eines Gedichtes dem ihm angeborenen 
Sinn für die Taktgleichheit. Es betont ohne Rücksicht auf den Inhalt 
den Rhythmus des Gedichtes, es trägt „singend^ oder „leiernd" vor. 

Der Vortragskünstler bringt dagegen in erster Linie den Inhalt 
des Gedichtes zum Ausdruck. Er ist sogar bestrebt, den Rhythmus 
möglichst zu verdecken, ohne ihn ganz aufzuheben. Denn der regelmäßige 
Wechsel starker und schwacher Silben dringt unwillkürlich durch. Aber 
der Rhythmus hat beim kunstvollen Vortrag nicht die führende, sondern 
nur die begleitende Stimme. Vortrag und Rhythmus decken sich also 
keineswegs; sie dürfen demnach nicht miteinander vermengt werden. 

§ 141. Wenn im Rhythmus die Hebungen gleiche Tonstärke, die Takte 

gleiche Zeitdauer erfordern, so ist im Vortrage gerade das Umgekehrte 
der Fall. Der Sinn und der Satz ton erfordern imgleich starke Hervor- 
hebimg der Wörter sowie ein längeres Verweilen bei den vom Nachdrucke 



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getroffenen Stellen^ ein flüchtigeres Hinwegeilen über die minder belang- 
reichen Teile des Satzes. Die Verse: 

Doeh wo van Mcei gewissen Übeln eins 

Ergriffen werden muß, wo sieh das Herx 

Nicht ganx, Msrüekbringt aus dem Streit der Pfiiehien: 

Da ist es eine Wohltat, keine Wahl luu hohen 

Und eine Ounst ist die Notwendigkeit, 

haben vollständig gleichen Rhythmus: 

dagegen sehr verschiedene Betonung und Zeitdauer im Vortrag: 



Vergleiche die Verse: 

Noch köstlicheren Samen bergen 
Rhythmus : w-^w-^^w-w 

Vortrag: 



Lieblich in der Bräute Locken 
Spielt der jtmgfrätdiehe Kran^. 



Schiller. 



Schiller. 



Rhythmus : 
Vortrag : 



...! — .*.."..!. Wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen, 

[ [ Wenn es nicht ottö der Seele dringt 

,.',[,,,[, Und mit urkräftigen Behauen 

; ; ' * Die Herxen aller Hörer xwingt, Goethe. 

Durch den Vortrag gelangt der Sinn und die Gefühistiefe der 
Dichtung zur vollen Geltung und durch den dadurch bedingten Wechsel 
der Akzente erhält der an sich einförmige Rhythmus erst Leben, Bewegung 
und Ausdruck. 



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Metrik im engern Sinn. 



Das Versmaß. 

Hebung und Senkung. 

§ 142. Als Hauptgesetz für das Verhältnis zwischen Hebung und Senkung 

hat zu gelten: 

Die Hebung ist die relativ stärker, die Senkung die rela- 
tiv schwächer betonte Silbe. 

Stärker betont ist aber: 

1. im allgemeinen eine schwere (hoch- oder tieftonige) Silbe 
gegenüber einer leichten; 

2. eine schwere hochtonige gegenüber einer schweren, aber tief- 
tonigen Silbe. 

Als Zeichen für die Hebung wird im folgenden ^ gebraucht; eine 
leichte Senkung wird durch ^, eine schwere durch ^ bezeichnet. 
Im Verse bilden daher die Hebung: 

1. Hochtonige Silben: 

Arm am Beutel, krank am Herxen, 

Schleppt* ich meine langen Tage. Goethe. 

2. Tieftonige Silben, wenn sie zwischen unbetonten oder 
schwächer betonten tieftonigen stehn: 

Mit Rednergeberde und Sprechergewicht. Goethe. 



Der König furchtbar prächtig wie blut'ger Nordlichtschein. Uhland. 

3. Ausnahmsweise eine unbetonte Silbe, aber nur dann, wenn sie 
an der Stelle der Hebung und zwischen unbetonten Silben steht: 

Vertraiä er wenigen der Seinen mehr 

Und diesen wenigen nicht mehr wie sonst. Goethe. 



Da tritt mit fröhlichem Gesteht .... Schiller. 

§ 143» Die Senkung kann schwer oder leicht sein. 

Eine schwere Senkung {J) bildet: 

1. Ein einsilbiges (hochtoniges) Wort, wenn es zwischen zwei 
Hebungen steht; es hat dann den Tiefton: 

Ich weiß nur Une HUmat. Umweht von Balsamhauch, 

Weiß nur ein Österreich. Sah Paradiese Gottes, 

Ich sah wohl schöne Alpen, Du aber hast sie auch. Seidl. 



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Anmerkung. Die schwächer betonten einsilbigen Formen des Personal- 
pronomens, der bestimmte und die einsilbigen Formen des unbestimmten Artikels und 
des Relativpronomens, die einsilbigen Präpositionen (z« 6. in, %u, an, um, von usw.) 
und die einsilbigen Adverbien, Partikeln und Konjunktionen (wo, ja, doch, und umv.). 
gelten in der Regel als leichte Senkungen. 

2. Tieftonige Silben nach oder vor einer Hebung: 

Armut ist die größte Plagge, 

Reichtum ist ckts höchste Out. Goethe. 



Aber Deutschlands rauhes Qeschlecht, das ehmals 

Deinen Kriegsruhm, herrschendes Rom, zerstörte. 

Stürmt noch einmal, stürmt, o geweihtes Rom, dein 

Heiliges Bollwerk. Platen. 

Eine leichte Senkung {J) wird gebildet: § 144« 

1. Von einer unbetonten Silbe, z. B. 

Deine Blumen kehren tcieder, 

Deine Tochter kehret nicht. Schiller. 

2. Von einem der oben (§ 143, Anm.) erwähnten einsilbigen Wörter : 

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, 

Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn. 

Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht. 

Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht? 

Kennst du es wohl? Dahin! Dahin, 

Macht' ich mit dir, o mein Odiebter, xiehn. Goethe. 

Anmerkung. Die Betonung ist im Deutschen nicht so starr, daß sich das 
einzelne Wort innerhalb gewisser Grenzen nicht dem Rhythmus des Verses an- 
schmiegen könnte (§ 132). Wie eine unbetonte Silbe durch rhythmische Tonver- 
stärkung zur Hebung werden kann, so kann eine tieftonige Silbe in der Senkung 
durch rhythmische Tonschwächung die Geltung einer unbetonten erlangen. 
Darum finden wir bei vielen Dichtem (auch bei Goethe und besonders bei Schiller) 
tieftonige Silben häufig als leichte gebraucht, z. B. 

Nidit aus meinem Nektar hast du die Gottheit getrunken. 
Deine öötterkraft war's, die dir den Nektar errang. 

Der Versfuß. 

In einem Gedichte wiederholt sich regelmäßig dieselbe — gleich- § 145« 
geordnete — Verbindung von betonten imd unbetonten Silben. 
Diese Verbindung nennt man Versfuß oder Verstakt (§ 122). 

Der Versfuß ist also die rhythmische (d. h. gesetzmäßig 
geordnete) Verbindung von Hebung und Senkung. 

Erst dadurch, daß eine bestimmte Verbindung, z. B. '^ ^ regelmäßig 
wiederkehrt, entsteht der Rhythmus. Die Prosa hat also keine Vers- 
füße, d.h. rhythmische Verbindungen, wenn auch die einzelnen Wörter 
an und für sich einen Jambus oder Trochäus (s. unten) bilden. 



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Der Versfuß kann zwei oder drei Silben umfassen. Der zwei- 
silbige Versfuß hat eine Hebung und eine Senkung, der dreisilbige Vers- 
fuß hat eine Hebung und zwei Senkungen, 

Von Belang ist die Stellung der Hebung. Beginnt der Versfuß 
mit der Hebung ("^ J), so fällt der Ton im Takte von dem stärkerem 
zum schwächeren Teile und der Vers erhält dadurch fallenden 
Rhythmus, z. B. 

Singe | wem Qe* \ sang ge- \ geben. Uhland. 

Windet nwin \ Kranke die \ goldenen \ Ähren, Schiller. 

Beginnt dagegen der Versfuß mit der Senkung (w '^), so steigt 
der Ton im Takte von dem schwächeren zum stärkeren Teile und das 
Gedicht hat steigenden Rhythmus, z. B. 

Wie kommVa \ daß du \ so traU' \ rig bist? Goethe. 



Und ein Rieh- \ ter war wie \ der auf ^- \ den . . . Schiller. 

§ 146. Die regelmäßig gebauten Versfüße werden in der Regel mit den 

althergebrachten antiken Namen bezeichnet. 

Zweisilbige Versfüße mit fallendem Rhythmus sind: 

1. ^ _ (Hebung und leichte Senkung): der Trochäus (a). 

2. ^ ^ (Hebung und schwere Senkung): der fallende Spondeus (h). 

Zweisilbige Versfüße mit steigendem Rhythmus sind: 

1. ^ ^ (leichte Senkung und Hebung): der Jambus (c), 

2. ^ '^ (schwere Senkung imd Hebimg): der steigende Spondeus (d). 

Der dreisilbige Versfuß mit fallendem Rhythmus: 
'^ ^^ (Hebimg imd 2 leichte Senkungen) heißt Daktylus (e). 

Der dreisilbige Versfuß mit steigendem Rhythmus: 
ww'" (2 leichte Senkungen und Hebimg) heißt Anapäst (f). 
Beispiele : 
a) Trochäus {'^J): Wolke, Seele, Glaube, singen, sagen, Dichter. 
c) Jambus (^^): Gewölk, beseelt, geglaubt, Gesang, versagt, 
Gedicht. 

e) Daktylus ('^w^): blumige, lustige, Donnerer, Königin, Sterb- 

liche. 

f) Anapäst (^w^): die Gewalt, Region, Kapital, Diamant, 

Element. 
Ä) Fallender Spondeus (^w): Heimat^ Antwort, Weisheit^ 

Irrtum, hochrot, 
rf/ Steigender Spondeus (w'^): durchbohrt, wohlauf^ seitdem, 
sieh da! 
Zur Versbildung werden selbständig nur der Trochäus, der Jambus, 
der Daktylus und der Anapäst verwendet. Der Spondeus wird nur als 
Stellvertreter gebraucht, u. zw. der fallende für einen Trochäus oder 
Daktylus, der steigende für einen Jambus oder Anapäst. 



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95 

In den angeführten Versfüßen ist stets nur eine Hebung vorhanden. § 147. 
Die Alten unterschieden überdies noch eine große Anzahl von Versfüßen, 
darunter auch solche mit 2 Hebungen. Von diesen finden sich im 
Deutschen (in Oden) am häufigsten der Choriambus ^s-^^'^ (z. B. 
blumenbehränxt, eisenbewehrt, sfemenbesäf), seltener derCreticus 
oder Amphinacer ('^w^) (heimgekehrt,, glücJcberauscht), 



Smf V/ 



Laß der Stadt ihren Kamin !\ Komm mit mir. 



Wo des Krystalls \ Ebne dir winkt. Klopstock. 

Andere sind vereinzelt. Diese Versfüße sind insgesamt zusammen- 
gesetzt, '^*-/^=-^^|^(^) (katalektische Doppeltakte, vgl. § 150). 

Anmerkung. Die Alten nahmen als Maßeinheit (XQ^^^<>^ nQ&tog) des Taktes 
(= Versfußes) die Dauer einer kurzen Silbe an und nannten sie Mora. Die lange 
Silbe hatte gewöhnlich zwei Moren; daher hatte der Jambus oder Trochäus 3, der 
Daktylus oder Spondeus 4 Moren. 

Der Vers. 

Die rhythmische (gesetzmäßig geordnete) Verbindung von § 148. 
Versfüßen (Takten) zu einer einheitlichen Reihe nennt man Vers 
(lat. versus). 

Die Takte (Versfüße) eines Verses sind entweder insgesamt einander 
völlig gleich oder sie sind einander gleichwertig. 

Gleiche Versfüße sind nach demselben rhythmischen Prinzipe (fallend 
oder steigend) geordnet, haben dieselbe Zeitdauer und die gleiche 
Silbenzahl: 

WiU sich I Hektor \ etcig | von mir \ wenden? \ Schiller. 

Gleichwertige Versfüße haben ebenfalls das nämliche rhythmische 
Verhältnis (fallend oder steigend) und die gleiche Zeitdauer, aber un- 
gleiche Silbenzahl:*) 

Freude soll | jedes \ Äuge ver | klären, Schiller. 

In der Regel ist die Tonstärke aller Hebungen eines Verses gleich. § 149» 
Dann ist der Vers aus Einzeltakten zusammengesetzt. 

Es gibt aber auch Verse, in denen j e eine stärkere und schwächere 
Hebung regelmäßig wechselt, z. B. 

Dem Siege entgegeriy %um Rhein ^ übern Rhein 
Du tapferer Degen, in Frankreich hinein. Arndt. 

Solche Verse sind aus Do ppel takten zusammengesetzt. Ein Doppel- 
takt entspricht zwei durch einen Hauptton zusammengehaltenen Versfußen. 

*) Die gleiche Zeitdauer bei ungleicher Zahl der Senkungen wird dadurch 
erreicht, daß die Hebung der zweisilbigen Takte länger gehalten wird als die der 
dreisilbigen. 



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96 



§150. 



Im Deutschen wird der Vers im allgemeinen nach der Anzahl der 
Versfüße (Hebungen) benannt, die er enthält. Man spricht daher von einem 
„vierfüßigen Trochäus", einem „fünffüßigen Jambus" u.dgl. 

Anmerkung. Auch die Griechen zählten rhythmische Reihen nach Füßen 
und unterschieden z. 6. jambische (trochäische) Dipodie (2 Versfüße), Tripodie 
(3 Versfüße), Tetrapodie (4 Versfüße), Pentapodie(5 Versfüße); daneben Aheir 
benannten sie Verse, die nach einer bestimmten Regel gebaut waren, nach der 
Anzahl der Metren, die sie enthielten. Ein Metrum entspricht beim Jambus, 
Trochäus und Anapäst einem Doppeltakt. Nur beim daktylischen Versmaß 
wurde ein Versfuß schon als Metrum gerechnet. 

Demnach hat z. B. der trochäische Dimeter vier; der jambische Trimeter 
sechs, der anapästische Tetrameter acht Füße; dagegen der daktylische Hexa- 
meter nur sechs Füße. 

Bei Versen, die dem Griechischem nachgebildet sind, wie z. B. bei dem jam" 
bischen Trimeter oder beim daktylischen Hexameter, gebraucht man 
auch im Deutschen die griechische Bezeichnung. 

Der VersschluB. Der letzte Versfuß einer Zeile kann vollständig 
sein, d. h. Hebung und Senkung enthalten, oder unvollständig, d.h. 
es kann ihm die Senkung fehlen. 

1. Ein Vers, dessen letzter Versfuß vollständig ist, heißt akata- 
lektisch (= ununterbrochen, von xara-Xijyco aufhören), weil der nächste 
Vers sich unmittelbar — ohne Pause — an ihn anreiht. 



Was rennt 
Die lan- 



Holde 
Unter 



das Volk, 
gen Stra- 



was wälxt 
ßen brau- 



sich dort 
send fort? 



Augen 
dichtem 



sah ich 
Blumen- 



blinken 
kränze. 



Schiller. 



Goethe. 



Jambische und anapästische Verse sind also akatalektisch, wenn 
sie mit einer Hebung schließen (männlicher oder stumpfer Schluß; vgl. 
männlicher [stumpfer] Reim). 

Trochäische Verse sind akatalektisch, wenn sie mit einer 
Senkung schließen (weiblicher oder klingender Schluß; vgl. weib- 
licher [klingender] Reim). 

2. Ist der letzte Versfuß unvollständig, d. h. fehlen ihm eine 
oder zwei unbetonte Silben, so heißt der Vers katalektisch (aufhörend), 
weil zwischen ihm imd dem folgenden Vers eine Pause .[..] eintritt. 



Goethe. 



Sah ein Knab ein Röslein \ stehn. 



^ I 

Willst du dich selber er- \ kennen, so \ sieh, wie die \ andern es treiben. \ 

Schiller. 

Katalektisch sind trochäische Verse mit männlichem Schluß, 
daktylische mit männlichem oder weiblichem Schluß. 



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97 

3. Enthält ein Vers mit steigendem Rhythmus eine leichte Silbe 
über das Maß^ so heißt er hyperkatalektisch. Im Deutschen, wo man 
die Zahl der YersfüBe nach den vorhandenen Hebungen rechnet und 
demgemäß den Vers benennt^ kann man — wenn auch uneigentlich — 
jambische oder anapästische Verse mit weiblichem (^ >^) Schluß 
so nennen. 

1 I 2 1 3 I 4 1 

Zum Kampf \ der Wa- \ gen und \ Oesän l ge,. Schiller. 



1 
Ihr naht 



X I is 

euch wie- \ der, schwan- 



kende I Oestal' I ten. Goethe. 

Einfache und zusammengesetzte Verse. § 151. 

Der einfache Vers umfaßt eine geringere Anzahl von Takten, die 
durch keine größere Pause innerhalb der Reihe getrennt sind. Sie können 
in einem Zuge gesprochen werden. Die Anzahl der Versfüße in einem 
einfachen Vers beträgt höchstens fünf. 

In einem Tal hei jungen Hirten 

^schien mit jedem neuen Jahr . . Schiller. 

Zusammengesetzt sind Verse, die innerhalb der Reihe einen 
(zum Atemholen notwendigen) größeren Ruhepunkt aufweisen. Sie be- 
stehen dann aus zwei Halbversen (seltener aus mehreren Gliedern). 

Regelmäßig sind längere Verse, d. h. solche mit 6 und mehr 
Hebungen zusammengesetzt, z. B. 

Kein Ver \ ständger \ kann xer | gliedern, \\ was den \ Menschen \ wohlge- \ fällt. 

Platen. 

Zu A I chalm auf | dem Fd \ sen, \\ da haust \ manch küh \ ner Aar. Uhland. 
Aber auch kürzere Verse, besonders solche die aus Doppeltakten 
gebildet sind, können aus Halbversen bestehn: 

Lodert ihr deutschen Herxen in Flammen! Anast. Grün. 



Gelockt und gelenkt vom Odem der Ldnde. Jordan. 

Zusammengesetzte Verse bilden eine metrische Periode, deren § 152, 
Glieder die Halbverse sind. Der erste Halbvers entspricht dem Vorder- 
satz, der zweite dem Nachsatz einer grammatischen Periode. 

Perioden mit mehr als zwei Gliedern werden in mehrere Verse 
zerlegt. Das geschieht auch oft bei bloß zwei Gliedern. So bilden die 

beiden Zeilen: 

Was hör* ich draußen vor dem Ihr, 
Was auf der Briieke schallen? 
in (Joethes „Sänger" ebensogut eine zweigliedrige Periode wie der 
Vers Platens: 

Schon war gesunken in den Staub ;| der Sassaniden alter Thron. 
T a m l i r z, Die Sprache der Dichtkunst. 7 



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Anmerkung. Metrisch ist es daher gleichgültig, ob eine solche Periode als 
Langzeile geschrieben wird oder als zwei Kurzzeilen. Vgl. die Auflösung des 
Nibelungenverses § 195. 

§ 153. Cäsur. Die Glieder eines zusammengesetzten Verses müssen durch 

einen Einschnitt deutlich getrennt sein. 

Dieser Einschnitt kann einen Versfuß durchschneiden, z.B. '^Hww, 
'^w||^. Das geschieht, wenn am Schluß des ersten Halbverses das Wort- 
ende innerhalb eines Versfußes fällt. Ein solcher Verseinschnitt heißt 
Cäsur. 

Fällt die Cäsur nach einer Hebung, so heißt sie männlich, z. B. 

Siehe, da \ kommen her \an\\tm\ mündige \ lockige \ Kinder, Platen. 
Dagegen nennt man sie weiblich, wenn der Einschnitt nach einer 
Senkung fällt, z. B. 

^ w ^ w v> '^ w w ^ v^w ^ w ^ '^ w 

Sing, un \ sterbliehe | Seele, \\ der | simdigen | Menschen Er | lösung. 

