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Full text of "Psychopathia sexualis, mit besonderer Berücksichtigung der conträren Sexualempfindung. Eine klinischforensische Studie"

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M32. 



PSYCHOPTHIA SEXALIS 



MIT BESONDERER BERCKSICHTIGUNG DER 



CONTRREN SEXUALEMPFINDUNG. 



EINE 

KLINISCH-FORENSISCHE STUDIE 

VON 

D* R. v. |RAFFT-EBING, 

0. . PKOF. F. PSYCHIATRIE U. NERVENKRANKHEITEN A. D. K. K. UNIVERSITT WIEN. 



Neunte, 
verbesserte und theilweise vermehrte Auflage. 




STUTTGART. 
VERLAG VON FERDINAND ENKE. 

1894. 



Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart. 



K8 5-1 




Vorwort zur ersten Auflage. 



Die wenigsten Menschen werden sich vollkommen des ge- 
waltigen Einflusses bewusst, welchen im individuellen und im gesell- 
schaftlichen Dasein das Sexualleben auf Fhlen, Denken und Handeln 
gewinnt. Schiller in seinem Gedicht Die Weltweisen" erkennt diese 
Thatsache an mit den Worten: Einstweilen bis den Bau der Welt 
Philosophie zusammenhlt, erhlt sie das Getriebe durch Hunger 
und durch Liebe." 

Auffallenderweise hat auch von Seiten der Philosophen das 
sexuelle Leben eine nur hchst untergeordnete Wrdigung erfahren. 

Schopenhauer (Die Welt als Wille und Vorstellung, 3. Aufl., 
Bd. 2, p. 586 u. ff.) findet es geradezu sonderbar, dass die Liebe 
bisher nur Stoff fr den Dichter und, drftige Untersuchungen bei 
Plato, Rousseau, Kant ausgenommen, nicht auch fr den Philo- 
sophen war. 

Was Schopenhauer und nach ihm der Philosoph des 
Unbewussten, E. v. Hartmann, ber sexuelle Verhltnisse philo- 
sophiren, ist so fehlerhaft und in seinen Consequenzen so ab- 
geschmackt, dass, abgesehen von den mehr als geistreiche Causeries, 
denn als wissenschaftliche Abhandlungen zu betrachtenden Dar- 
stellungen eines Michelet (L'amour) und Mantegazza (Physio- 
logie der Liebe), sowohl die empirische Psychologie als die Meta- 
physik der sexuellen Seite des menschlichen Daseins ein noch nahezu 
jungfrulicher wissenschaftlicher Boden sind. 

Vorlufig drften die Dichter bessere Psychologen sein, als 
die Psychologen und Philosophen von Fach, aber sie sind Gefhls- 
und nicht Verstandesmenschen und mindestens einseitig in der Be- 
trachtung des Gegenstands. Sehen sie doch ber dem Licht und 



IV Vorwort. 

der sonnigen Wrme des Stoffes, von dem sie Nahrung ziehen, 
nicht die tiefen Schatten! Mgen auch die Erzeugnisse der Dicht- 
kunst aller Zeiten und Vlker dem Monographen einer Psychologie 
der Liebe" unerschpflichen Stoff bieten, so kann die grosse Auf- 
gabe doch nur gelst werden unter Mithilfe der Naturwissenschaft 
und speciell der Medicin, welche den psychologischen Stoff an seiner 
anatomisch-physiologischen Quelle erforscht und ihm allseitig ge- 
recht wird. 

Vielleicht gelingt es ihr dabei, einen vermittelnden Standpunkt 
fr die philosophische Erkenntniss zu gewinnen, der gleichweit sich 
entfernt von der trostlosen Weltanschauung der Philosophen, wie 
Schopenhauer und Hartmann 1 ), und der heiter naiven der 
Poeten. 

Die Absicht des Verfassers geht nicht dahin, Bausteine zu 
einer Psychologie des Sexuallebens beizutragen, obwohl zweifels- 
ohne wichtige Erkenntnissquellen fr die Psychologie aus der Psycho- 
pathologie sich ergeben drften. 

Der Zweck dieser Abhandlung ist die Kenntnissnahme der 
psychopathologischen Erscheinungen des Sexuallebens und der Versuch 
ihrer Zurckfhrung auf gesetzmssige Bedingungen. Diese Auf- 
gabe ist eine schwierige und trotz vieljhriger Erfahrungen als 
Psychiater und Gerichtsarzt bin ich mir klar bewusst, nur Unvoll- 
kommenes bieten zu knnen. 

Die Wichtigkeit des Gegenstands fr das ffentliche Wohl 
und speciell fr das Forum gebietet gleichwohl, dass er wissen- 
schaftlich untersucht werde. Nur wer als Gerichtsarzt in der Lage 
war, ber Mitmenschen, deren Leben, Freiheit und Ehre auf dem 
Spiel stand, sein Urtheil abgeben zu mssen, und sich der Unvoll- 
kommenheit unserer Kenntnisse auf dem pathologischen Gebiet des 
Sexuallebens in peinlicher Weise klar wurde, vermag die Bedeu- 
tung eines Versuchs, zu leitenden Gesichtspunkten zu gelangen, voll 
zu wrdigen. 

Jedenfalls kommen auf dem Gebiet der sexuellen Delikte noch 



*) Hartmann's philosophische Anschauung von der Liebe in Pho- 
sophie des Unbewussten", Berlin 1869, p. 583, ist folgende: Die Liebe verur- 
sacht mehr Schmerz als Lust. Die Lust ist nur illusorisch. Die Vernunft 
wrde gebieten, die Liebe zu meiden, wenn nicht der fatale Geschlechtstrieb 
wre ergo wre es am besten, wenn man sich castriren liesse. Dieselbe 
Anschauung minus der Consequenz findet sich schon bei Schopenhauer: 
Die Welt als Wille und Vorstellung", 3. Aufl., Bd. 2, p. 586 u. ff. 



Vorwort. V 

die irrigsten Anschauungen zum Ausdrucke und werden die fehler- 
haftesten Urtheile geschpft, gleichwie die Strafgesetzbcher und 
die ffentliche Meinung von ihnen beeinflusst erscheinen. 

Wer die Psychopathologie des sexualen Lebens zum Gegen- 
stand einer wissenschaftlichen Abhandlung macht, sieht sich einer 
Nachtseite menschlichen Lebens und Elends gegenbergestellt, in 
deren Schatten das glnzende Gtterbild des Dichters zur scheuss- 
lichen Fratze wird und die Moral und Aesthetik an dem Ebenbild 
Gottes" irre werden mchten. 

Es ist das traurige Vorrecht der Medicin und speciell der 
Psychiatrie, dass sie bestndig die Kehrseite des Lebens, mensch- 
liche Schwche und Armseligkeit, schauen muss. 

Vielleicht gewinnt sie einen Trost in dem schweren Beruf 
und entschdigt sie den Ethiker und Aesthetiker, indem sie auf 
krankhafte Bedingungen vielfach zurckzufhren vermag, was den 
ethischen und sthetischen Sinn beleidigt. Damit bernimmt sie 
die Ehrenrettung der Menschheit vor dem Forum der Moral und 
der Einzelnen vor ihren Richtern und Mitmenschen. Pflicht und 
Recht der medicinischen Wissenschaft zu diesen Studien erwchst 
ihr aus dem hohen Ziel aller menschlichen Forschung nach Wahrheit. 

Der Verfasser macht den Ausspruch Tardieu's (Des atten- 
tats aux moeurs): Aucune misere physique ou morale, aucune plaie, 
quelque corrompue qu'elle soit, ne doit effrayer celui qui s'est voue 
la science de l'homme et le ministere sacre du medicin, en l'obli- 
geant tout voir, lui permet aussi de tout dire" zu dem seinigen. 

Die folgenden Bltter wenden sich an die Adresse von Mnnern 
ernster Forschung auf dem Gebiet der Naturwissenschaft und der 
Jurisprudenz. Damit jene nicht Unberufenen als Lektre dienen, 
sah sich der Verfasser veranlasst, einen nur dem Gelehrten ver- 
stndlichen Titel zu whlen, sowie, wo immer mglich, in terminis 
technicis sich zu bewegen. Ausserdem erschien es geboten, ein- 
zelne besonders anstssige Stellen statt in deutscher, in lateinischer 
Sprache zu geben. 

Mge der Versuch, ber ein bedeutsames Lebensgebiet dem 
Arzt und Juristen Aufschlsse zu bieten, wohlwollende Aufnahme 
finden und eine wirkliche Lcke in der Literatur ausfllen, die, 
ausser einzelnen Aufstzen und Casuistik, nur die Theilgebiete be- 
handelnden Schriften von Moreau und Tarnowsky aufweist. 



Vorwort zur neunten Auflage. 



i^ie vorliegende neunte Auflage ist eine sorgfltig revidirte, 
theilweise verbesserte und vermehrte. Die ausnahmslos gnstige 
Kritik, welche das Buch bisher in juridischen Kreisen gefunden hat, 
ist dem Verfasser Gewhr dafr, dass es nicht ohne Einfluss auf 
Rechtsprechung und Gesetzgebung bleiben und zur Beseitigung von 
vielhundertjhrigen Hrten und Irrthmern beitragen wird. 

Der unerwartet grosse buchhndlerische Erfolg ist wohl der beste 
Beweis dafr, dass es unzhlige Unglckliche gibt, die in dem Buche 
Aufklrung und Trost hinsichtlich rthselhafter Erscheinungen ihrer 
Vita sexualis suchen und finden. Zahllose Zuschriften solcher Stief- 
kinder der Natur, aus allen Lndern an den Verf. gerichtet, sind Be- 
lege dafr, dass diese Annahme begrndet ist. Die Lektre dieser 
Briefe, deren Schreiber in der Mehrzahl geistig und social hoch- 
stehende und oft sehr feinfhlige Menschen sind, erweckt das tiefste 
Mitleid. Sind es doch seelische Leiden, die da geoffenbart werden, 
gegen die alles Andere, was das Schicksal verhngen kann, in Nichts 
verschwindet ! 

Mge das Buch solchen Unglcklichen auch ferner Trost und 
sittliche Rehabilitation bieten! 

Um seine Lektre etwaigen Unberufenen zu erschweren und 
zu verleiden, wurde noch mehr als in vorausgehenden Auflagen von 
terminis technicis und lateinischer Sprache Gebrauch gemacht. Neue 
d. h. in der 8. Auflage nicht enthaltene Beobachtungen sind Nr. 44, 
66, 69, 92, 93, 99, 117, 119, 123, 125, 188, 189 der gegenwrtigen. 

Hoffentlich ist auch dieser Auflage die freundliche Aufnahme 
beschieden, deren sich die vorausgehenden zu erfreuen hatten. 
Mge das Buch im Dienst der Wissenschaft, des Rechts und der 
Humanitt sich ntzlich erweisen! 

Wien, Mrz 1894. 

Der Verfasser. 




Inhalt. 



I. Fragmente einer Psychologie des Sexuallebens 

Mchtigkeit sexueller Triebe 1. Sexualer Trieb als Grundlage ethi- 
scher Gefhle 1. Liebe als Leidenschaft 2. Culturgeschichtliche 
Entwicklung des Sexuallebens 2. Schamhaftigkeit 2. Christen- 
thum. Monogamie 4. Stellung des Weibes im Islam 5. Sinn- 
lichkeit und Sittlichkeit 6. Culturelle Versittlichung des Sexual- 
lebens 6. Episoden sittlichen Niedergangs im Vlkerleben 7. 
Entwicklung sexueller Gefhle beim Individuum. Pubertt 8. 
Sinnlichkeit und religise Schwrmerei 10. Beziehungen zwischen 
religisem und sexuellem Gebiet 10. Sinnlichkeit und Kunst 11. 
Idealisirender Zug der ersten Liebe 11. Wahre Liebe 12. Sen- 
timentalitt 12. Platonische Liebe 13. Liebe und Freundschaft 13. 
Verschiedenheit der Liebe von Mann und Weib 14. Clibat 15. 
Ehebruch 15. Ehe 15. Putzsucht 16. Thatsachen des physiolo- 
gischen Fetischismus 17. Religiser und erotischer Fetischismus 
18. Haar, Hand, Fuss des Weibes als Fetisch 21. Auge, Geruch, 
Stimme, seelische Eigenschaften als Fetisch 22. 



Seite 
1 



II. Physiologische Thatsachen 23 

Geschlechtsreife 23. Zeitliche Begrenzung des Sexuallebens 23. 
Geschlechtssinn 24. Lokalisation? 24. Physiologische Entwick- 
lung des Sexuallebens 24. Erection. Erectionscentrum 24. Ge- 
schlechtssphre und Geruchssinn 26. Geisselung ein das Sexual- 
leben erregender Eingriff 29. Flagellantensekte 29. Paullini's 
Flagellum salutis 30. Erogene Zonen 31. Beherrschung des 
Sexualtriebs 32. Cohabitation 33. Ejaculation 33. 



III. Allgemeine Neuro- und Psychopathologie des Sexuallebens .... 

Hufigkeit und Wichtigkeit pathologischer Erscheinungen 34. 
Schema der sexualen Neurosen 35. Reizzustnde des Erections- 



34 



VIII Inhalt. 

centrums 35. Lhmung desselben 35. Hemmungsvorgnge im Eree- 
tionscentrum 36, reizbare Schwche desselben 36. Neurosen des 
Ejaculationscentrums 36. Cerebral bedingte Neurosen 37. Para- 
doxie d. h. Sexualtrieb ausserhalb der Zeit anatomisch-physiolo- 
gischer Vorgnge 38. Im Kindesalter auftretender Geschlechts- 
trieb 38. Im Greisenalter wieder erwachender Trieb 39. Sexuelle 
Verirrungen bei Greisen, erklrt durch Impotenz und Demenz 40. 
Anaesthesia sexualis d. h. fehlender Geschlechtstrieb 42, als 
angeborene Anomalie 42, als erworbene 47. Hypersthesie 
d. h. krankhaft gesteigerter Trieb 48. Bedingungen und Erschei- 
nungen dieser Anomalie 49. Parsthesie der Sexualempfindung 
oder Perversion des Geschlechtstriebs 56. Perversion und Per- 
versitt 56. Sadismus. Versuch einer Erklrung des Sadis- 
mus 57. Sadistischer Lustmord 62. Anthropophagie 64. Leichen- 
schnder 68. Misshandeln von Weibern, Blutigstechen, Flagel- 
liren derselben 71. Besudelung weiblicher Personen 79. Symbo- 
lischer Sadismus d. h. sonstige Ausbung von Gewalt gegen 
weibliche Personen 81. Sadismus an beliebigem Objekt 82. Knaben- 
geissler 83. Sadistische Akte an Thieren 85. Sadismus des Weibes 
87. Kleist's Penthesilea 89. Masochismus 89. Wesen und 
klinische Erscheinung des Masochismus 90. Aufsuchen von Miss- 
handlungen und Demthigungen zum Zweck sexueller Befriedi- 
gung 91. Passive Flagellation in ihren Beziehungen zum Maso- 
chismus 101. Hufigkeit und Praktiken des Masochismus 105. 
Symbolischer Masochismus 111. Ideeller Masochismus 113. Jean 
Jacques Rousseau 118. Der Masochismus in der wissenschaftlichen 
und belletristischen Literatur 120. Larvirter Masochismus 122. 
Schuh- und Fussfetischisten 122. Koprolagnie 123. Masochis- 
mus des Weibes 136. Versuch einer Erklrung des Masochismus 
140. Geschlechtliche Hrigkeit 142. Masochismus und Sadismus 
151. Fetischismus. Erklrung des Fetischismus 156. Flle, in 
welchen der Fetisch ein Theil des weiblichen Krpers ist 162. 
Handfetischismus 162. Krperfehler als Fetisch 167. Zopffeti- 
schismus. Zopfabschneider 168. Der Fetisch ist ein Stck der 
weiblichen Kleidung 172. Liebhaber resp. Diebe weiblicher 
Taschentcher 177. Schuhfetischisten 180. Der Fetisch ist ein be- 
stimmter Stoff 185. Pelz-, Seide- und Sammtfetischisten 185. Thier- 
fetischismus 191. Contrre Sexualempfindung 192. Erwor- 
bene contrre Sexualempfindung bei beiden Geschlech- 
tern 195. Neurotische Belastung als Bedingung erworbener con- 
trrer Sexualempfindung 198. Stufen der erworbenen Entartung 
199. Einfache Verkehr ung der Geschlechtsempfindung 199. Eviratio 
und Defeminatio 204. Wahnsinn der Skythen 208. Mujerados 
208. Uebergangsstufe zur Metamorphosis sexualis 209. Metamor- 



Seite 



Inhalt. IX 

Seite 
phosis sexualis paranoica 223. Angeborene contrre Sexual- 
empfindung 226. Verschiedene klinische Formen derselben 231. 
Allgemeine Merkmale 233. Erklrungsversuche der Anomalie 235. 
Die angeborene contrre Sexualempfindung beimManne 
241. Psychische Hermaphrodisie 243. Homosexuale oder Urninge 
253. Effeminatio 268. Androgene 275. Die angeborene con- 
trre Sexualempfindung beim Weibe 279. Anderweitige 
Erscheinungen sexueller Perversion bei Contrrsexualen 302. Dia- 
gnose, Prognose und Therapie der contrren Sexualempfindung 304. 

IV. Specielle Pathologie 321 

Die Erscheinungen krankhaften Sexuallebens in den verschiedenen 
Formen und Zustnden geistiger Strung 321. Psychische Ent- 
wicklungshemmungen 321. Erworbene geistige Schwchezustnde 
324. Consecutive Geistesschwche nach Psychosen 324, nach Apo- 
plexien 325, nach Kopfverletzung 325, auf Grund von Lues cere- 
bralis 325. Dementia paralytica 326. Epilepsie 327. Periodische 
Geistesstrung 333. Psychopathia sexualis periodica 334. Manie 
334. Zeichen sexueller Erregung bei Manischen 335. Satyriasis 
337. Nymphomanie 337. Chronische Satyriasis und Nympho- 
manie 337. Melancholie 338. Hysterie 338. Paranoia 339. 

V. Das krankhafte Sexualleben vor dem Criminalforum 342 

Gefahr sexueller Delikte fr die allgemeine Wohlfahrt 342. Zuneh- 
mende Hufigkeit derselben 342. Muthmassliche Ursachen 343. 
Klinische Forschungen 343. Mangelhafte Wrdigung solcher 
seitens der Juristen 343. Anhaltspunkte fr die forensische Be- 
urtheilung sexueller Delikte 344. Bedingungen der Aufhebung 
der Zurechnungsfhigkeit 345. Indicien fr die psychopathologische 
Bedeutung sexueller Delikte 346. Die einzelnen sexuellen 
Delikte. Exhibitioniren 347. Frotteurs 359. Statuenschnder 
360. Nothzucht und Lustmord 361. Krperverletzung, Sachbe- 
schdigung, Thierqulerei auf Grund von Sadismus 367. Maso- 
chismus und geschlechtliche Hrigkeit 370. Krperverletzung, 
Raub, Diebstahl auf Grund von Fetischismus 372. Unzucht mit 
Individuen unter 14 Jahren. Schndung 374. Unzucht wider die 
Natur 377. Thierschndung 377. Zooerastie 381. Unzucht mit Per- 
sonen desselben Geschlechts. Pderastie 383. Die Pderastie im 
Lichte der Forschungen ber contrre Sexualempfindung 383. Not- 
wendigkeit der Unterscheidung krankhafter und nicht krankhaft be- 
dingter Pderastie 383. Forensische Beurth eilung der veranlagten 
contrren Sexualempfindung, sowie der erworbenen krankhaften 
384. Denkschrift eines Urnings 385. Grnde fr die Unterlassung 



X Inhalt. 

der strafgerichtlichen Verfolgung homosexualer Liebesakte 389. 
Die gezchtete, nicht krankhafte Pderastie 394. Ursachen des 
Lasters 394. Sociales Leben der Pderasten 396. Ein Ball der 
Weiberfeinde in Berlin 397. Art der sexuellen Triebrichtung 
bei den verschiedenen Kategorien contrrer Sexualenipfindung 
400. Paedicatio mulierum 400. Amor lesbicus 409. Nekrophilie 
412. Incest 412. Unsittliche Handlungen mit Pflegebefohlenen 414. 



LIBRARY 



I. Fragmente einer Psychologie des Sexuallebens. 



Die Fortpflanzung des Menschengeschlechts ist nicht dem Zu- 
fall oder der Laune der Individuen anheimgegeben, sondern durch 
einen Naturtrieb gewhrleistet, der allgewaltig, bermchtig nach 
Erfllung verlangt. In der Befriedigung dieses Naturdrangs er- 
geben sich nicht nur Sinnengenuss und Quellen krperlichen Wohl- 
befindens, sondern auch hhere Gefhle der Genugthuung, die eigene, 
vergngliche Existenz durch Vererbung geistiger und krperlicher 
Eigenschaften in neuen Wesen ber Zeit und Raum hinaus fort- 
zusetzen. In der grobsinnlichen Liebe, in dem wollstigen Drang, 
den Naturtrieb zu befriedigen, steht der Mensch auf gleicher Stufe 
mit dem Thier, aber es ist ihm gegeben', sich auf eine Hhe zu 
erheben, auf welcher der Naturtrieb ihn nicht mehr zum willen- 
losen Sklaven macht, das mchtige Fhlen und Drngen hhere, 
edlere Gefhle weckt, die, unbeschadet ihrer sinnlichen Entstehungs- 
quelle, eine Welt des Schnen, Erhabenen, Sittlichen erschliessen. 

Auf dieser Stufe steht der Mensch ber dem Trieb der Natur 
und schpft aus der unversieglichen Quelle Stoff und Anregung zu 
edlerem Genuss, zu ernster Arbeit und Erreichung idealer Ziele. 
Mit Recht bezeichnet Maudsley (Deutsche Klinik 1873, 2, 3) die 
geschlechtliche Empfindung als die Grundlage fr die Entwicklung 
der socialen Gefhle. Wre der Mensch des Fortpflanzungstriebes 
beraubt und alles Dessen, was geistig daraus entspringt, so wrde 
so ziemlich alle Poesie und vielleicht auch die ganze moralische 
Gesinnung aus seinem Leben herausgerissen sein." 

Jedenfalls bildet das Geschlechtsleben den gewaltigsten Factor 
im individuellen und im socialen Dasein, den mchtigsten Impuls zur 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 1 



2 Culturelle Versittlichung des Sexuallebens. 

Bethtigung der Krfte, zur Erwerbung von Besitz, zur Grndung 
eines huslichen Herdes, zur Erweckung altruistischer Gefhle, 
zunchst gegen eine Person des anderen Geschlechts, dann gegen 
die Kinder und im weiteren Sinne gegenber der gesammten mensch- 
lichen Gesellschaft. 

So wurzelt in letzter Linie alle Ethik, vielleicht auch ein guter 
Theil Aesthetik und Religion in dem Vorhandensein geschlecht- 
licher Empfindungen. 

Wie das sexuale Leben die Quelle der hchsten Tugenden 
werden kann, bis zur Aufopferung des eigenen Ich, so liegt in 
seiner sinnlichen Macht die Gefahr, dass es zur gewaltigen Leiden- 
schaft ausarte und die grssten Laster entwickle. 

Als entfesselte Leidenschaft gleicht die Liebe einem Vulkan, 
der Alles versengt, verzehrt, einem Abgrund, der Alles verschlingt 
Ehre, Vermgen, Gesundheit. 

Von hohem psychologischem Interesse erscheint es, die Ent- 
wicklungsphasen zu verfolgen, durch welche im Laufe der Cultur- 
entwicklung der Menschheit das Geschlechtsleben bis zu heutiger 
Sitte und Gesittung hindurchgegangen ist 1 ). Auf primitiver Stufe 
erscheint die Befriedigung sexueller Bedrfnisse der Menschen wie 
die der Thiere. Der geschlechtliche Akt entzieht sich nicht der 
Oeffentlichkeit , und Mann und Weib scheuen sich nicht, nackt zu 
gehen. Auf dieser Stufe sehen wir (vgl. Ploss, Das Weib, 1884, 
p. 196 u. ff.) heute noch wilde Vlker, wie z. B. die Australier, 
Polynesier, Malayen der Philippinen. Das Weib ist Gemeingut der 
Mnner, temporre Beute des Mchtigsten, Strksten. Dieser strebt- 
nach den schnsten Individuen des anderen Geschlechts und erfllt 
damit instinktiv eine Art geschlechtlicher Zuchtwahl. 

Das Weib ist eine bewegliche Sache, eine Waare, ein Gegen- 
stand des Kaufs, Tauschs, der Schenkung, ein Werkzeug des 
Sinnengenusses, der Arbeit. Den Anfang einer Versittlichung des 
Geschlechtslebens bildet das Auftreten eines Schamgefhls bezg- 
lich der Kundgebung und Bethtigung des Naturtriebs der Gesell- 
schaft gegenber und die Schamhaftigkeit im Verkehr der Ge- 
schlechter. Daraus entsprang das Bestreben, die Schamtheile zu 
verhllen (Sie erkannten, dass sie nackt waren") und sexuelle Akte 
abseits zu vollziehen. 



3 ) Vergl. Lombroso, Der Verbrecher, bersetzt von F r n k e 1, 
p. 38 u.'ff. 



Sociale Stellung des Weibes. 3 

Die Entwicklung dieser Culturstufe wird begnstigt durch 
Klte des Klimas und das dadurch geweckte Bedrfniss nach all- 
seitiger Bedeckung des Krpers. Daraus erklrt es sich zum Theil, 
dass bei nordischen Vlkern die Schamhaftigkeit anthropologisch 
frher nachzuweisen ist als bei sdlichen 1 ). 

Ein weiteres Moment in der culturellen Entwicklung des Sexual- 
lebens ergibt sich damit, dass das Weib aufhrt , bewegliche Sache 
zu sein. Es wird eine Person, und, wenn auch lange noch social 
tief unter den Mann gestellt, entwickelt sich doch die Anschauung, 
dass dem Weibe ein Verfgungsrecht ber sich und seine Liebes- 
gunst zustehe. 

Damit wird es Gegenstand der Bewerbung des Mannes. Zu 
dem roh sinnlichen Gefhle geschlechtlicher Bedrfnisse gesellen 
sich Anfnge ethischer Empfindungen. Der Trieb wird durch- 
geistigt. Die Weibergemeinschaft hrt auf. Die geschlechtlich 
differenten Einzelwesen fhlen sich durch geistige und krperliche 
Vorzge zu einander hingezogen und erweisen nur einander Liebes- 
gunst. Auf dieser Stufe hat das Weib ein Gefhl, dass seine Reize 
nur dem Manne seiner Neigung .gehren und ein Interesse daran, 
sie Anderen gegenber zu verhllen. Damit sind neben der Scham- 
haftigkeit die Grundlagen der Keuschheit und der sexuellen Treue 
solange der Liebesbund dauert gegeben. 

Um so frher erreicht das Weib diese sociale Stufe da, wo 
mit dem Sesshaftwerden der Menschen aus frherem Nomadenleben 
ihnen ein Heim, ein Haus ersteht und fr den Mann sich das Be- 
drfniss ergibt, eine Lebensgefhrtin fr die Hauswirthschaft , eine 
Hausfrau in dem Weibe zu besitzen. 

Diese Stufe haben unter den Vlkern des Orients frh die 
alten Aegypter, die Israeliten und die Griechen, unter den Vlkern 
des Abendlands die Germanen erreicht. Ueberall auf dieser Stufe 
findet sich die Werthschtzung der Jungfrulichkeit, Keuschheit, 
Schamhaftigkeit und sexuellen Treue, im Gegensatz zu anderen 
Vlkern, die die Hausgenossin dem Gastfreund zum sexuellen Ge- 
nsse bieten. 



*) Vgl. dagegen das interessante an anthropologischen Thatsachen reiche 
Werk von W estermarck: The history of human marriage", besonders p. 208, 
es ist nicht das Gefhl der Scham, welches die Bedeckung veranlasst hat, 
sondern die Bedeckung hat das Gefhl der Scham hervorgerufen". Die Be- 
deckung der Schamtheile entsprang aber ursprnglich dem Wunsche der 
Mnner und Frauen, sich gegenseitig anziehend zu machen. 



4 Christenthum und Main. 

Dass diese Stufe der Versittlichung des sexuellen Lebens eine 
ziemlich hohe ist und viel spter als manche andere culturelle Ent- 
wicklungsformen, z. B. sthetische, sich einstellt, lehren die Japa- 
nesen, bei denen es Sitte ist, ein Weib nur zu ehelichen, nachdem 
es jahrelang in Theehusern, die die Stelle der europischen Pro- 
stitutionshuser vertreten, gelebt hat, und bei denen das Nackt- 
gehen des weiblichen Geschlechts nichts Anstssiges ist. Jeden- 
falls kann sich bei den Japanesen jedes unverheirathete Weib pro- 
stituiren, ohne an seinem Werth als knftige Frau Einbusse zu 
erleiden , wohl ein Beweis , dass bei diesem merkwrdigen Volke 
das Weib in der Ehe nur Grenuss-, Procreations- und Arbeitswerth, 
aber keinen ethischen Werth besitzt. 

Die Versittlichung des sexuellen Verkehrs erfuhr einen mch- 
tigen Impuls durch das Christenthum, indem es das Weib auf 
gleiche sociale Stufe mit dem Manne erhob und den Liebesbund 
zwischen Mann und Weib zu einer religis-sittlichen Institution 
gestaltete r ). Damit war der Thatsache entsprochen, dass die Liebe 



J ) Diese allgemeine und auch von vielen Culturhistorikern aufgestellte 
Meinung bedarf aber einer Einschrnkung, insofern der symbolische und sakra- 
mentale Charakter der Ehe erst vom Concil zu Trient klar und deutlich aus- 
gesprochen wurde, wenn auch es von jeher im Geist des Christenthums lag, 
dass das Weib aus seiner inferioren Stellung, die es in der alten Welt und 
im alten Testament einnahm, befreit und erhoben werden sollte. 

Dass dies so spt wirklich geschah, erklrt sich zum Theil wohl aus 
den Traditionen der Genesis von der secundren Schpfung des Weibes aus 
der Rippe des Mannes , von seiner Rolle beim Sndenfall und dem dafr er- 
folgten Fluche dein Wille soll dem Manne unterthan sein". Indem der Snden- 
fall, fr den die hl. Schrift des alten Testaments das Weib verantwortlich 
gemacht hatte, der Grundstein des kirchlichen Lehrgebudes wurde, musste 
die sociale Stellung der Frau so lange verkmmert bleiben, bis der Geist des 
Christenthums ber Tradition und Scholastik den Sieg gewann. 

Bemerkenswerth ist, dass die Evangelien, mit Ausnahme des Verbots der 
Verstossung (Matth. 19. 9) keine Stelle zu Gunsten der Frau enthalten. Die Milde 
gegen die Ehebrecherin und gegenber der bssenden Magdalena berhrt die 
Stellung der Frau an und fr sich nicht. Eindringlich erklren geradezu die 
Paulini'schen Briefe, dass an der Stellung des Weibes nichts gendert werden 
soll (IL Korinther 11. 3 12; Epheser 5. 22 die Weiber seien unterthan ihren 
Mnnern" und 23 das Weib frchte den Mann"). 

Wie sehr die Kirchenvter durch Eva's Schuld gegen das Weib pr- 
occupirt sind, lehren Stellen bei Tertullian: Weib, du solltest stets in 
Trauer und Lumpen gehen, deine Augen voll Thrnen. Du hast das Menschen- 
geschlecht zu Grunde gerichtet!" Der hl. Hieronymus ist gar schlecht auf das 



Christenthum und Islam. 5 

des Menschen auf hherer Civilisationsstufe nur eine monogamische 
sein kann und sich auf einen dauernden Vertrag sttzen muss. 
Mag auch die Natur bloss Fortpflanzung fordern, so kann ein Ge- 
meinwesen (Familie oder Staat) nicht bestehen ohne Garantie, dass 
das Erzeugte physisch, moralisch und intellectuell gedeihe. Durch 
die Gleichstellung des Weibes mit dem Manne, durch die Statuirung 
der monogamischen Ehe und ihre Festigung durch rechtliche, reli- 
gise und sittliche Bande erwuchs den christlichen Vlkern eine 
geistige und materielle Superioritt ber die polygamischen Vlker, 
speciell ber den Islam. 

Wenn auch Mohamed das Weib in seiner Stellung als Sklavin 
und Werkzeug des Sinnengenusses zu heben, social und ehelich 
auf eine hhere Stufe zu stellen bestrebt war, so blieb dasselbe 
in der islamitischen Welt dennoch tief unter den Mann gestellt, 
dem allein die Ehescheidung mglich und berdies sehr leicht ge- 
macht war. 

Unter allen Umstnden schloss der Islam das Weib von der 
Bethtigung am ffentlichen Leben aus und hinderte damit seine 
intellectuelle und sittliche Fortentwicklung. Dadurch blieb das 
muselmannische Weib wesentlich Mittel zum Sinnengenuss und zur 
Erhaltung der Batfe, whrend die Tugenden und Fhigkeiten des 
(KOT*** 

Weib zu sprechen. Er sagt: Das Weib ist die Pforte des Teufels, der Weg 
des Unrechts, der Stachel des Skorpions" (de cultu feminarum 1. 1). 

Das kanonische Recht erklrt: Nur der Mann ist nach dem Ebenbilde 
Gottes erschaffen, nicht das Weib ; deshalb soll das Weib ihm dienen und seine 
Magd sein! 

Das Provincialconcil von Macon im 6. Jahrhundert debattirte ernstlich 
darber, ob das Weib berhaupt eine Seele habe. 

Die Wirkung dieser Ansichten der Kirche auf die Vlker, welche das 
Christenthum annahmen, war eine entsprechende. Bei den Germanen wurde 
nach der Annahme des neuen Glaubens aus den obigen Grnden das Wehr- 
geld der Frauen der naive Ausdruck ihres Werthes herabgesetzt 
(J. Falke, Die ritterliche Gesellschaft. Berlin 1862 p. 49). Ueber die Schtzung 
beider Geschlechter bei den Juden s. III. Mosis 27. 3 4. 

Auch die Polygamie, im alten Testament (Deuteronom. 21. 15) aus- 
drcklich anerkannt, wird im neuen nirgends ausdrcklich aufgehoben. That- 
schlich haben christliche Frsten (z. B. merovingische Knige wie Chlotar L, 
Charibert I. , Pippin I. und viele vornehme Franken) in Polygamie gelebt, 
wogegen die Kirche damals noch nichts einzuwenden hatte (Weinhold, 
Die deutschen Frauen im Mittelalter IL p. 15); vgl. auch Unger, Die 
Ehe" etc. und das Werk von Louis Bridel La femme et le droit", 
Paris 1884. 



Q Sinnlichkeit und Sittlichkeit. 

christlichen Weibes als Hausfrau, Erzieherin der Kinder, gleich- 
berechtigte Gefhrtin des Mannes, sich herrlich entfalten konnten. 
So stellt 'sich der Islam mit seiner Polygamie und seinem Harem- 
leben in grellen^Contrast zur Monogamie und zu dem Familienleben 
der christlichen Welt. 

Derselbe Contrast macht sich bei einem Vergleich der beiden 
Religionen auch bezglich der Vorstellungen vom Jenseits geltend, 
das dem christlichen Glubigen unter dem Bilde eines von aller 
irdischen Sinnlichkeit befreiten, rein geistige Wonnen verheissenden 
Paradieses sich darstellt, whrend die Phantasie des Muselmanns 
in Bildern eines wollstigen Haremlebens mit herrlichen Houris 
sich das Jenseits ausmalt. 

Trotz aller Hlfen, die Religion, Gesetz, Erziehung und Sitte 
dem Culturmenschen in der Zgelung seiner sinnlichen Triebe an- 
gedeihen lassen, luft derselbe jederzeit Gefahr, von der lichten 
Hhe reiner und keuscher Liebe in den Sumpf gemeiner Wollust 
herabzusinken. 

Um sich auf jener Hhe zu behaupten , bedarf es eines be- 
stndigen Kampfes zwischen Naturtrieb und guter Sitte, zwischen 
Sinnlichkeit und Sittlichkeit. Nur willensstarken Charakteren ist 
es gegeben, sich ganz von der Sinnlichkeit zu emancipiren und 
jener reinen Liebe theilhaftig zu werden, aus der die edelsten 
Freuden menschlichen Daseins erblhen. 

Man kann darber streiten, ob die Menschheit im Verlauf der 
letzten Jahrhunderte sittlicher geworden ist. Zweifelsohne ist sie 
schamhafter geworden, und diese civilisatorische Erscheinung des 
Verbergens sinnlich-thierischer Bedrfnisse ist wenigstens eine Con- 
cession, welche das Laster der Tugend macht. 

Aus der Lektre des Werkes von Scherr (Deutsche Cultur- 
geschichte) wird Jeder den Eindruck gewinnen, dass unsere sitt- 
lichen Anschauungen gegenber denen des Mittelalters geluterte 
geworden sind, wenn auch zugegeben werden muss, dass vielfach 
an die Stelle frherer Unflthigkeit und Rohheit des Ausdrucks nur 
feinere Sitten ohne grssere Sittlichkeit getreten sind. 

Vergleicht man jedoch weiter aus einander liegende Zeit- 
abschnitte und Culturperioden, so kann kein Zweifel obwalten, dass 
die ffentliche Moral, trotz episodischer Rckschlge, einen unauf- 
haltsamen Aufschwung innerhalb der Culturentwicklung nimmt und 
dass einen der mchtigsten Hebel auf der Bahn des sittlichen Fort- 
schritts das Christenthum darstellt. 



Episoden sittlicher Rckschlge. 7 

Wir sind heutzutage doch weit erhaben ber jene sexuellen 
Zustnde, wie sie sich in dem sodomitischen Gtterglauben, dem 
Volksleben, der Gesetzgebung und den religisen Uebungen der 
alten Griechen ausprgten, ganz zu schweigen von dem Phallus- 
und Priapuscult der Athener und Babylonier, von den Bacchanalien 
des alten Roms und der bevorzugten ffentlichen Stellung, welche 
die Hetren bei jenen Vlkern einnahmen. 

Innerhalb des langsamen, oft unmerklichen Aufschwungs, 
welchen menschliche Sitte und Gesittung nehmen, zeigen sich Schwan- 
kungen, Fluctuationen, gleichwie im individuellen Dasein die sexuale 
Seite ihre Ebbe und Fluth aufweist. 

Episoden des sittlichen Niedergangs im Leben der Vlker fallen 
jeweils zusammen mit Zeiten der Verweichlichung, der Ueppigkeit 
und des Luxus. Diese Erscheinungen sind nur denkbar mit ge- 
steigerter Inanspruchnahme des Nervensystems, das fr das Plus an 
Bedrfnissen aufkommen muss. Im Gefolge berhandnehmender 
Nervositt erscheint eine Steigerung der Sinnlichkeit, und indem 
sie zu Ausschweifungen der Massen des Volks fhrt, untergrbt 
sie die Grundpfeiler der Gesellschaft, die Sittlichkeit und Reinheit 
des Familienlebens. Sind durch Ausschweifung, Ehebruch, Luxus 
jene unterwhlt, dann ist der Zerfall des Staatslebens, der materielle, 
moralische, politische Ruin eines solchen unvermeidlich. Warnende 
Beispiele in dieser Hinsicht sind der rmische Staat, Griechenland, 
Frankreich unter Louis XIV. und XV. 1 ). In solchen Zeiten des 
staatlichen und sittlichen Verfalls traten vielfach geradezu monstrse 
Verirrungen des sexuellen Trieblebens auf, die jedoch zum Theil 
auf psycho- oder wenigstens neuro-pathologische Zustnde in der 
Bevlkerung sich zurckfhren lassen. 

Dass die Grossstdte Brutsttten der Nervositt und entarteten 
Sinnlichkeit sind, ergibt sich aus der Geschichte von Babylon, 
Ninive, Rom, gleichwie aus den Mysterien des modernen gross- 
stdtischen Lebens. Bemerkenswerte ist die Thatsache, welche aus 
der Lektre des Ploss'schen Werks hervorgeht, nmlich, dass 
Verirrungen des Geschlechtstriebs (ausser bei den Aleuten, ferner 
in Gestalt von Masturbation bei den Orientalinnen und den Nama- 
Hottentottinnen) bei un- oder halbcivilisirten Vlkern nicht vor- 
kommen 2 ). 

J ) Vgl. Friedlnder, Sittengeschichte Roms. Wiedemeister, Der 

Csarenwahnsinn. Suetonius, Moreau, Des aberrations du sens genesique. 

2 ) Diese Angaben stehen aber im Widerspruch mit Fried reich (Hdb. 



8 Entwicklung des Sexuallebens. 

Die Erforschung des sexuellen Lebens des Individuums hat 
mit dessen Entwicklung in der Pubertt zu beginnen und dasselbe 
in seinen verschiedenen Phasen bis zum Erlschen sexualer Empfin- 
dungen zu verfolgen. 

Schn schildert Mantegazza in seiner Physiologie der Liebe" 
das Sehnen und Drngen des erwachenden Geschlechtslebens, von 
dem Ahnungen, unklare Empfindungen und Drnge aber weit ber 
die Epoche der Puberttsentwicklung zurckreichen. Diese Epoche 
ist wohl die psychologisch bedeutsamste. An dem reichen Zu- 
wachs an Gefhlen und Ideen, welche sie weckt, lsst sich die 
Bedeutung des sexuellen Faktors fr das psychische Leben ber- 
haupt ermessen. 

Jene anfangs dunklen, unverstndlichen Drnge, entstanden 
aus den Empfindungen, welche bisher unentwickelte Organe im 
Bewusstsein wachriefen, gehen mit einer mchtigen Erregung des 
Gefhlslebens einher. Die psychologische Reaction des Sexualtriebs 
in der Pubertt gibt sich in mannigfachen Erscheinungen kund, 
denen nur gemeinsam der affectvolle Zustand der Seele ist und 
der Drang, den fremdartigen Gemthsinhalt in irgend einer Form 
auszuprgen, zu objectiviren. Naheliegende Gebiete sind die Reli- 
gion und die Poesie, die selbst, nachdem die Zeit der sexuellen 
Entwicklung vorber und jene ursprnglich unverstandenen Stim- 
mungen und Drnge abgeklrt sind, mchtige Frderungen aus der 
sexualen Welt erfahren. Wer daran zweifeln wollte, mge be- 
denken, wie oft religise Schwrmerei im Puberttsalter vorkommt, 
wie hufig in dem Leben der Heiligen x ) sexuelle Anfechtungen. 



der gerichtsrztl. Praxis 1843, I. p. 271), nach welchem Pderastie bei den 
Wilden Amerikas sehr hufig vorkommen soll, ferner mit Lombroso (op. cit. 
p. 42). 

*) Vgl. Friedreich, gerichtl. Psychologie p. 339, der zahlreiche Bei- 
spiele gesammelt hat. So qulte die Nonne Blanbekin unaufhrlich der Ge- 
danke, was aus dem Theil geworden sein mge, der bei der Beschneidung 
Christi verloren ging. 

Die von Papst Pius IL selig gesprochene Veronica Juliani nahm aus 
Andacht zum gttlichen Lmmlein ein irdisches Lmmlein ins Bett, ksste das 
Lamm, Hess es an ihren Brsten saugen und gab auch einige Tropfen Milch 
von sich. 

Die hl. Catharina von Genua litt oft an einer solchen inneren Hitze, 
dass sie, um sich abzukhlen, sich auf die Erde legte und schrie: Liebe, 
Liebe, ich kann nicht mehr!" Dabei fhlte sie eine besondere Zuneigung zu 
ihrem Beichtvater. Eines Tages fhrte sie dessen Hand an ihre Nase und 



Beziehungen zwischen Religion und Liehe. 9 

sind und in welch widerliche Scenen, wahre Orgien, die religisen 
Feste der alten Welt, nicht minder die Meetings gewisser Sekten 
der Neuzeit ausarteten, ganz zu geschweigen der wollstigen Mystik, 
die in den Culten der alten Vlker sich findet. Umgekehrt sehen 
wir, dass nicht befriedigte Sinnlichkeit gar hufig in religiser 
Schwrmerei ein Aequivalent sucht und findet 1 ). 

Aber auch auf unzweifelhaft psychopathologischem Gebiet zeigt 
sich diese Beziehung zwischen religisem und sexuellem Fhlen. 
Es genge der Hinweis auf die mchtig sich geltend machende 
Sinnlichkeit in den Krankengeschichten vieler religis Wahnsinnigen, 
auf die bunte Vermischung von religisem und sexuellem Delir, 
wie sie in Psychosen so vielfach beobachtet wird (z. B. bei mania- 
kalischen Weibern, die sich fr die Muttergottes und Gottesgebrerin 
halten) , aber ganz besonders bei Psychosen auf masturbatorischer 
Grundlage ; endlich der Hinweis auf die wollstig grausamen Selbst- 
kasteiungen, Verletzungen, Selbstentmannungen, sogar Kreuzigungen 
auf Grund eines krankhaften, geschlechtlich religisen Fhlens. 

Ein Versuch, die psychologischen Beziehungen zwischen Religion und 
Liebe zu erklren, stsst auf Schwierigkeiten. Analogien bieten sich in 
grosser Zahl. 

Das Gefhl der sexuellen Neigung und das religise Gefhl (als psycho- 
logische Thatsache betrachtet) bestehen beide aus je 2 Elementen. 

Auf religisem Gebiet ist das primre das Gefhl der Abhngigkeit, 
eine Thatsache, die Schleiermacher erkannt hat, lange bevor die neuere 
anthropologische und ethnographische Forschung, auf Grund der Beobachtung 
primitiver Zustnde, zu demselben Resultat gelangt ist. Erst auf hherer 
Culturstufe tritt das zweite und eigentliche ethische Element die Liebe zur 
Gottheit in das religise Gefhl ein. An die Stelle der bsen Dmonen der 
Naturvlker traten die doppelseitigen, bald gtigen, bald zrnenden Gestalten 
complicirterer Mythologien, bis endlich der allgtige Gott als Spender des 
ewigen Heils verehrt wird, gleichviel ob dies von Jehovah als Wohlergehen 
auf Erden , von Allah als physisches Wohlergehen , im Paradiese gespendet, 



empfand dabei einen Geruch, der ihr ins Herz drang, einen himmlischen 
Geruch, dessen Annehmlichkeit Todte erwecken knnte." 

Von einer hnlichen Brunst waren die hl. Armelle und die hl. Elisabeth 
vom Kinde Jesu geqult. Bekannt sind die Versuchungen des hl. Antonius 
von Padua. Bezeichnend ist ein altes protestantisches Gebet: dass ich dich 
gefunden htt*, holdseligster Emanel, o htt' ich dich in meinem Bett, des 
freute sich mein Leib und Seel. Komm, kehre willig bei mir ein; mein Herz 
soll deine Kammer sein!" 

J ) Vgl. Friedreich, Diagnostik der psych. Krankheiten p. 247 u. ff. 
Neumann, Lehrb. d. Psychiatrie p. 80. 



10 Religion und Liebe. 

vom Christen als ewige Seligkeit im Himmel, vom Buddhisten als Nirwana 
erhofft wird. 

In der geschlechtlichen Neigung ist die Liebe, die Erwartung 
einer berschwnglichen Seligkeit, das primre Element. Secundr tritt das 
Gefhl der Abhngigkeit hinzu. Dieses besteht zwar im Keim fr beide Theile, 
insofern der andere Theil sich versagen kann; es ist aber in der Regel nur im 
Weibe, in Folge seiner passiven Rolle bei der Fortpflanzung und socialer Ver- 
hltnisse, strker ausgebildet; ausnahmsweise ist dies auch bei Mnnern mit 
zum weiblichen neigendem psychischem Typus der Fall. 

Die Liebe ist in beiden Gebieten, dem religisen und dem sexuellen, 
eine mystische und transcendente , d. h. es tritt bei der Geschlechtsliebe das 
eigentliche Ziel des Triebes, die Propagation der Gattung, nicht ins Bewusst- 
sein, und die Strke des Impulses ist mchtiger, als irgend eine ins Bewusst- 
sein gelangende Befriedigung rechtfertigen knnte. Auf religisem Gebiete 
aber ist das erstrebte Gut und das geliebte Wesen seiner Natur nach so be- 
schaffen, dass es nicht in die empirische Erkenntniss eingehen kann. Beide 
seelische Vorgnge lassen deshalb der Phantasie den weitesten Spielraum. 

Beide haben aber auch einen unendlichen" Gegenstand, insofern die 
Seligkeit, welche der Geschlechtstrieb vorspiegelt, gegenber allen anderen 
Lustgefhlen als unvergleichbar und unmessbar erscheint, und das Gleiche von 
den versprochenen Seligkeiten des Glaubens gilt, die als zeitlich und qualitativ 
unendlich vorgestellt werden. 

Aus der Uebereinstimmung beider Bewusstseinszustnde bezglich der 
Grsse ihres Gegenstandes folgt, dass sie beide oft zu unwiderstehlicher Macht 
anwachsen und alle Gegenmotive vor sich niederwerfen. Aus ihrer Aehnlichkeit 
bezglich der Unfassbarkeit ihres eigentlichen Gegenstandes folgt, dass sie 
beide leicht in eine vage Schwrmerei bergehen, in welcher die Lebhaftigkeit 
des Gefhls die Deutlichkeit und Constanz der Vorstellungen bei weitem ber- 
wiegt. In dieser Schwrmerei spielt in beiden Fllen neben der Erwartung eines 
unfassbaren Glckes das Bedrfniss schrankenloser Unterwerfung eine Rolle. 

Aus dieser mehrfachen Uebereinstimmung beider Schwrmereien erklrt 
sich, dass bei starken Intensittsgraden die eine fr die andere vicariirend 
eintreten kann, oder eine neben der anderen auftaucht, da jede starke Hebung 
eines Elementes im Seelenleben die Umgebung mithebt. Das gleichbleibende 
Gefhl ruft also von den beiden Vorstellungskreisen, mit welchen es verknpft 
ist, bald den einen, bald den andern ins Bewusstsein. Beide seelische Er- 
regungen knnen aber auch in den Trieb zur (activ gebten oder passiv er- 
duldeten) Grausamkeit umschlagen. 

Innerhalb des religisen Lebens kmmt es dazu durch das Opfer. Dieses 
wird zuerst mit der Vorstellung dargebracht, dass es von der Gottheit materiell 
genossen wird, dann, dass es ihr zu Ehren, als Zeichen der Unterwerfung, als 
Tribut, dargebracht wird, endlich dass die Snde und Verschuldung gegen 
die Gottheit getilgt und die Seligkeit erworben wird. 

Besteht das Opfer aber, wie in allen Religionen vorkmmt, in einer 
Selbstpeinigung, so dient es bei religis sehr erregbaren Naturen nicht nur 
als Symbol der Unterwerfung und als ein Aequivalent im Tausch gegenwrtiger 
Unlust gegen knftige Lust, sondern Alles, was als von der unendlich geliebten 
Gottheit kommend gedacht wird, was auf ihren Befehl oder ihr zu Ehren 



Religion und Liebe. \\ 

geschieht, wird direct als Lust empfunden. Die religise Schwrmerei fhrt dann 
zur Ekstase, zu einem Zustand, in dem das Bewusstsein derart von psychischen 
Lustgefhlen proccupirt ist, dass die Vorstellung der erduldeten Misshandlung 
nur ohne ihre Schmerzqualitt appercipirt werden kann. 

Auch activ kann die Exaltation der religisen Schwrmerei zur Freude 
an der Opferung Anderer fhren, wenn das Mitleid mit fremdem Schmerz von 
religisen Lustgefhlen bercompensirt wird. 

Dass es auf dem Gebiete des Geschlechtslebens zu hnlichen Erschei- 
nungen kommen kann, zeigt der Sadismus und ganz besonders der Masochis- 
mus (s. u.). 

So lsst sich die oft constatirte Verwandtschaft von Religion, Wollust 
und Grausamkeit 1 ) etwa auf die folgende Formel bringen: Religiser und 
sexueller Affectzustand zeigen auf der Hhe ihrer Entwicklung Uebereinstim- 
mung im Quantum und Qule der Erregung und knnen deshalb unter geeig- 
neten Verhltnissen vicariiren. Beide knnen unter pathologischen Bedingungen 
in Grausamkeit umschlagen. 

Nicht minder einflussreich erweist sich der sexuelle Faktor auf 
die Weckung sthetischer Gefhle. Was wren die bildende Kunst 
und die Poesie ohne sexuelle Grundlage! In der (sinnlichen) Liebe 
gewinnt sie jene Wrme der Phantasie, ohne die eine wahre Kunst- 
schpfung nicht mglich ist, und in dem Feuer sinnlicher Gefhle 
erhlt sich ihre Gluth und Wrme. Damit begreift sich, dass die 
grossen Dichter und Knstler sinnliche Naturen sind. 

Diese Welt der Ideale erffnet sich mit dem Auftreten sexu- 
eller Entwicklungsvorgnge. Wer in dieser Lebensperiode nicht 
fr Grosses , Edles , Schnes sich begeistern konnte , bleibt ein 
Philister sein Leben lang. Schmiedet doch selbst der nicht zum 
Dichter Veranlagte in dieser Epoche Verse! 

Auf der Grnze physiologischer Reaction stehen Vorgnge in 
der Puberttsentwicklung, wo jene unklaren, sehnschtigen Stim- 
mungen sich in selbst- und weltschmerzlichen Anwandlungen bis 
zum Taedium vitae ausprgen, vielfach mit Lust, Anderen wehe zu 
thun (schwache Analogien eines psychologischen Zusammenhangs 
zwischen Wollust und Grausamkeit), einhergehen. 

Die Liebe der ersten Jugend hat einen romantischen ideali- 
sirenden Zug. Sie verklrt den Gegenstand der Liebe bis zur 



x ) Dieses Trivium findet seinen Ausdruck nicht nur in den oben geschil- 
derten Erscheinungen des wirklichen Lebens, sondern auch in der frmmelnden 
Literatur und selbst in der bildenden Kunst sinkender Zeiten. Berchtigt in 
dieser Beziehung ist z. B. die Gruppe der hl. Theresa von Bernini, die in 
hysterischer Ohnmacht auf eine Marmorwolke sinkt, whrend ein verbuhlter 
Engel ihr den Pfeil (der gttlichen Liebe) ins Herz schleudert" (Lbke). 



12 Wahre und sentimentale Liebe. 

Apotheose. In ihren ersten Anfngen ist sie eine platonische und 
wendet sich gern Gestalten der Poesie, Geschichte zu. Mit dem Er- 
wachen der Sinnlichkeit luft sie Gefahr, ihre idealisirende Macht 
auf Personen des anderen Geschlechts zu bertragen, die geistig, 
krperlich und social nichts weniger als hervorragend sind. Daraus 
knnen Mesalliancen, Entfhrungen, Fehltritte entstehen mit der 
ganzen Tragik der leidenschaftlichen Liebe, die in Conflict gerth 
mit den Satzungen der Sitte und Herkunft und zuweilen im Selbst- 
mord oder Doppelselbstmord ihren dsteren Abschluss findet. 

Die allzu sinnliche Liebe kann nie eine dauernde und rechte 
Liebe sein. Deshalb ist die erste Liebe in der Regel eine hchst 
flchtige, weil sie nichts Anderes ist, als das Auflodern einer Leiden- 
schaft, ein Strohfeuer. 

Nur diejenige Liebe, welche sich auf die Erkenntniss der sitt- 
lichen Vorzge der geliebten Person sttzt, die nicht bloss Freuden 
gewrtigt, sondern auch Leiden um jener willen zu tragen gewillt 
ist und fr sie Alles aufzuopfern vermag, diese ist die wahre Liebe. 
Die Liebe des stark veranlagten Menschen scheut vor keiner 
Schwierigkeit und Gefahr zurck, wenn es gilt, den Besitz der ge- 
liebten Person zu erringen und zu behaupten. 

Thaten des Heroismus, der Todesverachtung, sind ihre Lei- 
stungen. Eine solche Liebe luft aber Gefahr, nach Umstnden 
zum Verbrechen zu gelangen, wenn die sittliche Grundlage keine 
feste ist. Ein hsslicher Flecken dieser Liebe ist die Eifersucht. 
Die Liebe des schwach veranlagten Menschen ist eine sentimentale. 
Sie fhrt nach Umstnden zu Selbstmord, wenn sie nicht erwiedert 
wird oder Hindernisse findet, whrend unter gleichen Verhltnissen 
der stark Veranlagte zum Verbrecher werden konnte. 

Die sentimentale Liebe luft Gefahr, zur Karrikatur zu werden, 
namentlich da, wo das sinnliche Element kein starkes ist (die Ritter 
Toggenburg, Don Quixote, viele Minnesnger und Troubadours des 
Mittelalters). 

Solche Liebe hat einen faden, ssslichen Beigeschmack. Sie 
kann damit geradezu lcherlich werden, whrend sonst die Aeus- 
serungen dieses mchtigsten Gefhls in der Menschenbrust Mit- 
gefhl, Achtung, Grauen, je nachdem, erwecken. 

Vielfach wird jene schwache Liebe auf quivalente Gebiete 
gedrngt auf Poesie, die aber dann eine sssliche ist, auf 
Aesthetik, die sich als otitrirte erweist, auf Religion, in welcher 
sie der Mystik und religisen Schwrmerei, bei strkerer sinnlicher 



Platonische Liebe. Sexual empfindung und Selbstgefhl. 13 

Grundlage dem Sektenwesen bis zum religisen Wahnsinn, anheim- 
fllt. Von all Dem hat die unreife Liebe des Puberttsalters etwas 
an sich. Lesbar aus jener Zeit des Dichtens und Reimens sind nur 
die Verse des Dichters von Gottes Gnaden. 

Bei aller Ethik, deren die Liebe bedarf, um sich zu ihrer 
wahren und reinen Gestalt zu erheben, bleibt ihre strkste Wurzel 
gleichwohl die Sinnlichkeit. 

Platonische Liebe ist ein Unding, eine Selbsttuschung, eine 
falsche Bezeichnung fr verwandte Gefhle. 

Insofern die Liebe ein sinnliches Verlangen zur Voraussetzung 
hat, ist sie normaliter nur denkbar zwischen geschlechtsverschie- 
denen und zu geschlechtlichem Verkehr fhigen Individuen. Fehlen 
diese Bedingungen, oder gehen sie verloren, so tritt an die Stelle 
der Liebe die Freundschaft. 

Bemerkenswerth ist die Rolle, welche fr die Entstehung und 
die Erhaltung des Selbstgefhls beim Manne das Verhalten seiner 
sexuellen Functionen spielt. An der Einbusse von Mnnlichkeit 
und Selbstvertrauen, die der nervenschwache Onanist und der im- 
potent gewordene Mann bieten, lsst sich die Bedeutung jenes 
Factors ermessen. 

Sehr richtig sagt Gyurkovechky (mnnl. Impotenz, Wien 1889), dass 
alte und junge Mnner sich psychisch wesentlich durch das Verhalten ihrer 
Potenz unterscheiden, und dass Impotenz Lebensfreude, geistige Frische, That- 
kraft, Selbstvertrauen und den Schwung der Phantasie schwer schdigt. Dieser 
Ausfall ist umso bedeutender, in je jugendlicherem Alter der Mann seine 
Potenz verliert und je sinnlicher er veranlagt war. 

Ein pltzlicher Verlust der Potenz kann hier zu schwerer Melancholie 
und sogar zu Selbstmord fhren, denn fr solche Naturen ist Leben ohne 
Liebe unertrglich. 

Aber auch da, wo die Reaction keine so einschneidende ist, erscheint 
der in seiner Potenz Getroffene moros, missgnstig, egoistisch, eiferschtig 
philistrs, energielos, von geringem Selbst- und Ehrgefhl, feige. 

Analoges sieht man bei den Skopzen, die nach ihrer Entmannung ihren 
Charakter in pejus ndern. 

Noch bedeutsamer ussert sich der Ausfall der Potenz bei gewissen Be- 
lasteten im Sinne frmlicher Effeminatio (s. u.). 

Psychologisch weniger einschneidend, aber doch merklich ist 
die Situation bei dem Weibe, das seine geschlechtliche Rolle aus- 
gespielt hat, indem es zur Matrone geworden ist. War die nun 
historisch gewordene Periode des Geschlechtslebens eine befriedigende, 
erfreuen Kinder das Herz der alternden Mutter, so kommt ihr der 



14 Differenzen der Liebe des Mannes und des Weibes. 

Wechsel ihrer biologischen Persnlichkeit kaum zum Bewusstsein. 
Anders ist die Situation da, wo Sterilitt, oder durch die Umstnde 
auferlegte Abstinenz von dem natrlichen- Beruf des Weibes, jenes 
Glck versagten. 

Diese Thatsachen sind geeignet, die Differenzen, welche in der 
Psychologie des Sexuallebens zwischen Mann und Weib bestehen,, 
die Verschiedenheit des sexuellen Fhlens und Verlangens bei beiden 
in ein helles Licht zu setzen. 

Ohne Zweifel hat der Mann ein lebhafteres geschlechtliches 
Bedrfniss als das Weib. Folge leistend einem mchtigen Natur- 
trieb, begehrt er von einem gewissen Alter an ein Weib. Er liebt 
sinnlich, wird in seiner Wahl bestimmt durch krperliche Vorzge. 
Dem mchtigen Drange der Natur folgend, ist er aggressiv und 
strmisch in seiner Liebeswerbung. Gleichwohl fllt das Gebot 
der Natur nicht sein ganzes psychisches Dasein aus. Ist sein Ver- 
langen erfllt, so tritt seine Liebe temporr hinter anderen vitalen 
und socialen Interessen zurck. 

Anders das Weib. Ist es geistig normal entwickelt und wohl- 
erzogen, so ist sein sinnliches Verlangen ein geringes. Wre dem 
nicht so, so msste die ganze Welt ein Bordell und Ehe und 
Familie undenkbar sein. Jedenfalls sind der Mann, welcher das 
Weib flieht, und das Weib, welches dem Geschlechtsgenuss nach- 
geht, abnorme Erscheinungen. 

Das Weib wird um seine Gunst umworben. Es verhlt sich 
passiv. Es liegt dies in seiner sexualen Organisation und nicht 
bloss in den auf dieser fussenden Geboten der guten Sitte begrndet. 

Gleichwohl macht sich in dem Bewusstsein des Weibes das 
sexuelle Gebiet mehr geltend als in dem des Mannes. Das Be- 
drfniss nach Liebe ist grsser als bei diesem, continuirlich , nicht 
episodisch, aber diese Liebe ist eine mehr geistige als sinnliche. 
Whrend der Mann zunchst das Weib und in zweiter Linie die 
Mutter seiner Kinder liebt, findet sich im Bewusstsein der Frau 
im Vordergrund der Vater ihres Kindes und dann erst der Mann 
als Gatte. Das Weib wird in der Wahl des Lebensgefhrten viel 
mehr durch geistige als durch krperliche Vorzge bestimmt. Nach- 
dem es Mutter geworden ist, theilt es seine Liebe zwischen Kind 
und Gatten. Vor der Mutterliebe schwindet die Sinnlichkeit. In 
dem ferneren ehelichen Umgang findet die Frau weniger eine sinn- 
liche Befriedigung, als einen Beweis der Liebe und Zuneigung des 
Gatten. 



Sexuelle Abhngigkeit. Clibat. Ehebruch. 15 

JA? 
Das Weib liebt m it ganzer Seele. Liebe ist ihm Leben, dem 

Manne Genuss des Lebens. Unglckliche Liebe schlgt diesem 
eine Wunde. Dem Weibe kostet sie das Leben oder wenigstens 
das Lebensglck. Es wre eine des Nachdenkens werthe psycho- 
logische Streitfrage, ob ein Weib zweimal in seinem Leben wahr- 
haft lieben kann. Jedenfalls ist die seelische Richtung des Weibes 
eine monogame, whrend der Mann zur Polygamie hinneigt. 

In der Mchtigkeit sexueller Bedrfnisse liegt die Schwche 
des Mannes dem Weibe gegenber. Er gerth in Abhngigkeit 
von dem Weibe, und zwar um so mehr, je schwcher und sinn- 
licher er wird. Dies wird er in dem Masse, als er neuropathisch 
wird. So begreift sich die Thatsache, dass in Zeiten der Er- 
schlaffung und Genusssucht die Sinnlichkeit ppig gedeiht. Dann 
entsteht aber die Gefahr fr die Gesellschaft, dass Maitressen und 
ihr Anhang den Staat regieren und dieser zu Grunde geht. (Die 
Maitressen wirthschaft am Hofe Ludwigs XIV. und XV., die Hetren 
des alten Griechenlands.) 

Die Biographie so mancher Staatsmnner aus alter und neuer 
Zeit lehrt, dass sie Weiberknechte waren in Folge ihrer grossen 
Sinnlichkeit, die wieder ihren Grund hatte in neuropathischer Con- 
stitution. 

Es ist ein Zug feiner psychologischer Kenntniss des Menschen, 
dass die katholische Kirche ihre Priester zur Keuschheit (Clibat) 
verpflichtet und damit von der Sinnlichkeit zu emancipiren trachtet, 
um sie ganz den Zwecken ihres Berufs zu erhalten. 

Schade nur, dass der im Clibat lebende Priester der ver- 
edelnden Wirkung verlustig wird, welche Liebe und dadurch Ehe 
auf die Entwicklung des Charakters gewinnen. 

Da dem Manne durch die Natur die Rolle des aggressiven 
Theils im sexuellen Leben zufllt, luft er Gefahr, die Grnzen, 
welche ihm Sitte und Gesetz gezogen haben, zu berschreiten. 

Unendlich schwerer fllt moralisch ins Gewicht und viel 
schwerer sollte gesetzlich wiegen der Ehebruch des Weibes gegen- 
ber dem vom Manne begangenen. Die Ehebrecherin entehrt nicht 
nur sich, sondern auch den Mann und die Familie, abgesehen davon, 
dass es heisst: Pater incertus. Naturtrieb und gesellschaftliche 
Stellung bringen den Mann leicht zu Fall, whrend dem Weibe 
Vieles Schutz gewhrt. 

Auch bei dem unverheiratheten Weibe ist sexueller Umgang 
etwas ganz Anderes als beim Manne. Die Gesellschaft verlangt 



1(3 Schamhaftigkeit. Putzsucht. Coquetterie. 

vom ledigen Manne Sittsamkeit, vom Weibe zugleich Keuschheit. 
Auf der Culturhhe des heutigen gesellschaftlichen Lebens ist eine 
socialen sittlichen Interessen dienende sexuelle Stellung des Weibes 
nur als Ehefrau denkbar. 

Das Ziel und Ideal des Weibes, auch des in Schmutz und 
Laster verkommenen, ist und bleibt die Ehe. Das Weib, wie 
Mantegazza richtig bemerkt, begehrt nicht bloss Befriedigung 
sinnlicher Triebe, sondern auch Schutz und Unterhalt fr sich und 
seine Kinder. Der noch so sinnliche Mann von besserem Gefhl 
verlangt ein Weib zur Ehe, das keusch war und ist. 

Schild und Zierde des Weibes in der Anstrebung dieses seiner 
einzig wrdigen Ziels ist die Schamhaftigkeit. Mantegazza be- 
zeichnet sie fein als eine der Formen der physischen Selbstachtung" 
beim Weibe. 

Zu einer anthropologisch-historischen Untersuchung ber die 
Entwicklung dieses schnsten Schmuckes des Weibes ist hier nicht 
der Ort. Wahrscheinlich ist weibliche Schamhaftigkeit eine erblich 
gezchtete Frucht der Culturentwicklung. 

Wunderlich steht mit ihr im Contrast eine gelegentliche Preis- 
gebung von krperlichen Reizen, die unter dem Gesetz der Mode 
und conventionell sanktionirt, selbst die zchtigste Jungfrau im Ball- 
saal sich gefallen lsst. Die ausstellerischen Grnde dafr sind nahe- 
liegend. Glcklicherweise kommen sie dem keuschen Mdchen ebenso- 
wenig zum Bewusstsein als die Motive zeitweise wiederkehrender 
Mode, gewisse Krpertheile plastischer hervortreten zu lassen 
(culs"), ganz zu geschweigen von Corset u. dgl. 

Zu allen Zeiten und bei allen Vlkern zeigt die Frauenwelt 
das Bestreben, sich zu schmcken und Reize zu entfalten. In der 
Thierwelt hat die Natur das Mnnchen durchweg mit grsserer 
Schnheit ausgezeichnet. Die Mnnerwelt bezeichnet die Weiber 
als das schne Geschlecht. Diese Galanterie entspringt offenbar dem 
sinnlichen Bedrfniss der Mnner. Solange dieses Sichschmcken 
Selbstzweck ist, oder der wahre psychologische Grund des Gefallen- 
wollens dem Weibe unbewusst bleibt, ist dagegen nichts einzuwenden. 
In bewusster Bethtigung nennt man dieses Bestreben Gefallsucht. 

Der putzschtige Mann wird unter allen Umstnden lcherlich. 
An dem Weibe ist man diese kleine Schwche gewhnt und findet 
nichts dabei, solange sie nicht Theilerscheinung eines Ganzen ist, 
fr das die Franzosen das Wort Coquetterie erfunden haben. 

Die Frauen sind den Mnnern in der natrlichen Psychologie 



Fetisch und Fetischismus. 17 

der Liebe weit berlegen, theils hereditr und durch Erziehung, 
da das Gebiet der Liebe ihr eigentliches Element ist, theils weil sie 
feinfhliger sind (Mantegazza). 

Selbst auf der Hhe der Gesittung kann dem Manne nicht 
verbelt werden, dass er im Weibe zunchst den Gegenstand fr 
die Befriedigung seines Naturtriebes erkennt. Aber es erwchst 
ihm die Verpflichtung, nur dem Weibe seiner Wahl anzugehren. 
Im Rechtsstaat wird daraus ein bindender sittlicher Vertrag, die 
Ehe, und insofern das Weib fr sich und die Nachkommenschaft 
Schutz und Unterhalt benthigt, ein Eherecht. 

Von grossem psychologischem Werth und fr gewisse spter 
zu besprechende pathologische Erscheinungen unerlsslich ist es, auf 
die psychologischen Vorgnge einzugehen, welche Mann und Weib 
einander zufhren und aneinander fesseln, so dass unter allen an- 
deren Personen desselben Geschlechts nur der oder die Geliebte 
begehrenswerth erscheinen. 

Knnte man den Vorgngen in der Natur Absicht nachweisen 
Zweckmssigkeit kann man' ihnen nicht absprechen so erschiene 
die Thatsache der Fascinirung durch eine einzige Person des anderen 
Geschlechts mit Indifferenz gegen alle anderen, wie sie beim wahr- 
haft und glcklich Liebenden thatschlich besteht, als eine be- 
wunderungswrdige Einrichtung der Schpfung, um ihre Zwecke 
frdernde monogamische Verbindungen zu sichern. 

Fr den Forscher erweist sich diese Verliebtheit oder diese 
Harmonie der Seelen", dieser Bund der Herzen" aber keineswegs 
als ein Mysterium der Seelen", sondern ist in den meisten Fllen 
zurckfhrbar auf bestimmte krperliche, nach Umstnden auch 
seelische Eigenschaften, durch welche die Anziehungskraft der da- 
durch geliebten Person bedingt ist. 

Man spricht dann von sogenanntem Fetisch und Fetischismus. Unter 
Fetisch pflegt man Gegenstnde oder Theile oder blosse Eigenschaften von 
Gegenstnden zu verstehen, die vermge associativer Beziehungen zu einer 
lebhafte Gefhle, bezw. wichtiges Jnteresse hervorrufenden Gesammtvorstellung 
oder Gesammtpersnlichkeit eine Art Zauber (fetisso" portugiesisch), min- 
destens einen sehr tiefen, dem usseren Zeichen (Symbol, Fetisch) an und fr 
sich nicht zukommenden 1 ), weil individuell eigenartig betonten Eindruck 
bewirken. 

Die individuelle Werthschtzung des Fetisch bis zur Schwrmerei Seitens 



*) Vergl. Max Mller, der das Wort Fetisch" etymologisch von facti- 
tius (knstlich, unbedeutendes Ding) ableitet. 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualia. 9. Aufl. 2 



18 Physiologischer Fetischismus. 

einer von demselben afficirten Persnlichkeit nennt man Fetischismus. Diese 
psychologisch interessante Erscheinung, erklrbar aus einem empirischen asso- 
ciativen Gesetz : der Beziehung einer Theilvorstellung zur Gesammtvorstellung, 
wobei das Wesentliche aber die individuell eigenartige Gefhlsbetonung der 
Theilvorstellung im Sinne von Lustgefhlen ist, findet sich vornehmlich in 
zwei verwandten psychischen Gebieten dem der religisen und der ero- 
tischen Gefhle und Vorstellungen. Der religise Fetischismus hat andere 
Beziehung und Bedeutung als der sexuelle , insofern er seine ursprngliche 
Motivirung in dem Wahn fand und findet, dass der als Fetisch imponirende 
Gegenstand oder das Gtzenbild gttliche Eigenschaften besitze, nicht bloss 
Sinnbild sei, oder insofern dem Fetisch besondere wunderthtige (Eeliquien) 
oder schutzkrftige (Amulette) Eigenschaften aberglubischerweise zugeschrieben 
werden. 

Anders der erotische Fetischismus , welcher seine psychologische 
Motivirung darin findet, dass physische oder auch psychische Qualitten einer 
Person, ja selbst blosse Gegenstnde ihres Gebrauchs u. dergl. zum Fetisch 
werden, indem sie mchtige associative Vorstellungen zur Gesammtpersnlich- 
keit jeweils wecken und berdies mit einer lebhaften sexuellen Lustempfindung 
jederzeit betont werden. Analogien mit dem religisen Fetischismus ergeben 
sich immerhin insofern, als auch bei diesem nach Umstnden recht unbedeu- 
tende Gegenstnde (Knochen, Ngel, Haare u. s. w.) Fetisch sind und mit Lust- 
gefhlen bis zur Ekstase sich verbinden. 

Bezglich der Entwicklung physiologischer Liebe ist es wahr- 
scheinlich, dass ihr Keim immer in einem individuellen Fetischzauber, 
welchen die Person des einen Geschlechts auf eine des anderen aus- 
bt, zu suchen und zu finden ist. 

Am einfachsten ist der Fall, dass mit einer sinnlichen Erregung 
der Anblick einer Person des anderen Geschlechts zeitlich zusammen- 
fllt und dieser Anblick die sinnliche Erregung steigert. 

Gefhls- und optischer Eindruck treten in associative -Ver- 
knpfung und diese festigt sich in dem Masse, als das wiederkehrende 
Gefhl das optische Erinnerungsbild weckt oder dieses (Wieder- 
sehen) neuerlich sexuelle Erregung auslst, mglicherweise bis zu 
Orgasmus und Pollution (Traumbild). 

In diesem Falle wirkt die krperliche Gesammterscheinung 
als Fetisch. 

Wie Bin et u. A. hervorhebt, knnen es aber auch Theile des 
Ganzen, blosse Eigenschaften und zwar krperliche oder auch bloss 
seelische sein, welche die Person des anderen Geschlechts als Fetisch 
beeinflussen, indem ihre Wahrnehmung mit einer (zuflligen) sexuellen 
Erregung zusammenfllt (oder eine solche hervorruft). 

Dass ber diese seelische Association der Zufall entscheidet, 
dass der Gegenstand des Fetisch ein individuell hchst verschieden- 



Fetischismus eroticus. 19 

artiger sein kann, dass daraus die sonderbarsten Sympathien (und 
umgekehrt Antipathien) entstehen, ist allbekannte Thatsache der 
Erfahrung. 

Aus dieser physiologischen Thatsache des Fetischismus erklren 
sich die individuellen Sympathien zwischen Mann und Weib, die 
Bevorzugung einer bestimmten Persnlichkeit vor allen anderen des- 
selben Geschlechts. Da der Fetisch ein ganz individuelles Local- 
zeichen darstellt, begreift sich, dass er nur ganz individuell wirkt. 
Da er von hchst mchtigen Lustgefhlen betont ist, fhrt er dazu, 
ber die etwaigen Fehler des Gegenstands der Liebe hinwegzutuschen 
(die Liebe macht blind") und eine Exaltation hervorzurufen, welche 
nur individuell begrndet, anderen Personen unbegreiflich, nach 
Umstnden selbst lcherlich erscheint. So erklrt es sich, wie der 
Nchterne seinen verliebten Mitmenschen nicht begreifen kann, 
whrend dieser sein Idol vergttert, mit ihm einen wahren Cultus 
treibt, ihm Eigenschaften andichtet, welche dasselbe, objectiv be- 
trachtet, keineswegs besitzt. So erklrt es sich, dass die Liebe bald 
mehr als eine Leidenschaft, bald als ein frmlicher psychischer Aus- 
nahmszustand sich darstellt, in welchem das Unerreichbare erreich- 
bar, das Hssliche schn, das Profane erhaben erscheint, jegliches 
sonstige Interesse, jegliche Pflicht verschwunden ist. 

Mit Recht macht auch Tarde (Archives de l'anthropologie 
criminelle, 5. Jahrg. Nr. 30) geltend, daes nicht bloss individuell, 
sondern auch national der Fetisch verschieden sein kann, jedoch das 
Ideal der Gesammtschnheit bei den Culturvlkern derselben Zeit 
dasselbe bleibt. 

Binet hat sich das grosse Verdienst erworben, diesen Fetischis- 
mus der Liebe genauer studirt und analysirt zu haben. 

Aus ihm .entstehen die besonderen Sympathien. So fhlt sich 
der Eine zu schlanken, der Andere zu dicken, zu brnetten oder 
zu blonden Schnen hingezogen. Fr den Einen ist ein besonderer 
Ausdruck des Auges, fr den Anderen ein besonderer Klang der 
Stimme oder der eigenartige Geruch, selbst ein artificieller (Parfm), 
oder die Hand, der Fuss, das Ohr u. s. w. der individuelle Fetisch- 
zauber, der Ausgangspunkt einer complicirten Kette von seelischen 
Vorgngen, deren Gesammtausdruck Liebe, d. h. die Sehnsucht nach 
dem physischen und seelischen Besitz des Gegenstands der Liebe 
darstellt. 

Mit dieser Thatsache ist eine wichtige Bedingung fr die 
Statuirung eines noch physiologischen Fetischismus erwhnt. 



20 Fetischismus eroticus. 

Der Fetisch mag dauernd seine Bedeutung behalten, ohne 
pathologisch zu sein, aber nur dann, wenn er von der Theil Vorstellung 
zur Gesammtvorstellung vorschreitet, wenn die durch ihn erschlossene 
Liebe als ihren Gegenstand die gesammte seelische und physische 
Persnlichkeit umfasst. 

Die normale Liebe kann nur Synthese, Generalisation sein. 
Geistreich sagt Ludwig Brunn 1 ) in einem Aufsatz der Fetischis- 
mus in der Liebe": 

Die normale Liebe erscheint uns also als eine Symphonie, 
die sich aus Tnen aller Art zusammensetzt. Sie resultirt aus den 
verschiedensten Anreizen. Sie ist gleichsam polytheistisch. Der 
Fetischismus kennt nur die Klangfarbe eines einzigen Instruments; 
er entsteht aus einem bestimmten Anreiz; er ist monotheistisch." 

Wer nur einigermassen darber nachdenkt, wird zur Erkenntniss 
kommen, dass von wirklicher Liebe (dieses Wort wird nur zu oft 
missbraucht) nur dann die Rede sein darf, wenn die ganze Person 
zugleich leiblich und seelisch Gegenstand der Verehrung ist. 

Ein sinnliches Element muss jede Liebe haben, d. h. den 
Drang, den Gegenstand der Liebe zu besitzen und mit ihm vereint 
Gesetzen der Natur zu dienen. 

Aber wem bloss der Krper der Person des anderen Geschlechts 
Gegenstand der Liebe ist, wer bloss Sinnengenuss befriedigen will, 
ohne die Seele zu besitzen und seelisch gemeinsam zu gemessen, 
dessen Liebe ist keine echte, so wenig als die des Platonikers, der 
nur die Seele liebt und sinnlichen Genuss verschmht (manche contrr 
Sexuale). Fr den Einen ist der blosse Krper, fr den Anderen 
die blosse Seele ein Fetisch, seine Liebe blosser Fetischismus. 

Derartige Existenzen stellen jedenfalls Uebergangsflle zum 
pathologischen Fetischismus dar. 

Diese Annahme trifft um so mehr zu, als als weiteres Kriterium 
wirklicher Liebe seelische 2 ) Befriedigung durch den Geschlechtsakt 
gefordert werden muss. 



*) Deutsches Montagsblatt, Berlin 20. 8. 88. 

2 ) Der spinal cerebral posterieur" Magnan's, welcher bei jedem Weibe 
Genuss empfindet und dem auch jedes Weib recht ist, vermag bloss seine Wol- 
lust zu befriedigen. Gekaufte oder geschundene Liebe ist keine eigentliche 
Liebe. (Mantegazza.) Wer das Sprchwort erfunden hat: sublata lucerna 
nullum discrinien inter feminas" muss ein arger Cyniker gewesen sein. Potenz 
des Mannes, den Liebesakt berhaupt zu leisten, ist keine Gewhr, dass dieser 
auch wirklich den hchsten Liebesgenuss vermittelt. 



Fetischismus eroticus. 21 

Innerhalb der physiologischen Erscheinungen des Fetischismus 
bleibt die interessante Thatsache zu besprechen, dass unter der 
grossen Zahl von Dingen, die zum Fetisch werden knnen, es ein- 
zelne gibt, die eine solche Bedeutung bei einer grsseren Zahl von 
Personen gewinnen. 

Als solche sind zu erwhnen fr den Mann das Haar, die 
Hand, der Fuss des Weibes, der Ausdruck seines Auges. 
Einzelne derselben gewinnen in der Pathologie des Fetischismus 
eine bemerkenswerthe Bedeutung. Diese Thatsachen spielen offen- 
bar in der Seele des Weibes sogar eine unbewusste bis bewusste Rolle. 

Eine Hauptsorge des Weibes ist die Cultur seines Haares, 
dem es oft ungebhrlich viel Zeit und Geld widmet. Mit welcher 
Sorge pflegt schon beim kleinen Mdchen die Mutter das Haar! 
Welche Rolle spielt der Friseur! Ausgehen des Haares setzt jugend- 
liche Frauenzimmer in Verzweiflung. Ich erinnere mich einer eitlen 
Frau, die darber gemthskrank wurde und durch Selbstmord endigte. 
Frauenzimmer sprechen mit Vorliebe von Coiffuren, beneiden andere 
um ihren schnen Haarwuchs. 

Schnes Haar ist ein mchtiger Fetisch fr viele Mnner. 
Schon in der Sage von der Loreley, die Mnner ins Verderben lockt, 
erscheint das goldene Haar", das sie mit goldenem Kamme kmmt, 
als Fetisch. Nicht mindere Anziehungskraft besitzen vielfach Hand 
und Fuss, wobei freilich oft (aber keineswegs immer) maso- 
chistische und sadistische Gefhle die besondere Art des Fetisch 
bestimmen helfen. 

In bertragenem Sinne , durch Ideenassociation , kann der 
Handschuh oder der Schuh Fetischbedeutung gewinnen. 



Gibt es doch Urninge, die dem Weib gegenber potent sind, Mnner, 
die ihr Weib nicht lieben und gleichwohl die eheliche T Pflicht" zu leisten 
vermgen. In den meisten Fllen wird in solcher Situation sogar das Wollust- 
gefhl ausbleiben; handelt es sich doch wesentlich um eine Art onanistischen 
Aktes, vielfach nur ermglicht durch die Zuhilfenahme der Phantasie, die ein 
anderes geliebtes Wesen unterschiebt. Durch diese Tuschung kann dann sogar 
ein Wollustgefhl erzielt werden, aber diese rudimentre psychische Befriedigung 
entstammt einem psychischen Kunstgriff, ganz wie bei der solitren Onanie, 
dem vielfach die Phantasie zu Hlfe kommen muss, um ein Wollustgefhl zu 
erzielen. Ueberhaupt scheint derjenige Grad von Orgasmus, mit Hlfe dessen 
es zu einem Wollustgefbl kommt, nur da erzielbar, wo die Psyche intervenirt. 

Da wo psychische Impedimente bestehen (Gleichgltigkeit, Widerwille, 
Ekel, Angst vor Ansteckung, Schwngerung u. s. w.) scheint das Wollustgefhl 
berhaupt auszubleiben. 



22 Physiologischer Fetischismus. 

Brunn (op. cit.) weist mit Recht darauf hin, dass bei den 
mittelalterlichen Sitten das Trinken aus dem Schuh einer schnen 
Frau (noch heute in Polen zu finden) eine bemerkenswerthe Rolle 
als Galanterie, Huldigung spielte. Auch im Mrchen vom Aschen- 
brdel spielt der Schuh eine hervorragende Rolle. 

Besonders wichtig als den Funken der Liebe entzndend, ist 
der Ausdruck des Auges. Ein neuropathisches Auge wirkt auf 
Personen beider Geschlechter vielfach als Fetisch. Madame, vos 
beaux yeux me fnt mourir d'amour" (Stelle bei Moliere). 

An Beispielen, dass die Ausdnstung des Krpers Fetisch 
werden kann, herrscht Ueberfluss. 

Auch diese Thatsache wird in der Ars amandi des Weibes 
bewusst oder unbewusst verwerthet. Schon die Ruth im alten Testa- 
ment suchte Booz an sich zu fesseln , indem sie sich parfumirte. 
Die Demimonde der alten und neuen Zeit consumirte und braucht 
viel Wohlgerche. Jger in seiner Entdeckung der Seele" gibt 
manche Hinweise auf Geruchsympathien. 

Bekannt sind Flle, wo Jemand ein hssliches Weib heirathete, 
nur weil dessen Geruch ihm unendlich sympathisch war. 

Dass auch die Stimme zum Fetisch werden mag, macht 
Binet wahrscheinlich. Er theilt eine bezgliche Beobachtung von 
Dumas mit, welche dieser in seiner Novelle (la maison du vent) 
verwerthete. Sie betraf eine Frau, welche sich in die Stimme eines 
Tenors verliebte und darber ihrem Manne untreu wurde. 

Auch Belot's Roman les baigneuses de Trouville 8 spreche 
fr diese Annahme. Binet vermuthet, dass so manche Heirath, 
welche mit Sngerinnen geschlossen wurde, auf Fetischzauber ihrer 
Stimme beruhte. 

Er macht noch auf die interessante Thatsache aufmerksam, 
dass bei den Singvgeln die Stimme die gleiche sexuelle Bedeutung 
hat wie bei den Vierfssern der Geruch. 

So locken die Vgel durch ihren Gesang, und demjenigen Vogel, 
welcher am schnsten singt, fliegt Nachts das angelockte Weibchen zu. 

Dass auch seelische Eigenschaften als Fetisch in einem 
weiteren Sinne wirken knnen, ergibt sich aus den pathologischen 
Thatsachen des Masochismus und des Sadismus. 

So erklrt sich die Thatsache der Idiosynkrasien und erhlt 
sich der alte Satz de gustibus non est disputandum" in Kraft. 



IL Physiologische Thatsachen. 



Innerhalb der Zeit anatomisch-physiologischer Vorgnge in den Gene- 
rationsdrsen finden sich im Bewusstsein des Individuums Drnge vor, zur Er- 
haltung der Gattung beizutragen (Geschlechtstrieb). 

Der Sexualtrieb in diesem Alter der Geschlechtsreife ist ein physio- 
logisches Gesetz. 

Die Zeitdauer der anatomisch-physiologischen Vorgnge in den Sexual- 
organen, gleichwie die Strke des sich geltend machenden Sexualtriebes ist 
bei Individuen und Vlkern verschieden. Race, Klima, hereditre und sociale 
Verhltnisse sind darauf von entscheidendem Einfluss. Bekannt ist die grssere 
Sinnlichkeit der Sdlnder gegenber den sexuellen Bedrfnissen der Nord- 
lnder. Aber auch die sexuelle Entwicklung ist bei den Bewohnern sdlicher 
Himmelsstriche erheblich frhzeitiger als bei denen nrdlicher. Whrend bei 
dem Weibe der nrdlichen Lnder die Ovulation, erkennbar an der Entwicklung 
des Krpers und dem Auftreten periodisch wiederkehrender Blutflsse aus den 
Genitalien (Menstruation), gewhnlich erst um das 13. bis 15. Lebensjahr er- 
scheint, beim Manne die Puberttsentwicklung (erkennbar am Tieferwerden 
der Stimme, Entwicklung von Haaren im Gesicht und am Mons veneris, an 
zeitweise auftretenden Pollutionen etc.) erst vom 15. Jahre an bemerklich wird, 
tritt die geschlechtliche Entwicklung bei den Bewohnern sdlicher Lnder um 
mehrere Jahre frher ein, beim Weibe zuweilen schon im 8. Jahre. 

Bemerkenswerth ist, dass Stadtmdchen sich um etwa 1 Jahr frher 
entwickeln als Landmdchen, und dass, je grsser die Stadt ist, um so frher 
ceteris paribus die Entwicklung erfolgt. 

Von nicht geringem Einfluss auf Libido und Potenz sind aber auch 
hereditre Einflsse. So gibt es Familien, in welchen, neben grosser Krper- 
kraft und Longaevitas, bedeutende Libido und Potenz bis in hohe Altersjahre 
sich erhalten, whrend in anderen die Vita sexualis spt sich entwickelt und 
vorzeitig erlischt. 

Beim Weibe ist die Zeit der Thtigkeit der Generationsdrsen enger 
begrnzt als beim Manne, bei dem die Spermabereitung bis in's hchste Alter 



24 Localisation und Entwicklung des uf inaltiinlm 

fortdauern kann. Beim Weibe hrt Ovulation etwa 8 Jahre wach ein- 
getretener Mannbarkeit auf. Diese Periode der versiegenden Thatigkeit der 
Ovarien heisst der Wechsel (Klimacterium\ Diese biologi&ebe Phase stritt 
nicht einfach eine Ausserfunctionssetzung und schesatiehe Atrophie der 
Generationsorgane dar, sondern einen Umwandlungsawoea des gesammten 
Organismus. Die Geschlechtsreife des Mannes in Mitteleuropa b ag inat n das 
IS. Jahr. Die Potenz erreicht ihren Hhepunkt um das 40. Von da ab sinkt 
sie langsam. 

Die Potentia generandi erlischt meist um das 62. Jahr, die P. eoeoadi 
kann bis ins hhere Alter fortbestehen Der Sexualtrieb besteht eontmuirheh 
in der Zeit des Geschlechtslebens mit wandelbarer IiqwnW*t Er tritt unter 
physiologischen Bedingungen niemals intermittirend (perio 
beim Thier. Beim Manne schwankt seine Intensitt organisch auf aad sieder 
mit der Ansammlung und Verausgabung von Sperma; beim Weibe fidlen die 
Steigerungen des Trieb Lebens mit dem Procesa der Ovulation zusammen, and 
zwar so, dass postmenstrual die Libido sexualis am g l fasten ist. 

Der Sexualtrieb als Fhlen, Vorstellen und Drang ist eine Leistung der 
Hirnrinde. Ein Territorium in dieser, das ausschliesslich sexuale IT ffclm y i ^ 
und Drnge vermittelte (Centrum eines Geschlechtssinns), ist bis jetzt nicht 
nachgewiesen. 

Die nahen Beziehungen, in welchen Sexualleben und Gerachssinn 1 ) an 
einander stehen, lassen vermuthen, dass sexuelle und Olfactoriossphijte in der 
Hirnrinde einander rumlich nahe oder durch mchtige Aan iaiti m i Il i ft 
verknpft sind. Die Entwicklung des Sexuallebens nimr 
Organempfindungen der sich entwickelnden Sexualdrsen. Jene erregen die 
Aufmerksamkeit des Individuums. Lektre, Wahrnehmungen im ffentlichen 
Leben (heutzutage leider viel zu frh und hufig) fhren die Ahnungen in deut- 
liche Vorstellungen ber. Diese werden vom organische n Gefhlen, and war 
LustH Wollust-)gefhlen betont. Mit der Betonung erotischer Vorstellungen durch 
Lustgefhle entwickelt sich ein Drang zur Hervorrufoug sokher (Geschlechtstrieb). 

Es entwickelt sich nun eine gegenseitige Abhn g i ghe i l zwischen Hirn- 
rinde (als Entstehungsort der Empfindungen und VorsteDungen) and den 
Generationsorganen. Diese lsen durch anatomisch-phvsJkdogisGhe Vorginge 
(Hypermie, Spermabereitung, Ovulation) sexuelle Vorstellungen, Bder und 
Drnge aus. 

Die Hirnrinde wirkt durch appereipirte oder reprodueirte sinnliehe Vor- 
stellungen auf die Generationsorgane (Hypermisirung, SamenbereituBg. Eree- 
on. Ejaculation). Dies geschieht durch Centra der GeflssxnnervatioB and 
Ejaculation , die im Lendenmark and jedenfalls einander rumlich nahe sich 
befinden. Beide sind Reflexcentren. 

Das Centrum erectionis (Goltz, Eckhard) ist eine zwischen Gehrn 
und Genitalapparat eingeschaltete Zwisch e iwiauii , Die Nervenbahnen, welche 



*) Das Centrum fr den Olfactorit 
des Gehirns) in der Gegend des Gyr. unci 
Riechcentrum'* 1887, vindicirt aus vergleic 
Ammonshorn die Zugehrigkeit zum Ried 



.-.-.\". .7. - /.'. >. 

es nit fem Gehirn in Verbindung setzen, Jbmfe wsrtmdbeblk 4re 4k 
BednneuU eerehri nmd die BfriSife. 'Diese Centrum vermag dnreh centrale 
{ptjehwehe und mganisehe) Beine, dureh direete Berzumg temer Bahnen im 
FedumemBs eerehri, Berns, Cerwieahmarh, mme dmreh periphere Behang semv 
mbUr Herr (Fans, CKtari* 4 Annexa) in Erregung zn getautem, Dem 
Eintuss 4* Walen* ist es ueet nieht ttterwrfe, 

Jfe Eimpi^ dieses Centrums wird 4are i 4er B4 4 rate few 
kitten Saeramerven verlaufende Servern (Sern erigemtes Eekfear4) zu 4 
Cerpp, eawermee* umgeleitet 

Die Thattgheit dieser die Ereettm rermjttemtepjfe, erigemtes ist. 
hensmemfe Be hemmen 4m gamgharen fame^tummppatat im fem. M. 
h&rpern, unter festen MMmgigkeit die glattem MmkeUasern fer Cvrpp, garer- 
mm stehen (Kmiker nmd E&hlransehj, Unter fem Emnm fer Tktig- 
Izeit fer Kn, erigemtes werfen die glattem Mmk e lm im fer SehweUk&rper 
ersehhnft und ferem Baume m Bfarit erfSBL Gleiehzeitig wird feu*k die 
erweiterten Arterien des Binfennetzes fer SehweVktrper ein Drueh amt die 
Yeneu des Vetos gemht nmd der Bneknuss den Einte am fem Fem ge hemmt, 
Vnterntmtzt wird diese Wirkung dureh Cmaraetteu der Mm fadbe- und itehm- 
earemesus, die sieh apeu enr &tiseh auf der B&ken mnehe de Fem ausbreiten. 

Das Ereetkmseentrmn steht unter dem EimImm reu err e gend em , ahm 
ameh von hemmenden hmerratieuem Seitens des Grmthirns, Erregend wirken 
Yontflfwjprn nmd Qfan ftwi d MV f hn tungipm sexualen Inhufts WaehErmhrmmgem 
hei Erhngte tehermt das Eteetieuteeutrmm ameh dmreh Erregung der hei- 
tmagmahnem im Uuekenmark im ThattgheU trete am i&mnen. Dam die ameh. 
dnreh ergauAsehe Behzrmgange im der Hirnrinde (psj e he e ex m ale Cemtrwmfj) 
mSgUeh ist, lehren Beehaehtungem am Hirn- 4 G eisteskrankem, Direet kann 
da Ereeeumsentrum in Er reg un g versetzt werden dnreh das lsmmharmarh 
tretende Wmehemnmakmrkramkumgem fTahes, mherhammt Myelitis) im frhem 
mndmm 

Eine remeeterneh bedingte Erregung des Ceutrmma ist dnreh Betztmg 
der (peripheren) sensiblem Merrem 4er Genkahem und der Umgebung fe n eV teu 
4wc li Vrtetmm, dnn b Bettung der oarnrShre ^Snmuhee% de Beetum (jjuimm'' 
rheifem, Cfacrnris), fer Blase (ftfBnag dnreh Crin, betender Mergems, Beszmng 
dnreh PUm*rim% dmreh Vnttnmg fer Samemhlasem mit gper* dmrehimTetge 
rom BSehenhge nmd Drmeh fer Ein geweide auf die BJmtgtfue de Beehems 
entstandene Bwmeramne fer Genitalien mSgheh 4 hamtg, 

Aneh durc h Bettung fer nuknwnkaft im Brestatagewehe retmmduehem 
Berte v4 Ganglien (BrestatitM, Eatbeteremthhrmmg n,s,w,) kaum da Etee> 
ti&nseentrum erregt werfen. 

Dam da Ereetteuseemtrum ameh eie4e fiiniiiif reu Settern 
de Gehrn muterworSem ist, lehrt derTersaeh reu 0eltz, weuaeh, wenn (hei 
H4eB) 4m U m dt umn tl dmrehtehmittem u% die Ereetm Mehter eantntt 

Dakar tprieht ameh die Tmattaehe heim Miunthtu, dam 
GeamVamnemegmmgem (Fmreht Mimliijjr de Ceitm, Ve$>,m,*mhuug 
aetmm cesnalem n, s~ w,) da Eintaste 4er Ereethm nesnae, htam. die vor- 
hamfeme tvAittn hSuneu, 

Die Damer fer Ereetkm ist anhngig reu fer Eettdamer en e a j smfer 

".:,>.,:.'.:. -...-.:.-- :.-. -?..-... .- '.:. :*;.-. : -:r:. :.-:. :*- :.-:::. " .* : :-:: "'-. ?\.:..<> 



26 Geruchssinn und Vita sexualis. 

der Innervationsenergie des Centrums, sowie von dem frheren oder spteren 
Eintreten der Ejaculation (s. u.). 

Die centrale und oberste Instanz im sexuellen Mechanismus ist die 
Hirnrinde. Es ist gerechtfertigt, als Stelle fr die Auslsung sexualer Gefhle, 
Vorstellungen und Drnge eine bestimmte Region derselben (cerebrales Centrum) 
zu vermuthen, als Entstehungsort all der psychisch-soruatischen Vorgnge, die 
man als Geschlechtsleben, Geschlechtssinn, Geschlechtstrieb bezeichnet. Dieses 
Centrum ist ebensowohl durch centrale als durch periphere Reize erregbar. 

Centrale Reize knnen organische Erregungen durch Krankheiten der 
Hirnrinde darstellen. Physiologisch bestehen sie in psychischen Reizen (Er- 
innerungsvorstellungen und Sinneswahrnehmungen). 

Unter physiologischen Bedingungen handelt es sich wesentlich um 
optische Wahrnehmungen und Erinnerungsbilder (z. B. lascive Lektre), ferner 
um Tasteindrcke (Berhrung, Hndedruck, Kuss u. s. w.). 

Jedenfalls spielen in physiologischer Breite Gehrs- und Geruchswahr- 
nehmungen eine sehr untergeordnete Rolle. Unter pathologischen Verhltnissen 
(s. u.) haben die letzteren entschieden eine sexuell erregende Bedeutung. 

Bei den Thieren ist ein Einfluss der Geruchswahrnehmungen auf 
den Geschlechtssinn unverkennbar. Althaus (Beitrge zur Physiol. u. Pathol. 
des Olfactorius, Arch. fr Psych. XII, H. 1) erklrt geradezu den Geruchssinn 
fr wichtig bezglich der Reproduction der Gattung. Er macht geltend, dass 
Thiere verschiedenen Geschlechts durch Geruchswahrnehmungen zu einander 
hingezogen werden und dass fast alle Thiere zur Brunstzeit von ihren 
Geschlechtsorganen aus einen besonders scharfen Geruch verbreiten. Dafr 
spricht ein Experiment von Schiff, der neugeborenen Hunden die Nn. olfac- 
torii exstirpirte und bei den herangewachsenen Thieren constatirte, dass das 
mnnliche Thier das Weibchen nicht herauszufinden vermochte. Ein entgegen- 
gesetzter Versuch von Mantegazza (Hygiene der Liebe), welcher Kaninchen 
die Augen entfernte und kein Hinderniss fr die Begattung aus diesem Defect 
beobachtete, lehrt, wie wichtig der Geruchssinn fr die Vita sexualis bei Thieren 
sein drfte. 

Bemerkenswerth ist auch, dass manche Thiere (Moschusthier , Zibeth- 
katze, Biber) an ihren Genitalien Drsen haben, die scharfriechende Stoffe 
secerniren. 

Auch fr den Menschen macht A 1 1 h a u s Beziehungen zwischen 
Geruchs- und Geschlechtssinn geltend. Er erwhnt Cloquet (Osphre- 
siologie, Paris 1826), der auf den wollusterregenden Duft der Blumen auf- 
merksam machte und auf Richelieu hinwies , der zur Anregung seiner 
Geschlechtsfunctionen in einer Atmosphre der strksten Parfms lebte. 

Zippe (Wien. med. Wochenschrift 1879, Nr. 24) macht anlsslich eines 
Falles von Stehltrieb bei einem Onanisten ebenfalls solche Beziehungen 
geltend und citirt als Gewhrsmann Hildebrand, der in seiner populren 
Physiologie sagt: Es lsst sich gar nicht lugnen, dass der Geruchssinn mit 
den Geschlechtsverrichtungen in einem schwachen Zusammenhang steht. Blumen- 
dfte erregen oft wollstige Empfindungen, und wenn wir uns der Stelle aus 
dem hohen Liede Salomonis erinnern : ,Meine Hnde troffen von Myrrhen und 
Myrrhen liefen ber meine Finger an dem Riegel des Schlosses', so finden wir 
diese Bemerkung schon von dem weisen Salomo gemacht. Im Orient sind die 



Geruchssinn und Vita sexualis. 27 

Wohlgerche wegen ihrer Beziehung zu den Geschlechtstheilen sehr beliebt 
und die Frauengemcher des Sultans duften von aller Blthen Gemisch." 

Most, Prof. in Rostock, erzhlt (vgl. Zippe): Von einem wollstigen 
jungen Bauern erfuhr ich, dass er manche keusche Dirne zur Wollust gereizt 
und seinen Zweck leicht erreicht habe, indem er beim Tanze einige Zeit sein 
Taschentuch unter den Achseln getragen und der von Schweiss triefenden 
Tnzerin damit das Gesicht getrocknet hatte." 

Dass die nhere Bekanntschaft mit der Transspiration eines Menschen 
der erste Anlass zu einer leidenschaftlichen Liebe sein kann, beweist der Fall 
Heinrichs HL, welcher sich zufllig bei dem Vermhlungsfest des Knigs von 
Navarra mit Margaretha von Valois mittelst des schweisstriefenden Hemdes 
der Maria von Cleve das Gesicht getrocknet hatte. Obgleich Letztere die Braut 
des Prinzen von Conde war, fhlte Heinrich dennoch sofort eine so leiden- 
schaftliche Liebe zu ihr, dass er ihr nicht widerstehen konnte und Maria da- 
durch, wie geschichtlich bekannt, hchst unglcklich machte. Analoges wird 
von Heinrich IV. erzhlt, bei welchem die Leidenschaft zur schnen Gabriele 
von dem Moment an entstanden sein soll, wo er auf einem Ball mit einem 
Taschentuch dieser Dame .sich die Stirne getrocknet hatte. 

Aehnliches deutet der Entdecker der Seele", Prof. Jger, in seinem 
bekannten Buch (2. Aufl., 1880, Cap. 15) an, indem er p. 173 den Schweiss als 
wichtig fr die Entstehung von Sexualaffecten und als besonders verfhrerisch 
ansieht. 

Auch aus der Lektre des Werkes von Ploss (Das Weib) ergibt sich, 
dass mannigfach in der Vlkerpsychologie das Bestreben sich findet, durch die 
eigene Ausdnstung eine Person des anderen Geschlechts an sich zu ziehen. 

Bemerkenswerth in dieser Hinsicht ist eine von Jagor berichtete Sitte, 
die zwischen verliebten Eingeborenen auf den Philippinen herrscht. Mssen 
sich dort Liebespaare trennen, so berreicht man sich gegenseitig Wsche- 
stcke des eigenen Gebrauchs, mit Hlfe derer man sich der Treue versichert. 
Diese Gegenstnde werden sorgfltig gehtet, mit Kssen bedeckt und 
berochen. 

Auch die Vorliebe gewisser Libertins und sinnlicher Frauen fr Par- 
fms 1 ) spricht fr Zusammenhang von Geruchs- und Gescblechtssinn. 

Bemerkenswerth ist auch ein von H e s c h 1 (Wiener Zeitschr. f. pract. 
Heilkunde, 22. Mrz 1861) mitgetheilter Fall von Mangel beider Riechkolben 
bei gleichzeitiger Verkmmerung der Genitalien. Es handelte sich um einen 
45jhrigen, sonst wohlgebildeten Mann, dessen Hoden bohnengross, ohne 
Samenkanlchen waren, und dessen Kehlkopf von weiblichen Dimensionen er- 
schien. Jede Spur von Riechnerven fehlte; auch die Trigona olfactoria und 
die Furche an der unteren Flche der Vorderlappen des Gehirns mangelten. 
Die Lcher der Siebplatte waren sprlich; statt Nerven traten durch dieselbe 
nervenlose Fortstze der Dura. Auch in der Schleimhaut der Nase fand sich 
Mangel an Nerven. Bemerkenswerth ist endlich der bei Geisteskrankheit deut- 



') Vgl. Laycock, Nervous diseases of women, 1840, der die Vorliebe 
fr Moschus und derlei Parfms mit sexueller Erregung bei Damen in Be- 
ziehung fand. 



/ 

28 Geruchssinn und Vita sexualis. 

lieh hervortretende Consensus zwischen Geruchs- und Geschlechtsorgan, insofern 
sowohl bei masturbatorischen Fllen von Psychose bei beiden Geschlechtern, 
als auch bei Psychosen auf Grund von Erkrankung der weiblichen Genitalien 
oder klimakterischer Vorgnge Geruchshallucinationen beraus hufig , bei 
fehlender sexueller Veranlassung beraus selten sind. 

Dass bei normalen Menschen Geruchsempfindungen, gleichwie beim Thier, 
eine hervorragende Rolle fr die Erregung des sexualen Centrums spielen, 
mchte ich bezweifeln 1 ). Bei der Wichtigkeit dieses Consensus fr das Ver- 
stndniss pathologischer Flle musste aber schon hier auf die Beziehungen 
zwischen Geruchs- und Geschlechtssinn eingegangen werden. 

Eine interessante Thatsache, Angesichts dieser physiologischen Beziehun- 
gen, ist auch eine gewisse histologische Uebereinstimmung zwischen Nase und 
Genitalorganen, indem sie (einschliesslich Brustwarze) erectiles Gewebe ent- 
halten. 

Merkwrdige physiologische und klinische Beobachtungen hat auch 
J. N. Macken zie (Journal of medical Science 1884, April) mitgetheilt. Er fand 
1) dass bei einer gewissen Zahl von Frauen, deren Nasen ganz gesund waren, 
regelmssig mit der Menstruation eine Anschoppung" der Nasenschwellkrper 
eintrat und mit dem Aufhren jener wieder schwand; 2) das Auftreten einer 
vicariirenden nasalen Menstruation, welche spter meist durch uterinalen Blut- 
fluss ersetzt wird, manchmal aber whrend des ganzen Geschlechtslebens men- 
strual wiederkehrt; 3) gelegentlich in der Nase bei geschlechtlicher Aufregung 
auftretende Reizerscheinungen, wie Niesen u. s. w. ; 4) umgekehrt gelegentliche 
Erregung des genitalen Tractus bei Erkrankung an der Nase. 

So fand M. ferner, dass bei zahlreichen Frauen, welche ein Nasenleiden 
hatten, dasselbe whrend der Menstruation sich verschlimmerte; dass Excesse 
in Venere geeignet sind, eine Entzndung der Nasenschleimhaut hervorzurufen, 
oder eine schon bestehende zu steigern. 

Er weist auch auf die Erfahrung hin, dass Masturbanten ganz gewhn- 
lich nasenkrank sind, an abnormen Geruchsempfindungen hufig leiden, des- 
gleichen an Rhinorhagien. Nach M.'s Erfahrungen gibt es Erkrankungen der 
Nase, welche jeder Behandlung widerstehen, so lange nicht gleichzeitig be- 
stehende (urschliche?) Genitalleiden beseitigt sind. 

Die sexuelle Sphre in der Hirnrinde kann auch durch Vorgnge in den 
Generationsorganen im Sinne von sexuellen Vorstellungen und Drngen 
erregt werden. Dies ist mglich durch alle Momente, welche auch das Erections- 
centrum durch centripetale Einwirkung in Erregung versetzen (Reiz der ge- 
fllten Samenblasen, die geschwellten Graf sehen Follikel, irgendwie hervor- 



J ) Folgende Beobachtung, welche Bin et mittheilt, scheint mit dieser 
Annahme im Widerspruch. Leider ist ber die Persnlichkeit des Gegenstands 
jener Beobachtung nichts mitgetheilt. Unter allen Umstnden bleibt sie sehr 
bezeichnend fr den Consensus zwischen Geruchs- und Geschlechtssinn. Stud. 
med. D. sitzt auf einer Bank in einer ffentlichen Anlage, eifrig in einem 
Buch (ber Pathologie) studirend. Pltzlich strt ihn eine heftige Erection. 
Er schaut auf und bemerkt, dass eine stark parfmirte Dame auf der anderen 
Ecke der Bank Platz genommen hat. D. konnte sich die Erection nur durch 
den unbewusst ihm zugekommenen Geruchseindruck erklren. 



Flagellation als sexueller Stimulus. 29 



gerufene sensible Reizung im Bereich der Genitalien, Hypermie und Txiigm-yy Xs 
cenz der Genitalien, speciell der erectilen Gebilde der Schwellkrper vt^?enis, 
Clitoris, durch sitzende ppige Lebensweise, durch Plethora abdominalis- hohe 
ussere Temperatur, warme Betten, Kleidung, Genuss von Canthariden, Pfeffer 
und anderen Gewrzen). 

Auch durch Reizung der Nerven der Gesssgegend (Zchtigung, 
Geisselung) kann die Libido sexualis erregt werden *). 

Diese Thatsache ist nicht unwichtig fr das Verstndniss gewisser patho- 
logischer Erscheinungen. Zuweilen geschieht es, dass bei Knaben durch eine 
Zchtigung auf den Podex die ersten Regungen des Geschlechtstriebes wach- 
gerufen werden und ihnen damit die Anregung zur Masturbation gegeben 
wird, eine Erfahrung, die sich Erzieher merken sollten. 

Angesichts der Gefahren, welche diese Form der Zchtigung Schlern 
bereiten kann, wre es wnschenswerth , wenn sie von Eltern, Lehrern und 
Erziehern gnzlich aufgegeben wrde. 

Dass passive Flagellation die Sinnlichkeit zu erwecken vermag, lehrt 
die im 13. 15. Jahrhundert verbreitet gewesene Sekte der Flagellanten, die 
theils aus Busse, theils um das Fleisch zu tdten (im Sinne des von der Kirche 
geltend gemachten Keuschheitsprincips, d. h. der Emancipation des Geistes von 
der Sinnlichkeit) sich selbst geisselten. 

Anfangs wurde diese Sekte von der Kirche begnstigt. Da aber durch 
das Flagelliren erst recht die Sinnlichkeit wachgerufen wurde und diese That- 
sache in unliebsamen Vorkommnissen sich kundgab , war die Kirche schliess- 
lich genthigt, gegen das Flagellantenthum einzuschreiten. Bezeichnend fr 
die sexuell erregende Bedeutung der Geisselung sind folgende Thatsachen aus 
dem Leben der beiden Geisseiheldinnen Maria Magdalena von Pazzi und Eli- 
sabeth von Genton. Die erstere, Tochter angesehener Eltern, war Karmeliter- 
nonne zu Florenz (um 1580) und erlangte durch ihre Geisselungen und noch 
mehr durch deren Folgen einen bedeutenden Ruf, weshalb sie auch in den 
Annalen Erwhnung findet. Es war ihre gi-sste Freude, wenn ihr die Priorin 
die Hnde auf den Rcken binden und sie in Gegenwart smmtlicher Schwestern 
auf die blossen Lenden geissein liess. 

Die schon von Jugend auf vorgenommenen Geisselungen hatten aber ihr 
Nervensystem ganz und gar zerrttet und vielleicht keine Geisseiheidin hatte 
so viel Hallucinationen ( Entzckungen") wie diese. Whrend derselben hatte 
sie es besonders mit der Liebe zu thun. Das innere Feuer drohte sie dabei 
zu verzehren und hufig schrie sie : Es ist genug ! Entflamme nicht strker 
diese Flamme, die mich verzehrt. Nicht diese Todesart ist es, die ich mir 
wnsche, sie ist mit allzu vielen Vergngungen und Seligkeiten verbunden." 
So ging es immer weiter. Der Geist der Unreinigkeit aber blies ihr die wol- 
lstigsten und ppigsten Phantasien ein, so dass sie mehrmals nahe daran 
war, ihre Keuschheit zu verlieren. 

Aehnlich verhielt es sich mit Elisabeth von Genton. Dieselbe gerieth 
durch das Geissein frmlich in bacchantische "Wuth. Am meisten raste sie, 
wenn sie, durch ungewhnliche Geisselung aufgeregt, mit ihrem Ideal" ver- 

*) Meibomius, De flagiorum usu in re medica, London 1765; Boileau, 
The history of the flagellants, London 1783. 



30 Flagellation als sexueller Stimulus, 

mahlt zu sein glaubte. Dieser Zustand war fr sie so berschwnglich be- 
glckend, dass sie hufig ausrief: ,0 Liebe, o unendliche Liebe, o Liebe, o 
ihr Creaturen, rufet doch alle mit mir: Liebe, Liebe!" Bekannt ist auch die 
von Taxil (op. cit. p. 175) besttigte Beobachtung, dass Wstlinge, um ihrer 
gesunkenen Potenz aufzuhelfen, zuweilen sich vor dem geschlechtlichen Akt 
flagelliren lassen. 

Diese Thatsachen finden eine interessante Besttigung durch folgende 
Paullini's Flagellum salutis" (1. Aufl. 1698, Neudruck Stuttgart 1847) ent- 
lehnte Erfahrungen : 

Es sind einige Nationen, namentlich die Persianer und Russen, so 
(bevorab die Weiber) Schlge fr ein sonderbares Liebs- und Gnadenzeichen 
annehmen. Sonderlich sind die Russischen Weiber fast nicht vergngter und 
frhlicher, als wenn sie gute schlage von ihren Mnnern empfangen, wies 
Joann Barclarus mit einer merckwrdigen Historie erlutert. Es kam ein 
Teutscher, Namens Jordan, in Muscovien, und weil ihm das Land, gefiel, liess 
er sich husslich daselbst nieder, und nahm ein Russisch Weib, so er hertzlich 
liebte, und in allem freundlich gegen sie war. Sie aber she immer runtz- 
licht aus, warff die Augen nieder und liess ach und wehe von sich hren. 
Der Mann wollte wissen, warum? denn er ja nicht ersinnen konte, was ihr 
fehlen mochte. Ey, sprach sie, was wolt ihr mich doch lieb haben, massen 
ihr dessen noch kein Zeichen habt spren lassen. Er umhlsete sie, und bat, 
wo er sie etwa ohnversehens und unwissend beleidigt htte, solches ihm zu 
verzeihen, er wolte es ja nimmer thun. Mir fehlt nichts, war die Antwort, 
als, nach unser Landes Manier, die Geissei, das eigentliche Merkmahl der 
Liebe. Jordan merckte diese Mode, und gewehnte sich dran, da fieng das 
Weib an den Mann hertzinniglich zu lieben. Eben solche Geschieht erzhlt 
auch Peter Petreus von Erlesund mit dem Zusatz, wie die Mnner gleich nach 
der Hochzeit unter andern unentbehrlichem Hausgerth ihnen auch Peitschen 
zulegten. " 

Auf S. 73 dieses merkwrdigen Buches sagt Verf. weiter: 

Der berhmte Graff von Mirandula, Joann Picus, zeugt von einem seiner 
guten Bekandten, dass er ein unersttlicher Kerles gewesen, doch aber so 
trge und untchtig zum Zyprischen Streit, dass er nicht das Geringste ver- 
mochte, ehe und bevor er derb abgeschmiert war. Je mehr er nun seinen 
Willen zu sttigen verlangte, je durchdringendere Schlge er begehrte, massen 
er seines Wunsches gar nicht theilhafft werden konnte, wann er nicht vorher 
bis auf's Blut abgepeitschet war. Zu dem ende liess er ihm eine eigne Peitsche 
machen, peitzte solche den Tag zuvor in essig, hernach gab er sie seiner Ge- 
spiehlin , mit instndigster Bitte und gebognen Knieen , ja nicht fehl zu 
schlagen, sondern je dchter, je lieber. Der eintzle Mensch (meint der gute 
Graff) sey dieser, so seine Leibeslust unter solcher Marter gefunden habe. Und 
weil er sonst eben der Schlimste nicht war , erkandte und haste er zugleich 
seine Schwachheit. Gleiche Historie erwehnt Coelius Rhodigin, und aus diesem 
der berhmte Jurist Andreas Tiraquell. Zu des geschickten Medici Otten 
Brunfelsen Zeit lebte in der Churbayerischen Residenzstadt Mnchen auch 
ein guter Schlucker, so aber seine Pflichtschuldigkeit, ohne vorhergehende 
scharffe Schlge, nimmer abstatten konte. Auch kandte Herr Thomas Barthelin 



Erogene Zonen. 31 

einen Venetianer, der durch blosse Schlge zum Beyschlaf muste erhitzt und 
angetrieben werden. Wie denn auch Cupido selbst seine Nachfolger mit einem 
hiazynthinen Stblein hinder ihm herschleppt. Zu Lbeck war vor wenig 
Jahren ein Ksekrmer, in der Mhistrassen wohnend, so, wegen begangenen 
Ehebruchs, bey der Obrigkeit verklagt, die Stadt rumen solte. Die Metze 
aber, mit der er zugehalten hatte, gieng zu den Gerichtsherrn, und tht eine 
Vorbitte seinthalben bey ihnen, mit Erzhlung, wie Blutsaur ihm alle Gnge 
worden wren. Denn er ja nichts vermocht, wenn sie ihn nicht zuvor erbrm- 
lich abgeprgelt htte. Der Kerl wolte es anfangs, aus Schaam und Ver- 
meidung des Hohns, nicht allerdings gestehn, doch auf ernstlicheres Befragen 
konte ers nicht ableugnen. In dem vereinigten Niederland sol gleichfalls ein 
ansehnlicher Mann dergleichen Trgheit an sich gehabt, und ohne Schlge 
zum Handel nicht getaugt haben. Wies aber die Obrigkeit erfuhr, ward er 
nicht nur seines Dienstes entsetzt, sondern auch berdas gebhrend abgestrafft. 
Ein glaubwrdiger Freund und Physicus einer vornehmen Reichsstadt, berichtete 
mich vom 14. Juli vorigen Jahrs, wie ein liederlich Weibsstck ihrer Gespielin 
vor weniger Zeit im Hospital erzhlt habe, dass ein gewisser Mann Sie, be- 
neben einer andern von gleicher Gattung, in den Wald beschieden haben, und 
nachdem sie gefolgt, htte ihnen der Kerl Ruthen abgeschnitten, und den 
blossen Hintern zum besten gegeben, und sie brav drauf hauen geheissen, 
welches sie auch gethan. Was er hiernechst ferner mit ihnen begonnen habe, 
ist leichtlich zu schliessen. Nicht aber wurden nur die Mnner durch Schlge 
zur Geilheit erhitzt und aufgemuntert, sondern auch die Weiber, damit sie 
desto ehe und mehr empfiengen. Das Rmische Frauenzimmer Hess sich von 
den Lupercis desswegen peitschen und geissein. Denn so singt Juvenal: 

Steriles moriuntur, et illis 

Turgida non prodest condita pyscido Lyde: 
Nee prodest agili palmas praebere Luperco." 

Auch von einer Reihe anderer Haut- und Schleimhautbezirke kann, so- 
wohl beim Manne als auch beim Weibe, Erection und Orgasmus, ja selbst der 
Ejaculationsvorgang ausgelst werden. Diese erogenen" Zonen sind beim 
Weibe, solange es Virgo ist, die Clitoris, nach erfolgter Defloration auch die 
Vagina und der Cervix uteri. 

Besonders erogen scheint beim Weib berhaupt die Brustwarze zu 
wirken. Titillatio hujus regionis spielt in der Ars erotica eine hervorragende 
Rolle. In seiner topograph. Anatomie 1865 Bd. I p. 552 citirt Hyrtl Val. 
Hildenbrandt, der eine besondere Anomalie des Sexualtriebs, die er 
Suctusstupratio nannte, bei einem Mdchen beobachtete. Dasselbe Hess sich 
von seinem Galan an den Mammae saugen und brachte es durch Zerren an 
denselben allmlig dabin, das Saugen mit dem eigenen Munde vorzunehmen, 
was ihr die angenehmsten Gefhle verursachte. H. weist auch darauf hin, 
dass bei Khen das Selbstaussaugen der Euter vorkomme. 

L. Brunn (Zeitg. f. Literatur etc. d. Hamburg. Correspondenten 1889 
Nr. 21 in einem interessanten Aufsatz ber Sinnlichkeit und Nchstenliebe") 
macht geltend, wie eifrig die sugende Mutter aus Liebe zum Schwachen, 
Unentwickelten , Hlflosen" sich dem Geschft des Stillens des Kindes 
widmet. 



32 Akt der Cohabitation. 

Es liegt nahe, zu vermuthen, dass neben den erwhnten ethischen Be- 
ziehungen auch der Umstand, dass das Sugen mit krperlichen Lustgefhlen 
verbunden sein drfte, eine Rolle spielt. Dafr spricht die weitere, an und 
fr sich ganz richtige , aber einseitig gedeutete Bemerkung Brunns, dass 
nach Houzeau's Erfahrungen bei den meisten Thieren nur whrend der 
Zeitperiode des Sugens die Beziehungen zwischen Mutter und Jungen innige 
sind und spter vlliger Gleichgltigkeit weichen. 

Dasselbe (Abstumpfung der Gefhle fr das Kind nach dem Abstillen) 
fand Bastian u. A. auch bei wilden Vlkern. 

Unter pathologischen Verhltnissen, wie u. A. aus einer These de doctorat 
von Chambard hervorgeht, knnen (bei Hysterischen) auch Krperstellen in 
der Nhe der Mammae sowie der Genitalien die Bedeutung erogener Zonen 
gewinnen. 

Beim Manne ist physiologisch die einzige erogene Zone die Glans penis 
und vielleicht noch die Haut der usseren Genitalien. 

Unter pathologischen Verhltnissen kann der Anus erogenes Gebiet 
se i n damit wrde sich anale Automasturbation, die nicht allzu selten vor- 
zukommen scheint, und passive Pderastie erklren. (Vgl. Garnier, Anomalies 
sexuelles, Paris, p. 514; A. Moll, Contrre Sexualempfindung, 2. Aufl. p. 222.) 

Der psycho-physiologische Vorgang, welchen der Begriff Ge- 
schlechtstrieb umfasst, setzt sich zusammen 

1) aus central oder peripher geweckten Vorstellungen, 

2) aus damit sich associirenden Lustgefhlen. 

Daraus entsteht der Drang zu geschlechtlicher Befriedigung (Libido 
sexualis). Dieser Drang wird immer strker in dem Masse, als die Erregung 
des cerebralen Gebietes durch bezgliche Vorstellungen und durch Herein- 
greifen der Phantasie die Lustgefhle potenzirt und durch Erregung des 
Erectionscentrums und damit Hypermisirung der Genitalorgane diese Lust- 
gefhle zu Wollustgefhlen (Austreten von Liquor prostaticus in die Urethra 
u. s. w.) steigert. 

Sind die Umstnde gnstig zur Ausbung des individuell befriedigenden 
Geschlechtsakts, so wird dem immer mehr anwachsenden Drang Folge geleistet, 
andernfalls treten hemmende Vorstellungen dazwischen , verdrngen die ge- . 
schlechtlicbe Branst, hemmen die Leistung des Erectionscentrums und ver- 
hindern den geschlechtlichen Akt. 

Fr den Culturmenschen ist erforderlich und entscheidend die Bereit- 
schaft von solchen den geschlechtlichen Drang hemmenden Vorstellungen. Von 
der Strke der treibenden Vorstellungen und der sie begleitenden organischen 
Gefhle einer- und der der hemmenden Vorstellungen andererseits hngt die 
sittliche Freiheit des Individuums ab und die Entscheidung, ob es nach Um- 
stnden zur Ausschweifung und selbst zum Verbrechen gelangt. Auf die 
Strke der treibenden Momente haben Constitution, berhaupt organische Ein- 
flsse, auf die der Gegenvorstellungen Erziehung und Selbsterziehung gewich- 
tigen Einfluss. 

Treibende und hemmende Krfte sind wandelbare Grssen. Verhngniss- 
voll wirkt in dieser Hinsicht der Alkoholbergenuss , insofern er die Libido 
sexualis weckt und steigert, gleichzeitig die sittliche Widerstandsfhigkeit 
herabsetzt. 



I . I 



Akt der Cohabitation. 33 



Der Akt der Cohabitation 1 ). 



Grundvoraussetzung fr den Mann ist gengende Erection. Mit Recht 
macht A n j e 1 (Archiv fr Psychiatrie VIII, H. 2) darauf aufmerksam, dass bei 
der sexuellen Erregung nicht bloss das Erectionscentrum erregt wird, sondern 
dass die Nervenerregung sich auf das ganze vasomotorische Nervensystem 
fortpflanzt. Beweis dafr ist der Turgor der Organe beim sexuellen Akt, die 
Injection der Conjunctiva, die Prominenz der Bulbi, die Erweiterung der 
Pupillen, das Herzklopfen (durch Lhmung der aus dem Halssympathicus 
stammenden vasomotorischen Herznerven, dadurch Erweiterung der Herzarterien 
und in Folge der Wallungshypermie strkere Erregung der Herzganglien). 
Der Geschlechtsakt geht mit einem Wollustgefhl einher, das beim Manne 
durch in Folge der sensiblen Reizung der Genitalien reflectorisch hervorgeru- 
fenes Durchtreten von Sperma durch die Ductus ejaculatorii in die Urethra 
angeregt sein drfte. Das Wollustgefhl tritt beim Mann frher auf als beim 
Weib, schwillt zur Zeit der beginnenden Ejaculation lawinenartig an, erreicht 
seine Hhe im Moment der vollen Ejaculation, um post ejaculationem rasch 
zu schwinden. 

Beim Weib tritt das Wollustgefhl spter und langsam ansteigend auf 
und berdauert meist den Akt der Ejaculation. 

Der entscheidende Vorgang bei der Cohabitation ist die Ejaculation. 
Diese Function ist abhngig von einem Centrum (genito-spinale), das Budge 
in der Hhe des 4. Lendenwirbels nachgewiesen hat. Dasselbe ist ein Reflex- 
centrum; der dasselbe erregende Reiz ist das durch Reizung der Glans penis 
aus den Samenblasen reflectorisch in die Pars membranacea urethrae getriebene 
Sperma. Sobald diese unter wachsendem Wollustgefhl vor sich gehende 
Samenentleerung eine entsprechend grosse Quantitt darstellt, um als ge- 
ngender Reiz auf das Ejaculationscentrum zu wirken, tritt dieses in Action. 
Die motorische Reflexbahn befindet sich in dem 4. und 5. Lumbalnerven. Die 
Action besteht in einer convulsivischen Erregung des M. bulbocavernosus 
(innervirt vom 3. und 4. Sacralnerv), wodurch das Sperma herausgeschleu- 
dert wird. 

Auch beim Weib findet auf der Hhe seiner geschlechtlichen und wol- 
lstigen Erregung ein reflectorisch bedingter Bewegungsakt statt. Er wird 
eingeleitet durch die Reizung der sensiblen Genitalnerven und besteht in einer 
peristaltischen Bewegung in den Tuben und im Uterus bis zur Portio vaginalis, 
wodurch der Tubar- und Uterinschleim ausgepresst wird. Eine Hemmung des 
Ejaculationscentrums ist mglich durch Hirnrindeneinfluss (Unlust beim Coitus, 
berhaupt Gemthsbewegungen, sowie einigermassen durch Willenseinfluss). 

Mit dem vollzogenen Geschlechtsakt schwinden normaler Weise Erection 
und Libido sexualis, indem die psychische und geschlechtliche Erregung einer 
behaglichen Erschlaffung Platz macht. 



*) Vgl. Roubaud, Traite de l'impuissance et de la sterilite. Paris 1878. 



v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 



III. Allgemeine (Neuro- und Psycho-) Pathologie 1 ). 



Ueberaus hufig erweisen sich bei dem Culturmenschen die 
sexualen Functionen abnorm. Diese Thatsache findet zum Theil 
ihre Erklrung in dem vielfachen Missbrauch der Generationsorgaue, 
zum Theil in dem Umstand, dass solche Functionsanomalien hufig 
Zeichen einer meist erblichen krankhaften Veranlagung des Central- 
nerven Systems (functionelle Degenerationszeichen") sind. 

Da die Generationsorgane aber in bedeutsamer functioneller 
Relation zu dem ganzen Nervensystem und zwar in seinen psychi- 
schen wie somatischen Beziehungen stehen, begreift sich die Hufig- 
keit der aus sexuellen (function eilen oder organischen) Strungen 
hervorgehenden allgemeinen Neurosen und auch Psychosen. 



a ) Literatur. Parent-Duchtelet, Prostitution dans la ville -de 
Paris 1837. Rosenbaum, Entstehung der Syphilis. Halle 1839. Derselbe, 
Die Lustseuche im Alterthum. Halle 1839. Des cur et, La medecine des 
passions. Paris 1860. Casper, Klin. Novellen 1860. Bastian, Der 
Mensch in der Geschichte. Friedlnder, Sittengeschichte Roms. Wiede- 
m eist er, Csarenwahnsinn. Scherr, Deutsche Cultur- und Sittengeschichte 
Bd. I, Cap. 9. Tardieu, Des attentats aux moeurs, 7. edit. 1878. Em- 
minghaus, Psychopathol. p. 98. 225. 230. 232. Schule, Handbuch der 
Geisteskrankheiten p. 114. Marc, Die Geisteskrankheiten, bers, v. Ideler, 
II, p. 128. v. Kr fft, Lehrb. d. Psychiatrie. 5. Aufl. I, p. 83; Lehrb. d. ger. 
Psychopathol. 3. Aufl. p. 279; Archiv f. Psychiatrie VII, 2. Moreau, Des 
aberrations du sens genesique. Paris 1880. Kirn, Allg. Zeitschr. f. Psych- 
iatrie 39, Heft 2 u. 3. Lombroso, Geschlechtstrieb u. Verbrechen in ihren 
gegenseitigen Beziehungen (Goltdammer's Archiv, Bd. 30). Tarnowsky, 
Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes. Berlin 1886. Ball, 
La folie erotique. Paris 1888. Serieux, Recherches cliniques sur les 
anomalies de l'instinct sexuel. Paris 1888. Hammond, Sexuelle Impotenz, 
bers, v. Sali in ger. Berlin 1889. 



Schema der sexualen Neurosen. 35 



Schema der sexualen Neurosen. 

I. Periphere Neurosen. 
1) Sensible, 
a) Ansthesie, b) Hypersthesie, c) Neuralgie. 

2) Secretorische. 
a) Aspermie, b) Polyspermie. 

3) Motorische. 

i 
a) Pollutionen (Krampf), b) Spermatorrhe (Lhmung). 

II. Spinale Neurosen. 

1) Affectionen des Erectionscentrums. 

a) Reizung (Priapismus) entsteht reflectorisch durch periphere sensible 
Reize (z. . Gonorrhe), direct durch organische Reizung der Leitungsbahnen 
vom Gehirn zum Erectionscentrum (spinale Erkrankungen im unteren Cervical- 
und oberen Dorsalmark) oder des Centrums selbst (gewisse Gifte) oder durch 
psychische Reize. 

Im letzteren Fall besteht Satyriasis, d. h. abnorm lange Andauer von 
Erection mit Libido sexualis. Bei blosser reflectorischer oder directer organi- 
scher Reizung kann die Libido fehlen und der Priapismus selbst mit Unlust- 
gefhlen verbunden sein. 

b) Lhmung entsteht durch Zerstrung des Centrums oder der Leitungs- 
bahnen (Nervi erigentes) bei Rckenmarkskrankheiten (paralytische Impotenz). 

Eine mildere Form stellt die verminderte Erregbarkeit des Centrums dar, 
in Folge von Ueberreizung desselben (durch sexuelle Excesse, besonders Onanie) 
oder durch Intoxication mit Alkohol, Bromsalzen u. s. w. Sie kann mit cere- 
braler Ansthesie verbunden sein, oft auch mit solcher der usseren Genitalien. 
Hufiger findet sich hier cerebrale Hypersthesie (gesteigerte Libido sexualis, 
Lsternheit). 

Eine eigene Form verminderter Erregbarkeit stellen diejenigen Flle 
dar, wo das Centrum nur auf gewisse Reize anspruchsfhig ist und mit einer 
Erection antwortet. So gibt es Mnner, bei welchen der sexuelle Contact mit 
der zchtigen Ehefrau nicht das nthige Reizmoment zur Erection abgibt, wohl 
aber diese eintritt, wenn der Akt mit einer Dirne oder in Form einer wider- 
natrlichen sexuellen Handlung versucht wird. Soweit hier psychische Reize 
in Betracht kommen, knnen sie sogar inadquate sein (s. u. Parsthesie und 
Perversion des Sexuallebens). 



36 Affectionen des Ejaculationscentrums. 

c) Hemmung. Das Erectionscentrum kann durch vom Gehirn kommende 
cerebrale Einflsse functionsunfhig sein. Dieser hemmende Einfluss ist ein 
emotioneller Vorgang (Ekel, Furcht vor Ansteckung) oder die Vorstellung 1 ) 
der ungengenden Potenz. Im ersten Fall befinden sich vielfach Mnner, die 
unberwindliche Abneigung gegen die Frau haben, oder Furcht vor lnfection, 
oder mit perverser Geschlechtsempfindung behaftet sind ; im letzteren Fall be- 
finden sich Neuropathiker (Neurasthenische , Hypochonder), vielfach auch in 
ihrer Potenz Geschwchte (Onanisten), die Grund haben oder zu haben glauben, 
Misstrauen in ihre Potenz zu setzen. Der bezgliche psychische Vorgang wirkt 
als Hemmungsvorstellung und macht den Akt mit der betreffenden Person des 
anderen Geschlechts temporr oder dauernd unmglich. 

d) Reizbare Schwche. Hier besteht abnorme Anspruchsfhigkeit, 
aber rascher Nachlass der Energie des Centrums. Es kann sich um functionelle 
Strung im Centrum selbst, oder um Innervationsschwche der Nn. erigentes 
handeln, oder um Schwche des M. ischiocavernosus. Im Uebergang zu den 
folgenden Anomalien ist noch der Flle zu gedenken, wo durch abnorm frhe 
Ejaculation die Erection unausgiebig ist. 

2) Affectionen des Ejaculationscentrums. 

a) Abnorm leichte Ejaculation durch mangelnde cerebrale Hemmung 
in Folge grosser psychischer Erregung oder durch reizbare Schwche des Cen- 
trums. In diesem Fall gengt nach Umstnden die blosse Vorstellung einer 
lasciven Situation, um das Centrum in Action zu versetzen (hohe Grade von 
spinaler Neurasthenie , meist durch sexuellen Missbrauch). Eine dritte Mg- 
lichkeit ist Hyperaesthesia urethrae, vermge welcher das austretende Sperma 
eine sofortige und strmische Reflexaction des Ejaculationscentrums auslst. 
Hier kann die blosse Annherung an die weiblichen Genitalien gengen, um 
die Ejaculation (ante portam) herbeizufhren. 

Bei Hyperaesthesia urethrae als Ursache kann die Ejaculation mit einem 
Schmerz- statt einem Wollustgefhl ablaufen. Meist besteht in Fllen, wo 
Hyperaesthesia urethrae vorhanden ist, zugleich reizbare Schwche des Cen- 
trums. Beide Functionsstrungen sind wichtig fr die Vermittlung der Pollutio 
nimia und diurna. 

Das begleitende Wollustgefhl kann pathologisch fehlen. Derlei kommt 
bei belasteten Mnnern und Weibern vor (Ansthesie, Aspermie?), ferner in 
Folge von Krankheit (Neurasthenie, Hysterie), oder (bei Meretrices) in Folge 
von Ueberreizung und dadurch bedingter Abstumpfung. Von der Strke des 
Wollustgefhls hngt der Grad der den Geschlechtsakt begleitenden psychischen 
und motorischen Erregung ab. Unter pathologischen Bedingungen kann diese 
sich so hoch steigern, dass die Coitusbewegungen ein dem Willen entzogenes 



*) Ein interessantes Beispiel, wonach auch eine (Zwangs-) Vorstellung nicht 
sexuellen Inhalts im Spiel sein kann, erzhlt Magnan, Ann. med. psych. 1885: 
Student, 21 Jahre, erblich stark belastet, frher Onanist, hat bestndig mit 
der Zahl 13 als Zwangsvorstellung zu kmpfen. Sobald er coitiren will, hemmt 
die betreffende Zwangsvorstellung die Erection und macht den Akt unmglich. 



Cerebral bedingte Neurosen. 37 

convulsivisches Geprge gewinnen, selbst sich bis zu allgemeinen Convulsionen 
erstrecken. 

b) Abnorm schwer eintretende Ejaculation. Sie ist bedingt durch 
Unerregbarkeit des Centrums (mangelnde Libido, Lhmung des Centrums, 
organisch durch Gehirn- und Rckenmarkskrankheiten, functionell durch 
sexuellen Missbrauch, Marasmus, Diabetes, Morphinismus), hier dann meist mit 
Ansthesie der Genitalien und Lhmung des Erectionscentrums verbunden. 
Oder sie ist die Folge einer Lsion des Reflexbogens oder peripherer An- 
aesthesia (urethrae) oder der Aspermie. Die Ejaculation tritt gar nicht oder 
versptet ein im Verlauf des sexuellen Aktes oder erst spter in Form einer 
Pollution. * 



III. Cerebral bedingte Neurosen. 

1) Paradoxie, d. h. sexuale Erregungen ausserhalb der Zeit 
anatomisch-physiologischer Vorgnge im Bereich der Generations- 
organe. 

2) Ansthesie (fehlender Geschlechtstrieb). Hier lassen alle 
organischen Impulse von den Generationsorganen aus, gleichwie alle 
Vorstellungen, alle optischen, acustischen und olfaktorischen Sinnes- 
eindrcke das Individuum sexuell unerregt. Physiologisch ist die 
Erscheinung im Kindes- und im hheren Greisenalter. 

3) Hypersthesie (vermehrter Trieb bis zur Satyriasis). 
Hier besteht abnorm starke Anspruchsfhigkeit der Vita sexualis 
auf organische, psychische und sensorielle Reize (abnorm starke 
Libido, Lsternheit, Geilheit). Der Reiz kann central (Nympho- 
manie, Satyriasis) oder peripher, functionell oder organisch sein. 

4) Parsthesie (Perversion des Geschlechtstriebs, d. h. Er- 
regbarkeit des Sexuallebens durch inadquate Reize). 

Diese cerebralen Anomalien fallen in das Gebiet der Psycho- 
pathologie. Die spinalen und peripheren knnen mit den ersteren 
combinirt vorkommen. In der Regel finden sie sich jedoch bei 
geistig Gesunden. Sie knnen in verschiedenen Combinationen vor- 
kommen und den Anlass zu sexuellen Delicten geben. Aus diesem 
Grund verlangen sie Bercksichtigung in der folgenden Darstellung. 
Das Hauptinteresse nehmen jedoch die cerebral bedingten Anomalien 
in Anspruch, da sie beraus hufig zu perversen und selbst crimi- 
nellen Handlungen fhren. 



38 Paradoxia sexualis. Sexualtrieb bei Kindern. 



A. Paradoxie. Sexualtrieb ausserhalb der Zeit auatomisch- 
physiologiscker Vorgnge. 

1) Im Kindesalter auftretender Geschlechtstrieb. 

Jeder Nerven- und jeder Kinderarzt kennt die Thatsache, dass 
schon bei kleinen Kindern Regungen des Geschlechtslebens auftreten 
knnen. Bemerkenswert!! in dieser Hinsicht sind Ultzmann's 
Mittheilungen ber Masturbation im Kindesalter 1 ). Man muss hier 
unterscheiden zwischen den zahlreichen Fllen, wo durch Phimosis, 
Balanitis, Oxyuris in Anus oder Vagina Kinder Jucken in den 
Genitalien bekommen, an diesen herummanipuliren, davon eine Art 
Wollustreiz empfinden und so zur Masturbation gelangen, und zwi- 
schen jenen Fllen, wo ohne peripheren Anlass, auf Grund cerebraler 
Vorgnge, beim Kind sexuale Ahnungen und Drnge auftreten. 
Nur in letzteren Fllen kann von einem vorzeitigen Hervortreten 
des Geschlechtstriebs die Rede sein. Immer drfte es sich hier 
um eine Theilerscheinung eines neuro-psychopathischen Belastungs- 
zustandes handeln. 

Eine Beobachtung von Marc (Die Geisteskrankheiten etc. von Ideler I, 
p. 66) illustrirt treffend diese Zustnde. Gegenstand derselben war ein acht- 
jhriges Mdchen aus ehrenwerther Familie, das, aller kindlichen und mora- 
lischen Gefhle baar, seit dem 4. Jahr masturbirte, praeterea cum pueris decem 
usque ad duodecim annos natis stupra fecit. Es schwelgte in dem Gedanken, 
seine Eltern umzubringen, um sie bald zu beerben und dann mit Mnnern 
sich zu vergngen. 

Auch in diesen Fllen von vorzeitig sich regender Libido verfallen die 
Kinder der Masturbation, und da sie schwer belastet sind, versinken sie 
hufig in Bldsinn und fallen schweren degenerativen Neurosen oder Psychosen 
anheim. 

Lombroso (Archiv, di Psichiatria IV, p. 22) hat eine Anzahl hierher- 
gehriger, schwer erblich belastete Kinder betreffender Flle gesammelt, so den 
eines Mdchens , das mit 3 Jahren schamlos und hemmungslos masturbirte. 
Ein anderes Mdchen begann mit 8 Jahren, setzte die Onanie auch in der 
Ehe und namentlich in der Schwangerschaft fort. Sie gebar 12mal. 5 Kinder 



l ) AuchLouyer- Villermay berichtet Onanie von einem 3 4 Jahre alten 
Mdchen, ebenso Moreau (Aberrations du sens genesique, 2. edit. p. 209) von 
einem 2jhrigen. Siehe ferner Mau dsley, Physiologie und Pathologie der 
Seele, bersetzt von Bhm, p. 218; Hirschsprung (Kopenhagen), Berlin. 
Hin. Wochenschr. 1886, Nr. 38. Lombroso, Der Verbrecher, bersetzt von 
Frnkel, p. 119 u. ff. (besonders Fall 10. 19. 21). 



Wiedererwachen des Sexualtriebs im Greisenalter. 39 

starben frh, 4 waren Hydrocephali , 2 davon (Knaben) ergaben sich mit 7, 
bezw. 4 Jahren der Masturbation. 

Zambaco (l'Encephale 1882, Nr. 1. 2) gibt die entsetzliche Geschichte 
zweier Schwestern mit prmaturem und perversem Sexualtrieb. Die ltere R. 
masturbirte schon mit 7 Jahren, stupra cum pueris faciebat, stahl, wo sie nur 
konnte, sororem quatuor annorum ad masturbationem illexit, trieb mit 10 Jahren 
schon die grssten Scheusslichkeiten, war nicht einmal durch Ferr. candens ad 
clitoridem von ihrem Drang abzubringen, masturbirte sich u. A. mit der Sutane 
des Geistlichen, whrend dieser ihr zusprach sich zu bessern etc. 



2) Im Greisenalter wieder erwachender Geschlechtstrieb 1 ). 

Es gibt seltene Flle, wo bis zum hheren Greisenalter der 
Geschlechtstrieb fortbesteht. Senectus non quidem annis sed viribus 
magis aestimatur" (Zittmann). Oesterlen (Maschka, Handb. III, 
p. 18) berichtet sogar von einem 83jhrigen Mann, der von einem 
wrttembergischen Schwurgericht wegen Unzuchtvergehens zu drei 
Jahren Zuchthaus verurtheilt wurde. Leider erfhrt man nichts 
ber Art des Delicts und psychischen Zustand des Thters. 

Das Bestehen von Aeusserungen des Geschlechtstriebs im 
hheren Alter ist an und fr sich jedenfalls nicht pathologisch. 
Prsumptionen auf pathologische Bedingungen mssen 
sich aber nothwendig ergeben, wenn das Individuum de- 
crepid ist, sein Geschlechtsleben schon lngst erloschen 
war, der Trieb bei dem zudem vielleicht frher sexuell 
nicht sehr bedrftigen Menschen mit grosser Strke sich 
geltend macht und rcksichtslos, schamlos, selbst pervers 
Befriedigung erstrebt. 

In solchen Fllen wird schon der gesunde Menschenverstand 
pathologische Bedingungen vermuthen. Die medicinische Wissen- 
schaft kennt die Thatsache, dass ein so qualificirter Trieb auf 
krankhaften Vernderungen im Gehirn, die zu Greisenbldsinn fhren, 
beruht. Diese krankhafte Erscheinung des Geschlechtslebens kann 
ein Vorbote der senilen Demenz sein und sich jedenfalls lange vor- 
her einstellen, ehe es zu greifbaren Erscheinungen intellectueller 
Schwche kommt. Immer wird der aufmerksame und erfahrene 
Beobachter in diesem Prodromalstadium schon eine Umwandlung 
des Charakters in pejus und eine Abschwchung des moralischen 



J ) Vgl. Kirn, Zeitschr. f. Psych. Bd. 39. Legrand du Saulle, 
Annal. d'hyg. 1868 oct. 



40 Sexualtrieb im Greisenalter. Sexuelle Delicte. 

Sinnes zugleich mit der auffallenden geschlechtlichen Erscheinung 
nachweisen knnen. 

Die Libido des seniler Demenz Entgegengehenden ussert sich 
zunchst in lasciven Reden und Gesten. Das nchste Angriffsobject 
dieser der Hirnatrophie und psychischen Degeneration verfallenden 
cynischen Greise sind Kinder. Die leichtere Gelegenheit, an solche 
zu gerathen, gewiss aber wesentlich das Gefhl mangelhafter Po- 
tenz drften diese traurige und bedenkliche Thatsache erklren. 
Mangelhafte Potenz und tief gesunkener moralischer Sinn machen 
die weitere Thatsache begreiflich, warum die geschlechtlichen Akte 
dieser Greise perverse sind. Sie sind eben einfach Aequivalente des 
unmglichen physiologischen Aktes. 

Als solche verzeichnen die Annalen der gerichtlichen Medicin 
Exhibition der Genitalien 1 ), wollstiges Betasten der Genitalien von 
Kindern 2 ), Verleitung dieser zur Manustupration des Verfhrers, 
Onanisirung der Opfer 3 ), Flagellation derselben. 

In diesem Stadium kann die Intelligenz noch intact genug 
sein, um die Oeffentlichkeit und die Entdeckung zu meiden, wh- 
rend der moralische Sinn schon zu tief gesunken ist, um die sitt- 
liche Bedeutung des Aktes zu ermessen und dem Trieb zu wider- 
stehen. Mit eintretender Demenz werden diese Akte immer scham- 
loser. Nun schwindet auch das Bedenken wegen mangelhafter 
Potenz und werden auch Erwachsene heimgesucht, aber die defecte 
Potenz nthigt zu Aequivalenten des Coitus. Nicht selten kommt 
es hier auch zur Sodomie, wobei, wie Tarnowski (op. cit. 77) 
bemerkt, beim Geschlechtsakt mit Gnsen, Hhnern u. dgl. , der 
Anblick des sterbenden Thieres und seiner Todeszuckungen im 
Momente des Coitus dem Kranken volle Befriedigung gewhrt. 
Ebenso grauenerregend und nach dem Obigen psychologisch ver- 
stndlich sind die perversen geschlechtlichen Handlungen mit Er- 
wachsenen. 

Einen Beleg, wie hoch gesteigert die Geschlechtslust whrend 
des Ablaufs einer Dementia senilis sein kann, bietet die Beobach- 
tung 49 in des Verf. Lehrbuch der gerichtl. Psychopath., 3. Aufl., 
p. 161, quum senex libidinosus germanam suam filiam aemulatione 



*) Flle s. Lasegue: Les Exhibitionistes. Union medicale 1871 1. Mai. 

2 ) Legrand du Saulle, La folie devant les tribunaux p. 530. 

3 ) Kirn, Mascbka's Handb. d. ger. Med. p. 373. 374. Derselbe, 
Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie Bd. 39, p. 220. 



Sexualtrieb im Greisenalter. 41 

motus necaret et adspectu pectoris sciosi puellae ruoribundae de- 
lectaretur. 

Im Verlauf des Leidens kann es anlsslich manischer Episoden 
oder auch ohne solche zu erotischem Delir und Zustnden wahrer 
Satyriasis kommen, wie der folgende Fall erweist. 

Beobachtung 1. J. Rene, von jeher sinnlichen und sexuellen Genssen 
ergeben, aber das Decorum wahrend, hatte seit seinem 76. Jahr eine fort- 
schreitende Abnahme der Intelligenz und zunehmende Perversion des morali- 
schen Sinnes gezeigt. Frher geizig, usserst sittsam, consumpsit bona sua 
cum meretricibus , lupanaria frequentabat , ab omni femina in via occurente, 
ut uxor fiat sua voluit, aut ut coitum concederet, und verletzte so sehr den 
ffentlichen Anstand, dass man ihn in eine Irrenanstalt bringen musste. Dort 
steigerte sich die geschlechtliche Erregung zu einem Zustand wahrer Satyriasis, 
die bis zum Tode andauerte. Semper masturbavit vel aliis praesentibus, de- 
lirium ejus plenum erat obscoenis imaginibus, viros qui circa eum erant, 
mulieres eos esse ratus, sordidis postulationibus vexavit (Legrand du Saulle, 
La folie p. 533). 

Auch bei der Dem. senilis verfallenen Matronen, frher ehrbaren Frauen, 
knnen solche Zustnde von hchster sexueller Erregung (Nymphomanie, Furor 
uterinus) vorkommen. 

Dass auf dem Boden der Dem. senilis der krankhaft erregte 
und perverse Trieb sich auch Personen des eigenen Geschlechts (s. u.) 
ausschliesslich zuwenden kann, geht aus der Lektre Schopen- 
hauer^ 1 ) hervor. Die Art der Befriedigung ist hier passive 
Pderastie oder, wie ich aus folgendem Fall erfuhr, mutuelle Ma- 
sturbation. 

