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Full text of "Reise in die aequinoctial-gegenden des neuen Continents in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1803 und 1804"

/^ 




R e 



1 s e ^ 



in die 



A equinoctial - Gegenden 



des 



neuen Continents 

in den Jahren 17995 1800, 1801, 1802, i8o3 
und. 1804. 



Verfafst 



Alexander von Humboldt 

und 



A. Bonpland. /^Ii^??S^.-L> 
Dritter TheiL \^'^3^^^i'^X 




Stuttgart und Tübingen, 
in der J. G. Colta'schen Buchliandiun 
1820- 



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P e i s e 

in die 

Aequinoctial'Gegenden 

des 
neuen Continents. 



Fünftes Buch. 



Vierzehntes Kapitel. 

Erdbeben von Caracas. — Zusammgnhang dieser Erscheinung mit 
den vuicanischen /liisbriichen der Antil„en ■ Eilande. 



Wir verliefsen Caracas am 7. Hornung Ley der 
Abendkühle, um die Wanderung nach dem Orenoko 
anzutreten. Die Erinnerung dieser Abreise ist 'reiren- 
wärtig schmerzhafter für uns, als sie vor etlichen Mo- 
naten Avar. Unsere Freunde sind in den blutigen Ke- 
volutionen umgekommen, welche diesen fernen Land- 
schaften die Freyheit vvechselsweise gaben oder raubten. 
Das Haus, welches wir bewohnt haben, ist nur noch 
ein Schutthaufen j schreckliche Erdbeben haben die 
Oberfläche des Bodens umgekehrt. Die Stadt, welche 
ich beschrieben habe, ist nicht mehr vorhanden. Auf 
der nämlichen Stätte, auf dem zerrissenen Erdboden, 

yllex. V. Humboldti hist. Reistn. III. j 



2 B u c h y. 

erhebt sich allmählig eine neue Stadt. Bereits sind die 
aufgehäuften Trümmer, die Gräber einer zahheichen 
Bevölkerung, neuerdings Wohnungen der Menschen 
geworden. 

Meine Darstellung von Veränderungen, die eine so 
allgemeine Theilnahme aufregen, begreift Ereignisse, 
welche erst lange nach meiner Rückkunft in Europa 
vorgefallen sind. Die Volksbewegungen und die Um- 
wälzungen, welche der gesellschaftliche Zustand erlitten 
hat, übergehe ich mit Stillschweigen. Die neueren 
Völkerschaften sorgen für ihr Gedächlnifs, und sie las- 
sen die Geschichte menschlicher Revolutionen, welche 
eine Darstellung heftiger Leidenschaften und eingewur- 
zelten Hasses ist, nicht in Vergessenheit übergehen. 
Anders verhält es sich mit den Revolutionen der phy- 
sischen Welt; diese werden um desto nachlässiger be- 
schrieben , wann sie mit den bürgerlichen Zwisten zu- 
sammentrafen. Die Erderschütterungen und die Aus- 
brüche der Vulcane wirken mächtig auf die Phantasie, 
durch die Zerstörungen, welche sie nothwendig zur 
Folge haben. Die Ueberlieferung greift vorzugsweise 
nach allem, was unbestimmt und wunderbar ist, und 
der Mensch scheint, in grofser öffentlicher Noth wi» 
im Privatunglück, das Licht z\x scheuen, welches übe«* 
die wahren Ursachen der Ereignisse Aufschlufs erthei- 
len, und die sie begleitenden Umstände in ihrer Ver- 
bindung darstellen könnte. Ich habe geglaubt, in die- 
ses Wei-k aufnehmen zu sollen, was ich Zuverlässiges 
inne ward von den Erdbeben des 26. März 1812, durch 
welche die Stadt Caracas zerstört worden ist, und in 
der Provinz von Venezuela über zwanzigtausend Ein- 
wohner fast in einem Augenblicke umgekommen sind. 
Die Verbindungen, welche ich fortgehend mit Personen 
aus allen Ständen unterhalten habe, setzten mich in den 



Kapitel XIV. 3 

Stand , die Erzählunn;en verschiedener Augenzeugen 
untereinander zu vergleichen, und ihnen über Gegen- 
stände, welche der allgemeinen INaturlehre Aufschlüsse 
Iringen mögen, Fragen vorzulegen. Als Geschicht- 
schreiber der Natur soll der Keisende die Angaben über 
grofse Catastrophen erwahren, ihren Zusammenhang 
und ihre gegenseitigen Verhältnisse ergründen, und in* 
schnellen Laufe der Zeiten, in der ununterbrochenen 
Bewegung der einander folgenden Veränderungen feste 
Puncte bezeichnen, welche für die Vergleiclmng an- 
derer Catastrophen in der Zukunft dienen mögen. In 
der unermefslichen Zeitfolge, welche die Geschichte der 
Watur umfafst, nähern sich einander alle einzelnen Zeit' 
puacte (hpochen). Die verflossenen Jahre ersclieinen 
nur noch als Augenblicke; und wenn auch die Natur- 
beschreibungen eines Landes sehr allgemeine oder sehr 
lebhafte Theilnalime nicht erregen, so haben sie wenig- 
stens den Vortheil, dafs sie nicht veralten. Von ahn- 
liehen Betrachtungen geleitet, hat auch Hr. de la (jon- 
damine, in seiner /let.ye nach dem Aequator, jene denk- 
würdigen Ausbrüche des Vulcanes von Cotopaxi bc' 
schrieben *}, welche eine geraume Zeit nach seiner Ab- 
reise von Quito sich ereigneten. Wenn ich dem Bey- 
spiele dieses berühmten Gelehrten folge, so glaube ich 
um so weniger Tadel zu verdienen, als die Ereignis- 
se, welche ich schildern werde, der Theorie Avr- viil- 
canischen Rückiüirkiingen ^ oder des Einflusses, wel- 
chen das Viilcanen - System über einen weiten Land- 
umfang aus'ibt, zum Belege dieneh wird. 

In der Zeit, wo Hr. Bonpland und ich in den 
Provinzen von Neu- Andalusien, Neu- Barcelona und 



*) Es sind diejenigen vom 3i. ISovcmber 1744 und vom 
5. September ijSo ilrUrod. hüt.^ p. i56 und 160.) 



4 B n c h V. 

Caracas verweilten^ herrschte überall die Meinung, es 
seyen die östlichsten dieser Küstengegenden Aen zer- 
störenden Wirkungen der Erdbeben am meisten aus- 
gesetzt. Die Einwohner von Cumana scheuten das 
Thal von Caracas um seines feuchten und wechselnden 
Clima's, um seines neblichten und melancholischen Him- 
mels willen. Die Bewohner dieses gemäfsigten Thaies 
sprachen von Cumana als von einer Stadt;, in der man 
beständig eine glühende Luft athmet, und deren Boden 
heftigen periodischen Erschütterungen ausgesetzt ist. 
Der Verheerungen von Riobamba und anderer sehr 
hochgelegener Städte uneingedenk , und unbewufst, 
dafs die aus Glimmerschiefer gebildete Halbinsel Araya 
den Bewegungen der KaJkküste von Cumana nicht fremd 
bleibt, glaubten auch wohlunterrichtete Personen, in 
der Bildung derUrfelsen von Caracas und in der hohen 
Lage dieses Thaies Sicherheitsgründe zu finden. Kir- 
chenfeste, welche in Guayra und in der Hauptstadt 
selbst bey nächtlicher Weile begangen wurden *), er- 
innerten zwar daran, dafs die Provinz Venezuela von 
Zeit zu Zeit Erdbeben erlitten hätte j aber Gefahren, 
die nur selten wiederkehren, mögen auch nur geringe 
Furcht erregen. Im Jahr 181 1 hat eine grausame Er- 
fahrung den Zauber der Theorien und des Volksglau- 
bens zerstört. Caracas, im Gebirge gelegen, drey Grade 
westlich von Cumana, und fünf Grade westlich von dem 
durch die Vulcane der Caraiben -Eilande gehenden Me- 
ridian, erlitt heftigere Erschütterungen, als solche je 



*) Zum Beispiel die nächtliche Procession vom aistenOctober, 
welche zum Gedächtnifs des grofsen ErdLebens veranstaltet 
ward, das am gleichen Monatstag um ein Uhr nach Mitter- 
nacht im J. 1778 statt fand. Andere sehr heftige Erschüt- 
terungen waren die von 1641, i7o3 und 180a. 



Kapitel XW. 5 

zuvor an den Küsten von Paria und Neu- Andalusien 
waren verspürt vi^>prden. 

Mir war, schon bey meiner Ankunft auf der Terra 
Firma, die Verbindung zwcyer Naturereignisse, der 
Zerstörung von Cumana am 14. Christmonat 1797, 
und der vulcanischen Ausbrüche in den kleinen An- 
tillen •"') , auffallend vorgekommen. Die Zerstörung 
ron Caracas, am 26. März 1812, hat diese Verhält- 
nisse neuerdings zu Tage gelegt. Der Vulcan von Gua- 
deloupe schien im Jahr 1797 auf die Küsten von Cumana 
zurückgewirkt zu haben. Fünfzehn Jahre später war 
es ein dem Festlande näher gerückter Vulcan, derjenige 
ron St. Vincent, welcher seinen Einflufs bis nach Ca- 
racas und an die Gestade des Apure ausdehnte. In 
beyden Epochen befand sich wahrscheinlich der Mit- 
telpunct des Ausbruchs ungemein tief, und in gleich- 
mäfsiger Entfernung von den Gegenden , nach denen 
hin sich die Bewegung auf der Erdoberfläche fort- 
pflanzte. 

Seit Anfang des Jahres 1811 bis zum Jahr 181 3 ist 
eine weit ausgedehnte Landschaft '"•■'•')^ die vom Meridian 
der Azoren- Eilande , Vom Thale des Ohio, von den 
Cordilleren Neu- Granada's, von den Küsten Venezue- 
la's und von den Vulcanen der kleinen Antillen begrenzt 
wird, beynahe gleichzeitig durch Erschütterungen be- 
troff'en worden, die man unterirdischen Feuerheerden 
zurechnen kann. Die hier folgende Aufzählung be- 
greift die Ereignisse, welche Verbindungen in weiten 
Entfernungen anzudeuten scheinen. Am 3o. Jenner 



*) Man vergleiche oben, Th. I. Kap. IV. S. 494- 4 

*•) Zwischen dem 5ten und 36sten Grad nördlicher Breite, 

und dem Sisten und gisten Meridiangrade westlich von 

Paris. 