Klopstock. 
Jeder Vers kann mehrere Cäsuren haben, da das Wortende öfter 
innerhalb eines Versfußes fallen kann. Besondere Beachtung verdient nur 
die Haupt cäsur ( || ), durch die der Langvers in seine Teile zerlegt 
wird. Diese hat auch manchmal eine besondere Bezeichnung (s. § 181). 
Die Hauptcäsur kann durch eine stehende oder eine schwe- 
bende Cäsur gebildet werden. Die stehende Cäsur kommt immer an 
derselben Stelle eines Verses vor (z. B. im Nibelungenvers, § 194), die 
schwebende Cäsur kann ihre Stellung wechseln (z. B. im Hexameter, § 181). 
§ 154. Diärese. Außer der Cäsur kann es im Verse noch andere Einschnitte 

geben, nämlich solche, die durch das Zusammenfallen des Wortendes 
mit dem Versfußende entstehen. Diese heißen D i ä r e s e n {]), Allzu 
häufige Diäresen gelten als fehlerhaft, z. B. 



Leere \ Fässer tmd. \ Flaschen in 



halten. Goethe. 



reinlicher \ Ordnung xu 
Auch die Diärese kommt nur dann in Betracht, wenn sie den 
Haupteinschnitt (H) zwischen den beiden Gliedern eines Langverses 
bildet: 

Wie groß \ für dich \ du seist, \\ vorm Qan \ xen bist \ du nich \ tig. 
(Diärese nach dem dritten Fuße.) Rückert. 



Wüsten I kvnig 
Wandelt er nach 



ist der 
der La 



Löwe; 
gune, 



will er 
in dem 



sein Oe 
hohen 



(Diärese nach dem vierten Fuße.) 



biet durch fliegen, 
Schilf XU liegen. 
Freiligrath. 



I. Trochäische Verse. 

155. Trochäische Verse beginnen stets mit einer Hebung und endigen 

entweder klingend oder stumpf. Im ersten Falle sind sie akata- 
lektisch, im zweiten katalektisch. 



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99 



Statt des Trochäus kann im Deutschen überall der Spondeue 
eintreten; nur wenige Dichter folgen dem griechisch-lateinischen Gebrauch, 
der nur in den geraden (2, 4, 6, 8) Füßen den Spondeus zuläßt. 
Die schwere Senkung kommt also bei deutschen Trochäen 
niöht in Betracht. 

Die trochäischen Verse werden teils nach der Zahl der Füße, 
teils nach Metren benannt. Sie sind teils einfache, teils zusammen- 
gesetzte Verse (Langverse). 

1. Der zweifüßige Trochäus. 

Der zweifüßige Trochäus (der trochäische Monometer) kommt in 
2 Formen vor, u. zw.: 



a) -. 



a) 



a) 
h) 



(akatalektisch) mit khngendem Schluß; 
(katalektisch) mit stumpfem Schluß: 



a) Akatalektisch: 
Unser Los- erkenn ich : 
Schöner wird dereinst uns 
Jener Hain sieh aufttmj 
Dem entfliiehtet Adam. 



b) Katalektisch: 
Sonnenuntergang ; 
Schwarxe Wolken xiehn, 
wie Schumi und hang 
Platen. Alle Winde fliehn! 

c) Abwechselnd; 
Seine Wort* tmd Werke 
MerkV ich und den Brauch, 
Und mit Oeistesstärke 
Tu ich Wunder auch. 



Lenau. 



Goethe 



156. 



^ I (akatalektisch) mit klingendem Schluß; 

. I (katalektisch, Creticus § 147) mit stumpfem Schluß: 

Akatalektisch: bj Katalektisch: 
Was ich tue Hier hervor 

Und vollbringe j Drängt das Chor; 

Ich erringe Alles flieht, 

Nie die Ruhe. Platen. Wer sie sieht. Goethe. 

Der zweifüßige Trochäus wird nicht besonders häufig als lyrisches 
Versmaß verwendet. Hie und da findet er sich mit anderen trochäischen 
Versmaßen verbunden, z. B. in Goethes „Zauberlehrling^^ 

2. Der dreifüBige Trochäus. 

Der dreifüßige Trochäus (die trochäische Tripodie) findet sich in 
2 Formen: 



§157. 



Der dreifüßige Trochäus ist, selbständig angewendet, fast ausschließlich 
ein lyrisches Versmaß. Manchmal ist er mit andern trochäischen Vers- 
maßen verbunden, so in Goethes „Zauberlehrling" mit dem vierfüßigen und 
zweifüßigen Trochäus. 

7* 

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100 



§158, 



§ 15». 



3. Der vierfüBige Trochäus, 
Der vierfüßige Trochäus (der trochäische Dimeter) hat gleichfalls 
2 Formen, n. zw.: 

(akatalektisch) mit kUngendem Schluß; 
(katalektisch) mit stumpfem Schluß: 

b) Katalektisch: 



Hoffe, du erlebst es noch, 
Daß der Frühling toiederkehrt ; 
Hoffen alle Bäume doch, 
Die des Herbstes Wind verheert. 



Rttckert. 



6; - ^ ! - V 

a) Akatalektisch: 
„Fliegt, getreue Boten, flieget. 
Zu Älfonso, meinem Bruder", 
Sprach Uraca. „Er vergisset 
Seines Glückes in Toledo. Herder. 

c) Abwechselnd: 
Willst du immer weiter schweifen? 
Sieh, das Oute liegt so nah: , 
Lerne nur das Olück ergreifen. 
Denn das Olück ist immer da. Goethe. 

Der vierfüßige Trochäus ist im Deutschen das beliebteste aller 
trochäischen Versmaße. Es ist der Vers der spanischen Romanzen (vgl. 
Platens „Gründimg Karthagos") und des spanischen Dramas. Herder hat 
ihn reimlos in seinem Romanzenzyklus „Der Cid*' angewendet, und so 
findet er sich öfter als Versmaß epischer Dichtungen (z. B. Scheffel „Der 
Trompeter von Säkkingen^^. Auch gereimt kommt er als Versmaß vieler 
Romanzen, Balladen und ähnlicher Gedichte vor. Vgl. Goethe: „Der 
Schatzgräber"; Schiller: „Das Siegesfest", „Klage der Ceres" „Kassan- 
dra", „Der Alpenjäger"; TJ bland: „Bertran de Born", „Unstern" u. a. 

Periodische Verbindungen des vierfüßigen Trochäus mit andern 
trochäischen Versen sind häufig. Die beliebtesten Verbindungen sind die 
mit dem dreifüßigen Trochäus u. zw. mit folgenden Variationen: 

a) Akatalekt. vierfüßiger und katalekt. dreifüßiger 
Trochäus: 

{Wunderliche Spießgesellen, 
Denkt ihr noch an mich, 
{Wie tffir an der Elbe Wellen 
Laufen brüderlich? Eichendorff. 

b) Katalekt. vierfüßiger und akatalekt. dreifüßiger 
Trochäus: 

Lieblich war die Maiennacht, 
Silberwölklein flogen 
Ob der holden Frühlingspracht 
Freudig hingexogen. Lenau. 

vierfüßiger und katalekt. dreifüßiger 



c) Katalekt. 
Trochäus: 



Schlummer, deine seVge Macht 
Hatt' ich lang verkannt; 
Dich genoß ich jede Nacht, 
Nie von Dank entbrannt. 



Platen. 



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101 



4. Der fünffüßige Trochäus. 



160. 



a) ^ ^ '"w ^v^ ^s^l'^w (akatalektisch) mit klingendem Schluß ; 

b) ^ ^ ^w ^w ^w|^. (katalektisch) mit stumpfem Schluß: 

a) Akatalektisch: b) Katalektisch: 

Tausend Zelte waren aufgeschlagen Wenn du sammelst goldne Trauben ein^ 

Durchs QefUde vor den Toren Bagdads, Hüllen Reben dich in Lauben ein. 
Um das Fest des neuen Jahrs wu feiern. Platen. 

Platen. 

c) Abwechselnd: 

Will »ich Rektor ewig von mir wenden^ 
Wo Achill mit den unnahbarn Händen 
Dem Patroklus schrecklich Opfer bringt? Schiller. 

Der fünffüßige Trochäus ist der Nationalvers der Serben, die ihn 
in ihren epischen Volksliedern (vgl. Goethes „Klaggesang von der edlen 
Frauen des Asan Aga^^ reimlos anwenden. Nachgebildet wurde dieses 
epische Versmaß von Platen (in seinem Epos „Die Abassiden*^) und von 
Herder in mehreren Legenden (z. B. „Der gerettete Jüngling"). 



5. Der sechsfüßige Trochäus. § 16i 

Der sechsfüßige Trochäus kommt als Langvers mit Diärese nach 
dem 3^ oder 4. Fuß ebenfalls in zwei Formen vor: 

o^'^^l'^v/ '^^^w, ^w ^ K^ (akatal.) mitklingendem Schluß; 
fc^^wl^v^ '^w|^wji^v^ ^, (katal.) mit stumpfem Schluß: 

a) Akatalektisch: 
Jjaß dich nicht verführen \ von der Rose Düften; 
Die am vollsten wuchert, \ touchert auf den Grüften. Platen. 

b) Katalektisch: 

Der sich schaffend hat erwiesen \ siebenmal 

Wohnt in sieben Paradiesen \ siebenmal. Platen. 

Dieses Versmaß findet sich im Deutschen selten. 



6. Der siebenfüBige Trochäus, § 162* 

Der siebenfüßige Trochäus ist aus einem vierfüßigen und einem 
dreifüßigen Halbvers zusammengesetzt. Die Halbverse sind durch eine 
Diärese getrennt. Er kommt in 2 Formen vor: 



/-N ^ t r\ 



(akatal.) mit kling. Schluß; 
(katal.) mit stumpfem Schluß : 

a) Akatalektisch: 

Ihr im Dienst der Idebe stehend, W kommt, daß ihr mit treuer 

Kraft den Kern der Er(P uns schmelxen j helft im Sonnenfeuer! Rilckert. 



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102 



h) Katalektisch: 

Wie die Lilie sei dein Busen, W offen, ohne Oroll, 
Aber urie die keusche Rose jl sei er tief und voll! 



Platen. 



Auch dieses Versmaß findet sich im Deutschen nur vereinzelt. 

§ 163. 7. Der achtfüßige Trochäus (der trochäische Tetrameter). 

Der trochäische Tetrameter ist aus zwei vierfüßigen Trochäen zu- 
sammengesetzt und hat darum stets eine Diärese nach dem vierten 
Fuße. Auch er hat zwei Formen, eine akatalektische mit klingendem und 
eine katalektische mit stumpfem Schluß: 

'" w I (akatalektisch) ; 
^ . I (katalektisch). 

a) Akatalektisch: 

Nächtlich am Busento lispeln \\ bei Gosenxa dumpfe Lieder, 

Aus den Wassern schallt es Antwort ji und in Wirhein klingt es toieder. 

Platen. 
b) Katalektisch: 

Auf des Gapitoles Schwelle H steht ein hoher Lorbeerbaum; 
In dem höchsten Wipfel regt sich I x-ögernd noch ein Tjebenstraum. 
An der Felsen Rippen klammert W sich dsr Wurxd xähe Kraft, 
Doeh die welken Arme starren \\ weithin leblos, geisterhaft. 

Gaudy (Laetitia). 

Der Tetrameter ist ein altgriechischer Vers. Er ist ein im 
Deutschen ziemlich häufiges Versmaß und gelangt besonders in epischen 
oder reflektierenden Gedichten zur Anwendung. Vgl. Platen : „Das Grab 
im Busento", ,,Der Tod des Carus"; Freiligrath : „Der Löwenritt'^ „Gesicht 
des Keisenden"; Anastasius Grün: „Hymne an Österreich" u. a. ; Gaudy: 
„Die Kaiserlieder". 



§ 164. II. Jambische Verse. 

Der jambische Vers entstand aus dem trochäischen dadurch, daß vor 
die erste Hebung des letzteren eine kurze Silbe (Auftakt oder Ana- 
krusis) trat. Deswegen kann auch der Grieche nur in den ungeraden 
(1, 3, 5, 7) Füßen den steigenden Spondeus eintreten lassen. Die meisten 
deutschen Dichter wenden indes den Spondeus beliebig in jedem 
Fuße des Verses an, so daß auch beim Jambus die schwere 
Senkung nicht in Betracht kommt. 

Jambische Verse endigen entweder stumpf oder klingend (siehe 
§ 150); im ersteren Falle sind sie akatalektisch, im letzteren hyper- 
katalektisch. 

Auch die jambischen Verse sind entweder einfache Verse oder zu- 
sammengesetzte Langverse, deren Halbverse durch eine Diärese getrennt sind. 



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103 

1. Der zweifüßige Jambus. $ 165. 

Der zweifüßige Jambus (jambische Dipodie, jambischer Monometer) 
findet sich in 2 Formen: 

a) ^ "^ s^ ^ (akatalektisch) mit stumpfem Schluß; 

ft) w w w '^ w (hyperkatalektisch) mit klingendem Schluß: 

a) Akatalektisch: 

Ich rühme mir 

Mein Dörfehen hier, 

Denn sehönre Auen, 

Als rings umher 

Die Blicke schauen 

Bliihn nirgends mehr, Bürger. 

b) Hyperkatalektisch: c) Abwechselnd: 

Um sie verschlingen Ich ging im Walde 

Sich leichte Wölkchen, So für mich hin 

Sind Büßerinnen, Und nichts %u suchen^ 

Ein xartes Völkchen. Goethe. Das war mein Sinn. Goethe. 

Dieses Versmaß eignet sich für kleinere lyrische Dichtungen und 
wurde von Goethe in manchem Lied angewendet (Gefunden, Mailied). 

2. Der dreifüBige Jambus. § 166« 

Der dreifüßige Jambus (die jambische Tripodie) erscheint in 2 Formen 

a) ^ ^ ^ ^ w ^ (akatalektisch) mit stumpfem Schluß; 

b) ^ ^ w^ w'^ w (hyperkatalektisch) mit klingendem Schluß: 

a) Akatalektisch: b) Hyperkatalektisch: 

Kaum daß ein leises Weh Die helle Sonne leuchtet 

Durchgleitet mein Qemüt, Aufs weite Meer hernieder. 

Wie durch die stumme See Und alle Wellen xittern 

Ein weißes Segel xieht. Meißner. Von ihrem Olanze icieder. Bodenstedt. 

c) Abwechselnd: 
Dort unten in der Mühle 
Saß ich in süßer Ruh 
Und sah dem Räderspiele 
Und sah den Wassern zu. Just. Kerner. 

Der dreifüßige jambische Vers kommt im Deutschen häufig vor, 
besonders in Verbindung mit dem vierfüßigen Jambus (s. u.). Gern wird 
er in erzählenden Gedichten angewendet (Uhland: „Der Schenk von 
Limburg"; W. Müller: „Der Glockenguß von Breslau"; Rückert: „Barba- 
rossa"), aber auch in lyrischen Gedichten ist er ein besonders beliebtes 
Versmaß (Claudius : „Abendhed"; Eichendorff: „In einem kühlen Grunde" ; 
Seidl: „Mein Vaterland") u. v. a. 



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104 



§167. 



§168. 



3. Der vierfQBige Jambus. 
Der vierfüßige Jambus (jambischer Dimeter) hat 2 Formen: 

a) ^ ^ ^ ^ ^ "^ s^ ^ akatalektisch mit stumpfem Schluß; 

b) ^ ^ ^ "^ w^ v^'^ ^ hyperkatalektisch mit klingendem Schluß: 

a) Akatalektisch: b) Hyperkatalektisch: 



Nie ohne Waffen sei der Mann! 
Ich meine nicht das Schweti, 
So sehr es ihn auch ehren kann, 
Wenn er es selber ehrt, Seidl. 



Qesanglos war ich tmd beklommen 
So lange Zeit, mm dicht* ich wieder; 
Wie Tränen, die uns plötxlieh kommen, 
So kommen plötxlieh auch die Lieder. 

Heine. 
c) Abwechselnd: 

In einem Tal bei armen Hirten 

Erschien mit jedem jungen Jahr, 

Sobald die ersten Lerchen schtcirrten. 

Ein Mädchen, schön und wunderbar, Schiller. 

Der jambische Dimeter ist unter allen Metren, die sich im Deutschen 
finden, eines der häufigsten. Er ist gleich häufig in epischen und 
lyrischen Gedichten. Vgl. Schiller: „Die Kraniche des Ibykus", „Der 
Bing des Polykrates^^, »Der Kampf mit dem Drachen"; Bürger: „Das 
Lied vom braven Mann", „Die wilde Jagd"; Uhland: „Des Knaben 
Berglied" u. a. 

Periodische Verbindungen des vierfüßigen Jambus mit anderen 
jambischen Versen sind sehr beliebt; besonders häufig ist er mit dem 
dreifüßigen verbunden, u. zw. derart, daß er mit diesem abwechselt. 
Zwei Verbindungen sind am beliebtesten u. zw.: 

a) Akatalekt. vierfüßiger und akatalekt. dreifüßiger Jambus: 



{Wie kommfs, daß du so traurig bist, 
Da alles froh erscheint? 



{ 



8 1«9. 



Man sieht dir*s an den Äugen an, 
Gewiß, du hast geweint. Goethe. 

Vgl. Goethe: „Der Fischer", „Geistesgniß"; Lenau: „Der Lenz", 
,An mein Vaterland" u. a. 

b) Akatalekt. vierfüßiger und hyperkatalekt. dreifüßiger Jambus: 

Vergebens toird die rauhe Hand 
Am Schonen sich vergreifen; 
Man kann den einen Diamant 
Nur mit dem andern schleifen. Bodenstedt. 
Vgl. Goethe: „Der Sänger", „Die wandelnde Glocke"; Lenau: „Die 
Heideschenke". 

4. Der fünffüßige Jannbus. 

Der fünffüßige Jambus (Q ulnar) ist einer der häufigsten Verse 
in den meisten modernen Sprachen, besonders im Italienischen und 
Englischen. In vielen italienischen Strophen, der Terzine, der Stanze, 



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105 



dem Sonett usw. herrscht durchwegs dieses Versmaß. Seit Lessing 
ist der reimlose fünffüßige Jambus (auch Blankvers genannt) im 
Deutischen fast ausschließlich der Vers des höheren Dramas. Bn dra- 
matischen Dialog kommt er willkürlich wechselnd, bald akatalektisch, bald 
hyperkatalektisch vor. 



a) ^ 

b) . 



akatalektisch mit stumpfem Schluß; 
hyperkatal. mit kUngendem Schluß: 

HeraiM in eu/re Schatten, rege Wipfel 

Des alten, heiligen, dichtbelaubten Haines, 

Wie in der Göttin stilles Heiligtum 

Tret' ich noch jetxt mit schauderndem Qefiihl, 

Als wenn ich sie ouwm erstenmal beträte, 

Und es gewöhnt sieh nicht mein Oeist hierher. Goethe. (Iph.) 

In epischen und episch-lyrischen Dichtungen wird der fünffüßige 
Jambus teils reimlos als Blankvers (a), teils gereimt ß) angewendet: 

a) Nach langem Wandertage mild und matt, 
Schritt ich, nein, hinkte schon dem Ziele %u, 
Dem Städtehen, dessen hoher, schlanker Turm 
Im Schein des Abendrots herüber sah. 



E. Ebert. 



b) 



Bei Cap Misenum urinkt ein fürstlich Houh 

Aus Lorbeerwipfeln %u des Meeres Küsten, 

Mit Säulengängen, Mosaiken, Büsten 

Und jedem, Prunkgerät %u Fest und Sehmaus, 

Oft sah es nächtlicher Gelage Glanx-, 

Wo lockige Knaben, Epheu um die Stirnen, 

Mit Bechern flogen, silberfüß'ge Dirnen 

Den Thyrsus schwangen im berauschten Tan% 

Und Jauchxen scholl, Gelächter, Saitenspiel, 

Bis auf die Gärten rings der Frühtau fiel. 



Geibel. 



In lyrischen Gedichten sowie in den italienischen Strophenformen g 170* 
ist der fünffüßige Jambus stets gereimt, z. B. 

Ein reisig Volk steht harrend an der Schwelle 

Des Okxidents und pocht an seine Tore, 

Ein Volk mit blauen Äugen, blonden Haaren. 

Kraftvoll in ihres jungen Seins Aurore 

Wallt sie heran, die frische Völkerwelle: 

Ein Heldenstamm sucht kämpfend neue Laren. 