Beobachtung 2. Herr X., 80 Jahre alt, von hohem Stand, aus be- 
lasteter Familie, von jeher sexuell sehr bedrftig und Cyniker, von abnormem 
und jhzornigem Charakter, zog nach eigenem Gestndniss schon als junger 
Mensch Masturbation dem Coitus vor, bot aber nie Erscheinungen von contrrer 
Sexualitt, hatte Maitressen, zeugte mit einer derselben ein Kind, heirathete 
48 Jahre alt aus Neigung, zeugte noch 6 Kinder, gab seiner Gemahlin Zeit 
seiner Ehe nie zu Klagen Anlass. Die Verhltnisse seiner Familie konnte ich 
nur unvollkommen erfahren. Sichergestellt ist, dass sein Bruder im Verdacht 
mannmnnlicher Liebe stand und dass ein Neffe in Folge excessiver Masturbation 
irrsinnig wurde. 

Seit Jahren hat sich der von Hause eigenartige, jhzornige Charakter 
des Patienten immer extremer gestaltet. Er ist usserst misstrauisch geworden 
und eine geringfgige Contrariirung seiner Wnsche bringt ihn in masslosen 
Affect bis zu Wuthanfllen , in welchen er sogar die Hand gegen seine Ge- 
mahlin erhebt. 



J ) Die Welt als Wille und Vorstellung. 1859 Bd. II, p. 461 u. ff. 



42 Anaesthesia sexualis. 

Seit einem Jahr bestehen deutliche Zeichen einer Dem. senilis incipiens. 
Patient ist vergesslieh geworden, er localisirt falsch in der Vergangenheit und 
ist zeitlich nicht recht orientirt. Seit 14 Monaten bemerkt man an dem alten 
Herrn eine wahre Verliebtheit gegenber einzelnen mnnlichen Dienstboten, 
namentlich einem Grtnerburschen. Sonst schroff und vornehm gegenber 
Untergebenen, berhuft er diesen Favori mit Gunstbezeigungen und Ge- 
schenken und befiehlt seiner Familie und seinen Hausofficianten, ihm mit dem 
grssten Respect zu begegnen. Mit wahrer Brunst erwartet der Alte die 
Stunden des Rendezvous. Er schickt seine Familie fort, um ungestrt mit dem 
Favoriten zu sein, hlt sich Stunden lang mit ihm eingeschlossen und wird, 
wenn die Thren sich wieder ffnen, ganz erschpft auf dem Ruhebett ge- 
troffen. Neben diesem Geliebten hat Patient aber episodisch noch Verkehr 
mit anderen Dienern. Hoc constat amatos eum ad se trahere, ab iis oscula 
concupiscere , genitalia sua tangi jubere itaque masturbationem mutuam fieri. 
Durch dieses Treiben ist eine frmliche Demoralisation geschaffen. Die Familie 
ist machtlos, denn jede Gegenvorstellung ruft Zornanflle bis zur Bedrohung 
der Angehrigen hervor. Patient ist vollkommen einsichtslos fr seine sexuellen 
perversen Handlungen, so dass die Entmndigung und Versetzung in eine 
Irrenanstalt als einziger Ausweg fr die trostlose hochangesehene Familie 
brig bleibt. 

Irgendwelche erotische Erregung gegenber dem anderen Geschlecht 
ist nicht zu beobachten , obwohl Patient noch mit seiner Gemahlin dasselbe 
Schlafgemach bewohnt. Bemerkenswert!! bezglich der perversen Sexualitt 
und des tief gesunkenen moralischen Sinnes dieses Unglcklichen ist die That- 
sache, dass er die Dienerinnen seiner Schwiegertochter ausfragt, ob diese keine 
Liebhaber besitzen. 



B. Anaesthesia sexualis (fehlender Geschlechtstrieb). 

1) Als angeborene Anomalie. 

Als unanfechtbare Beispiele von cerebral bedingtem Fehlen 
des Geschlechtstriebs knnen nur solche Flle gelten, in welchen 
trotz normal entwickelter und functionirender Generationsorgane 
(Spermabereitung, Menstruation) jegliche Regung des Geschlechts- 
lebens berhaupt und von jeher mangelt. Diese functionell ge- 
schlechtslosen Individuen sind sehr selten und wohl immer degenerative 
Existenzen, bei denen anderweitige functionelle Cerebralstrungen, 
psychische Degenerationszustnde, ja selbst anatomische Entartungs- 
zeichen nachweisbar sind. 

Einen klassischen , hierher gehrenden Fall beschreibt L e- 
grand du Saulle (Annales medicopsychol. 1876, Mai). 



Anaesthesia sexualis. 43 

Beobachtung 3. D., 33 Jahre, stammt von einer Mutter, die an Ver- 
folgungswahnsinn litt. Der Vater dieser Frau litt ebenfalls an Verfolgungs- 
wahn und endete durch Selbstmord. Deren Mutter war irrsinnig, die Mutter 
dieser Frau war im Puerperium irrsinnig geworden. Drei Geschwister des 
Patienten waren im Suglingsalter gestorben, ein berlebendes war charaktero- 
logisch abnorm. D. war schon mit 13 Jahren mit Ideen geplagt, irrsinnig zu 
werden. Mit 14 Jahren machte er einen Suicidversuch. Spter Vagabundage. 
Als Soldat wiederholt Insubordination, ganz verrckte Streiche. Er war von 
beschrnkter Intelligenz, bot keine Degenerationszeichen , normale Genitalien, 
hatte mit 17 oder 18 Jahren Samenergsse gehabt, nie onanirt, niemals Ge- 
schlechtsempfindung gehabt, nie den Umgang mit Weibern gesucht. 

Beobachtung 4. P., 36 Jahre alt, Taglhner, wurde Anfang November 
wegen spastischer Spinalparalyse auf meiner Klinik aufgenommen. Er behauptet, 
aus gesunder Familie zu stammen. Seit der Jugend Stotterer. Schdel micro- 
cephal (cf. 53). Patient etwas imbecill. Er war nie gesellig , hatte niemals 
eine sexuelle Regung. Der Anblick eines Weibes hatte nie fr ihn etwas An- 
ziehendes. Niemals regte sich bei ihm ein masturbatorischer Drang. Erectionen 
hufig, aber nur Morgens beim Erwachen mit voller Blase und ohne Spur von 
sexueller Regung. Pollutionen sehr selten, etwa einmal jhrlich im Schlafe, 
meist unter Trumen, dass er mit einem weiblichen Individuum etwas zu thun 
habe. Einen ausgesprochen erotischen Inhalt haben aber diese Trume nicht, 
wie berhaupt nicht seine Trume. Eine eigentliche Wollustempfindung soll 
mit dem Akt der Pollution nicht vorhanden sein. Pat. empfindet diesen Mangel 
sexueller Empfindungen nicht. Er versichert, sein 34 Jahre alter Bruder sei 
sexuell geradeso beschaffen wie er, fr eine 21 Jahre alte Schwester macht er 
dies wahrscheinlich. Ein jngerer Bruder sei sexuell normal beschaffen. Die 
Untersuchung der Genitalien des Pat. ergibt ausser Phimose nichts Abnormes. 

Auch H a m m o n d (Sexuelle Impotenz , deutsch von Salinger, 
Berlin 1889) weiss aus seiner reichen Erfahrung nur ber folgende 
3 Flle angeborener Anaesthesia sexualis zu berichten. 

Beobachtung 5. Herr W., 33 Jahre alt, krftig, gesund, mit normalen 
Genitalien, hat nie Libido empfunden, vergebens durch obscne Lektre und 
Verkehr mit Meretrices seinen mangelnden Sexualtrieb zu wecken versucht. Er 
empfand bei solchen Versuchen nur Ekel bis zu Erbrechen, nervse und phy- 
sische Erschpfung, und selbst, als er die Situation forcirte, nur einmal eine 
flchtige Erection. W. hat nie onanirt, seit dem 17. Jahr alle paar Monate 
eine Pollution gehabt. Wichtige Interessen forderten, dass er heirathe. Er 
hatte keinen Horror feminae , sehnte sich nach Heim und Weib , fhlte sich 
aber unfhig, den sexuellen Akt zu vollziehen und starb unbeweibt im ameri- 
kanischen Brgerkrieg. 

Beobachtung 6. X., 27 Jahre, mit normalen Genitalien, hat nie 
Libido empfunden. Erection gelang leicht durch mechanische oder thermische 
Reize, aber statt Libido sexualis entstand dann regelmssig Drang zu Alkohol- 
excessen. Umgekehrt riefen solche auch spontane Erectionen hervor, wobei 



44 Anaesthesia sexuahs. 

er dann gelegentlich masturbirte. Er empfand Abneigung gegen Frauen und 
Ekel vor Coitus. 

Versuchte er gleichwohl solchen whrend einer Erection, so schwand 
diese sofort. Tod im Coma in einem Anfall von Hirnhypermie. 

Beobachtung 7. Frau 0., normal gebaut, gesund, regelmssig men- 
struirt, 35 Jahre alt, seit 15 Jahren verheirathet, hat niemals Libido gefhlt, 
niemals im sexuellen Verkehr mit dem Gemahl einen erotischen Reiz empfun- 
den. Sie hatte keine Aversion gegen den Coitus, schien ihn zuweilen sogar 
angenehm zu empfinden, hatte aber nie einen Wunsch nach Wiederholung der 
Cohabitation. 

Im Anschluss an derartige reine Flle von Ansthesie x ) mge 
solcher gedacht werden, in welchen die psychische Seite der Vita 
sexualis zwar ebenfalls ein leeres Blatt in der Lebensgeschichte des 
Individuums darstellt, wo aber zeitweise elementare sexuelle Empfin- 
dungen sich wenigstens durch Masturbation (vgl. den Uebergangs- 
fall, Beob. 6) kundgeben. Nach der geistreichen, aber nicht streng 
richtigen und zu dogmatischen Eintheilung Magnan's wre die 
sexuelle Existenz hier auf das spinale Gebiet beschrnkt. Mg- 
licherweise besteht in einzelnen solcher Flle immerhin virtuell eine 
psychische Seite der Vita sexualis, aber sie ist hchst schwach ver- 
anlagt und geht durch Masturbation, bevor sie Anstze zu einer 
Entwicklung nehmen konnte, unter. 

Damit wrden sich Uebergangsflle von der angeborenen zur 
erworbenen (psychischen) Anaesthesia sexualis ergeben. Diese Ge- 
fahr droht nicht wenigen belasteten Masturbanten. Psychologisch 
interessant ist, dass dann auch ein ethischer Defect sich zeigt, wenn 
die sexuelle Wurzel frh verdorrt. 



*) Ein Fall von Anaesthesia sexualis drfte auch der grosse englische Saty- 
riker Swift gewesen sein. Adolf Stern, Aus dem 18. Jahrhundert; biograph. 
Bilder und Skizzen" , Leipzig 1874, sagt in seiner Swiftbiographie p. 34 fol- 
gendes: Ihm scheint das sinnliche Element der Liebe gnzlich gefehlt zu 
haben; der unbefangene Cynismus, der in manchen Stellen seiner Briefe zu 
Tage tritt, kann beinahe als ein Beweis dafr gelten. Und wer gewisse Seiten 
in den spteren Reisen Gulliver's recht versteht und besonders den Bericht, 
den Swift von Ehe und Nachkommenschaft der Hauyhnhmms, der edlen Pferde 
des letzten Capitels, gibt, kann kaum zweifeln, dass der grosse Satyriker eine 
Art Ekels vor der Ehe und jedenfalls den Drang nicht empfand, der die Ge- 
schlechter zu einander fhrt." Thatschlich lassen sich die rthselhaftesten 
Seiten von Swift's Charakter sowie einzelne seiner Werke, wie Tagebuch an 
Stella" und Gulliver's Reisen", nur voll und ganz verstehen, wenn man Swift 
als sexuell ansthetisch annimmt. 



Anaesthesia sexualis. 45 

Als beachtenswerthe Flle mgen die beiden folgenden, von 
mir im Archiv fr Psychiatrie VII. frher verffentlichten hier Er- 
whnung finden. 

Beobachtung 8. F. J. , 19 Jahr, Stud. , stammt von einer nervsen 
Mutter, deren Schwester epileptisch war. Mit 4 Jahren acute 14tgige Hirn- 
affection. Als Kind gemthlos, kalt gegen die Eltern, als Schler sonderbar, 
verschlossen, sich absondernd, grbelnd und lesend. Gute Begabung. Vom 
15. Jahre an Onanie. Seit der Pubertt excentrisches Wesen , bestndiges 
Schwanken zwischen religiser Schwrmerei und Materialismus, Studium der 
Theologie und Naturwissenschaften. Auf der Universitt hielten ihn die Com- 
militonen fr einen Narren. Las ausschliesslich Jean Paul, verbummelte seine 
Zeit. Gnzlicher Mangel geschlechtlicher Empfindungen gegenber dem anderen 
Geschlecht. Liess sich einmal zum Beischlaf herbei, empfand aber kein ge- 
schlechtliches Gefhl dabei, fand den Coitus eine Albernheit und liess die 
Wiederholung bleiben. Ohne alle emotionelle Grundlage stieg ihm oft der 
Gedanke an Selbstmord auf; er machte ihn zum Gegenstand einer philo- 
sophischen Abhandlung, in der er ihn, gleich der Masturbation, fr eine recht 
zweckmssige Handlung erkannte. Nach wiederholten Versuchen, die er an 
sich mit den verschiedenen Giften anstellte, probirte er es mit 57 Gran Opium, 
wurde aber gerettet und ins Irrenhaus gebracht. 

Pat. ist aller sittlichen und socialen Gefhle baar. Seine Schriften ver- 
rathen eine unglaubliche Frivolitt und Banalitt. Er besitzt ausgebreitete 
Kenntnisse, aber seine Logik ist eine eigenthmlich verschrobene. Von affec- 
tiven Erscheinungen keine Spur. Mit einer Blasirtheit und Ironie ohne Gleichen 
behandelt er Alles, selbst das Erhabenste. Mit philosophischen Scheingrnden 
und Trugschlssen plaidirt er fr die Berechtigung des Selbstmords, den zu 
vollbringen er jeweils vorhat, wie ein Anderer das gleichgltigste Geschft. 
Er bedauert, dass man ihm sein Federmesser genommen hat. Er htte sich 
sonst wie Seneca im Bade die Adern ffnen knnen. Ein Freund hatte ihm 
krzlich statt eines Giftes , wie er wnschte , ein Abfhrmittel gegeben. Es 
sei fr ihn statt eines Abfhrmittels in die andere Welt eines in den Abort 
gewesen. Seine alte lebensgefhrliche nrrische Idee* knne nur der grosse 
Operateur mit der Sense herausschneiden etc. 

Pat. hat einen grossen, rhombisch verschobenen Schdel, die linke Stirn- 
hlfte ist flacher als die rechte. Hinterhaupt sehr steil. Ohren weit hinten, 
stark abstehend, die ussere Ohrffnung bildet eine schmale Spalte. Genitalien 
sehr schlaff, Hoden ungewhnlich weich und klein. 

Ab und zu klagt Pat. ber Grbelsucht ". Er msse zwangsweise den 
unntzesten Problemen nachgehen, unterliege einem stundenlangen hchst 
peinlichen und ermattenden Denkzwang und sei dann so abgehetzt, dass er 
zu keinem vernnftigen Gedanken mehr fhig sei. 

Pat. wurde nach Jahresfrist ungebessert nach Hause entlassen, vertrieb 
sich dort nach wie vor die Zeit mit Lesen, Bummelei, trug sich mit dem Ge- 
danken, ein neues Christenthum zu schaffen, weil Christus an Grssenwahnsinn 
gelitten und die Welt mit Wundern getuscht habe. (!) Nach einjhrigem 
Aufenthalt zu Hause fhrte ihn ein pltzlich aufgetretener psychischer Auf- 



4(5 Anaesthesia sexualis. 

regungszustand wieder der Anstalt zu. Er bot ein buntes Gemisch von Pri- 
mordialdelirium der Verfolgung (Teufel, Antichrist, whnt sich verfolgt, Ver- 
giftungswahn, verfolgende Stimmen) und der Grsse (Christuswahn, Welt- 
erlsung), dabei ganz impulsives verwirrtes Handeln. Nach 5 Monaten ging 
diese intercurrente Geisteskrankheit zurck und Pat. befand sich wieder auf dem 
Boden seiner originren intellectuellen Verschrobenheit und moralischen Defecte. 

Beobachtung 9. E. , 30 Jahre, vacirender Malergeselle , wurde be- 
treten, als er einem Knaben, den er in den Wald gelockt hatte, das Scrotum 
abschneiden wollte. Er motivirte dieses Vorhaben damit, dass er hineinschneiden 
wollte, auf dass die Erde sich nicht vermehre; er habe in seiner Jugend oft 
zu gleichem Zweck in seine Geschlechtstheile hineingeschnitten. 

E.'s Stammbaum ist nicht zu eruiren. Von Kindheit an war E. geistig 
abnorm, hinbrtend, nie lustig, sehr reizbar, jhzornig, grbelnd, schwachsinnig. 
Er hasste die Weiber, liebte die Einsamkeit, las viel. Er lachte zuweilen vor 
sich hin, machte dummes Zeug. In den letzten Jahren hatte sich sein Hass 
gegen Frauenzimmer gesteigert, namentlich gegen Schwangere, durch die nur 
Elend in die Welt komme. Er hasste auch die Kinder, verfluchte seinen Er- 
zeuger, hegte communistische Ideen, schimpfte ber die Reichen und die Geist- 
lichen, ber den Herrgott, der ihn so arm auf die Welt habe kommen lassen. 
Er erklrte, es sei besser, die noch vorhandenen Kinder zu castriren, als neue 
auf die Welt zu setzen, die doch nur zur Armuth und zu Elend verurtheilt 
wren. Er habe es immer so gehalten, schon im 15. Jahr sich selbst zu 
castriren versucht, um nicht zum Unglck und zur Vermehrung der Menschen 
beizutragen. Das weibliche Geschlecht verachte er, weil es zur Vermehrung 
der Menschen beitrage. Nur zweimal habe er in seinem Leben sich von 
Weibern manustupriren lassen, sonst nie mit ihnen zu thun gehabt. Geschlecht- 
liche Regungen habe er wohl dann und wann, aber nie zu naturgemsser 
Befriedigung derselben. Wenn die Natur nicht selbst helfe, so helfe er 
gelegentlich durch Onanie nach. 

E. ist ein starker, musculser Mann. Die Bildung der Genitalien lsst^ 
nichts Abnormes erkennen. An Scrotum und Penis finden sich zahlreiche 
Schnittnarben als Spuren frherer Selbstentmannungsversuche, an deren Aus- 
fhrung er durch den Schmerz gehindert gewesen sein will. Am rechten Knie- 
gelenk Zustand des Genu valgum. Von Onanie wurde nichts an ihm bemerkt. 
Er ist von finsterem, trotzigem, reizbarem Wesen. Sociale Gefhle sind ihm 
vollstndig fremd. Ausser sehr mangelhaftem Schlaf und hufigem Kopf- 
schmerz bestehen keine Functionsstrungen. 

Von derartigen cerebral bedingten Fllen mssen diejenigen 
getrennt werden, wo ein Mangel oder eine Verkmmerung der 
Generationsorgane den Functionsausfall bedingt, so bei gewissen 
Hermaphroditen, Idioten, Cretinen. 

Dass Anaesthesia sexualis nicht durch blosse Aspermie bedingt 
ist, lehren Ultzmann's 1 ) Erfahrungen, wonach selbst bei Ange- 

*) Ueber mnnliche Sterilitt. Wiener med. Presse 1878, Nr. 1. Ueber 
Potentia generandi et coeundi. Wiener Klinik 1885, Heft 1, S. 5. 



Erworbene Anaesthesia sexualis. 47 

borenheit dieser Aspermie die Vita sexualis und die Potenz ganz 
befriedigend sein kann, ein weiterer Beleg dafr, dass mangelnde 
Libido ab origine in cerebralen Bedingungen zu suchen ist. 

Eine mildere Form der Ansthesie stellen die naturae frigidae" 
des Zacchias dar. 

Man trifft sie hufiger beim weiblichen als beim mnnlichen 
Geschlecht. Geringe Neigung zum sexuellen Umgang bis zur aus- 
gesprochenen Abneigung, natrlich ohne sexuelles Aequivalent, 
Mangel jeglicher psychischen, wollstigen Erregung beim Coitus, 
der einfach pflichtgemss gewhrt wird, ist die Signatur dieser 
Anomalie, ber die ich hufig Klagen von Ehemnnern zu hren 
bekam. In solchen Fllen handelte es sich immer um neuropathische 
Frauen ab origine. Einzelne waren zugleich hysterisch. 

2) Erworbene Ansthesie. 

Die erworbene Verminderung bis zum Erlschen des Sexual- 
triebs kann auf sehr verschiedenen Ursachen beruhen. 

Diese knnen organische und functionelle , psychische und 
somatische, centrale und periphere sein. 

Physiologisch ist die Abnahme der Libido mit fortschreiten- 
dem Alter und das temporre Schwinden derselben nach dem Ge- 
schlechtsakt. Die Verschiedenheiten bezglich der zeitlichen Dauer 
des Sexualtriebs sind individuell grosse. Erziehung und Lebens- 
weise haben auf die Intensitt der Vita sexualis grossen Einfluss. 
Geistig angestrengte Thtigkeit (ernstes Studium), krperliche An- 
strengung, gemthliche Verstimmung, sexuelle Enthaltsamkeit sind 
der Erregung des Sexualtriebs entschieden abtrglich. 

Die Abstinenz wirkt anfangs steigernd. Bald frher, bald 
spter, je nach constitutionellen Verhltnissen, lsst die Thtigkeit 
der Generationsorgane nach und damit die Libido. 

Jedenfalls besteht bei dem geschlechtsreifen Individuum zwi- 
schen der Thtigkeit seiner Generationsdrsen und dem Grad seiner 
Libido ein enger Zusammenhang. Dass jene aber nicht entscheidend 
ist, lehrt die Erfahrung bezglich sinnlicher Frauen, die noch post 
climacterium den sexuellen Umgang fortsetzen und (cerebral be- 
dingte) sexuelle Erregungszustnde bieten knnen. 

Auch an den Eunuchen lsst sich erkennen, dass die Libido 
die Spermabereitung lange berdauern kann. 

Andererseits lehrt aber die Erfahrung, dass die Libido doch 



48 Hyperaesthesia sexualis. 

wesentlich mitbedingt wird von der Function der Generationsdrsen 
und dass die erwhnten Thatsachen Ausnahmeerscheinungen sind. 
Als periphere Ursachen fr verminderte bis fehlende Libido sind 
anzufhren: Castration, Entartung der Geschlechtsdrsen, Marasmus, 
sexuelle Excesse in Form von Coitus und Masturbation, Alcoho- 
lismus. In gleicher Weise drfte das Schwinden der Libido bei 
allgemeinen Ernhrungsstrungen (Diabetes, Morphinismus u. s. w.) 
zu deuten sein. 

Endlich wre der Hodenatrophie zu gedenken , die zuweilen 
in Folge von Herderkrankungen des Gehirns (Kleinhirn) beobachtet 
wurde. 

Eine Herabsetzung der Vita sexualis durch Degeneration der 
Leitungsbahnen und des Centr. genitospinale findet sich bei Rcken- 
marks- und Hirnkrankheiten. Eine centrale Schdigung des Ge- 
schlechtstriebs kann organisch durch Hirnrindenerkrankung (Dem. 
paralytica in vorgercktem Stadium) , functionell durch Hysterie 
(centrale Ansthesie?), durch Gemthskrankheit (Melancholie, Hypo- 
chondrie) hervorgerufen sein. 



C. Hypersthesie (krankhaft gesteigerter Geschlechtstrieb). 

Nicht geringe Schwierigkeit hat die Pathologie , selbst im 
Einzelfall, wenn sie angeben soll, ob der Drang nach sexueller 
Befriedigung pathologische Hhe erreicht hat. Emminghaus, 
Psychopathologie, p. 225, bezeichnet als entschieden krankhaft das 
unmittelbare Wiedererwachen der Begierde nach der Befriedigung, 
mit Inbeschlagnahme der ganzen Aufmerksamkeit, nicht minder das 
Erwachen der Libido bei an und fr sich geschlechtlich indiffe- 
rentem Anblick von Personen oder Sachen". Im Allgemeinen stehen 
sexueller Trieb und entsprechendes Bedrfniss in Proportion zur 
krperlichen Kraft und zum Alter. 

Von der Pubertt an erhebt sich der Sexualtrieb rapid zu 
bedeutender Hhe, ist von den 20er bis zu den 40er Jahren am 
mchtigsten, um von da an langsam abzunehmen. Das eheliche 
Leben scheint den Trieb zu conserviren und zu zgeln. 

Sexueller Verkehr bei wechselndem Object der Befriedigung 
steigert den Trieb. 

Da das Weib weniger geschlechtsbedrftig ist als der Mann, 
muss ein Vorherrschen geschlechtlichen Bedrfnisses bei jenem die 



Krankhaft gesteigerter Geschlechtstrieb. 49 

Vermuthung pathologischer Bedeutung erwecken, um so mehr, wenn 
dieses Bedrfniss in Putzsucht, Coquetterie oder gar Mnnersucht 
zu Tage tritt und so ber die von Zucht und Sitte gezogenen 
Schranken hinaus sich bemerklich macht. 

Von grsster Bedeutung ist bei beiden Geschlechtern die Con- 
stitution. Mit einer neuropathischen Constitution ist hufig ein 
krankhaft gesteigertes geschlechtliches Bedrfniss verbunden, und 
derlei Individuen tragen einen grossen Theil ihres Lebens schwer 
unter der Last dieser constitutionellen Anomalie ihres Trieblebens. 
Die Gewalt des Sexualtriebs kann bei ihnen zeitweise geradezu die 
Bedeutung einer organischen Nthigung gewinnen und die Willens- 
freiheit ernstlich gefhrden. Die Nichtbefriedigung des Dranges 
kann hier eine wahre Brunst oder eine mit Angstempfindungen 
einhergehende psychische Situation herbeifhren , in welcher das 
Individuum dem Trieb erliegt und seine Zurechnungsfhigkeit 
zweifelhaft wird. 

Unterliegt das Individuum nicht seinem mchtigen Drang, so 
steht es in Gefahr, durch die erzwungene Abstinenz sein Nerven- 
system im Sinne 'einer Neurasthenie zu ruiniren oder eine bereits 
vorhandene bedenklich zu steigern. 

Auch bei normal organisirten Individuen ist der Sexualtrieb 
keine constante Grsse. Abgesehen von der der Befriedigung 
folgenden temporren Gleichgltigkeit, dem Nachlass des Triebes bei 
dauernder Abstinenz, nachdem ein gewisses Reactionsstadium des 
sexuellen Verlangens glcklich berwunden ist , hat die Art der 
Lebensweise grossen Einfluss. 

Der Grossstdter, welcher bestndig an sexuelle Dinge erinnert 
und zu sexuellem Genuss angeregt wird, ist jedenfalls geschlechts- 
bedrftiger als der Landbewohner. Excedirende, weichliche, sitzende 
Lebensweise, vorwiegend animalische Nahrung, der Genuss von Spiri- 
tuosen, Gewrzen u. dergl. wirken stimulirend auf das Sexualleben. 

Beim Weibe ist dieses postmenstrual gesteigert. Bei neuro- 
pathischen Frauen kann die Erregung zu dieser Zeit pathologische 
Hhe erreichen. 

Bemerkenswerth ist die grosse Libido der Phthisiker. Hof- 
mann a. a. 0. berichtet von einem phthisischen Bauern, der noch 
am Abend vor seinem Tod sein Weib sexuell befriedigte. 

Die sexuellen Akte sind Coitus (eventuell Nothzucht), faute 
de mieux: Masturbation, bei defectem moralischen Sinn Pderastie, 
Bestialitt. Ist bei bermssigem Sexualtrieb die Potenz herab- 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 4 



50 Hyperaesthesia sexualis. 

gesetzt oder gar erloschen , so sind alle mglichen Perversitten 
geschlechtlichen Handelns mglich. 

Die excessive Libido kann peripher und central hervorgerufen 
sein. Die erstere Entstehungsweise ist die seltenere. Pruritus der 
Genitalien, Ekzem knnen sie bedingen, desgleichen gewisse, die 
Geschlechtslust mchtig stimulirende Stoffe, wie z. B. Canthariden. 

Bei Frauen kommt nicht selten im Klimakterium eine durch 
Pruritus vermittelte sexuelle Erregung vor, aber auch sonst bei 
neuropathischer Belastung. Magnan (Annales medico-psychol. 1885, 
p. 157) berichtet von einer Dame, die anfallsweise Morgens von 
einem schrecklichen Erethismus genitalis befallen wurde, desgleichen 
von einem 55jhrigen Manne, der Nachts von unertrglichem Pria- 
pismus gefoltert war. In beiden Fllen bestand eine Neurose. 

Centrale Auslsung von geschlechtlicher Erregung ist ein bei 
Belasteten , Hysterischen und in psychischen Exaltationszustnden 
hufiges Vorkommen *). Hier, wo die Hirnrinde und damit das psycho- 
sexuale Centrum in einem Zustand von Hypersthesie sich befindet 
(abnorme Erregbarkeit der Phantasie, erleichterte Associationen), 
knnen nicht bloss optische und Tastempfindungen , sondern auch 
solche des Gehrs und Geruchs gengen, um lascive Vorstellungen 
hervorzurufen. 

Magnan (op. cit.) berichtet von einem Frulein, das mit der Pubertt 
wachsenden sexuellen Drang hatte und ihn durch Masturbation befriedigte. 
Allmhlig bekam die Dame beim Anblick eines beliebigen Mannes heftige 
sexuelle Erregung, und da sie fr sich nicht gut stehen konnte, schloss sie 
sich jeweils in ein Zimmer ein, bis der Sturm sich gelegt hatte. Schliesslich 
gab sie sich beliebigen Mnnern hin, um vor ihrem qulenden Trieb Ruhe zu 



*) Bei Individuen, bei welchen hochgradige sexuelle Hypersthesie mit 
erworbener reizbarer Schwche des sexuellen Apparates einhergeht, kann es 
sogar dazu kommen, dass auf den blossen Anblick geflliger weiblicher Ge- 
stalten hin , vom psychosexualen Centrum aus , ohne jede peiphere Reizung 
der Genitalien, nicht allein der Erections-, sondern auch der Ejaculations- 
mechanismus in Thtigkeit gesetzt wird. Solche Individuen haben nur nthig, 
mit einem weiblichen Vis-a-vis im Eisenbahn-Coupe , Salon u. s. w. sich in 
ideelle sexuelle Relation zu setzen, um zum Orgasmus und zur Ejaculation zu 
gelangen. 

Hammond, op. cit. p. 40, beschreibt eine Reihe derartiger Flle, 
welche wegen consecutiver Impotenz in seine Behandlung kamen, und erwhnt, 
dass die betreffenden Individuen fr diesen Vorgang den Ausdruck ideeller 
Coitus" gebrauchen. Herr Dr. Moll in Berlin theilte mir einen ganz gleichen 
Fall mit ; auch dort wurde fr den Vorgang die gleiche Bezeichnung gewhlt. 



Krankhaft gesteigerter Geschlechtstrieb. 51 

bekommen, aber weder Coitus noch Onanie brachten Erleichterung, so dass 
sie in ein Irrenhaus ging. 

Ein Pendant ist eine Mutter von fnf Kindern , die , sehr unglcklich 
ber ihren sexuellen Drang, Suicidversuche machte, dann eine Irrenanstalt 
aufsuchte. Dort besserte sich ihr Zustand, aber sie getraute sich nicht mehr, 
das Asyl zu verlassen. 

Mehrere prgnante, Mnner und Frauen betreffende Flle siehe in des 
Verfassers Arbeit Ueber gewisse Anomalien des Geschlechtstriebs", Beob. 6, 7 
(Archiv fr Psychiatrie VII, 2), von denen 3 und 5 hier Aufnahme finden mgen. 

Beobachtung 10. Am 7. Juli 1874 Nachmittags verliess der von Triest 
in Geschftsangelegenheiten nach Wien reisende Ingenieur Clemens in Brck 
den Bahnzug, ging durch die Stadt nach dem nahen Dorf St. Ruprecht und 
machte dort an einem 70 Jahre alten, allein in einem Hause befindlichen Weib 
einen Nothzuchtsversuch. Er wurde von den Ortsbewohnern festgenommen und 
von der Ortspolizei arretirt. Er gab im Verhr an, die Wasenmeisterei auf- 
suchen gewollt zu haben, um dort seinen aufgeregten Geschlechtstrieb an 
einer Hndin zu befriedigen. Er leide oft an solchen Geschlechtsaufregungen. 
Er leugnet nicht seine Handlung, entschuldigt sie mit Krankheit. Die Hitze, 
das Rtteln des Waggons , Sorge um seine Familie , zu der er sich begeben 
wollte, htten ihn verwirrt und krank gemacht. Scham und Reue waren nicht 
an ihm zu bemerken. Sein Benehmen war offen, seine Miene heiter, die Augen 
gerthet, glnzend, der Kopf heiss, die Zunge belegt, Puls voll, weich, ber 
100 Schlge, die Finger etwas zitternd. 

Die Angaben des Delinquenten sind prcise, aber hastig, der Blick un- 
sicher, mit dem unverkennbaren Ausdruck der Lsternheit. Dem herbeigerufenen 
Gerichtsarzt macht er einen pathologischen Eindruck, wie wenn er sich im 
Beginn eines Suferwahnsinns befnde. 

Cl. ist 45 Jahre alt, verheirathet, Vater eines Kindes. Die Gesundheits- 
verhltnisse seiner Eltern und sonstigen Familie sind ihm unbekannt. 

In der Kindheit war er schwchlich, neuropathisch. Mit 5 Jahren erlitt 
er eine Kopfverletzung durch einen Hieb mit einer Haue. Davon datirt eine 
auf dem rechten Scheitel- und Stirnbein sich befindende V 2 " breite, ber 1" 
lange Narbe Der Knochen ist hier etwas eingedrckt. Die berliegende Haut 
mit dem Knochen verwachsen. 

An dieser Stelle erzeugt Druck Schmerz, der in den unteren Ast des 
Trigeminus irradiirt. Auch spontan ist diese Stelle hufig schmerzhaft. In 
der Jugend fter Anflle von Ohnmacht". Vor der Puberttszeit Pneumonie, 
Rheumatismus und Darmkatarrh. 

Schon mit 7 Jahren empfand er eine auffllige Hinneigung zu Mnnern, 
resp. zu einem Oberst. Er empfand einen Stich durchs Herz, wenn er diesen 
Mann sah; ksste den Boden, den dieser betreten hatte. Mit 10 Jahren ver- 
liebte er sich in einen Reichstagsabgeordneten. Auch spter schwrmte er fr 
Mnner, jedoch in durchaus platonischer Weise. Vom 14. Jahre an onanirte 
er. Mit 17 Jahren erster Umgang mit Frauen. Damit verloren sich sofort 
die frheren Erscheinungen contrrer Sexualempfindung. Damals auch ein 
acuter eigenthmlicher psychopathischer Zustand, den Cl. als eine Art Clair- 
voyance schildert. Vom 15. Jahre an Hmorrhoidalleiden mit Erscheinungen 



52 Hyperaesthesia sexualis. 

von Plethora abdominalis. Wenn er, wie dies alle 34 Wochen stattfand, 
profusen Hmorrhoidalblutfluss hatte, befand er sich besser. Sonst war er be- 
stndig in einer peinlichen geschlechtlichen Erregung, der er theils durch 
Onanie, theils durch Coitus Abhlfe schuf. Jedes Weib, dem er begegnete, 
reizte ihn. Selbst wenn er unter weiblichen Verwandten sich befand, trieb es 
ihn, ihnen unzchtige Antrge zu machen. Zuweilen gelang es ihm, seiner 
Triebe Herr zu werden, zu Zeiten wurde er zu unzchtigen Handlungen hin- 
gerissen. Wenn man ihn dann zur Thre hinauswarf, war es ihm ganz recht, 
denn er bedurfte, wie er meint, einer solchen Correctur und Untersttzung 
gegenber seinem bermchtigen Trieb, der ihm selbst lstig war. Eine Perio- 
dicitt war in diesen geschlechtlichen Regungen nicht zu erkennen. 

Bis zum Jahre 1861 excedirte er in Venere und zog sich mehrere Tripper 
und Chancres zu. 

1861 Heirath. Er fhlte sich geschlechtlich befriedigt, fiel aber seiner 
Frau lstig durch seine grossen Bedrfnisse. 

1864 machte er einen Anfall von Manie im Spital zu F. durch, erkrankte 
nochmals im gleichen Jahr und wurde nach der Irrenanstalt X. gebracht, 
wo er bis 1867 blieb. 

Er litt dort an recidivirender Manie mit grosser geschlechtlicher Er- 
regung. Einen Darmkatarrh und Aerger bezeichnet er als Ursache seiner da- 
maligen Erkrankung. 

In der Folge war er wohl, aber er litt sehr unter der Uebermacht seiner 
geschlechtlichen Bedrfnisse. Wenn er nur kurze Zeit von seiner Frau ent- 
fernt war, zeigte sich der Trieb so mchtig, dass ihm Mensch oder Thier 
ganz gleich zur Befriedigung seiner Geschlechtslust war. Namentlich zur 
Sommerszeit war es gar arg mit diesen Antrieben, die immer mit einem starken 
Blutandrang zum Unterleib einhergingen. Er meint auf Grund von medicin. 
Reminiscenzen aus medic. Lektre, bei ihm berwiege eben das Gangliensystem 
ber das cerebrale. 

Im Oetober 1873 musste er sich seines Berufs wegen von s seinem Frau 
trennen. Bis Ostern , ausser zeitweiser Onanie , keine geschlechtlichen Hand- 
lungen. Von da an brauchte er Weiber und Hndinnen. Von Mitte Juni bis 
7. Juli hatte er keine Gelegenheit zu geschlechtlicher Befriedigung. Er fhlte 
sich nerv3 aufgeregt, abgespannt, wie wenn er irre wrde. Schlief die letzten 
Nchte schlecht. Die Sehnsucht nach seiner Frau, die in Wien lebte, trieb 
ihn von seinem Dienst fort. Er nahm Urlaub. Die Hitze unterwegs, der 
Lrm der Eisenbahn machten ihn ganz confus, er konnte es vor geschlecht- 
licher Aufregung und Blutwallung im Unterleib nicht mehr aushalten, Alles 
tanzte ihm vor den Augen. Da verliess er in Brck das Coupe; er sei ganz 
verwirrt gewesen, habe nicht gewusst, wohin er gehe, es sei ihm momentan 
der Gedanke gekommen, sich ins Wasser zu strzen, es sei ihm wie ein Nebel 
vor den Augen gewesen. Mulierem tunc adspexit, penem nudavit feminamque 
amplecti conatus est. Diese schrie jedoch um Hlfe und so wurde er ar. 
retirt. 

Nach dem Attentat wurde es ihm pltzlich klar, was er gethan. Er 
bekannte offen seine That, der er sich in allen Details erinnert, die ihm aber 
als etwas Krankhaftes erscheint. Er habe nichts dafr gekonnt. 

Ci. litt noch einige Tage an Kopfweh, Congestionen , war ab und zu 



Krankhaft gesteigerter Geschlechtstrieb. 53 

aufgeregt, unruhig, schlief schlecht. Seine geistigen Functionen sind ungestrt, 
jedoch ist er ein originr eigenthmlicher Mensch, von schlaffem, energielosem 
Wesen. Der Gesichtsausdruck hat etwas faunartig Lsternes und Verschrobenes. 
Er leidet an Hmorrhoiden. Die Genitalien bieten nichts Abnormes. Der 
Schdel ist im Stimtheil schmal und etwas fliehend. Krper gross, gut ge- 
nhrt. Ausser einer Diarrhe ist an ihm keine Strung der vegetativen Func- 
tionen bemerkbar. 

Beobachtung 11. Frau E., 47 Jahre. Onkel vterlicherseits war irr- 
sinnig, Vater ein exaltirter und in Venere excessiver Mann. Bruder der Pat. 
an einer acuten Hirnaffection gestorben. Pat., von Kindheit auf nervs, ex- 
centrisch, schwrmerisch, zeigte, kaum den Kinderschuhen entronnen, einen ex- 
cessiven Geschlechtstrieb und ergab sich schon mit dem 10. Jahre dem Ge- 
schlechtsgenuss. Mit 19 Jahren Heirath. Leidliche Ehe; der sonst leistungsfhige 
Gemahl gengte ihr nicht, sie hatte bis auf die letzten Jahre bestndig ausser 
dem Manne noch mehrere Freunde. Sie war sich der Verwerflichkeit dieser 
Lebensweise wohl bewusst, fhlte aber die Ohnmacht ihres Willens gegenber 
dem unersttlichen Trieb, den sie usserlich wenigstens geheim zu halten 
suchte. Sie meinte spter, sie habe eben an Mnnermanie" gelitten. 

Pat. hat 6mal geboren. Vor 6 Jahren Sturz aus dem Wagen mit be- 
deutender Hirnerscbtterung. In der Folge Melancholie mit Persecutions- 
delirium, welche Krankheit sie der Irrenanstalt zufhrte. Pat. nhert sich dem 
Klimakterium, Menses in letzter Zeit profus und zu hufig. Seitdem ihr selbst 
angenehmes Zurcktreten des frher bermchtigen Triebes. Decentes Ver- 
halten. Geringer Grad von Descensus uteri und Prolapsus ani. 

Die Hyperaesthesia sexualis kann continuirlich mit Exacer- 
bationen vorhanden sein oder intermittirend, selbst periodisch. Im 
letzteren Fall ist sie eine cerebrale Neurose fr sich (siehe specielle 
Pathologie) oder Theilerscheinung eines allgemeinen psychischen 
Erregungszustandes (Manie, episodisch bei Dementia paralytica, 
senilis u. s. w.). 

Einen bemerkenswerthen Fall von intermittirender Satyriasis 
hat Lentz (Bulletin de la societe de med. legale de Belgique Nr. 21) 
verffentlicKt. 

Beobachtung 12. Seit 3 Jahren hatte der allgemein geachtete, ver- 
heirathete Landwirth D., 35 Jahre alt, immer hufigere und heftigere Zustnde 
von geschlechtlicher Aufregung geboten, die seit einem Jahre sich zu wahren 
Paroxysmen von Satyriasis gesteigert hatten. Eine erbliche oder sonstige 
organische Ursache war nicht aufzufinden. 

D. tempore, quum libidinibus valde afficeretur, decim vel quindecim 
cohabitationes per 24 horas exegit, neque tarnen cupiditates suas satiavit. 

Allmhlig entwickelte sich bei ihm ein Zustand allgemeiner nervser 
Ueberreiztheit (erethisme general) mit grosser Gemthsreizbarkeit bis zu patho- 
logischen Zornaffecten und Drang zu Alcoholausschweifung, die Symptome von 



54 Hyperaesthesia sexualis. 

Alcoholismus herbeifhrte. Seine Anflle von Satyriasis erreichten solche 
Heftigkeit, dass das Bewusstsein sich verdunkelte und der Kranke in blindem 
Drang zu geschlechtlichen Akten sich hinreissen Hess. Qua de causa factum 
est ut uxorem suam alienis viris immovero animalibus ad coeundum tradi, 
cum ipso filiabus praesentibus concubitum exsequi jusserit, propterea quod 
haec facta majorem ipsi voluptatem afferent. Die Erinnerung fr die Ereig- 
nisse auf der Hhe dieser Anflle, in welchen die extreme Gereiztheit selbst 
zu Wuthzornanfllen fhrte, fehlte gnzlich. D. meinte selbst, er habe 
Momente gehabt, in welchen er seiner Sinne nicht mehr mchtig war und, 
ohne Befriedigung durch die Frau, an dem nchstbesten weiblichen Individuum 
sich htte vergreifen mssen. Nach einer heftigen Gemthsbewegung verloren 
sich mit einem Male diese geschlechtlichen Aufregungszustnde. 

Wie mchtig, bedenklich und peinlich die sexuelle Hypersthesie 
fr mit dieser Anomalie Behaftete werden kann, lehren folgende 
zwei Beobachtungen. 

Beobachtung 13. Hyperaesth. sexualis. Delir. acutum ex abstinentia. 

Am 29. Mai 1882 wurde F., 23 Jahre, ledig, Schuhmacher, auf der Klinik 
aufgenommen. Er stammt von jhzornigem Vater, neuropathischer Mutter, 
deren Bruder irrsinnig war. 

Pat. war frher nie erheblich krank, kein Trinker, aber von jeher sexuell 
sehr bedrftig gewesen. Vor 5 Tagen war er acut psychisch erkrankt. Er 
machte am hellen Tage und vor Zeugen 2 Nothzuchtsversuche, delirirte, ver- 
haftet, nur von obscnen Dingen, masturbirte masslos, gerieth vom 3. Tage ab 
in zornige Tobsucht und bot bei der Aufnahme das Bild eines schweren Deli- 
rium acutum mit heftigen motorischen Reizerscheinungen und Fieber. Unter 
Ergotinbehandlung wurde Genesung erzielt. 

Am 5. Januar 1888 zweite Aufnahme in zorniger Tobsucht. Am 4. war 
er moros, reizbar, weinerlich, schlaflos geworden, dann hatte er nach frucht- 
losen Attaquen auf Frauenzimmer wachsende zornige Erregung geboten. 

Am 6. Steigerung des Zustands zu schwerem Delir. acutum (schwere 
Bewusstseinsstrung , Jactation, Zhneknirschen, Grimassiren u. a. motorische 
Reizerscheinungen, Temp. bis 40,7). Ganz triebartiges Masturbiren. Genesung 
unter energischer Ergotinbehandlung bis 11. Januar. 

Pat. gibt genesen interessante Aufschlsse ber die Ursache seiner Er- 
krankung. 

Von jeher sexuell sehr bedrftig. Erster Coitus mit 16 Jahren. Abstinenz 
machte Kopfweh, grosse psychische Reizbarkeit, Mattigkeit, Nachlass der 
Arbeitslust, Schlaflosigkeit. Da er auf dem Lande selten Gelegenheit zur Be- 
friedigung seiner Bedrfnisse hatte, half er sich mit Masturbation. Er musste 
1 2mal tglich masturbiren. 

Seit 2 Monaten kein Coitus. Zunehmende sexuelle Erregung, konnte 
nur an Mittel zur Befriedigung seines Triebes denken. Masturbation gengte 
nicht zur Bannung der immer mehr sich geltend machenden Beschwerden ex 
abstinentia. In den letzten Tagen heftiger Drang nach Coitus, zunehmende 
Schlaflosigkeit und Reizbarkeit. Fr die Hhe der Erkrankung nur summa- 



Krankhaft gesteigerter Geschlechtstrieb. 55 

rische Erinnerung. Pat. genesen im December, hchst anstndiger Mensch. 
Er fasst seinen unbndigen Trieb als entschieden pathologisch auf und frchtet 
sich vor der Zukunft. 

Beobachtung 14. Am 11. Juli 1884 wurde R., 33 Jahre, Bediensteter, 
mit Paranoia persecutoria und Neurasthenia sexualis aufgenommen. Mutter war 
neuropathisch. Vater starb an Rckenmarkskrankheit. Von Kindesbeinen auf 
mchtiger, dabei schon im 6. Jahr bewusst gewordener Sexualtrieb. Seit dieser 
Zeit Masturbation, vom 15. Jahr an faute de mieux Pderastie, gelegentlich 
sodomitische Anwandlungen. Spter Abusus des Coitus, in der Ehe cum uxore. 
Ab und zu selbst perverse Impulse, Cunnilingus auszufhren, der Frau Can- 
thariden beizubringen, da ihre Libido der seinigen nicht entsprach. Nach 
kurzer Ehe starb die Frau. Pat. gerieth in schlechte Verhltnisse, hatte keine 
Mittel zu coitiren. Nun wieder Masturbation, Benutzung von Lingua canis 
zur Erzielung von Ejaculation. Zeitweise Priapismus und der Satyriasis nahe 
Zustnde. Er war dann gezwungen, zu masturbiren, damit ihm nicht Stuprum 
passire. Mit berhandnehmender sexueller Neurasthenie und hypochondrischen 
Anwandlungen wohlthtig empfundene Abnahme der Libido nimia. 

Ein klassisches Beispiel von reiner Hyperaesthesia sexualis bietet 
folgender, fr das Verstnduiss so mancher, theilweise selbst ge- 
schichtlich berhmter Messalinen werthvolle Fall, den ich Trelat's 
Folie lucide entlehne. 

Beobachtung 15. Frau V. leidet seit frhester Jugend an Mnnersucht. 
Aus guter Familie, feingebildet, gutmthig, sittsam bis zum Errthen, war sie 
schon als junges Mdchen der Schreck ihrer Familie. Quandoquidem sola erat 
cum homine sexus alterius, negligens, utrum infans sit an vir, an senex, utrum 
pulcher an teter, statim corpus nudavit et vehementer libidines suas satiari 
rogavit vel vim et manus ei iniecit. Man versuchte sie durch Heirath zu 
curiren. Maritum quam maxime amavit neque tarnen sibi temperare potuit 
quin a quolibet viro, si solum apprehenderat, seu servo, seu mercennario, seu 
discipulo coitum exposceret. 

Nichts konnte sie von dem Drange curiren. Selbst als sie Grossmutter 
war, blieb sie Messaline. Puerum quondam duodecim annos natum in cubi- 
culum allectum stuprare voluit. Der Junge wehrte sich, entwich. Sie bekam 
eine derbe Zchtigung durch dessen Bruder. Alles vergebens. Man that sie 
in ein Kloster. Sie war dort ein Muster von guter Sitte und liess sich nicht 
das Mindeste zu Schulden kommen. Sofort nach der Zurcknahme begannen 
wieder die Skandale. Die Familie verbannte sie , warf ihr eine kleine Rente 
aus. Sie verdiente durch ihrer Hnde Arbeit das Nthige, ut amantes sibi 
emere possef. Wer diese sauber gekleidete Matrone von guten Manieren und 
liebenswrdigem Wesen sah, konnte nicht ahnen, wie rcksichtslos geschlechts- 
bedrftig sie mit 65 Jahren noch war. Am 17. Januar 1854 brachte sie ihre 
Familie, verzweifelt durch neue Skandale, in die Irrenanstalt. 

Sie lebte dort bis zum Mai 1858, wo sie einer Apoplexia cerebri im 
73. Lebensjahr erlag. Ihr Benehmen in der Ueberwachung der Anstalt war 



56 Paraesthesia sexualis. 

musterhaft. Sich selbst berlassen und unter gnstiger Gelegenheit, traten bis 
kurz vor dem Tod die sexuellen Drnge zu Tage. Ausgenommen diese, ergab 
die vierjhrige Beobachtung durch Irrenrzte niemals ein Zeichen von geistiger 
Abnormitt. 



D. Parsthesie der Geschlechtsempfindimg (Perversion des 
Geschlechtstriebs). 

Hier findet eine perverse Betonung sexueller Vorstellungskreise 
mit Gefhlen statt, insofern Vorstellungen, die physio-psychologisch 
sonst mit Unlustgefhlen betont sind, mit Lustgefhlen einher- 
gehen, und zwar knnen diese abnorm stark damit sich associiren, 
bis zur Hhe von Affecten. Das praktische Resultat sind perverse 
Handlungen (Perversion des Geschlechtstriebs). Dies ist um so 
leichter der Fall, wenn bis zur Hhe von Affect gesteigerte Lust- 
gefhle die etwa noch mglichen gegenstzlichen Vorstellungen mit 
entsprechenden Unlustgefhlen hemmen, oder aber solche durch 
Fehlen oder Verlust von moralischen, sthetischen, rechtlichen Vor- 
stellungen berhaupt nicht hervorgerufen werden knnen. Dieser 
Fall ist aber nur zu hufig da vorhanden, wo die Quelle ethischer 
Vorstellungen und Gefhle (eine normale Geschlechtsempfindung) 
von jeher eine trbe oder verpestete war. 

Als pervers muss bei gebotener Gelegenheit zu natur- 
gemsser geschlechtlicher Befriedigung jede Aeusserung des 
Geschlechtstriebs erklrt werden, die nicht den Zwecken er Natur, 
i. e. der Fortpflanzung entspricht. Die aus Parsthesie entspringen- 
den perversen geschlechtlichen Akte sind klinisch, social und foren- 
sisch usserst wichtig ; deshalb muss auf sie hier nher eingegangen 
und jeder sthetische und sittliche Ekel berwunden werden. 

Perversion des Geschlechtstriebs ist, wie sich unten ergeben 
wird, nicht zu verwechseln mit Perversitt geschlechtlichen Han- 
delns, denn dieses kann auch durch nicht psychopathologische Be- 
dingungen hervorgerufen sein. Die concrete perverse Handlung, so 
monstrs sie auch sein mag, ist nicht entscheidend. Um zwischen 
Krankheit (Perversion) und Laster (Perversitt) unterscheiden zu 
knnen, muss auf die Gesammtpersnlichkeit des Handelnden und 
auf die Triebfeder seines perversen Handelns zurckgegangen werden. 
Darin liegt der Schlssel der Diagnostik (s. u.). 

Parsthesie kann mit Hypersthesie combinirt vorkommen. 



Per version des Geschlechtstriebs. 57 

Diese Combination erscheint klinisch als eine hufige. Bestimmt 
sind dann sexuelle Akte zu gewrtigen. Die perverse Richtung 
der Geschlechtsbefriedigung kann auf sexuelle Befriedigung am an- 
deren Geschlecht und auf solche am eigenen abzielen. 

Damit ergeben sich zwei fr die Eintheilung des zu behan- 
delnden Stoffes benutzbare grosse Gruppen von Perversion des 
Sexuallebens. 



I. Geschlechtliche Neigung zu Personen des anderen Geschlechts 
in perverser Bethtigung des Triebs. 

1) Verbindung von aktiver Grausamkeit und Gewaltthtigkeit mit 
Wollust Sadismus 1 ). 

Dass Wollust und Grausamkeit hufig mit einander verbun- 
den auftreten, ist eine lngst bekannte und nicht selten zu be- 
obachtende Thatsache. Schriftsteller aller Richtungen haben auf 
diese Erscheinung hingewiesen 2 ). Noch innerhalb der Breite des 
Physiologischen stehen die nicht seltenen Flle, wo sexuell sehr 
erregbare Individuen whrend des Coitus den Consors beissen oder 
kratzen 3 ). 

Schon ltere Autoren haben auf den Zusammenhang zwischen Wollust 
und Grausamkeit aufmerksam gemacht. 

Blumrder (Ueber Irresein, Leipzig 1836, p. 51) hominem vidit, qui 
compluria vulnera in musculo pectorali habuit, quae femina valde libidinosa 
in summa voluptate mordendo effecit. 

In einer Abhandlung Ueber Lust und Schmerz" (Friedreich's Ma- 
gazin fr Seelenkunde 1830, II, 5) macht er speciell aufmerksam auf den 
psychologischen Zusammenhang zwischen Wollust und Mordlust. Er verweist 
in dieser Hinsicht auf die indische Mythe von Siwa und Durga (Tod und Wol- 
lust), auf die Menschenopfer mit wollstigen Mysterien, auf die sexuellen Triebe 



*) So genannt nach dem berchtigten Marquis de Sade, dessen obscne 
Romane von Wollust und Grausamkeit triefen. In der franzsischen Literatur 
ist der Ausdruck Sadismus" zur Bezeichnung dieser Perversion eingebrgert. 

2 ) U. A. Novalis in seinen Fragmenten", Gr res, Christliche Mystik", 
Bd. HI, S. 460. 

3 ) Vergl. auch die berhmten Verse Alfred de Musset's an die Anda- 
lusierin : 

Qu' eile est sperbe en son desordre, quand eile tombe, les seine nus 
Qu'on la voit, beante, se tordre dans un baiser de rage et mordre 
En hurlant des mots inconnus! 



58 Paraesthesia sexualis. 

in der Pubertt mit wollstig gefhltem Drang zum Selbstmord, mit Peitschen, 
Zwicken, Blutigstechen der Genitalien im dunklen Drang nach Befriedigung 
der Geschlechtslust. 

Auch Lombroso (Verzeni e Agnoletti, Roma 1874) bringt zahlreiche 
Beispiele fr das Auftreten von Mordlust bei hochgesteigerter Wollust. 

Umgekehrt tritt oft, wenn die Mordlust aufgestachelt ist, in 
ihrem Gefolge die Wollust auf. Lombroso fhrt op. cit. die von 
Mantegazza erwhnte Thatsache an, dass sich den Schrecken einer 
Plnderung seitens der Soldateska regelmssig viehische Wollust 
hinzugeselle x ). 

Diese Beispiele stellen Uebergnge zu ausgesprochen patho- 
logischen Fllen dar. 

Belehrend sind die Beispiele entarteter Csaren (Nero, Tiberius), die sich 
daran ergtzten, Jnglinge und Jungfrauen vor ihren Augen abschlachten zu 
lassen, nicht minder die Geschichte jenes Scheusals, des Marschalls Gilles de 
Rays (Jacob, Curiosites de l'histoire de France. Paris 1858), der 1440 wegen 
Schndung und Tdtung, die er whrend 8 Jahren an ber 800 Kindern be- 
gangen hatte, hingerichtet wurde. Wie dieses Ungeheuer bekannte, war es 
durch die Lektre des Suetonius und die Schilderungen der Orgien eines Tiber, 
Caracalla u. s. w. auf die Idee gekommen, Kinder in seine Schlsser zu locken, 
sie unter Martern zu schnden und dann zu tdten. Der Unmensch versicherte, 
bei der Verbung dieser Thaten eine unerklrliche Seligkeit genossen zu haben. 
Er hatte dabei zwei Helfershelfer. Die Leichen der unglcklichen Kinder wur- 
den verbrannt und nur eine Anzahl von besonders hbschen Kinderkpfen 
wurde zum Andenken aufbewahrt. 

Beim Versuch einer Erklrung der Verbindung von Wollust 
und Grausamkeit muss man auf die quasi noch physiologischen 
Flle zurckgehen, in denen, im Momente der hchsten Wollust, 
ein sehr erregbares, aber sonst normales Individuum Akte wie Beissen 
und Kratzen begeht, die sonst vom Zorne eingegeben werden. 
Erinnert muss ferner daran werden, dass die Liebe und der Zorn 
nicht nur die beiden strksten Affecte, sondern auch die beiden 



*) In der Exaltation des Kampfes drngt sich die Vorstellung der Exal- 
tation der Wollust ins Bewusstsein. Vgl. bei Grillparzer die Schilderung 
einer Schlacht durch einen Krieger: 

Und als nun erschallt das Zeichen, beide Heere sich erreichen, 
Brust an Brust, Gtterlust! herber, hinber, jetzt Feinde, jetzt 
Brder streckt der Mordstahl nieder. Empfangen und Geben den 
Tod und das Leben im wechselnden Tausch wild taumelnd im Rausch!" 

Traum ein Leben, 1. Akt. 



Sadismus. 59 

allein mglichen Formen des rstigen (sthenischen) Affects sind. 
Beide suchen ihren Gegenstand auf, wollen sich seiner bemchtigen 
und entladen sich naturgemss in einer krperlichen Einwirkung 
auf denselben; beide versetzen die psychomotorische Sphre in die 
heftigste Erregung und gelangen mittelst dieser Erregung zu ihrer 
normalen Aeusserung. 

Von diesem Standpunkte aus wird es begreiflich, dass die 
Wollust zu Handlungen treibt, die sonst dem Zorn adquat sind 1 ). 
Sie ist wie dieser ein Exaltationszustand, eine mchtige Erregung 
der gesammten psychomotorischen Sphre. Daraus entsteht ein 
Drang, gegen das Object, welches den Reiz hervorruft, auf alle 
mgliche Weise und in der intensivsten Art zu reagiren. So wie 
die maniakalische Exaltation leicht in furibunde Zerstrungssucht 
bergeht, so erzeugt die Exaltation des geschlechtlichen Affects 
manchmal einen Drang, die allgemeine Erregung in sinnlosen und 
scheinbar feindseligen Akten zu entladen. Diese stellen sich gewisser- 
massen als psychische Mitbewegungen dar; es handelt sich aber 
nicht etwa um eine blosse unbewusste Erregung der Muskelinner- 
vation (was als blindes Umsichschlagen nebenbei auch vorkommt), 
sondern um eine wahre Hyperbulie, um den Willen, auf das Indi- 
viduum, von dem der Reiz ausgeht, eine mglichst starke Wirkung 
auszuben. Das strkste Mittel dazu ist aber die Zufgung von 
Schmerz. 

Von solchen Fllen der Schmerzzufgung im hchsten Affecte 
der Wollust ausgehend, gelangt man zu Fllen, in denen es zur 
ernstlichen Misshandlung, zur Verwundung und selbst zur Tdtung 
des Opfers kommt 2 ). In diesen Fllen ist der Trieb zur Grausam- 
keit, der den wollstigen Affect begleiten kann, in einem psycho- 
pathischen Individuum ins Masslose gewachsen, whrend anderer- 
seits wegen Defectuositt der moralischen Gefhle alle normalen 
Hemmungen entfallen oder sich zu schwach erweisen. 

Derartige monstrse sadistische Handlungen haben aber 
beim Manne, bei welchem sie weit hufiger vorkommen als beim 



J ) Schulz, Wiener med. Wochenschrift 1869, Nr. 49, berichtet einen 
merkwrdigen Fall von einem 28jhrigen Mann, der mit seiner Frau den Coitus 
nur dann vollziehen konnte , wenn er sich vorher knstlich in die Stimmung 
des Zornes versetzte. 

2 ) Ueber analoge Vorkommnisse bei brnstigen Thieren s. Lombroso 
(Der Verbrecher, bers, v. Frnkel p. 18). 



(50 Paraesthesia sexualis. 

Weibe, noch eine zweite starke Wurzel in physiologischen Ver- 
hltnissen. 

Im Verkehr der Geschlechter kommt dem Manne die aetive, 
selbst aggressive Rolle zu, whrend das Weib passiv, defensiv sich 
verhlt 1 ). Fr den Mann gewhrt es einen grossen Reiz, das 
Weib sich zu erobern, es zu besiegen, und in der Ars amandi bildet 
die Zchtigkeit des in der Defensive bis zum Zeitpunkte der Hin- 
gebung verharrenden Weibes ein Moment von hoher psychologischer 
Bedeutung und Tragweite. Unter normalen Verhltnissen sieht sich 
also der Mann einem Widerstnde gegenber, welchen zu ber- 
winden seine Aufgabe ist und zu dessen Ueberwindung ihm die 
Natur den aggressiven Charakter gegeben hat. Dieser aggressive 
Charakter kann aber unter pathologischen Bedingungen gleichfalls 
ins Masslose wachsen und zu einem Drange werden, sich den Gegen- 
stand seiner Begierden schrankenlos zu unterwerfen, bis zur Ver- 
nichtung, Tdtung desselben 2 ) 3 ). 



J ) Auch bei den Thieren ist es regelmssig das Mnnchen, welches das 
Weibchen mit Liebesantrgen verfolgt. Verstellte oder ernstliche Flucht des 
Weibchens ist nicht selten zu beobachten; dann kommt es zu einem hnlichen 
Verhltniss wie zwischen Raubthier und Beutethier. 

2 ) Die Eroberung des Weibes findet heutzutage in der civilen Form der 
Courmacherei, Verfhrung, List u. s. w. statt. Aus der Culturgeschichte und 
der Anthropologie wissen wir, dass es Zeiten gab und noch Vlker gibt, in 
welchen die brutale Gewalt, der Raub, selbst die Wehrlosmachung des Weibes 
durch Keulenschlge die Liebesbewerbung ersetzte. Es ist mglich, dass atavisti- 
sche Rckschlge in derartige Neigungen zu Ausbrchen des Sadismus beitragen. 

3 ) In den Jahrbchern fr Psychologie II p. 128 referirt Schfer (Jena) 
ber zwei Krankheitsberichte A. Payer's. In dem ersten Falle wurden Zu- 
stnde hchster sexueller Erregung durch den Anblick von Kampfscenen, selbst 
gemalten, ausgelst ; in dem anderen durch grausame Qulereien kleiner Thiere 
(s. unten p. 72). Referent fgt hinzu: Kampflust und Mordgier sind in der 
ganzen Thierreihe so berwiegend ein Attribut des mnnlichen Geschlechts, 
dass ein engster Zusammenhang dieser Seite mnnlicher Neigungen mit der 
rein sexuellen wohl ausser Frage steht. Ich glaube brigens auf. Grund ein- 
wandfreier Beobachtungen constatiren zu drfen, dass auch bei psychisch und 
sexuell vollkommen gesunden mnnlichen Personen die ersten dunklen und 
unverstandenen Vorboten sexueller Regungen durch die Lektre aufregender 
Jagd- und Kampfscenen ausgelst werden knnen, resp. in unbewusstem Drange 
nach einer Art Befriedigung zu kriegerischen Knabenspielen (Ringkmpfen) 
Veranlassung geben, in denen ja auch der Fundamentaltrieb des Geschlechts- 
lebens nach mglichst extensiver und intensiver Berhrung des Partners mit 
dem mehr oder weniger deutlichen Hintergedanken der Ueberwltigung zum 
Ausdruck kommt." 



Sadismus. 61 

Treffen diese beiden constituirenden Elemente, der abnorm 
gesteigerte Drang nach einer heftigen Reaction . gegen den Gegen- 
stand des Reizes und das krankhaft gesteigerte Bedrfniss , sich 
das Weib zu unterwerfen , zusammen, so wird es zu den heftigsten 
Ausbrchen des Sadismus kommen. 

Sadismus ist also nichts Anderes als eine pathologische Steige- 
rung von andeutungsweise auch unter normalen Umstnden mg- 
lichen Begleiterscheinungen der psychischen Vita sexualis, ins- 
besondere der mnnlichen, ins Masslose und Monstrse. Es ist 
aber selbstverstndlich durchaus nicht nothwendig und durchaus 
nicht die Regel, dass das sadistische Individuum sich dieser Elemente 
seines Triebs bewusst sei. Was es empfindet, ist in der Regel 
nur der Drang nach grausamen und gewaltthtigen Handlungen 
am entgegengesetzten Geschlecht und die Betonung der Vorstellung 
solcher Akte mit wollstigen Empfindungen. Daraus ergibt sich 
ein mchtiger Impuls, die vorgestellten Handlungen wirklich zu 
begehen. Insofern die eigentlichen Motive dieses Dranges dem 
Handelnden nicht bewusst werden, tragen die sadistischen Akte 
den Charakter impulsiver Handlungen. 

Wenn die Association zwischen Wollust und Grausamkeit 
vorhanden ist, so weckt nicht nur der wollstige Affect den Drang 
zur Grausamkeit, sondern auch umgekehrt: Vorstellung und be- 
sonders der Anblick grausamer Handlungen wirken sexuell er- 
regend und werden in diesem Sinne vom perversen Individuum 
bentzt *). 

Eine empirische Unterscheidung zwischen originren und er- 
worbenen Fllen von Sadismus ist nicht durchfhrbar. Viele ab 
origine belastete Individuen bieten geraume Zeit hindurch Alles 
auf, um ihren perversen Trieben zu widerstehen. Ist die Potenz 
noch vorhanden, so fhren sie anfangs, oft mit Zuhlfenahme inner- 
licher Vorstellungen perverser Art, eine normale Vita sexualis. 
Spter erst, nach allmhliger Ueberwindung der ethischen und 
sthetischen Gegenmotive und nach immer wiederholter Erfahrung, 
dass der normale Akt nicht voll befriedigt, kommt es zum Durch- 
bruch des krankhaften Triebes nach aussen. Durch diese spte 
Umsetzung einer originren perversen Anlage in Handlungen kann 



*) Es kommt auch vor, dass eine zufllige Wahrnehmung von Blut- 
vergiessen u. dgl. den prformirten psychischen Mechanismus des Sadisten erst 
in Bewegung 3etzt und den latenten perversen Trieb weckt. 



(32 Paraesthesia sexualis. 

der Schein einer erworbenen Perversion vorgetuscht werden. A priori 
ist aber anzunehmen, dass dieser psychopathische Zustand stets ab 
origine besteht. Die Begrndung dieser Annahme s. unten. 

Die sadistischen Akte sind dem Grade ihrer Monstrositt nach 
verschieden, je nach der Macht des perversen Triebs ber das er- 
griffene Individuum und der Strke der noch vorhandenen Wider- 
stnde, welche fast immer durch originre ethische Defecte, erbliche 
Degenerescenz, moralisches Irresein, mehr oder minder herabgesetzt 
sind. So entsteht eine lange Reihe von Formen, welche mit den 
schwersten Verbrechen beginnt und bei lppischen Handlungen 
endigt, die dem perversen Bedrfnisse des Sadisten eine bloss sym- 
bolische Befriedigung gewhren sollen. 

Die sadistischen Akte knnen ferner noch ihrer Art nach 
unterschieden werden, je nachdem sie entweder nach consumirtem 
Coitus, durch welchen die Libido nimia noch nicht gesttigt ist 
vorgenommen werden, oder bei gesunkener Potenz prparatorisch 
zur Aufstachelung der gesunkenen Kraft verwendet werden, oder 
endlich bei gnzlich fehlender Potenz als Aequivalent an die Stelle 
des unmglich gewordenen Coitus, zur Erzielung der Ejaculation 
treten. In den beiden letzteren Fllen besteht jedoch trotz der 
Impotenz noch heftige Libido, oder hat wenigstens beim betreffenden 
Individuum zur Zeit bestanden, als sadistische Akte gewohnheits- 
mssig wurden. Sexuelle Hypersthesie ist immer als Basis sadi- 
stischer Neigungen zu betrachten. Die Impotenz, welche bei den 
hier in Betracht kommenden psycho- und neuropathischen In- 
dividuen, in Folge ihrer meistens von frher Jugend an gebten 
Excesse, so hufig ist, wird in der Regel spinale Schwche sein. 
Manchmal mag auch eine Art psychischer Impotenz eintreten, durch 
die Concentration des Denkens auf den perversen Akt, neben 
welchem das Bild der normalen Befriedigung verblasst. 

Wie immer die That usserlich beschaffen sein mag, fr ihr 
Verstndniss wesentlich ist immer die seelisch-perverse Veranlagung 
und Triebrichtung des Thters. 

a) Lustmord 1 ) (Wollust, potenzirt als Grausamkeit, Mord- 
lust bis zur Anthropophagie). 

Am grsslichsten, aber auch am bezeichnendsten fr den Zu- 
sammenhang zwischen Wollust und Mordlust ist der Fall des An- 

') Vgl. Metzger's ger. Arzneiw., herausgegeben von Reraer, p. 539. 



Sadismus. 63 

dreas Bichel, den Feuerbach in seiner aktenmssigen Darstellung 
merkwrdiger Verbrechen" verffentlicht hat. 

B. puellas stupratas necavit et dissecuit. Bezglich des Mordes eines 
seiner Opfer usserte er sich folgendermassen im Verhr: 

Ich habe ihr die Brust geffnet und mit einem Messer die fleischigen 
Theile des Krpers durchschnitten. Darauf habe ich mir diese Person, wie 
der Metzger das Vieh, zugerichtet und habe den Krper mit dem Beil von 
einander gehackt, so wie ich ihn fr das Loch brauchen konnte, das ich zum 
Einscharren auf dem Berg gemacht hatte. Ich kann sagen, dass ich whrend 
des Oeffnens so gierig war, dass ich zitterte und mir ein Stck wollte heraus- 
geschnitten und gegessen haben." 

Auch Lombroso (Geschlechtstrieb und Verbrechen in ihren gegen- 
seitigen Beziehungen, Goltdammer's Archiv Bd. 30) fhrt bezgliche Flle 
an, so einen gewissen Philippe, der die Freudenmdchen post actum zu er- 
wrgen pflegte und meinte: Die Weiber habe ich lieb, aber es macht mir 
Spass, sie zu erwrgen, nachdem ich sie genossen." 

Ein gewisser Grassi (Lombroso op. cit. p. 12) wurde Nachts von ge- 
schlechtlicher Begierde gegen eine Verwandte ergriffen. Durch ihren Wider- 
stand gereizt, versetzte er ihr mehrere Messerstiche in den Unterleib, und da 
der Vater und der Onkel der Unglcklichen ihn zurckhalten wollten, erschlug 
er auch diese. Deinde statim ad meretricem properavit, ut in eius amplexu 
libidinem suam ardentem satiaret. Doch das gengte nicht. Er mordete 
dann noch seinen Vater und tdtete mehrere Ochsen im Stalle. 

Dass eine grssere Anzahl von sog. Lustmorden auf Hypersthesie 
in Verbindung mit Paraesthesia sexualis beruhen, ist nach allem 
Vorausgehenden nicht zu bezweifeln. 

So kann es auf Grund perverser Gefhlsbetonung zu weiteren 
Akten der Brutalitt gegen den Leichnam kommen, so z. B. zum 
Zerstcken desselben, wollstigem Whlen in dessen Eingeweiden. 
Schon der Fall Bichel deutet diese Mglichkeit an. 

Ein Beispiel aus neuerer Zeit ist Menesclou (Annales d'hygiene 
publique), von Lasegue, Brouardel, Motet begutachtet, fr 
geistig gesund erklrt und hingerichtet. 

Beobachtung 16. Am 15. April 1880 verschwand ein vierjhriges 
Mdchen aus der Wohnung seiner Eltern. Am 16. verhaftete man Menesclou, 
einen der Miether des Hauses. In seinen Taschen fand man die Vorderarme 
des Kindes, aus dem Ofen zog man den Kopf und Eingeweide halb verkohlt 
hervor. Auch im Abort fanden sich Theile der Leiche. Die Genitalien wurden 
nicht aufgefunden. M. , ber ihren Verbleib gefragt, wurde verlegen. Die 



Klein's Annalen X, p. 176, XVIII, p. 311. Heinroth, System der psych, 
ger. Med. p. 270. Neuer Pitaval 1855. 23. Th. (Fall Blaize Ferrage). 



(34 Paraesthesia sexualis. 

Umstnde, sowie ein bei ihm gefundenes schlpfriges Gedicht Hessen keinen 
Zweifel, dass er das Kind geschndet und dann ermordet hatte. M. usserte 
keine Reue, seine That sei eben ein Unglck. Die Intelligenz ist beschrnkt. 
Er bietet keine anatomischen Degenerationszeichen, ist schwerhrig, skrophuls. 

M., 20 Jahre alt, litt im Alter von 9 Monaten an Convulsionen; spter 
litt er an unruhigem Schlaf, Enuresis nocturna, war nervs, entwickelte sich 
versptet und mangelhaft. Von der Pubertt an wurde er reizbar, zeigte 
schlimme Neigungen, war faul, ungelehrig, in allen Beschftigungen unbrauch- 
bar. Selbst im Correctionshause wurde er nicht besser. Man that ihn zur 
Marine, auch dort that er nicht gut. Heimgekehrt, bestahl er seine Eltern, 
trieb sich in schlechter Gesellschaft herum. Den Weibern lief er nicht nach, 
der Onanie war er eifrig ergeben, gelegentlich sodomisirte er Hndinnen. 
Seine Mutter litt an Mania menstrualis periodica, ein Onkel war irrsinnig, 
ein anderer trunkschtig. 

Bei der Untersuchung von M.'s Gehirn erwiesen sich beide Stirnlappen, 
die erste und zweite Schlfenwindung, sowie ein Theil der Occipitalwindungen 
krankhaft verndert. 

Beobachtung 17. Commis Alton in England geht vor die Stadt 
spazieren. Er lockt ein Kind in ein Gebsch, kehrt nach einer Weile zurck 
und geht auf sein Bureau , wo er die Notiz Killed to-day a young girl, it 
was fine and hot" in sein Tagebuch macht. 

Man vermisst das Kind, sucht es, findet es in Stcke zerfetzt; manche 
Theile, darunter die Genitalien, sind nicht auffindbar. A. zeigte nicht die 
geringste Spur von Gemthsbewegung und gab keine Aufschlsse ber Motive 
und Umstnde seiner schrecklichen That. 

Er war ein psychopathischer Mensch, hatte zeitweise Depressionszustnde 
mit Taedium vitae. 

Sein Vater hatte einen Anfall von acuter Manie gehabt, ein naher Ver- 
wandter litt an Manie mit Mordtrieben. A. wurde hingerichtet. 

In derartigen Fllen kann es geschehen , dass sogar Gelste 
nach dem Fleisch des ermordeten Opfers auftreten und dass in 
Folgegebung dieser perversen Betonung der bezglichen Vorstellung 
Theile der Leiche verzehrt werden. 

Beobachtung 18. Leger, Winzer, 24 Jahre alt, von Jugend auf finster, 
verschlossen, leutscheu, geht fort, um eine Stelle zu suchen. Er treibt sich 
8 Tage in einem Walde herum, puellam apprehendit XII annorum: stupratae 
genitalia mutilat, cor eripit, isst davon, trinkt das Blut und verscharrt den 
Leichnam. Verhaftet, leugnet er anfangs, gesteht aber endlich sein Verbrechen 
mit cynischer Kaltbltigkeit. Er hrt sein Todesurtheil gleichgltig an und 
wird hingerichtet. Esquirol fand bei der Section krankhafte Verwachsungen 
zwischen Hirnhuten und Gehirn (Georget, Darstellung der Processe Leger, 
Feldtmann etc., bersetzt von Amelung, Darmstadt 1827). 

Beobachtung 19. Tirsch, Siechenhauspfrndner in Prag, 55 Jahre 
alt, von jeher verschlossen, eigentmlich, roh, hchst reizbar, mrrisch, rch- 



Sadismus. 65 

schtig, wegen Nothzuchtsversuch an einem 10jhrigen Mdchen zu 20 Jahren 
verurtheilt, hatte in letzter Zeit durch Wuthausbrche aus geringem Anlass 
und durch Taedium vitae Aufmerksamkeit erregt. 

1864, nach Abweisung eines einer Wittwe gemachten Heirathsantrags, 
hatte er einen Hass gegen die Frauenzimmer gefasst und trieb sich am 8. Juli 
herum, in der Absicht, eine von diesem verhassten Geschlecht zu tdten. 

Vetulam occurentem in silvam allexit, coitum poposcit, renitentem pro- 
stravit, jugulum feminae compressit furore captus". Cadaver virga betulae 
desecta verberare voluit nequetamen id perfecit, quia conscientia sua haec 
fieri vetuit, cultello mammas et genitalia desecta domi cocta proximis diebus 
cum globis comedit. Am 12. September bei der Verhaftung fand man noch 
Reste dieses grauenvollen Mahles vor. Er motivirte seine Handlung mit inner- 
licher Gier", wnschte selbst seine Hinrichtung, da er ja immer ein Verstossener 
gewesen sei. In der Haft enorme Gemthsreizbarkeit, gelegentlich Wuth- 
ausbruch, der mehrtgige Beschrnkung nthig machte und mit Nahrungs- 
weigerung einherging. Es wurde aktenmssig constatirt, dass die meisten 
seiner frheren Excesse mit Ausbrchen von Aufregung und Wuth zusammen- 
fielen (Maschka, Prager Vierteljahrsschrift 1886, I, p. 79; Gauster bei 
Maschka, Handb. der ger. Medicin, IV, p. 489). 

In die Reihe dieser psycho-sexualen Monstra gehrt wohl auch 
der Frauenmrder von Whitechapel 1 ). Das regelmssige Fehlen 
von Uterus, Ovarien und Labien bei den (10) Opfern dieses modernen 
Blaubart" spricht berdies fr die Annahme, dass er in Anthropo- 
phagie noch weitergehende Befriedigung sucht und findet. 

In anderen Fllen von Lustmord unterbleibt aus physischen 
oder psychischen Grnden (s. oben) das Stuprum, und das sadistische 
Verbrechen tritt, allein als Ersatz fr den Coitus auf. 

Das Prototyp solcher Flle ist der folgende Fall des Verzeni. 
Das Leben seiner Opfer hing von dem raschen oder tardiven Ein- 
treten der Ejaculation ab. Da dieser denkwrdige Fall Alles bietet, 
was die gegenwrtige Wissenschaft ber den Zusammenhang von 
Wollust mit Mordlust bis zur Anthropophagie kennt, so mge er, 
zumal da er gut beobachtet ist, ausfhrliche Erwhnung finden. 

Beobachtung 20. Vincenz Verzeni, geb. 1849, seit dem 11. Januar 
1872 in Haft, ist angeklagt 1) der versuchten Erdrosselung seiner Muhme 
Marianne, als dieselbe vor vier Jahren krank zu Bette lag; 2) des gleichen 
Verbrechens an der 27jhrigen Ehefrau Arsuffi ; 3) der versuchten Erdrosselung 
der Ehefrau Gala, indem er ihr die Kehle zudrckte, whrend er auf ihrem 
Leib kniete; 4) ausserdem verdchtig folgender Mordthaten: 



*) Vgl. u. A. Spitzka, The Journal of nervous and mental Disease, 
Dec. 1888; Kiernan, The medical Standard, Nov.-Dec. 1888. 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 5 



QQ Paraesthesia sexualis. 

Im December begab sich die 14jhrige Johanna Motta Morgens zwischen 
7 und 8 Uhr auf ein benachbartes Dorf. Da sie nicht zurck kam, ging ihr 
Dienstherr aus, um sie zu suchen, und fand ihren Leichnam in der Nhe des 
Dorfes an einem Feldweg, durch eine Unzahl von Wunden greulich verstmmelt. 
Die Gedrme und Genitalien waren aus dem geffneten Leibe herausgerissen 
und fanden sich in der Nhe. Die Nacktheit der Leiche, Erosionen an deren 
Schenkeln Hessen ein unsittliches Attentat vermuthen, der mit Erde gefllte 
Mund deutete auf Erstickung. In der Nhe der Leiche unter einem Stroh- 
haufen fanden sich ein abgerissenes Stck der rechten Wade und Kleidungs- 
stcke vor. Der Thter blieb unermittelt. 

Am 28. August 1871 frh Morgens ging die 28jhrige Ehefrau Frigeni 
aufs Feld. Da sie um 8 Uhr nicht zurck war, ging ihr Mann fort, sie zu 
holen. Er fand sie als Leiche nackt auf dem Feld, mit einer von Erdrosse- 
lung herrhrenden Strangrinne am Hals , mit zahlreichen Verletzungen , auf- 
geschlitztem Bauch und heraushngenden Drmen. 

Am 29. August, Mittags, als Maria Previtali, 19 Jahre alt, bers Feld 
ging, wurde sie von ihrem Vetter Verzeni verfolgt, in ein Getreidefeld ge- 
schleppt, zu Boden geworfen und am Halse gewrgt. Als er sie einen Moment 
losliess, um zu sphen, ob Niemand in der Nhe sei, erhob sich das Mdchen 
und erreichte durch sein flehentliches Bitten, dass V. es laufen Hess, nachdem 
er ihm whrend einiger Zeit noch die Hnde zusammengepresst hatte. 

V. wurde vor Gericht gestellt. Er ist 22 Jahre alt, sein Schdel ber 
mittelgross, asymmetrisch. Das rechte Stirnbein ist schmler und niedriger als 
das linke, der Stirnhcker rechts wenig entwickelt, das rechte Ohr kleiner 
als das linke (um 1 cm in der Hhe und 3 in der Breite) ; beide Ohren er- 
mangeln der unteren Hlfte des Helix, die rechte Schlfenarterie ist etwas athero- 
mats. Stiernacken, enorme Entwicklung des Os zygomat. und des Unter- 
kiefers, Penis sehr entwickelt, Frenulum fehlend ; leichter Strabismus alternans 
divergens (Insuffizienz der Mm. recti interni und Myopie). Lombroso schliesst 
aus diesen Degenerationszeichen auf eine angeborene Bdungshemmung des 
rechten Stirnlappens. Wie es scheint, ist Verzeni ein Hereditarier zwei 
Onkel sind Cretins, ein dritter ist mikrocephal, bartlos, ein Hode fehlend, der 
andere atrophisch. Der Vater bietet Spuren von peUagrser Entartung und 
hatte einen Anfall von Hypochondria pellagrosa. Ein Vetter litt an Hyperaemia 
cerebri, ein anderer ist Gewohnheitsdieb. 

Verzeni's FamiHe ist bigott, von schmutzigem Geiz. Er selbst zeigt ge- 
whnliche Intelligenz, weiss sich gut zu vertheidigen, sucht sein Alibi zu be- 
weisen, Andere zu verdchtigen. In seiner Vergangenheit findet sich nichts, 
was auf Geisteskrankheit deutet; sein Charakter ist brigens auffllig; er ist 
schweigsam, Hebt die Einsamkeit. Im Gefngniss cynisch, Masturbant; sucht 
sich um jeden Preis den Anblick von Weibern zu verschaffen. 

V. gestand endlich seine Thaten und deren Motive ein. Ihre Begehung 
habe ihm ein unbeschreiblich angenehmes (wollstiges) Gefhl verschafft, das 
von Erection und Samenergiessung begleitet war. Schon wenn er seine Opfer 
am Halse kaum berhrt hatte, stellten sich sexuelle Empfindungen ein. Es 
sei ihm ganz gleich in Bezug auf diese Empfindungen gewesen, ob die Frauen 
alt, jung, hsslich oder schn waren. Gewhnlich habe schon das einfache 
Drosseln derselben ihn befriedigt, und dann habe er seine Opfer am Leben 



Sadismus. 67 

gelassen in den erwhnten 2 Fllen habe die geschlechtliche Befriedigung 
gezgert, einzutreten, und da habe er zugedrckt, bis seine Opfer todt waren. 
Seine Befriedigung bei diesen Garottirungen sei grsser gewesen, als wenn er 
onanirte. Die Hautabschrfungen an den Schenkeln der Motta seien durch 
seine Zhne entstanden, als er mit grossem Genuss das Blut aussaugte. Ein 
Wadenstck derselben habe er ausgesogen und dann mitgenommen, um es 
daheim zu rsten, es indessen unterwegs unter einem Strohhaufen verborgen, aus 
Furcht, dass seine Mutter hinter seine Streiche komme. Auch die Kleider und 
Eingeweide habe er ein Stck weit mitgenommen, weil es ihm einen Genuss 
gewhrte, sie zu beriechen und zu betasten. Die Strke, die er in diesen 
Momenten hchster Wollust besessen, sei enorm gewesen. Ein Narr sei er nie 
gewesen ; bei der Ausfhrung seiner Thaten habe er gar nichts mehr um sich 
gesehen (offenbar durch hchste sexuelle Erregung aufgehobene Apperception 
und instinctives Handeln). Nachher sei ihm immer sehr behaglich gewesen, 
ein Gefhl grosser Befriedigung; Gewissensbisse habe er nie gehabt. Nie sei 
es ihm in den Sinn gekommen, die Geschlechtstheile der von ihm gemarterten 
Frauen zu berhren oder die Opfer zu stupriren, es habe ihm gengt, sie zu 
erdrosseln und ihr Blut zu saugen. In der That scheinen die Angaben dieses 
modernen Vampyrs auf Wahrheit zu beruhen. Normale geschlechtliche An- 
triebe scheinen ihm fremd gewesen zu sein zwei Geliebte, die er hatte, 
begngte er sich zu beschauen es ist ihm selbst auffllig, dass er keine 
Gelste ihnen gegenber hatte, sie zu drosseln oder ihnen die Hnde zu pressen, 
aber freilich habe er mit ihnen nicht denselben Genuss gehabt wie mit seinen 
Opfern. Von moralischem Sinne, Reue u. dgl. fand sich keine Spur. 

Verzeni sagte selbst, es drfte gut sein, wenn man ihn eingesperrt lasse, 
denn in der Freiheit knne er seinem Gelste keinen Widerstand leisten. V. 
wurde zu lebenslnglichem Kerker verurtheilt. (Lombroso: Verzeni e Agno- 
letti, Roma 1873.) 

Interessant sind die Gestndnisse, welche V. nach seiner Verurtheilung 
machte. 

Incredibilem voluptatem habui feminas suffocans, erectiones tum sensi 
atque vera libidine affectus sum. Vel vestimenta mulierum olfacere volupta- 
tem mihi adtulit. In suffocando feminas maiorem voluptatem inveni quam 
in masturbando. Bei dem Trinken des Blutes der Motta empfand ich grosses 
Wohlgefallen. Es gewhrte mir auch grossen Genuss , den Ermordeten die 
Haarnadeln aus dem Haar zu ziehen. 

Die Kleider und Eingeweide nahm ich aus Lust, sie zu beriechen und 
zu betasten. Meine Mutter kam schliesslich hinter meine Streiche, weil sie 
nach jedem Mord oder Mordversuch Spermaflecke in meinem Hemd bemerkte. 
Verrckt bin ich nicht, aber in jenen Augenblicken des Wrgens sah ich gar 
nichts mehr. Nach der Verbung der Thaten war ich befriedigt und fhlte 
mich wohl. Es fiel mir nie ein, die Geschlechtstheile u. dgl. zu berhren oder 
zu beschauen. Es gengte mir, die Weiber am Halse zu quetschen und ihr 
Blut zu saugen. Ich weiss heute noch nicht, wie das Weib gebaut ist. 

Whrend des Wrgens und nach demselben drckte ich mich an 
den ganzen Leib, ohne auf einen Krpertheil mehr als auf den anderen zu 
achten." 

V. war ganz von selbst auf seine perversen Akte gekommen, nachdem 



68 Paraesthesia sexualis. 

er, 12 Jahre alt, bemerkt hatte, dass ihn ein seltsames Lustgefhl berkomme, 
wenn er Hhner zu erwrgen hatte. Deshalb habe er auch fters Massen da- 
von getdtet und dann vorgegeben, ein Wiesel sei in den Hhnerstall ein- 
gedrungen (Lombroso, G-oltdammer's Archiv Bd. 30, p. 13). 

Einen analogen Fall fhrt Lombroso (G o 1 1 d a m m e r's Archiv) 
an, der in Vittoria (Spanien) vorkam. 

Beobachtung 21. Ein gewisser Gruyo , 41 Jahre alt, von frher un- 
bescholtenem Lebenswandel und 3mal verheirathet gewesen, erwrgte im Lauf 
von 10 Jahren 6 Weiber. Sie waren fast smmtlich ffentliche Dirnen und 
schon ziemlich alt. Suffocatis per vaginam intestina et renes extraxit. Non- 
nullas miseras ante mortem stupravit, alias (si forte impotens erat) non stupra- 
vit. Er verfuhr bei seinen Greuelthaten mit solcher Vorsicht, dass er 10 Jahre 
lang unentdeckt blieb. 

b) Leichenschnder. 

An die grauenvolle Gruppe der Lustmrder reihen sich natur- 
gemss die Nekrophilen, insofern bei ihnen, gleichwie bei Lust- 
mrdern und analogen Fllen, eine an und fr sich Grauen er- 
weckende Vorstellung, vor der der Gesunde, bezw: Nichtentartete, 
zurckschaudert, mit Lustgefhlen betont und damit zum Impuls 
fr nekrophile Akte wird. 

Die in der Literatur vorkommenden Flle von Leichen- 
schndung machen den Eindruck pathologischer, nur sind sie bis 
auf den berhmten des Sergeant Bertrand (s. u.) nichts weniger 
als genau beobachtet und beschrieben. 

In einzelnen Fllen mag nichts Anderes vorliegen, als dass 
zgellose Begierde in der Vorstellung des eingetretenen Todes kein 
Hinderniss ihrer Befriedigung sieht. 

Ein derartiger Fall ist vielleicht der siebente unter den von 
Moreau mitgetheilten. 

In diesem machte ein 23 Jahre alter Mann einen Nothzuchtsversuch an 
der 53 Jahre alten X. , tdtete die sich Strubende , benutzte sie dann ge- 
schlechtlich, warf sie dann ins Wasser, fischte sie aber heraus, um sie neuer- 
lich zu stupriren. 

Der Mrder wurde hingerichtet. Die Meningen des Stirnhirns fand man 
verdickt und mit der Hirnrinde verwachsen. 

Mehrere Beispiele von Nekrophilie haben andere franzsische Schrift- 
steller mitgetheilt. Zwei Flle betrafen Mnche, whrend sie die Todtenwache 
hielten. In einem dritten handelte es sich um einen Idioten, der berdies an 
periodischer Manie litt, nach Nothzucht in einer Irrenanstalt Aufnahme gefunden 
hatte und dort weibliche Leichen in der Todtenkammer schndete. 



Sadismus. 69 

In anderen Fllen liegt aber unzweifelhaft eine directe Be- 
vorzugung der Leiche vor dem lebenden Weibe vor. Wenn keine 
weiteren Akte der Grausamkeit Zerstckelung etc. an der 
Leiche vorgenommen werden, so ist es wahrscheinlich die Leblosig- 
keit selbst, welche den Reiz fr den perversen Thter bildet. Es 
mag sein , dass die Leiche , welche allein menschliche Form mit 
vollkommener Willenslosigkeit verbindet, deshalb ein krankhaftes 
Bedrfniss befriedigt, den Gegenstand der Begierde sich ohne Mg- 
lichkeit eines Widerstandes schrankenlos unterworfen zu sehen. 

Brierre de Boismont (Gazette medicale 1859, 21. Juli) theilte die 
Geschichte eines Leichenschnders mit , der sich nach Bestechung der Leichen- 
wchter zur Leiche eines 16jhrigen Mdchens aus vornehmem Hause ein- 
geschlichen hatte. Nachts hrte man im Todtenzimmer ein Gerusch, wie 
wenn ein Stck Mbel umfalle. Die Mutter des verstorbenen Mdchens drang 
ein, bemerkte einen Menschen, der im Nachthemd vom Bett der Todten herab- 
sprang. Man meinte zuerst, man habe es mit einem Dieb zu thun, erkannte 
aber bald den wahren Thatbestand. Es stellte sich heraus, dass der Schnder, 
ein Mensch aus vornehmem Hause, schon fter die Leichen junger Weiber 
geschndet hatte. Er wurde zu lebenslnglichem Kerker verurtheilt. 

Von hohem Interesse auf dem Gebiet der Nekrophilie ist die von T a x i 1 
(La prostitution contemporaine p. 171) berichtete Geschichte eines Prlaten, 
der zeitweise in einem Prostitutionshause in Paris erschien und eine Prostituirte, 
als Leiche weiss geschminkt auf dem Paradebett liegend , bestellte. 

Hora destinata in cubiculum quasi funestum et lugubre factum vesti- 
mento sacerdotali exornatus intravit, ita se gessit, acsi missam legeret, tum se 
in puellam coniecit, quae per totum tempus mortuam se esse simulare debuit 1 ). 

Durchsichtiger sind die Flle, in denen der Thter die Leiche 
misshandelt und zerstckelt. Solche Flle schliessen sich unmittelbar 
an die Lustmrder an, indem Grausamkeit, wenigstens ein Drang, 
sich am weiblichen Krper zu vergreifen, mit der Wollust dieser 
Individuen verbunden ist. Vielleicht schreckt ein Rest moralischer 
Bedenken von der Vorstellung grausamer Akte am lebenden Weibe 
ab, vielleicht berspringt die Phantasie den Lustmord und hngt sich 
gleich an sein Resultat, die Leiche. Mglicher Weise spielt auch 
hier die Vorstellung der Willenslosigkeit der Leiche eine Rolle. 

Beobachtung 22. Sergeant Bertrand ist ein Mensch von zartem 
Krperbau, von aufflligem Charakter, von Kindheit auf verschlossen und die 
Einsamkeit liebend. 



J ) Simon (Crimes et delits p. 209) theilt eine Erfahrung Lacassagne's 
mit, dem ein anstndiger Mann berichtete, er sei jeweils, aber nur dann mchtig 
sexuell erregt, wenn er Zuschauer bei einem Leichenbegngniss sei. 



70 Paraesthesia sexualis. 

Die Gesundheitsverhltnisse seiner Familie sind nicht gengend bekannt, 
das Vorkommen von Geisteskrankheiten in der Ascendenz ist jedoch sicher- 
gestellt. Schon als Kind will er mit einem ihm unerklrlichen Zerstrungs- 
drang behaftet gewesen sein. Er habe zerbrochen, was er gerade zur Hand 
hatte. 

Schon in frher Kindheit kam er ohne alle Verfhrung zur Onanie. 
Mit 9 Jahren begann er Hinneigung zu Personen des anderen Geschlechts zu 
verspren. Mit 13 Jahren erwachte mchtig in ihm der Drang zu geschlecht- 
licher Befriedigung an Weibern - , er onanirte nun sehr viel. Wenn er dies 
that, stellte er sich in seiner Phantasie jeweils ein Zimmer, erfllt mit Frauen, 
vor. Er stellte sich vor, er be den Geschlechtsakt mit denselben und martere 
sie dann. Darauf stellte er sich dieselben als Leichen vor und wie er sie als 
Leichen befleckte. Gelegentlich kam bei solcher Situation auch die Vor- 
stellung, es mit mnnlichen Leichen zu thun zu haben, aber sie war mit Ekel 
betont. 

Mit der Zeit empfand er den Drang, mit wirklichen Leichen derartige 
Situationen durchzumachen. 

Aus Mangel an menschlichen Leichen verschaffte er sich Thierleichen, 
schlitzte ihnen den Leib auf, riss die Eingeweide heraus und masturbirte da- 
bei. Er will damit einen unsglichen Genuss empfunden haben. 1846 ge- 
ngten ihm nicht mehr Leichen. Er tdtete nun Hunde und verfuhr dann 
mit ihnen wie frher. Ende 1846 bekam er zum ersten Male das Gelste, 
Menschenleichen zu benutzen. Er scheute sich anfangs davor. 1847 , als er 
zufllig auf dem Kirchhof das Grab einer frisch beerdigten Leiche gewahr 
wurde, kam dieser Drang unter Kopfweh und Herzklopfen mit solcher Macht, 
dass er, obwohl Leute in der Nhe waren und Gefahr der Entdeckung bestand, 
die Leiche ausgrub. Beim Abgang eines geeigneten Instruments, um sie zu 
zerstckeln, begngte er sich, dieselbe mit der Todtengrberschaufel voll Wuth 
zu hauen. 

1847 und 1848 kam, angeblich in Zwischenrumen von etwa 14 Tagen 
und unter heftigen Kopfschmerzen, der Drang, an Leichen Brutalitten zu 
verben. Mitten unter den grssten Gefahren und mit den grssten Schwierig- 
keiten gengte er etwa lmal diesem Trieb. Er grub die Leichen mit den 
Hnden aus, sprte vor Erregung gar nicht die Verletzungen, die er sich da- 
bei zuzog. Im Besitz der Leiche, schnitt er sie mit Sbel oder Taschenmesser 
auf, riss die Eingeweide aus und masturbirte in dieser Situation. Das Ge- 
schlecht der Todten war ihm angeblich ganz gleichgltig, jedoch wurde 
constatirt, dass dieser moderne Vampyr mehr weibliche als mnnliche Leichen 
ausgrub. 

Whrend dieser Akte sei er in unbeschreiblicher geschlechtlicher Auf- 
regung gewesen. Nachdem er sie zerschnitten, hatte er die Leichen jeweils 
wieder eingegraben. 

Im Juli 1848 gerieth er zufllig an die Leiche eines etwa 16jhrigen 
Mdchens. 

Da erwachte zum ersten Mal in ihm das Gelste, an dem Cadaver den 
Coitus auszuben. Ich bedeckte ihn allenthalben mit Kssen, drckte ihn 
wie rasend an mein Herz. Alles, was man an einem lebenden Weib gemessen 
kann , war nichts im Vergleich zu dem empfundenen Genuss. Nachdem ich 



Sadismus. 71 

diesen etwa eine V 4 Stunde gekostet, zerstckte ich wie gewhnlich die Leiche 
und riss die Eingeweide heraus. Dann begrub ich den Cadaver wieder." 

Erst von diesem Attentat ab will B. den Drang versprt haben, Leichen 
vor der Zerstckung geschlechtlich zu benutzen und habe er in der Folge bei 
etwa drei weiblichen Leichen dies gethan. Das eigentliche Motiv des Leichen- 
ausgrabens sei aber nach wie vor das Zerstcken gewesen und der Genuss bei 
dieser Handlung grsser als beim geschlechtlichen Benutzen der Leiche. 

Diese letzte Handlung habe immer nur eine Episode des Hauptaktes ge- 
bildet und niemals seine Brunst gestillt, weshalb er immer nachher dieselbe 
oder eine andere Leiche verstmmelt habe. 

Die Gerichtsrzte nahmen Monomanie" an. Das Kriegsgericht ver- 
urtheilte B. zu 1 Jahr Kerker. 

(Michea, Union med. 1849. Lunier, Annal. med. psychol. 1849, 
p. 153. Tardieu, Attentats aux moeurs 1878, p. 114. Legrand, La 
folie devant les tribun. p. 524.) 



c) Misshandeln von Weibern (Blutigstechen, 
Flagelliren etc.). 

An die Lustmrder und Leichenschnder, und den Ersteren 
noch nahestehend, reihen sich solche Flle an , wo Verletzung des 
Opfers der Lste und der Anblick des fliessenden Blutes desselben 
Reiz und Genuss fr entartete Menschen ist. 

Ein solches Ungeheuer war der berchtigte Marquis de Sade *), nach 
welchem die Verbindung von Wollust und Grausamkeit deshalb genannt wird. 
Coitus venerem suam non stimulavit, nisi quam futuabat ita pungere potuit 
ut sanguis flueret. Summa ei voluptas erat meretrices nudatas vulnerare et 
vulnera hoc modo facta obligare. 

Hierher gehrt auch wohl der Fall eines Capitns, von dem Brierre de 
Boismont (a. a. 0.) erzhlt, der seine Geliebte zwang, jeweils vor dem sehr 



J ) Taxil (op. cit. p. 180) gibt nhere Mittheilungen ber dieses psycho- 
sexuale Monstrum , das ein Fall von habitueller Satyriasis , zugleich mit Par- 
aesthesia sexualis gewesen sein drfte. 

S. war so cynisch, dass er ernstlich seine grausame Lsternheit idealisiren 
und sich zum Apostel einer darauf bezglichen Lehre machen wollte. Er trieb 
es so arg (u. A. machte er eine geladene Gesellschaft von Herren und Damen 
liebestoll, indem er ihr mit Canthariden versetzte Chocoladebonbons serviren 
Hess), dass man ihn in die Irrenanstalt Charenton sperrte. In der Revolution 
(1790) wurde er frei. Er schrieb nun obscne Romane, die von Wollust und 
Grausamkeit triefen. Als Bonaparte Consul wurde, machte ihm S. seine Romane, 
prachtvoll gebunden, zum Geschenk. Der Consul liess seine Werke vernichten 
und den Verfasser neuerdings in Charenton interniren, wo er 1814, 64 Jahre 
alt, starb. 



72 Paraesthesia sexualis. 

hufigen Coitus sich Hirudines ad pudenda zu setzen. Schliesslich verfiel 
dieses Weib in tiefe Anmie und wurde dadurch irrsinnig. 

In sehr bezeichnender Weise zeigt diesen Zusammenhang 
zwischen Wollust und Grausamkeit mit Drang, Blut zu vergiessen 
und Blut zu sehen, folgender meiner Clientel entlehnter Fall. 

Beobachtung 23. Herr X., 25 Jahre alt, stammt von luetischem, an 
Dem. paralytica gestorbenem Vater und Constitutionen hystero-neurasthenischer 
Mutter. Er ist ein schwchliches, Constitutionen neuropathisches , mit mehr- 
fachen anatomischen Degenerationszeichen behaftetes Individuum. Schon als 
Kind Anwandlungen von Hypochondrie und Zwangsvorstellungen. Spter be- 
stndiger Wechsel zwischen exaltirten und deprimirten Stimmungen. Schon 
als Junge von 10 Jahren fhlte Pat. einen sonderbaren wollstigen Drang, Blut 
aus seinen Fingern fliessen zu sehen. Er schnitt oder stach sich deshalb fters 
in die Finger und fhlte sich dann ganz beseligt. Schon frh gesellten sich 
dazu Erectionen, desgleichen, wenn er fremdes Blut sah, z. B. ein Dienst- 
mdchen sich in den Finger schnitt. Das machte ihm besonders wollstige 
Empfindungen. Seine Vita sexualis regte sich nun immer mchtiger. Ganz 
ohne Verfhrung begann er zu onaniren, dabei kamen ihm jeweils Erinnerungs- 
bilder blutender Frauenzimmer. Es gengte ihm nun nicht mehr, sein eigenes 
Blut fliessen zu sehen. Er lechzte nach dem Anblick des Blutes junger 
Frauenspersonen, besonders solcher, die ihm sympathisch waren. Er konnte 
sich oft kaum bezwingen, zwei Cousinen und ein Stubenmdchen nicht zu 
verletzen. Aber auch an und fr sich nicht sympathische Frauenzimmer riefen 
diesen Drang hervor, wenn sie ihn durch besondere Toilette, Schmuck, nament- 
lich Corallenschmuck, reizten. Es gelang ihm, diesen Gelsten zu widerstehen, 
aber in seiner Phantasie waren blutige Gedanken bestndig gegenwrtig 
mit unterhielten wollstige Erregungen. Ein inniger Zusammenhang bestand 
zwischen beiden Gedanken- und Gefhlskreisen. Oft kamen auch ander- 
weitige grausame Phantasien, z. B. dachte er sich in der Rolle eines Tyrannen, 
der das Volk mit Karttschen zusammenschiessen Hess. Er musste sich die 
Scene ausmalen, wie es wre, wenn Feinde eine Stadt berfallen, die Jung- 
frauen schnden, martern, tdten, rauben wrden. In ruhigeren Zeiten schmte 
und ekelte sich der sonst gutmthige und ethisch nicht defecte Patient 
vor solchen grausam-wollstigen Phantasien, gleichwie sie auch sofort latent 
wurden, sobald er durch Masturbation seiner sexuellen Erregung Befriedigung 
verschafft hatte. 

Schon nach wenigen Jahren war Pat. neurasthenisch geworden. Nun 
gengte ihm die blosse Phantasievorstellung von Blut und Blutscenen, um zur 
Ejaculation zu gelangen. Um sich von seinem Laster und seinen cynisch 
grausamen Phantasien zu befreien, trat Pat. in sexuellen Verkehr mit weib- 
lichen Individuen. Coitus war mglich, aber nur indem Pat. sich vorstellte. 
das Mdchen blute aus den Fingern. Ohne Zuhlfenahme dieser Phantasie- 
vorstellung wollte sich keine Erection einstellen. Die grausamen Gedanken, 
hineinzuschneiden, beschrnkten sich auf die Hand des Weibes. In Zeiten 
hchst gesteigerter sexueller Erregung gengte der Anblick einer sym- 
pathischen Frauenhand, um die heftigsten Erectionen hervor- 



Sadismus. 73 

zurufen. Erschreckt durch populre Lektre ber die schdlichen Folgen 
der Onanie und abstinirend, verfiel Pat. in einen Zustand schwerer allgemeiner 
Neurasthenie mit hypochondrischer Dysthymie, taed. vitae. Eine complicirte 
und wachsame rztliche Behandlung stellte binnen Jahresfrist den Kranken 
wieder her. Er ist seit drei Jahren psychisch gesund, ist nach wie vor sexuell 
sehr bedrftig, aber nur selten von seinen frheren blutdrstigen Ideen heim- 
gesucht. Der Masturbation hat X. ganz entsagt. Er findet Befriedigung im 
natrlichen Geschlechtsgenuss, ist vollkommen potent und nicht mehr genthigt, 
seine Blutideen zu Hlfe zu nehmen. 

Dass derlei wollstig-grausame Drnge bloss episodisch und 
unter bestimmten Ausnahmezustnden bei Belasteten vorkommen 
knnen, lehrt folgender von Tarnowsky (op. cit. p. 61) berich- 
teter Fall. 

Beobachtung 24. Z., Arzt, von neuropathischer Constitution, auf 
Alkohol schlecht reagirend, unter gewhnlichen Verhltnissen normal coitirend, 
fhlte, sobald er Wein getrunken, durch einfachen Coitus seine gesteigerte 
Libido nicht mehr befriedigt. In diesem Zustand musste er in die Nates der 
Puella stechen oder mit einer Lancette einschneiden, Blut sehen und das Ein- 
dringen der Klinge in den lebenden Krper fhlen, um Ejaculation zu erzielen 
und das Gefhl vollstndiger Sttigung seiner Wollust zu haben. 

Die Meisten aber, die mit dieser Form der Perversion belastet 
sind, erscheinen als durch den normalen Reiz des Weibes nicht er- 
regbar. Schon im obigen ersten Fall musste die Vorstellung des 
Blutens zu Hlfe genommen werden, um Erectionen zu erzielen. 
Der folgende Fall betrifft einen Mann, der durch Onanie in frher 
Jugend etc. seine Erectionsfhigkeit eingebsst hat, so dass der 
sadistische Akt bei ihm an die Stelle des Coitus tritt. 

Beobachtung 25. Der Mdchenstecher in Bozen (mitgetheilt von 
Demme, Buch der Verbrechen Bd. II, p. 341). 

1829 kam H. , 30 Jahre alt, Soldat, in gerichtliche Untersuchung. Er 
hatte zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten mit einem Brod- 
oder Federmesser Mdchen mit Stichen in das Abdomen, am liebsten in die 
Schamgegend verwundet und motivirte diese Attentate mit einem bis zur Wuth 
gesteigerten Geschlechtstrieb, der nur in dem Gedanken und der Handlung 
des Stechens von weiblichen Personen Befriedigung fand. 

Dieser Drang habe ihn oft tagelang verfolgt. Er sei dann in einen 
ganz verwirrten Seelenzustand gerathen, der sich erst wieder lste, wenn diesem 
Drang durch die That entsprochen war. Im Moment des Stechens habe er 
die Befriedigung des vollbrachten Beischlafs gehabt und diese Befriedigung sei 
gesteigert worden durch den Anblick des Blutes, das am Messer herunterlief. 

Schon im 10. Jahre war bei ihm der Geschlechtstrieb mchtig zu Tage 
getreten. Er verfiel zuerst der Masturbation und fhlte sich davon an Krper 
und Geist geschwcht. 



74 Paraesthesia sexualis. 

Bevor er zum Mdchenstecher " wurde, hatte er durch Missbrauch 
unreifer Mdchen, durch Onanisirung von solchen, ferner durch Sodomie 
seine Geschlechtslust befriedigt. Allmhlig war ihm der Gedanke gekommen, 
welch ein Genuss es sein msse, ein junges hbsches Mdchen in die Scham- 
gegend zu stechen und an dem Anblick des vom Messer ablaufenden Blutes 
sich zu weiden. 

Unter seinen Effecten fanden sich Nachbildungen von Gegenstnden des 
Cultus, von ihm selbst gemalte obscne Bilder der Empfngniss Maria's, des 
im Schoosse der Jungfrau geronnenen Gedanken Gottes". Er galt als ein 
sonderbarer, sehr reizbarer, leutscheuer, weiberschtiger, mrrischer, verdrosse- 
ner Mensch. Scham und Reue ber seine Handlungen wurden an ihm nicht 
wahrgenommen. Offenbar war er eine durch frhe sexuelle Excesse impotent 
gewordene Persnlichkeit 1 ), die bei fortdauernder starker Libido sexualis und 
durch Belastung zu Perversion des Geschlechtslebens hinneigte. 

Beobachtung 26. In den 60er Jahren wurde die Bevlkerung von 
Leipzig durch einen Mann erschreckt, welcher junge Mdchen auf der Strasse 
mit einem Dolch anzufallen pflegte und sie am Oberarm verletzte. Endlich 
verhaftet, erkannte man in ihm einen Sadisten, welcher im Moment des Dolch- 
stichs eine Ejaculation hatte und bei dem also die Verwundung der Mdchen 
Aequivalent fr Coitus war. (Wharton, A treatise on mental unsoundness 
Philadelphia 1873, . 623 2 ).) 

In den drei nchsten Fllen bestellt gleichfalls Impotenz. 
Dieselbe ist aber vielleicht psychisch bedingt, indem ab origine der 
Hauptton der Vita sexualis auf der sadistischen Neigung liegt und 
deren normale Elemente verkmmert sind. 

Beobachtung 27 (mitgetheilt von Demme, Buch der Verbrechen, VII, 
p. 281). Der Mdchenschneider von Augsburg, Bartle, Weinhndler, hatte schon 
mit 14 Jahren sexuelle Regungen, jedoch entschiedenen Widerwillen gegen Be- 
friedigung derselben durch Coitus bis zu Ekel gegen das weibliche Geschlecht. 
Schon damals kam ihm die Idee, Mdchen zu schneiden und sich dadurch 
geschlechtlich zu befriedigen. Er verzichtete aber darauf aus Mangel an Ge- 
legenheit und Muth. 

Masturbation verschmhte er ; ab und zu hatte er Pollutionen mit eroti- 
schen Trumen von geschnittenen Mdchen. 



*) Vgl. Kr au ss, Psychologie des Verbrechens, 1884, p. 188. Dr. Hof er, 
Annalen der Staatsarzneikunde, 6. Jahrgang, Heft 2; Schmidt's Jahrbcher 
Bd. 59, p. 94. 

2 ) Nach Zeitungsnachrichten wurden im December 1890 eine Reihe hn- 
licher Attentate in Mainz verbt. Ein junger Bursche von 14 bis 16 Jahren 
drngte sich an Frauen und Mdchen heran und stach sie mit einem spitzen 
Instrument in die Beine. Er wurde verhaftet und machte den Eindruck geistig 
gestrt zu sein. Nheres ber den hchst wahrscheinlich sadistischen Fall ist 
nicht bekannt. 



Sadismus. 75 

19 Jahre alt, schnitt er zum ersten Mal ein Mdchen. Haec faciens 
spernia eiaculavit, summa libidine affectus. Seither wurde der Impuls immer 
machtvoller. Er whlte nur junge und hbsche Mdchen und fragte sie meist 
vorher, ob sie noch ledig seien. Jeweils trat die Ejaculation und sexuelle 
Befriedigung ein, aber nur dann, wenn er merkte, dass er die Mdchen wirk- 
lich verwundet hatte. Nach dem Attentat fhlte er sich immer matt und 
bel, auch von Gewissensbissen gefoltert. Bis zum 32. Jahr verwundete er 
durch Schneiden, hatte aber immer Sorge, die Mdchen nicht gefhrlich zu 
verletzen. Von da ab bis zum 36. Jahr vermochte er seinen Trieb zu beherrschen. 
Nun versuchte er sich zu befriedigen, indem er Mdchen bloss am Arm oder 
Hals drckte, aber es kam dabei nur zur Erection, nicht zur Ejaculation. 
Nun versuchte er es, die Mdchen mit dem in der Scheide gelassenen Messer 
zu stechen, aber auch das gengte nicht. Endlich stach er mit dem offenen 
Messer und hatte vollen Erfolg, da er sich vorstellte, ein gestochenes Mdchen 
blute strker und habe mehr Schmerz als ein geschnittenes. Im 37. Jahr 
wurde er erwischt und verhaftet. In seiner Behausung fand man eine Menge 
von Dolchen, Stockdegen, Messern. Er gab an, dass der blosse Anblick dieser 
Waffen, noch mehr das Anfassen derselben ihm Wollustgefhle mit heftiger 
Erregung verschafft habe. 

Im Ganzen hatte er 50 Mdchen eingestandenerniassen verletzt. 

Seine ussere Erscheinung war eher eine angenehme. Er lebte in sehr 
guten Verhltnissen, war aber ein eigenthmlicher, leutscheuer Patron. 

Beobachtung 28. J. H., 26 J., kam im Jahre 1883 zur Consultation 
wegen seiner hochgradigen Neurasthenie und Hypochondrie. Pat. gibt zu, seit 
seinem 14. Jahre onanirt zu haben, und zwar bis zum 18. Jahre weniger, seit 
dieser Zeit aber fehlt ihm jede Kraft, dem Triebe zu widerstehen. Bis dahin 
hatte er, da er ngstlich gehtet wurde und man ihn wegen seiner Krnk- 
lichkeit fast nie allein Hess, sich nie einer Frauensperson nhern knnen. Er 
hatte auch kein rechtes Verlangen nach dem ihm unbekannten Genuss. 

Durch Zufall aber kam er dazu, als ein Stubenmdchen der Mutter beim 
Fenster waschen eine Scheibe zerbrach und sich heftig in die Hand schnitt. 
Als er dabei behlflich war, die Blutung zu stillen, konnte er sich nicht ent- 
halten , das ausstrmende Blut von der Wunde aufzusaugen , wobei er in 
usserst heftige erotische Erregung kam, bis zu vollstndigem Orgasmus und 
Ejaculation. 

Von nun an suchte er auf jede mgliche Weise sich den Anblick und 
womglich den Geschmack von ausfliessendem frischem Blute von weiblichen 
Personen zu verschaffen. Am liebsten war ihm das von jungen Mdchen. Er 
scheute kein Opfer und keine Geldausgabe , um sich diesen Genuas zu ver- 
schaffen. Anfnglich stand ihm das junge Mdchen zu Diensten, das sich 
nach seinem Wunsch mit einer Nadel oder sogar Lancette in die Finger stechen 
Hess. Als aber die Mutter es erfuhr, entliess sie das Mdchen. Nun musste 
er sich an Meretrices halten, um sich Ersatz zu verschaffen, was mit Schwierig- 
keiten, aber doch oft genug gelang. In der Zwischenzeit betrieb er Onanie 
und Manustupration per feminam , was ihm aber nie volle Befriedigung , da- 
gegen Abspannung und Selbstvorwrfe einbrachte. Er besuchte wegen seiner 
nervsen Leiden viele Curorte und war zweimal in Anstalten internirt, die er 



76 Paraesthesia sexualis. 

aus eigenem Antriebe aufsuchte. Er gebrauchte Hydrotherapie, Electricitt 
und roborirende Curen ohne besonderen Erfolg. Es gelang, seine abnorme 
geschlechtliehe Erregbarkeit und den Drang zur Onanie durch kalte Sitzbder, 
Monobromkampher und Gebrauch von Bromsalzen zeitweise zu bessern. Jedoch 
wenn Pat. sich frei fhlte, verfiel er sofort wieder in seine alte Leidenschaft 
und scheute weder Mhe noch Geld, um seine Geschlechtslust auf die besagte 
abnorme Weise zu befriedigen. 

Beobachtung 29 (mitgetheilt von Dr. Albert Moll in Berlin). L. T., 
21 Jahre, Kaufmann in einer rheinischen Stadt, gehrt einer Familie an, in 
der sich mehrere nervse und psychopathische Mitglieder befinden. Eine 
Schwester leidet an Hysterie und Melancholie. 

Patient war immer von sehr ruhigem Wesen, dabei schchtern. Er zog 
sich schon auf der Schule oft von anderen Schlern zurck, besonders wenn 
diese Gesprche ber Mdchen fhrten. In Damengesellschaft glaubte er mit 
jeder Aeusserung, die er that, den Anstand zu verletzen. Es war ihm z. B. 
sehr anstssig, in Gegenwart von Damen, verheiratheten und unverheiratheten, 
vom Schlafengehen, Aufstehen u. s. w. zu reden. In den unteren Klassen lernte 
Pat. gut. Spter wurde er trger und kam nicht gut vorwrts. 

Pat. kam wegen abnormer Erscheinungen in seinem sexuellen Leben am 
17. August 1890 zu Dr. Moll. Er that dies auf den Rath eines ihm verwandten 
Arztes X., dem er sich frher anvertraut hatte. 

Pat. macht einen auffallend ngstlichen und scheuen Eindruck, gibt auf 
Befragen an, dass er berhaupt sehr ngstlich sei, besonders in Gegenwart 
anderer Personen gehe ihm jedes Selbstvertrauen und sicheres Auftreten ab. 
Diese Angabe wird von Dr. X. besttigt. 

Was das sexuelle Leben des Pat. betrifft, so kann er die Anfnge des- 
selben bis zu seinem 7. Lebensjahr zurckdatiren. Er spielte schon damals 
viel mit seinen Genitalien und wurde dafr auch bestraft. Bei diesem Onaniren, 
wobei angeblich sein Glied in Erection gerieth, stellte er sich stets vor, dass 
er ein Weib mit der Ruthe auf die entblssten Nates schlage, und zwar so 
lange, bis sie Schwielen bekam. Namentlich reizte mich," so erzhlte Pat.. 
wenn ich mir dachte, dass es ein stolzes schnes Frauenzimmer wre und 
ich diesen Akt im Beisein Anderer, besonders Frauen, vornhme, damit die 
Betreffende fhlte, welcheMacht ich ber sie htte. Ich suchte 
in Folge dessen frhzeitig Lektre zu bekommen, die vom Schlagen handelte. 
z. B. ber die Misshandlung rmischer Sklaven. Erectionen bekam ich jedoch 
nur dann, wenn die vorgestellten Misshandlungen im Schlagen auf Rcken 
oder Hinterbacken bestanden. Anfangs glaubte ich , dass diese Art von Er- 
regung sich mit der Zeit verlieren wrde, und machte deshalb Niemand Mit- 
theilung davon." 

Die zeitig begonnene Onanie setzte Pat. fort, und zwar immer mit dem 
gleichen Gedankeninhalt. Seit dem 13. oder 14. Lebensjahre hatte er beim 
Onaniren Samenerguss. Decimum septimum annum agens primum feminam 
adiit coeundi causa neque coitum perficere potuit libidine et erectione deficienti- 
bus. Mox autem iterum apud alteram coitum conatus est nullo successu. Tum 
feminam per vim verberavit. Tantopere erat excitatus ut mulierem dolore 
clamantem atque lamentantem verberare non desierit. An irgend welche straf- 



Sadismus. 77 

rechtliche Folgen, die auch ausblieben, dachte er nicht. Bei dieser Procedur 
stellten sich Erection , Orgasmus und Ejaculation ein. Den Akt fhrte Pat. 
30 aus, dass er das Weib zwischen seine Kniee nahm, so dass sein Glied den 
Krper des Weibes berhrte, aber ohne immissio penis in vaginam, die dem 
Patienten berhaupt ganz berflssig erscheint. 

Nachtrglich empfand aber Pat. ber das Schlagen solches Schamgefhl 
und es bemchtigte sich seiner eine so trbe Stimmung , dass er fters an 
Selbstmord dachte. Pat. ging in den folgenden 3 Jahren noch einige Male zu 
Weibern. Niemals machte er aber wieder einem solchen die Zumuthung, sich 
von ihm schlagen zu lassen. Er versuchte Erection dadurch zu erzielen, dass 
er an das Schlagen dachte; doch hatte dies keinen Erfolg neque membrum 
a muliere tractatum se erexit. Nach einem solchen missglckten Versuch 
fasste Pat. endlich den Entschluss, sich einem Arzte zu offenbaren. 

Pat. macht noch eine Reihe weiterer Angaben, betreffend seine Vita 
sexualis. Der abnorme Geschlechtstrieb habe ihn auch durch seine Strke be- 
lstigt. Er ging mit sexuellen Gedanken schlafen, sie verfolgten ihn des Nachts 
und gleich nach dem Erwachen waren sie wieder da. Nie war er lngere Zeit 
vor dem Andrngen der krankhaften, ihn erregenden Vorstellungen sicher, denen 
er sich dann allerdings auch mit Vorliebe hingab und von denen er sich nur 
durch Onanie auf kurze Zeit befreien konnte. 

Auf meine Frage gibt Pat. an, dass ein anderes Mittel gegen das 
Weib angewendet, als die erwhnten Schlge auf Rcken und besonders nates, 
auf ihn keinen Reiz ausbt. Weder Fesselung desselben, noch Treten und 
Stossen kann ihm einen solchen gewhren. Es ist dies um so mehr zu be- 
tonen, als das den Pat. erregende Schlagen des Weibes ihm deshalb als 
sexueller Reiz gilt, weil es fr das Weib demthigend und entehrend" ist, 
und weil dasselbe fhlen soll, dass es vollstndig in seiner Gewalt ist". Auch 
wrde es dem Pat. keinen Reiz verursachen, wenn er das Weib auf einen 
anderen als die erwhnten Krpertheile schlge oder ihm auf eine andere Art 
als durch Schlge Schmerz zufgte. 

Multo minorem ei affert voluptatem si nates suae a muliere verberantur ; 
tarnen ea res saepe eiaculationem seminis effecit, sed haec fieri putat erectione 
deficiente. 

Inter verbera autem penem in vaginam immittendo nullam voluptatem 
se habere ratus, qualibet parte corporis feminae pene tacta semen eiaculat. 
Ebenso wie bei dem Schlagen des Weibes den Reiz fr ihn 
das Demthigen des Weibes bildet, so fhlt er sich im um- 
gekehrten Falle dadurch sexuell erregt, dass das Schlagen 
ihn demthigt und er sich ganz in die Gewalt des Weibes hin- 
gegeben fhlt. Dennoch konnte ihn eine andere Art der eigenen Demthi- 
gung, als das Schlagen auf seine Hinterbacken, nicht erregen. Sich selbst 
fesseln zu lassen oder von dem Weibe mit Fssen getreten zu werden, ist dem 
Pat. zuwider. 

Die Trume des Pat. bewegten sich, so weit sie erotischer Natur waren, 
stets in derselben Richtung, wie seine sexuellen Neigungen im wachen Zustand; 
es erfolgte dabei im Traume gleichfalls oft ein wirklicher Samenerguss. Ob 
brigens die perversen sexuellen Gedanken zuerst im Traum oder im wachen 
Zustand aufgetaucht sind, kann Pat. nicht mehr genau angeben, da die 



78 Paraesthesia sexualis. 

Erinnerung auf eine so frhe Zeit, das 7. Lebensjahr, zurckgeht. Doch glaubt 
er, dass diese Gedanken sich zuerst im Wachen gezeigt haben. In seinen 
Trumen begegnete es dem Pat. fters, dass er eine mnnliche Person schlug, 
wobei gleichfalls Samenerguss eintrat. Im wachen Zustand bewirkt es bei ihm 
nur sehr geringe Erregung, wenn er sich vorstellt, dass er eine mnnliche 
Person schlage. Die nackte Gestalt des Mannes allein hat indessen fr ihn 
keinerlei Reiz, whrend ihn die nackte Gestalt eines Weibes entschieden 
anlockt, obwohl seine Libido erst dann ihre eigentliche Befriedigung finde, 
wenn die oben geschilderten Vorgnge stattfinden und er, wie gesagt, keinen 
Drang zum Coitus in vaginam empfindet. 

Die Behandlung des Pat. ist wesentlich auf die Erzielung eines normalen 
Beischlafs, womglich mit normalem Trieb, gerichtet, da anzunehmen ist, 
dass, wenn es gelingt, sein sexuelles Leben normal zu gestalten, auch das 
scheue und ngstliche Wesen des Pat., welches ihn sehr belstigt, leichter zum 
Schwinden gebracht werden kann. Die von mir (Dr. Moll) seit B 1 h Monaten 
durchgefhrte Behandlung lief auf dreierlei hinaus. 

Erstens wurde dem Pat., der seine Heilung lebhaft wnscht, auf das 
Entschiedenste verboten , sich den perversen Gedanken beliebig hinzugeben. 
Selbstverstndlich gab ich ihm nicht den thrichten Rath, an das Schlagen 
berhaupt nicht zu denken. Ein solcher Rath kann von dem Pat. nicht be- 
folgt werden, da die Gedanken ihm ohne sein Zuthun kommen und schon 
beim zuflligen Lesen des Wortes schlagen" rege werden. Nur das verbot 
ich ihm entschieden, dass er sich solchen Gedanken jemals willkrlich hingebe. 
Ich empfahl ihm vielmehr, Alles zu thun, um seine Vorstellungen auf ein 
anderes Gebiet hinberzuleiten. 

Zweitens gestattete ich, ja empfahl ich dem Pat., da ihn manche 
nackte Weiber interessirten, wenn auch nicht, wie er meinte, in sexueller Be- 
ziehung erregten, sich in seiner Phantasie solche Weiber vorzustellen. 

Drittens suchte ich durch allerdings schwer zu erzielende Hypnose und 
Suggestion den Pat. mglichst in dieser Richtung zu untersttzen. Jeder Bei- 
schlafsversuch wurde dem Pat. vorlufig untersagt, um ihn durch einen Miss- 
erfolg nicht zu entmuthigen. 

Diese Behandlung fhrte innerhalb 27 Monaten dazu, dass nach An- 
gabe des Pat. die perversen Vorstellungen viel seltener auftauchten und immer 
mehr in den Hintergrund traten, ja es stellten sich nach seinen Angaben bei 
der Vorstellung nackter Weiber Erectionen ein, deren Hufigkeit zunahm und 
die ihn fters dazu brachten, mit der Vorstellung des Coitus zu onaniren, ohne 
dass dabei die Vorstellung des Schiagens aufgetaucht wre. Im Schlaf traten 
erotische Trume nur selten auf; diese hatten jetzt bald normalen Coitus, bald 
das Schlagen zum Inhalt. 

Nach Verlauf von 2 1 /i Monaten seit Beginn der Behandlung empfahl 
ich dem Pat., den Coitus zu versuchen. Er hat dies seitdem viermal gethan. 
Ich empfahl ihm stets, ein Weib zu whlen, das ihm zusagte, versuchte auch 
vor dem Coitus seine sexuelle Erregung durch Tinctura cantharidum zu erhhen. 

Die vier Versuche, deren letzter am 29. November 1890 stattfand, ver- 
liefen in folgender Weise: Beim ersten waren lngere Manipulationen des 
Weibes am Penis nthig, um Erection zu erzielen. Dann gelang immissio in 
vaginam, Ejaculation mit Orgasmus. Whrend des ganzen Aktes trat keine 



Sadismus. 79 

Vorstellung auf, dass er das Weib schlage oder geschlagen werde, vielmehr 
erregte ihn das Weib als solches gengend, um den Coitus auszufhren. Beim 
zweiten Versuch gelang dies noch besser und schneller; Manipulationen des 
Weibes ad genitalia waren nur in ganz geringem Masse nthig. Beim dritten 
Versuch gelang Beischlaf erst, nachdem Pat. lange Zeit an das Schlagen ge- 
dacht und dadurch Erection erzielt hatte; zum Schlagen selbst kam es indessen 
nicht. Beim vierten Versuch gelang der Coitus wieder ohne jeden Gedanken 
an das Schlagen und dabei ohne jede Manipulation am Penis. 

Selbstverstndlich kann der geschilderte Fall bis jetzt in keiner Weise 
als geheilt betrachtet werden. Wenn Pat. auch einige Male in annhernd 
oder ganz normaler Weise den Coitus ausfhren konnte, so ist damit noch 
nicht gesagt, dass er auch in Zukunft dazu stets im Stande sein wird. Dazu 
kommt, dass der Gedanke des Schiagens ihm immer noch einen grossen Reiz 
gewhrt, wenn er auch sehr viel seltener auftritt als frher. Dennoch ist die 
Mglichkeit vorhanden, dass der abnorme Trieb, der gegenwrtig eine wesent- 
liche Schwchung erfahren hat, auch in Zukunft vermindert bleiben, vielleicht 
sogar verschwinden wird. 

Dieser sorgfltig beobachtete Fall ist in mehrfacher Beziehung 
usserst interessant. Er deckt deutlich erkennbar eine der ver- 
borgenen Wurzeln des Sadismus auf, den Drang zur schranken- 
losen Unterwerfung des Weibes, welcher hier bewusst geworden 
ist. Dies ist um so merkwrdiger, da es sich hier um ein schch- 
ternes, im sonstigen Leben mglichst bescheiden, ja ngstlich auf- 
tretendes Individuum handelt. Der Fall zeigt auch deutlich , dass 
starke, ja das Individuum gegen alle Hindernisse mit sich fort- 
reissende Libido vorhanden sein kann , whrend gleichzeitig der 
Coitus nicht begehrt wird, weil der Hauptton des Gefhls auf den 
grausamen Theil des sadistischen, wollstig-grausamen Vorstellungs- 
kreises ab origine gefallen ist. Dieser Fall enthlt gleichzeitig 
schwache Elemente von Masochismus (s. unten). 

Die Flle sind brigens durchaus nicht selten, in denen Mnner 
mit perversen Neigungen mittelst hoher Bezahlung Prostituirte be- 
wegen, sich von ihnen flagelliren und selbst blutig verwunden zu 
lassen. Die Werke, die sich mit der Prostitution beschftigen, ent- 
halten darber Berichte. So Coffignon, la corruption Paris etc. 

d) Besudelung weiblicher Personen. 

Mitunter ussert sich der perverse sadistische Trieb, Frauen 
zu beschdigen und verchtlich, demthigend zu behandeln in dem 
Drange, dieselben mit ekelhaften oder wenigstens beschmutzenden 
Dingen zu besudeln. 



30 Paraesthesia sexualis. 

Hierher gehrt der folgende von Arndt (Vierteljahrschr. f. 
ger. Medicin, N. F. XVII, H. 1) verffentlichte Fall. 

Beobachtung 30. Stud. med. A. in Greifswald accusatus quod iterum 
iterunique puellis honestis parentibus natis in publico genitalia sua e bracis 
dependentia plane nudata quae antea summe- amiculo (Paletotschsse) teeta 
erant, ostenderat. Nonnunquam puellas fugientes secutus easque ad se at- 
traetas urina oblivit. Haec luce clara facta sunt ; nunquam aliquid haec faciens 
locutus est. 

A. ist 23 Jahre alt, krftig von Krper, sauber im Anzug, decent in 
seinen Manieren. Andeutung von Cranium progeneum. Chronische Pneumonie 
der rechten Lungenspitze. Emphysem. Puls 60, in der Erregung nur 7080 
Schlge. Genitalien normal. Klagen ber zeitweise Verdauungsstrungen, 
Hartleibigkeit, Schwindel, excessive Erregung des Geschlechtstriebs, die schon 
frh zur Onanie fhrte, nie aber, auch in der Folge nicht, auf naturgemsse 
Befriedigung desselben gerichtet war. Klagen ber zeitweise melancholische 
Verstimmung, selbstqulerische Gedanken und perverse Antriebe, zu denen er 
selbst kein Motiv finden knne, z. B. zum Lachen bei ernsten Veranlassungen, 
sein Geld ins Wasser zu werfen, im strmenden Regen umherzulaufen. 

Der Vater des Inculpaten ist von nervsem Temperament, die Mutter 
nervsem Kopfweh unterworfen. Ein Bruder litt an epileptischen Krmpfen. 

Inculpat zeigte von Jugend auf nervses Temperament, war zu Krmpfen 
und Ohnmchten geneigt, gerieth in Zustnde von momentaner Erstarrung, 
wenn er hart getadelt wurde. 1869 studirte er Medicin in Berlin. 1870 machte 
er als Lazarethgehlfe den Krieg mit. Seine Briefe aus dieser Zeit verrathen 
eine auffallende Schlaffheit und Weichheit. Bei der Rckkehr nach Hause im 
Frhjahr 1871 fllt seine Gemthsreizbarkeit der Umgebung auf. In der Folge 
hufig Klagen ber krperliche Beschwerden, Unannehmlichkeiten wegen eines 
Liebesverhltnisses. Im November 1871 lebte er in Greifswald eifrig seinen 
Studien. Er galt als ein hchst anstndiger Mensch. In der Haft ist er ruhig, 
gelassen, zeitweise in sich versunken. Seine Handlungen schiebt er auf Rech- 
nung von peinigenden und in letzter Zeit excessiven geschlechtlichen Regungen. 
Seiner unzchtigen Handlungen sei er sich wohl bewusst gewesen und habe 
sich ihrer hinterher geschmt. Eine wirkliche geschlechtliche Befriedigung 
habe er dabei nicht empfunden. Einer rechten Einsicht in seine Lage wird 
er sich nicht bewusst. Er betrachtet sich als eine Art Mrtyrer, der einer 
bsen Macht zum Opfer gefallen ist. Annahme von Aufhebung der freien 
Willensbestimmung. 

Dieser Besudelungsdrang kommt auch bei paradoxem, im 
Greisenalter wieder erwachenden Geschlechtstrieb vor, der sich ja 
so oft gleichzeitig auf perverse Art ussert. 

So berichtet Tarnowsky (op. cit. p. 76) folgenden Fall: 

Beobachtung 31. Ich kannte einen solchen Patienten, der ein mit 
einem decolletirten Ballkleid geputztes Frauenzimmer sich in einem hell er- 
leuchteten Zimmer auf ein niedriges Sopha hinlegen Hess. Ipse apud janum 
alius cubiculi obscurati constitit adspiciendo aliquantulum feminam, excitatus 



Sadismus. 81 

in eam insiluit excrementa in sinus eius deposuit. Haec faciens eiaculationem 
quandam se sentire confessus est. 

Ein Wiener Gewhrsmann theilt mir mit, dass Mnner Pro- 
stituirte mittelst hoher Belohnungen dazu bringen, zu dulden, ut 
illi viri in ora earum spuerent et faeces et urinas in ora explerent *). 

Hierher scheint auch der folgende Fall des Dr. Pascal (Igiene 
dell' amore) zu gehren. 

Beobachtung 32. Ein Mann hatte eine Geliebte. Seine einzigen 
Beziehungen zu dieser bestanden darin, dass sie sich mit Kohle oder Russ 
die Hnde von ihm schwrzen Hess, dann musste sie sich vor einen Spiegel 
setzen, so dass er ihre Hnde in diesem sehen konnte. Whrend einer oft 
lngeren Conversation mit der Geliebten schaute er unverwandt nach dem 
Spiegelbild ihrer Hnde und empfahl sich dann nach einiger Zeit sehr be- 
friedigt. 

Bemerkenswerth in dieser Art drfte folgender, mir von rztlicher Seite 
mitgetheilter Fall sein: Ein Offizier war in einem Lupanar zu K. nur unter 
dem Namen Oel" bekannt. Oel erzielte Erection und Ejaculation einzig da- 
durch, dass er puell. publ. nudam in einen mit Oel gefllten Bottich treten 
Hess und sie am ganzen Krper einlte! 

Angesichts dieser Vorkommnisse drngt sich die Vermuthung 
auf, dass gewisse Flle von Schdigung der Kleidung weiblicher 
Personen (z. B. Bespritzen mit Schwefelsure, Tinte u. s. w.) in der 
Befriedigung eines perversen Sexualtriebs wurzeln, wenigstens handelt 
es sich hier auch um eine Art von Wehethun und sind die Be- 
schdigten jeweils Frauenzimmer, die Beschdiger mnnliche Indi- 
viduen. Jedenfalls verlohnt es sich der Mhe, in derlei Gerichts- 
fllen knftig der Vita sexualis der Attentter Aufmerksamkeit zu 
schenken. 

Auf die sexuelle Natur derartiger Attentate wirft auch der 
unten mitgetheilte Fall Bachmann, Beob. 91, helles Licht, da in 
diesem Falle das sexuelle Motiv des Delicts erwiesen ist. 

e) Sonstige Ausbung von Gewalt gegen weibliche 
Personen. Symbolischer Sadismus. 

Mit den vorstehenden Gruppen sind die Formen, in welchen 
sich der sadistische Trieb gegen das Weib ussert, noch nicht er- 



*) Leo Taxil, La Corruption, Paris, Noiret, macht p. 223 dieselben 
Angaben. Es gibt auch Mnner, die introductio linguae meretricis in anum 
verlangen. 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 



82 Paraesthesia sexualis. 

schpft. Wenn der Trieb nicht bermchtig, oder noch gengender 
moralischer Widerstand vorhanden ist, kann es geschehen, dass die 
perverse Neigung durch einen scheinbar ganz sinnlosen lppischen 
Akt befriedigt wird, der aber fr den Thter symbolische Be- 
deutung hat. 

Dies scheint der Sinn der folgenden zwei Flle zu sein. 

Beobachtung 33. (Dr. Pascal, Igiene delT amore.) Ein Mann 
ging an einem festgesetzten Tage ein Mal monatlich zu seiner Geliebten und 
schnitt ihr mit einer Scheere die Haare ab, welche ihr ber die Stirne herab- 
hingen. Es gewhrte ihm dies den grssten Genuss. Sonst stellte er keine 
Ansprche an das Mdchen. 

Beobachtung 34. Ein Mann in Wien besucht regelmssig mehrere 
Prostituirte, nur um ihnen das Gesicht einzuseifen und ihnen dann mit einem 
Rasirmesser so ber das Gesicht zu fahren, als ob er ihnen einen Bart ab- 
scheeren wollte. Nunquam puellas laedit, sed haec faciens valde excitatur libi- 
dine et sperma eiaculat 1 ). 

f) Sadismus an beliebigem Object. Knabengeissler. 

Ausser den geschilderten sadistischen Handlungen an weib- 
lichen Individuen kommen solche an beliebigen lebenden und em- 
pfindenden Objecten, Kindern und Thieren, vor.* Es kann dabei 
volles Bewusstsein bestehen, dass der grausame Drang eigentlich 
gegen Weiber gerichtet ist und nur faute de mieux das nchste 
erreichbare Object (Schler) misshandelt werden; es kann aber 
auch der Zustand des Thters so beschaffen sein, dass der Drang 
nach grausamen Handlungen allein von wollstigen Regungen be- 
gleitet ins Bewusstsein tritt, whrend dessen eigentliches Object 
(das die wollstige Betonung solcher Handlungen erst erklren kann) 
im Dunklen bleibt. 

Die erstere Alternative gengt zur Erklrung in den Fllen, 
welche Dr. Albert (Friedrich's Bltter f. ger. Med. 1859 p. 77) 
erzhlt, Flle, in welchen wollstige Erzieher ihre Zglinge ohne 
alle Veranlassung auf den entblssten Podex peitschten. 

An die zweite Alternative, den in Bezug auf sein Object un- 
bewussten sadistischen Trieb, mssen wir wohl denken, wenn Knaben 



J ) Leo Taxil op. cit. p. 224 erzhlt, dass in den Pariser Lupanaren 
Instrumente bereit gehalten werden, die Knttel vorstellen, aber nur luftgefllte 
Hlsen sind, dieselben, mit denen sich im Circus die Clowns prgeln. Sadistische 
Mnner verschaffen sich damit die Illusion, Weiber zu prgeln. 



Sadismus. 83 

beim Anblick der Zchtigung ihrer Altersgenossen sofort sexuell 
erregt und dadurch in ihrer weiteren Vita sexualis bestimmt werden, 
wie in den folgenden Fllen. 

Beobachtung 35. K, 25 Jahre, Kaufmann, wendete sich im Herbst 
1889 an mich um Rath wegen einer Anomalie seiner Vita sexualis, welche ihn 
Siechthum und Versagtbleiben knftigen ehelichen Glckes frchten lasse. 

Pat. stammt aus nervser Familie, war als Kind zart, schwchlich, nervs, 
gesund bis auf Morbilli, entwickelte sich spter krftig. 

Mit 8 Jahren, in der Schule, war er Zeuge, wie der Lehrer Knaben 
zchtigte, indem er ihnen den Kopf zwischen die Schenkel nahm und deren 
Gesss mit Ruthenstreichen bearbeitete. 

Dieser Anblick verursachte Pat. eine wollstige Erregung. Ohne eine 
Ahnung von der Gefhrlichkeit und Abscheulichkeit der Onanie" befriedigte 
er sich durch solche und masturbirte von nun an oft, indem er jeweils das 
Erinnerungsbild gezchtigter Knaben sich vergegenwrtigte. 

So ging es fort bis zum 20. Jahre. Da erfuhr er von der Bedeutung 
der Onanie, erschrak heftig, suchte seinen Drang zur Masturbation zu unter- 
drcken, verfiel aber auf nach seiner Meinung unschdliche und moralisch zu 
rechtfertigende psychische Onanie, wozu er die erwhnten Erinnerungsbilder 
flagellirter Knaben benutzte. 

Pat. wurde nun neurasthenisch , litt unter Pollutionen, versuchte sich 
durch Besuch ffentlicher Huser zu heilen, brachte es aber zu keiner Erection. 

Er bestrebte sich nun, zu normalen geschlechtlichen Empfindungen durch 
geselligen Verkehr mit anstndigen Damen zu gelangen, erkannte aber, dass 
er ganz unempfindlich fr die Reize des schnen Geschlechts sei. 

Pat. ist ein intelligenter, normal gewachsener, schngeistig veranlagter 
Mann. Neigung zu Personen des eigenen Geschlechts besteht nicht. 

Mein rztlicher Rath bestand in Vorschriften zur Bekmpfung der 
Neurasthenie, der Pollutionen, Verbot psychischer und manueller Onanie, Fern- 
haltung aller sexuellen Reize, Inaussichtstellung hypnotischer Behandlung be- 
hufs successiver Rckerziehung der Vita sexualis zur Norm. 

Beobachtung 36. Abortiver Sadismus. N., Stud. Kommt im De- 
cember 1890 zur Beobachtung. Er treibt seit frher Jugend Onanie. Nach 
seinen Angaben wurde er geschlechtlich erregt, als er seine Geschwister durch 
den Vater zchtigen sah, spter Mitschler durch den Lehrer. Als Zus^ 1 auer 
solcher Akte hatte er immer Wollustgefhle. Wann dies zum ersten Male 
auftrat, weiss er nicht genau zu sagen ; etwa mit 6 Jahren sei dies schon der 
Fall gewesen. Er weiss auch nicht mehr genau , wann er zur Onanie kam ; 
behauptet aber bestimmt, dass sein Sexualtrieb durch Zchtigung Anderer ge- 
weckt worden sei und dass er dadurch ganz unbewusst zur Onanie gelangte. 
Pat. erinnert sich bestimmt, dass er vom 4. 8. Jahre fters selbst auf den 
Podex gezchtigt worden ist, davon aber nur Schmerz und niemals Wollust 
empfunden habe. 

Da er nicht immer Gelegenheit hatte, Andere zchtigen zu sehen, stellte 
er sich nun in seiner Phantasie vor, wie Solche gezchtigt wurden. Das erregte 



84 Paraesthesia sexualis. 

seine Wollust und er onanirte dann. Wo immer er konnte, suchte er es in 
der Schule so einzurichten, dass er beim Zchtigen Anderer zusehen konnte. 
Er fhlte ab und zu auch den Wunsch , selbst Andere zu zchtigen. Mit 
12 Jahren brachte er einen Kameraden dazu, dass dieser sich von ihm zch- 
tigen Hess. Dabei empfand er grosse Wollust. Als aber der Andere ihn 
dann en revanche zchtigte, empfand er nur Schmerz. 

Der Drang, Andere zu zchtigen, war nie sehr stark. Pat. empfand 
mehr Befriedigung darin, seine Phantasie in Geisselscenen schwelgen zu 
lassen. Sonstige sadistische Anwandlungen hatte er nie. Niemals Drang, Blut 
zu sehen u. dgl. 

Bis zum 15. Jahre bestand sein sexueller Genuss in Onanie im Anschluss 
an obige Phantasien. 

Von da an (Tanzstunde, Umgang mit Mdchen) schwanden die frheren 
Phantasien fast vllig und waren nur mehr schwach von Wollustgefhlen be- 
gleitet, so dass Pat. ganz davon abliess. An die Stelle derselben traten Coitus- 
phantasien in natrlicher, nicht sadistischer Art. 

Aus Gesundheitsrcksichten" coitirte Pat. zum ersten Mal. Er war potent 
und vom Akt befriedigt. Er suchte nun von Onanie sich zu enthalten, aber 
es gelang nicht, obwohl er fter coitirte und dabei mehr Genuss fand als 
bei Onanie. 

Er mchte von der Onanie als etwas Unwrdigem loskommen. Schd- 
liche Wirkungen hat er davon nicht bemerkt. Coitirtlmal monatlich, onanirt 
aber 1 2mal in jeder Nacht. Er ist jetzt sexuell ganz normal bis auf die 
Onanie. Von Neurasthenie ist nichts zu finden. Genitalien normal. 

Beobachtung 37. P., 15 Jahre, aus vornehmem Hause, stammt von 
hysterischer Mutter. Deren Bruder und Vater starben im Irrenhause. 

Zwei Geschwister starben in Fraisen im zarten Kindesalter. 

P. ist talentirt, brav, ruhig, zeitweilig aber sehr ungehorsam, halsstarrig, 
jhzornig. Er leidet an Epilepsie, ist Onanist. Eines Tages kam heraus, dass 
P. den 14jhrigen, mittellosen Kameraden B. durch Geld dazu vermochte, sich 
von ihm in Oberarme, Hinterbacken, Oberschenkel kneipen zu lassen. Wenn 
dann B. weinte, wurde P. aufgeregt, schlug auf B. mit der rechten Hand los, 
whrend er mit der linken in seiner linken Hosentasche manipulirte. 

P. gestand, dass ihm die Misshandlung des Freundes, den er sonst sehr 
gern habe, ein besonderes Vergngen bereitet habe, und dass ihm die Ejacu- 
lation, da er whrend der Misshandlung masturbirte, bedeutend mehr Genuss 
verschaffe, als wenn er solitr masturbirte. (v. Gyurkovechky, Pathologie 
und Therapie der mnnlichen Impotenz, 1889, p. 80.) 

Dass in allen diesen Fllen sadistischer Misshandlungen an 
Knaben nicht etwa an eine Combination von Sadismus mit con- 
trrer Sexualempfindung, wie sie bei contrr Sexualen fters vor- 
kommt (s. unten), zu denken ist, ergibt sich abgesehen davon, 
dass alle positiven Anzeichen dafr fehlen auch aus der Be- 
trachtung der nchsten Gruppe, wo neben dem Object der Miss- 



Sadismus. 85 

handlung Thiere die Richtung des Triebes auf das Weib 
wiederholt deutlich hervortritt. 

g) Sadistische Akte an Thieren. 

In zahlreichen Fllen bentzen sadistisch perverse Mnner, die 
vor einem Verbrechen am Menschen zurckschrecken, oder denen 
es berhaupt nur auf den Anblick der Leiden eines empfindenden 
Wesens ankommt, zur Potenzirung oder Erregung ihrer Wollust 
den Anblick des Sterbens von Thieren oder die Marterung derselben. 

Bezeichnend in dieser Hinsicht ist der von Hofmann in seinem Lehr- 
buch der gerichtlichen Medicin berichtete Fall eines Mannes in Wien, der sich 
nach der gerichtlichen Aussage mehrerer Prostituirten vor dem Geschlechtsakt 
durch Martern und Tdten von Hhnern, Tauben und anderen Vgeln aufzu- 
regen pflegte und deshalb von ihnen den Spitznamen Hendlherr " erhielt. 

Werthvoll fr die Bedeutung eines derartigen Falles ist die Beobachtung 
von Lombroso bezglich zweier Mnner, die, wenn sie Hhner oder Tauben 
drosselten oder schlachteten, Ejaculationen bekamen. 

Derselbe Autor berichtet in seinem Uomo delinquente p. 201 von einem 
bedeutenden Dichter, der beim Anblick des Zerstckens eines geschlachteten 
Kalbes oder auch beim blossen Gewahrwerden von blutigem Fleisch sexuell 
mchtig erregt wurde. 

Ein entsetzlicher Sport soll nach Mantegazza (op. cit. p. 114) bei 
entarteten Chinesen darin bestehen, Anseres zu sodomisiren und ihnen tempore 
ejaculationis den Hals abzusbeln. (!) 

Mantegazza (Fisiologia del piacere, 5. ed. p. 394 395) berichtet von 
einem Mann, der einmal zusah, wie man Hhne abschlachtete, und seit dieser 
Zeit eine Gier hatte, die warmen, noch dampfenden Eingeweide derselben zu 
durchwhlen, weil er dabei ein Wollustgefhl empfand. 

