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Full text of "Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde: Grundzüge einer Kultur- und ..."

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REALLEXIKON 



DER 



INDOaERMAOTSOHEN ALTERTUMSKUNDE, 



REALLEXIEON 



DER 



INDO&ERMANISCHEN ALTERTUMSKTIOTE. 



GRUNDZUGE 

EINER 

KULTUR- UND VÖLKERGESCHICHTE 

ALTEUROPAS 






VON 



O. SOHRADER. 



STRASSBÜRG, 
VERLAG VON KARL J. TRÜBNER 

1901. 

C . ' 

Alle Rechte, besonders das der Übersetz uiig, vorbehalten. 



iPÜBUCUBRARV 

208941 

A8TOR, LEHOX AHO 
TILDEN FOUNDATIONS. 

B 1901 l- 



Inhalt. 



I. Vorrede p. VII-XL 

II. ReaUexikon S. 1—1006 

m. Anhang S. 1007-1048 

1. Nachträge nnd Berichtigungen . . . S. 1008—1026 

2. Litteratnrtkachweise S. 1027—1016 

3. Sprachennachweise (Abkürzungen) . S. 1047—1048 



Vorrede. 

Durch Franz Bopp und die von ihm begründete Vergleichende 
Grammatik ist festgestellt worden, dass die meisten Sprachen Europas, 
nämlich das Griechische, das Lateinische mit seiner romanischen Nach- 
kommenschaft, das Keltische, Germanische, Litauische, Slavische und 
Albanesische zusammen mit verschiedenen asiatischen Sprachen, dem 
Indischen, Iranischen und Armenischen, eine Spracheinheit in histo- 
rischem Sinne bilden. Die Verwandtschaft aller dieser Sprachen kann 
also nur unter der Annahme verstanden werden, dass sie von einer 
ihnen allen zu Grunde liegenden (indogermanischen) Ursprache ab- 
stammen, die von einem (indogermanischen) Urvolk gesprochen 
worden sein muss. Diese Forderung eines indogermanischen Urvolks 
aber eröffnet zugleich für die geschichtliche und kulturgeschicht- 
liche Forschung einen weiten Ausblick. Denn es ist klar, dass, wie 
etwa die griechische oder lateinische oder deutsche Grammatik nicht 
ohne Kenntnis ihrer indogermanischen Vorgeschichte verstanden werden 
kann, so auch die Geschichte der materiellen und geistigen Kultur 
der indogermanischen Völker uns erst dann vollkommen deutlich werden 
wird, wenn es gelingt, ihre Wurzeln in der indogermanischen Urzeit 
aufzuspüren. 

Für diejenigen wissenschaftlichen Bemühungen, welche auf die 
Lösung dieser Aufgabe gerichtet sind, hat sich mehr und mehr 
die Bezeichnung Indogermanische Altertumskunde festgesetzt, 
deren Forschungsgebiet also die Zeiträume von den ersten nachweisbaren 
Zusammenhängen der Indogermanen bis zum Anheben der ältesten 
historischen Nachrichten bei den Einzelvölkern umfasst, und es fragt 
sich zunächst, welche Mittel der Wissenschaft zur Verfügung stehn, 
um in Epochen einzudringen, aus denen naturgemäss jede schriftliche 
Kunde fehlt. Diese Mittel sind teils sprachliche, teils sachliche, 
oder, wenn man lieber will, teils sachliche, teils sprachliche. Da 
es aber zweifellos die Sprachwissenschaft gewesen ist, die sich 
zuerst den hier gestellten Aufgaben widmete, so wird es gestattet 
sein, mit der Charakterisierung ihres Anteils an den Bestrebungen der 
Indogermanischen Altertumskunde zu beginnen. 

Indem die Vergleichende Sprachwissenschaft den Wortschatz der 
indogermanischen Ursprache erschliesst, gelingt es ihr zugleich festzu- 



VllI Vorrede. 

stellen, welche Kulturbegriffe scbon damals ihre sprachliche Ausbildung 
gefunden hatten. Aus zwei urverwandten Gleichungen wie scrt. dvi-, 
griech. oT^, lat. oviSy ahd. ouy lit. awis, altsl. ovica und scrt. ü*rnä, lat. 
läna, got. wulla, lit. wllna, altsl. vlüna lernen wir, dass das Schaf 
und seine Wolle dem UiTolk bereits bekannt waren, aus scrt. ddma-, 
griech. böfio^, lat. domus, altsl. domü und scrt. dvä'räUy griech. 6upa, 
lat. fores, got. daür, lit. ditrysj altsl. dvirij dass man schon damals 
Hütten mitThüren besass, aus einer Sprachreihe wie scrt. rudhird-j 
griech. ^pu6p6^, lat. rubere got. raudsy ir. rüady altsl. rüdrü ersehen 
wir, dass der Begriff des Rots, aus einer solchen wie scrt. gcd^ra-, 
griech. dKupö^, lat. socer, körn, hvigeren, got. swaihra, lit. szesziüras, 
altsl. svekrüf dass der des Schwiegerverhältnisses, aus einer 
solchen wie scrt. devd-, altlat. deivos, altn. tivar, lit. diiwasy dass die 
Vorstellung von himmlischen Wesen sprachliche Ausbildung ge- 
funden und also in den Gedanken- und Kulturkreis der Urzeit bereits 
eingetreten war u. s. w. 

In der That sollte man meinen, dass Schlussfolgerungen wie die 
hier angeffihrten so klar und unmittelbar überzeugend seien, dass 
ein vernünftiger Zweifel an ihnen nicht gestattet wäre. Gleichwohl 
sind in jüngster Zeit zwei Gelehrte, G. K o s s i n n a (Z. des Vereins 
für Volkskunde VI, 1 ff.) und P. Kretschmer (Einleitung in die 
Geschichte der griechischen Sprache 1896, Cap. 2 und 3) ziemlich 
gleichzeitig mit der zwar im Grunde auf der Verallgemeinerung eines 
V. Hehnschen Gedankenganges (vgl. Vf. V. Hehn Ein Bild seines 
Lebens und seiner Werke 1891 S. 56 ff.) benihenden, aber in dieser 
Verallgemeinerung neuen Behauptung hervorgetreten, dass alle der- 
artigen Schlüsse, wie sie von A. Kuhn (Zur ältesten Geschichte der 
indogermanischen Völker. Berlin 1845) bis auf die Gegenwart an- 
standslos gezogen wurden, Trugschlüsse seien, und der vergleichenden 
Sprachforschung für die Ermittlung der ursprünglichen Kulturzustände 
der Indogermanen nahezu jeglicher Wert abzusprechen sei. Da es sich 
hierbei um Einwendungen zweier ebenso gelehrter wie scharfsinniger 
Forscher handelt, wird es nötig sein, sich ausführlicher mit ihnen ab- 
zufinden. „Wie alle Spracherscheinungen", so lässt sich etwa der 
Gedankengang P. Kretschmere zusammenfassen, „haben sich auch die 
sogenannten Kulturwörter über das idg. Sprachgebiet wellenförmig und 
allmählich ausgebreitet. Eine „ gemeinindogermanische ^ Gleichung wie 
scrt. yugdnif griech. Cutöv, lat. iugum u. s. w. ,Joch' ist in dieser 
Beziehung prinzipiell nicht andere zu beurteilen, wie die Überein- 
stimmung von scrt. pippaU\ griech. TieTiepi, lat. piper u. s. w. ,Pfeffer', 
die nachweislich erst in historischer Zeit und durch historische Vor- 
gänge zu Stande gekommen ist. Da mm derartige Kulturwörter zu 
ganz verschiedenen Zeiten, in ganz verschiedener Ausdehnung und 
von ganz verechiedenen Ausgangspunkten aus sich verbreitet haben, 



Vorrede. IX 

SO ist es nnmöglich, durch Addition solcher Kulturwörterreihen ein 
einheitliches Bild ^nrindogermanischer^ Kultur zu erhalten. Man ist 
also nicht imstande^ die Kulturverhältnisse einer bestimmten fernen 
Periode der Urzeit zu ermitteln. Man rouss daher damit aufhören, 
^aus den blossen Wortgleichungen Kulturgeschichte herausdestillieren 
zu wollen^; und kann dies umsomehr, „<i1s uns die Reste altindoger- 
manischer Kultur selbst durch die Prähistorie in reicher Fülle vor die 
Augen gerückt sind*'. Ganz ähnlich äussert sich Kossinnaa. a. 0. S. 5: 
„Hier (d. h. bei Fällen wie got. ulbandus aus lat. elephantus) wissen 
wir nun, dass wir es mit Lehnworteu zu thun haben. Sobald wir aber 
zu älteren Zeiträumen hinaufsteigen, für das Germanische etwa zu 
dem Beginn des ersten Jahrtausends v. Chr., einer Zeit, deren Kultur- 
zustand durch die Archäologie völlig klar gelegt worden ist, so fehlt 
uns bis jetzt jede Möglichkeit, Lehnworte dieser Zeit mit den Mitteln 
der Sprachforschung als solche zu erkennen. Wir kommen so zu der 
(zweiten) Frage: Ist ein scheinbar urindogermanisches Wort nicht viel- 
mehr ein Eigentum nur einer der idg. Einzelsprachen und in den 
andern ein späteres, wenn auch immer noch vorhistorisches Lehn- 
wort? In solchem Falle entfällt natürlich die Berechtigung, es der Ur- 
zeit zuzuschreiben.^ 

Beide Gelehrte stimmen also darin überein, dass sie gewisse 
Sprachreihen, die man bisher „urverwandt^* nannte, als „Lehn- 
worte'' bezeichnen, und da selbstverständlich eine kulturhistorisch 
wichtige Gleichung, wie das oben genannte scrt. ytigd- = griech. Cutöv 
nicht anders beurteilt werden kann als eine solcher Bedeutung ent- 
behrende Reihe (z. B. scrt. äjämij armen, acem, griech. äyWj lat. ago, 
ir. agat ,agant', altn. aJca)y da ferner (nach Kretschmer S. 23) auch 
die Verbreitung lautlicher, formaler und syntaktischer Neuerungen nur 
graduell verschieden von derjenigen lexikalischer Übereinstimmungen 
war, so kann man sagen, dass für Kretschmer und Kossinna sich die 
ganze idg. Sprachverwandtschaft in eine unendliche Kette von Ent- 
lehnungen auflöst. In der That lässt sich gegen eine derartige Anschauung 
theoretisch nicht viel einwenden, ja, sie muss bis zu einem gewissen 
Grade als selbstverständlich bezeichnet werden. Denn wie sollte man sich 
die Entstehung einer Gleichung wie scrt. pac, griech. Ti^aau), lat. 
coquOf slav. pekq für ,kochen' oder scrt. 8w, griech. Kaaaüu), lat. suoy 
got. riuja, lit. ifiutcü für ,nähen' anders vorstellen als so, dass solche 
Wörter an einer bestimmten Stelle des vorhistorischen Sprachgebiets 
zuei-st aufkamen und sich von da über das übrige Sprachgebiet durch 
Entlehnung von Individuum zu Individuum, von Stamm zu Stamm aus- 
breiteten? Die Hauptfrage für die idg. Altertumskunde scheint mir 
dabei, worauf ich schon vor längerer Zeit (vgl. a. a. 0. S. 59) hingewiesen 
habe, „nicht die zu sein, ob hier Urverwandtschaft oder Entlehnung 
vorliegt — zwei in der That in jenen alten Zeiten in einander über- 



X Vorrede, 

gehende Begriffe — , sondern ob wir uns die Entstehung solcher 
Gleichungen noch in einer Zeit denken dürfen, in welcher die idg. 
Völker bereits in ihren historischen Wohnsitzen angekommen waren^ 
oder ob wir sie in eine Epoche verlegen müssen, in welcher die idg. 
Völker wie sprachlich so räumlich einander näher standen und keine 
allophylen Elemente sich zwischen sie geschoben hatten". Da nuo 
P. Kretschmer S. 22 ausdrücklich Gleichungen wie die oben genannten 
als „prähistorische Termini" bezeichnet, und mit unzweideutigen 
Worten zugiebt, dass zu der Zeit, da sie sich verbreiteten, „andere 
sprachliche und ethnische Zustände, eine andere geographische Ver- 
teilung der idg. Stämme bestand, als sie uns im Beginn der Geschichte 
entgegentritt", da ferner auch Kossinna lediglich von vorhistorischen 
Lehnwörtern spricht, so scheint mir der ganze Gegensatz zwischen 
der bisher üblichen Auffassung und derjenigen Kretschmers und Kossinnas 
lediglich auf ein Spiel mit Worten oder höchstens auf eine Verschieden- 
heit des Standpunkts der Beobachter hinauszulaufen, insofern man mit 
dem Ausdruck „Entlehnung" mehr den Prozess der Entstehung der- 
artiger Gleichungen, mit dem Ausdruck „Urverwandtschaft" aber mehr 
das schliessliche Ergebnis, wie es sich von den historisch be- 
zeugten Epochen aus darstellt, ins Auge fasst. In jedem Falle aber 
bleibt, worauf alles ankommt, der aus solchen Gleichungen sieh er- 
gebende Schluss, dass die von ihnen bezeichneten Gegenstände oder 
Begriffe schon in vorhistorischer Zeit bekannt oder lebendig gewesen 
sein müssen, in seiner Bedeutung unangetastet. Ob ich z. B. mit H. Hirt 
(Geogr. Z. herausg. von A. Hettner IV, 1898 S. 381) so sage: „Aus 
den historischen Zeiten führt uns die Sprachwissenschaft in die prä- 
historischen zurück. Zu dem wenig (?) sicheren, was sie uns lehrt^ 
gehört, dass die Indogermanen im Besitz des Wagens waren» 
Die Bezeichnungen für seine einzelnen Teile stimmen bis ins kleinste 
überein", oder ob ich mich mit Kretschmer S. 49 über denselben 
Gegenstand so ausdrücke: „Ähnlich zeugen die gemeinindogeimanischen 
Wörter, als Lehnwörter betrachtet, für alte Kulturbeziehungen zwischen 
den idg. Stämmen. Wenn sich die Bezeichnungen des Wagens und 
seiner einzelnen Teile, das Wort für ,fahren' u. s. w. in fast allen idg» 
Sprachen decken, so wird es sehr wahrscheinlich, dass sich die Er- 
findung des Wagens von einem Punkte aus (wohlgemerkt zu 
einer Zeit, ,,da andere sprachliche und ethnische Zustände, eine andere 
geographische Verteilung der idg. Stämme bestand, als sie uns im 
Beginn der Geschichte entgegentritt" s. o.) über das ganze idg» 
Gebiet verbreitet hat", — das, sollte ich meinen, läuft im Wesen 
der Sache auf ein und dasselbe hinaus. 

Allein im Grunde folgert Kretschmer die angebliche Unfähigkeit 
der Sprachvergleichung für kulturhistorische Zwecke weniger aus dem 
Charakter der einzelnen Gleichungen, als aus dem Umstand, dasB> 



Vorrede. XI 

es nicht möglieh sei, durch Addition derselben die Knlturver- 
hältnisse einer bestimmten fernen Periode der Urzeit zu er- 
mitteln. Hierbei ist nun zuvörderst zu bemerken, dass genau dasselbe, 
was hier von der Erschliessung einer urindogermanischen Kultur durch 
sprach verwandte Gleichungen gesagt wird, von der Erschliessung 
einer urindogermanischen Grundsprache überhaupt gilt. „Be- 
sonders ist dabei zu betonen"^, sagt K. Brngmann Grnadriss P, 24, 
^dass die von ans konstruierten Grundformen zusammengenommen 
keine Sprache ergeben, die von einer einzelnen geschlossenen Sprach- 
genossenschaft in einem bestimmten Zeitpunkt gesprochen worden ist. 
Diese Formen haben vielmehr verschiedenen Gegenden und verschiedenen 
Zeitaltem angehört. Man kann sie zusammen nur in dem Sinn die 
idg. Ursprache nennen, wie man etwa von der „deutschen Sprache** 
auch dann redet, wenn man ihre ganze Entwicklung in christlicher 
Zeit bis heute mit allen dialektischen Verzweigungen meint. In dieser, im 
Lichte der Geschichte stehenden Entwicklung können wir für bestimmte 
Zeitpunkte und bestimmte Gegenden die Sprache fixieren, z. B. für 
ca. 1000 n. Chr. die Sprache des südwestlichen Gebietes der Alemannen. 
Für die uridg. Periode ist das unmöglich." Trotz dieser ohne 
Zweifel richtigen Erwägungen nimmt Brugniann bekanntlich keinen An- 
stoss, nicht nur einzelne urindogermanische Grundformen, sondern auch 
ganze Paradigmata derselben zu erschliessen. Welche Logik würde es nun 
sein, ein derartiges in Wirklichkeit ja allgemein geübtes Verfahren zwaf 
zu billigen, es aber auf der anderen Seite zu tadeln, wenn etwa 
B. Delbrück am Schlüsse seiner Abhandlung über die idg. Ver- 
wand tschaftsnamen eine „Übersicht über die Verwandtschaftsnamen 
der idg. Urzeit** giebt, oder J. Schmidt in seiner Arbeit über die 
Urheimat der Indogermanen (S. 22) die idg. Bezeichnungen der einzelnen 
Jahreszeiten zusammenstellt, um so ein Bild der Jahreseinteilung des 
„indogermanischen Urvolks" oder „unserer Urväter** zu gewinnen? 
Mögen immerhin derartige Zusammenstellungen, deren hypothetischen 
Charakter ja niemand verkennen wird, manches chronologisch uneben- 
mässige enthalten, gegenüber der Bedeutung solcher prähistorischer 
Hilfskonstruktionen für das Verständnis der historischen Zustände 
werden wir über diese Mängel unserer Methode hinwegsehen, und wir 
werden dies um so leichter können, als wir allen Grund zu der An- 
nahme haben, dass die vorhistorische Kultur- wie Sprachentwicklung 
der Indogermanen eine im ganzen gleichmässige, stätige und langsame 
gewesen sei. Um ein konkretes Beispiel zu gebrauchen: Ich gebe 
ohne weiteres zu, dass die idg. Gleichungen für ,Rind', ,Wagen'^ 
jSchwiegertochter', ,Sehwiegervater' sich zu verschiedenen Zeiten bei 
den Indogermanen festgesetzt haben können, verstehe aber erstens 
nicht, inwiefern hierdurch etwas an der Erkenntnis geändert werden 
sollte, dass Rind und Wagen ein schon proethnischer Besitz der Indo- 



XII Vorrede. 

germanen sind, sowie dass in der idg. Familie das Schwiegerverhältnis 
€chon in vorhistorischer Zeit ausgebildet war^ und würde zweitens 
denjenigen nicht einer übermässigen Kühnheit beschuldigen, der (etwa 
bei Besprechung urzeitlicher Hochzeitsbräuche) mit der Möglichkeit 
rechnete, dass schon die idg. Schwiegertochter auf rinderbespanntem 
Wagen in das Haus des Schwiegervaters gefahren sei, also das gleich- 
zeitige Vorhandensein von Rind und Wagen, Schwiegertochter und 
Schwiegervater in der Urzeit annähme. 

Wenn demnach d i e Bedenken gegen die kulturgeschichtliche 
Verwertbarkeit der Sprachvergleichung, die aus der Möglichkeit zeit- 
licher Verschiedenheit der idg. Gleichungen abgeleitet werden könnten, 
zu denjenigen überkritischen Einwänden gerechnet werden können, die 
Kretschmer S. 99 als „in der Theorie unwiderleglich", „im gegebenen 
Fall aber ganz und gar unwahrscheinlich^ bezeichnet, so ist hier da- 
gegen noch kurz die unleugbare Thatsache der räumlichen Ver- 
schiedenheit, d. h. der verschiedenen geographischen Verbreitung 
eben dieser Gleichungen zu erörtern. Man spricht von gern ein indo- 
germanischen Gleichungen, an denen alle idg. Einzelsprachen teil 
haben, und von partiellen Gleichungen, bei denen dies nicht der 
Fall ist, die also auf 2, 3, 4, ö u. s. w. Sprachen beschränkt sind. Bei 
näherem Zusehen zeigt sich aber, dass im Grunde eigentlich nur von 
partiellen Gleichungen gesprochen werden kann, da die übereinstimmende 
Benennung eines Kulturbegrift's in wirklich allen idg. Sprachen zu 
den grössteu Seltenheiten gehört. Durch solche partiellen Überein- 
stimmungen werden nun die idg. Einzelsprachen in allen nur denk- 
baren Gruppierungen und Verhältnissen mit einander verbunden. Sie 
sind häufig zwischen benachbarten Sprachen, z. B. zwischen Slavisch 
und Germanisch, und zwischen wahrscheinlich ursprünglich be- 
nachbarten Sprachen, z. B. zwischen Litu-Slavisch und Iranisch, sie 
kehren aber in grosser Anzahl auch zwischen weit von einander ge- 
trennten Völkern wie Kelten und Indern, Litauern und Italikem (vgl. 
Kretschmer Cap. V) wieder. Die uns interessierende Frage ist nun: 
Haben an solchen partiellen Gleichungen auch die übrigen idg. Sprachen 
einstmals teil gehabt und das betreffende Wort im Laufe der Zeit ver- 
loren, oder war die Bezeichnung eines bestimmten Kulturbegriffs von 
Anfang an auf einen grösseren oder geringeren Teil des vorhistorischen 
Sprachgebiets beschränkt? Offenbar ist beides möglich und hat beides 
stattgefunden. Was aber im einzelnen Falle anzunehmen ist, wird sich 
zwar zuweilen mit einiger Wahrscheinlichkeit, niemals mit unfehlbarer 
Sicherheit entscheiden lassen. Die Sache läge anders, wenn wir über 
die Art der Auflösung der idg. Sprach- und Völkergemeinschaft und 
die aufs engste damit zusammenhängende Frage der engeren Ver- 
wandtschaftsverhältnisse der idg. Völker besser unterrichtet wären, als 
wir es in der That sind. So aber ist das einzig sichere, was wir in 



Vorrede. XII I 

dieser Beziehung wissen, immer noch lediglich die Thatsache einer 
näheren Verwandtschaft zwischen Indern und Irauiern (Ariern), Litauern 
und Slaven. Speziell arische und litu-slavische Gleichungen (z. B. scrt. 
s&ma- = aw. Aaowa-) wird man daher nicht zur Erschliessung der idg, 
Urzeit verwenden können. Aber auch wo zwei nicht näher verwandte 
Völker, wie Slaven uqd Germanen, oder Germanen und Kelten nach- 
weisbar durch Jahrtausende lange Nachbarschaft mit einander ver- 
bunden sind, wird man bei ausschliesslich auf diese Völker beschränkten 
Gleichungen (z. B. bei got. gulp — altsl. zlato oder got, eisarn- = ir. zarn)^ 
wenigstens zunächst, an einen relativ späten Kulturaustausch lediglich 
zwischen diesen beiden Völkern zu denken haben. Alle übrigen Glei- 
chungen, gemeinindogermanische wie partielle, wird man nach Lage der 
Dinge in gleicher Weise als ^indogermanisch^ bezeichnen müssen und 
aus ihnen schliessen dürfen, dass der von ihnen bezeichnete Kultur- 
begriflF innerhalb des vorhistorischen Sprachgebiets der Indogermanen 
in grösserer oder geringerer Ausdehnung seine sprachliche 
Ausbildung gefunden hatte. Es wird dabei für die Kulturgeschichte 
darauf ankommen, alle etymologisch übereinstimmenden Bezeichnungen 
eines bestimmten Kulturbegriffs zusammenzustellen. Finde ich z. B., 
dass die Milch (s. d.) einerseits übereinstimmend im Indischen und 
Altpreussischen, andererseits im Griechischen und Lateinischen, drittens 
im Keltischen und Germanischen u. s. w. benannt wird, oder dass für 
den Begriff des Eides (s. d.) urverwandte Ausdrücke erstens im 
Indischen, Griechischen, und Italischen, zweitens im Slavischen und 
Armenischen, drittens im Keltischen und Germanischen bestehn, so 
werden derartige partielle Gleichungen zusammengenommen dem 
Vorhandensein einer gemeinindogermanischen Sprachreihe gleich- 
kommen (s. auch die methodologische Erörterung der idg. Ziegennamen 
u. Kupfer und Ziege). Einer besonderen Erwägung wird es dabei 
bedürfen, wenn man ganze und grosse Gruppen bedeutungsverwandter 
Übereinstimmungen (s. z.B. u. Ackerbau und u. Wald, Waldbäume) 
auf bestimmte Sprachen beschränkt findet. 

Wenn aus dem bisherigen hervorgeht, dass Glieder einzelner 
Wortgleichungen im Laufe der Zeit verloren gegangen sein können, 
so ist ein solcher Verlust natürlich auch bei ganzen Gleichungen 
möglich. Es geht also nicht an, ohne weiteres aus dem Fehlen der- 
selben für bestimmte Begriffe negative Schlüsse auf die Kultur der 
Urzeit zu ziehen. Eine so grosse Binsenweisheit dies ist, so schiessen 
doch andererseits kategorische Behauptungen wie die Kretschmers 
S. 68: „Damit ist dieses (nämlich dass man aus dem Fehlen des west- 
idg. Namens des Salzes bei den Indoirauiern nicht schliessen dürfe, 
dass diese das Salz nicht gekannt hätten) und jedes lexikalische 
argumentum ex silentio ad absurdum geführt" oder die Hirts (Beilage 
zur AUg. Z. 1898 Nr. 51 S. 3): „und dann ist aus dem Fehlen von 



XIV Vorrede. 

Worten überhaupt niemals etwas zu erschliessen^ über das Ziel 
hinaus. Zunächst wird ein Unterschied zu machen sein, ob es sich um das 
Fehlen von Gleichungen für einen einzelnen Begriff oder für ganze 
Begriffskategorien handelt, wie ein solches z. B. auf dem Gebiet 
des Fischfangs (s. d.) gegenüber dem der Jagdtiere (s. u. Jagd), 
auf dem der Schiffahrt (s. d,) gegenüber dem des Wagenbaus 
(s. u. Wagen), auf dem der Blumenzucht gegenüber dem Acker- 
bau (8. s. d. d.) u. 8. w. beobachtet werden kann. In allen diesen 
Fällen würde es unmethodisch sein, wenn man das Fehlen oder die 
Armut der Terminologie auf dem einen Gebiet gegenüber dem 
auf dem andern herrschenden Reichtum lediglich aus dem Aus- 
sterben einst vorhandener urverwandter Gleichungen erklären wollte. 
Aber auch bei dem Fehlen urverwandter Ausdrücke für einzelne 
Begriffe wird man immer die begleitenden Umstände in Erwägung 
ziehn müssen. So nimmt z. B. Delbrück in seinen Verwandtschafts- 
namen an, dass es ein idg. Wort für den Begriff der Ehe und ein 
solches für den des Witwers noch nicht gegeben habe und folgert 
dieSj ausser aus dem Fehlen urverwandter Gleichungen, in dem einen 
Fall auch daraus „dass in den Einzelsprachen, welche sich auf einer 
altertümlichen Stufe gehalten haben, kein derartiges Wort (wie „Ehe") 
vorhanden sei", und in dem anderen auch daraus, „dass wir in den 
meisten Einzelsprachen beobachten, wie neben das alte Wort für Witwe 
ein jüngeres Wort für Witwer tritt". Ähnlich wird man das Fehlen 
eines idg. Wortes für Fenster (s. d.) gegenüber dem Vorhandensein 
eines solchen für T h ü r (s. d.) auch deshalb nicht für Zufall halten 
dürfen, weil die sprachliche Ausbildung dieses Begriffes in den Einzel- 
sprachen Erscheinungen wie Entlehnung (z. B. lat. fenestra) und Kom- 
position (z. B. got. augadatirö) aufweist, die jüngeren Kulturbegriffen 
eigen zu sein pflegen. Nun wird man zwar theoretisch auch jetzt noch 
einwenden können: „Es ist aber dennoch möglich, dass Wörter für 
Ehe, Witwer, Fenster in der Grundsprache vorhanden waren, unter- 
gingen und durch andere ersetzt wurden", aber in praxi wird der 
Sprachforscher, der weiss, dass es sich in allen diesen Dingen nicht 
um Schlüsse von mathematischer Sicherheit, sondern nur um Wahr- 
scheinlichkei^tsrecbnungen handeln kann, über solche akademische 
Einwendungen zur Tagesordnung übergehn. Für mich wenigstens liegt 
bei diesem Punkte die Sache so, dass wenn ich für einen altertüm- 
lichen Kulturbegriff auf dem gesamten idg. Sprachgebiet nirgends 
eine etymologische Übereinstimmung entdecken kann, ich es zunächst 
für der Mühe wert halte zu fragen, welches der Grund dieser Er- 
scheinung sein könne. 

Die eigentlichen Schwierigkeiten in der Benutzung der Ergebnisse 
der vergleichenden Sprachforschung für urgeschichtliche Zwecke liegen 
demnach nicht auf dem Boden der bisher erörterten Möglichkeiten, sie 



Vorrede. XV 

siud vielmehr ganz vorwiegend auf seroasiologischem Gebiet zu 
suchen, d. h. in dem Umstand, dass die Feststellung der ursprünglichen 
Bedeutung einer urverwandten Sprachreihe nicht immer mit rein 
sprachlichen Mitteln möglich ist. Auf diese Schwierigkeit hat bereits 
y. Hehn in den Kulturpflanzen und Haustieren mit aller Deutlichkeit 
hingewiesen und auch das Mittel zu ihrer Beseitigung, nämlich die 
Notwendigkeit der Verbindung von Sprach- und Sachforschung, 
angegeben. Da über diesen Punkt unten ausführlicher zu handeln 
sein wird, genüge hier die Bemerkung, dass es doch auch in scheinbar 
verzweifelten Fällen oft nicht an rein sprachlichen Kriterien fehlt, 
welche eine Entscheidung in diesem oder jenem Sinne nahe legen. So 
folgt aus der Gleichung scrt. ägva- = lat. equus u. s. w. natürlich nicht, 
dass das zahme Pferd bereits den Indogermanen bekannt gewesen 
sein müsse. Bedenkt man aber, dass neben dieser Gleichung ein be- 
sonderer urverwandter Ausdruck für das Fohlen, das Junge des 
Pferdes (griech. ttuüXo^ = got. fula) liegt, so wird, da eine solche Er- 
scheinung bei wilden Tieren kaum nachweisbar ist, der Ansatz, dass 
das Pferd schon in der Urzeit in ein gewisses Verhältnis zum Menschen 
getreten war, näher als das Gegenteil liegen. 

Es ist daher eine starke Übertreibung des Richtigen, wenn 
Kossinna, um seine Abneigung gegen die ^linguistische Paläontologie" 
(ein etwas anspruchsvoller Ausdruck, über dessen Berechtigung man 
streiten kann) des weiteren zu begründen, a. a. 0. behauptet, dass 
wir „nie mit einiger Sicherheit" feststellen könnten, was 
ein Wort in der Urzeit bedeutet habe. Ein Beispiel sei die Un- 
sicherheit des eigentlichen Sinnes der Metallnamen (z. B. scrt. dyas 
oder griech. xciXkö^) sogar noch in den ältesten Litteraturdeukmälern. 
Denn gesetzt auch den Fall, es Hesse sich die ursprüngliche Bedeutung 
einer Gleichung wie scrt. äyas = lat. aes, got. aiz (ob , Kupfer', ,Erz' 
oder jEisen') nicht ermitteln, so würde doch auch dann die für die 
Indogermanische Altertumskunde höchst bedeutsame Thatsache übrig 
bleiben, dass die Indogermanen schon vor ihrer Trennung wenigstens 
Aber ein Nutzmetall verfügten. 

Es handelte sich bis jetzt um Kulturbegriflfe, für die eine Be- 
nennung sich nachweislich schon in vorhistorischer Zeit festgesetzt hat, 
nnd um die Schlüsse, die sich hieraus ziehen oder nicht ziehen lassen. 
Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass die Namengebung 
der kulturhistorischen Begriffe überhaupt, auch wenn diese sich 
nicht über den Bereich der Einzelvölker hinaus verfolgen lässt, von 
ausserordentlicher Bedeutung für die kulturhistorische Erkenntnis ist. 

Wenn die Sprache vor die Aufgabe gestellt ist, einen neuen Be- 
griff zu bezeichnen, verfährt sie- und isf,'' seit Menschen sprechen, in 
der grossen Mehrheit der Fälle so verfahren, dass sie eine an diesem 
Begriffe haftende, dem Sprechenden besonders charakteristisch er- 



XVI Vorrede. 

scheinende Vorstellung herausgreift und nach dieser den ganzen Be- 
griff bezeichnet. Das idg. Wort für Mond (s. d.) bedeutet höchst 
wahrscheinlich der yjMesser", weil man schon in grauer Vorzeit die 
Bedeutung der wechselnden Phasen dieses Gestirns als Zeitmass er- 
kannte. Als sich bei den Germanen die neue Schreibkunst verbreitete^ 
bezeichnete man das Schreiben als „Ritzen" (engl, write), weil man 
die ältesten Buchstaben in Holztäfeichen einritzte. Mit Recht hebt 
dabei Whitney Leben und Wachstum der Sprache S. 144 hervor, das& 
bei der hier in Frage stehenden Namengebung immer und überall der 
Begriff dem Ausdruck vorangehe, und es ist von kulturhistorischer 
Wichtigkeit hinzuzufügen, dass nicht schon das Vorhandensein einer 
Erscheinung, sondern erat die Vorstellung von diesem Vorhandensein^ 
d. h. eben ihr lebendig gewordener Begriff zur Ausprägung einer Be- 
zeichnung führt. Wenn es in der idg. Ursprache ein Wort für die 
Witwe (s. d.), nicht aber für den Witwer gab, so liegt der Grund 
dieser Thatsache natürlich nicht darin, dass damals nur Frauen, die 
ihre Männer, aber nicht Männer, die ihre Frauen verloren hatten, vor- 
handen waren, sondern vielmehr darin, dass das Witwentum durch 
gesellschaftliche Einrichtungen wie das Gesetz des Ledigbleibens der 
Witwe oder das ihres Sterbens am Grabe des Mannes zu lebendiger 
Vorstellung gelangt war, während der Mann, dem seine Frau gestorben 
war, nach den damals herrschenden Begriffen noch auf gleicher Stufe 
mit dem stand, der ein Kind oder auch ein Pferd oder eine Kuh 
verloren hatte. Erst als in gefühlvolleren Zeiten auch der Begriff des 
Witwers in der Vorstellung der Menschen lebendig geworden war, und 
sich gegenüber anderen verwandten Erscheinungen deutlicher abgegrenzt 
hatte, drängte er nach einer sprachlichen Bezeichnung, die diesmal 
meist durch Maskulinisierung des Femininums (lat. viduus : vidua) 
gewonnen wurde. „Jedes neuervvorbene Teilchen von Erkenntnis und 
Kraft", sagt Whitney a. a. 0. treffend, „legt der Geist vermittels der 
Sprache als sicheren Besitz an, fahrt immer fort nach neuer Erkenntnis 
zu streben und grössere Herrschaft über seine Kräfte zu gewinnen, und 
sichert den Gewinn in derselben Weise. Er arbeitet beständig unter 
der Oberfläche der Sprache, ändert und verbessert die in den Worten 
ausgedrückte Einteilung der Dinge, lernt Begriffe, die einst nur an- 
näherad gcFasst und ungeschickt gehandhabt wurden, besser beherrschen, 
presst neue Erkenntnis in alte Ausdrücke — alles, im ganzen be- 
trachtet, mit Hülfe der Sprache, und doch in jedem einzelnen Punkte 
unabhängig von der Sprache". Es ist dasselbe, was ein anderer 
Sprachforscher, Fr, Rückert, in seinem schönen Gedicht an die Sprache 
so ausgedrückt hat: 

„Da ich aus dem Schlaf erwachte. 
Noch nicht wusste, dass ich dachte, 
Gäbest Du mich selber mir. 



Vorrede. XVII 

Liessest mich die Welt erbeuten. 
Lehrtest mich die Rätsel deuten. 
Und mich spielen selbst mit Dir." 

Was hier von dem einzelnen gesagt wird, gilt auch von einem 
ganzen Volk in seiner kulturgeschichtlichen Entwicklung. 

Indem der Sprachforscher diesem vielverschlungenen Weg der 
Sprache im Hinblick auf ihren kulturhistorisch bedeutsamen Wortschatz 
prüfend nachgeht, gelangt er dazu, die Vorstellungen zu ermitteln, 
welche der sprachlichen Ausbildung der Begriflfe zu Grunde gelegt 
worden sind und durch die Zusammenstellung und Vergleichung der 
Ideen, die für ein und dasselbe Objekt den Benennungsgrund hergaben, 
sich der Erkenntnis des Objekts selbst zu nähern (vgl. auch Pott 
Quinare und vigesimale Zählmethode S. 226 ff.). Auf diesem Wege 
lernen wir, dass der Eid (s. d.) teils als ,Selbstverfluchung', teils als 
,Berührung' (sc. des Verderben bringen oder verderben sollenden 
Gegenstands) aufgefasst wurde, oder dass der Begriff des Geldes 
(s. d.) in den einen Sprachen durch Wörter filr ,Vieh', in den anderen 
dnrch solche für ,Pelzwerk', ,Zeug', ,Schmuck u. dergl. ausgedrückt 
wurde. Auf diesem Wege ermitteln wir, dass die Kunst des Lesens 
(s. u. Schreiben und Lesen) als ein ,feierliches Verkündigen', als 
jErraten' oder als ,Sammeln' (der Buchstaben) gedacht wurde, Vor- 
stellungen, die sich aus dem Lesen der geheimnisvollen Zeichen des 
Losorakels (s. u. Los) ohne weiteres erklären. Auf diesem Wege 
ergiebt sich, dass der Gedanke der Keuschheit (s. d.) auf sakralem 
Gebiete wurzelt (geschlechtlich rein für Kultuszwecke), oder dass der 
der Freiheit (s. u. Stände) aus dem der Stammeszugehörigkeit hervor- 
gegangen ist. Das Mittel der Namengebung beruht in allen diesen 
Fällen auf den gewöhnlichsten Erscheinungen des Bedeutungs- 
wandels der Sprache. Wenn das Schreiben (engl, write) als ,Ein- 
riteen' bezeichnet wird, so findet hier zunächst eine Einschränkung 
der ursprünglichen Wortbedeutung durch das Hinzutreten näher be- 
stimmender Elemente (Einritzen zum Zwecke der Mitteilung an andere) 
statt, wenn aber dann dasselbe Zeitwort für jede Art der schriftlichen 
Mitteilung (nicht bloss für das durch Einritzen) gebraucht wird, geht 
die Einschränkung durch das Ausscheiden determinierender Elemente 
in eine Erweiterung der Wortbedeutung über. Eine andere Form 
des Bedeutungswandels als dieser auf Determination beruhende ist der 
dnrch Association in der Weise erfolgende, dass neue Begriffe an 
bereits vorhandene angelehnt werden, sowie der auf einfache Be- 
deotungsübertragung hinauslaufende, bei der ein neuer Kulturbegriff 
einfach nach der Ähnlichkeit benannt wird, die nach irgend einer 
Seite zwischen ihm und schon bekannten Dingen stattfindet. Ein Bei- 
spiel für den ersteren Sprachvorgang ist die Ausbildung der indischen 
Metallnamen, die durch Association mit dem schon idg. Namen des Kupfers 

II 



XVIII Vorrede. 

« 

(scrt. dya8 = \sLt aes) entstanden sind: scrt. hiranya- ,Gold', eigentl, 
^gelbglänzendes'y rajatd- ,Silber', eigentl. yWeissglänzendes', gyämd- 
jEisen', eigentl. ,bläuliches' sc. dyas, Beispiele für die letztere Sprach- 
erscheiuung sind es, wenn auf germanischem Boden das spätere Glas 
(s. d.) nach dem früheren Bernstein, oder bei den Griechen die spätere 
Zitrone (s. d.) nach dem Holz der Zeder oder des Wachholders be- 
nannt wird. Es liegt auf der Hand, von welcher Bedeutung, namentlich 
in chronologischer Beziehung, auch derartige Beobachtungen für die 
Kulturgeschichte werden können, und so erweist sich denn das ge- 
samte Gebiet des Bedeutungswandels der Sprache, soweit es sich um 
kulturhistorische BegriflFe handelt, als eine noch lange nicht erschöpfte 
Fundgrube sachlicher und historischer Erkenntnis. Welch ein Stück 
geschichtlicher Entwicklung liegt vor uns ausgebreitet, wenn wir sehen, 
wie zahlreiche Benennungen der Mitgift (s. d.) eines Mädchens aus 
alten Wörtern für den Kaufpreis desselben hervorgehn, oder wie die 
ältesten Bezeichnungen des Gastfreunds (s. u. Gastfreundschaft) 
ursprünglich den ,Feind' und ,Fremden' benannten, oder wie Wörter 
für Schlüssel (s. d.) eigentlich , Nagel', oder solche für Brücke 
(s. d.) eigentlich ,Furt' oder solche für Bogen (s.u. Pfeil und Bogen) 
eigentlich ,Eibe' u. s. w. bedeuteten. Derartige Einzelbeobachtungen 
liegen in ungezählten Wörterbüchern und anderen etymologischen Ar- 
beiten in Hülle und Fülle zerstreut vor. Auf dem Boden der Idg. 
Altertumskunde allein können sie zu fruchtbaren Erkennt- 
nissen zusammengefasst und verarbeitet werden. 

Nicht selten geschieht es nun aber, dass die Sprache zur Be- 
zeichnung eines neuen Kulturbegriffs nicht den im Bisherigen ge- 
schilderten Weg beschreitet, sondern dafür einen fix und fertig aus 
der Fremde entlehnten Ausdruck sich aneignet. Wir kommen damit 
zu dem Fremdwort und seiner kulturhistorischen Bedeutung, über die 
wir uns kurz fassen können, da sie im allgemeinen (auch von Kretschmer 
S. 49) anerkannt wird. Nur Kossinna erhebt auch hier wieder Ein- 
wendungen : „Wir müssen uns", sagt er S. 5, „ebensowohl hüten, zu 
viel Worte in die Drzeit hinaufzurücken, als zu wenig, und damit 
kommen wir zu dem dritten sprachgeschichtlichen Bedenken, das sich 
darauf gründet, dass wir keine Ahnung von dem Umfange des zweifel- 
los sehr grossen Verlustes haben, den der urzeitliche Sprachschatz 
innerhalb jeder Einzelsprache erlitten hat. Jede aus der Fremde ein- 
geführte, vielleicht recht unwesentliche Veränderung eines Gegenstands 
konnte ein ürwort zum Aussterben bringen und ein Fremdwort dafür 
einführen. Dieses Fremdwort nimmt dann der „linguistische Paläon- 
tologe" zum Beweise einer Lücke im voraufliegenden Kulturleben, 
während es thatsächlich nicht in eine Lücke getreten ist, sondern 
heimisches Gut verdrängt hat. So sind die Worte „Kupfer" und 
^Pferd" spütrömische Lehnvvorte, Pferde gab es aber als Haustiere 



Vorrede. XIX 

bei den Germanen nachweislich schon in der jüngeren Steinzeit, und 
das Kupfer wurde ihnen bereits am Ende der Steinzeit bekannt '^. 
Wenn man dies liest, sollte man glauben, dass derartige Erwägungen, wie 
sie hier angestellt werden, dem Sprachvergleichcr bis auf 6. Kossinna un- 
bekannt gewesen seien. Und doch habe ich selbst lange vor ihm zu wieder- 
holten Malen (vgl, besonders Sprachvergleichung und Urgeschichte^ 
S. 203 flF. und meine Vorrede zur VI. Auflage von V. Hehns Kulturpflanzen 
p. XIV flf.) ausführlich über die methodische Verwertung der Fremdwörter 
gehandelt und dabei ausdrücklich gerade auch auf die von Kossinna 
angeführten Schwierigkeiten hingewiesen. An ebendenselben Stellen 
habe ich aber auch gezeigt, dass „nicht alles aus der Sprache schliessen 
können** nicht heisst 7,nicht8 aus der Sprache schliessen können", und 
wenn Kossinna doch selbst sagt, dass „die Veränderung^ eines Gegen- 
fitands die Einführung eines Fremdworts bedinge, so finde ich wiederum, 
dass er dasselbe sagt wie ich auch, Denn was ist Geschichte und 
geschichtliches Leben anders als „Veränderung"? über eben diese 
Veränderung der KulturbegrilFe aber erhalten wir durch das Fremd- 
wort Aufschluss. Es ist zweifellos sicher, dass die Entlehnung des 
deutschen Wortes „Pferd" aus lat. 2>ara{;er^dt«« (gerade dieses Beispiel 
habe ich a. a. 0. gebraucht) nicht beweist, dass die Deutschen ihre 
Pferde von den Römern erhielten. Es ist aber ebenso sicher, dass sie 
auf die Übernahme einer besonderen Verwendung des Pferdes, 
nämlich der des Postpferdes (s. u. Post) aus römisch-romanischem 
Kulturgebiet hinweist. Es ist in hohem Grade wahrscheinlich, was 
besonders gegen die Schlussfolgerungeu V. Hehns (s. u.) bemerkt werden 
inusste, dass die Entlehnung von lat. murtus aus griech. luupro^ nicht 
beweist, dass die Myrte selbst aus Griechenland in Italien einwanderte, 
wohl aber dass sie unter griechischem Einfluss daselbst angepflanzt, 
verbreitet, verehrt wurde. Es ist selbstverständlich, dass die Deutschen 
schon ehe sie ihr „kaufen" aus lat. caupo bildeten, kauften und ver- 
kauften, und doch eröfl^net uns gerade diese Entlehnung (s. u. Kauf- 
mann) ein so lebensvolles Bild des römisch-germanischen Handelsver- 
kehrs, wie keine Ausgrabung und kein Bericht eines antiken Schrift- 
stellers es uns darbietet. 

Und so steht es denn mit diesem Einwand gegen die Benutzung 
der Sprachwissenschaft für kulturhistorische Zwecke wie mit allen 
anderen. Sie haben ihre Berechtigung dem Forscher gegenüber, der 
pingui Minerva das sprachliche Material handhabt und etwa aus Ficks 
Vergleichendem Wörterbuch ein Bild der Urzeit oder aus Saalfelds 
Tensaurus Italo-graecus ein Bild der griechisch-römischen Beziehungen 
rekonstruieren wollte. Sie verlißren ihre Bedeutung demjenigen gegen- 
flber, der sich wohl bewusst ist, dass jede sprachliche Gleichung, die 
aaf Urverwandtschaft ebenso wie die auf Entlehnung beruhende, ehe 
sie als Baustein benutzt werden kann, einer sorgfältigen Prüfung hin- 



XX Vorrede. 

sichtlich ihrer Tragfähigkeit bedarf. Allgemeine auf jede einzelne 
Thatsache passende Kegeln lassen sich hierfür bei der Mannigfaltigkeit 
der zu bedenkenden Gesichtspunkte allerdings schwerlich aufstellen. 
Jeder Fall hat gewissermassen seine eigene Methode. Über die Prin- 
zipien der Sprachbenutzung ftlr die Kulturgeschichte wird man daher 
immer streiten können, wie man seit lange mit Vorliebe darüber ge- 
stritten hat. In concreto zeigt sich glücklicher Weise, wie schon aus 
dem obigen hervorgeht, dass eine Übereinstimmung, sobald man wenigstens 
um Sachen, nicht um Worte streitet, in der Mehrzahl der Fälle nicht 
allzu schwer zu erzielen ist. Und so stehen wir denn, trotz der ge- 
machten Einwendungen, noch immer auf dem „veralteten" Standpunkt, 
den J.Grimm einnahm, dass wir in der Geschichte der Sprache eine 
der reichsten und lebendigsten Quellen kulturhistorischer Erkenntnis 
erblicken und trösten uns über die Versuche, auch an dieser Wahr- 
heit zu rütteln, mit den resignationsvollen Worten Goethes: 

„Wenn sie den Stein der Weisen hätten, 
der Weise mangelte dem Stein". — 

Über eins aber kann in methodologischer Beziehung kein Zweifel 
sein — und auf diesen Punkt habe ich, seitdem ich überhaupt auf 
dem Gebiete der Idg. Altertumskunde arbeite, mit aller mir zu Gebote 
stehenden Deutlichkeit hingewiesen*) — , nämlich darüber, dass diese 
Prüfung der sprachlichen Thatsachen in engster Fühlung mit den auf 
idg. Boden uns entgegentretenden Realien geschehen muss. 

Die Sprachbetrachtung muss von Sachbetrachtung be- 
begleitet sein. Diese führt uns zunächst zu derjenigen Wissenschaft? 

1) Vgl. K. Brugmann über Sprachvergleichung und Urgeschichte* im 
Lit. Centralblatt 1883 Nr. 39: „Der Vf. kommt zu dem Resultat, dass die 
Sprachwissenschaft, auf ihre eigenen Mittel angewiesen, nicht im stände sei, 
ein zuverlässiges Bild der vorhistorischen Kulturzustände zu entwerfen; sie 
müsse mehr als es bisher geschehen sei, die archäologische Paläontologie 
und Geschichtsforschung zu Hülfe nehmen. Darin wird jeder dem Vf. bei- 
stimmen können'^, und Curt Wachsmuth Einleitung in das Studium der alten 
Geschichte Leipzig 1895 S. 320: „Auf die prinzipiellen Bedenken, die einer 
einseitigen Verwendung der Sprachwissenschaft zu derartigen kulturgeschicht- 
lichen Rückschlüssen entgegen stehn, machte dann aber mit gutem Grunde 
0. Schrader aufmerksam : besonders hob er verschiedene, die ganze Be- 
trachtungsweise empfindlich störende Möglichkeiten hervor, die im einzelnen 

zu uroschränken schwer fällt So riet Schrader, mit der sprachlichen 

Paläontologie die archäologische zu verbinden imd glaubte durch diese 
kombinierte Methode, die sowohl den indogermanischen Urschatz als die 
, prähistorischen* Funde verwertet, die Kultur der Urzeit erschliessen zu 
können, die er als die ,steinzeitliche* der Schweizer Pfahlbauten definierte**. 
Ich erlaube mir auf diese beiden, leicht . zu vermehrenden Zeugnisse, ein 
älteres und ein jüngeres, über den wirklichen Charakter meiner Methode 
hinzuweisen, da man es neuerdings bequem findet, mich als einseitigen 
„linguistischen Paläontologen" hinzustellen, wovon gerade das Gegenteil 
richtig ist. 



X 



Vorrede. XXI 



Tvelcbe mit Hacke nnd Spaten in die Tiefe der Erde steigt, um die 
Zengen vorgeschichtlicher Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, leib- 
haftig dem Auge blosszulegen, der archäologischen Prähistorie. 
Es ist eine erfreuliche Thatsache, dass dieser Forschungszweig aus 
der Rolle des Aschenbrödels, die er den philologisch - historischen 
Disziplinen gegenüber lange Zeit gespielt hat, sich durch die auf- 
opferungsvolle Thätigkeit bervoiTagender Männer zu einer selbständigen 
und geachteten Stellung mit eigener Methode und einer Reihe ge- 
sicherter Resultate emporgeschwungen hat. Wie sollte da nicht auch 
die Indogermanische Altertumskunde zur Aufhellung der vorhistorischen 
Kulturverhältnisse der idg. Völker von ihren Ergebnissen Nutzen ziehn, 
^ie in der That geeignet sind, wie es Kossinna gut ausdrückt, den oft 
„blassen" sprachlichen Konstruktionen die „blühende Farbe der archäo- 
logischen Realitäten" zu verleihn? Dass die Indogermanen schon in 
der Urzeit sich darauf verstanden, Gefäsge (s. d.) zu fonnen, könnten 
Wir allein aus der Sprache lernen. Wie aber diese Gefässe beschaffen, 
mit welchen Verzierungen sie geschmückt waren, ob man sie aus freier 
Hand gestaltete, oder schon die Drehscheibe (s. u. Töpferscheibe) an- 
zuwenden verstand u. s. w., kann uns nur die Präbistoric lehren. Ja 
80 hoch ist die Schätzung eben dieser Wissenschaft in neuster Zeit 
gestiegen, dass es eher notwendig erscheint, vor einer Überschätzung 
ihres Wertes für die Indogermanische Altertumskunde zu warnen, als 
ihre von keinem Kundigen mehr bezweifelte Bedeutung ausführlicher 
darzulegen. Wir meinen hierbei nicht, dass die wissenschaftliche Be- 
stimmung und Ausbeutung eines archäologischen Fundes kaum einer 
geringeren Zahl von natürlich andersartigen Fehlerquellen wie irgend 
eine sprachliche Gleichung ausgesetzt ist, wir wollen hier nur auf zwei, 
der archäologischen Prähistorie ihrer Natur nach anhaftende Mängel 
aufmerksam machen. 

P. Kretschmer sagte, wie wir oben sahen, wir sollten der Sprach- 
wissenschaft den Laufpass geben, da „uns die Reste altindogermanischer 
Kultur selbst durch die Prähistorie in reicher Fülle vor die Augen 
gerückt seien", und dasselbe ist die Meinung G. Kossinnas. Es fragt 
sich dabei nur, was wir unter „altindogermanischer Kultur" verstehen. 
Nach Boeckh ist die „Kulturentwicklung der Völker" gleichbedeutend 
mit der „geschichtlichen Bethätigung des Geistes der Völker", und 
fast scheint es, als ob die neueren diese „Bethätigung des Geistes der 
Völker" nur in Töpfen und Krügen, in Dolchen und Schwertern u. s. w. 
fiucbten. Denn wie hoch man auch immer den Wert der Prähistorie 
üDschlagen möge, zweifellos ist doch, was auch H. Hiii; zu wieder- 
holten Malen richtig hervorgehoben hat, dass ihre Erkenntnisse sich 
auf verhältnismässig beschränkte Teile der urzeitlichen Kulturwelt be- 
ziehn. Wenn auch gewisse Ansiedelungen, wie namentlich die Schweizer 
Pfahlbauten, ein ziemlich vollständiges Bild wenigstens der materiellen 



XXII Vorrede. 

Kaltnr ihrer Bewohner gestatten, so handelt es sich doch in der Mehrheit 
der Fälle um vereinzelte und versprengte Fundstücke oder um Gräber- 
funde, d. h. um die Gaben, welche der unverbrannten oder verbrannten 
Leiche bei der Beisetzung mitgegeben wurden, und die der Natur der 
Sache nach einem beschränkten Kreis von Gegenständen entstammen. 
Vor allem aber werden wir von der Prähistorie nie etwas über das 
Familien-, Staats- und Rechtsleben und nur weniges ttber die religiösen 
Anschauungen der Urzeit erfahren oder zu erwarten haben, so dass 
also die gesamte geistige und sittliche Entwicklung des vor- 
historischen Menschen auf diesem Wege für uns in Dunkel gehüllt 
bleibt. Gerade hier greift die Sprachvergleichung ergänzend ein, die 
mit ihrem Licht alle Seiten der vorhistorischen Kultur beleuchtet, und 
nur in diesem, nicht in einem die sachliche Forschung ausschliessenden 
oder beschränkenden Sinne habe ich „Über den Gedanken einer Kultur- 
geschichte der Indogermanen auf sprachwissenschaftlicher Grundlage'^ 
(Jena 1887) gesprochen, den Kretschmer (S. 50) als ein „Unding", 
V. Hehn freilich, dem Kretschmer wohl ein Stimmrecht in diesen 
Fragen gestatten wird, als einen „schönen Entwurf, der der Erfüllung 
haxrt"*) bezeichnete. In der That sind Gleichungen wie scrt. päti- = 
griech. ttöcti^ für den Haus- und Familienvater, scrt. rä'j- = lat. rex 
für den Häuptling des Stammes, aw. kaend- = griech. iroivri für die 
Rache luid ihre Loskaufung durch die Busse, scrt. divd- = lat. deuSy 
lit. diewas für gewisse himmelentstammte Wesen prähistorische Funde, 
denen die archäologische Prähistorie selbst nichts ähnliches an die 
Seite zu setzen hat. 

Und noch ein zweiter Nachteil dieser letzteren Disziplin dem 
sprachlichen Material gegenüber muss hier angeschlossen werden. Man 
mag Gleichungen wie die eben genannten für urverwandt oder als 
uralte Lehnwörter ansehn, eines ist doch sicher, dass sie auf kultur- 
historische Zusammenhänge zwischen indogermanischen Völkern 
hinweisen. Der archäologische Fund an und für sich aber steht, in 
je ältere Zeit er zurückgeht, umso mehr jenseits aller ethnischen Ver- 
hältnisse, und, falls es nicht gelingt, eine Beziehung zu diesen herzu- 
stellen, auch jenseits alles wirklich historischen Interesses. 

Eine solche Beziehung habe ich anzubahnen versucht, indem ich 
schon in der ersten Auflage von Sprachvergleichung und Urgeschichte 
(1883) den Nachweis zu führen unternahm, dass die in den ältesten 



1) V. Hehn an den Verfasser am 29. März 1887 : „Sie haben mir durch 
Ihre akademische Rede wiederum ein angenehmes und wertvolles Geschenk 
gemacht. Sie entwerfen darin den Grundriss, das Fachwerk einer künftigen 
sprachwissenschaftlichen Kulturgeschichte und halten dem Forscher alle Ge- 
sichtspunkte vor, die er bei diesem Geschäft sich stellen kann oder muss. 
Ein schöner Entwurf, der der Erfüllung harrt! Einzelne Partien sind ja 
schon mehr oder minder ausgefnhrti nicht am wenigsten durch Sie selbst^ u.s. w» 



Vorrede. XXIII 

Pfahlbauten der Schweiz zu Tage getretene Kultur der jüngeren Stein- 
zeit sich im Grossen und Ganzen mit derjenigen Kulturstufe deckt, 
welche wir auf linguistisch-historischem Weg als die der ältesten 
europäischen Indogermanen erschliessen können. Es zeigt sich, dass 
die wichtigsten Bestandteile jener ältesten Pfahlbautenkultur, also z. B. 
die daselbst nachgewiesenen Haustiere oder Kulturpflanzen oder die 
von den Pfahlbauem geübten Künste des Nähens, Spinnens, Webens 
n. 8. w. sich durch urverwandte Gleichungen belegen lassen, während 
fbr Kulturgegenstände, die bisher in der ältesten Pfahlbautenzeit nicht 
nachgewiesen werden konnten, also z. B. für Esel, Maultier und Katze 
oder für den Roggen und Hanf auch die sprachlichen Belege in dem 
Wörterschatz der europäisch-indogermanischen Urzeit in der Kegel 
yermisst werden (s. auch u. Kupfer und Steinzeit). Dasselbe wie 
von der Kultur der ältesten Schweizer Pfahlbauten gilt aber von den 
neolithiscben Ansiedlungen Europas überhaupt, und so gelangen wir 
auf diesem Wege, auf dem ich unter den Archäologen z. B. bei 
M. Much (Die Kupferzeit in Europa und ihr Verhältnis zur Kultur der 
Indogermanen II. Auflage, Jena 1893), unter den Sprachforschern z. B. 
bei W. Streit berg^) und H. Hirt*) Zustimmung gefunden habe, zu 
einem doppelten Ergebnis: einmal zu dem, dass die proethnisclien Zu- 
sammenhänge der Indogermanen in die neolithische Zeit fallen, und 
zweitens zu dem, dass der auch von allgemeineren Gesichtspunkten 
ans nächstliegenden Annahme nichts im Wege steht, schon das neo- 
lithische Europa sei in weiter Ausdehnung von Indogermanen bevölkert 
gewesen^). Damit aber ist für den Linguisten und Prähistoriker eine 



1) „Eine Thatsache von grosser Tragweite, auf die vor allem 0. Schrader 
hingewiesen hat, ist, dass die Kultur der jüngeren Steinzeit überraschende 
Ähnlichkeit mit derjenigen zeigt, die wir aus sprachlichen Momenten für die 
Idg. Urzeit erschliessen können", W. Streitberg Die Urheimat der Indoger- 
manen Feuilleton d. Frankf. Zeitung vom 15. März 1893. 

2) „Die gleiche Kulturstufe wie sie in den Schweizer Pfahlbauten vor- 
liegt, müssen nach Ausweis der Sprache die Indogermanen, zum mindesten 
die Europäer, erreicht haben", H.Hirt Geogr. Z. hcrausg. von A. Hettner IV, 
1898 S. 374 (s. auch u. Kupfer und vgl. die Anm. auf S. XVIII). 

3) Zu dem gleichen Resultat kommt auf Grund allgemeinerer Er* 
wägungen auch P. Kretschmer S. 57; doch tadelt er den Weg, auf dem, 
wie ich glaube, dasselbe allein beweisbar ist. Seine Einwendungen lassen 
8ich an folgenden zwei Fällen zugleich deutlich macheu und — widerlegen. 
Der neolithiscben Kultur war die Ziegje als Haustier bekannt, die Gans als 
solches unbekannt. Nun, meint Kretschmer, fehle gerade für die Ziege 
ein gemeinindogermanisches Wort, während umgekehrt für die Gans (scrt. 
hafh<8ä' = gnech. x/|v u. s. w.) ein solches vorhanden sei. Was nun aber 
das erstere Beispiel anbetrififc, so sind für den Ziegenbock so viele partielle 
Obereinstinunungen in den idg. Sprachen vorhanden (s. u. Ziege), dass mit 
HOS auch Uhlenbeck Beiträge XIX, 330 und Hirt in Hettners Geogr. Z. IV, 379 
das Vorhandensein von Ausdrücken für dieses Tier in der idg. Ursprache 
folgern {s. oben S. XI über die Verwertung partieller Gleichungen). Im 



XXIV Vorrede. 

gemeinsame ethnographische Basis gegeben, von vvelcher sie zur Er- 
klärung der weiteren kulturgeschichtlichen Entwicklung unseres Erd- 
teils zusammen ihren Ausgangspunkt nehmen können. 

Die Notwendigkeit eines Zusammengehens von Sprach- und 
Sachforschung auf dem Boden der Idg. Altertumskunde tritt mit be- 
sonderer Deutlichkeit femer bei den Versuchen hervor, über die Genesis 
unserer Flora und Fauna Licht zu verbreiten, Versuche, die die 
Sprachforschung zu engen Bertlhrungen mit der botanischen und 
zoologischen Paläontologie führen mussten. Ich kann hieran das 
kurz schon oben genannte Buch V. Hehns Kulturpflanzen und Haus- 
tiere in ihrem Übergang aus Asien nach Griechenland und Italien so- 
wie in das übrige Europa (I. Auflage, Berlin 1870) anknüpfen. Wie 
der Titel dieses Werkes andeutet, sollte in demselben der Nachweis 
geführt werden, dass die wichtigsten Charaktei'pflanzen des Südens 
zusammen mit einer Reihe von Haustieren erst in historischer Zeit 
durch die Hand des Menschen aus dem Orient, gewöhnlich wie Hehn 
annahm, aus Syrien oder den Pontusländern, nach Europa verpflanzt 
und hier ./eiter verbreitet worden seien. Was den Verfasser zu dieser 
Annahme einer grossartigen Orientalisierung der europäischen Flora, 
von der ich hier allein sprechen will, führte, war, abgesehen von 
historischen Erwägungen, die Beobachtung, dass die sprachliche Ent- 
lehnung auf dem Gebiet der Kulturpflanzen eine sehr umfangreiche ist. 
Griech. Kdvvr) „das Rohr^ ist aus dem Semitischen entlehnt, lat. murttis 
,die Myrte' aus dem Griechischen. Beweist dies nicht, dass auch von 
den beiden Pflanzen die eine von den Semiten zu den Griechen, die 
andere von den Griechen zu den Römern kam? Die philologische 
Argumentation Hehns fand einstimmigen Beifall bei den Philologen. 
Seitens der Naturforscher wurden Bedenken laut. So machte 0. Heer, 
der bekannte Bearbeiter der Pflanzen der Schweizer Pfahlbauten, darauf 
aufmerksam, dass Myrten-, Lorbeer- und Mastixblätter schon in den 
ältesten Tuff^en am Fuss des Aetna entdeckt worden seien, und dass 
daher diese Pflanzen nicht in historischer Zeit in Italien eingeführt 
worden sein könnten. V. Hehn antwortete in dem Vorwort zur IL 
Auflage sehr kühl: „Ich habe Italien genommen wie es war, als in 
historischer Zeit sich hier die erste höhere Kultur entwickelte; welche 
Pflanzen es in einer früheren Erd-Epoche trug, ist mir gleichgiltig . . • . 
Erst hätte Herr Professor Heer aufzeigen müssen, dass. von den ältesten 
Tufl^en des Aetna oder den diluvialen Travertinen Toskanas in der 



zweiten Falle aber übersieht Kretschmer, dass wir den archäologischen 
Funden nicht allein die linguistischen, sondern die linguistisch-historischen 
Ergebnisse gegenüber stellen, und diese lehren uns eben, dass die a n s 
(s. d.) in der idg. Urzeit noch kein Haustier gewesen nein kann, da sie es 
auch in historischer Zeit in den ältesten Epochen der Eiuzelvölker noch 
nicht ist. 



Vorrede. XXV 

That ein unnnterbrochener vegetativer Zusammenhang bia auf die Zeit 
geht, wo die geschichtlichen Zeugnisse beginnen. Kann er diesen 
Nachweis führen, so will ich gern einräumen, dass mich meine 
historischeu Mittel an diesem Punkte falsch beraten 
haben." Naturforscher und Philologe hatten sich nicht überzeugt, 
und doch gab und giebt es für beide keine besondere Wahrheit. 

Als es sich daher darum handelte, nach dem Tode V. Hehns eine 
Neubearbeitung des berühmten Buches zu veranstalten, schien es nötig, 
nm diese und andere Streitfragen, welche sieh an dasselbe knüpften, 
wenn möglich zu schlichten, die Arbeit gemeinsam einem Naturforscher 
und Philologen zu übertragen. Für den botanischen Teil wurde Prof. 
A. Engler, der Direktor des Berliner Botanischen Gartens, gewonnen. 
Indem ich auf die Ausführungen dieses Gelehrten in dem Vorwort zu 
der Neubearbeitung des Hehnschen Werkes^) verweise, hebe ich nur 
hervor, dass es der heutigen Botanik allerdings möglich ist, den 
von Hehn vermissten Nachweis der vegetativen Kontinuität zwischen 
früheren und der jetzigen Erdpoche im westlichen und südlichen Eu- 
ropa zu führen. Engler schliesst: „Wir sind daher berechtigt, von 
allen Pflanzen, welche am Ende der Tertiärperiode oder in der 
Interglacialperiode oder auch bald nach der Glacialperiode in Süd- 
europa existierten, anzunehmen, dass sie ohne Zuthun des Menschen 
dahin gelangt sind^. Dem Philologen blieb es übrig zu zeigen, dass 
in der That V. Hehn aus sprachlichen Kriterien nicht selten zu viel 
geschlossen habe, dass z. B. lat. murtics auch deswegen aus dem 
Griechischen entlehnt sein könne, weil die Römer von den Griechen 
<lie Verehrung der Myrte als des Baumes der Aphrodite übernahmen. 
Das Gesamtresnitat Hehns bleibt trotzdem bestehen, nur dass msm in 
recht vielen Fällen nicht eine Übertragung der Pflanze selbst aus dem 
Orient nach Griechenland oder aus Griechenland nach Italien, sondern 
nur die ihrer Kultur annehmen muss. i 

Wenn so bei den im Hehnschen Buch behandelten Pflanzen durch 
<iie gemeinsamen Überlegungen des Botanikers und Philologen, wie 
ich hoffe, zuverlässigere Ergebnisse gewonnen worden sind, so steht die 
gleiche Aufgabe auf zahlreichen anderen Gebieten des Pflanzenreiches, 
soweit es in den Dienst der idg. Völker getreten ist oder Beziehungen 
zu ihrer Kultur gewonnen hat, noch bevor. So werden von Hehn die 
Getreidcarten, die Pflanzen des Gemüsegartens (mit Ausnahme der 
Cucurbitaceen, Hülsenfrtichte und Zwiebelgewächse), die technisch ver- 
wertbaren Pflanzen (mit Ausnahme des Flachses und Hanfes), die Heil- 
und Zauberkräuter u. s. w. entweder gar nicht oder nur im Vorüber- 



1) V. Hehn Kulturpflanzen und Haustiere, VI. Aufl., neu herausge- 
geben von O. Sehrader, mit botanischen Beiträgen von A. Engler. Berlin 
1894. Eine IL Auflage dieser Neubearbeitung, die VII. des Buches, ist iu 



Vorbereitung. 



XXVI Vorrede. 

gehen behandelt. Über die Ursprünge und Verbreitnngsgeschichte aller 
dieser Pflanzen aber sind wir noch sehr wenig nnterriehtet. Hier ist 
also (ebenso wie anf dem Gebiete des Tierreichs) noch ein weite» 
Feld gemeinsamer Thätigkeit für Naturforscher und Philologen ge* 
öffnet. 

Es erübrigt, ein Wort über die Beziehungen der indogermanischeo 
Sprachwissenschaft zu derjenigen Wissenschaft zu sagen, welche den 
Menschen selbst, nicht als 2Iujov ttoXitiköv, als Kulturträger, sondern 
als l^>ov in naturwissenschaftlichem Sinne zu erforschen bestrebt ist, 
zu der Anthropologie. Ich kann mich über diesen Punkt umso- 
kürzer fassen, als er von P. Kretschmer in seiner oft genannten Ein- 
leitung in die Geschichte der griechischen Sprache 1896 Cap. II mit 
ausgezeichneter anthropologischen Sachkenntnis und in dem gleichen 
Sinne wie vorher von mir (Sprachvergleichung und Urgeschichte *^ 
Zur Methodik und Kritik der linguistisch-historischen Forschung Cap. I : 
Die idg. Sprach- und Völkerverwandtschaft, und in der Aula 1895 
S. 364 ff.) erschöpfend und richtig behandelt worden ist. Als die An- 
thropologie sich der indogermanischen Frage zuzuwenden begann,, 
schien es einen Augenblick, als ob der ganze Begriff des Indogerma- 
nentums vor ihren Rassenkonstruktionen, in die er sich in keiner 
Weise einfügen Hess, in sich zusammenbrechen werde. Indessen ist 
das Gegenteil der Fall gewesen. Der Gedanke einer idg. Sprach- 
und Völkereinheit ist siegreich aus allen Anfechtungen hervorgegangen. 
Keine der anthropologischen Hypothesen, auch nicht die auf die Ver- 
schiedenheit des Baues des menschlichen Schädels gegründeten, haben 
ein für die genealogischen Verhältnisse der Völker entscheidendes und 
allgemein anerkanntes Merkmal ergeben. „Ein so sicheres Faktum^, 
sagt Kretschmer a. a. 0. mit Recht, „wie die idg. Spracheinheit, eine 
so scharfe ethnische Abgrenzung wie dieselbe gegen die Nachbarvölker 
erlaubt, hat keine der anthropologischen Theorien, die sich mit der 
idg. Sprache beschäftigen, aufzuweisen vermocht." So nützlich und 
fruchtbringend daher auch die anthropologischen Untersuchungen für 
die Naturgeschichte des Menschen sein mögen, für die Völkerkunde 
im allgemeinen und für die Indogermanische Altertumskunde im be- 
sonderen haben sie bis jetzt nur einen sekundären Wert erlangt (s. 
näheres u. Körperbeschaffenheit und u. Urheimat der 
Indogermanen). 

Wir haben bis jetzt gesehen, dass die für das Verständnis der 
indogermanischen Sprachverwandtschaft notwendige Voraussetzung eine» 
indogermanischen Urvolks zu der Frage führte, ob es nicht möglich sei^ 
wie die Sprachentwicklung, so auch die Kulturentwicklung der Indoger- 
manen bis in die Epoche dieses Urvolks zurückzuverfolgen. Wir haben 
ferner gesehn, welche Mittel die Sprachwissenschaft selbst für die Erfüllung 
dieser Aufgabe darbietet, Mittel, die jedoch vielfach nur dann zu un* 



Vorrede. XXVII 

anfechtbaren Ergebnissen führen können, wenn die Spraehbetraehtang 
sich mit sorgfältiger Sachbetrachtnng verbindet. Diese Sachbetrachtnng 
leitete ans zunächst zn eine Reihe nnter einander nahverwandter Dis- 
ziplinen, welche den Vorzug mit einander gemein haben, durch prä- 
historische und paläontologische Funde mehr oder weniger direkt in 
die Urzeit hintlberzuführen, andererseits aber auch den gemeinsamen 
Nachteil besitzen, sich auf verhältnismässig beschränkte Teile der ur- 
zeitlichen Eulturwelt zu beziehn. Die Indogermanische Altertumskunde 
wflrde daher bei der Rekonstruktion ihres Bildes der Urzeit über ein 
sehr lückenhaftes Material verfügen, wenn ihr nicht noch ein anderes 
Mittel für ihre Zwecke zur Verfügung stände, das der Vergleichung 
der bei den idg. Völkern historisch bezeugten oder noch jetzt lebenden 
Realien und Institutionen. 

Diesen Weg zu wandeln hat uns V. Hehn gelehrt. Sein Aus- 
gangspunkt dabei ist ein doppelter. Einmal werden auf das sorgfältigste 
alle Nachrichten gesammelt, welche die Schriftsteller des Altertums 
und Mittelalters uns über die Sitten und Gebräuche der europäischen 
Nordvölker, vor allem der Kelten, Germanen und Slaven hinterlassen 
haben. Das andre Mal wird dieses tote Material belebt und vervoll- 
ständigt durch die Erfahrungen, welche Hehn selbst, durch ein für 
ihn selbst widerwärtiges, aber für die Wissenschaft heilsames Lebens- 
Bchicksal in das Innere Russlands verschlagen (vgl. Vf. V. Hehn, ein 
Bild seines Lebens und seiner Werke Berlin 1891 S. 23 ff.), bei diesem 
rückständigen Zweige der idg. Völkerwelt gesammelt hatte. Diese Be- 
deutung der Slaven für die Urgeschichte der Indogermanen wird Hehn 
nicht müde, immer aufs neue hervorzuheben. Vgl. De moribus Ru- 
thenorum S. 118: „Sie (die Russen) sind sehr alt, uralt und haben 
das älteste konservativ bewahrt und geben es nicht auf. An ihrer 
Sprache, ihrer Familienverfassung, ihrer Religion, 
ihren Sitten, ihrem Aberglauben, ihrem Erbrecht 
u. s. w. lässt sich das frühste Altertum studieren^, Italien II. Aufl. 

S. 236: „Die Slaven bilden für den Kulturhistoriker eine 

reiche, bisher noch so gut wie unberührte Fundgrube von Altertümern. 
Selbst in den Gegenden um Moskau, also im Herzen Russlands, sowie 
in Kleinrussland kann der aufmerksame, mit der Sprache bekannte 
Beobachter tausendmal an Homer und das bei Homer 
geschilderte Leben erinnert werden". Baltische Monats- 
schrift Januar 1864: „Die Baltische Monatsschrift verdient es wohl 
(viele Abonnenten) ; denn hat sie nicht auch in ihrer Art ein 
wichtiges Amt zu verwalten, ist sie nicht auch, gleich ihrer be 
rfihmten Pariser Kollegin, eine Warte beider Welten? Der kleinen 
baltischen nämlich und jener auswärts liegenden, ganz anders ge- 
arteten, ungeheuer ausgedehnten byzantinisch-slavischen Welt, die mit 
eignen Schriftzeichen schreibt, mit eigenen Kügelchen auf Draht- 



XXVIII Vorrede. 

fitäben rechnet, ihre Grütze so körnig isst, wie der Perser seinen Reis, 
und sieh mit dem Vor- und Vaternamen nennt, wie die Völker des 
Altertums, der Welt uranfänglicher Dorfgemeinschaft, 
stammartig wachsender, durch kein Prinzip der Per- 
sönlichkeit sich auflösender Familie.^ Erst nachdem so 
dem Eulturhistoriker auf dem schwankenden Boden der Urgeschichte 
ein bö^ Moi iroC (Jtoi gegeben ist, wagt es Hehn, sich der glänzenderen 
Kulturwelt des klassischen Altertums zu nähern und die beiden Fragen 
aufzuwerfen: Wie sind einerseits Griechen und Römer aus den in jenen 
Zeugnissen noch vorliegenden Anfängen idg. Kultur zu den viel- 
bewunderten Völkern des Altertums geworden, und andererseits, welche 
Überreste der Urzeit lassen sich auch bei ihnen noch nachweisen? 

Die hier geschilderte Methode V. Hehns, tlber die Grenzen der 
Überlieferung vorzudringen, kann man zugleich als neu und als — 
uralt bezeichnen. Neu ist sie gegenüber den bis auf ihn üblichen 
rein sprachlichen Rekonstruktionen der Urzeit, deren umfangreichste 
in dem grossen Werk des Genfer Gelehrten A. P i c t e t Les origines 
Indoeuropeennes (1859 — 63) vorliegt. Uralt ist sie, wenn man bedenkt, 
dass schon Thukydides in der Einleitung zu seinem Geschiehtswerk, 
in der er ein Bild der griechischen Urzeit zu entwerfen unter- 
nahm, diesen Weg einschlug. Besonders charakteristisch ist in dieser 
Beziehung das V. Kapitel des ersten Buches, in dem der Geschichts- 
schreiber zeigt, dass im ältesten Hellas fortwährende Raubzüge zwischen 
den einzelnen Stämmen stattfanden, und dass diese Quelle des Erwerbs 
damals für die Beteiligten noch nichts ehrenrühriges hatte. Den Be- 
weis für diese Anschauung findet er einmal darin, dass der geschilderte 
Zustand noch zu seiner Zeit bei zurückgebliebenen Stämmen wie den 
Ozolischen Lokrern, den Ätolern und Akarnanen herrsche, das andre 
Mal darin, dass man noch im ältesten Epos den angekommenen Fremd- 
ling unbedenklich frage, ob er vielleicht ein Räuber sei, der über das 
Meer gekommen wäre. TToXXa b' öv, fügt er Cap. VI hinzu, xal fiXXa 
Ti^ dTTobeiEeie tö TraXaiöv "EXXtiviköv öjnoiÖTpOTra tiu vuv ßapßapiKiu 
biaiTin^evov. „Auf viele andere Züge könnte man noch hinweisen, in 
denen sich altgriechischer Brauch mit dem moderner Barbarenvölker 
deckt." 

Einiges bleibt zur näheren Charakterisierung der Quellen und 
Methoden dieser Realien- und Institutionenvergleichung zu be- 
merken übrig. Bei der Benutzung der Nachrichten, welche uns Griechen 
und Römer über die Nordvölker Europas hinterlassen haben, vergesse man 
nicht eine Erscheinung in Rechnung zu stellen, auf die Alexander Riese 
in einem feinsinnigen Programm Die Idealisierung der Naturvölker des 
Nordens in der griechischen und römischen Litteratur (Frankfurt a. M. 
1875) zuerst zusammenfassend hingewiesen hat, die Erscheinung nämlich, 
dass die klassischen Autoren in schroffem Gegensatz zu einem in die 



Vorrede. XXIX 

Tiefe der Dinge steigenden Forscher wie Tlmkydides vielfach der 
Meinung waren, die uns auch in neueren Litteraturepochen gelegentlich 
zu begegnen pflegt, dass Tugend, Glück, Wohlfahrt allein in den ein- 
facheren Verhältnissen der Barbaren zu finden seien, deren Zustände 
sie daher nicht selten in rosiger Verklärung schauten und schilderten. 

Neben den antiken Nachrichten über die Nordvölker sind natürlich 
auch, was von V. Hehn nicht immer geschehen ist, ihre einheimischen 
Quellen zu Rate zu ziehn, die so relativ später Zeit sie angehören, 
und 80 sehr sie schon nnter südlichen Einflüssen stehen mögen, doch 
reiche Fundgruben vorhistorischer Altertümer enthalten. Man denke 
in dieser Beziehung etwa an Gesetzgebungen wie die irischen Brehon- 
gesetze und die ältesten slavischen Pravdas, oder an Dichtungen wie 
den angelsächsischen Beowulf und den altsächsischen Heliand u. s. w. 

unter den Völkern der Gegenwart erweisen sich neben den 
Russen, die Hehn bei seinen obigen Ausführungen besonders im Auge 
hatte, für die Rekonstruktion der Urzeit, namentlich auf dem Gebiete 
der Familie, der Sippe und des Stammes, auch die süd slavischen 
Verhältnisse von hervorragender Wichtigkeit, die daher sowohl Delbrück 
in seiner Untersuchung über die Verwandtschaftsnamen wie auch der 
Unterzeichnete in der zweiten Auflage von Sprachvergleichung und 
Urgeschichte (1890) vielfach zur Vergleichung herangezogen hat. Dieser 
Ansicht schliesst sich auch H. Hirt an, der in neuerer Zeit Bosnien 
und die Herzegowina selbst bereist hat. „Bei den Südslaven ist bis 
zum heutigen Tage eine Familien- und Wirtschaftsform, die zadrtvgay 
lebendig geblieben, die sicher in sehr alten Zeiten wurzelt'^ (Jahrb. f, 
Nationalök. u. Stat. HI. Folge, XV, 458), und „Hier lebt vor allem 
noch die Familien- und Wirtschaftsform, die wir für die Urzeit voraus- 
setzen dürfen. Mir ist in diesen Ländern das Bild jener Epoche, das 
ich durch Studium gewonnen hatte, erst lebendig geworden" (Hettners 
Geogr. Z. IV Jahrg. 1898 S. 387). Es ist zu wünschen, dass Hirt 
seine Reisebeobachtungen auf diesem Gebiet bald der Öffentlichkeit 
übergeben möge. In religionsgeschichtlicher Beziehung haben sich, 
wie das hervorragende Buch H. Useners Götternamen, Versuch einer 
Lehre von der religiösen Begriffsbildung Bonn 1896 zeigt, vor allem 
die litauischen Götternamen und Gottesvorstellungen als wichtig 
tHr das Verständnis des ältesten idg. Glaubens erwiesen (s. u. Reli- 
gion). 

Der charakteristischste Punkt der Hehnschen Sachvergleichung 
ist immer das Bestreben, von den primitiven Kulturverhältnissen der 
Nord-Indogermanen aus einen Aus- und Einblick in die Kulturentwick- 
lung des klassischen Altertums zu erhalten. Gerade umgekehrt ist der 
Weg, den B. W. Leist in seinen Büchern Graeco-italische Rechts- 
geschichte (1884), Altarisches Jus gentium (1889), Altarisches Jus 
civile I (1892), Altarisches Jus civile II (1896) einschlägt, um die 



XXX Vorrede. 

vorhistorische Rechtsordnung der Griechen und Bönaer zu ermitteln 
und auf dieser Grundlage das historische Recht der Griechen und 
vor allem das der Römer zu verstehen. Aus dem Kreise der idg. 
Völker greift er in dem ersten Werk die Griechen und Römer, in dem 
zweiten die Inder, Griechen und Römer, also beliebige, d. h. nicht 
durch nähere Verwandtschaft mit einander verbundene, aber 
sämtlich schon bei Anheben der Überlieferung auf verhältnismässig 
hoher Kulturstufe stehende Völker heraus, um durch eine Vergleichung 
ihrer Rechtsordnungen bis zu ihrem „Stammrecht'^ vorzudringen. Erst 
in dem letzten der genannten Werke werden auch die Rechtsbildungen 
der Nordvölker vergleichend herangezogen, ohne auf die längst vorher 
feststehenden Grundanschauungen des Verfassers noch einen mass- 
gebenden Einfluss ausüben zu können. Meine Bedenken gegen diese 
Forschungsweise des Verfassers, die um so sicherer zu übertriebenen 
Vorstellungen von dem religiösen, sittlichen und rechtlichen Leben 
der Indogermanen führen musste, als auch von den Ergebnissen der 
Sprachforschung nicht selten ein unhistorischer Gebrauch gemacht 
wird, habe ich zu verschiedenen Malen dargelegt (vgl. Sprachvergl. 
und Urgeschichte« S. 202, 353 flf., Deutsche Litz. 1893 Nr. 19), und 
sehe jetzt, dass ähnliche Einwendungen auch von anderen gemacht 
werden. So äussert vom juristischen Standpunkt R. L ö n i n g in der 
Zeitschrift für die gesamte Strafrechtsw. V, 553 flF.: „Meist beiseite 
gelassen hat der Vf. dagegen die rechtlichen Anfänge der übrigen 
idg. Völker, insbesondere der Germanen, welche ihm durch ihre weniger 
gefesteten sakralen Ordnungen in einem wesentlichen Gegensatz zu 
Griechen und Italern stehend erscheinen. Dagegen lässt sich zwar 
an sich nichts einwenden (V); doch ist andererseits zu beachten, dass 
uns für kein Volk gerade die Urzustände so gut bezeugt sind, wie für 
die Germanen, und dass gerade von hier aus die relativ 
sichersten Schlüsse auf die idg. Rechtsanfänge über- 
haupt und damit indirekt auch auf die der Graeco- 
Italiker gezogen werden können." So bemerkt E. Meyer 
Geschichte des Altertums 11,45 von historischem Standpunkt, dass 
die üntereuchungen Leists zwar im einzelnen sehr viel richtiges und 
wertvolles enthielten (womit auch wir durchaus übereinstimmen), ihre 
Grundgedanken aber sehr problematisch seien; denn die nachge- 
wiesenen Übereinstimmungen beruhten weit mehr 
auf Gleichheit der Kulturbedingungen als auf ver- 
erbtem Gut. So glaubt Ol den berg Die Religion des Veda S. 464* 
vom Standpunkt der Religionsgeschichte, dass Leist bei der Erklä- 
rung gewisser indischer Hergänge viel zu weit in demBestreben 
gehe, dieselben nach scharf en j uristischen Begriffen 
zu konstruieren u. 8. w. Gänzlich ablehnend gegen die Gedanken- 
gänge Leists verhält sich oflFenbar R. v. Ihering in seinem Werk Vor- 



Vorrede. XXXI 

^eschichte der Indoeuropäer^) (Leipzig 1894), in dem er, so oft sich 
auch die Gelegenheit dazu bietet, die Leistschen Forschungen — öfters 
zu seinem Schaden — völlig ignoriert. 

So glauben wir also, dass die Hehnsche und Leistsche Methode 
sich feindlich einander gegenüberstehen wie Feuer und Wasser, und 
«ine prinzipielle Vermittlung zwischen ihnen nicht denkbar ist. 

Anderer Meinung ist freilich P. v. Bradke in einer Besprechung 
des Leistschen Jus civile I in dem Anzeiger für Indogerm. Sprach- 
und Altertumskunde VI, 6 ff. „Mit Viktor Hehns ,Kulturpflanzen'," 
beisst es am Schluss, „bilden die Leistischen Arbeiten die Grundlage 
für die wissenschaftliche Erforschung des arischen (indogermanischen) 
Altertums. Scheinbar sind die beiden Männer entgegengesetzte Wege 

gegangen Doch widerspricht sich nichts, beides 

zusammen ergiebt erst das rechte Bild". Ich glaube, dass 
«ine irreführendere Darstellung des vorliegenden Verhältnisses sich nicht 
wohl denken lässt. Man erwäge aus vielen nur folgende Punkte! Nach 
V. Hehn hatten die Naturgewalten in der Urzeit noch keine menschlich- 
persönliche Gestalt angenommen, und der Name Gottes bedeutete noch 
Himmel. Nach Leist war schon in proethnischer Zeit Dyäus der 
^schützende und strafende Leiter der Weltordnung", die „regierende 
Persönlichkeit", die „einerseits vorsorgende, ernährende, andererseits die 
animadvertierende, strafende Macht". Nach Hehn beruht die idg. 
Familienorganisation auf ausgesprochenem Patriarchentum. Leist, der 
jeden patriarchalcn Charakter der ältesten Familienordnung ausdrücklich 
leugnet, geht von der sakralen Gleichstellung des Weibes mit dem 
Manne (der pätni mit dem pdti-) im idg. Hauswesen aus. Nach Hehn 
gehen die greisen Eltern in der Urzeit freiwillig in den Tod oder 
werden gewaltsam erschlagen. Nach Leist gehörte schon in vorge- 
schichtlicher Zeit die Ehrung der Eltern zu den neun „der Gottheit 
entstammenden, von weisen Männern gesehenen" Geboten, durch die 
das sittliche Leben des ürvolks geregelt war. Ich darf es dem 
Leser überlassen, zu ermessen, welcher Art das aus derartigen Wider- 
sprüchen zusammengesetzte Bild der idg. Urzeit sein würde ^). 

Gleichwohl ist auch so den Leistschen Werken ein bleibender 
Wert auf dem Gebiete der Indogermanischen Altertumskunde gesichert. 
Dieser liegt einmal in dem überaus reichen rechtsgeschichtlichen 
Material, das Leist mit grosser Gelehrsamkeit zusammengetragen hat, 
^s andre Mal darin, dass es Leist gewesen ist, der die vergleichende 



1) Vgl. im übrigen meine Ansicht über dieses Buch in der Deutschen 
liitz. 1895 Nr. 6. 

2) Ganz leise giebt übrigens auch v. Bradke S. 14 zu, dass sich „mit 
der kräftigeren Einwirkung besonders der nordeuropäischen Tradition** auch 
die (Leistsche) Auffassung des altarischen Kultrechts „mutmasslich ver- 
schieben*' werde. 



XXXII Vorrede. 

Rechtswissenschaft zuerst auf den festen Boden des Indogernianentums^ 
beschränkt hat. 

Dieser zweite Punkt führt uns schliesslich zu dem Verhältnis^ 
der Indogermanischen Altertumskunde zu derjenigen Wissenschaft, 
welche man als V e r g 1 c i c h e n d e V ö 1 k e r k u n d e zu bezeichnen 
pflegt, und als deren Tochter auch die Vergleichende Rechtswissenschaft 
zu betrachten ist. Indem diese die Rechtsinstitutionen aller möglicher 
Völker des Erdbodens, namentlich auch die der sogenannten Natur- 
völker, zum Gegenstand ihrer Betrachtung macht, hoflFt sie auf dem 
Wege der Analogie Belehrung tlber das Wesen und die Geschichte 
des Rechts auch bei den idg. Völkern zu erlangen. Ob dieser Weg 
zu dem gewünschten Ziele führen wird, wage ich nicht zu entscheiden. 
Hervorheben aber möchte ich, dass die Indogermanische Altertums- 
kunde ihm mit einem gewissen Misstrauen gegenüber zu stehn alle Ursache 
hat. Einen interessanten Beleg für die Gefahren, welche ihr von dort 
drohen können, bietet die Geschichte der Theorie des sogenannten 
Mutter rechts. Die Vergleichende Rechtswissenschaft beobachtete, 
dass bei zahlreichen unzivilisierten, aber auch bei zivilisierteren Völkern 
des Erdballs die Verwandtschaft und der Erbgang des Kindes nach 
der Mutter, nicht nach dem Vater bestimmt w-erde, und da dieser Zu- 
stand eine passende Mittelstufe zu bilden schien zwischen der als Ur- 
zustand der Menschheit angenommenen Promiscuität der Geschlechter, 
bei der denn la recherche de paternitee zwar nicht „untersagt" aber 
unmöglich war, und der historischen Vaterfamilie, so verfiel man auf 
den Gedanken, nach Spuren einer mutterrechtlichen Epoche auch bei 
dan idg. Völkern zu suchen. In der That glaubte man solche nament- 
lich bei den Germanen, z. B. in der vielbesprochenen Stelle von Tacitus 
GeiTOania: sororum filiis idem apud avunculum qui apud patrem 
honor, gefunden zu haben; denn wo die Mutter der Ausgangspunkt 
der Verwandtschaft für das Kind ist, steht demselben der Multerbruder 
unter den männlichen Verwandten am nächsten. 

Dem gegenüber habe ich schon im Jahre 1886 in einer Be- 
sprechung der Antiquarischen Briefe J. Bachofens, des entschiedensten 
Vertreters jener Mutterrechtstheorie (Deutsche Litz. Nr. 27), hervor- 
gehoben, dass die in der idg. Ursprache ausgebildeten Verwandt- 
schaftsnamen auf das unzweideutigste Protest gegen die Annahme ein- 
legen, dass die Indogermanen im Zustand des Mutterrechts gelebt 
hätten. Seitdem ist durch eine Reihe von Untersuchungen, für welche 
ich ausser auf B. Delbrücks Idg. Verwandtschaftsnamen (Leipzig 
1889) auch auf den betrefi^enden Abschnitt der II. Auflage meines 
Buches „Sprachvergleichung und Urgeschichte** (Jena 1890 S. 533 ff.) 
verweisen darf, die altindogermanische Familienordnung derartig klar 
gestellt worden, dass von Mutterrecht auf idg. Boden schlechterdings 
keine Rede mehr sein kann. Dass das, was man bei idg. Völkern als 



Von-ede. XXXIII 

Spuren jenes Znstands in Anspruch genommen hat, in hefriedigender 
Weise anders erklärt werden kann, iiat Delbrück in einem besonderen 
Aufsatz (Das Mutterrecht bei den Indogermanen, Preuss. Jahrbücher 
LXXIX Heft 1) gezeigt (näheres s. u. Mutter recht). Derartigen 
Bestrebungen gegenüber ist es, wie schon hervorgehoben wurde, ein 
nicht zu unterschätzendes Verdienst B. W. Lcists, die Diskussion auf 
„historisch- cohaerenten" Boden, d. h. eben auf idg. Gebiet beschränkt 
zu haben^ wie er denn auch mit uns die Herrschaft des sog. Mutter- 
rechts in indogermanischer Vorzeit leugnet. Bemerkt muss übrigens 
werden, dass die ethnologische Forschung (vgl. namentlich Grosse 
Die Formen der Familie und d. F. der Wirtschaft Freiburg i, B. 
und Leipzig 1896 S. 9 ff.) in neuster Zeit zu wesentlich anderen Vor- 
stellungen über Ursache und Geschichte des Mutterrechts wie früher 
gekommen ist. 

Grosse Vorteile auf anderen Gebieten erhofft H. Hirt aus 
einer engen Verbindung von Indogermanischer Altertumskunde und 
Vergleichender Ethnologie. „Bei unserer Aufgabe**, sagt er in der 
41. Sonntagsbeilage der Vossischen Zeitung 1896, „können wir die 
Ethnologie oder Völkerkunde nicht mehr entbehren. Sie hat die mo- 
dernen primitiven Völker untersucht und bei ihnen Zustände gefunden, 
die man als allgemeine Entwicklungsstufen der Menschheit 
ansehn darf. Das Ziel der Völkerkunde geht dahin, die noch jetzt 
vorhandenen Kulturstufen der Menschheit in ein Entwicklungsystem zu 
bringen, dadurch die Geschichte der Menschheit zu ergründen .... 
Soviel steht fest, dass uns die Völkerkunde oft genug ein Verständnis 
der Zustände im eignen Hause ermöglicht hat. Für die Erschliessung 
der Urzeit ist sie geradezu unentbehrlich.** Und in den 
Jahrbflchem für Nationalökonomie und Statistik III. Folge, XV, 463 
heisst es: „Die Anschauungen über die wirtschaftlichen Zustände 
der Indogermanen haben sehr geschwankt. Die ältere Wissenschaft sah in 
ihnen ein ideales Naturvolk, das den Ackerbau und die Viehzucht kannte. 
V. Hehn hat dieser Ansicht den Todesstoss versetzt. Er, der russische Zu- 
stände lange vor Augen gehabt hatte, suchte das kulturelle Niveau der 

Indogermanen herabzudrücken In der neueren Zeit ist aber 

die Ethnologie auf den Kampfplatz der Geister getreten, und ihre 
Forschungen mussten auch die Ansichten über unsere Vorzeit ändern.** 
Auch wir sind der Meinung, dass die Vergleichende Ethnologie über 
manche Institution, vorausgesetzt, dass dieselbe durch die im 
obigen geschilderten, auf idg. Boden sich darbietenden 
Mittel als indogermanisch erkannt worden ist, helleres Licht ver- 
breiten kann, sind aber andererseits der Meinung, dass H. Hirt in der 
Hereintragung wirklicher oder vermeintlicher, von modernen Natur- 
völkern abstrahierter Entwicklungsschemata in die Kulturgeschichte der 

Scfarader, ReaUexlkon. III 



XXXIV Vorrede. 

Indogermaneu öfters zu weit gekt^) (näberes s. u. Ackerbau und be- 
sonders u. Viehzucht). Die Hauptsache wird immer die Erschliessung 
des indogermanischen Altertums mit indogermanischen Mitteln sein. 



Was auf diesem, wie wir gesehn haben, an Ergebnissen und 
Streitfragen reichen Arbeitsgebiet bis jetzt geleistet worden ist, soll das 
vorliegende Reallcxikon der indogermanischen Altertums- 
kunde zusammenfassen und weiter ausbauen. 

Der feste Boden für die Anlage eines Reallexikons ist, wenn es 
sich um die Altertumskunde eines einzelnen Volkes handelt, in den 
historisch bezeugten Altertümern eben dieses Volkes gegeben. Nicht 
so einfach lagen die Dinge bei dem gegenwärtigen Werk. Denn es 
ging natürlich nicht an, bloss solche Gegenstände und Begriife dem 
Wörterbuche einzuverleiben, für welche die Herkunft aus der idg. Ur- 
zeit dem Verfasser feststand oder festzustehen schien. Hätte doch 
alsdann häufig dasjenige als schon bekannt oder erwiesen vorausgesetzt 
werden müssen, was erst ermittelt und erwiesen werden sollte. Gleich- 
wohl war auch hier für die Auswahl der zu behandelnden Kultur- 
erscheinungen nach einem schon gegebenen Ausgangspunkt zu 



1) Ein Beispiel dafür, wie dieser Gelehrte auf dem genannten Wege 
zuweilen in Widerspruch mit seinen eigenen, aus rein idg. Verhältnissen ab- 
geleiteten Thesen gerät, ist das folgende. Die Vergleichende Ethnologie 
lehrt nach Grosse a. a. O. S. 36, dass mit dem Ackerbau, den Hirt im Gegen- 
satz zu Hehn als die ältest erreichbare Wirtschaftsform der Indogermanen 
erweisen möchte (vgl. I. F. V. 395 ff.), der wirtschaftliche Schwerpunkt von 
der männlichen auf die weibliche Seite verlegt werde. Thatsächlich giebt 
es altidg. Völker, z. B. die Germanen, bei denen der Frau ein Anteil an 
diesem Erwerbszweig zugeschrieben wird (vgl. Tac. Germ. Cap. 15). »In- 
folgedessen**, lehrt nach Hirt die Ethnologie weiter, „finden wir bei allen 
primitiven Gesellschaften, die sich vorwiegend auf den Ackerbau stützen, 
eine matriarchalische Familienform oder doch die Spuren einer solchen.** 
Auch das scheint für die Germanen zuzutreffen, da Hirt die schon oben ge- 
nannte Stelle aus Tacitus Germania: sororum filiis etc. trotz Delbrück nur 
als „Spur einstigen Mutterrechts** auffassen zu dürfen glaubt (a. a. O. S. 400). 
Demgegenüber spHcht nun Hirt an einem anderen Orte (Hettners Geogr. Z. 
IV, 383) ganz in Einverständnis mit uns die Ansicht aus, dass die In doger* 
manen „zweifellos** Mutterrecht und Mutterfolge nicht gekannt hätten, 
sondern vielmehr die Vaterfolge bei ihnen geherrscht habe. Demnach müssten 
also die Germanen erst nach der Völkertrennung mutterrechtliche Gewohn- 
heiten angenommen, und da Mutterrecht und Ackerbau nach Hirt auf das 
engste ursächlich zusammenhängen, auch erst nach der Völkertrennung zum 
Ackerbau übergegangen sein. So scheint mir also auf diesem Wege gerade 
das Gegenteil von dem bewiesen zu werden, was bewiesen werden soll, 
nämlich dass der Ackerbau urindogermanisch sei. 



Vorrede. XXXV 

snchen. Dieser Hess sich in def Gesamtheit der auf alteuropä- 
ischem Boden historisch bezeugten Knlturzustände unschwer 
finden. Auf diesem liegt, wenn nicht die Wuraeln, so doch der 
Schwei"punkt der idg. Völker, und schon von vorhistorischer Zeit an 
tritt uns die Gesittung der europäischen Indogermanen als eine im 
Laufe der Zeit sich immer einheitlicher gestaltende Kultnrgemeinschaft 
entgegen, an der die Inder und Iranier, unter dem Druck der sie um- 
gebenden Kulturen des Orients in ihrer idg. Eigenart frühzeitig unter- 
gegangen, keinen Teil mehr haben. Auf diesen festen Boden der 
historisch bezeugten Kultur Alteuropas stellt sich also 
das vorliegende Werk, löst dieselbe unter geeigneten Schlagwörtern 
in ihre GrundbegriflFe auf und sucht bei jedem derselben zu ermitteln, 
ob und in wie weit die betreflFenden Kulturerscheinungen indogermanisch 
oder unindogermanisch sind, ob und in wie weit sie ein gemeinsames 
Erbe der idg. Vorzeit oder einen Neuerwerb der einzelnen Völker, 
einen selbständigen oder von aussen entlehnten u. s. w., darstellen. Es 
soll somit die Gesamtheit des alteuropäischen Kulturguts auf seine idg. 
Provenienz hin geprüft werden. Neben der Geschichte des Rindes 
und des Hundes, die, wie gezeigt wird, in die Urzeit zurückführt, 
wird z. B. auch die des Esels und Maultiers gegeben, bei der 
solches nicht der Fall ist. Neben Wolle und Flachs werden auch 
Baumwolle und Seide, neben Gerste und Hirse auch Roggen 
und Reis, neben Axt und Spiess auch Helm und Panzer u. s. w. 
behandelt. Indische und iranische Sprache und Kultur werden zur 
Erklärung der europäischen Zustände überall herangezogen. Speziell 
arische Kulturbegriffe aber, wie etwa unter den Pflanzen der Soma 
oder unter den Getränken die Surä, sind, dem Plane des Buches ent- 
sprechend, nicht als selbständige Artikel in das Wörterbuch aufge- 
nommen worden. Das Ganze ist ein Versuch, einerseits von europä- 
ischer Seite in das idg. Altertum vorzudringen, und andererseits von 
diesem letzteren aus Licht über die älteste Kulturentwicklung unseres 
Erdteils zu verbreiten. So versteht und rechtfertigt sich der Unter- 
titel des vorliegenden Werkes: Grundzüge einer Kultur- und 
Völkergeschichte Alteuropas. 

Es entspricht dem Grundgedanken eines Reallexikons, eine mög- 
lichste Zergliederung der kulturhistorischen Begriffe 
vorzunehmen, die dann wieder unter höhere Einheiten zusammengefasst 
wird. So werden z. B. die einzelnen Getreidearten und Ackerbau- 
pflanzen in besonderen Artikeln behandelt, die ihrerseits wieder in 
einen Gesamtartikel Ackerbau zusammenlaufen. Ebenso verhält sich 
die gesonderte Behandlung der einzelnen Waffen zu dem Gesamtartikel 
Waffen, der einzelnen Werkzeuge zu dem Gesamtartikel Werk- 
zeuge, der einzelnen Verwandtschaftsverhältnisse zu dem Artikel 
Familie, die gesonderte Behandlung der einzelnen Verbrechen wie 



XXXVI Vorrede. 

Diebstahl, Ehebruch, Körperverletzung, Mord, Notzucht, 
Raub zu dem Gesamtartikel Verbrechen u. s. w. 

Doch ist dieses Prinzip der Zergliederung nicht auf die Spitze 
getrieben worden. Vielmehr ist iu einer Anzahl von Fällen aus prak- 
tischen GrQnden, nämlich dann, wenn die einzelne Erscheinung erst 
im Zusammenhang mit anderen ein grösseres Interesse erwecken zu 
können schien, eine ganze Reihe von Gegenständen unter einem 
Gattungsnamen oder in einem Gesamtartikel behandelt worden. So 
finden sich z. B. die einzelnen Edelsteine u. Edelsteine, die einzelnen 
Singvögel u. Singvögel, die einzelnen Gartenbaupflanzen u. Garten- 
bau, die einzelnen Wochentage u. Wochen, s.w. besprochen. Auf 
diesem Wege ist das Buch zwar an Verweisungen, aber auch an 
lesbaren Artikeln reicher und an sonst unvermeidbaren Wiederholungen 
ärmer geworden. 

In den allgemeineren Artikeln des Werkes wird natürlich die 
Rekonstruktion eines einheitlichen Zustands auf dem betreffenden 
Gebiete der vorhistorischen Kulturentwicklung angestrebt, und — 
wenigstens in der Theorie — wird die Zusammensetzung der in solchen 
allgemeineren Artikeln erzielten Ergebnisse ein einheitliches Bild der 
indogermanischen Urzeit ergeben. Doch soll bemerkt werden, dass 
die Rekonstruktion vorgeschichtlicher Zustände, die bei dem dehn- 
baren Charakter von Ausdrücken wie ürvolk, Urzeit, Ursprache immer 
etwas fiktives behalten wird, in dem vorliegenden Werk weniger Selbst- 
zweck als Hilfsmittel zur Erklärung der geschichtlichen Ver- 
hältnisse sein soll, von denen es ausgebt. Wie auf dem Gebiete der 
Grammatik die Erschliessung der idg. Ui*sprache nicht dazu dienen 
soll, idg. Fabeln oder Zaubersprüche in ihrer uridg. Sprachforra zu 
ermitteln, sondern das Verständnis der geschichtlich überlieferten Sprach- 
formen zu ermöglichen, so erhält auch die Indogermanische Altertums- 
kunde ihren eigentlichen Wert nicht dadurch, dass sie die Gesittung 
eines im Inneren Asiens oder Europas gedachten Urvolks erscbliesst, 
sondern dadurch, dass sie die Basis bildet, auf der das Verständnis 
der historischen Kulturen der idg. Einzelvölker möglich wird. 

Im allgemeinen begnügt sich das Werk damit, das erste Auf- 
treten einer Kulturerscheinung festzustellen und ihre weitere Ge- 
schichte den Altertumskunden der idg. Einzelvölker zu überlassen, für 
die das Reallexikon eine Einleitung und Ergänzung sein möchte. 
Diesen Einzelwissenschaften fallt also eine doppelte Aufgabe zu, indem 
sie der Idg. Altertumskunde einmal einen wichtigen Teil des Stoffes 
(s. 0.) zur Zusammenstellung des Bildes der idg. Urzeit zuzuführen, 
das^ndre Mal auf der so geschaffenen Grundlage die kulturgeschichtliche 
Weiterentwicklung der einzelnen idg. Völker darzustellen haben. Sehr 
viel bleibt hier freilich noch zu thun übrig, und mir wenigstens ist bisher 
nur eine solche vom Geist der Idg. Altertumskunde wahrhaft durch- 



Vorrede. XXXVIT 

wehte Darstellung der Sonderentwieklung eines idg. Volkes bekannt 
geworden. Es sind Iwan v. Müllers in 2. Auflage vorliegende Grie- 
chische Privataltei*tQmer. 

Der Charakter der in einem Reallexikon der Idg. Altertumskunde 
zn behandelnden Fragen bringt es mit sieh, dass in dasselbe ausser den 
eigentlichen Kulturgegenständen und -begriffen auch solche Erschei- 
nungen aufgenommen werden mussten, welche, ohne selbst Kultur- 
erscheinungen zu sein, doch für die Kulturentwicklung, die ursprüng- 
liche Verbreitung, die Wanderungen der idg. Völker unseres Erdteils 
ü. s. w. irgendwie von Bedeutung sind oder zu sein scheinen. Dies 
gilt besonders von den Tieren und Pflanzen, also auch den wilden, 
bezüglich nicht domestizierten oder nicht kultivierten, die in ihren 
hervorstechenderen Erscheinungen vollständig behandelt worden sind. 
Aber auch für die Frage der Urheimat wichtige BegriflFe wie Meer, 
Schnee und Eis u. a. oder für die Zeitteilung und die Religions- 
anschaunngen wesentliche Erscheinungen wie Sonne und Mond, 
Wind und Sterne haben Aufnahme gefunden. Endlich ist unter 
geeigneten Schlagwörtern auch über die auf die idg. Völker bezüg- 
lichen anthropologischen Untersuchungen (s. u. Körperbeschaffen- 
heit der Indogermanen) und über die Frage der Urheimat selbst 
berichtet worden, ilber die man sich nach allem, was in den letzten 
Jahren darüber gesagt worden ist, gegenwärtig wohl mit einiger Zu- 
versicht äussern darf. 

Für die Auswahl der in diesem Reallexikon behandelten 
kulturhistorischen Begriffe selbst lässt sich eine auf alle ein- 
zelnen Fälle passende Regel nicht aufstellen. Im Grossen und Ganzen 
kann man sagen, dass als selbständige Artikel solche Kulturerscheinungen 
aufgenommen worden sind, welche für das historische Alteuropa, dieses 
etwa bis zu seiner Christianisierung gerechnet, eine über das einzelne 
Volk hinausgehende, allgemeinere Bedeutung erlangt haben. An manche 
Kategorien, z. B. an die auch kulturhistorisch hoch bedeutsame sprach- 
liche Ausbildung der ethischen Begriffe habe ich mich nach Mass- 
gabe der vorhandenen Vorarbeiten noch nicht oder nur ausnahmsweis 
(s. z. B. u. Keuschheit) herangewagt^). 



1) Bemerkenswert ist, dass die Bedeutung der Sprachwissenschaft für 
derartige Untersuchungen auch Fr. Nietzsches scharfes Auge erkannte. 
In einer Anmerkung zur ersten Abhandlung der Genealogie der Moral 
(Leipzig 1895 S. 338) sagt er: „Ich nehme die Gelegenheit wahr, welche 
diese Abhandlung mir giebt, um einen Wunsch öffentlich und förmlich ans- 
zadrücken, der von mir bisher nur in gelegentlichem Gespräche mit Gelehrten 
geäussert worden ist: dass nämlich irgend eine philosophische Fakultät sich 
durch eine Reihe akademischer Preisausschreibungen um die Förderung 
moralhistorischer Studien verdient machen möge; — vielleicht dient 
dieses Buch dazu^ einen kräftigen Anstoss gerade in solcher Richtung zu 
geben. In Hinsicht auf eine Möglichkeit dieser Art sei die nachstehende 



XXXVIII Vorrede. 

Über die Methode, die diesen Untersuchungen zu Grunde liegt, 
brauche ich nach den obigen Ausführungen nichts mehr zu sagen. Sie 
liegt in der Vereinigung von Sprach- und Sachvergleichung, und es 
ist eine müssige Frage, ob dieser oder jener der Hauptanteil zuiUllt. 
Die Sachlage ist eben ganz einfach die, dass auf den einen Gebieten 
mehr sprachliche, auf den anderen mehr sachliche Kriterien nutz- 
bringend und entscheidend sein werden. Nach jeder von beiden Seiten 
dürfte aber noch eine Bemerkung am Platze sein. 

In sprachwissenschaftlicher Hinsicht soll hier zum ersten 
Mal der kulturhistorische Wortschatz der altidg. Sprachen als 
Ganzes sachlich und übersichtlich geordnet und sprachlich erklärt 
werden. Dabei wird sich zeigen, dass die Summe unseres Wissens 
trotz der mehr als 60jährigen Arbeit, die seit Potts Etymologischen 
Forschungen geleistet worden ist, noch immer eine verhältnismässig 
nicht allzu grosse ist. Indessen düi-fte die Hoffnung nicht unbegründet 
sein, dass gerade der hier eingeschlagene Weg, die Terminologie der 
einzelnen Kulturerscheinungen als Ganzes und unter sachlichen Gesichts- 
punkten zu betrachten, zur Aufhellung manches bisher dunklen Be- 
standteils derselben führen wird; denn je besser wir die Dinge und 
Begriffe, um die es sich handelt, verstehen lernen, umso besser werden 
wir auch die Wörter verstehn, die sie bezeichnen. Es sind daher 
vielfach auch noch gänzlich unerklärte Benennungen der einzelnen 
Kulturerscheinungen als Material für die zukünftige Forschung ge- 
geben worden. Dass dabei eine Vollständigkeit nicht erreicht werden 
konnte, wird derjenige zu entschuldigen wissen, der sich vergegen- 
wärtigt, wie mühevoll die Zusammenbringung einer solchen kultur- 
historischen Synonymik der idg. Sprachen ist, für die es fast völlig an 
zusammenfassenden Vorarbeiten fehlt. 

Grössere Schwierigkeiten aber noch als die sprachwissenschaftliehe 
Seite des Buches hat mir auf dem Gebiete der Sachvergleichung die 
Ausbeutung der archäologisch-prähistorischen Forschung ge- 
macht. Zwar darf ich sagen, dass ich mich redlich bemüht habe^ 
meine Anschaungen und Kenntnisse auf diesem Gebiete durch Reisen 
und Lektüre, soweit es Mittel und Zeit gestatteten, zu vertiefen 
und auszudehnen. Allein ich verkenne doch nicht, dass die selb- 
ständige Verwertung der Funde, namentlich in knnstgeschichtlicher 
Beziehung, einen Grad von Begabung und Schulung fordert, über den 
ich leider nicht verfüge. Indessen kam es für mich glücklicher Weise 
auf diese mehr kunstgeschichtliche Seite der Prähistorie weniger an. 

Frage in Vorschlag gebracht; sie verdient ebenso die Aufmerksamkeit der 
Philologen und Historiker als die der eigentlichen Philosophie-Gelehrten von 
Beruf: „Welche Fingerzeige ^iebt die Sprachwissenschaft, ins- 
besondere die etymologische Forschung, für die Entwicklungs- 
geschichte der moralischen Begriffe ab". 



Vorrede. XXXlX 

Die im Mittelpunkt meiner Betrachtung stehende Frage war vielmehr 
die: In welcher der von den Prähistorikern unterschiedenen Epochen 
tritt dieser oder jener Kulturbegriff zuerst in unserem Erdteil auf? 
Diese Frage habe ich bei der Durchmusterung unserer Museen und 
Sammlungen vornehmlich im Auge gehabt und ihre Beantwortung 
unter der sachkundigen und liebenswürdigen Leitung von Männern wie 
M. Much in Wien, S. Müller in Kopenhagen, A. Goetze in Berlin, 
Herrn Heierli in Zürich vielfach gefunden. 

Es ist ein grosses und weitverzweigtes Arbeitsgebiet mit einer 
kaum übersehbaren Fülle sprachlicher und sachlicher Litte ratur, auf 
dem sich die vorliegenden Untersuchungen bewegen, und ich bin in unserer 
spezialisierenden Zeit auf den Einwand gefasst, dass der Plan des Buches 
die Vereinigung mehrerer Arbeiter empfohlen hätte. Thatsächlich habe 
ich diesen Gedanken längere Zeit erwogen, ihn aber aufgegeben, je 
mehr ich sah, wie derartige gegenwärtig auf der Tagesordnung stehende 
genossenschaftliche Unternehmungen, bei hervorragendem Wert im 
einzelnen, doch allzu oft an den stärksten Widersprüchen in den 
grundlegenden Anschauungen leiden und leiden müssen. Ich habe daher 
selbst auf die Gefahr häufigerer Irrtümer im einzelnen hin an dem Vor- 
teil einheitlicher Durchführung des Werkes festgehalten. Dass ich mir 
dabei bewnsst bin, zuweilen noch kaum mehr als Rubriken geboten 
zu haben, die erst von der zukünftigen Forschung auszufallen sein 
werden, brauche ich nicht zu versichern. Die auf unserem Forschungs- 
gebiete bisher geleistete Arbeit kann man mit einem grossen Neubau 
vergleichen, dessen Fundamente gelegt sind, dessen Plan entworfen ist. 
An zahlreichen Stellen ist das Werk rüstig emporgediehen. Oft aber 
stockt die Arbeit; denn der Bau gehört nicht zu den offiziellen Bauten. 
So ist es vielfach noch Stückwerk, das hier geboten wird. 

Auf der anderen Seite sind es aber nun bald 25 Jahre, dass ich 
mich, durch V. Hehns Kulturpflanzen dazu angeregt, zuerst den hier 
behandelten Fragen zugewandt habe (Sprachwissenschaft und Kultur- 
geschichte Im neuen Reich 1877 S. 361 flF.). Seitdem habe ich durch 
eigene Arbeiten und durch die Neuherausgabe der linguistisch-histo- 
rischen Schriften V. Hehns in fortdauernder Fühlung mit den Pro- 
blemen der Idg. Altertumskunde gestanden. Als daher von dem um die 
idg. Sprachwissenschaft so hoch verdienten Herrn Verleger der Wunsch 
nach einem zusammenfassenden Werk über die Idg. Altertumskunde 
ausgesprochen wurde, glaubte ich das Recht und die Pflicht zu haben, 
mich dieser Aufgabe zu unterziehn und lege ihre Erfüllung in diesem 
seit lange von mir geplanten Reallexikon der Indogermanischen Alter- 
tumskunde der Öffentlichkeit hiermit vor. 

Zu wärmstem Dank bin ich Herrn Prof. F. Kluge in Freiburg i. B. 
verpflichtet, der das Unternehmen von Anfang bis zu Ende durch Rat 
und That unterstützt hat. Wie dieser, hat auch Herr Prof. Cappeller 



XL Vorrede. 

in Jena die grosse Güte gehabt, eine Korrektur des Werkes zu lesen 
und mich durch eine Beihe von Winken, namentlich auf indischem 
und litauischem Gebiet, zu fördern. Herr Kollege Dr. Hilgenfeld in 
Jena hat freundlichst die einheitliche Umschreibung des semitischen 
Wortschatzes im Auge gehabt. 

Der Druck des Baches hat nahezu zwei Jahre in Anspruch ge- 
nommen, so dass eine Reihe von Nachträgen notwendig oder 
wünschenswert geworden ist, die ich nicht zu übersehen bitte. 

Jena^ den 18. Januar 1901. 

O. Schrader. 
f 



THE NEW YORK 

PUBLIC LIBRARY 



ASTOR, LENOX AND 
TILDEN FOUNDATIONS. 

R 1901 L. 



A. 

Aal {Anguilla fluviatilis). Lat. anguilla, lit. ungurgs {*anguria8y 
woraus finn. anJcerias), altpr. angurgis, russ. ugori sind zweifellos erst 
in den Einzelsprachen entstandene Diminutivbildungen aus einem idg. 
Namen der Schlange (lat. anguü, lit. angis, slav. "^ongjüy *on^i = poln. 
icqz, russ. uzü), so dass demnach der Aal so viel wie , kleine Schlange' 
ist. Ebenso ist ir. esc-ung eigentl. ,Sumpfschlange' {-ung = lat. an- 
gi(is)j dann ,Aar, und wenn (bei Stokes Urkeltischer Sprachschatz 
S. 319) aus kymr. y-slywen, slowen ,Aar und bret. stlaonenn ,petite 
anguille' mit Recht ein urkeltisches *slangiO' ,Aar erschlossen wird, so 
dürfte dies schwer von ahd. slango, altn. slange ,Schlange' getrennt 
werden können. Unter diesen Umständen ist es wahrscheinlich, dass 
auch griech. f-fX^^^? nur eine Verkleinerungsform von griech. fx^^ 
,Schlange' ist, neben dem ein nasalischer Stamm *^tXi- (s. näheres u. 
Schlange) bestanden haben wird. Bemerkenswert ist auch, dass 
bei Homer die Aale noch nicht zu den Fischen gerechnet werden, wie 
der Ausdmck dyx^^^^^S tc Kai ixQveq (II. XXI, 203) zeigt. Ein anderer 
griechischer Ausdruck ist ijaßnpK;' ?tX€^^<;. Mr|6ujLivaioi (Hesych), mit 
dem einige in weniger wahrscheinlicher Weise die litu-slavischen Wörter 
verbinden möchten. — Das gemeingermanische ahd. äl (*<?Zo-; ob zu ahd. 
alant ,eine Fischart' ?), sowie korm. selli, SLrem.sili (ZeussGr.Celt.^ S. 1074) 
sind dunkel. — Von Wichtigkeit ist die nach dem obigen zu verneinende 
Frage, ob der Aal schon in der Urzeit bekannt war, für die Bestim- 
mung der Urheimat der Indogermanen (s. d.) deswegen, weil der 
Fisch in den Stromgebieten des Kaspischen und Schwarzen Meeres 
nach Brehms Tierleben ^, Fische S. 399 nicht vorkommt. S. auch u. 
Fisch, Fischfang. 

Abend. In der Benennung des Abends gehen die idg. Sprachen 
in Gruppen auseinander. Es decken sich scrt. döshä' , Abend, Dunkel' 
und aw. daoSa-, griech. iä ^atrepa, f| ianipa und lat. vesper, altsl. 
cecerü und lit. wäkaras. Die beiden letztgenannten Gleichungen 
scheinen unter einander und mit dem ir. feacor, kymr. ucher, sowie 
mit armen, giier (,Nacht') zusammenzuhängen, ohne dass dieses Ver- 
hältnis bis jetzt lautlich aufgeklärt wäre. — Die beiden gemein- 
germanischen Gruppen ahd. ähand, agls. dfen, altn. aptann (got. 
sagqs, eigentl. ,Sinken der Sonne') und altn. kveld , Abend', ahd. 

Schrader. Reallexikon. 1 



2 Abend — Abgaben. 

chtoilti-werch , Abendarbeit', agls. cwyldseten , Abend' sind dunkel. 
Ebenso altpr. hitai ,Abend'; Mtas-idin ,Abendes8en, Abendmabr. 

Eine umschreibende Bezeichnung ist honi. ßouXuTÖ?, ßouXuTÖvbe 
,die Zeit zum Stieraasspannen' wie scrt. sam-gavd- ,die Zeit, wann 
die Ktlhe zusammengetrieben werden', ,Vormittag' oder ir. inibüarach 
jbeim Anbinden der Ktlhe', ,morgend8' (Zimmer K. Z. XXX, 17). 
Eigentlich die Abendmahlzeit meint die Gleichung alb. darke , Abend- 
essen', ,Abend' = griech. böpirov ,Abendmahlzeit' (G. Meyer Et. W. 
d. alb. Spr. S. 61). Neben darJce liegt alb. dreke ,Mittagessen', ,Mittag- 
zeit'. Es gleicht dies dem Verhältnis von scrt. pitü-y aw. pitu- ,Nah- 
rung' einerseits zu lit. pUtüs ,Mittag', andererseits zu scrt. ä-pitvd- und 
äbhi'pitvd' ,Abend'. — Der späte zum Abend neigende Nachmittag 
heisst im Griechischen bciXt], bcicXov f||Liap (Homer: i^iJü^, m^ctov i'iiuiap, 
bciXri). Vgl. Od. VII, 289, wo Aristarch beiXeio t' iieXio? statt buaeio 
las. Ein idg. Ausdruck ftlr das Dunkel des Abends ist scrt. rdja^-, 
armen, erek (,Abend'), griech. fpcßoq, got. riqis. S. u. Zeitteilung. 
Über Abend = Westen s. u. Himmelsgegenden. 

Aberglaube, s. Zauber und Aberglaube. 

Abgaben. Die älteste Form der Steuern oder öffentlichen Ab- 
gaben besteht in der freiwilligen Darbringung von Naturalerzeug- 
nissen an den Häuptling oder König des Stammes. Diesen Zustand 
schildert Tacitus in der Germania (Cap. 15) mit vollkommener Deut- 
lichkeit : Mos est civitatibus ultro ac viritim conferre principibus vel 
armentorum vel frugum quod pro honore acceptum etiam necessitatihus 
subvenit (vgl. weiteres bei J. Grimm R. A. S. 245 flf.). Auch bei Homer 
bestehen die Einkünfte der Könige noch aus freiwilligen Gaben (biuTivai) 
des Volkes, wozu sich aber hier bereits die Qiyaajeq, ,gesetzte' 
(:Ti0Ti)Lii) Abgaben gesellen. Vgl. II. IX, 154: 

dv b'fivbpe? vaiouai TroX\jppTive(;, TToXußoOiai, 

Ol K€ i blüTlVlJCTl 0eÖV S)q Tl)Llf|(T0Uai 

Kai ol ÜTTÖ cTKriTTTpiu Xmapä? teXdouai öeiiiicrTaq. 
Endlich bedeutet wahrscheinlich auch im Rigveda (nach H. Zimmer 
Altindisches Leben S. 166) scrt. bali- (wohl: scrt. bala- ,stark', wie 
ahd. stiura ,Steuer' : ahd. stiuri ,stark', also etwa ,Stärkung') vor- 
wiegend freiwillige Abgaben des Volkes an den König (anders W. Foy 
Die königliche Gewalt S. 38). — Dass diese ältesten Abgaben ledig- 
lich aus Naturalien bestanden, darauf weist auch ein alter slavi- 
scher Ausdruck für Steuern, russ. obroki, deutlich hin, ein Wort, 
das zu altsl. rekq ,8age' gehörig, eigentlich ,promissio' bedeutet, und 
dann, weil eben die ältesten Steuern niclits als Naturalabgaben waren, 
in zahlreichen slavischen Sprachen die Bedeutung von ,Kost', ,Lebens- 
mittel' u. dergl. angenommen hat (vgl. Ewers D. älteste Recht d. 
Russen S. 36 ff.). Von Oleg (879 — 912) wird dann berichtet, dass er 
die obroki, jetzt als regelmässige Abgabe verstanden, zuerst in Russ- 
land eingeführt habe. 



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• , • « w 

• •• • * 
» • « 

• • • • k 



Abgaben. 3 

Wie sehr die idg. Stämme von Haus aus an Freiheit von be- 
stimmten Abgaben gewöhnt waren, dafür spricht auch der Umstand, 
dass Darius, als er sein ungeheures Reich in 20 Satrapieen einteilt, 
■deren jeder er einen bestimmten Tribut auferlegt, er seinen Persern 
gegenüber dies nicht zu thun wagt: dieX^a Tdp TT^pcrai v^inoviai x^P'lv 
(Herod. UI, 97). 

Die Weiterentwicklung ist nun die, dass das, was ursprünglich 
freiwillige Darbietung war, nach Erstarkung der königlichen Ge- 
walt und bei Vermehrung der staatlichen Bedürfnisse von den Volks- 
genossen geheischt (vgl. ahd. bstüf mhd. bete, eigentl. ,Bitte') und 
ihnen auferlegt ward. Letzteres, die ,ümlage', bedeutet eigentlich 
•das lat. tribütum; vgl. Varro De lingua lat. V, 181: Tributum dictum 
a tribubus, quod ea pecunia, quae populo imperata erat, tributim 
u singulis pro portione censua exigebatiir (tribuere, eigentl. ,nach 
Tribus verteilen', dann allgemein ,zuerteilen'). — Dazu kommt dann 
^er unterworfenen Völkern auferlegte und meist durch Geiseln 
(s. d.) gesicherte Zins, wie ihn schon die Germanen zur Zeit des 
Tacitus fremden und besiegten Völkern gegenüber kannten. Vgl. Germ. 
Cap, 43: Cotinos Gallica, Osos Pannonica lingua coarguit non esse 
Germanosj et quod tributa patiuntur, partem fributorum Sar- 
matae, partem Quadi ut alienigenis imponunt. Altgermanische 
Ausdrücke hierfür werden got. gild und gilstr von altn. gjalda, altndd. 
geldan (woraus sehr früh altsl. itledq ,zahle', ,bÜ8se' entlehnt wurde), 
,das was man zahlt' und altn. sJcattr (got. sJcatts; vgl. unser ^Schätzung') 
gewesen sein. Doch werden diese Wörter, namentlich das erstere (vgl. 
got. Jcmsara-gild ,Kfivao(;'), sehr früh auch für Steuern überhaupt ge- 
braucht, für deren Bezeichnung noch agls. gow6e, alts. gambra {Su- 
gambri, Gambrivii?) und agls. gafol^ mlat. gablum (=got. gabaürT) 
in Betracht kommen. Der griechische Ausdruck für Tribut ist q)öpoq 
(:qp€p€iv). Er wird zuerst von Herodot, und zwar im Gegensatz zu 
^u>pa in Bezug auf feste, in Talenten (Geld) zu zahlende Abgaben 
unterworfener Völker (III, 89 fF.), von Späteren dann ebenfalls im 
Sinne von ,Steuer' verwendet, umgekehrt ist wohl altsl. danl (= lat. 
dönum oder griech. bdvoq) zunächst die freiwillige Abgabe, dann die 
auferlegte Schätzung (vgl. Ewers a. a. 0.). Entlehnt aus lat. tribütum 
sind in früher Zeit ahd. tribuz, agls. trifot, in späterer aus lat. census 
:ahd zins (altndd. tins) nebst ir. eis ,Abgabe', ,Tribut', ein Beweis 
dafür, wie schwer der römische Steuerdruck auf Germanien und Gallien 
lastete (die historischen Zeugnisse hierfür vgl. bei A. Riese Das Rhei- 
nische Germanien). 

Allmählich mehren sich die Einnahmen des Staates, bezüglich 
seines Beherrschers, durch Abgaben anderer Art, wie durch Gerichts- 
bas8en (vgl. Tac. Germ. Cap. 12 : Pars multae regi vel civitati .... 
exolvitur und die altrömische Prozesssteuer in Gestalt einer Viehbusse, 



4 Abgaben — Abort. 

nach Mommsen Rom. Gesch. P, 71) und; bei sich steigerndem Handels- 
verkehr, durch Zölle (vectigälia), die auf die eingeführten Waren 
gelegt wurden. Vielleicht hat der germanische Norden diese primitiven 
Völkern ursprünglich fremde Einrichtung (vgl. Ewers a. a. 0. S. 188) 
erst durch den Verkehr mit Rom kennen gelernt, worauf die Entlehnung 
von ahd. zol, zolonäri, zollantuorrij alts. tolj tolna, agls. toi, tolne, 
tolrUre aus lat. toloneum, tolonarius (diese wieder aus griech. leXuivri^ 
,publicanus' von leXt] , Abgaben') hinweist. Das Gotische hat hierfür 
möta, möta-staps, mötäreis ,tAo^, xeXiuviov, TeXiüvTi^'. Das Wort 
ist von hier aus auf hochdeutsches Gebiet (ahd. mütä) und zu allen 
Slaven und Litauern (russ. myto ,Zoir u. s. w., lit. muttas desgl.) über- 
gegangen. Woher es aber auf gotischem Boden stammt, ist noch 
nicht ermittelt. — Mit Einführung des Christentums erscheint dann als 
eine den Barbaren ganz neue Abgabe der Zehnte, griech. b€KdTT}, 
lat. decima (ahd. dezemo aus dem Lat. entlehnt, ahd. z'ehando, altsl. 
desqtina daraus übersetzt), die Hauptsteuer, welche die Kirche der Ge- 
meinde auferlegte. — S. u. König und u. Stamm. 

Abhärtun^Cy s. Bad. 

Abholung der Braut, s. Heirat. 

Abort. Aus der Umfrage nach den geschlechtlich sittlichen Ver- 
hältnissen der evangelischen Landbewohner im Deutschen Reiche, die 
von der allgemeinen Konferenz der deutschen Sittlichkeitsvereine ver- 
anlasst wurde (I Band. Leipzig 1895, II Band, ebenda 1896), hat 
sich ergeben, dass die Einrichtung der Aborte noch in weiten Teilea 
unseres Vaterlandes (und wie mag es dann erst etwa in den Slaven- 
ländern u. s. w. stehn?) eine nahezu unbekannte Sache ist, und dass 
damit aufs engste die Natürlichkeit zusammenhängt, deren sich die 
Landbewohner bei Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse in Wort 
und That bedienen. Es zeigt sich also, dass eine Geschichte der 
Aborte für die allgemeine Kulturgeschichte unseres Erdteils nicht ohne 
Interesse wäre. Bis eine solche vorliegt, wird man vernmten dürfen, 
dass, so lange sich das Leben der Indogermanen in Dörfern (s.d.) 
abspielte, Bedürfnishäuser gänzlich fehlten, und dass dieselben erst mit 
den städtischen Niederlassungen und in den höheren Kreisen der Be- 
völkerung allmählich aufkamen, zunächst von den Wohnungen getrennt, 
am Düngerhaufen gelegen, und vielleicht für mehrere Häuser gemein- 
sam (nur von den Thebanem sagt Eubulos dv KepKUJiiii Athen. X p. 417 d: 
jueid laÖTtt Qnßaq fjXGov, ou Tf|v viixö' öXtiv xfiv 9'fi|Liepav bcmvoöm Kai 
KOirpujv' ?X€i d^i xaig Bijpaiq ^KacTio^, ou TrXripei ßpoiui ouk 
eaii |Li€iZ!ov dTaOöv), dann allmählich (in Deutschland zuerst an den 
mittelalterlichen Burgen nachweisbar), in die Wohnstätten hineingezogeu 
(vgl. H. Göll Griech. Privataltert. S. 118, Weinhold Altn. Leben S. 228^ 
A. Schultz Das höüsche Leben im M.A. I*, S. 107 f.). 

In die Sprache der besseren Kreise führen auch die uns über- 



Abort — Abtreibung. 5 

lieferten verhüllenden und meist sehr konform gebildeten Bezeichnungen 
■des Aborts, Wörter wie griech. GaKoq, eigentl. ,Sitz', dtrÖTraTO^, öjLijLidTia, 
•eigentl. ^Fensterchen' (deutlicher KOirpuiv s. o.), lat. sella familiarisy 
altn. heimüishüs (heimili ,homestead') nddahüSy eigentl. ^Friedens- 
haus', salemi {salr ,Saar), agls. gangern ,Ganghaus', spätmhd. privet 

Q. 8. W. 

In engem Zusanmienhang mit den geschilderten Verhältnissen steht 
offenbar auch der Umstand, dass die altindogermanischen Ausdrücke 
für die Verrichtung der natürlichen Bedürfnisse und die dabei in Be- 
tracht kommenden Körperteile (also Wortreihen wie scrt. hädati = 
griech. x^^j a'b, dj4s\ scrt. m^hati = griech. ömix^o), lat. mingo, 
lit. m^zti, agls. migan] scrt. pardatS = griech. Tr^pbojuiai, ahd. firzw, 
griech. 6ppo^ = ahd. ars; scrt. päsa- = griech. tt^o^, lat. penis, mhd. 
visel u. s. w.) sich mit der gleichen Treue wie die wichtigsten Kultur- 
wörter erhalten haben. Diese Erscheinung wäre nicht denkbar, wenn 
die heute uns geläufige verschleiernde Bezeichnung dieser Dinge in 
frühen Zeiten in irgend welcher Ausdehnung üblich gewesen wäre. — 
Bemerkt sei noch, dass auch das auf sehr ursprünglicher Stufe stehen 
gebliebene armenische Bauernhaus der Anlage eines Aborts völlig 
entbehrt (vgl. Mitteil. d. Wiener anthrop. Ges. XXII, 154^). S. u. Haus. 

Abortus, 8. Abtreibung der Leibesfrucht. 

Absichtliche and aiiabslchtliehe Tötung, s. Mord. 

Abtreibung der Leibesfrucht. Verbote gegen diese bei Kultur- 
tind Naturvölkern, in alter wie neuer Zeit häufig geübte Unsitte (vgl. 
H. Ploss Das Weib S. 546 ff.) treten auf idg. Boden zuerst und sehr 
früh bei den arischen Völkern hervor. Bereits der Vendidäd des 
Awesta (vgl. Geiger Ostiran. Kultur S. 337 f.) lehrt: „Wenn jemand 
mit einem Mädchen Umgang hat .... und es schwanger macht, so soll 
•das l^lädchen nicht aus Scham vor den Leuten durch Wassertrinken 
oder durch pflanzliche Mittel seine Regeln künstlich hervorbringen. 
Wenn das Mädchen dies thut, so ist das von ihm eine Kapitalsünde. ^' 
In gleicher Weise, erfahren wir dann weiter, sind schuldig der Mann, 
der das Mädchen zur Fruchtabtreibung verführt, und die Alte, die die 
Mittel (es wird namentlich Hanf genannt) bereitet hat. Auch in Indien 
verurteilen schon die ältesten Rechtslehrer den künstlichen Abortus 
{bhrünaJiatyd^ ,Tötung der Leibesfrucht'), indem sie den Schuldigen 
ans seiner Kaste ausstossen. Vgl. Apastamba (1,9,24,8): „LiJcewise 
he (is edUed an Äbki^a^ta) who Jias destroyed an emhryo of a (Bräh- 
mana, even thougk üs sex he) undistinguishable^ y Gautama (XXI, 9): 
^A tooman beJcomes an outcast by procuring abortion^ , Vasishtha 
(XXVIII, 7): j^Those versed in tJie sacred law State that here are 

ihree acts (only) wkich mäke uoomen outcasts and the destruction 

of the fruit oftheir tßomb.^ — Ganz anders als in diesen sakralen Ge- 
setzgebungen des Orients stehen die Dinge in Europa. 



6 Abtreibung — Ackerbau. 

In der guten griechischen und römischen Zeit haben Strafandrohnngei» 
für die Abtreibung der Leibesfrucht nirgends bestanden, und erst sehr 
spät fängt man in Rom an, der immer mehr um sich greifenden Un- 
sitte mittelbar durch Verbot der Darreichung abtreibender Tränke 
(Fr. 38. §5. D. XL VIII, 19. de poenis. PauUus Libro V Sententiarum: 
Qui abortionis, aut amatorium poculum dant, etsi dolo non faciant, 
tarnen quia mali exempli res est, humiliores in metallum, hone- 
stiores in insulam amissa parte bonorum relegantur) entgegenzu- 
arbeiten. Auch bestraft man die Abtreibende, weil sie den Mann um 
seine Kinder betrüge (Fr. 4. D. XLVII, 11. de extraord. criminibus^ 
Marcianus Libro I Regularum : Divus Severus et Antoninus rescripse- 
runt, eam, quae data opera äbegit, a Praeside in temporale exilium. 
dandam; indignum enim viden potest, impune eam maritum liberis^ 
fraudasse), also nicht wegen der Abtreibung selbst. 

Erst die christliche Kirche hat die Abtreibung der Leibesfrucht dem 
Morde gleichgestellt (vgl. Spangenberg Über das Verbrechen der Ab- 
treibung der Leibesfrucht im neuen Archiv des Kriminalrechts II, 1 fF.). 
Die älteste Bestimmung der germanischen Volksrechte (vgl. 
Wilda Germ. Straf recht S. 718 flf.) scheint auf einen Rechtssatz: Si 
quis mulieri ictu quolibet avorsum fecerit, XII sol. componat oder 
ähnlich zu führen. Demnach wtlrde nur, wer einer Schwangeren durch 
Gewalt einen Abortus bewirkte, zu einer Busse verpflichtet gewesen 
sein, während die Abtreibung durch dynamische Mittel (Tränke u. s. w.) 
und die Abtreibung durch die Mutter selbst ursprünglich nicht als Ver- 
brechen angesehen worden wären (Spangenberg a. a. 0. S. 11 f.). 

Obgleich so im ältesten Europa von einem Verbote der Fruchtabtrei- 
bung nicht die Rede gewesen sein kann — was auch kaum denkbar 
wäre in Zeiten, in denen den Eltern noch die Aussetzung des ge- 
borenen Kindes (s. u. Aussetzungsrecht) freistand — , so wird 
man doch annehmen dürfen, dass dieselbe innerhalb der Ehe bei den 
altidg. Völkern selten ausgeübt wurde. Denn sie steht mit der überall 
auf idg. Boden geltenden Anschauung in direktem Widerspruch, nach« 
welcher der Besitz zahlreicher Kinder, d. h. Söhne ein heisserflehtes 
Glück der Eltern (s. u. Kinderreichtum) ist. S. u. Verbrechen. 

Abtritt, s. Abort. 

Achat, s. Edelsteine. 

Achse. Der idg. Name dieses Wagenteils ist: scrt. dksJia-, 
griech. fiEujv (vgl. äixaiay &yi-ola ,Wagen'), lat. axis, ahd. aJisaj agls. 
eax, altn. öxull, altsl. osl, lit. aszls. S. u. Wagen. 

Acht, s. Strafe. 

Ackerbau. Dass der Ackerbau in Europa über die Sonderexistenz 
der einzelnen idg. Völker hinausgeht, lässt sich auf historischem, ar- 
chäologischem und sprachwissenschaftlichem Wege erhärten. AUelndo-- 
germanen Europas treten mit der Kenntnis desselben ausgerüstet aus dem: 



Ackerbau. 7 

Dunkel der Urgeschichte hervor. Da dies für den Süden hinlänglich 
bekannt ist, bedarf es nur der Belege für den Norden unseres Erdteils. 

Schon Pytheas (Strabo IV p. 201) fand auf seiner Keise in das Nord- 
meer im Zeitalter Alexanders des Grossen einen emsigen Anbau von 
Brotfrucht (aiioq) im keltischen Britannien vor (ausführlich darüber 
Müllenhoff D. A. I, 393 ff.). Gegen Norden nahm der Landbau zv^ar 
allmählich an Bedeutung ab; aber auch hier nährten sich die Bewohner 
noch von kctxpo? ^Hirse' (nach Mtillenhoff's kaum nötiger Annahme 
missverständlich für Hafer). Ebenso muss auch nach den Schilderungen 
Caesars (De bell. gall. IV, 31, 2; 32, 1) jedenfalls an den Küsten des 
Meeres ein nicht unbedeutender Ackerbau der Eingeborenen angenommen 
werden, während der Schriftsteller von den Bewohnern des Binnen- 
landes V, 14 berichtet: Inferiores plerique frumenta non serunt. 

Von dem Feldbau der Germanen im Zeitalter des Caesar und 
Tacitus wird unten ausführlicher die Rede sein. Hier sei nur darauf 
hingewiesen, das» auch die zahlreichen altgermanischen Lehnwörter im 
Finnischen (Wörter wie finnisch dkana , Streu' aus göt. ahana, JcaJcra 
,Hafer' aus altschwed. hagre, laukka ,Lauch' aus altn. laukvj ruis 
jRoggen' aus altn. rugr^ liina ,Flachs' aus altn. Z/w, hamppu ,Hanf' 
ans altn. hampr, mallas ,Malz' aus altn. malty leipä ,Brot' aus got. 
hlaifs, atra ,Pflng' aus altn. ardr, luuva ,Tenne' aus altschwed. Z<5, 
pelto ,Feld' aus ahd. ßld, lanta ,Dünger' aus altn. hland, taina 
,Pflanze' aus got. tains u. s. w.) vielfach in das Gebiet des Ackerbaues 
gehören, woraus erhellt, dass unsere Vorfahren schon in den ersten 
Jahrhunderten unserer Zeitrechnung auch auf diesem Gebiete einen 
civilisatorischen Einfluss auf ihre Nachbarn ausgeübt haben müssen. 

Die baltischen Aisten, die Vorfahren der heutigen Litauer, kennt 
Tacitus bereits als fleissige Ackerbauer (Cap. 45 : Frumenta ce- 
terosque fructus patientius quam pro solita Germanorum inertia la- 
horant), und auch die ältesten Schilderungen der Slaven (ZKXdßoi, 
ZicXaßiivoi) aus dem VI. Jahrhundert wissen von deren Reichtum an 
verschiedenen Bodenerzeugnissen zu berichten (vgl. Müllenhoff D. A. II, 
35 f.). Ackerbauer müssen endlich auch die thrakischen Paeonier, die 
in Pfahlbauten wohnten (s. u. H a u s), gewesen sein, da sie Biertrinker 
(s. n. B i e r) waren. Eine Zeit also, in welcher die europäischen Indo- 
gemianen keinen Ackerbau gekannt hätten, lässt sich mit geschicht- 
lichen Zeugnissen nicht belegen. 

Als ein sicheres Ergebnis der prähistorischen Forschung kann 
es ferner gelten, dass in Europa schon in einer Epoche, als noch keine 
Metalle bekannt waren oder dieselben wenigstens nicht praktisch ver- 
wertet wurden, also in der sogenannten Steinzeit, der Ackerbau neben 
der Viehzucht die Grundlage der wirtschaftlichen Existenz der damaligen 
Bewohner Europas bildete. Dies gilt in besonders hohem Grade von 
der vornehmlich über das südliche Mitteleuropa verbreiteten Pfahlbauten- 



8 Ackerbau. 

kultur (vgl. Heer Die Pflanzen der Pfahlbauten S.4flF., Keller Berichte VII). 
Aber auch im Norden Europas wird der Ackerbau von den besten 
Sachkennern (vgl. u. a. Montelius Die Kultur Schwedens in vorchrist- 
licher Zeit« S. 26 f. und i\ Müller Nordische Altertumskunde I, 206) 
als schon im Steinzeitalter aasgeübt angesehn. Eine der Segnungen 
des Ackerbaus noch entbehrende Kulturschicht ist daher in Europa 
nur in den Denkmälern der sogenannten palaeolithischen Periode, zu 
der in diesem Punkte auch die Kjökkenmöddinger Dänemarks zu 
rechnen sind, an den Tag getreten. 

Die Kette der Beweisführung aber für die Existenz eines vorhisto- 
rischen Ackerbaus in Europa wird geschlossen durch den Umstand^ 
dass eine ziemlich vollständige, vorgeschichtliche Terminologie des 
Ackerbaus sich durch urverwandte Gleichungen aus dem Kreis der 
europäisch; idg. Sprachen belegen lässt. Übereinstimmend benannt 
sind die Begriffe: 

Acker: griech. dTPo?, lat. ager, got. akrs; vgl. auch griech. V€i6^ 

,Brachland* = russ. niva , Acker'. 
Pflügen: griech. dpöuj, lat. arare, ir. airim, altsl. orafi, lit. ärti. 
Pflug: griech. äpoTpov, lat. aratrum, ir. arathar, altn. ardr 

— armen, araur; altsl. oralo^ lit. arJclas, altn. arl, 
Pflugschar: griech. 8q)vi(;, lat. vömis, ahd. waganso, altpr. wagriis, 
Egge: griech. (Hes.) öEivn, lat. occa, oceare, ahd. egjan, egida, 

lit. aicetij aMczios, altkorn. ocet. 
Säen: lat. sero, kymr. heu, ir. sil ,Same', got. saian, altsl. 8ejq, 

lit seti. 

Same: lat. semen^ ahd. sämo, altsl. semq, altpr. semen, lit. semü, 

Korn: lat. gränum, got. kaum, altpr. syrne, altsl. zrüno. 

Mähen (Ernte): griech. d)nduj, ahd. mäjan; griech. d^T]T6^ ,Ernte' 

= ahd. mäd; vgl. auch lat. meto und ir. meithel, methel ,a 

party of reapers', altkymr. medel id.; beachte ferner got. asans, 

ahd. aran, altpr. assanis, altsl. jesenl ,Herbst' : im Germanischen 

erhaltene Grundbedeutung ,Erntezeit' (got. a^neis ,Tagelöhner*). 

Sichel: griech. fipTrn, lat. sarpere, ir. serr (K. Z. XXXV, 264), 

altsl. arüpü, lett. sirpe, 
Mahlen: griech. \vb\x\, lat. molerey ir. melim, got. mälan, altsl. 

meljq, lit. mälti, alb. miel ,Mehr. 
H a n d m ü h 1 e : got. qairnus , ir. brö , lit. girna , altsl. irünüvü — 

armen. erJcan, 
Sieb: lat. cribrum, ir. criathar, ahd. ritara, 
Tenne: griech. äXuj^, *dXa)/r|, dXuarj = altschwed. 16 (s. o. Ann. luuva). 
Worfeln: griech, veMov ' Xikvov Hes. = lit. neköju ,schwinge Ge- 
treide in einer Mulde'. 
Ähre (Spreu) : griech. 6.yiyoi\, lat. acus, got. ahs, ahana. 
Furche: \dX. porca, ahd. /urttÄ, altbret. rec — armen. herk(?). 
Beet: lat. Ura, lit. lyse, altsl. Ucha (mhd. leis ,Spur'). 



Ackerbau. 9 

An diesen Ackerbaugleichungen, die sich leicht durch eine statt- 
liehe Eeihe gemeinschaftlicher Benennungen für Feldfrüchte verschiedener 
Art (s. u,) vermehren Hessen, nehmen nun die arischen (indisch-ira- 
nischen) Sprachen keinen Anteil, und so erhebt sich die für die Be- 
urteilung der ältesten wirtschaftlichen Zustände der IndogeiTuanen sehr 
wichtige Frage, wie diese Thatsache zu erklären sei. Hierfür bieten 
sich auf den ersten Blick zwei Möglichkeiten dar: entweder haben sich 
jene Ackerbangleichungen von Anfang an auf die europäischen Sprachen 
beschränkt, oder auch die arischen Sprachen haben sie einst besessen 
und sie später aus bestimmten Gründen verloren. Für diese letztere 
Möglichkeit tritt H. Hirt (I. F. I, 474 flf., V, 395 flf., Jahrb. f. National- 
ökonomie u. Statistik III. Folge, XV, 456 ff.) eiu. Er nimmt an, dass die 
Indogermanen schon in der ältesten erreichbaren Zeit den Acker bestellt 
hätten, dass aber dann die Indo-Iranier bei ihrer Loslösung von den 
Europäern und ihren Wanderungen durch unfruchtbare Steppengebiete 
den Ackerbau aufgegeben und damit auch die oben angeführten Wort- 
reihen, die sie ursprünglich wie die Europäer besassen, eingebüsst hätten. 

Allein bei näherer Betrachtung zeigt sich diese Auffassung als 
nicht haltbar. Denn gerade in einer Reihe der wichtigsten Fälle ist 
das Arische dennoch in gewissem Sinne an jenen Ackerbaugleichungen 
beteiligt, nämlich so, dass es ebenfalls das betreffende Wort besitzt, 
doch nicht in agrarischem, sondern in einem allgemeinen, chronologisch 
jenem sichtlich vorauf liegenden Sinne. So entspricht griech. dtpö^ u. s. w. 
dem scrt. äjra- ,Trift', so lat. molere u. s. w. dem scrt. mar ,zer- 
malmen', so lat. severe u. s. w, einem aus scrt. prä-sita- ,dahin schiessend' 
und anderen Wörtern (vgl. auch griech. \r\ix\, *8i-semi) erschliessbaren 
Zeitwort im allgemeinen Sinne von ,entsenden', so scheint lat. grdnum 
u. s. w. im scrt. jir-nd-, ,zerrieben', ,zerfallen' wiederzukehren u. a. m. 
Es ist daher (wofür in jüngster Zeit auch 0. Bremer Ethnographie 
der germanischen Stämme in Pauls Grundriss IIP, 758 eingetreten ist) 
viel wahrscheinlicher, das in jenen europäischen Ackerbaugleichungen 
Neuerungen (natürlich immer noch prähistorische) der Sprachbildung 
vor uns liegen, d. h. dass Wortformen, die in allgemeiner Bedeutung 
schon in der Ursprache vorhanden waren, an einer bestimmten Stelle 
des damals noch beschränkteren und durch ununterbrochene Continuität 
verbundenen vorhistorischen Sprachgebiets der europäischen Indoger- 
manen einen besonderen, auf den Ackerbau bezüglichen Sinn annahmen, 
um sich so in teils weiteren, teils engeren Kreisen zu den Nachbarn 
fortzupflanzen. Die Einwendung H. Hirts (I. F. V, 396) gegen diese 
Anschauung, dass nämlich die Annahme einer solchen ureuropäischen 
„Kulturgemeinschaft** auch die Annahme einer ureuropäischen „Sprach- 
einheit" (gemeinsamer lautlicher oder grammatischer Neubildungen) 
fordere, die thatsächlich nicht nachzuweisen scheint, ist nicht stich- 
haltig. Mit Rücksicht z. B. auf die zahlreichen und alten Kulturwörter, 



II 
10 Ackerbau. 

die speciell den Kelten und Germanen gemeinsam sind (vgl. z. B. F. 
Kluge in Pauls Grundriss P, 324 flf.), könnte man sehr wohl von einer 
frühen keltisch-gennanischen ^Kulturgemeinschaft" sprechen, ohne 
dass die Annahme einer keltisch-germanischen ^Spracheinheit^ irgend 
wie berechtigt wäre. 

Ist aber die hier gegebene Ausführung richtig, so muss vor der 
Zeit, in welcher der hier geschilderte Sprachprozess sich abspielte, die 
Viehzucht in noch höherem Grade als später bei den europäischen 
Indogermanen den Schwerpunkt der Wirtschaft gebildet haben, oder, 
mit anderen Worten, die Indogermanen der ältesten Zeit müssen auf 
derjenigen Stufe der Wirtschaft gestanden haben, welche E. Grosse in 
seinem Buche Die Formen der Familie und die Formen der Wirtschaft 
(Freiburg 1896) als die „der Viehzüchter" bezeichnet, während die 
Europäer anfingen, zu der Form des „Niederen Ackerbaus" überzu- 
gehn. Die übrigen Gesichtspunkte, welche für die Richtigkeit dieser 
Ansicht sprechen, sind u. Viehzucht zusamoiengestellt worden. 

Dieses einfache Ergebnis, dass die Indogermanen Viehzüchter ge- 
wesen seien, scheint aber wieder durch die Thatsache verwirrt zu 
werden, dass es auch zwischen den europäischen und arischen Sprachen 
doch nicht ganz an Übereinstimmungen fehlt, welche sich auf Landbau 
und Feldfrüchte beziehn. Hierher gehören vor allem die beiden Reihen 
scrt. yma- ,Getreide , Gerste', aw. yava- (npers. jö jGerste', osset 
yeUy yau ,Hirse', Pamird. yögj ,Mehr), griech. Zied, lit. jawal ,Ge- 
treide', ir. ed» /m , Gerste' und scrt.j:>wfA, griech. TTTiaauj, lat. ^en^o, eine 
Verbalwurzel, die in zahlreichen idg. Sprachen mit der Verarbeitung 
des Getreides in engstem Zusammenhang steht (aw. piMra- ,Zerstam- 
pfung des Getreides', npers. pist ,farina tosta tritica', altn. fis ,Spreu', 
altsl. pUeno ,Mehr, altpr. som-pisinis ,grobes Brot'; s. auch u. Mahlen, 
Mühle). Geringere geographische Verbreitung zeigen die Gleichungen 
lit. du na ,Brot' = scrt. dhdnä' PL , Getreidekörner ' , aw. däna- 
(npers. d(twe, Famird. pinj-dänä , Hirse'); \\t, dirtoä ,Fmche\ mittelndd. 
terwey tarwe ,Weizen' = scrt. durvä ,Hirse'; griech. t^Xctov ,Furche' = 
scrt. karshü'-f griech. öXupa ,Spelt' = scrt. urvdrä, aw. urvarä ,Saat- 
feld'. Nicht sicher ist die Übereinstimmung von griech. dX^uj ,mahle' 
(von anderen: juiüXti s. o. gestellt), armen, alam und npers. ärdy hindi 
äfä ,Mehr (vgl. J. Schmidt Sonantentheorie S. 83 und Hübschmann 
Armen. Gr. I, 414). Als ungeeignet für Schlüsse auf die Urzeit er- 
weist sich auch die Zusammenstellung von griech. euXdKa ,Pflug' (zu- 
nächst wohl zu aflXaE, t&XaE, o5XE, dXoE ,Furche' gehörig) und scrt. 
vßa- ,Wolf, ,Pflug (?). Vgl. V. Bradke Methode S. 121 f. Das Vor- 
handensein eines eigentlichen Acker baugerätes (wie europ. fipoipov u, s.w.) 
lässt sich durch eine europäisch-arische Reihe also nicht belegen. 

Die Frage aber, welche entsteht, ist die: Wie lassen sich derartige 
europäisch-arische Übereinstimmungen, wie sie in dem Vorstehenden 



Ackerbau. 11 

mitgeteilt wurden^ erklären bei der oben begründeten Annahme, dass- 
die Wirtschaftsform der ältesten Indogermanen die von Nomaden und 
Viehzüchteni gewesen sei? 

Eine befriedigende Antwort hierauf kann man vielleicht dem an- 
regenden Buch Eduard Hahns, Die Haustiere und ihre Beziehung zur 
Wirtschaft des Menschen (Leipzig 1896) entnehmen. In demselben ist 
der tiberzeugende Nachweis geführt worden, dass eine der ältesten Wirt- 
schaftsformen der Erde, der Stufe des Viehzüchters wie des Ackerbauers 
vorausgehend, der sogenannte Hackbau ist, der noch heute über weite 
Teile des Erdballs verbreitet, noch in kein festes Verhältnis den Haustieren^ 
gegenüber getreten ist, nicht mit dem Pfluge, sondern mit der Hacke 
arbeitet und meistens Knollengewächse und Gemüse, aber auch bereits 
Getreidegräser verwendet Nach E. Hahn wäre dieser Hackbau nun 
in unvordenklichen Zeiten auch in Europa und dem grössten Teile- 
Asiens verbreitet und seine hervorragendste Kulturpflanze der Hirse 
gewesen. Ist diese Annahme begründet, so könnten in vorindo- 
germanischer Zeit die Indogermanen ebenfalls auf dieser Stufe des 
Hackbaues gestanden haben, und es stünde nichts im Wege, in jener 
uralten Reihe scrt. ydva- u. s. w., deren genauer Sinn sich bereits für- 
die Zeiten des Veda und Homers nicht mehr ermitteln lässt, ein Wort 
für Hirse zu vermuten. Jedenfalls erweckt die Geschichte des Hirse 
(s. d.) in mehrfacher Beziehung den Eindruck, als ob diese Getreideart 
die am frühsten in der idg. Welt angebaute wäre. Im Laufe der Zeit 
zieht er sich mehr und mehr zurück, während die ebenfalls schon in. 
die Urgeschichte Europas zurückgehenden Getreidearten Gerste und 
Weizen (s. s. d. d.) ihren Besitzstand erweitern, Roggen und Hafer 
(s. 8. d. d.) aber wohl überhaupt nicht zu der ältesten Schicht europäi- 
scher Kulturpflanzen gehören. Merkwürdig ist auch, dass gerade der 
Hirse dem semitisch-aegyptischen Kulturkreis fremd zu sein scheint,. 
dem Gerste und Weizen sicher angehören. Bemerkenswert ist endlich, 
wie oft innerhalb derselben Wortstämme, welche Cerealien bezeichnen,, 
die Bedeutung ,Hirse' mit der von ,Gerste' und ,Weizen' wechselt, sO' 
dass es scheinen könnte, als ob die letzteren mehrfach nach dem ersteren 
benannt wären. Vgl. oben scrt. dü'rvä , Hirse' — mittelndd. terwe- 
, Weizen', femer griech. xeyxpo^ ,Hirse' — Kotxpug ,Ger8te', und auch 
grieeb. KpiOrj, lat. hordeum, ahd. gersta lassen sich vielleicht mit npers.^urd 
jHirse' (vgl. zuletzt P. Hörn Grundriss der npers. Et. S. 146) verbinden. 

Demnach darf man sich den wirtschaftlichen Entwicklungsgang 
der Indogermanen vielleicht folgendermassen vorstellen. Aus jenen, 
europäisch-arischen Gleichungen des Landbaus blickt noch die primitive 
Stufe des Hackbaus hervor, die in vorindogermanische Zeiten zu-^ 
rfickführt. Alsdann wurden die Indogermanen nach und nach mit den 
wichtigsten Haustieren bekannt, und die Viehzucht bildete nunmehr 
die wirtschaftliclie Grundlage ihres Lebens. Daneben blieben Reste 



12 Ackerbau. 

des alten Hackbaus bestehen und lieferten zu der in der Hauptsache 
tierischen Nahrung der Indogermanen eine, wenn auch kleine, pflanz- 
liche Beigabe, auf die auch der Nomade (vgl. Hahn a. a. 0. S. 407) nur 
äusserst widerwillig veraichtet. 

Dann begann bei den Vorfahren der europäischen Indogermanen der 
eigentliche Ackerbau mit dem vielleicht schon vom Rind gezogenen 
Pflug, mit G«rste und Weizen (neben dem uralten Hirse) aufzutreten. 
Dabei ist man nicht genötigt, schon für damals an eine örtliche 
Trennung der Europäer und Arier zu denken. Entsprechend einer ver- 
schiedenartigen Beschafi^enheit des Bodens könnte im Westen des idg. 
Sprachgebiets der Ackerbau leicht Eingang gefunden haben, während 
der Osten bei der älteren Viehzucht verharrte. Ja, wenn u. Urheimat 
die ältesten Wohnsitze der Indogermanen mit Recht in das südliche 
Russland verlegt worden sind, so sind dies dieselben Gegenden, in 
denen eine derartige Zweiteilung der Bevölkerung uns thatsächlich in 
historischer Zeit entgegentritt, nämlich die der Skythen in ZKuOai dpo- 
Tfjpcq (oder ye^pToi) in den fruchtbaren Westlandschaften und in 
ZKuOai vojui<ib€^ (oder ßacriXeioi) auf dem östlichen Steppenboden. Auch 
ist es nicht richtig, in diesem Übergang eines Teiles der Indogermanen 
zu den Anfängen des eigentlichen Ackerbaus, in denen, wie unten 
noch weiter zu zeigen ist, die Europäer bis in die historischen Zeiten 
verharrten, ohne weiteres ein Emporsteigen zu einer höheren Kultur- 
stufe dem Viehzüchter gegenüber zu erblicken. Der niedere Ackerbau 
in dem Sinne E. Grosses ist zunächst nur eine andere, keine höhere 
Wirtschaftsstufe als die Viehzucht. 