Aufhorchend stehn die Scharen: 

Sie lauschen — ringsum ragtet Schild u/nd Frame — 

Denn Seherworte deuten ihrem Glauben 

Alraunensprurch und weißer Rosse Schnauben. 

Wer sind die Reisigen? Wie tönt ihr Name? 

Was tvill der Adlerschwarm im stolxen Fluge? 



Germanen sind*s auf ihrem Wanderx/uge. 



Hamerling. 



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106 

Der lyrische fünffüßige Jambus hat häufig einen Einschnitt, und 
zwar entweder nach der Hebung des zweiten Fußes (Diärese) oder 
nach der Senkung des dritten Fußes (weibliche Cäsur). Dadurch 
erhält er den Charakter einer metrischen Periode (§ 152). 

a) Diärese nach der Hebung des zweiten Fußes: 

Der Morgen kcum; ij es scheuchten seine THtte 

Den leisen Schlaf, j der mich gelind tun fing, 

Daß ich erwacht, \\ aus meiner stillen Hütte 

Den Berg hinauf \\ mit frischer Seele ging. Goethe. 

b) Cäsur nach der Senkung des dritten Fußes: 



Es scheint ein langes, i em^ges Ach %u wohnen 

In diesen Ldiften, \\ die sich leise regen. 

Aus jenen Hallen l| weht es mir entgegen, 

In denen Jubel \\ sonst gepflegt xu thronen. Platen. 

171. 5. Der sechsfüßige Jambus. 

Der sechsfüßige Jambus kommt in zwei verschiedenen Arten vor u. zw. 
1 . als jambischer Trimeter (lat. senarius) ; 2. als A 1 e x a n d r i n e r. Diese 
beiden Verse unterscheiden sich voneinander durch die verschiedene Art, 
wie die beiden Halbverse voneinander geschieden sind: beim Trimeter 
durch eine Cäsur, beim Alexandriner durch eine Diärese. 

Eine dritte, in neueren Gedichten häufig angewendete Form des 
sechsfüßigen Jambus, der Nibelungen vers, beruht auf der altdeutschen 
Versmessung und hat erst bei neueren Dichtern einen jambischen Charakter 
angenommen. Daher ist dieser Vers bei den „altdeutschen Versformen" 
(§ 194) behandelt. 

172. Der Trimeter ist stets akatalektisch, endet also stets stumpf und 
hat immer eine weibliche Cäsur, entweder nach der Senkung des dritten, 
oder (seltener) nach der des vierten Fußes, Durch diese Cäsur erhalten 
die beiden Glieder des Verses einen verschiedenen Rhythmus. Das erste 
Glied hat steigenden, das zweite Glied fallenden Ehythmus. So wird 
kunstvoll durch ein einfaches Mittel eine schön klingende Abwechslung 
in den Fluß des Verses gebracht und selbst in längeren Dialogen jede 
Eintönigkeit vermieden. 

a)w'^|v.. ^|v^||^|v^^|w^|v^'^|(2:4 Hebungen), 
6)^'^|w'^|w'^|w|!^|v^'^|'^v.|(3:3 Hebungen). 

Chor (Cajetan): 

Beschließe nichts gewaltsam || Blutiges, o Herr! 
Wider dich selber wütend 1 mit Verzweiflungstat: 
Denn auf der Welt lebt niemand, \\ der dich strafen kann, 
Und fromme Büßung \\ kauft den Zorn des Himmels ab. 



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107 



Don Cesar: 



Nicht auf der Welt lebt, i| wer mich richtend «trafen kann. 
Drum muß ich selber || a/n mir selber es voüxdehn. 
Bußfertige Sühne, || weiß ich, nimmt der Himmel an; 
Doch nur mit Blute \\ büßt sich ab der blut'ge Mord, 

Schiller (B. v. 



M.). 



Der Trimeter ist der Vers des griechischen Dramas, Er ist bei 
weitem kräftiger, aber auch feierlicher g-ls der fünffüßige Jambus und 
gewährt überdies die Möglichkeit einer weit reicheren Variation der 
rhythmischen Bewegung. Denn die griechischen Dichter ließen in den 
ungeraden (1, 3, 5) Füßen nicht bloß sehr häufig den Spondeus statt 
des Jambus eintreten, sondern lösten auch öfters sowohl die schwere 
Senkung als auch die Hebung durch zwei leichte Silben auf (_ v^ w, ^ v^^ w, 
w w -i), so daß ein großer rhythmischer Wechsel möghch war. Vgl. folgende 
Charakteristik des Verses: 

Wie rasche Pfeile \\ sandte mich Ärchilochos, 
Vermischt mit fremden Zeilen, \\ doch im reinsten M&ß, 
Im Rhythmemvechsel \\ meldend seines Mutes Sturm. 
Hoch trat und fest auf dein Kothurngang , Äschylos; 
QroßarVgen Nachdruck schafften Doppellängen mir 
Samt angeschwellten Wörterpomps Erhöhtmgen. 
Fröhlicheren Festtanx lehrte mich Aristophanes, 
Labyrinthischeren; die verlarvte Schar anführend, ihm, 
Hin gaukV ich zierlich in der beflügelten Füßchen Eil', 

A, W. V. Schlegel. 
Goethe hat den Trimeter teilweise im zweiten Teile des „Faust", 

Schiller in einigen Szenen der „Jungfrau von Orleans" und der „Braut 

von Messina" angewendet. 

Der Alexandriner ist ein Langvers mit stumpfem oder klingen- 
dem Schluß. Die beiden Halbverse sind durch eine stehendeDiärese 
nach dem dritten Fuße geschieden, wodurch sich der Alexandriner 
sowohl von dem Trimeter als auch von dem Nibelungenvers unterscheidet. 
Da beide Halbverse vollständig oder nahezu gleich sind, hat der Alexandriner 
einen eintönigen Rhythmus. 



§173. 



a) .- 



. ^ I (akatalektisch) ; 
^ '^ I v^ (hyperkatalektisch). 

a) Akatalektisch: 
Nie stille steht die Zeit, W der Äugenblick entschwebt, 
Und den du nicht benutzt, jj den hast du nie gelebt. 

b) Hyperkatalektisch: 
Wie groß fü/r dich du seist, \\ vorm Qanxen bist du nichtig; 
Doch als des Oanxen Qlied ij bist du als kleinstes toichtig^ 



Rttckert. 



Rückert. 



Der Alexandriner ist ein französischer Vers. Die Franzosen wendeten 
ihn nicht bloß im klassischen Drama, sondern auch in andern Dichtungen 



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108 



an. Da aber im Französischen die Betonungsverhältnisse andere sind als 
im Deutschen, wirkt er dort nicht monoton. In die deutsche Dichtung 
wurde er von Opitz eingeführt -und beherrschte fortan bis über die Mitte 
des 18. Jahrhunderts die deutsche Literatur. Durch Klopstocks Messias 
aus dem Epos, durch Lessings Nathan aus dem Drama endgültig verdrängt, 
wurde er ganz aufgegeben, im 19. Jahrhundert aber von Rückert und 
Preiligrath wieder eingeführt. Von letzterem wurde er auch mit andern 
jambischen Versen verbunden, z. B. 

Spring an, mein Wüstenroß atM Aleooandria! 

Mein Wildling! — Solch ein Tier bewältiget kein Schah , 

Kein Emir, und was sonst in jenen 

Östlichen Ländern sich in Fürstensätteln wiegt — 

Wo donnert durch den Sand ein solcher Huf? Wo fliegt 

Ein solcher Schweif? Wo solche Mähnen? 

Hier ist der Alexandriner mit dem hyperkatalektischen Dimeter 
verbunden. 

174. 6. Der siebenfüBige Jambus. 

Der siebenfüBige Jambus ist zusammengesetzt aus einem stumpf 
endenden vierfüßigen und einem stumpf oder klingend endenden drei- 
füßigen Halbvers. Beide Teile sind durch eine Diärese streng geschieden. 
Der siebenfüßige Jambus kommt in 2 Formen vor: 



a) 



(akatalektisch) ; 
v^ (hyperkatalektisch). 

a) Katalektisch; 

Im Wasser wogt die Lilie, ji die blanke, hin und her, 

Doch irrst du, Freund, sobald du glaubst, W sie schwanke hin und her; 

Es wwxelt ja so fest ihr Fuß H im tiefen Meeresgrund; 

Ihr Haupt nur wiegt ein lieblicher \\ Gedanke hin und her, Platen. 

b) Hyperkatalektisch: 

Wen die Natur Mim Dichter schuf, ji den lehrt sie auch xu paaren 
Das Schöne mit dem Kräftigen, \\ das Neue mit dem Wahren, 



Dem leiht sie Phantasie und Witx ij in üppiger Verbindung 
Und einen quellenreichen Strom ji unendlicher Empfindung, 



Platen. 



Anmerkung. In der Regel wird dieser Vers nach der Diärese geteilt, »o 
daß man dann zwei Verse erhält (vgl. § 168).. 



§ 175. 7. .Der achtfüBige Jambus (jamb, Tetrameter). 

Der jambische Tetrameter (lat. octonarius) ist aus zwei vier- 
füßigen Halbversen zusammengesetzt, die durch die Diärese nach dem 
vierten Fuße • gesondert sind. Er kommt im Deutschen nur akata- 
lektisch vor: 

c/'^|w^|v>'^|v^'^| (akatalektisch). 



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t09 

Der du mit Tau und Sotmensehein j| ernährst die I Alien auf dem Feld, 
Der du den jtmgen Raben nicht W vergissest unterm HimmelsxeU, 
Der du *w Wasserbächen führst \\ den Hirsch, der durstig auf den Tod: 
gib, du Ällbarmherxiger, \\ auch unsrer Zeit, was ihr so not! Geibel. 

In diesem Metrum ist z. B. ,,Hannosan*^ von Platen geschrieben. 



IM. Daktylische Verse. § 178. 

Die deut sehen Daktylen haben im Gegensatz zu den griechischen 
und lateinischen einen rascheren Fluß als die Trochäen. Sie werden 
daher von den Dichtem gern dort angewendet, wo eine lebhafte Gemüts- 
bewegung, Jubelj und Aufregung zum Ausdruck gebracht werden 
sollen. Vgl. 

Eilende Wolken, Segler der Uifte! 

Wer mit euch wanderte, mit euch schiffte.' 

Grüßet mir freundlieh mein Jugendland! 

Ich bin gefangen, ich bin in Banden, 

Ach, ich hob* keinen andern Gesandten, — Schiller (M. St.). 

Die daktylischen Verse haben selten durchaus gleiche Takte (Daktylen) ; 
meist sind sie aus gleichwertigen Takten (§ 148) gebildet, indem statt 
des Daktylus ein Spondeus, oder, wie es im Deutschen nicht selten 
der Fall ist, ein Trochäus eintritt. 

Die einfachen (2 — 4 füßigen) daktylischen Verse sind zumeist kata- 
lektisch mit klingendem oder stumpfem Versschluß. 

Eigenartig gebaut sind die zusammengesetzten daktylischen Verse, 
der Hexameter (§ 180) und der Pentameter (§ 182). 

Anmerkung. Die Alten hatten auch bestimmte gemischt-daktylische Vers- 
maße, in denen Daktylen mit Trochäen verbunden waren; sie nannten diese Verse 
Logaoeden (§ 229). 

1. Der zweifüßige Daktylus. § 177. 

Der zweifüßige Daktylus ist der kleinste daktylische Vers. Er 
kommt in einer dreifachen Gestalt vor: 

aj '^ v^ v^ I ^ w w (akatalektisch) mit gleitendem Schluß; 

b) ^ ^ ^ \ ^ ^ . (katalektisch) mit klingendem Schluß; 

c) ^ ^ ^ \ ^ , . (katalektisch) mit stum^pfem Schluß. 

Die akatalektische Form ist selten und in der Regel mit der kata- 
lektischen verbunden: 



^ w w 



Freude dem Sterblichen, 

Den die verderblichen, 

Schleichenden, erblichefi 

Mängel umwanden. q q^^i,^ 



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HO 



Häufiger finden 8ich die katalektischen Formen. Die Dipodie mit 
klingendem Schluß, der sogenannte adonische Vers (§ 230), kommt 
entweder allein in Anwendung, z. B. 

Ldebliche Blume, 

Bist du 80 früh schon 

Wiedergekommen ? 

Sei mir gegrüßet, 

PrifMÜa veris! L^^^^ 

oder in Verbindung mit dem stumpf schließenden : 

Vier Elemente, 

Innig gesellt, 

Bilden das Leben, 

Bauen die Welt Schiller. 

Den adonischen Vers hat mehrfach Goethe in seinen lyrischen 
Gedichten angewendet. Vgl. „Ein Gleiches*^ (Beherzigung 11.), „Früh- 
zeitiger Frühling", „Zum neuen Jahr". 



§ 178. 2. Der dreifüBige Daktylus. 

Der dreifüßige Daktylus ist im Deutschen seltener. Er ist in der 
ß^el katalektisch imd kommt fast nur in Verbindung mit andern 
daktylischen Versen vor. 

a) Dreifüßiger Daktylus mit stumpfem Schluß allein* 

-v.v.i-v.v.(-..| 

Bäehlein, woher und wohin. 

Kosend und küssend gelind? 

Blumen voll freundlichem Sinn 

Deine Gespielinnen sind, Wessenburg. 

b) In Verbindung mit dem Hexameter: 

Ebert, mich scheucht ein trüber Gedanke vom blinkenden Weine 

Tief in die Melaneholei, Klopstock. 

c) In Verbindung mit vierfüßigem Trochäus: 

Hör* ich das Pförtchen nicht gehen? 

Hai nicht der Riegel geklirrt? 

Nein, es war des Windes Wehen, 

Der durch diese Pappeln schwirrt. Schiller. 

§ 179. 3. Der vierfüBige Daktylus. 

Der vierfüßige Daktylus (der daktylische Tetrameter) ist 
entweder akatalektisch (selten) oder katalektisch; die katalektischen Formen 
sind gewöhnlich miteinander verbunden. 

a) '^wv^ I ^v^w I ^wv^ I ^v^w I (akatalektisch) mit gleitendem Schluß; 

b) ^ww I '^ww I '^v^w j '^w . I (katalektisch) mit klingendem Schluß; 
c)^^s^\^y^^\'^^^\^..\ (katalektisch) mit stumpfem Schluß. 

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111 

Der vierfüßige Daktylus kommt sowohl allein als auch in Verbinäung 
mit dem Hexameter vor. 

a) Allein und gereimt: 

ArtemiSy.wälderbeauehende, schreitende (a) 

Über die tauigen Halme der Flur! (c) Platen. 

Windet xum Kranxe die goldenen Ähren, (b) 

Flechtet auch blaue Cyanen hinein! (c) Schiller. 

h) Verbunden mit dem Hexameter: 

Tk^aum von dem Tag ist ein nw verkündeter Plan; Ausführung 

Ist der erwachte, goldene Tag, Klopstock. 

Anmerkung. Fünffüßige Daktylen kommen nur einzeln in Übersetzungen vor. 

4. Der Hexameter. § 180 

Der daktylische Hexameter ist der epische Vers der Griechen; 
er heißt deshalb auch der heroische Vers. Wir finden ihn zuerst in 
den homerischen Gedichten, der Ilias und der Odyssee. — Von den Griechen 
haben ihn die Römer entlehnt. Ennius in seinen Annalen war der erste 
römische Dichter, der ihn anwendete; femer gebrauchte ihn Vergil in 
der Äneis, Ovid in seinen Metamorphosen, Horaz in seinen Satiren. 
Im Deutschen wurde er frühzeitig nachgeahmt, aber erst durch Klop- 
stock (Messias) eingeführt. Die bedeutendsten im heroischen Versmaß 
abgefaßten Epen der Deutschen sind Goethes „Hermann und Dorothea" 
und „Reineke Fuchs". 

Der Hexameter besteht, wie sein Name besagt, aus sechs daktyhschen 
Metren. Da aber einem daktylischen Metrum ein Versfuß entspricht, 
80 stellt sich der Hexameter als ein katalektischer sechsfüßigerDak- 
tylus mit klingendem Ausgang dar. Die ersten fünf Füße sind 
Daktylen, der sechste Fuß ist eigentlich ein Trochäus, doch kann die 
letzte Silbe leicht oder schwer sein; daher steht im letzten Fuße 
entweder der Trochäus oder Spondeus. 



Pfingsten, das \ liebliehe \ Fest, war ge \ kommen; es \ grünten und \ blühten 
Feld und \ Wald; auf \ Hügeln und \ Höhn, in \ Büschen und | Hecken 
Übten ein \ fröhliches \ Lied die \ neu er \ munterten \ Vögel. Goethe. 

In den ersten vier Füßen kann überall der Spondeus 
eintreten; ja, der Wohlklang des Verses erfordert es sogar, daß man 
den Spondeus öfter setzt. 

w| w| ^1 ^1 ^^Wj v^ 

Festtag \ isfs und be | lebt sind \ Zellen und \ Oänge des \ Klosters. Platen. 



Ernsten Qe \ müts herrscht \ einst dein | Ältester \ Ober die | Völker. Pyrker. 



Also das I wäre Ver | brechen, daß \ einst Pro] perx mich be | geistert. Goethe« 

/Google 



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112 

Aber der | Ooitmenseh \ schwieg. Da er \ grimnUe der | Priester vmi \ neuem, 

Klopst^ck. 

Ihm ant \ wartete \ drauf der \ helmum | flatterte Htktor. Voß. 

Im fünften Fuße steht der Spondeus selten; wenn dies der Fall 
ist, ist in der Regel der vierte Fuß ein Daktylus. Ein solcher Vers heißt 
versus spondiacus. 

Qeetem am Festtag war ich in Born und in Sankt Ägnese, Plateii. 

Die Dichter des 18. Jahrhunderts wendeten fast allgemein statt des 
Spondeus auch den Trochäus an; neuere Dichter vermeiden dies. 

Als nun der wohlgebildete Sohn ins Zimmer hereintrat,' 

Schaute der Prediger ihm mit' scharfen Blicken ^entgegen 

Und betrachtete seine Oestalt u^ sein ganxes Benehmen 

Mit dem Auge des Forsehers, der leicht die Mienen enträtselt, Goethe. 

§ 181. Cäsuren des Hexameters. Der Hexameter ist eine metrische 

Periode (§ 152); er besteht aus 2 Gliedern, die durch eineCäsur von- 
einander geschieden sind. Diese ist eine schwebende Cäsur, d. h. si« 
kann an verschiedenen Stellen eintreten. Man unterscheidet drei Haupt- 
cäsuren. 

1. Die häufigste Cäsur ist die männliche Cäsur nach der Hebung 
des dritten Fußes. Die Griechen nannten dieselbe Penthemimeres 
(== Tiev&rjjLiiiLieQijg = nach fünf halben Metren), indem sie einerseits die 
Hebung, andererseits die doppelte Senkimg als halbes Metrum (hemimetron) 
betrachteten. 



Denn ein geschäftiges Weib \\ tut keine Schritte vergebens. Goethe. 

Diese Cäsur teilt den Vers in zwei ungleiche Hälften ; der erste Teil 
hat einen daktylischen, der zweite Teil einen anapästischen Charakter. 
(Vgl. die zweite Hälfte des anapästischen Tetrameters (§ 187). Dies gibt 
dem Verse ein kräftiges Gepräge und eine Abwechslung im Rhythmus (§ 172). 

2. Weniger häufig ist die weibliche Cäsur nach der Senkung 
des dritten Fußes (die Gäsur xazd tqItov tqoxoiov = nach dem dritten 
Trochäus) ; sie macht den Vers wegen des doppelten klingenden Schlusses 
der Halbverse eintöniger: 



2 
'^ vy v-> 


8 ! 


\^ 


'^ v^ v^ 


'^ »^ v-> 



Zarte, vergängliche Wölkchen || umfliegen den schneeigen Ätna, Platen. 
3. Eine dritte Cäsur ist die männliche Doppelcäsur, die aus einer 
Hauptcäsur nach der Hebung des vierten Fußes, der sogenannten 
Hephthemimeres (iip&rjjLupieQijg = nach dem siebenten Halbteile) 
und einer Nebencäsur nach der Hebung des zweiten Fußes, der 
sogenannten Trithemimeres (xQi^fujüieQijc = nach dem dritten 



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113 

Halbteile) besteht. Durch die Doppelcäsur erhält der Vers den Chaxakter 
einer drei gliedrigen Periode mit einem daktylischen und zwei anapästischen 
Gliedern. 