6 B u c h r, 

1811 nahmi ein Vulcan auf dem Meeresgrunde, in der 
Nähe von St. Michael, einer der Azoren-Inseln, seinen 
Ausbruch. An einer Stelle, wo das Meer soch/ig Klaf- 
ter Tiefe besafs, hob «ich ein Fels über die Wasser- 
fiäche. Das Emporsteigen der erweichten Erdrinde 
scheint dem Flammenausbruche de? H raters voran^e- 
gangen zu seyn *}, wie dies "leichmäfsig bey den Vul- 
canen von Jorullo , in Mexico, und 7ur Zeit der Ent- 
stehung der Insel von Klein Kameni, in der Nähe von 
Santorino beobachtet worden ist Das neue Kiland der 
Azoren war anfänglich nur rine unbeträchtliche Klip- 
pe, ^ie aber am j5. Junius durch einen neuen, sechs 
Tage andauernden Ausbruch vergrüTert ui'd nach und 
nach zur Höhe von fünfzig Toisen über der Meeres- 
fläche erhoben ward. Dies neue Land , wovon der 
Schiffscapitain Tillard im Namen der brlttischen Re- 
gierung ungesäumt Besitz nahm, und das er die Insel 
Sabrina benannte, hatte C)0o Toisen im Durchmesser. 
Es scheint seither wieder im Ocean untergegangen zu 
seyn. Zum dritten Male haben bereits nun Vulcane 
im Meeresgrund, unfern von der St. Michaers-Insel, 
diese aufserordentliche Erscheinung wiederholt; und 
als geschähen die Ausbrüche dieer Vulcane in regel- 
mäfsigen, durch eine gewisse Ansammlung ela'^tischer 
Flüssigkeiten bestimmten Zeiträumen, ist die kleine Insel 
jedesmal nachVerflufs von 91 oder 92 Jahren**) wieder 



') Man vergleiche oben, Th. I. Kap. 2 S. 25/<. 

**;) Al< .tf- Biuriy Geogr. unii'. , Tom. V, p. 177 — 180. Et 
wallet zwar noch einiger Zweifel xiher den AusJiruch von 
1628, welchen Analere auf 16)8 iibertragen. Der Meeres- 
grund ward jederzeit in der INahe der Insel St. Michael 
emporgehoben , obgleich nicht gon.iu auf der nämlichen 
Stelle. Beinerkenswerth ist es , dais das Ideine Eiland von 



/ 

Kapitel XIV. 1 

2um Vorschein gekommen. Man kann nicht anders als 
bedauern, dafs der geringen Entfernung unerachtet, we- 
der eine europäische Regierung noch eine gelehrte Ge- 
sellschaft, Naturforscher und Geologen auf die Azoren- 
Inseln zur näheren Unteisuchung einer Erscheinung ab- 
ordnete^ welche der Geschiclite der Vulcane und der- 
jenigen des Erdballs überhaupt wichtige Aufschlüsse lie- 
fern konnte. 

Die, 800 Meilen südwestlich von den Azoren ge- 
legenen, kleinen Antillen erlitten zur Zeit der neuen 
Insel Sabrina vielfältige Erschütterungen. Ueber zwey- 
hundert Erdstöfs« wurden vom Maymonat 1811 bis zum 
April 1812 auf der Insel Saint- Vincent, einer der drey 
Antillen, welche noch wirksame Vulcane haben, ver- 
spürt. Die Bewegungen blieben keineswegs auf das 
Inselland des östlichen America beschränkt. Seit dem 
16. December 1811 befand sich die Erde in einer bey- 
nahe anhaltenden Bewegung in den Thälern des Mis- 
sissipi, des Arkansaw und des Ohio. Die Schwingungen 
waren schwächer auf der Ost- als auf der Westseite der 
Aileghany - Gebirge in Tennesee und Kentucky. Sie 
waren mit einem beträchtlichen, von Südwest herkom- 
jnenden, unterirdischen Donner begleitet. An einigen 
Stellen zwischen Neu-Madrit und Little-Prairie, so wie 
bey der Saline nördlich von Cincinnali, unter 87° 46' 
der Breite, wurden die Stöfse täglich und beynahe stünd- 
lich mehrere Monate durch verspürt. Diese Gesammt- 
Erscheinungen dauerten vom 16. December 1811 bis 
ins Jahr i8i3- Die anfangs südwärts auf das Thal dei 



1720 gefiau die ixämlicIjeHöhe erreicht hat, welche die Insel 
Sabrina im Jahr 1811 erreichte. Man sehe oben, Th. t. 
Kap. 1. S. 128. 



8 B u c h F. 

untern Missis«ipi bpgriinz.ten Bewegungen schienen all- 
mählig gegen INorden vorzuschrciten y. 

Zur gleichen Zeit, wo in den transalleghanyschen 
Staaten diese lange Reihenfolge von Erdheben ihren 
Allfang nahm, im Uecemher iSn^ erlitt die Stadt (Ca- 
racas, bey stillem und heiterem Wetter, einen ersten 
Stofs, Dies Zusammentreffen der Erscheinungen war 
vermutlilich kein blofser Zufall 5 indem man nicht ver- 
gessen darf, dafs der weiten Entfernung dieser Gegen- 
den uiierachtet, die ISiederungen von Louisiana mid 
die Küsten von Venezuela und Cumana dem gleichen 
Becken, nämlich dem des Antillen Meeres angehören. 
Dieses mit mehreren Aiissänoen versehene IMittelmeer 
nimmt seine Hichtunsf von Noidost nach Nordwest, und 
man glaubt eine frühere j^u^dehnung desselben in den 
weiten Ebenen wahrzunehmen , die stufenweise uni 
3o, 5o und 80 Toisen '"'• ) über der Wasserfläche des. 
Oceans erliahen, mit Secundar - Formationen bedeckt 
sind, und durcli den Ohio, den Missoury, den Arkan- 
saw und den Mississipi bewässert werden. Betrachtet 
man das J-Vasssrbecken des Antillen- JXleers und des 
Golfs von Mexico mit geologischem Blicke, so findet 
man, dafs dasselbe südwärts durch die Küstenkette von 
Venezuela und durch die Cordilleren von Merida und 
Pamplona^ ö^tlicli durch die Berge der Antillen-Inseln 
und die Alleghanys, westlich durch die mexicanischen 



*) Die anziehende, von Hrn. Mitchill verfafsle Beschreiltung 
dieses Erdbebens findel sich in den Trans. 0/ the litter. 
and phil. Soc. 0/ Nctv-J'orh. Vol. I. p. 281 — 5o8, und die- 
jenige des Hrn. Drake in dein Nat. and Stat. View of 
Cincinnati, p. 232 — 258. 

**) Cincinnali, am Ohio gelegen, unter 59° 6' d»r Breite, hat 
nur noch 85 Toisen absoluter Höhe. 



h a p i t e l Xir. 9 

Anden und das F«lsengel)irg *), und nürdlicli durch 
die unbeträchtlichen Hiigol bogränzt ist, welclie die 
canadisclien Seen von dtMi Zuflüssen des Mi3sis«ipi tren- 
nen. Ueber zwey Drillhoile dieses Beckens stehen un- 
ter Wasser. Zwey Reihen thätiger Vulcane fassen das- 
selbe ein 5 üsilich auf den kleinen Antillen, zwischen 
dem i3ten und i6ten Breitei^rad, und westlich auf den 
Cordilleren von JNicara^ua, Guatimala und Mexico, 
zwischen dem iiten und 20?ten Grad. Wer sich er- 
innert, dafs da? grofse Erdbeben von Lissabon am i. No- 
vember 1755 fa^'t im nämlichen Augenblick auf den 
scliwedischen Küsten, am Ontario-See und auf Mar- 
tinique verspürt ward , der wird die Vermuthung nicht 
allzukühn finden, dals das ganze Becken der Antillen, 
von Cuniana und Caracas bis in die Ebenen von Louisia- 
na, zuweilen gleichzeitig durch Erschütterungen, die 
von einem gemeinsamen Mittelpunct ausgehen, könne 
betroffen werden. 

Es ist eine auf den Küsten der Terra -Firma sehr 



*) Ich hediene mich ungern dieser schwankenden und un- 
eigentlichen Benennung , die man der mitternächtlichen 
Ausdehnung der Berge von INeu-iMexico gie])t. Ich würde 
den IS'amen der Chippewaii- Kette cChippewan ränge) vor- 
ziehen, welchen Hr. Druke QStat. rieiv 0/ Cincin. p. 91) 
und andere ISaturforscher der Vereinten Staaten statt der 
gewohnten Benennung von Stony- M ountains zu gebrauchen 
anfangen; allein heynahe gleichnamige Völker, die sehr 
weil von einander entfernt wohnen, und verschiedene Spra- 
chen reden , die CJiippeways der Quellen vom Mississipi, 
und die Chepewyans vom Sciavensee, welche von Pihe und 
Muchenzie hcjchriehen worden sind , könnten eine Ver- 
wechslung der Berge veranlassen, die sich auf der Siitl- 
und Südwest-Seite der grofsen canadisclien Seen in paralleler 
Richtung mit dem FelsengcLirge ausdehnen, das seine Rich- 
tung von Norden gen Süden nimmt. 