Nicht unwahrscheinlich ist, dass die Europäer zu diesem wirtschaft- 
lichen Übergang ausser durch die Gunst ihres Bodens und durch einen 
örtlichen Zwang, eine intensivere Bewirtschaftung desselben vorzu- 
nehmen (s. u. Urheimat), noch durch auswärtige Anregungen, durch 
die sie Pflug, Gerste und Weizen kennen lernten, veranlasst wurden, 
und es läge nahe, hierbei an dieselben von semitischem Boden aus- 
gehenden, über Kleinasien und die Küsten des Schwarzen Meeres ver- 
laufenden Einflüsse zu denken, welche vielleicht um dieselbe Zeit den 
noch vereinigten Europäern die Bekanntschaft mit dem babylonischen 
Sexagesimalsystem (s. u. Zahlen) vermittelt haben. Denkbar und 
möglich wäre endlich auch, dass diejenigen idg. Stämme, aus denen 
später die europäischen Völker hervorgingen, noch auf der Stufe der 
Viehzüchter, denen überall und zu allen Zeiten aggressive Gelüste 
-gegen ackerbauende Nachbarn eigen gewesen sind (vgl. E. Grosse 
Die Anfange der Kunst S. 38), sich eine ackerbauende Urbevölkerung 
'Unterwarfen, und so selbst zu Ackerbauern oder zunächst zu Herren von 
Ackerbauern wurden. Dieselbe Möglichkeit ist hinsichtlich des Ver- 
hältnisses von Patriarchat (Viehzüchter) zu Matriarchat (Ackerbauer) u. 
Tamilie (am Schluss) und u. Mutterrecht angedeutet worden. 



Ackerbau. 18- 

Kehren wir von diesen mehr oder weniger kühnen und nicht eigentlich 
beweisbaren Vermutungen zu dem alteuropäischen Ackerbau selbst 
zurück, so lässt sich derselbe durch folgende vier Sätze näher cha- 
rakterisieren: 

1) Esgiebtnoch kein Privateigentum an Grund und Boden. 

2) Der Ackerbau wird als wilde Feldgraswirtschaft be- 
trieben. 

3) Er tritt an wirtschaftlicher Bedeutung noch hinter der 
Viehzucht zurück und wird von der männlichen Bevölkerung 
als eine unwürdige Beschäftigung empfunden. 

4) In Folge dieser Umstände sind die Ansiedelungen der 
Menschen noch wenig feste. 

Die ältesten und entscheidenden Nachrichten über den deutschen 
Ackerbau giebt Caesar De bell. gall. VI, 22: Neqtie quisquam agri 
modum certum aut fines habet proprios ; sed magistratus ac principes 
in annos singulos gentibus cognationibusque hominum, qui tum una 
coieruntj quantum et quo loco visum esty agri attribuunt atque anno 
post alio transire cogunt und' IV, 1 von den Sueben: Sed privati ac 
separati agri apud eo8 nihil est, neque longius anno remanere uno 
in loco ificolendi causa licet. Hierzu tritt Tacitus Germ. Cap. 26: 
Ägri pro numero cultorum ab universis in vices occupantur, quos 
mox inter se secundum. dignationem partiuntur ; facilitatem partiendi 
camporum spatia praebent: arva per annos mutant, super est et ager. 
Es geht hieraus hervor, dass zur Zeit Caesars der Grund und Boden 
den einzelnen Familienverbänden (Sippen) gemeinsam gehörte, denen 
er von den Häuptern der Stämme zugewiesen wurde. Eine weitere 
Verteilung und zeitweise Verlosung des Ackerbodens an die einzelnen 
Hausväter wird von Caesar noch nicht erwähnt, und wahrscheinlich 
fand eine solche damals überhaupt noch nicht statt. Vielmehr ist zu 
vermuten, dass durch die gemeinsame Arbeit der Sippe das Feld 
gerodet — ein schweres Werk auf dem wurzeldurchzogenen Waldboden 
Altearopas — , angebaut und abgeerntet wurde, worauf der Ertrag 
unter die einzelnen verteilt wurde. Einen solchen Zustand schildert 
wohl auch Diodorus Sic. V, 34 bei kel tiberischen Stämmen: oijtoi KaO' 
iKaCTOv iioq btaipoujLievoi Tf|v x^pav (unter die Familienverbände) 
TeujpTOÖ0i, Ktti Tou^ KapTTOijq KOivoTroioujuievoi jaeTabiböaaiv iKdcTTiü tö 
^€poq Ktti ToTq voaq)icra)i^voiq ti TCiwpToTq Gdvaiov tö Trpöc^Tl^ov teOel- 
Kacu Vielleicht dürfen die in zahlreichen Gegenden Deutschlands, 
Englands und Dänemarks nachgewiesenen Hochäcker, verlassene, 
jetzt vielfach von Heide oder Wald überzogene Kulturen, als Überreste 
jener gemeinsamen Feldarbeit alteuropäischer Sippen angesehen werden, 
(vgl- A. Hartmann Zur Hochäckerfrage, Oberbair. Archiv f. vaterl. Ge^ 
schiebte XXXV, 115 flF.). 



14 Ackerbau. 

Eine etwas vorgerücktere Stufe der Feldgemeinschaft 
schildert die Germania des Tacitus anderthalb Jahrhunderte nach 
Caesar. Der Grund und Boden gehört noch immer der Dorfschaft 
(mit anderen Worten der Sippe) gemeinsam; doch findet jetzt, indem 
das Ackerland auf Grund periodischer Verlosungen unter die Hofbesitzer 
verteilt v^ird, eine Sondernutzung desselben durch die einzelnen Familien- 
väter statt. Dies ist der Zustand, wie er sich in Russland in 
vielen Gegenden bis in die Neuzeit erhalten hat. Das Ackerland ge- 
hört der Dorfgemeinde und wird auf Grund periodischer Verteilungen 
(1—20 Jahre) den einzelnen zur Nutzung zugewiesen (vgl. M. Kulischer 
Z. f. Völkerpsych. u. Sprachw. X, 370, E. de Laveleye Das üreigentum, 
deutsch V.Bücher S. 7 flf.). Dagegen tritt der Gedanke der Verlosung 
bei den Südslaven noch zurück, von denen Krauss Sitte und Brauch 
S. 23 berichtet: ^Ein Stamm blutsverwandter Hausgemeinschaften nahm 
^inen grösseren Landstrich in Besitz und legte in der Umgebung ihrer 
Hütten grosse gemeinsame Felder an, die sie als gemeinsames Eigentum 
betrachteten und den Anordnungen des Vorstandes des bratstvo ent- 
sprechend bebauten. In der Hercegowina, Crinagora und der Bocca 
/Stehen diese alten Einrichtungen noch immer in. Kraft. ^ 

Auch im alten Irland fehlt es nicht an Spuren des ehemaligen 
Oesamteigentums der Feldmark und ihrer späteren Aufteilung (vgl. 
Maine Early bist, of institutions lect. IV), und auch von den i'llyri- 
^ c h e n Stämmen wissen wir, dass bei ihnen alle acht Jahre eine Auf- 
teilung des Landes stattfand. Vgl. Strabo VII p. 315: tbiov bfe tuiv 
AaX)LiaT€u)v tö bi& ÖKToexripiboq x^pot? dvabaajLiöv TroieTaöai. 

Indem die anfänglich periodische Verlosung des Ackerlandes seltener 
und seltener stattfindet und allmählich ganz und gar aufhört, bildet 
sich aus der Feldgemeinschaft nach und nach das Privateigentum an 
Grund und Boden heraus, zu dem ein Ansatz schon früh in dem das 
Haus umgebenden Garten (s. d.) vorhanden war. 

Diese Entwicklung ist bei den klassischen Völkern schon im An- 
fang ihrer Überlieferung zum Abschluss gekommen; doch fehlt es 
nicht an Spuren des ursprünglichen Zustands. Besonders deutlich redet 
in dieser Beziehung der in ganz Griechenland zur Bezeichnung des im erb- 
lichen Privateigentum befindlichen Grundstücks übliche Ausdruck KXf)po^ 
,Loos' (Homer : oTko^ Kai KXfipo(;) = ir. dar ,Tafel, Brett*, wie auch im La- 
■teinischen sors nach Festus (ed. C. 0. Müller S. 297) et Patrimonium be- 
zeichnete (vgl. auch lat. consortes). Die Gesetzgebung des Lykurg ist in 
agrarischer Beziehung offenbar nichts als eine solche letztmalige Auftei- 
lung des Grundbesitzes, „sie erklärt nach griechischer Art die Institution 
durch einen einmaligen Willkürakt des Gesetzgebers" (vgl. E. Meyer 
beschichte des Altertums II, 298). Ob im ältesten Rom noch direkte 
Spuren des Bodeneigentums des Geschlechts vorhanden und nachweisbar 
fiind (vgl. Mommsen Staatsrecht III, 1 ; 24 ff.) oder nicht (E, Meyer 



Ackerbau. 15 

a. a. 0. S. 518 f.), mag dahin gestellt bleiben. Sieher ist naeh dem 
bisherigen aach das römische Privateigentum an Grund und Boden 
erst das Ergebnis einer tausendjährigen Entwicklung. 

Die Eingangs dieses Abschnittes angeführten Nachrichten lassen uns 
zugleich einen Blick in die Art und Intensität des damaligen Acker- 
baus werfen. Die ausdrückliche Überlieferung der Germania: Arva 
per annos mutant in Verbindung mit der Schilderung des Horaz III, 24; 

melius 
vivunt et rigidi Getae, 

immetata quihus iugera liberas 
fruges et Cererem ferunt, 

nee cultura plaeet longior annua 
lässt es naeh den Ausführungen G. Hanssens (Agrarhist. Abh. I, 123 ff.) 
als sicher erscheinen, dass der alteuropäische Ackerbau eine extensive 
und wilde Feldgraswirtschaft war, d.h. dass auf eine Ackerkultur 
von einem Jahr, während dessen nur Sommergetreide gesät wurde, 
eine vieljährige Grasnutzung folgte, so dass immer nur der kleinste 
Teil der ganzen Kulturfläcbe gleichzeitig unter dem Pfluge gehalten 
wurde. Eine schlagmässige Einteilung der Felder (Zwei- oder Drei- 
felderwirtschaft) war daher ebensowenig wie wahrscheinlich die Kunst 
der Düngung (s. d.) damals bekannt. 

Auch über das Verhältnis von Ackerbau und Viehzucht und die 
Auffassung des ersteren Erwerbszweigs seitens der alten Bevölkerungen 
lassen uns die Autoren nicht im Ungewissen. Am deutlichsten drückt 
sich Caesar VI, 22 aus: Ägriculturae non student („legen sie keinen 
besonderen Wert"), maiorque pars eorum victus in lacte, caseo, carne 
consistit. Dazu vgl. Tacitus Germ. Cap. 14: Nee arare terram aut ex- 
spectare annum tarn facile persuaseris quam vocare hostem et vulnera 
mereri. pigrum quin immo et iners videtur sudore acquirere quod possis 
sanguine parare und Cap. 15 : Delegata domus et penatium et agrorum 
cura feminis senihusque et infirmissimo cuique ex familia 
gegenüber Cap. 5 : Ne armentis quidem suus honor aut gloria frontis : 
numero gaudentj eaeque solae et gratissimae opes sunt. Nicht 
weniger klar tritt die Geringschätzung des Ackerbaus in der Schilde- 
rung des Herodot bei den alten Thrakern hervor: dpYÖv elvai KdX- 
XicTTOv, TH? bfe dpTotTriv drijaÖTaTov (V, 6). Es zeigt sich also, wie 
fest in der Bevölkerung Alteuropas noch die Vorliebe für die alt- 
ererbte Wirtschaftsform der Viehzucht wurzelt, die da, wo sie rein auf- 
tritt, „ein fast nie unterbrochener Feiertag" ist, und dem Menschen zur 
Befriedigung kriegerischer Gelüste Zeit, Stimmung und Kraft übrig lässt. 

Eines Wortes bedarf noch die von Tacitus hervorgehobene Heran- 
ziehang der Frau zu den Arbeiten des Ackerbaus, wofür sich Zeug- 
nisse auch in anderen Teilen Europas finden (vgl. H. Hirt in den 
Jahrbüchern für Nationalökonomie u. Statistik, III. Folge, XV, 462). 



16 Ackerbau. 

Jedoch können wir im Gegensatz zu H. Hirt in den europäischen Ver- 
hältnissen für die ausserhalb Europas bezeugte, dort in Verbindung 
mit dieser landwirtschaftlichen Thätigkeit der Frau stehende Hebung 
ihrer socialen Stellung durch Einführung der Monogamie und vor allem 
durch Gewährung eines Rechtes auf den von ihr bebauten 
Boden (vgl. Grosse Die Formen der Familie S. 159) keine sicheren 
Spuren finden; denn gerade bei Germanen; Thrakern und Slaven, 
deren Frauen nach ^lassgabc der Zeugnisse an der Bestellung des 
Ackers teilnehmen, herrscht noch Polygamie (s. d.) in ausgedehntem 
Masse, und die Teilnahme der Frau an dem Eigentumsrecht des Bodens 
(s. u. Erbschaft II) muss für alteuropäische Zustände geradezu als 
eine Unmöglichkeit angesehen werden. 

Schwieriger ist es, sich über die Frage, bis zu welchem Grade der 
Ansässigkeit die Indogcrmanen Europas in der Urzeit vorgesehritten 
waren, ein bestimmtes Urteil zu bilden. Man hat früher viel von 
einem Nomadentum der ältesten Germanen und idg. Völker Europas 
überhaupt gesprochen, und wenn die oben angeführten Nachrichten 
Caesars, nach denen die Germanen jährlich nicht nur ihre Felder, 
sondern auch ihre Wohnungen gewechselt hätten (anders kann die 
Stelle VI, 22 wegen des folgenden: eins rei multas afferunt causas 

ne accuratius ad frigora atque aestus vitandos aedificent 

nicht verstanden werden), richtig sind, so würde allerdings kein Aus- 
druck für die Lebensweise der alten Deutschen passender sein. Es 
ist ein Verdienst R. Muchs in seinem Aufsatz: Waren die Germanen 
Wanderhirten ? (Z. f. deutsches Altertum XXXVI, 97 flf.) nachgewiesen 
zu haben, dass die Auffassung des grossen Römers eine irrige sein 
muss, dass er zwei ganz verschiedene Dinge, jährlichen Flur- und 
jährlichen Wohnungswechsel miteinander vermengte, und dass Über- 
haupt der Ausdruck „Nomadentum" auf die Verhältnisse Europas aus 
geographischen und historischen Gründen nicht wohl angewendet werden 
kann. 

Auf der anderen Seite scheint freilich Much den Grad der An- 
sässigkeit der ältesten europäischen Indogcrmanen zu überschätzen. 
Caesar hätte in den von Much aufgedeckten In-tum nicht verfallen 
können, wenn die Germanen, die er doch schliesslich besser als wir 
neueren kannte, auch nur annähernd so sesshaft wie sein eigenes Volk 
gewesen wären. Bestehen bleibt auch die Nachricht des StraboVII p. 291 
hinsichtlich der Sueben : koivöv b' iaiXv dixaai toT^ Tauir) tö Tiepi rd^ 
)Li€Tava(yT<i(T€i(; ev^apeq (vgl. im übrigen die Kritik dieser Stelle bei 
Much a. a. 0. S. 117 f.), und dasselbe wird von den Slaven (Prokop. 
B. G. III, 14: oiKoOai ^v KaXiißai^ oiKTpaT^ biecTKiiVTiiLicvoi iroXXijj fitv 
dir' dXXrjXiüv, djuteißovre^ bk \h<; xd iroXXd töv Tf\<; dvoiKrjcTeuj^ 
?Ka(TT0v x^JÖpov), dasselbe von den ältesten Griechen (Thukyd. I, 2: 
cpaiveiai Totp h vOv 'EXXd^ KaXou|bi€VTi ou irdXai ßeßaiuü^ oikou)li^vti, dXXd 



Ackerbau — Adoption. 17 

IxejavaaTäaexq t€ oucJai xd irpÖTepa xai ^abiuj^ ^KacTioi irjv teuTUJV 
d7ToX€iTTOVT€^, ßiaZ6)Li€voi ijTTÖ Tivujv dci uXciöviüv berichtet. 

Es wird also im Norden wie im Süden, je früher, umso häufiger, 
vorgekommen sein, dass ein Stamm seine Hütten abbrach, Weib und 
Kind, Hausgeräte und Ackerfrüchte auf die ochsenbespannten Wagen 
lud, um mit seinen Herden an einer anderen Stelle sein Glück zu ver- 
suchen, ohne dass man derartige ixezavaaTaaexq noch auf gleiche Stufe 
mit den ruhelosen und nur durch kurze Rasten unterbrochenen Wande- 
rungen von Nomadenvölkern stellen dürfte. Dabei mögen örtliche 
Unterschiede sehr früh hervorgetreten sein. Den Bewohnern der nur 
mit grosser Mühe in den Seen und sonst errichteten Pfahlbauten (s. u. 
Haus), z. B. den thrakischen Paeoniern wird man schon in der Stein- 
zeit ein grösseres Mass von Sesshaftigkeit zuschreiben dürfen als den 
Besiedlem des trockenen Landes. 

Der höchste Grad der Sesshaftigkeit aber wird erst mit dem Aufblühn 
des Garten- und Obstbaues (s. s. d.d.) erreicht. Über die Geschichte 
der einzelnen Feldfrtichte ist in besonderen Artikeln gehandelt worden. 
S.u. Hirse, Gerste, Weizen und Spelt (Dinkel), Hafer, Roggen, 
Reis, Flachs, Hanf, Hopfen, Erbse, Bohne, Linse, Zwiebel und 
Lauch, Cucurbitaceen (Gurke, Kürbis, Melone), Kohl und Rübe, 
Mohn, Möhre, Beete. Hierher gehören ferner die Artikel : D r e- 
sehen (Tenne), Düngung, Egge, Mahlen (Mühle), Pflug, Stall 
und Scheune (Speicher), Sichel und Sense, Sieb, Worfeln. 

Adel^ s. Stände* 

Adler, s. Raubvögel. 

Adoption. Dieser Rechtsbrauch, der dem Kinderlosen die Mög- 
lichkeit „künstlicher Sohnescreieruug" bietet und auch auf niedrigen 
Kulturstufen weit verbreitet ist (vgl. Kohler Studien über küostliche 
Verwandtschaft, Z. f. vergl. R. W. V, 415 ff.), lässt sich ausser bei den 
Römern (lat adoptio, bezw. arrogatiOy eigentl. ,AnwUnschung') auch bei 
anderen idg. Völkern frühzeitig nachweisen. So in den indischen 
Rechtsbüchem (z. B. bei Vasishtha Dharmagästra XV, 6: „i/iß who desires 
to adopt a son, shall assemble his Tcinsmen^ announce his inten- 
tion to tke kingy maJce hurnt-offerings in the middle of the houne, 
reciting the Vyährtis and täke (as a son) a not remote Jcinsman, 
just the nearest among his relatives^ — der adoptierte Sohn heisst 
datta- oder dattdka- ,der gegebene', auch Tcrtrima- ,der künstlich 
gefertigte'; vgl. ausführlich Jolly Recht und Sitte, Grundrias der 
indo-ar. Phil. H, 71 ff.), bei den Griechen (fivTi^ Geiöv uaiba 
Troi€€(T9ai ^GeXij, ßaaiXeuiv ^vavTiov uoieeaGai, Herodot VI, 57; 
im Recht von Gortyn: fivqpavcn^ ,Adoption', djiiqpavdjLievo^ , Adoptivvater', 
d|yi(pavTÖ^ ^Adoptierter' : dvacpa(vo|Liai ,weise als mein auf), bei den 
Germanen (got. frastisibja^ entsprechend dem griech. uioöeaia : frasts 
,Kind' und sibja ^Verwandtschaft', vgl. altn. dtt-leiding ,Adoption', 

Sehrader, ReaUexikon. 2 



18 Adoption. 

eigentL ^Einführung in die Familie oder das Vermögen'; von den bei der 
Adoption üblichen Zeremonien, unter denen auch das bei den Indem 
vorkommende Scheren der Haare wiederkehrt: altn. knisetja von der 
Eniesetzung, altfränk. fathumjariy mlat. adfatimus : alts. fathmos ,Arme 
und Hände' von der Umarmung u. a.)* Auch bei den Slaven finden 
sieh schon in alten Schriftdenkmälern Wörter für Adoption, adoptieren, 
Adoptivsohn. Der letztere heisst serb. und kroat. po-sinak, mit dem- 
selben pO' gebildet, das auch zur Bezeichnung der Stiefkinder (s. u, 
Stief-) dient. „Die ältere Sprache", fügt Krauss Sitte und Brauch 
der Südslaven S. 595 hinzu, „kennt kein Wort für Adoptiv t o c h t e r. . . . 
Dass man ein erwachsenes Mädchen etwa wie einen Burschen adop- 
tieren würde, kommt nicht vor, weil es nach der VolksauflFassung ein- 
fach sinnlos wäre". Ebenso wenig ist in den ausführlichen Bestim- 
mungen des Gortynischen Rechts (vgl. Das Recht von Gortyn von 
F. Bücheier u. E. Zitelmann S. 160 flf.) über Adoption oder in den 
indischen Rechtssatzungen darüber von der Annahme von Mädchen 
die Rede. 

Ob die Adoption als ein schon idg. Rechtsbrauch anerkannt werden 
darf, mag dahin gestellt bleiben, zumal ihre Terminologie in den Einzel- 
sprachen so weit aus einander geht. Jedenfalls standen dem Indo- 
geimanen zur Erzielung eines für die Weiterführung der Wirtschaft 
und die Darbringnng der Totensacra (s. u. Ahnenkultus) unentbehr- 
lichen Sohnes bei Sohnlosigkeit der Frau noch andere und einfachere 
Mittel zur Verfügung. S. u. Polygamie, Zeugungshelfer und 
Erbtochter. 

Als ihre älteste Form wird der dem Brautkauf entsprechende und in 
Indien bezeugte Sohnes kauf (vgl. Kohler Indisches Ehe- und Familien- 
recht, Z. f. vergl. R.W. III, 423, Leist Altarisches Jus gentium S. 104), 
als ihr ältestes Symbol die von Diodorus IV, 39 bei BarbarenstÄmmeu 
vorgefundene, aber von Plinius Panegyr. Cap. 8 auch für das kaiser- 
liche Rom bezeugte Nachahmung des wirklichen Geburtsakts 
anzusehen sein. 

Das Recht, in Adoption zu geben oder zu nehmen, steht wie das 
Aussetzungsrecht (s. d.) ursprünglich allein dem Vater zu. 

Die Adoption ist ferner, wie dies schon aus dem obigen hervorgeht, 
ein öffentlicher (in Gegenwart des Königs vorzunehmender) Akt der 
Sippe und des Stammes. Auch bei den Germanen ging eine besonders 
feierliehe Art der Adoption im gairethinxj in der Volksversammlung 
zugleich mit der Wehrhaftmachung vor sich (vgl. Schröder Deutsche 
Rechtsgeschichte ^ S. 66). Recht deutlich tritt die Teilnahme der 
Allgemeinheit an dem in Frage stehenden Vorgang auch bei den 
irischen Mic Faesma ,children of adoption' (fo-essam ,Schutz') hervor. 
Vgl. O'Curry Manners and customs I, CLXV. Da es sich hierbei aber 
vornehmlich um die Aufnahme erwachsener Fremder in ein fine 



Adoption — AfiFe. 19 

{, Verwandtschaft') durch die Vermittlung eines Haushalters handelt; 
liegt hier mehr der Begriff der Arrogation als der Adoption vor. 
S. u. Recht (Familienrecht). 

Affe. Das gegenwärtig in Europa wild nur auf dem Felsen von 
Gibraltar vorkommende Tier war vielleicht früher im Süden Europas 
weiter verbreitet, worauf der Name der Pithekusen oder , Affeninseln' 
im Golf von Neapel hinweist. Auch ist gerade Italien nicht ohne alte 
und, wie es scheint, einheimische Benennungen des Tieres. So be- 
gegnet im Etrurischen &pi)Lio^ (Hesych), im Lateinischen dura, clusa (?), 
duna (vgl. Festus, ed. M. S. 55, 9, G. Goetz Thes. Gl. s. v. dura), während 
lat. simia nach Kretschmer K. Z. XXXIII, 563 identisch mit dem 
griechischen Sklavennamen Simia, Zi)iia^ (:(Tijliö^, lat. stmus ,stumpf- 
nasigO wäre und ursprünglich ein volkstümlicher Scherzname des Affen 
gewesen sei (s. ähnliches u. Hahn, Huhn). 

In Griechenland kennt die homerische Sprache noch keine Bezeich- 
nung des Tieres. Eine solche tritt als iTi8r)K0^ vielmehr erst in zwei 
Fabelfragmenten bei Archilochus auf. Vgl. Fragm. 89 (Bergk): 

TTlGllKO^ ^€1 8T)p{u)V dTTOKplGei^ 

InoOvo^ dv' ioxciTiriv' 

Ti|l b' äp' dXtüTTTlE K€pbaX^T} (TUVTiVT€TO 

7TUKVÖV Ixovaa vöov (s. auch u. Fucha) 
und Fragm. 91: TOir|vb€, li TriGriKe, ttjv TiuTnv fx^^v. 
Das Wort ist noch unerklärt. Vielleicht darf man an eine Verstümme- 
lung aus (Ka)7ri0T)KO^ denken : scrt. Jcapi- , Affe' (s. u.). Vgl. aber auch 
TTTiOuiV TriGTjKO^ Hes. 

Sehr viel später (zuerst bei Aristoteles) ist im Griechischen Kfißo^, ktiito^ 
(auch K€ß\o^ Hes.), woraus lat. cephus, nachweisbar. Diese Wörter gehören 
zu einer Gruppe von Benennungen des Tieres (scrt. kapi-, schon im 
Rig- und Atharvaveda bezeugt, woraus durch iranische Vermittlung 
armen. Jcapik; femer hebr. qöf und altägypt. qephi ,der Affe des Landes 
Punt'), die zwar sicher unter einander zusammenhängen, deren Aus- 
gangspunkt aber noch nicht ermittelt ist. Der Austausch muss auf 
den uralten Handelswegen erfolgt sein, die Indien mit dem Wunder- 
lande Ophir, dem ägyptischen Punt im südlichen Arabien oder östlichen 
Afrika verbanden. Das griechische ktiito^ und lat. cephus scheinen 
dem Ägyptischen am nächsten zu liegen. 

Frühzeitig erfuhren die Griechen auch von menschenartigen 
Affen, und zwar durch den Karthager Hanno, welcher um 500 den 
Kolonien an der Westküste Afrikas neue Mannschaften zuführte und 
darüber einen Bericht verfasste, der ins Griechische übersetzt wurde: 
'Ev hk. T(|» jüiuxtp vfiao^ fjv doiKuia Tri irptünj Xijivriv Ixovaa. xai dv 
TauTT) vf\ao(; fjv ^i^pa, jüiecxfi <ivGpu)7ru)V dtpi^v. ttoXü bfe uXeiou^ fjcTav 
TuvaiKcq, öaceiat xoi^ (Ttü^aCi, &<; o\ ip}ir\wU<; dKdXouv FoQikXa^ (nach 
Möller für Toorallas, wie in der Sprache der Mandingi - Neger die 



20 Afife - Ahle. 

Orang-Utans heissen sollen). biuiKovxe^ be ävbpa^ jiifcv <TuXXa߀iv ouk 
T^buvri0ri)Li€v, dXXct irävTe^ iliq>\rfoy KpimvoßdtTai övzeq xai toT^ TT^xpoig 
<i)Liuv6)Li€V0i, T^vaiKtt^ bi TpeT^, dx bdxvouaai xe xai (Tirapdxxouaai xoug 
äxovxa^ OUK fjBeXov inecQau dTiOKxeivavxe^ jn^vxoi auxd^ ^Eebeipafiev 
Kttl läq bopäq ^KO|Lii(Ta|Li€V el^ Kapxrjböva (Müller Geogr. graeci min, 1, 13f.)- 
Noch viel später als Kfißo^ sind griech. \x\\i\b, vielleicht mit Anlehnung^ 
an jLii|Li€T(T0ai aus npers. maimön (vgl. auch ttirk. majmun, alb. maimünj 
ebenso stidslavisch und ngriech.), die wieder mit scrt. mayü- ,AflFe* (Zimmer 
Altind. Leben S. 85) irgendwie zusammenhängen könnten, und KepKOTri- 
GrjKO^, K^pKU)iji : K^pKO^ ,Schwanz' bezeugt. Über die Bedeutung des Aflfen 
bei Griechen und Römern vgl. Keller Tiere des kl. Altertums S. 1 flf.). — 
Auf verschiedenen Wegen ist der Affe zu den Nordvölkern gelangt. 
Hesych bietet die Glosse dßpdva^ • KeXxoi xou^ KepKOTnerJKou^. Liest man 
hierfür mit einer alten Emendation (Reinesius) *dßßdvaq, ♦dßdva^, so er- 
hält man die germanische Grundform *apan-j altn. ape, ahd. aff^o. Die 
Germanen würden demnach schon vor der ersten Lautverschiebung^ 
den Namen des Affen von den Kelten empfangen haben, welche das 
possierliche Tier frühzeitig etwa von Massilia her kennen lernen konnten. 
Es mag öfters vorgekommen sein, was Cicero De div. I, 34 vom Könige 
der Molosser berichtet, dass Barbarenhäuptlinge sich einen Affen zur 
Kurzweil hielten. Eine weitere Verknüpfung des keltisch-germanischen 
Stammes *a6aw-, ^apan- ist bis jetzt nicht möglich, man mtisste denn 
auch hier unter Annahme eines Konsonantenschwundes im Anlaut an 
Zusammenhang mit scrt. Jcapi- etc. denken. Stokes B. B. XXIII, 60 
zieht zur Vergleichung ir. äbacc {*abanJco-) ,Zwerg' heran. 

Die Slaven haben das germanische Wort (altruss. opica\ aber auch 
das altgriechische (sAtal. pitikü) und dazu einen orientalischen Ausdruck r 
russ. ohezüjana, lit. bezdziöne (volksetymologisch wohl durch bezdine 
,der Hintere' beeinflusst ; vgl. das oben angeführte zweite Fragment dea 
Archilochus und lat. cluna aus dura : clünes) aus türk.-pers. ebuzin^, 
buzini. Im Germanischen begegnet noch ein mndl. simmej simminkel 
,Affe' aus lat. simia {*8tmiuncula s. o.) und ein agls. sprinca aus lat. spinga 
{spingion, sphinx ,Affenarten'). Vgl. auch engl. monJceyy oberd. muonaff 
aus ital. monnaj mona ,Affe' (Madonna). Hauptsächlich Italiener sind 
es noch heute, die mit Affen und anderen merkwürdigen Tieren in den 
Städten und Dörfern des nördlichen Europas umherziehen. 

Agnatlon, s. Familie. 

Ahle. Spitzige ahlen- oder pfriemenartige Werkzeuge aus Hom, 
Knochen oder Flint, vornehmlich wohl zum Durchbohren des Leders 
gebraucht, sind aus der neoUthischen Periode und schon aus früherer 
Zeit zahlreich an den Tag gekommen. Neben Dolch und Pfeil ist 
ferner der Pfriem das älteste Werkzeug, das aus Metall (Kupfer und 
Bronze) hergestellt wurde (vgl. M. Much, Kupferzeit ^ S. 186 f.). Der 
idg. Name desselben ist scrt. ä'rä ,Ahle', ,Pfriem' = ahd. äla, lit. ^luy 



Ahle — Ahnenkultus. 21 

^Itpr. ylo (die beiden letzteren mit auffallendem Stammvocal) ; daneben 
lat. su'hula = 6ech, si-dlo, poln. szy-dlo : lat. «mo, ahd. siula ,Pfriem'; 
s. u. Nadel. Unaufgeklärt sind: grieeh. öireu^, mlid. Pfrieme^ agls. 
prdon, sAtn. prjönn (woraus ir. prfn, gael. prine) und gemeinkeit. ir. 
menad (*ininavetO'). S. u. Werkzeuge. 

Ahnenknltus. Bei allen Indogermanen findet sich, wie auf an- 
deren Völkergebieten, die Vorstellung, dass die Seelen der Verstorbenen 
in ihren Gräbern oder ausserhalb derselben seitens ihrer Angehörigen 
wiederholter Labung durch Speise und Trank bedürften. Insofern diese 
Labung von den Mitgliedern der einzelnen Familienverbände den Seelen 
der Abgeschiedenen der eigenen Sippe oder der eigenen Hausgemein- 
schaft dargebracht wird, ist statt von einem Seelenkultus von einem 
Ahnendienst zu reden, der sich dann wieder, wenn er sich auf 
einzelne durch ihre Thaten besonders berühmte und darum als Schutz- 
geister jener Familienverbände, später des Landes, welches sie bewohnen, 
verehrte Vorfahren bezieht, zu einem nur auf höheren Stufen bezeugten 
Heroenkultus erhebt. Bei der Aufzählung der Zeugnisse für diese 
Anschauungen wird es gut sein, mit den nördlichen Indogeimanen 
zu beginnen, bei denen die ursprünglichen Verhältnisse sich naturgemäss 
ungetrübter als bei den arischen und sttdeuropäischen Völkern erhalten 
haben. Die hierher gehörigen Bräuche der alten Preussen und Litauer 
fasst Johan. Lasicius De diis Samagitanim, Basileae 1615 S. 57 (dieser 
Teil ist ein fast wörtlicher Abdruck der Schrift des Jan Malecki über 
die Opfer und den Gottesdienst der alten Preussen) folgendermassen 
zusammen: Qui funus mortuo faciunt, nummos proiciunt in sepul- 
<rufn, futurum mortui viaticum. panem quoque et lagenam cervisiae 
plenam ad caput cadaveris in sepulcrum illati, ne anima vel 
sitiat vel esuriat, collocant. uxor vero tam Oriente quam occi- 
dente sole super extincti coniugis sepulcrum, sedens vel iacens 
lamentatur diebus triginta. caeterum cognati celebrant convivia 
die a funere tertio, sextOj nono et quadragesimo. ad quae 
animam defuncti invitant precantes ante ianuam. tibi tacite assident 
mensaey tamquam muti (vgl. lat. silicernium ,Totenmahr, wenn es 
richtig mit silere ,schweigen' verbunden wird), nee utuntur cultris 
ministrantibus duabus mulieribuSj sed absque cultris, cibumque hos- 
pitibus apponentibus. singuli vero de unoquoque ferculo aliquid infra 
mensam abiciunt, quo animam pasci credunt eique potum effundunt, 
Si quid forte decidat in terram, de mensa, id non tollunt, sed 
desertisj ut ipsi loquuntur, animis, quae nullos 
habent vel cognatos vel amicos vivos, a quibus excipian- 
tur convivio, relinquunt manducandum, peracto prandio surgit a 
mensa sacrificulus et scopis domum verrens animas mortuorum cum 
pulverey tamquam pulices, haec dicens eicit: Edistis, inquit, 
bibistis, animae, ite foras, ite foras, posthaec incipiunt 



22 AhnenkultTis. 

convivae inter se colloqui et certare poculis, mulieribus viris praebi-- 
bentibus et viris vicissim Ulis seque invicem osculantibus. In den von 
ihm selbst herrtthrenden Teilen der genannten Schrift nennt Lasicius 
(S. 48) dann noch einen Gott der Seelen Vielona (s. n.): Cut tum 
oblatio offertuTy cum mortui pascuntur. dari autem Uli solent frixae 
placentulae quattuor locis sä>i oppositis paullulum discissc^. eae 
SiJcies Vielonia pemixlos nominantur („Fladen, die dem V. wohlgefällig 
sind", vgl. Üsener-Solmsen Göttemamen S. 104) und (p. 51) eine zweite 
Totengottheit Ezagulis (wörtl. ,der auf dem Feldrain liegende' d. h. 
der Tote), von dem es heisst: Skierstuwes (lit. sJcerstüwes ,Schlacht- 
schmaus') festum est farciminum, ad quod deum Ezagulis ita vocant: 
Vielona velos atteOc musmup und stäla, Veni, inquit, cum mortuis 
farcimina manducaturus (wörtlich: „V. im Totenreich, komm' zu uns 
an den Tisch" ; vgl. Üsener-Solmsen S. 90 und v. Grienberger Archiv f. 
slav. Phil. XVIII, 43 f.). Auch alte und vornehme litauische Familien 
kannte Lasicius (S. 47), die besondere Familiengötter verehrten. Ihre 
von ihm mitgeteilten Namen stellen, wie dies bei dem zuerst genannten 
Simonaites sicher der Fall ist, wahrscheinlich die Personennamen 
göttlich verehrter Ahnherren des Geschlechts dar (vgl. v. Grienberger 
a. a. 0. S. 28 f.) 

Auf slavischem Boden enthalten vor allem polnische Zeugnisse 
(polnisch-lateinische Predigten des XV. Jahrb.; vgl. A. Brückner Archiv 
f. slav. Phil. XIV, 183 ff.) wichtige Angaben über den Kult der Toten. 
So wird von dem Uboze (altsl. uboüje ,das arme Männchen', entsprechend 
den deutscheu Wichten und Kobolden), das direkt den lat. mänesy 
,Geister der Verstorbenen' gleichgesetzt wird, berichtet : Daemonibus 
sacrificia offerunt, quae dicuntur vbosthye, remanentes seu derelin- 
quentes eis residuitates ciborum quinta feria post cenamy feiner: 
(einige waschen die Schüsseln am Gharfreitag nach der Mahlzeit nicht 
ab) ad pascendum animas vel alias, quae dicuntur vbosthe u. s. w. 
Eine andere Nachricht erzählt von Feuern, an denen sich die Ahnen- 
seelen wärmen sollen: Cremare focos ardentes feria quarta ma^na 
secundum Htum paganorum in commemorationem animarum suartim 
cariorum. Ein altslavischer Ausdruck für das Totenmahl war strava. 
Vgl. Jordanis Cap. 49: Fostquam talibus lamentis est defletus {At- 
tila)y stravam super tumulum eius, quam appellant ipsi, ingenti 
commessatione concelebrant, und in einer Urkunde vom Jahre 1090: 
genus cibi, quod vulgo struva dicitur. Das Wort wird ein slavisches 
Lehnwort im Hunnischen sein und bedeutet im Russischen, Polnischen 
und Böhmischen ,Spei8e', ,Mahr, im Altböhmischen auch ,Leichenmahr 
(vgl. Krek Einleitung * S. 435 ^ und Miklosich Et. W. s. v. strava, 
während Gabelentz-Loebe Glossar S. 171 und. R. Kögel Gesch. d. d. 
Lit. I, 1, 48 das Wort als germanisch in Anspruch nehmen), — la 
Deutschland wird im Indiculus superstitionum et paganiarum das- 



Ahnenkultus. 23 

sacrüegium ad sepulcra mortuorum verboten (die darin eingeselilosseneu 
dädsiseis ^Totenzauberlieder' scheinen nach Eögel a. a. 0. S. Ö2 den 
Zweck gehabt zu haben, den Geist im Grabe festzubannen J, und noch 
ums Jahr 1000 eifert Burkhard von Worms gegen die oblationesy quae 
in quibusdam locis ad sepulcra mortuorum fiunt. Von göttlicher Ver- 
ehrung der Ahnenseelen weiss Jordanis Cap. 13: lam proceres suosj 
quorum quasi fortuna vincebant, non puros homines, sed semideosy 
id est anses (s. u,), vocaverunt zu berichten (vgl. weiteres bei Golther 
Handbuch der germanischen Mythologie S. 90 flF. und E. Mogk Mythologie 
in Pauls Grundriss III ^^ 249 ff.). Noch heute setzt man, namentlich 
in Tirol, ^^den armen Seelen, die an Allerheiligen aus dem Fegefeuer 
geläutet werden, in ihrer Heimat Krapfen und Milch auf den Tisch, 
was dann morgens Aime wegholen, wärmt ihnen die Stube und bietet 
ihnen in Lämpchen linderndes Oel für ihre Brandwunden" (vgl. E. H. 
Meyer Deutsche Volkskunde S. 275). — Wendet man sich zu Ariern 
und Südeuropäern, so werden in Indien die Vorfahren (pitdras) mit 
ihren auf der Erde zurückgebliebenen Verwandten, den näheren {sa- 
pinda-) und ferneren (samanddaka-) durch einen streng geregelten 
Totendienst verbunden, der zwei Arten religiöser Handlungen aufweist, 
das piiidapitryajiia- ,das Klösseväteropfer' {pinda- ,Kloss*, daher sa- 
pindor ,der mit anderen Klösse darbringt', , Verwandter', , Agnat'; vgl. 
oben die litauischen dem Vielona angenehmen Fladen) und die gräddha-, 
ebenfalls Totenmahle, in gläubiger Gesinnung {qraddhä) dargebracht, 
bei denen „einem oder mehreren Verstorbenen zu Gefallen Brahmanen 
gespeist werden, und nach denen den Manen V^asser, Pinda's, Salbe, 
Kleidung und wieder Wasser (daher samanodaTca- aus samana- ,zu- 
sararaen' und udaJca- ,Wasser') dargebracht wird" (vgl. W. Caland Über 
Totenverehrung bei einigen der idg. Völker, Amsterdam 1888, derselbe 
Altindischer Ahnenkult, Leiden 1893). Die Bedeutung der ganzen In- 
stitution ist eine ausserordentliche und hängt, vvie sich noch weiter 
zeigen wird, aufs innigste mit dem altindischeu Ehe- und Erbrecht zu- 
sammen. Die Anschauungen, auf denen dieser Unsterblichkeitsglaube 
und Totendienst beruht, sind sowohl was den Aufenthalt der Seelen 
(nämlich im Himmel) wie auch die Formen der ihnen gespendeten Opfer 
anbetrifft, schon in vedischer Zeit geläuterte. Doch fehlt es nicht an 
Spuren eines älteren, mit dem oben geschilderten altpreussischen u. s. w. 
nahezu auf einer Stufe stehenden Seelenglaubens, wie sie namentlich 
in der Schilderung der Totenopfer bei Gobhila in den Gfhyasötras 
hervortreten. „Nichts**, sagt Oldenberg Die Religion des Veda S. 553, 
„deutet hier auf himmlische Wohnungen der Seelen; die Gaben für sie 
werden nicht durch das Opferfeuer nach oben gesandt. Sie werden in 
die Erde gelegt: in der Erdtiefe oder auch auf der Erde, in der Nähe 
der menschlichen Wohnung haust die Seele und wartet, dass die 
Lebenden ihren Hunger stillen und sie kleiden. Sie kommt zum Mahle 



24 Ahnenkultus. 

heran, setzt sich an den Platz, den man für sie zugerichtet hat, oder 
schlüpft in das WassergefUss; von der Speise, die man ihr giebt, ge- 
niesst sie die Hitze und lässt die erkaltete Substanz liegen. Hat sie 
ihr Teil empfangen, so achtet man darauf, dass der unheimliche Gast 
nicht länger verweilt." 

Nicht zurück an Bedeutung hinter dem indischen steht der römische 
Totendienst mit seinen dei parentum, mäneSy penätes, lemureSy larvae, 
lares. Von diesen nicht immer scharf geschiedenen Namen bezeichnete 
mdnes (: altlat. mänus ,gut', mäne ,zu guter Stunde'; vgl. griech. 
XprjCTToi, ^otKape^ etc., mhd. die gtioten, holden in gleichem Sinne) im 
allgemeinen die verklärten Geister der Verstorbenen, denen eine Be- 
stattung zu teil geworden war, „während die lemures und larvae eher 
für die Seelen derjenigen galten, welche in Folge eines gewaltsamen 
Todes oder begangener Sünden unstät umherirrten". Die lares im 
besonderen sind die guten Schutzgeister der Familie {lar familiaris), 
denen bei jeder Gelegenheit Speise und Trank in kleinen Schüsselchen 
auf dem Herde dargebracht wurden. Diese Scheidung in gute und 
böse Geister der Verstorbenen kann aber kaum etwas ursprüngliches 
sein, da läres {läses) und larva {Hdstia) offenbar aus demselben unten 
ausführlich zu behandelnden Stamm *läs- hervorgegangen sind. Auch 
fehlt es nicht an Stellen, an denen die Laren noch als böse und gierige 
Geister der Unterwelt aufgefasst sind, zu denen man betet, dass sie 
das Lebendige verschonen und sich an Bildern des Lebendigen ge- 
nügen lassen möchten. Vgl. Festus ed. M. S. 237 (nach wahrscheinlicher 
Ergänzung) : Pilae effigies viriles et muliebres ex lana Compitalihus in 
compitis suspendiintur, qiiod hunc diem festum esse deorum inferortim 
putanty eorum, quos vocant Lar es j qtnbiis tot pilae suspendunfur, 
quot capita sunt servorum^ tot effigies, quot sunt liheri homines in 
familia, collocantuVy ut vivis parcant, ])ilis et simulacris contenti. 
Anders, aber nicht überzeugend über die ursprüngliche Bedeutung der 
Laren urteilt neuerdings Wissovva in ßoschers Ausf. Lexicon der griech. 
und röm. Mythologie, wo im Gegensatz zu der Auffassung des klassischen 
Altertums, z. B. der des Vcrrius Flaccus bei Festus Pauli S. 121 : Lares 
animae esse piitabanttir hominum redactae in numerum deorum, die 
Laren vielmehr als Flur- und Ortsgeister gedeutet werden. 

Sehr merkwürdig haben sich die griechischen Verhältnisse ent- 
wickelt, die bis auf ihre Behandlung durch E. Rohde in seinem Buche 
Psyche, Seelcnkult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen Freiburg i.B. 
1890 (2. Aufl. 1898) die Annahme eines ursprünglichen Ahnenkultes bei den 
idg. Völkern erschwerten. Nach der homerischen Anschauung führen die 
Seelen der Entschlafenen im Hades ein der Oberwelt ganz und gar ent- 
rücktes, schattenhaftes, körper- und bewusstseinloses Dasein, so dass für 
den Lebenden keine Veranlassung und keine Möglichkeit vorliegt, ihnen 
mit Spenden und Opfern zu nahen. Trotzdem ragen auch in die homerische 



AhnenkulUis. 25 

Zeit, wie Rohde gezeigt hat, die Überreste eines einst stark ausgeprägten 
griechischen Seelenglaubens hinein. Das einleuchtendste Beispiel hier- 
für ist das Leichenbegängnis des Patroclus (II. XXIII, 164 flF.), das 
stattfindet, nachdem in der vorhergehenden Nacht die Psyche des noch 
unbestattet liegenden Freundes den Achilleus an die schleunige Er- 
füllung seiner Bestattungspflicht gemahnt hat: 

TTOiTiaav bk iTupf)v ^KOTÖjiTrebov fv0a Kai fv0a, 
dv be TTupri uTrcxTr) vexpöv Gtoav diXv\i}xevo\ Kfip. 
TToXXd bä iqpia ^fiXa xai eiXiiroba^ ?XiKa^ ßoO^ 
npöcTGe TTupfi^ fbepöv t€ Kai äjLiqpeiTov dK b' äpa irdviiüv 
brijLiöv dXiüV dKÄXuipe vdKuv jLA€Td0u|bio^ 'AxiXXeu^ 
dq TTÖba^ dK K€cpaXfiq, irepi bk bpaia adj^xara vrier 
dv b'dTiGei lidXiTO^ Kai dXeiqpaxo^ d)Liq)icpopfia^, 
Trpö^ Xdxea kXivujv * niavpaq b' dpiaOxevaq ittttou^ 
dacrujLievu)^ dvdßaXXe TTupfj, jiieYdXa (TTevaxiZiüv. 
dvvda Tuj T€ dvaKTi TpaTr€Zfi€<; Kuve^ fjaav 
Kai |Li€v TUJV dvdßaXXe irupri buo beipoioiiiriaa^, 
biübeKa be TpOüiüv jLieTCx0u)Liu)v u\ea^ dcTGXou^ 
XaXKiu briiöiDv • KaKd bd qppecTi inribeTO ?pYa. 
In der That kann nach den Ausführungen Rohdes ein Zweifel 
darüber nicht bestehen, dass wir es hier mit der dem homerischen 
Griechen selbst nur noch halb verständlichen Schilderung eines 
regelrechten Totendienstes zu thun haben, durch den die Seele des 
heiragegangenen Freundes mit Speise und Trank, aber auch mit 
Blut von Tieren und Menschen erquickt werden soll. Nicht weniger 
birgt das Totenopfer, das der Dichter der Hadesfahrt des Odysseus 
diesen in der Unterwelt darbringen lässt, die Erinnerung an eine Zeit, 
in der man derartige Spenden, wie sie hier geschildert werden (Weihe- 
guss in die Grube aus Milch, Honig, Wein, Wasser, Blut des Widders 
und Schafes u. s. w.), den Seelen zur Labung auf der Oberwelt dar- 
brachte (Kohde^ S. 49 ff.). Abgesehen von diesen und einigen anderen, 
minder bedeutsamen Zügen ist der einstige Seelenkult den homerischen 
Griechen, also der kleinasiatischen Kulturwelt fremd geworden. Aber 
im Mutterland, im festländischen Griechenland, muss jener Glaube an 
ein bewnsstes und für die Menschen bedeutsames Weiterleben der 
Psyche fortgewuchert haben. Auf ihn gehen (in der von Eohde näher 
geschilderten Weise) die Vorstellung Hesiods von Menschen der Vorzeit, 
deren Seelen nach dem Tode als „Dämonen" (baiiaove^ s. u.) weiter- 
leben, auf ihn der schon in der Gesetzgebung Drakous (Rohde ^ S. 146) 
als Väterbrauch bezeichnete Kult der Heroen {f\p^<; ,der geehrte', 
: got. swers ,geehrt' ?) , auf ihn endlich jener allgemeine sakrale 
Totendienst (xd vojiiZö)Lieva, x^^^öai Kai dva^iZeiv) zurück, der noch in 
der späten Ausbildung, in der er uns vorliegt, mancherlei Berührung 
mit indischem, römischem, litauischem Ritual zeigt. 



26 Ahnenkultes. 

Wenn es nach dem bisherigen als sicher gelten kann, dass schon 
die Indogermanen ihren Verstorbenen Speise nnd Trank darbrachten, 
so erhebt sich jetzt die Frage, warum sie dies thaten. Ohne Zweifel 
hielten sie es für die Ruhe und Wohlfahrt ihrer Toten für erforderlich. 
Aber aus welchen Motiven heraus suchten sie ihnen diese Ruhe und 
Wohlfahrt zu verschaffen? Leist in seinen Bttchern Gräco-italische 
Rechtsgeschichte, Alt-arisches Jus gentium u. s. w. leitet den Totenkult 
der idg. Völker ausschliesslich aus ihrer Liebe zu den Eltern, aus der 
Pietät gegen die Parentes ab. „Du sollst die Eltern ehren '^ ist für 
ihn ein schon in der Urzeit klar erkanntes Sittengebot, das in dem 
indogermanischen Sittencodex unmittelbar hinter dem „Du sollst die 
Götter ehren" stand. Vergegenwärtigt man sich aber die wirklichen 
Gesinnungen, welche nach unzweifelhaften Zeugnissen die Urzeit gegen 
die Alten (s. u. Alte Leute), wenn sie hinfllllig geworden waren, 
vielfach hegte, bedenkt mau den harten und rohen Geist, der noch in 
der idg. Familienorganisation (s. u. Familie) herrschte, erwägt man, 
wie noch durch die frommen Lieder des Veda die Angst vor den 
Schaden stiftenden Seelen der „Väter", die man für rohe und harte 
Wesen hält, hindurchklingt (vgl. Caland Ahnenkultus S. 176 flF., Olden- 
berg a, a. 0. S. 568), so wird man bezweifeln müssen, dass die Indo- 
germanen schon in der Urzeit so pietätvoller Empfindungen fähig waren. 
Viel wahrscheinlicher ist es daher, mit Forschern wie Caland (a. a. 0.), 
Ihering (Vorgeschichte der Indoeuropäer S. 59), Rohde (Psyche * S. 20, 
216 ff.) u. a. anzunehmen, dass, wie bei anderen Völkern, so auch bei 
den Indogermanen, nicht die Liebe zu, sondern die Furcht vor den 
Toten den Kultus der Toten gezeitigt hat. 

Bei allen primitiven Völkern ist der Glaube an die schädliche oder 
förderliche Einwirkung Verstorbener tief eingewurzelt. Seinen natür- 
lichen Ausgangspunkt mag dieser weit verbreitete Gespensterglaube vor 
allem in den Erscheinungen des Schlafs und der Traumwelt gehabt 
haben, in der die Psyche zu selbständigem Handeln den Körper ver- 
liess, besonders in den sogenannten Alpträumen, in denen unsicht- 
bare Wesen, die nicht selten die Gestalten von Entschlafenen annahmen 
(vgl. oben die Traumerscheinung der Psyche des Patroclus), den Träumer 
beunruhigten, packten und würgten (vgl. E. H. Meyer Germanische My- 
thologie S. 76 ff. und Golther a. a. 0. S. 75 ff.). Solche schweifende 
Gespenster an ihre Gräber zu bannen, durch Speise und Trank ihren 
Hass zu zerstreuen, ihr Wohlwollen zu erlangen, muss der nächste, 
rein selbstsüchtige Zweck des idg. Totendienstes gewesen sein, der hinter 
dem aus ihm allmählich emporspriessenden Pietätsgedanken in milderen 
Zeiten mehr und mehr zurücktrat. Also man ehrte die Toten zunächst, 
weil man sie fürchtete. Aber auch so ist jener älteste Totendienst 
für die religiöse Entwicklung der Indogermanen von ausserordentlicher 
Bedeutung geworden. 



Ahneokultus. 27 

Der Gedanke des Überirdischen^ geheimnisvoll die Geschicke des 
Menschen umschwebenden mag in dieser primitiven Form zmxi ersten 
Mal dem Indogermanen zum Bewusstsein gekommen sein, aus Seelen 
zuerst Geister, zuletzt Götter geschaffen haben und so zu einer 
Quelle der Religion geworden sein, die im Laufe der Entwicklung, 
aber noch in idg. Urzeit, mit den Wassern aus einer zweiten Quelle 
zusammentraf, die ihren Ursprung nicht im Tode, sondern im Leben^ 
im Leben der Natur und ihren tausendfachen Erscheinungen hatte 
(s. u. Religion). 

Dieser Entwicklungsgang liegt in der Sprachgeschichte deutlich 
ausgeprägt vor uns. 

Zunächst ist auf zwei schon idg. Reihen zu verweisen, deren Grund- 
bedeutung sich als ,schädlicher, trügerischer Geist' ergiebt, ohne das^ 
ein direkter Zusammenhang mit Toten oder Seelen Verstorbener sich 
sprachlich erweisen Hesse. Es sind dies einerseits aw. dru]- ,Ge- 
spenst', scrt. druh- ,TJnhold', altn. draugr, alts. gidrog, ahd. gitroe 
,Gespenst' (vgl. auch agis. dredg ,larva mortui'; dazu auch ahd. troum 
aus *draugmO' ,Traum', eigentl. ,Trugbild' ?), ir. ^druag, aur-drach 
jGespenst': scrt. drwA , schädigen', ahd. friogra« , betrügen' etc., anderer- 
seits altn. dlfr^ agls. odf^ mhd. cdp ,Elfe, gespenstiges Wesen, Alp,. 
Alpdrücken' = scrt. rbhü-, vedischer Name dreier kunstreicher, 
eibischer Wesen (vgl. K. Z. IV, 102 flf.), wenn diese Wörter richtig zu 
griech. dXeqpaipojiai ,betrüge' gestellt werden. Die hier nur zu ver- 
mutende Beziehung auf Toten- und Seelenwesen liegt nun im Folgenden 
klarer zu Tage. Ein gemeinsamer nordeuropäischer Ausdruck für ein 
den Menschen quälendes Nachtgespenst, den eben genannten A 1 p (griech. 
^qpiäXxTi^ ,der Aufspringer', lat. incubusy lit. aitwaraSj vgl. Lasicius S. 51) 
ist das gemeingerm. mhd. mar M. F., altn. mara, agls. mcere, mare, 
ahd. mara F. ,Mahr', altsl. mora ,Hexe, Alp, Trud', ir. mor-frjzgain 
gl. lamia, „Alpkönigin". Ganz wie nun im Indischen preta- (aus pra 
und itd' von i ,gehen') ,der Heimgegangene', ,der tote' die Bedeutung 
von jGespenst' angenommen hat, wie lit. Ezagulis ,der auf dem Feld- 
rain liegende', ,der tote' zu der Bezeichnung einer Gottheit des Todes 
geworden ist (s. o.), wie endlich das gemeingerm. altn, valr, agls. wad 
etc. ,der tote', bes. der auf dem Schlachtfeld (vgl. altn. valkyrja, die 
Jungfrau, die die Seelen der Gefallenen auswählt und nach valhöll 
geleitet) in dem ihm entsprechenden lit. wSles (idg. *vol'\*vil'\ vgl. 
auch *v6lr in ahd. wuol ,Verderben') die geisterhaften Gestalten der 
Gestorbenen, geisterhafte Wesen überhaupt, in Vielona den Totengott 
selbst (vgl. V. Grienberger a. a. 0. S. 45) bezeichnet, ebenso wird als 
Grundform jener nordeuropäischen Sippe ein idg. *morO'j *morä (vgl. 
scrt. mära- ,Tod', bei den Buddhisten auch ,Teufer, gallo-germ. Mori- 
marusa = *mori mariisa ,mare mortuum') ,der, die Tote': idg. mer 
(lat. morior) anzusetzen sein. Auf gleicher Stufe wie der Bedeutungs- 



^8 Ahnenkultus. 

Übergang von Toter zu Gespenst (Alp), steht auch der von Seele, Atem, 
Hauch zu Kobold etc., wie er in der Gleichung got. hugs ,voö^', altn. 
hugr ,Seele' (mannähugir ,Menschen8eelen, die in mancherlei Gestalt 
auftreten') = lit. kaükas ,ein zveerghafter Geist, Kobold, ungetauft ge- 
storbenes Kind' etc. vorliegt (vgl. Mikkola in B. B. XXII, 240 und näheres 
über kaükas bei v. Grienberger S. 69 und A. Brückner a. a. 0. S. 187). 

Beschränkt sich die bisher erörterte Terminologie auf die Bezeich- 
nungen im Ganzen niederer Geisterwesen, so wird sich nun zeigen, dass in 
mehreren der idg. Einzelsprachen sogar Ausdrücke für die höchsten 
Götter auf Seelenerscheinungen und Totengeister zurückführen. 

Bei den Kelten gab es eine Art unreiner Geister oder Mahren, 
welche dusii hiessen. Vgl. Augustin. De civ. Dei XV, 23: Quosdam dae- 
moneSy quos Dusios Galli nnncupant^ hanc a^sidue immunditiam et 
tentare et efficere plures talesque asseverant, Isid. Or. 8, 11, 103: 
Saepe improhi existunt etiam mulieribus, et earum peragunt concu- 
bitum, quos daemones Galli dusios nuncupant, quia assidue hanc per- 
agunt immunditiam. Dieses altgallische *dusi(hs ,unreiner Geist' hängt 
nun zweifellos zunächst mit lit. düsas ,Dunst', altsl. duchü ,Atem, Geist', 
dusa ,Seele', dann weiter mit lit. dicas^ ,Atem, Geist', mhd. getioäs, Ge- 
spenst' zusammen, so dass sich ein abstufender Stamm *dhves-, *dhvos-, 
*dhv^s-, *dhus' ergiebt. Mit Sicherheit darf hierher auch lat. ferälisj Fe- 
rälia (^dhvSsäli-) gestellt werden, welches letztere also wörtlich ,Seelen- 
fest' bedeutet. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist aber auch griech. Qeoq 
aus *0/€ao-^ ,Gott' hier anzuknüpfen (so jetzt auch K. Brugmann Grund- 
riss I^, 1, 310 u. a.), so dass selbst die Kollektivbezeichnung der olympischen 
Götter in jenem uralten Vorstellungskreis von Mahren und anderen 
Seelengeistern wurzelt. Man wird nicht einwenden wollen, dass, die 
Richtigkeit der angeführten Zusammenstellung zugegeben, daraus nichts 
besonderes zu folgern sei, da ja auch wir noch heute davon sprächen, 
dass Gott ein „Geist" sei; denn es liegt natürlich auf der Hand, dass, 
wenn öeö^ dem altgallischen dusio-s oder dem mhd. geticäs u. s. w^. 
gleich zu setzen ist, der ursprüngliche Bedeutungsinhalt des griech. 
Wortes einst dem jener Wörter, nicht aber der geläuterten Auffassung 
des Begriffes „Geist" in moderner Zeit entsprochen haben muss. 

Diese hier für griech. Qeoq angesetzte Bedeutungsentwicklung von 
Seele, Gespenst, Geist zu Gott gewinnt nun an Wahrscheinlichkeit 
durch den Umstand, dass zwei weitere, religionsgeschichtlich äusserst 
bedeutsame Bezeichnungen der Gottheit, nämlich das griech. baijiiujv 
und das indische dsura- einen ganz ähnlichen Weg vom Grabe zum 
Olympos zurückgelegt haben. 

Griech. baijtiujv bezeichnet bei Homer vorwiegend die unsterblichen 
Götter (6e6^), dann das von ihnen geschickte Verhängnis, das Schicksal, 
besonders Unglück, einmal auch den Tod oder einen Todesgott (toi 
l)ai|Liova binauj). Schon oben aber sahen wir, dass Hesiod baijioveq 



Ahnenkultus. 29' 

im Sinne verklärter Menschenseelen gebraucht , und bei den 
ältesten Tragikern (z. B. Aesch. Pers. v. 620) wird bai|Liu)v geradezu 
von der Seele oder dem Schatten eines Verstorbenen (des Darius) ge- 
sagt. Ist es nun nach dem oben (nach Rohde) über die Geschichte 
des griechischen Seelenglaubens ausgeführten an sich nicht unwahr- 
scheinlich, dass für die Bedeutungsentwicklung des griech. bai)Liu)v von 
der im Mutterland, bei Hesiod und den Tragikern, wenngleich zußlllig^ 
später, bezeugten Bedeutung auszugehen sei, so wird dies durch die 
etymologische Betrachtung des Wortes so gut wie sicher. Seine 
bisherigen Deutungen aus alter und neuer Zeit (von barmu)v ,kundig' 
oder von baio^ai ,teile zu' oder von scrt. div ,strahlen') wird niemand 
fflr befriedigend halten. Bei ihnen ist man stillschweigend oder aus- 
gesprochener Massen davon ausgegangen, dass -jaiuv in bai-|iu)v ein 
Primärsuffix sein müsse. Wie aber ein Blick auf hom. baiTu^ibv ,6ast' 
von baiTu^ ,Mahr oder auf &Kp^-)Liu)V ,Ast' von dKpö^ ,spitz' zeigt, ist 
dies nicht der Fall: die Endung -jiwv kann ohne Zweifel auch als 
Secundärsuffix angesehen werden. Es steht daher nichts im Wege, für 
bai^iuv eine Grundform *ba(Ti-)Liu)v anzusetzen, und den ersten Bestand- 
teil dieses Wortes *ba(yi- unter Annahme eines bekannten Lautwandels 
(bdKpujüia : lacrima) dem lat. Hasi- {läres, lärium) ,Geist eines Ver- 
storbenen' zu vergleichen. Wie baiTUjtiujv einen bezeichnet, der mit 
dem Mahle zusammenhängt, so muss die Grundbedeutung von ^bacTi^iuv 
(baijLiuiv als Paroxytonon nach dem Muster äkjlaiüv etc., da es zwei- 
silbige Oxytona auf -|liu)v, -jtiovoq nicht giebt) die eines Wesens ge- 
wesen sein, das mit Seelen der Verstorbenen zusammenhängt, dann 
Seele eines Verstorbenen selbst. Da diese Seelen, wie genugsam ge- 
zeigt worden ist, nützlich wie schädlich sein können, je nachdem man 
sie behandelt, so liegt bei bai^uüv schon im Keime jene doppelte Be- 
deutungsbasis vor, die schliesslich zu den Extremen Gott und Teufet 
geführt hat. 

Auf indischem Boden wäre als vielleicht hierhergehörig die Gruppe von 
däsa-, däsä-y däsyu- in Erwägung zu ziehn. Diese Wörter bezeichnen 
im wesentlichen zweierlei: 1) den Menschen feindliche Dämonen, zu- 
weilen in Gestalt Verstorbener (vgl. däsyu- bei B. R.). 2) die 
den Ariern feindlichen Barbarenstämme, die Eingeborenen Indiens. 
Geht man nun von der ersteren Bedeutung als der ursprünglicheren 
aus, nimmt also an, dass die Eingeborenen Indiens — sie waren schwarz 
und jnasenlos', d. h. wohl stumpfnasig (vgl. Oldenberg a. a. 0. S. 154) 
von den weissen Ariern als ,Gespenster' oder ,Teufer (vgl. etwa den 
Ausdruck „roter Teufel" für Indianer) bezeichnet worden sein, so liegt 
die Verknüpfung mit dem gräco-italischen *ba(n-, lasi- nahe. Man 
könnte von einem stammabstufenden idg. *dds, ^das-ös = lat. las, 
läsis, lär, läris ausgehen (vgl. Neue Lat. Formenlehre P, 166), wovon 
sich dann die Stämme *dasO' (scrt. ddsa-), *dasi- (*bacyi-|Liujv, baijuiüv,. 



30 Ahnenkultus. 

lat. Hasi-, lariunij scrt. ddsyu-) und däso- (scrt. däsd-; vgl. auch lat. 
*I-ä8ua = larva und Laverna ^larvarum dea' aus *Larvema, *Läsuerna, 
G. Goetz Ind. schol. aestiv. Jeneus. 1887 S. VIII) unschwer ableiten 
Hessen. Die Grundbedeutung dieses idg. *dd8, *da8'ö8 wäre alsdann 
^schadender oder nützender Geist eines Verstorbenen' gewesen. Als 
Wurzel empföhle sich scrt. das^ ddsyati ^Mangel leiden, schmachten', 
das nicht mit B. R. = griech. b^u) (fttr beuu)) gesetzt werden darf, 
so dass von vornherein dem Worte der Sinn eines schmachtenden und 
darum durch Speise und Trank zu labenden Wesens innewohnte. 

Dieselbe Erscheinung einer Entwicklung in bonam et malam partem 
wie griech. bat|Liu)v zeigt das indische dsura-, das in der älteren vedischen 
Sprache auch als Beiwort fttr Götter, in der jüngeren ausschliesslich 
für götterfeindliche Wesen gebraucht wird, auf iranischem Boden 
aber die erhabenste Gottheit (Ahuramazda) bezeichnet (vgl. Oldenberg 
a. a. 0. S. 162). Das Wort ist eine Ableitung von äsu-, dessen älteste 
Bedeutung die des Lebenshauchs bei Mensch und Tier, also ,anima' ist 
(Oldenberg S. 524 f.). Ausserhalb Indiens kehrt das Wort in got. anses, 
altn. desir ,Asen, Heroen, Halbgötter' (s. o.) wieder, in eine noch nie- 
drigere Stufe der Seelenwesen aber führt das agis. ^scy das ganz für 
Elfen (4sa gescot wie ylfa gescot ,Hexenschuss') gebraucht wird, ein. 
Auch bei dieser Sippe lässt sich also die ganze Stufenleiter der Be- 
deutungsentwicklung von Seele bis Gott (oder Teufel) nachweisen. 

Wenden wir uns zu der sachlichen Seite des ältesten Totenkultes 
zurück, so lassen sich einzelne Züge desselben als mit Wahrschein- 
lichkeit schon der Urzeit angehörig erweisen. Dies gilt vor allem von 
den Zeiten, an denen Gaben an Speise und Trank den Toten darge- 
bracht werden. Die Sitte der alten Preussen (s. o.), nach welcher die 
Verwandten Totenmahle halten die a funere tertio, (sexto)^ nono (^et 
quadragesirno) kehrt in den Tpixa Kai fvaia der Griechen, d, h. in den 
Mahlzeiten, die dem Toten am III. und IX. Tage nach der Bestattung 
an seinem Grabe aufgetragen wurden, und in der römischen Novemdial- 
feier wieder, während die Inder eine lOtägige Impuritätsfrist unter- 
scheiden. Die 30 Tage, während deren bei den Preussen (s. o.) die 
Witwe an dem Grabe des Gatten früh und abends klagen muss, er- 
innern an die athenischen TpiaKoibe^, die sich an die Tpiia Kai ^vaxa 
anschliessen. Bei den Deutschen erfahren wir von Gedächtnisfeiern 
Verstorbener, die am III., VII. und XXX. Tage und am Jahrestage des 
Todes stattfanden. Es ging bei ihnen mit Trinken und Singen wild 
her, und den Geistlichen werden strenge Vorschriften hinsichtlich ihres 
Verhaltens an diesen Festen gegeben (vgl. R. Kögel Gesch. d. d. Lit. I, 
1, 55). Auch allgemeine, dh. den ganzen Stamm betreffende Toten- 
feste wie an den Anthesterien zu Athen oder die römischen Firälia 
(s. 0., weiterlebend in dem Allerseelentag der Katholiken) oder das 
russische radunlci (angeblich von altsl. radü Jibens', weil die Toten 



Ahnenkultus. 31 

über die dargebrachten Gaben erfreut seien) werden schon für frühe 
Zeiten anzanehmen sein (vgl. Caland a. a. 0. S. 78 ff.). An solchen Tagen 
stand den Geistern die Welt offen. Zur Abwehr der unheimlichen 
Gäste bestrich man in Griechenland die Thürpfosten mit Pech und 
kaute Blätter von Weissdom, wie in Indien die von der Verbrennung 
heimkehrenden Verwandten Nimbablätter in den Mund nahmen (vgL 
Rohde a. a. 0.^ S. 237», Caland S. 71). 

In dem Zeremoniell selbst sei auf die merkwürdige Über- 
einstimmung in dem Brauch hingewiesen, die Seelen nach geschehener 
Bewirtung feierlich und ausdrücklich zu entlassen. So fegt bei den 
alten Preussen der sacrificulus die Seelen wie die Flöhe hinaus: 
„Edistis^, sagt er, j^bibistisy animaef ite foras, ite forast^, so bestand 
in Griechenland das Sprichwort : OupoZie» Kfipe<; (alte Bezeichnung 
für Miuxcti) ,ouK fr' 'AvGeaxripia, so wurden in Rom an den Lemurien 
die Seelen hinausgetrieben mit den Worten: Manes exüe paterni 
(vgl. Rohde a. a. 0. S. 239^), so bestand auch bei den Indern die 
Vorschrift des Agvaläyana für das pi7j4apitryajfia- (Caland Totenver- 
ehrung S. 6): „Darauf entlasse er (der Priester) die Pitaras mit den 
Worten: „Gehet hin, ihr lieblichen Pitaras, auf den alten geheimnis- 
vollen Wegen; gebet uns hier Reichtum und Glück und verleihet uns 
reichen Besitz an Männern^. 

Die äussere Auffassung der Ahnenseelen wird in der Urzeit noch 
eine verschiedenartige ebenso wie diejenige der aus Naturerscheinungen 
entnommenen Gottheiten (s. u. Religion) gewesen sein. Man wird sich 
die Seelen der Väter teils menschenähnlich als Zwerge und Riesen 
(s. d.), teils aber auch in Gestalt von Tieren vorgestellt haben. In 
letzterer Beziehung scheint vor allem die durch ein geheimnisvolles 
und plötzliches Nahen und Verschwinden charakteristische Schlange 
dazu gedient zu haben, unter ihrem Symbol den Seelen Verehrung 
darzubringen. Über die Litauer berichtet wiederum Lasicius S. 51 : Nu- 
triunt etiam quasi deos penates nigri coloriSf obesos et quadrupedes (!) 
quosdam serpentes, Giuoitos (lit. gywäte ,Schlange') vocatos (vgl. dazu 
Aeneas Silvius bei Üsener-Solmsen Götternamen S. 91: Serpentes co- 
lebant; pater familias suum quisque in angulo domus serpentem 
habuit, cui cibum dedit et sacrificium fecit in foeno iacenti). Aber 
auch bei den Hellenen erscheinen unterirdische Götter, Heroen, ja die 
Seelen- Verstorbener selbst gern unter dem Bilde göttlich verehrter 
Sehlangen (vgl. Rohdes Psyche passim), ein Kultus, der auch in Indien 
nicht fremd ist. 

Die Stätten, an denen jene Totenopfer dargebracht wurden, waren, 
wie sich aus den vorstehenden Zeugnissen ergiebt, teils die Gräber der 
Verschiedenen selbst, teils aber auch andere Plätze, vor allem boten 
die Mahlzeiten im Haus oder ausserhalb desselben Gelegenheit dar, 
der Toten mit Speise und Trank zu gedenken. Dies zu erinnern ist 



32 Ahnenkultus. 

wichtig, da die Annahme eines ausschliesslich auf den Gräbern statt- 
findenden Toteudienstes schlecht zu den u. Ackerbau besprochenen 
häufigen Umsiedelungen der idg. Stämme stimmen würde, welche die- 
selben naturgemäss oft von den Gräbern ihrer Toten entfernen mussten. 

Die Ausübung des Totenkultes haftete zunächst an der Verwandt- 
schaft der Toten. In dieser Beziehung treten bei einigen der Einzelvölker 
bestimmte Verwandtenkreise, bei den Indern die sapinda- (s. o.), bei 
den Griechen die dTXi^^Tei^ oder ^nächsten', bei den Römern die pro- 
pinqui sobrino tenus hervor. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch 
schon in der Urzeit der BegriflF einer solchen Nahverwandtschaft be- 
stand, deren Mitgliedern die Totenopfer an die gemeinsamen Vorfahren 
in erster Linie oblagen. Es waren dieselben Personen, denen, ausser 
der Pflicht der Blutrache (s. d.), das Recht zu erben (s. darüber 
u. Erbschaft) zustand. Totenkult und Erbschaft treten daher in 
innigstem Zusammenhang mit einander auf. In Indien sind Ausdrücke 
wie ,Jemandes Erbe sein' und , Jemandem das Totenmahl geben' (scrt. 
däyädd' jTeilgenosse', ,Erbe' und sapinda- ,Teilnehmer am Opferkloss) 
oft synonym. Dasselbe gilt von Griechenland, wo z. B. noch der Redner 
Isaeus (VI, 51) sagen kann: „Was von beiden ist Recht, dass der Sohn 
dieser Frau oder dieser Sohn der Schwester Philoktemons, welchen 
er adoptiert hat, eTvai kXtipovöjüiov Kai im xa |LAvr|)LiaTa idvai x^öiiAevov 
Kai dvaTiouvra?" Aber auch bei den Germanen muss die Vorstellung 
geherrscht haben, dass Totenkult und Erbschaft identische Begriffe 
seien. Sprachliche Belege hierfür sind die altnordischen Ausdrücke: 
erfa 1) ;to honour with a funeral feast', 2) ,to inherit', erfd ,in- 
heritance', erfda-öldr ,a funeral feast', erfi ,a wake', ,funeral feast', 
erfingi, erfi-vördr (agls. erfeweard) ,an heir', erfi-öl ,a wake, funeral 
feast'. 

Man ist daher berechtigt, von dem Personenkreis, in dem sich das 
Eigentum vererbte, einen Schluss auf den Personenkreis zu ziehen, der 
durch gemeinsame Totenopfer verbunden war. Dieser Pereonenkreis 
ist u. Erbschaft näher bestimmt worden. 

Es ist darnach wahrscheinlich, dass jeder einzelne seinen nächsten 
drei Ahnen, Vater, Grossvater und Urgrossvater, die er oft noch per- 
sönlich gekannt, und mit denen er in derselben Hausgemeinschaft (s. n. 
Familie) noch oft zusammengelebt haben mochte, einen besonderen 
Seelenkult darzubringen verpflichtet war, und dass er diejenigen als 
„Nächst verwandte" betrachtete, die diese drei Ahnen ganz oder teil- 
weise mit ihm gemein hatten (Brüder, Brudersöhne, Bruderenkel). 

Männliche, durch Frauen vermittelte Verwandte, z. B. der Bruder 
oder Vater der Mutter, wurden nur in der Sippe, in die sie von Haus 
aus gehörten, mit Totenopfern geehrt. Frauen, wie sie ursprünglich 
kein Eigentum besitzen und nicht erben konnten, können in der Urzeit 
noch keine Totensacra empfangen haben, und Weiber überhaupt keine 



Ahnenkultus — Alant. 33 

Vorfahren in technischem Sinne gewesen sein (vgl. Fustel de Coulanges 
La cite antique S. 94). Wo daher eine Beteiligung der Kognaten und 
der Frauen im Ahnenknltus hervortritt, muss dies auf einer sekundären 
Entwicklung beruhen (vgl. auch B. Delbrtlck bei 0. Lorenz Lehrbuch 
der Genealogie S. 82 ^). Der von Leist in den oben genannten Büchern 
schon für die üraeit kognatisch konstruierte Kreis der Nah Verwandt- 
schaft (vgl. besonders Altarisches Jus civile I, 232 flf.) kann in soweit 
nicht für richtig gehalten werden. 

Die Institution des Ahnenkultes lehrt uns endlich den überall auf 
idg. Boden hervortretenden heissen Wunsch nach Söhnen (s. u. Kin- 
derreichtum) erst ganz verstehen; denn der Sohn ist in jenen alten 
Zeiten dem Vater nicht nur eine erwünschte Arbeitskraft in der Wirt- 
schaft mehr, sondern eine unumgängliche Notwendigkeit, da der ein- 
zelne erst dann sicher ist, Ruhe nach dem Tode zu finden, wenn er 
einen Sohn hinterlässt, der seine Seele im Grabe mit Speise und Trank 
erquickt. — S. auch u. Totenreiche und u. Religion. 

Ahorn. Die Familie der Acerin eae ist in vielen Arten durch 
ganz Europa verbreitet. Zwei Reihen von Benennungen gehen über 
die Einzelsprachen hinaus. Es gelten einmal, hauptsächlich für den 
Spitzahorn (Acer platanoides L.): maked. KXivÖTpoxo^ (Theophr.) 
neben t^^ivo^, T^ivoq (mit erweichtem Anlaut), altsl. klenü, lit. kUwas, 
altn. hlynr, ahd. Imhounij nhd. lehne, lenne, altkom. kelirij mlat. clenus, 
das andere Mal, hauptsächlich für den Bergahorn {Acer Fseudo-Pla- 
tanus L.): lat. acer, aceris aus *ace8is, griech. (Hesych) ÖKaaro^, ahd. 
ähorn, woraus das gemeinsl. altsl. javorü , Ahorn' und ,Platane' entlehnt 
ist. — Einzelsprachlich sind griech. Ivfia eigentl. ,Jochholzbaum' : Ivföy 
'über Maultierjoche aus Ahornholz vgl. Theophr. Hist. plant. V, 7, 6) und 
a(p€vba|LAVo^ (,der zitternde^, vgl. scrt. spdndatS ,er zittert', -|lavo par- 
tieipial?), lat. opulus ,Feldahorn' {Acer campestre i.), ahd. mazzoüraj 
agls. mapuldr, engl, mapletree, altn. möpurr neben mösurr: ahd. 
masar ,Maser' (vgl. über die germanischen Wörter Kluge Et. W.^ s. v. 
Massbolder und Maser). Vgl. noch deutsch dialektisch flader, flader- 
baum (: griech. TrXaTavöq?) — Das Holz des Baumes wurde schon im 
Pfahlbau von Robenhausen (vgl. Heer Die Pflanzen der Pfahlb. S. 51) 
zur Herstellung von GeschiiTcn (vgl. mhd. maser , Becher aus Ahorn- 
holz', mlvit^ scyphi maserini und Venantius Fortunatus im Carm. Praef., 
das die Barbaren schildert, wie sie hinter Krügen aus Ahornholz sitzen) 
verwendet. S. u. Platane und u. Wald, Waldbäume. 

Ähre, s. Ackerbau. 

Alabaster, s. Gyps. 

Alant (Inula helenium i.). Die Pflanze gehört dem mittelasiatisch- 
europäischen Florengebiet an, fehlt aber in Europa dem höhern Norden 
und Süden (vgl. Flückiger Pharmakognosie =^ S. 440 ff.). Sic wurde 
im Altertum als Arzneipflanze gegen Husten, schweres Atmen, schwache 

Scbra4er, ReaUexikoD. ^ 



M Alant — Aloli. 

Verdauung u. s. w., aber auch als Genassmittel sehr geschätzt (vgl. 
Lenz Botanik S. 470) und darum auch angebaut In ersterer Eigen- 
schaft hat sie sich im altgermanischen Aberglauben festgesetzt und 
wird bei den Angelsachsen als Mittel gegen eine Albkrankheit {celf-ädl 
,Alpdrücken', das auch nach Dioskorides mit Alant geheilt wird) ge- 
priesen (vgl. Hoops Altengl. Pflanzenn. S. 53). — Die Terminologie 
der Pflanze bietet noch ungelöste Schwierigkeiten. Die einfachste Form 
scheint in dem von Isidor überlieferten ala (Inula quam älam rustici vo- 
cant) vorzuliegen. Das Verhältnis hierzu von einerseits ahd. alant, anderer- 
seits griech. dXcvtov (Diosk.) ist noch nicht aufgeklärt. Im Lateinischen 
gilt inulay woneben ein dem griechischen Worte näher stehendes *eluna^ 
*iluna im Volksmunde vorhanden gewesen sein wird, aus dem agls. eolone, 
elene stammt (vgl. auch frz. aunie aus *üunata). Gemeinslaviseh niss. 
omanü [KWÄ*olanü, alanu'^). Lit. debesglas. Andere Heilpflanzen s. u. 
Arzt. 

Alaun. Dieses weitverbreitete Thonerdesalz wird zuerst von 
Herodot als aruTtTripia sc. ^f\ : aTU9U) ^zusammenziehen' genannt (vgl. 
ngiiech. (TTui|iiq, serb. stipstty alb. stipes). Im Lateinischen gilt alü- 
men , Alaun', alä-ta ,mit A. behandeltes Leder'. Das Wort gehört 
etymologisch zu den nordeuropäischen Namen des Bieres: agls. ealu, 
altn. ölj altpr. aluy lit, alus (finn. olut), die auf einen Stamm *alu', 
*alut' führen. Die adjektivische Grundbedeutung der ganzen Sippe 
muss ,herb, süss-sauer' gewesen seiui die im Süden auf den Alaun, 
im Norden auf das Bier (s. d.) bezogen wurde. Eine genaue Parallele 
für diesen zunächst überraschenden Bedeutungswandel bietet slav. altsl. 
Jcvasüy welches sowohl den Alaun (vgl. auch das aus dem Slavischen 
entlehnte lit. Jcwösas ,Alaun') als auch das bekannte russische Bauern- 
bier, den Icicas (einen rohen säuerlichen Aufguss auf Getreide) be- 
zeichnen kann. — Von Italien aus ist alümen , Alaun' in das übrige 
Europa entlehnt worden: hieraus in sehr früher Zeit agls. celifne (?), 
kvmr. eli/f etc., in späterer rahd. ahhi, lit. olunaH, poln. alun, russ. 
gälunn etc. S. auch u. Leder. 

Almosen, s. Fasten. 

Aloe. IJgnum Aloes s, Ligntim Agallochi ist der botanische 
Name verschiedener wohlriechender Hölzer, wie von Aloexylon Agal- 
lodmm in Cochiuchina, oder von Aquillaria AgaUocha in Hinterindien 
(vgl. R. Sigismund Die Aroraata S. 39, Flückiger Pharmakognosie - 
S. 195). Dieses kostbare, im Orient schon im Alten Testament zu dem 
berühmtesten Rauchwerk gehörige Holz begegnet in Europa erst bei 
Dioskorides (De mat. med. 1,21; als dYciXXoxov, ein Wort, das man 
trotz der auf der Hand liegenden Schwierigkeiten doch wohl mit hebr. 
WuUhn oder 'ähälöt und scrt. agani, aguru (eigentl. ,nicht schwer'), 
das in dem grossen Epos aus Asam den Indischen Königen zum Ge- 
schenk gel)rac*lit wird, zusammenstellen müssen wird. Auf das dieser 



Aloe — Alraun. 35 

Sippe zu Grunde liegende hinterindische Wort führt auch das portug. 
aguilay das missverständlich zu dem botanischen Namen Aquilaria (frz. 
bois d'aigUy engl, eagle wood ,Adlerholz') Anlass gegeben hat. — Hier- 
mit gar nichts zu thun hatte ursprünglich die ebenfalls zuerst von Diosko- 
rides (De mat. med. III, 22) genannte Pflanze dXöri, lat. älöe (vgl. auch 
altsl. alüguj), die ebenfalls aus dem Orient, und zwar hauptsächlich 
ans dem Gebiete des roten Meeres und von der Ost- und Südküste 
Afrikas stammt und durch ihren bittern Saft grosse Bedeutung für die 
Arzueikunde erlangte. Auch im Periplus maris erythraei wird wohl 
die § 28 aus Arabien ausgeführte dXöri diese Pflanze oder ihren Saft 
bezeichnen. Gewöhnlich wird auch griech. &k6r\, wie das oben ge- 
nannte dYdXXoxov, aus dem Orient abgeleitet, indem man annimmt, 
dass ersteres direkt auf das Semitische, letzteres direkt auf das Indische 
zurückgehe. Doch bezeichnen ja die orientalischen Wörter nur das 
Lignum Agallochi. Vielleicht ist daher griech. dXöri *dXo/Ti ein ein- 
heimischer griechischer Name für irgend eine Pflanze mit bitterem Safte 
(s. über den Stamm *alu' u. Alaun u. vgl. a\6r\ faXXiKri ,Enzian') ge- 
wesen und später auf die fremdländische Droge tibertragen worden. Früh- 
zeitig wurde dann allerdings der Ausdruck Aloe auch auf das Lignum 
Agallochi (EuXaXon) bezogen, wohl weil man fälschlich die Droge aus 
diesem ableitete. Schon im Johannesevang. XIX, 39 bringt Nieodemus 
ein m'TMa ajiiiipvTi^ Kai dXoTiq. Im deutschen Mittelalter ist dann lign äloe 
das geschätzteste Räuchermittel. Im grossen Saal der Gralburg steigt 
rouch von lign äloe auf, um die Schmerzen des kranken Anfortas zu 
mildern (Parzival). Du hlüendez lignum äloi heisst die heilige Jung- 
frau u. s. w. Vgl. 0. Schade Ahd. W.» S. 1389. S. u. Aromata. 

Alp, Alpdrficken^ s. Ahnenkultus. 

Alraun {Mandragora vernalis Bert, und verwandte Arten). Die 
in Südeuropa heimische Pflanze wurde von den Alten zunächst als 
Schlafmittel und Narcoticum geschätzt. Vgl. Plinius Hist. nat. XXV, 
150: Vis somnifica pro viribus bibentium. Nach Frontinus (Stra- 
tegematicon II, 5, 12) berauschte Maharbal die aufrührerischen Afrer 
mit Wein, der mit Mandragoras gemischt war. Im Volksglauben galt 
femer die Pflanze als wirksames Aphrodisiacum, wie denn schon 
Theophrast Hist. plant. IX, 8, 8, an einer Stelle, wo er allerdings Nach- 
richten über die Tollkirsche oder Belladonna mit einmischt, vorschreibt, 
beim Graben des Mav5paT6pa(; solle man Xe^eiv ^q TiXeTcTia 7T€p\ dq)po- 
bicFiujv. Endlich müssen aber auch schon im klassischen Altertum die 
menschenähnlich gebildeten Wurzeln der Mandragoras-Pflanze resp. 
künstliche Präparate derselben beachtet gewesen sein. Aus einem Citat im 
Codex Neapolitanus des Dioskorides erfahren wir, dass in der verlorenen 
Schrift des Pseudo-Pythagoras über die Wirkungen der Pflanzen die Man- 
dragoras-Wurzel, die auch Columella (De re rustica X, 19, 20) semihomo 
nennt, als dv0puj7T6|aop(po(; bezeichnet wurde. Das Wort laavbpaTÖpaq ist 



36 Alraun — Alte Leute. 

dunkel (daraus alb. mandragure, engl, mandrdke und orientalische Wörter 
wie armen, manragor etc.). Anzuklingen scheint der persische Name der 
Pflanze merdum gijä jMenschenpflanze' (vgl. Lagarde Ges. Abh. S. 67)* 
Allmählich wurde das Netz des Aberglaubens, das sich um den Man- 
dragoras spann, immer dichter, namentlich seitdem auf eine syrische 
Wurzel Baaras bezügliche Vorstellungen, von der Josephus (De bella 
iudaico VII, 6, 3) zuerst berichtete, die nur von einem Hund ge- 
graben werden konnte u. s. w., damit verquickt wurden. — Der so ent- 
standene Mandragoraskult ging nun auf verschiedenen Wegen in die 
nördliche Welt über: einmal von Griechenland aus, auf eine andere 
Solanacee der östlichen Karpathenländer, den Walkenbaum {Scopolia 
carniolica Jacq.) übertragen zu den Rumänen, nach Gahzien, Südwest- 
Russland, Oberschlesien, Ostpreussen, Kurland, das andre Mal von 
Italien aus nach Deutschland. Hier war zu dieser Zeit der altheidnische 
Glaube noch so lebendig, dass auf die südländischen, teils in männ- 
licher, teils in weiblicher Gestalt erscheinenden Zauberfiguren ein alt- 
deutsches Wort alrüna übertragen wurde (,alle Geheimnisse kennend'), 
das vorher altgermanische, weibliche Zauberwesen wie die Idise und 
andere bezeichnet haben mochte. In althochdeutschen Glossen giebt al- 
rüna das lat. mandragora = h^X^r^düdä^lm wieder, welches Genesis XXX^ 
14 — 17 und Höh. Lied VII, 13 die Früchte des Mandragoras bezeichnet. 
Da die Pflanze aber in Deutschland nicht einheimisch ist, traten an ihre 
Stelle Präparate aus der Wurzel der Zaunrübe oder des AUermanns- 
hamisch. Russische Namen bedeuten nach Nemnich Allgemeines Poly- 
glottenlex. d. Natg. 1, 535 soviel wie Zauberkraut oder Adamskopf. VgL 
dazu die heilige Hildegard Phys. II, 102 (I Cap. 56): mandragora .... 
de terra, de qua Adam creatus est etc. Litauisch begegnet kaükas 
,Kobold, Heinzelmännchen, Alraun' (s. über das Wort u. Ahnen kultus). 
— Vgl. Ascherson und andere in der Zeitschrift für Ethnologie 1891 
Verhandl. S. 726 flF. (hier auch die Litteratur über die ganze Frage). 

Altar, s. Tempel. 

Alte Leute. Von fast allen idg. Völkern besitzen wir Nachrichten, 
nach denen es gestattet gewesen wäre, sich der Greise und Kranken, ja 
selbst der hinfällig gewordenen Eltern durch Tötung oder Aussetzung zu 
entledigen. Im Atharvaveda werden neben den Vätern, die begraben und 
die verbrannt wurden, auch die ausgesetzten (uddhita-) angerufen (vgL 
Zimmer Altind. Leben S. 328). Über iranische Völker berichtet aus- 
führlich Strabo XI p. 517. Hier heisst es von den Baktrieni: Toug direipTi- 
KÖTtt^ bid V]pa<; f\ v6(Tov MvTag irapaßdXXeaGai Tp€q)0)Lievoig Kuai diriTTibeq 
irpö^ TOUTO (der Hund ist bei den Iraniern heilig, Sagdtd ,Hunde8chau' ist 
eine bei Leichenbegängnissen übliche Zeremonie, bei der man einen Hund 
zu dem Toten hinführt), oög ivTaquaarnq KaXeTaGai Tri TTaTpiJü(|i yX^üttt). Erst 
Alexander der Grosse habe den Brauch abgeschafft. Ferner heisst es voa 
den Easpiern : Toug yov^a^, dTreibdv uirfep ^ßbo|LAr|KOVTa ht] yeTovÖTeg tut- 



Alte Leute. 87 

XavuxJiv, dTKXeKTGevra^ XilnoKTOveTaGai. Das, fügt der Schriftsteller hinzu, 
sei noch ziemlich erträglich (dveKTorepov) und gleiche dem auf der 
Insel Keos herrschenden Brauch (Kai tijj Keiujv vöjuttu TTapaTrXTJcTiov), 
woraus wir also erfahren, dass selbst noch auf griechischem Boden 
Rndimente der barbarischen Sitte bestanden haben müssen. Thatsäch- 
lich berichtet Strabo noch an einer zweiten Stelle (p. 486), was von 
anderen Autoren auf das beste bestätigt wird (vgl. Bröndsted Voyages 
et Recherches dans la Grfece S. 63 flf.), dass auf Keos ein Gesetz oder 
eine Sitte (vö)lio^, v6|üii)liov) galt, die den über 60 Jahre alten gebot, 
durch Gift zu sterben, damit sie den jüngeren *den Lebensunterhalt 
nicht verkürzten. — Im alten Rom gab es eine sprichwörtliche Redens- 
art : Sexagenarii de ponte. Schon die Alten waren über ihre Erklärung 
verschiedener Meinung. Nach den einen wären in der Urzeit die 
60jährigen Greise wirklich von der Brücke (dem poTis sublicius) in 
den Tiber geworfen w^orden, wofür wieder verschiedene Veranlassungen 
angegeben werden (vgl. namentlich Festus ed. C. 0. Mueller S. 334), 
nach den anderen handelte es sich um ein Herabstossen der Greise von 
den Stimmbrücken, eine Erklärung, die ganz wie ein Verlegenheits- 
behelf gegenüber einer dem historischen Rom völlig unverständlichen 
Einrichtung aussieht. Jedenfalls kann Cicero pro Sexto Roscio Cap. 35 
i'.Habeo etiamdieere, quem contra morem maiorum^ minorem annis 
LX, de ponte in Tiberim deiecerit) an nichts anderes als an eine Volks- 
sage von wirklicher Tötung der Greise gedacht haben (vgl. Osen- 
brüggen Z. f. Altertumswissenschaft 1836 S. 1005 flf.). Einen Versuch, 
das Herabstossen der Greise gerade von einer Brücke zu erklären, 
macht Ihering Vorgeschichte der Indoeuropäer S. 432. — Voll von 
Zeugnissen ist das germanische Altertum^ die J. Grimm Deutsche 
R. A. S. 486 ff. gesammelt hat. Am ausführlichsten berichtet Prokop 
B. 6. II, 14 über die Heruler: oöie t«P THP^i^KOuaiv ouie voaoöai 
auToTg ßioreüeiv dEnv dXX' direiöav ti? auTÜJV f\ t^IP? ^ v6(Ttu ä\\\ir\, 
^TrdvQYK^^ ol dTivexo, Touq auYTCveiq aiT€T(T0ai öti laxidTa i,l dv- 
6pu)Tru)v auTÖv ä9avi2!€iv. Dann wird der Hergang, bei dem der 
Todesstoss selbst nicht von einem Blutsverwandten geführt werden 
darf, ausführlich geschildert. Besonders häufig scheint der alte Brauch 
bei Hungersnöten, die in der Urzeit natürlich nicht selten waren, in 
Kraft getreten zu sein (vgl. auch Weinhold Altn. Leben S. 473). Das- 
^Ibe wie von den Germanen gilt von den alten Preus sc n, von denen 
Hartknoch Altes und neues Preussen S. 181 folgendes eraählt: „Dieses 
aber ist das grösste und eine schröckliche Barbaries, dass sie ihre 
lahme, blinde, alte oder kranke Knechte haben auff die Bäume zu 
hengen pflegen, damit sie nicht dürfften umbsonst sie mit Speiss und 
Tranck versorgen (vgl. dazu altn. grafgangsmadr, ein Recbtsausdruck 
flir zu tötende Freigelassene, die verarmt waren). Ja, was noch 
mehr ist, sie haben auch ihre eigene Eltern auf Anordnung des Waide- 



38 Alte Leute 

wüti (Priesters), wenn sie alt worden oder sonst in eine harte Kranck- 
lieit gefallen waren^ ersticket, damit sie keine unnöthige Unkosten anff 
sie wenden dörfften" u. s. w. 

Noch scheusslicheres erzählt Herodot von den Massageten (I; 216) und 
den indischen Padäern (III, 99), Völkern, von denen es indessen wahr- 
scheinlicher ist, dass sie nicht zu den Indogermanen (Ariern) gehörten. 

Wohl ka^.n man sich die Schrecklichkeit solcher Bräuche gemildert 
denken durch die Annahme, dass viele jener Greise und Kranken selbst 
ihren Tod herbeigewünscht haben werden; denn auf primitiven Kultur- 
stufen hängt der Mensch nicht wie heute am Leben, und Selbst- 
mord kommt gerade bei den Barbaren des Nordens häufig vor (vgl. 
Weinhold und Hartknoch a. a. 0.). Immerhin wird man nicht umhin 
können, den Hauptgrund für die Hinschlachtung der alten und kranken 
Leute in dem Wunsche der Ihrigen zu suchen, sie los zu werden. 
Mögen auch die Schriftsteller vielfach einzelne Vorkommnisse dieser 
Art falschlich verallgemeinert haben, die unzweifelhafte Duldung der- 
selben durch die Gesamtheit lässt das Gefühlsleben der ältesten Indo- 
germanen noch als ein so stumpfes und rohes erscheinen, dass es schon 
aus diesem Grunde nicht angeht, indogermanische Institutionen, wie 
den Ahnenkult US (s. d.) und andere aus einem Gefühle der Pietät 
der Kinder gegen die Eltern zu erklären. Die harte Sinnesart dieser 
primitiven Menschen wird man noch am ehesten verstehen, nicht aus 
der geläuterten Empfindung der gebildeten Kreise des Altertums oder 
der Neuzeit, auch nicht ans der Psychologie der Störche, die aus 
Mitleid ihre kranken Genossen töten sollen (so Leist Altarisches Jus 
civile 1, 184), sondern aus der lieblosen Behandlung, die unsere heutigen 
Bauern (wie immer wiederkehrende Prozesse zeigen) leider noch viel- 
fach ihren in das Altenteil übergesiedelten Eltern angedeihen lassen. 
Vgl. dazu E. H. Meyer Deutsche Volkskunde S. 184: „Die Klage der 
Eltern übe. schlechte Behandlung seitens der Kinder ist in Deutschland 
uralt, so dass das Alter nicht bloss wegen seiner körperlichen Ge- 
brechen für eine wenig lebenswerte Zeit gilt. Fast möchte man diesem 
Umstand die Mitschuld zuschieben an den verhältnismässig vielen 
Selbstmorden, die noch im hohen Alter vorkommen." Auch schweize- 
rische Ausdrücke wie Stinkähni, Pfuchähni, Pfuipf uchähni , d. h. 
Pfuistinkurgrossvater u. a. würden nach Meyer auf die ursprüngliche 
Verachtung der Hochbejahrten hinweisen. Eine auffallende Thatsache 
ist es, dass von verschiedenen der ältesten Gesetzgeber, von Romulns, 
Solon u. a. berichtet wird, sie hätten Überhaupt keine Strafe auf den 
Vatermord gesetzt, und zwar deswegen, weil dieses Verbrechen in 
ihren Augen eine Unmöglichkeit gewesen sei (vgl. Brunnenmeister Das 
Tötungsverbrechen S. 190 f.). Diese Erklärung ist ebenso sinnig wie 
unwahrscheinlich. Viel glaublicher ist, dass in die Zeiten der ältesten 
Gesetzgebungen die Rechtsphäre der Familie und Sippe noch so stark 



Alte Leute — Amme. 39 

hereinragte, dass jede Handhabe für die gesetzliche Bestrafung des 
Elternmordes fehlte. Beseitigung der Alten steht im Grunde auf einer 
Stufe mit dem Aussetzungsreeht (s. d.) den Kindern gegenüber. 
War eine Familie oder Sippe übereingekommen (etwa in Zeiten der 
Not), sieh der Alten zu entjedigen, so gab es keine irdische Macht, 
die sie daran hätte verhindern oder das geschehene strafen können. 
S. u. R e e li t (Familienrecht). a 

Alter ftir das Heiraten^ s. Heiratsalter. 

Amarant, s. Garten, Gartenbau. 

Amboss, s. Schmied. 

Ameise. Der idg. Name dieses Tieres führt auf eine nicht weiter 
deutbare Grundform *morvt' (vgl. J. Schmidt Sonantentheorie S. 29 ff., 
teilweis anders Brugmann Grundriss P, 2 S. 849, 865), die sich aus 
aw. maoiri' (npers. afgh. etc. wör, kurd. muH), altn. maurr, ndd. 
miere (auch krimgot. miera), ir. moirb (kymr. mor, myr, bret. merien), 
altsl. mravija ergiebt. Daneben lag ein durch Umstellung aus ^morvi- 
entstandenes *vormi; auf das griech. ßiip^aE, ßöpiLioE, scrt. vamri- (aus 
*tarmi' durch Anlehnung an scrt. vdmiti ,er speit') und vielleicht lat. 
formica (volksetymologisch nach ferre micas aus *vormicä) führen. 
Aus einer Verschränkung der beiden Stämme ist griech. iLiiipiutnE, i^upiüiog 
hervorgegangen. Noch nicht deutlich ist der Zusammenhang dieser 
Formen mit armen, mrjimn, osset. muljug, koni. menvionenj kymr. 
mywion-yn (vgl. Stokes Urkelt. Sprachsch. S. 215). Altpr. saugis 
könnte aus *8angi8 verschrieben sein und zu körn, sengan jAmeise' 
gehören fStokes a. a. 0.). Ahd. ameiza und lit. skruzM sind dunkel. 

Amethyst^ s. Edelsteine. 

Amme. Wie es Tacitus Gerai. Gap. 20 von den Germanen be- 
richtet {Sua quemque mater uherihus alit, nee ancillis aut nutricibus 
delegantur), wie es im alten Rom im Gegensatz zu derar» später herr- 
schenden Brauch als gute Sitte der Vorfahren galt (vgl. Plutarch De 
educatione puerorum Cap. 5, Tacit. Dial. Caj). 28 f.), so, darf man an- 
nehmen, wird es auch bei den Indogerraanen gewesen sein, d. h. die 
Mutter wird die Kinder an der eigenen Brust genährt haben. Eine Än- 
derung wird erst mit dem Aufkommen eines Skia venstaudes (s. u. 
Stände) eingetreten sein, der allmählich anfing, den reicheren und 
vornehmeren Frauen diese bequemen Vertreterinnen bei der Erfüllung 
mütterlicher Pflichten zu stellen. So ist es schon bei Homer. ' Frauen 
wie Hekabe oder Penelope stillen ihre Kinder noch selbst. Daneben 
ist aber auch die (unfreie) -Amme (Ti9r|VTi, Tpocpöq) eine häufige Er- 
scheinung (vgl. Buchholz Realien 11,2; 24). 

Als Benennungen der Amme werden entweder Lallwörter ver- 
wendet, die zugleich auch die Mutter (auch Mutterbrust) und Gross- 
mutter bezeichnen. So im Germanischen: ahd. altn. amma ,Amme, 
Mutter, Grossrautter', so griech. titGt] ,Amme, Mutterbrust', auch für 



40 Amme — Auker. 

Tr|9Ti ,Gros8mutter' und ,Amme', so lat. mamma , Brust', ,Mutter', ,Gro8S- 
mutter', ,Amme'. Bemerkenswert ist, dass bei zahlreichen Naturvölkern 
(vgl. Ploss Das Weib * S. 394) gerade die Grossmtitter als Ammen 
auftreten, indem sie es verstehen, ihren alternden Brüsten hinrei- 
chende Milchabsonderung zu entlocken. — Oder die Amme heisst 
die ,säugende', , ernährende* wie im griech. tiGtivti (wovon titOti nach 
einigen Kurzform wäre) von OfiaOai ,melken', scrt. dhdyati ,er saugt', 
lat. felare u. s. w. (vgl. auch scrt. dhäfri- ,Amme, Pflegerin, Mutter', 
npers. däya, armen. dayeak\ kurd. da'in ,AmmeO, lat. nütrir {assa 
mitrix ,trockene Amme', ,Wärterin') : nüfrio, russ. Jcormilica : kormü 
, Nahrung' u. a. m. 

Ammer^ s. Singvögel. 

Ammer^ s. Kirsche. 

Ampel, s. Licht. 

Ampfer. Pflanze mit altertttmlicher, aber weit aus einander 
gehender Terminologie. Griech. XdiraGov (schon von den Alten zu 
XaTTTiKÖq ,au8leerend', Xairctaauj ,ftihre ab' gestellt; hieraus lat. lapathum 
,Sauerampfer' und hieraus wieder ahd. fAt^o/^-ZefffcAa aus *Zapfica), lat. 
rtimexy westgerm. ahd. ampfaro, agls. ompre (:ndl. amper ,scharf, 
bitter' etc., scrt. amld- ,sauer', wie auch engl, sorrelj frz. surelle, 
altfrz. 8orel, dän. syre auf ahd. sür ,8auer' zurückgehen), gemeinsl. altsl. 
stavüj russ. scavell, lit. rüksztyne {rüksztas ,sauer'). Vgl. noch menua 
bei der heiligen Hildegardis für Rumex obtusifolius L, {mentoelwurz 
in Grimms W., *maniwa). 

Amsel, s. Singvögel. 

Amt, s. Stände. 

Amalet, s. Schmuck. 

Anegänge, s. Orakel. 

Angel, s. Fisch, Fischfang. 

Anis, s. Garten, Gartenbau. 

Anker. In den ältesten Zeiten wurden die Schiflfe entweder 
auf das Festland hinaufgezogen (honi. imKi.\aa\), oder an dazu be- 
stimmten Steinen (griech. XoTT-acJia Aesch., vielleicht: ir. long ,Schiff', 
woraus altn. Iu7ig id.?; vgl. auch XoTT-ctcJin * v۟j<5 Kai laxiou fpei(T|Lia Hes.) 
und Pfählen (ahd. marstecho) mit Tauen festgebunden, oder endlich, 
es wurden statt des Ankers schwere Steine (hom. euvai, ahd. senJcily 
senMl-stein) auf den Meeresboden herabgelassen. 

Der eiserneAnker tritt erst mit griech. fiticupa (,der gekrümmte' : 
ätkOüv ,Bug') auf, zuerst bei Theognis v. 459 : oötoi aii|LAq)0p6v iaxx fuvti 
v^a dvbpi T^povTi* ou ^dp TnibaXiuj TreiGeiai, d)^ fiKaiog, oub' ÖTKupai 
lxo\)(5\v. Dieses Wort hat sich dann zusammen mit der Sache durch 
ganz Europa verbreitet, wie lat. ancora (Naevius), ir. ingoTj kjTnr. 
angoVj koru. ancarj bret. cor, ahd. anchar, agls. oncor (sehr früh), 
altn. äkTcere (finn. ankuri\ lit. inJcaras, altsl. ankira, ankura zeigen. 



Anker — Antilope. 41 

Vgl. daneben altsl. Tcotra, eigentl. ,Katze' wie grieeh. tpöttc^* ÖTKupai (Hes. 
ed.M. Schmidt IV, 2; 95), eigentl. ,Greife'. — Im Norden Europas hatten 
schon die gallischen Veneter nach Caesar III, 13 ancorae pro ftmibus 
ferreis catenis revinctae, die sie in vorrömischer Zeit von Massilia 
her kennen gelernt haben könnten. Auf germanischem Boden wurde 
ein eiserner Anker bei zwei grossen Booten im Nydamsmoor im süd- 
lichen Jtltland zusammen mit römischen Münzen des II. Jahrhunderts 
n. Chr. Geb. gefunden (vgl. Montelius Die Kultur Schwedens ^ S. 112). 
Auch der Beowulf erwähnt den Anker mehrfach. Bei den Russen 
fordert Oleg von dem griechischen Zaren als Schätzung Anker nebst 
Tauwerk und Segeln, ein Zeichen, dass diese Dinge damals bei den 
Küssen selbst noch selten waren. S. u. Schiff, Schiffahrt. 

Ansässigkeit, s. Ackerbau. 

Antliropomorphisinas, s. Religion. 

Anthropophagie, s. Opfer. 

Antilope. Von Antilopenarten ist nur die Saiga-Antilope 
und die Gemse in Europa einheimisch. 

Die erstere kommt jetzt nur in einem beschränkten Gebiet des stid- 
Uehen Russland zwischen Don und Wolga vor, war aber früher in der 
ganzen Steppe und zur diluvialen Zeit sogar in dem ungeheuren Raum 
vom südwestlichen Frankreich bis zum ostsibirischen Eismeer verbreitet 
(vgl. F. Th. Koppen Ausland 1891 S. 583). 

Das Wohnungsgebiet der Gemse erstreckt sich über die Gebirge 
Südeuropas von den Pyrenäen bis zu den Karpathen. Das Tier war 
daher den Alten bekannt ; doch warfen sie es sprachlich mit ähnlichen 
Gebirgsbewohnern, wie dem Paseng, der wilden Ziege, dem Steinbock 
u. a. zusammen: griech. alH ÖTpioq, dTpoT^pa, aTTOTpo?, xi^^ipa, lat. 
rnpicapra, dammaj capra. Eigentümlich dunkle Namen nennt Hesych : 
ipivaOo^, ö'avvdq, TupKE^, lopKe^ (aus dem keltischen *jorkoSj körn. 
yorch etc.) neben dem mit dem keltischen Wort vielleicht urverwandten 
lopL S. u. Hirsch und Steinbock, und vgl. Keller Tiere d. kl. 
Altertums S. 49 fiF. — Eine spezielle Bezeichnung der Gemse tritt erst mit 
ahd. gamiza, mhd. gamz auf, mit dem die romanischen it. camozza, frz. 
chamois irgendwie zusammenhängen, und das von neueren Etymologen 
teils (vgl. Noreen Abriss der urgerm. Lautlehre S. 133, 152) zu griech. 
xejudq, K€|Lidb-o^ ,Re]i, Hirsch, Antilopenart' gestellt, teils (vgl. R. Much 
Z. f. d. Altertum XLII, 168), und zwar wahrscheinlicher, zusammen 
mit den romanischen Formen von einem im V. Jahrh. bezeugten alpen- 
lateinischen Tiernamen camox (vgl. auch ahd. gamictn ,ibex') abgeleitet 
wird. — Frühzeitig mussten die Alten auch mit ausländischen An- 
tilopenarten, vor allem mit den Gazellen Nordostafrikas und Arabiens, 
Bekanntschaft machen. Für dieselben gebrauchten sie (zuerst Aeschylos) 
den Ausdruck ßoußaXiq, ßoußaXo^, ein Wort, das, wie der Name sagt, 
ursprünglich eine Rinderart bezeichnet haben muss. Eine solche Über- 



42 Antilope —Apfelbaum. 

tragnng verliert das seltsame, das ihr auf den ersten Blick anhaftet; 
wenn man sich die zahlreichen Fälle dieses Bedentnngswechsels aus 
den semitischen Sprachen, namentlich dem Arabischen vergegenwärtigt 
(vgl. F. Hommel Namen der Säugetiere S. 228, 436). Über die wei- 
teren Geschicke des Wortes ßoußaXo^ s. u. Rind (Büffel). 

Ein anderer alter Name für eine Gazellenart im Griechischen ist öpuE 
(in der Form öpug vielleicht zuerst bei Herodot IV, 192). Man sucht 
es aus orientalischen Sprachen (assyr. turahu ,Steinbock') zu erklären 
(vgl. Muss-Arnolt Transactions of the American Phil. Assoc. XXIII, 98 
und Lewy Die sem. Fremdw. S. 3). — Erst in den romanischen Sprachen 
(it. gazzeüa u. s. w.) tritt das arabische gazdl auf. 

Apfelbaum (Hrus Malus L.). In den neolithischen Stationen 
Italiens, Ostreichs und der Schweiz haben sich teilweise in grosser 
Menge Äpfel gefunden, die gewöhnlich in zwei oder drei Stücke zer- 
schnitten waren, ohne Zweifel, um so gedörrt und für den Winterbedarf 
zurückgelegt zu werden. Die grosse Mehrzahl dieser Apfelreste gehört 
dem wilden Holzapfel {Pirus ailvatica MilL) an, der durch das 
ganze zentrale Europa bis nach Norddeutschland verbreitet ist. That- 
sächlich nahmen noch die Germanen des Tacitus (Germ. Cap. 23) an 
dem rohen Geschmack der agrestia pomay die sie als Nahrungsmittel 
verwandten, keinen Anstoss. Neben diesem wilden und kleinen Holz- 
apfel haben sich aber in den genannten Pfahlbauten auch noch Über- 
reste einer zweiten Apfelsorte gefunden, die bereits die Spuren von 
Veredelung tragen soll (vgl. Heer Die Pflanzen der Pfahlbauten S. 24 
und G. Buschan Vorgesch. Botanik S. 166 ff.). 

Ein die nördlichen Länder Europas verbindender gemeinsamer Name 
des Apfelbaums wird unten zu behandeln sein. 

Schwierig ist die Frage zu beantworten, wann zuerst im Süden 
unseres Erdteils der Kiilturapfcl bekannt wurde, besonders deshalb, 
weil im Griechischen ilatiXov ,Apfer zugleich als Gesamtbezeichuung für 
alles Kernobst gebraucht wird. Indessen dürfte doch an den beiden 
Ilomerstellen Od. VII, 115 fl^. und XI, 589, wo neben ÖTXVoti, poiai, 
(TuKai, dXaiai die jutriXeai, bezüglich die \if\\a^ ohne jeden weiteren Zusatz 
gebraucht werden, unter den beiden letztgenannten Wörtern kaum 
etwas anderes als unser Apfelbaum, bezügl. seine Früchte, zu verstehen 
sein. Auch ist der Apfelbaum im Orient alt und kann daher leicht 
von hier in Griechenland eingewandert sein. Es scheint, dass seine 
Kultur sich in nördlich-südlicher Richtung, von den Pontusländern, auf 
die als Ausgangspunkt der Apfelkultur auch naturgeschichtliche An- 
zeichen hinweisen (vgl. Engler in Hehns Kulturpflanzen ^ S. 594 und 
Buschan a. a. 0. S. 173), bis nach Ägypten verbreitet hat. Einmal 
stammt das syrische Wort für den Apfelbaum hazürä aus armen, urnjor, 
xncor jApfel', xncori ,Apfelbaum' (vgl. Hübschmann Armen. Gramm. I, 
305). Das andere Mal dürfte nichts im Wege stehen, den ägyptischen 



Apfelbaum. 43- 

Namen des Baumes d-p-h aus bebr. tappüäh abzuleiten. Freilieb 
ist nieht ganz sieher, ob die beiden zuletzt genannten Wörter wirklich 
Pirtis Malus bezeichnen. Auf keinen Fall könnte der Apfelbaum 
in Ägypten, also am südlichen Ende seines Verbreitungsgebietes, eine 
grosse Bedeutung gehabt haben, da er weder auf Wandgemälden, noch 
seine Früchte in Gräbern nachgewiesen sind (vgl. F. Hommel Aufsätze 
und Abb. München 1892 S. 167, Buschan a. a. 0. S. 166). 

Das lat. mälum kann zunächst ebensowohl für urverwandt mit, 
als entlehnt aus dem griech. |Lif)Xov, dor. judXov gehalten werden. Da 
indessen die romanischen Formen it. meloy rum. mer, rät. meil ebensa 
wie auch alb. mole, auf ein vulgärlat. melum (vgl. auch melariuSy 
milarius in der Lex Salica) zurückführen, das doch nur aus ion.-att. 
}üifiXov entlehnt sein kann, so liegt es näher, auch für lat. mälum an 
Entlehnung aus dor. juaXov zu denken. Jedenfalls ist Italien bald und 
in viel höherem Grade wie Griechenland ein äpfelreiches Land ge- 
worden, Columella zählt bereits 7 Sorten verschiedener Äpfel, Plinius, 
der auch den Apfelwein erwähnt, deren noch mehr auf, während 
Dioskorides erst zwei Sorten kennt. Besonders berühmt muss die 
Äpfelkultur der Stadt Abella im fruchtreichen Canipanien gewesen sein^ 
wie aus Vergils Aeneis VII, 740 (Servius): 

et quo8 maliferae despectant moenia Abellae 
hervorgeht. Die Wahrscheinlichkeit liegt auf der Hand, dass dieser 
Städtename Abella auf irgend eine Weise mit der schon oben an- 
gedeuteten nordeuropäischen Bezeichnung des Apfelbaums, resp. Apfels 
zusammenhängt, die auf eine Grundform *abela-, *ablu' zurückgeht und 
in ir. ahally uhally ubull, ahd. apful, agls. ceppel, altn. eple, lit. öbülas, 
altpr. wobalne, woble^ slav. jablüko vorliegt. Es fragt sich nur, wie 
dieser Zusammenhang des näheren zu denken ist. Man kann annehmen, 
dass eine Bezeichnung wie (malum) Abellanum oder besser {malum 
de) Abella zunächst ins Keltische und von hier aus, noch vor der 
ersten Lautverschiebung (s. u. A f f e), ins Germanische übergegangen 
sei, aus dem es die Litauer und Slaven wiederum übernommen hätten. 
Letztere könnten aber auch das Wort unmittelbar von den Kelten ent- 
lehnt haben zu einer Zeit, „in welcher eine Berührung der Kelten und 
Slavoletten an der unteren Donau statt fand" (Fick Vergl. W. I *, 349). 
Möglich ist endlich aber auch, Abella als urverwandt mit den nord- 
enropäischen Ausdrücken anzusehen und den Ort von der Frucht, nicht 
die Frucht von dem Ort benannt sein zu lassen (vgl. ß. Much Z. f. 
ögterr. Gymn. 1896 S. 608). So sind in der Bibel Ortsnamen wie 
TappÜah (s. o.) ganz gewöhnlich. Vgl. auch Ortsnamen wie nhd. 
Affoltern, Affaltrach, ndl. Apeldoren, engl. Appledore: ahd. affoltra, 
agls. apuldr ,Apfelbaum'. Alsdann würde in Abella, ir. aball u.s.w. 
eine vorhistorische, weit zurückgehende Bezeichnung des Apfels vor- 
liegen, zunächst natürlich des wilden Holzapfels (s. o.), die dann auch 
auf veredelte Arten übertragen wurde. 



44 Apfelbaum — Aromata. 

Mit voller Bestimmtheit lässt sich, was den germanischen Namen 
des Apfelbaumes betrifft, also nur sagen, dass derselbe nicht wie die 
Benennungen der übrigen Obstbäume erst spät und direkt aus dem 
Lateinischen hervorgegangen ist. In den altgermanischen Rechtsquellen 
ist in den ältesten Godd. der Lex Salica (ed. Hesseis) überhaupt noch 
nicht von Obstbäumen die Rede, und erst in den späteren Codd. und 
der Lex Emendata werden der pomarius domesticus (auch melarius, 
milarius) neben dem perarius, pirarius wiederholt genannt, wie denn 
auch in der Lex Baiuv. (Walter) XXI, 5 und im Edictum Rotharis 306 
Äpfel und Birnen vorkommen. Die zur Zeit Karls des Grossen ge- 
bauten Apfelsorten zählt das Capit. de villis 70, 89 auf* 

Zum Schluss sei bemerkt, dass auch die Finnen, die auf ihrem 
Oebiete nur zwei kultivierte Fruchtbäume, den Apfel- und Kirschbaum, 
kennen, für ersteren einen gemeinsamen Namen (finn. omenuy liv. umär, 
mordv. mar) haben, der natürlich mit der oben erörterten nordeuro- 
päischen Benennung nichts zu thun hat. S. u. Obstbau und 
Baumzucht. 

Aprikose, s. Pfirsich. 

Architektur^ s. Haus, Steinbau, Unterirdische Wohnungen. 

Aristokratie^ s. Stände. 

Arm^ s. Reich und arm. 

Armband, s. Schmuck. 

Armbrust, s. Pfeil und Bogen. 

Aromata. Als Hermes (Od. V, 58 ff.) im Auftrag der Götter 
^zu der Höhle der Kalypso kommt: iriv b' fvboGi TdTjLiev ioOaav. 

TTÖp }xkv in d(TxapÖ9iv )xi^a Kaiexo, iriXöae b' öbjaf] 
K^bpou t' euKedioio Guou t' dvd vf](Tov öbübbei 
baio|Li^vu)v. 
Aus dieser Stelle erhellt, dass schon in homerischer Zeit in den Wohnungen 
und Palästen einheimische Hölzer, um Wohlgeruch zu verbreiten, verbrannt 
wurden. Genannt werden K^bpo^ und 9uov, die beide schon sprachlich auf 
ihre Bestimmung, in Rauch aufzugehen, hinweisen. Über Kebpo^ s. in dieser 
Beziehung u. Wachholder, 9üov (sachlich nicht genau bestimmbar) 
gehört zweifellos zusammen mit Giiea, GuriXai: griech. Guuj (bei Homer 
nur im Sinne von Guiniduj) = lat. suffio ,lasse in Rauch aufgehen'. Zu 
gleichem Zwecke werden Lorbeer, Myrte und Kypresse verwendet 
worden sein. Eine andere Frage ist, ob in homerischer Zeit auch den 
Göttern schon Rauch-, d. h. Wohlgeruchsopfer mit einheimischen 
Stoffen dargebracht wurden, was von v. Fritze Die Rauchopfer bei den 
Griechen (Berlin 1894) bejaht, von Stengel in seiner Besprechung' 
dieses Buches (Berliner Phil. Wochenschrift 1895 S. 118) verneint wird* 
Wie sich dies nun auch verhalten möge, sicher ist jedenfalls, dass das 
Wohlgeruchopfer seine eigentliche Bedeutung erst geraume Zeit nach 
Homer erlangt hat, als durch gesteigerte Handelsbeziehungen und eine 



Aroraata — Arzt. 45 

bessere Bekanntschaft mit den orientalischen Kulten die kostbaren Wohl- 
gerüche des Orients, allen voran Myrrhe, Weihrauch und Kassia, in 
Griechenland und dadurch im übrigen Europa bekannt wurden. Wie 
im Orient, loderten nun in Griechenland, wie der Astarte, so der Aphro- 
dite ungeheure Massen der kostbaren Stoffe empor. 

Während ferner Alteuropa Haar und Leib mit stinkender Butter 
(s.d.) salbt, eine barbarische Sitte, die in Griechenland schon in vor- 
homerischer Zeit die Gabe des Oelbaums (s. d.) verdrängt hatte, ist 
es dem Orient gelungen, den flüchtigen Wohlgeruch der Pflanzenstoffe 
an Fette und Öle zu binden und süssduftende Salben zu bereiten, von 
denen eine dunkle Kunde schon zu den homerischen Gnechen gedrungen 
ist (vgl. V. Hehn Kulturpflanzen^ S. 103). Und mögen nun in Griechen- 
land Gesetzgeber wie Selon und Lykurg den Verkauf oder Verbrauch sol- 
cher Salben unter Strafe stellen (vgl. Athenaeus XV p. 686 f.), oder mögen 
in Rom die Censoren in gleichem Sinne Edikte erlassen (Plin. Hist. 
nat. XIII, 24), bald ist im klassischen Süden, wenigstens in den höheren 
Ständen, die Anwendung wohlriechender Salben ein fast tägliches Be- 
dürfnis. 

Der ausserordentliche und kostspielige Verbrauch orientalischer Par- 
füms lenkte mehr und mehr die Aufmerksamkeit auch auf die im Süden 
nicht selten einheimischen Pflanzenarten, welche zwar minder kostbare, 
aber auch um so viel billigere Produkte lieferten. So ist es gekommen, 
dass das Altertum über eine beträchtliche Anzahl von dpuijLiaTa (das 
Wort ist zuerst bei Xenophon und Theophrast überliefert und noch uner- 
klärt) verfügte. Über .die Geschichte derselben ist in besonderen Ar- 
tikeln gehandelt worden: von Harzen u. Weihrauch, Myrrhe,. 
Balsam, Styrax, Bdellium, Galbanum, Gummi, Mastix (s. u. 
Terebinthaceen), Ladanum, an Teilen von Pflanzen u. Zimmet 
(und Kassia), Narde, Malabathron, Kostus, Kalmus, Kyper- 
blume, Aloä, Santelholz, Iris. S. auch u. Rose, Veilchen, 
Safran und u. Gewürze. Im allgemeinen vgl. R. Sigismund Die 
Aromata Leipzig 1884. 

Arrak, s. Reis. 

Arsenik. Dies im Altertum nur als Farbstoff bekannte Mineral 
wird zuerst von Aristoteles als dpcreviKÖv, von Theophrast als dppeviKOv, 
lat. (Plin.). arrhenicum genannt. Das Wort scheint unter volksety- 
mologischer Anlehnung an apcTriv aus syr. zarnfkä, npers.-arab. zarnih,. 
zarniq^ zamt, zarna, armen. zaHk ,Arsenik' verstümmelt zu sein. Zu 
Grunde liegt aw. zaranya-j npers. zar ,Gold', ,goldig'. 

Artisehoke, s. Garten, Gartenbau. 

Arzt. Die Wissenschaft des Arztes ist in langer Entwicklung 
ans den Künsten der Zauberei und des Aberglaubens hervorgegangen, 
die in der Volksmedizin noch heute eine wichtige Rolle spielen. Im 
Rigveda, besonders aber im Atharvaveda werden zahlreiche Krankheiten 



46 Arzt. 

aufgeführt, die ausser durch Pflanzen und Amulette (gcrt. mani-) durch 
die Hersagung von Zaubersprüchen (scrt. mäntra-) geheilt werden. Diese 
fioUen die Dämonen verscheuchen und den feindlichen Zauber brechen, 
welche als die eigentlichen Urheber der Krankheiten gedacht sind 
(vgl. A. Hillebrand Grundriss der indo-ar. Phil. III, 2; 181 ff.). Ent- 
sprechend wird im Awesta neben urvarö-haesaza- , Heilung durch 
Pflanzen' und Jcaretd-baesaza- , Heilung durchs Messer' ausdrücklich 
^in mq^ö-baesaza- , Heilung durch Zaubersprüche' unterschieden, und 
noch bei Homer (Od. XIX, 457) wird das aus der Wunde des Odys- 
Beus strömende Blut durch Besprechung (diraoibrj) gestillt. Ja, selbst 
Pindar nennt (Pyth. III, 51 : 

Touij )Litv jLiaXaKaT^ ^iraoibaTi^ (i)Liqp^7rujv, 
Toü^ bk 7rpo(Javea TrivovTa^, ^ T^ioi^ TrepdiTTUJV TrdvToOev 
qp<ip)LiaKa, tou^ öt TOjLiai^ toxacTev öpBou^) 
neben Tränken, Kräuterumschlägen und Schneiden noch deutlich als 
Heilmittel die Beschwörung und zwar an erster Stelle (vgl. weiteres 
bei Welcker Epoden oder das Besprechen Kl. Sehr. III, 64 ff.). Auch 
aus Italien haben wir reichliche Jsachrichten über Zauberlieder im 
Dienste der Heilkunst. Die Marser verbrachten Wunder incentionibus 
herbarumqtie succis medelarum (Gellius XVI, 11). Von den Römern 
berichtet Plinius Hist. nat. XXVIII, 29: Carmina quaedam exstant 
contra grandines contraque morborum gener a, und derselbe Autor 
XXVIII, 21 kennt ein carmen auxiliare des Cato (s. u.) luxatis meTn- 
bris und ein solches des M. Varro gegen das Podagra (vgl. Welcker 
a. a. 0. S. 86 f.j. Am reichsten aber an Zeugnissen für das Bestehen 
derartiger Zauberlieder (altn. galdr, agls. geäldor, ahd. galdar : ahd. 
galan ,singen', bigalan ,beschwören', vgl. lat. incantatio : cantare) 
gegen alle nur denkbaren Krankheiten erweist sich die altgeimanische 
Litteratur (vgl. die Sammlung bei R. Kögel Geschichte d. d. Lit. I, 
1 ; 82 ff.). 

Von der Beschaffenheit dieser heilenden Zaubersprüche giebt uns der 
eine der beiden Merseburger Heilsprüche gegen die Fussverrenkung 
«ines Rosses, verglichen mit einem ganz ähnlichen des Atharvaveda 
(IV, 2), der sich jedoch auf Menschen bezieht, eine lebendige Vorstel- 
tung (vgl. A. Kuhn K. Z. XIII, 49 ff.). Der erstere lautet mit pro- 
saischer Einleitung: (Phol und Wuodan fuhren zu Holze. Da ward dem 
Rosse Balders sein Fuss verrenkt. Da besprach es Sindgund und Sonne, 
ihre Schwester; da besprach es Wuodan, der sich wohl darauf verstand. 
Sei es Beinverrenkung, sei es Blutverrenkung, sei es Gliedverrenkung :) 

ben zi bena^ bluoi zi bluoda, 
lid zi gellden, söse geltmida sin. 
In Indien lautet die entsprechende Formel: 
Zusammen werde Mark mit Mark und auch zusammen Glied mit Glied, 
Was Dir an Fleisch vergangen ist und auch der Knochen wachse Dir. 
Mark mit Marke sei vereinigt. Haut und Haut erhebe sich! 



Arzt. 47 

Noch heute aber bannt man auf dem Balkan Krankheiten mit fol- 
genden Worten: „Schweige X. X. (Name des Kranken)! weine nicht! 
Wir werden ein Weib herrafen (so spricht die Bannerin selbst), fünf- 
fingrig, des Bannens kundig, um mit Gräsern und Kräutern die Krank- 
heit zu bannen, herauszutreiben, die Knochen zu setzen, die Knöchelchen 
zu setzen, das Gehini zu setzen" u. s. w. (vgl. Lübeck Die Krankheits- 
dämonen der Balkanvölker Z. d. Vereins für Volksk. VIII, 382). 

Anderer Art sind Zaubersprüche, wie der schon oben genannte des 
Cato (De agricultura 160) gegen Luxation, in dem ganz unverständliche 
mystische Wörter wie daries, dardaries, asiadarides oder huat, hauat, 
huatj ista, pistUy sista n. s. w. sinnlos nebeneinander gestellt sind. Es 
ist aber wahrscheinlich, dass in ihnen bereits Einflüsse aegyptischer 
und babylonischer Magik vorliegen (vgl. Welcker a. a. 0. S. 78 f.). 

Mit dem ersten Autkommen der Schrift (s. u. Schreiben und 
Lesen) scheint man auch in der schriftlich festgehaltenen Formel einen 
wirksamen Gegenzauber gegen die Macht der Krankheit erblickt zu 
haben. So heisst es im Lied von Sigrdrifa (Gering): 
„Astrnnen lerne, willst Arzt du werden 
und wissen, wie Wunden man heilt, 
in die Borke schneid' sie dem Baum des Waldes, 
der die Äste nach Osten neigt," 
und aus der griech. Überlieferung erfahren wir von einem qpdp)iaKOV, 
das auf „Thrakischen Täfelchen" (0pr|cr(Jai<j ^v (Javicriv) eingeritzt war 
(Welcker S. 66). 

Den mitgeteilten kulturhistorischen Thatsachen entspricht die sprach- 
liche Entwicklung, die einen häufigen Bedeutungsübergang von ,sprechen, 
besprechen' zu ,heilen', von , Beschwörer' zu ,Arzt' zeigt. Besonders 
deutlich tritt derselbe in der slavischen Sippe von 6a- = griech. (pm^i^ 
lat. färi hervor. Vgl. altsl. bajati ,fabulari, incantare, mederi\ balo- 
tanije ,medicina', bulg. haja ,Zauberspruch', altsl. hallstvo ,Heil- 
mitteT, balovati ,curare', russ. dial. bachari ,Arzt'. Auch in altsl. 
rraci ,Ari.t\ vielleicht: altsl. vrücati ,einenLaut von sich geben', und in 
griech. yön^ : TÖo^ ,Geheul, Wehklagen^ vielleicht =scrt. hdva- ,Ruf' gehen 
die Bedeutungen ,Zauberer', , Beschwörer', ,Arzt' durcheinander. Über ir. 
liaig ,Arzt', eigentl. ,Besprecher' s. u. Vgl. auch Osthoff B. B.XXIV, 124. 

Das erste sachliche Moment bringt in diese Beschwörungen und 
Zaubereien die daneben hergehende, allmählich immer mehr hervor- 
tretende, wenn auch immer noch von einer Wolke des Aberglaubens 
umgebene Verwendung pflanzlicher Stoffe: cantus et sapores. 
Charakteristisch ist in dieser Beziehung die Bedeutungsentfaltung des 
griech. (pdp^aKOV, das (nach Osthoff a. a. 0. S. 149)* zu lit. buriü, biirti 
ȧcjipreehungen, Zauberei treiben', burta , Zauber', biirtas ,Loo8' ge- 
hört, demnach zunächst ,Zaubermitter, dann , Heilmittel' und ,Gift' be- 
zeichnet; denn Giftpflanzen (scrt. vishd-j aw. vim- = griech. 'löq, 



48 Arzt. 

lat. virtis, ir. fi ,Gift') sind es besonders, von denen hergenommene 
Heilmittel als Gegengifte sich eines frühen und grossen Rufes erfreuen. 
Vgl. aw. vuci^ra-, ein von einer Giftpflanze stammendes Heilmitter, 
got. lubja-leisei ,(pap)iaKeia', ,Gift', ,Zanbermitter {hibja- = altn. lyf 
,Heilkraut', agls. lyf ^Zauberei, Gift', ahd. luppi ,Gift, Zauberei', 
ir. luib , Kraut, Strauch, Pflanze'). Vielleicht bedeutet auch griech. 
ido)Liai (iaipö^, iriTrip) ,heilen' ursprünglich ,mit Gfft-, dh. Heiltränken 
(\6<;) versehen', dadurch ,heilen' (andere stellen das Wort zu laivuj ,er- 
quicke' = scrt. ishanyäti ,treibtan'; Bugge vergleicht altn. Eir, *aisd 
,dea medicinae'). Lat. venenum ist zunächst der zauberische Liebestrank 
(: lat. Venus), dann das ,Gift', von dem er hergenommen sein wird. 

Den ersten Anlass zu einer genaueren Kenntnis und Unterscheidung 
der Pflanzen mit ihren nützlichen und schädlichen Wirkungen wird den 
Indogermanen als einem Volke von Viehzüchtern (s. u. Ackerbau 
und u. Viehzucht) die Rücksicht auf ihre Herden gegeben haben, 
wie ja noch heute bei Schäfern und Hirten bessere botanische Kennt- 
nisse als sonst im Volke sich finden. Allmählich aber wird sich bei 
gewissen Personen ein besonderes Verständnis in der Unterscheidung 
und Zubereitung heilkräftiger Kräuter herausgebildet haben. Diese be- 
sondere jWeisheit' im Hinblick auf die Heilkunde wird in drei idg. 
Sprachen übereinstimmend durch Bildungen von einer Wurzel med : med 
(vgl. griech. )Lif]bo^ ,Ratschlag', armen, mit ,Sinn' etc.) bezeichnet. 
Hierher gehört im Awesta vi-mädah' ,ärztliche Behandlung', vi-mäday 
,ärztliche B. lernen', im Lateinischen mederi, mMicus, m^dieina^ im Grie- 
chischen aber eine stattliche Reihe von Namen griechischer Gottheiten 
der Heilkunde, die mit ^ti^ gebildet sind: Mfibog, Mrjbeiog, Mrjbri, 
'AyaiiribTi, Mrjbeia, TTepiiiribTi u. a. (vgl. Usener Götternamen S. 160). 

Dabei ist es bemerkenswert, dass wie auf griechischem, so auf ger- 
manischem Boden, wo die Frauen als Seherinnen (s. u. Orakel) ge- 
schätzt werden, ihnen auch eine besondere Einsicht in das Wesen der 
Pflanzenkräfte zugeschrieben wird. Wie schon die Ilias XI, 741 eine 

^ATCtMn^n kennt, 

1^ TÖcra qpdpiiaKa ^bri ö(Ja xpecpei eup€(a xöiwv, 
wie dann in der Medea der Typus der zauberischen und pflanzen- 
kundigen Frau verkörpert erscheint (vgl. weiteres bei Welcker Medea 
oder die Kräuterkunde bei den Frauen Kl. Sehr. III, 20 ff.), so werden 
die gleichen Eigenschaften bei den weisen Frauen der Germanen her- 
vorgehoben, und schon Tacitus Germ. Cap. 7 konnte berichten: Ad 
matres, ad coniuges vulnera ferunt, nee illae numerare aut exigere 
piagas pavent. 

Sehr früh treten bei den einzelnen Völkern auch bestimmte Pflanzen 
hervor, die in besonders hohem Masse für heilkräftig gelten, und daher 
als Panacee angesehen werden. So bei den Indern der hüshtha- (vgL 
Webers Ind. Stud. IX, 423; s. auch u. Kostus), so bei Homer daa 



Arzt. 49 

fabelhafte juwXu (vgl. V. Hehn Kulturpflanzen^ S. 197 f.) neben dem 
(pdpfiaKOv vTi7T€v6eq t' fixo^<iv le (Od. IV, 220 f.), so bei den Kelten die 
alles heilende Mistel (s. d.) u. s. w. Bald finden wir über Europa 
eine grosse Masse gemeinsamer Vorstellungen ausgebreitet, die sich 
auf die Verwendbarkeit bestimmter Pflanzen zur Heilung gewisser 
Krankheiten oder zur Erregung gewisser Kräfte, namentlich aphrodisi- 
scher, beziehen, eine Übereinstimmung, die in den meisten Fällen aber 
nicht auf gemeinsamem Erbe der Urzeit, sondern auf früher Entlehnung 
des Nordens aus dem Süden beruht, wo Volksmedizin und wissenschaft- 
liche Forschung zusammen ein dichtes Netz des auf die Heilkraft der 
Pflanzen bezüglichen Glaubens und Aberglaubens gesponnen hatte. 
Einige dieser Heilpflanzen sind in den Artikeln Alant, Alraun, Bal- 
drian, Beifuss, Betonie, Drachenwurz, Eberraute, Eibisch, 
Eisenkraut, Hauslauch, Klette, Liebstöckel, Raute, Wermut 
behandelt worden. Vgl. auch die u. Garten, Gartenbau genannten 
Pflanzen. 

Fragt man nach dem Teile der Heilkunst, welcher durch reiche Er- 
fahrung zuerst eine gewisse rationelle Ausbildung erlangt hatte, so 
wird man die Chirurgie zu nennen haben, soweit sie sich auf die 
Behandlung der im Krieg und Streit empfangenen Wunden bezog. 
Wiederum stimmen hierbei Griechen und Germanen darin überein, dass 
die Helden die Wunden, die sie schlagen, auch vielfach selbst zu heilen 
verstehen. Ausgezeichnete Krieger und Wundärzte sind in der Ilias Po- 
dalirins und Machaon, die Söhne des Asklepios, der also hier schon 
in Verbindung mit heilkundigen Heroen gebracht wird; aber auch 
Achilles, dem der Kentaure Chiron (II. XI, 832) die Kunst der f\ma 
(pdppaKtt lehrte, versteht sich auf die Wundbehandlung, wie durch ihn 
Patroelus. Endlich werden wir uns auch die übrigen InTpoi, die in 
der Ilias (Xin,2l3, XVI, 28) genannt werden, zugleich als wackere 
Streiter vorstellen müssen (vgl. weiteres bei Welcker Chiron der Phil- 
lyride und Wundheilkunst der Heroen bei Homer Kl. Sehr. III, 3 und 
27 ff.). Ganz ähnlich sehen wir auch die Helden des nordgermanischen 
Altertums an sich und anderen Operationen vollziehen, die unseren 
heutigen Chirurgen alle Ehre machen würden (vgl. Weinhold Altn. 
Leben S. 390). 

Deutlicher tritt uns ein eigentlicher Stand von Ärzten in der 
Odyssee entgegen, in der die lnTnp€<; neben dem )idvTi^ und t€ktujv 
zu den bnMioupToi ,Leute, die für das ganze Volk nützliche Geschäfte 
betreiben* gerechnet werden. Doch hat auch in der Ilias der Olymp 
schon in TTairjuiV (iraitiijüv ,Lobgesang'; das Wort ist noch nicht be- 
friedigend erklärt; doch s. u. Dichtkunst, Dichter) seinen Hausarzt. 
Die Thätigkeit des Arztes wird ausser durch idoiiAai (s. o.) durch 
dKeo^al, dKel0^al ,heile' ausgedrückt, eine Ableitung von ÜKoq ,Hcil- 
mitteP (vgl. ir. tcaim ,heile': ic ,Heilung' aus *>ä:- = cxk?). Die 

Schröder, ReaUexikon. ^ 



50 Arzt. 

Römer haben seit Überführung des griech. Heilgottes 'A(JKXr|Trio^ (s. o.) 
nach Rom im Jahre 291 (lat. Aesculapius) auch auf diesem Gebiete 
immer unter griechischen Einflüssen gestanden (vgl. 0. Weise Griech. 
Wörter in d. lat. Spr. S. 266 flF.). 

Im Norden Europas scheinen wichtige medizinische Einflüsse von 
Gallien^ der Heimat der heilkundigen Druiden, ausgegangen zu sein. 
Im Irischen heisst der Arzt Uaig, das man (vgl. Stokes ürkelt. Sprach- 
schatz S. 251, 248, K. Z. XXXV, 595) aus *le2)agi- : scrt, läpati ,er 
flüstert' als ,Bcsprecher' (s. o.) deutet. Von hier wäre dann das Wort 
nach Ausfall des p im Keltischen und vor der ersten Lautverschie- 
bung im Germanischen in letzteres eingedrungen, wo got. Ukeis ,Arzt\ 
leJcinön, altn. IceJcnaj agls. IdcniaUj ahd. lächinön ,heilen' begegnen. 
Die Vorstellung des Zauberers und Besprechers tritt noch in mhd. 
Idchenen ,besprechen', lächencere , Beschwörer' hervor. Aus dem Ger- 
manischen stammen weiter altsl. lekü , Heilmittel', Ukarl ,Arzt', Ulco- 
vatiy leöiti ,heilen' (vgl. auch lit. li^korius und finn. lääkari). Ein 
einheimischer deutscher Ausdruck für ,gesund machen' ist ahd. AetVen, 
Sigh, hcklan : ahd. heil ,gesund', ,ganz' (= altsl. cVZm), während lit. gyti 
,gesund werden' und poln. gojiö ,gesund machen' (klruss. höj ,Arznei') 
mit der W. scrt. jiv ,leben' (ji z. B. in aw. ß-ti- ,Leben') zusammen- 
hängen und also eigentl. ,lebenskräftig werden oder machen' bedeuten. 

Im Gegensatz zu Europa haben es die Arier frühzeitig zu einer deut- 
lichen gemeinsamen sprachlichen Ausbildung des Begrifl^es Arzt gebracht, 
die in scrt. bhishdj- (bh^shajä- ,Arznci') = aw. baesaza- ,Arzt' und 
, Arznei', npere. hizisk ,Arzt' (woraus armen. Misk) vorliegt. 

Auf die weitere Geschichte der Medizin bei den idg. Völkern ist 
hier nicht einzugehen. Erwähnt sei nur, dass mit dem Hervortreten 
von Priestern (s. d.) und Priesterschaften diese in der Regel auch 
die Heilung der Krankheiten an sich zu reissen streben. So ist es 
im Zeitalter des Awesta (vgl. W. Geiger Ostiran. Kultur S. 391 ff.), 
so, aber erst in nachhomerischer Zeit, in Griechenland, namentlich in 
hellenistischer und römischer Zeit (vgl. J. v. Müller Privataltert.* 
S. 201 ff.), so bei den keltischen Druiden (vgl. Caesar De bell. gall. 
VI, 16) und anderwärts. Auch die christlichen Priester treten in den 
bekehrten Ländern gern als öffentliche Ärzte auf (vgl. Weinhold Altn. 
Leben S. 395). Die Mittel, deren sie sich dabei bedienen, bleiben 
aber im wesentlichen dieselben wie die oben geschilderten, und es 
kommt wohl dabei vor, dass ein so hervorragend christlicher Terminus 
wie ahd. segan (aus lat. signum) ,Kreuzeszeichen' den Sinn von ,Zauber', 
, Zaubersegen zu Heilzwecken' annimmt. 

Alle höhere Erkenntnis ist für den Norden Europas auf diesem 
Gebiet von der spät-griechischen Arzneikunde ausgegangen. Nicht am 
W'Cnigsten spiegelt sich dies in dem Übergang des griech.-lat. dpxiaxpoq- 
(fvchiafer, wie in der späteren Kaiserzeit am Hofe und sonst fest an- 



Arzt — AussetzuDgsrecht. 51 

gestellte Ärzte hiessen (vgl. Marquardt Privatleben II, 752 flF.), die 
auch an den fränkischen Königshöfen unter diesem Namen auftreten, 
in das Hoch- und Niederdeutsche (altndd. ercetere, mndl. arsatre, 
iihd. arzät ,Arzt'; vgl. auch ahd. gi-arzinön, mhd. erzenen , heilen' 
»ach ahd. lächinön s.o.). Weiteres der Art ist von F. Kluge Et. W.^ 
u. „Latwerge **, „Lakritze", „Büchse", „Pflaster" behandelt worden. 
«S. auch u. Hebamme und u. Krankheit. 

Asphalt. Griech. f) fiaqpaXTO? ,Erdpech' wird zuerst von Herodot 
erwähnt, bei dem (VI, 119) im Kissierland ein Brunnen genannt wird, 
ans dem man Erdpeeh^ Salzlauche und Erdöl schöpfte. Besonders 
reich an ihm war die Umgebung des toten Meeres. Man deutet daher 
•ÄcrqpaXTOij aus arab. täfil ^Bodensatz, Hefe, Kot' von tafala ,sich setzen', 
wozu fi(T<paXT0? eine (semitische) Femininbildung sei (vgl. Lewy Sem. 
Fremdw. S. 53). hdX.bitümen s.u. Fichte. Armen, navt, npers. wa/if 
,Erdharz, Erdpech, Erdöl' unbekannten Ursprungs. Vgl. dazu griech. 
vdq)0a ,ein dickes Öl*. 

Asyl^ s. Tempel. 

Anerhahn, s. Fasan. 

Aneroehs, s. Rind. 

Aufzog, 8. Webstuhl. 

Anspielen, s. Orakel. 

Anssatz, s. Krankheit. 

Änsseres der Indogermanen, s. Körperbildung d. I. 

Anssetznngsrecht. In der idg. Urzeit stand dem Hausvater das 
Hecht zu, hinsichtlich der ihm von seinem Weibe oder seinen Weibern 
geborenen Kinder zu entscheiden, ob er sie durch Aufheben von dem 
Erdboden anerkennen oder aussetzen und damit dem Untergang weihen 
wollte. Dieser Zustand tritt bei den Einzelvölkern noch klar zu Tage. 
In Griechenland hatte der pater familias freie Macht, einem 
Kinde die Aufnahme in die Familie zu verweigern, und der ^txwtpi(T|liö<j 
,das Aussetzen in thönernen Gefilssen' war ein weit verbreiteter Brauch, 
in Sparta, wo missgestalteten Kindern gegenüber sogar ein Aussetzungs- 
zwang herrschte, beschränkt durch die Pflicht des Vaters, das Kind 
vorher den 7Tp€(TßuTaT0i tuiv (puXeioiv zu zeigen (Plutarch Lykurg Cap. 16), 
und nur in Theben ganz durch das Gesetz beseitigt. BetroflFen wurden von 
der Aussetzung vornehmlich Mädchen. Vgl. Stobaeus Senn. LXXVII, 7 : 

öuYaT^pct b' dKTiÖTiai, k' av fj irXouaio^. 
Aus dem ältesten Rom haben wir Kunde von einem dem Romulus 
^zugeschriebenen Gesetz, von dem Dion. Hai. II, 15 berichtet: €i? dvdTKTiv 
KttTeaTTiae (sc. 6 *Puj|liuXo^) tou^ oUriTopa^ auxn^ (sc. th^ ttöXcuj^) äiraaav 
flppeva Tcvectv dKTp€cp€iv Kai öuTOtxepujv tck; ttpujtotövou^, diroKTivvüvai 
b€ ^r)b€v Tu»v Tevvuj)i^vujv vetüiepov Tpiexoö^, 7rXf]v ein t^voito naibiov 
AvaTTiipov f^ T^paq etSOu^ dirö Tovfi^ * Taura b' ouk ^KuiXuaev dKTiGevai 



52 Aussetzungsrecht. 

Tou^ T^ivafi^vou^ dmbeiEavTaq irpöiepov tt^vtc dvbpdcTi toi<j firri^Ta 
oiKoOai. Es erhellt also, dass vor Romnlus uneingeschränkte Kinder- 
aussetzung gegolten hat; die nun durch die Bestimmung eingeengt 
wurde, dass man erstens alle Knaben und die erstgeborene Tochter 
aufziehen müsse, zweitens aber auch die später geborenen Mädchen 
nicht vor dem dritten Jahre töten dürfe, und drittens endlich die 
portenta und prodigia vor ihrer Tötung einem Rate von 5 Nachbarn zu 
zeigen habe (vgl. M. Voigt Leges Regiae S. 576 ff.). Es scheint aber, dass 
diese zur Hebung der Bevölkerungsmenge des jungen Staates erlassenen 
Bestimmungen später wieder ihre Kraft verloren haben ; denn die XII Taf., 
die die Beseitigung der Missgeburten anordneten, haben wahrscheinlich 
keine Beschränkung der Aussetzung enthalten, und Neugeborene, Knaben 
wie Mädchen, wurden während der Republik ungestraft ausgesetzt, bis die 
Jurisprudenz der mittleren Kaiserzeit endlich darin eine strafbare That er- 
blickte (vgl. Brunnenmeister Tötungsverbrechen S. 148). — Über die Sitte 
des liberos tollere, suscipere, recipere vgl. M. Voigt a. a. 0. S. 577 *®. 

Voll von Zeugnissen für den Brauch der Kinderaussetzung ist das 
germanische Altertum (vgl. J. Grimm R.-A. S. 455 ff.). Die entgegen- 
stehende Nachricht des Tacitus Germ. Cap. 19: Numerum liberorum 
finire auf quemquam ex agnatis necare flagitium habetur ist nach 
dem Zusammenhang, in dem sie steht {pluaque ihi honi mores valent 
quam alibi bonae leges), dahin aufzufassen, dass ein gesetzliche& 
Verbot der Kinderaussetzung bei den Germanen nicht bestand. Aber 
auch für ein flagitium könnte sie höchstens bei den rheinischen, fort- 
geschritteneren Germanen gehalten worden sein. Beschränkt wurde 
die Tötung der Neugeborenen durch die Sitte, jedes Kind, das irgend 
welche Nahrung erhalten hatte, zu schonen und (wie bei Griechen und 
Römern) vorwiegend Mädchen auszusetzen (vgl. Weinhold Deutsche 
Frauen I*, 91 ff.). Das Auf heben oder Aufhebenlassen des anerkannten 
Kindes durch den Vater ist auch auf germanischem Boden gut bezeugt 
(vgl. J. Grimm a. a. 0.). 

Es erübrigt, der alten Preussen zu gedenken, von denen Hartknoch 
S. 178 erzählt: „Was die Kinder, die in wehrendem Ehestand ehrlich 
gezeuget waren, betrift, die konten die alten Preussen nach dem Ge- 
brauch fast aller heydnischcr Völcker, den auch der vortreflSiche Philo- 
sophus Aristoteles selbst [Polit. IV, 16 § 10] etlicher massen approbiret, 
entweder aufferziehen oder wegwerffen" u. s. w. Dass man auch hier 
vorwiegend Mädchen „weggeworfen" haben wird, erhellt aus der grossea 
Wertschätzung der Knaben bei den alten Preussen, die nach Hartknoch 
soweit ging, dass man eine verheiratete Frau so lange Jungfrau nannte,, 
bis sie einen Knaben geboren hatte. 

Aus den bisherigen Ausführungen folgt, dass das Recht der Kinder-^ 
vor allem der Mädchenaussetzung einmal auch auf arischem Bodea 
ausgeübt worden sein muss, und thatsächlich findet sich an mehrerea 



Aussetzungsrecht — Auster. 

vedischen Stellen, z. B. Taittirtya-Samhitä 6, 5, 10, 3 ein Satz, welcher 
lautet: tasmät strit/arh paräsyanti, ut pumäfisam haranti, und den 
man übersetzt hat: „Deshalb setzt man ein Mädchen aus, einen Knaben 
hebt man auf (tollunt)^. Hiergegen hat neuerdings 0. Böhtlingk Z. d. 
D. Morgenl. Ges. XLIV, 494 flF. Einspruch erhoben: „Eine solche Bar- 
barei", sagt er, „den alten Indern zuzutrauen, fiel mir schwer, und dann 
dachte ich, dass die Sache an und für sich sehr unwahrscheinlich sei, da 
man ohne Mädchen das höchste Glück eines Inders, die Erzeugung eines 
Sohnes, nicht erreichen kann". Er übersetzt sodann: „Einen Sohn hebt 
man bei seiner Geburt vor Freude in die Höhe, ein Mädchen legt man 
bei Seite (übergiebt es sogleich der Wärterin)". Bedenkt man aber, 
dass noch in späterer Zeit in Indien dem Vater oder den Eltem das 
Hecht zusteht, den Sohn wegzugeben, -zu verkaufen oder zu Verstössen 
(vgl. Vasishtha's Dharma^ästra XV, 2: (Therefore) the father and 
(he mother have power to give, to aelly and to äbandon their son), 
bedenkt man ferner, dass das vedische Altertum die Anschauung durch- 
zieht, dass der Besitz von Mädchen „ein Jammer" sei, und dass die 
Aussetzung von Greisen (s. u. Alte Leute) im Veda bezeugt ist, er- 
wägt man weiter, dass die von Böhtlingk als Barbarei verabscheute 
Sitte der Einderaussetzung sich bei Griechen und Römern bis tief in 
die historischen Zeiten erhalten hat, und dass es sich bei dieser Aus- 
setzung selbstverständlich (mit wenigen, verkrüppelte Kinder betreflfen- 
den Ausnahmen) nur um ein kann, nicht um ein muss handelt, so 
dürfte es schwer werden, die ältere, sprachlich einwandfreie Über- 
setzung der angeführten Stelle aufzugeben. S. u. Recht (Familienrecht). 

Aussteuer, s. Mitgift. 

Ausstossnng aus dem Stamm, s. Strafe. 

Auster. An den nördlichen und östlichen Küsten Jütlands, auf 
^ord-Fünen und -Seeland haben sich aus den letzten Epochen der 
älteren Steinzeit die Spuren einer Bevölkerung erhalten, deren Dasein 
aufs engste mit der Verbreitung und dem Genuss der Auster verknüpft 
war. Ungeheuere Muschelhaufen aus den Schalen der Auster, aber 
auch aus Miesmuscheln, Herzmuscheln, Strandschnecken u. s. w. be- 
stehend, und am häufigsten mit dem dänischen Ansdi-uck Kjökken- 
moddinger ,Küchenabfälle' bezeichnet, sind als Zeugen der Mahlzeiten 
jener prähistorischen Menschen noch heute vorhanden. Ähnliche Er- 
scheinungen sind an französischen und portugiesischen Küsten und 
ausserhalb Europas zu Tage getreten (vgl. S. Müller Nordische Alter- 
tumskunde I, 3 ff.). Ein Zusammenhang dieser palaeolithischen ,Austern- 
frennde', welche, ausser dem Hund, noch keine* Haustiere kannten, noch 
nichts vom Ackerbau verstanden, und nur wenige rohe Steingeräte 
kannten, mit den Indogermanen lässt sich bis jetzt durch nichts wahr- 
Behemlich machen. Im Gegenteil scheint es, dass die Indogermanen Euro- 
pas erst spät und vom mittelländischen Meere her auf den Genuss des 
Tieres aufinerksam wurden und besondere Namen für dasselbe annahmen. 



54 Auster — Axt. 

Wie die Totengaben in den mykenischen Gräbern uns lehren (vgh 
Tsuntas 'EcpriiLi. *Apx. 1891 S. 40), wurde die Auster in Griecbeuland 
früh als Nahrung gebraucht, und auch in der Ilias (XVI, 747) ist be- 
reits von einem Taucher die Rede, der Austern, Trjeea ( : GriaaoOai 
,saugen', weil sich die Tiere am Felsen festsaugen) fischt. Das ge- 
bräuchlichere Wort d(TTp€ov (: öctt^ov ,Knochen', ,Schalknochentier*) tritt 
erst später auf, und ist mit zahlreichen griechischen Ausdrücken de» 
Fischfangs (s. d.) früh (seit Ennius) als ostrea, ostreum nach Italien 
gewandert, wo der kostbare Leckerbissen bald in besonderen Austem- 
parks {ostrearum vivarium) gepflegt wurde. 

Wie aus der lateinischen, so sind auch aus den nordeuropäischeir 
Sprachen alte und einheimische Benennungen der Oatrea edulis nicht 
bekannt. Das Tier wird sich noch unter anderen Muscheltieren (vgl. 
altn. akely agls. scyllj engl, shell, altsl. skollka ,Muscher; ir. slice 
bei Zeuss Gr. Celt.* S. 215) verborgen gehalten haben. Erst der 
Handel mit den romanischen Völkern in christlicher Zeit wird die kel- 
tischen und germanischen Stämme auf den bis dahin kaum beachteten 
und ungehobenen Schatz ihrer eigenen Meere aufmerksam gemacht 
haben, ein Verkehr, aus dem erst besondere nordische Namen des 
Tieres wie agls. östre, ndl. oester, körn, estren, arem. histr^ hisfrenn 
etc. (Zeuss Gr. Celt.* S. 1074), sämtlich aus ostrea etc. entlehnt^ 
hervorgegangen sind. 

Avanenlaty s. Oheim (Mutterbruder). 

Axt, Die Begriffe Axt und Beil lassen sich weder sachlich noch 
sprachlich scharf unterscheiden, so dass sie hier zusammen behandelt 
werden. Dieselben gehören, im Norden zumeist aus Flint, doch auch 
aus anderem Gestein, in den Schweizer Pfahlbauten zunächst aus Ser- 
pentin, Diorit und Saussurit, dann aus selteneren Gesteinen wie Nephrit 
und Jadeit hergestellt und zum Teil mit grosser Kunst verfertigt, zu 
den häufigsten Waff'en und Werkzeugen der neolithischen Periode. Über 
ihre verschiedenartigen Typen kann man sich etwa aus 0. Montelius 
Antiquites Suidoises S. 4 ff"., aus L. Lindenschmit (Sohn) Das römisch- 
germanische Central-Museum Tafel IL und A. Müller Vorgeschichtliche 
Kulturbilder aus der Höhlen- und älteren Pfahlbautenzeit Tafel VII 
orientieren. 

Natürlich konnten derartige Artefakte nur da hergestellt werden, 
w-o geeignetes Gestein sich in ausreichender Menge vorfand, und so 
haben schon in neolithischer Zeit an verschiedenen Stellen Massenwerk- 
stätten für Steinsachen bestanden, deren Erzeugnisse durch den Handel 
oft in weite Ferne geführt wurden. In Deutschland z. B. müssen der- 
artige Werkstätten für Feuersteinbeile etc. sich auf Rügen und in 
dessen Umgebung befunden haben (vgl. A. Götze Über neolithischen 
Handel in der Festschrift für Bastian S. 347 f.). Allmählich tritt an 
die Stelle des Steins das Metall, zuerst in gewissen Gegenden wie in. 



Axt. 55 

den Pfahlbauten des Mondsees, das reine Kupfer^ dann Bronze und 
Eisen, doch so, dass im Süden wie im Norden steinerne Artefakte noch 
in die Bronzezeit hereinragen (vgl. Heibig Die Italiker in der Poebene 
S. 18, Montelins Die Kultnr Schwedens* S. 52). Als sicher darf an- 
gesehen werden, dass zahlreiche dieser metallenen Äxte und Beile auch 
diesseits der Alpen in loco hergestellt worden sind, also nicht auf 
Import vom Süden oder Osten beruhen, wie auch die besten Sachkenner 
darin übereinstimmen, dass gerade die ältesten metallenen Artefakte 
dieser Art in ihrer Form sich noch an die steinernen anschliessen. 

Die Zahl der etymologischen Gleichungen auf dem Gebiet der idg. 
Axt- und Beilnamen, durch welche die Bekanntschaft der idg. Cr zeit 
mit diesen WaflFen und Werkzeugen erhärtet wird, ist keine geringe. 
Die interessanteste unter ihnen ist die von scrtparoQii- = griech. 7r^X6Ku<;, 
vor allem deswegen, weil sie im babylon.-assyr. pildkku und sumerischen 
halag wiederzukehren scheint (vgl. F. Hommel Archiv f. Anthrop. XV, 
1884, S. 164, J. Schmidt Urheimat S. 9, P. Kretschmer Einleitung 
S. 1U5 ff.). Ist dieses Verhältnis nicht ein reiner Zufall, so würde 
man in dem indisch-griechischen Wort, das im Indogermanischen eine 
befriedigende Erklärung noch nicht gefunden hat (bei Stokes ürkelt. 
Sprachschatz wird an ir. lec ,Stein' aus *plec- gedacht), am wahr- 
scheinlichsten ein schon idg. Lehnwort aus mesopotamischem Kulturkreis 
erblicken müssen, und da nun auch ein idg. Wort für Kupfer: scrt. 
Uhä-, pehl. röd, altsl. ruda, lat. raudus, altn. raudi im Sumerischen 
(urud , Kupfer') wiederzukehren scheint, so läge die Vermutung nahe, 
dass die Indogermanen oder Teile derselben schon in ihrer Urheimat 
das Kupfer vom Euphrat her zuerst am Beile kennenlernten. 
An eine direkte Nachbarschaft idg. Sprachgebiets mit Mesopotamien 
brauchte man deshalb nicht zu denken, da auch sonst Axt- und Beil- 
namen ungeheure Wanderungen zurückgelegt haben. So npers. tebe)\ 
das ausser in das Armenische {tapar), ins Slavische (russ. toporü), ins 

V 

Angelsächsische (tapor), und weiter ins Finnische {tappara), Cere- 
raissische, Ungarische u. s, w. eingedrungen ist. S. weiteres u. Kupfer. 