Die Vita sexualis ist also auch in diesem und in hnlichen Fllen ab 
origine so beschaffen, dass der Anblick von Blut, Tdtung etc. wollstige Ge- 
fhle erregt. Ebenso im folgenden Falle : 

B e o b a c h t u n g 38. C. L., 42 Jahre alt, Ingenieur, verheirathet Vater 
von 2 Kindern. Stammt aus neuropathischer Familie, Vater jhzornig, Potator, 
Mutter hysterisch, litt an eclamptischen Anfllen. 

Pat. erinnert sich, in seinen Knabenjahren mit Vorliebe der Schlachtung 
von Hausthieren zugesehen zu haben, insbesondere der von Schweinen. Es 
kam dabei zu ausgesprochenem Wollustgefhl und Ejaculation. Spter suchte 
er Schlachthuser auf, um sich am Anblick des ausfliessenden Blutes und der 
Todeszuckungen der Thiere zu ergtzen. Wo er Gelegenheit dazu finden 
konnte, tdtete er selbst ein Thier, was ihm jedesmal ein vicariirendes Gefhl 
des Geschlechtsgenusses verschaffte. 

Erst um die Zeit der vollen Entwicklung kam er zur Erkenntniss seiner 
Abnormitt. Weibern war Pat. nicht geradezu abgeneigt, aber nhere Be- 



86 Paraesthesia sexualis. 

rhrung mit ihnen schien ihm ein Gruel. Auf Anrathen eines Arztes hei- 
rathete er mit 25 Jahren eine ihm sympathische Frau, in der Hoffnung, seinen 
abnormen Zustand los zu werden. Obwohl er seiner Frau sehr zugethan war, 
konnte er nur selten und nach langer Bemhung und Anspannung seiner Phan- 
tasie mit ihr den Coitus ausben. Trotzdem zeugte er 2 Kinder. Im Jahre 1866 
machte er den Krieg in Bhmen mit. Seine Briefe von dort an seine Frau 
waren in einem exaltirt enthusiastischen Tone geschrieben. Seit der Schlacht 
von Kniggrtz ist er verschollen. 

War die Fhigkeit zum normalen Beischlafe in diesem Falle 
durch das Ueberwiegen der perversen Vorstellungen sehr beein- 
trchtigt, so erscheint sie im folgenden Falle gnzlich unterdrckt. 

Beobachtung 39. (Dr. Pascal, Igiene dell' amore.) Ein Herr erschien 
bei Prostituirten, Hess von ihnen lebendes Geflgel oder ein Kaninchen kaufen 
und verlangte, dass die Person das Thier martere. Er hatte es abgesehen auf 
Kpfen, Augenausreissen, Ausreissen der Eingeweide. Fand er eine Puella, 
die sich zu derlei herbeiliess und recht grausam vorging, so war er entzckt, 
zahlte und ging, ohne von der Person etwas weiter zu verlangen oder sie zu 
berhren, seiner Wege. 

Aus den beiden letzten Abschnitten f) und g) ergibt sich, dass 
das Leiden eines jeden empfindenden Wesens fr sadistisch ver- 
anlagte Naturen zur Quelle eines perversen sexuellen Genusses 
werden kann, dass es einen Sadismus an beliebigem Object gibt. 

Es wre jedoch durchaus falsch und bertrieben, berall da, wo 
ausserordentliche, berraschende Grausamkeit sich findet, diese aus 
sadistischer Perversion erklren zu wollen, und, wie es hie und da 
geschieht, in den zahllosen Grueln der Geschichte oder auch in 
gewissen massenpsychologischen Erscheinungen der Gegenwart den 
Sadismus als Motiv vorauszusetzen. 

Grausamkeit fliesst ja aus verschiedenen Quellen und ist dem 
primitiven Menschen natrlich. Mitleid ist dem gegenber die se- 
cundre Erscheinung und spt erworbene Empfindung. Der Kampf- 
und Vernichtungstrieb, der fr die prhistorischen Zustnde eine so 
werthvolle Ausrstung war, wirkt noch lange nach und erhlt durch 
Culturbegriffe wie der Verbrecher" noch neue Objecte, whrend 
sein ursprngliches Object der Feind" noch da ist. Dass nicht 
die blosse Tdtung, sondern die Marter des Unterlegenen verlangt 
wird, erklrt sich theils aus dem Machtgefhl, das sich auf diesem 
Wege befriedigt, theils aus der Masslosigkeit des Vergeltungstriebes. 
So lassen sich alle Gruel und alle historischen Ungeheuer erklren, 
ohne auf den Sadismus zu recurriren (der ja fters im Spiele ge- 



Sadismus. 87 

wesen sein mag, aber als relativ seltene Perversion nicht voraus- 
gesetzt werden darf). 

Daneben ist noch ein starkes psychisches Element zu berck- 
sichtigen, welches namentlich die Anziehungskraft erklrt, die heute 
noch Hinrichtungen u. dgl. ausben; das ist die Lust am starken 
und ungewhnlichen Eindruck berhaupt, am seltenen Schauspiel, 
der gegenber das Mitleid in rohen oder abgestumpften Naturen 
schweigt. 

Es gibt aber unzweifelhaft sehr viele Individuen, auf die trotz 
oder gerade vermittelst ihres lebhaften Mitleidens Alles, was mit 
Tod und Qualen zusammenhngt, eine geheimnissvolle Anziehungs- 
kraft hat, die innerlich widerstrebend und doch einem dunklen 
Drange folgend, sich mit solchen Dingen oder wenigstens Bildern 
und Berichten davon zu beschftigen trachten. Auch dies ist noch 
nicht Sadismus, so lange dabei kein sexuelles Element ins Bewusst- 
sein tritt, obwohl mglicher Weise dunkle Fden im Unbewussten 
solche Erscheinungen mit einem verborgenen Untergrund des Sadis- 
mus verbinden mgen. 

h) Sadismus des Weibes. 

Dass Sadismus eine, wie wir gesehen haben, beim Manne 
hufige Perversion beim Weibe weit seltener vorkommt, ist 
leicht erklrlich. Einmal stellt der Sadismus, in welchem das Be- 
drfniss nach Unterwerfung des anderen Geschlechts ein consti- 
tuirendes Element bildet , seiner Natur nach eine pathologische 
Steigerung des mnnlichen Geschlechtscharakters dar, zweitens 
sind die mchtigen Hindernisse, die sich der Aeusserung des mon- 
strsen Triebes entgegenstellen, begreiflicher Weise fr das Weib 
noch grsser als fr den Mann. 

Gleichwohl kommt Sadismus des Weibes vor und lsst sich 
recht wohl aus dem ersten constitutiven Element des Sadismus, der 
allgemeinen Uebererregung der motorischen Sphre, allein erklren. 

Wissenschaftlich beobachtet sind bis jetzt nur zwei Flle. 

Beobachtung 40. Ein verheiratheter Mann stellt sich mit zahlreichen 
Schnittnarben an den Armen vor. Er gibt ber den Ursprung derselben 
Folgendes an: Wenn er sich seiner jungen, etwas nervsen" Frau nhern 
wolle, msse er sich erst einen Schnitt am Arme beibringen. Sie sauge dann 
an der Wunde, worauf sich bei ihr eine hochgradige sexuelle Erregung 
einstelle. 



88 Paraesthesia sexualis. 

Dieser Fall erinnert an die berall verbreitete Vampyrsage, deren Ent- 
stehung vielleicht auf sadistische Thatsachen zurckzufhren ist 1 ). 

In einem zweiten Falle von Sadismus des Weibes, den ich 
Herrn Dr. Moll in Berlin verdanke, liegt neben der perversen 
Richtung des Triebes, wie so oft, Ansthesie gegenber den nor- 
malen Vorgngen des Geschlechtslebens vor, auch treten hier gleich- 
zeitig Spuren von Masochismus (s. unten) auf. 

Beobachtung 41. Frau H. in H. , 26 Jahre alt, stammt aus einer 
Familie, in der sich Nervenkrankheiten oder psychische Strungen angeblich 
, nicht finden; hingegen bietet Patientin selbst Zeichen von Hysterie und Neur- 
asthenie. Obwohl 8 Jahre verheirathet und Mutter eines Kindes, hatte Frau H. 
niemals das Verlangen den Coitus auszufhren. Als junges Mdchen streng 
sittlich erzogen , blieb sie bis zur Verheirathung in fast naiver Unkenntniss 
der sexuellen Vorgnge. Sie ist seit dem 15. Lebensjahr regelmssig menstruirt. 
Eine wesentliche Abnormitt an den Genitalien scheint nicht vorhanden zu 
sein. Der Coitus ist der Patientin nicht nur kein Vergngen, sondern geradezu 
ein unangenehmer Akt ; der Abscheu davor hat immer mehr zugenommen. Es 
ist der Patientin durchaus unklar, wie man einen solchen Akt als hchsten 
Genuss der Liebe bezeichnen kann, die ihr etwas bei weitem Hheres sei, das 
nicht mit solchem sinnlichen Triebe zusammenhnge. Dabei sei erwhnt, dass 
die Patientin ihren Mann ernstlich liebt. Sie hat auch am Kssen desselben 
einen entschiedenen Genuss, den sie aber nicht genauer beschreiben kann. 
Dass aber die Genitalien irgend etwas mit Liebe zu thun htten, kann ihr 
nicht einleuchten. Frau H. ist brigens eine entschieden verstndige Frau mit 
weiblichem Wesen. 

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esset, si loco coitus morderetur a conjuge ipsaeque eum mordere liceret. Tarnen 
eani poeniteret, si morsu magnum dolorem faceret (Dr. Moll). 

In der Geschichte finden sich Beispiele von zum Theil illustren 
Frauen, deren Herrschsucht, Wollust und Grausamkeit die Annahme 
einer sadistischen Perversion dieser Messalinen nahe legt. Hierher 
gehrt Valeria Messalina selbst, Katharina von Medici, die An- 



] ) Die Sage ist besonders auf der Balkanhalbinsel viel verbreitet. Bei 
den Neugriechen geht sie auf die antike Mythe von den Lamien und Mormo- 
lyken blutsaugende Weiber zurck. Diesen Stoff hat Goethe in seiner 
, Braut von Korinth" bearbeitet. Die auf Vampyrismus bezglichen Verser 
saugen deines Herzens Blut" etc. sind erst durch Vergleich der antiken Quellen 
ganz verstndlich. 



Masochismus. 89 

stifterin der Bartholomusnacht, deren Hauptvergngen es war, ihre 
Hofdamen vor ihren Augen mit Ruthen streichen zu lassen, u. A. 
Vergl. jedoch oben p. 86 1 ). 



2) Verbindung passiv erduldeter Grausamkeit und Gewaltttigkeit 
mit Wollust. Masochismus 2 ). 

Das Gegenstck des Sadismus ist der Masochismus. Whrend 
jener Schmerzen zufgen und Gewalt ausben will, geht dieser 
darauf aus, Schmerzen zu leiden und sich der Gewalt unterworfen 
zu fhlen. 

Unter Masochismus verstehe ich eine eigenthmliche Perversion 
der psychischen Vita' sexualis, welche darin besteht, dass das von 
derselben ergriffene Individuum in seinem geschlechtlichen Fhlen 
und Denken von der Vorstellung beherrscht wird, dem Willen 
einer Person des anderen Geschlechts vollkommen und unbedingt 
unterworfen zu sein, von dieser Person herrisch behandelt, ge- 
demthigt und misshandelt zu werden. Diese Vorstellung wird mit 
Wollust betont; der davon Ergriffene schwelgt in Phantasien, in 



*) Ein grssliches Gemlde eines erdachten vollkommenen weiblichen 
Sadismus bietet der geniale, aber zweifellos geistig nicht normale Heinrich 
von Kleist in seiner Penthesilea". 

In seiner Penthesilea (22. Auftritt) schildert t Kleist seine Heldin, wie 
sie, von wollstig-mordlustiger Raserei ergriffen, den in ihre Hnde gelockten, 
in Liebesbrunst bisher verfolgten Achilles in Stcke reisst, ihre Meute auf 
ihn hetzt. 

Sie schlgt, die Rstung ihm vom Leibe reissend, den Zahn schlgt 
sie in seine weisse Brust, sie und die Hunde, die wetteifernden, Oxus und 
Sphynx den Zahn in seine rechte , in seine linke sie ; als ich erschien , troff 
Blut von Mund und Hnden ihr herab," und spter, als Penthesile? er- 
nchtert ist : 

Kssf ich ihn todt? Nicht ksst' ich ihn nicht? Zerrissen wirklich? 
So war es" ein Versehen ; Ksse, Bisse, das reimt sich, und wer recht von 
Herzen liebt, kann schon das Eine fr das Andre greifen." 

In der neuesten Literatur findet sich ein weiblicher Sadismus geschildert, 
vor Allem in den weiter unten zu besprechenden Romanen Sacher-Masoch's, 
dann in Ernst von Wildenbruch's Brunhilde" , Rachilde's La Marquise de 
Sade" etc. 

2 ) So genannt nach dem Schriftsteller Sacher-Masoch , in Anerkennung 
der Thatsache, dass dessen Romane und Novellen die ersten Darstellungen 
dieser Perversion enthalten, den Verf. zu Forschungen auf ihrem Gebiet an- 
regten und analog der wissenschaftlichen Wortbildung Daltonismus" (nach 
Dalton, dem Entdecker der Farbenblindheit). 



90 Paraesthesia sexualis. 

welchen er sich Situationen dieser Art ausmalt; er trachtet oft nach 
einer Verwirklichung derselben und wird durch diese Perversion 
seines Geschlechtstriebs nicht selten fr die normalen Reize des 
anderen Geschlechts mehr oder weniger unempfnglich , zu einer 
normalen Vita sexualis unfhig psychisch impotent. Diese 
psychische Impotenz beruht dann aber durchaus nicht etwa auf 
einem horror sexus alterius, sondern nur darauf, dass dem perversen 
Trieb eine andere Befriedigung als die normale, zwar auch durch 
das Weib, aber nicht durch den Coitus, adquat ist. 

Es kommen aber auch Flle vor, in welchen neben der per- 
versen Richtung des Triebs auch die Empfnglichkeit fr normale 
Reize noch leidlich erhalten ist und nebenher ein geschlechtlicher 
Verkehr unter normalen Bedingungen stattfindet. In anderen Fllen 
wieder ist die Impotenz eine nicht rein psychische; sondern eine 
physische, i. e. spinale, da diese Perversion, wie fast alle anderen 
Perversionen des Geschlechtstriebs, nur auf dem Boden einer psycho- 
pathischen, meistens einer belasteten Individualitt sich zu ent- 
wickeln pflegt , und solche Individuen in der Regel sich masslosen 
Excessen, besonders masturbatorischen, zu welchen sie die Schwie- 
rigkeit, ihre Phantasien zu verwirklichen, immer wieder hindrngt, 
von frher Jugend an hinzugeben pflegen. 

Die Zahl der bis jetzt beobachteten Flle von unzweifelhaftem 
Masochismus ist bereits eine recht grosse. Ob Masochismus neben 
einem normalen Geschlechtsleben vorkommt oder das Individuum 
ausschliesslich beherrscht, ob und inwieweit der von dieser Perver- 
sion Ergriffene eine Verwirklichung seiner seltsamen Phantasien 
anstrebt oder nicht, ob er seine Potenz dabei mehr oder weniger 
eingebsst hat oder nicht das Alles hngt nur vom Grade der 
Intensitt der im einzelnen Falle vorhandenen Perversion und von 
der Strke der ethischen und sthetischen Gegenmotive sowie von 
der relativen Rstigkeit der physischen und psychischen Organisation 
des Ergriffenen ab. Das fr den Standpunkt der Psychopathie 
Wesentliche und das Gemeinsame aller dieser Flle ist: die Rich- 
tung des Geschlechtstriebs auf den Vorstellungskreis 
der Unterwerfung unter und Misshandlung durch das 
andere Geschlecht. 

Was oben vom Sadismus bezglich des impulsiven Charakters 
(Verdunklung der Motivation) der aus ihm fliessenden Handlungen, 
und bezglich des durchaus originren Charakters der Perversion 
gesagt wurde, gilt auch vom Masochismus. 



Masochismus. 91 

Auch beim Masochismus findet sich eine Abstufung der Akte 
von den widerlichsten und monstrsesten Handlungen bis zur ein- 
fach lppischen herab, je nach dem Grade der Intensitt des per- 
versen Triebes und der restlichen Kraft der moralischen und 
sthetischen Gegenmotive. Den ussersten Consequenzen des Maso- 
chismus wirkt aber auch der Selbsterhaltungstrieb entgegen, und 
deshalb finden Mord und schwere Verletzung, die im sadistischen 
Affecte begangen werden knnen, hier, soweit bis jetzt bekannt, 
kein passives Gegenstck in der Wirklichkeit. Wohl aber knnen 
die perversen Wnsche masochistischer Individuen in innerlichen 
Phantasien bis zu diesen ussersten Consequenzen fortschreiten 
(s. unten Beobachtung 51). 

Auch die Akte, denen die Masochisten sich hingeben, werden 
von Einigen in Verbindung mit dem Coitus ausgefhrt, resp. pr- 
paratorisch verwendet, von Anderen zum Erstze des unmglichen 
Coitus. Auch hier hngt dies nur vom Zustande der meist physisch 
oder psychisch, durch die perverse Richtung der sexuellen Vor- 
stellungen beeintrchtigten Potenz ab und betrifft nicht das Wesen 
der Sache. 

a) Aufsuchen von Misshandlungen und Demthigungen 
zum Zweck sexueller Befriedigung. 

Die folgende ausfhrliche Selbstbiographie eines Masochisten 
gibt eine erschpfende Darstellung eines typischen Falles dieser 
seltsamen Perversion. 

Beobachtung 42. Ich stamme aus einer neuropathischen Familie, 
in welcher neben allerlei Sonderbarkeiten des Charakters und der Lebensfhrung 
auch mehrfache Abnormitten in sexueller Beziehung vorkommen. 

Meine Phantasie war von jeher ungemein lebhaft und sehr frh auf 
sexuelle Dinge gerichtet. Dabei war ich, soweit ich mich zurckerinnern kann, 
lange vor dem Eintritt der Pubertt (i. e. der Ejaculation) der Onanie sehr 
stark ergeben. Meine Gedanken waren schon damals in stundenlangem Brten 
auf den Verkehr mit dem weiblichen Geschlecht gerichtet. Aber die Be- 
ziehungen, in die ich mich dabei zum anderen Geschlecht setzte, waren ganz 
seltsamer Art. Ich stellte mir nmlich vor, dass ich in der Gefangenschaft, 
in der unumschrnkten Macht einer Frau sei, und dass diese Frau ihre Macht 
dazu bentze, mich auf jede mgliche Weise zu qulen und zu misshandeln. 
Dabei spielten namentlich Schlge und Hiebe in meiner Phantasie eine grosse 
Rolle, aber auch noch eine ganze Reihe anderer Handlungen und Situationen, 
welche alle ein Verhltniss der Knechtschaft und Unterwerfung aus- 
drckten. Ich sah mich vor meinem Ideal stets auf den Knieen liegen, wurde 



f 



94 Paraesthesia sexualis. 

hatte ich kaum je ein anderes Interesse als bestenfalls ein sthetisches. 
Ein sehr grosses Interesse hatte ich von jeher fr weibliche Schuhe, und nament- 
lich fr Stief letten mit hohen Abstzen, immer verbunden mit der Vorstellung 
getreten zu werden oder den Fuss huldigend zu kssen etc. 

Ich berwand schliesslich auch meine letzte Scheu und Hess mich eines 
Tages, um meine Trume zu realisiren, von einer Prostituirten flagelliren, 
treten etc. Der Effect war eine grosse Enttuschung. Was da mit mir 
geschah, war fr meine Empfindung roh, widerlich abstossend und lcherlich 
zugleich. Die Schlge verursachten mir nur Schmerz , die sonstige Situation 
Widerwillen und Beschmung. Trotzdem erzwang ich mechanisch eine Ejacu- 
lation, wobei ich mit Hlfe meiner Phantasie die wirkliche Situation in die 
von mir ersehnte umdichtete. Diese die eigentlich erwnschte Situation 
unterschied sich von der herbeigefhrten wesentlich dadurch, dass ich mir ein 
Weib vorstellte, das mir die Misshandlung mit derselben Lust geben sollte, 
als ich sie von ihr empfangen wollte. 

Auf der Voraussetzung einer solchen Gesinnung des Weibes, eines tyran- 
nischen, grausamen Weibes, dem ich mich unterwerfen wollte, waren alle 
meine sexuellen Phantasien aufgebaut. Die Handlung, die das Verhltniss 
ausdrckte, war mir nebenschlich. Mir wurde jetzt erst, nach dem ersten 
Versuch einer unmglichen Verwirklichung, ganz klar, worauf mein Sehnen 
eigentlich gerichtet war. Ich hatte freilich in meinen wollstigen Trumen 
sehr oft von allen Misshandlungsvorstellungen abstrahirt, und mir nur ein 
gebieterisches Weib und etwa eine imperative Geberde, ein befehlendes Wort, 
einen Kuss auf ihren Fuss oder dergleichen vorgestellt; aber jetzt erst kam 
mir vllig zum Bewusstsein, was mich eigentlich anzog, und dass die Flagella- 
tion nur das strkste Ausdrucksmittel der ersehnten Situation war, an und 
fr sich aber werthlos, oder vielmehr unlusterregend, selbst schmerzlich und 
widerlich. 

Trotz dieser Enttuschung gab ich die Versuche, meine erotischen Vor- 
stellungen in die Wirklichkeit zu bertragen, nicht auf, nachdem der erste 
Schritt gethan war. Ich vertraute darauf, dass meine Phantasie, wenn einmal 
an die neue Wirklichkeit gewhnt, in ihr Nahrung zu strkeren Leistungen 
finden werde. Ich suchte zu meinem Zwecke mglichst geeignete Weiber und 
instruirte sie sorgfltig zu einer complicirten Comdie. Dabei erfuhr ich auch 
gelegentlich, dass mir der Weg von gleichgesinnten Vorgngern vorbereitet 
war. Der Werth dieser Comdien fr die Wirkung meiner Phantasiebilder auf 
meine Sinnlichkeit blieb problematisch. Was mir diese Handlungen und Ge- 
berden leisteten, um mir Nebenumstnde der erwnschten Situation lebhafter 
vorzustellen, das nahmen sie mir oft an der Hauptsache wieder weg, die meine 
Phantasie allein ohne das Bewusstsein einer bestellten groben Tuschung 
leichter vor mich hinzaubern konnte. Die krperliche Empfindung unter den 
mannigfaltigen Misshandlungen war wechselnd. Je besser die Selbsttuschung 
gelang, desto mehr wurde der Schmerz als Lust empfunden. 

Oder vielmehr: die Misshandlung wurde dann vom Bewusstsein als sym- 
bolischer Akt aufgefasst. Daraus entstand die Illusion der ersehnten Situation, 
die zunchst von lebhafter psychischer Lustempfindung begleitet war. So 
wurde die Perception der Schmerzqualitt der Misshandlung mitunter auf- 
gehoben. Aehnlich, aber einfacher, weil ganz auf psychischem Gebiet, war 



Masochismus. 95 

der Vorgang bei den moralischen Misshandlungen, den Demthigungen, denen 
ich mich unterwarf. Auch diese wurden mit Lust betont, wenn die Selbst- 
tuschung eben gelang. Sie gelang aber selten gut, und nie vollkommen. Es 
blieb immer ein strendes Element im Bewusstsein. Deshalb kehrte ich da- 
zwischen immer wieder zur einsamen Onanie zurck. Uebrigens war auch im 
andern Falle der Schluss des ganzen Aktes gewhnlich eine durch Onanie pro- 
vocirte Ejaculation, manchmal eine solche ohne mechanische Nachhlfe. 

So trieb ich es eine ganze Reihe von Jahren bei abnehmender Potenz, 
aber wenig verminderter Begierde und ungeschwchter Gewalt meiner selt- 
samen geschlechtlichen Vorstellung ber mich. Und so ist der Zustand meiner 
Vita sexualis auch noch in der Gegenwart. Der Coitus, den ich nie zu Stande 
gebracht habe, erscheint meiner Vorstellung noch immer wie einer jener selt- 
samen und unsauberen Akte, die ich aus den Darstellungen geschlechtlicher 
Verirrungen kenne. Meine eigenen geschlechtlichen Vorstellungen erscheinen 
mir natrlich und beleidigen meinen sonst empfindlichen Geschmack nicht 
im Mindesten. Ihre Verwirklichung lsst mich freilich, wie oben dargestellt ist, 
aus verschiedenen Grnden ziemlich unbefriedigt. Eine directe, eigentliche 
Verwirklichung meiner geschlechtlichen Phantasie habe ich niemals, auch nicht 
andeutungsweise erreicht. So oft ich zu weiblichen Wesen in nhere Beziehung 
getreten bin, habe ich den Willen des Weibes dem meinigen unterworfen ge- 
fhlt, nie umgekehrt. Einem Weibe, das Herrschgelste innerhalb der geschlecht- 
lichen Beziehungen manifestirt, bin ich niemals begegnet. Frauen, die im Hause 
regieren wollen, und sogenanntes Pantoffelheldenthum sind etwas von meinen 
erotischen Vorstellungen ganz Verschiedenes. Ausser der Perversion meiner 
Vita sexualis bietet meine Gesammtpersnlichkeit noch viel Abnormes, meine 
neuropathische Anlage kommt in zahlreichen Symptomen auf psychischem und 
physischem Gebiete zum Ausdruck. Daneben glaube ich an mir originre Ab- 
normitten des Charakters im Sinne einer Annherung an den weiblichen 
Typus constatiren zu knnen. Wenigstens fasse ich in diesem Sinne meine 
hochgradige Willensschwche auf und einen auffallenden Mangel an Muth 
gegenber Menschen und Thieren, der mit meiner Kaltbltigkeit gegenber 
Elementarereignissen contrastirt. Meine ussere Erscheinung ist durchaus 
mnnlich. 

Der Verfasser dieser Autobiographie machte mir ferner noch 
folgende Mittheilungen : 

Es war stets mein eifriges Bestreben, zu erfahren, ob die seltsamen 
Vorstellungen, welche mich in geschlechtlicher Beziehung beherrschen, auch 
bei anderen Mnnern vorkommen, und seit den ersten Mittheilungen hierber, 
die mir zufllig zu Ohren kamen, habe ich vielfach darnach geforscht. Frei 
lieh ist, da es sich hier eigentlich um einen Vorgang im Innern der Vor 
Stellungswelt handelt, die Constatirung nicht leicht und nicht berall sicher 
Ich nehme Masochismus da an, wo ich perverse Handlungen im sexuellen Ver 
kehr finde, die ich nicht anders als durch diese dominirende Idee erklren kann 
Ich halte diese Anomalie fr eine sehr verbreitete. 

Von einer ganzen Reihe von Prostituirten hier in Berlin und in Paris, 
Wien etc. habe ich Berichte hierber gehrt und so erfahren, wie zahlreich 



94 Paraesthesia sexualis. 

hatte ich kaum je ein anderes Interesse als bestenfalls ein sthetisches. 
Ein sehr grosses Interesse hatte ich von jeher fr weibliche Schuhe, und nament- 
lich fr Stief letten mit hohen Abstzen, immer verbunden mit der Vorstellung 
getreten zu werden oder den Fuss huldigend zu kssen etc. 

Ich berwand schliesslich auch meine letzte Scheu und Hess mich eines 
Tages, um meine Trume zu realisiren, von einer Prostituirten flagelliren, 
treten etc. Der Effect war eine grosse Enttuschung. Was da mit mir 
geschah, war fr meine Empfindung roh, widerlich abstossend und lcherlich 
zugleich. Die Schlge verursachten mir nur Schmerz , die sonstige Situation 
Widerwillen und Beschmung. Trotzdem erzwang ich mechanisch eine Ejacu- 
lation, wobei ich mit Hlfe meiner Phantasie die wirkliche Situation in die 
von mir ersehnte umdichtete. Diese die eigentlich erwnschte Situation 
unterschied sich von der herbeigefhrten wesentlich dadurch, dass ich mir ein 
Weib vorstellte, das mir die Misshandlung mit derselben Lust geben sollte, 
als ich sie von ihr empfangen wollte. 

Auf der Voraussetzung einer solchen Gesinnung des Weibes, eines tyran- 
nischen, grausamen Weibes, dem ich mich unterwerfen wollte, waren alle 
meine sexuellen Phantasien aufgebaut. Die Handlung, die das Verhltnis 
ausdrckte, war mir nebenschlich. Mir wurde jetzt erst, nach dem ersten 
Versuch einer unmglichen Verwirklichung, ganz klar, worauf mein Sehnen 
eigentlich gerichtet war. Ich hatte freilich in meinen wollstigen Trumen 
sehr oft von allen Misshandlungsvorstellungen abstrahirt, und mir nur ein 
gebieterisches Weib und etwa eine imperative Geberde, ein befehlendes Wort, 
einen Kuss auf ihren Fuss oder dergleichen vorgestellt; aber jetzt erst kam 
mir vllig zum Bewusstsein, was mich eigentlich anzog, und dass die Flagella- 
tion nur das strkste Ausdrucksmittel der ersehnten Situation war, an und 
fr sich aber werthlos, oder vielmehr unlusterregend, selbst schmerzlich und 
widerlich. 

Trotz dieser Enttuschung gab ich die Versuche, meine erotischen Vor- 
stellungen in die Wirklichkeit zu bertragen, nicht auf, nachdem der ersto 
Schritt gethan war. Ich vertraute darauf, dass meine Phantasie, wenn einmal 
an die neue Wirklichkeit gewhnt, in ihr Nahrung zu strkeren Leistungen 
finden werde. Ich suchte zu meinem Zwecke mglichst geeignete Weiber und 
instruirte sie sorgfltig zu einer complicirten Comdie. Dabei erfuhr ich auch 
gelegentlich, dass mir der Weg von gleichgesinnten Vorgngern vorbereitet 
war. Der Werth dieser Comdien fr die Wirkung meiner Phantasiebilder auf 
meine Sinnlichkeit blieb problematisch. Was mir diese Handlungen und Ge- 
berden leisteten, um mir Nebenumstnde der erwnschten Situation lebhafter 
vorzustellen, das nahmen sie mir oft an der Hauptsache wieder weg, die meine 
Phantasie allein ohne das Bewusstsein einer bestellten groben Tuschung 
leichter vor mich hinzaubern konnte. Die krperliche Empfindung unter den 
mannigfaltigen Misshandlungen war wechselnd. Je besser die Selbsttuschung 
gelang, desto mehr wurde der Schmerz als Lust empfunden. 

Oder vielmehr: die Misshandlung wurde dann vom Bewusstsein als sym- 
bolischer Akt aufgefasst. Daraus entstand die Illusion der ersehnten Situation, 
die zunchst von lebhafter psychischer Lustempfindung begleitet war. So 
wurde die Perception der Schmerzqualitt der Misshandlung mitunter auf- 
gehoben. Aehnlich, aber einfacher, weil ganz auf psychischem Gebiet, war 



Masochismus. 95 

der Vorgang bei den moralischen Misshandlungen, den Demthigungen, denen 
ich mich unterwarf. Auch diese wurden mit Lust betont, wenn die Selbst- 
tuschung eben gelang. Sie gelang aber selten gut, und nie vollkommen. Es 
blieb immer ein strendes Element im Bewusstsein. Deshalb kehrte ich da- 
zwischen immer wieder zur einsamen Onanie zurck. Uebrigens war auch im 
andern Falle der Schluss des ganzen Aktes gewhnlich eine durch Onanie pro- 
vocirte Ejaculation, manchmal eine solche ohne mechanische Nachhlfe. 

So trieb ich es eine ganze Reihe von Jahren bei abnehmender Potenz, 
aber wenig verminderter Begierde und ungeschwchter Gewalt meiner selt- 
samen geschlechtlichen Vorstellung ber mich. Und so ist der Zustand meiner 
Vita sexualis auch noch in der Gegenwart. Der Coitus, den ich nie zu Stande 
gebracht habe, erscheint meiner Vorstellung noch immer wie einer jener selt- 
samen und unsauberen Akte, die ich aus den Darstellungen geschlechtlicher 
Verirrungen kenne. Meine eigenen geschlechtlichen Vorstellungen erscheinen 
mir natrlich und beleidigen meinen sonst empfindlichen Geschmack nicht 
im Mindesten. Ihre Verwirklichung lsst mich freilich, wie oben dargestellt ist, 
aus verschiedenen Grnden ziemlich unbefriedigt. Eine directe, eigentliche 
Verwirklichung meiner geschlechtlichen Phantasie habe ich niemals, auch nicht 
andeutungsweise erreicht. So oft ich zu weiblichen Wesen in nhere Beziehung 
getreten bin, habe ich den Willen des Weibes dem meinigen unterworfen ge- 
fhlt, nie umgekehrt. Einem Weibe, das Herrschgelste innerhalb der geschlecht- 
lichen Beziehungen manifestirt, bin ich niemals begegnet. Frauen, die im Hause 
regieren wollen, und sogenanntes Pantoffelheldenthum sind etwas von meinen 
erotischen Vorstellungen ganz Verschiedenes. Ausser der Perversion meiner 
Vita sexualis bietet meine Gesammtpersnlichkeit noch viel Abnormes, meine 
neuropathische Anlage kommt in zahlreichen Symptomen auf psychischem und 
physischem Gebiete zum Ausdruck. Daneben glaube ich an mir originre Ab- 
normitten des Charakters im Sinne einer Annherung an den weiblichen 
Typus constatiren zu knnen. Wenigstens fasse ich in diesem Sinne meine 
hochgradige Willensschwche auf und einen auffallenden Mangel an Muth 
gegenber Menschen und Thieren, der mit meiner Kaltbltigkeit gegenber 
Elementarereignissen contrastirt. Meine ussere Erscheinung ist durchaus 
mnnlich. 

Der Verfasser dieser Autobiographie machte mir ferner noch 
folgende Mittheilungen : 

Es war stets mein eifriges Bestreben, zu erfahren, ob die seltsamen 
Vorstellungen, welche mich in geschlechtlicher Beziehung beherrschen, auch 
bei anderen Mnnern vorkommen, und seit den ersten Mittheilungen hierber, 
die mir zufllig zu Ohren kamen, habe ich vielfach darnach geforscht. Frei- 
lich ist, da es sich hier eigentlich um einen Vorgang im Innern der Vor- 
stellungswelt handelt, die Constatirung nicht leicht und nicht berall sicher. 
Ich nehme Masochismus da an, wo ich perverse Handlungen im sexuellen Ver- 
kehr finde, die ich nicht anders als durch diese dominirende Idee erklren kann. 
Ich halte diese Anomalie fr eine sehr verbreitete. 

Von einer ganzen Reihe von Prostituirten hier in Berlin und in Paris, 
Wien etc. habe ich Berichte hierber gehrt und so erfahren, wie zahlreich 



96 Paraesthesia sexualis. 

ineine Leidensgenossen sind. Immer gebrauche ich die Vorsicht, nicht etwa 
selbst Geschichten zu erzhlen und zu fragen, ob diese ihnen vorgekommen 
sind, sondern ich Hess diese Personen ihre Erlebnisse pele-rnele erzhlen. 

Einfache Flagellation ist so verbreitet, dass fast jede Prostituirte darauf 
eingerichtet ist. Aber auch Flle von unzweifelhaftem Masochismus sind usserst 
hufig. Die von dieser Perversion beherrschten Mnner unterwerfen sich den 
raffinirtesten Qualen. Dabei fhren sie mit den dazu abgerichteten Prostituirten 
stets dieselbe Scene auf: demthiges Niederwerfen des Mannes, Fusstritte, 
Befehle, eingelernte drohende und beschimpfende Reden, dann Flagellation, 
Schlge auf die verschiedensten Krpertheile und alle mglichen Misshand- 
lungen, Blutigstechen mit Nadeln u. dgl. Die Scene endet manchmal mit dem 
Coitus, fter mit Ejaculation ohne solchen. Zweimal haben mir solche Pro- 
stituirte schwere Eisenketten mit Handschellen, welche ihre Kunden anfertigen 
und sich anlegen Hessen, dann die getrockneten Erbsen, auf welche sie knieen, 
mit Nadeln gespickte Sitze, auf welche sie sich auf Befehl des Weibes setzen 
mssen, und dergleichen mehr gezeigt. Manches Mal begehrt der perverse 
Mann, dass das Weib seinen Penis schmerzhaft zusammenschnrt, mit Nadeln 
sticht, mit einer Klinge Einschnitte in ihn macht oder ihn mit einem Holz- 
stck schlgt. Selbst die Procedur des Henkens wird nachgeahmt und eben 
rechtzeitig unterbrochen. Andere wieder lassen sich mit der Spitze eines 
Messers oder Dolches leicht ritzen, dabei aber muss das Weib sie mit dem 
Tode bedrohen. 

Bei allen diesen Dingen ist die Symbolik des Unterwerfungsverhltnisses 
Hauptsache. Das Weib wird gewhnlich , Herrin' genannt, der Mann ,Sklave'. 

Bei all diesen Comdien mit Prostituirten, die normalen Menschen als 
ekelhafter Wahnsinn erscheinen mssen, handelt es sich dem Masochisten um 
ein kmmerliches Surrogat. Ob es eine Verwirklichung masochistischer Trume 
in einem Liebesverhltniss gibt, weiss ich nicht. 

Wenn die Sache vorkommt, so ist sie jedenfalls usserst selten, weil die 
Geschmacksrichtung beim Weibe (Sadismus des Weibes, wie ihn Sacher-Masoch 
schildert) sehr selten zu finden sein drfte und der Aeusserung sexueller Ab- 
normitten beim Weibe obendrein noch grssere Hindernisse der Scham etc. 
entgegenstehen als beim Manne. Ich selbst habe niemals das leiseste Anzeichen 
eines Entgegenkommens dieser Art bemerkt und keinen Versuch einer wirk- 
lichen ReaHsirung meiner Phantasien machen knnen. Einmal hat mir ein 
Mann seine masochistische Perversion anvertraut und behauptet, sein Ideal ge- 
funden zu haben." 

Dem obigen Falle der Beobachtung 42 hnlich sind die beiden 
folgenden Flle. 

Beobachtung 43. Herr Z., 29 J., Techniker, kommt wegen vermeint- 
licher Tabes in die Sprechstunde. Vater war nervs und starb tabisch. Vaters 
Schwester war irrsinnig. Mehrere Verwandte sind hochgradig nervs und 
sonderbare Leute. 

Pat. erweist sich bei nherer Untersuchung als sexual, spinal und cere- 
bral asthenisch. Er bietet keine anamnestischen noch gegenwrtigen Symptome 
im Sinne einer Tabes dorsalis. Die naheliegende Frage nach Missbrauch der 



Masochismus. 97 

Genitalorgane wird im Sinne der seit der Jugend gebten Masturbation be- 
antwortet. Im Lauf der Exploration ergaben sich folgende interessante psycho- 
sexuale Anomalien. 

Mit 5 Jahren erwachte die Vita sexualis im Sinne von wollstig em- 
pfundenem Drang, sich selbst zu geissein, zugleich mit dem Gelste, der Fla- 
gellation durch Andere theilhaftig zu werden. An bestimmte, geschlechtlich 
differenzirte Individuen dachte er dabei nicht. Faute de mieux trieb er Auto- 
flagellation und erzielte im Laufe der Jahre Ejaculation. 

Schon lange vorher hatte er durch Masturbation sich zu befriedigen 
angefangen, wobei ihm jeweils Flagellationssituationen vorschwebten. 

Herangewachsen suchte er zweimal ein Lupanar auf, um daselbst von 
Meretrices gegeisselt zu werden. Er suchte sich zu diesem Zweck das schnste 
Mdchen aus, aber er war enttuscht, brachte es nicht zur Erection, ge- 
schweige zur Ejaculation. 

Er erkannte, dass das Geissein Nebensache, die Hauptsache die 
Idee des Unterworfenseins unter den Willen des Weibes sei. Dazu 
gelangte er das erste Mal nicht, wohl aber das zweite Mal. Weil er im 
Gedanken der Unterwerfung" war, hatte er vollen Erfolg. 

Mit der Zeit erzielte er unter Anstrengung seiner Phantasie im Sinne 
masochistischer Vorstellungen sogar Coitus, auch ohne Flagellation, aber er 
empfand davon wenig Befriedigung, so dass er es vorzog, auf masochistische 
Weise sexuell zu verkehren. Im Sinne seiner originren Flagellationsgelste 
fand er an masochistischen Scenen nur Gefallen, wenn er ad podicem flagellirt 
wurde oder sich wenigstens eine solche Situation phantastisch hinzudichtete. 
In Zeiten hoher Erregbarkeit gengte es ihm sogar, einem schnen Mdchen 
solche Scenen erzhlen zu drfen. Er gerieth dadurch in Orgasmus und ge- 
langte meist zur Ejaculation. 

Frh gesellte sich dazu eine hchst wirksame fetischistische Vor- 
stellung. Er merkte, dass ihn nur solche Weiber fesselten und befriedigten, 
die hohe Stiefel und kurzen Rock (ungarische Tracht") trugen. Wie er zu 
dieser fetischistischen Vorstellung gelangt ist, weiss er nicht anzugeben. Auch 
an Knaben reize ihn das mit hohem Stiefel bekleidete Bein, aber dieser Reiz 
sei rein sthetisch, ohne jegliche sinnliche Betonung, wie er berhaupt nie 
homosexuale Empfindungen an sich wahrgenommen haben will. Seinen Fetischis- 
mus begrndet Pat. mit einer Vorliebe fr Waden. Es reize ihn aber nur die 
in einem eleganten Stiefel steckende Damenwade. Nackte Waden, berhaupt 
feminile Nuditten ben auf ihn nicht den geringsten sexuellen Reiz aus. Eine 
untergeordnete Fetischnebenvorstellung ist fr Pat. das menschliche Ohr. Es 
ist ihm ein wollstiges Gefhl, schnen Menschen, d. h. Menschen, die schnes 
Ohr haben, ber die Ohren zu streichen. Bei Mnnern gewhrt ihm dies einen 
sehr geringen, bei Weibern einen hohen Genuss. 

Auch habe er ein Faible fr Katzen. Er finde sie einfach schn, jede 
ihrer Bewegungen sei ihm sympathisch. Der Anblick einer Katze knne ihn 
sogar aus der tiefsten Gemthsdepression herausreissen. Die Katze erscheine 
ihm heilig, er sehe in einer solchen geradezu ein gttliches Wesen ! Des Grundes 
dieser sonderbaren Idiosynkrasie ist er sich nicht bewusst. 

Neuerlich habe er hufiger auch sadistische Vorstellungen im Sinne der 
Prgelung eines Knaben. Bei diesen Flagellationsphantasien spielen sowohl 
v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 7 



98 Paraesthesia sexualis. 

Mnner als Weiber eine Rolle, vorwiegend aber letztere, und dabei ist sein 
Genuas ein weit grsserer. 

Pat. findet, dass neben dem, was er als Masochismus kenne und empfinde, 
noch etwas Anderes bestehe, das er am liebsten mit Pagismus " bezeichnen 
mchte. 

Whrend seine masochistischen Schwelgereien und Akte durchaus grob- 
sinnlicher Art und Betonung seien, bestehe sein Pagismus " in der Idee, Page 
eines schnen Mdchens zu sein. Er stelle sich dieses ganz keusch vor, aber 
pikant, seine Stellung ihm gegenber als die eines Sklaven, aber in ganz 
keuschem Verhltniss, rein platonischer" Hingebung. Dies Schwelgen in der 
Idee, einem solchen schnen Geschpf als Page zu dienen, sei mit einem 
kstlichen, aber durchaus nicht sexuellen Gefhl betont. Er empfinde davon 
eine exquisite moralische Befriedigung im Gegensatz zum sinnlich betonten 
Masochismus, und deshalb msse er seinen Pagismus " fr etwas Anders- 
artiges halten. 

Pat. bietet in seinem Aeusseren auf den ersten Blick nichts Aufflliges, 
aber sein Becken ist abnorm weit, hat flache Darmbeinschaufeln, ist abnorm 
geneigt und entschieden weiblich. Neuropathisches Auge. Er weist auch dar- 
auf hin, dass er oft Kitzel und Wollustreiz im Anus habe, auch von da aus 
(erogene Zone) sich Befriedigung ope digiti verschaffen knne. 

Pat. zweifelt an seiner Zukunft. Hlfe wre fr ihn nur mglich, wenn 
er ein rechtes Interesse am Weibe bekommen knnte, aber sein Wille, seine 
Phantasie seien dazu zu schwach. 

Was der Patient dieser Beobachtung als Pagismus K be- 
zeichnet, ist nichts vom Wesen des Masochismus Verschiedenes, 
wie sich aus dem Vergleich mit den unten folgenden Fllen von 
symbolischem" Masochismus und anderen ergibt, ferner aus der 
Erwgung, dass der Coitus bei dieser Perversion mitunter als in- 
adquater Akt verschmht wird, und aus der Thatsache, dass es 
in solchen Fllen fters zu einer phantastischen Exaltirung des 
perversen Ideals kmmt. 

Beobachtung 44: Ideeller Masochismus. Herr X., Techniker, 
26 Jahre, stammt von nervser, mit Migrne behafteter Mutter. In der vter- 
lichen Ascendenz ist ein Fall von Rckenmarkskrankheit und ein solcher von 
Psychose vorgekommen. 

Ein Bruder ist nervs". 

Herr X. hat unerhebliche Kinderkrankheiten berstanden, studirte leicht, 
entwickelte sich normal. Er ist eine durchaus mnnliche Erscheinung, jedoch 
etwas schwchlich und unter mittelgross. Der Descensus des rechten Hodens 
blieb unvollkommen, indem er im Leistencanal fhlbar ist; Penis normal ge- 
bildet, jedoch etwas klein. 

Mit 5 Jahren entdeckte X. wollstige Gefhle, als er mit bereinander- 
geschlagenen gestreckten Beinen Schwingungen an einem kleinen Barren machte. 
Er wiederholte diese Procedur einige Male, vergass dann auf diese Erscheinung, 



Masochismus. 99 

und als er sich als reiferer Knabe ihrer erinnerte und sie wiederholte, trat der 
erwartete Erfolg nicht mehr ein. 

Mit 7 Jahren wohnte X. einer Knabenprgelei auf dem Schulhof bei, 
wobei schliesslich die Sieger sich rittlings auf die mit dem Rcken auf dem 
Boden liegenden Besiegten setzten. 

Das machte auf X. Eindruck. 

Er dachte sich die Position der Untenliegenden als eine angenehme, 
versetzte sich in Gedanken an ihre Stelle und malte sich aus, wie er durch 
scheinbare Versuche, sich aufzurichten, es dahin brachte, dass der Gegner 
rittlings seinem Gesichte immer nher komme, schliesslich darauf sitze und 
ihn so nthige, die Exhalation seiner Genitalien zu empfinden. Solche 
Situationen tauchten in der Folge bei ihm fter auf, von Lustgefhlen betont, 
jedoch empfand er nie dabei eine eigentliche Wollust, hielt solche Gedanken 
fr schlecht und sndhaft und versuchte sie zurckzudrngen. Von sexuellen 
Dingen will er damals noch keine Ahnung gehabt haben. Bemerkenswerth ist, 
dass Patient bis zum 20. Jahre ab und zu noch an Enuresis nocturna litt. 

Bis zur Pubertt hatten die zeitweise wiederkehrenden masochistischen 
Phantasien , sich unter den Schenkeln eines Anderen zu befinden , sowohl 
Knaben als Mdchen zum Gegenstand. Von da ab prvalirten weibliche 
Individuen, und nach beendigter Pubertt waren es ausschliesslich solche. All- 
mhlig gewannen diese Situationen auch anderen Inhalt. Sie gipfelten nun- 
mehr in dem Bewusstsein, vollkommen dem Willen und der Willkr eines 
erwachsenen Mdchens unterworfen zu sein, mit entsprechenden demthigenden 
Handlungen und Situationen. 

Als Beispiele solcher fhrt X. an: 

Ich liege am Boden mit dem Rcken nach unten. Mir zu Hupten 
steht die Herrin und hat einen Fuss auf meine Brust gesetzt, oder sie hat 
meinen Kopf zwischen ihren Fssen, so dass mein Gesicht sich direct unterhalb 
ihrer Pubes befindet. Oder sie sitzt rittlings auf meiner Brust oder auf meinem 
Gesicht, isst und benutzt meinen Krper als Tisch. Wenn ich einen Befehl 
nicht zur Zufriedenheit vollzogen habe, oder es meiner Herrin sonst beliebt, 
so werde ich auf einen dunklen Abort eingesperrt, whrend sie ausgeht und 
Vergngungen aufsucht. Sie zeigt mich als ihren Sklaven den Freundinnen, 
verleiht mich als solchen ihnen. 

Ich werde von ihr zu den niedrigsten Dienstleistungen benutzt, muss 
sie bedienen, whrend sie aufsteht, beim Baden, bei der mictio. Zu letzterer 
Verrichtung bedient sie sich gelegentlich auch meines Gesichtes und zwingt 
mich, von ihrem Lotium zu trinken." 

Zur Ausfhrung will X. diese Ideen nie gebracht haben, da er zugleich 
die dumpfe Empfindung hatte, dass ihre Verwirklichung ihm das erhoffte Ver- 
gngen nicht bringen wrde. 

Nur einmal habe er sich in die Kammer eines hbschen Dienstmdchens 
geschlichen, veranlasst durch solche Vorstellungen, ut urinam puellae bibat. 
Er sei aber vor Ekel davon abgestanden. 

Vergebens will X. gegen diese masochistischen Vorstellungskreise, als 
ihm peinlich und ekelhaft, angekmpft haben. Sie bestehen nach wie vor 
mchtig fort. Er macht aufmerksam, dass die Demthigung dabei die Haupt- 
rolle spielt und nie die Wonne einer Sehmerzzufgung unterluft. 



100 Paraesthesia sexualis. 

Die Herrin" denkt er sich mit Vorliebe unter der Gestalt zartgebauter 
Jungfrauen von etwa 20 Jahren, mit zartem, schnem Gesicht und womglich 
kurzen hellen Kleidern. 

An der gewhnlichen Art, sich jungen Damen zu nhern, an Tanz und 
gemischter Gesellschaft will X. nie bis jetzt Gefallen gefunden haben. Von 
der Pubertt ab zeigten sich mit den betreffenden masochistischen Phantasien 
ab und zu Pollutionen unter schwachem Wollustgefhl. 

Als Patient einmal Frictionen der Glans unternahm, gelang ihm weder 
Erection noch Ejaculation, und statt eines wollstigen Gefhls stellte sich 
jeweils ein unangenehmes, geradezu paralgisches ein. Dadurch blieb X. vor 
Masturbation bewahrt. Dafr stellte sich vom 20. Jahre ab beim Turnen am 
Reck, beim Klettern an Tauen und Stangen "hufig eine mit starkem Wollust- 
gefhl verbundene Ejaculation ein. SeTmsucht nach sexuellem Verkehr mit 
Weibern (contrr sexuale Empfindungen hat Patient nie gehabt) trat bisher 
nie auf. Als ihn, 26 Jahre alt, ein Freund zum Coitus drngte, zeigten sich 
angstvolle Unruhe und entschiedener Widerwille" schon auf dem Wege nach 
dem Lupanar, und vor Aufregung, Zittern an allen Gliedern und Schweiss- 
ausbruch kam es zu keiner Erection. Bei mehrfacher Wiederholung des Ver- 
suches dasselbe Fiasko, nur waren die seelischen und krperlichen Erregungs- 
erscheinungen nicht so heftig wie das erste Mal. 

Libido war nie vorhanden. Masochistische Phantasien zum Gelingen 
des Aktes zu verwerthen, gelang Patient nicht, weil seine geistigen Fhigkeiten 
in solcher Situation wie gelhmt seien und er die zu einer Erection nthigen 
intensiven Vorstellungen" nicht zu Stande bringe. So gab er, theils aus 
mangelnder Libido, theils aus mangelhaftem Vertrauen ins Gelingen, weitere 
Coitusversuche auf. Nur gelegentlich befriedigte er in der Folge seine schwache 
Libido anlsslich Turnbungen. Gelegentlich von spontanen oder veranlassten 
masochistischen Phantasien (in wachem Zustand) kam es wohl zu Erection, nie 
mehr aber zu Ejaculation. 

Pollutionen erfolgen etwa alle 6 Wochen. 

Patient ist eine intellectuell hochstehende, feinfhlige, etwas neurasthenische 
Persnlichkeit. Er klagt, dass er in Gesellschaft meist das Gefhl habe, auf- 
zufallen, beobachtet zu werden, bis zu Angstzustnden, obwohl er sich bewusst 
sei, dass er sich derlei nur einbilde. Aus diesem Grund liebe er die Einsam- 
keit, zumal da er befrchten msse, dass man auf seine sexuelle Abnormitt 
komme. 

Seine Impotenz sei ihm nicht peinlich, da seine Libido ja fast Null sei, 
gleichwohl wrde er eine Sanirung seiner Vita sexualis fr das grsste Glck 
halten, da davon im socialen Leben so viel abhnge und er sich dann gewiss 
sicherer und mnnlicher in der Gesellschaft bewegen wrde. 

Seine jetzige Existenz sei ihm eine Qual, ein solches Leben eine Last. 

Epikrise: (Hereditre) Belastung. Abnorm frh sich regendes Sexual- 
leben. Schon mit 7 Jahren wollstig und entschieden masochistisch empfun- 
dener Anblick von rittlings auf Anderen sitzenden Knaben (sexuelle und per- 
verse Betonung einer an und fr sich nicht den normalen Menschen sexuell 
erregenden Situation) zugleich mit Geruchsvorstellungen. 

Solche Situationen in der Folge Gegenstand von Phantasien, anfangs 
geschlechtlich nicht differenziii, von der Pubertt ab heterosexual. 



Masochismus. 101 

Sie fhren zu ausgesprochenem ideellem Masochismus (Ideen der De- 
mthigung, des Unterworfenseins), in welchem als einzige Beziehung zu den 
Genitalien des Weibes die Vorstellung, zur Mictio benutzt zu werden, selbst 
bibere urinam dominae erscheint. 

Normaler sexualer Trieb zum Weibe fehlt, wesentlich auf Grund von 
Masochismus. 

Beobachtung 45. X., 28 Jahre, Literat, belastet, von Kind auf sexuell 
hypersthetisch, bekam mit 6 Jahren Trume, es prgle ihn ein Weib ad nates. 
Er erwachte dabei jeweils in hchster wollstiger Erregung und gelangte so 
zur Onanie. Mit 8 Jahren bat er einmal die Kchin, sie mge ihn durch- 
prgeln. Vom 10. Jahre ab Neurasthenie. Bis zum 25. Jahre Flagellations- 
trume oder auch bezgliche Phantasien des wachen Lebens mit Onanie. Vor 
3 Jahren Zwang, sich von einer Puella prgeln zu lassen. Pat. war ent- 
tuscht, da dabei Erection und Ejaculation ausblieben. Neuer Versuch mit 
27 Jahren in der Absicht, dadurch Erection und Coitus zu erzwingen. Dies 
gelang erst allmhlig durch folgenden Kunstgriff. Die Puella musste, whrend 
er Coitus versuchte, ihm erzhlen, wie sie andere Impotente unbarmherzig 
schlage, und ihm Gleiches androhen. Ueberdies musste er sich vorstellen, er 
sei gefesselt, ganz in der Gewalt des Weibes, hlflos, werde von dem- 
selben aufs Schmerzlichste geschlagen. Gelegentlich musste er, um potent zu 
sein, sich auch wirklich binden lassen. So gelang ihm Coitus. Pollutionen 
waren nur dann von Wollustgefhl begleitet, wenn er (selten) trumte, er 
werde misshandelt oder er sei Zuschauer, wie eine Puella die andere geisselte. 
Beim Coitus hatte er nie ein rechtes Wollustgefhl. Am Weib interessiren 
ihn nur die Hnde. Krftige handfeste Frauenzimmer mit derben Fusten 
sind ihm die liebsten. Gleichwohl ist sein Flagellationsbedrfniss nur ein 
ideelles, denn bei seiner grossen Hautempfindlichkeit gengen im schlimmsten 
Fall einige Hiebe. Mnnerhiebe wren ihm zuwider. Er mchte heirathen. 
Aus der Unmglichkeit, von einer honneten Frau Flagellation zu verlangen, 
und dem Zweifel, ob er ohne solche potent sei, entspringt seine Verlegenheit 
und sein Bedrfniss zu genesen. 

In drei von den bis jetzt angefhrten Fllen diente den von 
der Perversion des Masochismus Beherrschten als Ausdruck der von 
ihnen ersehnten Situation der Unterwerfung unter das Weib haupt- 
schlich die passive Flagellation. Das gleiche Mittel wird von einer 
grossen Zahl von Masochisten benutzt. 

Nun ist aber passive Flagellation ein Vorgang, welcher be- 
kanntlich geeignet ist, durch mechanische Reizung der Gesssnerven 
reflectorisch Erectionen auszulsen 1 ). Diese Wirkung der Flagel- 
lation wird von geschwchten Wstlingen dazu bentzt, ihrer ge- 
sunkenen Potenz durch diese Procedur nachzuhelfen und diese Per- 
versitt nicht Perversion ist eine ungemein hufige. 



') Vgl. oben, Einleitung p. 28. 



102 Paraesthesia sexualis. 

Es ist deshalb geboten, zu untersuchen, in welchem Verhlt- 
nisse die passive Flagellation der Masochisten zu jener psychisch 
nicht perverser, aber physisch geschwchter Wstlinge steht. 

Dass Masochismus etwas wesentlich Anderes und Umfassen- 
deres sei als blosse Flagellation, geht aus den Mittheilungen der 
von dieser Perversion Ergriffenen deutlich hervor. 

Fr den Masochisten ist die Unterwerfung unter das Weib 
die Hauptsache, die Misshandlung nur ein Ausdrucksmittel fr dieses 
Verhltniss und zwar eines der strksten. Die Handlung hat fr 
ihn symbolischen Werth und ist Mittel zum Zweck seelischer Be- 
friedigung im Sinne seiner besonderen Gelste. 

Der nicht masochistische Geschwchte hingegen, der sich 
flagelliren lsst, sucht nur eine mechanisch vermittelte Reizung 
seines spinalen Centrums. 

Ob in einem einzelnen Falle einfacher (reflectorischer) Flagel- 
lantismus oder wirklicher Masochismus vorliegt, wird durch die 
Aussagen, der Betreffenden, oft schon durch die Nebenumstnde der 
Handlung klar. 

Es kommt hier namentlich auf Folgendes an: 

Erstens besteht beim Masochisten der Trieb zur passiven Flagellation 
fast immer ab origine. Er taucht als Wunsch auf, bevor eine Erfahrung 
ber reflectorische Wirkung der Procedur gemacht wurde, oft zuerst in 
Trumen, wie z. B. in der unten folgenden Beobachtung 47. 

Zweitens ist beim Masochisten in der Regel die passive Flagellation 
nur eine von den vielen und verschiedenartigen Misshandlungen, welche im 
Vorstellungskreise des Masochisten als Phantasien auftauchen und oft ver- 
wirklicht werden. Bei diesen anderen Misshandlungen und den hufigen rein 
symbolische Demthigungen ausdrckenden Akten, die neben der Flagellation 
angewendet werden, kann von einer reflectorischen physischen Reizwirkung 
natrlich nicht die Rede sein, es ist also in solchen Fllen stets auf die 
originre Anomalie, die Perversion zu schliessen. 

Drittens ist der Umstand von Bedeutung, dass die ersehnte Flagellation 
beim Masochisten, wenn ausgefhrt, gar nicht aphrodisisch zu wirken braucht. 
Es tritt sogar oft mehr oder minder deutlich eine Enttuschung ein, und zwar 
jedesmal, wenn die Absicht des Masochisten nicht gelingt, sich durch diesen 
bestellten Vorgang die Illusion der ersehnten Situation (in der Gewalt des 
Weibes zu sein) zu verschaffen, so dass ihm das mit der Procedur beauftragte 
Weib nur als das executive Werkzeug seines eigenen Willens erscheint. Ver- 
gleiche in Bezug auf diesen wichtigen Punkt die drei vorangehenden Flle 
und unten Beobachtung 49. 

Zwischen Masochismus und einfachem (reflectorischem) Flagellantismus 
besteht ein analoges Verhltniss wie etwa zwischen contrrer Sexualempfindung 
und erworbener Pderastie. 



Masochismus. k 103 

Es benimmt dieser Anschauung nichts an Werth, dass auch beim 
Masochisten die Flagellation die bekannte reflectorische Wirkung haben kann, 
dass mitunter bei Gelegenheit einer in der Jugend erhaltenen Zchtigung auf 
diesem Wege die Wollust zum erstenmale geweckt wird und gleichzeitig dabei 
die masochistisch veranlagte Vita sexualis aus ihrer Latenz tritt. Dann muss 
der Fall eben durch die oben unter zweitens" und drittens" angefhrten 
Umstnde charakterisirt sein, um als masochistischer zu gelten. 

Ist ber die Entstehungsart des Falles nichts Nheres bekannt, 
so knnen Nebenumstnde, wie die oben unter zweitens" ange- 
fhrten, ihn doch deutlich als einen masochistischen erkennen lassen. 
Dies gilt z. B. von den beiden folgenden Fllen. 

Beobachtung 46. Ein Kranker Tarnowsky's Hess durch eine Ver- 
trauensperson eine Wohnung fr die Dauer seiner Anflle miethen und das 
Personal (3 Prostituirte) genau instruiren, was mit ihm zu geschehen habe. 
Er erschien zeitweise, wurde entkleidet, masturbirt, -flagellirt, wie es befohlen 
war. Er leistete anscheinend Widerstand, bat um Gnade, dann gab man ihm 
befohl enermassen zu essen, Hess ihn schlafen, behielt ihn aber trotz Protest 
da, schlug ihn, wenn er sich nicht fgte. So ging es einige Tage. Mit Lsung 
des Anfalls wurde er entlassen und kehrte zu Frau und Kindern zurck, die 
von seiner Krankheit keine Ahnung hatten. Der Anfall wiederholte sich 1 bis 
2mal jhrlich. (Tarnowsky op. cit.) 

Beobachtung 47. X., 34 Jahre, schwer belastet, leidet an contrrer 
Sexualempfindung. Aus verschiedenen Grnden war er nicht in der Lage, sich 
am Manne zu befriedigen, trotz grossem sexuellem Bedrfniss. Gelegentlich 
trumte ihm, ein Weib geissele ihn. Er hatte dabei eine Pollution. 

Durch diesen Traum kam er dazu, als Surrogat fr mannmnnliche 
Liebe sich von Meretrices misshandeln zu lassen. Conducit sibi non nunquam 
meretricem , ipse vestimenta sua onmia deponit, dum puellae ultimum tegu- 
mentum deponere non licet, puellam pedibus ipsum percutere, flagellare, ver- 
berare iubet. Qua re summa libidine affectus pedem feminae lambit quod 
solum eum libidinosum facere potest : tum eiaculationem assequitur. Mit dieser 
tritt grsster Ekel an der moralisch entwrdigenden Situation ein, der er sich 
dann, so rasch als mglich ist, entzieht. 

Es kommen aber auch Flle vor, in welchen passive Flagel- 
lation allein den ganzen Inhalt masochistischer Phantasien aus- 
macht, ohne dass andere Vorstellungen der Demthigung etc. auf- 
treten, und ohne dass die eigentliche Natur dieses Ausdrucksmittels 
der Unterwerfung deutlich ins Bewusstsein tritt. Solche Flle sind 
von denen des einfachen, reflectorischen Flagellantismus schwer zu 
unterscheiden. Die Ermittlung der primren Entstehung des Ge- 
lstes, vor jeder Erfahrung reflectorischer Wirkung (s. oben unter 



104 Paraesthesia sexualis. 

erstens"), sichert hier allein die Differentialdiagnose, neben dem 
Umstnde, dass es sich bei echten Masochisten gewhnlich um be- 
reits in jungen Jahren perverse Individuen handelt und dass die 
Verwirklichung des Gelstes meistens spter unterbleibt oder ent- 
tuscht (s. oben unter drittens"), da ja sich das Ganze hauptsch- 
lich auf dem Gebiete der Phantasie abspielt. 

Hier mge wieder ein Fall von typischem Masochismus folgen, 
in welchem der gesammte Vorstellungskreis, wie er dieser Per- 
version eigenthmlich ist, vollkommen ausgebildet erscheint. Dieser 
Fall, ber welchen wieder eine '* eingehende Selbstschilderung des 
gesammten psychischen Zustands vorliegt, unterscheidet sich von 
jenem der obigen Beobachtung 42 nur dadurch, dass auf eine Ver- 
wirklichung der perversen Phantasien hier ganz verzichtet wurde 
und dass neben der bestehenden Perversion der Vita sexualis nor- 
male Reize so weit wirksam sind, dass nebenher geschlechtlicher 
Verkehr unter normalen Bedingungen mglich ist. 

Beobachtung 48. Ich bin 35 Jahre alt, geistig und krperlich normal. 
In dem weitesten Kreise meiner Verwandten in gerader wie in der Seiten- 
linie ist mir kein Fall von psychischer Strung bekannt. Mein Vater, welcher 
bei meiner Geburt etwa 30 Jahre alt war, hatte, soviel ich weiss, eine Vorliebe 
fr ppige und grosse Frauengestalten. 

Schon in meiner frheren Kindheit schwelgte ich gern in Vorstellungen, 
welche die absolute Herrschaft eines Menschen ber den anderen zum Inhalt 
hatten. Der Gedanke an die Sklaverei hatte fr mich etwas hchst Aufregendes, 
und zwar gleich stark vom Standpunkte des Herrn wie von dem des Dieners 
aus. Dass ein Mensch den andern besitzen, verkaufen, prgeln knne, regte 
mich ungemein auf, und bei der Lektre von Onkel Tom's Htte" (welches 
Werk ich etwa zur Zeit der eintretenden Pubertt las), hatte ich Erectionen. 
Besonders aufregend war fr mich der Gedanke, dass ein Mensch vor einen 
Wagen gespannt wrde, in welchem ein anderer, mit einer Peitsche versehener 
Mensch sass und den Ersteren lenkte und durch Schlge antrieb. 

Bis zum 20. Lebensjahre waren diese Vorstellungen rein objectiv und 
geschlechtslos, d. h. der in meiner Vorstellung entstandene Unterworfene war 
ein Dritter (also nicht ich), auch war der Herrscher nicht nothwendig ein Weib. 

Diese Vorstellungen waren daher auch ohne Einfluss auf meinen ge- 
schlechtlichen Trieb, beziehungsweise auf die Ausbung desselben. Wenngleich 
durch jene Vorstellungen Erectionen eintraten, so habe ich doch niemals in 
meinem Leben onanirt, auch coitirte ich von meinem 19. Jahre an ohne Beihlfe 
der erwhnten Vorstellungen und ohne jede Beziehung auf dieselben. Immerhin 
hatte ich eine grosse Vorliebe fr ltere, ppige und grosse Frauenspersonen, 
wenngleich ich auch jngere nicht verschmhte. 

Von meinem 21. Lebensjahr ab fingen die Vorstellungen an, sich zu ob- 
jectiviren und als Essentiale trat hinzu, dass die Herrin" eine ber 40 Jahre 
alte, grosse, starke Person sein musste. Von jetzt an war ich in 



Masochismus. 105 

meinen Vorstellungen stets der Unterworfene; die Herrin" 
war ein rohes Weib, die mich in jeder Beziehung, auch geschlechtlich, aus- 
ntzte, die mich vor ihren Wagen spannte und sich von mir spazieren fahren 
liess, der ich folgen musste wie ein Hund, der nackt zu ihren Fssen liegen 
musste und von ihr geprgelt, bezglich gepeitscht wurde. Das war das fest- 
stehende Gerippe meiner Vorstellungen, um welches sich alle anderen gruppirten. 

Ich fand in diesen Vorstellungen stets ein unendliches Behagen, welches 
mir Erection, niemals aber Ejaculation verursachte. In Folge der entstandenen 
geschlechtlichen Aufregung suchte ich mir sodann irgend ein Weib, mit Vorliebe 
ein usserlich meinem Ideale entsprechendes, aus und coitirte mit demselben, 
ohne irgend welches reale Beiwerk, zuweilen auch ohne beim Coitus von den 
Vorstellungen befangen zu sein. Daneben hatte ich jedoch auch Neigung zu 
anders gearteten Weibern und coitirte auch, ohne durch Vorstellung hierzu 
gezwungen zu sein. 

Obgleich ich nach alledem ein in geschlechtlicher Beziehung nicht allzu 
anormales Leben fhrte, traten doch jene Vorstellungen periodisch mit Sicher- 
heit ein, blieben sich im Wesentlichen auch stets gleich. Mit zunehmendem 
Geschlechtstriebe wurden die Zwischenrume immer geringer. Gegenwrtig 
melden sich die Vorstellungen etwa alle 14 Tage bis 3 Wochen. Wrde ich 
vorher coitiren, so wrde vielleicht dem Eintritt derselben vorgebeugt werden. 
Ich habe niemals den Versuch gemacht, meine sehr bestimmt und charakte- 
ristisch auftretenden Vorstellungen zu realisiren, d. h. sie mit der Aussenwelt 
in Verbindung zu bringen, sondern mich stets mit Schwelgereien in Gedanken 
begngt, weil ich von der Ueberzeugung fest durchdrungen war, dass sich eine 
Realisirung meiner Ideale" niemals auch nur annhernd wrde herbeifhren 
lassen. Der Gedanke an eine Comdie mit bezahlten Dirnen erschien mir stets 
lcherlich und zwecklos, denn eine von mir bezahlte Person knnte in meiner 
Vorstellung niemals die Stelle einer grausamen Herrin" einnehmen. Ob es 
sadistisch angehauchte Weiber wie Sacher-Masoch's Heldinnen gibt, bezweifle 
ich. Wenn es deren aber auch gbe und ich das Glck (!) gehabt htte, eine 
solche zu finden, so wrde mir ein Verkehr mit derselben mitten in der realen 
Welt immer nur als eine Comdie erschienen sein. Ja, sagte ich mir, wenn 
es mir sogar passirt wre, in die Sklaverei einer Messalina zu gelangen, so 
glaube ich, dass ich bei den sonstigen Entbehrungen jenes von mir erstrebten 
Lebens sehr bald berdrssig geworden wre, und in den Lucidis intervallis 
meine Freiheit unter allen Umstnden zu erreichen getrachtet htte. 

Dennoch habe ich ein Mittel gefunden, in gewissem Sinne eine Reali- 
sirung herbeizufhren. Nachdem durch vorangegangene Schwelgereien mein 
Geschlechtstrieb stark angeregt ist, gehe ich zu einer Prostituirten und stelle 
mir dort irgend eine Geschichte des vorerwhnten Inhaltes, in welcher ich die 
Hauptperson bilde, innerlich lebhaft vor. Nach etwa halbstndiger, unter stetiger 
Erection erfolgenden inneren Ausmalung solcher Situationen coitire ich sodann 
mit gesteigertem Wollustgefhl und unter starker Ejaculation. Nach der letzteren 
ist der Spuk verschwunden. Beschmt entferne ich mich so bald als mglich, 
und vermeide, auf das Vorangegangene zurckzukommen. Sodann habe ich 
etwa 14 Tage keinerlei Vorstellungen mehr ; bei besonders befriedigendem Coitus 
kommt es sogar vor, dass ich bis zum nchsten Anfalle gar kein Verstndniss 
fr masochistische Situationen habe. Der nchste Anfall kommt aber sicher, 



106 Paraesthesia sexualis. 

ob frher oder spter. Ich muss jedoch bemerken, dass ich auch coitire, 
ohne durch solche Vorstellungen prparirt zu sein, insbesondere auch mit 
weiblichen Wesen, die mich und meine brgerliche Stellung genau kennen, 
und in deren Gegenwart ich jene Vorstellungen durchaus perhorrescire. In 
letzteren Fllen bin ich jedoch nicht immer potent, whrend 
die Potenz unter dem Banne masochistischer Vorstellungen eine unbedingte ist. 
Dass ich in meinem brigen Denken und Fhlen sehr sthetisch veranlagt bin 
und die Misshandlung eines Menschen an sich u. s. w. im hchsten Grade 
verachte, erscheint mir nicht berflssig zu bemerken. Schliesslich will ich 
nicht unerwhnt lassen, dass auch die Form der Anrede von Bedeutung ist. 
Es ist ein Essen tiale in meinen Vorstellungen, dass die Herrin" mich mit Du" 
anredet, whrend ich dieselbe mit Sie" anreden muss. Dieser Umstand des 
Geduztwerdens von einer dazu geeigneten Person, als Ausdruck der absoluten 
Herrschaft, hat mir von frher Jugend an schon Wollustgefhle erregt und 
thut dies auch heute noch. 

Ich habe das Glck gehabt, eine Frau zu finden, welche mir in allen 
Punkten, vor Allem auch in geschlechtlicher Beziehung, durchaus zusagte, 
obwohl dieselbe, wie ich nicht erst hinzuzufgen brauche, in keiner Weise 
masochistischen Idealen hnelt. 

Dieselbe ist sanftmthig, jedoch ppig, ohne welche Eigenschaft ich mir 
berhaupt einen geschlechtlichen Reiz nicht vorstellen kann. 

Die ersten Monate der Ehe verliefen geschlechtlich ganz normal, die 
masochistischen Anflle blieben gnzlich aus, ich hatte beinahe das Verstndniss 
fr den Masochismus verloren. Da kam das erste Kindbett und hiermit die 
nothwendig gewordene Abstinenz. Pnktlich stellten sich sodann mit ein- 
tretender Libido die masochistischen Anwandlungen wieder ein, welche mit 
unabweisbarer Nothwendigkeit einen ausserehelichen Coitus mit masochistischen 
Vorstellungen herbeifhrten trotz meiner aufrichtigen grossen Liebe zu 
meiner Frau. 

Bemerkenswerth ist hierbei, dass der spter wieder beginnende Coitus 
maritalis sich nicht als ausreichend erwies, um die masochistischen Vorstel- 
lungen zu bannen, wie das bei einem masochistischen Coitus regelmssig der 
Fall ist. 

Was das Wesen des Masochismus anbelangt, so bin ich der Ansicht, 
dass bei demselben die Vorstellungen, also die geistige Seite, Haupt- und Selbst- 
zweck sind. 

Wre die Verwirklichung masochistischer Ideen (also die passive 
Flagellation u. dergl.) das ersehnte Ziel, so steht hiermit die Thatsache im 
Widerspruche, dass ein grosser Theil der Masochisten zur Verwirklichung 
entweder gar nicht schreitet, oder, wenn er dies dennoch versucht, eine 
grosse Ernchterung empfindet, jedenfalls die ersehnte Befriedigung 
nicht erzielt. 

Schliesslich mchte ich nicht unterlassen, aus meiner Erfahrung zu be- 
sttigen, dass die Zahl der Masochisten, besonders in grossen Stdten, in der 
That eine ziemlich grosse zu sein scheint. Die einzige Quelle fr derartige 
Forschungen sind da Mittheilungen inter viros nicht stattzufinden pflegen 
die Aussagen der Prostituirten, und da diese in den wesentlichen Punkten berein- 
stimmen, wird man immerhin gewisse Thatsachen fr erwiesen annehmen knnen. 



Masochismus. 107 

Dahin gehrt zunchst die Thatsache, dass jede erfahrene Prostituirte 
irgend ein zur Flagellation geeignetes Instrument (gewhnlich eine Ruthe) im 
Besitze zu haben pflegt, wobei allerdings in Betracht zu ziehen ist, dass es 
Mnner gibt, die sich lediglich zur Erhhung ihrer Geschlechtslust geissein 
lassen, also im Gegensatze zu den Masochisten die Flagellation als Mittel 
betrachten. 

Dagegen stimmen die Prostituirten fast smmtlich darin berein, dass 
es eine Anzahl von Mnnern gibt, welche gern Sklaven" spielen, d. h. sich 
gerne so nennen hren, sich schimpfen und treten, auch schlagen lassen. 
Wie gesagt, die Zahl der Masochisten ist grsser, als man es sich bisher hat 
trumen lassen. 

Die Lektre Ihres Capitels ber diesen Gegenstand machte, wie Sie sich 
denken knnen, einen ungeheuren Eindruck auf mich. Ich mchte an eine 
Heilung, sozusagen an eine Heilung durch Logik, glauben, nach dem Motto: 
tout comprendre c'est tout guerir." 

Freilich ist das Wort Heilung mit Einschrnkung zu verstehen, und zwar 
muss man auseinanderhalten : allgemeine Gefhle und concrete Vorstellungen. 
Die ersteren sind niemals zu beseitigen. Sie kommen wie der Blitz und sind 
da, man weiss nicht von wannen und wieso. 

Aber die Ausbung des Masochismus durch Schwelgen in concreten, zu- 
sammenhngenden Vorstellungen lsst sich vermeiden oder doch eindmmen. 

Jetzt liegt die Sache anders. Ich sage mir: Was, du begeisterst dich 
an Dingen, die nicht nur das sthetische Gefhl Anderer, sondern auch dein 
eigenes reprobirt? Du findest etwas schn und begehrenswerth, was anderer- 
seits, nach deinem eigenen Urtheil, hsslich, gemein, lcherlich und unmglich 
zugleich ist? Du sehnst eine Situation herbei, in die du in Wirklichkeit nie- 
mals gelangen mchtest? Diese Gegenvorstellung wirkt sofort hemmend und 
ernchternd, und bricht den Phantasien die Spitze ab. Thatschlich habe ich 
auch seit der Lektre Ihres Buches (etwa Anfang dieses Jahres) nicht ein ein- 
ziges Mal mehr geschwelgt, obwohl die masochistischen Anwandlungen selbst 
sich in den regelmssigen Intervallen einstellten. 

Im Uebrigen muss ich gestehen, dass der Masochismus trotz seines stark 
pathologischen Charakters nicht nur nicht im Stande ist, mir den Genuss des 
Lebensglckes zu vereiteln, sondern berhaupt auch nicht im Geringsten in 
mein usseres Leben eingreift. In nicht masochistischem Zustande bin ich, 
was Fhlen und Handeln anlangt, ein usserst normaler Mensch. Whrend 
der masochistischen Anwandlungen ist zwar im Gefhlsleben eine grosse Revo- 
lution ausgebrochen , meine ussere Lebensweise erleidet jedoch keine Aende- 
rung. Ich habe einen Beruf, welcher es mit sich bringt, dass ich mich viel 
in der Oeffentlichkeit bewege. Ich be denselben auch im masochistischen 
Zustande ebenso aus wie sonst. 

Der Verfasser der vorstehenden Aufzeichnungen bersandte 
mir ferner noch die folgenden Bemerkungen: 

I. Masochismus ist meiner Erfahrung gemss unter allen Umstnden 
angeboren, und keineswegs vom Individuum gezchtet. Ich weiss es positiv, 
dass ich niemals auf das Gesss geschlagen worden bin, und dass 



108 Paraesthesia sexualis. 

meine masochistischen Vorstellungen von frhester Jugend an sich zeigten, 
und dass ich, solange ich berhaupt zu denken vermag, derartige Gedanken 
hegte. Wre die Entstehung derselben die Folge eines bestimmten Ereig- 
nisses, insbesondere eines Schlages gewesen, so wrde ich ganz bestimmt die 
Erinnerung hieran nicht verloren haben. Charakteristisch ist, dass die Vor- 
stellungen bereits vorhanden waren, ehe noch Libido berhaupt 
vorhanden war. Damals waren dio Vorstellungen auch gnzlich geschlechts- 
los. Ich besinne mich, dass es mich als Knabe stark anregte (um nicht zu 
sagen aufregte), als ein lterer Knabe mich duzte, whrend ich zu ihm Sie" 
sagte. Ich drngte mich zu einer Unterhaltung mit demselben, wobei ich 
dafr sorgte, dass diese gegenseitige Anrede mglichst hufig erfolgte. Spter, 
als ich geschlechtsreifer wurde, hatten derartige Sachen nur dann Reiz, wenn 
sie Beziehung zu einer Frau, und zwar zu einer (relativ) lteren hatten. 

IL Ich bin krperlich und seelisch durchaus mnnlich veranlagt. Ueber- 
starker Bartwuchs und starke Behaarung am ganzen Krper. In meinen nicht 
masochistischen Beziehungen zum weiblichen Geschlecht ist fr mich die donii- 
nirende Stellung des Mannes eine unerlssliche Bedingung, und jeden Versuch, 
dieselbe zu beeintrchtigen , wrde ich mit Energie zurckweisen. Ich bin 
energisch, wenn auch nicht allzu muthig, doch wird der fehlende Muth dann 
ergnzt, wenn es sich um Verletzung des Stolzes handelt. Gegen Naturereig- 
nisse (Gewitter, Meeressturm u. s. w.) bin ich vllig unempfindlich 1 ). 

Auch meine masochistischen Neigungen haben nichts, was weiblich oder 
weibisch zu nennen wre (?). Allerdings ist hierbei die Neigung vorherrschend, 
vom Weibe gesucht und begehrt zu werden, doch ist das allgemeine Verhlt- 
niss zur Herrin", wie es herbeigesehnt wird, nicht das, in welchem das Weib 
zum Manne steht, sondern das Verhltniss des Sklaven zum Herrn, das des 
Hausthieres zu seinem Besitzer. Zieht man ganz rcksichtslos die Consequenzen 
aus dem Masochismus, so kann man nicht anders sagen, als dass das Ideal 
desselben die Stellung eines Hundes oder Pferdes ist. Beide sind Eigenthum 
eines Anderen , werden von demselben nach Gutdnken gemisshandelt, ohne 
dass dieser irgend Jemand Rechenschaft zu geben htte. 

Gerade diese unumschrnkte Herrschaft ber Leben und Tod, wie sie 
nur beim Sklaven und Hausthiere zu finden ist, ist das Um und Auf aller 
masochistischen Vorstellungen. 

III. Die Grundlage aller masochistischen Vorstellungen ist die Libido, 
und je nachdem bei dieser Ebbe und Fluth eintritt, ist dasselbe auch bei jenen 
der Fall. Andererseits erhhen die Vorstellungen, sobald sie vorhanden sind, 
die Libido ganz erheblich. Ich bin von Natur durchaus nicht bermssig ge- 
schlechtsbedrftig. Erscheinen jedoch die masochistischen Vorstellungen , so 
drngt es mich zum Coitus um jeden Preis (meist zieht es mich dann zu mg- 
lichst niedrigen Weibern), und wird diesem Drngen nicht bald Statt gegeben, 
so steigert sich in kurzer Zeit die Libido bis fast zur Satyriasis. Man knnte 
hier fast von einem Circulus vitiosus sprechen. 



*) Diese Differenz des Muthes gegenber Naturereignissen einerseits, 
Willensconflikten andererseits ist jedenfalls auffallend (vgl. Beob. 42 p. 95), 
wenn auch hier die einzige erwhnte Andeutung von Effeminatio. 



Masochismus. 109 

Die Libido tritt ein, entweder durch Zeitablauf oder besondere Auf- 
regung (auch nicht masochistischer Art, z. B. Kssen). Trotz dieses Ursprunges 
verwandelt sich diese Libido kraft der durch sie selbst erzeugten masochisti- 
schen Vorstellungen sehr bald in eine masochistische, also unreine Libido. 

Dass brigens die Begierde durch ussere zufllige Eindrcke, insbesondere 
durch den Aufenthalt in den Strassen einer Grossstadt, erheblich gesteigert 
wird, unterliegt keinem Zweifel. Der Anblick schner und imponirender 
Frauengestalten, in natura wie in effigie, wirkt aufregend. Fr den unter 
dem Zeichen des Masochismus Stehenden ist wenigstens fr die Dauer des 
Anfalles das ganze ussere Erscheinungsleben masochistisch angehaucht. 
Die Ohrfeige, die die Meisterin dem Lehrling applicirt, der Peitschenhieb des 
Fiakers alles das hinterlsst dem Masochisten tiefe Eindrcke, whrend es 
ihn im nicht masochistischen Zustande gleichgltig lsst oder gar anekelt. 

IV. Schon bei der Lektre von Sacher-Masoch fiel es mir auf, dass bei 
dem Masochisten ab und zu sadistische Gefhle gelegentlich mit unterlaufen. 
Auch an mir habe ich hin und wieder sporadische Empfindungen von Sadismus 
entdeckt. Ich muss aber bemerken, dass die sadistischen Gefhle nicht derart 
markant sind wie die masochistischen, und dass dieselben, abgesehen davon, 
dass sie nur selten und gewissermassen accessorisch auftreten, niemals aus dem 
Rahmen des abstracten Gefhlslebens heraustreten und vor Allem nicht die 
Gestalt concreter und zusammenhngender Vorstellungen annehmen. Die Wir- 
kung auf die Libido ist jedoch bei beiden die gleiche. 

War dieser Fall merkwrdig durch die vollstndige Entwick- 
lung des psychischen Thatbestandes, der den Masochismus ausmacht, 
so ist es der folgende durch die besondere Extravaganz der aus 
der Perversion hervorgehenden Handlungen. Auch dieser Fall ist 
besonders geeignet, das Moment der Unterwerfung unter und der 
Demthigung durch das Weib zugleich mit der eigenthmlichen 
geschlechtlichen Betonung der daraus sich ergebenden Situationen 
klar zu machen. 

Beobachtung 49. Herr Z. , Beamter, 50 Jahre, gross, muskuls, 
gesund, stammt angeblich von gesunden Eltern, jedoch war der Vater bei der 
Zeugung 30 Jahre lter als die Mutter. Eine Schwester, 2 Jahre lter als Z., 
leidet an Verfolgungswahn. Z. bietet in seinem Aeusseren nichts Aufflliges. 
Skelett durchaus mnnlich, starker Bart, jedoch Rumpf gnzlich unbehaart. 
Er bezeichnet sich als prononcirten Gemthsmensch , der Niemand etwas ab- 
schlagen kann, gleichwohl jhzornig, aufbrausend, dabei augenblicklich bereuend. 

Z. hat angeblich nie onanirt. Von Jugend auf nchtliche Pollutionen, 
bei denen nie der sexuelle Akt, immer aber das Frauenzimmer eine Rolle 
spielte. Es trumte ihm z. B., eine ihm sympathische Frauensperson lehne 
sich krftig an ihn an, oder er lag schlummernd im Grase und sie stieg scherz- 
weise auf seinen Rcken. Vor Coitus mit einem Weibe hatte Z. von jeher 
Abscheu. Dieser Akt kam ihm thierisch vor. Trotzdem drngte es ihn zum 
Weibe. Nur in Gesellschaft von hbschen Frauen und Mdchen fhlte er sich 
wohl und an seinem Platze. Er war sehr galant, ohne je zudringlich zu sein. 



HO Paraesthesia sexualis. 

Eine ppige Frau mit schnen Formen , namentlich hbschem Fuss, 
konnte ihn, wenn sie sass, in hchste Erregung versetzen. Es drngte ihn, 
sich ihr als Stuhl anzubieten, um so viel Herrlichkeit tragen zu drfen". Ein 
Tritt, eine Ohrfeige von ihr wre ihm Seligkeit gewesen. Vor dem Gedanken, 
mit ihr zu coitiren, hatte er Horror. Er fhlte das Bedrfhiss, dem Weibe zu 
dienen. Es kam ihm vor, dass Damen gerne reiten. Er schwelgte in dem Ge- 
danken, wie herrlich es sein msste, sich unter der Last eines schnen Weibes 
abzuqulen, um ihm Vergngen zu bereiten. Er malte sich die Situation nach 
jeder Richtung aus, dachte sich den schnen Fuss mit Sporen, die herrlichen 
Waden, die weichen vollen Schenkel. Jede schn gewachsene Dame, jeder 
hbsche Damenfuss regte seine Phantasie immer mchtig an, aber niemals ver- 
rieth er seine absonderlichen, ihm selbst abnorm erscheinenden Empfindungen 
und wusste sich zu beherrschen. Er fhlte aber auch kein Bedrfhiss, dagegen 
anzukmpfen im Gegentheil, es htte ihm leid gethan, seine ihm so lieb 
gewordenen Gefhle preisgeben zu mssen. 

32 Jahre alt, machte Z. zufllig die Bekanntschaft einer ihm sympathi- 
schen, vom Manne geschiedenen und in Nothlage befindlichen 27 Jahre alten 
Frau. Er nahm sich um sie an, arbeitete fr sie, ohne irgendwelche eigen- 
ntzige Absicht, monatelang. Eines Abends verlangte sie ungestm von ihm 
geschlechtliche Befriedigung, that ihm beinahe Gewalt an. Der Coitus hatte 
Folgen. Z. nahm die Frau zu sich, lebte mit ihr, coitirte massig, empfand 
den Coitus mehr als eine Last denn als einen Genuss, wurde erectionsschwach, 
konnte die Frau nicht mehr recht befriedigen, bis sie endlich erklrte, sie 
wolle keinen Verkehr mehr mit ihm, da er sie nur reize, aber nicht befriedige. 
Obwohl er die Frau unendlich liebte, konnte er doch seinen eigenartigen 
Phantasien nicht entsagen. Er lebte nun mit der Frau nur mehr in freund- 
schaftlichem Verkehr und beklagte es tief, dass er ihr in seiner Weise nicht 
dienen konnte. 

Furcht, wie sie bezgliche Propositionen aufnehmen mchte, und Scham- 
gefhl hielten ihn davon ab, sich ihr zu entdecken. Er fand Ersatz dafr in 
seinen Trumen. So trumte ihm z. B., er sei ein edles feuriges Pferd und 
werde von einer schnen Dame geritten. Er fhlte ihr Gewicht, den Zgel, 
dem er gehorchen musste, den Schenkeldruck in der Flanke, er hrte ihre 
wohlklingende frhliche Stimme. Die Anstrengung trieb ihm den Schweiss aus, 
das Empfinden des Sporns that das Uebrige und bewirkte jeweils das Eintreten 
einer Pollution unter grossem Wollustgefhl. 

Unter dem Einfluss solcher Trume berwand Z. vor 7 Jahren seine 
Scheu, um derlei auch in der Wirklichkeit erleben zu knnen. 

Es gelang ihm, passende" Gelegenheiten aufzutreiben. Er berichtet 
darber Folgendes : Ich wusste es immer so anzustellen, dass bei irgend einer 
Gelegenheit sie sich von selbst auf meinen Rcken setzte. Nun trachtete ich 
ihr diese Situation so angenehm als mglich zu machen und erreichte es leicht, 
dass sie bei nchster Gelegenheit aus eigenem Antrieb sagte: Komm, lass 
mich ein bischen reiten!" Gross gewachsen und beide Hnde auf einen Stuhl 
gesttzt, brachte ich meinen Rcken in horizontale Lage, auf den sie sich 
dann rittlings, nach Mnnerart reitend, setzte. Ich machte dann so viel als 
mglich alle Bewegungen eines Pferdes und liebte es, wenn auch sie mich nur 
als Pferd behandelte, ganz ohne Rcksicht. Sie konnte mich schlagen, stechen, 



Masochismus. 111 

schelten, liebkosen, ganz nach Laune. Personen von 60 80 Kilo konnte ich 
so 1 /% 3 /i Stunden ununterbrochen auf dem Rcken haben. Nach dieser Zeit 
bat ich gewhnlich um eine Ruhepause. Whrend dieser Zeit war der Verkehr 
zwischen mir und der Herrin ein ganz harmloser und von dem Vorher- 
gegangenen nicht die Rede. Nach einer Viertelstunde war ich jeweils wieder 
vollkommen erholt und stellte mich der Herrin bereitwillig wieder zur Ver- 
fgung. Ich machte dies, wenn es Zeit und Umstnde erlaubten, 3 4mal 
hintereinander. Es kam vor, dass ich Vor- und Nachmittags mich hingab. 
Ich fhlte nachtrglich keine Ermdung oder sonst ein unbehagliches Gefhl. 
nur hatte ich an solchen Tagen sehr wenig Esslust. Wenn es anging, war es 
mir am liebsten, wenn ich den Oberkrper entblssen konnte, um die Reitgerte 
empfindlicher zu fhlen. Die Herrin musste decent sein. Am liebsten war 
sie mir mit schnen Schuhen, Strmpfen, kurzer, bis zu den Knieen reichender 
geschlossener Hose, Oberkrper vollkommen bekleidet, mit Hut und Hand- 
schuhen." 

Herr Z. berichtet weiter, dass er seit 7 Jahren Coitus nicht mehr voll- 
zogen hat, sich jedoch fr potent hlt. Das Damenreiten entschdige ihn 
vollkommen fr jenen thierischen Akt", auch dann, wenn es nicht gerade zur 
Ejaculation kam. 

Seit 8 Monaten hat sich Z. gelobt, von seinem masochistischen Sport 
abzulassen, und dieses Gelbde auch gehalten. Gleichwohl meint er, wenn 
ein auch nur halbwegs hbsches Weib ihn ohne Umschweife anreden wrde 
komm, ich will dich reiten," er nicht die Kraft htte, dieser Versuchung zu 
widerstehen. Z. bittet um Aufklrung, ob seine Abnormitt heilbar sei, ob 
er verabscheuungswrdig sei als lasterhafter Mensch, oder ein Kranker, der 
Mitleid verdiene 1 ). 

Schon in der bisherigen Casuistik hat neben anderen Dingen 
das Treten mit Fssen eine Rolle als Ausdrucksmittel masochisti- 
scher Situationen der Demthigung und Schmerzzufgung gespielt. 
Die ausschliessliche und weitestgehende Verwerthung dieses Mittels 
zu perverser Erregung und Befriedigung, welches, weil es einen 
Uebergang zu einer anderen Perversion vermittelt, Anlass zur Auf- 
stellung einer besonderen Gruppe s. unten unter b) pag. 120 
gab, zeigt der folgende klassische Fall von Masochismus, welchen 
Hammond op. cit. p. 28, nach einer Beobachtung von Dr. Cox 2 ) 
in Colorado, berichtet. 

Beobachtung 50. X., Muster eines Ehemanns, streng sittlich, Vater 
mehrerer Kinder, hat Zeiten resp. Anflle, in welchen er ins Bordell geht, sich 
2 3 der grssten Mdchen auswhlt und mit ihnen sich einschliesst. Corporis 
superiorem partem nudavit humi iacens manus supra ventrem ponens oculos 



') Einen hnlichen Fall s. dieses Buch 8. Aufl. Beob. 51. 
2 ) Transactions of the Colorado State medical society quoted in the 
, Alienist and Neurologist " 1883 April, p. 345. 



Paraesthesia sexualis. 

audit et puellas trans pectus suum nudatum et Collum et os vadere iubet 
et poscit, ut transgredientes summa vi calcibus carnem premerent. Gelegentlich 
verlangt er eine noch schwerer^ Dirne oder einige andere Kunstgriffe, die jene 
Proeedur noch grausamer gestalten. Nach 2 3 Stunden hat er genug, honorirt 
die Mdchen mit Wein und Geld, reibt sich seine blauen Flecke, kleidet sich 
an, zahlt seine Rechnung und geht in sein Geschft, um nach einer Woche 
etwa dieses sonderbare Vergngen sich neuerdings zu verschaffen. 

Gelegentlich kommt es vor, dass er eines dieser Mdchen sich auf seine 
Brust stellen lsst, whrend die anderen sie im Kreise herumdrehen mssen, 
bis seine Haut unter dem Drehen der Schuhabstze blutrnstig geworden ist. 

Hufig muss eines der Mdchen so auf ihn sich stellen, dass ein Schuh 
quer ber den Augen steht und der Absatz auf den einen Augapfel drckt, 
whrend der andere Schuh quer ber seinem Halse ruht. In dieser Stellung 
hlt er den Druck der circa 150 Pfund schweren Person etwa 4 5 Minuten 
lang aus. Verf. spricht vonDutzenden analoger Flle, die ihm 
bekannt geworden seien. Hamm on d vermuthet mit Grund, dass dieser 
Mann im Verkehr mit dem Weibe impotent geworden, in dieser eigenartigen 
Proeedur ein Aequivalent fr Coitus sucht und findet, und whrend er blutig 
getreten wird, angenehme, von Ejaculation begleitete Sexualgefhle hat. 

Die bisher angefhrten Flle von Masochismus und die zahl- 
reichen analogen, welche die Berichterstatter erwhnen, bilden das 
Gegenstck zur oben geschilderten Gruppe c) des Sadismus. Wie 
dort perverse Mnner an der Misshandlung von Weibern sich er- 
regen und befriedigen, so suchen sie hier den gleichen Effect durch 
das passive Empfangen solcher Misshandlungen 1 ). 

Aber auch die Gruppe a) der Sadisten, die der Lustmrder, ist 
merkwrdiger Weise nicht ganz ohne Gegenstck im Masochismus. 

In seiner ussersten Consequeuz muss ja der Masochismus zu 
der Begierde fhren, von einer Person des anderen Geschlechts ge- 
tdtet zu werden, so wie der Sadismus im aktiven Lustmord gipfelt. 
Solcher Consequenz stellt sich aber der Trieb der Lebenserhaltung 
entgegen, so dass es hier nicht zum Aeussersten in wirklicher Aus- 
fhrung kommt. 

Wo aber das ganze Gebude der masochistischen Vorstellungen 
nur in petto errichtet wird, da kann es in den Phantasien solcher 
Individuen selbst zu dieser ussersten Consequenz kommen, wie der 
folgende Fall zeigt. 

Beobachtung 51. Ein Mann in mittleren Jahren, verheirathet und 
Familienvater, der stets eine normale Vita sexualis gefhrt hat, aber aus sehr 



*) Instructive Beispiele s. Seydel, Vierteljahrschr. f. ger. Med. 1893. 
Heft 2 p. 275 u. 276. 



Masochismus. 113 

nervser" Familie zu stammen angibt, macht folgende Mittheilung: In seiner 
frhen Jugend sei er beim Anblick einer Frauensperson, welche ein Thier mit 
einem Messer schlachtete, sexuell mchtig erregt worden. Von da ab habe er 
viele Jahre lang in der wollstig betonten Vorstellung geschwelgt, von Weibern 
mit Messern gestochen und geschnitten, ja selbst getdtet zu werden. Spter, 
nach Beginn des normalen Geschlechtsverkehrs, haben diese Vorstellungen den 
perversen Reiz fr ihn gnzlich verloren. 

Mit diesem Falle sind die oben p. 96 angefhrten Mittheilungen 
zu vergleichen, wonach Mnner einen sexuellen Genuss darin finden, 
von Weibern mit Messern leicht gestochen, dabei aber mit dem 
Tode bedroht zu werden. 

Derartige Phantasien geben vielleicht den Schlssel zum Ver- 
stndniss des folgenden seltsamen Falles, welchen ich einer Mit- 
theilung des Herrn Dr. Krb er in Rankau i./Schl. verdanke. 

Beobachtung 52. Eine Dame erzhlte mir Folgendes : Als junges 
unwissendes Mdchen wurde sie mit einem etwa 30jhrigen Manne verheirathet. 
In der ersten Nacht ihres Ehelebens zwang er ihr ein Waschnpfchen mit Seife 
in die Hnde und wnschte dringend, ohne jedwede Liebesbezeugung, von ihr 
um Kinn und Hals (wie zum Barbieren) eingeschumt zu werden. Die vllig 
unerfahrene junge Frau that es und war nicht wenig erstaunt, in den ersten 
Wochen ihres Ehelebens dessen Geheimnisse in absolut keiner anderen Form 
kennen zu lernen; der Mann erklrte ihr bestndig, dass es ihm hchster Ge- 
nuss sei, von ihr im Gesicht eingeschumt zu werden. Nachdem sie spter 
Freundinnen zu Rathe gezogen, brachte sie ihren Mann zur Ausbung des 
Coitus und hat, wie sie bestimmt versichert, von ihm im Laufe der Jahre drei 
Kinder bekommen. Der Mann ist ein fleissiger und solider, aber kurz ange- 
bundener, mrrischer Mensch, seines Zeichens Kaufmann. 

Es ist immerhin denkbar, dass der hier erwhnte Mann den 
Akt des Rasirens (resp. Einseifens als Vorbereitung dazu) als eine 
rudimentre, symbolische Verwirklichung von Verletzungs- oder 
Tdtungsvorstellungen und Messer-Phantasien, wie sie der obige 
ltere Herr in seiner Jugend hatte, auffasste und auf diese Weise 
dadurch sexuell erregt und befriedigt wurde. Das vollkommene 
sadistische Gegenstck zu diesem so aufgefassten Falle liefert dann 
die oben p. 82 x mitgetheilte Beob. 34, welche einen Fall von sym- 
bolischem Sadismus betrifft. 

Ueberhaupt gibt es eine ganze Gruppe von Masochisten, welche 
sich mit symbolischen Andeutungen der ihrer Perversion ent- 
sprechenden Situationen begngt, eine Gruppe, welche der Gruppe e) 
der symbolischen" Sadisten entspricht, so wie die frher ange- 
fhrten Flle von Masochismus den Gruppen c) und a) des Sadis- 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 8 



114 Paraesthesia sexualis. 

mus entsprachen. So wie sich die perversen Gelste des Masochisten 
einerseits (freilich nur in der Phantasie) bis zum passiven Lust- 
mord" steigern, so knnen sie andererseits sich mit blossen sym- 
bolischen Andeutungen der erwnschten Situation begngen, die 
sonst durch Misshandlungen ausgedrckt wird (was freilich objectiv 
genommen noch immer weiter geht als jenes Phantasma des Er- 
mordetwerdens, nach der entscheidenden subjectiven Sachlage aber 
weniger weit). 

Es mgen hier neben dem obigen Fall der Beob. 52 noch 
einige derartige Flle angefhrt werden, in denen die von Maso- 
chisten gewnschten und bestellten Vorgnge rein symbolischen 
Charakter haben und gewissermassen zur Markirung der ersehnten 
Situation dienen. 

Beobachtung 53. (Pascal, Igiene dell 1 amore.) Alle drei Monate 
erschien bei einer Prostituirten ein etwa 45 Jahre alter Mann und bezahlte 
ihr 10 Frcs. fr folgenden Vorgang. Die Puella musste ihn entkleiden, ihm 
Hnde und Fsse zusammenbinden, ihm die Augen verbinden und berdies 
die Fenster verdunkeln. Dann Hess sie den Gast auf einen Sopha niedersitzen 
und musste ihn in seinem hlflosen Zustand allein lassen. Nach einer halben 
Stunde musste die Person wiederkommen und die Bande lsen. Darauf zahlte 
der Mann und ging ganz befriedigt von dannen, um nach etwa drei Monaten 
seinen Besuch zu erneuern. 

Dieser Mann scheint sich die Situation, hlflos in der Gewalt 
eines Weibes zu sein, mittelst seiner Phantasie im Dunkeln weiter 
ausgemalt zu haben. Noch sonderbarer ist der folgende Fall, in 
dem wieder eine complicirte Comdie im Sinne masochistischer Ge- 
lste aufgefhrt wird. 

Beobachtung 54. (Dr. Pascal, ibid.) Ein Herr in Paris begab sich 
an bestimmten Abenden in eine Wohnung, deren Besitzerin zur Befriedigung 
seiner seltsamen Neigung willfhrig war. Er erschien in Gala im Salon der 
Dame, welche in Balltoette sein und ihn mit strenger Miene empfangen 
musste. Er redete sie als Marquise an, sie musste ihn mit den Worten lieber 
Graf begrssen. Darauf sprach er von dem Glck, sie allein zu treffen, von 
seiner Liebe zu ihr und einer Schferstunde. Nun musste die Dame die Be- 
leidigte spielen. Der Pseudograf ereiferte sich immer mehr und verlangte, 
der Pseudomarquise einen Kuss auf die Schulter drcken zu drfen. Grosse 
Entrstungsscene, die Klingel wird gezogen, ein eigens dazu gemietheter Diener 
erscheint und wirft den Grafen hinaus, welcher sehr befriedigt abzieht und 
die Personen der Comdie reichlich belohnt. 

Von diesem symbolischen Masochismus ist der ideelle zu 
unterscheiden, bei welchem die psychische Perversion ganz auf dem 



Masochismus. 115 

Gebiete der Vorstellung und Phantasie bleibt und keine Verwirk- 
lichung derselben versucht wird. Ein solcher Fall von ideellem 
Masochismus" ist vor allem der der oben p. 104 aufgenommenen 
Beob. 48, dann der der Beob. 51. Solche ideelle Flle sind ferner 
die beiden folgenden. Der erste betrifft ein geistig und krperlich 
belastetes, mit Degenerationszeichen behaftetes Individuum, bei dem 
frhzeitig psychische und physische Impotenz eingetreten ist. 

Beobachtung 55. Herr Z. , 22 Jahre, ledig, wurde mir von seinem 
Vormund zugefhrt behufs rztlichen Rathes, da er hchst nervs und offenbar 
sexuell nicht normal sei. Mutter und Muttersmutter waren geisteskrank ge- 
wesen. Der Vater zeugte ihn zu einer Zeit, wo er sehr nervenleidend war. 

Pat. soll ein sehr lebhaftes und talentirtes Kind gewesen sein. Schon 
mit 7 Jahren bemerkte man bei ihm Masturbation. Er wurde vom 9. Jahre 
ab zerstreut , vergesslich , kam mit seinen Studien nicht recht vorwrts , be- 
durfte bestndiger Nachhlfe und Protection , absolvirte mhsam das Real- 
gymnasium und fiel whrend seines Freiwilligenjahrs durch Indolenz, Vergess- 
lichkeit und verschiedene dumme Streiche auf. 

Anlass zur Consultation bot ein Vorfall auf der Strasse, indem Z. sich 
an eine junge Dame angedrngt hatte und in hchst zudringlicher Weise und 
in grosser Aufregung dieselbe zu einer Conversation mit ihm hatte bestimmen 
wollen. 

Pat. motivirte diesen Auftritt damit, dass er durch ein Gesprch mit 
einem anstndigen Mdchen sich habe aufregen wollen, um dann zum Coitus 
mit einer Prostituirten potent zu sein! 

Z.'s Vater bezeichnet ihn als einen von Hause aus gutartigen, moralischen, 
aber schlaffen, faden, mit sich zerfallenen, ber seine schlechten Erfolge in der 
bisherigen Lebensfhrung oft desperaten, gleichwohl indolenten Menschen, der 
sich fr nichts ausser fr Musik interessire, zu welcher er grosse Begabung 
besitze. 

Das Aeussere des Pat. sein plagiocephaler Schdel, seine grossen ab- 
stehenden Ohren, die mangelhafte Innervation des r. Mundfacialis, der neuro- 
pathische Ausdruck der Augen deuten auf eine degenerative neuropathologische 
Persnlichkeit. 

Z. ist gross von Statur, von krftigem Krperbau, eine durchaus mnn- 
liche Erscheinung. Becken mnnlich, Hoden gut entwickelt, Penis auffallend 
gross, Mons veneris reichlich behaart, der rechte Hode hngt tiefer herab als 
der linke, der Cremasterreflex ist beiderseits schwach. Intellectuell ist Pat. 
unter dem Durchschnittsmittel. Er fhlt selbst seine Insuffizienz, klagt ber 
Indolenz und bittet, man mge ihn willensstark machen. Linkisches, verlegenes 
Benehmen, scheuer Blick, schlaffe Haltung deuten auf Masturbation. Pat. 
gesteht zu, dass er vom 7. Jahr ab bis vor 1 7* Jahren ihr ergeben war, jahre- 
lang 8 12mal tglich onanirte. Bis vor einigen Jahren, wo er neurasthenisch 
wurde (Kopfdruck, geistige Unfhigkeit, Spinalirritation u. s. w.), will er dabei 
immer grosses Wollustgefhl empfunden haben. Seither habe sich dieses ver- 
loren und der Reiz zur Masturbation sei von ihm gewichen. Er sei immer 
schchterner, schlaffer, energieloser geworden, feig, furchtsam, habe an nichts 



\\Q Paraesthesia sexualis. 

Interesse, besorge seine Geschfte nur aus Pflicht, fhle sich sehr abgespannt. 
An Coitus habe er nie gedacht, er begreife auch von seinem Standpunkt aus 
als Onanist nicht, wie Andere am Coitus Vergngen finden knnen. 

Forschungen nach contrrer Sexualempfindung ergaben ein negatives 
Resultat. 

Er will sich nie zu Personen des eigenen Geschlechts hingezogen gefhlt 
haben. Eher glaubt er noch hie und da eine brigens schwache Inclination 
zu Frauenzimmern gehabt zu haben. Zur Onanie will er ganz von selbst ge- 
kommen sein. Im 13. Jahr bemerkte er zum erstenmal anlsslich masturba- 
torischer Manipulationen Ejaculation von Sperma. 

Erst nach langem Zureden Hess sich Z. herbei, seine Vita sexualis ganz 
zu entschleiern. Wie seine folgenden Mittheilungen erweisen, drfte er als ein 
Fall von ideellem Masochismus mit rudimentrem Sadismus zu klassificiren 
sein. Pat. erinnert sich bestimmt, dass schon mit 6 Jahren und ohne allen 
Anlass bei ihm Gewaltvorstellungen " auftauchten. Er musste sich vorstellen 
das Stubenmdchen zwnge ihm die Beine auseinander, zeige, einem Andern 
seine, des Pat. Genitalien, versuche ihn in heisses oder kaltes Wasser zu werfen, 
um ihm Schmerz zu bereiten. Diese Gewaltvorstellungen" wurden mit wol- 
lstigem Gefhl betont und der Anlass zu masturbatorischen Manipulationen. 
Pat. rief sie spter auch willkrlich hervor, um sich zur Masturbation anzu- 
regen. Auch in seinen Trumen spielten sie nunmehr eine Rolle. Zu Pollutionen 
fhrten sie aber nie, offenbar weil Pat. unter Tags masslos masturbirte. 

Mit der Zeit gesellten sich zu diesen masochistischen Gewaltvorstellungen 
solche im Sinne des Sadismus. Anfangs waren es Bilder von Knaben, die ein- 
ander gewaltsam masturbirten , die Genitalien abschnitten. Oft versetzte er 
sich dabei in die Rolle eines solchen Knaben, bald in passiver, bald in 
activer. 

Spter beschftigten ihn Bilder von Mdchen und Frauen, die vor ein- 
ander exhibitionirten ; es schwebten ihm Situationen vor, wie z. B. , dass das 
Stuben- einem anderen Mdchen die femora auseinander zerre, dasselbe an den 
pubes reisse, ferner solche, in welchen Knaben grausam gegen Mdchen vor- 
gingen, sie stachen, in die Genitalien zwickten. 

Auch derlei Bilder wirkten jeweils sexuell erregend, jedoch empfand er 
nie Drnge, im Sinne solcher activ vorzugehen oder passiv solche an sich ver- 
werthen zu lassen. Es gengte ihm, sie zur Automasturbation zu benutzen. 
Seit VJ2 Jahren sind mit abnehmender sexueller Phantasie und Libido diese 
Bilder und Drnge selten geworden, aber ihr Inhalt ist derselbe geblieben. 
Masochistische Gewaltvorstellungen berwiegen die sadistischen. Wenn er 
neuerlich einer Dame ansichtig wird, kommt ihm die Vorstellung, sie habe 
dieselben sexuellen Gedanken wie er. Daraus erklrt er zum Theil seine Ver- 
legenheit im socialen Verkehr. Da Pat. gehrt hatte, er werde seine ihm nach- 
gerade lstigen sexuellen Vorstellungen los werden, wenn er sich an eine natr- 
liche Geschlechtsbefriedigung gewhne, machte er im Lauf der letzten 1 1 J2 Jahre 
zweimal den Versuch, zu coitiren, obwohl er dagegen nur Widerwillen empfand 
und sich keinen Erfolg versprach. Der Versuch endete auch beidemale mit 
einem vollstndigen Fiasco. Das zweite Mal empfand er beim bezglichen Ver- 
such solche Aversion, dass er das Mdchen von sich stiess und die Flucht 
ergriff. 



Masochismus. 117 

Der zweite Fall ist die folgende mir von einem Collegen zur 
Verfgung gestellte Beobachtung. Wenn auch aphoristisch, er- 
scheint auch sie geeignet, das entscheidende Moment des Masochis- 
mus, das Bewusstsein des Unterworfenseins zu illustriren. 

Beobachtung 56. Z., 27 Jahre, Knstler, krftig gebaut, von ange- 
nehmem Aeussern, angeblich nicht belastet, in der Jugend gesund, ist seit 
seinem 23. Jahre nervs und zu hypochondrischer Verstimmung geneigt. In 
sexueller Beziehung geneigt zu Renommage, ist er gleichwohl nicht sehr 
leistungsfhig. Trotz Entgegenkommens Seitens des weiblichen Geschlechts 
beschrnken sich des Pat. Beziehungen zu demselben auf unschuldige Zrtlich- 
keiten. Hierbei ist sein Hang bemerkenswerth , Frauen zu begehren, die sich 
ihm gegenber sprde benehmen. Seit seinem 25. Jahre macht er die Beob- 
achtung, dass er durch Frauenzimmer, mgen sie auch noch so hs~lich sein, 
jeweils sexuell erregt wird , sobald er in ihrem Wesen einen herrischen Zug 
entdeckt. Ein zorniges Wort aus dem Munde einer solchen Frauensperson 
gengt, um die heftigsten Erectionen bei ihm hervorzurufen. So sass er z. B. 
eines Tages in einem Cafe und hrte, wie die (hssliche) Cassierin den Kellner 
mit energischer Stimme auszankte. Er kam durch diesen Auftritt in die hchste 
sexuelle Erregung, die in kurzer Zeit zur Ejaculation fhrte. Z. verlangt von 
Frauen, mit denen er sexuell verkehren soll, dass sie ihn zurckstossen, ihn 
auf allerhand Weise qulen etc. Er meint, es knne ihn nur ein Weib reizen, 
das den Heldinnen in den Romanen von Sacher-Masoch gleiche. 

Solche Flle, in welchen sich die ganze Perversion der Vita 
sexualis nur auf dem Gebiete der Phantasie, des inneren Vor- 
stellungs- und Trieblebens abspielt und nur ganz zufllig einmal 
zur Cognition Anderer kommt, scheinen nicht selten zu sein. Ihre 
praktische Bedeutung , wie die des Masochismus berhaupt 
(welchem ja das hohe forensische Interesse des Sadismus nicht zu- 
kmmt), liegt lediglich in der psychischen Impotenz, welcher solche 
Individuen durch ihre Perversion in der Regel verfallen und in dem 
mchtigen Drange zur solitren Befriedigung unter adquaten Phan- 
tasievorstellungen, mit allen seinen Folgen. 

Dass Masochismus eine ungemein hufig auftretende Perversion 
sei, geht wohl zur Genge aus der relativ grossen Zahl der bisher 
wissenschaftlich beobachteten Flle hervor, so wie aus den ver- 
schiedenen oben mitgetheilten unter einander bereinstimmenden 
Berichten. 

Auch die Werke, die sich mit der Darstellung der Prostitution 
in grossen Stdten beschftigen, enthalten ber diesen Gegenstand 
zahlreiche Berichte l ). 



*) Leo Taxi 1 op. cit. p. 228 schildert masochistische Scenen in den 



118 Paraesthesia sexualis. 

Interessant und erwhnenswerth ist es gewiss, dass auch einer 
der berhmtesten Mnner aller Zeiten von dieser Perversion er- 
griffen war und derselben in seiner Selbstbiographie (wenn auch in 
etwas miss verstndlicher Weise) gedacht hat. Aus den Confessions" 
von Jean Jacques Rousseau geht hervor, dass auch er mit 
Masochismus behaftet war. 

Rousseau, bezglich dessen Lebens- und Krankheitsgeschichte auf 
Mbius (J. J. Rousseau's Krankheitsgeschichte, Leipzig 1989) und Chatelain 
(La folie de J. J. Rousseau, Neuchtel 1890) verwiesen sein mag, erzhlt in 
seinen Confessions (I. Theil, 1. Buch), wie sehr ihm Frl. Lambercier, 30 Jahre 
alt, imponirte, als er, 8 Jahre alt, bei ihrem Bruder in Pension und Lehre 
war. Ihre Besorgniss, wenn er eine Frage nicht gleich zu beantworten wusste, 
die Drohung der Dame, ihm Ruthenstreiche zu geben, wenn er nicht brav 
lerne, machten auf ihn den tiefsten Eindruck. Nachdem er eines Tages Schlge 
von der Hand des Frl. L. bekommen hatte, empfand er neben Schmerz und 
Scham ein wollstig sinnliches Gefhl, das ihn mchtig erregte, neue Zchti- 
gungen davon zu tragen. Nur aus Furcht, die Dame damit zu betrben, 
unterliess es Rousseau, weitere Gelegenheiten, sich diesen wollstigen Schmerz 
zu verschaffen, zu provociren. Eines Tages zog er sich aber unbeabsichtigt 
eine neue Zchtigung von der Hand der L. zu. Sie war die letzte, denn 
Frl. L. musste von dem eigenartigen Effect dieser Zchtigung etwas bemerkt 
haben, und Hess von nun an den 8jhrigen Knaben auch nicht mehr in ihrem 
Zimmer schlafen. Seither fhlte R. das Bedrfniss, sich von Damen, die ihm 
gefielen, la Lambercier zchtigen zu lassen, obwohl er versichert, bis zum 
Jnglingsalter von Beziehungen der beiden Geschlechter zu einander nichts 
gewusst zu haben. Bekanntlich wurde R. erst mit 30 Jahren durch Madame 
de Warrens in die eigentlichen Mysterien der Liebe eingeweiht und seiner 
Unschuld verlustig. Bis dahin hatte er nur Gefhle und Drnge zu Weibern 
im Sinne passiver Flagellation und sonstiger masochistischer Vorstellungen 
gehabt. 

Rousseau schildert in extenso, wie sehr er bei seinem grossen sexuellen 
Bedrfniss unter seiner eigenartigen, zweifellos durch die zchtigenden Ruthen- 
streiche geweckten Sinnlichkeit litt, schmachtend in der Begierde und ausser 
Stand, ihr Verlangen zu offenbaren. Es wre aber irrig, zu glauben, dass es 
Rousseau bloss um seine Flagellation zu thun gewesen wre. Diese erweckte 
nur einen dem Masochismus zuzuzhlenden Vorstellungskreis. Darin liegt 
jedenfalls der psychologische Kern der interessanten Selbstbeobachtung. Das 
Wesentliche bei R. war das Unterwerfungsgefhl unter das Weib. Dies geht 
klar aus seinen Confessions" hervor, in welchen er ausdrcklich hervorhebt: 

Etre aux genoux d'une maitresse imperieuse, obeirses 



Pariser Bordellen. Der von dieser Perversion ergriffene Mann wird auch dort 
i'esclave" genannt. 

Coffignon (La corruption Paris) hat in seinem Buch ein Capitel 
Les passioneis ", das Beitrge zu diesem Thema bietet. 



Masochismus. 119 

ordres, avoir des pardons lui demander, etaient pour moi de 
tres douces jouissances." 

Diese Stelle beweist doch, dass das Bewusstsein der Unterwerfung, 
Demthigung vor dem Weibe die Hauptsache war. 

Freilich war Rousseau selbst in einem Irrthum befangen, indem er an- 
nahm , dass dieser Drang , sich vor dem Weibe zu demthigen , allein durch 
Ideenassociation aus der Vorstellung der Flagellation entstanden sei: 

N'osant jamais declarer mon got, je l'amusais du moins par des 
rapports qui m'en conservaient ridce." 

Erst im Zusammenhang mit den jetzt constatirten so zahl- 
reichen Fllen von Masochismus, unter denen so viele sind, welche 
mit Flagellation durchaus nichts zu thun haben, so dass der primre 
und rein psychische Charakter des Erniedrigungstriebes klar wird, 
kann die volle Einsicht in Rousseau's Fall gewonnen und der Irr- 
thum aufgedeckt werden, in den er bei der Selbstzergliederung seines 
Zustandes nothwendig gerathen musste. 

Mit Recht macht auch Bin et (Revue anthropologique XXIV, 
p. 256), welcher den Fall Rousseau eingehend analysirt, auf diese 
masochistische Bedeutung desselben aufmerksam, indem er sagt: 
Ce qu'aime Rousseau dans les femmes, ce n'est pas seulement 
le sourcil fronce, la main levee, le regard severe, l'attitude impe- 
rieuse, c'est aussi Petat emotionnel, dont ces faits sont la traduction 
jexterieure ; il aime la femme fiere , ddaigneuse , l'ecrasant ses 
pieds du poids de sa royale colere." 

Die Erklrung dieses psychologischen rthselhaften Factums 
sucht und findet Bin et in seiner Annahme, dass es sich hier um 
Fetischismus handle, nur mit dem Unterschied, dass das Object des 
Fetischismus, also Gegenstand der individuellen Anziehung (Fetisch), 
nicht eine krperliche Sache, wie z. B. eine Hand, ein Fuss, son- 
dern eine geistige Eigenschaft sein kann. Er nennt diese Schwr- 
merei amour spiritualiste" im Gegensatz zu amour plastique", 
wie sie der gewhnliche Fetischismus aufweist. 

Diese Bemerkungen sind geistreich, aber sie geben nur ein 
Wort zur Bezeichnung einer Thatsache, keine Erklrung fr die- 
selbe. Ob berhaupt eine Erklrung mglich sei, wird uns spter 
beschftigen. 

Auch bei dem berhmten oder berchtigten franzsischen 
Schriftsteller C. P. Baudelaire, welcher in Geisteskrankheit endigte, 
finden sich Elemente von Masochismus (und Sadismus). 

Baudelaire entstammt einer Familie von Irren und Ueberspannten. 
Er war von Jugend auf psychisch abnorm. Entschieden krankhaft war seine 



120 Paraesthesia sexualis. 

Vita sexualis. Er hatte Liebesverhltnisse mit hssliehen, widerwrtigen Per- 
sonen, Negerinnen, Zwerginnen, Riesinnen. Gegen eine sehr schne Frau 
usserte er den Wunsch, sie an den Hnden aufgehngt zu sehen und ihr die 
Fsse kssen zu drfen. Diese Schwrmerei fr den nackten Fuss erscheint 
auch in einem seiner fieberglhenden Gedichte als Aequivalent fr den Ge- 
schlechtsgenuss. Er erklrte die Weiber fr Thiere, die man einsperren, 
schlagen und gut fttern muss. Diese masochistische und sadistische Neigungen 
verrathende Persnlichkeit ging in paralytischem Bldsinn zu Grunde. (Lo ru- 
bre- so, Der geniale Mensch, bers, v. Frnkel, p. 83.) 

In der wissenschaftlichen Literatur haben die Thatsachen, 
welche den Masochismus ausmachen, bis auf die jngste Zeit keine 
Beachtung gefunden. Zu erwhnen wre nur, dass Tarnowsky 
(Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinns" , Berlin 
1886) die Erfahrung mittheilt, dass glcklich verheirathete , geist- 
reiche Mnner ihm vorgekommen sind, die von Zeit zu Zeit einen 
unwiderstehlichen Drang fhlten, sich selbst der grbsten cynischen 
Behandlung zu unterwerfen Schirapfworte, Schlge von Kynden. 
aktiven Pderasten oder Prostituirten zu empfangen. Bemerkens- 
werth ist auch Tarnowsky's Erfahrung, dass bei gewissen, der 
passiven Flagellation Ergebenen Schlge allein und zuweilen selbst 
blutige, nicht den gewnschten Erfolg (Potenz oder wenigstens 
Ejaculation beim Flagelliren) haben. Man muss den Betreffenden 
dann mit Gewalt entkleiden oder ihm die Hnde binden, ihn an 
eine Bank befestigen u. s. w., wobei er sich anstellt, als ob er sich 
widersetzt, schimpft und scheinbar einigen Widerstand leistet. Nur 
unter solchen Bedingungen bewirken die Ruthenschlge eine Er- 
regung, die zum Samenerguss fhrt." 

0. Zimmermann's Schrift Die Wonne des Leids", Leipzig 
1885, enthlt manchen Beitrag aus der Cultur- und Literaturgeschichte 
zum vorliegenden Thema 1 ). 

In jngster Zeit fand der Gegenstand mehrfache Beachtung. 



*) Es muss jedoch das Gebiet des Masochismus von dem in jener Schrift 
behandelten Hauptthema, dass die Liebe ein Moment des Leids enthlt, scharf 
abgegrnzt werden. Von jeher ist ungetheilte Liebessehnsucht als freudvoll 
und leidvoll" geschildert worden, und Dichter haben von wonniger Qual" 
oder schmerzlicher Wollust" gesprochen. Dies darf nicht, wie Z. thut, mit 
Erscheinungen des Masochismus confundirt werden, so wenig es hierhergehrt, 
wenn die sich nicht hingebende Geliebte grausam" genannt wird. Immerhin 
ist es merkwrdig, dass Hamerling (Amor und Psyche, 4. Gesang) zum 
Ausdruck dieses Gefhls vllig masochistische Bilder, Geisselung etc. ver- 
wendet. 



Masochismus. 121 

A. Moll fhrt in seinem Werke Die contrre Sexualempfin- 
dung " , Berlin 1891, p. 133 ff. und p. 151 ff., eine Anzahl von 
Fllen des vollkommenen Masochismus bei contrr Sexualen an, 
darunter an letzterer Stelle einen Fall, in dem ein solcher maso- 
chistischer Contrrsexualer einem eigens dazu bestellten Manne eine 
ausfhrliche Instruction in 20 Paragraphen bersendet, nach welcher 
der Bestellte den Besteller als Sklaven zu behandeln und zu miss- 
handeln habe. 

Im Juni 1891 theilte mir Herr Dimitri von Stefanowsky, 
d. Zt. Staatsanwaltssubstitut zu Jaroslaw in Russland, mit, dass er 
schon vor etwa drei Jahren der von mir als Masochismus " be- 
schriebenen Erscheinung von Perversion der Vita sexualis, welche 
er mit dem Namen Passivismus " bezeichnet, sein Interesse zu- 
gewendet , vor 1 x /2 Jahren dem Professor v. Kowalewsky in 
Charkow eine bezgliche Arbeit fr das russische Archiv fr Psy- 
chiatrie eingereicht und im November 1888 in der Moskauer juri- 
dischen Societt einen Vortrag ber dieses Thema vom juridisch- 
psychologischen Standpunkte aus gehalten habe (abgedruckt im 
Juridischen Boten", dem Organ der genannten Societt, und zwar 
1890, Nr. 6 bis 8 *). 

v. Schrenck-Notzing widmet in seinem jngst erschienenen 
Werke: Die Suggestions-Therapie bei krankhaften Erscheinungen 
des Geschlechtssinnes " etc., Stuttgart 1892, auch dem Masochismus 
wie dem Sadismus einige Abschnitte und fhrt mehrere eigene Be- 
obachtungen an 2 ). 



*) Vgl. die neueste Arbeit dieses Autors ber Passivismus " in Archives 
d' Anthropologie criminelle 1892 VII. p. 294. 

2 ) In der neueren Roman- und Novell enHteratur ist die psycho-sexuale 
Perversion, welche den Gegenstand dieses Capitels bildet, von Sacher-Masoch 
behandelt worden, dessen bereits mehrfach erwhnte Schriften geradezu typische 
Bilder des perversen Seelenlebens derartiger Mnner entwerfen. 

Auf Sacher-Masoch's Schriften berufen sich viele von dieser Perver- 
sion Ergriffenen, wie aus den obigen Beobachtungen ersichtlich, ausdrcklich 
als auf typische Darstellungen ihres eigenen psychischen Zustandes. 

Zola hat in seiner Nana" eine masochistische Scene , hnliches in 
Eugene Rougon". Die neueste decadente" Literatur in Frankreich und 
Deutschland beschftigt sich mehrfach auch mit dem Thema des Sadismus 
und Masochismus. Der neuere russische Roman soll nach v. Stefano wski's 
Angabe den Gegenstand hufig behandeln; aber schon nach des alten Reise- 
schriftstellers Johann Georg Forster (1754 94) Mittheilungen sollen diese 
Dinge selbst im russischen Volkslied eine Rolle spielen. Stefanowski findet 



122 Paraesthesia sexualis. 



b) Fuss- und Schuhfetischisten. Larvirter Masochismus. 

An die Gruppe der Masochisten schliesst sich die der in un- 
gemein zahlreichen Exemplaren auftretenden Fuss- und Schuh- 
fetischisten an. Diese Gruppe bildet den Uebergang zu den Er- 
scheinungen einer anderen selbstndigen Perversion, eben des 
Fetischismus; steht aber dem Masochismus nher als jenem, wes- 
halb sie hier eingereiht ist. 

Unter Fetischisten (s. unten sub 3.) verstehe ich Individuen, 
deren sexuelles Interesse sich ausschliesslich auf einen bestimmten 
Krpertheil des Weibes, oder auch auf bestimmte Stcke der weib- 
lichen Kleidung concentrirt. 

Eine der hufigsten Formen dieses Fetischismus ist es, dass 
der Fuss oder der Schuh des Weibes der Fetisch ist, welcher aus- 
schliesslicher Gegenstand sexueller Empfindungen und Triebe wird. 

Es ist nun hchst wahrscheinlich und ergibt sich aus der 
richtigen Aneinanderreihung der beobachteten Flle, dass die meisten, 
vielleicht alle Flle von Schuhfetischismus auf der Basis mehr 
oder minder bewusster masochistischer Selbstdemthigungstriebe 
beruhen. 

Schon im Falle Hammond's (Beob. 50) besteht die Befriedi- 
gung eines Masochisten im Sichtretenlassen. Auch Beob. 42 u. 47 
lsst sich treten, Beob. 49, Equus eroticus, schwrmt fr den Fuss 
des Weibes, und so fort. In den meisten Fllen von Masochismus 
spielt das Treten mit Fssen als ein naheliegendes Ausdrucksmittel 
des Unterwerfungsverhltnisses eine Rolle x ). 

Unter den constatirten zahlreichen Fllen von Schuhfetischis- 
mus wird der folgende , von Dr. A. Moll in Berlin mitgetheilte, 
der viel Uebereinstimmung mit dem Falle Hammond's zeigt, aber 
ausfhrlicher dargestellt und sorgfltig beobachtet ist, besonders 
geeignet erscheinen, den Zusammenhang zwischen Masochismus und 
Schuhfetischismus darzuthun. 



den Typus des Passivisten auch in einer englischen Tragdie von Otway 
, Venice preserved" und verweist hinsichtlich seines Vorkommens auf dem 
Boden der contrren Sexualempfindung auf Dr. Luiz Les fellatores. Moeurs 
de la decadence". Paris 1888 (Union des bibliophes). 

*) Auch die Begierde, sich mit Fssen treten zu lassen, findet sich bei 
religisen Schwrmern wieder; vgl. Turgenjew, Sonderbare Geschichten". 



Masochismus. 123 

Beobachtung 57. 0. L., 31 Jahre, Buchhalter in einer wrttem- 
bergischen Stadt, stammt aus belasteter Familie. 

Patient ist ein grosser, starker, blhend aussehender Mann. Er ist im 
Allgemeinen von ruhigem Temperament, kann aber unter Umstnden sehr 
heftig werden; er gibt selbst an, dass er streitschtig und rechthaberisch sei. 
L. ist von gutmthigem Charakter und freigebig; bei geringem Anlass ist er 
zum Weinen geneigt. Auf der Schule galt er als ein begabter Schler mit 
leichter Auffassungsgabe. Patient leidet an zeitweisen Congestionen nach dem 
Kopf, ist sonst aber ganz gesund; abgesehen davon, dass er sich in Folge 
seiner zu beschreibenden sexuellen Perversion sehr gedrckt und oft schwer- 
mthig fhlt. 

Ueber erbliche Belastung ist wenig zu ermitteln. 

Ueber die Entwicklung seines sexuellen Lebens ergibt sich aus den von 
dem Patienten gemachten Angaben Folgendes: 

Schon in frhester Jugend, und zwar 8 oder 9 Jahre alt, hatte L. den 
Wunsch, als Hund seinem Lehrer die Stiefel zu lecken. L. hlt es fr mg- 
lich, dass dieser Gedanke in ihm dadurch rege wurde, dass er einmal den 
Vorgang gesehen, wie ein Hund dies in Wirklichkeit that; doch kann L. dies 
nicht mit Bestimmtheit angeben. 

Jedenfalls scheint dem Patienten soviel sicher, dass die ersten bezg- 
lichen Ideen ihm im Wachen, nicht im Traumzustande gekommen sind. 

Von seinem 10. 14. Lebensjahre versuchte L. stets seinen Mitschlern 
und auch kleinen Mdchen die Stiefel zu berhren. Er whlte sich aber hierzu 
nur solche Mitschler, die reiche und vornehme Eltern hatten. Einer 
von jenen, Sohn eines reichen Gutsbesitzers, hatte Reitstiefel; diese nahm L. 
in der Abwesenheit des Knaben in die Hnde, schlug sich damit und drckte 
sie sich fest ins Gesicht. Ebenso machte es L. mit den eleganten Stiefeln 
eines Dragoneroffiziers. 

Nach Eintritt der Pubertt bertrug sich das Verlangen ausschliesslich 
auf das Schuhwerk des weiblichen Geschlechts. So war des Patienten Trachten 
beim Schlittschuhlaufen stets darauf gerichtet, Damen und Mdchen die Schlitt- 
schuhe an- und abzuschnallen, er whlte aber stets nur solche weibliche Per- 
sonen, die reich und vornehm waren und recht elegante Stiefel hatten. Auf 
der Strasse und berall sah L. stets nach eleganten Stiefeln; die Vorliebe fr 
diese ging so weit, dass er Sand oder Schmutz, der die eingedrckten Spuren 
jener trug, in sein Portemonnaie, ja sogar fter in den Mund steckte. Schon 
als 14jhriger Knabe ging L. ins Lupanar und besuchte fter ein Cafe chantant, 
lediglich um sich am Anblick eleganter Stiefel (weniger Schuhe) aufzuregen. 
In die Schulbcher, an die Wnde von Closets malte L. Stiefel. Im Theater 
sah er nur nach den Schuhen von Damen. Stundenlang lief L. auf der Strasse 
und auf Dampfschiffen Damen nach, die elegante Stiefel trugen; mit Entzcken 
dachte er hierbei daran, wie er wohl dazu gelangen knnte, die Stiefel zu 
berhren. Diese eigenthmliche Vorliebe fr Stiefel ist bis heute bestehen 
geblieben. Der Gedanke, sich von Damen mit ihren Stiefeln treten 
zu lassen oder dieselben kssen zu drfen, bereitet L. die grsste 
Wollust. Vor Schuhlden blieb und bleibt er stehen, nur um die Stiefel zu 
betrachten. Namentlich reizt ihn die Eleganz des Stiefels. 

Am liebsten hat Patient hoch geknpfte oder geschnrte Stiefel mit 



124 Paraesthesia sexualis. 

hohen Abstzen; aber auch weniger elegante Stiefel, eventuell mit niedrigen 
Abstzen, regen den Patienten auf, wenn deren Trgerin eine recht reiche, 
vornehme und namentlich stolze Dame ist. 

Mit 20 Jahren versuchte L. den Coitus, war aber nicht dazu im Stande, 
trotz der grssten Anstrengung", wie Patient meint. Gedanken an Schuhe 
hatte Patient whrend des Beischlafversuches nicht; hingegen hatte er es ver- 
sucht, sich vorher an Schuhen sexuell aufzuregen; er behauptet, dass die zu 
grosse Aufregung das Misslingen des Coitus verschuldete. Er hat bis jetzt, 
wo er 31 Jahre alt ist, den Coitus 4 5 Mal, jedesmal vergebens, versucht; bei 
dem einen Versuche hatte der durch seine Krankheit schon tief bedauerns- 
werthe Patient noch das Unglck, sich eine Lues zuzuziehen. Auf die Frage, 
wie sich denn Patient den hchsten Wollustakt denke, erklrte er: Meine 
grsste Wollust ist es, mich nackt auf den Fussboden zu 
legen und mich dann von Mdchen mit eleganten Stiefeln 
treten zu lassen; natrlich ist dies nur im Lupanar mglich." Es sind 
brigens nach Angabe des Patienten in manchen Lupanars diese sexuellen 
Perversionen von Mnnern wohl bekannt, ein Beweis, dass diese keine so 
grosse Seltenheit sind; die puellae nennen derartige Mnner hufig Stiefel- 
freier". Uebrigens hat Patient nur sehr selten den Wollustakt, so wie er fr 
ihn am schnsten und angenehmsten ist, wirklich zur Ausfhrung gebracht. 
Gedanken , die ihn zum Beischlaf trieben , hat Patient gar nicht , wenigstens 
nicht in dem Sinne, dass dabei etwa immissio penis in vaginam stattfinde; 
darin kann Patient keinerlei Genuss finden. Ja er hat allmhlig eine Furcht 
vor dem Coitus erworben, die sich aus den mehrfach misslungenen Ver- 
suchen gengend erklren lsst, da der Patient selbst angibt, dass das 
Nichtvollendenknnen des Coitus ihn ausserordentlich genire. Eigentliche 
Onanie hat Patient nie getrieben. Abgesehen von wenigen Fllen, wo Patient 
durch Onanie an Stiefeln oder auf hnliche Weise seinen Geschlechtstrieb 
befriedigte, kennt er eine solche Befriedigung nicht, da es bei der Aufregung 
durch Stiefel fast stets bei Erectionen bleibt und hchstens zeitweise lang- 
same kleine Ergsse einer Flssigkeit stattfinden, die Patient fr Sperma hlt. 

Ein blosser Schuh, den L. sieht, und der von keiner Person getragen 
wird, regt ihn entschieden auch auf; aber bei weitem nicht so sehr, wie der 
von einem Weibe getragene Schuh. Ganz neue, noch nicht getragene Schuhe 
regen den Patienten viel weniger auf als getragene, die aber noch nicht ab- 
getreten sein drfen und noch mglichst neu aussehen mssen; diese reizen 
den Patienten am meisten. 

Es reizt den Patienten, wie erwhnt, auch der Damenstiefel, wenn er 
nicht getragen wird. L. denkt sich dann die betreffende Dame dazu; er 
drckt den Stiefel an seine Lippen und an seinen Penis. L. wrde vor Ent- 
zcken vergehen", wenn eine anstndige stolze Dame ihn mit ihren Schuhen 
treten wrde. 

Abgesehen von den oben genannten Eigenschaften der Weiber (Stolz, 
Reichthum, Vornehmheit), die mit der Eleganz der Stiefel einen besonderen 
Reiz gewhren, sind dem Patienten auch die krperlichen Vorzge des weib- 
lichen Geschlechts keineswegs gleichgltig. 

Er schwrmt fr schne Damen, auch ohne an Stiefel zu denken, aber 
es ist dies keine auf geschlechtliche Befriedigung gerichtete Liebe. Selbst in 



Masochismus. 125 

Verbindung mit den Stiefeln spielen die krperlichen Reize eine Rolle; eine 
hssliche und alte Frau knnte den Patienten selbst mit den elegantesten 
Stiefeln nicht reizen; auch die sonstige Kleidung und andere Verhltnisse 
spielen eine wesentliche Rolle, wie sich schon aus dem Umstnde ergibt, dass 
elegante Stiefel von stolzen vornehmen Damen ganz besonders erregend auf 
den Patienten wirken. Ein ungebildetes Dienstmdchen in seinem Arbeits- 
anzuge wrde den Patienten selbst mit den elegantesten Stiefeln nicht erregen. 

Schuhe und Stiefel von Mnnern ben jetzt auf den Patienten keinerlei 
Reiz mehr aus; auch sonst fhlte sich Patient niemals sexuell auch nur im 
geringsten zu Mnnern hingezogen. 

Hingegen treten sonst Erectionen bei dem Patienten sehr leicht auf. 
Wenn ein Kind auf seinen Schoss sitzt, wenn er einen Hund oder ein Pferd 
lngere Zeit berhrt, wenn er auf der Eisenbahn fhrt oder reitet, so treten 
Erectionen auf, und zwar, wie Patient vermuthet, in den letzten Fllen durch 
die Erschtterung. 

Jeden Morgen hat er Erectionen, und er ist im Stande, innerhalb der 
kurzen Zeit dadurch Erection zu erzielen, dass er an die ihm angenehme Be- 
handlung mit den Stiefeln denkt. Frher traten des Nachts fter Pollutionen 
auf, etwa alle 3 4 Wochen, whrend sie jetzt seltener, etwa alle 3 Monate 
einmal eintreten. 

Bei seinen erotischen Trumen wird Patient fast stets von denselben 
Gedanken sexuell erregt, die dies im Wachen thun. Seit einiger Zeit glaubt 
Patient, Samenerguss bei den Erectionen zu fhlen; doch schliesst er dies nur 
daraus, dass er an der Spitze des Penis etwas Nasses fhle. 

Lektre, die in die sexuelle Sphre des Patienten fllt, regt ihn ausser- 
ordentlich auf, so z. B. wird er von der Lektre der Venus im Pelz" von 
Sacher-Masoch so erregt, ut Sperma stillaref. 

Uebrigens bildet fr L. diese Art des Spermaergusses bei dieser Lektre 
eine entschiedene Befriedigung seines Geschlechtstriebes. 

Die von mir an den Patienten gerichtete Frage, ob denn Schlge, die 
er von einem Weibe empfinge, ihn auch aufregen wrden, glaubt er bejahend 
beantworten zu mssen. Zwar hat Patient nie direct einen derartigen Versuch 
gemacht, aber scherzhaft ausgefhrte Schlge waren ihm jedenfalls stets eine 
grosse Annehmlichkeit. 

Besonders aber wrde es dem Patienten einen grossen Reiz gewhren, 
wenn er von dem Weibe, selbst ohne Stiefel, mit den blossen Fssen gestossen 
wrde. Aber er glaubt nicht, dass die Schlge als solche die Aufregung be- 
wirken wrden, sondern der Gedanke, von dem Weibe misshanelt zu werden, 
was ebenso wie durch Schlge auch durch grobe Scheltworte geschehen knnte; 
brigens wrden Schlge und Scheltworte nur dann erregend wirken, wenn 
sie von einer stolzen und vornehmen Dame herkommen. 

Ueberhaupt ist es im Allgemeinen das Gefhl der Demuth und 
hndischen Ergebung, das dem Patienten Wollust bereitet. 

Wrde mir," so erzhlt Patient, eine Dame befehlen, auf sie zu 
warten, wenn auch in strenger Klte, so wrde ich trotzdem Wollust em- 
pfinden." 

Patient antwortet auf die Frage, ob denn auch beim Stiefel ihn das 
Gefhl der Demthigung berkme : Ich glaube, dass diese allgemeine Leiden- 



126 Paraesthesia sexualis. 

schaft der eigenen Demthigung sich speciell auf den Stiefel der Damen con- 
centrirt hat, da es ja symbolisch ist, dass Jemand ,nicht werth ist, einem 
anderen die Schuhriemen zu lsen', und berhaupt ein Untergebener kniet." 

Die Strmpfe des Weibes ben auf den Patienten auch eine erregende 
Wirkung aus, aber nur in geringem Grade und vielleicht nur durch Erwecken 
der Vorstellung der Stiefel. Die Leidenschaft fr Damenschuhe hatte bei dem 
Patienten immer mehr zugenommen, nur in den letzten Jahren glaubt er eine 
Abnahme zu bemerken; er geht nur sehr selten zu einem ffentlichen Mdchen, 
ist aber auch dann im Stande, sich mehr zurckzuhalten. Dennoch beherrscht 
ihn diese Leidenschaft noch vollstndig, jeder andere Genuss wird dem Patienten 
dadurch vereitelt; ein hbscher Damenstiefel wrde des Patienten Blick von 
der schnsten Landschaft abziehen knnen. Er geht jetzt oft des Nachts in 
Hotels durch die Corridore und sucht elegante Damenstiefel aus, die er dann 
ksst und gegen sein Gesicht, Hals, hauptschlich aber gegen seinen Penis 
drckt. 

Der durchaus bemittelte Patient ist vor einiger Zeit eigens nach Italien 
gereist, nur mit dem Wunsche, unerkannt bei einer reichen vornehmen Dame 
Bedienter zu werden; der Plan misslang jedoch. 

Eine Behandlung des Patienten, der nur zur Consultation erschien, hat 
bisher nicht stattgefunden. 

Die oben mitgetheilte Krankengeschichte reicht bis in die allerletzte 
Zeit, in der Patient mir ber sein Befinden briefliche Mittheilungen ge- 
macht hat. 

Eines ausfhrlichen Commentars bedarf die obige Krankengeschichte 
nicht. Sie scheint mir eines der besten Krankheitsbilder, das geeignet ist, 
die von v. Krafft-Ebing angenommene Verwandtschaft zwischen Stiefel- 
Fetischismus und Masochismus zu illustriren 1 ). 

Der Hauptreiz fr den Patienten ist, wie er ohne dass derartige 
Antworten in ihn hineinexaminirt wurden immer wieder betont, die eigene 
Unterwrfigkeit dem Weibe gegenber, das mglichst hoch ber ihm stehen 
soll durch Stolz und vornehme Stellung. 

Solche Flle, in denen innerhalb eines ausgebildeten maso- 
chistischen Vorstellungskreises der Fuss und der Schuh oder der 
Stiefel des Weibes, als Werkzeug der Demthigung aufgefasst, 
Gegenstand eines besonderen sexuellen Interesses geworden sind, 



J ) Dr. Moll wendet jedoch op. cit. p. 136 gegen die Auffassung des 
Fuss- und Schuh-Fetischismus berhaupt als eine Erscheinung des (mitunter 
latenten) Masochismus ein, dass es rthselhaft bleibe, warum der Fetischist so 
oft Stiefel mit hohen Abstzen, dann Stiefel oder Schuhe grade von einer 
besonderen Beschaffenheit zum Knpfen, oder Lackschuhe, vorzieht. Gegen 
diesen Einwand ist zu bemerken, dass erstens die hohen Abstze den Schuh 
eben als weiblichen charakterisiren, und dass zweitens der Fetischist an seinen 
Fetisch, unbeschadet des sexuellen Charakters seiner Neigung, auch allerlei 
Ansprche sthetischer Natur zu stellen pflegt. Vgl. unten Beob. 88. 



Masochismus. 127 

finden sich zahlreich. Sie bilden in vielfachen leicht zu verfolgenden 
Abstufungen den nachweisbaren Uebergang zu anderen Fllen, in 
welchen die masochistischen Neigungen immer mehr in den Hinter- 
grund treten und nach und nach unter die Schwelle des Bewusst- 
seins tauchen, whrend das Interesse fr. den Frauenschuh, schein- 
bar als ein ganz unerklrliches, allein im Bewusstsein stehen bleibt. 
Letztere sind die zahlreichen Flle von Schuhfetischismus. 

Diese sehr hufigen Flle der Schuhverehrer, die, wie alle 
Fetischisten , auch forensisches Interesse bieten (Schuhdiebsthle), 
bilden ein Grenzgebiet zwischen Masochismus und Fetischismus. 
Man kann sie wohl zum grssten Theil oder alle als larvirten Maso- 
chismus (mit unbewusst gebliebener Motivation) auffassen, wobei der 
Fuss oder Schuh des Weibes als Fetisch des Masochisten 
zu selbstndiger Bedeutung gelangt ist. 

Hier mgen zunchst noch zwei Flle angefhrt werden, in 
denen zwar schon der Frauenschuh in den Mittelpunkt des Inter- 
esses rckt, aber auch deutliche masochistische Gelste eine grosse 
Rolle spielen. (Vergl. auch oben Beob. 42, p. 91.) 

Beobachtung 58. Herr X., 25 Jahre alt, von gesunden Eltern, frher 
nie erheblich krank, stellte mir folgende Selbstbiographie zur Verfgung: Ich 
begann mit 10 Jahren zu onaniren, ohne indessen dabei jemals einen wol- 
lstigen Gedanken zu haben. Indessen bte doch schon damals das weiss 
ich genau der Anblick und die Berhrung eleganter Mdchenstiefel einen 
eigenen Zauber auf mich aus ; mein hchster Wunsch war, auch solche Stiefel 
tragen zu drfen, ein "Wunsch, der bei gelegentlichen Maskeraden wohl auch 
in Erfllung ging. Dann war es noch ein ganz anderer Gedanke, der mich 
peinigte: es war nmlich mein Ideal, mich in gedemthigter Situa- 
tion zu sehen, ich wre gern Sklave gewesen, wollte gezchtigt sein, 
kurz, ganz der Behandlung theilhaftig werden, die man in den vielen Sklaven- 
geschichten beschrieben findet. Ob durch die Lektre dieser Bcher dieser 
Wunsch in mir entstanden ist, oder spontan, weiss ich nicht anzugeben. 

Mit 13 Jahren trat die Pubertt ein; mit den eintretenden Ejaculationen 
stieg das Wollustgefhl und ich onanirte hufiger, oft 2 oder 3mal am Tage. 
Whrend der Zeit vom 12. 16. Jahre hatte ich whrend des onanistischen 
Aktes immer die Vorstellung, ich wrde gezwungen, Mdchenstiefel zu tragen. 
Der Anblick eines eleganten Stiefels am Fusse eines nur einigennassen hb- 
schen Mdchens berauschte mich , namentlich zog ich gern mit Begier den 
Ledergeruch in meine Nase. Um Leder auch whrend des Onanirens zu 
riechen, kaufte ich mir Ledermanchetten , die ich beroch, whrend ich ona- 
nirte. Meine Schwrmerei fr lederne Damenstiefel ist noch heute dieselbe, 
nur vermengt sie sich seit dem 17. Lebensjahre mit dem Wunsche, Diener 
sein zu knnen, vornehmen Damen die Stiefel wichsen zu drfen, 
sie ihnen an- und ausziehen zu mssen u. dergl. 



X28 Paraesthesia sexualis. 

Meine nchtlichen Trume bestehen stets in Schuhscenen : entweder ich 
stehe vor dem Schaufenster eines Schuhladens, eventuell betrachte ich die ele- 
ganten Damenschuhe, namentlich die Knpfschuhe, aut ad pedes feminae jaceo 
et olfacio et lambo calceolos eius. Seit etwa einem Jahr habe ich die Onanie 
aufgegeben und gehe ad puellas; der Coitus kommt zu Stande durch festes 
Denken an Damenknpfstiefel, eventuell nehme ich den Schuh der puella mit 
ins Bett. Beschwerden habe ich durch meine frhere Onanie nie gehabt. Ich 
lerne leicht, habe ein gutes Gedchtniss, habe, so lange ich lebe, noch keine 
Kopfschmerzen gehabt. So weit ber mich. 

Nur noch ein paar Worte ber meinen Bruder : Ich bin fest davon ber- 
zeugt, dass auch er Schuhfetischist ist; unter vielen anderen Thatsachen, die 
mir das beweisen, sei nur die eine hervorgehoben, dass es ein grosses Ver- 
gngen fr ihn ist, sich von einer (bildschnen) Cousine treten zu lassen. Im 
Uebrigen mache ich mich anheischig, von jedem Manne, der vor einem Schuh- 
laden stehen bleibt und sich die ausgelegten Schuhe ansieht, auszusagen, ob 
er Fussfreier" ist oder nicht. Diese Anomalie ist ungemein hufig; wenn 
ich in Bekanntenkreisen die Unterhaltung darauf leite, was am Weibe reize, 
hrt man ungemein hufig aussprechen, dass es viel mehr das bekleidete, 
als das nackte Weib sei ; wohl aber htet sich ein jeder, seinen speciellen Fetisch 
zu nennen. Auch einen Onkel von mir halte ich fr einen Schuhfetischisten. 