10 B II c It V. 

allgemein verbreitete Meinung, die Erdbeben werden 
häufiger , wenn die electrischen Entleerungen einige 
Jahre durch seltener gewesen sind. In Cumana und in 
Caracas hat man zu bemerken geglaubt, dafs die Re- 
gengüsse seit dem Jahr 1792 seltener mit Donner be- 
gleitet waren , und man ermangelte demnach nicht, 
sowohl die gänzliche Zerstörung von Cumana im Jahr 
1797, als hinwieder die in den Jahren i8oo, 1801 und 
1802 in Maracaibo, Porto - Cabello uud Caracas erlit- 
tenen Erdstüfse *) „einer Electricitäts- Anhäufung im 
Innern dei^ Erde^^ zuzuschreiben. Es möchte scliwer 
halten, nachdem man einen langen Aufenthalt in Neu- 
Andalusien oder in den Niederungen von Peru gemacht 
hat, in Abrede zu stehen, dafs die Jahrszeit, worin 
am meisten Erdbeben zu befürchten sind, diejenige des 
Anfangs der Regenmonate ist, avo dann aber auch die 
meisten Gewitter eintreffen. Die Atmosphäre und der 
Zustand der Erdoberfläche scheinen auf eine uns un- 
bekannte Weise auf die Veränderungen einzuwirken, 
velche in grofsen Tiefen vor sich gehen, und ich halte 
dafür, die Verbindung, welche man zwischen dem 
Mangel an Gewittern und den häufigen Erdbeben wahr- 
zunelimen glaubt, sey viehnelir eine von den Halbwis- 
sern des Landes ersonnene Hypothese, als das Ergebnifs 
einer langen Erfahrung. Der Zufall kann das Zusam- 
mentreffen gewisser Erscheinungen begiinstigen. Den 
aufserordentlichen Erdstöfsen, welche zwey Jahre lang 
anhaltend an den Gestaden des Mississipi und des Ohio 
verspürt wurden, und die im Jahr 1812 mit denen im 
Thale von Caracas zusammentrafen, war in Louisiana 
ein beynahe völlig gevvitterloses Jahr vorangegangen**). 



') De Poiis, Tom. I, p. i25. 

**^ Trans, of New-Jork, Vol. I, p. 285. Drake, p. 210. 



H a p i t e l XIV. 11 

Diese Erscheinung- ward abermals allgemoiii sehr auf- 
fallend befunden. Man darf sich nicht wumdern, wenn 
im Vatt'rlande Franklin s eine grofse Vorliebe für Er- 
klärungen angetroffen wird, die auf der Tlieorie der 
Elecfricität beruhen. 

Der Erd^tofsj welclier zu Caracas im December 
1811 verspürt ward, ist der einzige, .welcher dem 
schrecklichen Unglück vom 26 März 1812 voranging. 
Niemand kannte auf dem Festlande die Bewegungen, 
welche einerseits der Vulcan der Insel St. Vincent, 
und anderseits das Becken des Mississipi. erlitt, wo 
am 7. und 8- Februar 1812 der Boden sich Tag und 
Nacht in einem Zustand beständiger Schwingungen 
befand. Die Provinz Venezuela litt zu jener Zeit an 
grofser Trockenheit. Kein Tropfen Hegen war in Ca- 
racas und 90 Meilen in die Hunde während fünf Mo- 
naten unmittelbar vor der Zerstörung der Hauptstadt 
gefallen. Der 26. März eröffnete sich als ein sehr 
heifser Tag, die Luft war ruhig und der Himmel wol- 
kenlos. Es war der grüne Donnerstag, und das Volk 
gTofsentheils in den Kirchen versammelt. Nichts schien 
das drohende Uniilück zu verkünden. Sieben Minuten 
nach vier Uhr Abends ver pürte man die erste Erschüt- 
terung. ;>,'^ie war stark genug, um die Kirclienglocken 
in Bewegung zu setzen, öie dauerte 5 bis 6 Secundon 
an, und unmittelbar darauf folgte eine zweyte Erschüt- 
terung von 10 bis i2Sccuaden, während welcher der 
Erdb ;den in beständiger Wellenbewegung wie eine Flüs- 
sigkeit 7,u kochen schien. Schon glau.ite man die Gefahr 
vorübergegangen, als sich ein helliges unterirdi^.clies 
Getöse hören liefs. Es glich dem Hollen des Donners, 
war jedoch stärker und andaurender, als dieses in der 
Jahrszeit der Gewitter zwischen den Wendekreisen ge- 
wöhnlich ist. Dem Donner folgte unmittelbar eine senk- 



12 



B u 



rechte, diey Ms vier Secunden ungefähr anhaltende 
Bowesrunir , welche von einer etwas länß^er dauernden 
wellenlürmigen hegleitet ward. Die Stöfse erfolgten in 
entgegengesetzten Richtungen von Worden gen Süden 
und von Osten nach VVesten. Dieser Bewegung von 
unten nach oben und diesen sich durchkreuzenden 
Schwingungen vermochte nichts zu widerstehen. Die 
Stadt Caracas ward gänzlich zu Grunde gerichtet. Tau. 
sende ihrer Bewohner (zwischen neun- und zehntau- 
send) fanden unter den Trümmern der Kirchen und 
Häuser ihr Grab. Noch hatte die Procession ihren Um- 
gang nicht eröffnet 5 aber das Hinströmen zu den Kir- 
chen war so grofs, dafs gegen drey- oder viertausend 
Personen unter dem Einsturz ihrer Gewülber erdrückt 
wurden. Die Explosion war heftiger auf der Nordseil» 
in dem dem Berge d'Avila und der Silla näher gelege- 
nen Theil der Stadt. Die Kirchen der Dreyfaltigkeit 
und Alta Gracia, die mehr als i5o Fufs Höhe hatten 
und deren Schiff durch zwölf bis fünfzehn Fufs dichte 
Pfeiler getragen ward, lagen in einen Trümmerhaufen 
verwandelt, der nicht über 5 bis 6 Fufs Höhe hatte, 
und die Zermalmung des Schuttes war so beträchtlich, 
dafs von den Pfeilern und Säulen fast keine Spur mehr 
kennbar geblieben ist. Die Kaserne, EI Qnartel de 
San Carlos genannt, die nördlich von der Dreyfaltig- 
keitskirclie , am Weg nacli der Douane de la Pastora 
lag , ist beynahe völlig verschwunden. Ein Regiment 
Linientruppen stund darin unter den Waffen, und sollte 
sich eben zur Procession begeben. Wenige Einzelne 
ausgenommen, ward es sämmtlich unter den Trümmern 
des grofsen Gebäudes verschüttet. Neun Zehntheile 
der schönen Stadt Caracas wurden gänzlich zerstört. 
Die Häuser, welche nicht einstürzten, wie diejenigen 
der Stadt San Juan beym Kapuziner- Hospitium, waren 



Kapitel XJf, i3 

dermafsen zerrissen, dafs sie nicht weiter liewohnt wer- 
den konnten. Etwas minder verheerend zeigten sich 
die Wirliunsfen des Erdbebens im südlichen und west- 
liehen Theile der Stadt, zwischen dem grofsen Platz 
und dem Hohlweg von Caragnata. Hier blieb die Ka- 
thedral - Kirche , durch gewaltige Strebepfeiler unter- 
stützt, aufrecht stehen '"•). 

Wenn die Zahl der Todten in der Stadt Caracas 
auf neun bis zehntausend berechnet wird, so sind dabey 
die Unglücklichen noch nicht in Anschlag gebracht, 
welche schwer verwundet, nach Monaten erst, aus 
Mangel an Nahrung und Pflege umkamen. Die Nacht 
vom Donnerstag auf den Charfreytag bot den Anblick 
eines unsäglichen Jammers und Unglücks dar. Die 
dichte Staubwolke, welche sich über die Trümmer er- 
hob und die Luft gleich einem Nebel verdunkelte, hatte 
sich zur Erde niedergeschlagen. Die Erschütterungen 
hatten aufgehört und die Nacht war so hell und ruhig 
als je zuvor. Der fast volle Mond beleuchtete die ab* 
gerundeten Dome der Silla, und die Gestalt des Him- 
mels bildete einen furchtbaren Abstich gegen die mit 
Trümmern und Leichen bedeckte Erde. Mütter trugen 
Kinderleichen im Arm, durch die Hoffnung getäuscht, 
sie wieder ins Leben zu rufen. Jammernde Haushal- 
tungen durchzogen die Stadt, um einen Bruder, einen 
Gatten, einen Freund zu suchen, dessen Schicksal un- 
bekannt war und den man im Gedränge verloren glau- 
ben konnte. Man drängte sich in den Strafsen, die 
an Trümmer- und Schutt- Reihen einzig noch kennbar 
waren. 

Alles Unglück^ das in den grofsen Jammerscenen 



*) Veber das Erdbeben von l^enezuela^ im Jahr iBia^ von 
Hrn. Delpeche. (.Handschrift.) 



14 B u c h y. 

von Lissabon^ Messina, Lima und Riobamba war erlebt 
worden j wi<^derholte sich an dem Schreckenstage des 
26. März 1812. j?Die unter dem Schutt begrabenen 
Verwundeten riefen die Vorhergehenden laut flehend 
um Hülfe an 5 über zweytausend wurden hervorgezogen, 
Nie hat w^ohl das Mitleid sich rührender , man kann 
sagen sinnreich thätiger gezeigt, als in den Anstrengun- 
gen, welche gemacht wurden, um den Unglücklichen, 
deren Seufzer man hürte, Hülfe zu reichen. Es man- 
gelte gänzlich an Werkzeugen zum Nachgraben und 
Wesfräumen des Schuttes: man mufste sich der Hände 
bedienen, um die Lebenden hervorzugraben. Die Ver- 
wundeten sowohl als die aus den Hospitälern Geretteten 
wurden an's Gestade des kleinen Guayre-Flusses gelagert. 
Hier mochte der Schatten der Bäume allein nur ihnen 
Obdach gewähren. Die Betten, die Leinwand zum 
Verband der Wunden, chirurgische Werkzeuge, Arz- 
neyslofFe , alle Gegenstände ersten Bedürfnisses waren 
unter dem Schutt vergraben. In den ersten Tagen 
mangelte Alles, sogar Nahrungsmittel. Auch das Was- 
ser war im Innern der Stadt selten geworden. Die 
Erdstüfse hatten theils die Brunnenleitungen zerschla- 
gen , theils w aren durch das eingefallene Erdreich die 
Ouellen verstopft. Um Wasser zu bekommen, mufste 
man an den Kio-Guayre hinabsteigen, der hoch stund, 
und wo es an Gefiifsen zum Schöpfen fehlte." 