Von sonstigen vorhistorischen Gleichungen für Axt und Beil be- 
schränken sich auf Europa: griech. dEivri, lat. ascia, got. aqizi (ahd. 
accÄM* u. s. w.); ferner lat. secüris, altsl. sekyra , Hacke', secivo ,Axt' 
clat. 8ecare)\ ahd. barta, altsl. brady; ahd. dehsala, altsl. tesht 
:: scrt. talsh ,zimmem*, auch in scrt. takaham', aw. takt-, lit. teszlyczür^ 
Vfrl. auch ir. tdl); ahd. bihalj altn. bilda, ir. bidil, kynir. bicyell, alt- 
korn. bahell (doch vgl. F. Kluge, Et. W.« S. v. Beil). Auf Wurzel- 
verwandtschaft könnte scrt. svädh-iti- und altpr. tcedigo, lit. wedegä 
beruhen (*»cedh-). Aus einer Umdeutung aus altgall. vidubium, viduvium 
,biK^XXa' (= altfrz. vouge) würde nach Kluge in Pauls Grundriss I *, 346 
agis. tcidubill ,Axt' zu erklären sein. 

Als Waffen sind Axt und Beil bei den europäischen Indogermanen 



56 Axt — Bad. 

in historischer Zeit, wenigstens im Süden, gänzlich in den Hintergrund 
getreten. In der Uias wird nur erwähnt, dass der Troer Peisandros 
eine Streitaxt unterhalb des Schildes trug (XIII, 611), und dass bei dem 
Kampf um die SchiflFe (XV, 711) auch dEivai und ireX^KCi^ geschwungen 
wurden. Im Norden dagegen war die Streitaxt bei den germanischen 
Stämmen, bei Dänen und Norwegern (vgl. Vigfusson Dict. s. v. öx) und 
namentlich bei den Frauken, wo sie nach diesem Volke francisca hiess, 
eine beliebte WaflFe. Vgl. die verschiedenen Axtformen aus fränkisch- 
alaraannischen Gräbern bei Lindenschmit Altertümer I, H. 2, T. 7 und 
über den Gebrauch der Streitaxt im Walthari-Lied R. Kögel Gesch. d. 
d. Lit. I, 2 S. 314. Ob auch im Hildebrandlied die Streitäxte klingen 
[staimbort chludun), als die Helden aufeinander stürzen, ist fraglich. 
Mit stein hat dieses staimbort kaum etwas zu thun, so dass man in 
dieser Stelle nicht aus der Urzeit erhaltene Steinäxte erblicken darf, 
die Helden wie Hildebrand und seinem Sohne schlecht anstehen würden. 
S. u. Waffen und u. Werkzeuge. 



B. 

Bach, s. Fluss. 

Bachstelze, s. Singvögel. 

Backen, Backwerk, s. Brot. 

Backofen, s. Ofen. 

Backstein, s. Ziegel. 

Bäcker, s. Gewerbe. 

Bad. Der Begriff des Waschens und Badens wird in dem euro- 
päisch-armenischen Teile des idg. Sprachgebiets durch die Wurzel lov, 
lu ausgedrückt: griech. Xouiü, lat. lavo, luo, armen, log-ana-m ,bade 
mich'. Aus dem Keltischen gehören hierher altgall. lautro ,balneo', 
ir. löthur ,Badewanne', aus dem Germanischen altn. laudr, agls. Uador 
,Seife' und vielleicht altn. laug ,warmes Bad', agls. Udh, ahd. longa 
,Lauge'. Neben dem verbalen Xovijj-lavare scheint ein substantivisches 
*lavo- in ir. lö ,Wasser' zu liegen, ähnlich wie das gemeingerm. ahd. 
wascan ,waschen' aus *wat-ska- : got. tcatd , Wasser' entstanden sein 
dürfte. Germano-slavische Beziehungen zeigt die Gruppe von gemein- 
germ. ahd. badj badön und altsl. banja ,Bad', banjati , baden, waschen', 
germano-preussische die von gemeingerm. got. pwahan ^viirieiv', pwahl 
,XouTpöv' und altpr. twaxtan ,Bsideq\xa^t\ Zu den Ariern hinüber reicht 
die Reihe griech. viZiuj, vitttuj, ir. nigirrij scrt. nij, doch wird das ,8i c h 
w^aschen' im Indischen durch die Wurzeln snä und plu (mit ä) ausge> 
drückt, die in Europa ^schwimmen' (lat. näre) und ,8pülen' (griech. 
TrXiivuj) bedeuten. 

Wenn so das Reinlichkeitsbedürfnis der Urzeit durch die Sprache 



Bad. 57 

hinlänglich sicher gestellt ist^ so wii*d zur Befriedigung desselben das 
Baden in den Flüssen der Urheimat noch ausgereicht haben. So fanden 
es die klassischen Berichterstatter bei den europäischen Nordvölkern, 
besonders bei den Germanen, und an den verweichlichenden Badeluxus 
des Südens gewöhnt, verfehlen sie nicht, den beobachteten Brauch als 
Zeichen der körperlichen Abhärtung des unverdorbenen Naturvolks 
hinzustellen. Vgl. Caesar De bell. gall. IV, 1: Atque in eam se con- 

suetudinem adduxerunt, ut locis frigidissimis lavarentur in 

fiuminibus, VI, 21: In fluminibus perluuntur, Herodian VII, 2, 6: 
€101 hi Kai Ttpöq tö vrJxecrBai TeTVMvacr)Li^voi &t€ |i6vtu XouTpiu ToTg 
TTOTttnoi^ XP^M^voi. Nach Dio Cass. LXXI, 20 weigern sich die 
Marcomannen und Quaden auch deshalb in Städten zu wohnen, weil 
sie dann auf das ihnen gewohnte Baden verzichten müssten. Ja, es 
wird mehrfach berichtet, dass im hohen Norden die kleinen Kinder 
vom Mutterleibe weg in das eiskalte Wasser der Ströme eingetaucht 
w'orden seien (s. die Stellen und über ihre Deutung u. Name, Namen- 
gebung). 

Wenn Tacitus Germ. Cap. 22 dem gegenüber meldet : Statim e somno, 
quem plerumque in diem extrahunf, lavantur, saepius calida, ut 
apud quo8 plurimum hiems occupat, so kann hier nur ein gelegent- 
liches Waschen mit warmem Wasser, nicht ein regelmässiges Baden 
in Badestuben gemeint sein, die erst später aufkommen (s. u.). Auch 
bei Aquae Sextiae erfreuen sich die Kimbern (nach Plut. Marius Cap. 19) 
vor der Schlacht in den heissen Quellen dieser Gegend, und die warmen 
Brunnen von Wiesbaden {Aquae Mattiacae), Baden-Baden {aquae cali- 
dae) u. 8. w. sind gewiss schon in vorrömischer Zeit bekannt und be- 
nutzt gewesen. 

Wie bei den Nordvölkera , ist auch in homerischer Zeit das 
kalte Baden im Fluss oder im Meere, tö n;uxpoXouTeTv, an dem die 
Spartaner immer fest hielten, die oft belegbare Regel. Das warme 
Bad in der Badewanne (dadiiivSo^, vgl. über das Wort Lewy Die 
setoit. Fremdw. S. 155^; es ist vielleicht nicht einheimisch) gilt noch 
mehr als ausserordentliches Stärkungsmittel nach Anstrengungen aller 
Art, Jagd, Reisen u. s. w. Doch ist, zweifellos unter orientalischem 
Einfluss, ein Badezimmer schon in den Fürstenpalästen der mykenischen 
Epoche vorhanden (vgl. J. v. Müller Privataltertttmer * S. 16, 48, 133). 
In naehhomerischer Zeit tritt dann der BegriflF der öflFentlichen Bade- 
stube (ßaXaveiov, seit Aristoph.; wenn einheimisch, kaum: scrt. jald-y 
jWasser', eher: dem früh bezeugtien ßdXavo<j »Zapfen, Rieger, also ,\\hs 
mit einem ß. verschliessbar') hervor, der zusammen mit seinem grie- 
chischen Namen zu den Römern {balneae, hälneum, halineum) übergeht, 
die in früherer Zeit seltner und nur zur Reinigung, nicht zum Vergnügen 
in der neben der Küche gelegenen lavatrina gebadet hatten. Vgl. Seneca 
Epist. 86: Nanij ut aiunt, quipriscos mores Urbis tradiderunty bracchia 



58 Bad — Baldrian. 

et crura cotidie abluebant, quae scilicet sordes opere conlegerant; ceterum 
toti nundinis lavabantur. Wie dann überall, wo Römer ihr Heim aufschlu- 
gen, die Anlage von Thermen und Bädern zur unabweisbaren Notwendig- 
keit wird (vgl. die Stellen bei A. Riese Das rheinische Germanien in der 
antiken Literatur, passim), ist bekannt. Es hat somit nichts auffallendes, 
dass die Einrichtung von Badestuben vom Rhein und der Donau her lang- 
sam nach Osten und Norden vordrang, wo zunächst ein einfacher geschlos- 
sener Raum, der durch einen Ofen mit Steinmantel geheizt wurde, die 
Stelle der kunstvollen römischen Anlagen vertrat. Dieser Kultui-process 
knüpft an die Wortreihe von ahd. stuba, agls. altn. stofa, lit. «tuba, 
altsl. istüha an, die im Romanischen wurzelt (s. näheres u. Ofen), 
und zunächst ,Badestube', dann ,heizbares Zimmer überhaupt' bezeichnet. 
Auf den gleichen Kultureinfluss wird auch die Entlehnung von ahd. 
labdn ,waschen', dann ,erquicken, erfrischen', agls. gelafian aus lat. 
lavare, waschen' zurückgehen. Denselben Bedeutungsübergang wie stuba 
zeigt lit. pirtis , Badestube' von pej'iü ,Jem. baden', eigentlich ,mit dem 
Badequast schlagen' (altsl. perq ,schlage, wasche'), das, wie übrigens 
auch die vorige Reihe, ins Finnische und diesem verwandte Sprachen 
eingedrungen ist, wo es ausser für Badestube auch für Rauchstube, 
Stube des Gesindes, Stube mit Ofen u. s. w. gebraucht wird (vgl. W. 
Thomsen Beröringer S. 208). Im Mordvinischen und Wogulischen gilt 
das russische Wort für Badestube, bona (vgl. Ahlqvist Kulturw. S. 121). 
Eine reiche Litteratur über die nordeuropäische Badestube findet sieb 
bei R. Meringer Mitteil. d. Wiener anthrop. Gesellschaft XXIII, 166fF. 
Der slavische Osten, wo der Gebrauch der Badestuben noch heute 
als lebendige Volkssitte herrscht, wird zugleich als die eigentliche 
Heimat einer Abart des Warmbads, des Schwitz- oder Dampfbads 
(russ. para , Dampf, pariti , baden') angesehen. Es ist nicht unmöglich, 
dass der Ursprung derselben diesmal nicht nach Westen, sondern 
weit nach Osten weist. Von den Skythen erzählt Herodot IV, 75, 
nachdem er vorher des in Skythien und Thrakien wachsenden Hanfes 
(s.d.) gedacht hat, folgendes: Tauirj^ iDv ol iKiiÖai Tr\c, Kavvdßio<;*rö 
CTTrepiia ^iredv Xdßtüai, uTrobuvouai uttö tou^ ttiXou^, Kai ^Treirev dnißäXXouai 
TÖ airepiia dm tou^ biaq)av€aq XiÖou^ tuj Trupi • tö b^ Gu|iiäTai dTrißaXXö- 
|i€vov Kai dT|iiba Trapexerai loaaÜTTiv, ujare 'EXXriviKf) oube^ia av \xxy/ 
TTupiTi dTroKpaTr|(J€i6. o\ bt ZKiiGai dyaiuievoi ttj irupiri ibpuoviai ' toötö aqpi 
dvTi Xourpou daiiv* ou ydp bf) Xoöviai öbati tö TrapdiTav tö aujjLia. 
Ein weiterer altslavischer Ausdruck für ,baden', ,Bad' lautet altsl. 
kqpatij Jiqpell, Er ist noch unerklärt. — Über das Bad im Ritual 
s.u. Reinheit und Unreinheit, über Reinigungsmittel s. u. Seife. 
Baldrian {Valerianeae). Die hierher gehörigen Pflanzen galten 
schon im Altertum als sehr heilkräftig und wurden als Narden (grieeh. 
vdpbo^, lat. nardtis), also mit dem indischen Namen der Nardus india 
oder Spica Nardi, des Rhizoms von Nardostachys Jatamansi (s. u. 



Baldrian — Balsam. 59 

Narde), bezeichnet, das durch den Handel eingeführt, die Aufmerk- 
samkeit auf minder wertvolle Arten Vorderasiens und Europas lenken 
mochte. So kennt Dioskorides De mat. med. I Cap. 7 f. eine öpeivf) 
vdpbo<; in Cilicien und Syrien, eine dtpia vapbo<j, die am Pontus vor- 
kam und wohl mit ihrem pontischen Namen q)oö hiess, und eine KeX- 
TiKTj vdpboq in Istrien und in den ligurischen Alpen, in der Landes- 
sprache aaXiouYKa genannt (woraus die deutschen salunk, seling u. dergl.): 
Im Mittelalter kommt dann für die durch den grössten Teil des Nordens 
der alten Welt verbreitete Valeriana officinalis L, der den klassi- 
schen Sprachen noch fremde Ausdruck Valeriana auf, kaum eine 
echte romanische Bildung (etwa von valere), sondern eher aus einer 
nordischen Namensform wie schwed. Vandelrot, norw. Vendelröd, 
dän. Velaudsurt verstümmelt und umgedeutet, die man als ,Wielands- 
wnrz' deuten möchte, da Schmiede wie Wieland von jeher auch als 
Antte und Zauberer angesehen werden. Ähnlich hat man versucht, 
mhd. baldridn, lit. baldrijöns aus dem Namen des gütigen Gottes 
Balder herzuleiten, der anderen Pflanzennamen (z. B. altn. baldrs-brd 
,Balders Braue' = Kamille) sicher zu Grunde liegt. Andere deuten wieder 
das deutsche Baldrian aus Valeriana. Eine sichere Erklärung aller 
dieser Namen ist noch nicht gefunden. Die heilige Hildegard (um 1160) 
nennt die Pflanze denemdrcha (nach Dänemark), ein Ausdruck, der 
auch sonst noch vorkommt. Im Slavischen bezeichnet *odolenü ausser 
anderen Pflanzen auch den Baldrian, z. B. im öech. odolen. Vgl. 
Flückiger Pharmakognosie* S. 433 f. Andere Heilpflanzen s. u. Arzt. 

Ballspiel^ s. Spiele. 

Balsam (das Harz des BaUamodendron Gileadense), Der Baum 
wird von den Alten seit Theophrast (IX, 6) als in Syrien und Palä- 
stina, aber nur in angebautem Zustand (axpiov be oubtv eivai ßdXaa)Liov 
oubajuoö), heimisch bezeichnet, dem erst Spätere, wie Strabo, das Land 
der Sabäer, oder wie Dioskorides, Aegypten hinzufügen, das später als 
das erste Balsamland galt; doch nennt der Periplus maris erythräi, 
der doch den Export aus beiden Ländern ausführlich schildert, den 
Balsam überhaupt nicht. — Was seine Namen anbetriflft, so nimmt man 
an, dass hebr. bds'dm = arab. baiäm (im Hohenlied V, 1) den Balsam- 
ätrauch sicher bezeichne. Daneben findet sich bösem , Baisarostaude, 
Wohlgeruch, wohlriechende Stoffe'. Da nun Plinius Hist. nat. XII, 
117 erzählt : Alexandra Magno res ibi (iii Judaea — aber 
wann? — ) gereute toto die aestivo unara concham {balsami) impleri 
iustum erat, und, w^ie gesagt, die Bekanntschaft mit dem Balsam im Abend- 
land erst seit Theophrast auftaucht, wird man annehmen dürfen, dass erst 
in Folge der Kriegszüge Alexanders der Balsam sowie nähere Kunde von 
ihm nach Europa kam. Dass griech. ßdX(ya)iov (auch ßdXaä)iov) aus hebr. 
bäsäm entlehnt ist, wird man für wahrscheinlich ansehen müssen, ob- 
gleich der Einschub des X vor a lautgeschichtlich noch unerklärt ist. 



60 Balsam — Bär. 

— Die Römer sahen den jüdischen Balsamstrauch durch die Triumph- 
züge des Pompejus und dann des Vespasian in natura (vgl. Plinius 
a. a. 0.). Das Wort balsamum aus ßdX(Ja^ov begegnet zuerst bei 
Vergil. Hauptsächlich durch die Kirche ist dann das griech.-Iat. Wort, 
das bald sehr verschiedenartige aromatische Mischungen zu bezeichnen 
anfing, in die nördlichen Sprachen (altsl. halüsamü, ahd. haUamo u. s. w,) 
übergegangen. Die Goten haben halsan, das in seinem Ausgang dem 
aus griech. ßdX(ja^ov rückentlehnten arab. balasänj armen, balasan 
näher als dem griech. -lat. Worte zu stehen scheint. Neben balasafi, 
palasan hat das Armenische noch einen zweiten Ausdruck für Balsam 
aprsam, aprasam, der zu syrisch äpursmä, pursmd stimmt (vgl, 
Hübschmann Armen. Gr. I, 107). Ob eine Vermittlung dieser Wörter 
mit griech. ßdX(ja)iov möglich sei, dürfte schwer zu entscheiden sein. 
S. u. Aromata. 

Bank, s. Hausrat. 

Banner, s. Fahne. 

Bär. Der idg. Name dieses Raubtieres liegt in der Reihe : griech. 
öpKTO^, lat. ursuH, scrt. rksha-, aw. arem-, Pamird. yurs, armen, arj. 
Ob alb. ari und ir. art, kymr. arth hierher gehören, ist zweifelhaft. Die 
germano-litu-slavischen Sprachen haben das Wort eingebüsst, was in 
diesem Falle mit der religiös-dämonischen Bedeutung, welche man dem 
Tier an vielen Orten beimass (vgl. Keller Tiere d. kl. Altert. S. 109), 
zusammenhängen könnte, die den eigentlichen Namen des Bären zu 
nennen verbot. Für denselben ist im Gennanischen ahd. berOy agls. 
bera, altn. björn eingetreten, der ,braune' (vgl. lit. beras ,braun'), wie 
denn in der altdeutschen Tiersage „Braun" geradezu der Name des 
Bären ist. Die Slaven haben altsl. meclkü, mecika, vielleicht der ,blö- 
kende' (scrt. mdkaka-), daneben altsl. medvedü, eigentlich ,Honigesser' 
und russ. misJca (lit. meszTcä), eigentl. ,Michelchen\ Ganz allein steht lit.- 
preuss. lokgs' cloJcis, Griechische Sagen erzählen von der Aufsäugung 
ausgesetzter Kinder, z. B. der Atalante oder des Alexandros, Sohnes des 
Priamos, durch Bärinnen, wie gleiches von Wölfinnen und Hündinnen be- 
richtet wird (vgl. Keller a. a. 0. S. 108 und s. u. Hund und u. Wolf). 
Der Bär war ursprünglich in allen waldigen und gebirgigen Teilen 
Europas und Vorderasiens (Keller a. a. 0.) verbreitet. Aber auch im 
europäischen Steppengebiet war er früher, wo der Baumwucfas daselbst 
reicher war, mehr nach Süden zu Hause als jetzt. Noch gegenwärtig 
kommt er z. B. im „Honigland" der Baschkiren und im Gouvernement 
Simbirsk vor (vgl. A. Nehring Tundren und Steppen S. 101 und Z. 
der Gesellsch. für Erdkunde zu Berlin XXVI, 314). Man kann also 
nicht mit J. Schmidt Urheimat S. 22 den umstand, dass die Indoger- 
maneu den Bären kannten, gegen die Annahme geltend machen (s. ii. 
Urheimat), dieselben hätten ihre ursprünglichen Wohnsitze im süd- 
lichen Russland gehabt. So auch P. Kretschmer Einleitung S. 58. 



Barsch — Baumwolle. 61 

Barseh {Perca fluviatilis L,). Die Nomenclatur dieses in fast 
allen Flüssen, Seen und Teichen Europas einheimischen und auch 
schon in den Schweizer Pfahlbauten (vgl. Rtitimeyer Fauna S. 114) 
nachgewiesenen Fisches geht fast gänzlich auseinander : griech. ir^pKn 
(seit Aristoteles; wohl zu irepKvö^ ,bunt', s. n. Forelle), woraus lat. 
perca entlehnt. Ohne Zusammenhang hiermit gemeingerm. ahd, bersich^ 
agis. bcBTs, schwed. abbore (,der borstige' : nhd. bürste^ börste) und 
die nicht weiter deutbare Gruppe von altpr. assegiSy lit. ezegffs (neben 
eszerys), poln. jazdz {^jazg-). Vgl. noch russ. olcunl etc. : altsl. olco 
jAuge' (von den grossen Augen des Tieres, wie unser Jcaulbarsch : 
mhd. Jcüle ,Kuger) und lit püJcgs , Kaulbarsch'. S. u. Fisch , Fischfang. 
Bart^ s. Haartracht. 
Ba8t, 8. Strick. 

Bastard, s. Ehelich und unehelich. 
Baukunst, s. Steinbau. 
Bäume, s. Wald, Waldbäume. 
Baunikultus, s. Tempel. 

Baumwolle {Gossypium herbaceum). Die erste Nachricht über 
Wolle tragende Bäume giebt Herodot 111,106 aus Indien: „Die wild- 
wachsenden Bäume", sagt er, „tragen als Frucht eine Wolle, welche 
die der Schafe an Schönheit und Güte übertriflFt. Die Wolle dieser 
Bäume verwenden die Inder auch zu Kleidungsstücken". Nach dem- 
selben Schriftsteller (VII, 65) war das indische Hilfskorps des Xerxes 
in Baumwolle (€i)LiaTa dirö HuXujv) gekleidet. Ausserhalb Indiens lässt 
sich die Kultur der Baumwolle in der Geschichte des höheren Alter- 
tums dagegen nirgends, weder in Aegypten, noch in Palästina, noch in 
Syrien nachweisen (vgl. die Belege hierfür bei Vf. Handelsgeschichte 
und Warenkunde I, 191 flf.). 

Auch über die indische Baumwolle wurde erst durch die Erobe- 

rungszüge Alexanders des Grossen und von dessen Begleitern, Near- 

chos (^(jGfiTi b€ 1vboi Xiveri xp^ovxai, KaxdTrep X^fei Ne'apxo^, Xivou toO 

diTÖ Tujv bevbpeuDV, uirtp ötujv ^oi fjbri XeXeKiai. tö bfe Xivov toOto ^ 

XafiTTpoxepov Tf|v xpo^^v iOTW fiXXou Xivou Ttaviö^ ^ jn^Xave^ auTOi dövre^ 

Xa^^Tp6T€pov tö Xivov 9aiv€(j8ai ttoi^oucti, Arrian. Hist. ind. Cap. 16), 

Aristobulos (vgl. Strabo XV p. 694) und Onesikritos (vgl. Servius ad 

Verg. Aen. I, 649) nähere und direkte Kunde verbreitet. Auf Grund 

derselben handelt dann Theophrast (Hist. plant. IV, 4, 8) näher von 

der Staude, von welcher die Inder ihre Kleider machen, und die sie 

wie die Weinstöcke in Reihen auf den Feldern pflanzen {il Obv be toi 

ifioiTia TTOioöm TÖ )ikv (puXXov ö^0l0v fx€i Tr| auKo^iviu, TÖ bfe öXov cpuTÖv 

Toi^ Kuvopöboiq 8^0lOV. q)UT€uou(Ji b€ dv ToT^ Ttebioiq auTÖ KaT^ öpxou^, 

bv 6 Ktti TTÖppuiOev d9opOüai fi^7^€Xol cpaivovTai). Ausser Indien nennt 

Theophrast (IV, 7, 7 u. 8) aber noch zwei Stellen, an denen Baumwolle 

vorkomme, nämlich die am Eingang des Persischen Golfs gelegene 



62 Baumwolle. 

Insel Tylos und Arabien (ohne nähere geographische Bestimmung). 
Hieran sehliesst sicli dann zunächst die Erwähnung Oberägyptens durch 
Plinius Hist. nat. XIX, 14: Superior pars Aegypti in Aräbiam rer- 
gens gignit fruticem quem äliqui gossypion rocant, plures xylon ei 
ideo lina inde facta xylina. Vergegenwärtigt man sich nun, dass die 
Linie Indien-Tylos-Arabien-Aegypten eine der ältesten und befahrensten 
Handelsstrassen der alten Welt bildet, so liegt die Annahme nahe^ die 
Baumwollenkultur habe sich auf diesem Wege von Ost nach West ver- 
breitet. Diese Annahme würde an Glaubwürdigkeit gewinnen, wenn 
man mit A. v. Kremer (Semitische Kulturentlehnungen Ausland 1875 
S. 66) den altindischen Namen der Baumwolle, scrt. Tcärpäsa- mit 
Sicherheit in dem altarabischen Jcursufay kursufj und in dem aegypt.- 
lat. gossypium wiedei-finden dürfte, für welches letztere Parthey (Vocab. 
Copt. 567) auch ein Kopamiov anführt. Andere, wie S. Fraenkel (Aram. 
Fremd w. im Arab. S. 145) sehen freilich das arabische Wort aus 
gossypium für entlehnt au. 

Was Tylos, das jetzige Bahrein, betriflft, so wird man, worauf den Vf. 
Prof. Völlers aufmerksam macht, es nur als Transithafen des BaumwoUen- 
handcls zu betrachten haben. Es wird bei den alten Arabern auch 
für indisches Holz, Panzer u. s. w. als Einfuhrstelle genannt. In jedem 
Falle liegt es nahe, den Namen dieser Insel mit dem scrt. tüla- ,Baum- 
wolle' zu vergleichen. 

Sicherer als auf dem Seeweg ist das indische karpäsa- auf dem 
Landweg westwärts gewandert. Es kehrt wieder in npers. kirpäs, 
armen, kerpas, arab. kirbäs, hebr. karpas (Esther I, 6), aram. karpas 
u. s. w., griech. K&pnaaoq (spät), lat. carbasus (zuerst Ennius 560 Vahl.). 
Es scheint aber, dass die auf Handelswegen von Indien her verbreiteten 
Stoffe, welche jene Namen trugen, zunächst nicht als etwas neues er- 
kannt wurden; denn die angeführten Wörter bezeichnen meistens teils 
feinere, teils gröbere Linnenfabrikate (im Lateinischen besonders Segel, 
zuweilen Kleider). Kaum zu verstehen ist die Nachricht des Plinius 
Hist. nat. XIX, 10: Et ab his Hispania citerior habet splendorem Uni 
praecipua forrentis in quo politur natura, qui adluit Tarraconem. 
et tenuitas mira ibi primum carbasis repertis. Erst spät werden 
griech.-lat. Kapnacoc^-carbasus unzweifelhaft auch von baumwollenen 
Fabrikaten gebraucht. Dasselbe ist der Fall mit einer Reihe anderer 
Wörter wie aivbiLv, ßucrcroq, 696vti, öGöviov (für Baumwolle namentlich 
im Periplus maris erythraei gebraucht: vgl. § 41: TroXu96po^ . . . . 
KapTrdcTou Kai tOüv H auifiq 'ivbiKOJV 69oviiüv), welche ursprünglich 
durchweg (ausländische) linnene Stoffe bezeichnet hatten (s. u. Flachs). 

Im Ganzen zeigt sich so, dass die Baumwolle im Alteilum wenig be- 
achtet wurde, und wohl liäufiger Stoffe aus ihr benutzt, denn als solche 
erkannt wurden. Erst durch die Araber hat die Kultur der Baum- 
wolle eine weitere Verbreitung gefunden. Unter Harun al Raschid wurde 



Baumwolle — Beerenobst. 63 

dieselbe in Babylonien einheimisch. Im XII. Jahrhundert finden wir 
sie durch Araber betrieben in Sicilien, an den Ktisten von Andalusien, 
in Aegypten, in Palästina bei Gaza und an der Tigrismündung bei 
Bassora. Dieser Thätigkeit der Araber und den aus ihr hervorgehen- 
den Handelsbeziehungen entspricht die Verbreitung des arab. qufn 
,Baumwolle', dessen Ursprung noch nicht aufgeklärt ist, das aber ganz 
sicher nichts mit hebr. Icetonet (s. u. Flachs) zu thun hat. Das arabische 
Wort liegt in span. al-godon, ital. cotone, fra. coton, unserm Jcattun, 
nilat. cot07ium, coto, russ. kutnja, rum. Jcutnie u. s. w. vor. 

Herrscht dieses Wort mehr im Westen Europas, so regiert im 
Osten ein byzantinisch-orientalischer Ausdruck für Baumwolle. In ihm 
scheinen zwei verschiedene Bestandteile zusammen geschmolzen zu sein, 
einmal ein orientalisches, noch nicht sicher erklärtes Wort: pehl. pam- 
bäk (.Baum, der Wolle trägt zur Bekleidung'), npers. panba, osset. 
bambag, armen. bambaJc , Baumwolle', und zweitens ein griech. ßojußuKiov, 
eigentlich das Gespinnst des ßö^ißuE, der wilden Seidenraupe (s. u. Seide) 
bezeichnend (lat. bombydnae vestes). Die so vereinigten Wortreihen 
bambag-bombydum gingen ins Slavische (russ. bumaga etc.), Neu- 
griechische (ßo^ßdtKiov etc.), Türkische, Albanesische, Magyarische, ins 
Mittellateinische (bombax, barnbix u. s. w.) und auch ins Romanische 
(ital. bambagio) über. — Vgl. Ritter Die geographische Verbreitung der 
Baumwolle und ihr Verhältnis zur Industrie der Völker alter und neuer 
Zeit (Abh. d. Ak. d. W. Berlin 1851), H. Brandes Über die antiken 
Xamen und die geographische Verbreitung der Baumwolle im Altertum 
(V. Jahresbericht des Vereins von Freunden der Erdkunde in Leipzig. 
1866), Vf. Handelsgeschichte und Warenkunde 1, 191 flf. 
S. u, Gewebestoffe. 

Banmzucht, s. Obstbau und Baumzucht. 
Baoopfer, s. Opfer. 

Bdellium (das Harz des Bälsamodendron Mukul Hook in Indien). 
Dieses Aroma kommt, auch nach dem Periplus maris erythraei § 39, 49, 
aus Indien. Ausser in Indien kennt Plinius (XII, 35) den Baum noch 
in Baktrien, Arabien, Medien und Babylonien. Die griech. Benennung des 
Harzes ßbeXXiov (erst bei Diosk.), daneben ßbeXXa (PeripL), ßboXxöv, ^dbeX- 
Kov {maldacon, Plin.), aus der lat. bdellmmj bedelliiim, bidellium entlehnt 
warde^ stammt zunächst aus dem hebr. bedolah, das man wieder auf 
ein indisches madälaka- (vgl. oben ^db€XKOv) zurückführt. Näheres 
vgl. bei Muss-Arnolt Transactions of the Am. Phil. Assoc. XXIII, 115 
and Lewv D. sem. Fremdw. S. 45. S. u. Aroma ta. 
Beamte, s. Stände. 
Beeher, Becken, s. Gefässe. 

Beerenobst. Dass in der Urzeit die wilden Beeren des Waldes 
gegessen wurden, wie in dem goldenen Zeitalter des Ovid: 
arbuteos fetus montanaque fraga legebant 
cornaqiie et in duris haerentia 7nora rubetis, 



64 Beerenobst — Beet. 

und wie noch heute, ist selbstverständlich. Das gemeingermanische 
Wort ftlr Beere: got. -basi, ahd. beri pflegt zu der indischen Wurzel 
bhas ,kauen' gestellt zu werden, so dass es soviel wie ,Essbares' be- 
deuten würde. Urverwandte Gleichungen für den Begriff ,Beere' liegen 
in scrt. dräkshä ,Weintraube' = ir. derc , Beere', in lat. frägum (s. u.) 
= griech. ßdH {*srag-) oder = agls. streaw-berie ,straw-berry' {*sraghwO', 
'^strawü') und lat. üva (*6gva) = lit. üga, altsl. jagoda vor. Von be- 
stimmten Beeren bestehen nur für die Brombeere {Rubus sp,) vor- 
geschichtliche Ausdrücke in griech. ^6pov, müpov, lat. mörum, ir. merenn, 
armen, mor, morij moreni und in dak. ^avT€la, alb. man, mand. Mehrere 
dieser Wörter sind später auf die ähnlichen Früchte des im Süden Europas 
eingeführten Maul beer bau ms (s.d.) übertragen worden. Es liegt 
nahe, an die zuletzt genannte Gruppe auch das griechische, schon bei 
Homer (aber wohl in der Bedeutung , Dornstrauch') bezeugte ßdio^ an- 
zuknüpfen, worunter Theophrast (Hist. plant. III, 18, 4) die Brombeere ver- 
steht. Das Thrakische, zu dem das Dakische gehört, wird nämlich durch 
einen Wechsel von m mit b namentlich in der Umgebung von n cha- 
rakterisiert (vgl. Kretschmer Einleitung S. 236). Im Lateinischen sagt 
man für Brombeere sentift und rubus, im Mittelalter veprisj wovon 
ahd. brämberi : brämo ,Dorn' eine Übersetzung sein könnte. Vgl. auch 
poln. ostrqga u. s. w. : altsl. ostru ,Stacher und gemeinkeit. ir. driss 
, Brombeer- und Dornstrauch'. Lit. gefwüge, altsl. kqpina ,rubus'. 
Ganz unbekannt scheint im griechischen Altertum die Erdbeere 
(Fragaria vesca L.) gewesen zu sein, für die erst im XL Jahrh. ein 
griechischer Name (cppdouXe aus frägum) besteht. Hingegen bezeich- 
neten sie die Kömer wohl als Beere schlechtweg (frägum, s. o.), ganz 
wie in gleichem Sinne in zahlreichen slavischen Sprachen jagoda (vgl. 
Nemnich Allg. Polyglottenlex. d. Natg. S. 1650) verwendet wird. Über 
ahd. erdperi s. u. Erdbeerbaum. 

Schon bei der Himbeere (Rubu^nidaeush,) ist es zweifelhaft, ob sie 
überhaupt einen eigenen klassischen Namen hatte (vielleicht ßdioq ibaia) 
oder mit der Brombeere vermengt wurde. Dagegen begegnen im Norden 
für sie ziemlich alte Namen, die mehrfach von Tieren herrühren. So 
ahd. hint-beri, agls. hindberie (auch , Erdbeere) von ahd. hinta, Hirsch- 
kuh' und lit. aicSte, awecz'ios von awis ,SchaP; vgl. auch klruss.Jeiyna 
u. s. w. (aber , Brombeere') von altsl. jezl ,Igel'. Vgl. noch für Himbeere 
die slavischen Ausdrücke malina (z. B. poln.) und sunica (z. B. weiss- 
russ.), letzteres vielleicht: altpr. sunis ,Hund'. 

Erst am Ausgang des Mittelalters oder noch später treten in Europa die 
Johannis- und Stachelbeere hervor. Vgl. v. Fischer-Benzon Bo- 
tanisches Centralblatt LXIV, 321,369, 401 ff. - In der Flora der Schweizer 
Pfahlbauten sind Himbeeren und Brombeeren, in Robenhausen auch 
Erdbeeren nachgewiesen w^orden (vgl. Heer Die Pflanzen der Pfahl- 
bauten S. 28 f.). 

Beet, s. Ackerbau. 



Beete — Beischläferin. 65 

Beete {Beta vulgaris L.). Die Pflanze ist an den Küsten der ganzen 
Mittelmeerregion einheimisch (vgl. De Candolle Kulturpflanzen S. 73), 
aber, wie es seheint, erst verhältnismässig spät in Kultur genommen 
worden. Ihre Geschichte in Europa lässt sich noch ziemlich deutlich 
übereehen. Die im Süden geltenden, nicht weiter deutbaren Namen 
sind griech. tcötXov, (J€ötXov (Aristoph., Theophr.) und lat. beta (Colu- 
mella, Plinius). Beide sind, unzweifelhaft mit der Kultur der Pflanze, 
in den Xorden Europas, ersteres in die sl avischen, letzteres in die 
germanischen Sprachen übergegangen. Griech. (JeOxXov (ngriech. id 
(TtaKouXa, aiCKka und aeuKOuXa, alb. sefkte) führte zu dem gemein- 
slavischen altsl. sveklü, lit. stolklas, lat. beta (auch im Capit. de villis 
70, 48 genannt) zu ahd. biezaj mhd. bieze, agls. b^te, engl, beet (vgl. 
aber auch russ. botva und serb, bitva, blitva). Die deutsche Bezeichnung 
mangoldy mhd. mangolt ist noch nicht aufgeklärt. S. u. Ackerbau. 

Befestigung, s. Mauer. 

Begräbnis, s. Bestattung. 

Beheizung, s. Ofen. 

Beifnss (Artemisia vulgaris L.) Die in den meisten Teilen Eu- 
ropas einheimische Pflanze, griech.-lat. dpiemcria, artemisia^ wurde im 
Ahertum als Mittel gegen Ermüdung für Fusswanderer geschätzt. Vgl. 
PKn. Hist. nat. XXVI, 150: Artemisiam et elelisphacum alligatas 
qui habeat viator negatur lassitudinem sentire. Nicht weniger ist sie 
als Schntz gegen Zaubermittel geachtet. Vgl. Apulejus Barbarus ed. 
Ackermann S. 165: Fugat et daemonia in domo posita et prohibet 
mala medicamenta et avertit oculos malorum hominum. Die Wert- 
schätzung des Beifusses nach den beiden genannten Seiten kehrt, 
offenbar aus dem Süden übeniommen, genau bei den Germanen wieder. 
Vgl. J. Grimm D. M. IP, 1161 und Hoops Altengl. Pflanzenn. S. 47. 
Auch bezieht sich der ahd. Name bt-fuoz wahrscheinlich auf den er- 
wähnten Glauben^ dass Beifuss an das Bein gebunden oder in den Schuh 
gethan, vor Ermattung schütze. Agls. mucgwyrtj engl, mugwort, poln. 
etc. bylica ( : b^ti ,wachsen', Pflanze kot' dHoxnv), lit. kiüciiai. Andere 
Heilpflanzen s. u. Arzt. 

Beigabe der Toten, s. Bestattung. 

Beil, s. Axt. 

Beinkleid, s. Hose. 

Beinsefaiene, s. Panzer. 

Beischläferin. Die idg. Urzeit lebte in Polygamie (s. d.). 
Xeben einer Hauptfran konnte der Mann noch mehrere Nebenfrauen 
besitzen, die von ihm wie die erstere durch Kauf erworben (s. u. Braut- 
kau fj und ihm feierlich „zugeführt" worden sein werden (s. n. Heirat). 
Ausserdem finden wir nach den u. Polygamie zusammengestellten Nach- 
richten in den Häusern mehrerer altidg. Völker neben der Ehefrau 
oder neben den Ehefrauen noch zalilreiche Kebsw eiber vor. Doch 

Schrader, ReaUexikon. 5 



66 Beischläferin. 

dürfte es zweifelhaft sein, ob dieser letztere Zustand bereits als indo- 
germaniseli angesetzt werden darf. Eine vorhistorische Bezeichnung 
fQr den Begriff der Beischläferin lässt sich bis auf eine unten zu 
nennende Übereinstimmung der keltisch-germanischen Sprachen nicht 
nachweisen, und ans inneren Gründen ist es wahrscheinlich, dass erst, 
nachdem auf den einzelnen Völkergebieten sich ein Gegensatz von 
hen-schenden und beheri-schten Volksbestandteilen herausgebildet hatte 
(s. u. Stände), Frauen und Mädchen aus den letzteren dem Herren 
als Beischläferinnen zu dienen anfingen. 

Es stimmt hiermit überein, dass in den Einzelsprachen die Konku- 
bine nicht selten mit Wörtern bezeichnet wird, welche zugleich die 
,Sklaviu' bedeuten. Dies gilt, wie von dem altindischen däsf- ,Däsa- 
frau^ dann ,Sklavin' und ,Bei8chläferin', von dem gemeingerm. ahd. 
Jcebisa, chebis ,Kebsweib', das in agls. cefes, öyfes ,Konkubine' und 
,Magd' und im altn. kefser Masc. ,Sklave' bedeutet. Sollte die neuer- 
dings versuchte Verknüpfung der germ. Wörter mit ir. he ,Weib' (vgl. 
Liden B. B. XXI, 96 f., 114) richtig sein, so würde als Grundbedeu- 
tung wohl jUnterworfenes Weib' angesetzt werden müssen. Ähnlich 
wird altn. man Neutr. ,Sklave' auch im Sinne von ,Sklavin' und 
,Eonkubine gebraucht*. Auch das griech. TraXXaKi^ (Homer), TTaXXaiai, 
ndXXaE ,Kebsweib' ist hierher zu stellen, wenn es richtig mit altsl. 
SloveJcü ,Mensch', clovecica ,Magd' verbunden wird. Alsdann wäre 
das hebr. pflegeH ,Nebenweib', ,Kebse', woraus andere das griechische 
Wort entlehnt sein lassen, entweder fern zu halten oder seinerseits als 
aus dem Griechischen übernommen anzusehen (vgl. H. Lewy Die seniit. 
Fremdw. im Griech. S. 66 f.). Vgl. endlich noch bei Hesych db^evibeg 
(,Bettgenossinnen' : griech. b^^viov ,Bett') • b o X a i , altschwed. sloeki- 
frilla ( : sloeki ,aneilla pigra') und ahd. lazza, eigentl. die Frau oder 
Tochter eines Lassen oder Liten, d. h. eines unfreien Landsiedlers. 

Wie das Loos der Sklaven und Sklavinnen in ältester Zeit überhaupt 
ein erträgliches war (s. u. Stände), so wird auch die Stellung dieser 
Kebsweiber und ihrer Kinder zur eigentlichen Familie damals eine 
festere und unbeanstandetere gewesen sein, als wir uns heute, wo wir 
auch für den Mann die Forderung ehelicher Treue (s. u. Ehebruch) 
erheben, vorzustellen vermögen. 

Dafür fehlte damals die geschäftliche Ausbeutung des geschlecht- 
lichen Verkehrs, wie sie sich erst mit dem Aufkommen städtischer 
Ansiedlungen ausbilden kann. Erst jetzt werden Wörter wie griech. 
TTÖpvTi (Aristoph.) ,Hure^ TTopveTov .Bordeir : Tt^pvrmi ,verkaufe' oder 
wie lat. meretrix : mereri vom Gewerbe, oder wie lat. fornicatrioi 
{ifornix , unterirdisches Gewölbe'), prostibulum (weil sie vor den 
Thüren der Lupanarien stehen) und altn. portkona (eigentl. ,Thorweib'), 
vom Aufenthaltsort der Huren hergenommen, möglich. Charakteristisch 
auf diesem Gebiete der Terminologie sind ferner die zahlreichen Eiit- 



Beischläferin. 67 

lehnungen, welche teilweis schon in früher Zeit von Volk zu Volk 
stattgefanden haben. 

So stammt armen, pornik ,Hurer, Hure' aus griech. iropviKÖ^, lat. pelex 
aus griech. irdXXaE (oder aus dem phoenikischen Wort?). Lat. meretrix 
ißt in das Irische {mertrech) und Angelsächsische (miltestre), ein ro- 
manisches *pütäna {itü. puttanä) in das Altnordische (pütä) und Nieder- 
deutsche (mndd. püte) entlehnt worden. Das gemeingerm. ahd. huora, 
altn. höra, das in einer ähnlichen Bedeutung in einem wahrscheinlich 
altgallischen Wort Carisa (,vetu8 lena percallida' etc., ,lena vetus et 
litigosa', ,ancilla dolosa', ,7ropvoßoaKÖ^', vgl. G. Goetz Thes. Gloss. 
I, 1, 183, Stokes ürkelt. Sprachschatz S. 330) wiederkehrt und zu 
lat. cärus ,lieb' (vgl. ir. drüth ,a harlot' = ahd. trüt ,geliebt* und 
altn. fridla, ahd. friudüa im Sinne von ,Konkubine') zu stellen ist, 
ward in lautlich noch nicht völlig aufgeklärter Weise vom Slavischen 
(kurüva) und Litauischen {Jcürwä) übernommen. Merkwürdig ist auch 
das Verhältnis von lit. JcSJcsze zu dem oben behandelten altn. kefser 
u. s. w„ das sich doch wohl auch durch Entlehnung des litauischen 
Wortes (aus dem Skandinavischen?) erklären wird. Ganz einsam scheint 
das auf das Gotische beschränkte kalki ,Hure', kalkinasstis ,Hurerei' 
dazustehen. Erwägt man jedoch, dass das oben genannte griech. iraXXaKig, 
wenn die Verbindung mit altsl. ilovekü richtig ist, in Sprachen (z. B. 
auch in dem dem Gotischen benachbarten Thrakisch), die anlautendes 
q nicht in p verwandeln, *kallaki- oder ähnlich gelautet haben mtisste, 
so läge in Ermanglung einer besseren die Vermutung nahe, dass got. 
kalki eine Entlehnung aus einer solchen Sprache sei. Die Finnen 
haben sogar drei Bezeichnungen des Freudenmädchens (Jiuoraj portto 
aus altn. portkona s. o. und kurva) von ihren Nachbarn entlehnt, und 
auch die Tnrko-Tataren bedienen sich zur Bezeichnung dieses Begriffs 
persischer Lehnwörter (vgl. Vämbery Primitive Kultur S. 72). — Aus 
den Einzelsprachen sind ferner noch für die Begriffe ,Beischläferin', 
,Hare' etc. etwa zu nennen: griech. Kdaao, Ka(Taupa, KacraXßd^ (Kacrübpiov, 
Kaaaupiov,Bordeir; vgl. H. Schmidt Synonymik II, 412 ff., etymologisch 
dunkel) und XaiKd^ (von einigen als aus ^rXaiKd^ zu got. gaplaihan 
,liebko8en' gestellt), lat. scortum (eigentl. ,Feir), lupa (eigentl. ,Wölfin' ; 
vgl v^eiteres bei Becker-GöU Gallus III, 89 ff.), germ. ahd. ellüy gella, 
altn. dja (: lat. aZft^^ ,die andere'?), zätre^ zäturra, lantgengjaj altn. 
skcekja u. a. (reichhaltige Sammlung bei Weinhold Deutsche Frauen 11^, 
16), altpr. manga ( : ir. meng ,Trug', griech. .udffavov ,Trugmitter, lat. 
mango ,Aufputzer', vgl. E. Berneker Die preussische Spr. S. 306). Eine 
höchst merkwürdige Bezeichnung bietet das Altslovenische mit obnoinja 
^eoncubina^ : noga ,Fuss', das eine Entsprechung in finn. jalkavaimo 
.Fussweib', ,Kebse' findet (vgl. Ahlqvist Kulturw. ö. 215). Schlief in 
alten Zeiten die Kebse im Gegensatz zu der Gattin (griech. dXoxo(;. 
altsl. sqloil ,Beiliegerin') etwa nicht an der Seite, sondern zu den 
Füssen ihres Gebieters? — S. auch u. Ehelich und unehelich. 



68 Beize — Bergbau. 

Beize, s. Falkenjagd. 

Beleuchtung, s. Licht. 

Bemalnng des Körpers, s. Tätowierung. 

Berg (Gebirge). Diese für die Beurteilung der Topographie des- 
Urlandes der Indogermanen nicht unwichtigen Begriffe werden für die 
Urzeit belegt durch die beiden Gleichungen : scrt. giri-, aw. gairi- 
= altsl. gorUf lit. glre (,Wald', altpr. garian ,BaumO und altpers. 
Jcaufa-, aw. Jcaofa- ,Berg' = lit. Jcöpos ,Nehrung' (ein Dünenstreifen 
wie zwischen dem Kurischen Haff und der Ostsee). Vgl. auch ahd. berg^ 
got. bairgahei ,Bergland', ir. bri ,Berg', armen, berj ,Höhe', aw. bare- 
zdh- desgl. (scrt. brhänt- ,hochO. Auf die arischen Sprachen be- 
schränkt sich scrt. pdrvata-, aw. paurvatä- (griech. tieipaxa s. u, 
Grenze), auf Europa : lat. collis, lit. JcdlnaSf got. haUus (vgl. lat. 
culmeny griech. KoXujvöq) : lat. excellere und lat. mons, kymr. mynydd 
,Berg' etc. (Stokes), griech. ^oOaai {*mont') eigentl. ,Bergbewohnerinnen' 
(J. Wackemagel). Für den Begriff des Thaies besteht nur die Gleichung 
got. dal = altsl. dolü, welches letztere aber nur ^Loch, Grube' be- 
deutet (vgl. auch griech. 96Xo^ ,Kuppeldach' (Wölbung = umgedrehte 
Höhlung). Im übrigen gehen die Einzelsprachen mit Ausdrücken wie 
griech. vdirri ,Waldthar (vgl. irpo-vujTr-fiq ,vorwärts geneigt'), lit. lanJcäy 
Unke (vgl. lit. lefücti ,beugen'), lat. vallia (vgl. ir. fdl ,Gehege'?) u. a. 
gänzlich auseinander. S. u. Urheimat. 

Bergbau. Wann^ wo und von wem in Europa zuei*st den Metallen 
in den Schoss der Erde nachgegangen worden sei, lässt sich noch nicht 
mit genügender Deutlichkeit übersehen. Die homerischen Gedichte 
enthalten weder ein Wort für Bergwerk, noch irgend eine Hindeutung 
auf die Bekanntschaft mit einem solchen. Erst bei Herodot tritt ^^TaXXov 
,Bergwerk' (später ,Metair, seit Lucrez auch in lat. metalbim bezeugt), 
hervor, dessen ursprünglicher Sinn, da es auch für Salzbergwerk, 
Steinbruch u. dergl. gebraucht wird, ganz allgemein ,Grube' gewesen 
sein dürfte, und dessen Herkunft gerade deshalb wohl eine einheimische 
sein wird, wenn eine haltbare Erklärung (man hat u. a. an griech. 
jLiaT^u) jSuche', jSuchstellc' gedacht) des Wortes auch noch nicht ge-^ 
funden ist. 

Im allgemeinen werden schon im Altertum die Phoenici*er mit 
grosser Bestimmtheit als diejenigen bezeichnet, welche im Bereiche 
ihrer Ansiedelungen und Faktoreien Bergwerke eröffneten. So berichtet 
Herodot VI, 47 von Thasos: eTbov bk Kai auxö^ ict jLi^raXXa Taöxa, 
Kai ^aKpoj ?iv auTd)v 0UJu^a(n^JTaTa id oi Ooivikc^ dveOpov oi füierd 
ödaou KTicTavie^ Tf|v vficrov lauTTiv, fiTi<g vöv im toö 0d(jou toütou toO 
OoiviKoq TÖ ouvo^a lo^e. xd inexaXXa id OoiviKiKd Taöxa iOTx Tfjq 6daou 
^exaSu Aivupuiv le x^po^ KaXeo^evou Kai Koivupujv, dviiov be Za|LAo9pr|i- 
KTi^, oöpoq juiefa dveaTpa)Li)Li^vov dv rf] 2Ir|Tr|ai. Auch zahlreiche Orts- 
namen des Mittelmeergebiets weisen auf diese civilisatorische Thätigkeit 



Bergbau. 69 

4er Phoenicier hin. So Teiii^mi auf Cypern (oder im Lande der Brut- 
tier?), aus dem der TaphierfQrst Mentes schon Od. I, 184 Kupfer (gegen 
Eisen) holt, : hebr. fernes ,da8 Zeriiiessen' (,SchmeIzhtttte'), so die beiden 
benachbarten Kykladeninseln Z^picpo^ und licpvo^ (hier nach Herodot 
III, 57 Gold- und Silberbergwerke) : hebr. säraf ,8chmelzen' und säfün 
,Schatz', so das lakonische Vorgebirge Taivapov : hebr. tannür (auch 
aw. tanüra-, armen, fonir) ,fornax, clibanus' (vgl. Lewy Die sem. 
Fremdw. im Griech. s. v.) u. a. 

Indessen ist es doch fraglich, ob die Phoenicier an den genannten 
Orten und sonst wirklich als die eigentlichen ErÖffner des Bergbaus 
und nicht vielmehr nur als Verbesserer und Organisatoren eines schon 
vorher den Eingeborenen bekannten primitiven Bergwerksbetriebs auf- 
zufassen sind. Es hat sich immer deutlicher gezeigt (vgl. namentlich 
ß. Andree Die Metalle bei den Naturvölkern Leipzig 1884), dass 
metallurgische Kenntnisse keineswegs nur auf höheren Kulturstufen 
uns begegnen. Das bestätigt auch die Überlieferung des Altertums. 
Alle die Gebirgsvölker im Süden des Pontus bis zum Kaspischen Meere 
hin, die Chalyber, Tibarener, Moscher u. a., welche nicht zum ge- 
ringsten Teil Vorderasien und Griechenland mit Nutz- und Edelmetallen 
versorgten (vgl. z.B. Hesekiel XXVII, 13: , Ja van, Thubal d. h. Tiba- 
rener und Mesech, d. h. Moscher haben mit Dir gehandelt und haben 
Dir leibeigene Leute und Erz auf Deine Märkte gebracht' oder Xenoph. 
Anab. V, 5,1: 6 ßioq fiv xoTq TiXeiaioi^ auxOüv, d. h. den Chalyben dirö 
<JibTip€ia^), können wir uns nach allem, was wir wissen, kulturgeschicht- 
lich nur wenig fortgeschritten vorstellen. Andere Stämme können in 
Europa selbst in metallreichen Gebirgsgegenden schon frühzeitig als 
Bergleute thätig gewesen sein und sind es gewesen, w^enn wir den 
neueren Untersuchungen der ürgeschichtsforscher glauben dürfen. 
Namentlich hat M. Much Die Kupferzeit in Europa ^ S. 248 flF. auf der 
Mitterberg- Alpe bei Bischofshofen im Herzogtum Salzburg und auf der 
Kelchalpe bei Kitzbühel in Tirol ausgedehnte Stätten uralten Kupfer- 
bergbaues nachgewiesen, die er nach den daselbst gemachten Funden 
für gleichzeitig mit den dem Ausgang der jüngeren Steinzeit 
angehörigen Pfahlbauten des Atter-, Mond- und Traunsees hält. Von 
dort hätten die Bewohner dieser Stationen das Metall für ihre kupfernen 
Beile, Dolche, Pfriemen, Angelhaken, Spiralen u. s. w. geholt, wie un- 
weit jener Mitterberger Gruben auf dem „Götschenberg" auch eine der- 
selben Zeit angehörige Werkstatt für steinerne Waffen und Werkzeuge 
«ch befunden habe (s. u. Axt). Gleiche oder ähnliche Kupfergruben 
aber seien ausser in den Alpen selbst in Irland, England und vor allem 
auf der iberischen Halbinsel entdeckt worden (vgl. Much a. a. 0. 
S. 282). 

Ea ist daher durchaus nicht unwahrscheinlich, dass, als die Phoenicier 
zuerst ihre Faktoreien in diesem metallreicbsten Lande Alteuropas 



70 Bergbau. 

aufschlngen, sie auch hier bereits durch die Eiugeborenen eröffnete- 
Gruben vorfanden. Auch scheint dies aus dem Berichte des Diodom& 
V, 35 zu folgen, der erzählt, dass die Phoenicier bei ihrer Ankunft 
in Spanien grosse Mengen fertigen Silbers von den Bewohnern, die 
den Wert des Metalls nicht gekannt hätten, fttr kleine Gegengabe 
kauften, wenngleich allerdings der Schriftsteller das Vorhandensein 
uusgeschmolzenen Metalls nicht aus einer metallurgischen Thätigkeit 
der alten Iberer, sondein aus fabelhaften Naturereignissen (vgl. auch 
Strabo III p. 147) erklärt. Unter Leitung erst der Karthager, dann der 
Kömer, die in älterer Zeit ausschliesslich auf etrurischen und griechi- 
schen Bergbau angewiesen gewesen zu sein scheinen, hat sich dann die 
Blüte des spanischen Bergbaus entwickelt (vgl. Roloff Über den Bergbau 
und die Metallurgie des alten Spaniens in Gehleus Journal ftir Chemie, 
Physik und Mineralogie IX, 608 ff.). Aus dem Iberischen sind denn 
auch eine Reihe auf den Bergbau bezüglicher Termini, wie arrugia 
,Goldstollen', balux »Goldklumpen' (vgl. Diefenbach Origines Europ. 
S. 240) ins Lateinische eingedrungen, zu denen auch lat. cuniculus 
gehört, das in der Doppelbedeutung ,Kaninchen' und ,vom Kaninchen 
gewühlte Höhle', dann ,Mine' sicher schon iberisch war (s. u. Kaninchen). 

Ähnlich wie die ersten Beziehungen der Phoenicier zu den Iberern 
werden auch die der Phoenicier zu den britannischen Kelten hin- 
sichtlich der Gewinnung des Zinnes gewesen sein, d. h. auch hier werden- 
uralte, vorphoenicische Auffinge des Bergbaus anzunehmen sein. Aber 
auch die Kelten des Festlandes müssen, sicherlich schon in vorrömischer 
Zeit, geschickte Bergleute gewesen sein. Vgl. Caesar De bell. gall. 
VII, 22 von den Biturigen: Apud eos magnae sunt ferrariae atque 
omne genus cuniculorum notum atque usitatum est (dazu vgl. 
Diod. V, 27 und Strabo IV p. 191). Bemerkenswert ist auch, dass 
die gemeinkeltische Bezeichnung des rohen Metalls ir. meinj mianach, 
kymr. mwyn in dem Sinne von Bergwerk (frz. mf«e, ital. mina) in die 
romanischen Sprachen übergegangen ist. Wie hoch freihch das Alter 
dieses altgallischen Bergbaus anzusetzen ist, lässt sich nicht ermessen. 

Östlich des Rheins und nördlich der Donau scheint es (auch in. 
Skandinavien) an sicheren litterarischen oder archäologischen Spuren 
vorhistorischen Bergbaus zu fehlen. Tacitus Genn. Cap. 5 sagt aus- 
drücklich: Argentum et aurum propitiine an irati dii negaverint^ 
dubito, nee tarnen affirmaverim nullam Germaniae venam argentum 
aurumve gignere; quis enim scrutatus est?, und kennt nur im 
Osten an den vorderen Karpathen ein gallisches Sklavenvolk der Ger- 
manen, die Cotini, die, quo magis pudeat, et ferrum effodiunt (Cap. 43). 
Das Metall, welches in diesen Teilen Europas in vorhistorischer Zeit 
erscheint, muss daher von vornherein als auf Import beruhend auf- 
gefasst werden. 

Über das Alter und die Reihenfolge des Bekanntwerdens der ein- 



Bernstein. 71 

zelneu Metalle in Europa ist in besonderen Artikeln gehandelt worden, 
in denen anch näheres über ihre Fandstätten gesagt ist. S. auch u. 
Metalle. 

Bernstein. Harzige, dem Bernstein ähnliche Körper kommen 
ausser an der norddeutschen Meeresküste noch in vielen anderen Teilen 
Europas nnd ausserhalb desselben, z. B. in Oberitalien, Sicilien, Ru- 
mänien, Böhmen, am Libanon u. s. w. in natürlichem Zustand vor. Doch 
hat die Chemie den Nachweis geführt, dass der echte, durch einen er- 
heblichen Gehalt von Bernsteinsäure und andere Eigenschaften charak- 
terisierte Succinit ausschliesslich nördlicher Herkunft ist. Wo daher 
aus diesem hergestellte Objekte in prähistorischen Funden begegnen, 
weisen dieselben auf den Norden Europas als ihren Ausgangspunkt 
hin. Artefakte ans säurefreiem oder -armem Bernstein sind aus frühen 
Epochen so gut wie nicht nachgewiesen worden. 

Im Orient hat der Bernstein (Succinit) in alter Zeit niemals eine 
hervoiTagende Rolle gespielt, abgesehen von den Gräbern des Kaukasus 
zu Koban und Samthawro, in denen Virchow das Vorhandensein von 
Bernstein nachgewiesen hat. Doch gehören dieselben erst der ver- 
hältnismässig späten Hallstatt-Zeit an. 

Man hat es also bei dem Bernstein mit einer eminent 
europäischen Kulturerscheinung zu thun. Im Norden Europas 
hat man nun nach Massgabe der Funde zwei grosse Bernsteingebiete 
zu unterscheiden : ein ostbaltisches (Samland) und ein we st bal- 
tisches, von der Westküste der kimbrischen Halbinsel, also von der 
Nordsee ausgehend und sich über die Küstenländer der westlichen 
Ostsee (das Gebiet links der Oder bis über die Eibmündung, Schleswig- 
Holstein, Schw^eden und Dänemark) erstreckend. In diesen beiden 
Gruppen bildet der Bernstein den hervorragendsten Schmuck der jüngeren 
Steinzeit, während derselbe in den steinzeitlichen Pfahlbauten der 
Schweiz nur äusserst selten, in der neolithischen Epoche Oberitaliens 
gar nicht nachzuweisen ist. Der Bernstein ist also kein gemeinsamer 
Besitz der europäischen jüngeren Steinzeit, ein Umstand, der mit anderen 
(s. u. Salz) gegen die Annahme H. Hirts (I. F. I, 464 ff.) in die Wag- 
schale fällt, dass die Urheimat der Indogermanen, denen auch ein ge- 
meinsames Wort für den Bernstein fehlt, an der Ostsee zu suchen sei, 
wenigstens sobald man die älteste erreichbare Kultur der Indogermanen 
für identisch mit der in unserm Erdteil aufgedeckten neolithischen 
Kulturperiode hält (s. darüber u. Steinzeit, Metalle, Kupfer). Das 
angegebene Verhältnis ändert sich nun, sobald das Gold und die 
Bronze in Europa auftreten. In demselben Masse, in welchem diese 
beiden Metalle nach dem Norden vordringen, beginnt der Bernstein in 
dem Bereich des W^estbalticums zu verschwinden und dafür in Mittel- 
und Stideuropa aufzutreten, wo er bereits in den Schachtgräbern von 
Mykenae (in grosser Menge) und in den Pfahlbauten der Poebne, beide 



72 Bernstein. 

der reinen Bronzezeit angehörig^ vorkommt, und sich in seiner Bedeu- 
tmig als Schmuekmittel bis in die Eisenzeit (vgl. die zahlreichen Bern- 
steinfunde aus dem Gräberfeld von Hallstatt und in den Nekropolen 
von Villanova) erhält. Die Ursachen dieses Umschwungs liegen klar zu 
Tage. Es kann nicht wohl bezweifelt werden, dass es der Austausch des 
Bernsteins gegen Gold und Bronze war, welcher denselben dem Norden 
entftlhrte oder wenigstens als Schmuckmittel ihm entfremdete und dem 
Süden zubrachte. In letzterem sind seine Geschicke fernerhin schwan- 
kende gewesen. Die Griechen der klassischen Zeit verwarfen die Ver- 
wendung des Bernsteins im Kunstgewerbe, und dasselbe ist der Fall 
überall, wo griechischer Eiufluss vorherrschte, bis dann in dem Anfang 
der römischen Kaiserzeit aus unten näher zu erörternden Gründen das 
leuchtende Harz wieder in aufsteigendem Masse zu Ausehen kam. So 
ist es geschehen, dass die griechischen Autoren des Bernsteins nur 
gelegentlich als einer seltsamen Naturerscheinung gedenken, und dass 
der lat. Name des Bernsteins (sücinum), obwohl doch die Sache selbst 
seit Alters in Italien bekannt war, von älteren Autoren wie Plautus, 
Terenz, Cato gar nicht genannt, sondern erst von Plinius erwähnt 
wird (erst von Vergil das griech. electron). Ob dieses sücinum eine 
einheimische Bildung von sücus ,Saft' sei (man wusste im Süden früh- 
zeitig, dass der Bernstein eine Ausschwitzung von Bäumen sei), oder 
ob man in ihm ein Fremdwort (s. u.) zu erblicken habe, lässt sich 
nicht entscheiden. 

An Handelswegen, welche von dem westbaltischen Bernsteingebiet 
nach dem Süden führten, lassen sich drei unterscheiden. 1. Der durch 
Müllenhoff (Deutsche Altertumskunde I) ermittelte Seeweg aus der 
Nordsee durch den Ocean, eröffnet von den Phoeniciern und in ihren 
Geleisen noch von Pvtheas von Massilia befahren. Jedenfalls sind es 
Phoenicier, die bei Homer (Od. XV, 459) als Händler mit Bernstein- 
schmuck (fiXcKTpov) erscheinen. Leider hat auch dieser ältcstüberlieferte 
Name des Benisteins noch keine sichere Erklärung gefunden, Wahr- 
scheinlich kann er aber nicht von 6 fiXeKTpo<s ,Goldsilber' und i^XcKToip 
,Sonne' getrennt werden. Andere dagegen haben an eine Ableitung 
von dXeKuj ,wehre ab' gedacht, als ob der Bernstein von Anfang an als 
9uXaKTr|piov oder Amulet aufgefasst worden wäre, in welchem Sinne 
er später gebraucht wird. 2. Ein westlicher Landweg von 
der Nordseeküste entweder quer durch Gallien direkt zur Rhone oder 
durch die Rheinlande erst zum Oberlauf des Stromes und dann einer- 
seits zur Rhone, andererseits nach Ligurien und zum Po führend. 
Diese Strasse scheint zuerst in den schon von Aeschylus (Plin. XXXVII, 
31) und Euripides genannten Mythen vom Flusse Eridanos (Rhone, dann 
Po), den auch Hesiod schon nennt, hervorzutreten, an dessen ufern die 
Heliaden in Pappeln verwandelt Thränen vergiessen, die sich in Bern- 
stein umsetzen. Doch äussert sich Herodot (HI, 115) sehr skeptisch 



Bernstein. 73 

gegenüber der Existenz eines solchen Flusses, der sich nach ihm in das 
Nordmeer ergiesst (Rhein?). Nur das sei gewiss, dass der Bernstein 
wie das Zinn vom äussersten Norden Europas kämen. Genauere Kunde 
über diese Bernsteinstrasse hat dann Pytheas auf seiner Nordlandsfahrt 
gewonnen, die sich in dem Bericht des Diodorus Siculus V, 23 erhalten 
hat: TTi^ ZKuOia^ xfi^ uirtp Tf)V faXaiiav KaxavriKpu vf\a6q daxi ireXatia 
xaiä TÖv djKcavöv f| TTpocrafopeuo^evri BacriXeia. ei^ TauTi^v 6 KXubiuv 
kßdXXei baipiX^q xö KaXoujievov r^XcKxpov, oubainoO bfe xfiq oiKOu^^vr^q 

<paivö^€VOV xö fctp fjXcKxpov (Tuvctfexai fitv dv xq Trpoeiprijuevij 

vricroj, Ko^ttexai bfe uttö xvijv dfxiJ^piiAJv Ttpö^ xf|v dvxm^pa^ r^Tteipov, bi' 
i\q <p€p€xai TTpöq xou^ KaG' i\}iäq xötiou^ KaGöxiirpoeipriTai. Es ist 
aber in dem vorhergehenden Kapitel vom Zinnhandel von der gallischen 
Xordkttste zur Rhone die Rede (s. u. Zinn). Vgl. dazu Plinius Hist. 
nat. XXXVII, 35: Pytheas Guionibus {Gut onihu8\ MüUenhoflF: Teutonis) 
Germaniae genti accoli aestuarium oceani Metuonidis {Meconomon; 
MhfF. : Mentonomon) nomine spatio stadiorum sex milium, ab hoc diei 
natigatione abesse insulam Abalum, illo {electrum) per ver fluctibus 
advehi et esse concreti maris purgamentum, incolas pro ligno ad 
ignem uti eo proximisque Teutonis vendere. huic et Timaeus (der 
Gewährsmann des Diodorus s. o.) credidit, sed insulam Basiliam vocavit, 

Dass das Ligurerland, wo nach Theophrast (De lapid. § 53) auch 
einheimischer Bernstein gegraben worden wäre, ein wichtiger Depot- 
platz des Bernsteinhandels war, scheint auch aus einer bisher noch 
nicht genannten griech.-lat. Benennung des Bernsteins hervorzugehen: 
AiTupiov, dann volksetymologisch verdreht, Xu^KOupiov, XuYTO^Piov, ligu- 
rius, languriujrij lagurium etc., vorausgesetzt, was keineswegs sicher 
ist, dass diese Deutung des Wortes als Bernstein und als ,ligurische' 
(Ware) das richtige trifft. Endlich lässt sich auch an der Hand der 
Funde, die aber im Rheingebiet erst der Hallstatt- und La Tfeneperiode 
anzugehören scheinen, die angegebene Strasse verfolgen, wenn auch 
nicht so deutlich, wie dies bei dem ohne Zweifel ältesten und be- 
deutendsten Weg des Bernsteinhaudels, 3. dem östlichen Landweg 
oder der Eibstrasse der Fall ist. 

Diese lässt sich nach Massgabe der Funde als von der Elbmtindung 
zunächst bis Böhmen und Mähren führend erweisen, während der weitere 
Verlauf nach dem Süden bei dem umstand, dass in Ungarn und Nieder- 
österreich ältere Bernsteinfunde fehlen, noch nicht feststeht. Nach Plinius 
XXXVII, 43 wäre der Bernstein von den Germanen nach Pannonieu 
und von da durch die Veneter ans adriatische Meer gebracht worden, 
wo noch zur Zeit des Plinius Bauernweiber ßernsteinschmuck als 
Halsbänder trugen. Hier wäre Rhein- und Eibstrasse zusammeuge- 
troflFen. Doch vermutet Olshausen (s. u.), dass dieser von Plinius ge- 
nannte Weg nur für die Römerzeit gegolten habe und früher nicht 
i^owohl durch Pannonien als durch Noricum (vgl. die Bernsteinfunde der 
allerdings verhältnismässig späten Hallstätter Ansiedelung) geführt habe. 



74 Bernstein. 

Auf der Eibstrasse, an die Olshausen auch den Eridanosniythus anzu- 
knüpfen geneigt ist, lässt sich schliesslich am deutlichsten das Vorrücken 
gewisser Goldspiralen ans den südlichen Ländern in der Richtung auf die 
kimbrische Halbinsel (zum Eintausch des Bernsteins) verfolgen, auf der sie 
am zahlreichsten an der Westküste Jütlands, dem wichtigsten Ursprungsort 
des westbaltischen Bernsteins (vgl. S. Müller a. u. a. 0. S. 323), nachge- 
wiesen sind. Auf einer der beiden zuletzt genannten Strassen ist der ger- 
manische, an der Nordseeküste geltende Name des Bernsteins glesum, 
glaesum (agls. glcere) den Römern bekannt geworden. Das Wort kommt 
zuerst bei Plinius XXXVII, 42 vor : Certum est gigni in insulis 
septentrionalis oceani et ab Germanis appellari glaesum, itaque et 
ab nostris ob id unam insularum Glaesariam appellatam Gernia- 
nico Caesare res ibi gereute classibus Austeraviam a barbaris dictam 
(vgl. auch IV, 97), und wird dann von Tacitus, der nur das Samland 
als Bernsteinland kennt (Germ. Cap. 45), irrtümlich auf den Bern- 
stein der Ostsee angewendet. GlSsum steht in Ablaut zu der gemein- 
germ. Sippe ahd. glas, altn. gier (vgl. auch ir. glain, gloin ,61as', 
jKrystair aus "^glas-in-), die, da das Glas im Norden eine verhältnis- 
mässig junge Erscheinung ist, ebenfalls ursprünglich , Bernstein' bedeutet 
haben muss (s. u. Glas). In unserem Worte „Glas" wäre also 
der uralte germanische Name des Bernsteins erhalten. Der 
dabei anzunehmende Bedeutungswandel wiederholt sich in mehreren 
nordöstlichen Sprachen (vgl. liv. eVmas , Bernstein', finn. helmi ,Gla8perle'; 
russ. jantarl, magy. gyantdr , Bernstein', gyänta ,Harz', öeremissisch 
janddr ,Gla8'). S. auch über skythisch siialt-ternicum u. Glas. 

Noch oflFen ist die Frage, wann zuerst der Bernstein des Ostbalti- 
cums, also der samländische Bernstein, in die Kulturgeschichte Europas 
eintritt. Für den frühen Zusammenhang des Südens, ja schon der 
griechischen Pontusstädte, namentlich Olbias, mit Ostpreussen hat man 
sich früher auf eine Reihe von Münzfunden aus der Zeit vor Kaiser 
Augttstus im Küstengebiet der Ostsee berufen. Doch haben sich die- 
selben bei näherer Untersuchung (vgl. Olshausen Zeitschrift f. Ethno- 
logie 1891, Verhandl., S. 223) als hierfür nicht beweisfähig herausge- 
stellt. Günstiger für die Annahme frühzeitiger Verbindung Ostpreusseus 
mit Italien wäre es, wenn sich die Entlehnung des ital, ausom in das 
lit. duksas (s. darüber u. Gold) über allen Zweifel erheben Hesse. 
Doch ist zu bemerken, dass dieses sonst überall in Zusammenhang mit 
dem Bernsteinhandel auftretende Metall gerade in Ostpreussen vor der 
römischen Kaiserzeit nicht gefunden worden ist. Ebensowenig reichen 
ältere Bronzefunde ostwärts über das Gebiet des heutigen Mecklenburg 
hinaus. Auch zeigt sich von den (im übrigen dunklen) baltischen Be- 
nennungen des Bernsteins (lit. gintäraSy altpr. gentars, woraus russ. 
jantarl s. o.) nicht wie von germ. glSsum irgend eine Spur im Süden. 
Sichere Kunde des ostbaltischen Bernsteinlandes beweist daher erst 



Bernstein. 75- 

« 

Tacitus Genn. Cap. 45, wo er von den gentes Aestuorum, d. h. voa 
denLitaaem und Preussen folgendes erzählt: 8ed et mare scrutantury 
ac sali omnium sucinum, quod ipsi glaesum (s. u.) vocant, inter vada 
(üque in ipso litore legunt, nee quae natura quaeve ratio gignat, ut 
harharis quaesitum compertumve] diu quin etiam inter cetera eiecta- 
menta maris iacebat, donec luxuria nostra dedit nomen, ipsis in 
nullo usu : rüde legitur, informe perfertur, pretiumque mirantes^ 
accipiunt. Aach in diesem Bericht mischt sich freilich, ganz abgesehen 
Yon der Annahme des Schriftstellers, dass glisum ein Bernsteinname 
der A es tu er sei, Wahres und Falsches. Thatsächlich wurde auch in 
Ostpreussen der Bernstein seit uralter Zeit als Schmuckgegenstand 
verwendet (s. o.). Handelsartikel mag er dagegen hier erst kurze 
Zeit vor Tacitus geworden sein. Man bringt damit in Verbindung den 
schon oben angezogenen Bericht des Plinius XXXVII, 42—45 von der 
Reise eines römischen Ritters unter Nero nach dem Bernsteinlande: 
DC M. p. fere a Carnunto Pannoniae abesse Utus id Oermaniaey 
ex quo invehitur {sucinum), percognitum est nuper. vidit eques R, 
ad id comparandum missus ab Juliano curante gladiatorium munu» 
Xeronis principis, quin et commercia exercuit et litora peragravit, 
tanta copia invecta ut etc. Allerdings ist hier nur von der Küste 
Germaniens die Rede; aber die ungeheuere Menge des heimgebrachten 
Bernsteins dürfte auf eine neue Bezugsquelle desselben hinweisen. 
Umgekehrt werden nun auch grosse und reiche Funde aus der römischen 
Periode an der östlichen Bernsteinküste häufig (vgl. S. Müller a. a. 0. 
S. 326). 

Die Bezeichnungen des Bernsteins in den europäischen Sprachen 
sind im Vorstehenden mitgeteilt worden; doch bleibt noch einiges zu 
erwähnen übrig. Zunächst ein skythisches sacrium (Plin. XXXVII^ 
40), das einerseits an lat. sucinum (s. o.) und lit. sdkal ,Harz^ 
Gummi', andererseits an aegypt. sacal (Plin.; im Aegyptisehen selbst 
hat sich keine Benennung des Berasteins gefunden) anklingt. Im Ger- 
manischen hat neben glesum-glas noch ein zweiter alter Name de» 
Bernsteins bestanden : nordfries. reaf, altn. rafr, schwed. raf, dän. rav, 
der aber bis jetzt jeder Erklärung spottet. Neuere germanische Namen 
sind mhd. agetstein, eitstein, wohl identisch mit ahd. agatstein ,Achat', 
jMagnet' (denn auch der Bernstein zieht an), und nhd. bernstein ,Brenn- 
stein' (aus dem niederd. bornsten, in einem norwegischen Ausfuhr- 
verbot anno 1316: brennusstein-^ vgl. Jacob a. u. a 0. S. 362; klruss. 
bur^yn). 

In den keltischen Sprachen bestehen neben vielfachen Entlehnungen 
aus lat. electrum und rom. ambra (s. u.) einige einheimische, aber 
noch ganz dunkle Bernsteinnamen, wie kymr. gwefr (*vebr-) und bret. 
goularz, die eine eigene Untersuchung verdienten. Vielleicht weisen 
sie im Zusammenhang mit gewissen archäologischen Thatsachen auf 



76 Bernstein — Bestattung. 

das Bestehen eines dritten nordischen Bernsteinreiehs, eines britan- 
nischen, hin. 

In den romanischen Sprachen hat weder lat. sücinum, noch electrtim 
Fuss gefasst. Der Bernstein heisst hier vielmehr ital. ambra, sp. pg. 
ambar, al-ambar, in. ambre (mhd. amber, ämer), entlehnt aus arab. 
dnbary uraprünglich ein animalisches harziges Produkt (der Nierenstein) 
vom Pottfisch, während der eigentliche arabische Ausdruck für den bal- 
tischen Bernstein kahrubä ist. Doch fuhren diese Ausdrücke bereits 
zu den von K. G. Jacob (Neue Studien den Bernstein im Orient be- 
treffend, Z. d. D. Morgenl. Ges. XLIII, 353 ff.) behandelten mittel- 
alterlichen Beziehungen der Araber zu den Erzeugnissen des hohen 
Nordens. 

Vgl. F. Waldmann Der Bernstein im Altertum, Fellin 1883 und 
besonders Olshausen Über den alten Bernsteinhandel der kimbrischen 
Halbinsel und seine Beziehungen zu den Goldfunden (Zeitschrift für 
Ethnologie, Verhandlungen 1890 S. 270 ff. und 1891 S. 286 ff.), wo 
auch die ungemein grosse Litteratur über die Bernsteinfrage verzeichnet 
ist. Zuletzt: P. Moldenhauer Das Gold des Nordens. Ein Rückblick 
auf die Geschichte des Bernsteins, Danzig 1894, S. Müller Nordische 
Altertumskunde I, 316 ff. und H. Blümner Artikel Bernstein in Pauli- 
Wissowas Realencyklopädie. 
Beryll, s. Edelsteine. 

Beschwörung, s. Arzt, Dichtkunst, Eid, Priester, Religion. 
Besitz, s. Eigentum. 

Bestattung. Eine Zeit, in welcher man den Toten noch keine 
pietätvolle Fürsorge zuwandte, sondern sie nur flüchtig an dem Platze 
verscharrte, auf dem man hauste, liegt in der palaeolithischeu 
Epoche unseres Erdteils vor (vgl. S. Müller Nordische Altertumskunde 
I, 22 ff., 368 f.), die (s. u. Steinzeit) keinerlei Beziehung zu Indo- 
germanentum und indogermanischer Kultur zeigt. 

Solange wir Indogermanen kennen, ehren sie ihre Toten mit einer 
dauernden Wohnung, und seit grauer Vorzeit bis auf den heutigen Tag 
ringen bei ihnen zwei Formen der Bestattung, Begraben und Ver- 
brennen, mit abwechselndem Glück um die Vorherrschaft. Ihnen gegen- 
über treten andere Bräuche, wie der von den Zoroastriern und den 
persischen Magiern (Herod. I, 140) geübte, die Toten Hunden, Vögeln 
und reissenden Tieren zum Frasse auszusetzen, oder die Sitte meeran- 
wohnender Germanen, die Leiche im Kahn auf das offene Meer hinaus- 
treiben zu lassen, an Bedeutung gänzlich zurück. 

Die Hauptfrage ist daher, ob das angegebene schwankende Ver- 
hältnis zwischen Verbrennen und Begraben von jeher dasselbe bei den 
Indogermanen gewesen sei, oder ob sich für das eine oder das andere 
ein historisches prius erweisen lasse. — Das homerische Griechenland 
kennt nur den Leichenbrand, zu dem als ein notwendiger Bestandteil aber 



Bestattung. 77 



'ö 



die Beisetzung der Urne mit dem verbrannten Gebein des Verstorbenen 
im Hügel gehört; BdTrreiv ,begraben' wird daher auch gebraucht, wo 
Kä€iv jbrennen' gemeint ist. Anders aber ist es in dem vor homerischen 
Hellas gewesen, in das uns die Ausgrabungen in Mykenae, Tirjnis, 
in Attika und sonst einen Blick verstattet haben. In den Schachten, 
Kammern und Gewölben, welche hier zu Tage getreten sind, wurden 
die Toten unverbrannt und teilweis in muraificiertem Zustand beigesetzt,, 
wenn sich auch Spuren einer teilweisen Verbrennung der Leichen ge- 
funden haben, die aber wohl von dem im Grabe selbst vollzogenen 
Opferbrand herrührten, dessen heisse Asche über den Leichnam ge- 
Bchüttet wurde (vgl. Schliemann Mykenae passim und dazu Naae Die 
Bronzezeit in Oberbayem S. 50^ sowie Olshausen Zeitschrift für Eth- 
nologie 1892 Verh. S. 129 flf. über Leichenverbrennung, S. 163 flf. über 
Teilverbrennung). Unter diesen Umständen gewinnt es den Anschein, 
dass, wenn im historischen Griechenland Begraben und Verbrennen 
neben einander vorkommen, (vgl. GöU Privataltert. S. 157, Rohde 
Psyche II*, 225*), eben dieser erstere Brauch als der ursprünglichere 
anzusehen ist (vgl. auch Mau Artikel Bestattung in Pauli-Wissowas 
Realencyklopädie und A. Engelbrecht Erläut. z. hom. Sitte der Toten- 
bestattung, Festschrift f. 0. Benndorf. Wien 1898 S. 1 flf.). 

Es stimmt hiermit überein, dass im alten Rom eine feste Über- 
lieferung bestand, nach welcher dem „B^ennalter" das Begraben vorauf- 
giög. Vgl. Plinius Hist. nat. VII, 187: Ipsum cremare apud Romano» 

non fuit veteris instituti\ terra condebantur et tarnen mtiltae 

familiae priscos servavere rittis, sicut in Cornelia nemo ante Sullam 
didatorem traditur crematus (vgl. auch Cicero De leg. II, 22, 56). 
Auf dasselbe weisen verschiedene alte Bräuche, wie vor allem der, bei 
der Verbrennung von Leichen ein Glied des Körpers abzuschneiden, 
nnd besonders zu begraben, und endlich stimmen hiermit auch die Er- 
gebnisse der Ausgrabungen in so fern überein, als die vor nicht langer 
Zeit aufgedeckte Nekropole an der Porta Esquilina in ihrer untersten 
Schicht in Felsen gehauene Grabkammern mit unverbrannten Leichen 
enthielt (vgl. Marquardt Privatleben I, 330 flf.). Aber auch die Sitte 
des Verbrennens muss in Rom und Latium sehr alt sein. Zwar bestand 
eine alte lex regia (vgl. M. Voigt Leges regiae S. 627) über den 
Kaiserschnitt, welche lautete: Negat lex regia mulierem, quae prae- 
gnans mortua sity humari, antequam partus ei exctdatur, die also 
Beerdigung voraussetzt; aber schon von Nuraa (Plutarch Cap. 22) wird 
berichtet, dass er die Verbrennung seines Leichnams verboten hätte,, 
wonach diese Bestattungsart jedenfalls bekannt gewesen sein muss. Die 
XII Tafeln (ed. Schoell) lassen beides zu, wie die Bestimmungen der 
tabula X zeigen: 1. hominem mortuum in urbe ne sepelito neve 
urito (vgl. Cicero De leg. II, 23, 58), 2. hoc plus ne facito : rogum 
(i^cea ne politOj 8., 9. neve aurum addito. cui aiiro dentes iuncti 



78 Bestattung. 

^scunt, ast im cum illo sepeliet uretve, se fraude esto etc. Aschen- 
uruen zeigt auch bereits die zweite Bodeuschiebt des oben genannten 
Gräberfelds am esqailiniseben Thore ebenso wie die Nekropole von 
Alba Longa (über die näheres bei Heibig Die Italiker in der Poebene, 
passim). Indem wir einige Angaben über die nördlicheren Teile Ita- 
liens für das spätere zurückstellen, wenden wir uns unmittelbar den 
idg. Völkern Nordeuropas zu. 

Bei Kelten und Germanen kennen die ältesten römischen Au- 
toren nur den Leichenbrand. Vgl. für die Gallier Caesar De bell, 
gall. VI, 19: Funera sunt pro cultu Gaüorum magnifica et sump- 
tuosa; omniaque, quae vivis cordi fuisse arbitrajitur, in ignem in- 
ferunty etiam animalia, ac paulo supra hanc memoriam servi et 
clientes, quos ab iis dilectos esse constahat, iustis fu7ieribus confectis 
una cremabantur (vgl. dazu über die späteren irischen Zustände O' 
Curry Manners and customs I, CCCXIX flF.), für die Germanen 
Tacitus Germ. Cap. 27 : Funerum nuila ambitio : id solum observatuTy 
ut Corpora clarorum virorum certis lignis crementur. struem rogi 
nee vestibus nee odoribus cumulant : sua cuique arma, quorundam 
igni et equus adicitur. sepulcrum caespes erigit. Diese Nachricht 
des Tacitus wird bestätigt sowohl durch reichliche litterarische Zeug- 
nisse (gesammelt von J. Grimm über das Verbrennen der Leichen Kl. 
Sehr. Ily 211 if.), namentlich aus dem skandinavischen Norden, wie 
Auch durch zahlreiche Gräberfunde mit verbrannten Leichenresten. Die 
metallischen Beigaben dieser letzteren bestehen aus Bronze und Eigen. 
Aber vor ihnen liegen auf demselben Boden ältere Gräber, Dolmen, 
Ganggräber und Steinkisten (s. auch u. Stein bau) mit unverbraunten 
Leichen, die nach ihren Beigaben entweder in die Steinzeit oder eine 
ältere Epoche der Bronzezeit gehören. War man nun früher der Mei- 
nungy dass diese Verschiedenheiten der Bestattungsarten und der zu 
den Totenbeigaben verwendeten Stoffe auf einem Wechsel der Bevöl- 
kerung in den nordgermanischeu Landen beruhten^ so mehren sich ia 
neuerer Zeit die Anzeichen dafür, dass in den angeführten Erscheinungen 
Glicht ein plötzlicher, durch neue Einwanderungen veranlasster Umschwungs 
aller Lebensverhältnisse sich offenbart, sondern vielmehr ein ganz all- 
mählicher Übergang derselben Bevölkerung vom Begraben zum Ver- 
brennen, vom Stein zur Bronze. So begegnen an vielen Orten zuerst 
.grosse Steinkisten von Manneslänge mit der unverbrannten Leiche, 
dann treten ebenso grosse Kisten auf, die aber nur ein kleines Häuflein 
verbrannter Knochen enthalten, und erst nach und nach werden die 
Gräber kleiner, dem neuen Bedürfnisse der Leichenverbrennung ange- 
passt (ähnliches aus Assarlik in Karlen und den hom. Epen bei Engel- 
brecht a. a. 0. S. 4). Sind diese Anschauungen begründet (vgl. namentlich 
0. Montelius Archiv f. Anthropologie XVII, 151 ff.), so ist zugleich der 
Nachweis geliefert, dass auch bei den Germanen die Leichen in der 
ältesten Zeit begraben und nicht verbrannt wurden. 



Bestattung. 79 

Der Osten Europas trägt vorläufig zur Entscheidung unserer Frage 
nichts wesentliches bei. Die Nachrichten über die litu-preussischen 
und slavischen Stämme kennen beide Bestattungsarten. Vgl. z. B. den 
Friedensvergleich zwischen dem deutschen Orden und den Preussen vom 
Jahre 1249: Promiserunt quod ipsi et heredes eorum in mortuis 
comburendis vel subterrandis cum equis swe hominibus vel cum 
armis seu vesübus vel quibuscumque aliis preciosis rebus vel etiam 
in aliis quibuscumque ritus gentüium de cetera non servabunt. Wei- 
teres vgl. bei V. Hehn Kulturpflanzen und Haustiere ^ S. 521 ff. und 
Krek Einleitung in die slav. Litg.* S. 424 fr. Eine ausführliche Be- 
schreibung der Bestattungsbräuche bei den heidnischen Russen, bei 
denen sich Slavisches mit Ostskandinavischem mischt, findet sich bei 
dem Araber Ibn-Fozlan bei Frähn S. 13. Ganz wie im skandinavischen 
Norden wird hier der tote Häuptling in ein Schij9f gesetzt und mit ihm 
verbrannt. Hinwiederum nennt ein anderer, und zwar einer, der 
ältesten arabischen Schriftsteller über Russland, Ihn Dustah (um 912 
ü. Chr.), ausdrücklich das Begraben, indem er berichtet: „Stirbt ein 
hervorragender Mann, so machen sie ihm ein Grab in Gestalt eines 
grossen Hauses, legen ihn hinein, und mit ihm zusammen legen sie 
in dasselbe Grab seine Kleider sowie die goldenen Armbänder, die er 
getragen, femer einen Vorrat Lebensmittel und Gefässe mit Getränken 
und Geld. Endlich legen sie das Lieblingsweib des Verstorbenen 
lebendig in das Grab, schliessen den Zugang, und die Frau stirbt so 
darin" (vgl. W. Thomsen Der Ursprung des russischen Staates S. 28). 
Auch dies aber wird nur ein Wiederhall skandinavischen Brauches 
sein; denn auch in Norwegen stossen wir in der jüngeren Eisenzeit 
auf stattliche gezimmerte Holzkammern, in denen Leichen teils auf 
gestopften Kissen lagen, teils auf Stühlen sassen (vgl. 0. Montelius 
Die Kultur Schwedens^ S. 193). Ebenso wie die Russen, kennen die 
Thraker beide Bestattungsweisen (vgl. Herodot V, 8: laqpai hk toicti 
€vba\\ioa\ auTujv elcTi aibe • ipeic; intv fmepa«; TrpoTiB^acTi töv veKpöv, 
xai TTavTOia atpdlavTe^ \pr\ia euuixoövtai, TrpOKXau(TavT€(; TipiuTOv • fTreitev 
6€ OdTTTOucJi KttTaKaucTavTe^ f{ fiXXu)^ y^ Kpuqiavte^, x^MCt bk 
X^avT€^ dTUJva TiBeidi TravToTov), während die ausführliche Beschreibung 
des Leichenbegängnisses eines skythischen Königs bei Herodot (IV, 71, 
72) lediglich Beerdigung voraussetzt. Mit den von Herodot beschrie- 
benen thrakischen Grabhügeln scheinen aber die zahlreichen in Thrakien 
selbst und den angrenzenden Ländern sowie in der Troas und Phrygien 
sich findenden Tnmuli identisch zu sein, von denen freilich bis jetzt nur 
einer (bei Bos-üjük, dem antiken Lamuria in Phrygien) genauer unter- 
sucht, in acht Schichten der troischen Keramik entsprechende Thon- 
waren, Tierknochen von Rindern, Ziegen, Damhirschen, zuletzt auch 
menschliche Gebeine, vermutlich von geopferten Sklaven enthielt. Bis 
7.1k dem Verstorbenen selbst, dessen Überreste jedenfalls nicht in einer 



80 Bestattung. 

Grabkammer lagen, ißt man aber noch nicht vorgedrungen (vgl. P. 
Kretschmer Einleitung S. 174 flf.). 

So bleiben die arischen Verhältnisse kurz zu bedenken. Die Perser 
begruben, wie Herodot I, 140 (KaTaKr|puüaavT€(; bi\ liv töv vckuv TTepaai 
Tri KpuTTTOudi) ausdrücklich hervorhebt, ihre Toten. Auch im Awesta 
wird Totenbegrabung neben Totenverbrennung (bei anderen Stämmen) ge- 
nannt. Auf die Gebräuche der Magier und der Anhänger Zoroasters wurde 
schon oben hingewiesen (vgl. auch W. Geiger Ostiran. Kultur S. 262 flF.). 
Die vedischen Zustände fasst Oldenberg Die Religion des Veda S. 570 
folgendermassen zusammen: „Die Verbrennung war die normale, aber 
keineswegs allgemein durchgeführte Bestattungsform des ve- 
dischen Zeitalters Der Rigveda (X, 15, 14) spricht von den 

Toten — und zwar nicht etwa gemeinem Volk, Nichtariern u. s. w., sondern 
den in Himmelsfreuden lebenden frommen Vorfahren — ,die vom Feuer 
verbrannt und die nicht vom Feuer verbrannt sind', und neben diese 
Stelle setzt der Atharvaveda (XVIII, 2, 34) einen Vers, in welchem 
ähnlich, aber mit konkreterer Wendung Agni angerufen wird : ,Die Be- 
grabenen und die Weggeworfenen, die Verbrannten und die Ausge- 
stellten: die alle führe herbei ,Agni, die Väter, dass sie vom Opfer 
essen'" (über die uddhitäh , Ausgestellten' s. u. Alte Leute). In den 
Ritualtexten wurde nach Oldenberg das Begraben nicht berücksichtigt 
(vgl. auch Zimmer Altind. Leben S. 401 ff.). 

Überblickt man die im bisherigen aufgeführten Thatsachen, so ergiebt 
sich, besonders im Hinblick auf die altgriechischen, altrömischen und 
altgermanischen Zustände, der Schluss, dass die Indogermanen in 
ältester Zeit ihre Toten begraben haben. Ein idg. Ausdruck 
für die Bezeichnung der Beisetzung der Leiche oder des Ortes, wo dies 
geschieht, ist bis jetzt nicht gefunden worden. Am weitesten geht die 
Übereinstimmung in der Reihe von altpr. Jcopts, enkopts ,begraben', lit. 
käpas jGrabhüger, lett. Tcapu mäte ,Grabesgöttin' (Usener-Solmsen Götter- 
namen S. 107), griech. KdireTO^ ,Grab' (vgl. Jl. XXIV, 795 ff.), ,Grube', 
IsLt.capulns ,Sarg'; doch bedeuten lit. kapöti, altsl. kopati nur ,hacken' 
oder ,graben' (begraben : lit. pakästiy russ. choroniti u. s. w.). Sehr alter- 
tümlich ist lat. sepelio, wenn es richtig mit scrt. sapary ,dienen, hul- 
digen, ehren' verglichen wird. Dis lat. Verbum hätte dann seinen 
Ursprung im Totendienst, wie auch lat. fünus .Leichenbegängnis*, das 
man dem griech. Goivri ,Mahr, »Opfermahl' etymologisch gleichsetzen 
kann, sich ursprünglich auf das Totenmahl (silicernium) bezogen haben 
könnte. Auch das griech. 0d7TTuj, Tdcpoq ist noch nicht sicher erklärt» 
Vf. hat ahd. func ,Grube', ,unterirdische Wohnung' herangezogen (so 
jetzt auch F. Kluge Et. W. ^ s. v. Dung), und man könnte auch an den 
awestischen Ausdruck dayma- denken, der (nach E. Wilhelms Mittei- 
hing) im persischen Wörterbuch mit ,Haus, in dem man die Feueran- 
beter begräbt', erklärt, im Pehlevi durch asUidän ,Knochenbehälter' 



Bestattung. 81 

wiedergegeben wird, und im Avvesta den Platz der Aussetzung der 
Leichen bezeichnet. Die idg. Grundfoim aller drei Wörter wäre dann 
*dhtikh'. Auf keinen Fall gebt OäTTTUj, wie J. Grimm a. a. 0. S. 223 
glaubte, ursprünglich auf das Verbrennen (scrt. tap, lat. tepeo, griech. 
T€(ppa , Asche'), und auch aw. dax^na- kann nicht mit W. Geiger 
a. a. 0. S. 268 zu aw. daiaiti = scrt. dähati ,er verbrennt' gezogen 
werden. Im Gotischen wird griech. GdTriu) durch ganawiströn ( : naas 
jToter', woraus wahrscheinlich altsl. navi ,Toter', altpr. nowis ,Rumpf' 
entlehnt sind, = aw. nasu-y griech. v^ku^ ,Leiche'; vgl. jedoch 0. Hoifmann 
B. B. XXV, 107) und ßhan {ga-filh, us-filh »Begräbnis', filigri ,Höhle') 
übersetzt. Die Grundbedeutung des letzteren Ausdrucks ist KpuTrieiv. 
Ein Etymon ist noch nicht gefunden (doch s. u. Torf), ebenso wenig 
für got. aürahi ,Grabeshöhle\ Vgl, noch für ,Grab' das gemeingerm. got. 
Mahc, run. hlaiwa {hlaiwidö ,ich begrub'), agls. hldw, alts. hleo, ahd. 
Wo jGrabhüger, ,Grab8tein', ,Grabdenkmar, ferner altndd. hurgisli, agls. 
hyrgeh ,Grabhüger : agls. byrgan ,begraben' und ahd. grab = altsl. 
grobü ,Grab, Sarg' : got. graban ,graben' (nicht ,begraben'). Ein ge- 
meingerm. Name des Scheiterhaufens scheint nicht nachweisbar 
(nordische Bezeichnungen bei Weinhold Altn. Leben S. 481, agls. bcel 
und dd = griech. alGo^ ,Brand', scrt. e'dhas- ,Brennholz', mhd. räz 
,Scheiterhaufen', eigentl. ,Gewebe', vgl. F. Kluge Et. W.^ s. v. Eoss* 
u. a.). 

Zu der Zeit, als sich die Indogermanen über Europa verbreiteten 
nud nach Ankunft in ihren Stammsitzen herrschte also bei ihnen die 
Gewohnheit, ihre Toten in Felsenhöhlen, Steingräbern oder Grabhügeln 
un verbrannt beizusetzen, eine Sitte, die später nach und nach durch 
den Leichenbrand zwar nicht beseitigt, wohl aber, hier mehr, dort 
weniger, eingeschränkt wurde. Es knüpfen sich hieran die drei Fragen, 
wann diese neue Bestattungsweise zuerst aufgekommen sein möge, 
welche Gedanken ihr zu Grunde liegen, und ob sich der Aus- 
g:angspunkt bestimmen lasse, von wo die neue Sitte ihren Zug durch 
Europa antrat. 

In chronologischer Beziehung haben schon die obigen Ausführungen ge- 
zeigt, dass der Leichenbrand in unserem Erdteil erst aufgekommen sein 
kann, nachdem der Gebrauch der Bronze (s. u. Erz) sich in demselben 
verbreitet hatte. Nar ausnahmsweise lassen sich Spuren desselben in der 
Steinzeit, wie es scheint, namentlich in Thüringen, nachweisen (vgl. Ols- 
haosen a. a. 0. S. 163). Ganz aber wie im skandinavischen Norden im 
Beginn des Bronzealters noch in Steinkisten oder Baumsärgen begraben 
wurde, ebenso ist in Mitteleuropa, wie die Untersuchungen der Hügel- 
gräber zwischen Ammer- und StaflFelsee und in der Nähe des Starn- 
bergersees (vgl. J. Naue Die Bronzezeit in Oberbayern) gezeigt haben, 
die Leichenbegrabnng (hier meist in gewölbartig gebauten Grabhügeln) 
während der älteren Bronzezeit noch in ausnahmslosem Gebrauch, und 

8clirmder, R«aUexikon. 6 



82 Bestattung. 

erst während der jüngeren Bronzezeit wird die Verbrennung der Leichen 
zur Regel; die aber noch immer der Ausnahmen nicht entbehrt. Zur Zeit 
des ersten Auftretens des Eisens finden sich beide Bestattungsarten in ver- 
schiedenem Verhältnis beieinander. Das berühmte Gräberfeld von Hall- 
statt weist 455 Brandgräber und 525 Beerdigungen auf, wozu dann noch 13 
Fälle einer teilweisen, auch in Oberbayem nachweisbaren Verbrennung 
kommen. Zugleich aber erhellt aus den völlig gleichen Beigaben, dass 
ein zeitlicher Unterschied zwischen beiden Arten der Bestattung nicht 
bestand (vgl. v. Sacken Das Grabfeld von Hallstatt S. 16). In Ober- 
italien auf dem Begräbnisplatz von Villanova (unweit Bolognas), der 
ebenfalls der ältesten Eisenzeit angehört, stiess man auf 14 Skeletgräber 
zwischen 193 Urnengräbern, während bei den in der Nähe gelegenen 
und ungefähr gleichzeitigen Gräberfunden bei Schloss Marzabotto sich 
das Verhältnis von Skelet- und Brandgräbern hinsichtlich der ersteren 
günstiger stellte (vgl. Undset Das erste Auftreten des Eisens in Nord- 
Europa). Wohin man blickt, überall kein plötzlicher Bruch, sondern 
ein allmähliches Aufkommen der neuen Bestattungsart. 

Welche Gedanken mögen sie ins Leben gerufen haben? 
Auf diese Frage hat neuerdings E. Rohde eine geistreiche und vielleicht 
richtige Antwort gegeben. 

U. Ahnenkultus ist gezeigt worden, dass in der Urzeit und bis tief 
in die historischen Zeiten die Auffassung herrschte, dass auch nach 
dem Tode des Menschen seine Seele noch in der Nähe des toten Leibes 
hause, und durch ihr Wiedererscheinen leicht den Lebenden gefähr- 
lich werden könnte. Man hält es daher für notwendig, diese Seele 
von Zeit zu Zeit mit Speise und Trank zu laben. Auch giebt man 
dem Leichnam Schmuck, Waffen, Werkzeuge, Gefässe mit allerhand 
Lebensmitteln, kurz die verschiedensten Gaben mit, wie sie schon in 
der Steinzeit regelmässig gefunden werden. Auf demselben Gedanken 
beruht der Brauch, der sich aber, namentlich im Norden, erst aus ver- 
hältnismässig später Zeit belegen lässt (vgl. S. Müller a. a. 0. 418), an 
dem Grabe des Verstorbenen Pferde, Hunde, Diener und vor allem die 
Frau oder eine der Frauen des Dahingeschiedeneu (s. u. Witwe) 
zu schlachten. Das Weib hat der Lust des Verstorbenen im Leben 
gedient, sie soll es auch im Tode thun. So thut man alles, um die 
Seele des Toten, die noch in unheimlicher Nähe weilt, zufrieden zu 
stellen. Wie nun, meint Rohde (Psyche P, 31 ff.), wenn man in dem 
Feuer das taugliche Mittel gefunden zu haben glaubte, um eine schnelle 
und gänzliche Abtrennung der Seele von dem Lande der Lebenden 
zu bewirken? „Schneller als Feuer kann nichts den sichtbaren Doppel- 
gänger der Psyche verzehren: ist dies geschehen, und sind auch die 
liebsten Besitztümer des Verstorbenen im Feuer vernichtet, so hält kein 
Haft die Seele mehr im Diesseits fest. So sorgt man durch Verbrennung 
des Leibes für die Toten, die nun nicht mehr rastlos umherschweifen. 



Bestattung. 83 

loehr noch fQr die Lebenden, denen die Seelen, in die Erdtiefe ver- 
baoDt, nie mehr begegnen können.^ Zu derselben Auffassung ist nach 
Bohde, aber unabhängig von ihm, auch S. Müller in seiner oft genannten 
nordischen Altertumskunde I, 363 ff. gekommen. 

Was sich gegen diese Erklärungen, die die ältere Deutung J. Grimms 
{a. 0. a. 0.) aus einer angeblichen Opferung der Gestorbenen an die 
Gottheit ersetzen sollen, einwenden lässt, ist, dass, wenn der Leichen- 
brand den Toten von allem Irdischen scheiden soll, man nicht recht 
versteht, warum man auch bei der Leichenverbrennung damit fortfuhr, 
die Seelen mit Speise und Trank zu laben, und an Totenbeigaben wie 
frQher festhielt. Man müsste alsdann annehmen, dass der altehrwttrdige 
Brauch, auch nachdem er sinnlos geworden war, noch festgehalten wurde, 
and dass das, was früher zum wirklichen Gebrauch des Toten bestimmt 
war^ jetzt mehr als Andenken und Liebeszeichen für denselben aufge- 
fasst ward. Thatsächlich scheinen in der jüngeren Bronzezeit die 
Totengaben, die damals noch nicht auf den Scheiterhaufen gelegt 
worden, ärmlicher und willkürlicher als früher zu sein. Abermals eine 
neue Phase des Glaubens bezeichnete dann die Vorstellung, dass die 
Totengaben, zusammen mit dem Toten verbrannt, ihm in das bessere 
Jenseits folgten und dort ihm nützlich wären (vgl. S. Müller a. a. 0. 
S. 416 ff.). 

Xaturgemäss wird man auf diesem Gebiete sich in einander schie- 
bender und über einander schichtender Vorstellungen niemals über 
mehr oder weniger wahrscheinliche Vermutungen hinauskommen. 

Dass die Gewohnheit, die Toten zu verbrennen, statt zu begraben, 
überall da, wo sie begegnet, neu entstanden sei, wird man für wenig 
wahrscheinlich halten. Unzweifelhaft liegt auch hier die weltweite 
Wanderung eines Brauches von Volk zu Volk vor, dessen Ausgangs- 
punkt sich noch ahnen lässt. Wir haben oben gesehen, dass der 
Leichenbrand in den Fusstapfen der ihm geraume Zeit voraufgegangenen 
Bronze auftritt, deren Ursprünge (s. u. Erz) aller Wahrscheinlichkeit 
nach in den Euphrat- und Tigrislandschaften zu suchen sind. Sollte nicht 
auch der Leichenbrand von hier seinen Ausgang genommen haben? 
Im Jahre 1887 sind in Babylonien die beiden Trümmerstätten Surghul 
und El Hibba im Lande der Chaldäer eingehend untersucht worden, 
wobei ungeheuere Nekropolen als gemeinsame Ruheplätze der Reste 
im Feuer verbrannter Leichen zu Tage getreten sind (vgl. R. Koldewey 
in der Zeitschrift für Assyriologie II, 403 ff.). Es ist, als ob der Mensch 
hier eine Schule der Leichenverbrennung durchgemacht habe. Leichen 
finden sich, die gänzlich eingeäschert sind, Leichen, die nur zum Teil 
verkohlt sind, Leichen, die kaum eine Spur der Verbrennung tragen. 
Man kann „Leichengräber" und ^ Aschengräber" unterscheiden; bei den 
erateren sind die Reste der Verbrennung auf ihrem Platze unberührt 
liegen geblieben, bei den letzteretf in besondere Gefässe gesammelt worden. 



84 Bestattung — Beutel. 

Auch Beigaben aller Art finden sich, sowohl solche, die mit dem 
Toten verbrannt wurden, als auch solche, die nachher an dem Grabe 
oder in den Totenhäusem — denn auch solche sind nachgewiesen — 
niedergelegt wurden. Wenn wir es demnach in Surghul und El Hibba 
zweifellos mit den Ruinen altbabylonischer Feuernekropolen zu 
thun haben, so ist der Leichenbrand doch kaum eine semitische 
Erfindung. Altsemitischer Brauch ist vielmehr das Begräbnis der Toten, 
wie es sich bei Hebräern, Phoeniziem und Arabern findet, die mit dem 
Babylonisch-Assyrischen auch das Wort hebr. qäbar ,begraben' gemein 
haben. Fritz Hommel (brieflich) ist daher der Meinung, dass das Ver- 
brennen der Toten eine Einrichtung der Sumerer sei, auf die (s. u. 
Erz) wohl auch die Erfindung der in jenen Nekropolen vielfach nach- 
gewiesenen Bronze zurückgeht. 

In Europa hat sich der Leichenbrand neben dem Begräbnis wie In- 
der älteren Eisenzeit (s. o.), so später erhalten, bis die christliche Kirche, 
die dem alten Testament ihre Vorliebe für das Begräbnis verdankte, 
sowohl der Verbrennung wie auch der Bestattung in Hügeln u. dergl. 
statt auf dem gottgeweihten Kirchhof ein Ende machte. — S. noch 
u. Friedhof und u. Sarg. 

Betonle. Betonica officinalis L. ist eine schon von Griechen 
und Römern geschätzte Heil- nnd Zauberpflanze. Bereits im Altertum 
war eine (fälschlich) dem Leibarzt des Augustüs, Antonius Musa, zuge- 
schriebene Abhandlung De herba Vettonica vorhanden, in der die 
Pflanze als Heilmittel gegen 47 Krankheiten empfohlen wurde. Über 
den Namen griech. ßeTTOviKrj (Diosk.), lat. vettonica äussert sich 
Plinius XXV, 84: Vettones in Hispania eam quae Vettonica 
dicitur in Gallia, in Italia autem serratula, a Graecis cestros 
aut pgychrotrophon, ante cunctas laudatissima. Der Ausgangs- 
punkt des Wortes ist also wohl im Altgallischen, wo auch der Mistel- 
aberglaube (s. u. Mistel) wurzelt, zu suchen. 

In Deutschland begegnet die vittonica in den zwei Inventaren kaiser- 
licher Gärten vom Jahre 812. Ein agls. Kräuterbuch (vgl. Hoops Alt- 
engl. Pflanzenn. S. 45) beschreibt die Wirkungen der Mtönice genaa 
mit den Worten des Dioskorides. Bei der heiligen Hildegard heisst 
die Pflanze, wie auch in lat. Glossen pandonia, deutsch bafhenia, 
beides, wie auch die neueren batänie, battunie^ patönig u. s. w. Ver- 
stümmlungen aus bettonica. Vgl. noch agls. biscopwyrt und nhd. pfaffen- 
blume (Pritzel und Jessen Deutsche Volksn. S. 388). Poln. etc. buJctoica 
,Betonie' : buJc ,Buche' (vgl. Miklosich Et. W. d. slavischen Spr.). — 
Andere Heilpflanzen s. u. Arzt. 

Bett, s. Hausrat. 

Bettler, s. Reich und arm. 

Beute, s. Krieg. 

Beutel, s. Geldbeutel. 



Bewaffnung — Biene, Bienenzucht. 85 

Bewafftaang^ s. Waffen. 

Bezahlangsmittel, s. Oeld. 

Biber. Er war schon den Indogermanen bekannt und ursprüng- 
lich über fast ganz Europa verbreitet. Auch in der südrussischen Steppe 
(s. a. Urheimat) kam er noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts 
in den Gouvernements Simbirsk und Kasan vor (vgl. A. Nehring Tun- 
dren und Steppen S. 105 und Z. d. Gesellsch. f. Erdkunde zu Berlin 
XXVI, 322). Sein idg. Name lautet aw. bawri- (scrt. habhrü- ,braun*, 
^grosser Ichneumon^? lat. flber (das späte heber aus dem Germanischen), 
körn. befeTy ahd. bibar (bibarizzi, bibarwurz ,castoreum'), lit. bibrus, 
altsl. bebrü. Im Litauischen besteht noch däJbras. Ob es zu lat. fäber 
^Künstler', got. gaddfs ,schicklich', lit. dabinü ^schmücke' oder zu kelt. 
ir. dobar ^Wasser', ir. dobrän ,fiber', ,Otter', dobor-chü ,Wasserhund' 
= Otter, Biber (vgl. noch altpr. dobringe ,rivus') gehört, ist zweifel- 
haft. Nach dem Tiere sind auf keltischem wie germanischem Boden 
^hlreiche Orte benannt: Bibrax, Bibracte, Biberach, Bibrich etc. 

Nur in Griechenland fehlt Wort und Sache. Zuerst berichtet Herodot 
{IV, 109) aus dem Lande der nordpontischen Budinen von Kdaiope^. 
Auch kennt er bereits den Gebrauch des Bibergeils zu medicinischen 
Zwecken (ol öpxi€^ auxoicri elcTi xP^^^MOi H iKTiepeuiv ÄKecTiv). Nach 
ihm nennt Aristoteles Hist. anim. VIII, 7, 5 den Kdcrruip neben dem 
XdToH, von dem er erzählt, dass er Nachts ans Ufer gehe und mit den 
Zähnen Stämme abschneide. Aus eigener Anschauung scheint er das 
Tier aber nicht zu kennen. Unter diesen Umständen wird Kdaiujp ein 
Fremdwort sein. Schwerlich wird man es an öeremiss. (budinisch) 
xundur, ;^owrf,yr ,Biber' (vgl. Tomaschek Kritik der ältesten Nachrichten 
-ober den skythischen Norden II, 26) anknüpfen können. Wahrscheinhch 
beruht KdcTTUjp ,Biber' vielmehr auf einer Verwechslung mit scrt. kastüri 
(in Tibet Jcosterah) ,Mo8chustier'. Veranlassung zu derselben gab 
dann die Ähnlichkeit des stark duftenden Bibergeils mit dem aroma- 
tischen Beutel des Moschustieres, von dessen Bekanntschaft bei den 
Alten freilich sonst keine Spuren vorhanden sind. Erst bei dem Kirchen- 
vater Hieronymus Contra Jovinianum lib. 2 findet sich muscus (woraus 
it. musco u. 8. w.). Vgl. Beckmann Beiträge V, 49. 

Biene, Bienenzucht. Der idg. Rauschtrank war der aus Honig 
iiergestellte Met: scrt. mädhu- ,Süssigkeit, Honig' (auch der Soma), 
aw. madu' ,Honig' (npers. mei ,Vreiu'), mada- ,Rauschtrank' (das 
aber auch dem scrt. mäda- id. entsprechen kann), griech. \ki^\) ,Wein', 
H^8n »Trunkenheit', ahd. m^to^ mitu, altn. mjödr (spätlat. medus) ,Met', 
ir. mid ,Met', körn, med ,8icera' (ir. mesce aus *medce ,Trunkenheit'), 
altsl. medüy altpr. meddo ,Honig', lit. midüs ,Met', medüs ,Honig' (s. 
auch u. Opfer, Mahlzeiten und Trinkgelage, Nahrung). Daneben 
besteht für den Honig ein auf das Armenische und mehrere europäische 
Sprachen beschränkter Ausdruck: armen, melry griech. ^^Xi (dazu 



86 Biene, Bienenzucht. 

ßXiTTu) ,zeidele' ans *mUtt6\ lat. mel, got. müipj ir. mü^ alb. mjdl\ 
Für das Wachs giebt es die Gldchnngen grieeh. xiipö^, lat. cira^ 
lit. Jcöria und ahd. wahs, altsl. voskü, lit. toäszlcas (doch sind die beiden 
letzteren Wörter vielleicht dem Germanischen entlehnt). 

Es kann also nicht bezweifelt werden, dass der Honig in der Ur- 
heimat der Indogermanen bekannt war, nnd dass daselbst demnach auch 
die Biene zu Hause gewesen sein muss. Wenn kein sicherer gemein- 
samer Name für das Tier besteht, so kann dies darin seinen Grand 
haben, dass die Indogermanen nur den Honig der wilden, d. h. noch 
nicht in von Menschen angebotenen Wohnungen angesiedelten Biene 
kannten und verwendeten und daher dem Insekt selbst noch weiter 
keine Beachtung schenkten, dessen Name daher vielfach mit dem ähn- 
licher Tiere wie Hummel oder Wespe zusammenfliesst. Dies gilt von 
scrt. bambhara- ,Biene' (Lex.) : griech. Tr€|Liq)pTibuiv ,eine Wespenart', von 
ahd. trSnOy agls. drdn ,Drohne, Hummer : griech. T€vGpr|VTi ,eine Art 
Wespe oder Hummel', T€v6pTibuiv, dvGpTibuiv, lak. OpiiivoE ,Drohne', dv- 
Gprjvii ,Waldbiene', von griech. Kr\<pr\v ,Drohne', das von einigen mit 
altsl. 6apü ,Biene' {^keph-) verglichen wird, vielleicht aber eher zu 
ahd. humbal ,Hummer zu stellen ist {*kmbh':*Jcmbh'\ vgl. wegen des. 
l : ahd. himü : got. himins). Auf Wurzelverwandtschaft beruht die 
Reihe : ahd. bini und bla, altpr. bitte, lit. bitls, ir. bech. Ein freilich 
noch nicht aufgeklärter Zusammenhang wird auch stattfinden zwischen 
lat. apis, gall. am{p)ella ,Bienensag' (eine Pflanze) und ahd. imbi 
,Bienenschwarm' (während P. Hörn Grundriss d. npers. Et. S. 254 ff. 
das lat. Wort mit npers. eng ,Biene' zu vermitteln versucht; von ahd. 
imbi ist griech. i\m\<^ ,Stechmttcke' der Bedeutung wegen wohl fem 
zu halten). Griech. \ii\\(5(5a ,Biene' und alb. mjaVtse id. sind in gleicher 
Weise von den oben genannten Wörtern für Honig abgeleitet. Ono- 
. matopoetisch sind scrt. bkramard- ,Biene' : nhd. brummen (vgl. auch 
P. Hörn a. a. 0.), griech. ßofuißuXri ,eine Bienenart', ßofuißuXiö^ ,Hummer : 
ßofuißeu) (über ß6)LißuE s. u. Seide), altsl. bücela u. a. m. Vgl. noch 
lit. kamäne ,Erdbiene', altpr. camtis ,Hummer. 

Die Honigbiene kommt spontan in dem grössten Teil Europas, na- 
mentlich auch im südlichen Rnssland (s. u. Urheimat), vor, wo östlich 
von dem Mittellauf der Wolga, zwischen Orenburg und Perm daa 
„ Honigland ^ der heutigen Baschkiren, grösstenteils Steppengebiet sich 
erstreckt (vgl. über dasselbe F. W. Gross Das neue Ausland I Jahrg. 
H. 17 — 19). In Asien ist die Honigbiene dagegen nur in einer schmalen. 
Zone zu Hause, die von West nach Ost über Kleinasien, Syrien, Nord- 
arabien, Persien, Afghanistan, das Himalayagebirge, Tibet und China 
läuft. Als nicht ui*sprünglich ist sie nachgewiesen worden in Turkestan, 
also in den Oxus- und Jaxartesländern, wo von J. G. Rhode an (vgL 
Vf. Sprachvergleichung und Urgeschichte^ S. 10) bis heute die ürsitze 
der Indogermanen von zahlreichen Gelehrten gesucht worden sind, nnd 



Biene, Bienenzucht. 87 

jenseits des Ural, in Sibirien, wo sie jetzt zwar verbreitet, aber erst 
seit dem Jahre 1775 eingeftihrt worden ist (vgl. Fr. Th. Koppen 
Ein neuer tiergeographischer Beitrag zur Frage über die Urheimat 
der Indoeuropäer und ügrofinnen Ausland 1890 Nr. 51). Den Mittel- 
punkt der beachtenswerten Ausfahrtingen dieses Naturforschers bildet 
die merkwürdige Übereinstimmung des oben besprochenen idg. *medhu' 
mit der finnisch-ugrischen Benennung des Honigs, finn. mesi, St. mete-, 
mordv. med, ßer. my, syrj. wa, ostj. mag, wog. mau, ung. m4z, eine 
Übereinstimmung, die auch nach W. Thomsen Über den Einfluss d. 
germ. Sprachen S. 2, Beröringer S. 200 nicht auf späterer Entlehnung 
des Finnischen aus einer idg. Einzelsprache beruhen kann, so dass 
hier in der That ein gemeinsamer, prähistorischer Besitz der Indoger- 
manen und Finnen vorzuliegen scheint. 

Eigentliche Bienenzucht ist erst nach Trennung des idg. ürvolks 
aufgekommen, im Norden Europas zunächst die wilde Waldbienenzucht 
an Zeidelbäumen, im Süden die zahme Bienenzucht in Bienenstöcken, 
die dann allmählich auch nach dem Norden vorgedrungen ist. Bei 
Homer lässt sich noch keine Spur derselben nachweisen. Erst in der 
besiodeischen Theogonie, wo auch die Arbeitsbienen (iiiAiacTai) und 
Drohnen (Kriq)nv€<;) zuerst unterschieden werden, treten die künstlichen 
Bienenkörbe, die a)uir|vr| und aijiißXoi ( : ahd. seim ,Honigseim', altn. 
hunangsseimr ,Wabe'? vgl. Pott Beitr. z. vergl. Sprachf. II, 277) 
hervor. Wie alt im Norden, auf keltischem und germanischem Boden, 
die Waldbienenzucht sei» lässt sich nicht sagen. Nachrichten wie die 
des Strabo IV, p. 201 über das hochnordische Thule: irap' ol? bk a\TO<; 
Ktti \i4.\\ TiTveiai Kai tö TröjLia dvieödev ?X€iv oder die desPlinius Hist. 
nat. XI, 33, nach der man in Germanien eine Wabe (mhd. räze, 
das schon in der Keichenauer Glossenhandschrift als frata mellis be- 
zeugt ist) von 8 Fuss Länge gefunden habe, können sich natürlich 
auch auf das Erzeugnis wilder Bienen beziehen. Jedenfalls nehmen 
aber die leges barbarorum von Anfang an sowohl auf die Zeidelweide, 
wie auch auf die Bienenzucht in ordentlichen Bienenhäusern eingehende 
Rücksicht (vgl. darüber Anton Deutsche Landwirtschaft I, 163 S.). Über 
den westgerm. Ausdruck ahd. bta-hröt, agls. beö-bredd s. u. Brot, über 
die Verwendung des Honigs zum Bier s. d. Auch die Slavenlande, 
in denen ebenso wie in dem benachbarten Litauen sich das Honig- 
sammeln in den Wäldern bis in die Gegenwart, erhalten hat (vgl. V. 
Hebn Kulturpflanzen^ S. 565), zeichneten sich schon nach dem Bericht 
Abraham Jakobsons vom Jahre 973 durch Überfluss an Korn, Fleisch, 
Honig und Fischen aus, Wein und starkes Getränk wurden aus Honig 
bereitet. 

Die Bezeichnungen der Bienenkörbe in den nordischen Sprachen 
geben vielfach von der Grundbedeutung ,Trog, Tonne' ans. So bedeutet 
ahd. biutta ,Backtrog* und ,Bienenkorb\ agls. hyf, engl, hive ist = 



.88 Biene, Bienenzucht — Bier. 

lat. cüpa, litu-ftlavisch awilys-ulej beruhen auf Urverwandtschaft mit 
lat. alveus ,Trog', auch , Bienenkorb*. Dem gegenüber entspricht altpr. 
drawine .Beute', ,wilder Bienenkorb', lit. drawls , Waldbienenstock' 
dem got. triu ,Baum' {Hrewa-). Dunkel sind ahd. zidal in zidaläri, 
zidalweida und russ. bortl ,Waldbienenstock* {*herti : agls. hord ,Brett, 
Tafer etc.?). 

Zwei noch nicht aufgeklärte Bezeichnungen des Honigs sind abd. 
honang und altsl. atrüdü. Die kulturhistorische Bedeutung des Honigs 
als des hervorragendsten Versüssungsmittels der Speisen und Getränke 
ist im Altertum und Mittelalter eine ausserordentliche, bis sie durch 
den allmählich aufkommenden Zucker (s. d.) eingeschränkt wird. — 
Allgemeines über Bienen und Bienenzucht s. bei E. Hahn Die Haus- 
tiere S. 379 flf. 

Bier. Mit dem Übergang der Indogermanen Europas zum Acker- 
bau (s. d.) und dem Anbau der wichtigsten Getreidearten waren die 
Voraussetzungen für die Herstellung eines bierartigen Getränkes an 
Stelle des urzeitlichen Metes (s. u. Biene) gegeben. Ob die ersten 
Anfänge eines solchen bereits in die Zeit vorhistorischer Zusammen- 
hänge zurückgehen, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Immerhin 
weisen Gleichungen wie gemeingerm. ahd. hriuwan, agls. breöwany 
altn. brugga ,brauen' : thrak.-phryg. ßpöxov ,gebrautes', ßpoOxo^ • ^k 
Kpiddfv TTÖibia Hes. (vgl. auch lat. de-frurtu-m ,eingekochter Most'), femer 
anscheinend urverwandte Ausdrücke für Treber und Hefe : ahd. 
trebir, isl. draf^ agls. dr(ef {*dhrap-) neben ahd. trestir, agls. dcerstan, 
ahd. truosna, agls. drösn {*dhraq-8) = lat. fraces ,Oelhefen' (vgl. auch 
Alb. drä ,Bodensatz des Öls' aus *dragäj altn. dregg aus *dragja, 
altpr. dragioSf altsl. droidija : *dhragh'?) sowie auch agls. beorma 
,Bärme' = alb. brum ,Sauerteig', lat. femientum ,Hefe, Gährungsmittel, 
Bier' (s. auch u. Brot) darauf hin. Vgl. auch die auf den germanisch- 
slavischen Norden beschränkte Übereinstimmung von agls. ealut ealod, 
altn. öZ, lit. aliis (woraus finn. oltit) ,Bier', altsl. olü ,Bier', ,sicera', 
altpr. diu ,Met', St. *alut- (das Etymon s. u. Alaun). — Waren aber von 
den Indogermanen in vorhistorischer Zeit Anfänge der Bierbereitung 
gemacht worden, so hatten jedenfalls Griechen und Römer, in ihrer 
neuen Heimat mit dem Weine bekannt geworden, dieselben längst 
vergessen, ganz ähnlich, wie die schon in der Urzeit bekannte Butter 
(s. d.) im Süden hinter der Gabe des Ölbaums (s. d.) zurückgetreten 
ist. Doch haben sie uns zahlreiche Nachrichten hinterlassen, welche 
von der Bekanntschaft mit einem aus Getreide hergestellten Trank im 
ganzen übrigen Europa und dem angrenzenden Kleinasien sowie im 
alten Aegyplen zeugen. Die wichtigsten derselben nebst den betreffen- 
den Namen des Bieres in den einzelnen Ländern sind folgende: 

Die älteste Kunde von dem Genuss eines „Bräus" bei Phrygern und 
Thrakern giebt der parische Dichter Archilochus (Athen. X p. 447): 



Bier. 89 

ujcTTrep bi auXoö ßpöxov f\ GpfjiH dvfip 

f| 4>puE ^ßpu2[€, Kußba b' f^v TTOveujutvr] 
(vgl. dazu Vf. K. Z. N. F. X, 5, 470 f.; b. auch u.). 

Das in diesen Versen zuerst erwähnte ßpöiov ,Bräu' wurde schon er- 
klärt. Die auf Pfählen wohnenden Paeonier tranken nach Hekataeus 
(b. Athen. 1. c.) ebenfalls ßpOrov dirö tüjv KpiO^iwv, dazu Trapaßiriv dTiö 
KtTXPOu (Hirse) Kai kovuCti^ (d. h. mit Zuthat des stark duftenden 
Krautes KOViiZiri). In 1 1 1 y r i e n und Pannonien wurde ein Bräu 
getrunken, das die Kömer sahaja, sabajum nannten; später tritt in 
diesen Gegenden ein zuerst im Maximaltarif des Diocletian (ed. Blümner 
S. 70) genanntes eamum-Kapiov auf. Von den drei zuletzt genannten 
Ausdrücken scheint nur bei dem illyrisch-pannonischen sabaja (vgl. die 
Stellen bei V. Hehn a. u. a. 0. S. 145) eine Anknüpfung möglich zu 
sein, insofera es nahe liegt, mit ihm den Namen des thrakisch-phry- 
giscben Dionysos, Sabazios, zu verbinden. Setzt man mit Kretschmer 
Einleitung S. 195 als echte Namensform dieses Gottes Savadios an, 
so steht nichts im Wege, auch in sabaja b als Vertreter von v auf- 
zufassen {*8avaia-). In diesem Falle könnte man scrt. sacd- ,Kelterung' 
heranziehen: «afta/a wäre ,gekeltertes', Sabazios ,Gott der Kelterung' 
(vgl. u. altgall. Braciaca ,Gott des Malzes'). Wohl gleichfalls eine 
nordische Bezeichnung des Bieres ist das von Aristoteles (b. Athen. 1. c.) 
in seiner verlorenen Schrift Tiepi \ki^r\(^ genannte mvov, an slav. pivo 
,Getränk, Bier', altpr. piwis ,Bier' (s. u.) erinnernd. Die Bekanntschaft 
der alten Deutschen mit dem braunen Tranke bezeugt Tacitus 
Germ. Cap. 23: Potui humor ex hordeo aut frumento, in quandam 
wtillitudinem vini corruptus, wobei man unter frumentum nach ital. 
formentOj altfrz. frument, frz. froment am wahrscheinlichsten Weizen 
zu verstehen haben wii-d. Ein altgermanischer Name für das Bier wird 
aber von den Römern nicht überliefert. Überaus häufig sind ferner die 
Nachrichten der Alten über das keltische Bier, deren älteste in dem 
bei Strabo (IV, p. 201) aufbewahrten Bericht des Pytheas hinsichtlich 
der brittischen Kelten enthalten ist: rrap' oT^ be (Tito(; xai jiieXi (s. u.) 
TiTvexai xai tö iröua ^vieuOev fx^iv. Der altgallische Name des 
Getränkes lautete KÖpfuia, KoGp^i; er ist noch in ir. cuirm etc. erhalten. 
Ein zweiter weitverbreiteter keltischer Name des Bieres liegt in ir. lind, 
kymr. llynn vor = Hendu, noch unaufgeklärt. In Zusammenhang 
aber mit KÖp^a, KoOpini steht offenbar das von Plinius XXII, 164 aus 
Spanien gemeldete cerea, das in Gallien nach demselben Autor cer- 
vesia (so mlat. u. rom.) lautete. Vgl. noch Plinius XIV, 149: Est et 
cccidentis populis sua ebrietas fruge madida pluribus modis per 
Gallias Hispaniasque, nominibus aliis sed ratione eadem, Hispa- 
niae iam et vetustatem ferre ea genera docuerunt. 
Wie der Gebrauch des Bieres im Osten zu Thrakern, Phrygern und 
Armeniern (s. u.) übergeht, so lässt er sich im Westen von Spanien 



90 Bier. 

hinüber nach Afrika yerfolgen. Im alten Ägypten war Bier neben 
dem Wein der Vornehmen das gewöhnliche Volksgetränk ; doch gehört 
der von den Alten für das ägyptische Bier gebrauchte Ausdruck IvBoq 
kaum dem Ägyptischen an, welches das Bier vielmehr hekt nennt, 
sondern entstammt eher dem Griechischen selbst (Cu6o? ,Bier' : Idm 
,Sauerteig'; vgl. oben lat. fermentum). Sehr interessante Nachrichten 
über die ägyptische Bierbrauerei aus der Ptolemäerzeit enthält der Auf- 
satz Karl Wesselys Zythos und Zythera (XIII Jahresb. d. k. k. Staats- 
gymnasiums in Hemals. Wien 1887). 

Hinsichtlich der Beschaffenheit des ältesten europäischen Bieres 
muss man den Gedanken an unser modernes Getränk ziemlich bei Seite 
lassen. Zunächst fehlte ihm der Hopfen. Über diese Kulturpflanze 
ist in einem besonderen Artikel gehandelt worden, in dem gezeigt 
worden ist, dass der Anbau und die Verwendung des Hopfens beim 
Bierbrauen sich erst im Mittelalter durch slavische Vermittlung von 
finnischen und tatarischen Völkern her in Europa verbreitet hat. Sollte 
es lautgeschichtlich gestattet sein, die germanische Sippe von ahd. hior, 
agls. heör, altn. björr, in der man früher vielfach eine einheimische 
Weiterbildung aus agls. heö, altn. hygg ,Gerste' erblickte, mit E. Kuhn 
(K. Z. XXXV, 313 f.) als verhältnismässig späte Entlehnung aus altsl. 
pivo^ *pwe8'y altpr. piwis ,Bier' aufzufassen, so läge die sachlich an- 
sprechende Möglichkeit vor, in agls. beör u. s. w. einen Ausdruck für 
das gehopfte, in agls. ealu u. s. w. einen solchen für das ungehopfte 
Bier anzuerkennen. Ein Gegensatz zwischen beiden Wörtern tritt schon 
im Alvismäl hervor: 6l heitir med mönnum, en med Asum björr, 
und noch die heutigen Engländer unterscheiden so zwischen beer und 
ale. Ein agls. Synonym von ealu ist swatan, sehott. stoats ,Bier' : 
engl, sweet ,süss\ Indessen ist der Hopfen in Europa vielleicht nicht 
das erste Ingredienz gewesen, welches man vei-wendete, um dem Biere 
einen aromatischen und bitterlichen Geschmack zu geben. Schon oben 
lernten wir bei den Paeoniem die KOvuCrj kennen. In Aegypten ver- 
wendete man hierzu nach Columella X, 1 14 (vgl. Wessely S. 39) siser {Siumr 
Sisarum Z.), Aasyria radix (Rettig) und Wolfsbohne {Lupinus hir- 
Butus und angustifoUus L.). Für Europa könnte man auch an Eichen- 
rinde, Fichtensprossen, Schafgarbe u. dgl. als Bieringredienzen denken 
(vgl. O'Curry Manners and customs of the ancient Irish I, CCCLXXIII). 
Zweitens hat sich die Kunst des Mälzens offenbar erst ganz allmählich 
in Europa entwickelt. In der ältesten Zeit wird man das gequollene 
Getreide unmittelbar zur Bierbereitung benutzt haben. So kommt es, 
dass bei den Armeniern nach Xenophons Anabasis (IV, 5, 26) in den 
KpaTflpe^ noch die Gerstenkörner herumschwammen (ivficTav bk Km aii- 
Ttti ai Kpi0ai IcroxeiXeiq), so dass man beim Trinken Rohrhalme an- 
wendete, um die Körner nicht in den Mund zu bekommen. Auf das 
gleiche scheinen die oben genannten Verse des Archilochus anzuspielen: 



Bier. 91 

„Gleichwie der Thraker oder Phryger durchs Rohr sein Bräu hinunter- 
gurgelt, also mit vorgeneigtem Kopf" u. s. w. Doch wurde bei den 
Kelten nach Posidonius (bei Athen. IV p. 152) das Bier bereits au& 
KuaOoi und bei den Germanen und anderen Völkern aus Hörnern (s. u. 
Hörn) getrunken. Heute wurde jenes alteuropäische Bier zubereitet, 
und morgen schon vertilgt. So beschreibt es Lasicius De diis Sama- 
gitarum S. 44 bei den Litauern : Cervisia in vasis ex corticibus factü, 
positis intus saxis fervidis^ ex aqua, frumento, lupulo, una nocte 
cocta protinus faeces accipit posteroque die hibitur („eine nette Art, 
den Darm zu reinigen" i fügt der Schriftsteller hinzu). Die Kunst, das Bier 
haltbar zu machen, wäre nach Plinius a. o. a. 0. in Spanien erfunden 
worden. Auch musste die unvollkommene Malzbereitung nur einen 
geringen Zuckergehalt des Bieres liefern. Die alten Völker 
griffen daher, um das Getränk zn versttssen, zu dem altgewohnten 
Honig, so dass dieses älteste Bier am besten als ein Übergangsgetränk 
vom Met zum eigentlichen Biere aus Malz und Hopfen aufgefasst werden 
kann. Zu dem schon oben genannten Zeugnis des Pytheas hierfür 
kommt noch das bei Diodorus Siculus V, 26: biöncp tOüv faXaioJv ol 
TouTUJv TÄv KapTTwv (toö oivou) (yT€pl(yKÖ^€vol nöixa KaracTKeudCoucTiv 

Ik TTiq KpiOf]^ TÖ 7TpO(yaTOp€u6)i€VOV 2O0O?, Kttl TCt Krjpia TiXuvovTe^ 

TOP TOUTUJV d^To^TXu^aTl xpÄVTai, und das des Posidonius (a. a. 0.): irapa 
bi Toi^ uTTobeecTT^poi^ WGo? iriipivov )xeTä jieXiTO^ ^(TKeuacTM^vov. 

Da die Fortschritte der Bierbrauerei also ausser an die Einführung 
des Hopfens wesentlich an die Fortschritte in der Kunst des Mälzens 
gebunden sind, so sei hier noch das Hervortreten dieses Begriffoa in 
den nordeuropäischen Sprachen kurz erörtert. Der gemeinkeltische 
Name des Malzes ist altir. braichy körn, brägy kymr. brag (vgl. auch 
altkorn. bracaut, gl. mulsum) = *mraci'y das auch in dem von Plinius 
X VIH, 62 genannten altgallischen bracem (61. : braces) ,eine Speltart' (lat» 
scandalä) vorliegt. Die Grundbedeutung wird frux madida {*mraci- : lit. 
mafkti ,einweichen') sein. Nach Holders altkeltischem Sprachschatz 
wäre mit diesem Wort auch ein altgallischer Beiname des Mars: Braci- 
äca (C. I. L. VII, 176: Deo Marti Braciacae) als ,Gott des Malzes' 
za verbinden, wozu man das Epigramm des Kaisers Julian auf den 
keltischen Gersten-Bacchus (bei Hehn a. u. a. 0. S. 147) vergleiche. Im 
Mittellateinischen ist bracium dann der gewöhnliche Ausdruck für Malz, 
und auch die romanischen altfr. bras ,Malz', brasser, altsp. brasar 
jbrauen' beruhen in letzter Instanz auf dieser keltischen Sippe. Nach 
einigen wären aus derselben zur Zeit des Aufenthalts keltischer Stämme 
an der untern Donau auch die slavo-litauischen Ausdrücke russ. braga 
,Getränk von Gerste und Hirse', klruss. braha ,Art Dünnbier' etc., lit. 
brögas ,Schlempe' entlehnt worden. 

Auch die Germanen haben ein gemeinsames Wort für das Malz: 
ahd. mahy agls. mealt, altn. malt : altsl. mladü ,zart' (vgl. russ. molodi 



92 Bier — Birnbaum. 

yBierwttrze'). Dasselbe ist in die meisten Siavinen (poln. mloto etc.), 
ins Altpreussische {piwamaltan), ins Finnische {mälUis) und ins Magya- 
rische {maldta) übergegangen. Ebenso ist ein einheimischer slavischer 
Name des Makes: russ. solodü etc., von ^sladü, altsl. sladükü ,dalcis', 
in zahlreiche östliche Sprachen entlehnt worden. Es lässt sich also 
in Europa hinsichtlich der Bekanntschaft der Völker mit dem Malze 
eine deutliche, von Westen nach Osten, von den gallischen Getreide- 
gefilden nach den Lindenwaldungen des Ostens verlaufende Kultur- 
Strömung feststellen. 

Die Herstellung des Bieres ist in alten Zeiten überall an die einzelnen 
Haushaltungen gebunden gewesen, und war hier, wie alles häusliche 
Werk, vornehmlich Sache der Frauen. Besondere Braustätten {mansum 
cum molendino et cmn podella ad braciare) treten erst spät auf 
(Anton Geschichte d. deutschen Landw. I, 408). — Vgl. V. Hehn 
Kulturpflanzen^ S. 141 AT. S. auch u. Nahrung (Getränke). 

Bilsenkraut, s. Farnkraut. 

Bimstein. Griech. Kicrcrripiq, Kicrnpiq (dunkel), lat. pümex ( : spürna 
^Schaum', ,Schaumstein' ?), woraus ahd. bumiz, agls. pümicstdn ,Bini- 
stein'. Er diente schon im Altertum zum Polieren verschiedener Mine- 
ralien (vgl. Lenz Mineralogie S. 19). 

Binse, s. Strick und Licht. 

Birke. Betula alba L, ist einer der wenigen Waldbäume, deren 
Benennung von Europa aus sich bis in die arischen Sprachen verfolgen 
lässt : ahd. birihha, altsl. breza, lit. b^rzas, altpr. berse, scrt. bhürja-, 
osset. barse. Die Wurzel ist wahrscheinlich scrt. bhräj ,glänzen', so 
4ass die glänzende Weissbirke gemeint ist, die nur in nördlichen 
Klimaten gedeiht. 

Im Süden Europas verschwindet der Baum und mit ihm sein Name. 
Indessen gehört vielleicht lat. fraxinua, farnus hierher, das aber die 
Bedeutung ,Esche' angenommen hat. Lautlich fast identisch mit dem 
.genannten idg. Namen der Birke ist auch alb. bre&'di, St. bred, das 
aber ,Tanne' bedeutet. Diese Zusammenstellung wird weniger unwahr- 
scheinlich, wenn man bedenkt, dass die Birke auf albanischem Gebiete 
so gut wie fehlt (der sehr seltene alb. Name b'Utsze ist aus dem Ro- 
manischen entlehnt; die Bulgaren haben gar keine Bezeichnung des 
Baumes; vgl. Krek Einleitung in die slav. Litg.=^ S. 136^), und wenn 
man Bedeutungswechsel wie ahd. linta ,Linde' — griech. i\avr\ ,Fichte' 
(s. u. Lind e) und ahd. forha, erst ,Eiche', dann ,Föhre', ferner ahd. 
tanna, erst ,Eiche', dann ,Tanne' (s. u. Eiche) in Betracht zieht. Lat. 
betula, betulla entstammt dem Keltischen (ir. bethe^ kymr. bedw)j wie 
denn Plinius XVI, 75 die Birke geradezu als einen gallischen Baum 
bezeichnet. S. u. Wald, Waldbäume. 

Birnbaum (IHrus coimnunü L.) Obwohl griech. 6txvti ,edler 
Birnbaum', ,Birne' noch in der Ilias fehlt und erst in den jüngeren 



Birnbaum. 9^ 

Teilen der Odyssee vorkommt (vgl. z. B. crra^ äp' uttö ßXu)9pf|v Sjxvtiv Od» 
XXIV, 234; s. auch u. Apfelbaum), so muss doch das Wort, natürlich 
in der Bedeutung ,wilder Birnbaum', als seit Urzeiten heimisch im 
Griechischen angesehen werden; denn es steht in Ablautsverhältnis zu 
dx-pd^, äx-€pbo^ ,wilder Birnbaum' (ngriech. dxXabn«) und wahrscheinlich 
anch zu ?tx-o^ ,Lanze a. d. Holz d. wilden Birnbaums', ,Lanze'. Die 
Mittelstufe *engh' dürfte dem urslav. *vqzü ,ülme' (poln. wiqz ,Rüster', 
gerb, vjaz ,ülme' u. s. w., alb. vi^, vi&i ,ülme') entsprechen. Eine dritte 
altgriechische Benennung des Birnbaums ist finio^ (ngriech. dTribrid), 
das auf Urverwandtschaft mit lat. pirus i^pisos : *apisos) zu beruhen 
scheint. Auch im Albanesischen giebt es neben dem entlehnten gofitse 
,wilder Birnbaum' (aus slav. *gorinica : gorü ,Berg', ngriech. TKOpiTCrjd) 
ein einheimisches darde ,edler Birnbaum', darddn , Bauer' = Birnen- 
zflehter. Man bringt mit letzterem Wort den Volksnamen der Dardaner 
in Beziehung, wie man auch die griechischen 'Axaioi und die germa- 
nischen Ingvaeones von dx-pd(;, *en§h' hat ableiten wollen (vgl. Jo- 
hansson B. B. XVIII, 28). Übrigens wurde auch Apia, die alte Bezeich- 
nung des Peloponneses, von den Alten als Birnenland gedeutet. 

AUe^ das scheint auf ein altes Indigenat des Baumes in Europa hin- 
zudeuten, wie denn auch in den Schweizer Pfahlbauten neben Äpfeln 
wilde Birnen in Wangen und Robenhausen, freilich in spärlicher Zahl 
(vgl. G. Buschan Vorgesch. Botanik ö. 175), gefunden wurden. Noch 
heute verstehen slavische Völker aus den Früchten des wilden Birn- 
baums ein angenehmes Getränk zu bereiten. — Aus semitischem Gebiet 
und aus dem alten Ägypten erfahren wir im Gegensatz zu der Ge- 
schichte des Apfelbaums (s. d.) von einer Kultur birne nichts. Die 
älteste Kultur des Baumes wird sich daher auf Griechenland und die 
kleinasiatisch-pontischen Gegenden (s. u.) beschränkt haben. — Nach 
dem nördlichen Europa scheint die Kultur der Biime nach Ausweis 
der Sprache von zwei Seiten vorgedrungen zu sein. Einmal vom 
römischen Süden her: lat. pirus, das auch in den keltischen Sprachen 
erscheint, ist in die germanischen Sprachen (agls. peru, ahd. bira) über- 
gegangen. Der Anlaut des hochdeutschen Wortes (vgl. dagegen pflaume 
aus prünus) könnte auf eine ziemlich späte Zeit der Entlehnung (nicht 
vor dem 9. Jahrh.) hindeuten. Bedenkt man aber, dass Birnbäume 
schon in den legibus barbarorum (s. d. Belege u. Apfelbaum) nicht selten^ 
genannt werden, so wird man es wahrscheinlicher finden, dass ahd. 
bira sein 6, p (statt pf) irgend einer volksetymologischen Anlehnung 
des Wortes, vielleicht an got. bairan etc. ,tragen' verdankt (vgl. F. 
Kluge Et. W.^ s. V.). Hingegen weisen die osteuropäischen Be-^ 
nennungen des Birnbaums lit. gruszia, Jcriduszlüy altpr. krausy, altsL 
gruia, die sich an kurd. koresi, kuresi anknüpfen lassen, in die 
iranische, pontisch-kaspische Welt. Hier ist noch jetzt der Kaukasus- 
ein Hauptverbreitungsgebiet der Pirus communis (vgl. Koppen Holz-^ 
gewächse I & 396ff.). S. u. Obstbau und Baumzucht. 



-94 Bittopfer — Blau. 

Bittopfer, 8. Opfer. 

Blasebalges. Schmied. 

Blaa. Eine znsammenfaBsende Bezeichnung fttr diese Farbe 
ist in der idg. Qründsprache nicht nachweisbar. Hingegen scheinen 
schon in vorhistorischer Zeit zahlreiche Ausdrücke fttr verschiedene 
Abtönungen derselben wie schwarz-blau, grau-blau, blass-bau, hell-blau 
u. B. w., jedesmal wohl im Hinblick auf bestimmte Erscheinungen, 
Wesen oder Gegenstände dieser Färbung vorhanden gewesen zu sein, 
•die sich in den Einzelsprachen nachher in verschiedener Weise in 
allgemeinerem Sinne fixierten. Derartige Sprachreihen sind: 1. flir 
schwarz-blau : scrt. malina- ,dunkelf arbig, grau, schwarz', griech. 
^^Xa^, lett. melns ,8chwai'z' — lit. melj/nas ,blau', ,blauer Fleck', 
altpr. meine ,blauer Fleck'. Da offenbar auch urkelt. ^melituhs (kymr. 
melyn) ,gelblich' hierher gehört, so könnte man annehmen, dass diese 
Bezeichnung, wie noch im Litauischen und Altpreussischen, zunächst 
•diejenige schwer definierbare Färbung bezeichnete, wie sie bei heftigen 
Schlägen und Stössen am Körper hervorgebracht zu werden pflegt. 
2. für grau-blau i^cvtpalitd' ,grau', griech. iroXiö^ id. (Isit pallidus, 
ahd. falo ,fahr, altsl. plavü ,wei88', lit. pälwas .blassgelb*) — griech. 
TteXiöi;, TteXibvö^, ttcXXö^ ,grau-blau'. Vielleicht hatte man bei dieser 
Farbenbezeichnung zunächst die grau-blaue Feldtaube (griech. mXeta) 
im Auge, wie dies auch bei altpr. goUmban, npers. käbüd ,blau', 
aw. axsaena-, npers. x^^^^ ,blauschwarz' der Fall gewesen ist, die 
in verschiedenen Sprachen eben diesem Tiere den Namen gegeben 
haben (s. u. Taube). Vgl. noch lit. ülas ,grau' (ir. gel ,weiss'?) — 
lett. si'ls ,blau'. 3. für blass-blau. Einen derartigen Sinn werden 
die Ableitungen von einer idg. Wurzel ghlas gehabt haben, die im 
Keltischen als *glas-tO' (ir. glciss, kymr. glas) vorliegt und eine Sanmiel- 
bezeichnung für verschiedene blasse Farben, grün, blau, gelb etc. ab- 
giebt. Durch Zusammensetzung mit dub ,schwarz' entsteht ir. dtib- 
glasSf kymr. dulaSf bret. duglas ,caerulens'; doch wird auch das 
einfache glas mit caerula (aber auch mit viridis) glossiert. Mit Ab- 
leitungen von dieser Wurzel werden der Bernstein (lat.-germ. 
glesum)j das Glas (ahd. gla>s^ altn. gier, ir. glain aus *glas'in) und 
der Waid (lat.-gall. glastum) benannt. 4. fttr hellblau : scrt. ketü- 
,Helle', altn. heip ,klarer Himmel', ahd. heitar ,heir — lat. *caesu9 
{*caet-tu-8) in caesissimus (Varro), caesius ,h eil blau' (von anderea 
mit lit. skdistasy skaidrüs ,hell, glänzend' verglichen, wobei das Be- 
deutungsverhältnis dasselbe bleibt). Vgl. auch gi'iech. xXauKÖi; (xXauKiaui 
,blicke mit funkelnden Augen'), das bei Homer nur ,licht, glänzend' 
bedeutet, später aber (wie auch das daraus entlehnte lat. glaucus) im 
Sinne von ,hellblau' bezeugt ist, und altsl. sinqfi ,erglänzen' — 
altsl. sini ,lividus', hxsXg. sin ,blau' etc. (vgl. auch altpr. ^m^co, rusa. 
sinica ,Meise'). Unsicher ist die Zusammenstellung von lat. ftävus 



Blau — Blei. 95 

;bIoiid'^ ir. bld ,gelb' (Stokes Urkelt. Sprachschatz S. 187) — ahd. bläo, 
altn. bldr ^blan' (aber auch ^lividus', ^flavus'); da lat. flävus auch za 
fulvus ,geW gehören kann. Über ahd. bläo s. u. Blei. 

Gehen die bisher besprochenen Ausdrücke wohl ausschliesslich auf 
Wurzeln oder Stämme zurfick, die von Anfang an der Bezeichnung 
einer Farbennuance oder eines Lichteindruckes dienten^ so fehlt es 
auch nicht an Bezeichnungen des Blau, die von Gegenständen direkt 
abgeleitet sind, welche eine bläuliche Färbung zeigen. Poetischer Natur 
sind Ausdrücke wie hom. i^epoeibriq ,luftartig' (vom Meere gesagt), 
dXiTr6p<pup0(; ^dunkelblau wie das Meer' (von Wolle und Gewändern), 
\mq ,violenfarbig' (vom Eisen), lobvecprj^ ,dunkel wie Violen' (von der 
Wolle der Widder des Polyphem), loeibri^ ,violenartig' (von der Färbung 
des Meeres). Der Sprache des gewöhnlichen Lebens gehört das seltene 
\aaT\i}br]q ,blau wie Waid' an. Ebenso das gewöhnliche Wort für blau 
im Lateinischen : caeruleus aus *caeluleus : caelum ,Himmer. Lat. 
lividuSj livoTf Uvea können von lit. slywä, altsl. aliva ,Pflaume' (s. d.) 
abgeleitet sein, so dass mit Uvidus ,bleifarbig, bläulich, blau' ur- 
sprünglich die Farbe der wilden Schlehe gemeint wäre (vgl. auch nsl. sliv 
,bläulich'). Ähnlich ist alb. kdttere ,blau' eine Weiterbildung von lat. 
caUha, calta, cältum, das verschiedene blaue, aber auch gelbliche Blumen 
bezeichnet (vgl. G. Meyer Et. W. S. 170, G. Goetz Thes. Gloss. I, 170). 

Hierher wäre auch das vielbesprochene homerische KuavoO(; zu stellen, 
als von Kuavoq abgeleitet. Da aber dieses letztere Wort etymologisch 
und seinem Sinne nach noch unerklärt ist, so fehlt die Möglichkeit, den 
Ausgangspunkt dieser Farbenbezeichnung zu bestimmen. In nach- 
homerischer Zeit wurde Kiiavo^ sicher im Sinne des ägyptischen chesbet 
^Lasurstein, Ultramarin, Eupferlasur, Bergblau' (vgl. Lepsius Die Metalle 
in den ägypt. Inschriften Abh. d. Berl. Ak. d. W. phil.-hist. Kl. 1871 
S. 117), also im Sinne einer eminent blauen Farbe gebraucht. So 
erklärt sich das späte fi Kuavoq ,Eornblume' u. anderes. Für das ho- 
merische KuavoCq ist aber anzumerken, dass es niemals von unzweifel- 
haft blauen Gegenständen (vielmehr von Augenbrauen, Haar und Bart, 
Wolken, dunklen heranziehenden Schaaren u. s. w.) gebraucht zu werden 
scheint. — S. weiteres u. Farbe. 

Blei. In Mittel- und Nordeuropa tritt das Blei erst in der Hall- 
statt-Periode auf. In Hallstatt selbst kommt das Metall in Gestalt von 
dünnen Stäbchen oder Draht zu verschiedenen Gebrauchszwecken, nicht 
aber zu selbständigen Geräten verarbeitet vor (v. Sacken S. 119). In 
dieselbe Zeit gehören die zahlreichen bleiernen Reiterfigürchen der 
Tumnli von Rosegg in Kärnten. Eine Zusammenstellung nördlicher 
Bleifunde vgl. in der Zeitschrift für Ethnologie, Verhandlungen XV, 
1883 S. 107 ff. Dagegen findet sich das Metall im Süden Europas 
schon in Mykenae (Schliemann S. 87), also in der reinen Bronzezeit, 
während es auf dem Grabhügel von Hissarlik in allen Schichten vor- 



96 Blei. 

kommt. Einen bleiernen ringartigen Gegenstand der III. Stadt yersacht 
Schliemann (Uios S. 563) als Haarschmnck zu denten. 

Über die Herkunft des Bleies in Europa giebt die Sprache einige 
Andeutungen. Dieselben weisen auf den Westen unseres Erdteils, auf 
die bleireichen Landschaften Spaniens, Galliens und BritAuniens (vgl. 
Blümner Terminologie u. Techn. IV, 88 flf.). Auf ersteres führt der alt- 
griechische Bleiname, der in den verschiedenartigsten, schon hierdurch 
das Fremdwort verratenden Formen: jiöXißoi; (Hom.), MÖXußoi;, fiöXußbo^ 
(in ^oXußbaivrj Hom.), rhod. ßöXißoi; (in TtepißoXißi&crai), epidaur. ßöXi^o^ 
auftritt. Geht man, wogegen nichts im Wege steht, von der zuletzt 
genannten Bildung ßöXl^oq aus, von welcher MÖXißot; durch Umstellung, 
ßöXißoq durch Verschränkung mit letzterem abzuleiten wäre (vgl. J. 
Schmidt Sonantentheorie S. 28 ff.), so entspricht dieselbe dem baskischen 
Namen des Bleis berürij berunez ,von Blei' ziemlich genau, namentlich 
wenn man an phönikische Vermittlung des Wortes denkt. Jedenfalls 
waren die Griechen, bevor die Bleiglanzlager des Lauriongebirges aus- 
gebeutet wurden, auf den Import des Metalles angewiesen. Die Be- 
wohner der lusitanischen Landschaft Medubriga werden ausdrücklich 
Plumbari (Plin. IV, 118) genannt. Vgl. auch die Stadt MoXußbivri im 
Gebiet der Mastarner bei den Säulen des Hercules. 

Der Charakter des Bleies als eines alten Handelsartikels scheint 
sich auch in dem lat. plurnbum auszusprechen. Das Metall wurde 
seit den frühesten Zeiten in der Form von Ziegeln, Kuchen oder Barren 
verschickt. Solche Bleiziegeln mit der Aufschrift f^hf, fehfi^ fehfu 
(kopt. ,Blei') kommen schon im alten Ägypten vor. Namentlich aber 
sind aus späterer Zeit in Spanien, Frankreich und England solche 
Bleikuchen, mit Stempeln und den Namen römischer Kaiser u. s. w. 
versehen, in Menge gefunden worden (vgl. K. B. Hofmann Das Blei bei den 
Völkern des Altertums Berlin 1885 S. 10). Es liegt daher der Gedanke 
nahe, dass lat. plumhunij welches an andere idg. Bleinamen keine An- 
knüpfung findet, selbst ursprünglich nichts als ,Zieger, ,Barren' bedeutet 
habe (vgl. roman. grana ,Kem' = Scharlach, cannella ,Röhrchen' = 
Zimmt) und so auf Urverwandtschaft mit griech. TtXivOo?, Ziegelstein' 
beruhe {*plndhO', vgl. lat. lumbus : altsl. l^dvija, ahd. lentin\ über 
griech. Xi = n G. Meyer Gr.* S. 68). Auf eine ursprünglich in Be- 
ziehung auf die Metalle indifferente Bedeutung von lat. plumhum kann 
man auch aus der Bezeichnung pL älhum ,Zinn', pl, nigrtim ,Blei' 
schliessen. 

Wiederum vom Westen, diesmal von Gallien, ausgegangen dürfte auch 
die Reihe ir. luaide (Houdio-) = mhd. löt, ndl. lood, agls. leäd ,Blei' 
(vgl. auch lit. liüdS ,Bleilof) sein ; allerdings fehlt ein Kriterium, welches 
zwingend auf die Annahme von Urverwandtschaft oder früher Entleh- 
nung hinwiese. Doch spricht die kulturhistorische Gesamtlage mit 
Notwendigkeit für letztere. Auf den keltischen Westen wiese auch 



Blei — Blumen, Blumenzucht. 97 

das gemeingerm. ahd. bliu, bltuweSy altn. bljji ,Blei' {*bliwa'), wenn es 
richtig vonß. Much Z. f. deutsches Altert. XLII, 163 aus einem keltischen, 
dem gemeingerm. ahd. bläo, altn. bldr ,blau' i^bläwa-) entsprechenden 
*blevO' {*bUvO') ,blau' gedeutet wird, das freilich im Keltischen selbst 
nicht zu belegen ist (anders Persson B. B. XIX, 273, wo fiir ahd. bläo 
ein lit. blaiioas ,licht, klar' herangezogen wird). Jedenfalls liegt für 
ahd. bliu ,Blei' an einen ursprünglichen Farbennamen zu denken wegen 
des Suffixes vo- (vgl. Kluge Stammbildungslehre ^ S. 90) nahe (vgl. auch 
Braune Beiträge XXIV, 195). 

Im Osten, in der litu-sla vischen Welt, tritt eine schon beim Latei- 
nischen beobachtete Erscheinung auf, die noch weiter östlich an Häufig- 
keit zunimmt, nämlich die, dass die Bezeichnungen für das Blei und 
das diesem äusserlich ähnliche Zinn mit einander verwechselt werden, 
resp. nur ein Name für beide Metalle existiert. So gemeinsl. altsl. 
ölovOy altpr. alwis ,Blei' : WLalvoas ,Zinn' neben russ. svin^cü, lit. 
sztoinas ,Blei' (beide dunkel, und in beiden Fällen scheint das litauische 
Wort aus dem slavischen entlehnt zu sein). Das Westfinnische hat für 
beide Metalle, Blei wie Zinn, nur entlehnte Ausdrücke, während das 
mordvinische kivä und das Seremissische vulna wiederum beide Me- 
talle bezeichnet, und das Syrjänische ezis sogar noch das Silber in 
sich begreift (vgl. Ahlqvist Kulturw. S. 72). 

Im Orient begegnen bei den Ariern wie Semiten alte, aber ebenfalls 
nicht weiter anknüpfbare Namen für das Blei : scrt. sifsa- (Atharva- 
veda), aw. sru- (npers. surb etc.; vgl. Hörn Grundriss S. 161); hebr. 
oferet, bab.-assyr. abäru (sum. abar-^ vgl. Hommel Vorsem. Kulturen 
S. 409 f.). Vgl. weiteres bei Vf. Sprachvergl. und Urgeschichte * 
S. 317 f. — S. u. Metalle. 

Blind; s. Krankheit. 

Blitz, s. Gewitter. 

Bloek, s. Strafe. 

Blond, s. Farbe. 

Blondheit der Indogerinanen, s. Körperbeschaffenheit d. I. 

Blumen, Blumenzucht. Von allem, was Feld und Garten her- 
vorbringt, ist die Pflege der Blumen die letzte Errungenschaft der eu- 
ropäischen Menschheit. Der Realismus der Urzeit hat noch kein Verhältnis 
gefunden zu diesen Lieblingen der Dichter und Frauen, wie ihr Ohr auch 
dem Gesänge der Lerche oder der Nachtigall (s. u. Singvögel) ver- 
schlossen war. Das hat sich erst geändert, als die Blumendüfte des 
wohlgeruehschwangeren Orients nach Europa herüberwehten, und das 
Verhältnis des Menschen zur Natur, wenigstens in den höheren Kreisen, 
ein sentimentalisches zu werden anfing. 