Beobachtung 59, mitgetheilt von Mantegazza in seinen Anthropo- 
logischen Studien" 1886, p. 110. X., Amerikaner, aus guter Familie, phy- 
sisch und moralisch gut constituirt, war von der Zeit der erwachenden Pubertt 
an sexuell nur erregbar durch den Schuh des Weibes. Dessen Krper, oder auch 
speciell der nackte oder mit dem Strumpf bekleidete Fuss machten ihm keinen 
Eindruck, aber der mit dem Schuh bekleidete Fuss oder auch der Schuh allein 
machten ihm Erection, selbst Ejaculation. Es gengte ihm der blosse Anblick, 
falls ihm elegante Stiefel zur Disposition standen, d. h. solche aus schwarzem 
Leder, auf der Seite zum Knpfen und mit mglichst hohen Abstzen. Sein 
genitaler Trieb wird mchtig erregt, indem er solche Stiefel berhrt, ksst, 
anzieht. Sein Genuss wird erhht, indem er die Sohlen durchdringende 
Ngel einschlgt, so dass die Spitzen der Ngel beim Gehen in sein Fleisch 
eindringen. Er empfindet davon furchtbare Schmerzen, aber zugleich wahre 
Wollust. Sein hchster Genuss ist es, vor schnen, elegant bekleideten 
Damenfssen niederzuknieen, sich von ihnen treten zu lassen. 
Ist die Trgerin der Schuhe eine hssliche Frau, so wirken sie nicht und er- 
kaltet seine Phantasie. Hat Pat. bloss Schuhe zur Disposition, so schafft seine 
Phantasie eine schne Frau hinzu und die Ejaculation erfolgt. Seine ncht- 
lichen Trume drehen sich um die Stiefeletten schner Frauen. Anblick von 
Damenschuhen in Schaufenstern kommt demselben unmoralisch vor, whrend 
das Sprechen ber die Natur des Weibes ihm harmlos und geschmacklos er- 
scheint. Verschiedene Male versuchte X. Coitus, aber erfolglos. Es kam nie 
zu einer Ejaculation. 

Auch in dem folgenden Falle ist das masochistische Element 
noch deutlich genug daneben aber auch gleichzeitig das sadi- 
stische (vgl. oben p. 85 Thierquler). 



Masochismus. 129 

Beobachtung 60. Junger krftiger Mann, 26 Jahre alt. Arn schnen 
Geschlecht reizen ihn sinnlich absolut nichts als elegante Stiefel am Fuss 
einer feschen Dame, besonders wenn sie von schwarzem Leder und mit hohen 
Abstzen versehen sind. Es gengt ihm der Stiefel ohne Besitzerin. Es ge- 
whrt ihm hchste Wollust, ihn zu sehen, zu betasten, zu kssen. Der nackte 
oder bloss bestrumpfte Damenfuss lsst ihn ganz kalt. Seit der Kindheit habe 
er ein Faible fr elegante Damenstiefel. 

X. ist potent; beim sexuellen Akt muss die Person elegant gekleidet 
sein und vor Allem schne Stiefel anhaben. Auf der Hhe wollstiger Erregung 
gesellen sich grausame Gedanken zur Bewunderung der Stiefel. Er muss mit 
Wonne der Todesqualen des Thieres gedenken, von dem das Leder zu den 
Stiefeln stammt. Zeitweise zwingt es ihn, Hhner und andere lebende Thiere 
zur Phryne mitzunehmen, damit diese zu seiner grssten Wollust mit ihren 
eleganten Stiefeln auf den Thieren herumtrete. Er nennt dies zu den Fssen 
der Venus opfern". Andere Male muss das Weib auf ihm mit den ge- 
stiefelten Fssen herumtreten, je rger, um so lieber. 

Bis vor einem Jahre begngte er sich, da er am Weibe nicht den ge- 
ringsten Reiz fand, mit Liebkosen von Damenstiefeln seines Geschmacks, wo- 
bei es zur Ejaculation und vollen Befriedigung kam. (Lombroso, Archiv, di 
psichiatria IX, fascic. III.) 

Der folgende Fall erinnert theils an den dritten dieser Reihe 
durch das Interesse fr die Ngel der Schuhe (als mgliche Schmerz- 
erreger) , theils an den vierten durch die leise mit anklingenden 
sadistischen Elemente. 

Beobachtung 61. X., 34 Jahre alt, verheirathet, von neuropathischen 
Eltern, als Kind schwer an Convulsionen leidend, geistig auffallend frh 
(konnte schon mit 3 Jahren lesen!), aber einseitig entwickelt, nervs von 
Kindesbeinen an, bekam mit 7 Jahren den Drang, sich mit- den Schuhen, 
bezw. den Schuhngeln von Weibern zu beschftigen. Ihr Anblick, noch 
mehr das Betasten der Schuhngel und ihr Zhlen machte ihm unbeschreib- 
lichen Genuss. 

Nachts musste er sich vergegenwrtigen, wie seine Cousinen sich Schuhe 
anmessen lassen, wie er einer derselben Hufeisen anschmiedete oder die Fsse 
abschnitt. 

Mit der Zeit berwltigten ihn die Schuhscenen auch bei Tage und ohne 
sein Zuthun fhrten sie zu Erection und Ejaculation. Oefters nahm er Schuhe 
von weiblichen Hausgenossen, und wenn er sie nur mit dem Penis berhrte, 
hatte er Ejaculation. Eine Zeitlang vermochte er als Student diese Ideen und 
Gelste zu beherrschen. Dann kam eine Zeit, wo er dem Gerusch weiblicher 
Fus8tritte auf dem Strassenpflaster lauschen musste, was ihm, gleichwie der 
Anblick des Ngeleinschlagens in Damenschuhe, oder der Anblick solcher in 
Verkaufsauslagen, jeweils ein wollstiges Erbeben machte. Er heirathete und 
war in den ersten Monaten der Ehe frei von diesen Impulsen. Allmhlig 
wurde er hysteropathisch und neurasthenisch. 

In diesem Stadium bekam er hysterische Anflle , sobald der Schuster 
v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 9 



130 Paraesthesia sexualis. 

ihm von Ngeln an Damenschuhen oder von Frauenschuhbeschlagen sprach. 
Noch grsser war die Reaktion, wenn er einer hbschen Dame mit stark be- 
schlagenen Schuhen ansichtig wurde. Um Ejaculation zu bekommen, brauchte 
er nur Damensohlen aus Carton auszuschneiden und mit Ngeln zu belegen, 
oder aber er kaufte Damenschuhe, Hess sie im Laden beschlagen, machte sie 
daheim auf dem Boden scharren und berhrte endlich damit die Spitze seines 
Penis. Aber auch spontan kamen wollstige Schuhsituationen, in welchen er 
sich durch Masturbation befriedigte. 

X. ist sonst intelligent, tchtig im Beruf, aber gegen seine perversen 
Gelste kmpft er vergebens an. Er bietet Phimose: Penis kurz, an der Wurzel 
bauchig, nicht vollkommen erectionsfhig. Eines Tages Hess sich Patient ber 
den Anblick einer genagelten Damensohle vor dem Laden eines Schusters zur 
Masturbation hinreissen und wurde dadurch criminell (Blanche, Archiv, de 
Neurologie, 1882, Nr. 22). 

Hier ist auch auf den weiter unten darzustellenden Fall 
(Beob. 108) eines contrr Sexualen hinzuweisen, dessen sexuelles 
Interesse hauptschlich von den Stiefeln mnnlicher Diener in An- 
spruch genommen wird. Er mchte sich von ihnen treten lassen etc. 

Ein masochistisches Element liegt noch in dem folgen- 
den Falle: 

Beobachtung 62. (Dr. Pascal, Igiene dell' amore.) X., Kaufmann, 
bekam von Zeit zu Zeit, besonders bei schlechter Witterung, folgendes Gelste: 
Er redete eine beliebige Prostituirte an und ersuchte sie, mit ihm zu einem 
Schuster zu gehen, wo er ihr das schnste Paar Lackstiefeletten kaufte, unter 
der Bedingung, dass sie dieselben sofort anziehe. Nachdem dies geschehen, 
musste die Betreffende auf der Strasse mglichst in den Koth und in Pftzen 
treten, um die Stiefel recht zu beschmutzen. War dies geschehen, so fhrte 
X. die Person in ein Hotel und, kaum mit ihr in einem Zimmer, strzte er 
auf ihre Fsse los und empfand ein ausserordentliches Vergngen, dabei an 
diesen seine Lippen zu wetzen. Nachdem die Stiefel auf diese Weise gereinigt 
waren, gab er ein Geldgeschenk und ging seiner Wege. 

Aus diesen Fllen ergibt sich deutlich, dass der Schuh ein 
Fetisch des Masochisten ist und zwar offenbar wegen der Be- 
ziehung des bekleideten weiblichen Fusses zur Vorstellung des Ge- 
tretenwerdens und anderen Akten der Demthigung. 

Wenn also in anderen Fllen von Schuhfetischismus der 
Frauenschuh allein als Erreger sexueller Begierden erscheint , so 
lsst sich wohl annehmen, dass in solchen Fllen masochistische 
Motive latent geblieben sind. Die Idee des Getretenwerdens etc. 
bleibt in der Tiefe des Unbewussten , und die Vorstellung des 
Schuhes allein, des Mittels zu solchen Dingen, taucht im Bewusst- 
sein auf. Flle, welche sonst ganz unerklrlich blieben, finden so 



Masochismus. 131 

eine gengende Aufklrung. Es handelt sich hier um larvirten 
Masochismus , und dieser drfte stets als unbewusstes Motiv anzu- 
nehmen sein, wenn nicht ausnahmsweise die Entstehung des Feti- 
schismus . aus einer Association von Vorstellungen bei Gelegenheit 
eines bestimmten Erlebnisses nachweisbar ist, wie im Falle der 
Beob. 85 u. 86. 

Derartige Flle von Trieb zu Frauenschuhen ohne bewusstes 
Motiv und ohne nachweisbare Entstehung sind aber geradezu zahl- 
los *). Als Beispiele mgen hier drei Flle angefhrt werden. 

Beobachtung 63. Cleriker, 50 Jahre alt. Derselbe erscheint zeit- 
weise in Prostitutionshusern unter dem Vorwand, ein Zimmer im Hause zu 
miethen, lsst sich in ein Gesprch mit einer Puella ein, wirft lsterne Blicke 
nach ihren Schuhen, zieht ihr einen aus, osculatur et mordet caligam libidine 
captus; ad genitalia denique caligam premit, eiaculat semen semineque eiacu- 
lato axillas pectusque terit, kommt aus seiner wollstigen Ekstase zu sich, 
bittet die Besitzerin des Schuhs um die Gnade, ihn einige Tage behalten zu 
drfen, und bringt dann ihn hflich dankend nach der bedungenen Zeit zurck. 
(Cantarano, La Psichiatria", V, p. 205.) 

Beobachtung 64. Stud. Z., 23 Jahre alt, stammt aus belasteter Familie. 
Schwester war gemthskrank, Bruder litt an Hysteria virilis. Pat. seit Kindes- 
beinen sonderbar, hat hufig hypochondrische Verstimmungen. Taed. vitae, 
fhlt sich zurckgesetzt. Bei einer Consultation wegen Gemthsleiden" finde 
ich einen hchst verschrobenen, belasteten Menschen mit neurasthenischen 
und hypochondrischen Symptomen. Der Verdacht auf Masturbation besttigt 
sich. Pat. gibt interessante Enthllungen bezglich seiner Vita sexualis. Im 
Alter von 10 Jahren fhlte er sich mchtig vom Fuss eines Kameraden an- 
gezogen. Mit 12 Jahren habe er fr Damenfsse zu schwrmen begonnen. Es 
war ihm ein wonniges Gefhl, in ihrem Anblick zu schwelgen. Mit 14 Jahren 
begann er zu masturbiren, indem er sich dabei einen hbschen Damenfuss 
dachte. Von nun an begeisterte er sich fr die Fsse seiner 3 Jahre lteren 
Schwester. Auch die Fsse anderer Damen, sofern sie ihm sympathisch waren, 
wirkten sexuell erregend. Am Weibe interessirte ihn nur der Fuss. Der Ge- 
danke an sexuellen Verkehr mit einem Weibe erweckte ihm Ekel. Noch-nie- 
mak hatte er Coitus versucht. Vom 12. Jahre ab empfand er nie mehr ein 
Interesse fr den Fuss mnnlicher Individuen. Die Art der Bekleidung des 
weiblichen Fusses ist ihm gleichgltig, entscheidend ist, dass die Persnlichkeit 
ihm sympathisch erscheint. Der Gedanke, die Fsse Prostituirter zu gemessen, 
sei ihm ekelhaft. Seit Jahren ist er verliebt in die Fsse seiner Schwester. 
Wenn er nur der Schuhe dieser gewahr werde, errege dieser Anblick mchtig 



*) Mit dem Fussfetischismus hngt es offenbar zusammen, dass einzelne 
derartige Individuen den Coitus, der sie nicht befriedigt oder den zu leisten 
sie nicht im Stande sind, durch Tritus membri inter pedes mulieris ersetzen. 



132 Paraesthesia sexualis. 

die Sinnlichkeit. Ein Kuss, eine Umarmung der Schwester habe nicht diese 
Wirkung. Sein Hchstes sei, den Fuss eines sympathischen Weibes zu um- 
fassen, zu kssen. Dann komme es sofort unter lebhaftem Wollustgefhl zur 
Ejaculation. Oft trieb es ihn, mit einem Schuh der Schwester seine Genitalien 
zu berhren, jedoch vermochte er bisher diesen Drang zu beherrschen, zumal 
da er seit 2 Jahren (in Folge vorgeschrittener reizbarer genitaler Schwche) 
schon beim blossen Anblick des Fusses ejaculirte. Von den Angehrigen 
erfhrt man, dass Pat. eine lcherliche Bewunderung" fr die Fsse seiner 
Schwester habe, so dass diese ihm aus dem Wege gehe und sich bemhe, 
ihre Fsse vor dem Pat. zu verbergen. Pat. empfindet seinen perversen 
sexuellen Drang als krankhaft und ist peinlich davon berhrt, dass seine 
schmutzigen Phantasien gerade den Fuss der Schwester zum Gegenstand haben. 
Er weiche der Gelegenheit aus, wie er nur knne, suche sich durch Mastur- 
bation zu helfen, wobei ihm, gleichwie bei Traumpollutionen, Damenfsse in 
der Phantasie vorschweben. Werde aber der Drang zu mchtig, so knne er 
nicht widerstehen, des Anblicks des Fusses der Schwester theilhaftig zu werden. 
Gleich nach der Ejaculation empfinde er lebhaften Aerger, wieder schwach 
gewesen zu sein. Seine Neigung zum Fuss der Schwester habe ihn unzhlige 
schlaflose Nchte gekostet. Er wundere sich oft, dass er seine Schwester 
noch gerne haben knne. Obwohl es ihm recht sei, dass diese ihre Fsse vor 
ihm verberge, sei er oft sehr irritirt darber, dass er dadurch um seine 
Pollution komme. Pat. betont, dass er sonst sittlich sei, was auch seine An- 
gehrigen besttigen. 

Beobachtung 65. S. in New-York ist des Strassenraubes angeklagt. 
In der Ascendenz zahlreiche Flle von Irresein, auch Vaters Bruder und Vaters 
Schwester sind geistig abnorm. Mit 7 Jahren zweimal heftige Hirnerschtterung. 
Mit 13 Jahren Sturz von einem Balkon. Im 14. Jahre bekam S. heftige An- 
flle von Kopfweh. Zugleich mit diesen Anfllen oder unmittelbar darauf 
sonderbarer Antrieb, die Schuhe weiblicher Familienglieder, meist nur einen, 
zu entwenden und in irgend einem Winkel zu verbergen. Zur Rede gestellt, 
lugnet er jeweils oder behauptet, sich der Sache nicht zu erinnern. Das 
Gelste nach Schuhen war unbesiegbar, kehrte alle 3 4 Monate wieder. Ein- 
mal machte er einen Versuch, einen Schuh vom Fusse eines Dienstmdchens 
zu entwenden, ein andermal hatte er seiner Schwester einen Schuh aus dem 
Schlafzimmer entwendet. Im Frhjahr wurden zwei Damen auf offener Strasse 
die Schuhe von den Fssen gerissen. Im August verliess S. in der Frhe sein 
Haus, um an sein Geschft als Buchdrucker zu gehen. Einen Augenblick 
darauf entriss er einem Mdchen auf der Strasse einen Schuh, entfloh, lief in 
seine Officin, wurde dort wegen Strassenraubs verhaftet. Er behauptet, von 
seiner That nicht viel zu wissen, es sei wie ein Blitz beim Anblick des Schuhs 
in ihn gefahren, dass er dessen bedrfe, wozu, wisse er nicht. Er habe in 
einem Zustand von Unbesinnlichkeit gehandelt. Der Schuh befand sich, wie 
richtig angegeben, in seinem Rocke. In der Haft war er geistig so erregt, 
dass man Ausbruch von Irrsinn befrchtete. Entlassen, stahl er seiner Frau. 
whrend sie schlief, wieder Schuhe. Sein moralischer Charakter, seine Lebens- 
weise wai-en untadelhaft. Er war ein intelligenter Arbeiter, nur schnell 
folgende unregelmssige Beschftigung machte ihn confus und unfhig zur 



Masochismus. 133 

Arbeit. Freisprechung (Nichols, Americ. J. J. 1859), Beck, Medical juris- 
prud. 1860 vol. I, p. 732. 

Dr. Pascal hat op. cit. noch einige ganz hnliche Beobach- 
tungen, und viele andere sind mir durch Collegen und Patienten 
zugekommen. 

Anhang: Die Koprolagnie. 

i 

Im Anschluss an die geschilderten Erscheinungsformen des 
Masochismus muss noch einer scheusslichen Perversion gedacht werden, 
die insofern eine Beziehung zur vorausgehenden bietet, als der 
Charakter der Handlungen die grsste Selbstdemthigung x ) aufweist 
und darin offenbar auch eine sexuelle Befriedigung gefunden wird. 
Aber die Flle sind dadurch complicirt, dass durch eine perverse 
Betonung von normaliter mit hchstem Ekel betonten Geruchs- 
und Geschmacksvorstellungen hier die lebhaftesten Lustgefhle her- 
vorgerufen werden, wobei die Vita sexualis mchtig miterregt wird 
und der Perverse zu Orgasmus und selbst Ejaculation gelangt. Man 
knnte diese Erscheinung Koprolagnie nennen und sie als eine Com- 
plication des Masochismus auffassen, dem ja an und fr sich das 
Gefhl des Unterworfenseins unter den Willen einer Person des anderen 
Geschlechts gengt, und bei welchem, ohne die erwhnte Complication, 
das sthetische Gefhl im Allgemeinen gewahrt und die angestrebte 
wollstig betonte Situation ganz symbolisch oder ideell bleiben 
kann. Dass diese Koprolagnie aber Beziehungen zum Masochismus 
hat, ergibt sich klar aus der bisherigen Casuistik, und fr manche 
Flle hat es den Anschein, als ob dieser in seiner eigentlichen Be- 
deutung dem pervertirten Individuum unbewusst bleibt und nur der 
Trieb zu ekelhafte*} Dingen ins Bewusstsein tritt. Es muss des- 
halb offene Frage bleiben, ob es eine selbstndige Perversion im 
Sinne der Koprolagnie gibt. 

Interessant ist die Analogie mit dem Sadismus, bei welchem 
ebenfalls durch perverse Betonung von eklen Geschmacks- und Ge- 



*) Die Analogie mit den Excessen religiser Schwrmerei ist selbst hier 
noch vorhanden. Die religise Schwrmerin Antoinette Bouvignon de la Porte 
mischte ihre Speisen mit Koth, um sich zu kasteien. (Zimmermann, op. 
cit. p. 124.) Die beatificirte Marie Alacoque leckte, um sich zu mortificiren", 
mit der Zunge die Dejectionen von Kranken auf und saugte an deren mit 
Geschwren bedeckten Zehen. 



134 Paraesthesia sexualis. 

ruchsvorstellungen mit Lustgefhlen Erscheinungen im Sinne des 
Vampyrismus und der Anthropophagie (vgl. p. 63 Fall Bichel, 
Menesclou, s. Beob. 18. 19. 20. 22) mglich sind. Ein zutreffendes 
Beispiel von Masochismus in Combination mit Koprolagnie und 
contr. Sexualempfindung ist Beob. 114 der 8. Auflage. Der Gegen- 
stand derselben schwelgt nicht bloss im Gedanken, Sklave des 
geliebten Mannes zu sein, und verweist in dieser Hinsicht auf 
Sacher-Masoch's Venus im Pelz", sed etiam sibi fingit amatum 
poscere ut crepidas sudore diffluentes olfaciat ejusque stercore ves- 
catur. Deinde narrat, quia non habeat, quae confingat et exoptet, 
eorum loco suas crepidas sudore infectas olfacere suoque stercore 
vesci, inter quae facta pene errecto se voluptate perturbari semen- 
que ejaculari. 

Ein typischer Fall ist die folgende Beobachtung. 

Beobachtung 66. Herr Z., 24 Jahre, Beamter aus Russland, stammt 
von neuropathischer Mutter und psychopathischem Vater. Z. ist ein intelli- 
genter, feinfhliger, normal gebauter Mensch von geflligem Aeusseren und 
feinen Manieren; schwere Krankheiten hat er nicht berstanden. Er behauptet, 
von Kindesbeinen auf nervs zu sein, gleich seiner Mutter, hat neuropathisches 
Auge und empfindet in der letzten Zeit cerebral-asthenische Beschwerden. Er 
klagt bitter ber eine Perversion seiner Vita sexualis, die ihn oft ganz ver- 
zweifelt mache, ihm jegliche Selbstachtung raube und geeignet sei, ihn Doch 
zum Selbstmord zu bringen. 

Der Alp, welcher auf ihm laste, sei ein unnatrliches Gelste nach 
Mictio mulieris in os suum, das ihn ziemlich regelmssig alle 4 Wochen heim- 
suche. Gefragt nach der Entstehung dieser Perversion, theilt er folgende 
interessante, weil genetisch wichtige Thatsachen mit. Als er 6 Jahre alt war, 
traf es sich zufllig, dass er in einer gemischten Knaben-Mdchenschule einem 
neben ihm sitzenden kleinen Mdchen cum manu sub podicem fuhr. Er 
empfand daran ein grosses Wohlbehagen, wiederholte gelegentlich diese Hand- 
lung mit dem gleichen Erfolg. Die Erinnerung an solche angenehme Situationen 
spielte von nun an eine gewisse Rolle in seiner Phantasie. 

Puerum decem annos agens serva educatrix libidine mota ad corpus 
suum appressit et digitum ei in vaginam introduxit. Quum postea fortuitu 
digito nasum tetigit, odore ejus valde delectatus fuit. 

Im Anschluss an das mit ihm von dem Weibe begangene Unzuchtsdelict 
entwickelte sich bei ihm nun die mit einer Art Wollust betonte Vorstellung, 
gefesselt inter femora mulieris cumbere, coactus ut dormiat sub ejus podice 
et ut bibat ejus urinam. 

Vom 13. Jahr an treten diese Phantasien ganz zurck. Mit 15 Jahren 
erster Coitus, mit 16 Jahren zweiter, ganz normal und ohne solche Vorstel- 
lungen. 

Deficiente pecunia et magna libidine perturbatus masturbatione eam 
satiabat. 



Masochismus. 135 

Mit 17 Jahren kamen die perversen Vorstellungskreise wieder. Sie wurden 
immer mchtiger und von nun an vergebens bekmpft. 

Mit dem 19. Jahr erlag er ihrem Antrieb. Quum mulier quaedam in 
os ei minxit, maxima voluptate affectus est. Er coitirte dann mit dem feilen 
Weibe. Seither kam ber ihn regelmssig alle 4 Wochen der Drang, diese 
Situation zu wiederholen. 

Hatte er seinem perversen Drang gengt, so schmte er sich vor sich 
selber und empfand grossen Ekel. Zu Ejaculation kam es in der Folge dabei 
nur ausnahmsweise, jedoch hatte er mchtige Erection und Orgasmus und 
befriedigte sich dann, wenn es nicht zur Ejaculation gekommen war, durch 
den Coitus. 

In der Zwischenzeit seiner bermssig und impulsiv sich geltend machen- 
den Antriebe fhlte er sich vollkommen frei von derartigen perversen Gedanken, 
aber auch von ideellem Masochismus. Ebenso wenig ergaben sich fetischistische 
Beziehungen. Die Libido ist intervallr eine geringe und wird in normaler 
Weise, ohne Hinzutreten der perversen Vorstellungskreise, befriedigt. Es geschah 
ihm wiederholt, dass er, wenn der Drang zur Wiederholung des perversen 
Aktes ihn heimsuchte, vom Lande viele Stunden weit nach der Hauptstadt 
reisen musste, um jenem zu frhnen. 

Wiederholt versuchte der feinfhlige, sein krankhaftes Gelste selbst 
verabscheuende Kranke seinem Drange zu widerstehen, aber vergeblich, da 
qualvolle Unruhe, Angst, Zittern, Schlaflosigkeit dann unertrglich wurden 
und er um jeden Preis seiner psychischen Spannung durch die erlsende Be- 
friedigung seines Dranges ledig werden musste. Dies erreichte er jeweils 
sofort mit der Folgegebung, aber dann kamen wieder die Selbstvorwrfe und 
die Selbstverachtung bis zu bedenklichem Taed. vitae. Durch diese seelischen 
Kmpfe ist der Unglckliche neuerlich recht neurasthenisch geworden und 
klagt ber Gedchtnissschwche, Zerstreutheit, geistige Unfhigkeit, Kopfdruck. 
Seine letzte Hoffnung ist, dass es rztlicher Kunst gelinge, ihn von seinem 
schrecklichen Gelste zu befreien und ihn vor ihm selber sittlich zu rehabilitiren. 

Epikrise: Mit 6 Jahren wollstige Betonung eines bei dem Alter des 
Individuums an und fr sich indifferenten Aktes. 

Mit 10 Jahren wollstig betonte, jedenfalls perverse Geruchswahrnehmung. 

Entwicklung von bisher latenten masochistischen Vorstellungen, mit 
specieller Directive durch mit 6 und 10 Jahren erhaltene perverse Eindrcke. 
Intermission durch normalen Coitus. 

Durch Abstinenz und Masturbation, vielleicht auch Puberttseinflsse 
wiedererwachte sexuelle Perversion. 

DieBe in der Folge als impulsive, periodisch wiederkehrende, wollstig 
betonte (bei gengend erregbarem Ejaculationscentrum), dem Coitus quivalente 
Koprolagnie. 

Intervallr normale Vita sexualis. 

Hierher gehren weitere Flle Cantarano's 1. c. (mictio, in einem 

anderen Falle gar defaecatio puellae ad linguam viri ante actum), Geniessen 

von nach Fces riechendem Confect, um potent zu sein; femer folgender, 
gleichfalls von einem Arzte mir mitgetheilter Fall: 



136 Paraesthesia sexualis. 

Beobachtung 67. Ein im hchsten Grade decrepider russischer Frst 
Hess sich von seiner Maitresse, die sich ber ihn, ihm den Rcken wendend, 
setzen musste, auf die Brust defciren, und regte nur auf diese Weise die 
Reste seiner Libido an. 

Ein Anderer soutenirt eine Maitresse in aussergewhnlich glnzender 
Weise mit der ihr auferlegten Verpflichtung, ausschliesslich Marzipan zu essen. 
Ut libidinosus fiat et eiaculare possit excrementa femiuae ore excipit. Ein 
brasilianischer Arzt berichtete mir ber mehrere zu seiner Kenntniss gekommene 
Flle von Defaecatio feminae in os viri. 

Derartige Flle kommen berall vor und durchaus nicht selten. Alle 
mglichen Secrete, Speichel, Nasenschleim, selbst Ohrenschmalz werden in 
diesem Sinne bentzt, mit Begierde verschlungen, oscula ad nates und selbst 
ad anum gegeben. (Dr. Moll op. cit. p. 135 berichtet Gleiches von Contrr- 
sexualen.) Das perverse Gelste, den Cunnilingus activ auszuben, welches 
weit verbreitet ist, drfte auch hufig in solchen Antrieben seine Wurzel haben. 

Hierher gehrt offenbar auch der scheussliche Fall von Cantarano. 
La Psichiatria" Jahrg. V, p. 207, in welchem dem Coitus Morsus et succio an 
den mglichst lange nicht gewaschenen Zehen der Puella vorausgehen, ferner 
der von mir in der 8. Aufl. dieses Buches berichtete analoge (Beobachtung 68). 

Stefanowski (Archives de l'Anthropologie criminelle 1892, Bd. VII) 
kennt einen alten russischen Kaufmann, qui valde delectatus fuit bibendo ea 
quae puellae lupanarii jusso suo in vas spuerunt. 

Beobachtung 68. W., 45 Jahre, belastet, war schon mit 8 Jahren 
der Masturbation ergeben. A decimo sexto anno libidines suas bibendo recentem 
feminarum urinam satiavit. Tanta . erat voluptas urinam bibentis ut nee aliquid 
olfaceret nee saperet, haec faciens. Nach dem Trinken empfand er jedesmal 
Ekel, Uebelbefinden und fasste die besten Vorstze, derlei knftig bleiben zu 
lassen. Ein einziges Mal hatte er gleichen Genuss beim Trinken des Urins 
von einem 9jhrigen Knaben, mit dem er einmal Fellatio getrieben hatte. 
Pat. leidet an epileptischer Geistesstrung. (Pelanda, Archivio di Psichiatria X, 
fasc. 3-4.) 

Hierher gehren noch ltere Flle, welche schon Tardieu (Etde 
medico-legale sur les attentats aux moeurs p. 206) an senilen Persnlichkeiten 
beobachtet hat. Er schildert als Renifleurs", qui in secretos locos nimirum 
theatrorum posticos convenientes quo complures feminae ad micturiendum 
festinant, per nares urinali odore excitati, illico se invicem polluunt." 

Einzig in dieser Hinsicht sind die Stercoraires", von denen Taxil (La 
Prostitution contemporaine) berichtet. 



c) Masochismus des Weibes. 

Beim Weibe ist die willige Unterordnung unter das andere 
Geschlecht eine physiologische Erscheinung. In Folge seiner pas- 
siven Rolle bei der Fortpflanzung und der von jeher bestehenden 
socialen Zustnde sind fr das Weib mit der Vorstellung geschlecht- 



Masochismus. 137 

licher Beziehungen berhaupt die Vorstellungen der Unterwerfung 
regelmssig verbunden. Sie bilden sozusagen die Obertne, welche 
die Klangfarbe weiblicher Gefhle bestimmen. 

Der Kenner der Culturgeschichte weiss, in welchem Verhlt- 
nisse der absoluten Unterwerfung das Weib von jeher bis zu relativ 
hohen Culturzustnden gehalten wurde x ) , und ein aufmerksamer 
Beobachter des Lebens kann heute noch leicht erkennen, wie die 
Gewhnung unzhliger Generationen, im Verein mit der passiven 
Rolle, welche die Natur dem Weibe zugewiesen hat, diesem Ge- 
schlechte eine instinktive Neigung zur freiwilligen Unterordnung 
unter den Mann angebildet hat; er wird bemerken, dass von den 
Frauen ein strkeres Betonen der blichen Galanterie hchst ab- 
geschmackt gefunden, ein Abweichen davon nach der Seite eines 
herrischen Benehmens zwar mit lautem Tadel, aber oft mit heim- 
lichem Behagen aufgenommen wird 2 ). Unter dem Firniss unserer 
Salonsitten ist berall der Instinkt der Frauendienstbarkeit er- 
kennbar. 

So liegt es nahe, den Masochismus berhaupt als eine patho- 
logische Wucherung specifisch weiblicher psychischer Elemente an- 
zusehen, als krankhafte Steigerung einzelner Zge des weiblichen 
psychischen Geschlechtscharakters, und seine primre Entstehung 
bei diesem Geschlechte zu suchen (s. unten Anm. zu p. 148). 

Als feststehend kann aber wohl angenommen werden, dass 
eine Neigung zur Unterordnung unter den Mann (die ja als er- 
worbene zweckmssige Einrichtung, als Anpassungserscheinung an 
sociale Thatsachen gelten kann) beim Weibe bis zu einem gewissen 
Grade als normale Erscheinung sich vorfindet. 

Dass es unter solchen Umstnden nicht fter zur Poesie" 
symbolischer Unterwerfungsakte kommt, hat seinen Grund theil- 



*) Die Rechtsbcher des frhesten Mittelalters gaben dem Manne das 
Tdtungs-, die des spten noch das Zchtigungsrecht ber sein Weib. Von 
letzterem wurde auch in hheren Stnden ausgiebig Gebrauch gemacht (vergl. 
Schultze, Das hfische Leben zur Zeit des Minnesangs, Bd. I, p. 163 f.). 
Daneben steht unvermittelt der paradoxe Frauendienst des Mittelalters (s. unten 
p. 147). 

2 ) Vergl. den Ausspruch der Lady Milford in Schiller's Kabale und 
Liebe" : 

Wir Frauenzimmer knnen nur zwischen Herrschen und Dienen whlen 
aber die hchste Wonne der Gewalt ist doch nur ein elender Behelf, wenn 
uns die grssere Wonne versagt wird, Sklavinnen eines Mannes zu sein, den 
wir lieben!" (II. Akt, 1. Scene.) 



138 Paraesthesia sexualis. 

weise darin, dass der Mann nicht die Eitelkeit des Schwachen be- 
sitzt, der die Sachlage zur Ostentation seiner Macht bentzen wrde 
(wie die Damen des Mittelalters gegenber den minnedienenden 
Rittern), sondern lieber reelle Vortheile herausschlgt. Der Barbar 
lsst die Frau fr sich ackern, der Culturphilister speculirt auf ihre 
Mitgift. Beides trgt sie willig. 

Flle pathologischer Steigerung dieses Instincts der Unter- 
ordnung im Sinne eines Masochismus des Weibes drften oft genug 
vorkommen, werden aber in ihren Entusserungen durch die Sitte 
reprimirt. Uebrigens thun viele junge Frauen nichts lieber, als vor 
ihren Mnnern oder Geliebten auf den Knieen zu liegen. Bei allen 
slavischen Vlkern sollen sich die Weiber der niederen Stnde un- 
glcklich fhlen, wenn sie von ihren Mnnern nicht geprgelt 
werden. 

Ein ungarischer Gewhrsmann theilt mir mit, dass die Bue- 
rinnen des Somogyer Comitates sich nicht eher von ihrem Manne 
geliebt glauben, bevor sie nicht die erste Ohrfeige als Liebeszeichen 
erhalten haben. 

Beobachtungen von Masochismus des Weibes beizubringen, 
drfte dem rztlichen Beobachter schwer fallen 1 ). Innere und ussere 
Widerstnde, Schamgefhl und Sittsamkeit stellen naturgemss beim 
Weibe dem Durchbruch perverser sexueller Triebe nach aussen fast 
unberwindliche Hindernisse entgegen. 

So kommt es, dass bis jetzt nur folgende 2 Flle von Maso- 
chismus des Weibes wissenschaftlich constatirt sind. 

Beobachtung 69. Frulein X., 21 Jahre alt, stammt von einer 
Mutter, die Morphinistin war und vor einigen Jahren an einem Nervenleiden 
starb. Der Bruder dieser Frau ist gleichfalls Morphinist. Ein Bruder des 
Mdchens ist Neurastheniker , ein anderer Masochist (wnscht von vornehmen 
stolzen Damen mit einem Rohrstocke Schlge zu bekommen). Frl. X. war nie 
schwer krank, leidet nur an gelegentlichen Kopfschmerzen. Sie hlt sich fr 
krperlich gesund, zeitweise jedoch fr toll, dann nmlich, wenn ihr die im 
Folgenden zu schildernden Phantasien auftauchen. 

Seit ihrer frhesten Jugend stellt sie sich vor, sie werde gestraft, ge- 
zchtigt. Sie schwelgt frmlich in solchen Ideen. Es ist dann ihr sehnlich- 
ster Wunsch, mit einem Rohr stocke derb gezchtigt zu werden. 



*) Seydel, Vierteljahrsschr. f. ger. Med. 1893, H. 2, fhrt als Beispiel 
von Masochismus Dieffenbach's Kranke an, die sich wiederholt den Arm 
absichtlich luxirte, um bei der damals noch ohne Narkose ausgefhrten Re- 
duction wollstige Empfindungen zu haben. 



Masochismus. 139 

Dieses Verlangen ist, wie sie meint, dadurch entstanden, dass ein Freund 
ihres Vaters sie, als sie 5 Jahre alt war, einmal scherzweise ber seine Kniee 
legte und schlug. Seither sehnte sie Gelegenheiten herbei, gezchtigt zu werden, 
zu ihrem Bedauern erfllte sich aber dieser Wunsch nie. In ihren Phantasien 
stellt sie sich hlflos vor, gebunden. Die Worte Rohrstock ", zchtigen" 
versetzen sie in mchtige Erregung. Erst seit etwa einem Jahre bringt sie 
ihre Ideen mit dem mnnlichen Geschlecht in Verbindung. Frher stellte sie 
sich eine strenge Lehrerin oder auch blos eine Hand vor, die sie strafte. 

Jetzt wnscht sie die Sklavin eines geliebten Mannes zu sein ; sie will, wenn 
von ihm gezchtigt, seinen Fuss kssen. 

Dass diese Empfindungen sexueller Natur sind, weiss die Dame nicht. 

Einige Stellen aus Briefen derselben sind im Sinne einer masochistischen 
Auffassung des Falles charakteristisch : 

Frher dachte ich ernstlich daran, wenn diese Vorstellungen mich nicht 
verlassen sollten, in ein Irrenhaus zu gehen. Zu diesem Gedanken kam ich, 
als ich die Geschichte von dem Direktor einer Nervenheilanstalt bei Kassel las, 
der eine Dame, nachdem er sie an den Haaren aus dem Bett gezogen, mit 
Stock und Reitpeitsche gezchtigt hatte. Ich hoffte in solchen Anstalten ebenso 
behandelt zu werden, habe also doch unbewusst mir meine Phantasien mit 
Mnnern vorgestellt. Am liebsten malte ich mir aber aus , dass mich rohe 
ungebildete Wrterinnen unbarmherzig zchtigten." 

Ich liege in Gedanken vor ihm und er setzt mir einen Fuss auf den 
Nacken, whrend ich den andren ksse. Ich schwelge in dieser Idee, bei 
der er mich nicht schlgt, aber das wechselt so oft und ich male mir ganz 
andere Scenen aus, bei denen er mich schlgt. Augenblicklich fasse ich die 
Schlge auch als Beweis der Liebe auf er ist erst sehr gut und zrtlich zu 
mir und dann schlgt er mich im Uebermass der Liebe. Ich bilde mir 
ein, es wre ihm die grsste Lust, mich zu schlagen aus lauter Liebe. Sehr 
oft habe ich schon getrumt, ich sei sein Sklave merkwrdig! nie seine 
Sklavin. So z. B. habe ich mir ausgemalt, er sei Robinson und ich der 
Wilde, der ihm dient. Ich sehe mir oft das Bild an, auf welchem 
Robinson dem Wilden den Fuss auf den Nacken setzt. Jetzt finde ich eine 
Erklrung der oben erwhnten Vorstellung: Ich stelle mir das Weib im All- 
gemeinen als niedrig vor, niedriger stehend als der Mann ; nun bin ich aber sonst 
sehr stolz und lasse mich um keinen Preis beherrschen, daher kommt es, dass 
ich auch als Mann denke (der von Natur stolz und hochstehend ist), dadurch 
wird die Erniedrigung vor dem geliebten Mann um so grsser. Ich 
stelle mir auch vor, dass ich seine Sklavin sei; das gengt mir aber nicht, 
das kann am Ende jedes Weib seinem Manne als Sklavin dienen!" 

Beobachtung 70. Frulein v. X., 35 Jahre alt, aus schwer belasteter 
Familie, befindet sich seit einigen Jahren im Initialstadium einer Paranoia 
persecutoria. Dieselbe ist hervorgegangen aus einer Neurasthenia cerebrospinalis, 
deren Ausgangspunkt in sexueller Ueberreizung zu finden ist. Pat. war seit 
ihrem 24. Jahre der Onanie ergeben. Durch nicht erfllte Heirathserwartung 
und heftige sinnliche Erregung ist sie zur Masturbation und psychischen 
Onanie gelangt. Neigung zu Personen des eigenen Geschlechtes 
kam niemals vor. Pat. gibt an: Mit 6 8 Jahren trat bei mir das 



140 Paraesthesia sexualis. 

Gelste auf, gegeisselt zu werden. Da ich niemals Schlge bekommen hatte, 
auch nie dabei war, wie Jemand gegeisselt wurde, kann ich mir nicht erklren, 
wie ich zu diesem sonderbaren Verlangen kam. Ich kann mir nur denken, 
dass es mir angeboren ist. Ich hatte ein wahres Wonnegefhl bei diesen 
Geisseivorstellungen und malte mir in meiner Phantasie aus, wie schn es 
wre, wenn eine Freundin mich geisselte. Nie kam mir die Phantasie, mich von 
einem Manne geissein zu lassen. Ich schwelgte in der Idee und versuchte es 
nie, zur wirklichen Ausfhrung meiner Phantasien zu gelangen. Vom 10. Jahre 
ab verloren sich diese. Erst als ich mit 34 Jahren Rousseau's Confessions" 
las, wurde mir klar, was meine Geisseigelste zu bedeuten htten und dass es 
sich bei mir um dieselben krankhaften Vorstellungen handelte, wie bei Rous- 
seau. Nie habe ich seit meinem 10. Jahre mehr derartige Anwandlungen 
gehabt." 

Epikrise. Dieser Fall ist durch seinen originren Charakter und durch 
die Berufung auf Rousseau als Fall von Masochismus sicher anzusprechen. Dass 
es eine Freundin ist, welche in der Phantasie als geisselnd vorgestellt wird, ist 
einfach daraus zu erklren, dass die masochistischen Gelste hier bei einem 
Kinde ins Bewusstsein treten, bevor die psychische Vita sexualis ausgebildet ist 
und der Trieb zum Manne auftritt. Contrre Sexualempfindung ist hier aus- 
drcklich ausgeschlossen. 



Versuch einer Erklrung des Masochismus. 

Die Thatsachen des Masochismus gehren jedenfalls zu den 
interessantesten im Gebiet der Psychopathologie. Ein Versuch ihrer 
Erklrung hat zunchst zu ermitteln, was an dem Phnomen das 
Wesentliche und was dabei das Unwesentliche ist. 

Das Entscheidende beim Masochismus ist jedenfalls die Be- 
gierde nach schrankenloser Unterwerfung unter den Willen der 
Person des anderen Geschlechts (beim Sadismus umgekehrt die 
schrankenlose Beherrschung dieser Person), und zwar unter Weckung 
und Begleitung von mit Lust betonten sexuellen Gefhlen bis zur 
Entstehung von Orgasmus. Nebenschlich ist nach allem Voraus- 
gehenden die specielle Art und Weise, wie dieses Abhngigkeits- 
oder Beherrschungsverhltniss bethtigt wird (s. oben), ob durch 
blosse symbolische Akte, oder ob zugleich der Drang besteht, von 
einer Person des anderen Geschlechts Schmerzen zu erdulden. 

Whrend der Sadismus als eine pathologische Steigerung des 
mnnlichen Geschlechtscharakters in seinem psychischen Beiwerk 



Masochisinus. 141 

angesehen werden kann, stellt der Masochismus eher eine krank- 
hafte Ausartung specifisch weiblicher psychischer Eigentmlich-" 
keiten dar. 

Es gibt aber unzweifelhaft auch einen hufigen Masochismus 
des Mannes, und dieser ist es, welcher meistens in die ussere Er- 
scheinung tritt und die Casuistik fast ausschliesslich fllt. Die 
Grnde hierfr sind oben p. 137 erwhnt. 

Fr den Masochismus lassen sich in der Welt der normalen 
Vorgnge zwei Wurzeln nachweisen. 

Erstens ist im Zustande der wollstigen Erregung jede Ein- 
wirkung, welche von der Person, von der der sexuelle Reiz aus- 
geht, auf den Erregten ausgebt wird, willkommen, unabhngig 
von der Art dieser Einwirkung. Es liegt noch ganz im Bereiche 
des Physiologischen, dass sanfte Pffe und leichte Schlge als Lieb- 
kosungen aufgefasst werden x ), 

like the lovers pinch which hurts and is desired" 

(Shakespeare, Antonius und Kleopatra V, 2.) 

Es liegt von hier aus nicht allzu ferne, dass der Wunsch, eine 
recht starke Einwirkung von Seite des Consors zu erfahren, in 
Fllen pathologischer Steigerung der Liebesinbrunst zu einem Ge- 
lste nach Schlgen u. dgl. fhrt, da der Schmerz das immer be- 
reite Mittel einer starken krperlichen Einwirkung ist. So wie im 
Sadismus der sexuelle Affect zu einer Exaltation fhrt, in welcher 
die berschumende psychomotorische Erregung in Nebenbahnen 
berstrmt, so entsteht hier im Masochismus eine Ekstase, in der 
die steigende Fluth einer einzigen Empfindung jeden von der ge- 
liebten Person kommenden Einfluss begierig verschlingt und mit 
Wollust berschwemmt. 

Die zweite und wohl die mchtigere Wurzel des Masochismus 
ist in einer weit verbreiteten Erscheinung zu suchen, welche zwar 
schon in das Gebiet des ungewhnlichen, abnormen, aber durchaus 
noch nicht in das des perversen Seelenlebens fllt. 

Ich meine hier die allverbreitete Thatsache, dass in unzhli- 
gen, in den verschiedensten Variationen auftretenden Fllen ein 



J ) Hierzu findet sich ein Analogon in der niederen Thierwelt. Die 
Lungenschnecken (Pulmonata Cuv.) besitzen in ihrem sogenannten Liebespfeil" 
ein spitzes Kalkstbchen, das in einer besonderen Tasche des Leibes liegt, 
aber bei der Begattung hervorgestlpt wird ein sexuelles Reizorgan , das 
eigentlich seiner Beschaffenheit nach ein Schmerzerreger ist. 



142 Paraesthesia sexualis. 

Individuum in eine ganz ungewhnliche, hchst auffllige Abhngig- 
keit von einem anderen Individuum des entgegengesetzten Geschlechts 
gerth bis zum Verlust jedes selbstndigen Willens, eine Abhngig- 
keit, welche den beherrschten Theil zu Handlungen und Duldungen 
zwingt, die schwere Opfer am eigenen Interesse bedeuten und oft 
genug gegen Sitte und Gesetz Verstssen. 

Diese Abhngigkeit ist aber von den Erscheinungen des nor- 
malen Lebens nur durch die Intensitt des Geschlechtstriebes, der 
hier im Spiele ist, und das geringe Mass der Willenskraft, die ihm 
das Gleichgewicht halten soll, verschieden, also nur intensiv ver- 
schieden, nicht qualitativ, wie es die Erscheinungen des Masochis- 
mus sind. 

Ich habe diese Thatsache der abnormen, aber noch nicht per- 
versen Abhngigkeit eines Menschen von einem anderen des ent- 
gegengesetzten Geschlechts, welche Thatsache, namentlich vom foren- 
sischen Standpunkte aus betrachtet, hohes Interesse bietet, mit dem 
Namen geschlechtliche Hrigkeit" bezeichnet l ), weil die dar- 
aus hervorgehenden Verhltnisse durchaus den Charakter der Un- 
freiheit tragen. Der Wille des herrschenden Theils gebietet ber 
den des unterworfenen Theils wie der des Herrn ber den des 
Hrigen 2 ). 

Diese geschlechtliche Hrigkeit" ist, wie gesagt, eine aller- 
dings auch psychisch abnorme Erscheinung. Sie beginnt eben da, 
wo die ussere Norm, das von Gesetz und Sitte vorgezeichnete 
Mass der Abhngigkeit eines Theils vom anderen oder beider von 
einander, in Folge individueller Besonderheit in der Intensitt an 
sich normaler Motive verlassen wird. Die geschlechtliche Hrig- 



*) Vgl. des Verfassers Abhandlung ber geschlechtliche Hrigkeit und 
Masochismus" in den psychiatrischen Jahrbchern Bd. X, p. 169 ff., wo dieser 
Gegenstand ausfhrlich und namentlich vom forensischen Gesichtspunkte aus 
behandelt wurde. 

2 ) Die Ausdrcke Sklave und Sklaverei, obwohl sie oft auch in solchen 
Situationen bildlich gebraucht werden, wurden hier vermieden, weil dies Lieb- 
lingsausdrcke des Masochismus sind, von welchem die Hrigkeit" durchaus 
unterschieden werden muss. 

Der Ausdruck Hrigkeit" darf auch nicht verwechselt werden mit 
J. St. Mill's Hrigkeit der Frau". Was Mill mit diesem Ausdrucke be- 
zeichnet, sind Gesetze und Sitten, sociale und historische Erscheinungen. Hier 
aber sprechen wir von jedesmal individuell besonders motivirten Thatsachen, 
die mit jeweils geltenden Sitten und Gesetzen geradezu im Widerspruch 
stehen. Auch ist hier von beiden Geschlechtern die Rede. 



Masochismus. 143 

keit ist aber keine perverse Erscheinung; die hier wirkenden Trieb- 
federn sind dieselben, die auch die gnzlich innerhalb der Norm 
verlaufende psychische Vita sexualis wenn auch mit minderer 
Heftigkeit in Bewegung setzen. 

Furcht, den Genossen zu verlieren, der Wunsch, ihn immer 
zufrieden, liebenswrdig und zum geschlechtlichen Verkehr geneigt 
zu erhalten, sind hier die Motive des unterworfenen Theiles. Ein 
ungewhnlicher Grad von Verliebtheit, der namentlich beim 
Weibe durchaus nicht immer einen ungewhnlichen Grad von 
Sinnlichkeit bedeutet, und Charakterschwche andererseits sind die 
einfachen Elemente des ungewhnlichen Vorganges *). 

Das Motiv des anderen Theiles ist Egoismus, der freien Spiel- 
raum findet. 

Die Erscheinungen der Geschlechtshrigkeit sind in ihren 
Formen mannigfaltig und die Zahl der Flle ist eine ungemein 
grosse 2 ). In geschlechtliche Hrigkeit gerathene Mnner finden 
wir im Leben bei jedem Schritt. Hierher gehren bei den Ehe- 
mnnern die sogenannten Pantoffelhelden, namentlich die alternden 
Mnner, die junge Frauen heirathen und das Missverhltniss der Jahre 
und krperlichen Eigenschaften durch unbedingte Nachgiebigkeit 
gegen alle Launen der Gattin auszugleichen trachten; hierher sind 
zu zhlen auch ausserhalb der Ehe die berreifen Mnner, die ihre 
letzten Chancen in der Liebe durch ungemessene Opfer zu ver- 
bessern trachten; hierher aber auch Mnner jeden Alters, die, von 
heisser Leidenschaft fr ein Weib ergriffen, bei ihm auf Klte und 
Berechnung stossen und auf harte Bedingungen capituliren mssen; 
verliebte Naturen, die von notorischen Dirnen sich zur Eheschlies- 



*) Das Wichtigste dabei ist vielleicht, dass sich durch die Gewhnung 
an den Gehorsam eine Art Mechanismus der ihres Motives unbewussten, mit 
automatischer Sicherheit functionirenden Folgsamkeit ausbilden kann, der mit 
Gegenmotiven gar nicht zu kmpfen hat, weil er unter der Schwelle des Be- 
wusstseins liegt und von dem herrschenden Theil wie ein todtes Instrument 
gehandhabt werden kann. 

2 ) In allen Literaturen spielt naturgemss die Geschlechtshrigkeit eine 
Rolle. Ungewhnliche, aber nicht perverse Erscheinungen des Seelenlebens 
sind ja fr den Dichter ein dankbares und erlaubtes Gebiet. Die berhmteste 
Schilderung mnnlicher Hrigkeit ist wohl des Abbe Prevost Manon Lescault". 
Eine vorzgliche Schilderung weiblicher Hrigkeit bietet George Sand's Leone 
Leoni*. Hierher gehrt vor Allem Kleist's Kthchen von Heilbronn", von 
ihm selbst als Gegenstck zur (sadistischen) Penthesilea" bezeichnet, hierher 
Halm's Griseldis" und viele hnliche Dichtungen. 



144 Paraesthesia sexualis. 

sung bewegen lassen; Mnner, die, um Abenteurerinnen nachzu- 
laufen, Alles im Stich lassen und ihre Zukunft aufs Spiel setzen, 
Gatten und Vter, die Weib und Kind verlassen und das Einkom- 
men der Familie einer Hetre zu Fssen legen. 

So zahlreich aber auch die Beispiele mnnlicher Hrigkeit 
sind, so muss doch jeder halbwegs unbefangene Beobachter des 
Lebens zugeben, dass sie an Zahl und Gewicht der Flle gegen 
die weiblicher Hrigkeit weit zurckbleiben. Dies ist leicht er- 
klrlich. Fr den Mann ist die Liebe fast stets nur Episode, er 
hat daneben viele und wichtige Interessen; fr das Weib hingegen 
ist sie der Hauptinhalt des Lebens, bis zur Geburt von Kindern 
fast immer das erste , nach dieser noch oft das erste , immer min- 
destens das zweite Interesse. Was aber noch viel wichtiger ist: 
der Mann, den der Trieb beherrscht, lscht ihn leicht in den Um- 
armungen, zu denen er unzhlige Gelegenheiten findet. Das Weib 
aber ist in den hheren Stnden, wenn berhaupt mit einem Mann 
versehen, an diesen Einen gefesselt, und selbst in den unteren 
Classen der Gesellschaft sind noch immer bedeutende Hindernisse 
der Polyandrie vorhanden. 

Deshalb bedeutet fr ein Weib der Mann, den sie 
hat, das ganze Geschlecht. Seine Wichtigkeit fr sie wchst 
dadurch ins Ungeheure. Dazu kommt endlich noch, dass das nor- 
male Verhltniss, wie es Gesetz und Sitte zwischen Mann und Weib 
geschaffen haben, weit davon entfernt ist, ein parittisches zu sein 
und an und fr sich schon berwiegende Abhngigkeit der Frau 
genug enthlt. Um so tiefer hinab in die Hrigkeit werden sie die 
Concessionen drcken, welche sie dem Geliebten macht, um seine 
ihr fast unersetzliche Liebe zu erhalten, und um so hher steigen die 
unersetzlichen Ausprche der Mnner, die entschlossen sind, ihren 
Vortheil auszubeuten und eine Industrie aus der Ausbeutung der 
grenzenlosen weiblichen Opferfhigkeit machen. 

Dahin gehrt der Mitgiftjger, der sich mit hohen Summen 
dafr bezahlen lsst, die leicht geschaffenen Illusionen einer Jung- 
frau ber ihn zu zerstren, der planmssig vorgehende Verfhrer 
und Compromittirer der Frauen, der auf Lsegelder und Schweig- 
gelder speculirt, der goldverschnrte Krieger und der Musiker mit 
der Lwenmhne, die rasch ein gestammeltes Dich oder den Tod!" 
hervorzulocken wissen, das eine Anweisung auf bezahlte Schulden 
und gute Versorgung ist, dahin gehrt aber auch der Soldat in 
der Kche, dessen Liebe die Kchin mit Liebe plus Sttigungs- 



Masochismus. 145 

mittein aufwiegt, der Geselle, der die Ersparnisse der Meisterin, 
die er geheirathet hat, vertrinkt, und der Zuhlter, der die Pro- 
stituirte, von der er lebt, mit Schlgen zwingt, tglich eine be- 
stimmte Summe fr ihn zu verdienen. Das sind nur einige der 
unzhligen Formen der Hrigkeit, in welche das Weib durch sein 
hohes Liebesbedrfniss und die Schwierigkeiten seiner Lage so leicht 
gezwungen wird. 

Das Gebiet der geschlechtlichen Hrigkeit" musste hier eine 
kurze Darstellung finden, da in ihm offenbar der Mutterboden zu 
sehen ist, aus dem die Hauptwurzel des Masochismus entspriesst. 

Die Verwandtschaft beider Erscheinungen des psychischen Ge- 
schlechtslebens springt sofort in die Augen. Sowohl Hrigkeit als 
Masochismus bestehen ja wesentlich in einer unbedingten Unter- 
werfung des von der Abnormitt Ergriffenen unter eine Person des 
anderen Geschlechts und in seiner Beherrschung durch dieselbe 1 ). 

Die beiden Erscheinungen sind aber auch wieder klar gegen 
einander abzugrenzen, und zwar sind sie nicht graduell, sondern 
qualitativ verschieden. 

Geschlechtliche Hrigkeit ist keine Perversion, sie ist nichts 
Krankhaftes ; die Elemente , aus denen sie entsteht , Liebe und 
Willensschwche, sind nicht pervers, nur ihr gegenseitiges Strke- 
verhltniss erzeugt das abnorme Resultat, das den eigenen Inter- 
essen, oft Sitten und Gesetzen, so sehr widerspricht. Das Motiv, 
aus welchem der unterworfene Theil hier handelt und die Tyrannei 
erduldet, ist der normale Trieb zum Weibe (resp. Manne), dessen 
Befriedigung der Preis seiner Hrigkeit ist. Die Akte des unter- 
worfenen Theiles, in denen die geschlechtliche Hrigkeit zum Aus- 
druck kommt, geschehen auf Befehl des herrschenden Theiles, um 
seiner Habsucht etc. zu dienen. Sie haben fr den unterworfenen 
Theil gar keinen selbststndigen Zweck; sie sind fr ihn nur Mittel, 
den eigentlichen Endzweck, den Besitz des herrschenden Theiles, zu 
erlangen oder zu bewahren. Endlich ist Hrigkeit eine Folge der 
Liebe zu einem bestimmten Individuum; sie tritt erst ein, wenn 
diese Liebe erwacht ist. 



') Es knnen Flle vorkommen, in welchen die geschlechtliche Hrig- 
keit sich in denselben Akten ausspricht, die dem Masochismus gelufig sind. 
Wenn rohe Mnner ihre Weiber prgeln und diese aus Liebe dulden, ohne 
jedoch nach Schlgen Sehnsucht zu haben, so liegt eine Trugform der Hrig- 
keit vor, die Masochismus vortuschen kann. 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 10 



146 Paraesthesia sexualis. 

Ganz anders verhlt sich dies Alles beim Masochismus, welcher 
entschieden krankhaft, eine Perversion ist. Das Motiv fr die Hand- 
lungen und Duldungen des unterworfenen Theiles ist hier der Reiz, 
den die Tyrannei als solche fr ihn hat. Er mag daneben den 
herrschenden Theil auch zum Coitus begehren; jedenfalls ist sein 
Trieb auch auf die Akte, die zum Ausdruck der Tyrannei dienen, 
als auf directe Objecte der Befriedigung gerichtet. Diese Akte, in 
denen der Masochismus zum Ausdruck kommt, sind fr den unter- 
worfenen Theil nicht Mittel zum Zweck, wie bei der Hrigkeit, 
sondern selbst Endzweck. Endlich tritt beim Masochismus die 
Sehnsucht nach Unterwerfung a priori auf vor jeder Neigung zu 
einem bestimmten Gegenstand der Liebe. 

Der Zusammenhang zwischen Hrigkeit und Masochismus, der 
bei der Uebereinstimmung beider Erscheinungen im usseren Effect 
der Abhngigkeit bei allem Unterschied der Motivirung wohl an- 
zunehmen ist, der Uebergang der Abnormitt in die 
Perversion, drfte sich zunchst auf folgendem Wege voll- 
ziehen. 

Wer sich durch lange Zeit im Zustande der geschlechtlichen 
Hrigkeit befindet, wird disponirt sein, leichtere Grade des Maso- 
chismus zu acquiriren. Die Liebe, welche gern Tyrannei um des 
Geliebten willen ertrgt, wird dann direct Liebe zur Tyrannei. 
Wenn die Vorstellung des Tyrannisirtwerdens lange mit 
der lustbetonten Vorstellung des geliebten Wesens eng 
associirt war, so geht endlich die Lustbetonung auf die 
Tyrannei selbst ber, und es ist Perversion eingetreten. 
Das ist der Weg, auf dem Masochismus gezchtet werden kann 1 ). 



x ) Es ist sehr interessant und beruht auf der im usseren Effecte wesent- 
lich bereinstimmenden Natur von Hrigkeit und Masochismus, dass zur Illu- 
strirung der ersteren ganz allgemein im Scherz und bildlich Ausdrcke ge- 
braucht werden, wie Sklaverei, Kettentragen, gefesselt sein, die Geissei ber 
Jemand schwingen, an den Triumphwagen spannen, zu Fssen liegen, Pan- 
toffelheld sein" etc., lauter Dinge, die fr den Masochisten in buchstblicher 
Ausfhrung den Gegenstand seiner perversen Begierde bilden. 

Solche Bilder werden bekanntlich im tglichen Leben oft gebraucht 
und sind geradezu trivial geworden. Sie stammen aus der dichterischen Sprache. 
Die Dichtung hat zu allen Zeiten, innerhalb des Gesammtbildes heftiger Liebes- 
leidenschaft das Moment der Abhngigkeit vom Gegenstande , der sich ver- 
sagen kann oder muss, erkannt, und die Thatsachen der Hrigkeit" boten 
sich ihr stets zur Beobachtung dar. Indem der Dichter Ausdrcke, wie die 
oben angefhrten, whlt, um die Abhngigkeit des Verliebten mittelst sinnen- 



Masochismus. 147 

Ein leichter Grad von Masochismus kann also wohl aus der 
Hrigkeit entstehen, erworben werden. Der echte, vollkommene, 
tiefwurzelnde Masochismus mit seiner glhenden Sehnsucht nach 
Unterwerfung von frhester Jugend an , wie die von dieser Per- 
version Ergriffenen ihn schildern, ist aber angeboren. 

Die Erklrung fr die Entstehung der immerhin seltenen 
Perversion des ausgebildeten Masochismus drfte sich am richtigsten 
in der Annahme finden lassen, dass dieselbe aus der viel hufiger 
auftretenden Abnormitt der geschlechtlichen Hrigkeit" hervor- 
geht, indem hie und da diese Abnormitt durch Vererbung 
auf ein psychopathisches Individuum in der Weise ber- 
geht, dass sie dabei zur Perversion wird. Dass eine leichte 
Verschiebung der hier in Betracht kommenden psychischen Elemente 
diesen Uebergang bewerkstelligen kann, wurde oben errtert. Was 
aber fr mgliche Flle des erworbenen Masochismus die associirende 
Gewohnheit thun kann , das thut fr die sicher constatirten Flle 
des originren Masochismus das variirende Spiel der Vererbung. 
Es tritt dabei kein neues Element zur Hrigkeit hinzu, sondern es 
entfllt eines, das Raisonnement, das Liebe und Abhngigkeit ver- 
bindet und damit eben Hrigkeit von Masochismus, Abnormitt von 



flliger Bilder anschaulich zu machen, geht er genau denselben Weg wie 
der Masochist, der, um sich selbst seine Abhngigkeit (die ihm aber Selbst- 
zweck ist) sinnenfllig vorzustellen, solche Situationen verwirklicht. 

Schon die Dichtung des Alterthums gebraucht fr die Geliebte den 
Ausdruck domina" und verwendet gerne das Bild des in Fesselnschlagens 
(z. B. Horaz Od. IV. 11). Von da bis in unsere Zeiten (vgl. Grillparzer 
Ottokar IV. Akt: Herrschen ist gar sss, so sss fast als gehorchen") ist die 
galante Dichtung aller Jahrhunderte von dergleichen Phrasen und Bildern er- 
fllt. Interessant ist auch die Geschichte des Wortes Maitresse ". 

Die Dichtung wirkt aber auf das Leben zurck. Auf diesem Wege mag 
der hfische Frauendienst des Mittelalters entstanden sein, der mit seiner 
Verehrung der Frauen als Herrinnen" in der Gesellschaft und im einzelnen 
Liebesverhltniss , seiner Uebertragung des Lehns- und Vasallenverhltnisses 
auf die Beziehung zwischen dem Ritter und seiner Dame, seiner Unterwerfung 
unter alle weibliche Launen, seinen Liebesproben und Gelbden, seiner Ver- 
pflichtung zum Gehorsam gegen alle Gebote der Damen, als eine systematische 
Ausgestaltung verliebter Hrigkeit" erscheint. Einzelne extreme Erscheinungen, 
wie z. B. die Leiden des Ulrich von Lichtenstein oder des Pierre Vidal im 
Dienste ihrer Damen, oder das Treiben der Bruderschaft der Galois" in 
Frankreich, welche ein Martyrium der Liebe suchten und sich allerlei Qualen 
unterzogen, tragen aber schon deutlich masochistischen Charakter und zeigen 
auch hier den naturgemssen Uebergang einer Erscheinung in die andere. 



148 Paraesthesia sexualis. 

Perversion unterscheidet. Es ist ganz natrlich, dass sich nur das 
Triebartige vererbt. 

Dieser Uebergang der Abnormitt in Perversion bei der erb- 
lichen Uebertragung wird insbesondere dann leicht eintreten knnen, 
wenn die psychopathische Veranlagung des Nachkommen den an- 
deren Faktor des Masochismus liefert, das, was oben seine erste 
Wurzel genannt wurde, die Neigung geschlechtlich hyper'sthetischer 
Naturen , alle Einwirkungen , die vom geliebten Gegenstande aus- 
gehen, der geschlechtlichen Einwirkung zu assimiliren. 

Aus diesen beiden Elementen aus der geschlechtlichen 
Hrigkeit" einerseits, aus jener oben errterten Disposition zur ge- 
schlechtlichen Ekstase, welche selbst Misshandlungen mit Lust- 
betonung appercipirt, andererseits aus diesen beiden Elementen, 
deren Wurzeln sich bis in das Gebiet physiologischer Thatsachen 
zurckverfolgen lassen, entsteht auf einem geeigneten psycho- 
pathischen Boden der Masochismus, indem die sexuelle Hypersthesie 
allerlei zuerst physiologisches, dann nur abnormes Beiwerk der Vita 
sexualis zur krankhaften Hhe der Per Version steigert 1 ). 

Jedenfalls stellt auch der Masochismus als angeborene sexuelle 
Perversion ein functionelles Degenerationszeichen im Rahmen der 
(fast ausschliesslich) erblichen Belastung dar und auch fr meine 



J ) Erwgt man, dass, wie oben dargethan, , geschlechtliche Hrigkeit" 
eine Erscheinung ist, die beim weiblichen Geschlechte viel hufiger und in 
strkeren Graden zu beobachten ist als beim mnnlichen, so drngt sich der 
Gedanke auf, dass der Masochismus (wenn auch nicht immer, so doch in der 
Regel) ein Erbstck der Hrigkeit" weiblicher Vorfahren sei. Er tritt so 
in eine wenn auch sehr entfernte Beziehung zur contrren Sexual- 
empfindung, als Uebergang einer eigentlich dem Weibe zukommenden Per- 
version auf den Mann. Diese Auffassung des Masochismus als eine rudimentre 
contrre Sexualempfindung, als eine theilweise Effeminatio, welche hier nur die 
secundren Geschlechtscharaktere der psychischen Vita sexualis ergriffen hat 
(eine Auffassung, die noch in der 6. Auflage dieser Schrift unbedingteren Aus- 
druck gefunden hat) , findet eine Sttze in den Aussagen der Patienten der 
obigen Beobachtung 42 und 48, welche weitere Zge von Effeminatio an sich 
tragen, auch beide ein relativ lteres Weib , von dem sie aufgesucht und er- 
obert wrden, als ihr Ideal bezeichnen. 

Es muss jedoch hervorgehoben werden, dass Hrigkeit" auch innerhalb 
der mnnlichen Vita sexualis eine nicht geringe Rolle spielt und Masochismus 
mithin auch ohne einen solchen Uebergang weiblicher Elemente auf den Mann 
erklrt werden kann. Auch ist hier zu bedenken, dass sowohl Masochismus 
als Sadismus, sein Gegenstck, bei contrrer Sexualempfindung in regelloser 
Combination vorkommen. 



Masochismus. 149 

Flle von Masochismus und Sadismus besttigt sich diese klinische 
Erfahrung. 

Dass die eigenartige, psychisch anomale Richtung der Vita 
sexualis, als welche der Masochismus erscheint, eine originre 
Abnormitt darstellt und nicht so zu sagen gezchtet bei einem 
Disponirten aus passiver Flagellation sich entwickelt, auf dem Wege 
der Ideenassociation , wie Rousseau und Binet annehmen, ist wohl 
leicht zu erweisen. 

Es ergibt sich das aus den zahlreichen, ja die Majoritt 
bildenden Fllen, in welchen die Flagellation beim Masochisten 
niemals aufgetaucht ist, in welchem der perverse Trieb sich aus- 
schliesslich auf rein symbolische, die Unterwerfung ausdrckende 
Handlungen ohne eigentliche Schmerzzufgung richtet. 

Dies lehrt die ganze hier mitgetheilte Casuistik von Beobach- 
tung 50 an. 

Es ergibt sich aber das gleiche Resultat, nmlich dass die 
passive Flagellation nicht der Kern sein kann, an den sich alles 
Uebrige angesetzt hat, auch aus der nheren Betrachtung solcher 
Flle, in denen diese eine Rolle spielt, wie oben Beobachtung 42 
und 48. 

Besonders lehrreich in dieser Beziehung ist die obige Beobach- 
tung 49, denn hier kann nicht an eine sexuell stimulirende Wir- 
kung einer in der Jugend erlittenen Strafe gedacht werden. Ueber- 
haupt ist in diesem Falle die Anknpfung an eine frhe Erfahrung 
nicht mglich, da die hier den Gegenstand des sexuellen Haupt- 
interesses bildende Situation mit einem Kinde gar nicht ausfhr- 
bar ist. 

Endlich ergibt sich berzeugend die Entstehung des Maso- 
chismus aus rein psychischen Elementen aus der Confrontirung des- 
selben mit dem Sadismus (s. unten). 

Dass passive Flagellation so hufig beim Masochismus vor- 
kommt, erklrt sich einfach daraus, dass sie das strkste Ausdrucks- 
mittel fr das Verhltniss der Unterwerfung ist. 

Ich wiederhole es als entscheidend fr die Differenzirung von 
einfacher passiver Flagellation und Flagellation auf Grund maso- 
chistischen Verlangens, dass im ersteren Fall die Handlung Mittel 
zum Zweck des dadurch mglich werdenden Coitus oder wenigstens 
einer Ejaculation, im letzteren Fall Mittel zum Zweck der seelischen 
Befriedigung im Sinne masochistischer Gelste ist. 

Wie wir oben gesehen haben, unterwerfen sich Masochisten 



150 Paraesthesia sexualis. 

aber auch allen mglichen anderen Misshandlungen und Qualen, bei 
denen von reflectorischer Erregung von Wollust nicht die Rede sein 
kann. Da solche Flle zahlreich sind, so muss untersucht werden, 
in welchem Verhltniss bei derartigen Akten (und bei der gleich- 
werthigen Flagellation der Masochisten) Schmerz und Lust zu ein- 
ander stehen. Auf Grund der Aussage eines Masochisten ergibt sich 
folgendes : 

Das Verhltniss ist nicht derart, dass einfach, was sonst 
physischen Schmerz verursacht, hier als physische Lust empfunden 
wird, sondern, der in der masochistischen Ekstase Befindliche fhlt 
keinen Schmerz, sei es, weil er vermge seines Affectzustandes 
(gleich dem Soldaten im Kampfgewhl) die physische Einwirkung 
auf seine Hautnerven berhaupt nicht appercipirt, oder weil (wie 
bei dem religisen Mrtyrer und Ekstatiker) der Ueberfllung des 
Bewusstseins mit Lustgefhlen gegenber die Vorstellung der Miss- 
handlung nur wie ein blosses Zeichen, ohne ihre Schmerzqualitt, 
in ihm stehen bleibt. 

Es findet im zweiten Falle gewissermassen eine Uebercompen- 
sation des physischen Schmerzes durch die psychische Lust statt 
und nur die Differenz bleibt als restliche psychische Lust im Be- 
wusstsein. Diese erfhrt berdies einen Zuwachs, indem, sei es 
durch reflectorisch spinalen Einfluss, sei es durch eigenartige Be- 
tonung der sensiblen Eindrcke im Sensorium, eine Art Hallucination 
krperlicher Wollust entsteht, mit ganz vager Localisation der hinaus 
projicirten Empfindung. 

Analoges scheint in den Selbstpeinigungen religiser Schwrmer 
(Fakire , heulende Derwische , religise Flagellanten) vorhanden zu 
sein, nur mit anderem Inhalt der das Lustgefhl erzeugenden Vor- 
stellungen. Auch hier wird die Vorstellung der Marter ohne ihre 
Schmerzqualitt appercipirt, indem das Bewusstsein von der mit 
Lust betonten Vorstellung erfllt ist, durch die Marter Gott zu 
dienen, Snden zu tilgen, den Himmel zu verdienen u. s. w. 



Masochismus und Sadismus. 151 



Masochismus und Sadismus. 

Das vollkommene Gegenstck des Masochismus ist der Sadis- 
mus. Whrend jener Schmerzen leiden und sich der Gewalt unter- 
worfen fhlen will, geht dieser darauf aus, Schmerz zuzufgen und 
Gewalt auszuben. 

Der Parallelismus ist ein vollstndiger. Alle Akte und Situa- 
tionen, die vom Sadisten in der activen Rolle ausgefhrt werden, 
bilden fr den Masochisten in der passiven Rolle den Gegenstand 
der Sehnsucht. Bei beiden Perversionen schreiten diese Akte von 
rein symbolischen Vorgngen zu schweren Misshandlungen fort. 
Selbst der Lustmord, in welchem der Sadismus gipfelt, findet, wie 
sich aus der obigen Beobachtung 51 ergibt allerdings nur als 
Phantasma sein passives Gegenstck. Beide Perversionen knnen 
unter gnstigen Umstnden neben einer normalen Vita sexualis ein- 
hergehen; bei beiden kommen die Akte, in welchen sie sich ent- 
laden, entweder als prparatorische, vor dem Coitus, oder vicariirend 
an dessen Stelle vor 1 ). 

Die Analogie betrifft aber nicht bloss die ussere Erschei- 
nung ; sie erstreckt sich auch auf das innere Wesen beider Perver- 
sionen. Beide sind als originre Psychopathien seelisch abnormer, 
insbesondere mit psychischer Hyperaesthesia sexualis, aber nebenher 
in der Regel auch noch mit anderen Abnormitten behafteter In- 
dividuen zu betrachten; fr jede dieser beiden Perversionen lassen 
sich je zwei constitutive Elemente nachweisen, welche in psychischen 
Thatsachen innerhalb der physiologischen Breite ihre Wurzel 
haben. 

Fr den Masochismus liegen diese Elemente, wie oben dar- 
gethan, darin, dass 1. im sexuellen Affect jede vom Consors aus- 
gehende Einwirkung, an sich, unabhngig von der Art dieser Ein- 



*) Beide haben natrlich mit ethischen und sthetischen Gegenmotiven 
in Foro interno zu kmpfen. Nach der Ueberwindung dieser gerth aber der 
Sadismus bei seinem Hinaustritt in die Aussenwelt sofort mit dem Strafgesetz 
in Conflict. Mit dem Masochismus ist dies nicht der Fall, was eine grssere 
Hufigkeit masochistischer Akte zur Folge hat. Dagegen treten der Verwirk- 
lichung der letzteren der Selbsterhaltungstrieb und die Scheu vor Schmerzen 
entgegen. Die practischc Bedeutung des Masocbismus liegt nur in seinen Be- 
ziehungen zur psychischen Impotenz , whrend die des Sadismus ausserdem 
und hauptschlich auf forensischem Gebiete liegt. 



152 Paraesthesia sexualis. 

Wirkung, mit Lust betont wird, was bei bestehender Hyperaesthesia 
sexualis so weit gehen kann, jede Schmerzempfindung zu bercom- 
pensiren; 2. dass die, aus an sich nicht perversen seelischen Ele- 
menten hervorgehende, geschlechtliche Hrigkeit" unter patho- 
logischen Bedingungen zu einem perversen lustbetonten Unter- 
werfungsbedrfniss unter das andere Geschlecht werden kann, was 
wenn auch die Vererbung von weiblicher Seite her durchaus 
nicht nothwendig angenommen werden muss sich als eine patho- 
logische Entartung eigentlich dem Weibe zukommender Charaktere, 
des dem Weibe physiologischen Unterordnungsinstinkts darstellt. 

Dementsprechend finden sich fr die Erklrung des Sadismus 
ebenfalls zwei constitutive Elemente, deren Ursprung sich bis ins 
Gebiet des Physiologischen zurckverfolgen lsst: 1. dass im sexuellen 
Affect, gewissermassen als psychische Mitbewegung, ein Drang ent- 
stehen kann , auf den Gegenstand der Begierde auf jede mgliche, 
mglichst starke Weise einzuwirken, was bei sexuell hypersthetischen 
Individuen zu einem Drang der Schmerzzufgung werden kann; 
2. dass die aktive Rolle des Mannes, seine Aufgabe, das Weib zu 
erobern, unter pathologischen Bedingungen zu einem Verlangen 
nach schrankenloser Unterwerfung werden kann. 

So stellen sich Masochismus und Sadismus als vollkommene 
Gegenstze dar. Dem entspricht auch, dass den von diesen Per- 
versionen ergriffenen Individuen als ihr Ideal die entgegengesetzte 
Perversion beim anderen Geschlechte erscheint, wie z. B. aus Be- 
obachtung 42 und 48 und auch aus Rousseau's Confessions her- 
vorgeht. 

Die Gegenberstellung des Masochismus und Sadismus kann 
aber auch dazu dienen, die Mglichkeit der Annahme vollstndig 
zu beseitigen, als ob der Erstere ursprnglich aus der reflectorischen 
Wirkung der passiven Flagellation entsprungen sei und alles Weitere 
das Product hieran anknpfender Ideenassociationen wre, wie Binet 
bei der Erklrung von Rousseau's Fall meint und wie Rousseau 
selbst glaubte (vgl. oben p. 118). Bei der activen Misshandlung 
nmlich, welche fr den Sadisten den Gegenstand des sexuellen 
Gelstes bildet, findet ja gar keine Reizung der eigenen sen- 
siblen Nerven durch den Misshandlungsakt statt, so dass hier an 
dem rein psychischen Charakter des Ursprungs dieser Perversion 
nicht gezweifelt werden kann. Sadismus und Masochismus sind 
einander aber so verwandt, entsprechen einander in allen Stcken 
so sehr, dass der Analogieschluss vom Einen auf den Anderen 



Masochismus und Sadismus. L 153 

auch in diesem Falle gestattet sein muss und schon allein gengen 
wrde, den rein psychischen Charakter des Masochismus zu erweisen. 

Nach der oben ausgefhrten Gegenberstellung aller Elemente 
und Erscheinungen des Masochismus und Sadismus, und als Resume 
aller beobachteten Flle, erscheinen Lust am Schmerzzufgen und 
Lust am zugefgten Schmerz nur wie zwei verschiedene Seiten des- 
selben seelischen Vorgangs, dessen Primres und Wesentliches das 
Bewusstsein activer, bezw. passiver Unterwerfung ist, wobei der 
Verbindung von Grausamkeit und Wollust nur eine secundre psycho- 
logische Bedeutung innewohnt. Grausame Handlungen dienen zum 
Ausdruck dieser Unterwerfung, einmal, weil sie das strkste Mittel 
zum Ausdrucke dieses Verhltnisses sind, dann, weil sie berhaupt 
die strkste Einwirkung darstellen, die ein Mensch neben und ausser 
dem Coitus auf einen anderen ausben kann. 

Sadismus und Masochismus sind Resultate von Associationen, 
in dem Sinne, in dem alle complicirteren Erscheinungen des Seelen- 
lebens Associationen sind. Das psychische Leben besteht ja, nach 
Production der einfachsten Elemente des Bewusstseins , nur aus 
Associationen und Dissociationen dieser Elemente. 

Es ist aber das Hauptergebniss der hier ausgefhrten Ana- 
lysen, dass Sadismus und Masochismus nicht etwa Resultate zu- 
flliger Associationen sind, durch den Eintritt eines occasionellen 
Moments, einer zeitlichen Coincidenz erworben , sondern Resultate 
von Associationen, die durch eine auch unter normalen Umstnden 
vorhandene Nachbarschaft prformirt sind, unter bestimmten Be- 
dingungen aber sexuelle Hypersthesie leicht wirklich ge- 
knpft werden. Ein abnorm gesteigerter Geschlechtstrieb wchst 
nicht bloss in die Hhe, sondern auch in die Breite. Auf Nachbar- 
gebiete bergreifend vermischt er seinen Inhalt mit dem ihrigen 
und vollzieht so die pathologische Association, welche das Wesen 
dieser beiden Perversionen ist *). 



*) v. Schrenck-Notzing, welcher bei der Erklrung aller Perversionen 
das occasionelle Moment in den Vordergrund stellt und der Annahme durch 
ussere Umstnde erworbener Perversionen, vor der originrer Veranlagung 
den Vorzug gibt, weist den Erscheinungen des Sadismus und Masochismus 
(nach seiner Terminologie active und passive Algolagnie") diesbezglich eine 
Mittelstellung an. Diese Erscheinungen seien allerdings in einem Theil der 
Flle nur durch congenitale Anlage zu erklren ; in einem anderen Theil der 
Flle aber msse Erwerbung durch eine zufllige Coincidenz offenbar die 
Hauptrolle spielen (op. cit. p. 179). 



154 Paraesthesia sexualis. 

Natrlich muss dies nicht immer so sein und es gibt Flle 
von Hypersthesie ohne Perversion. Flle von reiner Hyperaesthesia 
sexualis wenigstens solche von auffallender Intensitt scheinen 
aber seltener als die Flle von Perversion. 

Interessant, aber der Erklrung einige Schwierigkeiten bietend, 
sind die Flle, in denen Sadismus und Masochismus in einem Indi- 
viduum gleichzeitig auftreten. Solche Flle sind z. B. Beob. 49 
der 7. Auflage, ferner Beob. 48 und 55 der gegenwrtigen, be- 
sonders aber Beob. 29, aus welch' letzterer hervorgeht, dass es 
gerade die Vorstellung der Unterwerfung ist, welche sowohl activ 
als passiv den Kern des perversen Gelstes bildet. Dergleichen ist 
in mehr oder minder deutlichen Spuren auch sonst noch mehrfach 
zu beobachten. Allerdings ist die eine der beiden Perversionen 
immer bei weitem vorwiegend. 

Wegen dieses entschiedenen Ueberwiegens der einen Perver- 
sion und ihres spteren Auftretens in solchen Fllen, ist wohl an- 
zunehmen, dass nur die eine, vorwiegende Perversion originr, 
die andere im Laufe der Zeit erworben ist. Die Vorstellungen 



Der Beweis fr letztere Behauptung wird casuistisch gefhrt. Es wer- 
den zwei Beobachtungen der Psychopathia sexualis (Beob. 29 und 37 der 
7. Aufl.) wiedergegeben, und daran gezeigt, dass hier auch das zufllige 
Zusammentreffen des Anblicks eines blutenden Mdchens oder eines gepr- 
gelten Mitschlers mit einer starken Regung des Geschlechtstriebs zur Er- 
klrung der von nun an bestehenden pathologischen Association gengen 
knne. 

Dem gegenber ist aber doch als entscheidend in Betracht zu ziehen, 
dass frhe und starke Regungen des Geschlechtstriebs bei jedem hypersthe- 
tischen Individuum mit vielen, bei der Gesammtheit derselben mit unzhligen 
heterogenen Dingen zeitlich zusammengefallen sind, whrend sich die patho- 
logischen Associationen immer nur an wenige bestimmte (sadistische 
und masochistische) Dinge knpfen. Unzhlige Schler haben whrend der 
Grammatik- und Mathematikstunden, im Klassenzimmer und an geheimen 
Orten, sich sexuellen Erregungen und Befriedigungen hingegeben, ohne dass 
daraus perverse Associationen entstanden wren. 

Hieraus folgt wohl mit Evidenz, dass der Anblick von Prgelscenen und 
dergleichen eine vorhandene pathologische Association zwar aus ihrer Latenz 
wecken, nicht aber eine solche entstehen lassen kann, ganz abgesehen davon, 
dass es unter den unzhligen sich darbietenden Dingen nicht indifferente, son- 
dern geradezu normaliter Unlust erregende sind, zu denen der erwachte Ge- 
schlechtstrieb in Beziehung tritt. 

Das hier Ausgefhrte gilt auch gegenber der Meinung Binet's, der 
gleichfalls die hierher gehrigen Erscheinungen smmtlich aus zuflligen Asso- 
ciationen erklren will. Vergl. unten p. 159. 



Masochismus und Sadismus. 155 

der Unterwerfung und Misshandlung, im activen oder im passiven 
Sinne mit intensiver Wollust betont, haben sich bei einem solchen 
Individuum tief eingelebt. Gelegentlich versucht sich die Phantasie 
auch einmal in demselben Vorstellungskreis, aber mit invertirter 
Rolle. Es kann selbst zu Verwirklichungen dieser Inversion kommen. 
Derartige Versuche in Phantasien und Handlungen werden aber 
meistens, als der ursprnglichen Richtung inadquat, bald wieder 
aufgegeben. 

Masochismus und Sadismus treten auch mit contrrer Sexual- 
empfindung und zwar mit allen Formen und Stufen dieser Per- 
version combinirt auf. Der contrr Sexuale kann sowohl Sadist 
als Masochist sein. Vergleiche oben Beob. 47 der gegenwrtigen 
und 49 (der 7. Auflage) und zahlreiche Flle der unten folgenden 
Casuistik der contrren Sexualempfindung. 

Wo immer sich auf dem Boden einer neuropathischen Indivi- 
dualitt eine sexuelle Perversion entwickelt hat, kann die hierbei 
stets anzunehmende sexuelle Hypersthesie auch die Erscheinungen 
des Masochismus und Sadismus her vortreiben, bald einzeln, bald beide 
vereinigt, die eine aus der anderen hervorgehend. Masochismus und 
Sadismus erscheinen so als Grundformen psychosexualer 
Perversion, die auf dem ganzen Gebiete der Verirr ungen des 
Geschlechtstriebes an den verschiedensten Stellen zu Tage treten 
knnen 1 ). 



') Jeder Versuch einer Erklrung der Thatsachen, sei es des Sadismus, 
sei es des Masochismus, wird wegen des hier dargethanen engen Zusammen- 
hangs beider Erscheinungen auch geeignet sein mssen, jeweils die andere 
Perversion zu erklren. Dieser Forderung wrde ein Versuch des Amerikaners 
J. G. Kiernan eine Erklrung des Sadismus zu liefern (vid.: Psychological 
aspects of the sexual appetite" im Alienist and Neurologist ", St. Louis, April 
1891) gengen, und er mge aus diesem Grunde hier kurz erwhnt werden. 

Kiernan, der fr seine Ansicht in der anglo-amerikanischen Literatur 
mehrere Vormnner hat, geht von der Ansicht mehrerer Naturforscher (Dal- 
linger, Drystale, Rolph, Cienkowsky) aus, welche die sogenannte Conjugation, 
einen Geschlechtsakt gewisser niederer Thiere, als Kannibalismus, als Ver- 
schlingen des Partners auffassten. Er schliesst unmittelbar hieran die be- 
kannten Thatsachen an, dass Krebse sich bei Gelegenheit der geschlechtlichen 
Vereinigung Glieder vom Leibe reissen, Spinnen den Mnnchen dabei den 
Kopf abbeissen und andere sadistische Akte brnstiger Thiere gegen den Con- 
sors. Von hier geht er zum Lustmord und anderen wollstig-grausamen Akten 
bei Menschen ber und nimmt an, Hunger und Geschlechtstrieb seien in ihrer 
Wurzel identisch, der geschlechtliche Kannibalismus der niederen Thierwelt 



156 Paraesthesia sexualis. 



3) Verbindung der Vorstellung von einzelnen Krpertheilen oder 
Kleidungsstcken des "Weibes mit Wollust. Fetischismus. 

Schon in den Betrachtungen ber die Psychologie des nor- 
malen Sexuallebens, welche dieses Werk einleiten (s. oben p. 18), 
wurde dargethan, dass noch innerlich der Breite des Physiologischen, 
die ausgesprochene Vorliebe, das besondere concentrirte Interesse 
fr einen bestimmten Krpertheil am Leibe der Personen des ent- 
gegengesetzten Geschlechts, insbesondere fr eine bestimmte Form 
dieses Krpertheils, eine grosse psychosexuale Bedeutung gewinnen 
kann. Ja es kann geradezu diese besondere Anziehungskraft be- 
stimmter Formen und Eigenschaften auf viele , ja die meisten 
Menschen als das eigentliche Princip der Individualisirung in der 
Liebe angesehen werden. 

Diese Vorliebe fr einzelne bestimmte physische Charaktere 
an Personen des entgegengesetzten Geschlechts neben welcher 
sich auch ebenso eine ausgesprochene Bevorzugung bestimmter 
psychischer Charaktere constatiren lsst habe ich in Anlehnung 
an Binet (du Fetichisme dans l'amour, Revue philosophique 1887) 
und Lombroso (Einleitung der italienischen Ausgabe der 2. Aufl. 
dieses Buches) Fetischismus" genannt, weil thatschlich das 
Schwrmen fr und das Anbeten von einzelnen Krpertheilen (oder 
selbst Kleidungsstcken) auf Grund sexueller Drnge vielfach an 
die Verehrung von Reliquien, geweihten Gegenstnden u. s. w. in 
religisen Culten erinnert. Dieser physiologische Fetischismus wurde 
bereits oben p. 18 ff. ausfhrlich errtert. 



wirke in der hheren und beim Menschen nach, und Sadismus sei ein atavisti- 
scher Rckschlag. 

Diese Erklrung des Sadismus wrde freilich auch den Masochismus 
erklren ; denn wenn die Wurzel des geschlechtlichen Verkehrs in kannibalisti- 
schen Vorgngen zu suchen ist, so fhrt hier sowohl der Sieg des einen Theils 
als auch die Niederlage des andern zum Ziele der Natur, und auch ein Trieb, 
das Opfer und der Unterliegende zu sein, wre erklrt. 

Es niuss aber hier eingewendet werden, dass die Basis des Raisonne- 
ments ungengend ist. Der hchst complicirte Vorgang der Conjugation 
niederer Organismen, in welchen die Wissenschaft erst in den letzten Jahren 
nher eingedrungen ist, kann eben durchaus nicht einfach als eine Verschlin- 
gung eines Individuums durch ein anderes angesehen werden (vgl. Weismann, 
die Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung fr die Selectionstheorie. Jena, 
1886, pag. 51). 



Fetischismus. 157 

Es gibt jedoch auf psychosexualem Gebiet neben diesem 
physiologischen noch einen unzweifelhaft pathologischen eroti- 
schen Fetischismus, ber welchen bereits eine reichhaltige Ca- 
suistik vorliegt, und dessen Erscheinungen ein hohes klinisch- 
psychiatrisches, unter Umstnden auch forensisches Interesse bieten. 
Dieser pathologische Fetischismus bezieht sich nicht allein auf be- 
stimmte Krpertheile, sondern selbst auf leblose Gegenstnde, welche 
jedoch fast immer Theile der weiblichen Kleidung sind und damit 
in naher Beziehung zum Krper des Weibes stehen. 

Dieser pathologische Fetischismus schliesst sich in allmhligen 
Uebergngen an den physiologischen an, so dass es (wenigstens fr 
den Krpertheil-Fetischismus) beinahe unmglich ist, eine scharfe 
Grenze zu ziehen, wo die Perversion beginnt. Dazu kommt noch, 
dass das gesammte Gebiet des Krpertheil-Fetischismus eigentlich 
nicht ausserhalb des Kreises der Dinge fllt, die normaliter als 
Reize fr den Geschlechtstrieb wirken, sondern innerhalb desselben. 
Das Abnorme liegt hier nur darin, dass ein Theileindruck 
vom Gesammtbilde der Person des anderen Geschlechts 
alles sexuelle Interesse auf sich concentrirt, so dass da- 
neben alle anderen Eindrcke verblassen und mehr oder 
minder gleichgltig werden. Deshalb ist der Krpertheil- 
Fetischist nicht als ein Monstrum per excessum zu betrachten, wie 
z. B. der Sadist oder Masochist, sondern eher als ein Monstrum 
per defectum. Nicht was auf ihn als Reiz wirkt, ist abnorm, 
sondern eher das, was nicht als Reiz wirkt, die Einschrnkung des 
Gebietes sexuellen Interesses, die fr ihn eingetreten ist. Freilich 
pflegt dieses eingeengte sexuelle Interesse auf dem engeren Gebiet 
mit um so grsserer, mit ganz abnormer Intensitt aufzutreten. 

Es wrde sich wohl empfehlen, als Grenze des pathologischen 
Fetischismus den Umstand anzunehmen, ob das Vorhandensein des 
Fetisch conditio sine qua non fr die Mglichkeit den Coitus zu 
vollziehen ist, oder nicht. Aber die nhere Betrachtung der That- 
sachen ergibt, dass diese Grenze eben nur scheinbar eine scharfe 
ist. Es gibt so zahlreiche Flle, in denen der Coitus trotz Ab- 
wesenheit des Fetisch zwar noch mglich ist, aber eben ein unvoll- 
kommener, erzwungener (oft mit Hlfe von Phantasiebildern, die 
sich auf den Fetisch beziehen), besonders ein unbefriedigender und 
erschpfender ist, dass auch hier sich Alles bei nherer Betrachtung 
der entscheidenden subjectiven, psychischen Sachlage in Ueber- 
gnge auflst, die einerseits zur blossen, noch physiologischen Vor- 



158 Paraesthesia sexualis. 

liebe, andererseits zur psychischen Impotenz in Abwesenheit des 
Fetisch fhren. 

So ist es vielleicht besser, das Kriterium fr das Pathologische 
auf dem Gebiete des Krpertheil-Fetischismus auf ganz subjectivem, 
psychischem Boden zu suchen. Die Concentration des sexuellen 
Interesses auf einen bestimmten Krpertheil, welcher das ist 
hier hervorzuheben nie eine directe Beziehung zum Sexus hat 
(wie Mammae , ussere Genitalien) fhrt die Krpertheil- 
Fetischisten oft dahin, dass sie als eigentliches Ziel ihrer ge- 
schlechtlichen Befriedigung nicht den Coitus betrachten, sondern 
irgend eine Manipulation an dem betreffenden, als Fetisch wirk- 
samen Krpertheil. Dieser verirrte Trieb kann nun wohl beim 
Krpertheil-Fetischisten als das Kriterium des Krankhaften ange- 
sehen werden, gleichgltig, ob dabei noch wirklicher Coitus mg- 
lich ist oder nicht. 

Der Gegenstands- oder Kleidungs-Fetischismus aber 
kann wohl in allen Fllen als eine pathologische Erscheinung an- 
gesehen werden, da sein Object ausserhalb des Kreises normaler 
Reize fr den Geschlechtstrieb fllt. 

Auch hier besteht zwar in den Erscheinungen eine gewisse 
ussere Uebereinstimmung mit Vorgngen der psychisch normalen 
Vita sexualis ; der innere Zusammenhang und Sinn des pathologischen 
Fetischismus ist aber ein ganz anderer. Auch auf dem Gebiete 
der schwrmerischen Liebe eines psychisch nicht abnormen Menschen 
knnen das Taschentuch, der Schuh, Handschuh, Brief, die Blume, 
die sie ihm gab", die Haarlocke u. s. w. Gegenstand abgttischer 
Verehrung sein, aber nur, weil sie ein Erinnerungszeichen an die 
abwesende oder gestorbene geliebte Person darstellen, deren Ge- 
sammtpersnlichkeit damit reproducirt wird. Der pathologische 
Fetischist hat keine derartigen Beziehungen. Fr ihn ist der Fetisch 
der ganze Vorstellungsinhalt. Wo er desselben gewahr wird, tritt 
die sexuelle Erregung ein und macht der Fetisch seine Wirkung 
geltend a ). 

Pathologischer Fetischismus scheint nach aller bisherigen Er- 
fahrung nur auf dem Boden der (meist hereditren) psychopathischen 



x ) Ganz anders ist der Fall in Zola's Therese Raquin, wo der betreffende 
Mann die Stiefel der Geliebten mehrmals ksst, gegenber jenen Schuh- und 
Stiefelfetischisten , die beim Anblick eines jeden Stiefels an beliebiger Dame 
oder auch ohne solche in wollstige Ekstase gerathen bis zur Ejaculation. 



Fetischismus. X59 

Veranlagung oder bestehender psychischer Erkrankung vorzu- 
kommen. 

So kommt es, dass er nicht selten mit den anderen (originren) 
Perversionen des Geschlechtssinns, welche demselben Boden ent- 
stammen, combinirt erscheint. Bei contrr Sexualen, bei Sadisten 
und Masochisten kommt Fetischismus in den verschiedensten Ge- 
staltungen nicht selten vor. Ja, gewisse Formen des Krpertheil- 
Fetischismus (Hand- und Fuss-Fetischismus) haben sogar mit den 
zwei zuletzt genannten Perversionen wahrscheinlich mehr oder minder 
dunkle Zusammenhnge (s. unten). 

Beruht nun aber auch Fetischismus auf einer angeborenen, 
allgemeinen psychopathischen Disposition, so ist doch diese Per- 
version selbst, nicht wie die bisher behandelten in ihrem Wesen 
originrer Natur; sie ist nicht fertig angeboren, wie wir wohl vom 
Sadismus und Masochismus annehmen knnen. 

Whrend in den bisher dargestellten Gebieten der sexuellen 
Perversionen dem Forscher durchaus Flle originren Charakters 
entgegentraten, begegnet man hier durchaus erworbenen Fllen. 
Abgesehen davon, dass beim Fetischismus die veranlassende Ge- 
legenheit der Erwerbung oft nachweisbar ist, fehlen hier die 
physiologischen Thatsachen, die auf dem Gebiete des Sadismus und 
Masochismus durch eine allgemeine sexuelle Hypersthesie auf die 
Hhe einer Perversion gehoben werden und dort die Annahme 
originren Ursprungs rechtfertigen. Es bedarf hier fr jeden ein- 
zelnen Fall noch eines Geschehnisses, das den Stoif der Perversion 
liefert. 

Es gehrt allerdings wie oben gesagt zum physio- 
logischen Geschlechtsleben, fr dies und jenes an der Frau und um 
sie zu schwrmen; aber gerade die Concentration des gesammten 
sexuellen Interesses auf einen solchen Theileindruck ist hier das 
Wesentliche und diese Concentration muss fr jedes damit behaftete 
Individuum einen individuellen Erklrungsgrund haben. 

Man kann sich daher der Ansicht Binet's anschliessen, dass 
im Leben eines jeden Fetischisten ein Ereigniss anzu- 
nehmen ist, welches die Betonung gerade dieses einzigen 
Eindrucks mit Wollustgefhlen determinirt hat. Dieses 
Ereigniss wird in die frheste Jugend zurckzuversetzen sein und 
in der Regel mit dem ersten Erwachen der Vita sexualis zusammen- 
fallen. Dieses erste Erwachen ist mit irgend einem sexuellen Theil- 
eindruck zusammengefallen (denn es sind immer Dinge, die zum 



X60 Paraesthesia sexualis. 

Weibe in irgend einer Beziehung stehen) und stempelt diesen fr 
die Dauer des ganzen Lebens zum Hauptgegenstand des sexuellen 
Interesses. Die Gelegenheit, bei welcher die Association entstanden 
ist, wird in der Regel vergessen. Nur das Resultat der Association 
bleibt bewusst. Originr ist hier nur der allgemein zur Psycho- 
pathie disponirte Charakter, die sexuelle Hypersthesie solcher In- 
dividuen l ). 

Wie die bisher behandelten Perversionen, so kann auch der 
erotische (pathologische) Fetischismus sich usserlich in den selt- 
samsten unnatrlichen und selbst verbrecherischen Akten mani- 
festiren : Befriedigung am Leibe des Weibes loco indebito, Diebstahl 
und Raub von Gegenstnden, die als Fetisch wirken, Polluirung 
solcher etc. Es hngt auch hier von der Intensitt des perversen 
Triebes und der relativen Strke der ethischen Gegenmotive ab, ob 
und wie weit es zu dergleichen Akten kommt. 

Diese perversen Akte der Fetischisten knnen, ebenso wie die 
anderer geschlechtlich perverser Individuen, entweder die gesammte 
ussere Vita sexualis allein ausmachen, oder neben dem normalen 
geschlechtlichen Akt einhergehen, je nachdem die physische und 
psychische Potenz, die Erregbarkeit fr normale Reize noch mehr 
oder minder erhalten ist. Im letzteren Falle dient nicht selten der 
Anblick oder die Berhrung des Fetisch als nothwendiger prpara- 
torischer Akt. 



*) Wenn dagegen Binet op. cit. behauptet, jede sexuelle Perversion, 
ohne Ausnahme , beruhe auf einem solchen Accident agissant sur un sujet 
predispose (wobei unter dieser Prdisposition nur Hypersthesie im Allgemeinen 
verstanden wird), so ist eine solche Annahme fr die anderen sexuellen Per- 
versionen, ausserhalb des Fetischismus, wie schon oben p. 157 dargelegt wor- 
den ist, weder erforderlich noch gengend. Es ist nicht abzusehen, wie auf 
ein selbst sehr erregbares Individuum der Anblick der Zchtigung eines An- 
deren gerade sexuell erregend wirken soll, wenn nicht die physiologische Nach- 
barschaft von Wollust und Grausamkeit im bernormal erregbaren Individuum 
zum originren Sadismus geworden ist. Aber auch die Associationen, auf 
denen der erotische Fetischismus beruht, sind nicht ganz zufllige. Wie die 
sadistischen und masochistischen Associationen durch die Nachbarschaft der 
diesbezglichen Elemente in der Psyche des Subjects prforrnirt sind, so ist 
die Mglichkeit fetischistischer Association durch die Beschaffenheit der Ob- 
jecte vorbereitet und dadurch leichter erklrlich. Es sind ja fast immer 
Theileindrcke der weiblichen Gesammterscheinung (inclusive Kleidung) , um 
die es sich hier handelt. Ganz zufllig entstandene fetischistische Associa- 
tionen sind nur in wenigen im Weiteren speciell angefhrten Fllen con- 
statirt. 



Fetischismus. 161 

Die grosse praktische Wichtigkeit, welche den Thatsachen des 
pathologischen Fetischismus zukommt, liegt nach dem Gesagten in 
zwei Momenten. 

Erstens ist der pathologische Fetischismus nicht selten eine 
Ursache psychischer Impotenz 1 ). Da der Gegenstand, auf welchem 
das sexuelle Interesse des Fetischisten sich concentrirt, an und fr 
sich in keiner unmittelbaren Beziehung zum normalen Geschlechts- 
akt steht, so geschieht es oft, dass der Fetischist durch seine Per- 
version die Erregbarkeit fr normale Reize einbsst, oder wenigstens 
den Coitus nur mittelst Concentration der Phantasie auf seinen 
Fetisch leisten kann. Auch liegt in dieser Perversion und in der 
Schwierigkeit ihrer adquaten Befriedigung, gerade so wie bei den 
anderen Perversionen des Geschlechtssinns, namentlich fr jugend- 
liche Individuen, und gerade fr solche, welche in Folge ethischer 
und sthetischer Gegenmotive vor der Verwirklichung ihrer per- 
versen Gelste zurckschrecken , die bestndige Verlockung zur 
psychischen und physischen Onanie, welche wieder deletr auf Con- 
stitution und Potenz zurckwirkt. 

Zweitens ist der Fetischismus von grosser forensischer Be- 
deutung. So wie der Sadismus zu Mord und Krperverletzung 
ausarten kann, so kann der Fetischismus zum Diebstahl und selbst 
zum Raub der betreffenden Gegenstnde fhren. 

Der erotische Fetischismus hat zum Gegenstande entweder 
einen bestimmten Krpertheil des entgegengesetzten Geschlechts, 
oder ein bestimmtes Kleidungsstck desselben oder einen Stoff 
der Bekleidung. (Es sind bis jetzt nur Flle von pathologi- 
schem Fetischismus des Mannes bekannt, deshalb ist hier nur 
von weiblichen Krpertheilen und weiblichen Kleidungsstcken die 
Rede.) 

Danach zerfallen die Fetischisten in drei Gruppen. 



*) Es kann als eine Art (psychischen) Fetischismus im weiteren Sinne 
betrachtet werden, dass, was hufig geschieht, junge Ehemnner, die viel mit 
Prostituirten verkehrt haben, sich der Keuschheit ihrer jungen Ehefrauen 
gegenber impotent sehen. Einer meiner Clienten war niemals potent seiner 
jungen, schnen, zchtigen Frau gegenber, weil er an die lascive Weise der 
Prostituirten gewhnt war. Versuchte er ab und zu einen Coitus bei Puellis, 
so war er vollkommen potent. Einen ganz hnlichen interessanten Fall be- 
richtet H a m m o n d op. cit. p. 48 u. 49. Freilich spielen in derartigen Fllen 
meistens schlechtes Gewissen und hypochondrische Angst vor Impotenz eine 
grosse Rolle. 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. tj 



162 Paraesthesia sexualis. 



a) Der Fetisch ist ein Theil des weiblichen Krpers. 

Wie es innerhalb des physiologischen Fetischismus besonders 
das Auge, die Hand, der Fuss und das Haar des Weibes sind, 
welche besonders hufig zum Fetisch werden, so sind es auch hier, 
auf pathologischem Gebiete, meistens dieselben Krpertheile, welche 
alleiniger Gegenstand des sexuellen Interesses geworden sind. Die 
ausschliessliche Concentration des Interesses auf diese Theile, neben 
denen alles Andere am Weibe verblassen und der sonstige sexuelle 
Werth des Weibes auf Null sinken kann, so dass statt des Coitus 
seltsame Manipulationen am Fetisch - Gegenstande zum Ziele der 
Begierde werden das ist es, was eben diese Flle zu patholo- 
gischen macht. 

Beobachtung 71. (Binet, op. cit.) X., 34 Jahre alt, Gymnasial- 
lehrer, hat in der Kindheit an Convulsionen gelitten. Mit 10 Jahren begann 
er zu onaniren, unter wollstigen Empfindungen, die sich an sehr sonderbare 
Vorstellungen knpften. Er schwrmte eigentlich fr die Augen des Weibes; 
da er aber durchaus sich auf irgend eine Art den Coitus vorstellen wollte und 
in sexualibus gnzlich unwissend war, so kam er auf die Idee, um sich so 
wenig wie mglich von den Augen zu entfernen, den Sitz der weiblichen Ge- 
schlechtsorgane in die Nasenlcher zu verlegen. Um diese Vorstellung dreht 
sich von jetzt ab seine sehr lebhafte sexuelle Begierde. Er entwirft Zeich- 
nungen, welche correcte griechische Profile von Frauenkpfen darstellen, aber 
mit so weiten Nasenlchern, dass die Immissio penis mglich wird. 

Eines Tages sieht er im Omnibus ein Mdchen , in welchem er sein 
Ideal zu erkennen glaubt. Er verfolgt es in dessen Wohnung, hlt augen- 
blicklich um dessen Hand an. Hin ausgewiesen, dringt er immer wieder ein, 
bis er verhaftet wird. 

X. hat niemals geschlechtlichen Umgang gehabt. 

Sehr zahlreich sind die Handfetischisten. Noch nicht eigent- 
lich pathologisch ist der folgende Fall. Er mge als ein Ueber- 
gangsfall hier Platz finden. 

Beobachtung 72. B. , aus neuropathischer Familie, sehr sinnlich, 
geistig intakt, gerth beim Anblick einer jungen schnen Damenhand jeweils 
in Entzcken und versprt sexuelle Erregung bis zur Erection. Kssen und 
Drcken der Hand ist ihm Seligkeit. Solange sie mit dem Handschuh bedeckt 
ist, fhlt er sich unglcklich. Unter dem Vorwand, wahrzusagen, sucht er in 
den Besitz solcher Hnde zu gelangen. Der Fuss ist ihm gleichgltig. Sind 
-die schnen Hnde mit Ringen geziert, so erhht dies seine Lust. Nur die 
lebende, nicht die nachgebildete Hand macht ihm diese wollstige Erregung. 
Nur wenn er durch hufigen Coitus sexuell erschpft ist, verliert die Hand 



Fetischismus. 163 

ihren sexuellen Reiz. Anfangs strte ihn das Erinnerungsbild von weiblichen 
Hnden selbst in der Arbeit. (Binet, op. cit.) 

Bin et berichtet, dass solche Flle von Schwrmerei fr die 
Hand des Weibes zahlreich sind. 

Erinnern wir uns an dieser Stelle, dass nach Beob. 23 ein 
Mann sich aus sadistischen Regungen, nach Beob. 45 aus maso- 
chistischen fr die Hand des Weibes begeistern kann. Solche Flle 
sind also mehrdeutig. 

Damit soll aber durchaus nicht gesagt sein, dass smmtliche 
oder nur die meisten Flle von Handfetischismus eine sadistische 
oder masochistische Erklrung zulassen oder ihrer bedrfen. 

Der folgende, ausfhrlich beobachtete, interessante Fall lehrt, 
dass, trotzdem anfnglich ein sadistisches oder masochistisches Ele- 
ment mit im Spiele zu sein scheint zur Zeit der Reife des In- 
dividuums und der Ausbildung der Perversion, diese von dergleichen 
Elementen nichts enthlt. Diese knnten allerdings im Laufe der 
Zeit wieder weggefallen sein; aber die Annahme der Entstehung 
des Fetischismus aus einer zuflligen Association gengt hier voll- 
kommen. 

Beobachtung 73. Fall von Handfetischismus, mitgetheilt von 
Albert Moll. P. L., 28 Jahr, Kaufmann in Westfalen. 

Abgesehen davon, dass der Vater des Patienten ein auffallend miss- 
gestimmter und etwas heftiger Mann ist, lsst sich in der Familie nichts erb- 
lich Belastendes nachweisen. 

Patient war in der Schule nicht sehr fleissig; er war niemals im Stande, 
seine Aufmerksamkeit lngere Zeit auf einen Gegenstand zu concentriren; hin- 
gegen hatte er von Kindheit an grosse Neigung zur Musik. Sein Tempera- 
ment war von jeher etwas nervs. 

Er kam im August 1890 zu mir und klagte ber Kopf- und Unterleibs- 
schmerzen, die einen durchaus neurasthenischen Eindruck machten. Patient 
gibt femer an, dass er sehr energielos sei. 

Ueber sein sexuelles Leben macht Patient erst auf genaue dahin 
zielende Fragen folgende Angaben. Die ersten Anfnge geschlechtlicher 
Erregungen stellten sich bei ihm, soweit ihm in Erinnerung ist, bereits im 
7. Lebensjahre ein. Si pueri eiusdem fere aetatis mingentis membrum ad- 
spexit, valde libidinibus excitatus est. L. behauptet mit Sicherheit,* dass diese 
Aufregung mit deutlichen Erectionen verbunden war. Verfhrt durch einen 
anderen Knaben , wurde L. im Alter von 7 oder 8 Jahren zur Onanie veran- 
lasst. Als sehr leicht erregbare Natur," sagt L., gab ich mich sehr hufig 
der Onanie bis zum 18. Lebensjahre hin, ohne dass mir ber die schdlichen 
Folgen oder berhaupt ber die Bedeutung des Vorganges eine klare Vor- 
stellung gekommen wre." Besonders liebte er es, cum nonnullis commilitoni- 



1(34 Paraesthesia sexualis. 

bus mutuam masturbationem tractare, keineswegs aber war es ihm gleichgltig, 
wer der andere Knabe war, vielmehr konnten ihm nur wenige Altersgenossen 
nach dieser Richtung hin gengen. Auf die Frage, was ihn besonders ver- 
anlasste, diesen oder jenen Knaben vorzuziehen, antwortete L., dass ihn bei 
seinen Schulkameraden besonders eine weisse, schn geformte Hand ver- 
lockte, mit ihnen gegenseitige Masturbation zu treiben. L. erinnert sich ferner 
daran, dass er hufig beim Beginn der Turnstunde sich ganz allein auf einem 
entfernt stehenden Barren mit Turnen beschftigte; er that dies in der Ab- 
sicht, ut quam maxime excitaretur idque tantopere assecutus est, ut membro 
manu non tacto, sine ejaculatione puerili aetate erat, voluptatem clare 
senserit. Interessant ist noch ein Vorgang, dessen sich der Patient aus seiner 
frheren Lebenszeit erinnert. Der eine Lieblingskamerad N. , mit dem L. 
mutuelle Masturbation trieb, machte ihm eines Tages folgenden Vorschlag: 
ut L. membrum N..i apprehendere conaretur, er, N. , wolle sich mglichst 
struben und den L. daran zu verhindern suchen. L. ging auf den Vorschlag 
ein. Es war somit die Onanie direct mit einem Kampfe der beiden Bethei- 
ligten verbunden, wobei N. stets besiegt wurde 1 ). 

Der Kampf endete nmlich regelmssig damit, ut N. tandem coactus sit 
membrum masturbari. L. versichert mir, dass diese Art der Masturbation ihm 
sowohl wie dem N. ein ganz besonders grosses Vergngen bereitet htte. In 
dieser Weise setzte nun L. bis zum 18. Lebensjahre sehr oft die Onanie fort. 
Von einem Freunde belehrt, bemhte er sich nun, mit allem Aufwand von 
Energie gegen seine ble Angewohnheit anzukmpfen. Es gelang ihm dies 
auch nach und nach immer mehr, bis er endlich nach Ausfhrung des ersten 
Coitus gnzlich von der Onanie abstand. Dies geschah aber erst im Alter 
von 21 '/a Jahren. Unbegreiflich erscheint es jetzt dem Patienten, und es 
erfllt ihn angeblich mit Ekel , dass er jemals daxan Gefallen finden konnte, 
mit Knaben Onanie zu treiben. Keine Macht knnte ihn heute dazu bringen, 
eines anderen Mannes Glied zu berhren, dessen Anblick ihm schon unan- 
genehm ist. Es hat sich jede Neigung zu Mnnern verloren und Patient fhlt 
sich durchaus zum Weibe hingezogen. 

Es sei aber erwhnt, dass, trotzdem L. entschiedene Neigung zum Weibe 
hat, doch eine abnorme Erscheinung bei ihm besteht. 

Was ihn nmlich bei dem weiblichen Geschlechte wesentlich aufregt, 
ist der Anblick einer schnen Hand; bei weitem mehr reizt es den L., 
wenn er eine weibliche schne Hand berhrt, quam si eandam feminam plane 
nudatam adspiceret. 

Wie weit die Vorliebe des L. fr die schne Hand eines weiblichen 
Wesens geht, erhellt aus folgendem Vorgang. 

L. kannte eine schne junge Dame, der alle Reize zur Verfgung stan- 
den; aber ihre Hand war ziemlich gross und hatte keine schne Form, war 
vielleicht auch manchmal nicht so rein, wie L. beanspruchte. Es war dem L. 
infolgedessen nicht nur unmglich, ein tieferes Interesse fr die Dame zu 
fassen, sondern er war nicht einmal im Stande, die Dame zu berhren. L. 



*) Also eine Art von rudimentrem Sadismus bei L. und Masochismus 
bei N.! 



Fetischismus. 165 

meint, dass es im Allgemeinen nichts Ekelhafteres fr ihn gebe, als unsaubere 
Fingerngel; diese allein machten es ihm unmglich, eine sonst noch so schne 
Dame zu berhren. Uebrigens hat L. hufig den Coitus in frheren Jahren 
dadurch ersetzt, ut puellam usque ad eiaculationem effectam membrum suum 
manu tractare iusserit. 

Auf die Frage , was ihn an der Hand des Weibes besonders anziehe, 
insbesondere, ob er in ihr das Symbol der Macht sehe, und ob es ihm Genuss 
bereite, von dem Weibe eine directe Demthigung zu erfahren, antwortete 
Patient, dass nur die schne Form der Hand ihn reize, dass von einem 
Weibe gedemthigt zu sein, ihm keinerlei Befriedigung gewhre und dass 
ihm noch niemals ein Gedanke daran gekommen sei, in der Hand das Symbol 
oder das Werkzeug der Macht des Weibes zu finden. Die Vorliebe fr die 
Hand des Weibes ist auch heute noch so gross, ut majore voluptate afficiatur 
si manus feminae membrum tractat quam coitu in vaginam. Dennoch mchte 
Patient diesen lieber ausfhren, weil er ihm als die natrliche, das erstere 
aber als eine krankhafte Neigung erscheint. Die Berhrung seines Krpers 
durch eine schne weibliche Hand verursacht dem Patienten sofort Erection; 
er meint, dass Kssen und andere Berhrungen bei weitem nicht so starken 
Einfluss ausben. 

Patient hat nur in den letzten Jahren fter den Coitus ausgefhrt, aber 
es fiel ihm jedesmal der Entschluss dazu ausserordentlich schwer. 

Auch fand er in dem Coitus nicht die volle Befriedigung, die er suchte. 
Wenn sich aber L. in der Nhe eines weiblichen Wesens befindet, das er gern 
besitzen mchte, so erhht sich in blossem Ansehen der Betreffenden zuweilen 
die sexuelle Aufregung des L. in dem Grade, dass Ejaculation erfolgt. L. 
versichert ausdrcklich, dass er hierbei absichtlich sein Glied nicht berhre oder 
drcke; die unter solchen Umstnden erfolgende Spermaentleerung gewhrt dem 
L. einen bei weitem grsseren Genuss, als der wirklich vollzogene Beischlaf l ). 

Die Trume des Patienten L., auf den ich zurckkomme, betreffen nie- 
mals den Beischlaf. Wenn er des Nachts Pollutionen hat, so kommen sie fast 
stets in Verbindung mit ganz anderen Gedanken vor, als dies bei normalen 
Mnnern der Fall ist. Die betreffenden Trume des Patienten sind Recapitu- 
lationen aus seiner Schulzeit. In dieser hatte nmlich Patient, abgesehen von 
der oben erwhnten mutu eilen Onanie, auch dann Samenerguss, wenn ihn eine 
grosse Aengstlichkeit berfiel. 

Wenn z. B. der Lehrer ein Extemporale dictirte und L. beim Ueber- 
setzen nicht zu folgen vermochte, so trat fter Ejaculation ein 2 ). Die jetzigen. 



*) Also hochgradige sexuelle Hypersthesie. Vgl. oben Anm. zu p. 50. 

2 ) Auch dies ist sexuelle Hypersthesie. Jede beliebige starke Erregung 
versetzt die sexuelle Sphre in Aufruhr (Binet's dynamogenie generale). 
Dr. Moll theilt diesbezglich noch folgenden Fall mit: 

Ein hnlicher Vorgang wird mir von einem 27jhrigen Herrn E. mit- 
getheilt. Derselbe, ein Kaufmann, hatte oft in der Schule und auch ausser- 
halb derselben dann Samenerguss mit Wollustgefhl, wenn ein starkes Angst- 
gefhl sich seiner bemchtigte. Ausserdem aber bte fast jeder sowohl krper- 
liche wie seelische Schmerz einen hnlichen Einfluss aus. Der Patient E. hat 
angeblich normalen Geschlechtstrieb, leidet aber an nervser Impotenz." 



\QQ Paraesthesia sexualis. 

in der Nacht zeitweise auftretenden Pollutionen sind stets nur von Trumen 
begleitet, die den gleichen oder verwandten Inhalt haben, wie die eben er- 
whnten Vorgnge auf der Schule. 

Patient hlt sich in Folge seines unnatrlichen Fhlens und Empfin- 
dens fr unfhig, ein Weib dauernd zu lieben. 

Eine Behandlung der sexuellen Perversion des Patienten konnte bisher 
nicht stattfinden. 

Dieser Fall von Handfetischismus beruht sicher nicht auf 
Masochismus oder Sadismus, sondern erklrt sich einfach aus frh 
getriebener mutueller Onanie. Ebensowenig liegt hier contrre 
Sexualempfindung vor. Bevor der Sexualtrieb sich seines Objectes 
klar bewusst wurde, ward hier die Hand des Mitschlers benutzt. 
Sobald der Trieb zum anderen Geschlechte deutlich wird, erscheint 
das Interesse fr die Hand auf die des Weibes bertragen. 

Es mgen so bei Handfetischisten , die nach B i n e t ja so 
zahlreich sind, noch andere Associationen zum gleichen Resultat 
fhren. 

An die Handfetischisten wrden sich naturgemss die Fuss- 
fetischisten anreihen. Whrend aber an die Stelle des Handfeti- 
schismus nur selten der zur folgenden Gruppe des Gegenstands- 
fetischismus gehrige Handschuhfetischismus tritt, finden wir statt 
der Schwrmerei fr den nackten Fuss des Weibes (wovon sich 
nur hie und da Andeutungen kaum pathologischer Art finden), den 
weitverbreiteten, in unzhligen Fllen vorkommenden Schuh- und 
Stiefelfetischismus. Der Grund hierfr ist leicht einzusehen. Die 
Hand des Weibes wird vom Knaben meist entblsst gesehen, der 
Fuss bekleidet *). So knpfen sich die frhen Associationen, welche 
bei Fetischisten die Richtung der Vita sexualis determiniren, natur- 
gemss an die nackte Hand, aber an den bekleideten Fuss. 

Der Schuhfetischismus fnde seinen Platz gleichfalls in der 
folgenden Gruppe der Kleidungsfetischisten ; er ist aber seines in 
der Mehrzahl der Flle nachweisbar masochistischen Charakters 
wegen grsstentheils bereits oben (p. 122 u. ff.) dargestellt worden. 

Neben Auge, Hand und Fuss spielen auch oft Mund und Ohr 
die Rolle des Fetisch. Solche Flle erwhnt u. A. Moll op. cit. 



*) Dies gilt wenigstens fr das Leben in der Stadt. Zwei Flle, in welchen 
der nackte Fuss des Weibes Fetisch war, habe ich in Jahrbcher f. Psychiatrie 
XII. 1 mitgetheilt. Im ersten Fall bertrug sich der Fetisch, nachdem der 
Betreffende contrr sexual geworden war, auch auf das eigene Geschlecht. 



Fetischismus. 1(57 

(Vgl. auch Belot's Roman: La bouche de Madame X., der nach B.'s 
Angabe auf einer directen Beobachtung beruht.) 

Aus meiner eigenen Beobachtung stammt der folgende merk- 
wrdige Fall. 

Beobachtung 74. Ein sehr belasteter Herr consultirte mich wegen 
ihn fast zur Verzweiflung treibender Impotenz. 

Sein Fetisch waren, so lange er Junggeselle war, Weiber von ppigen 
Formen. Er heirathete eine Dame von entsprechender Complexion, war mit 
ihr ganz potent und glcklich. Nach einigen Monaten erkrankte die Dame 
schwer und magerte stark ab. Als er eines Tages wieder seiner ehelichen 
Pflicht nachkommen wollte, war er gnzlich impotent und blieb es. Versuchte 
er dagegen Coitus mit ppigen Weibern, so war er vllig potent. 

Selbst Krperfehler knnen zum Fetisch werden. 

Beobachtung 75. X. , 28 Jahre , stammt aus schwer belasteter 
Familie. Er ist neurasthenisch , klagt ber mangelndes Selbstvertrauen und 
hufige Verstimmung mit Anwandlungen zu Suicidium, deren sich zu erwehren 
er oft Mhe habe. Bei geringster Widerwrtigkeit sei er ganz fassungslos 
und verzweifelt. Pat. ist Ingenieur in einer Fabrik in Russisch-Polen, von 
krftigem Krperbau, ohne Degenerationszeichen. Er klagt ber eine seltsame 
Manie", die ihn oft daran zweifeln lasse, ob er denn ein geistig gesunder 
Mensch sei. Seit dem 17. Jahr werde er ausschliesslich sexuell erregt durch 
den Anblick von weiblichen Gebrechen, ganz speciell von Weibern, die hinken 
und krumme Fsse haben. Der ursprnglichen associativen Verknpfung 
seiner Libido mit derartigen weiblichen Schnheitsfehlern ist sich Pat. in 
keiner Weise bewusst. 

Seit der Pubertt sei er im Bann dieses ihm selbst peinlichen Fetischis- 
mus. Das normale Weib habe fr ihn nicht den geringsten Reiz, nur das 
krumme, hinkende, mit Gebrechen an den Fssen behaftete. Habe ein Weib 
ein solches Gebrechen, so be es auf ihn einen mchtigen sinnlichen Reiz, 
gleichgltig ob dieses Weib schn oder hsslich sei. 

In Pollutionstrumen schweben ihm ausschliesslich solche hinkende 
Frauengestalten vor. Ab und zu knne er dem Antrieb nicht widerstehen, 
ein solches hinkendes Weib nachzuahmen. In dieser Situation bekomme er 
heftigen Orgasmus und eine von lebhaftem Wollustgefhl begleitete Ejacula- 
tion. Pat. versichert sehr libidins zu sein und unter der Nichtbefriedigung 
seiner Triebe sehr zu leiden. Gleichwohl habe er erst mit 22 Jahren und 
seither nur etwa 5mal coitirt. Er habe dabei, trotz Potenz, nicht die geringste 
Befriedigung empfunden. Wenn er das Glck htte, einmal mit einem hinkenden 
Frauenzimmer zu coitiren, wrde dies gewiss anders sein. Jedenfalls knnte 
er sich nur entschliessen, eine Hinkende zu heirathen. 

Seit dem 20. Jahr bietet Patient auch Kleidungsfetischismus. Es gengt 
ihm oft, weibliche Strmpfe, Schuhe, Hosen anzuziehen. Er kaufe sich ab und 
zu derlei Kleidungsstcke, ziehe sie heimlich an, werde davon wollstig erregt 
und bekomme Ejaculation. Von Weibern bereits getragene Kleidungsstcke 



1(38 Paraesthesia sexualis. 

haben fr ihn nicht den geringsten Reiz. Am liebsten wrde er anlsslich 
sinnlicher Erregungen Weiberkleider anziehen, aber er hat dies aus Furcht 
vor Entdeckung noch nicht zu thun gewagt. 

Seine Vita sexualis beschrnkt sich auf die erwhnten Praktiken. Pat. 
versichert bestimmt und glaubhaft, dass er nie der Masturbation ergeben war. 
In neuerer Zeit ist er, unter Zunahme seiner neurasthenischen Beschwerden, 
sehr von Pollutionen geplagt. 

Ein Beispiel ist ferner : Descartes, welcher (Traite des Passions 
CXXXVI) selbt Betrachtungen ber das Entstehen seltsamer Neigungen aus 
Ideenassociationen anstellte. Er fand stets Geschmack an schielenden Frauen, 
weil der Gegenstand seiner ersten Liebe diesen Fehler hatte. (Binet op. cit.) 

Lydston (A Lecture on sexual perversion, Chicago 1890) berichtet den 
Fall eines Mannes, der ein Liebesverhltniss mit einem Weibe unterhielt, dem 
ein Unterschenkel amputirt worden war. Nach der Trennung von dieser Person 
suchte er begierig nach anderen Weibern mit dem gleichen Defect. Ein 
negativer Fetisch! 

Wenn der Theil des weiblichen Krpers, welcher den Fetisch 
bildet, abtrennbar ist , also Haare , so kann es zu den extravagan- 
testen Handlungen kommen. Eine nicht uninteressante und zudem 
forensisch wichtige Categorie bilden deshalb die Haarfetischisten. 
Whrend solche Bewunderer des Frauenhaars in physiologischer 
Breite nicht selten sein drften und mglicherweise verschiedene 
Sinne (Auge, Geruch, Gehr wegen des knisternden Gerusches, 
jedenfalls auch Tastsinn, ganz analog wie bei Sammt- und Seide- 
fetischisten s. unten) hier Erregungen empfangen, die wollstige 
Betonung finden, ist auch schon eine Reihe ganz gleichfrmiger 
pathologischer Flle zur Beobachtung gekommen, in denen der zum 
bermchtigen Impuls gewordene Haarfetischismus dergleichen In- 
dividuen zu Delicten hinreisst. Das ist die Gruppe der Zopf- 
abschneider *). 

Beobachtung 76. Ein Zopfabschneider. P., 40 Jahre, Kunstschlosser, 
ledig, stammt von einem Vater, der temporr irrsinnig war, und von einer 
sehr nervsen Mutter. Er entwickelte sich gut, war intelligent, aber frh 
mit Tics und Zwangsvorstellungen behaftet gewesen. Er hatte nie masturbirt, 



*) Moll, op. cit. p. 131 berichtet: Ein Mann X. wird, sobald er ein 
weibliches Wesen mit einem Zopf erblickt, sofort hochgradig sexuell erregt; 
offenes noch so schnes Haar vermag diese Wirkung nicht zu erzielen." 

Es ist brigens natrlich nicht gerechtfertigt, alle Zopfabschneider fr 
Fetischisten zu halten, da in seltenen Fllen derlei auch aus Gewinnsucht ge- 
schieht, resp. der geraubte Zopf Waare, nicht Fetisch ist. 



Fetischismus. ] 69 

liebte platonisch, trug sich fters mit Heirathsplnen , coitirte nur selten mit 
Freudenmdchen, fhlte sich aber vom Verkehr mit solchen nie befriedigt, 
eher angewidert. Vor etwa 3 Jahren trafen ihn schwere Schicksalsschlge 
(finanzieller Ruin) und machte er berdies eine fieberhafte Krankheit mit 
Delir durch. Diese Umstnde schdigten schwer das Centralnervensystem des 
erblich Belasteten. Am Abend des 28. August 1889 wurde P. auf dem Tro- 
cadero in Paris in flagranti verhaftet, als er im Gedrnge einem jungen 
Mdchen den Zopf abgeschnitten hatte. Man verhaftete ihn mit dem Zopf 
in der Hand, eine Scheere in der Tasche. Er entschuldigte sich mit momen- 
taner Sinnesverwirrung, unseliger unbezwinglicher Leidenschaft, gab zu, dass 
er schon lOmal Zpfe abgeschnitten habe, die er daheim in wonnigem Ent- 
zcken verwahre. 

Bei der Haussuchung fand man 65 Zpfe und Haarflechten, sortirt in 
Paketen vor. Schon am 15. December 1886 war P. unter hnlichen Umstnden 
einmal verhaftet gewesen, aber wegen Mangel an Beweisen freigelassen worden. 

P. gibt an, dass er seit 3 Jahren, wenn Abends allein im Zimmer, sich 
unwohl, ngstlich, erregt und schwindlig fhlte und dann vom Drang heim- 
gesucht wurde, Frauenhaar zu betasten. Als er gelegentlich den Zopf eines 
jungen Mdchens wirklich in der Hand halten konnte, libidine valde excitatus 
est neque amplius puella tacta, erectio et eiaculatio evenit. Heimgekehrt, 
schmte er sich des Vorfalls, aber der Wunsch, Zpfe zu besitzen, ungemein 
wollstig betont, wurde immer mchtiger in ihm. Er wunderte sich sehr 
darber, da er doch frher beim intimsten Verkehr mit Weibern nie etwas 
derart empfunden hatte. Eines Abends konnte er dem Drang nicht wider- 
stehen, einem Mdchen den Zopf abzuschneiden. Daheim, mit dem Zopf in 
der Hand, wiederholte sich der wollstige Vorgang. Es zwang ihn, mit dem 
Zopf ber seinen Krper zu fahren, seine Genitalien darein zu wickeln. End- 
lich ganz erschpft, schmte er sich, getraute sich whrend einiger Tage gar 
nicht auszugehen. Nach Monaten der Ruhe trieb es ihn wieder, Frauenhaar, 
gleichgltig wem gehrig, unter die Hnde zu bekommen. Gelangte er zum 
Ziel, so fhlte er sich wie besessen von einer bernatrlichen Gewalt, ausser 
Stand, seine Beute loszulassen. Konnte er den Gegenstand seiner Begierde 
nicht erreichen, so wurde er tief verstimmt, eilte heim, whlte dann in seiner 
Collection von Zpfen, kmmte, betastete sie, gerieth dabei in mchtigen Or- 
gasmus und befriedigte sich durch Masturbation. Zpfe in den Auslegeksten 
der Friseure Hessen ihn ganz kalt. Es mussten vom Kopf einer Frauensperson 
herabhngende Zpfe sein. 

Auf der Hhe seiner Zopfattentate will er jeweils in solcher Erregung 
gewesen sein, dass er nur unvollkommen Apperception und demgemss Er- 
innerung hatte von dem, was um ihn her vorging. Sobald er mit der Scheere 
den Zopf berhrte, kam es zur Erection und im Moment des Abschneidens 
zur Ejaculation. 

Seit seinen Schicksalsschlgen vor etwa 3 Jahren will er gedchtniss- 
schwach, geistig rasch erschpft, von Schlaflosigkeit und nchtlichem Auf- 
schrecken heimgesucht sein. P. bereut tief seine Streiche. 

Man fand bei ihm nicht bloss Zpfe vor, sondern auch eine Menge von 
Haarnadeln, Bnder und andere weibliche Toilettegegenstnde, die er sich 
hatte schenken lassen. Er hatte von jeher eine wahre Manie gehabt, derlei 



170 Paraesthesia sexualis. 

zu sammeln, nicht minder Zeitungen, Holzstiickchen und anderen ganz werth- 
losen Kram, von dem er nie hatte lassen wollen. Auch hatte er eine sonder- 
bare, ihm ganz unerklrliche Scheu, eine gewisse Strasse zu passiren; machte 
er einmal den Versuch dazu, so wurde ihm ganz unwohl. 

Das Gutachten erwies den Hereditarier, den zwangsmssigen, impulsiven, 
entschieden unfreien Charakter der inkriminirten Akte, welche die Bedeutung 
einer Zwangshandlung, hervorgerufen durch eine mit abnormen sexuellen Ge- 
fhlen bermchtig betonte Zwangsvorstellung, haben. Freispruch. Irrenhaus. 
(Voisin, Socquet,Motet, Annales d'hygiene, 1890, April.) 

Im Anschluss an diesen Fall verdient auch der folgende, hn- 
liche alle Beachtung, da er gut beobachtet, geradezu klassisch zu 
nennen* ist und den Fetisch , sowie die ursprngliche associative 
Weckung der bezglichen Vorstellung in ein helles Licht stellt. 

Beobachtung 77. Ein Zopfabschneider. E., 25 Jahre. Mutter- 
schwester epileptisch, Bruder litt an Convulsionen. E. will als Kind gesund 
gewesen sein und ziemlich gut gelernt haben. Mit 15 Jahren empfand er zum 
erstenmal beim Anblick einer sich kmmenden Dorfschnen ein wollstiges 
Gefhl mit Erection. Bis dahin hatten Personen des anderen Geschlechts 
keinen Eindruck auf ihn gemacht. 2 Monate spter, in Paris, erregte ihn 
jedesmal mchtig der Anblick der ber den Nacken herabflatternden Haare 
junger Mdchen. Eines Tages konnte er sich nicht enthalten, bei solcher Ge- 
legenheit den Zopf eines jungen Mdchens zwischen den Fingern zu drehen. 
Er wurde deshalb verhaftet und zu 3 Monaten verurtheilt. 

Darauf diente er 5 Jahre als Soldat. Zpfe waren ihm whrend dieser 
Zeit nicht gefhrlich, aber auch wenig zugnglich, jedoch trumte ihm zu- 
weilen von Frauenkpfen mit Zopf oder aufgelstem Haar. Gelegentlich Coitus 
mit Frauenzimmern, jedoch ohne dass deren Haar als Fetisch wirkte. 

Wieder in Paris, trumt er in obiger Weise neuerlich und wird von 
Frauenhaar wieder sehr erregt. 

Niemals trumt er von der ganzen Gestalt eines Weibes, nur von 
Kpfen mit Zpfen. 

Seine sexuelle Erregung durch solchen Fetisch war in letzter Zeit so 
mchtig geworden, dass er sich mit Masturbation half. 

Die Idee, Frauenhaar zu betasten oder noch besser, Zpfe zu be- 
sitzen, um whrend deren Betastung masturbiren zu knnen, wurde immer 
mchtiger. 

Wenn er Frauenhaar unter den Fingern hatte , kam es neuerlich zur 
Ejaculation. Eines Tages war es ihm gelungen, bereits 3 Zpfe von kleinen 
Mdchen auf der Strasse etwa 25 cm lang abzuschneiden und in seinen Besitz 
zu bringen, als er beim Versuch an einem vierten verhaftet wurde. Tiefe 
Reue und Scham. Keine Verurth eilung. Seit geraumer Zeit in der Irren- 
anstalt, ist er so weit gekommen, dass ihn die Zpfe der Weiber nicht mehr 
aufregen. Freigelassen, gedenkt er in seine Heimath zu gehen, wo die Weiber 
ihr Haar aufgebunden zu tragen pflegen. (Magnan, Archives de l'anthropo- 
logie criminelle, 5. Bd., Nr. 28.) 



Fetischismus. 171 

Ein dritter Fall ist der folgende, der ebenfalls geeignet ist, 
das Psychopathische solcher Erscheinungen zu illustriren, und an 
welchem namentlich der merkwrdig vermittelte Ausgang in Hei- 
lung beachtenswerth ist. 

Beobachtung 78. Zopffetischismus. Herr X., Mitte der 
Dreissiger, aus hherer Gesellschaftsklasse, ledig, aus angeblich nicht belasteter 
Familie, jedoch von Kindsbeinen auf nervs, unstet, eigenartig, will seit etwa 
dem 8. Jahr sich mchtig durch Frauenhaar angezogen gefhlt haben. Ganz 
besonders war dies Seitens junger Mdchen der Fall. Als er 9 Jahre alt war, 
tflieb ein 13 Jahre altes Mdchen mit ihm Unzucht. Er hatte kein Verstnd- 
niss dafr und blieb dabei ganz unerregt. Auch die 12jhrige Schwester 
dieses Mdchens machte sich mit ihm zu schaffen, ksste ihn ab, presste ihn 
an sich. Er Hess sich das ruhig gefallen, weil das Haar dieses Mdchens ihm 
so gut gefiel. Etwa 10 Jahre alt, begann er wollstige Empfindungen beim 
Anblick von ihm zusagendem Frauenhaar zu verspren. Allmhlich kamen 
jene auch spontan, und sofort gesellten sich Erinnerungsbilder von Mdchen- 
haar hinzu. Im 11. Jahr wurde er von Mitschlern zur Masturbation verfhrt. 
Die associative Knpfung sexueller Gefhle und einer fetischistischen Vorstel- 
lung war damals schon festgeschlossen und trat jeweils hervor, wenn Pat. mit 
seinen Kameraden Unzucht trieb. Mit den Jahren wurde der Fetisch immer 
mchtiger. Selbst falsche Zpfe begannen ihn zu erregen, jedoch waren ihm 
lebende immer lieber. Wenn er solche berhren oder gar kssen konnte, war 
er ganz selig. Er verfasste Aufstze und machte Gedichte ber die Schnheit 
des Frauenhaars, zeichnete Zpfe und masturbirte dazu. Vom 14. Jahr wurde 
er von seinem Fetisch so mchtig erregt, dass er heftige Erectionen bekam. 
Entgegen seinem frheren Geschmack als Knabe reizten ihn nur mehr Zpfe, 
ganz besonders ppige, schwarze, dicht geflochtene. Er empfand lebhaften 
Drang, solche Zpfe zu kssen, resp. an ihnen zu saugen. Das Betasten solchen 
Haares machte ihm wenig Befriedigung, viel mehr der Anblick, namentlich 
aber das Kssen und Saugen. 

War ihm dies unmglich, so war er unglcklich bis zu Taedium vitae. 
Er versuchte sich dann schadlos zu halten, indem er sich phantastisch Haar- 
abenteuer" ausmalte und dazu masturbirte. 

Nicht selten, auf der Strasse und im Gedrnge, konnte er sich nicht 
zurckhalten, Damen einen Kuss auf den Kopf zu drcken. Er eilte dann 
heim, um zu masturbiren. Zuweilen konnte er jenem Impuls Widerstand 
leisten, aber er* musste unter lebhaften Angstgefhlen schleunigst die Flucht 
ergreifen, um aus dem Bannkreis seines Fetisch zu gelangen. Nur einmal im 
Gedrnge trieb es ihn , einem Mdchen den Zopf abzuschneiden. Er hatte 
dabei heftige Angst, reussirte nicht mit seinem Taschenmesser und entging 
mit Mhe durch die Flucht der Gefahr, erwischt zu werden. 

Erwachsen, versuchte er durch Coitus mit Puellis sich zu befriedigen. 
Er gelangte zu mchtiger Erection durch Kssen der Zpfe, brachte es aber 
zu keiner Ejaculation. Deshalb war er vom Coitus unbefriedigt. Gleichwohl 
war seine liebste Vorstellung Coitus mit Haarkssen. Dieses allein gengte 
ihm nicht, da er dadurch auch nicht zur Ejaculation gelangte. Faute de mieux 



172 / Paraesthesia sexualis. 

stahl er einmal einer Dame ihr ausgekmmtes Haar, steckte es in den Mund 
und masturbirte dazu, indem er sich die Eigenthmerin vorstellte. Im Dunkeln 
hatte er kein Interesse am Weib, weil er dessen Zpfe nicht sah. Auch auf- 
gelstes Kopfhaar hatte fr ihn keinen Reiz, ebensowenig Schamhaare. Seine 
erotischen Trume drehten sich nur um Zpfe. In der letzten Zeit war Pat. 
sexuell so erregt geworden, dass er in eine Art Satyriasis gerieth. Er wurde 
unfhig zum Beruf, fhlte sich so unglcklich, dass er sich in Alkohol zu 
betuben suchte. Er consumirte sehr grosse Mengen, bekam ein Alkoholdelir, 
einen Anfall von Alkoholepilepsie, wurde spitalsbedrftig. Nach Beseitigung 
der Intoxication schwand ziemlich rasch die sexuelle Erregung unter geeigneter 
Behandlung, und als Pat. entlassen wurde, war er von seiner nur noch in 
Trumen ab und zu sich geltend machenden Fetischvorstellung befreit. 
Der krperliche Befund ergab normale Genitalien, wie berhaupt keine 
Degenerationszeichen. 

Derartige Flle von Zopffetischismus, der zu Attentaten auf 
Frauenzpfe fhrt, scheinen von Zeit zu Zeit allerorten vorzukommen. 
Im November 1890 wurden nach amerikanischen Zeitungsberichten 
ganze Stdte in den Ver. Staaten durch einen solchen Zopfabschneider 
beunruhigt. 



b) Der Fetisch ist ein Stck der weiblichen Kleidung. 

Wie gross die Bedeutung ist, die weiblicher Schmuck, Putz 
und Kleidung auch fr die normale Vita sexualis des Mannes haben, 
ist allgemein bekannt. Cultur und Mode haben hier dem Weibe 
gewissermassen knstliche Geschlechtscharaktere angeschaffen, deren 
Wegfall, wenn das Weib unbekleidet in Betracht kommt, trotz der 
normalen sinnlichen Wirkung dieses Anblicks, als Verlust, als be- 
fremdend wirken kann 1 ). Es darf hierbei auch nicht bersehen 
werden, dass die Kleidung des Weibes hufig die Tendenz zeigt, 
bestimmte Geschlechtseigenthmlichkeiten , secundre Geschlechts- 
charaktere (Busen, Taille, Hften) hervorzuheben und zu outriren. 

Bei den meisten Individuen erwacht der Geschlechtstrieb lange 
vor der Mglichkeit und Gelegenheit intimen Verkehrs, und die 
frhen Begierden der Jugend beschftigen sich mit dem gewohnten 
Bilde der bekleideten weiblichen Gestalt. So kommt es, dass nicht 
selten im Beginn der Vita sexualis die Vorstellung des geschlecht- 
lich Reizenden und weiblicher Kleidung sich associiren. Diese Asso- 



J ) Vergl. Goethe's Bemerkungen zu seinem Abenteuer in Genf (Briefe 
aus der Schweiz, 1. Abtheil., Schluss). 



Fetischismus. 173 

ciation kann namentlich dann eine unlsbare werden das be- 
kleidete Weib dem nackten dauernd vorgezogen werden , wenn 
die betreffenden Individuen, unter der Herrschaft anderer Perver- 
sionefc stehend, berhaupt nicht zu einer normalen Vita sexualis 
und zur Befriedigung durch natrliche Reize gelangen. 

Bei psychopathischen, sexuell hypersthetischen Individuen 
kommt es in Folge dessen wirklich vor, dass das bekleidete Weib 
bleibend dem nackten Krper vorgezogen wird. Erinnern wir uns, 
dass in Beob. 47 das Weib die letzte Hlle nicht fallen lassen darf, 
dass Beob. 49, equus eroticus, das bekleidete Weib vorzieht. Auch 
weiter unten findet sich eine gleiche Aeusserung eines contrr 
Sexualen. 

Dr. Moll (op. cit. 2. Aufl.) erwhnt einen Patienten, der den 
Coitus mit puella nuda nicht ausfhren konnte; das Weib musste 
wenigstens mit einem Hemd bekleidet sein; p. 166 fhrt derselbe 
Autor einen contrr Sexualen an, der demselben Kleidungs- 
fetischismus unterworfen ist. 

Der Grund dieser Erscheinung ist offenbar in der Gedanken- 
onanie solcher Individuen zu suchen. Sie haben beim Anblick un- 
zhliger bekleideter Gestalten Begierden empfunden, bevor sie sich 
der Nacktheit gegenber sahen 1 ). 

Eine zweite, ausgesprochenere Form des Kleidungsfetischismus 
besteht darin, dass nicht berhaupt das bekleidete Weib vorgezogen 
wird, sondern dass eine bestimmte Art der Kleidung zum Fetisch 
wird. Es ist begreiflich, dass ein starker und namentlich ein frher 
sexueller Eindruck , der mit der Vorstellung einer bestimmten 
Kleidung des betreffenden Weibes verbunden war, bei hypersthe- 
tischen Individuen ein hchst intensives Interesse an diese Kleidung 
knpfen kann. 

Hammond (op. cit. p. 46) berichtet folgenden aus Roubaud 
Tratte de l'impuissance", Paris 1876, citirten Fall: 

Beobachtung 79. X. , Sohn eines Generals , wurde auf dem Lande 
aufgezogen. Im Alter von 14 Jahren wurde er von einer jungen Dame in die 
Freuden der Liebe eingeweiht. Diese Dame war eine Blondine, die ihr Haar 



*) Etwas dem Objecte nach Aehnliches, der psychischen Vermittlung 
nach aber ganz Anderes, ist die Thatsache, dass der halbverhllte Krper oft 
reizender wirkt, als der ganz nackte. Dies beruht auf Contrastwirkungen und 
Erwartungsaffecten, welche eine allgemeine Erscheinung sind und nichts Patho- 
logisches enthalten. 



174 Paraesthesia sexualis. 

in gewundenen Locken trug und, um nicht entdeckt zu werden, mit ihrem 
jungen Liebhaber nur in ihrer gewhnlichen Kleidung mit Gamaschen, Corset 
und in ihrem Seidenkleide geschlechtlich verkehrte. 

Als er nach Beendigung seiner Studien zur Garnison gesandt wurde 
und hier nun seine Freiheit gemessen wollte, fand er, dass sein Sexualtrieb 
nur unter ganz bestimmten Bedingungen angeregt wurde. So konnte eine 
Brnette ihn nicht im mindesten reizen, und ein Weib im Nachtcostm war 
im Stande, jede Liebesbegeisterung in ihm ganz zu ersticken. Eine Frau, die 
seine Begierden wecken sollte, musste eine Blondine sein, mit Gamaschen 
gehen, ein Corset und ein seidenes Kleid tragen, kurz, ganz so gekleidet sein, 
wie die Dame, die zuerst in ihm den Geschlechtstrieb erregt hatte. Er war 
immer den Bemhungen, ihn zu verheirathen, ausgewichen, da er wusste, dass 
er seine Gattenpflichten gegen ein Weib im Schlafcostme nicht werde aus- 
ben knnen. 

Hammond berichtet noch p. 42 einen Fall, wo der Coitus maritalis 
nur durch bestimmtes Costm erzielt werden konnte, und Dr. Moll op. cit. 
erwhnt mehrere derartige Flle bei Hetero- und Homosexualen. Als ver- 
anlassende Ursache ist eine frhe Association oft nachzuweisen und stets an- 
zunehmen. Nur so wird es erklrlich, dass auf solche Individuen ein be- 
stimmtes Costm unwiderstehlich wirkt, gleichgltig, welche Person immer 
den Fetisch trgt. So wird es begreiflich, dass, wie Coffignon (op. cit.) er- 
zhlt, Mnner in Bordellen darauf bestehen, dass die Weiber, mit denen sie 
zu thun haben, ein bestimmtes Costm als Ballettnzerin, Nonne etc. anlegen, 
und dass diese Huser zu solchen Zwecken mit einer ganzen Maskengarderobe 
versehen sind. 

Bin et (op. cit.) erzhlt den Fall eines Richters, der ausschliesslich in 
die Italienerinnen, die als Malermodelle nach Paris kommen, und in ihr be- 
stimmtes Costm verliebt war. Die veranlassende Ursache war hier nachweis- 
bar ein Eindruck beim Erwachen des Geschlechtstriebs. 

Eine dritte Form des Kleidungsfetischismus , die einen weit 
hheren Grad des Pathologischen darstellt, ist die folgende, bei 
weitem am hufigsten zur Beobachtung ^kommende. Sie besteht 
darin, dass es gar nicht mehr das Weib selbst ist, welches, wenn 
auch bekleidet oder auf eine bestimmte Art gekleidet, in erster 
Linie sexuell reizend wirkt, sondern dass das sexuelle Interesse so 
sehr sich auf ein bestimmtes Stck der weiblichen Kleidung con- 
centrirt, dass die lustbetonte Vorstellung dieses Kleidungsstckes 
sich gnzlich von der Gesaramtvorstellung des Weibes loslst und 
so selbststndigen Werth gewinnt. Dies ist das eigentliche Gebiet 
des Kleidungsfetischismus, wo eine unbelebte Sache, ein isolirtes 
Stck der Kleidung fr sich allein zur Erregung und Befriedigung 
des Geschlechtstriebes bentzt und verwendet wird. Diese dritte 
Form des Kleidungsfetischismus ist auch die forensisch wichtigste. 

In einer grossen Zahl von Fllen handelt es sich hier um 



Fetischismus. 175 

Stcke weiblicher Leibwsche, die ja durch ihren intimen Charakter 
besonders geeignet sind, solche Associationen an sie zu knpfen. 

Beobachtung 80. K., 45 Jahre alt, Schuhmacher, angeblich erblich 
nicht belastet, von eigenthmlichem Wesen, geistig wenig begabt, von mnn- 
lichem Habitus, ohne Degenerationszeichen, sonst tadellos in seinem Benehmen, 
wurde ertappt, als er am 5. Juli 1876 Abends aus einem Versteck gestohlene 
Frauenwsche abholte. Es fanden sich bei ihm etwa 300 Toilettegegenstnde 
von Frauen vor, darunter, neben Frauenhemden und Beinkleidern, auch Nacht- 
hauben, Strumpfbnder, sogar eine weibliche Puppe. Als er verhaftet wurde, 
hatte er gerade ein Frauenhemd auf dem Leibe. Schon seit 13 Jahren hatte 
er seinem Drang, Frauenwsche zu stehlen, gefrhnt, war, das erste Mal des- 
halb bestraft, vorsichtig geworden und hatte in der Folge mit Raffinement 
und Glck gestohlen. Wenn dieser Drang ber ihn kam, sei ihm ngstlich, 
der Kopf ganz schwer geworden. Er habe dann nicht widerstehen knnen, 
koste es, was es wolle. Es sei ihm ganz gleich gewesen, wem er die Sachen 
wegnehme. 