Schweige davon! \\ rings gähnt toie ein Sehltmd \\ die gewisse Zerstörung. 

Platen. 

Durch die Haupt- imd Nebencäsur wird der Vers zweimal unter- 
brochen, die Glieder sind kurz und haben einen energischen Bhythmus. 
Daher eignet sich diese Cäsur sehr gut zum Ausdrucke leidenschaftlicher 
Erregung. Vgl. : 

Trunkenbold, \\ mit dem hündischen Blick || imd dem, Mute des Hirsches! 

Voß (Ilias I. 225). 

(Olroßagig, \ xvvbg Ä/i/iar ^x^'^ l xQadlrjv ^ iXdq)oio.) 

Der reiche Wechsel, der zwischen Daktylen und Spondeen möglich 
ist, verleiht dem Rhythmus des Hexameters eine so große Mannigfaltig- 
keit, daß dieser Vers auch in den größten Gedichten nicht einförmig 
wird. Zugleich eignet sich der Vers vorzüglich zur poetischen 
Malerei. Vgl.: 

Wie oft Seefahrt kaum vorrückt, mühvolleres Rudern 

Fortarbeitet das Schiff, dann plötxlich der Wog* Abgründe 

Sturm aufwühlt imd den Kiel in den Wallungen schaukelnd dahimreißt: 

So kann ernst bald ruhn, bald flüchtiger tpieder enteilen. 

Bald, o wie kühn in dem Schwung! der Hexameter, immer sich selbst gleich, 

Ob er %wm Kampf des heroischen Lieds unermüdlich sich gürtet^ 

Oder, der Weisheit voll, Lehrsprüche den Hörenden einprägt, 

Oder geselliger Hirten Idyllien lieblich umflüstert. A. W. Schlegel. 



5. Der Pentameter. § 182. 

Aus dem Hexameter hat sich der Pentameter entwickelt. Es ist kein 
selbständiger Vers, sondern kommt nur in Verbindung mit dem Hexameter 
vor. Er ist der zweigliedrige Nachsatz einer (metrischen) 
vie rgliedrigenPeri od e, derenVordersatz der Hexameter ist. 

Der Pentameter besteht aus zwei durch eine Cäsur in der Mitte stark 
getrennten Halbversen, welche je einem dreifüßigen Daktylus mit stumpfem 
Versschluß entspricht (vgl. die Cäsur Penthemimeres). Der Pentameter 
nimmt also das erste Ghed des Hexameters, zweimal es wiederholend, 
auf. Er wird deswegen als dikatalektischer (= zweimal katalek- 
tischer) Hexameter erklärt. 



Tumlirz, Die Sprache der Dichtkuos. g 

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114 

In der Mitte muß die Cäsur streng beobachtet werden. Im ersten 
Teil können statt der Daktylen Spondeeh .eintreten, der zweite Teil aber 
ist stets daktylisch. Am häufigsten findet sich der Spondeus im zweiten 
Fuße. 

Doch Homeride »u sein, auch nur äU Utxtery ist schön. Goethe. 



Wohl dir, wenn die Vernunft immer im Herxen dir wohnt, SchiUer. 



Eokes Gespräch schreckt ab, xderliche Rede gefällt, Platen. 

Anmerkung. Der Name Pentameter entstand aus einer falschen Messung 
des Verses. Man rechnete nämlich die Länge des dritten und sechsten Fußes zu- 
sammen als einen Spondeus und zählte somit fünf Füße : 



§ 183. Das elegische Distichon. 

Der Pentameter bildet zusammen mit dem Hexameter das sogenannte 
elegische Distichon. 

Selig der Dichter, er kann festhalten das xeitliche Dasein, 

Aber veretüigen auch alle Gestalten des Raums/ Platen. 

Die griechischen und römischen Elegiker bedienten sich durchgehends 
dieses Versmaßes; ebenso sind die meisten antiken Epigramme in 
Distichen abgefaßt. In gleicher Weise verwendeten es Schiller und Goethe 
(Elegien und Epigramme) und nach ihnen neuere Dichter. 

Das elegische Distichon unterscheidet sich wesenthch von dem 
ruhigen Hexameter. Es schneidet den Strom der Rede ab und erfordert 
eine präzise Fassung des Gredankens. Daher eignet es sich besonders zum 
Epigramm; der Pentameter enthält dann in der Regel eine Antithese 
zum Hexameter. Vom elegischen Distichon sagt Schiller: 

Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule^ 
Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab. 

§ 184. Daktylische Verse mit Auftakt (Anakruse). 

Wenn vor einen Vers, der regelmäßig mit einer Hebung anfangen 
sollte, eine oder zwei unbetonte Silben vorgesetzt werden, so nennt man 
diese Vorschlagssilben Auftakt oder Anakruse. Der Auftakt wird mit ^< 
bezeichnet. 



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115 

Bin solcher Auftakt kommt; manchmal bei daktylischen Versen 
vereinzelt vor, z. B. . . 

^ ^ Allen Gewalten 

"^ ^ Zum Trutx sich .erhoUten^ . 

^ w Nimmer mch beugen, . 

^ w Kräftig sieh xeigenj 

^ ^ Rufet die Arme 

^ * Der OÖtter herbei. 
Durchwegs erscheint ein solcher Auftakt in dein Verse, den Ewald 
von Kleist in seiner Dichtung ,,Der Fr ühling^^ angewendet hat und 
der sonst ganz einem Hexameter gleicht: 

I dreimal seliges Volk, das keine Sorge beschweret , 

Kein | Neid versuchet y kein Stölzl Dein Leben fließet verborgen 

Wie I klare Bäche durch Blumen dahin. — 

Dieser Vers ist aber eigentlich aus dem Alexandriner (§ 173) 
entstanden^ indem unter dem Einflüsse des deutschen Volksliedes statt 
der einfachen auch eine doppelte Senkung zugelassen wurde, z. B. 

Ich tvill vom Weine berauscht \\ die Lust der Erde besingen, 

Uz {FrühlingBode 1743). 

Ewald von Kleist ließ aber statt der männlichen nicht selten die 
weibliche Cäsur eintreten: 

Aus hohler Klippe gedrätigt, \\ fällt dort mit wildem Getümmel 
Ein Fluß ins buschige Tal, \\ reißt mit sich Stücke von Felsen, 
Durchrauscht entblößete Wurxeln || der untergrabenen Bäume, 
Die über fließende Hügel || vom Schaum sich bücken und wanken. 
Die grünen Grotten des Waldes \\ (ertönen und klagen darüber. 
Es stutxt ob solchem Getöse \\ das Wild uf id. eilet von dannen; 
Sich nahende Vögel verlasseuj \\ im Singer^ gehindert, die Gegend, 

Dadurch verlor der Vers das charakteristische Kennzeichen des 
Alexandriners und stimmte nun im wesentlichen ^ bis auf den Auftakt 
— mit dem Hexameter Klopstocks überein. 



JV. Anapästische Versa § 185. 

Anapästische Verse sind im Deutschen im allgemeinen selten. Sie 
wurden von den Griechen nach Metren gemessen ; ein anapästisches Metrum 
umfaßt 'im Gegensatz zum Daktylus • immer zwei Füße (§ 149, Anm.). 
Statt des Anapästes konnte in der Regel ein steigender Spondeus 
eintreten. 

Da im Deutschen die Zahl der steigenden Spoüdeen gering ist, steht 
statt eines solchen auch ein Jambus. Um den anapästisehon Charakter 
des Verses (den steigenden Rhythmus) klar hervorzuheben, !muß der Dichter 

8* 



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116 

nach jedem Metrum oder wenigstens nach zwei Metren eine Diärese 
eintreten lassen. Darin liegt das wichtigste Kennzeichen des rein ana- 
pästischen Verses: 

Wie rafft ich mich auf \\ in der Nackt , in der Nacht, jj 
Und fühlte mich für der gexogen; 
Die Oassen verließ \\ ich, vom Wächter bewacht, ji 
Durehwandelte sacht \\ 
In der Nacht, in der Nacht, \\ 
' Das Tor mit dem gotischen Bogen. Platen. 

Er kommt besonders in 2 Formen vor: als einfacher Kurzvers 
(Dimeter == 4 Füße) und als Langvers (Tetrameter). 

18& 1. Der anapästische Dimeter (der vierfüßige Anapäst). Er besteht 

aus zwei — in der Regel durch eine Diärese — getrennten Metren: 

v^v-» |>w's^ ;:v-»x^ jv-'v-' 

Und der Jubel des Volks jj ob der Rede war groß. Geibel. 

Die zwei leichten Silben können durch eine schwere vertreten 
werden (ww^): 

Auf, auf Genossen! Er wandelt heran 

Lichtschon wie Apoü, der Kocher und Pfeil 

Im Gebüsch ablegt und die Leier bexdeht 

Mit Saiten. Es spült der kastalische Quell 

An die Knöchel des Gotts und es schleicht Sehnsucht 

In die liebliche Seele der Musen. Platen. 

Theodor Kömer läßt vereinzelt auch Jamben an Stelle der Ana- 
päste treten: 

Was glänxt dort vom Walde im Sonnenschein? 

Hor's näher und näher brausen. 

Es xieht sich hinunter in düsteren Reihn 

Und gellende Homer schallen darein 

Und erfüllen die Seele mit Grausen. 

Und wenn ihr die schwarxen Gesellen fragt: 

Das ist Lütxows wilde, verwegene Jagd. 

187« 2. Der anapästische Tetrameter. Dieser Vers, den Platen in die 

deutsche Literatur eingeführt hat, enthält nur sieben vollständige Füße, 
von dem achten nur eine leichte Silbe. 



Der anapästische Tetrameter ist eine zweigliedrige metrische Periode; 
er besitzt einen Haupteinschnitt, die Diärese nach dem vierten Fuße, 
und eine Nebendiärese nach dem zweiten Fuße. Statt des Anapästes 
kann überall der Spondeus eintreten; nur der siebente Fuß ist stets 
ein Anapäst. Platen wendet ihn teils reimlos^ teils gereimt an. 



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Platen. 



U7 

a) Eeimlos: 
Wem Kraft des Oemüts, \ wem Tiefsitm fehlt |j und die Kunst, die jegliches ordnet ^ 
Der toird niemals \ dem versammelten Volk ji vorführen die wahre Tragödie. 

b) Gereimt: 

Ein Pedant, den nichts \ xu begeistern imstand, \\ annselig steht er und einsam; 
Zwar hat er vielleicht \ mit den Tieren den Fleiß, W doch nichts mit dem Menschen 

gemeinsam. Platen. 

Anmerkung. Der energisch steigende Rhythmus, der diesen Versen 
infolge der Diäresen eigen ist, fehlt den oben § 184 erwähnten daktylischen 
Versen mit Anakruse; diese haben trotz der Anakruse einen fallenden 
Rhythmus. 

Jambisch-anapästische Verse. § 188« 

Wie in daktylischen Versmaßen die deutschen Dichter häufig statt 
des Spondeus den Trochäus anwenden, so kommt es auch in anapästischen 
Versen vor, daß der Anapäst mehrfach durch den Jamhus vertreten wird. 
Verse, in denen Jamben und Anapäste sich vermischt vorfinden, haben 
ein jambisch-anapästisches Versmaß. 

In jambisch-anapästischen Versen steht der Jambus fast regelmäßig 
im ersten Fuße, da wir im Deutschen sehr wenig anapästische Wörter 
haben, mit denen der Vers beginnen könnte. Aber der Jambus kann 
auch an anderer Stelle stehn< 

Am häufigsten sind vier- und dreifüßige jambisch anapästische Verse 
(der akatalektische und katalektische Dimeter): 

b) ^^ \ ^y^^ \ s^^^ \ ^ 

Gewöhnlich sind beide miteinander periodisch (abwechselnd) ver- 
bunden : 

Wir singen und sagen vom Grafen so gern, 

Der hier in dem Schlosse gehat*set, 

Da, wo ihr den Enkel des seligen Herrn j 

Den heute vermählten, beschmauset. 

Nun hatte sieh jener im heiligen J^rieg 

Zu Ehren gestritten durch numnigen Sieg, 

Und als er MA Hause vom Rösselein stieg, 

Da fand er sein Schlösselein oben, 

Doch Diener und Habe xer stoben. Goethe. 



Wohl perlet im Olase der pt^pume Wein, 

Wohl glänxen die Augen der Qäste; 

Es xeigt sieh der Sänger, er tritt herein. 

Zu dem Outen bringt er das Beste; 

Denn ohne die Leier im himmlischen Saal 

Ist die Freude gemein auch beim Nektarmahl. Schiller. 



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118 

In diesem Versmaße sind gesehrieben : Goethe: „Das Hochzeitiied^', 
„Der Totentanz", ^^aUade vom vertriebenen und zurückkehrenden Grafen"; 
Schiller: „Die Bürgschaft", „Der Taucher", „Der Graf von Habsburg", 
„Die vier Weltalter", „Reiterlied", „Hoffnung" u. a. Doch ist zwischen 
der Art, wie Goethe, und der, wie Schiller dieses Versmaß behandelt, ein 
charakteristischer Unterschied. Goethe gebraucht nur im 1. Fuße den 
Jambus, alle übrigen Füße sind konsequent Anapäste ; Schiller läßt den 
Jambus an beliebiger Stelle eintreten. 

Die jambisch-anapästischen Verse ähneln den oben besprochenen 
daktyUschen mit Auftakt. Doch ist ein Unterschied vorhanden; bei diesen 
ist der Vers nach Weglassung des Auftaktes ein bestimmter daktylischer 
Vers (Hexameter, Adonius), für den alle Gesetze des betreffenden dak- 
tylischen* Metrums gelten (Cäsuren usw.), jene entsprechen anapästischen 
Versen mit spondeischem Anfang und halten sonst die Gesetze des ana- 
pästischen Versmaßes fest (Diärese nach dem 4. Fuß, daher regelmäßig 
männlich schließender Dimeter) und haben demnach einen ausgesprodien 
steigenden Rhythmus. Vgl. 

Da bist du mm, Oräfleinf da bist du xu Haus ... 
Aufy auf, o Qmossen! Er toandelt heran ... 

Über den Unterschied von den altdeutschen Metren s. u. § 192. 



§ 189, V. Altdeutsche Versmaße. 

Die altdeutschen Versmaße sind rhythmische Reihen, die aus gleich- 
wertigen, nicht aus gleichen Takten gebildet sind. 

Gleichwertige Takte dieser Reihe sind: 1. eine Hebung allein (ein- 
silbiger Takt); 2. eine Hebung und eine Senkung (zweisilbiger Takt); 
3. eine Hebung und eine doppelte Senkung (dreisilbiger Takt). Die 
Taktgleichheit wird dadurch hergestellt, daß beim einsilbigen Takt die 
denselben ausfüllende Hebung über das Normalmaß hinausgedehnt, beim 
dreisilbigen Takt die beiden Senkungen flüchtiger gesprochen werden, als 
die Senkung des zweisilbigen Taktes.^) 

Der einsilbige Takt ist in altdeutschen Gedichten häufiger, in neu- 
hochdeutschen — von Übersetzungen und archaisierenden Dichtungen ab- 
gesehen — selten. Vgl. 

J&5 troumdc Kriemkilde in tagenden der sie pflae. — 
Den stein warf st verre, dar nach si vnten spranc. — 

des het diu juncfroutoe unmdi;en vil getan. 

dai; gevrieseh bi dem Rine ein ritter wol getan, Nibelungenlied. 

Der Wald steht in BlütCj die tcilden Schwäne xiehn^ 

Mir klingt's im Oemüte wie Wandermelodien; 

Zum Stab muß ich greifen, leb wohl altes Haus! 

Und singend wieder schweifen ins deutsche Land hinaus. Geibel. 



Vgl. H. Paul (Grdr. etc. II, 1, 908). 

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IIÖ 

Der dreisilbige Takt wird in mittelhochdeutschen Dichtungen ver- § 190» 
mieden. Der Rhythmus drängte zum . zweisilbigen Takt, darum gilt dort 
das Gesetz der einfachen Senkung. Wo eine doppelte Senkung vor- 
kommt, stand sie nach einer kurzen Hebung und da wurde die erste 
unbetonte Silbe nicht zur Senkung, sondern zur Hebung gerechnet. 

Dagegen kommt im Volkslied die doppelte Senkung vor und von 
diesem beeinflußt, wenden neuere Dichter in altdeutschen Versen mit 
VorUebe neben zweisilbigen Takten dreisilbige an: 

Siegfried den Hammer wohl schwingen ktmntj 

Er achltig den Ämbos in den Qrund. 

Er schlug^ das weit der Wald erklang 

Und alles Eisen in Stücke sprang. 

Und von der letzten Eisenstang 

Macht er ein Schwert, so breit wnd lang 

Nun hat ich geschmiedet ein gutes Schwert, 

Nun bin ich wie andre Ritter wert; 

Nun schlag ich wie ein andrer Hdd 

Die Riesen und Drachen in Wald und Feld. Uhland. 

Die altdeutschen Versformen unterscheiden sich, von den nach § 191. 
griechisch-römischen Mustern gebildeten weseütlich dadurch, daß sie keine 
bestimmte Versfüße haben. 

Der freie Wechsel gleichwertiger Takte aber bringt es mit sich, daß 
sich die Verstakte leicht an die Taktö der natürlichen Rede, die Sprech- 
takte, a^nschUeßen und demgemäß mit einer betonten Silbe anheben. . 

Dieser können eine oder zwei leichte Silben als Auftakt vorgehen, 
ohne daß dadurch der allgemeine Rhythmus beeinträchtigt würde. Vgl. 

Hast du das Schloß gesehen-. Es \ möchte sich nieder neigen 

Das I }iohe Schloß am Meer? In die \ spiegelklare Flut, 

Oolden und rosig wehen Es \ rmchte streben und steigen 

Die I Wolken drüber her. In der \ Abendwolken Olut. Uhland. 

Bei der großen Mannigfaltigkeit, deren die altdeutschen Verse fähig 
sind, wird darum nur das Bleibende im Wechsel, die bestimmte Anzahl 
der Hebungen in Betracht gezogen und der Vers nach diesen benannt 
(vierhebiger, sechshebiger Vers). 

Die Senkungen können im Neuhochdeutschen beliebig schwer 
oder leicht (tieftonig oder unbetont) sein. Da ihre Zahl zwischen zwei 
Hebungen keine festbestimmte ist, so drückt man sie (im allgemeinen 
Schema) durch Punkte aus, z. B. 

Der Knecht hat erstochen den edeln Herrn; 

Der Knecht war* selber ein Ritter gern. 

E-r \ hat ihn erstochen im dunkeln Hain 

Und rfÄi I Leib versenket im tiefen Rhein, Uhland. 



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120 

§ 192. Wenn in den altdeutschen Metren zweisilbige Senkungen in größerer 

Anzahl angewendet werden^ nähern sie sieh den jambisch-anapästischen 
Versen und es ist in manchen Fällen dann schwierig zu entscheiden, ob 
man das Versmaß eines Gedichtes (z. B. „Der Mohrenfürst" von Preilig- 
rath) zu diesen oder zu jenen rechnen soU. 

Entschieden als altdeutsche Versmaße sind zu betrachten: 

1. alle Verse, die einen bestimmten, altdeutschen Mustern (z. B. dem 
Nibelungenvers) genau entsprechenden Bau haben, mögen sie auch einen 
durchwegs jambischen oder vorwiegend anapästischen Charakter besitzen; 

2. solche Verse, in denen der jambische Charakter vorwiegt, die 
Anapäste also seltener sind als die Jamben (Klein Roland von Uhland); 

3. solche, in denen die doppelten Senkungen willkürlich durch 
leichte oder schwere Silben gebildet werden, die Anapäste also nicht 
rein sind, besonders dann, wenn die schweren Senkungen häufig vor- 
kommen, wie z. B. in dem Gedichte „Das Erkennen" von Vogl: 

Am Schlägbaum lehnt just der ZoUner davor. — 
Doch sieh, Freund Zollmann erkennt ihn nicht, — 
Du blühende Jungfrau, viel schonen WiUkomm! — 
Ein Tranlein hängt ihm an der braunen Wömg*, — 
Da wankt von dem Kirch steig sein Mutterchen her, — 
Das Mütter aug* hat ihn doch glHch erkannt. — 

Dagegen werden die Versmaße der Schillerschen Romanzen zu den 
jambisch-anapästischen Metren gerechnet. 
§ 193* Der älteste hochdeutsche Vers ist die epische Langzeile, die acht 

Hebimgen besitzt imd in zwei durch die Cäsur scharf geschiedene 
Hälften (Halbverse mit vier Hebungen) zerfällt. Die beiden Halbverse 
sind durch den Stabreim so verbunden, daß der erste Halbvers in 
der Regel zwei alliterierende Hebungen (Stäbe) enthält, der zweite nur 
eine, den Hauptstab. Doch kommen auch Verse mit vier oder bloß 
zwei Stäben vor. 