Noch bei Homer findet sich keine Spur von Blumenzucht. Einzelne 
Blumen, Xeipiov in Xeipiöciq, KpÖKO^, vidKivOo^, lov, ^öbov in ^obobdK- 
TuXo^ und ^oböei^, — fast ausschliesslich fremde Namen — werden 

Scbrader, ReaUexikon. 7 



dd Blumen, Blumenzucht — Blutrache. 

zwar genannt; aber an den Stellen, wie in der Besehreibung der 
Gärten des Alkinoos, an denen wir eine Erwähnung ihrer Kultur er- 
warteten, schweigt der Sänger (vgl. E. Buehholz Die hom. Realien II, 
111 flF.). Erst nachdem der Homer noch unbekannte und zweifellos 
dem Orient, vor allem Ägypten, entstammende Gebrauch der Kränze 
bei Gelagen und zur Ehrung von Lebenden wie Toten (vgl. Wönig 
Die Pflanzen Ägyptens* S. 234 ff. und Lenz Botanik S. 154 ff.) aufge- 
kommen war, wird man von einer Bluraistik der Griechen sprechen 
können (vgl J. v. Müller Privataltert.* S. 239). Grossgriechenland ist 
auch hier das Vorbild für Italien gewesen, wie die Entlehnungen von 
lat. struppus aus griech. (yTpöq)oq, von coröna aus griech. KopuivT], 
K0pu)vi(; (vgl. Plinius XXI, 3: Tenuiorihus utebantur antiqui, atrop- 
pos appellantes] das gewöhnliche Wort für ,Kranz', griech. (Tr^cpavo^, 
ist merkwürdiger Weise nicht ins Lateinische übergegangen, Kopuivn 
ist in der Bedeutung ,Kranz' erst spät, (TTpoqpo^ gar nicht überliefert), 
von rosüf liliumy crocus, narciasuH, iris, hyacinthus u. s. w. zeigen. 
Immer aber ist der Kreis der antiken Blumcnkultur ein verhältnismässig 
beschränkter gewesen (vgl. auch Becker-Göll Gallus III, 75 ff.). Als 
solcher hat er seinen Eingang in die Gärten der christlichen Klöster 
und nach ihrem Muster in das Capitulare Karls des Grossen de villis 
vel cuitis Imperatoris (LXX) und in die deutschen Bauerngärten ge- 
funden. Doch wird bezweifelt (vgl. A. Kerner Die Flora der Bauem- 
gärten in Deutschland, in den Verhandl. des zool.-bot. Vereins in Wien 
V, T91), ob Karl der Grosse, wenn er in seinem Capitulare z. B. den 
Anbau der Lilie an erster Stelle vorschreibt, dazu durch irgendwelche 
ästhetische und nicht vielmehr durch praktische fiücksichten, d. h. in 
diesem Falle durch den Umstand bestimmt wurde, dass die Blumen- 
blätter der weissen Lilie als Hauptbestandteil eines als Volksmittel be- 
rühmten Öles benutzt wurden. Vgl. besonders von Fischer-Benzon 
Deutsche Gartenflora 1). Zierpflanzen S. 33 ff. 

Von einzelnen Blumen sind behandelt worden: Hyacinthe, Iris, 
Lilie, Narcisse, Nelke, Rose, Safran, Veilchen. — S. auch 
u. Garten, Gartenbau. 

Blutrache. Die Sühnung gewollter oder ungewollter Tötung — 
denn beide Begriffe werden ursprünglich nicht geschieden (s. u. Mord) — 
liegt in alter Zeit nicht dem Staat oder der Gemeinde, sondern aus- 
schliesslich der Sippe (s. d.) ob, die für den erschlagenen Genossen 
gegen den Thäter und dessen Sippe auftritt. Dieser Zustand lässt sich 
bei allen Indogermanen teils in lebendigem, zuweilen bis in die Gegen- 
wart hereinragendem Brauch, teils in mehr oder weniger deutlichen 
Spuren einstiger Gepflogenheit nachweisen. 

Die homerische Anschauung schildern die Verse der Odyssee 
(XXIV, 433 ff.): 

Xu)ßn Totp Tdbe T* tcJTi Kai iaao\xi\oi(Si 7Tu6e(y6ai, 



Blutrache. 99 

€1 br\ \ii\ TTaibiuv re KacTiTvrjTUüv T€ qpovfiaq 

Tl(TÖ)i€6'. 

Trauernd geht (IL XIII, 643 ff.) der König Pylaimenes hinter der 
Leiche des erschlagenen Sohnes her: 

Aber die Tioivfi braucht nicht der Tod des Mörders zu sein. Es ziemt 
«ich vielmehr, an seiner Statt die dargebotene Sühnsumme anzunehmen: 

Kai |Li^v Tiq T€ KacTiTvriTOio q)ovfio5 
TToivfiv f\ ov Txaiböq dbeEaio TeGvnoiToq, 
Ka\ ^' 6 jnfev ^v br\)X[jj |li€V€i auToö, ttöXX* dTroxicTa?, 
ToO bi t' dpHTÜetai Kpabiri xal Qv)iöq dTTJvwp 
TToivfiv belaiilvov (II. IX, 632 ff.). 
Ilias XVIII, 497 ff. wird auf dem Schilde des Achilleus der Streit 
zweier Männer geschildert: 

buo fivbpe? dvelxeov etvexa ttoivti^ 
dvbpö^ d7Toq)8i)idvou' 6 \xkv eöx^TO Ttavi' dTtobcOvai, 
brjmjü TTiqpaucTKUJV , 6 b' dvaivero )iT{bkv Ikiaßai. 
Man ist geteilter Meinung, ob hier zu übersetzen sei: „Der eine er- 
klärte, alles gegeben zu haben, der andere aber leugnete, irgend etwas 
empfangen zu haben^, so dass an dieser Stelle nichts als eine ge- 
wöhnliche Schuldklage vorläge, oder ob vielmehr wiederzugeben sei: 
„Der eine gelobte alles zu geben, der andere aber weigerte sich, etwas 
zu nehmen", so dass hier die viel bedeutsamere Verhandlung vor Ge- 
ronten und einem Schiedsrichter (T(TTU)p) anzunehmen sei, ob in einer 
bestimmten Mordsache Blutrache oder Composition stattfinden solle (vgl. 
A. Hofmeister Z. f. vergl. Rechtsw. II, 443 ff. u. Delbrück Vgl. Syntax 
II, 472). 

Nach befriedigter Rache oder Einigung über die ttoivti soll Friede 
und Freundschaft herrschen. So befiehlt es Zeus (Od. XXIV, 482): 
d7T€ibf| ^vr|(TTf\pa(; diicTaTO b\o<; 'ObucTcJeu^, 
ßpKia TTKTTd TaMovTc?, 6 ^tv ßacTiXeu^TU) aiei, 
fmeiq b' au Traibujv T€ KacrifvriTUJV t€ cpövoio 
fKXriaiv 6€UJ^€V• Toi b' dXXriXouq q)iXeövTU)v 
ibq TÖ irdpoq' TrXoÖToq bk Kai elprjvn dXiq ?(Ttu). 
Oft nach geschehener Blutthat flieht der Mörder in die Fremde, um 
■der Rache seiner Feinde zu entgehen. Vgl. Od. XV, 272 f.: 
oÖTUJ Toi Kai ^TU)V ^K TTaipiöo^, fivbpa KaiaKTdq 

fjLlCpuXoV TTOXXOI bk KaCTlTVTlTOl T€ fiai T€ 

*ApToq dv' iTTTTOßÖTOV, iLi^Y« bfe Kpaieouaiv 'AxaiOüv. 
T&v uiraXeudiievoq Odvarov Kai Kfipa ^eXalvav 
(peuTU), inei vu jiioi alaa Kat' dv6pu)Trou^ dXdXrjcrOai. 
Zug für Zug entsprechen die germanischen Verhältnisse: Suscipere 
tarn inimicitias seu patris seu propinqui quam amicitias necesse est] 
nee implacabiles durant : luitur enim etiam hoviicidium certo armen- 



100 Blutrache. 

torum ac pecorum numero recipitque satisfactionem universa domus 
(Tac. Germ. Cap. 21). Der durch die Blutthat zwischen zwei Sippeo 
geschaffene Zustand ist die Fehde, mlat. faida^ ahd. fehida, agis. 
fcehdf wörtlich ,inimicitia' : ahd. fech, agls. fäh {^poiJco-s = ir. öech 
jFeind'). Die satisf actio besteht in dem Wergeid: ahd. w^ragHt, agls^ 
toär-, weregild : got. wair ,Mann', daneben agls. leödgeld, altn. mann- 
gjöld etc. Domus ist ,Sippe'. Die Höhe des Wergeids ist bereits, wie aus 
jcer^w«' "hervorgeht, staatlich festgesetzt (s. u.). Auch bei den Germanen soll 
nach feierlicher Aussöhnung wieder Friede und Freundschaft herrschen. 
Auch hier flieht der Totschläger für einige Zeit aus dem Lande oder 
meidet wenigstens den Anblick seiner Gegner {tenetur occisor summo- 
pere praecavere, ne se suoi*um sie ingerat adversariorum conspectui, 
ut propter suam praesentiam offendantur, sed a domo et ecclesia et 
a via, in quibus adversarios suos esse deprehenderit, non stiperse- 
deat cum proximis declinare', vgl. Wilda Das Straf recht der Germanen 
S. 181 aus einer schonischen Rechtssammlung, übersetzt von dem Erz- 
bischof Andreas Sunesen 1204 — 1215). 

Wenn aber auf griechischem und germanischem Gebiet, ebenso 
wie auch auf keltischem (genus super omnia diligunt, et damna 
sanguinis atque decoris acriter ulciscuntur : vindicis enim animi sunt 
et irae cruentaej nee solum novas et recentes iniuriaSy verum etiam 
veteres et antiquas velut instantes vindicareparati\ vgl. GiraldusCambriae 
descr. Cap. 17 nach Walter Das alte Wales S. 138^), das einstige Be- 
stehen der Blutrache sich im wesentlichen nur aus alten Denkmälern 
nachweisen lässt, kann dieselbe im Osten Europas, wo so viel urzeit- 
liches sich bis heute erhalten hat, beiden slavischen Völkern (vgl. 
Miklosich Die Blutrache bei den Slaven, Denkschr. d. k. Ak. d. W. zu 
Wien, phil.-hist. Cl. XXXVI, 127 ff.), vielfach bis an die Schwelle der 
Gegenwart verfolgt werden. Mitgeteilt seien hier die wichtigsten Sätze 
aus den auf Montenegro bezüglichen Nachrichten, wo die Blut- 
rache erst im Jahre 185ß durch ein Gesetz des Fürsten Danilo erstickt 
worden sein soll: „Die Blutrache wird als das einzige Mittel zur Auf- 
rechterhaltung der Gerechtigkeit angesehen. Sie wird geübt fllr Tot- 
schlag, Verwundung, Schimpf, und gilt als eine religiöse, heilige Pflicht 
vor allem gegen den Getöteten, dann wohl auch gegen dessen Sippe. 
Zur Rache verpflichtet ist jedes männliche Glied der Sippe. Vor allen 
ist der älteste Sohn des Getöteten berufen Rache zu üben \ ist ein Soba 
nicht da, so liegt die Pflicht dem ältesten Bruder des zu Rächenden 
ob. Stirbt der von der Blutrache Verfolgte, so vererbt sich seine 
Pflicht zur Busse auf das ihm nächste Haupt, so dass nicht selten erst 
die Söhne oder Enkel die Streitigkeiten ihrer Väter und Grossväter 
ausfechten. Man trachtet vor allem den Totschläger zu töten, und 
wenn dies nicht möglich ist, seineu nächsten Verwandten, Binder, Vater^ 
Sohn. In der Wut ist der Rächer vor allem darauf bedacht, sich eines* 



Bliitrache. 101 

Teiles des Körpers seines Opfers zu bemächtigen, des Kopfes, der 
2unge, der Ohren (man vergleiche hier das von Rohde Psyche I *, 322 S. 
über den griechischen Brauch des i^acTxaXiCeiv beigebrachte, nach dem 
der Mörder dem Ermordeten einzelne Glieder abschnitt und an einer 
Schnur um seinen Nacken hing). Der Totschläger flieht in der ersten 
Zeit nach dem Totschlag in einen anderen Distrikt. Nur in der Sühne, 
welche die Zahlung des Blutgelds und eine für den Schuldigen demü- 
tigende Ceremonie in sich schliesst, erreicht die Blutrache ihr unblutiges 
Ende. Sie erstreckt sich auf die ganze Sippe. Nur die Sippe, nicht 
einzelne Mitglieder derselben, kann Frieden schliessen." — Aus der 
altslavischen Terminologie der Blutrache (vgl. bei Miklosich S. 140 ff.) 
sei hier auf das weitverbreitete altsl. vrazlda (: altsl. vragl ,Feind' = 
altpr. icargs ,schlecht', altn. vargr) verwiesen, das inhaltlich genau dem 
oben genannten ahd. fihida entspricht. Doch bedeutet das Wort nicht 
nur jFeindschaft' und ,Totschlag', sondern auch die ,Busse' für den 
letzteren, ganz wie dies bei altkymr. galanas erst ,Tot8chlag', dann 
jWergeld' und bei mgriech. cpövo^, ähnlich auch bei homerisch noivfi 
jRache' und ,Busse' der Fall ist. Ferner wird im Slavischen zur Be- 
zeichnung des durch Blutrache zu sühnenden Totschlags häufig von den 
beiden Wörtern altsl. glava ,Kopf ' und Tcrüvl ,Blut' (vgl. auch alb. ^aTc 
,Blut, Blutrache') Gebrauch gemacht. ,Rache' ist mlsü, ,Friede' mirü. 

Ebenso wie bei den Südslaven, ist bei den Albanesen, geschützt 
durch die Abgeschlossenheit ihres Landes, die Blutrache „so alt wie 
das Volk, das dieses Land bewohnt" (Miklosich S. 163 ff.) und steht 
heute daselbst noch in voller Blüte. 

So ergiebt sich, dass innerhalb Europas die hier in Frage stehende 
Institution nur im alten Rom nicht nachzuweisen ist. Doch haben sich 
Spuren ihres einstmaligen Vorhandenseins auch hier erhalten: San ein 
Numae legibus, berichtet Servius in Verg. Ecl. IV, 43, cautum est, 
nt d quis imprudens occidisset hominem, pro capite occisi [ag]nati8 eins 
in [conc]^one offerret arietem] ■— öblatus homiddam crimine homicidii 
possU exsolvere. Aus dem Umstand aber, dass im Falle einer im- 
prndenten (culposen) Tötung an die Verwandten des Getöteten ein 
Widder in Stellvertretung des Thäters und als Sühnopfer zu entrichten 
war, ist zu folgern, dass im Falle einer prudenten (dolosen) Tötung 
die älteste lateinische Rechtsordnung die Auslieferung des Mörders 
selbst an die Agnaten des Ermordeten behufs Tötung, d. h. Opferung 
vorschrieb. In einer solchen Bestimmung, wie sie notwendig vorausge- 
setzt werden muss, tritt aber die uralte Idee der Blutrache deutlich zu 
Tage (vgl. M. Voigt Leges Regiae S. 618 flF.). 

Eine zweite Spur einstiger Übung der Blutrache im ältesten Rom 
ist in der Wortgruppe von lat. vindicta, vindicare u. s. w. (s. u. 
Familie) enthalten, deren ursprünglicher Sinn an die Begriffe ,Sippcn- 
recht', ,Sippenrache' nahe heran kam. 



102 Blutrache« 

Es ist merkwürdig, dass gerade unter diesem Namen (ital. Vendetta 
u. s. w.) die Blutrache im Mittelalter bei den romanischen Völkern 
wieder hervortritt^ wie sie auf Korsika und in Sardinien noch beute 
herrscht. Miklosich a. a. 0. S. 172 ist geneigt, dies auf den Einfluss 
der in den Süden Europas einbrechenden gennanischen Völker zurück- 
zuführen. Wahrscheinlicher ist aber, dass in gebirgigen und unwirt- 
lichen Gegenden Italiens und der benachbarten Inseln, in die der Arm 
und Einfluss des römischen Rechts nicht reichte, die alte Glut des 
Hasses und der Leidenschaft weiter glomm, bis sie später nach Zerfall 
des römischen Staates zu neuen Flammen angefacht wurde. Wie 
lange z. B. auf germanischem Boden neben im übrigen gefestigten 
Rechtszuständen die urgermanischen Gewohnheiten der Blutrache weiter 
wucherten, zeigt aufs deutlichste die Schrift P. Frauenstädts Blutrache 
und Totschlagsühne im Deutschen Mittelalter (Leipzig 1881). 

Wendet man sich zu den arischen Indogermanen, so kann das einstige 
Bestehen der Blutrache bei den Indern durch den sicheren Nachweis 
ihrer Bekanntschaft mit dem Wergeid als zweifellos angenommen 
werden. In der Maiträyantya Samhita liest man I, 113, 13 (nach Roth 
Das Wergeid im Veda Z. d. D. Jlorgenl. G. XLI, 672 ff.): „Einen 
Männermord unter (an) den Göttern begeht, wer das Feuer (den Agni) 
vertilgt (auslöscht). Nun ist die Abfindung für den Mann ein Hundert 
{qatadäyö virö). Indem die hierbei üblichen Panktiverse 100 Silben 
zählen, büsst er hierdurch den Göttern ab für den (erschlagenen) Mann."^ 
Hierzu eine Ergänzung findet sich im Tändya Brähmana 16, 1, 12. 13: 
„Der Opferlohn, den er zu geben hat, besteht in 112 Kühen. Denn wer 
den Soma zerdrückt, der erschlägt einen Mann aus der Zahl der Götter. 
Die hundert (Kühe) sind die Mannbusse {väiram)^ die er den 
Göttern hinauszahlf* u.s.w. Der hier unzweideutig beschriebene Ge- 
brauch des Wergeides lässt sich nun auch bis in die späteren Gesetzes- 
sammlungen (vgl. G. Bühler Das Wergeid in Indien Festgruss an Roth 
S. 44 ff.) deutlich verfolgen. Von besonderem Interesse sind hierbei 
die Angaben Baudhäyanas (1, 18, 18 — 1, 19, 6), insofern hier, als Teil 
des Königsrechts, die Zahlung des Wergeids als eine rein weltliche 
Institution dargestellt wird: „Brahmanen-Mord oder Tötung, begangen 
durch einen Brahmanen wird durch Brandmarkung und Verbannung^ 
bestraft. Der Mord oder die Tötung eines Mannes gleichen oder nie- 
deren Standes, begangen durch einen Kshatriya, Vaigya oder Qüdra^ 
wird je nach ihrem Vermögen durch passende Strafen geahndet, nämlich 
für den Mord oder die Tötung eines Kshatriya soll man dem Könige 
1000 Kühe und einen Bullen zahlen zur Entfernung der Feindschaft, 
desgleichen für einen Vai^ya 100 Kühe und einen Bullen, desgleichen 
für einen Qüdra 10 Kühe und einen Bullen, desgleichen unter ge 
wohnlichen Umständen für eine Frau die letztere Busse." An- 
genommen muss werden, dass der König die Kühe der Familie des- 



Blutrache. 103 

Erschlagenen herauBgiebt, während er den Bullen fttr sich behält, ganz 
wie nach germanischem Recht bei gerichtlich abgeschlossenen Sühne- 
verträgen (s. u.) dem König oder dem Volk ein fredus zufällt. 

Bei den übrigen smrtikäras werden dann die ursprünglich rein pri- 
yaten oder staatlichen Geldbussen für Tötung mehr und mehr Teile 
des geistlichen Rechts (präj/agcitta-). 

Aber auch im modernen Indien ist die Bekaimtschaft mit dem Wer- 
geid nicht ganz erloschen (vgl. ausser Bühler a. a. 0. Jolly Recht 
und Sitte S. 131). Ein neuerer Name für dasselbe lautet mund-lcati 
(mundaJcätf), eigentlich ,Kopfabschneidung', was an die obengenannten 
Bezeichnungen des Wergeids, altkymr, galanas, und mgriech. q)6vo^ er- 
innert. Endlich werden auch im Awesta Mordthaten durch Geldbussen 
(vgl. bei Justi saetööinanh-), zuweilen auch durch die Darbringung 
junger Mädchen {näiricinanh-) gebüsst. Vgl. W. Geiger Ostiran. Kultur 
S. 452, Ebendaselbst vgl. über die Blutrache der Afghanen, die 
noch heute in voller Blüte steht. 

Kach alledem kann es nicht bezweifelt werden, dass die Blutrache 
als eine indogermanische Institution zu betrachten ist, um so 
mehr, da sich auch ein Teil ihrer Terminologie als indogermanisch 
erweist. Das Verbum, welches ursprünglich die Ausübung der Rache, 
sowohl die blutige, wie auch die durch Busse herbeigeführte bezeich- 
nete, war scrt. ci, cäyate ,strafen, rächen', aw. ci, grieeh. TivoMai, 
TJvu^iai, Tivuj ,sich eine Busse entrichten lassen, strafen, eine Busse 
entrichten'. Das dazu gehörige Substantivum ist aw. kaenä- »Strafe, 
Bache' (npers. Mn ,Feindschaft, Hass, Zorn') = grieeh. TTOivrj ,Blutrache' 
und ,Wergeld\ 

Zweifellos sind aber zu grieeh. troivri auch lit. Tcaina ,Wert, Preis' und 
altsl. cena ,Preis' zu stellen, da eben das Wergeid den Wert des 
Menschen, seinen Preis zum Ausdruck bringt. Nimmt man nun an, dass 
neben den Wurzelformen *gi- (in tivuj) und *qoi' (in rroivri) noch eine 
Hochstufe *q6{iy lag, so lassen sich noch zwei weitere überaus wichtige 
Reebtsterraini hier anschliessen. Es ist dies einmal das irische cdin 
gl. emenda i. e. ,damni reparatio', .satisfactio de iure laeso vel de in- 
iaria illata' {cdin aus *cd-w£-, wie täid ,Dieb' aus ♦fr2-^/- : ^^li , stehlen'; 
vgl, Stokes Irish Glosses S. 47 und 156) und zweitens das altsl. kazni 
,Strafc', ,die schwere staatliche Strafe, z. B. für Mord'; vgl. Ewers 
Ältestes Recht der Russen S. 214 {ka-zni- aus *qö{i)-8ni- : serb. kajati 
jUleisci'; vgl. Miklosich Et. W. u. Zra-, altsl. kajati sq »bereuen', eigentl. 
,8ich strafen'). Über die Entwicklung des BegriflFs der Strafe aus dem 
des Wergeids oder der Busse s. u. Strafe. 

Zweifelhafter ist es, ob neben dem idg. Ausdruck aw. kaend- = 
grieeh. TTOivri, welcher ,Rache' und , Busse' bedeutete, noch ein beson- 
derer und ausschliesslicher Name für das Wergeid vorhanden war. 
Einen solchen hat man (vgl. L. v. Schröder Indogermanisches Wergcld, 



104 Blutrache. 

Festgruss an Roth S. 49 ff.) aus scrt. väira- {väira-d^ya-, väira-yätana-) 
agls. w'er-j wäre-gild (s. o.) und altruss. vira erschliegsen wollen. Letz- 
teres Wort bezeichnet sowohl in der Chronik Nestors wie auch im ältesten 
russischen Rechtsbuch, der Pravda Russkaja (hier in der adjektivischen 
Form virnoje), die zur Sühnung eines Totschlags an den Fürsten zu 
zahlende Leistung. Indessen ruht auf dem altrussischen und nur hier 
bezeugten Worte der Verdacht skandinavischer Entlehnung, und auch 
das wahre Verhältnis des schon von Roth mit einander verglichenen 
agls. tcer-j were- und scrt. väira- ist schwer zu ermitteln. Sicher ist 
jedenfalls, dass beide zu dem altidg. Worte für Mann (lat. vir) gehören. 

Wenn also die Institution der Blutrache und ihrer Ablösung durch 
ein Wergeid als indogermanisch anzusehen ist, so kann man doch über 
das Alter einzelner charakteristischer Züge dieser Institution zweifel- 
haft sein. War schon in der Urzeit eine Instanz, etwa das Schieds- 
richtertum des Königs (s. d.), vorhanden, vor dem die beiden feindlichen 
Sippen sich einigen konnten, ob Zahlung einer Busse stattfinden oder 
der Rache freier Lanf gelassen werden sollte? War schon damals 
die Höhe des Wergeids festgesetzt oder durch Gebrauch fest geworden, 
eine Annahme, auf welche die Übereinstimmung des indischen Wergeids 
von 100 Kühen für den erschlagenen Mann mit germanischen und 
slavischen Sätzen (vgl. Roth und Schröder a. a. 0.) führen könnte? 
u. s. w. 

Als wahrscheinlich darf gelten, dass schon in der Urzeit die unmittel- 
bare Tötung des Vollbringers gewisser Gewaltthaten (s. u. Diebstahl 
und u. Ehebruch) nicht die Blutrache der geschädigten Sippe her- 
voiTief, dass also der Begriff der straf- oder besser sühnelosen Tötung 
als Ansatz einer eigentlichen Rechtsordnung sich bereits auszubilden 
begonnen hatte. Doch wird man sich hüten müssen, derartige Begriffe 
und Gewohnheiten als schon in alten Zeiten durchaus fest geworden 
anzusehen. 

Ihren Ursprung haben die Einrichtungen der Blutrache in dem nicht 
weiter ableitbaren Rache- und Schutzbedürfnis des Menschen. Die Be- 
friedigung des letzteren fand der Indogermanc ausschliesslich oder 
vorwiegend — die Gemeinschaft des Stammes richtete sich mehr 
gegen den Kriegsfeind — in der Vereinigung der Sippe (s. d.). Bei 
ihr haftet daher die Verpflichtung, den Sippengenossen zu schützen. 
Innerhalb dieses weiteren Begriffs filllt wieder in erster Linie die 
Pflicht der Rache gewissen nächsten Verwandten des Erschlagenen zu. 
Bei Homer werden als solche die Söhne und Enkel, der Vater, die 
Brüder und die frai genannt. Leider ist letzteres ein nicht mit Sicher- 
heit übersetzbarer Ausdruck. Er wird zu (yF€(*(TF€Tä-) gehören und so 
viel wie ,Angehörige' bedeuten. Von Affinen als Bluträchem ist nirgends 
die Rede. Einmal (II. XV, 554) wird ein dveipiö? genannt. Es gilt dies 
von Melanippos, dem Sohne des Hiketaon, in seinem Verhältnis zu 



Blutrache. 105 

Dolops, dem Sohne des Lampos. Nun waren Hiketaon und Lampos 
(IL XX, 238) Brüder, so dass wir es also mit Brudersöhnen zu thun 
haben. Es werden demnach von Homer nur agnatische Verwandte 
als Bluträcher genannt. 

In bestem Einklang hiermit steht die oben angeführte Stelle der 
Oesetzgebung Numas, nach welcher der Widder den Agnaten des 
Erschlagenen zu übergeben war. Freilich beruht die Lesung agnatis 
auf einer Verbesserung der sinnlosen Worte et natis, die aber gegen- 
wärtig wohl von allen Rechtshistorikern angenommen ist. Eine Aus- 
nahme macht wohl nur Leist Graeco-italische Rechtsgeschichte S. 349 f., 
indem er cognatis, nicht agnatis lesen will. Zu dieser Auffassung 
gelangt er, weil er spätere Grundsätze des römischen Rechts über An- 
klagerecht, bzw. Anklagepflicht nächster kognatischer Verwandten (vgl. 
namentlich Glück-Leist Commentar V, 65 ff.) in direkte Beziehung zu 
der auch von ihm für Roms üi*zeit angenommenen Blutrache setzt. 
Aus einer idg. Pflicht zur Blutrache innerhalb des Rognatenkreises 
(sobrino tenus) sei später ein bevorzugtes Anklagerecht derselben Ver- 
wandten geworden. Allein von sachverständiger Seite wird einge- 
wendet, dass der von Leist eonstiniierte Zusammenhang kaum haltbar 
sei. In der früheren Zeit seien bei dem Verfahren wegen parricidium 
die Anklagen gar nicht von Verwandten oder überhaupt von Privat-, 
sondern von Magistratspersonen (den quaestores parricidii) erhoben 
worden. Privatkläger seien erst denkbar nach Einsetzung der quae- 
stiones perpetuae (149 v. Chr.), die ursprünglich für privatrechtliche 
Ansprüche eingerichtet, es allmählich auch mit dem Strafrechte zu 
thun bekommen hätten. Bei diesen hätte im allgemeinen jeder als 
Kläger auftreten können, nur nicht ursprünglich die Frauen, und die 
von Leist in dem oben angegebenen Sinne ausgelegten Stellen der 
Reehtsquellen bezögen sich auf nichts anderes, als dass ausnahmsweise 
auch Frauen als Nächstangehörige das Recht (nicht die Pflicht) zu 
klagen haben sollten. Ähnliches gelte von den ursprünglich ebenfalls 
zur Klage nicht zugelassenen Soldaten. „Eine Verpflichtung von Kog- 
naten, den Tod des Familiengenossen zu rächen, die nach Leist schon 
der prähistorischen Zeit angehören soll, ist in den römischen Rechts- 
quellen nirgends zu entdecken." 

Viel eher könnte man geneigt sein, mit Brunnenmeister Tötungsver- 
brechen S. 163 die freilich auch erst spät hervortretende Anschauung, 
denjenigen fiir erb unwürdig zu erklären, der es unterlassen hat, den 
Mord des Erblassers zu verfolgen (vgl. z. B. Pauli Sent. rec. III, 5 § 2: 
Honestati enim heredis contenit, qualemcunque mortem testatoris in- 
uUam non praetermittere), als einen Nachhall uralter Anschauungen 
aufzufassen. Der Erbgang aber ruht in Rom auf agna tischer 
Orundlage. 

Die indischen und germanischen Quellen tragen zur Charakterisierung 



106 Blutrache — Bohne. 

der ältesten Familiengenoesenschaft der Blutrache direkt nichtB bei. 
Die älteste russische Pravda (vgl. Ewers a. a. 0. S. 264) aber bestimmt: 
^Erschlägt der Mann einen Mann, so räche der Bruder den Bruder, 
oder der Sohn den Vater, oder der Vater den Sohn, oder der Bruder- 
sohn, oder der Schwestersohn." An letzter Stelle ist hier also als 
Bluträcher ein kognatischer Venvandter (aus der Anchistie npix; Tratpö^) 
genannt oder wahrscheinlich angefügt worden. Wenn so die unmittel- 
baren, auf die Ausübung der Blutrache bezüglichen Nachrichten die Frage,, 
ob in der Urzeit die Verpflichtung zur Rache nur bei agnatischen oder 
auch bei kognatischen Nahverwandten ruhte, nicht mit voller Evidenz in 
ersterem Sinne entscheiden können, so geschieht dies durch die von nie- 
mandem geleugnete Verbindung, in der die Pflicht zu rächen mit dem Recht 
zu erben auftritt. Dass hier eine Nahverwandtschaft nur durch ag- 
natisch verbundene Personen, nämlich durch Männer, welche den gleichen 
Vater, Grossvater oder ürgrossvater mit einander gemein hatten, in 
der Urzeit gebildet wurde, ist u. Erbschaft gezeigt worden. 

Die Bedeutung der Blutrache beginnt zu schwinden, je mehr der 
Begrifl^ des Staates (s. d.) in Europa hervortritt. Dieser Prozess ist 
bei den einzelnen Völkern in verschiedener Weise und zu verschiedener Zeit 
vor sieh gegangen. In Attika hat vor Drakon der Areopag alle Blutprocesse 
entschieden (vgl. Gilbert Die Entwicklungsgeschichte der athenischen Blut- 
gerichtsbarkeit Jahrb. f. klass. Phil. XXIII Suppl. S. 485 ff^.). Das römische 
Recht, sahen wir, hatte schon vor aller Überlieferung die Privatrache 
überwunden. Im Norden zeigt sich dagegen die Blutrache in gewissem 
Sinne in die Verfassung der civitas eingegliedert. Es steht bei den 
Germanen der gekränkten Sippe frei, entweder den Weg der Fehde 
zu beschreiten oder auf privatem Wege die Busse zu erwirken oder 
die letztere bei dem concilium einzuklagen (vgl. Brunner Deutsche 
Rcchtsgeschichte I, 160). Bei den Slaven endlich hielt noch der 
russische Fürst Vladimir dem Drängen der Bischöfe gegenüber, die ihn 
ermahnten, die sich mehrenden Mordthaten von Staatswegen zu be- 
strafen, es für Unrecht (grechü), solches zu thun und das Wergeid (tira) 
zu beseitigen (vgl. Ewers a. a. 0. S. 213). Hier im Norden Europa» 
hat vor allem die christliche Kirche durch die Begründung des Gottes- 
friedens itreuga dei), durch die Eröfl^nung von Asylen (s. u. Tempel)^ 
durch eine straff'e Bussdiszipliu u. s. w. energisch und erfolgi"eich die 
überall noch vorgefundene Einrichtung der Blutrache bekämpft. S. auch 
U.Körperverletzung und u. Recht (Strafrecht). 

BintHchande, s. Verwandtenehe. 

Biutsfrenndschaft, s. Freund und Feind. 

Boden, s. Eigentum. 

Bodenknitnr, s. Ackerbau. 

Bogen, s. Pfeil und Bogen. 

Bohne. Auf keinen Fall kann unsere heutige Gartenbohne 



Bohne. 107 

{Phaseolus vulgaris L.) in alten Zeiten bekannt gewesen sein^ da sie 
nachweislich erst aus Amerika bei uns eingeführt worden ist. Es bleibt 
daher nur die Geschichte der sogenannten Saubohne {Vicia Fdba L,y 
Fäba vulgaris Meh.) zu bestimmen übrig. 

Die archäologische und historische Überlieferung weist auf ein hohe» 
Alter ihres Anbaues in Europa hin. Aus neolithischen Stationen ist 
derselbe in Italien^ Spanien und Ungarn nachgewiesen worden^ während 
er in der Schweiz allerdings erst in den der Bronzezeit angehörigen 
Pfahlbauten zu belegen ist (vgl. Buschan Vorgesch. Bot. S. 213). Auch 
Homer (IL XIII, 589) kennt bereits die Kuainoi ^eXavöxpoe^, die dunkel- 
farbigen Bohnen, die auch in Hissarlik (vgl. Wittmack Berichte d. D. 
bot. Ges. 1886) gefunden wurden. Nicht weniger muss in Italien, wo 
die Pfahlbauten der Poebene ebenfalls Faba vulgaris aufweisen, die 
Bohne ein wichtiges und beliebtes Nahrungsmittel der älteren latei- 
nischen Zeit gewesen sein, was ausser durch vieles andere (vgl. Heibig 
Die Italiker in der Poebene S. 70), durch die alten Bauernnamen der Fabii, 
des Modius Fabidius, des Mettius Fufetius bewiesen wird. Von den 
Kelten, wenigstens den oberitalischen, berichtet Plinius Hist. nat. XVIII, 
101: Panico et Galliae quidem, praecipue Aquitania utitur\ sed et 
Circumpadana Italia addita faba, sine qua nihil conficiunt. 
Nach demselben Autor (IV, 97) nannten die römischen Soldaten die Insel 
Bnreana, das heutige Borkum, Fabaria, a frugis multitudine sponte 
provenie7itis. Waren es dennoch angebaute Bohnen, da an wilde kaum 
gedacht werden kann? Eine andere Insel der Nordsee hiess vielleicht (vgl. 
Plinius 1. c. IV, 94) wirklich Baunonia (altn. baun ,Bohne'). Die Lex Salica 
enthält schon in den ältesten Codices 1 u. 2 (Hesseis) XXIX, 7 die 
Strafbestimmung: Si quis in napina, in fauaria^ in pissaria vel in 
lenticlaria in furtum ingressus fuerity etc. Über Bohnenfunde in 
Deutschland, allerdings erst aus der Eisenzeit, vgl. Buschan a. a. 0. — 
Auch die Sprache weist auf ein hohes Alter der Bohne bei den idg» 
Völkern. Wie die Arier durch die Übereinstimmung von scrt. mä'sha- 
= npers. mäs, Pamird. max (letzteres freilich ,Erbse') verbunden werden, 
ßo herrscht in Europa die Gleichung : lat. faba (woraus durch Ver- 
mittlung eines brit. *fäbi' entlehnt ir. selb) = altpr. babo, altsl. bobü 
,Bohne'. Auch lit. pupä gehört hierher, dürfte aber erst durch finnische 
Vermittlung aus dem Slavischen übernommen sein (vgl. Kretschmer 
Einleit. S. 146). Hingegen lässt sich ahd. bona, altn. baun vorläufig 
nicht mit faba vermitteln. Alleinstehend: griech. Kuajuo^, Tiiiavo^ : ku^u> 
,schwelle'. Alb. ba^e ,Saubohne' s. u. Linse. Die slavische, ihrem 
Ursprung nach noch unerklärte Gruppe von altsl. grachü umfasst mit 
ihren Entlehnungen (alb. grose, ngriech. tP«XO^> türk. grax) zwar alle 
Arten von Hülsenfrüchten, scheint aber doch vorwiegend , Bohne' zu 
bedeuten. 

Nach alledem kann mau es als wahrscheinlich ansehen, dass die 



108 Bohne — Braun. 

Saubohne, die auch indem ägyptisch-semitischen Kulturkreis von 
ältester Zeit an bekannt, obwohl bei den Ägyptern (ähnlich in Indien; 
vgl. L. V. Schröder Pythagoras S. 35) als Speise aus religiösen Granden 
verabscheut ist, zu den ältesten Ackerbanfrüchten der europäischen 
Indogermanen gehört. Als Stammpflanze der Saubohne sieht man Vicia 
narbonensis an, die in den Mittelmeerländern und im Orient bis Meso- 
potamien hin wildwachsend verbreitet ist. 

Zu erwähnen bleibt, dass von den Griechen neben der Saubohne auch 
eine Dolichosart (Dolichos melanophthalmos D. C.) angebaut wurde: 
böXixo^ (Theophr.), (TfniXoS Kirrraia und q>a(TioXo^ (Diosc), letzteres von 
dem schon früher bezeugten q)d<TTiXog abgeleitet. Hieraus entlehnt lat. 
phaselus, faseolus, phasiolus. Dieselbe Pflanze meint auch griech. Xößia 
(vgl. V. Fischer-Benzon S. 98), zu Xoßoi ,Schotenhülsen', X^ßivOo^ ,eine 
Schotenart' (lat. legthnen?) gehörig. Auch dieses Wort hat eine weite 
Wanderung, und zwar in östlicher Richtung, angetreten, wie kurd. 
lobiüf npers. lübiyä, armen, lovias, lubia, syr. lubj(^ etc. zeigen (vgl. 
Low Aram. Pflanzenn. S. 234, Httbschmann Armen. Gr. I, 267). 8. u. 
Hülsenfrtlchte und u. Ackerbau. 

Bohrer. Steinerne Werkzeuge zum Durclibohren des Holzes sind 
in der neolithischen Zeit, ja schon in den voraufgehenden Perioden, an 
vielen Orten und in Menge zu Tage getreten. Ein idg. Name derselben 
ist griech. (hom.) x^perpov = ir. tarathar\ vgl. auch lat. terebra. Man 
beachte noch die Gleichungen lat. forare = ahd. borön und lit. gr^ziü 
jbohre', altpr. granntis , Bohrer', lett. grhnis ,Drillbohrer' = mhd. krinc 
,Kreis' (Bohrloch). Das Slavische verwendet für den Begriff des Bohrens 
meist die Wurzel vert^ altsl. vrüteti etc., für den Bohrer das gemeinsl. 
altsl. svrüdlü {*8verd- : ahd. swerty agls. stceord, altn. sverS ,Schwert'?). 
Gemeingermanisch ist die Zusammensetzung ahd. naga-bSr aus *naba- 
g^Vf agls. nafo-gär, altndd. nahugir, altn. nafarr (finnisch napa- 
Jcaira), wörtlich ,Gereisen zum bohren der Nabe'. Gemeinkeltisch: 
*aJcvUlo8 ,Bohrer' (kymr. ebil ,terebruni' ; vgl. lat. aculeus nach Stokes 
ürkelt. Sprachschatz S. 5). — S. u. Werkzeuge. 

Boot^ s. Schiff, Schiffahrt. 

Borgen^ s. Schulden. 

Braten, s. Kochkunst. 

Brauen, s. Bier. 

Braun. Ein idg. Name dieser Farbe ist in der Benennung des 
Bibers (s. d.) erhalten. Als Farbenadjektivum ist das Wort (idg, *6Äa- 
bhr-tt-) noch in scrt. babhrü- ,braun' und (ohne Reduplikation) in dem 
gemeingerm., auch ins Romanische, Litauische und Slavische entlehnten 
ahd. brün, altn. brünn bewahrt. Vgl. auch griech. qppOvri ,Kröte' (die 
,braunc'). Die reduplikationslosen Stammstufen bher- und bMv- scheinen 
in ahd. bero ,Bär' (,Meister Braun') und in lit. beras ,braun' (nur von 
Pferden) vorzuliegen. Die Einzelsprachen benennen das Braun entweder 



Braun — Brautkauf. 109 

im Hinblick auf das Schwarz (z. B. griech. öpcpvivo^ : dpcpvri ^Finsternis', 
lat. fuscus : lat. furvus ,kohl8chwarz' aus ^fus-vo-s ; über ir. donn etc. 
vgl. Stokes ürkelt. Sprachschatz S. 152), oder auf das Rot (lit. rüdas : 
raudönas ,toV), oder das Gelb (lat. badius : ir. buide ;gelb'^ ahd. elo 
aus lat. helvus). Ältsl. smaglü ,fuscu8' scheint soviel wie ,dürr, ver- 
brannt' zu sein (vgl. Miklosich Et. W.). S. noch u. Gelb, Schwarz 
und Weiss, und u. Farbe. 

Brant , Br äntigam s. Heirat. 

Brantkanf. Die idg. Ehe beruht auf dem Kaufe des Weibes. 
Von dem alten Griechenland berichtet Aristoteles Polit. II, 5, 11 aus- 
drücklich: Toü^ T^P dpxaiou^ vöpou^ Xiav oittXoö^ eTvai xai ßapßapiKOÜ^: 
i(Tiöiipoq>oöVTÖ T€ T«P o\ "EXXr|V€^ Kai rd^ TuvaiKa^ dtüVOÖVTO. 
Diese Angabe wird noch durch die homerischen Gedichte bestätigt» 
Hier wird eine Jungfrau dXqpecrißoia genannt, weil sie den Eltern einen 
guten Preis in Gestalt von Rindern einbringt. Zuweilen werden nam- 
hafte, direip^cTia ?bva, dem Vater des Mädchens dargebracht. Vgl. z. B. 
n. XI, 244: 

Tipifie' ^Kaiöv ßoö^ biJüK€V, fireiTa bfe x^^i' VI7T^<yTTl, 
alxcLq öjioö Kai 6i^, td o\ äanera iroiiiiaivovTO. 
Nicht weniger deutlich ist die Eaufehe bei den alten Thrakern 
bezengt. Vgl. Herodot V, 6: ibv^ovrai rd^ t^vaiKa^ trapd tüüv tov^ujv 
XpnndTUJv |Li€TdXiJüv undXenophon Anab. VII, 2, 38: Zoi bfe, li Zevoqpüüv 
(sagt der Thrakerftirst Seuthes), Ka\ 0u"faTepa bibau) Kai eiTi^ aoi faii 
OirrdTTip, üüvrjcTo^ai 6p(fKi(ju vojliiu. Ebenso ist es bei den Litauern. 
Vgl. Michalonis Lituani De moribus Tartarorum, Lituanorum et Mo- 
schorom fragmina ed. Grasser Basiliae 1615 S. 28: Quemadmodum et 
in nostra olim gente solvebatur parentibus pro sponsia pretium, quod 
krieno (,Kauf preis' : scrt. krinä'mij lett. kreensj kreena näuda ,ein 
Geschenk an die Braut') a Samagitis vocatur. Bei den Slaven gab 
nach der Chronik Nestors Vladimir (980 — 1015) den byzantinischen 
Kaiseni Basilius und Konstantin für die Hand ihrer Schwester Anna 
ab veno ,Kaufprei8' (s. u.) Cherson, und Jaroslav (1019 — 1054) erhielt 
von Kazimir von Polen für seine Schwester Maria als veno 800 Menschen, 
die Boleslav vordem gefangen genommen hatte (vgl. Krek Analecta 
Graeciensia S. 187). Bei den Südslaven hen-scht der Brauch des Braut- 
kaufs teilweis noch heute (vgl. Krauss Sitte und Brauch der Stidslaven 
S. 272 ff.). 

Auch bei den Germanen erfolgte die Eheschliessung durch Frauen- 
kauf, UDd die Geschenke, welche nach Tacitus Germ. Cap. 18 {dotem non 
uxor maritOj sed uxori maritus offert : boves et frenatum equum 
et scutum cum framea gladioque) der Mann der Frau nach Billigung 
darch die Eltern und Sippe der Brant darbringt, können kaum etwas 
anderes als der Kaufpreis für das Mädchen {in haec munera uxor 
accipitur) sein. Noch in den späteren Yolksrechten heisst ,verheiraten' 



110 Brautkauf. 

uxorem emere, feminam vendere, die ,Braut' puella empta, die ,Ver- 
lobung' mercatio u. s. w. (Brunner Deutsche Reehtsgesebiehte I, 74). 
Über die altirischen Verbältnisse vgl. O'Curry Manners and customs 
I, CLXXIIflf. Hier geht bereits nur ein Teil der Geschenke des 
Bräutigams an den Vater des Mädchens oder das Haupt ihrer Sippe, 
während das übrige der jungen Frau gehört. S. auch über ir. tindscra 
jKaufpreis eines Mädchens^ bei Windisch Irische Texte Wb. s. v. 

Endlich hat auch im vedischen Altertum der Frauenkauf gegolten. 
Vasishtha (Dharma^ästra I, 36; vgl. auch Apastamba II, 6, 12) nennt 
eine Vedastelle, nach welcher der Bräutigam an den Vater 100 Kühe 
(vgl. oben ^Karöv ßoO^) nebst einem Wagen zu zahlen habe. An anderen 
Stellen ist von einer Frau die Rede, die mit anderen Männern ver- 
kehrt, obschon ihr Gatte sie gekauft habe, und Rigveda I, 109, 2 
werden die reichen Geschenke des Tochtermanns erwähnt (vgl. Jollj 
Grundriss der indo-ar. Phil. II, 8; 52, Zimmer Altindisches Leben S. 310). 
Doch lehnen sich später die Smftis gegen jede Art des Frauenkaufs 
auf, der höchstens den Vai^ya und Qüdra gestattet sein soll.' 

So ist nur bei den Römern der Kauf des Mädchens gegenüber 
anderen Formen der Eheschliessung, namentlich der rein sakralen con- 
farreatio, ganz zurückgetreten; doch dürfte nicht zweifelhaft sein, dass 
in der symbolischen Handlung der coemptio auch hier eine Erinnerung 
an den ursprünglichen Zustand bewahrt ist (vgl. Leist Altarisches Jus 
gentium S. 128 «.). 

Zweifellos ist der Kauf des Mädchens ursprünglich ein Kauf ihrer 
Person gewesen und hat nicht etwa (wie später bei den Germanen) 
nur die Erwerbung des Schutzrechts (s. u.) über dasselbe bedeutet. 
Bemerkenswert ist die Übereinstimmung des Kaufpreises von 100 Kühen 
mit der gleichen Höhe des Wergeides des Mannes (s. u. Blutrache). 

Der idg. Name des Kaufpreises einer Frau ist erhalten in dem 
griech. ?bvov, febvov (bei Homer fast immer von den Geschenken an die 
Braut oder an ihre Eltern gebraucht), agls. weotuma ,KaHiprei8 der 
Braut', burgnnd. wittemo {quod maritus dedit), ahd. widamo ,dos', 
altsl. veno (vgl. Pedersen I. F. V, 67) ,do8' („es wird urspr. den fttr 
die Braut ihrer Familie bezahlten Preis bedeutet haben, eine Mitgift 
erhielt die Braut in alter Zeit nicht", Miklosich Et. W.; vgl. 
auch Krek a. a. 0.). Die Sippe gehört zu der Wurzel vedhiced 
,heimführen' (s. u. Heirat) und bedeutet also den Preis, den man 
für die Heimführung der Braut zahlte. Ferner sind zu nennen neben 
dem schon oben erwähnten lit. Jcrieno ,Kaufpreis' (vgl. auch lit. Jcraitis 
,Braut8chatz', ,Mitgift') : longob. meta (ahd. mieta, ein idg. Wort für 
,Lobn, Bezahlung, Preis'; s. u. Lohn) und altn. mundr, ein spezifisch 
germanischer Ausdruck für das Loskaufen des Mädchens aus der ,Hand' 
(altn. mund) des Vaters, schliesslich scrt. gulkä- ,money given to the 
parents of the bride' (vgl. Indische Stud. V, 407 und Jolly a. a. O. 



Brautraub — Brot. 111 

S. 52) ,Kaufpreis' : russ. suliti ,versprechen', posulü ,Ge8chenk zur 
Bestechung'^ lit. sülytiy also eigentlich »Angebot'. — S. u. Ehe, Mit- 
gift, fiaubehe. 

Brantranb, s. Raub ehe. 

Brautwerber^ s. Heirat. 

Brei. Eine uralte Benutzung des Mehles der Getreidearten ist 
die zum Brei, wovon Sparen sich mehrfach in prähistorischen Gefässen 
gefunden haben (vgl. z. B. Heibig Die Italiker in der Poebene S. 17). 
Eine idg. Gleichung für diese Speise liegt in griech. ttöXto^ (Alkman 
neben dem dunklen fxvog id.) = lat. puls vor. Nach Plinius Hist. 
nat. XVni, 83 (pulte autem, non pane vixisse longo tempore Roma- 
nos manifestum) wäre der Brei sogar älter als das Brot, wobei jedoch 
an ein späteres vervollkommnetes, namentlich gesäuertes Backwerk (s. 
u. Brot) zu denken sein wird. Auch bei den Germanen war nach 
Plinius XVni, 149 (quippe quum Germaniae populi serant eam 
{acenam) neque alia pulte vivani) die Grütze (ahd. gruzzi, altn. 
grautr) eine sehr beliebte Speise. Über ähnliche altindische Gerichte, 
namentlich den Jcarambhä- vgl. Zimmer Altind. Leben S. 268 f. — S. 
u. Nahrung. 

Brief, s. Schreiben und Lesen. 

Brombeere, s. Beerenobst. 

Bronze, s. Erz. 

Brot* Die Prähistorie weist auf ein hohes Alter des Brotes in 
Europa hin. In den Schweizer Pfahlbauten sind verschiedene Brot- 
arten, und zwar schon in den ältesten Stationen (Wangen, Robenhausen), 
zu Tage getreten, die von 0. Heer (Die Pflanzen der Pfahlbauten S. 9) 
ausführlich beschrieben werden. Sie bestehen teils aus Weizen, teils 
aus Hirse: „Bei dem gewöhnlichen Weizenbrot wurden die Körner 
stark gerieben, dann mit Wasser ein Teig angemacht, und dieser auf 
einen heissen Stein gelegt und wahrscheinlich mit Asche zugedeckt . . . 
Es waren diese Brote rundlich, aber ganz nieder; sie hatten nur eine 
Höhe von 15 — 25 mm, bekamen also mehr die Form von Kuchen oder 
Zelten, wie man in manchen Gegenden solche flache Brote nennf*. 

Schwieriger ist es, das Alter des Brotes in Europa auf sprach- 
lichemWege festzustellen. Es handelt sich dabei namentlich um die 
Reihe: lat. lihum, gemeingerm. got. Ttlaifs, gemeinsl. altsl. chlebü. 
Trotz allem, was in neuerer Zeit über das Verhältnis dieser Wörter 
zu einander gesagt worden ist (vgl. Kozlovsky Archiv f. slav. Sprachen 
XI, 3, 386, Liden BB. XV, 3, 514, Pedersen I. F. V, 50, ühlenbeck 
Et. W. S. 73), ist ein sicheres Ergebnis noch nicht erzielt. Am wahr- 
scheinlichsten dürfte immerhin die Ansetzung eines ureuropäischen 
Stammes *khloibho- (got. hläifs), Hhleihho- (lat. Uhum, altsl. cliUhü), 
H'hlibkO' (mhd. lebe-kuoche) im Sinne von .Brotkucben' sein. Auch 
sonst treten Übereinstimmungen in der Terminologie der Brotbereitung 



112 Brot. 

in den europäischen Sprachen hervor. Vgl. besonders ahd. bahhan^ 
agls. bacan = griech. cpüüTU) (phryg. ߀KÖ^ ,Brot', Herod. 11, 2?). S. 
weiteres u. Kochkunst, Küche. Vgl. ferner gemeingerm. ahd. 
Jcnetan = altsl. gnedq, altpr. gnode ,Teigtrog', ,Backtrog' und urkelt. 
Hais-tO' (ir. tdia, kymr. toes) ,Teig' = urslav. Hes-to- (russ. testo n. s. w.) 
id. (daneben ahd. deisniOy agls. pcesma ,Sauerteig'). 

Einzelsprachliche Bezeichnungen des Brotes sind: griech. fiprog 
(dunkel), irupvov (iirupö^ ,Weizen'), ^äla (ijutdcrcTu) ,knete'), l^Upänü 
{:pascor\ ir. ain-chis ,Brotkorb', *am- aus *p^m-?), gemeinkeit. ir. 
bairgen (vgl. lat. ferctum ,OpferkuchenO, altpr. sompisenis ,grobes 
Brot' ( : altsl. pUeno ,fi\9iT0v'), geitft (: altsl. äito ,Frucht', ,6etreide'), 
lit düna ( = scrt. dhänä' PI. ,Getreidekömer' ; daneben lit. TcUpas und lett. 
Jclaips, die mit den oben genannten altsl. chlebü^ got. hlaifs zusammen- 
hängen). Auch diese einzelsprachlichen Bildungen machen teilweis den 
Eindruck hohen Alters. 

Endlich kann man für die frühe Bekanntschaft Europas mit dem 
Brot oder Brotkuchen noch geltend machen, dass, wie im griechischen 
und römischen Heidentum (vgl. Lobeck De placentis sacris I und II, 
Regimonti Boruss. 1828), so auch im germanischen, heiliges Back- 
werk in verschiedenen Gestalten gebacken wurde. In dieser Beziehung 
braucht nur an das im Indiculus superstitionum et paganiarum genannte 
simulacrum de consparsa farina oder an den agls. solmönath {potest 
dici mensis placentarum, quas in eo diis suis offerebant bei Beda) 
erinnert zu werden. Bekanntlich haben unsere Bretzeln, Hörnchen, 
Stollen, Krapfen, Kipfel u. s. w. bis heute eine Erinnerung an dieses 
heidnische Backwerk bewahrt. 

Wir sahen oben, dass eine charakteristische Eigentümlichkeit jener 
ältesten Brote der Schweizer Pfahlbauten ihre Niedrigkeit war, die 
schon J. Lubbock (Die vorgeseh. Zeit^ S. 207) auf den Gedanken 
brachte, dass sie ohne Hefe hergestellt worden sein möchten. Sicher 
sind die dem Pfahlbau des Mondsees entnommenen und im Privat- 
besitz des Dr. M. Much (Wien) befindlichen Brote ohne dieselbe an- 
gefertigt. 

Und in der That scheint es, dass sich die Kunst, dem Teige durch 
Zusatz von Hefe oder Sauerteig leichtere Verdaulichkeit und grösseren 
Wohlgeschmack zu geben, in Europa erst verhältnismässig spät verbreitet 
hat. Über die griechischen Verhältnisse vgl. den lehrreichen Aufsatz 
von 0. Benndorf Altgriechisches Brot (Sonderabdruck aus Eranos 
Vindobonensis S. 4). Benndorf nimmt an, dass die Bekanntschaft mit 
dem Sauerteig in Ägypten aufkam und erst in historischer Zeit von 
dort zu den Griechen gelangte. In Italien ward der Flamen Diali& 
angehalten, farinam feitnento imbutam zu vermeiden (vgl. Heibig Die 
Italiker in der Poebene S. 72 nach Gellius und Festus), eine unzweifel- 
hafte Erinnerung an eine Zeit, in welcher es noch kein gesäuertes 



Brot. 113 

Brot gab. Am thrakiscben Füretenhof des Seutbes (Xenoph. Anab. VII, 21) 
finden wir allerdings bereits grosse gesäuerte Brote (äpioi CujuTiai), 
die an die Fleiscbstücke angeheftet waren, im Gebraucb; doch mag 
dies anf griechischem Einflass beruhen. 

Nachdem die Säuerung des Brotes in Europa bekannt geworden war, 
bedienten sich Griechen und Römer (vgl. Bltimner Terminologie und 
Technologie I, 58) zur Herstellung des Sauerteigs, wie es bei wein- 
bauenden Völkern zu erwarten ist, vorwiegend des Mostes, der mit 
Hirse zusammengeknetet wurde. Es musste daher den Alten auffallen, 
wenn sie es anderswo, wie in Gallien nnd Spanien, anders fanden: 
Gdlliae et Hispaniae frumento in potum resoluio {quibus diximus 
generibus) sptima ita concreta pro fermento utuntur, qua de causa 
letior Ulis quam ceteris panis est (Plin. Hist. nat. XVIII, 68;. Aus 
diesen Worten folgt, dass man sich in den bierbrauenden Ländern 
Gallien und Spanien der Hefe des Bieres zur Anfertigung des 
Sauerteigs bediente, eine Kunst, die den ceteri, worunter nur die übrigen 
Barbaren des Nordens, also auch die Germanen verstanden werden 
können, damals noch nicht geläufig war. Deren Brot war demnach 
damals noch ungesäuert, schwer und unverdaulich. Nichts anders als 
diese spuma concreta frumenti in potum resoluti des Plinius, also 
,Bier', ^Bierhefe' kann nun ursprünglich die Gleichung ahd. bröfy agis. 
br^ady altn. braud = ßpoÖTO^ • dK KpiGtüV TTÖ^a Hes. und phryg.-thrak. 
ßpöTov ,Bier' : ahd. briuwan (s. u. Bier) bedeutet haben. Aus der 
Bedeutung ,Hefe' hat sich dann die von ,Sauerteig' entwickelt, wie in 
agls. beorma ,Bärme, Hefe' : alb. brum, lat. fermentum .Sauerteig' 
und in griech. ZöGo^ ,Bier' : lvix6q ,fermentum' (vgl. auch lat. jus 
,Brühe' : lit. jüsze ,schlechte Suppe von Sauerteig'). Von dem gallisch- 
romanischen Westen ging dann in der germanischen Welt die Fest- 
setzung des Stammes ^brauda- in der Bedeutung ,Brot', ,gesäuertes 
Brot' aus. Im Althochdeutschen hat bröt vom Anheben der Überlie- 
ferung an die feste Bedeutung von panis. Im Angelsächsischen aber 
tritt hriad als besonderes Wort (s. u.) und in der Bedeutung von Brot 
(apTO^) und Bissen Brot (ipiü^iov) erst im X. Jahrhundert auf. Der 
gewöhnliche Ausdruck ist durchaus hläf, wie auch die zahlreichen 
und wichtigen Komposita mit diesem Stamme hldford, hkefdige u. s. w. 
zeigen. In der altskandinavischen Poesie endlich gilt ausschliesslich 
hleifr, und erst ganz spät begegnet auch hier braud (dän. bröd). 
»Seine uralte Bedeutung ,Gebraute8', , Brühe' aber scheint das Wort in 
der altgermanischen Zusammensetzung ahd. bia-bröt = agls. beo-hread 
bewahrt zu haben, mit der die alten Bienenzüchter wohl nicht das 
heutige ,Bienenbrot' als vielmehr den sauersüssen Futterbrei der Biencn- 
larven bezeichneten (näheres s. bei Vf. Festgabe für Sievcrs S. 9 f.). 
Ein alleinstehendes Wort für Sauerteig ist noch got. beist (: got. baitrs 
jbitter" oder: ahd. ungibillöt bröt ,azymus panis'?). 

Scbrader, ReaUexikon. ^ 



114 Brot — Brücke. 

So hat sich gezeigt, dai^ der ungesäuerte, in der Asche des Herdes 
gebackene Brotkuchen in Europa eine uralte, wahrscheinlich über die 
Sonderexistenz der Einzelvölker hinausgehende Erfindung ist^ die all- 
mählich durch die hinzukommende Kunst der Säuerung Tervollkommnet 
wurde. Grössere Schmackhaftigkeit wird dem Brot von den Griechen 
frühzeitig (vgl. Alkman Frgm. 74, Bergk) auch durch das Hinzubacken 
von Mohnkörnern, Leinsaat, Sesamkörnem und dergl. gegeben. Sie 
sind es auch, die durch die Anwendung feineren Mehles und durch 
die Hinzuthat von Eiern, Milch, Öl, Honig u. s. w. nach und nach 
feineres Backwerk herzustellen lernen. Bei ihnen gehen die Römer in 
die Schule, wie die zahlreichen Entlehnungen des Lateinischen aus dem 
Griechischen auf dem Gebiete der Kunstbäckerei (z. B. lat. mdssa aus 
griech. jidCa, placenta ,Kuchen' aus tiXckoö^, sptra ,Bretzel' aus (TTreipa 
u. s. w.; vgl. 0. Weise Die griech. W. in der lat. Sprache S. 169 f.) 
zeigen. Ganz neu und spät endlich ist die Benutzung der Butter 
zur Gewinnung eines feinen Gebäckes. Da der Buttergenuss dem 
klassischen Altertum fremd war, kann diese zukunftsreiche Erfindung 
nur da gemacht worden sein, wo römische und barbarische Bäckerei 
zusammen trafen. Mehrere Anzeichen deuten darauf hin, dass dies in 
der Gegend des Niederrheins geschehen sei. Vgl. Plinius Hist. nat. 
XVIII, 105: Quidam ex ovü aut lade subigunt, butyro vero gentes 
pacatae, ad operis pistorii gener a transeunte cura. Von Nieder- 
deutschland aus hat sich auch das lateinische Wort „Butter^' in Deutsch- 
land verbreitet (s. u. Butter). Von hier könnte auch die Reihe: */V>- 
catia ,Kuchen' (: lat. focuff ,Herd', it. focaccia), ahd. fohanza^ altsl. 
pogaca u. s. w. ausgegangen sein. Vornehmlich die gemeingerm. Sippe 
von ahd. Jctiohhoy engl, cake etc., die ursprünglich ihrer Bedeutung 
nach nicht wesentlich von got. hldifs verschieden gewesen sein wird 
(vgl. das Grimmsche Wb. unter Kuchen), dient dazu, nunmehr das 
feinere Backwerk zu bezeichnen. Eine Vermutung über die Herktmfl 
dieser Wörter vgl. bei Vf. a. a. 0. S. 6^ — S. u. Nahrung. 

Brücke. Die Wege des Handels und Verkehrs werden in alten 
Zeiten nicht am wenigsten durch Furten bestimmt, die der Reisende 
durchwaten muss (lat. vadum, altn. vad, agls. wasd, ahd. wai : lat. 
vadere, ahd. watan\ lit. brastä, bradä, altpr. brast, brastay brastSy 
altsl. brodü ,Furt' : lit. bredü, altsl. bredq ,ich wate' ; ir. äth ,Furt' : 
scrt. yä'mi ,gehe'). An ihre Stelle tritt später die kunstvoll gebaute 
Brücke, deren Bezeichnungen daher mehrfach aus denen der Fart 
hervorgehen. . So in ahd. furty agls. ford (: faran\ gall. -ritum aas 
*pritum (in Augtisto-ntum) ,Furt' : aw. peretury npers. pul ,B rücke' 
(vgl. noch griech. iröpo^ ,Fui1;', thrak. -para in Eigennamen und lat. 
portus ,Hafen\ altn. fjördr ,BuchtO. Femer in scrt. tirthä- ,Tränke', 
,Furt' : lit. ültas , Brücke', das seinerseits in die finnischen Sprachen 
(finn. silta) eingedrungen ist (vgl. W. Thomsen Beröringer S. 232). 



Brücke — Bruder. 115 

Sprachliche Übereinstimmung in Form und Bedeutung, wie im Arischen 
zwischen scrt. s^tu- ,Brücke' und aw. haetu-, osset. xid id., zeigt 
sich in Europa nur zwischen Kelten und Germanen: altgall. -hrtva 
(Samaro'briva etc.) ,Brücke' ist = altn. brü und iryggja^ ahd. brucca. 
Die Grundbedeutung ist wohl in slav. *brev4no (altsl. briivlno) »Balken' 
erhalten. Dass die Gallier zu Caesars Zeit grössere Flüsse noch 
nicht zu überbrücken verstanden, zeigt Caesar De bell. Gall. I, 13, wo 
die Helvetier durch die über den Arar geschlagene Brücke der Römer 
aufs äusserste überrascht werden, da sie selbst den Fluss auf Kähnen 
und Flössen kaum in 20 Tagen hätten überschreiten können. 

Nicht geringere Schwierigkeiten wie die Flüsse setzten dem Verkehre 
die Sümpfe und feuchten Niederungen entgegen, von denen wir uns 
das alte Europa in hohem Masse durchzogen denken müssen (vgl. 
Tacitus Germ. Cap. 5: aut silvis horrida aut paludibus foeda). Die 
Deiche und Knüppeldämme, durch die man hiergegen die Wege zu 
sichern suchte, heissen im Griechischen T^qpupai, ein Wort, das erst 
später (seit Herodot) auch den Sinn von »Brücke' annimmt. Seine 
schwankende Lautgestalt (lak. biq)oOpa, theb. ß^qpupa) könnte auf aus- 
ländischen Ursprung hinweisen. In diesem Sinne hat man versucht, 
griech. T^^wpot an ein semitisches g^iür (syr. geirä, arab. gisr) ,Brücke' 
anzuknüpfen, sowie den alt-böotischen Stamm der r€<pupaToi als ,Brücken- 
bauer' zu deuten und aus hebr. Gemri (vgl. 'Aqppobixri = 'Astöret) 
,ein Volk in Syrien am Fusse des Hermon, wo sich eine noch jetzt 
gangbare Brücke über den Jordan befindet', herzuleiten (vgl. Lewy 
Die semit. Fremdw. im Griechischen S. 250 und Muss-Arnolt Semitic 
words S. 75). Ein idg. Wort dagegen, das man mit griech. ^iipvpa 
verglichen hat, ist armen. Jcamurj ,Brücke', eine Zusammenstellung, 
die indessen auch als unsicher bezeichnet werden muss (vgl. Hübsch- 
mann Armen. Gr. I, 457). 

Genau dieselbe Bedeutung wie griech. T^qpupa hat ursprünglich das 
altsl. mostü ,Brücke' gehabt. Es bezeichnete von Haus aus nicht die 
künstlichen Wege über Bäche und Flüsse, sondern vielmehr mit Holz 
belegte Wege, vermittelst derer man über die reichlich vorhandenen 
ijümpfe gelangen konnte (vgl. Ewers Ältestes Recht der Russen S. 65). Es 
steht zu vermuten, dass altsl. mostü (vgl. auch russ. pomostti ,Fussboden') 
nichts als eine alte Entlehnung aus dem germanischen ahd. mast dar- 
stellt, dessen älteste Bedeutung (s. u. Segel und Mast) ,Staiige' war 
(vgl. wegen des o altsl. skotü aus got. skatts und in sachlicher Hin- 
flicht mndd. specke ,Knüppelbrücke' : ahd. spahho ,Reisig'; F. Kluge 
Et. W.^ 8. V. Specke). Eine viel jüngere Entlehnung ist alsdann die 
von russ. macta etc. in der Bedeutung von ,Mast'. Über lat. pons 
fl. n. Strasse. Alb. ure ,Brücke' ist dunkel. 

Bruder. Sein idg. Name liegt in der Reihe: scrt. bhrä'tar-y 
3W, brätar-f armen. eXbair, griech. qpprJTTip • dbeXqpög Hes., lat. fräter, 



116 Bruder — Buche. 

ir. brdthir, got. bröpar^ lit. broterelis (daneben die Koseform brölis), 
altpr. brote, bräti, altsl. bratrü. Eine Wurzelbedeutung dieser Sippe 
ist nicht mit Sicherheit zu ermitteln. Gewöhnlich denkt man an die 
W. bher (griech, qp^pu)), so dass bhrä'tar- soviel wie »Träger', ,Erhalter', 
nämlich der Schwester wäre, was aber natürlich ganz unsicher ist. Ans 
weicht nur das Albanesische mit dem dunklen veid, via ; doch ist auch im 
Griechischen qpprJTTip im Sinne von Bruder nicht mehr üblich. An seine 
Stelle sind getreten dbeXqpö^, lak. dbeXiqpnp : bcXqpii^ ,der demselben 
Mutterleibe entsprossene' (vgl. auch öinoTÄcTTtüp, dTdarope^* dbeXcpoi 
bibujioi, ÖTOtaTUüp, scrt. södara- = «a + udarä- , Bauch*, osset. ätisuwär 
jBruder' = an + suwär ,Mutterleib'), die noch nicht sicher erklärten 
auTOKttCTiYvriTo^, KaaltvTiTO^, maiq (vgl. Delbrück, Verwandtschaftsnamen 
S. 466 f.) und tvuütö^, vielleicht = ir. gndth, also eigentl. .Bekannter'. 
S. u. Familie. 

Brnderschaft, s. Sippe. 

Brfihe, s. Fleisch. 

Brflnne^ s. Panzer. 

Brannen. Wie es Tacitus von den Germanen berichtet (Germ. 
Cap. 16: Colunt discreti ac diver si, ut fons, ut camptus, ut nemus 
placuit), wie Caesar von den Galliern (VI, 30: Ut sunt fere domicüia 
Gdllorum, qui vitandi aesfus causa plerumque silvanim ac fluminum 
petunt propinquitate8)f so werden auch schon in der Urzeit die idg. 
Dorfsippen (s. u. Dorf) darnach getrachtet haben, sich in der Nähe 
des Wassers anzusiedeln. Quelle und Brunnen sind in diesen Zeiten 
noch sich deckende Begriffe, die daher auch in der weit verbreiteten 
Gleichung: armen, afbiur ,Quelle', griech. qpptep, qppeaTo? {^bhrivii-) 
,Brunnen', got. bninna ,TTTi"fr|', ir. tipra {^to-aith-brevant') ,Quelle', 
,a weir in einander übergehen. 

Der gegrabene und gefasste Brunnen ist ein jüngerer Kultur- 
erwerb, über dessen Ausbreitung in Europa die Sprache noch einiges 
Licht verbreitet. Im Westen herrscht das (selbst dunkle) lat. puteus 
,Brunnen', das ausser ins Albanesische (pus), ins Altirische {ctiithe), 
Kymrische {peten), ins Althochdeutsche (pfuzzi ,Brunnen', später ,Pftttze') 
und Angelsächsische {pytt ,Brunnen', engl, pit ,Grube') entlehnt wurde. 
Im Nord-Osten ging von skandinavischem Boden altn. kelda ,well, 
spring' (: got. kalds ,kalt' wie lit. szalünis »kalter Brunnen* : szälta^f 
,kalt' und altsl. studenlci ,Bninnen' : stynqti ,erkalten') in das Sla- 
vische (altsl. Jclad^zl ,puteus') und Finnische (Icaltio) über. Vgl. noch 
die alleinstehenden scrt. avatd- ,Brunnen' (= lett. awuts id.?) und üfsa- 
,Quelle, Brunnen' (beide vedisch), aw. Mf- ,Bninnen' und altpr. apus 
jBi-unnen, Quelle' (: ape ,Fluss, Wasser'). 

Bneli^ Buchstabe^ s. Schreiben und Lesen. 

Buche, Botbache« {Fagus sylvatica i.). Das ahd. buohhety 
agls. böc-treo, altn. böJc — älteste Form erhalten in Silva Bäcen^ 



BuchCi Rotbuche. 117 

,Buchenwald' bei Caesar De bell. Gall. VI, 10 (Harz, Rhön?; vgl. R. 
Mach Stammsitze S. 21) — ist identisch mit lat. fägus und griech. qpnTÖ?, 
welches letztere aber eine Art Eiche, vielleicht auch ,Kastanie' 
(s. d.) bedeutet. Eine weitere Spur des Wortes kann sich in dem 
Kamen des phrygischen Zeus BaYaTo^ erhalten haben, der dann so- 
viel wie der ,Buchen-' oder ,Eichengott' bedeutete (vgl. Torp, L F. 
V, 193). Die Wurzel des Wortes erblickt man in griech. qpa-feiv ,essen', 
so dass ein Baum mit essbaren Früchten (Bucheckern, Eicheln^ Kasta- 
nien) gemeint wäre. Da nun die vorhistorische Bedeutung dieser Wort- 
reihe durch die Übereinstimmung der germanischen Sprachen mit der 
lateinischen als ,Buche' feststeht, so erhellt, dass die Griechen von ihr 
abgewichen sind. Je weiter man in Griechenland von Norden nach 
Süden vorschreitet, umso seltener wird die Buche, die noch am thes- 
salischen Olymp und am Pindus häufig ist (vgl. Heldreich Nutzpflanzen 
S. 18); und neuerdings auch in Aetolien nachgewiesen worden sein soll 
(vgl. Heldreich bei Virchow Korresp.-Bl. der Anthr. Ges. 1893 S. 76). 
Es lag daher für die Griechen nahe, das altererbte (priT^? auf ähnliche 
Bäume mit essbaren Früchten, Quercus Aegilops L. oder Castanea 
vulgaris Lam. zu übertragen. 

Der eigentliche (seltene) Name der Rotbuche ist im Griechischen 
öE\)r\ bei Theophrast III, 10, 1, der aber die Sache auch nur sehr 
von der Ferne kennt (vgl. Lenz Botanik S. 409). Das Wort scheint 
mit alb. ah {*a8ka-) iBuche' und lit. esc-ulus id. übereinzustimmen, so 
dass hier ein zweiter idg. Buchenname (vgl. Pedersen I. F. V, 44) vor- 
liegen könnte. Doch vgl. altn. askr ,E8che' und 6Huti ,Lanze' bei Ar- 
cfailochus. Lanzenschäfte aber sind kaum je aus dem weichen Holz der 
Buche gemacht worden, so das die Grundbedeutung der ganzen Sippe 
doch wohl eine andere als Buche gewesen ist. 

^Die nordöstliche Vegetationslinie der Buche beginnt im südlichsten 
Teile Norwegens, berührt die schwedische Westküste von Gothenburg, 
geht an der Ostküste nur bis Kalmar und durchschneidet fast gerad- 
linig den Kontinent vom frischen HafF bei Königsberg aus über Polen 
bis Podolien, und bis sie jenseits der Steppen in der Krim und am 
Kaukasus sich wieder fortsetzt" (Grisebach). Dem entspricht es, dass 
die Finnen keinen eigenen Namen für den Baum haben, sondern ihn 
saksan tammi ,deutsche Eiche' nennen. Ebenso, dass die Slaven die 
Bezeichnung der Buche (buky) aus dem Deutschen entlehnt haben; 
auch werden im Grossrussischen keine Ortsnamen von diesem Baum- 
namen gebildet, und die kleinrussischen sind auf Gallizien beschränkt. 

Die Litauer, deren Gebiet nur zum kleinsten Teil in die oben be- 
zeichnete Buchengrenze fällt, haben für die Rotbuche skirp-stas (: lat. 
carp-lnus .Hainbuche', altpr. skerptus ,R«ster'), für die Hainbuche 
(Carpinus Betulus L.), deren Verbreitungs.iJ:ebiet früher in östlicher 
Richtung sich weit über das der Rotbuche hinaus erstreckte (vgl. 



118 Bache — Buchsbanm. 

Koppen Holzgewäehse 11^ 176), skroblüs, das an gemeinsl. *grabrüf 
russ. grabü ,Wei8Bbuche' (vgl. auch altpr. wosi-grabuf ^spilboem') an- 
klingt. 

Gegen Nord-Westen war nach Caesar De bello Gall. V, 12 die 
Rotbuche noch nicht über den Kanal vorgedrungen {materia cuiusque 
generis ut in Gallia est praeter fagum et abietem). Ein einheimischer 
keltischer Name des Baumes ist bis jetzt nicht bekannt geworden (ir. 
faighe aus fägus). Vgl. auch frz. hitre aus mhd. heister Junge BucheV 
dessen Stammsilbe heis- man in der Silva Caesia zwischen Ruhr und 
Lippe (altndd. HSsitoald] vgl. oben S. Bäcenis) wiederzufinden meint. 
In Kleinasien setzt sich die Verbreitung der Buche südlich des 
Schwarzen Meeres in einer schmalen Zone bis zum Kaukasus fort. 
Nach Strabo XII p. 572 hätten die Myser ihren Namen von einem an- 
geblichen lydischen fiucTö^, ^Gcro^ ,Buche' erhalten. Auf dem Ida hat 
Virchow (a. o. a. 0.) thatsächlich den Baum nachgewiesen. — S. u. 
Wald, Waldbäume und u. Urheimat. 

Baehsbaam {Buxus sempervirens L.). Er ist nach Ausweis 
fossiler, in Italien und Frankreich gemachter Funde in Südeuropa ein- 
heimisch. Gegenwärtig ist der Buchsbaum als wildwachsender Strauch 
oder als Bäumchen verbreitet: im nordwestlichen Himalaja, in Afgha- 
nistan, im nordöstlichen Persien, in Ghilan und im persischen Talysch^ 
ferner in der Küstenzone des westlichen Transkaukasien und an der 
Küste des Schwarzen Meeres, in Karlen und Bithynien, bei Konstan- 
tinopel, in Macedonien, auf dem thessalischen Olymp und im Pindus^ 
in Albanien, auf den dalmatinischen Inseln, in Istrien, im mittleren 
und nördlichen Italien, in Stidtyrol, der Westschweiz, den Seealpen^ 
der Dauphine, weiter auf den Pyrenäen und in Katalonien, schliesslich 
auch bei Beifort und im Elsass, in Oberbaden, im Moselthal und in 
der englischen Grafschaft Surrey (nach A. Engler bei V. Hehn s. u.). 

Im Altertum wird der Bucbsbaum genannt auf dem Cytorusgebirge 
in Paphlagonien (Theophr. Hist. pl. III, 15, 5 : oö f] 7tX€i<Jtii Tivetai), 
auf dem Berecyntus-Gebirge in Phrygien (Plin. Hist. nat. XVI, 71: 
buxu8 plurima Berecyntio tractu), auf dem macedonischen Olymp 
(Theoph. 1, c. : oü jjicTdXri), auf der Insel Kymos = Korsika (Theophr. 
1. c. liCTicTTTi Ka\ KoXXicfTri) und auf den Pyrenäen (Plinius Hist. nat. XVI, 
70 und 71, wo auch eine gallische Art genannt wird: buxus Pyrenaeis 
montibus plurima). Es ergiebt sich also, dass die Verbreitung de» 
Buchsbaums im Altertum, soweit man dies aus den naturgemäss lücken- 
haften Nachrichten der Alten erkennen kann, so ziemlich dieselbe wie 
in der Neuzeit war. 

Der Name des Buchsbaums (griech. iruHo^) wird schon bei Homer 
genannt: das Joch am Wagen des Priamos ist ttuHivo^ ,aus Buchsbanm- 
holz' (II. XXIV, 269). Das Wort selbst aber ist noch unerklärt. Die 
einen haben an Verbindung mit itcukti ,Fichte', die andern an tttu(T(7iu 



Buchsbamn. 119 

,falte, schichte y füg©'» die dritten an irÜKa , dicht, fest', ttukvö^ 
(in3£oq ,da8 feste Holz') gedacht. Natürlich ist aber auch ein aus- 
wärtiger Ursprung des griechischen Wortes, unter Einfügung in die 
griechischen Lautverhältnisse, nicht ausgeschlossen, und zwar umso 
weniger, als man in Griechenland nicht das verkrüppelte Holz des 
Pindos und Olympos, sondern das auf Handelswegen eingeführte bessere 
vom Schwarzen Meer und Kaukasos verarbeitet haben wird. Man hat 
in dieser Beziehung an das kaukasische bsa, bsakali ,Buchsbaum' er- 
innert. Interessante Zahlen über die bedeutende Ausfuhr des Buchs- 
banmholzes aus den genannten Gegenden in neuester Zeit giebt Koppen 
Holzgewächse II, 6. 

Das lat. buxus (vgl. auch den Ortsnamen Buxentum an der Luka- 
nischen Küste = griech. TTu£oö^) ist offenbar aus nüEoq entlehnt. Die 
Übernahme wird sich aus der wichtigen Rolle erklären, (Ve das Buchs- 
banmholz in der Technik des Drechslers und Zimmermannes spielte, 
welche die Latiner von den Griechen übernahmen, so dass sie erst durch 
diese auf die kulturhistorische Bedeutung des einheimischen, dann durch 
Anpflanzung weiter verbreiteten Bäumchens aufmerksam wurden. Auf 
diesem Wege hat das griech .-lateinische Wort, das auch jeden aus 
Buchsbanraholz verfertigten Gegenstand bezeichnet (wie Flöten, Kreisel, 
Kämme, Schreibtafeln), eine ungeheure Verbreitung in dem Norden 
Europas gefunden. Vgl. z. B. griech. ttuHi^ , Büchse aus Buchsbaum- 
holz', vulgärlat. buodSy ahd. buhsa, slav. punika ,Flinte, Kanone' (auch 
litauisch, albanesisch, magyarisch). Vgl. femer aus dem Romaniseben frz. 
boite jSchachtel', boisseau jScheffel', frz. boussole ,Kompass' u. s. w., 
aus dem Aibanesischen bo^t ,Spinder, ,Achse', wie ttuEivoi äipaKTOi 
schon bei Hippokrates und im Edictum Diocletiani genannt werden. 

Von grossem Interesse ist die Bedeutungsentwicklung des lat. buxus 
auch, als Pflanzenname in den romanischen Sprachen. It. bosso^ frz. 
buis = buxtis bedeutet , Buchsbaum'; davon abgeleitet ist it. buscioney 
prov. boissons, frz. buisson ,Gebüsch'. Neben buxus muss aber auch ein 
*buscus (vgl. Romania V, 169) bestanden haben, das zu it. bosco, frz. 
bois ,Wald, Holz' (wohl auch zu ahd. busc , Busch') geführt hat. Dieser 
Bedentungswandel wird verständlich, wenn man bedenkt, dass auf ge- 
wissen Teilen des romanischen Bodens, wie in der Westschweiz, den 
Seealpen und der Dauphine (s. oben) der Buchsbaum Jeden Gedanken 
an Einschleppung zurückweisend" ganze Bergabhänge bedeckt. 

In Deutschland endlich und England, wo der Buchsbaum wohl fast 
ausschliesslich durch Kultur sich verbreitet hat, kehrt natürlich eben- 
falls das lat. buxus wieder : ahd. buhsboum (zuerst von der heiligen 
Hildegard genannt) und agls. box, adj. bixen (nach Hoops Über die 
altengi. Pflanzenn. S. 76 in der Zeit von 450 — 600 aufgenommen). 

Eine eigenartige Benennung des Bnchsbaums s. noch u. Dattel- 
palme. — Vgl. V. Hehn Kulturpflanzen ^ S. 324 flf. 



120 Buckelig •— Bürge, Bürgschaft. 

Buckelig, s. Krankheit. 

Büffel, s. Rind. 

Buhlerin, s. Beischläferin. 

Bunt, B. Farbe. 

Burg, 8. Stadt. 

Bürge, Bürgschaft. Mehrere idg, Sprachen besitzen ein gemein- 
sames Wort für den Begriff der Sach- und Personenhaftung. Es ent- 
spricht das genieingemi. got. wadif ahd. wetti ,Pfand' dem lat. vas, 
*vadi' (auch praes, ^prae-cids) ,Btirge', vadimöniumy Bürgschaft' und 
dem lit. toadüju ,ich löse (ein Pfand) aus'. Da aber, wie allgemein ange- 
nommen wird, auch griech. cieOXov, aOXov (*(iF€6-Xo-) ^Kampfpreis, Ein- 
satz bei Wettspielen' hierherzustellen ist, so könnte auch im Griechischen 
die ursprüngliche Bedeutung der ganzen Sippe wurzeln, was um so 
wahrscheinlicher ist, als irgendwie geregelte Schuldverhältnisse, bei 
denen Bürgen und Pfänder hauptsächlich zur Verwendung kommen, 
zwar sehr frühen, aber doch wohl noch nicht indogermanischen Zeiten 
angehören (s. u. Schulden). Der älteste Fall einer Bürgschaft liegt 
Od. VIII, 344 flf. vor. Poseidon verspricht, dass Ares die verwirkte 
Busse für den Ehebruch (^oixotTpict) dem Hephästos zahlen solle. Hierauf 
sagt dieser: beiXat toi beiXojv ye Kai ^tt^cxi ^TT^deaGai („für Tauge- 
nichtse sich Bürgschaft leisten lassen, taugt nichts^). 7, Wie sollte ich 
Dich binden, wenn jener (Ares) seiner Schuld und den Banden ent- 
flöhe?^ Es zeigt sich also, dass damals dem Bürgen gegenüber genau 
dasselbe Verfahren wie dem Scliuldner gegenüber stattfinden konnte: die 
manum iniectio und domum deductio des römischen Rechts. Viel- 
leicht bedeutet griech. fiT^oq, *dv-Tuio-q (von yma ' x^ip^? t€ kqi 
TTÖbeq Kai xd Xomd. Hes.) selbst soviel wie einer „an den man 
Hand anlegen kann", ganz ähnlich, wie im Skandinavischen taki ,Zu- 
griffsmann' soviel wie Bürge ist (vgl. Amira in Pauls Grundriss II, 2- 
164). Übrigens steckt ein Wort für Hand auch in der ältesten sla; 
vi sehen Benennung des Bürgen, altsl. porqkü (schon in der Pravda 
Jaroslaws bei Ewers Ältestes Recht S. 269). Da aber po ursprünglich 
,nach' (auch im Sinne des unechten, schlechten) bedeutet, so wird po- 
rqkü : rqkü ,Hand' soviel wie ,Nachhand' (,zweite Hand': die erste 
ist der Schuldner selbst) sein. 

Zu nennen sind noch folgende Benennungen des Bürgen: scrt. pra- 
tibhü- ,Stenvertreter' oder lagnaka- ,haftbar' {ädhi- ,niedergelcgte8', 
,Pfand', auch bandha- , Bindung'), ahd. burigo (altn. äbyrgjast ^sich 
verbürgen': Grundbedeutung scheint ,Fürsorge, Acht haben' gewesen 
zu sein; Pfand: ahd. pfant, altfries. pand, nocli dunkel; doch vgl. 
Kluge Et. W.*'), altir. aitirej aittirey eteriun ,Bürge, Bürgschaft', lit. 
läidas ,Bürge' (beide dunkel). 

Von einer besonderen Art der Bürgschaft ist u. Geisel gehandelt 
worden. — S. u. Recht (Sachen- und Obligationenrecht). 



Bürger — • Butter. 121 

Bfirger, s. Staat. 
Basse, s. Strafe. 

Batter. Schon in der idg. Urzeit wurden die fetten Bestandteile 
der Milch (s. d.) von den molkigen und quarkigen sprachlich unter- 
schieden. Über die beiden letzteren s. u. Käse. Für die ersteren 
von Bedeutung sind die beiden Reihen: scrt. ajya- ,Opferbutter', 
aüjana- ,Salbe', lat, unguentum ,Salbe', altpr. anctan , Butter', ahd. 
anchoy alem. anke ,Butter', ir. imbj kom. amenen ,Butter' etc. (Zeuss Gr. 
C* p. 1079) und scrt. sarpis- ,ausgelassene Butter', kypr. fXcpo^ ,Butter', 
^Xiroq • f Xaiov, aiiap (Hes.), agls. sealf ,Salbe', alb. galp »Butter'. Die 
Grundbedeutung dieser beiden Sippen ist offenbar nicht ,Butter zum 
Geuuss', sondern ,Salbe zum Einreiben des Körpera', namentlich der 
Haare, ein Gebrauch, den schon Hekatäus bei den thrakischen Paeo- 
niern (Athen. X, p. 447 : dX€i90VTai ^Xatiu ättö ToXaKTO^) erwähnt, und 
den noch Sidonius Apollinaris (XII) bei den Burgundionen vorfand: 

Quod Burgundio cantat esculentus 
Infundens acido comam butyro. 
Eine Spur, dass auch die Griechen, bevor sie die Bekanntschaft mit 
dem Ol und ausländischen Parfüms machten, sich zum Salben des Fettes 
der Milch bedienten, s. u. Myrrhe. Ausserdem vgl. slav. maslo ,Butter' 
und ,Salbe' (mazi ,Salbe', mazati ,schmieren' : griech. ^€-|naT-^^VTi, \xaf' 
€v<; etc.). Allein stehend und dunkel: lit. swiestas ,Butter'. — Erst 
nach der Trennung des ürvolks sind dann die Einzelvölker zur eigent- 
lichen Butterbereitung für denGenuss des Menschen vorge- 
schritten. Dies geschah in Europa wie in Asien. 

Schon im vedischen Indien ist Butter {ghrtd-) eine beliebte Speise 
der Götter und Menschen (vgl. Zimmer Altindisches Leben S. 272), 
und im Periplus maris erythraei ed. Fabricius § 14 und 41 ist sogar 
von der Ausführung indischer Butter nach den Häfen des roten 
Meeres die Rede (ein ausreichender Grund, an den angegebenen Stellen 
ßöcTpopo^ ,eine indische Getreideart' für das überlieferte ßoiirupov zu 
lesen, ist trotz Fabricius S. 130 nicht vorhanden). Ein gemeinsamer 
iranischer Name für das Butteröl ist aw. raoyna-j kurd. riln u. s.w. 
(Hom Grundriss S. 140); auch gehörte ^Xaiov dirö ydiXaKTO^ nach des 
Polyaenos Angabe zu den täglichen Lieferungen an die Hofhaltung des 
Grosskönigs. — In Europa sind Griechen und Römer in der 
Heimat des Ölbaums immer unbekannt mit dem Genuss der Butter 
geblieben, die ihnen bis in die Zeiten des Galenos lediglich als Arznei- 
mittel diente. Umso auffallender musste es ihnen sein, dass zahlreiche 
nördliche Völker ihnen als ßouTupo9dToi entgegen traten. 

Die erste Nachricht über Butterbereitung und zwar aus Stutenmilch 
giebt Herodot IV, 2 von den Skythen: ineäv be djuieXHujai tö fa^ci, 
€<yX€avT€^ iq EüXiva dTfrii« KOiXa xai TtepiaxiEavTe^ Kaxct xa dTfnict 
Tou^ TuqpXou^ bov^ouai xö TO^ct, Kai xö juev auxoö dTiiaxdjaevov dTrapOaavxe^ 



122 Butter. 

flTeOvrai eTvm Ti|LmuT€pov, tö b' uiricTTdMevov ?a(Tov toO dr^pou. Ähnliches 
berichtet dann Hippokrates (De morbis Hb. IV, 20), der aneh das Wort 
ßoÜTupov (worüber unten) zuerst nennt: — oKTTrep ol ZioiGai iroi^oucTi Ik 
ToO Ittttciou T<i^ctKTO^ • ^TX^ovTe^ Tctp tö foka iq lv\a KoTXa aeioum • 
TÖ bk Tapa(T(TÖM€vov <i9p^€i Ktti biaKpiv€Tai, Kai tö \xky mov, 8 ßouTupov 
KaX^oucTi, ^TriTToXfi^ bifcTTaxai dXaqppdv dövTÖ bk ßapu Kai Ttaxu K<iTu> 
IcTTaxai, 6 Kai dnoKpivovTe^ HnpaivoucTi. Als Butteresser werden dann weiter 
die Thraker von Anaxaudrides (bei Athen. IV, 131^) bei Schilderung 
eines thrakisehen Hochzeitsmahles und die keltischen Lusitanier (bei 
Strabo III p. 155) bezeichnet. Ein noch unerklärtes phrygisches 
TTiK^piov wird als Name der Butter von Hippokrates überliefert (vgl. 
V. Hehn a. u. a. 0. S. 154). Am ausführlichsten aber berichtet Plinins 
XXVIII, 133 über die Butterbereituug der Nordländer: E lade fit 
et butyruniy barbararum gentium lautissimus cibus et qui divites a 
plebe discernat, plurimum e bubulo^ et inde nomen, pinguissimum ex 
otibuH, fit et ex caprino etc. (das folgende kann hier übergangen 
werden, zumal es von sachlichen Unrichtigkeiten voll ist). Dass Plinius 
hier mit den barbarae gentes die Germanen oder wenigstens auch 
die Germanen meint, wird man kaum bezweifeln können. In der That 
scheint es, dass von diesen Völkern frühzeitig Fortschritte in der 
Butterbereitung gemacht wurden. Hierfür spricht auch der Umstand, 
dass in der germanischen Welt eine übereinstimmende Bezeichnung des 
Butterfasses sich findet: altn. Jclrruiy agls. cirne, engl, churn, auch 
niederdeutsch und bis ins Hessische verbreitet (auch ins Finnische — 
kirnu — entlehnt). Vielleicht liegt, worauf zuerst Martiny a. u. a. O. 
aufmerksam gemacht hat, hier eine Übertragung, bezüglicli Ableitnng 
{*kirnjön) von dem u. Mühle (s. d.) besprochenen nordeuropäischen 
Namen der Handmülile: got. -qairnus, altn. kvern (daneben aber auch 
mit k statt 9:mhd. kurn, kürne; vgl. Noreen Abriss d. urg. Lautlehre 
S. 145) vor, Dass oberpfälzisch kern und isl. kjarria ,Milchrahm' bedeuten, 
fönde eine Entsprechung darin, dass umgekehrt Schweiz, büder (doch 
kaum von ahd. butera , Butter' zu trennen) das ,Bii^terfass' bezeichnet. 
Das tertium comparationis zwischen Handmühle und Butterfass läge dabei 
in der Ähnlichkeit zwischen dem Mahlen und Zerstampfen des Getreides 
einer- und dem Quirlen und Stossen der Milch andererseits. In diesem Zu- 
sammenhang erschiene auch das altpr. girnoywis ,Quirr : lit. girnos ,Mühle' 
beachtenswert. — Die ältesten Gefässe und Werkzeuge der Butterung 
werden der zu diesem Zweck bis in die Neuzeit gebrauchte thöneme 
Buttertopf und Quirl, welcher letztere einen urverwandten europäischen 
Namen trägt (ahd. dwiril, griech. Topuvri; lat trua), gewesen sein. Wie 
weit derartige Vorrichtungen, die ja auch bereits zum Herstellen der zum 
Salben (s. o.) gebrauchten Butter gedient haben können, in die Vorge- 
schichte Europas zurückgehen, wird sich schwer sagen lassen. Doch sind 
in den Schweizer Pfahlbauten der Steinzeit quirlartige Hölzer, die als 



Butter. 123 

Bntterrflhrstöcke und Töpfe, die als Buttertöpfe angesprochen werden 
können, gefunden worden (vgl. Martiny a. u. a. 0. S. 32). Endlich 
darf man ftlr die grössere Beachtung, welche die Nordvölker im Gegen- 
satz zu Griechen und Römern der Behandlung der Milch widmeten^ 
auch den umstand geltend machen, dass bei jenen weitverbreitete und 
uralte Bezeichnungen für den Begrifif des Rahms oder der Sahne 
besteben (gemeingerm. mhd. rourn^ agls. rianij altn. rjöme neben mhd. 
mm ,Sahne', senno ,Hirt'; russ. smetana und so in allen Slavinen: 
altsl. m^ti ,turbare', nsl. mesti ,Butter rühren', lit. mentürey aitpr. 
manditoelis ,Quirr, scrt. mdnthati ,rührt' ; lit. griejü ,schöpfe den Rahm 
ab', grietini ,Sahne', ob : scrt. ghr-td- ,Butter', ir. ger-t ,Milch'?)^ 
während die südlichen Völker sich mit Umschreibungen (wie griech. 
TÖ Tiaxu ToO ToXaKToq, lat. flos locus) behelfen. 

Nach der Angabe des Plinius (s. o.) bildete die Butter die Lieblings- 
speise der reichen Leute, d. h. solcher, deren Viehstand gross genug 
war, um Milch für die Butterbereituiig übrig zu lassen. Ähnliches 
finden wir -im alten Irland, wo ebenfalls sehr frühzeitig die Butter be- 
kannt, aber als Speise für eine bevorzugte Klasse der Bevölkerung 
[Aire) reserviert ist (vgl. O'Ciirry Manners and customs I, 367 u. III 
passim, s. d. Index unter butter). Als allgemeine Volksnahrung hin- 
gegen wird die Butter, namentlich in Mittel- und Oberdeutschland, erst 
viel später gebräuchlich (vgl. Martiny a. u. a. 0. S. 21 ff.). 

Was die Beschaffenheit der ältesten Butter anbetrifft, so muss man^ 
ähnlieh wie beim Bier (s. d.), von unsern heutigen Begriffen absehen. 
So galt in älteren Zeiten der ranzige Geschmack der Butter für 
einen Vorzug, den man sich durch langjähriges künstliches Aufbewahren 
derselben zu verschaffen wusste (vgl. Martiny S. 7 d. Anhangs). 

Wenn nach dem obigen den germanischen Völkern in der Geschichte 
der Butterbereitung eine selbständige Rolle zufallt, so muss es befremd- 
lich erscheinen, dass gleichwohl in einigen derselben das lateinisch- 
romanische hutyrum, huturum, hutuVy ital. burro^ altfr. bure festen 
Fürs gefasst hat (vgl. agls. buterCy altfries. butera, ahd. buterä). In 
irgend einer Richtung der Butterbereitung oder Butterbenutzung müssen 
demnach romanische Völker den deutschen vorbildlich gewesen sein. 
S. darüber u. Brot. 

In dem Quellwort des lat. butyruniy in griech. ßoiiiupov bei Hippo- 
krates (s. o.) hat man vergeblich ein skythisches oder osteuropäisches 
Wort gesucht. Griech. ßouiupov in der angeführten Stelle des H. (t6 
iriov 6 ß. KaX^oucTi) bedeutet aber offenbar nichts anderes als ,Kuhquark', 
sei es, dass man so einen originalen skythischen Ausdruck übersetzte 
(vgl. etwa ahd. chua-smäro ,Butter'), sei es, dass die griechischen 
Hirten die wenige Butter, welche sie zu Heilzwecken gewannen, wirk- 
lich so nannten, weil die fetten und quarkigen Bestandteile der Milch 
eben von ihnen nicht scharf geschieden wurden (so jetzt auch Olck, 



124 Butter — Dach. 

Artikel Butter iu Pauli-Wissowas Realencyklopädie). Über griech. xupö^ 
fi. u. Käse. 

Erwähnt sei noch, dass die romanischen Sprachen nur teil weis das 
lat. butyrum aufweisen, das Rumänische, Spanische und Portugiesische 
hingegen einen anderen Ausdruck manticäy manteca, manteiga für die 
Butter besitzen. Man stellt diese Wörter zu lat. mantica ,Mantelsack' 
und vermutet, dass der Bedeutungsttbergang sich aus dem Umstand 
erkläre, dass die Butter in „sackartigen Schläuchen zubereitet wurde". 
— Vgl. V. Hehn Kulturpflanzen« S. 153 flF. und B. Martiny Kirne u. 
Girbe [d. h. Stand- und Schwingbutterfass] Berlin 1894. S. u. Nahrung. 



c 

S. unter K und Z. 



D. 

Dach. Dieser Teil des Hauses wird in zahlreichen idg. Sprachen 
übereinstimmend, jedoch ohne Gemeinsamkeit der Wortbildung, durch 
Ableitungen von der Wurzel (s)teg ,bedecken' (lat. tego) bezeichnet: 
griech. ctt^to^, Oivfr], t^TO^i lat. tectum, ahd. dah, agls. pcekf altn. 
paJiy lit. stogas (gemeinkeit. *tego8-, das aber ,Hau8' bedeutet; vgl. 
auch lat. tugurium ,Hatte'). Das Dach ist also, wie natürlich, ,da3 
deckende', ebenso in rnss. krovil ,Dach' : kryti ,decken\ Eine keltisch- 
germanische Gleichung ist ir. crö, kymr. craw aus *kräpO' = agls. hröf, 
altfries. hröf, engl. roof. Alleinstehend und dunkel: altsl. strecJia, 

Sprache und Überlieferung zeigen in gleicher Weise, dass das Dach 
des alteuropäischen Hauses aus Stroh oder Schilfrohr bestand. Lat. 
culmen ,Dach' ist eins mit culmus ,Halm', griech. öpocpi^ ,Dach' eins 
mit ÖP0905 ,Rohr' (beide : dp€9uj ,bedecke'; vgl. auch altn. rdfr ,Dach')- 
Wie Ovid (Fast. VI, 261) es vom ältesten Tempel der Vesta berichtet: 

quae nunc aere vides^ stipula tum tecta videres, 
wie in Sardes, das einen Schluss auch auf hellenische Häuser gestatteu 
wird, noch zur Zeit des ionischen Aufstandes (Herod. V, 101), selbst 
die steinernen Häuser Dächer aus Rohr hatten, so wird bei den Nord- 
völkern das Strohdach als gemeinsame Eigentümlichkeit derselben von 
zahlreichen Schriftstellern hervorgehoben. Vgl. Caesar De bell. gall. V, 43: 
Casae, quae more Gallico stramentis sunt tectae, Vitruvius II, 1, 4: 
Ad hunc diem aedificia constituuntur . . in Gallia, Hispania, Liisi- 
tania^ Aquitania scanduUs robusteis aut stramentiSy StraboIVp. 197 



Dach — Dachs. 125 

(von den Beigern): öpo90v iroXuv dTrißdXXovre^ (nämlich auf ihre Hütten), 
Plinius Hist. nat. XVI, 156: Tegulo earum (harundinum) domus suas 
septentrionales popuU operiunt durantque aetis tecta talia und XVIII, 
296: Ubi stipula domos contegunt, quam longissimam servant^ Sym- 
maehns Oratio II, 2 (Panegyricus auf Valcntian) : Quälern te, inhospita 
regiOy nuper intenimus? ignaram vetustatis urbium ac virgeis domi- 
bu^ et tectis herbidis indecoram. Auch die Barbarenhütten auf der 
Äntoninus-Säule und mehrere der in Italien und Deutschland gefundenen 
Hausurnen (s. u. Haus) zeigen deutlich das alte Strohdach. Daneben 
mag man sich noch anderer Mittel der Bedachung bedient haben, wie 
z. B. ir. clethe ,Dach' : cliath ycrates auf Flechtwerk hinweist, oder wie 
man in Skandinavien Birkenrinde venv endete. Über die Schindel s. u. 
Ziegel. Als sicher darf gelten, dass das alte Dach, in welchem wir 
uns frühzeitig das Rauchloch (griech. xaTTvobÖKTi), bezügl. die Licht- 
öflFnuDg (s. u. Fenster) zu denken haben, noch nicht durch ein'e 
Zwischendecke von dem einzigen Raum des ursprünglichen Hauses, 
der Herdstätte, getrennt war. Dieser Znstand hat sich bei den Ger- 
manen lange erhalten. Nach alemannischem Recht hat das Neugeborene 
gelebt, wenn es die Augen geöffnet und das Dach und die vier 
Wände erblickt hat. Got. hröt ,Dach' (neben agls. hröst) bedeutet 
nach Hennig Das deutsche Haus S. 122 noch heute als ^Rot^ technisch 
einen bis unters Dach oflfenen Raum. Über die steinerne, gewölbte 
Decke, die der Ausdruck griech. xaiiidpa (: lat. camur ,gevvölbt' ; vgl. 
auch griech. Kp-AeOpov, in^XaOpov ,Dach') bezeichnet, und ihren Über- 
gang nach dem Norden s. u. Steinbau. — S. u. Haus. 

Dachs. Das Tier ist in Mittel- und Westeuropa nach AusAveis 
der Funde schon seit der älteren Diluvialzeit vorhanden. Im Süden 
f^ebeint es dagegen im Altertum unbekannt gewesen zu sein. 

Nur bei Aristoteles begegnet ein vereinzeltes ipöxo^ (der ,Läufer' in 
der Runde, ,DreherO, das niÄn auf den Dachs deutet. Ein einheimischer 
lat. Ausdruck fehlt. Alte und einheimische, aber untereinander unver- 
wandte Namen des Tieres bestehen dagegen bei Kelten, Germanen, 
Slaven und Litauern. Der urkeltische Name ist *broccos, ir. brocc etc., 
vielleicht so viel wie der ,spitzige* bedeutend (Thurneysen Kelto-ro- 
manisches S. 50). Es kehrt in gallischen Ortsnamen wie Brocomagoj Broc- 
comaza wieder und ist von keltischem Boden ins Angelsächsische {brocc) 
und Dänische (brocTc) gedrungen. Bedeutsam ist ahd. dahs (ebenfalls in 
Ortsnamen wie altndd. Thahshim). Es gehört vielleicht zu der idg. Wurzel 
khi (vgl. griech. t^ktujv) und wäre dann soviel wie der ,Baumeister, 
Künstler'. Vom Deutschen ist das Wort sehr früh ins Lateinische ge- 
wandert: schon Marcellus Empiricus im IV. Jahrh. verschreibt eine Dosis 
flrftpM tc^oninae. Aus dem lat. taxo (= germ. ^pahson-) sind die roman. 
it. taasoj frz. taisson hervorgegangen. Merkwürdig aber ist, dass schon 
100 Jahre v. Chr. bei Afranius (Isidor XX, 24) ein gallisches taxtea 



126 Dachs — Dattelpalme. 

,Dacb6fett'(?) : Gallum sagatum pingui postum taxea vorkommt, von 
dem sich in den keltischen Sprachen aber keine Spar findet. Slavisch ist 
jmvü ijazva ^Höhle', litu-preussisch ohszrüs, wobsdus, nach Miklosich 
Et. W. zu W. g&Ty slav. Ürq jvorare' gehörig (lett. äpsis). Im Norden 
der Balkanhalbinsel bestehen alb. vßduh ^Dachs' oder ^Hamster', rum. 
mezurä (: alb. vied- ,8tehlen'?). Neuere Namen des Tieres sind engl. 
badgevy frz. blaireau ^Komhändler'^ it. grajo (= agraritts?), westpbäl. 
etc. griewel ,Gräber\ Slav. barmJc stammt ans dem Türkischen. 

Damm, s. Brücke. 

Dämonen, s. Ahnenkultus und Religion. 

Dampfbad, s. Bad. 

Damwild, s. Hirsch. 

Dank, Dankopfer, s. Opfer. 

Darlehen, s. Schulden. 

Dattelpalme. Die Verbreitung der Phoenix dactylifera L. ist 
nach Engler (bei V. Hehn s. u.) " auf ihrem heutigen Areal von den 
Canaren, wo schon der numidische König Juba (Plin. Hist. nat. VI, 205) 
fruchtbare Dattelpalmen in Menge vorfand, bis nach dem Pendschab 
bereits in vorhistorischen Zeiten, und nicht durch das Zuthun des 
Menschen, erfolgt. Auf diesem Gebiet tritt in den alten Eulturstaaten 
•des Orients, im Osten ebenso wie im Westen, die Bekanntschaft mit 
der Dattelpalme in frühen Epochen uns entgegen. Auf den assy- 
rischen Denkmälern begegnet der Baum unter dem angeblich snme- 
risch-akkadischen Namen musuqqan (,himmel häuptig'; vgl. hebr. tämär 
eigentl. ,die schlanke'). 7,Das Musuqqanholz wird in Bauten bei Niniveh 
und Babylon verwendet und erscheint, wenn es Tributgegenstand ist, 
lediglich als solcher eines besiegten babylonischen, näher südbabylo- 
nischen Machthabers. Ein Hain von Musuqqanbäumen wird vom 
Assyrerkönig vor der südbabylonischen Stadt Sapt vernichtet, durch 
ümhaun der Stämme. Dagegen erscheint das Musuqqanholz niemals 
■als ein Tributgegenstand westlicher syrisch-palästinischer Völker und 
wird niemals als ein in Westasien, von den Assyrern etwa auf dem 
Libanon und Amanos gefällter Baum bezeichnet^ (E. Schrader). Aus 
Assyrien hat bereits Herodot, 1, 193, wenn auch noch in sagenhafter Ge- 
stalt, Kunde von der Sitte erhalten, die weiblichen Dattelpalmen mit 
den Rispen der männlichen zu befruchten (eicTi be (Tq>i q>oiviK€^ Tr€q>uKÖTeq 
^vd ttSv tö irebiov, o\ nXeOve^ auTiöv KapTToq>6poi, Ik tujv Kai (Tiiia kqi 
oTvov Kai |n^Xi TTOieOvrar toü? (Tuk€^ujv tpottov GepaTreuoucTi rd t€ dWa, 
Ktti q)oiviKUJV, Tou^ ?p(T€va5 ^'EXXrive? KaX^ouai, toütujv töv Kaprröv 
Trepibeouai iljcTi ßaXavT)q>öpoiai täv 90iviKUJV \'va TreTtaivij t^ (Tqpi 6 i|if\v 
Tfjv ßdXavov iabüvuiv Kai \xi\ dTTopp^ij 6 Kapnö^ toO q)oiviKO^). Vgl. 
noch armen, armav ,Datter aus npers. xurmä (Hübschmann Annen. 
«r. I, 111). 

Auch in Ägypten lässt sich der Anfang der Dattelpalmenkultm' bis 



Dattelpalme. 127 

in die X. und XI. Dynastie zurQckverfolgen {am ^Dattelpalme', häner 
,Datter, hau ^Palmenzweig'). Man hat veimutet, dass der in dieser 
Zeit anfkommende Handelsverkehr zwischen Ägypten und dem Lande 
Fant (im südlichen Arabien oder an der afrikanischen Somaliküste) 
den Baum nach Ägypten ' brachte. Ein Landschaftsbild aus letztge- 
nannter Gegend in der Tempelhalle von Der-el-Baharie zeigt ein auf 
Pfählen errichtetes Dorf zwischen Dattelpalmen und Weihrauchbäumen. 
Andere nehmen dagegen für Ägypten einen einheimischen Ursprung 
der Dattelkultur an. 

Nördlich des südmediterranen Areals der Dattelpalme, in dem 
grössten Teile Griechenlands und Italiens, hat sich der Baum wohl 
nur auf dem Wege der Anpflanzung verbreitet. Er hat hier die Fähig- 
keit, wohlschmeckende Früchte hervorzubringen, fast gänzlich einge- 
büsst und ist in den genannten Ländern daher zu den Zier-, nicht 
zu den Nutzpflanzen zu rechnen. 

Die erste Erwähnung des Palmenbaums in Griechenland ge- 
schieht Od. VI, 162 ff. Der weitgewanderte Odysseus hat ihn auf 
Delos, und zwar nur hier, gesehen und vergleicht seinen schlanken 
Wuchs (s. oben hebr. tämär) der Gestalt der Nausikaa: 

Af\\[\) brj 7T0T€ ToTov *ATröXXu)Voq irapd ßu^mj! 
qpoiviKO^ v^ov fpvo^ dv€pxÖM€VOV iv6r\aa. 
Der hier gebrauchte Ausdruck 9o(vig ist offenbar identisch mit 
<l>oiviE ,der Phoenicier' und deutet auf die östliche Herkunft des 
Baumes hin. Ob man ihn schon in mykenischer Zeit in Griechenland 
selbst kannte, muss dahin gestellt bleiben, da die zahlreichen Abbil- 
dungen desselben auf Kunstwerken dieser Periode orientalische Land- 
schaftsmotive sein können. In später Zeit hat sich im Griechischen 
das oben genannte ägyptische bau eingebürgert und zu griech. ßot^, 
ßaiov geführt. Auf Kreta heisst noch jetzt der Palmenbaum 90iviKTi<i 
und ßand, während der gewöhnliche Ausdruck Koupinabtid türkischen 
Ursprungs ist, wie denn die meisten älteren Palmen im heutigen 
Griechenland aus der Türkenzeit stammen sollen (Heldreich Nutz- 
pflanzen S. 11). 

Das Lateinische hat einen einheimischen Namen für den Palm- 
banm, palma. Die Annahme, dass dieses Wort eine Entlehnung aus 
hebr. tämär und aus dem Städtenamen Tadmor-Palmyra sei, in dem 
man irrtümlich ein ,Palmenstadt' erkennen wollte, darf jetzt wohl 
als allgemein aufgegeben gelten. Palma ist vielmehr der echte latei- 
nische Name für die in Südeuropa einheimische Zwergpalme (Chamaerops 
humüis) und wohl identisch mit lat. palma (= ahd. folmä) ,Hand', 
indem man eine Ähnlichkeit zwischen den fächerartigen Blättem der 
Zwergpalme mit einer flachen Hand (s. u. über bdicTuXoq) heraus- 
fand. Dieser Ausdruck wurde dann später auch auf Phoenix dacty- 
lifera im Yolksmund angewendet. Die erste Nachricht von einem 



128 Dattelpalme. 

Palmenbaum in Italien, und zwar in Antium, bezieht sich auf das Jahr 
291 V. Chr. (vgl. V. Hehn a. u. a. 0. S. 269). — Eine weitere Ver- 
breitung an den Küsten des Mittelmeers, vor allem in Spanien, hat die 
Palme erst durch die A r a b e r gefunden. 

Wie aber der Baum selbst vom fernen Osten nach Griechenland und 
Italien gebracht worden war, so wohl auch die Sitte, seine Zweige als 
Symbol des Sieges und der Freude zu verwenden, eine Sitte, die schon im 
Alten Testament begegnet, in Griechenland zucret von Pindar, in 
Italien zuerst aus dem Jahre 293, als von den Griechen entlehnt (vgl. auch 
lat. spädix , Palmzweig' aus griech. anabxl ,abgerissencr Zweig'), ge- 
meldet wird. Ihren Übergang in das mittelalterliche und christliche 
Europa hat sie durch die Palmen gefunden, die nach dem Johannes- 
Evangelium dem in Jerusalem einziehenden Heiland gestreut wurden. 
Durch den „Palmsonntag" erst ist wohl der lateinische Name des Baumes 
im Norden (vgl. ahd. pahna u. s. w.) bekannt geworden. Nur das 
Gotische hat einen eigenen, noch völlig rätselhaflen Namen des Baumes 
(peikabagnis). Nach R. Much Deutsche Stammsitze § 33 bedeutete das 
Wort eigentlich ,Fcigcnbaum', für den die Goten aber einen beson- 
deren Ausdruck (smakkabagms) hatten. Der erste Teil des Wortes 
peika- wäre nach ihm durch Vermittlung der Kelten (bei denen das 
Wort aber gar nicht bezeugt ist) aus lat. ficus entlehnt. 

Bald verfiel man an verschiedenen Stellen auf den Gedanken, statt der 
teuren und schwer erhältlichen Palmenzweige, die in Italien der Palmen- 
hain von Bordighera für die Zwecke der Kirche liefert, andere, meist 
immergrüne Gewächse zu benutzen. So hcisst im Neugriechischen der Lor- 
beer ßair|d, weil er am Palmsonntag (^opifi täv ßatiwv) verwendet wird.. 
Im kaukasischen Russisch nennt man den Buchsbaum Kawkassaja 
pcd'ma ,kaukasische Palme', und dereelbe Name für dieselbe Pflanze 
{palrriy palmenberg etc.) kommt auch in verschiedenen deutschen Mund- 
arten vor. Im Litauischen bedeutet werbäy eigentl. ,Weidenrute' auch 
^Palmblatt' oder ,Palmenzweig*, werbü nedäle ist der Palmsonntag. 
Vgl. dazu E. H. Meyer Deutsche Volkskunde S. 257: „Zum Palm- 
sonntag werden in der Kirche die Palmen geweiht, Weidenzweige 
oder lange Stangen, oben mit Buchs- und Lebensbaum ge- 
schmückt. '* 

Da die Dattelpalme, wie schon oben bemerkt, im südlichen Europa 
im allgemeinen ihre Früchte nicht zur Reife bringt (Dattelpalmen 
mit leidlichen Früchten befanden sich nach Pausanias IX, 19, o in^ 
Aulis vor dem Tempel der Artemis), so musste der Handel mit orien- 
talischen Datteln bald bedeutend werden. Der Name der Frucht ist 
zunächst gleich dem des Baumes: griech. 9oiviS, lat. palma. Später 
kommen andere Benennungen auf: für eine nussföimige Art griech. 
KapuuiTÖ^, KaputJTi^, lat. caryöta, caryötis und das in die modernen 
Sprachen tibergegangene griech. bdKTuXo?, lat. dacfylus ,Datter. 



Dattelpalme — Dichtkunst. 129 

Noch zweifelt man, ob hier ein einheimischer Name für eine finger- 
ähnliche Dattelart (bdKxuXo^ ,Finger'; vgl. Plin, Bist. nat. XIII, 46: 
iactylis, praelonga gracüitate curvatis interim) vorliegt, oder ob 
bdKTuXo^ eine Entlehnung aus aram. diqlä, syr. deqlä, arab. daqal 
jPalme' (arab, ,eine Sorte Datteln') darstellt. In Verbindung mit dem 
letztgenannten Wort sucht man auch die Hesychischen Glossen aouKXai * 
cpoiviKOßdXavoi und (TouK(X)o-ßdXavo^ • tö auxd <t)oiviKe? zu bringen. — 
Vgl. Th. Fischer in Petermanns Mitteilungen, Ergänzungsheft Nr. 64 
und V. Hehn Kulturpflanzen « S. 262 flF. 

Daune, s. Gans. 

Deichsel. Eine etymologische Übereinstimmung für diesen Teil 
des Wagens scheint in lat. tSmo = ahd. dihsäla (neben zeotar ,Zitter', 
eigentl. ,Seir : ahd. ziohan), agls. pixl, altn. pisl vorzuliegen. Wurzel 
tenx'f germ. *ptxS'. Andere deuten lat. temo aus Hens-mö und ver- 
gleichen altpr. teansis ,Deichser (vgl. Osthoflf I. F. VIII, 37 AT.). In 
diesem Fall wäre ahd. dthsala zu trennen und könnte etwa an altsl. 
tisü (s. u. Eibe) angeschlossen werden, so dass die Deichseln ur- 
sprOnglich aus Eibenholz verfertigt worden wären. Eine zweite 
Gleichung ist scrt. %Bhä\ aw. isa- (hämisa') ,Deichser = nsl. etc. oje 
jDeichser, ,Deichselstange' (über griech. oXr\i s. n. Steuerruder). 
Einzelsprachlich sind: scrt. dhur-j präiiga-, griech. pv}i6q (: dpuui) ,Zug- 
holz', lit. dyselgsj russ. dyszlo (aus dem Deutschen). S. u. Wagen. 

Delikte^ s. Verbrechen. 

Delphin, s. Wal. 

Dezimalsystem, s. Zahlen. 

Diadem, s. Krone. 

Diamant, s. Edelsteine. 

Dlehtknnst, Dichter. So deutlich der Begriff des gesproche- 
nen Wortes in idg. Gleichungen wie scrt. väcaa-, aw. vaöah- = 
griech. fno^ (vgl. auch scrt. väk, väc-äs = lat. vöXy griech. ö\[f) und 
lat verbum = got. waürd, altpr. toirds (vgl. auch griech, eipuj ,ich 
sage') hervortritt, umso weniger ausgebildet muss die Terminologie des 
Gesanges in der idg. Grundsprache gewesen sein. Die Bezeichnungen 
der Einzelsprachen hierfür sind fast ausschliesslich (eine nach Form 
und Bedeutung übereinstimmende Bezeichnung des Begriffes ,Lied' 
seheint nur in der Gleichung scrt. arJcd-: rc ^singen' = aimen. erg 
vorzuliegen) aus Wörtern hervorgegangen, welche ursprünglich ver- 
schiedene Arten des Sprechens oder Schreiens ausdrückten. Im 
Griechischen gehört deibuj ,ich singe', doibri ,Ge8ang', doibö^ 
»Sänger': ir. faed ,Schrei, Ton', kynir. gwaedd ,ciy, shout' hierher. 
Vgl. auch die Gruppe von griech. öbuj, ax)bf\, scrt. vddati, die jede Art 
stimmlichen Ausdrucks bezeichnet. Im Lateinischen entspricht zwar 
^no ,singe' dem ir. cawiw, welches dasselbe bedeutet; aber sowohl 
die Bedeutungsentfaltung des Wortes im Lateinischen selbst, wie auch 

Schrader, ReaUexlkoa ^ 



130 Dichtkunst, Dichter. 

das neben cano - canim liegende got. hana ,Hahn' machen es sicher, 
dass die Grundbedeutung der ganzen Sippe ,einen vernehmlichen Ton 
von sich geben', gewesen ist. Im Germanischen finden sich für 
Singen vor allem zwei Reihen: got. siggwan und ahd. galan. Das 
erstere bedeutet ausser ,d€ib€iv' auch ,(ivaTiTvu)(TK€iv', d. h. ,vorlesen', 
und das dazu gehörige Hauptwort saggws (uübTJ und dvdTvujm^) ent- 
spricht als urverwandt dem griech. 6^911 {*8onghä') ,die Stimme', vor- 
nehmlich die der Götter, also die laute, gewaltige Stimme, so dass 
ein Zweifel darüber nicht bestehen kann, dass unser ,singen' ursprüng- 
lich bedeutete ,mit veniehmlicher Stimme etwas vortragen', ungefähr 
dasselbe wie got. spillön ,biTiT€Tcr9ai, dK9^p€iv, euaTTcXiZecrOai', wenn es 
(vonFröhde B. B. XIX, 241) richtig mit lat. -pellare, appellare ver- 
glichen wird. Der zweite Ausdruck, altn. gala, agls. ahd. galan ,singen' 
hängt aufs engste mit unseren Wörtern „gell", „gellen" (ahd. geUan 
,laut tönen', ,schreien') zusammen, wird wie lat. cano ebenfalls von 
den Stimmen allerhand Vögel, des Hahnes, Kuckucks, Raben etc. ge- 
braucht, und hat daher zweifellos eine ähnliche Grundbedeutung wie 
dieses gehabt. Noch nicht sicher ist got. liupön ,singen*, ,MJ(iXX€iv' 
von ahd. liod u. s. w. ,Lied' erklärt. Die einen vergleichen ir. luad 
jGespräch', ,Rede' (idg. Heu-fo- : Heu-do-), andere (vgl. R. Kögel Gesch. 
d. d. Lit. I, 1, 7) gehen von der Bedeutung ,Tanzlied' {*leu'to-, eigentl. 
,Lösung' : griech. Xiiu) ,löse) aus. Das S lavische verfügt für Singen 
über altsl. petiy pojq. Eine sichere Anknüpfung in den verwandten 
Sprachen ist noch nicht gefunden. Vielleicht könnte man an griech. 
7rair|ujv ,feierlicher Gesang zu Ehren des Apollo' denken, für welches 
dann von einem Stamm *pai-vä- ,Recitation, Gesang' (vgl. etwa griech. 
ÖTidoJV ,Gef&hrte' : *soqä- , Folgung' : Jirojam) auszugehen wäre. Für 
die Grundbedeutung von altsl. peti ,singen' ist wichtig, dass es eben- 
falls von dem Gesänge des Hahnes (pefelinü) gebraucht wird, und dass 
man z B. im Bulgarischen Jcniga peja ,ein Buch lesen' (vgl. oben 
got. siggwan) sagen kann. Litauisch giedu ,ich singe' endlich 
{gaidys ,Hahn') wird gewiss mit Recht als wurzelverwandt mit altsl. 
gajati ,krächzen' sowie mit scrt. gä^ qä'yati ,singen, in singendem Tone 
sprechen' angesehen, während altpr. grimons ,ge8ungen', grimikan 
jLied' zu agls. ceorm, ahd. karmen »Wehklagen' gestellt wird. 

Was man aus dem Bisherigen wird schliessen dürfen, ist, dass in der 
Urzeit noch kein Bedürfnis bestanden haben kann, ,Wort' und »Schrei' 
sprachlich von ,Gesang' zu unterscheiden, ähnlich wie dies hinsichtlieh 
der BegriflFe ,Gehen' und ,Hüpfen' im Unterechied von ,Tanzen' der 
Fall gewesen ist (s. u. Tanz). Immerhin werden die verechiedenen 
einzelsprachlichen Bezeichnungen des Singens gemeinsam durch die 
Betonung des pathetischen, lauten oder geschreiartigen Sprechens cha- 
rakterisiert, so dass also die Sprachbetrachtung zu demselben Ergebnis 
gelangt, zu dem man bereits auf dem Wege sachlicher Erwägung-en 



Dichtkunst, Dichter. 131 

gekommen war^ nämlich dem, dass der menschliche Gesang im wesent- 
lichen eine Entwicklmig der menschlichen Kede darstellt. So äussert 
H. Spencer (nach E. Grosse Die Anfönge der Kunst S. 268) die An- 
sicht, „dass die stimmlichen Eigentümlichkeiten, welche die Erregung 
des Gefühls anzeigen, genau dieselben seien, welche den Gesang von 
der gewöhnlichen Rede unterscheiden : — nämlich die Stärke (loudness) ; 
die Qualität oder der Timbre; die starke Abweichung von einem mitt- 
leren Niveau der Höhe; die Weite der Intervalle und der ausseror- 
dentlich schnelle Wechsel". Der Gesang sei daher durch die Ausprä- 
gung {emphasising) und Verstärkung dieser Eigenschaften entstanden. 
Dazu vgl. Billroth Wer ist musikalisch? (Deutsche Rundschau Jahrg. 
1894/95, IV, 454:) ^ünd doch ist meiner Überzeugung nach der Ge- 
sang aus der Sprache hervorgegangen Bei sehr lautem Sprechen, 

beim öfifentlichen lauten Gebet der Priester erwies es sich als besonders 
wirksam auf die Zuhörer, den Stimmton bald zu heben, bald zu senken ; 
vielleicht war dies Anfangs nicht beabsichtigt und ergab sich von 
selbst als Folge der Anstrengung und Ermüdung der Kehlkopfmnskeln. 
Die meisten Menschen endigen einen Satz in tieferem Ton als sie be* 
gönnen haben (Tonfall, Cadenz). Zum Hervorheben einzelner, besonders 
wichtiger Worte und Sätze wurde die Stimme in eine höhere Tonlage 
gehoben; es gelang dadurch besser^ die Aufmerksamkeit der Hörer zu 
fesseln als durch rein monotones Sprechen .... Stärkere Betonung 
ist zugleich unabsichtliche Tonerhöhung; doch geht der Vortragende 
auch oft bewusst in eine höhere Tonlage über; der Redner benutzt 
absichtlich verschiedene Tonhöhen; seine Sprache ist neben der Elang- 
gebärde zugleich Tonsprache. Beim gewöhnlichen Sprechen bleiben 
wir etwa innerhalb einer Quint; beim erregten Sprechen benützen wir 
wohl eine Octav. — Die genannten Hilfsmittel des Ausdrucks wurden 
wohl besonders von den Priestern, den Sehern, den Propheten .... 
benutzt; sie erwiesen sich eben nützlich ÜQr die Erreichung der ange- 
strebten Wirkungen. Von einem derartigen pathetischen Sprechen zum 
halb singenden Recitieren ist ein leicht gethaner Schritt, schliesslich 
ein kaum wahrnehmbarer Übergang.^ 

Menschlicher Rede in dem hier gemeinten Sinne wohnt ein gewisser, 
natürlich noch gänzlich freier Rhythmus mit Naturnotwendigkeit inne, 
wofür man sich auf Erscheinungen der Tierwelt, wie das Krähen 
des Hahnes oder den Ruf des Kuckucks (vgl. Billroth a. a. 0. I, 114) 
berufen kann. Eine Veranlassung, den Ausgangspunkt desselben mit 
K. Bücher (Arbeit und Rhythmus Abh. d. Kgl. Sachs. Ges. d. W. XXXIX) 
in den die rhythmischen Bewegungen gewisser Handwerke und Mani- 
pulationen begleitenden Arbeitsliedern der Menschen zu suchen, liegt 
daher nicht vor, wenn es auch nach dem von Bücher beigebrachten 
Material nicht geleugnet werden soll, dass das Arbeitslied auf die Aus- 
bildung bestimmter Rhythmen von Einfluss gewesen sein kann, eine 



132 Dichtkunst, Dichter. 

Richtung, in der dann weiter und vor allem die unten zu besprechende Ver- 
bindung von Wort und Tanz wirkte. Wir sind also der Meinung, dass 
der pathetisch und darum auch rhythmisch gesprochene Satz die älteste 
dichterische Form der Indogermanen gewesen sei, während die Ans- 
bildimg eigentlicher musikalischer und zu Melodien verbundener Töne, 
des Gesanges im heutigen Sinne (s. auch u. Singvögel), noch nicht 
begonnen hatte oder noch in den Anfängen stand. 

Dem so gesprochenen Wort wird bei allen idg. Völkern eine zauber- 
hafte Kraft zugeschrieben, durch die man über die Aussenwelt Gewalt 
zu erhalten sich vorstellt. Nicht die Absicht einer aesthetischen^ 
sondern vielmehr die einer praktischen Wirkung ist es daher gewesen, 
welche die ohne Zweifel älteste Gattung idg. Poesie, den Zauber- 
spruch oder das Zauberlied, hervorgerufen hat. Man wendet sie 
an, wenn es gilt, feindliche Erankheitsgeister zu vertreiben (s. u. Arzt), 
oder wenn man die Toten in ihren Gräbern festbannen will (s. n. 
Ahnenkult), wenn man die Zukunft aus zusammen gelegten Baum- 
stäbchen (s. u. Los) erraten möchte, oder wenn man einen Fluch im 
Falle der Lüge auf sich herabschwört (s. u. Eid), wenn man über- 
irdische Mächte zur Annahme eines Opfers (s. d.) zwingen möchte, 
und in zahlreichen anderen Fällen. Ein idg. Ausdruck für den Begriff 
eines solchen Zauberspruchs scheint in der Gleichung scrt. brähman- = 
lat. flämen erhalten, worüber näheres u. Priester mitgeteilt ist. 
Andere, einzelsprachliche Bezeichnungen s. u. Arzt. Zu erörtern bleibt 
das lat. Carmen^ das in der Bedeutung ,Zauberspruch' z. B. in den 
XII Tafeln vorliegend, nach und nach zur Bezeichnung jedes poetischen 
Erzeugnisses geworden ist. Da die Erklärung des Wortes aus *can- 
men (icano) lautlich wohl ausgeschlossen ist, bleibt die Möglichkeit 
einer doppelten Auffassung bestehen. Man kann das Wort einmal an 
Gasmena, den Namen der in dem uralten Hain vor dem Capenischen 
Thore singenden Nymphen, anknüpfen, in welchem Falle sich carmen 
unschwer aus einem neben *ca8'men liegenden *casimen (vgl. tegmen i 
tegimen) erklären würde. Alsdann entspräche *ca8men genau dem 
vedischen ods-man- ,Lob, Preis' (der Götter, auf höherer Religiona- 
stufe), und die sich dabei ergebende Schwierigkeit wäre nur die, dass 
scrt. gdsman-, wenn = carmen, von scrt. gans ,hersagen, recitieren' 
(= lat. censeo) getrennt werden müsste. Neuere Etymologen ziehen 
daher vor, lat. carmen mit scrt. Jcärü- ,Sänger' griech. Knpug ,Herold' 
(,einer der mit vernehmlicher Stimme etwas verkündet') zu ver- 
binden. Die alsdann zu Grunde liegende Wurzel qar dürfte von qoTy 
der Namen der Krähe und des Raben (s. u. Singvögel) entstammen, 
nicht zu trennen sein. Wie sich dies nun auch verhalten möge, jeden- 
falls scheinen noch andere Wörter als lat. carmen aus dem Gebiet der 
Zauberei allmählich in höhere Regionen empor gestiegen zu sein. So scrt. 
sä'-man- jGesang, gesungenes Lied', wenn es von Osthoflf (B. B. XXIV, 



Dichtkunst, Dichter. 133 

160) richtig mit griech. ol^i] ^Lied, Gesang' etc. und altn. seidr 
,Zaaber\ lit. saitas ,Zeichendeuterei' (s. auch u. Orakel) yerglichen 
wird. Vgl. bei demselben auch das Verhältnis von altn. bragr ,Dich- 
tnngy Dichtkunst' : ir« bricht ^Zauber'. 

Von jeher hat das rhythmisch gesprochene Wort eine enge Verbin- 
duDg mit dem rhythmisch bewegten Gang, dem Tanz, geschlossen. So 
entsteht das .Tanzlied oder der Reigen, dessen erste Anfänge, wie 
das Zauberlied selbst, aufs engste mit dem Dienste der Geister oder 
Götter verknüpft sind. 

Ein uralter Rest dieser Art von Dichtung, an Ursprünglichkeit des 
Inhalts nur mit den ältesten Partien des Veda vergleichbar, liegt uns 
in dem römischen Arvallied vor. Wenn der Frühling gekommen ist, 
und die junge Saat emporspriesst — so werden wir uns mit Th. Birt 
Das Arvallied in Wölfflins Archiv XI, 149 ff. den ursprünglichen 
Verlauf der Feier denken dürfen — , zieht eine Sippe blutsverwandter 
Menschen, eine Brüderschaft {fratrea)^ die im Besitze eines besonders 
wirksamen Ackeraegens oder Ackerzaubers ist (s. auch u. Priester), 
hinaus auf die Flur, um die Lases, d. h. die Geister der verstorbenen 
Väter (s. u. Ahnenkultns), und den Mars, der in diesem alten Liede 
ganz wie die griechische Persephone teils als Frühlings-, teils als 
Totengott, im Ganzen aber als ein wilder und schwer zu sättigender 
Dämon erscheint (s. auch u. Totenreiche), anzuflehen, den eben 
erstandenen Frühling nicht wieder in die Unterwelt hinabsinken zu 
lassen. Sie tanzen und recitieren dazu {carmen descindentes tripo- 
daverunt) : 

„Helft uns. Lasen !^ 
{Enos Lases iuvate) 

„Lasse, o Mars, nicht den Frühling in die Unterwelt hinabsinken^ 
{Nevel verve Marmar sins incurrere in pleores, so nach Th. Birt 
a. a. 0.; Mommsen liest dagegen und übersetzt: Neve lue rue^ Mar- 
mar, sins incurrere in pleores: „Nicht Sterben und Verderben, Mars, 
lass einstürmen auf Mehrere^), 

„Sei gesättigt, wilder Mara" 
{Satur fu, fere Mars) u. s. w. 

Ähnlich werden wir uns mit R. Kögel a. a. 0. S. 31 die altger- 
manischen Flurzüge und Umgänge an hohen Festen, über die wir 
reichliche Nachrichten haben, und bei denen Tanz und Gesang eben- 
falls verbunden auftreten, vorzustellen haben. Vielleicht darf man in 
dem dreimaligen triumpey mit welchem das Arvallied schliesst, oder 
in den wiederholten Interjektionen {heia, nana), die in das von Kögel 
S. 34 ff. rekonstruierte gotische (heidnische) Weihnachtsspiel einge- 
streut sind, oder in Eriegsrufen wie dem vielleicht schon indogerma- 
nischen scrt. arare, griech. dXaXd, altsl. ole etc. den ersten Ansatz 
zur Ausbildung musikalischer, über die gewöhnliche Recitationsvveise 



134 Dichtkunst^ Dichter. 

sich erhebender Töne erblicken. Vgl. Billroth a. a. 0.: „Zn den ur- 
sprünglichen ^Elanggebärden^ gehören vor allem auch die An- und 
Ausrufe, die Interjektionen. Mehr oder weniger langdauernde Töne 
werden stark und wiederholt ausgestossen als klang-mimischer Ausdruck 
eines Empiindungszustandes. Dies war Anfangs wohl ein reflektorischer 
Vorgang wie der Schrei des neugeborenen Kindes, wurde aber bald 
zir einem bewusst angewandten nützlichen Ausdrucksmittel." 

Auch sonst zeigt gerade die in Verbindung mit dem Kultus auf- 
tretende Poesie der idg. Völker mancherlei Berührungen, namentlich 
zwischen Indem und Germanen. So kehrt bei beiden Völkern eine 
bestimmte Form des Rätselspiels (s. u. Rätsel) wieder, deren Zweck 
die Aufklärung der Festversammlung über die jedesmalige Kultushand- 
lung zu sein scheint, (vgl. R. Kögel a. a. 0. S. 64). Dasselbe gilt 
von einer im Veda wie in der Edda nachgewiesenen Form der Ver- 
bindung von Prosa und strophisch geordneten Versen (Kögel S. 97), 
die ähnlichen Absichten gedient zu haben scheint. Doch dürfte es, 
wenigstens zunächst, geratener sein, in derartigen Übereinstimmungen 
lieber parallele durch das allmähliche Aufkommen von Priesterständen 
(s. u. Priester) bedingte Entwicklungen als gemeinsames Erbe der 
idg. Urzeit zu erblicken. 

Auch wie weit das rhythmisch gesprochene Wort und seine Verbin- 
dimg mit dem Tanz in das profane Leben eingriff, lässt sich vor der 
Hand nicht entscheiden. Möglich oder wahrscheinlich, dass die Heim- 
führung der Braut (s. u. Heirat) unter derartigen Reigen erfolgte, 
möglich oder wahrscheinlich, dass man so in die Schlacht rückte oder 
so die Totenklage anstimmte. 

Seit R. Westphals bekannter Abhandlung Zur vergleichenden Metrik 
der idg. Völker (K. Z. IX, 437 ff.) hat man sich mehrfach bemüht, 
sogar die metrische Form zu erschliessen, in welche die älteste Poesie 
der Indogeimanen ihre Erzeugnisse kleidete (weitere Litteratur s. Sprach- 
vergleichung und Urgeschichte* S. 40flf.). Auf diese Fragen soll hier 
nicht eingegangen werden. Im ganzen scheint es nach dem obigen 
wenig wahrscheinlich, dass die Rhythmen, in denen sich die ältesten 
poetischen Formen bewegten, schon so gefestigt waren, dass sie von 
EinzelvölkeiTi bis in die historischen Zeiten hätten fortgetragen werden 
können. 

Wie nun auch immer die älteste idg. Dichtung beschaflFen war, jeden- 
falls kann ihren Erzeugnissen gegenüber noch nicht von einer kunst- 
oder berufsmässigen Ausbildung des Dichterhandwerks gesprochen werden. 
Erst auf dem Boden der Einzelvölker tritt eine solche hervor, und es 
stellt sich zum ersten Mal das Bedürfnis ein, das Dichten als eine 
bewusst ausgeübte Thätigkeit zu bezeichnen. Die Ausdrücke, die man 
hierfür wählt, sind, wie begreiflich, dem Handwerk des täglichen Lebens 
entnommen. Man webt Lieder (scrt. vdyati arJcäm ,er webt einen 



Dichtkunst, Dichter. 13 

Gesang'; auch griech. uq)aiv€iv und agls. t/?^/Viw {wordcrceft) werden 
ähnlich gebraucht ; vgl. ferner alts. agls. fitt ,Gedicht', eigentl. ,Faden', 
i\{VL»pdttr desgl.); man näht Lieder (griech. öjiivoq = scrt. syü'man- 
,Ban(l, Naht'; vgl. auch griech. ^dTiTCiv doiöriv, ^avpiubö^, lat. carmina 
texere)f man zimmert welche (scrt. tdkshj griech. TCKTaivcoGai doibriv), 
man schmiedet welche (altn. Ijödasmidr) u. s. w. 

Mehr und mehr haftet nun die neue Kunst au bestimmten Persön- 
lichkeiten oder Verbänden von Persönlichkeiten, in denen die Begrifie 
Sänger und Dichter noch in eins zusammenfliessen. Von besonderer 
Bedeutung für die Heranbildung derartiger Persönlichkeiten erweist 
Eich die überall erstarkende Macht des Königtums (s. u. König) und 
die Herausbildung eines Adels (s. u. Stände). Dem Könige wie den 
Edlen liegt es daran^ dass ihre und ihrer Vorfahren Thaten den Volks- 
genossen in frischem Andenken erhalten werden, ja, ihre Macht und 
ihr Einfluss stützt sich ausser auf ihren grösseren Reichtum, darauf, 
dass dies geschieht. Der Sänger, dessen Lied daher einen hymnisch- 
epischen Charakter erhält, bildet nunmehr eine stehende Figur an den 
Hofhaltungen der Könige. Im vedischen Indien begegnen fast in 
jedem Stamm Sängerfamilien, die in der Umgebung des Königs weilen 
und seinen Ruhm besingen (vgl. Zimmer Altindisches Leben S. 168). 
Nicht weniger treflFen wir den doiöö^ in der Odyssee an den Fflrsten- 
hüfen von Scheria und auf Ithaka an. In Rom mag mit der Ein- 
richtung des Königtums auch die Gestalt des Sängers verschwunden 
sein (über lat. vätes s. u.). Vielleicht wäre es nicht zu kühn, in jenen 
alten Tischliedern, welche noch beim Beginn der Republik zum Preise 
der Vorfahren bei Flötenspiel oder Saitenklang von Knaben oder den 
Teilnehmern des Gastmahls selbst gesungen wurden (vgl. Teuffei Litg. * 
§ 82, 3), Überreste einer einst bestehenden höfischen Dichtung zu er- 
blicken. Sie wurden auf Numa zurückgeführt, und waren schon Jahr- 
hunderte vor Cicero bis auf die Thatsache, dass sie einst bestanden 
hatten, vergessen. 

Hingegen blüht die Kunst der ßdpboi und oudiei^ wiederum bei 
den Galliern (nach Poseidonius bei Strabo IV p. 197). Die ersteren 
werden als üjLiviiTai Kai Troiniai, die zweiten als kpoTroioi Kai q)u(TioX6TOi 
bezeichnet. Beides aber sind gemeinkeltische Bezeichnungen des Dichters 
und Propheten, von denen die erste re (ir. hard^ vgl. auch altgali. iardo- 
cucuUus ,die Manteltracht' des Barden) etymologisch noch nicht sicher 
erklärt ist (Stokes im ürkeltischen Sprachschatz denkt an Zusammen- 
hang mit altpr. gerdaut ,reden'; vgl. oben über griech. deibuj), die 
zweite (ir. fäith ,Dichter', kymr. gwawd ,carmen, poema eneoraiasticum'), 
ausser zu lat. vätes (s. u.), zu agls. wöp ,Stimme, Gesang', altn. ödr 
jGesang, Poesie' (vgl. auch ahd. wuot ,WutO gehört. Eine dritte ge- 
meinkeltische Bezeichnung des Dichters und Weisen liegt in ir. ßiy 
Gen. pled, ^velet- vor, das in dem Namen der Seherin im Bruktcrerlande, 



136 Dichtkunst, Dichter. 

Veleda (Tac. Germ. Cap. 8), wiederzukehren scheint. Dass auch diese 
altgallischen Sänger vornehmlich an den Höfen der Könige und Adeligen 
lebten, geht schon aus dem Umstand hervor, dass sie von demselben 
Poseidonius (bei Athenaeus VI p. 246) als trapaotroi ,Leute, die 
an der Tafel anderer leben', bezeichnet werden. Auf inselkeitischem 
Boden kehrt der altirische rtg-faith ,vates regius' (vgl. scrt. räjarshi-) 
noch als stehende Person in dem Gefolge des Clanhäuptlings im 
Waverly W. Scotts wieder. Vgl. weiteres über die altgallischen ßdpbot 
und ouäT€i^ bei L. Diefenbach Origines Europ. und Holder Altkel- 
tischer Sprachschatz s. v. Bardus. — Auf gleicher Stufe mit ihnen 
steht der Sänger an den Hofhaltungen der altgermanischen Könige, 
der im Westgeimanischen tibereinstimmend ahd. scopfj scof, agls. scop 
genannt wird. Vielleicht gehört das Wort (vgl. Kögel a. a. 0. S. 141) 
zu got. ga-sJeapjan ,schaffen, machen', und wtirde demnach soviel wie 
griech. no\r]Ti\q : rroieui bedeuten. Nach anderen wäre der westgenna- 
nische Name des Sängers mit ahd. scopf ,ludibrium' zu verbinden, was 
zwar lautlich ansprechender, aber semasiologisch doch bedenklich er-- 
scheint. Vgl. noch altn. skäld : ir. scdl, Erzählung' (?). 

Was alle diese Sänger und Dichter, mögen sie nun vor griechischen, 
gallischen oder germanischen Königen ihre Kunst zeigen, gemeinsam 
haben, ist, dass sie ihren recitierenden Gesang mit einem Saitenin- 
strument (griech. Kiödpa, eAigeAl. crotta, germ.harpa) begleiten, und 
es liegt nahe zu vermuten, dass dieser melodramatische Vortrag in 
hohem Grade geeignet gewesen sein niuss, die musikalische Empfindung 
der barbarischen Hörer zu erwecken, und auf ihren bisherigen „Gesang", 
der mit Rücksicht auf die Nordvölker — und ähnlich wird es ursprünglich 
im Süden gewesen sein — dem Gekreische krächzender Vögel, rasseln- 
dem Fuhrwerk oder dem Gebell von Hunden von den Berichterstattern 
verglichen wird (vgl. die wichtigsten Stellen bei F. A. Specht Gast- 
mähler u. Trinkgelage bei den Deutschen S. 24), veredelnd einzu- 
wirken. Näheres über die Geschichte der Harfe s. u. Musikalische 
Instrumente. 

Eine deutliche Scheidung zwischen Sänger und Dichter tritt, wie 
natürlich, zuerst in Griechenland hervor, wo in der Zeit nach Hesiod 
und Pindar Trourrri^ ,der Macher' (von Liedern) für den letzteren ge- 
braucht zu werden anfUngt. Bei den Römern hätte nach F. Marx 
Die Beziehungen der klassischen Völker des Altertums zu dem keltisch- 
germanischen Norden (Sonderabdruck a. d. Beilage z. Allg. Zeit. 1897, 
No. 162, 163, S. 17) ein einheimischer Ausdruck weder für den Sänger 
noch für den Dichter bestanden, da nach ihm das lat. vätes eine frühe 
Entlehnung von keltischem Boden her (vgl. oben ir. /üäA, *t?dff-) 
sei, der noch später namhafte Dichter und Geschichtschreiber (Cornelias 
Gallus, Varro, Vergil, Catull, Trogus, Nepos) den Römern geschenkt 
habe. Als die Umstände aber erheischt hätten, einen einheimischen 



Dichter — Dieb. 137 

Namen für den Dichter zu prägen^ sei man auf lat. scriba ^Schreiber' 
yerfallen, „ein ungemein lebendiges Zeuguis dafür, dass die römische 
Poesie im Gegensatz zu der Poesie der Griechen und anderer Völker 
das Erzeugnis eines tintenklecksenden Säculnms gewesen ist'^ Den 
Sieg habe dann das griechische poeta davongetragen. Ein lautge- 
schichtlicher Anhalt dafür, dass lat. vätes dem Gallischen entnommen 
sei, Iftsst sich aber nicht gewinnen. 

Ganz spät hat sich im deutschen tihtön aus lat. dictare eine Be- 
zeichnung poetischer Produktion entwickelt. Im Litauischen und Sla- 
yischen giebt es, wie vielleicht im ältesten Lateinischen, keine alten 
Ausdrücke für Sänger oder Dichter. Will man den letzteren Begriff 
z. B. im Litauischen bezeichnen, so muss man noch heute sagen : ,einer, 
der Lieder machen kann'. 

Dieby Diebstahl. Urverwandte Gleichungen hierfür sind: scrt. 
stend'y täyü' ,Dieb', stäydt- ,heimlich', aw. täya- ,Diebstahr, taya- 
,heimlich\ altsl. tati ,Dieb', taiti ,hehlen', taj ,heimlich', ir. tdid 
,Dieb' (vgl. noch griech. niTdui ,beraube' und lat. mustela aus *mu8' 
stS'la , Wieser, eigentl. ,Mausedieb') ; ferner: griech. kX^tttu), lat. clepere, 
got. hüfan (altpr. aukliptas ,verborgen', ir. clüaim ,Betrug') und griech. 
iptup ,Dieb' = lat. für (furtim ,heiralich'). Allein stehen die noch un- 
erklärten gemeingerm. got. piufs ,Dieb'^ piubi ,Diebstahr (piubjd 
^heimlich') und got. stilan ,stehlen', armen, goi ,Dieb' {gait ,heimlich'), 
altsl. Jcradqy krästi ,stehlen' (poln. kradmo ,furtim') und lit. wagiü, 
wöktL 

Es ergiebt sich also, dass schon in der Urzeit der Begriff des Dieb- 
stahls, d. i. des heimlichen Nehmens, sprachlich abgegrenzt war 
gegenüber dem gewaltsamen Nehmen, dem Raub (s. d.), und dem 
rechtmässigen Nehmen (got. nima, lat. emo ,nehme, kaufe', lit. 
imüf altsl. irnq, griech. v^fiiu), das in KXripo-vöfuio^ soviel wie ,der das 
Los nimmt', ,Erbe' bedeuten könnte; doch s. u. Erbschaft). 

Den auf offener That ertappten Dieb war in den ältesten Gesetz- 
gebungen, namentlich wenn er des Nachts kam oder sich zur Wehre 
setzte, zu töten erlaubt. Vgl. für die Griechen: Demosth. Kaxd 
TipoxpctTOu^ (Reiske) p. 735: |ZöXu)v] vöjaov elarjveTKev, €l jli^v ti^ jaeG' 
fmepav uTitp TTCVTTiKOVTa bpaxMa^ kX^tttoi, diraTiwT^v npö^ Touq £v&€Ka 
€?vai, el bi Ti^ vuKTuüp ötioöv RXeirroi toötov Öeivai Km diTroKTeTvai 
Kai Tpu)(Tai biuüKOvra, für die Römer die Bestimmung der XII Tafeln 
(VIII, 11, 12 Scholl): Si nox (bei Nacht) furtum faxsit, si im occisit, 

iure caesus esto. Lud , . si se telo defendit endoque plorato 

(d. h. er soll durch Schreien seine That kund geben; vgl. auch 
Gell. Noct. Att. XI, 18, 8: Ex ceteris autem manifestis furibus liberos 
t^erberari addicique iusserunt — sc. decemviri — ei cui furtum fac- 
tum esset, si modo id lud fedssent neque se telo defendissent), für 
die Germanen: Hakon Gulath. (vgl. Wilda S. 889): „In drei Fällen kann 



138 Dieb — Diebstahl. 

man einen Mann töten .... Der andre Fall ist, wenn ein Mann einen 
andern in seiner Wohnung antrifft, der ein Bündel von seinen Sachen 
und Kleidern trägt; dann mag er ihn töten, wenn er will, und gehe 
dann zu seinen Nachbarn, zeige ihnen den Getöteten und nütze ihre» 
Zeugnisses beim Pfeilgericht. Der dritte Fall ist, wenn ein Mann 
jemanden auf seinem Felde oder in seinem Stalle findet, der seinem 
Vieh Bande angelegt hat, um es fortzuführen ; dann mag er ihn t^ten^ 
u. s. w. (Im übrigen zeigt sich auch hier die Beschränkung des 
Tötangsrechtes auf den nächtlichen, sich wehrenden und namentlich 
auf den das Haus untergrabenden Dieb; vgl. Wilda Straf recht S. 889 ff.), 
für die Slaven: „Wenn ein Russe etwas bei einem Christen oder ein 
Christ bei einem Russen stiehlt, und wird in dem Augenblick ertappt,, 
da er den Diebstahl verübt, von dem, der die Sache verloren hat, — 
wenn der sich stellt (wehrt), welcher den Diebstahl verübte, und ge- 
tötet wird, so soll sein Tod nicht gesucht werden" (Friedensschlüsse 
Olegs und Igors 911/945 mit den Griechen, bei Ewers Ältestes Recht 
der Russen S. 147). „Wenn man einen Hausherrn erschlägt im Gemache^ 
oder bei dem Pferde, oder bei dem Rinde, oder bei einem Kuhdieb- 
stahle, so erschlägt man ihn an Hundes statt." „Wenn mau einen 
Dieb erschlägt auf seinem Hofe, entweder bei dem Gemache, oder bei 
dem Stalle, so ist derselbe erschlagen. Wenn man ihn bis zum Lichte 
hält, so führe man ihn au den Fürstenhof" u. s. w. (Russ. Pravda, 
Erweiterung durch Jaroslavs Söhne 20 u. 31, Ewei-s S. 305 ff.). 

Derartige Rechtssätze können für die Crzeit nur so verstandea 
werden, dass die Tötung eines auf frischer That ertappten Diebes 
nicht die Blutrache (s. d.) der betreffenden Sippe hervorzurufe» 
pflegte. Andererseits wird derselben, falls der Dieb geschont worden 
war, ein Loskaufen der Rache möglich gewesen sein. — Aber auch, 
wenn der Dieb mit seiner Beute den Verfolgern, Freunden und Nach- 
barn des Betroffenen, die auf seinen Hilferuf herbeigeeilt waren, ent- 
wischt war, scheint sich schon in vorhistorischer Zeit ein feierliches 
Verfahren festgesetzt zu haben, des Thäters und des gestohlenen 
Gutes habhaft zu werden, die Haussuchung. Übereinstimmend zieht 
sich durch das griechische, römische und nordgermanische 
Altertum ein Brauch, nach dem es dem Bestohlenen gestattet war, 
nackt oder leicht bekleidet (entweder um kein Gut einschmuggeln zn 
können oder — wahrscheinlicher — um die friedliche Absicht zu erkenne» 
zu geben) mit einem oder mehreren Zeugen in das Haus des Be- 
schuldigten einzudringen, um dort nach dem gestohlenen Gegenstand zn 
suchen. Vgl. Plato Leg. XII p. 954: <pu)päv bk Sv ^öeXij ti^ ti irap'' 
ÖTiuoOv, T^^vö^ f\ xiTu)vi(TK0v Ix^v &l{jjaTO<; T[Q00\i6aaq tou? vojai|iou^ 
Geoug fj jLif|V ^X7ri2[€iv €upri(T€iv oötu) q)u)päv. 6 bk irapcxeru) Tf|v oUiav^ 
Tct T€ (T€(TTma(TjLi^va KQi TCt oKTrmavTa, q)ujpdv u. s. w. (dazu vgl. Aristoph. 
Nubes 497 — 99 und die Scholien zu 499). Im römischen Altertuiu 



Diebstahl — Distel. 139^ 

entspricht die der historischen Zeit schon nicht mehr verständliche Furto- 
mm quctestio cum lance et Udo, Vgl. Festus ed. M. p. 117: Lance 
et licio dicehatur apud antiquos, quia qui furtum ihat quaerere in 
domo aliena licio [L e. consuti genns, qno necessariae partes tegerentur] 
cinctus inträbat lancemque ante oculos tenebaty propter matrum fa- 
miliae aut virginum praesentiam (die Schüssel vielmehr wohl, um 
anzudeuten^ dass man etwas holen will). Vgl. weiteres bei Schoell 
Legis XII tab. rel. S. 147. Bei den Nordgermanen vergleicht sich 
die Vornahme des ransaJc ,Haussuchnng' (rann ,domus' = got. razn) : 
„Beide (der Bestohlene mit einem andern) sollen oben los, d. i. bar- 
haupt sein und losgegürtet imd barfuss, die Hosen ans Knie zu- 
rückgebunden und so eingehn und in den Häusern suchen^ (Grimm 
E.-A. S. 640). Endlich hat sich auch bei den Slaven in dem soge- 
nannten 8vod ein ähnliches, wenn auch in anderer Richtung entwickeltes 
Suchverfahren erhalten (vgl. Bernhöft Staat und Recht der römischen 
Königszeit S. 248 und besonders Leist a. u. a. 0. II, 241). Aber 
auch abgesehen hiervon, ist die Übereinstimmung zwischen den grie- 
chisch-römischen und altnordischen Vorschriften so in die Augen 
springend, dass man mit den hervorragendsten Forschem wie J. Grimm,. 
E. V. Ihering (Geist im römischen Recht II *, 159 Anm. 208) u. a. 
nicht daran wird zweifeln können, dass hier ein schon indogermani- 
scher Rechtsbrauch vorliegt. Vieles an demselben bleibt freilich 
noch dunkel. Was geschah in der Urzeit, wenn der Verdächtige die 
Haussuchung verweigerte? Was mit dem durch die Haussuchung ent- 
larvten Dieb? Wurde er, wie im römischen Recht, gerade so be- 
handelt, als wenn er auf der That ergriffen worden wäre (vgl. Gellius 
Noct. Att. XI, 18, 9 : Ea quoque furta quae per lancem licitimque 
concepta essent, proinde ac si manifesta forent, vindicaverunt) ? Was 
geschah, wenn der des Diebstahls Beschuldigte den fraglichen Gegen- 
stand rechtmässig zu besitzen oder erworben zu haben behauptete? u. s. w^ 
Das sind Fragen, die sich gegenwärtig noch nicht mit Sicherheit be- 
antworten lassen. — Vgl. weiteres bei Leist Graeco-italische R. G. 
S. 302 ff., Altarisches Jus civile I, 401 ff. (das furtum), II, 237 ff. S. u. 
Verbrechen, Strafe und Recht. 

Diener, s. Stände. 

Dienstag, s. Woche. 

Dienstleistnng gegen Lohn, s. Lohn. 

Dill, s. Garten, Gartenbau. 

Dinkel, s. Weizen und Spelt. 

Distel. Pflanze mit auseinandergehender Terminologie : griech. 
ÖKttvOa {: W. ak ,scharf sein', lat. acies), lat. Carduus (: cärere 
jkratzen', namentlich Wolle?), gemeingerman. ahd. distihij aMn.pistelt 
(neben got. wiga-deina), slavisch nsl. oset, poln. o^ef u. s. w. (: *05> 
altsl. osfrü ,acutu8', vgl. äK-avGa), und öech. hodJdk u. s. w. (: altsl. 
bodq ,steche'), lit. usnis. S. auch u. Gartenbau (Artischoke). 



140 Docht — Dolmetscher. 

Docht, 8. Licht. 

Dohle, s. Singvögel (Rabe). 

Dolch, & Schwert. 

Dolmetscher. Diese Person; die sich mit der des Mäklers 
nahe berührt, tritt erst auf höheren Stufen des Handels (s. d.) und 
Völkerverkehrs deutlicher hervor. Bei den Griechen gebraucht zuerst 
Herodot den Ausdruck ^p^iiveug im Sinne von Dolmetscher, und zwar 
vornehmlich mit Rücksicht auf ägyptische Verhältnisse. Der König 
Psammetich hat Jonier und Karer im Nildelta angesiedelt und vertraut 
ihnen ägyptische Knaben an, damit sie Griechisch lernen. Aus diesen 
Knaben geht dann die Kaste der Dolmetscher (II, 154, 164) hervor, 
deren Dienste Herodot selbst (II, 125) gebraucht. Aber auch die pon- 
tischen Skythen (IV, 24) verkehrten mit den „Kahlköpfen" und an- 
deren östlichen Völkern durch ^p^rjveig. Vor Herodot wird das Wort 
von Pindar und Aeschylus im Sinne von ,Ausleger, Erklärer' ange- 
wendet. Es gehört zu lat. sermo, sermönari und hat mit 'Epiiifi^ (der 
Dolmetscher etwa als ,Mann des Handelsgottes') kaum etwas zu thun. 
Eher scheint lat interpresj interpret-is von Anfang an den Ver- 
mittler im Völker- und Handelsverkehr bezeichnet zu haben. Seine eigent- 
liche Bedeutung ist ,Zwischenhändler' im Krieg (Liv. XXI, 12 : Se 
pacis eins interpretem fore pollicetur) und Frieden (bei Handelsge- 
schäften u. dergl.; vgl. M. Breal Dict. Etym. lat.« S. 136). Es wird 
zu got. frapi ,Sinn, Verstand', frapjan ,verstehen' (vgl. ühlenbeck 
Et. W. S. 46) gehören, so dass die Grundbedeutung von Hnter-pret- 
wäre ,einer der das Verständnis zwischen zwei Parteien vennittelt' 
(mit lat. pretium aus *prekium = lit. prekiä ,Preis' hängt es alsdann 
nicht zusammen). Derartige Zwischenpei*sonen werden als Kf\pu£ und 
Ypa)i)LiaT€ug schon in dem ersten Handelsvertrag zwischen Rom und 
Karthago (Polyb. III, 22) genannt. Später wird besonders auch der 
TrpöEevog die Handelsgeschäfte zwischen seinen Landsleuten und den. 
Einheimischen sprachlich und sachlich vermittelt haben (daher lat. 
proxenita aus griech. TrpoEevriTrig ,Makler', proxeneticum aus irpo- 
E€vt]tik6v /Maklerlohn^. Immer aber ist im Alteitum wie im Mittel- 
alter (s. u.) der Orient und der Verkehr mit ihm der Ausgangspunkt 
des Dolmetscherwesens gewesen. Wie in Ägypten, scheint es auch in 
Lykien (Arrians Anab. IV, 3, 7) einen Stand von Dolmetschern gegeben 
zu haben, in Dioskurias am schwarzen Meer klangen 300 Sprachen 
durcheinander, zu deren Verständnis die Römer 130 Dolmetscher 
brauchten u. s. w. 