Die gestohlenen Sachen habe er Nachts im Bett angezogen, dabei sich 
schne Weiber vorgestellt und wollstige Gefhle und Samenabgang versprt. 

Dies war offenbar das Motiv seiner Diebsthle, jedenfalls hatte er nie 
eines der gestohlenen Gegenstnde sich entussert, vielmehr dieselben da und 
dort versteckt. 

Er gab an, dass er in frheren Zeiten mit Weibern normal geschlecht- 
lich verkehrt habe. Onanie, Pderastie und andere sexuelle Akte stellte er in 
Abrede. Mit 25 Jahren will er verlobt gewesen sein, jedoch sei diese Ver- 
lobung ohne seine Schuld zurckgegangen. Das Krankhafte seines Zustandes 
und das Unrechte seiner Handlungen vermochte er nicht einzusehen (Passow, 
Vierteljahrsschrift f. ger. Medic, N. F. XXVIII, p. 61. Krauss, Psychologie 
des Verbrechens 1884, p. 190). 

Einen Fall von leidenschaftlichem Interesse fr einzelne Stcke 
der weiblichen Kleidung berichtet Hammond op. cit. p. 43. Auch 
hier besteht des Patienten Genuss darin, selbst ein Corset am Leibe 
zu tragen , ebenso andere weibliche Kleidungsstcke (ohne Spuren 
von contrrer Sexualempfindung). Der Schmerz bei forcirtem 
Schnren, an sich selbst und an Frauen hervorgerufen, ist ihm eine 
Freude: sadistisch-masochistisches Element. 

Ein hierher gehriger Fall drfte auch der von Diez (Der 
Selbstmord 1838, p. 24) mitgetheilte sein, wo ein junger Mensch 
dem Drang nicht widerstehen konnte, Frauenwsche zu zerreissen. 
Er hatte whrend dieses Zerreissens regelmssig Ejaculation. 

Eine Verbindung von Fetischismus mit Zerstrungsdrang gegen 
den Fetisch (gewissermassen Sadismus am unbelebten Object) scheint 
mehrfach vorzukommen. Vgl. unten Beob. 91. 



176 Paraesthesia sexualis. 

Ein Kleidungsstck, welches zwar nicht eigentlich intimen 
Charakter hat, -aber durch Stoff und Farbe an Leibwsche erinnern 
kann, auch wohl durch die Stelle, an welcher es getragen wird, 
sexuelle Beziehungen erhlt, ist die Schrze. (Vgl. auch die meto- 
nymische Verwendung des Wortes Schrze" neben Unterrock" 
im Sprachgebrauch: Jeder Schrze nachlaufen" etc.) Dies bietet 
eine Handhabe zum Verstndniss des folgenden Falles: 

Beobachtung 81. C. , 37 Jahre alt, aus schwer belasteter Familie, 
von plagiocephalem Schdel, geistig schwach begabt, bemerkte mit 15 Jahren 
eine zum Trocknen aufgehngte Schrze. Er band sie sich um und onanirte 
hinter einer Hecke. Seither konnte er keine Schrze sehen, ohne den Akt 
damit zu wiederholen. Sah er Jemand, gleichgltig ob Frau oder Mann, mit 
einer Schrze angethan, daherkommen, so musste er nachlaufen. Um ihn von 
seinen endlosen Schrzendiebsthlen zu befreien, that man ihn im 16. Jahre 
zur Marine. Dort gab es keine Schrzen und vorlufig Ruhe. Mit 19 Jahren 
heimgekehrt, musste er wieder Schrzen stehlen, kam dadurch in fatale Ver- 
wicklungen, wurde mehrmals eingesperrt, versuchte durch mehrjhrigen Auf- 
enthalt in einem Trappistenkloster von seinem Gelste frei zu werden. Aus- 
getreten, ging es ihm wie frher. 

Anlsslich eines neuen Diebstahls wurde er gerichtsrztlich untersucht 
und der Irrenanstalt bergeben. Nie stahl er etwas Anderes als Schrzen. 
Es war ihm ein Genuss, in dem Erinnerungsbild der ersten gestohlenen Schrze 
zu schwelgen. Seine Trume drehten sich um Schi-zen. In der Folge benutzte 
er ihre Erinnerungsbilder, um gelegentlich Coitus zu Stande zu bringen, oder 
auch zu masturbiren. (Charcot-Magnan, Arch. de Neurolog. 1882, Nr. 12.) 

In einem dieser Reihe von Beobachtungen analogen von Lombroso 
(Amori anomali precoci nei pazzi. Arch. di psich. 1883, p. 17) mitgetheilten 
Falle bekam ein erblich schwer belasteter Knabe schon im 4. Jahre Erection 
und heftige sexuelle Erregung beim Anblick weisser Gegenstnde, namentlich 
Wsche. Berhrung, Zerknittern von solcher machte ihm Wollust. Mit dem 
10. Jahre begann er Angesichts weisser gestrkter Wsche zu masturbiren. Er 
scheint mit moralischem Irresein behaftet gewesen zu sein und wurde wegen 
Mordes hingerichtet. 

Mit eigenthmlichen Umstnden combinirt ist der folgende 
Fall von Unterrockfetischismus: 

Beobachtung 82. Herr Z., 35 Jahre alt, Beamter, stammt als einziges 
Kind von einer nervsen Mutter und gesundem Vater ab. Er war von Kindes- 
beinen an nervs", erschien bei der Consultation auffllig durch neuropathi- 
sches Auge, zarten, schmchtigen Krper, feine Zge, sehr dnne Stimme, 
sprlichen Bartwuchs. Bis auf Erscheinungen leichter Neurasthenie ist an 
Pat. nichts Krankhaftes nachzuweisen. Genitalien normal, desgleichen die 
sexuellen Functionen. Pat. will nur 4 5mal , und zwar als kleiner Junge, 
masturbirt haben. 



Fetischismus. 177 

Schon mit 13 Jahren wurde Pat. durch den Anblick von nassen 
Weiberkleidern mchtig sexuell erregt, whrend solche Kleider in trockenem 
Zustande ihn gar nicht erregten. Sein grsster Genuss war es, wenn es regnete, 
nach durchnssten Frauenzimmern auszuschauen. Traf er auf ein solches und 
hatte das betreffende Weib zudem ein sympathisches Gesicht, so hatte er in- 
tensive Wollustgefhle, mchtige Erection und fhlte sich zum Coitus ge- 
trieben. 

Gelste, sich nasse Weiberrcke zu verschaffen oder ein Frauenzimmer 
mit Wasser zu bespritzen, will er nie gehabt haben. Ueber die ursprngliche 
Entstehung seiner Pica vermochte Pat. keinen Aufschluss zu geben. 

Es ist mglich, dass der Geschlechtstrieb in diesem Falle beim Anblick 
eines Weibes zum ersten Mal aufgetaucht ist, welches bei Regenwetter die 
nassen Rcke aufhob und Reize sehen liess. Der seines Objektes noch nicht 
bewusste dunkle Trieb wurde dann auf die nassen Rcke projicirt, wie in 
anderen Fllen. 

Hufig und deshalb forensisch wichtig sind die Liebhaber 
weiblicher Taschentcher. Zur Hufigkeit des Taschen- 
tuchfetischismus mag beitragen, dass das Taschentuch dasjenige 
Wschestck des Weibes ist, welches am hufigsten auch im nicht 
intimen Verkehr in den Anblick und, sammt der ihm anhaftenden 
Krpertemperatur und specifischem Gerche, durch Zufall in die 
Hnde einer anderen Person gerathen kann. Hierauf mag die 
Hufigkeit frher Association von wollstigen Empfindungen mit 
der Vorstellung eines Taschentuches, die auch hier wohl immer 
anzunehmen ist, beruhen. 

Beobachtung 83. Ein bisher unbescholtener, 32 Jahre alter lediger 
Bckergehilfe wurde ertappt, als er einer Dame ein Taschentuch stahl. Er 
gestand mit aufrichtiger Reue, dass er bereits 80 90 derartige Sacktcher 
entwendet hatte. Er hatte es nur auf solche abgesehen und zwar ausschliess- 
lich bei jngeren und ihm zusagenden Frauenzimmern. 

Inculpat bietet in seiner usseren Erscheinung nichts Aufflliges. Er 
kleidet sich sehr gewhlt, zeigt ein eigenthmliches , theils ngstlich depres- 
sives, theils unmnnlich devotes Wesen und Benehmen, das sich oft bis zu 
einem larmoyanten Ton und Thrnen steigert. Auch eine unverkennbare Un- 
behilflichkeit , Schwche in der Auffassung, Trgheit in der Orientirung und 
Reflexion gibt er zu erkennen. Eine seiner Schwestern ist epileptisch. Er lebt 
in guten Verhltnissen, war nie schwer krank, entwickelte sich gut. In der 
Mittheilung seiner Lebensgeschichte zeigt er Gedchtnissschwche, Unklarheit, 
auch das Rechnen fllt ihm schwer, obwohl er frher gut gelernt hatte und 
auffasste. Sein ngstliches, unsicheres Wesen machte den Verdacht der Onanie 
rege. Inculpat gestand, dass er seit dem 19. Jahr diesem Laster in excessiver 
Weise ergeben war. 

Seit einigen Jahren hatte er in Folge seines Lasters an Abgeschlagenheit, 
Mattigkeit , Zittern der Beine , Rckenschmerzen , Unlust zur Arbeit gelitten, 
v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 12 



178 Paraesthesia sexualis. 

Oeffcers kam auch eine traurig-ngstliche Verstimmung ber ihn, in welcher 
er die Leute mied. Von den Folgen geschlechtlichen Verkehrs mit Frauen- 
zimmern hatte er bertriebene, abenteuerliche Vorstellungen und konnte sich 
nicht zu solchem entschliessen. In letzter Zeit hatte er jedoch an Verehe- 
lichung gedacht. 

Mit tiefer Reue und in schwachsinniger Weise gestand nun X., dass er 
vor V 2 J anr i m Menschengedrnge beim Anblick eines jungen hbschen Md- 
chens sich heftig geschlechtlich erregt fhlte, sich an dasselbe drngen musste 
und den Drang empfand, durch Wegnahme des Taschentuchs sich fr eine 
ausgiebigere Befriedigung seiner geschlechtlichen Regung zu entschdigen. 

In der Folge wurde er, sobald er ein ihm zusagendes Frauenzimmer 
gewahr wurde, unter heftiger geschlechtlicher Erregung, Herzklopfen, Erection 
und Impetus coeundi vom Drang erfasst, sich an die betreffende Person zu 
drngen und ihr faute de mieux das Taschentuch zu entwenden. Ob- 
wohl ihn keinen Moment das Bewusstsein seiner strafbaren Handlung verliess, 
konnte er seinem Drange nicht Widerstand leisten. Dabei fhlte er Angst, 
die theils durch den zwangsmssigen geschlechtlichen Trieb , theils durch die 
Furcht vor Entdeckung bedingt war. 

Das Gutachten macht mit Recht den angeborenen Schwachsinn, den 
zerrttenden Einfluss der Onanie geltend und fhrt das abnorme Gelste auf 
einen perversen Geschlechtstrieb zurck, wobei ein interessanter und physio- 
logisch auch gekannter Connex zwischen Geruchs- und Geschlechtssinn bestehe. 
Die Unwiderstehlichkeit des krankhaften Triebs wurde anerkannt. X. wurde 
nicht bestraft (Zippe, Wiener med. Wochenschrift 1879, Nr. 23). 

Der Gte des Herrn Landesgerichtsarztes Prof. Dr. Fritsch 
in Wien verdanke ich weitere Mittheilungen ber diesen Taschen- 
tuchfetischisten, welcher im August 1890 neuerdings verhaftet wurde, 
als er gerade einer Dame das Taschentuch aus dem Rocke ziehen 
wollte. 

Bei einer Hausdurchsuchung fand man 446 Stck Damentaschentcher 
vor. Ueberdies will er 2 Bndel solcher Corpp. delicti verbrannt haben. Ferner 
ergab sich im Laufe der Untersuchung, dass X. schon 1883 wegen Diebstahls 
von 27 Sacktchern mit 14 Tagen Arrest und wegen des gleichen Delicts 1886 
mit 3 Wochen Arrest bestraft war. 

Ueber seine verwandtschaftlichen Beziehungen erfhrt man nur, dass 
sein Vater viel an Congestionen litt und dass eine Tochter seines Bruders 
schwachsinnig und Constitutionen neuropathisch ist. 

X. hatte 1879 geheirathet und ein selbstndiges Geschft angefangen. 
1881 gerieth er in Concurs. Bald darauf begehrte seine Frau, die sich mit 
ihm nicht vertragen konnte und der er angeblich seine eheliche Pflicht nicht 
leistete (von X. bestritten), die Ehescheidung. Er lebte in der Folge als Bcker- 
gehilfe im Geschfte seines Bruders. 

Seinen unglcklichen Drang nach Taschentchern von Damen beklagt 
er tief, aber wenn er in die bezgliche Situation komme, vermge er sich 
leider nicht zu beherrschen. Er verspre dabei ein Wonnegefhl und es sei 



Fetischismus. 179 

ihm, wie wenn jemand ihn dazu drnge. Zuweilen vermge er sich zurck- 
zuhalten, aber wenn die Dame ihm sympathisch sei, erliege er im ersten An- 
trieb. Er sei dabei ganz nass von Schweiss, theils aus Angst vor Entdeckung, 
theils in Folge des Triebes zur Ausfhrung der That. Schon seit den Pubertts- 
jahren will er sinnliche Erregungen beim Anblick von Weibern gehrigen 
Taschentchern empfunden haben. Der nheren Umstnde, unter welchen 
diese fetischistische Association sich knpfte, vermag er sich nicht zu erinnern. 
Die sinnliche Erregung beim Anblick von Damen mit aus der Tasche hervor- 
stehendem Taschentuch habe sich immer mehr gesteigert. Wiederholt sei es 
dabei zu Erectionen gekommen, nie aber zu Ejaculation. 

Vom 21. Jahr ab will er einige Male Anwandlungen zu normaler Ge- 
schlechtsbefriedigung gehabt und ohne bestehende Taschentuchvorstellungen 
anstandslos coitirt haben. Mit berhandnehmendem Fetischismus sei die An- 
eignung von Taschentchern fr ihn eine viel grssere Befriedigung geworden 
als der Coitus. Die Aneignung eines Taschentuchs einer sympathischen Dame 
sei ihm soviel werth gewesen, als ob er mit der betreffenden Dame sexuell 
verkehrt htte. Er fhlte dabei wahren Orgasmus. 

Konnte er nicht in den Besitz eines begehrten Taschentuches gelangen, 
so fhlte er qulende Aufregung, Zittern, Schweiss am ganzen Krper. 

Taschentcher von ihm besonders sympathischen Frauen bewahrte er 
separat auf, weidete sich an ihrem Anblick und fhlte dabei grosses Wohl- 
behagen. Auch der Geruch derselben machte ihm eine wonnige Empfindung, 
jedoch behauptet er, es sei wesentlich der eigenthmliche Wschegeruch, nicht 
der etwaigen Parfms gewesen, der ihn sinnlich erregte. Masturbirt will er 
nur hchst selten haben. 

Ausser zeitweiligem Kopfschmerz und Schwindel klagt X. ber keine 
krperlichen Beschwerden. Er bedauert tief sein Unglck, seinen krankhaften 
Trieb, den bsen Dmon, der ihn zu solchen strafbaren Handlungen antreibe. 
Er habe nur einen Wunsch, dass ihm Jemand helfen knnte. Objectiv finden 
sich leicht neurasthenische Erscheinungen, Anomalien der Blutvertheilung, un- 
gleiche Pupillen. 

Nachweis, dass X. unter krankhaftem, unwiderstehlichem Zwang seine 
Delicte begangen hat. Freisprechung. 

Solche Flle von Taschentuchfetischismus, der ein abnormes 
Individuum bis zu Diebsthlen fortreisst, sind sehr zahlreich. Sie 
kommen auch bei contrr Sexualen vor, wie der folgende Fall be- 
weist, den ich Herrn Dr. MolFs hier mehrfach citirtem Werke 
p. 162 entnehme *). 



! ) Pag. 161 op. cit. sagt Dr. Moll ber diesen Trieb bei Heterosexualen: 
Die Leidenschaft fr Taschentcher kann soweit gehen, dass ein Mann voll- 
stndig im Banne des Taschentuchs steht. Eine weibliche Person sagte mir: 
,Ich kenne einen Herrn; wenn ich ihn in der Ferne sehe, so brauche ich nur 
mein Taschentuch hervorzuziehen, so dass es aus der Tasche etwas heraus- 
guckt, und ich bin sicher, jener Herr folgt mir wie ein Hund seinem Herrn 



180 Paraesthesia sexualis. 

Beobachtung 84. Fall von Taschentuchfetischismus bei con- 
trrer Sexualempfindung. 

K. , 38 Jahre alt, Handwerker, ein krftig gebauter Mann, klagt ber 
zahlreiche Beschwerden, Schwche in den Beinen, Rckenschmerzen, Kopf- 
schmerz, Mangel an Arbeitslust u. s. w. Die Klagen machen den ausgesproche- 
nen Eindruck von Neurasthenie mit Neigung zur Hypochondrie. Erst mehrere 
Monate, nachdem Patient in meiner Behandlung gewesen, gibt er an, dass er 
auch sexuell abnorm sei. 

K. hat niemals irgendwelchen Trieb zum Weibe gehabt; schne Mnner 
hingegen bten von jeher einen ganz besonderen Reiz auf ihn aus. Patient 
hat von Jugend auf bis zur Zeit, wo er zu mir kam, viel onanirt. Mutuelle 
Onanie oder Pderastie hat K. niemals getrieben. Er glaubt auch nicht, dass 
er hierin eine Befriedigung gefunden htte, da trotz seiner Vorliebe fr Mnner 
ein weisses Wschestck von ihnen den Hauptreiz auf K. ausbte, wobei 
aber die Schnheit des Besitzers eine Rolle spielte; besonders sind es Taschen- 
tcher von schnen Mnnern, durch die K. sexuell erregt wird. Seine hchste 
Wollust besteht darin, dass er in die Taschentcher von Mnnern masturbirt. 
Er nahm aus diesem Grunde fter seinen Freunden Taschentcher; um sich 
vor Entdeckung der Entwendung zu schtzen, liess Patient stets eines seiner 
eigenen Taschentcher bei seinen Freunden zurck als Ersatz des jeweilig ge- 
stohlenen. K. wollte auf diese Weise dem Verdacht des Diebstahls entgehen 
und den Schein einer Verwechslung erregen. Auch andere Wsche von Mnnern 
erregte den K. sexuell, aber nicht in dem Grade wie Taschentcher. 

Den Coitus mit Weibern hat K. fter ausgefhrt, wobei er Erection 
mit Ejaculation hatte, aber ohne Wollustgefhl. Auch bestand keinerlei Reiz 
fr den Patienten, den Beischlaf auszuben. Die Erection und Ejaculation 
traten auch nur dann auf, wenn Patient whrend des Aktes an das Taschen- 
tuch eines Mannes dachte ; noch leichter war dieser dem Patienten dann mg- 
lich, wenn er das Taschentuch eines Freundes mitnahm und es whrend des 
Beischlafs in der Hand hielt. 

Entsprechend seiner sexuellen Perversion verlaufen auch die nchtlichen 
Pollutionen unter wollstigen Vorstellungen, in denen Mnnerwsche eine 
Hauptrolle spielt. 

Noch weit hufiger als die Wschefetischisten sind die feti- 
schistischen Schwrmer fr den Schuh des Weibes. Diese Flle 
sind geradezu zahllos und es ist eine grosse Zahl derselben auch 
schon zur wissenschaftlichen Beobachtung gelangt, whrend ber 
den hnlichen Handschuhfetischismus mir nur einige Mittheilungen 
aus dritter Hand vorliegen (ber den Grund der relativen Seltenheit 
des Handschuhfetischismus s. oben S. 166). 



Ich kann hingehen, wohin ich will, jener Herr wird mir immer nachfolgen; 
der Herr kann in einer Droschke fahren, er kann bei der Erledigung eines 
sehr wichtigen Geschftes sein; wenn er mein Taschentuch erblickt, lsst-er 
jenes im Stich, um mir, resp. dem Taschentuch zu folgen.'" 



Fetischismus. 181 

Beim Schuh fetischismus fehlt aber durchaus die nahe 
Beziehung des Gegenstandes zum Leibe des Weibes, welche den 
Wschefetischismus begreiflich macht. Aus diesem Grunde, und 
weil eine ganze Anzahl gut beobachteter Flle vorliegt, in welchem 
die fetischistische Schwrmerei fr den Schuh oder Stiefel des 
Weibes, bewusster und unbezweifelbarer Weise, aus einem maso- 
chistischen Vorstellungskreise hervorwchst, ist wohl die Prsump- 
tion gerechtfertigt, dass eine, wenn auch verborgene Wurzel maso- 
chistischer Natur fr diesen Schuhfetischismus stets anzunehmen ist, 
wenn eine andere Art seiner Entstehung im speciellen Falle nicht 
nachweisbar ist. 

Aus diesem Grunde wurde die grssere Zahl der vorliegenden 
Beobachtungen ber Schuh- resp. Fussfetischismus oben in dem 
Abschnitt Masochismus" aufgenommen. Dort wurde auch wohl 
der regelmssig masochistische Charakter dieser Form des erotischen 
Fetischismus zur Genge durch Aufzeigung der Uebergnge dar- 
gethan. 

Diese Prsumption masochistischen Charakters wird nur dort 
fr den Schuhfetischismus entkrftet und aufgehoben, wo eine nach- 
weisbare anderweitige zufllige Veranlassung fr eine Association 
zwischen sexuellen Regungen und der Vorstellung des Frauenschuhes 
vorliegt, dessen Zustandekommen a priori ja ziemlich unwahrschein- 
lich wre. 

Ein solcher nachweisbarer Zusammenhang liegt aber bei den 
beiden folgenden Beobachtungen vor: 

Beobachtung 85. Schuhfetischismus. Herr v. P., aus altadeligem 
Geschlecht, Pole, 32 Jahr, verheirathet, consultirte mich 1890 wegen Unnatr- 
lichkeit" seiner Vita sexualis. Er versichert, aus ganz gesunder Familie zu 
stamme, sei brigens schon von Kindesbeinen auf nervs, als lljhriger Junge 
an Chorea minor leidend gewesen. Seit 10 Jahren leide er viel an Schlaf- 
losigkeit und verschiedenen neurasthenischen Beschwerden. ^ 

Vom 15. Jahr ab will er erst den Unterschied der Geschlechter erkannt 
und sexuelle Regungen gefhlt haben. 17 Jahre alt, habe ihn eine franzsische 
Gouvernante verfhrt, jedoch Coitus nicht gestattet, sodass nur gegenseitige 
mchtige Erregung der Sinnlichkeit (mutuelle Masturbation) mglich war. 
Mitten in dieser Situation fiel sein Blick auf die hocheleganten Stiefeletten 
dieser Person. Sie machten mchtigen Eindruck. Sein Verkehr mit dieser 
liederlichen Person dauerte 4 Monate. Whrend dieser Attouchements wurden 
ihre Stiefeletten zum Fetisch fr den Unglcklichen. Er begann sich fr 
Damenschuhe berhaupt zu interessiren und lungerte frmlich herum, um 
hbsch chaussirter Damen ansichtig zu werden. Der Schuhfetisch gewann in 
seinem Bewusstsein enorme Macht. Sicuti calceolus mulieris gallicae penem 



182 Paraesthesia sexualis. 

tetigit, statiui summa cum voluptate sperma eiaculavit. Nach der Entfernung 
der Verfhrerin ging er zu Puellis, durch die er die gleiche Manipulation 
vornehmen Hess. Gewhnlich gengte diese zur Befriedigung. Nur selten und 
subsidir griff er zum Coitus. Immer mehr schwand ihm die Neigung dazu. 
Seine Vita sexualis bestand in Traumpollutionen, bei welchen ausschliesslich 
Frauenschuhe eine Rolle spielten, und in Befriedigung durch Frauenschuhe, 
apposita ad mentulam, aber es musste dies von der Puella geschehen. Sinnlich 
erregte ihn im Verkehr mit dem andern Geschlecht nur der Schuh und zwar 
der elegante, von franzsischer Facon, mit Absatz, glnzend schwarz, wie das 
Original. 

Accessorische Bedingungen sind im Laufe der Zeit geworden: Schuh 
einer Prostituirten , dieselbe recht elegant, chic, mit gesteiften Unterrcken 
und womglich schwarzen Strmpfen. 

Sonst interessirt ihn am Weibe gar nichts. Der nackte Fuss ist 
ihm ganz gleichgiltig. Auch seelisch hat das Weib nicht den mindesten 
Reiz fr ihn. Masochistische Gelste im Sinne des Getreten- 
werdens hat er nie gehabt. Im Lauf der Jahre hat sein Fetischismus 
solche Macht gewonnen, dass wenn er auf der Strasse einer Dame mit gewissem 
Aeussern und gewissen Schuhen ansichtig wird, er so heftig erregt wird, dass 
er masturbiren muss. Ein geringer Druck auf den Penis gengt dem hoch- 
gradig neurasthenisch Gewordenen zur Ejaculation. Auch Schuhe in den Ver- 
kaufsauslagen, sogar neuerlich blosse Schuhwaarenannoncen gengten, um ihn 
heftig zu erregen. Von sehr reger Libido, half er sich mit Masturbation, 
wenn ihm Schuhsituationen nicht zu Gebot standen. Pat. erkannte frh das 
Peinliche und Gefhrliche seiner Situation und wenn er sich auch bis auf 
neurasthenische Beschwerden physisch wohl fhlte, so war er doch moralisch 
sehr gedrckt. Er suchte Hlfe bei den verschiedensten Aerzten. Kaltwasser- 
heilanstalten und Hypnoseversuche waren erfolglos. Die renommirtesten Aerzte 
riethen ihm zur Heirath und versicherten ihm, sobald er einmal ein Mdchen 
ernstlich liebe, werde er von seinem Fetischbann befreit sein. Pat. hatte kein 
Vertrauen in seine Zukunft, befolgte aber den Rath der Aerzte. Er wurde 
grausam in seinen durch die Autoritt der Aerzte erweckten Hoffnungen be- 
trogen, obwohl er eine durch geistige und krperliche Eigenschaften aus- 
gezeichnete Dame zum Altar fhrte. Die Brautnacht war schrecklich, er fhlte 
sich wie ein Verbrecher und Hess seine Frau unberhrt. Am folgenden Tag 
sah er eine Prostituirte mit dem gewissen Chic. Er war schwach genug mit 
ihr in seiner Weise zu verkehren. Nun kaufte er ein Paar elegante Damen- 
stiefeletten, versteckte sie im Ehebett und indem er sie whrend der ehelichen 
Umarmung betastete, konnte er nach einigen Tagen seiner ehelichen Pflicht 
gengen. Er ejaculirte tardiv, da er sich zum Coitus^, zwingen musste, und 
schon nach wenig Wochen versagte dieser Kunstgriff, indem seine Phantasie 
erlahmte. P. fhlte sich namenlos elend und htte am liebsten seinem Leben 
ein Ende gemacht. Seine Frau, sinnlich bedrftig und durch den bisherigen 
Verkehr sehr erregt, konnte er nicht mehr befriedigen und sah sie physisch 
und moralisch schwer leiden. Sein Geheimniss konnte und wollte er ihr nicht 
entdecken. Er empfand Ekel vor dem ehelichen Umgang, frchtete sich vor 
seiner Frau , vor den Abenden , dem Alleinsein mit ihr. Er brachte es zu 
keiner Erection mehr. 



Fetischismus. 1 83 

Er versuchte es wieder mit Prostituirten , befriedigte sich , indem er 
ihre Schuhe betastete, dann musste die Puella calceolo mentulam tangere; 
er ejaculirte oder, wenn dies nicht geschah, versuchte er Coitus mit dem 
feilen Weibe, jedoch ohne Erfolg, da dann sofort Ejaculation eintrat. Pat. 
kommt ganz verzweifelt zur Consultation. Er beklagt es tief, entgegen seiner 
inneren Ueberzeugung , dem unseligen Rath der Aerzte gefolgt zu sein, eine 
brave Frau unglcklich gemacht, physisch und moralisch geschdigt zu haben. 
Ob er es vor Gott verantworten knne, eine solche Ehe fortzusetzen? Selbst 
wenn er sich seiner Frau entdecke , sie Alles fr ihn thun wrde , sei ihm 
nicht geholfen, denn es msste eben der bewusste Demimond eparfum dabei sein. 

Die Erscheinung dieses Unglcklichen bietet ausser seinem Seelenschmerz 
nichts Aufflliges. Genitalien ganz normal. Prostata etwas vergrssert. Er 
klagt, dass er so unter der Herrschaft seiner Stiefelvorstellungen sei, dass er 
schon errthe, wenn nur von Stiefeln die Rede sei. Seine ganze Phantasie 
drehe sich um solche. Wenn er auf seinem Landgut sei, msse er oft pltz- 
lich nach der 10 Meilen entfernten Stadt reisen, um seinen Fetischismus an 
Schaulden oder auch an Puellis zu befriedigen. 

Zu einer Behandlung konnte sich der Bedauernswerthe nicht ent- 
schliessen, da sein Vertrauen zum rztlichen Stand tief erschttert war. Ein 
Versuch, ob Hypnose und damit eine Beseitigung der fetischistischen Associa- 
tion mglich sei, scheiterte an der seelischen Aufregung des Unglcklichen, 
den ausschliesslich der Gedanke beherrschte, seine Frau unglcklich gemacht 
zu haben. 

Beobachtung 86. X., 24 Jahre, aus belasteter Familie (Mutterbruder 
und Grossvater irrsinnig, Schwester epileptisch, andere Schwester an Migrne 
leidend, Eltern von erregbarem Temperament), hatte in der Dentitionszeit 
einige Krampfanflle gehabt, wurde, 7 Jahre alt, von einem Dienstmdchen 
zur Onanie verleitet. Zum ersten Mal empfand X. ein Vergngen an diesen 
Manipulationen, cum illa puella fortuito pede calceolo tecto 
penem tetigit. Damit war bei dem belasteten Jungen eine bezgliche 
Association gegeben, vermge welcher fortan der blosse Anblick eines Frauen- 
schuhs, ja schliesslich die blosse Phantasievorstellung gengte, um sexuelle 
Erregung und Erection hervorzurufen. Er onanirte nun, Frauenschuhe an- 
sehend oder solche sich vorstellend. In der Schule erregten ihn mchtig die 
Schuhe der Lehrerin, berhaupt solche, die theilweise durch lange Frauen- 
kleider verhllt waren. Eines Tages konnte er sich nicht enthalten, die Leh- 
rerin bei den Schuhen zu fassen, was ihm eine grosse geschlechtliche Erregung 
verursachte. Trotz Schlgen konnte er nicht umhin, wiederholt diese Hand- 
lung auszufhren. Endlich erkannte man, dass hier ein krankhaftes Motiv 
im Spiel sein mssi^und that ihn zu einem Lehrer. Er schwelgte nun in der 
Erinnerungsvorstellung an die Schuhscene mit der Lehrerin, hatte dabei Erec- 
tion, Orgasmus und vom 14. Jahr ab Ejaculation. Daneben masturbirte er, 
whrend er an einen Frauenschuh dachte. Eines Tages kam ihm der Ge- 
danke, seinen Genuss zu erhhen, indem er einen solchen Schuh zu mastur- 
batorischen Zwecken bentzte. Er nahm nun hufig heimlich Schuhe und be- 
nutzte sie zu solchem Zweck. 

Sonst konnte ihn am Weibe nichts sexuell erregen; der Gedanke an 



184 Paraesthesia sexualis. 

Coitus erfllte ihn mit Abscheu. Auch Mnner interessirten ihn in keiner 
"Weise. 

Mit 18 Jahren erffnete er einen Kramladen und handelte u. A. auch 
mit Frauenschuhen. Es erregte ihn geschlechtlich, indem er Kuferinnen Schuhe 
anpassen oder mit- den von ihnen benutzten Schuhen manipuliren konnte. 
Eines Tages erlitt er dabei einen epileptischen Anfall und bald darauf einen 
zweiten, als er in gewohnter Weise onanirte. Jetzt erst erkannte er die Ge- 
sundheitsschdlichkeit seiner sexuellen Praktiken. Er bekmpfte seine Onanie, 
verkaufte keine Schuhe mehr und bemhte sich, die krankhafte Association 
zwischen Frauenschuhen und Geschlechtsfunction los zu werden. Nun traten 
aber massenhaft Pollutionen unter erotischen Trumen, Frauenschuhe betreffend, 
auf, und die epileptischen Anflle dauerten fort. Obwohl ohne geringste 
sexuelle Empfindung fr das weibliche Geschlecht, entschloss er sich zur Hei- 
rath, die ihm als einziges Heilmittel erschien. 

Er heirathete eine junge hbsche Dame. Trotz lebhafter Erection, wenn 
er an die Schuhe seiner Frau dachte, war er aber bei Cohabitations versuchen 
gnzlich impotent, indem das Unlustgefhl gegen Coitus, berhaupt gegen 
intimen Verkehr, den Einfluss der sexuell erregenden Schuhvorstellung weit 
berwog. Wegen seiner Impotenz wandte sich Pat. an Dr. Hammond, der 
seine Epilepsie mit Brom behandelte und ihm rieth, einen ber dem Ehebett 
aufgehngten Schuh beim Coitus fest zu fixiren und sich seine Frau als Schuh 
zu denken. Pat. wurde frei von epileptischen Anfllen und potent, so dass 
er etwa alle 8 Tage coitiren konnte. Auch nahm seine sinnliche Erregung 
durch Frauenschuhe immer mehr ab. (Hammond, sexuelle Impotenz, deutsch 
von Salinger, 1889, S. 23.) 

Diese beiden Flle von Schuhfetischismus , welche nachweis- 
lich auf subjectiv zuflligen Associationen beruhen, wie die Flle 
des Fetischismus berhaupt, haben, in Beziehung auf ihre objective 
Veranlassung, nichts besonders Aufflliges, da es sich im ersten 
Fall um einen Theileindruck der Gresammterscheinung des Weibes, 
im zweiten Fall um einen Theileindruck einer erregenden Mani- 
pulation handelt. 

Es sind aber auch Flle beobachtet worden bis jetzt sind 
es allerdings nur zwei in welchen die entscheidende Association 
absolut durch keinen Zusammenhang der Beschaffenheit des Objects 
mit normaliter erregenden Dingen herbeigefhrt wurde. 

Beobachtung 87. L. , 37 Jahre alt, Commis, aus sehr belasteter 
Familie, bekam mit 5 Jahren die erste Erection, als er seinen Schlafkameraden, 
einen lteren Verwandten, eine Nachtmtze aufsetzen sah. Die gleiche Wirkung 
trat ein, als er spter einmal die alte Hausmagd eine Nachthaube aufsetzen 
sah. Spter gengte zur Erection die blosse Vorstellung eines alten hss- 
lichen, mit einer Nachthaube bedeckten Frauenkopfes. Der blosse Anblick 
einer Haube oder der einer nackten Frauengestalt oder eines nackten Mannes 
Hessen ihn kalt, aber die Berhrung einer Nachtmtze rief Erection, zuweilen 



Fetischismus. 185 

selbst Ejaculatio hervor. L. war nicht Masturbant, auch bis zum 32. Jahr, 
wo er ein schnes und geliebtes Mdchen heirathete, sexuell nie thtig ge- 
wesen. 

In der Hochzeitsnacht blieb er unerregbar, bis er in seiner Noth das 
Erinnerungsbild des alten hsslichen Weiberkopfes mit der Nachtmtze zu 
Hlfe nahm. Sofort gelang der Coitus. 

In der Folge musste er jeweils zu diesem Mittel greifen. Seit der Kind- 
heit hatte er zeitweise Anflle von tiefer Gemthsverstimmung mit Anwand- 
lungen von Selbstmord, ab und zu auch nchtliche schreckhafte Hallucinationen. 
Beim Hinausschauen zum Fenster bekam er Schwindel und Angstzustnde. Er 
war ein linkischer, sonderbarer, verlegener, geistig schlecht veranlagter Mensch. 
(Charcot und Magnan, Arch. de Neurol. 1882, Nr. 12.) 

In diesem ganz merkwrdigen Falle scheint die zeitliche Co- 
incidenz der ersten geschlechtlichen Regung mit einem ganz hetero- 
genen Eindruck allein das Gelst determinirt zu haben. 

Einen mindestens ebenso seltsamen Fall von zufllig asso- 
ciativem Fetischismus erwhnt Hammond op. cit. p. 50. Bei 
einem im Uebrigen ganz gesunden und psychisch normalen, ver- 
heiratheten Manne von 30 Jahren soll die Potenz in Folge der 
Uebersiedlung in ein anderes Haus pltzlich verschwunden, und 
nach Wiederherstellung der gewohnten Schlafzimmereinrichtung 
zurckgekehrt sein. 

c) Der Fetisch ist ein bestimmter Stoff. 

Es gibt eine dritte Hauptgruppe von Fetischisten , deren 
Fetisch weder ein Theil des weiblichen Krpers noch ein Theil der 
weiblichen Kleidung als solcher ist , sondern ein bestimmter 
Stoff, der nicht einmal als Stoff weiblicher Bekleidung immer zur 
Geltung kommt, sondern auch als blosser Stoff an sich sexuelle 
Empfindungen wecken oder steigern kann. Solche Stoffe sind: 
Pelzwerk, Sammt und Seide. 

Diese Flle unterscheiden sich von den vorhergehenden Er- 
scheinungen des erotischen Kleidungsfetischismus dadurch, dass 
diese Stoffe nicht, wie Frauenwsche, in naher Beziehung zum 
weiblichen Krper stehen und nicht wie Schuhe und Handschuhe 
Beziehungen zu bestimmten Theilen desselben und deren ander- 
weitiger symbolischer Bedeutung haben. Auch kann dieser Feti- 
schismus nicht, wie die einzeln stehenden Flle der Nachtmtze 
und der Schlafzimmereinrichtung , aus einer ganz zuflligen Asso- 
ciation abgeleitet werden, da diese Flle eine ganze Gruppe mit 



186 Paraesthesia sexualis. 

gleichartigem Object bilden. Man muss wohl annehmen, dass ge- 
wisse Tastempfindungen (eine Art Kitzel, der in einer entfernten 
Verwandtschaft zu wollstigen Empfindungen steht?) bei hyper- 
sthetischen Individuen hier veranlassend fr die Entstehung des 
Fetischismus sind. 

Hier mge zunchst die folgende Selbstbeobachtung eines mit 
diesem seltsamen Fetischismus behafteten Mannes Platz finden: 

Beobachtung 88. N. N., 37 Jahre alt, aus neuropathischer Familie 
stammend, selbst von neuropathischer Constitution, gibt an: 

Von frhester Jugend ist mir eine tiefgewurzelte Schwrmerei fr Pelz- 
werk und Sammt eigen in dem Sinne, dass diese Stoffe bei mir geschlechtliche 
Erregung bewirken, ihr Anblick und ihre Berhrung mir ein wollstiges Ver- 
gngen bereiten. An irgend ein Ereigniss, welches diese seltsame Neigung 
veranlasst htte (etwa gleichzeitiges Eintreten der ersten sexuellen Regung mit 
dem Eindrucke dieser Stoffe, resp. erste Erregung durch ein so gekleidetes 
Weib), berhaupt an den ersten Anfang dieser Schwrmerei vermag ich mich 
nicht zu erinnern. Ich will damit die Mglichkeit eines solchen Ereignisses, 
einer zuflligen Verbindung im ersten Eindruck und darauf beruhender Asso- 
ciation, nicht absolut ausschliessen , halte es aber fr sehr unwahrscheinlich, 
dass dergleichen stattgefunden hat, weil ich glaube, dass ein solches Vorkomm- 
niss sich mir tief eingeprgt htte. 

Ich weiss nur, dass ich schon als kleines Kind lebhaft darnach trachtete, 
Pelzwerk zu sehen und zu streicheln, und dabei eine dunkle wollstige Em- 
pfindung hatte. Mit dem ersten Auftreten bestimmter sexueller Vorstellungen, 
d. h. der Richtung geschlechtlicher Gedanken auf das Weib, war auch schon 
die besondere Vorliebe fr das Weib, das gerade mit diesen Stoffen gekleidet 
ist, vorhanden. 

So ist es seither bis in mein reifes Mannesalter geblieben. Ein Weib, 
welches einen Pelz oder Sammt, oder gar beides trgt, erregt mich viel rascher 
und viel mchtiger, als eines ohne dieses Beiwerk. Die genannten Stoffe sind 
zwar nicht conditio sine qua non der Erregung, die Begierde tritt auch ohne 
sie auf die gewhnlichen Reize ein; aber der Anblick und namentlich die 
Berhrung dieser Fetischstoffe bildet fr mich ein mchtiges Untersttzungs- 
mittel anderer normaler Reize und eine Erhhung des erotischen Genusses. 
Oft bringt mich der blosse Anblick eines nur leidlich hbschen Frauenzimmers, 
welches aber in diese Stoffe gekleidet ist, in lebhafte Erregung und reisst 
mich vllig hin. Schon der Anblick meiner Fetischstoffe gewhrt mir Genuss, 
viel grsseren die Berhrung. (Der penetrante Geruch des Pelzwerks ist mir 
dabei gleichgiltig , eher unangenehm, nur wegen der Association mit ange- 
nehmen Gesichts- und Tastempfindungen leidlich.) Ich sehne mich mchtig 
danach, diese Stoffe am Krper eines Weibes zu betasten, zu streicheln, zu 
kssen, mein Gesicht darein zu vergraben. Der hchste Genuss ist mir, inter 
actum meinen Fetisch auf der Schulter eines Weibes zu sehen und zu fhlen. 

Sowohl Pelzwerk allein als Sammt allein bt die geschilderte Wirkung 
auf mich aus, Ersteres viel strker als Letzterer. Am strksten wirkt die 
Combination beider Stoffe. Auch weibliche Kleidungsstcke aus Sammt und 



Fetischismus. 187 

Pelzwerk, allein ohne die Trgerin gesehen und befhlt, wirken sexuell erregend 
auf mich ein, ja ebenso wenn auch in geringerem Grade Pelzwerk zu 
Decken verarbeitet, die nicht zur weiblichen Kleidung gehren, auch Sammt 
und Plsch an Mbeln und Draperien. Die blossen Abbildungen von Pelz- 
und Sammttoiletten sind fr mich Gegenstand erotischen Interesses, ja das 
blosse Wort Pelz" hat fr mich magische Eigenschaft und ruft sofort erotische 
Vorstellungen hervor. 

Der Pelz ist fr mich so sehr ein Gegenstand sexuellen Interesses, dass 
ein Mann, der einen wirksamen (s. unten) Pelz trgt, mir einen hchst unan- 
genehmen, rgerlichen und skandalsen Eindruck macht, etwa wie ihn auf jeden 
normalen Menschen ein Mann in Costm und Haltung einer Ballettnzerin 
machen wrde. Aehnlich zuwider, weil einander widerstreitende Empfindungen 
erweckend , ist mir der Anblick einer alten oder hsslichen Frau in einem 
schnen Pelz. 

Dieses erotische Wohlgefallen an Pelzwerk und Sammt ist etwas von 
bloss sthetischem Gefallen ganz und gar Verschiedenes. Ich habe einen sehr 
lebhaften Sinn fr schne weibliche Kleidung, dabei auch noch eine besondere 
Vorliebe fr Spitzen , diese ist aber rein sthetischer Natur. Eine Frau in 
Spitzentoilette (oder sonst in geschmckter, eleganter Kleidung) ist schner, 
aber nur eine in meine Fetischstoffe gekleidete ist reizender als eine andere 
unter sonst gleichen Umstnden. 

Pelzwerk bt aber auf mich die geschilderte Wirkung nur dann aus, 
wenn es recht dichte, feine, glatte, ziemlich lange, in die Hhe stehende, so- 
genannte Grannenhaare hat. Von diesen hngt, wie ich deutlich bemerkt 
habe, die Wirkung ab. Ganz gleichgltig sind fr mich nicht nur die allge- 
mein fr ordinr geltenden, grobhaarigen, zottigen Pelzsorten, sondern ebenso 
unter den fr schn und edel geltenden diejenigen, bei welchen das Grannen- 
haar ganz entfernt wird (Seehund, Biber), oder von Natur kurz ist (Hermelin), 
oder berlang und liegend (Affe, Br). Die specifische Wirkung haben nur die 
stehenden Grannenhaare bei Zobel, Marder, Skunks u. dergl. Nun besteht 
aber auch Sammt aus dichten, feinen, in die Hhe stehenden Haaren (Fasern), 
worauf die gleiche Wirkung beruhen drfte. Die Wirkung scheint eben von 
einem ganz bestimmten Eindruck dichter feiner Haarspitzen auf die Endorgane 
der sensiblen Nerven abzuhngen. 

Wieso aber dieser eigenthmliche Eindruck auf die Tastnerven zum 
Geschlechtsleben in Beziehung tritt, ist mir ganz rthselhaft. Thatsache ist, 
dass dies bei vielen Menschen der Fall ist. Ich bemerke noch ausdrcklich, 
dass mir schnes Haar des Weibes wohl gefllt, aber keine grssere Rolle fr 
mich spielt als jeder andere Reiz , und dass mir bei dem Berhren von Pelz- 
werk kein Gedanke an Frauenhaar kommt. (Die Tastempfindung hat auch 
an sich nicht die mindeste Aehnlichkeit.) Ueberhaupt tritt gar keine weitere 
Vorstellung dabei auf. Pelz an und fr sich weckt eben bei mir die Sinn- 
lichkeit; wieso, ist mir ganz unerklrlich. 

Die bloss sthetische Wirkung , die Schnheit edlen Pelzwerks , fr die 
wohl Jeder mehr oder minder empfnglich ist, die seit Raphael's Fornarina 
und Ruben's Helene Fourment von unzhligen Malern als Folie und Rahmen 
weiblicher Reize verwendet worden ist, und die in der Mode, in der Kunst 
und Wissenschaft weiblicher Bekleidung eine so grosse Rolle spielt diese 



188 Paraesthesia sexualis. 

sthetische Wirkung erklrt hier gar nichts, wie eben schon bemerkt. Die 
gleiche sthetische Wirkung, wie auf normale Menschen schnes Pelzwerk, 
ben auf mich, wie auf Jeden, Blumen, Bnder, Edelsteine und jeder andere 
Schmuck aus. Solche Dinge heben, geschickt verwendet, die weibliche Schn- 
heit, und knnen so unter Umstnden etwa indirect einen sinnlichen Effect 
hervorrufen. Niemals haben sie auf mich einen directen mchtigen sinnlichen 
Effect, wie die genannten Fetischstoffe. 

Ohwohl nun bei mir, und wohl bei allen Fetischisten" , die sinnliche 
und die sthetische Wirkung durchaus scharf zu trennen sind, so hindert das 
nicht, dass ich auch an meinen Fetisch eine ganze Reihe von sthetischen 
Anforderungen in Bezug auf Form, Schnitt, Farbe etc. stelle. Ich knnte mich 
hier ber diese Anforderungen meines Geschmacks noch sehr weitlufig ver- 
breiten, unterlasse dies aber als nicht mehr zum eigentlichen Thema gehrig. 
Ich wollte nur darauf aufmerksam machen, wie der Fetischismus eroticus sich 
noch mit rein sthetischen Geschmacksregungen complicirt. 

Ebenso wenig wie durch den sthetischen Eindruck lsst sich die spe- 
eifische erotische Wirkung meiner Fetischstoffe etwa durch die Association mit 
der Vorstellung des Krpers einer Trgerin erklren. Denn erstens wirken 
diese Stoffe auf mich, wie gesagt, auch ganz vom Krper isolirt, als blosse 
Stoffe, und zweitens wirken viel intimere Kleidungsstcke (Mieder, Hemd), die 
ohne Zweifel Associationen hervorrufen , weit schwcher. Die Fetischstoffe 
haben also selbstndigen sinnlichen Werth fr mich. Wieso, das ist mir selbst 
rthselhaft. 

Dieselbe erotische Fetischwirkung wie Pelzwerk und Sammt haben fr 
mich Federn auf Frauenhten, an Fchern etc. (hnliche Berhrungsempfindung 
des leicht Spielenden, eigenthmlich Kitzelnden). Endlich kommt die Fetisch- 
wh'kung in sehr abgeschwchtem Grade auch noch anderen glatten Stoffen, 
Atlas, Seide zu, whrend rauhe Stoffe, rauhes Tuch, Flanell geradezu abstos- 
send wirken. 

Zum Schlsse will ich noch erwhnen, dass ich irgendwo eine Abhand- 
lung von Carl Vogt ber mikrokephale Menschen gelesen habe, wonach eines 
dieser Wesen sich beim Anblick eines Pelzes auf diesen strzte und ihn unter 
lebhaften Zeichen der Freude streichelte. Es liegt mir fern, deshalb im weit 
verbreiteten Pelzfetischismus ernstlich einen atavistischen Rckschlag in den 
Geschmack der bepelzten Urahnen des Menschengeschlechts sehen zu wollen. 
Jener Cretin bte nur mit der ihm zukommenden Ungenirtheit einen ihm an- 
genehmen TastaM aus, der nicht nothwendig sexuell-sinnlicher Natur sein 
musste; wie auch viele ganz normale Menschen gern eine Katze oder der- 
gleichen, selbst Sammt und Pelzwerk streicheln, ohne aber dadurch gerade 
sexuell erregt zu werden. 

In der Literatur finden sich einige hierher gehrige Flle: 

Beobachtung 89. Knabe von 12 Jahren fhlte mchtige geschlecht- 
liche Erregung, als er zufllig sich mit einem Fuchspelz zudeckte. Von nun 
an Masturbation unter Bentzung von Pelzwerk oder Mitnehmen eines zot- 
tigen Hndchens ins Bett, wobei Ejaculation erfolgte, zuweilen gefolgt von 
einem hysterischen Anfall. Seine nchtlichen Pollutionen waren dadurch be- 



Fetischismus. 189 

dingt, dass er trumte, er liege nackt auf weichem Pelze und sei von diesem 
ganz eingehllt. Durch die Keize von Mnnern oder Frauen war er ganz 
unerregbar. 

Er wurde neurasthenisch , litt an Beachtungswahn, meinte, Jedermann 
bemerke seine sexuelle Anomalie, hatte deshalb Taed. vitae und wurde schliess- 
lich irrsinnig. 

Er war sehr belastet, hatte unregelmssig gebildete Genitalien und 
sonstige anatomische Degenerationszeichen. (Tarnowsky, op. cit. p. 22.) 

Beobachtung 90. C. ist ein besonderer Liebhaber des Sammts. C 
wird durch schne Weiber in normaler Weise angezogen, ganz besonders aber 
erregt es ihn, wenn er die Person, mit der er sexuell verkehrt, in Sammt- 
kleidung antrifft. Hier ist nun besonders auffallend, dass nicht sowohl das 
Sehen als das Berhren des Sammts die Erregung verursacht. C. sagte mir, 
dass das Herberstreichen ber die Sammtjacke einer weiblichen Person ihn so 
sehr sexuell errege, wie es auf andere Weise kaum erfolgen knne. (Dr. Moll, 
op. cit. p. 127.) 

Von rztlicher Seite wurde mir der folgende Fall mitgetheilt: 

In einem Lupanar war ein Mann unter dem Namen Sammt* bekannt. 
Dieser bekleidete eine sympathische Puella mit einem schwarzen Sammtkleide 
und erregte und befriedigte seine sexuellen Triebe lediglich durch Bestreichen 
seines Gesichts mit einem Zipfel des Sammtkleides, whrend er sonst mit der 
Person nicht in Berhrung kam. 

Ein anderer Gewhrsmann versichert mir, dass namentlich bei Maso- 
chisten die Schwrmerei fr Pelz, Sammt und Federn hufig vorkommt. 
(Vergl. oben Beob. 42. 43.) *) 

Ein ganz eigentmlicher Fall von Stofffetischismus ist 
der folgende. Er ist verbunden mit dem Trieb, den Fetisch zu 
beschdigen, der in diesem Falle entweder ein Element von Sadis- 
mus gegen das Weib als Trgerin des Stoffes darstellt oder den 
auch sonst bei Fetischisten mehrfach vorkommenden unpersnlichen 
Gegenstands-Sadismus (vgl. oben p. 175). Dieser Beschdigungs- 
trieb hat den vorliegenden zu einem merkwrdigen Criminalfall 
gemacht. 

Beobachtung 91. Im Juli 1891 stand der 25jhrige Schlossergeselle 
Alfred Bachmann in Berlin vor der zweiten Ferienstrafkammer des Landgerichts I. 



*) Auch in den Romanen von Sacher-Masoch spielt der Pelz eine 
hervorragende Rolle, wie er ja auch einzelnen derselben zum Titel diente. 
Gesucht und unbefriedigend erscheint die dort gegebene Erklrung, der Pelz 
(Hermelin) sei das Symbol der Herrschaft und deshalb der Fetisch der dort 
geschilderten Mnner. 



190 Paraesthesia sexualis. 

Im April d. J. gingen der Polizei mehrfach Anzeigen zu, wonach eine bs- 
willige Hand die Kleider von Damen mit einem haarscharfen Instrument zer- 
schnitten hatte. Am Abende des 25. April gelang es, den Unhold in der 
Person des Angeklagten zu ertappen. Ein Criminalbeamter bemerkte, wie 
der Angeklagte sich in aufflliger Weise an eine Dame herandrngte, die in 
Begleitung eines Herrn durch die Passage ging. Der Beamte ersuchte die 
Dame, ihr Kleid zu besichtigen , whrend er den Verdchtigen festhielt. Es 
stellte sich heraus, dass das Kleid einen ziemlich langen Schnitt erhalten 
hatte. Der Angeklagte wurde zur Wache gefhrt, woselbst man ihn unter- 
suchte. Ausser einem scharfen Messer , welches er gestndlich zum Aufschlitzen 
der Kleider gebrauchte , fand man noch zwei seidene Schleifen bei ihm , wie 
die Damen sie an ihren Kleidern anzubringen pflegen; der Angeklagte gab 
auch zu, dass er diese im Gedrnge von den Kleidern abgetrennt habe. Schliess- 
lich frderte die Leibesuntersuchung noch ein seidenes Damen-Halstuch zu 
Tage. Dies wollte der Angeklagte gefunden haben. Da seine Behauptung in 
diesem Falle nicht widerlegt werden konnte , so wurde er hiefr nur der 
Fundunterschlagung angeklagt, whrend seine sonstige Handlungsweise sich 
in zwei Fllen, in denen Strafantrag seitens der Beschdigten gestellt worden 
ist, als Sachbeschdigung und in zwei Fllen als Diebstahl kennzeichnete. 
Der Angeklagte, ein schon mehrfach vorbestrafter Mensch, mit blassem, aus- 
druckslosem Gesicht, gab vor dem Richter eine sonderbare Erklrung ber 
sein rthselhaftes Thun ab. Die Kchin eines Majors habe ihn einmal die 
Treppe hinuntergeworfen, als er bei ihr bettelte, und seit dieser Zeit habe er 
einen grimmigen Hass auf das ganze weibliche Geschlecht geworfen. Man 
zweifelte an seiner Zurechnungsfhigkeit und Hess ihn deshalb durch einen 
Kreisphysikus untersuchen. Der Sachverstndige begutachtete im Termine, 
dass keinerlei Grund vorliege, den allerdings wenig intelligenten Angeklagten 
fr geisteskrank zu halten. Der Letztere vertheidigte sich in eigenthmlicher 
Weise. Ein unbezhmbarer Trieb zwinge ihn, sich den Damen zu nhern, die 
seidene Kleider trugen. Das Berhren eines seidenen Stoffes sei 
fr ihn ein Wonnegefhl, und dies gehe sogar so weit, dass er im 
Untersuchungsgefngnisse erregt worden sei, wenn ihm beim Wollezupfen zu- 
fllig ein seidener Faden unter die Finger kam. Der Staatsanwalt Mller II. 
hielt den Angeklagten einfach fr einen gemeingefhrlichen, bsartigen Men- 
schen, der fr lngere Zeit unschdlich gemacht werden msste. Er beantragte 
gegen ihn ein Jahr Gefngniss. Der Gerichtshof verurtheilte den Angeklagten 
zu 6 Monaten Gefngniss und einjhrigem Ehrverlust. 

Ein klassischer Fall von Stoff-(Seide-)Fetischismus ist folgen- 
der von Dr. P. Grarnier mitgetheilter. 

Beobachtung 92. Am 22. September 1891 wurde V. auf einer Strasse 
von Paris verhaftet, indem er sich an Damen in seidenen Kleidern in einer 
Weise zu schaffen machte, dass man ihn fr einen Taschendieb halten musste. 
Er war anfangs ganz vernichtet und kam erst allmhlig und unter Umschweifen 
zum Gestndniss seiner Manie". Er ist Commis in einer Buchhandlung, 
29 Jahre alt, stammt von einem Vater, der Trinker ist und einer religis 



Fetischismus. 191 

berspannten, charakterologisch abnormen Mutter. Diese wollte aus ihm einen 
Geistlichen machen. Seit seiner frhesten Jugend hat er einen nach seiner 
Meinung angeborenen instinctiven Drang, Seide zu befhlen. Als er mit 
12 Jahren als Chorknabe eine Seidenschrpe tragen durfte, konnte er sie nicht 
genug betasten. Das Gefhl, das er dabei empfand, vermge er nicht zu be- 
schreiben. Etwas spter lernte er ein lOjhriges Mdchen kennen, dem er 
kindlich zugethan war. Wenn aber dieses Kind am Sonntag im seidenen Fest- 
gewand daher kam, hatte er ein ganz anderes Gefhl. Er musste es brnstig 
umarmen und dabei dessen Kleid berhren. Spter war es seine Wonne, im 
Laden einer Putzmacherin die herrlichen Seidenroben zu beschauen und zu 
befhlen. Bekam er Abflle von Seidenstoff geschenkt, so beeilte er sich, sie 
auf den blossen Leib zu legen , worauf dann sofort Erection , Orgasmus und 
oft sogar Ejaculation eintrat. Beunruhigt durch diese Gelste, an seinem 
Beruf als knftiger Geistlicher zweifelnd, erzwang er seinen Austritt aus dem 
Seminar. Er war damals schwer neurasthenisch in Folge von Masturbation. 
Sein Seidenfetischismus beherrschte ihn nach wie vor. Nur wenn ein Weib 
ein seidenes Kleid trug, gewann es Reiz fr ihn. 

Schon in den Trumen seiner Kindheit haben angeblich Damen mit 
Seidenkleidern eine dominirende Rolle gespielt und spter waren diese Trume 
von Pollutionen begleitet. Bei seiner Schchternheit gelangte er erst spt zur 
Cohabitation. Dieselbe war nur mglich mit einem Weib in seidener Robe. 
Er zog es vor, im Volksgedrnge Damen im Seidenkleid zu berhren, wobei 
er unter mchtigem Orgasmus und grossem Wollustgefhl zur Ejaculation ge- 
langte. Sein grsstes Glck war es, Abends einen seidenen Unterrock beim 
Zubettgehen anzulegen. Das befriedigte ihn mehr als das schnste Weib. 

Das gerichtsrztliche Gutachten wies nach, dass V. ein schwer belasteter 
Mensch ist, der unter krankhaftem Zwang einem krankhaften Gelste Folge 
gab. Freisprechung. 

(Dr. Garnier, Annales d'hygiene publique. 3 e serie. XXIX. 5.) 

d) Thierfetischismus. 

Im Anschluss an den Stofffetischismus mge noch gewisser 
Flle gedacht werden, in welchen Thiere auf Menschen aphrodisisch 
wirken. Man knnte hier von Zoophilia erotica sprechen. 

Diese Perversion scheint ihre Wurzel in einem Fetischismus 
zu haben, dessen Object das Thierfell ist. 

Als Vermittlerin fr diesen Fetischismus drfte eine besondere 
Idiosynkrasie der Tastnerven anzunehmen sein, vermge welcher 
sie durch Betastung von Pelz, also Thierfell (analog dem Haar-, 
Zopf-, Sammt- und Seidefetischismus), eigenartige und wollstig 
betonte Erregungen vermitteln. So erklrt sich vielleicht bei 
manchen sexuell Perversen die Vorliebe fr Hunde und Katzen 
(s. p. 187. 188 besonders Beob. 89). Der folgende von mir be- 
obachtete Fall spricht zu Gunsten obiger Annahme. 



192 Paraesthesia sexualis. 

Beobachtung 93. Zoophilia erotica, Fetischismus. Herr N. N., 
21 Jahre, stammt aus ueuropathisch belasteter Familie und ist selbst consti- 
tutioneller Neuropathiker. Schon als Kind hatte er den Zwang, die oder jene 
gleichgiltige Handlung auszufhren, aus Angst, dass ihn sonst ein Unheil treffe. 
Er lernte leicht, war nie schwer krank, hatte schon als Knabe eine Vorliebe 
fr Hausthiere, besonders Hunde und Katzen, da, wenn er sie liebkoste, er 
ein wollstig aufregendes Gefhl empfand. Jahrelang gab er sich in ganz 
unschuldiger Weise diesem ihn angenehm erregenden Spiel mit solchen Thieren 
hin. Als er in die Puberttsjahre kam, erkannte er, dass das eine unsittliche 
Sache sei und zwang sich davon abzulassen. Es gelang ihm, aber nun kamen 
solche Situationen im Traume, bald auch von Pollutionen begleitet. Dies 
brachte den sexuell erregbaren Knaben auf Onanie. Er will anfangs manuell 
sich befriedigt haben, wobei regelmssig Gedanken an Liebkosen und Streicheln 
von Thieren sich einstellten. Nach einiger Zeit gelangte er zu psychischer 
Onanie, indem er sich solche Situationen vorstellte und damit Orgasmus und 
Ejaculation erzielte. Darber wurde er neurasthenisch. 

Niemals will ihm ein sodomitischer Gedanke gekommen sein, das Sexus 
bestiarum sei ihm in der Phantasie und in der Wirklichkeit ganz gleich ge- 
wesen, er habe eigentlich nie daran gedacht. 

Homosexual habe er auch nie empfunden, wohl aber heterosexual, jedoch 
habe er aus mangelhafter Libido (ex masturbatione et neurasthenia !) und aus 
Furcht vor Ansteckung bis dato nie coitirt. Von Weibern fhle er sich nur 
zu solchen von schlanker Figur und noblem Gang hingezogen. 

Pat. bietet die gewhnlichen Erscheinungen cerebrospinaler Neurasthenie. 
Er ist von zartem Bau und anmisch. Er legt grossen Werth auf Verge- 
wisserung, ob er potent sei und auf eventuelle Herstellung seiner Potenz, 
wodurch sein darnied erliegendes Selbstgefhl sehr gehoben wurde. 

Rathschlge im Sinne des Meidens von psychischer Onanie, der Besei- 
tigung der Neurasthenie, der Krftigung der sexualen Centren, der Befrie- 
digung der Vita sexualis auf normalem Wege sobald als dies aussichtsvoll 
und mglich. 

Epikrise. Keine Bestialitt, sondern Fetischismus. Mit dem Liebkosen 
von Hausthieren mag, bei abnorm frh erwachter Vita sexualis, eine erst- 
malige sexuelle Erregung, vermuthlich angeregt durch Tastempfindungen, zu- 
sammengetroffen sein, zwischen beiden Facten eine Association sich geknpft 
haben, die durch Wiederholung gefestigt, wurde. (Zeitschr. f. Psychiatrie, Bd. 50.) 



II. Tief herabgesetzte bis gnzlich mangelnde Geschlechtsempfin- 
dung gegenber dem andern Geschlecht bei stellvertretendem 
Geschlechtsgefhl und Geschlechtstrieb zum eigenen (homosexuale 
s. contrre Empfindung). 

Zu den festesten Bestandteilen des Ichbewusstseins nach Er- 
reichung der geschlechtlichen Vollentwicklung gehrt das Bewusst- 
sein, eine bestimmte geschlechtliche Persnlichkeit zu reprsentiren 



Erworbene contrre Sexualempfindung. 193 

und das Bedrfniss derselben, whrend der Zeit physiologischer Vor- 
gnge (Samen-Eibereitung) in dem Generationsapparat, im Sinne 
dieser besonderen geschlechtlichen Persnlichkeit sexuelle Akte zu 
vollbringen, die, bewusst oder unbewusst, auf eine Erhaltung der 
Gattung abzielen. 

Bis auf dunkle Ahnungen und Drnge bleiben Geschlechts- 
gefhl und sexuelle Triebe latent bis zur Zeit der Entwicklung 
der Generationsorgane. Das Kind ist generis neutrius, und wenn 
auch in diesem Zeitraum der noch nicht zum klaren Bewusstsein 
gelangten, bloss virtuell vorhandenen, noch nicht durch mchtige 
organische Gefhle getragenen latenten Sexualitt, abnorm frh, 
spontan oder durch usseren Einfluss Erregungen der Genitalorgane 
eintreten und in Masturbation Befriedigung finden mgen, so fehlt 
doch bei all Dem noch gnzlich die seelische Beziehung zu Per- 
sonen des anderen Geschlechts, und haben bezgliche sexuelle Akte 
mehr oder weniger die Bedeutung spinalreflectorischer. 

Die Thatsache der Unschuld oder der sexuellen Neutralitt 
ist um so bemerkenswerther, als doch frh schon, in der Erziehung, 
Beschftigung, Kleidung u. s. w., das Kind eine Differenzirung von 
Kindern des anderen Geschlechtes erfhrt. Diese Eindrcke bleiben 
aber vorlufig seelisch unbeachtet, weil sie offenbar sexuell unbetont 
bleiben, da das Centralorgan (Hirnrinde) fr sexuelle Gefhle und 
Vorstellungen noch nicht aufnahmsfhig, weil unentwickelt ist. 

Mit der beginnenden anatomischen und functionellen Ent- 
wicklung der Zeugungsorgane und der damit Hand in Hand gehen- 
den Differenzirung der dem betreffenden Geschlecht zukommenden 
Krperformen, entwickeln sich beim Knaben, beziehungsweise Md- 
chen, die Grundlagen eines ihrem Geschlecht entsprechenden seeli- 
schen Empfindens, wozu nun allerdings Erziehung, berhaupt ussere 
Einflsse, bei dem aufmerksam gewordenen Individuum mchtig 
beitragen. 

Ist die sexuelle Entwicklung eine normale, ungestrte, so 
gestaltet sich ein bestimmter, dem Geschlecht entsprechender Cha- 
rakter. Es entstehen bestimmte Neigungen, Reactionen im Ver- 
kehr mit Personen des anderen Geschlechts, und es ist psychologisch 
bemerkenswert!! , wie verhltnissmssig rasch sich der bestimmte, 
dem betreffenden Geschlecht zukommende seelische Typus heraus- 
entwickelt. 

Whrend z. B. Schamhaftigkeit in der Kinderzeit wesentlich 
nur eine unverstandene und unverstndliche Forderung der Er- 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 13 



194 Paraesthesia sexualis. 

ziehung und Nachahmung war und bei der Unschuld und Naivett 
des Kindes nur unvollkommen zum Ausdruck gelangte, erscheint 
jene dem Jngling und der Jungfrau nunmehr als ein zwingendes 
Gebot der Selbstachtung, die, wenn ihr nur irgendwie nahegetreten 
wird, eine mchtige vasomotorische Reaction (Schamrthe) und psy- 
chische Affecte hervorruft. 

Ist die ursprngliche Veranlagung eine gnstige, normale, und 
bleiben die psychosexuale Entwicklung schdigende Factoren ausser 
Spiel, so entwickelt sich eine so festgefgte, und dem Geschlecht, 
welches das Individuum reprsentirt , so vollkommen entsprechende 
und harmonische psychosexuale Persnlichkeit, dass nicht einmal 
der sptere Verlust der Zeugungsorgane (etwa durch Castration), 
oder spter der Klimax oder das Senium, sie wesentlich verndern 
knnen. 

Damit soll allerdings nicht behauptet werden, dass der castrirte 
Mann oder das castrirte Weib, der Jngling und der Greis, die 
Jungfrau und die Matrone, der impotente und der potente Mann 
seelisch nicht wesentlich von einander differirten. 

Eine interessante und fr das Folgende belangreiche Frage 
geht dahin, ob die peripheren Einflsse der Keimdrsen (Hoden 
und Ovarien) oder centrale cerebrale Bedingungen fr die psycho- 
sexuale Entwicklung entscheidend sind. Fr die wichtige Bedeutung 
der Keimdrsen in dieser Hinsicht spricht die Thatsache, dass an- 
geborener Mangel oder Entfernung derselben vor der Pubertt 
Krperentwicklung und auch psychosexuale Entwicklung mchtig 
beeinflussen, so dass die letztere verkmmert und eine mehr dem 
Typus des entgegengesetzten Geschlechtes sich nhernde Richtung 
nimmt (Eunuchen, gew. Viragines u. s. w.). 

Dass die krperlichen Vorgnge in den Genitalorganen aber 
nur mitwirkende, nicht die ausschliesslichen Factoren in dem 
Werdeprocess einer psychosexualen Persnlichkeit sind, geht daraus 
hervor, dass trotz anatomischer und physiologischer Normalitt 
derselben, gleichwohl eine dem Geschlecht, welches der Betreffende 
reprsentirt, gegenstzliche Sexualempfindung sich entwickeln kann. 

Hier kann die Ursache nur in einer Anomalie centraler Be- 
dingungen, in einer abnormen psychosexualen Veranlagung gegeben 
sein. Diese Veranlagung ist hinsichtlich ihrer anatomischen und 
functionellen Begrndung vorlufig eine ganz dunkle. Da in fast 
allen bezglichen Fllen der Trger der perversen Sexualempfindung 
eine neuropathische Belastung nach mehrfacher Hinsicht aufweist 



Erworbene contrre Sexualempfindung. 195 

und diese mit erblich degenerativen Bedingungen sich in Beziehung 
setzen lsst, darf jene Anomalie der psychosexualen Empfindungs- 
weise als functionelles Degenerationszeichen klinisch angesprochen 
werden. Diese perverse Sexualitt tritt mit sich entwickelndem 
Geschlechtsleben spontan, ohne ussere Anlsse zu Tage, als indi- 
viduelle Erscheinungsform einer abnormen Artung der Vita sexualis 
und imponirt dann als eine angeborene Erscheinung oder sie 
entwickelt sich erst im Verlauf einer Anfangs normale Bahnen ein- 
geschlagen habenden Sexualitt auf Grund ganz bestimmter schd- 
licher Einflsse und erscheint damit als eine gewordene erworbene. 
Worauf diese rthselhafte Erscheinung der erworbenen homosexualen 
Empfindung beruhen mag, entzieht sich zur Zeit noch ganz der 
Erklrung und gehrt der Hypothese an. Es ist wahrscheinlich, 
auf Grund genauer Untersuchung der sogen, erworbenen Flle, dass 
die auch hier vorhandene Veranlagung in einer latenten Homo- 
oder mindestens Bisexualitt besteht, die zu ihrem Manifestwerden 
der Einwirkung von veranlassenden gelegentlichen Ursachen be- 
durfte, um aus ihrem Schlummer geweckt zu werden (s. u.). 

Innerhalb der sogen, contrren Sexualempfindung zeigen sich 
Gradstufen der Erscheinung, ziemlich parallel gehend dem Grad 
der Belastung des Individuums, insofern in milderen Fllen blos 
psychischer Hermaphroditismus, in schwereren allerdings nur homo- 
sexuelle Empfindungsweise und Triebrichtung, aber auf die Vita 
sexualis beschrnkt, in noch schwereren berdies die ganze seeli- 
sche Persnlichkeit und selbst die krperliche Empfindungsweise 
im Sinne der sexuellen Perversion umgewandelt, in ganz schweren 
sogar der krperliche Habitus entsprechend umgestaltet erscheint. 

Auf diesen klinischen Thatsachen fusst demgemss auch die 
folgende Eintheilung der verschiedenen Erscheinungsweisen dieser 
psychosexualen Anomalie. 



A. Die homosexuale Empfindung als erworbene Erscheinung bei 
beiden Geschlechtern. 

Das Entscheidende ist hier der Nachweis der perversen Em- 
pfindung gegenber dem eigenen Geschlecht, nicht die Constati- 
rung geschlechtlicher Akte an demselben. Diese zwei Phnomene 
drfen nicht mit einander verwechselt, Perversitt darf nicht fr 
Perversion gehalten werden. 



196 Paraesthesia sexualis. 

Sehr oft kommen perverse sexuelle Akte zur Beobachtung, 
ohne dass ihnen Perversion zu Grunde lge. Dies gilt ganz be- 
sonders fr sexuelle Handlungen unter Personen desselben Ge- 
schlechts, namentlich hinsichtlich Pderastie. Hier ist nicht noth- 
wendig Paraesthesia sexualis im Spiel, sondern Hypersthesie bei 
physisch oder psychisch unmglicher naturgemsser Geschlechts- 
befriedigung. 

So finden wir homosexuellen Verkehr bei impotent gewor- 
denen Masturbanten oder Wollstlingen oder, faute de mieux, bei 
sinnlichen Weibern und Mnnern in Gefngnissen, Schiffen, Casernen, 
Bagno's, Pensionaten u. s. w. 

Zum normalen Geschlechtsverkehr wird sofort zurckgekehrt, 
wenn die Hindernisse fr denselben entfallen. Ganz' besonders hufig 
ist die Ursache solcher temporrer Verirrung: die Masturbation 
und ihre Folgen bei jugendlichen Individuen. 

Nichts ist geeignet, die Quelle edler, idealer Gefhlsregungen, 
die aus einer normal sich entwickelnden geschlechtlichen Empfin- 
dung ganz von selbst sich erheben, so zu trben, ja nach Um- 
stnden ganz versiegen zu machen, als in frhem Alter getriebene 
Onanie. Sie streift von der sich entfalten sollenden Knospe Duft 
und Schnheit und hinterlsst nur den grobsinnlichen thierischen 
Trieb nach geschlechtlicher Befriedigung. Gelangt ein dergestalt 
verdorbenes Individuum in das zeugungsfhige Alter, so fehlt ihm 
der sthetische, ideale, reine und unbefangene Zug, der zum an- 
deren Geschlechte hindrngt. Damit ist die Gluth der sinnlichen 
Empfindung erlscht und die Neigung zum anderen Geschlechte 
eine bedeutend abgeschwchte. Dieser Defect beeinflusst die Moral, 
die Ethik, den Charakter, die Phantasie, die Stimmung, das Ge- 
fhls- und Triebleben des jugendlichen Masturbanten, sowohl des 
mnnlichen als des weiblichen, in ungnstiger Weise und lsst nach 
Umstnden das Verlangen nach dem anderen Geschlecht auf den 
Nullpunkt sinken, so dass Masturbation jeglicher naturgemssen 
Befriedigung vorgezogen wird. 

Zuweilen leidet auch die Entwicklung hherer sexualer Ge- 
fhle gegenber dem anderen Geschlechte dadurch Noth, dass 
hypochondrische Angst vor Ansteckung beim Geschlechtsgenuss 
oder eine wirklich erfolgte Infection, oder auch eine verfehlte Er- 
ziehung, welche tendenzis auf solche Gefahren hinwies und sie 
bertrieb, oder (besonders beim Mdchen) berechtigte Angst vor 
den Folgen des Coitus (Schwngerung), oder auch Ekel vor dem 



Erworbene contrre Sexualempfindung. 197 

Mann auf Grund physischer und moralischer Gebrechen desselben 
die Befriedigung des mit krankhafter Strke sich geltend machenden 
Triebs in perverse Bahnen lenkten. Aber die zu frhe und per- 
verse Geschlechtsbefriedigung schdigt nicht bloss den Geist, sondern 
auch den Krper, insofern sie Neurosen des Sexualapparates herbei- 
fhrt (reizbare Schwche des Erections- und des Ejaculationscentrums, 
mangelhaftes Wollustgefhl beim Beischlaf u. s. w.), whrend sie 
die Phantasie in fortwhrender Erregung erhlt und die Libido 
anregt. 

Wohl bei jedem Masturbanten kommt ein Zeitpunkt, wo er, 
erschreckt durch Belehrung ber die Folgen des Lasters oder diese 
an sich gewahrend (Neurasthenie), oder durch Beispiel, Verfhrung 
zum anderen Geschlecht gedrngt, dem Laster entfliehen und seine 
Vita sexualis saniren mchte. 

Die moralischen und physischen Bedingungen sind hier die 
denkbar ungnstigsten. Die reine Gluth der Empfindung ist dahin, 
das Feuer sexueller Brunst fehlt, nicht minder das Selbstvertrauen, 
denn jeder Masturbant ist mehr weniger feige, muthlos. Rafft sich 
der jugendliche Snder zu einem Versuch zu coitiren auf, so wird 
er entweder enttuscht, weil mit mangelhaftem Wollustgefhl der 
Genuss fehlt, oder es fehlt ihm die physische Kraft zur Vollbringung 
des Akts. Dieses Fiasko hat die Bedeutung einer Katastrophe 
und fhrt zu absoluter psychischer Impotenz. Bses Gewissen, die 
Erinnerung an erlebte Blamagen hindern den Erfolg bei weiteren 
Versuchen. Die fortbestehende Libido sexualis verlangt aber nach 
Befriedigung und die moralische und physische Perversion drngt 
immer mehr vom Weibe ab. 

Aus verschiedenen Grnden (neurasthenische Beschwerden, 
hypochondrische Furcht vor den Folgen u. s. w.) wird das In- 
dividuum aber auch von Masturbation abgedrngt. Vorbergehend 
kann es hier zu Bestialitt kommen. Nahe liegt dann der Verkehr 
mit dem eigenen Geschlecht durch gelegentliche Verfhrung, 
durch Freundschaftsgefhle, die sich auf dem Boden pathologischer 
Sexualitt leicht mit sexuellen verbinden. 

Passive und mutuelle Onanie sind dann der bisherigen Ge- 
pflogenheit adquate Akte. Findet sich ein Verfhrer, leider so 
hufig, so entsteht der gezchtete Pderast, d. h. ein Mensch, der 
quasi Akte der Onanie mit Personen des eigenen Geschlechts voll- 
zieht, sich dabei in activer, seinem wirklichen Geschlecht ent- 
sprechender Rolle fhlt und gefllt, und seelisch nicht bloss Per- 



198 Paraesthesia sexualis. 

sonen des anderen, sondern auch denen des eigenen Geschlechts 
gegenber sich auf dem Indifferenzpunkt befindet. 

Bis zu dieser Stufe erstreckt sich die sexuelle Verkommenheit 
des normal veranlagten, unbelasteten, geistig gesunden In- 
dividuums. Es ist kein Fall nachzuweisen, in welchem bei un- 
belasteten Individuen die Perversitt zur Per Version, zur Um- 
kehr der Geschlechtsempfindung geworden wre 1 ). 

Anders liegt die Sache beim belas teten, wahrscheinlich bisexual 
veranlagt gebliebenen, d. h. nicht zu ausschliesslich heterosexualer 
Empfindung ausgebildeten Individuum. Die bisher latent gebliebene 
perverse Sexualitt entwickelt sich unter dem Einfluss der durch 
Masturbation, Abstinenz oder sonstwie entstandenen Neurasthenie. 



x ) Garnier (Anomalies sexuelles", Paris, p. 508509) berichtet 2 Flle 
(Beob. 222 u. 223), welche dieser Annahme scheinbar entgegenstehen, besonders 
der erstere, wo Krnkung ber die Untreue der Geliebten den Betreffenden 
dazu gelangen Hess, den Verfhrungen von Mnnern zu unterliegen. Aus der 
Beobachtung ergibt sich aber klar, dass dieses Individuum niemals Gefallen 
an homosexualen Akten hatte. In Beobachtung 223 handelt es sich um 
einen Effeminirten ab origine, mindestens einen psychischen Hennaphroditen. 

Die Meinung Derjenigen, welche fr die Entstehung homosexualer Em- 
pfindungen und Triebe ausschliesslich fehlerhafte Erziehung und andere psycho- 
logische Momente verantwortlich machen, ist eine ganz irrige. 

Man kann einen Unbelasteten noch so weibisch erziehen , und ein 
Weib noch so mnnlich, sie werden dadurch nicht homosexual werden. Die 
Naturanlage ist entscheidend, nicht die Erziehung und anderes 
Zufllige, wie z. B. Verfhrung. Von contrrer Sexualempfindung kann 
nur die Rede sein, wenn die Person des eigenen Geschlechts einen psycho- 
sexualen Reiz auf die andere ausbt, also Libido, Orgasmus vermittelt, nament- 
lich aber seelisch anziehend wirkt. Ganz anders die Flle, wo faute de mieux 
bei grosser Sinnlichkeit und mangelhaftem sthetischem Sinn eine Person des 
eigenen Geschlechts zu einem onanistischen Akt (nicht zu einem Coitus in see- 
lischem Sinne) an ihrem Krper benutzt wird. 

Sehr klar und berzeugend weist Moll in seiner verdienstvollen Mono- 
graphie auf das Schwergewicht der originren Veranlagung gegenber der 
Bedeutung von Gelegenheitsursachen hin (vergl. op. cit. p. 212 231). Er weiss 
von vielen Fllen, wo der frhere sexuelle Verkehr mit Mnnern eine Per- 
version nicht herbeifhren konnte". Moll sagt ferner bezeichnend : Ich kenne 
eine derartige Epidemie (von mutueller Onanie) aus einer Berliner Schule, 
woselbst ein jetziger Schauspieler die mutuelle Onanie in schamloser Weise 
eingefhrt hat. Obwohl ich jetzt die Namen von sehr vielen Berliner Urningen 
weiss, so konnte ich doch unter den damaligen Schlern des betr. Gymnasiums 
von keinem auch nur mit einiger Wahrscheinlichkeit ermitteln, dass er Urning 
geworden sei, hingegen weiss ich von vielen dieser Schler ziemlich genau, 
dass sie jetzt geschlechtlich normal empfinden und verkehren." 



Erworbene contrre Sexualempfindung. 199 

Es kommt allmhlig im Contact mit Personen des eigenen 
Geschlechts zu sexueller Erregbarkeit durch solche. Bezgliche 
Vorstellungen werden mit Lustgefhlen betont und erwecken ent- 
sprechende Drnge. Diese entschieden degenerative Reactionsweise 
ist der Anfang eines krperlich seelischen Umwandlungsprocesses, 
der in dem Folgenden seine Darstellung finden mag und zu dem 
Interessantesten gehrt, was sich psychopathologisch beobachten 
lsst. Diese Metamorphose lsst verschiedene Stadien oder Stufen 
erkennen. 

I. Stufe: Einfache Verkehrung der Geschlechtsempfindung. 

Diese Stufe ist erreicht mit dem Zeitpunkt, wo die Person 
des eigenen Geschlechts aphrodisisch wirkt und der Betreffende ge- 
schlechtlich fr sie empfindet. Charakter und Empfindungsweise 
bleiben aber vorerst dem Geschlecht, welches der jene Verkehrung 
der Geschlechtsempfindung Bietende besitzt, noch entsprechend. Er 
fhlt sich in activer Rolle, empfindet seinen Drang zum eigenen 
Geschlecht als eine Verirrung und sucht eventuell Hlfe. 

Mit episodisch gebesserter Neurose kann sogar Anfangs 
normale sexuelle Empfindung wieder auftreten und sich behaupten. 
Die folgende Beobachtung erscheint recht geeignet, diese Etappe 
auf dem Weg der psychosexualen Entartung zu exemplificiren. 

Beobachtung 94. Erworbene contrre Sexualempfindung. 
Ich bin Beamter und stamme aus einer, soviel mir bekannt, unbelasteten 
Familie; mein Vater starb an einer acuten Krankheit, die Mutter lebt, ist 
ziemlich nervs". Eine Schwester ist seit einigen Jahren 
sehr intensiv religis geworden. 

Ich selbst bin gross , mache einen durchaus mnnlichen Eindruck in 
Sprache, Gang und Haltung. Von Krankheiten habe ich nur Masern durch- 
gemacht, habe aber von meinem 13. Jahre ab an sogenannten nervsen Kopf- 
schmerzen gelitten. 

Mein sexuelles Leben begann im 13. Lebensjahre, wo ich einen etwas 
lteren Jungen kennen lernte, quocum alter alterius genitalia tangendo delec- 
tabar. In meinem 14. Lebensjahre hatte ich die erste Ejaculation. Von zwei 
lteren Mitschlern zur Onanie verfhrt, frhnte ich derselben theils mit 
Anderen, theils allein, im letzteren Fall jedoch stets mit dem Gedanken an 
Personen weiblichen Geschlechts. Meine Libido sexualis war sehr gross, wie 
sie es auch heute noch ist. Spter versuchte ich mit einem hbschen, krf- 
tigen Dienstmdchen mit sehr starken Mammae anzubinden; id solum assecu- 
tus sum, ut me praesente superiorem corporis sui partem enudaret mibique 
concederet os mammasque osculari, dum ipsa penem meum valde erectum in 
manum suam recepit eumque trivit. 



200 Paraesthesia sexualis. 

Quamquam violentissime coitum rogavi hoc solum concessit, ut genitalia 
eius tangerem. 

Auf die Universitt gekommen, suchte ich ein Lupanar auf, reussirte 
auch ohne Anstrengung. 

Da aber trat ein Ereigniss ein, welches in mir einen Umschwung her- 
vorbrachte. Ich begleitete eines Abends einen Freund nach Hause und griff 
ihm, etwas angeheitert wie ich war, ad genitalia. Er wehrte sich nur wenig; 
ich ging dann mit auf sein Zimmer, wir onanisirten uns und trieben fortan 
diese mutuelle Masturbation ziemlich hufig; es kam sogar zur immissio penis 
in os mit folgender Ejaculation. Sonderbar ist es nur, dass ich in diesen 
Betreffenden nicht im geringsten verliebt war, dagegen leidenschaftlich in einen 
anderen meiner Freunde, in dessen Nhe ich aber niemals die geringste sexuelle 
Erregung sprte, den ich berhaupt nie mit sexuellen Vorgngen in meinen 
Gedanken zusammenbrachte. Meine Besuche im Lupanar, wo ich ein gern 
gesehener Gast war, wurden seltener, ich fand bei meinem Freunde Ersatz 
und sehnte mich nicht nach geschlechtlichem Verkehr mit Weibern. 

Pderastie trieben wir niemals, das Wort wurde zwischen uns berhaupt 
nicht genannt. Seit Beginn dieses Verhltnisses mit meinem Freunde onanirte 
ich wieder mehr; naturgemss traten die Gedanken an weibliche Personen 
mehr und mehr in den Hintergrund, ich dachte an junge, hbsche, krftige 
Mnner mit mglichst grossen Gliedern. Burschen von 16 25 Jahren ohne 
Bart waren mir die liebsten, aber sie mussten hbsch und sauber sein. Be- 
sonders erregten mich jugendliche Arbeiter mit Hosen aus sogenanntem Man- 
chesterstoff oder aus englischem Leder, vornehmlich Maurer. 

Gleichgestellte Personen reizen mich so gut wie gar nicht, dagegen 
empfinde ich beim Anblick eines solchen strammen Jungen aus dem Volke 
eine deutliche sexuelle Erregung. Das Berhren solcher Beinkleider, das Oeffnen 
derselben, das Ergreifen des Penis, sowie das Kssen des Burschen erscheint 
mir von hchstem Reiz. Meine Empfnglichkeit fr weibliche Reize ist etwas 
abgestumpft, doch bin ich im geschlechtlichen Verkehr mit einem Weibe, 
besonders wenn es stark entwickelte Mammae hat, stets potent, ohne dass ich 
Phantasiebilder zu Hilfe nehme. Ich habe nie den Versuch gemacht, einen 
jungen Arbeiter oder dergl. fr meine unschnen Gelste zu missbrauchen und 
werde es auch nicht thun, aber die Lust dazu verspre ich sehr oft. Zuweilen 
halte ich das Bild eines solchen Burschen fest und onanire dann zu Hause. 

Sinn fr weibliche Beschftigung fehlt mir vllig. In Damengesellschaft 
verkehre ich massig gern, Tanzen ist mir zuwider. Ich interessire mich leb- 
haft fr schne Knste. Dass ich stellenweise contrr sexual empfinde, ist, 
glaube ich, zum Theil eine Folge grosser Bequemlichkeit, welche mich ver- 
hindert, irgend ein Verhltniss mit einem Mdchen anzuknpfen , da mir das 
zu viel Umstnde macht; immer das Lupanar aufzusuchen, ist mir aus sthe- 
tischen Grnden zuwider; so verfalle ich denn auf das leidige Onaniren, von 
dem zu lassen mir sehr schwer fllt. 

Ich habe mir selbst hundertmal vorgehalten, dass ich, um vollstndig 
normal sexuell empfinden zu knnen, vor allem die schier unbezwingliche 
Leidenschaft fr die unselige Onanie, diese meinem sthetischen Gefhl so 
widerwrtige Verirrung, unterdrcken msse; ich habe mir so und so oft vor- 
genommen, mit aller Kraft des Willens gegen diese Leidenschaft anzukmpfen ; 



Erworbene contrre Sexualempfindung. 201 

es ist mir bis heute nicht gelungen. Anstatt, wenn sich der sexuelle Trieb 
besonders heftig in mir regte, Befriedigung auf natrlichem Wege zu suchen, 
zog ich es vor, zu onaniren, weil ich fhlte, dass ich davon mehr Genuss 
haben wrde. 

Und dabei hat mich die Erfahrung gelehrt, dass ich bei Mdchen stets 
potent bin und zwar ohne Mhe und ohne Zuhilfenahme von Bildern mnn- 
licher Genitalien, mit Ausnahme eines einzigen Falles, in dem ich es aber 
deshalb nicht zu einer Ejaculation brachte, weil das betreffende weibliche 
Wesen es war in einem Lupanar jeglicher Reize entbehrte. Ich kann 
mich des Gedankens und schweren Selbstvorwurfs nicht entschlagen, dass die 
bis zu einem gewissen Grade bei mir doch nun einmal vorhandene c. S. eine 
Folge des excessiven Onanirens ist, und das wirkt vornehmlich so deprimirend 
auf mich, weil ich mir sagen muss, dass ich kaum in mir die Kraft fhle, 
diesem Laster aus eigenem Willen ganz zu entsagen. 

In Folge des in meinem Schreiben erwhnten geschlechtlichen Verhlt- 
nisses zu einem Studiengenossen und langjhrigen Schulfreunde, welches aber 
erst whrend unserer Universittszeit entstand, nachdem wir 7 Jahre lediglich 
freundschaftlich verkehrt hatten, ist in mir der Trieb zu unnatrlicher Befrie- 
digung der Libido bedeutend strker geworden. 

Ich bitte , mir noch die Erzhlung einer Episode zu gestatten , die mir 
Monate lang viel zu schaffen gemacht. 

Ich lernte im Sommer 1882 einen 6 Jahre jngeren Kommilitonen 
kennen, welcher zugleich mit mehreren anderen an mich und meine Bekannten 
empfohlen war. Sehr bald fhlte ich ein tieferes Interesse fr den bildschnen, 
ungemein proportionirt , schlank und gesund aussehenden Menschen, welches 
sich nach mehrwchentlichem Verkehr zu intensivstem Freundschaftsgefhl, 
weiterhin zur leidenschaftlichen Liebe und qulenden Eifersuchtsempfindung 
entwickelte. Ich merkte sehr bald, dass bei mir sinnliche Regungen stark 
mitsprachen, und so fest ich mir auch vornahm, mit diesem, von allem 
Anderen abgesehen, von mir wegen seines vortrefflichen Charakters so hoch 
geachteten Menschen gegenber im Zaum zu halten, unterlag ich doch in 
einer Nacht, als wir nach vorausgegangenem reichlichem Biergenuss in 
meiner Wohnung bei einer Flasche Wein sassen und auf gute, wahre und 
dauernde Freundschaft tranken, der unwiderstehlichen Begierde, ihn an mich 
zu pressen u. s. w. 

Als ich ihn am nchsten Tage wiedersah, schmte ich mich so, dass ich 
ihm nicht in die Augen blicken konnte. Ich empfand die bitterste Reue ber 
mein Vergehen und machte mir die heftigsten Vorwrfe, dass ich diese Freund- 
schaft, die rein und edel sein und bleiben sollte, so beschmutzt hatte. Um 
jenem zu beweisen, dass ich mich nur momentan hatte hinreissen lassen, 
drngte ich ihn, am Schlsse des Semesters mit mir eine Reise zu machen; 
nach einigem Widerstreben, dessen Grnde mir nur zu klar waren, willigte er 
ein; wir schliefen mehrere Nchte im selben Zimmer, ohne dass ich den ge- 
ringsten Versuch gemacht htte, jene Handlung zu wiederholen. Ich wollte 
mit ihm ber den Vorgang jener Nacht sprechen, ich brachte es nicht fertig; 
als wir im folgenden Semester getrennt waren, konnte ich es auch nicht ber 
mich gewinnen, ihm in der betreffenden Sache zu schreiben, und als ich ihn 
dann im Mrz in X. besuchte, ging es mir wieder so. Und doch fhlte ich 



202 Paraeathesia sexualis. 

das dringendste Bedrfniss, diesen dunkeln Punkt durch eine offene Aussprache 
zu klren. Im October dieses Jahres war ich wieder in X. und diesmal fand 
ich den Muth zur rckhaltlosen Aussprache. Ich bat ihn um Verzeihung, die 
er mir gern gewhrte; ja, ich fragte ihn sogar, weshalb er mir damals nicht 
entschiedenen Widerstand geleistet, worauf er antwortete, zum Theil htte er 
mir aus Geflligkeit meinen Willen gelassen, zum Theil, weil er ziemlich an- 
gezecht gewesen und somit in einer gewissen Apathie befangen gewesen sei. 
Ich setzte ihm meinen Zustand eingehend auseinander, gab ihm auch die 
Psychopathia sexualis zu lesen und sprach ihm die feste Hoffnung aus, dass 
es mir aus eigener Kraft gelingen wrde , meiner unnatrlichen Triebe vllig 
und dauernd Herr zu werden. Seit dieser Aussprache ist das Verhltniss 
zwischen jenem Freunde und mir das denkbar erfreulichste und beglckendste, 
die freundschaftlichen Gefhle sind auf beiden Seiten innige, wahre und 
hoffentlich dauernde. 

Wenn ich nicht eine Besserung meines abnormen Zustandes erkennen 
sollte, wrde ich mich wohl entschli essen, mich vollstndig Ihrer Behandlung 
zu unterstellen, um so mehr, als ich mich nach genauem Studium Ihres Werkes 
nicht zu der Kategorie der sogenannten Urninge zhlen kann, vielmehr die 
feste Ueberzeugung oder jedenfalls Hoffnung habe, dass festester Wille, unter- 
sttzt und geleitet durch sachkundige Behandlung, mich zum normal empfin- 
denden Menschen machen knnen. 

Beobachtung 95. Ilma S. J ) , 29 Jahre, ledig, Kaufmannstochter, 
stammt aus schwer belasteter Familie. Vater war Potator und endete durch 
Selbstmord, gleichwie Bruder und Schwester der Pat. Schwester leidet an 
Hysteria convulsiva. Mutters Vater erschoss sich in irrsinnigem Zustand. 
Mutter war krnklich und stark apoplectisch gelhmt. Pat. war nie schwer 
krank, begabt, schwrmerisch, phantasievoll, trumerisch. Menses mit 18 Jahren 
ohne Beschwerden, in der Folge hchst unregelmssig. Mit 14 Jahren Chlorose 
und Schreckkatalepsie. Spter Hysteria gravis und Anfall von hysterischem 
Wahnsinn. Mit 18 Jahren Verhltniss mit einem jungen Mann, das kein pla- 
tonisches blieb. Die Liebe dieses Mannes wurde brnstig erwidert. Aus An- 
deutungen der Pat. geht hervor, dass sie sehr sinnlich war und sich nach 
Entfernung von dem Geliebten der Masturbation ergab. Pat. fhrte in der 
Folge einen romanhaften- Lebenswandel. Um ihr Fortkommen zu finden, zog 
sie Mnnerkleider an, wurde Hauslehrer, gab die Stelle auf, weil die Frau 
.vom Hause, ihr Geschlecht nicht kennend, sich in sie verliebte und ihr nach- 
stellte. Sie wurde nun Bahnbeamter. In Gesellschaft der Collegen musste 
sie, um ihr wahres Geschlecht zu verbergen, mit ihnen Bordelle besuchen, die 
anstssigsten Gesprche anhren. Dies wurde ihr so widerlich, dass sie ihre 
Stelle aufgab , eines Tages wieder Weiberkleider anzog und in weiblicher 
Stellung ihren Erwerb suchte. Wegen Diebsthlen kam sie in Haft, wegen 
schwerer hystero-epileptischer Insulte ins Spital. Dort entdeckte man Neigung 
und Trieb zum eigenen Geschlecht. Pat. fiel allenthalben lstig durch brn- 
stige Liebe zu Pflegerinnen und Mitkranken. 



J ) Vgl. d. Verf. Experimentelle Studie auf dem Gebiet des Hypnotis- 
3. Aufl. 1893.* 



Erworbene contrre Sexualempfindung. 203 

Man hielt ihre sexuelle Perversion fr eine angeborene. Pat. gab in 
dieser Hinsicht interessante berichtigende Aufschlsse: 

Man beurtheilt mich unrichtig, wenn man glaubt, dass ich mich dem 
weiblichen Geschlecht gegenber als Mann fhle. Ich verhalte mich vielmehr 
in meinem ganzen Denken und Fhlen als Weib. Habe ich doch meinen 
Cousin so geliebt, wie nur ein Weib einen Mann lieben kann. 

Die Aenderung meiner Gefhle entstand dadurch, dass ich in Pest, als 
Mann verkleidet, Gelegenheit hatte, meinen Cousin zu beobachten. Ich sah, 
dass ich mich in ihm arg getuscht hatte. Das bereitete mir furchtbare Seelen- 
qualen. Ich wusste, dass ich nie mehr im Stande sein werde, einen Mann zu 
lieben, dass ich zu jenen gehre, die nur einmal lieben. Dazu kam, dass ich 
in der Gesellschaft meiner Collegen von der Bahn die anstssigsten Gesprche 
anhren, die verrufensten Huser besuchen musste. Durch die so gewonnenen 
Einblicke in das Treiben der Mnnerwelt bekam ich einen unberwindlichen 
Widerwillen gegen die Mnner. Da ich aber von Natur sehr leidenschaftlich 
bin und das Bedrfniss habe, mich einer geliebten Person anzuschliessen und 
mich derselben ganz hinzugeben, fhlte ich mich immer mehr zu mir sym- 
pathischen Frauen und Mdchen, besonders durch Intelligenz hervorragenden, 
mchtig hingezogen." 

Die offenbar erworbene contrre Sexualempfindung dieser Pat. usserte 
sich oft in strmischer, entschieden sinnlicher Weise und gewann weiteren 
Boden durch Masturbation, da die permanente Aufsicht in Spitlern sexuelle 
Befriedigung am eigenen Geschlecht nicht mglich machte. Charakter und 
Beschftigungsweise blieben weiblich. Zu Erscheinungen von Viraginitt kam 
es nicht. Nach dem Verfasser krzlich gewordenen Mittheilungen ist diese 
Kranke durch zweijhrige Behandlung in der Irrenanstalt von ihrer Neurose 
und sexualen Perversion befreit und genesen entlassen worden. 

Beobachtung 96. Herr X., 35 Jahre, ledig, Beamter, stammt von 
gemthskranker Mutter. Bruder Hypochonder. 

Pat. war gesund, krftig, von lebhaftem, sinnlichem Temperament, hatte 
abnorm frh und mchtig sich regenden Sexualtrieb , masturbirte schon als 
kleiner Knabe, coitirte zum ersten Mal schon mit 14 Jahren, angeblich mit 
Genuss und voller Potenz. 15 Jahre alt, versuchte ihn ein Mann zu verfhren, 
manustuprirte ihn. X. empfand Abscheu, befreite sich aus dieser ekelhaften" 
Situation. Er excedirte herangewachsen in unbndiger Libido mit Coitus, 
wurde 1880 neurasthenisch, litt an Erectionssch wache und Ejaculatio praecox, 
wurde damit immer weniger potent und empfand auch keinen Genuss mehr 
beim sexuellen Akt. Zu jener Zeit der sexuellen Decadence hatte er noch eine 
Zeitlang eine ihm frher fremde und ihm noch jetzt ganz unbegreifliche 
Neigung zum sexuellen Verkehr cum puellis non pubibus XII ad XIII annorum. 
Seine Libido steigerte sich mit abnehmender Potenz. 

Allmhlich bekam er Neigung zu Knaben von 13 14 Jahren. Es trieb 
ihn, an solche sich anzudrngen. 

Quodsi ei occasio data est, ut tangere posset pueros, qui ei placuere, 
penis vehementer se erexit tum maxime quum crura puerorum tangere potuisset. 
Abhinc feminas non cupivit. Nonnunquam feminas ad coitum coegit sed erectio 
debilis, eiaculatio praematura erat sine ulla voluptate. 



204 Paraesthesia sexualis. 

Es interessirten ihn nur noch junge Bursche. Er trumte von ihnen, 
bekam dabei Pollutionen. Von 1882 ab hatte er ab und zu Gelegenheit, con- 
cumbere cum juvenibus. Er war dann sexuell mchtig erregt, half sich mit 
Masturbation. 

Nur ausnahmsweise wagte er es, socios concumbentes tangere et mastur- 
bationem mutuam adsequi. Pderastie verabscheute er. Meist war er ge- 
nthigt, seinem sexuellen Bedrfniss durch solitre Masturbation zu gengen. 
Er stellte sich dabei das Erinnerungsbild sympathischer Knaben vor. Nach 
sexuellem Verkehr mit solchen fhlte er sich jeweils gekrftigt, erfrischt, aber 
moralisch gedrckt in dem Bewusstsein, eine perverse, unsittliche, strafbare 
Handlung begangen zu haben. Er empfand es hchst peinlich, dass sein ab- 
scheulicher Trieb mchtiger sei als sein Wille. 

X. vermuthet, dass seine Liebe zum eigenen Geschlecht durch masslose 
Excesse im natrlichen Geschlechtsgenuss entstanden sei, beklagt tief seine 
Lage, fragt anlsslich einer Consultation im December 1888, ob es kein Mittel 
gebe , um ihn zu normaler Sexualitt zurckzubringen , da er ja eigentlich 
keinen Horror feminae habe und gerne heirathen wrde. 

Ausser Erscheinungen sexueller und spinaler Neurasthenie massigen 
Grades bietet der intelligente, von Degenerationszeichen freie Pat. keine Krank- 
heitssymptome. 



IL Stufe: Eviratio und Defeminatio. 

Tritt bei derart entwickelter contrrer Sexualempfindung keine 
Rckbildung ein, so kann es zu tiefer greifenden und dauernden 
Umnderungen der psychischen Persnlichkeit kommen. Der 
hier sich vollziehende Process lsst sich kurz als Eviratio (De- 
feminatio beim Weibe) bezeichnen. Der Kranke erfhrt eine 
tiefgehende Wandlung seines Charakters, speciell seiner Gefhle 
und Neigungen im Sinne einer weiblich fhlenden Persnlichkeit. 
Von nun an fhlt er sich auch als Weib bei sexuellen Akten, hat 
nur mehr Sinn fr passive Geschlechtsbethtigung und gerth nach 
Umstnden auf die Stufe der Courtisane. In diesem Zustand tieferer 
und dauernder psychosexualer Vernderung gleicht der Betreffende 
vollkommen dem (angeborenen) Urning hheren Grades. Die Mg- 
lichkeit einer Wiederherstellung der alten geistigen und sexualen 
Persnlichkeit erscheint hier ausgeschlossen. 

Die folgende Beobachtung ist ein klassisches Beispiel der- 
artiger dauernder erworbener contrrer Sexualempfindung. 

Beobachtung 97. Seh., 30 Jahre alt, Arzt, theilte mir eines Tages 
seine Lebens- und Krankheitsgeschichte mit, Aufklrung und Rath erbittend 
fr gewisse Anomalien seiner Vita sexualis. 



Erworbene contrre Sexualempfiudung. 205 

Die folgende Darstellung folgt vielfach verbotenus der umfangreichen 
Autobiographie, sie nur gelegentlich krzend. 

Von gesunden Eltern erzeugt, war ich als Kind schwchlich, gedieh 
aber unter guter Pflege und kam in der Schule gut fort. 

Im 11. Jahre wurde ich von einem Spielkameraden zur Masturbation 
verleitet und ergab mich ihr mit Leidenschaft. Bis zum 15. Jahr fiel mir das 
Lernen leicht. Mit sich hufenden Pollutionen wurde ich weniger leistungs- 
fhig, kam in der Schule nicht mehr so gut fort, war unsicher, beklommen 
und verlegen, wenn ich vom Lehrer aufgerufen wurde. Erschrocken ber das 
Sinken meiner Fhigkeiten und erkennend, dass daran die grossen Sperma- 
verluste Schuld waren, unterliess ich nun das Onaniren, aber gleichwohl 
huften sich die Pollutionen, so dass ich oft 2 3mal in einer Nacht ejaculirte. 

Ich consultirte nun verzweifelt Aerzte um Aerzte. Keiner konnte mir 
helfen. 

Da ich durch die Spermaverluste immer schwcher und matter wurde, 
auch der Trieb nach Geschlechtsbefriedigung immer mchtiger sich regte, 
ging ich ins Lupanar. Aber dort konnte ich mich nicht befriedigen, denn 
wenn mich auch der Anblick des nackten Weibes ergtzte, so trat doch nicht 
Orgasmus noch Erection ein, und selbst durch Manustupration seitens der 
Puella war die Erection nicht zu erzielen. 

Kaum hatte ich das Lupanar verlassen, so qulte mich wieder der Trieb 
und hatte ich heftige Erectionen. Da schmte ich mich vor den Mdchen 
und besuchte nicht mehr solche Orte. So vergingen ein paar Jahre. Mein 
Sexualleben bestand aus Pollutionen. Meine Neigung zum anderen Geschlecht 
erkaltete immer mehr. Mit 19 Jahren kam ich auf die Universitt. Das 
Schauspielhaus zog mich mehr an. Ich wollte Knstler werden. Die Eltern 
gaben es nicht zu. In der Hauptstadt musste ich mit Collegen hie und da 
wieder zu Mdchen gehen. Ich frchtete derartige Situationen, da ich wusste, 
dass mir der Coitus nicht gelingen werde, meine Impotenz den Freunden ver- 
rathen werden knnte, nnd so mied ich thunlieh die Gefahr, in Spott und 
Schande zu gerathen. 

Eines Abends sass neben mir im Opernhause ein lterer Herr. Er 
machte mir die Cour. Ich lachte herzlich ber den nrrischen alten Mann 
und ging auf seine Spsse ein. Exinopinato genitalia mea prehendit, quo facto 
statim penis meus se erexit. Erschrocken stellte ich ihn zur Rede , was er 
wolle. Er erklrte mir, er sei in mich verliebt. Da ich in der Klinik von 
Zwittern gehrt hatte, glaubte ich einen solchen vor mir zu haben, curiosus 
factus genitalia eius videre volui. Der Alte willigte erfreut ein, ging mit mir 
in den Abort. Sicuti penem maximum eius erectum adspexi, perterritus effugi. 

Jener passte mich ab , machte mir sonderbare Antrge , die ich nicht 
verstand und abwies. Er Hess mir keine Ruhe. Ich erfuhr die Geheimnisse 
des mannmnnlichen Liebens, fhlte, wie meine Sinnlichkeit dadurch erregt 
wurde, widerstand aber so schmachvoller Leidenschaft (wie ich damals dachte) 
und blieb die drei nchsten Jahre davon frei. Wiederholt versuchte ich wh- 
rend dieser Zeit wieder fruchtlos den Coitus mit Mdchen. Ebenso erfolglos 
waren meine Bemhungen, durch rztliche Kunst mich von meiner Impotenz 
zu befreien. 

Als wieder iinmal die Libido sexualis mich plagte, erinnerte ich mich 



206 Paraesthesia sexualis. 

der Aeusserung des alten Herrn, dass auf der E.-Promenade mannliebende 
Mnner zusammenkommen. 

Nach hartem Kampf und mit klopfendem Herzen ging ich hin, machte 
die Bekanntschaft eines blonden Herrn und liess mich verfhren. Der erste 
Schritt war gethan. Diese Art der geschlechtlichen Liebe war mir adquat. 
Am liebsten war ich immer in den Armen eines krftigen Mannes. 

Die Befriedigung bestand in mutueller Manustupration. Gelegentlich 
Osculum ad penem alterius. Ich war nun 23 Jahre alt. Das Zusammensitzen 
mit den Commilitonen auf den Krankenbetten in der Klinik whrend der Vor- 
trge regte mich mchtig auf, so dass ich kaum dem Vortrage folgen konnte. 
Im gleichen Jahre knpfte ich mit einem 34jhrigen Kaufmann ein frmliches 
Liebesbndniss. Wir lebten wie Mann und Frau. X. wollte den Mann spielen, 
wurde immer verliebter. Ich war ihm zu Willen , jedoch musste er mich ab 
und zu auch Mann sein lassen. Mit der Zeit bekam ich ihn satt, wurde ihm 
untreu, er wurde eiferschtig. Es kam zu furchtbaren Scenen, zu temporrer 
Vershnung, schliesslich zu definitivem Bruch. (Der Kaufmann wurde spter 
irrsinnig und endete durch Selbstmord.) 

Ich machte viele Bekanntschaften, liebte die ordinrsten Leute. Solche, 
die vollbrtig , gross und im mittleren Alter waren , die aktive Rolle gut zu 
spielen begabt waren, bevorzugte ich. 

Ich bekam eine Proctitis. Der Professor meinte von dem vielen Sitzen 
wegen der Vorbereitungen aufs Examen. Ich bekam eine Fistel, musste operirt 
werden, aber das kurirte mich nicht von meinem Drang, mich passiv benutzen 
zu lassen. Ich wurde Arzt, kam in eine Provinzialstadt, musste da leben wie 
eine Nonne. 

Ich bekam Neigung, mich in Damengesellschaft zu bewegen, und wurde 
dort gerne gesehen , weil man fand , dass ich nicht so einseitig sei wie die 
meisten Mnner und mich fr Toilette und dergleichen Damengesprch inter- 
essirte. Jedoch fhlte ich mich sehr unglcklich und einsam. 

Glcklicherweise lernte ich in dieser Stadt einen gleich mir empfinden- 
den Mann, eine , Schwester" kennen. Auf einige Zeit war ich durch ihn ver- 
sorgt. Als er fort musste, kam eine Verzweiflungsperiode mit Trbsinn bis 
zu Selbstmordgedanken. 

Da ich es in dem Stdtchen nicht aushalten konnte, wurde ich Militr- 
arzt in der Grossstadt. Da lebte ich wieder auf, machte oft 23 Bekannt- 
schaften an einem Tage. Ich hatte nie die Knaben oder junge Leute geliebt, 
nur wahre Mnnergestalten. So entging ich den Krallen der Preller. Der 
Gedanke , einmal der Polizei in die Hnde zu fallen , war mir schrecklich ; 
gleichwohl konnte er mich nicht an der Befriedigung meiner Triebe ver- 
hindern. 

Nach einigen Monaten verliebte ich mich in einen 40jhrigen Beamten. 
Ein Jahr lang blieb ich ihm treu. Wir lebten wie ein Liebespaar. Ich war 
die Frau und wurde vom Geliebten frmlich verhtschelt. Eines Tages wurde 
ich in eine kleine Stadt versetzt. Wir waren trostlos. Per totam noctem 
postremam nos vicissim osculati et amplexati sumus. 

In T. war ich namenlos unglcklich, trotz einiger Schwestern", die ich 
fand. Ich konnte den Geliebten nicht vergessen. Um dem grobsinnlichen 
Trieb, der nach Befriedigung drngte, zu gengen, whlte ich mir Soldaten. 



Erworbene contrre Sexualempfindung. 207 

um Geld machten die Leute Alles, aber sie blieben kalt und ich hatte 
keinen Genuss mit ihnen. Es gelang mir, nach der Hauptstadt zurck- 
versetzt zu werden. Neues Liebesverhltniss, aber viel Eifersucht, da der Ge- 
liebte gerne in Schwestern gesellschaft ging, eitel und kokett war. Es kam 
zum Bruch. 

Ich war grenzenlos unglcklich und froh, durch Versetzung aus der 
Hauptstadt fortzukommen. Ich sitze nun in C. einsam, trostlos. Zwei Infan- 
teristen wurden abgerichtet, aber mit dem frheren unbefriedigenden Erfolg. 
Wann werde ich neuerdings wahre Liebe finden?! Ich bin ber mittelgross, 
gut entwickelt, sehe etwas verlebt aus, weshalb ich da, wo ich Eroberungen 
machen will, mit Toiletteknsten nachhelfe. Haltung, Gesten, Stimme sind 
mnnlich. Krperlich fhle ich mich jugendlich wie ein Bursche von 20 Jahren. 
Ich liebe das Theater, berhaupt die Kunst. Meine Aufmerksamkeit auf der 
Bhne gilt den Schauspielerinnen, an welchen ich jede Bewegung und jeden 
Faltenwurf bemerke und kritisire. 

In Herrengesellschaft bin ich schchtern, befangen, in der von meines- 
gleichen bin ich ausgelassen, witzig, kann schmeicheln wie eine Katze, wenn 
mir der Mann sympathisch ist. Bin ich ohne Liebe, so gerathe ich in tiefe 
Melancholie, die aber den Trstungen des ersten hbschen Mannes sofort 
weicht. Im Uebrigen bin ich leichtsinnig, nichts weniger als ehrgeizig. Meine 
Charge imponirt mir nicht. Mnnliche Beschftigung ist mir unsympathisch. 
Am liebsten lese ich Romane, gehe ins Theater u. s. w. Ich bin weich, empfind- 
sam, leicht gerhrt, leicht verletzlich, nervs. Ein pltzliches Gerusch macht 
mich am ganzen Krper erbeben und ich muss mich dann zusammennehmen, 
dass ich nicht aufschreie. 

Epikrise: Der vorstehende Fall ist jedenfalls ein solcher von erwor- 
bener contrrer Sexualempfindung, denn geschlechtliche Empfindung und Trieb 
waren ursprnglich dem weiblichen Geschlecht zugewendet. Durch Masturba- 
tion wird Seh. neurasthenisch. 

Als Theilerscheinung neurasthenischer Neurose entsteht verminderte 
Ansprachsfhigkeit des Erectionscentrums und damit relative Impotenz. Da- 
durch erkaltet die sexuelle Empfindung zum anderen Geschlechte bei fort- 
bestehender Libido sexualis. Die erworbene contrre Sexualempfindung muss 
eine krankhafte sein, denn schon die erstmalige Berhrung durch eine 
Person des eigenen Geschlechts bildet einen adquaten Reiz fr das Erec- 
tionscentrum. Die Perversion sexuellen Fhlens wird eine ausgeprgte. An- 
fangs fhlt sich Seh. noch in der Rolle des Mannes beim geschlechtlichen 
Akte, immer mehr im Verlauf verwandelt sich aber Fhlen und Drang 
zur Befriedigung in der Weise, wie sie beim (geborenen) Urning die 
Regel ist. 

Diese Eviratio lsst die passive Rolle und weiterhin (passive) Pde- 
rastie begehrenswerth erscheinen. Jene erstreckt sich weiterhin auf den 
Charakter. Dieser wird weiblich , insofern Seh. nun mit Vorliebe in Ge- 
sellschaft wirklicher Feminae sich bewegt, immer mehr Sinn fr weib- 
liche Beschftigung bekommt und sogar zur Schminke und Toiletteknsten 
Zuflucht nimmt, um sinkende Reize aufzufrischen und Eroberungen" zu 
machen. 



208 Paraesthesia sexualis. 

Die vorausgehenden Thatsachen der erworbenen contrren 
Sexualempfindung und der Eviratio finden eine interessante Be- 
sttigung in folgenden ethnologischen Erfahrungen. 

Schon bei H e r o d o t findet sich die Beschreibung einer sonderbaren 
Krankheit, von welcher hufig die Skythen befallen wurden. Die Krankheit 
bestand darin, dass Mnner weibisch von Charakter wurden, weibliche Klei- 
dung anlegten, weibliche Arbeit verrichteten und auch in ihrem Aeusseren 
weibliches Geprge bekamen. 

Fr diesen Skythenwahnsinn *) gab H e r o d o t als Erklrung die Mythe, 
es habe die Gttin Venus , erzrnt ber die Plnderung ihres Tempels zu 
Ascalon durch die Skythen, die Tempelschnder und ihre mnnliche Nach- 
kommenschaft zu Weibern gemacht. 

Hippokrates glaubt nicht an bernatrliche Krankheiten, erkennt, 
dass Impotenz hier eine vermittelnde Rolle spiele, erklrt dieselbe aber un- 
richtig aus der Gewohnheit der Skythen, sich anlsslich der durch ihr vieles 
Herumreiten entstandenen Krankheiten in der Ohrengegend zur Ader zu lassen. 
Er glaubte, diese Venen seien hchst wichtig fr die Erhaltung der Geschlechts- 
kraft und ihre Durchschneidung fhre Impotenz herbei. Indem die Skythen 
ihre Impotenz nun fr gttliche Strafe und unheilbar hielten, zogen sie Weiber- 
kleider an und lebten fortan wie Weiber unter Weibern. 

Bemerkenswerth ist, dass nach Klaproth (Reise in den Kaukasus, 
Berlin 1812, V, p. 285) und Chotomski (a. a. 0.) noch in unserem Jahr- 
hundert Impotenz eine hufige Folge des Reitens auf ungesattelten Pferden 
bei den Tartaren ist. Dasselbe wird beobachtet bei den Apaches und Navajos 
des westlichen Continents, die fast niemals zu Fuss gehen, excessiv reiten und 
durch kleine Genitalien, geringe Libido und Potenz auffllig sind. Dass exces- 
sives Reiten schdlich fr die Generationsorgane sein kann, wussten schon 
Sprengel, Lallemand, Nysten. 

Hchst interessante analoge Erfahrungen berichtet Hammond von den 
Puebloindianern in Neu-Mexico. 

Diese Nachkommen der Azteken zchten sich sog. Mujerados, deren 
jeder Pueblostamm einen zu den religisen Ceremonien (recte Orgien im Frh- 
jahr), bei welchen Pderastie eine hervorragende Rolle spielt, bedarf. 

Man whlt, um einen Mujerado zu zchten, einen mglichst krftigen 
Mann, masturbirt ihn excessiv und lsst ihn bestndig herumreiten. Es ent- 
steht allmhlig eine so reizbare Schwche der Genitalorgane, dass beim Reiten 
massenhaft Samenerguss entsteht. Dieser Reizungszustand geht in paralytische 
Impotenz ber. Nun atrophiren Hoden und Penis, die Barthaare fallen 



*) Vgl. Sprengel, Apologie des Hippokrates, Leipzig 1792, p. 611; 
Friedreich, Literrgeschichte der psych. Krankheiten 1830, p. 31; Lalle- 
mand, Des pertes seminales, Paris 1836, I. p. 581; Nysten, Dictionn. de 
medecine 11. edit., Paris 1858, Art. eviration und Maladie des Scythes; Ma- 
randon, De la maladie des Scythes, Annal. medico-psychol. 1877, Mars, 
p. 161; Hammond, American Journal of Neurology and Psychiatry 1882, 
August. 



Erworbene contrre Sexualempfindung. 209 

aus, die Stimme verliert an Tiefe und Umfang, Krperkraft und Energie 
nehmen ab. 

Neigungen und Charakter werden weiblich. Der M. verliert seine Stel- 
lung in der Gesellschaft als Mann, er nimmt weibliche Manieren und Sitten 
an, gesellt sich den Weibem zu. Gleichwohl wird er aus religisen Grnden 
in Ehren gehalten. Es ist wahrscheinlich, dass er auch ausser der Zeit der 
Feste vornehmen Pueblos zur Pderastie dient. 

H a m m o n d konnte 2 Mujerados untersuchen. Der eine war es vor 
7 Jahren geworden und gerade 35 Jahre alt. Bis vor 7 Jahren war er ganz 
mnnlich und potent gewesen. Allmhlig hatte er Schwund der Hoden und 
des Penis bemerkt. Gleichzeitig verlor er Libido und Erectionsvermgen. Er 
unterschied sich in Kleidung und Haltung nicht von den Weibern, unter 
welchen ihn Hammond traf. 

Die Schamhaare fehlten, der Penis war geschrumpft, das Scrotum schlaff, 
hngend, die Hoden waren auf ein Minimum geschrumpft und auf Druck 
kaum mehr empfindlich. 

Der M. hatte grosse Mammae wie eine Gravida und versicherte, er habe 
schon mehrere Kinder, deren Mtter gestorben waren, gesugt. 

Ein zweiter M. , 36 Jahre, seit 10 Jahren gezchtet, bot dieselbe Er- 
scheinung, jedoch nur geringe Mammaentwicklung. Gleich dem vorigen war 
seine Stimme hoch, dnn, der Krper fettreich. 

III. Uebergangsstufe zur Metamorphosis sexualis paranoica. 

Eine weitere Entwicklungsstufe stellen Flle dar, wo auch 
das krperliche Empfinden im Sinne einer Transmutatio sexus 
sich umgestaltet. 

Die folgende Beobachtung ist in dieser Hinsicht ein Unicum. 

Beobachtung 98. Autobiographie. 1844 in Ungarn geboren, war 
ich lange Jahre das einzige Kind meiner Eltern, da die meisten anderen Ge- 
schwister an Lebensschwche starben; erst spt kam noch ein Bruder nach, 
welcher das Leben behielt. 

Ich stamme aus einer Familie, in welcher Nerven- und psychische Leiden 
vielfach vorgekommen sind. Als kleines Kind soll ich sehr hbsch gewesen 
sein, mit blonden Locken und durchsichtiger Haut; sehr folgsam, stille, be- 
scheiden, so dass man mich in jede Damengesellschaft mitnahm, ohne dass 
ich genirt htte. 

Bei sehr reger Phantasie, meiner Feindin das ganze Leben hindurch, 
entwickelten sich meine Talente schnell. Mit 4 Jahren konnte ich lesen und 
schreiben, mein Gedchtniss reicht bis ins 3. Jahr zurck; ich spielte mit 
Allem, was mir unter die Hnde fiel, mit Bleisoldaten oder Steinen oder Bn- 
dern aus einem Kinderladen: nur einen Apparat zum Holzmachen, den man 
mir schenkte, mochte ich nicht. Am liebsten war ich zu Hause bei meiner 
Mutter, die mein Alles war. Freunde hatte ich 2 3, mit denen ich gut- 
mthig verkehrte, aber gerade so gerne mit ihren Schwestern, welche mich 
auch stets wie ein Mdchen behandelten, was mich Anfangs nicht genirte. 
v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 14 



210 Paraesthesia sexuaKs. 

Ich muss auf dem Wege gewesen sein, ganz wie ein Mdchen zu wer- 
den, ich weiss wenigstens noch gut, wie es stets hiess: das schickt sich fr 
einen Buben nicht." Darauf bemhte ich mich, den Buben zu spielen, machte 
Alles meinen Kameraden nach und suchte sie an Wildheit zu bertreffen, 
was auch gelang: es war mir kein Baum und kein Gebude zu hoch, um es 
nicht zu besteigen. An den Soldaten hatte ich grosse Freude , den Mdchen 
wich ich mehr aus, da ich mit ihren Sachen doch nicht spielen sollte, und es 
mich auch stets wurmte, dass sie mich so ganz wie ihresgleichen behandelten. 

In Gesellschaft Erwachsener war ich aber stets gleich bescheiden und 
gleich gerne gesehen. Phantastische Trume von wilden Thieren, die mich 
einmal aus dem Bette trieben , ohne dass ich erwacht wre , peinigten mich 
hufig. Ich wurde stets zwar einfach, aber hchst zierlich gekleidet und be- 
kam dadurch eine Neigung zu schnen Kleidern ; eigenthmlich scheint es mir, 
dass ich schon von der Schulzeit an Hinneigung zu Frauenhandschuhen hatte, 
die ich heimlich anzog , so oft ich konnte ; so ereiferte ich mich , als meine 
Mutter einmal ein Paar solcher verschenkt hatte, ganz energisch dagegen und 
theilte meiner Mutter auf Befragen mit: ich htte sie lieber selber gerne ge- 
habt; ich wurde tchtig ausgelacht und htete mich von da an sehr, meine 
Vorliebe fr weibliche Sachen zu zeigen. Und doch war meine Freude daran 
so gross. Besonders hatte ich an Maskenkleidern meine Freude, d. h. nur an 
weiblichen; sah ich solche, so beneidete ich die Besitzerin; am liebsten sah 
ich 2 als weisse Damen allerdings wunderschn verkleidete junge Herren mit 
sehr schnen Mdchenmasken vor den Gesichtern, und doch htte ich mich um 
keinen Preis vor Anderen als Mdchen gezeigt, so sehr frchtete ich mich vor 
dem Spotte. In der Schule zeigte ich den grssten Fleiss, war stets vorne an; 
meine Eltern lehrten mich von Kindheit an, dass zuerst die Pflicht komme, 
und gaben mir auch stets hievon das Beispiel; auch war mir der Besuch der 
Schule ein Vergngen, denn die Lehrer waren mild und die lteren Schler 
plagten die jngeren nicht. Nun verliessen wir meine erste Heimath, da der 
Vater gezwungen war, seinem Beruf zu Liebe sich auf ein Jahr von der 
Familie zu trennen; wir zogen nach Deutschland. Hier herrschte ein strenger 
bis roher Ton , theils unter den Lehrern , theils unter den Schlern , und ich 
wurde wieder wegen meiner Mdchenhaftigkeit verspottet. 

Meine Mitschler gingen so weit, dass sie einem Mdchen, welches genau 
meine Zge hatte, meinen Namen gaben und mir den ihrigen, so dass ich das 
Mdchen , mit dem ich mich , als sie verheirathet war , spter befreundete, 
hasste. Meine Mutter fuhr fort, mich zierlich zu kleiden, und dies war mir 
zuwider, da es mir stets Spott eintrug, so dass ich froh war, als ich endlich 
ganz richtige Hosen und ganz richtige Mnnerrcke bekam. Doch kam mit 
diesen eine neue Plage; sie genirten mich an den Genitalien, besonders wenn 
das Tuch etwas rauh war, und die Berhrung des Schneiders beim Anmessen 
war mir durch ihren Kitzel, der mich zusammenschaudern machte, ganz un- 
ertrglich, besonders an den Genitalien; nun sollte ich turnen, und da konnte 
ich einfach Alles nicht machen oder nur schlecht, was Mdchen nicht auch 
leicht machen knnen; beim Baden plagte mich das Schamgefhl des Ent- 
blssens, ich that es aber sehr gerne ; ich hatte bis zum 12. Jahre eine grosse 
Schwche im Kreuze. Schwimmen lernte ich spt, nachher aber gut, so dass 
ich grosse Touren machte. Mit 13 Jahren hatte ich Pubes, war etwa 6 Fuss 






Erworbene contrre Sexualempfindung. 211 

gross, aber im Gesicht ein Weibsbild, dies bis zu 18 Jahren, wo der Bart stark 
kam und ich vor der Weiberhnlichkeit Ruhe hatte. Eine mit 12 Jahren 
erworbene, erst mit 20 Jahren geheilte Inguinalhernie genirte mich sehr, 
besonders beim Turnen; es kam hiezu vom 12. Jahre an bei langem Sitzen 
und besonders bei Nachtarbeit, die hufig lang war, ein Jucken, Brennen, 
Zittern von dem Penis an bis ber das Kreuz hinaus, welches Sitzen und Stehen 
erschwerte und sich durch Erkltung steigerte; ich ahnte aber im Entfern- 
testen nicht, dass dies mit den Genitalien Zusammenhang haben knnte. Da 
keiner meiner Freunde daran litt, so kam es mir ganz fremd vor und brauchte 
ich die usserste Geduld, es zu ertragen, um so mehr, als berhaupt der 
Unterleib mich oft genirte. 

In sexualibus war ich noch ganz unwissend, hatte aber jetzt, so mit 
12 bis 13 Jahren, das sichere Gefhl, lieber ein Frauenzimmer sein zu wollen. 
Ihre Gestalt gefiel mir besser, ihr ruhiges Auftreten, ihr Anstand, aber beson- 
ders ihre Kleider behagten mir sehr, ich htete mich aber wohl, es merken zu 
lassen , doch weiss ich gewiss , dass ich das Castrationsmesser nicht gescheut 
htte, um meinen Zweck zu erreichen. Htte ich sagen sollen, warum ich 
lieber in Frauenkleidern stke, so htte ich bloss sagen knnen : es zieht mich 
eben mit Gewalt hinein; vielleicht kam ich mir auch wegen meiner selten 
weichen Haut eher wie ein Mdchen vor; diese war nmlich, besonders im 
Gesicht und an den Hnden, sehr empfindlich. Bei den Mdchen war ich 
gerne gesehen; obgleich ich lieber stets unter ihnen gewesen wre , so verhhnte 
ich sie, wo ich konnte, denn ich musste bertreiben, um nicht selbst weibisch 
zu erscheinen, und beneidete sie im Herzen doch bestndig; besonders war 
mein Neid gross , wenn eine Freundin lange Kleider bekam , in Handschuhen 
und Schleier ging. Als ich mit 15 Jahren eine Reise machte, schlug mir eine 
junge Dame, bei der ich wohnte, vor, mich als Dame zu maskiren und mit 
ihr auszugehen; ich ging aber, da sie nicht allein war, nicht darauf ein, so 
gerne ich es gethan htte. So wenig Umstnde machte man mit mir; gerne 
sah ich auf jener Reise , dass die Knaben in einer Stadt Blousen mit kurzen 
Aermeln und nackten Armen trugen. Eine ganz geputzte Dame erschien mir 
wie eine Gttin, berhrte mich ihre Glacehand, so war ich glcklich und 
neidisch, und wre eben zu gerne an ihrer Stelle in den schnen Sachen und 
der zierlichen Gestalt gesteckt. Nichtsdestoweniger studirte ich sehr fleissig, 
machte Realschule und Gymnasium in 9 Jahren durch, legte eine gute Maturitts- 
prfung ab. Ich erinnere mich, mit 15 Jahren das erste Mal zu einem Freunde 
den Wunsch geussert zu haben, ein Mdchen zu sein: auf seine Frage nach 
dem Grunde konnte ich keine Antwort geben. Im 17. Jahre war ich in lockere 
Gesellschaft gekommen, ich trank viel Bier, rauchte und suchte mit Kellnerinnen 
zu scherzen; diese verkehrten gerne mit mir, aber man behandelte mich stets, 
als ob ich auch Rcke trge. Die Tanzstunde konnte ich nicht besuchen, es 
trieb mich hinaus; htte ich als Maske hingehen knnen, dann wre es anders 
gewesen. Meine Freunde liebte ich zrtlich, nur einen hasste ich, der mich 
zur Onanie verleitet hatte. Pfui ber jenen Tag, der mir fr mein Lebenlang 
geschadet hat ; ich trieb sie ziemlich stark, kam mir aber dabei wie ein doppelter 
Mensch vor; ich kann das Gefhl nicht beschreiben; ich glaube, es war mnn- 
lich, aber mit weiblichem gemischt. An ein Mdchen konnte ich nicht an- 
kommen, ich frchtete dieselben, und doch waren sie mir nicht fremd; sie 



212 Paraesthesia sexualis. 

imponirten mir aber doch mehr als meinesgleichen, ich beneidete sie, ich 
htte auf alle Freuden verzichtet, wenn ich htte nach der Klasse zu Hause 
als Mdchen sein drfen und wenn ich vollends so htte ausgehen drfen; 
eine Crinoline, ein knapper Handschuh war eben mein Ideal. 

Ich empfand bei jedem Damenanzuge, den ich sah, wie ich mich darin 
fhlen wrde, nmlich als Dame; eine Sehnsucht nach Mnnern hatte ich nicht. 

Ich erinnere mich zwar, mit ziemlicher Zrtlichkeit an einem bild- 
schnen Freunde mit Mdchengesicht und dunklen Locken gehangen zu haben, 
glaube aber nur den Wunsch gehabt zu haben, dass wir beide Mdchen sein 
mchten. 

Auf der Hochschule gelangte ich endlich einmal zum Coitus; hoc modo 
sensi, me libentius sub puella concubuisse et penem meum cum cunno mutatum 
maluisse. Das Mdchen musste auch zu seinem Erstaunen mich wie ein Md- 
chen behandeln, auf was sie gerne einging und mich aber auch behandelte, 
als wre ich nun sie (sie war noch ziemlich dumm und verspottete mich des- 
halb nicht). 

Als Student war ich zur Zeit wild, fhlte aber stets, dass ich diese 
Wildheit nur mehr als Maske vornahm; ich trank, schlug mich, konnte aber 
wieder nicht Tanzunterricht nehmen, weil ich mich zu verrathen frchtete. 
Meine Freundschaften waren innig, aber ohne Nebengedanken; am meisten 
freute es mich , wenn ein Freund sich als Dame maskirte oder wenn ich 
die Toiletten der Damen auf einem Balle mustern konnte; ich hatte alles 
Verstndniss dafr und fing auch allmhlig an zu fhlen wie ein Frauen- 
zimmer. 

Wegen unglcklicher Verhltnisse machte ich zwei Selbstmordversuche ; 
ohne Grund schlief ich einmal 14 Tage nicht, hatte viel Hallucinationen 
(Gesicht und Gehr zugleich), verkehrte mit Verstorbenen und Lebenden zu- 
gleich, was mir bis heute geblieben ist. 

Auch eine Freundin hatte ich, die meine Liebhaberei kannte, meine 
Handschuhe anzog, aber mich eben auch nur als Mdchen gelten Hess. So 
verstand ich die Weiber besser, als ein anderer Mann, und wie sie das heraus 
hatten, so wurde ich eben wieder more feminarum behandelt, als htte man 
eine Freundin getroffen. Ich konnte es im Ganzen auch nicht ausstehen, wenn 
gezotet wurde, und that es eigentlich auch nur Bramarbasirens halber, wenn 
es geschah. Den anfnglichen Ekel gegen Gestank und Blut legte ich bald 
ab bis zum Gegentheile, einzelne Gegenstnde jedoch konnte ich nie sehen 
ohne Ekel. Nur das Eine fehlte mir stets, dass ich ber mich stets im Un- 
klaren war; ich wusste, dass ich weibliche Neigungen habe, glaubte aber doch 
ein Mann zu sein, doch zweifle ich, ob ich ausser den Coitusversuchen , die 
mir nie Vergngen machten (was ich der Onanie zuschrieb), je einmal ein 
Weib bewunderte, ohne den Wunsch, dasselbe zu sein, oder mich zu fragen, 
ob ich es sein mchte oder in seinem Putze auftreten mchte. In der Geburts- 
hilfe, welche zu lernen mir sehr schwer wurde (ich schmte mich fr die auf- 
liegenden Mdchen und hatte Mitleid mit ihnen), habe ich bis zum heutigen 
Tag ein Gefhl des Schreckens zu berwinden; ja es kam mir schon vor, dass 
ich die Traktionen mitzufhlen vermeinte. An mehreren Stellen mit Erfolg als 
Arzt verwendet, machte ich einen Feldzug mit als freiwilliger Arzt. Das Reiten, 
welches mir schon als Student peinlich war, weil die Genitalien dabei mehr 



Erworbene contrre Sexualempfindung. 213 

weibliche Gefhle vermittelten, fiel mir schwer (nach Frauenart wre es leichter 



Immer noch glaubte ich, ein Mann mit undeutlichen Gefhlen zu sein, 
und immer, wenn ich mit Damen zusammenkam, wurde ich bald eben wieder 
als uniformirte Dame behandelt (wre, als ich das erste Mal die Uniform trug, 
viel lieber in ein Damenkostm mit Schleier geschlpft; es war mir ein stren-, 
des Gefhl, wenn man auf den stattlichen Uniformirten schaute). In der 
Privatpraxis hatte ich in allen 3 Hauptbranchen Glck, dann machte ich noch- 
mals einen Feldzug mit; in diesem kam mir meine Natur zu gute, da ich 
glaube, dass seit dem ersten Esel auf der Welt kein Grauthier so viel Geduld 
an den Tag zu legen hatte, als ich. Dekorationen blieben nicht aus, doch 
Hessen sie mich kalt. 

So schlug ich mich durch das Leben, so gut es ging, nie zufrieden mit 
mir, voller Weltschmerz, zwischen Sentimentalitt oder Wildheit, die zwar 
meist affektirt war, schwankend. 

Ganz eigenthmlich ging es mir als Heirathskandidat. Am liebsten htte 
ich gar nicht geheirathet, aber Familienverhltnisse und Praxis zwangen 
mich dazu. Ich heirathete eine energische, liebenswrdige Dame aus einer 
Familie, wo Weiberherrschaft blhte. Ich war in sie verliebt, so gut es unser 
einer sein kann, d. h. was er liebt, liebt er mit ganzem Herzen und geht in 
ihm auf, wenn er auch nicht so strmisch erscheint, wie ein ganzer und 
chter Mann; er liebt seine Braut mit aller weiblichen Tiefe, fast wie einen 
Brutigam, nur gestand ich mir diese Seite nicht ein, weil ich immer noch 
glaubte, nur ein verstimmter Mann zu sein, der durch die Ehe wohl ganz zu 
sich selber kommen und sich finden werde. Aber schon in der Hochzeitsnacht 
fhlte ich, dass ich nur als mnnlich gestaltetes Weib fungirte; sub femina 
locum meum esse mihi visum est. Wir lebten im ganzen zufrieden und glck- 
lich, blieben ein paar Jahre kinderlos. Nach einer schweren Schwangerschaft, 
whrend welcher ich in Feindesland zu Tode lag, kam auf eine schwere Geburt 
der erste Knabe, dem eine melancholische Natur bis heute noch anhngt, der 
heute noch schwermthig ist; dann ein zweiter, welcher ganz ruhig ist, ein 
dritter voller Streiche, ein vierter, ein fnfter; allein smmtliche haben schon 
Anlage zur Neurasthenie. Da ich mich nie an meinem Platze fhlte, so ging 
ich viel in lustige Gesellschaft, arbeitete aber immer, was des Menschen Kraft 
vermochte, studirte, operirte, experimentirte mit vielen Arzneimitteln und Kur- 
methoden, auch stets an mir selber. In der Ehe berliess ich meiner Frau das 
Regiment im Hause, da sie das Haushalten sehr gut versteht. Meine Pflichten 
als Ehemann verrichtete ich so gut, als es ging, aber ohne Befriedigung fr 
mich; vom ersten Coitus bis heute ist mir die mnnliche Stellung dabei zu- 
wider und zu schwer gewesen. Ich htte viel lieber die andere Rolle gehabt. 
Musste ich meine Frau entbinden, so brach es mir beinahe das Herz, da ich 
ihre Schmerzen zu wrdigen wusste. So lebten wir lange zusammen, bis 
schwere Gichterkrankung mich in verschiedene Bder trieb und mich neur- 
asthenisch machte. Zugleich wurde ich so anmisch , dass ich alle paar Monate 
eine Zeitlang Eisen nehmen musste, andernfalls war ich wie chlorotisch oder 
hysterisch, oder beides zusammen. Stenocardie plagte mich oft, dann kamen 
halbseitige Krmpfe in Kinn, Nase, Hals, Kehlkopf, Hemikranie, Zwerchfell- 
und Brustmuskell|rampf ; etwa 3 Jahre lang dauerndes Gefhl, als wenn die 



214 Paraesthesia sexualis. 

Prostata vergrssert wre, ein Expulsionsgefhl, wie wenn ich etwas gebren 
sollte, Schmerzen in der Hfte, perennirendes Kreuzweh u. dergl. ; doch wehrte 
ich mich mit der Wuth der Verzweiflung gegen diese mir weibisch oder 
weiblich imponirenden Beschwerden, bis vor 3 Jahren ein ganz heftiger Anfall 
von Arthritis mich vollstndig brach. 

Noch ehe dieser furchtbare Gichtanfall eintrat, habe ich in der Ver- 
zweiflung, um die Gicht zu tilgen, heisse Bder, der Krperwrme so nahe 
als mglich, genommen. Da geschah es einmal, dass ich mich pltzlich ver- 
ndert und dem Tode nahe fhlte; ich sprang mit der letzten Kraft aus der 
Therme heraus , hatte mich aber ganz als Weib mit Libido gefhlt. Ferner 
zur Zeit, als das Ext. cannabis ind. aufkam und sogar gepriesen wurde, nahm 
ich aus Angst vor meinem drohenden Gichtanfalle (und von Gleichgltigkeit 
gegen das Leben gepeinigt) etwa die 3 4fach gebruchliche Dosis von Ext. 
cannabis ind. und machte eine Haschischvergiftung auf Leben und Sterben 
durch. Lachkrampf, Gefhl von unerhrter Krperkraft und Schnelligkeit, 
eigenartiges Gefhl in Gehirn und Augen, Milliarden von Funken vom Gehirne 
aus die Haut durchzuckend stellten sich ein, doch konnte ich mich noch zum 
Sprechen zwingen; allein auf einmal sah ich mich von den Zehen bis zur 
Brust als Weib, fhlte wie frher in der Therme, dass die Genitalien ein- 
gestlpt wurden, das Becken sich erweiterte, die Brste herausschssen, eine 
unsgliche Wollust sich meiner bemchtigte. Da schloss ich die Augen, so 
dass ich wenigstens das Gesicht nicht verndert sah. Mein Arzt hatte dabei 
das Aussehen, als htte er eine Riesenkartoffel statt des Kopfes, meine Frau 
hatte den Vollmond auf dem Rumpfe. Und dennoch war ich stark genug, 
als beide das Zimmer auf kurze Zeit verliessen, in mein Notizbuch meinen 
kurzen letzten Willen einzutragen. 

Aber wer beschreibt meinen Schrecken, als ich am anderen Morgen, mich 
vollstndig zum Weibe verwandelt fhlend, erwachte und beim Gehen und 
Stehen eine Vulva und Mammae fhlte. 

Als ich endlich aus dem Bette mich erhob, fhlte ich, dass mit mir eine 
ganze Umwlzung vorgegangen sei. Schon whrend der Krankheit sagte ein 
Besuch: fr einen Mann ist er so geduldig, und machte mir einen blhenden 
Blumenstock zum Geschenk, was mich befremdete, aber doch freute. Von nun 
an war ich geduldig, wollte nichts mehr im Sturme thun, wurde aber zh wie 
eine Katze, dabei aber mild, vershnlich, nicht mehr nachtrglich, kurz wie ein 
Weib dem Gemthe nach. Whrend der letzten Krankheit hatte ich viele Ge- 
sichts- und Gehrshallucinationen , sprach mit den Todten etc., sah und hrte 
Spiritus familires, fhlte mich als eine doppelte Person, doch merkte ich auf 
dem Krankenlager selber noch nicht, dass der Mann in mir erloschen war. 
Meine Gemthsvernderung war ein Glck, da mich ein Schlag traf, der mich 
bei meiner frheren Stimmung auf den Tod getroffen htte, den ich aber jetzt 
mit Ergebung hinnahm, so dass ich mich selbst nicht mehr erkannte. Da ich 
die Erscheinungen der Neurasthenie noch oft mit Gicht verwechselte, so ge- 
brauchte ich noch viele Bder, bis ein Hautjucken mit der Empfindung der 
Krtze durch eine Therme so zunahm statt abzunehmen, dass ich alle usser- 
liche Therapie aufgab (ich wurde immer anmischer durch die Bder) und 
mich abhrtete, so gut es ging. Aber das weibliche Zwangsgefhl blieb und 
wurde so stark, dass ich nur die Maske des Mannes trage, sonst aber mich 



Erworbene contrre Sexualempfindung. 215 

in jeder Beziehung als vollkommenes Weib nach allen Theilen fhle und von 
der alten Zeit zur Zeit die Erinnerung verloren habe. 

Was die Gicht noch etwa brig gelassen hatte, ruinirte die Influenza 
vollends. 

Status praesens: Ich bin gross, Haarboden gelichtet, Bart wird grau, 
meine Haltung fngt an gebckt zu werden ; habe seit der Influenza etwa ein 
Viertel der rohen Kraft verloren. Gesicht sieht in Folge eines Klappenfehlers 
etwas gerthet aus; Vollbart; chronische Conjunctivitis; mehr muskuls als 
fett; linker Fuss scheint varicose Venen zu bekommen, schlft fters ein, ist 
noch nicht sichtbar verdickt, aber scheint es zu werden. 

Die Mammillargegend hebt sich trotz Kleinheit deutlich ab. Der Bauch 
hat die Form eines weiblichen Bauches, Fsse nach Frauenart gestellt, Waden etc. 
wie diese; mit den Armen ist es gerade so und mit den Hnden. Kann 
Frauenstrmpfe und Handschuhe 7 3 /* l 1 ^ tragen; ebenso trage ich ohne Be- 
schwerde ein Corset. Gewicht wechselt zwischen 168 184 Pfund. Urin ohne 
Eiweiss, ohne Zucker, enthlt ber die Norm Harnsure; enthlt er aber nicht 
viel Harnsure , so ist er hell , fast wasserhell nach jeder Aufregung irgend 
einer Art. Stuhl meist regelmssig, ist er es aber nicht, so kommen alle weib- 
lichen Beschwerden der Obstipation. Schlaf schlecht, oft viele Wochen lang 
nur 2 3 Stunden dauernd. Appetit ziemlich gut, doch im Ganzen ertrgt der 
Magen nicht mehr, als der einer starken Frau und reagirt gegen scharfe Speisen 
sofort durch Hautausschlag und Brennen in der Harnrhre. Haut ist weiss, 
im Ganzen fhlt sie sich sehr glatt an; unertrgliches Jucken in derselben seit 
2 Jahren, hat in den letzten Wochen abgenommen, zeigt sich nur noch mehr 
in der Kniekehle und am Scrotum. 

Neigung zu Schweiss; Ausdnstung frher so gut wie nicht vorhanden, 
macht jetzt alle hsslichen Nuancen der weiblichen Ausdnstung, besonders am 
Unterleibe durch, so dass ich mich noch reinlicher halten muss als eine Frau. 
(Parfmire das Taschentuch, bentze parfmirte Seifen und Eau de Cologne.) 

Allgemeingefhl: Ich fhle mich als Frauenzimmer in Mannes- 
gestalt; wenn ich auch manchmal noch, die Form des Mannes fhle, so fhlt 
das betreffende Glied dennoch weiblich, so z. B. der Penis als Clitoris; die 
Urethra als Urethra und Scheideneingang, sie fhlt stets etwas nass, auch wenn 
sie noch so trocken ist; das Scrotum als Labia majora; kurz, ich fhle eben 
stets eine Vulva, und was das zu bedeuten hat, weiss nur, wer selber so fhlt 
oder gefhlt hat. Aber die ganze Haut am ganzen Krper fhlt weiblich, 
nimmt alle Eindrcke, seien es solche des Tastens, der Wrme oder feindselige, 
als Weib auf und habe ich die Empfindungen eines solchen; mit blossen Hnden 
kann ich nicht gehen, da Hitze und Klte mich gleich sehr peinigen; wenn 
die Zeit, wo es uns Herren gestattet ist, den Sonnenschirm zu tragen, vorber 
ist, so habe ich sehr grosse Pein in meiner Gesichtshaut zu leiden, bis wieder 
der Sonnenschirm gebraucht werden darf. Erwache ich Morgens, so dmmert 
es in mir einige Augenblicke, es ist, als ob ich mich selber suche, dann er- 
wacht das Zwangsgefhl, Weib zu sein; ich fhle das Gefhl der Vulva (resp. 
dass eine solche da ist), und begrsse den Tag mit einem stillen oder lauten 
Seufzer, denn ich habe schon wieder Angst vor dem jetzt kommenden Theater- 
spielen den ganzen Tag. Es ist keine Kleinigkeit,* sich als Weib fhlen und 
als Mann handeln mssen. Alles musste ich wie neu lernen; die Messer, die 



216 Paraesthesia sexualis. 

Apparate, Alles fhlte sich seit 3 Jahren ganz anders an, und bei dem gen- 
derten Muskelgefhl musste ich Alles neu erlernen. Es ist auch gelungen, nur 
die Fhrung der Sge und des Knochenmeissels macht mir noch zu schaffen; 
es ist beinahe, als ob die rohe Kraft nicht ganz ausreichte. Dagegen habe 
ich mehr Gefhl bei der Arbeit mit dem scharfen Lffel in den Weichth eilen; 
widerwrtig ist es, dass ich bei Untersuchung von Damen oft ihre Gefhle 
mitfhle, was dieselben zwar nicht befremdet. Am allerwiderwrtigsten fhle 
ich eine Kindsbewegung mit ; eine Zeitlang, mehrere Monate, qulte mich das 
Gedankenlesen bei beiden Geschlechtern, gegen welches ich jetzt noch anzu- 
kmpfen habe; bei Weibem ertrage ich es noch eher, bei Mnnern ist es mir 
zuwider. Vor 3 Jahren habe ich noch nicht bewusst die Welt mit Weiber- 
augen angesehen; es kam diese Aenderung im Rapport des Opticus zum Ge- 
hirn unter heftigem Kopfweh fast pltzlich. Ich war bei einer geschlechtlich 
verkehrt fhlenden Dame, da sah ich sie pltzlich so verndert, als ich mich 
jetzt fhle, nmlich sie als Mann und fhlte mich Weib ihr gegenber, dass 
ich mit schlecht verhohlenem Aerger sie verliess; dieselbe war damals sich 
noch nicht klar geworden ber ihren Zustand. 

Seitdem machen alle Sinne ihre Wahrnehmung in weiblicher Form und 
ebenso ihren Rapport. Dem Cerebralsystem schloss sich fast unmittelbar das 
vegetative an, so dass alle Beschwerden sich in weiblicher Weise usserten; 
die Empfindlichkeit aller Nerven, besonders die des Acusticus, Olfactorius oder 
Trigeminus, steigerten sich zu Nervositt; klappt nur ein Fenster, so fahre ich 
zusammen, d. h. innerlich, der Mann darf ja nicht: ist eine Speise nicht absolut 
frisch, so habe ich Cadavergeruch in der Nase. Dem Trigeminus htte ich nie 
zugetraut, dass so launenhaft die Schmerzen von einem Ast auf den andern 
berspringen, von einem Zahne ins Auge. 

Doch ertrage ich seit meiner Aenderung Zahnweh und Migrne leichter, 
habe auch weniger Angstgefhl bei Stenocardie. Eine eigentmliche Beob- 
achtung scheint es mir, dass ich mich als ein ngstliches schwcheres Wesen 
fhle, bei drohenden Gefahren aber viel mehr Kaltbltigkeit und Ruhe besitze, 
ebenso bei sehr schweren Operationen. Der Magen rcht den leisesten (gegen 
die Dit einer Frau) begangenen Fehler unnachsichtlich in Weiberart, sei es 
durch Ructus oder sonstige Beschwerden, besonders einen Alkoholmissbrauch; 
der Kater des sich Weib fhlenden Mannes ist viel infamer, als der colossalste 
akademische Katzenjammer ; es kommt mir beinahe vor, als ob man als Weib 
fhlend ganz unter der Herrschaft des vegetativen Systems stehe. 