„Eine den Todlen annoch zu leistende Pflicht w^ard 
gleichmäfsig durch die Religion und durch die Besorg- 
uifs der Ansteckung geboten. Bey der UnmügUciik«'it, 
so viele Tausende halb unter dem Schutt befindlicher 
Leichen ordentlich zu begralien, wurden Commissarien 
ernannt , die für ihr Verbrennen zu sorgen hatten. 
Scheitei'haufen wurden zwischen dem Schulte erric'ttet. 
Diefs Geschäft dauerte mehrere Tage. Mitten unter 



IIa p i t e l Xir. %b 

dem allgemeinen Jammer vollzog das Volk die religiösen 
Gehl äuche^ mit denen es am ehesten den Zorn des Him- 
mels besänftigen zu können hoffte. Die einen stellten 
feyerliche Umgänge an, bey denen Leichengesänge er- 
tönten; andere, von Geistesverirrung befallen, beich- 
teten laut, mitten auf den Strafsen. Es ereignete sich 
damals in dieser Stadt, was auch nach dem schrecklichen 
Erdbeben vom 4. Hornung 1797 in der Provinz Quito 
geschehen war: viele Ehen wurden zwischen Personen 
geschlossen, die seit langen Jahren ohne priesterlichen 
Segen zusammen gelebt hatten. Kinder bekamen jetzt 
Eltern, von denen sie bis dahin nie anerkannt waren 5 
Rückerstattungen wurden von Leuten veihelfsen , die 
Niemand eines Diebstahls beschuldigt hatte; Familien, 
welche lange in Feindseligkeit gegen einander gelebt 
hatten, versöhnten sich im Gefühle des gemeinsamen 
Unglücks. Wenn dieses Gefühl jedoch bey den einen 
die Sitten milderte und das Herz dem Mitleid öffnete, 
so geschah hinwieder auch bey andern das Gegentheil: 
sie wurden hartherziger und unmenschlicher. In gros- 
sen Nöthen sieht man , dafs gemeine Seelen weniger 
noch die Güte des Gen-üthes als seine Stärke beybehal- 
ten, denn es verhält sich mit dem Unglück wie mit dem, 
Studium der Wissenschaften und mit der Betrachtung 
der Natur; sie mögen ihren wohlthätigen Einflufs nur 
an Wenigen, durch Erwärmung des Gefühls, durch 
Erhebung des Geistes und durch vermehrtes Wohlwol' 
len des Characters bewähren. ^^ 

„So heftige Erdstüfse, welche innerhalb einer Mi- 
nute '•') die Stadt Caracas zerstört haben, konnten nicht 



*) Die Dauer des Erdbebens, das will sagen, aller schwingenden 
und emporhebenden Bewegungen Cundulacion y trepidacioti)^ 
weiche das achreckliche Ereignif« vom aösten März i8w ver 



i6 B u c h P". 

auf eine kleine Strecke des Festlandes beschränkt seyn. 
Ihre traurigen Wirkungen dehnten sich über die Pro- 
vinzen von Venezuela, Varinas und Maracaibo, der 
Küste nach^ vorzüglich aber auch über das Gebirge im 
Innern des Landes aus. La Guayra, Mayquetia, An- 
timano, Barula, la Vega, San Felipe und Merida wur- 
den beynahe ganz zerstört. In la Guayra und Villa de 
San Felipe, unl'ern der F>upferminen von Aroa, betrug 
die Zahl der Todten wenigstens vier bis fünftausend. 
Es scheint das Erdbeben in der Hichtung einer Linie, 
die sich von Ost-JNord-Ost nach West- Süd- V\^est, von 
Guayra und Caracas gegen die hohen Berge von Ni- 
quitao und Merida ausdehnt, am heftigsten gewesen zu 
seyn. Im Königreiche von Neu Granada ward es von 
den Verzweigungen der hohen Sierra de Santa Marta *) 
his nach Santa- Fe de Bagota und Honda, an den Ge- 
staden des Magdalenen-FIusses, in der Entfernung von 
180 Meilen von Caracas verspürt. Es war überall stär- 
ker auf den Gneifs- und Glimmerschiefer- Cordilleren 
oder unmittelbar am Fufs derselben, als in den Ebenen. 
In den Savanen von Varinas und Casanare war dieser 
Unterschied am fühlbarsten. CEs läfst sich derselbe am 
ehesten durch das System der Geologen erklären, wel- 
che annehmen, dafs alle Ketten vulcanischer und nicht- 
vulcanischer Berge zur Zeit ihrer Bildung wie durch 
Spalten emporgestiegen sind.) In den zwischen Caracas 
und der Stadl San Felipe liegenden Theilen von Aragua 
wurden nur sehr schwache Erdstöfse verspürt. La Vic- 
toria, Maracay, Valencia haben, der Nähe der Haupt- 
Stadt 

nrsachteii; ward von den einen auf 5o", von andern auf 1' 11'' 
tercchnei. 
.") Bis nach Villa de los Remedios, und sogar bis nach Cartha 
sena la nueva. 



Kapitel XIF. 17 

Stadt uneraclitet, beynahe gar nicht gelitton. Zu Va- 
lecillo, uenii^eMeilon von Valencia, warf die zerrissene 
Erde eine solche Menge Wasser aus, dafs rieh ein neuer 
Strom Lildete. Das Gleiche geschah auch in der Nähe 
von Porto -Cahello*). Hingegen halte sich der Soe von 
Maracaybo bedeutend vermiiidert. In C^.oro verspürte 
n)an keinerley Bewegung, obgleich die Stadt an der 
Küste und zwichen anderen Städten liegt, die nicht un- 
heschädigt gehlieben sind *'•) " Die F'isclier, aa eiche 
sich am 26. März auf der Insel Orchila, dreyfsig Meilen 
nordöstlich von Guayra, und auf dem Lande befanden, 
verspürten keine Stüfse. Ks gründen sich diese Ver- 
Schiedenhl iten der Richtung und Fortpflanzung des 
Stofses wahrscheinlich auf die besonderen Lagen und 
Verhältnisse der Steinschichten. 

Nachdem wir die Wirkungen des Erdbebens auf der 
W^estseite von Caracas bis zu den Schneegehirgen von 
Santa Marta und zum Plateau von Santa -Fe de Bogota 
verfolgt haben, wollen wir nunmehr auch die der 
Hauptstadt östlich gelegene Landschaft in's Auge fassen. 
Die Erschütterungen waren ungemein heftig — jen-seits 
von Caurimare im Thale von Cupaya, wo sie sich bis 
zum Meridian des Cap Codera ausdehnten ; äufserst 
merkwürdig aber ist es, dafs sie sich an den Küsten von 
Nueva Barcelona, von Cumana und von Paria nur sehr 
schwach zeigten, obgleich diese eine Fortsetzung des 



*) Man behauptet, auf den Bergen von Aroa sey der Boden, 
unmitlelLar nach den Erschütterungen, mit einer un<»emein 
feinen und weifsen Erde bedeckt gewesen, die aus den Spalten 
herausgeworfen zu sevn sciiien. 

**) J punta mientos sohre las principalef circumstancias del 
terremoto de Caracas , por Bon Manuel Palucio Faxardo 
CHandschrift.) 

yllex. V. Humboldts hist. Reisen. III. « 



i8 Buch V. 

Küstenlandes von la Guayra sind^ und von Alters her 
im Hufe stehen^ öfteren unterirdischen Erschütterungen 
auS'iesef.-t xu seyn. Wofern man annehmen d irfle, es 
sey die gän/liche Zerslürung der vier Städte, Cai'acas, 
la Guavra, San Felipo und Merida, von einem vul- 
cani-^^chen Herde ausgegangen^ welcher unter der Insel 
St. Vincent oder in ihrer INälie Hegt, so würde dadurch 
hegreiflich, -.vie sich die Bewegung von INord-Ost nach 
Süd-West "') ausdehnen konnte, auf einer Linie, welche 
ihre Kiclitung durch .die kkincn Eilande der los Her- 
manos nimmt, nahe-hey Blant[uilla vorbey, ohne Be- 
rührung der Küsten von Araya, Cumana und INueva 
Barcelona. Diese Fortpflanzung des Stofses könnte so- 
gar auch statt finden, ohne dafs die Erdoberfläche der 
zwischenliegenden Puncte, zum Beyspiel der Hermanos- 
Eilande, irgond eine Erscliütterung verspürten. Wir 
sehen diese Erscheinung öfters in Mexico und Peru, bey 
Erderschütterungen , welche seit Jahrhunderten eine 
bestimmte Richtung befolgen. Die Bewohner der An- 
den brauchen von einem Zvvischenland, welches ohne 
ThLilnahme an der allgemeinen Bewegung bleibt, den 
naiven Ausdruck: „es bilde eine Brücke" (^«e hace 
piienle)^ als wollten sie dadurch andeuten, die Schwin- 
gungen pflanzen sich in sehr grofser Tiefe unter einer 
träfen Felsenmasse fort. 

Fünfzelin bis achtzehn Stunden nach dem schreck- 
lichen Erelg:iifs Mieb der Erdboden ruhig. Die Nacht, 
wie schon oben ist bemerkt worden, war still und hei- 
ter; erst nach dem 27. März erfolgten wieder neu© 
Strf e,'die von einem unterirdischen, überaus heftigen 
und andauernden Donner (bramiäo} begleitet waren. 
Die Einwohner von Caracas zerstreuten sich in der Um- 



*;) UngefflJir auf einer Linie in der Richtung Süd. 64° West. 



Kapitel XIV. ag 

gojTßnd •, well aber Durfer und Meierhüfe gleichmäfsig 
gelitten hatten, wie die Stadt, so konnten sie nur erst 
jenseits der Berge von los Teques, in den Thälern von 
Araijua und in den Llanos oder Savanon Obdach finden. 
Oftmals wurden an einem und dem nämlichen Tag bis 
auf fünfzehn Schwingungen verspürt. Am 5. April er- 
folgte ein Erdbeben, das «n Hefl^igkeit demjenigen we- 
nig nachstund, welches die Hauptstadt zerstört hatte. 
Der Boden erlitt mehrere Stunden nach einander un- 
unterbrochene Schwino;un";en. Es erfolgten beträcht- 
liehe Bergstürze 5 gewaltige Felsmassen lösten sich von 
der Sllla de Caracas ab. Man behauptete sogar (und 
diese Meinung Ist jetzt noch allgemein im Lande ver- 
breitet,), die beyden abgerundeten Spitzen der Sllla hät- 
ten sich um 5o bis 6o Toisen gesenkt. Diese Behaup- 
tung beruht aber auf keinerley Messung. Mir ist be- 
kannt, dafs man auch in der Provinz Quito bey jeder 
grofsen Erderschütterung sich einbildet, der Vulcan von 
Tunguragua sey niedriger geworden. 