Nördlich der Alpen begegnet bei den Angelsachsen eine alte und 
einheimische Bezeichnung für den Begriff des Dolmetschers in toecdh- 
stödy vielleicht ,einer der die Welschen (agls. Wealh) versteht' {gtöd : nhd. 
„verstehen" ?); in jedem Fall ist sie im Verkehr zwischen Kelten und Ger- 
manen erwachsen. Die späteren europäischen Namen weisen sämtlich 



Dorf. 141 

auf den Orient. Aus dem Persisch- Arabischen {simsär ,proxeneta', 
,inter amicos duos mediator'. Freytag Lex. arab.-lat. II, 353*) stammt 
das mlat. sensalis ,Mäkler', ebendaher (arab. targumän) die weitver- 
breitete Sippe von mlat. dragumanu^, span. dragoman u. s. w., die 
auch in der volkstümlichen Gestalt des länder- und sprachenkundigen 
Pilgers Tragemunt, Trougemunt (XI. Jahrh.) sich fortsetzt. Erst im XIIL 
Jahrhundert wurde unser dolmetsch aus den slavischen Sprachen (altsl. 
tlümacl u. s. w.) aufgenommen, in denen das Wort nach Miklosich 
El W. zu dem ältesten türkischen Lehngut (nordtürk. tilmad£, magy. 
tolnidcs) gehört. In noch nicht aufgeklärtem Zusammenhang hiermit und 
wohl auch mit arab. targumän (mlat. auch turcimanuSj venetian. 
amdmanus neben tolomacius), wird auch altsl. tlükü ,interpretatio' 
stehen, woher lit. tülkas ,Dolmetsch', altn. tülJcr ,an interpreter', 
ySpokesman', mhd. tolke. Jedenfalls haftet im Osten Europas und 
nach Asien hintlbergreifend die Vorstellung des Dolmetschertums an 
Lautkomplexen wie terg, telm (*tülm)j telk (tülk), und man ist ver- 
sucht, mit ihnen auch die ganz allein stehende slavisch-albanesische 
Bezeichnung des Marktes, altsl. trügü aus Hergü (Torgau), alb. trege 
(altillyr. Tergeste ,Triest') irgendwie zuverbinden. — Vgl. den (freilich 
etwas phantastischen) Aufsatz von A. Peez Dolmetscher und Dolmetscher- 
Städte (Beilage zur AUg. Z. 1887 No. 184, 185) und L. Goldschmidt 
Handbuch des Handelsrechts I, 1* S. 22 f. 
Donner, Donnerkeil, s. Gewitter. 
Donnerstag, s. Woche. 

Dorf. Die Ausbreitung und erste- Siedelung der Indo^jermanen 
in Europa erfolgte in der Gestalt von Dörfern und zwar von Ge- 
schlechtsdörfern, d. h. solchen Niederlassungen, in denen ganze 
Sippen (s. d.) oder Teile einer solchen zusammensassen. Diese beiden 
Sätze sind im folgenden näher zu begründen. 

Dasä der Begriff des Dorfes in Europa bis in die jüngere Steinzeit 
zurtlckverfolgt werden kann, geht aus den Pfahldörfern hervor, die 
von dieser Epoche an durch die Bronzezeit bis in die geschichtlichen 
Zeiten in weiten Teilen Europas (und teilweis auf zweifellos indoge- 
manischem Boden) sich finden. Hierüber ist u. Haus gehandelt 
worden. Als Ganze betrachtet, stellen diese Dörfer Rechtecke von sehr 
verschiedenem Umfange dar. So misst der Pfahlbau von Wangen am 
Cntersee (Bodensee) 700 Schritt in die Länge (parallel mit dem Ufer), 
120 in die Breite. Die Zahl seiner Pfähle betrug eW— 40,000, während 
Robenhausen weit über 100000 Pfähle aufweist. Der Pfahlbau von 
Xiederwyl erreicht dagegen nur eine Länge von etwa 12 und eine 
Breite von 9 m. Die oberitalienischen, meist auf dem Lande emch- 
teten Pfahlbauten „liegen durchweg in der Nähe von Flüssen oder 
Bächen und bilden Oblonge, deren Schenkel nach den Himmelsge- 
genden orientiert sind." Ihr Flächeninhalt scheint zwischen drei und 



142 Dorf. 

vier Hektaren zu schwanken, doch giebt es auch kleinere und grössere 
^Niederlassungen bis zu 10 Hektaren {vgl. Heibig Die Italiker in der 
Poebene S. 11 f.). Diese letzteren Dörfer sind mit einem Graben und 
einem Erdwalle umgeben. Neben diesen im Wasser oder auf dem 
Festlande auf Pfählen errichteten Ansiedelungen muss es aber in dem 
prähistorischen Alteuropa auch Niederlassungen in Wohngi'uben oder 
Wohnmulden (s. u. Unterirdische Wohnungen) gegeben haben, 
deren dicht nebeneinander liegende Reste ebenfalls auf einstige Dörfer 
hinweisen. Endlich kann es auch an oberirdischen, nicht auf Pfählen 
•errichteten eigentlichen Hüttendörfern auf ebener Erde nicht gefehlt 
haben, die aber bei der Leichtigkeit ihres Baus spurlos verschwunden 
«ind. Doch lassen die aufgefundenen vereinigten Wohnstätten der 
Toten (s. u. Friedhof) vielfach auf in der Nälie befindliche gemein- 
49ame Wohnstätten der Lebenden schliessen. 

Noch deutlicher reden die historischen Nachrichten. Für das 
älteste Griechenland wird die ursprüngliche Dorfsiedelung ausdrück- 
lich von Thukydides I, 10 (Kaiä KUüjLia^ tiju TTaXaii|i xfi^ ^EXXdbog TpÖTruj 
olKiaSeiariq) bezeugt. Noch spät wohnten die in ihrer Entwicklung 
zurückgebliebenen Ätoler in weit auseinander gelegenen, unbefestig- 
ten Dörfern (Thuk. III, 94). Zahlreiche griechische Städte sind nach- 
weislich aus der Zusammenziehung (cruvoiKiaiiög) mehrerer Dorfge- 
meinden entstanden. Ebenso ist in Italien das Dorf die älteste 
Form der Besiedelung gewesen, die sich am längsten bei den sabelU- 
sehen Stämmen erhalten hat (vgl. näheres bei E. Meyer Geschichte des 
Altertums II, 295, 517, 519). 

Dasselbe gilt von dem Norden Europas. Der Begriff vicus ,Dorf ist 
dem Caesar wie dem Tacitus in Beziehung auf die Germanen ein völlig 
geläufiger (vgl. die Belege bei R. Much Z. f. deutsches Altert. XXXVI, 
110). Auch die bekannte Stelle bei Tac. Germ. Cap. 16 : Colunt discreti 
ac diversiy ut fons, ut campuSy ut nemus placuit, vicos locant non 
in nostrum morem conexis et cohaerentibus aedificiis : suam quis- 
que domum spatio circumdaty sive adversus casus ignis remedium 
sioe inscitia aedificandi kann sich nach den Ausführungen des ge- 
nannten Gelehrten kaum, wie man früher geglaubt hat, auf ein System 
von Einzelhöfen beziehen. Die Worte colunt discreti u. s. w. werden 
vielmehr der zerstreuten Lage der ganzen vici innerhalb des Landes 
gelten (vgl. oben über die Aetoler). Innerhalb des einzelnen vicus 
wohnten dann die Germanen in der in dem weiteren Verlauf der Stelle 
angegebenen Weise, wie denn ein scharfer Gegensatz zwischen Dorf und 
Einzelhof für die Germanen nicht durchführbar ist. 

Ahnlich steht es mit den Kelten. Von den italischen sagt Poly- 
bius II, 17, dass sie Kaid KiwjLia^ <iT€ixi<TT0ug wohnten. Bei den Hel- 
vetiern nennt Caesar (I, 5) gegen 12 Städte und 400 Dörfer. Dabei 
weist die Stelle VI, 30 : Sed hoc quoque factum est, quod aedificio 



Dorf. 143 

circumdato silva, ut sunt fere domicilia Gallorumy qui vi- 
tandi aestus causa pleriwique süvarum ac fluminmn petunt propin- 
quUates darauf bin, dass auch hier die Häuser oft weit von einander 
werden getrennt gewesen sein. 

Mit gleicher Sicherheit lässt sich der Nachweis führen, dass jene idg. 
Dörfer Geschlechts- oder Sippendörfer waren. Dies geht aus der 
Sprache ebenso wie aus den geschichtlichen Überbleibseln jenes ursprüng- 
Uchen Zustandes hervor, ü. Sippe (s. d.) ist gezeigt worden, dass der 
idg. Name für diesen Begriff rlÄ- (scrt. vig-) lautete. Die hierher gehörigen 
europäischen Wörter (lat. vicus, got. weihs^ altsl. vtsl, kom. gwiCy alb. 
mse) bedeuten nun fast ganz übereinstimmend das ,Dorf ', so dass dieser 
Begriff für die älteste Zeit nicht anders denn als Niederlassung 
einer Verwandtschaft auf gef asst werden kann. Eine zweite, 
auf Europa beschränkte, freilich nicht völlig sichere Gleichung : griech. 
KU)^T] (*KU)i)Lir|) = got. haims, lit. k^maSy altpr. cat/mis scheint das Dorf 
als Rastort (griech. Keijiai , liege', altsl. poTcojt ,Ruhe') zu bezeichnen. 
Der gleiche Bedeutungsübergang vom Verwandtschaftlichen zum Terri- 
torialen wie in scrt. t?i§-, lat. vicus u. s. w. kehrt für einen engeren oder 
weiteren Kreis der Verwandtschaft naturgemäss oft in Europa wieder. 
So finden sich in Attika zahlreiche Dörfer (Philaidai, Paionidai, Jonidai, 
Titakidai, Semachidai, Lakiadui u. s. w., gebildet mit dem patronymischen 
Suffix '\hx\', vgl. 'Axpetbriq), die nach den adligen Geschlechtem benannt 
sind, die dort ihren Sitz hatten (vgl. E. Meyer a. a. 0. II, 306). Ebenso 
haben in Rom (nach Mommsen R. G. P, 35) die ältesten Patrizier- 
familien wie die Aemilii, Comelii, Fabii u. s. w. (das lateinische pa- 
tronymische Suffix ist -io-) den aus alten Geschlechterbezirken umge- 
bildeten Landquartieren (tribus rusticae) ihre Namen gegeben. Im 
Germanischen entspricht dem griechischen Suffix -löii- (lat. -io-) in- 
haltlich genau -inga- (-unga-) : agls. Hredling ist der Sohn des Hrddel, 
altn. Ylfingar, agls. WylßngaSj mhd. Wülfinge bezeichnet die Sippe 
der Wulfinga, Abkömmlinge des Wulf, wie im Slavischen serb. VuJcovi6y 
£eeb. Vlkovie, poln. Wilkowic die Nachkommen des serb. VuJCy ßech. 
nkj poln. Wilk zusammenfasst. Ganz gewöhnlich werden nun im 
Oermanischen (vgl. z. B. agls. Centinga^, Idumingas und die deutschen 
Ortsnamen auf -ingen) die mit jenem Suffix -inga- gebildeten Namen 
für die Insassen eines Landes oder einer Stadt und für Land und 
Stadt selbst verwendet (weiteres vgl. bei Kluge Nominale Stammbildungs- 
lehre* S. 14 f.). Ebenso werden die alten Bezeichnungen der Sippe 
ahd. fara und agls. masgd häufig in territorialer Anwendung gebraucht 
{vgl. Brunner D. R. G. I, 84 und E. H. Meyer Deutsche Volkskunde 
S, 1 flf. über Haufendorf und Sippendorf). Über die slavischen Ver- 
hältnisse endlich äussert sich Krek (Einl. in d. slav. Litg. ^ S. 157) : 
„Den gemeinschaftlichen Namen erhielten die Mitglieder der Sippe 
{Dorfschaft) nach dem Ahnherrn (s. o.), beziehungsweise Ältesten {starej- 



144 Dorf — Dreiahnenkreis. 

sinüj starosta), dessen Name noch dadurch an Ansehn nnd Bedeutung 
gewann^ dass er zugleich den von der betreffenden Sippe be- 
wohnten Ort, sobald dieser eine grössere Ansiedlung repräsentierte^ 
charakteristisch bezeichnete.^ 

In wieweit im Süden Europas noch in den Anfängen historischer 
Zeit Dorf und Sippe sich deckten, ist schwer zu sagen. Überall wo 
Städte gegründet werden oder aus (TuvoiKianö^ hervorgehn, sprengt 
die Rücksicht auf den Ort die alten verwandtschaftlichen Verbände. 
Immerhin fasste aber noch Aristoteles (Polit. I, 1 § 7) die Dorfgemeinde 
als die natürliche Erweiterung der Familie auf: f| b' ^k ttX€i6vu)v 
oiKidüv Koivujvia irpüüTii xpi1<J€UJ^ ?V€K€V |ui#| £q)T])Li^pou KU)jar| * )x&\\(Sxa b' 
fotK€ Karä q)u(Tiv f| KUl^r| dTroiKia oiKia^ eTvai, oO^ KaXoOcTi rive^ ö^o- 
TÄXaKTtt?. 

Treuer sind, wie schon aus den obigen Zeugnissen hervorgeht, die 
ursprünglichen Verhältnisse bei Germanen und Slaven bewahrt worden. 
In Niederdeutschland haben sich Geschlechtsdörfer bis in das XVI. Jahr- 
hundert erhalten (weiteres bei Brunner a. a. 0.). Das südslavische 
bratstvo (,Sippe') bewohnt nach F. S. Krauss (Sitte und Brauch der 
SüdsL S. 39) je nach seiner Seelenzahl ein oder auch mehrere Dörfer 
ganz ausschliesslich. Daneben ^giebt es auch solche bratstva, die nnr 
aus einigen Häusern eines Dorfes gebildet sind, doch wissen die Mit- 
glieder eines jeden Hauses sehr wohl, welchem bratstvo sie angehören, 
mögen in demselben Dorfe auch mehrere bratstva vorhanden sein^. 

Über die Bedeutung des Dorfes, bezüglich der Sippe, als einer Acker- 
baugenossenschaft s. u. Ackerbau. Ackerdorf scheint auch die 
Grundbedeutung des keltisch-germanischen kymr. tref ,Dorf ' (vgl. Attre- 
bates), ahd. dorf, agls. porp ,Dorf (got. paürp »Acker') gewesen zu 
sein. Die weitere Verzweigung dieser Reihe (lat. turba ,Schar'?, lat. 
tribusj umbr. trifu ,Teil der Gemeindeflur'?) steht noch nicht fest. 

So erweist sich für die europäischen Indogermanen das Sippen- 
dorf als ein gemeinsamer und ur/eitlicher Besitz. Aber auch im alten 
Indien spielt sich das Leben in Dörfern ab, und auch hier sind grä'ma- 
,DorP und jänman- ,Verwandtschaft' nahezu identische Begriffe. S. n, 
Stadt. 

Drache, s. Greif. 

Drachenwnrz {Arum Dracunculus Z.)- ^^^ wegen ihrer Zauber- 
und Heilkräfte, namentlich bei Schlangen biss, gepriesene Pflanze wird 
bei Theophrast und Dioskorides unter dem Namen bpaKÖvriov genannt. 
Sie ist in Südeuropa einheimisch. Dieser oder einer verwandten Arum- 
art wird die Pflanze dragantea, dragontea entsprechen, deren Anbau 
das Capitulare Karls des Grossen (LXX, 18) anordnet. Vgl. v. Fischer- 
Benzon Altd. Gartenflora S. 51 fl^. — Andere Heilpflanzen s. u. Arzt. 

Drehscheibe, s. Töpferscheibe. 

Dreiahnenkreis, s. Erbschaft, Vorfahren. 



Dreifelderwirtschaft — Dreechen, Dreschflegel. 145 

Dreifelderwirtschaft, s. Ackerbau. 

Dreschen, Dreschflegel. In dem alten Europa gab es zwei 
Hauptarten, die Kömer des Getreides von den Halmen zu befreien: 
das Ausdresehen 1. durch Tiere, 2. durch den Stock oder Flegel. 
Dreschmaschinen scheinen, als eine karthagische Erfindung (vgl. lat. 
plostellum Punicum)y in grösserem Massstab nur in Italien gebräuchlich 
gewesen zu sein (vgl. Blümner Terminologie u. Techn. I, 5). Das 
Dreschen durch Tiere ist im Süden seit der ältesten Zeit nachweis- 
bar. Vgl. II. XX, 495, wo das aTcißciv der Rosse des Achilleus mit 
dem Tpiß6|uievai verglichen wird: 

\hq b' ÖTe tk; CeuEij ßöa^ fip(T€va^ ciipujiieTuüTrouq 
TpißejLievai KpT XeuKÖv ^üKTijievri ^v dXu)^, 
^\ix(pa T€ X^ttt' dT^vovTO ßouiv uirö TTÖaa' ^pijliukujv. 
Aber auch im Norden kann diese Weise des Dreschens nicht unbekannt 
gewesen sein. Hierauf weist zunächst die Sprache mit Deutlichkeit 
hin. Das gemeingerm. got. prisJcan, agls. perscan, ahd. dreskarij das 
an sieh flber die altgermanische Dreschweise natürlich nichts aussagen 
würde, ist in die romanischen Sprachen entlehnt worden, wo es (vgl. 
ital. trescarcy altfrz. tresche) die Bedeutung ,mit den Füssen trampeln', 
,tanzen' angenommen hat. Offenbar lässt sich dieser Bedeutungsüber- 
gang nur erklären, wenn man von der trampelnden Bewegung des Viehs 
beim Dreschen, nicht aber von der ruhenden Stellung des mit dem Dresch- 
flegel arbeitenden Mannes ausgeht. Wenn daher in L. Wisigoth (W.) VIII, 
4, 10 die Bestimmung enthalten ist, dass man nicht eines anderen 
Vieh auf den Dreschplatz führen solle, so ist kein Grund vorhanden^ 
dies mit Anton (Geschichte der deutschen Landw. I, 101) ohne weiteres 
als Ausfluss südlicher Sitte aufzufassen. Vielleicht lässt sich got. prisTcan, 
agls. perscan mit dem homerischen rpißw, mit dem es also sachlich 
identisch ist, auch etymologisch {*terzg', woraus perscan, priskan = 
griech. Tpißu) wie ahd. gersta = griech. KplOri) vereinigen, wodurch dann 
för dieses Zeitwort die Ansetzung der schon in ureuropäischer Zeit neben 
einander liegenden Bedeutungen ,zerreiben', ,durch die Hufe der Tiere 
zerreiben', ,dre8chen' möglich würde. 

Das Dreschen des Getreides mit Stöcken oder Knütteln (lat. baculis 
eiccuierej fustibus tundere, perticis flagellare) wurde in Italien geübt, 
wenn es sich nur um die abgeschnittenen Ähren, nicht um das 
Getreide mit den Halmen handelte (vgl. Blümner 1. c. S. 7). Denselben 
Gebrauch hatte schon Pytheas nach Strabo bei den britischen Kelten 
YOTgehrnden. Es ist in dieser unten mitgeteilten Nachricht ausdrticklich 
vom KÖTTieiv jschlagen' der aiaxueg ,Ähren' die Rede, und dass nur 
solche, nicht das Getreide mit dem Halm gemeint sind, geht aus einer 
aus derselben Quelle fliessenden Nachricht des Diodorus (s. u.) mit 
Sicherheit hervor (vgl. MüUenhoff D. A. I, 393 f.). 

Der Gebrauch, das Getreide mit dem Halm in gleicher Weise zu 

Sehrader, Reallexikon. 10 



146 Dreschen, Dreschflegel — Düngung. 

behandeln, ist in Europa erst mit der Erfindung des heutigen Dresch- 
flegels aufgekommen. Die Bezeichnung desselben, \dX. flagellum, tritt 
in diesem Sinne zuerst bei St. Hieronymns Jesai. IX, 28 auf (vgl. Du 
Gange) und hat dann von Italien aus eine ausserordentliche Verbreitung 
in Europa erlangt (ahd. flegily agls. fligelj ir. srogell, kymr. frotcyll). 
Der Dreschflegel wird dann die uralte Benutzung des Viehs zum Aus- 
treten des Getreides mehr und mehr verdrängt haben, und so ist es 
nicht verwunderlich, dass das ursprunglich nur diese bezeichnende 
germanische Zeitwort allmählich auch die mit dem Dreschflegel aus- 
geübte Thätigkeit bezeichnete (darum ahd. driscil ,flagellum', engl. 
ihrash in der Bedeutung .prügeln'; vgl. gricch. dXodv in demselben 
Sinne). Vgl. noch gemeinsl. altsl. mlatiti ,dreschen' : mlatü ,Hammer', 
altsl. vrüchq, vresti id. (in Teilen des slavischen Gebietes auch vom 
Austreten des Getreides durch Vieh gebraucht) = lat. verro^ ahd. tcirru 
,verwirre' und lit. sprägilas ,Dreschflcger : spragü ,prassele' (kulia 
,dresche'). 

Auf das Vorhandensein eines für das Ausdreschen des Getreides be- 
stimmten Platzes, also der Tenne, schon in der europäischen Urzeit 
weist die Gleichung altschwed. Id (finn. luuva) = griech. *(i-Xu}FTi, äXui/), 
dXu)^ (davon dXoduj) deutlich hin. Diese Tennen (griech. auch bivo^, 
lat. äreä) waren im Süden im Freien gelegen. Im Norden machte 
sich frühzeitig ihre Unterbringung in hölzernen Gebäuden zum Schutze 
des Getreides gegen die feuchte Witterung nötig. So fand es schon 
Pytheas in Britannien nach Strabo IV p. 201 : töv bi Oitov, dTreibfj tou^ 
f|Xioug ouK Ixo^^^ KaOapoug, dv okoiq jueTaXoK; kötttoucTi (Tutkojlii- 
<JöevTU)v b€Opo Tiüv (Tiaxvjujv. a\ Yotp äXujq äxPI^TOi Tivoviai bid tö dviiXiov 
Kai Tou^ öjißpoug. Dazu vgl. Diodorus V, 21 : xriv le auvatojirnv tuiv 

(JlTlKlUV KapiT&V TTOlOUVrai TOUq (TTdxU^ aUTOUq d7r0T^|iV0VT€^ Kai 

eTi(Taupi2[ovT€q elg idq KaTa(TT^TOu? oiKr\ae\q, Auf solche Häuser (aus 
Tannenholz) \^eist vielleicht ahd. tenni (Reichenauer Gl.: daned) hin, 
wenn es richtig von ahd. tanna ,Tanne' abgeleitet wird. Noch nicht 
sicher ist auch die Reihe: ahd. driscuvüi, agls. p'erscwoldj altn. 
preskuldr erklärt, die ofl'enbar eine Ableitung von got priskan ,dreschen' 
ist, aber ,Thür8chwelIe' bedeutet, nach J. Grimm (D. W. u. Drischaufel), 
weil früher am Eingange des Hauses auf der Diele gedroschen worden 
sei (vgl. auch Inama-Steraegg Deutsche Wirtschaftsgesch. I, 136). Vgl. 
nach altpr. plonis ,Tenne' : lit. plönas ,flach', lat. planus (ir. Idr ,Boden, 
Estrich' = altn. flörr, agls. flör ,Flur'). Gemeinsl. altsl. gumino ,Tenne' 
(dunkel), lit. Jclojimas : Jclöju , breite Getreide aus'. — S. u. Ackerbau. 

Drohne, s. Biene, Bienenzucht. 

Drossel, s. Singvögel. 

Dfinguug. Wenn der Charakter der ältesten europäischen Land- 
wirtschaft u. Ackerbau richtig aufgefasst worden ist, so ist es nicht 
sehr wahrscheinlich, dass man bereits damals die Kunst, durch Anwen- 



Dünffer. 147 



'o 



dnng des Düngers dem Acker neue Kraft zuzuführen^ gekannt oder 
von ihr in grösserem Massstabe Gebrauch gemacht habe. 

Die Sprache kann für die Bestimmung des Alters der Düngung keine 
Dienste leisten; denn wenn auch urverwandte Gleichungen für den 
Begriff ,Mist' etc., sei es auf weiten Teilen des idg. Gebietes (wie scrt. 
gdJcrf'f griech. aKOjp, altn. 8kar7i oder kymr. tau ,Mist' = griech. tiXo^ 
^stercus liquatum'), sei es innerhalb einzelner Sprachgebiete (wie ge- 
meingerm. got. maihstuSy ahd. ynist, agls. meox : lit. mieiiu ,miste' 
oder ahd., agls., altn. gor) sich finden, so sagen dieselben natürlich 
doch nichts darüber aus, ob man den Mist schon damals zu kulturellen 
Zwecken zu verwenden gelernt hatte. 

Als Spur einer Zeit, in welcher es im Süden Europas noch keine 
Düngung des Ackers gegeben hätte, pflegt man seit Plinius die Sage 
vom König Augias zu betrachten. Vgl. Hist. nat. XVII, 50: Augeas 
rex in Graecia excogitasse (sc. stercorationem) traditur, divulgasse 
vero Hercules in Italia^ quae regt suo Stercuto Fauni filio ob hoc 
inventum inmorfalitatem tribuit. Bei Hesiod wird zwar die Düngung 
nicht genannt; aber die Odyssee thut ihrer z. B. in der Erzählung von 
dem treuen Hunde Argos (XVII, 296 ff.) bereits Erwähnung: 
bf| TÖT€ k€it' diröGecTTog dTroixojiievoio ävaKXog, 
^v TToXXrl KÖTrpiü, fi oi TrpoTrdpoiGe Gupdujv 
fljiiövuiv le ßoiijv T€ fiXig k^X^t', öq)p' Sv ätoiev 
bjLAUjeq 'ObuacTfioq T^jLievog ^ctct KOTtpriaovTe^. 
Bei Archilochus (vgl. Plut. Vit. Marii Cap. 21) findet sich sogar schon 
eine Anspielung auf Knochendünger. Auch in Italien ist das stercorare 
von Anfang der Überlieferung an eine geschätzte und viel besprochene 
Kunst (vgl. die Stellen bei Lenz Botanik S. 53 ff.). 

Frühzeitig muss auch bei den keltischen Stämmen Galliens und 
Britanniens eine Düngung der Äcker, und zwar vornehmlich durch 
Mergel, geübt worden sein, der aber auch in Griechenland nicht unbe- 
kannt war (vgl. Plinius Hist. nat. XVII, 42). Auch das Wort marga (ur- 
verwandt vielleicht mit griech. äpT-iXog ,weisse Thonerde'; daraus mlat. 
tnargüa, ital. marga, ahd. mergil) wird von Plinius als keltisch in 
Anspruch genommen (über die neukeltischen Formen vgl. Thumeysen 
Kelto-rom. S. 107). Schon vor Plinius aber hatte Scrofa bei Varro (De re 
mst. 1, 7, 8) gefunden, dass in Gallia transalpina nahe dem Rhein Can- 
dida fossieia creta gedüngt werde, wie nach Plinius (a. a. 0. § 47) 
bei Aeduem und Pictonen mit Kalk. Hinsichtlich der Germanen 
besitzen wir eine einzige, die Ubier betreffende Nachricht. Vgl. Plin. 
Hist. nat. XVII, 47: übios gentium solos novimus, qui fertilissimum 
agrum colentes qua^umque terra infra pedes tres effossa et pedali 
cra^situdine iniecta laetificent. Es ist also eine ähnliche Methode wie 
bei den Kelten, und zweifellos von den früh civilisierten Ubiern von 
dort entlehnt. Von den übrigen Germanen erfahren wir nichts. Spätere 



148 Düngung' — Ebenholz. 

Ausdrücke für Dünger sind im GermaniseheD, abgesehen von den schon 
oben genannten ahd. mist und gor : ahd. dorstj dost, tost ,coenum*y 
jfimus' und ahd. deisc (Graflf V, 231), ferner altn. tad (woraus finn. 
tade')j tedja ,düngen\ dessen hochdeutsche Entsprechung, ahd. zettan 
aber nur ,streuen', nicht speziell ,düngen' bedeutet. Über ahd. tunga 
jStercoratio' in seinem Verhältnis zu ahd. tuTic s. u. Unterirdische 
Wohnungen. Ebenda über die germanische Sitte, die Winterwohnung 
durch Aufhäufung von Mist auf dieselbe vor Kälte zu schützen. 

Die oben aus allgemeinen Gründen ausgesprochene Annahme, dass 
dem ältesten europäischen Ackerbau die Düngung der Äcker noch 
nicht bekannt gewesen sei, lässt sich also durch positive Nachrichten 
über einen solchen Zustand bei idg. Völkern nicht belegen. Zu be- 
denken ist auch, da^ Heer Die Pflanzen der Pfahlbauten S. 7 die 
Düngung schon fUr den steinzeitlichen Ackerbau für wahrscheinlich hält: 
„Auf der Pfahlbaute Robenhausen wurde neuerdings 6 Fuss tief unter 
dem Torf ein Lager verkohlten Ziegendüngers gefunden; an einer an- 
deren Stelle war er unverkohlt, und die zahlreichen dazwischen liegen- 
den Zweige der Weisstanne zeigen uns, dass dieses Material zur 
Streuung verwendet worden ist; nahe dabei muss ein Schafstall ge- 
standen haben, zu dessen Streue Laubblätter gedient haben, die nun 
zwischen den Schafbohnen liegen. Selbst die zahlreichen Puppen- 
Hülsen der Fliegen, welche sich im Dünger eingenistet hatten, blieben 
erhalten und sagen uns, dass man diesen Dünger längere Zeit im Stalle 
liegen Hess, daher ohne Zweifel für die Düngung der Felder 
aufbewahrt hat." Doch sind keine späteren Funde gemacht worden, 
welche diese Ansicht Heers bestätigten. — S. u. Ackerbau. 
Duodezimalsystem, s. Zahlen. 



E. 

£bbe^ 8. Meer. 

Ebenholz (von Bäumen der Gattung Diospyros aus Afrika and 
Indien stammend). In Ägypten bildet es unter dem hieroglyphischen 
Namen heben einen wichtigen Handelsartikel mit dem Lande Punt (s. 
u. Affe, Dattelpalme, Weihrauch). Unter den Griechen berichtet 
zuerst Herodüt (III, 97, 114), dass die an Ägypten gi'cnzenden Neger 
den fßevo^ als Tribut dem Perserkönig Darius steuerten. Das griechische 
Wort wird unmittelbar dem Ägyptischen entlehnt sein. Das Ebenholz 
muss aber auch in Griechenland selbst früh verwendet worden sein^ 
da Pausanias (I, 42, 5, VIII, 53, 11) altertümliche £6ava aus diesem 
Material kennt. Übrigens drang das ägyptische Wort auch zu den 
Semiten, wo es hebr. höbnim lautet. Nach Ezech. XXVII, 15 bezog 



Ebenholz — Edelsteine. 149 

Tyrus Ebenholz vom Volke Dedän, das auch Elfenbein liefert. — Den 
indischen Ebenholzbaum nennt zuerst Theophrast (IV, 4, 6), und 
noch nach dem Periplus maris erythräi (§ 36) werden q)dXaTT€? dßd* 
vivai aus Barygaza nach persischen Häfen ausgeführt. Ein dem ägypt.- 
griech. heben — ^ßevo^ entsprechender Sanskritname des Ebenholzes 
ist nicht bekannt. Die arabisch-persisch-hindostanische Bezeichnung 
desselben, hbnüs etc., ist eine Entlehnung aus dem Griechischen (vgl. 
Pott Z. f. d. Kunde des Morgenl. V, 74). Lat. ebenus (seit Vergil). 
Hieraus ahd. ebenus u. s. w. — Vgl. Lieblein Handel und Schiffahrt 
auf dem roten Meer S. 71 flF. 
Eber, s. Schwein. 
Eberesche, s. Speierling. 

Eberraute {Artemisia Abrotanum L.), Diese schon im Altertum 
geschätzte Heilpflanze heisst griech, dßpoTOvov, woraus lat. abrotonum, 
das auch im Capitulare Karls des Grossen de villis LXX, 7 begegnet. Die 
erst ziemlich spät überlieferten deutschen Namen der Pflanze eberrautey 
eberreis, aberzwurz, aeberreiss u. s. w. (vgl. Pritzel u. Jessen Volksnamen 
S. 41) sind volksetymologische Verdrehungen aus abrotonum. Die heilige 
Hildegard hat stagwurts. Gegen Osten scheint die Pflanze auch reli- 
giöse Beziehungen zu erhalten: jenseits der Donau begegnen „Herrgott- 
hölzel", slavisch „Gotteshölzchen" etc. (Nemnich Polyglottenlexikon I, 
466). Wo ist die Pflanze einheimisch? — Andere Heilpflanzen s. u. Arzt. 
Edele, s. Stände. 

Edelsteine. Kostbare Steine fanden die ihnen gebtlhrende Wert- 
schätzung zuerst in den Euphrat-Tigrisländern, wo zahlreiche edle, 
freilich kaum näher bestimmbare Steinarten schon bei der Urbevölke- 
rung dieser Gegenden, den Sumerern, genannt werden (vgl. F. Honunel 
Vorsemit. Kulturen S. 411). Nach Herodots Bericht über Babylon 
(I, 195) besass jeder Einwohner daselbst (Tq)pTiTTöa ,einen Siegelring' 
und ein aicfiTTTpov x^ipoiroiriTOv. Hier in Mesopotamien mnss daher auch 
die Steinschneidekunst frtlhzeitig erfunden worden sein (vgl. Movers 
Phoenicier U, 3, 266 ff.). Die Edelsteine selbst sind hierher auf den 
weitverzweigten Wegen des babylonischen Handels zum teil aus weiter 
Entfernung, aus Vorderasien, Ägypten, vor allem aber aus Indien zu 
sammengeströmt, das im ganzen Altertum als Haupterzengungsort der 
Edelsteine galt, wie dies schon Ktesias Ind. Cap. 5 : Ttepi tOjv öpu)v 
Tupv |ui€TäXu)V, dE iLv i^ t€ aapbüj öpu(J(J€Tai Kai oi övuxe<; Kai a\ öXXai 
CfpfKCfiheq berichtet Doch erfahren wir aus Indien selbst erst sehr 
spät direktes über die dortigen Edelsteine, auf deren Studium die Aus- 
bildung der Medizin mit ihrem Glauben an heilkräftige Wirkungen der 
Steine die Aufmerksamkeit lenkte (vgl. R. Garbe Die indischen Mine- 
ralien Leipzig 1882). 

Von Babylonien aus ist die Verwendung der Ganz- und Halbedelsteine 
zu mannigfachem Schmuck, namentlich auch zu Siegeh'ingen, in sehr 



150 Edelsteine. 

früher Zeit za den Israeliten gedrungen (vgl. Riehms Bibellexikon ^ Art. 
Edelsteine). Über den pböniziscben Handel mit den südlichen Enpbrat- 
ländern sagt der Prophet Ezechiel XXYII, 16: ^Aram handelte mit Dir 
(Tyriis) wegen Deiner vielen Waren mit Karfunkeln, Purpur und 
Buntstickerei; Byssus und Korallen und Rubinen brachten sie in 
Deinen Verkehr" (vgl. Movers a. $,. 0. S. 258). Auch in Mykenae 
haben die Ausgrabungen Schliemanns Schieber von Achat, Gemmen von 
Sardonyx und Amethyst, ebenso wie kostbare Siegelringe an den Tag 
gebracht. 

Bei Homer ist indessen von Edelsteinen noch nicht die Rede, und 
erst in der späteren Litteratur, von Herodot an, begegnen uns ihre 
Namen, die sich naturgemäss als vielfach entlehnt, meistens aus dem 
Semitischen, später auch direkt aus dem Indischen erweisen (s. u.). 
Ein besonderes Wort für Edelstein ist im Griechischen nicht vorhanden. 
Man sagt dafür XiBoq ,Stein' oder aq)paTi^, eigentlich , Ringstein'. Eine 
Erklärung für dieses letztere Wort ist noch nicht gefunden worden. 
Es liegt nach dem obigen nahe, in ihm eine Entlehnung aus babylo- 
nischem Kulturkreis zu vermuten, wie aus diesem die indisch-persische 
Bezeichnung des Siegelrings und Siegels, scrt. mudrä, altpers. *mudräy 
npers. vmhr aus assyr. musarü, muiarü ,Schrifturkunde in der Form 
einer Stein- oder Metallplatte', ursprünglich wohl ebenfalls ,Siegelring' 
stammt (vgl. H. Hübschmann K. Z. XXXVI, 176). 

In Rom ist weder bei Plautus noch bei Terenz etwas über Edel- 
steine zu finden. Allerdings hätten der Sage nach die Sabiner schon 
zur Zeit des Romulus (vgl. Liv. I, 11) annuli gemmati getragen, 
wahrscheinlicher aber berichtet Plinius Hist. nat. XXXVII, 85 aus- 
drücklich, dass erst Scipio Africanus sich eines Ringes mit geschnittenem 
Steine bedient habe. — Von Südeuropa ging der Gebrauch der Edel- 
steine auf dem gewohnten Wege in die mittelalterliche Welt über, bi& 
später auch direkte Verbindungen mit den östlichen Erzeugnngsländem 
sich eröffneten. Die früheste sprachliche Entlehnung der germanischen 
Sprachen aus dem Latein auf diesem Gebiete dürfte ahd. gimma, agls. 
gimm etc. aus lat. gemmay der (noch dunklen) Gesamtbenennung der 
Edelsteine sein. Das Wort kommt wiederholt schon in der Edda vor 
(altn. gim, gimsfein), wo es z. B. von Völund (Wieland) heisst: 

„In Gold fasst' er glänzende Steine". 

Eine alte einheimische Bezeichnung des Edelsteins ist altn. jarJc- 
nasteinn, agls. eorclanstdn (: got. -airkns ,rein'). Entlehnt wiederum 
aus dem Lateinischen ist die Bezeichnung des Abdrucks des Siegel- 
rings, des Siegels: got. sigljö, mhd. sigel (ahd. insigili), agls. sigel 
aus lat. sigülum (: signum). Es scheint, dass im alten Völkerverkehr 
Siegel und Siegelringe eine wichtige Rolle spielten, worüber wir hin- 
sichtlich der russisch-byzantinischen Beziehungen einiges durch Ewers 
Ältestes Recht der Russen S. 184 f. wissen. Hiernach führten die 



Edelsteine. 151 

russischen Gesandten goldene, die Grosshändler silberne Siegelringe 
za ihrer Beglaubigung bei sich, an deren Stelle später (seit der Ur- 
kunde Igors) geschriebene Pässe traten. Auch fertige Siegel überschickte 
man sich zu gleichen Zwecken. — Znsammen mit den kostbaren Steinen 
selbst wanderte eine Fülle des Aberglaubens, der zumeist an die an- 
geblichen medizinischen Kräfte der wertvollen und neuen in die Kultur- 
geschichte eintretenden Körper anknüpfte, die für umso heilsamer 
galten, je kostbarer sie waren. Unentbehrlich für die Geschichte der 
Edelsteine im Altertum und Mittelalter sind in dieser Beziehung die 
Artikel in den Nachträgen von 0. Schades Ahd. W.*. — Nach diesen 
Vorbemerkungen soll hier in alphabetischer Reihenfolge die freilich 
noch mehrfach etymologisch dunkle Terminologie von 14 wichtigen 
Edel- und Halbedelsteinen gegeben werden: 

1. Achat. Griech. dxdTTi^ (Theophr.), lat. achates (Plin.), frz. 
agafe. Angeblich nach dem Flusse Achates in Sicilien benannt; doch 
versucht H. Lewy Die semit. Fremdw. S. 56 eine Erklärung aus dem 
Semitischen. Fundorte ausser Sicilien : Kreta, Indien, Phrygien, Ägypten, 
Kypros, Oeta, Parnassos, Lesbos, Messenien, Rliodus, Persien (nach 
Blümner Tenn. u. Techn. III, 260). 

2. Amethyst. Griech. d^eOuato^, diueBucroq (Plato, Theophr.), 
lat. amethystus (Ovid), mhd. ametiste. Von ^eBuuj, weil der Stein 
gegen Trunkenheit schützen soll? Oder von d)H€0u(To^ = oiviüttö^ 
,weinfarbig' (vgl Blümner a. a. 0. S. 251)? Noch andere denken an 
ein arab. gamast »Amethyst' (vgl. Muss-Arnolt Semitic Words S. 139, 
Lewy a. a. 0. S. 58). Fundorte: Indien, Arabien, Armenien, Ägypten, 
Galatien. Eine Art Amethyst bezeichnete im Altertum auch griech. 
udKivOo^ (Diosk.), lat. hyacinthus (Plin.), woraus mhd. jachant (vgl. 
O- Sehade a. a. 0.). 

3. Beryll. Griech. ßripuXXoq (Dion. Perieg.), lat. heryllus. (Pro- 
perz). Aus scrt. vaidürya-, präkr. veluriya ,der Beryll' (nach P. W.; 
aber das ,Katzenauge' nach R. Garbe Die indischen Mineralien S. 85; 
vgl- auch M. Müller India what can it tcach us? S. 267), pers.-arab. 
hillaur, billor. Das Wort hat reiche Verbreitung im Deutschen und 
Romanischen gefunden: mhd. berille, bariUey daher auch nhd. brille 
(weil man zu den ersten Augengläsern — um 1300 — den Beryll 
verwendete, dem schon die Alten Heilkraft bei kranken Augen zu- 
schrieben), rom. "^beryllare, ital. brUlnre ,glänzen' etc., barelle , Brillen- 
gläser'. Fundorte: Indien, Pontus (Ural). 

4. Diamant. Griech. dbd)Lia^ (Plato), urspr. »StahT (s. d.), lat. 
adamas (Vergil), woraus die romanischen diamante etc. Im Mittelalter 
nahm das Wort auch die Bedeutung , Magnet' (s. d.) an: prov. adi- 
mans etc. Im Osten Europas gelten aus dem Arabisch-Türkischen 
{almäs = dbd^aq) entlehnte Foraien : russ. almazü u. s. w. Fundorte: 
Indien^ Ural. Im Hebräischen heisst der Diamant sämlr, woraus nach 



152 Edelsteine. 

einigen griech. O^xiQxq • ä^^ou elboq, fj a^rJxovTai ol 0KXr|pol tujv X(9u)V- 
Hes. (,Diamantpulver' ?) entlehnt sein soll. 

5. Jaspis. Griech. xaamq (Plato), lat. iaspis (Vergil), ital. dior 
spro etc. Aus hebw jäiepeh. Fundorte: Indien, Kypros, Persien, Kas- 
pisches Meer, Pontus, Phrygien, Kappadokien. 

6. Karneol (Sard). Griech. adpbiov (Plato), aapbuj (Ktesias s. o.), 
lat. gardUy sardius (Plin.). Man leitet das Wort in der Regel von dem 
Städtenanien Sardes ab. Levvy Die semit. Fremdw. S. 57 f. sucht hin- 
gegen semitischen Ursprung wahrscheinlich zu machen. Fundorte: 
Sardes, Babjion, Paros, Assos, Indien, Arabien, Epiros, Ägypten. 

7. Krystall. Griech. KpuaTaXXo^ (schon bei Homer, aber nur in 
der Bedeutung ,Eis\ vgl. Kpuo^ ,Kälte', später — bei Theophr. — ,Berg- 
krystair; vgl. sachlich hebr. qerah ebenfalls ,Eis' und ,Krystair), lat. 
crystallum (Vergil), ahd. christalla, Fundorte: Indien, Kleinasien» 
Alpen etc. 

8. Onyx. Griech. övuE, övuxiov (Ktesias s. o., Theophr.), lat. onyx 
(Catull), ital. onice, nichetto u. s. w. Man hat versucht, das Wort an 
ein assyr. unqu ,Ring^ oder an ein ägypt. anaJc anzuknüpfen (vgl. Muss- 
Aruolt Semitic words S. 139). Plinius dachte an Identität mit griech. 
övuE ,Nager, da der Onyx eine ähnliche Weisse wie der menschliche 
Nagel zeige (vgl. Blümner a. a. 0. III, 265). Fundorte: Indien, Arabien, 
Armenien, Galatien. 

9. Opal. Lsit. opalus (F\m.)f griech. ÖTrdXXiov (Orph. lapid.). Aus 
scrt. upala- ,Steiu' (nach Lassen Ind. Altertumskunde), das auch unter 
den Synonymen für ,Edelstein' (Garbe S. 70) vorkommt. Fundort: 
Indien (nach Plinius, was schwerlich richtig; vgl. Blümner a. a. O. 
III, 245). 

10. Rubin. Griech. SvGpaE (Aristot.), lat. carbunculus (aus dem 
Griech. übersetzt), mhd. Tcarhunkel. Fundorte: Indien, Afrika. Im 
Mittelalter gilt mhd. halasy fr/, balais, prov. balach, ital. halascioy 
mlat. halascusy so genannt nach dem Chanat Badakshan (Balaschan) 
östlich von Samarkand. Vgl. Heyd Levautehandel S. 583. „TAe 
mountains of Baddkhshän hace given their iiame to the Badakhshi 
mby, vulgarly called al-BalaJchsh"^, Ihn Batuta (nach Yule and Bumell 
Hobson-Jobson S. 39). 

11. Sapphir. Griech. adncpeipoq (Theophr.), lat. sapphtrus (Plin.). 
Aus hebr. sapptr, syr. sajMä (weiteres bei Muss-Arnolt a.' a. 0. S. 139), 
dem auch armen, mpila entstammt. Indessen bezeichnete das klassische 
Wort nach allgemeiner Annahme das, was wir Lasurstein nennen: 
ital. azzurrOy mhd. läsiiTy läzur aus pers. lazvard, arab. Idzuward^ 
Wie die Alten den ihnen ebenfalls bekannten Sapphir bezeichneten, 
steht nicht fest. Fundort des Lapis laztdi: Medien (wohin er aas 
Tibet kam, wo noch heute Lasurstein gefunden wird, Blümner III, 275). 

12. Smaragd. Griech. a\xapa-^bo(; (Herodot), lat. smaragdus (Lucrez), 



Edelsteine — Egge. 153 

ital. smeraldo etc., ahd. smaragd (gelehrt). Vgl. auch armen, zmruxt^ 
npers. zumurrud. Man denkt fUr ajndpaYbo^ an Entlehnung aus hebr. 
bäreqet ,Smaragd', indem man annimmt, dass ein aus bareqet hervor- 
gegangenes '''^apaTboq durch Anlehnung an a^duj ^putze' oder ayLapayivj 
»erdröhne' zu a^xapafboq geworden sei (vgl. Muss-Arnolt S. 139, Lewy 
S. 57). Indisch marakator »Smaragd' ist ein Lehnwort aus dem 
Griechischen. Fundorte: Skythien (Ural, Altai), Baktrien, Ägypten. 

13. Topas. Griech. TondCiov (Agatharchides), lat. topazon (Plin.), 
nach den Alten auf einer Insel Topazus gefunden, worunter man ge- 
wöhnlich Ceylon versteht, wo noch heute Topase vorkommen. Nach 
Plinius aber lag sie im roten Meer und hatte ihren Namen von einem 
^troglodytischen" Verbum TOTrdZeiv ,suchen' (vgl. Blümner a. a. 0, 
III, 238). 

14. Türkis. Wie der den Alten sicher bekannte Stein im Altertum 
geheissen habe, steht nicht fest. Mhd. turkoys, türkiSj fra. tourquoise, 
prov. Span, turquesa ,aus der Türkei', d. h. vom Osten. 

Noch ein Wort bleibt über den Probierstein, den lydischen Stein 
(Aubia Xiöo^) der Alten zu sagen. Er heisst griech. ßdaavo^, das schon 
bei Theognis und Pindar, also früher als alle Edelsteinnamen begegnet. 
Das Wort ist ausländischen Ursprungs verdächtig. Lewy a. a. 0. S. 61 
leitet es aus hebr. päz ,gediegenes Gold', päzaz ,Gold und Silber rei- 
nigen' ab. Anders Muss-Arnolt S. 146. Vgl. auch scrt. päshäna- ,Stein', 
yProbierstein' (aus ßdaavoq?). 

Egge. Ein unserer Egge ähnliches Werkzeug zum Ebenen des 
aufgepflügten Erdreichs muss schon zur Zeit des vorhistorischen Acker- 
bans der europäischen Indogeimanen in Gebrauch gewesen sein, wie 
die Gleichung lat. occare, occUy ahd. egida, agls. egepCf lit. aketi, 
akeciios, altpr. aketeSj altkorn. ocety kymr. oged, eggen', ,Egge' lehrt. 
Die nordeuropäischen Sprachen stimmen auch in der Suffixbildung des 
Hauptworts überein. Nur im Slavischen und Griechischen erlischt die 
Reihe bis auf eine in letzterem von Hesych bewahrte Spur: öEiva • 
ip^akelöv Ti TCUjpTiKÖv, aibnpoöq YÖ^qpouq ^xov, dXxöiLievov unö ßoüjv. 
In der That scheint in Griechenland die Egge ziemlich ungebräuchlich 
gewesen zu sein. Bei Hesiod W. u. T. 469 folgt dem Säenden viel- 
mehr ein Sklave mit der Schaufel (6 imOKaipevx; Hes.) zum Bedecken 
des Samens. 

Eine zweite, aber auf das Lateinische und Germanische beschränkte 
Gleichung dürfte in lat. hirpex, irpex = altn. herfe, nschwed. harfy 
engl, harroto ,Egge' vorliegen {^kherq- : *khorq-). Das lateinische 
Wort wäre dann wegen seines p als oskisch-samnitisches Lehnwort 
anzusehen. Für den Lautwandel erc : irc vgl. auch ircusj aureus, 
JUirquriuSy commircium (Stolz Lat. Gr.* S. 256). Bei den Galliern 
nennt Plinius VIII, 173 die Egge: Semen protinus inicmnt erat es- 
que dentatas super trahunt, und auch in der Lex Salica XXXIV, 2 



154 Egge — Ehe. 

wird sie bereits erwähnt: Si quis per aliena messe postquam levaverä 
irpicem traxerit etc. (Cod. 1 Hesseis). 

Im Osten Europas, in den slavisehen Sprachen und im Albanesischen, 
gilt für Egge rnss. berona etc., alb. brane (vgl. auch ngriech. aßdpva), 
das G. Meyer Et. W. S. 44 für ein frühzeitiges Lehnwort aus dem 
Iranischen (npers. barn ,Egge') hält. — S. u. Ackerbau. 

Ehe. Eine vorhistorische Bezeichnung für diesen Begriff läset 
sich nicht nachweisen. Ja, es scheint, dass noch in den älteren Pe- 
rioden der Einzelsprachen Wörter, die das eheliche Verbundensein von 
Mann und Frau wie im lat. coniugium oder im deutschen „Ehe", be- 
zeichnen, nicht vorhanden waren. Noch Aristoteles im ersten Buche 
der Politik (Cap. 3) bemerkt, dass ein treffender Ausdruck für ,Ehe' 
fehle: dviuvu^ov yap i\ TuvaiKÖ^ Kai dvbpd^ cilevlxq. 

In den Einzelsprachen macht man zur Benennung dieses Begriffs am 
häufigsten Gebrauch von Wörtern, welche eigentlich ,Eheschlies8ung'y 
,Hochzeit' bedeuten. Vgl. z. B. scrt. viväkd- (vgl. vcLhatü- , Brautzug'), 
griech. tomikti (: Td)no^), das Aristoteles a. d. o. Stelle in Ermangelung 
eines treffenderen Ausdrucks gebraucht, lat. nuptiae (, Verhüllung), 
lit. fjceticüawa ,Trauung' {wencüawonyste ,Ehestand'). Weiteres s. u, 
Heirat. Anderer Art sind Ausdrücke wie scrt. janitvä- und lat. 
matrimöniuni, eigentl. ,Gattinnen-', bezw. ,Mutterschaft' (daher in ma- 
trimonium ire etc.). Spät erst hat ahd. ewa, agls. cew, eigentl. »Ge- 
setz' die heutige Bedeutung angenommen (vgl. J. Grimm R.-A. S. 41 7), 
wie auch dän. und schwed. ägtesJcab, äktensJcap ,matrimonium' von 
ägtey ekta (aus unserem echt, e-haft) junge Wörter sind. Altnordisch ist 
hjü-skapr (: ^hiwa-, s. u.), eigentl. , Hausmannschaft', agls. sin-scipey 
eigentl. , Dauerschaft', hcemed-scipe u. a. Dunkel : altsl. brakü ,Ehe'- 

Auch Namen für das Ehepaar, die Gatten, sind in alter Zeit 
nicht vorhanden, da Ausdrücke wie griech. auZuE (seit Euripides), lat. 
coniux (in älterer Zeit fast nur bei Dichtern), altsl. sqprqgü, {süprqzt 
,Joch'), ir. cele (,Genosse'), ahd. gimahäloy gimahala (: ahd. mahal ,Ver- 
Sammlung, Kontrakt, Ehevertrag'; vgl. auch ahd. gimahhidi bei Graff 
IV, 639 ,Ehepaar' und ,eins der beiden Gatten', Kollektivbildung: agls. 
gemacay gemcecca ,Gatte', eigentl. ,was zusammen passt', Plur. ,Ehe- 
gatten') verhältnismässig jungen Sprachschichten angehören. Eine merk- 
würdige Bezeichnung ist ir. Idnamain ,a married couple', wovon hi- 
namnas ,coniugium* (vgl. Windisch J. T. s. v.), von Stokes ürkeltiseher 
Sprachschatz S. 293 aus *ldn-samain ,volle Vereinigung' gedeutet. 

Es kann also in der Urzeit noch kaum das Bedürfnis empfunden 
worden sein, die dauernde Gemeinschaft von Mann und Weib sprachlich 
zum Ausdruck zu bringen. Den Grund dieser Erscheinung findet 
B. Delbrück Verwandtschaftsnamen S. 440 ohne Zweifel mit Recht 
darin, ^dass die Stellung des Mannes zur Frau und die der Frau zum 
Manne nach alter Meinung zwei so verschiedene Dinge waren, das» 



Ehe. 155 

man nicht darauf kommen konnte, Mann und Frau durch das gleiche 
Wort zu bezeichnen". Einen analogen Fall s. u. Eltern. 

Am nächsten der idg. Auffassung des Verhältnisses von Mann und 
Frau dürfte das indische patitvd- ,Ehe', d. h. ,6attenschaft' kommen, 
welchem die ursprachliche Bezeichnung des Hausherrn und Ehemannes: 
scrt. pdti- jGebieter, Herr, Gatte', ddmpati- ,Hausherr^ ddrhpati' ,Haus- 
herr und Hausfrau', aw. paiti-, griech. rröaiq ,6atte' {be(Sn6vf\q = scrt. 
däfhpati-; anders Pischel in P. G. Ved. Studien II, 307), got. faps, brüp- 
faps ,Herr der Braut oder jungen Frau', lit. päts ,Gatte, Ehemann' (vgl. 
noch lat. pot-estas, compo(t)8 etc.) zu Grande liegt. Das Wort wird mit 
Wahrscheinlichkeit von scrt. pä ,schützen' abgeleitet, so dass scrt. pdii- 
etc. soviel wie der ,Beschtitzer' (ursprünglich vielleicht , Beschützung') 
wäre. Neben diesem idg. *pöti' lag — entsprechend dem Verhältnis von 
ahd. frd, got frauja ,HeiT' (eigentl. ,der erste' = scrt. pü'rva- id.) : ahd. 
,/roMicrt (*/ratydn-) , Herrin' — ein idg. *jpdfn2- : scrt. j?rf^n^, 9LVf, -pad^nir 
Ehefrau, Herrin*, griech. (Hom.) ttötvio, ein ehrendes Beiwort für Frauen, 
irÖTVia MilTTip »Frau Mutter', auch b^airoiva (vgl. beaniva^' Y^vaiKa^ . ©ea- 
aaXoi Hes.; anders jedoch J. Schmidt, s. u. Frau). Da man für die Urzeit 
unzweifelhaft von polygamischen Verhältnissen auszugehen hat (s. u. Poly- 
gamie), so wird *pötni- ursprünglich die erste oder Lieblingsfrau des 
Mannes, die in Indien beim Opfer allein als seine Genossin erscheint, be- 
zeichnet haben, ein Begriff, der sonst im Sanskrit durch mdhisM (die ,ge- 
waltige') bezeichnet wird. Viel verbreiteter für die Benennung der E h e f r a u 
ist aber die Sippe von scrt. jdni-j -jdni-, gnä-, aw. ynä-j jeni-j armen. 
Ä77I, griech. T^JVti, ßavd (vgl. ^vdo|Liai ,ich beweibe mich' und ö-^vd-iiiou^' 
Tou^ dTTÖvou^ ,von demselben Weibe' Hes.), ir. 6en, Gen. mnd, got. 
qind und qeriH, altsl. tena^ altpr. genna, die, mag sie nun mit lat. 
ffigno, scrt. jan ,gebären' etc., was wegen der Gutturalverhältnisse 
(fiT • g) Schwierigkeiten macht, zu verbinden sein oder nicht, doch in 
jedem Falle die Ehefrau nach ihrer geschlechtlichen Seite, also als 
,Weib' schlechthin, bezeichnet (vgl. noch siw.jaiti- ,Geschlecht', lit. gentis 
,Verwandter', die im Anlaut zu griech. T^vri, altsl. äena u. s. w. stimmen, 
und auch schwer von lat. gigno, scrt. jan loszulösen sein dürften). 
Auf vorhistorischen Zusammenhang dürfen als Namen der Ehefrau 
vielleicht noch Anspruch erheben: griech. äXoxo^ = altsl. sqlogu ,con- 
sors tori' und lat. uxor ,Eheweib' : lit. üszwis , Vater des Eheweibs' (*öÄ:5t?-; 
vgl. lat. für : griech. qpiwp ,Dieb'). — In den Einzelsprachen werden, ab- 
gesehen von den schon angeführten Ausdrücken, Ehemann und Ehefrau 
häufig' kurz als Mann (s. d.) u. Frau (s. d.) bezeichnet, wie es bei yvvri 
und seiner Sippe sicher schon in der Urzeit der Fall war. Bemerkens- 
wertere Bezeichnungen anderer Art (vgl. die Sammlung bei Delbrück 
a. a- O. S. 408—440) sind aus dem Sanskrit: bhdrtar- und hhä'ryä ,Er- 
halter' und ,zu erhaltende' (letzteres im Sinne von ,Ehefrau' früher bezeugt 
als ersteres), aus dem Griechischen: bd^ap (Hom., irgendwie zu bö^oq, 



156 Ehe — Ehebruch. 

kaum : scrt. därä ^Weib' gehörig) und dap (Hom., dunkel), aus dem Latei- 
niscben: martta ,die mit einem m4« versebene' nnd darnach gebildet 
marUus, mulier (dunkel ; im Plural der ,Stand der Ehefrauen'), aus dem 
Germanischen: ahd. Mioo ,6atte', htwa yG2ittm\ A^t^?» , beide Gatten' 
(: got. heiwa- ,Haus\ also eigentl. ^familiäres'), agls. auch sin-hiwan und got. 
aha ,Ehemann' (dunkel), aus dem Albanesischen: bür desgl. (dunkel), 
aus dem Litauischen: möte .Ehefrau' (s. u. Mutter) u. a. — Über den 
Eingang einer Ehe s. u. Brautkauf, Heirat, Raubehe, über die Stellung 
des Mannes und der Frau in der Ehe s. u. Familie. S. auch hin- 
sichtlich der ältesten ehelichen Verhältnisse die Artikel: Abtreibung 
der Leibesfrucht, Adoption, Alte Leute, Amme, Aussetzungs- 
recht, Beischläferin, Ehebruch, Ehelich und unehelich, Ehe- 
scheidung, Erbtochter, Frau, Heiratsalter, Junggeselle, 
Mann, Mitgift, Mutterrecht, Polyandrie, Polygamie, Ver- 
wandtenehe, Witwe, Zeugungshelfer. 

Ehebrach. Die bezüglich der Reinhaltung der Ehe in der älteren 
Zeit herrschende Anschauung ist die, dass dem Ehemann mit Neben- 
frauen und Kebsen ein uneingeschränkter Geschlechtsverkehr frei steht, 
dass hingegen die Ehefrau an die strengste eheliche Treue gebunden 
ist. Bricht sie diese, so trifft sie zusammen mit dem Ehebrecher, wenn er 
auf frischer That ertappt ward, der Tod. Am reinsten ist dieser 
Standpunkt in der römischen Rechtsauffassung aufbewahrt, über die 
sich Cato bei Gell. X, 23 so äussert: In adulterio uxorem tuam si 
prehendis&i^, sine iudicio impune necares : illa te, si adulterare^ sice 
tu adulterarere, digito non auderet contingere, neque jus est. Dazu 
vgl. fr. 24 pr. ad. 1. Jul. de Adult XL VIII, 5: Marito quoque aduUerum 
uxoris suae occidere permittitur etc. Ebenso war es bei einem grossea 
Teil der alten Germanen. So berichtet Bonifacius von den Sachsen 
(Monum. Moguntina ed. Phil. Jaffe S. 172): Nain in antiqua Saxonia, 
si virgo paternam domum cum adulterio maculaverit vel si mulier 
maritata, perdito foedere matrimoniiy adulterium perpetraverit, aZi- 
quando cogunt eam, propria manu per laqueum suspensam, vitani 
finire\ et super bustum illiuSy incense et concremataey corruptoretn 
eius suspendunt, uud die L. Wisigoth. (W.) III, 4, 4 bestimmte: Si ad- 
ulterum cum adultera maritus vel sponsus occiderity pro homicida non 
teneatur. Auch nach südslavischem Gewohnheitsrecht darf der gekränkte 
Mann den Buhlen und die Ehebrecherin auf der Stelle töten (vgl. Kraass 
Sitte und Brauch der Südsl. S. 511, 566). Das Anrecht des Mannes 
hingegen auf unbehinderten Geschlechtsgenuss mit anderen Frauen er- 
giebt sich aus der Abwesenheit jeder ihn beschränkenden Bestimmung 
und aus den thatsächlich bestehenden Gebräuchen (s. u. Polygamie 
und Beischläferin). 

Eine Milderung dieser urzeitlichen Anschauungen trat in der Weise 
ein, dass man zwar an dem Recht der Tötung des Buhlen noch fest- 



Ehebruch. 157 

hielt, hingegen das Leben der Frau zu schonen anfinge indem man 
sich damit begnügte, über sie den moralischen Tod, die Atimie, zu 
verhängen. So ist es bei Indern und Griechen. Über die ersteren 
stehen uns aus vedischer Zeit freilich keine sicheren Nachrichten zu 
Gebote. Aber noch in den Rechtsbttchern wird der, welcher eines 
andern Weib entführt, oder der, welcher verbotenen Umgang mit eines 
andern Mannes Weib hat, zu den „Angreifern", bezw. „Mördern" ge- 
rechnet, deren man sich durch straflose Tötung erwehren kann (vgl. 
Leist Altar. Jus gent. S. 309). Die Ehebrecherin verstösst man, reicht 
ihr nur die notdürftigste Nahrung, scheert ihr das Haar, kleidet sie 
schlecht und hält sie zur niedrigsten Sklavenarbeit an (vgl. Jolly Über 
die Stellung der Frauen bei den alten Indem § 12, Sitzungsb. d. phil.- 
hist Kl. d. Mttnchener Ak. 1876). Doch kommt auch die Todesstrafe 
der Ehebrecherin noch vor (Jolly Recht und Sitte 8. 66). Ebenso war 
es in Griechenland. Noch das athenische Recht der späteren Zeit 
bestimmte, dass man den Mann straflos töten dürfe, den man bei seiner 
Frau, bei seiner Mutter, bei seiner Schwester, seiner Tochter oder auch bei 
seiner Kebse (fiv Sv dir' iXeuG^poi^ naiaiv IxW findet (vgl. Leist Graeco- 
ital. Rechtsgeschichte S. 299). Der gekränkte Mann der Ehefrau fordert 
seine ebva (s. u. Braut kauf) zurück (Od. VIII, 318). Die Ehe- 
brecherin trifft die Atimie (diiiioiv Tf]v TomuTtiv fuvaiKa Kai töv ßiov 
auTTj 6ßiu)T0V Trapa(TK€ud2!a>v). In Kyme in Kleinasien wurde sie auf 
einem Stein zur Schau gestellt und auf einem Esel sitzend durch 
die Stadt geführt (vgl. Hermann Lehrbuch der griech. Rechtsaltertümer, 
dritte Aufl. von Th. Thalheim S. 18). Ganz ähnlich wie in Indien 
und Griechenland war die Bestrafung der Ehebrecherin auch bei den Ger- 
manen, welche Tacitus schildert: Accisis crinibus (vgl. oben über 
die Inder), nudatam, coram propinquis expelUt domo maritus ac per 
omnem vicum verbere agit (Germ. Cap. 19). Dazu vgl. Bonifacius 
a. o. a. 0.: AliquandOy congregato exercitu femineo, flagellatam eam 
mulieres per pagos circumquaque ducunty virgis cedentes et vesti- 
rnenta eins dbscidentes iuxta cingulum etc. 

Eine Milderung des Schicksals des Buhlen stellt es dar, wenn in ge- 
wissen Teilen des griechischen Gebietes dem Ehebrecher gesetzlich 
eine Frist gegeben ist, sich durch ebenfalls gesetzlich bestimmte Privat- 
busse von der Privatrache des betroffenen Mannes los zu kaufen. In 
diesem Sinne bestimmte das gortynische Recht: „Wenn er mit der 
Freiin ehebrechend gefasst wird in Vaters oder in Bruders oder in 

Mannes Haus, so wird er 100 Stateren erlegen Er (der 

Geschädigte) soll aber vorher ankündigen vor 3 Zeugen den Verwandten 
des darin Gefassten, ihn auszulösen binnen 5 Tagen .... Wenn er 
aber sich nicht auslöst, soll es bei denen, welche fassten, stehen, mit 
ihm zu verfahren, wie sie wollen" (II, 21 — 35; vgl. dazu Das Recht 
von Gortyn von F. Bücheier und E. Zitelmann S. 101 ff.). Die Frei- 



158 Ehebruch. 

heit des Mannes in geschlechtlicher Beziehung war, soweit er nicht 
in einen fremden Bezirk einbrach, in Indien und Griechenland ebenso 
wie in Rom und bei den Germanen gewahrt. Im einzelnen Fall mochte 
natürlich der Einfluss der Ehefrau dem Manne frühzeitig Beschränkung 
auferlegen. Ein homerisches Beispiel dieser Art bietet Laertes (Od. I, 
433), der den Umgang mit Eurykleia meidet, weil er den Zorn der Gattin 
fürchtet. Andererseits (z. B. 11. V, 69 flf.) werden Frauen gelobt, weil 
sie den vöOoq des Mannes wie ihre eigenen Kinder aufziehen. 

Die grundsätzliche Gleichstellung des Mannes mit der Fran aber 
findet sich erst bei christlichen Schriftstellern ausgesprochen (vgl. 
darüber Marquardt Privatleben der Römer S. 65. Anm. 1). 

Eine vorhistorische Bezeichnung des Begi'iffes ,Ehebruch', ,E he- 
brech er' (auch agls. ckw-bryce) etc. hat sich bis jetzt nicht nachweisen 
lassen. Auch wird man eine solche kaum erwarten können. Wenn es richtig 
ist (s. u. Ehe), dass ein sprachlicher Ausdruck für das dauernde eheliehe 
Zusammenleben von Mann und Weib in der Urzeit nicht bestand, so wird 
man noch weniger annehmen dürfen, dass eine deutliche Bezeichnung für 
den Einbruch in dieses Verhältnis vorhanden war. Die einzelsprach- 
lichen Bezeichnungen des Ehebruchs sind aus verschiedenen Quellen 
hervorgegangen. Im Indischen sagt man dafür strisamgrahana- ,Fratten- 
ergreifung'. Der älteste lateinische Ausdruck scheint nach der griechischen 
Übersetzung mit qpGopa adj^atoq (bei Dion. II, 25) etwa violatio corporis 
(vgl. M. Voigt Leg. Reg. S. 570'^) gewesen zu sein. Erst später löst sich 
aus dem weiteren BegriflF des stuprum das adulterium (entlehnt ins ir. 
adcdtrasj Zeuss Gr. C. ^ p. 787) ab. Ob dieses Wort, wie schon die Alten 
meinten, wirklich mit alter zusammenhängt („sich mit einem andern ab- 
geben"), ist sehr zweifelhaft. Natürlich konnte das Wort nach den 
obigen Angaben nur das Vergehen einer Ehefrau mit einem andern Manne, 
nicht aber das Vergehen eines Ehemannes mit einer anderen Fran, die 
nicht Ehefrau war, bezeichnen (vgl. auch Rein Criminalrecht S. 836). Im 
Griechischen bedeutet ^oixö^ (: öjLiixeuj ,harne\ scrt. me'hati ,mingit\ 
ySemen effundit') ganz wie im Germanischen ahd. huor, altn. hör (vgl. 
got. hörs ,|Lioixöq', ,7T6pvoq') unterschiedslos ,Ehebrecher', ,Ehebruch' wie 
auch jede andere Art ausserehelichen Beischlafs. Vgl. noch ahd. ubar- 
ligida ,adulterium', ubarligan ,8tuprare', agls. forliges ,Ehebrecherin' : 
forlicgan, eigentl. ,die sich verliegt*. Im Slavischen schafft man Bil- 
dungen von Ijuhü ,lieb* : altsl. Ijuhy ,amor', ,adulterium', ,8cortatio', 
oder man bedient sich des Stammes smil' (lit. smailüs ,geir) : altsl. 
smilinoje ,adulterium' etc. Im Armenischen bedeutet mn ,Hand' und 
,Ehebrecher' {snal »ehebrechen'), ofiFenbar weil das Tier wie im Indischen 
für den Inbegriff der Schamlosigkeit gilt. 

Nach alledem ist es wenig wahrscheinlich, dass man schon in der 
Urzeit den Ehebruch, etwa wie den Diebstahl (s. d.), als ein deutlich 
von anderen feindlichen Handlungen unterschiedenes Verbrechen eni- 



Ehebruch -— Ehelich und unehelich. 159 

pfuDdeu habe. Als das eigentlich unrechte bei einem Ebebruch wird 
man nicht die Ansübnng des Beischlafs mit der Ehefrau, über dessen 
Bedeutung (s. u. Gastfreundschaft u. Zeugungshelfer) man in 
der Urzeit andere Vorstellungen wie heute hatte, aufgefasst haben, 
sondern den Einbruch in ein fremdes Gebiet, das von dem Hausherrn 
nicht gestattete „Ackern auf fremdem Felde". Ebenso wie den 
Ehebrecher, tötete man den Buhlen, den man bei der Schwester, Tochter 
und wohl überhaupt bei einer der Frauen der Hausgemeinschaft fand. 
S. u. Eecht und u. Verbrechen. 

Ehehindernis, s. Verwandtenheirat. 

Ehelich and uneheHch. Ob in der Urzeit zwischen den vom 
Hausvater {^poti-) mit der Hauptfrau {*2)otnt-) und den Nebenfrauen 
(^genä-, *gnä-) gezeugten Kindern (s. u. Ehe) Unterschiede gemacht 
wurden, lässt sich kaum sagen. Sicherlich fehlt jede Spur einer ur- 
zeitlichen Terminologie für die Begriffe, welche wir heute mit ziemlich 
jungen Ausdrücken als ehelich und unehelich bezeichnen. Es scheint, 
dass erst mit dem Aufkommen eines Sklavenstandes, das, wie u. 
Stände gezeigt ist, chronologisch in die frühesten Epochen der 
Einzel Völker fällt, erst mit der Zeit, in welcher zahlreiche Weiber 
unterjochter oder sonst unfrei gewordener Volksbestandteile als Skla- 
vinnen und Beischläferinnen (s. d.) in den Häusern der Indoger- 
manen zu leben anfingen, Unterscheidungen wie die hier in Frage 
stehende notwendig wurden. 

Bei den Griechen steht sich, von Homer an, Tvrjaioq und vöBoq 
gegenüber. Ersteres, aus *TVTiT-io-q : scrt. jnäti- , Verwandter' (vgl. auch 
griech. tvuiTÖq »Blutsverwandter', got. knöpSy ahd. chnuot ,Geschlecht') 
bezeichnet den ,im Geschlecht geborenen', ganz wie der eheliche 
Sohn ahd. adalerbOy altn. adälhorinn (vgl. J. Grimm R.-A. S. 475) : 
udal jGeschlecht' heisst. Auch lat. Itberi und ahd. Mnd sind von Haus 
auB nur die ehelichen, d. h. eben stammhaften Kinder (s. näheres u. 
Kind und u. Stände). Über jriech. vöBo^ weiss man nur soviel, dass 
es mit dem von Hesych bewahrten vuBöq , heimlich' zusammenhängt. 
Es ist der heimlich geborene Sohn ganz wie altn. laun-barn und laun- 
gefinn (a ,secret, secretly begotten child'). Vgl. auch scrt. güdhaja- 
yheimHch geboren' (meist von ehebrecherischem Umgang; aurasa- ,ehelich' 
von üras' ,Brust' ,[eigner] Leib'; in der vedischen Sprache scheint von 
derartigen Ausdrücken nur kumäri-putra- ,Jungfraun8ohn' zu begegnen). 
Reich an Bezeichnungen, welche dies „heimlich" geboren oder erzeugt 
werden sinnlich veranschaulichen, sind die germanischen Sprachen. Am 
verbreitetsten ist altn. homungr^ agls. hornungsunu, fries. horningy 
nach J- Grimm ,der im Hörn {angulus) geborene', ,Winkelkind'. Dazu 
altn- bcBsingr ,im Stalle (bäss) geboren', hrisungr ,im Walde geboren', 
mhd- banchart ,Bankert', ,auf der Bank gezeugt'. Auch das über die 
ganze mittelalterliche Welt verbreitete, halb romanische, halb germa- 



160 Ehelich und unehelich — Ehescheidunsr. 



^S 



nische altfrz. haHtayd, mhd. bastart scheint einen ähnliehen ürspruni 
zu haben (vgl. Kluge Et. W.^ s. v.). Nicht umschreibeude Bezeich- 
nungen sind z. B. ahd. Jcebiskind, altn. frillu-barfiy frülu-borinn (: fridla 
,amica'), py-barriy py-borinn {:py ,Sklavin') u. a. Vgl. noch agls. d4c 
^uneheliches Kind' (dunkel). Dabei beachte man die häufige Verwen- 
dung des Suffixes (il)inga- (auch in ahd. huorüing, kebisilingy altn. 
akeptingr u. a.), welches sonst der Bezeichnung der Familieuzugehörig- 
keit dient (vgl. F. Kluge Stammbildungslehre ^ S. 12), und also darauf 
hinweist, dass die Bastarde mit zu der Familie gerechnet wurden. 

Je fester bei den idg. Völkern Europas sich die monogamische Ehe 
setzte, umso mehr musste jedes von einem Ehemann nicht mit der einen 
Ehefrau erzeugte Kind als unehelich betrachtet werden. Hierbei werden 
zahlreiche rechtliche und sprachliche Unterscheidungen gemacht. So 
unterscheidet man bei den Nordgermanen zwischen Kindern, die ans 
offenem Konkubinat mit einer Freien, ans heimlichem Umgang mit einer 
Freien und aus Beischlaf mit einer Unfreien hervorgegangen sind (vgl. 
Amira in Pauls Grundriss II, 2, S. 146). Im Lateinischen ist nothus 
(aus griech. vöOo^) der von einem gewissen Vater mit einer Bei- 
schläferin erzeugte, spurius (unerklärt; ob zu dem spät bezeugten 
spurium aus griech. arropd ^weibliches Geschlechtsglied'?) der von 
einem ungewissen Vater mit einer Buhldirne erzeugte Sohn u. s. w. S» 
u. Beischläferin. 

Ehelosigkeit, s. Junggeselle. 

Eliemann^ Ehefran^ s. Ehe, Mann, Frau. 

Ehepaar, s. Ehe. 

Ehescheidung. Wo die Ehe auf dem Kaufe des Weibes beruht^ 
pflegt Ehescheidung für den Mann eine Leichtigkeit, fttr die Frau eine 
Unmöglichkeit zu sein (vgl. E. Grosse Die Formen der Familie und 
der Wirtschaft S. 114 f.). Ebenso muss es bei den Indogeiinanen, bei 
denen die Sitte des Brautkaufs (s. d.) herrschte, gewesen sein, und 
die Spuren dieses einstigen Zustandes lassen sich bei den einzelnen 
Völkern noch mit grosser Deutlichkeit nachweisen. 

Am klarsten liegen die Verhältnisse in den germanischen Volks- 
rechten (vgl. Löning Geschichte des deutschen Kirchenrechts II, 617 ff.). 
Die Scheidung der Ehe kann hier nur vom Manne ausgehen. Er tötet 
oder verstösst die im Ehebruch (s. d.) ergriffene Frau, aber er kann 
sein Weib auch ohne Grund entlassen, nur dass er dann zu einem 
Schadenersatz verpflichtet ist, ursprünglich aber nicht der Frau, sondern 
ihren Verwandten gegenüber. Umgekehrt kann die Ehe unter keinen Um- 
ständen von der Frau oder deren Verwandten einseitig gelöst werden^ 
auch nicht bei Untreue, Krankheit, Impotenz oder Verweigerung der 
ehelichen Pflicht von Seite des Mannes. Die Lex. Burg. (W.) XXXIV, 1 
bestimmte: Si qua mulier maritum suum, cui legitime iuncta est, di- 
miserit, necetur in luto (vgl. auch Weinhold Deutsche Frauen II*, 43 ff.). 



Ehescheidung?. 161 



Altgermanische Ansdrüeke für Scheidung sind got. afstass , Abstand' 
oder afsateins jAbsetzung', ahd. danatrip, sceitunga, agls. Mw-geddl, 
eigentl. ,Eheteilung' u. a. (vgl. J. Grimm R.-A. S. 453). 

Überaas konform sind die ältesten römischen Zustände. Über 
Romnlus berichtet Plutarch Cap. 22: eOriKe bfe Kai vö^ouq tivd^, düv 
(Tq>obpö^ ^ev ^(TTiv ö TuvaiKi ^f) bibouq dTroXeirreiv fivbpa, y^- 
vaiKa bfc bibouq ^KßaXeTv ^tti qpapiuoKeia, xeKvujv fj KXeibüöv uiroßoXq 
(Interpunktion nach Ihering Vorgeschichte der Indoeuropäer S. 420; 
anders mit den meisten M. Voigt a. u. a. 0. S. 587 ff.) xai jioixeuOeTaav. 
€1 b' äXXuj^ Tl<;d7T0Trd^l|;alT0, tfi^ oucTiaq auToö tö )nev tti^ ^uvaiKÖ^ 
€Tvai, TÖ bfc Tfiq ArmriTpo^ lepöv KeXeuuJv (vgl. auch Dion. II, 25 und 
dazu M. Voigt Leg. Reg. S. 580 ff.). Es ergiebt sich hieraus, dass 
auch im ältesten Rom die Frau niemals den Mann verlassen durfte, 
hingegen der Mann die Frau bei schwerem Vergehen (wohl nach 
Abhaltung eines iudicium domesticum) Verstössen, sie aber auch ohne 
Grund entlassen konnte, in welch letzterem Falle er freilich — und 
hier zeigt sich das römische Recht von Anfang an frauenfreund- 
licher als das germanische — mit seinem ganzen Vermögen büsste. 
Als Gründe strafloser oder besser bussloser Verstossung werden in 
unserer Stelle geltend gemacht Ehebruch, Versuch des Giftmords, 
Unterschiebung von Kindern und ,Schlüsseln' (nach Ihering). Was das 
letztere bedeuten soll, ist nicht ganz klar; doch spielen die Schlüssel 
beim altrömischen divortium (dem ,sich aus einander wenden'-, älter 
wohl rept^ium, ureprünglich nur vom Manne gesagt) auch sonst eine 
Rolle. Claves adimere ist ein Ausdruck der XII Tafeln für exigerey 
dxßaXeiv (vgl. Schoell S. 125), ein anderer (nach Büchelers Vermutung 
in Fieckeisens Jahrb. CV, 566): baete (,gehe') forcis, mulier ^ beide also 
nur vom Manne in Beziehung auf die Frau gebraucht. Weiteres s. bei 
Marquardt Privatleben I, 67 f. und unten. Beiläufig sei bemerkt, dass auch 
in den germanischen Rechten die Rückgabe oder Wegnahme der Schlüssel 
als Zeichen der Scheidung gelten (vgl. H. Brunner Z. d. Savigny-Stiftung 
Germ. Abt. XIX, 138 f., Amira in Pauls Grundriss II, 2, 142). 

Milder ist der Stand der Dinge in Athen (vgl. J. Müller Privataltert.* 
S. 152). Doch ist auch hier noch die Ehescheidung (d7^Ö7^e^^ll^, dTrö- 
Xenjii^) dem Ehemann ungleich leichter gemacht als der Frau. Der 
Mann konnte ohne weiteres die Frau Verstössen, nur musste er die Mitgift 
heraasgeben und event. für den Unterhalt der Verstosseneu sorgen. 
Die Frau hatte hingegen eine wohl begründete schriftliche Klage bei 
dem Archen einzubringen. Auch nach dem gortynischen Recht war 
eine Scheidung von Seiten der Frau möglich, wie schon der hier ge- 
brauchte Ausdruck biaKptveaOai ,sich scheiden' zeigt (vgl. Bttcheler und 
Zitelmann Das Recht v. Gortyn S. 118*^ ff.). 

Eine wirkliche Gleichstellung des Mannes und der Frau wurde 
erst durch das spätere römische Recht (vgl. Löning a. a. 0. S. 613 f.) 

Schrader, ReaUexikon. 11 



162 Ehescheidung' — Eibe. 

angebahnt; nach dem ausser durch gegenseitige Übereinstimmang 
der Ehegatten die Lösung der Ehe möglich war „durch einseitige 
Scheidung aus einem rechtmässigen Grunde, der in einem Vergehen 
des an.dcrn Ehegatten bestand'' (Ehebruch bleibt indessen, nur wenn 
von der Frau begangen, Scheidungsgrund). Von hier aus hat sich diese 
Auffassung allmählich in Europa weiter Bahn gebrochen. — In der Ur- 
zeit war demnach die Frau mit ehenien Banden an den Mann gekettet, 
und die Vermutung liegt nahe, dass die wiederholte Anführung von 
Giftmordversuchen ((papimaKeia s. o.) oder anderen Lebensnachstellungen 
seitens der Frau als rechtsgiltiger Scheidungsgrund für den Mann in 
diesen Verhältnissen ihre Ursachen hat. In Rom sollen im Jahre 329 
V. Chr. 190 Matronen ihre Männer vergiftet haben (Marquardt S. 67 
a. a. 0.), auch in den germanischen Volksrechten ist oft von Nachstellung 
der Frau nach dem Leben des Mannes die Rede (vgl. Löning a. a. O. 
S. 621), und wenn Caesar De bell. gall. VI, 19 von den Galliern er- 
zählt, dass wenn ein vornehmer Familienvater in verdächtiger Weise 
gestorben sei, gegen seine Weiber wie gegen Sklavinnen eine Unter- 
suchung angestrengt werde, so werden auch hier ähnliche Ursachen 
und ähnliche Wirkungen vorliegen, d. h. die Unauflöslichkeit ihrer 
Ehe wird der Frau oft den Giftbecher für den Mann in die Hand ge- 
zwungen haben. 

Sehr schwierig ist es, sich über die Ausübung des tydgd- ,der Ver- 
stossung des Weibes' im ältesten Indien ein sicheres Urteil zu bilden, 
wofür auf Jolly Recht und Sitte S. 64 fiF. verwiesen sei. Auch reichen 
unsere Nachrichten über die alteuropäischen Verhältnisse aus, um, wie 
es oben geschehen ist, den indogermanischen Zustand zu rekonstruiren. 
Ein fester Terminus für die in der Uraeit demnach allein mögliehe 
Verstossung der Frau durch den Mann wird damals noch nicht vor- 
handen gewesen sein. Die gewöhnlichen Ausdrücke für ,verjagen' u. s. w., 
vielleicht Formeln, wie die oben genannte altrömische: „Weib, gehe 
hinaus!", werden hingereicht haben, um den natürlich nur die Familie 
des Verstossenden und die Sippe der Verstossenen angehenden Akt zn 
bezeichnen. Ein noch dunkler altsl. Ausdruck für die verstossene 
Gattin ist potlpiga, nur dass man als ensten Bestandteil das idg. Wort 
für den Ehemann {*poti-, s. u. Ehe) vermuten kann. 

Eheverbote, s. Verwandtenehe. 

EhrfarehtserweiHmig, s. Gruss. 

Eibe. Die europäische Ostgrenze von Taxus baccata L. ent- 
spricht im grossen und ganzen der der Buche (s. d.). „Die Grenz- 
linie ihrer Verbreitung verläuft von den Alands-Inseln dnreh den 
westlichsten Teil Estlands und Livlands, steil nach Süden, femer 
durch das Gouvernement Grodno, Wolhynien, Podolien und Be8sarabien(^). 
Jenseits der Steppe wächst sie in den Gebirgen der Krim und des Kau- 
kasus" (Koppen Holzgewächse II, 378). Der Baum ist wegen der vor- 



Eibe — Eibisch. 163 

trefflichen Beschaffenheit seines Holzes für Schnitzwerk aller Art in 
Enropa sehr frühzeitig geschätzt gewesen, und schon in den ältesten 
Pfahlbauten der Schweiz wie auch in denen Österreichs (vgl. Much 
Kupferzeit* S. 342) haben sich Bogen, Messer, Kämme, Fassungen von 
Feuersteinsägen u. s. w. aus Eibenholz gefunden. Diese Verwertung 
des Baumes spiegelt sich auch in der Sprache ab. 

Lateinisch heisst der Baum taxus, das sich mit dem griech. töEov 
,Bogen' in der Weise vereinigt, dass beide zu der idg. Wurzel teks 
,kttustlich verfertigen' gehören (griech. tcktiuv, altsl. tesati ,hauen'; s. 
auch u. Dachs). Die Grundbedeutung von TÖloyz-taxus wäre demnach 
etwa ,Schnitzholz\ Ebenso bedeutet altn. ^r und ir. ihhaVy ihaVy jubar 
,Eibe' und ,Bogen'. Vgl. noch schwäb. aip ,Armbrust' und nhd. eiben- 
schütze. Wie taxus : teks, so gehört griech. a^TXo^, ^iXo^ ,Taxus- 
baum' mit ctmiXt] ,Schnitzmesser' zu einer Wurzel smei ,kUnstlich ver- 
fertigen' (nhd. geschmeidej schmieden). 

Anch als Gift bäum fand die Eibe früh Beachtung. Vgl. Caesar De 
bell. gall. VI, 31 : Catuvolcus, rex dimidiae partis Eburonum (letzteres 
: dem oben genannten ir. ibhar?) taxOy cuius magna in Gallia Ger- 
m^niaque copia est, se exanimavit. 

Die Terminologie der Eibe bietet noch manche Dunkelheiten. 
Durch ganz Nordenropa zieht sich ein gemeinsamer Ausdruck, der im 
Osten aber in andere Bedeutungen ausweicht : ir. eo, kymr. yv, körn. 
hiven, bret. ivin, ahd. itoa neben iha, agls. (w neben eoh — mlat. ivtis, 
frz. if — altpr. invis ,Eibe', lit. jewä ,Faulbaum', slav. iva ,Weide\ 
So viel man bis jetzt sehen kann, scheint die Sippe im Germanischen 
zu wurzeln (ahd. iha, Schweiz, ige, alts. ich, agls. eoh im grammatischen 
Wechsel zu agls. iw, ahd. iwa, *tqo- : Hqö-). Dann aber müsste das 
keltische und slavische Wort aus dem Deutschen stammen, was auch 
seltsam wäre. Merkwürdig ist ferner, dass das Slavische, obgleich es 
nur teilweis (s. o.) in das Verbreitungsgebiet der Eibe fällt, doch einen 
gemeinsamen Namen des Baumes, tisüy aufweist. Dieser kann seines 
Vokales wegen nicht mit lat. taxus zusammenhängen, vielleicht liegt er 
aber dem ahd. dihsala, lat. temo {Heicsmo-) ,Deichser zu Grunde, 
wenn man die Deichsel (s. d.) als aus Eibenholz gefertigt auffasst. Lit. 
iglius jEibe* : altsl. je(d)la ,Tanne\ S.' u. Wald, Waldbäume. 

Eibisch {Althaea officinalis L.). Die Pflanze war ein schon im 
Aitertnm hochgeschätztes Ueilkraut, daher von Theophrast an (neben 
^aXdxTl ÄTpia) dXGoia : fiXOuj, dXGaiviu ,heile' genannt. Später tritt 
das griech.-lat. Xf^xaKO<;'hibiscum (dunklen Ursprungs) auf, das zugleich 
wohl mit der Verwendung der Pflanze ins Deutsche (ahd. ibisca, mhd. 
ibische ,£ibi8ch') überging. Die romanischen Sprachen bedienen sich 
einer Zusammensetzung von mälva und ibiscum : it. malva-vischio, 
frz. guimauve = *ivimauve etc. In diesen Kreis gehört auch das 
(wohl verschriebene) mismalvas des Capitulare LXX,50. Ebenso benennen 



164 Eiche — Eichhorn. 

die Slaven die Pflanze meistenteils nach der Malve (dezü), wie man 
auch im Deutsehen weiszpapel und grote pepele (s. u. Malve) sagt. 
Der Eibisch soll in ganz Europa mit Ausnahme des Ostens und Nordens 
vorkommen (vgl. v. Fischer-Benzon Altd. Gartenfl. S. 63). — Andere Heil- 
pflanzen s. u. Arzt. 

Eiche. Für die Gattung Qwercw« giebt es drei Reihen sprach- 
licher Übereinstimmungen, die sich sämtlich auf Europa beschränken. 
Erstens: lat. gwercw« = ahd. forha urepr. ,Eiche' (vgl. ahd. vereh- 
eih, longob. ferehä), dann ,Föhre\ Mit ahd. forha hängt ferner got. 
fairguni ,Gebirge' zusammen^ eigentl. ,Eichwald' (ahd. Virgunnia, der 
Virguntj die Böhmen umfassenden Gebirge), und, wenn lat. quercus 
mit H. Hirt I. F. I, 479 f. als aus *perqu (vgl. lat. quinque : griech. 
TrdvT€, scrt. pdficä) entstanden anzusehen ist, auch die Hercynia silva 
der Alten (urspr. die Alpen, incl. des deutschen Mittelgebirges, dann, 
als seit Herodot für erstere die Bezeichnung Alpen sich ausbreitet, 
Schwarzwald, Odenwald, Spessart, Thüringer-, Frankenwald u. s. w., 
keltisch Hercynia aus *perqunia\ anders R. Much Festschr. f. Heinzel 
S. 205 flf.). Über lit. Perkünas und scrt. Parjdnya, die nach Hirt a. a. 0. 
jEichengott' bedeuten würden, s. u. Gewitter und Religion. Zweitens 
(für die Frucht der Eiche, die Eichel): griech. ßdXavo^ = lat. glans, 
altsil, ielqdt (armen, kaiin ,Eicher, kalni ,Eiche'). Drittens: ahd. eih 
(auf Island ,Baum') = griech. aiTiXuJUi ,specie8 roboris', alTav^n ,der 
(eichene) Speer', a\y\q ,der (eichene) Schild des Juppiter', lat. aesculus 
aus ^aeg-sculus. 

Eine vierte ausserordentlich weit verbreitete Sippe geht zwar über 
die Grenzen Europas hinaus ; doch lässt sich kaum mit Sicherheit ent- 
scheiden, welche der drei in ihr wiederkehrenden Bedeutungen ,Baum'y 
,Eiche', jFichte', die ursprüngliche ist: scrt. aw. dru- ,Baum', altsl. 
drüvo ,Holz', alb. drü ,Holz, Baum', griech. bpOq ,Eiche' (ahd. trog 
,hölzernes Gefäss') — altsl. drivo i^dervo-) ,Holz', got. triu {^drevo-) 
,Baum', lit. derwä ,Kienholz*, mhd. zirhe, zirbel ,Zirbelfichte', altn. tyrr 
,Föhre^ (ndl. teer, altn. tjara) — scrt. dä'ru- ,Holz', deva-därur ,Fichte', 
aw. däuru' ,Holz' (griech. böpu ,Speer'), Aujpiq ,Holzland*, maked. 
bdpuXXo^ ,Eiche', ir. dair, daur ,Eiche*, lat. larix (*darix) ,Lärche'. 
Im Slavischen heisst die Eiche dqbü = ahd. zimbar ,Bauholz'. Lat. 
röbur und lit. äuiülas sind dunkel. Griech. qpriTÖq s. u. Buche. — 
S. auch u. Wald, Waldbäume. Über die Eiche im Kultus s. u. Tempel. 
Eichelnahrnng; s. Obstbau und Baumzucht. 
Eichhorn. Das Tierchen wird früher in der lateinischen Ent- 
lehnung sciürus (Varro) als in dem griech. Original aKtoupoq (Oppian) 
genannt. Die Stelle bei Oppian Gyn. II, 586 lautet: 

Xeiiruj Ka\ Xdatov fivoq ouTibavoio (TKioupou, 
öq pa vii Toi Oepouq jueadiou q)XoT€p4(Ti dv ujpmq 
oupf|V dvieXXei aK^rraq auTopöqpoio ^eXdOpou. 



Eichhorn — Eid. 165 

Wie aus diesen Versen hervorgeht, deuteten die Alten ihr (JKioupo^ 
als das Tier, das sich mit dem Schwanz (oupä) Schatten (cXKiä) zuwedelt ; 
doch liegen diese Bestandteile kaum von Haus aus in dem Wort, das 
vielleicht aus einem dem ahd. sceri ,schneir entsprechenden griech. Wort 
volksetymologisch verstümmelt ist. Auch die germanischen Ausdrücke 
ahd. eihhom, agls. dcweornay altn. ikorne (aber eiJc ,Eiche') haben wohl 
von Haus aus nichts mit eiche — der gewöhnliche Aufenthalt des Tieres 
sind vielmehr Nadelwälder — und sicher nichts mit hörn zu thun. 
Wir haben wohl eine Diminutivbildung, vielleicht von einem einfachen 
Adjektiv wie *aikva-, ^iJcva- (: scrt. ej ,sich bewegen') mit der Bedeu- 
tung ,schneir, ,behend' vor uns (anders R. Much Z. f. deutsches Altert. 
XLII, 166; vgl. auch H. Palander Die ahd. Tieniamen S. 66). 

Slavisch heisst das Tier altsl. veverica (altpr. wetoarey lit. tootoerS). 
Hieraus wird, als auf den Wegen des Pelzhandels entlehnt, lat. viverra 
jFrettchen' erklärt, das einmal bei Plinius vorkommt. Vielleicht erweist 
sich das slavische Wort durch Vergleichung mit den keltischen ir. 
feoragh ,Eichhömchen', kymr. gwywerj bret. gwiber {*vever-) id. als 
vorhistorisch. Vgl. noch slav. helka : helü ,weiss'. 

Im äussersten Nord- Osten Europas gilt das Fell des Eichhörnchens 
als Geld oder Tauschmittel. Russ. helka ist eine Art alter Münze, 
in mehreren ural-altaischen Sprachen werden die russischen Kopeken 
mit Namen des Eichhörnchens benannt. Im Wogulischen heisst der 
Rubel iet-lin = 100 Eichhörnchen. Schliesslich ist auf russ. vekm 
jEichhörnchen' zu verweisen, das ebenfalls im Altrussischen eine Art 
Tausehmittel bezeichnet und für orientalischen Ursprungs gehalten wird 
(vgl. Miklosich Et. W.). S. u. Geld. 

Eid. Die Bekanntschaft der Indogennanen mit diesem für die 
Religions- und Rechtsgeschichte gleich wichtigen Begriff wird durch 
die Gleichung scrt. am (vgl. Aufrecht Rhein. Mus. XL, 160) = 
griech. 6^vu^i, ital. omn- (osk. urtam liisd paam omhnfajvt quasi pro- 
missnm solvit, quod voverat, pälign. omnitu ecuc elisuist votum hoc 
solutum est iussu Uraniae; vgl. Bücheier Lex. lt. XVIII) erwiesen. 
Hierzu treten ergänzend die slavisch-armenische Reihe : altsl. rata ,Eid' 
= armen, erdnum »schwöre' (osset. ard ,EidO und die keltisch-germa- 
nische : ir. öeth = gemeingerm. got. aips. Auch aus gemeinkeit. ir. luige 
,Eid' : got. liugan ,heiraten' (vgl. ahd. eidum ,Schwiegersohn' : ahd. 
eid) scheint sich eine alte Bezeichnung unseres Begriffes folgern zu 
lassen. Die Wurzelbedeutung aller dieser Wörter ist noch nicht sicher 
ermittelt (zu ir. öeth, got. aips vgl. Osthoff B. B. XXIV, 199V 

Deutlicher legt das Einzelsprachliche von der Natur des ältesten 
Eides Zeugnis ab. 

Schwören ist zunächst soviel wie fluchen, sich verfluchen für den 
Fall, dass man die Unwahrheit sagen oder etwas Versprochenes nicht 
thun sollte. Dies zeigen scrt. gapätha-, gdpana-, gaptd- , Fluch, Schwur' : 



166 Eid. 

scrt. qap ,fluchen', Med. ,8ich fluchen', ,8chwören' und altsl. kl^ti, aitpr. 
klantit ^fluchen', altsl. Jclqti 8^ ^schwören' (vgl. auch lat. exsecrari : 
sacramentum, engl, oath ,Schwur', ,Flueh*, swear ^fluchen, schwören'; 
weiteres bei Osthoff a. a. 0.). Diese Selbstverwünschung wird mit 
feierlicher und pathetischer Stimme ganz wie ein Zauberspruch (s. u. 
Dichtkunst, Dichter) vorgetragen. Hiervon scheint die gemein- 
germ. Sippe von got. swaran, swör ,schwören' hergenommen zu sein, 
deren Grundbedeutung (vgl. auch altn. svara ,antworten\ agls. and- 
swaru , Antwort*) wohl war ,mit lauter, halbsingender Stimme etwas 
äussern'. Etymologisch vergleicht sich scrt. svära-, svärä- ,Ton, Schall, 
Stimme' und urkelt. *8verö ,singe' (ir. sibrase gl. modulabor, sirecht 
jMelodie', auch lat. 8U8urrus\ vgl. Stokes ürkelt. Sprachschatz S. 323). 
Dabei ist es wesentlich, dass man einen Gegenstand berührt, der 
einem im Falle des Trugs Verderben bringen oder Verderben leiden 
soll (s. u.). Schwören ist daher auch soviel wie berühren, wie ir. tong^ 
kymr. tyngu ,schwöre' : lat. tango und altsl. prisqga ,Eid', prisqgati 
,schwören' : prisqgnqti ,berühren' (vgl. Miklosich Denkschr. d. Wiener 
Ak. phil.-hist. Kl. XXIV, 44) zeigen. Auf die Bedeutung des Eides 
als eines Rechtsmittels weist lat. iürare, iüramentum, itis iüranduni 
: iu8 hin (s. u. Recht), und auch schwed. lag , Gesetz' kann schlechthin fftr 
,Eid' gebraucht werden. Noch keine sichere Erklärung hat das griech. 
öpKo? ,Eid' gefanden. Es bezeichnet zunächst den Gegenstand, bei 
dem man schwört (ZruYÖq öbujp 8ctt€ jlx^ti^Jto^ ßpKO? ireXci), und ist 
vielleicht ebenfalls mit dem oben genannten scrt. 8var ,tönen, besingen' 
(cxFop-KO-q) zu verbinden, während es andere mit ^'pxo^ vereinigen und 
als ,Schranke* deuten möchten, „durch die man gehalten sei, etwas zu 
thun". Für die letztere Auffassung könnte man sich auf alb. be ,Eid* 
= altsl. b^a ,Not, Zwang' berufen. 

'Wenden wir uns zu den historischen Nachrichten, so ist der ger- 
manische Eid auf einer sehr primitiven Stufe stehen geblieben, wenn 
derselbe von Amira in Pauls GrundrissII, 2, 193 richtig charakterisiert 
wird: „Der Eid ist Gewährleistung für die Verlässigkeit des eigenen Wortes 
durch Einsatz eines Gutes für dessen Wahrheit. Diese Gewährleistung' 
geschieht durch formelhaftes, ursprünglich zauberisches Reden, das 
„Schwören". Dass dabei die Gottheit angerufen („beschworen") werde, 
ist dem heidnischen Eide nicht wesentlich. Es geschieht nur dann, wenn 
der Verlust des eingesetzten Gutes bei „Meineid" gerade durch die 
Gottheit bewirkt werden soll. Auch in diesem Falle ist aber dem Heidentum 
die Vorstellung fremd, dass die Gottheit als Schätzerin der Wahrheit den 
falschen Eid bestrafen werde. Man pflegte ebenso wie eine Gottheit, 
und öfter noch, Sachen zu „beschwören", z. B. die eigenen Waffen, 
das eigene Schiff, das eigene Ross. Dort wie hier soll das Leben des 
Schwörenden eingesetzt sein, dort die Gottheit, hier die Waffe, das 
Schiff, das Ross ihm den Tod bringen, wenn der Eid falsch ist." VgL 



Eid. 167 

näheres bei Vigf usson Corpus Poeticum Boreale I, 422 ff. Als Beispiel 
eines altgennanisehen Eides sei der in der Völundarkvi])a von Völnnd 
(Wieland) geforderte angeführt: 

„Erst sollst Du mir alle Eide schwören 

bei des Schiffes Bord und des Schildes Rand, 

bei der Schneide des Schwerts und dem Schenkel des RosseS; 

dass du Völunds Gattin nicht Weh bereitest (Gering). 
Auch den indischen Eid behandelt Oldenberg Die Religion des 
Veda S. 520 mehr unter dem Gesichtspunkt der Zauberei als unter 
dem der Religion: „Der Eid ist ein Fluch, den man gegen sich selbst 
richtet, sofern man sein Wort brechen wird oder sofern man die Un- 
wahrheit gesagt hat. Man setzt sein Leben, der Seinigen Leben, seine 
Lebensgüter im Diesseits und Jenseits — eventuell auch irgend welche 
bestimmte unter diesen Gütern — für die Wahrheit seines Wortes ein; 
mit der Formel, welche das Unglück auf die eigene Person herabruft, 
können sich Geberden oder symbolische Akte verbinden, in welchen 
sich ein die feindlichen Mächte herbeiziehender Zauber darstellt." 
Unter diesen tritt besonders der Gestus des sich selbst Berührens 
hervor, durch den die bösen Mächte auf das Haupt des Schwörenden 
gelenkt werden sollen. Nach der späteren Litteratur soll der Kshatriya 
bei seinem Wagen, seinem Reittier, seinen Waffen schwören. Dabei 
soll er diese Dinge berühren und sagen: „Mögen sie für mich nutzlos 
werden". Nur der Brahmane soll bei der Wahrheit (satyäm) den Eid 
leisten, worin Oldenberg a. a. 0. S. 520^ mit Recht „eine relativ 
moderne Vergeistigung des Eides" erblickt. Als Zeuge wird zwar schon 
in einem alten vedischen Vers der Gott Varuna angerufen; aber diese 
Anteilnahme der Himmlischen ist doch weit davon entfernt, einen 
wesentlichen Bestandteil des altindischen Eides auszumachen. 

Anders bei Griechen und Römern, deren Eide schon in der ältesten 
historischen Zeit eine geläuterte Gestalt zeigen. Bei beiden Völkern 
müssen die Götter angerufen werden, sowohl um als Zeugen des aus- 
gestossenen Fluches gegenwärtig zu sein, als auch, um ihn im Falle des 
Meineids zu vollstrecken. So schwört man bei Homer z. B. IL XIX, 258: 
icJTU) vöv Zevq TtpoiTa, Beuiv ÖTrato? xai fipicTTO?, 
Tfi T€ Kai 'H^Xio? Ktti 'Epivüeq, ai0' uttö Tciictv 
dv9pa)7TOu^ Tivuvrai, öixq k'^ttiopkov ö^6(T(Tr|. 

el b€ Ti TÜüvb' dTTiopKOv, ^jLxoi Gcoi &\^ea boiev 
TToXXd jLidX', ocTcra biboöcTiv öti^ acp' dXiTTiTai öjaöcTcra^, 

oder IL III, 276, wo Agamemnon sagt: 

Zeu Ttdrep, "IbriÖcv laebeuüv, KiibicTTe, jLxeTicTTe, 
'H^Xiö^ 8', 8^ TidvT' ^qpopqi? Kai Tidvi' dTiaKoOei^, 
Ktti TTorajüioi Kai faia, Kai rfi ÜTievepee KajLxövxag 
dvGpuiTtou? TivuaGov, öiiq k'^ttiopkov öjLXÖcTCTr], 

UJLXei^ jLidpTUpOl fcTTC, q)uXd(JCT6T€ b' ÖpKia TTlCTTd, 



168 Eid. 

und die Achaeer im Hinblick aaf den beim Eidopfer ausgegossenen 
Wein hinzufügen: 

Zeö KubicTTe jLX€TicTT€, xal dOdvaTOi 9€ol &\\ox, 

ÖTtTTÖTepoi TTpÖTcpoi uTTEp ßpKia TTiijLiriveiav, 

(hbi (jq)' dTK^cpaXo^ x^t^oi^i? {^^ox dx; &be olvoq, 

auTU)v Ktti T€K^u)v, fiXoxoi b* äXXoicTi ba^ei€v. 
Auch Berührungen seitens der Schwörenden sind bei den Griechen 
von Homer an ganz gewöhnlich. So soll II. XXHI, 580 AT. Archilochos 
dem Menelaos schwören, dass er ihn beim Wagenrennen nicht vor- 
sätzlich tibervorteilt habe. Er soll dabei vor sein Gespann treten, die 
Peitsche in die Hand nehmen, die Pferde berühren und bei Poseidon 
den Eid leisten. Der zu Grunde liegende Gedanke ist gewiss auch 
hier, dass im Falle des Meineids Unheil auf die Häupter der Pferde 
herabgeleitet >verden soll, oder dass sie ihrem Besitzer Verderben bringen 
mögen. Auch bei seinen WaflFen, seiner Lanze, seinem Schwert schwört 
der griechische Held wie der germanische und indische und in dem 
gleichen Sinne (vgl. Sittl Gebärden der Griechen und Römer S. 139*). — 
Nicht weniger wird in den alt römischen Eidesformulierungen 
Jupiter ständig als Zeuge und Vollstrecker der von den Göttern ver- 
hängten Strafe des Eidbruches herbeigerufen. Vgl. z. B. Liv. I, 24, 8: 
Juppifer populurn Romanum sie feritOy ut ego hunc porcum hie 
hodie feriam tantoque magis ferito, quanto magis potes pollesque. 
Indessen ist gerade auf römischem Boden eine weitaus ältere Eides- 
formel bezeugt. Aus Anlass der Handelsverträge zwischen Karthagern 
und Römern teilt Polybius HI, 25, 6 flF. (vgl. dazu C. Wunderer Philo- 
logns N. F. X, 189 ff.) die Eide mit, welche dabei gesprochen wurden: 
Töv bfe öpKOv öjuviieiv fbei toioötov, Kapxr|boviou^ ^ev tou^ Beou? tou^ 
iTaTp4J0u^, TuüjLxaiouq bt im jiifev tuiv TipujTUJV cTuv9r|Kaiv b i d X i 9 uj v 
(so die besten Handschriften) Kaxd ti TiaXaiöv JOo?, ^m bk toütuiv 
TÖV "Apriv Ktti 'EvudXiov. fern bk tö bid XiGuiv toioOtov* Xaßibv eiq 
Tfivx^^P« Xi6ov6 Ttoioujuevoq rd öpKia irepi tuiv cruv8r|KWV, ^Treibdv 
d)Li6cTr| brmocTiqi TiicTTei, X^t€i tdbe • euopKoOvn juev jiioi €\r\ t' dTci9d ' el 
W &\\{jjq biavoTiOeiTiv ti f| TipdHaiiai, irdvTUüV tojv dXXujv cTuJZ[o^^vuJV dv 
Ttti^ Ibiai^ TraTpicTiv, ^v roTq Ibioi? v6|lioi^, im tujv Ibiujv ßiujv, lepoiv, 
Tdqpujv, dytü juövo^ iKniaoi^i outuü? üx; 6be XiGo^ vOv. Kai 
TaÖT eliribv ^itttci töv XiGov ^k Tfj^ x^Jpö^. Es werden hier also 
aufs deutlichste zwei römische Eidesformeln unterschieden, eine jüngere 
mit Anrufung der Götter (des Mars und Quirinus) und eine ältere, 
ohne solche, tö bid Xiduv genannt. Der Schwörende nimmt einen 
Stein in die Hand und erklärt, er wolle so wie dieser Stein fortge- 
schleudert werden (^ktt^ctoiilii), wenn er sein Wort breche, d. h. er ruft 
im Falle seines Meineides das schwerste Geschick, welches jemanden 
in alten Zeiten treffen kann, auf sich herab, die Ausstossung aus dem 
Stamm (s. u. Strafe). Noch nicht völlig aufgeklärt ist der Zusammen* 



Eid — Eidechse. 169 

hang, in dem diese letztere Art des Schwures mit der von Cicero an 
bezeugten Wendung lovem lapidem iurare (vgl. Wunderer a. a. 0.) 
steht. Charakteristisch bleibt jedenfalls für die von Polybius über- 
lieferte Eidesformel bid Xi9ujv, dass „hier der Gedanke, der Meineidige 
werde von Zeuss getroffen, noch ganz fehlt". — So ergiebt sich der 
älteste Eid auf idg. Boden als ein Fluch, den man für den Fall des 
Meineides gegen sich selbst ausspricht, als ein Zauber, den man gegen 
sieh selbst herbeiruft. Man berührt dabei sieh selber oder einen anderen 
Gegenstand in dem Gedanken, dass das Berührte, wenn man falsch 
schwöre, dem Verderben ausgesetzt sein oder Verderben bringen solle. 
Auch andere symbolische Handinngen dieser Art (Steinwurf, Tötung 
eines Opfertieres, Trankausgiessung) nimmt man dabei vor. Die Götter 
aber ruft man noch nicht als Zeugen oder Vollstrecker des 
Eides an, aus dem einfachen Grunde, weil man sie noch nicht als 
ethische Persönlichkeiten und vor allem noch nicht als Hüter ewiger 
Wahrheit kennt (s. u. Religion). 

Der Eid tritt, wie aus dem obigen hervorgeht, bei den idg. Völkern vor- 
nehmlich bei Vertragsabschlüssen mit anderen Völkern und Stämmen 
hervor. Dies gilt auch von den Slaven, bei denen schon in dem Ver- 
trag des Oleg vom Jahre 911 zwischen Griechen und Russen bestimmt 
wird, dass jeder nach seinem Glauben schwören solle (vgl. Ewers Das 
älteste Recht der Russen S. 132). Auch als juristisches Beweismittel 
wird der Eid früh benutzt worden sein. Als solches schreibt ihn 
bereits das Gesetzbuch des Manu (VIII, 109 f. ed. Bühler) vor: „//* 
tiDO (parties) dispute about matters for tohich no witnesses are avai- 
lable, and the (judge) is undble to really ascertain the truth, he 
may cause it to he discovered even by an oath. Both by the great 
sages and the gods oaths have been taJcen for the purpose of [deci- 
ding doubtful) matters; and Vasishfha even swore an oath before 
hing (Sudäs), the son of Pijavana.^ Doch scheint es, dass hier der 
Eid mit einem andern uralten Beweismittel, dem Gottesurteil (s. d.), 
zusammenfliesst. Über die bei einigen idg. Völkern begegnende Sitte, 
auf einen Ring den Eid zu leisten, und über Ringfunde dieser Art 
vgl. den Aufsatz Die Eid- und Schwurringe bei den arischen Völkern 
Globus XIII, 329, XIV, 176 flF. (über den altn. baug-eidr vgl. auch 
Vigfusson a. a. 0.). Einen Vergleich zwischen dem Eid der idg. Völker 
mit dem der Juden zieht Leist Grücoitalische Rechtsgeschichte S. 74 f. 
(vgl. anch S. 227 (F.), dem wir nur zum Teil folgen können. 

Eideelise. Tier mit reicher, aber noch vielfach dunkler, keine 
Spur von Verwandtschaft verratender Terminologie. Griech. craupa, 
<raöpo^ (: (TauXö^ ,niedlich'?), ttittciXo^ (Hes. : scrt. pingala- ,braun'), d- 
<TKdXu)ßo<;, cTKaXaßuiTTi?, KUiXuitn? (" kuiXov, Glied'?), xa^»<i^> ^Iirvi^, buTvi(;; 
lat. stellio (: Stella, etwa ,gestirnt'? oder aus *ster4io mit altsl. ja- 
Meru ^Eidechse', altpr. e-stureyto id. vereinbar?), lacerta (: lacertus 



170 Eidechse — • Eisrentum. 



ö' 



jMusker?), 8ci7icu8] ahd. egi-deJisa (weiteres bei Kluge Et. W. ^), agl& 
efeta (engl, newt aus an eict); lit. drüz'as. Dunkle keltische Namen 
vgl. bei Zeuss Gr. Celt.* p. 1075. Auf Entlehnung beruht die Reihe: 
hebr. sab ,eine Eidecbsenart', griech (Trji|i ,giftige Schlange' und »eine 
Eidechsenart', lat. seps, alb. sapi ,Eidech8e' (vgl. G. Meyer Et. W. 
S. 399 und Lewy Semit. Fremdw. S. 14). Ein ionisch-griechischer 
Name der Eidechse war nach Herodot II, 69 xpoKÖbeiXo^ (: KpoKO^ 
,Safran' nach der Farbe?), mit dem die Hellenen aber das Krokodil 
benannten, als es ihnen in Ägypten bekannt wurde. Die Ägypter hätten 
nach Herodot die Tiere xaiii^ax genannt; doch ist der altägyptische 
Name meshu. Über xaMciiXeuiv, ebenfalls eine Eidechsenart, vgl. Lewy 
a. a. 0. S. 14. — Als die Kunde von Krokodilen, Flusspferden und von 
anderen ausländischen und im Wasser lebenden Ungeheuern zu den 
germanischen Völkern drang, benannten die letzteren sie mit einem 
gemeingerm. Ausdruck ahd. nihhus, agls. nicor, altn. nykr ,Nix', der 
in der germanischen Urzeit einen märchenhaften Seegeist in tierischer 
Gestalt bezeichnet hatte. 

Eigenname, s. Name. 

Eigentnm. Da der Grund und Boden (scrt. budhnd- = griech. 
TruO^rjv, lat. fmidus, ahd. bodam), wie u. Ackerbau gezeigt ist, bei 
einzelnen idg. Völkern noch bis tief in die historischen Zeiten der 
Sippe, bezüglich dem Stamm angehört hat, so kann sich der Begriff 
des Sondereigentums bei den Indogermanen nicht an der „liegenden^, 
sondern nur an der „fahrenden" Habe (scrt. drävina- : dru ,lanfen', 
lat. res mobiles, griech. dqpavr)^ : q)av€pä ,res immobiles', mhd. varnde 
guot, fries. drivanda and dreganda; vgl. J. Grimm R.-A. S. 564), 
vor allem also an dem Viehstande, entwickelt haben. In sehr charakte- 
ristischer Weise ist denn auch die älteste technische Benennung des 
Privatvermögens im Lateinischen pecünia ,Viehstand' und familia 
,Häuslerschaft', beide zusammen oder jedes für sich (vgl. Mommsen 
Staatsrecht III, 1 S. 22). Auch das Haus wird in der ältesten Zeit, wie bei 
den Germanen (vgl. Much Z. f. deutsches Altert. XXXVI, 121), mit zur 
„Fahrnis" gerechnet worden sein, nicht weil es gefahren wurde, sondern 
wegen seiner leichten, schnellen Abbruch gestattenden Bauart. Endlieb 
lässt sich auch auf rechtsgeschichtlichem Wege zeigen, dass es ur- 
sprünglich einen Eigentumsbegriff hinsichtHch des Grund und Bodens 
nicht gegeben hat; denn die ältesten Formen des Eigentumsprozesses 
haben sich sichtlich an Fahriiis entwickelt, und sind von hier erst auf 
den Liegenschaftsprozess übertragen worden (vgl. Leist Altar. Ins civ* 
II, 297). 

Aber auch hinsichtlich der fahrenden Habe muss für die Ur- 
zeit der Begriff des Sondereigentums mit Einschränkung verstanden 
werden, ü. Familie ist ausführlich dargethan worden, dass wir für die 
idg. Urzeit nicht von der Sonder-, vielmehr von der Grossfamilie oder 



Eigentum. 171 

Hansgemeinschaft auszugehen haben. In einer solchen aber, mögen 
wir uns nun nach Indien (vgl. JoUy Recht und Sitte S. 76) oder zu 
den südlichen Slaven (vgl. Krauss Sitte u. Brauch der Südsl.) wenden, wo 
diese Hansgemeinschaften noch lebendig sind^ gehört die ganze Habe 
nicht dem einzelnen, sondern der Gesamtheit der Familienglieder, 
wenigstens der männlichen, an. Ebenso muss es in der idg. Urzeit 
gewesen sein. Das Vieh, die Wirtschaftsgeräte, der Wirtschaftsertrag, 
kurz alle Habe (scrt. re-, rä- ,Gut, Schatz, Reichtum' = lat. Te% ,Be- 
sitztum, Vermögen', z. B. in rem augere\ scrt. dpnas- ,Ertrag, Besitz, 
Habe' = griech. äqpvo^, äqpevo? ,reichlicher Vorrat') muss Gesamt- 
eigentum gewesen sein, tlber das der jedesmalige *poti' des Hauses 
(s. n. Familie) ein in der ältesten Zeit wohl wenig beschränktes 
Verwaltungsrecht tlbte. Wirkliches Privateigentum werden in der 
Urzeit daher nur Dinge wie für den Mann die Kleider und WaflFen (mhd. 
hergewcete), für die Frauen die Kleider und der Schmuck (mhd. frauen- 
rade) gewesen sein, ein Besitz, der in der Urzeit Überhaupt nicht 
vererbt, sondern nach uraltem Brauch (s. u. Bestattung) dem Toten 
ins Grab mi^egeben wurde. Aus diesem mit dem Toten begrabenen 
oder verbrannten Fahrnis ist das hervorgegangen, was in den germa- 
nischen Rechten als T o t e n t e i 1 {dead mann pari) bezeichnet wird, 
und in christlichen Zeiten sich zu dem der Kirche gebührenden Seel- 
gerät oder Seelschatz umgestaltete (vgl. H. Brunner Das Totenteil in 
germanischen Rechten Z. d. Savigny-Stiftuug XIX, 107 fF. Germ. Abt.). — 
Substantivische Bezeichnungen für die Begrifife des Eigentums und 
Eigentümers waren in der Grundsprache offenbar nicht vorhanden (vgl. 
auch Bernhöft Z. f. vergl. Rechtsvv. I, 19). Will man in der ältesten 
Zeit sein Eigentumsrecht an etwas geltend machen, so bedient man sich 
der Fürwörter. Man sagt im Indischen mamSdam, mamäyam ,dies, 
dieser ist mein', im Lateinischen aio hanc rem meam essey im Sla- 
vischen: ,es ist das raeinige' (Ewers Ältestes Recht d. Russen S. 269). 
Am ältesten wird der Gebrauch des Pronominalstammes *«ro-, *«eüo- 
in diesem Sinne sein. Derselbe war in der Urzeit nicht, wie später, 
auf die dritte Person beschränkt und bedeutete ganz allgemein ,eigen', 
,eigentümlich'. Man konnte damals sagen: aio hanc rem suam esse 
im Sinne von „Ich behaupte, dass die Sache mein (oder unser) Eigen- 
tum ist" (vgl. weiteres bei B. Delbrück Vgl. Synt. 1, 486 ff.). Daher kommt 
es, dass von diesem Stamme ♦äüo- zahlreiche Wörter für Eigentum in den 
Einzelsprachen gebildet worden sind. Vgl. scrt. svam ,Eigentum', svämin- 
,£igeDtümer', svatva-j svämya-y svämitva- ,Eigentumsrecht' (während 
der Begriff des Besitzes durch Ableitungen von der Wurzel bhuj 
,genies6en' ausgedrückt wird), lat. suum ,Eigentum, Besitz', got. swes 
,ouaia, ßio^' (ahd. suäs). Das Rechtssubjekt, dem durch das Pro- 
nomen *svo- etwas als Eigentum zugewiesen wird, kann nach dem 
obigen nur die Familie oder Sippe gewesen sein. Ein noch deutlicherer 



172 Eigentum. 

Hinweis auf dieselbe liegt in dem uralten lateinischen Terminus tech- 
nicus des Eigentumsprozesses, in vindicare, vor. Schon Leist (Altari- 
sches lus civile II, 298) bemerkt, dass der im Vindicationsprozess 
übliche Ausdruck meum est ursprünglich nicht meinen könne: ^es ge- 
hört exclusiv mir, sondern: es gehört zur Hausgemeinschaft'^. 
Dieser Gedanke aber ist unmittelbar in lat vindicare ausgesprochen, 
wenn der erste Bestandteil dieses Wortes (s. ausführlicher u. Familie) 
daselbst richtig mit ir. fine , Grossfamilie' identifiziert worden ist. Vindicare 
bedeutet alsdann geradezu „etwas als zur Hausgemeinschaft gehörig 
bezeichnen". Vgl. auch altn. ödaly ahd. nodal ^Eigentum' : altn. a^aZ, 
ahd. adal ,Geschlecht' (s. u. Stände). 

Was die Benennungen des Eigentümers anbetrifft, so bemerkt 
J. Grimm R.-A. S. 491 hinsichtlich der Germanen folgendes: „Be- 
merkenswert scheint, dass der altdeutschen Sprache substantivische 
Ausdrücke für dominus im Sinne von Eigentümer mangeln, sie muss 
sich der Participien aigandsj eikanti, eigandi oder hahands, habenti 

bedienen Frauja und heriro, herro bezeichnen stets dominus 

(Gebieter) im Gegensatz zu servusj und wir dürfen wohl heute sagen 
„der Herr des Ackers, des Pferdes" (le propri4taire du champ, du 
ckeval), nicht aber ahd. heriro des acchares, les hrosses.^ Ähnlich 
werden im Griechischen Wörter wie beanoT^q oder KÜpio^, im La- 
teinischen dominus (wovon das ganz junge dominium ,Eigentum') im 
Sinne von Eigentümer (einer Sache) eine verhältnismässig späte Stufe 
der Bedeutungsentwicklung darstellen; doch werden im Griechischen 
becTTTÖTTi^ schon bei den Tragikern und im Lateinischen dominus schon 
bei Cicero auch in diesem Sinne gebraucht. Die idg. Ausdrucksweise wird 
in Participien, wie dem oben genannten got. aigands von aigan zu 
suchen sein, das sich durch Vergleichung mit scrt. fge ,habe zu eigen', 
igänä- ,besitzend, herrschend', igä' , Vermögen, Macht' als idg. erweist. 
Vgl. auch got. aigin ja uTrdpxovra', ahd. eikan und got. äihts, ahd. 
^ht ,Habe, Besitz' (osk, eituuam ,pecuniam' aus *eictuam?). 

Wo Hausgemeinschaften, in denen nach dem obigen also alles Gut 
allen gemeinsam ist, von den Berichterstattern alter oder neuerer Zeit 
geschildert werden, wird von ihnen wiederholt hervorgehoben, dass in 
solchen Kulturverhältnissen die uns so natürlich erscheinenden Gegen- 
sätze von Reich und Arm weniger hervortreten. So äussert E. de La- 
veleye Das üreigentum S. 383 hinsichtlich der südslavischen Haus- 
kommunionen: ^Die sozialen Lasten und die Zufälle des Lebens treffen 
eine Familiengenossenschaft weniger schwer, als einen einzelnen Haas- 
stand. Wenn einer der Männer zur Armee einberufen, von einer 
schweren Krankheit betroffen oder sonst zeitweise an der Arbeit ge- 
hindert wird, so verrichten die übrigen seine Geschäfte, und die Ge- 
meinschaft sorgt für seine Bedürfnisse in der Hoffnung auf Gegen- 
seitigkeit Jeder ist Miteigentümer eines Grundstücks und 



Ei^rentum — Eisen. 173 



'e 



wirtschaftet so nur mit eigenem Produktivkapital. Es giebt also weder 
endemischen Pauperismus noch zuföllige Dürftigkeit.^ Ebenso wird 
hinsichtlich der alten Slaven (der liani) in Helmoldi Chron. Slav. II, 
12 (vgl. Krek Einleitung^ S. 361) hervorgehoben: Neque enim aliquis 
egenus auf mendicus apud eos aliquando repertus est, und auch von 
den Spartanern, bei denen die von Lykurg nicht geschaflFene, sondern 
festgehaltene Gleichheit, Geschlossenheit und Uuveräusserlichkeit des 
Grundbesitzes in mancher Beziehung ähnliche Besitzverhältnisse wie in 
jenen slavischen Hauskommunionen hervorgerufen hatte, berichtet Plutarch 
(Lyk. 24): „Es gab keinen Reichtum und keine Armut, wohl aber 
Gleichheit im Wohlstande und Gedeihen in der Einfachheit.** Auch 
wenn man von derartigen Schilderungen die zweifellos idealisierenden 
und übertreibenden Ztlge in Abrechnung bringt, bleibt doch soviel be- 
stehen, dass eine gewisse soziale und wirtschaftliche Gleichheit 
als charakteristisch fflr den BegrifF der Familiengenossenschaft anzusehen 
ist. Ein gleicher Zustand darf daher auch für die idg. Urzeit voraus- 
gesetzt werden, und ein solcher Ansatz findet darin eine Unterstützung, 
dass eine deutliche Terminologie für die BegriflFe Reich und Arm 
(s. d.) in der idg. Grundsprache nicht nachweisbar ist Weiteres hier- 
über 8. u. Stände. 

Dass die Frauen an dem gemeinsamen Familiengut nicht teilnahmen, 
geht schon aus dem bisherigen hervor. Näheres s. u. Erbschaft. 

Die wichtigsten Rechtsverhältnisse, die sich aus der Bewegung des 
Eigentums ergeben, und die Frage ihres Alters auf idg. Boden sind 
u. Handel (Kauf, Verkauf, Tausch), Lohn und Schulden behandelt 
worden, über Vergehen gegen das Eigentum s. u. Diebstahl und 
Raub. 

Eimer, s. Gcfässe. 
Einbaoin, s. Schiff, Schiffahrt. 
Einkorn, s. Weizen und Spelt. 
Einschlag, s. Webstuhl. 
Einzelhof, s. Dorf. 
Eis, 8. Schnee und Eis. 

Eisen. Ausserhalb der beiden klassischen Länder begegnet das 
Eisen in Europa am frühesten auf zwei berühmten, weit von einander 
entfernten Fundstellen: auf dem Gräberfeld von Hallstatt im Salz- 
kammergut und in dem bei dem kleinen Dorfe Marin am Nordende 
des Neuenburger Sees entdeckten Pfahlbau, La Tfene (,die Untiefe') 
genannt. Die erstere Fundstätte ist ohne Zweifel die zeitlich frühere, 
wie schon die reichlichen Bronzesachen zeigen, die neben und mit 
dem Eisen in Hallstatt auftreten. So fanden sich in 538 Gräbern 
mit beerdigten Leichen 18 Waflfen, 37 Geräte und 1543 Schmuck- 
sachen ans Bronze gegenüber 165 Waffen und 42 Geräten aus Eisen, 
in den Brandgräbern kamen auf 455 Gräber 91 Waffen, 55 Geräte, 



174 Eisen. 

1735 Schmuckstücke aus Bronze gegenüber 348 Waffen und 43 Ge- 
räten aus Eisen. Aus letzterem Metall gefertigt sind fast alle Klingen 
der Schwerter, Messer und Dolche, ferner zahlreiche Keile, Äxte und 
Spiesse, auch Nägel, während es im Gegensatz zur Bronze nur selten 
zu Schmuckgegenständen verwendet wurde. Über die Nationalität der 
Anwohner dieses ältesten in Europa nachweisbaren Salzbergwerks ist 
man noch nicht einig. Während der verdienstvolle Bearbeiter der 
Hallstätter Funde, Freiherr von Sacken (Das Grabfeld v. H. Wien 1868), 
«ich für Kelten, speziell für die in dieser Gegend nachgewiesenen 
norischen Taurisker entschied, ist man neuerdings mit Rücksicht auf die 
frühzeitigen Beziehungen, welche zwischen dem Grabfeld von Hallstatt 
und den ältesten italischen Eisenfunden bei Villanova unweit Bologna 
{vgl. ündset Das erste Auftreten des Eisens in Nord-Europa S. 1 S.) 
einerseits, den altgriechischen Ausgrabungen von Olympia (vgl. 
Hörnes im Ausland 1891 S. 281 ff.) andererseits bestehen, geneigt, das 
Gräberfeld von Hallstatt, wenigstens in seinen Anfängen, in eine vor- 
keltische Epoche zu rücken. 

Umso klarer sieht man in diesem Punkte bei den westeuropäischen 
Eisenfunden vonLaTfene (vgl. Hörnes Urgeschichte der Menschheit^ 
S. 147 ff.). Es ist niemals bezweifelt worden, dass dieselben einem kel- 
tischen Stamme angehören und aus der Epoche vor der Eroberung Galliens 
durch Rom stammen. Die gefundenen Waffenstücke entsprechen den auf 
dem alten Schlachtfeld von Alesia an den Tag gekommenen, und zahlreiche 
Nachrichten (s. u. Bergbau) belehren uns, dass die Kelten schon in vor- 
römischer Zeit in den Künsten des Bergbaues, vor allem dem auf Eisen, 
wohlerfahren gewesen sein müssen. Woher freilich die Kelten die erste 
Anregung zur Ausbildung einer nationalen Eisentechnik empfingen, ob 
durch griechisch-massaliotische, oder durch früh italische Einflüsse 
(vgl. bei Plinius Hist. nat. XH, 5 die Sage vom Aufenthalt eines hel- 
vetischen Bürgers, Helico, in Rom fabrilem ob artem), ist ungewiss. 

Der gemeinkeltische Name des Eisens ist ir. iarn, kymr. haiarrij 
kom. hoern, arem. hoiarn. Er führt auf ein ursprüngliches ^U-arno-j 
(erhalten in dem burgundischen Eigennamen Isarno-dori : Ortus haud 
lange a vicoy cui vetusta paganitas ob celebritatem clausuramque 
fortisiämam superstitiosissimi templi Gallica lingua J. i. e. ferrei 
ostii indidit nomen. V. S. Eugendi Abb. mon. S. Claudii in Bur- 
gundia), und ist- vielleicht eine Weiterbildung aus einem ursprünglichen 
*i8'y das nichts als eine andere Ablautstufe des altindogermanischen 
Wortes für Kupfer: scrt. äyas-, lat. aes^ got. aiz sein könnte. Die Kelten 
würden also das neue Metall, als es ihnen bekannt wurde, mit einer Ab- 
leitung von dem uralten, sonst bei ihnen ausgestorbenen Kupfeniamen be- 
nannt haben. Anders freilich R. Much Z. f. deutsches Altert. XLII, 164, 
der das keltische Wort mit Berufung auf ahd. stahalj altpr. stakla (s. u. 
Ätahl) = aw. stax-ra- ,stark, fest' mit scrt. ishirä- ,erfri8chend, kräftig, 



Eisen, 175 

munter', griech. iepö? ,kräftig', ,lieilig' verknüpfen möchte, deren Be- 
deutung aber doch eine andere als die des iranischen Wortes ist. 

Noch verdient hervorgehoben zu werden, dass ein Beweis für die 
wichtige Rolle, welche das Eisen in der keltischen Kulturgeschichte 
spielte, dem Umstand entnommen werden kann, dass überaus häufig 
der Stamm Hs-arno- in allen keltischen Sprachen zur Bildung von 
Eigennamen verwendet wird. Vgl. altgall. Iserninus (ein Begleiter S. 
Patricks), abret. Cat-ihernus, Plebs Hoiernin, kymr. u. arem. Haiarn^ 
Hoiarnscoety Cathoiarn u. s. w. (Zeuss 6r. Celt.^ p. 106 und Stokes 
ürkelt. Sprachschatz S. 25). 

Dieses altgallische *tS'amo' ist nun in einer Zeit, in der das inter- 
vokale 8 noch erhalten war, und zusammen mit mehreren altkeltischen 
Benennungen für Gegenstände der Eisenmanufaktur (s. u. Panzer und 
u. Spiess), in die germanischen Sprachen eingedrungen, wo es zu got. 
eisam, agls. isern, altn. isam (selten), ahd. isam geführt hat (vgl. 
weiteres über die germanischen Formen bei R. Much a. a. 0.). An Ur- 
verwandtschaft der keltisch-germanischen Ausdrücke ist aus allgemeinen 
Gründen, und weil das Suffix -arno- (vgl. Brugmann Grundriss II, 138) 
im Germanischen nicht gebräuchlich ist, schwerlich zu denken. Wann 
dieser Entlehnungsprozess sich abspielte, lässt sich des genauem nicht 
flagen. Die Archäologen (vgl. Montelins Die Kultur Schwedens S. 88) 
rfieken das erste Auftreten des Eisens im Norden in das V. Jahrhun- 
dert V. Chr. und bringen es mit dem späteren Teil der Hallstatt-Periode 
in Verbindung. Au diesen schliesst sich dann die La Tfene-Periode, 
die ihren Einfluss weit über keltischen Boden hinaus bis hoch nach 
Skandinavien (vgl. über die ältesten dänischen Eisenfunde in den 
Brandgräbem von Bomholm S. Müller Nordische Altertumsk. II, 16 ff.) 
äussert. In dieser Zeit, etwa in dem Zeitalter Alexanders des 
Grossen, werden sich die keltischen Wörter für Eisen im Germanischen 
festg:esetzt haben. Nach Tacitus Germ. Cap. 6 zwar wäre Eisen in 
Deutschland noch zu seiner Zeit nicht in Überfluss vorhanden gewesen 
{ne ferrum quidem superest). Aber es werden doch von ihm selbst so 
viele ganz oder teilweis eiserne Gegenstände genannt, Schwerter in 
Tcrschiedenen Gestalten, Lanzen, frameaej Panzer, Helme, Ringe u. s. w., 
dass die Ver^vendung dieses Metalles, natürlich im Vergleich mit Rom 
in bescheidenen Grenzen, immerhin eine nicht unbedeutende gewesen 
sein mnss. 

Wenn so die Geschichte des Eisens im Westen und in der Mitte 
des nördlichen Europas ziemlich deutlich vor uns liegt, so ist dies in 
geringerem Masse hinsichtlich des Ostens der Fall. Der litu*slavische 
Sprachzweig wird durch eine gemeinsame Benennung des Eisens ver- 
banden : lit. geleils, altpr. gelsOy altsl. zelezOy die jedenfalls nichts mit 
den keltisch-germanischen Ausdrücken zu thun hat. Gewöhnlich werden 
die genannten Wörter mit dem griech. xci^i^ö^ , Kupfer, Erz' verbunden. 



17^) Eisen. 

Ist dies richtig (es wird bezweifelt von Kretsehmer Einleitung S. 187 f.)^ 
so würde hier ein ähnlicher Bedeutungsübergang wie im Keltischen 
(s. o.) vorliegen: ein altes Wort für Kupfer hätte sich später im Sinne 
von Eisen festgesetzt. Über die Seite, von der her die Slaven und 
Litauer, bei denen noch zur Zeit des Tacitus (Germ. Cap. 45) das Eisen 
selten, war, das neue Metall empfingen, wissen wir nichts sicheres. 
Man kann an einen frühen Handel mit den pontischen Griechenstädten 
(s. u.) oder an iranische Einflüsse denken. Jedenfalls war bei den den 
Iraniern stammverwandten Skythen schon zu Herodots Zeit das Eisen 
eine bekannte Sache, so dass der Kriegsgott bei ihnen unter dem 
Bilde eines eisernen Säbels (cxibripeoq dKivdKti?) verehrt wurde (Herod. 
IV, 62). Noch weiter östlich, in der finnischen Welt, begegnen sich 
sprachlich germanische und iranische Einflüsse. Die Westfinnen haben 
für Eisen (finn. rauta) einen altnordischen Ausdruck (altn. räudig ur- 
sprünglich ebenfalls ,Kupfer' s. d.), die ostfinnischen Idiome (ostjak. 
Tcarte u. s. w.) bedienen sich eines iranischen Lehnwortes (aw. Tcareta-, 
eigentl. ,Me8ser'; s. u. Schwert). 

Nicht weniger als für den Norden Europas lässt sich aber ein verhältnis- 
mässig spätes Auftreten des Eisens für den Süden unseres Erdteils 
erhärten. Und zwar sind es, was zunächst die Balkanhalbinsel be- 
trifft, folgende Gesichtspunkte, welche in dieser Frage entscheidend in& 
Gewicht fallen: 1. Die mykenischen Funde gehören dem Bronze- 
alter an; einige eiserne Messer und Schlüssel sind allerdings gefunden 
worden, werden aber von Schliemann mit Rücksicht auf ihre Form 
(Mykenae S. 83) in eine wesentlich spätere Zeit gesetzt. Älter dürften 
einige eiserne nach Schliemann in der Unterstadt entdeckte Ringe 
(vgl. Schuchardt Ausgrabungen S. 332) sein, wie sie von den Lace- 
dämoniern (Plin. Hist. nat. XXXIII, 9) getragen wurden. Auf jeden 
Fall zeigt sich aber, dass das Eisen innerhalb der mykenischen Periode 
äusserst selten gewesen ist. 2. Das homerische Zeitalter selbst 
befindet sich in einer Art Übergangsperiode von der Bronze zum 
Eisen. Als aus letzterem Metall gefertigt werden in der Ilias bezeichnet: 
eine Keule, ein Messer, eine Pfeilspitze, eine Axt, eine Achse und 
Thore, in der Odyssee: eine Axt und Fesseln. Dazu vgl. den Vers 
der Odyssee (XVI, 294) aurö^ t^P ^q)^XK€Tai ävbpa (jibripo^, was sich 
auf eiserne Waffen zu beziehen scheint, und die Stelle der Ilias XXIII, 
825 ff., an der Achilleus einen rohen Eisenklumpen als Preis aussetzt: 
Ö€i jLiiv Kai 7r^vT€ TrepmXojLievou^ dviaurou^ 
Xpeuijuevo? • ou jafev t^P o\ dTCjLißöjLievö? Y€ (Tibripou 
TTOi^fiv oub' dpOT^ip eT(r* d? ttöXiv, dXXd Trapäci. 
Im übrigen sind alle Waffen und Werkzeuge noch als aus Erz herge- 
stellt gedacht. Auf die Frage, ob in den einzelnen Teilen der Ilias and 
Odyssee oder in dem Verhältnis der beiden Gedichte zu einander eine 
fortschreitende Verwendung des Eisens nachgewiesen werden könne. 



Eisen. 177 

sei hier nicht eingegangen. Sie scheint nach der Untersuchung von F. B. 
Jevons (Journal of Hellenic studies VIII, 25 ff.) nicht bejaht werden zu 
können. 3. Dem vorhergehenden entsprechend erweist sich x«^k6^ 
dem (Jibripo^ gegenüber als ein älterer Bestandteil der griechischen 
Sprache. Der älteste Name des Schmiedes^ x^^^eü^, und der Schmiede, 
XaXK€u»v, ist von xakKO-^ nicht von (Tibr]po- gebildet. Schon in home- 
rischer Zeit entspriessen dem ersteren eine Menge Ableitungen (xdX- 
K€oq, xaXK€io^, xaXK€\3^, xaXKeuu), x^^^^^v, xa^^/iio?; Xct^^HPH?)? während 
neben ai5r]po^ nur oibripeo^ vorkommt. Personennamen werden, was 
die Nutzmetalle anbetrifft, im wesentlichen nur von x^^^o^ gebildet. 
4. Die Alten scheinen nach den Worten des Hesiod (vgl. auch Lucrez 
V, 1285 ff.), nach denen die Menschen des dritten Zeitaltei-s: 

XaXKuj b' eipToZovTO* ^^Xa^ b' ouk fcTKC aibripoq, 
selbst noch eine Ahnung von dem einstigen Bestehen eines reinen Bronze- 
alters gehabt zu haben, und eine ganz bestimmte Tradition bezüglich der 
Herkunft des Eisens hat sich in Griechenland erhalten, deren erste 
Spur sich in dem epischen Fragment der Phoronis (vgl. Sehol. zu Apoll. 
Arg. I, 1126) findet: 

''EvGa T6r|T€5, 
'IbaToi 0puT€5 ävbpe^ öp^crtepoi oIkC fvaiov, 
KdX^iq, AajiivaiLi6V€u^ t€ jii^Tct^ kqI uirepßio^ ''AKjLiUJV, 
EuTidXajLiOi 9€pd7rovT€^ 6p6ir|^ 'Abpr^cTTeiri?, 
0*1 TTpujTOi T^xvTiv 7roXu)LiT]Tio5 *H(paicTTOio 
Eupov iv oöp€iir)(Ti vdTTai? iöevTa (Jibripov 
'E^ TTup t' f^ve^xav xal dpiirpeirfe? fpTOV fbeiEav. 
Seitdem wird der phrygische Ida als Erzeugungsstätte des Eisens oft 
genannt. 

Das griech. cibripo^ selbst ist noch nicht sicher erklärt. Man hat 
es aus idg. Wuiv.eln zu deuten versucht (cribr]po^ ,da8 ausgeschmolzene' : 
scrt. svid'itä- jgeschmolzen', svedani- ,ei8erne Pfanne'), man hat es 
an nordkleinasiatische (Zibn, Zibrivri; vgl. H. Brunnhofer, Fernschau, 
Aarau 1886 p. 59) oder an lykische (Zibapoöq, Zibripoög) Ortsnamen 
anzuknüpfen versucht u, s. w. Am wahrscheinlichsten bleibt seine 
Verbindung mit dem von Toniaschek (Z. f. o. Phil. I, 125) beige- 
brachten kaukasischen (udischen) zido ,Eisen'. Aus der Nachbar- 
schaft des Kaukasus ist jedenfalls das griechische (nachhomerische) 
XöXuv ,der Stahl', eigentlich ,der Chalyber' ausgegangen, wie denn 
die (TibripoT^KTOve^ XdXu߀^ schon von Aeschylus Prom. 715 genannt 
werden (weiteres s. u. Bergbau). Ebenso ist vom Kaukasus das 
armenische Wort für Eisen abgeleitet: erJcat (nach arcat ,Silber') 
von georgisch rJcina ,Eisen', lasisch erkina desgl., rJcina ,Messer'. 

Zn weniger Bemerkungen bieten die Verhältnisse der Apenninhalb- 
insel Anlass. In den Pfahlbauten der Poebene wurde noch kein Eisen 
gefunden. Der ältesten Eisenfunde auf italischem Boden in der Um- 

Schrader, Beallexikon. 12 



178 Eisen. 

gebung voD Bologna ist schon oben Erwähnung gethan; doch wissen 
wir nicht, welchem Volke sie angehören. Im alten Rom muss zwar 
schon zur Königszeit das Eisen häufig gewesen sein, da Porsina bei 
dem Fricdensschluss den Römern den Gebrauch des Eisens ausser za 
Ackerbauzwecken verbot {ne ferro nisi in agri cultu uteretur; vgl. 
Plinius XXXIV, 139); doch fehlt es nicht an deutlichen Spuren, dass 
auch auf römischem Boden der Gebrauch des Erzes dem des Eisens 
voraufging. Vor allem schliesseu die Kultussatzungen den Gebrauch 
des Eisens überall ursprünglich aus. In ehernem Siebe musste die 
Vestalin das Feuer in den Tempel tragen (vgl. Festus Pauli ed. C. 0. Müller 
p. 106: Ignis Vestae si quando interstinctus essety virgines ver- 
heribus affidebanttir a pontifice, quibus mos erat tabulam felicu 
materiae tamdiu terebrare, quousque exceptiim ignem cribro aeneo 
virgo in aedem ferret), mit ehernem Messer musste sich der 
Flamen Dialis rasieren, mit ehernem Pflug musste bei Städtegrün- 
dungen der Umriss einer Niederlassung gezogen werden (vgl. die 
Belege hierfür und weiteres bei Heibig Die Italiker in der Poebene 
S. 80 f.). 

Dem zu Folge wird auch das lateinische Wort für Eisen, ferrumy 
wenigstens in diesem Sinne, verhältnismässig jung auf lateinischem 
Boden sein. Man hat für ferrum (das aus ^fers-o-ntj ^bhers-o-m ent- 
standen sein kann) an Verbindung mit einem unten zu nennenden sumerisch- 
semitischen Namen des Eisens gedacht, oder es zu dem innerhalb des 
Germanischen ganz allein stehenden agls. brces, engl, brass ,Erz' ge- 
stellt (vgl. oben lit. geleils ,Eisen' : griech. xciXkö^ ,Erz'). Eine sichere 
Entscheidung kann aber bis jetzt nicht getroffen werden. 

Als völlig dunkel bleibt von europäischen Eisennamen auch noch 
albanesisch hekur zu nennen (Vermutungen über dasselbe bei 
G. Meyer Et. W. S. 150). 

Auch bei den arischen Indogermanen, den Indem und Iraniem, tritt 
das Eisen zweifellos erst nach derBronze auf. Die erste sichere 
Bezeichnung desselben in den vedischen Schriften ist gyämd-, gyämdm 
dyaSf wörtlich «dunkelblaues Erz', so dass also das spätere Eisen vom 
Standpunkt der früheren Bronze aus benannt ist. Die iranischen Namen 
unseres Metalles : npers. ähen, pehl. ästn, kurd. Jiäsin gegenüber afgh. 
öspana, öspina, osset. äfsän^ Pamird. spiu (vgl. Hom Grundriß d. 
npers. Et. S. 14) haben noch keine Erklärung gefunden, doch scheinen 
sie alt und einheimisch zu sein. 

Im Gegensatz zu den Indogermanen verfügen die Semiten in hebr* 
barzel, syr. parzlä, assyr. parzillu über eine uralte gemeinschaftliche 
Benennung des Eisens, die auch im Sumerischen ijbarza) wiederkehrt; 
aber auch antiquarisch lässt sich die Bekanntschaft mit dem Metalle 
in den Euphrat- und Tigrisländern bis ins dritte vorchristliche Jahr- 
tausend zurückführen, wenn es zu einer Verdrängung des Kupfersund 



Eisen — Eisvosrel. 17^ 



'» 



der Bronze durch das Eisen auch hier erst spät gekommen ist (vgl. 
S. Müller Nordische Altertumskunde II, 5). Ebenso hat in Ägypten 
das Eisen erst sehr spät eine praktische Bedeutung erlangt, obgleich es 
(unter dem Namen men und mit dem Zeichen des Kupfers determiniert) 
schon im alten Reiche bekannt war. Vielfach wird es (im Gegen- 
satz zu der roten Bronze durch blaue Farbe kenntlich) auf den Denk- 
mälern von semitischen Völkern her eingeführt (vgl. E. Reyer Alt- 
orientalische Metallurgie Z. d. D. Morgenl. Ges. XXXVIII, 149 flf.). — 
S. u. Erz, Kupfer, Metalle, Schmied, Stahl. 

Eisenkraut ( Verhena ofßcinalis L.), Es wurde in Griechenland 
und Italien als Zauber-, Heil* und Glückspflanze betrachtet und in 
letzterem zu den Pflanzen gerechnet, welche verbenae oder sagmina 
genannt, bei feierlichen Gelegenheiten benutzt zu werden pflegten. Vgl. 
Piinius Hist. nat. XXV, 105: Nulla tarnen Romana e nobiUtatis plus 
habet quam hiera botane. aliqui aristerion, nostri verbenacam 
tocant. haec est quam legatos ferre ad hostes indicavimus. hac 

Jovis mensa verritur, domus purgantur lustranturque utra- 

que {gener a plantae) sortiuntur Galli et praecinunt responsa^ sed 
Magi utique circa hanc insaniunty hac perunctos inpetrare quae 
relint, febres abigere, amicitias conciliare nullique non morbo mederi. 
colligi debere circa canis ortum ita ne luna aut sol conspiciat, favis 
ante et melh terrae ad piamentum datis^ circumscriptam ferro 
effodi sinistra manu etc. In Nordeuropa, bei Germanen und Slaven, 
wird die Pflanze vom Eisen her benannt: ysena (heilige Hildegard), 
isinckletej isenarre^ isere, iiserenbarty isenbart, isenhart (vgl. v. Fischer- 
Benzen Altd. Gartenfl. S. 78), slavisch ebenso mit Ableitungen von 
zelezo ,Eisen' (Nemnich IV, 1553). Diese Namenbildung hat ihr Vor- 
bild im klassischen Altertum, wo Dioskorides neben Trepiaiepeibv ötttio^ 
und zahlreichen anderen Bezeichnungen auch den Ausdruck cTibripiTi^ 
(Lenz Botanik S. 530) überliefert (vgl, oben das ferro effodi bei PL). 
Die Pflanze scheint in ganz Europa einheimisch zu sein. — Andere Heil- 
und Zauberpflanzen s. u. Arzt. 

Eisvogel. Der griech. Name des schon von Homer (II. IX, 569: 

genannten schönen und sagenumwobenen Vogels, dXKuOüv, dXKuiuv wird 
von einigen Etymologen mit dem gleichbedeutenden lat. alcedo und 
einem ganz vereinzelten ahd. alacra ,dohfugar, ,tuhhari', ,mergulus' 
(bei Graflf) verglichen. Nach anderen entspräche dem griech. dXKUÜJV 
Yiehnehr ahd. swalawa, agls. swealwe, altn. svala {*svalgvÖn-) ,Schvvalbe', 
was lautlich korrekt und sachlich wohl angängig wäre, weil der Eis- 
vogel und gewisse Sehwalbenarten (Uferschwalbe, Erdschwalbe) in der 
Art ihr Nest in den Erdboden einzugraben manches Verwandte haben ; 
doch ist bei dieser Annahme das Verhältnis von lat. alcSdo : dXKuu)v dunkel. 
Die im kl. Altertum über den Vogel verbreiteten Nachrichten vgl. bei 



180 Elch, Elentier — Elfenbein, Elefant. 

Aristoteles Hist. anim. V, 8; 2, 3, 4, VIII, 5; 7, IX, 15 u. Lenz Zoologie 
d. Griechen und Römer S. 313 !♦ Vgl. noch griech. laipuXo^ ,da& 
Männchen des Eisvogels'. 

Elch^ Eletitier^ s. Hirsch. 

Elektron^ s. Metalle. 

Elfenbein^ Elefant« Griech. ^X^cpa^ wird bei Homer, Hesiod 
und Pindar, ebenso wie daslat. ehur^ nur in dem Sinne von Elfenbein 
gebraucht, das also frühzeitig und auf weit ausgedehnten Handelswegen 
nach Griechenland und Italien gebracht worden sein mass. Die Heimat 
des Elefanten ist Afrika und Indien; doch müssen auch in Syrien 
zur Zeit der Züge Dhutmes III dahin zahlreiche wilde Elefanten ge- 
lebt haben, von deren Jagd, ebenso wie von Tributleistungen der Ru- 
tennu (Assyrier) an Elfenbein, altägyptische Denkmäler in Wort und 
Bild mehrfach berichten. Auch auf dem berühmten Obelisk Salma- 
nassars des IL sind doppelhöckrige Kamele, Affen, ein Rhinoeeros, 
ein Elefant und ein Jaekochse als Tribut dargestellt, den das Land 
Musri (das östliche Gebirgsland) schickt (vgl. E. Meyer Geschichte des 
Altertums I §§ 220, 338). 

Sehr frühzeitig ist daher der kostbare Stoff in dem kleinasiatischen 
Kulturkreis und in den semitischen Ländern nachzuweisen. In der HL 
Stadt von Ilios sind, ebenso wie in Mykenae, sehr verschiedenartige 
Gegenstände aus Elfenbein gefunden worden. Auf mäonische und 
karische Elfenbeinfärberei deuten die Verse der Ilias IV, 141 f. : 
ib? b' öte Tiq t' dXdcpavta T^vf) q>oiviKi imiaivr) 
M130V1? i\k Kdeipa, irapifjiov l\x\xv^a\ iTTtruiv. 
Überall in semitischen Landen ist, wie auch in der Odyssee, die Incrusta- 
tion der Wände und Thüren, wie mit Metallen , so mit Elfenbein üblich^ 
das die Schiffe Salomons aus Ophir, die ägyptischen aus dem Lande 
Punt holen (vgl. Heibig Hom. Epos* S. 110 f., 425). — Unter diesen Um- 
ständen ist es an sich wahrscheinlich, dass i\i(^a<^'ebur Entlehnungen sind. 
Wohl unzweifelhaft ist lat. ehur (nach Analogie von jecur, femur) an 
ägypt. ab, äbu ,Elefant, Elfenbein', kopt. eßou, ^ßu anzuknüpfen. Aber 
auch griech. dX-^cpaq (wobei i\ = dem arabischen Artikel gesetzt wird), 
hebr. senhabbim ,Elfenbein' (SiraE Xct-, sonst nur Sen ,den8' oder 
qarnöt sin ,comua dentis'; vgl. lat. dens Indiens) und scrt. ibha- 
»Elefant' (vedisch mrgd' hastin- ,behandetes Tier') sucht man gewöhn- 
lich mit dem ägyptischen Wort zu verbinden, indem man in der an- 
geführten Sippe ein ähnliches Handelswort wie das u. Affe behandelte 
griech. KTiTTOq erblickt. S. auch u. Ebenholz und vgl. J. Lieblein 
Handel and Schiffahrt auf dem roten Meere in alten Zeiten, nach 
ägyptischen Quellen, Christiania 1886 S. 69 f. Was dieser sachlich 
sehr ansprechenden Erklärung des griech. ^X^cpa^ im Wege steht, ist^ 
dass man zwar begi*eift, wie im Lande Punt, wenn dessen Kern nach 
Lieblein das südliche Arabien war, der arabische Artikel vor ein ägyp- 



Elfenbein — Elefant. 181 

tiscbes Wort gesetzt werden konnte (dX-^cpa^), man aber nicht recht 
versteht, wie dieses Wort durch die Vermittlung anderer semitischer 
Stamme hindurch^ die bekanntlich den arabischen Artikel äl^ hol nicht 
kennen, in dieser speziell arabischen Form zu den Griechen kommen 
konnte. Immerhin scheint die angeführte Erklärung noch einleuchtender 
als der Versuch dX^q)a^ (: griech. dXq)6^, lat. albus »weiss'?) aus dem 
Oriechischen zu deuten oder es unter Hinweis auf got. ulbandus (s. u.) 
als einen uridg. Tiernamen zu fassen. 

Das Tier selbst nennt unter den Griechen zuerst Herodot in Äthio- 
pien (III, 114), dann wird es von Aristoteles ausführlich beschrieben. 
Die Römer sahen die ersten Elefanten im tarentinischen Krieg und 
benannten sie bös Lüca (Lucrez V. 1300 ff.)? weil zunächst in Lukanien 
gesehen (Isidor. Hisp. Orig. XII, 2: Hos boves Lucanos vocabant 
cntiqui Romanik boves quia nulluni animäl grandius videbant, Lu-, 
canos quia in Lucania illos primus Pyrrhus in proelio obiecit Ro- 
manist dann nach dem Griechischen elephantus. Allerdings bestreitet 
Bücheier Rhein. Mus. XL, 149 diese Deutung von bös Lüca und sieht 
darin mit Berufung auf Horazens: 

sive elephans albus volgi converteret ora 
bös louca ,weis8e Kuh\ Doch sind weisse Elefanten eine so grosse Selten- 
heity dass sie kaum je als Quelle der Namengebung gegolten haben 
können. Bei Horaz begegnet noch der dunkle Ausdruck barrus (: scrt. 
värana-, väru- ,Elefant'?). 

Ausserhalb der klassischen Länder Europas ist frühzeitig in 
Spanien Elfenbein in Gestalt von Knöpfen, Perlen und Armbändern ge- 
funden worden (vgl. Much Kupferzeit* S. 125), was bei der Nähe Afrikas 
leicht verständlich ist. In Mitteleuropa weist das Gräberfeld von Hall- 
statt 6 eiserne Schwerter mit elfenbeinernen Knäufen auf (vgl. v. Sacken 
Grabfeld v. H. S. 30). Das Tier selbst sahen die Kelten und Alpen- 
völker zuerst bei dem Zuge Hannibals (218 v. Chr.), der 40 Elefanten 
mit sich fahrte, dann in den Kämpfen gegen Domitius Ahenobarbus 
ungefähr ein Jahrhundert später (vgl. H. Gaidoz Les Celtes et les ele- 
phants Revue eeltique II, 486). Ob und wie sie es damals benannten, ist 
nicht bekannt. In ihrer späteren Terminologie des Tieres gehen die 
keltischen und germanischen Sprachen auf das lat. elephas, elephantis 
i^elpant-) zurück : kom. oliphans etc. (Zeuss Gr. Celt.* S. 1075), agls. 
elpendy ylpend, ahd. Mlfant (hälfantbein). Über got. ulbandus, altsl. 
vellbqdü s. u. Kamel. Höchst merkwürdige Bienennnngen des Elefanten 
zeigen die östlichen und nördlichen idg. Sprachen Europas. In 
allen Slavinen gilt das ganz rätselhafte slonü, im Litauischen szlapis, 
szlajus, szlejus, für die man an Zusammenhang mit scrt. gli-pada- 
»Elephantiasis' denken könnte. Im Skandinavischen heisst das Tier 
filly dän. fil (füsbein, filabein), das sich durch slavische Dialekte und 
durch das Neupersisch (pil, fü ; ebenso Kurdisch, Ossetisch, Armenisch, 



182 EUe — Enkel. 

Albanesisch, Arabisch) bis ins Indische (scrt. püü-) und Assyrische {piru 
,Elefant', Mnni- piri yElfenhein') verfolgen lässt. Hesyeh bietet iripicraa^ 
für Elefant, Ohne Zweifel haben wir auch hier ein weitverzweigtes 
Handclswort vor uns, das für Europa seinen Ausgangspunkt in Byzanz 
gehabt haben wird. Vgl auch Yule and Burneil Hobson-Jobson S. 794 ff. 
Elle^ s. Mass, Messen. 
Elster^ s. Singvögel. 

Eltern. Eine vorhistorische Bezeichnung fttr diesen Begriff ist 
nicht nachgewiesen. Wahrscheinlich war eine solche in der Urzeit 
überhaupt nicht vorhanden^ da die ganz verschiedenartige Stellung, 
welche Vater und Mutter den Kindern gegenüber einnahmen, die Aus- 
bildung einer zusammenfassenden Bezeichnung fQr dieselben verhindern 
mochte. Siehe über die sprachliche Ausbildung des Begriffs ,6atten' u. 
^Ehe. Das Übergewicht der Stellung des Vaters in der alten Familie 
wird durch eine ganze Reihe e i n z e 1 sprachlicher Benennungen des 
Eltempaares bewiesen : so durch got. fadrein n., altn. faderni und 
fedgen, alles zu got. fadar gehörige Kollektivnamen für Vater und 
Mutter, griech. TraT^pe?, lat. patres, lit. tewai, alle im Sinne von pnter 
et mater, scrt. pitärä ebenso (aber auch mätdrd und mätdrd pitdrau ; 
vgl. Delbrück Verwandtschaftsnamen S. 452). Ohne besonderes Inter- 
esse sind Bildungen wie griech. tOKfie?, TOV€i^, lat. parentes, got. herus- 
jös (: hairan) ,die Erzeuger', oder wie ahd. eltiron ,die älteren' u. s. w. — 
S. u. Familie.* 

Elternmord, s. Alte Leute. 
Emmer, s. Weizen und Spelt. 
Endivie, s. Garten, Gartenbau. 

Enkel. Der idg. Name dieses Verwandtschaftsgrades liegt in 
der Reihe: scrt. ndpät-, ndptar- ,Abkömmling überhaupt, Sohn, im bes. 
Enker (in der älteren Sprache vorzugsweise in der allgemeinen, in der 
späteren nur in der Bedeutung ,Enker gebraucht), ndptt ,Tochter', 
,Enkelin', aw. Nom. napd, Gen. naptö ,Enker, ebenso altpers. und in den 
neuiran. Sprachen (npers. newdde u. s. w., vgl. Hom Grnndr. S. 234), 
napti- ,Enkelin', napti- , Verwandtschaft', griech. (iv€i|ii6<5 (♦d-veirnjo-^), 
wörtlich ,einer, der mit anderen zusammen zu einer ^nepti- gehört', 
,Mit-Enker, ,Geschwisterkind' (Enkel sind untereinander Geschwister- 
kinder), v^7T0b€^ (an 7rou<5 angelehnt) ,Brut', ,Abkömmlinge', vcönTpai 
(für *v€7roTpai)* täioiv GuTai^pe? Hes., lat. nepös, nepötis ,Enker, später 
auch ,Neffe' {nepös , Verschwender' scheint ein LeÄnwort aus dem Etrua- 
kischen zu sein), neptis ,Enkelin', ,Nichte', germanisch agls. näfa ,Enker, 
,Neffe', altn. nefe ,Verwandter\ ahd. n^vo, mhd. neve jSchwestersohn', 
auch (seltener) ,Brudersohn', auch ,Oheim', dann allgemein ,Verwandter', 
altn. nipt, ahd. nift, mhd. niftel ,Schwestertochter, Nichte', got. nipjis 
,Vetter', altn. nidr »Abkömmling' (*niptjO', vgl. oben dveipiö?), lit. (alt) 
nepotis ,Enker, neptis ,Enkelin', altsl. netiß »NeffeS nestera {^nepstera?) 