(x) A,A.A.A^A.A,A,A 

Ahd.: Welaga nü, waltant got, \\ wiwurt skihit/ 

Nhd.: Wehe nun, waltender Qott, \\ Wehgeschick bricht Jierein! 

Hildebrandslied. 
Ahd.: Uuanta sär sd 9ih diu sMa in den sind arhevit 
enti si den Ithhamun Ukkan laxxit, 
so quimit ein heri fona himÜvungalonj 
dux andar fona pehhe: dar pägant siu umpi, 
Nhd.: Denn sobald sich die Seele xu den Höhen erhebet 
und (wenn) sie den Leichnam liegen lasset, 
so kommt ein Heer von Himmelsxungen (Sternen), 
das andere von Pech; die balgen sich um sie, Muspili. 

Diesen Vers wandte Otfried in seinem Evangelienbuch („Krist") au ; 
nur verband er die beiden Halbverse durch den allerdings noch ziemlich 



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121 

unvollkommeneii Endreim. Er ist der erste deutsche Dichter, der den 
Bndreim gebraucht. 

Ahd.: Lüdouuig ther anellö, thes uuisdtiäfnes fölld, 

er datarrtchi rihtit al so Frankono kuning aeal. 
Ubar Frankono lant so gengit eUu sin gumalt. 
Nhd.: Lududg der schnelle (= tapfere), der Weisheit vollcj 
regiert das Ostreich all, wie ein Frankenkönig soll, 
übers Frankenland geht so aU seine Gewalt, 

Der Nibelungenvers. § 194.- 

Aus der epischen Langzeile hat sich der Nibelungenvers gebildet, 
in dem genau dasselbe Gesetz von der bloßen Zählung der Hebungen 
befolgt ist. Nur reimen die ganzen Verse, nicht die Halbverse mit- 
einander u. zw. paarweise. Im Nibelungenüed sind die Reime stets 
stumpf; in neuerer Zeit finden sich aber auch häufig weibliche Reime. 

Der Nibelungen vers enthält nach der im Neuhochdeutschen 
tibüchen Zählung 6*) Hebungen, zwischen denen die Senkimgen willkürUch 
einfach oder doppelt vorhanden sein können. Er hat stets nach der 
dritten Hebung eine weibliche Cäsur (stehende *Cäsur § 153). 

(x) I X . X . X w II (w) X . X . ^ (w) 
Es saß im Niederlande ein König wohl bekannt; 
Siegmund wd/r sein Name, weithin genannt, 
Sieglinde seine Fratte, sein Sohn hieß Siegfried. 
Von ihm sollt ihr hören cUUiier in diesem Lied, 

Der gehörnte Siegfried. 

Dadurch unterscheidet er sich vom Alexandriner und imhert sich 
dem Trimeter. Welch reicher Mannigfaltigkeit der Rhythmus im Nibe- 
lungenvers fähig ist, zeigt Anastasius Grün in der folgenden Strophe: 

Du Vers der Nibdtmgen, |j du bist ein Meer, ein weites; 

Hier ruhfs so glänxend, schweigend, \\ dort brandend am Felsen aufschreit es. 

Du bist der Strom der Ebne, || der breit sich dehnt und reckt. 

Und bist auch das Bächlein der Berge, \\ das schäckernd mit Schaumdiamanten uns neckt. 

Im Neuhochdeutschen läßt man im Nibelungenvers den jambischen 
Rhythmus vorherrschen; der Vers hat also das Schema: 

Burg Niedeck ist im Elsaß || der Sage wohlbekannt. 

Die Hohe, wo vor Zeiten \\ die Burg der Riesen stand; 

Sie selbst ist nun verfallen, \\ die Stätte taust und leer; 

Du fragest nach den Riesen, \\ du findest sie nicht mehr. Ohamisso. 

*) EigentUch hat er aber sieben Hebungen, der erste Halbvers vier, wie 
denn wirklich manche Verse im Nibelungenlied noch in der ersten Hälfte vier 
Hebungen aufweisen, z. B. 

Sie Ugten ihn auf Unen Schild, der wd/r von Qölde röt. 

Daß auch der weiblich ausklingende erste Halbvers vier Hebungen hat 
( ^ A . A . A ^), beweisen die Messungen Brückes. 



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122 

§ 195. Auch gebrochen wird der Nibelungenvers angewendet^ d. h. die 

Halbverse werden als selbständige Verse betrachtet und gesondert 
geschrieben. So entsteht ein dreihebiger Vers> der sich in vielen 
Liedern findet. 

Dabei sind entweder die aus den ersten Halbversen entstandenen 
Zeilen — also die ungeraden Verse — reimlos und die geraden 
Zeilen (= die zweiten Halbverse) gereimt: 

j Da droben auf jenem Berge, (= 1. Halbvers) 
\ Da steh iek tausendmal, (= 2. Halbvers) 

An meinem Stabe gebogen, 

U9id schaue hinab ins Tal. Goethe. 

oder die Zeilen reimen abwechselnd (a b, a b): 



I 



Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, 

Daß ich so traurig bin. 

Ein Märchen atis alten Ziitenf 

Das kommt mir nicht aus dem Sinn. Heine. 



Anmerkung. Den Übergang zu der zuletzt erwähnten Form bilden die 
jüngeren Verse des Nibelungenliedes, in denen bereits der Mitteire im der Halb- 
verse vorkommt. Vgl. di^ 1 Strophe des Nil^lungenliedes : 

Uns ist in alten maeren Wunders vü geseit 

von heleden lobebaeren, von groxer arebeit, 

von fröuden, höehgextten, von weinen und von klagen 

von küener recken strtten muget ir nu wunder hoeren sagen. 

§ 196* Schon in der ältesten Zeit erscheinen in den germanischen Spi^achen 

neben der alten Langzeile vier hebige Kurzzeilen. Auch diese lassen 
deutlich die Gliederung in 2 Halbverse erkennen, deren jeder aus einem 
Doppeltakte (§ 149) besteht. Jede Kurzzeile enthält 2 oder 3 eigene Stäbe. 

Den eisernen Helm mit dem Eberhdupte 
Und die Brunne gebSt er xu hring&n, die grdue. 
Und das köstliche Kämpf sehwert mit kundenden Worten. 

BeowuU (übers, v. H. v. Wolzogen). 

Diesen Vers hat in neuerer Zeit Jordan in seinem Epos „Die Nibe- 
lunge" angewendet. Ein Beispiel (mit Hervorhebung der Stäbe und 
Hebimgen) ist folgendes: 

2!u süßem Oesang, unsterbliche Sage, 

Laß tnich nun dein Mund sein voll uralter Mären 

Und leg* auf die Lippen das Lded von Siegfried, 

Dem herrlichen Seiden mit furchthsmn Herxen, 

Der den Hüter des Hortes, den Lindwurm erlegte, 

Durch die flammende Flur auf flüchtigem Rosse 

Den Brautritt vollbrachte und Brunhild erweckte, 

Die der zürnende Gott im Zaubergarten 

Zu schlafen verdanvmt tmd mit Dornen umschlossen. 



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I2ä 

Auf demselben Prinzipe wie dieser alte epische Vers beruhen auch § 197. 
die paarweise gereimten Kurzzeilen (Reimpaare) der mittelhoch- 
deutschen höfischen Epik. Sie haben vier Hebungen mit männ- 
lichem Ausgang (a) oder drei mit weiblichem Ausgang (b) . 

a) X \ A , A ^ A . A b) X\ A , A , A ^ 

Beide Verse kommen in der neueren Literatur häufig vor. Die 
erste Form findet sich besonders in erzählenden Gedichten. In der Regel 
überwiegt die einsilbige Senkung (der jambische Rhythmus) und ; ; 
ebenso ist fast immer der Auftakt vorhanden. Diese Verse sind durchaus 
Reimverse. 
. ■ Jurig Siegfried war ei/ii stolxer Knab*, 

Qing von des Vaters Burg herab, 
Woüt* rasten nicht in Vaters Hatis, 
Wollt' wandern in alle Welt hinaus, Uhland. 

' Vgl. „Belsazer** von Heine; „Schwäbische Kunde", „Der weiße 
lliirsch", „Die Rache" von Uhland; „Der Reiter und der Bodensee'' von 
Sqliwab u. a. 

Beide t'ormen der Kurzzeile werden aber auch abwechselnd mit 
gekreuztem Reime (a b a b, vgl. § 204) angewendet: 

Nicht der ist auf der Welt verwaist. 

Dessen Väter und Mutter gestorben^ 

Sondern der für HSrx und Oeist 

Keine Lieb und kein Wissen erworben. Rttckert. 

Vgl. „Die Grenadiere" von Heine. 
; . Wo (iie epische Kurzzeile mit s t u m p f ausklingendem dreihebigen Vers 
verbunden ist, entspricht diese Verbindung der oben § 195 besprochenen 
Auflösimg des Nibelungenverses in zwei selbständige Verse, da dann der 
vierhebige Vers einem ersten Halbverse des Nibelungenverses (vgl. Note 
zu § 194) analog ist. 

Der König Karl Mir Tafel saß 

Im goldenen Rittersaal. 

Die Diener liefen ohn' Unterlaß 

Mit Schüssel und Pokal, Uhland. 

Aus der vierhebigen Kurzzeile ging der sogenannte Knüttel- § 198* 
vers hervor, eine Zeile von vier Hebungen mit stumpfem oder klin- 
gendem Ausgang. 

Wie er die Frühlings sonne spirt, 
Die Ruh' ihm niue Arbeit gebiert; 
Er fühlt, daß ir eine kleine W6lt 
In siinem Oehime bruUnd hält, 
I Daß die fängt dn X4$ wirken und %u Üben, 

Daß er sie girne möchf von sieh giben, Goethe. 



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124 

Der Knüttelvers ist ein Metrum, welches die Meistersänger in 
ihren poetischen Erzählungen anwendeten. Nur begnügten sie sich damit, 
die Silben zu zählen, ohne sie zu wägen. Goethe hat die Hebung stets 
berücksichtigt und durch seine meisterhafte Behandlung des Verses diesen 
wieder zu Ehren gebracht. Vgl. „Hans Sachsens poetische Sendung", 
„Johanna Sebus", ^Faust" (1. Teil). Von Schiller wurde dieser Vers in 
^Wallensteins Lager" angewendet. 

199. Freie rhythmische Verse. 

Bei Klopfstock, Goethe, Schiller, Heine u. a. finden sich in ver- 
schiedenen Dichtungen Metren, deren Ehythmus durch kein festes Prinzip 
geregelt erscheint. In solchen Versen ist weder die Zahl der Hebungen 
noch die der Senkungen, weder der Umfang des Verses noch der steigende 
oder fallende Charakter desselben fest bestimmt. Das Charakteristische dieser 
Verse besteht darin, daß der Dichter den schwereren oder rascheren Fluß 
der rhythmischen Bewegung dazu benützt, Seelenstimmungen gleichsam 
musikalisch zum Ausdruck zu bringen oder sonstige malerische 
Wirkungen zu erzielen. Mann nennt solche Metren „freie rhyth- 
mische Verse". 

So schweigt der Jüngling lang. 

Dem wenige Lenxe verwelkten, 

Und der dem ai Werk aarigen, tatenumgebenen Qreise, 

Wie sehr er ihn liehe, das Flammenwort hinströmen will. 

Ungestüm fährt er auf um Mitternacht; 

Ölühend ist seine Seele/ 

Die Flügel der Morgenröte wehen, er eilt 

Zu dem Qreis und saget es nicht. Klopstock. 



Und wie er winkt mit dem Finger y Ringsum 

Auftut sieh ein weiter Zwinger, Mit langem Q ahnen 

Und herein mit bedächtigem Schritt Und schüttelt die Mähnen 

Ein Löwe tritt Und streckt die Glieder 

Und sieht sich stumm Und legt sich nieder. Schiller. 

Goethe hat diese freien rhythmischen Verse besonders in seinen 
Ideendichtungen („Mahomets Gesang", „Gesang der Geister über den 
Wassern", „Meine Göttin", „An Schwager Kronos", „Seefahrt", „Gany- 
med", „Grenzen der Menschheit", „Das GöttUche" u. a.) sowie an einzelnen 
Stellen im Drama (vgl. das Parzenlied in der Iphigenie) angewendet. 
Aber Goethe hält dabei oft ein bestimmtes metrisches Gebilde 
(meist eine daktylische oder trochäische Dipodie) als rhythmisches Element 
fest, das gleichsam als Leitmotiv durch das ganze Gedicht sich hin- 
durchzieht und demselben — bei allen Variationen im einzelnen (Auftakt, 
Wechsel von doppelter und einfacher Senkung) — einen einheitlichen 
rhythmischen Charakter verleiht: 



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125 

A A 

Motiv : a^a^{as^^aJ) 

w j X v^ ^ w Des Menschen Seele 

'^ v> ^ w Gleicht dem Wasser: 

^ \ '^ ^ ^ ^ Vom Himmel kommt e«, 

v^ I '^ ^ ^ v> Zum Himmel steigt es, 

^ \ ^ y^ ^ ^ Und toieder nieder 

^ I ^ w ^ v^ Zur Erde muß es 

'^ w '^ s-/ Ewig wechselnd, 

^wv^'^ w Strömt von der hohen 

'^ w ^ w Steilen Felswand 

K^ \ ^ ^ "^ . Der reine Strahl, 

w I '^ v^ '^ v^ Dann stäubt er lieblich 

^ I '^ w ^ w In WolkentoeUen 

v^ I '^ v^ ^ . Zum glatten Fels, 

w I ^ v> '^ v^ Und leicht empfangen, 

^v^w^ ^ WaUt er verschleiernd, 

^ . ^ v^ Leis rauschend 

v> I ^ v^ ^ w Zur Tiefe nieder, 

*^ ^ "^ ^ Ragen Klippen 

w I '^ w '^ w Dem Sturx entgegen 

^v^w^ v^ Schäumt er unmutig 

'^ v^ ^ ^ Stufenweise 

v-* I '^ . '^ . Zum Abgrund. 

w I '^ ^ ^ w Im flachen Bette 

^ww I '^wv^'^ . Schleicht er das Wiesental hin 

'^v^v^ I ^ v^ '^ . Und in dem glatten See 

^w^'^ -' Weiden ihr Antlitz 

Alle Gestirne. 

Wind ist der Welle 
'"'ww'^ ^ lAeblicher Buhler; 

^w^'^ ^ Wind mischt von Orund aus 

^ww'^ ^ Schäumende Wogen. 

'"v^w^ ^ Seele des Menschen, 

^ I '^wv^'^ w TTie gleichst du dem Wasser! 

^v>w^ v^ Schicksal des Menschen, 

^ I '^wv^^ . Wie gleichst du dem Wind! 

J Vgl. ,,Qrenzen der Menschheit" (^ v^ v^ '^ ^), „Das Göttliche" (^ w '^ J), 

„Mahomets Gesang" ('^v^'^v^). „An Schwager Kronos ('^v^'^^^^), „Der 
deutsche Pamass ('^^^J) u. a. 



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126 
§ 200. Die Strophe. 

Die Verse eines Gedichtes können einfach aneinander gereiht werden, 
wie z. B. die Hexameter in epischen Dichtungen, die Blankverse im Drama 
u. dgl. Auch hei Reimversen ist dies möghch, vgl. Uhland: „Schwä- 
bische Kunde^', „Graf Richard Ohnefurcht"; Lenau: „Der Urwald", 
„Die Werbung"; E. Ebert: „Die Glasscherben" u. a.^ 

In den mittelhochdeutschen höfischen Epen ist der vierhebige Vers 
fortlaufend gereiht, z. B. 

Swer an rehte giiete künec Ärtüs der gttotey 

wendet sin gemüete, der mit riters mttote 

dem volget saelde (Qlück) und ere. nach lobe künde (konnte) striten. 

des git (gibt) getoisse lire Hartmann v. Aue. (Iwein). 

Ebenso hat Scheffel in seiner Übertragung des Walthariliedes den 
Nibelungenvers fortlaufend angewendet. 

In lyrischen und in vielen epischen Gedichten werden aber die Verse 
zu bestimmten Versgruppen vereinigt. 

Dabei sind 3 Fälle möglich: 

1. Die Verse, die miteinander verbunden werden, sind metrisch 
einander gleich; dann bildet das Bindemittel der Reim, z. B. 

Eis rotten sich Bauern und Mannen 

Und stürmen nächtlich das Schloß; 

Der Bitter entweicht von dannen 

Auf seinetn schäumenden Roß. Martin Greif. 

2. Es werden metrisch verschiedene Verse zu einer in sich 
geschlossenen Gruppe vereinigt; dann kann das Versmaß für sich allein 
das Band der Gruppe bilden, z. B. 

Ha, dort kömmt er, mit Sehweiß, mit Römerblute, 
Mit dem Staube der Schlacht bedeckt ! So schön war 
■ Hermann niemals. So hat's ihm 

Nie von dem Äuge geflammt. . Klopstock. 

3. Endlich kann eine Gruppe von Versen sowohl durch das ver- 
schiedene Versmaß als auch durch den Reim zu einem abgeschlossenen 
Ganzen verbunden sein; dann bildet das Band das Metrum und der 
Reim, z. B. 

Die Luft ist blau, das Tal ist grün. 

Die kleinen Maienblumen blühn 

Und Schlüsselblumen drunter, 

Der Wiesengrund 

Ist schon so bunt . ■ - 

Und malt sich täglich hunter. Hölty. 

§ 201. Wiederholt sich der gleiche Bau der Versgruppen mehrmals in 

einem Gedichte, so nennt man die zu einem einheitlichen Ganzen ver- 
einigten Versgruppen Strophen. 



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127 

Die Strophe ist demnach die rhythmische Verbindung 
von Versen zn einer Einheit. 

Anmerkung. Die Bezeichnung Strophe stammt aus dem Griechischen (or^oy^/y 
von ozQitpm kehren = der wiederkehrende Absatz, Umkehr zur Melodie, „da capo"). 

Als Hauptgesetz für die Strophen gilt die Forderung, daß in allen 
Strophen eines Gedichtes Versmaß und Reimfolge gleich sein muß. 

Reimstrophen sind fast alle modernen Strophen. Die antiken 
Strophen kannten den Reim nicht ; sie sind daher auch in der modernen 
Nachbildung in der Regel reimlos. 

Der Reim in der Strophe. § 202 

Die Verse der deutschen und modernen Strophen sind durch den 
Endreim verbunden (§ 70). Der Gleichklang erstreckt sich regelmäßig 
auf den Vokal der letzten Hebung und die darauffolgenden Konsonanten ; 
folgt der Hebung noch eine Senkung, so müssen auch in dieser der 
Vokal und alle Konsonanten gleich sein, z. B. Glut: Brut: Wanlcel- 
nmt; Mmnesold: Gold: hold; sprichst: fliehst; Schläfer: Käfer: 
verschla n g e7i : empfa ng en ; funkeln : dunkel n : Arme: 
Sehwarme; Karthagers: Lagers. 

Anmerkung. Nur vereinzelt kommt der Reim am Anfang der Verse vor, z. B 
Und lehret die Mädchen 
Und wehret den Knaben, 

Häufiger ist der Mittelreim (vgl. § 195, Anm.). Der Binnenreim 
dient nicht zur Bindung der Strophe, sondern bezweckt besondere Klang- 
wirkungen, z. B. 

Es sauset und brauset 

Das Tambourin, 

Es rasseln und jjrasseln 

Die Schellen darin. Brentano. 

Der Reim ist rein, weim die Vokale und die zwischen ihnen 
stehenden Konsonanten vollständig gleich sind, z. B. Hülle: PüllCj 
Feuer: teuer, Seele: Kehle, Elche: Streiche. 