So klein meine Brustwarzen sind, so wollen sie Platz und fhle ich sie 
als Mammae, wie zwar auch schon in Puberttsjahren die Warzen schwollen und 
schmerzten; desshalb genirt mich jedes weisse Hemd, die Weste, der Rock. 
Vom Becken habe ich das Gefhl, als ob es ein weibliches sei, dito von After 
und Nates; strend war mir im Beginn das Weiblichkeitsgefhl des Bauches, 
welcher in keine Hosen will und stets das Gefhl der Weiblichkeit hervorbringt 
oder besitzt. Auch habe ich das Zwangsgefhl einer Taille. Es ist mir, wie 
wenn ich, einer eigenen Haut beraubt, in eine Weiberhaut gesteckt wre, die 
sich an Alles genau anpasst, aber Alles fhlt, wie wenn sie ein Weib umgbe, 
und dessen Gefhle durch den ganzen eingeschlossenen Manneskrper strmen 
Hesse und die mnnlichen exmittirt htte. Die Hoden sind, wenn auch nicht 
atrophisch oder degenerirt, doch keine Hoden mehr und machen mir oft 



Erworbene contrre Sexualempfindung. 217 

Schmerzen mit dem Eindrucke, als ob sie in den Bauch hineingehrten und 
festsitzen sollten; die Beweglichkeit derselben peinigt mich oft. 

Alle 4 Wochen, zur Vollmondszeit, habe ich 5 Tage lang alle Molimina 
wie eine Frau, krperlich und geistig, nur dass ich nicht blute, whrend ich 
das Gefhl von Abgang von Flssigkeit, ein Gefhl von Geschwollensein der 
Genitalien und des Unterleibes (innen) habe; eine sehr angenehme Zeit, be- 
sonders wenn nachher und spter ein paar Tage in der Zwischenzeit das 
physiologische Gefhl der Begattungsbedrftigkeit kommt mit seiner ganzen, 
das Weib durchdringenden Kraft; der ganze Krper ist dann von diesem Ge- 
fhle voll, wie ein eingetauchtes Zuckerstck voll Wasser gesogen ist oder so 
voll als wie nasser Schwamm; da heisst es: zuerst liebebedrftiges Weib, dann 
erst Mensch, und zwar ist das Bedrfniss, wie mir scheint, mehr ein Sehnen 
nach Empfngniss als nach Coitus. Der immense Naturtrieb oder die weib- 
liche Geilheit lsst aber das Schamgefhl zurcktreten, so dass indirect der 
Coitus gewnscht wird. Mnnlich habe ich den Coitus hchstens dreimal im 
Leben gefhlt, wenn es berhaupt so war, gleichgltig in allen sonstigen 
Fllen; in den letzten 3 Jahren aber fhle ich ihn deutlich passiv als Frauen- 
zimmer, sogar manchmal mit weiblichem Ejaculationsgefhl ; stets fhle ich 
mich begattet und ermdet wie ein Weib, oft auch unwohl darauf, wie es 
einem Manne niemals zu Muthe ist. Einige Male verursachte er mir einen 
so grossen Genuss, dass ich denselben mit nichts vergleichen kann; es ist ein- 
fach das wonnigste, gewaltigste Gefhl auf Erden, um welches Alles geopfert 
werden kann; in diesem Augenblicke ist das Weib bloss Vulva, welche die 
ganze Person verschlungen hat. 

Das Gefhl, Weib zu sein, habe ich seit 3 Jahren keinen Augenblick 
verloren, es ist mir dieses jetzt durch die Gewhnung nicht mehr so peinlich, 
obgleich ich mich seitdem minderwerthig fhle, denn sich Weib zu fhlen 
ohne Genussverlangen , ist auch fr einen Mann zum Aushalten ; aber wenn 
Bedrfnisse kommen! Dann hrt die Gemthlichkeit auf; das Brennen, die 
Wrme, das Turgorgefhl der Genitalien (bei nicht erigirtem Penis, die Geni- 
talien fallen wie aus der Rolle). Ein bei starkem Drange auftretendes Gefhl 
von Ansaugen in der Vagina und Vulva ist geradezu schrecklich, eine Hllen- 
pein der Wollust, aber kaum auszuhalten. Bin ich dann in der Lage, einen 
Coitus auszufhren, so ist es besser, aber er bewirkt wegen mangelnder Em- 
pfngniss keine vollstndige Befriedigung, das Gefhl der Sterilitt stellt sich 
ein mit seinem ganzen beschmenden Drucke, nebst dem Gefhle der passiven 
Begattung, des verletzten Schamgefhles; man kommt sich fast wie eine Lust- 
dirne vor. Der Verstand hilft nichts dagegen, das Zwangsgefhl der Weib- 
lichkeit beherrscht und bezwingt Alles. Wie schwer man in solchen Zeiten 
beruflich arbeitet, ist leicht zu ermessen; doch dazu kann man sich zwingen. 
Freilich ist es beinahe nicht mglich, zu sitzen, zu gehen, zu liegen, wenig- 
stens kann man von diesen drei Zustnden keinen lange aushalten , dazu die 
stete Berhrung der Hosen etc., es ist unausstehlich. 

Die Ehe macht dann, ausser dem Moment des Coitus, wo der Mann sich 
begattet fhlen muss, noch den Eindruck des Zusammenlebens zweier Weiber, 
von denen eines sich nur als Mann maskirt betrachtet. Bleiben diese perio- 
dischen Molimina einmal aus, so kommen die Gefhle der Graviditt oder 
der sexuellen Uebersttigung , die der Mann sonst nicht kennt, die aber den 



218 Paraesthesia sexualis. 

ganzen Menschen geradeso in Beschlag nehmen wie das Weiblichkeitsgefhl, 
nur dass sie specifisch widerwrtig sind, so dass man gerne die regelmssigen 
Molimina wieder sich gefallen lsst. Wenn erotische Trume oder Vorstel- 
lungen kommen, so sieht man sich in der Form, welche man als Weib htte, 
und sieht erigirte Glieder, die sich prsentiren; es wre, da auch der After 
weiblich fhlt, gar nicht schwer, zum Kinden zu werden, nur das positive 
religise Verbot hindert daran, alle anderen Rcksichten wrden hinfllig 
werden. 

Da solche Zustnde wohl Jedem widerwrtig sein werden, so ist eine 
Sehnsucht vorhanden, geschlechtslos zu sein oder sich machen zu drfen. Wenn 
ich ledig wre, so htte ich laugst Hoden und Scrotum sammt Penis den Ab- 
schied gegeben. 

Was hilft das hchste weibliche Genussgefhl, wenn man doch nicht 
concipirt? Was ntzen die Regungen weiblicher Liebe, wenn man zur Befrie- 
digung wieder eine Frau hat? wenn auch die Begattung sie uns als Mann 
empfinden lsst. Wie entsetzlich beschmend ist die weibliche Ausdnstung! 
Wie erniedrigt den Mann das Gefhl der Freude an Kleidern und Schmuck! 
Er mchte selbst in der umgewandelten Form, selbst wenn er des mnnlichen 
Geschlechtsgefhles sich nicht mehr erinnern kann, eben doch nicht sich als 
Weib fhlen mssen; er weiss noch ganz gut, dass er frher nicht stets ge- 
schlechtlich fhlte, dass er auch ein blosser Mensch war, unbeeinflusst vom 
Geschlecht! Jetzt auf einmal soll er stets seine bisherige Individualitt nur als 
Maske empfinden, stets sich als Weib fhlen, eine Abwechslung nur haben, wenn 
er alle 4 Wochen seine periodischen Beschwerden und zwischen hinein seine 
weibliche nicht zu befriedigende Geilheitszeit hat? Wenn er erwachen darf, 
ohne sofort sich als Weib fhlen zu mssen? Zuletzt sehnt er sich nach einem 
Augenblick, wo er seine Maske lften knnte, der Augenblick kommt nicht! 
Erleichterung des Elendes kann er nur finden, wenn er ein Stck Weiblichkeit, 
Schmuck, ein Unterkleid etc. anziehen kann, denn als Weib darf er ja doch 
nicht gehen; alle seine Berufspflichten mit dem Gefhle einer als Herr kost- 
mirten Schauspielerin erfllen zu mssen und kein Ende abzusehen, ist keine 
Kleinigkeit. Die Religion allein schtzt vor grobem Lapsus, hindert aber das 
Peinliche nicht, wenn die Versuchung an das weiblich fhlende Individuum so 
herantritt, wie an ein wirkliches Weib und so gefhlt und durchgemacht werden 
muss! Wenn ein angesehener Mann, der im Publikum ein seltenes Vertrauen 
geniesst und eine Autoritt besitzt, sich mit seiner wenn auch imaginren Vulva 
herumschlagen muss; wenn man von schwerem Tagewerk herkommt und ist 
genthigt, die Toilette der nchstbesten Dame zu mustern, mit Weiberaugen 
zu kritisiren, aus ihrem Gesichte ihre Gedanken abzulesen, wenn ein Mode- 
journal (das hatte ich schon als Kind) das gleiche Interesse einflsst, wie ein 
wissenschaftliches Werk? Wenn man seinen Zustand vor seiner Gattin, deren 
Gedanken man, sobald man sich Weib fhlt, abliest vom Gesichte, verbergen 
muss, whrend ihr doch klar wird, dass man sich an Leib und Seele gendert 
hat? Die Qualen, welche die zu berwindende weibliche Weichlichkeit ver- 
ursacht! Es gelingt zwar manchmal, wenn man in Urlaub allein ist, einige 
Zeit mehr als Frau zu leben, z. B. weibliche Kleider etc., besonders bei der 
Nacht zu tragen, die Handschuhe fast stets anzubehalten, einen Schleier oder 
eine Maske im Zimmer vorzunehmen, dass man dann vor der bermssigen 



Erworbene contrre Sexualeinpfindung. 219 

Libido Ruhe hat, aber die einmal eingedrungene Weiblichkeit verlangt ge- 
bieterisch, dass sie anerkannt werde; sie begngt sich oft mit einer beschei- 
denen Concession, des Umnehmens eines Armreifes hinter der Manchette z. B., 
aber eine Concession in irgend welcher Art verlangt sie gebieterisch. Das 
einzige Glck ist nur das, dass man sich ohne Scham weiblich costmirt sehen 
kann, ja dass man, wenn das Gesicht verschleiert oder maskirt ist, sich lieber 
so sieht und sich natrlich vorkommt; man hat dann, wie jede andere Mode- 
gans, den Geschmack der laufenden Mode, so sehr wird und ist man um- 
gewandelt! Bis man sich an den Gedanken gewhnt hat, selbstndig nur als 
Weib zu fhlen und die frhere Denkweise gewissermassen nur aus der Erinne- 
rung zum Vergleiche herzuholen, und dann als Mann sich zu ussern, gehrt 
lange Zeit und unsgliche Ueberwindung. 

Trotzdem wird es noch vorkommen, dass man sich auf einer weiblichen 
Gefhlsusserung ertappt, sei es in sexualibus, dass man sagt: man fhlt so und 
so, was aber ein Nichtweib nicht wissen kann, oder dass man zufllig verrth, 
dass Einem die weibliche Kleidung gang und gbe ist. Vor Frauen allein 
macht dies nichts aus, da sich eine Frau in erster Linie geschmeichelt fhlt, 
wenn man von ihren Sachen etwas versteht, nur darf es nicht vor der eigenen 
Frau passiren! Wie erschrak ich einmal, als meine Frau einer Freundin sagte, 
dass ich fr Damenartikel einen sehr feinen Geschmack besitze! Wie war 
eine hochmthige Modedame berrascht, als ich ihr, die im Begriffe war, ihr 
Tchterchen ganz falsch zu erziehen, alle weiblichen Gefhle schriftlich und 
mndlich darlegte (ich log ihr zwar vor, ich htte mein Wissen aus Briefen 
geschpft); aber ebenso gross ist ihr Zutrauen jetzt, und das Kind, auf dem 
Wege verrckt zu werden, ist vernnftig geblieben und ist frhlich. Es hatte 
nmlich alle Regungen der Weiblichkeit als Snden gebeichtet, jetzt weiss es, 
was es als Mdchen ertragen und durch Willen und Religion beherrschen 
muss, und fhlt sich als Mensch. Die beiden Damen wrden herzlich lachen, 
wenn sie wssten, dass ich nur aus eigener trauriger Erfahrung geschpft 
habe. Beifgen muss ich noch, dass ich seither ein viel feineres Temperatur- 
gefhl habe, dazu aber noch ein mir vorher unbekanntes Gefhl fr die Ela- 
sticitt der Haut, fr Spannung der Gedrme bei Patienten, dass aber bei 
Operationen und Sektionen feindliche Flssigkeiten meine (unverletzte) Haut 
leichter durchdringen. Jede Sektion macht mir Schmerzen, jede Untersuchung 
einer Dirne oder einer Frau mit Fluor, Krebsgeruch u. dergl. berhrt mich 
geradezu feindlich. Ueberhaupt stehe ich jetzt stark unter dem Einflsse von 
Antipathie und Sympathie, vom Farbensinne an bis zur Beurtheilung einer 
ganzen Person. Frauen sehen einander die sexuelle derzeitige Stimmung ge- 
whnlich an, desshalb trgt eine Dame den Schleier, wenn sie ihn auch nicht 
stets vornimmt, und parfmirt sich gewhnlich, wenn es auch nur Taschen- 
tuch oder Handschuhe sind , denn ihre Geruchsempfindung ihrem Geschlechte 
gegenber ist enorm; berhaupt wirken Gerche auf einen weiblichen Orga- 
nismus ganz unglaublich ein ; so z. B. beruhigt mich Veilchen und Rose, andere 
Gerche ekeln mich, mit Hang knnte ich es vor geschlechtlicher Erregtheit 
nicht aushalten. Berhrung einer Frau erscheint mir homogen, Coitus mit 
meiner Frau erscheint mir dadurch mglich, dass sie etwas mnnlicher ist, eine 
feste Haut besitzt und doch ist es mehr ein Amor lesbicus. 

Zudem fhle ich mich stets passiv. Wenn ich oft Nachts vor Aufregung 



220 Paraesthesia sexualis. 

nicht schlafen kann, geht es endlich, si femora mea distensa habeo, sicut 
mulier cum viro concumbens, oder auf eine Seite mich lege, nur darf dann 
kein Arm oder kein Bettstck die Mamma berhren , sonst ist es mit dem 
Schlafe wieder aus; auch der Bauch will nicht gedrckt sein. In Frauenhemd 
und Bettjacke schlafe ich am besten, und dann noch mit Handschuhen, denn 
es friert mich leicht an den Hnden; in weiblichen Unterhosen und Unter- 
rcken behagt es mir auch, weil sie die Genitalien nicht berhren. Am liebsten 
waren mir Frauenkleider zur Crinolinenzeit. Frauenkleider geniren den weib- 
lich fhlenden Menschen nicht, da er sie, wie jedes Weib, als zu seiner Person 
gehrend, fhlt, nicht als fremde Gegenstnde. 

Mein liebster Verkehr ist eine an Neurasthenie leidende Dame (s. Beob. 99), 
welche seit dem letzten Wochenbette mnnlich fhlt, sich aber, seit ich ihr 
diese Gefhle gedeutet habe, so gut als mglich darein schickt, coitu abstinet, 
was ich als Mann eben nicht thun darf; diese hilft mir durch ihr Beispiel meinen 
Zustand tragen. Sie hat die Frauengefhle noch klarer in Erinnerung und 
hat mir schon manchen guten Rath gegeben. Wre sie ein Mann und ich ein 
junges Mdchen, diese wrde ich zu erwerben suchen, von dieser wrde ich 
mir des Weibes Schicksal gefallen lassen. Aber ihre jetzige Photographie ist 
ganz anders als die frheren ; sie ist ein hchst elegant costmirter Herr trotz 
Busen etc. und Frisur; sie spricht aber auch kurz und bndig, und hat an 
Allem, was mir Spass macht, keine Freude mehr; sie hat eine Art von Welt- 
schmerz, trgt aber ihr Schicksal mit Ergebung und Wrde, findet ihren Trost 
nur in Religion und Pflichterfllung, geht zur Zeit der Menses fast zu Grunde ; 
sie liebt Frauengesellschaft und Frauengesprche nicht mehr, ebenso keine 
Sssigkeiten. 

Ein Jugendfreund fhlt seit erster Zeit des Lebens nur als Mdchen, 
hat aber Zuneigung zum mnnlichen Geschlechte: seine Schwester hatte es 
umgekehrt, und als der Uterus doch sein Recht verlangte und sie sich als 
liebendes Weib sah, trotz ihrer Mnnlichkeit, machte sie es kurz und entleibte 
sich durch Ertrnken. 

Was ich als Hauptvernderungen an mir seit der vollstndigen Effe- 
minatio beobachtet, ist: 

1. das stete Gefhl, Weib zu sein vom Scheitel bis zur Zehe, 

2. das stete Gefhl, weibliche Genitalien zu besitzen, 

3. die Periodicitt der vierwchentlichen Molimina, 

4. regelmssig eintretende weibliche Begierlichkeit , aber ohne Lust zu 
einem bestimmten Mann, 

5. beim Coitus weibliches passives Gefhl, 

6. nachher das Gefhl der futuirten Partei, 

7. bei Bildern von Coitus das weibliche Gefhl, 

8. beim Anblick von Frauenzimmern das Gefhl der Zusammengehrig- 
keit und das weibliche Interesse daran, 

9. beim Anblick von Herren das weibliche Interesse daran, 

10. beim Anblick von Kindern dasselbe, 

11. das vernderte Gemth, die viel grssere Geduld, 

12. die endlich gelungene Ergebung in mein Schicksal, was ich zwar nur 
der positiven Religion verdanke, sonst htte ich mich lngst entleibt. 



Erworbene contrre Sexualempfindung. 221 

Denn Mann zu sein und fhlen "zu mssen: chaque femme est futuee 
ou eile desire d'gtre, ist kaum ertrglich. 

Vorstehende fr die Wissenschaft hchst werthvolle Auto- 
biographie war von folgendem nicht minder interessanten Briefe 
begleitet : 

E. W. habe ich zunchst um Verzeihung zu bitten wegen der Belstigung 
durch meine Zuschrift; ich hatte allen Halt verloren und betrachtete mich 
nur mehr als ein Scheusal, vor dem mir selber ekelte; da gewann ich durch 
Ihre Schriften wieder Muth und beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen 
und einen Rckblick auf mein Leben zu werfen , falle das Resultat aus , wie 
es immer wolle. Nun kam es mir aber als Pflicht der Dankbarkeit vor, E. W. 
das Resultat meiner Erinnerung und Beobachtung mitzutheilen , da ich einen 
ganz analogen Fall nicht bei Ihnen verzeichnet fand ; endlich dachte ich auch, 
es interessire Sie vielleicht, aus einer rztlichen Feder zu erfahren, wie solch 
ein missrathenes menschliches oder mnnliches Individuum unter dem Druck 
des Zwangsgefhles, Weib zu sein, denkt und fhlt. 

Es stimmt nicht Alles, aber zu mehr Reflexion habe ich die Kraft nicht 
mehr, und mag mich nicht mehr hineinvertiefen; Manches ist wiederholt, 
aber doch bitte ich zu bedenken, dass jede Maske aus der Rolle fallen kann, 
besonders wenn die Verkleidung nicht freiwillig getragen wird, sondern auf- 
oktroyirt wird. 

Ich hoffe nach der Lektre Ihrer Schriften, dass ich, wenn ich meine 
Standespflichten als Arzt, Brger, Vater und Ehemann erflle, mich doch zu 
den Menschen rechnen darf, welche nicht bloss Verachtung verdienen. 

Endlich wollte ich E. W. das Resultat meiner Erinnerung und meines 
Nachdenkens vorlegen, um zu beweisen, dass man auch mit weiblichem Fhlen 
und Denken Arzt sein kann; ich halte es fr ein grosses Unrecht, dem Weibe 
die Medicin zu verschliessen ; ein Weib kommt manchem Uebel durch das 
Gefhl auf die Spur, wo der Mann trotz aller Diagnostik im Finstern tappt, 
jedenfalls bei Frauen- und Kinderkrankheiten. Wenn ich es machen knnte, 
so msste jeder Arzt ein Vierteljahr lang die Weiblichkeit durchmachen, er 
htte dann mehr Verstndniss und mehr Achtung fr die Seite der Mensch- 
heit, von welcher er abstammt, und wsste dann die Seelengrsse der Frauen 
zu schtzen, andererseits auch die Hrte ihres Schicksals. 

Epikrise. Patient schwer belastet, ist originr psychosexual abnorm, 
indem er charakterologisch und beim sexuellen Akt weiblich empfindet. Dieses 
abnorme Fhlen bleibt eine rein seelische Anomalie bis vor 3 Jahren, wo, auf 
Grund schwerer Neurasthenie, dieselbe eine bermchtige Sttze durch zwangs- 
mssig sich dem Bewusstsein aufdrngende krperliche Gefhle im Sinne der 
Transmutatio sexus bekommt. Patient fhlt sich zu seinem Schrecken nun 
auch krperlich als Weib, empfindet unter dem Zwang seiner weiblichen 
Zwangsgefhle " eine gnzliche Umwandlung seines bisherigen mnnlichen 
Fhlens, Vorstellens und Strebens, ja sogar seiner ganzen Vita sexualis im 
Sinne der Eviratio. Gleichwohl ist sein Ich im Stande, die Herrschaft gegen- 



222 Paraesthesia sexualis. 

ber diesen seelisch-krperlichen krankhaften Vorgngen zu behaupten und 
den Verfall in Paranoia hintanzuhalten ein denkwrdiges Beispiel von 
Zwangsempfindungen und Zwangsvorstellungen auf der Basis neurotischer Be- 
lastung und von hohem Werth fr die Gewinnung eines Verstndnisses der 
Wege, auf welchen sich die psychosexuale Transformation vollziehen mag. 
1893, nach 3 Jahren, sandte mir der unglckliche College einen neuen Status 
praesens seiner Denk- und Gefhlsweise. Derselbe entspricht wesentlich dem 
frheren. Pat. fhlt sich krperlich und seelisch vollkommen als Weib, aber 
seine Intelligenz ist intakt geblieben und schtzt ihn vor dem Verfall in 
Paranoia (s. u.). 



Ein Seitenstck zu diesem klinisch und psychologisch merk- 
wrdigen Fall bei einem Manne stellt die folgende, eine Dame be- 
treffende Beobachtung dar. 

Beobachtung 99. Frau X., Tochter eines hohen Beamten, stammt 
von einer Mutter, die an einem Nervenleiden gestorben ist. Der Vater war 
unbelastet, starb hochbetagt an Pneumonie. Ein Theil der Geschwister ist 
psychopathisch minderwerthig, ein Bruder charakterologisch abnorm und schwer 
neurasthenisch. 

Als Mdchen hatte Frau X. entschieden Inclinationen fr Knabensport. 
Solange sie noch kurze Kleider trug, schweifte sie in Feld und Wald umher 
und erkletterte schwindelfrei die gefhrlichsten Felsparthien. Fr Kleider und 
Putz hatte sie keinen Sinn. Nur einmal, als sie ein Kleid von mehr mnn- 
lichem Zuschnitt bekam, empfand sie grosse Freude und war sehr vergngt, 
als sie als Schlerin bei einer theatralischen Auffhrung in Knabenkleidern 
einen Jungen darstellen durfte. 

Im Uebrigen verrieth aber nichts eine homosexuelle Veranlagung. Sie 
weiss sich bis zur Eheschliessung (21 Jahre) keines Falles zu erinnern, dass sie je 
zu einer Person des eigenen Geschlechtes sich hingezogen gefhlt htte. Ebenso 
gleichgltig waren ihr mnnliche Individuen. Herangewachsen, hatte sie viele 
Anbeter, was ihr schmeichelte, jedoch wl sie nie an den Unterschied des 
Geschlechts gedacht und diesen nur hinsichtlich der Kleidung beachtet haben. 

Auf dem einzigen Balle, den sie mitmachte, interessirten sie nur die 
geistreiche Unterhaltung und die gute Gesellschaft, nicht der Tanz und die 
Tnzer. 

Die Menses waren ohne Beschwerde mit 18 Jahren eingetreten. Frau X. 
empfand die Menstruation jeweils als etwas ihr nicht Zugehriges und Lstiges. 
Die Verlobung mit dem braven, reichen, aber fr Frauennatur nicht das ge- 
ringste Verstndniss besitzenden Manne war fr sie eine ganz gleichgltige 
Sache. Sie empfand weder Sym- noch Antipathie gegenber der Ehe. Der 
eheliche Umgang war ihr anfangs schmerzlich, spter einfach lstig. Sie ge- 
langte dabei nie zu einem Wollustgefhl, gebar aber im Lauf der Jahre 
6 Kinder. Als der Mann wegen des wachsenden Kindersegens Coitus inter- 
ruptus pflog, fhlte [sie sich in ihrem religisen und moralischen Gefhl 
verletzt. 



Erworbene contrre Sexualempfindung. 223 

Frau X. wurde immer mehr neurasthenisch , missgestimmt, fhlte sich 
unglcklich. 

Sie litt an Descensus uteri, Erosionen an der Port, vaginalis, wurde 
anmisch; gynkologische Behandlung und verschiedene Badekuren brachten 
keine erhebliche Besserung. 

36 Jahre alt, erlitt sie eines Tags einen apoplektischen Insult und lag 
in der Folge fast 2 Jahre lang krank unter schweren neurasthenischen Be- 
schwerden (Agrypnie, Kopfdruck, Herzklopfen, psychische Depression, Gefhl 
gebrochener krperlicher und geistiger Kraft bis zu Gefhlen drohenden Irre- 
seins u. s. w.). 

Im Verlauf dieser Krankheit stellte sich eine sonderbare Aenderung 
ihres seelischen und krperlichen Fhlens ein. 

Der Weibertratsch der sie besuchenden Damen ber Liebe, Toiletten, 
Schmuck, Mode, Haus- und Dienstbotenangelegenheiten wurde ihr ekelhaft. 
Es berhrte sie peinlich, selbst Weib zu sein. Sie konnte sich nicht mehr 
entschliessen, in den Spiegel zu schauen. Frisiren und Toilette wurden ihr 
ein Gruel. Zum Befremden ihrer Umgebung nderten sich ihre bisher 
weichen und entschieden weiblichen Zge im Sinne eines mnnlichen Aus- 
drucks, so dass sie Jedem den Eindruck eines in Damenkleidern steckenden 
Mannes machte. Sie klagte dem vertrauten Arzt, die Periode sei ihr fremd 
geworden, gehe sie nichts an ; sie war bei ihrer Wiederkehr jeweils verstimmt, 
empfand den Geruch des Menstrualbluts als ekelhaft, konnte sich aber nicht 
entschliessen, zu Parfms, die ihr ebenfalls zuwider geworden waren, zu greifen. 

Aber auch sonst fhlte sie eine sonderbare Wandlung ihres ganzen 
Wesens. Sie empfand Anwandlungen von Kraftgefhl und sich getrieben, 
turnerische Leistungen auszufhren, fhlte sich episodisch jung wie mit 20 Jahren. 
Sie erstaunte, wann ihr neurasthenisches Gehirn das Denken berhaupt zuliess, 
ber den Flug und die Neuartigkeit ihrer Gedanken, ber ihre schnelle und 
prcise Art der Schluss- und Urtheilsbildung , die schnelle und kurze Art des 
Ausdrucks, die neue und fr eine Dame nicht immer passende Wahl der 
Worte. Sogar Neigung zum Fluchen stellte sich bei der frher so frommen 
und strenge auf sich haltenden Frau ein. 

Sie machte sich bittere Vorwrfe, jammerte, sie sei nicht mehr weib- 
lich, stosse in der Gesellschaft in ihrem Denken, Fhlen und Handeln an. 

Nun fhlte sie auch eine Vernderung ihres Krpers. Zu ihrem Er- 
staunen und Entsetzen fhlte sie die Brste schwinden, ihr Becken kam ihr 
enger vor, die Knochen wurden massiger, die Haut fhlte sich rauher und 
fester an. 

Sie konnte sich nicht mehr entschliessen, die weibliche Bettjacke sowie 
ein Hubchen zu tragen , auch Armreife , Ohrringe , Fcher wurden bei Seite 
gelegt. Der Kammerjungfer sowie der Nhterin fiel auf, dass von Frau X. 
ein ganz anderer Geruch ausging; die Stimme wurde tiefer, rauh, mnnlich. 

Als Pat. endlich das Bett verliess, hatte sie den Gang der Frauen fast 
ganz verloren, musste sich zu entsprechenden Gesten und Bewegungen im 
Damencostm frmlich zwingen, konnte es nicht mehr ertragen, einen Schleier 
vor das Gesicht zu nehmen. Ihre frhere Lebenszeit als Weib kam ihr als 
etwas Fremdes, ihr nicht Zugehriges vor, sie fand sich nicht mehr oder nur 
mhsam in die Rolle des Weibes hinein. Ihre Zge wurden nun immer mann- 



224 Paraesthesia sexualis. 

licher. Ganz fremdartige Gefhle im Unterleib stellten sich. ein. Sie klagte 
dem Arzt, dass sie ihre Genitalien nicht mehr innerlich fhle. Sie empfinde 
ihren Leib geschlossen, die Gegend der Schamtheile vergrssert, sie habe oft 
deutlich das Gefhl, Penis und Sero tum zu besitzen. Auch zeigte sie deutlich 
mnnliche Libido. Sie war ber all diese Wahrnehmungen tief verstimmt, 
entsetzt und ihre Verstimmung nahm so zu, dass man Wahnsinn befrchtete. 
Es gelang den Bemhungen und Aufklrungen des Hausarztes, Pat. allmhlig 
zu beruhigen und sie ber diese Klippe hinberzubringen. Pat. gewann in der 
neuen, fremdartigen, krankhaften, krperlich-seelischen Form allmhlig ihr 
Gleichgewicht wieder. Sie bemhte sich, ihren Pflichten als Hausfrau und 
Mutter nachzukommen. Interessant war die wahrhaft mnnliche Festigkeit 
des Willens, welche sie dabei entfaltete, aber ihr frher weiches Gemth war 
verschwunden. Sie gerirte sich nunmehr als Mann im Hause, was Veran- 
lassung zu ehelichen Dissidien bot. Ueberhaupt erschien Frau X. ihrem Mann 
als ein unlsbares Rthsel. 

Dem Arzte klagte sie ber ab und zu sie heimsuchende thierisch mnn- 
liche" Begierden und war zu solchen Zeiten auch tief verstimmt. Der ehe- 
liche Verkehr mit dem Manne erschien ihr grauenhaft und unmglich. 

Episodisch empfand Pat. noch weibliche Regungen, aber immer seltener 
und matter. Sie fhlte dann wieder weibliche Genitalien, ihre Brste als die 
eigenen, aber die Episoden waren ihr peinlich und sie hatte das Gefhl, dass 
sie eine solche zweite Umstimmung" nicht mehr aushalten knnte, ohne wahn- 
sinnig zu werden. 

Sie hat sich in die ihr durch einen Krankheitsprocess aufgedrungene 
Mutatio sexus hineingefunden und trgt ihr Schicksal in Ergebung, wobei ihre 
grosse Religiositt ihr mchtige Hlfe gewhrt. 

Im hchsten Grad peinlich ist ihr aber, dass sie bestndig, einer Schau- 
spielerin gleich, eine fremde Rolle, die des Weibes, vor der Aussenwelt spielen 
muss. (Status praesens Sept. 1892.) 



IV. Stufe: Metamorphosis sexualis paranoiea. 

Eine letzte mgliche Stufe in dem Krankheitsprocess stellt 
der Wahn der Geschlechtsverwandlung dar. Er wird erreicht auf 
der Grundlage einer zur Neurasthenia universalis gewordenen 
sexuellen Neurasthenie im Sinne einer seelischen Erkrankung, der 
Paranoia. 

Die folgenden Beobachtungen weisen die interessante Ent- 
wicklung des neurotisch-psychologischen Vorgangs bis zu seiner 
Hhe nach. 

Beobachtung 100. K., 36 Jahre, ledig, Knecht, aufgenommen in der 
Klinik am 26. Februar 1889, ist ein typischer Fall von aus Neurasthenia 
sexualis entstandener Paranoia persecutoria mit Geruchshallucinationen , Sen- 
sationen u. s. w. 



Wahn der Geschlechtsverwandlung. 225 

Er stammt aus belasteter Familie. Mehrere Geschwister waren psycho- 
pathisch. Patient hat hydrocephalen Schdel, in der Gegend der rechten Fon- 
tanelle eingesattelt, neuropathisches Auge. Von jeher sexuell sehr bedrftig, 
ergab er sich mit 19 Jahren der Masturbation, coitirte mit 23 Jahren, zeugte 
3 uneheliche Kinder, unterliess weiteren sexuellen Verkehr aus Angst vor 
weiterer Zeugung und Unerschwinglichkeit der Alimentationsgelder, empfand 
die Abstinenz hchst peinlich, entsagte auch der Masturbation, bekam massen- 
haft Pollutionen, wurde vor V/2 Jahren sexuell neurasthenisch, hatte auch 
Pollut. diurnae, wurde davon ganz matt und elend, im weiteren Verlauf all- 
gemein neurasthenisch und erkrankte an Paranoia. 

Seit 1 Jahr bekam er parsthetische Sensationen, als ob an Stelle der 
Genitalien ein grosser Knuel liege, dann fhlte er, wie Scrotum und Penis 
fehlten und seine Genitalien sich weiblich umwandelten. 

Er fhlte das Wachsen von Brsten, einen Haarzopf, das Anliegen 
weiblicher Kleidung am Krper. Er kam sich als Weib vor. Die Leute auf 
der Strasse machten entsprechende Aeusserungen : Seht doch das Mensch an, 
die alte Duttel." Im Halbtraum hatte er das Gefhl, als ob an ihm als einem 
Weib ein Mann den Coitus vollziehe. Es kam ihm dabei die Natur unter 
lebhaftem Wollustgefhl. Whrend des Aufenthalts in der Klinik trat eine 
Intermission der Paranoia ein und zugleich eine bedeutende Besserung der 
Neurasthenie. Damit schwanden vorlufig die Gefhle und Ideen im Sinne 
einer sich entwickelnden Metamorphosis sexualis. 

Ein weiter vorgeschrittener Fall von Eviratio auf dem Wege 
zur Transformatio sexus paranoica ist der folgende: 

Beobachtung 101. Franz St., 33 Jahre alt, Volksschullehrer, ledig, 
wahrscheinlich aus belasteter Familie , von jeher neuropathisch , emotiv, 
schreckhaft, alkoholintolerant, begann mit 18 Jahren zu masturbiren, bekam 
mit 30 Jahren Erscheinungen von Neurasthenia sexualis (Pollutionen mit fol- 
gender Mattigkeit, die mit der Zeit auch bei Tage auftraten, Schmerzen im 
Gebiet des Plex. sacralis u. s. w.). Dazu gesellte sich allmhlig Spinalirrita- 
tion , Kopfdruck , Cerebrasthenie. Seit Anfang 1885 hatte Patient sich des 
Coitus enthalten, bei welchem er kein Wollustgefhl mehr versprte. Er 
masturbirte hufig. 

1888 begann Beachtungswahn. Er bemerkte, dass man ihm auswich, 
bemerkte, dass er eine schdliche Ausdnstung habe, stinke (Geruchshallucina- 
tionen) und erklrte sich damit das genderte Benehmen der Leute, nicht 
minder ihr Niesen, Husten u. s. w. 

Er empfand Gerche nach Leichen, faulem Harn. Als Ursache seines 
blen Geruchs erkannte er Pollutionen nach innen. Er erkannte sie an einem 
Gefhl, wie wenn von der Symphyse gegen die Brust Flssigkeit strme. 

Patient verliess bald wieder die Klinik. 

1889 kam er neuerlich zur Aufnahme im vorgeschrittenen Stadium einer 
Paranoia masturbatoria persecut. (physikalischer Verfolgungswahn). 

Anfangs Mai 1889 wird Patient dadurch auffllig, dass er grob reagirt, 
wenn man ihn als Herr" anredet. 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 15 



226 Paraesthesia sexualis. 

Er protestirt dagegen, weil er ein Weib sei. Stimmen sagen ihm dies. 
Er bemerkt, dass ihm Brste wachsen. Vor einer Woche betasteten ihn die 
Anderen wollstig. Er hrte sagen, er sei eine Hure. In letzter Zeit Be- 
gattungstrume. Es trumte ihm, es werde an ihm als einem Weib der Coitus 
vollzogen. Er sprt die Immissio penis und hat beim traumhaften Akt Ejacula- 
tionsgefhl. 

Schdel steil, langer schmaler Gesichtsschdel, prominente Tubera parie- 
talia. Genitalien normal entwickelt. 

Der folgende Fall, in der Anstalt Illenau beobachtet, ist ein 
passendes Beispiel dauernder wahnhafter Verkehrung des geschlecht- 
lichen Bewusstseins. 

Beobachtung 102. Metamor phosis sexualis paranoica. 
N., 23 Jahre, ledig, Pianist, wurde Ende October 1865 in der Heilanstalt 
Illenau aufgenommen. Aus erblich angeblich nicht belasteter, aber tuber- 
kulser Familie (Vater und Bruder erlagen der Phthisis pulm.). Patient war 
als Kind schwchlich, gering begabt, jedoch einseitig fr Musik talentirt. Er 
war von jeher ein abnormer Charakter, still, verschlossen, ungesellig, von 
barschem Wesen. 

Vom 15. Jahr an Masturbation. Nach einigen Jahren schon stellten 
sich neurasthenische Beschwerden (Herzklopfen, Mattigkeit, zeitweise Kopf, 
druck u. s. w.) ein, zugleich auch hypochondrische Anwandlungen. Patient 
arbeitete in dem letzten Jahr sehr angestrengt. Seit einem halben Jahre 
hatte sich seine Neurasthenie gesteigert. Er klagte nun ber Herzklopfen, 
Kopfdruck, Schlaflosigkeit, wurde sehr reizbar, erschien sexuell sehr erregt, 
behauptete , er msse ehemglich heirathen , aus Gesundheitsrcksichten. Er 
verliebte sich in eine Knstlerin, erkrankte aber fast gleichzeitig (Sept. 1865) 
an Paranoia persecutoria (feindliche Wahrnehmungen, Schmhreden auf der 
Strasse, Gift im Essen, man spannt ihm ein Seil auf einer Brcke, damit er 
nicht ber diese zur Geliebten gehe). Wegen zunehmender Aufregung und 
Conflikte mit der feindlich aufgefassten Umgebung in die Irrenanstalt auf- 
genommen, bot er anfnglich noch das Bild einer typischen Paranoia per- 
secutoria, neben den Erscheinungen einer sexuellen, spter allgemeinen Neur- 
asthenie, jedoch baute sich der Verfolgungswahn nicht auf dieser neurotischen 
Grundlage auf. Nur gelegentlich hrte Patient die Umgebung sagen: Jetzt 
wird ihm der Same, jetzt wird ihm die Blase abgeschnitten." 

Im Lauf der Jahre 1866 68 trat der Verfolgungswahn immer mehr in 
den Hintergrund und wurde grossentheils ersetzt durch erotische Ideen. Die 
somatisch-psychische Grundlage war eine andauernde und mchtige Erregung 
der Sexualsphre. Patient verliebte sich in jede Dame, deren er ansichtig wurde, 
hrte auffordernde Stimmen, sich ihr zu nhern, verlangte gebieterisch die 
Ehebewilligung und behauptete, wenn man ihm keine Frau verschaffe, be- 
komme er die Auszehrung. Unter fortgesetzter Masturbation treten schon 
1869 Signale im Sinne knftiger Eviratio auf. Wird, wenn er eine Frau 
bekommt, sie nur platonisch lieben." Patient wird immer verschrobener, lebt 
in einem erotischen Ideenkreis, sieht allenthalben in der Anstalt Prostitution 



Wahn der Geschlechtsverwandlung. 227 

treiben, hrt ab und zu Stimmen, die ihm selbst unzchtiges Benehmen gegen 
Damen imputiren. Er vermeidet desshalb Damengesellschaft und lsst sich 
nur dann herbei, in solcher zu musiciren, wenn ihm zwei Zeugen beigegeben 
werden. 

Im Lauf des Jahres 1872 nimmt der neurasthenische Zustand einen be- 
deutenden Aufschwung. Nun tritt auch die Paranoia persecutoria wieder mehr 
in den Vordergrund und gewinnt klinische Frbung durch den neurotischen 
Grundzustand. Es treten Geruchshallucinationen auf, er wird magnetisch be- 
einflusst. Magnetismusambosarbeitsweilen 1 ' wirken auf ihn ein (falsche Inter- 
pretation spinalasthenischer Beschwerden). Unter fortdauernder mchtiger 
sexueller Erregung und masturbatorischen Excessen macht der Process der 
Eviratio immer weitere Fortschritte. Nur noch episodisch ist er Mann und 
schmachtet nach einem Weibe, beklagt sich bitter, dass die schamlose Prosti- 
tution der Mnner hier im Hause es unmglich mache, dass ein Frauenzimmer 
zu ihm gelange. Er sei sterbenskrank durch magnetisch vergiftete Luft und 
unbefriedigte Liebe, ohne Liebe knne er nicht leben; er sei vergiftet durch 
Geilgift, das auf den Geschlechtstrieb wirke. Die Dame, welche er liebe, sei 
hier in der niedrigsten Unzucht. Die Prostituirten hier im Hause haben Glck- 
seligkeitsketten, d. h. Ketten, in welchen man, ohne sich zu rhren, in Wollust 
liege. Er sei erbtig, sich jetzt auch mit einer Prostituirten zu begngen. Er 
besitze eine wunderbare Augengedankenausstrahlung , die 20 Millionen werth 
sei. Seine Compositionen sind 500000 Francs werth. Neben diesen Andeutungen 
von Grssenwahn solche von persecutorischem die Nahrung ist durch vene- 
rische Excremente vergiftet, er schmeckt und riecht das Gift, hrt infame 
Beschuldigungen und verlangt eine Ohrenschlussmaschine. 

Immer hufiger werden aber vom August 1872 ab Signale im Sinne der 
Eviratio. Er benimmt sich ziemlich affektirt, erklrt, dass er nicht mehr 
unter trinkenden und rauchenden Mnnern leben knne. Er denke und 
empfinde ganz weiblich. Man solle ihn von nun ab als Weib behandeln und 
in einer Frauenabtheilung unterbringen. Er verlangt Confitren , feine Mehl- 
speisen. Gelegentlich Tenesmus und Cystospasmus verlangt er in einer Ent- 
bindungsanstalt untergebracht und wie eine Schwerkranke , Schwangere be- 
handelt zu werden. Der krankhafte Magnetismus mnnlicher Pfleger wirke 
ungnstig auf ihn. 

Vorbergehend fhlt er sich noch als Mann, plaidirt aber in fr sein 
krankhaft gendertes sexuales Empfinden bezeichnender Weise nur fr Be- 
friedigung durch Masturbation, fr Ehe ohne Coitus. Die Ehe sei ein 
Wollustinstitut. Das Mdchen, welches er zur Frau nehmen mchte, msste 
Onanistin sein. 

Vom December 1872 ab ndert sich sein Persnlichkeitsbewusstsein end- 
gltig in ein weibliches. 

Er sei von jeher ein Weib, aber vom 1. 5. Lebensjahre habe ihn ein 
franzsischer Qukerknstler mit mnnlichen Genitalien versehen und ihm 
durch Einreiben und Zurichten des Thorax das sptere Hervorkommen der 
Brste verhindert. 

Er verlangt nun energisch Unterbringung in der Frauenabtheilung, 
Schutz vor ihn prostituiren wollenden Mnnern und Damenkleidung. Eventuell 
wre er auch erbtig, in einem Spielwaarengeschft sich mit Stepp- und Aus- 



228 Paraesthesia sexualis. 

schneidarbeit, oder in einem Putzgeschft mit weiblicher Arbeit zu beschf- 
tigen. Vom Zeitpunkt der Transformatio sexus an beginnt fr Patient eine 
neue Zeitrechnung. Seine eigene frhere Persnlichkeit fasst er in der Erinne- 
rung als seinen Vetter auf. 

Er spricht von sich vorlufig in der dritten Person, erklrt sich fr die 
Grfin V., die liebste Freundin der Kaiserin Eugenie, verlangt Parfms, Cor- 
setten u. s. w. Hlt die anderen Mnner der Abtheilung fr Frauenzimmer, 
versucht, sich einen Zopf zu flechten, verlangt ein orientalisches Enthaarungs- 
mittel, damit man nicht mehr an seiner Damennatur zweifle. Er gefllt sich 
in Lobreden auf die Onanie, denn sie war seit ihrem 15. Jahr Onanistin und 
hat nie eine andere geschlechtliche Befriedigung gesucht". Gelegentlich werden 
noch neurasthenische Beschwerden, Geruchshallucinationen und persecutorische 
Delirien beobachtet. Alle Erlebnisse bis zum December 1872 gehren der 
Persnlichkeit des Vetters an. 

Patient ist von dem Wahn, Grfin V. zu sein, nicht mehr abzubringen. 
Sie beruft sich darauf, dass sie von der Hebamme untersucht und als Dame 
befunden worden sei. Die Grfin wird nicht heirathen, weil sie die Mnner- 
welt verachtet. Da Patient keine Damenkleider und Stckelschuhe bekommt, 
bringt er den grssten Theil des Tages im Bett zu, gerirt sich als vornehme, 
leidende Dame , thut zimpferlich , verschmt und verlangt Bonbons u. dergl. 
Das Haar wird so gut wie mglich in Zpfe geflochten , der Bart ausgezupft. 
Aus Semmeln werden Brste geschaffen. 

1874 tritt Caries im linken Kniegelenk auf, zu der sich bald Phthisis 
pulmonum gesellt. Tod am 2. December 1874. Schdel normal. Stirnhim 
atrophisch , Gehirn anmisch. Mikroskopisch (Dr. Schule): In der oberen 
Schichte des Frontalhirns Ganglienzellen leicht geschrumpft, in der Adventitia 
der Gefsse zahlreiche Fettkrnchen; Glia unverndert, vereinzelte Pigment- 
partikeln und Colloidkrner. Die unteren Schichten der Gehirnrinde normal. 
Genitalien sehr gross, Hoden klein, schlaff, auf dem Durchschnitt makroskopisch 
nicht verndert. 

Der im Vorstehenden in seinen Bedingungen und Entwicklungs- 
phasen aufgezeigte Wahn der Geschlechtsverwandlung ist eine auf- 
fallend seltene Erscheinung in der Pathologie des menschlichen Geistes. 
Ausser den vorausgehenden Fllen eigener Beobachtung habe ich 
einen solchen Fall als episodische Erscheinung bei einer contrr- 
sexualen Dame (Beob. 118 der 7. Auflage m. Psychopathia sexualis) 
und als dauernde bei einem mit originrer Paranoia behafteten 
Mdchen beobachtet, ferner bei einer ebenfalls originr paranoi- 
schen Dame. 

In der Literatur sind mir ausser einem aphoristisch in seinem 
Lehrbuch berichteten Fall von Arndt (S. 172), einem von Serieux 
(Recherches cliniques p. 33) ziemlich oberflchlich mitgetheilten und 
den beiden bekannten von Esquirol keine Beobachtungen von 
Wahn der Geschlechts Verwandlung erinnerlich. Der Fall von Arndt 



Wahn der Geschlechtsverwandlung. 229 

mge hier kurz mitgetheilt werden, obwohl er ebensowenig wie die 
Esquirol'schen ber die Genese des Wahns Aufschlsse bietet. 

Beobachtung 103. Eine Frau in mittleren Jahren in der Greifswalder 
Irrenanstalt hielt sich fr einen Mann und trug sich demgemss. Sie schnitt 
sich das Haar kurz und scheitelte es auf einer Seite in militrischer Weise. 
Ein scharf geschnittenes Profil, eine etwas grosse Nase und eine gewisse Derb- 
heit aller Zge gab dem Antlitz etwas Charakteristisches und, im Vereine mit 
dem kurzgeschnittenen und um die Ohren glatt anliegenden Haare, dem ganzen 
Kopfe etwas entschieden Mnnliches. 

Sie war gross und hager, ihre Stimme tief und rauh, der Adamsapfel 
kantig vorspringend, ihre Haltung straff, ihr Gang sowie jede ihrer Bewegungen 
wuchtig, aber nicht gerade plump. Sie sah aus wie ein Mann in Frauen- 
kleidern. Befragt, wie sie dazu komme, sich fr einen Mann zu halten, rief 
sie fast immer sehr erregt: Nun, sehen Sie mich doch einmal an! Sehe ich 
nicht aus wie ein Mann? Auch fhle ich, dass ich ein Mann bin. Ich habe 
immer schon so etwas gefhlt, aber ich bin mir darber erst allmhlig klar 
geworden. Der Mann, welcher mein Mann sein soll, ist gar kein rechter Mann. 
Meine Kinder habe ich mir selber gezeugt. Ich habe so etwas immer gefhlt, 
jedoch die Klarheit darber ist mir erst spter gekommen. Und habe ich nicht 
immer auch in der Wirthschaft wie ein Mann gewirkt? Der Mann, welcher 
mein Mann sein soll, hat nur ausgeholfen. Er hat ausgefhrt, was ich an- 
geordnet habe. Ich bin von Jugend auf immer mehr fr das Mnnliche ge- 
wesen, als fr das Weibliche. Fr das, was auf Hof und Feld geschieht, habe 
ich immer mehr Liebe gehabt, als fr das, was im Hause und in der Kche 
zu thun ist. Aber ich habe nur nicht erkannt, woran das lag. Jetzt weiss 
ich, dass ich ein Mann bin, und da will ich mich auch als solcher tragen, und 
es ist eine Schande, mich immer in Weiberkleidern zu halten." 

Beobachtung 104. X., 26 Jahre, von hoher Statur und schnem 
Aeusseren, liebte es, seit der frhesten Jugend Weiberkleider anzuziehen. 
Herangewachsen, wusste er es als Theilnehmer von Haustheatem immer so ein- 
zurichten, dass er weibliche Rollen bekam. Nach einer Gemthsbewegung bil- 
dete er sich ein, wirklich Weib zu sein, und versuchte die Umgebung davon 
zu berzeugen. 

Er liebte es, sich zu entkleiden, dann als Weib sich zu frisiren und zu 
drapiren. In diesem Aufzug wollte er auf die Strasse. Sonst war er ganz 
vernnftig. Den ganzen Tag pflegte er sich zu frisiren, sich im Spiegel zu 
beschauen und mit seinem Schlafrock so gut als mglich sich als Weib zu 
costmiren. Beim Gehen ging er nach Weiberart. Als eines Tags Esquirol 
dergleichen that, als wollte er ihm das Kleid aufheben, gerieth er in Wuth 
und warf ihm Unverschmtheit vor (Esquirol). 

Beobachtung 105. Frau X., Wittwe, war durch den Tod ihres Mannes 
und Verlust ihres Vermgens grossen Gemthsbewegungen ausgesetzt gewesen. 
Sie wurde geistig gestrt und kam nach einem Selbstmordversuch in die 
Salpetriere. 



230 Paraesthesia sexualis. 

Frau X., schlank, mager, andauernd in manischer Aufregung, hielt sich 
fr einen Mann, gerieth in Zorn, wenn man sie Madame" anredete. Als man 
ihr einmal Mnnerkleidung zur Verfgung stellte, war sie ausser sich vor Ent- 
zcken. Sie erlag 1802 einer consumptiven Krankheit und usserte ihren "Wahn, 
ein Mann zu sein, bis kurz vor ihrem Tode (Esquirol). 

Auf S. 208 habe ich der interessanten Beziehungen Erwh- 
nung gethan, welche sich zwischen diesen Thatsachen der wahn- 
haften Geschlechtsverwandlung und dem sogen. Skythenwahnsinn 
finden. 

Marandon (Annales medico-psychologiques 1877 p. 161) hat, 
gleichwie Andere, irrthmlich angenommen, dass es sich bei diesen 
Skythen des Alterthums um wirklichen Wahn und nicht um blosse 
Eviratio gehandelt habe. Nach dem Gesetz des empirischen Aktualis- 
mus muss der heutzutage so seltene Wahn auch im Alterthum hchst 
selten gewesen sein. Da er nur auf Grundlage einer Paranoia denk- 
bar ist, kann berhaupt von einem endemischen Vorkommen nie- 
mals die Rede gewesen sein, sondern nur von einer aberglubischen 
Deutung einer Eviratio (im Sinne des Zornes der Gttin), wie dies 
auch aus Andeutungen bei Hippokrates hervorgeht. 

Anthropologisch bemerkenswerth bleibt die aus dem sogen. 
Skythenwahnsinn und aus neuerlichen Erfahrungen bei den Pueblo- 
indianern hervorgehende Thatsache, dass mit dem Schwund der 
Hoden auch solcher der Genitalien berhaupt und Annherungen 
an den Typus des Weibes krperlich und seelisch beobachtet wurden. 
Es ist dies um so aufflliger, als solche Rckwirkung beim Manne, 
der in erwachsenem Alter seine Zeugungsorgane verliert, ebenso 
ungewhnlich ist, als beim erwachsenen Weibe m. m. nach dem 
knstlichen Klimax oder nach dem natrlichen. 



B. Die homosexuale Empfindung als angeborene krankhafte 
Erscheinung 1 ). 

Das Wesentliche bei dieser sonderbaren Erscheinungsweise 
des Geschlechtslebens ist die sexuelle Frigiditt bis zum Horror 
gegenber dem anderen Geschlecht, whrend Neigung und Trieb 



*) Literatur (ausser der im Folgenden erwhnten) : T a r d i e u , Des 
Attentats aux moeurs, 7. edit. 1878, p. 210. Hofmann, Lehrb. d. ger. 
Med., 6. Aufl., p. 170, 887. Gley, Revue philosophique 1884, Nr. 1. 
Magnan, Annal. med.-psychol. 1885, p. 458. Shaw und Ferris, Journal 



Angeborene contrre Sexualempfindung. 231 

zum eigenen Geschlecht besteht. Gleichwohl sind die Genitalien 
normal entwickelt, die Geschlechtsdrsen functioniren ganz ent- 
sprechend und der geschlechtliche Typus ist ein vollkommen diffe- 
renzirter. 

Das Empfinden, Denken, Streben, berhaupt der Charakter 
entspricht, bei voller Ausbildung der Anomalie, der eigenartigen 
Geschlechtsempfindung, nicht aber dem Geschlecht, welches das 
Individuum anatomisch und physiologisch reprsentirt. Auch in 
Tracht und Beschftigung gibt sich diese abnorme Empfindungs- 
weise dann zu erkennen bis zum Drang, der sexuellen Rolle, in 
welcher sich das Individuum fhlt, entsprechend sich zu kleiden. 

Klinisch und anthropologisch bietet diese abnorme Erschei- 
nung verschiedene Entwicklungsstufen, bezw. Erscheinungsformen. 

1) Bei vorwaltender homosexualer Geschlechtsempfindung be- 
stehen Spuren heterosexualer (psychosexuale Hermaphrodisie). 

2) Es besteht bloss Neigung zum eigenen Geschlecht (Homo- 
sexualitt). 

3) Auch das ganze psychische Sein ist der abnormen Ge- 
schlechtsempfindung entsprechend geartet (Effeminatio und Vira- 
ginitt). 

4) Die Krperform nhert sich derjenigen, welcher die ab- 
norme Geschlechtsempfindung entspricht. Nie aber finden sich wirk- 
liche Uebergnge zum Hermaphroditen, im Gegentheil vollkommen 



of nervous and mental disease 1883, April, Nr. 2. Bernhardi, Der Uranis- 
mus. Berlin (Volksbuchhandlung) 1882. Chevalier, De l'inversion de 
l'instinct sexuel. Paris 1885. Ritti, Graz, hebdom. de medecine et de 
Chirurg. 1878, 4. Jnner. Tamassia, Rivista sperim. 1878, p. 97 117. 
Lombroso, Archiv, di Psichiatr. 1881. Charcot et Magna n, Archiv, 
de Neurologie 1882. Nr. 7, 12. Tarnowsky, Die krankhaften Erschei- 
nungen d. Geschlechtssinnes. Berlin 1886. Moll, Die contrre Sexualempfin- 
dung. 2. Aufl. Berlin 1893 (zahlreiche Literaturangaben). Chevalier, Ar- 
chiven de l'anthropologie criminelle, Bd. 5, Nr. 27. Bd. 6, Nr. 31. Reuss, 
Aberrations du sens genesique, Annales d'hygiene publique 1886. Saury, 
Etde clinique sur la folie hereditaire 1886. Magnan, Seance de l'aca- 
demie de medecine du 13 Janvier 1885; derselbe, Annales medico-psychol. 
1886. (Anomalies du sens genital. Discussion sur la folie hereditaire). 
Serieux, Recherches cliniques sur les anomalies de l'instinct sexuel. Paris 
1886. Brouardel, Gaz. des hpitaux 1886 und 1887. Tilier, L'instinct 
sexuel chez l'homme et chez les animaux 1889. Carlier, Les deux prosti- 
tutions 1887. Lacassagne, Art. Ped^rastie im Dictionn. encyclopedique. 
Vibert, Art. Pderastie im Dict. medec. et de Chirurgie. Chevalier, 
L'inversion sexuelle. Lyon-Paris 1893. 



232 Paraesthesia sexualis. 

differenzirte Zeugungsorgane, so dass also, gleichwie bei allen krank- 
haften Perversionen des Sexuallebens , die Ursache im Gehirn ge- 
sucht werden muss (Androgynie und Gynandrie). 

Die ersten genaueren x ) Mittheilungen ber diese rthselhaften Natur- 
erscheinungen rhren von C a s p e r her (Ueber Nothzucht und Pderastie, 
Casper's Vierteljahrsschr. 1852, I), der dieselbe zwar mit der Pderastie zu- 
sammenwirft, aber schon die treffende Bemerkung macht, dass diese Anomalie 
in den meisten Fllen angeboren und gleichsam als eine geistige Zwitter- 
bildung anzusehen sei. Es bestehe hier ein wahrer Ekel vor geschlechtlicher 
Berhrung von Weibern, whrend sich die Phantasie an schnen jungen 
Mnnern, Statuen, Abbildungen solcher ergtze. Schon Casper ist es nicht 
entgangen, dass in solchen Fllen Immissio penis in anum (Pderastie) nicht 
die Regel ist, sondern dass auch durch anderweitige geschlechtliche Akte 
(mutuelle Onanie) sexuelle Befriedigung erstrebt und erzielt wird. 

In seinen klinischen Novellen* (1863, p. 33) gibt Casper das inter- 
essante Selbstbekenntniss eines diese Perversion des Geschlechtstriebes auf- 
weisenden Menschen, und steht nicht an zu erklren, dass, abgesehen von 
verderbter Phantasie, Entsittlichung durch Uebersttigung im normalen Ge- 
schlechtsgenuss , es zahlreiche Flle gebe, wo die Pderastie" aus einem 
wunderbaren, dunklen, unerklrlichen, angeborenen Drang entspringt. Mitte der 
60er Jahre trat ein gewisser Assessor Ulrichs, selbst mit diesem perversen 
Trieb behaftet, auf und behauptete unter dem Schriftstellernamen Numa 
Numantius" in zahlreichen Schriften 2 ), das geschlechtliche Seelenleben sei nicht 



J ) Durch Herrn Dr. A. Moll in Berlin wurde ich aufmerksam gemacht, 
dass sich Andeutungen von contrrer Sexualempfindung, Mnner betreffend, 
schon in Moritz's Magazin f. Erfahrungsseelenkunde Bd. VIII, Berlin 1791 
finden. Thatschlich werden dort 2 Biographien von Mnnern mitgetheilt, 
welche eine geradezu schwrmerische Liebe zu Personen des eigenen Geschlechts 
boten. In dem 2. besonders bemerkenswerthen Fall erklrt der Pat. sich selbst 
die Ursache seiner Verirrung" damit, dass er als Kind nur von erwachsenen 
Personen, als Knabe von 10 12 Jahren von seinen Mitschlern geliebkost 
wurde. Dies und der entbehrte Umgang mit Personen vom anderen Ge- 
schlechte machte, dass sich bei mir die natrliche Zuneigung zum weiblichen 
Geschlechte von ihm ganz ablenkte auf das mnnliche. Ich bin noch jetzt 
gegen Frauenzimmer ziemlich gleichgltig." 

Ob der Fall ein solcher von angeborener (psychosexualer Hermaphro- 
disie?) oder erworbener contrrer Sexualempfindung war, lsst sich nicht ent- 
scheiden. 

2 ) Vindex, Inclusa, Vindicta, Formatrix, ra spei, Gladius furens (Leipzig, 
H. Matthes 1864 u. 1865) Ulrichs, kritische Pfeile", 1879, in Commission bei 
H. Crnlein, Stuttgart, Augustenstrasse 5. Der um die Bekmpfung der gegen 
seine Schicksalsgenossen bestehenden Vorurtheile unermdlich ringende Verf. 
gibt seit 1889 in Aquila degli Abruzzi (Italien) eine diesem Zweck dienende 
lateinisch geschriebene Zeitschrift il periodico latino" heraus. 



Angeborene contrre Sexualempfindung. 233 

an das krperliche Geschlecht gebunden, es gebe mnnliche Individuen, die 
sich als Weib dem Manne gegenber fhlen (anima muliebris in corpore 
virili inclusa"). Er nannte diese Leute Urninge" und verlangte nichts Gerin- 
geres als die staatliche und sociale Anerkennung dieser urnischen Geschlechts- 
liebe als einer angeborenen und damit berechtigten, sowie die Gestattung der 
Ehe unter Urningen. Ulrichs blieb nur den Beweis dafr schuldig, dass 
diese allerdings angeborene paradoxe Geschlechtsempfindung eine physiolo- 
gische und nicht vielmehr eine pathologische Erscheinung sei. 

Ein erstes anthropologisch-klinisches Streiflicht auf diese Thatsachen 
warf Griesinger (Archiv f. Psychiatrie I, p. 651), indem er in einem selbst 
beobachteten Falle auf die starke erbliche Belastung des betreffenden Indi- 
viduums hinwies. 

We8tphal (Archiv f. Psychiatrie II, p. 73) verdanken wir die erste 
Abhandlung ber die in Rede stehende Erscheinung, die er als angeborene 
Verkehrung der Geschlechtsempfindung mit dem Bewusstsein der Krankhaftig- 
keit dieser Erscheinung" definirte und mit dem seither allgemein recipirten 
Namen der contrren Sexualempfindung" bezeichnete. Er erffnete zugleich 
eine Casuistik, die seither auf 158 Flle, ungerechnet die in dieser Mono- 
graphie berichteten, angewachsen ist. 

Westphal lsst es unentschieden, ob die contrre Sexualempfindung" 
Symptom eines neuro- oder eines psychopathischen Zustandes sei, oder als 
isolirte Erscheinung vorkommen knne. Er hlt fest an dem Angeborensein 
des Zustandes. 

Auf Grund der bis 1877 verffentlichten Flle habe ich diese 
eigenartige Geschlechtsempfindung als ein funktionelles Degenera- 
tionszeichen und als Theilerscheinung eines neuro(psycho)pathischen, 
meist hereditr bedingten Zustands bezeichnet, eine Annahme, 
welche durch die fernere Casuistik durchaus Besttigung gefunden 
hat. Als Zeichen dieser neuro(psycho)pathischen Belastung lassen 
sich anfhren: 

1) Das Geschlechtsleben derartig organisirter Individuen macht 
sich in der Regel abnorm frh und in der Folge abnorm stark 
geltend. Nicht selten bietet es noch anderweitige perverse Er- 
scheinungen, ausser der an und fr sich durch die eigenartige Ge- 
schlechtsempfindung bedingten abnormen sexuellen Richtung. 

2) Die geistige Liebe dieser Menschen ist vielfach eine 
schwrmerisch exaltirte, wie auch ihr Geschlechtstrieb sich mit be- 
sonderer, selbst zwingender Strke in ihrem Bewusstsein geltend 
macht. 

3) Neben dem functionellen Degenerationszeichen der contrren 
Sexualempfindung finden sich oft anderweitige functionelle, vielfach 
auch anatomische Entartungszeichen. 

4) Es bestehen Neurosen (Hysterie, Neurasthenie, epileptoide 



234 Paraesthesia sexualis. 

Zustnde u. s. w.). Fast immer ist temporr oder dauernd Neur- 
asthenie nachweisbar. Diese ist in der Regel eine constitutionelle, 
in angeborenen Bedingungen wurzelnde. Geweckt und unterhalten 
wird sie durch Masturbation oder durch erzwungene Abstinenz. 

Bei mnnlichen Individuen kommt es auf Grund dieser Schd- 
lichkeiten oder schon angeborener Disposition zur Neurasthenia 
sexualis, die sich wesentlich in reizbarer Schwche des Ejacula- 
tionscentrums kundgibt. Damit erklrt sich, dass bei den meisten 
Individuen schon die blosse Umarmung, das Kssen oder selbst nur 
der Anblick der geliebten Person den Akt der Ejaculation hervorruft. 
Hufig ist dieser von einem abnorm starken Wollustgefhl begleitet 
bis zu Gefhlen magnetischer" Durchstrmung des Krpers. 

5) In der Mehrzahl der Flle finden sich psychische Anomalien 
(glnzende Begabung fr schne Knste, besonders Musik, Dicht- 
kunst u. s. w., bei intellectuell schlechter Begabung oder originrer 
Verschrobenheit) bis zu ausgesprochenen psychischen Degeneration s- 
zustnden (Schwachsinn, moralisches Irresein). 

Bei zahlreichen Urningen kommt es temporr oder dauernd 
zu Irresein mit dem Charakter des degenerativen (pathologische 
Affectzustnde, periodisches Irresein, Paranoia u. s. w.). 

6) Fast in allen Fllen, die einer Erhebung der krperlich 
geistigen Zustnde der Ascendenz und Blutsverwandtschaft zugnglich 
waren, fanden sich Neurosen, Psychosen, Degenerationszeichen u. s. w. 
in den betreffenden Familien vor x ). 

Wie tief die angeborene contrre Sexualempfindung wurzelt, 
geht auch aus der Thatsache hervor, dass der wollstige Traum 
des mnnlichen Urnings mnnliche , der des weibliebenden Weibes 
weibliche Individuen, bezw. Situationen mit solchen zum Inhalt hat. 

Die Beobachtung von Westphal, dass das Bewusstsein des 
angeborenen Defectes von geschlechtlichen Empfindungen gegen- 
ber dem anderen Geschlecht und des Dranges zum eigenen Ge- 
schlecht peinlich empfunden werde, trifft nur fr eine Anzahl von 



*) Dass contrre Sexualempfindung als Theilerscheinung neurotischer 
Degeneration auch bei den Nachkommen neurotisch unbelasteter Eltern vor- 
kommen kann, lehrt eine Beobachtung von Tarnowski (op. cit. p. 34), in 
welcher Lues der Erzeuger im Spiel war, sowie ein bezglicher Fall von 
Scholz (Vierteljahrsschr. f. ger. Med.), in welchem die perverse Geschlechts- 
richtung mit einer traumatisch bedingten physischen Entwicklungshemmung 
in urschlichem Zusammenhang stand. 



Angeborene contrre Sexualempfindung. 235 

Fllen zu. Vielen fehlt sogar das Bewusstsein der Krankhaftigkeit 
des Zustands. Die meisten Urninge fhlen sich glcklich in ihrer 
perversen Geschlechtsempfindung und Triebrichtung und unglcklich 
nur insoferne, als gesellschaftliche und strafrechtliche Schranken 
ihnen in der Befriedigung des Triebs zum eigenen Geschlecht im 
Wege stehen. 

Das Studium der contrren Sexualempfindung weist bestimmt 
auf Anomalien der cerebralen Organisation der damit Behafte- 
ten hin. Schon der Umstand, dass ausnahmslos hier die Geschlechts- 
drsen anatomisch und funktionell ganz normal befunden werden, 
spricht fr diese Annahme. 

Diese rthselhafte Naturerscheinung hat vielfach zu Erkl- 
rungsversuchen gefhrt. 

Bei den Laien ist sie Laster, bei den Juristen Verbrechen. Von den 
Kranken selbst wird sie zwar als eine Anomalie anerkannt, aber auf Grund 
einer Laune der Natur und ebenso berechtigt wie die normale (heterosexuale) 
Liebe. Von Plato bis auf Ulrichs wird in contrr sexualen Kreisen an 
diesem Standpunkt festgehalten. Er sttzt sich auf Plato's Gastmahl, Cap. 8 
und 9, wo es heisst: Es gibt keine Aphrodite ohne Eros. Es sind aber der 
Gttinnen zwei. Die ltere Aphrodite ist ohne Mutter entstanden, des Uranos 
Tochter und desshalb nennen wir sie Urania. Die jngere Aphrodite ist des 
Zeus und der Diana Tochter, sie wird Pandemos genannt. Der Eros der 
ersteren muss also Uranos, der der anderen Pandemos heissen. Mit der Liebe 
des Eros Pandemos lieben die gewhnlichen Menschen; der Eros Uranos hat 
aber kein weibliches Theil erwhlt, sondern nur mnnliches, das ist die Liebe 
zu Knaben. Wer von dieser Liebe begeistert ist, wendet sich dem mnnlichen 
Geschlecht zu." Aus manchen anderen Stellen in den Classikern gewinnt man 
sogar den Eindruck, dass die uranische Liebe hher gestellt war, als ihre 
Schwester. Neuere Erklrungsversuche der homosexuellen Empfindung sind 
sowohl von Philosophen als auch Psychologen und Naturforschern ausgegangen. 

Eine der sonderbarsten Erklrungen rhrt von Schopenhauer her 
(Die Welt als Wille und Vorstellung"), der allen Ernstes meinte, die Natur 
habe verhten wollen, dass alte (d. h. ber 50 Jahre alte) Herren Kinder 
zeugen, da diese erfahrungsgemss nichts taugten. Um dies zu erreichen, 
habe die weise Natur den Geschlechtstrieb bei lteren Mnnern auf das eigene 
Geschlecht hingelenkt! Der grosse Philosoph und Denker aus der Studirstube 
wusste offenbar nichts davon, dass contrre Sexualempfindung in der Regel 
ab origine besteht und dass im Senium allerdings vorkommende Pderastie an 
und fr sich nur geschlechtliche Perversitt, noch nicht aber Perversion 
erweist. 

Vom psychologischen Standpunkt aus versuchte Binet die sonder- 
bare Erscheinung zu erklren, indem er, in Anlehnung an Condillac, gleich 
wie bei anderen bizarren psychischen Phnomenen, sie auf das Gesetz der 
Ideenassociation, d. h. der Association von Vorstellungen mit Gefhlen in statu 



236 Paraesthesia sexualis. 

nascendi zu begrnden vermeinte. Der geistreiche Psycholog nimmt an, der 
bis dahin geschlechtlich undifferenzirte Trieb werde dadurch determinirt, dass 
ein erstmaliger lebhafter sexueller Erregungsvorgang mit dem Anblick oder 
auch Contakt einer Person des eigenen Geschlechts zusammentreffe. Dadurch 
werde eine mchtige Association geschaffen, die sich durch Wiederholung 
festige, whrend der ursprngliche associative Vorgang vergessen, bezw. latent 
werden knne. Diese Ansicht , welche gegenwrtig vielfach von Schrenck- 
Notzing u. A. zur Erklrung der angeblich meist erworbenen contrren 
Sexualempfindung herangezogen wird , hlt einer eingehenden Kritik gegen- 
ber nicht Stich. Psychologische Krfte sind zur Erklrung einer solchen 
schwer, degenerativen Erscheinung (s. u.) nicht ausreichend. 

Chevalier (Inversion sexuelle, Paris 1893) wendet auch mit Recht 
gegen Bin et ein, dass durch einen solchen psychologischen Erklrungs- 
versuch weder die Prcocitt solcher homosexualer Triebe, d. h. lange vor 
jeglicher associativer Knpfung von Sexualgefhlen mit Vorstellungen, noch die 
Aversion gegen das andere Geschlecht, noch das oft so frhe Auftreten von 
secundren psychischen Geschlechtscharakteren seine Erklrung finde. Bemer- 
kenswerth ist aber immerhin Binet's feine Bemerkung, dass derlei Haften 
von associativen Knpfungen nur bei prdisponirten (belasteten) Individuen 
mglich sei. 

Auch die von Seiten der Aerzte und Naturforscher ursprnglich ver- 
suchten Erklrungen entsprechen und befriedigen nicht. Gley (Revue philo- 
sophique 1884, Januar) behauptete, die contrr Sexualen htten ein weibliches 
Gehirn (!) bei mnnlichen Geschlechtsdrsen und das zugleich krankhafte Ge- 
hirnleben bestimme das Geschlechtsleben, whrend normaler Weise die Ge- 
schlechtsdrsen die sexuellen Funktionen des Gehirns bestimmten. Auch 
M a g n a n (Annales med. psychol. 1885 , p. 458) spricht vom Gehirn eines 
Weibes im Krper eines Mannes und umgekehrt; Ulrichs (Memnon" 1868) 
kommt der Sache etwas nher, indem er Anima muliebris virili corpori in- 
nata" behauptet und sich damit seine angeborene Effeminatio zu erklren 
versucht. Nach Mantegazza (op. cit. 1886 p. 106) bestehen bei solchen 
contrr Sexualen anatomische Anomalien , insofern durch einen Fehler der 
Natur die fr die Genitalien bestimmten Nerven sich im Mastdarm verbreiten, 
so dass nur in diesem der wollstige Reiz ausgelst werde, der sonst durch 
Reizung der Genitalien erfolgt. Solche Errores loci und Saltus macht aber 
niemals die Natur, so wenig als sie ein weibliches Gehirn dem mnnlichen 
Krper oktroirt. Der sonst scharfsinnige Autor dieser Hypothese bersieht 
ganz, dass der Anus bezw. Pderastie von contrr Sexualen in der Regel 
perhorrescirt wird. Mantegazza beruft sich, um seine Hypothese zustutzen, 
auf die Mittheilungen eines bekannten, hervorragenden Schriftstellers, der 
ihm versicherte, er sei mit sich immer noch nicht im Reinen, ob er einen 
grsseren Genuss bei dem Coitus oder der Defcation empfinde. Die Richtig- 
keit dieser Erfahrung zugegeben, so wrde sie doch nur beweisen, dass der 
Betreffende sexual abnorm und sein Wollustgefhl beim Coitus auf ein Mini- 
mum reducirt war. Ueberdies Hesse sich daran denken, dass abnormer Weise 
seine Rektalschleimhaut erogen wre. 

Bernhardi (Der Uranismus, Berlin 1882) fand (zufllig) bei 5 Effemi- 
nirten (Pathici") keine Spermatozoon, bei 4 nicht einmal Spermakrystalle und 



Angeborene contrre Sexualempfindung. 237 

glaubte die Lsung des mehrtausendjhrigen Rthsels" dadurch gegeben, 
dass er annahm, der Pathicus" (Effeminirte) sei eine Missgeburt weiblichen 
Geschlechts, die mit dem Manne nichts gemein habe, als die in manchen 
Fllen nicht einmal vllig entwickelten mnnlichen Genitalien". Auf einen 
Sektionsbefund, der eventuell Hermaphroditismus nachgewiesen htte, vermochte 
sich dieser Autor nicht zu sttzen. 

Gleichwohl erklrte er auch die activ vorgehende Tri bade (Viragines 
und Gynandrier) fr eine Missgebu'rt mnnlichen Geschlechts, der gegenber 
die passive Tribade ein so vollkommenes Weib ist, wie der aktive Pdicator 
ein vollkommener Mann". 

Einen Versuch, Thatsachen der Hereditt zur Erklrung der Anomalie 
zu verwerthen, machte Verf., indem er auf Grund der Erfahrung, dass sexuelle 
Perversionserscheinungen nicht selten schon bei den Eltern vorkommen, die Ver- 
muthung aussprach, dass die verschiedenen Stufen angeborener contrrer 
Sexualempfindung verschiedene Grade erblich angezeugter, von der Ascendenz 
erworbener oder sonstwie entwickelter sexueller Anomalie seien, wobei auch 
das Gesetz der progressiven Vererbung in Betracht komme. 

Die bisherigen naturphilosophischen , psychologischen und andere wesent- 
lich speculativen Erklrungsversuche knnen nicht befriedigen. 

Neuere Forschungen, von embryologischem (onto- und phylogenetischem) 
sowie anthropologischem Standpunkt aus unternommen, erscheinen dagegen 
aussichtsvoll. 

Sie gehen aus von Frank Lydston (Philadelphia med. and surgical 
recorder 1888, Sept.) und Kiernan (Medical Standard 1888 November) und 
von der Thatsache, dass die niedersten Thiere noch heutzutage bisexuale 
Organisation bieten , sowie von der Annahme , dass die Monosexualitt sich 
berhaupt erst aus der Bisexualitt entwickelt habe. Kiernan nimmt nun an, 
indem er die contrre Sexualempfindung dem Begriffe des Hermaphroditismus 
unterzuordnen versucht, dass bei belasteten Individuen Rckschlge in frhe 
hermaphroditische Formen des Thierreichs wenigstens funktionell eintreten 
knnen. Er sagt wrtlich: the original bisexuality of the ancestors of the 
race, shown in the rudimentary female organs of the male, could not fail 
to occasion functional, if not organic reversions, when mental or physical 
manifestations were interfered with by disease or congenital defect. It seems 
certain, that a feminily functionating brain can occupy a male body and vice 
versa." 

Auch Chevalier (op. cit. p. 408) geht von der ursprnglichen Bisexua- 
litt im Thierreich und von der im menschlichen Ftus ursprnglich vorhan- 
denen bisexualen Veranlagung aus. 

Die Differenzirung der Geschlechter mit markanten krperlichen und 
psychischen Geschlechtscharakteren ist ihm ein Resultat unendlicher Evolutions- 
vorgnge. Die seelisch-krperliche geschlechtliche Differenzirung geht der Hhe 
evolutiver Vorgnge parallel. Auch das Einzelwesen hat diese Evolutions- 
stufen durchzumachen es ist ursprnglich bisexual, aber im Kampf der 
mnnlichen und weiblichen Streitkrfte wird die eine besiegt und es ent- 
wickelt sich, dem Typus der heutigen Evolution entsprechend, ein mono- 
sexuales Individuum. Aber Spuren der unterdrckten Sexualitt erhalten sich. 
Unter gewissen Umstnden knnen diese caracteres sexuels latents" Darwin's 



238 Paraesthesia sexualis. 

Bedeutung gewinnen, d. h. Erscheinungen contrrer Sexualitt hervorrufen. 
Chevalier fasst diese aber mit Recht nicht als Rckschlag (Atavismus) im 
Sinne Lombroso's u. A., sondern mit Lacassagne als Strung in der Evo- 
lution zur heutigen Hhe auf. 

Versucht man auf dieser Anschauung weiter zu bauen, so ergeben sich 
entwicklungsgeschichtlich und anthropologisch folgende Bausteine resp. That- 
sachen : 

1. Der Sexualapparat besteht aus a) den Geschlechtsdrsen und den Be- 
fruchtungsorganen; b) spinalen Centren, welche theils hemmend, theils er- 
regend auf a) einwirken; c) cerebralen Gebieten, in welchen sich die psychi- 
schen Vorgnge des Geschlechtslebens abspielen. 

Da die ursprngliche Veranlagung von a) eine bisexuale ist, muss dies 
auch fr b) und c) vorausgesetzt werden. 

2. Die Tendenz der Natur auf heutiger Entwicklungsstufe ist die Her- 
vorbringung von monosexualen Individuen und ein empirisches Gesetz lautet 
dahin, dass normaliter das der Geschlechtsdrse entsprechende cerebrale Cen- 
trum sich entwickelt. (Gesetz der sexuell homologen Entwicklung.) 

3. Diese Vernichtung contrrer Sexualitt ist aber heutzutage noch keine 
vollstndige. Wie der Processus vermiformis am Darmrohr auf frhere Orga- 
nisationsstufen hinweist, so finden sich auch am Sexualapparat, ganz abgesehen 
von hermaphroditischen Verbildungen (als Ausdruck theilweiser Entwicklungs- 
excesse oder Bildungshemmungen der Geschlechtsgnge und usseren Geni- 
talien), bei Mann und Weib Residuen, welche auf die ursprngliche onto- und 
phylogenetische Bisexualitt hinweisen. 

Es sind dies beim Manne der Utriculus masculinus (Reste der Mller'schen 
Gnge), ferner die Brustwarzen, beim Weibe das Paroophoron (Ueberbleibsel des 
Urnierentheils der WohTschen Krper) und das Epoophoron (Reste der Wolff'- 
schen Gnge und Analogon der Epididymis des Mannes). Ueberdies haben 
beim menschlichen Weibe Beige 1, Klebs, Frst u. A. Andeutungen der bei 
weiblichen Wiederkuern regelmssig in der Seitenwand des Uterus vorhan- 
denen Reste der WolfFschen Krper in Gestalt der sog. Gartner'schen Canle 
vorgefunden. Diese Thatsachen sttzen die Annahme einer auch cerebral 
bisexualen Veranlagung des Geschlechtsapparats. 

4. Aber auch eine Flle von klinischen und anthropologischen That- 
sachen sind dieser Annahme gnstig. 

Ich erinnere nur an das nicht seltene Vorkommen von Individuen mit 
gemischten oder im Sinne des contrren Geschlechts dominirenden krper- 
lichen und psychischen Geschlechtscharakteren (Weibmnner und Mannweiber), 
an das Auftreten weiblicher seelischer und krperlicher Charaktere nach Ent- 
fernung der Hoden (Eunuchen) und mnnlicher bei Weibern nach Beseitigung 
der Ovarien im jugendlichen Alter, an Erscheinungen der Viraginitt bei 
Klimax praecox, ja selbst Entwicklung eines zweiten Geschlechts (siehe den 
merkwrdigen Fall in meinem Aufsatz Zur Erklrung der contrren Sexual- 
empfindung'' in Jahrb. f. Psychiatrie und Neurologie", Bd. XIII, H. 1). 

5. Diese Erscheinungen contrrer Sexualitt finden sich aber offenbar nur 
bei organisch belasteten Individuen. Bei normal Organisirten bleibt das 
Gesetz der monosexualen und der den Geschlechtsdrsen homologen Entwick- 
lung gewahrt. Dass das cerebrale Centrum unter anderen, von den peripheren 



Angeborene contrre Sexualempfindung. 239 

Geschlechtsorganen einschliesslich der Geschlechtsdrse unabhngigen Bedin- 
gungen sich entwickelt, zeigen die Flle des Hermaphroditismus, in welchen, 
soweit es sich um Pseudohermaphroditismus handelt, das obige Gesetz im 
Sinne monosexualer, der Geschlechtsdrse homologer Entwicklung gewahrt 
bleibt, whrend beim Hermaphroditismus verus sowohl physisch als psychisch 
allerdings eine gegenseitige Beeinflussung beider Centren und damit eine Neu- 
tralisirung des Liebeslebens bis zur Asexualitt und eine Tendenz zur Geltend- 
machung und Vermischung beider Geschlechtscharaktere seelisch und krper- 
lich obwaltet. 

Dass Hermaphrodisie und contrre Sexualempfindung aber an und 
fr sich mit einander nichts zu thun haben , ergibt sich daraus , dass der 
Hermaphrodit (praktisch kommt ja nur der Pseudohermaphroditismus in Be- 
tracht) dem obigen Evolutionsgesetze folgt und nicht contrre Sexualitt 
bietet, whrend umgekehrt bei contrrer Sexualempfindung bisher nie Her- 
maphrodisie anatomisch beobachtet wurde. Es erklrt sich dies ohne Weiteres 
aus der Verschiedenheit der Entstehungsbedingungen, die fr die erstere in 
centralen (cerebralen), fr die letztere in ausschliesslich den peripheren 
Antheil des Geschlechtsapparats treffenden Schdigungen gesucht werden 
mssen. 

Die angefhrten Thatsachen erscheinen ausreichend zu einem ent- 
wicklungsgeschichtlichen und anthropologischen Versuch der Erklrung der 
contrren Sexualempfindung. 

Dieselbe ist Verletzung des empirischen Gesetzes der den Geschlechts- 
drsen homologen Entwicklung des cerebralen Centrums (Homosexualitt), 
eventuell auch desjenigen der monosexualen Artung des Individuums (psy- 
chische Hermaphrodisie"). Im ersten Falle ist es von der bisexualen Ver- 
anlagung das dem durch die Geschlechtsdrse reprsentirten Geschlecht gegen- 
stzliche Centrum, welches in paradoxer Weise den Sieg ber das zur Herr- 
schaft prdestinirte davontrgt, jedoch bleibt wenigstens das Gesetz mono- 
sexualer Entwicklung gewahrt 1 ). 

Im zweiten Falle bleibt der Sieg keinem der beiden Centren, jedoch eine 
Andeutung monosexualer Entwicklungstendenz bleibt immerhin insofern, als 
eines dominirt und zwar regelmssig das contrre. Es ist dies um so sonder- 
barer, als demselben keine entsprechenden Geschlechtsdrsen, berhaupt kein 
peripherer Sexualapparat zur Sttze dienen, ein weiterer Beweis dafr, dass 
das cerebrale Centrum autonom, in seiner Entwicklung von den Geschlechts- 
drsen unabhngig ist. 

Angenommen muss im ersteren Falle werden, dass das zum Streit und 
zur Geltendmachung seiner Rechte berufene Centrum zu schwach veranlagt 



J ) Unter einem monosexualen psychischen Geschlechtsapparat in einem 
monosexualen Krper, der dem entgegengesetzten Geschlechte angehrt, hat 
man sich natrlich nicht etwa eine weibliche Seele im mnnlichen Gehirn" 
oder vice versa vorzustellen, was allem monistischen und allem wissenschaft- 
lichen Denken berhaupt widerspricht; ebensowenig ein weibliches Gehirn im 
mnnlichen Krper, was allen anatomischen Thatsachen widerspricht, sondern 
nur weibliches psycho-sexuales Centrum im mnnlichen Gehirn, oder vice versa. 



240 Paraesthesia sexualis. 

ist, was sich auch vielfach in schwacher Libido und schwchlich ausgeprgten 
physischen und psychischen Geschlechtscharakteren zu erkennen gibt. 

Im zweiten Fall sind beide Centren zu schwach, um den Sieg und die 
Alleinherrschaft zu erringen. 

Diese Verletzung von Naturgesetzen ist anthropologisch und klinisch als 
eine degenerative Erscheinung anzusprechen. Thatschlich liess sich in allen 
Fllen von contrrer Sexualempfindung bisher eine Belastung und zwar in 
der Regel eine hereditre nachweisen. 

Worauf dieser Faktor der Belastung und seine Wirksamkeit beruht, 
ist eine Frage, welche die heutige Wissenschaft nicht wohl beantworten 
kann *). 

An Analogien beim belasteten Individuum fehlt es nicht, denn als Aus- 
druck von offenbar schon im Zeugungskeim gelegenen, die physische und 
psychische Evolution strenden Einflssen wird hier eine Flle von ander- 
weitigen Erscheinungen mangelhafter oder perverser Artung (anatomische sowie 
funktionelle somatische und psychische Entartungszeichen) angetroffen. 

Die contrre Sexualempfindung ist aber nur die strkste Ausprgung 
einer ganzen Reihe von Erscheinungen partieller Entwicklung seelischer und 
krperlicher contrrer Geschlechtscharaktere (s. o.) und man kann geradezu 
sagen: je undeutlicher sich die psychischen und physischen Geschlechtscharak- 
tere bei einem Individuum darstellen, um so tiefer steht dasselbe unter der 
durch ungezhlte Jahrtausende hindurch erfolgten Zchtung zur heutigen Stufe 
vollkommener homologer Monosexualitt. 

Das cerebrale Centrum vermittelt die psychischen und indirekt wohl 
auch die physischen Geschlechtscharaktere. Auch an den verschiedenen Grad- 
stufen angeborener contrrer Sexualitt lsst sich nachweisen, dass sie ver- 
schiedenen Intensittsgraden der Belastung entsprechen. 

Dasselbe gilt fr die erst im Laufe des Lebens zu Tage getretene 
(gezchtete"). Niemals wird der unbelastete Mensch durch Onanie, Verfh- 
rung durch Personen desselben Geschlechts, contrr sexual. Hren diese usseren 
Einflsse auf, so kehrt er zur normalen Geschlechtsbefriedigung zurck. Anders 
der Belastete , dessen psychosexuales Centrum schwach veranlagt , d. h. mit 
ungengenden Streitkrften ausgestattet ist und den Kampf noch nicht sieg- 
reich ausgekmpft hat. Alle mglichen psychischen und physischen Schd- 



*) In einer geistreichen Broschre lieber Gamophagie", Stuttgart 1892, 
gibt der Verfasser Josef Mller eine Anregung zur Weiterforschung auf 
diesem Gebiete, indem er die Meinung vertritt, es existire eine besondere, 
durch Notwendigkeit erworbene und normaliter unverndert sich vererbende 
Einrichtung, bestehend in einer Bindung der Organe und Organqualitten 
aneinander. Diese Bindung wrde es begreiflich machen, dass im Kampfe 
der Entwicklung der Mono- und der Bisexualitt diejenigen Organe und Organ- 
qualitten ein gemeinsames Schicksal des Sieges oder Unterganges haben, 
die im Hinblick auf die Funktionsfhigkeit des Ganzen zu einander gehren. 
Dieses Versagen des die Organe whrend des Ringens um den Sieg verknpfen- 
den Bandes bei Wesen, die organischer Belastung unterworfen sind, knnte 
nur als eine Ausfallerscheinung, Ausfall einer allerdings hypothetischen Ein- 
richtung gedeutet werden. 



Angeborene contrre Sexualempfindung beim Manne. 241 

lichkeiten, ganz besonders aber Neurasthenie sind dann im Stande, seine 
schwache labile , den Geschlechtsdrsen bisher allerdings homologe Sexualitt 
zu schdigen: ihn zunchst psychisch bisexuell, dann contrr monosexual zu 
machen und eventuell (durch Entstehung physischer und psychischer Geschlechts- 
charaktere im Sinne des ausschliesslich zur Herrschaft gelangten contrren Cen- 
trums und Zurcktreten ursprnglicher) bis zur Eviratio (Defeminatio) ge- 
langen zu lassen. Wie Neurasthenie den Anstoss zur Entwicklung contrrer 
Sexualitt abgeben kann, wurde von p. 192 ab zu zeigen versucht. Lehr- 
reiche Beobachtungen in dieser Hinsicht sind Nr. 98 und 99. 



Die angeborene contrre Sexualempfindung beim Manne 1 ). 

Die geschlechtlichen Handlungen, mittelst welcher die mnn- 
lichen Urninge Befriedigung suchen und finden, sind mannigfach. 
Es gibt feinfhlige und willensstarke Individuen, die ihre Triebe 



x ) Flle: 1) C asper, Klin. Novellen p. 36. (Lehrb. d. gerichtl. Med., 7. Aufl. 
p. 176); 2) Westphal, Archiv f. Psychiatr. II, p. 73; 3) Schminke, ebenda 
III, p. 225; 4) Scholz, Vierteljahrsschr. f. gerichtl. Mediz. XIX; 5) Gock, 
Archiv f. Psychiatrie V, p. 564; 6) Servaes, ebenda VI, p. 484; 7) West- 
phal, ebenda VI, p. 620; 8), 9), .10) Stark, Zeitschr. f. Psychiatrie Bd. 31; 
11) Lim an (Casper's Lehrbuch d. gerichtl. Medizin, 6. Aufl., p. 509); 
p. 291; 12) Legrand du Saulle, Ann. med. psychol. 1876, Mai; 13) Sterz, 
Jahrbcher f. Psychiatrie III, Heft 3; 14) Krueg, Zeitschr. Brain 1884, Oct.; 
15) Charcot et Magnan, Archives de neurolog. 1882, Nr. 9; 16), 17), 
18) Kirn, Zeitschr. f. Psychiatr. Bd. 39, p. 216; 19) Rabow, Erlenmeyer's 
Centralbl. 1883, Nr. 8; 20) Blum er, Americ. journ. of insanity 1882, Juli; 
21) Savage, Journal of mental science 1884, October; 22) Scholz, Viertel- 
jahrsschr. f. ger. Med. N. F. Bd. 43, Heft 7; 23) Magnan, Ann. med. psychol. 
1885, p. 461; 24) Chevalier, De l'inversion de l'instinct sexuel, Paris 1885, 
p. 129; 25) Morselli, La Riforma medica. 4. Jahrg., Mrz; 26) Leonpacher, 
Friedreich's Bltter 1888, H. 4; 27) Hollnder, Allg. Wiener med. Ztg. 1882; 
28) Kriese, Erlenmeyer's Centralblatt 1888, Nr. 19; 29), 30), 31), 32) v. Kr fft, 
Psychopathia sexualis, 3. Aufl., Beob. 32. 36. 42. 43; 33) Golenko, Russ. Archiv 
f. Psychiatrie Bd. IX, H. 3 (von Rothe mitgetheilt in Zeitschr. f. Psychiatrie); 
34) v. K rafft, Internationales Centralblatt f. d. Physiol. und Pathologie der 
Harn- und Sexualorgane Bd. I, H. 1; 35) Cantarano, La Psichiatria 1887, 
V. Jahrg. p. 195; 36) Serieux, Recherches cliniques sur les anomalies de 
l'instinct sexuel. Paris 1888, obs. 13; 37 42) Kiernan, The medic. Standard 
1888, 7 Flle; 4346) Rabow, Zeitschr. f. klin. Medicin, Bd. XVII, Suppl. ; 
4751) v. Krafft, Neue Forschungen", Beob. 1. 3. 4. 5. 8; 5261) v. Krafft, 
Psychopath, sexualis, 5. Aufl., Beob. 53. 61. 64. 66. 73. 75. 78. 84. 85. 87; 
62 65)Derselbe, Neue Forschungen, 2. Aufl." Beob. 3.4.5. 6; 6667) Harn- 
mond, Sexuelle Impotenz, deutsch v. Salinger, p. 30. 36; 68 71) Garnier, 
Anomalies sexuelles 1889. Beob. 227. 228. 229. 230; 72) v. Krafft, Friedreich's 
v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 16 



242 Paraesthesia sexualis. 

zu beherrschen im Stande sind, freilich mit der Gefahr, durch diese 
erzwungene Abstinenz nervensiech (neurasthenisch) und gemths- 
krank zu werden. 

Bei Anderen wird aus denselben verschiedenen Grnden, welche 
auch den Nichturning den Coitus vermeiden lassen knnen, zur 
Onanie faute de mieux geschritten. 

Bei Urningen mit originr reizbarem oder durch Onanie zer- 
rttetem Nervensystem (reizbare Schwche des Ejaculationscentrums) 
gengen einfache Umarmungen, Liebkosungen mit oder ohne Be- 
tastung der Genitalien zur Ejaculation und damit zur Befriedigung. 
Bei weniger reizbaren Individuen besteht der Geschlechtsakt in 
Manustupration durch die geliebte Person oder in mutueller Onanie 
oder in Nachahmung des Coitus inter femora. Bei sittlich per- 
versen und quoad erectionem potenten Urningen wird der sexuelle 
Drang zuweilen auch in Pderastie befriedigt, einer Handlung, die 
aber sittlich nicht defecten Individuen vielfach geradeso widerstrebt, 
wie weibliebenden Mnnern. Bemerkenswerth ist die Versicherung 
der Urninge, dass der ihnen adquate Geschlechtsakt mit Personen 
des eigenen Geschlechts grosse Befriedigung und Gefhle des Ge- 
krftigtseins verschaffe, whrend Selbstbefriedigung durch solitre 
Onanie oder gar erzwungener Coitus mit einem Weibe sie sehr 
angreife, elend mache und ihre neurasthenischen Beschwerden sehr 
vermehre. 

Ueber die Hufigkeit x ) des Vorkommens der Anomalie ist es 



Bltter 1891, H. 6; 7387) v. Krafft, Psychopathia sexualis, 6. Aufl., Beob. 78. 
81. 82. 84. 85. 86. 87. 89. 93. 94. 96. 97. 98. 101. 102; 88) Frnkel, medic. 
Zeitg. d. Vereins f. Heilkde. in Preussen Bd. 22, p. 102 (homo mollis"); 89 
bis 91) Bernheim, Hypnotisme, Paris 1891, obs. 38 u. ff.; 92) Wetterstrand. 
Der Hypnotismus, 1891: 93) Mller, Hydrotherapie 1890, p. 309; 94 bis 
96) v. Schrenck-Notzing, Suggestionstherapie 1892, Fall 63. 67. 68; 97) La- 
dame, Revue de l'hypnotisme 1889, 1- Sept.; 98) v. Krafft, internat. Central- 
blatt f. d. Krankheiten der Harn- und Geschlechtsorgane, Bd. I, Heft 1 ; 99 bis 
100) Wachholz, Friedreich's Bltter f. gerichtl. Med. 1892, Heft 6; 101 bis 
110) Moll, Contr. Sexualempfindung", 2. Aufl., Fall 110; 111123) v. Krafft, 
Psychopath, sexualis, 8. Aufl., Beob. 109. 110. 114. 119. 121. 122. 125. 136. 
137. 138. 140. 141. 143; 124143) Derselbe, Jahrbcher f. Psychiatrie. XII. 
1894; 144) Legrain, Arch. de Neurologie 1886, Januar; 145) Dessoir, Zeitschr. 
f. Psychiatrie Bd. 50, Heft 5, p. 959. 

*) Dass contrre Sexualempfindung nicht selten sein drfte, beweist u. A. 
der Umstand, dass sie in Romanen hufig Gegenstand ist. 

Auch die neuropathische Grundlage dieser sexuellen Perversion entgeht 
nicht den Romanschriftstellern. In der deutschen Literatur findet sich dieses 



Psychische Hermaphrodisie. 243 

schwer, Klarheit zu bekommen, da die mit derselben Behafteten 
nur usserst selten aus ihrer Reserve treten und in criminellen 
Fllen der Urning aus Perversion des Geschlechtstriebs gewhnlich 
mit dem Pderasten aus blosser Unsittlichkeit zusammengeworfen 
wird. Nach den Erfahrungen Casper's, Tardieu's, sowie auch 
nach den meinigen drfte diese Anomalie viel hufiger sein, als es 
die drftige Casuistik vermuthen lsst. 

Ulrich's (Kritische Pfeile" 1880, p. 2) behauptet, dass durch- 
schnittlich ein erwachsener mit contrrer Sexualempfindung Be- 
hafteter auf 200 heterosexuale erwachsene Mnner , respektive auf 
800 Seelen der Bevlkerung komme, und dass der Prozentsatz unter 
den Magyaren und Sdslaven noch grsser sei, Behauptungen, die 
dahingestellt bleiben mgen. Ein Individuum aus meiner Casuistik 
kennt in seinem Heimathorte (13000 Einwohner) 14 Urninge per- 
snlich. Er versicherte, in einer Stadt von 60 000 Einwohnern 
deren wenigstens 80 zu kennen. Es ist zu vermuthen, dass dieser 
sonst glaubwrdige Mann zwischen angeborener und erworbener 
Mnnerliebe keinen Unterschied macht. 



1) Psychische Hermaphrodisie 1 ). 

Diese Stufe der contrren Sexualempfindung ist dadurch cha- 
rakterisirt, dass neben ausgesprochener sexueller Empfindung und 
Neigung zum eigenen Geschlecht solche zum anderen vorgefunden 
wird; aber diese ist eine viel schwchere- und nur episodisch vor- 
handen, whrend die homosexuale Empfindung als die primre und 
zeitlich wie intensiv vorwiegende in der Vita sexualis zu Tage tritt. 

Die heterosexuale Empfindung kann nur in Rudimenten vor- 
handen sein, eventuell sich bloss im unbewussten (Traum-)Leben 
geltend machen oder aber (episodisch wenigstens) mchtig zu Tage 
treten. 

Die sexuellen Empfindungen gegenber dem anderen Geschlecht 
knnen durch Willenskraft, Selbstzucht, moralische, eventuell hyp- 



Thema in Fridolin's heimliche Ehe" von Wilbrandt, in Brick and Brack 
oder Licht im Schatten" von Emerich Graf Stadion. 

Der lteste urnische Roman drfte brigens der von Petronius in 
Rom zur Kaiserzeit unter dem Titel Satyricon" verffentlichte sein. 

') Vgl. des Verf. Arbeit Ueber psychosexuales Zwitterthum im inter- 
nationalen Centralblatt f. d. Physiologie und Pathologie der Harn- und Sexual- 
organe Bd. I, Heft 2. 



244 Paraesthesia sexualis. 

notische Behandlung, Besserung der Constitution, Beseitigung von 
Neurosen (Neurasthenie), vor Allem aber durch Abstinenz von 
Masturbation gekrftigt werden. 

Immer aber besteht die Gefahr, homosexualen, weil mchtiger 
veranlagten Empfindungen ganz anheimzufallen und zu dauernder, 
ausschliesslicher contrrer Sexualempfindung zu gelangen. 

Dies ist besonders zu frchten durch den Einfluss der Mastur- 
bation (gleichwie bei der erworbenen contrren Sexualempfindung) 
und durch sie hervorgerufene Neurasthenie und Verschlimmerungen 
dieser, ferner durch ble Erfahrungen beim sexuellen Verkehr mit 
Personen des anderen Geschlechts (mangelndes Wollustgefhl beim 
Coitus, Missglcken desselben durch Ereetionssch wache und Ejacu- 
latio praecox, Infection). 

Andererseits vermag sthetisches und ethisches Gefallen an 
Personen des anderen Geschlechts der Entwicklung der hetero- 
sexualen Gefhle Vorschub zu leisten. 

So geschieht es, dass die betreffende Persnlichkeit, je nach 
dem Vorwalten frderlicher oder ungnstiger Einflsse, bald hetero-, 
bald homosexual empfindet. 

Es ist mir wahrscheinlich, dass derartige hermaphroditische 
Existenzen auf belasteter Grundlage nicht selten sind x ). Da sie 
social wenig oder nicht auffllig sind und da derlei Geheimnisse 
des ehelichen Lebens nur ausnahmsweise zur Cognition des Arztes 
kommen, erklrt es sich wohl ohne Weiteres, dass diese interessante 
und praktisch wichtige Uebergangsgruppe zu den ausschliesslich 
contrr Sexualen bisher der wissenschaftlichen Forschung entgangen ist. 

Manche Flle von Frigiditas mgen auf dieser Anomalie be- 
ruhen. An und fr sich ist der sexuelle Verkehr mit dem anderen 
Geschlecht mglich. Jedenfalls besteht auf dieser Stufe kein Horror 
sexus alterius. Der rztlichen und speciell der moralischen Therapie 
bietet sich hier ein dankbares Feld (s. u.). 

Schwierig kann die differentielle Diagnose von der erworbenen 
contrren Sexualempfindung sein, denn solange bei dieser die Reste 
frherer normaler geschlechtlicher Empfindung nicht ganz verloren 
gegangen sind, wird der Status praesens Gleiches ergeben (s. u.). 



*) Diese Annahme findet eine Sttze durch eine mir von Hrn. Dr. Moll 
in Berlin gtig vermittelte Angabe eines unverheiratheten Urnings. Derselbe 
wusste ber eine Reihe von Fllen aus seiner Bekanntschaft zu berichten, in 
welchen verheirathete Mnner gleichzeitig ein Verhltniss mit einem Manne 
unterhielten. 



Psychische Hermaphrodisie. 245 

Auf Stufe 1 besteht die Befriedigung homosexualer Drnge 
in passiver und mutueller Onanie, Coitus inter femora. 

Beobachtung 106. Herr Z. , 36 Jahre, Privatmann, consultirte mich 
wegen einer Anomalie seines sexuellen Fhlens, die ihm die beabsichtigte Ein- 
gehung einer Ehe bedenklich erscheinen lasse. Pat. stammt von neuropathi- 
schem Vater, der an nchtlichem Aufschrecken leide. Dessen Vater war eben- 
falls neuropathisch, Vaters Bruder Idiot. Die Mutter des Pat. und ihre Familie 
waren gesund und geistig normal. 

Von 3 Schwestern und 1 Bruder des Pat. leidet der letztere an moral 
insanity. 2 Schwestern sind gesund und leben in glcklicher Ehe. 

Pat. war schwchlich als Kind, nervs, litt an nchtlichem Aufschrecken 
gleich seinem Vater, war aber von schweren Krankheiten nie heimgesucht bis 
auf Coxitis, seit welcher Pat. etwas hinkt. Sehr frh erwachten sexuale 
Drnge. Mit 8 Jahren, ohne alle Verfhrung, begann er zu masturbiren. Vom 
14. Jahre ab ejaculirte er Sperma. Geistig war er gut veranlagt, interessirte 
sich auch fr Kunst und Literatur. Er war von jeher muskelschwach und 
hatte nie Neigung zu Knabenspielen und auch spter nicht zu mnnlicher 
Beschftigung. Er hatte ein gewisses Interesse fr weibliche Toiletten, Putz 
und weibliche Beschftigung. Schon von der Pubertt an bemerkte Pat. eine 
ihm unerklrliche Neigung fr mnnliche Personen. Besonders sympathisch 
waren ihm junge Burschen aus den untersten Volksklassen. Ganz besonders 
zogen ihn Cavalleristen an. Impetu libidinoso saepe affectus est ad tales 
homines aversos se premere. Quodsi in turba populi, si occasio fuerit bene 
successit, voluptate erat perfusus; ab vigesimo secundo anno interdum talis 
occasionibus semen eiaculavit. Ab hoc tempore idem factum est si quis, qui 
ipsi placuit, manum ad femora posuerat. Ab hinc metuit ne viris manum ad- 
ferret. Maxime periculosos sibi homines plebeios fuscis et adstrictis bracis 
indutos esse putat. Summum gaudium ei esset si viros tales amplecti et ad 
se trahere sibi concessum esset; sed patriae mores hoc fieri vetant. Paede- 
rastia ei displacet: magnam voluptatem genitalium virorum adspectus ei affert. 
Virorum occurrentium genitalia adspici semper coactus est. Im Theater, 
Circus u. s. w. interessiren ihn nur mnnliche Darsteller. Eine Neigung zu 
Damen will Pat. nie bemerkt haben. Er geht ihnen nicht aus dem Wege, 
tanzt sogar gelegentlich mit ihnen, aber er versprt dabei nie die geringste 
sinnliche Regung. 

Schon mit 28 Jahren wurde Pat. neurasthenisch , wohl in Folge seiner 
masturbatorischen Excesse. 

Nun kamen gehufte Schlafpollutionen, die ihn sehr schwchten. Nur 
sehr selten trumte er anlsslich dieser Pollutionen von Mnnern, nie von 
Weibern. Nur einmal lste sie ein lascives Traumbild (dass er pderastire) 
aus. Sonst trumte er dabei von Sterbescenen , Angefallenwerden von Hun- 
den u. dgl. Pat. litt nach wie vor unter grsster Libido sexualis. Oft kamen 
ihm wollstige Gedanken, im Schlachthaus sich am Verenden der Thiere zu 
weiden, oder auch sich von Burschen prgeln zu lassen, jedoch widerstand er 
solchen Gelsten, ebenso dem Drang, in militrische Uniform sich zu kleiden. 

Um die Masturbation los zu werden und seine Libido nimia zu befrie- 
digen, entschloss er sich, das Lupanar aufzusuchen. Den ersten Versuch, mit 



246 Paraesthesia sexualis. 

dem Weibe sexuell sich zu befriedigen, machte er, nach reichlichem Wein- 
genuss, mit 21 Jahren. Die Schnheit des weiblichen Krpers, berhaupt jede 
weibliche Nuditt war ihm ziemlich gleichgltig. Er war aber im Stande, 
den Coitus mit Genuss auszufhren und besuchte von nun an das Bordell 
regelmssig aus Gesundheitsrcksichten". 

Von nun an gewhrte es ihm auch grossen Genuss, sich von Mnnern 
ihre sexuellen Beziehungen mit Personen des anderen Geschlechts erzhlen 
zu lassen. 

Auch im Lupanar kommen ihm hufig Flagellationsideen, jedoch bedarf 
er nicht der Festhaltung solcher Bilder, um potent zu sein. Er betrachtet den 
sexuellen Verkehr im Lupanar nur als Auskunftsmittel gegen den Drang zur 
Masturbation und zu Mnnern, als eine Art Sicherheitsventil, damit er sich 
nicht einmal einem sympathischen Manne gegenber conipromittire. 

Pat. mchte nun heirathen, aber er frchtet, dass er keine Liebe und 
dann auch keine Potenz einer anstndigen Dame gegenber haben werde. 
Daher seine Bedenken und sein Bedrfniss nach rztlichem Rath. 

Pat. ist eine sehr intelligente Persnlichkeit, eine durchaus mnnliche 
Erscheinung. Auch in Kleidung und Haltung Bietet er nichts Aufflliges. 
Gang , Stimme sind durchaus mnnlich , gleichwie Skelet , besonders Becken. 
Die Genitalien sind ganz normal entwickelt. Sie sind, gleichwie das Gesicht, 
reichlich behaart. Niemand von den Angehrigen und Bekannten des Pat. 
ahnt etwas von seinen sexuellen Anomalien. Bei seinen contrr sexualen 
Phantasien will er sich nie in der Rolle des Weibes dem Manne gegenber 
gefhlt haben. Seit einigen Jahren ist Pat. von neurasthenischen Beschwerden 
fast ganz frei geworden. 

Die Frage, ob er sich fr angeboren contrr sexual halte, vermag er 
nicht zu beantworten. Es scheint, dass eine ab origine sehr schwach ver- 
anlagte Inclination zum Weib , bei grosser zum Mann , durch sehr frh ein- 
getretene Masturbation zu Gunsten contrrer Sexualempfindung noch mehr 
abgeschwcht wurde, ohne aber ganz auf Null zu sinken. Mit dem Aufhren 
der Masturbation besserte sich dann einigermassen wieder die Empfindung fr 
das Weibliche, jedoch nur in einer grobsinnlichen Weise. 

Da Pat. erklrte, aus Familien- und geschftlichen Rcksichten heirathen 
zu mssen, konnte diese heikle Frage rztlich nicht umgangen werden. 

Da Pat. sich glcklicherweise darauf beschrnkte, die Frage auf seine 
Potenz als Ehemann zu richten, musste ihm geantwortet werden, dass er an 
und fr sich ja potent sei und es voraussichtlich auch im ehelichen Verkehr 
mit einer Frau seiner Wahl, wenn sie wenigstens geistig ihm sympathisch sei, 
sein werde. 

Ueberdies knne er ja, indem er mit seiner Phantasie geeignet nach- 
helfe, jederzeit auch seine Potenz verbessern. 

Die Hauptsache sei Krftigung der nur verkmmerten, nicht aber gnz- 
lich fehlenden sexuellen Neigungen zum anderen Geschlecht. Dies knne ge- 
schehen durch Fernhaltung und Zurckdrngung aller homosexualen Gefhle 
und Impulse, eventuell mit Zuhilfenahme inhibitorischer knstlicher Einflsse 
durch hypnotische Suggestion (Absuggerirung homosexualer Gefhle), des Wei- 
teren durch Anregung und Anstrengung normal sexuale Gefhle und Drnge 
zu gewinnen, durch vollkommene Abstinenz von neuerlicher Masturbation und 



Psychische Hermaphrodisie. 247 

durch Tilgung der Reste neurasthenischer Verfassung des Nervensystems ver- 
mittelst Hydrotherapie und eventuell allgemeiner Faradisation. 

Nachfolgende, auch noch in anderer Hinsicht bemerkenswerthe 
Autobiographie verdanke ich einem 30 Jahre alten Collegen. 

Beobachtung 107. Psychische Hermaphrodisie. Abortive 
contrre Sexualempfindung. 

Nach meiner Ascendenz bin ich ziemlich schwer belastet. Der Gross- 
vater vterlicherseits war flotter Lebemann und Speculant, mein Vater ein 
charaktervoller Mann , der aber seit mehr als 30 Jahren an Folie circulaire 
leidet, ohne hiedurch in seinem Berufe ernstlich gehindert zu sein. Meine 
Mutter leidet wie ihr Vater an stenocardischen Anfllen. Muttersvater und 
Muttersbruder sollen geschlechtlich hypersthetisch gewesen sein. Meine ein- 
zige um 9 Jahre ltere Schwester war zweimal eclamptischen Anfllen unter- 
worfen, war in den Puberttsjahren religis exaltirt, wahrscheinlich auch 
sexuell hypersthetisch. Sie hatte durch Jahre mit schwerer hysterischer Neu- 
rose zu kmpfen (ist aber jetzt vllig gesund). 

Als sptgeborener einziger Sohn war ich der Augapfel meiner Mutter 
und nur ihrer unermdlichen Sorge danke ich es, dass ich als Jngling voll- 
kommen genas, nachdem ich als Kind und als Knabe alle mglichen Kinder- 
krankheiten durchgemacht hatte (Hydrocephalus, Morbilli, Croup, Variola, mit 
18 Jahren durch 1 Jahr chronischen Darmcatarrh). Meine Mutter, streng religis, 
erzog mich , ohne mich zu verzrteln , in diesem Sinne und prgte mir als 
oberstes Sittenprincip ein unbeugsames Pflichtgefhl ein, welches durch einen 
Lehrer, den ich jetzt noch Freund nenne, bis zur Schroffheit ausgebildet wurde. 
Da ich infolge meiner Krnklichkeit den grsseren Theil meiner Kindheit im 
Bette verbrachte, war ich auf ruhige Beschftigung, besonders Leetre an- 
gewiesen und wurde so ein zwar nicht blasirter, aber frhreifer Knabe. Schon 
mit 8 9 Jahren interessirten mich in den Bchern am meisten die Stellen, 
wo von Verletzungen oder Operationen die Rede war, die schne Mdchen 
oder Frauen erleiden mussten. So versetzte mich eine Erzhlung, wo geschil- 
dert wird, wie sich ein Mdchen einen Dorn in den Fuss tritt und ihr der- 
selbe von einem Knaben entfernt wird, in hochgradige Aufregung, ja ich hatte 
jedesmal eine Erection, so oft ich nur das bezgliche, durchaus nicht laseive 
Bild ansah. So oft es nur mglich war, sah ich zu, wenn Hhner abgestochen 
wurden , ja wenn ich den Anblick versumt hatte , besah ich wenigstens mit 
wollstigem Grausen die Blutspuren und streichelte die noch warmen Thier- 
krper. Ich muss betonen, dass ich seit jeher ein grosser Thierfreund bin und 
dass mich das Schlachten grsserer Thiere, ja selbst die Vivisectionen von 
Frschen, mit Ekel und Mitleid erfllten. 

Noch heute hat fr mich das Abstechen von Hhnern grossen geschlecht- 
lichen Reiz, und zwar speciell das Halten derselben, wobei ich Herzklopfen 
und Prcordialdruck verspre. Interessant ist, dass mein Papa eine Leidenschaft 
dafr hat, Mdchen und jungen Frauen die Hnde zusammenzubinden. 

Wie ich glaube , ist auch eine andere meiner sexuellen Abnormitten 
auf diese grausame Ader in mir zurckzufhren. Wie ich spter nher schil- 
dern werde, bildete ein Lieblingsspiel von mir ein improvisirtes Puppentheater, 



248 Paraesthesia sexualis. 

wobei ich den Stoff den Mitwirkenden angab. Fast immer gab es da ein 
junges Mdchen , welches auf strengen Befehl des Papas , den ich darstellte, 
sich einer schmerzlichen Operation am Fusse unterwerfen musste. Jemehr nun 
die Mdchen-Puppe jammerte, desto hher stieg meine Befriedigung. Weshalb 
ich gerade den Fuss als constantes Operationsfeld ausersah, geht aus folgendem 
hervor: Als kleiner Junge kam ich zufllig dazu, als meine ltere Schwester 
die Strmpfe wechselte. Als sie rasch die Fsse versteckte, wurde ich auf- 
merksam, und gar bald bildete der Anblick ihrer blossen Fsse bis zu den 
Kncheln herauf das Ideal meiner Sehnsucht. Selbstverstndlich diente dieses 
nur dazu, meine Schwester erst recht vorsichtig zu machen, und so entwickelte 
sich ein ewiger Kampf, der meinerseits mit allen Waffen der List und Schmeichelei 
bis zu Zornexplosionen bis zu meinem 17. Jahre gefhrt wurde. Sonst war 
mir meine Schwester hchst gleichgltig, ihr Fuss ist mir sogar zuwider. 
Faute de mieux nahm ich auch mit den Fssen von Dienstmdchen vorlieb; 
mnnliche Fsse Hessen mich kalt. Mein sehnschtigster Wunsch wre ge- 
wesen, an einem schnen weiblichen Fusse die Ngel oder sit venia verbo die 
Hhneraugen schneiden zu drfen. Meine wollstigen Trume drehten sich 
um diese Dinge, ja ich wandte mich dem Studium der Medicin eigentlich in 
der Erwartung zu, Gelegenheit zur Stillung meiner Begierden zu finden oder 
sie zu heilen. Gottlob, dass Letzteres gelang. Nachdem ich die erste Zer- 
gliederung einer weiblichen unteren Extremitt vorgenommen, wich der un- 
selige Bann von mir; ich sage unselig, da ich mich stets dieser Triebe vor 
mir selbst aufs tiefste schmte. Weitere Details glaube ich mir ersparen zu 
drfen, da diese sonderbare Schwrmerei, welche mich sogar zu Gedichten 
begeisterte, auch andererseits schon mehrfach geschildert wurde. 

Nun zur letzten Seite meiner sexuellen Irrthmer. 

Ich war etwa 13 Jahre alt und begann gerade zu mutiren , als ein 
Schulkamerad, der vorbergehend bei uns zu Gast war, mich Abends einmal 
dadurch neckte, dass er mit seinem nackten Fusse unter der Decke hervor 
nach mir stiess. Ich erhaschte seinen Fuss und gerieth sofort in hochgradige 
Erregung, welche von einer Pollution gefolgt war, die erste, die ich hatte. 
Der Knabe war auffllig mdchenhaft gebaut und auch geistig derart angelegt. 
Auch ein anderer Kamerad mit sehr kleinen und zarten Hnden und Fssen, 
den ich einmal im Bade sah, regte mich ungemein auf. Ich dachte es wohl 
mitunter als ein hohes Glck, mit einem von den Beiden im Bett zusammen- 
liegen zu knnen, ein engerer sexueller Verkehr jedoch, der ber eine Um- 
armung hinausgegangen wre, kam mir gar nicht in den Sinn. Uebrigens 
wies ich auch solche Gedanken stets mit Abscheu von mir. Einige Jahre 
spter, von meinem 16. 18. Jahre, lernte ich noch zwei Knaben kennen, 
welche mein sexuelles Gefhl erweckten. Wenn ich mich mit ihnen herum- 
balgte, hatte ich sofort Erectionen. Beide waren sehr energische, frische, aber 
zartgebaute Brschchen von kindlichem Habitus. Mit dem Eintritte der Pubertt 
verlor jeder von Beiden mein ganzes Interesse, obzwar ich Beiden eine warme 
freundschaftliche Theilnahme bewahrte. Zu unzchtigen Handlungen mit ihnen 
htte ich mich nie hinreissen lassen. 

Als ich die Universitt bezogen, vergass ich vllig auf diese Verirrungen 
meiner libido sexualis, hielt mich aber bis zum meinem 24. Jahre aus Princip 
von jedem sexuellen Verkehr zurck, trotz des Hohnes meiner Collegen. Als 



Psychische Herrnaphrodisie. 249 

sich dann die Pollutionen allzusehr huften, und ich frchten musste, eventuell 
ex abstinentia eine Cerebralasthenie zu acquiriren, warf ich mich dem nor- 
malen Geschlechtsleben in die Arme, und zwar, obschon ich es ziemlich nach- 
drcklich geniesse, zu meinem grssten Wohle. 

Dass ich gegenber puellis publicis nahezu impotent bin, dass der nackte 
Krper eines Weibes mich eher ekelt als erregt, hngt wohl mit den Special- 
fchern zusammen, in welchen ich jahrelang thtig war. Der Akt befriedigt 
mich stets am meisten, wenn ich dabei die Vorstellung der Vis festhalten 
kann; da aber andererseits die Vorstellung mir unertrglich ist, dass das 
Mdchen neben mir noch von einem Andern befriedigt werde , habe ich es 
seit Jahren als unumgnglich nthig fr mein seelisches Gleichgewicht be- 
funden, une femme soutenue mir trotz drckender pecunirer Opfer zu ver- 
gnnen, und zwar nur eine virgo. Sonst macht mich die albernste Eifersucht 
vollkommen arbeitsunfhig. Ich muss noch erwhnen, dass ich mit 13 Jahren 
das erste Mal platonisch verliebt war und seitdem fter in holder Minne ge- 
schmachtet habe. Was meinen Fall vor allen andern auszeichnen drfte, ist> 
dass ich nicht ein einziges Mal in meinem Leben onanirt habe. 

Vor einigen Wochen erschreckte mich ein Schlaf, in welchem ich von 
pueris nudis getrumt hatte und aus dem ich mit Erection erwachte. 

Zum Schlsse wage ich mich an die immerhin missliche Aufgabe, meinen 
Status praes. zu skizziren. Mittelgross, gracil gebaut, Schdel dolichocephal 
mit Delle an der Hinterhauptschuppe, 59 cm Circumferenz, Stirnhcker stark 
vorspringend, etwas neuropathischer Blick, Pupillen mittelweit, Gebiss sehr 
defekt. Muskulatur krftig, straff. Starker Haarwuchs, blond. Links Variocele ; 
ein zu kurzes Frenulum, welches mich beim Coitus hinderte, zerschnitt ich 
selbst vor 3 Jahren. Seitdem Ejaculation retardirt, Wollustgefhl bedeutend 
vermindert. 

Cholerisches Temperament, Auffassung rasch, gute Combinationsgabe, 
energisch, fr einen Hereditarier sehr ausdauernd, lerne leicht Sprachen, habe 
gutes Gehr, sonst kein Talent fr die schnen Knste. Pflichteifrig, aber 
stete von Taedium vitae erfllt; am Tentamen suic. nur durch meine Religion 
und die Rcksicht auf meine angebetete Mutter verhindert. Sonst typischer 
Selbstmordkandidat. Ehrgeizig, eiferschtig, paralysophobisch , Linkshnder. 
Von socialistischen Ideen angekrnkelt. Abenteuerschtig, muthig habe 
mich entschlossen, nie zu heirathen." 

Beobachtung 108. Psychische Herrnaphrodisie. Heterosexuale Empfin- 
dung durch Masturbation frh verkmmert , episodisch aber mchtig. Homo- 
sexuale Empfindung ab origine pervers (sinnliche Erregung durch Mnnerstiefel). 

Herr X., 28 Jahre, kommt im September 1887 in verzweifelter Stim- 
mung zu mir, um mich wegen einer Perversion seiner Vita sexualis zu consul- 
tiren , die ihm das Leben fast unertrglich erscheinen lasse und ihn wieder- 
holt schon dem Selbstmord nahegebracht habe. 

Pat. stammt aus einer Familie, in der Neurosen und Psychosen hufig 
vorkommen. In der vterlichen Familie hatten seit 3 Generationen Geschwister- 
kindehen stattgefunden. Der Vater soll ein gesunder Mann sein und in guter Ehe 
gelebt haben. Auffallend ist jedoch dem Sohn die Vorliebe des Vaters fr schne 
Bediente. Die mtterliche Familie wird als eine Familie von Sonderlingen ge- 



250 Paraesthesia sexualis. 

schildert. Der Grossvater und Urgrossvater der Mutter starben melancholisch, 
ihre Schwester war verrckt. Eine Tochter des Bruders des Grossvaters war 
hysterisch und nymphomanisch. Von den 12 Geschwistern der Mutter hei- 
ratheten nur drei. Von diesen war ein Bruder contrr sexual und durch 
excessive Masturbation immer nervenkrank. Die Mutter des Pat. soll bigott, 
geistig beschrnkt, nervs, reizbar, zu Melancholie neigend gewesen sein. Die- 
selbe starb als Pat. 14 Jahre alt war. 

Pat. hat zwei Geschwister einen neuropathischen, hufig melancho- 
lisch verstimmten Bruder, der, obwohl erwachsen, noch niemals Spuren von 
sexuellen Regungen gezeigt hat, ferner eine Schwester, eine anerkannte Schn- 
heit, frmlich angebetet von der Mnnerwelt. 

Diese Dame ist verheirathet, aber kinderlos , angeblich durch Impotenz 
ihres Mannes. Sie war von jeher kalt gegenber den ihr von Mnnern dar- 
gebrachten Huldigungen, ist aber entzckt von weiblicher Schnheit und 
geradezu verliebt in einzelne ihrer Freundinnen. 

Pat. theilt bezglich seiner eigenen Persnlichkeit mit, dass er schon 
mit 4 Jahren von jungen schnen Reitknechten mit schn geputzten Stiefeln 
getrumt habe. Auch herangewachsen will er niemals von einem Weibe ge- 
trumt haben. Seine nchtlichen Pollutionen waren jeweils durch Stiefel- 
trume " hervorgerufen. 

Schon vom 4. Jahre an empfand er eine sonderbare Neigung zu Mnnern 
oder richtiger zu Lakaien, die schn geputzte Stiefel trugen. Anfangs waren 
sie ihm bloss sympathisch, mit sich entwickelndem Geschlechtsleben machte 
ihm deren Anblick mchtige Erectionen und wollstige Erregung. Nur an 
Dienern reizte ihn der glnzend geputzte Stiefel. Derselbe Gegenstand an 
gesellschaftlich gleichstehenden Personen liess ihn kalt. 

Ein sexueller Drang im Sinne mannmnnlicher Liebe verband sich nicht 
mit diesen Situationen. Schon der blosse Gedanke an eine solche Mglichkeit 
war ihm ekelhaft. Wohl aber kamen jeweils wollstig betonte Vorstellungen, 
Diener seiner Diener sein , ihnen als solcher die Stiefel ausziehen zu drfen, 
am liebsten sich dabei aber von ihnen treten zu lassen oder auch ihnen die 
Stiefel wichsen zu drfen. Gegen derartige Gedanken emprte sich der Stolz 
des Aristokraten. Ueberhaupt waren ihm diese Stiefelideen ekelhaft und 
peinlich. 

Das sexuelle Fhlen entwickelte sich frh und mchtig. Vorlufig fand 
es seinen Ausdruck im Schwelgen in wollstigen Stiefelgedanken und von der 
Pubertt an in von Pollutionen begleiteten analogen Trumen. 

Im Uebrigen ging die geistige und krperliche Entwicklung ungestrt 
vor sich. Pat. war begabt, lernte leicht, absolvirte seine Studien, wurde Offi- 
zier, vermge seiner distinguirten, durchaus mnnlichen Erscheinung und seiner 
hohen Stellung eine beliebte Persnlichkeit in der Gesellschaft. 

Er selbst bezeichnet sich als einen gutmthigen, ruhigen, willenskrftigen, 
aber oberflchlichen Menschen. Er versichert, passionirter Jger und Reiter zu 
sein und niemals Sinn fr weibliche Beschftigung gehabt zu haben. In Damen- 
gesellschaft sei er immer befangen gewesen; im Ballsaal habe er sich gelang- 
weilt. Niemals habe er ein Interesse fr eine Dame aus hheren Stnden ge- 
habt. Von Weibern htten ihn berhaupt nur die drallen Bauernmdchen, 
wie sie den Malern in Rom Modell sitzen, interessirt. Eine eigentliche sinn- 



Psychische Hermaphrodisie. 251 

liehe Regung habe er jedoch auch derlei Vertreterinnen des weiblichen Ge- 
schlechts gegenber nie empfunden. Im Theater und im Circus habe er nur 
Interesse fr die mnnlichen Darsteller empfunden. Auch diesen gegenber 
habe er keine sinnlichen Empfindungen gehabt. Am Mann reizen ihn ber- 
haupt nur die Stiefel , und zwar nur , wenn der Trger der dienenden Klasse 
angehre und ein schner Mensch sei. Gleichgestellte Mnner mit' noch so 
schnen Stiefeln seien ihm ganz gleichgltig. 

Pat. ist sich bezglich seiner geschlechtlichen Neigungen noch jetzt 
unklar, ob er mehr Sympathie fr das andere oder fr das eigene Geschlecht 
empfinde. 

Seiner Meinung nach habe er ursprnglich eher Sinn fr das Weib ge- 
habt, aber diese Sympathie war jedenfalls eine beraus schwache. Bestimmt 
versichert er, dass ihm Adspectus viri nudi unsympathisch und der von mnn- 
lichen Genitalien geradezu widerlich war. Dem Weib gegenber war dies 
gerade nicht der Fall , aber er blieb unerregt selbst dem schnsten Corpus 
femininum gegenber. Als junger Offizier war er genthigt, ab und zu seine 
Kameraden in Bordelle zu begleiten. Er Hess sich nicht ungern dazu be- 
reden, da er damit seine lstigen Stiefelphantasien los zu werden hoffte. Er 
war impotent, bis er seine Stiefelphantasien zu Hilfe nahm. Nun verlief der 
Akt der Cohabitation ganz normal, jedoch ohne Wollustgefhl. Einen Trieb 
zum Verkehr mit dem Weib versprte Pat. nicht, es bedurfte jeweils einer 
usseren Veranlassung, resp. Verfhrung. Sich selbst berlassen, bestand seine 
Vita sexualis in Stiefelschwelge reien und bezglichen Trumen mit Pollu- 
tionen. Da sich damit immer mehr der Drang verband, seinen Dienern die 
Stiefel zu kssen, sie ihnen auszuziehen u. s. w. , beschloss Pat. Alles auf- 
zubieten, um diesen eklen, ihn in seinem Selbstgefhl tief verletzenden Drang 
los zu werden. Er befand sich damals, 20 Jahre alt, gerade in Paris; da 
erinnerte er sich eines wunderschnen Bauernmdchens in der fernen Heimath. 
Er hoffte mit Hilfe derselben sich von seiner perversen Sexualrichtung be- 
freien zu knnen, reiste sofort heim und bewarb sich um die Gunst dieses 
Mdchens. Er versicherte, dass er damals tchtig verliebt in jene Person wurde, 
dass schon ihr Anblick, die Berhrung ihres Kleides ihn wollstig erschauern 
machte, und als sie ihm einmal einen Kuss gewhrte, er eine mchtige Erec- 
tion bekam. Erst nach 1 1 /2 Jahren gelangte Patient mit dieser Person an das 
Ziel seiner Wnsche. 

Er war sehr potent, ejaculirte aber tardiv (1020') und hatte nie ein 
Wollustgefhl beim Akt. 

Nach etwa 1 '/jhrigem sexuellem Umgang mit diesem Mdchen er- 
kaltete seine Liebe zu ihm, da er es nicht so fein und rein fand", als er es 
wnschte. Von nun an musste er wieder seine inzwischen latent gewordenen 
Stiefelphantasien zu Hilfe nehmen, um im Verkehr mit diesem Mdchen potent 
zu bleiben. In dem Masse, als seine Potenz nachliess, kamen jene ganz spontan. 
In der Folge coitirte Pat. auch mit anderen Weibern. Hie und da, nmlich 
wenn ihm das Weib sympathisch war, ging es ohne sich eindrngende Stiefel- 
phantasien ab. 

Einmal passirte es Pat. sogar, dass er sich ein Stuprum zu Schulden 
kommen Hess. Merkwrdigerweise hatte er dieses einzige Mal beim (erzwun- 
genen) Akt ein Wollustgefhl. Gleich nach der That empfand er Ekel. Als 



252 Paraesthesia sexualis. 

er eine Stunde post Stuprum mit demselben Weib und mit dessen Zustimmung 
coitirte, hatte er kein Wollustgefhl mehr. 

Mit abnehmender, d. h. nur durch Stiefelphantasien aufrecht erhaltener 
Potenz sank die Libido zum anderen Geschlecht. Es ist bezeichnend fr des 
Pat. geringe Libido und schwache Veranlagung gegenber dem Weibe , dass, 
whrend er noch in sexuellen Relationen zu jenem Bauernmdchen stand, er 
zur Masturbation gelangte. Er lernte sie durch Rousseau's Confessions", 
welches Buch ihm zufllig in die Hand fiel, kennen. Mit bezglichen Drngen 
verbanden sich sofort die Stiefelphantasien. Er bekam dann heftige Erectionen, 
masturbirte, hatte bei der Ejaculation ein lebhaftes Wollustgefhl, das ihm 
beim Coitus versagt blieb, und fhlte sich von Masturbation anfangs geistig 
frischer, angeregter. 

Mit der Zeit stellten sich aber die Erscheinungen sexueller, dann allge- 
meiner Neurasthenie mit Spinalirritation ein. Er entsagte nun vorlufig der 
Masturbation und suchte die frhere Geliebte auf. Sie war ihm aber nunmehr 
ganz gleichgltig, und da er schliesslich selbst mit Zuhilfenahme von Stiefel- 
scenen nicht mehr ressirte, zog er sich vom Weibe zurck und verfiel wieder 
auf Masturbation, durch die ersieh von dem Drang, Dienern Stiefel zu kssen, 
zu wichsen u. s. w. , geschtzt fhlte. Gleichwohl blieb ihm seine sexuelle 
Position peinlich. Er versuchte gelegentlich wieder Coitus und ressirte auch, 
sobald er sich gewichste Stiefel dachte. Nach lngerer Enthaltung von Mastur- 
bation gelang ihm auch zuweilen Coitus ohne jede knstliche Hilfe. 

Pat. bezeichnet sich als sexuell sehr bedrftig. Wenn er lange nicht 
ejaculirt habe, so werde er congestiv, psychisch mchtig erregt, von den wider- 
lichen Stiefelbildern geplagt, so dass er dann gezwungen sei, zu coitiren oder 
noch lieber zu masturbiren. 

Seit Jahresfrist hat sich seine moralische Situation in peinlicher Weise 
dadurch complicirt, dass er als der Letzte eines reichen und vornehmen Ge- 
schlechts und ber dringenden Wunsch seines Vaters endlich heirathen soll. 
Die ihm bestimmte Braut ist von seltener Schnheit, geistig ihm usserst sym- 
pathisch. Aber als Weib ist sie ihm gleichgltig wie jedes Weib. Sie be- 
friedige ihn sthetisch wie ein beliebiges Kunstwerk". Sie stehe ihm wie 
ein Ideal vor Augen. Platonisch sie zu verehren, wre ihm ein erstrebens- 
werthes Glck, sie aber als Weib zu besitzen ein peinlicher Gedanke. Er wisse 
bestimmt voraus, dass er ihr gegenber nur unter Zuhilfenahme von Stiefel- 
phantasien potent sein knne. Zu solchen Mitteln zu greifen widerstrebe aber 
seiner Hochachtung fr die Dame, seinem sittlichen und sthetischen Gefhl 
fr dieselbe. Beschmutze er sie mit seinen Stiefelgedanken, so werde sie in 
seinen Augen auch ihren sthetischen Werth verlieren, und dann werde er 
ganz impotent und sie ihm zuwider werden. Pat. hlt seine Lage fr eine 
verzweifelte und gesteht, dass er in letzter Zeit dem Selbstmord wiederholt 
nahe war. 

Er ist ein hochintelligenter Mann von durchaus mnnlichem Habitus, 
starker Bartentwicklung, tiefer Stimme, normalen Genitalien. Das Auge hat 
einen neuropathischen Ausdruck. Keine Degenerationszeichen. Erscheinungen 
von spinaler Neurasthenie. Es gelang, den Patienten zu beruhigen und ihm 
Vertrauen in die Zukunft einzuflssen. 

Die rztlichen Rathschlge bestanden in Mitteln zur Bekmpfung der 



Homosexuale oder Urninge. 253 

Neurasthenie, Verbot weiterer Masturbation und weiterer Hingabe an Stiefel- 
phantasien, Aussicht, dass mit Beseitigung der Neurasthenie Cohabitation ohne 
Stiefelideen mglich und Pat. mit der Zeit moralisch und physisch zur Ehe 
fhig werde. 

Ende Oktober 1888 schrieb mir Pat., dass er der Masturbation und 
den Stiefelphantasien krftig seither widerstanden habe. Inzwischen habe er 
nur einmal einen Stiefeltraum und fast gar keine Pollutionen mehr gehabt. 
Er sei frei von homosexualen Anwandlungen , aber , trotz oft bedeutender 
sexueller Erregung, ohne jegliche Libido dem Weib gegenber. In dieser 
fatalen Situation sei er nun durch die Verhltnisse gezwungen, in 3 Monaten 
zu heirathen. 



2) Homosexuale oder Urninge. 

Gegenber der vorausgehenden Gruppe der psychosexualen 
Hermaphroditen besteht hier ab origine ausschliesslich sexuale Em- 
pfindung und Neigung zu Personen desselben Geschlechts, aber im 
Gegensatz zu der folgenden Gruppe beschrnkt sich die Anomalie 
nur auf die Vita sexualis und wirkt nicht tiefer und belastend ein 
auf Charakter und gesammte geistige Persnlichkeit. 

Die Vita sexualis ist bei diesen Homosexualen (Urninge) 
mutatis mutandis ganz die gleiche wie bei der normalen hetero- 
sexualen Liebe, aber da sie der natrlichen Empfindung gegen- 
stzlich ist, wird sie zur Karrikatur, um so mehr, als diese Individuen 
in der Regel mit Hyperaesthesia sexualis zugleich behaftet sind, 
und damit ihre Liebe zum eigenen Geschlecht eine schwrmerische, 
brnstige ist. 

Der Urning liebt, vergttert den mnnlichen Geliebten ge- 
rade so wie der weibliebende Mann die Geliebte. Er ist der 
grssten Opfer fr ihn fhig, empfindet die Qualen unglcklicher, 
oft nicht erwiderter Liebe, der Untreue des Geliebten, der Eifer- 
sucht u. s. w. 

Die Aufmerksamkeit des mannliebenden Mannes fesseln nur 
der Tnzer, der Schauspieler, der Athlet, die mnnliche Statue u. s. w. 
Der Anblick weiblicher Reize ist ihm gleichgltig, wenn nicht zu- 
wider; ein nacktes Weib ist ihm ekelhaft, whrend die Besichtigung 
mnnlicher Genitalien, Hften u. s. w. ihn vor Wonne erbeben macht. 

Die krperliche Berhrung eines sympathischen Mannes ruft 
einen Wonneschauer hervor, und da derlei Individuen angeboren oder 
durch Onanie oder auch durch erzwungene Abstinenz von geschlecht- 
lichem Verkehr vielfach sexuell neurasthenisch sind, kommt es 



254 Paraesthesia sexualis. 

dabei leicht zur Ejaculation, die im noch so intimen Verkehr mit 
dem Weib gar nicht oder nur durch mechanischen Reiz erzwingbar 
ist. Der sexuelle Akt mit dem Manne, gleichviel welcher, gewhrt 
Genuss und hinterlsst Wohlbefinden. Vermag sich der Urning 
zum Coitus zu zwingen, wobei aber Ekel in der Regel als Hem- 
mungsvorstellung wirkt und den Akt unmglich macht, so ist ihm 
dabei etwa zu Muthe wie einem Menschen, der ekelhafte Speise 
oder Trank zu kosten genthigt ist. Gleichwohl lehrt die Erfah- 
rung, dass nicht selten contr'r Sexuale auf dieser 2. Stufe sich 
verheirathen, sei es aus ethischen oder socialen Rcksichten. 

Relativ potent sind derartige Unglckliche, insofern sie bei 
der ehelichen Umarmung ihre Phantasie anstrengen und sich statt 
der Ehefrau eine geliebte mnnliche Person vorstellen. 

Der Coitus ist fr sie aber ein schweres Opfer, kein Genuss, 
und macht sie auf Tage hinaus nervenschwach und leidend. Ver- 
mgen derartige Urninge nicht durch willenskrftige Anstrengung 
ihrer Phantasie, etwa unter Benutzung von excitirenden Spirituosen 
Getrnken, von Erectionen, hervorgerufen durch gefllte Blase u. s. w., 
die hemmenden Gefhle und Vorstellungen zu compensiren, so sind 
sie gnzlich impotent, whrend die blosse Berhrung des Mannes 
die mchtigste Erection und selbst Ejaculation bewirken kann. 

Mit einem Weibe zu tanzen, ist dem Urning unangenehm, 
Tanz mit einem Manne, besonders einem solchen von sympathischen 
Formen, erscheint ihm als die hchste Lust. 

Der mnnliche Urning, sofern er eine hhere Bildung besitzt, 
hat keine Abneigung gegen den geschlechtslosen Umgang mit Weibern, 
sofern sie durch Geist und Kunstsinn die Conversation mit ihnen an- 
genehm erscheinen lassen. Nur das Weib in seiner geschlecht- 
lichen Rolle perhorrescirt er. 

Auf dieser Stufe der sexuellen Entartung bleibt Charakter 
und Beschftigung dem Geschlecht entsprechend, welches das be- 
treffende Individuum reprsentirt. Die sexuelle Perversion bleibt 
eine isolirte, aber tief in die sociale Existenz einschneidende Ano- 
malie im geistigen Dasein der Persnlichkeit. Dem entsprechend 
fhlt sich dieselbe bei gleichviel welchem sexuellen Akt in der 
Rolle, welche bei heterosexualer Gefhlsweise ihr zukme. 

Uebergnge zur 3. Gruppe kommen jedoch insofern vor, als 
auch zuweilen die der homosexualen Empfindungsweise entsprechende 
geschlechtliche Rolle gedacht, gewnscht oder wenigstens getrumt 
wird, ferner dass Beschftigungsneigungen und Geschmacksrichtungen 



Homosexuale oder Urninge. 255 

fragmentar sich zeigen, die dem Geschlecht, welches reprsentirt 
wird, nicht entsprechen. In manchen Fllen gewinnt man den 
Eindruck, dass derartige Erscheinungen Artefacte, durch Erziehungs- 
einflsse hervorgerufen, sind, in anderen, dass sie erworbene tiefere 
Degenerationen innerhalb der betreffenden Stufe durch perverse 
Geschlechtsbethtigung (Masturbation), analog den progressiven Ent- 
artungserscheinungen, wie sie bei der erworbenen contrren Sexual- 
empfindung beobachtet werden, darstellen. 

Was nun die Art der sexuellen Befriedigung betrifft, so ist 
hervorzuheben, dass bei vielen mnnlichen Urningen, da sie an 
reizbarer sexueller Schwche leiden, schon die blosse Umarmung 
gengt, um Ejaculation zu bewirken. Bei sexuell Hypersthetischen 
und mit Parsthesie sthetischer Gefhle Behafteten gewhrt es oft 
erhhten Genuss, mit schmutzigen ordinren Subjekten aus der Hefe 
des Volkes zu verkehren. 

Auf gleicher Grundlage kommen pderastische (natrlich aktive) 
Gelste und andere Verirrungen vor, jedoch kommt es nur selten 
und offenbar nur bei moralisch defekten und durch Libido nimia 
besonders lsternen Persnlichkeiten zu pderastischen Akten. 

Die sinnliche Neigung erwachsener Urninge scheint, im Gegen- 
satz zu alten und verkommenen Wstlingen, welche Knaben 
bevorzugen (und mit Vorliebe Pderastie treiben), un- 
reifen mnnlichen Individuen sich nicht zuzuwenden. Nur 
aus Mangel an Besserem und bei heftiger Brunst drfte der Urning 
Knaben gefhrlich werden. 



Beobachtung 109. Die nachfolgende Beobachtung ist ein Auszug aus 
einer usserst umfangreichen Autobiographie, die mir ein mit contrrer Sexual- 
empfindung behafteter Arzt zur Verfgung gestellt hat. 

Ich bin nun 40 Jahre alt, aus kerngesunder Familie 1 ), war stets ge- 
sund, galt als ein Muster krperlicher und geistiger Frische und Energie, bin 
von krftigem Krperbau, habe aber nur massigen Bart, bin, ausser unter den 
Achseln und am Mons veneris, am Rumpf haarlos. Der Penis war schon bald 
nach der Geburt ungewhnlich gross und ist in statu erectionis 24 cm lang, 
bei 11 cm Umfang. Ich bin tchtiger Reiter, Turner, Schwimmer, habe zwei 
grosse Feldzge als Militrarzt mitgemacht. Geschmack an weiblicher Kleidung 
und Beschftigung empfand ich nie. Bis zur Pubertt war ich dem weiblichen 



*) Spter wurde bekannt, dass ein naher Verwandter im Irrsinn ge- 
storben sei, ferner, dass 8 Geschwister im Alter von 1 15 Jahren an Hydro- 
cephalus acutus oder chronicus zu Grunde gingen. 



256 Paraesthesia sexualis. 

Geschlecht gegenber schchtern und bin es auch jetzt noch neuen Bekannt- 
schaften gegenber. 

Gegen Tanz empfand ich von jeher Widerwillen. 

Im 8. Lebensjahr erwachte meine Neigung zum eigenen Geschlecht. Zu- 
nchst empfand ich Genuss am Betrachten der Genitalien meiner Brder. 
Fratrem meum juniorem impuli ut alter alter ius genitalibus luderet, quibus 
factis penis meus se erexit. Spter, beim Baden mit der Schuljugend, inter- 
essirten mich die Knaben lebhaft, die Mdchen gar nicht. Ich hatte so wenig 
Sinn fr sie, dass ich noch mit 15 Jahren glaubte, sie htten auch einen 
Penis. In einem Kreise von gleichgesinnten Knaben vergngten wir uns 
damit, vicissim genitalibus nostris ludere. Mit IIV2 Jahren bekam ich einen 
strengen Hofmeister und konnte mich nun nur noch selten zu meinen lieben 
Freunden stehlen. Ich lernte sehr leicht, vertrug mich aber nicht mit dem 
Lehrer, und als er es mir eines Tages zu arg machte, gerieth ich in Wuth, 
stiess nach ihm mit dem Messer und htte ihn mit Wollust erstochen, wenn 
er mir nicht in den Arm gefallen wre. Mit 12 1 /* Jahren brannte ich bei 
hnlichem Anlass dem Lehrer durch und trieb mich 6 Wochen im Nachbar- 
land herum. 

Ich kam nun ins Gymnasium , war damals geschlechtlich schon ent- 
wickelt und vergngte mich beim Baden mit den Kameraden in der oben an- 
gedeuteten Weise, spter auch durch Imitatio coitus inter femora. Ich war 
damals 13 Jahre alt. An Mdchen fand ich gar kein Gefallen. Heftige Erec- 
tionen veranlassten mich, an den Genitalien zu spielen, auch gerieth ich dar- 
auf, penem in os recipere , was mir durch Bcken gelang. Dabei kam es zu 
Ejaculationen. Dadurch kam ich zur Masturbation. Ich erschi-ak darber 
heftig, dnkte mich wie ein Verbrecher, entdeckte mich einem 16jhrigen Mit- 
schler. Er klrte mich auf, beruhigte mich, schloss einen Liebesbund mit mir. 
Wir waren glckselig, befriedigten uns durch mutuelle Onanie. Nebenher 
masturbirte ich. Nach 2 Jahren wurde dieser Bund getrennt, aber noch heute 

wenn wir uns gelegentlich treffen mein Freund ist ein hherer Beamter 

lodert das alte Feuer wieder auf. 

Jene Zeit mit Freund H. war eine selige, deren Wiederkehr ich gerne 
mit meinem Herzblut erkaufen mchte. Das Leben war mir damals eine Lust, 
ich lernte spielend, war begeistert fr alles Schne. 

Whrend dieser Zeit verfhrte mich ein meinem Vater befreundeter 
Arzt, indem er mich gelegentlich eines Besuches liebkoste, onanisirte, mir die 
sexuellen Vorgnge erklrte , mich ermahnte , mich nie zu manustupriren , da 
dies gesundheitsschdlich sei. Er trieb dann mutuelle Onanie mit mir, er- 
klrte, dies sei die einzige Mglichkeit fr ihn, geschlechtlich zu functioniren. 
Vor Weibern habe er Ekel, deshalb habe er auch mit seiner verstorbenen Frau 
in Unfrieden gelebt. Er lud mich dringend ein, ihn so oft als mglich zu 
besuchen. Der Arzt war ein stattlicher Mann, Vater von 2 Shnen im Alter 
von 14 und 15 Jahren, mit denen ich im folgenden Jahr ein analoges Liebes- 
verhltniss anknpfte, wie mit Freund H. 

Ich schmte mich der Untreue gegen diesen, setzte aber gleichwohl das 
Verhltniss mit dem Arzt fort. Er trieb mit mir mutuelle Onanie, zeigte mir 
unsere Spermatozoen unter dem Mikroskope, zeigte mir pornographische Werke 
und Bilder, die mir aber nicht gefielen, da ich nur fr mnnliche Krper 



Horuosexuale oder Urninge. 257 

Interesse hatte. Anlsslich spterer Besuche bat er mich, ihm eine Gunst zu 
erweisen, die er noch nie genossen und nach der er lstern sei. Da ich ihn 
liebte, gestand ich alles zu. Instrumentis anum dilatavit, me paedicavit, dum 
simul penem meum trivit ita ut eodem tempore dolore et voluptate affectus 
Am. Nach dieser Entdeckung ging ich sofort zu Freund H., in der Meinung, 
dass dieser geliebte Mensch mir noch grsseren Genuss verschaffen werde. 
Alter alterum paedicavit, wir waren aber beide enttuscht und Hessen Wieder- 
holung bleiben, denn passiv empfand ich nur Schmerz und aktiv kein Ver- 
gngen, whrend uns doch mutuelle Onanie den grssten Genuss verschaffte. 
Nur dem Arzt war ich in der Folge aus Dankbarkeit noch fters zu Willen. 
Bis zum 15. Jahre trieb ich passive oder mutuelle Onanie mit meinen Freunden. 
Ich war nun schon erwachsen, bekam allerlei Winke von Frauen und Mdchen, 
floh sie aber, wie Joseph Potiphars Weib. Mit 15 Jahren kam ich in die Haupt- 
stadt. Nur selten hatte ich Gelegenheit zur Befriedigung meiner sexuellen 
Neigung. Dafr schwelgte ich im Anblick von Bildern und Statuen mnnlicher 
Krper und konnte mich nicht enthalten, geliebte Statuen abzukssen. Ein 
Hauptrgerniss waren mir die Feigenbltter auf deren Genitalien. 

Mit 17 Jahren bezog ich die Universitt. Zwei Jahre lebte ich nun wieder 
mit Freund H. zusammen. 

Mit 1772 Jahren hetzte man mich im angetrunkenen Zustande zum 
Coitus mit einem Weibe. Ich zwang mich dazu, floh aber sofort nach der 
That, von Ekel erfasst, aus dem Hause. Gleichwie nach der ersten aktiven 
Manustupration hatte ich dabei ein Gefhl, als ob ich ein Verbrechen be- 
gangen htte. Bei einem neuerlichen, im nchternen Zustand gemachten Ver- 
such, et puella nuda pulcherimma operante, erectio non evenit, whrend doch 
jeweils der blosse Anblick eines Knaben oder die Berhrung eines Schenkels 
durch eine Mnnerhand meinen Penis stahlsteif machte. Freund H. war es vor 
Kurzem ebenso ergangen. Wir zerbrachen uns vergeblich die Kpfe ber die 
Ursache. Ich Hess nun die Weiber Weiber sein, fand Genuss bei Freunden in 
passiver und mutueller Onanie, u. A. mit den beiden Shnen des Arztes, der 
sie nach meinem Abgang zur Pdicatio missbraucht hatte! 

19 Jahre alt machte ich die Bekanntschaft von zwei chten Urningen. 

A., 56 Jahre alt, weibisch aussehend, bartlos, geistig auf keiner beson- 
deren Hhe, von starkem, abnorm frh regem Sexualtrieb, hat seit dem 6. Jahre 
Urningliebe getrieben. Er kam einmal im Monat nach der Hauptstadt. Ich 
musste bei ihm schlafen. Er war unersttlich in mutueller Onanie, nthigte 
mich auch zu aktiver und passiver Pdicatio, was ich ungern mit in den 
Kauf nahm. 