Enkel — Epheu. 183 

jNichte', ir. nice. Gen. niath jSchwestersohn', neckt ,Nichte', alb. mbese 
jEnkelin, Nichte' (aus *nepotiä nach H. Pedersen B. B. XX, 228—38, 
der auch alb. nip ,Enkel, Neffe' für urverwandt mit dem lateinischen 
Worte hält). Die Bedeutung ,Enker, ,Enkelin' ist demnach auf meh- 
reren Sprachgebieten nachweislich die ältere und muss als die urzeit- 
liche angesetzt werden. Über den Übergang des Wortes in die Be- 
deutung von Neffe s. d. Neben ,Enker stand schon in der Urzeit 
die allgemeinere Bedeutung ,Abkömmling', wie in der Ascendenz 
die Wörter für Grossvater wohl ursprünglich ,Ahn' bezeichneten (s. 
n. Grosseltern). Weiteres lässt sich über die Herkunft des idg. 
*nep6t' nicht sagen (die Annahme einer Grundbedeutung ,Waise', die 
Lenmann Festgruss an Böhtlingk S. 77 vorschlägt, ist unwahrscheinlich; 
ebenso der Versuch von Prellwitz, in *ne-pöte8 die ,Nicht-Herren* zu 
erblicken). Den ,kleinen Ahn' scheinen ahd. eninckili und altsl. vü- 
nuiü (woraus lit. anuJcas) : ahd. ano zu meinen. Ahd. diehter ,Euker 
stellt sich zu scrt. tue- ,Nachkommenschaft'. Altir. atie s. u. Sohn, 
armen, forn ist dunkel. Die übrigen Namen des Enkels und Urenkels 
wie scrt. päutra-y prapdutra- (: putrd- ,Sohn'), ahd. fernevo, griech. 
miuvöq u. s. w. bieten nichts von Interesse. — S. u. Familie. 

Entbindang, s. Hebamme und Mond und Monat. 

Entffihrnng^ s. Raub ehe. 

Enthaltnngy s. Keuschheit. 

Ente. Der idg. Name des Vogels steckt in griech. vfiaaa, lat. 
anas, ahd. anut, altsl. qti, lit. dntis, scrt. äti-. Altkorn, hoet etc. kann 
damit nicht vereinigt werden. Dafür dass die Ente nicht als idg. 
Haustier betrachtet werden kann, sind dieselben Erwägungen wie die 
u. Gans angestellten massgebend. Übrigens hat gegenüber der Gans 
die Ente im Altertum wie im Mittelalter eine untergeordnete Rolle ge- 
spielt. Ihr Ahnherr ist die in Europa einheimische wilde Ente {Anas 
hoschas L,). Eigentümliche Namen hat das Germanische. Engl, duck^ 
agls. düTce ist der ,Taucher', nhd. enterich, ahd. antrahho eine Zu- 
sammensetzung von ente und einem dem engl, drake ,Enterich' ent- 
sprechenden Wort. Weiteres vgl. bei Kluge Et. W.^. Im Südosten Eu- 
ropas gilt für Gans und Ente alb. ^afe , Gans', slov., bulg., ^erh. patka 
,Ente' (aber auch span. patOj pata ,Gans', früher ,Ente'), wohl orien- 
talischer Herkunft (pers. bat ,Ente', arab. hat ,Ente, Gans' u. s. w.). 
Vgl. E. Hahn Die Haustiere S. 286 ff. - S. auch u. Viehzucht. 

Enzian [Gentiana lutea L,). Diese Alpenpflanze wird zuerst von 
Dioskorides III, 3 als TCVTiavri genannt, angeblich nach einem illyrischen 
König Gentis, der sie zuerst gefunden habe. 

Ephen {Hedera Helix i.). Griech. kictctö^ (Homer) aus *Ki0jo-^ 
nnd lat. hedera werden auf Urverwandtschaft beruhen. Ahd. ebahewi, 
ibaun, agls. ifig (*i6a-; weiteres bei Kluge Et. W.^) ist dunkel. Ebenso 
die in den slavischen Sprachen weit verbreiteten altsl. hljmtl und 



184 Epheu — Erbschaft. 

hrüSljanü. Im europäischen Rnssland beschränkt sich übrigens der 
Epheu auf den westlichen Rand, auf die Krim und den Kaukasus. 
Gemeinkeltisch : ir. eideniiy kymr. eiddew, kom. idhio, das Stokes Urkelt. 
Sprachsch. aus *(p)edennO' deutet und zu griech. n4.by\ ^Fussfessel' stellt. 

Eppich, 8. Garten-, Gartenbau. 

Erbrechen, s. Krankheit. 

Erbschaft. Die Bezeichnungen hierfür gehen in den idg. Sprachen 
weit auseinander. Griechisch gilt kXtipo-vöjuio^, kXiipovo|ii€iv, kXiipovo- 
]LieT(T6ai. Über den ersten Bestandteil des Wortes, KXfjpo^ ,Ackerlo8', 
s. u. Ackerbau, in -voixoq scheint v^jüiuj in der Bedeutung ^regieren', 
,verwalten' vorzuliegen, so dass kXtipo-vöjuio^ eigentlich ,Losverwalter' 
wäre (oder ist v^imuj hier, wie in got. nifnan, ,nehmen', KXiipovö|uio^ ,Los- 
nehmer', ,Erbe'?). Übrigens sind die genannten Ausdrücke in juristisch- 
technischem Sinne kaum sehr alt (Demosthenes, Isaeus). Das Gesetz 
von Gortyn hat sie nicht. ,Die Erbschaft erhalten' wird hier durch 
Ttt xpilM^Ttt fx^v, XavxdvTiv, dTToXavxdvnv und dvaiXf^Oai ausgedrückt. 
Das lateinische Wort ist Mres, herSdis, Es gehört zu griech. x^po^ 
jverwaist', und heres bezeichnet also einen, der ein verwaistes Gut an- 
tritt. Zu bemerken ist, dass auch das griech. xf\poq in der homerischen 
Ableitung xt1P^<^'^^^ eine Beziehung zur Erbschaft angenommen hat: 
II. V, 158 werden unter xr\Q{y)aTa\ solche (Verwandte) verstanden, welche 
in Ermangelung von Söhnen den Besitz eines Verstorbenen teilen. 

Wenden wir uns in den Norden, und zunäeht in die litu-slavische 
Welt, so begegnet altpr. waldüns ,der Erbe', waldisnan ,das Erbe' : 
lit. paweldeti ,ererben', eigentl. ,regieren, besitzen, an sich bringen' 
(vgl. lit. waldaü .regiere', das man aus dem germanischen got. waldan etc. 
entlehnt sein lässt, und oben den KXripo-vöjuio^). Im übrigen wird ,Erb8chaft' 
häufig mit Ableitungen von Wörtern für Vater und Grossvater (,Väter- 
liches') bezeichnet (vgl. lat. Patrimonium : pater). So lit. tetoonis 
,Erbe', teiciszkS ,das Erbe' : Wwas ,Vater', nsl. dSdina ,Erbschaft' : altsl. 
dedü ,Grossvater' etc. Russ. zadnica ist ,Hinterla8senschaft', altsl. 
hastina ,das Erbe' türkischen Ursprungs. Ein gemeinslavischer Aus- 
druck für ,erben' und ,Erbe' ist demnach nicht vorhanden. Im Litauischen 
bürgern sich mehr und mehr die deutschen arwüti, drwas ein. Eine 
einzige Übereinstimmung besteht auf idg. Gebiet, und zwar zwischen 
Germanisch und Keltisch, insofern das gemeingerm. got. arbi ,das Erbe', 
arbeisy arbi-numja ,der Erbe', das (vgl. oben lat. hires) zu lat. orbus, 
griech. öpqpavö? ,verwaist' gestellt werden muss, im Irischen (altir. com- 
arpi ,Miterben' = ahd. ganarbo ,cohaere8') wiederkehrt. Da aber bei 
ausschliesslich keltisch-germanischen Entsprechungen, namentlich auf dem 
Gebiet des Rechts- und Staatswesens (s. u. Eid, König, Geisel etc.), 
der Verdacht einer Entlehnung sehr nahe liegt, so kann man aus jener 
Übereinstimmung keinen Schluss auf die Urzeit ziehen. Im Gegenteil 
machen es die allgemeinen Besitzverhältnisse derselben (s. u. Eigen- 



Erbschaft. 185 

tum) wahrscheinlich^ dass es damals überhaupt kein Wort für ,erbeii' 
gegeben hat. Natürlich masste es^ sobald der Eigentumsbegriff den 
Indogermanen aufgegangen war, auch eine Nachfolge im Eigentum 
geben. Solange die Verhältnisse aber so einfache waren, dass diese 
Nachfolge ohne jede gesetzliche Bestimmung nach uralter Gewohnheit 
gleichsam von selbst vor sich ging, solange die Erben, ohne dass eine 
Behörde oder dergl. davon Kenntnis nahm, gleichsam in die Hinter- 
lassenschaft eines Mannes ,hinein wuchsen', lag ein Bedürfnis zur Prä- 
gung eines Wortes tlttr ,erben' nicht vor; denn Wörter werden ge- 
schaffen, nicht schon, wenn die betreffende Sache, welche sie später 
bezeichnen, vorhanden ist, sondern erst, wenn die Vorstellung von dieser 
Sache im Volke lebendig wird. Die Vorstellung des Erbens aber konnte 
bei den Indogermanen umso weniger lebendig werden, als wir uns 
dieselben, wie u. Familie gezeigt ist, in Grossfamilien oder Hausge- 
meinschaften lebend vorstellen müssen, bei denen das gesamte Eigen- 
tum als Gemeinbesitz aller betrachtet wird. Der Tod des einzelnen 
vermehrt daher wohl den Anteil der übrigen, aber ein eigentliclies 
Erben findet nicht statt. Es ist daher kein Zufall, dass gerade im 
Osten Europas, wo sich die ursprünglichen Verhältnisse am längsten 
erhalten haben, die älteste Gesetzgebung (vgl. darüber Ewers Das 
Kecht der Russen S. 260) jeder Verordnung über Erbrecht entbehrt, 
wie ja auch kein gemeinslavischer Ausdruck sich dafllr findet (vgl. 
auch Krek Einleitung in die slavische Litg.^ S. 165). 

Freilich musste auch bei den Indogermanen gelegentlich eine Aus- 
einandersetzung über Vermögensverhältnisse stattfinden, und zwar im 
Falle der Teilung einer Hausgemeinschaft, sei es, dass dieselbe 
durch Überzahl der Mitglieder oder durch andere Gründe veranlasst war. 
Alsdann trat natürlich auch eine Teilung des Vermögens ein, für die 
das Verbum scrt. ddyaii = griech. baiojüiai, vgl. altsl. delü (südsl. dijela^ 
dijelüi bezeichnet spezifisch die Teilung einer Hausgenossenschaft) galt 
(das Verhältnis von got. dails ,Teir u. s. w. hierzu ist dunkel). Später ist 
dieses Zeitwort der terminus technicus für den Begriff jeder Erbteilung. 

Hinsichtlich der Art der Teilung einer solchen Hausgemeinschaft 
stehen sich bei den.slavischen Völkein zwei verschiedene Anschauungen 
gegenüber. Über die russischen Dorfgemeinschaften berichtet E. de 
Laveleyc Das Dreigen tum S. 19: „Wenn nach einem Sterbefall eine 
Teilung stattfindet, was jetzt weniger selten ist als früher, so geschieht 
dieselbe nicht nach dem Verwandtschaftsgrade, sondern nach der An- 
zahl der erwachsenen männlichen Personen, welche das Haus be- 
wohnen.^ Anders bei den Südslaven. Hier wird nach Krauss Sitte 
und Brauch der SQdsl. S. 120 „bei der Teilung einer Hausgemeinschaft 
die Fiction aufrechterhalten, als lebten dieSöhne des Mannes, der 
das Heimwesen ursprünglich gegründet; demnach wird die Teilung 
nach Gliedern {in stipites) oder Zweigliuien und nicht nach der An- 



186 Erbschaft. 

zahl der Köpfe (in capita), selbstverständlich sind damit die 
männlichen Mitglieder gemeint, regelrecht vorgenommen". Es 
wird sich weiter unten zeigen, dass der letztere Brauch das ursprüng- 
liche bewahrt. 

Wenn nach dem bisherigen von einer gesetzlichen Regelung des^ 
Erbgangs weder in der Urzeit noch in den frühesten historischen 
Epochen die Rede sein kann, so erweist sich doch eine vergleichende 
Betrachtung der ältesten Erbsysteme der Einzelvölker als von ausser- 
ordentlicher Bedeutung nicht nur für das Verständnis der ursprünglichen 
Kulturverhältnisse der Indogermanen (die Stellung ihrer Frauen u. s. w.) 
im allgemeinen, sondern auch für das ihrer ältesten Familienorganisation 
im besonderen. Denn es wird sich zeigen, dass in jenen ersten Erb- 
Schaftssatzungen der Einzelvölker die auf anderen Gebieten teilweis ver- 
wischten Vorstellungen aufs treueste bewahrt worden sind, welche die 
Urzeit von Familie und Verwandtschaft hatte. Gerade hier bietet sich 
die Möglichkeit, das namentlich auf sprachlichem Wege über den 
ältesten Ausbau der idg. Familie (s. d.) ermittelte sachlich zu prüfen 
und zu befestigen. Und zwar dürften sich aus der Vergleichung der 
einzelnen Erbrechte folgende fünf Sätze als Kernpunkte aller erbrecht- 
lichen ßestimmuugeii ergeben: 

I. Es gab ursprünglich keine Testamente. 

II. Frauen konnten nicht erben. 

III. Männer konnten nicht durch Frauen erben. 

IV. Männer erbte« also nur durch Männer, und zwar zuerst die 
Söhne, unter denen das väterliche Gut geteilt wurde, die Enkel und 
Urenkel, dann die Brüder mit ihren Söhnen und Enkeln, dann die 
Vatersbrüder mit iliren Söhnen und Enkeln, dann die GrossvatersbrOder 
mit iln*en Söhnen und Enkeln. 

V. Wenn ein Mann nur Töchter hatte, konnte er eine derselbcD 
zur ^Erbtochter" machen und sie einem (ursprünglich vielleicht den 
nächsten Verwandten angehöri^en) Manne unter der Bedingung zur 
Frau geben, dass der erzeugte Sohn als Nachfolger und Erbe des^ 
mütterlichen Grossvaters gelte. 

I. Es gab ursprünglich keine Testamente. 

Noch in den älteren Epochen der Einzelvölker war die mündliche 
odier schriftliche Niederlegung des letzten Willens, wie zahlreiche 
Zeugnisse heiTorheben, eine unbekannte Sache. Näheres darüber s. n. 
Testament. 

IL Frauen konnten nicht erben. 

Schon aus den obigen Angaben geht hervor, dass bei der Teilung^ 
einer slavischen Hausgemeinschaft die Frauen leer ausgingen. Ganz 
undenkbar ist es ferner für das BegriflFsvermögen des Volkes, dass- 
ein aus einer Hausgemeinschaft herausheiratendes Mädchen nach dem 
Tode des Vaters an ihre Brüder irgendwelche Erbschaftsansprüche 



Erbschaft. 187 

hinsichtlich des väterlichen Vermögens stellen könnte. Nur auf das 
Mitgebrachte der Mutter steht der Tochter ein Erbanspruch zu. Einen 
für die ursprünglichen Anschauungen höchst lehrreichen Vorfall dieser 
Art erzählt Krauss a. a. 0. S. 286 ff. Die Witwe hat ein Anrecht 
darauf, in der Hausgemeinschaft ihres verstorbenen Mannes Wohnung 
und Unterhalt zu finden. Scheidet sie aus derselben aus, so „erbt sie 
nicht das Geringste von ihrem Manne. Sie kann nur die mitgebrachte 
Aussteuer (Wäsche und Schmuckgegenstände) mitnehmen; selbst die 
Geschenke, die sie von ihrem ersten Manne erhalten, muss sie der 
Hausgemeinschaft zurückgeben^ (Krauss S. Ö79 f.). Dieser uns hier 
noch in der Gegenwart entgegentretende Zustand lässt sich- nun teils 
mit grösserer, teils mit geringerer Deutlichkeit noch in den Erbrechten 
der verwandten Völker nachweisen. Bei den Indern äussert sich mit 
Bestimmtheit Baudhäyana Dharma-sütra II, 2, 3, 44 ff. über die Erbun- 
fähigkeit der Frauen : Women do not possess independeiice 45). Now 
ihey quote also (the following ver^e) : jTheir father protects (them) 
in chüdhoody their husband protects (them) in youth, and their sons 
protect (them) in old age; a woman is never fit for independence 
46). The Veda declares : jTherefore women are considered to he 
destitute of streiigth and of a portion {däj/a- : baiojuiai s. o.). Vgl. 
dazu Apastamba II, 6, 14; 2 ff., der die Witwe gar nicht erwähnt 
und die Tochter erst hinter den Sapindas (s. u.) einschiebt, und 
für beide die betreffenden Noten Bühlers. Auch Jolly Sitte und Recht 
S. 86 gelangt zu dem Schluss, dass die Erbfähigkeit der Frauen ein 
sekundäres und darum viel umstrittenes Prinzip der altindischen Erb- 
Ordnung sei. Nach griechischem Recht konnten in Attika die weib- 
lichen Familienglieder nur auf Unterhalt und Ausstattung aus dem 
Hausvermögen, nie auf eigenen Besitz Anspruch machen (vgl. 
Thalheim Rechtsaltert. S. 56), während in Gortyn galt: „Wenn einer 
stirbt, sollen die Häuser in der Stadt uud was in den Häusern drin 
ist, denen kein Häusler inwohut, der auf der Stelle haust, und das 
Triftvieh und starkfüssige, was nicht eines Häuslers ist, bei den Söhnen 
stehen; das andre Vermögen aber all sollen sie teilen schön (baTcOOai 
KaXöq), und sollen bekommen die Söhne, so viele sind, zwei Teile 
jeder, die Töchter aber, so viele sind, einen Teil jede" (Das Recht 
von Gortyn von F. Bücheier und E. Zitelmann, IV 32 ff.). Alles echte 
Eigentum also, ebenso wie das Vieh, gehört ausschliesslich den Söhnen, 
während hinsichtlich des übrigen eine Milderung des noch deutlich 
durchblickenden ursprünglichen Zustandes zu Gunsten der Töchter ein- 
getreten ist. 

Überaus ähnliche Erscheinungen zeigt das altgermanische Recht. 
Die skandinavische und deutsche Erbfolge stimmen darin überein, dass 
der Landbesitz bei den Männern bleibt. Vgl. Lex Salica ed. Hesseis 
Cod. I, LVIIII, 5: De terra vero nulla in muliere hereditas perti- 



188 Erbschaft. 

nebity sed ad virilem sexum qui fratres fuerint tota terra perteneunt = 
Lex emend. LXII, 6: De terra vero Scdica nulla portio heredüatis 
mulieri veniat, sed ad virilem sexum tota terrae hereditas perveniat. 
Hinsichtlich der fahreDden Habe aber ist nur der Norden auf dem 
urzeitlichen Standpunkt, wie er durch den Satz: ,^Der Mann geht zum 
Erbe, das Weib davon^^ ausgedrückt wird, stehen geblieben, und 
erst später zeigt sich (ganz wie in Gortyn) auch dort die Milderung, 
dass die Töchter auf den halben Teil der Söhne gesetzt werden. Im 
deutschen ßecht hingegen nehmen Söhne und Töchter am Fahrnis mit 
gleichen Quoten teil (vgl. J. Grimm R.-A. S. 407, 472 f.). 

Der allmähliche Sieg des Erbrechts der Frauen im mittelalterlichen 
Europa wird, ausser auf die fortschreitende Milderung der Sitten, nicht 
am wenigsten auf den Einfluss des römischen Rechts zurückzuführen 
sein, das schon in seiner ältest erreichbaren Gestalt die (unverheiratete) 
Tochter dem Sohne, die (unverheiratete) Schwester dem Bruder im 
Erbgange gleich gestellt hatte. Weiterhin aber waren die Agnatinnen 
nicht zu der legitima hereditas zugelassen. Vgl. Gai. HI, 23: Item 
feminae agnatae, quaecunque consanguineorum gradum excedunt, 
nihil iuris ex lege habent und Ulpian tit. XXVI, 6: Ad femituus ultra 
consanguineorum gradum legitima hereditas non pertinet\ itaque 
soror fratri sororive legitima heres fit. Es liegt vom vergleichenden 
Standpunkt nahe, diese Zurücksetzung der Frauen als Nachhall einer 
Zeit zu betrachten, in der es überhaupt kein Intestaterbrecht der 
Frauen in Rom gab. Doch erblicken die Mehrzahl der Juristen darin nmge- 
kehrt eine spätere Neuerung (vgl. Rein Privatrecht S. 386). Unzweifel- 
haft hat sich das älteste Eigentums- und Erbrecht der Frau zuerst hin- 
sichtlich des Schmuckes und der Mitgift der Mutter entwickelt 
wie es auch Baudhäyana (a. o. a. 0. 43) hervorhebt: The daughters sJudl 
obtain the Ornaments of their mother, {as many as are) presented 
according to the custom {of the caste), or anything eise {that may 
be given [by the mnternal grandfather] according to custom. £» ist 
das, was im indischen Recht stridhana- ,Frauengut' (Jolly S. 87 ff.), 
im deutschen gerade heisst. Dass aber in der Urzeit der Begriff der 
dos noch unbekannt war, ist u. Mitgift gezeigt worden, und der wenige 
Schmuck, dien die Frau in der Urzeit besass, wird ihr zum grössten 
Teil ins Grab nachgefolgt sein (s. u. Bestattung und u. Eigentum). 
III. Männer konnten nicht durch Frauen erben. 

Die Richtigkeit diesßs Satzes lässt sich nicht so direkt, aber mit 
nicht geringerer Sicherheit wie der vorige erweisen. 

ü. Familie ist auf anderem Wege gezeigt worden, dass der Ver- 
wandtschaftsbegriff der idg. Urzeit der agnatische war, dass ein 
ego weder die Verwandten seiner Frau als mit sich verschwägert, 
noch die Kinder dieses ego die Verwandten ihrer Mutter als mit sich 
verwandt betrachteten. 



Erbschaft. 189 

Wenn dem aber so war, so muss von einem Standpunkt aus, welcher 
in den ältesten Erbbestimmnngen nichts als den Ausfluss der ältesten 
Familienorganisation erblickt, es von vornherein als ausgemacht gelten, 
dass auch der Erbgang bei den idg. Völkern in den ältesten Zeiten 
agnatisch geordnet war. Findet sich daher bei einem der idg. Völker 
ein so gestaltetes Erbrecht in ungetrübter ßeinheit vor, so wird es an 
sieh wahrscheinlich sein, dass hier der ursprüngliche Zustand bewahrt 
wurde. Dies ist nun thatsächlich der Fall im römischen Recht, dessen 
Erbgesetz nach den XII Tafeln lautete: Si intestato moritur cui suus 
heres nee escit, agnatus proximus familiam häbeto. Die Wahrschein- 
lichkeit aber dafür, dass in diesem kurzen Satze wirklicli das älteste 
des alten enthalten ist, würde sich steigern, wenn es gelänge, in den 
Erbbestimmungen der übrigen idg. Völker die Überreste jenes ursprüng- 
Hchen Zustandes wiederzufinden. Dies soll im folgenden versucht 
werden. In den indischen Rechtsbüchem wivA die Frage, von wem 
das Erbe angetreten werde, wenn keine Söhne daseien, regelmässig 
beantwortet: „Von dem nächsten Sapinda". Vgl. z. B. Äpastamba IT, 
14; 2: On failure of sons the nearest Sapinda (taJces the inheritance). 
Welcher Verwandtenkreis wird nun mit diesem Worte bezeichnet? Die 
ausführlichste Definition desselben giebt Baudhäyana I, 5, 11; 9: 
MareoveTy the great-grandfather^ the grandfather, the father, oneself, 
the uterine hrothers, the son by a wife of equal caste, the grand- 
son, (and) the great-grandson — these they call Sapinda 8, 
but not the (great-grandson' 8)son. Überblickt man diese Verwandten, 
80 werden nur Männer genannt, die durch Männer verwandt sind. Zwar 
ist es ans unten noch anzuführenden Gründen so gut wie sicher, dass 
zu den Brüdern, dem Gross- und ürgrossvater auch deren Söhne und 
Enkel gehören. Diese liegen implicite in den genannten Personen 
darin. Schwestersöhne aber können nach dieser Definition schlechter- 
dings nicht zu den Sapindas gehört haben; denn es hätte alsdann 
irgend eine Beziehung auf sie genommen werden müssen. Dass aber 
der grand'Son nur der Sohn des Sohnes, nicht der der Tochter gewesen 
sein kann, folgt aus dem bei den Indern in voller Blüte stehenden 
Institut der Erbtochter (s. d.) mit Sicherheit. Würde doch dasselbe 
jedes vernünftigen Sinnes entbehren, wenn jeder Tochtersohn (dauhi- 
tra-) Erbe des mütterlichen Grossvaters gewesen wäre und nicht erst 
durch einen besonderen Akt zu einem solchen, zum piitrikä-putra- hätte 
gemacht werden müssen. „Wenn keine Sapindas da sind*', föhrt 
Baudhäyana fort, „geht das Erbe an die Sakulyas". Zu dem letzteren 
Wort bemerkt der Commentator Govinda : If a particular relationship 
v( Jcnotony they are ealled Sapindas'^ and if (the fact) only is Jcnown 
that relationship eonstsj Sakulyas. Hence the Sapindas are also 
Sakulyas. Ist dies richtig, so würden die Sapindas den römischen 
agnati (mit nachweisbarem Gradus), die Sakulyas aber den römischen 



190 Erbschaft. 

gentiles (Agnaten mit nicht nachweisbarem Gradus) entsprechen, anf 
die in Ermangelung der ersteren anch in Rom die Erbschaft überging 
(XII Tafeln : Si adgnatus nee escit, gentiles familiam häbento). That- 
sächlich deckt sich begrifflich scrt. sa-kulya- : küla- ,Wohnsitz, Fa- 
milie, Geschlecht' (man vergleicht lit. keltisj lett. züts ^Geschlecht'; 
altsl. celjadl ,Familie', ir. cland »Geschlecht, Clan') genau mit dem 
lat. gentilis : gens. 

Der so ermittelte Sinn des Wortes Sapinda ergiebt sich aber auch 
aus dem Gebrauch, den Gautama und sein Commentator Haradatta von 
demselben macht. Bei Gelegenheit seiner Darstellung der Lehre von 
der Unreinheit bei dem Tode eines Verwandten (vgl. auch Delbrück 
Verwandtscbaftsnamen S. 570 f.) zählt der erstere (XIV, 15; 19/20) 
folgende drei verschiedene Arten von Verwandten auf: 1. den sapinda-, 
2. den asapinda-, 3. den yönisambandha-. Das Wort asapinda ,Nicht- 
Sapinda' erklärt Haradatta mit Samänödaka i. e. „a kinsman bearing 
the same family name, hut more than six degrees removed^^ (vgl. 
oben Sakulya), das Wort yönisambandha mit „^Ae maternal grand- 
father, a maternal aunt's sons and their sons etc., the fathers of 
wives and the rest^\ Der Herausgeber G. Bühler fügt hinzu: j^The 
latter term {yönisambandha- : yö'ni- ,Mutterleib', ,vulva'), for toMch 
^a person related through a female' wouldbe a more exact 
rendering (than the onegivenabove, nämlich ,a relative by marriage)^ 
includes, therefore, those persons, toho, according to the terminology 
of Manu and Yäjfiavalkyay are called Bhinnagotra^apindas, Bänd- 
havas, or Bandhus^'. Ist das aber richtig, so bleibt fUr die Sapindas 
nur die Bedeutung übrig: „ein Verwandtenkreis von Männern, die 
innerhalb eines bestimmten Kreises durch Männer verwandt sind^^ 

Nun finden sich allerdings vor den Sakulyas, bezüglich an Stelle 
derselben, gelegentlich die Sapindas der Mutter oder die Bandhus ein- 
geschoben, sowohl als solche, welche die Totensacra darbringen (vgl. 
Gautama XV, 16; 13), als auch als solche, welche die Erbschaft an- 
treten (vgl. The Institutes of Vishnu, translated by J. JoUy XVII, 20; 10, 
dazu den Commentator Vishnu's Nandapandita). unzweifelhaft hat mau 
•es hier aber mit nichts anderem zu thun als dem auf idg. Völkergebiet 
überall wiederkehrenden Versuch, der allmählich erkannten Verwandt- 
schaft durch die Frauen gerecht zu werden. Zu dieser Überzeugung 
ist auch Jolly Sitte und Recht gekommen, indem er S. 86 hervorhebt : 
„Die Beteiligung der Kognaten an derSuccession ist offenbar 
ein mindestens ebenso sekundäres Prinzip wie die Beteiligung 
der Frauen". Über die heutigen Verhältnisse des Pendjab aber fügt 
'Cr hinzu : „Das Gewohnheitsrecht des Pendjab stimmt auch hier 
wieder mehrfach mit den Smftis überein, obschon ihm der Zusammen- 
hang des Erbrechts mit den Totenopfem fremd ist. Die Erbfolge 
ist streng agnatisch geordnet, nach Parentelen und mit unbe- 



Erbschaft. 191 

dingtem Repräsentationsrecht; nie geht das Faniiliengut aus dem got 
(götra-) hinaus." 

Es ergiebt sich also, dass das indische dem römischen Erbrecht sehr 
nahe steht und beide auf eine ihnen zu Grunde liegende agnatische 
Organisation der idg. Familie hinweisen. 

In höherem Grade dagegen als bei den Indern wird der Satz „Männer 
«rben nur durch Männer" bei den Grieclien durch Berücksichtigung 
kognatischer Verwandten durchbrochen. Zwar können auch hier die 
Söhne von Töchtern im allgemeinen als Erben nicht in Betracht gekommen 
«ein; sie müssen vielmehr erst durch das Institut des Erbtöchtertums 
künstlich zu solchen gemacht w^erden. Aber deutlich rücken in dem 
Oesetz von Gortyn (V, 10 ff.) in dem Fall, dass der Verstorbene keine 
Kinder, keine Enkel und keine Urenkel hinterlässt, auch Brüder des 
Verstorbenen mit Kindern und Kindeskindern nicht vorhanden sind, 
•die Schwestern mit ihren Kindern und Kindeskindern in die Erbschaft 
ein. Wie in diesen Dingen die Verhältnisse in Attika lagen, muss hier 
unbestimmt gelassen werden; denn leider ist die Hauptstelle, auf die 
sich unsere Kenntnis des attischen Erbgangs stützt (Demosth. in Ma- 
cartatum p. 1067], seit alters und in vielen Punkten so sehr umstritten, 
dass sie hier nicht erörtert werden kann. Ganz klar ist nur die an 
dieser Stelle enthaltene Angabe über die Heranziehung der mütter- 
lichen Verwandten: dctv bfc jnf] \ha\ irpö^ Tratpö^ |la€XPi dvevpujüv Tiaibujv 
(Vettern zweiten Grades, second cousins), touq irpö^ W^poq toö dv- 
öpö^ KttTci T'auTci Kupiou^ elvai. Das würde indisch ausgedrückt heissen: 
„Wenn keine Sapindas von väterlicher Seite vorhanden sind, erst dann 
erben die Sapindas der Mutter" oder mit anderen Worten : „Erst wenn 
nicht einmal ein Enkel meines Grossvatersbruders lebt, kommen die 
Verwandten meiner Mutter an die Reihe in der Erbschaft." 

Ob diese Einschiebung der mütterlichen Verwandten auch in Kreta 
stattfand, lässt sich nicht sagen. Nach dem Gesetze von Gortyn (V, 23) 
sollen, wenn auch keine Enkel von Schwestern da sind, die dnißdiX- 
Xovre^ (ol^ k' dTTißdXXei ötto k' ei) erben. Man kann leider nicht mit Be- 
stimmtheit sagen, was das für Leute sind. 

Für die germanischen Verhältnisse sind wir in der frühesten Zeit 
lediglich auf die Angabe des Tacitus Germ. Cap. 20 angewiesen, welche 
lautet: Heredes tarnen (d. h. trotz der im Vorhergehenden besprochenen 
Vorzugsstellung des Mutterbruders) successoresque sui cuiqtie liberi et 
nuUum testamentum. si liberi non suntj proximus gradus in pos- 
sessione fratreSj patruiy avunculi. Dass unter den liberi nur Söhne 
zu verstehen sind, ist nach dem Früheren sicher. Über die Erbschaft 
der Tuchtersöhue ist aus den Worten des Schriftstellers nichts zu ent- 
nehmen. Sehr wichtig aber ist, dass hinter den fratres (und offenbar 
ihren Söhnen und Enkeln) die Schwestern mit ihrem Nachwuchs 
fehlen. So schliesseu sich an die fratres unmittelbar die patrui 



192 Erbschaft. 

(offenbar wiederum mit Söhnen und Enkeln) an. Wären nun hinter den 
patrui noch die magni patrui (mit Söhnen und Enkeln) genannt, so 
würde das so gewonnene Bild des altgermanischen Erbgangs in allem 
wesentlichen dem oben als ursprünglich angenommenen entsprechen. 
Statt dessen erscheinen hinter den patrui gleich die avunculi, wodurch 
bei den Gennanen ein um eine Stufe früheres Heranziehen der 
mütterlichen Verwandten, als wir es bei Indern ausnahmsweise und 
Griechen wohl regelmässig fanden, bezeugt wird. 

So scheint sich folgender Zustand inir die Beurteilung des Alters 
der frühesten Erbbestimmungen bei den idg. Völkern zu ergeben: Geht 
man von dem agnatischen Prinzip des Erbrechts der 12 Tafeln aus, 
so kann die bei den übrigen Völkern teils mehr, teils weniger hervor- 
tretende auffällige Zurücksetzung der durch Frauen vermittelten Ver- 
wandten im Erbgang ohne Schwierigkeiten aufgefasst werden als 
beruhend auf der allmählichen Durchbrechung des agnatischen Familien- 
gedankens durch die Berücksichtigung der durch Weiber vei-mittelten 
Verwandtschaft. Wollte man aber annehmen, dass von vornherein bei 
den Indogermanen Kognaten zur Erbschaft zugelassen worden seien, 
so würde sowohl jene nun genugsam erörterte Zurücksetzung derselben, 
wie auch vor allem der ganze Grundgedanke des römischen Erbrechts 
dunkel sein. 

IV. Männer erbten also nur durch Männer. 

In welcher Weise aber erbten Männer durch Männer? Zuerst 
ist von den Söhnen zu sprechen. Drei Bestimmungen finden sich in 
dieser Beziehung in den ältesten Erbrechten der Indogermanen: Ent- 
weder soll der Erstgeborene das ganze Gut des Vaters erben, oder 
er soll einen Vorzugateil erhalten, oder die Söhne sollen alle zu gleichen 
Teilen erben. Bei den indischen Rechtslehrern finden sich alle drei 
Modi angegeben. Vgl. Gautama XXVIII, 1): After the father's deoth 
let the 80718 divide Ms estate 3) Or the whole {estate may go) to the 
first &orn; (and) he shall support {the rest) as a father 9), 10) Or 
let the eldest have two shareSy And the rest one ea^h, Baudhäyana II, 
2, 3-, 2 flf.: I'he Veda {says) ^Manu divided his estate among his sons\ 
(A father may, therefore, divide his property) equally among ally. 
without (mdking any) difference. Or the eldest may receive the most 
excellent chattet. {For) the Veda says ^Therefore, they dvdinguish 
the eldest hy {an additional share of the) property'. Or the eldest 
may receive {in excess) one part out of ten\ {And) the other (sons) 
shaU receive equal shares, Apastamba II, 6, 14; l: He should, durin ff 
his lifetime, divide his wealth equally amongst his sons 6) Some de- 
clare, that the eldest son alone inherits 7) In some countries gold, 
{or) black cattle, {or) blacJc produce of the earth is the share of the 
eldest. Im allgemeinen befürworten diese indischen Juristen die Teilung, 
bezüglich die gleichmässige Teilung unter Söhnen. Gautama a, a. O- 



Erbschaft. 193 

y. 4 hebt hervor: But in partition there is an increase of spiritual 
merit, und Apastamba (a. a. 0. v. 13) polemisiert (ohne ihn zu nennen) 
gegen die Heranziehung der zweiten von Baudhäyana angeführten 
Vedastelle, die die Bevorzugung des Erstgeborenen empfiehlt, da sie 
nicht beweiskräftig sei (vgl. Bühler Sacred Books II, XX ff.). 

In Griechenland wurde seit Anfang der Überlieferung das väter- 
liche Gut gleichmässig unter die Söhne verteilt. So geschah es bei 
den Göttern, als die Welt zwischen Zeus, Poseidon und Hades geteilt 
wurde (II. XV, 189: TpixOd be TidvTa bdbacTTai), so bei den Menschen 
(Od. XIV, 209: toi bk 2ujf]v ^bdcravTO naibeq uTiepöuiuoi Kai im 
kXhpou^ dßdXovTo), so schrieb es auch das spätere Gesetz vor: ctTravTaq 
Toug TVTi<Tiou^ icTo^oipou^ elvai tüjv iraTpibujv (Is. VI, 25 p. 60). Gleich- 
wohl schimmert eine gewisse Bevorzugung des Erstgeborenen bei Homer 
(II. XV, 204: oTctO' thq 7rpe<TßuTepoi<Tiv *Epivueq alfev ?7T0VTai) und später 
(vgl. Thalheim Griech. R.-A. S. 54^) noch durch. In Rom fallt das 
Erbe den Kindern zu gleichen Teilen zu. Bei den Slaven fehlt in 
den ältesten Aufzeichnungen, wie oben bemerkt, jede Bestimmung über 
den Erbgang. Erst das Gericht {sydü) des Jaroslav Wladimirowitsch 
(XIII. Jahrh.) schreibt vor: „Wenn jemand sterbend das Haus (domü) 
unter seine Kinder verteilt, so bleibt es dabei. Hinwiederum stirbt 
er ohne alle Bestimmung, dann (gehört es) allen Kindern" (Ewers 
S. 326). 

Für die Germanen lässt die oben angeführte Stelle der Germania 
(Cap. 20) auf gleiche Verteilung der Erbschaft unter die Kinder schliessen. 
Daneben aber heisst es in derselben Schrift über die Tencterer (Cap. 32) : 
Infer familiam et penates et iura successionum equi tradunttir : ex- 
cipit filius, non ut cetera, maximus natu, sed prout ferox hello 
et melior. Es scheint also, dass bei den Tencterern, und wahrscheinlich 
auch noch in anderen Teilen Germaniens, das Recht der Erstgeburt 
herrschte. 

Über das Verhältnis der so geschilderten Erbmodi zu einander dürfte 
nach dem bisherigen ein Zweifel nicht möglich sein. Wenn der Erst- 
geborene mit der Verpflichtung, die übrigen wie ein Vater zu unterhalten, 
alles erbt, dann findet eben eine Erbteilung überhaupt nicht 
statt. Die Hausgemeinschaft bleibt bestehen. Mit der Re- 
gierungsgewalt (s. u. Familie) geht das unbeschränkte Verwaltungsrecht 
über das Eigentum der Familie auf den ältesten Sohn über. Dies war 
sozusagen der normale Zustand der idg. Urzeit. Fand aber eine 
Teilung statt, was, je mehr im Laufe der Zeit die Sonderfamilie an die 
Stelle der Grossfamilie trat, immer mehr das gewöhnliche wurde, so wurde 
das Vermögen an die Söhne, bezüglich an die Stämme einstiger Söhne 
(s. o.) im ganzen gleichmässig verteilt. Ehrengeschenke an den Altesten 
(scrt. jyäishthya-y griech. irpecTßeTov) waren dabei nicht ausgeschlossen. 

Hinsichtlich der weiteren Regelung des Erbgangs bei den Einzel- 

Sehrader, ReaUexikon. 13 



194 Erbschaft. 

Völkern tritt uns auf iudischem und griechischem Gebiet der Begriff 
einer Nah verwand tschaft entgegen, wie er in der indischen Sapinda- 
Familie und in dem griechischen Kreis der 'Atxi^t€i^ oder Nächsten, 
der Verwandtschaft luexpi dvevpiaiv Tiaibinv vorliegt. Unzweifelhaft (s. o.) 
umfasste der indische Ausdruck solche (männliche und durch Männer 
vermittelte) Verwandte, welche einen gemeinsamen Vater, Gross- oder 
Urgrossvater hatten. Die Grenze der Nahverwandtschaft bildete also mir 
gegenüber der Enkel meines Grossvaterbruders. Denselben Verwandten 
meint aber bei den Definitionen der Anchistie wahrscheinlich auch das 
griech. dvevpiaboö^ (= dvevpiou TiaT^), also , Vetter IL Grades, second 
cousin' (demnach nicht wie sonst den Sohn meines Vetters, den Enkel 
meines Oheims, den first coumi once removed). Dies scheint namentlich 
aus dem Gortynischen Erbrecht zu folgen, nach dem (ganz wie bei den 
Indern s. o.) die Dcscendenten eines Verstorbenen bis zum Urenkel 
(nicht Ururenkel), die Nachkommen seines Bruders nur bis zum Enkel 
(nicht Urenkel) erben. Aus dieser Dreistufigkeit der Descendenz, die 
natürlich auf einer Dreistufigkeit der Ascendenz basiert, mit einem 
Worte aus der Vorstellung eines Dreiahnenkreises (s. auch u. Vor- 
fahren) ergiebt sich aber als ältester Modus des Erbgangs der oben 
aufgestellte Satz von selbst, nach dem zuerst die männlichen Dcscen- 
denten eines Verstorbenen bis zum Urenkel, dann die Brüder, dann die 
Oheime (patrui), dann die Grossoheime {magni patrui) mit Söhnen 
und Enkeln erbten (so auch B. Delbrück Preuss. Jahrb. LXXIX, 21). 

Eine derartige schematische und abstrakte Ver wandt schaftsberech- 
nung muss sich aus ganz bestimmten, konkreten Verhältnissen der 
Urzeit ableiten lassen. Solche bieten die Zustände der idg. Hausge- 
nossenschaft dar. „Der Umfang der Gesamtfamilie", berichtet JoUy 
von der indischen Hausgenossenschaft (a. a. 0. S. 79) „war und ist 
häufig ein sehr bedeutender. Nicht bloss Eltern und Kinder, Brüder 
und Stiefbrüder leben in Vemiögensgcmeinschaft, sondern dieselbe kann 
sich auch auf Ascendenten, Dcscendenten und Seitenverwandte aus 
mehreren Generationen erstrecken. Bei der Sitte der frühen Heiraten 
konnte der paterfamilias noch in jungen Jahren zum Grossvater werden 
und häufig auch zum Urgrossvater avancieren^'. Auch in den arme- 
nischen Hausgemeinschaften (vgl. Barchudarian bei Leist Jus civile 
I, 498) leben oft sehr zahlreiche verheiratete, also mit Kindern (Ur- 
enkeln) versehene Enkel beieinander. Etwas weniger ausgedehnt, 
wenigstens heut zu Tage, ist die Verwandtschaft der slavischen 
Hausgemeinschaft („selbstverständlich nur in männlicher Linie"; vgl. 
Krauss a. a. 0. S. 75). 

Da auch für die idg. Urzeit ein verhältnismässig frühes Heirats- 
alter (s. d.) anzunehmen sein wird, so steht der Annahme nichts im 
Wege, dass die gewöhnliche Ausdehnung der idg. Hausgemeinschaft 
dieselbe wie bei Indern und Armeniern gewesen sein wird, dass also 



Erbschaft. 195 

auch hier noch oft ürgrossvater und Urenkel mit einander gelebt haben 
werden. Versetzt man sich auf den Standpunkt eines solchen Urenkels 
einer solchen Hausgemeinschaft, so konnte derselbe durch räumliche 
Gemeinschaft mit Vater, Gross- und Ürgrossvater, mit Brüdern, Oheimen 
(patrui) und Vettern, mit Grossoheimen, deren Söhnen und Enkeln 
(dveipiaboö^), kurz mit demjenigen Kreis von Verwandten verbunden 
jBein, welcher schematisch mit der Zahl 3 nach Analogie der direkten 
Descendenz (Vater, Gross-, Ürgrossvater : Sohn, Enkel, Urenkel) aus- 
gebaut, in der indischen Sapindafamilie und bei den griechischen 
ÄDchisteis vorliegt. Hier wird daher auch der sehr einfache Ursprung 
dieser Nahverwandtschaft liegen. In der Urzeit war man mit ihr durch 
Gemeinsamkeit des Eigentums verbunden, in der späteren Zeit, wo die 
Sonderfamilie die Hausgemeinschaft überwog, vererbte sich das Vermögen 
innerhalb derselben. 

An der gleichen Nahverwandtschaft haftete die Pflicht, die Totenopfer 
darzubringen (s. u. Ahnenkultus) und weiter die Pflicht, den er- 
schlagenen Blutsverwandten zu rächen (s. u. Blutrache). Auch das 
heisst in die Ur/eit übertragen nichts anderes als: Die Mitglieder einer 
Hausgemeinschaft sind in Totenkult und Blutrache solidarisch verbunden. 
Hausgemeinschaft und Nahverwandtschaft sind in der Urzeit identische 
Begriffe. Der letztere überdauert an Erbschaft, Animaverehrung und 
Blutrache gebunden den ersteren, nimmt aber, von dem realen Boden 
der alten Hausgemeinschaft losgelöst, allmählich einen 'rein fictiven 
Charakter an. 

Ans dem Bisherigen wird es wahrscheinlich, dass auch im römischen 
Erbrecht, das ja im übrigen die Grundzüge der idg. Familienorganisation 
so treu bewahrt hat, der Begriff einer solchen Nahverwandtschaft 
einmal lebendig gewesen ist. Es läge die Vermutung nahe, dass die 
Agnaten mit nachweisbarem Gradus ursprünglich = den indischen Sa- 
pindas, d. h. = denjenigen Agnaten gewesen seien, welche von dem 
gleichen Vater, Gross- oder Ürgrossvater abstammten (s. o.). Eineii 
ähnlichen Gedanken hat M. Voigt Jus naturale III, 1163 ausgesprochen, 
indem er annimmt, die Agnation (gegenüber der Gentilität) umfasse 
die civilen Verwandten bis zu und mit dem VI. Grade. In den uns 
überlieferten Rechtszuständen ist hinsichtlich des Erbrechts von einer 
solchen Nahverwandtschaft nicht die Rede, wohl aber begegnet sie uns 
auffallender Weise, nicht in der Agnaten-, sondern in der Kognaten- 
familie sohrino tenus (s. über sohrtnus u. Vetter; das Wort ist wohl 
auch hier, wie dveipiaboö^, in dem Sinne von Enkel des Gross- 
oheims gebraucht). Diese Kognatenfamilie tritt in der angegebenen 
Begrenzung namentlich auf zwei für die indogermanische Altertums- 
kunde wichtigen Gebieten, nämlich in Beziehung auf die Eheverbote 
und auf die Trauerpflicht bei dem Tode eines Verwandten hervor 
(über die angebliche Beteiligung der Kognaten an der Verfolgung von 



196 Erbschaft — Erbse. 

Mordsachen s. u. Blutrache). Über den ersteren Punkt ist u. Ver- 
wandtenheirat gehandelt worden. Den Entwicklungsgang hinsichtlieb 
des zweiten würde man sich vielleicht s o vorstellen können : Die Dar- 
bringung der Totensaera (Bestattung, Totenbesänftigung, Animaver- 
ehrung) haftete, ebenso wie der Erbgang, von üraeiten her an der 
Agnatenfamilie, innerhalb deren es in vorhistorischer Zeit eine (damals 
natürlich agnatische) Nahverwandtschaft sobrino tenus gab. Zu einer 
gewissen Zeit wurden nun zur Ausübung der aktuelle Interessen nicht 
berührenden T rau er p flicht die Kognaten in gleicher Ausdehnung 
{sobrino tenus) herangezogen, nachdem mehr und mehr der Gedanke 
einer Verwandtschaft durch Weiber an Boden gewonnen hatte. In 
diesem neuen Kreise blieb der alte Begriff der Nahvervvandtschaft 
erhalten, während hinsichtlich des Erbgangs und des Kultes der Toten 
(aus noch zu ermittelnden Gründen) eine neue Berechnung der Verwandt- 
schaft, nach Gradus oder Zeugungen eingeführt wurde. 

V. Über das Institut der Erbtochter s. d. — S. auch u. Recht 
(Familienrecht). 

Erbse. Es handelt sich hier 1. um die Garten- und Felderbse 
{Pisum sativum und P. arvense Z.), 2. um die Kichererbse (Cicer 
arietinum L.). Von diesen ist nur die Gartenerbse in prähistorischen 
Schichten Europas, aus neolithischer Zeit nur in den Schweizer Pfahl- 
bauten von Mooseedorf und Lüscherz (vgl. Buschan Vorhist. Botanik 
S. 200), nachweisbar. Auch in Hissarlik kommt sie vor (vgl. Wittmack 
Berichte der D. bot. G. 1886), ist aber, im Gegensatz zu Bohne und 
Linse, dem ganzen ägyptisch-semitischen Kulturkreis fremd. — 
Eine urverwandte Bezeichnung der Erbse scheint in der Reihe : armen. 
sisern, lat. cicer, altpr. Jceclcers, griech. (k€)kpiö^ vorzuliegen. Man hätte 
von einem Stamme fceqro- auszugehen und teils vorwärts (armen, sisern)^ 
teils rückwärts (altpr. keckers) wirkende Assimilation der Gutturale 
anzunehmen. Alsdann würde als Grundbedeutung dieser Sippe aber 
kaum, worauf man durch lat. cicer und griech. Kpiö^ (Theophr.) ge- 
führt werden könnte, ,Kichererbse' angesetzt werden dürfen, da es 
wahrscheinlich ist, dass der K ich er sich in Europa erst spät vom Süden 
her verbreitet hat, wofür auch auf die starke Entlehnung aus lat. dcer 
: ahd. kichürray chihhira, mengl. chichey chikpeas PL, alb. Jcikere (neben 
dem dunklen mödule) zu verweisen ist. Vgl. noch cicer ItaUcum in 
dem Capitulare Karls des Grossen. Doch kann, wie schon angedeutet, 
die Reihe: armen, sisei-n, lat. cicer u. s. w. nicht als eine über 
allen Zweifel erhabene gelten (vgl. auch Hübschmann Armen. Gr. I, 
490). 

Nicht sicher erklärt sind auch die meisten andern Benennungen der 
Erbse in den europäischen Sprachen. Griech. dp^ßivöo^ (vgl. auch 
^aßivGoi Hes.), schon bei Homer (ungewiss ob Kicher- oder Gartenerbse 
bezeichnend), gehört offenbar am nächsten zu öpoßo^ ,Erb8e' oder 



Erbse — Erbtochter. 197 

jErwenwicke' {Ervum Ervilia L.) und deckt sich vielleicht mit lat. 
ercum {*eregv(hy *erogv(h, vgl. K. Z. XXXII, 325). Noch nicht klar 
aber ist das Verhältnis, in dem die germanischen Ausdrücke ahd. araweiZj 
arwiZj agls. earfe, altn. ertr PI. zu den stldlichen Wörtern stehen. Auf 
keinen Fall können sie direkt aus dp^ßivGo^ oder ervum entlehnt sein. 
Die einen halten daher ariciz für urverwandt mit lat. ervuniy das dann 
von öpoßo^ zu ti*ennen wäre, andere suchen es mit griech. äpaKoq, dem 
Namen einer Hülsenfrucht zu vermitteln. Auch hinsichtlich der griechisch- 
lateinischen Gleichung iriaoq, -rricrao^, iriaov = lat. pisum {Pisa wie 
Cicei'o : cicer) : idg. piSj lat. pinso ,zerstossen' schwankt man, ob 
Urvenvandtschaft oder Entlehnung des Lateinischen aus dem West- 
griechischen vorliegt. Die Bedeutung dieser Wörter dürfte ,Felderbse' 
gewesen sein, da der von Plinius XVIII, 123 f. dieser Erbsenart zu- 
geschriebene unebne und eckige Samen auf P. arvense, nicht sativum 
hinweist (vgl. weiteres bei Fischer-Benzon Altd. Gartenfl* S. 95). Lat. 
pmiin ist in alle keltischen Sprachen (ir. pis w. s. w.; vgl. auch agls. 
pise) entlehnt worden. Vgl. noch griech. Y^pivöo^ und YeXivGoq' dp^ßivGoq 
Hes. : lit. zlrnis ,Erbse'(?). 

Hinsichtlich der Spontanität und Urheimat der Kichererbse weiss 
man durchaus nichts sicheres. Für die Gartenerbse hält man den Ur- 
sprung aus IHsum arvense, das wildwachsend namentlich in Hecken 
und GebirgswäldeiTi Nord-« und Mittelitaliens verbreitet ist, für wahr- 
scheinlich (vgl. A. Engler bei V. Hehn Kulturpflanzen^ S. 215). — S. 
n. Hülsenfrüchte. 

Erbtoehter. Bei Indern und Griechen findet sich übereinstimmend 
der Rechtsbrauch, dass es einem söhnelosen Vater verstattet ist, sich 
durch seine Tochter, bezüglich eine seiner Töchter einen Sohn und 
Erben erzeugen zu lassen. Das Mädchen wird also unter der Be- 
dingung verheiratet, dass der von ihr zu gebärende Knabe als Sohn 
des mütterlichen Grossvaters zu gelten habe. Die betreflFende Tochter 
(Erbtochter) heisst im Indischen putriJcä, von putrd- ,Sohn', im 
Griechischen att. diriKXripoq (nach M. Schmidt Hes. IV, 2 S. 52 auch 
auTOTrd|au)v, ^mbiKO^, fcpebpoq), kret. iraTpuüiiüKoq, Hierbei ergiebt sich 
für Inder und Griechen der bemerkenswerte Unterschied, dass bei den 
letzteren ein naher Verwandter (zunächst die Brüder des Vaters und 
deren Söhne) gebunden ist, das Mädchen zu heiraten, während bei den 
Indem von einer solchen Beschränkung nicht die Rede ist. Es liegt 
nahe (mit Leist Altarisches Jus gentium S. 108), in dem griechischen 
Brauche hier das altertümliche und ursprüngliche zu erblicken. Indessen 
dürfte dieser Punkt noch weiterer Erwägung bedürfen, namentlich auch 
mit Rücksicht auf die Frage, ob und in wie weit in der Urzeit eine 
Ehe zwischen Blutsverwandten (s. u. Verwand tenheirat) möglich 
war. 

Jedenfalls muss bei den S ü d s 1 a v e n , bei denen noch heute das 



198 Erbtochter — Erdbeerbaum. 

Institut der Erbtöchter sehr bedetttnogSToll ist, der ErbtochtermanD 
(domazet) durchaus einem anderen bratstvo angehören als die Erb- 
tochtcr {blagarica »Gutsbesitzerin', vgl. oben griech. iiriKXripoq), in deren 
bratstvo er erst durch den Vater des Mädchens eingekauft werden 
muss (vgl. ErausB Sitte u. Brauch der Südsl. S. 41 u. 466 ff.). Dabei 
geht der Zuname der Familie des Weibes allmählich auf den Erb- 
tochtermann und seine Kinder über, was an eine vereinzelte römische 
Nachricht über den Gebrauch des praenomen Numerius in der Fabischen 
gens erinnert : Numeriis sola tantum modo patricia familia usa est Fabia, 
idcirco quod trecentis sex apud Cremeram flumen caesis, qui unus 
ex ea stirpe exstiteratf ducta in mafrimonium uxore filia NumerH 
Otacilii Maleventani sub eo pacto ut quem primum filium 
sustulisset, ei materni avi praenomen imp onerety obtempe- 
ravit (De praenominibus im Anhang zu Valerius Maximus, vgl. auch 
Festus p. 170). Bachofen Antiqu. Br, II, 133 bemerkt hierzu scharf- 
sinnig: ^Durch ausdrücklichen Ehepact behält Otacilius die erste 
männliche Geburt seiner Tochter sich vor. PutrikA.putra des Maleven- 
taners wird der von Fabius mit der Tochter desselben erzielte Sohn^. 
Wenn es somit wahrscheinlich ist, dass das Institut der Erbtochter 
mit seinen Wurzeln in die idg. Urzeit zurückgeht, so wird dasselbe 
nach dem u. Erbschaft ausgeführten seinen eigentlichen Ursprung 
jedoch nicht in erster Linie in dem Wunsche haben, einen Erben zu 
besitzen. Neben der Adoption (s. d.) und der Zeugungshilfe 
(s. u. Zeugungshelfer) wird die Erzielung eines Sohnes durch die 
,,Erbtochter*' vielmehr ein weiteres Mittel gewesen sein, zunächst, um 
in den ersehnten Besitz eines für die Darbringung der Totensacra 
unentbehrlichen Sohnes zu gelangen (s. u. Ahnenkultus). Es ist zu 
vermuten, dass in diesem Verhältnis der Urzeit zucret der Begriff eine» 
Schwiegersohnes aufging (s. u. Schwieger-), ohne jedoch damals 
schon zu einer scharfen sprachlichen Bezeichnung zu gelangen. — 
S. u. Erbschaft und u. Recht (Familienrecht). 

Erdbeerbanm {Arbutus unedo L.). Ein im Mittelmeergebiet 
zweifellos einheimisches Bäumchen, dessen erdbeerartige Früchte den 
klassischen Dichtern als Speise der Urzeit galten. Die griechischen 
Namen desselben, KÖ^apoq, KäjLiopo^, Kd^apo^, ngriech. Koujaapriä decken 
sich mit ahd. hemera ,Nieswurz', altsl. cemerl ,Gift', cemerica ,helle- 
bprus', klruss. cemer ,nausea\ Nieswurz wird daher die ursprüngliche 
Bedeutung des altenropäischen Pflanzennamens sein, der auf den Erd- 
beerbaum übertragen wurde, da man auch dessen Früchten eine be* 
täubende Wirkung zuschrieb. Die Früchte heissen griech. )il^aiKuXGL 
(dunkel). Lat. arbutus hat vielleicht mit arbor, arbustum nichts zu 
thun, sondern gehört zu alts. erda ,Bienenkraut', Melisse', das auch 
dem ahd. ert-beri ,Erdbeere' zu Grunde liegen könnte (so Kluge Et. W.* ^ 
anders 0. Böhtlingk I. F. VII, 272, der mit Berufung auf russ. zemlja- 



Erdbeere — Erz. 199 

fdka : zendja und schwed. jordbär an der Verbindung des deutschen 
Wortes mit „Erde** festhält). — Vgl. V. Hehn Kulturpflanzen« S. 395 flf. 

Erdbeere, s. Beerenobst. 

Erde. Der idg. Ausdruck hierfilr liegt in der lautgeschichtlich 
noch nicht völlig durchsichtigen Reihe : scrt- Tcshä'sj Gen. gmäSy jmdSy 
hhmäs, aw. zd, Gen.' zemö (npers. zemi), griech. x^wv, x^ovö^, 
Xaiaai, lat. humusy lit. z'^me, altsl. zemlja. Die Wurzelbedeutung ist 
noch nicht ermittelt. Einige denken an scrt. Jcshämate ,geduldig er- 
tragen' und vergleichen griech. Tok&aaai : lat. tellus. Weitere Gleichungen 
sind scrt. prthivt = agls. folde und got. airpa, ahd. erda und ero, 
altn. jörve = griech. Ipale. ,auf die Erde'. Einzelsprachlich und dunkel: 
griech. ToTa, in und das italische lat. terra^ osk. teer-, ferom ,territorium'. 
Über die Erde in religionsgeschichtlicher Hinsicht s. u. Religion. 

Erle (Gattung Alnus). Dieser europäische Wald bäum wird über- 
einstimmend im Lateinischen, Germanischen und Lituslavischen benannt: 
lat. alnun {*alsntis), ahd. elira, agls. alor, altn. ölr (vgl. auch altn. 
ilstrej jölstr ,Weide' ?), got. "^alisa, woraus span. alisa ,Erle', lit. elJcsnis 
(vgl. auch altpr. alsTcanke), altsl. jellcha. Griechisch heisst der Baum 
KXfjBpr), das mit nhd. ludere, ludern , Alpeneric' {Betula nana) über- 
einstimmt^ keltisch *verno- in gall. Vernoduhrum ,Erlenwas8er' (Plin.) 
= ir. fern, femog, körn, gwern, gwernen {frx. verne). S. u. Wald, 
Waldbäume. 

Ernte, s. Ackerbau. 

Erz (Bronze). In dem Artikel Kupfer (s. auch u. Steinzeit) 
sind die Gesichtspunkte zusammengestellt worden, welche zu der An- 
nahme führen, dass die Kultur der idg. Crzeit auf steinzeitlicher (neo- 
lithischer) Grundlage beruhte, dass aber das Metall in Gestalt des 
Kupfers bereits damals bekannt war und wahrscheinlich auch schon 
zu einer Reihe von Artefakten wie dem Dolchmesser, dem Beil, dem 
Pfriem auf dem Wege des Gusses verarbeitet wurde. In dem Artikel 
Eisen ist femer gezeigt worden, dass dieses Metall erst verhältnis- 
mässig spät in unserem Erdteil auftritt: im Süden in dem Zeitraum, 
der zwischen der Mykenischen Periode und dem Homerischen Zeitaller 
liegt, im Norden erst mit der Hallstatt- und La T^ne-Periode, d. h. 
kaum vor dem 5. — 4. Jahrhundert v. Chr. Zwischen diesen beiden 
Epochen liegt nun das, was die Archäologen als Erz- oder Bronze- 
alter Europas bezeichnen, d. h. eine Zeit, aus welcher im wesentlichen 
nur bronzene Waffen, Geräte und Schmuckgegenständc an den Tag 
getreten sind. Diese Erscheinung zeigt sich in ganz Europa, mit kürzerer 
Daner in Griechenland und Italien, mit längerer in Ungarn und der 
Schweiz, in der norddeutschen Tiefebene, in Dänemark, Schweden und 
Grossbrifannien, 

Es kann demnach keinem Zweifel unterliegen, dass die Indogermanen 
Europas bereits ethnisch differenziert und im wesentlichen in ihren 



200 Erz. 

Stammsititen angekommen waren, als die Bronze bei ihnen anftrat 
Andererseits ist aber auch die Annahme auBgcschloBsen, dasa etwa di» 
einzelnen Volker Europas selbständig und unabhängig von einandei 
auf die Herstellung der Bronze verfalle» seien. Gerade diejenigen Länder 
in denen die Bronzezeit sich am reichsten entwickelt zeigt, Däuemarl 
und Schweden,' sind nicht nur für das zur Herstellung der Bronz« 
nötige Zinn (s. d.), sondern auch für den Hauptbestandteil der Erzes, 
das Kupfer, in alter Zeit ganz auf den Import angewiesen gewesen 
Dazu kommt, dass die Bronze gerade in älterer Zeit in einem ziemlicl 
konstauten, auf einen einheitlichen Ursprung hinweisenden Verhältnii 
von S^/o Kupfer zu l*/o Zinn in Europa auftritt, nnd dass endlieh auel 
die Formen und Verzierungen der bronzenen Uegenstände mit grösserei 
oder geiingerer Deutlichkeit auf ethnische Zusammenhänge hindeuten. Ei 
kann daher nicht zweifelhaft sein, dass diese Bronzekultur in einpr sehi 
frühen Zeit — die Archäologen pflegen die Mitte des zweiten Jahrtausendi 
fttr den Beginn dieses Prozesses anzusetzen — von einem gemein 
Samen Ausgangspunkt aus sieh Über Europa verbreitete. 

Dieser Ausgnngspunkt scheint noch mit einiger Wahi-scheinlichkeii 
ermittelt werden zu können. Er führt weit über die Grenzen Europas 
hinaus, in die Länder, von denen auch andere hochwichtige Erfin 
düngen der Menschheit, wie die Schrift {s. u. Schreiben nnd Lesen' 
nnd die Zeitteilung (s. d.), ausgegangen sind, nach Mesopotamien 
Während in den Sprachen aller anderen Völker, hei denen wir alt* 
Bronzen auftreten sehen, hei den Indogermanen (s. u.), wie auch be 
Semiten (hehr. nShoiet cte.) und Ägyptern (xomt) besondere Namen 
für die Bronze nicht bestehen, sondern die letztere in den Benennunget 
des Kupfers mit enthalten ist, bietet alleiu das Sumeriseh-Akka 
dische, die Sprache der ürbewohner der Enphratländer, neben «rMdi 
jKupf er' (a. u. Kupfer) eine ausdrückliche Benennung dei 
BroQ7.e zabar (eigentl. ,fenerrot glänzend'; vgl. P. Jensen Z. f. Assyrio 
logie I, 255) dar, die als aus Kupfer {uruduj und Zinn {anna, urspr 
annag, vgl. assyr, anähu, liebr. 'anäk, arab. änuk, äthiop. näh, sert 
ndga-, armen, aiiag) gemischt geschildert wird. Dazu ist uns in dci 
akkadisch-sumerischcn Littcratur ein bilinguer magischer Hymnus ai; 
den Fenergott Gibil erhalten, in welchem dieser geradezu als dei 
„Mischer von Kupfer und Zinn", d. h. doch wohl als der Erfindei 
dieser Mischung gepriesen wird (vgl. F. LenonnaDt Les noms de lairak 
et du cuivre, Transactions of the Society of Biblical Archaeology VI, 
346 und F. Hommel Die voreeniit. Kulturen S. 277, 409). Zu derselben 
Ansieht, wie sie vom Vf. schon in der ersten Auflage von Spraehver- 
gleiehiiiig und Urgeschichte (1883) ausgesprochen wurde, ist spätei 
auch W. Tomaschek in einem .\nfsatz Die Zinngewinnnng uud Bronze- 
bereitung in Asien (Mitteil, d. Wiener antbrop. Ges. 1888 Nr, 1) ge- 
kommen. Auch er nimmt an, dass die Sumero-Akkader, Assyrer und 



Erz. 201 

Cheta die ersten Lehrmeister der Bronzemischung gewesen seien. Das 
Kupfer hätten diese Kulturvölker teils aus den Gebirgen der kauka- 
sischen und kuschitischen Aboriginer, teils aus Mäkan in Arabien, das 
Zian aus dem metallreichen Lande Midian bezogen. Auch an die Zinn- 
gmben des Paropamisus (Strabo XV p. 724) und andere Zinnquellen 
des iranischen Ländergebiets (vgl. Toraaschek a. a. 0.) wird man ftlr 
die Zeit denken dürfen, ehe die Phoenicier ihre Handelsfahrten bis 
zum Westland TarSiS ausdehnten (vgl. v. Baer Archiv für Anthropo- 
logie IX, 265). Wie Tomaschek, entscheidet sich auch M. Hoernes 
Urgeschichte der bildenden Kunst in Europa (Wien 1898) S. 306 für 
das Zweiströmeland als älteste Heimat des Bronzegusses und der Bronze- 
£:ie,sser. 

Auf welchem Wege die Bronze von hier tlber Vorderasien und Europa 
bis hoch in dessen Norden sich verbreitete, und welche Zwischen- 
stationen der Bronzeerzeugung dabei bestanden, ist noch in vieler 
Beziehung dunkel und soll hier nicht weitläufiger erörtert werden. 
Und noch ein anderer Punkt bedarf mehrfacher weiterer Aufklärung, 
nändich der, wie gross der Anteil war, den namentlich die Völker 
nördlich der Alpen an der Erzeugung der auf ihrem Gebiete gefundenen 
Bronzesachen hatten. Hat man es bei ihnen vorwiegend mit Produkten 
einer einheimischen, mit fremdem Material und nach fremden Vorbildern, 
aber doch auch wieder mit selbständigen Ideen der Formengebung und 
Ornamentik arbeitenden Industrie oder vorwiegend mit eingeführten 
Waren zu thunV Diese Frage hat die Forscher, seit C. J. Thomsen 
sein üreiteilungssystem (Stein-, Bronze-, Eisenalter) aufstellte, bewegt, 
und die aura popularis hat sich bald mehr (wie in der Gegenwart) 
der ersteren, bald mehr der letzteren Anschauung zugeneigt (vgl. über 
diesen wissenschaftlichen Streit zuletzt Sophus Müller Nordische Alter- 
tumskunde I, 217 ff.). Als sicher darf angenommen werden, dass jeden- 
falls ein beträchtlicher Teil der nördlichen Bronzesachen in loco her- 
gestellt worden ist. Die Zweifler hieran müssen verstummen vor den sich 
mehrenden Funden an Gussformen, Gusszapfen, Geräten zur Metall- 
arbeit u. s. w., welche auf dem bezeichneten Gebiete zu Tage getreten sind. 
Nach Montelius (Die Kultur Schw^edens S. 49) sind z. B. in Dänemark 
und Schweden bis zum Jahre 1885 je 15 Gussformen für Äxte, Messer, 
Sägen und Annbänder gefunden worden, und nach S. Müller (a. a. 0. 
S. 451) sind zu Ende des Jahres 1895 bei Haag, Thorsager (Jütland) 
wiederum Fragmente zahlreicher Thonformen zu Schwertern, Speer- 
spitzen, Gelten u. s. w. entdeckt worden. Auch das Züricher National- 
niuseum bietet sowohl aus der Ostschweiz (namentlich aus dem Pfahl- 
bau WoUishofen bei Zürich) wie auch aus der Westschweiz eine 
reichhaltige Sammlung von Gussformen für Messer, Nadeln, Beile, 
Hämmer, Lanzen dar, wenn dieselben auch dem Anfang der Bronze- 
periode noch zu fehlen und ganzen Gattungen von Artefakten (z. B. 



202 Erz. 

jeder, auch der einfachsten Art von Bechern) gegenüber zu versage 
scheinen. Endlich sähe man, wenn n. Kupfer mit Kecbt angenonime: 
worden ist, daeg bereits die urzeitliehen Indogcrmanen gewisse kupfern 
GegenBtünde auf dem Wege des Metallgnsses herstellen konnten, auc 
nicht ein, waram sie beim Bekanntwerden der Bronze diese Thätigkei 
nicht fortgesetzt und weiter ansgcbildet haben sollten. 

Auf der anderen Seite wird man es denjenigen, die die Urgeschicht 
nnseres Erdteils nicht nur von dem doch immerliin einseitigen Stand 
punkt der Bronzefrage betrachten, nicht verübeln dürfen, wenn si 
zOgem, den von zahlreichen Archäologen behaupteten einheimische 
Ursprung auch solcher Bronzesachen für wahrscheinlich zu haltei 
welche den Stempel einer höheren technischen Vollendung in Form nu' 
Ornamentik an sich tragen. Auch hat man nicht mit Unrecht darai 
hingewiesen, daes die Keramik der betreffenden Völker nicht gleiche 
Schritt halte mit der sich zu immer grösserer Schönheit entfaltende 
Bronzefabrikalion, und dass man doch, wo diese in gleicher Weise bltth« 
wenigstens Anfange auch der Architektur und Plastik Vwarten müsse 
Statt dessen müssen die Leute, welche jene kunstreichen Dinge sehnfer 
in so leicht gezimmerten Hütten gewohnt haben, dass keine Spur ihre 
einstigen Daseins auf uns gekommen ist, von deren primitiver Gestal 
aber vielleicht «die Hansnrnen (s. n. Haus) uns noch eine Vorstelinn, 
machen kfinuen (vgl. Monteliua a. a. 0. S. ö2, S. Müller a. a. 0. S. 461 
Statt dessen müssen die Leute, die über eine meisterhafte Omamci 
tierung des Bronzegussos verfügten, in ihre Felsen Bilder eiiigemeissel 
haben (vgl. S. Müller a. a. 0. S. 464 ff., Montelius a. a. 0. passim 
die eine äusserst primitive Stufe künstlerischen Könnens und Empfinden 
verraten. 

Auf keinen Fall dürfte das Bekanntwerden der Bronze bei den nörd 
lieben Völkern eine neue Acra kulturgeschichtlicher Entwicklung ein 
geleitet haben, wie sie später das Auftreten des Eisens verursacht hat 

Wie sich in diesen Fragen nun auch die wissenschaftliche Meinunj 
endgiitig festsetzen möge, als in hohem Grade wahrscheinlich kam 
schon jetzt gelten, dass der Magnet, welcher die Bronze von dem Sfldci 
nach dem Norden lockte, der einzige Tauschwert der nördlichei 
Länder in jener Zeit, der Bernstein (s. d.) war. Zuerst ist dies' 
Kultui-strömung vom Norden nach der Balkanhalbinsel und in dei 
mykenischen Kulturkreis gerichtet, später — die Archaeologen sprechei 
dann von einem jüngeren Bronzealtcr — wendet sie sieb Italien zu 
Je mehr dann der Gebrauch des Eisens im Süden zunimmt, und ji 
mehr die Völkerverhällnisse nordwärts der Alpen, vor allem durcl 
den grossen östlichen Vorsfoss der Kelten, sich ändern, verringert siel 
die Ausfuhr südlicher Bronze nordwärts, und das Eisenzeitalter steh 
vor der ThUr. 

Als den Indogermanen Europas nach der Zeit ihrer geograpbiscbei 



Erz. 203 I 



Trennangy aber, was die Nordvölker and im besonderen die Germanen 
betrifft, noch in ihren ältesten historischen Stamm- 
sitzen die Bronze bekannt wurde, kam für dieselbe, wie schon oben 
bemerkt wurde, kein neaer Name auf. Man benannte vielmehr das 
Mischmetall mit der alten, aus der Urzeit ererbten Benennung des 
Kupfers weiter, wie dies bei lat. aes und got. aiz, die beide ,Kupfer* 
wie ,Erz' bezeichnen, der Fall ist. Auch Wörter, wie griech. x«^»^6^ 
und agls. brcBs, beide ,Bronze', die vielleicht auf Urverwandtschaft mit 
anderen Wörtern in der Bedeutung ,Eisen' (s. d.) beruhen, müssen 
nach dem Bisherigen von Haus aus ,Kupfer' oder allgemein ,Metair 
bezeichnet haben. 

Später kommen dann im Norden Europas neue Namen speziell 
für die Bronze auf. Es sind hier zu nennen erstens ir. cr4d-uma, 
eine Zusammensetzung aus ir. cr^d ,Zinu' und umae ,Kapfer'. Auf 
hoch- und niederdeutsches Sprachgebiet beschränkt sich ahd. aruz, 
aruzi, erezi, nhd. erz (auch in Ortsnamen, vgl. Aruzapahy Arizperc, 
Ärizgreftiy Arizgruoba; aus dem Deutschen: estn. ärtsj ung. ercz) und 
altndd. arut. Das Wort ist noch nicht sicher erklärt. Die einen ver- 
gleichen griech. fipbi? ,Pfeilspitze' (Fick Vergl. W.^ 1, 356), andere denken 
an alb. arents ,Stahr (6. Meyer Et. W. S. 14); auch den Namen der 
durch seine Waffenfabriken berühmten etrurischen Stadt Arretium (vgl. 
Liv. XXVIII, 45, 16: Arretini MMM — sc. policiti — scutorum, galeas 
totidem, pila gaesa hastas longas, millium quinquaginta summam 
pari cuiusque generis numero expleturoSy securis rutra falces alve- 
olo8 molaSy quantum in XL longas naves opus esset) hat man (vgl. 
Vf. V. Hehn Ein Bild seines Lebens und seines Wirkens S. 42*) zur 
Erklärung von arut- aruzi (= aes Arretium oder de Arretio) heran- 
gezogen. 

Im Mittelalter bereitet sich dann ein bis dahin gänzlich unbekannter 
Name des Kupfererzes vor, der in Neueuropa den Sieg über alle älteren 
Aasdrücke davon getragen hat: it. bronzo, frz. bronze, span. bronce, 
mgriech. ^7Tpoöv2[oq, russ. bronza, alb. brunts u. s. w. Frühere Er- 
klämngsversnche dieser schwierigen Sippe vgl. bei Körting Lat.-rom. 
W. unter *brunitius. Eine neue Erklärung hat kürzlich Berthelot in 
einem Aufsatz Sur le nom du bronze chez les alchimistes grecs (Revue 
archeologique 1888 p. 294) aufgestellt, indem er als älteste Form des 
Wortes aus alchimistischen Schriften ein mgriech. ßpovrrjaiov erweist. 
Dieses erkläre sich aus einem lat. aes Brundisium oder Brundisinum 
(so jetzt auch F. Kluge Et. W.^ s. v. Bronze), da in Brundisium nach 
Plin. XXXIII, 130, XXXIV, 160 berühmte Bronzefabriken gewesen 
zu sein schienen. Wäre diese Erklärung sicher, so böte sie eine schöne 
Parallele zu ahd. aruzi aus aes Arretium. Doch macht K. B. Hofmann 
in der Berg- und Hüttenra. Zeitung 1890 Nr. 30 nicht unbegründete 
Bedenken gegen sie geltend. Er selbst möchte das Wort bronze wegen 



20* Era - Esche. 

der Bedeutung der perBisclien und arabigchen BronzefabrikatioD liebe 
an npers. hir'mj, parsi harinz ,Kupfer, Messing', kurd, pirinjok (armei 
plinj, kaukas. npllendzi ,Knpfer', vgl, Spraclivergl. u. Urgesch.* S. 28C 
anknüpfen, was man übrigens schon vor ihm versucht hatte. Aue 
das geht aber lautlich kaum an. 

Über das erste Auftreten der Bronze bei den arisehen Indogei 
manen, den Indern und Iranicru, ist hier nicht zu handeln. Vgl. fü 
die orsteren Vf. Sprachvergleicliung und Crgeechicbte* S. 272 ff. nebs 
den hieran anschliessenden Koutrovei'sen (v. ßradke Methode und Ei 
gebnissc passini und Göttingische Gelehrte Anzeigen 1890 NV. 23 S. 91i 
Vf. Woehenschrift für klassische Philologie 1890 S. 7 ff. des Honderal 
drucks), für die letzteren W. Toniasebek a. o. a. 0. — S. n. Eise« 
Kupfer. SIetalle, Schmied. 

Erziehong. Eine planuiässige erzieberigclie Einwirknng nuf di 
Jugend dureil andere Personen als die Eltern findet in Europa zuen 
in der Weise statt, dass Greise oder doch ältere und ei'faiiren 
Männer vornehn>en JUnglingcn als Begleiter und Lehrer beigegebe 
werden. Eine solche Gestalt ist in der Ilias (IX, 432 f) l'hoiuis, de 
6€päTTiuv des Achitlens. Aus der Heimat vertrieben, ist er von Feien 
frcundlieb in Pbtbia aufgenommen und mit Land und Leuten beschenk 
worden. Schon dem Knaben hat er das Fleisch vorgesehnittcn uu' 
den Itecher gehalten. Vor allem aber ist er berufen, den Jtlngling z 
lehren 

nOeujv Tt ^Tirfip' Imevqi Trpr|KTf)pä Te fpfiuv. 

Besonders reich an Bcis])ielcn ist das germanische Altertum, wofü 
ee genügt, auf „Meister Hildcbrand", den Waffenmeister und Erziehe 
Theoderichs, auf Starcatlierus am dänischen, auf Hagen am bargui 
disclien Hofe zu verweisen. Aber anch von den Römern berichte 
Plinius Ep. VIII, 14, 4: Erat autevi antiquitus instttuium, ut a mt 
iorihus natu non auribus modo, verum etiani ocuUs disceremus, qua 
facienda viox ipst ac per vicea quasdam tradenda minortbus habi 
remus. 

Tritt in den n. Alte Leute gcschildcrien Verhältnissen die roh 
Verachtung des primitiven Menschen gegen die physische Schwäch 
der Greise hervor, so bricht sich hier bei diesen ereten Typen d« 
Lehrers und Erziehers wie bei anderen erst nach der Völkei 
trennung hervortretenden Persönlichkeiten, dem Priester, Richte) 
Dichter (s. s. d. d.), Gesandten (vgl. grieeh. Ttpeaßeunic, eigentl. ,d( 
Alte) mehr und mehr die Anerkennung und Bewunderung der mit dei 
Alter verbundenen grösseren Erfahrung und Weisheit Bahn. 

Esche {Fraxinus excelsior L.). Dieser europäische Waldbani 
zeigt in seiner Terminologie weitgehende Übereinstimmung: lat. ornti 
(*Ösi-MW-«) ,Bergesche', ir. IminniuH, kymr. onnen, bret. ounnen{*onni 
*08nä), lit. tisis, altpr. tcoasis, russ. jasenl, iSeeh. jasen. Aneh ds 



Esche — Esel. 205 

Griechische scheint eine Spur des Wortes in dxep-ujt^ , Pappel' (-wai = 
lit. üsis; s. u. Espe) bewahrt zu haben. Ferner stehen altn. ashr, 
abd. asc (s. u. Buche) und armen, hagi , Esche' aus askhio- (vgl. 
Hübschmann Armen. Gr. I, 465). Lat. fraxinus s. u. Birke. Griech. 
/leXin ,Esche' wird als „aschgraue" gedeutet (lit. smelus). 

Das Holz des Baumes wurde frühzeitig für allerhand Werkzeuge 
und Waflfen sehr geschätzt, wie denn schon im Pfahlbau von Roben- \ 

hausen eine Keule aus Eschenholz als Griff eines Steinbeils entdeckt I 

wurde (vgl. Heer Pflanzen der Pfahlbauten S. 40). Besonders häufig 
wird aber der Speer kurz als „Esche" bezeichnet. So altn. asJcVy griech. 
)yi€\(n (öHÜTi), lat. omusj fraxinus. S. u. Wald, Waldbäume. 

EseL Die Bekanntschaft mit diesem Tiere geht in die Urzeit 
aller derjenigen Völkerstämme zurück, deren Ursprünge mit Sicherheit 
in Asien gesucht werden dürfen. Dies gilt von den Semiten (urs. 
*ätdnu, *himdru) und Turko-Tataren {enek, esik). Aber auch die 
arischen Indogermanen zeigen eine wohl urverwandte Gleichung: 
aw. xara- (kurd. Teer, afgh. yar u. s. w.) = skrt. khara- (in der spät. 
Lit.), und jedenfalls ist zur Zeit ihrer ältesten Denkmäler der Esel 
(ved. gardabhd-, rä'sabha-) schon ein gewöhnliches Haustier. Ebenso 
erscheint er als solches im ältesten Ägypten. 

Anders liegen die Dinge, sobald wir Europa betreten. Dass der 
Esel nicht zu den hier heimischen Tieren gehört, beweist schon der 
Umstand, dass er in keiner prähistorischen Schicht gefunden wurde 
(über Italien s. unten). In den homerischen Gedichten wird sein Name 
an einer einzigen Stelle (U. XI, 558) genannt, an der der Telamonier 
Aias mit einem weidenden Esel verglichen wird, der trotz der Schläge 
der Knaben in ein Saatfeld einbricht. Schon diese Vcrgleichung eines 
berühmten Helden mit dem von uns so verachteten Tiere macht es 
wahrscheinlich, dass die AuflFassung desselben damals eine andere als 
heute war. Thatsächlich scheint es, dass die ersten Esel in Griechen- 
land nicht als eigentliche Haustiere, sondern eher als Zuchttiere zur 
Erzeugung der bei Homer ganz gewöhnlichen Maultiere (fmiovo<;, s. u. 
Maultier) gebraucht worden seien. So lautet das 978te Fragment des 
Arehilochus (ed. Bergk): 

f] be Ol adön 
ibaei t' övou TTpiriveo^ 
KfiXujvo^ d7rXr|)Lijuiup€V ÖTpuTricpayou. 

Die Phokäer hatten nach Hesych ein besonderes Wort für die övou^ 
^Ti' öx€(av ire^TTO^^vou^, nämlich ^uxXö^ (vgl. jhukXoi* oi Xd^voi Kai 
6x€UTai und ^urröq- TuvaiKÖ^ aiboiov: scrt. muc ,semen profundere' 
wie scrt. räsabha- ,Eser : rdsa- ,SameO. Auch Simonides von 
Amorgos spricht von der Geneigtheit des Esels zu ^pya dqppobicTia u. s. w. 
Die erste sichere Er\\'ähnung des Esels als eines Haustiers in unserem 
Sinne findet sich bei Tyrtäus Frgm. 6: 



206 Esel — Espe. 

uicrncp övoi M£t<i^oiC äxöeffi TeipÖMevoi 
beöTiooüvoiöi (p^povTt^ etc- 
In nalicm Zueamnienliang mit dieser aplirodisisclieu Bedeutung, welch 
der Eael im ältesten Grieclicnland hatte, vielleieht aueh mit einer iiört 
liehen Herkunft des Tieres (s. unten) steht die Rolle, welche dasselt: 
im DioDysosdienst in Verbindung mit Bakehos und Seilenos, von Rebe 
umgeben, auf antiken Münzen (namentlich makedonischen) und Gemmt 
spielt (vgl. Tier- und Pflanzenbilder auf Mtlnzen und Gemmen des k 
A. V. Imhof-BIümer u. 0. Keller; s. auch u. Wein). Schwierig i 
die Erklärung des Wortes 6voq. Aufgegeben ist wohl seine Ableitni 
von hebr. 'ätön ,E8elin', Die von Fick und Prellwitz vertretene Gleie 
Stellung mit lat. onus .Last', an sich wohl denkbar und durch e 
Analogon (s. u.) zu stützen, würde an dein Über den ältesten Charakt 
des griech. Esels oben gesagten scheitern. Am wahrscheinlichsten i 
noch, da^s £vo; nnd lat. asinus auf eine gemeinsame Grundform *asni 
zurückgehen, deren Herkunft im Norden der Balkanbalbinsel zu snchi 
sein würde. Vielleieht ist weiter eine Verknüpfung mit armen, es ,Esi 
möglich (vgl. oben tnrko-tat. eiiek, eük und sumeHseh ansu, ans 
Wort und Sache wären dann von sUdpoutischen Indogermanen h< 
die auch die Maultiererzeugung erfunden hatten (s. u. Maultier), 
sehr früher Zeit nach Griechenland und Italien gewandert. Nürdli 
des Pontns kamen keine Esel mehr vor (vgl. die Stellen bei V. Bei 
Kulturpflanzen B S. 5G2f.). Auch in Italien würde dann der Esel se 
früh erschienen sein; doch ist die Frage, ob er bereits in den Pfa 
bauten der Poebene vorkam, noch unerledigt (vgl. W. Heibig t 
Italiker in der Poebene 8. 15). 

Von Italien wanderte das lat. asinus mit den Warenzügen der Ka: 
ieute, später auch in hiblisehen Legenden und dergl. in den ganz 
Norden Europas, zu Kelten (ir. ansan — woraus agis. assa, engl, ass 
kymr. asyn, körn, äsen, brct. azen), zu Germanen (got. asilus a 
aainus, nicht asellus, ahd. esil), zu Slaven und Litauern (altsl. osti 
altpr. asilis, lit. iisUas, alle zunächst aus dem Germanischen). In eben 
alte Zeit (I — II Jahrh.) geht wohl die Entlehnung von ahd. soum ,L: 
eines Saumtiers', ,La8t- und Saumtier', agls. s^am aus vulgärlat. saut 
jPaeksattel' (däTna) zurück (prov. sauma ,LaBttier'). Daneben ai 
sauiiiüri, agls. s4am^re : mlat. sagmariu«, it. somaro jEsel' (v 
□griech. TOMOpii alb. gomdr .Esel' : tömo^ .Last'). Dass hier Wort- u 
Sachentlehnung Überall dasselbe ist, kann nicht bezweifelt werden. 
Ale die Heimat wilder Esel arten sieht man die semitischen Wüst 
länder und die Steppen des centralen Asiens an ; doch soll der Stam 
vater des jetzigen europäischen Hause)^e1s der afrikanische Steppi 
esel sein (vgl. Örehms Tierleben Säugetiere IIF, 59 ff.)- S. n. Viehzuc 
Espe (Populua tremula L,). Ein in allen kälteren Ländt 
Europas einheimischer Baum. Seine Namen im Germanischen (al 



Espe — Fahne. 207 

üspUf altn. ösp), Litauischen (altpr. abse, lett. apsUj lit. apuszis, sonst 
drebuU: drebü ,zittere') und Slavischen (altsl. osina, bulg., serb. Ja^ifea, 
ieeh. osiJca aus *ap8iJca-) seheinen auf Urverwandtschaft zu beruhen, 
deren ratio indessen noch nicht sicher ermittelt ist (germ. *a8p' : litu- 
ßlav. *ap8'). Andere vergleichen ahd. aapa mit lat. arbor (aus *azbor). 
Im Süden verschwindet die Espe. An ihre Stelle treten Pappel- 
arten, die Silberpappel {Populus alba L) und die Schwarzpappel (P. 
nigra L.) : griech. (schon bei Homer) aiTCipo? (: scrt. ej ,sich bewegen'; 
vgl. griech. aiYiXiüH; und alYaveri u. Eiche und oben lit. drebuli) und 
dxepujiq (s. u. Esche), lat. pöpulus. Ob diese Bäume auch im Norden 
Europas einheimisch sind, muss dahin gestellt bleiben. Ftir das euro- 
päische Russland wird ein spontanes Vorkommen derselben von Koppen 
Holzgewächse II. 333 flF. angenommen. 

Auf der andern Seite könnte der Umstand, dass für P. alba schon 
im Ahd. ein noch jetzt dialektisch lebendes albäri, arbar (aus it. ah 
bero : arbor oder albus) vorkommt, und dass im Mhd. papel, popel 
ans lat. pöpulus auftritt, darauf deuten, dass, wie nachweisbar die 
italienische oder Pyramidenpappel, eine Varietät von P. nigra, erst im 
vorigen Jahrhundert von Italien aus zu uns gekommen ist, so früher 
aoeh andere Pappelarten durch südliche Einflüsse im Norden aufkamen 
oder wenigstens durch dieselben dort weiter verbreitet wurden. Auch 
der slavische Ausdruck für P. alba, altsl. topoll, poln. topola u. s. w. sieht 
wie eine durch Dissimilation (vgl. agls. tapor ,Kerze' aus lat. papyrus ; 
6. u. L i c h t) verursachte Verstümmelung aus pöpulus aus. Doch fehlt 
es auch im Deutschen nicht an einheimischen Benennungen für Pappel- 
arten, von denen belle, bellweide, belzboum (ahd. bellizboum) und sar- 
bäum, sarbuche etc. die häufigsten sind (vgl. Pritzel und Jessen Volks- 
namen S. 300 flF.). Slavisch gilt für P. nigra : russ. osoTcorl, poln. soTcora 
und altsl. ja^nqdü, serb. jagned (dunkel). S. u. Wald, Wald bäume. 

Esse, s. Ofen. 

Essgeräte, s. Mahlzeiten und Trinkgelage. 

Essig, s. Wein. 

Etikette, s. Gruss. 

Eale, s. Raubvögel. 



P. 

Faekel, s. Licht. 

Fahne. Ein Anhalt dafür, dass bestimmte Feldzeichen, unter 
denen vereinigt die einzelnen Sippen (s. u. Heer) hätten kämpfen 
können, schon der Urzeit bekannt gewesen seien, hat sich bis jetzt 
nicht ergeben. Doch geht der Gebrauch der Fahnen bei den meisten 



208 Fahne. 

idg. Völkern in die frllheste Zeit ihrer Überlieferung zurflck. D 
Inder nnd Iranier haben sogar in scrt. drapsä- = aw. draßa- e 
gemeinsames Wort für dienen Begi'iff, nnd ihre Bedeutung in d 
Sehlacht kann durch Stellen des Rigveda wie des Awesta in gleich 
Weise belegt werden (vgl. Zimmer Altiud. Leben S. 294 nnd W. Oci^ 
Ostirau. Kultur S. 192). 

In Europa sind die Griechen bis in späte Zeiten unbekannt n: 
diesem äusseren Kennzeichen taktischer Gliederung des Heeres gcbliebe 
Hingegen findet sich bei Römern und Gernianen in merkwürdig 
Übereinstimmung die Sitte, unter gewissen auf Stangen getragem 
Bildern {aigna, effigies) in die Schlacht zu rücken. Vgl. für d 
ersteren Plinius Hist. nat. X, 16: Uomanis eam (aquilam) hgionib 
C. Marius in secundo consulatu stio proprie dicavit. Erat et ant 
prima cum quaftuor ulm : lupi, minotatiri, equi, aprique singiil 
ordinen anteihant etc. In den Bereich volksetymologiseher Worfdeutung 
ist dagegen wohl die Überlieferung- des PKtlarch (Rom. %) und ander 
zu verweisen, nach der die ältesten Fahnen Heubündcl an Stang 
getragen gewesen wäien, eine Sitte, die dem lat. manipulus, eigen 
,eine Hand voll' sc. Heu seinen Namen gegeben habe: ^Käcrriic (Hunde 
Schaft) bk dvfip öq)TiTetT0, xop^ou Kai üXrii; äfKaXiba kovtüI nepiKeifiev 
ävixiuv MOvinXa taCia AaiTvoi KaXoOdi. Immerhin kommt ein solcli 
Ersatz der eigentlichen Fahne auch in neuerer Zeit, z. B. bei Bauei 
aufständen gelegentlich vor. 

Über die Germanen berichtet Tacitns Germ. Cap. 7: Efßgienq 
et Signa quaedam detracta lucis in proelium ferunt. Mit Recht vi 
mutet man, dass unter den signa Dinge wie die Lanze des Wodi 
unter den efßgies (ganz wie in Rom) vornehmlich Tierbildcr, Bär u 
Bock des Donar u. s. w. zu verstehen seien. Dabei ist daran zu 
Innern, daas die idg. Götter (s. u. Religion) in der ältesten Zeit ; 
radezu als Tiere verehrt werden konnten. Der altgermanische Na 
fUr solche Feldzeichen war ahd-, alts. cuinhal, agis. cumbol, cuml 
(heorocumbol .Schwertzeichen', eoforcumbol 'jChei-zeichen'). Dazu geh 
auch ahd. cumpurie ,tribns', d. h. die Sippe oder der Stamm, der un 
einer gemeinsamen effigies kämpft. Darf vielleicht das ganze aus *cAMJi 
bara-m ,clas von der Sippe geführte' gedeutet werden? Von gern 
nischem Boden aus sind dann sowohl in westlicher (zu Roman ein a 
in «stiieher Richtung (zu Slaven) Beeinflussungen in der Bezeiehni; 
der Fahne ausgegangen. Sowohl das westgermanische ahd. gtindfa 
aglß. güpfana, eigentl. ,Kanipftuch' (: got. fana ,Tuch', also zde 
deutlich auf diesen Stoff als Hauptbestandteil des Feldzeichens hinweise 
wie auch das germ.-mlat. bandum (texülum quod bandum appelli 
bei Paul. Diae. = got. bandwö ,Zcichen', .Symbol' : hindan ,bii](i< 
eigentl. , Band'; vgl. u, grieeh. taivia) sied in die romanischen Sprael 
(frz. gonfalon, it. gonfalone und frz. bannifsre, it. bandiera) über 



Fahne. 209 

gangeu. Von germanischem Boden scheint auch das IrL tüfa (schon 
bei Vegetius III, 5 bezeugt) ,genu8 vexilli apud Romanos ex confertis 
plumarum globis' zu stammen. Vgl. agls. püf, sige-püf ,Siegfahne' 
ipüf : altn. pöfi, lit. tübä ,Filz'?). Dagegen aus dem lat. Signum 
entlehnt: agls. segji ^Feldzeichen'. Auf der andern Seite hat got. 
hrugga ,Stange' (Fahnenstange) zu altsl. chorqgy ,Fahne' und hat alt- 
schwed. stang, altn. stöng ,Stange, Fahne' zu altruss. stagü ,Fahne' 
geführt. Daneben besteht ein einheimisches gemeinsl. *porporü, altsl. 
praporüj das Miklosich Et. W. zu per- ,fliegen' (^flatterndes' = Fahne) 
stellen möchte. 

Auch in der altgallischen Kriegsführung spielen Feldzeichen, 
über deren Beschaffenheit wir freilich nichts wissen, eine wichtige 
Rolle. Nach Caesar De bell. gall. VII, 2 eröffnen im Jahre 51 die 
Camuten die Feindseligkeiten collatü militaribtis signis, quo more 
eorum gravissima caerimonia continetur, ne facto initio belli ab re- 
liquis deserantur. Eine irische Bezeichnung der Fahne ist merge 
{*mergiä), was an altn. merJci ,Kennzeichen' und ebenfalls ,Fahne' er- 
innert. Vgl. noch ir. bratach ,Fahne' : brat ,Manter (wie oben ahd. 
fanoj. 

Einer Bemerkung bedarf noch die Fahne des Schiffes, die Flagge. 
Im Gegensatz zu dem altgriechischen Landheer (s. o.), hat die griechische 
Flotte unzweifelhaft von ihr Gebrauch gemacht. Vgl. Poll. On. I, 90: 
Tci be ÖKpa TTJ^ 7Tpu^vr|q fiqpXaata KaXeitai, div dvxö^ HiiXov öpGöv tt^tt- 
TT]€v, 8 KaXoöcTi atuXiba (,Flaggenstock') • ou tö ^k \iiaov Kpe^djuevov 
{iÖLKoq taivia (,Flagge, Wimpel', eigentl. ,Band') övo|idZ!€Tai. Signal- 
und Nationalflaggen hiessen schon in guter Zeit armeia (vgl. Breusing 
Nautik S. 87). Indessen ist es zweifelhaft, ob mit diesen Ausdrücken 
Flaggen im eigentlichen Sinne, d. h. grosse am Hinterteil des Schiffes 
oder auf der Spitze des Mastes befestigte, viereckige Fahnen gemeint 
sind, oder nicht vielmehr das, was die heutigen Seeleute als „Flüger" 
(sehr kleine Fahnen am Mastbaum zur Kenntlichmachung der Wind- 
richtung, aber auch zur Bezeichnung der Nationalität) und „Wimpel" 
(lange, schmale Fahnen zum Schaugepränge etc.; ahd. wimpal noch 
jSehleier') bezeichnen. Xur solche Fahnen sind an den mittelalterlichen 
Schiffen, wie sie die ältesten Stadtsiegel etc. zur Darstellung bringen, 
nachweisbar. Die heutige Flagge tritt erst spät (etwa im Zeitalter 
der Entdeckungen) auf, im Französischen unter dem Namen pavillon 
aus lat. päpilio (von den auf grossen Schiffen errichteten Pavillons, 
auf denen die Fahne aufgesteckt wurde? oder direkt von dem flatternden 
Schmetterling?), in den germanischen Sprachen unter dem noch dunklen 
Worte dän. flag, engl, flag u. s. w. Vorläufer unserer Flaggen waren 
auch die Standarten (it. stendardoy mhd. stanthart), die in früheren 
Zeiten auf dem Verdecke des Schiffes aufgepflanzt wurden. Vgl. 
Lappenberg Z. d. Ver. f. hamb. Geschichte III, 164. — S. u. Heer. 

Scbrader« Reallexikoii. 14 



«10 FalivKtrassc — Fiiike, Falkenjagd. 

Fahrstrasse, s. Strasse. 

Fahrzeui^e, s. Schiff, SeliHtteii, Streitwageo, Wagen. 

Falke, Falbenjagil. Die ersten bistorisclicn Nachrichten üh* 
die Benutzung: von Raubvögeln y.u Jagdzweckcn geben Ktesias (Iu( 
Cap. 11) Hud Aristoteles (Hist. auiin. IX, 36, 4) aus Indien, bezflglit 
Thrakien. Den Grieclien und Römern war die Kunst, Jagdvüg 
auf kleineres Wild Blossen zu lassen, in der guten Zeit unbekanc 
Die einzige Art, den iepa£ zur Jagd zu benutzen, ist die von Oppit 
'lEtuTiKci III, 5 gcBcliilderte, nach welcher Habicht oder Falke an ein* 
Baum angebunden, dazu dient, die auf dem Baume sitzenden Vcig 
Tor Schreck starr zu machen. Erat im IV. oder V. Jahrhundert n. Chi 
bei Julius Firmicus Maternus und Cajus Sollius Apoliinaris Sidoniii 
ist die Falkenjagd unzweifelhaft eine bekannte Sache. Dass es ge 
manische Völker waren, welche dieselbe nach Italien und in ande 
romanische Länder vei-pflanzteu, macht die Sprache wahrecheinlic 
Aus dein abd. sparwäri (eigenti, ,Sperling8adler', aperuaritis Lex. Sa 
stammen : it. sparaviere, frz. epertier, aus altn. geirfalki (Fnlco i 
landiacs) ,Sperfalke' : it. gerfalco, Span. geiifalte,ynov. girfalc, fi 
gerfattf, aus ahd. smirl, nbd. achmerl .ein Zwergfalke' : it. xnteri 
prov. esmirle, it. svieriglhne, aus nihd. luoder ,Lock8pcise : it. logor 
frz. leurre. Auch mlat. fnlco, it. falcone, fiv,, fancon (nur im R 
manischen nicht bezeugt) leitet man nicht mehr wie frflher von h 
fdlx jSicbcl' (ebensowenig wie gricch. äpTni .Lämmergeier' von äpi 
jSichel) ab, sondern man sieht auch hier in den romanischen Naui' 
Entlehnung, und /.war aus ahd. falcho, altn. faJki (letzteres spät bezeug 
die man ihrerseits entweder zu nhd. fallen {accipitres praedax pen 
quuntur, falcones ab alto feruntur) stellt oder als die „fahlen" (ober 
falch) Vögel erklären möchte. Jedenfalls wird Falco auch als Eigemiat 
in mehreren altgerm. Dialekten verwendet, wodurch das Indigenat d 
Wortes auf germanischem Boden weiter erhärtet wird. 

Woher die Genuanen die neue Jagdweise, die weder Caesar, no 
Tacitus, noch I'Hnius bei ihnen kennen, die aber sowohl in den legib 
Barbarorum, wenigstens in den späteren (si quis acceptrem de arbort 
furaverit der Lex. Sal. könnte noch auf die oben geschilderte Opj 
anische Jagdweise gehen, doch Lex. Alem. hat bereits: acceptor gui au4^c 
mordet), wie auch bei den nordischen Germanen (vgl. Weinhold Ali 
Leben S. 64 ff.) bezeugt ist, dürfte schwer zu sagen sein. Kaum vi 
Westen, von den Kelten her, auf welche die Bedeutung dieses Volk 
auf andern Gebieten des Jagdsportes hinweisen könnte (s. u. Jagi 
Hier ist erst im X. Jahrhundert, in wallisischen Recbtsqaellen die Ja, 
mit Habicht, Falke und Sperber, und zwar ganz in der späteren mitt 
alterlichen Weise, zu belegen, und altkymr. hebauc, altir. sebocc ,Habic 
sind nicht, wie man frtther gemeint hat, die Quelle von, sondf 
Entlehnung aus agis. heafoc, engl, hawk (abd. habiih, altn. haui 



Falke, Falkenjagd. 211 

iinn. havukka). Wahrscheinlicher ist es, dass die ersten Stürme der 
Völkerwanderung die Falkenjagd aus dem Innern Asiens nach dem 
Occident hertiber brachten. In Turk est an, dem Stammland der Türken, 
bei denen diese Jagdweise, wie es scheint, seit ältester Zeit bekannt 
ist (vgl. Vambery Primitive Kultur S. 100), sind die edelsten Falken- 
und Habichtsarten noch heute einheimisch. Auch kann man sicli die 
Jagd mit Vögeln eher auf der unendlichen Steppe als in dem begren/ten 
Waldland Europas entstanden denken. Jedenfalls ist von dort aus 
die slavische Welt und, durch persische Vermittlung, Byzanz be- 
einflnsst worden. Schon in sehr früher Zeit ist das türkische JcaragUy 
kergu ,Sperber' in sämtliche slavische Sprachen eingedrungen: altsl. 
kraguj, bulg. kargOj russ. (lautlich auffallend) kraguj u. s, w. (vgl. Mi- 
klosich Türk. Elem. S. 91). Vgl. noch niss. sarycü (Falco Btiteo) aus 
nordtürk. sareca ,Ja^^dfalke'. 

Unter den byzantinischen Ausdrücken für Jagdvögel, die das Orneo- 
sophion, resp. Hierakosophion des Kaisers Michael angiebt, sind ein- 
heimisch: i€pa5 , Habicht', -neTpix^q ,Edel-, Tauben- und Wanderfalke' 
und oSuTitepiov ,Sperber'; drei Ausdrücke aber sind orientalischen Ur- 
sprung: nämlich l&fayoq aus türk. zagen , Weihe' oder aus arab.-pers. 
Mhin, Pamird. säin, kurd. sin ,Königsfalke', OuTKOupiov aus npers. 
Jtonkur ,6erfalke' und xZioupdKiov ,Sorrak, Falco candicans' wohl aus 
npera. cary, Pamird. tsär, tsärgh. 

In Europa wuchs die Bedeutung der Falkenjagd immer mehr, so dass sie 
im VI. Jahrhundert auf verschiedenen Kirchenversammlungen der Geist- 
lichkeit verboten werden musste. Ihren Höhepunkt erreichte sie aber im 
XII. und XIII. Jahrhundert, in dem Friedrich II. ein eigenes Werk über sie 
schrieb. Auch damals noch kamen neue Verbesserungen auf diesem Ge- 
biet aus dem Orient. So wird z. B. im Buche des Kaisers Friedrich 
die Erfindung der Falkenhaube (capella) als eine arabische bezeichnet. 
Einen sprachlichen Beleg aber für diese spätorientalischen Bezie- 
hungen bietet mlat. sacer, it. sagro, frz., span. sacre^ mhd. sackers ,der 
Sackcrfalk\ Die Meinung, dass diese verhältnismässig spät bezeugte 
Sippe nichts sei als das lat. sacer ,licilig', eine Übersetzung von lepaE, 
kann jetzt wohl als aufgegeben gelten. Auch ahd. wh , Weihe' ist von 
ahd. tciho , heilig' zu trennen, und auch in WpaE ist, wie Hcsychs ßei- 
Qox^q lehrt, xepöc; ,heilig' = scrt. ishird- erst volkstümlich hineinge- 
tragen worden. Die oben genannte Sippe von mlat. sacer etc. ist 
vielmehr eine Entlehnung aus dem arab. saqr (vgl. auch npers. sikere 
tJagdhabicht*), das vielleicht seinerseits wieder aus türk. fschakir entstellt 
ißt. Slav. sokolü und lit. sakalas ,Falke' (ob : scrt. gakunä- »Vogel' V) 
sind von sacer fem zu halten. 

Mit der Erfindung des Schiesspulvers beginnt der Verfall der Falken- 
jagd. Die Namen der Jagdvögel werden nun zum Teil auf die neuen 
SchiesswaflFen übertragen: vgl. it. falconetto ,Feldschlange' 7noschetto, 



212 Falke, FnlkenJRg<1. 

eigciill. ,der Sperlier', ierzeruolo eigentl. jtlas Männchen des HabichU 
sagro, eigentl. ,Sackei'falk', alles zugleich Aundrltcke fllr Schiesswaffei 

Zu erwähnen bleiben einige weitere lie>:eichnungen des Habicht: 
des ältesten Jagdvogels, die im Bisherigen keine Besprechnng gefnnde 
haben. 

Weit verbreitet ist das tat. accipitcr. Es wird gewöhnlich aus *aci 
piter (vgl. lat. (tcu-pedius ,schnel)fllsBig' und griech. TreiOMai ,flicge 
hergeleitet und als der ,sehncllfliepende' (vgl. o. griech. öEutttepk 
,Habicht', schon in der Septuaginta) gedeutet. Neuerdings (vgl. Hol 
hausen I. F. V, 274) aber hat man an eine Grundform *aci-piter {ac 
: got. ahaks ,Taube' und lat. petere ,auf etwas losgehen') gedacht ni 
das Wort etwa als „Taubenstüsscr" aufgefasst, ganz wie das sehe 
oben genannte ahd. Tuxbuh von Ubienbeck Beiträge XXI, da auf eii 
Grundform ^kapo-ghno- {*kapo- ,Hubn' in scrt. kapiüjala- ,Haselhab: 
etc., -ghno- — scrt. -ghna- z. B. in brakma-ghna- ,Brahnianentöter'i zi 
rüekgefuhrt und als „HHhnertöter" aufgefasst worden ist (doch vg 
auch mtat. capus, das schon allein .Habicht' bedeutet, und russ, kobezi 
das man ebenfalls zur Erklärung von ahd. habuk herangezogen hal 
AVie nun auch immer das zweifellos durch lat. accipere bccinfluss 
lat. accipiter entstanden zu denken sei, jedenfalls ist dasselbe durc 
die Rücksichtnahme auf dasselbe Verbutn noch weiter heeinflusst worde 
Daher zunächst lat. acceptor (schon bei Lucilius). — Aus acceptor o<l 
Tolksmässig noch weiter entstelltem *auceptor (: auceps) gingen d 
romanischen Formen span. azor, prov. austor, frz. autour, it. astoi 
hervor. Vielleicht hatte auf ihre Bildung auch das zuerst von Firmici 
Matemus gebrauchte astur ,Sperber' Einfluss {Asiir ein röm. GladJ. 
torenname, vgl. 0. Keller Lat. Volksct. S. 314), dunkelen Urepninj 
und kaum zu dem Aristotelischen (ütTrspia? ,eine Art Raubvogel' g 
hörig. Die slavischen altsl. jastrqM , Habicht' (nach Miklosich : slova 
jaHtr'äi ,9charf blicken') haben mit accipiter, mit dem noch alb. K-i 
, Sperber' und ngr. Ei(pT€pt ,i'pervier' zu verbinden ist, nichts zu tbu 

Im Litauischen heisst der Habicht tränagas. Xacb J. Grimm (^. 
H. 50), dem V. Hehn (s. u. S. 583) bierin folgt, läge eine Entlehnni 
aus dem Germanischen vor. Hier bedeute ahd. icanno-tvfiko eint 
kleinen fllr heilig gehaltenen Raubvogel, dem Wannen (lat. ranntis) i 
den Häusern errichtet würden, um darin zu nisten. Wort und Sit 
stammten aus Italien, wo letztere schon Colnmclla VHI, 8 und l'linii 
X, 109 erwähnten. Wer indessen diese Nachrichten der Alten prül 
nach denen der Hnunculus (von Hna .Gefilss') in den Columbarien ir 
radc zum Schutn gegen den Habicht gehalten wurde, wird die ang 
gehcne Erklärung fUr lit. wAnagan nicht glaublich finden. Eher könn 
man für dasselbe an ir. fang, faing ,Geier' denken. 

Vgl. Beckmann Beyträge II, 2 S. 257 ff., Hammer-Purgsta 
t'alknerklce Wien 1840 (das türkische Falkenbuch, das byzantinische Hi 



Familie. 213 

rakosophioQ^ Kaiser Maximilians Buch über die Falknerei), J. Grimm 
Geschichte d. deutschen Sprache S. 43flf., V. Hehu Kulturpflanzen^ 
S. 362 flF., Baist Z. f. deutsches A. 1883, F. Kluge Et. W.« s. v. Falke. 
Familie. Aus den idg. Verwandtschaftsnamen ergiebt sich, dass 
für die engste Familienzusammengehörigkeit, für Vater, Mutter, Sohn, 
Tochter, Bruder, Schwester (s. s. d. d.) urzeitliche Benennungen 
vorhanden waren. Ausserdem gab es ein Wort für den Bruder des 
Vaters (s. u. Oheim;, für den Grossvater und Enkel (s.S. d.d.). Was 
die Heiratsverwandtschaft anbetriflFt, so gab es eine Bezeichnung für 
die Schwiegertochter und für ihre Beziehungen zu den Verwandten 
des Mannes, also für dessen Vater, Mutter, Bruder, Schwester. Auch 
ein zusammenfassender Name für die Frauen von Brüdern war vor- 
handen (s. u. Schwieger-). Hingegen lassen sich keine urzeitlichen 
Bezeichnungen für die Beziehungen des jungen Mannes zu den Ange- 
hörigen seiner Frau und wohl auch keine für den Begriff* des Schwieger- 
sohnes selbst nachweisen. Der Schluss, der aus diesen Thatsachen 
gezogen werden muss, ist zunächst der, dass der Gedanke der 
Affiivität im heutigen Sinne der Urzeit noch nicht aufge- 
gangen sein kann. „Die Sippe der Frau mochte schon damals 
als eine „befreundete" (griech. KribecTTr|(; jeder durch Heirat Verwandte, 
,Seh>vieger8ohn, Schwiegervater, Schwager', Ktibejuöveq • oi Kaxd im- 
Yajiiav oikcToi Hes., Ktibeuiuia ,Verschwägerung' — während im Gesetz 
von Gortyn Kabeaiaq Blutsverwandte von Männern und namentlich 
von Frauen bezeichnet — : Kr|beio^, Kribiaroq ,lieb', südsl. prijateljstina 
,die ganze Verwandtschaft der Frau' : altsl. prijateU , Freund', mhd. 
triuntschaft , Verschwägerung, Freundschaft') gelten; aber als durch 
Verwandtschaft betrachtete man sich noch nicht mit ihr verbunden. 
Mit der Ehe trat ein Weib aus dem Kreis ihrer Anverwandten in 
den des Mannes über, was sie aber mit diesem vereinigte, zerriss 
zugleich ihre bisherigen Familienbande, knüpfte nicht neue zwischen 
ihrer und des Mannes Sippe an. Das Weib verschwand, so zu sagen, 
im Hause des Ehemanns" (Sprachvergleichung und Urgeschichte^). 

Wenn aber Jemand den Bruder seiner Frau nicht als Verwandten 
betrachtet, so ist es von vornherein nicht wahrscheinlich, dass seine 
Kinder den Bruder ihrer Mutter als solchen ansehen werden, und 
thatsächlich können indogermanische Namen für lediglich durch Frauen 
vermittelte Verwandtschaftsbeziehungen, im besonderen für den Mutter- 
bmder (s. u. Oheim), nicht nachgewiesen werden. Wie die Affinen, 
werden daher auch die Kognaten nur im allgemeinen als „Freunde^' 
oder „Verbundene" bezeichnet worden sein, wie denn Bildungen von 
der Wurzel bJiendh ,binden' im griech. 7T€v0€pöq den Schwiegervater, 
(des Mannes), im scrt. bändhu- vorwiegend den Kognaten, namentlich 
den Mntterbruder (vgl. JoUy Sitte u. Recht S. 85 f.) bezeichnen. Nimmt 
man hierzu, dass die aus der Erweiterung der Familie schon in der 



214 Familie 

ürxeit hervorgegangene Sippe (s. d.) als agrarigche nnd militäriBcht 
Einheit Bchl echterdinge nicht verstanden werden kann, wenn man fb 
die Zugehörigkeit zu einer solchen Sippe ausser der Verwandtschaf 
durch Männer auch noch die verwandtschaftlichen Beziehnngen dnrcl 
die Frauen massgebend sein lassen wollte, so ergiebt sich aus alledem 
dass der Familienbegriff der idg, Urzeit ein dnrchaas ag 
natigcher gewesen sein muss. 

Zu diesem Ergebnis war F. Bernhöft, freilich ohne seine Meinung 
was erst dnrch die Sprachvergleichung möglich war, eigentlich beweise 
zu können, schon im Jahre 1882 gelangt, iudem er (Staat und Rect 
der röniiscben Königszeit S. 2ü2i sehr richtig sagt: ,,Da8 Prinzip dt 
Verwandtschaft im Mannesstamnie ist schon in der gemeinschaftliche 
Vor/.eit der Indogermanen durchgedruugeu. Die Annahme, als ob n 
sprllnglich noch Verwandtschaft im Weiberstamme gegolten hätte, na 
hicmns sich bei jedem einzelnen Volke das agnatische Prinzip mel 
oder weniger rein entwickelt hätte, ist zu verwerfen". Leider ist * 
später, nnmeiitlich in einem Aufsatz Ehe- und Erbrecht der griechische 
Heroenzeit (Z. f. vergl. Rechlsw. XI, 321 ff.), aus nicht ausreichende 
Grlluden von dieser richtigen Erkenntnis wieder abgewichen. Hingegt 
hat R. Schröder in der zweiten Auflage seiner Deutseben Rechtsg 
scJüchte (1894) S. 62 (dritte Aufl. S. 63) den in Sprachvcrgleiehnr 
und Urgeschichte* vertretenen Standpunkt ohne Einschränkung ang 
nnnimen: „Der Aufbau der ariischen [indogenimnischenj Familie wi 
ein durchaus agnatiseher, die Iflutsfreunde von mütterlicher Sei 
wurden nicht als Verwandle, sondern nur als Freunde angesehen 
Dasselbe thut 0. Lorenz in seinem Handbuch der Genealogie (Bert: 
1H9K) S. 81 ff., der auf diesem Woge zugleich die Erscheinung erklä 
sieht, dass „die Genealogien der alten Volker in der Ascendenz imm< 
nur die väterliche Reihe berücksichtigen". Die Einwendungen Leis 
(Altar. Jus civil« I, 265 f.) gegen diese immer mehr durchdringende 
Anschauungen von dem Charakter der ältesten Familie sind nicht stic 
ballig. Er weist darauf hin, ,,dasB die alte Sprache nicht einmal ei 
Wort für Agnation habe", ohne zu bedenken, dass in einer Zeit, i 
der es nur eine Art der Verwandtschaft, die agnatische, gab, uattlrlie 
jedes Wort, welches Verwandter, Verwandtschaft u. s. w. bezeichnet 
ausschliesslich in diesem Sinne gemeint war. Gegensätze wie lat. a 
nattts und cognalus, scrt. sapinda- und bdndhu-, deutsch Gentiag< 
und Spindelmagen geboren erst den Einzelsprachen an. 

Wenn er dann ferner zu Gunsten eines ursprünglich kognatischt 
Fnmiliengedankens auf „die hohe Wichtigkeit des Avnnenlata, die b 
zu den Germanen reiche" und anf die „bei Griechen wie Indem h 
stehende Erbberecbtigung npöq nr\Tp6<;" hinweist, so ergiebt sich d 
geringe Tragweite dieser Argumente aus den .Ausführungen ii. Ohei 
nnd Erbsehaft. 



Familie. 215 

Hiernach bleibt das Wesen der indogermanischen Familie noch 
nach einer dreifachen Seite zu bestimmen. Es ist erstens über die 
Stellung des Hausherrn der Frau und den Kindern gegenüber und über 
die der beiden letzteren selbst zu handeln. Es ist zweitens die Aus- 
dehnung der Familie in der Urzeit zu bestimmen, und es sind drittens 
die ältesten Bezeichnungen des FamilienbegriflFes zu erörtern. 

I. Die Stellung des Hausherrn zu Frau und Kindernu. s. w. 

An der Spitze der idg. Familie steht der Vater (s. d.), der der 
Frau und dem ganzen Hause gegenüber als „Herr'^ [*poti-y s. u. E h e) 
bezeichnet wird. Er hat die Frau durch Kauf (s. u. Braut kauf) in 
seine .,Hand" gebracht, wie die Vergleichung von ahd. mimt, altn. alts. 
agls. mund ,mundium' mit lat. manus in mancipium, manuminHiOy 
uxor in manu u. s. w. zeigt, eine wohl schon idg. Ausdrucksweise, 
die ursprünglich ohne Zweifel auf jedes familicn- wie sachenrcohtliche 
Eigentumsverhältnis angewendet wurde (vgl. R. Schröder a. a. 0. S. 58). 
Die Frau ist dadurch mit allem, was sie hervorbringt, das Eigentum 
des Mannes geworden. Ihre Sippe gilt dem Manne noch nicht als eine 
ihm verwandtschaftlich verbundene (s. o.). Auf demselben Wege des 
Kaufs kann er sich eine zvveite und dritte Frau (s. u. Polygamie) 
enverben: ausserdem kann er sich (was aber wohl erst nach Aufkommen 
eines Sklavenstandes üblich wird) zur Befriedigung seiner Lust eine 
unbestimmte Zahl von Kebsen (s. u. Beischläferin) halten, während 
der Ehebruch (s. d.) der Frau bis in späte Zeiten mit dem Tode 
geahndet wird. Er kann die Frau Verstössen, die ihrerseits mit un- 
auflöslichen Banden (s. u. Ehescheidung) an den Mann gebunden ist. 
Ist er selbst nicht im Stande, sich den erflehten Sohn, der dereinst 
für die Ruhe seiner Seele (s. u. A h n e n k u 1 1 u s) sorgen soll, zu er- 
zeugen, so kann er dies bei seinem Weibe durch einen Zeugungs- 
helfer (s.d.) besorgen lassen, wie er gelegentlich auch nicht ansteht, 
seine Frau einem besonders geehrten Freund (s. u. Gastfreundschaft) 
zur Verfügung zu stellen. So ungleichartig war die Stellung von 
Mann und Frau, dass die sprachliche Ausbildung von Begriffen wie 
Ehe (s. d.), Gatten (s. u. Ehe), Eltern (s. d.) in der Urzeit noch 
unmöglich gewesen zu sein scheint. Auch ein Wort für den Witwer 
fehlte in der Ursprache noch, aus dem einfachen Grunde, weil ein 
Mann, der seine Frau eingebüsst hatte, ein bedeutungsloser Begriff war, 

etwa wie ein Mann, der eine Kuh oder dergleichen verloren hatte (s. u» 
Witwe). 

Niedrig wie die Stellung des Eheweibes ist natürlich auch die der 

Frau überhaupt gewesen. Erst ganz allmählich wird sie auf idg. Boden 

zum Eigentum und zur Erbschaft (s. s. d. d.) zugelassen. Bei den 

Mahlzeiten (s. u. Mahlzeiten und Trinkgelage) speisea 

die Weiber getrennt von den Männern und erhalten, was diese übrig 

lassen. Töchter zu haben, gilt allen altidg. Völkern für ein Januner, von 



216 Familie. 

dem man BJch bünfig diircli Aussetzuii^ derselben befreit (s. ii. Au 
setzun^B recht). Zur Jungfrau herangewacliseii, ist das Mädeh 
ein Tauschobjekt für den Vater, der sie verheiratet, ohne nach ihr* 
Willen zu fragen [s. u. Heirat). Als Weib ist sie, wie wir saht 
Eigentum des Mannes, uud auch das Los der Witwe (s. d.) ist^l 
tief In die historischeu Zeiten ein klägliches geblieben. Der allgenici 
Satz der Völkerkunde (vgl. E. Grosse Die Formen der Familiu u 
d. F. d. Wirtschaft S. 171, 181), dass Frauenkauf uud Vaterfolge ober 
zunächst mit einer niedrigen Stellung des Weibes verbunden sind, t 
wahrheitet sich also durchaus auch auf idg. Boden, uud es ist schu 
zu begreifen, wie Leist in seinen Btlchern Altariscliea Jus gentioin u 
Altarisches Jus civile (passim) zu der Voretellung von einer parciitf 
rechtlichen Stellung der idg. Frau dem Manne gcgenflber gel.ing 
konnte. Die Opfergemeinschaft der Ehegatten, wie sie uns bei Inde 
und Romern entgegentritt, kann man fllr eine frühzeitige Gleiclistellu 
der Frau mit dem Manne den oben angefnhrtcn Thatsaehen gegenüt 
nicht geltend machen; denn es steht nichts im Wege, worauf FusI 
de Conlangcs La citc antiqne schon längst hingewiesen hat, die Fr 
auch hierbei ursprünglich nicht als eine dem Manne gleich berechtig 
Teilnehmerin am Opfer, sondern als seine Dienerin und Gehilf 
aufzufassen. Auch fehlt es weder in Italien noch in Indien an Opfci 
bei denen die Anwesenheit der Frau streng untersagt ist, Erscheinnnge 
die man nach dem obigen als Kttrvivah eines Zustandes anffassen niu: 
in dem die Frau Hberbaupt nicht zum Opfer zugelassen war. Dies g 
bei den Römern von dem Marsopfer pro bottm valetiidine (Cato De 
rust. 83: MuHer ad rem divinam ne adnit neve videat quomodo ß 
in Indien von der I'iavargj'a-Zeremonie („wenn die Pravargya-Zeremor 
vollzogen wird, verhDilt die Gattin des Opfervernnstalters das Haupt 
Catapath. Brähm.). Vgl. Hcnrici Jordaui viiid. serm. lat. antiquissii 
Regimontii 1882. Über die ursprüngliche Bedeutung des neben id 
*poti- liegenden *potni- s. u. Ehe. 

Gleichwohl wird das Los der Frau frühzeitig durch die Anteilnahr 
der Sippe, welcher sie angehörte, gemildert worden sein. Umso läng 
und scliroffer tritt die ganze Strenge der väterlichen Gewalt di 
Kindern gegenüber zu Tage. Über die Inder äussert in dieser H 
Ziehung Jolly a. a. 0. S. 78: „Nach Närada I, 32—42 herrscht d 
Hausvater (qrhtn-) (Iber seine Familie wie ein König über seine ünte 
thanen, eln-'Lchrer über seine Schüler. Seine Frauen und Diener sJi 
ihm unbedingten Gehoraam schuldig, und seihst seine Söhne bleib« 
abhängig von ihm, so lange er lebt, selbst wenn sie mit 16 Jährt 
volljährig geworden sind .... Über die Söhne kann er unbedin^ 
verfügen, sie verschenken, verkaufen oder Verstössen (Vas. 15, 2); do( 

wird der Verkauf schon Ap. 2, 13, 11 verboten Der Erwoi 

der Söhne gehört im allgemeinen dem Vater, sie stehen in dieser Hinsicl 



Familie. 217 

mit Sklaven und Frauen auf gleicher Stufe (Närada 5, 41)." Für das 
alte Gallien haben wir den kurzen^ aber bedeutsamen Satz des Caesar 
De bell. gall. VI, 19: Viri in uxores, sicut in liberos, vitae necis- 
que habent potestatem. Dasselbe galt bei den alten Preussen (nach 
Hartknoch Das alte und neue Preussen S. 208). Über die altger- 
manischen Zustände, berichtet ß. Schröder a. a. 0. S. 64: „Von 
der a-isserordentlichen Strenge, mit der die Gewalt des Hausherrn 
(^poti-) in der idg. Zeit ausgestattet gewesen sein rauss, haben sich 
in den germanischen Rechten noch manche, zum Teil bis in das Mittel- 
alter verfolgbare Spuren erhalten [vgl. auch Brunner D. Rechtsg. I, 75]. 
Die Töchter unterlagen, teilweise noch in der fränkischen Zeit, dem 
unbedingten Heiratszwange des Vaters. In Fällen der Not konnte man 
Frau und Kinder in die Knechtschaft verkaufen. fTac. ann. IV, 72], 
Beide waren der strengsten Zucht- und Strafgewalt des Hausherrn 

unterworfen Man hat die Wehrhaftmachung der Söhne 

mehrfach für einen die väterliche Gewalt aufhebenden Emanzipations- 
akt erklärt. Aber indem Tacitus [Germ. Cap. 13: Haec apud illos 
toga, hie primus iuventae honos; ante hoc domus pars videntur^ mox 
rei publicae] den Akt mit der Anlegung der toga virilis bei den Römern 
gleichstellte (bei den Germanen bestand die Ablegung der Kinder- 
tracht in dem Scheren der bis dahin unverkürzt getragenen Haare), 
gab er zu verstehen, dass es sich nur um die Einräumung der poli- 
tischen Selbständigkeit, keineswegs aber um die Entlassung aus der 
patria potestas handelte". Im Griechischen weist der umstand, 
dass becJTTÖTTiq (s. u.), das ureprünglich nichts anderes wie idg. *poti' 
bedeutete, allmählich den Sinn von ,unumschränkter Herrscher', z. B. 
vom Pereerkönig gesagt, angenommen hat, auf die Fülle der Macht 
hin, über welche der Hausherr einst auch in Hellas gebot. Später 
seheint sich dieselbe gerade hier verringert zu haben, und die familien- 
rechtliche Mündigkeit trat wenigstens in Athen gleichzeitig mit der 
bürgerlichen (2 Jahre nach erfolgter Mannbarkeit) ein. Nur in solchen 
Fällen, in denen die Hausgemeinschaft unaufgelöst blieb (s. u.), wird 
die väterliche Gewalt fortgewirkt haben (vgl. Jevons Kin and custom 
Journal of philology XVI, 103 flF., wo überhaupt wertvolles Material 
für die Annahme einer grösseren Bedeutung der patria potestas in 
Griechenland beigebracht wird). Auf uraltem idg. Rechtsboden aber 
befinden wir uns wieder in Rom. Auch hier hat dem Vater das volle 
Verfügnngsrecht über seine Kinder zugestanden. Er durfte siv^ aussetzen, 
verkaufen, töten (vgl. die Belege hierfür und für die späteren Ein- 
schränkungen bei Marquardt Privatleben I, 3). Erst mit dem Tode 
des Vaters erlischt seine Gewalt über die Kinder. Es kann daher nicht 
bezweifelt werden, dass, sobald man das Wesen und nicht die Form 
der Sache ins Auge fasst, der altrömische Begriff der patria potestas, 
ebenso wie der der Agnation (s. o.), nicht, wie Leist Altar. Jus eivilc I, 77 



218 



Familie. 



meint ^partikalarrechtliches^ lateinisch-römisches ins civile'S sondern, 
wenn auch in seinen letzten Konsequenzen erst in Rom inristisch aus- 
gebaut (s. u.), uraltes gemeinsames Besitztum der idg. Völker (Ji» 
gentium) ist. 

IL Die Ausdehnung der indogermanischen Familie. 

Bei den idg. Völkern begegnen uns in Geschichte und Gegenwart 
zwei Formen der Familie, die wir mit E. Grosse (s. o.) als die Sonder- 
familic und die Grossfamilie bezeichnen können. Bei der ersterea 
tritt der Sohn mit seiner Verheiratung ans dem väterlichen Hause aus^ 
entzündet ein eigenes Herdfeuer imd führt eine eigene Wirtschaft, bei 
der letzteren bleiben die Söhne auch nach ihrer Verheiratung und oft 
auch nach dem Tode des Vaters in dem väterlichen Erbe sitzen und 
bilden eine Haus- und Wirtschaftsgemeinschaft. Auch Delbrück hebt 
(Verwandtschaftsnamen S. 4) diese Verschiedenheit hervor und fügt 
hinzu: „Es liegt, wie mir scheint, kein Grund zu der Annahme vor, 
dass diese Verhältnisse in der Urzeit einförmiger gewesen sein, ato 
diejenigen, die wir jetzt beobachten". Indessen wird man doch zu- 
geben müssen, dass die beiden genannten Formen der Familie zwei 
so verschiedene soziale und wirtschaftliche Ordnungen darstellen, dass 
sie zwar, wie es thatsächlich der Fall ist, die eine als untergehendes, 
die andere als aufspriesseudes Gebilde, bei gewissen Einzelvölkera eine 
Zeit lang neben einander gelegen haben, aber nicht neben einander 
entstanden sein können. Die Frage lässt sich daher nicht umgehen, 
welche der beiden Familienformen die ältere sei. Es lässt sich aber 
unschwer wahrscheinlich machen, dass für die idg. Urzeit die 
Form der Grossfamilie anzusetzen, und auf idg. Boden also 
tiberall die Sonderfamilie aus der Grossfamilie hervorgegangen ist. 

Die Form der Hausgemeinschaft tritt uns unter den idg. Völkern 
mit besonderer Deutlichkeit in Asien bei Indern und Armeniern, in 
Europa bei Slaven und Kelten entgegen. Die bei den drei zuerst ge- 
nannten Völkern in dieser Beziehung herrschenden Zustände sollen zu- 
nächst in einigen charakteristischen Zügen dargestellt werden. „Die 
indische Gesamtfamilie*^ sagt JoUy Sitte und Recht S. 76, „beruht auf 
der Gemeinsamkeit der Wohnung, der Mahlzeiten, des Gottesdienste» 
und des Eigentums. Die gemeinsame Bereitung der Nahrung und das 
Znsammenspeisen ist das sichtbarste äussere Zeichen der Zusammen- 
gehörigkeit, und die Mitglieder der Familie werden daher geradezu 
als die Gesamtheit der elapdkeiia vanatäm^ d. h. „gemeinsam kochenden'*^ 

bezeichnet Der Patriarch, der an der Spitze der Familie 

stand, konnte in der Regel zu einer Teilung des Vermögens nicht ge- 
zwungen werden, und so musste bis zu seinem Tode die Zahl der mit 
ihm in Gütergemeinschaft lebenden Familienglieder stetig anschwellen, 
zumal, da jeder männliche Descendent schon in jugendlichem Alter 
eine Schwiegertochter in das Haus brachte Starb der pater 



^ 



Familie. 21^ 

familiaSy ohne selbst eine Teilung vorgenommen zu haben, so ging 
seine Würde auf seinen ältesten Sohn über, der entweder geradezu al» 
der Erbe, oder wenigstens als der HaushaltungSYorstand betrachtet 
wurde, der wie ein Vater für seine jüngeren Brüder und Verwandten 
sorgen sollte'*. Von der armenischen Hausgemeinschaft berichtet 
Dr. Barchudarian (bei Leist Altarisches Jus civilel, 497): „Das Hau» 
bildet eine festgeschlossene Gemeinschaft, und zwar wird diese nicht 
dadurch gelöst, dass die Söhne heiraten und ein eigenes Hans gründen. 
Vielmehr geht die absolute Herrschaft des Haushalters fort auf die 
von den Söhnen und Enkeln gegründeten Familien. Alles lebt zu- 
sammen nach dem keinen Widerspruch duldenden Willen des Hausherrn. 
Die Verfügungen desselben sind unwidersprechlich. Was die Söhne 
erwerben, kommt in die gemeinsame Kasse, aus der die zum Hause 
gehörigen Frauen ernährt werden. Es gilt noch ganz der Satz, dass 
die Mädchen keine Mitgift erhalten; sie werden mit Kleidern und Schmuck 
ausgestattet. Sie treten durch die Verheiratung aus dem Hause aus. 
Stirbt der Hausherr, so wird der älteste Sohn der Beherrscher des 
Hauswesens, und so noch ferner in der dritten Generation". Die süd- 
slavische Hausgemeinschaft (zadruga) endlich besteht nach der 
Schilderung von Krauss Sitte und Brauch der Südslaven S. 64flF. aus 
einer Vereinigung von an Zahl bis zu 60 — 70 Mitgliedern, die unter 
einander Blutsvei-wandte 2 — 3 Grades „selbstverständlich nur in 
männlicher Linie" sind. Sie wohnen in demselben Gehöft, besitzen ein 
gemeinsames Vermögen und sind unter einander gleichberechtigt. An 
der Spitze steht ein Hausverweser (domac'in), der zwar die gemein- 
schaftlichen Angelegenheiten leitet, aber nicht Eigentümer des Familien- 
vermögens ist, das, wie schon bemerkt, sämtlichen männlichen er- 
w^achsenen Hausgenossen gemeinschaftlieh gehört. Hausverweser wird 
der verständigste Familienvater. Eine eigentliche Wahl findet aber 
selten statt. Häufig folgt vielmehr der Sohn oder Bruder (vgl. S. 81). 
Die Hansgemeinschaft wohnt so, dass das eigentliche Haus {ogniitije 
,die Feuerstätte') allein von dem Hausverweser und seiner Familie be- 
wohnt wird, um das sich dann in hufeisenförmigem Halbkreis die Woh- 
nungen der übrigen Mitglieder (nur Schlatkammem) herumgi-uppieren. 
Die Mahlzeiten werden von den Männern gemeinsam eingenommen. 

Bei den Kelten lässt sich die Hausgemeinschaft schon in den alt- 
irischen Brehongesetzen nachweisen. Vgl. darüber Maine Lectures on 
tbe early history of institutions* S. 79 ff. 

Der entscheidende Umstand nun dafür, dass die so weit verbreitete 
Institution der Grossfamilie nicht eine Neuerung der genannten Völker, 
sondern vielmehr schon für die idg. Urzeit vorauszusetzen ist, liegt 
darin, dass auch bei denjenigen Völkern, bei denen im übrigen die 
Sonderfamilie die herrschende Regel bildet, doch die unverkennbaren 
Überbleibsel des ursprünglichen Zustand» sich finden. 



Familie. 

Jies gilt besonders vom alten Rom. Hier erzälilt Plutarch vo 
CrasBUs (I): ?\v Ti^iriTiKoO Kai 6pia^ßiKoC Ttaxpö^' ^ipäfpii b'iv oik! 
[iqi MtTÖ buoiv dbeXcpiiJv Kai toTs dbeXq)oi5 aÜTOÖ fwvaiKeq fioav, f- 
' xoveujv ZiiüvTLuv Kai Trävie^ im xfiv aüitiv 4<poiTuiv xpäiteZav. Fem« 
'ahnt Valcrius Mnximus von der Familie der Aelier (IV, 8): Qui 
Ha familia, quam locuples] Sedecim eodem tempore Aelii fuenin 
bus ana domuncula erat . ... et tinus in agro Vejente fnndti 
tu« mttlto cuUores deJiiderans, quam dominos habebat (dazu vg 
tareli Aeni. Paul. V: f|üav yäp ^KKaibeKa öUTfevei?, AtXioi TrävK 
also Agnaten — ■ oiKibiov bk ndvu MiKpöv ?|V aÜToT? xai xu^pitiic 
fjpKci Träffi ^iav ^cTriav VEHoufli nijä naibtuv ttoXXujv Kai TuvaiKÜiv 
solieint in solclien Hausgcmeiiiscliaflen einer der älteren Fraue 
Beaufsichtigung aller Kinder zugefallen zu sei» (Tacit. Dial. Ca) 
. Nicht unpassend bringt M. Voigt Lcges Rcgiae S. 598 mit diesei 
lainmeiinobncn mehrerer Familien auf engem Kaum und der sie 
raus ergebenden Notwendigkeit der Unterordnung aller übrige 
luen unter düu Willen der mater familias den strengen Satz eiui 
Romnii in Verbindung: Si nurus socrut obambulasatt („mit it 
lert"), ast oUa plorassit, Hacra Divis parentum estod. Stellt nia 
diesen sich so ergebenden ZUgen einer altrömisclien Hausgemeinschaf 
D Zusammen wohnen mehrerer Generationen, den gemeinsamen Mah 
en, der gemeinsamen Kindercr/Jeliung, die in Rom selbstverständliclie 
gemeinsamen (lottesdienstes (der Laren und Penaten) und der gi 
nsamen Abhängigkeit von der patria potentas, so hat man in de 
lischcn Verhältnissen das ziemlieli gelreue Ebenbild der idg. Gesam 
lilie vor sieh. 

Lnch in Griechenland tritt uns die alte Form der Haiisgcmeit 
att noeh in Poesie und Wirklichkeit entgegen. Homerische Beispiel 
len das Haus des Prianios in Troja nnd das mythische des Aiolc 
I. X, i>). Oliarakteristiseh ist auch, dass der homerische Held sei 
ib nicht in sein eigenes, sondern in das des Vaters fnbrt. Vg 
IX, 147, wo Agamemnon dem Aehilleus seine Tochter »nbietel 
nv dvöebvov dt^oöuj npöc okov TT n X fj o 5. Besonders zwan^r i 
irta die Unteilbarkeit des RXiipo? mehrere Brltdcr vereinigt in dei 
leteilteu Erbe sitzen zu bleiben. Aber auch in Athen mQssen solch 
le noch in späterer Zeit hanfig vorgekommen sein (vgl. besondei 
B. Jevona a. a. 0. S. 102flf.i. 

jher die Germanen stehen uns aus der ältesten Zeit keine Nact 
iten zur Verfügung; doch sind die späteren Rechtsquellen reich a 
spielen der Hausgemeindei-schaft und des Ganerhentums (vgl. I 
röder Deutsche Reclitsgeschichte* s. Index v. und Branner Deutseli 
!htsgesehiehte S. 79). 

Venn nach dem Bisherigen demnach die agnatisch aufgebaut 
issfamilie als indogermanisch anzusetzen ist, soergiebt sieb näher« 



Familie. 221 

über ihre Ausdehnung und soziale Bedeutung aus den u. Erbschaft 
angestellten Erörterungen über den BegriflF einer idg. Nahverwandt- 
schaft. Es hat sich daselbst gezeigt, dass diese abstrakte Vorstellung 
in den konkreten Verhältnissen der idg. agnatischen Hausgemeinschaft 
wurzeln muss, die sich oft vom Urgrossvater bis zum Urenkel mit den 
dazu gehörigen Seitenverwandten erstreckt haben wird. Die besonderen 
Rechte und Pflichten, namentlich die des Ahnenkultes, der Blut- 
rache (s. s.d. d.) und der Nachfolge im Erbe, welche später mit jener 
Nahverwandtschaft verknüpft sind, werden daher von Haus aus 
an den einzelnen Hausgenossenschaften gehaftet haben, die noch 
mit Rücksicht auf die in ihnen herrschenden Regierungs- und Eigen- 
tumsverhältnisse eine kurze Besprechung nötig machen. 

Es liegt in der oben geschilderten Natur der väterlichen Gewalt, 
dass sich dieselbe über alle Mitglieder der Hausgeuossenschaft in ihrer 
ganzen Strenge erstreckte und erst mit dem Tode des Paterfamilias 
erlosch. Doch ist dabei zu bedenken, dass es sich hier um Zeiten 
handelt, in denen ein starres Recht noch nicht regiert, und alle Ordnung 
von der naturgemäss mannigfachen Schwankungen unterworfenen Sitte 
abhängt. Es wird daher iauch vorgekommen sein, dass gelegentlich 
der Paterfamilias, der nicht mehr durch die Kraft seines Armes oder 
Beines Geistes die Hausgemeinschaft regieren konnte, von dem auf- 
strebenden Sohne, der im Falle des Todes und des Zusammeubleibens 
der Verwandten der gegebene Nachfolger war, entthront und, wie 
Laertes in der Odyssee, auf das Altenteil gesetzt wurde, wenn er nicht 
zu noch schlimmerem Los verurteilt wurde (s. u. Alte Leute und 
vgl. Ihering Vorgeschichte S. 53). Wir müssen uns alle diese urzeit- 
Hcheu Verhältnisse in einem gewissen Fluss begriffen und nicht von 
römischen Juristen ausgeklügelt vorstellen. Wenn in der südslavischen 
zndrtiga (s. o.) an Stelle der sonst überall begegnenden strengen und 
monarchischen väterlichen Gewalt ein mehr genossenschaftlich und 
demokratisch geleitetes Hauswesen uns entgegentritt, so wird man 
nicht irren, in diesem Zuge eine Neuerung der slavischen Stämme zu er- 
blicken, und auch nicht aller; denn schon der russische Hausälteste verfügt 
über eine weit grössere Regierungsgewalt als der südslavische domacin. 
Das Eigentum der idg. Hausgenossenschaft gehörte allen männlichen 
Mitgliedern derselben gemeinschaftlich. Es könnte scheinen, als ob 
dieser Satz dem von der unumschränkten Gewalt des Paterfamilias 
widerspräche. Und dem wäre so, wenn man eben für die Urzeit mit 
scharf geschliffenen juristischen Begriffen rechnen dürfte. So wird man 
das Verhältnis am besten so ausdrücken: das Eigentum wurde von 
den Familienmitgliedern als Gesamteigentum betrachtet, über das ein 
schrankenloses Verwaltungsrecht dem Paterfamilias zustand. Der Ge- 
danke^ dass er dieses Gut an Fremde weggeben könnte, lag 
aber dem Familiensinne dieser Zeit fern. 



222 Familie. 

Im rSmiscIien Reclit hat eine leise Verschiebung^ dahin stattgefundec 
dass der Paterfamilias nUD ^irkhch Eigentümer dos Familiengatea ^t 
worden ist. Ob ihn auch das Volk in der ältesten Zeit als solclie 
ansah, mag dahio gestellt bleiben. Die Spur einer Epoche, wo nnc 
in Rom das Eigentum als Familiengut anfgefssst ivnrdc, liegt in la 
vindicare (s. u.i vor. 

in. Die Beoennungen der idg. Familie. 

Der oder ein idg. Name der Familie ergiebt sich mit Sicherheit ai 
-der Gleichung: sert. ddthpati- , Hausherr' = griech. heanÖTiiq (s. o. 
Diese Wörter sind aas einem idg, *dem-s-poti- hervorgegangen, di 
*poli- des *rfe»(- = acrt. dam ,Hau8' (Gen. PI. damd'm), aw. da7n 
armen, tun (vgl. HUbschniann Armen. Gr. S, 498l bedentet. In vollen 
Form liegt jenes *dem- in dem ebenfalls schon indogermanischen : sei 
dajad-, griech. böjjo^, lat. domus, altsl. domü, sowie wohl auch 
aw. nmdna- ans *d9mäna- (vgl. auch altpei'S. mäniya-, npera. nwi 
nnd lit. nämaV^) vor, die fast alle, wie idg. *dem; im Griechisch» 
und Litauiseheu namentlich iin Plural, zugleich im Sinne von ,FaDiili 
gebraucht werden können. Im Laufe der Zeit sind dann an die Stel 
des alten Wortes vielfach neue Ausdrücke für Familie getreten, d 
zum Teil ebenfalls von dem Haus, der Wohnstätte ausgehen. Dies g 
von scrt. grkd- {grhdpati- ,Hausherr') = aw. gereda- ,Höhle, unt( 
irdische Behausung' (s. u. Unterirdische Wohnungen), für griec 
oTko?, oiKeteia (vgl. Aristoteles Politik I, 2, 6: i\ jitv oöv el? itäOav fm^P 
üuveffTiiKuia KOiviwvia Kaxä ipüoiv o I k ö <; 4otiv, oö? b jitv Xapuivb 
KoXei 6nocTiTnJou5, 'Eirincvibri? bk ö Kpfj; 6^0K^iTIOU^ : ki^tto^ ,Hn: 
Garten'), für ahd. häa (wie auch noch für nhd. „Hans") u. a. Reo 
eigentlich die in einem Haushalt vereinigte Mannschaft, nameutli 
auch in ihrer Verwendung im Kriege (b. u. H e e r), meint das urk 
tische Kompositum *tego-8lougo-a : ir. teglach ,Hansgeno88ensebaft', s 
kymr. telu ,Hauslialt, Familie', kom. feilu gl. famüia : ir. teg, tt 
,Hau8' lind slög ,Sehar, Zug, Heer' (vgl. Zeuss Gr. Celt.* p. 1-^ 
Stokes Urkelt. Sprachschatz S. 321). Etwas verwickelter ist die I 
deutungsgesehichle von lat. familia. Das uritalische Wort (vgl. um 
famedias) ist zunächst eine Ableitung von osk. famel, lat. famul 
die, wie osk. faamat ,er wohnt" zeigt, ursprünglich .HauBbewobn 
bedentet haben müssen. Zu vergleichen ist wahrscheinlich scrt. dhd'nu 
,WohnBtätte, Heimat, bes. die Stelle des heiligen Feuers, die .- 
gehörigen, zusammengehörige Schar'. Der eigentliche Sinn von fanii 
ist demnach ,Hau3bewolmer3ehaft', paterfamilias (vgl. oben idg. *den 
poti-) ist der Vater oder Herr der Hausbewohnersehaft. In der historii 
bezeugten Sprache bedeutet aber familia znei'st nur das HaosverraO g 
und das Gesinde, und erst später wird es, aber doch wohl in j 
knflpfung an die etymologische Bedeutung des Wortes, als Conjpl 
begrifl für einen Teil der Geschlechtsgenossen nnd für das Gesclile 



Familie. 223 

«elbst gebraucht (vgl, M. Breal Dict. etyni. lat. S. 84, Mommsen Rom. 
Steaterecht III, 1; lO^, B. Delbrück bei Leist Altar. Jus. civ. II, 169^; 
nur wenige haben andere Erklärungen für lat. familia versucht und es 
z. B. dem lit. giminS , Verwand tschaft' gleich setzen wollen). In pater- 
familias ist die ursprüngliche Bedeutung von familia immer bewahrt 
geblieben. 

Anderer Herkunft ist der germanische Stamm *hiwa-, *hiwa' in got. 
heiwa-frauja ,Hausherr', agls. hi-r^d »Familie', ahd. M-rät »Vermahlung', 
hiwisJci ,Hausgesinde' ,Familie', altn. hyske , Familie', agls. hiwan 
jDiener', ahd. hmo ,6atte, Hausgenosse', Mwa ,6attin' u. s. w. Derselbe 
entspricht genau dem scrt. givd-y geva- ,lieb'. Die Hausgenossen sind 
also als die ,Lieben', die , Freunde' bezeichnet. Auch lat. civis ,Bttrger' 
wird hierhergehören. Von derselben Wurzel, aber mit anderem Suffix 
ist wohl auch die weit verbreitete litu-slavische Sippe *8ei-mi' abge- 
leitet : altsl. semlja ,persona', semija ,mancipia', seminü ,mancipium', 
klrnss. semja ,Familie', russ. semija ,Mann und Weib', ,Familie', semi- 
janinü ,Oberhaupt der Familie', altpr. seimins, lit. szeim^na ,Gesinde' 
u. s. w. (vgl. Miklosich Et. W.). Die Grundbedeutung ist immer ,die 
Lieben', ,Verein der Lieben' (über die Stellung der Sklaven 
s. u. Stände). 

Endlich werden auch Wörter, die ganz allgemein , Verwandtschaft* 
bedeuten, für die Hausgemeinschaft gebraucht. So ^oxi.jä's- {'.jänas-) 
injäS'päti' ,Familienvater', so griech. Traxpa ,die unter der Gewalt eines 
irairip stehende Vereinigung', so slavisch rodü ,partus, generatio, gens' 
(vgl. Ewers Ältestes Recht d. Russen S. 12 und Krauss a. a. 0. S. 73: 
„In der Hercegovina, Crnagora und der Bocca nennen die Mädchen, 
«0 lange sie im Elternhause weilen, dasselbe dorn, und, nachdem sie 
üusgeheiratet, rod, das neue Heim dagegen dom^). 

Da die Hausgemeinschaften sich im Verlauf der natürlichen Ent- 
wicklung zu Sippen und die Sippen zu Stämmen erweitern, die 
»ich von einem und demselben (hier natürlich toten) Stammvater wie die 
Hausgemeinschaft ableiten, so ist es begreiflich, dass namentlich die- 
jenigen Bezeichnungen der Grossfarailie, die dieselbe als »Freundschaft' 
oder , Verwandtschaft' bezeichnen, auch für die weiteren Begriffe ge- 
braucht werden können (s. u. Sippe und Stamm). 

Es dürfte hier der geeignete Ort sein, in ausführlicherer Erörterung 
auf eine Gruppe bisher noch nicht zusammengestellter Wörter einzu- 
gehen, die, wenn richtig mit einander verglichen, in hohem Masse 
geeignet sind, den Charakter der einstigen Grossfamilie namentlich 
mit Rücksicht auf das vorhistorische Rom noch näher zu be- 
stimmen. 

Es handelt sich um die Gruppe: lat. vindex, vindicere, vindiciae, 
tfindicta, vindicare, vindicatio : ir. fine ,Grossfamilie', ,joint family' 
(Sept) aus *veniO' und altgall. ]^€ni'Cd7'us ,seiner Familie wert', ir. 



324 Familie. 

fin-gal ,Miir<l eine» Familiciigeiiosscn' i*teni-), ahd. iclni aus *ceH 
,wer zur Familie gehört", , Freund", 

Uie lateinische Wortsippe tritt uns schon in der ältesten Ühcrlieferni 
in einer dreifachen Bedeutung entgegen. Wer nach der ersten d 
XII Tafeln in iu8 vocatur, mnss unter allen Umständen Folge leiste 
es sei denn dass er an seiner Stelle einen vindear stellt, und das Gese 
bestimmt: Assiduo (<I. h. dem reichen Manne) vindex assiduus est 
proletario iam cwi quis volet vindex esto. In der dritten Tafel weidt 
Bodann die .Schnidverhältnisse ahgeliandelt. Nach Ablauf der 30 di 
iusti kann der Gläubiger die Hand an den Schuldner legen und i) 
vor den Richter führen. Ni iudicatum facit aut quis endo eo in iw. 
vindicit, secum ducito, d. h. der Gläubiger kann den Schuldner ni 
nach Hause nehmen und dort gefesselt in Gewahrsam halten, wei 
nicht der Schuldner sich einen vindex verschafft. Vindex smi (cinä 
cere) bedeutet also /unächät „vor Gericht für Jemanden eintreten 
Ein deutsches sich genau deckendes Hauptwort ist für die Übersetznr 
des spezitiseb rUmiscben Rechtsbcgritfcs vindex natürlich nicht vo 
banden. Am nächsten würde unser „Itürge" kommen, doch nicht 
dem rein juristischen Sinne, nach dem der Bürge neben einen andei 
tritt, wohl aber in dem Sinne, in dem etwa Schiller das Wort in di 
„Bürgschaft" gebraucht: „So niuss er statt Deiner erblassen, und D 
ist die Strafe erlassen." 

Eine zweite für das altrömische Rechl^lcben nicht minder wichtig 
Bedeutung der lateinischen Wortsippe liegt vor in dem von tinde 
abgeleiteten cindicare ,eine Person und Sache als sein Eigentum i 
Anspruch nehmen'. Hierzu stellen sieh das ebenfalls schon in den X] 
Tafeln bezeugte vindicia, vindidae ,der vom Praetor für die Dan« 
eines Rechtsstreits einem der streitenden Teile zugesprochene Besii 
des Streitobjekts', ,die Eigentumsklage und das Streitobjekt selbst 
sowie vindicatio .Verfolgung eines Ansprucbs' und ebenfalls , Eigentum: 
klage'. 

Drittens heisst riitdex ,Rächer', i-indicare ,räcben', lindicta ,Raclie 
Dass auch diese Bedeutung, und zwar ursprünglich in dem technische 
Sinne der im historischen Rom erloschenen Blntrache, sehr alt is 
dürfte aus einer merkwürdigen Stelle des Trinummus (v. 642 ff.) g( 
folgert werden können. Der junge Lysiteics macht hier dem leieb 
sinnigen Lesbimicns die heiligsten Vorwürfe: „Haben Dir", sagt e 
„Deine Vorfahren deshalb den guten Ruf hinterlassen, damit Du da 
durch ihre Tüchtigkeit envorbene schimpflich verdürbest, 

Atque hoHori posterontm tuorum ut vindex fieres'^'^, 
eine Steile, die Ritscbl i.Opusc. IT, 526) ohne Zweifel richtig mit de 
Worten übersetzt: „damit Du zum Henker {cindex) würdest an de 
Ehre Deiner Kinder". Die Bedeutung ,Henker' aber setzt eine frUhei 
Bedeutung ,BlntrReher' voraus; denn ans einer soleben ergiebt sie 



Familie. 225 

der Sinn von , Henker' ohne weiteres, wenn man bedenkt, dass die 
ursprünglich auf Selbst-, beziehungsweise Familieuhilfe beruhende In- 
stitation der Blutrache in Rom wie anderwärts vom Staate übernommen 
wurde, so dass der die nunmehr als Strafe, nicht als Rache gedachte 
Tötung des Schuldigen vollziehende Beamte, dessen Gewerbe in der 
ältesten Zeit nirgends etwas verächtliches hatte (s. u. Strafe), sehr 
wohl als jBluträcher' (vindex) bezeichnet werden konnte. 

Zur etymologischen Erklärung unserer Wortsippe sind bis jetzt 
im wesentlichen drei Versuche gemacht worden. Den Alten schien es 
sicher, und unseren Juristen scheint es sicher, dass der erste Teil des 
Wortes vindex den Akkusativ von vis »Gewalt' enthalte, eine Auf- 
fassung, die K. 0. Müller (Rhein. Museum für Jurisprudenz V, 190) 
näher zu begründen versucht hat. Zu den Formen des Vindications- 
prozesses gehört es nämlich, dass beide Parteien, die um einen Sklaven 
oder ein anderes Gut streiten, einen Stab, eine festuca in der Hand 
haben, die auch selbst vindicta genannt wird, mit dieser den streitigen 
Gegenstand berühren, und, wenn es sich z. B. um einen Sklaven 
handelt, nach einander sagen: Hunc ego hofninem ex iure Quiritium 
meiim esse aio secundum suam causam sicut dixL Ecce tibi vin- 
iicfam imposui. Da nun an Stelle der festuca nach Gaius (Institutiones 
IV, ]6j ehemals eine hasta als Signum quoddam iusti dominii stand, 
auch der Vorgang von den Alten selbst durch in iure manum conserere 
bezeichnet wurde (vgl. Gellius Noct. Att. XX, 10), so meint K. 0. Müller, 
dass dieser Brauch die symbolisch bewahrte Erinnerung an eine Zeit 
darstelle, in der man um sein Eigentum nur mit den Waffen stritt. 
Vin-dicia ist ihm daher nichts anderes als das „an den Tag legen von 
Gewalt, wenn der Gegner der Forderung nicht nachgeben will". 

Gleich hier kann hervorgehoben werden, dass es seltsam erscheint, 
wenn die lateinische Sprache, vor die Aufgabe gestellt, die Inanspruch- 
nahme eines Eigentums auf dem Wege des Rechts auszudrücken, dafür 
kein anderes Mittel gehabt haben sollte, als auf die Gewalt hinzu- 
weisen. Auch hat sich die neuere Sprachforschung mit jener Erklärung 
nicht zufrieden gegeben, sondern zwei weitere Deutungen versucht. 

Zunächst hat W. Corssen (Aussprache und Voc. IP, 272 f.) vindex 
aas *ven(h^ex hergeleitet, den ersten Bestandteil des Wortes, *veno- 
zu scrt. van ,gern haben', ,wünschen' gestellt, und vindex als den 
gedeutet, „der sein Begehren ausspricht'', „einen Rechtsanspruch erhebt". 
Femer hat M. Breal (Mem. de la soc. de lingu. II, 318), ohne zu 
bemerken, dass seine Erklärung schon in dem Etymologicon des alten 
Vosßius sich verzeichnet findet, für vindex ein ^veno-dex angesetzt, 
dieses *venO' in vSneo, vendere, venumdare, also in einem alten "^venum 
,der Preis' wiederzufinden geglaubt und demzufolge vindex als den er- 
klärt, „der den Preis nennt", was soviel heisseu soll als „wn komme 
gui d4clare donner caution^. 

Schrader, Reallezikon. 15 



336 Familie. 

Alle drei Erklärungen fiiideD aicli bei Pott (Et. F. II, 4; 141 ui 
520 ff.) beeprochen, der aber selbst zu einer festen Entscheidung nie! 
kommt. Es lässt sich zeigen, Jass alle drei Deutungen nicht haltb; 
sind. 

Allerdings lassen eich formelle Bedenken — und auch seliwerlic 
mehr als solche — nur gegen die Herleitnug unserer Sippe aus vi 
dicere geltend machen. Da tindicare und vindiciae offenbar Abl< 
taugen aus vindex sind, wie ißdkare und iHdictum von iudex, ; 
wäre die Annahme einer alten ZusammenrUckung eigentlich nnr f 
das einmalige (s. o.) vindicere nahe liegend. Hiervon könnte rindic 
gebildet sein. Wie aber vindex selbst direkt ans einer Zusaniuie 
schiebnng von rim und -dex entstanden, oder indirekt aus ritidice. 
abgeleitet sein sollte, ist spraehgeschichtlich schwer einzusehen. 

Der entscheidende Gesicbtspuakt liegt aber auf dem Gebiete d 
Bedeutnngßlehre. Alle drei Erklärungen kranken nämlich an dei 
selben Fehler, dass sie immer nur eine .Seite des oben als dreispalt 
erwiesenen Bedeutnngskems unserer Sippe erklären. Wie kann nii 
von der Bedeutung „Gewalt an den Tag logen", angenommen dass s 
der Ausgangspunkt für die Terminologie des Vindicationspiozesses g 
wesen sei, ohne gewaltsame Sprünge zu der Bedeutung „für Jemand) 
als Bürge eintreten" gelangen? Wo ist die BrUcke, auf der man vt 
„ein Begehren aussprechen'^ zu „Rache ttben'^ oder von „eine Kautii 
stellen" zu sein „Eigentumsrecht geltend machen" hinttberkommt 
könnte? 

In der That ist den älteren Etymologen diese Discrepanz der B 
deutnngen so gross erschienen, dass sie für unsere Sippe zwei gai 
verschiedene Stammrerba, ein vindkare und ein vendicare annähme 
Da dies gegenwärtig niemand befürworten wird, zumal wir wisse 
daSR vindkare Ilbernll die ältere, vendicare die jüngere Schreibm 
ist, so muss derjenige, welcher eine neue Erklärung vorzuschlagen t 
absichtigt, vor allem sein Augenmerk darauf richten, hinter jcb 
historischen Dreispaltigkeit des Bedeutungskernes eine vorhistorisc 
Einheit nachzuweisen. Oder mit anderen Worten: der BegrifT, den d 
erste Bestandteil von vin-dex enthält, mnss ein derartiger sein, di 
der feierliche Hinweis auf ihn, wie er in -dex : deko, beiKvupi ansg 
Bprocbeu ist — in beiden Sprachen sind mit dieser Wurzel seh 
juristische Vorstellungen verknüpft — , den Gedanken des für Jemand 
als Bürge Eintretens, der Inanspruchnahme eines Eigentm 
und des RächeES hervorrufen kann. 

Ein solcher Begriff ist nur einmal vorhanden. Es ist die alte ic 
Familie, d. h. die in mehreren Generationen bei einander bleiben 
Grossfamilie. Die Mitglieder einer solchen Familiensippe sind uq 
einander solidarisch verbanden, indem sie in jeder Weise (üt einant 
einstehen, einander schützen und rächen. Ein Sondereigentum des c 



Familie. 227 

zeluen ist noch nicht vorhandea. Es giebt lediglich ein Gesamteigentum 
der einzelnen Hausgemeinschaften, das zunächst nur aus fahrender Habe 
besteht. 