Unrein ist er, wenn dies entweder in bezug auf die Vokale oder 
in bezug auf die Konsonanten nicht der Fall ist, z. B. Hölle: Fülle: 
sprießen: grüßen; Eile: Keule; tag: nach: Zeich&ii: eigen: Felsen: 
wälzen; Bande: wandte; Tode: Bote. 

Unreine Reime kommen auch bei den besten Dichtem vor, gelten 
jedoch als Fehler. Ebenso wird es als Fehler betrachtet, wenn im Reim 
dasselbe Wort in gleicher oder verschiedener Bedeutung wiederkehrt 
(rührender Reim), z. B. 

Wem Qoit tcill rechte Ounst erweisen. 

Den schickt er in die weite Welt, 

Dem will ei* seine Wunder weisen 

In Berg und Wald und Strom und Feld. Eichendorff. 



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203« Je nach dem Umfange des Gleichklanges wird der Reim verschieden 

bezeichnet. Er heißt: 

a) Männlicher (stumpfer) Reim, wenn der Gleichklang bei stumpfem 
Versschluß sich bloß auf eine betonte Silbe, die letzte Hebung, 
erstreckt : 

Ein Wanderhurach mit dem Stab in der Hand 

JCommt toieder heim atis fremdem Land, Vogl. 

b) Weiblicher (klingender) Reim, wenn er bei klingendem Versschluß 
die zwei letzten Silben des Wortes, Hebung und Senkung, umfaßt : 

AU mein Sehnen wiU ich, all mein Denken 

In des Lethe stillen Strom versenken, Schiller. 

c) Gleitender Reim, wenn er dreisilbig (daktylisch^ vgl. §177) ist: 

Der Fromme liebt das Schaurige, 

Der Hoffende das /künftige. 

Der Leidende das Traurige, 

Der Weise das Vernünftige. Bodenstedt. 

d) Schwebender (spondeischer) Reim, wenn er zwei schwere 
Silben nacheinander umfaßt: 

Empfange hier 

ÄtM Morgenduft gewebt und Sonnenklarkeit 

Der Dichtung Schleier atM der Hand der Wahrkeit Goethe. 

e) Reicher Reim, wenn er drei- oder mehrsilbig ist und mehr als 
eine Hebung umfaßt. Der reiche Reim kann sich auf je ein oder auf 
mehrere Wörter erstrecken: 

Wo auf Weltverbesserung 

Wimsche kühn sich lenken, 

Willst du nur auf Wlisserung 

Deines Wieschens denken? Rückert. 



Knabe sprach: ich breche dich 

Röslein auf der Heiden! 

Röslein sprach: ich steche dich. Goethe. 



Trägst den Ring du, den vom Freunde dir gesandten, an der Hand? 
Oder trägst du meine Tränen als Demanten an der Hand, 
Die mir oft im nassen Äuge brennend glitten, ach, wn dich! 
Wundem solVs mich, wenn dich diese nicht verbrannten an der Hand, 

Platen. 
Anmerkung. Zu den reichen Reimen gehört auch der Doppelreim. £r 
wird mit Vorliebe zu komischen und satirischen Zwecken verwendet, z. B. 

Wenn die Lieder gar vu moscheenduftig 

Und schaurig wehn. 
Muß es im Kopfe des Dichters sehr ideenluftig 

Und traurig stehn. Bodenstedt. 



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Pur den Strophenbau kommt besonders die Reimfolge in Betiachi § 204» 
Es gibt verschiedene Arten der Reimfolge: 

1. Die Verse reimen paarweise (gepaarter Seim): 

f Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? a 

\ Es ist der Vater mit seinem Kind; a 

{Er hat den Knaben wohl in dem Arm, b 

Er faßt ihn sicher, er halt ihn warm. b Goethe. 

2. Die Reime sind gekreuzt, d. h. der erste Vers reimt mit dem 
dritten, der zweite mit dem vierten: 

(Ich kann den Blick nicht von euch wenden, a 

. . Ich muß euch anschaun immerdar: b 

\ I Wie reicht ihr mit geschäffgen Händen a 

( Dem Schiffer eure Hohe dar! b Freiligrath. 

3. Die Reime können unterbrochen sein, der erste imd dritte 
Vers ist reimlos (x [eine Waise]): 

Auf femer, fremder Aue, X 

[ Da liegt ein toter Soldat, a 

I Eün ungezählter, vergeßner, X 

l Wie brav er gekämpft auch hat, a Seidl. 

4. Die Reime sind umschlossen (oder umarmend), d. i. es reimt 
der erste mit dem vierten, der zweite mit dem dritten Vers: 

IHerx, mein Herx, sei nicht beklommen a 

{ Und ertrage dein Geschick! b 

\ Neuer Frühling gibt xurück, b 

Was der Winter dir genommen. a Heine. 

5. Die Reime sind verschränkt; sie überspringen zwei oder mehr 
Verse (abc:abc; abc cba; abc bca u. dgl.), z. B. 

Ich belausch* ein zärtlich Paar; a 

Von des schönen Mädchens Haupte b 

Aus den Kränzen schau* ich nieder: c 

Alles, was der Tod mir raubte, b 

Seh* ich hier im Bilde wieder, c 

Bin so glüMiehy toie ich war. a Goethe. 



Erzittre Welt, ich bin die Pest, a 

Ich komm* in alle Lande b 

Und richte mir ein großes Fest; a 

Mein Blick ist Fieber, feuerfest a 

Und schwarz ist mein Qe wände, b Herrn. Lingg. 

Einteilung der Strophen. 

Für die Einteilung der Strophen ist ihre Gliederung von Bedeutung. § 205« 
Je zwei oder mehrere Verse einer Strophe können nämlich zusammen 
eine metrische Einheit, d. h. eine zwei- oder mehrgliedrige metrische 

T n m 1 i r z. Die Sprache der I>i«btkiiii8t ^ 



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130 

Periode bilden. So gehören in dem Gedichte „Die Kapelle" von Uhland 
der 1. und 2. sowie der 3. und 4. Vers jeder Strophe metrisch zusammen 
und bilden zusammen je eine zweigliedrige Periode: 

i^^^^^^^^f Droben stehet die Kapelle, 



■{^:^:::::{ 



Schattet still ins Tal hinab, 
Drunten singt bei Wies* tmd Quelle 
Froh und hell der Hirtenknab'. 



Je nach der Anzahl der metrischen Perioden, aus denen die Strophe 
sich zusammensetzt, unterscheiden wir eine zwei-, drei-, vier- und 
mehrteilige Strophe. Die Strophe in Uhlands „Kapelle" ist zweiteilig, 
die in Goethes ^,Sänger" dreiteilig (2 + 2 + 3 Verse), die in Schillers 
„Graf von Habsburg^^ vierteüig (2 + 2 + 3 + 3). 

Die schönsten Strophen sind die dreiteiligen. Das Gesetz der 
Dreiteiligkeit wird bei den mittelhochdeutschen Dichtern seit Walther von 
der Vogelweide zur herrschenden Kunstnorm. Die meisten Strophen der 
Minnelieder sind nach diesem Gesetz gegliedert, das in der Folgezeit auch 
von den Meistersängem festgehalten wurde. 

In einer dreiteiligen Strophe müssen die beiden ersten Teile (Perioden) 
metrisch vollkommen gleich gebaut sein und heißen Stollen. Beide 
bilden zusammen den Aufgesang. Der dritte, abschließende Teil ist 
anders gebaut als der Aufgesang und heißt der Abgesang. 



. ^ - r Maneger waenet, der mich siht, 

^ ^ \ min herxe si an freuden M, 



Hoher freude hän ich niht 

tmd unrt mir niemer wan also: 
tperdent tiusche Hute toider guot 



Abgesang l und troestet si mich, diu mir leide tuot, 

y s6 tvirde ich aber tcider frd. Walther v. d. Vogel weide. 



Aufgesang 1 
2 



{Ich kenn' ein Blümlein tounderschön 
Und trage darnach Verlangen; 
f Ich möchf es gerne xu suchen gehn, 
\ Allein ich bin gefangen. 
( Die Sckmerxen sind mir nicht gering; 



Abgesang l Denn als ich in der Freiheit ging, 

l Da half ich es in der Nähe. Goethe. 

Anmerkung. Der Ausdruck „S t o 1 1 e" ist der Baukunst entlehnt. Stollen 
sind zwei gleiche Pfeiler, die ein übergelegter Balken verbindet (Uhland). 

Die Strophen werden überdies unterschieden nach der Anzahl der 
Verse, die sie besitzen. Es gibt demnach zwei-, drei-, vier-, sechs-, 
acht- und mehr zeilige Strophen. 

Endlich gibt es auch Strophen, die einen genau bestimmten Bau 
haben. Dieselben haben meist besondere Bezeichnungen (z. B. Ritornell, 
Sonett, Stanze; alkäische, sapphische Strophe usw.). 



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131 

Die zweizeilige Strophe. 

Die einfachste Verbindung von zwei Versen bildet die zweizeilige § 206* 
Strophe. 

Von einem König toird erxahlt, daß im Palast 

Er hatte sich gehäuft die größte Bücherlast. Rückert. 



Midig stand an Persiens Orenxen Roms erprobtes Heer im Feld, • 
Cäsar saß in seinem Zelte, der den Pttnrpy/r trtig, ein Held. Platen. 

Besondere zweizeilige Strophen sind: v 

1. Das Reimpaar, die Verbindung von zwei Versen, die mit- § 207* 
einander reimen. Diese zweizeilige Strophe ist im Deutschen besonders 

in erzählenden Gedichten gebräuchlich. 

1. Ersehlagen lag mit seinem Heer 
Der König der Goten, Theodemer. 

2. Die Htmnen jat6chx4en auf bltU'ger Wal, 
Die Geier stießen herab %u Tal. 

3. Der Mond schien hell, der Wind pfiff kalt, 
Die Wölfe heulten im Föhrenwald. 

4. Drei Mä/nner ritten durchs Heidegefild, 

Den Helm zerschroten, xerhaekt den Schild. Felix Dahn. 

Vgl. Herder: Erlkönigs Töchter; U bland: Die Bache; Der weiße § 209. 
Hirsch; Der Wirtin Töchterlein; Siegfrieds Schwert; Heine: Belsazar; 
Schwab: Der Reiter und der Bodensee; Vogl: Das Erkennen; Storm: 
Eine Frühlingsnacht; Halm: Leogair u. v. a. 

2. Das elegische Distichon, die Verbindung von Hexameter 
und Pentameter (§ 183): 

Zieret Stärke den Mann und freies, mutiges Wesen, 

0, so wiemet ihm fast tiefes Geheimnis noch mehr. Goethe. 

Vgl. Goethe: Alexis und Dora; Römische Elegien; Euphrosyne; 
Epigramme; Schiller: Der Spaziergang; Das Glück; Der Genius. 

Das Distichon eignet sich besonders für das Epigramm. Vgl. die 
Epigramme Herders und Platens und Goethe — Schillers Xenien. 

Dreizeilige Strophen. 

Die gewöhnliche dreizeilige Strophe besteht entweder aus drei mit- § 208* 
einander reimenden Versen (aaa): 

Ijeicht toie Schnee auf diesen Felsenlagen, 

Leicht wie Schaum^ den hier die Ströme schlagen, 

Schmilzt das Glück und jeder muß entsagen. Platen. 

oder aus zwei gereimten und einem reimlosen Vers, der „Waise'^ 
(a a x) : 

9* 

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132 

Es wütet der Sturm mit entsetxUcher Macht, 

Die WmdmükP schwankt^ das Gebälk er kr acht. 

Hüf Himmely erbarme dich unser/ Ghamisso. 

Doch komint auch die Eeihenf olge a a b : c c b und a b c : a b c vor. 

Besondere Formen der dreizeiligen Strophe sind dem Italienischen 
entlehnt. Es sind dies das Ritornell und die Terzine. 

1. Das Ritornell. 

a X a. 

210» Das Eitomell besteht in der Regel ans drei jambischen Versen, von 

denen der erste mit dem dritten reimt, während der mittlere reimlos 

ist. Der erste Vers kann verschieden lang sein. Im Deutschen hat be* 

sonders Sückert reizende Eitornelle gedichtet. 

Di<^ hat der Herr gesandt xu vrd^sthen Äueriy 

Mein _ blödes Äuge lieblieh ma gewohnen. 

Dereinst des Paradieses Qlamx xm schauen. Rückert 



ölänxende Lilie! 

Die Blumen halten Gottesdienst im Garten, 

Du bist der Priester unter der Familie, Rtickert. 

2. Die Terzine. 

§ 211. Die Terzine besteht aus drei fünffüßigen Jamben. Sie hat 

sich aus dem Ritornell entwickelt, indem der mittlere Vers stets mit dem 
Anfangs- und Endvers der folgenden Strophe reimt. 

1 2 3 4 5 

a b a, beb, c d c, d e d, e. 

An die letzte Strophe eines solchen Gedichtes wird noch ein Endvers 
angehängt, der den Reim des mittleren Verses der letzten Strophe 
aufnimmt. Die Terzine wurde erst im Anfange des XIX. Jahrhunderts 
beliebt; Chamisso, Platen, Rückert haben in ihr gedichtet. Sie ist von 
dem italienischen Dichter Dante Alighieri erfunden, der in ihr seine 
großartige Dichtung „Die göttliche Komödie^^ geschrieben hat. 

Wenn sich dem Ernste vu mit ernsten Blicken a \ 

Der freie, spielgewohnte Jüngling wendet, b ; 

Wie fühlt er dann, »ich je darein xu schicken, a ' 

Unfähig sich und völlig unvollendet, b 

Weil einxdg er an flüchtige Gesänge c 

Des Lebens Kraft, der Liebe Kraft verschwendet, b 

So steht er nun bedürftig im Gedränge, c 

Von stolx Erwerbenden unangesehen, d 

Sein ganxer Reichtum eine Handvoll Klänge. c 

Was meint ihr wohl? Er muß wohl betteln gehen? d Platen. 

Vgl. Goethe: Bei Betrachtung von Schillers Schädel ; Chamisso: 
Salas y Gomez; Die Kreuzschau; Der Szekler Landtag; Die Retraite u. a.; 
Fr. V. Gaudy: Ewigkeit. 



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133 

Vierzeilige Strophen. 

Die vierzeilige Strophe ist im Deutschen die Mufigste. Die Eeim- § 212* 
folge ist verschieden. 

Die Verse reimen paarweise oder gekreuzt oder umschließend; 
es kann aber auch die Eeimfolge durch ,,Waisen^^ unterbrochen sein. 
(Vgl. § 204.) 

Die vierzeilige Strophe wird bei den kleinsten und bei den längsten 
Versen angewendet : 

Hoffen und Sehnen^ 

Schiramemdea Los, 

Wunden tmd Tränen 

Decket das Moos. Julius Sturm. 



Der Freiheit Priester y der Vasall des Schönen^ 

So lüird der Dichter in die Welt gesandt, 

Ein Troitbadour Tideh' er von Land %u Land, 

Das Herrlichste mit seinem Lied %/u krönen, Georg Herwegh. 



Mitten in der Wüste war es, wo wir nachts am Boden ruhten; 

Meine Beduinen sehliefen bei den abgexäumten SttUen. 

In der Feme lag das Mondlicht auf der Nilgebirge Jochen; 

Bings im Flugsand umgekomm'ner Dromedare weiße Knochen. Freiligrath. 

Besondere vierzeilige Strophen sind die Mbelungenstrophe, die 
Gudrunstrophe und die neue Nibelungenstrophe. 

1. Die Nibelungenstrophe. 

Die Nibelungenstrophe besteht aus drei Nibelungenversen und einem § 213# 
Schlußvers, dessen zweite Hälfte vier Hebungen hat: 
mhd. : 

Der tae der hete nu ende und nähef in diu naht. 

Die wegemiieden recken, ir sorge si ane vaht, 

wann' si solden ruowen und an ir bette gän, 

da^ beredete Hagene: ei; wart in sciere kunt getan. 



nhd.: 



Der Tag war nun %/u Ende und es begann die Nacht; 

Der wegemüden Recken Sorge ist nun erwacht. 

Es besprach Herr Hagen, wo sie soüten ruhn 

Und in die Betten gehen. Man eilte es ihnen kund xu tun. 

Nibelungenlied, ttbers. v. Marbach. 



Was ^ Wirklichkeit dir immer für goldne Kränze flicht. 

Mein Volk, der Ideale Bilder stürxe nicht! 

Stehn ihre Tempel 'öde, du walle noch dahin, 

In ihrer Stemglut bade sich ewig jung der deutsche Sinn! 

Hamerling. 



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134 

2. Die Qudrunstrophe. 

§ 214« Die Oudnmstrophe besteht aus drei Nibelnngenyersen und einem 

SchluBvers, dessen zweite Hälfte fünf Hebungen hat, z. B. 
mhd. : 

J^j war ein wert vil breiter und hie^ der Wulpensant, 
da die von Ormafde üi; Ludewtges lant 
gemaeh gefüeget hiten ir rossen tmd in selben, 

da sieh ir schade muose näeh ir gemache grimmicltehe melden. 
nhd.: 

Es war ein breiter Werder und hieß der Wiilpensand. 

Da hatten nun die Recken aus Herrn Ludwigs Land 

Ein Lager Migeriehtet sieh selber und den Pferden: 

Wie grimmer Schade sollte balde nach der Ruhe ihnen werden! 

Gudrun, übers, v. PlOnnies. 

3. Die neue Nibelungenstrophe. 

§ 215« Die neue Nibelungenstrophe, von Uhland zuerst gebraucht und darum 

auch TJhlandstrophe genannt, besteht aus vier Mbelungenyersen,. d. h. 
auch der letzte Vers hat 6 Hebungen. 

Es stand in alten Zeiten ein Schloß y so hoch und hehr, 

Weit glänxf es Ober die Lande bis an das blaue Meer, 

Und rings von duftigen Oärten ein blütenreicher Kranx, 

Drin sprangen frische Brunnen im Regenbogenglanx. Uhland. 

Anmerkung. Diese Strophe kommt schon im mittelhochdeutschen epischen 
Gedichten (z. B. „Kdnig Laurin", „Rosengarten" etc.) vor. Waren auch die ersten 
Halbverse miteinander gereimt, so hieß die Strophe der Hildebrandston und wurde 
acht zeilig geschrieben, d. h. jeder Halbvers für sich. (Vgl. Uhland „Der Schenk 
Ton Limburg"). 

Die fQnIzeilige Strophe. 

§ 216. Fünfzeilige Strophen haben eine verschiedene Beimfolge. Am häufigsten 

findet sich: 

1. a b a a b. 2. a a b b x. 

Laß bilden die Gewalten! Morgenrot, 

Was davon himmlisch war, Leuchtest mir »um frühen Tod? 

Kann nimmermehr veralten, Bald wird die Trompete blasen. 

Wird in der Brust gestalten Dann muß ich mein Leben lassen. 

Sieh manches stilles Jahr, Eichendorff. Ich und mancher Kamerad. Hau£f. 

Die sechszeilige Strophe. 

§ 217. Auch die sechszeilige Strophe kommt in verschiedenen Formen vor. 

Die wichtigsten sind: 



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135 



II. 



1. Dreiteilige Form, Reimfolge: 

a b a b c c 
i Im quellenannen Wiistenland 
\ Ärabüeker Nomaden 
f Irrt ohne Ziel und Vaterland 
\ Auf windverwehten Pfaden 
i Ein Polenkeld und grollet still, 
\ Daß noch sein Herx nickt brechen will, 

2. Zweiteilige Form, Reimfolge : 

a a b c c b 
Er stand auf seines Daches Zinnen, 
Er schaute mit vergnügten Sinnen 
Auf das beherrschte Samos hin, 
ifiies aUes ist mir urUertämg^^, 
Begann er %m Ägyptens König, 
„Gestehe, daß ich glücklich bin/" 



Lenau. 



■{ 
M 



Schüler. 



Die siebenzeilige Strophe. 

Die siebenzeilige Strophe ist meistens dreiteilig. 
Beimfolgen sind: 



Die häufigsten § 218* 



"■{ 



m. 



n.{ 



1. ababccb 

In Böhmens Bergen hocheinsam liegt 

In Trümmern eine Feste, 

Dran Efeu sieh statt des Mörtels schmiegt, 

Drin Oeier die schmausenden Oäste. 