In mehreren, bey Anlafs der Zerstörung von Ca- 
racas bekannt gemachten Nachrichten ward behauptet, 
„der Berg la Sllla sey ein ausgelöschter V^ulcan, man 
finde viele vulcanische Erzeugnisse auf dem Weg, der 
von la Guayra nach Caracas führt *^, die Felsen bieten 
keine regelmäfsige Schichtung dar, und sie tragen alle 
das Gepräge des Feuers an sich." Man hat sogar auch 



*) Man sehe die Noliz des Herrn Drouet von Guadeloupe, 
übersetzt in den Trans, oj N'W-YoTla , Vol. I , p. 5o8. Ihr 
Verfasser, indem er der Silla 900 Toisen absoluter Hölje 
giebt, hat in meiner Messung die Höhe des Berges über 
der Meeresfläche mit der Hölie nber dem Thale von Ca- 
racas verwechselt, welches einen Unterschied yoxi 460 Toisen 
macht. 



20 



Bach F. 



hinzugesetzt; ',,es hätten Hr. Bonpland und ich zwölf 
Jahre vor der grofsen Catastrophe , zufolge unsrer mi- 
neralogischen und physicali'chen Untersuchungen, die 
Silla als eine gefahrliche Naclibarschaft für die Stadt 
angeschen, indem dieser Berg vielen bchwefol enthalte 
und die Erschütterungen von der Nord -Ost- Seite her- 
kommen miifsten/^ Ks gescliieht selten, dafs Natur» 
forscher sich Avegen einer in Erfüllung gegangenen Vor- 
hersagung rechtfertigen müssen, allein ich achte mich 
verpflichtet, irrige Meinungen zu hestreiten, welche 
üher die örtlichen Ursachen derErdhehen allzuleichten 
Eingang finden. 

Ueherall wo der Boden ganze Monate lang in steter 
Bewegung bleibt, wie auf Jamaica '•) im Jahr 169'^, zu 
Lissabon im Jahr 175Ö, in Cumana im Jahr 1766, in 
Piemont im Jahr 1808, erwartet man den bevorstehen- 
den Ausbruch eines Vulcanes. Man vergifst, dafs der 
wirksame Herd oder Mittelpunct fern von der Erdober- 
flüche gesucht werden mufsj dafs, zuverlässigen An- 
gaben nach, die Schwingungen, und zwar so zu sagen 
im nämlichen Augenblick, sich auf tausend Meilen weit 
über Meere von grof er Tiefe hin fortpflanzen; dafs 
die grüfsten Zerstörungen nicht am Fufse wirksamer 
Vulcane, sondern in Bergketten, die aus den ungleich- 
artigsten Steinarten bestehen, statt finden. Wir haben, 
im vorhergehende I Buche, die geognostische Beschrei- 
bung der Gegend von (^aracas geliefert; es finden sich 
da'^elbst Gneifse und Glimmerscliicfer, welche Lager von 
Urkalkstein enthalten. Die Schicht n sind weder mehr 
gebrochen, noch unregelmäfiger eingesenkt, als bey 
Freiberg in Sachsen und allentlialben , wo das Ur- 
gebi.-ge sich schnell zu grofser Höhe erhebt; ich habe 



*) Phil. Trans, for 1694. p. 99 



Kapitel XIV. 21 

daselbst weder Basalt noch Dolerit gefunden, niclit ein- 
mal Trachyten oder Trapp- Porphyre, überhaupt kei- 
nerley Spur au'-'gelöschttu' Vulcane, es wäre denn, dafs 
man wollte die Diabasen oder primitiven, im Gneifs 
voi kommenden Grünsteine als Spalten ausfüllende Lave- 
massen betrachten. Es ist dieser Grünstein von gleicher 
Art mit dem in Böhmen, Sachsen und Franken vor- 
kommenden *), und was man auch immer über die vor- 
maligen Ursachen der Oxydation der Erdoberfläche für 
eine Meinung gefafst haben mag, so wird man doch, 
denke ich, nicht alle Urgebirge, welche Gemengsei von 
Hornblende und körnigem Feldspath, sey es in Gängen 
oder in Kugeln mit concentrischen Schichten entiial- 
ten, vulcaaisches Gebiet nennen. Man wird den Mont- 
Blanc und den Mont d'Or nicht in die nämliche Klasse 
zusammen ordnen. Die Anhänger des Universal -Vul- 
canismus oder der sinnreichen Hutton'schen Theorie, 
unterscheiden selbst auch die Laven, welche unter dem 
blofsen Druck der Atmosphäre auf der Oberfläche des 
Erdballs ihren Flufs nahmen, von denen di<! unter dem 
gewaltigen Druck des Oceans und aufliegender Felsmas- 
sen durchs Feuer gebildet wurden. feie würden die 
Auvergne und das granitische Thal von Caracas nicht 
unter dem gemeinsamen IN amen einer Landschaft aus- 
gelöschter Vulcane bezeichnen. 

INie konnte mir in den Sinn kommen, auszuspre- 
chen, es seyen die Silla und der Cerro de Avila, Berge, 
die aus Gneifs und Glimmerschiefer bestehen, eine ge- 
fährliche Nachbarschaft für die Hauptstadt, weil sie in 



*) Dieser Grünstein findet sich in Böhmen , nahe bey Pilsen, 
im Granit; in Sachsen im Glimmerschiefer von Schnee erg; 
in Franken in übergangsschieferschen Stechen und Lauen- 
stein. 



32 B u c h r. 

nnlergeordneleii L,agern des Urkalksteins vielen Schwe- 
felkies enthalten; wohl aber erinnere icbjnich, w&\\' 
rend meines Aufenthalls in Caracas gesagt zu haben, es 
scheine sich tler östliche Ündtheil der Terra- Firma seit 
dem grofsen Erdbeben von Quito in einem aufgeregten 
Zustand zu befinden, der die Besorgnisse erwecken kön- 
ne, OS möchte die Provinz Venezuela nach einiger Zeit 
ebenfalls gowalt.-ame Erschütterungen erleiden. Ich 
setzte hinzu, wenn eine Landschaft lange Zeit Erdstös- 
sen ausgesetzt gewesen sey, so scheinen sich neue un- 
terirdische Verbindungen mit den INachbarländern zu 
öffnen, und die in der Kichlung der Silla nordöstlich 
von der Stadt gelegenen Vulcane der Antillen seyen viel- 
leicht Luftlöcher, wodurch zur Zeit der Ausbrüche die 
elastischen Flüssigkeiten, welche die Erdbeben auf den 
Küsten des Festlandes verursachen, ihren Ausgang neh- 
men. Es ist aber ein grofser Unterschied zwischen die- 
sen, auf Kenntnifs der Oertlichkeiten und blofse Ana- 
logien gegründeten Vermutbungen, und einer durch 
den Gang der JNaturereignisse gerechtfertigten Vorher- 
sagung. 

Während gleichzeitig im Thale von Mississipi, auf 
der Insel Saint- Vincent \ind in der Provinz Venezuela 
jene heftigen Erdst"fse erfolgten, ward man am 3o. April 
1812 zu Caracas, zuCalabozo, das mitten in den Steppen 
liegt, und an den Gestaden des Rio Apure, in einer 
Ausdehnung von 4000 Geviertmeilcn^ durch ein unter- 
irdisches Getöie erschreckt, das dem wiederholten Los- 
brennen von Feuerschlünden des gröfsten Kalibers glich. 
Dies Getöse fieng um zwey L'hr Morgens an. Es war 
von keinen Stöfsen begleitet, und, was sehr bemerkens- 
werth ist, an der Küste gerade eben so stark, als fünf- 
zig Meilen weit im Innern des Landes. Allenthalben 
glaubte man, es werde dasselbe durch die Luft über- 



Kapitel KW. 23 

getragen, und man \var so weit entfernt, seine unter- 
irdische Nafur zu erkennen, dafs in Caracas, wie in 
Calabozo, militärische Mafsnahmen getroffen wurden, 
um den Ort gegen einen, wie es.scliien, mit grobem 
Geschütz anrückenden Feind zu vertheidigen. Hr. Pa- 
lacio hörte bevm Uebergang des Kio Apure unterhalb 
vonOrivante, unfern vom Zusammenflufs des Hio INula, 
aus dem Munde der Kingebornen, „die Kanonenschüs- 
se''^ seyen eben so deutlich am westlichen Ende der Pro- 
vinz Varinas, als im Hafen von Guayra, aufderlMord- 
seite der Küstenkelte eehürt worden. 

Der Tag, an dem die Einwohner von Terra -Firma 
durch ein unterirdisches Getöse er«chrecl;t wurden, war 
der nämliche, an welchem der grofse Ausbruch des Vul- 
cans der Insel Saint- Vincent statt hatte *). Dieser nahe 
an 5oo Toisen hohe Berg hatte seit dem Jahr 1718 keine 
Lave ausu;eworfen. Kaum bemerkte man einigen Rauch 
aufsteigen, als imMaiiSu öftere Stöfse verkündigten, 
das vulcanische Feuer habe sich entweder neu entzün- 
det, oder diesem Theil der Antillen zugewandt. Der 
erste Au?bruch erfolgte nicht eher als am 27. April 1811 
um Mittag. Es war nur ein Auswurf von Asche, aber 
mit einem entsetzlichen Krachen begleitet. Am 3osten 
geschah der Abflufs der Lave, die nach vier Stunden 
das Meer erreichte. Das Getöse des Ausbruchs glich 
,,dem wechselnden Losbrennen von Kanonen groben 
Kalibers und einem Musketenfeuer 5 und, was sehr be- 
merkenswerth ist, man fand dasselbe stärker auf offener 
See, in grofser Entfernung von der Insel, als im An- 



*) Barhadoes Gazette Jor May 6, 1812. Bibl. britt. •, j8j3, 
Mai^ p. 90. ^ew England Journal ofßledicine, i8i5, p. gS. 
Trans, of New Fork, Tom. I. p. 5i5. I^ Blont, Fby. aux 
Antil/es , Tom. I, p. 187. 