Dass diese altidg. Grossfamilie auch auf römischem Boden noch 
lebendig war, geht aus dem obigen zur Genüge hervor. Sollte sich 
daher in dem ersten Bestandteil von vin-dex ein alter idg. Ausdruck 
für den Begriff der Grossfamilie wieder finden lassen, so würde dies 
die Möglichkeit eröffnen, einen Ausweg aus den obwaltenden Schwierig- 
keiten zu finden. 

und in der That lässt sich ein solches Wort nachweisen, und zwar 
in denjenigen Sprachen, an die man sich zur Aufhellung des lateinischen 
Wortschatzes nächst dem Lateinischen selbst in erster Linie zu wenden 
berechtigt ist, im Keltischen und Germanischen. 

Es giebt einen gemeinkeltischen Stamm *renio-, welcher in ir. fine 
vorliegt, das genau den auf altirisehem Boden noch lebendigen Be^^riflf 
der Grossfamilie, Joint family oder Sept bezeichnet. Finechas ist das 
gemeinsame der Familie gehörige Eigentum, Erbschaft, Nachfolge, Recht 
der Familie u. s. w. Daneben findet sich ein Stamm ^veni- für das Mitglied 
einer Grossfamilie, der in altgall. Veni-cärus ,8einer Familie wert' und 
in ir. fin-gal ,Mord eines Familiengenossen', fin-galach ,one who has 
killed a tribesman', fin-galcha ,parricidalia arraa' (vgl. lat. pärictda 
jSippenmörder' u. Sippe) vorliegt. Aus dem Germanischen aber gehört 
hierher ahd. wini aus *veni-s, eigentlich ,wer zur Familie gehört^, 
,Freund', ,Lieber\ (vgl. Maine Lectures on the early history of insti- 
tntions*^ S. 105, H. d'Arbois de Jubainville Mem. de la soc. lingu. VII, 
294, Windisch Irische Texte Wörterb. s. v., Stokes ürkeltischer Sprach- 
gchalz S. 270). 

Hier ist also das lat. vindex anzugliedern. Es ist ein echtes Kom- 
positum, aus *veni'deic8 entstanden und bezeichnet einen ^der auf die 
Familie hinweist", etwa vor dem K ö n ig e (s. d.), dessen Amt vielleicht schon 
in der Urzeit ein schiedsrichterliches war. Dieser Hinweis auf die Familie 
kann in einem dreifachen Sinne erfolgen. Erstens in dem, dass man Je- 
manden als zu den *cem- gehörig hinstellt, wodurch man für ihn eintritt, 
ihn schützt, verteidigt, für ihn bürgt (vgl. hinsichtlich der alt- 
kymrischen Familien verbände Gualter Mapes De nugis curialium Dist. II. 
Cap. 22 p. 96 bei Walter Das alte Wales S. 135 Anm. 1: Ut moris 
estj radem se offett pro iuvene tota cognatio, et cavere iudicio sisti). 
Zweitens in dem Sinne, dass man eine Person oder eine Sache als den 
Heni- und damit sich selber gehörig bezeichnet, wodurch man dieselben 
als sein Eigentum beansprucht. So bedeutet vindicare geradezu 
etwas als zur Hausgemeinschaft gehörig bezeichnen (s. u. Eigentum und 
vgl. Leist Altar. Jus civ.'II, 298). Es ist die Rechtsformel aio meuin esse 
^x iure Quiritium in der Sprache einer früheren Kulturstufe. Drittens 
endlieh ist *veni-deic8 einer, der auf die Familie hinweist in dem 



228 



Familie — Farbe. 



f. ' *■■ 



Sinne, dass er die Verfolgung einer Unthat als Sache der *veni' hinstellt, 
wodurch er die Familien- oder Blutrache proklamiert. Vindicia 
und vindicta sind die Substantivierungen des in vindex zunächst parti- 
cipial gedachten Begriffs und bedeuten ursprünglich ganz allgemein 
, Hinweisung auf die Familiensippe', ,Geltendmachung des Sippenrechts' 
u. s. w. Vindicere, wenn richtig überliefert, kann in formeller Be- 
ziehung eine Zusammenrüekung aus *ve7iim dicere sein. Als Gnind- 
bedeutung des Stammes *veni- kann man, mit Corssen an die Sauskrit- 
wurzel van ,gern baben' anknüpfend, und in Analogie zu dem oben 
besprochenen Stamme *Mwa- ,Familie', einen Begriff wie , Freundschaft' 
oder ,Freunde' ansetzen. 

Auf die Weiterentwicklung der idg. Familie kann und soll 
hier nur in einigen ihrer Hauptzüge hingewiesen werden. Je fester die 
Ansiedelungen und je stabiler die Wohnungsverhältnisse der Menschen 
werden, je mehr wird die agnatische Struktur der idg. Familie durch 
die Berücksichtigung der Verwandtschaft mit der Mutter durchbrochen. 
Die Heiratsverwandtschaft und der Kognationsgedanke treten jetzt 
hervor. Die wichtigste Rolle bei diesen Vorgängen spielt naturgemäss 
der Mutterbruder (s. u. Oheim). Er bildet gleichsam die Brücke 
zwischen der Vater- und Mutterfarailie. Namen für ihn kommen daher 
nunmehr in den Einzelsprachen auf. Besonders angesehen gestaltet 
sich seine Stellung bei den Germanen: Sororum filiisj sagt Tacitus 
Germ. Cap. 20, idem apud avunculum qui apud patrem honor. Doch 
geht beider Erbschaft (s. d.) der patruus noch immer dem avunculus 
vor. Nicht ausgeschlossen ist auch die Möglichkeit, dass auf das Her- 
vortreten des Kognationsgedankens der Einfluss des Mutterrechts (s. d.) 
vorindogermanischer Bevölkerungsschichten mit von Bedeutung gewesen 
ist. Je enger aber die Beziehungen der in ein fremdes Haus eingetretenen 
Frau und ihrer Kinder zu ihrer heimatlichen Sippe sich gestalten, desto 
grösser wird der Einfluss dieser letzteren auf die Gestaltung der Stellung* 
der Frau in dem Hause des Mannes sein. In der allmählichen An- 
näherung der väterlichen und mütterlichen Verwandtschaft liegt daher 
auch ein Hauptgrund für die allmähliche Steigerung der Würde der 
Frau. Der durch den Kultus und die Priesterschaften geförderte Cre- 
danke, dass Mann und Frau Glieder eines Leibes seien, wirkt in der- 
selben Richtung. Die Monogamie schreitet siegreich vorwärts Wörter 
für die Begriffe Ehe, Gatten, Eltern werden jetzt möglieh. Gleichzeitig- 
führen wirtschaftliche, soziale und politische Umwälzungen auf weiten 
Völkergebieten die Sprengung der alten verwandtschaftlichen Verbände 
herbei: an die Stelle der Sippe und der Grossfamilie treten Staat und 
Sonderfamilie. — S. u. Ehe, Sippe, Stamm, Staat, Volk. 

Familienbegräbnis, s. Friedhof. 

FamiHenrecht^ s. Recht. 

Farbe. Obgleich es sicher ist, dass man schon in der Urzeit 



Farbe. 229 

von Farben Gebrauch gemacht hat (s. u. Farbstoffe und T ä t o - 
wierung), so ist doch eine idg. Bezeichnung für den Begriff der Farbe 
nicht ermittelt worden. Auf das Arische beschränkt sich scrt. ranga- 
= npers. reng (armen, erang), auf das Litu-Slavische altpr. woapis = 
altsl vapü; doch ist in beiden Fällen auch ein Entlehnungsverhältnis 
nicht ausgeschlossen. Die einzelsprachlichen Bezeichnungen fassen 
die Farbe meist als Hülle oder Haut auf: so scrt. vdrna- (auch ,Kaste') 
• var ,bedecken', lat. color : occulere, griech. XP^M^t : XP^? ,Haut' 
vgl. auch finn. karva ,Farbe', eigentl. ,Haar'). Die gennanisohen 
Sprachen verfügen über keinen durch alle Mundarten durchgehenden 
Ausdruck. Ahd. sind die beiden noch dunkelen farawa ifaro, farawer 
,farbig') und zäwa {zehön ,färben'), im Altnordischen bedeutet stelnn 
.Stein' auch ,Farbe* {steina ,färben'). Im Keltischen (vgl. ir. U , Farbe, 
Glanz', kymr. lliw ,color', körn, liu id.) und im Slavischen (vgl. Mi- 
klosich Et. W. 8. V. krasa) scheinen AVörter für Farbe aus solchen 
für Glanz, bezügl. Schönheit hervorgegangen zu sein. Das Litauische 
hat von zwei Seiten her entlehnt, einmal aus dem Germanischen (lit. 
pdricasy vgl. auch ßech. barva etc.), das andere Mal aus dem Slavischen 
[krCfsanj s. 0.). So weist alles darauf hin, dass ein Wort für Farbe 
in der Urzeit überhaupt nicht vorhanden war, eine Erklärung, die 
in den Untersuchungen von H. Magnus über den Farbensinn der Natur- 
völker (Preyer Sammlung physiol. Abhandl. II) ihre Entsprechung findet. 
„Die Auffassung der Farbe", heisst es daselbst S. 14 f., „als eines ab- 
strakten BegriflFes, wie wir sie bei civilisierten Nationen finden, dürfte 
der Mehrzahl der in unserem Interesse untersuchten Volksstämme fehlen. 
Es scheint so, als ob die philosophische Isolierung, die Ablösung des 
Abstraktum, der Farbe, von dem Konkretum, dem gefärbten Gegenstand, 
für eine grosse Anzahl der Naturvölker eine viel zu schwierige geistige 
Operation sei, und sie deshalb lieber darauf verzichten, die Vorstellung 
der Farbe begrifflich und sprachlich selbständig zu entwickeln und es 
vorziehen, den Begriff „Farbe" mit anderen ihrer geistigen Sphäre 
adäquateren und bequemeren Vorstellungen zu verschmelzen". Dasselbe 
werden also die Indogeimanen gethan haben. 

Was nun die Unterscheidung der einzelnen Farben selbst anbe- 
trifft, so wird man, wenn man ermitteln will, wie es hiermit in der idg. 
Urzeit besteilt war, sich auch auf diesem Gebiet am besten zu einem 
derjenigen idg. Völker wenden, die in ihrer kulturgeschichtlichen Ent- 
wicklung hinter anderen zurückgeblieben sind; denn es liegt an sich 
auf der Hand und wird durch das folgende bestätigt, dass exakte 
Terminologien, wie wir sie etwa gegenüber den Farben des Spektrums 
gegenwärtig besitzen, nur das Ergebnis einer langen sprachlichen und 
kulturgeschichtlichen Entwicklung sein können. Von grossem Interesse 
ist in dieser Beziehung, was J. Schmidt (Kritik d. Sonantentheorie) über 
die Farbenbezeichnungen der Litauer mitteilt: „Der Farbensinn der 



230 F&rbe. 

Litauer", Bagt er S. 37, „steht oftmlicli nocb auf der Stnfe der Natnr 
Tülker. Bei mehreren Farben sind sie noch nicht wie die Kultnrrölkei 
zu allgemeinen Bezeichnungen aufgestiegen, Bondem bei dei 
einzelnen Tönen stehen geblieben. Für ,gran' haben sie nicht wenigei 
als vier oder f(lnf einfache Worte: pilkae (nnr von Wolle und G&neen) 
gzirmas, eziruiaa (nur von Pferden), szimas (nur von Rindvieh), äil^ 
{Haare des Menschen und des Viehs ausser Gänsen, Pferden, Rindvieh) 
fflr jbrann' b^'ras nur von Pferden, sonst rüdas oder das dentscbi 
briünas\ für ,rot' iälas nur vom Rindvieh, sonst raudöncs; fiir ,schwarz 
dwglas nur vom Rindvieh, sonst ^/Srfo»; fllr ,bunt' mdrgas CRindvieb 
Hunde), azlakutai (Hubner), raihä geguÜ bunter Kukuk, raineu 
granbunt gestreift (Erbsen, Katzen u. a. vierfUssige Tiere, Kröten) 
dagU't TciaüU schwarz und weiss geflecktes Schwein". 

Ähnlich wird die Farbentenninologie der idg. Urzeit beschaffen ge 
wesen sein, wie sich aus der Bespreebung der einzelnen Farben dci 
näheren ergiebt. D. h. für die unendliche Menge der in der Natnj 
uns entgegentretenden Farbentöne wird schon damals eine grosse Zah 
von Bezeichnungen, jedesmal wohl in Beziehung auf ein bestimmtes 
diese Färbung tragendes Objekt (oder Gruppen soleher), zahme um 
wilde Tiere, Pflanzen, Mineralien u. s, w. vorhanden gewesen sein 
wältrend zusammenfassende oder allgemeine Bezeichnungen erst in ibrei 
.\n^bildung begriffen waren. Um ein konkretes Beispiel zn wählen 
ist früher ein Ausdruck fllr die gelblich-grllne Färbung der jungen Saa 
als für unsere zusammen fassenden Begriffe Gelb und Griln vorhandei 
gewesen (s, n. Gelb). Oft sind freilich jene idg. Wörter für einzelm 
Farbentöne in den historischen Sprachperioden nicht mehr als solche 
sondern ausschliesslich oder teilweis als appellativische ßenennungei 
der Dinge, deren Färbung sie einst bezeichneten, vorbanden, wie wem 
scrt. pf^ni- = griech. irepKvö? ,bnnt, gefleckt' (sert. auch ,bunte Kuh' 
griccb. trpoKä?, rpöE ,rebartige Tiere') im Keltisch-GermaniBchen nnr ii 
dem Namen der getüpfelten Forelle (ir. earc, ahd. forhana) vorliegt 
oder wie ein idg. *bhe-bhru' ,braun wie ein Biber' wohl schon in de 
Grundsprache selbst zur Bezeichnung diese« Tieres (s. n. Biber) vei 
wendet wurde. Auch sind viele dieser ursprünglichen Ausdrucke fü 
bestimmte Farbennnancen in späterer Zeit in ihrer Bedeutung wei 
auseinander gegangen, so dass auf diesem Gebiete vielfach der .^.nscbei 
völliger Willkür des Bedeutungswandels hervorgerufen wird. Beispich 
weise kann so der Stamm *melino- (s. u. Blau) in der Ur/eit de 
spezielle Ausdruck für diejenige kaum definierbare Farbennuance gt 
wescn sein, welche bei einer ins Bläuliche, Gelbliche, Schwärzliehe n. a. v 
sehitlernden Beule oder bei einem reifenden Gesctiwür hervortritt, on 
dieser Stamm kann dann in den Eiuzelspracben zur Bezeichnung tei 
des Blau, teils des Gelb, teils des Schwarz verwendet worden sieii 
Eine zusammenfassende Bezeichnung bat sich offenbar zuerst f| 



Farbe. 231 

den Begriff des Rot ausgebildet, Ansätze zu einer solchen waren aber 
schon in vorhistorischer Zeit auch für Gelb, Schwarz und Weiss 
Torhanden. Viel später erst haben sich allgemeine Bezeichnungen für 
Grün und Blau festgesetzt. 

Auch dieser Zustand ist von H. Magnus a. o. a. 0. als der bei 
Naturvölkern, so zu sagen, normale nachgewiesen worden. „Stets", 
heisst es S. 34 bei der Zusammenfassung der erzielten Ergebnisse, 
„sind die sprachlichen Ausdrücke für die langwelligen Farben (Rot 
ond Gelb) viel schärfer ausgeprägt als wie für die kurzwelligen Farben 
(Grün und Blau). Der sprachliche Ausdruck für Rot ist am schärfsten 
entwickelt, dann folgt der für Gelb, dann der für Grün, und scliliesslich 
der fflr Blau". Den Grund dieser Erscheinung sucht Magnus in einer 
y,grüsseren Energie in der Empfindung der langwelligen Farben" und 
in einer „ausgesprochenen Gleichgültigkeit gegen die Farben kurzer 
Wellsnlänge"; doch soll hier nicht versucht werden, auf diese mehr 
physiologischen Fragen einzugehen. Bemerkt sei nur noch, dass es 
gerade die vier Farben Rot, Gelb, Weiss, Schwarz sind, welche auch 
m der Tätowierung der meisten Naturvölker, und zwar in der ange- 
gebenen Reihenfolge, am meisten beliebt sind (vgl. darüber E. Grosse 
Die Anlange der Kunst S. 58 ff.). 

Hinsichtlich der Herkunft der idg. Farbenbenennungen ist hervor- 
zuheben, dass die uns heute geläufigste Art, neue Farbennamen zu 
bilden, nämlich nach Gegenständen, welche die betreffende Farbe 
tragen, Bildungen wie „citronengelb", „chokoladenbraun", griech. TTpot- 
(Tivoq ,lauchgrün', lat. cervinus , hirschbraun' u. s. w. verhältnismässig 
jung sind. Das älteste, worauf wir zurückgehen können, sind bestimmte 
Wurzeln oder Stämme für bestimmte Farbentöne oder Farben: *bhe- 
hhru- ,braun wie ein Biber', perk- ,gettipfelt wie ein Reh oder eine 
Forelle*, *ghel', *ghel (lat. helvus) ,gelblich grün wie die junge Saat', 
*reudh ,rot' (wie Kupfer?) u. s. w\ Eine weitere Auflösung oder Zurück- 
föhrung derartiger Wurzeln auf allgemeinere Begriffe (Leuchten, Brennen 
u. s. w.), wie sie namentlich von 0. Weise Die Farbenbezeichnungen der 
Indogermanen B. B. II, 273 ff. versucht worden ist, führt selten zu 
einem gesicherten Resultat. Einzelnes s. bei den verschiedenen Farben. 
In Beziehung auf ihre Stammbildung werden die Farbenbezeich- 
nungen der einzelnen Sprachen mehrfach durch das gleiche Safl&x zu- 
sammengehalten. Dies gilt namentlich von dem Suffix -vo-, das obwohl 
auch in anderen Sprachen (vgl. scrt. gyävä-, griech. iruppö^ aus *TrupFo> 
altsl. plazü) in dieser Funktion nachweisbar, im Lateinischen und Ger- 
manischen das reguläre Farbensuffix geworden ist, wie lat. helvus, 
furvusj rävusy flävus u. s. w., ahd. g^lo, salo, gräo, bläo u. s. w. zeigen. 
Ein zweites weitverbreitetes Farbensuflix ist -to- : scrt. hdrita- ,gelb', 
^ita- ,8chwarz', rö'hita- ,rötlich', lit. gel-ta-s ,gelb', häl-ta-s ,wei8slich', 
Tus'ta-s ,bräunlich' (vgl. auch die slavisch-gcrmanischen Wörter für 



232 



Farbe — Färberröte. 



,6ol(l^ : altsl. zlato, got. gulp, eigentl. das ^gelbe^ und s. lat. caesius n. 
Blau). — Weiteres vgl. bei F. Kluge Noni. Stammbildungsl.* S. 90. 

Auch die Entlehnung spielt aus begreifliehen Gründen seit Alters 
eine grosse Rolle in der Terminologie der Farben; denn es liegt auf 
der Hand, dass Uandel und Verkehr Gegenstände mit bis dahin nicht 
gesehener Färbung und damit auch die Bezeichnungen für letztere von 
Volk zu Volk verbreiten niusste. Auch hier zeigt sich in Rom der 
griechische Einfluss (vgl. 0. Weise Griech. Wörter im Lat. S. 205), in 
besonders hohem Masse aber sind in dieser Beziehung die romanischen 
Sprachen von den germanischen abhängig, denen Farbenbezeichnungen 
wie frz. bleUf hlanc, brun, gris etc. ursprünglich angehören. Auch 
frz. blond scheint aus dem Germanischen (vulgärlat. blundus = scrt. 
bradhnä' ,rötlich, falb') zu stammen. Eine andere weitgehende Ent- 
lehnungsreihe für die Nuance des Blond ist lat. russus (: rutilus, ruber?)^ 
woraus ngriech. ^oöcrcro^, altsl. rusüy alb. rus, ndl. ross. 

An Litteratur über die Farbenbezeichnungen sind ausser den schon 
erwähnten Schriften von Magnus und Weise noch zu nennen: L. Geiger 
Über den Farbensinn der Urzeit (Zur Entwicklungsgeschichte d. Mensch- 
heit 1871 S. 45), W. Jordan Die Farben bei Homeros Neue Jahrb. f. 
Philologie CXIII (1876) S. 161 flf., A. Bacmeister Keltische Briefe 1874 
S. 112 flf., Pole Colour blindncss in relation to the homeric expressions 
for colour, Nature 1878 S. 224, H. Schmidt Synonymik der griechischen 
Sprache III, 1879 S. 1—54, Gran t Allen Der Farbensinn Leipzig 1880, 
Edm. Veckeustedt Geschichte d. griech. Farbenl. 1888. Im Ganzen 
kann man sagen, dass die früher, namentlich durch Geigers Aufsätze 
zur Herrschaft gelangte Meinung, als ob durch die Etymologie und 
Beobachtung der Farbenwörter in den ältesten Litteraturdenkmälem, 
in der Bibel, im Rigveda, bei Homer u. s.w. eine Entwicklung des 
Farbensinnes selbst bei den Menschen im allgemeinen und bei den 
Indogermanen im besonderen erwiesen werden könnte, gegenwärtig nur 
noch wenige Anhänger zählt. Fruchtbarer für das Verständnis der 
Farbenbezeichnungen und ihrer Geschichte scheint der im obigen be- 
tonte Gesichtspunkt, dass auch auf diesem Gebiete wie auf anderen 
eine fortschreitende Entwicklung von der Bezeichnung der einzelnen 
Erscheinung zu der Ausprägung von Gattungsbegriffen anzuerkennen 
ist. Am notwendigsten aber wäre für das historische Verständnis der 
Farbenterminologie, auch für die Nordvölker ähnlich reiche und sorg- 
fältige Sammlungen anzulegen, wie dies von H. Schmidt a. a. 0. für 
das Griechische gesehen ist. — An einzelnen Farben ist gehandelt 
worden über Blau, Braun, Gelb, Grün, Rot, Schwarz und Weiss. 
Färberröte {Rubia tinctoria L.). Die Pflanze ist in Südeuropa 
einheimisch und zeigt keine Spur übereinstimmender Benennung. Grieche 
ipuGpöbavov (I)iosk.), lat. rubia (Plin.), mlat. warentia (so auch im 
Capitulare de villis LXX, 65), woher fi-z. garance, deutsch krapp 



Farbstoflfe — Farnkraut. 233 

(andere Namen bei Pritzel und Jessen Deutsche Volksnamen S. 342), 
^ch. jnafena, poln. marzana, russ. marena (an warentia anklingend ; 
vgl. auch den serb. Monatsnamen maren) neben bulg. bront u. s. w. 
(aJtsl. hrostl ,purpura'). — Vgl. Beckmann Bey träge IV, 41 flF. 

Farbstoffe. Dass solche schon in der Urzeit bekannt waren 
und benutzt wurden, ist sehr wahrecheinlich, zumal die Sitte der 
Tätowierung (s. d.) im ältesten Europa bei Indogermanen und 
Xieht-Indogermanen weit verbreitet war. Eines der ältesten Färbe- 
mittel zur Eraeogung der auf niedrigen Kulturstufen besonders be- 
liebten roten Farbe (vgl. griech. ßeCiü , färbe' = scrt. raj, raflj, 
rajyati ,sich färben', ,rot sein') wird der nattirliche Rötel (griech. 
liiXTO?-, ^iXio-TTotprio^ bei Homer von SchiflFen gesagt) gewesen sein. 
Die Alten (Herod. IV, 191, VII. 69, Plin. VI, 190) wissen von ver- 
schiedenen, allerdings nichtindogerniauischen, Völkern zu berichten, 
die ihren Leib mit Rötel bemalten. In den Steinstationen Europas sind 
wiederholt Funde von Rötel und Ocker gemacht worden (vgl. A. Müller 
Vorgesch. Kulturbilder S. 100), die zum Teil bis weit in die palaeo- 
litliische Zeit zurückgehen (vgl. Hörnes Urgeschichte der bildenden 
Kun.«;t S. 2 1 ). Vielleicht liegt auch ein gemeinsamer Name des Rötels 
in lat. minium (miniare) = griech. ämniov aus *dv|niov (allerdings erst 
bei Dioskorides) vor, wenn man das lateinische Wort durch Umstellung 
aus Hnmiiim entstanden sein lässt. Zweifellos war dieses letztere ur- 
sprünglich ein Sammelname für verschiedene njineralische rotfärbende 
Stoffe und ist erst später auf den Mennig, ein kOnstliches Produkt aus 
i^'ebranntem Bleiweiss, und auf den Zinnober übertragen worden (vgl. 
Blümner Term. u. Techn. IV, 478 flf.). Auch das mit Mennig erklärte 
agls. Uafor = ahd. zoubar wird eine Rötelart gewesen sein, mit der 
die Zauberrunen eingeritzt und die linnenen Gewänder der germanischen 
Frauen (vgl. Tac. Genn. Cap. 16) gefiirbt wurden. 

Nicht minder früh werden als Farbstoffe auch Kohle, Kreide, 
Oyps u. s. w. gebraucht worden sein. In besonderen Artikeln sind 
behandelt worden: aus dem Mineralreich der Zinnober, aus dem 
Pflanzenreich: Färberröte, Indigo, Saflor, Safran, Waid, Wau, 
aus dem Tierreich: Kermes und Purpur. 

Farnkraut. Es wird in fast allen Sprachen als Fe der kraut 
bezeichnet: griech. Ttiepi^ : irtepöv , Feder'; dazu lit. papdrtis, russ. 
paporoti, altgall. ratis aus *prati8, ir. raith, breton. raden. Ahd. varn, 
tarm, agls. fearn : scrt. parnd- , Flügel, Feder'. — Aus weicht lat. 
plixy das zu der gernianoslavischen Benennung des Bilsenkrautes: 
abd. hilisa, agls. beolensy russ. belenä, poln. bielun zu gehören scheint. 
Im deutschen und slavischen Altertum wurden der Pflanze Zauberkräfte 
zugeschrieben. Sie bannt den Teufel, und ihr Same macht unsichtbar 
<J. Grimm Deutsche Myth. IP, 1160 f., Krek Einleitung in d. slav. 
Li^.* S. 662). Im klassischen Altertum lässt sich ein solcher Glaube 



231 Fas&D. 

nicht nacbweieen, dooli werden Fsruarten alB Arznei verwendet (rg 
Lenz Botanik S. 738 fF.). 

Fasan. Er wird von Aristophanee Nsb. 108f.: 
ouK äv ixä TÖv ÄiövuOov, €1 boii)^ T^ |Joi 
Toü^ (paOiavoü^ oü^ rp^cpei AeiuTÖpa^ 
als Lnxnsvogel in Atbeo g^enanot nud wurde, worauf der Name 9a(Tiav< 
weist, vom Flusse Pbasis lier daselbst ein^fuhrt. Daneben bestaii 
eine wobi direkt aus Medien stamiueiide BenennunK des Tieres T^xapO' 
TaTÜpaq; denn aus Medien wurden nacli der ausdrücklichen Übe 
lieferung des Athenaeus Fasanen bis in das griechisebe Ägypten aa 
geführt (vgl. Hehn Kulturpfliinzen * S. Süö). Die Römer, in dere 
Aviarien und Parks der Vogel eine hervorragende Rolle spielte, nannte 
ihn nach den Griechen phäsiänus {in. faisan, engl, pheasant). Aue 
in Deutschland war der fasän schon im frühen Mittelalter, z. B. i 
den Kapitularien Karls des Grossen, ein beliebter Speise- und Ziervogi 
der Vornehmen. 

Das oben gcuannte medischc T^iapo^, xaTÜpa? = npers. teierv ,Fasai 
scIiiieBSt sich etymologiscii an griecb. rtxpäujv Öpvi^ noiö^ Hes. (vg 
lat. tetrao ,Auerhabn'), TeipaE, i^ipiE, Teipäöiuv, T£Tpoiov ,Anerhabn'(? 
altn. piäurr ,Auerhahn', sowie an siav. tetrtc), lit. teterwa, tstericint. 
(daraus finn, tetri, tedri), altpr. tataricis an, welche- ,Trappe, Aue 
bahn, Birkhahn und Haselhuhn' bedeuten. Alle diese Ausdrucke gehe 
zusammen mit seit, tittiri- , Rebhuhn' auf ein idg. *tetero- ,ein U-tii 
schreiender Vogel' (griech. TeipöCu), lat. fetrinnire) zuröek, das dan 
in den Einzelsprachen auf verschiedene, verwandte oder einander ähi 
liebe Vogelarten übertragen wurde. Bemerkenswert ist, dass neben jenei 
idg. *tetero- ein reduplikationsloses finnisches perm.far, votjak. /wr Heg 

Die Bedeutung ,Fasan' hat das Wort ausser im Medisehen (im 
Gricebischeu) nur nocb im Slavischen, aus dem schon Abraham Jakobse 
folgendes beriebtet: „Ferner ist da ein Waldbubn, das anf Slavisc 
tetra beisst. Sein Fleisch schmeckt vortrefflich. Es lüsst seine Stimm 
vom Gipfel der Bäume ersehallen auf eine Meile Entfernung und weite 
zu hfiren. Man bat zwei Arten von diesen Vögeln, schwarze (Auei 
bahn) und farbig gezeichnete, die schöner als Pfaue sind (vgl. Abrabai 
Jakobsens Bericht Über die Slavenländer vom Jahre 973 in den Gl 
schieb tsch reibern der deutschen Vorzeit 2. Gesamtausg. B. 3.^). Mit d< 
letzteren Art kann wobl nur der Fasan gemeint sein. 

Andere Ausdrucke fUr den Auerhahn, die hier angeschlossen werde 
mögen, sind zunächst ahd, orre-kuon, vgl. altn, orre ,Birkhubn'. Ds 
zu Grunde liegende *orro- aus urgerm. *urzon- entspricht dem sert, cfskai 
,brUnstig, zengungskräftig'. Wie hier an die Bruust des Anerhahns i 
der Balz gedacht ist, so haben die Litauer und Slaven den gleiche 
Zustand vor Augen, wenn sie den Vogel nach seiner Taubheit wilbren 
des Balzens benennen: lit. hirtings ,tanb' und jAnerhahn", altsl. gluck 



Fasten — Fass. 235 

;tanb', russ. gluehari etc. ,Äiierhahii\ Lett. medensy mednis ^Auerhahn', 
altpr. medenix taurwis (für tatarwis s. o.) : altpr. median ,Wald'. — Vgl. 
ausser V. Hehn a. a. 0. noch E. Hahn Die Haustiere S. 321 AT. 

Fasten. Als das Christentum sich über Europa ausbreitete, und 
als Werke, durch die man sich den Himmel erwerben könne, Almosen- 
geben (aus griech. lat. dXeriuoauvTi entlehnt : ir. almsariy ahd. alamiKh 
san, agis. celmesse, altn. ölviusa\ ihm nachgebildet: got. armaiö, altsL 
mlostyni) und Fasten forderte, fand es den letzteren BegriflF bereits 
im Heidentum ausgebildet vor. In Griechenland war die VTicrieia ,das 
Nicht-Essen' (von vf|aTi^ aus *nS-ed'ti'S : ?biu ,es8e') an gewissen Festen, 
namentlich an denen der Demeter und besondere von Frauen ausgeübt, 
wohl bekannt (vgl. K. F. Hermann Gottesdienstl. Altert.^ s. Index von 
Fasten). Auch scheint man, wie in Indien und Iran, ein dreitägige» 
Fasten nach dem Tode eines Anverwandten geübt zu haben (vgl. Kaegi 
Die Neunzahl Abh. f. Schweizer-Sidler S. 61 *®). Ähnliches gilt von dem 
lat. ieiünium {*idi'üno- ,der Speise entbehrend' ??). Dass aber auch schon 
im germanischen Heidentum aus religiösen Gründen gefastet wurde^ 
macht der Umstand wahrscheinlich,, dass sich eine einheitliche und 
einheimische Bezeichnung dafür (got. fastan, altn. fasta, agls. fcestariy 
ahd. fasten) in allen Mundarten findet. Durch deutsche Glaubensboten 
ist dann das Wort, dessen Grundbedeutung wohl ,festhalten' (got. fastan) 
sc. an einer religiösen Vorschrift ist, in christlicher Zeit in den ganzen 
Osten Europas (altsl. postü, altpr. pastauton, lit. pastininTcaSy finn. 
paasto) getragen worden. Vgl. noch ir. troscaim ,ich faste', nach Stokes 
Urkeltischer Sprachschatz S. 139 aus Hrudskö: got. tis-priutan ,be- 
lästigen', altsl. trudü ,Mühsar. 

Nicht unwahrscheinlich ist, dass, wie andere kultliche Observanzen 
so auch die des Fastens in ein sehr hohes Altertum zurückgeht, und 
ans dem Gebiete des Götterglaubens noch in das des Zaubers und 
Dämonenkultes hinüberführt. Scheint es doch, dass der erste und 
eigentliche Zweck d^ Fastens der gewesen ist, den dem Menschen 
auflauernden Geistern an und durch Speise und Trank keinen Eintritt 
in das Innere des menschlichen Leibes zu gewähren. Als ein zweiter 
Gedanke hätte sich dann hieran der angeschlossen, von der für Geister 
oder Götter bestimmten Speise nichts gleichsam für sich vorauszunehmen 

(vgl. Oldenberg Die Eeligion des Veda Index s. v. Fasten). — S. u. 

KI •• 

iten. Über Speiseverbote s. u, Nahrung. 

Fass. Hölzerne Fässer oder Tonnen waren im klassischen Alter- 
tum nicht gebräuchlich. Der Wein wurde in thönernen, teilweis in 
die Erde eingelassenen Gefässen (ttIOoi) oder in Schläuchen aufbewahrt» 
Eigentliche Fässer werden zuerst aus den waldreichen, dem Alpcn- 
gebiet angehörigen Gegenden des eis- und transalpinischen Galliens und 
Ulyriens gemeldet. Hier waren hölzerne Fässer grösser als Häuser in 
Gebrauch. Die Einwohner von Massilia und der aquitanischen Stadt 



286 Fase — Feige. 

Uxelloduniiiii verteidigten sieb, indem sie mit Teer und Pecb gefüllt 
Fässer {c&pa) auf die «ngreifcndeu Rümer wälzten. Bei Aqnileja bnul 
sich der Kaiser Maximinius im Jalire 238 eine Brücke ans Weiufässei 
n. 8. w. (s. d. Belege bei V. Hebii Kulturptlanzeu ^ S. 558 ff.}. 

Auf keltiscbeni oder ronianiscbeui Boden wurzeln denn ancb -/.ab 
reiclie Benenumige» des Fasses in den Sprachen des nördlichen Europa 
wo dieser Behälter durch die hier herrschende Bierbrauerei eine net 
und ausserordentliche Bedeutung gewann. Schon im Jahre 600 tn 
der heilige Columbanus auf Sucven, die aus einem Fass, das 26 inod 
enthielt, ihrem Wodan opferten (s. Du Gange u. cupa). Keltisc;be 
Ursprungs (ir. tunnä) scheiueu ahd. tunna, agis. ^unne zu sein. Ai 
eine viel frühere Entlehnung aber weist altschwed. pt/n (mit Lautve 
Schiebung; vgl. Kluge Et. \V.* s. v. Tonne, anders Et. W.«). Aus la 
cüpa (:giiecli. KÜii-e\\ov .Becher), resp. cdpa (Corp. Gloss. Lat. V, 584 
stammen : ahd. kuofa, alts. cdpa (vgl. auch die Sippe von lat. cuppt 
ahd. köpf ,{iQc\ie\' und von ralat. cupella, prov. cubel, ahd. -ktibil, agls 
cyfel und c0 ,Fass', lit. kiibilas, altsl. käbitii), aus mlat. doga, *dög 
(von grieeh. boxii .Behälter') : rahd. däge .Fassdaube', öeeh. duha, sloi 
doga, alb. dogt, aus lat. *butiii, *butina (von gricch. putivti ■ Xotuvc 
H dui? Hes.) : ahd. bntin, ngls. hyden, alb. but .Tonne', altsl. bütai 
,Fa8s' (im GermaiiischcD und Romanischeu wechseln die Bedeutmige 
,Fass' und .Selilaucli', vgl. agls. bytt .Schlauch', span. bota, frz. boH 
jWeinfass'). Wo wurzelt die Sippe von it, harrile, frz. baril, eng 
barrel, alb. buril, altsl. btirilo .Fass' i*barr-)? 

Nebeu diesen weitverzweigten Entlehnungsreihen treten in den gei 
manischen und slavischeu Sprachen auch einheimische, ursprOnglic 
wohl auf thünerue Gefässe bezügliche Bildungen auf. So genieU 
germ. ahd. faz, agls. f(et, altu. faf : lit. piidan ,Topf' {*pod- : *p6d 
und altsl. delt/ ^Fass", bulg. delca ,gro85er irdner Topf : lat. doliun 
nrspr. ,thönerner Behälter'. Auf Herstellung aber ans Holz weist mi 
Sicherheit das gemeingerm. ahd. troc, altn. trog aus *dni-kQ- : griecl 
bpü-^ (s. u. Eiche). — S. auch u. Gefässe. 

Fauua der Urzeit, s. Urheimat der Indogertnanen. 

Feder, s. Sehreiben und Lesen. 

Fehde, s. Blutrache. 

Feier, s. Mond und Monat, Zeitteilung. 

Feige. Durch palaeontologische Thatsaehen steht es fest, dae 
Ficus carica L. schon in der Quartär- oder Diluvialperiode auch h 
westlichen Teil des Mittelmeergebietes verbreitet war, ja sogar uoni 
wärts von den Grenzen der heutigen Mediterranflora in Westenrop 
vorkam. In den tertiären Ablagerungen Europas fehlt hingegen de 
Typus der Ficus carica, und da nach dem Urteil der Botaniker diese 
Typus in Westasien und Ostafrika überhaupt reicher als in Enrop 
entwickelt ist, so ist es wahrscheinlich, dass die europäische Feige au 



Feiire. '237 



"O 



dem Osten stammt. Xar ist festzuhalten, dass diese Ausbreitung des 
Baumes von Ost nach West ohne Znthun des Menschen und zu 
einer Zeit erfolgt ist, in welcher derselbe noch nicht Kulturpflanze war. 

Die Entstehung der Ess- oder Kulturfeige hängt aufs engste mit dem 
Prozess der sogenannten Kaprifikation zusammen, durch welchen 
die Übertragung des Bltttenstaubes der männlichen Pflanze, d. h. eben 
des Kaprificus (griech. ^piv€Öq) auf die w^eiblichen Stöcke, die so zur 
Befruchtung gelangen, getördert wird. 

Diese Erfindung der Kaprifikation scheint von den Semiten gemacht 
worden zu sein. Bereits bei Arnos VII, 14 begegnet der Ausdruck 
böles iiqmim ,Jemand, der an der Sykomore eine Operation besorgt 
ähnlich derjenigen, die am Feigenbaume üblich ist'. Die Benennungen 
des Kulturfeigenbaumes ti'nu fhebr., aram., vgl. auch assyr. tittu) und der 
Feige balasu (hebr., arab., aethiop.) sind mehreren semitischen Sprachen 
gemeinsam. Nach der Ansicht eines hervorragenden Semitisten (Lagarde) 
wäre die Bezeichnung ti'nu innerhalb der semitischen Sprachen von dem 
südöstlichen Arabien ausgegangen, wo auch nach Ansicht der Botaniker 
die Entstehung der Feigenkultur zu suchen wäre. Vielleicht ist auch 
der ägyptische Name des Feigenbaumes, der in den Denkmälern von 
der XII Dynastie an abgebildet erscheint, von dem semitischen ableitbar 
(vgl. F. Hommel Aufs. u. Abh. S. 105). 

Von den Semiten wurde die Kultur des Feigenbaumes zusammen 
mit der Kunst der Kaprifikation zu den Hellenen gebracht. Aus 
dem Umstand, dass die Feigen (aÖKOv, auKcn, böot. tökov) nur in 
späteren Teilen der Odyssee (Niederfahrt in die Unterwelt, Gärten des 
Alcinoos, Garten des Laertes), dann bei Archilochus genannt werden, 
hat man geschlossen, dass dies erst zur Zeit der ausklingenden Dichtung 
Homers geschehen sei. Doch bleibt zu erwägen, dass schon in der 
Ilia.«i der Name des wilden Feigenbaumes vorkommt, ^piveö^ (: fpicpo^, 
v^I. messen. Tpäto^i, d. h. ,Bocksbauin', eine Benennung, deren Ursprung 
man sich schwer anders als im Gegensatz zu dem früchtetragenden 
Fei<3^enbaum erfolgt vorstellen kann ^vgl. lat. caprißcus : ßciis), der 
also zur Zeit der Bildung dieses Wortes schon bekannt gewesen sein 
niüsste. Das griech. (Tökov, tökov ist schwer zu erklären, vielleicht ist 
es eines Stammes mit griech. dCKOÜa, (JiKua, aiKuq , Gurke', die sich 
durch die Vergleichung mit altsl. tyky , Kürbis' (idg. Hvek-) als vor- 
listorisch erweisen (s. u. Cucurbitaceen), so dass man die Früchte 
er^t der wilden, dann der veredelten Feige nach der in die Augen 
fallenden Ähnlichkeit als „Gurken" bezeichnet hätte. An Zusammen- 
hang mit armen, füz , Feige', ist aus lautlichen Gründen kaum zu 
denken (vgl. auch Bartholomae W. f. klass. Phil. 1895 S. 596). — 
IVährend die von den Semiten eingeführte und verbreitete Kaprifikation 
in Griechenland, Nordafrika, Südportugal, Südspanien, Sicilien herrscht, 
fehlt sie in Italien. Man hat hieraus geschlossen, dass die Einführung 



238 Feige — Fensler. 

der KultnrFeigc nacb Italien nielit vou den {^riecliisclieii Kolonien au 
gegangen sei, gondern seitens der östlichen Völker tinmittelbar dnn 
Setzlinge erfolgt sei. Jedenralls kann lat. ficus niclit aus griecb. (Juki 
entlehnt sein. Ob es aus hebr. paggim ,balbreife Feigen' (syr. pagg 
arab. fagg, figg), wofUr man auf das Analogon von lat. cottana aus lict 
qäfdn verweisen könnte, erklärt werden darf, ist zweifelhaft. 

Das Dördlicbe Europa gebraucht zur Bezeichnung der oatfirlii 
auf Handelswegen eingel'Uhrten Frucht im allgemeinen Entlehnungi 
aus lat. ficus {ruas. pigva ,Quitte' ans ahd. flga weicht in der Bede 
tnng aus). Ein eigentlicher Obstbaum konnte die Feige des Kliiu 
wegen im Korden nicht werden. Imnierhiu wird sie in dem Oapituia 
de villis LXX, Sl (niclit aber in den zwei Gartenin yentaren Karls d 
Grossen vom Jahre 812) erwähnt. In hohem Grade merkwürdig i 
der gotisch-slavisclie Name der Feige, got. amakka, smdkkabagms, alt 
amoky. Auch er harrt noch einer befriedigenden Erklärung. Auf kein< 
Fall kann er mit griech. öökov irgendwie zusammenhängen. — Vj 
V. Hehn Kulturpflanzen u. Haustiere*^ S. 94 ff. und vor altem Graf : 
Solms-Lanbach Die Herkunft, Domestikation und Verbreitung des g 
wohnlichen Feigenbamnes (Abb. d. k. Ges. d. W. zu Göttingen XXVI 
<1882). — S. u. Obstbau und Baumzucht. 

Feile, s. Säge. 

Feind, s. Freund und Feind. 

Feidgemeinscliaft, s. Ackerbau. 

Feidgraswirtsdiaft, s. Ackerban. 

FeldEelclieii, s. Fahne. 

Felge. Eine urverwandte Gleichung fOr den Rand des Rad 
ist griech. hvq — lat. vittis. Die Grundbedeutung ist Weide (griec 
\ria), wie auch abd. ßlga, agis. fSlg, engl, felly mit ahd. felai 
jWeide' zu verbinden sein dürfte i*felgua). Lit. skr^tis, altpr. acritai, 
,Radfelge' wird, wie lett. skritulis, ursprünglich das ganze Kad 1 
zeichnen und zu ahd. scritan, altn. skrida , kriechen' (Grand bedentun 
,Bich belegen', lit. skr^ti ,rotieren') gehören (s. die idg. Nainen dies 
Wagenreils u. Rad). Den eigentlichen Radreifen meint griech. imaa 
Tpov : cFüiTpov ,Rad'. Lat. canlus ist ein gallisches Wort, das si 
vielleicht aus bret. camket an rot ,eant de rone' (*ka7nbito-8) erklä 
Scrt. nemi-, lat. orbis rotarum, orhile. — S. u. Wagen, 

Fell, Feiltracht, s. Pehkleider. 

Felsen, s. Berg. 

Felsenbllder, s. Kunst und Schreiben und Lesen. 

Fenchel, ?■. Garten, Gartenbau. 

Feuster. Im Gegensatz zu der ThUr (s. d.) ist das Fensti 
wenn man darunter den modernen Begriff, d. h. die regelmässige, i 
Glas oder Glimmer verschlossene Wand öffiiung zum Durchlassen ( 
Lichtes und der Luft versteht, wie sie auch im klassischen Alterte 



Fenster — Feuer. 239 

namentlich für die Obergeschosse der Wohnungen^ schon vorhanden 
war, eine verhältnismässig jungeKulturerscheinnng. An ihrer Stelle 
steht im Norden Europas noch in später Zeit die offene Dachluke, 
die ebensowohl dem Durchlass des Herdrauches wie der Luft und des 
Lichtes dient und im Notfall mit einem Brett verschlossen wird. Auf 
Island waren diese Dachluken (altn. Ijöre ,Lichtöffnung' : Ijös ,Licht') 
mit der durchsichtigen Haut des neugeborenen Kalbes geschlossen, die 
daselbst noch gegenwärtig statt des Fensterglases verwendet werden 
soll. Auch die Hausurnen Deutschlands und Italiens, die, wie u. Haus 
gezeigt ist, ein treues Bild des alteuropäischen Hauses gewähren, ent- 
behren der Fenster, zeigen aber mehrmals die uralten Lichtöffnungen 
im Dache. Alte einheimische Namen für diese letzteren, die später auf 
das eigentliche Fenster übertragen wurden, sind gemeinsl. okno : altsl. 
oJco jAuge' (woher finn. akkuna »Fenster' und ähnlich in zahlreichen 
finnischen Sprachen), altn. vind-auga, engl, toindow (altir. fuindeog?)^ 
got. auga-daürö, ahd. augatora, agls. ig-pyrel ,Augenloch' u. a. Vgl. 
noch altfries. andern ,Fenster', eigentl. ,Atemloch' (Beiträge XIV, 232). 
Dunkel ist lit. Idngas (langalisj Rauchloch') altpr. lanxto, lett. lohgs. 
Langsam bricht sich das eigentliche, mit Glas geschlossene Fenster 
vom Süden her seine Bahn nach dem Norden, überall, wie der Ofen 
(s. d.), einen gewaltigen Einfluss auf die Umgestaltung des ursprüng- 
lichen Hausbaues ausübend. Diesen Vorgang bezeichnet die Entlehnungs- 
reihe von lat. fenestra (schon bei Plautus; vielleicht aus einem zu er- 
sehliessenden griech. *<pavTicrTpa; der überlieferte griechische Name ist 
6upi^, ÖTTTi), ir. seinistir, kymr. ffenestyr, körn, fenester, bret. fenestr, 
ahd. renstar, ndl. venster. Im Finnischen und Lappischen wird das 
Glasfenster mit dem deutschen Namen des Glases (klasi, lern) benannt. — 
S. n. Haus. 

Ferkel, s. Schwein. 
Fessel, s. Kette. 

Fest, s. Mond und Monat, Zeitteilung. 
Festung, s. Stadt und Mauer. 
Fetischismus, s. Religion. 

Feuer. Idg. Bezeichnungen dieses Elementes sind : scrt. agni-, 
lat. ignis, lit. ugnls, altsl. ognV, griech. TTup, umbr. ph\ ahd. /mr, 
armen, hur^ got. /ow, altn. fune, altpr. panno. Vgl. noch ir. aed 
,Feaer' : scrt. edhas-, aw. aesma- , Brennholz', ahd. eit ,Scheiterhaufen' 
(: scrt. idh ,anzünden') und die einzelsprachlichen: ir. tene, tened, kom. 
ianet , Feuer' (: scrt. tapj lat. tepeo?), aw. ätar- (npers. ädery kurd. 
dür n. 8. w.) ,Feuer' (vgl. armen, airem ,zünde an' von *air ,Feuer') 
und die rätselhaften von einigen als Entlehnungen aus dem Iranischen 
betrachteten Cech. vatra, poln. tcatra etc. , Feuer, Herd*, alb. vatre 
jFeuerstelle' (weiteres bei Miklosich Et. W. und G. Meyer Et. W. d. 
alb. Spr. S. 464 f.). Über die rcligionsgeschichtliclie Bedeutung dieses 



240 FciuTsliltte — Feuerzeug. 

Elementes (den vcdiMclien Fcnergott Agni, tlie litauische Ugnlx szicet 
nnd die FeuerKöttin Poni/le, die lateinische Herdgiittiii Vesia u. 
8. II. Religion und u. Herd. 
Feuerstätte, s. Herd. 

Feuerzeug. Die älteste und alltägliche Art, neues Feuer zu e 

flammen, bestand darin, dass man die sorgtältig bewahrte Glut i 

Herdnschc anblies (, lebendig machte'; vgl. altn. Iveykja , anzünden 

ahd, qaifl- .lebendig'}, oder, wenn dieselbe erloschen war, sich von ein 

Nachbar frisclies Feuer holte. So ist es bis tief in die klassische Zi 

vielleicht immer bei Griechen und Römeni gewesen. Vgl. Od. V, 488 

LÜ5 b' ÖT€ Ti? baXöv (Tirobifl ^v^Kpu^c M^^aivri 

dfpow ^'^ ^öxoTiti^, lii fit] näpa x^iTove^ SXXoi, 

aTT^p^a nupöc C\x)lvjv, Kva fiii noötv äXXo9ev aöoi, 

lüq 'Obuffeii^ püXXoiCTi Ka\u<|iaTO. 

Nur ausnahmsweise, und unnieiitlich zur EntzUiidung beiliger Fcu 

bediente man sieh eines primitiven und für den jedesmaligen Gebrai: 

besonders hergestellten Feuerzeugs, Übereinstimmend findet sich I 

ludern, Griechen, Rümeni und Germanen die Sitte, Feuer zu den i 

gegebenen heiligen Zwecken in derWeise zu gewinnen, dass man cir 

Ktab aus hartem Holz in einen andern Stab, eine Scheibe oder Ta 

aus weicherem Holz einbohrt und darin so lange herumdreht, bis dm 

diese Reibung Feuer herausspringt (vgl. die Belege bei A. Kahn I 

Uerabkunft des Feuere S. SliflF. nnd M. Planck Die Feuerzeuge ( 

Griechen und Römer, Progr. Stuttgart 1884). 

Vorgeschichtlidie Bezeichnungen für den Begriff des Feuerzeu{ 
sind unter diesen Umständen nicht zu erwarten. In Indien, wo fri 
zeitig eine Verbesserung des oben geschilderten ürfeuerzenges aufti 
(vgl. R. Roth Z. d. Deutschen Morgen!. Ges. XLIH, 590 ff.), heisst ( 
BUhrstab pramantha-, die Keibbülzer — es sind hier zwei — aran 
eine zusammenfassende Benennung seheint nicht zu bestehen. 
Griechischen heissen die beiden Ilülzer TTupeia (vgl. den honi. Hymnus : 
Hermes v. lU^^ff.). Lat. ignitabalum meint zunächst die Steiufcu 
zeuge (s. u.). In der Urzeit wird das alte Wort für Bohrer i,s. 
hingereicht haben, um auch den Feuerbohrer zu iiezeichnen. So wi 
gricch. Tepetpov neben ipuiravov gebraucht, so lat. terebrare, bei Fesi 
ed. 0. Mililer S. 106 von den Vestalinuen gesagt, die das erlösche 
Feuer des Teuipels aus einer tabula feUcis materiae hervorloeken. [ 
ruhrende oder drehende Bewegung des Feueranzllnders wird dur 
scrLmanth, wovon pra-manfha- (vgl. altn. mönduU ,ligiium teres, q 
mola trusatilis manu circumagitur), mit bezeichnet worden sein. 

Wo Flint vorhanden war, wird auch dieser frühzeitig zar Erzeaga 
neuen Feuers gedient haben. Besonders häufig wird diese Art c 
Fenergewinnung aof römischem Boden erwähnt (vgl. Planck a. a. 
S. 16). Unter den Griechen nennt sie zuerst Sophokles Philo 



Feuerzeug — Fiedel. 241 

V. 296 (: ÄXX' iv 7T€Tpoi(Ji 7T6Tpov dKTpißujv juiöXi^ fcpT]v' äq)aVTOV TTÖp). 
Als Feuerfanger und Feuerbewahrer diente u. a. der früh in Europa 
beachtete Schwefel, mit dem man wohl auch die Steine bestrich (Planck 
S. 10). S. u. Schwefel, wo auch auf vorhistorische Feuerzeug- und 
Schwefelkiesfunde hingewiesen worden ist. 
Fibel, s. Schmuck. 

Fichte. Da in der Sprache die Namen ftlr Fichte, Kiefer 
nnd Tanne nicht scharf unterschieden werden, so müssen die Abietineae 
hier zusammen behandelt werden. Eine Reihe übereinstimmender 
Namen geht über den Boden Europas hinaus: sert. pfta-dru-, pita- 
däru-, pitU'därU'y Pamird.^if, griech. ttitu^, la,tpinus (s. u. Pinie und 
vgl. \ikt.pUu-ita ,Schleim der Bäume' etc., ,Schnupfen'). Daneben besteht 
ein urverwandter Name des Baumharzes: scrt. jatu- ,Lack, Gummi', 
agis. ctoidu, ahd. chuti ,Kitt', ,Leim', lat. bitümen ,Erdpech'. 

Auf Europa beschränkt sich: griech. ttcukti, SiltpT. peuse, lit puszis, 
ahd. fiuhia, ir. ochtach {*püktä). Ebenso der gemeinsame Name des 
Peches: griech. Tri(T(Ta, lat. pix, slt^h piklü (ahd. peh aus lat. plcem 
vermutlich mit der römischen Kunst der Weinbereitung und Weinbe- 
handlung entlehnt). Vgl. noch agls. cew, ahd. chien (nhd. kiefer aus 
Jcienföhre) : altir. hi gl. pix (griech. ßuvrj * TreuKt] Hes.?), während 
andere für das germanische Wort an Verwandtschaft mit altsl. sosna 
,abies' (aus *zosna : *kizn = ahd. chien) denken (vgl. H. Pedersen 
I. F. V, 66). Gleichungen von geringerer Ausdehnung sind lat. äbiesy 
griech. äßiv iXdxTiv, oi bfe TreuKrjv (Hes.) und slav. horü ,Fichte', 
,Fichtenwald', agls. bearu, altn. börr ,Wald' (eigentl. ,Fichtenwald'). 
Als ein urzeitlicher Baumname darf auch ahd. tanna in Anspruch ge- 
nommen werden, das dem scrt. dhdnvan- ,Bogen' genau entspricht 
(vgl. altn. älmr , Bogen aus Ulmenholz', altn. f/r und griech. töEov 
;Bogen aus Eibenholz'); doch wird man mit Rücksicht auf die Eigen- 
schaft des Holzes der Tanne vielleicht eher mit H. Hirt I. F. I, 482 
von der für ahd. tanna neben ,Tanne' bestehenden Bedeutung ,Eiche' 
auszugehen haben. Griech. ikäTX] s. u. Linde, alb. bre&'di ,Tanne' 
u. Birke, ahd. forha und mhd. zirbe, zirbel »Pinus cembra L.' (altn. 
ti/rvidr ,Kienholz', ndl. teer, agls. teoro, altn. tjara ,Teer') = lit. derwä 
,£ienholz', lett. darwa ,Teer' u. Eiche^ altsl. jeZa ,Tanne' u. Eibe, 
bulg. smirea, kiruss. smräka etc. ,Tanne', , Fichte' u. Wachholder. 
Kymr. syb-wydd ,Föhre' {^soqo-vidu') ist ,Harzbaum' : altsl. sokü, lit. 
sfäcai yHarz'. 

Dunkel ist slavisch *chvoja (poln. choja , Kienbaum' etc.); vgl. lit. 
skujä ,Tannen- oder Fichtennader. Aus dem Lateinischen {larix = 
ir. daiTy daur. Gen. öarocA , Eiche') entlehnt ist mhd. larche ,Lärche' 
(Mnus larix i.). — S. u. Wald, Waldbäume. 
Fieber, s. Krankheit. 
Fiedel, s. Musikalische Instrumente. 

Sehr Ader, ReaUexikon. IQ 



242 Filz. - Fisch, Fisilifnng. 

Filz. Dieser Bepritf cnvcist sicli als vorliisloriseli durch i 
Gteicliuiig lat. piüeua (*pUdeu8\ vgl. lat. »allere aus '"saldere), ag 
feit, ah<i. filz {*peldo-), altsl. pläslJ {*peld-ti-}. Die Zogehörigkeit v 
griecli. niXo; ist unsielier. Germano-baltiseh ist: alln. ^d^ ,I''ilz', /tri/ 
kettir ,FiIzhüte' : lit. («6«, tübis, allpr. tubo ,Filz', Wahrscheinli 
ßiiid aber die litu-prciissisciien Formen aus dem Nordischen eutlehi 
■In sehr früher Zeit wurde von den Slaveu, noch bevor sie ihre Wol 
flitze westwärts ausgedehnt hatten, aus der Sprache turko-tatariscli 
Völker, welche noch heute Meister der Fil/,bereitung sind, das gemein 
altsl. klobul-t'i, Oeeh. klobük u. s. iv. ,Fil7.' Übernommen, und «war a 
ttirk, kalpak ,MütKe', so dass also Kopfbedeckungen in dem damalig 
tUrkisch-slavischen Handel eine bedeutende Bolle gespielt haben aiUsst 
Dasselbe Wort ist ein Jahrtausend später noch einmal von den osn 
niscben Türken entlehnt worden : serb. kalpak, ngriech. KaXirÖKi u. s. 
(vgl, Miklosich Türk. Elemente S. 1). Aus dem germanischen Woi 
stammt mlat, filtrum ^Filz' (ital. feltro, frz. feutre), neben dem ( 
ebenfalls auf germanischer Grundlage beruhendes fulfrum {daraus wie(i 
ahd. fulfer) bestand. — S, u. Kopfbedeckung. 

Fingerring, a. Schmuck, 

Pinke, s. Singvögel. 

Fisch, Fischfang. Die Kenntnis und Übung des Fischtan 
läset sieh in unserem Erdteil, wenigstens in dem Alpetigcbiet ui 
nördlich desselben, bis in die entferntesten Zeiten zurdck verfolgt 
Bildliche Darstellungen verschiedener Fischarten, des Hechtes, d 
Forelle, des Aales u. a. haben sich anf Knochen oder Schieferplatlen d 
palaeolithischen Epoche eingraviert gefunden. In den Höhlen v 
Mentoue wurden 50 verschiedene Fischarten nachgewiesen u. s. w. E 
Kjökkenmöddinger oder Muschelhaufen Dänemarks zeigen zwischen d 
Schalen von Austern und veracliiedeiicn Muschclarten eine Men 
Fischgräten von Schollen, Dorsch, Häring und Aal. Der grosse Umfai 
der Fischerei in ueolithiacher Zeit ist zweifellos. In den Schweiz 
Pfahlbauten (vgl. Rlitimeyer Fauna d. Pf, S. 114) lassen sich 9 vi 
schiedene Gattungen von Fischen, z. B, Aal, Barseh, Hecht, Karpff 
Lachs, unterscheiden. „Im Mondsee", sagt M. Much (brieflich), „fa 
ich Fisehreste und eine kupferne Fiachangel, die wie die meisten stei 
zeitlichen Fischangeln noch des Widerhakens entbehrt, und es ist nie 
ausgeschlossen, dass auch hier bearbeitete Knochenstucke als Fist 
angeln dienten," Anch In den steinzeitlichen Niederlassungen Däi 
marks und Schwedens sind verschiedene Fischereigeräte, Angelhak 
ans Knochen (hier m i t Widerkaken), Hai-pnnen, Stechgabehi und Kei 
von Netzen, die auch in Robenbausen begegnen, gefunden word 
(vgl. S. Muller Nordische Altertumskunde I, 148, Montehua Kuli 
Schwedens» S. 25). 

Andere könnten die Verhältnisse südlich der Alpen gelegen habi 



Fisch, Fisch rang. 243 

In den Pfahlbauten der Poebene sind, obgleich diese Stationen erst 
der Bronzezeit angehören, keinerlei Fischgräten, Angelhaken und dergl. 
aufgetaucht (vgl. Heibig Die Italiker in der Poebne S. 15), und dasselbe 
ist nach der ausdrücklichen Versicherung von Tsuntas (*Eq)Ti|u. dpx. 
1891 S. 39flf.) bei den ungefähr derselben Epoche angehörigen Über- 
resten von Tiryns und Mykeuae der Fall. 

Von dieser kurzen Übersicht über die prähistorischen Verhältnisse 
Europas, soweit sie sich in den Funden darstellen, wenden wir uns der 
Terminologie des Fischfangs in den idg. Sprachen zu. Es ist eine 
längst beobachtete Thatsache, dass es in den idg. Sprachen für den 
Begriff des Fisches keine sich von Europa bis in das arische Gebiet 
erstreckende Gleichung giebt (vgl. \fii, piscisj ir. iasc, got. fisks; armen. 
jukn, lit. iuicis, altpr. zukans gegenüber scrt. rndtsya-, aw. masya-; 
dunkel: griech. ixöuq, und altsl. rybay ersteres von einigen mit armen. jttÄ;?i 
verglichen), und dass für ein/eine Fischarten überhaupt keine sicheren 
Gleichungen bestehen (einzelnes zweifelhafte vgl. bei 0. Weise Die 
griech. Wörter im Latein S. 111, dazu Sprachvergl. und Urgeschichte^ 
S. 166). S. auch u. Aal. Eine deutliche Ausnahme machen nur die 
germanischen und litu-slavischen Sprachen mit einer Reihe von gemein- 
samen Fischnamen (altpr. lasassoy lit. lasziszä, russ. lososi, ahd. lahs 
,Lachs'; altpr. linis, lit. lynas, öech. ZM, ahd. sUo ,Schleie'; altpr. kalis^ 
mhd. weis ,Wels'). 

Was die Fischereigeräte betrifft, so wird in Europa an mehreren 
Stellen von dem Stamme ^onko- (= scrt. aftkä- , Haken, Biegung, Bug' 
: ac , biegen, krümmen') Gebrauch gemacht, um Wörter für Angel 
davon abzuleiten. So in griech. äTKKTipov und in dem gemeingenn. 
ahd. angul, altn. öngulL Im Lateinischen heisst der Angelhaken hämuSf 
das vielleicht mit ahd. hämo id. (vgl. lat. habeo = got. haban) urver- 
wandt ist, wie vielleicht auch got. nati ,Netz' mit lat. nassa ,Fisch- 
reußc, Netz' zusammenhängt (doch s. u. Nessel; sonst heisst das Netz: 
lat. rete = lit. rStis ,Bastsieb', griech. aafr]vr\, (i^cpißXr|(TTpov, lit. tiil- 
klajt, mdriszka] meszkeri ,Angel' u. s. w.). 

Es fragt sich nun, wie diese auffallende Armut der idg. Sprachen an 
Übereinstimmungen in der Terminologie des Fischfangs zu erklären sei. 
Zwei Deutungen sind denkbar. Entweder man sagt: es ist selbst- 
verständlich, dass die Indogermanen Fischfang getrieben und Fische 
gegessen haben. Nur war ihr Geschmacksinn noch so wenig ent- 
wickelt, dass sie zwischen einzelnen Fischgattungen sprachlich nicht 
unterschieden (so etwa H. Hirt L F. Anzeiger VIII, 59). Oder man nimmt 
an, dass die Indogermanen in der Zeit, als Europäer und Arier noch 
eine Knltnreinheit bildeten, thatsächlich keinen Fischfang kannten und 
keine Fische assen. Gegen die erstere Erklärung lässt sich einwenden, 
dass sie einmal die auch in der Terminologie der Fischerei ir e r ä t e 
bestehende Armut ausser Betracht lässt, und man das andere Mal nicht 



214 Figi;h, Fischfang. 

verBteht, warani die Indogertnancn, die doch für sehr viel unansehnliche 
Tiere wie Floh und Laus, Ameise und Flie§;e u. s. w. bestimmte Nitm 
hatten, nicht im Stande gewesen sein sollten, die, wenn nicht (fflr < 
damaligen Indogermanen) durch den Geschmack, so doch dnreh Karl 
Grösse nnd Gestalt so verschiedenen Fiseharten verschieden zu henenni 
wenn sie dieselben praktisch verwerteten. Nimmt man nun hin; 
dass weder im Awesta, noch im Rigveda (vgl. Zinmier Altind. Leb 
S. 26) des Fischfangs mit einem Worte Erwähnung geschieht, v 
auch die arische Periode keine gemeinsamen Fischnamen ansgehilc 
hat, und dass auch durch das homerische Zeitalter, das im Übrig 
gewerbsmässigen Fischfang bereits kennt (vgl. J. v. Müller Privalaltcr 
8. 121'), noch die Erinnerung an eine Zeit hindurchznblicken schei 
in der der griechische Held ebensowenig Fische ass, wie ritt, scliri 
oder Sappe kochte (vgl. v. Wilamowifz Rom. Unters. S. 292, Tsuni 
a. a. 0.), so wird man die oben angeführte zweite Deutung für < 
wahrscheinlichere halten müssen. Thatsächlich wird uns von gewiss 
Völkern, z. ß. den britannischen Kaledoniem noch aus später Zeit I 
richtet, dass sie sich alles Fischgennsses enthielten (vgl, Dio Cass. Ej 
LXXVI, 12: tO)v t^P ixöüiuv dneipujv Kai dTiXeiiuv ßvrmv oi) tsöovto 
Warum könnte es also nicht ebenso bei den Indogermanen gewes 
sein? Auch aherglänbiscbeSpeieeverbote könnten dabei mitgewirkt habt 

Demnach wtlrde man sich im Hinblick auf das oben gcschildei 
hohe Alter des Fischfangs in weiten Teilen Europas den kultur^ 
schichtlichen Entwicklungsgang auf diesem Gebiete etwa so vor2nstcll 
haben. 

Die Indogermanen waren zur Zeit des Kultui?,usammenhang8 zwisch 
Europäeru und Ariern im wesentlichen ein Volk von Viehzüchtern (s. 
Ackerbau nnd n. Viehzucht), das den Fischfang und Fischgenr 
nicht kannte. Der Schauplatz dieser Epoche ist an der Grenze Asie 
und Europas zn suchen (s. u. Urheimat). Je mehr nun die We 
intingernianen sich Über Europa ansdebntcn, ein Prozess, der sich n 
dein Beginn oder im Vertauf der nenlithischen Periode abspielte, t 
so mehr wandten sich die sich allmählich immer starker differenzierend 
idfr. Völker, vielleicht durch das Beispiel nrangesessener Stämme t 
geregt, dem Fischfänge zu. Es besteht also in dieser Beziehung n 
zwcifelhafteinKulturgcgensatK etwa zwischen den Menschen derSchweiv 
Pfahlbauten oder denen der jüngeren Skandinavischen Steinzeit und <1 
ältesten Indogermanen; aber man darf daraus nicht scliHessen, df 
die Schweizer oder Skandinavische Bevölkerung jener Epochen kei 
indogermanische gewesen sein könne; denn nach der hier vorgetragen 
Auffassung können die genannten Stationen jünger als die alte» 
Stufe der idg. Kulturentwicklung sein. 

Den Völkern im südlichen Europa, zunächst den Griechen, ist ei 
eigentliche Blute des Fischfangs erst erwachsen, nachdem sie mit Mc 



Fisch, Fischfang. 245 

und Schiff ah rt (8. d.) inniger vertraut geworden waren. Der Fischer 
heis8t nun (von Homer an) dXieu^, d. i. ,der Seemann'. Phoenizische 
oder sonst orientalische Einflüsse lassen sich dabei, wenigstens sprach- 
lich, nicht nachweisen. Nur der wichtige Thunfisch (Giivvo^), der grösste 
essbare Seefisch des Mittelmeers, weist vielleicht auf die semitischen 
Sprachen (hebr. tanntn ,grosse8 Wassertier, Walfisch, Haifisch') hin 
(vgl. Lewy Semit. Frenidw. S. 14), In allem, was sich auf das Meer, 
also auch auf den Fischfang bezieht, hat dann Hellas seinen vollen 
Kultureinfluss auf Italien ausgeübt. Die Fischkost (lat. obsönium aus 
grieeh. öipuiviov) findet nun auch hier immer stärkeren Eingang. Weit- 
aus die meisten römischen Fischnamen sind aus dem Griechischen ent- 
weder entlehnt oder übersetzt (vgl. 0. Weise a. a. 0. S. llOflf.). Als 
eine ganz neue Errungenschaft der Kultur aber tritt bei den klassischen 
Völkern die künstliche Fischzucht in den dazu hergerichteten 
Teichen (griech. Xiiuvt],' lat. jpwcma, vivärium) auf. So berichtet z. B. 
Diodorus Sieulus XIII, 82 von Agrigent: fjv bk Kai Xiiuvt] Kai* dKeivov 

TÖV XPÖVOV iKXÖq Tf\q Tr6X€UJ? X^lpOTTOirjTO^, fX0U(Ta Tf]V 7T€pi|U€Tp0V 

(JTabiuJV dma, tö hk ßd6o<; €iKO<Ji tttixäv ei^ l^v ^TraTOiui^vuiV ubdxtüv 
€<piXoT€xvTi(Tav ttXtiGo^ i X ö u uj V iv auTq 7T0ifi<Jai travTOiiwv elq xäq 
bT\pLO(S\a<; iOTiäoeK;, jueG' Obv (Tuvbi^xpißov kukvoi Kai tOüv äXXtüv öpv^ujv 
iToXu irXfiGo^. In dieser Richtung wird denn auch der Norden Europas 
auf dem Gebiete der Fischerei vornehmlich Anregung erfahren haben, 
wovon die Entlehnung des ahd. witcäri^ altnd. wiweri ,Weiher, Fisch- 
teich' aus lat. vivärium Zeugnis ablegt. Im übrigen sind die Spuren 
römischer Gesittung im Norden auf diesem Felde nicht allzu viele, wie 
nicht zu verwundern, da nach den obigen Ausführungen die Nordvölker 
lange vor ihrer Berührung mit Rom zum Fischfang und Fischr 
genuss übergegangen waren. Konnte doch schon Posidonius (Athen. 
IV, p. 152) von den Kelten berichten: 7Tpo<yq)^povTai bfe Kai lxöO<; otie 
wapd Tou^ TTOTaiuou^ okouvie^ Kai Tiapd xfjv dvTÖ? Kai rf^v iKTÖ<; Od- 
Xacraav, Kai toütou^ bfe ötttou^ liieO' dXuiv Kai öEouq Kai kujliivou. Auf 
germanischem Boden macht sich die grössere Bedeutung des Fisch- 
fangs geltend in den schon urgermanischen Wörtern „Angel", „Netz" 
(s. o.), „Wate" = Zugnetz (altn. vadr ,Angelleine'), „Rogen" (ahd. rogan), 
„Laich" und in zahlreichen gemeinsamen Fischnamen wie „Stör" (s.d.), 
^Brassen" (altschwed. braxn\ „Barsch" (s. d.), „Lachs" (s. o.), „Aal** 
(s. d.) und anderen, über die Bedeutung des Fischfangs und des Fisch- 
genusses im skandinavischen Norden vgl. Weinhold Altn. Leben S. 68 ff. 
Es sind daher nur wenige und nicht weit verbreitete Lehnwörter aus der 
Jat. Sprache, wenigstens bei den kontinentalen Germanen, auf dem Ge- 
biete der Fischerei nachweisbar, z. B. ahd. pescen ,mit dem Köder 
langen' ans lat. pißcäre, mhd. pfulsen, ndl. polsen (vgl. Kluge in Pauls 
Onmdrifls 1^343) aus lat. puhärey alid. lempfrida ,Laraprete' aus lat. 
lampr£ia. Stärkere Ausbeute liefert das Angelsächsische mit cefesne 



246 Fiach, Fischfang — Flachs. 

auc lat. obsöniumf lopust, lopestre ,HDDinier' aus lat. locusta, lopo. 
(Corp. GI0P8. Lat. V, 390'*), trtiht ,Forel!e' aus lat. träcta, tr(Eg< 
,Zuji:net/,' aiiB trägula, drdgnett ,Sehlepinietz' aus trdgum, cocc ,Musc 
ans cocca filr concha, östre ,Aii8ler' aus ontrea (vgl. F. Kluge Gn 
riss I ', 33.3 ff.). Umgekehrt sind aber naelt Erßffnnng der nördlic 
Fisehgrllndeauch barbarische FischuameD im Süden eingewand 
So in sehr früher Zeit das keltische eaox ,Laeb8', später das germanit 
aringua ,Hänng'. Eine ganze Reihe barbarischer Fischnameu 
ttlansa (ahd. alosa, wold keltischer Herkunft), ünca (vgl. ndl. tin 
redo, aalmo (s. u. Lachs), fario (s, u. Forelle) gebraucht Auso 
in seiner Mosella. Eine ungeheure Steigerung des Fischgenusses 
damit verbunden eine genauere Unterscheidung der einzelnen Fi 
arten in sachlicher und sprachlicher Beziehung niusstc im mittela 
liehen Europa durch die Aufnahme des Fisches unter die kirct 
gestatteten Fastenspeiseu hervorgernfen werden. 

Von einzelnen Fischarten sind behandelt worden: Aal, Bars 
Forelle, Haifisch, Häring, Hecht, Karpfen, Lachs, Schi 
Stör, Wels. S. aucli u. Auster, Krebs (Hummer), Walfisch. 
S. u. Schiff, Schiffahrt. 

Fischotter. Der idg. Name des Tieres ist sert. udrd-, 
udi-a-, griech. vbpo<; (,Was8ersch lange', ^vubpi^ ,Otler'), ahd. ottar, 
üdra, altsl. vydra (idg. *udro- : scrt. udäti-, griech. öbujp etc. ,Was 
also ,das Wassertier"). Lat. lutra ist dunkel trotz 0. Keller ( 
Volksetym. S. 47), der das Wort durch Anlehnung an ein nicht 
liandcnes *lutor ,Wäsclier' erklärt. Keltische Namen s. u. Biher 
Flachs (Linum nngusfifoUum Huds., Linum unitatissimum). 1 
die Indogermanen Europas mit der Kenntnis des Leinbaus und e 
primitiven Linnenindustrie (s. u. Flechten, Spinnen und Wel: 
schon in vorgeschichtlichen Zeiten ausgerüstet waren, lässt sich soi 
durch sprachliche wie gesehiehtHehe (archäologische) Thatsachen w 
gcheinlieh machen. 

Der den europäischen Indogermanen gemeinsame Name 
Flachses ist; griech. Xlvov, schon bei Homer mit den B-^deutungen 
jAugelschnur, Spinnfaden, Netz, Bettlaken', daneben Xi-i-i, Xi-T-a ,lini 
Decke', lat, linum ,Lein' neben lin-t-eum ,Leinwand', iv.lin, kymr, 
körn., brct. lin ,Lein', ir. lin ,Netz', daneben kymr. lliain, körn., 1 
lien ,Leinen' (ans *U-S'an-?'. vgl. RLys Revue celtique VII, 241), 
lin, daneben gemcingerm. *lein'j6'\ ahd, lina, altn. Una, agis. Une ,Le 
iit, linai, slav. llnü ,Flachs'. Allerdings hat es nicht an Geleli 
gefehlt, welche diese Sippe auf verhältnismässig später Entlehnung 
ruhen lassen wollten und das lat. Wort linum aus dem Grieehisi 
(WO Xtvov bei attischen Komikern begegnet), das kelt. lin, germ. 
slavo-lit. llnü, linai ans dem Lateinischen ableiteten. Allein \ 
auch diese ^Annahme bei den angeführten Wörtern als lautgeschich 



Flachs. 247 

möglich bezeicbnet werden miiss, so hängen doch mit denselben so viele 
Ton ihnen nicht oder nnr gewaltsam zu trennende, keine Spur von Erbor- 
gnng zeigende Benennungen aus Lein hergestellter Gegenstände (vgl. 
namentlich griech. Xiri und lat. linteum) zusammen, dass die Anschauung, 
es hätten schon in vorhistorischer Zeit in den Sprachen der europäischen 
Indogermanen Ableitungen von einer Wurzel II (vgl. etwa scrt. li-na-s ,an- 
liegend', griech. XeTo^ ,glatt*) bestanden, welche den Flachs und primitive 
Gespinnste und Gewebe aus demselben bezeichneten, durchaus als die 
wahrscheinlichere bezeichnet werden muss. Oder mit anderen Worten: 
die angeführte Sprachreihe ist wie jene urcuropäischen Ackerbau- 
gleichungen zu beurteilen, von denen u. Ackerbau gehandelt worden 
ist. Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass einzelne Glieder derselben, 
etwa lit. Imai und slav. Ihiü^ die in ihren Sprachen ableitungslos da- 
stehen, dennoch erst später entlehnt sind. Auch auf den einzelnen 
Sprachgebieten lassen sich sehr alte Bezeichnungen derselben Kultur- 
pflanze nachweisen. So gemeingerm. altn. harr — ahd. haro und wcst- 
genn. ahd. flahs. agls. fleax, das vielleicht Beziehungen zu altsl. poskonly 
poln. ploskon ,Hanf' hat. So ferner gemeinslavisch altsl. platino für 
Leinwand (vgl. ir. dia loit find ,zwei weisse MänterV). — Wendet man 
sich zu den archäologisch-historischen Anhaltspunkten für das 
Alter des Flachses in Europa, so wurde derselbe in rohem wie in verar- 
beitetem Zustand in den Schweizer Pfahldörfern, in Mooseedorf, Wangen 
und Robenhausen gefunden, so dass darüber kein Zweifel bestehen 
kann, dass die Pflanze schon zu der Zeit, als im wesentlichen nur 
Steinwafl^en in der Schweiz gebraucht wurden, bereits angebaut und 
verarbeitet wurde. Ebenso ist er in dem Pfahlbau des Laibacher Moors 
(neolithische Zeit) und in den Pfahlbauten der Pocbene (frühe Bronze- 
zeit) nachgewiesen worden. 

Hingegen fehlt jede Spur des Flachses in der Skandinavischen Stein- 
zeit, wie sich hier überhaupt bis jetzt die Künste des Spinnens und 
Webens nicht belegen lassen. Doch wird man derartige Dinge mit 
grosser Vorsicht beurteilen, wenn man bedenkt, dass erst inj Jahre 1894 
unzweifelhaft nachgewiesene Getreidekörner (vgl. S. Müller Nordische 
Altertumskunde I, 205 f.) den Beweis erbracht haben, dass im Norden 
ein Landbau ähnlichen ümfanges wie in der Schweiz betrieben 
wurde. 

Dass im homerischen Griechenland der Flachs auch an Ort und 
Stelle gew^onnen, nicht etwa, wie man vermutet hat, lediglich aus dem 
Orient eingeführt wurde, darauf weist der Umstand hin, dass bei Homer 
die Par/e (H. XX, 128) den verhängnisvollen Schicksalsfaden Xivuj „mit 
Flachs* spinnt; denn man hat mit Recht bezweifelt, dass es möglich 
sei, bei einer so altertümlichen Vorätellung an ^einen verhältnismässig 
jungen semitischen Importartikel^ zu denken. Auch auf die Anfertigung 
liunener Gewandungen (öOövti) verstand man sich ])ereits damals (vgU 



24K Flachs. 

II. XVIII, 596, Od. VII, 105 ff.); denn dass an den angeführten Stell 
nur solclie gemeint sein kOnneit, beweist die dabei erwähnte, nur 
der LinneninduBtrie Ubhctic Appretur mit Öl (s. näheres u. Ülbani 

FUr Italien ist es beachtenswert, „dass sich in der primitiven Kiilti 
Schicht auf dem EsqniliD höruene Ctensilien gefunden haben, welc 
nach der tlbereinsttmmenden Annahme aller Palaeethnologen znmAi 
kämmen des FlaeliseB dienten". Vgl. W. Hclbig Die Italiker in t 
Poebene S. 67, wo ausführlich die Frage erörtert wird, in wie w 
der P'laclisbau oder die linnene Tracht italischer VüikerBcbaften t 
Überlieferung aus der Urzeit oder auf überseeischen EinSUeeen berul 

Aus Gallien und Germanieu meldet Plinins Hist. nat. XIX, 
eine eifrig betriebene Linnenindustrie, namentiich zur Herstellnng r 
Segeltuch: Itane et Galliae censentur hoc {Uni) reditu'? . . . Cadur 
Caleti, Ruteni, Biturige« ultumique hominum exisUmati Morini, im} 
vero Galliae universae vela texuni, iam quidem et tranarhenani host 
nee ptilchriorem aliam vestem eorum feminae novere . . . . in G 
mania autem defossae atque sub terra id opus agunt. In Lbere 
Stimmung hiermit spricht anch Tacitus Cap. 17 von linei amictua i 
germanischen Frauen. Die Lex Salica nennt den Flachsbau schon 
ihren ältesten Codices. Vgl. Cod. 1—4 (Hesseis) XVII, 8: Si quig 
campo alieno Uno furaverit, et eum in caballo aut in carro pon 
eerit. Ein wichtiges Produkt dieser altgernmiusciien Linneninduatrie 
das am Leib anliegende Hemd, das von germanischem Boden in ( 
romanische und keltische Welt überging (s. u. Hemd). Nun haben 
allerdings wichtige rOmische Kulturentlehnungen auch schon in vi 
plinianischcr und vortaciteischer Zeit seitens der Germanen stattgefunde 
aber dieselben scheinen doch mehr der Art gewesen zu sein, wie i 
durch kriegerische Berührung oder auf dem Wege des Handels gescbeli 
konnten. Dass schon damals die kultnrliistorischen Bedingungen dal 
gegeben waren, dass Rom die Lehrmeisterin Ueutschlands im Anb 
einer der wichtigsten Kulturpflanzen, wie dies später auf dem Gebit 
des Obst- und Gemüsebau» der Fall war, werden konnte, ftlr di( 
Anschauung wUrdc durchaus ein Analogon fehlen. 

Somit glauben wir, dase die Meinung, nach welcher ein primitii 
Leinbau mit zu dem gemeinsamen Erbe aller cnropäiBchen Indogerman 
aus ferner Ur/.cit (s. u. Ackerbau) gehört, eine wohl begründete i 
Oll dabei die Vorfahren der europäischen Völker selbständig auf d 
Anbau des Flachses vcrtielen, oder ob dieser ihnen in !2uBammcnhäng 
zukam, die /.uietzt vielleicht auf babylonischen Boden (s- n.) fUhri 
wird sich nicht entscheiden lassen. Das Problem ist hier dasselbe, v 
es uns bei andern Kullurpflanzen, vor allem bei der Geschichte c 
Gerste und des Weizens (s. s. d. d,), entgegentritt. 

Die älteste in Euiopa angebaute Art war nicht unser beutiger Flac 
(Linum usitatissimum), sondern das wildwachsend im ganzen Mitt 



Flachs — Flasche. 249 

meergebiet, von den kanarischen Inseln bis nach Palästina und zu den 
Kaukasnsländern einheimische Linum angustifoUum. Man nimmt an, 
dass Linum usitatissimum^ das zuerst in altägyptischen Gräbern nach- 
weisbar ist, ans diesem hervorgegangen sei. 

Wenn somit die Griechen und Römer mit uralter Kenntnis und Be- 
nutzung des Flachses ausgerüstet in ihre historische Heimat einzogen, 
so steht es doch andererseits nicht minder fest, dass sie, und vor allem 
die Bewohner des für Flachsbau wenig geeigneten Hellas, wie auf 
anderen Gebieten, so auf diesem unter den Einfluss der semitischen 
Lander wie auch Ägyptens gerieten, in denen Flachsbau und Linnen- 
industrie seit ältester Zeit blühten, und welche Fabrikate hervorbrachten, 
mit denen sich die Gewebe der Urzeit nicht messen konnten. Eine 
ganze Reihe griechischer Namen linnener Gewebestoffe oder Kleidungs- 
stücke, die aus dem Semitischen entlehnt sind, legt denn auch Zeugnis 
von dem Einfluss des Orients auf den Occident in dieser Hinsicht ab. 
So die schon homerischen xiTiuv (lat. {c)tunica) aus hebr. kHönetj aram. 
kittäTiä, syr. Jcetänä, ass. Jcitinnü ,Lein, Linnen*, 69övri aus hebr. efün 
und (pdpo<; (lat. sup-parus) aus ägypt. paar (nach anderen auch aus dem 
äemitischen), aus späterer Zeit ßucrao^ aus hebr. iüs und (puxraujv ,grobe 
Leinwand' aus kopt. q)UJK (hierogl. pg, pk) u. a. Ein Zusammenhang 
aber zwischen Ägypten und den semitischen Ländern auf diesem Gebiete 
ergiebt sich aus den beiden gemeinsamen Benennungen des Flachses 
(ägypt. pesty hebr. peiet, pun. q)oicrT in Zepa-cpoKTi Diosk.) und der 
Leinwand (ägypt. is, sin ss ,königliche8 ies\ hebr. se^s). Da Linum 
angustifoUum in Ägypten nicht gefunden wird, sondern gleich das nach 
dem obigen aus diesem hervorgegangene L. usitatisaimumj wird es nahe 
hegen, Ägypten hieibei als den empfangenden Teil zu betrachten. 

Zu erwähnen bleibt noch, dass wie im Orient, so auch in Europa 
Leinsaat gelegentlich als Speise gedient hat. Die älteste Erwähnung 
davon findet sich bei Alkman (VH. Jahrh ); doch sind schon im Pfahl- 
bau von Robenhausen mit Leinsamen imprägnierte Brote gefunden 
worden. 

S. auch u. Hanf, Gewebestoffe, Panzer, Segel, Papier, Geld. 
— VgL V. Hehn Kulturpflanzen^ S. 160 ff., G. Buschan Vorgeschichtliche 
Botanik S. 234 ff. 

Flagge, s. Fahne. 

Flasche. Flaschenartige Geiasse aus Thon, Holz, auch Glas 
waren schon im Altertum bekannt. Hire eigentliche Bedeutung aber 
haben sie erst erlangt, nachdem man angefangen hatte, Wein, Bier und 
andere Getränke in sie abzuziehen und sie dann mit Kork (s. d.) zu 
verspunden. Nach Beckmann Beyträge U, 485 ist diese Sitte aber nicht 
vor dem XV. Jahrhundert in Europa durcbgedrungen. 

In der Terminologie der Flasche herrschen wie bei anderen Gefäss- 
arten weitverzweigte Entlehnungsreihen. So griech. XdYuvoq, lat. lagoe- 



250 ■ Flasche — Fleisch. 

«fl, lagellum, laguncula, ahd. IdgeUa. altsl, lagvica, lagunü nnd n 
fiasco (ans vascuiumT!, it. fiaitco etc., ahd. flasca {und in allen 
mani&chcn Sprachen), altsl. ploxJcra (etc.), alb. plotske. Daß tibli 
Wort fUr jFlaPche' in den romanischen Spracben ist jedoch frz. houte 
c. s. w, (: frz. hotte ,WeiiifasB")- — S. u. Fass und n. Gefässe. 

Flechten. Eine idg. Bezeichnung dieser Kunst liegt in derRe 
griec'h. TiX^KU), lat, plecto, ahd. fiihtu, altsl. plett\, plestv, vgl. t 
prarna- .Geflecht, Korb'. — S, u. S|iinnen und u. Weben. 

Flechtwerk, s. Dach, Mauer, Tbilr, Haus. 

Fledermaus. Hirc etj-mologisch nicht zusammenhängenden Na 
sind mehrfach von Wörtern fitr Abend oder Nacht hergenommen, 
lat. resperiflio, griech. vuKTEpiq, altsl. netopi/rJ neben nopotyrl (*n 
: *nolt- ,Nacht' nach Miklosich Et. W.), agis. cicyld-hrepe ,die Abi 
schnelle'. Andere Sprachen legen in ihre Benennungen den Bej 
.Maus' oder ,Ratte'. So ahd. flsdnrnitis {fl^daremnutro) ,FIattermJi 
das im Ahd. nnd Mlid. auch ,XachtfaUer', ,papiiio', , Molle' nnd n 
jel/.t ■/.. H. in der Pfalz nur , Schmetterling' (vgl. auch polab. netii 
,8chmetlerling') bedeulet. Entsprechend: agls. Areo/ie-, hriremüs, e 
dial. reremouse, russ. letutmja myil, poln. latotttysz, frz. ckautesoi 
jkahle Maus', prov. rata-pennadn .fliegende Ratte". Eine dritte Nani 
quelle ist die leder- oder spcekartige Fliigliant des Tieres. Vgl. w 
phäl. le,erspecht iLederspecht', lit. sziknziiusparnis ,LcderflÜgler', pf 
speclmaus, mengl. hacke (engl, bat'i) : engl, hacon ,Speck' u. a. Weil' 
vgl. bei V. Edlingcr Tiernainen Landshnt 1886 (reichhaltig, doch 
Voi-sicht zu benutzen) nnd H. Palander Die ahd. Tiernamen 1899 S. 

Flegel, 8. Dreschen, Dreschflegel. 

Fleirtch. Hierfür besteben zwei idg. Gleichungen: einmal f 
kratin- = griecli. Kp^a^, nie die Verwandtschaft mit lat. cr»or, a 
l-räci, ir. crü ,Blut', ahd. r6 ,voh' zeigt, ursprUnglich das rohe Flei 
das andere Mal scrt. mtiihgä-, armen, tnis. altpr. meitsa, lit. mi 
altsl, m^ao, alb. mtti, got. mimz, vertnntlich das znbercitete Fle 
be/eichuend. Lat. caro, cornla gehört zn ir. carna , Fleisch', und \ 
ursprünglich, wie die BedcnHingsentwicklung in den tihrigen italisc 
Sprachen (unibr. kam, osk. carnevi ,pars, parlis'} zeigt, den Flei 
anteil des einzelnen bei den gemeinsamen Mahlzeiten gemeint hal 
Die germanische Sippe von ahd. fieisc bezeichnete von Haus aus spe; 
das Schweinefleisch (altn. fleiic). Daneben altn. kj6t .Fleisch', 
noch thrak. t^vto ,Tä Kp€a' (Lagarde Ges. Abb. S. 279). 

Von dem Genuss des rohen (scrt, ümd-, armen, huvi, griceh. uj^ö; 
6m) Fleisches wird auf idg. Boden selten berichtet. So erzählt Po 
Mela III, 3, 28 von den Germanen: Vktu ita attperi incultique, 
cruda etiam carne rescantur aut recenti aut cum rigentem in i, 
pecudum ferartimque coriis, manihus pedibusque suhigendo rem 
vernnt, und auch nach der Ilelgakviöa Hundingsbana 11, 7, 8 hal II 



Fleisch — Floh. 251 

mit seinen Helden am Strande rohes Fleisch genossen. Doch wird im 
ersten Wikingergesetz diese Speise ausdrücklich verboten : „Viele Menschen 
hegen die Sitte, rohes Fleisch in ihre Kleider zu wickeln und so zu^ 
sieden, wie sie es heisscn; aber das ist mehr eine Wolfs- als eine 
Menschensitte" (vgl. Weinhold Altn. Leben S. 148). Bei den Indern 
werden nur üämonen und Zauberer als Icravyä'd ,rohe8 Fleisch essend' 
bezeichnet. 

Die älteste und beliebteste Art, das Fleisch herzurichten, wird das 
Braten am Spiesse über dem oflFenen Feuer gewesen sein. So ist es 
znr Zeit des Rigveda (vgl. Zimmer Altind. Leben S. 271), und nur diese 
Art der Fleischbereituug kennen die homerischen Gedichte. Auch Varro 
De lingua lat. V, 31, (28) bemerkt: Hanc (carnem) primo assam („ge- 
braten am Feuer"), secundo elixam („gesotten"), tertio e iure uti coe- 
pisse natura docet, und auch bei dem von Posidonius (Athen. IV, p. 151) 
geschilderten keltischen Gastmahl wird das Fleisch genossen : ötttcc ^tt' 
ävGpdKUivfj 6߀Xi(yKU)v; doch wird daneben, wie übrigens aucli im Rigveda^ 
gekochtes Fleisch (xpea ttoXXci iv öbari) genannt. 

Als eine Delikatesse wird auch das Mark (scrt. majjdn- = aw. 
mazga-j altsl. mozgüy altpr. musgeno, ahd. marg\ ausweichend: griech. 
^u€XtS^, lat medulla) der Knochen (scrt. dsthi-j asthdn- = aw. ast-y 
asti-, asta-j griech. 6(Jt€0v, lat. o.v, alb. ast) gegolten haben. Es wird 
noch bei Homer (II. XXII, 501) als besonders nahrhafte Kinderspeise 
genannt, und ist von jeher bei allen fleischessenden Völkern beliebt 
gewesen. So bemerkt Rütimeyer von den Schweizer Pfahlbauern (in 
Kellers III Pfahlbautenbericht S. VII Anm. 1): „Ein durchgehendes Merk- 
mal des Küehenmoders ist, dass alle Knochen, die Mark oder essbaren 
Inhalt haben, geizig bis auf diesen ärmlichen Inhalt ausgebeutet sind.'' 

Der idg. Name der Fleischbrühe liegt in der Gleichung scrt. .yw«-^ 
ffushän-, Isii.jüs, altsl, jucha (woraus \\t jüsze, jukä ,8chlechte Suppe'). 
Nach dem obigen ist vielleicht damit weniger eigentliche Bouillon als 
vielmehr der aus dem am Feuer gebratenen Fleisch ausbrodelnde Saft 
gemeint gewesen. — S. u. Kochkunst und u. Nahrung. 
Flieder, s. Holunder. 

Flora der Urzeit, s. Urheimat der Indogermanen. 
Fliege. Urverwandt: griech. jbiuTa {*niusia) = lit. musey altpr» 
muso, altsl. müHca\ dazu lat. mus-ca. Man denkt an eine Wurzel mu 
,suniDien', vor der man auch das germ. *muvi' (altn. niffj ahd. mucca^ 
agis. mycgy engl, midge) und das alb. ml-ze ableitet. Andere sehen 
in *mus'ia eine Verkleinening des idg. Wortes für ,Maus', „weil die 
Fliegen wie die Mäuse von den Lebensmitteln stehlen" (H. Pedersen 
I. F. V, 34). Ferner vergleicht sich lat. cuIex und ir. cuil, kymr* 
cylion, koru. Icelionen. — Griech. Küjvujip ,Mücke' (: küjvo^ ,spitzer 
Zapfen'?), ahd. flioga etc. von fliegen. 
Floh, s. Ungeziefer. 



262 Ftöte - Forelle. 

Flöte, 8. Masikalischc Instrumetite. 

Flach, s. Eid. 

FInss. Melircru Gleicliuiig^en hierfür leiten sich von der Wa: 
ereujsru (ücrt. Kru, griecb. ^im ,flies8e') ab. So Bcrt. -sravä in fl 
aravä ,Berg8trom', grieeh. ^oti i*ifrocä), lit. ariowi (vgl. auch al 
ogtrovü ,1nBcl'), so grieeh. ^EÜ^a, ir. sruaim, ahd. slroum, so sert. srö't 
altp. rautah; iipers. rdd (vgl. auch ir, srutk ,Flu8s' nod armeD. . 
.Kanal' aus ^sruti-s wie npers. jof, j6 , Kanal' : altp. yauvayä-, 8 
j/flcyd' , in Strömen';. Andere Eiitapreehungen siod: scrt. ap-, ays.t 
altpr. ape^ lit. üpe\ lat. aqua, got. ahwa, ahd. ouica (zn der ßedeut 
,Insel' vgl. oben altsl. ontrocü); ecrt. rintiw- , Wasser', gall. am6e,ri 
inter ambes ,inter rivos'; ir. abann, aub ,FIu88' (Über die nordw 
deutselien Orts- und Flussuamcn auf -apa, -afa, -affa vgl. Mtlllenl 
D. A.-K. II, 227 ff.), lat. amnis {*abnl-). In den meisten dieser Rei 
wechselt die allgemeine Bedeutung ,Wa8Bei-' mit der von ,FlnEs'. 

Uralte Be/.eiehnnngen hierfür Blecken zweifellos ancli in einer gros 
Zahl von Eigennamen asiatischer wie europäischer FlUsse. Si> gel 
der makedonische ZTpiJMwv und vielleiclit der alte Name des Til 
Eämö, zn dem oben angeführten idg, *sreu-men ,Strom'. Lateinic 
keltisch Dänui-ius, ahd. Ttionouua, slav. Dunavü verbinden sieb 
aw. dänu- ,Fln88', osset. don ,Wa8Ber'. Auch der Name des gross 
Stromes Ost-Europas, der Wolga, welcher bei Ptolemaens 'Pö d. 
'PaFa = niordv. liawa, Hau lautet ("Oapo? bei Herodot kaon bier 
verhört worden sein, vgl. Müllcnhoff D. A.-K. II, 76), wird von eii: 
idg. Stamme berrtlhren, der den l'lnss ^srotd (s. o.) nannte, ( 
Wortform, die in finnischem Munde taulgesetzlich zu Raica wen 
musste. Diese Erklärung wird um bo wahrscheinlicher, wenn mau 
denkt, dass auch die Tüikcii denselben Strom ^grosser Fluss" {tii 
idel) nennen. Eine systematische Erforschung der alteuropäiscl 
Fluss- uud Gebirgsnamen würde wichtige Beiträge zur Geschichte 
Wohnsitze und Wanderungen der Indogcrmaneo in unserem Erd 
liefern. — Über Plnsskultos s. n. Religion. S. auch n. Urbeim 

Flusspferd. Die l'mtoi o\ TTOTd^ioi, später iniroTrÖTapoi wer 
zuerst von Herodot (II, 71) beschrieben. Das Tier selbst wurde 
Europa erst in Rom gelegentlich der Spiele (so z. B. im Jahre 58 
Cbr.) gesellen. Ausfilhrlieh berichtet über das ägyptische Nieipf 
A. Wiedemann Zweites Bnch des Herodot S. 306 ff, — S. auch 
Eidechse (Krokodil). 

Fohlen, 8. Pferd. 

Föhre, s. Fichte. 

Forelle. Der Fisch wird von den Alten erst sehr spät genai 
und zwar als aalar in der Mosella des Ausonius: 

parpureisque «alar utellatus tergora guttüi. 
Über die Herkunft des Wortes lässt sich nur sagen, dass es offen 



Forelle — Frau. 253 

mit dem von Plinins IX, 68 genannten, in Aquitanien bevorzagten 
sd-mo (s. u. Lachs) und dem ebendaselbst erwähnten, in Ebusus auf 
den spanischen Pithyusen geschätzten sal-pa zusammenhängt und iberisch- 
gallischen Ursprungs sein wird. 

Bei demselben Ausonius begegnet für eine Art Lachsforelle der Aus- 
druck fario, den R. Mach Z. f. deutsches A. XLII, 166 aus dem Deutschen 
(vgl. ahd. faro ,Farbe', ,der farbige' s. u.) herleiten möchte. Später 
neunt Isidor. Hisp. Orig. XII, 6 den Fisch trutta oder tructa : varii 
a varietate, quos vulgo tructas (al. fruftas) vocant. Das Wort, das 
im Romanischen Wurzel geschlagen hat (it. trota, frz. truite\ scheint 
ans dem Griechischen entlehnt zu sein, wo tpiuktt]? ursprünglich zwar 
einen Seefisch, im Mittelalter aber die Forelle bezeichnet (aus tpiuktt]^ 
: alb. trofte , Forelle' neben korän). Den irischen und westgerm. 
Ausdruck ir. earc aus *{p)erkO' und ahd. forhana (agls. trüht, engl. 
irout aus tructa, vgl. auch körn, trud) deutet man als den ,ge- 
sprenkelteu' Fisch : griech. TrepKvö^ ,bunt' (vgl. auch griech. Tt^pKn 
,Barsch' und oben varii bei Isidor), wie auch slavische und weitere 
keltische Namen des Fisches z. B. russ. pestruska , Forelle' von pestryj 
,bunt', russ. rjabü, rjabecü von "^rembü ,bunt', kymr. brithyll, körn. 
hreithilj bret. brezell von *mrktO' ,bunt' (altkymr. brith) abgeleitet 
werden. Lit. margöji lasziszdite ,bunter Lachs^ Altn. aurridi, dän. 
örred (vgl. Müllenhofif D. A.-K. I, 34). - S. u. Fisch, Fischfang. 
Fraa. Der idg. Name für das Weib als Geschlechtswesen, zu- 
gleich aber auch für dasselbe als Frau des Mannes, als Ehefrau, griech. 
Tvvri und seine Sippe, ist u. E h e mitgeteilt worden, wo auch über 
scrt. pdtnt = griech. irÖTVia eigentlich , Herrin', der idg. Benennung 
wahrscheinlich der ersten oder Lieblingsfrau des Mannes, gesprochen 
worden ist. Eine dritte idg. Gleichung liegt vielleicht in scrt. priyä'^ 
.Gattin' = alts. friy agls. freo ,Weib' vor, deren Grundbedeutung als- 
dann die jliebe' wäre. Aus den Einzelsprach cn sei für den Begriff 
eines weiblichen Wesens noch folgendes genannt. Arisch : scrt. nfri' 
~ aw. stri- (dunkel), scrt. nä'ri = aw. näirikä- (: när- ,Mann', also 
,Männin'). Lateinisch: fe-mina ,die säugende' : griech. GridaaGai, 
Oricyain^vri (als Trägerin des weiblichen Geschlechts gegenüber niulier 
als Trägerin des weiblichen Charakters, nach Delbrück Verwandtschafts- 
nanien). Germanisch: ahd. wip, agls. wif; ahd. itis ,matrona', alts. 
idU, agls. ides ,femina cuiusvis Status et actatis' (beide dunkel); altfries. 
fämne ^Mädchen, Magd, verheiratete Frau', agls. fcemne ,Jungfrau, 
junge Frau', alts. femea (von einer schwangeren Frau gesagt), altn. 
feima ^Mädchen', feimenn ,schamhaft'. J. Schmidt Sonantenth. S. 105 
stellt diese Wörter zu aw. pa^man- , Milch der Weiber', npers. pinü 
,saure Milch' und bemerkt dazu: „Auf der niedrigsten Entwicklungsstufe 
schätzt der Mensch am Weibe nur die Geschlechtsfunktioneu und benennt 
es danach. Höhere Gesittung erkennt aber die Blüte des Weibes 



254 Frau — Freier. 

gerade iu dem Zustande der L'nberUlirtheit und deutet den alten 
sprUng^iicIi rein ticxuellcn, dnrclt Isolierung aber uuvci'stäudlicb gev 
denen Namen in diesem Sinne um. So ist das germaniselie Wort [zu ( 
J. Siiimidt Übrigen» aueb griecb. t>£<T-TToiva aus "bco-noipvia ste 
welches ursprtlnglieb die Milch habende bedeutete, zunächst zu al 
meiner Bezciehnung des Weibes, dann zur Bc/.eiehnnng des Weilte 
seiner BlUte als Jungfrau geworden". Ancb altsl. dfra ,.Iung:f 
{deciatco ,JungFräulichkeit') habe ursprünglich ,die säugende' (vgl. o 
laf. fe-mina und griecb. öfj-Xu^), bezeichnet. Cber ahd, froutca etc. i 
Ehe. Litauisch: möte .Prau' s. n. Mutter, imonä : zmii ,MeD: 
(jMcnschiu'). Alle diese Wörter, mit Ausnahme etwa von lat. fen, 
und lit. imonä kOnnen regelmässig oder doch gelegentlich und in 
sonderer Anwendung (lat. mulieres .Stand der Ehefrauen') auch für E 
frau gebraucht werden (vgl. Delbrück a. a. 0. S. 408—440). 

Zur Hervorhebung dieses letzteren Begriffes, wenn man die legit 
uxor im Gegensatz zu Nebenweibern und Kebsen (s. u. Beischlfifei 
stellen will, bedienen sich die Einzelspraehen verschiedener Mittel, 
denen hier besonders auf die griechischen hingewiesen sei. Im E 
kann man das blosse äXoxo^ ,BettgenOBsin' (so auch agis. gebedda) 
Bezeichnnng der Ehrenstellung des Weibes gebrauchen (vgl. Delbr 
a. a. 0. S. 421). Gewöhnlich bedient man sich aber einer Hinznftlg 
wie nvtiOTii ,die regelmässig gefreite' (vgl. agls. betveddod wif) ( 
KOupit>in (auch von Männern: KOupibio^ TTÖ<Tti;). Der letztere Ansdr 
ist noch nicht sicher gedeutet (vgl. die Zusammenstellung der Erklämn 
in Seilera Homerlexikon). Wahrscheinlich ist aber von xoGpo;, ko 
in den Bedeutungen ,freier JUngling', ,freie Jungfrau' anszugel 
so dasB sieh eine Parallele zu dem agls. frio-Uc voif ,freigeborc 
d. Ii. rechtmässige Gattin (vgl. F. Roeder Familie bei den Angetsacl 
Stud. z. engl. Phil. IV, VI) ergäbe. Ebenso ist agls. riht adel-C: 
.legitime [d. h. einem Geschlecht angehörige) Gattin' aufzufassen (s. a 
u. Ebclich und Unehelich). Auf einer anderen Anschauung bei 
das bei den Tragikern (Oed. R. v. 930) bezeugte iravTeXfi? bä| 
■eigentlich eine Frau, bei deren Heimfuhrung alle Ceremonien eri 
worden sind. 

Bezeichnungen für den Begriff der Jnngfrau s. noch u. Kind 
Keuschheit, für den der Braut n. Heirat. Über die Stellung 
Weibes in der ältesten Zeit b. u. Familie, Über Frauen als Ärzt< 
Arzt, als Scheiinnen u. Orakel. 

Fraaenkaaf, s. Brantkauf. 

Fraaenraub, s. Raubebe. 

Frauenschuiuck, s. Eigentum and Sehmack. 

Franentracht, s. Kleidung. 

Frei, s. Stände. 

Freier, s. Heirat. 



Freiheitsstrafe - Freund und Feind. 255 

Freiheitsstrafe, s. Strafe. 

Freitag, s. Woche, Wochentage. 

Fremde Fremde, s. Freund und Feind. 

Frettchen, s. Wiesel. 

Freudenmädchen, s. Beischläferin. 

Freund and Feind. Für den ersteren Begriff finden sich weit 
verbreitet Ableitungen von der Wurzel scrt. pri ,erfreuen' : scrt. priyd- 
jlieb, Freund', got. frijönds, ahd. friunt (got frijön ,lieben'), altsl. 
prijateli ,Freund' u. a. Eine ähnliche Participialbildung wie das ger- 
manische Wort ist ir. cara, Gen. curat ,Freund' von caraim ,ich liebe' 
; lat. cdrtis. Überaus häu6g werden ferner dieselben Stämme, welche 
den Freund bezeichnen, zugleich für diejenigen gebraucht, welche 
einem engeren oder weiteren Verwandtschaftsverband (Familie, 
Sippe, Stamm) angehören, und umgekehrt, da in der ältesten Zeit nur 
derjenige als Freund betrachtet wird, welcher mit dem Sprechenden 
zu einer derartigen Gemeinschaft gehört. Hierher stellen sich ahd. 
mni jFreund' : ir. fine ,Grossfamilie', coibnes ,Verwandtschaft' etc. 
(Däheres s. u. Familie), hierher griech. 91X0^, wenn es in den 
Studien auf dem Gebiete des Griechischen und der arischen Sprachen 
von J. u. Th. Bannack I, 25 mit Recht aus *(yq)-iXo-^ gedeutet und 
von idg. *8ebhä ,Sippe' (s. d.) abgeleitet wird, hierher lat. cicis ,Mit- 
bärger' (oft so viel wie ,Freund') : germ. ^htca- (got. heiwafrauja 
jHausherr') , Hausgemeinschaft', eigentl. ,das liebe' (scrt. qivd- ,freund- 
lieh), hierher vielleicht auch altsl. drugü , Freund', lit. draügas ,Ge- 
Bosse' : got. driugan .Kriegsdienste thun', altgall. drungos (vgl. Stokes 
Urkeltischer Sprachschatz S. 157) ,Truppe', d. h. nach idg. und gerade 
bei den Kelten fortlebender Anschauung (s. u. Sippe und u. Heer) die 
auf v e r w a n d t s c h a f 1 1 i c h e r Gliederung beruhende Abteilung des Heeres. 
Vielleicht gehört auch das bis jetzt nicht befriedigend gedeutete lat. 
amicus in diesen Zusammenhang. Es fQgt sich ohne weiteres zu einem 
ans scrt amä' , heimwärts', amat ,von Hause', amä'tya- , Hausgenosse' 
erschliessbaren idg. *amd ,Haus', ^amo- ,zum Hause gehörig', von 
welchem lat. amicus (vgl. lat. umbiUcus : griech. 6|Li(paX6?) abgeleitet 
wäre (amäre ,Jemanden als zum Hanse gehörig betrachten, lieben'; 
anders ühlenbeck Et. W. d. altind. Spr. s. v. dmaa). Auch unser 
,. Freundschaft" und das slavische prijateli wird vielfach im Sinne von 
jVerwandtschaft' und ,Verwandter' gebraucht. 

Wenn demnach in der ältesten Zeit Freundschaft und Blutsverwandt- 
schaft identische Begriffe sind, so versteht man, warum, wenn später 
u i c h t verwandte Männer Freundschaft zu schliessen sich anschickten, 
dies unter dem Symbol des in einander rinnenden Blutes der 
beiden zukflnftigen Freunde geschah. Dies ist bei der Ceremonie der alt- 
germanischen BlutsverbrOderung der Fall, auf die in einem Brunhilde- 
Jied der Edda (Vigfusson Corpus Poet. Bor. I, *>08,) angespielt wird: 



266 FrcuuJ und Feind — Friedhof. 

Eememberext thou ihat clearlff, Gunnar? how ye ticain {Sigurd t 
tkyself) did let your blood run together in the footprint {awear 
brotherhood). und die anch Saxo Lib, I p. 40 (VHa) im Hinblick 
Vertragsabschlüsse bcsclireiht; Siquidem icturi foedus teteres vesti 
Mia mtittti sanguinis anperstove perfundere consueverant, amicitiar 
pigntig aUerni vruoris commercio firmatun. Das eigentliche i 
charakterisliBche Wort für eine ßo beschworene Bhitsfrenndsch: 
scheint altn. eid-sibja .Versippung; durch Eid' gewesen zn sein (\ 
fnsson I, 424). Auch Wnitbari und Hageo hatten ein solches cm 
tum pactum geschlossen [vgl. Kögel Gesch. d. d. Lit. I, 2, 298). 

Den Gegensat/, zu dem Freund, d. h. dem Verwandten oder 1 
heimischen bildet die u. GastfreundschaTt näher besprochene i 
Reihe von lat. hontis, got. ga»i>i, altsl. go«ti, eigentl. ,der Fremde", 
Lateinischen ancli der feindliche Fremde, ,der Kriegsfeind'. Eine keltis 
germanische Gleichung für den Begriff des Feindes ist ir. oech = a 
gifeh, agis, (/e/Vifl, engl. /be (*/)oiA-o-, vgl. \\i. p'iktas ,biSse"). Einz 
sprachliches, soweit es nicht ohne weiteres klar ist, :got. fijands, a 
ßant : scrt, ph/ ,schmahen, hrthncn', ,der höhnende', ir. ndme, ndi 
nach .Stokes a. a. 0- S. I9;i ,der nehmende' : got. niman('^), grie 
bfiio? ,feindlieh' : baiiu ,verbreune', ,der verheerende'. — lS. auch 
Stände und vgl. über die Begrrffe Fremd und Einheimisch Vf. Handi 
geschiehte und Warenkunde 1, 6 fT, 
Friede, s. Krieg. 

Friedhof. U. Bestattung ist vor allem i)ber das bistorisi 
Verhältnis des Begrabens und des Verdreunens der Toten auf i 
Boden gebandelt worden. Hier soll Über den Ort gesprochen wcrd 
an dem die Leichen oder ihre verbrannten Überreste in den altes 
Zeiten beigesetzt warden. 

Bei Griechen wie Rdmern giebt es vereinzelte und beinahe märcb 
haft klingende Nachrtehlen, nach denen in grauer Vorzeit die To 
im Innern des Hauses, in der Gegend der uralten Knitusstätte 
Herde» hegrai)en worden seien (vgl. E. Rolide Psyche I -, 228), und 
der älteren Steinzeit des westlichen Europas, vor allem in l'oi-tn; 
will man .An/eleheii gefunden haben, die anf dieselbe Gewohnheit I 
wiesen {vgl. S. MHller Nordische Altertnmskimde I, 23}. 

Deutlicher sind die Überlieferungen, welche auf die aus dem enj 
Zusammenleben Aer Familien nnd Sippen bei den idg. Völkern s 
ohne weiteres ergebende Sitte hinweisen, die gemeinsamen Toten 
bald engeren, bald weiteren Verwandtschaften anch gemeinsam zn 
statten. Im alten Rom hatte jede gens, d. h. Sippe (s.d.) ihren 
meinsamen Begräbnisplatz (sepulcram), und wenn eine Familie aus c 
selben ausschied, machte sich die Errichtung eioer neuen BegräbnisstI 
notwendig (vgl. Marquardt Privatleben S. 353). In Attika läset t 
die Grabgemeinschaft der Mitglieder eines yivoz (s. n. S i p p e) z> 



Friedhof. 267 

nicht mehr nachweisen; aber Gruppen verwandtschaftlich verbundener 
oTkoi oder Hausgemeinschaften verfügten auch hier (vgl. Rohde a. a. 0. 
S. 229*) über gemeinsame Gräber (|Livf||ia koivöv). Bei den Nord- 
germanen redet der Ausdruck cetthaugar ,Ge8chlechtshtigel' (: oett , Fa- 
milie', jGeschlecht') eine deutliche Sprache. Auch die Prähistorie 
bezeugt das Vorkommen gemeinsamer Begräbnisstätten, sei es in Massen- 
gräbern, sei es in Einzelgräbern auf gemeinsamen Plätzen, in Europa bis zu- 
rück in die jüngere Steinzeit und ältere Bronzezeit. So äussert S. M üller 
a. a. 0. S. 65: „Die Idee gemeinsamer Begräbnisplätze ist keineswegs 
modern oder auch nur verhältnismässig späten Ursprungs. Schon die 
kleinen Kammern sind ja nicht zur Aufnahme einer einzelnen Leiche, 
sondern zur Ruhestätte für mehrere bestimmt. Die grösseren Kammern, 
Riesenstuben, bezeichnen nur^ einen Fortsehritt in derselben Richtung: 
sie sind grosse Beinhäuser, welche die Überreste zahlreicher Individuen 
bergen, und auch diese Stuben werden wieder durch Anbau anderer 
Kammern und Seitenstuben erweitert", und S. 105: „Man findet oft 
Skelette von vielen Individuen in diesen Gräbern, nicht selten 20—30, 
bisweilen aber auch mehr, so z. B. befanden sich in einer ganz aus- 
gefüllten Riesenstube bei Borreby (Seeland) gegen 70 und in einem 
schwedischen Grab über lOO'^ (vgl. auch Montelius Kultur Schwedens* 
S. 34, 79) .... „Auch dieser Umstand bekräftigt, dass die Grab- 
stube längere Zeiten als gemeinsame Begräbnisstätte für einen gewissen 
Kreis von Menschen, ein Geschlecht oder eine Familie, benutzt 
worden ist." Noch entschiedener argumentiert J. Naue (Die Bronze- 
zeit in Oberbayem S. 58) hinsichtlieh der Hügelgräber zwischen 
Ammer- und Staflfelsee zu Gunsten von Sippengräbern : „Da sich nun aber 
bei einigen Gruppen in oft geringer Entfernung zwei bis drei Friedhofe 
vorfinden, und jeder Friedhof (im Gegensatz zu den oft weit ausge- 
dehnten Friedhöfen der Hallstattzeit) wie eine grosse gemeinsame Grab- 
stätte erscheint, so glaube ich annehmen zu sollen, dass in einem 
Friedhof stets nur die Angehörigen einer Gemeinde oder Sippe 
bestattet worden sind, und dass der zweite oder dritte unweit davon 
errichtete für die Angehörigen anderer Sippen bestimmt war." 

So dürfte sich das gemeinsame Sippengrab oder der gemeinsame 
S i p p CD f r i e d ho f als ein uralter Besitz der europäischen Indogermanen er- 
geben, und noch heute wird bei den Südslaven (vgl. Krauss Sitte u. Brauch 
S. 40) der Friedhof, ebenso wie die Weideplätze, als gemeinsames 
Eigentum eines jeden bratstvo, d. h. eben einer jeden Sippe angesehen. 

Nach Lockerung oder Auflösung der alten Sippenverbände bildete die 
Kirche einen neuen Sammelpunkt für die Toten mit ihrer Lehre, dass nur 
der ewige Seligkeit erhoffen könne, dessen Gebeine auf geweihtem Raum 
innerhalb oder im Umkreis des Gotteshauses ruhten. So entstand der 
irottesacker, griech. KOiiniiTripiov, lat. coemeferium, ein Wort, das sich 
in weiter Ausdehnung über das mittelalterliche Europa verbreitet hat 

Schntder, Reallexlkon. 17 



268 Friedhof - Fuchs. 

(vg:l. z. B. frz. cimetiire, engl, cemetery nnd fast bei allen Slav 
altsl. kumitira, polu. cmentarz, kroat, cimiteru.&.w.). EinheiDiiBC 
Bildungen: ahd. frithof ,eiDgefriedigler Platz bei der Kirche', agls. 
tun, eigentl. ,LeicheDzann', altsl. grob^nica : grohü ,Grab'. Ut. käpi 
: Tcäpas .Grabhügel', älter : mogilä, ein merkwürdiges Wort, das 
weiten Teilen des flBtiichen Europas (altsl. mogyla und gomüa ,tamal] 
alb. mdguCt und gamul'e .Htgel' u. s. w,; vgl. Hiklosich Et. W. i 
G. Meyer Et. W. d. alb. Spr. S. 118) gilt und auf litauischem Bot 
sogar als mythische Persönlichkeit: Magüa ,die Dienerin der Tod 
göttin 6iltin4' erscheint. — S. u. Bestattung n. Sarg. 

FriHoreD, s. Haartracht. 

Frosch, 8. Kröte. 

FrflhliDg. Der idg. Name für d.iese Jahreszeit liegt in 
Beihe: scrt. vasar-, vasantd-, aw. vanhri, armcD. garun, griech. l 
lat. vSr, akynir. guiannuin gl. verc, kom. guaintoin gl. ver, altn. c 
altsl. vesna, lit. wasarä (,Soninier', päwasang „ Ansommer" , ,Frühlin, 
Die Wurzel ist scrt. ras .aufleuchten', die auch für Bildungen zur I 
xeichnnng des Morgens (s. d.) verwendet worden ist. Abweiche) 
westgerm. ahd. lemo, agls, lencten, wahrscheinlich ans *Uingi'ti 
(ahd. lengizin) ,langer Tag', ,langtägig' (scrt. dina-, lit. dienä ,Taj 
also die Jahreszeit, welche die langen Tage bringt (vgl. R. Kßgel E 
träge XVI, 510), anschliessend an die Julxelt, ,die dunkle' Zeit (s. 
Mond und Monat). Ir. errach , Frühling' (dunkel), altsl. jarü id. 
got. /^ ,Jahr'. — S. n. Jahreszeiten und u. Zeitteilung. 

Fachs. Die homerische Dichtung, Hesiod und die Hymnen nem 
das Tier, welches doch in Europa einheimisch ist, noch nicht, 
scheint daher, dass damals die bekannten geistigen Eigenschaften d 
selben noch nicht erkannt worden waren. Erst mit dem Parier Are 
lochoB tritt der Fuchs in die griech. Litteratur ein, und zwar gleich 
Gewand einer Fabel und gleich mit den Attributen KcpbaX^o; i 
nuKVÖv ^xoucTci vöov- Das eine Fragment, in dem der Fachs zasamn 
mit dem Affen genannt wird, s. unter diesem. Ein zweites Fragmi 
des Arehilocbns lautet: 

ahöq Ti5 dvöpüimuv öb€ • 
tbf fip' äXümriE K'alEid^ Euviuvirfv 
ffXiEav. 
Es fragt sich, von welchem Volke den internationalen Fabelstof 
die Schlauheit des Fuchses als charakteristisches Moment eingefl 
worden sei. In Indien, der Urheimat der Tierfabel, ist dies nicht , 
schehen, da hier der Schakal die im Occident dem Fuchs zngewiesc 
Rolle des schlausten Tieres spielt. Dagegen hat schon in den i 
George Smith in der chaldäiscben Genesis (1876) heransgegebet 
keilinschrifllichen Fragmenten einer babylonischen Tiersage der Fnc 
der schon den Ursemiten bekannt und von ihnen benannt (*ta'la 



Fuchs — Fürst. 259 

yFnchs') war; dieselbe Rolle des listigen and henchlerischen Tieres wie 
im Oeeident gespielt. Es sind also vielleiebt Semiten gewesen^ welche 
dem Fachs seinen Charakter und seine Stellung in der Tierfabel an- 
wiesen. Grosse Schwierigkeiten macht die richtige Beurteilung des 
Wortes akibm\lf neben dem ein späteres dXujTTÖ^ liegt. Auf der einen 
Seite vergleichen sich aimen. alvSs aus *(il6peku- und scrt. löpägä" 
;Schakar aus *laupeko-j npers. rdbäh, osset. robcut u. s. w. ,Fuchs' 
(also arisch au der Wurzelsilbe gegenüber griech.-armen. 6). Auf der 
andern Seite ist aber auch lit. läpe ,Fuchs'; und sind auch die kelti- 
schen Formen arem. louarriy körn, louuern (Zeuss Gr. Celt. * S. 827) aus 
HupernO' zu bedenken. Eine Erklärung dieser Schwierigkeiten ist 
noch nicht gefunden. Zöge man noch das altsl. lisü ,Fuchs\ das aus 
*Up8ü entstanden sein könnte, heran, so würden drei verschiedene 
Vokale, wovon zwei mit Ablaut, in dem Stamme des Fuchsnamens 
vertreten sein : lap- (lit. läpe) : löp- (griech. dXu)iTT]E, armen, atves), 
lup' (arem. louarn) : laup- (scrt. löpägdr) und endlich lip- (altsl. 
lüü). Noch nicht sicher gedeutet ist auch got. faühd , Fuchs', ahd. 
foha, altn. föa ,Füchsin' neben ahd. fuJiSy engl. fox. Die einen denken 
an Zusammenhang mit scrt. püccJui' ,Schwanz', so dass das germa- 
nische Wort das ,geschwänzte' Tier bezeichnete. Andere ziehen zur 
Erklärung das griech. (lakonische) qpoOai * äXu)TT€K€^ Hes. heran (lak. 
(poöai = att. *(pO<jai aus *phüJcjai oder *phükhjaiy vgl. Vf. B. B. XV, 135). 
Zuletzt hat über diese Wörter ühlenbeck Beiträge XXII, 538 gehandelt, 
der sich für die erstere dieser beiden Möglichkeiten entscheidet. Aus 
späterer Zeit ist in Griechenland eine reiche Terminologie des Tieres vor- 
handen, die die Popularität desselben bekundet: XdjiiTTOupi^ , Leuchtschwanz' 
(Brandfuchs), (JKaqpdipTi ,Gräber' (: (TKaqpeu^), Kipaq)o^ (daneben (JKipaqpo^ 
jiravoupTiiMa', vgl. lat. vülpinari und altn. fox , Betrug'), KÖXoupi^ (: altn. 
skoUr ,Fuchs'?), KÖGoupo^ ,Schädiger' (<i-<JKT]0r|^?). Der letzte Be- 
standteil -oupa, dor. -ujpa, -oupi^ ,Schwanz' wird in den meisten Fällen 
volksetymologisch in die betreffenden Wörter hineingetragen worden 
sein. Alb. sJcil'e ,Fuchs' ist aus ngr. cJkuXo^, cTKiiXa ,Hund, Hündin' 
(vgL den zoologischen Namen Canis Vulpes), eigentl. junger Hund 
entlehnt. Ebenso dürfte lat. vulpes aus *cvolpe8 zu ahd. wälf, aglsy 
Atcelp, altn. hvelpr junger Hund', ,Junges von wilden Tieren' (W. 
krelpjb) gehören, während H. Hirt Beiträge XXII, 230 doch wieder 
ffir lat. vtdpes an Zusammenhang mit got. loulfs ,Wolf denkt. Finno- 
germaniscb ist finn. repo, alto. refr.] aber wo ist der Ausgangspunkt 
des Wortes zu suchen? Die Franzosen benennen das Tier mit dem 
altdentscben Fabelnamen desselben renard, d. i. reginhart ,Reinhart'. 
Vgl. noch thrak. ßaaadpa , Fuchs'. — Über den Fuchs im Altertum 
handelt 0. Keller Tiere des kl. Altert. S. 178 ff. 
Furche^ s. Ackerbau. 
Fürst^ s. König. 



260 Furt — Gabel. 

Furt, s. Brücke. 

Fass, B. Mass, Meesen. 

Fnssfall, e. GruBS. 

Fos8Tolt, 9. Heer. 

Fütterkräater. IbrAnban ist auf den einzelnen Koltnrgebie 
Europas erst Bpftt erfolgt, namentlieh im Norden, wo die Na 
dorcb reichliche Wiesen and Matten aus erster Hand dem V 
seile Nahmng darbot. Speciell der Kleebau hat sich erst im XV 
Jahrhundert über Mitteleuropa von Flandern her verbreitet; doch v 
die Pflanze selbst, wie ihre Terminologie (westgerm. ahd. chUo, a{ 
cldsfre, cldfre gegenüber isl. smäri, norweg. gmcere, gemeinslav. m 
djatlina, *dentela, lit. dobüai) zeigt, schon früher bekannt und benan 
Zeitiger mnsste man im Süden, dem das saftige Grün der Wiei 
versagt ist, auf anderweitige Füttemng des Viehe bedacht sein, 
diesem Zweck ging man entweder zq der dem Norden fremden Lau 
fütterung Über, oder man fing an, sich auf den Anbau ansländiscl 
oder einlieimiscber Futterpflanzen m verlegen. Zwei derselben, ' 
Luzerne und der Gytisus sind in besonderen Artikeln behand 
worden. Aber auch Kleearten (grieeb Xiutö?, lat. trifolium), fen 
der Bockshomklee {Trigonella foenum Graecum L.), grieeb. tii) 
ßouK^pa;, lat. siliqua und die Lupine sind wenigstens im spätei 
Altertum als Futterpflanzen angebaut worden. Von Italien aud w 
sich auch der Anbau der Futterwicke {Vicia sativa L.) über 1 
ropa verbreitet haben, worauf die Entlehnung von lat. vicia in kyi 
gwyg, ahd. wicka (vgl. auch ngriech. 6 ßko;, alb. vik) hinweist. 
Italien wird dei- Anbau der Wicke zuerst bei Cato De re rast. Ci 
27,37 genannt (vgl. Lenz Itotanik S. 718£F., V. Hehn Kulturpflanze 
S. 395, Neumann-Partsch Physikalische Geographie Griechenlat 
S. 404 fi".). — S. U.Viehzucht. 



G. 

Gabel. Der Gebrauch der Gabel als eines Speisewerkzeu 
ist in ganz Alt-Europa unbekannt. Derselbe kommt, wie Beckmann Bi 
träge V, 286 ff. ansführlich nachgewiesen hat, in grosserem Ümfa 
erst im XV. und XVI. Jahrhundert, von Italien ausgehend, auf, ■ 
übrigens, ebenso wie in Griechenland, schon im Altertum die Gal 
auch zu Kuchenzwecken, z. B. zum Herausholen des Fleisches i 
dem Topfe (griech. KpeÜTpa) gebraucht worden war. Das neue 
strument wird überall mit Namen bezeichnet, welche ur«prüngli 
grössere gabelförmige Werkzeuge, wie die Hea- und Mistgabel, I 



Gabel — Gans. 261 

nannt hatten, und die zuweilen über die Grenzen der Einzelsprachen 
hinauiBgehen. So entspricht ahd. gahala, agis. geaful dem ir. gäbuly 
nkymr. gafl »Gabel', ^gegabelter Ast' (vgl. auch lat. gäbalus ,6algen', 
^gabelförmiges Holz'). Im Litauischen wird szäkä, eigentl. ,Äst^ für 
alle Arten von Gabeln gebraucht. Im Slavischen gilt ^vidla-^ altsl. 
tnlic^ etc. (ob : ahd. witUy ir. fid ,Holz, Baum': „aus Holz"?). Die 
romanischen Sprachen und das Albanesische (vgl. Köi*ting Lat.-rom. 
W. S. 349 und G. Meyer Et. W. S. 114) bedienen sich mannigfacher 
Ableitungen von lat. furca (auch altndd. furka, agls. force). das nebst 
dem gleiches bedeutenden fuscina noch nicht erklärt ist. Vgl. noch 
griech. Tpiaiva, xpivoE ^dreizackige Gabel'. Als Kriegswerkzeug 
wird die Gabel bei Kelten und Germanen erwähnt (vgl. O'Cuny Man- 
ners and customs I, CCCCILVI). — S. u. Mahlzeiten und Trink- 
gelage. 

Galbannm. Das im Altertum, namentlich in der Arzneikunde, 
gebrauchte Harz einer Pflanze, die von Theophrast (IX, 7, 2) als in 
Syrien heimisch bezeichnet wird und TidvaE genannt wurde. Der grie- 
chische Name xoiXßdvii stammt aus dem Semitischen (hebr. helbSnäh ,ein 
zum Räuchern bestimmter Stoff'). Lat. galbanum, — S. u. Aromata. 
Galgen, s. Strafe. 
Oalmeiy s. Messing. 
Oanggräber, s. Bestattung. 

(jaDS. Der idg. Name des Tieres liegt in der Reihe: scrt, 
haihsd-y griech. x^v, lat. unser, ahd. gans, altsl. gqsi (aus dem Ger- 
manischen?), lit £^l8 (woraus finn. hanhi), altpr. sansy, ir. g^is] doch 
ist das letztere Wort in die Bedeutung ,Schwan' ausgewichen, während 
ir. gM ,Gans' (s. u.) wahrscheinlich nicht hierher gehört. Mir. goss ist aus 
dem Angelsächsischen entlehnt. Armen, sag ,Gan8' ist noch unerklärt. 
Der Vogel war also schon den Indogernianen bekannt, doch kann an 
eine Zähmung desselben in der Urzeit nicht wohl gedacht werden, so- 
wohl aus allgemeinen Gründen (s. u. Viehzucht), wie auch deshalb, 
weil die Gans in den ältesten Epochen der idg. Überlieferung, bei den 
Indem des Rigveda, den Iraniern des Awesta und den Griechen der 
Ilias, soweit man nach dem Schweigen der betreffenden Dichtungen 
urteilen kann, noch nicht als Haustier gehalten wurde. Vor allem aber 
sind in den neolithischen Denkmälern Europas noch nirgends Spuren der 
zahmen Gans (und Ente) gefunden worden. Immerhin wird in Europa 
die Gans der erste Vogel gewesen sein, der sich an den Menschen ge- 
wöhnte. Schon in der Odyssee (XIX, 536 flF.) hat Penelope eine Herde 
von 20 Gänsen, die sie aber mehr zu ihrer Freude als des Nutzens 
wegen zu halten scheint, wie denn überhaupt im griechisch-römischen 
Altertum der Vogel zunächst für ein anmutiges und wacllsames Tier 
galt. Vgl. näheres bei 0. Keller Tiere des klassischen Altertums 
S. 286 ff. 



362 0«us. 

Aach im Xorden tritt nns die Gans am frtthesten als ein von ein 
gewiseen Verehrnng umgebenes Laxnstier entgegen, indem Caesar 1 
bell. gall. V, 12 von den keltischen Briten berichtet: Leporem et g< 
linam et unserem gastare fas non putant, kaec tarnen alunt ani 
voluptatiaque causa. Anders diesgeits des Kanals. Hier mnss l 
den Morinern eine ansgiebige Gänsezncht bestanden haben, nnd gros 
Gäneeherden worden von dort bis nach Rom getrieben. Vgl. Plini 
Hist. nat. X, 53: Mirum in hoc alUe a Morints usgue Romam pei 
bus venire. Fessi proferuntur ad primos, ita ceteri gtipatione ri 
turali propeÜunt eos. Noch mehr geschätzt als diese keltisch 
zahmen Gänse war aber bei den Kömern eine kleine, weiBse, gern 
uiBche Wildgaus, deren Dannen (altn. dünn) zar Herstellung v 
Kissen, Pfuhlen, Polstern aller Art aus Deutschland eingeführt wnrd< 
Kulturbegriffe, deren lateinische Namen dann wieder in die germa 
sehen Sprachen Übergingen (wie z. B. lat. pulvinar, pulvtnus in al 
pfultBO, pfulitei ,PfUhl', spät.-lat. coxinus, it. cuscino in ahd. kuat 
,Kissen'; vgl. auch ahd. pflüma, agls. plümfeSere, ir. dum ,Flau 
Feder', altkymr. plumauc , Kissen' ans lat. plüma). Die Nachricht d 
PliniuB a. a. 0. hierüber lautet: Mollior {pluma anserum), quae et 
pori proxima, et e Germania laudatissima. Candidi ibi, vert 
minores, gantae cocantur. Pretium plumae eorum in libras t 
narii quinü et inde crimina plerumque auxüiorum praefectis 
vigili ftatione ad haec aucupia dimissis eohortibus totis; eoque dt 
Hae processere, ut sine hoc instrumento durare iam ne virorum q\ 
dem cermces possint. Das von Plinins genannte ganta, das an 
(neben anger) bei Veoant. Fortnnatus Carm. VII, 4, 11 : Aut Mosa du< 
sonans, quo grus, ganta anser olorque est vorkommt nnd prov. gan 
altfrz. gante lautet, ist ans westphäl. gante, ndl. gent, vorgerm. *gkan- 
(vgl. ahd. gan-azzo ,GäneerJch', gan-ot ,Schwan', gandra ,G&nBericl 
also vom Niederrhein her entlehnt worden. Hierzu wtirde ir. g 
,Oans' gut stimmen; doch ist man neuerdings wegen des neben ir. g 
liegenden kyrar. gttydd geneigter, beide Formen anf ein urBprtti 
liebes *gegdä (Stokes ürkeltischer Sprachschatz S. 109) zurUckznfflhn 
Vgl. noch ir. gigrann ,Gaus' bei Zeuss Gr. Gelt. 'S. 21: spätlat. gi 
gritus, gingrire, vom Schnattern der Gänse gesagt, und alto. gt 
,Schneegans' : ndl. gagelen ,schnattern'. 

In den Leges barbarorum (Lex Salica T. VII), wie auch in d 
Kapitularien Karls des Grossen bilden Gans nnd Huhn das eigentlic 
HausgeftOgel andern Vögeln gegenüber, die mehr der Zierde weg 
gehalten werden. S. noch u. Ente und Über den Gebrauch der Gän 
feder zum Sehreiben u. Schreiben und Lesen. Von wo ans i 
Gans erst als Luxus-, dann als Nutzvogel sich bei den europäiscl 
Völkern verbreitet hat, ist kaum zu sagen. Bemerkenswert ist, d. 
die Gänsezucht im alten Ägypten eine grosse Bedeutung erlangt ] 



Garten, Gartenbau. 263 

(vgl. Wiedemann Herodotg II. Buch S. 310), während sie bei den Se- 
miten fehlt, ein Umstand^ der sehr gegen die Annahme E. Hahns Die 
Hanstiere S. 275 ins Gewicht fällt, dass ihr Ausgangspunkt in Baby- 
lonien zu suchen sei. — S. u. Viehzucht. 

Garten, Gartenbau. Bei dem u. Ackerbau geschilderten 
Charakter der ältesten europäischen Landwirtschaft ist ein regelmässiger 
Betrieb des Gartenbaus von vornherein ausgeschlossen. In der That 
konnte noch Tacitus von den Germanen (Gap. 26) ausdrücklich berichten: 
Nee enim cum ubertate et ampUtudine soli labore contendunt, ut 
pomaria conserant et prata separent et hortos rigent: sola terrae 
seges imperatur. Entsprechend erkannte bereits Thukydides (I, 2), 
dass die ältesten Hellenen nur in soweit ihr Land bebauten (vejiöjievoi 
Td auTtüv), als zum Leben nötig war, ohne Reichtümer zu sammeln, 
ohne Baumpflanzungen anzulegen (oöb^ Tnv q>uT€uovT€^). Auch die Denk- 
mäler der neoHthischen Epoche unseres Erdteils haben zwar vielerlei 
vom Ackerbau der damaligen Menschen, aber so gut wie nichts von 
einem Gartenbau derselben zu erzählen. ^Für die Steinzeit oder Pfahl- 
bauten^', sagt 0. Heer Die Pflanzen der Pfahlbauten S. 22, „lassen 
sich mit Ausnahme der Erbsen keine Gemüsepflanzen mit voller 
Sicherheit nachweisen ; ..... „von den Kohlarten, Raben, von Kraut 
und all den verschiedenen Gemüsen, welche jetzt in der Küche eine 
grosse Rolle spielen, ist uns noch keine Spur zugekommen^. Trotzdem ist 
vielleicht schon in der Urzeit die Wohnstätte der einzelnen Hausge- 
meinschaften, wie bei den Germanen (vgl. Tacitus Germ. Gap. 16: 
Suam quisque domum spatio circumdat)^ mit einem umfriedigten Platz 
umgeben gewesen, auf dem man gelegentlich auch einige Hülsen- 
früchte (s. d.); den Mohn, etwas Flachs (s. s. d. d.) und andere schon 
in vorhistorischer Zeit bekannt gewordene Kulturpflanzen baute. Vor- 
historische Gleichungen hierfür werden sein : griech. kIitto^ ,Garten' = 
ahd. huoba ,Hufe' (vgl. auch alb. kopste und ir. cep ,Garten' aus 
*keppO'S, ^kepno-s?] davon zu trennen : gemeingerm. ahd. hofj *kup0'8) 
und lat. hortus ,Garten' (vgl. aber Plin. Hist. nat. XIX, 50: In XII tabulü 
legum nogtrarum nusquam nominatur villa^ semper in significatione 
ea hortus, in horti vero heredium), cohors ,Einzäunung, Hof = 
altn. garär ,eingehegter Hof, got. gards ,Hau8' (vgl. lat. hortus 
jVilla'), griech. x^Pto^ ,Gra8, Futter, Hofplatz', ir. gort ,8eges', lubgort 
yGemüsegarten' (lit. iafdis ,Rossgarten', altpr. sardis ,Zaun' : altsl. zrüdl 
,8tange'; lit. gärdas , Hürde*, altsl. gradü ,Stadt' aus dem Deutschen). 
Auch aw. dvara- ,Hof = lat. forum ,Vorhof (/Marktplatz), lit. dwäras 
,Hof , altsl. dvorü (auch ,Hau8') deuten auf einen in der Urzeit vor der 
Thftr (griech 9upa^ lat. fores) befindlichen und umschlossenen Raum 
hin. Vgl. noch ahd. hag etc. = altgall. caitim , Einhegung'. 

Nicht unwahrscheinlich ist, dass von dieser Hofstätte bei den p]inzel- 
völkem der Begrifi'des Eigentums (s. d.) an Grundbesitz allmählich aus- 



264 GHrit^n, Gartenbau. 

gegangen ist. Im DeutBcheii jedenfalls faeete der Ausdruck „Hufe" n; 
und Dach alle Rechte, die der einzelne Genosse der Dorfschaft o 
Bauernschaft inbezug auf Grand und Boden beeass (vgl. Brauner 
Rechtsg. I, 62), zusammen, und nach der römischen Legende hat 
mulus jedem Bürger ein Erbgut oder Gartengrundstück {heredium s. 
gegeben, worin Mommscn Rom. Htaatsrecht III, 1; 'A'H wolil mit Re 
eine Andeutung über die EntstchDug des Priyateigentnms in Rom 
blickt (anders freilich E. Meyer Gesch. d. A. II, 519). 

Gartenbau von einiger Bedeutung, Obstbau, Blumenznchti 
Gemüsebau ist bei den idg. Völkern also erst nach Ankunft in ifa 
historischen Wohnsitzen und auch hier erst nach geraumer Zeit ; 
gekommen. Indem bezüglich der beiden ersteren Punkte auf die 
treffenden Artikel verwiesen wird, soll hier nur von den Pflanzen 
Gemüse- oder Kilchengartens gehandelt werden. Noch bei Hoi 
ist die Zahl derHcIben eine ziemlich beschränkte. Es werden genai 
ipi&wQoi , Erbsen', KÜafioi ,Buffbohiien', Kpönuov, Zwiebel', npA 
,Lauch' (wohl zu erscblicssen ans npaoiai .Gemüsebeete') and mi^i 
jMohn'. Allmählich aber wächst die Zahl der angebauten Gewi 
pflanzen, Gemüse nnd .Salate ins angcmeisscne. Ja, man kann sa^ 
dass die Verwendung derselben im Altertum eine mannigfaltigere i 
intensivere als in neueren Zeitläuften war. Der Grund dieser Erscheini 
liegt darin, dass dieselben auf der einen Seite moderae Volksnabrnii 
mittel, wie die KartolTel, nnd damals noch nicht oder nur wenig 
kannte orientalische Gewürze, wie den Pfeffer (s. d.), ersetzen mussl 
auf der andern Seite aber an ihnen die Vorstellung von gewisi^ 
ihnen innewohnenden Heilkräften haftete, in deren Aufzählung 
Alten, von llippokrates bis Apicius, sich nicht genug thun ktiunen {^ 
darüber nauicnilich Chr. Th. Schnch Gemüse und Salate der Alten 
gesunden uiiil kranken Tagen, 2 Hefte Rastatt 1«ÖH, .54). Besond 
geliel sieh der naive .Sinn des Altertums darin, die Wirkung gewi? 
PHanzcn, wie nanieutlich der Kau ke {lirassica eruca), auf die Erregt 
des luünnliclien Geschlechtstriebes (Columclla X, l()5f.: Excttet 
Veui^.ri tiirdon eruca maritoii) empfehlend hervorzuheben (vgl. ai 
Beckmann lleyträge V, IM" ff. „Kllebengewäclise"). — Die Becinflussi 
des germanischen Nordens durch den riimisL-hen GemUsegart 
der seinerseits zunächst von Griechenland, dann direkt vom Ori» 
namentlich von Syrien, abhängig ist (multa Syfomm olera), gebt 
ihren .\ntaiifren in frühe Zeit /.urück. Spracldich spiegelt sie sich in 
sehr alten Entlihniuig des lal. horhin, orttin (so häuHg in der Lex Sali 
in die geraianisihen Sprachen: got. aürtja ,Gürtner', aürttgards ,Garti 
ahd. orzön ,excolere", agis. ortgeard, engl, orchard (vgl. Kluge F 
bur^'-cr Festgruss an H. Osthoff 1894). Auch lat. planta ging fr 
zeitig ins Germanische über: ahd. pfianza, agls. plante (auch ir, dan 
dazu ahd. pflami'm. iigis. plnntian aus lat. plantare \ ebenso lat. fruc 



Garten, Gartenbau. 265 

: ahd. fruhtj altfries. frucht. Ihren Höhepunkt aber erreichte diese Kultur- 
fitrömung erst in christlicher Zeit durch die Küchengärten der Klöster, 
namentlich der Benediktinerinönche (vgl. den Entwurf eines Kloster- 
gartens im ^Bauriss des Klosters St. Gallen vom Jahre 820*^). Diese 
wurden dann wieder vorbildlich für die Anordnungen auch der weltlichen 
Behörden (vgl. das Capitulare Karls des Grossen de villis Cap. LXX), wie 
für die Anlage der Gärten der Bevölkerung. So ist es gekommen, 
dass die deutschen Bauerngärten bis in dieses Jahrhundert hinein im 
ganzen einheitlich noch den Charakter repräsentieren, welchen die ersten 
nach antikem Muster auf deutschem Boden gegründeten Gärten hatten 
(ausführlich hierüber R. v. Fischer- Benzon Altd. Gartenflora Kiel 1894). 
Im Einzelnen werden die Einflüsse, welche auf diesem Gebiet in Europa 
geherrscht haben, sich am besten in der nachfolgenden Tabelle über- 
sehen lassen, welche an einer Reihe wichtiger Gartenpflanzen einerseits 
die sprachliche Abhängigkeit Italiens von Griechenland, andererseits 
die des europäischen Nordens vom Süden zur Anschauung bringen soll. 
Die zahlreichen hier zur Sprache kommenden Entlehnungsreihen lehren 
dasselbe, worauf vom Vf. schon in der Einleitung zur 6. Auflage von 
V. Hehns Kulturpflanzen und Haustieren S. XVI hingewiesen wurde, 
nämlich, dass die Entlehnung eines Pflanzennamens keineswegs auch 
die Annahme einer Entlehnung der Pf lauze selbst bedingt, sondern dass 
sie nur, wo es sich um eine Kulturpflanze handelt, auf die Richtung hinzu- 
deuten pflegt, aus der die Anregung zur ersten In-Kultur-Nahnie der 
betreffenden Pflanze erfolgte. Die Entlehnung z. B. von ahd. lattuh 
aus lat. lactüca (Nr. 20) wird von der Entlehnung der Pflanze selbst 
begleitet gewesen sein, während z. B. lat. foeniculum (Nr. 10) auf 
eine einheimische wilde und dann kultivierte Feuclielart übertragen 
worden sein wird. Welche von beiden Möglichkeiten jedesmal vorliegt, 
kann nur durch die Naturwissenschaft und etwaige geschichtliche Nach- 
richten erwiesen werden. 

Der erste Ursprung der hier zu nennenden Pflanzennamen ist in 
einigen Fällen deutlich: griech. eöZuj^ov .Rauke' mag wirklich ,Brüh- 
würze' (Z;u)^ö^ , Brühe') und griech. Kopiavvov .Koriander' wirklich 
,Wanzenkraut' (KÖpi(; ,Wanzc') bedeutet haben. In den meisten Fällen 
aber ist er in völliges Dunkel gehüllt, und es hat keine grosse Über- 
zeugungskraft, etwa ävTiOov ,Diir als ,duftendes' (: fiv€|Lioq , Hauch') 
oder )Lidpa0ov ,Fencher als , hochgewachsenes' (: ßXujGpög Jiocli', *mrddh- 
ro'ft) oder (TeXivov , Eppich' als , Ringblume' (: i|;eXiov , Armband) zu 
deuten. 

Von derartigen Erklärungsversuchen ist daher hier abgesehen 
worden. 

1. Amarant {Amarantus Blitum L,), Spinatpflanze. Heimat: Süd- 
euroyja und östliche Mittelmeerländer. Griech. (Theophr.) ßXixov (viel- 
leicht urverwandt mit ahd. mulda, mhd. fnelde ,Gartenmel(le'), worauf 



266 Garten, Gartenbau. 

lat. (Plaut.) blitam, Capit. blidan. Abil. stur, ature. Vgl. aach 0. G' 
Thes. I, 146. Später verdräni^ durch den eigentlicbeo Spinat (b. 

2. Anis {Pimpinella Anisum L.). Arzoei- ond GewOrzpfla 
Heimat: Orient. Griecli. (Dlosk.) fiviffov (: fivnöov, 9, ». Dill), woi 
lat. CCato) anisum, Cap. unesum (Thes.!, 71), mbd.ani«, rnss. anmi, b 
anason. Anie und Koriander wurden ant der griechigchen Ineel Tber 
bereits vorhistorisch nachgewiesen (vgl. M. Mueb Kupferzeit' S. 1 

3. Artiseboke {Cynara Scolymnus L.). Die echte Artischi 
die im Altertum alB Heil- and Nabningsmittel diente, stammt n 
De Candollc Ursprung der Knlturpfl. S. 115 von der in Sfldenf 
einheimischen C. Cardunculug ah. Die Geschichte der Artiseboke 
baadelt ansser Scbucb a. a. 0. S. 20 ff. und von Fiscber-Benzon a. a 
H. 121 f. noch Beckmann Beiträge II, I9&fE'. Giiech Kuväpa (Atb< 
woraus lat. (Col.) ctnara- Vgl. femer griecb. (Epicharm., Theop 
KÄKTO^, woraus lat. (Pliu.) eactus. Lat. carduu.s, Cap. cardone 
(Thes. I, 182: cardu», agls. thistil). Der moderne Ausdruck artUch< 
nordit. articiocco gebt zuletzt auf arah. al-harSaf zurück. 

4. Beete {Beta vulgaris L.) a. d. 
b. Bohne s. d. 

6. Dill {Anethum graveolens L.). Heimat: Sudeuropa. Heil- i 
GewQrzpftanze. Griecb. (Arietoph.) fivr)6ov (Herod. : Avnoov; 8. and 
Q. Anis), woraus lat. (Verg.) anethum, Cap. anetum. Ahd. tüli, a 
koprü. 

7. Endivie [Cickorium Endtvia L.). Salatpflanze. Nach De ( 
dolle a. a. 0. S. 120 fF. eine Varietät des in der Mittelmeerregion w 
wachsenden Cichorium pumilum Jaguin. Griecb. (Epicharm.) ai 
woraus lat. (Varro) seris. Lat. (Plin.) intubus (Thes. I, 565: indima), 
nach Lagarde (vgl. Muss-Arnolt Semitic and otber gloseee to Klu 
Et. W. S. 25) ans dem arah. hindab stammt. Im Dentscben ist end 
erst Bpftt. In den romanischen Sprachen gilt neben endivia : it. scarii 
frt. scarole ans lat. escarius ,zur Speise dienend'. 

8. Eppich (Sellerie; Apium graveolens L.). Im Alten 
Gemllee- und Schmuckpflanze. Heimat : gemässigtes und südliches Eure 
Oriech. (Homer, bei dem nur an die wilde Pflanze gedacht wer 
kann; Theophr.) ottivov, woraus lat. (Apul.) selinum. Lat. apU 
Cap. apiuni, woraus abd. ep/i, altmfrk. eppi, mndl. eppe, Öecb., pi 
opich. 

9. Erbse 8. d. 

10. Fenchel {^Anethum Foeniculum L.). Heil- und GewUrzpflai 
Heimat: Europa. Griech. (Epicharm., Theophr.) fiApaöov, ^dpaöf 
woraus lat. (Ovid) marathrus und altsl- molotrü, sowie alb. mar 
hat. foeniculum, Cap. feniculum, woraus alid. fSnahhal, finahhal, nii 
venekel (Thes. 1, 443 : finieulus, agls. finugt). Vgl. noch altsl. mor 
,FeDchel' (6. Meyer Et. W. d. alb. Sprache S. 259) nnd altpr. kanu 



Garten, Gartenbau. 267 

11. Kaper (Capparü Spinosa L.). Gemüse- und Gewürzpflanze. 
Heimat: Südeuropa, Griech. (Theophr,) Kdirirapi^, woraus lat. (Plautus) 
capparis (Thes. I, 178). 

12. Kerbel {Anthrisetcs Cerefolium), Gemüsepflanze. Heimat: Süd- 
ost!. Bnssland^ Westasien. Lat. (Col., Plin.) caerefoUum, chaerephyllony 
Cap. cerfolium (Thes. I, 201, 216) aus einem nicht nachweisbaren 
griech. *xaipdq)uXXov. Aus dem Lateinischen oder Romanischen {cerfu- 
lum) ahd. kärvola, kärvul, mndl. Jcervele, agls. öerfiUe, slav. *kervulici, 
rnsB. kervelz n. s. w. Eiue andere Kerbelart ist griech. (Äristoph., 
Theophr.) cTKdvbiE; woraus lat. (Plin.) scandix. Vgl. Schuch a. a. 0. S. 40. 

13. Kicher s. u. Erbse. 

14. Cichorie {Cichorium Intybus L.), Heilmittel und Genusspflanze. 
Heimat: Europa. Griech. Kixiipn, Kixii^piov (Theophr.), woraus lat. (Hör., 
Plin.) cic&riuniy Cichorium. Daneben lat. intuhvs erraticus ,wilde 
Endiyie' und solsequium. So im Capitulare. Ahd. sunnewirbel (bei 
der heiligen Hildegard) und hintlope. 

15. Kohl, s. u. Kohl und Rübe. 

16. KorisLuder {Coriandrum sativum L.). Gewürzpflanze. Heimat: 
Orient, Südeuropa. Griech. (Aristoph.) Kopiavvov, Kopiavbpov, KoXiavbpov, 
woraus lat. (Plaut.) coriandrum, coliandrumj Cap. coriandrum, ahd. 
chtdlardar^ agls. (ellendre, poln. kol^dra, russ. koHandrü. S. u. Anis. 

17. Kresse {Lepidium sativum L,\ Gartenkresse). Heil- und Salat- 
pflanze. Heimat: Persien und Kleinasien. Griech. (Aristoph., Theophr.) 
Käpbajiov. Lat. (CoL, Plin.) na^turciumj C2cp. noMurtium, Thes. I, 727: 
crissonus, er, ortensis etc., ahd. kresso (Thes. : cressa), agls. ccersBy 
nsL kreif kresa. Altgall. herula (frz. berle)^ ir. biror, bilor, kymr. 
bertor etc. ,Brunnenkresse' (vgl. Stokes ürkelt. Sprachschatz S. 170). 

18. Kümmel, s. d. 

19. Kürbis, s. u. Cucurbitaceen. 

20. Lattich (Salat; Lactuca Scariola L.). Heimat: Südeuropa, 
Westasien. Griech. (Herod.) öpTbaE, att. öpibaKivri, nach Miklosich 
Et. W. ins Slavische (altsl. brüdokva, russ. bredovka etc.) entlehnt. 
Lat. lactüca, Cap. lactucas (Thes.jl, 619 : Z. agls. pupistil), woraus ahd. 
UUtuhf agls. leahtriCj slav. Hoktjuka, altsl. lostika, auch lit. und alba- 
nesieh. In letzterer Sprache noch marul', ngriech. juapouXi, türk. marul 
etc. (vgl. G. Meyer Et. W. 8. 261). — Mhd. salat aus it. salata, 
insäkUa. Das Einmachen von Salatpflanzen wurde schon im Altertum 
in ausgedehntester Weise geübt (Schuch a. a. 0. S. 14). Vgl. auch lat. 
composita (Apicius) im Deutschen u. Kohl und Rübe. 

21. Linse, s. d. 

22. Malve, s. d. 

23. Mai ran {Origanum Majorana L.), Gewürzpflanze. Heimat: 
Nordafrika. Griech. (Theophr.) dindpaKO^, woraus lat. (Col.) amaracus, 
das volksetymologisch verstümmelt, zu mlat. majorana, it. maygiorana, 



268 Garten, Gartenbau. 

mbtl. meigramvie, poln. maioran n. 8. w. führte. AuBserdem grie 
(Diosk.) aä|i(tiuxov, woraus lat. (Col.) sampsucam. 

24. Melde {Atriphx hortemsis L.). Spiuatpflanze. Heimat: S 
enropa. Griecli. (Theoplir.) dtipätpaEu;, äv^pätpogi^, äTpä(paEi>^, wor 
mit volkstümlicher VerdieLuiig lat. (Col.) atriplex, Cap. adripias. Ü 
nhd. melde s. a. Amarant. 

25. Minze (Gattung). Griech. (Tbeophr.) ^ivdo^, -ii, -ov, wor 
lat. (Col.) menta, Cap. menfam, ahd. minza (muma), agis. nili 
altsl. m^ta, aucli lit. und alb. (menfe, mindtre). Bachminze i,Men 
aqualica L.): grieeli. (Tbeophr.) aiöOjißpiov, woraus (Plin.) sisimhrii 
Cap. ebenso. Arien und Namen siiiil hier besonders schwer zu un 
scheiden (s. auch u, Polei). 

26. Mohn, s. d. 

27. Möhre, s. d. 

28. Pastinake {PasHnaea satica L.). Wurzelgemüse. Hein 
Mittel- und 8ltdeuropa. Griech. (Diosk.) 4Xa<pößociK0v, woraus lat. (PI 
elaphohoHCon. Lat. (Varro, Col.) siner (Diosk. : (Tiaapov). Nach Piii 
XIX, 90 liesB sich Tiberius sher von der Burg Gelduba am Rli 
kommen; doch kann siser hier auch die Znckerwnr/,el (StumSisa 
L.) meinen, lt. noeh pwttinaca, Cap. pastinacas, abd. peatinc, 
pestinac. russ. paxtentakü etc. 

29. Petersilie lA2>ium Petroselinum L.). Heimat: Südeuro 
Algerien, Libanon. Griech. (Diosk.) ntrpoartivov. woher lat. {PI 
petroselinam, Cap. petreseünum, ahd. pedaruHli, rnss. petrai 
auch lit. 

'Ai). Piebe, s. u. Cueurbilacecii. 

31. Pilz (Gattung). Griech. ßmXiTtii; (Gcopon.), woraus lat. (PI 
bölStue, ahd. huliz, agls, hulol, wcstpb. hülfe, russ, dial. bltcü- l 
heimisch im Klavischen: russ. gribü etc., lit. gr§bas. 

32. Polei {Menta PuJeginm /,.). Gemüse- und Arzneipflanze. Grie 
(Aristoph.) ßXrixuJv (dor. tXäxwtv), woraus mit volksttlmlicher .\nlclini 
an pfllex ,Floh' — in Deutscbbuid ist Polei thatsäehlich als Mittel ;;i': 
Flöhe gebraucht wurden — : laf. püleium, p&l{:gium (vgl. Keller 1 
Volksetyui. S. 64) hervorging. Cap. puledium, ahd. polei, russ. po 
auch lit. 

3.'1. Porree, s. u. Zwiebel nnd Lauch. 

34. Quendel (ThymuH SerpyUumL.). Heimat: SUdeuropa. Grit 
(Aristoph.) ^pnuXXov, lat. (Calo) serpuUum. S. u. Haturei. 

35. Rauke {Eruca satwa L.). Heimat: Sftdeuropa. Grit 
(Theoplir.) töJuj^iov. Lat. eräca (Thes. I, 399: auch uruca; „vetip) 
invendens'' , s. o.), Gap. eruca alba. Erst nhd. rauke, polii, ruka 

36. Rettig, s. d. 

37. Salbei {Salvia ofßcinalis L.). GewUrz- und Heilpflanze. Grii 
(Thcophr.) iXeXiatpaKO^ (vielleiciit nicht unser Salbei). Lat. (F 



Garten, Gartenbau — Gastfreundschaft. 269 

salvia, Cap. salviam, woraus alid. salbeia, selba (beilige Hildegard); 
russ, sälfej. 

38. Satnrei {Satureja hortensis L. und S, Thymbra L.). Heimat: 
Erstere in Italien, letztere in Griechenland und Italien. Griech. 
(Nieand.) KOviXr]; woraus lat. (Plaut.) cunila, ahd. quenala, agls. cunile 
(auf für Quendel und Thymian). Griech. (Theophr.) 6u^ßpov, öujißpa, 
woher lat. (Verg.) thymbra. Lat. satureja, Cap. satureianij ahd. satereia 
(Heilige Hildegard). 

39. Senf, s. d. 

40. Spargel (Asparagus offidnälhi L.). Heimat: Europa, West- 
asien. Griech. (Theophr.) dcTTrdpaToq, das auch junger Trieb' überhaupt 
bedeutet, wird von einigen als urverwandt mit aw. spareya- ,Sprosse, 
Zinke am PfeiF, lit. spürgas ,Knoten am Baum' angesehen (so Prellwitz 
Et. W.), von anderen als Lehnwort aus iranischem Sprachgebiet be- 
trachtet (so G. Meyer Türk. Stud. I, 28). Von den Alten wurden ver- 
schiedene Spargelarten gebaut. Der äaTx&paxoq des Theophrast ist der 
spitzblättrige Spargel (A. acutifoUus L.). Über eine deutsche Spargel- 
art vgl. Plinius Hist. nat. XIX, 145: Est et aliud genus incultius as- 
parago, mitius corruda (wilder Spargel), passim etiam in montibus 
nascens, refertis superioris Germaniae campis. Aus dairäpaTO^ : lat. 
(Cato) asparagus und (erst) mhd. spargeh 

41. Thymian {Thymus vulgaris L.). Heimat: Südeuropa. Griech. 
Gupov, woraus lat. (Verg.) thymum. 

mm 

über Heilpflanzen s. auch u. Arzt. 
Gasse, s. Strasse. 

Gastfreundschaft. In der Urzeit wird nur d e r als Freund und 
als in Schutz- und Rechtsgemeinschaft stehend angesehen, welcher 
demselben Stamm, noch früher vielleicht nur derselben Sippe, angehört 
(s. u. Freund und Feind und u. Stände). Der Fremde ist rechtlos. 
Diese Anschauung hat bis tief in die historischen Zeiten gegolten, und 
ist eigentlich erst durch die neue Weltanschauung des Christentums 
überwunden worden. Nach germanischem Recht hat der Ausländer kein 
Wergeid, und seineu Verwandten steht keine Befugnis zu, rechtliche 
Genugthuung für seine Ermordung zu fordern. Der Totschläger des 
Fremden wird nicht friedlos und landflüchtig, und erst ganz allmählich 
gleichen sich unter den nächststehenden Stämmen die Rechtsverhältnisse 
aus (vgl. J. Grimm R.-A. S. 397 ff.). Ebenso ist im Süden in rechtlicher 
Beziehung der Fremde immer der dTi^TiTO^ ^€Tavd(JTl^^ geblieben, der 
er in homerischer Zeit war, und in Athen wie in Rom bedarf er des 
einheimischen Muntwalts vor dem Richter. 