Der Feind zerbrach einst Wall und Turm, 

Qebälie und Getäfel fraß der Wurm, 

Die Zeit xerrieb die Reste, 

2. ababccx 

„Wcu hör* ich draußen vor dem Tor, 
Was auf der Brücke schallen? 
Laß den Gesang vor unserm Ohr 
Im Saale vfiderhallen/^* 
Der Konig sprach's, der Page lief. 
Der Knabe kam, der König rief: 
„Laßt mir herein den Alten!** 



Grün. 



Goethe. 



Achtzeilige Strophen. 

Die achtzeilige Strophe läßt sich oft in zwei vierzeilige Strophen § 219* 
zerl^en nnd hat dann die nämlichen Beimfolgen wie diese: 
( Und wie war* es nicht xu tragen, 
\ Dieses Leben in der Welt? 
i Täglich wechseln Lust und Klagen, 
\ Was betrübt und was gefäUt* 
i Schlägt die Zeit dir manche Wunde, 
\ Manche Freude bringt ihr Lauf; 

{Aber eine selige Stunde 
Wiegt ein Jahr von Schmerxen auf, d Gtibel. 



n. { 



a 
b 
a 
b 
c 
d 
c 
d 



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136 



I. 



n. 



({ 

ii 



f Droben auf dem schroffen Steine X 

Baucht in Trümmern Äutafort a 

Und der Burgherr steht gefesselt X 

Vor des Königs Zelte dort: a 
yyKamst du, der mit Schwert und Liedern X 

Aufruhr trug von Ort %u Ort, a 

Der die Kinder aufgewiegelt X 

Gegen ihres Vaters Wort?"' a ühland. 

Aber sie kann auch ein in sieh abgeschlossenes (Glanzes sein, das 
durch die Verschränkung der Reime gekennzeichnet ist: 
Arm am Beutel, krank am Herxen, a 
Schleppf ich meine langen Tage. 
„Armut ist die größte Plage, 
Reichtum ist das höchste Out!*' 
Und XU enden meine Schmerzen, 
Oing ich einen Schatx xu graben. 
„Meine Seele sollst du haben!" 
Schrieb ich hin mit eignem Blut. e J Goethe. 

Die achtzeilige Strophe kann also zwei-, drei- und vierteilig sein. 



IL 



Die Stanze. 

220« Eine besondere Art der achtzeiligen vierteiligen Strophen sind 

die Stanzen. Die schönste derselben ist die Ottave rime, die im 
Deutschen häufig vorkommt und gewöhnlich Stanze schlechthin genannt 
wird. Sie ist eine italienische Form ; Tasso hat in ihr sein „Befreites 
Jerusalem", Ariosto den „Basenden Roland" gedichtet. In der 
deutschen Literatur war sie besonders zu Anfang des XIX. Jahrhunderts 
beliebt. So wendete sie z. B. Ernst Schulze in seinem romantischen Epos 
„Die bezauberte Rose" an. Auch Goethe hat manches Gedicht in ihr 
verfaßt, z. B. „Zueignung", den „Epilog zu Schillers Glocke", die „Zu- 
eignung" zu Faust usw. In ähnlicher Weise fand sie auch bei andern 
Dichtem Anwendung. 

Die Stanze ist stets im fünffüßigen Jambus geschrieben und 
hat 3 Reime; die ersten zwei (a b) kehren dreimal abwechselnd wieder 
(a b, 8 b, a b), der dritte (c) verbindet gepaart die beiden Schlußverse 
(c c). Sie ist also eine vierteilige Strophe mit der Reimfolge: 

abababcc: 



II. 



m. 



IV. 



{Sie (die Rose) scheint ein süß Oeheimnis mir x/u hegen, 
Das tief im Schoß der xarten Blätter ruht. 
{Solch Leben kann sich nicht in Pflanxen regen, 
Fühllosem nicht entwehn so holde Olut. 
{Auch seh* ich wohl, daß Geister sie verpflegen, 
Ihr Blähen steht in edler Elfen Hut, 
I Die, schön geschmückt mit taubenetxten Kronen, 
\ Im tiefsten Kdch als goldne Stäubchen wohnen. 



E. Schulze. 



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{ 
■{ 



IIL 
IV. 



137 

Die Ottave entstand aus der Siciliane; diese hat bloß zwei 
Eeime, welche viermal wiederkehren (nach dem Schema ab ab ab ab): 

In Sturm tmd Wogen ging ein Schiff xu Scheiter, a 

Und cUs den letzten Rest die Flut verschlang, b 

Ward still die See tmd ward der Himmel heiter a 

Und Oalathea, wogenglättend, sang: b 

„Die ihr noch lebt, ihr lebt! Was wolltet ihr noch weiter? a 

Und die im Meer — ruhn ohne Tjebensdrang. b 

Baut neu das Schiff und nehmet vum Oeleiter a 

Der Hoffnung Wind auf eurem neuen Oang.^* b 

Rückert 

2. Eine freie Nachbildung der Ottave ist die sogenannte Wieland- § 22L 
Stanze. Wieland läßt öfter an Stelle des fünffüßigen Jambus den vier- 
oder sechsfüßigen treten, mischt manchmal unter die Jamben Anapäste 
und bindet sich nicht an eine bestimmte Anzahl und Reihenfolge der 
Beime. In ihr schrieb Wieland seinen Oberen und Schiller benützte sie 
nach ihm bei der Übersetzung des Vergil. 

Noch einmal sattelt mir den Hippogryphen, ihr Musen, a 

2kmi Ritt ins alte romantische Land! b 

Wie lieblich um meinen entfesselten Busen a 

Der holde Wahnsinn spielt! Wer schlang das magische Band b 

Um meine Stirne? Wer treibt von meinen Äugen den Nebel, c 

Der auf der Vorwelt Wundern liegt ? d 

Iih seh* im buntem Gewühl, bald siegend, bald besiegt, d 

Des Ritters gutes Schwert, der Heiden blinkende Sabd. c Wieland. 



Die Insel Tenedos ist aller Welt bekannt, a 

Von Priams Stadt getrennt durch wen'ge Meilen, b 

An Qütern reich, so lange Troja stand, a 

Jetxt ein verräterischer Strand, a 

Wo im Vorübergehen die Kaufmannsschiffe weilen. b 

Dort birgt der Griechen Heer sich auf verlassnem Sand» a 

Wir wähnen es auf ewig abgexogen c 

Und mit des Windes Hatich Mykenen zugeflogen. c Schiller. 

Anmerkung. Aus der Ottave rime entwickelte sich auch die englische 
ne unzeilige Spencer-Stanze. Von Spencer erfunden, wurde sie z. B. von Byron 
in seinem großen Gedichte „Harold's Pilgerfahrt" angewendet. Im Deutschen ist sie 
nicht gebräuchlich. Sie hat 8 fünffüßige Jamben und als Schlußvers einen Alexan- 
driner. Die Keimordnung ist a b a b, b c b c, c. 

Mehrzeilige Strophen. 

Neunzeilige Strophen sind seltener und nach keinem festen § 222» 
Grundsatz gebaut. Als Beispiel diene die Strophe in Goethes „Hoch- 
zeitlied^^: 



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'■{ 



138 

Wir singen und sagen vom Grafen so gern, a 

Der hier in dem Schlosse gehattset, b 

Da, wo ihr den Enkel des seligen Herrn, a 

Den heute vermählten, besehmauset, b 

Nun hatte sieh jener im heiligen Krieg c 

Zu Ehren gestritten durch mannigen Sieg c 

III. ! Und cUs er XU Hause vom Rösselein stieg, c 

I Da fand er sein Schlösselein oben, d 

[ Doch Diener v/rud Habe zerstoben. d 

Auch die zehnzeilige Strophe hat kein festes Gesetz und kann 
yerschiedene Verse und Beimfolgen haben. Ein Beispiel bietet die vier- 
teilige Strophe in Schillers Grafen von Habsburg: 

^ i 2Su Aachen in seiner Kaiserpracht, a 

' \ Im altertümlichen Saale, b 

^^ ( Saß König Rttdolfs heilige Macht a 

* \ Beim^ festliehen Krönungsmahle, h 

i Die Speisen trug der Pfalxgraf des Rheins, c 

III. l Es schenkte der Böhme des perlenden Weins c 
y Und alle die Wähler, die sieben, d 
i Wie der Sterne Chor um die Sonne sieh stellt, e 

IV. l Umstanden geschäftig den Herrseher der Welt, e 
l Die Würde des Amtes xu üben, d 

Strophen von mehr als zehn Zeilen lassen sich in der Begel in eine 
Mehrheit von kleineren zerlegen: 

Priams Feste war gesunken, a 

Trqja lag in Schutt und Staub b 

Und die Griechen, siegestrunken, a 

Reich beladen mit dem Raub, b 

Saßen auf den hohen Schiffen c 

Längs des Hellespontes Strand, d 

Auf der frohen Fahrt begriffen c 

Nach dem schönen Griechenland, d 

Stimmet an die frohen Lieder, e 

Denn dem väterlichen Herd f 

Sind die Skiffe xugekehrt i 

Und xur Heimat geht es toieder, e Schiller. 

Ebenso ist z. B. die zwölfzeilige Strophe in Schillers ^^Kampf mit 
dem Drachen'^ eine Verbindung von drei vierzeiUgen Strophen, von denen 
die zwei ersten paarweise, die dritte abwechselnd reimen. 

Besondere Arten der mehrzeihgen Strophen sind: 1. die Glosse, 
2. die Eanzone, 3. das Sonett, 4. das Ghas^l. 

1. Die Glosse. 

§ 223. DieGlosse ist eine spanische Form. Sie besteht aus vier zehn- 

zeiligen Strophen, deren letzte Verse die vier Verse des Themas 
sind, das der Dichter variiert. Die Beimf olge ist ababa, cdccd. 



n. 



m. 



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139 



An Goethe 1 

TJliema: JNennen dich den großen Dichter, A 
Wenn dich auf dem Markte xeigeet; B 
Qerne hör* ich, wenn du singest, O 

Und ich horche, wenn du schweigeat.D 

Wer ein schönes Lied erfunden, a 

DtM'f dich rühmen, darf dich preisen, b 

Weil nur er dich ganx empfunden, a 

Dich, den Glücklichen, den Weisen, b 

Der die Welt sich überwunden. a 

Quaken mag im Sumpfe dorten c 

Jenes tückische Gelichter; d 

Doch die Besten allerorten c 

Bilden sich an deinen Worten, c 

Nennen dich den großen Dichter. d (A) 

Jene Schiefen, jene Lahmen 

Möchten gern auch dich ermüden, 

Bieten feil in fremden Rahmen 

Bodenlose Platitüden 

Unter weltberühmten Namen. 

Aber jedem der Verächter, 

Wenn auch du wie Götter schweigest, 

Schaut des Volkes laut Gelächter; 

Doch ein Jubel tönt, ein echter, 

Wenn dich auf dem Markte zeigest 

Als die Welt im Sehwindel kreiste, 
Irrtum tausendfach sich regte. 
Daß er dies und jenes leiste, 
Sahst du ruhig das Bewegte 
Spiegeln sich in deinem Geiste. 
Neidvoll wird die Nachwelt fragen. 
Wenn du dich der Zeit entschwingest. 
Wer sich nach dir dürfte wagen. 
Dir von Mund zu Mund xu sagen: 
Gerne hör* ich, wenn du singest. 

Wenn die Zeit auch viel bedrohte. 

Wenn in Stratfords alten Hauen 

Schläft der teure, große Tote, 

Wenn der Kiel der Hand entfallen, 

Welche schrieb den Don Quixote: 

Du doch lebst, uns zu beglücken. 

Der du beider Sinn uns zeigest; 

Beide toiirden mit Entzücken, 

Wenn du sprichst, vor dir sich bücken 

Und ich horche, wenn du schweigest, Platen. 



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140 



2. Die Kanzone. 



§ 224» Die Kanzone ist eine provengalische-italienische Form. Sie besitzt 

ursprünglich keinen fest ausgepragten Bau. Regel ist nur, daß wenigstens 
ein Vers kürzer ist als die anderen. Sonst ist das Versmaß, die Anzahl 
der Verse und die Beimstellung verschieden. In Zedlitz^ „Totenkränzen" 
ist die Kanzone dreizehnzeilig, die Verse sind fünffüßige Jamben, 
der kürzere (der 7. Vers) eine jambische Tripodie. Die Strophe 
zerfällt in zwei Teile; der zweite Teil wird durch den 7. kleineren Vers 
eingeleitet und heißt Coda (Schweif = Abgesang), der erste Teil besteht 
aus 2 Piedi (Füßen = Stollen; vgl. § 205 und § 225). Die Beimfolge 
ist abcbaccdeedff. Der kürzere Vers gehört somit dem Beime 
nach zum ersten, dem Sinne nach zum zweiten Teil und bildet das 
Bindeglied zwischen beiden. 

i Ein Kern des Lichts fließt aus in hundert Strahlen, a 
L P. { Die gottentflammte Äbkzmft xu bewahren: b 



Begeisfrung ist die Sonne, die das Leben e 

Befruchtet, tränkt tmd reift in allen Sphären! b 

II. P. { In welchem Spiegel sieh ihr Bild mag malen, a 

Mag sie im Liede kühn die Flügel heben, e 

Mag Herx xu Herx sie streben: e 
Sie sucht das Höchste stets, wie sie^s erkennet! — d 

Längst im Gemeinen wwr* die Welt %er fallen, e 

Coda ^ Längst wären ohne sie zerstört die Hallen e 

Des Tempels, wo die Himmelsflamme brennet: d 

Sie ist der Born, der eufges Leben quillet, i 

Vom Leben stammt, allein mit Leben füllet. f Zedlitz. 



3. Das Sonett. 

§ 225. Das Sonett ist eine vierzehnzeilige Strophe. Der Vater des Sonetts 

ist der große italienische Dichter Petrarca. Im Deutschen ist diese 
Form von Platen und Bückert meisterhaft behandelt worden. 

Die vierzehn Zeilen des Sonetts zerfallen in zwei größere Abschnitte : 
1. die zwei Piedi (acht Verse) und 2. die Coda (sechs Verse). (Vgl. 
§ 205, § 224.) Jeder dieser Abschnitte zerfällt wieder in zwei gleiche Teile. 
Die Verse der Piedi reimen miteinander, u. zw. umschlossen (abba, 
a b b a), so daß jeder Beim viermal wiederkehrt. Die Coda besteht aus 
zwei Terzinen; die Beimordnung ist bei Platen fast ausnahmslos c d c, d c d; 
doch ist hier eine größere Freiheit gestattet, sowohl was die Stellung 
als auch was die Anzahl der Beime (zwei oder drei) anbelangt. 

ßer Vers des Sonetts ist der fünffüßige Jambus mit klingendem 
Schluß. — Nur ältere Dichter (Opitz, Flemming, Bürger) haben Sonette 
auch in anderen Metren geschriebeu. Statt der weibhchen Beime kommen 
im Deutschen bei manchen Dichtern auch männUche vor. 



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141 



Beispiel : 
I. P. 

IL P. 



Coda 



Ven^ig liegt nur noch im Land der Träume a 

Und wirft nur Schatten her aus alten Tagen; b 

Es liegt der Leu der Republik erschlagen b 

Und öde feiern seines Kerkers Räume, a 

Die ehernen Hengste, die durch salx'ge Schäume a 

Daher geschleppt, auf Jener Kirche ragen, b 

Nicht mehr dieselben sind sie; ach, sie tragen b 

Des corsican' sehen Überwinders Zäume. a 

Wo ist das Volk von Königen geblieben, c 

Das diese Marmorhäuser durfte bauen, d 

Die nun xerfallen und gemach xer stieben? c 

Nur selten finden auf der Enkel Brauen d 

Der Ahnen große Züge sich geschrieben, c 

An Dogengräbern in den Stein gehauen. d Platen. 

Das Gesetz der Dreiteiligkeit haben die italienischen Dichter im 
Sonett streng durchgeführt. Doch sind sie einen Schritt weitergegangen 
und haben auch den Gedanken dem dreiteiligen Bau angeschmiegt. 
Besonders der Hauptabschnitt zwischen der achten und neunten Zeile 
bildet eine so strenge Grenzscheide, daß ein Hinüberziehen des 
Gedankens aus dem Aufgesang in den Abgesang durchaus unstatthaft 
ist. Das Sonett ist eine schöne metrische Periode, in der die beiden 
Stollen (Piedi) zwei selbständige Vordersätze, die Coda den Nachsatz darstellt. 

4. Das Ghas^l (die Ghas6le). 

Das Ghas^l ist eine persische Form, deren Eigentümlichkeit darin § 226« 
besteht, daß der erste Vers mit allen geraden Zeilen (also dem 2., 
4., 6., 8., 10. usw.) reimt, während die ungeraden reimlos sind. Der 
Wohlklang wird häufig noch dadurch verstärkt, daß nach dem Reime 
noch ein oder mehrere Worte, wohl auch ein ganzer Satz sich 
wiederholt. — Metrum und Anzahl der Verse sind beliebig. 

Es liegt an eines Menschen Schrnerx, an eines Menschen Wunde nichts; a 

Es kehrt an das, was Kranke quält, sich eung der Gesunde nichts. a 

Und wäre nicht das Leben kurx, das stets der Mensch vom Menschen erbt, — 

So gäb's Beklagenswerteres auf diesem weiten Runde nichts. a 

Einförmig stellt Natur sich her, doch tausendförmig ist ihr Tod; — 

Es fragt die Welt nach meinem Ziel, nach deiner letzten Stunde nichts, a 

Und wer sich wülig nicht ergibt dem eh'rnen Lose, das ihm dräut, — 

Der Mirnt ins Orah sich retttmgslos und fühlt in dessen Schlünde nichts, a 

Dies toissen alle, doch vergißt es jeder gerne jeden Tag ; — 

So komme denn in diesem Sinn hinfort aus meinem Munde nichts/ a 

Vergeßt, daß euch die Welt betrügt und daß ihr Wunsch nur Wünsche xeugt, — 

Laßt eurer Liebe nichts entgehn, entschlüpfen eurer Kunde nichts! a 

Es hoffe jeder, daß die Zeit ihm gebe, was sie keinem gab; — 

Denn jeder sucht ein ÄU x/u sein und jeder ist im Gründe nichts. a 

Platen. 



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142 



Die zusammengesetzte Strophe. 

§ 227» Manche Strophen bestehen aus zwei oder mehreren metriseh 

verschiedenen Teilen. Die Teile der Strophe heben sich deutlich 
voneinander ab, zum Teil haben sie einen anderen Ehythmus. Solche 
Strophen sind zusammengesetzt. 

Beispiele : 

( Hat der alte Hexenmeister 
} Sich doch einmal wegbegeben f 
{ und nun aollen seine Geister 
* Äiteh nach meinem Willen leben! 

Seine Wort^ und Werke 

Merkf ich tmd den Brauch 

Und mit Oeistesstärke 

Tu ich Wunder auch. 

WaUe! Walle 

Manche Strecke, 

Daß x/um Zwecke 

Wasser fließe 

Und mit reichem, vollem Schwalle 



IL 



m. 



a) 



I 

I Zu dem Bade sich ergieße. Goethe (Zauberlehrling). 

(Ahnungsgrauend., todesmtäig 
Bricht der große Morgen an 



h) 



II. 



Und die Sonne, kalt und blutig, 
Leuchtet unsrer blufgen Bahn. 
In der nächsten Stunde Schöße 
Liegt das Schicksal einer Welt 
Und es Mttem schon die Lose 
Und der eh'rne Würfel fäUt. 
Brüder! euch mahne die dämmernde Stunde, 
Mahne euch ernst xm dem heiligsten Bunde, 
Treu so xum Tod als xum Leben gesellt! 



\ 
\ 

I . i Auf grünefn Hügel steht der Mai, 

j *M Der fröhliche Geselle, 

I hi I ^*^^ halten eine Symphonei 



Körner. 



\ Mit seiner HofkapeUe. 



a) 



IL 



h) 



Er schtoingt mit Fleiß 

Ein grünes Beiß 
Mit Blüten rosenroten; 

Es ist die Flur 

Die Partitur, 
Die Blumen sind die Noten. 



Rudolf Baumbach. 



Unterbrochene Strophen. 

228. Hie und da werden regelmäßig gebaute Strophen durch un stro- 

phische Absätze von mehr oder weniger Zeilen unterbrochen. 
Das bedeutendste Beispiel dieser Art bietet Schillers ^^Olocke'^ 



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r 

I ■ 



143 



Johanna Sebus. 