24 B u c h F. 

geslcht des Landes, ganz nahe beym brennenden Vul- 
cane/^ 

Die Entfernung des Vulcans von Saint-Vincent vom 
Rio Apure, nächst der Ausmündung des Nula, beträgt 
210 Mt'ilen *) ; der Ausbruch ward demnach in einer 
Entfernung gehört, welche derjenigen des Vesuvs voa 
Paris gleich kümmt. Diese Erscheinung, der sich eine 
Men^e andere, in der Cordillere der Anden beobachtete 
Thatsachen anschlicfsen, beweist, wie viel ausgedehnter 
die unterirdische Thätigl<eit eines Vulcanes ist, als man, 
den kleinen auf der Erdoberfläche bewirkten Verände- 
rungen nach, zu glauben vei'sucht seyn sollte. Die De- 
tonationen, welche in der neuen Welt, ganze Tage lang 
auf \o, auf 100 und bis auf 200 Meilen von einem Krater 
entfernt^ gehurt werden, gelangen nicht durch Fort- 
pflanzung des Tones in der Luft zu uns 5 das Getöse 
theilt sich durch die Erde mit, vielleiclit an der Stelle 
selbst, wo wir uns befinden. Würden die Ausbrüche 
des Vulcans von Saint- Vincent, des Cotopaxi, oder des 
Tunguragua so weit hin ertönen, wie ein Feuerschlund 
von ungeheurem Umfang, so müfste die Stärke des Don- 
ners im umgekehrten Verhältnifs der Entfernung wahr- 
genommen werden: die Erfahrung zeigt aber, dafs dies 
nicht der Fall ist. INoch mehr: auf der Südsee, wäh- 
rend der U eberfahrt von Guayaquil nach den Küsten 
von Mexico, kamen Hr. ßonpland und ich aufstellen, 
wo unsere sämmtlichen Matrosen von einem dumpfen, 
au- der Tiefe des Oceans aufsteigenden und durcli das 
Wasser uns mitgetheilten Getöse erschreckt wurden. Es 
geschah dies zur Zelt eines neuen Ausbruchs des Co- 



*) Es sind jederzeit, wo das Gegentheil nicht ausdrücklich he- 
merkl wird, Seemeilen zu 20 auf den Grad, oder von i855 
Toisen gemeint. 



Kapitel XIV. 25 

topaxi. und wir waren von diesem Vulcane eben so weil 
eitfiM-nt, als die Entfernung Neapels vom Aetna betri'fit. 
Man rechnet nicht weniger als 145 Mellon *) vom Vul- 
cane dos Cotoj)axi bis zu der kleinen Stadt Honda am 
Gestade des Magdalenen-Flusses ; def«unerachtet hürte 
man zur Zeit der heftigen Ausbrüche dieses Vulcans im 
Jahr 1744 in Honda ein unterirdisches Getöse, das für 
ein Losbrennen groben Geschützes gel>alten ward. Die 
Frair/.iscaner Mönche breiteten die JNachricht aus, (^ar- 
tliagena werde von den Britten belagert und bombardirt, 
und es fand dieselbe bey den Einwohnern überall Ein- 
gang. Der Vulcan von Cotopaxi ist aber ein Kegel, 
welcher mehr denn 1800 Toisen über dem Becken von 
Honda emporsteht: er sondert sich von einem Plateau 
ab, dessen Erhöhung über dem Magdalenen-Thal au» 
noch i5oo Toisen beträgt. Zwischen inne stehen die 
sämmtlichen colossalischen Berge, so wie die vielfachen 
Thäler und Schluchten von Quito, von der Provinz de 
los Pastos und von Popayan. Es läfst sich nicht denken, 
dafs, unter diesen Umständen, das Getöse durch die 
Luft, oder durch die Schichten der Erdoberfläche sich 
fortgepflanzt und von dem Punct hergekommen sey, wo 
der Kegel und der Krater von Cotopaxi stehen. Es ist 
vielmehr wahrscheinlich, dafs der erhabene Theil des 
Königreichs Quito und der benachbarten Cordilleren 
keineswegs aus einer Gruppe vereinzelter Vulcane be- 
steht , sondern dafs diese eine gemeinsame gewölbt© 
Masse bilden, eine mächtige vulcanische Mauer, di» 
von Süden nach Norden ausgedehnt, einen Gebirgskamm 
von nahe an 600 Geviertmeilen Oberfläche darbietet. 
Der Cotopaxi, der Tunguragua, der Antifana, der Pi- 
chincha befinden sich über diesem Gewölbe und stehen 



*) Es ist dies die Entfernung des Vesuv» vom Montblanc. 



26 B u c h V. 

Sämmtlicli avif dem unterhölilten Boden, Sie führen 
ungleiche JNairien^ wenn ?ie schon nur verschiedene 
Eri. Übungen einer getnein^anien vulcanischen Gi-und- 
mauer sind. Das Feuer nimmt seinen Ausgang bald 
durch den einen, bald durch den anderen jener Gipfel. 
Die geschlossenen Krater erscheinen uns als au'Jgelü^chte 
Vulcanej es ist jedoch wahrscheinlich, dafs wenn gleich 
der Cotopaxi oder der Tunguragua während eines Jahr- 
huv,derts nur einen oder zwey Ausbrüche machen, das 
Flauer darum nicht desto minder unter der Stadt Quito, 
unter Fichincha und Imbaburu sich in einer beständigen 
Wirl<samkeit befindet. 

Weiter nordwärts erblicken wir, zwischen demVul- 
can von Cotopaxi und der Stadt Honda, zwey andere 
vulcanische ßergsysteme , diejenigen von los Pastos 
und von Popayan. Die Verbindung dieser Systeme hat 
sich in den Anden auf eine ganz unzweydeulige Weise 
durch eine Erscheinung zu Tage gelegt, deren ich be- 
reits, wo von der 'letzten Zerstörung von Cumana die 
Rede war, zu erwähnen den Anlafs hatte. Eine dichte 
Rauchsäule war seit dem November 1736 dem Vulcan 
von Pasto entstiegen, welcher westlich der gleichnami- 
gen Stadt in der Nähe des Thaies vom Hio Guaytara 
liegt. Die Mündungen des Vulcanes stehen seitwärts 
und befinden sich am westlichen Abhänge; dennoch 
stieg die Rauchsäule drey einander folgende Monate 
lang über den Bergkamm also empor, dafs sie den Be- 
wohnern der Stadt Pasto allezeit sichtbar blieb. Zu 
ihrem grüfsten Erstaunen, so erzSlilten sie uns alle, sey 
am 4. Hovnung 1797 der Rauch plötzlich verschwunden, 
ohne dafs irgend eine Erschütterung verspürt ward. 
Es geschah dies in dem Augenblick, wo 65 Meilen süd- 
wärts, zwischen dem (>hiniborazo, dem Tunguragua 
und dem Altar (Capac-Vreu) die Stadt Kiubamba durch 



Kapitel XfF. 27 

eines der verderbliclislen Erdbeben ^ deren die Ge- 
schiciite Erwäbnung tbiit;, zerslört ward. Wie liof-^e 
sicb's bey diesem Zueansmentroflen der Erscbeitningen 
bt^zweifeln, dafs die aus den klei)ien Mündungen oder 
Ventanillas des Vulcans von Pasto aufsteig^enden Dünste 
mit dein Drucke der elasiiscben Flüssigkeiten zusam- 
nienbängen^ die den Boden des Königreichs Quito er- 
schüttert, und in wenig Augenblicken dreyf-ig- bis 
vierzigtausend Einwohnern den Untergang gebracht 
haben? 

Um die mächtigen Wirkungen der vulcanisc/ten 
Reaclionen zu erklären, vim darzuthun, dafs die Gruppe 
oder das VnJcanen-S^'slein der Antillen ^ on Zeit zu Zeit 
das Festland zu erschüttern vermag, muf le ich der An- 
den -Cordillere Erwähnung thun. Geologische Vermu- 
thungen mögen nur durch Analogie neuer und dem- 
nach unzweydeulig bewährter Thatsachen tinterstützt 
werden 5 und in welch' anderem Erdstriche liefsen sich 
vulcanische Erscheinungen w^ahrnehmen, die zugleich 
gröfser und mannigfaltiger wären, als in dieser durch's 
Feuer emporgehobenen doppelten Bergkette, in diesem 
Lande, \'\'0 die Natur über jeden Bei'ggipfel und jedes 
Thal die Fülle ihrer Wunder ergossen hat? Betrachtet 
man einen entzündeten Hrater als eine abgesonderte Er- 
scheinung, zieht man allein nur die Masse seiner aus- 
geworfenen steinartigen Erzeugnisse in Betrachtung, so 
kann uns die vulcanisclie Wirksamkeit auf der gegen- 
wärtigen Oberfläche des Erdballs weder sehr mächtig 
noch sehr ausgedehnt erscheinen. Allein die Vor- 
stellung des Bildes dieser Wirksamkeit vergröfsert 
sich, nach Mafsgabe wie wir die Verliältnisse erfor- 
schen, welche die Vulcane einer gemeinsamen Gruppe 
untereinander verbinden , zum ßeyspiele diejenigen 
yon Neapel und Sicilien , jene der canarischen In- 



aS B tt c h V. 

sein *), der Azoren, der kleinen Antillen,, die Vulcane 
Ton Mexico, von Guatimala und vom Flateau des Quito, 
nach Mafsgabe, wie wir einerseits die gegenseitigen 
Rückwirkungen dieser vulcanischen Systeme aufeinan- 
der, und anderseits die Entfernungen würdigen, in de- 
nen sie durch unterirdische Verliindungen gleichzeitig 
die Erde in Bewegung setzen. Das Studium der V'ul- 
cane zerfällt in zwey Abtheilungen. Die eine, rein mi- 
neralogische, hat die Untersuchung der Steinlager und 
Steinarten zum Gegenstand, welche das Feuer erzeugt 
oder verändert, von der Bildung der Trachyten oder 
Trapp -Porphyre, der Basalte, Phonolithen und Dole- 

*) Schon oben (Th. I. Kap. 2. S. 262.) habe ich bemerkt, wie 
die Gesammtgruppe der canarischen Inseln , so zu sagen, 
über einem unter dem Meeresgrund befindlichen Vulcane 
steht, dessen Feuer, seit dem i6ten Jahrhundert, abwech- 
selnd auf den Inseln Palma , Tenerifla und Lancerote seinen 
Ausbruch nahm. In der Auvergne sehen wir ein ganzes 
System erstorbener Vulcane ; hingegen darf man mitten in 
einem Systeme wirksamer Vulcane einen Berg noch keines- 
wegs als erloschenen Vulcan betrachten, dessen Krater ver- 
schlossen ist, und dessen unterirdisches Feuer seit Jahrhun- 
derten keine neuen Ausbrüche gemacht hat. Der Aetna, 
die liparischen Inseln, der Vesuv und der Epomeo ; der Pic 
von Teyda, Palma und Lancerota ; St. jMichel , die Caldeira 
de Fayal und Pico ; St. Vincent, St. Lucie und Guadeloupe ; 
der Orizava, der Popocatepec, der Jorullo und die Calima; 
der Bombacho, der Vulcan von Granada, der Telica, der 
Momotombo, der Isajco und der Vulcan von Guatimala, Co- 
topaxi , Tunguragua, Pichincha, Antisana und Sangay ge- 
hören zum nämlichen Svsteme brennender Vulcane. Sie ste- 
hen überhaupt reihenweise, als ob sie aus einem Hohlwege 
oder einer Spalte her ausgetreten wären ; und was sehr be- 
merkenswerth ist, ihre Keihenfolge ist bald mit der all- 
gemeinen Richtung der Cordilleren zusammentreffend , bald 
«teht sie derselben entgegen. (.Essai politique sur le Me- 
xique 1 Tom. I. p. 255.) 