Dieser finstere und engbegrenzte Horizont wird nun frühzeitig durch 
den an ihm aufgehenden Stern des Gastrechts erhellt, d. h. durch 
die in der Brust der Menschen erwachende Satzung, welche befiehlt, 
den Fremden, der an sich natürlich immer ausserhalb der Rechtssphäre 



270 OAStfreundacbaft. 

des Stammes steben bleibt, deDooch zu schonen, ja ihn aufzanehi 
zu pflegen, zu beschützen. Diese Forderung der Menschlichkeit 1 
sich in Europa sehr frUh und in sehr weiter Ausdehnung nachwei 
Schon bei Homer ist der Uvo^, wie der tttluxö^ ,Bettler' und Ik 
,der Bittflehende', in gewissem Sinne beilig, und steht unter dem 
sonderen Schutze des Zeö^ E^vio?. Nicht weniger lässt sich auf 
liBcbem Boden die Unverletzlichkeit des Gastes durch zahlreiche 2 
der Oescbichte nnd Sage feststellen (vgl. Leist Graeco-it. Recl 
S. 211 ff.). 

Aber auch in den roheren Verhältnissen der nördlichen lndo| 
manen wird die Sitte der Gastfrenndscbaft als im weitesten Um! 
herrschend von den antiken Schriftstellern bezeugt. So berichtet von 
Celtiberiern Diodorus Siculus V, 34; iipd^ bt tou^ E^vou? imei 
Kai (piXdvöpuinoi . toö^ ^äf> ^nibriiii^aavTa^ E^vou; Snavrei; iEiovxsi 
ai!iToI{ TT0ieia6ai rd; xaTaXücTEi^ kqi irpö; dXXrjXou^ d^iXXuivrai ir^i 
<piXo£evia; (vgl. anch Diefenbach Origines Enrop. S. 172), von 
Germanen Caesar De bell. gall. VI, 23: Hospitem violare ftu 
putant; gut quaque de causa ad eos venerurtt, ab iniuria prohib 
sancton habent, hisque omniutn domus patent victusque comtnunici 
und Tacitus Germ. Cap, 21: Convictibus et hoepitiis non alia j 
effusius indulget. quemcunque mortalium arcere tecto nefas habetur 
(s. u.), von den Slaven Maurikios Strateg. XI, 5: eiai bfe xoi^ i 
vouM^voi^ aÜTOt? fiirioi, Ka\ (piXocppovou^ievoi aOtous biaffifjZoudiv ^k tc 
(.\<i TÖTTOv, ofl äv b^tuvrai, ih^ etTe bi' d^^Xeiav xoO ÜTrobexo^i^vow cn 
TÖv E^vov ßXaßf^vai, TTÖXe^ov Kivei kqt' oütöv 6 toötov TiapaG4}i€ 
ff^ßa^ flToO^evoc Tf|v toO E^vou iKbliciiOiv (vgl. Krek Einleit. in d 
Litg.* S. 357^). Die Letten haben sogar einen eigenen Gott der C 
freundschaft unter dem Namen Ceroldif (ille fiospUalitatis deus, cu 
Omnibus esculentis primas buccaa, primos ex poculentis haustus st 
libabat plebes) geschaffen (vgl. üsener Götternamen S. 106), Bei 
Nordgermanen flnden sich Sparen, dase hier der Gastgeber ' 
Fremden sogar Frau oder Tochter fllr die Nacht zur Verfügung ste 
eine Sitte, die noch aus der Gegenwart von mehreren Natarvfilkem 
meldet wird (vgl. Weinbold Deutsche Frauen II», 199 f.). 

Diese weite Verbreitung und dieses hohe Alter der Gastfreundac 
bei den idg. Völkern haben Leist a. a. 0. (vgl. auch Altar. Jus ci 
1,354 ff.) zu der Annahme gefuhrt, dass hier eine bereits indogeri 
nische Institution anzuerkennen sei, wofür er sich auch auf sprachl 
Beweisgründe berufen zu können glaubt. „Dass wir es auch in Be 
des italischen Verhältnisses (der Gastfreundschaft)", heisst es S. ! 
„mit einer uralten Institution zu tbun haben, beweist die Sprache . 
Es leidet keinen Zweifel, dass das Ut. hastig dasselbe Wort ist, 
unser deutsches Gast. Mit demselben Worte werden anch immer 
germanischen wie italischen Stämmen gleichartige Gedanken verbnc 



Gastfreundschaft. 371 

gewesen sein''. Allein gerade in der Sprache liegt das Bedenkliche 
der Leistschen Anschauung. Ohne Zweifel ist lat. hostis, fostis ^Fremder, 
Kriegßfeind' identisch mit got. gaste jlivoq,' (gasti-göds ,q>iköie\o<;\ 
gasti-gödei ,q)iXoE€via'), ahd. gast ,Fremder, Fremdling, feindlich kommen- 
der Fremder, Gast', sowie mit altsl. goati ,Gast' (altruss. auch im Sinne 
Ton ,6ro8skaufmann') ; aber in dem lateinischen Worte ist niemals die 
in den nordischen Sprachen heiTortretende freundliche Gesinnung 
gegen den Fremden zum Ausdruck gekommen. Diese liegt vielmehr 
erst vor in dem Compositum hospes aus *ho8ti-pets (vgl. scrt. dtüM- 
pati' ,hospe8'), eigentl. ,Herr und Schützer des Fremden', ,Bewirtender', 
dann auch »Bewirteter'. Man kann also nur sagen, dass in der angeführten 
Gleichung ein Wort für Fremder im feindlichen Sinne allmählich zu 
der Bedeutung von Fremder im freundlichen Sinne gekommen, dem- 
nach in sein Gegenteil umgeschlagen ist, ähnlich wie etwa alte Wörter 
für den Kaufpreis eines Mädchens in jüngeren Zeiten zur Bezeichnung 
ihrer Mitgift (s. d.) verwendet worden sind. Dieselbe Entwicklung hat 
aber auch das griechische E^vo^ (vielleicht aus ^ghs-envo-s und mit 
dem eben besprochenen *ghoS'ti- zusammenhängend) durchgemacht. Nach 
Plutarch Arist. Gap. 10 nannten die Lacedämonier die Barbaren und 
besonders die Perser livox und eine Hesychische Glosse lautet : E^voi • ol 
7^oX^^lOl • Ol bfc Tou^ TT^pcra^ (vgl. K. Brugmann in Curtius Stud. V, 226 flf.). 
Und wiederum entspricht in völlig übereinstimmender Weise ir. oech, oegi, 
Gen. oeged ,Gast', öigedaht ,hospitalitas^, wenn als Grundform *poikO'8 
anzusetzen ist, dem ahd. gi-feh, agls. fdh ^feindlich', ahd. fehida, agls. 
fdehd ,Feindschaft, Fehde' (s. u. Blutrache), wenn dagegen von 
*poigh(h8 auszugehen ist, dem altn. feigr, agls. fckge, ahd. feigi, deren 
ursprüngliche Bedeutung ,dem Tode verfallen' (moribundus) gewesen 
ist. In beiden Fällen wird also der Gast ursprünglich als ein feind- 
liches oder ftlr den Untergang bestimmtes Wesen bezeichnet. 

Nimmt man hierzu, dass es an Resten einstiger dSevia bei den idg. 
Völkern Europas auch in der historischen Überlieferung nicht fehlt, 
dass Horaz (Garm. III, 4, 33) die Britannen hospitibus feros nennt, 
dass der Araber Ibn-Fozlan (bei Frähn S. 51) von den heidnischen 
Russen sagt, dass kein Fremder ihr Gebiet betreten habe, ohne augen- 
blicklich das Leben zu verlieren, dass die pontischen Skythen (Strabo 
V, p. 300) von besonderer Grausamkeit gegen alle Fremden waren, ja 
dass noch die Lacedämonier, die soviele Spuren urzeitlieher Vorstel- 
lungen und Gebräuche bewahrt haben, in dem Rufe feindseliger Ge- 
sinnung gegen die Fremden standen, dass Eratosthenes (vgl. H. Berger 
Die g'eogr. Frgm. des E. 1880 S. 49) fand, dass die Sitte der Hvx]- 
Xcujia allen Barbaren gemeinsam sei, so werden diese sprachlichen und 
sachlichen Zeugnisse zu der Annahme führen müssen, die Indoger- 
manen seien gegen den Fremdling noch lediglich von 
feindlicher Gesinnung erfüllt gewesen. 



272 Gastfreundschaft. 

Auf welebe Weise dann, allerdings in sehr frtlher Zeit, aber c 
immer erst anf dem Boden der Einzelvölker, und auch hier nicht gle 
massig bei allen Stämmen, sondern i>:nnächBt wohl nur an gewisBen Kuli 
centren, der humane Gedanke des Gastreehts sich Bahn gebroc 
bat, läest eich noch wahrscheinlich machen. Es kann kaum bezwe 
werden, dass dies im engsten AnsebiusB an einen mehr und mehr 
kommenden Verkehr und die durch denselben hervorgerufenen Hand 
beziehuDgen der Völker geseheben ist. Wo Gastfreundschaft begeg 
begegnet auch Austausch von Gastgeschenken. Bei Homer wird 
Gastfrenndschaft selbst, ebenso wie das Darbieten von Gastgescbeu 
(Eewiiiov), die erwidert werden m (1 s s e n , als eine Fäicbt der 9 
bezeichnet (II. XI, 779, Od. IX, -268). Dabei wird durchaus nach ' 
Grundsatz „Gleiches um Gleiches" verfahren {II. VI, 232 ff.), unt 
reiche und mannigfaltige Gaben werden (Od. XXIV, 273 ff.) dem G 
freund dargebracht, dass sie unter dem Gesichtspunkt der N 
weiidigkeit ihrer Erwiderung angesehen, vielmehr ei 
Handelsgeschäft als einer Gabe der Freundschaft gleichen. Nicht wen 
hebt Tacitus a. o. a. 0. ausdrücklich hervor: Abeunti ei quid po^ 
cerit, concedere moris ef poscendi eadem facüitas, und die Hävami 
(Str. 40) lehren: 

„So gastfrei ist keiner und zum Geben geneigt, 
dass er Geschenke verschmäht, 

oder so wenig auf Erwerb bedacht, 

dass er Gegengabe basst" u- s. w. (Gering) 
(vgl. auch Weinhold Altn. Lebeu S. 44(^ und Deutsehe Frauen II*, 2i 
Ein eigentliches freies Schenken in modernem Sinne hat es in der 
zeit vielleicht Oberhaupt nicht gegeben. R. M, Meyer in einem geistvo 
Aufsatz Zur Geschichte des Schenkeus {in Steiniiausens Z. f. Kul 
geschichte V, löfiF.) unterscheidet drei „Grundformen des Schenke 
in der Draeit; die Gabe auf Widerruf (das „Leihen": „was der M 
[in der Urzeit] Frau oder Kindern schenkt, das bleibt ja tbatsäch 
immer sein Eigentum", besser: „Familienetgentnm", tlber das er 
Verfügungsrecht hat; s. u. Eigentum und u. Familie), die Gabe 
Gegenschenkungund die Pflichtgabe (s. z. B. u. Abgaben). Zu 
zweiten Art würde das Gastgeschenk gehören, und treffend t 
Meyer a.a.O. S. 23: „Von solcher Art sind fast alle „Geschenke", 
die „kindlich überströmende Freundlichkeit" der Naturvölker Frem 
entgegenbringt. Sie schenken, was sie haben, aber sie erwarten Gej 
geschenke als etwas Selbstverständliches". So ist auch das Gas' 
schenk eine Art von Handel, und wir möchten glauben, dass 
Wunsch und das Bedürfnis solchen Handels den Boden für das 
mähliche Aufkommen einer gastfreundlichen Gesinnung geebnet 
Oder, um es mit den Worten Iherings (a. n. a. 0. S. 412) aui 
drücken: „Das Motiv, welches die Gastfreundschaft im Altertum 



Gastfreuiidsfhaft — Gasthaus. 273 

Leben gerufen und sie au dem gemacht hat, was sie ward, war nicht 
ethisclier, sondern praktischer Art, niclit das uneigennützige der 
Menschenliebe, sondern das egoistische der Ermöglichung eines ge- 
sicherten Handelsverkehrs; ohne den gesicherten Rechtsschutz wäre 
ein internationaler Handelsverkehr zur Zeit der Rechtlosigkeit des 
Fremden unmöglich gewesen". Zweifellos ist auf die Form und Ge- 
staltung der Gastfreundschaft in den südlichen Ländern der Einfluss 
der Phönizier von AVichtigkeit gewesen, wofür man bloss an die Über- 
einstimmung des au)LißoXov der Griechen und der fessera hospitalis 
der Römer mit dem chirs aelichof , Scherbe der Gastfreundschaft' der 
Punier (Plaut. Poen.) zu erinnern braucht. Dass aber, wie Hiering glaubt, 
der Begriff der Gastfreundschaft in Europa überhaupt erst mit dem 
Erscheinen der Phönizier daselbst aufgekommen sei, ist wenig wahr- 
scheinlich. Er war vorhanden, ehe noch ein Phönizier nach Griechen- 
land, Italien oder sonstwohin in Europa seinen Fuss setzte. — Vgl. 
Vf. Handelsgeschichte und Warenkunde I, 4 ff., R. v. Hiering Deutsche 
Rundschau 1886/87 B. 111 April-Juni 1887: Die Gastfreundschaft im 
Altertum S. 457 ff., S. 420flF. (Widerspruch hiergegen bei Goldscbmidt 
Handbuch des Handelsrechts P, 1 S. 34, teilweise Zustimmung bei 
Wundt Ethik« S. 231). — S. auch u. Gasthaus. 

Gasthaus. In homerischer Zeit wird von einem Manne namens 
Axylos aus Arisbe in Thrakien (II. VI, 15) berichtet: 
dcpveicq ßiÖTOio, q>\\oq b' fjv dvöpuüTTOiai • 
TrdvTa^ Tctp cpiXeecJKev, öbtu ^iri okia vaiujv. 
Natürlich ist aber hier nur eine ausgedehnte Gastfreundschaft, kein 
Gastbausbetrieb gemeint, wie ihn viel später in Italien Grossgrundbe- 
sitzer an den Landstrassen in nahe von ihren Gütern gelegenen und 
von Pächtern oder Sklaven bewirtschafteten Tabernen ausübten. Im 
übrigen werden bei Homer zwei Stätten genannt, an denen der Fremd- 
ling für die Nacht sein Haupt niederlegen kann, die Schmiede und 
die XecJxn- So sagt Od. XVIII, 328 f. die ungetreue Magd Melantho 
zum Bettler Odvsseus: 

oub' ^GeXeiq eubeiv xa^^riiov iq bö|Liov ^XGujv, 

r\i TTOu iq Xcaxnv, dXX' evGdbe ttöXX' dTopeiiei^ etc. 
V^I. dazu Hesiod Werke und Tage v. 493 f. 

Tüdp' b' i6i xdXKCiov GujKOv Kai diraXea \laxr\v 

ÜLipri x^iM^pir], OTTOie Kpuo^ dvepa^ epYiuv 

Taxavei, 
und V. 500 f.: 

i\mq b' ouK d*fa0f| KexpnM^vov dvbpa Koiuilei 

fl^evov ev XecTxri, tuj }jir\ ßioq apKio^ dx). 
Hinsichtlich der Schmiede wird man, wie es im deutschen Mittel- 
alter nachweisbar ist, an gemeinsame, allen offen stehende Räume 
denken müssen, in denen der einzelne seinen Bedarf an Schmiedearbeit 

Schrader. ReaUexikon. 18 



274 Gasthaus. 

selbst herstellte (s. auch u. Selimicd), und die zugleicli einen war 
Aufenthalt für die Nacht darboten. Bezüglich der X^oxn gehen 
Meinungen noch auseinander. Die einen leiten das Wort ans < 
liebr, liikäh ,Zelle am Tempel', ,Zimmer im Selilosa', ^Speisesaal' ( 
1. Sam. 9, 22: „Samuel aber nahm Sani und seinen Knaben und ftl 
sie in die Esalanbe, und setzte sie oben an unter die, so gel« 
waren, deren waren bei 30 Mann"), andere halten es für eeht griech 
und stellen es entweder zn Xex ,Iiegen' (Xexo? |Bett'), *\£x-öKd, ode 
X^TUi jspreche", wie denn das Wort bei Herodot ,Gespräch', bei Aesch 
und Sophokles , Versammlung' bedeutet. Wie sich dies nun auch 
halten m{(ge, jedenfalls mnss in den obigen Zeugnissen X^oxn ein 
gewesen sein, wo man nächtigcu, sein Oold vcrthun, sich bdiag 
anfhalleu konnte, eine Herberge, eine Kneipe. Für die Eutlclm 
ans dem Semitischen kann man anfuhren, das», wie aus dem späti 
hervorgehen wird, häufig Ausdrucke für den IJegi-iff der Herberge 
als Wanderwörter ei'weiseu. 

Znr Zeit der ältesten griechischen Tragiker sind dann, weuigs 
in Athen, eigentliche Gasthäuser znr Aufnahme von Fremden {na- 
Ketov, KOTaTLÜTiov, KaidXufn^) bekannt. Vgl. ■/.. U. Aesch. Choepb 
660 fr.: 

TÖxuvt &', üui; Kai vvktö? Üpp.' inei-^trax 
(Tkot€1v6v, ijjpa b'^iiiröpou? KOÖievai 
ÄTKupav Iv bopoKTi navbÖKOi? Eeviuv. 

Ebenso wie aus dem homerischen Griechenland, sind ans dem g 
manischen Norden Zllge ausgedehntester Gastfreundschaft beka 
Auch hier bestanden an grossen Höfen mit reichlichem Fremdenzul 
besondere „Gasthäuser" (altn, ge.gta-hii8, ahd. gasthüa, agls. gexl-h 
Auch legten in den Bergen Norwegens nnd Islands menschcnfreundli 
Männer in bestimmten Entfernungen „Schutzhäuser" (sädu-hüs : » 
,b]iss, happiness') als Unterknnftsstätten für Reisende an (vgl. Wcinl 
Altn. Leben S. 369 ff,, M. Heyne Wohnungswesen S. 38, 147»'). 

Eigentliche, d. h. dem Erwerb dienende Gasthäuser lernten 
germanischen Völker aber wohl erst na eh und durch ihre Berührung 
Italien kennen. Gasthäuser (decersoria) nnd Ausspannen {xlabula} i 
hier seit dem II. Jahrhundert v. Chr. nachweisbar. Ihre Bedeut 
wuchs, je mehr {nach orientalischem Vorbild) Poststrassen (s. a. Pt 
sich tiber das römische Reich auszudehnen anfingen. Diese waren 
positiones und stationes (auch mutationex und civitates ,flanptp 
Stationen') eingeteilt, und häufige Posthäuser oder mansiones bc 
den Reisenden geräumige und bequeme Gelegenheit zur Unterkunft, 
gleich hatten aber diese mansioneit auch eine militärische Bedeutu 
insofern hier den marschierenden Truppen ihre Rationen zugeme« 
und ihr Sold ausgezahlt wurde (vgl, Giuzrot Die Wagen und Fuhrwe 
der Griechen und Römer I, 307). Die germanische Sippe ahd. h 



Gasthaus — Gazelle. 275 

berga, spätagls. Tierebeorgay altn. herbergi (auch in die roin. Sprachen : 
it., altsp. albergo u. s. w. entlehnt) mit ihrer doppelten Bedeutung 
,Heerlager' und »Wirtshaus' dürfte daher eine Art von Verdeutschung 
des lat. mansio darstellen. 

Im übrigen liegt den meisten Benennungen des Wirtshauses in den 
germanischen Sprachen das gemeingermanische Wort ahd. sal ,lisi\\s, 
Saal, Halle, meistens nnr einen Saal enthaltendes Gebäude', alts. seil 
^Gebäude, nur aus einem p^rossen Saal bestehend', agls. sele, salor, scel 
,HaIle, Palast', altn. salr zu Grunde. Hierzu got. saljan ,einkehren' 
und einerseits ahd. sali-hüs, selihüfi, alts. seli-hüSf das andere Mal got. 
salipwa ,KaTdXu^a', alts. selitha, ahd. selida ,mansio' (altsl. selitva ,Woh- 
nung' aus dem Deutschen?). Auch mit staps ,Stätte' wird von ülfilas 
KaTdXu^a gelegentlich (Luc. H, 7) tibersetzt. Erst spät wurde aus dem 
Lateinischen ahd. taverna. taverhüs, altn. tafernishüs, ahd. tavernäri 
.caupo' übernommen. Unaufgeklärt ist bis jetzt altn. inni, agls. inn. 
Recht deutlich knüpft auch bei den Slaven das jüngere Gasthaus- 
wesen an die Bedingungen der älteren Gastfreundschaft an. Die ein- 
heimischen Ausdrücke, altsl. gospoda, öech. hospoda u. s. w. ,Herberge' 
(daraus lit. gaspadä) gehören zu dem in allen Slavinen verbreiteten 
altsl. gospodl ,Herr' (meist nur von Gott gesagt), das aus "^gosti-poti- 
entstanden, ursprünglich genau dasselbe wie lat. hospes aus *ho8tipets 
(hospitium) bedeutet haben muss. Der dabei zu Grunde liegende Ge- 
danke ist wohl der, dass der in eine Hausgemeinschaft eintretende 
Fremde (daher lit. wieszeti ,zu Gaste sein' von wiesz- = griech. oTko^, 
lat. vicMs; lit. wiiszpats ,Herr^, von Gott und dem König gesagt, s. u. 
Sippe) für die Zeit seines Aufenthaltes daselbst denselben Schutz wie 
die Hausangehörigen von Seiten des Hausherrn (idg. *jpofi-; s. u. Ehe) 
g^eniesst, der dadurch also zum ^gosti-poü- , Herren des Fremden' wird. 
Altsl. gospoda i^gosti-potä) wird eigentlich ,Herrschaft über den Fremden' 
bedeuten. Charakteristisch hierfür ist auch, dass nach agls. Recht (vgl. 
F. Roeder Familie bei den Angelsachsen S. 83') der Hausherr für den 
Fremdling, dem Gastfreundschaft gewährt ward, rechtlich verantwortlich 
ist. Auffällig bleibt in lautlicher Beziehung die inlautende Media des 
altsl. gospodl, gospoda gegenüber dem lat. hospes, hospitis. R. Much 
Festschrift für Heinzel S. 213 sucht diese Schwierigkeit durch Annahme 
einer Entlehnung des slavischen Wortes aus dem Germanischen {^gasti- 
fapüy ^gasü'fadis) zu beseitigen. Auch an Entlöhnungen, namentlich 
aus dem Osten, sind die slavischen Sprachen reich: z. B. russ. chanü 
^Gasthaus', rum. han, ngriech. xotvi aus türk. ;Kflrw. — Weiteres vgl. bei 
Vf. Handelsgeschichte und Warenkunde I, 28 flf. 

Gastmähler und Trinkgelage, s. Mahlzeiten u. Trinkgelage. 

Gatten^ s. Ehe. 

Gau^ s. König, Sippe, Stamm. 

Gazelle^ s. Antilope. 



27« GcliSt-k — Otiliistie. 

(Jebäck, s. liiot. 

Gebet, a. Opfer. 

(■eMrge, s. Ber^. 

(jieburt, s. Hebamme, ^[gnd und Monat (.Scliwangcrsclu 
l)erechnnng}, Reiniieit und ünreinlieit. 

Oediebt, b. Djclitkuitst. 

Gefängnis, Geßngiii »strafe, s. Strafe. 

GefäKse. Die Austtbnng der T<l))fcrei geht iinzweirclbaft in 
ticulitbische E|ioclic unserem Erdteils, ja tlber dieselbe liinaus, in 
Zeit der Kjtikkemn(lddinger /urOck, in denen ß:rossc th'incriie Kru 
(noch ohne Henkel) und kleine ovale Sclialen gcfnndeii wurden ( 
.S. MtUlev Xonlisicbe Altertiimsk. I, 38). Hingegen sind der jiala 
lithisclien Zeit Thoiigefässe irgend welcber Art naeli Mortillet 
(.'Brtaitiac liöehstwabrsclieinlicli ah/.nspreeben (vgl. X. Jolly Der Mer 
vor der Zeit der Metalle S. 368). Auch M. Mueli äussert sich darf 
(brieflieb): „Die Naehnehten von dem Fnnde von Tliongefässcn 
niammut- oder rennt ier/eitliclien Schichten sind mit äusscrster Vors 
ant'zunehnicn. In zweifellos ungestörten Schiebten die<icr Zeit 
nirgends Tliongeschirr vorgekommen" (ebenso M. Hömes Urgeschii 
des Menschen S. 37). 

Noch ohne Benutzung der Drehscheibe is. u. Ti'ipferseheibe) 
lihne Kenntnis des Tflpferofens entfaltete das jllngere Steinzeitaltei 
der Herstellung und Ornaiiicntierung seiner Oefässe dennoch hev 
das Streben uacb Schmuck und Sehöuheit. Die mit deu Fingern 
gedrückten Vertiefungen sollen anf die Hände von Frauen hinwcii 
denen, wie man anuhiiuif, damals die Ausülmng der Töpferei obgele 
habe. Als besondei's hierfür beweisend sieht man einen schon 
längerer Zeit bei Corcelettcs am Neuen Imrgersee gefundenen Tl 
Scherben an, der fünf dentliche Fingereindrücke zeigt, aus denen K 
mann auf dem Anthrü|»(iIogenkongress in Lindau (IH99) nach Zeitui 
berichten eine ganze ^Töpferin von Cm-celetles" zu rekonstruieren nn 
nomnien hat. Auch an Mannigfaltigkeit der Gefässformen, an Top 
Krügen, Bechern, Schalen, Schüsseln u. s. w., die man bereits 
Henkeln ausxtistatten versteht, fehlt es schon damals nicht. E 
Übersicht über die Gefiiesfonnen frühester Zeit erhält man /.. B. 
L. Lindenschmit Das römisch-gennanische Centralmuseum Tafel L 
den Norden vgl. S. Müller a. a. O, 8. 152). 

Neben dem Thon wurde auch H olz frühzeitig znr Herstel] 
von fiefässen benutzt, und schon die Schweizer Pfahlbauten wei 
wie in beschränkterem Masse auch die nordischen Altertümer ■ 
S. Müller a. a. O. S. 152j, Schalen und Schüsseln, Löffel und Kc 
aus Holz auf. 

Im allgemeinen werden die ThongcfUsse der jüngeren Steinzeit 
wo sie gefunden werden, auch hergestellt worden sein, wenngleicli 



Gefässe. 277 

Spuren eines mit ihnen getriebenen Handels, z.B. von Thüringen aus 
(vgl. A. Goetze Über neolithisehen Handel, Festschrift f. Bastian 8. 34;") f.), 
schon damals finden. 

Im Gegensatz zu der paläolithischen Zeit und, wie auf anderen Kultur- 
gebieten (s. u. Ackerbau, Viehzucht, AVaffcn, Bestattung), im 
Einklang mit dem oben geschilderten Charakter der neolithisehen Epoche 
inuss nun auch für die Kultur der Indogermanen die Bekanntschaft 
mit der Töpferei vorausgesetzt werden, die, abgesehen von der Reihe 
s(*rt. dih ,bestreichen, kitten', npers. deg ,Topf', lat. figulus ,Töpfer*, 
got. deigan ,aus Thon formen' etc., aus einer beträchtlichen Zahl ur- 
verwandter Gleichungen für verschiedene Gefässarten zu folgern 
ist. Es sind vornehmlich folgende: 1. scrt. carü- ,Kessel, Topf, griech. 
K€pvo^ • drf€ia Kcpa^ect Hes., ir. core, kymr. pair , Kessel', altn. liverr 
id., altsl. cara ,Schale'; 2. scrt. tikhä-, «Ä-Aa' , Kochtopf, Pfanne', lat. 
aida, olla, auxüla ,Topf, griech. ittvö^, got. aühns (s. u. Ofen); 
3. scrt. ämatra- ,Gefäss, Krug', armen, amän ,Gefäss', griech. a\x\(^ 
jTopf, Äjuviov ,Opferschale' (nach anderen: lat. sanguis), lat. ama 
,Eimer' (s. u.); 4. scrt. karpara- ,S(*hale' = griech. KaXirri, KäXtriq »Krug', 
lat. calpar ,Weinfass =ir. cilorn ,urceus' oder=altsl. crepü ,Scherbe', ahd. 
^icirbi ,Scherbe, Topf; 5. scrt. Jcumhhd- ,Topf , aw. xumba- = griech. 
Küußo^ id. (oder = nhd. hiimpen'^)] 6. scrt. kald(;a- ,Topf, Krug', griech. 
xiiXiE, lat. calix] 7. scrt. göla- , Kugel, kugelförmiger Krug', griech. YauXöq 
»Melkeimer', lat. gauhis ,ein dickleibiges Trinkgefäss', ir. giiala , Kessel'; 
8. aw. toffta- jSchale, Tasse', lat. te.sta jedes irdene Geschirr'; 9. 
griech. TriGoq ,grosser Krug', lat. fidelia ,irdenes Gefäss, Topf, altn.^ 
hi^a jButterfass'; 10. griech. XeKdvri, dor. XaKotvii ,Schüsser, , Becken' 
(XriKuGo^ ,Fläschchen'), lat. lanx ,Schüsser, altsl. lakutu ,irdner Krug'; 
11. griech. öpxri ,irdeues Gefäss', lat. itrceiis ,Krug' (s. u.), altsl. vi'ücl 
id.: 12. griech. TraravTi, lat. patina (oder entlehnt?) ,Schüsscr, ir. an 
{*patnd) ,ein Trinkgefäss'; 13. griech. x^Tpa ,Topf, thrak. Zierpaia id.; 
14. Altpr. kiosi , Becher', altsl. cam id.; 15j Ir. hallan ,Trinkgefäss', 
altn. hoUi ,Opferschale', agls. hoUa ,Topf, Napf, Krug' (oder Entleh- 
nung seitens des Irischen?) u. a. Für den Begriff des Henkels be- 
steht die Gleichung: scrt. ahsa- in ansadhri- ,Kochtopf, lat. ansa 
,GrifF', lit. qsä ,Henkel, altpr. ansis ,Haken'. Was die genannten 
Gleichungen für Gefässarten selbst betrifft, so erhellt, dass innerhalb 
der einzelnen Reihen die Bedeutungen so sehr in einander fliessen, dass 
die Ansetzung einer festen urzeitlichen Bedeutung nur selten möglich 
ist. Auch heute wird ja sprachlich nicht scliarf zwischen Begriffen 
wie Xapf, Schale, Schüssel, Becken u. s. w. nntei-schicden. Merk- 
würdig ist, wie häufig in den idg. Sprachen nci)en Gefässnamen stanini- 
gleiehe Ausdrücke für Kopf und Schädel liegen. So neben altn. 
hrerr jKessel' (s. o.) got. hwairnei ,Schäder, nei)cn scrt. kiYc^a- ,Be- 
Jiälter' (Eimer, Kiste etc.) lit. kuntszc .Seliäder, ncl)en altn. A'o//r ,K(>pf 



278 Gemsse. 

koita ,Topf' . .Scrt. hapdla- ist jScbale' nnd ,Schilder, altpr. kerpt 
,SchÄdeI' scbeint zu scrt. karpara- ,SebaIe' zu gehören. Aber ai 
in jüngeren Öprachperioden ist frz. Ute ,Kfipf' aus \BX.testa, und 
mhd. köpf (s. u.) aus lat. ctippa .Becher' hervorgegangen. Der Gri 
dieser Erscheinung liegt zunächst in der Ähnliclikeit des Kopfes ! 
einem Gefäss. Dass sich aber diese beiden Begriffe in der Phanta 
der Sprechenden so nahe rilekten, mag darin begründet »ein, dass 
in ziemlich späte Zeit auch bei idg. Völkern der Schädel des 
schlagenen Feindes alsTrinkgefäss diente. So beriehtet Livius XXI 
24 von den obcritalischen Bojern: Purgato inde capite (des gefallei 
römischen Konsuls Postumius), tt^ mos iis est, calvam auro cat 
cere idque sacntm vas iis erat, quo sollenmihus libarent poculumi 
idein sacerdotibus ac templi antistitibus. So fertigt auch Wieli 
aus den Köpfen von Nidungs Sfthnen Trinkbecher, und Gudrun rei 
dem Atli den Trank in den Sehädehi seiner Kinder. Bemerkt d 
in diesem Zusanmienbang auch das in den Fundeu hervortretende 
streben werden, gewissen GefiUsformen die Ähnlichkeit mit ein 
menschliehen Antlitz zu verleihen, wie es am deutlichsten in den 
genannten Gesiehtsurnen (vgl. Undset Das erste Auftreten d. Eis. 
in Nordeuropa S. 113 ff.) sich zeigt. 

Noch grosser aber als die Zahl der urverwandten Entsprechung 
ist auf dem Gebiete der Oelassnanien diejenige der auf Entleliau 
beruhenden. Ja, es gieht vielleicht keiu zweites Bereich der Kult 
geschichte, dessen Terminologie eine gleiche Fülle entlehnten Gu 
aufwiese. Der Grund dieser Erscheinung liegt offenbar in dem C 
stand, dass die Gelasse in dem Handel der Völker eine wicht 
Rolle spielten, indem sie einerseile als Bergung der Ware, auderersi 
gleichzeitig als Gemäss (s. u. Mass, Messen) dienten. 

Dieser bedeutsame Kulturaustausch ist au der Hand einiger W' 
verbreiteter Entlehnungsreihcn zu charakterisieren: Es stammen: 

Aus phoeniz. -hebr. And ,Eimer' : erieeh. Kdbo; (.Archiloch 
,eiii grösseres Gefäss zum Aufbewahren des Weines, Eimer', lat. cai 
(PlaHt.), agls. eced ,Nachen'(?), altsl. kadl und in allen Slavinen. ai 
lit, (vgl. auch grieeh. ßtKO^ bei Herod. ,irdene8 Gefäss für We 
,(lTäMV0? iura fx^v' Hes. aus sjt. hilqä)\ aus hebr. gubba'at, assyr. 
hu'tu jKelch, Becher' : grieeh. faßaGöv ipußXiov (Hes.), lat. gah, 
(Mart.), ahd. gehiza. 

Aus grieeh. djicpopeüi; (dpqiiqopeüc) ,Weinkrug' : lat. amphora (Nae 
iimpulla (Plaut.), ahd. ambar {eimbar), agls. ömbor, altsl, qborü, all 
tvuntbaris ,Einier'; aus grieeh. biffKo^ .Schüssel', .Teller' : lat. div 
{Plaut., aber hier nur , Wurfscheibe', später .Schüssel'), ahd. tisc, aj 
disc iSchUssel'; aus grieeh. KÜKKaßo^, KaKKÜßn ,Topf : lat. caccabus, a 
(mit Suffixwechsel) kahkala; aas grieeh. Triravov : lat. t^gula, ahd. te(, 
agls. tigle, figele, altn. diguU (mit Anlehnung an got. deigan e. o.). \( 



Gefä88e — Geisel. 279 

dunkel sind die Laatverhaltnisse in der Heibe: griech. Kpujcrcrö^ (^KpiuKJo-) 
,Kriig', ir. croccan gl. oHa, ahd. Jcruog (neben agls. crocca, altn. 
krukka ,Krug'). 

Aas Idt. catinus jSch^sseY (sert. kafhina-?) : got. katils^ abd. chezzil, 
altn. ketill, altsl. kotlu ^KesseV^ lit. kätilas\ aus lat. calix (s.o.) : abd. 
chelihy alts. k^Uk^ agls. calicj altn. kälkr, altsl. kaieil (and entspreebend 
iu den meisten Slavinen); aas lat. urceus (s. o., vgl. aucb lat. urna aus 
*urt'na) : got. aürkje Gen. Plur.; aus nilat. hicärium von lat. bacar 
(Festus) oder griecb. ßiKO^ (s. o.) : abd. behhäri, altndd. bikeri, ndl. 
heker, altn. bikarr; aus mlat. cuppa (ital. co^j?«) : abd. chopf, chuph, 
agls. co/jp, cuppe, altn. koppr (s. o.). Endlicb maclien sieb im mittel- 
alterlieben Europa aucb arabisebc Einflüsse in Reiben wie it. tazza^ 
sp., pg. taza, pr. Uissay frz. ^a««« aus arab. f^^ssah ,Napf* oder it. ca- 
raffa, sp. garrafa, frz. caraffe aus arab. ^/rd/* geltend. 

Weiteres vgl. bei Lewy Die somit. Fremdw. S. 93 if., Muss-Arnolt 
Semitie words (vessels) S. 97 flf., 0. Weise Die griecb. W. im Lat. 
S. 174 if., F. Kluge Die lat. Lebnwörter der aitgerm. Spraeben (in 
Pauls Grundr. I*, 333 fl^.). Vgl. ferner Vf. Handelsgescb. u. Warenkunde 
I, 151 flf. — 8. aucb u. Fass, Flascbe, Teller, Töpfcrscbeibe. 
Oeflögel, Geflftgelzucht^ s. Habn, Hubn und Vicbzucbt. 
tiefolgschaft, s. Stände. 
Geier, s. Raubvögel. 
Geige, s. Musikaliscbe Instrumente. 

Geisel (obses). Die Aufrecbterbaltung von Verträgen /.wiscben 
verscbiedenen Stämmen ist in alten Zeiten nur durcb die Gestellung 
von Geiseln möglieb, wozu mit Vorliebe adlige Jünglinge und besonders 
gern aucb Jungfrauen gefordert werden (Tacitus Genn. Cap. 8: 
Captiritate, quam longe impatientius feminarum suarum nomine ti- 
ment, adeo ut efficacius obligentur anirni civitatumj quibus inter 
obsides puellae quoque nobilea imperantur\ dazu vcrgleicbc die 
Geschiebte der Römerin Cloelia Liv. I, 13). Aucb darauf ist man be- 
daclit, besonders nabe Verwandte des durcb Geiseln zu bindenden 
auszuwählen (Tac. Germ. Cap. 20): Quidam sanctiorem artioremque 
hiinc nexum sanguiniH — es ist vom Mutterbruder und Scbwcstcrsöbnen 
die Rede — arbitrantur et in accipiendis obsidibus magis exigunt, 
tanquam et animum firmius et domum latius teneant). Namentlicb 
bei Eroberungen ist es nicbt anders möglieb, das eroberte Land fest- 
zuhalten. So bilden an den altiriscben Königsböfen (man denke aucb 
an den Hof des Attila mit Hagen, Waltber und Hildegunde) die Geiseln 
unterworfener Stämme, die keine Waffen tragen dürfen, und wenn sie 
verfallen sind, in Fesseln gebalten werden, einen stehenden Teil des 
königliehen Gefolges (vgl. O'Curry Manners and customs of old Ireland 
I, CCCLI). Königtum und Geiselscbaft treten hier in en;;Rtcr 
Verbindung auf. 



Itcdeiikt man dies, so liegt die Aiinahnic nahe, das urkeltische Vi 
lUlr Geisel (_*geiglo; *geistlo- : ir. giall, kymr. gicystyl, korii. guhi 
welchee soDSt Dnr im Gcrmaulsclicn wiederkolirt (ahd. gUal, agis. gi 
altn. gisl), möchte zn derselben Zeit und unter denselben Cmstäm 
von keltisclieni auf gcnnanischen Boden wie das keltische Wort 
König (s. d.) verptianzt worden sein. ISenierkenswert ist dabei, d 
sowohl das keltische wie »uch das germanische Wort häutig in Eig' 
namen vorkommt (vgl. altgall. Co-gestlus, altkorn. Ana-guisl, M 
guUtyl, mild. G'iselher, agis. Eadgils = altn, Audtli). KInge vcniii 
daher, dasB die Geiseln Öfters in dem Stamme, bei dem sie vergei. 
waren, geblieben sein nnd sich verheiratet haben möchten, so d 
ihren Kindern derartige Xamcn gegeben werden konnten. 

Die Grundbedeutung des keliiscli-germanischen Ausdrucks ist nn 
kannt. Lat. ohses (*ob-sed-) scheint den, der am (feindliehen Lag 
sitzt, gricch. önnpos (önoG nnd dpapitlKUj?) den (dem Feinde) verb 
denen zu bezeichnen. .^Itsl. tali (vgl, Ewers Ältestes Recht der Rns 
S. 2:Jö,p ist dunkel. — Eine besondere und wohl spätere Art der Gei; 
' Schaft ist die .Schnidgeiselschaft (s. u, Weliulilem. 

Geisel [fiagelluni), s. Peitsche. 

Ueisterglanhe, s. Ahiienkultus. 

fjJelb. Der Hezeichnung dieser Farbe dienen am häutigsten 1 
düngen von den beiden Wurzeln ijhel und g/tei, dereu Ableitungen s 
nicht immer scharf von einander trennen lassen. Zu ihnen gehör 
scrt. htiri-, harind-, harit-, hdrita- ,gelb, gelblich, auch grünlich', i 
zairita , zairmn- ,gelblicb, grUn', grieeli. x^uupö? ,gelbgrüu', lat. lieh 
gilvuH, fulvits, ahd. gelo, altn. gulr, lit, itt/ifls ,grün', gelta^t ,ge 
altsl. zelejiü .grtln', shitii ,gelb'. Die idg. (irundbedentung die 
Wurzeln und Stämme muss also urs))rllnglieh diejenige Nuance i 
Gelb gewesen sein, welche im Spectrnm dem Grlln am nächsten lie 
in konkreter Hinsieht das GelbgrUne der jungen Saat nnd sonstij, 
Pflanzenwelt (vgl. gricch. x^öii .Gras', x^oöCciv ,kcinicn', altsl. zel. 
,olera', (ihryg. Ze\Kia .Gemlise' u. a.). Aber auch zahlreiche Wör 
fttr Gold (s. d.l sind von diesen Wurzeln gebildet, deren Ableitung 
die früh hervortretende Neigung zeigen, sich zu allgemeinen und 
sannnenfnssenden Benennungen des Gelb zu erheben. 

Andere vorhistorisclie Bezeichnungen für Farbennuancen, innerli 
derer in den Einzclsp rächen die Bedentung ,GeIb' hervortritt, s 
griech. Ki|ipö? ans *Kip-Fo-5 ,hel[gelb' (besonders vom Wein, dnnkler 
XeuKÖi; 01V05, heller als iiiXaz oivo^i = lit. szirwait, szifman ,blaogr 
und ir. hlä .i. huidhe (,gelb') = lat. fidvits, ahd. Wrfo ,eaernleus, livic 
flavns'. Die Grundbedeutung dieser beiden Reihen wäre dann ei 
die des ir. glas«, einer Bezeichnung für einen Idassen. ins Gclblic 
Bläuliche oder Grünliche sehimmcniden i'arbcnton (s. u, Blanl, Di 
ist zu bemerken, dass für ahd. hJäo und für lat. fävun {*f/-vo- : fult 



Gelb - Gehl. 281 

auch andere Deutungen möglich sind. Einzelsprachliches: griech. EavGöq 
(wohl verwandt mit HouGög), der allgemeine Ausdruck für die gelbe 
Farbe, Truppö^ aus *7rup-Fo-q : rröp , Feuer', |ur|Xivo<; ,quittengelb' Kpö- 
Kivoq ,safranfarbig', 0di|;ivoq (nach dem Kraut 6ai|;ia), öeiOjbri^j ,schwefel- 
^elb', iwxpöq ,blassgelb\ lat. lüieus von lütttni ,Wau', lüridus (: lii' 
fum'h u. a. — S. u. Farbe und Farbstoffe. 

Geld. Der älteste Wertmesser der idg. Völker sind die Herden- 
tiere, und unter ihnen vor allem die Milchkuh. 

In vedischer Zeit sind Rinder und Rosse, doch auch Schafe das 
üblichste Zahlungsmittel. In Ktlhen ist der Preis eines jungen Mäd- 
chens, in Kühen das Wergeid (s. u. Brautkauf und u. Blutrache) 
festgesetzt. Entsprechend wird im Awesta nach grossen und kleinen 
Herdentieren das Honorar abgestuft, das Ärzten und Priestern gezahlt 
wird. 

Ebenso liegen die Verhältnisse in Europa. Bei Homer wird ganz 
überwiegend nach Rindern gerechnet. Die eherne Rüstung des Dio- 
medes ist 9, die goldene des Glaukos 100 Rinder wert (H. VI, 236), 
ein Dreifuss (II. XXIII, 70^5) kostet 12 Rinder, jede Quaste an der 
Aegis der Göttin Athene (II. II, 448) 100. Eine kunstverständige 
Sklavin (II. XXIII, 705) wird auf 4 Rinder geschätzt, die Eurykleia 
aber bezahlt Lacrtes mit einem Werte von 20 (Od. I, 431), der Königs- 
*sohu Lykaon (II. XXI, 79) bringt dem Achilleus eine Hekatombe 
(dKaTÖ|Lißr| aus *dKaT0v-ß/Ti : ßoöq) ein. Die heiratsfähige Jungfrau heisst 
^Xqpeaißoia, weil sie den Eltern viele Rinder d. h. einen guten Kauf- 
preis einbringt. Hinsichtlich Italiens genügt es, auf die sprachliche 
Entwicklung von lat. pecünia ,Gehr (s. auch u. Eigentum) am peciis 
,Vieh' und darauf hinzuweisen, dass erst in der Lex Aternia Tarpeia 
<lie bisherigen Bussen von Rindern und Schafen in Zahlungen in Kupfer 
umgesetzt wurden. Vgl. Festus ed. 0. Müller S. 237: Peculattis 
furtum publmim dici coeptum est a pecoi'e, quin ah eo initiurn eins 
fraudis esse coepit (vgl. longob. fi-gang ,Diel)stahr), siquidem ante 
aes aut argentum signatum ob delicta poena gravissima erat duariim 
otitnn et XXX hovum (wohl umgekehrt: zweier Rinder und von 30 

■Schafen) qiiae pecudes, jyostquam aere signato uti coepit P, 

/?., Tarpeia lege cautum est, ut bos centtisibusj övis decusibus aesti- 
maretur. 

Auch in den altirischen Brehongesctzen sind alle Strafen, Abgaben, 
Zinsen, Rückerstattungen u. s. w. in Vieh, namentlich in Milchkühen aus- 
gerechnet, und alle Unterschiede zwischen Reich und Arm, Frei und 
Unfrei (s. u. Stände) werden durch grösseren oder geringeren Vieh- 
liesitz bestimmt. Den Germanen sind nach Tacitus Germ. Cap. 5 
ihre Herden der einzige und liebste Besitz. Die Gerichtsbussen sind 
daher auch hier in Vieh, Pferden und Rindern festgesetzt (Cap. 12: 
eqnorum jyecorumque numero convicti midtantnr). Unter den Ge- 



282 Geld. 

eclienken, die der Bräutigam der Braut macht (Cap. 18), befinden 
Rinder und ein aufgezäunites Rosu. Auch bei den Sachsen und Fri 

(Lex Fris. Add. tit. 1 1 W, : equam vel qttnmlihet aliam pecunütm) 

das letztere als Zahlunß:8miltel (gleichwie in Indiea) stark hervor. ( 
wie in Rom wird bei den Germanen das altidg. Wort für Vieh : 
faihu u. fl. Vi. = lat. pecun im -Sinne von Geld verwendet. Ulfilas i 
setzt damit xpnMaia, KiiinaTa (vgl. lat. pecüUum) und dp-pipiov 
lat. pecünia], faihufrikei ist ,Hahsuclit', faihu-friks ,babgllchtig', fi 
gairnei (falhu-gelrö, faihtigeiran) desgl., fuihu-gawaürki ist ,Gel 
Bcliärt', faihu-sUda ,8chnldner', faihu-praihns ,Reichtunr, ßuß 
,reidihaltig' {noXuTToiKiXo^j; %fti\yun{i fxovxE^ ,die reichen' sind pat f 
gakühnndans (vgl. ir. hö-aire .Kuhedelniann', ein einfacher li) 
der reich an Vieh geworden ist). Ähnlich ist die Entwicklung 
engl, fee aus agis. feok. Alid. faterßo, agis. fadering- feoh bed« 
jVatervieli' d. i. väterliches Erbgut u. s. w. 

Zweifellos ist ancb bei den Slaven in der ältesten Zeit das 
das licliehteste und verhreitelste Zahlmittel gewesen. Am deutlicl 
siiiegelt sich dies in dem Gebranch des wahrscheinlich aus dem 
manischen (got. ulattg, ahd. ncaz ,Geld, Vermögen", nltfries. sket ,^ 
und ,GcId) entlehnten altslavischen skotü ab. Vgl. darüber Mikl< 
Et. \V. s. v.: „altsl. skotü ,pecns', ,pecmiia' : in alter Zeit spielte 
die Rolle des Geldes; bulg. skot ,Vieh', Öech. akot, nkotdk ,Kuhl 
kiruss. akotni/ca (akotlnka) ,öchatzkammer', russ. skot ,Vieh', alt i 
.OcW'" etc. 

Frühzeitig ist alter in diesen Gegenden das Viehgeld durch 
anderes Tauscli- und Zahlmittel, das Pelzwerk, eingeschränkt 
ergänzt worden. Im alleren Russisch heisst das Geld (neben skot) : 
kiina, kunif (vgl. hyzant. foüva .vestis pellicea', miat. giinna, frz. go 
engl, gowii), was eigentlich ,Marder' bedentet; ebenso kommen bt'/ka 
rekm, eigentlich Namen des Eichhi>rncbens (s.d.), als Benennungei 
Geld vor. In gewissen Teilen Russlaiids, namentlich in Nowgorod 
l'skov, wurden Marder-Schimu/en {moi'dki}, Stirnläppehen von I 
hOrnchon (lohki) und andere Fel/stÜckchen als Kleingeld verwe 
(vgl. Nestor, übers, v. A. Ij. v, Scbtiizcr III, 85). Doch wird sol 
l'clzgeld, Marder und Rjesan (rtzanl : altsl. rezati .schneiden', 
geschnittene PelzstUckclicn'), erst in der jüngeren Pravda des 1 
Jahrhunderts genannt, während in der ältesten Reehtsaufzeicbnun^ 
von Mkotä ,peeunia' und grivna (s. darüber u.) die Rede Ist 
Ewers Ältestes Recht d. Russen). Man wird daher nicht irren, ^ 
man diesen Gebrauch des Pelzgeldes bei den slavischen Völkern 
einen verhältnismässig jungen, von ihren finnischen Nachbarn f 
nonimcnen anfTasst, bei welchen letzteren er uralt ist (vgl. Ahli 
Kultnrw. in den wcslfinn. Sprachen S. 188 ff.). 

Die bisberige übersieht hat eine Vorstelinng von der Altertum 



Geld. 283 

keit und weiten Verbreitung der Herdentiere als Zahlungsmittel bei 
den idg. Völkern gegeben (vgl. sclion Chr. Crusius Commentarius de 
orginibus peeuniae a pecore ante nunininm signatnm Petropoli 1748 und 
aus neuerer Zeit Vv\ Ridgeway The origin of metallic currency and 
weight Standards Cambridge 1892). Zugleich liegt hierin ein einwand- 
freier Beweis für die dominierende wirtschaftliche Bedeutung 
der Viehzucht im indogermanischen Altertum. Es werden 
meist recht hohe Viehpreise genannt. Ja, der Satz von 100 Kühen als 
Mannbusse darf vielleicht als schon idg. angesehen werden (s. u. Blut- 
rache). S. auch u. Opfer (Hekatomben). Alles dies weist auf einen 
reichen Herdenbesitz hin, bei dem das einzelne Stück nicht sonderlichen 
Wert hatte. Vgl. Tacitus Germ. Cap. 5 : Ne armenfis quidem suus honor 
aut gloria frontis : numero gaudent. Neben ausgedehntem Herdenbe- 
sitz aber kann, namentlich unter primitiven Kulturverhältnissen, ein irgend- 
wie bedeutsamer Ackerbau (s. d.) schwerlich betrieben worden sein. 
Andere uichtmetallische Zahlmittel kommen, abgesehen von dem 
oben besprochenen slavischen Pelzgcld, den Herdentieren gegenüber bei 
den idg. Völkern weniger in Betraclit. Doch verdienen eine Bemerkung 
die GewandstofFe, vor allem die Leinwand, die, wie bei zahlreichen 
Naturvölkern, so auch in Europa hier und da als Tauschmittcl ver- 
wendet werden. So sind bei den Germanen die Abgaben des Sklaven 
an seinen Herrn in Getreide, Vieh und Zeug festgesetzt (vgl. Tacitus 
Germ. Cap. 25: Frumenti modum dominus aut pecorus aut vesti» 
ut cölono iniungit), und im Chron. Slav. Helm. (Krug Z. Münzkunde 
Russlands S. 85, wo weiteres): Xec est in comparandis rebus con- 
.suetudo nummorum, sed quicquid in foro mercari volueris, panno 
lineo comparabis. Über den Sklaven als Wertmesser s. u. Stände. 
Während so im ältesten Europa lange Zeit der Austausch der Herden- 
tiere die wohl einzige Grundlage alles Handelsverkehrs bildete, bereitete 
sich in den Kulturstaaten des Orients, in Ägypten, bei den Phöniziern, 
in Assyrien und Babylonien allmählich ein neuer, durch Teilbarkeit^ 
Transport- und Aufbewahrungsfähigkeit geeigneterer AVertmesser vor^ 
der seinen Siegeslauf auch über Europa auszudehnen bestimmt war^ 
das 3Ietall. Es sind dabei zwei Epochen zu unterscheiden, eine 
Epoche des gewogenen und eine des gemttrzten Metalls. In die 
erstere fällt das früheste griechische Altertum. Es liegen hier zwei 
Kaitarstufen deutlich neben einander, die indogermanische des Vieh- 
gelds und die in ihren Anfängen immer noch in vorhistorische Zeiten 
znrflckgehende des gewogenen Geldes. Für Erz und funkelndes Eisen 
kaufen die Griechen den Wein von den Lemniern (11. VH, 473). In 
den Schatzkammern der Fürsten liegen als Kei)LAr|Xia, die im gegebenen 
Fall zweifellos auch als Tauschmittel dienen sollen: 

XaXxö^ T€ XP^^oq T€ TroXuK|ir|TÖ^ t€ cTibripoq (II. VI, 47). 
Die inctallischc Werteinheit bildet das (von dem späteren scharf zu 



284 Geld. 

eclicidciiilc) Ooirf- Talent, liom. TÖXavTov (fmiTäXavTOv), das — elii 
tei'istiscli für den innigen Zusammciiliaiig zwisclieu Geld und Gewicl 
einerseits .Wage" (11. VIII, 61t), »ndererscits eine damit gewogene Sl 
□lasse bczeieliDel, !■> ist (nacli Ridgcway) nicht uinvalirselicinlich, 
dieses OoJdtalent in einem festen Verbältnis KU dem älteren Viel 
stand, und ein Goldtalent dem Werte eines Ochsen oder einer Milc 
entspraeli. Aueh kann man annehmen, dass AusdrOeke wie die 
angegebenen ^kotömPoiov, ^weäpoiov it. s. w. schon bei Homer nicht ei 
lieh lOO oder 9Killie. sondern nur ihren metallischen Wert, lOU 
9 Talente meinten. Mit I'celit fasst I'ansaiiias III, 12 die Zaidi 
Verhältnisse <lcr heroischen Zeil in die Worte znsanimen: dpfipoi 
oÜK flv TTLU TÖT€ oübt xP'Jt'o'J vöfixCtia. kotö xpOTiov bk Iti TÖV Öp) 
ävtebiboöav ßoö^ xai dvbpdnoba Kai dpTÖv töv fip^upov Kai XP' 
Direkt dem Orient cntstannnt die allerdings ei-st bei Herodot liew 
Hencnnnng eines Teiles de« Talents, <}cr Mine (grieeb. nvea, txvä), < 
Gewichtsliestimmung, die llbcr ganz Vorderasien bis Ägypten und li 
(assjr. iiianü, hebr, inüneh, ägypt. mn, scrt. manä") gilt und auci 
Lateinische im'nia\ Itliernomnien ward. Auf alten Harrenverkehr < 
grieeli. ößoXös, Ijiiot. ößcXo^, delph. öbeXö^, att. biiußeXio, kret. 64» 
(später der seeliste Teil iler Draehnie), das von ößeXöq, megar. 6t 
,eiserner Stab' niclit getrennt werden kann. ThatsAcldieh wird 
eisernem Stabgeld in Lakonien berichtet. Endlich haben die 
grahungen Sehlienianng in Mykenae (Mykcnae S. lliö, Fig. 220. S. 
Fig. 529, H. 40.^} aueli Kinggeld zu Tage gefördert, das noch w{ 
Iiin /.rt cnvähnen sein wird. Ks sind goldene gewundene Spiralen 
vierkantig ansgehänmiertem oder gewundenem Draht. 

im Gegensatz zn den Kulturstaaten des Orients und zn Grieelicnl 
in denen hauptsäcblieh die Edelmetalle, Gold und Silber, den V 
niesser abgaben, bildete in Italien in älterer Zeit anssehlicsslieh 
Kupfer, in rohem Zustand (<ie» rüde, ravdu» ,das Kupf'ersttlck. 
dein bei der Mancipatio der Käufer an die Wage schlug") ode 
Barren neben der pecvnia (s. o.) den alten Werlmcsser. Auf den 
brauch der Wage weist der .-Vusdniek pendere ttlr , zahlen' und die 
Formel des rechtmässigen Kaufes: per aes et libram. Erst im J 
268 V. Chr. tritt das Silber an die Seite der Kupferwährung. 

Natnrgemiiss haben die Mctallverhällnisse des Orients und der 
enropäischen Länder iVlIhzeitig ihre Spuren aueh in dem Nor 
unseres Erdteils hinterlassen. Von besonderer Wichtigkeit sind 
die sogenannten Scliatzfunde der dänischen und sehwedisebeii M 
und Toristrecken (vgl. S. Mnller Nordische Altertumskunde I, 42f 
Neben mannigfachen Gcrätscbaftcn aus Bronze wurden liier ki 
Stangen und Harren des,selben Metalls gefunden, die offenbar 
Zahlungsmittel dienend hier ftlr bessere Zeiten verborgen werden sol 
Nicht minder bedeutsam sind verwandte Funde von HruchstUe 



Geld. '2Sf> 

aiaiinij^^faltiger Bronzesachen, die absiclitlicli die kreuz und quer zer- 
broelicn worden sind. ,, Diese weitgehende Zerbrechung, die uns in einer 
Reihe von Funden entgegentritt, scheint nur die Erklärung zuzulassen, 
dass die Bronzefragmente als Bezahlungsmittel gedient haben, ähnlich 
wie in den späteren Zeiten des Altertums zerbrochene Schmucksachen, 
Gefässe u. s. w. aus Silber und Gold". Das letztere tritt von der- 
selben Zeit an wie die Bronze am häufigsten in Spiralringen auf. „Sie 
sind in bedeutender Anzahl in kleineren, ringförmig gerollten Bruch- 
stücken zu Tage gekommen, und ebenso findet man häufig fast voll- 
ständige Ringe, von denen ein kleines Stück abgeschlagen ist ... • 
Die Verstümmelung der schönen Ringe ist unzweifelhaft erfolgt, um 
Bezahlungsmittel aufzubringen^. Über diese Goldspiralen, neben 
denen auch solche aus Bronze sich finden, hat am ausführlichsten M. Much 
'ßaugc und Ringe Mitteil. d. anthrop. Gesellschaft in Wien IX, 89 ff.) 
gehandelt und sie in Europa von Mykenae (s. o.) nach Siebenbürgen 
und Ungarn und weiter durch Nieder- und Oberösterreich, Böhmen, 
Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg, Schleswig-Holstein bis in die 
skandinavischen Länder verfolgt (s. auch u. Bernstein und Gold). 
Der Gebranch dieses Ringgelds dauert bis tief in die Eisenzeit an, und 
liegt daher auch in zahlreichen litterarisehen Zeugnissen beglaubigt vor uns. 
Ausführlicher ist über die Bedeutung des Rings bei den Nordvölkern 
u. Schmuck gesprochen worden, wozu derselbe natürlich ebenso wie 
zur Bezahlung verwendet wurde. Hinsichtlich seiner Verwendung als 
Geld äussert das Vigfussonsche Lexikon über altn. baucjr (agis. heag, 
abd. houc, houga): In olden times, hefore minted gold or nilver came 
inio use, the mefah nere rolled tip in Hpiral-formed rings, and pieces 
eilt off and iceighed were used as a medium of paijment\ hence in 
old fimes haiigr Himply means money, used in the poets in niim- 
herless Compounds, Ebenso deutlich ist dieser Gebrauch bei anderen 
Germanen, z. B. bei den Angelsachsen, nachweisbar, bei denen aus- 
drücklich hervorgehoben wird, wie der Mann seine Frau hünuni and 
heagum ,niit Bechern und Baugen' kauft (vgl. F. Boeder Die Familie 
bei den Angelsachsen S. 27). Der Verlobungsring, den ursprünglich 
nur der Mann an die Hand des Mädchens steckt, dürfte, wenn altger- 
manisch (vgl. J. Grimm R.-A. S. 117 f., 432), kaum etwas anderes wie 
der symbolisch angedeutete Kaufpreis (s. u. Braut kauf) sein. 

Ganz entsprechend dem altn. haugr ist die Bedeutungsentwicklung 
des altsl. grivlna gewesen, das (: griva ,xcii'rr|, iuba' = sert. griva 
jNaeken') ursprünglich einen Halsschmuck, dann auch Armband be- 
zeichnet und schliesslich, wie baugr, die Bedeutung von ^drachmaj 
moneta, pecunia' annimmt. 

Eine vereinzelte Nachricht eisernen Barrengeldes aus Britannien 
enthält Caesar De bell. gall. V, 12: Utuntur aut aere aut talis 
ferreis ad ceHum pondus examinatis pro nummo. 



286 Geld. 

In welcher Form aber auch immer das Metallgeld in dieser Epi 
auftrat, es muss überall von der Wage begleitet gewesen sein, 
daher von der Bronzezeit ab ancb den nördlichen Indogeruaneii 
kaunt geweecn sein niuss. Näheres darüber s. n. Wage und 
wicht. 

Auch diese Kulturstufe de» gewogeneu Geldes wird im Laufe 
Zeit allmählich durcb den dritten und letzten Schritt in der 
Wicklung der Zahlungsmittel Überwunden, durcb die MUnze. Ge 
Über dem Familien- und Sippenstaat, in dem mit Vieh oder Mcta 
wicht beicablt wird, ist ea nuumehr der moderne (politische) Staat, 
ftlr Gewicht und Korn des Geldes die Bürgschaft Übernimmt und 
mit seinem Stempel bezeugt. Die Erflndung dieses neuesten und 
giltigen Tausebmittels führt in die Hauptstadt des handelskund 
Lydervolkes, wie es Herodot I, 94 ausdrücklieb bezeugt: npöiK 
äveptitnuiv tiIjv f|nei? Ibuev vö^uTfia xP"<Joö Koi Äpfüpou KOipäy 
^XP'^fTo'VTo, TTptirroi hi xai KänrjXoi if^vovTo. Wann in Griechen 
selbst der Gebrauch des gewogeneu Geldes der vou Asien her! 
dringenden Münze gewichen ist, soll hier nicht untersucht werden, 
älteste Gepräge der attiseheo und eubOischen Münzen scheint ein ; 
gewesen zu sein, wie denn das Geld iu Athen in frühester Zeil 
radezu ßoO? (vgl. PoUus IX, 61: tö naXaiöv bk toOt' ?iv 'AOiiv 
vö^ia^a Ktti ^KaXetTO ßoö^, öti ßoOv eixev ivrcTuiruJM^vov) gehe 
hätte, beides docb wohl in der Erinnerung an und im Zasammenl 
mit dem homerischen Wertmesser des .Stieres oder der Milchkuh. 
Übrigen sind die griechischen Münzen auch sonst vielfach nach il 
<J e p r ä g e benannt, wie Münzbenennungen wie d-ptüpa, KÖpij, t' 
^ii'Kiaaa, mnop u. s. w. /.eigen. Überhaupt treten bei den gnechiü 
Münznamen uns schon im Altertum im weeentliehen dieselben 1 
gorien der Namengebuiig wie noch heute oder im Mittelalter ciitpc 
nach dem Metalle {/,. B. xpvaoü^, dpTupo^ • 6 axaTf\p, a\bä(. 
nach dem Herkunftsort (z. B. 'laXiiffia, Alteivaiov, KuCiKiivoi), 
Personen (/,. B. <t>iXimreioi, AXeEävbpeioi) n. s. w. Ostlichen Tli-ftpr 
sind MUnznamen wie bapeiKÖ^, bavoiKii, oirXo? (vgl. OiTXai ,Ohrgehä 
denn ausländische Münzen werden zu allen Zeiten gern als 8cbi 
getragen). Ancb griecb. bpaxpn ist man geneigt, auf die hebrä 
and phönizische Form für den Dareikos, darfcemön zurückzuführen 
Lewy Semit. Fremdw. S. 118). 

In Italien versahen zuerst die Decemvirn, zweifellos nach 
chischem Vorbild, das Kupfer mit einem Wertzeichen und schüfe 
die Münze. Das Grossstück derselben, lat. ms, Stamm *assi- 
sprachlieh leider noch immer dunkel. Ein neuerer und nicht unel 
ErklürungBversuch (vgl. Ridgeway a. a. 0. S. 354 ff.) knüpft das 
an das lautlich nahe liegende lat. asser ,Bnte, Stab' (vgl. vömis : vö 
au, so dass das römische As ähnlich wie der griechische Obolos (s. ( 



Geld. 287 

beurteilen wäre. Als Gesamtbcncnniing der MUn/c ^ilt ntimmus, aus 
dem Grossgriecliisclien entlehnt, wo vÖ|lio<;, eigentlich »Satzung' die Be- 
deutung einer festgesetzten Münzeinheit (vgl. griech. vömaMa) ange- 
nommen haben muss (vgl. in den Tafeln von Heraklea: bexa vöiiiujq 
dpTupiuj). In späterer Zeit beschränkt sich mimmtis auf die Bezeich- 
nnng des Aestertius, und zur Benennung der Münze wird (seit Ovid) 
moneta verwendet, von Juno Moneta, in deren Tempel nach Einführung 
der Silberwährung (269/68) eine Münzstätte errichtet worden war. Im 
Qhrigen bieten die lateinischen Münznamen, die einheimischen, wie die 
aus dem Griechischen entlehnten, nichts von besonderem Interesse. 

Verhältnismässig spät begegnen die klassischen Münzen im Norden 
unseres Erdteils. Funde von Geldsorten aus älterer Zeit sind äusserst 
selten und öfters zweifelhaft. Nach Olshausen Z. f. Ethnologie 1801 
Verhandl. S. 223 ff. über die im Küstengebiet der Ostsee gefundenen 
Münzen aus der Zeit vor Kaiser Augustus kann ein irgend erheblicher 
Verkehr zwischen Nord und Süd vor Christi Geburt durch Münzfunde 
nicht erwiesen werden. Auch nach Montelius sind die ältesten schwe- 
dischen Münzen römische Denare, während der ersten zwei 
Jahrhnndeiie n. Chr. geprägt. Zur Zeit des Tacitus war römisches 
Geld nur in den dem imperium Romaniim angrenzenden Gebieten in 
Kurs. Vgl. Gerai. Cap. 5: Quamquam pro.rimi ob usurn vommercio- 
rum aurum et argenfum in pretio habent formasque quasdam nos- 
trae pecuniae agnoscunt atqiie eligunt : interiores simpUcius et anti- 
quitis permutatione mercium uttintur (wozu auch die Stufe des 
gewogenen Geldes gerechnet sein wird), pecuniam probant veterem 
et diu notamj serratos bigatosque. argentum quoque magis quam 
aurum sequiintur, nulla affectione animi, sed quia numerus argent- 
eortim faciliar usui est promiscua ac vilia mercantibus. Von dieser 
Zeit an wird sich das römische moneta allmählich bei den Germanen 
verbreitet haben : ahd. muni^y muni^T^ay altndd. munita, mndl. mönte, 
agls. mynet (vgl. auch ir. monadh' hoc nomisma Stokes Irish gl. p. 100 
und lit. manäta, poln. moneta). Doch begegnen auch sehr frühzeitig und 
in weitester Verbreitung einheimische Münznamen, die sich vielleicht 
vorher auf nicht gemünztes Geld bezogen haben. So vor allem got. 
skilliggs, altn. skillingr, ahd. scilling, am wahrscheinlichsten: got. 
sküja »Fleischer', altn. sTcilja ,8palten, scheiden' gehörig, und vielleicht 
ursprQnglich ein Name des oben besprochenen Bruchgeldes der Bronze- 
zeit (vgl. auch Strabo III p. 155 von den Lusitaniern: dvTi bt vo)LiicJ- 
naTO^ o\ Xiav dv ßdGei qpopTiujv diaoißfi xP^vrai F| toö dpTiJpoö dXd- 
<y^aTO^ d7roT^|ivovT€^ biböam). Noch nicht sicher gedeutet ist auch die 
weitTerbreitete Sippe von ahd. jpAcwwf^, phantinc^ phending, agh.peningj 
pending, altn. penningr, *pan-ing. Nach dem Muster dieser beiden 
Wörter wird das westgermanische ahd. cheisuring, agls. cdsering ge- 



28M (leid — Geldbi-ulei. 

bildet sein, das dcutticli auf ri'intisclic KaiBCniiUnzeii liiiidetilet. 
•Stelle des Hildchrandlicd»: 

uuant her do ar anne 

Hiiuntane, boiiga 

cheiiuri»gu{m) gtUhi, 

so imo xe der ckuiting gtip, 

Jlüneo trubiin 
Bclicliit mit M. Mueli a. a. 0. .S, 117 auf eine Sitlc hinzuweisen, i 
der man die löinisclien Kaiserlin^e anfau^ in das alte .Spiralgold 
umgeschlagen hfitte. Speziell gotisch ist das dunkele liiitas ,KOt 
niq', ,HelIer', speziell hochdeutseh der Oebranch des Wortes geld, 
(: got. gild .cpöpo^') im Siinie von pecunia. 

Wichtig für die ältesten gennaniscli-slavischen Beziehungen ist 
Umstand, dass die meisten der eben genannten AnsdrOcke von 
idaviselien Sprachen (altsl. skl^zi aus got. "IdUiggn, altsl. pettp^gü 
piningai) aus *paning, altsl. cqfa .oliolns' ans got. kintas) früh ( 
nomnien worden sind. 

Eigene Mtlnzprägmigen sind seitens der Nordvölker zuci'st von 
Kelten, nnd zwar schon während der La Tene-Periode, in Naclialin 
massaJiotischer und makedonischer Mtlnzen vorgenommen worden. ^ 
in den auf deutsclicm Boden vielfach gefundenen „Regenbogensclill 
eben" sieht man MUnzeu keltifclien Ursprungs. In Deutschland hi 
erst die fränkischen Konige Gold mit ihrem Bilde geprägt. Tlicod( 
liess teilweis noeh mit dem Bilde des Kaisers Zeno und Anaeti 
milnzen. — Vgl. weiteres bei Vf. Handelsgeschichte nnd Warenkuwi 
111— 137. 8. u. Handel, Kaufmann, Mas» iMessen), Metn 
Wage und (icwiclit. 

Geldbeutel. Die älteste Vorrichtung, Metallgeld dauernd bei 
zu fttliren, ist, abgesehen von ullerlci Foriiieii des Schmucks, iu di 
man dasselbe trägt (llber den .Spiralnng s. u, Geld), der von 
Bronzezeit ab in Europa nachweisbare Sammelring, nn dem 
die (Jeldringe aufreiht, etwa wie heut zu Tage Schlüssel an ei 
Schlüsselbund (vgl. darüber M. Much Mitteil. d. anthrop. Ges. ■/.. \ 
IX, S9, wo auch Abbildungen dieser Sammelringc zu finden sind), 
schön lassen sich dieselben ■/.. ]i. an dem im Züricher Nalionalmus 
aufbewahrten Ringgcid des Pfalilbaus von Wollishol'en (reine Brf 
zcitj studieren. 

Mit dem gemünzten Geld tritt dann auch der eigentliche Geldbe 
auf, dessen Benennungen sich natilrlicb von Wörtern für Beutel, Tat 
•Sack u, 8, w. nicht scharf scheiden lassen. Im Gneehischen gilt 
(X)dvTiov (Aristoph.) neben kürzerem üpO-ßaXXoi, öpu-ßaXiba (Hes.) 
fjdpOiTioi;, (uapoiTTiov, MopöÖTnov, jjäponmoq, beide dunkel, letzl 
vielleiebt ausländischer Herkunft. Reraerkenswert sind aus He; 
noch KuvoOxoc eigentl. ,Hundsfeir und Sa%fa, cigentl, ,Hodensack'. 



Geldbeutel — Gerste. 389 

Lateinische bat meist aus dem Griechischen entlehnt, wie marsüpium 
(Plant.) ans ^lapavmov und pasceolus (Plaut.) aus q)ä(TKujXo^, qpdOKaXoq 
,ledemer Beutel' zeigen. Zweifelhaft ist das Verhältnis von crum^na : 
griech. TpuM^ct ,Beuter, Tasche'. Urverwandt sind lat. follis ,Schlauch, 
Geldbenter und griech. GaXXlq, GdXXiKa (nach Hesych ,ßaXdvTiov*, ,^dp- 
OUTTO^ juaKpö^'), *dhl-ni'» Im Germanischen sind zwei Reihen weit 
verbreitet: got pugg fia\&yn\oV, a\tn. pungr ^Lederschlauch, Geldbeutel', 
ahd. scazpfung (rumän. punga, mgriech. ttoOytoi) und ahd. phoso ^mar- 
^upium', agls. posa, altn. posi. Für letzteres könnte man in Erinnerung 
an unser „Geldkatze" an Zusammenhang mit dem ftlr die Benennung 
der Katze (s. d.) weit verbreiteten Stamm pus- denken. — Weiteres vgl. 
bei Vf Handelsgeschichte und Warenkunde I, 140 f. 

Oemahl; s. Ehe. 

Gemeindeversanimlang^ s. Volksversammlung. 

Gemse, s. Antilope. 

Gemflse, s. Garten, Gartenbau. 

Geratsehafteii, s. Werkzeuge. 

Gerben^ s. Leder. 

Gerichtsverfahren, s. Recht. 

Gerste (Hordeum). An urverwandten Gleichungen für diese Ge- 
treideart finden sich ahd. gersta = lat. hordeum i*ghrsdh-) und vielleicht 
griech. KpiOri {*ghrzdh')y hom. KpT (aus *Kpl9-). Möglicher Weise setzt 
sich diese Reihe sogar nach Asien hinein fort, wo alsdann armen, gari 
,GerBte', npers. zurd ,Art Hiree', pehl. Jurtäk ,Getreide' etc. heran- 
zuziehen sein würden (vgl. P. Hom Grundriss d. npers. Et. S. 146, 
Hflbfichmann Armen. Gramm. I, 432). Daneben vgl. alb. eVp-bi »Gerste' 
= griech. ÄXq)i, SXqpiTOv id. Ein weiteres germanisches Wort für Gerste 
mit idg. Verwandtschaft (got. barizeins etc.) s. u. Weizen und Spelt, 
die vrichtige Gleichung scrt. ydva- = griech. lexa etc. s. u. Ackerbau. 
Dunkel sind lit. miiiiai = altpr. moasis und altsl. j^chmj ,Ger8te'. 

Im alten Griechenland war Gerste als Brei (ttöXto^ = lat. puls) oder 
Fladen (jiäZa) genossen, das wichtigste Volksnahrungsmittel, so dass 
schon Homer die £Xq>iTa das Mark der Männer nennt. Auch als Pferde- 
futter diente sie bereits damals. Plinius (Hist. nat. XVIII, 72) be- 
zeichnet die Gerste geradezu als antiquissimum in cibis hordeum^ 
woraas sich ihre Anwendung bei alten Opfergebräuchen erklärt. Aus 
dem alten Deutschland meldet sie Tacitus (Germ. Cap. 23: Potui umor 
ex hardeo; s. u. Bier). Ein gotisches, aus ihr hergestelltes National- 
gericht, dem griech. fiXqpira und dem lat. polenta (vgl. griech. irciXTi 
^feines Mehl', altpr. pelwo, lit. pelai, altsl. pleva, lat. palea, scrt. pa- 
Wra- ,Spreu') sachlich entsprechend, hiess nach Anthimus ed. Rose 
Cap. 64 feneaj das wohl zu lit. penaa ,Nahrung' {penü ,füttere') und 
lat. j>efMW , Vorrat' zu stellen ist. Nimmt man hierzu, dass Gerste, und 
zwar in 3 Varietäten {H. hexastichum sanctum, H, hexastichum densum, 

Sehrader, Be«llexilion. ^^ 



290 Gerste ~- Geschwister. 

H. distickum L.), schon in den Schweizer Ffahlbanten gefanden, 
dase sie wie in zahlreichen anderen neolithischen Stationen Sttd- 
Mittelenropas, jetzt anch (in der Form der »echszeiligen Gerste) ii 
nordischen Steinzeit nachgewiesen wnrde (vgl. S. Müller Nord 
A.-R. I, 126], so wird man nicht anstehen, in ihr eine der ältesten A 
l^anpflanzen Europas zu erkennen. Im hüheren Norden bildet sii 
gelbst noch jetzt die eigentliche Brotfrucht, weshalb sie in Xord 
land, Helgoland, Jeverlaud u. s. w. schlechthin Korn genannt wird 
Mitteleuropa verdrängt sie in dieser Eigenschaft allmählich der Koj 
im Soden schon im Altertum der Weizen. Die wilde Stammform 
Gerste [Nordeum spontanum) soll nach dem Handbuch des Getr 
bans von Körnicke und Werner I, 139 ff. vom Kaukasus bis Fe 
gefunden werden. Hier mtlsste also diese Getreideart, deren A 
sieb auch bis in die ältesten Perioden der ägyptischen und semitiE 
Geschichte znrückverfolgen lässt, zuerst in Kultur genommen w( 
sein. — Vgl. G. Buscban Vorgescbichtlicbe Botanik S. 35 ff. S. 
u. Ackerbau und n. Getreidearten. 

Gesamteigentnm, s. Eigentum. 

Gesang, s. Dichtkunst, Dichter. 

Geschlecht, s. Familie, Sippe, Stamm. 

Ge8chlechterdorf, s. Dorf. 

Geschlechtsamgang, s. Eenscbheit, Knabeuliebe. 

Geschmeide, s. Schmuck. 

Geschwister. Wollte mau in alter Zeit Bruder und Sehw 
in ihrem Verhältnis zu einander mit einem Ausdruck zusammenfa 
so scheint man sich dazu des Duals oder Plurals des Wortes für Br 
bedient zu haben: scrt. bkrä'tarau, griech. db€X(poi, lat. frätres 
das aualoge Verbältnis a. Eltern), Im Germauischen liegt in unsi 
gelichter : ahd. lehtar ,uterus' (,die von demselben Mutterleib) 
frUber, freilieb in dieser Bedeutung nur vorauszusetzender, uicbt ^ 
lieb bezeugter Ausdruck für den Begriff .Geschwister' vor (vgl. E 
Et. W.^ S. 139); ausserdem waren sowohl zur Zusammenfassung 
Brüder {got. bröprahans, ahd, gibruoder PI.), wie auch zu dei 
Schwestern (ahd. giswester, altndd. gMustruon) Collectiva vorhat 
von denen die letzteren in nicht ganz aufgeklärter Weise allmä 
anch gebraucht wurden, um Brüder und Schwestern zt 
zeichnen (rohd. geswesier F. PI, jSchwestempaar', gestcister, gestüisi 
N. .Geschwister'). Vgl. auch altn. syetken Neutr. Flur. ,Bruder 
Schwester' (gebildet wie fepgen ,Vater and Mutter', mmpgen ,Mutter 
Sohn'), sowie \Ai. consobrtnus .Geschwisterkind' (s. u. Vetter und 1 
sine) nnd griech. fope; ' ävei|iioi (s. u. Schwester), alles Ausdrücke 
in letzer Instauz auf das idg. Wort für Schwester zurückgehen. 
Litauischen kann mau für Geschwister (Bruder und Schwester) 
sagen: bröUs bei sesü. Vgl. Delbrück Verwandtschaftauamen S. 



Geschwisterehe — Gewerbe. 291 

Gesehwisterehe, s. Verwandtenehe. 

Gesetz^ s. Recht. 

Gespensterglanbe^ s. Ahneuknltug. 

Gestirne, s. Sterne. 

Getränke^ s. Nahrung. 

Getreidearten. Die älteste Getreideart auf idg. Boden ist yiet- 
leicht der Hirse. Jedenfalls gehören dieser sowie Gerste- und Weizen- 
arten schon dem ältesten Ackerbau (s. d.) der europäischen Indo- 
germanen an. Erst später hat sich der Anbau des Roggens über ge- 
wisse Teile Europas verbreitet, während die Geschichte des Hafers 
sieh noch nicht klar übersehen lässt. Der Reis ist im Altertum niemals 
augebaut worden. Alle die genannten Getreidearten sind in besonderen 
Artikeln behandelt worden. Über den amerikanischen Mais und den 
ostasiatischen, erst im späteren Mittelalter nach Europa gelangten 
Buchweizen vgl. V. Hehn Kulturpflanzen und Haustiere® S. 491, 494. 

Gewalt vaterliehe, s. Familie. 

Gewandnadel, s. Schmuck. 

Gewebestoffe. Den Indogermanen stand zur Ausübung der ihnen 
bekannten Kunst des Webens (s. d.) zunächst die Wolle ihrer Schafe 
zur Verfügung. Ausserdem war bei den europäischen Indogermanen 
schon in femer Urzeit der Flachs, bei den Ariern der Hanf bekannt, 
welcher letztere in Europa sich eret später, wenn auch (im Norden) 
immer noch in vorhistorischer Zeit verbreitet hat. Die erste Erwähnung 
der indischen Baumwolle geschieht durch Herodot, die erste Bekannt- 
schaft der Römer mit der chinesischen Seide erfolgte im ersten Jahrh. 
V. Chr. Über diese Gewebestofl^e ist in besonderen Artikeln gehandelt 
worden. Minder wichtige animalische, vegetabilische und mineralische 
GewebestoflFe vgl. bei Vf. Handelsgeschichte und Warenkunde I, 214 flF. 

Gewerbe. Dass schon in der Urzeit eine Reihe technischer Fertig- 
keiten, wie Flechten, Spinnen, Weben, Nähen (s. u. Nadel), 
die Kochkunst, die Herstellung von Waffen und Werkzeugen, 
von Schmuck, die Töpferei (s. u. Gef ässe) u. s. w. betrieben wurden, 
zeigen die betreffenden Abschnitte. Die hier zu behandelnde Frage ist 
daher nur die, ob und in wie weit bereits damals eine Arbeitsteilung 
stattgefunden hatte, und ob man also von urzeitlichen Gewerben zu 
sprechen ein Recht hat. 

Als die Überlieferung anhebt, finden wir bei den arischen wie süd- 
enropäischen Indogermanen die ersten Ansätze eines eigentlichen Hand- 
werks bezeugt, Ansätze, die aber ein deutliches Licht auf eine Zeit 
fallen lassen, in der von getrennten Gewerben so gut wie noch keine 
Rede sein konnte. Diese Kulturstufe scheint dann bei den ältesten 
Germanen im wesentlichen noch vorzuliegen. 

Das vedische Altertum kennt im Grunde nur zwei Gewerbe, das 
des Holzarbeiters {täkshan-, tdshfar-) und das des Metallarbeiters {Jcdr- 



892 Gewerbe. 

mdra-). Nach Ansbildung des brabmaniBchen StaatsweseoR liegt i 
eine vollständig eingetretene Arbeiteteilnng mit kastenartig betrieb 
Handwerken und Künsten Tor (Tgl. H. Zimmer Altind. Leben S. 24f 
Anch bei Homer werden nur wenige entwickelte Gewerbe geni 
.So das des t^ktujv, über den nnten noch mehr zu sagen sein \ 
das des x(<^'<c'^S> des Schmiedes, des okutotömoc, des Riemers 
Schuhmachers, des K€pa^EÜ^, des Töpfers. Anch der äXicö^ ,Fi9c 
iTOpSpEu; ^Fährmann' und vaurric TSchiffer' werden genannt. Alle i 
Lente zählen zn den &Ti^ioupTOi, den Menschen, die fQr das Volk arbe 
zn denen auch die Seher, Äi7,te, Sänger und Herolde gerechnet we 
(Tgl. A. Riedenauer Handwerk und Handwerker in den homeris 
Zeiten, klangen 1873). Im ältesten Rom hatte naeli der Überliefe 
(PIntareh Noma 17) schon der König Nnma Handwerkskollegien 
gerichtet, xu denen die aüXi^Tai {tibicines oder Flöteuspieler), die 
ooxöoi {anrificeH oder Goldschmiede), die t^ktovc^ [fabri tignarü 
Zimmerlente), die ßaepet^ {tinctores oder Färber), die okutotömoi 
torea oder Schuster), die <TKOTot>^ivei^ (coriarii oder Gerber), die 
KCi^ (fahrt aerarii oder Kupferschmiede) nnd KEpa^eT^ ifigvii 
Töpfer) gehören (vgl. E. Wezel De opificio opificibusque apnd Tel 
Romanos, Berlin, Progr. 1871). Wie man sieht, werden weder 
Homer noch in den Zünften des Numa eine ganze Reihe von Gew 
treibenden genannt, die nns heute fUr eine Gemeinschaft von Mens< 
nnentbehrlich erscheinen, der Schneider, Weber, Fleiscb 
Müller, BÄcker, Koch «. s. w. Alle diese Gewerbe mtlsseu also : 
am Haua^ gehaftet haben nnd werden hier, abgesehen etwa von 
Geschäft des Sclilachtens, in das Bereich der Frauen gefallen 
DasB die Künste des Spinnens, Webens und Kleidennaehens bi 
späte Zeiten im Altertum bei Hoch nnd Niedrig den Frauen des Ha 
oblagen, bedarf keiner Belege; aber anch die Thfttigkeit des Back 
wurde Ton ihnen lange Zeit ausschliesslich ausgeübt, wie dies Pli 
Hiflt. nat. XVin, 107 ausdrücklich hervorhebt: Pistores Romae 
fuere ad Peraicum usque bellum annis ab urbe condüa super DLX 
Ipai panem faciebant QuirUes, mulierumque id opus maxime > 
sieut etiam nunc in plurimis gentium. Eine sprachliche Illustn 
hierzu bietet der agis. Ehrenname der Hansfrau hlekf-dige (neben hld 
,Haosberr', d. i. ,Brot-wart'), welches wahraeheinlich (vgl. got. dei 
agls. dekge) soviel wie ,Teigmacberin, Bäckerin' bedeutet. 

Auch die dürftigen Anfänge gewerblicher Arbeitsteilung, die w 
Indien und im Sflden Europas treff'en, setieinen nun im eigentlichen ( 
manien der ersten Römerzeit noch gänzlich zu fehlen (vgl. W. Wa< 
nagel Gewerbe, Handel und Schiffahrt der Germanen Kl. Sehr. I, 31 
Der freie Germane arbeitet überhaupt höchst ungern: Ddegata de 
et penatium et agrorum cura feminis »enibugque et infirmiaämo 
qtie ex famÜia, ipsi hebent, mira diversitate naturae, cum idem 



Gewerbe. 298 

mines sie ament inertiam et oderint quietem (Germ. Cap. 15). Auch 
die wenigen Sklaven des Hacaes scheinen noch nicht, me später, zu 
bestimmten Handwerken angehalten worden zu sein : Ceteris servis non 
in nostrum morem discriptis per famiUam ministeriis utuntur (Tac. 
Oerm. 25). Erst unter dem Einflnss der Kultur RomS; wo im Laufe 
der Jahrhunderte das Handwerk, einst Sache des freien Mannes, mehr 
und mehr zur Sklavenarbeit geworden war, treteir dann auch auf den 
grösseren Edelhöfen der Germanen bestimmte Gewerbesklaven auf. Vgl. 
z. B. Lex Burgund. (W.) 21, 2: Quicunque vero servum suum aurißceniy 
argentarium, ferrarium, fabrum aerarium, sartorem vel sutorem in 
publico attributum artificium exercere permiserit, et id, quod ad 
facienda opera a quocunque suscepit, fortasse everterit, dominus eins 
aut pro eodem satisfaciat aut servi ipsitMy ei inaluerity faciat cesei- 
ouem. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang auch die zahl- 
reichen Entlehnungen römischer Handwerkerbenennungen in die germa- 
nischen Sprachen : monetärius in ahd. munijjäriy alts. muniteri, 
molinärius in ahd. mulinäriy cellärius in ahd. kelläri u. s. w., Wörter, 
von denen das namentlich in den westgermanischen Sprachen an Stelle 
älterer Bildungen mittelst des Suffixes -ja-n (ahd. zimbaräri ,Zimmerer' 
gegenüber got. timrja etc.) verbreitete Suffix ahd. -äri, agls. -ire aus 
lat. 'dritte seinen Ausgangspunkt genommen hat. Auch lat. Handwerker- 
bezeichnungen wie sütor ,Schuster' (ahd. sütäri, agls. eüt^e) oder 
fuUo ,Walker' (agls. fulUre, mndl. volre) sind durch dasselbe umge- 
staltet worden (vgl. näheres bei F. Kluge Stanimbildungslehre^ S. 5 ff.). 
Gleichwohl bedürfen diese Ausführungen hinsichtlich der altgerma- 
nischen Verhältnisse eine Ergänzung. Eine Gewerbebezeichnung muss 
sicher als urgermanisch angesetzt werden : got. -smipa, altn. smidr, 
agls. smipy ahd. smid. Indessen haben diese Wörter ursprünglich nicht 
die heutige, spezielle Bedeutung gehabt, die vielmehr erst durch Zu- 
sammensetzungen wie got. aizciemipa, ahd. Sremidy chaltsmid erreicht 
wird, sondern bezeichneten, etymologisch zu griech. (Tfii-Xri ,Schnitz- 
messer', etc. gehörig, ganz allgemein den kunstverständigen Mann, 
mochte derselbe nun in Holz, Metall oder anderem Stoff arbeiten. 
Näher ist über diese Wörter u. Schmied gehandelt worden. Hier 
sollen sie nur dazu dienen, das Verständnis für die einzige schon indo- 
germanische Gewerbebenennung scrt. täkskan- = griech. t^ktujv vor- 
zubereiten. Da eine Verbalwurzel t6kt = scrt. täksh im Griechischen 
nicht vorhanden ist, auch das Suffix -an-, -an- = -u)v, -ov- als unmittel- 
bar von der Verbalwurzel nomina agentis bildend, weder im Griechi- 
schen noch im Sanskrit lebendig genannt werden kann, so hat man 
zweifellos eine urzeitliche Bildung vor sich. Scrt. takeh bedeutet 
,behanen, schneiden, schnitzen, bearbeiten, gestalten', bezeichnet 
also die verschiedensten Arten handwerklicher Thätigkeit, spezialisiert 
Jiegt es in altsl. tesati ,hauen' und lat. texo ,webe' vor (s. auch u. 



394 Gewerbe — Gewitter. 

Dachs und Axt). Das Substantivom wird im Ved& (s. o.) nar 
Zimmermaiinsarbeit gebraacfat, griech. t^ktwv aber bezeicbDet bei Ho 
noch Steinhsner wie ZimmennanQ, Sehiffbaoer wie Wagner, Homdn 
wie ElfenbeiuBcbnitzer. Die idg. Bedealnng der Gleicfaong scrt. tdkal 
= griech. t^kujjv wird also eine ganz äboliche wie die des nrger 
niscben ahd. smid gewesen eeiii, etwa ,der grachickte Mann', ^Ko 
arbeiter', nnr ist das indisch-griechische Wort nicht wie das germanif 
später aneh auf Metallarbeit angewendet worden, für die vielmehr sc 
im Veda {kdrmdra-) nnd bei Homer (xuAkeü^) besondere Wörter 
gekommen sind. Gans gleich sind auch lat. faber nnd ir. cerd ,a 
rius, fignlos, poeta' = lat. cerdo (griech. «p&ocrüvri wie leicTotTüvn' 
beorteilen. Anf jeden Fall erbellt, dase schon in der Urzeit beson< 
geschickte Männer Torhanden gewesen und als solche aus der groi 
Menge sprachlich hervorgehoben worden sein mUssen, die eine gros 
Fertigkeit als andere, sei es nun im Zimmern einer Hütte odei 
Glätten eines Steinwerkzenges oder in ähnlichem erlangt hatten, 
sofern kann man sagen, dass die ersten Anfänge der Gewei'bebild 
in die Drzeit zurückgehen. 

unsicherer ist eine zweite urverwandte, doch auf Europa bescfarfii 
Gewerbebenennnng : griech. noitii^v = lit. ptimü ,Hirt' zu beurtei 
DasB zu einer Zeit, in der alle Hirten oder vorwiegend Hirten wa 
das Hüten des Viehs als ein bestimmtes Gewerbe betrachtet woi 
sein sollte, ist wenig wahrscheinlich. Doch könnte man vielleicht 
vorstellen, dass die Vorfahren der enropäischen Indogermanen, 
denen der Ackerbau (s. d.) schon in der Urzeit eine grossere 
deutung erlangt hatte, so, d. h. als „Hirten", reine Hirten (vo^d&€^) 
östlichen, arischen Nachbarn bezeichneten, die ihrerseits Tielleicht 
Westindogermanen „Furchenzieher" (scrt. krshfdyas, von der spe: 
arischen Wurzel karsk ,Furcben ziebu') nannten (vgl. Iküöoi dporl 
oder TtujpToi neben den ZKÜdai vopäbE^). 

In besonderen Artikeln ist Über das Hervortreten des Arzt 
Dichters, Erziehers (s. u. Erziehung), Kanfmanns, £Oni 
Priesters, Richters nnd Schmiede gehandelt worden. 

Gewitter. Für die Erscheinung des Donners liegt eine v 
verbreitete Sprachreihe in scrt. standyati ,e8 donnert', statiayi 
, Donner', lat. tonat, tonitru, ngh.punian = tonare, punor, ahd. de 
vor. Aus ihr ist der gemeingermanische Name des Donnergottes: ; 
Z>on<ir,altnd. Tkutiar,a\tn. TArfn* hervorgegangen. DieGmndbedeal 
der ganzen Sippe ist ,Iant tönen', ,lauter Schall' (vgl. scrt. stand 
jGebrüir, tanayitnü- ,donnernd, rauschend'). Auch das Keltische nii 
mit einem inschriftlich bezeugten ""Tanaro-s {Jovi Optimo Man 
Tanaro; vgl. K. Much Der germanische Himmelsgott, Festschrift 
Heinzel S. 227) an der angegebenen Reihe teil. 

Die häufigere Bezeichnung der keltischen Donnergottheit ist abe 



Gewitter. 295 

dem Ton Lncan (Pharsalica I, 446) bezeugten Taranis enthalten, das 
durch inschriftliche Formen wie Tapavoou (Dat.), TaranucuSy Taranu- 
enus (vgl. Reinach Revue Celtique XVIII, 137 und Much a. a. 0.) weiter 
bestätigt wird. Die Grundlage dieser Göttemamen bildet der gemein- 
keltische Ausdruck für den Donner ^toranno-s (ir. torannt kymr. ta- 
rann^ körn, taran), Taranu-cn-us (vgl. ir. cenil ,6eschlecht', cinim 
,ich entspringe') wird soviel wie ,Sohn des Donners' bezeichnen, wie 
im Litauischen PerJcuna tete ,mater fulminis atque tonitrui' ist. 

Der letztere Ausdruck ftlhrt zu der im Osten Europas geltenden 
Bezeichnung des Donners: lit. perkünas ,Donner, Donnergott', perJcü- 
nyja ,6ewitter', lett. perJcüns, altpr. percunis ,Donner', womit höchst- 
wahrscheinlich auch russ. perunü ,Donnerkeir, , Donnergott', klruss. 
perun ,Blitzstrahr u. s. w. zusammenhängen, obwohl der Ausfall des 1c 
im Slavischen, bezüglich der Eintritt dieses Lautes im Litauischen noch 
unerklärt ist. Gewöhnlich stellt man lit. perkünas zu dem altnordischen 
Namen der Mutter Thors Fjörgyn, wohl auch zu dem des vedischen 
Regen- und Gewittergottes Parjdnya-j und verbindet alle diese Wörter 
mit lat. quercus, ahd. forha ,Eiche, Föhre', so dass sich eine Grund- 
bedeutung ,Eichengott' ergiebt (vgl. H. Hirt I. F. I, 479 flF.). Anderer 
Ansicht ist R. Much a. a. 0., der das lit. perkünas und russ. perunü 
für Entlehnungen aus einem gerni. *Perkünos, *Feryunaz, ^Ferhünaz 
ansieht, das er als ,der sehr hohe' (vgl. lat. per- in permagnus = kelt. 
er- und kymr. cion ,Höhe') deutet. Bei beiden Erklärungen wäre in lit. 
perkünas, altpr. percunis u. s. w. die Benennung der Wettererscheinung 
ans dem Eigennamen eines Gottes hervorgegangen, was au sich nicht 
unmöglich, jedoch im Hinblick auf die auf germanischem und keltischem 
Boden deutlich verfolgbaren Vorgänge der Bedeutungsentwicklung nicht 
gerade wahrscheinlich ist. Vielleicht ist daher für die litauisch-slavischen 
Wörter doch einfach von der Bedeutung ,Donner', ,Gewitter' auszu- 
gehen, und die Anklänge an die verwandten Sprachen (von mehr kann, 
was das scrt. Parjdnya- betriflFt, auch aus lautlichen Gründen nicht 
gesprochen werden; vgl. Kretschmer Einleitung S. 82, K. Brugmann 
Grundriss I*, 514, R. Much a. a. 0.) beruhen auf Zufall. 

Von weiteren urverwandten Bezeichnungen des Donners sei noch auf 
die Gleichungen altsl. gromü = griech. ßpovTri (: 3p6|ioq ,Getön', vgl. 
Zcuq uH^ißpeju^TTi^ ,der hochdonnernde Zeus') und got. peihwö, vielleicht 
= altsl. tqda ,finstere Wolke, Sturzregen' verwiesen. 

Wenn somit für den Donner verschiedene urzeitliche Benennungen 
bestehen, so ist dies bei dem Blitze nicht der Fall. Es scheint, dass 
in der ältesten Zeit die Begriffe des Blitzes und des Feuers, des 
himmlischen und des irdischen Feuers, noch zusammengefallen sind. 
Nach uralter Anschauung (vgl. A. Kuhn Die Herabkunft des Feuers) 
entsteht das Feuer in der Wolke gerade so wie auf der Erde, nämlich 
durch Reibung bestimmter Hölzer (s. u. Feuerzeug), und lodert dann 



S96 Gewitter — Glas. 

im Blitze 7.ur Erde oder wird von inythiachen Wesen wie dem indiE 
MätariQvan oder dem griecliiBcheu Prometheus dahin gebracht. ] 
cntsprecliend ist scrt. agni- iiu Veda oft mit .Blitz' zu überse 
Ebenso wird g:riech. nüp und cpdj? (cpOJs m^T« ^k Äi6^, Xen. Anab. lil, ] 
gebraucht. Vgl. femer scrt. vi-dyü-t- ,Blitz' : div .atrahleu', lat. ful 
fulgur (vielleicht verwaudt mit ahd. blic} : fulgeo, grieeb. tpXöE ,Flan 
(pX^T"^ , leuchte', got. lauhmuni ,ä.aTpatif\' , dän. lyin, altscbwed. i 
eider ,BlitzfeBer' : lat. lux ,Licht', altn. Hörne ,Strahi', ahd. 
,Lohc' u. e. w. 

Nicht selten wird aucb der Blitz als Keil oder Waffe (Axt, Han 
Itezeiclmet, der zur Erde aus der Gewitterwolke berniederßihrt. '. 
scrt. ä^ani-, d^man- (vgl. lit. Perkuno akmu bei J. Grimm übe 
Xamen des Donners Kl. Sehr, i, 425} und t<ijra-, so in griech. n 
wie (■ scrt. (^ürw ,Waffe', got. hairus ,Schwert'), so in altsl. mlü 
ru8S. molnija , Blitz' (vgl. auch altpr. mealde nnd kymr. mellt ic 
altn, mjölnir ,Thors Hammer', d. i. der Blitz, in deutschen Ansdrll 
wie donnerkeil, donneraxt (vgl. Grimms W.) n- s. w. 

Feste und selbständige Göttergestalteo haben sich aus den Bei 
imngeii des Blitzes nur selten nnd nicht so deutlich wie aus ( 
deB Donners entwickelt. Vgl. Usener Gütternamen (über eiuen ii 
donischen Keraunos S. 286) und R. Mueh a. a. 0. S. 231 fif. (übe 
scheinnngeu aus der germanischen Mythologie). — S, u. Keligi< 

Gewohnheitsrecht, s. Recht. 

Gewürze. Schon in vorhistorischer Zeit war in Europa das 
(s. d.) bekannt. Ansserdem standen frühzeitig 'zahlreiche Gewürzpfli 
'/.ur Verfügung. S. über dieselben n. Garten, Garteubau ui 
Zwiebel und Lauch. Von ausserenropäischen Gewürzen sind 
Kümmel, Pfeffer, Ingwer, das Silphium, die Muskatnuss 
die Nelke bebandelt worden. — S. aucii u. Nahrung. 

Gift, 8. Arzt. 

Glajs. Die Bereitung des Glases geht im Orient, namentii 
Ägypten, in sebr frühe Zeiten zurück, und schon in den Grabkau 
der IV. und V. Dynastie haben sich Abbildungen des Glasblasen 
funden. Von hier habeu ohne Zweifel die Phoenizier die Fabrik 
des Glases, die aber auch in Assyrien sehr alt ist, übernommen 
Blümner Termin, und Techn. IV, 379 ff.). 

Nach Europa wurde das Glas zuerst in Form von Perlen 
Kugeln, noch nicht in Gestalt von Gefässen ausgeführt. Die ers 
haben sich in weisser und blauer Farbe schon in den mykeni: 
tiräbern gefunden, während selbst Homer noch nichts von GIs 
fassen zu berichten weiss, und solche erst von Aristophaues 
drücklieb erwähnt werden (vgl. Blflmner a. a. 0). Überhaupt -, 
genannt wird das Glas von Herodot als Xiöo; x"f^ ,gego83ener ^ 
wofür später vaKo<; eintritt, das zwar auch schon bei Herodot 



Glas — Glocke. 297 

kommt, hier aber noch ^ein natürliches,, aus der Erde gegrabenes 
Material^ bezeichnet. Etymologisch scheint griech. liaXo^ dem ersten 
Teil des von Plinins XXXVII, 33 als skythisch, d. h. nordeuropäisch 
genannten Namen des Bernsteins suäli'ternicum (Codex Bamb.) zu 
entsprechen. Das Znsammenfliessen von Wörtern fOr Glas und Bern- 
stein ist aber eine gewöhnliche Erscheinung, wofür auf den A. Bern- 
stein zu verweisen ist. Die Grundbedeutung von *8ual0' wird ,durch- 
sichtiger Stein' oder ähnliches gewesen sein (anders Kögel I. F. IV, 316). 

Auf der Apenninhalbinsel sind noch keine Glasperlen in den 
Pfahlbauten der Poebne nachgewiesen worden; sie kommen erat zu- 
sammen mit dem Eisen in den Funden von Villanova und Marzabotto 
vor (vgl. ündset Das erste Auftreten des Eisens S. 2 und 4). Als die 
Römer den bläulichen Glasschmuck kennen lernten, benannten sie ihn 
mit dem nrzeitlichen Namen des zum Blaufärben dienenden Waides 
'S. d.), vitrum (wohl zufällig erst bei Cicero überliefert). Dieses ist 
denn auch die gewöhnliche Bezeichnung des Glases in den romanischen 
Sprachen (it. vetro, frz. ver7*e etc.) mit Ausnahme des Rumänischen, 
wo stikla (s. u.) gilt, geworden. — Die Verhältnisse des mittleren und 
nördlichen Europa entsprechen im wesentlichen den italischen, 
d. h. auch hier tritt das Glas, ebenfalls fast ausschliesslich in Form 
von Perlen und Schmuckgehängen, erst mit dem Ende der Bronzezeit 
und zusammen mit Eisen und Si I b er (s. s. d. d.) auf. Doch sind Glasperlen 
auch schon in dem der reinen Bronzezeit angehörigen Pfahlbau von 
Wollishofen bei Zürich gefunden worden. Eine grosse Ausbeute gläserner 
Artefakte (kleine Ringe, Schmuck an Fibeln etc.) bietet alsdann das 
Gräberfeld von Hallstatt (v. Sacken S. 120). Die La Tene-Zeit zeigt 
die neue Erscheinung gläserner Armringe. Auch im äussersten Norden 
wurde man erst im Eisenzeitalter mit dem Glase bekannt (vgl. 0. Mon- 
telius Die Kultur Schwedens ^ S. 86, 98, 99). 

Der neue Ankömmling wurde von den germanischen Stämmen über- 
einstimmend in der Weise benannt, dass der urgermanische Name des 
mit dem Aufkommen der Edelmetalle an Bedeutung zurückgetretenen 
Bernsteins (s. d.) auf ihn übertragen wurde: altn. gier, ahd. glas. 
Dasselbe war wohl auch bei den Kelten der Fall (vgl. ir. glain, gloin 
.Glas, Krystair aus *gla8in). Von den Germanen ging die Bekannt- 
schaft mit dem Glas dann zu den Slaven über, aber erst zu einer Zeit, 
als bei den Germanen bereits vom Süden eingeführte gläserne Trink- 
gefasse bekannt waren. So erklärt sich die Entlehnung von lit. stiklc.s, 
altpr. sticlOf altsl. stlklü (in allen Slavinen; vgl. auch oben ruxn. stikla) 
,(Tlaß' aus got. stikls, ahd. stechal ,Trinkbecher'. 
Glaube, s. Religion. 

Gloeke. Klingeln (lat. tintinnahuhim, griech. Ktübwv) waren schon 
im klassischen Altertum zu verschiedenen Zwecken gebräuchlich. Die 
eigentliche Glocke hat sich aber erst auf dem Boden des Christen- 



296 Glocke - Gold. 

tnmB heranspebildet. Hier wird sie in den Schriften des heiligen Gri 
von TonrB als signum, vollständiger ngnum eeclesiae, bezeicfanet. 
De virtutibns H. Martini 28 (Mon. S. 601 '") : Reverti autem cupieiu n 
ad funem illam de quo signum commovetur advenit. Über ihre '. 
knnft äussert Walafrid Strabo De exord. et increment. rer. ecci. Cap. 
Eorum (der Glocken) usum primo apud Jtalos affirmant inverü 
unde et a Campania , quae est Italiae prooincia, eadem i 
maiora quidem campanae dicuntur : viinora vero, quae et a t 
tintinnabula vocantur, nolaa apellant, a Nola eiusdem ciritate C 
paniae, übt eadem vasa primo sunt commentata. Die hier gegeb< 
Erklärungen von campana .Glocke' (in dieser Bedeutung zuerst in 
Vita St. Colunibae Cap. 22, früher bei Isidor in der Bedeutung 
Schnellwage) nnd von nola (zuerst in der Bedeutung von Schelle 
AvienuB Fab. 7 v. 8) sind zweifelhaft; doch sind bessere noch i 
gegeben worden. Keine der beiden Bezeichnungen ist nach Nordeo 
abergegangen. Bei Kelten, Romanen (ausser in den sOdlii 
Mundarten, die campana gebrauchen) und Germanen gilt rieh 
ein anderer Käme der Glocke: ir. cloc, gäl. dag, kom. doch, 
kloc'h, prov. doca, in. dache, abd. glodca, agls. clugge, altn. klu 
m\sX. doca, der wahrscheinlich von Irland ausgegangen und auf 
Festland durch die irische Mission verbreitet worden ist. Schon 
heilige Fatrieios (V. Jahrhundert) soll dem neugewählten Bischof 
Irland eine Glocke verehrt haben (vgl. Thurneysen Kelto-Romanis 
S. 95). Später wird dann von einem irischen Mönche Dagäus (j 
586) im Kloster Kieran berichtet, der „trecentas campana»'^ verfe 
habe. Welche Neuerung etwa in Irland mit dem Glockenguss v< 
nommen worden sein konnte, entzieht sieh unserer Kenntnis. Dei 
sprang des keltischen Wortes (*Hukko-x) dürfte ein onomstopoeti; 
sein. 

Die Litauer und Slaven, die ausserhalb der angegebenen Miss 
richtung liegen, haben auch an der eben besprochenen Reiht 
cloc U.S.W, keinen Anteil. Sie benennen die Glocke mit einheimis 
Ausdrucken wie altsl. klakolü, russ. kolokolü etc., wohl ebenfalls 
matopoetisch (vgl. auch sert. karkart- ,ein Musikinstrument'), odei 
Ableitungen von *aren-, altsl. zvlneti ,klingen' : buig, zvünec ,Glo 
woraus entlehnt auch lit. zwanas (neben eiubeimischem, aber dnn! 
uiafpas). 

Gold. Das vornehmste der Metalle, in Ägypten von der ält< 
Zeit an nachweisbar, nnd wohl auch den semitischen Vülkem, wi 
Übereinstimmung von assyr. huräsu mit hebr. ^Arüä zeigt, vor 
Trennung zagekommen, ist während der europäischen Steinzeit 
unbekannt und tritt in grosserer Menge erst im Verein mit der Bi 
auf. Allerdings begegnen vereinzelte Goldfunde auch zusammen 
rein kupfernen, der nenlithJschen Periode nahe liegenden Artefal 



Gold. 299> 

allein nur an den zwei äussersten, Asien und Afrika benachbarten 
Punkten Europas, im S ü d o s t e n : (in Troja); auf Tberasia und irn^ 
einstigen Pannonien, im Südwesten: im südlicben Frankreicb und in 
Spanien (vgl. näheres bei M. Mueh Die Kupferzeit in Europa' S. 29, 
112, 119, 156, 356). Innerhalb der Bronzezeit scheint sich dann das 
Gold hauptsächlich im Anschluss an den Bemsteinhandel (s. u. Bern- 
stein) vom Südosten Europas aus nordwärts verbreitet zu haben. Über 
die hierbei wichtigen Goldspiralen s. auch u. Geld. 

Ein indogermanischer Name des Goldes ist noch nicht ermittelt 
worden. Freilich hat es nicht an Versuchen gefehlt, einen solchen zu 
erschliesscD. Zunächst hat man (vgl. G. Curtius Grundzüge ^ S. 204) 
die arischen Beneunungen des Goldes scrt. hiranya'-j aw. zaranya-, 
die bei ihrer völligen Übereinstimmung in Stamm und Suffix auf eine 
Bekanntschaft der arischen Urzeit mit dem Golde hinweisen, mit den 
europäischen griech. xp^<^öq, got. gulp, altsl. zlato verknüpft. Allein 
hinsichtlich des griechischen Wortes sind jetzt wohl alle Sprachforseher 
(vgl. zuletzt J. Schmidt Urheimat S. 8, Prellwitz Et. W., Muss-Arnolt 
Semitic words S. 137, H. Lewy Die semit. Fremdw. S. 59) einig, 
dass es eine Entlehnung aus semitischem Sprachgebiet ist, und die 
germano-slavischen Wörter haben mit den arischen ausschliesslich die 
Wurzelsilbe gemeinsam. Ferner hat man (zuerst Fick, der daran auch 
noch Vergl. W. I*, 55 festhält) got. gulp und slav. zlato mit einem 
scrt. häfaka- (aus *AaZ^afca-) verglichen, das spät auch Gold bedeutet. 
Indessen setzt das Petersburger Wörterbuch als erste Bedeutung des 
indischen Wortes ,Volk und Land Häfaka' uud dann erst ,Gold vom 
Lande H.' an, und aus R. Garbes Schrift Die indischen Mineralien 
S. 33 kann man als Analoga zu diesem Bedeutungswandel noch Fälle 
vfiejämbünada-, qätakumhha-, saum^rava-y jämbava-, gäfigSya-, die alle 
Gold von dem betreifenden Lande, resp. Fiuss oder Berg bezeichnen, 
kennen lernen. Endlich folgert Fick Vergl. W. I*, 348 eine gemein- 
same westeuropäische Benennung des Goldes auch aus lat. aurum au& 
*ausam und lit. duksasy altpr. aiisis. Vergleicht man aber sicher auf 
Urverwandtschaft beruhende Fälle dieser Art wie lat. auris aus *au8i8 
,Ohr' = lit. ausiSy altpr. ausins Acc. PL, so sieht man, dass lit. äuksas 
mit Jcs = s wahrscheinlich eine andere Erklärung als die Annahme der 
Urverwandtschaft fordert (s. u.). 

Somit lassen sich keine sicheren sprachlichen oder sachlichen Kri- 
terien gewinnen, aus denen sich die Bekanntschaft der Indogermanen 
mit dem Golde vor ihrer Trennung ergäbe. 

Es fragt sich nun, in wie weit sich die Wege ermitteln lassen, auf 
denen das Gold sich in Europa verbreitete. Griech. xp^<^6q, wie wir 
schon sahen, ist aus dem Semitischen (hebr.-phoeniz. hdrüs) entlehnt. 
Obwohl das Wort auf griechischem Boden schon im Anfang der Über- 
lieferung so fest eingewurzelt ist, dass Orts- und Personennamen von 



«00 Gold. 

ihm §:ebildet werden, eteht doch Dichte im Wege, die Phoenizier 
^bermittler des Wortes nnd der Sache anzusehen, wenn wir bedeni 
daee schon im XVI. Jahrhundert der Handelsverkehr dieses Vol 
mit Griechenland voll entwickelt war (vgl. £. Meyer Geschichte 
Altertums II, 140i. Jedenfalls waren es Phoenizier, die die en 
Goldgruben in Hellae, auf der Insel Thasos und am Pangaeon, er 
neten oder weiter ausbauten (s. u. Bergwerk), und auch auf ( 
Landwege llber Syrien und Kleinasien, das an Fluss-, wie liergg 
Überaus reich war (vgl. Strabo XIV, p. 680], wird manchee StUck 
«dien Metalls nach dem goldarmcu Griechenland gekommen sein. N* 
im VI. Jahrhundert mussten die Lacedämonier, um dem Apollo < 
Bildsäule zu errichten, zu KroisoB von Lydien behufs Einkaufs 
dazu nötigen Goldes eine Gesandtschaft schicken (Herod. I, 69). 

Lat. aurum aus *atisom, vgl. sab. attaum (Festus Pauli S. 9), ist : 
italischen Ursprniigs, zu lat. auröra, *aus-6sa .Morgenröte', aur- 
,Gelbsuclit' gehörig und bedeutet also ,(las gelbe' Metall. Einen W: 
woher das Gold, das in den Pfalilbaiiten der Poebene noch nicht ni 
g:cwiesen werden konnte, und erst zusammen mit dem Eisen in O 
Italien vorzukommen scheint (vgl. Olshausen Zeitschrift für Ethoolo 
Verhandlungen 1891 8. 317), nach Italien gekommen sei, erhält i 
also so nicht. Hingegen lassen sich von hier aus mehrere Fä 
in das (ibrige Europa verfolgen. Zunächst haben alle k e 1 1 i 3 c 1 
Sprachen ihr Wort fUr Gold dem Lateinischen entlehnt: ir. rfr, kj 
<iwr, kambr. our. Die Entlehnung fand statt in einer Zeit, in weit 
das inlautende x des Lateinischen bereits seine Umwandlang in r dai 
gemacht hatte, also etwa zur Zeit der Samniterkriege oder noch fril 
als die Einnahme Roms nach dem Tag an der Allia den Gall 
1000 Pfund römischen Golds als Beute zngefUhrt hatte. Dabei isi 
nattlrlich möglich (was nmtatis mutandis auch von dem Verhältnis 
Oriechen zu den Phocniziem gilt), dass bei der Thatsache früher G 
funde im südlichen Frankreich mid Spanien vereinzelte goldene A 
fakte schon vorher den keltischen Stämmen zu Gesicht gekommou 
von ihnen benutzt worden sein könnten; es fragt sich nur, wii 
ähnlichen Fällen, so auch hier, ob diese letzteren schon vor ihrer 
Führung mit Rom in denselben ein besonderes Metall, wertv( 
als die dem Golde so ähnliche Bronze erkannt nnd ihm einen Nai 
gegeben hatten, von dem dann jedenfalls jegliche Spur fehlen wü 
Hierdurch erledigen sich die Einwendungen W. Ridgeways The or 
of metallic currency S. 61 ff, gegen die vorgetragenen AuschauQn^ 
auch werden von dem genannten Gelehrten die keltischen WOrtei 
Unrecht an das baskische urrea ,Gold' angeknüpft. 

Ans italisch aurum stammt ferner alb. dr. Die älteste Entlehn 
ans ital. autiom aber, in einer Zeit, in welcher das intervokale n 
italischen Wortes noch unversehrt war, hätte nach V. Hehn (Kni 



Gold. SOli 

pflanzen^ S. 547) in die baltischen Wörter : altpr. ausi^y lit. äuksa» 
statt gehabt. Hierbei ist in sprachlicher Hinsicht zu bemerken^ dass- 
so das lit. Jc8 = s in duksas sich allerdings eher als bei der Annahme* 
der Urverwandtschaft des italisch-baltischen Wortes verstehen würde 
(s. o.); da bei Entlehnungen eher unregelmässige Erscheinungen in der 
Lantvertretung (vgl. auch lit. tükstantiSj altpr. tüsimtons, got. püsundi) 
zuzulassen sind (so auch Kretschnier Einleitung 8. 150 f., der sich 
gleichfalls für die Entlehnung des italischen Wortes in das Baltische 
entscheidet). In sachlicher Beziehung wäre an den alten Bernstein- 
handel zwischen Italien und den baltischen Ländern zu erinnera, der 
für so frühe Zeit freilich noch nicht sicher bewiesen ist (s. u. Bern- 
stein). Auch ist Gold aus der Bronze- imd Hallstattzeit in den 
Provinzen Ost- und Westpreussen bis jetzt nicht gefunden worden (vgl. 
Olshausen a. a. 0. 1890 S. 284 und Bezzenberger Deutsche Litz. 1892 
S. 1488). 

Eine gemeinsame Bezeichnung des Goldes besitzen die germanischen 
und slavischen Sprachen nebst dem Lettischen jedenfalls in 
sofern^ als sie dasselbe Adjektivum, wenn auch in verschiedenen Ab- 
stufungen des Stammes vorliegend, zur Benennung des Goldes verwendet 
haben: got. gulß aus ^ghl-to-, altsl. zlato aus ghol-to-, lett. selts aus 
ghet-ta- : W. §hel (lat. hel-vus) ,das gelbe'. Es niuss also ein idg« 
Adjektivum mit der Bedeutung ^gelb' sich zu einer gewissen Zeit bei 
Germanen, Slaven und einem Teil der Balten als Benennung des Goldes 
verbreitet und festgesetzt haben und dann als Farbenbezeichnung all- 
mählich verblasst sein. Da dies nur geschehen sein kann, als die drei 
Wörter sich noch ähnlicher waren als jetzt, und im besondern der Über- 
gang des palatalen Gutturals in den Sibilanten (idg. gh : slav. z, lett. «) 
noch nicht stattgefunden haben oder wenigstens noch nicht durchge- 
führt worden sein konnte (vgl. auch Kretschmer a. a. 0. S. 150), so* 
folgt hieraus, dass die erste Bekanntschaft mit dem Golde bei dea 
genannten Völkern sehr früh, vielleicht früher als in Italien erfolgt ist, 
was zu dem archäologischen Befund (vgl. Olshausen a. a. 0. 1891 
S. 317) wohl zu stimmen scheint. 

Wenden wir uns noch kurz nach dem äussersten Osten Europas und 
den daran stossenden Teilen Asiens, so liegen die Dinge bei deni 
Finnen in sprachlicher Beziehung sehr klar. Die Westfinnen haben 
ihre Bezeichnung des Goldes aus dem Germanischen (finn. kulta, estn. 
kuld, läpp. goüe)y die Ostfinnen aus dem Iranischen (mordv. sirnä,. 
wog. sorm, ostj. s&miy wotj. und syrj. zarni aus aw. zaranya, npers. 
zarr, zar u. s. w.) entlehnt. Als Vermittler können wir uns in letz- 
terem Falle irano-skythische Stämme denken, etwa Massageten, die 
nach Herodot (I, 215) überaus reich an Gold (und Erz) waren. Ganz 
im Gegensatz zu den Finnen besitzt der am Westende des goldreichen 
einheimische turko-tatarische Sprachzweig eine einheitliche Be- 



302 Gold — Qott. 

nennan^ unseres Metalles, die in nng«henrer geographischer ADsdebn 
noch heDte gilt (altun, altyn, iltyn). Die Sage von den goldhflten 
Greifen im Lande der Arimaspen, von denen uns Herodot (IIl, 116, IV, 
'berichtet, scheint eine Ahnung dieses hochnordiechen Ooldreichtun» 
verraten. 

Nachzutragen ist ans idg. Sprachgebiet noch armen, oskr ,& 
und phryg. -f^oüpta desgl., ersteres ungewisser Herkunft (vielle 
Toranuenisch und zu sumerisch gushkin ,Gold' gehörig), letzteres el 
falls eine Bildung von der Wurzel gJtel, doch mit velarem Anlant ( 
griech. x^^P<^^ und lit. geltas, altsl. ilütä). — S. u. Metalle. 
Goldlack, s. Veilchen. 

Gott. Die Bezeichnungen der idg. Sprachen ftlr den Begriff 
Gottheit gehen zu dem einen Teil auf diejenige Schicht religiöser > 
Stellungen zurUck, welche u. Ahnenkultns behandelt worden 
Hierher gehören scrt. äaura-, griech. 6eö? und baiMUJv, altn. (ksir ,k\ 
u. a. Alle diese Wörter bedeuteten ursprünglich ,Ge)Bt', d, h. ,an 
«Ines Verstorbenen', teils freundlich, teils feindlich fttr den Mensc 
gedacht, je nach der Verehrung, die dem Toten zu Teil geworden v 

Daneben aber hatte sieb schon in der Ursprache eine Bezeichn 
f(ir den Begriff eines Gottes festgesetzt, die in einem andern 
flchanungskreis warzelte: scrt. divd-, lat. deus, lit. diiwas, ir. i 
altn. tivar Nom. PI. (scrt. divt/d-, griech. &T05 ,göttlich'). Das siel 
ergebende idg. *deivo- ist von der idg. Bezeichnung des H i m m 1 
(s. d.), *dßus, abgeleitet nud bezeichnete, zunächst wohl rein lol 
solche Mächte wie Sonne, Mond, Morgenröte, Donner, Winde u. s. 
die räumlich irgendwie in Zusammenhang mit dem Himmel stand 
Da auch diese Naturgewalten, die „himmlischen", doppelseitig wa 
und sowohl nützlich wie scbfidlich für den Menachen werden konni 
«0 bat es nichts auffallendes, dass wenigstens auf einem Sprachgeb 
nämlich auf dem iranischen (vgl. aw, da^va-, npers. d^v ,DäD; 
Teufel'), die letztere Seite zur ausschliesslichen Herrschaft gelangt 
Verloren ist die uralte Bezeichnung der bimmlischen Mächte unter 1 
europäischen Sprachen im Griechischen (s. o.), im Slavischen und in d 
grössten Teil des Germanischen. In den slavischen Sprachen gilt ba 
das eine sehr frühzeitige Entlehnung ans arischem Sprachgebiet (: 
baya-, altp. baga- ,Gott', scrt. bhdga- ,Brot-, Schutzherr, Beiname 
Göttern'] sein wird, aus dem auch die Armenier ihr nur in Zasamn 
Setzungen übliches bag- (selbständig: das dunkle aatuak) übemabn 
Über altsl. bogatü ,reich', ubogü ,arm' s. u. Reich und arm. 
germanischen Sprachen bieten ein über alle Mundarten verbreite 
neutral gebildetes (aber männlich gebrauchtes) goL gup, altn. god, g 
shd. got, das zuletzt H. Osthoff B. B. XXIV, 177 ff. in ausfuhrlic 
Erörterung auf eine Grundform *ghu-tö-m zurückgeführt, zu scrt. hat 
,er ruft' {ku-td- ,geruten'), aw. zavaiti ,flucht', lit. iatoeti ,be8prech 



Gott. 303 

kit. sawit yZSi,ubGrn\ armen. nzovJi ^Flucb' etc. gestellt und als , durch 
Zauberwort berufenes Wesen' oder direkt als ^Zauberwort' {incanta- 
mmturri) gedeutet hat. „Damach hätte unser „Gott'' in der That im 
Grunde gar nichts anderes besagt, als was das altindische Neutrum hrdhma 
[s. darüber näheres u. Priester], was ferner fetischy frz. ßtiche,' it. 
feticciOj fetisco aus portug. feitiqo ,Zauber, Zaubermittel, Amulett, 
Götze' = lat. facticium. Es ist mir auch jetzt noch sehr wahrscheinlich, 
dass in j^seeretum ülvdy quod sola reverentia vident^ bei Tacitus 
Germ. Cap. 9 eine Hindeutung auf das unpersönlich gedachte ^gobd-n 
der Germanen zu suchen sei^. 

Der gleiche, wenn auch in fortgeschritteneren Gedankenkreisen sich 
abspielende Bedeutungsübergang vom Unpersönlichen zum Persönlichen 
liegt vor in lat. nümen = griech. veCjüia : griecb. veüui, lat. nuo (vgl. 
11. 1, 528: fj KQi Kuav^qaiv dir' dq)pu(yi veOae Kpoviuiv), das zunächst 
das gewährende Zunicken der Gottheit, dann die Gottheit selbst be- 
zeichnete (s. auch u. Gruss). 

Noch unerklärt ist die von Bflcheler Lex. Ital. IV zusammengestellte 
Sippe des italischen *aw-, *ai808, *ai8ar ,bai|Liu)v, 0e6<;', die vielleicht 
im Etruskiscben wurzelt (aiaot ' Oeoi uttö Tupp?ivuiv Hes., aesar Etrusca 
lingua ,deus', Suet. Aug. Cap. 97). Bücheier vergleicht den altgallischen 
Emsi?). 

Wohl erst mit dem Christentum hat sich nach dem Vorbild des 
griech. Kupioq, lat. dominus die Sitte in Europa verbreitet, Gott (wie 
auch Christus) als den Herrn kqt' iloxr\v zu bezeichnen. So in got. 
fraujay ahd. frö Voc, in lit. wUszpatSj eigentlich ,Herr der Sippe', 
in altsl. gospodt, eigentlich ,Herr des Fremden' (s. u. Gasthaus). 
Ähnlich ist im Griechischen be(TTrÖTT]q (s. u. Familie), eigentl. 
,Han8beiT' zu einer Bezeichnung des unumschränkten Herrschers wie 
der ansterblichen Götter geworden. Alle diese Fälle zeigen, welche 
Fülle von Macht einst den an der Spitze der einzelnen Familienver- 
bände stehenden Männern inne gewohnt haben muss. Auch in dem 
noch nicht sicher erklärten alb. zot ,Gott' (neben perendt, perndt aus 
lat. imperantem, kaum mit Pedersen B. B. XX, 231: lit. Perkünas) 
wird ,Herr' die ursprüngliche Bedeutung sein (vgl. neben zot noch zon'e 
,Herrin'). 

Mit dem Christentum musste auch der Gegensatz zwischen dem einzig 
wahren Christengott und den falschen Göttern der Heiden, der Begriff 
des Götzen, in Europa hervortreten. Altgermanische Ausdrücke hier- 
für sind got. galiuga-gup, ga-liug, ahd. abgot (got. afgups ,gottlos') 
n. a.^ während das erst spät bezeugte götze, (nach Bahder Beiträge 
XXII, 531 ff.) soviel wie ,kleiner Gott', die Bedeutung , Abgott' erst 
durch Luther erhalten hat und vorher das Abbild eines Kobolds oder 
oder Hausgottes bezeichnete. Besonders reich an Ausdrücken für die 
[begriffe Götze und Götzentempel sind die slavischen Sprachen (vgl. 



304 Gott — Gotutaurteil. 

MikloBich D. christl. Term. d. slav. Spr., Denkschr. d. Wiener Ak. 
XXIV, 36 f.). Dieselben gehen meist anf eine Grundbedeutnng 
Klotz, Säule, Statoe' Knritck, was au die u. Tempel bespro 
uralte Verehrung des Göttlichen nnter der Gestalt eine» Baamsta 
erinnert. — S. u. Religion. 

Götterbilder, ». Tempel. 

GotteHacker, s. Friedhof. 

Gottesdiener, s. Priester. 

Gottesdienst, s. Opfer. 

Gotteahaas, s. Tempel. 

Gottesartetl. Bei allen idg. Völkern findet sich, teils in S 
erhalten, teils als noch lebendiger Rechtsbranch, die Sitte, i 
Feuer- oder Wasserproben oder auch durch andere Ordale die S 
oder Unschuld eines Menschen zu erweisen. Am bedeutsamsten 
sie bei Indern nnd Germanen hervor, ohne jedoch in der »li 
Überlieferung der beiden Völker sicher bezeugt zu sein, da d( 
wohnlich als Beweis fttr Gottesurteile in vedischer Zeit betrat 
Hymnus II, 12 des Atbarvaveda kaum als solcher gelten kann 
Grill 100 Lieder des Ath. S. 50), und die römischen Autoren übe 
Germanen in dieser Hinsicht schweigen, umso reichlicher sim 
späteren Nachrichten, die von A. Eaegi Alter und Herkunft des ; 
Gottesurteils (Zürich 1887; dazu Liebermann Kesselfang bei den 
Sachsen im VII. Jahrli., Sitznngsb. d. Berl. Ak. 1896 Ö. 829 ff.), w 
ganze Frage zugleich vom reehtevei-gleichenden Standpunkt erörtei 
alle wichtige Litteratur gegeben wird, sorgtUltig gesammelt w 
sind. Bei Griechen und Römern ßnden eich dagegen nur w 
Zeugnisse für das Bestehen des Gottesgerichts im Süden unseres 
teils; doch fehlen sie nicht ganz. In der Antigone des Sopt 
(v. 264ff.) sagen die Wächter am Leichname des Polyneikes: 
i^Mev b' ?TOi|joi KOi nubpou? alpeiv xtpo'V 
Kai TIÜp bl^pTTEIV Ka\ %toii% 6pKU>^0T€iV, 
TÖ litixe bpätrai Miite tijj Euvcib^vai 
t6 npäffia ßouXEuOavri pr|b' elpfiKTp^vi^. 
Auf römischem Boden weist der Sclioliast Acren zu Uor. Ep. I, 1 
auf die auch anderwärts häufig vorkommende Probe des gewi 
Bissens bei Diehstahl mit den Worten hin: Cum in aervit «ui 
fwrti habetur, ducuntur ad sacerdotem, qui crustum panig cat 
infectum dat singulin : quod cum adaeserit ort, vtanifeste 
reum adserit. In beiden Nachrichten wird man Überbleibsel eii 
Volkskreisen sich erhaltenden uralten Brauches zu erkennen hat» 
Nimmt man demzufolge mit A. Kaegi (a. a. 0.) an, dass das G 
urteil in seinen ersten Anfängen als eine schon idg. Institption z 
trachten sei, so wird man ihren Grundgedanken am ehester 
dem Grundgedanken des idg. Eides (s. d.) erklären dürfen. 



Gottesurteil — Granatapfelbaum. 305 

älteste Eid ist ein Fluch, den man gegen sich ausspricht, indem man 
eine Person oder einen Gegenstand „beschwört" und meistens dabei 
„bertlhrt**, mit dem Gedanken, dass sie einem im Falle der Lüge Tod 
oder Verderben bringen mögen. Dabei wird vielfach, wie bei den 
Indem (vgl. Jolly Grundriss II, 8, 144), eine bestimmte Frist be- 
obachtet, innerhalb deren der Schwörende, wenn er nicht meineidig 
erscheinen soll, das heraufbeschworene Unglück nicht erleiden darf. 
Ganz ähnlich tritt z. B. bei der Feuerprobe der Schwörende in B e - 
rührung mit der Flamme, die er, etwa in Gestalt glühenden Eisens, 
eine Strecke weit trägt. Nach einer Frist von drei Tagen (vgl. Kaegi 
a. a. 0. S. 47, 50) wird dann untersucht, ob die Hand verräterische 
Wunden zeigt. So dürfte das Gottesurteil als nichts denn als eine 
verschärfte Form des Eides aufzufassen sein. Thatsächlich schliesst 
bei den Indem ^apdtha- ,Eid^ das Gottesurteil, und divya- ,Gotte8urteir 
den Eid mit in sich. Im Altnordischen steht guds skirsl ,Gottes 
Reinigung' (vgl. got. sJceirs ,rein') dem manna skirsl ,Menschenreini- 
gung' = Eid gegenüber. Agls. orddl (mlat. ordalium) ist ,ürteir. Aus 
anderen Sprachgebieten als dem indischen und germanischen sind alte 
Namen für Gottesurteil nicht bekannt. In der ältesten Zeit werden 
eben Eid und Gottesurteil mit denselben Ausdrücken (s. u. Eid) be- 
nannt worden sein. 

Göttliche Ordniing, s. Religion. 
Götze, s. Gott. 

Grab, s. Bestattung, Friedhof, Sarg. 
Granatapfelbaum {Punicum granatum L.). Er ist in Vorder- 
asien und einem Teil der Balkanhalbinsel einheimisch, während seine 
Verbreitung nach Italien und dem westlichen Teil des Mittelmeerge- 
bietes wahrscheinlich erst in historischer Zeit an der Hand der Kultur 
erfolgt ist (vgl. A. Engler bei V. Hehn s. u.). In Griechenland wird 
der Granatapfel zuerst in der Odyssee an denselben Stellen wie die 
Feige (s.d.) genannt. Sein Name griech. ^oiot, ^od (ngriech. ^oibrid, 
vgl. Hesych : ^libia) ist noch nicht genügend aufgeklärt. Für die An- 
nahme einer Entlehnung aus dem westsemitischen hehr, rimmön, arab. 
rummän fehlt jeder lautgeschichtliche Anhalt. Aber auch eine Deutung 
ans den idg. Sprachen, speziell aus dem Griechischen selbst, ist noch 
nicht gefunden. Eher entlehnt als poid dürfte eine zweite griechische, 
z. B. im Boeotischen geltende Benennung des Granatapfels, crißbri, aibr) 
(vielleicht auch Hi^ßri), sein. Es lässt sich zu npers. sSby kurd. siv stellen, 
die jedoch nur , Apfel' bedeuten. Vgl. noch alb. sege , Granatapfel' 
und serb. iipak ,Rose' und ,Granatapfer. 

Eine auf die iranischen Sprachen und das Armenische beschränkte 
Gruppe Ton Namen der Granate ist npers. när, kurd. endr, armen, nurn 
(vgl. jedoch Hübschmann Armen. Gr. I, 207). 

Zweifelhaft ist anch, ob die Italer den der Hera geweihten Baum 

Scbrader. Reallexikon. 20 



806 Oranataprelbaum — Grenze. 

durch die Griechen oder, worauf der lat. Name malum Punicum 
weist, vou den Puniern emptaageD haben. In Ägypten ist die Ki 
des Baumes, wie die Denkmäler beweisen, uralt. Sein ägj'ptis 
Name (kopt. erman, herman) wird ftlr verwandt mit dem wests 
tischen angeBehen und eine Einführung des Granatapfelbaums in Agy 
aus dem sUdlicIien Arabien, wie bei der Feige, angenommen 
F. Hommel Aufs. u. Abb. S. 98 und Sehweinfurt Zeitsebrift f. Et 
logie, Verhaudl. 1891 S. liöö). Nach der iberischen Halbinsel w 
der Granatapfelbanni erst durch die Araber gebracht. Im Portugiesis 
lantet daher sein Name noch heute roma, romeira. — Vgl. V. I 
Kulturpflanzen« S. 233ft. S. u. Obstbau und Baumzucht. 
Gran, g. Blaa, Schwarz und weiss. 
Greif. Es soll hier von den beiden geflügelten Wnndertii 
dem Greif und dem Draelien, gebändelt werden. 

Der Name des ersteren (griech. fP'^M') wird zuerst nach dem ari 
pischen Gedicht des Aristeas von Herodot (111, 116 etc.) genannt, der 
goldbittenden Greifen berichtet, denen die Anmaspeu im aussei 
Osten der damals bekannten Welt das Metall unter den Füssen 
nehmen {s. u. Gold). Das Wort tp^V ist ans hebr. kirüb entit 
Alle derartige Mischgestalteii wie Greife, Sphinxe, Cbimaera, Harj; 
sind Ausgeburten ägyptiscb-scntitiKclier Phantasie, anch auf Denknii 
der mykeniscben Kulturperiode naelnvoisbar. Speziell die Gestalt 
Greifen scheint von Babylon auszugehen. Auf Cheruben thront eb 
wie die babylonischen Götter der hebräische Jahwe i,vgl. E. Meyer 
schichte des Altertums I, 241 ff. und F. Delitzsch Wo lag da» Parad 
S. löl ff., wo auch ein babylon. kirübu als Name gewisser bat 
nischer Stiergottbeiten angeführt wird , die den hebr. Cberuben 
sprechen). Wie im Norden die Greife das Gold, bewachen nach 
Bibel (Gen. III, 24) die Cherube den Garten Eden. Im Lateiois 
mnss neben gryps ein ffryphus, *gripo bestanden haben, das in 
mittelalterliche Welt (it. griffo, abd. grifo, ir. grif) tlbergegangei 
wo der Vogel Greif uameutlich durch die Sage von Herzog I 
populär wurde. Unerklärt agls. giw ,Greif'. 

Der Drache (griecb. bpÖKuiv, vielleiebt : bepKOncii ,blicke') findet 
als mythisches Fabelwesen schon in der homerischen Dichtung, < 
wird bpÖKiuv ebenso wie das daraus entlehnte lat. draco (Ennins) . 
für die gewöhnliebe Schlange (s. d.) gebraucht. In die germanis 
Mythologie ist die Vorstelinng von einem geflUgeltcD Giftwarm, 
wie der Greif Schätze behütet, nebst seiner klassischen Benennung 
eingedrungen (abd. truccho aus dem neben draco bezeugten dn 
agls. draca, altn. dreki, auch ir. drac, draic). Das slaviscb-litani 
Fabeltier heisst altsl. smokä, lit. smäkas (woher?). 
Greise, s. Alte Leute und Erziehung. 
Grenze. Eine idg. Bezeiehnnng hierfür liegt in der Reihe n 



Grenze. 307 

marz, got. marJca ,Grenze', lat. margo ,Rand', ir. bru aus *mrog id., 
bruig, kymr., körn, bro ,Bezirk, Land, Gegend'. Vg]. auch griech. 
Teppuiv ,Grenze', r^p^a ,Zier = lat. termo, termen, unibr. termnom-e 
,ad terniinum' (sert. tärman- ,Spitze des Opferpfalils'). Als Grenzen 
der Völker und Stämme betrachtete man in alten Zeiten hauptsächlich 
Wälder und Berge. Hierauf weist, was die ersteren betrifft, das 
altn. mörJc ,Wald' = got. marka ,Grenze\ Aber auch altn. vihr, agls. 
widu, ahd. tvitUy ir. fid ,WaId, Holz, Baum' (: lit. widüs ,die Mitte, das 
Innere') und altpr. median^ lett. mesch ,Wald', lit. müdis ,Baum' (: lat. 
mediuHy altsl. mezda ,Mittc, Grenze', nsl. meja ,6renze, ünterwald, 
Dickicht, Zaun') erweisen den Wald als Grenzgebiet zweier Land- 
schaften gedacht (vgl. Biigge Beiträge XXI, 427 f.). Als Gebirge gefasst, 
zeigt sich die Grenze in der Gleichung scrt. pärvata- ,Gebirge, Fels' 
= griech. (Hom.) Treipara PI. ,das Äusserste, die Grenzen'. Vielleicht 
«ind aber auch die beiden neben einander liegenden griech. Wörter 
ipo^ ,Berg' und öpo-q ,6renze' (vgl. die mundartlichen Formen bei 
G. Meyer Griech. Gr.* S. 135, 136) im Grunde nur Differenzierungen 
eines und desselben Stammes. 

Hinsichtlich der Anlage künstlicher Grenzen ist als charakteristisch 
für primitive Verhältnisse besonders auf die Nachricht des Caesar De 
bell. gall. VI, 23 (vgl. IV, 3) über die Germanen zu verweisen: Cini- 
taiihus maxima laus est quam latüsime circum se vastatis finibus 
solitudines habere. Hoc proprium oirtutis existimant, expulsos agris 
finitimos cedere neque quemquam prope audere consistere: simul hoc 
se fore tutiores arbitrantury repentinae incursionis timore sublato. 
Die Einöde soll hier den undurchdringlichen Wald oder das unüber- 
steigbare Gebirge ersetzen ; denn Völker schliessen sich in alten Zeiten 
ab, nicht an. Merkwürdig früh werden aber auch zwischen den Ge- 
bieten einzelner germanischer Stämme richtige Grenzsteine genannt 
(Ammian. Marc. XVIII, 2, 15: Cum ventum fuisset ad regionem cui 
Capellatii vel Pala^ nomen est, ubi terminales lapides Alaman- 
norum et Burgundiorum confinia distinguebant . . . ). 

Innerhalb der einzelnen Stämme werden künstliche Eigentums- 
grenzen gegenüber dem Umstand, dass der Grund und Boden noch lange 
Zeit den Familienverbänden gehört und bei den Aufteilungen Ackerland 
die Hülle und Fülle vorhanden ist (vgl. Tacitus Germ. Cap. 26 : FaciU- 
tatem partiendi camporum spatia praestarif) erst verhältnismässig spät 
aufgekommen sein. Ist aber erst die Idee des Privateigentums an Grund 
und Boden erwacht, so wird dasselbe so ängstlich wie jedes andere 
Eigentum (s. u. Diebstahl) gehütet. In Rom bestimmte schon ein dem 
Numa zugeschriebenes Gesetz: Eum qui terminum exarassetj et ipsum 
et baves sacros (,verflucht') esse. Aber auch bei den Germanen wurde 
nach den Bestimmungen der ältesten Gesetze die Zerstörung oder Ver- 
rückung der Grenzzeichen (Erdhaufen oder Wälle, Steine, Mahlbäume) 



308 Gi-osseltem — Grasahnntlert. 

mit den schwersten Strafen geahndet (vgl. Anton Geschichte der tents 
Landwirtschaft I, 64 ff.). 

Grosseltern. Unter ihren Benennungen lässt sich zunächst 
als vorhistoiiscl) erweisen : armen, bav ,Gro88vater, Vorfahr' 
Hfibsehmann Armen. Gr. I, 465) = lat. avns ,Gro88vater', und got. 
,Gro8Sniutter' (inundartl. im Deutschen aawa ,GrosBvater', attn. de 
grossvater'; anch altn. aß ,Gro88vater' würde nach Noreen lautge 
lieh hierhergehören). Delbrflck Verwandtschaftsnanien 8. 482 leitet 
Stamm *avo- von scrt. dcati ,er fördert, behütet, hat gern' ab 
deutet aviis als ,Gönner'. Erwägt man aber, wie alle derartige ,. 
lische" Deutungen der Verwandtsehaftsnameu (scrt. duhitdr- ,Toe 
als „Melkerin", scrt, detdr- ,Schwager' als „Spieigenosse" etc.) siel 
hintUllig erwiesen haben, so wird man auch gegen diese an sieh 
mögliche Erklärung misstranisch werden. Wahrscbeiniieher sei 
es, dasB *avo-, woranf schon das Armenische hinweist, ursprünj 
allgemein die Alten und Vorfahren bezeichnete, wie dies wohl 
bei dem Stamme *ano- der Fall ist : alul. ano ,GroBBvater', ana ,G 
mntter', lat. anua ,alte Frau', altpr. ane ,GrosBmutter', lit. an^a 
Schwiegermutter', eigentl. die Mntter des Sohnes vom Hause, in 
Dainos der Schwiegertochter gegenüber gewöhnlich als sehr str 
dargestellt (Kurschat), „die Alte", griech. (ivvi? ,Gros8mntter' (K 
Über die Etymologie der beiden Stämme lässt sieb freilich nichts siet 
sagen. In bemerkenswerter Nähe des ersteren seheint die Praepoe 
scrt. ava ,von her', des letzteren die Praeposition griech. Ävä ,hii 
zu liegen, so dass man vermuten könnte, in ""ano- seien die Vorfa 
als diejenigen aufgefasst, z n denen man als Ausgangspunkt des 
schlechtes hinauf blickte, während man in *avo- diejenigen bezi 
nete, von denen man seinen Ursprung ableitete. Doch kann i 
verkannt werden, dass derartige alsdann vorauszusetzende Bildui 
von Praepositionalstämmcn sich schwerlich auf Analoga stützen kön 

Zusammenbang zeigt auch altsl. dedü ,Gro8svater' mit giiecb. 
,Grossmutter', vielleicht ursprunglich Lallwörter, der ' Kinderspr 
entstammt. Tm übrigen sind die Namen der Grosseltem vielfach 
Adjektiven wie „gross" (scrt. pitämahd-, pitämaki-, mätämaha-, m 
mahi-, griech. Hes. ^£TaXo^l^Ttlp) oder „alt" (ir. nenmnthir, lit. 
Uwis, auch bloss sinis ,.\iter'i gebildet und bieten sachlich nichts 
Interesse. 

Etymologisch dunkel sind : aw. nyäka-, npers. nit/ä u. s. w ,Gi 
vater' und alb. ^ü« desgl. Ein Lallwort ist griech. Trömro^, armen, j 
Bemerkenswert ist, dass die Namen des Grossvater« mehrfach 
Neigung zeigen, in den Einzelsprachen mit andern Ableitungen 
Vater- oder namentlich den Mutterbruder zu bezeichnen. S- dari 
u. Oheim. — S. ferner u. Vorfahren. 
GroHshnnilert, s. Zahlen. 



Gruben Wohnungen — Gruss. 309 

Grabenwohnnngen« s. Unterirdische Wohnungen. 
Grfin. U. Gelb ist auf die Ableitungen von den beiden Wurzehi 
ghd und ghd hingewiesen worden, welche in der Urzeit diejenige 
Farbennuance bezeichneten, die in dem Gelblich-Grünen der jungen 
Vegetation zu Tage tritt. Aus dieser Sippe sind dann namentlich 
Wörter für Gelb, aber auch solche für Grün (Hellgrün) hervorgegangen. 
Am deutlichsten zeigt sich diese letztere Bedeutung in dem schon ho- 
merischen x^-w)p6<;, zu dem für dunklere Töne des Grün später Wörter 
wie 7roiiub?i<; ,grasgrün' und 7rpä(Tivo<;, Tipaaoeibriq ,lauchgrün' hinzu- 
treten. Ebenfalls das Hellgrüne des ersten Pflanzentriebs meint ohne 
Zweifel das gemeingerm. ahd. gruoni, altn. groenn, ein Verbalad- 
jektiv zu agls. gröwarif engl, to growy also eigentl. jgewachsenes', 
und wohl auch die italo-keltische, nicht weiter auflösbare Gruppe: lat. 
viridis, tireoj viror, altkymr. guird (gl. herbida), körn, guirt (gl. vi- 
ridis i, *virj0'8. Für Dunkelgrün wird im Lateinischen merkwürdiger 
Weise das sonst für Blau übliche caeruleus (so werden z. B. Gurken 
uüd Wiesen genannt) mit gebraucht. V-gl. noch ir. üane ,grün' und ür 
^viridis*, kymr. ir id. {^üro-s). — S. u. Blau, Farbe, Farbstoffe. 
Orandeigentum, s. Ackerbau und Eigentum. 
Ornss« Im allgemeinen kann man sagen, dass auf niederen 
Kulturstufen die Intensität und Mannigfaltigkeit der Begrüssungsforma- 
htaten eine grössere als auf höheren ist, und dass wiederum innerhalb 
des Kreises der Kulturvölker Asien von jeher den Zeremonien der 
Höflichkeit und Ehrerbietung eine grössere Bedeutung als Europa bei- 
gemessen hat. Während aber über dieses wichtige Gebiet der Sitte 
vom Standpunkt der vergleichenden Völkerkunde oft und eingehend 
gehandelt worden ist (vgl. H. Spencer Principles of Sociology II, 1, 
ihering Der Zweck im Recht II, 640 flF., Wundt Ethik * S. 176 flf.), 
hat man den Versuch, eine eigentlich historische Entwicklung der 
(Snisssitten, der Formen der Höflichkeit und Etikette, auf dem Boden 
der idg. Völker darzustellen, noch nicht gemacht. Auch scheint es, 
dass es bei den europäischen Nordvölkern, Kelten, Germanen, Litauern 
und Slaven, die sonst so oft die Kulturzustände der Urzeit aufs treuste 
bewahrt haben, an Nachrichten über ursprüngliche Grusssitten fast 
ganz gebricht, während wir hinsichtlich der Inder (vgl. B. Delbrück 
Verwandtsebaftsnamen S. 178 ff. „Die Grussordnung"), sowie der Griechen 
und Römer (vgl. Sittl Gebärden der Griechen und Römer, besonders 
Oap. 5 und 9) besser bestellt sind. 

Vorläufig kann daher im Folgenden nur auf eine Reihe von Einzel- 
heiten hingewiesen werden, die unter die Stich worte 1. Bedeutung 
der rechten Seite, 2. Verbeugung, 3. Händedruck, 4. Kuss, 5. Grüssen 
und Gruss eingeordnet werden mögen. 

1. Bedeutung der rechten Seite (s. auch u. Rechts u. links). 
Für den Süden wie für den Norden Europas wird von den Alten die 



310 Gruas. 

Sitte bezeugt, sieb bei dem Gebet zu den Göttern nach der re 
Seite zn wenden. Vgl. Theognis v. 944: betxdq deaväioi^ ( 
^neuxÖM€voq, Plant. Cnrcnl. v, 70: Si deoe xalutas, dextrororsum et 
Posidonius bei Alhenaeus IV, p. 152 Über die Kelteu: Ka\ tov^ 
itpoOKuvoööi ini TÖ beEiä orpevÖMevoi. In merkwürdiger Übereil 
niung hat sich hieraus bei Indem und Kelten die Gewohnheit entn-i 
einer zu ehrenden Persönlichkeit die rechte Seite zuzuwenden un 
in dieser Stellung zu umwandeln : das indische pradakshina- : ddks 
,rechte' und das irische deiseai. : deas, dese .rechts' (vgl. nähere 
A. Pietet Les Origiues II, 498 ff.). 

2. Die Verbeugung. Der indische Ausdruck für die den 6i 
und Ahnenseelen zu zollende Verehrung lautet ndmas-, unzweifi 
zu scrt. näniate ,er verbeugt sieh' gchOrig. Ist es nnn richtig, 
mit diesem scrt. ndmas- auch ir. nem, kymr. nef {*nemos-) ,HiD 
altgall. v^piiTov (Heiligtum', lat. nemus (heiliger) ,Hain' als Ort» 
,Verehmng' oder ,Verbengnng' zusammenhängen (anders ühlei 
Et. W. d. altind. Sprache S. 143^, so wflrde es zugleich wahrsche 
werden, dass die Verbeugung als eine uralte idg. Form der Verel 
des Göttlichen angesehen werden muss. Thatsächlich tritt dieselbe ai 
ganz rohen Kultn.«fi>rmen auf idg. Boden uns entgegen, wie z. B. voi 
Langobarden berichtet wird, dass sie ein göttlich verehrtes Ziegenl 
submissis cervicibus angebetet hätten (vgl. J. Griram D. Myth. I ' 
oder von den heidnischen Russen, dass sie sich vor kleinen Sti 
die sie wie Götter verehrten, in Demut verbeugten (Ihn Foziai 
Thomsen Ursprung d. mss. Staats S. 31). Wann zuerst die V' 
gung auch Menschen gegenüber als Gruss oder Zeichen der I 
bietUDg aufkam, ist des uäheren nicht zu sagen. Die Grieche) 
Römer (Sittl S. 155) kannten das ütiokuttteiv und caput deicer 
im Verkehr des Sklaven mit dem Herren. Remerkenswert ist da; 
got. hnaiws ,deniütig, niedrig' : knetwan ,sich neigen' = lat. nico, 
jZWinkern', das für die Germanen auf eine allgemeine Sitte der Vi 
gung Höheren gegenüber hinzuweisen scheint. Auf der andern Seit« 
die leichte Senkung des Hauptes von Seiten des Höheren, name 
auch der Gottheit, griech. vtinu ^ lat. nuo (über nämen s. u. < 
frühzeitig als ein Zeichen huldvoller Gewährung aufgefasst worden 
Auch dieses ist eine Art der Vemeigung, deren Bedentung sich in 
drücken wie lat. inclinatio .Zuneigung', nhd. ,Neignng', ,Abnei 
(seit wann in diesem Sinne belegt?) spiegelt. 

Das äusserste Extrem der Vemeigung ist das sich Niederwt 
zu Füssen des verehrten Gottes, Menschen oder Gegenstandes, das 
die Griechen als (npoöirinTeiv Kai) TTpo^Kuvetv .anküssen' (von ei 
zu KÜuiv gestellt: ,anhündeln') bezeichneten. Es ist von den Gri 
und Römem der guten Zeit Menschen gegenüber immer als Ans£ 
orientalischen Sklavensinns betrachtet worden (vgl.Xenoph.Anab.III, 



Grußs. 811 

oubcva Top äv0pu)TTOv beairÖTTiv, dXXd Touq Qeovq 7TpoaKuv€iTe, Com. 
Nep* Conon Cap. 3: Necesne est enim [chiliarchus Cononi dixit], si in 
conspectum [sc. Ärtaxerxis] veneria, venerari te regeniy quod Jigoa- 
xvvfjöiv Uli vocantj Entropius IX, 26: Diocletianus — adorari se 
üiSJtif, cum ante eum cuncti salutarentur), und auch die Germanen 
und andere Nordvölker scheinen, soweit man aus den auf den Säulen 
des Trajan und Marc Aurel dargestellten Scenen schliessen kann, selbst 
als Besiegte diese Art der Unterwerfung unter den Sieger nicht 
gekannt zu haben. Charakteristisch ist in dieser Beziehung auch eine von 
Velleius Paterculus II, 107 geschilderte Scene. Ein Gerniane rudert 
auf seinem Einbaum über die Elbe, um den Caesar anzustaunen. Es 
wird ihm gestattet, die Hand desselben zu berühren. Nachdem er dies 
gethan, fährt er zu den Seinen zurück. Jeder Orientale würde sich 
vor dem Herrscher der Welt auf den Boden geworfen haben. Ob auch 
im Kultus das irpocTKuveiv den Germanen fremd war (über das pedibus 
protolri in christlicher Zeit vgl. J. Grimm a. a. 0.), muss dahin ge- 
stellt bleiben, der heidnische Russe wirft sich vor der grössten der 
oben genannten hölzernen Figuren ganz auf den Boden nieder. Be- 
merkt sei hier noch, dass in den heidnischen Riten mancher sonst 
nur auf den niedrigsten oder weit abgelegenen Kulturstufen erhaltene 
verwickelte Brauch der Ehrfurchtsbezeugung wiederkehrt. Ein solcher 
Fall liegt Tacitus Germ. Cap. 39 vor: Nemo nisi vinculo ligatus 
ingreditur (den heiligen Hain der Semnonen), ut minor et pofestatem 
numinis prae se ferenSy wenn man dazu die Mitteilung H. Spencers 
a. a. 0. S. 126 hält: ^.A sign of humility in ancient Peru wcts to 
Tuive the hands hound and a rope round the neck : the condition 
of captites u:as simulated^. 

In der Mitte zwischen der blossen Verbeugung und dem sich Nieder- 
werfen steht der Fussfall, als Zeichen des Bittflehenden wohl früh 
durch ganz Europa verbreitet und ebenfalls in engem Zusammenhang 
mit der Gottesverehrung stehend. Vgl. Od. XIII, 230 f.: 

crol Yctp ^T^ T€ 
eöxo^ai &q T€ Geuj Kai creu qpiXa to^JvaG' kdvw. 
Oft wird von den römischen Historikern erzählt (Sittl S. 156), wie 
Könige und Gesandtschaften bittflehend vor dem Senat oder den Feld- 
hcrrn niederknien. In sprachlicher Beziehung bemerkenswert ist das 
got- knussja7i ,TOvuTr€T€iv' als dunkle und uralte Ableitung von scrt. 
jfkU'y aw. inu-, griech. yvu- (in irpöxvu) ,Knie\ Zu einem Akte der De- 
votion innerhalb der eigenen Volksgenossen hat sich das Knieen 
aber erst rm Mittelalter entwickelt (vgl. Ihering a. a. 0. S. 646 f.). Einen 
ersten Beleg hierfür bietet das angelsächsische Gedicht Der Wanderer: 
^E» scheint ihm in seinem Gemüte, dass er seinen Lehnsherren um- 
arme und küsse und ihm auf die Kniee lege Hände und Haupt^. 
Viel früher ist in Indien (vgl. Delbrück S. 181) das upasamgraharm- 



312 Grase. 

jdas Umfassen der FüSBe' zu einer weltlichen, höchst wichtigen, Le 
und anderen RespektsperBonen gegenUher auszuabeoden Gmaszere] 
geworden. 

3. Händedruck. Während die im bisherigen berührten Forme 
Ehrerbietung oder Höflichkeit vielleicht im Kultus wurzeln oder ii 
zunächst nachweisbar sind, wird der Handschlag, tö 4v xEipc(i<n q>üi 
wie er bei Homer heisst, von Anfang an in weltlichen Verhält] 
seinen Ursprung haben. Ihering a. a. 0. S. 649 deutet ihn al 
ursprüngliches Symbol der Friedcnsversichemng \ denn man macl 
Rechte wehrlos, indem mau sie dem Gegner darbiete. Tbatsä< 
hat der Handschlag in diesem Sinne noch später im Süden wj 
Norden eine hohe Bedeutung. Eine äusserst primitive und venvii 
Zeremonie dieser Art schildert Tacitus Ann. XII, 47 bei altarmeni 
Königen: ^fon est regibus, quotiena in societatem coeant, impi 
dextras pollicesque inter ne vincire nodoque praestringere; mo. 
aanguia in artus extremoa auffuderit, levi ictu cruorem eliciuut 
in vicem lamhunt [über die Bedeutung des Blutes beim Sehliessc 
Freundschaften s, u. Freund und Fein d). Auch sonst is 
Rechfssymbolik der Hand (vgl. Sittl a. a. 0. S. 1^9 ff., J. Grimm 
S. 137 f.) überall eine grosse, worauf hier nicht weiter eingegj 
werden kann. S. u. Familie und u, Heirat (Handergreif ung). 
allgemeinen kann man sagen, dass dem Handschlag immer ein tii 
Sinn als beute zu Grunde lag, und er noch nicht wie jetzt zu 
bedentungslosen Förmlichkeit der Höflichkeit herabgesunken war 
für das klassische Altertum Slltl S. 27 ff.). 

4, Der Kuss. Eine idg. Gleichung hierfür ist bis jetzt nicht 
gewiesen worden, da das mit dem griech, kuveuj, fKuC-öa ofl 
glichenc scrt. hitsyoti nicht belegt ist, und die mit dem gricchii 
Wort ebenfalls zusamniengestelitcu altkorn. cussin, mkymr. cussan , 
Lehnwörter ans dem gemeingenn. altn. kosa, agls. coas, ahd. km 
bus ,Lippe'y daneben got. kukjan ,küssen',j sind (vgl, Brngmann G 
riss II, 971 '). Da die Ethnographie lehrt, dass viele Völker den '. 
nicht kennen (im Altertum wird es 2. B, von Valerius Maximus 
17 hinsichtlich der Numider berichtet}, so braucht dieses Vers;ige 
Etymologie kein zufälliges zu sein. Doch kUsst man sich sclioi 
Homer (aber nicht auf den Mund) aus vcrscliiedenen Anlässen 
teres über den Kuss bei Griechen (später (piXetv, eigentl. .lieben' fD 
ältere Kuveiv) und Römern, bei denen das i«,« oaculi toaculum 
,Mund' neben aädum und btisium; vgl. G. Goetz The«. 1, 131} das 
recht eines bestimmten Verwandtschaftskreises bildet, vgl. bei Sittl a. 
S. 36 ff. Über die Germanen wissen wir aus älterer Zeit fast i 
(einiges vgl. bei J. Grimm II *, 1 iJöö). Im Beowulf ist zwar der Ku 
1871; s. auch o.) bekannt: doch spielt in diesem Epos die höfische 
kette (vgl. z. B. V. 3Ü9: Wulfgdr aide dugube peaic „W. kannt 



Gruss. 313 

höfische Sitte^ und trat in Folge dessen nicht direkt vor, sondern seit- 
wärts, for eaxlum seines Herren) eine so grosse Rolle, dass man von 
hier kanm auf frühere Zeiten schliessen kann. 

Zu einem gewöhnlichen Gruss (wie heut zu Tage in vornehmen Fa- 
milien unter Gleichgestellten und