B., Kaufmann von 36 Jahren, eine durchaus mnnliche Erscheinung, war 
enorm bedrftig, gleich wie ich selbst. Er wusste seinen Manipulationen an 
mir solchen Reiz zu verleihen, dass ich ihm als Kynede dienen musste. Er 
war der Einzige, bei dem ich passiv etwas Genuss empfand. Er gestand mir, 
dass, wenn er mich nur in der Nhe wusste, er die peinlichsten Erectionen 
bekam , und wenn ich ihm nicht dienen konnte , er sich durch Masturbation 
befriedigen musste. 

Neben diesen Liebschaften war ich klinischer Assistent im Spital und 
galt als eifrig und tchtig im Beruf. Natrlich forschte ich in der ganzen 
Literatur nach einer Erklrung meiner sexuellen Sonderbarkeit. Ich fand sie 
v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexnalis. 9. Aufl. 17 



258 Paraesthesia sexualis. 

allenthalben als strafwrdiges Vergehen gebrandmarkt, whrend ich darin 
doch nur die einfache, mir natrliche Befriedigung meines sexuellen Begehrens 
erkennen konnte. Ich war mir bewusst, dass mir dieses angeboren sei, aber 
im Widerspruch mit der ganzen Welt mich fhlend, oft dem Wahnsinn und 
dem Selbstmord nahe, versuchte ich immer wieder meinen mchtigen Sexual- 
trieb an Weibern zu befriedigen. Das Resultat war jedesmal das gleiche 
entweder Mangel jeglicher Erection, oder, wenn es mir gelang, den Akt zu 
erzwingen, Ekel und Grausen vor der Wiederholung. Als Militrarzt litt ich 
entsetzlich beim Anblick und der Berhrung von Tausenden nackter Mnner- 
gestalten. Glcklicherweise schloss ich einen Liebesbund mit einem gleich 
mir empfindenden Lieutenant und verlebte wieder einmal eine Gtterzeit. 
Aus Liebe fr ihn entschloss ich mich sogar zu Pdicatio, nach der seine 
Seele verlangte. Wir liebten uns, bis er bei Sedan sein Leben verlor. Von 
da an Hess ich mich nie mehr weder zu aktiver noch passiver Pdicatio 
herbei, trotzdem ich viele Liebschaften hatte und eine sehr begehrte Persn- 
lichkeit war. 

Mit 23 Jahren ging ich aufs Land als Arzt , war gesucht und beliebt, 
befriedigte mich durch Knaben ber 14 Jahre, strzte mich ins politische 
Leben, verfeindete mich mit dem Clerus, ward von einem meiner Geliebten 
verrathen, vom Clerus denuncirt und gezwungen zu fliehen. Die gerichtliche 
Untersuchung fiel gnstig aus. Ich konnte zurckkehren, war aber tief er- 
schttert, benutzte den ausgebrochenen Krieg (1870), um mit der Waffe zu 
dienen, in der Hoffnung, den Tod zu finden. Ich kehrte jedoch, vielfach 
ausgezeichnet, zum Manne gereift, innerlich ruhig zurck und fand nur mehr 
Genuss in ernster angestrengter Berufsarbeit. Ich hoffte meinen ungeheuren 
Sexualtrieb dem Erlschen nahe, erschpft durch die riesigen Strapazen des 
Feldzugs. 

Kaum war ich erholt, so begann der alte unbndige Trieb wieder sich 
zu regen und fhrte zu neuer zgelloser Befriedigung. Selbstverstndlich hielt 
ich oft Einkehr bei mir selbst, hielt mir das nicht in meinen Augen, wohl 
aber in denen der Welt Verwerfliche meiner Neigung vor. 

Ein Jahr abstinirte ich mit usserster Aufbietung meiner Willenskraft, 
dann reiste ich nach der Hauptstadt, um mich zum Weibe zu zwingen. Ich, 
der ich beim Anblick des schmutzigsten Stalljungen von Erectionen gepeinigt 
war, brachte es bei dem schnsten Weibe kaum zu einer Erection. Ich reiste 
vernichtet heim und hielt mir einen Burschen zur persnlichen Bedienung und 
Befriedigung. 

Die Einsamkeit des Lebens als Landarzt, die Sehnsucht nach Kindern 
trieb mich zu einer Heirath. Zudem wollte ich dem Gerede der Leute ein 
Ende machen und hoffte ich doch endlich ber meinen fatalen Trieb zu 
triumphiren. 

Ich wusste ein Mdchen, von dessen Herzensgte und dessen Liebe zu 
mir ich berzeugt war. Es ist mir gelungen, bei meiner Achtung und Ver- 
ehrung fr meine Frau den ehelichen Pflichten gerecht zu werden, 4 Knaben 
zu erzeugen. Erleichternd wirkte das knabenhafte Aussehen meiner Frau. 
Ich nannte sie meinen Raphael, strengte meine Phantasie an, um Knabenbilder 
mir vorzutuschen und so Erection zu erzielen. Erlahmte meine Phantasie 
aber nur einen Moment, so war es mit der Erection vorbei. Zusammenzu- 



Homosexuale oder Urninge. 259 

schlafen vermochte ich nicht mit meiner Frau. In den letzten Jahren wurde 
mir der Coitus immer schwieriger erzie^bar und seit 2 Jahren haben wir darauf 
verzichtet. Meine Frau kennt meinen Seelenzustand. Ihre Herzensgte und 
Liebe zu mir vermag sich darber hinwegzusetzen. 

Meine sexuelle Neigung zum eigenen Geschlecht ist unverndert und 
leider nur zu oft zwang jene mich, meiner Frau untreu zu werden. Noch 
heute oringt mich der Anblick eines etwa 16jhrigen Jungen in heftige sexuelle 
Erregung mit peinlichen Erectionen, so dass ich mir gelegentlich mit Manu- 
stupration des Jungen, mit Onanie an mir selbst helfe. 

Welche Qualen ich ausstehe, ist unbeschreiblich. Faute de mieux uxor 
mea penem terit, sed quod mulieris manus magno opere post dimidiam horam 
adsequitur, pueri manus post nonnulla raomenta adsequitur. So lebe ich elend 
dahin, ein Sklave des Gesetzes und meiner Pflicht gegen meine Frau! Zu 
Pdicatio (aktiv oder passiv) hatte ich nie Lust. Wenn ich sie ausfhrte oder 
duldete, geschah es nur aus Dankbarkeit, Geflligkeit." 

Der Arzt, dem ich vorstehende Selbstbeobachtung verdanke, versichert, 
dass er mit mindestens 600 Urningen bisher sexuell verkehrt habe. Es seien 
darunter gar Viele, die in hohen und geachteten Stellungen noch heute leben. 
Nur etwa 10 Procent derselben seien spter weibliebend geworden. Eine andere 
Quote scheue das Weib nicht, neige aber mehr dem eigenen Geschlecht zu, der 
Rest sei ausschliesslich und dauernd mannliebend. 

Abnorme Bildung der Genitalien will jener Arzt nie an seinen 600 ge- 
funden haben, wohl aber hufig Annherung an weibliche Krperformen, sowie 
schwache Behaarung, zarteren Teint, hhere Stimme. Nicht selten kam Mamma- 
entwicklung vor. X. affirmat ab 13. 15. anno lac in mammis suis habuisse 
quod amicus H. esuxit. Nur etwa 10 Procent seiner Leute zeigten Sinn fr 
weibliche Beschftigung u. dgl. Alle seine Bekannten waren mit abnorm 
frhem und starkem Sexualtrieb behaftet. Die berwiegende Mehrzahl fhle 
sich dem Anderen gegenber als Mann und befriedige sich durch mutuelle 
Onanie, Manustupration am Geliebten oder durch denselben. Die Mehrzahl 
neige zu aktiver Pderastie. Sehr hufig sei aber der Strafrechtsparagraph 
oder auch sthetisches Bedenken gegen den Anus Grund zur Nichtausfhrung 
des Aktes. Weiblich sich fhlen dem Anderen gegenber sei selten, und sehr 
selten Neigung zu passiver Pderastie. 

Anfangs 1887 wurde dieser Arzt gefnglich eingezogen, weil er mit zwei 
Knaben unter 14 Jahren Unzucht getrieben hatte. Das Delikt bestand darin, 
dass er zuerst die Knaben mentulam propriam inter femora viri bis zu ejaculatio 
reiben Hess und dann dieselbe Procedur cum mentula propria inter femora 
pueri vornahm. Bei der Verhandlung wurde zugegeben, dass hier ein krank- 
hafter Naturtrieb vorliege, jedoch zugleich nachgewiesen, dass Inculpat geistig 
nicht gestrt, der Selbstbestimmung nicht verlustig war, jedenfalls nicht in 
unwiderstehlichem Antrieb gehandelt habe. Gleichwohl wurde er nur zu einem 
Jahr Kerker mit Anwendung der weitestgehenden Milderungsgrnde verurtheilt. 

Beobachtung 110. HerrX., aus hherem Stande, consultirte mich wegen 
seit Jahren bestehender Neurasthenie und Schlaflosigkeit. Die Ermittelung der 
Ursachen des Leidens fhrte zum Gestndniss des Patienten, dass er einen 
abnormen Sexualtrieb zum eigenen Geschlecht habe, berhaupt sehr geschlechts- 



260 Paraesthesia sexualis. 

bedrftig sei und dass sein Nervenleiden wohl daraus sich herleite. Aus der 
Krankengeschichte des intelligenten Patienten drfte Folgendes wissenschaft- 
lich von Interesse sein. 

, Meine abnorme Geschlechtsempfindung reicht auf meine Kindheit zurck. 
Mit 3 Jahren kam mir ein Modejournal unter die Hnde. Die perfekt schnen 
Mnnergestalten wurden von mir bis zum Zerreissen des Papiers geksst, die 
weiblichen Figuren beachtete ich nicht. Knabenspiele waren mir widerlich. 

Mit Mdchen spielte ich lieber, da es da immer Puppen gab. Mit Vor- 
liebe schneiderte ich Puppenkleider; ich habe heute noch Interesse fr Puppen 
trotz meiner 33 Jahre. Schon als Knabe konnte ich stundenlang auf der Lauer 
an Anstandsorten sein, ut virorum genitalia adspicerem. Gelang mir dies, so 
wurde mir ganz seltsam und schwindlig. Schwchliche, unsympathische Mnner 
oder gar Knaben waren mir gleichgltig. Mit 13 Jahren ergab ich mich der 
Onanie. Vom 13. bis 15. Jahr schlief ich mit einem schnen jungen Mann in 
einem Bett. Das war mein Glck! Per multas horas vespere pene erecto 
illum domum venientem expectavi. Quodsi ille fortuito genitalia mea in lecto 
tetigit, summa voluptate affectus sum. Mit 14 Jahren hatte ich einen gleich 
mir empfindenden Schulkameraden. In schola per nonnullas horas alter geni- 
talia alterius tenebat manibus. Ach, es waren selige Stunden! So oft ich 
konnte, verweilte ich in Badeanstalten. Das war immer ein Fest fr mich. 
Der Anblick mnnlicher Genitalien verursachte mir heftige Erectionen. Mit 
16 Jahren kam ich in die Grossstadt. Das Sehen so vieler schner Mnner 
entzckte mich. Mit 17 1 J2 Jahren versuchte ich den Beischlaf mit einer Dirne, 
war aber vor Ekel und Angst unfhig dazu. Auch weitere Versuche schlugen 
fehl bis zum 19. Jahre. Da ressirte ich einmal, aber der Beischlaf gewhrte 
mir keinen Genuss, eher Ekel. Ich berwand mich und war stolz auf meinen 
Erfolg, dennoch ein Mann zu sein, woran ich allmhlich zu zweifeln an- 
gefangen hatte. 

Sptere Versuche gelangen nicht mehr. Der Ekel war zu gross. Wenn 
sich das betreffende Weib entkleidete, war ich genthigt, vor Ekel gleich das 
Licht zu lschen. Ich hielt mich nun fr impotent, consultirte Aerzte, besuchte 
Bder und Wasserheilanstalten, um meine vermeintliche Impotenz zu heilen, 
denn noch immer wusste ich nicht, was ich davon zu halten hatte. Ich war 
gerne in Damengesellschaft, vielleicht aus Eitelkeit, da ich den meisten Damen 
sympathisch und liebenswrdig erschien. Ich schtzte aber nur geistige, sthe- 
tische Vorzge an Damen. Gerne tanzte ich mit solchen, aber wenn sich dann 
eine im Tanz an mich anschmiegte, empfand ich einen argen Widerwillen, 
selbst Ekel, und htte sie prgeln mgen. Kam es einmal vor, dass ein Herr 
mit mir im Scherz tanzte, so war ich stets Dame. Da presste und schmiegte 
ich mich an ihn und war ganz glcklich und selig. Mit 18 Jahren sagte ein- 
mal ein Herr, der zu uns ins Comptoir kam: Das ist ein herziger Junge, fr 
den knnte man im Orient jedesmal ein Pf. St. verlangen." Das machte mir 
Kopfzerbrechen. Ein anderer Herr scherzte gerne mit mir, raubte mir beim 
Fortgehen fters Ksse, die ich ihm. ach so gerne, selbst gegeben htte. Dieser 
Kussruber wurde spter eine Geliebte von mir. Durch diese Umstnde wurde 
ich doch aufmerksam und wartete auf eine Gelegenheit. 

Als ich 25 Jahre alt war, traf es sich, dass mich ein ehemaliger 
Kapuziner fest fixirte. Gleich einem Mephisto wurde er fr mich. Endlich 



Homosexuale oder Urninge. 261 

sprach er mich an. Noch heute glaube ich das Klopfen meines Herzens von 
damals zu fhlen, ich war einer Ohnmacht nahe. Er gab mir Rendez-vous 
in einem Gasthause fr den Abend. Ich ging hin, kehrte aber an der Schwelle 
um, ich ahnte schreckliche Geheimnisse. Am zweiten Abend traf mich der 
Kapuziner wieder. Er berredete mich, fhrte mich in sein Zimmer, ich konnte 
ja nicht gehen vor Erregung. Mein Verfhrer setzte mich aufs Canapee, fixirte 
mich lchelnd mit seinen schwarzen wunderbaren Augen, ich verlor das Be- 
wusstsein. Von dieser Wottust , dieser idealistisch-gttlichen Seligkeit, 
die mein Wesen erfllte, msste ich zu viel schreiben; ich denke, nur ein 
bis ber die Ohren verliebter , noch gnzlich unschuldiger Bursche , der zum 
ersten Mal seine Liebessehnsucht stillen konnte, kann so glcklich sein, wie 
ich an jenem Abend war. Mein Verfhrer forderte zum Spasse (den ich An- 
fangs ernst nahm) mein Leben. Ich bat ihn, mich noch eine Zeit lang glcklich 
sein zu lassen, dann htte ich mein Leben vereint mit ihm geendet. Es wre 
das so ganz nach meinen berspannten damaligen Ideen gewesen. Ich hatte 
5 Jahre dann ein Verhltniss mit dem mir jetzt noch so lieben Mann. Ach 
wie glcklich und doch oft unglcklich war ich in jener Zeit! Sah ich ihn 
nur mit einem hbschen jungen Manne sprechen , so erwachte in mir eine 
tobende Eifersucht. Mit 27 Jahren verlobte ich mich mit einer jungen Dame. 
Ihr Geist und feiner sthetischer Sinn, sowie finanzielle Rcksichten fr mein 
Geschft veranlassten mich, an die Ehe mit ihr zu denken, zudem bin ich ein 
grosser Kinderfreund, und so oft ich dem gewhnlichsten Taglhner mit seinem 
Weib und einem hbschen Kind begegnete, beneidete ich den Mann um seia 
Familienglck. Ich bethrte mich also selbst, brachte mich auch die Zeit des 
Brautstandes leidlich durch , fhlte jedoch bei den Kssen meiner Braut eher 
Angst und Bangigkeit als Vergngen. Ein- oder zweimal kam es jedoch vor, 
dass ich durch herzhaftes Kssen nach reichlichem Nachtmahl Erection bekam. 
Wie glcklich war ich da, ich sah mich schon als Papa! Zweimal war ich 
nahe daran, die Parthie rckgngig zu machen. Am Hochzeitstage, als schon 
die Gste versammelt waren, sperrte ich mich in mein Zimmer, weinte wie 
ein Kind und wollte absolut nicht getraut werden. Auf Zureden aller An- 
gehrigen, denen ich die ersten besten Entschuldigungen angab, Hess ich mich 
in Strassentoilette vor den Traualtar schleppen. 

Uxor mea nuptiarum tempore menses habuit. wie dankte ich allen 
Heiligen fr diese Bescheerung! Ich bin heute noch berzeugt, dass nur da- 
durch ein spterer Beischlaf ermglicht wurde. Wieso es mir mglich wurde, 
spter meiner Frau beizuwohnen und einen herzigen Jungen zu bekommen, 
weiss ich nicht. Er ist mein Trost in meinem so verfehlten Leben. Ich kann 
fr das Glck, ein Kind zu haben, nur Gott danken. Ich schwindelte mich 
sozusagen durch im Ehebett. Meine Frau , die ich wegen ihrer trefflichen 
Eigenschaften hochachte, hat keine Ahnung von meinem Zustand, nur beklagt 
sie sich oft ber meine Klte. Bei ihrer Herzensgut und Naivett war es 
mir mglich , ihr vorzumachen , dass die Leistung der ehelichen Pflicht nur 
monatlich einmal eintrete. Da sie nicht sinnlich ist und ich zudem in meiner 
Nervositt eine Entschuldigung finde, gelingt es mir, mich durchzuschwindeln. 
Der Beischlaf ist mir das grsste Opfer. Durch reichlichen Weingenuss und 
Bentzung von dann Morgens bei gefllter Blase eintretenden Erectionen ge- 
lingt es mir, etwa einmal im Monat ihn auszufhren, aber ich habe dabei 



262 Paraesthesia sexualis. 

kein Wollustgefhl, bin davon ganz matt und empfinde tagelang eine Steige- 
rung meiner nervsen Beschwerden. Nur das Bewusstsein der erfllten ehe- 
lichen Pflicht, gegenber der sonst geliebten Frau, ist mir dann moralischer 
Erfolg und Befriedigung. Mit einem Mann ist es anders. Ich kann ihm 
mehrmals in der Nacht beiwohnen, wobei ich mich in der geschlechtlichen 
Rolle des Mannes fhle. Ich empfinde dabei die hchste Wollust, das reinste 
Glck und fhle mich davon erfrischt und beglckt. In neuerer Zeit hat mein 
Trieb zu Mnnern etwas nachgelassen. Ich- habe sogar Muth, einen schnen 
jungen Mann, der mir die Cour macht, zu meiden. Wird es von Dauer sein? 
Ich frchte nein. Ich kann absolut nicht ohne Mnnerliebe sein, und wenn 
ich sie entbehren muss, bin ich niedergeschlagen, fhle mich matt, elend, habe 
Schmerz und Druck im Kopf. Ich habe meine bedauernswerthe Verschroben- 
heit immer als etwas Angeborenes, Krankhaftes empfunden, wrde mich jedoch 
glcklich fhlen, wenn ich nur nicht verheirathet wre. Meine brave gute 
Frau dauert mich. Oft packt mich die Furcht, es mit ihr nicht mehr auszu- 
halten. Dann kommen mir Gedanken, mich scheiden zu lassen, mich umzu- 
bringen, nach Amerika zu entfliehen." 

Dem Kranken, welchem ich diese Mittheilungen verdanke, wird Niemand 
seinen Zustand ansehen. Er ist von durchaus mnnlichem Habitus, mit starkem 
Vollbart, krftiger tiefer Stimme, vllig normalen Genitalien. Der Schdel 
ist normal gebildet, Degenerationszeichen fehlen durchaus, nur ein exquisit 
nervses Auge erinnert an den Neuropathiker. Die vegetativen Organe 
funktioniren normal. Patient bietet die gewhnlichen Symptome eines Neur- 
asthenischen, wesentlich zurckfhrbar auf sexuelle Excesse bei einem abnorm 
geschlechtsbedrftigen Manne im Verkehr mit Personen seines eigenen Ge- 
schlechts und auf den schdlichen Einfluss erzwungenen, wenn auch seltenen, 
Beischlafs mit der Ehefrau, bei Horror feminae. 

Patient erklrt, von gesunden Eltern abzustammen und in der Familie 
in aufsteigender Linie weder nerven- noch geisteskranke Angehrige zu kennen. 
Sein lterer Bruder war 3 Jahre verheirathet. Die Ehe wurde getrennt, weil" 
dieser Mann geschlechtlich mit seiner Frau nie verkehrte. Er heirathete zum 
zweiten Mal. Auch die zweite Frau klagt ber Vernachlssigung seitens des 
Mannes, hat aber 4 Kinder, deren legitime Abkunft nicht bezweifelt wird. 
Eine Schwester ist hysteropathisch. 

Patient behauptet, als junger Mann an secundenlangen Schwindelanfllen 
gelitten zu haben, whrend welcher es ihm war, als wolle sich sein ganzes 
Wesen auflsen. Von jeher will er sehr erregbar, emotiv gewesen sein und 
fr schne Knste, namentlich Poesie und Musik, geschwrmt haben. Seinen 
Charakter bezeichnet er selbst als rthselhaft, abnorm, nervs, unruhig, extra- 
vagant, unschlssig. Er sei oft exaltirt ohne eigentlichen Grund, dann wieder 
ebenso deprimirt bis zu Selbstmordgedanken. Er knne in raschem und pltz- 
lichem Wechsel religis und frivol, Aesthetiker und Cyniker, feige und heraus- 
fordernd, leichtglubig, gutmthig und misstrauisch, geneigt, Anderen wehe 
zu thun und wehmuthsvoll ber Anderer Unglck bis zu Thrnen sein, dabei 
freigebig bis zum Uebermass und wieder geizig la Harpagon". Jedenfalls 
ist Patient eine belastete Persnlichkeit. Intellectuell scheint er sehr begabt, 
wie er auch versicherte, leicht gelernt zu haben und in den Schulen immer 
unter den Ersten gewesen zu sein. 



Homosexuale oder Urninge. 263 

Die Ehe dieses Mannes war keine glckliche. Wenn auch Patient nur 
hchst selten den ihm inadquaten und ihn schdigenden Geschlechtsakt mit 
der Frau vollzog und hei mnnlichen Geliebten Ersatz suchte und fand, so 
blieb er neurasthenisch. Sein Leiden bot zeitweise bedeutende Exacerbationen, 
bis zu verzweiflungsvoller Stimmung ber seine eheliche sexuelle und physische 
Lage mit heftigem Taed. vitae. 

Seine Frau wurde hysteropathisch, anmisch, und Patient selbst meint, 
dass sie es ex abstinentia geworden sei. So sehr er sich zusammennehme und 
zu bezwingen suche, vermge er in den letzten Jahren den Coitus nicht mehr 
zu leisten, entbehre vollkommen der Erection, whrend er im Umgang mit 
mnnlichen Geliebten sehr potent sei. 

Der nunmehr 9jhrige Knabe dieser unglcklichen Eheleute gedeiht. 

Patient theilt noch mit, dass er nur mit dem Kunstgriff, dass er sich 
einen geliebten Mann dachte, frher beim Coitus mit seiner Frau potent 
war. (Aus des Verfassers Lehrbuch der Psychiatrie, 2. Auflage mit Ergn- 
zungen.) 

Beobachtung 111. An einem Sommerabend in der Dmmerung wurde 
X. Y., Dr. med., in einer Stadt Norddeutschlands, von einem Flurwchter betreten 
wie er auf einem Feldwege mit einem Landstreicher Unzucht trieb, indem er 
denselben masturbirte und darauf mentulam ejus in os suum immisit. X. ent- 
zog sich gerichtlicher Verfolgung durch die Flucht. Die Staatsanwaltschaft 
stand von der Klage ab, da kein ffentliches Aergerniss entstanden war und 
Immissio membri in anum nicht stattgefunden hatte. Im Besitze des X. wurde 
eine weit verzweigte urnische Correspondenz gefunden, durch welche ein seit 
Jahren bestandener reger und durch alle Schichten der Bevlkerung sich er- 
streckender urnischer Verkehr erwiesen wurde. 

X. stammt aus belasteter Familie. Vatersvater endete irrsinnig durch 
Selbstmord. Der Vater war ein schwchlicher, eigenartiger Mann. Ein Bruder 
des Pat. onanirte schon mit 2 Jahren. Ein Vetter war contrr sexual, beging 
dieselben Unsittlichkeiten wie X. schon als Jngling, wurde geistig schwach 
und starb an einer Rckenmarkskrankheit. Ein Grossonkel vterlich war 
Hermaphrodit. Die Schwester der Mutter war irrsinnig. Mutter gilt als gesund. 
Der Bruder des X. ist nervs, jhzornig. 

X. selbst war ebenfalls als Kind sehr nervs. Das Miauen einer Katze 
versetzte ihn in hchste Furcht und wenn man nur eine Katzenstimme nach- 
ahmte, weinte er bitterlich und klammerte sich ngstlich an die Um- 
gebung an. 

Anlsslich geringfgiger Krankheiten fieberte er heftig. Er war ein 
stilles, trumerisches Kind, von reger Phantasie, aber geringer geistiger Be- 
gabung. Knabenspiele kultivirte er nicht. Mit Vorliebe trieb er weibliche 
Beschftigung. Ein besonderes Vergngen machte es ihm, die Hausmagd oder 
auch den. Bruder zu frisiren. 

Mit 13 Jahren kam X. in ein Institut. Dort trieb er mutuelle Onanie, 
verfhrte Kameraden, machte sich durch cynisches Benehmen unmglich, so 
dass er nach Hause genommen werden musste. Schon damals fielen den Eltern 
Liebesbriefe contrr sexualen und hchst lasciven Inhalts in die Hnde. Vom 
17. Jahre an studirte er unter der strengen Zucht eines Gymnasialprofessors. 



264 Paraesthesia sexualis. 

Er machte leidliche Fortschritte im Lernen. Begabt war er nur fr Musik. Nach 
absolvirten Studien kam Pat. 19 Jahre alt auf die Universitt. Dort fiel er 
auf durch sein cynisches Wesen, sein Herumziehen mit jungen Leuten, von 
denen man bezglich mannmnnlicher Liebe allerlei munkelte. Er fing an 
sich zu putzen, liebte auffallende Cravatten, trug Hemden mit tiefem Hals- 
ausschnitt, zwngte seine Fsse in enge Stiefel und frisirte sich auffallend. 
Dieser Hang verlor sich, als er die Hochschule absolvirt hatte und heim- 
gekehrt war. 

Im 24. Jahre war er eine Zeit lang schwer neurasthenisch. Von da bis 
zum 29. Jahr schien er ernst, zeigte sich im Berufe tchtig, mied aber die 
Gesellschaft des schnen Geschlechts und trieb sich bestndig mit Herren 
zweifelhaften Rufes herum. 

Zu einer persnlichen Exploration liess sich Pat. nicht herbei. Er ent- 
schuldigte dies schriftlich damit, dass er eine solche fr aussichtslos halte, da 
der Trieb zum eigenen Geschlecht seit frher Kindheit bei ihm bestehe und 
angeboren sei. Er habe von jeher Horror feminae gehabt, niemals es ber sich 
gebracht, die Reize eines Weibes zu kosten. Dem Manne gegenber fhle er 
sich in mnnlicher Rolle. Er erkennt seinen Trieb zum eigenen Geschlecht 
als abnorm an, entschuldigt seine sexuellen Ausschreitungen mit seiner krank- 
haften Naturanlage. 

X. lebt seit seiner Flucht aus Deutschland im Sden Italiens, und wie 
ich aus einem Briefe desselben entnehme, huldigt er nach wie vor der urnischen 
Liebe. X. ist ein ernster, stattlicher Mann von durchaus mnnlichen Zgen, 
stark bebartet, mit normal entwickelten Genitalien. Dr. X. stellte mir vor 
Kurzem seine Autobiographie zur Verfgung, aus welcher Folgendes mitgetheilt 
zu werden verdient. Als ich mit 7 Jahren in eine Privatschule eintrat, fhlte 
ich mich im hchsten Grade unbehaglich und fand bei meinen Mitschlern 
sehr wenig Entgegenkommen. Nur zu einem derselben, der ein sehr hbsches 
Kind war, fhlte ich mich hingezogen und liebte ich ihn fast strmisch. In 
den kindlichen Spielen wusste ich es immer so einzurichten, dass ich in 
Mdchenkleidern erscheinen konnte, und das grsste Vergngen war fr mich, 
unseren Dienstmdchen recht complicirte Coiffren zu machen. Oft bedauerte 
ich, kein Mdchen zu sein. 

Mein Geschlechtstrieb erwachte, als ich 13 Jahre alt war, und richtete 
sich vom Moment seines Entstehens an auf jugendliche, krftige Mnner. An- 
fangs war ich mir eigentlich gar nicht darber klar, dass dies eine Abnormitt 
sei; das Bewusstsein derselben kam aber, als ich sah und hrte, wie meine 
Altersgenossen in geschlechtlicher Beziehung beschaffen waren. Ich fing mit 
13 Jahren an zu onaniren. Mit 17 Jahren verliess ich das Elternhaus und 
besuchte das Gymnasium einer grsseren Hauptstadt, wo ich als Pensionr zu 
einem verheiratheten Gymnasiallehrer gebracht wurde, mit dessen Sohn ich in 
der Folge geschlechtlichen Umgang hatte. Es war dies das erste Mal, dass 
ich geschlechtliche Befriedigung empfand. Ich lernte in der Folge dort einen 
jungen Knstler kennen, der sehr bald merkte, dass ich abnorm geartet war, 
und der mir gestand, dass bei ihm dasselbe der Fall sei. Ich erfuhr durch 
denselben, dass diese Abnormitt sehr hufig vorkomme, und diese Mittheilung 
machte meine, mich oft tief betrbende Meinung, ich sei allein abnorm, hin- 
fllig. Dieser junge Mann hatte einen ausgedehnten Kreis gleichartiger Be- 



Homosexuale oder Urninge. 265 

kannter, in welchen er mich einfhrte. Dort wurde ich der Gegenstand all- 
seitiger Aufmerksamkeit, da ich krperlich, wie allseitig behauptet wurde, sehr 
vielversprechend war. Ich wurde bald von einem lteren Herrn abgttisch 
geliebt, fand indessen denselben nicht nach meinem Geschmack und erhrte 
ihn nur auf kurze Zeit, um dann einem jngeren, sehr schnen Offizier, 
der mir zu Fssen lag, Gehr zu schenken. Dieser war eigentlich meine 
erste Liebe. 

Nachdem ich mit 19 Jahren das Maturittsexamen absolvirt hatte, lernte 
ich, vom Zwang der Schule befreit, eine grosse Anzahl von mir gleich- oder 
hnlichgearteten Leuten kennen, darunter Karl Ulrichs (Numa Numantius). 

Als ich spter zum Studium der Medicin berging und mit vielen 
normalgearteten jungen Leuten verkehrte, war ich fters in der Lage, der 
Aufforderung, zu ffentlichen Dirnen zu gehen, Folge leisten zu mssen. Nach- 
dem ich bei verschiedenen zum Theil sehr schnen Frauenzimmern mich grnd- 
lich blamirt hatte, verbreitete sich unter meinen Bekannten die Ansicht, ich 
sei impotent, und ich gab diesem Gerede durch Erzhlung von angeblichen 
ehemaligen bertriebenen Leistungen bei Frauenzimmern Nahrung. Ich hatte 
damals eine Menge auswrtiger Beziehungen, die in ihren Kreisen dermassen 
meine Krperbeschaffenheit priesen, dass ich weithin fr eine hervorragende 
Schnheit galt. Dies hatte zur Folge, dass alle Augenblicke Jemand zu- 
gereist kam und mir eine solche Menge von Liebesbriefen zugingen , dass 
ich dadurch fters in Verlegenheit gerieth. Den Hhepunkt erreichte diese 
Situation, als ich spter, als einjhriger Arzt, im Lazareth wohnte. Dort 
ging es aus und ein wie bei einer gefeierten Persnlichkeit, und die Eifer- 
suchtsscenen , die sich um meinetwillen dort abspielten, htten fast zur Ent- 
deckung der ganzen Geschichte gefhrt. Kurz nachher erkrankte ich an einer 
Schultergelenksentzndung, von der ich erst nach drei Monaten genas. Im 
Verlauf derselben hatte ich mehrmals tglich subcutane Morphiuminjectionen 
erhalten, die mir pltzlich entzogen wurden und welche ich im Geheimen nach 
meiner Genesung fortsetzte. Zum Zwecke specieller Studien hielt ich mich 
vor meinem Eintritt in die selbstndige Praxis einige Monate in Wien auf, 
wo ich durch einige Empfehlungen in verschiedenen Kreisen von mir Gleich- 
gearteten Zutritt hatte. Ich machte dort die Beobachtung, dass die in Frage 
stehende Abnormitt in ihren sehr verschiedenen Arten in den unteren Volks- 
schichten ebenso verbreitet ist, wie in den hheren, sowie dass Diejenigen, 
welche gewerbsmssig, gegen Bezahlung zugnglich sind, auch in den hheren 
Klassen nicht selten getroffen werden. 

Als ich als Arzt auf dem Lande mich ansssig machte, hoffte ich, ver- 
mittelst des Cocains das Morphium los werden zu knnen, und verfiel so dem 
Cocainismus, der sich bei mir erst nach drei Recidiven dauernd beseitigen Hess 
(vor l 3 /* Jahren). In meiner Stellung war es mir unmglich, geschlechtliche 
Befriedigung zu finden, und ich nahm deshalb mit Vergngen wahr, dass der 
Cocaingebrauch das Erlschen der Begierden zur Folge hatte. Als ich das 
erste Mal unter der energischen Pflege meiner Tante vom Cocainismus befreit 
war, verreiste ich auf einige Wochen, um mich zu erholen. Die perversen 
Begierden waren wieder in ihrer ganzen Strke erwacht, und als ich eines 
Abends mit einem Manne im Freien vor der Stadt mich amsirt hatte, wurde 
mir Tags darauf vom Staatsanwalt erffnet, dass ich beobachtet und zur Anzeige 



266 . Paraesthesia sexualis. 

gebracht worden sei, dass aber die mir zur Last gelegte Handlung nicht strafbar 
sei, gemss eines Beschlusses des obersten Gerichtshofes im Deutschen Reiche. 
Ich solle indess mich in Acht nehmen, da bereits die Mittheilung von dem 
Vorfall in weiteste Kreise gedrungen sei. Ich sah mich genthigt, Deutschland 
nach diesem Ereigniss zu verlassen und eine neue Heimath dort zu suchen, 
wo weder das Gesetz noch die ffentliche Meinung Dem entgegen stehen, was, 
wie wohl alle abnormen Triebe, von der Willenskraft nicht unterdrckt werden 
kann. Da ich keinen Augenblick darber im Unklaren war, dass meine Nei- 
gungen zu den socialen Anschauungen im Gegensatz stehen, so versuchte ich 
wiederholt, derselben Herr zu werden, indessen steigerte ich dieselben nur 
hierdurch, und die gleiche Beobachtung wurde mir von Bekannten mitgetheilt. 
Da ich mich ausschliesslich zu krftigen, jugendlichen und vollstndig mnn- 
lichen Individuen hingezogen fhlte, solche aber nur in den seltensten Fllen 
meinen Wnschen geneigt sich zeigten, so war ich oft darauf angewiesen, mir 
dieselben zu erkaufen. Da indess meine Wnsche sich auf Personen der nie- 
deren Klasse beschrnken, so fand ich stets solche, die fr Geld zu haben 
waren. Ich hoffe, dass die nun folgenden Erffnungen Ihren Unwillen nicht 
wachrufen, ich wollte dieselben ursprnglich unterlassen, allein der Vollstndig- 
keit dieser Mittheilungen halber muss ich sie beifgen, da sie dazu dienen 
drften, die Casuistik zu bereichern. Ich habe das Bedrfniss, den sexuellen 
Akt folgendermassen zu vollziehen: 

Pene iuvenis in os recepto, ita ut commovendo ore meo effecerim, ut 
is quem cupio, semen eiaculaverit, sperma in perinaeum exspuo, femora com- 
primi jubeo et penem meum adversus et intra femora compressa immitto. Dum 
haec fiunt, necesse est, ut iuvenis me, quantum potest, amplectatur. Quae 
prius me fecisse narravi, eandem mihi afferunt voluptatem, acsi ipse ejaculo. 
Ejaculationem pene in anum immittendo vel manu terendo assequi, mihi 
nequaquam amoenum est. 

Sed inveni, qui penem meum receperint atque ea facientes quae suj>ra 
exposui, effecerint, ut libidines meae plane sint saturatae. 

Bezglich meiner Person muss ich noch Folgendes erwhnen: Ich bin 
186 cm hoch, von vollstndig mnnlichem Habitus, und, abgesehen von einer 
abnormen Reizbarkeit der Haut, gesund. Ich habe sehr dichtes blondes Kopf- 
haar, ebensolchen Bartwuchs. Meine Geschlechtstheile sind von mittlerer Strke 
und normal gebaut. Ich bin im Stande, ohne Ermdung zu spren, 4 6mal 
innerhalb 24 Stunden den geschilderten geschlechtlichen Akt zu vollziehen. 
Meine Lebensweise ist sehr regelmssig. Alkohol und Tabak geniesse ich 
sehr massig. Ich spiele ziemlich gut Klavier und einige kleine Kompositionen 
von mir haben viel Beifall gefunden. Vor Kurzem habe ich einen Roman be- 
endigt, der, als Erstlingswerk, gnstig in meinen Kreisen beurtheilt wird. Der- 
selbe hat mehrere Probleme aus dem Leben der Contrrsexualen zum Gegenstand. 

Bei der grossen Anzahl der mir persnlich bekannten Leidensgenossen 
war ich natrlich oft in der Lage, Betrachtungen ber die verschiedenen Arten 
von Abnormitten anzustellen, vielleicht ist Ihnen mit den nachfolgenden Mit- 
theilungen gedient. 

Das Abnormste, was ich kennen lernte, war die Gepflogenheit eines Herrn 
aus der Umgebung von Berlin. Is iuvenes sordidos pedes habentes aliis prae- 
fert, pedes eorum quasi furibundus lambit. Diesem ganz hnlich verhlt sich 



Homosexuale oder Urninge. 267 

ein Herr in Leipzig, qui linguain in anum coeno iniquatum, quod ei gratis- 
simum est, immittere narratur. In Paris existirt ein Herr, welcher einen 
meiner Freunde nthigte ut in os ei mingat. Verschiedene sollen, wie mit- 
bestimmt versichert wird, durch den Anblick von Reiterstiefeln, von militri- 
schen Uniformstcken in solche Ekstase gerathen, dass bei ihnen spontane 
Samenergsse erfolgen. 

Bis zu welchem Grade Manche sich als Weib fhlen, was bei mir nicht 
der Fall ist, davon geben besonders in Wien zwei Persnlichkeiten ein Beispiel. 
Dieselben fhren weibliche Namen; die eine ist ein Friseur, der sich die fran- 
zsische Laura" nennt, die andere ist ein ehemaliger Metzger, der die 
Selcher-Fanny " heisst. Beide versumen im Fasching keine Gelegenheit, um 
als weibliche, stets sehr outrirte Masken sich zu zeigen. In Hamburg existirt 
eine Persnlichkeit, von welcher manche Leute glauben, dass sie ein Weib sei, 
weil sie in ihrer Wohnung stets weiblich gekleidet geht, nur hie und da das 
Haus, und zwar in ebensolcher Kleidung, verlsst. Dieser Herr wollte sich 
sogar bei einer Taufe als Pathin ausgeben und erregte hierdurch einen riesigen 
Skandal. 

Weibliche Untugenden, Klatschsucht, Unzuverlssigkeit , Charakter- 
schwche sind bei derartigen Individuen Regel. 

Es sind mir mehrere Flle von perverser Geschlechtsrichtung bekannt, 
bei welchen Epilepsie und Psychosen vorhanden sind; auffallend oft bestehen 
Hernien. In der Praxis wendeten sich, da ich von Freunden empfohlen wurde, 
mehrere Personen mit Erkrankungen des Anus an mich. Ich sah zwei syphi- 
litische und einen localen Schanker, mehrere Fissuren und behandle gegen- 
wrtig einen Herrn mit spitzen Condylomen am Anus, welche eine fast faust- 
grosse, blumenkohlfrmige Geschwulst bilden. Einen Fall von primrer Affection 
des weichen Gaumens sah ich in Wien bei einem jungen Mann, der als Frauen- 
zimmer verkleidet Maskenblle besuchte und dort junge Mnner abseits lockte. 
Er gab dann vor, die Periode zu haben, und brachte es so zu Wege, dass die 
Anderen ihn per os benutzten. Er soll auf diese Weise einmal 14 Leute ge- 
kdert haben an ein und demselben Abend. Da ich in keiner der mir zu 
Gesicht gekommenen, auf contrren Sexualismus bezglichen Verffentlichungen 
ber den Verkehr der Pderasten unter einander etwas fand , so mchte ich 
Ihnen zum Schluss hierber noch Einiges mittheilen. 

Sobald Contrrsexualisten mit einander bekannt werden, findet ein aus- 
fhrlicher Austausch ihrer bisherigen Erlebnisse, Liebschaften und Eroberungen 
statt, soweit eine solche Unterhaltung durch die gesellschaftlichen Unterschiede 
beider nicht ausgeschlossen ist. Nur in ganz wenigen Fllen unterblieb diese 
Unterhaltung mit neuen Bekannten. Unter einander bezeichnen sich die Con- 
trrsexualisten als Tanten", in Wien als Schwestern", und zwei sehr mnnlich 
aussehende Wiener ffentliche Dirnen, die ich zufllig kennen lernte und die 
zu einander in contrrsexualer Beziehung standen, erzhlten mir, dass fr die 
entsprechende Erscheinung bei Weibern der Name Onkel" gebruchlich ist. 
Ich bin, seit ich mir meines abnormen Triebes bewusst bin, mit weit ber 
tausend Gleichgearteten in Berhrung getreten. Fast jede grssere Stadt besitzt 
irgend einen Versammlungsort, sowie einen sogenannten Strich. In kleineren 
Stdten finden sich verhltnissmssig wenige Tanten", doch fand ich in einem 
Stdtchen von 2300 Einwohnern acht, in einem von 7000 Einwohnern 18, von 



2(j8 Paraesthesia sexualis. 

denen ich es ganz sicher wusste, ganz abgesehen von denen, die ich im Ver- 
dacht hatte. In meiner Vaterstadt von etwa 30 000 Einwohnern sind mir etwa 
120 Tanten" persnlich bekannt. Die meisten, ich speziell in hchstem Grade, 
besitzen die Fhigkeit, sofort einen Anderen zu beurtheilen, ob er gleichartig 
ist oder nicht, wie es in der Tantensprache " heisst, vernnftig oder unver- 
nnftig". Meine Bekannten erstaunten oft darber, wie gross die Sicherheit 
meines Blickes hierfr ist. Scheinbar ganz mnnlich organisirte Individuen 
erkannte ich auf den ersten Blick als Tanten". Andererseits besitze ich die 
Fhigkeit, dermassen mnnlich mich zu benehmen, dass in Kreisen, in welchen 
ich durch Bekannte empfohlen war, schon Zweifel an meiner Echtheit" laut 
wurden. Wenn ich in der Laune dazu bin, kann ich mich vollstndig wie ein 
Frauenzimmer benehmen. 

Da die meisten Tanten", auch ich, ihre Abnormitt keineswegs als 
Unglck empfinden, sondern bedauern wrden, wenn dieser Zustand sich ndern 
wrde, da ferner der angeborene Zustand nach meiner und aller Anderen 
Ueberzeugung nicht beeinflussbar ist, so geht unser ganzes Hoffen darauf hin, 
dass es zu einer Abnderung der bezglichen Strafgesetzparagraphen kommen 
mge, in dem Sinne, dass nur Nothzucht oder Erregung ffentlichen Aerger- 
nisses, wenn diese gleichzeitig zu constatiren sind, als straffllig erachtet 
werden sollen. 



3) Effeminatio. 

Zu dieser Stufe finden sich mehrfache Ueberg'nge aus - der 
vorigen, charakterisirt durch das Mass, in welchem die psychische 
Persnlichkeit, speciell ihre gesammte Gefhlsweise und ihre Nei- 
gungen, von der abnormen geschlechtlichen Empfindungsweise be- 
einflusst sind. Ausgebildete mnnliche Flle der 3. Gruppe fhlen 
sich weiblich dem Manne gegenber. Diese Abnormitt in der 
Gefhlsweise und in der charakterologischen Entwicklung zeigt sich 
vielfach schon in den Kinderjahren. Der Knabe liebt es, in Ge- 
sellschaft kleiner Mdchen zu verweilen, mit Puppen zu spielen, der 
Mama in der Besorgung der Hausgeschfte zu helfen ; er schwrmt 
fr Kochen, Nhen, Sticken, entwickelt Geschmack in der Auswahl 
von weiblichen Toiletten, so dass er sogar darin der Rathgeber 
seiner Schwestern werden kann. Herangewachsen verschmht er 
Rauchen, Trinken, mnnlichen Sport, findet dagegen Gefallen an 
Putz, Schmuck, Kunst, Belletristik u. s. w., bis zur Schngeisterei. 
Insofern das Weib derartige Richtungen vertritt, zieht er es vor, 
in Damengesellschaft zu verkehren. 

Kann er bei einer Maskerade in weiblicher Rolle erscheinen, 
so ist dies seine hchste Lust. Dem Geliebten sucht er zu gefallen, 
indem er so zu sagen instinktiv das zu bieten anstrebt, was dem 



Effeminatio. 269 

weibliebenden Manne am anderen Geschlecht gefllt Zchtigkeit, 
Anmuth, Sinn fr Aesthetik, Poesie u. s. w. Vielfach zeigen sich 
auch Bestrebungen, in Gang, Haltung, Zuschnitt der Kleider sich 
der weiblichen Erscheinung zu nhern. 

Was die sexuellen Gefhle und Triebe dieser auch im ganzen 
psychischen Wesen mitbetroffenen Urninge betrifft, so fhlen sie 
sich ausnahmslos in weiblicher Rolle dem Mann gegenber. Sie 
fhlen sich demgemss abgestossen von gleichgearteten Personen 
des eigenen Geschlechts, da diese ja ihre Concurrenten sind, da- 
gegen hingezogen zu einfach Homosexualen oder sexuell Normalen 
ihres eigenen Geschlechts. Dieselbe Eifersucht, welche im normalen 
sexuellen Leben vorkommt, findet sich auch hier, wenn ihrer Liebe 
Concurrenz droht, ja, da sie sexuell meist hypersthetisch sind, ist 
diese Eifersucht oft eine grenzenlose. 

Bei vollkommen entwickelter contrrer Sexualitt erscheint 
heterosexuale Liebe als eine ganz unverstndliche Sache, ein sexueller 
Verkehr mit einer Person des anderen Geschlechts undenkbar, un- 
mglich. Ein bezglicher Versuch scheitert an der eine Erection 
unmglich machenden Hemmungsvorstellung des Ekels, selbst 
Grausens. Nur 2 Uebergangsflle zur 3. Kategorie aus meiner 
Casuistik vermochten unter Zuhlfenahme ihrer Phantasie, indem 
sie sich das betreffende Weib als Mann dachten, zeitweise zu coha- 
bitiren, aber der fr sie inadquate Akt war ihnen ein grosses 
Opfer und ohne jeglichen Genuss. 

Im homosexualen Verkehr fhlt sich der Effeminirte beim 
Akt immer als Weib. Die Praktiken desselben sind bei reizbarer 
Schwche des Ejaculationscentrums einfach Succubus oder Coitus 
passiv inter femora, andernfalls passive Masturbation oder ejaculatio 
viri dilecti in ore. Manche sehnen sich nach passiver Pderastie. 
Gelegentlich kommt Wunsch nach aktiver vor. In einem bezg- 
lichen Versuche stand der Betreffende davon ab, weil ihn Ekel bei 
dem ihn an Coitus erinnernden Akt erfasste. 

Nie bestand Inclination zu unreifen Personen 
(Knabenliebe!). In nicht seltenen Fllen blieb es bei platonischen 
Neigungen. 

Beobachtung 112. Autobiographie. Nachstehend erhalten Sie die 
Schilderung des Charakters, sowie des seelischen und geschlechtlichen Em- 
pfindens eines Urnings, d. h. eines Individuums, welches trotz seines mnnlichen 
Krperbaues durchaus weiblich fhlt, dessen Sinne die Weiber nicht im Min- 
desten erregen und dessen sexuelles Sehnen sich stets auf Mnner richtet. 



270 Paraesthesia sexualis. 

Von der Ueberzeugung durchdrungen, dass das Rthsel unseres Daseins 
nur durch vorurtheilslos denkende Mnner der Wissenschaft gelst oder min- 
destens beleuchtet werden kann, schildere ich meinen Lebenslauf einzig und 
allein in der Absicht, hierdurch vielleicht etwas zur Erhellung dieses grau- 
samen Irrthums der Natur beizutragen und so mglicher Weise meinen Schick- 
salsgenossen spterer Generation von Nutzen sein zu knnen; denn Urninge 
wird es geben, so lange Menschen geboren werden, gleichwie es eine unfehl- 
bare Thatsache ist, dass solche in jedem Zeitalter existirten. Doch mit dem 
Vorschreiten der wissenschaftlichen Bildung unserer Epoche wird man in mir 
und meinesgleichen nicht Hassenswerthe, sondern Bedauernswrdige erblicken, 
die nie die Verachtung, sondern weit eher das hchste Mitleid ihrer glck- 
lichen Nebenmenschen verdienen. Ich werde mich in meinen Mittheilungen 
der mglichsten Krze, sowie der strengsten Objectivitt befleissigen und 
bemerke bezglich meines drastischen, oft sogar cynischen Styls, dass ich 
vor allem wahr sein will, daher starken Ausdrcken nicht aus dem Wege 
gehe, weil diese den von mir errterten Gegenstand am treffendsten cha- 
rakterisiren. 

Ich bin 34 V Jahre alt, Kaufmann mit massigem Einkommen, etwas 
ber Mittelgrsse, mager, habe keine starken Muskeln, ein vollbrtiges, ganz 
gewhnliches Dutzendgesicht und unterscheide mich auf den ersten Anblick 
in nichts von wirklichen Mnnern. Dagegen ist der Gang weibisch, nament- 
lich bei raschem Gehen tnzelnd, die Bewegungen eckig und ungefllig, jeg- 
licher mnnlichen Anmuth entbehrend. Das Sprachorgan ist weder weibisch 
noch schrill, eher von barytonaler Klangfarbe. 

Dies mein usserer Habitus. 

Ich rauche und trinke nicht, kann weder pfeifen, reiten, turnen, fechten 
noch schiessen, interessire mich gar nicht fr Pferde oder Hunde und habe 
nie ein Gewehr oder einen Sbel in der Hand gehabt. Im inneren Empfinden 
und geschlechtlichen Verlangen bin ich vollstndig Weib. Ohne jede tiefere 
Bildung ich absolvirte bloss fnf Gymnasialklassen bin ich gleichwohl 
intelligent, lese gern gut geschriebene, gediegene Bcher, verfge ber gesundes 
Urtheil, lasse mich aber stets von der momentanen Stimmung fortreissen und 
bin von Jedem, der meine Schwchen kennt und sie auszuntzen versteht, leicht 
zu behandeln oder zu capacitiren. Stets Entschlsse fassend, finde ich nie die 
Energie, diese auszufhren, bin nach Weiberart launenhaft und nervs, oftmals 
ohne jeden Grund gereizt , zuweilen boshaft und Personen gegenber, die mir 
nicht zu Gesichte stehen, oder denen ich etwas nachtrage, arrogant, ungerecht, 
oft sogar in unverschmter Weise verletzend. 

In meinem ganzen Thun und Lassen bin ich oberflchlich, oft leicht- 
fertig, kenne kein tieferes sittliches Gefhl, hege wenig Zrtlichkeit fr Eltern 
und Geschwister, bin nicht egoistisch, bei Gelegenheit aufopferungsfhig, kann 
Thrnen nie widerstehen und bin durch liebenswrdiges Entgegenkommen oder 
inniges herzliches Bitten nach Weiberart fr Alles zu gewinnen. 

Schon in meinen frheren Lebensjahren zog ich mich von den Kriegs- 
spielen, Turnbungen oder Raufereien meiner mnnlichen Altersgenossen zurck, 
trieb mich stets mit kleinen Mdchen herum, mit denen ich viel besser als 
mit Knaben sympathisirte, war schchtern, verlegen und oft errthend. Be- 
reits mit 12 13 Jahren verursachte mir die straffsitzende Uniform eines 



Effeminatio. 271 

hbschen Soldaten die sonderbarsten Beklemmungen; und whrend in den 
nchsten Jahren meine Schulgenossen stets von Mdchen plauderten, wohl 
auch schon kleine Liebeleien begannen, war ich im Stande, einem kraftvoll 
gebauten Manne mit gut entwickelten, ppigen Posteriora Stunden lang nach- 
zugehen und mich an diesem Anblick zu berauschen. 

Ohne ber diese von den Empfindungen meiner Kameraden so sehr 
verschiedenen Eindrcke viel nachzudenken, begann ich zu onaniren, dabei 
stets an heldenhaft gebaute, fesche Gestalten denkend, bis ich in meinem 
17. Jahre von einem Schicksalsgenossen ber meinen wahren Zustand aufge- 
klrt wurde. Seit damals habe ich wohl 8 lOmal mit Mdchen zu thun 
gehabt, musste jedoch, um die Erection hervorzurufen, stets an ein mir be- 
kanntes schnes mnnliches Individuum denken, und hin der festen Ueber- 
zeugung, dass ich heute, selbst mit Zuhilfenahme meiner Phantasie, nicht im 
Stande wre, ein Mdchen zu gebrauchen. Kurz nach meiner Entdeckung ver- 
kehrte ich am liebsten mit bejahrten, krftigen Urningen, da ich zu jener Zeit 
weder Verstand noch Gelegenheit hatte, mit wirklichen Mnnern umzugehen. 
Seither hat sich jedoch mein Geschmack vollstndig gendert, und nur Mnner, 
wirkliche Mnner, im Alter von 25 35 Jahren, mit elastischen, krftigen 
Formen sind es, die meine Sinne aufs Hchste erregen und deren Reize mich 
ganz so entzcken, als wre ich ein wirkliches Weib. Die Verhltnisse liegen 
hier derart, dass ich mir im Laufe der Jahre etwa ein Dutzend Mnner- 
bekanntschaften acquiriren konnte, die gegen ein Honorar von 1 2 Gulden 
per Besuch meinen Zwecken dienen. Bin ich mit so einem schmucken Jungen 
im versperrten Zimmer allein, gewhrt es mir vor Allem das grsste Vergngen, 
membrum ejus vel maxime si magnum atque crassum est, manibus capere et 
apprehendere et premere, turgentes nates femoraque tangere atque totum 
corpus manibus contrectare et, si conceditur, os faciem atque totum corpus, 
immovero nates, ardentibus osculis obtegere. Quodsi membrum magnum pu- 
rumque est, dominusque ejus mihi placet, ardente libidine mentulam ejus in 
os meum receptam complures horas sugere possum, neque autem delec- 
tor, si semen in os meum ejaculatur, cum maxima eorum qui Urninge" 
nominantur pars hac re non modo delectatur, sed etiam semen nonnunquam 
devorat. 

Die intensivste Wollust jedoch empfinde ich, wenn ich auf einen derart 
dressirten wirklichen Mann treffe, qui membrum meum in os recipit et erec- 
tionem in ore suo concedit. 

So unwahrscheinlich es klingt, so finde ich dennoch immer einige fesche 
Kerle, die sich fr ein Douceur hierzu brauchen lassen. Diese lernen die Ge- 
schichte gewhnlich beim Militr kennen, da die Urninge wissen, dass man 
dort fr Geld am willfhrigsten ist, und wenn der Bursche einmal dressirt ist, 
wird er manchmal durch Umstnde veranlasst, die Sache trotz seiner Leiden- 
schaft frs weibliche Geschlecht auch weiter mitzumachen. 

Urninge lassen mich mit einzelnen Ausnahmen kalt, weil mich alles 
Weibische in hchstem Grade abstsst. Dennoch gibt es unter ihnen einige, 
die mich ganz so entzcken knnen wie ein wirklicher Mann und mit denen 
ich aus dem Grunde noch lieber verkehre, weil sie zuweilen meine glhenden 
Liebkosungen ebenso leidenschaftlich erwidern. Im tete--tete mit einem der- 
artigen Individuum legte ich meinen erregten Sinnen keine Fesseln an, gestatte 



272 Paraesthesia sexualis. 

meinen thierischen Instinkten freies Austoben: osculor, prenio, amplector eum 
linguam meam in os ejus immitto; ore cupiditate tremente ejus labrum superius 
sugo, faciem meam ad ejus nates adpono et odore voluptari e natibus emanente 
voluptate obstupescor. Wirkliche Mnner in stramm sitzender Uniform machen 
den grssten Eindruck auf mich, und habe ich Gelegenheit, einen solchen 
Prachtkerl zu umarmen und zu kssen, zieht dies bei mir die sofortige Eja- 
culation nach sich, was ich namentlich meinem hufigen Onaniren zuschreibe. 
Denn dies that ich hauptschlich in frheren Jahren sehr oft, fast jedesmal, 
wenn ich einen mir gefallenden festen Kerl sah, dessen Bild mir dann whrend 
des Onanirens vor Augen schwebte. Dabei ist mein Geschmack keineswegs 
difficil, etwa wie derjenige eines Dienstmdchens, das sich in einem strammen 
Dragonerwachtmeister ihr Ideal ertrumt. Schnes Gesicht ist wohl eine an- 
genehme Beigabe, zum Entflammen meiner sinnlichen Gefhle jedoch keines- 
wegs unerlsslich, die Hauptsache aber bleibt: vir inferiore corporis parte 
robusta et bene formosa , turgidis femoribus durisque natibus , whrend der 
Oberkrper schlank sein kann. Ein starker Bauch disgustirt mich, sinn- 
licher Mund mit frischen Zhnen regt mich aufs Prickelndste an, und hat ein 
solches Individuum ausserdem ein membrum pulchrum magnum et aequaliter 
formatum, so sind alle meine auch weitestgehenden Ansprche vollauf 
befriedigt. 

Bei mir gefallenden, mich leidenschaftlich erregenden Mnnern erfolgte 
die Ejaculation in frheren Jahren 5 8mal whrend einer Nacht, auch jetzt 
noch 4 6mal, da ich ungewhnlich geil und sinnlich veranlagt bin, und mich 
beispielsweise schon das Sbelklirren eines flotten Husaren erregen kann. Da- 
bei besitze ich eine sehr lebhafte Phantasie, denke fast in allen unbeschftigten 
Stunden an schne Mnner mit starken Gliedern und wrde mit Entzcken 
zuschauen wenn ein von Kraft strotzender fester Kerl magna mentula prae- 
ditus me praesente puellam futuat; mihi persuasum est, fore ut hoc aspectu 
sensus mei vehementissima perturbatione afficiantur et dum futuit corpus 
adolescentis pulchri tangam et, si liceat, ascendam in eum dum cum puella 
concumbit atque idem cum eo faciam et membrum meum in eius anum im- 
mittam. An der Ausfhrung dieser cynischen Plne von denen meine Ge- 
danken sehr oft erfllt sind hindern mich derzeit nur meine beschrnkten 
finanziellen Mittel, sonst htte ich diese lngst verwirklicht. 

Militr bt den grssten Zauber auf mich aus, doch habe ich ausser- 
dem ein besonderes Faible fr Fleischhauer, Fiaker, Fuhrwerkleute, Circus- 
reiter und Schiffscapitns, doch mssen diese alle elastisch und kraftvoll ge- 
baut sein. Urninge sind mir fr intimen Freundschaftsverkehr verhasst, wie 
ich gegen den grssten Theil derselben eine mir unerklrliche, ganz ungerecht- 
fertigte Aversion hege. Auch habe ich mit einer einzigen Ausnahme nie zu 
einem Urning in ganz innigem Freundschaftsverhltniss gestanden. Dagegen 
knpfen mich die herzlichsten langjhrigen Beziehungen an einige gleichartige 
Mnner, in deren Gesellschaft ich mich sehr wohl fhle, mit denen ich aber 
geschlechtlich nie verkehrte und die von meinem Zustand keine Ahnung haben. 

Gesprche ber Politik, Volkswirthschaft, wie berhaupt jede Errterung 
eines ernsten Themas sind mir verhasst, dagegen schwatze ich mit ziemlichem 
Verstndniss und besonderer Vorliebe bers Theater. In Opern sehe ich mich 
selbst auf der Bhne, fhle mich vom Beifall des mich fetirenden Publikums 



Homosexuale oder Urninge. 273 

umbraust und wrde mit Vorliebe passive Heldinnen darstellen oder dramatische 
Frauenrollen singen. 

Der interessanteste Gesprchsstoff fr mich und meine Schicksalsgenossen 
sind aber stets unsere Mnner; dieses Thema ist fr uns unerschpflich; 
die geheimsten Reize derselben werden aufs Minutiseste geschildert, mentulae 
aestimantur, quanta sint magnitudine, quanta crassitudine; de forma earum 
atque rigiditate conferimus, alter ab altero cognoscit cuius semen celerius, 
cuius tardius ejaculetur. Ich erwhne noch, dass von meinen vier Brdern 
der eine sich zu urningischen Zwecken brauchen Hess, ohne selbst ein Urning 
zu sein, und sind alle vier leidenschaftliche Frauenfreunde, die fortwhrend 
geschlechtliche Excesse verben. Die Genitalien der Mnner unserer Familie 
sind ausnahmslos stark entwickelt. 

Zum Schlsse wiederhole ich die Worte, mit denen ich diese Zeilen 
begann. Ich konnte meine Ausdrcke nicht whlen, weil es mir darum zu 
thun war, in Vorliegendem das Material zur Studie einer urningischen Existenz 
zu liefern, wobei es in erster Linie auf absolute Wahrheit ankommt. Diesem 
Umstnde bitte ich die zahlreichen Cynismen zu gute zu halten. 

Im October 1890 stellte sich mir der Schreiber vorstehender Zeilen vor. 
Sein Aeusseres entsprach im Wesentlichen seiner Schilderung. Genitalien gross, 
reich behaart. Eltern seien nervengesund gewesen, ein Bruder habe sich 
erschossen wegen Nervenleidens, drei andere seien hochgradig nervs. Pat. 
besucht mich in verzweifelter Stimmung. Er ertrage ein solches Leben nicht 
mehr, denn er sei angewiesen auf den Verkehr mit kuflichen Mnnern, ver- 
mge bei seiner extremen sinnlichen Veranlagung nicht Abstinenz zu ben und 
knne auch nicht begreifen, wie er weibliebend und zu edleren Freuden des 
Lebens fhig gemacht werden knnte. Habe er doch schon mit 13 Jahren 
mannmnnlich empfunden. 

Er fhle sich durchaus als Weib und sehne sich nach Eroberungen bei 
Mnnern, die nicht Urninge sind. Wenn er mit einem Urning zusammen sei, 
so sei es geradeso, wie wenn zwei Frauenzimmer zusammen wren. Er mchte 
lieber geschlechtslos sein, als so weiter zu existiren. Ob denn nicht Castration 
fr ihn erlsend wre? 

Ein Versuch der Hypnose erzielt bei dem hchst erregten Pat. nur ganz 
leichtes Engourdissement. 

Beobachtung 113. B., Kellner, 42 Jahre, ledig, wurde mir von seinem 
Hausarzt, in den er verliebt war, als an contrrer Sexual emp findung leidend 
zugeschickt. B. gab bereitwillig, in decenter Weise, Auskunft ber Vita ante- 
acta und speciell sexualis, froh, endlich einmal eine autoritative Auskunft 
ber seine sexuellen Zustnde zu bekommen, die ihm von jeher krankhaft 
erschienen seien. 

B. weiss von seinen Grosseltern nichts zu berichten. Der Vater sei ein 
jhzorniger, aufgeregter Mann gewesen, Potator, von jeher sexuell sehr 
bedrftig. Nachdem er 24 Kinder mit derselben Frau erzeugt, habe er sich 
von ihr scheiden lassen, und noch 3mal seine Wirthschafterin geschwngert. 
Die Mutter sei gesund gewesen. 

Von den 24 Geschwistern seien nur noch 6 am Leben, mehrere nervenkrank, 
aber nicht sexuell abnorm, bis auf eine Schwester, die von jeher mannsschtig sei. 
v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 18 



274 Paraesthesia sexualis. 

B. will von Kindesbeinen an krnklich gewesen sein. Schon mit 8 Jahren 
sei sein Geschlechtsleben erwacht. Er habe masturbirt und sei auf die Idee 
verfallen, penem aliorum puerorum in os arrigere, was ihm grossen Genuss 
gewhrt habe. Mit 12 Jahren fing er an, sich in Mnner zu verlieben, am 
meisten in solche in den 30er Jahren mit Schnurrbart. Schon damals sei sein 
sexuelles Bedrfniss sehr entwickelt gewesen und habe er Erectionen und 
Pollutionen gehabt. Von da an habe er wohl tglich masturbirt und sich 
dabei einen geliebten Mann gedacht. Sein Hchstes sei aber gewesen penem 
viri in os arrigere. Dabei habe er unter grsster Wollust Ejaculation be- 
kommen. Nur etwa 12mal sei ihm dieser Genuss bisher zu Theil geworden. 
Ekel vor dem Penis Anderer habe er bei ihm sympathischen Mnnern nie 
empfunden, im Gegentheil. Offerten zur Pderastie, die ihm sowohl aktiv 
als passiv hchst ekelhaft sei, habe er nie acceptirt. Beim perversen Ge- 
schlechtsakt habe er sich immer in der Rolle des Weibes gedacht. Seine Ver- 
liebtheit in ihm sympathische Mnner sei grenzenlos gewesen. Alles htte er 
fr seine Geliebten thun mgen. Er habe vor Aufregung und Wollust ge- 
zittert, wenn er ihrer nur ansichtig wurde. 

Mit 19 Jahren Hess er sich von Kameraden fters verfhren, ins Lupanar 
mitzugehen. Er habe nie Spass am Coitus gehabt und nur im Moment der 
Ejaculation eine Befriedigung versprt. Um Erection beim Weib zu bekommen, 
habe er sich immer einen geliebten Mann beim Akt vorstellen mssen. Am 
Liebsten wre es ihm gewesen, wenn das Weib immissio penis in os gestattet 
htte, was ihm aber immer versagt blieb, Faute de mieux habe er Coitus 
gebt, sei sogar 2mal Vater geworden. Das letzte Kind, ein Mdchen von 
8 Jahren, fange bereits an, Masturbation und mutuelle Onanie zu treiben, 
was ihn als Vater sehr betrbe. Ob es denn dagegen keine Abhilfe gebe? 

Pat. versichert, dass er sich Mnnern gegenber immer in einer weib- 
lichen Rolle (auch bei sexuellem Verkehr) gefhlt habe. Er habe sich immer 
gedacht, seine sexuelle Perversion sei dadurch entstanden, dass sein Vater, 
als er ihn zeugte, ein Mdchen zeugen wollte. Seine Geschwister haben ihn 
auch immer wegen seiner weiblichen Manieren verspottet. Zimmerauskehren, 
Abwaschen sei ihm immer eine angenehme Beschftigung gewesen. Man habe 
auch seine Leistungen in dieser Richtung vielfach bewundert und gefunden, 
dass er geschickter sei als manches Mdchen. Wenn er je konnte, verkleidete 
er sich als Mdchen. Im Fasching erschien er auf Bllen in weiblicher Maske. 
Das Kokettiren bei solcher Gelegenheit sei ihm trefflich gelungen, weil er 
eine weibliche Natur habe. 

Zum Trinken, Rauchen, mnnlicher Beschftigung und Vergngung habe 
er nie recht Lust gehabt, dagegen Nhen mit Leidenschaft betrieben und als 
Junge wegen bestndigem Spielen mit Puppen oft Schelte bekommen. Sein 
Interesse im Circus oder Theater nahmen nur Mnner in Anspruch. Er konnte 
oft dem Drang nicht widerstehen, in Pissoirs herumzulungern, um mnnlicher 
Genitalien ansichtig zu werden. 

An weiblichen Reizen habe er nie Gefallen gefunden. Coitus sei ihm 
nur gelungen, wenn er sich einen geliebten Mann dachte. Nchtliche Pollu- 
tionen wurden immer durch lascive, Mnner betreffende Traumsituationen 
ausgelst. 

Trotz vielfacher sexueller Excesse hat B. nie an Neurasthenia sexualis 



Androgyne. 275 

gelitten und sind berhaupt keine Symptome von Neurasthenie an ihm nach- 
weisbar. 

Explorat ist zart, hat sprlichen Backen- und Schnurrbart, der ihm erst 
im 28. Jahr gewachsen sei. Sein Aeusseres, ausgenommen leicht wiegender 
Gang, bietet nichts, was auf eine weibliche Natur hindeuten wrde. Er ver- 
sichert, dass man seinen weibischen Gang schon oft bespttelt habe. Sein 
Benehmen ist ein hchst decentes. Die Genitalien sind gross, gut entwickelt, 
ganz normal, dicht behaart, das Becken ist mnnlich. Der Schdel ist rhachi- 
tisch, leicht hydrocephal, mit ausgebauchten Parietalbeinen. Der Gesichts- 
schdel ist auffallend klein. Explorat behauptet, dass er leicht reizbar, zu 
Zorn geneigt sei. 

Beobachtung 114. Taylor hatte eine gewisse Elise Edwards, 24 Jahre 
alt, zu exploriren. Es stellte sich heraus, dass sie mnnlichen Geschlechts 
war. E. hatte seit dem 14. Jahr Weiberkleider getragen, war auch als Schau- 
spielerin aufgetreten, trug das Haar lang und nach Weibersitte in der Mitte 
getheilt. Die Gesichtsbildung hatte etwas Weibliches, im Uebrigen war der 
Krper ganz mnnlich. Der Bart war sorgfltig ausgezupft. Die mnnlichen, 
krftig und gut entwickelten Genitalien waren am Bauch durch eine kunst- 
volle Bandage nach aufwrts fixirt. 

Der Befund am Anus deutete auf passive Pderastie. (Taylor, Med. 
jurisprudence 1873. IL p. 286, 473.) 

Beobachtung 115. Eine eigenthmliche Erscheinung im Sinne der 
contrren Sexualempfindung bot ein Beamter in mittleren Jahren, seit mehreren 
Jahren glcklicher Familienvater und mit einer braven Frau verheirathet. 

Durch die Indiscretion einer Prostituirten kam eines Tages folgende 
Skandalgeschichte an die OefFentlichkeit. X. erschien etwa alle 8 Tage im 
Lupanar, costmirte sich dort als Weib, wobei eine Weiberpercke nicht 
fehlen durfte. Nach beendigter Toilette legte er sich auf ein Bett und Hess 
sich von der Prostituirten masturbiren. Er zog es aber bei Weitem vor, wenn 
er eine mnnliche Person (Hausknecht des Lupanar) gewinnen konnte. Der 
Vater dieses Mannes war hereditr belastet, mehrmals irrsinnig gewesen, mit 
Hyper- und Paraesthesia sexualis belastet. 



4) Androgyne. 

In fliessenden Uebergngen zur vorigen Gruppe ergeben sich 
contrr Sexuale, bei denen nicht nur der Charakter und das ganze 
Fhlen der abnormen Geschlechtsempfindung congruent sind, son- 
dern sogar in SkeletbiMung, Gesichtstypus, Stimme u. s. w., ber- 
haupt in anthropologischer, nicht bloss in psychischer und psycho- 
sexualer Hinsicht das Individuum sich dem Geschlecht nhert, 
welchem dasselbe sich der Person des eigenen Geschlechts gegen- 
ber zugehrig fhlt. Offenbar stellt diese selbst anthropologische 



276 Hyperaesthesia sexualis. 

Ausprgung der cerebralen Anomalie eine besonders hohe Stufe der 
Entartung dar; dass aber diese Abweichung auf ganz anderen Be- 
dingungen basirt als die teratologischen Erscheinungen der Her- 
maphrodisie in anatomischem Sinne, ergibt sich klar daraus, dass 
niemals bis jetzt im Gebiet der contrren Sexualempfindung Ueber- 
gnge zur hermaphroditischen Verbildung der Genitalien gefunden 
wurden.- Die Genitalien dieser Leute erwiesen sich immer ge- 
schlechtlich vollkommen differenzirt , wenn auch nicht selten mit 
anatomischen Degenerationszeichen (Epi-Hypospadie u. s. w.) be- 
haftet, im Sinne von Entwicklungshemmungen geschlechtlich brigens 
wohl differenzirter Organe. 

Bezglich dieser interessanten Gruppe von Weibern in Mnner- 
kleidung mit mnnlichem Genitale mangelt es noch an ausreichen- 
der Casuistik. Jeder erfahrene Beobachter seiner Mitmenschen er- 
innert sich wohl an mnnliche Existenzen, deren weibisches Wesen 
und weiblicher Typus (breite Hften, runde Formen durch reich- 
liche Fettentwicklung, fehlende oder hchst sprliche Bartentwick- 
lung, mehr weibliche Gesichtszge, feiner Teint, Fistelstimme u. s. w.) 
hchst auffallend war. 

Es scheint auch, dass bei Individuen der 4. Gruppe, sowie 
bei einzelnen der 3. im Uebergang zur 4. geschlechtliches Scham- 
gefhl nur der Person des eigenen, nicht aber der des entgegen- 
gesetzten Geschlechts gegenber vorhanden ist. 

Beobachtung 116. Androgynie. Herr v. H., 30 Jahre alt, ledigen 
Standes, stammt von einer neuropathischen Mutter. Nerven- und Geisteskrank- 
heiten sollen in der Familie des Kranken nicht vorgekommen und der einzige 
Bruder desselben geistig und krperlich vollkommen normal sein. Pat. soll 
sich krperlich spt entwickelt haben und deshalb mehrfach in Seebdern und 
klimatischen Curorten gewesen sein. Er war von Kindesbeinen an von neuro- 
pathischer Constitution und nach dem Zeugniss seiner Verwandten nicht wie 
andere Knaben. Frh fiel seine Abneigung gegen mnnliche Beschftigung 
und seine Vorliebe fr weibliche Spielereien auf. So verabscheute er alle 
Knabenspiele und gymnastischen Hebungen, whrend das Spiel mit Puppen 
und weibliche Arbeiten fr ihn besonderen Reiz hatten. Pat. entwickelte sich 
in der Folge krperlich gut, blieb frei von schweren Erkrankungen, aber geistig 
blieb sein Wesen abnorm, einer ernsteren Lebensauffassung unzugnglich und 
von entschieden weiblicher Gefhls- und Gedankenrichtung. 

Im 17. Lebensjahr zeigten sich Pollutionen, die gehuft, schliesslich 
auch bei Tage auftraten, den Kranken schwchten und mannigfache nervse 
Strungen hervorbrachten. Es entwickelten sich Erscheinungen von Neur- 
asthenia spinalis, die bis auf die letzten Jahre fortdauerten, mit dem Seltener- 
werden der Pollutionen aber sich verminderten. Onanie wird in Abrede ge- 



Androgyne. 277 

stellt, ist aber sehr wahrscheinlich. Eine schlaffe, weichliche, trumerische 
Gedankenrichtung machte sich seit der Puberttszeit immer mehr bemerklich. 
Vergebens waren die Bemhungen, den Kranken zu einem eigentlichen Lebens- 
beruf zu bringen. Seine intellectuellen Funktionen, wenn auch formal ganz 
ungestrt, erhoben sich nicht zur Hhe wirksamer Leitmotive eines selbst- 
stndigen Charakters und hherer Lebensanschauungen. Er blieb unselbst- 
stndig, ein grosses Kind, und nichts bezeichnete deutlicher seine originr 
abnorme Artung, als eine thatschliche Unfhigkeit, mit Geld umzugehen und 
sein eigenes Gestndniss, dass er fr eine geordnete, vernnftige Geldgebahrung 
kein Verstndniss habe, und sobald er Geld besitze, dasselbe fr Antiquitten, 
Toilettegegenstnde u. dgl. Allotria verausgebe. 

Ebenso wenig fhig wie zu einer vernnftigen Geldwirthschaft erschien 
Pat. zur Erringung einer socialen Existenz, ja nur zur Einsicht in deren Be- 
deutung und Werth. 

Er lernte nichts Ordentliches, verbrachte seine Zeit mit Toilette und 
knstlerischen Tndeleien, namentlich mit Malen, wozu er eine gewisse Be- 
fhigung zeigte, aber auch hierin leistete er nichts, da es ihm an Ausdauer 
fehlte. Zu einer ernsten Gedankenarbeit war er nicht zu bringen, er hatte 
nur Sinn fr Aeusserlichkeiten, war immer zerstreut, von ernsten Diugen gleich 
gelangweilt. Verkehrte Streiche, sinnlose Reisen, Geldverschwenden, Schulden- 
machen kehren in seinem ferneren Leben immer wieder, und selbst fr diese 
positiven Fehler seiner Lebensfhrung fehlte ihm das Verstndniss. Er war 
eigenwillig, untraitabel und that nirgends gut, sobald man nur den Versuch 
machte, ihn auf eigene Fsse zu stellen und ihn selbst seine Interessen wahr- 
nehmen zu lassen. 

Mit diesen Erscheinungen einer originr abnormen und defectiven psychi- 
schen Artung gingen bemerkenswerthe Zeichen einer perversen geschlechtlichen 
Empfindung einher, die auch in dem somatischen Habitus des Pat. angedeutet 
sich vorfinden. Pat. fhlt sich geschlechtlich als Weib dem Manne gegenber 
und empfindet Zuneigung zu Personen des eigenen Geschlechts, bei Gleich- 
gltigkeit, wenn nicht geradezu Abneigung gegen Personen des weiblichen. 
Er will zwar im 22. Jahr mit Weibern geschlechtlich verkehrt und in nor- 
maler Weise den Beischlaf ausgebt haben, aber theils wegen Steigerung der 
neurasthenischen Beschwerden jeweils nach dem Coitus, theils aus Angst vor 
Ansteckung, wesentlich aber aus mangelnder Befriedigung will er sich bald 
vom weiblichen Geschlechte abgewandt haben. Ueber seine abnorme sexuelle 
Lage ist er sich nicht ganz klar; einer Hinneigung zum mnnlichen Ge- 
schlechte ist er sich bewusst, gesteht aber verschmt nur zu, dass er gewissen 
mnnlichen Personen gegenber ein beseligendes Gefhl der Freundschaft 
empfinde, ohne dass sich ein sinnliches Gefhl beigeselle. Das weibliche Ge- 
schlecht perhorrescirt er gerade nicht, er knnte sich sogar entschliessen , ein 
Weib, das ihn durch gesinnungsverwandte knstlerische Neigungen anzge, zu 
heirathen wenn ihm nur die ehelichen Pflichten, die ihm unangenehm 
wren und deren Leistung ihn matt und schwach machen, erlassen blieben. 
Dass Pat. schon mit Mnnern geschlechtlich verkehrt habe, stellt er in Ab- 
rede, aber sein Errthen und seine Verlegenheit dabei, noch mehr ein Vor- 
fall in N., wo Pat. vor einiger Zeit im Gasthaus geschlechtlichen Umgang mit 
jungen Leuten versucht und einen Skandal provocirt hat, strafen ihn Lgen. 



278 Paraesthesia sexualis. 

Auch die ussere Erscheinung, Habitus, Krperbau, Gesten, Manieren, 
Toilette sind auffllig und erinnern entschieden an weibliche Formen und 
Verhltnisse. Pat. ist zwar bermittlerer Grsse, ab erThorax undBecken 
sind von entschieden weiblicher Bildung. Der Krper ist fett- 
reich, die Haut wohlgepflegt, zart, weich. Dieser Eindruck eines 
Weibes in mnnlicher Kleidung wird gesteigert durch den sprlichenHaar- 
wuchs im Gesicht, der zudem bis auf ein Schnurrbrtchen rasirt ist, den 
tnzelnden Gang, das schchterne, gezierte Wesen, die weiblichen Zge, den 
schwimmenden neuropathischen Ausdruck der Augen, die Spuren von Puder 
und Schminke, den stutzermssigen Zuschnitt der Kleidung mit busenartig 
hervortretendem Oberkleid, die gefranste, damenartige Halsschleife und das 
von der Stirn abgescheitelte, glatt zu den Schlfen abgebrstete Haar. 

Die krperliche Untersuchung lsst den zweifellos weiblichen Bau des 
Krpers erkennen. Die usseren Genitalien sind zwar gut entwickelt, jedoch 
ist der linke Hoden im Leistencanal zurckgeblieben, die Behaarung des 
Mons Veneris ist schwach und dieser ungewhnlich fettreich und 
prominent. Die Stimme ist hoch, ohne mnnlichen Timbre. 

Auch die Beschftigung und Denkweise des v. H. ist eine entschieden 
weibliche. Er hat sein Boudoir, seinen wohlassortirten Toilettetisch, an dem er 
stundenlang mit allen mglichen Verschnerungsknsten die Zeit vertndelt ; er 
perhorrescirt Jagd, Waffenbungen u. dgl. mnnliche Beschftigung, bezeichnet 
sich selbst als einen Schngeist, spricht mit Vorliebe von seinen Malereien 
und dichterischen Versuchen, interessirt sich fr weibliche Arbeiten, die er, 
wie z. B. Sticken, auch ausbt, und bezeichnet es als sein hchstes Glck, sein 
Leben in einem knstlerisch gebildeten und sthetisch feinfhligen Kreis von 
Herren und Damen mit Conversation , Musik, Aesthetik u. dgl. zubringen zu 
knnen. Seine Conversation dreht sich vorwiegend um weibliche Angelegen- 
heiten um Moden, weibliche Handarbeiten, Kochkunst, Haushaltungs- 
angelegenheiten. 

Pat. ist wohlgenhrt, jedoch etwas anmisch. Er ist von neuropathischer 
Constitution und bietet Symptome von Neurasthenie, die durch eine verfehlte 
Lebensweise, zu langen Aufenthalt im Bett, im Zimmer, Verweichlichung unter- 
halten werden. 

Er klagt ber zeitweisen Kopfschmerz und Kopfdruck, ber habituelle Ob- 
stipation, schreckt leicht zusammen, klagt ber zeitweise Mattigkeit, Mdigkeit, 
ziehende Schmerzen in den Extremitten in der Richtung der Lumboabdominal- 
nerven, f,hlt sich nach Pollutionen und regelmssig nach dem Essen mde, 
abgespannt, ist empfindlich bei Druck auf die Proc. spinosi der Brustwirbel, 
wie auch bei Durchtastung der zugnglichen Nervenstmme. Er fhlt eigen- 
tmliche Sym- und Antipathien gegenber gewissen Personen, gerth bei der 
Begegnung antipathischer Leute in Zustnde eigenthmlicher Angst und Ver- 
wirrung. Seine Pollutionen, obwohl jetzt nur noch selten vorkommend, sind 
pathologisch, insoferne sie sich auch bei Tage und ohne alle wollstige Er- 
regung einstellen. 

Gutachten. 

1) Herr v. H. ist nach allem Beobachteten und Berichteten eine geistig 
abnorme, defektive Persnlichkeit, und zwar ab origine. Eine Theilerschei- 



Androgyne. 279 

nung dieser abnormen geistig-krperlichen Artung stellt seine contrre Sexual- 
empfindung dar. 

2) Dieser Zustand, als ein originrer, ist keiner Heilung zugnglich. . 
Es besteht eine defective Organisation in den hchsten geistigen 

Centren, die ihn zu selbststndiger Lebensfhrung und der Erreichung einer 
Lebensberufsstellung unfhig macht. Seine perverse Geschlechtsempfindung 
hindert ihn, normal geschlechtlich zu funktioniren , mit allen socialen Con- 
sequenzen einer solchen Anomalie und mit der Gefahr einer Befriedigung per- 
verser, aus seiner abnormen Organisation sich ergebender Gelste, mit daraus 
wieder zu befrchtenden socialen und gerichtlichen Conflikten. Diese Besorg- 
niss kann aber nicht gross sein, da der (perverse) Geschlechtstrieb des Kranken 
gering ist. 

3) Herr v. H. ist nicht unzurechnungsfhig in legalem Sinne des Wortes 
und weder geeignet zur Aufnahme in eine Irrenanstalt, noch einer solchen 
bedrftig. 

Er vermag obwohl ein grosses Kind und unfhig zu einer Selbst- 
fhrung gleichwohl unter Aufsicht und Leitung geistig normaler Menschen 
in der Gesellschaft zu existiren. Er vermag auch bis zu einem gewissen Grad 
die Gesetze und Normen der brgerlichen Gesellschaft zu respektiren und zur 
Richtschnur seines Handelns zu machen, aber es muss bezglich mglicher 
geschlechtlicher Verirrungen und Conflikte mit dem Strafgesetz hervorgehoben 
werden, dass seine Geschlechtsempfindung eine in organischen krankhaften 
Bedingungen wurzelnde abnorme ist, und dieser Umstand muss ihm eventuell 
zu Gute kommen. 

Bei seiner notorischen Unselbststndigkeit kann derselbe aus der vter- 
lichen oder vormundschaftlichen Gewalt nicht entlassen werden, weil er sich 
sonst finanziell ruiniren wrde. 

4) Herr v. H. ist auch krperlich leidend. Er bietet Zeichen leichter 
Anmie und von Neurasthenia spinalis. 

Eine vernnftige Regelung seiner Lebensweise, eine tonisirende rzt- 
liche, womglich hydrotherapeutische Behandlung erscheint nothwendig. Der 
Verdacht einer urschlichen Begrndung jenes Leidens in frher getriebener 
Masturbation muss aufrecht erhalten werden und die Mglichkeit des Vor- 
handenseins einer tiologisch und therapeutisch wichtigen Spermatorrhe liegt 
nahe. (Eigene Beobachtung. Zeitschr. f. Psychiatrie.) 



Die angeborene contrre Sexualempfindung beim Weibe 1 ). 

Ueber das Vorkommen homosexualer Empfindungen beim 
Weibe stehen der gegenwrtigen Wissenschaft viel sprlichere 

x ) Casuistik: 1) Westphal, Arch. f. Psych. II, p. 73; 2) Gock, Op. cit. 
Nr. 1; 3) Wise, The Alienist and Neurologist 1883, Januar; 4) Cantarano, 
Zeitschr. La Psichiatria 1883, p. 201; 5) Serieux, Op. cit. obs. 14; 6) Kiernan, 
Op. cit.; 7) Mller, Friedreichs Bltter f. ger. Med. 1891, Heft 4; 813) Moll, 
Contr. Sexualempfindung, 2. Aufl., Beob. 18. 19. 20. 21. 22. 23; 14) Meyhfer, 
Zeitschr. f. Medicinalbeamte, V. 16. 



280 Paraesthesia sexualis. 

Beobachtungen zu Gebot als hinsichtlich dieser Anomalie beim 
Manne. Daraus den Schluss ziehen zu wollen, dass contrre Sexual- 
empfindung beim Weibe seltener sei, wre ungerechtfertigt, denn 
wenn sie wirklich eine funktionelle Degenerationserscheinung ist, 
werden sich belastende degenerative Einflsse beim Weib ebenso 
geltend machen wie beim Manne. 

Die Ursachen der scheinbaren Seltenheit der contrren Sexual- 
empfindung beim Weibe sind wohl darin zu finden, dass 1. Con- 
fidencen ber sexuelle Abnormitten beim Weib schwerer zu er- 
langen sind; 2. dass die Anomalie, falls sie zu beischlafhnlichen ' 
Handlungen inter feminas fhrt, in Deutschland nicht criminell 
verfolgt wird und schon dadurch vielfach latent bleibt; 3. dass das 
Weib die contrre Sexualempfindung nicht so genirt wie den Mann, 
weil sie jenes nicht beischlafsunfhig macht; 4. weil das Weib an 
und fr sich und jedenfalls auch das contrr-sexuale nicht so sinn- 
lich und aggressiv in der Erreichung des Geschlechtsbedrfnisses ist, 
wie der Mann, so dass der contrr-sexuale Verkehr unter Weibern 
nicht so auffllig ist und vom Laien als blosse Freundschaft ge- 
deutet wird. Gibt es doch sogar Flle (psychische Hermaphrodisie, 
selbst Homosexualitt), wo der Ehemann nicht die Ursache der 
Frigiditas uxoris erkennt! 

Aus Stellen in der heiligen Schrift *), aus der Geschichte 
Griechenlands (Sapphische Liebe"), aus der Sittengeschichte des 
alten Roms und des Mittelalters 2 ) ist leicht der historische Nach- 
weis zu liefern, dass Congressus intersexualis feminarum zu allen 
Zeiten bestanden hat, gleichwie er noch heute in Harems, Weiber- 
strafanstalten , Bordellen, Pensionaten (s. u. Amor lesbicus) vor- 
kommt. 

Dass ein grosser Theil dieser Vorkommnisse brigens auf Per- 
versitt, nicht Perversion beruht, muss immerhin zugegeben werden 3 ). 



*) Paulus, Rmerbrief. 

2 ) Ploss, Op. cit. 

3 ) Bemerkenswerth ist, dass auch in der Belletristik die lesbische Liebe 
vielfach behandelt ist, so in Diderot, La Religieuse" ; Balzac, La fille aux 
yeux d'or"; Th. Gautier, Mademoiselle de Maupin"; Feydeau, La Comtesse 
de ChaHs"; Flaubert, Salammb"; Belot, Mademoiselle Giraud, ma 
femme" etc. 

Die Heldinnen dieser (lesbischen) Romane erscheinen der geliebten 
Person des eigenen Geschlechts gegenber in Charakter und Rolle des Mannes, 
und ihre Liebe ist eine sehr brnstige. 

Der lteste Fall von contrrer Sexualempfindung, der bis dato in Deutsch- 



Angeborene contrre Sexualempfindung beim Weibe. 281 

In klinischer Hinsicht kann ich mich kurz fassen, da die Ano- 
malie beim Weib ganz dieselben Erscheinungen mutatis mutandis 
bietet, wie beim Manne, und berdies dieselben Gradstufen aufweist. 
Die psychisch hermaphroditischen und auch viele homo- 
sexuale Weiber verrathen ihre Anomalie weder durch usserliche 
Zeichen noch durch seelische (mnnliche) Geschlechtscharaktere. 
Bemerkenswerth ist, dass Dr. Flatau (Moll op. cit. p. 334) brigens 
bei Untersuchung des Larynx von 23 homosexualen Weibern bei 
einigen den Kehlkopf von entschieden mnnlicher Form vorfand. 

Im Uebergang zur folgenden Gradstufe der Viraginitt 
(analog der Effeminatio beim Manne) findet sich Vorliebe, in Mnner- 
kleidern zu gehen. Im Traum oder auch im ideellen oder wirk- 
lichen homosexualen Geschlechtsakt fhlt sich die betreffende Person 
in indifferenter geschlechtlicher Rolle. 

Bei ausgebildeter Viraginitt fhlt sich das Weib dem an- 
deren gegenber ausschliesslich in der Rolle des Mannes. 

Auf dieser Stufe besteht auch nur dem eigenen Geschlecht, 
nicht aber dem mnnlichen gegenber Schamhaftigkeit. 

Die Anomalie auf dieser Stufe pflegt sich schon frh durch 
mnnliche Geschlechtscharaktere kundzugeben. 

Der Lieblingsaufenthalt des weiblichen Urnings ist der Tummel- 
platz der Knaben. In deren Spielen sucht er mit ihnen zu rivali- 
siren. Von Puppen will das Urningmdchen nichts wissen, seine 
Passion ist das Steckenpferd, das Soldaten- und Ruberspiel. Zu 
weiblichen Arbeiten zeigt es nicht blos Unlust, sondern vielfach 
geradezu Ungeschick. Die Toilette wird vernachlssigt, in einem 
derben, burschikosen Wesen Gefallen gefunden. Statt zu Knsten, 
zeigt sich inn und Neigung fr Wissenschaften. Gelegentlich 
wird ein Anlauf genommen, im Rauchen und Trinken sich zu ver- 
suchen, und beides kann zur Leidenschaft werden. 

Parfm und Nschereien werden verabscheut. Schmerzliche 
Reflexionen ruft das Bewusstsein hervor, als Weib geboren zu sein 
und der Universitt mit ihrem flotten Leben und dem Militrstand 
entsagen zu mssen. 



land nachzuweisen ist, ist ein solcher von Viraginitt aus dem Anfang des 
18. Jahrhunderts. Er betrifft ein Weib , das mit einem anderen verheirathet 
war und mittelst ledernen Priaps der Consors beiwohnte. Der auch in cultur- 
historischer und in juridischer Hinsicht sehr interessante, aus den Akten ge- 
schpfte Fall ist von Dr. Mller (Alexandersbad) in Friedreichs Blttern 
f. ger. Medicin 1891, Heft 4, mitgetheilt. 



282 Paraesthesia sexualis. 

In amazonenhaften Neigungen zu mnnlichem Sport gibt sich 
die mnnliche Seele im weiblichen Busen kund, nicht minder in 
Bethtigung von Muth und mnnlicher Gesinnung. Gross ist der 
Drang, auch Haar und Zuschnitt der Kleidung mnnlich zu tragen, 
unter gnstigen Umstnden sogar in der Kleidung des Mannes 
aufzutreten und als solcher zu imponiren. Nicht selten sind die 
Flle, wo Weiber in Mnnerkleidern aufgegriffen wurden. Bei- 
spiele jahrelangen erfolgreichen Herumtreibens als Mann (Jger, 
Soldat u. s. w.) sind der Fall von Mller in Friedreich's Blt- 
tern, der von Wise (op. cit.) u. A. 

Die Ideale dieser Viragines sind durch Geist und Thatkraft 
hervorragende weibliche Persnlichkeiten der Geschichte und der 
Gegenwart. 

Die schwerste Stufe degenerativer Homosexualitt stellt die 
Gynandrie dar. Es handelt sich hier um Weiber, die vom 
Weib nur die Genitalorgane haben, im Fhlen, Denken, Handeln 
und in der usseren Erscheinung aber durchaus mnnlich er- 
scheinen. 

Solchen Mannweibern, die durch Knochenbau, Becken, Gang, 
Haltung, derbe, entschieden mnnliche Zge, rauhe, tiefe Stimme 
u. s. w. an dem ewig Weiblichen irre werden lassen, begegnet 
man nicht so selten im ffentlichen Leben. 

Ueber Lebensweise und Art der sexuellen Befriedigung dieser 
contrr-sexualen Weiber hat Moll (op. cit. p. 331) manches Inter- 
essante berichtet. 

Mutatis mutandis ist die Situation dieselbe wie beim mann- 
liebenden Manne. Diese Existenzen suchen, finden, erkennen, lieben 
sich gegenseitig, leben nicht selten als Vater" und Mutter" in 
schwuler" Ehe zusammen. Auf contrre Sexualitt muss sich 
immer der Verdacht richten, wenn (so hufig) in der Zeitung von 
einer Dame eine Freundin" gesucht wird. 

Zahlreiche weibliche psychische Hermaphroditen und selbst 
Homosexuale schliessen, theils aus Unkenntniss ihrer Anomalie, 
theils um versorgt zu werden, Ehebndnisse mit Mnnern. Manche 
dieser Ehen fristen ihr Dasein fort, indem der Mann seelisch sym- 
pathisch ist und die Leistung der ehelichen Pflicht der unglck- 
lichen Frau mglich wird. 

Immer sucht sie sich dieser aber, sobald sie ein oder zwei 
Kinder geboren hat, unter irgend einem Vorwand zu entziehen. 
Noch hufiger leidet die Ehe wegen unberwindlicher Abneigung" 



Angeborene contrre Sexualempfindung beim Weibe. 283 

Schiffbruch. Fortsetzung des homosexuellen Verkehrs in der Ehe 
kommt vor, gleich wie beim contrr- sexualen Manne. 

Auf der Stufe der Viraginitt ist Ehe unmglich, da schon 
der Gedanke an Coitus cum viro Ekel und Grausen erweckt. 

Die intersexuelle Befriedigung bei Weibern beschrnkt sich 
vielfach auf blosses Kssen und Umarmen, wobei sinnlich nicht 
stark Veranlagte es sich gengen lassen, sexuell Neurasthenische 
eventuell Befriedigung durch Ejaculationsgefhl finden. 

Automasturbation, faute de mieux, scheint in allen Gradstufen 
der Anomalie, gleich wie beim Manne, vorzukommen. 

Bei starker Sinnlichkeit kommt es zu Cunnilingus oder zu 
mutueller Masturbation. 

Auf 3. und 4. Stufe scheint das Bedrfniss, in activer Rolle 
der geliebten Person des eigenen Geschlechts gegenber aufzutreten, 
zur Benutzung von Priapen hinzudrngen. 

Beobachtung 117. Psychische Hermaphrodisie. Frau X., 26 Jahre, 
leidet an Neurasthenie. Sie ist erblich belastet, leidet episodisch an Zwangs- 
vorstellungen. Sie ist seit 7 Jahren verheirathet, hat 2 gesunde Kinder, einen 
Knaben und ein Mdchen von 6 resp. 4 Jahren. Es gelingt, das Vertrauen 
der Pat. zu erlangen. Sie gesteht, dass sie von jeher mehr zu Personen des 
eigenen Geschlechtes neige , ihren Mann zwar achte und gern habe , jedoch 
vom ehelichen Verkehr mit ihm angewidert sei. Sie habe es dahin gebracht, 
dass er seit der Geburt des jngsten Kindes ihr ehelich nicht mehr beiwohne. 
Schon im Pensionat habe sie sich in einer Weise fr andere junge Damen 
interessirt, die sie nur als Liebe bezeichnen knne. Episodisch habe sie sich 
aber auch zu einzelnen Herren hingezogen gefhlt und in der letzten Zeit sei 
ihrer Tugend ein Courmacher geradezu gefhrlich geworden. Sie lebe oft in 
Angst, dass sie sich mit ihm vergessen knnte und vermeide deshalb, mit ihm 
allein zu sein. Das seien aber nur flchtige Episoden gegenber ihrer leiden- 
schaftlichen Neigung zu Personen des eigenen Geschlechts. Ksse, Umarmung 
solcher, intimer Verkehr mit ihnen, sei ihre wahre Sehnsucht. Die Nichtbefrie- 
digung dieser Drnge martere sie und habe grossen Antheil an ihrer Nervosi- 
tt. In einer bestimmten sexuellen Rolle fhlt sich Pat. nicht gegenber Per- 
sonen des eigenen Geschlechts, auch wsste sie mit solchen nichts anzufangen, 
als sie zu kssen, zu umarmen, mit ihnen zu kosen. Pat. hlt sich selbst fr 
eine sinnliche Natur. Es ist wahrscheinlich, dass sie masturbirt. 

Ihre sexuelle Perversion erscheint ihr unnatrlich, krankhaft". 

Nichts im Benehmen und Aeussern dieser Dame deutet auf eine solche 
Anomalie. 

Beobachtung 118. Psychische Hermaphrodisie bei einer Dame. 
Frau M. , 44 Jahre, bezeichnet sich als ein Beispiel dafr, dass in einem 
Menschen, sei es Mann oder Weib, sowohl contrre als normale Richtungen 
des Sexuallebens vereinigt sein knnen. 



J 



284 Paraesthesia sexualis. 

Der Vater dieser Frau war sehr musikalisch, berhaupt knstlerisch 
hoch talentirt, leichtlebig, ein grosser Verehrer des andern Geschlechts, von 
seltener Schnheit. Er starb nach mehreren apoplectischen Anfallen dement 
im Irrenhaus. Vaters Bruder war neuropsychopathisch, als Kind mondschtig, 
zeitlebens mit Hyperaesthesia sexualis behaftet. So wollte er, obwohl ver- 
heirathet und Vater von verheiratheten Shnen, Frau M., seine Nichte, in die 
er wahnsinnig verliebt war, als sie 18 Jahre alt war, entfhren. Vaters Vater 
war hchst excentrisch, ein bedeutender Knstler, der ursprnglich Theologie 
studirte, aber aus glhendem Drang fr die dramatische Muse Mime und 
Snger wurde. Er war excessiv in Baccho et Venere, verschwenderisch, pracht- 
liebend, starb mit 49 Jahren an Apoplexia cerebri. Mutters Vater und Mutter 
starben an Lungentuberculose. 

Frau M. hatte 11 Geschwister, von denen nur noch 6 leben. Zwei 
Brder, krperlich der Mutter nachgeartet, starben mit 16 und 20 Jahren an 
Tuberculose. Ein Bruder leidet an Kehlkopfphthise. Smmtliche vier lebende 
Schwestern, wie auch Frau M., sind krperlich dem Vater nachgeartet und die 
lteste ist unverheirathet , sehr nervs und menschenscheu. Zwei jngere 
Schwestern sind verheirathet, gesund und haben gesunde Kinder. Eine weitere 
ist Virgo und nervenleidend. 

Frau M. hat 4 Kinder, von denen mehrere zart, neuropathisch sind. 

Ueber ihre Kindheit weiss Pat. nichts von Belang zu berichten. Sie 
lernte leicht, war dichterisch und sthetisch begabt, galt als ein bischen ber- 
spannt, das Romanlesen und Sentimentale liebend, von neuropathischer Con- 
stitution, usserst empfindlich gegen Temperaturschwankungen, bekam jeweils 
beim geringsten Luftzug lstige Cutis anserina. Bemerkenswerth ist noch, 
dass Pat. eines Tags, 10 Jahre alt, da sie meinte, die Mutter liebe sie nicht, 
Zndhlzer im Kaffee einweichte und diesen trank, um recht krank zu werden 
und damit die Liebe der Mutter auf sich zu lenken. 

Die Entwicklung ging schon mit 11 Jahren ohne Beschwerden vor sich. 
Menses in der Folge regelmssig. Schon vor der Zeit der Puberttsentwicklung 
regte sich das Sexualleben, dessen Regungen nach der eigenen Ansicht der 
Pat. in der ganzen folgenden Lebenszeit bermchtige gewesen sind. Die ersten 
Gefhle und Drnge waren entschieden homosexual. Pat. bekam eine leiden- 
schaftliche, aber durchaus platonische Neigung zu einer jungen Dame, dichtete 
auf sie Ghaselen und Sonette und war glckselig, wenn sie die entzckenden 
Reize der Angebeteten" einmal im Bade bewundern oder beim Ankleiden 
Nacken, Schultern und Brust mit den Augen verschlingen konnte. Der heftige 
Drang zum Berhren dieser krperlichen Reize wurde stets berwunden. Als 
juages Mdchen sei sie frmlich verliebt in Raphael's und Guido Reni's Ma- 
donnen gewesen. Auch musste sie schnen Mdchen und Frauen in jeder 
Witterung stundenlang nachgehen, ihren Anstand bewundernd, die Gelegen- 
heit ersphend, ihnen gefllig zu sein, ihnen Strusschen anzubieten u. s. w. 
Pat. versicherte, dass sie bis zum Alter von 19 Jahren absolut keine Ahnung 
vom Unterschied der Geschlechter hatte, da sie durch eine altjngferliche, 
hchst prde Tante eine faktisch klsterliche Erziehung gehabt hatte. Infolge 
dieser grenzenlosen Unwissenheit wurde Pat. das Opfer eines Mannes, der sie 
leidenschaftlich liebte, sie durch List zum Coitus brachte. Sie wurde die 
Gattin dieses Mannes, gebar ein Kind, lebte mit ihm ein excentrisches" 



Angeborene contrre Sexualempfindung beim Weibe. 285 

sexuelles Leben und fhlte sich vom ehelichen Umgang vollstndig befriedigt. 
Nach wenigen Jahren wurde sie Wittwe. Seitdem waren wieder Frauen der 
Gegenstand der Neigung, in erster Linie, wie Pat. meint, aus Furcht vor den 
Folgen des sexuellen Umgangs mit einem Manne. 

Mit 27 Jahren zweite Ehe mit einem krnklichen Manne, ohne Neigung. 
Pat. gebar 3mal, erfllte ihre Mutterpflichten, kam krperlich herunter, em- 
pfand in den letzten Jahren dieser Ehe immer grssere Unlust zum Beischlaf, 
zum Theil im Bewusstsein der Krankheit des Gatten, obwohl ein heftiger 
Drang nach sexueller Befriedigung stets vorhanden war. 

Drei Jahre nach dem Tode des zweiten Mannes machte Pat. die Ent- 
deckung, dass ihre 9jhrige Tochter aus erster Ehe der Masturbation ergeben 
war und dahinsiechte. Pat. las im Conversationslexicon ber dieses Laster 
nach, konnte dem Drang nicht widerstehen, es auch zu versuchen, und wurde 
Onanistin. Ueber diese Periode ihres Lebens kann sie sich nicht entschliessen, 
ausfhrlich zu berichten. Sie versichert, dass sie sexuell schrecklich erregt 
wurde, eines Tags ihre beiden Mdchen aus dem Hause geben musste, um sie 
vor Schrecklichem" zu bewahren, whrend sie ihre beiden Knaben daheim 
behalten konnte! 

Pat. wurde neurasthenisch ex masturbatione (Spinalirritation, Kopfdruck, 
Mattigkeit, geistige Hemmung u. s. w.), zeitweise sogar dysthymisch mit qulen- 
dem Taed. vitae. 

Ihr sexuelles Fhlen war bald dem Weib, bald dem Manne zugewandt. 
Sie wusste sich zu beherrschen, litt sehr unter ihrer Abstinenz, zumal da sie, 
ihrer neurasthenischen Beschwerden wegen, nur in grsster Noth mit Mastur- 
bation sich zu helfen versuchte. Gegenwrtig leidet die 44jhrige, noch regel- 
mssig menstruirende Frau heftig unter der Leidenschaft fr einen jungen Mann, 
dessen Nhe sie aus beruflichen Rcksichten nicht vermeiden kann. 

Pat. ist eine in ihrer usserlichen Erscheinung nicht auffallende Per- 
snlichkeit, gracil gebaut, von schwacher Muskulatur. Becken durchaus 
weiblich, jedoch Arme und Beine auffallend gross und entschieden von mnn- 
lichem Bau. Da ihr kein weiblicher Schuh passt, sie aber doch nicht auf- 
fallen will, zwngt sie ihre Fsse in Frauenschuhe, ' sodass diese knstlich ver- 
unstaltet sind. Genitalien von ganz normaler Entwicklung. Ausser einem 
Descensus uteri mit Hypertrophie der Vaginalportion keine Vernderungen. 
Bei eingehenderer Exploration erklrt sich Pat. fr wesentlich doch homo- 
sexual, Empfindung und Trieb zum anderen Geschlecht nur fr etwas Epi- 
sodisches, Grobsinnliches. So leide sie zwar gegenwrtig schrecklich unter 
sexuellen Drngen zu jenem Manne ihrer Umgebung, aber ein edlerer und' 
hherer Genuss sei es ihr, auf eine sanftgerundete, weiche Mdchen wange 
einen Kuss zu hauchen. Dieser Genuss biete sich ihr oft, denn sie sei unter 
den lieben Geschpfen" als gefllige Tante" sehr beliebt, da sie die ver- 
schiedensten Ritterdienste" jenen unverdrossen leiste und sich dabei immer 
mehr als Mann fhle. 

Beobachtung 119. Homosexualitt. Frulein L. , 55 Jahre alt. 
Ueber Familie des Vaters fehlen Nachrichten. Die Eltern der Mutter werden 
als zornmthig, launenhaft, nervs geschildert. Ein Bruder der Mutter epi- 
leptisch, ein anderer exentrisch und geistig nicht normal. 



286 Paraesthesia sexualis. 

Die Mutter war sexuell hypersthetisch und lange Zeit Messaline. Sie 
galt als psychopathisch und starb 69 Jahre alt an einer Hirnkrankheit. 

Frulein L. entwickelte sich normal, hatte nur geringfgige Kinder- 
krankheiten zu berstehen, war geistig sehr begabt, jedoch von neuropathischer 
Constitution, emotiv, von allerlei Tics geplagt. 

Mit 13 Jahre erwachte, noch 2 Jahre vor der ersten Menstruation, die 
erste Liebesleidenschaft fr eine Altersgenossin ein trumerisches Gefhl, noch 
ganz rein von Sinnlichkeit". 

Die zweite Liebe galt einem lteren Mdchen, das Braut war, mit bereits 
qulendem sinnlichem Sehnen, Eifersucht und dem noch unklaren Gefhl ge- 
heimnissvoller Ungehrigkeit" ; zurckgewiesen von dieser Dame, verliebte sich 
Pat. in eine um 20 Jahre ltere, glcklich verheirathete Frau und Mutter. Sie 
vermochte sich in ihren sinnlichen Regungen zu beherrschen, so dass diese Frau 
nie den wahren Grund einer solch schwrmerischen Freundschaft" ahnte und 
dieselbe auch ihrerseits durch 12 Jahre gerne gewhrte. Pat. bezeichnet diese 
lange Zeit als ein wahres Martyrium. 

In den letzten Jahren, vom 25. Jahre ab, hatte sie begonnen, durch 
Masturbation sich zu befriedigen. Pat. dachte damals ernstlich daran, ob nicht 
eine Heirath sie retten knnte, aber ihr Gewissen sprach dagegen, denn sie 
htte vielleicht ihr Unglck Kindern vererben oder einen vertrauensvollen Mann 
unglcklich machen knnen". 

27 Jahre alt nahte sich ihr ein Mdchen mit unverhllten Antrgen, 
schilderte den Unsinn der Entsagung, gab volle Aufklrung ber den sie be- 
herrschenden homosexualen Trieb und war sehr strmisch. Pat. duldete die 
Liebkosungen dieses Mdchens, Hess sich aber zu keinem sexuellen Verkehr 
herbei, da sie fhlte, dass ihr Sinnengenuss ohne Liebesleidenschaft widerlich sei. 

Geistig und krperlich unbefriedigt, im Bewusstsein eines verfehlten 
Lebens gingen Pat. die Jahre dahin. Sie schwrmte ab und zu fr Damen 
ihres Bekanntenkreises, wusste sich aber zu beherrschen. Auch von Mastur- 
bation vermochte sie sich wieder zu befreien. 

38 Jahre alt, lernte Frulein L. ein um 19 Jahre jngeres Mdchen 
kennen, von seltener Schnheit, aber aus demoralisirter Familie, von Cousinen 
frh zur mutuellen Masturbation verfhrt. Es ist nicht zu entscheiden, ob 
dieses Mdchen A. ein Fall von psychischem Hermaphroditismus war oder 
einer von erworbenener contrrer Sexualempfindung. Die erstere Annahme ist 
die wahrscheinlichere. 

Aus einer Autobiographie der L. ergibt sich folgendes: 

Die A., meine Schlerin, fing an, mir ihre abgttische Liebe zuzuwenden. 
Sie war mir in hohem Grade sympathisch. Da ich wusste, dass sie ein aus- 
sichtsloses Liebesverhltniss mit einem wsten Gesellen und fortdauernd ver- 
trauten Umgang mit ihren demoralisirten Cousinen hatte, wollte ich sie nicht 
von mir stossen. Mitleid, die Ueberzeugung , dass sie sonst dem sittlichen 
Untergang zutreibe, veranlassten mich, ihre Annherung zu dulden. 

Ich hielt ihre Neigung zu mir nicht fr gefhrlich, da ich es nicht fr 
mglich hielt, dass (mit Hinblick auf ihr Liebesverhltniss) in einer Seele 
zwei Leidenschaften (fr einen Mann und ein "Weib zugleich) bestehen knnten, 
zudem glaubte ich meiner Widerstandskraft sicher zu sein. Ich behielt also 
A. um mich, erneute meine sittlichen Vorstze und hielt es fr eine Pflicht, 



Angeborene contrre Sexualempfindung beim Weibe. 287 

A.'s Liebe zu mir zu ihrer Veredlung zu benutzen. Welch thxichter Wahn 
dies gewesen, sollte ich nur zu bald erfahren. Einmal, als ich im Schlummer 
lag, wusste A. ihre Lust an mir zu stillen. Ich war noch rechtzeitig erwacht, 
und wre ich sittlich strker gewesen, so htte ich sie noch zurckweisen 
knnen. Aber ich war furchtbar aufgeregt, wie berauscht sie siegte. 

Was ich nachher empfand, ist unbeschreiblich. Jammer ber die ge- 
brochenen Vorstze, die ich bisher mit so grossen Anstrengungen aufrecht er- 
halten hatte, Angst vor Entdeckung und vor Verachtung, Jubel, endlich des 
qualvollen Wachens und Ringens ledig zu sein, unsgliche Sinnenfreude, Zorn 
ber die unselige Gefhrtin und zugleich das Gefhl der tiefsten Zrtlichkeit. 
A. belchelte ruhig meine Gemtiiserregung und bemhte sich, liebkosend 
mich zu beruhigen. 

Ich fand mich in die neue Situation. Lange Jahre dauerte unsere Ge- 
meinschaft. Wir lebten in gegenseitiger Masturbation weiter, nie excessiv 
oder cynisch. 

Nach und nach hrte der sinnliche Verkehr zwischen uns wieder auf. 
A.'s Zrtlichkeit ermattete, die meine aber blieb, obwohl ich kein sinnliches 
Verlangen mehr empfand. A. trug sich mit Heirathsplnen, theils um versorgt 
zu werden, wesentlich aber, weil ihre Sinnlichkeit wieder in normale Bahnen 
einlenkte. Es gelang ihr, einen Gatten zu finden. Mge sie ihn glcklich 
machen, was ich aber bezweifeln muss. So habe ich Aussicht, mein Alter 
ebenso freud- und friedlos hinzuschleppen, wie es mit meiner Jugend der 
Fall war. 

Mit Wehmuth gedenke ich der Jahre, die ich gemeinsam mit der Ge- 
liebten verlebte. Dass ich mit A. geschlechtlich verkehrte, vermag mein Ge- 
wissen nicht zu belasten, denn ich erlag ihrer Verfhrung und bemhte mich 
redlich, sie vor dem sittlichen Ruin zu retten und zu einem gebildeten und 
wohlgesitteten Wesen zu erziehen, was mir auch gelungen ist. Ueberdies be- 
ruhigt mich der Gedanke, dass sittliche Gesetze nur fr normale Menschen 
ersonnen, nicht aber fr anormale bindend sein knnen. Ganz glcklich 
kann allerdings ein fein empfindender Mensch, der sich von der Natur aus- 
gestossen und von der Cultur der Verachtung preisgegeben weiss, nie werden, 
aber in mir war eine wehmthige Ruhe und in Momenten, wo ich A. glcklich 
glaubte, war ich es vorbergehend auch. 

Das ist die Geschichte einer Unglcklichen, die durch eine verhngniss- 
volle Laune der Natur um alle Lebensfreude betrogen und dem Kummer ber- 
antwortet ist." 

Ich lernte die Schreiberin dieser Lebens- und Leidensgeschichte als eine 
feingebildete Persnlichkeit kennen, von groben Zgen, starkknochigem aber 
durchaus weiblichem Krperbau. Sie hat seit einigen Jahren das Klimakterium 
ohne besondere Beschwerden hinter sich, fhlt sich seither frei von sinnlichen 
Regungen. In einer bestimmten Rolle habe sie sich dem geliebten Weibe 
gegenber sexuell nie gefhlt; fr Mnner niemals irgend eine sinnliche Regung 
empfunden. 

Ueber die familiren und Gesundheitsverhltnisse ihrer frheren Ge- 
liebten A. befragt, machte Frulein L. Mittheilungen, aus welchen schwere Be- 
lastung, insofern der Vater in einer Irrenanstalt gestorben ist, die Mutter im 
Klimakterium aliniert war, Neurosen mehrfach in der Familie vorgekommen 



288 Paraesthesia sexualis. 

sind und die A. lange Zeit an schwerer Enteropathie mit zeitweisem hallucina- 
torischem Delir gelitten hatte, zweifellos erscheint. 

Beobachtung 120. Homosexualitt. S. J., 38 Jahre, Gouvernante, 
suchte rztlichen Rath bei mir wegen eines Nervenleidens. Der Vater war 
vorbergehend geisteskrank und starb an einer Gehirnkrankheit. Patientin 
ist das einzige Kind, litt schon in frhen Jahren an Angstgefhlen und qu- 
lenden Vorstellungen, z. B. dass sie im Sarge, nachdem dieser geschlossen, er- 
wachen werde, dass sie bei der Beichte etwas vergessen, unwrdig communi- 
ciren knnte. Sie litt viel an Kopfschmerzen, war immer sehr erregt, schreckhaft, 
hatte aber gleichwohl einen Drang, aufregende Dinge, z. B. Leichen, zu sehen. 

Schon in den frhesten Kinderjahren war Patientin sexuell erregt und 
kam ohne alle Verfhrung zur Masturbation. Die Menses traten mit 14 Jahren 
ein, in der Folge jeweils von colikartigen Schmerzen, heftiger sexueller Er- 
regung, Migrne und geistiger Verstimmung begleitet. Ihren Drang zur Mastur- 
bation lernte Patientin vom 18. Jahre ab unterdrcken. 

Patientin hat niemals Neigung zu einer Person des anderen Geschlechts 
gefhlt. Wenn sie an Ehe dachte, so geschah dies nur, weil sie sich eine Ver- 
sorgung durch Heirath wnschte. Hingegen fhlte sie sich mchtig zu Mdchen 
hingezogen. Sie hielt solche Neigung Anfangs fr Freundschaft, erkannte aber 
aus der Innigkeit, mit welcher sie an solchen Freundinnen hing, und aus der 
tiefen Sehnsucht, die sie fortwhrend nach denselben empfand, dass diese 
Gefhle doch mehr als Freundschaft waren. 

Patientin findet es unbegreiflich, dass ein Mdchen einen Mann lieben 
knne, dagegen verstehe sie es wohl, dass dies einem Manne einem Mdchen 
gegenber mglich sei. Fr schne Frauen und Mdchen habe sie sich stets 
lebhaft interessirt, sei durch deren Anblick mchtig erregt worden. Ihre Sehn- 
sucht sei es immer gewesen, solche liebe Geschpfe zu kssen und zu umarmen. 
Getrumt habe sie nie vom Manne, sondern nur von Mdchen. Im Genuss 
des Anblicks solcher zu schwelgen, sei ihr Wonne gewesen. Die Trennung 
von solchen Freundinnen" habe sie jeweils desperat gemacht. 

Patientin, deren ussere Erscheinung eine durchaus weibliche und hchst 
decente ist, will sich nie in einer besonderen Rolle Freundinnen gegenber ge- 
fhlt haben, auch nicht in beseligenden Trumen. Weibliches Becken, grosse 
Mammae, keine Andeutung von Bartwuchs. 

Beobachtung 121. Homosexualitt. Frau R., 35 Jahre, den 
hheren Stnden angehrig, wurde mir 1886 behufs Consultation von ihrem 
Manne zugefhrt. 

Vater war Arzt und sehr neuropathisch. Vatersvater war gesund, nor- 
mal und erreichte ein Alter von 96 Jahren. Ueber die Mutter des Vaters fehlen 
Notizen. Die Geschwister des Vaters sollen smmtlich nervs sein. Die Mutter 
der Patientin war nervenkrank, litt an Asthma. Deren Eltern waren ganz ge- 
sund. Die Schwester der Mutter litt an Melancholie. 

Patientin litt schon seit dem 10. Jahre an habituellem Kopfschmerz, 
machte ausser Masern keine Krankheiten durch, war begabt, genoss die beste 
Erziehung, hatte besonderes Talent fr Musik und Sprachen, war genthigt, 
sich als Gouvernante auszubilden, war bermssig in den Entwicklungsjahren 



Angeborene contrre Sexualempfindung beim Weibe. 289 

geistig angestrengt, machte im 17. Jahre eine mehrmonatliche Melancholia 
sine delirio durch. Patientin versichert, dass sie von jeher nur Sympathie fr 
Personen des eigenen Geschlechts hatte und an Mnnern hchstens sthetisches 
Interesse fand. Sinn fr weibliche Arbeiten habe sie nie gehabt. Als kleines 
Mdchen habe sie sich am liebsten mit Knaben herumgetummelt. 

Patientin will gesund geblieben sein bis zum 27. Jahre. Da wurde sie 
ohne ussere Ursache gemthskrank hielt sich fr eine schlechte Person 
voll Snden, hatte an nichts mehr Freude, war schlaflos. Whrend dieser 
Krankheitszeit war sie berdies von Zwangsvorstellungen geplagt, sich den 
Tod, ihr eigenes Sterben und das ihrer Angehrigen vorstellen zu mssen. 
Genesung nach etwa 5 Monaten. Sie wurde nun Gouvernante, war sehr an- 
gestrengt, bis auf zeitweise neurasthenische Beschwerden, Spinalirritation 
gesund. 

Mit 28 Jahren machte sie die Bekanntschaft Niiner 5 Jahre jngeren 
Dame. Sie verliebte sich in dieselbe, fand Gegenliebe. Die Liebe war eine 
sehr sinnliche, wurde in mutueller Onanie befriedigt. Ich habe sie abgttisch 
geliebt sie ist ein so edles Wesen," meint Patientin, als sie auf dieses 
Liebesbndniss zu sprechen kommt, das 4 Jahre whrte und mit der (unglck- 
lichen) Heirath dieser Freundin sein Ende fand. 

1885, nach vielen Gemthsbewegungen, erkrankte Patientin unter dem 
Bild einer Hysteroneurasthenie (Dyspepsia gastrica, Spinalirritation, starr- 
krampfartige Anflle, solche von Hemiopie mit Migrne, Anflle von tran- 
sitorischer Aphasie, Pruritus pudendi et ani). Im Februar 1886 traten diese 
Symptome zurck. 

Im Mrz lernte Patientin ihren jetzigen Mann kennen und heirathete 
ihn ohne langes Besinnen, da er reich, ihr sehr zugethan und sein Charakter 
ihr sympathisch war. 

Am 6. April las sie eines Tages die Phrase: Der Tod verschont Nie- 
mand". Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kehrten die frheren Todeszwangs- 
vorstellungen wieder. Sie musste sich die schrecklichsten Todesarten fr sich 
und ihre Umgebung ausdenken, besonders Sterbescenen sich vorstellen, verlor 
Ruhe und Schlaf, hatte an nichts mehr Freude. Der Zustand besserte sich. 
Sie heirathete Ende Mai 1886, war aber damals noch von peinlichen Gedanken 
geplagt, dass sie dem Mann und ihrer Freundschaft Unheil bringe. 

Am 6. Juni 1886 erster Coitus. Sie war davon moralisch tief deprimirt. 
So hatte sie sich die Ehe nicht gedacht! Anfangs war sie von heftigem 
Taedium vitae geplagt. Der Mann, welcher seine Frau aufrichtig liebte, that 
sein Mglichstes, um sie zu beruhigen. Consultirte Aerzte meinten, wenn 
Patientin gravid werde, sei alles gut! Der Mann konnte sich das rthselhafte 
Benehmen seiner Frau nicht erklren. Sie war freundlich gegen ihn, duldete 
seine Liebkosungen, verhielt sich beim Coitus, dem sie thunlich auswich, ganz 
passiv, war nach dem Akt tagelang matt, erschpft, von Spinalirritation ge- 
plagt, nervs. 

Eine Reise des Ehepaares fhrte ein Wiedersehen der Freundin herbei, 
die in unglcklicher Ehe seit 3 Jahren lebt. Die beiden Damen zitterten vor 
Wonne und Erregung, als sie sich in die Arme sanken, waren von nun an 
unzertrennlich. Der Mann fand, dass dieses Freundschaftsverhltniss doch ein 
eigenthmliches sei und beschleunigte die Abreise. Gelegentlich berzeugte 
v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. \g 



290 Paraesthesia sexualis. 

er sich durch die Correspondenz seiner Frau mit dieser Freundin", dass der 
Briefwechsel genau dem zweier Liebenden entsprach. 

Frau R. wurde schwanger. In der Graviditt schwanden die Reste 
psychischer Depression und die Zwangsvorstellungen. Mitte September Abortus 
etwa in der 9. Woche der Graviditt. Im Anschlsse daran neuerliche Er- 
scheinungen von Hysteroneurasthenie. Ueberdies Anteflexio et Lateropositio 
dextra uteri. Anaemia. Atonia ventriculi. 

Patientin machte bei der Consultation den Eindruck einer hchst be- 
lasteten neuropathischen Persnlichkeit. Unverkennbar war der neuropathische 
Ausdruck des Auges. Habitus durchaus weiblich. Ausser sehr schmalem 
steilem Gaumen keine Skeletabnormitt. Patientin entschloss sich schwer zu 
Mittheilungen ber ihre sexuelle Abnormitt. Sie klagte, dass sie geheirathet 
habe, ohne zu wissen , was die Ehe zwischen Mann und "Weib sei. Sie liebe 
ja ihren Gemahl herzlich ob seiner geistigen Vorzge, aber der eheliche Um- 
gang sei ihr eine Pein, sie leiste ihn widerwillig, ohne jemals eine Befriedi- 
gung davon zu empfinden. Post actum sei sie tagelang ganz matt und er- 
schpft. Seit dem Abortus und dem Verbot des Arztes, ehelichen Umgang zu 
pflegen, gehe es ihr besser, aber die Zukunft sei ihr schrecklich. Sie achte 
ihren Mann, liebe ihn geistig, mchte alles fr ihn thun, wenn er sie nur 
sexuell knftig schone. Sie hoffe, dass mit der Zeit sie auch sinnlich fr ihn 
fhlen knne. Wenn er Violine spiele, komme es ihr oft vor, als ob eine 
Empfindung in ihr auftauche, die mehr als Freundschaft sei, aber das sei nur 
eine flchtige Empfindung, in welcher sie keine Gewhr fr die Zukunft er- 
blicke. Ihr hchstes Glck sei die Correspondenz mit der frheren Geliebten. 
Sie fhle, dass dies unrecht sei, aber sie knne davon nicht lassen, sonst fhle 
sie sich namenlos elend. 

Beobachtung 122. Homosexualitt. Frau C, 32 Jahre alt, 
Beamtengattin , eine grosse , nicht unschne , durchaus weibliche Erscheinung, 
stammt von neuropathischer, sehr aufgeregter Mutter. Ein Bruder war psycho- 
pathisch und ging durch Potus zu Grunde. Patientin war von jeher sonderbar, 
starrkpfig, verschlossen, jhzornig, excentrisch. Auch ihre Geschwister sind 
aufgeregte Leute. In der Familie ist mehrfach Phthisis pulm. vorgekommen. 
Schon als 13jhriges Mdchen machte Patientin, neben Zeichen grosser sexueller 
Erregbarkeit, sich durch schwrmerische Liebe zu einer Altersgenossin auf- 
fllig. Die Erziehung war streng, jedoch las Patientin heimlich viel Romane 
und machte massenhaft Gedichte. Mit 18 Jahren heirathete sie, um aus un- 
behaglichen Verhltnissen des elterlichen Hauses loszukommen. 

Von jeher will sie ganz gleichgltig gegen Mnner gewesen sein. That- 
schlich mied sie Blle. Weibliche Statuen erregten ihr Wohlgefallen. Das 
Hchste sei ihr immer der Gedanke gewesen, mit einem geliebten Weibe ehelich 
verbunden zu werden. Ihrer sexuellen Eigenart will sie sich bis zur Eingehung 
der Ehe nicht bewusst gewesen sein. Unerklrlich sei ihr die Sache allerdings 
immer gewesen. Patientin unterzog sich der ehelichen Pflicht, gebar 3 Kinder, 
von denen zwei an Convulsionen litten, lebte friedlich mit dem Mann, den sie 
aber nur seiner moralischen Eigenschaften wegen achtete. Dem Coitus ging 
sie gern aus dem Wege. Ich htte lieber mit einem Weibe verkehrt." 

Patientin war bis 1878 neurasthenisch geworden. Anlsslich eines Bade- 



Angeborene contrre Sexualempfindung beim Weibe. 291 

aufenthalts lernte sie einen weiblichen Urning kennen, dessen Krankengeschichte 
ich im Irrenfreund 1884, Nr. 1 als Beobachtung 6 verffentlicht habe. 

Patientin kehrte wie umgewechselt zur Familie heim. Der Mann be- 
richtet: Sie war nicht mehr mein "Weib, hatte keine Liebe mehr zu mir und 
den Kindern und wollte von ehelichen Annherungen nichts mehr wissen." 
Sie entbrannte in brnstiger Liebe zur Freundin", hatte fr nichts Anderes 
mehr Sinn. Nachdem der Mann der Dame das Haus verboten, gab es Brief- 
wechsel mit Stellen wie: Mein Tubchen, ich lebe ja nur fr Dich, meine 
Seele!" Rendez-vous, schreckliche Aufregung, wenn ein erwarteter Brief aus- 
blieb. Das Verhltniss war kein platonisches. Aus einzelnen Andeutungen 
lsst sich vermuthen, dass mutuelle Onanie das Mittel der sinnlichen Befriedi- 
gung war. Dieses Liebesverhltniss dauerte bis 1882 und machte Patientin 
in hohem Grade neurasthenisch. 

Da Patientin ihr Hauswesen, grndlich vernachlssigte, nahm der Mann 
eine 60jhrige Dame als Haushlterin an, ausserdem eine Gouvernante fr die 
Kinder. Patientin verliebte sich in die Beiden, die wenigstens Liebkosungen 
sich gefallen Hessen und von der Liebe der Herrin materiell profitirten. 

Ende 1883 musste Patientin sich entwickelnder Tuberculosis pulm. wegen 
nach dem Sden reisen. Dort lernte sie eine 40jhrige Russin kennen, ver- 
liebte sich sterblich in dieselbe, fand aber keine Gegenliebe nach ihrem Sinne. 
Eines Tages brach Irrsinn bei der Kranken aus sie hielt die Russin fr 
eine Nihilistin, glaubte sich von ihr magnetisirt, bot frmliches Verfolgungsdelir, 
entfloh , wurde in einer Stadt Italiens aufgegriffen , ins Spital gebracht , be- 
ruhigte sich bald wieder, verfolgte neuerdings die Dame mit ihrer Liebe, fhlte 
sich namenlos unglcklich, plante Selbstmord. 

Heimgekehrt war sie tief verstimmt, ihre Russin nicht zu besitzen, kalt 
und abstossend gegen die Angehrigen; Ende Mai 1884 setzte ein deliranter 
erotischer Aufregungszustand ein. Sie tanzte, jubelte, erklrte sich fr mnn- 
lichen Geschlechts, verlangte nach ihrem frheren Geliebten, behauptete, aus 
kaiserlichem Hause zu sein, entwich in Mnnerkleidung aus dem Hause, wurde 
in manisch-erotischer Erregung der Irrenanstalt zugefhrt. Der Exaltations- 
zustand schwand nach einigen Tagen. Patientin wurde ruhig , deprimirt 
machte einen verzweifelten Selbstmordversuch, war in der Folge tief schmerz- 
lich, mit Taedium vitae behaftet; die contrre Sexualempfindung trat immer 
mehr zurck, die Tuberculose machte Fortschritte. Patientin starb phthisisch 
Anfang 1885. 

Die Section des Gehirns bot hinsichtlich des Baustils und der Windungs- 
anordnung nichts Aufflliges. Gehirngewicht 1150. Schdel leicht asymmetrisch. 
Keine anatomischen Degenerationszeichen. Innere und ussere Genitalien ohne 
Anomalie. 

Beobachtung 123. (Viraginitt.) Frulein N., 25 Jahre, stammt 
von angeblich gesunden Eltern. Smmtliche (5) Geschwister sind aber nervs, 
drei derselben (Schwestern) verheirathet. Sie ist sehr talentirt, besonders fr 
schne Knste. Schon als kleines Kind spielte sie am liebsten Soldaten- und 
andere Knabenspiele, war keck und ausgelassen und that es darin selbst 
Knaben zuvor. Sie hatte nie Sinn fr Puppen und weibliche Handarbeit. 
Mit dem 15. Jahr trat die Pubertt ein. Bald darnach verliebte sie sich in 



292 Paraesthesia sexualis. 

junge Damen, aber nur platonisch, da sie ein sittliches Mdchen ist. Seit 
einigen Jahren ist ihre Libido sehr heftig geworden, so dass sie sich kaum 
beherrschen kann. Sie hat lascive Trume, in welchen nur weibliche Indi- 
viduen eine Rolle spielen, denen gegenber sie sich in mnnlicher Position 
fhlt. Seit einigen Jahren ist sie in eine ltere, etwa 40jhrige Dame sterb- 
lich verliebt. Sie qult dieselbe mit Eifersucht. 

Frl. N. sind Mnner ganz gleichgltig. Sie knnte ruhig mit ihnen 
Zimmer und Lager theilen, whrend sie Personen des eigenen Geschlechts 
gegenber Schamhaftigkeit an den Tag legt. 

Sie ist sich des Pathologischen ihres Zustandes bewusst. 

Frl. N. hat mnnliche Gesichtszge, tiefe Stimme, mnnliche Gehweise, 
ist ohne Behaarung im Gesicht, hat schwach entwickelte Mammae, trgt kurz 
geschnittenes Haar und macht den Eindruck eines Mannes in Frauenkleidern. 

Beobachtung 124. (Viraginitt.) C. R., Dienstmdchen, 26 Jahre, 
leidet seit den Entwicklungsjahren an Paranoia originaria und Hysterismus, 
hatte, wesentlich auf Grund ihrer Wahnideen, eine romanhafte Vergangenheit 
und gerieth 1884 in der Schweiz, wohin sie aus Verfolgungswahn geflohen 
war, in gerichtliche Untersuchung. Bei dieser Gelegenheit stellte sich heraus, 
dass die R. mit contrrer Sexualempfindung behaftet ist. 

Ueber die Eltern und die Verwandtschaft stehen keine Ausknfte zu 
Gebot. Die R. will, ausser an Lungenentzndung mit 16 Jahren, frher nie 
erheblich krank gewesen sein. 

Erste Menstruation mit 15 Jahren ohne alle Beschwerden, in der Folge 
oft unregelmssig und abnorm stark. Pat. versicherte, sie habe niemals 
Neigung zu Personen des anderen Geschlechts gefhlt, nie die Annherung 
eines Mannes geduldet. Sie habe nie begreifen knnen, wie ihre Freundinnen 
die Schnheit und Liebenswrdigkeit mnnlicher Personen besprechen konnten. 
Sie knne nicht begreifen, wie sich ein Weib von einem Manne kssen lassen 
knne. Dagegen sei es ihr Entzcken und Begeisterung gewesen, einen Kuss 
auf die Lippen einer geliebten Freundin zu drcken. Sie habe eine ihr un- 
begreifliche Liebe zu Mdchen. Sie habe einige Freundinnen schwrmerisch 
geliebt und geksst; sie htte fr diese ihr Leben hingeben mgen. Ihr 
Hchstes wre gewesen, mit einer solchen Freundin dauernd zusammenzuleben, 
sie einzig und ganz zu besitzen. 

Sie fhle sich dabei als Mann dem geliebten Mdchen gegenber. Schon 
als kleines Mdchen habe sie nur Sinn fr Knabenspiele gehabt, am liebsten 
Schiessen und Militrmusik gehrt, sei von solcher immer ganz begeistert ge- 
worden und wre gerne als Soldat mitgezogen. Jagd und Krieg seien ihr Ideal 
gewesen. Im Theater habe sie nur Sinn fr die weiblichen Darsteller gehabt. 
Sie wisse wohl, dass diese ganze Richtung unweiblich sei, aber sie knne nicht 
anders. In mnnlicher Kleidung zu gehen, sei ihr ein grosser Genuss ge- 
wesen, ebenso habe sie mit Vorliebe von jeher mnnliche Arbeit verrichtet und 
dazu besonderes Geschick gezeigt, whrend sie das Gegentheil bezglich weib- 
licher Arbeit, besonders Handarbeit behaupten msse. Auch liebt Pat. Rauchen 
und geistige Getrnke. Auf Grund von persecutorischen Wahnideen, um ver- 
meintlichen Verfolgern zu entgehen, hat Pat. wiederholt in Mnnerkleidern 
und mnnlichen Rollen sich bewegt. Sie that diess mit solchem (wohl an- 



Angeborene contrre Sexualempfindung beim Weibe. 293 

geborenem) Geschick, dass sie allgemein die Leute ber ihr wahres Geschlecht 
zu tuschen vermochte. 

Aktenmssig ist festgestellt, dass Pat. schon 1884 lngere Zeit bald in 
Civilkleidern, bald in Lieutenantsuniform sich bewegte und in einem Mnner- 
anzug, wie ihn etwa Herrschaftsdiener tragen, im August 1884 aus Verfolgungs- 
wahn aus Oesterreich nach der Schweiz flchtete. Sie fand dort einen Dienst 
in einer Kaufmannsfamilie und verliebte sich in die Tochter des Hauses, die 
schne Anna", welche ihrerseits, das wahre Geschlecht der R. nicht erkennend, 
sich in den schmucken jungen Mann verliebte. 

Pat. macht ber diese Episode folgende charakteristische Bemerkungen: 
Ich war ganz verliebt in die Anna. Ich weiss nicht, wie dies gekommen 
ist, und kann mir keine Rechenschaft ber diese Neigung geben. Tn dieser 
fatalen Liebe liegt der Grund, dass ich so lange die Rolle des Mannes fort- 
gespielt habe. Ich habe noch nie eine Liebe zu einem Manne gefhlt und 
glaube, dass sich meine Liebe dem weiblichen und nicht dem mnnlichen 
Geschlecht zuwendet. Ueber diesen, meinen Zustand bin ich mir durchaus 
unklar." # 

Aus der Schweiz schrieb die R. Briefe an ihre heimathliche Freundin 
Amalie, die den Gerichtsakten beigelegt wurden. Es sind Briefe von schwr- 
merischer, weit ber das Mass der Freundschaft hinausgehender Liebe. Sie 
apostrophirt die Freundin: Meine Wunderblume, Sonne meines Herzens, 
Sehnsucht meiner Seele". Sie sei ihr hchstes Glck auf Erden, ihr gehre 
das Herz. Auch in Briefen an die Eltern der Freundin heisst es : sie mchten 
doch auf ihre Wunderblume" schauen, denn wrde diese sterben, so ver- 
mchte auch sie das Leben nicht mehr zu ertragen. 

Die R. befand sich zur Untersuchung ihres Geisteszustandes einige Zeit 
in der Irrenanstalt. Als die Anna einmal zum Besuch bei der R. zugelassen 
wurde, wollte das feurige Umarmen und Kssen kein Ende nehmen. Die 
erstere gab unverhohlen zu, dass sie sich schon daheim mit der gleichen Zrt- 
lichkeit umarmt und geksst htten. 

Die R. ist eine grosse, schlanke, stattliche Erscheinung, von durchaus 
weiblichem Bau, aber mehr mnnlichen Zgen. Schdel regelmssig, keine 
anatomischen Degenerationszeichen, Genitalien ganz normal und ganz jung- 
frulich. Die R. machte den Eindruck einer sittlich unverdorbenen und de- 
centen Persnlichkeit. Alle Umstnde deuteten darauf, dass sie nur platonisch 
geliebt habe, Blick und Erscheinung deuten auf eine neuropathische Persn- 
lichkeit. Schwerer Hysterismus, zeitweise starrkrampfartige Anflle mit visio- 
nren und deliranten Zustnden. Pat. ist sehr leicht durch hypnotische Be- 
einflussung in Somnambulismus zu bringen und in diesem Zustande aller 
mglichen Suggestionen fhig. (Eigene Beobachtung. Friedreich's Bltter 
1881. Heft 1.) 

Beobachtung 125. (Viraginitt.) Frulein 0., 23 Jahre, stammt 
von Constitutionen und schwer hysteropathischer Mutter. Der Vater der 
Mutter war irrsinnig. Von vterlicher Seite stammt Pat. aus unbelasteter 
Familie. 

Der Vater starb frh an Pneumonie. Pat. wird mir von ihrem Curator 
zugefhrt, weil sie krzlich von Hause in Mnnerkleidern durchging, um die 



294 Paraesthesia sexualis. 

Welt zu durchstreifen und .Knstler" zu werden. Pat. ist nmlich sehr fr 
Musik talentirt. 

Schon seit Jahren ist Frl. 0. auffllig durch ihr keckes, mehr mnn- 
liches Wesen und ihr Bestrehen, Haar und Kleidung thunlichst nach mnn- 
lichem Zuschnitt zu tragen. Seit dem 13. Jahr zeigte sie schwrmerische 
Liebe zu Freundinnen, denen sie oft durch brnstige Umarmungen geradezu 
lstig fiel. 

Pat. macht bei der Consultation kein Hehl aus ihrer Leidenschaft fr 
Personen des eigenen Geschlechts. Seit ihrem 13. Jahr sei sie sich bewusst, 
dass sie nur solche lieben knne. Sie fhle sich als Mann dem Weibe gegen- 
ber, meint, sie sehe auch ganz mnnlich aus, und ginge am liebsten in 
Mnnerkleidem. 

Vor nicht langer Zeit habe sie einen bei der Pobzei angestellten Ver- 
wandten allen Ernstes um seine Vermittlung gebeten, dass ihr gestattet werde, 
in Mnnerkleidern zu gehen. 

Ihre erotischen Trume drehen sich nur um intimen Verkehr mit Freun- 
dinnen. Irgend ein Interesse fr Mnner habe sie nie empfunden, auch nie 
daran gedacht, dass sie je heirathen knnte. 

Pat. fhlt sich in ihrer abnormen sexuellen Rolle ganz glcklich und 
kann sie nicht als krankhaft anerkennen. Dass ihr sexuelles Fhlen im Wider- 
spruch mit dem anderer Weiber steht, vermag sie nicht einzusehen. Sie ist 
geistig entschieden beschrnkt und originr psychisch abnorm. 

Der Schdelumfang betrgt nur 51 cm. Pat. hat Wolfsrachen. Das 
Skelet ist durchaus weiblich, bis auf auffallend grosse und mehr mnnliche 
Fsse. Die Bewegungen und die ganze Pose, gleichwie auch der Gang sind 
mehr mnnlich. Die Stimme ist weiblich. Pat. ist seit dem 13. Jahr regel- 
mssig menstruirt. 

Beobachtung 126. (Gynandrie.) Frulein X., 38 Jahre, erschien 
im Sptherbst 1881 in meiner Sprechstunde wegen heftiger Spinalirritation 
und hartnckiger Schlaflosigkeit, in deren Bekmpfung sie Morphinistin und 
Chloralistin geworden sei. 

Die Mutter und Schwester waren nervenkrank, die brige Familie an- 
geblich gesund. Das Leiden datirte angeblich seit einem Fall auf den Rcken 
1872, wobei Pat. heftig erschrocken war, jedoch litt sie schon als Mdchen 
an Muskelkrmpfen und hysterischen Symptomen. Im Anschluss an den Sturz 
entwickelte sich eine neurasthenisch-hysterische Neurose mit vorwaltender 
Spinalirritation und Schlaflosigkeit. Episodisch kamen hysterische Paraplegie 
bis zu 8 Monaten Dauer und Zustnde von hyster. hallucinator. Delir mit 
Krampfanfllen vor. Dazu gesellten sich im Verlauf Symptome des Morphi- 
nismus. Ein mehrmonatlicher Aufenthalt in der Klinik beseitigte diesen und 
besserte erheblich die neurasthenische Neurose, wobei allgemeine Faradisation 
eine auffllig gnstige Wirkung zeigte. 

Schon bei der ersten Begegnung hatte Pat. durch Kleidung, Zge und 
Benehmen einen aufflligen Eindruck gemacht. Sie trug einen Herrenhut, die 
Haare kurz geschoren, Zwicker, Herrencravatte, ein rockartiges, weit ber das 
Damenkleid herabreichendes Oberkleid mit mnnlichem Zuschnitt, Stiefel mit 
Abstzen; sie hatte grobe, mehr mnnliche Zge, rauhe, etwas tiefe Stimme 



Angeborene contrre Sexualempfindung beim Weibe. 295 

und machte eher den Eindruck eines Mannes im Weiberrock als den einer Dame, 
wenn man vom Busen und entschieden weiblichen Bau des Beckens absah. 

Pat. bot in der langen Beobachtungszeit nie Zeichen von Erotismus. 
Ueber ihre Kleidung interpellirt meinte sie nur, die von ihr gewhlte Tracht 
kleide sie besser. Allmhlich brachte man aus ihr heraus, dass sie schon als 
kleines Mdchen Vorliebe fr Pferde und mnnliche Beschftigung hatte, jedoch 
niemals Interesse fr weibliche Arbeiten. Spter habe sie besonders gerne 
gelesen und einen Beruf als Lehrerin angestrebt. Das Tanzen habe sie nie 
gefreut, es sei ihr immer als ein Unsinn erschienen. Auch das Ballet habe 
sie nie interessirt. Ihr hchster Genuss sei der Circus gewesen. Bis zu ihrer 
Krankheit 1872 habe sie weder Neigung zu Personen des anderen, noch zu 
solchen des eigenen Geschlechtes empfunden. Von da an habe sie eine ihr 
selbst auffllige Freundschaft gegen weibliche Personen, vorwiegend jngere 
Damen, gefhlt und das Bedrfniss gehabt und befriedigt, Hte und Paletot 
nach mnnlichem Zuschnitt zu tragen. Schon seit 1869 hatte sie berdies 
ihre Haare kurz geschoren und trug sie, wie Mnner sie zu scheiteln pflegen. 
Sinnlich erregt will sie nie im Umgang mit ihnen gewesen sein, aber ihre 
Freundschaft und Opferwilligkeit gegen ihr sympathische Damen sei grenzen- 
los gewesen, whrend sie von da an Widerwillen gegen Herren und Herren- 
gesellschaft empfand. 

Die Verwandten berichten, dass Pat. vor 1872 einen Heirathsantrag 
hatte, denselben aber zurckwies und von einer 1874 unternommenen Bade- 
reise sexuell gendert zurckkam und gelegentliche Andeutungen machte, sie 
halte sich nicht fr ein weibliches Wesen. 

Seither wolle sie nur mit Damen umgehen, habe immer so eine Art 
Liebesverhltniss mit Der oder Jener, lasse gelegentlich Bemerkungen fallen, 
dass sie sich als Mann fhle. Diese Anhnglichkeit an Damen sei eine ent- 
schieden ber die Freundschaft hinausgehende, mit Thrnen, Eifersucht u. s. w. 
Als sie 1874 in einem Badeort weilte, habe sich eine junge Dame in Pat., sie fr 
einen verkleideten Mann haltend, verliebt. Als jene Dame spter heirathete, 
sei Pat. eine Zeitlang ganz schwermthig gewesen und habe von Untreue ge- 
sprochen. Auch den Verwandten fiel die Hinneigung zu mnnlicher Kleidung 
und mnnlichem Benehmen, die Abneigung gegen weibliche Arbeiten seit der 
Erkrankung auf, whrend Pat. frher, mindestens in sexueller Hinsicht, nichts 
Aufflliges geboten habe. Weitere Nachforschungen ergaben, dass Pat. mit 
der in Beobachtung 122 geschilderten Dame in einem jedenfalls nicht rein 
platonischen Liebesverhltniss steht und ihr zrtliche Briefe schreibt, etwa so 
wie ein Liebhaber der Geliebten. Ich sah 1887 Pat. wieder in einer Heil- 
anstalt, wohin sie wegen hysteroepilep tischer Anflle, Spinalirritation und 
Morphinismus gebracht worden war. Die contrre Sexualempfindung bestand 
unverndert fort und war Pat. nur durch sorgsame Ueberwachung von unzch- 
tigen Angriffen auf weibliche Mitpatienten abzuhalten. 

Der Zustand blieb ziemlich unverndert bis 1889. Da verfiel Pat. dem 
Siechthum und starb August 1889 in Erschpfung". 

Die Sektion ergab in den vegetativen Organen : Degeneratio amyloidea 
renum, Fibroma uteri, Cystis ovarii sinistri. Das Stirnbein erschien stark ver- 
dickt, an der Innenflche uneben, mit zahlreichen Exostosen besetzt, die Dura 
mit dem Schdeldach verwachsen. 



296 Paraesthesia sexualis. 

Lngsdurchmesser des Schdels 175, Breitendurchmesser 148 mm. Ge- 
sammtgewicht des dematsen, aber nicht atrophischen Gehirns 1175 g. 
Meningen zart, leicht ablsbar. Hirnrinde blass. Hirnwindungen breit, wenig 
zahlreich, regelmssig angeordnet. Im Kleinhirn und den grossen Ganglien 
nichts Abnormes. 

Beobachtung 127. (Gynandrie 1 ). Anamnese. Am 4. November 1889 
erstattete der Schwiegervater eines Grafen Sandor V. die Anzeige, dass dieser 
ihm unter dem Vorwande, einer Caution als Secretr einer Aktiengesellschaft 
zu benthigen, 800 fl. herausgelockt habe. Ueberdies habe sich herausgestellt, 
dass Sandor Vertrge geflscht, die im Frhjahr 1889 erfolgte Trauung fingirt 
habe und vor Allem, dass dieser angebliche Graf Sandor gar kein Mann sei, 
sondern ein in Mnnerkleidern einhergehendes Weib und Sarolta (Charlotte) 
Grfin V. heisse. 

S. wurde verhaftet und wegen Verbrechens des Betrugs und Flschung 
ffentlicher Urkunden in Voruntersuchung gezogen. Im ersten Verhr bekennt 
S., geb. 6. Dezember 1866, dass er weiblichen Geschlechtes, katholisch, ledig 
und als Schriftstellerin unter dem Namen Graf Sandor V. beschftigt sei. 

Aus der Autobiographie dieses Mannweibes ergeben sich folgende be- 
merkenswerthe, von anderer Seite besttigte Thatsachen. 

S. stammt aus einer altadeligen, hochangesehenen Familie Ungarns,' in 
welcher Excentricitt Familieneigenthmlichkeit war. Eine Schwester der Gross- 
mutter mtterlicherseits war hysterisch, somnambul und lag wegen eingebil- 
deter Lhmung 17 Jahre zu Bette. Eine 2. Grosstante brachte wegen ein- 
gebildeter Todeskrankheit 7 Jahre im Bette zu, gab aber gleichwohl Blle. 
Eine 3. hatte den Spleen, dass eine Console in ihrem Salon verwnscht sei. 
Legte Jemand etwas auf diese Console, so gerieth sie in hchste Aufregung, 
schrie verwnscht, verwnscht" und eilte mit dem Gegenstand in ein Zimmer, 
das sie die schwarze Kammer" nannte und dessen Schlssel sie niemals aus 
den Hnden gab. Nach dem Tod dieser Dame fand man in der schwarzen 
Kammer eine Anzahl von Shawls, Schmucksachen, Banknoten u. s. w. Eine 
4. Grosstante Hess 2 Jahre ihr Zimmer nicht kehren, wusch und kmmte sich 
nicht. Nach 2 Jahren erst kam sie wieder zum Vorschein. Alle diese Frauen 
waren nebenher geistreich, gebildet, liebenswrdig. 

S.'s Mutter war nervs und konnte den Mondschein nicht ertragen. 