Kapitel XIV, 29 

rilen, tis herab zu den jüngsten Laven. Die andere^, 
weniger zugängliche und Lis dahin vernachlässiglere 
Abtiicilung begreift die physicalisclien Verhältnisse, wel- 
che die Vulcane untereinander verbinden, den Einflufs, 
welchen ein vulcanisches System auf das andere ausübt, . 
den Zusamnienhany, welcher sich zwi eben den feuer- 
speyenden Bergen und den Stüfsen offenbart, die auf 
grofse Entfernungen hin , und lange anhaltend in glei- 
chen Kichtungen die Erde erschüttern. Es kann diese 
letztere nicht eher bedeutende Fortschritte machen, bis 
man sorgfältige und genaue Angaben besitzen wird, von 
den verschiedenen Epochen gleichzeitiger Wirksamkeit;, 
Richtung, Ausdehnung und Stärke der Erschüttervin- 
gen , von ihrem allmähligen Vorschreiten in vorhin 
durch sie unberührt gebliebene Gegenden "Q, von dem 
Zusammentreffen eines entfernten vulcanischen Aus- 
bruchs mit dem unterirdischen Getöse, welches die Be- 
wohner der Anden um seiner Stärke willen auf eine aus- 
drucksvolle Weise mit dem Namen des unterirdischen 
Gebrülls und Donners **) belegt haben. Diese sämmt- 
lichen Angaben gehören in das Gebiet der Naturge- 
schichte, einer Wissenschaft, der nicht einmal ihr Name 
gesichert geblieben ist, und die, wie alle Geschichte von 
Zeiten ausgeht, welche uns fabelhaft vorkommen, und 
von ('ata«trophen, deren Gewalt und Gröfse unsere Phan- 
tasie nicht erreichen mag. 

Man hat sich lange Zeit darauf beschränl<t, die Ge- 
schichte der Natur mittibt alter, in der Erde vergra- 
b er Denkmä'iler zu studieren; wenn über auch gleich 
der e Ige Kreis, worauf zuverlässige U eberliefe run-^en 
bescbrlnkt sind, so allgemeine Umwälzungen nicht dar^ 



*) Vergleiche oben T. I. Kap. 4. S. ^gS. 
•*) B. amidof y Cruenot subterraneos. 



3o B II c h V. 

biotet, wie jene sind, welche die Cordilleren cinpo!*- 
hoben und Myriaden pelagischor Goschüpfe in die Erde 
versenkten^ so bietet die vor unsern Augen wirksame 
Natur darum nichts desto minder solche tuniultuarische 
ohsclion nur partielle V^eränderu+igen dar, deren Kr- 
foischuniT auch die entferntesten Zeiträume zu beleuch- 
ten vermag. Im Innern des Erdballs thronen jene ge«! 
heimnifsvollen Kräfte, deren V\ irkungen sich auf der 
Oberfläche kund machen , durch die Erzeugung von 
Dünsten, von glühenden Schlacken, von neuen vulca- 
nischen Steinarten und Thermahjuellen, durcli empor- 
steigende Inseln und Berge, durch Erschütterui'ijen, die 
sich mit der Schnellio^l<eit des ekctrischen Schla^jes fort- 
pflanzen, und endlich durch jene untorirdischen Don- 
ner *), welche ganze Monate lang, und ohne Erschütte- 
rung desErdbodens in Gegenden, die von den wirksamen 
Vulcanen sehr weit entfernt stehen, gehört werden. 

Nach Mafsgabe, wie die Aequinoctial-Länder Ame- 
rica's in ihrer Bevölkerung und t>ultur Fortschritt.^ ma- 
chen, und wie die Vulcanen-Systenie des mexicanischen 



*) Jene, welche die Einwohner der Stadt Giianaxualo in Me- 
xico in Unruhe und Besorgnifs versetzten , dauerten vom 
9. Jenner bis zum 12. Hornung 1784. Diese Erscheinung, 
unter den genau Leobachteten Leynahe die einzige ihrer 
Art, soll in der Portsetzung dieser Heise beschrielicn wer- 
den. Hier ist die ßemer{;ung hinreichend, dai's die Sladt 
vierzig Meilen nördlich von dem Vulcane von Jorullo liegt, 
und 60 Meilen nordwestlich vom Vulcan von Pupocatepetl. 
An Stellen, welche diesen zwey Vulcanen naher lagen, in 
drev Meilen Hntrernung von üuanaxuato, wurden die un- 
terirdischen Donner nicht gcho'l. Das Gelöse beschrankte 
sich auf einen sehr engen Kaum in der Uegion eines Ür- 
schiefers, der sich dem Ueliergangsschiefer nähert, welcher 
die reichsten Silberminen der bekannten Welt enthält , und 
der hinwieder mit Trapp -Poiphyr-, Schiefer- und Grünstein- 
Lagern bedeckt ist. 



Kapitel KIF. 3i 

Central-PIateau, der kleinen Antillen, jene von Popayan, 
von los Pastos und von Quito Üeifsi^er beobachtet wer- 
den, uird auch der Zusanimenhaiig- der Ausbrüche und 
der Erdbeben, welche ihnen vora :sgehen und sie zu- 
weilen begleiten, allgemeiner anerkannt u^erden. Die 
vorhin genannten \ ulcane, vorzüglich jene der Anden, 
Welche die gewallige Hübe von 25oo Toisen überstei- 
gen, bieten der Beobachtung grofseVorthcile dar. Die 
Epochen ihrer Ausbrüche sind sehr ausgezeichnet. Sie 
bleiben dreyfsig bis vierzig Jahre unthätig, ohne Schla- 
cken, Asche, oder auch nur Dünste auszustofsen. In 
dieser Zwischenzeit bemerkte ich keine Spur von Rauch 
über dem Gipfel des Tunguragua und des Cotopaxi. 
Eine dem Krater des Vesuvs entsteigende HauchwolUe 
mag kaum die Aufmerksamkeit der Einwohner von Nea- 
pel erregen , sie sind an die Bewegungen dieses kleinen 
Vulcanes gewölint, welcher, zuweilen lwqj bis drey 
Jahre anhaltend, Schlacken auswirft. Es hält alsdann 
schwer zu entscheiden, ob der Schlackenauswurf im. 
Zeitpunct eines in den Apenninen verspürten Erdbebens 
beträchtlicher war. Auf dem Hucken der Cordilleren 
gewinnt alles eine entschiethiere Ansicht. Ein Aschen- 
auswurf, der nur einigt Minuten dauert, wifd öfters 
von einer zehnjährigen Kühe begleitet. Bey solchen 
Umständen hält es nicht schwer, Epochen zu bezeich- 
nen und das Zusammentreffen von Erscheinungen an- 
zuerkennen. 

Wofern , wie sich daran in der That nicht zweifeln 
läfst, die Zerstörung von Cumana im Jahr 1797^ und 
diejenige von Caracas im Jahr 1812 den Einllufs der 
Vulcane der kleinen Antillen '^') auf die Erschütterungen 

*) Die Reihenfolge der Erscheinungen ist diese: 

87. Septe/uber i"<)6. Ausbruch auf den kleinen Antillen 
rVulcan von Guadeloupe.) 



3z Buch V. 

der Küsten des Festlandes darlhun, so mag am Schlüsse 
dieses Capitels ein kurzer UebtrJjlick dieses miltellän. 
dischen Archipelagus an seinei- Stelle seyn. Die vul- 
kanischen Inseln bilden den fünften Theil des Bogens, 
welcher sich von der Küste von Paria his zur Halbinsel 
Florida erstreckt. Vermöge ilirer Ausdelinung von Sü- 
den nach Norden schliefsen sie auf der Ostseite dieses 
Binnenmeer, während die grofsen Antillen gleichsam 
die Trümmer einer Gruppe von Bergen primitiver For- 
mation bilden, deren höchster Theil sich zwischen dem 
Cap Abacou, dem Cap Morant uncl den hupjerhergea 
an der Stelle befunden zu haben scheint, wo die Inseln 
St. Domingue, Cuba und Jamaica einander am nächsten 
stehen. Betrachtet man das atlantische Wasserbecken 
als ein sehr grofses 77t«/ *) , welches die beyden Fest- 
^ lande 

Noifember i'j^^. Der Vulcan von Pasto fangt zu rauchen an. 
j4. December 1796. Zerslörung von Cuniana. 
4. Februar 1797. Zerstörung von Riobamba. 
3o. Januar löi 1. Erscheinung der Insel Sabrina hey den 
Azoren. Sie vergröfserl sicli insonderheit am i5. Juni 
1811. 
May 1811. Anfang der Erdbeben der Insel Saint-Vincent, 

die bis zum May 1812 andauern. 
16. December 1811. Anfang der Erschütterungen im Thale 
vom Mississipi und Ohio, die bis in's Jahr 181 5 an- 
dauerten. 
December 1811. Erdbeben in Caracas. 
26. März. 1811. Zerstörung von Caracas. Erdbeben, die 

bis ins Jahr 181 3 andauerten. 

3o. April 1811. Ausbruch des Vulcans von Saint-Vincent, 

und, am gleichen Tag, unterirdisches Getöse in Caracas 

und an den Gestaden des Ajture. 