Der Damm xerreißt, das Feld erbraust. 

Die Fluten spülen, die Fläche saust, 
ffleh trage dich, Mutter, dv/rch die Flut, 
Noch reicht sie nicht hock, ich wate gut" — 
„Auch uns bedenke, bedrängt wie wir sind. 
Die Hausgenossin, drei arme Kind! 
Die schwache Frau! . . . Du gehst davon!" — 
Sie trägt die Mutter durchs Walser schon. 
„Zum Buhle da rettet euch! harret derweil! 
Oleich kehr* ich Mtrück, uns aUen ist Heil. 
Zfu/m Bühl isfs noch trocken und wenige Schritt* ; 
Doch nehmt auch mir meine Ziege mit!" 

Der Damm xerschmilxt, das Feld erbraust, 

Die Fluten wühlen, die Fläche saust, 
Sie setxt die Mtäter auf sichres iMnd, 
Schön Suschen, gleich wieder x/ur Flut gewandt. 
„Wohin? Wohin? Die Breite schwoU; 
Des Wassers ist hüben und drüben voll. 
Verwegen ins Tiefe wiüst du hinein?" — 
„Sie sollen und müssen gerettet sein!" 

Der Damm verschwindet, die Welle braust. 

Eine Meereswoge, sie schwankt und saust. 
Schön Susehen schreitet gewohnten Steg, 
Umströmt auch, gleitet sie nicht vom Weg, 
Erreicht den Bühl und die Nachbarin; 
Doch der und den Kindern kein Gewinn! 

Der Damm verschwand, ein Meer erbrausfs, 

Den kleinen Hügel im Kreis umsaust's. 
Da gähnet und wirbelt der schäumende Schlund 
Und xiehet die Frau mit den Kindern xu Qrund; 
Das Hörn der Ziege faßt das ein* — 
So sollten sie alle verloren sein! 
Schön Sitschen steht noch strack und gtä: 
Wer rettet das junge, das edelste Blut! 
Schön Suschen steht noch wie ein Stern; 
Doch alle Werber sind alle fern. 
Rings um sie her ist Wasserbahn, 
Kein Schiff lein schwimmet xu ihr heran. 
Noch einmal blickt sie xMm Himmel hinauf. 
Da nehmen die schmeichelnden Fluten sie auf. 

Kein Damm, kein Feld! Nur hier und dort 

Bexeichnet ein Baum, ein Turm den Ort. 
Bedeckt ist alles mit Wa^serschwaU; 
Doch Suschens Bild schwebt überalL — 
Das Wasser sinkt, das Land erscheint. 
Und überall wird schön Suschen beweint. — 
Und dem sei, wer's nicht singt und sagt, 
Im Leben und Tod nicht nachgefragt! Go«th«. 



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144 

Antike Strophen. 

§ 229* Klopstock hat nicht bloß den Hexameter, sondern auch die antiken 

Strophen, die früher nur sehr vereinzelt und unvollkommen nach- 
gebildet wurden, in die deutsche Literatur eingeführt. Ifach ihm haben 
sich zahlreiche Dichter mit mehr oder weniger Glück in den antiken 
Formen versucht; am reinsten und edelsten behandelte sie Platen in 
seinen Oden und Hymnen. 

Klopstock und Platen haben diese Strophen nach antiken Muster 
nur reimlos angewendet; erst neuere Dichter versuchten sie zu reimen. 

Die häufigsten antiken Strophen sind 1. die sapphische, 2. die 
alkäische, 3. die asklepiadeischen. 

Die Verse, die diese Strophen bilden, sind Logaöden (Xöyog \xjid 
äoidi^, weil sie gleichsam Rede und Gesang vereinigen). Die Logaöden 
sind Verse, in denen Trochäen mit kyklischen (dreimorigen : 

1/ fy^^\^> ^S^' § 147> 'Ä.nm. 2) Daktylen nach einem bestimm- 
ten Gesetz verbunden sind. 

1. Die sapphische Strophe. 

§ 230» Der (kleine) sapphische Vers ist eine logaödische Pentapodie 

mit dem Daktylus an der dritten Stelle: 

^^ I '^^ I '^^^ I '^^ I ^^ I 
Die zweite Senkung des ersten Metrums ist im Lateinischen stets lang, 
im Griechischen aber indifferent (kurz oder lang). 

Die sapphische Strophe besteht aus drei sapphischen Versen und 
einem Schlußvers, dem sogenannten Adonius, einer daktylischen Dipodie 
mit spondeischem oder trochäischem Auslaut (^^^^^J), die den Namen 
„Adonius'^ von ihrer häufigen Anwendung als Schlußvers in den Liedern 
auf den Tod des Adonis (c5 rov ''Adconv = Armer Adonis!) erhalten hat. 

Das Schema der sapphischen Strophe ist also folgendes: 

-^ I -V. I -^v. I -^ I -^ 
^ v^ v^ j ^ v^ 

Stets am Stoff klebt tmsere Seele, Handlung 
Ist der Welt allmächtiger Puls und deshalb 
Flötet oftmals tauberem Ohr der hohe 

Lyrische Dichter, Platen. 

Klopstock veränderte die sapphische Strophe, indem er im ersten 
Verse den Daktylus an der ersten, im zweiten Vers an der zweiten 
Stelle und erst im dritten in der Mitte des Verses eintreten ließ. Sein 
Schema der sapphischen Strophe ist: 



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14Ö 



I '^ w w I ^ w I '^^ I '^^ 



Voller Gefühl des Jünglings weiV ieh Tage 
Auf dem Roß und dem Stahl, ieh aeh' des Lenxes 
Oräna Bäume froh dann und froh des Winters 
Dürre beblühet 



Klopstock. 



2. Die alkäische Strophe 

Der alkäische Vers ist eine katalektische logaödische Penta- § 231; 
podie mit dem Daktylus an dritter Stelle und einer Anakruse (X)*): 



X 



I--I--I 






Die letzte Silbe ist nach einer im Griechischen allgemein gültigen 
Regel indifferent^ bald kurz^ bald lang. 

In der vierzeiligen alkäischen Strophe bildet dieser Vers die erste 
und zweite Zeile; die dritte ist eine trochäische Tetrapodie mit 
Anakruse, die vierte eine logaödische Tetrapodie mit dem Dak- 
tylus an erster und zweiter Stelle und ohne Anakruse. Das Schema 
ist also folgendes: 



X 



1. 
2. 
3. 



Komm, goldne Zeit, die selten xu Sterbliehen 
Heruntersteiget, laß dich erflehn und komm 
Zu uns, wo dir es schon im Haine 
Weht und herab von dem QueU schon tönet. 



Klopstock. 



Die sapphische Strophe ist einfacher und eignet sich besser zum 
Ausdrucke weicher Gefühle oder ruhiger Heiterkeit. Die dreiteilige alkäische 
Strophe ist kunstvoller, der Rhythmus energischer; sie ist so recht eigent- 
lich die Form für schwungvolle Gedankendichtung. 

3. Die asklepiadeischen Strophen. 

Der asklepiadische Vers (V. asclepiadeus minor) ist eine dikata- § 232. 
lektische logaödische Hexapodie mit Daktylus an 2. und 4. Stelle: 

Er ist aus zwei katalektischen Tripodien zusammengesetzt. 
Die logaödische Tripodie führt den Namen Pherekrateus und 
kann eine doppelte Gestalt haben: 

*) Oder mit anderen Worten, er ist ein katalektischer sapphischer Vers mit Auftakt. 
T u m ) i r z, Die Sprache der Dichtkunst 10 

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146 

1. ^v^w I '^w I ^w = Erster Pherekrateus (Daktylus an 1. Stelle). 

2. '^w I ^ww I '^v-/ == Zweiter Pherekrateus (Daktylus an 2. Stelle), 

Der asklepiadeisehe Vers ist die Zusammensetzung eines katalektischen 
2. und 1. Pherekrateus; zwischen beiden ist stets eine Cäsur. 

Oh xwei Seelen es gibt, \\ welche sich ganx verstehn? 

Wer antwortet? Der Mensch \\ forsche dem Rätsel nach! Platen. 

Im Deutsehen sind die sogenannten 3. und 4. asklepiadeischen 
Strophen am häufigsten; beide sind vierzeilige Strophen. 

S33. 1. Die dritte asiciepiadeische Strophe besteht aus 3 asklepiadeischen 

Versen und einem Schlußvers, dem 61ykoneus,d. i. einer katalektischen 
logaödischen Tetrapodie mit dem Daktylus an zweiter Stelle: 

Das Schema der Strophe ist also: 

-^ I ^-- I ^. II ^-- I -^^ I ^• 

-V. I -^v. I -. II -v.^ I -V. I -. 

^ w I '^ w ^ I ^ ^ I ^ . 

Welchen Konig der Gott über die Könige 

Mit einweihendem Blickf als er geboren ward. 

Sah vom hohen Olymp, dieser wird Menschenfreund 

Sein und Vater des Vaterlands. Klopstock. 

234» 2. Die vierte asidepiadeische Strophe, besteht aus zwei askle- 

piadeischen Versen, einer akatalektischen Tripodie (2. Pherekrateus) 
und dem Glykoneus. 

Schema: '^w|'^vyv^|'^.||^v^.^|'*^^j^. 
^ v^ I ^ w v^ I ^ v^ 

Schönheit fielen und Reix wenigen Fraun anheim, 

Auch Reichtümer verschenkt selten ein günstig Los; 

Doch viel seltener gibt es 

Ein teilnehmendes, großes Herx. Platen. 

Ene eigentümliche asklepiadeisehe Strophe hat Schiller in seinem 
Gedichte „Die Größe der Welt*^ angewendet, u. zw. in Verbindung 
mit dem Reim: 

Die der schaffende Geist einst aus dem Chaos schlug, 
Durch die schwebende Welt flieg* ich des Windes Flug, 

Bis am Strande 

Ihrer Wogen ich lande, 
Anker werf, wo kein Hauch mehr weht 
./ ' Und der Markstein der Sf^öpfung steht. 



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147 

Kiopstock und Platen haben noch manche Formen teils aus dem § 235. 
Griechischen eingeführt, teils selbst erfunden, die jedoch mehr oder minder 
nur in einzelnen Gedichten vorkommen. Besonders gilt dies von den 
äußerst kunstvollen Hymnenstrophen Platens. Diese können daher nicht 
besonders angeführt werden. 

Diese Nachahmungen der antiken Strophen sind durchwegs reimlos. 
Versuche, den Beim auch in den antiken Strophen einzuführen, sind zwar 
gemacht worden (vgl. § 229), haben aber wenig Anklang gefunden. Denn 
die Schönheit der antiken Strophen beruht auf ihrem kunstvollen 
Rhythmus; durch den Gleichklang des Beimes wird aber die Aufmerk- 
samkeit von diesem abgelenkt und die wesentliche Schönheit der 
alten Metren tritt einer fremdartigen zuliebe in den Hintergrund. 

Wie mächtig aber der Dichter durch den Bhythmus allein zu wirken 
vermag, kann folgende Strophe zeigen: 

Ausbreite die tauschweren Flügel^ o mein Oemiitf 

Ernsteren Festlaut 

Beginnend, sckwebe der Seemöwe, der unsteten, gleieh, 

Die bald die blendende Schwungfeder hebt 

Luftwärts und bald in das blaue Meer taucht: 

So sehtoeb^, o Klaglied, schwebe daher in Holdseligkeit! Platen. 



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Inhalts- Verzeichnis. 



Seite 

S 1 — 15. Einleitung 5 

§ 16—24. Die dichterische Sprache 12 

§ 26. KttnstlicheAusdrucksmittel 17 

9 26—28. Der Vergleich ..... 18 

9 29—32. Das Gleichnis 20 

§ 33—62. Die Tropen 23 

§ 33—36. Übersicht 23 

9 36—40. Die Metapher 24 

9 41 — 43. Die Synekdoche .... 27 
9 44 — 47. Die Metonymie .... 29 
9 48 — 60. Tropen im weiteren 

Sinne 35 

9 49— 55. AbartenderMetapher 35 
9 49—50. Die Personifikation. . . 35 

9 51—63. Die Allegorie 86 

9 54 — 55. Abarten der Synek- 
doche 37 

9 54. Die Hyperbel 37 

9 55. Die Litotes 38 

9 56—60. Abarten der Meto- 
nymie 39 

9 56. Der Euphemismus 39 

9 57. Die Ironie 39 

9 58—59. Die Periphrase 40 

9 60. Die Antonomasie 42 

9 61—62. Berührung und Verbin- 
dung einzelner Tropen miteinander 42 

§ 63—118. Figuren^, 43 

9 63. Übersicht 43 

§ 64—72. Figuren des Gleich- 
klanges 44 

9 65. Der Wortanklang (die Parono- 

masie) 45 

9 66. Das Wortspiel (die Parechesis) 45 
9 67. Der Stabreim (die Alliteration) 45 
9 68. Der Stimmreim (die Assonanz) 46 

9 69—70. Der Vollreim 47 

9 71. Die Onomatopöie 48 

9 72. Die Lautsymbolik (Harmonie) 49 
§ 73—83. Figuren der Wieder- 
holung 49 

9 75. Die Epizeuxis 51 

§ 76. Die Anaphora 51 

§ 77. Die Epiphora 62 

9 78. Der Zyklus 52 

§ 79. Die Epanastrophe 52 

§ 80. Die Epanodos 53 

§ 81. Die Epanalepsis 54 

9 82. Das Polyptoton 64 

9 83. Die Dilogie 55 

§ 84—93. Figuren der Häufung . 55 
9 86. Die Perissologie 56 



Seite 

9 87. Der Pleonasmus 57 

9 88. Die Tautologie 59 

9 89. Die Epexegese 59 

9 90. Die Prolepsis 59 

9 91. Das Hendiadys 60 

9 92—93. Das Epitheton omans . tiO 

9 94—98. Figuren des Gegen- 
satzes 62 

9 95. Die Antithese 62 

9 96. Der Kontrast 63 

9 97. Das Oxymoron 63 

9 98. Das Paradoxon 63 

9 99—108. Syntaktische Figuren 64 

9 100. Das Asyndeton 65 

9 101. Das Polysyndeton 66 

9 102. Die Parenthese 66 

9 103. Das Anakoluth 67 

9 104. Die Ellipse 67 

9 105. Das Zeugma 68 

9 106. Das Hyperbaton 68 

9 107. Die Hypallage 69 

9 108. Die Enallage 70 

9 109—118. Rhetorische Figuren 72 
9 110. Die rhetorische Frage ... 72 
9 111. Die rhetorische Antwort. • 73 
9 112. Der rhetorische Ausruf . . 73 
9 113—114. Die Apostrophe ... 74 
9 115 — 116. Die Aposiopesis ... 75 
9 117. Die Redeeinftthrung (Sermo- 

cinatio) 76 

9 118. Die Klimax 76 

9 119— 120. Rückblick und S<>hluß 77 
Anhang 79 

Deutsche Verslehre 80 

9 121—141. Der Rhythmus . . 80 
9 124— 128. Die natürliche Betonung 81 
9 126. Hochtonige Silben .... 82 

9 127. Tieftonige Silben 82 

9 128. Unbetonte Silben 83 

9 129. Die natürliche Quantität der 

Silben 83 

§ 130. Einfluß des Rhythmus auf 

die Tonstärke der Silben. ... 83 
9 131—132. Einfluß des Rhythmus 
auf die Zeitdauer der SHben . . 84 

9 133. Taktgleichheit 85 

9 134—139. Versetzte Betonung. . 86 
9 140—141. Rhythmus und Vortrag £0 

Metrik im engeren Sinne 92 

9 142—144. Das Versmaß 92 

9 142—144. Hebung und Senkung 92 

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149 



Seite 

§ 146—146. Der Versfuß 93 

§ 145. Begriff des Versfußes. . . 98 
§ 146 — 147. Die im Deutschen ge- 
bräuchlichen Versfüße .... 94 

§ 148—199. Der Vers 95 

§ 148 — 149. Begriff und Benennung 

des Verses 96 

§ 160. Der Versschluß (akatalek- 
tische^ katalektische, hyperkata- 

lektische Verse) . 96 

9 161 — 162. Einfache und zu- 
sammengesetzte Verse 97 

5 153. Cäsur 98 

§ 164. Diärese 98 

§ 166—163. I. Trochäische Verse 98 

9 166. Der zweifüßige Trochäus 99 
S 157. Der dreifüßige Trochäus 

(Tripodie) 99 

§ 158 — 159. Der vierfüßige Tro- 
chäus (Dimeter) . 100 

9 160. Der fünffüßige Trochäus . 101 

9 161. Der sechsfüßige Trochäus. 101 

§ 162. Der siebenfüßige Trochäus 101 
. § 163. Der achtfüßige Trochäus 

(Tetrameter) 102 

§ 164—175. IL Jambische Verse 102 
§ 165. Der zweifüßige Jambus 

(Monometer) 103 

§ 166. Der dreifttßige Jambus (Tri- 
podie) 103 

9 167—168. Der vierfüßige Jambus 

(Dimeter) 104 

9 169— 170. Der fünffüßige Jambus 

(Quinar, Blankvers) 104 

9 171—173. Der sechsfüßige Jam- 
bus 106 

§ 172. Der Trimeter (Senar). . . 106 

9 173. Der Alexandriner .... 107 

9 174. Der siebenfüßige Jambus . 108 
§ 175. Der achtfüßige Jambus 

(Octonar) 108 

9 176— 184. m.DaktylischeVerse 109 
9 177. Der zweifüßige Daktylus 

(Dipodie) 109 

9 178. Der dreifüßige Daktylus 

(Tripodie) 110 

9 179. Der vierfüßige Daktylus 

(Tetrameter) 110 

9 180—181. Der Hexameter ... 111 

9 181. Cäsuren des Hexameters . 112 

9 182. Der Pentameter 113 

9 183. Das elegische Distichon. . 114 
9 184. Daktylische Verse mit Auf- 
takt (Anakruse) . 114 



Seite 

9 185-188. IV. Anapästische Verse 115 

9 186. Der anapäsüsche Dime^r 116 

9 187. Der anapästische Tetrameter 116 

9 188. Jambisch-anapästische 

Verse 117 

9 189—198. V. Altdeutsche Vers- 
maße, .t 118 

9 189—192. Wesen des altdeutschen 

Verses 118 

9 193. Die epische Langzeile. . . 120 
9 194—195. Der Nibelungenvers . 121 
9 196. Die epische Kurzzeile . . 122 
9 197. Die gereimten Kurzzeilen 

(Reimpaare) 123 

9 198. Der Eaiüttelvers 123 

9 199. Freie rhythmische 

Verse 124 

9 200—235. Die Strophe 126 

9 200—201. Begriff der Strophe . 126 
9 202—204. Der Reim in der 

Strophe 127 

9 203. Arten des Reimes .... 128 

9 204. Reimfolge 129 

9 205. Einteilung der Strophen . 129 
9 206—208. Die zweizeilige 

Strophe 131 

9 209—211. Dreizeilige Stro- 
phen 131 

9 210. Das Ritomell 132 

9 211. Die Terzine 132 

9 212—215. Vierzeilige Stro- 
phen 133 

9 213. Die Nibelungenstrophe . . 133 
9 214. Die Gudrunstrophe .... 134 
9 215. Die neue Nibelungenstrophe 

(der Hildebrandston) 134 

9 216. Die fünfzeilige Strophe 134 
9 217. Die sechszeil ige Strophe 134 
9 218. Die Siebenzeil ige Strophe 135 
9 219— 221.AchtzeiligeStrophen 135 
9 220. Die Stanze (Ottave rime, 

Siciliane) 136 

9 221. Die Wielandstanze .... 137 
9 222-226.MehrzeiligeStrophen 137 

9 223. Die Glosse 138 

9 224. Die Kanzone 140 

9 225. Das Sonett 140 

9 226. Das Ghas^l (die Gasele). . 141 
9 227. Die zusammengesetzte 

Strophe 142 

9 228. Unterbrochene Strophen 142 
9 229—234. Antike Strophen 144 
9 230. Die sapphische Strophe . . 144 
9 231. Die alkäische Strophe . . 145 
9 232 — 234. Die asklepiadeischen 

Strophen 145 

9 235. Schlußbemerkung .... 146 



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