Von der vterlichen Familie behauptet man, dass sie einen Sporn zuviel 
habe. Eine Linie der Familie beschftigt sich fast ausschliesslich mit Spiritis- 
mus. Zwei Blutsverwandte vterlicherseits haben sich erschossen. Die Mehr- 
zahl der mnnlichen Angehrigen ist ausserordentlich talentirt. Die weib- 
lichen sind durchweg beschrnkte, hausbackene Persnlichkeiten. Der Vater 
S.'s hatte eine hohe Stellung, aus der er jedoch wegen seiner Excentricitt 
und Verschwendung (er verschwendete ber 1 Va Millionen) ausscheiden musste. 

Eine Marotte des Vaters war es u. A., dass er S. ganz als Knaben erzog, 
sie reiten, kutschiren, jagen liess, ihre Energie als Mann bewunderte, sie Sandor 
nannte. 



*) Vgl. die ausfhrlichen gerichtsrztlichen Gutachten ber diesen Fall 
von Dr. Birnbacher in Friedreich's Blttern f. ger. Med. 1891, H. 1. 



Angeborene contrre Sexualempfindung beim Weibe. 297 

Dagegen liess dieser nrrische Vater seinen 2. Sohn in Weiberkleidern 
gehen und als Mdchen erziehen. Die Farce hrte mit dem 15. Jahre, wo 
dieser Sohn eine hhere Bildungsanstalt bezog, auf. 

Sarolta-Sandor blieb unter dem Einfluss des Vaters bis zum 12. Jahre, 
kam dann zur excentrischen mtterlichen Grossmutter nach Dresden und wurde 
von dieser, als der mnnliche Sport zu sehr berhand nahm, in ein Institut 
gebracht und in Weiberkleider gesteckt. 

13 Jahre alt, ging sie dort mit einer Englnderin, der sie sich als Bub 
erklrte, ein Liebesverhltniss ein und entfhrte sie. 

Sarolta kam zur Mama, die aber nichts ausrichtete und es zulassen 
musste, dass ihre Tochter wieder Sandor wurde, Knabenkleider trug und jedes 
Jahr mindestens ein Liebesverhltniss mit Personen des eigenen Geschlechtes 
inscenirte. Daneben erhielt S. eine sorgfltige Erziehung, machte grssere 
Reisen mit dem Vater, natrlich immer als junger Herr, emancipirte sich 
frhe, besuchte Cafes, selbst zweideutige Lokale und rhmte sich sogar eines 
Tages im Lupanar in utroque genu puellas sedisse. S. war oft berauscht, 
passionirt fr mnnlichen Sport, ein sehr gewandter Fechter. S. fhlte sich 
sehr zu Schauspielerinnen oder sonstigen alleinstehenden, womglich nicht 
ganz jungen Damen hingezogen. Sie versichert, nie eine Neigung zu einem 
jungen Mann gefhlt und von Jahr zu Jahr eine zunehmende Abneigung 
gegen Mnner empfunden zu haben. Ich ging am liebsten mit unschnen, 
unscheinbaren Mnnern in Damengesellschaft, damit ja keiner mich in Schatten 
stelle. Bemerkte ich, dass einer Sympathien bei den Damen erweckte, so 
wurde ich eiferschtig. Ich zog bei Damen geistreiche den krperlich schnen 
vor. Dicke und gar mnnerschtige konnte ich nicht ausstehen. Ich liebte 
es, wenn sich die Leidenschaft einer Frau unter poetischem Schleier offenbarte. 
Alles Schamlose an einer Frau war mir ekelhaft. Ich hatte eine unaussprech- 
liche Idiosynkrasie gegen weibliche Kleider, berhaupt gegen alles Weibliche, 
aber nur an und bei mir, denn im Gegentheil, ich schwrmte ja fr das schne 
Geschlecht." 

Seit etwa 10 Jahren lebte S. fast bestndig ferne von ihren Angehrigen 
und als Mann. Sie hatte eine Menge Liaisons mit Damen, machte mit solchen 
Reisen, verschwendete viel Geld, machte Schulden. 

Daneben ergab sie sich literarischer Thtigkeit und war geschtzter 
Mitarbeiter zweier angesehener Zeitschriften der Hauptstadt. 

Ihre Leidenschaft fr Damen war eine sehr wechselnde, Bestndigkeit 
in der Liebe war nicht vorhanden. 

Nur einmal dauerte eine solche Liaison 3 Jahre. Es war vor Jahren, 
dass S. auf Schloss G. die Bekanntschaft der um 10 Jahre lteren Emma E. 
machte. Sie verliebte sich in diese Dame, machte mit ihr einen Ehecontract 
und lebte 3 Jahre mit ihr wie Mann und Frau in der Hauptstadt. 

Eine neue Liebe, die S. verhngnissvoll werden sollte, veranlasste sie, 
das Eheband" mit E. zu lsen. Diese wollte nicht von ihr lassen. Nur mit 
schweren Opfern erkaufte S. ihre Freiheit von E., die angeblich jetzt noch 
sich als geschiedene Frau gerirt und sich als Grfin V. betrachtet! Dass S. 
auch bei anderen Damen Leidenschaft hervorzurufen vermochte, geht daraus 
hervor, dass, als sie (vor der Eheschliessung" mit E.) eines Fruleins D. 
berdrssig geworden war, nachdem sie mit dieser einige tausend Gulden 



298 Paraesthesia sexualis. 

verjubelt hatte, von der D. mit Erschiessen bedroht wurde, Wenn sie ihr nicht 
treu bleibe. 

Es war im Sommer 1887 whrend eines Aufenthaltes in einem Badeort, 
dass S. die Bekanntschaft einer angesehenen Beamtenfamilie E. machte. So- 
fort verliebte sich S. in die Tochter Marie und fand Gegenliebe. Deren Mutter 
und Cousine suchten dieses Liebesverhltniss zu hintertreiben, aber vergebens. 
Ben Winter ber correspondirten die beiden Liebenden eifrig mit einander. 
Im April 1888 kam Graf S. zum Besuch und im Mai 1889 erreichte er das 
Ziel seiner Wnsche, indem Marie, die inzwischen eine Stelle als Lehrerin 
aufgegeben hatte, in Gegenwart eines Freundes ihres geliebten S. in einem 
Gartenhause von einem Pseudopriester in Ungarn getraut wurde. Den Trau- 
schein fingirte S. mit seinem Freunde. Das Paar lebte in Glck und Freude 
und ohne die Anzeige des schlimmen Schwiegervaters htte diese Scheinehe, 
voraussichtlich noch lange gedauert. Bemerkenswerth ist, dass S. whrend 
des ziemlich langen Brautstands die Familie seiner Braut ber sein wahres 
Geschlecht vollkommen zu tuschen wusste. 

S. war passionirter Raucher, hatte durchaus mnnliche Allren und 
Passionen. Seine Briefe und selbst gerichtliche Zustellungen gelangten unter 
der Adresse Graf S." an ihn, auch sprach er fter davon, dass er zu einer 
Waffenbung einrcken msse. Aus Andeutungen des Schwiegervaters" geht 
hervor, dass S. (was dieser auch spter zugestand) mittelst in den Hosensack 
eingestopften Sacktuches oder auch Handschuhes ein Scrotum zu markiren 
wusste. Auch bemerkte der Schwiegervater einmal etwas wie ein erigirtes 
membrum am knftigen Schwiegersohn (wahrscheinlich ein Priap), der auch 
gelegentlich die Bemerkung fallen Hess, er msse beim Reiten ein Suspensorium 
tragen. Thatschlich trug S. eine Bandage um den Leib, mglicherweise zur 
Befestigung eines Priaps. 

Obwohl S. sich auch pro forma fters rasiren Hess, war man im Hotel 
gleichwohl berzeugt, dass er ein Weib sei, weil das Stubenmdchen in der 
Wsche Spuren von Menstrualblut fand (was S. aber als hmorrhoidales er- 
klrte) und gelegentlich eines Bades, das S. nahm, durch das Schlsselloch sich 
von dessen weiblichem Geschlecht berzeugt haben wollte. 

Die Familie der Marie macht es glaublich, dass diese lange Zeit ber 
das wahre Geschlecht ihres Pseudogatten in Tuschung befangen war. 

Fr die unglaubliche Naivitt und Unschuld dieses unglcklichen 
Mdchens spricht folgende Stelle in einem Briefe Mariens an S. vom 
26. August 1889: 

Ich mag keine fremden Kinder mehr, aber so ein Bezerl von meinem 
Saudi, so ein Patscherl ach, welch Glck, mein Sandi!" 

Bezglich der geistigen Individualitt S.'s geben eine grosse Anzahl vor- 
handener Manuscripte erwnschten Aufschluss. Die Schriftzge haben den Cha- 
rakter der Festigkeit und Sicherheit. Es sind echt mnnHche Zge. Der Inhalt 
wiederholt sich berall in denselben Eigenthmlichkeiten : wilde zgellose 
Leidenschaft, Hass und Widerstand gegen Alles, was dem nach Liebe und 
Gegenliebe drstenden Herzen sich gegenberstellt, poetisch angehauchte Liebe, 
in der auch nicht mit einem Zug Unedles berhrt wird, Begeisterung fr alles 
Schne und Edle, Sinn fr Wissenschaft und schne Knste. 

Ihre Schriften verrathen ungewhnliche Belesenheit in Klassikern aUer 



Angeborene contrre Sexualempfindung beim Weibe. 299 

Sprachen, Citate aus Poeten und Prosaikern aller Lnder. Von berufener 
Seite wird auch versichert, dass S.'s dichterische und belletristische Erzeugnisse 
nicht unbedeutend sind. 

Psychologisch bemerkenswerth sind die das Verhltniss zu Marie be- 
rhrenden Briefe und Schriften. 

S. spricht von der Seligkeit, die ihr an M.'s Seite blhte, ussert 
masslose Sehnsucht, das angebetete Weib, wenn auch nur fr einen Moment 
zu sehen. Nach solcher Schmach wnscht sie nur mehr die Zelle mit dem 
Grab zu vertauschen. Der bitterste Schmerz sei das Bewusstsein, dass jetzt 
auch Marie sie hasse. Heisse Thrnen, so viel, dass sie sich darin ertrnken 
knnte, habe sie um ihr verlorenes Glck geweint. Ganze Bogen behandeln 
die Apotheose dieser Liebe, Reminiscenzen aus der Zeit der ersten Liebe und 
Bekanntschaft. 

S. klagt ber ihr Herz, das sich von keinem Verstnde dominiren Hess, 
sie ussert Gefhlsausbrche, die man nur fhlen, nicht aber simuliren kann. 
Dann wieder Ausbrche tollster Leidenschaft mit der Erklrung, ohne Marie 
nicht leben zu knnen. Deine theure, liebe Stimme, diese Stimme, auf deren 
Klang ich vielleicht noch vom Grabe aufstehen werde, deren Klang mir immer 
die Verheissung des Paradieses gewesen ist. Deine blosse Gegenwart war 
genug, um meine physischen und moralischen Leiden zu lindern. Es war das 
ein magnetischer Strom, es war das eine eigenthmliche Macht, welche dein 
Wesen auf meines ausbte und welches ich mir auch nie ganz definiren kann. 
So blieb ich bei der ewig wahren Definition: ich lieb' sie, weil ich sie liebe. 
In trostloser Nacht hatte ich nur einen Stern, den Stern der Liebe von Marie. 
Der Stern ist nunmehr erloschen es ist nur mehr der Widerschein davon 
da, die ssse, wehmthige Erinnerung, die auch die wirklich schauerliche Nacht 

des Sterbens mit sanftem Scheine erleuchtet, ein Schimmer der Hoffnung, 

diese Schrift endet mit der Apostrophe: meine Herren, weise Rechtsgelehrte, 
Psycho- und Pathologen, richten Sie mich ! Jeden Schritt, den ich that, leitete 
die Liebe, jede meiner Thaten war durch sie bedingt Gott hat sie mir ins 
Herz gegeben. Wenn er mich so schuf und nicht anders, bin ich denn daran 
schuld oder sind es die ewig unergrndlichen Wege des Schicksals? Ich baute 
auf Gott, dass eines Tages die Erlsung kommen werde, denn mein Fehler 
war nur die Liebe selbst, welche die Grundlage, der Grundsatz seiner Lehren, 
seines Reiches selbst ist. 

Mein Gott, du Barmherziger, Allmchtiger, du siehst meine Qual, du 
weisst, wie ich leide. Neige dich zu mir und reiche mir deine helfende Hand, 
wo mich schon die ganze Welt verlassen. Nur Gott ist gerecht. Wie schn be- 
schreibt dies V. Hugo in seinen Legendes du siecle. Wie traurig malerisch klingt 
mir die Mendelssohn'sche Weise: Allnchtlich im Traume seh' ich dich ..." 

Obwohl S. weiss, dass keine ihrer Schriften ihren angebeteten Lwen- 
kopf erreicht, ermdet sie nicht, in bogenlangen Vergtterungen von Mariens 
Person Ausbrche von Liebesschmerz und Liebeswonne zu schreiben, sich nur 
noch eine helle glnzende Thrne zu erbitten, geweint an einem stillen hellen 
Sommerabend, wenn der See im Abendschein erglht wie geschmolzenes Gold 
und die Glocken von St. Anna und Maria-Wrth, in harmonischer Melancholie 
verschmelzend, Ruhe und Frieden verknden fr jene arme Seele, fr dieses 
arme Herz, das bis zum letzten Hauch fr dich geschlagen." 



300 Paraesthesia sexualis. 

PersnlicheExploration. Die erste Begegnung, welche die Gerichts- 
rzte mit S. hatten, war einigermassen eine Verlegenheit fr beide Theile, fr 
die ersteren, weil S.'s vielleicht etwas greller forcirte mnnliche Tournre im- 
ponirte, fr sie, weil sie der Meinung war, mit dem Stigma der moral insanity 
bemakelt zu werden. Ein nicht unschnes, intelligentes Gesicht, das trotz 
einer gewissen Zartheit der Zge und Kleinheit aller Parthien ein ganz ent- 
schieden mnnliches Geprge hatte, wenn nicht der schwer entbehrte Schnurr- 
bart fehlen wrde ! Fiel es doch selbst den Gerichtsrzten schwer, trotz Damen- 
kleidung immer gegenwrtig zu haben, dass es sich um eine Dame handelt, 
whrend der Verkehr mit dem Manne Sandor viel ungezwungener, natrlicher, 
scheinbar correcter von Statten geht. Dies empfindet auch die Angeschuldigte. 
Sie wird sofort offener, mittheilsamer, freier, sobald man sie wie einen Mann 
behandelt. 

Trotz ihrer schon von den ersten Lebensjahren an vorhandenen Zuneigung 
zum weiblichen Geschlecht will sie doch erst im 13. Jahr, gelegentlich der 
Entfhrung der rothhaarigen Englnderin aus dem Dresdener Institute, die 
ersten Spuren sexuellen Triebes versprt haben, der sich schon damals in 
Kssen, Umarmungen, Berhrungen mit wollstigen Empfindungen manifestirte. 
Schon damals erschienen ihr in ihren Traumbildern ausschliesslich weibliche 
Gestalten und habe sie sich, wie auch seither immer, in wollstigen Trumen 
in der Situation eines Mannes gefhlt und gelegentlich auch Ejaculation dabei 
versprt. 

Solitre oder mutuelle Onanie kenne sie nicht. So etwas erscheine ihr 
hchst ekelhaft und der Manneswrde " (!) nicht entsprechend. Sie habe sich 
auch niemals von Anderen ad genitalia berhren lassen, schon deshalb nicht, 
weil es ihr um die Wahrung ihres grossen Geheimnisses zu thun war. Die 
Menses stellten sich erst mit 17 Jahren ein, verliefen immer schwach und ohne 
Beschwerden. Besprechung menstrualer Vorgnge perhorrescirt S. sichtlich, das 
sei etwas ihrem mnnlichen Bewusstsein und Fhlen sehr Zuwideres. Sie er- 
kennt die Krankhaftigkeit ihrer sexuellen Neigungen an, wnscht sich aber 
nichts Anderes, da sie sich in dieser perversen Empfindung vollkommen wohl 
und glcklich fhle. Die Idee eines sexuellen Verkehrs mit Mnnern mache 
ihr Ekel und ihre Ausfhrung halte sie fr unmglich. 

Ihre Schamhaftigkeit erstrecke sich so weit, dass sie eher unter Mnnern 
schlafen knnte als unter Frauen. So msse sie, wenn sie ein Bedrfniss 
befriedigen wolle oder die Wsche wechsle, ihre Zellengenossin bitten, so lange 
sich vom Fenster abzuwenden, damit sie ihr nicht zusehen knne. 

Als S. gelegentlich mit dieser Zellengenossin, einer Person aus der Hefe 
des Volkes, in Berhrung kam, empfand sie wollstige Erregung und musste 
darber errthen. S. erzhlt sogar ungefragt, dass sie von frmlicher Angst 
befallen wurde, als sie in der Gefngnisszelle sich in die ungewohnten Frauen- 
kleider wieder einzwngen lassen musste. Ihr einziger Trost war, dass man 
ihr wenigstens ihr Herrenhemd liess. Bemerkenswerth, und fr die Bedeutung 
von Geruchsempfindungen in ihrer Vita sexualis sprechend, ist auch ihre Mit- 
theilung, dass sie gelegentlich einer Entfernung ihrer Marie jene Parthien des 
Sopha aufgesucht und berochen habe, an denen Mariens Kopf zu liegen pflegte, 
um aus diesen Stellen mit Wonne den Geruch der Haare zu inhaliren. Von 
Frauen interessiren S. nicht gerade schne oder ppige, auch nicht sehr junge. 



Angeborene contrre Sexualempfindung beim Weibe. 301 

Sie stellt berhaupt die krperlichen Reize des Weibes in zweite Linie. Sie 
fhlt sich zu denen von etwa 24 30 Jahren hingezogen wie mit magneti- 
schem" Zug. Ihre sexuelle Befriedigung fand sie ausschliesslich in corpore 
feminae (nie am eigenen Krper) in Form von Manustupration des geliebten 
Weibes oder Cunnilingus. Gelegentlich bediente sie sich auch eines mit Werg 
ausgestopften Strumpfes als Priap. Diese Erffnungen macht S. nur ungern, 
mit sichtlichem Schamgefhl ; gleichwie in ihren Schriften auch niemals Scham- 
losigkeit oder Cynismus sich finden. 

Sie ist religis, hat lebhaftes Interesse fr alles Edle und Schne, aus- 
genommen fr Mnner, ist sehr empfnglich fr sittliche Werthschtzung 
seitens Anderer. 

Sie bedauert tief, dass sie in ihrer Leidenschaft Marie unglcklich 
gemacht, findet ihre sexualen Empfindungen pervers und solche Liebe eines 
Weibes zum anderen bei Gesunden moralisch verwerflich. Sie ist hoch 
talentirt fr literarische Leistungen, besitzt seltenes Gedchtniss. Ihre einzige 
Schwche ist der colossale Leichtsinn und die Unmglichkeit, mit Geld und 
Geldeswerth vernnftig umzugehen. Sie ist sich jedoch dieser Schwche be- 
wusst und bittet, darber nicht weiter zu sprechen. 

S. ist 153 cm hoch, von zartem Knochenbau, mager, jedoch an Brust 
und Oberschenkeln auffallend muskuls. Der Gang ist in Weiberkleidern 
ungeschickt. 

Ihre Bewegungen sind krftig, nicht unschn, wenn auch mehr mnn- 
lich steif, ungrazis. Ihre Begrssung erfolgt mit krftigem Hndedruck. Das 
ganze Auftreten ist decidirt, stramm, etwas selbstbewusst. Blick intelligent, 
Miene etwas verdstert. Fsse und Hnde auffallend klein , auf infantiler 
Stufe stehen geblieben. Streckseiten der Extremitten auffallend stark be- 
haart, whrend von Barthaaren, trotz aller Rasirexperimente, nicht einmal ein 
Flaum zu bemerken ist. Der Rumpf entspricht durchaus nicht weiblicher 
Bauart. Es fehlt die Taille. Das Becken ist so schlank und so wenig promi- 
nirend, dass eine von der Achselhhle zum entsprechenden Knie gezogene Linie 
der Richtung der Geraden entspricht und durch eine Taille nicht ein-, durch 
das Becken nicht auswrts gedrngt wird. Der Schdel ist leicht oxycephal 
und bleibt in allen Massen um wenigstens 1 cm unter dem Durchschnittsmass 
des weiblichen zurck. 

Die Schdelcircumferenz betrgt 52, die Ohrhinterhauptlinie 24, die 
Ohrscheitellinie 23, Ohrstirnlinie 28,5, Lngsumfang 30, Ohrkinnlinie 26,5, 
Lngsdurchmesser 17, grsster Breitedurchmesser 13, Distanz der Gehrgnge 12, 
der Jochfortstze 11,2 cm. Der Oberkiefer springt stark vor, sein Alveolar- 
fortsatz berragt den Unterkiefer um 0,5 cm. Zahnstellung nicht ganz normal. 
Der rechte obere Augenzahn hat sich nie entwickelt. Mund auffallend klein. 
Ohren abstehend, Lppchen nicht differenzirt , in die Wangenhaut sich ver- 
lierend. Harter Gaumen schmal, steil. Stimme rauh, tief. Brustdrsen ge- 
ngend entwickelt, weich, ohne Sekret. Der Mons Veneris mit dichten dunklen 
Haaren bedeckt. Genitalien vollkommen weiblich, ohne Spur von hermaphro- 
ditischen Erscheinungen, aber auf der infantilen Stufe des 10jhrigen 
Mdchens stehen geblieben. Die Labia majora berhren sich fast voll- 
stndig, die minora haben hahnenkammartige Form und prominiren ber die 
grossen. Die Clitoris ist klein und hchst empfindlich. Frenulum zart, Peri- 



302 Paraesthesia sexualis. 

neum sehr schmal, Introitus vaginae enge, Schleimhaut normal. Hymen fehlt 
(wahrscheinlich angeboren), ebenso die Carunculae myrtiformes. Vagina derart 
enge, dass die Einfhrung eines Membrum virile unmglich wre, berdies 
hchst empfindlich. Ein Coitus hat bisher jedenfalls nicht stattgefunden. 
Uterus wird durchs Rectum etwa wallnussgross gefhlt, derselbe ist unbeweg- 
lich und retroflektirt. 

Das Becken erscheint als ein allseitig verengtes (Zwergbecken) mit ent- 
schieden mnnlichem Typus. Die Distanz der vorderen Darmbeinstachel be- 
trgt 22,5 (statt 26,3), die der Darmbeinkmme 26,5 (statt 29,3), die der Roll- 
hgel 27,7 (31), die ussere Conjugata 17,2 (1920), daher vermuthlich die 
innere 7,7 (10,8) haben wird. Wegen mangelhafter Breite des Beckens ist 
auch die Stellung der Oberschenkel keine convergente wie beim Weib, sondern 
eine gerade. 

Das Gutachten erwies , dass bei S. eine angeborene krankhafte Ver- 

ahrung der Geschlechtsempfindung, welche sogar anthropologisch in Anomalien 

der Krperentwicklung sich ausspricht, verbunden sei, auf Grund schwerer 

hereditrer Belastung, ferner dass die incriminirten Handlungen der S. ihre 

Begrndung in ihrer krankhaften und unwiderstehlichen Sexualitt finden. 

Insofern habe S.'s bezeichnende Aeusserung: Gott hat mir die Liebe 
ins Herz gegeben. Wenn er mich so schuf und nicht anders , bin dann ich 
schuld daran, oder sind es die ewig unergrndlichen Wege des Schicksals?" 
alle Berechtigung. 

Der Gerichtshof fllte ein freisprechendes Erkenntniss. Die Grfin in 
Mnnerkleidung", wie sie die Zeitungen nannten, kehrte nach der heimath- 
lichen Hauptstadt zurck und gerirt sich wieder als Graf Sandor. Ihr einziger 
Kummer ist ihr zerstrtes Liebesglck mit ihrer heiss geliebten Marie. 

Glcklicher war eine Ehefrau in Brandon (Wisconsin), von der Dr. K i e r n a n 
(The med. Standard 1888, Nov.-Dec.) berichtet. Dieselbe entfhrte 1883 ein 
junges Mdchen, Hess sich mit ihm trauen und lebte ungestrt als Mann mit 
demselben. 

Ein interessantes historisches" Beispiel von Androgynie drfte ein von 
Spitzka (Chicago med. Review vom 20. Aug. 1881) mitgetheilter Fall sein. 
Er betrifft Lord Cornbury, Gouverneur von New-York, der unter der Regierung 
der Knigin Anna lebte, offenbar mit moral insanity behaftet ein schreck- 
licher Wstling war und sich nicht enthalten konnte, trotz seiner hohen 
Stellung, in Weiberkleidern, kokettirend und mit allen Allren der Courtisane 
in den Strassen herumzugehen ! 

Auf einem von ihm erhaltenen Bild fallen schmaler Stirnschdel, asym- 
metrischer Gesichtsschdel, weibliche Zge, sinnlicher Mund auf. Sichergestellt 
ist, dass er sich nie fr ein wirkliches Weib gehalten hatte. 



Auch bei den mit contrrer Sexualempfindung behafteten In- 
dividuen kann die an und fr sich perverse Geschlechtsempfindung 
und Geschlechtsrichtung mit anderweitigen Perversionserscheinungen 
complicirt sein. 



Complicationen der contrren Sexualempfindung. 303 

Es drfte sich hier um ganz analoge Vorkommnisse bezg- 
lich der Bethtigung des Triebs handeln, wie bei dem geschlechtlich 
zu Personen des anderen Geschlechts hinneigenden, aber in der 
Bethtigung des Triebs perversen Individuum. 

Bei dem Umstand, dass eine fast regelmssige Begleiterscheinung der 
contrren Sexualempfindung ein krankhaft gesteigertes Geschlechtsleben ist 
werden wollstig- grausame sadistische Akte in Befriedigung der Libido leicht 
mglich. Ein bezeichnendes Beispiel in dieser Hinsicht ist der Fall Zastrow 
(Casper-Liman, 7. Aufl., Bd. I, p. 160, II, p. 487), der eines seiner Opfer, 
einen Knaben , biss , ihm das Prputium zerriss , den Anus schlitzte und das 
Kind strangulirte. 

Z. stammte von psychopathischem Grossvater, melancholischer Mutter; 
deren Bruder frhnte abnormem Geschlechtsgenuss und beging Selbstmord. 

Z. war ein geborener Urning, war in Habitus und Beschftigung mnnlich 
geartet, mit Phimosis behaftet, ein psychisch schwacher, ganz verschrobener, 
social unbrauchbarer Mensch. Er hatte Horror feminae, fhlte sich in seinen 
Trumen als Weib dem Manne gegenber, hatte peinliches Bewusstsein der 
fehlenden normalen Geschlechtsempfindung und des perversen Triebs, ver- 
suchte durch mutuelle Onanie Befriedigung und hatte hufig pderastische 
Gelste. 

Aehnliche derartige sadistische Antriebe bei contrr Sexualen finden 
sich auch in einzelnen der vorausgehenden Krankengeschichten (vgl. Beob. 107, 
108 dieser Auflage und die 6. Auflage, Beob. 96, ferner Moll, Contr. Sexual- 
empfindung, 2. Aufl., p. 189; v. Krafft, Jahrb. f. Psychiatrie XII, p. 389 
und 357.). 

Als Beispiele perverser Sexualbefriedigung auf dem Boden der contrren 
Sexualempfindung mge noch der Grieche erwhnt werden, der, wie Athenus 
berichtet, in eine Cupidostatue verliebt war und sie im Tempel zu Delphi 
schndete; ferner, neben monstrsen Fllen bei Tardieu (Attentats p. 272) 
der von Lombroso (L'uomo delinquente p. 200) berichtete scheussliche Fall 
eines gewissen Artusio, der einem Knaben eine Bauchwunde versetzte und ihn 
durch diese sexuell missbrauchte. 

Belege dafr, dass auch Fetischismus bei coutrrer Sexualempfindung 
vorkommt, sind Beob. 84 (Taschentuch), 108 (Stiefel), 110 (8. Aufl., Mund), 
ferner ein von mir mitgetheilter Fall von Schuhfetischismus in Jahrbcher 
fr Psychiatrie" XII', 1; Moll, 2. Aufl., p. 179. Nicht selten ist auch Masochis- 
mus als Complication von contrrer Sexualempfindung vgl. Moll, 2. Aufl., 
p. 172 (Fall 12) und p. 190. Derselbe, Internation. Centralbl. f. d. Physiol. 
und Pathol. der Harn- und Sexualorgane IV, Heft 5 (Homosexualitt eines Weibes 
mit passivem Flagellantismus und Koprophagie) ; v. Krafft, Beob. 43 der 
6. Aufl. dieses Buches, ferner Beobachtung 108 dieser und 114 der 8. Aufl.,. 
ferner Jahrbcher fr Psychiatrie" XII, p. 339 (Homosexualitt, abortiver 
Masochismus), p. 351 (psych. Hermphrodisie, Masochismus). 



304 Contrre Sexualempfindung. 



Zur Diagnose, Prognose und Therapie der contrren 
Sexualempfindung. 

Whrend die contrre Sexualempfindung fr die bisherige 
Wissenschaft nur ein anthropologisches, klinisches und forensisches 
Interesse bieten konnte, kann auf Grund neuester Forschungen 
nunmehr auch an die Therapie dieser unheilvollen, ihren Trger 
social, moralisch und physisch so schwer heimsuchenden Anomalie 
gedacht werden. 

Eine Vorbedingung fr ein therapeutisches Eingreifen ist die 
genaue Differenzirung der erworbenen von den angeborenen Fllen 
und unter diesen letzteren wieder die Einreihung des concreten 
Falles in die wissenschaftlich empirisch gefundenen Categorien. 

Die diagnostische Auseinanderhaltung der erworbenen Flle 
von den angeborenen ist ohne Schwierigkeiten in den Anfangsstadien. 

Ist schon Inversio sexualis erfolgt, so wird die retrospective 
Entwicklung des Falles ber denselben Klarheit verbreiten. 

Die prognostisch wichtige Entscheidung, ob angeborene oder 
erworbene contrre Sexualempfindung bestehe, lsst sich in solchen 
Fllen nur durch eine minutise Anamnese gewinnen. 

Die Ermittlung , ob contrre Sexualempfindung schon lange 
vor der Hingabe an Masturbation bestand, wird im Sinne der An- 
geborenheit der Anomalie von grsster Wichtigkeit sein. Eine 
Schwierigkeit erwchst dabei durch die Mglichkeit unrichtiger 
zeitlicher Localisation in der Vergangenheit (Erinnerungstuschung.) 

Fr die Annahme erworbener contrrer Sexualempfindung 
ist wichtig der Nachweis heterosexualer Empfindung vor dem Zeit- 
punkt des Beginnes der Auto- oder mutuellen Masturbation. 

Im Allgemeinen sind die erworbenen Flle charakterisirt da- 
durch, dass 

1) Die homosexuale Empfindung secundr in der Lebens- 
geschichte auftritt und jeweils auf Momente, welche die normale 
Geschlechtsbefriedigung strten (masturbatorische Neurasthenie, psy- 
chische Momente), sich zurckfhren lsst. 

Es ist jedoch anzunehmen, dass hier ab origine, selbst trotz 
mchtiger grobsinnlicher Libido, die Empfindung und Neigung 
zum anderen Geschlecht, besonders in seelischer Hinsicht und 
speciell in sthetischer, schwach veranlagt ist (vgl. pag. 240). 



Diagnose, Prognose, Therapie. 305 

2) Die homosexuale Empfindung wird vom Bewusstsein 
so lange nicht Inversio sexualis erfolgt ist als lasterhaft und 
krankhaft aufgefasst und ihr nur faute de mieux nachgegeben. 

3) Die heterosexuale Empfindung bleibt lange die vorherr- 
schende und die Unmglichkeit ihrer Befriedigung wird peinlich 
empfunden. Jene geht unter in dem Masse, als die homosexuale 
zur Geltung gelangt. 

Bei den angeborenen Fllen dagegen ist 

a) Die homosexuale Empfindung die primr auftretende und 
in der Vita sexualis dominirende. Sie erscheint als die natur- 
gemsse Art der Befriedigung und gibt sich als dominirend auch 
im Traumleben des Individuums kund. 

b) Die heterosexuale Empfindung fehlt von jeher oder, wenn 
auch in der Lebensgeschichte des Individuums zu Tage tretend 
(psychosexuale Hermaphrodisie), so ist sie doch eine episodische 
Erscheinung, findet keine Wurzeln in der Psyche des Individuums 
und ist wesentlich nur Mittel zur Befriedigung sexueller Drnge. 

Die Differenzirung der brigen Gruppen der angeboren con- 
trr Sexualen von einander und von den erworbenen Fllen ber- 
haupt wird nach dem Vorausgehenden keinen Schwierigkeiten be- 
gegnen. 

Die Prognose der erworbenen Flle von contrrer Sexual- 
empfindung ist eine jedenfalls viel gnstigere als die der ange- 
borenen. Bei den ersteren drfte die eingetretene Effeminatio 
die seelische Umwandlung des Individuums im Sinne seiner per- 
versen Sexualgefhle die Grenze sein, von welcher an fr die 
Therapie nicht mehr zu hoffen ist. Bei den angeborenen Fllen 
bilden die verschiedenen in diesem Buche aufgestellten Categorien 
ebenso viele Gradstufen psychosexualer Belastung, und wird bestimmt 
nur innerhalb der Categorie der Hermaphroditen, mglicherweise 
(s. u. den Fall von Schrenk-Notzing) auch bei schwereren Ent- 
artungszustnden Hlfe mglich sein. 

Um so wichtiger wre die Prophylaxe dieser Zustnde 
fr die angeborenen die Nichterzeugung solcher Unglcklichen, fr 
die erworbenen die Bewahrung vor den Schdlichkeiten, welche 
zu dieser fatalen Verkehrung der Geschlechtsempfindung erfahrungs- 
gemss fhren knnen. 

Unzhlige Belastete verfallen diesem traurigen Schicksal, weil Eltern 
und Erzieher keine Ahnung von den Gefahren haben, welche die Masturbation 
den Kindern auf solcher Grundlage bereiten kann. 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 20 



306 Contrre Sexualempfindung. 

In vielen Schulen, Pensionaten wird Masturbation und Unzucht geradezu 
gezchtet. Auf das physische und moralische Verhalten der Schler wird 
heutzutage viel zu wenig geachtet. 

Wenn nur der Lehrstoff persolvirt wird, das ist die Hauptsache. Dass 
darber mancher Schler an Leib und Seele verdirbt, kommt nicht in Betracht. 

Mit einer lcherlichen Prderie wird den heranwachsenden jungen 
Leuten die Vita sexualis verschleiert gehalten, den Regungen ihres Sexual- 
triebes aber nicht die mindeste Beachtung geschenkt. Wie wenig Hausrzte 
werden in den Entwicklungsjahren der Kinder ihrer oft recht belasteten 
Clienten zu Rathe gezogen! 

Man meint Alles der Natur berlassen zu mssen. Inzwischen regt 
sich diese bermchtig und fhrt den Hlf- und Schutzlosen auf gefhrliche 
Abwege. 

Ein nheres Eingehen auf diese prophylactische Seite der 
Frage ist hier nicht zulssig 1 ). 

Fr Eltern und Erzieher geben die in diesem Buche nieder- 
gelegten Erfahrungen, sowie zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten 
ber Masturbation Anhaltspunkte und Winke. 

Die Aufgaben der Behandlung bestehender contrrer Sexual- 
empfindung gegenber sind folgende: 

1) Bekmpfung von Onanie und anderen die Vita sexualis 
schdigenden Momenten. 

2) Beseitigung der aus antihygienischen Verhltnissen der 
Vita sexualis entstandenen Neurose (Neurasthenia sexualis und uni- 
versalis). 

3) Psychische Behandlung im Sinne einer Bekmpfung homo- 
sexualer und der Frderung heterosexualer Gefhle und Impulse. 

Der Schwerpunkt der Aufgabe wird in der Erfllung der 
3. Indication liegen, namentlich auch bezglich der Onanie. 

Nur in sehr seltenen Fllen vermag bei noch nicht vorge- 
schrittener erworbener contrrer Sexualempfindung die Erfllung 
von 1 und 2 zu gengen, wie nachfolgender vom Verf. in der Zeit- 
schrift Irrenfreund " 1885 Nr. 1 ausfhrlich berichteter Fall erweist. 



*) Bemerkenswerth im Sinne einer Prophylaxe sind folgende Worte, welche 
mir der Patient der Beob. 88 der 6. Auflage schrieb: Wenn es einmal dazu 
kme, nicht wie bei den Spartanern, wo die kraftlose Jugend vernichtet wurde 
und im Sinne einer guten Zuchtwahl nach Darwin's Ideen, sondern dass, die 
Erkennung unserer contrren Sexualempfindung schon in der Jugend voraus- 
gesetzt, in dieser Lebenszeit durch Suggestion diese schlimmste aller Krank- 
heiten geheut werden knnte! Wahrscheinlich wrde die Heilung in der 
Jugend eher zu bewerkstelligen sein als spter." 



Therapie. 307 

Beobachtung 128. Z. , 51 Jahre, von psychopathischer Mutter, kam 
frh in die Kadettenschule , wurde dort zur Onanie verleitet, entwickelte sich 
gut, empfand geschlechtlich normal, wurde in Folge von Masturbation im 
17. Jahre leicht neurasthenisch , verkehrte sexuell mit Genuss mit Weibern, 
heirathete mit 25 Jahren, bekam nach einem Jahr vermehrte neurasthenische 
Beschwerden und verlor nun die Neigung zum Weib gnzlich. An deren 
Stelle trat contrre Sexualempfindung. In einen Hochverrathsprocess ver- 
wickelt, kam er auf 2 Jahre ins Gefngniss, dann 5 Jahre nach Sibirien. In 
diesen 7 Jahren nahm unter dem Einfluss fortgesetzter Masturbation die Neur- 
asthenie und die contrre Sexualempfindung immer mehr zu. Mit 35 Jahren 
der Freiheit zurckgegeben, trieb sich Pat. seither wegen hochgradiger neur- 
asthenischer Beschwerden in allen mglichen Kurorten herum. In dieser 
langen Zeit nderte sich sein abnormes geschlechtliches Fhlen in keiner Weise. 
Er lebte meist getrennt von seiner Frau, die er zwar wegen geistiger Vorzge 
hochachtete, jedoch als Weib wie jedes andere mied. Seine contrre Sexual- 
empfindung war eine rein platonische. Es gengte ihm Freundschaft", ein 
herzliches Umarmen, Kssen. Gelegentlich vorkommende Pollutionen waren 
durch lascive Trume ausgelst, die Personen des eigenen Geschlechts zum 
Inhalt hatten. Auch bei Tage Hess das schnste Weib ihn kalt, whrend der 
blosse Anblick schner Mnner Erection und Ejaculation hervorbrachte. Im 
Circus und im Ballet interessirten ihn nur Athleten und Tnzer. In Zeiten 
grsserer P]rregbarkeit bewirkte selbst der Anblick mnnlicher Statuen Erection. 
Gelegentlich verfiel er wieder in sein altes Laster der Masturbation. Vor 
Pderastie hatte der sthetisch gebildete, feinfhlige Mann Abscheu. 

Er empfand seine perverse Sexualempfindung immer als etwas Krank- 
haftes, ohne jedoch darber bei seiner offenbar sehr abgeschwchten Libido 
und Potenz sich unglcklich zu fhlen. 

Der Status praesens ergab den gewhnlichen Befund der Neurasthenie. 
Wuchs, Benehmen und Kleidung boten nichts Aufflliges. Elektrische Massage 
hatte ungewhnlichen Erfolg. Schon nach wenig Sitzungen war Pat. geistig 
und krperlich viel frischer. Nach 20 Sitzungen erwachte die Libido wieder, 
aber nicht im bisherigen Sinn, sondern in normaler Weise, wie Pat. bis zum 
25. Jahre geschlechtlich empfunden hatte. Lascive Traumbilder hatten nur 
mehr Verkehr mit dem Weibe zum Inhalt, und eines Tages theilte Pat. 
freudig mit, dass er coitirt und dieselbe natrliche Wollustempfindung wie 
vor 26 Jahren dabei gehabt habe. Er lebte nun wieder mit seiner Frau zu- 
sammen, hoffte dauernd von Neurasthenie und contrrer Sexualempfindung 
befreit zu sein , welche Hoffnung auch whrend der 6 Monate , die ich noch 
Pat. beobachten konnte, erfllt blieb. 



In der Regel wird die krperliche Behandlung, wenn auch 
untersttzt durch moralische Therapie im Sinne energischer Rath- 
schlge behufs Meiden von Masturbation, Unterdrckung homo- 
sexualer Gefhle und Drnge und Weckung heterosexualer, selbst 
bei erworbenen Fllen von contrrer Sexualempfindung, nicht aus- 
reichen. 



308 Contrre Sexualempfindung. 

Hier kann nur eine Methode der psychischen Behandlung 
die Suggestion Hlfe bringen. 

Die folgende Beobachtung ist ein interessantes und fr leich- 
tere Formen der Anomalie ermuthigendes Beispiel erfolgreicher 
Autosuggestion . 

Beobachtung 129. Autobiographie eines psychischen 
Hermaphroditen. Erfolgreiche Selbstbekmpfung homo- 
sexualer Neigungen. 

Mein Vater ist einmal vom Schlage gerhrt worden, ist aber geheilt 
bis auf geringe Verzerrung des Gesichtes. Meine Mutter ist sehr anmisch 
und melancholisch gewesen. Beide litten stark an Hmorrhoiden, und mein 
Vater schrieb diesen seine Kreuzschmerzen zu, an denen er auch nach seiner 
Verheirathung hin und wieder litt. 

Ich bin, wenn ich mich so ausdrcken darf, ein passiver Charakter. 
Als Kind schwelgte ich in allerhand (auch religisen) Phantastereien. Ich 
litt an Bettnssen und soll im Schlafe an meinen Genitalien gespielt haben, 
weshalb ich von meinem Vater mit den Hnden ans Bett gefesselt wurde ! 
(Ich war damals noch vollstndig Kind und habe nicht onanirt.) Ich war 
stets sehr schchtern und unbeholfen im Verkehr. Mit ca. 14 oder 15 Jahren 
wurde ich zur Onanie verleitet. Das mit dem auflebenden Geschlechtsgefhl 
verbundene Drngen und Sehnen dem Weibe gegenber war eigentlich nur 
platonischer Natur; auch fehlte mir der Verkehr mit Damen. Mit 18 Jahren 
ungefhr versuchte ich mein geschlechtliches Bedrfniss auf natrliche Weise 
zu befriedigen, mehr aus Neugierde als aus innerem Drang. Ohne je eine 
Neigung zu einem Weibe empfunden zu haben, befriedigte ich seit dieser Zeit, 
so oft ich konnte, mein Bedrfniss durch geschlechtlichen Umgang. 

Bald nach Eintritt der Pubertt war ich sehr anmisch geworden und 
sah viel lter aus, als ich war. Jetzt aber traten noch melancholische Ge- 
danken und sonderbare Ideen hinzu. Es war mir eine Wollust, mich so er- 
niedrigt wie nur mglich vorzustellen. Es ist vielleicht von Interesse, wenn 
ich hinzufge, dass ich damals mit religisen Zweifeln kmpfte und erst spter 
den Muth fand, mich ber die Religionen zu stellen. Ich verliebte mich in 
junge Mnner. Anfangs trat ich diesen Vorstellungen entgegen, spter waren 
sie so mchtig, dass ich ein chter Urning wurde. Die Weiber erschienen mir 
wie Menschen IL Classe. Ich war in einer trostlosen Verfassung. Lebens- 
berdruss und menschenfeindliche Regungen nisteten sich in meiner kranken 
Seele ein. Eines Tages las ich: Was will das werden? Und ehe ich es 
selbst mir verrieth, war ich ein Socialdemokrat, aber ein idealer. Das Leben 
hatte wieder Werth fr mich ; denn ich hatte ein Ideal : der friedliche Kampf 
fr die sociale Hebung der Proletarier. Dieses brachte eine mchtige Um- 
wlzung in mir hervor. Wie in meinen besten Tagen (im Alter von 16, 
17 Jahren) begeisterte ich mich fr Kunst, namentlich Dramatik. Ich schreibe 
augenblicklich ein Schauspiel und einen Schwank und wlze grosse Ideen in 
mir herum. Ich las eine Bemerkung Schlegel's ber Sophokles, der seinen 
krperlichen Uebungen seine Energie und Schaffenskraft und der Musik das 
knstlerische Masshalten verdankte. Dann eine andere Stelle : Der Dramatiker 



Therapie. 309 

muss vor allen Dingen geistig intakt sein." Das fiel mir sehr schwer auf die 
Seele; denn meine contrren Sexualempfindungen konnten doch unmglich 
einem ganz gesunden Geist entstammen. 

Ich kam auf den Gedanken, mich hypnotisch behandeln zu lassen ; aber 
die Scham hinderte mich daran. Nun redete ich mir selbst ein, dass ich doch 
eigentlich ein furchtbarer Schwchling sei, mir selbst so wenig zuzutrauen, und 
nahm mir ernstlich vor, meine Urninggelste zu unterdrcken. Gleichzeitig 
bekmpfte ich durch zweckentsprechende Lebensweise meine Nervositt. Ich 
ruderte, paukte, war viel in frischer Luft und hatte die Freude, als ich ein- 
mal erwachte, mir wie ein ganz anderer Mensch vorzukommen. Wenn ich an 
die Zeit vom 20. bis 26. Lebensjahr dachte, so war es mir, als ob diese Zeit 
hindurch ein mir vllig fremder und grauenerregender Mensch in meiner Haut 
gewohnt htte. 

Ich war erstaunt, dass der hbscheste Bereiter, der strammste Bierfhrer 
mir fast gar kein Interesse abnthigte ; selbst die muskulsen Steinsetzer Hessen 
mich kalt. Mich ekelte, wenn ich daran dachte, dass derlei Menschen mir 
jemals schn vorgekommen waren. Mein Selbstgefhl steigt; ich bin zwar 
sehr gutmthig, aber ein durchaus aktiver Charakter. Mein Aussehen hat sich 
seit meinem 20. Jahr stetig gebessert. Ich sehe jetzt meinem Alter vollstndig 
entsprechend aus. Rckflle in meine Urninggelste treten zwar ein, doch 
unterdrcke ich sie energisch. Meine Libido befriedige ich nur durch Bei- 
schlaf und hoffe, dass bei weiterer zweckentsprechender Lebensweise auch die 
Lust eine grssere wird. 

In der Regel wird nur die Fremdsuggestion, und zwar 
nur die durch Hypnose bewerkstelligte, Aussicht auf Erfolg bieten. 

Die Aufgabe posthypnotischer Suggestion ist es in solchen 
Fllen, den Drang zur Masturbation, sowie homosexuale Gefhle und 
Drnge ab- und heterosexuale nebst dem Bewusstsein der Potenz 
anzusuggeriren. 

Eine Vorbedingung ist natrlich die Mglichkeit, eine gengend 
vertiefte Hypnose herbeizufhren. Dies gelingt gerade bei Neur- 
asthenikern nur zu hufig nicht, da sie vielfach aufgeregt, befangen 
und nicht im Stande sind, ihre Gedanken zu concentriren. 

Angesichts der enormen Wohlthat, welche solchen Unglck- 
lichen erwiesen werden kann, und im Hinblick auf Ladame's Fall 
(s. u.) sollte man in derartigen Fllen knftig Alles aufbieten, um 
das einzige Rettungsmittel, die Hypnose, zu erzwingen. Befriedigend 
war der Erfolg in folgenden zwei Fllen. 

Beobachtung 130. Durch Masturbation erworbene contrre 
Sexualempfindung. Herr X., Geschftsmann, 29 Jahre. Eltern des Vaters 
gesund. In des Vaters Familie nichts von Nervositt. 

Vater war ein reizbarer, griesgrmiger Mann. Ein Bruder des Vaters 
sei ein Lebemann gewesen und ledig gestorben. 



310 Contrre Sexualempfindung. 

Die Mutter starb im 3. Wochenbett, als Pat. 6 Jahre alt war ; sie hatte 
eine tiefe, rauhe, mehr mnnliche Stimme und barsches Auftreten. 

Von den Geschwistern des Pat. ist ein Bruder reizbar, melancholisch", 
neutral gegen Weiber. 

Pat. litt als Kind an Scharlach mit Delirien. Er sei bis zu seinem 
14. Lebensjahr heiter und gesellig gewesen, von da ab still, einsam, melan- 
cholisch". Die erste Spur des geschlechtlichen Empfindens stellte sich mit 
10 11 Jahren ein; er lernte damals die Onanie von anderen Knaben kennen 
und trieb mit diesen mutuelle Masturbation. 

Mit 13 14 Jahren zum erstenmale Samenergiessung. Pat. nahm bis 
vor 1 /t Jahr keine blen Folgen der Onanie wahr. 

In der Schule habe er leicht gelernt, mitunter habe er Kopfweh gehabt. 
Vom 20. Lebensjahre ab Pollutionen, trotz tglicher Onanie. Bei den Pollu- 
tionen Trume, Begattungssituationen", es schwebte ihm vor, wie Mann und 
Weib den Akt vollziehen. Im 17. Lebensjahre wurde er von einem mann- 
mnnlich liebenden Individuum zu mutueller Onanie verfhrt. Bei dieser Ver- 
fhrung habe er Befriedigung empfunden, insoferne er von jeher sehr ge- 
schlechtsbedrftig war. Es dauerte lange, ehe Pat. neuerliche Gelegenheit zu 
mannmnnlichem Verkehr aufsuchte. Es war ihm bloss darum zu thun, den 
Samen los zu werden. 

Er empfand keine Freundschaft, keine Liebe zu Personen, mit denen 
er verkehrte. Er empfand nur Befriedigung, wenn er der passive Theil war, 
wenn er manustuprirt wurde. Er hatte keine Achtung vor dem Betreffenden, 
wenn er den Akt einmal vollzogen hatte. Gewann er spter hingegen Ach- 
tung, so unterliess er den Akt. Spter war es ihm gleich, ob er onanirte 
oder onanisirt wurde. Wenn er selbst onanirte, dachte er an die Hand 
von geflligen Mnnern, die ihn onanisirten. Harte, rauhe Hnde waren 
ihm lieber. 

Pat. glaubt, dass er ohne Verfhrung auf eine naturgemsse Bahn der 
Befriedigung des Geschlechtstriebs gelenkt worden wre. Liebe zum eigenen 
Geschlecht habe er niemals empfunden, doch habe er sich in dem Gedanken 
gefallen, mit Mnnern der Liebe zu pflegen. Er habe anfangs sinnliche 
Regungen gegenber dem anderen Geschlecht gehabt. Getanzt habe er gern; 
er habe auch an Weibern Gefallen gefunden und habe mehr auf Figur ge- 
sehen, als auf das Gesicht. Er habe auch Erectionen bekommen, wenn er 
ein sympathisches Weib sah. Er habe nie versucht, den Beischlaf auszufhren, 
weil er sich vor Ansteckung frchtete; er wisse gar nicht, ob er einem Weib 
gegenber potent wre. Er glaube, dass dies nicht mehr der Fall sei, denn 
seine Gefhle gegenber den Weibern seien erkaltet, besonders seit dem 
letzten Jahr. 

Whrend er frher in seinen sinnlichen Trumen Vorstellungen von 
Mnnern und Weibern hatte, trumte er spter nur von Annherungen an 
den Mann; von sinnlichen Beziehungen zu einem Weibe in den letzten Jahren 
getrumt zu haben, kann er sich nicht erinnern. Im Theater interessire 
ihn immer die weibliche Figur, ebenso im Circus und Ballet. In Museen 
haben ihn mnnliche und weibliche Statuen gleich angezogen. 

Pat. sei starker Raucher, Biertrinker, liebe Herrengesellschaft, sei Turner, 
Schlittschuhlufer. Das Geckenhafte sei ihm immer zuwider gewesen, er habe 



Therapie. 311 

niemals das Bedrfniss gehabt, Mnnern zu gefallen, schon eher den Wunsch, 
Damen zu gefallen. 

Er empfinde jetzt seine Position peinlich, weil die Onanie berhand 
genommen habe. Die frher unschdlich getriebene Onanie entfalte jetzt 
schdliche Wirkungen. 

Seit Juli 1889 leide er an Hodenneuralgie ; der Schmerz trete besonders 
Nachts auf; Nachts trete auch Zittern auf (gesteigerte Reflexerregbarkeit) ; der 
Schlaf sei unerquicklich, Pat. wache auf mit Schmerzen im Hoden. Er sei 
geneigt, jetzt hufiger zu onaniren als frher. Er habe Angst vor der Onanie. 
Er hoffe, dass sein Geschlechtsleben noch in normale Bahnen gelenkt werden 
knne. Er denke jetzt an die Zukunft, er habe schon ein Verhltniss, das 
Mdchen sei ihm sympathisch, auch der Gedanke, sie als Frau zu besitzen 
sei ihm angenehm. 

Seit 5 Tagen habe er sich der Onanie enthalten, er glaube aber kaum, 
dass er im Stande wre, durch eigene Kraft der Onanie zu entsagen. In 
letzter Zeit sei er sehr niedergeschlagen gewesen, habe keine Arbeitslust, sei 
lebensberdrssig. 

Pat. ist gross, krftig, wohlgenhrt, dichtbebartet. Schdel und Skelet 
normal. 

P. S. R. sehr prompt; tiefe Reflexe in o. E. sehr gesteigert, Pupillen 
ber mittelweit, beiderseitig gleich, sehr prompt reagirend. Carotiden von 
gleichem Caliber. Hyperaesthesia urethrae. Samenstrang und Testikel nicht 
empfindlich; ganz normale Genitalien. 

Pat. wird beruhigt, auf glckliche Zukunft vertrstet unter der Be- 
dingung, dass er der Onanie entsage und sein geschlechtliches Fhlen von 
Personen des eigenen Geschlechts ab- und auf weibliche lenke. 

Verordnung von Halbbdern (24 20 R.) extr. Secal. cornut. aquos. 0,5, 
Antipyrin 1,0 pro die; Abends 4,0 Bromkalium. 

13. December. Pat. kommt heute verstrt in die Sprechstunde, klagend, 
dass er aus eigener Kraft dem Reiz zur Masturbation nicht widerstehen knne, 
und bittet um Hlfe. 

Ein Hypnoseversuch bringt Pat. in tiefes Engourdissement. 
Er erhlt Suggestionen: 

1) ich kann, darf und will nicht mehr onaniren; 

2) ich verabscheue die Liebe zum eigenen Geschlecht und werde keinen 
Mann mehr schn finden; 

3) ich will und werde gesund werden, ein braves Weib lieben, glck- 
lich sein und glcklich machen. 

14. December. Pat. hat heute beim Spaziergang einen schnen Mann 
gesehen und sich mchtig zu ihm hingezogen gefhlt. 

Von nun an jeden 2. Tag hypnotische Sitzungen mit obigen Suggestionen. 
Am 18. December (4. Sitzung) gelingt Somnambulismus. Der Drang zur Onanie 
und das Interesse am Manne schwinden. 

In der 8. Sitzung wird volle Potenz" zu den obigen Suggestionen hin- 
zugefgt. Pat. fhlt sich moralisch gehoben und krperlich gekrftigt. Die 
Hodenneuralgie ist geschwunden. Er findet, er sei jetzt auf dem Nullpunkt 
geschlechtlicher Empfindung. 

Masturbation und contrre Sexualempfindung glaubt er los zu sein. 



312 Contrre Sexualempfindung. 

Nach der 11. Sitzung erklrt er weitere rztliche Hlfe fr unnthig. 
Er wolle jetzt heim und sein Mdchen heirathen. Er fhle sich ganz gesund 
und potent. Pat. wird Anfang Januar 1890 aus der Behandlung entlassen. 

Im Mrz 1890 schrieb mir Pat.: Ich hatte seither noch einige Male 
Gelegenheit, meine ganze moralische Kraft zusammennehmen zu mssen, um 
meine Angewohnheit zu bekmpfen, und ist es mir Gott sei Dank gelungen, 
mich von diesem Uebel zu befreien. Schon einige Male war ich in der Lage, 
den Coitus auszufhren, wobei ich einen leidlichen Genuss empfand. Ich sehe 
meiner glcklichen Zukunft mit Ruhe entgegen." 

Beobachtung 131. Erworbene contrre Sexualempfindung. 
Erhebliche Besserung durch hypnotische Behandlung. Herr P., 
geb. 1863, Fabrikbeamter, stammt aus einer angesehenen Patrizierfamilie 
Mitteldeutschlands, in welcher Nervositt und Irrsinn hufig vorkamen. 

Der Urgrossvater vterlicherseits und dessen Schwester starben irrsinnig, 
die Grossmutter an Apoplexie, des Vaters Bruder im Irrsinn, dessen Tochter 
an Gehirntuberculose. Muttersmutter war jahrelang schwermthig,, Vater der 
Mutter geisteskrank; der Bruder der Mutter nahm sich in einem Anfall von 
Geistesstrung das Leben. Der Vater des Pat. ist sehr nervs. Ein lterer 
Bruder ist schwer neurasthenisch mit Anomalien der Vita sexualis, ein anderer 
ist Gegenstand der Beob. 118 der 7. Aufl. der Psychop. sexualis, ein dritter 
bietet excentrisches Benehmen und soll fixe Ideen haben, eine Schwester ist 
krampfkrank, eine andere starb als kleines Kind an Convulsionen. 

Pat. ist belastet, denn schon frh war er hchst sonderbar, reizbar, jh- 
zornig und machte seiner Umgebung den Eindruck eines abnormen Menschen. 

Sehr frh zeigte sich bei ihm die Vita sexualis mchtig und wurde 
ohne alle Verfhrung durch Onanie befriedigt. Vom 16. Jahr ab besuchte 
der frh entwickelte Knabe die Bordelle der Hauptstadt, seine freien Aus- 
gnge an Sonn- und Feiertagen dazu benutzend. Er coitirte mit Genuss, be- 
friedigte sich whrend der Wochentage mit Onanie. Vom 20. Jahre ab und 
selbstndig geworden, excedirte Pat. mit Prostituirten , erkrankte an Neur- 
asthenia sexualis und wurde relativ impotent und unbefriedigt vom Coitus 
durch Erectionsschwche und Ejaculatio praecox. Seine Libido sexualis wurde 
mchtiger denn je und in Onanie befriedigt. Pat. lernte Anfang 1888 einen 
jungen Mann kennen. Durch sein geflliges Gesicht, sein einschmeichelndes 
Benehmen, durch seine schnen usseren Krperformen erwarb er meine ganz 
besondere Zuneigung. Ich wnschte ihn anzusprechen und freute mich immer 
auf den AugenbUck, wo ich ihn sah. Ich wurde ganz verliebt in ihn. Damit 
erlosch meine Liebe zum Weibe. Jener Mann vermochte mich dermassen 
zu erregen, dass ich auf Sekunden das Gedchtniss schwinden fhlte und 
stotterte. 

Bald darauf lernte ich einen Herrn kennen, der mir ebenfalls hchst 
sympathisch war und entscheidend mein knftiges Leben beeinflusste. Er war 
mannliebend. Ich gestand ihm, dass ich vor dem weiblichen Geschlecht nur 
mehr Ekel empfinde und mich zum Manne hingezogen fhle. 

Als ich einst meinen Kameraden fragte, wie er es denn anstelle, dass 
sich ihm Soldaten ergeben, antwortete er mir, die Hauptsache sei Schneid; 
es knne jeder herumgebracht werden. Ende 1888 machte ich mich, eingedenk 



Therapie. 313 

jener Worte, an einen Offiziersburschen und wurde durch ihn mchtig angeregt, 
obschon nie die Ejaculation sich einstellte. Da ich sah, dass der Soldat nicht 
ohne Weiteres sich ergeben wollte, gab ich ihn auf. Alium quondam militem 
in cubiculum allectum rogavi ut veste exuta mecum in lectum concumberet. 
Rogatus fecit quae volui et alter alterius penem trivit. 

Obwohl ich nach diesem glcklichen Erfolg viele Leute so missbrauchte, 
war ich doch nur in Einen sozusagen verliebt. Es war ein sehr hbscher 
Bursche von 17 Jahren. Seine Stimme klang mir so einschmeichelnd, sein 
Benehmen war so anstndig zrtlich, dass ich ihn jetzt noch nicht vergessen 
kann. In meinen Trumen beschftigte ich mich nur mit schnen jungen 
Mnnern und konnte vor Sinnlichkeit oft lange Nchte nicht schlafen." 

Anfang 1889 erweckte das Benehmen des Pat. Verdacht auf mannmnn- 
liche Liebe. Eine ihm drohende Anzeige erschreckte und verstimmte ihn tief, 
so dass er Selbstmord plante. Auf Rath des Hausarztes der Familie kam er 
nach der Hauptstadt. Da Pat. unfhig war, seinen gewohnten Gelsten aus 
eigener Macht zu entsagen, wurde eine hypnotische Behandlung eingeleitet. 
Sie erzielte nur leichtes Engourdissement und war gegenber den Ver- 
fhrungen frherer Geliebten, in deren Nhe Pat. sich befand, von geringem 
Erfolge begleitet. 

Es fehlte Pat. damals noch an dem sittlichen Ernst. Die Situation 
besserte sich angesichts der Vorstellungen der bestrzten Angehrigen und 
dem Gespenst einer wirklich drohenden gerichtlichen Untersuchung. 

Pat. entschloss sich zu einem Kurversuch bei Verf. 

Ich fand einen zarten, blassen, schwer neurasthenischen, gemthlich 
gedrckten, an seiner Zukunft verzweifelnden Menschen ohne ussere Degene- 
rationszeichen. Pat. sah seine schiefe Position ein und schien Alles dransetzen 
zu wollen, um wieder ein ordentlicher, anstndiger Mensch zu werden. 

Er beklagte tief seine sexuelle Perversion, die er als eine zwar krank- 
hafte, aber erworbene beurtheilte. Er machte kein Hehl daraus, dass er sich 
jungen Mnnern gegenber nicht beherrschen knne, ebensowenig knne er 
dafr gut stehen, dass er sich von Onanie, zu der er faute de mieux ge- 
zwungen sei, zu enthalten vermge. Nur ein mchtiger, ihm aufgedrungener 
Wille vermchte ihn dagegen zu schtzen. 

Seine mannmnnliche Liebe habe bisher ausschliesslich in mutueller 
Onanie bestanden; Erection trete erst bei Berhrung geliebter Mnner ein, die 
Ejaculation erfolge frh, aber blosse Umarmung genge nicht. In einer be- 
sonderen sexuellen Rolle habe er sich dem Manne gegenber nicht gefhlt. 
Genitalien und vegetative Organe normal. 

Neben Anordnung einer Behandlung contra neurastheniam wurde am 
8. April mit einer hypnotisch-suggestiven begonnen. 

Die Hypnose gelang leicht durch blosses Anblicken und Verbalsuggestion. 
Nach einer halben Minute verfiel Pat. in tiefes Engourdissement mit katalepti- 
formem Verhalten der Muskulatur. Die Erweckung geschah, indem man Er- 
wachen beim Zhlen auf 3 suggerirte. Posthypnotische Suggestionen waren 
jeweils erzielbar. Die intrahypnotischen Suggestionen erstreckten sich auf 

1) das Verbot der Onanie, 

2) die Aufforderung, mannmnnliche Liebe verchtlich, abscheulich zu 
finden und sie fr unmglich zu erklren, 



314 Contrre Sexualempfindung. 

3) den Befehl, ausschliesslich Damen schn zu finden, sich ihnen zu nhern, 
von ihnen zu trumen, bei ihrem Anblick Libido und Erection zu 
bekommen. 

Die Sitzungen fanden tglich statt. Am 14. April meldete Pat. mit 
Genugthuung und einer Art sittlicher Befriedigung, dass er mit Genuss coitirt 
und tardiv ejaculirt habe. 

Am 16. fhlte er sich frei von masturbatorischen Anwandlungen, zum 
Weibe hingezogen , ganz gleichgltig gegenber Mnnern. Er trume von 
weiblichen Reizen und weiblichem Umgang. 

Am 1. Mai erscheint und fhlt sich Pat. sexuell ganz normal. Er ist 
physisch eine ganz andere Persnlichkeit geworden, voll Muth und Selbst- 
vertrauen. 

Er coitirt normal mit voller Befriedigung und glaubt sich vor Rck- 
fall sicher. 

In einem spteren Briefe schreibt Herr P. : 

Wie es nicht anders denkbar ist, befinde ich mich fortdauernd befreit 
von jenen Verirrungen. Das Einzige, was noch an die dunkle Zeit erinnert, 
sind die allerdings seltenen Trume aus der trostlosen Vergangenheit, die zu 
bannen nicht in meiner Macht steht und die mich zuweilen sogar angenehm 
in Gedanken beschftigen. Durch eigenen Willen, so hoffe ich, wirde a mir 
aber in Blde doch gelingen, ihrer ganz und gar los zu werden. Sollte ich 
je wieder schwach werden, so werden mich Ihre eindringlichen Vorstellungen 
ich bin dessen gewiss energisch widerstehen lassen, und ich werde nicht 
unterliegen." 

Am 20. Oktober 1890 schrieb mir P. : 

Von Onanie bin ich vllig geheilt, und die mannmnnliche Liebe 
findet keinen Gefallen bei mir. Die volle Potenz scheint jedoch noch nicht 
wiedergekehrt, trotzdem ich solid lebe. Gleichwohl fhle ich mich zu- 
frieden." 

Weitere Flle von durch hypnotische Suggestivbehandlung beseitigter, 
erworbener contrrer Sexualempfindung siehe Wetterstrand, Der Hypnotismus 
und seine Anwendung in der praktischen Medicin, 1891 p. 52 u. ff.; Bern- 
heim, Hypnotisme", Paris 1891 etc p. 38; meine Psychopathia sexualis, 8. Aufl., 
Beob. 136. 

Die vorausgehenden Thatsachen des Erfolges hypnotischer 
Suggestion gegenber Fllen von erworbener contrrer Sexual- 
empfindung lassen an die Mglichkeit denken, auch Unglcklichen, 
welche mit angeborener Perversion der Sexualempfindung behaftet 
sind, einiger massen Hlfe zu bringen. 

Allerdings ist die Situation hier eine ganz andere, insofern 
eine angeborene Anomalie zu bekmpfen, eine krankhafte psycho- 
sexuale Existenz zu vernichten und eine neue gesunde zu 
schaffen wre. 

Am gnstigsten liegen noch die Verhltnisse beim psych o- 
sexualen Hermaphroditen, wo wenigstens Rudimente hetero- 



Therapie. 315 

sexualer Empfindung suggestiv gekrftigt und zur Geltung gebracht 
werden knnen. 

Beobachtung 132. Herr v. X., 25 Jahre, Gutsbesitzer, stammt von 
neuropathischem, jhzornigem Vater. Derselbe soll sexuell normal sein. Die 
Mutter war nervenleidend, gleichwie 2 ihrer Schwestern. Muttersmutter war 
nervs, Muttersvater ein Lebemann, in Venere hchst ausschweifend. Pat. ist 
der Mutter nachgeartet, einziges Kind. Er war von Geburt an schwchlich, 
litt viel an Migrne, war nervs, machte verschiedene Kinderkrankheiten durch, 
ergab sich vom 15. Jahre an der Onanie ohne Verfhrung. 

Bis zum 17. Jahre will er weder fr das weibliche noch fr das mnn- 
liche Geschlecht irgend eine Neigung gefhlt haben; nun erwachte Neigung 
zum Manne. Er verliebte sich in einen Kameraden. Dieser erwiderte seine 
Liebe. Die Beiden umarmten, kssten, masturbirten einander. Gelegentlich 
bte Pat. Coitus inter femora viri aus. Pderastie perhorrescirte er. 

Lascive Trume drehten sich nur um Mnner. Im Theater und Circus 
interessirten nur solche. Die Neigung richtete sich auf etwa 20jhrige. Schner 
ppiger "Wuchs war Pat. sympathisch. 

Unter dieser Voraussetzung war ihm der Stand des betreffenden Mannes 
ganz gleichgltig. Er fhlte sich in seinen sexuellen Rencontres immer in 
mnnlicher Rolle. 

Vom 18. Jahre an war Pat. der Gegenstand der Sorge seiner hochacht- 
baren Familie, da er eine Liebschaft mit einem Kellner anfing, sich dadurch 
auffllig, lcherlich machte und ausbeuten Hess. Man nahm ihn heim. Er 
trieb sich mit Bedienten, Stallknechten herum. Es gab Scandal. Man schickte 
ihn auf Reisen. In London hatte er eine Chantage-Affaire. Es gelang ihm, 
in sein Heimathland zu entfliehen. 

Auch durch diese bittere Erfahrung blieb er ungewitzigt und zeigte 
neuerlich fatale Inclinationen zu mnnlichen Personen. Man sandte Pat. zu 
mir behufs Heilung von seiner fatalen Neigung. (December 1888.) Pat. 
ist ein grosser, stattlicher, robuster, gut genhrter junger Mann von durchaus 
mnnlichem Bau, grossen, gut entwickelten Genitalien. Gang, Stimme und 
Haltung sind mnnlich. Ausgesprochene mnnliche Passionen hat er nicht. 
Er raucht wenig und nur Cigaretten, trinkt sehr wenig, liebt Sssigkeiten , 
Musik, schne Knste, Eleganz, Blumen, verkehrt mit Vorliebe in Damenkreisen, 
trgt Schnurrbart, sonst aber das Gesicht glatt rasirt. Seine Kleidung hat 
nichts Stutzerhaftes. Er ist ein weichlicher, blasser Mensch, ein vornehmer 
Bummler und Tagedieb, schwer vor Mittags aus dem Bette zu bringen. Seine 
Neigung zum eigenen Geschlecht will er nie als etwas Krankhaftes empfunden 
haben. Er hlt sie fr angeboren , mchte , durch ble Erfahrungen belehrt, 
von seiner Perversion loskommen, vertraut aber wenig seiner eigenen Kraft. 
Er habe es schon versucht, gerathe dann aber wieder gleich in Masturbation, 
die er als schdlich empfinde, da sie (brigens leichte) neurasthenische Be- 
schwerden mache. Moralische Defekte bestehen nicht. Die Intelligenz steht 
ein wenig unter dem Durchschnittsmittel. Sorgfltige Erziehung und aristo- 
kratische Manieren stehen zu Gebot. Das exquisit neuropathische Auge ver- 
rth die nervse Constitution. Pat. ist kein vollkommener und hoffnungsloser 
Urning. Er besitzt heterosexuale Empfindungen, aber seine 



316 Contrre Sexualempfindung. 

sinnlichen Regungen gegenber dem schnen Geschlecht 
treten nur selten und schwach zu Tage. 19 Jahre alt wurde er 
von Freunden zum erstenmal in ein Lupanar gelockt. Er empfand keinen 
Horror feminae, hatte ausreichende Erectionen, coitirte mit einigem Genuss, 
jedoch ohne das intensive Wollustgefhl, das er bei mnnlicher Umarmung 
empfand. 

Seither versicherte Pat. noch sechsmal coitirt zu haben, zweimal sua 
sponte. Er versichert jederzeit dazu in der Lage zu sein, jedoch nur faute de 
mieux, etwa wie ihm Masturbation, wenn ihn der sexuelle Drang plagt, als 
Surrogat fr mannmnnlichen Verkehr diene. Er habe sogar schon an die 
Mglichkeit gedacht, eine sympathische Dame zu finden und zu heirathen. Den 
ehelichen Umgang und die definitive Abstinenz vom Manne wrde er freilich 
als harte Pflichten betrachten. 

Da hier doch Rudimente heterosexualen Fhlens vorhanden waren und 
der Fall nicht als hoffnungslos betrachtet werden konnte, erschien mir ein 
therapeutischer Versuch geboten. Die Indicationen waren klar genug, aber 
auf den Willen des schlaffen und seiner fatalen Lage sich keineswegs klar be- 
wussten Patienten kein Verlass. Es lag nahe, in der Hypnose eine Sttze fr 
den moralischen rztlichen Einfluss zu suchen. Die Erfllung dieser Hoffnung 
erschien zweifelhaft durch die Mittheilung des Pat., der bekannte Hansen 
habe wiederholt vergebens Hypnose bei ihm versucht. 

Gleichwohl musste dieser Versuch aus Rcksicht fr die wichtigsten 
socialen Interessen des Pat. wiederholt werden. Zu meinem grossen Erstaunen 
fhrte die Bernheim'sche Methode sofort zu tiefem Engourdissement mit 
Mglichkeit posthypnotischer Suggestion. 

Bei der 2. Sitzung gelingt Somnambulismus durch blosses Anblicken. 
Pat. ist nach jeder Richtung hin suggestibel, man kann durch Streichen der 
Haut Contracturen hervorrufen. Die Erweckung geschieht durch Zhlen auf 3. 
Pat. hat Amnesie ausserhalb der Hypnose fr alles in dieser Geschehene. Diese 
wird nun jeden 2. 3. Tag behufs Ertheilung hypnotischer Suggestionen vor- 
genommen. Daneben Traitement moral und Hydrotherapie. 

Die in Hypnose ertheilten Suggestionen sind folgende : 

1) Ich verabscheue die Onanie, denn sie macht siech und elend; 

2) ich habe keine Neigung mehr zum Manne, denn die Liebe zum 
Manne ist gegen die Religion, gegen die Natur und gegen das 
Gesetz; 

3) ich empfinde Neigung zum Weib , denn das Weib ist lieb und 
begehrenswerth und fr den Mann geschaffen. 

Pat. sagt in den Sitzungen jeweils diese Suggestionen verbotenus auf. 
Schon nach der 4. Sitzung fllt es auf, dass Pat. in Kreisen, in welchen er 
eingefhrt ist, Damen die Cour macht. Kurz darauf, als eine berhmte Sn- 
gerin gastirt, ist er Feuer und Flamme fr sie. Einige Tage spter erkundigt 
sich Pat. sogar nach der Adresse eines Lupanar. 

Gleichwohl sucht Pat. noch mit Vorliebe die Gesellschaft der jungen 
Herren auf, jedoch ergibt die genaueste Ueberwachung durchaus nichts Ver- 
dchtiges. 

17. Februar. Pat. bittet um Erlaubniss zu coitiren und ist von seinem 
Debt bei einer Dame der Halbwelt sehr befriedigt. 



Therapie. 317 

16. Mrz. Bisher etwa zweimal per Woche Hypnose. Pat. kommt durch 
einfaches Anblicken jeweils in tiefen Somnambulismus, sagt auf Verlangen seine 
Suggestion auf, ist beliebiger posthypnotischer Suggestion zugnglich , weiss 
im wachen Zustande nicht das Mindeste von den Beeinflussungen im hypno- 
tischen Zustand. In diesem versichert er jeweils von Onanie und sexuellen 
Gefhlen gegenber Mnnern ganz frei zu sein. Da er stereotyp in Hypnose 
dieselben Antworten gibt, z. B. an dem so und so vielten zum letztenmal 
onaniit zu haben, und zu tief unter dem Willen des Arztes steht, um lgen 
zu knnen, verdienen seine Angaben allen Glauben, zumal da er blhend aus- 
sieht, frei von allen neurasthenischen Beschwerden ist, im Verkehr mit Herren 
nicht im geringsten mehr bedenklich ist, und ein offenes, freies, mannhaftes 
Wesen entwickelt. 

Da er zudem aus eigenem Antrieb ab und zu und mit Genuss coitirt, 
gelegentliche Pollutionen nur mehr durch lascive Traumbilder, welche weib- 
liche Personen betreffen, ausgelst werden, kann an der gnstigen Umwand- 
lung der Vita sexualis nicht mehr gezweifelt werden und lsst sich annehmen, 
dass die hypnotischen Suggestionen nunmehr zu festen autosuggestiven Direc- 
tiven des ganzen Fhlens, Vorstellens und Strebens geworden sind. Eine Natura 
frigida drfte Pat. wohl immer bleiben , aber er spricht fter vom Heirathen 
und seinem Vorsatz, sobald er eine ihm sympathische Dame kennen lernt, um 
sie zu werben. Pat. wird aus der Behandlung entlassen. (Eigene Beobachtung. 
Internat. Centralblatt fr die Physiol. u. Pathol. der Harn- und Sexualorgane, 
Band I.) 

Im Juli 1889 erhielt ich einen Brief des Vaters, welcher volles Wohl- 
befinden und Wohlverhalten seines Sohnes meldet. 

Am 24. Mai 1890 traf ich zufllig meinen frheren Pat. auf einer 
Reise. Sein blhendes frisches Aussehen liess Gnstiges vermuthen. Er theilte 
mit, dass er zwar noch einzelne Mnner sympathisch finde, aber nie mehr 
Anwandlungen im Sinne mannmnnlicher Liebe verspre. Er coitire gelegent- 
lich mit vollem Genuss mit Frauenzimmern und denke jetzt ernstlich an 
Heirath. 

Ich hypnotisirte Pat. probeweise in der frheren Weise und fragte nach 
den Befehlen, die ich ihm seiner Zeit ertheilt habe. In tiefem Somnambulis- 
mus, mit ganz demselben Tonfall wie frher, sagte Pat. seine im December 
1888 erhaltenen Suggestionen her jedenfalls ein zutreffendes Beispiel der 
mglichen Dauer und Macht posthypnotischer Suggestion. 

Beobachtung 133. Psychische Hermaphr odisie. Erfolgreiche 
Behandlung durch hypnotische Suggestion. Herr Z., 29 Jahre, be- 
hauptet von gesunden Grosseltern, gesundem Vater, aber nervser Mutter zu 
stammen. Er ist einziges Kind, wurde von der Mutter verzrtelt. 8 Jahre 
alt wurde, er sexuell mchtig durch einen Bedienten erregt, der ihm porno- 
graphische Bilder und seinen Penis zeigte. 

Mit 12 Jahren verliebte sich Z. in seinen Hauslehrer. Beim Einschlafen 
erschien ihm das Bild dieses Mannes in nackter Gestalt. Er dachte sich diesem 
gegenber in weiblicher Situation und schwelgte in dem Gedanken, diesen ein- 
mal zu heirathen. 

Mit 13 Jahren auf einem Hausball ei'regte jedoch eine junge Gouver- 



318 Contrre Sexualempfindung. 

nante seine Phantasie und mit 15 Jahren verliebte er sich in eine junge Dame. 
Er blieb sinnlich sehr erregbar, jedoch in der Folge ausschliesslich durch sym- 
pathische Mnner. Masturbation kam nicht vor. 

20 Jahre alt wurde Pat. neurasthenisch (ex abstinentia?). Er versuchte 
nun Coitus, ressirte nicht. Dafr bekam er mchtige Libido, als er Gelegen- 
heit hatte, in einem Dampfbad viri nudi ansichtig zu werden. Dieser bemerkte 
seine Erregung, machte sich an ihn, masturbirte ihn, was Pat. grossen Genuss 
gewhrte. Er fhlte sich mchtig zu diesem Manne hingezogen, Hess sich von 
ihm weiter masturbiren. Dazwischen Coitusversuche mit Frauenzimmern, die 
aber jeweils mit Fiasco endigten. Pat. war sehr betrbt darber, consultirte 
Aerzte, die seine Impotenz mit Nervositt erklrten und meinten, das werde 
sich bald geben. 

Bis zum 25. Jahre bestand seine sexuelle Befriedigung in etwa einmal 
monatlich erfolgender Masturbation durch den geliebten Mann. Zu dieser Zeit 
fhlte er sich zum letztenmal zu einem Weibe hingezogen. Es war eine Bauern- 
jungfer. Diese zeigte sich seinen Wnschen unzugnglich. Da zugleich der 
Geliebte nicht mehr erreichbar wurde, verfiel Pat. auf Automasturbation. Seine 
Neurasthenie steigerte sich in Folge dessen sehr. Er konnte deshalb seine 
Studien nicht beendigen, wurde leutscheu, dysthymisch, abulisch, machte nun 
erfolglos verschiedene Kuren in hydropathischen Etablissements. Wegen fort- 
dauernder schwerer (cerebrospinaler) Neurasthenie kam Pat. Ende Februar 1890 
zu mir, um sich Raths zu erholen. 

Grosser, schlanker Mann von aristokratischen, entschieden mnnlichen 
Manieren, neuropathische Erscheinung, grosse, in der Wangenhaut leistenartig 
sich verlierende Ohrlppchen. Ganz normale Genitalien. Gewhnliches Bild 
einer cerebrospinalen Neurasthenie massigen Grades. Grosse Verstimmung, 
Klagen, dass das Leben so unbefriedigend erscheine bis zum Taedium vitae, 
peinlich berhrt von seiner sexuellen Abnormitt, zumal da er von seiner 
Familie gedrngt werde, zu heirathen. 

Am Weib interessire ihn nur die Psyche, nicht der Krper. Sexuell 
habe er nur Neigung zu Mnnern und zwar solchen von Distinction. Seine 
Trume haben sich noch nie um Personen des eigenen, sondern nur um solche 
des anderen Geschlechts gedreht. In diesen wollstigen Trumen habe er sich 
in der Rolle des Weibes gesehen. 

Die raffinirteste Puella habe ihn nie zu Erection oder gar zu Libido zu 
bringen vermocht. 

Sein sexueller Verkehr mit Mnnern habe in passiver oder mutueller 
Masturbation bestanden. Automasturbation habe er nur selten und faute de 
mieux sich ergeben. Seit 5 Monaten habe er sich derselben enthalten, seit 
August 1889 auch keinen mannmnnlichen Umgang mehr gehabt. 

Versuch einer Hypnose nach Bernheim's Methode schlgt fehl; lngeres 
Streichen der Stirn bringt tiefes Engourdissement mit Katalepsie hervor. 

Diese Methode wird bentzt, um bei dem bedauernswerthen Kranken 
eine Suggestionsbehandlung durchzufhren. Der hypnotische Zustand ist immer 
der gleiche, zu Somnambulismus ist er nicht zu bringen. 

In der 3. Sitzung erhlt Pat. die Suggestionen: Onanie und Mnnerliebe 
abscheulich, Weiber schn zu finden, von solchen zu trumen. 

Nach der 6. Sitzung (10. Mrz) vollzieht sich ein sichtlicher Umschwung 



Therapie. 319 

m der psychischen Existenz. Pat. wird ruhiger, fhlt sich freier, trumt ab 
und zu von Weibern, nicht mehr von Mnnern, findet, dass sie ihm ganz gleich- 
gltig werden, berichtet mit Genugthuung, dass er gar keine Anwandlungen 
zu Masturbation mehr habe. Er nhert sich dem schnen Geschlecht, bemerkt 
aber, dass dasselbe nicht die mindeste Anziehungskraft fr ihn habe. 

Am 19. Mrz rufen Geschfte den Pat. nach seiner Heimath, so dass die 
Behandlung abgebrochen werden muss. 

Am 17. Mai 1890 kehrt Pat. in die Behandlung zurck. Er versichert, 
inzwischen nicht mehr masturbirt, seinem Trieb zu Mnnern widerstanden zu 
haben. Auch habe er nicht mehr von solchen getrumt, 2mal sogar von Frauen, 
aber ganz platonisch. Seine cerebrale Asthenie (ex abstinentia?) ist gesteigert. 
Er leidet offenbar unter dem Mangel einer seelischen und sinnlichen Be- 
friedigung seiner Vita sexualis, da homosexuale Liebe und Masturbation ihm 
unmglich geworden sind , aber auch der Umgang mit dem Weibe ihm ver- 
sagt ist. Pat. ist davon peinlich berhrt bis zu Taed. vitae. 

Er wird nun einer antineurasthenischen Behandlung (Hydro-Electro- 
therapie) unterworfen und die hypnotische Behandlung wieder aufgenommen. 
Erst nach 10 Wochen mhsamer Behandlung schwinden die neurasthenischen 
Beschwerden. Damit geht parallel eine Aenderung der psychischen Persn- 
lichkeit. 

Pat. bemerkt mit Genugthuung, dass er krftiger wird, dass sein Sexual- 
leben keine dominirende Rolle mehr spielt. Er fhlt sich zwar eher zum 
Manne hingezogen , als zum Weib , widersteht aber leicht homosexualen Ge- 
lsten. Aus seinem bisherigen Boudoir wird ein Arbeitszimmer, statt Putz und 
frivoler Lektre treibt er sich nun in Bergen und Wldern herum. Der Ge- 
fahren eines Fiasco wegen wird die Initiative auf heterosexualem Gebiet dem 
Pat. berlassen. 

Erst in der 14. Kurwoche stellt er sich selbst auf die Probe. Sie fllt 
glnzend aus. Pat. wird ein frhlicher Mensch, gesund an Leib und Seele, 
ussert die besten Hoffnungen bezglich seiner Zukunft und selbst Heiraths- 
gedanken. 

Er empfindet wachsenden Genuss in normalem sexuellem Verkehr, hat 
gelegentlich lascive, Weiber betreffende Trume, trumt nie mehr von Mnnern. 

Ende September beendet Pat. seine Kur. Er fhlt sich ganz normal 
im heterosexualen Verkehr, von seiner Neurasthenie befreit und trgt sich mit 
Heirathsabsichten. Gleichwohl bekennt er offen, dass er noch immer Erection 
bekomme, wenn er eines nackten hbschen Mannes ansichtig werde, jedoch 
widerstehe er mit Leichtigkeit auftauchenden Gelsten und habe in seinem 
Traumleben ausschliesslich relations avec la femme". 

Im April 91 sah ich Pat. in bestem Wohlsein wieder. Er hlt seine 
Vita sexualis fr vollkommen sanirt, insofern er regelmssig mit vollem Genuss 
und voller Potenz coitirt, nur von Weibern trumt, nie mehr Anwandlungen 
zu Masturbation hatte. Gleichwohl macht er das interessante Gestndniss, 
dass er hufig post coitum noch flchtig und leicht beherrschbar got pour 
l'homme" habe. Er hlt sich fr dauernd hergestellt und trgt sich mit 
Heirathsgedanken. 

Weitere Flle siehe meine Psychopathia sexualis. 8. Aufl., Beob. 137. 
138. 140. 141. 



320 Contrre Sexualempfindung. 

Dass auch bei den schwersten Fllen angeborener contrrer 
Sexualempfindung Suggestionsbehandlung Erfolg haben kann, lehren 
Flle des Verf. und von Ladame, in welchen wenigstens die Ab- 
suggerirung homosexueller Empfindungen und damit die (gegenber 
der Gefahr von Schande und richterlicher Verfolgung) wohlthtige 
sexuelle Neutralisirung gelang. 

Aber auch Ersetzung der homosexualen Empfindung durch 
heterosexuale, selbst mit Potenz, gelang Wetterstrand (berichtet 
von Schrenck, op. cit. als Fall 49), Bernheim (bei Schrenck 
Fall 51), Mller (Schrenck op. cit. Fall 53), Schrenck (op. cit. 
Fall 66, 67), dem Letzteren sogar in Fllen von Effeminatio (Schrenck 
op. cit. Fall 62. 63). 

Nur da, wo die Hypnose zum Somnambulismus vertieft werden 
kann, lassen sich brigens solche entscheidende und dauernde Er- 
folge erhoffen. Vor Illusionen drfte gleichwohl zu warnen sein. 



IV. Specielle Pathologie. 



Die Erscheinungen krankhaften Sexuallebens in den verschiedenen 
Formen und Zustnden geistiger Strung. 

Psychische Entwicklungshemmungen. 

Das Geschlechtsleben ist bei den Idioten im Allgemeinen wenig 
entwickelt. Es fehlt sogar gnzlich bei den Idioten hohen Grades. 
Die Genitalien sind dann hufig klein und verkmmert, die Men- 
struation tritt spt oder gar nie ein. Es besteht Impotenz resp. 
Sterilitt. Auch bei hherstehenden Idioten steht das Geschlechts- 
leben nicht im Vordergrund. In seltenen Fllen tritt es mit einer 
gewissen Periodicitt und dann mit grosser Intensitt zu Tage. Es 
kann sogar brunstartig erscheinen und strmisch befriedigt werden. 
Perversionen des Geschlechtstriebs scheinen auf tiefer Stufe der 
geistigen Entwicklung nicht vorzukommen. 

Wird dem Drang nach sexueller Befriedigung Widerstand 
geleistet, so entstehen hier mchtige Affekte mit gefhrlichen Ge- 
walthandlungen gegen die betreffenden Personen. Dass der Idiot 
in der Befriedigung seines Triebs nicht whlerisch ist und sich 
selbst an den nchsten Anverwandten vergreift, ist begreiflich. 

So berichtet Marc-Ideler (a. a. 0.) von einem Idioten, der seine 
eigene Schwester stupriren wollte und sie fast erwrgt htte, als man ihn 
daran hinderte. 

Einen analogen Fall th eilte Friedreich (Friedreich's Bltter 1858, 
p 50) mit. 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 21 



322 ^as krankhafte Sexualleben 

Flle von Unzuchtsvergehen mit kleinen Mdchen habe ich wiederholt 
begutachtet. 

Auch Giraud (Annal. med. psych. 1885, Nr. 1) theilt einen bezglichen 
Fall mit. Die Einsicht in die Bedeutung der That fehlt immer, ein instinctives 
Bewusstsein, dass dergleichen obscne Handlungen ffentlich nicht zulssig 
sind, ist vielfach vorhanden und veranlasst dann zur Vornahme der geschlecht- 
lichen Handlung an einsamem Orte. 

Bei den Imbecillen ist das Geschlechtsleben in der Regel ent- 
wickelt wie bei Vollsinnigen. Die sittlichen Hemmungsvorstellungen 
sind drftig und damit tritt es mehr weniger unverhllt zu Tage. 
Jedenfalls sind schon aus diesem Grund Imbecille strend in der 
Gesellschaft. Krankhafte Steigerung und Perversion des Triebes 
sind selten. 

Die hufigste Befriedigung des Sexualtriebs ist Onanie. An 
erwachsene Personen des anderen Geschlechts wagt sich der Schwach- 
sinnige selten. 

Hufig macht er sich mit Thieren zu schaffen. Die weitaus 
grssere Zahl von Thierschndern betrifft Imbecille. Ziemlich hufig 
sind auch Kinder Opfer ihrer Angriffe. 

Emminghaus (Machka's Handb. IV. p. 234) weist auf die Hufigkeit 
der ungenirten Manifestation sexueller Triebe hin, die sich in ffentlicher 
Masturbation, Exhibition der Genitalien, Angriffen auf Kinder, auch solche 
des eigenen Geschlechts, und in Sodomie ussern. 

Giraud (Annal. med. psychol. 1855, Nr. 1) hat eine ganze 
Serie von unsittlichen Attentaten an Kindern mitgetheilt 1 ). 

1) H, 17 Jahre alt, imbecill, hat ein kleines Mdchen in einer Scheune 
mit Nssen beschenkt. Genitalia puellae nudavit, sua genitalia ei ostendit et 
in abdomine infantis coitum conatus est. Der sittlich-rechtlichen Bedeutung 
der That ist er sich nicht bewusst. 

2) L., 21 Jahre alt, imbecill, degenerativ, ist mit Viehhten beschftigt. 
Da kommt seine 11jhrige Schwester mit einer 8jhrigen Gespielin und er- 
zhlt, wie gerade ein Unbekannter unzchtige Attentate an ihnen versucht hat. 
L. fhrt die Kinder sofort in ein unbewohntes Huschen, versucht Coitus an 
dem 8jhrigen Kind, lsst aber ab von ihm, da die Immissio nicht gelingt 
und das Kind schreit. Auf dem Heimweg verspricht er dem Kind, es zu 



*) Zahlreiche andere Flle s. Henke's Zeitschr. XXIII, Ergnzungsheft, 
p. 147. Comb es, Annal. med. psych. 1866. Liman, Zweifelh. Geistes- 
zustnde p. 389. Casper-Liman, Lehrb., 7. Aufl., Fall 295. Bartels, 
Friedreich's Bltter f. ger. Med. 1890, Heft 1. 



bei erworbenen geistigen Schwchezustnden. 323 

heirathen, wenn es nichts verrathe. Vor dem Richter meinte er, durch Heirath 
knne er sein Unrecht gut machen. 

3) G., 21 Jahre alt, mikrocephal, imbecill, seit dem 6. Jahre Masturbant, 
spter bald aktiver, bald passiver Pderast, hat wiederholt Knaben zu pde- 
rastiren versucht und kleine Mdchen attaquirt. Er war absolut einsichtslos 
fr seine Handlungen. Seine sexuellen Gelste kamen zeitweise und brunst- 
artig wie beim Thier 1 ). 

4) B., 21 Jahre alt, imbecill, verlangt, allein mit der 19jhrigen Schwester 
im Wald, von dieser Gestattung des Coitus. Sie weigert sich. Er droht sie 
zu erwrgen, sticht sie mit dem Messer. Das gengstigte Mdchen reisst ihn 
am Penis, worauf er von ihr ablsst und ruhig an seine Arbeit zurckkehrt. 
B. hat mikrocephalen difFormen Schdel, ist einsichtslos fr seine That. 

Emrainghaus (op. cit. p. 234) theilt den Fall eines Exhibitio- 
nisten mit. 

B eobachtung 134. Ein 40 Jahre alter Mann, verheirathet, hatte 16 Jahre 
hindurch in Parkanlagen und anderen ffentlichen Orten in der Dmmerung 
vor kleinen Mdchen, weiblichen Dienstboten u. s. w. exhibitionirt und dabei 
durch Pfeifen auf sich aufmerksam gemacht. Von Auflauernden oft geprgelt, 
hatte er knftig die betreffenden Orte gemieden, jedoch im Uebrigen sein 
Treiben anderwrts fortgesetzt. Hydrocephalus. Schwachsinn leichten Grades. 
Geringe Bestrafung. 

Beobachtung 135. X., aus erblich belasteter Familie, imbecill, defekt 
und verschroben im Denken, Fhlen und Streben, hat es durch Protection und 
Nachhilfe bis zum Referendar gebracht. Accusatus est quod iterum iterumque 
ancillis genitalia sua ostendit et superiorem corporis partem de fenestra de- 
monstravit. Sonst keine Erscheinungen von Geschlechtstrieb. Angeblich keine 
Masturbation. (Sander, Archiv f. Psych. I. p. 655.) 

Beobachtung 136. Pderastirung eines Kindes. Am 8. April 
1884 Morgens 10 Uhr gesellte sich zur X., welche einen 16 Monate alten 
Knaben auf dem Schoss hielt, auf ffentlicher Strasse ein gewisser Vallario 
und nahm der X. das Kind ab, vorgebend, es etwas spazieren tragen zu wollen. 
Er ging x \i Kilometer fort, kam zurck, erklrte, der Knabe sei ihm vom Arm 
gefallen und habe sich dabei am After verletzt. Dieser war geschlitzt und 
es ergoss sich aus ihm Blut. Am Thatort fanden sich Spuren von Sperma vor. 
V. gestand sein scheussliches Verbrechen, benahm sich aber in der Haupt. 
Verhandlung so sonderbar, dass eine Prfung seines Geisteszustandes verfgt 
wurde. Den Gefngnisswrtern hatte er den Eindruck eines Imbecillen ge- 
macht. V., 45 Jahre, Maurer, moralisch und intellectuell defectiv, ist doli- 
chomikrocephal, hat schmalen , verkmmerten Gesichtsschdel , asymmetrische 
Gesichtshlfte und Ohren, niedere, fliehende Stirn. Genitalien normal. V. zeigt 



*) Weitere Flle von Pderastie s. Casper, Klin. Novellen, Fall 5. 
Combes, Annal. med. psychol. 1866, Juli. 



324 D as krankhafte Sexualleben 

allgemein herabgesetzte Hautsensibilitt, ist imbecill, verfgt nicht ber Be- 
griffe. Er lebt in den Tag hinein, lebt fr sich, thut nichts aus eigener Ini- 
tiative. Er ist wunschlos, gemthlos, hat nie coitirt. Ueber seine Vita sexualis 
ist sonst nichts heraus zu bekommen. Nachweis der intellectuellen und mora- 
lischen Idiotie aus Mikrocephalie ; Zurckfhrung des Verbrechens auf einen 
perversen, unbeherrschbaren Sexualtrieb. Versetzung in ein Irrenbaus. (Virgilio, 
II Manicomio V. Jahrgang Nr. 3.) 

Dass imbecille Frauenspersonen durch schamlose Prostitution 
und andere Unsittlichkeiten anstssig werden knnen, lehrt ein von 
L. Meyer (Arch. f. Psych. Bd. I, p. 103) besprochener Fall 1 ). 



Erworbene geistige Schwchezustnde. 

Der mannigfachen Anomalien der Vita sexualis bei Dementia 
senilis wurde schon in der allgemeinen Pathologie gedacht. Bei 
den anderweitigen erworbenen geistigen Schwchezustnden, wie 
sie durch Apoplexie, Trauma capitis entstehen oder als Secundr- 
stadien nach nicht zum Ausgleich gelangten Psychosen oder auf 
Grund chronisch entzndlicher Vorgnge in der Hirnrinde (Lues, 
Dem. paralytica) vorkommen, scheinen Perversionen des Geschlechts- 
triebs selten zu sein und die geschlechtlich anstssigen Handlungen 
auf blosser krankhafter Steigerung oder ungehemmter Geltend- 
machung eines an und fr sich nicht abnormen Geschlechtslebens 
zu beruhen. 



1) Consecntive Geistesschwche nach Psychosen. 

Casper (Klin. Novellen, Fall 31) theilte einen hieher ge- 
hrigen Fall von Unzucht mit einem Kinde mit, deren sich ein 
Dr. med., 33 Jahre alt, secundr geistesschwach nach hypochon- 
drischer Melancholie, schuldig gemacht hatte. Er entschuldigte sich 
in hchst lppischer Weise, hatte keine Einsicht fr die sittlich- 
rechtliche Bedeutung der Handlung, die offenbar die Folge eines 
durch geistige Schwche nicht beherrschbaren sexualen Triebs war. 

Einen analogen Fall stellt der 21. in Liman's Zweifelhafte 



*) S. f. Sander, Viertel] ahrsschr. f. ger. M. XVIII, p. 31. Casper, 
Klin. Novellen, Fall 27. 



bei erworbenen geistigen Schwchezustnden. 325 

Geisteszustnde" dar (Dementia aus Melancholie; Verletzung der 
Schamhaftigkeit durch Exhibition). 



2) Schwachsinn nach Apoplexie. 

Beobachtung 137. B., 52 Jahre alt, hatte eine Gehirnaffection durch- 
gemacht und in Folge derselben nicht mehr seinem Beruf als Kaufmann vor- 
zustehen vermocht. 

Eines Tages , in Abwesenheit seiner Frau , lockte er zwei kleine Md- 
chen in sein Haus, gab ihnen Spirituosen zu trinken, machte dann wollstige 
Manipulationen mit den Kindern, befahl ihnen, nichts zu verrathen und ging 
dann seinen Geschften nach. Die Expertise constatirte Schwachsinn nach 
wiederholter Apoplexie. B., der bisher musterhaft sich betragen hatte, will 
in seinem ihm selbst unerklrlichen Drang und seiner Sinne nicht mehr 
mchtig, die incriminirte Handlung begangen, und als er zu sich kam und 
des Geschehenen bewusst wurde, sich geschmt und die Mdchen gleich 
weggeschickt haben. B. war seit seinen apoplectischen Insulten geistig ge- 
schwcht, unfhig zum Beruf, halbgelhmt, in Sprache und Auffassung ver- 
langsamt. Er weinte oft ganz kindisch, hatte bald nach der Verhaftung 
einen ungeschickten Selbstmordversuch gemacht. Seine sittliche und intel- 
lectuelle Energie in der Bekmpfung sinnlicher Regungen war jedenfalls er- 
heblich geschwcht. Keine Verurtheilung. (Giraud, Annal. med. psychol. 
1881, Mrz.) 



3) Schwachsinn nach Kopfverletzung. 

Beobachtung 138. K. wurde 14 Jahre alt von einem Pferde an dem 
Kopf verletzt. Der Schdel war an mehreren Stellen gebrochen, mehrere 
Knochenstcke mussten entfernt werden. 

Von da an erschien K. geistig beschrnkt, leidenschaftlich aufbrausend. 
Allmhlig entwickelte sich eine unmssige, wahrhaft thierische, ihn zu den 
unzchtigsten Handlungen anleitende Sinnlichkeit. Eines Tages notzchtigte 
er ein 12jhriges Mdchen und erwrgte es, da er die Entdeckung der That 
besorgte. Verhaftet gestand er. Der Gerichtsarzt erklrte ihn fr zurech- 
nungsfhig. Hinrichtung. 

Die Section ergab Verwachsung fast aller Schdelnhte , auffallende 
Asymmetrie der Schdelhlften, Spuren geheilter Schdelsprnge. Die afficirte 
Gehirnhlfte war von strahligen Narbenmassen durchsetzt und um ein Drittel 
kleiner als die andere. (Friedreich's Bltter 1855, Heft 6.) 



4) Erworbene Geistesschwche, wahrscheinlich durch Lnes. 

Beobachtung 139. Offizier X. Saepius cum parvis puellis stupra 
fecit, eas masturbare ipsum iussit, genitalia sua ostendit earumrpie genitalia 

tetigit. 



326 Das krankhafte Sexualleben 

X., frher gesund und von tadelloser Auffhrung, war 1867 an Syphilis 
erkrankt. 1879 trat Lhmung des 1. Abducens ein. Man bemerkte in der 
Folge Gedchtnissschwche, Aenderung des ganzen Wesens und Charakters, 
Kopfweh, zeitweise Incohrenz der Rede, Verminderung der Gedankenschrfe 
und Logik, zeitweise Ungleichheit der Pupillen, Parese des rechten Mund- 
facialis. 

X., 37 Jahre alt, bietet bei der Exploration keine Spuren von Lues. Die 
Lhmung des Abducens besteht fort. Das linke Auge ist amblyopisch. Er 
ist geistig geschwcht, behauptet bei der Wucht der gegen ihn vorliegenden 
Beweise, es handle sich nur um ein harmloses Missverstndniss. Spuren von 
Aphasie. Gedchtnissschwche, namentlich fr Jngsterlebtes, Oberflchlichkeit 
der gemthlichen Reaktion, rasche geistige Erschpfbarkeit bis zum Versagen 
des Gedchtnisses und der Rede. Nachweis, dass der ethische Defekt und der 
perverse geschlechtliche Antrieb Symptome eines wahrscheinlich durch Lues 
bedingten krankhaften Hirnzustandes sind. 

Einstellung des Strafverfahrens. (Eigene Beobachtung. Jahrbcher fr 
Psychiatrie.) 

5) Dementia paralytica. 

Das Sexualleben ist hier in der Regel krankhaft mitafficirt, 
in den Anfangsstadien der Krankheit, sowie in episodischen Auf- 
regungszustnden gesteigert, zuweilen auch pervers; in den End- 
stadien des Leidens pflegen Libido und Potenz bis auf den Null- 
punkt zu sinken. 

Gerade wie im Prodromalstadium der senilen Formen begegnet 
man hier frh, neben mehr weniger deutlichen Ausfallserscheinungen 
in der sittlichen und intellectuellen Sphre, Aeusserungen eines zu 
Tage tretenden, jedenfalls gesteigerten Geschlechtstriebs (unzchtige 
Reden, Lascivitt im Verkehr mit dem anderen Geschlecht, Heiraths- 
plne, Besuch von Bordellen u. s. w.) mit fr die Umneblung des 
Bewusstseins charakteristischer Ungenirtheit. 

Verfhrung, Entfhrung, ffentliche Skandale sind hier an der 
Tagesordnung. Anfangs wird den Umstnden noch einigermassen 
Rechnung getragen, wenn auch der Cynismus der Handlungsweise 
auffllig genug ist. Mit fortschreitender geistiger Schwche werden 
derartige Kranke durch Exhibition, Masturbation auf offener Strasse, 
Unzucht mit Kindern anstssig. 

Kommt es zu psychischen Erregungszustnden, so werden auch 
wohl Nothzuchtsversuche begangen oder wenigstens grobe Ver- 
letzungen des Anstands, indem der Kranke Weiber auf der Strasse 
attaquirt, ffentlich in hchst defekter Toilette erscheint oder in 
solcher in fremde Huser eindringt, in der Absicht, mit der Frau 



bei Epileptikern. 327 

eines Bekannten zu cohabitiren, die Tochter des Hauses vom Fleck 
weg zu heirathen. 

Zahlreiche Flle dieser Kategorie finden sich bei Tardieu (Attentats 
aux moeurs); Mendel (Progr. Paralyse der Irren 1880: p. 123); Westphal 
(Archiv f. Psych. VII, p. 622) ; dass auch Bigamie hier vorkommen kann, lehrt 
ein Fall von Petrucci (Annal. med. psychol. 1875). 

Bezeichnend ist die brutale Rcksichtslosigkeit, mit welcher die 
Kranken in vorgerckten Stadien in der Befriedigung ihrer sexuellen Triebe 
vorgehen. 

In einem von Legrand (La folie p. 519) berichteten Falle wurde ein 
Familienvater auf offener Strasse masturbirend betroffen. Er verzehrte nach 
dem Akt sein Sperma! 

Ein von mir beobachteter Kranker, ein Offizier aus vornehmer Familie, 
machte am hellen Tage unzchtige Angriffe auf kleine Mdchen in einem 
Badeorte. 

Ein hnlicher Fall wird von Dr. Regis (De la dynamie ou exaltation 
fonctionnelle au debut de la paral. gen. 1878) berichtet. 

Dass auch Pderastie und Bestialitt im Prodromalstadium und Ver- 
lauf dieser Krankheit vorkommen, lehren Beobachtungen von Tarnowsky 
(op. cit. p. 82). 



Epilepsie. 

An die erworbenen psychischen Schwchezustnde reiht sich 
die Epilepsie an, weil sie hufig zu solchen fhrt und dann alle 
die Mglichkeiten bezglich einer rcksichtslosen Befriedigung des 
Geschlechtstriebs sich ergeben, die im Vorausgehenden besprochen 
wurden. Zudem ist der Geschlechtstrieb bei vielen Epileptischen 
ein sehr reger. Meist wird er durch Masturbation befriedigt, ab 
und zu durch Unzucht mit Kindern, Pderastie. Perversion des 
Triebs mit entsprechenden perversen geschlechtlichen Handlungen 
drfte selten vorkommen. 

Viel wichtiger sind die in der Literatur sich mehrenden Flle, 
in welchen Epileptiker intervallr keine Zeichen eines regen Ge- 
schlechtslebens bieten, wohl aber im Zusammenhang mit epilep- 
tischen Insulten und zur Zeit quivalenter oder postepileptischer 
psychischer Ausnahmezustnde. Diese Flle sind klinisch bisher 
kaum und forensisch gar nicht gewrdigt, verdienen aber ein ein- 
gehendes Studium, da gewisse Flle von Unzucht und Nothzucht 
dadurch einem richtigen Verstndniss entgegengefhrt und Justiz- 
morde vermieden werden. 



328 Das krankhafte Sexualleben 

Aus den folgenden Thatsachen drfte sich jedenfalls klar er- 
geben, dass die mit dem epileptischen Insult einhergehenden Hirn- 
vernderungen eine krankhafte Erregung des Geschlechtslebens 1 ) 
bedingen knnen. In psychischen Ausnahmezustnden ist der Epi- 
leptiker berdies vermge seiner Bewusstseinsstrung widerstands- 
los gegen seine Triebe. 

Ich sehe seit Jahren einen jungen Epileptiker, schwer belastet, der 
jeweils im Anschluss an gehufte Insulte sich auf seine Mutter strzt und sie 
stupriren will. Patient kommt nach einiger Zeit wieder zu sich mit Amnesie 
fr das Vorgefallene. Intervallr ist er ein streng sittlicher, geschlechtlich 
nicht bedrftiger Mann. 

Vor einigen Jahren lernte ich einen Bauernknecht kennen , der im Zu- 
sammenhang mit epileptischen Anfllen rcksichtslos onanirte, intervallr von 
tadellosem Verhalten war. 

Simon (Crimes et delits, p. 220) erwhnt eines 23jhrigen epeptischen 
Mdchens von bester Erziehung und strengster Sittlichkeit, das im Vertigo- 
anfall einige schlpfrige Worte vor sich hinspricht, dann die Kcke aufhebt, 
lascive Bewegungen macht und sein (geschlossenes) Unterbeinkleid zu zerreissen 
bemht ist. 

Kiernan (Alienist und Neurologist, Januar 1884) berichtet von einem 
Epileptiker, der als Aura von Anfllen jeweils die Vision eines schnen Weibes 
in lasciven Stellungen hatte und darber Ejaculation bekam. Nach Jahren, 
und unter Brombehandlung, stellte sich statt dieser Vision die eines Teufels 
ein, der mit einem Dreizack auf ihn losging. Im Momente, wo dieser ihn 
erreichte, wurde er regelmssig bewusstlos. 

Derselbe Autor erwhnt einen hchst ehrbaren Mann, der 2 3mal jhr- 
lich epileptische Anflle, gefolgt von Wuth und Dysthymie und pderastischen 
Antrieben in der Dauer von 8 14 Tagen, hatte ; ausserdem eine Dame, die im 
Klimakterium epileptische Anflle und im Zusammenhang damit sexuelle Im- 
pulse zu einem Knaben bekam. 

Beobachtung 140. W., unbelastet, frher gesund, vor und nachher 
geistig normal, still, gutmthig, sittlich, dem Trunk nicht ergeben, hatte am 
13. April 1877 keine Esslust. Am 14. Morgens sprang er in Gegenwart von 
Frau und Kindern auf, strzte sich auf eine anwesende Freundin seiner Frau, 
beschwor zuerst sie, dann seine Frau, ihn zum Coitus zuzulassen. Abgewiesen, 
bekam er einen epilepsieartigen Insult; im Anschluss daran tobte, zerstrte 



a ) Arndt, Lehrb. d. Psych, p. 410, hebt speciell das brnstige Element 
beim Epileptischen hervor. Ich habe E. gekannt, welche in sinnlichster Lust 
gegen ihre leibliche Mutter entbrannten, und solche, welche im Verdacht selbst 
seitens ihrer Vter standen, mit ihrer Mutter geschlechtlichen Umgang zu 
pflegen." Wenn A. aber behauptet, dass wo immer ein absonderliches sexuelles 
Leben besteht, vielleicht immer an ein epileptisches Moment zu denken sei, 
so ist er im Irrthum. 



bei Epileptikern. 329 

er, begoss die zu seiner Ergreifung Nabenden mit kochendem Wasser und 
warf ein Kind in den Ofen. Darauf wurde er bald ruhig, blieb noch einige 
Tage verworren und kam dann mit vlliger Amnesie fr alles Vorgefallene 
zu sich. (Kowalewsky, Jahrbcher f. Psych. 1879.) 

Ein weiterer, von Casper begutachteter Fall (Klin. Novellen, p. 267), 
in welchem ein sonst anstndiger Mann kurz hinter einander auf offener 
Strasse 4 Weiber attaquirte (das eine Mal sogar vor 2 Zeugen) und eines der- 
selben notzchtigte, whrend doch seine junge, nette, gesunde Frau" ganz 
in der Nhe wohnte, drfte ebenfalls mit (larvirter) Epilepsie in Verbindung 
zu bringen sein, zumal da der Betreffende Amnesie fr seine skandalsen Hand- 
lungen bot. 

Zweifellos klar ist die epileptische Bedeutung der sexuellen 
Akte in den folgenden Beobachtungen. 

Beobachtung 141. L., Beamter, 40 Jahre alt, liebevoller Gatte, guter 
Vater, hat whrend 4 Jahren 25 schwere Vergehen gegen die ffentliche 
Schamhaftigkeit begangen, wegen deren er lngere Freiheitsstrafen zu ver- 
bssen hatte. 

In den ersten 7 Anklagefllen war er beschuldigt, vor Mdchen von 
11 13 Jahren im Vorbeireiten seine Genitalien entblsst and sie mit obscnen 
Worten darauf aufmerksam gemacht zu haben. Sogar im Gefngniss hatte 
er sich genitalibus denudatis am Fenster, das auf eine belebte Promenade 
ging, gezeigt. 

L.'s Vater war geisteskrank, L.'s Bruder wurde einmal, bloss mit dem 
Hemde bekleidet, auf der Strasse betroffen. L. hatte whrend der Militr- 
dienstzeit 2mal tiefe Ohnmchten gehabt. Seit 1859 litt er an sich hufenden 
eigenthmlichen Schwindelanfllen er wurde dann ganz matt, zitterte am 
ganzen Krper, wurde leichenblass , es wurde ihm dunkel vor den Augen, er 
sah helle Sternchen flimmern und musste "sich sttzen, um nicht umzufallen. 
Nach heftigeren Anfllen grosse Mattigkeit, profuse Schweisse. 

Seit 1861 grosse Reizbarkeit, die dem sonst so belobten Beamten ernste 
Rgen im Dienst eintrug. Seine Frau fand ihn verndert er hatte Tage, 
an welchen er wie wahnsinnig im Hause herumlief, den Kopf zwischen den 
Hnden hielt, ihn an die Wand stiess und ber Kopfschmerz klagte. Im Sommer 
1869 strzte Pat. 4mal zu Boden, starr, mit offenen Augen daliegend. 

Auch die Dmmerzustnde wurden constatirt. 

L. behauptete von den ihm zur Last gelegten Vergehen nicht das Ge- 
ringste zu wissen. Die Beobachtung ergab weitere und heftigere Anflle von 
Vertigo epilept. L. wurde nicht verurtheilt. 1875 entwickelte sich Dementia 
paralytica mit baldigem tdtlichem Ausgang. Westphal, Arch. f. Psych. 
VII, p. 113.) 

Beobachtung 142. Ein 26 Jahre alter reicher Mann lebte seit 1 Jahr 
mit einem Mdchen, das er sehr liebte. Er cohabitirte selten, war nie pervers. 
2mal whrend dieses Jahres hatte er nach Excess in Alkohol epileptische 
Insulte gehabt. Am Abend nach einem Diner, wobei er viel Wein getrunken, 



330 Das krankhafte Sexualleben 

ging er in die Wohnung der Maitresse, festen Schrittes in deren Schlafzimmer, 
obgleich das Kammermdchen meldete, die Herrin sei nicht zu Hause; von 
da ging er in ein Zimmer, wo ein 14 jhriger Knabe schlief, und begann diesen 
zu nothzchtigen. Auf das Geschrei des Knaben, dem er das Prputium und 
die Hand verletzt hatte, eilte das Dienstmdchen herbei. Da liess er ab vom 
Knaben und that dem Mdchen Gewalt an. Darauf legte er sich zu Bett und 
schlief 12 Stunden. Erwacht, wusste er nur summarisch von Betrunkenheit 
und einem Coitus. In der Folge wiederholt epileptische Insulte. Tarnowsky 
op. cit. p. 52.) 

Beobachtung 143. X., von hherem Stand, fhrt einige Zeit ein 
dissolutes Leben und bekommt epileptische Anflle. Er verlobt sich dann. 
Am Hochzeitstag, kurz vor der Trauung, erscheint er am Arm seines Bruders 
in dem mit Hochzeitsgsten erfllten Saal. Vor seiner Braut angelangt, denudat 
coram publico genitalia et masturbare incipit. Er wird sogleich nach einer 
psychiatrischen Klinik gebracht, onanirt unterwegs fortwhrend und ist noch 
einige Tage von diesem Drang in abnehmendem Masse heimgesucht. Nach 
Beendigung dieses Paroxysmus hatte Pat. nur eine ganz verschwommene Er- 
innerung fr die Ereignisse und vermochte keine Erklrung seiner Handlungs- 
weise zu geben. (Ebenda p. 53.) 

Beobachtung 144. Z., 27 Jahre, schwer erblich belastet, epileptisch, 
nothzchtigt ein 11 jhriges Mdchen, tdtet es dann. Er lugnet die That, 
Amnesie, bezw. psychische Ausnahmezustnde zur Zeit des Crimen nicht er- 
wiesen. (Pugliese, Arch. di Psich. VIII, p. 622.) 

Beobachtung 145. V., 60 Jahre, Arzt, beging Unzucht mit Kindern. 
Verurtheilung zu 2 Jahre Kerker. Dr. Marandon constatirt spter epileptoide 
Angstanflle, Demenz, erotische und hypochondrische Delirien, zeitweise Angst- 
anflle. (Lacassagne, Lyon. med. 1887, Nr. 51.) 

Beobachtung 146. Am 4. August 1878 Nachmittags pflckte die fast 
15 Jahre alte H. mit mehreren kleinen Mdchen und Knaben auf offener 
Strasse Stachelbeeren. Pltzlich warf die H. die 9 Va jhrige L. zu Boden, 
fixirte und entblsste sie und forderte den 772jhrigen A. und den 5jhrigen 
0. auf, eine Conjunctio membrorum mit dem Mdchen auszufhren, was diese 
auch thaten. 

Die H. hatte guten Leumund. Seit 5 Jahren litt sie an nervser Reiz- 
barkeit, Kopfweh, Schwindel, epileptischen Anfllen, blieb in der Entwicklung 
geistig und krperlich zurck. Sie ist noch nicht menstruirt, bietet aber Moli- 
mina menstr. Ihre Mutter ist epilepsieverdchtig. Seit V 4 J anr hatte die H. 
fter nach Anfllen verkehrte Sachen gemacht und dafr Amnesie geboten. 

Die H. erscheint deflorirt. Geistige Defecte bietet sie nicht. Von ihrer 
incriminirten That erklrt sie nicht das Geringste zu wissen. 

Nach dem Zeugniss der Mutter hatte sie am Morgen des 4. August 
einen epileptischen Anfall gehabt und hatte die Mutter sie deshalb angewiesen, 
das Haus nicht zu verlassen. (Prkhauer, Friedreich's Bltter f. ger. 
Med. 1879, H. 5.) 



bei Epileptikern. 331 

Beobachtung 147. Unzchtige Handlungen in Zustnden 
krankhafter Bewusstlosigkeit bei einem Epileptiker. 

T., Steuereinnehmer, 52 Jahre alt, verheirathet, ist angeklagt, seit etwa 
17 Jahren mit Knaben Unzucht getrieben zu haben, indem er theils dieselben 
masturbirte, theils sich von ihnen masturbiren Hess. Der Angeklagte, ein ge- 
schtzter Beamter, ist sehr bestrzt ber diese schreckliche Beschuldigung und 
behauptet, von den ihm zur Last gelegten Handlungen nicht das Geringste zu 
wissen. Seine Geistesintegritt erschien fraglich. Sein Hausarzt, der T. seit 
20 Jahren kannte, hebt seinen verschlossenen dsteren Charakter und hufigen 
Stimmungswechsel hervor. Seine Frau berichtet, dass T. sie einmal ins Wasser 
strzen wollte, ebenso dass er zeitweise Anflle hatte, in denen er seine Kleider 
vom Leibe riss, sich zum Fenster hinausstrzen wollte. T. weiss auch von 
diesen Vorfllen nichts. Auch andere Zeugen berichten von auffallendem 
Wechsel der Stimmung, Bizarrerien des Charakters. Ein Arzt will auch zeit- 
weise Schwindel- und Krampfanflle bei T. constatirt haben. 

T.'s Grossmutter war irrsinnig, sein Vater war dem chronischen Alko- 
holismus anheimgefallen und hatte in den letzten Jahren an epileptiformen 
Anfllen gelitten; dessen Bruder war irrsinnig und hatte einen Verwandten 
in einem deliranten Zustand getdtet. Ein weiterer Onkel des T. hatte sich 
entleibt. Von den 3 Kindern des T. war eines geistesschwach, ein anderes 
schielend, ein drittes hatte an Convulsionen gelitten. Der Angeklagte gab an, 
er habe zeitweise Anflle gehabt, in welchen sich sein Bewusstsein trbte, so 
dass er nicht mehr wusste, was er that. Diese Anflle wurden von einem 
auraartigen Schmerz im Nacken eingeleitet. Es trieb ihn dann an die frische 
Luft. Er habe nicht gewusst, wohin er ging. Seine Frau habe ihn geschlecht- 
lich vollkommen befriedigt. Seit 18 Jahren habe er ein chronisches Ekzem am 
Scrotum (thatschlich) , das ihm oft eine ausserordentliche geschlechtliche Er- 
regung verursache. Die Gutachten der 6 Sachverstndigen waren einander 
entgegengesetzt (Geistesgesundheit Anflle larvirter Epilepsie), die Stimmen 
der Jury waren getheilt, so dass Freisprechung erfolgte. Dr. Legrand du 
Saulle, der als Experte berufen war, constatirte, dass T. bis zum 22. Jahr 
etwa 10 18mal jhrlich ins Bett urinirt hatte. Nach dieser Zeit hatte die 
Enuresis nocturna aufgehrt, aber seitdem waren zeitweise Stunden bis einen 
Tag andauernde tiefe Dmmerzustnde mit Amnesie aufgetreten. Bald darauf 
wurde T. wegen ffentlicher Unsittlichkeit nochmals angeklagt und zu 15 Mo- 
naten verurtheilt. Im Kerker krnkelte er und wurde zusehends geistig 
schwcher. Er wurde deshalb begnadigt, aber die Geistesschwche nahm ber- 
hand. Wiederholt wurden epileptiforme Anflle (tonische Krmpfe mit Be- 
wusstseinverlust und Zittern) an T. bemerkt. (Auzouy, Annal. med. psychol. 
1874, November; Legrand du Saulle, Etde med. legale etc., p. 99.) 

Der folgende, vom Verfasser selbst beobachtete und in Fried- 
reich's Blttern mitgetheilte Fall von Unzuchtsdelikten mit Kindern 
mge diese fr das Forum hchst wichtige Casuistik 1 ) beschliessen. 



*) Vgl. ausserdem Lim an, Zweifelhafte Geisteszustnde, Fall 6; die 
Arbeit von Lasegue, Ueber Exhibitionisten (Union med. 1877); Ball und 
Chambard, Art. Somnambulisme (Dict. des scienc. med. 1881). 



332 Das krankhafte Sexualleben 

Er ist um so werthvoller, als der Befund eines epileptischen Be- 
wusstlosigkeitszustands zur Zeit der That sichergestellt ist, und wie 
die aus naheliegenden Grnden lateinisch gegebene Species 
facti lehrt, ein combinirtes raffinirtes Handeln in solchem Zustand 
gleichwohl mglich ist. 

Beobachtung 148. P., 49 Jahre alt, verheirathet , Siechenhaus- 
pfrndner, ist angeschuldigt , am 25. Mai 1883 an der 10jhrigen D. und der 
9jhrigen G. in seiner Arbeitshtte folgende scheussliche Unzuchtsdelikte be- 
gangen zu haben: 

Die D. gibt an: 

Ich war mit der G. und meinem 3jhrigen Schwesterchen J. auf der 
Wiese. P. rief uns in seine Arbeitshtte und verriegelte die Thre. Tum nos 
exosculabatur, linguam in os meum demittere tentabat faciemque mihi lam- 
bebat; sustulit me in gremium, bracas aperuit, vestes meas sublevavit, digitis 
me in genitalibus titillabat et membro vulvam meam fricabat ita ut humida 
fierem. Als ich schrie, schenkte er mir 12 Kreuzer und drohte mich zu er- 
schiessen, wenn ich etwas ausplaudere. Schliesslich lud er mich ein, am fol- 
genden Tage wiederzukommen. 

Die G. deponirt: 

P. nates et genitalia D . . . ae exosculatus, iisdem me conatibus aggressus 
est. Deinde filiolum quoque tres annos natum in manus acceptum osculatus 
est nudatumque parti suae virili appressit. Postea quae nobis essent nomina 
interrogavit ac censuit, genitalia D . . . ae meis multo esse maiora. Quin etiam 
nos impulit, ut membrum suum intueremur, manibus comprehenderemus et 
videremus, quantopere id esset erectum. 

P. gibt im Verhr vom 29. Mai an , er erinnere sich nur dunkel , vor 
Kurzem kleine Mdchen geliebkost, beschenkt, geksst zu haben. Wenn er 
etwas Anderes gethan, msse er unzurechnungsfhig gewesen sein. Er leide 
brigens seit einem Sturz vor Jahren an Kopfschwche. Am 22. Juni weiss 
er berhaupt nichts mehr von den Vorgngen am 25. Mai, auch nichts vom 
Verhr am 29. Mai. Diese Amnesie bewhrt sich im Kreuzverhr. 

P. stammt aus gehirnkranker Familie, ein Bruder ist epileptisch. P. war 
frher Trinker. Eine Kopfverletzung erlitt er thatschlich vor Jahren. Seither 
hatte er binnen Wochen bis Monaten wiederkehrende Anflle geistiger Strung 
mit einleitender Morositt, Gereiztheit, Neigung zu Alkoholexcessen , Angst, 
Verfolgungsdelir bis zu gefhrlichen Drohungen und Gewaltthtigkeit. Dabei 
acustische Hypersthesie, Schwindel, Kopfweh, Congestion zum Gehirn. Alles 
dies bei schwerer Bewustseinsstrung und Amnesie fr die ganze bis zu Wochen 
sich erstreckende Anfallszeit. 

Intervallr litt er an Kopfweh, ausgehend von der Stelle der erlittenen 
Kopfverletzung (kleine auf Druck schmerzhafte Hautnarbe an der rechten 
Schlfe). Mit Exacerbation des Kopfschmerzes war er gereizt, moros bis zu 
Lebensberdruss, rauschartig benommen im Sensorium. In einem solchen Zu- 
stand hat P. 1879 einen ganz impulsiven Selbstmordversuch gemacht, dessen 
er sich hinterher nicht erinnerte. Bald darauf ins Krankenhaus aufgenommen, 
machte er den Eindruck des Epileptikers, stand lngere Zeit in Bromkali- 



bei Epileptikern. 333 

behandlung. Ende 1879 ins Siechenhaus aufgenommen, hatte man nie an ihm 
einen eigentlichen epileptischen Insult wahrgenommen. 

Intervallr war er ein braver, fleissiger, gutmthiger Mensch, hatte nie 
Spuren von sexueller Erregung geboten, auch bisher nicht in seinen Ausnahme- 
zustnden, berdies mit seinem Weib bis auf die letzte Zeit ehelich verkehrt. 
Um die Zeit der incriminirten That hatte P. wieder Spuren eines nahenden 
Anfalls geboten, auch den Arzt um neuerliche Darreichung des Bromkali 
gebeten. 

P. versichert, dass er seit jenem Sturz intolerant fr calorische Schd- 
lichkeiten und Alkohol sei und davon gleich sein Kopfweh bekomme und 
verwirrt werde. Seine weiteren Angaben von Gedchtnissschwche, geistiger 
Schwche, Reizbarkeit, schlechtem Schlaf besttigt die rztliche Beobachtung. 

Uebt man an der Stelle des Trauma einen krftigen Druck aus, so wird 
P. congestiv, gereizt, verstrt, zittert am ganzen Krper, erscheint aufgeregt, 
im Bewusstsein gestrt und verbleibt so durch Stunden. 

Zu Zeiten, wo er frei von Sensationen ist, die jeweils von der Narbe 
ausgehen, erscheint er artig, mimisch, frei, willig, offen, jedoch andauernd 
geistig geschwcht und dmmerhaft. P. wurde nicht verurtheilt. (Ausf. Gut- 
achten s. Friedreich's Bltter.) 



Periodisches Irresein. 

Gleichwie in den Fllen nicht periodischer Manie, zeigt sich 
vielfach bei den Anfllen periodischer eine krankhafte Steigerung 
oder wenigstens ein deutliches Hervortreten der sexuellen Sphre 
(s. u. Manie). 

Dass die Sexualempfindung dann auch pervers sein kann, lehrt 
folgender von Servaes (Arch. f. Psych.) berichteter Fall. 

Beobachtung 149. Catharine W., 16 Jahre alt, noch nicht men- 
struirt, frher gesund. Vater jhzorniger Natur. 

7 Wochen vor der Aufnahme (3. December 1872) melancholische Ver- 
stimmung und Reizbarkeit. Am 27. November zweitgiger Tobsuchtsanfall. 
Dann wieder melancholisch. Am 6. December normaler Zustand. 

Am 24- December (28 Tage nach dem ersten Tobanfall) still, scheu, ge- 
drckt. Am 27. December Exaltationszustand (Heiterkeit, Lachen u. s. w.) mit 
brnstiger Liebe zu einer Wrterin. Am 31. December pltzlich melancholische 
Starre, die sich nach 2 Stunden lst. Am 20. Januar 1873 neuer Anfall, 
ganz wie der frhere. Ein gleicher am 18. Februar, zugleich mit den Spuren 
von Menses. Patientin hatte absolute Amnesie fr das in den Paroxysmen 
Geschehene und hrte schamroth, mit unverhohlenem Erstaunen, was man ihr 
berichtete. 

In der Folge noch abortive Anflle, die mit Regelung der Menses im 
Juni vollem psychischem Wohlbefinden wichen. 



334 Psychopathia sexualis periodica. 

In einem anderen Fall, von Gock berichtet (Ar h. f. Psych. 
V), in welchem es sich wahrscheinlich um cyclisches Irresein bei 
einem schwer belasteten Manne handelte, trat im Exaltationszustand 
Geschlechtstrieb zu Mnnern auf. Hier hielt sich aber der Be- 
treffende fr ein Frauenzimmer, und fragt es sich, ob nicht eher 
der Wahn vernderten Geschlechts als eine contrre Sexualempfin- 
dung das geschlechtliche Vorgehen bestimmte. 

Von grsstem Interesse sind im Anschluss an diese Flle von 
krankhafter Aeusserungsweise des Geschlechtslebens, als Theil- 
erscheinung einer Manie, diejenigen, wo ein krankhaftes und viel- 
fach auch perverses Geschlechtsleben anfallsartig zu Tage tritt, 
analog einer Dipsomanie den Kern der ganzen psychischen Strung 
ausmacht, whrend intervallr der Geschlechtstrieb weder abnorm 
stark noch pervers ist. 

Ein ziemlich reiner Fall von solcher periodischer Psycho- 
pathia sexualis, geknpft an den Vorgang der Menstruation, ist 
der folgende von Anjel (Arch. f. Psych. XV. H. 2) mitgetheilte. 

Beobachtung 150. Ruhige Dame, nahe dem Klimakterium. Starke 
erbliche Belastung. In jungen Jahren Anflle von petit mal. Stets excentrisch,. 
heftig, streng sittlich, kinderlose Ehe. 

Vor mehreren Jahren, nach heftigen Gemthsbewegungen, hysteroepilep- 
tischer Anfall, darauf mehrwchentliches postepileptisches Irresein. Dann 
mehrmonatliche Schlaflosigkeit. In der Folge jeweils menstruale Insomnie und 
Drang, pueros decimum annutn nondum agentes allicere, osculari et genitalia 
eorum tangere. Drang zu Coitus, berhaupt zu Verkehr mit einem Erwach- 
senen besteht in dieser Zeit nicht. 

Patientin spricht manchmal offen ber diesen Drang, bittet sie zu ber- 
wachen, da sie nicht fr sich gutstehen knne. Intervallr meidet sie ngst- 
lich jedes bezgliche Gesprch, ist streng decent, in keiner Weise geschlechts- 
bedrftig. 

Bezglich derartiger, noch wenig gekannter Flle von perio- 
discher Psychopathia sexualis hat Tarnowsky (op. cit. p. 38} 
werthvolle Beitrge geliefert, jedoch sind seine Flle nicht smmt- 
lich periodischen Charakters. 

Tarnowsky berichtet Flle, wo verheiratbete , gebdete Mnner,. 
Famienvter , von Zeit zu Zeit gezwungen waren, den abscheulichsten Ge- 
schlechtsakten sich zu ergeben, whrend sie intervallr geschlechtlich normal 
waren, ihre paroxystischen Akte perhorrescirten und vor der zu gewrtigenden 
Wiederkehr neuerlicher Anflle zurckschauderten. 

Kam es dann neuerlich zum Paroxysmus , so schwand die normale Ge- 
schlechtsempfindung , es kam ein psychischer Aufregungszustand mit Schlaf- 



Psychopathia sexualis periodica. 335 

losigkeit, mit Vorstellungen und Drngen, im Sinne der perversen geschlecht- 
lichen Handlungen vorzugehen, mit ngstlicher Beklemmung und immer mch- 
tiger anwachsendem Impuls zur sonst perhorrescirten , nun aber erlsenden, 
weil den Zustand lsenden geschlechtlichen Handlung. 

Die Analogie mit dem Dipsomanen ist eine vollkommene. 

Weitere Flle (periodische Pderastie betreffend) siehe Tar- 
nowsky, op. cit. p. 41. Der dort p. 46 berichtete Fall drfte in 
das Gebiet der Epilepsie gehren. 

Der folgende Fall, von Anjel (Arch. f. Psych. XV, H. 2) 
berichtet, ist einer der bezeichnendsten fr das anfallsweise Auf- 
treten von krankhafter Sexualerregung. 

Beobachtung 151. Herr aus hheren Stnden, 45 Jahre alt, allgemein 
beliebt, unbelastet, sehr geachtet, streng sittlich, seit 15 Jahren verheirathet, 
mit frher normalem Geschlechtsverkehr, Vater mehrerer gesunder Kinder, in 
bester Ehe lebend, hatte vor 8 Jahren heftigen Schreck erlitten. Im Anschluss 
daran mehrere Wochen lang Angstgefhle und Herzkrmpfe. Dann kamen, 
eigenthmliche Anflle in Zwischenrumen von Monaten bis zu einem Jahr, 
die Patient seinen moralischen Schnupfen" nennt. Er wird schlaflos. Nach 
3 Tagen Verlust des Appetits, wachsende Gemthsreizbarkeit, verstrtes Aus- 
sehen, starrer Blick, Vorsichhinstarren, grosse Blsse, wechselnd mit Errthen, 
Zittern der Finger, gerthete glnzende Augen mit eigenthmlich lsternem 
Ausdruck, hastige, berstrzte Redeweise. Drang zu kleinen Mdchen von 
5 10 Jahren, selbst zu den eigenen. Bitte an die Frau, die Mdchen vor ihm 
in Sicherheit zu bringen. Patient schliesst sich tagelang in diesem Zustand 
im Zimmer ein. Frher drngte es ihn, weibliche Schulkinder auf der Strasse 
abzupassen, und er empfand eine eigenthmliche Befriedigung, iis praesentibus 
genitalia nudare, se mingentem fingens. 

Aus Furcht vor Skandal schliesst er sich im Zimmer ab, still brtend, 
bewegungsunfhig, abwechselnd von qulenden Angstgefhlen gepeinigt. Das 
Bewusstsein scheint ganz ungetrbt. Dauer der Anflle 8 14 Tage. Ursachen, 
der Wiederkehr ganz unklar. Pltzliche Besserung; grosses Schlaf bedrfniss, 
nach dessen Befriedigung wieder ganz wohl. Intervallr nichts Abnormes. 
Anjel nimmt eine epileptische Grundlage an und hlt die Anflle fr das 
psychische Aequivalent eines epileptischen Insults. 



Manie. 

An der allgemeinen Erregung, welche hier im psychischen 
Organ besteht, betheiligt sich vielfach auch die sexuelle Sphre, 
Bei manischen Personen weiblichen Geschlechts ist dies sogar Regel. 
Im einzelnen Fall kann es fraglich sein, ob der an und fr sich 
nicht gesteigerte Trieb bloss rcksichtslos entussert wird oder 



336 Satyriasis und Nymphomanie. 

wirklich in krankhafter Steigerung vorhanden ist. Meist wird die 
letztere Annahme die richtige sein, sicher da, wo sexuelle Delirien 
und quivalente religise fort und fort geussert werden. Je nach 
der Hhe der Krankheit ussert sich der gesteigerte Trieb in ver- 
schiedenartiger Form. 

Bei blosser manischer Exaltation und da, wo es sich um 
Mnner handelt, beobachtet man Courmacherei, Frivolitt, Lascivitt 
in der Rede, Aufsuchen von Bordellen bei Weibern Neigung, in 
Herrengesellschaft zu kokettiren, sich zu putzen, pomadisiren, von 
Heiraths- und Skandalgeschichten zu sprechen, andere Weiber 
sexuell zu verdchtigen, oder in quivalenter religiser Inbrunst, 
zeigt sich Drang, sich an Wallfahrten, Missionen zu betheiligen, 
ins Kloster zu gehen oder wenigstens Pfarrerskchin zu werden, 
wobei viel von der eigenen Unschuld, Jungfrulichkeit die Rede ist. 

Auf der Hhe der Manie (Tobsucht) begegnet man Auffor- 
derungen zum Coitus, Exhibition, Zoten, massloser Gereiztheit gegen 
die weibliche Umgebung, Neigung zu Schmierereien mit Speichel, 
Urin, selbst Koth, religis- sexuellen Delirien, vom hl. Geist ber- 
schattet zu sein, das Jesuskindlein geboren zu haben u. s. w., rck- 
sichtloser Onanie, beckenwetzenden Coitusbewegungen. 

Bei tobschtigen Mnnern hat man sich schamloser Mastur- 
bation, Nothzucht an weiblichen Individuen zu versehen. 



Satyriasis und Nymphomanie. 

Psychische Erregungszustnde, in welchen ein krankhaft ge- 
steigerter Sexualtrieb im Vordergrund des Krankheitsbildes steht, 
hat man als Satyriasis (beim Mann) und als Nymphomanie s. Utero- 
manie (beim Weib) bezeichnet. 

Moreau (a. a. 0.) hlt diese Zustnde fr eigenartige, ge- 
wiss aber mit Unrecht. Der sexuelle Symptomencomplex ist immer 
nur Theilerscheinung innerhalb einer allgemeinen Psychose (Manie, 
hallucinatorischer Wahnsinn?). 

Das Wesentliche innerhalb des sexuellen Erregungszustands 
ist ein Zustand psychischer Hypersthesie mit Betheiligung der 
sexuellen Sphre. Die Phantasie fhrt nur sexuelle Bilder vor bis 
zu Hallucinationen und Illusionen und wahrem hallucinatorischem 
Delirium. 

Die gleichgltigsten Vorstellungen wecken sinnliche Beziehungen, 



Satyriasis und Nymphomanie. 337 

und die wollstige Lustbetonung der Vorstellungen und Apper- 
ceptionen ist eine hochgesteigerte. Der krankhafte Bewusstseins- 
inhalt nimmt das ganze Fhlen und Streben in Beschlag, geht 
mit einer allgemeinen krperlichen Aufregung, hnlich der beim Coitus 
stattfindenden (s. p. 33), einher. Vielfach sind die Genitalorgane in 
anhaltendem Turgor (Priapismus beim Manne). 

Der von Geschlechts wuth heimgesuchte Mann sucht den Trieb 
um jeden Preis zu befriedigen und wird dadurch Personen des an- 
deren Geschlechts hchst gefhrlich. Faute de mieux onanirt oder 
sodomirt er. Das nymphomanische Weib sucht Mnner durch Ex- 
hibition oder brnstige Geberden an sich zu locken, gerth An- 
gesichts solcher in hochgradig sexuelle Erregung, die in Mastur- 
bation oder beckenwetzenden Bewegungen befriedigt wird. 

Satyriasis ist selten. Nymphomanie wird hufiger beobachtet, 
nicht so selten im Klimakterium. Sogar im Senium kann sie vor- 
kommen. Abstinenz 1 ) bei bestndiger Anregung der sexuellen 
Sphre durch psychische und periphere Reize (Pruritus pudendi, 
Oxyuris u. s. w.) kann diese Zustnde hervorbringen, wahrschein- 
lich aber nur bei Belasteten. 

Die Behauptung, dass sie auch in Folge von Vergiftung durch 
Canthariden vorkomme, scheint auf Verwechslung mit Priapismus 
zu beruhen. Das anfngliche Wollustgefhl, das mit Priapismus 
ab intoxicatione cantharid. verbunden ist, geht wenigstens bald in 
das Gegentheil ber. Satyriasis und Nymphomanie sind acute psycho- 
sexuale Erkrankungszustnde. 

Es gibt brigens auch solche, die man nicht ohne Grund als 
chronische Flle von Satyriasis, resp. Nymphomanie, bezeichnen knnte. 

Dahin gehren Mnner, die, meist nach Abusus Veneris, be- 
sonders durch Masturbation, an Neurasthenia sexualis leiden, gleich- 
wohl eine hochgesteigerte Libido sexualis besitzen. Ihre Phantasie 
ist, gleichwie in acuten Fllen, sehr erregt, ihr Bewusstsein mit 
schmutzigen Bildern erfllt, so dass selbst das Erhabenste mit 
cynischen Bildern und Vorstellungen besudelt wird. 

Das Denken und Verlangen solcher Menschen ist nur auf 
die Sexualsphre gerichtet, und da ihr Fleisch schwach ist, kommen 
sie, untersttzt durch ihre Phantasie, zu den grssten Perversitten 
geschlechtlichen Handelns. 



*) Vgl. die interessanten Flle bei Marc- Ideler II, p. 137. Ideler, 
Grundriss der Seelenheilkunde II, p. 488492. 

v. Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis. 9. Aufl. 22 



338 Das krankhafte Sexualleben bei Melancholie, Hysterie. 

Analoge Zustnde bei Frauen kann man als chronische Nympho- 
manie bezeichnen. Sie fhren natrlich zu Prostitution. Legrand 
du Saulle (La folie p. 510) theilt interessante Flle mit, die offen- 
bar nicht anders sich deuten lassen. 



Melancholie. 

Bewusstsein und Stimmung des Melancholischen sind einer 
Weckung sexueller Triebe nicht gnstig. Gleichwohl kommt es 
zuweilen vor, dass solche Kranke masturbiren. 

In Fllen meiner Erfahrung handelt es sich immer um be- 
lastete und schon vor der Krankheit der Masturbation ergebene 
Kranke. Eine Befriedigung einer wollstigen Erregung schien den 
Akt nicht zu motiviren, als vielmehr Gewohnheit, Langeweile, Angst 
und der Drang, eine temporre Aenderung der peinlichen psychischen 
Situation herbeizufhren. 



Hysterie. 

Aeusserst hufig ist bei dieser Neurose auch das sexuelle 
Leben abnorm, bei belasteten Fllen wohl immer. 

Alle mglichen Anomalien der sexuellen Funktion kommen 
hier vor, in buntem Wechsel und sonderbarer Verquickung, auf 
hereditr degenerativer Grundlage und bei moralischer Imbecillitt, 
in den perversesten Erscheinungsformen. Die krankhafte Aende- 
rung und Verkehrung der Geschlechtsempfindung bleibt niemals 
ohne Folgen fr das Gemthsleben dieser Kranken. 

Ein denkwrdiger bezglicher, von Giraud mitgetheilter Fall 
ist der folgende: 

Beobachtung 152. Marianne L. in Bordeaux hat Nachts, whrend 
ihre Herrschaft unter dem Einfluss von ihr beigebrachten Narcoticis fest schlief, 
deren Kinder ihrem Geliebten zu geschlechtlichem Genuss preisgegeben und 
zu Zeugen der unmoralischsten Scenen gemacht. Es ergab sich, dass die L. 
hysterisch (Hemiansthesie und Krampfanflle) und vor ihrer Erkrankung eine 
anstndige, vertrauenswrdige Person gewesen war. Seit der Krankheit hatte 
sie sich schamlos prostituirt und ihren moralischen Sinn eingebsst. 

Hufig ist bei Hysterischen das Sexualleben krankhaft erregt. 
Diese Erregung kann intermittirend (menstrual ?) sich geltend machen. 
Schamlose Prostitution, selbst seitens Ehefrauen, kann die Folge 



Das krankhafte Sexualleben bei Paranoia. 339 

sein. In milderer Form ussert sich der sexuelle Drang in Onanie, 
Nacktgehen im Zimmer, Sichsalben mit Urin und anderen un- 
sauberen Stoffen, Anlegen von Mnnerkleidern u. s. w. 

Schule (Klin. Psychiatrie 1886, p. 237) findet besonders 
hufig krankhaft gesteigerten Geschlechtstrieb, welcher disponirte 
Mdchen und selbst in glcklicher Ehe lebende Frauen zu Messa- 
linen werden lsst". Der genannte Autor kennt Flle, wo bereits 
auf der Hochzeitsreise Fluchtversuche mit Mnnern aus zuflliger 
Begegnung gemacht wurden, wo geachtete Frauen Liaisons ohne 
Wahl anknpften und in unersttlicher Gier jede Wrde opferten. 

Bei hysterischer Geistesstrung kann sich das krankhaft er- 
regte Sexualleben in Eifersuchtswahn, grundlosen Anklagen mnn- 
licher Personen wegen unzchtiger Handlungen 1 ), Coitushallucina- 
tionen 2 ) u. s. w. ussern. 

Zeitweise kann auch Frigiditt vorkommen mit mangelndem 
Wollustgefhl, meist auf Grund genitaler Ansthesie. 



Paranoia. 

Abnorme Erscheinungen seitens des Sexuallebens sind in den 
verschiedenen Formen der primren Verrcktheit nichts Seltenes. 
Entwickeln sich doch manche derselben auf der Grundlage sexuellen 
Abusus (masturbatorische Paranoia) oder sexueller Erregungsvor- 
gnge, und handelt es sich um psychisch degenerative Individuen, 
bei denen erfahrungsgemss, neben anderweitigen funktionellen De- 
generationszeichen, auch das sexuelle Leben vielfach tief belastet ist. 

Besonders deutlich tritt das krankhaft gesteigerte, nach Um- 
stnden auch perverse sexuelle Leben zu Tage in der Paranoia 
erotica und der religiosa. Bei der ersteren ussert sich aber der 
sexuelle Erregungszustand nicht sowohl in direkt auf die Befriedi- 
gung des Geschlechtsgenusses abzielenden Vorgngen und Hand- 
lungen, als vielmehr (jedoch nicht ausnahmslos) in platonischer 
Liebe, in Schwrmerei fr eine durch sthetische Befriedigung im- 
ponirende Person des anderen Geschlechts, nach Umstnden sogar 
fr ein Phantasiegebilde, ein Bild oder eine Statue. 



*) S. u. a. Fall Merlac in d. Verf. Lehrb. d. ger. Psychopathol., 2. Aufl. 
p. 322. Morel, Traite des malad, mentales p. 687. Legrand, La folie 
p. 337. Process La Ronciere in Annal. d'byg., 1. Serie, IV., 3. Serie, XXII. 

2 ) Darauf beruhen die Incuben in den Hexenprocessen des Mittelalters. 



340 Das krankhafte Sexualleben bei Paranoia. 

Die schwchlich oder rein geistig sich kundgebende Liebe zum 
anderen Geschlecht hat brigens nicht selten ihren Grund in durch 
lang getriebene Masturbation entstandener Schwchung der Zeu- 
gungsorgane, und unter der keuschen Begeisterung fr ein geliebtes 
Wesen kann sich grosse Lsternheit und sexueller Missbrauch ver- 
bergen. Episodisch, namentlich bei Weibern, kann sogar heftige 
sexuelle Erregung im Sinne der Nymphomanie auftreten. 

Auch die Paranoia religiosa fusst grsstentheils auf der sexuellen 
Sphre, die in Form abnorm frhen und krankhaft starken Sexual- 
triebs sich kund gibt. Die Libido findet Befriedigung in Mastur- 
bation oder religiser Schwrmerei, deren Gegenstand einzelne Geist- 
liche, Heilige u. s. w. sein knnen. 

Diese psycho-pathologischen Beziehungen zwischen sexuellem 
und religisem Gebiet wurden p. 9 ausfhrlich besprochen. 

Verhltnissmssig hufig sind abgesehen von Masturbation 
bei religiser Paranoia sexuelle Delikte. 

Einen bemerkenswerthen Fall von religisem Wahnsinn, der 
zu Ehebruch fhrte, enthlt Marc's Werk (Uebers. von Ideler II, 
p. 160). Einen Fall von Unzucht mit kleinen Mdchen seitens 
eines an Paranoia religiosa leidenden 43jhrigen Mannes, der tem- 
porr erotisch erregt war, hat Giraud (Annal. med. psychol.) be- 
richtet. Hierher gehrt auch ein Fall von Incest (Li man, Viertel- 
jahrsschr. f. ger. Med.). 

Beobachtung 153. M. hat seine Tochter geschwngert. Seine Ehefrau, 
Mutter von 18 Kindern und selbst schwanger von ihrem Manne, erstattete die 
gerichtliche Anzeige. M. litt seit 2 Jahren an religiser Paranoia. Es wurde 
mir die Offenbarung, dass ich mich zu meiner Tochter, zu der ewigen Sonne, 
legen solle. Dann entstnde ein Mensch von Fleisch und Blut durch meinen 
Glauben, der 18 Jahrhunderte alt sei. Dieser Mensch als eine Brcke in das 
ewige Leben zwischen altem und neuem Testament." Diesem, nach seiner 
Meinung gttlichen Befehl hatte der Wahnsinnige Folge geleistet. 

Auch bei Paranoia persecutoria kommen zuweilen pathologisch 
motivirte sexuelle Handlungen vor. 

Beobachtung 154. Eine 30 Jahre alte Frauensperson hatte einen in 
der Nhe spielenden 5jhrigen Knaben durch Versprechung von Geld und 
Braten an sich gelockt, pene lusit, supra puerum flexa coitum conavit. Die 
Betreffende war Lehrerin, von einem Manne verfhrt und Verstssen worden, 
hatte sich, frher streng sittlich, einige Zeit der Prostitution ergeben. Der 
Schlssel zur Erklrung ihres sittenlosen Lebenswandels ergab sich insofern, 
als sie weitverzweigten Verfolgungswahn bot, whnte, unter dem geheimniss- 



Das krankhafte Sexualleben bei Paranoia. 341 

vollen Einfluss ihres Verfhrers zu stehen, der sie zu sexuellen Handlungen 
nthige. So glaubte sie auch, der Knabe sei ihr durch ihren Verfhrer in den 
Weg geschickt worden. An rohe Sinnlichkeit als Motiv des Verbrechens 
Hess sich um so weniger denken, als es der Person leicht gewesen wre, auf 
naturgemsse Weise ihren Sexualtrieb zu befriedigen. (Kssner, Berl. klin. 
Wochenschrift.) 

Aehnliche Flle hat Cullerre (Perversions sexuelles chez les 
persecutes in Annal. rnddico-psychol., Mars 1880) mitgetheilt, z. B. 
die Beobachtung eines Kranken, der, an Paranoia sexualis perse- 
cutoria leidend, seine Schwester zu nothzchtigen versuchte, dem 
vermeintlichen Zwang Folge gebend, den auf ihn die Bonapartisten 
ausbten. 

In einem anderen Falle wird ein an elektro-magnetischem 
Verfolgungswahnsinn leidender Capitn von seinen Verfolgern zu 
Pderastie gereizt, die er lebhaft perhorrescirt. In einem hnlichen 
Fall reizt der Verfolger zu Onanie und Pderastie. 



V. Das krankhafte Sexualleben vor dem 
Criminalforum x ). 



Die Gesetzbcher aller Culturnationen verfolgen Denjenigen, 
welcher unzchtige Handlungen begeht. Insofern die Erhaltung 
von Zucht und Sitte eine der wichtigsten Existenzbedingungen fr 
das staatliche Gemeinwesen ist, kann der Staat kaum genug thun 
als Hter der Sittlichkeit in dem Kampf gegen die Sinnlichkeit. 
Dieser Kampf ist ein ungleicher, insofern nur eine gewisse Zahl 
von sexuellen Ausschweifungen gerichtlich verfolgt werden kann, 
den Ausschweifungen eines so mchtigen Naturtriebs gegenber die 
Strafdrohung nur sehr wenig auszurichten vermag und es in der 
Natur der sexuellen Delikte liegt, dass nur ein Theil derselben zur 
Kenntniss der Behrde gelangt. Dem Walten dieser kommt die 
ffentliche Meinung zu Hlfe, indem sie derlei Delikte als entehrend 
an