*) Man vergleiche meine eiste geologische Shizzc des südlichen 

America, die Herr Delametherie im Journal de Phystque^ 

Tom. LH!, p. 35. bekannl gemacht bat. Die Küsten des 

alten Continents zwischen dem 5ten und loten Grad nördlich 

liiiben 



Kapitel XIF. 33 

lande von einander trennt, und worin, vom 20° nüdlicl» 
his 7,uni 3o° nördlic I, die voi spriiigenden Winkel Cßi'a- 
silien und benegamhien) den einwärts gehenden Win- 
keln (der Golf von Guinea und das Antillenineer^ ent- 
sprechen, so wird man auf die Vermuthung geleitet, 
dieses letztere Meer sey durch Strömungen gehildet 
^worden, die, wie die gegenwärtige iireisslrömuiig^ 
von Osten nach Westen gerichtet waren, und den Süd- 
küsten von Porto- Hico, von St. Dominyue und von der 
Insel Guha *) eine so einförmige Gestaltung ertheilten. 
Es hat diese wahrscheinliche Vorausset/Aing eines pe- 
lagischen Einbruchs zwey andere Hypothesen über die 
Entstehuno- der kleinen Antillen veranhifst. Einige Geo- 
logen nehmen an, es stelle diese ununterbrochene In- 
selkette, von Trinidad bis Florida, die Trümmer einer 
vormaligen Bergkette dar. Sie verbinden diese Ilette 
entweder mit den Granitlelsen des fi'anzüsischen Guinea^ 
oder mit den Kalkbergen von Paria. Andere, durch die 
Verschiedenheit der geognostischen Beschallenheit des 
Urgcbirgs der grofsen Antillen und der vulcanischen 
Kegel der kleinen Antillen geleitet, sehen diese letzteren 
als Erzeugnisse des Meergrundes an. 



haben die gleiche Richtung Cvon Südost gen Nordwest) wie 
die ainericanisclien Küsten zwischen G° südlich und 10" nörd- 
h'ch. Hinwieder zeigt sicii die Küstenrichtung von Südwest 
gen [Nordost, in America, zwischen dein So" und 72^5 auf 
dem alten Continent zwischen dem 25° und 70°. Das Thal 
ist enger (3oo Meilen) zwischen dem Cap Saint- Roch und 
Sierra I-eone. Verfolgt man dieKüslen des neuen Contincnts 
nordwärts von seinem pyramidalischen Endstücke oder dei^ 
magellanischen Meerenge, so glauht man die Wirkungen eines 
Antriebes zu erkennen, der anfangs nordostwärts, alsdann 
nordwestwärts und zuletzt wieder nordostwärts gericlilet war. 

*) Zwischen dem Cap Majzi und dem Cap Cruz. 

j4lex. V. Humboldts hist. Reisen. III. 3 



34 Buch y. 

Erinnert man sich der geraden Richtung, welche 
die vulcanischen Aufstände meist heobachten, wenn sie 
durch weithin verlängerte Kisse geschehen , so sieht 
man, dais es schwer hält, nach der hlolsen Lage des 
Kraters zu beurtheilen, oh die Vulcane vormals zur 
nämliclien Kette gehört haben, oder ob sie von jeher 
isolirt waren. Angenommen, der Ocean würde einen 
Ausbruch machen, entweder gegen den östlichen Theil 
der Insel Java *), oder gegen die Cordilleren von Gua- 
»timala und Nicaragua, wo so viele feuerspeyende Berge 
eine zusammenhängende Kette bilden, so würde diese 
Kette in mehrere kleine Inseln zertheilt werden , und 
vollkommen dem Archipelagus der kleinen Antillen glei- 
chen. Auch die Vereinbarung der Primiliv-Forjnationen 
und der vulcanischen Steinarten in der nämlichen zu- 
sammenhängenden Bergkette hat nichts befrenidendes : 
man erkennt dieselben deutlich in meinen geognosti- 
schen Durchschnitten der Anden -Cordillere. Die Tra- 
chyten und die Basalte von Popayan belinden sich durch 
die Glimmerschiefer von Almaguer vom Systeme der 
Quito- Vulcane abgesondert; wie die Quito-Vulcane iiin- 
wied&r durch die Gneifse des Condorasto und des Gua- 
sonto von den Assuay'schen Trachyten getrennt sind **'). 
Es giebt keine wahrhafte Bergkette in der Richtung von 
Süd-Ost ^en Nord- West, vom üyapoc zu den Mündun- 
gen des ürenoko, als deren nördliche Ausdehnung die 
kleinen Antillen betrachtet werden könnten. Die Gra- 



*^ Eajfics, Hislorj- of Jma j 1817, p. 25 — 28. Die Haupt- 
rlchlung der Java-Vulcane, auf einer Ausdehnung von 160 
Meilen, zieht sich von Westen gen Osten durch die Berge 
von GagaU, Gede , Tankuhan, Frahu , Ungarang , Meiapi, 
Lavvu, VYilis, Arjuna, Dasar und Tashem. 

**) Man vergleiche das Niieäement baromiCri<jue et lableati 



Kapitel XIF. 35 

nile von Ouiana, so wie die liornbleadschiefer *)^ wel- 
che ich in der JVä.ie von ^ngostura^ a:i Aen Gestaden 
des untern üreno iO sah, g-ehüren den Bergen von Pa- 
caraiino und la Pariine an, die sicii von V'v esten nach 
Ostc'n **) ins Innere des Landes ausdehnen, keineswegs 
aber parallel nii,t d« r Ivüstenriclitung zwischen i{&\\ Aus- 
niündungen des aniazonen - Flusses und des Urenokoj 
wenn jedoch schon am nordüstiichei» Ende der Terra- 
Firina koine Bergkette in gleiciier Richtung mit dem 
Archij)ela_ius der kleiiien Antillen vorlianden ist, so folgt 
hieraus allein noch keineswe^^s, dals die vulcanischen 
Berge der Inselgruppe niclit ursprüiij^lich dem Festlande 
und der Küstenkette von Caracas und Cuiuana angehört 
haben konnten ***^. 



des formations des Andes , iti meinen Obs. asir. Tom. I. 
p. 5oj und 5ii. ciN° üö — 220.) 

*) SchlsLes aniphiboÜques; AinjjliiJjolites scliistoides des Hrn. 
ßrongniart. 

**3 Von den Kalaracten von Atures zum Rio Esquibo. Diese 
Ketle von Pacaraiiua sclieidel die Gewä'^ser des Caronj und 
des Rio Purime oder Rio de aeguas Jjiancas. Man sehe 
meine Analyse de l' Alias geogr. , PI. X>J. 

***) Unter den zalilreichen ßeyspielen, »veiclie das Gerüste 
des Erdballs darbietet, nili man hier nur die folgenden er- 
wähnen: in Europa, die reclit\vinl;iiclile Einbiegung, »velciie 
die Ketle der Hochaipen gegen die Küstenalpen darsteilt; 
in Asien, den Belour-tagh, weloht-r die Que. veibindung des 
Mouz-tagii mit d'-m Himaiava bildet. Zu den vorgelatslen 
^Meinungen, weiciie den Forlsdirilten der inmei-alogisdien 
Erdbeschreüjung hinderlicli sind, können gezajiit werden: 
]. die Voraussetzung einer völligen Beständigkeit in der Rich- 
tung der Berghelten ; 2. die Hypothese des Zusammenhangs 
alier dieser Kelten; 5. die V oiaussel/.ung , dais je die höch- 
sten Gipfel diePiiciilung einer (Jeniialketle bestimmen; 4. die 
Meinung, dafs überall, wo beträchtliche Flüsse entspringen. 



36 ' Bach l. 

Wenn icli hier die Einwürfe einiger Lerühmler Na- 
turforscher hekiirnpfe, so ist meine Absicht ilocli kei- 
neswegs, eine vormalige Vereinbarung der sänimtlichen 
kleinen Antillen in Schutz zu nehmen. Ich bin eher «re- 
neigt, sie für Eilande anzusehen, welche durch's Feuer 
emporgehoben ;, in der Richtung von Süden nach Nor- 
den mit derjenigen Regelmäfsigkeit gereihet wurden, 
welclie sich uns in so vielen vulcanischen Hügeln der 
Auvergne, in Mexico und in Peru auf's merkwürdigste 
darbietet. Das wenige, was uns bis dahin von der geo- 
gnostischen Beschaffenheit dieses Archipelagus bekannt 
ist, stellt uns ihn als demjenigen der Azoren und der 
canarisclien Inseln sehr ähnlich dar. Das Uro-ebirge 
liegt nirgends zu Tage *j, und es findet sich nur, was 
unmittelbar den Vulcanen zugehört, feldspathartige La- 
ven, Dolerite, Basalte, aus Erdschlacken, Bims- und 



das Daseyn grofser Plateaus oder sehr hoher Berge könne an- 
genommen werden. 
*) rVauli dem Zeugnifs der Herren Moreau de Jonnes und 
Cortcs CJournal de Phjs. , Tom. LXX, p. 129). Dupugel 
und I.e Blond glaahtcn Granit am Berg Pelee auf Mar- 
tinique und in anderen Thcilcn des Archipelagus wahrzuneh- 
men. iVoyage aiix AiUilles, Tom. I, p. 87, 274 und 410). 
Der Gneifs ist als Bestandlheil des Schwefclbergs der Insel 
St. Christoph angegeben worden. Man kann nicht mifs- 
trauisch genug gegen solche Angaben sevn , wenn sie in 
Werken vorkommen , deren Verfasser mit der Kunstsprache 
weniger als mit den Gegenständen vertraut sind. Wie grofs 
war mein Erstaunen , als Hr. lAIutis , wahrend meines Auf- 
enthalts in Santa -Fe de Bogota, mir im Journal de Phy- 
sique , 1786, p. jai eine Abhandlung des Hrn. I.-e Blond 
vorwies, worin dieser, librigens achlungswerlbe, Reisende das 
Plateau von Bogota, wo er jahrelangen Aulenlbalt gemacht 
halte, als ein granitisches Plateau beschreibt. Man findet 
daselbst nur Secundar-Formationen , Sandsteine und Gypi, 
wicht einmal einzelne Bruchstücke von Granit. 



Kapitel Xlt^. 3f 

Tuffstein Lestehende Genieng^sel. Unter den Kalhfor- 
mationen *) mufs man die den vulcanischen Tuffarton 
wesenllich untergeordneten von denjenigen unterschei- 
den, welche von Madreporen und anderen Zoophyten 
herrühren. Diese letzteren scheinen , der Meinung- des 
Hrn. Moreau de Jonnes zufolge, Klippen vulcanischer 
Herkunft zur Grundlage zu haben. Die Berge, welch© 
Spuren melir oder weniger neuer Entzündungen dar- 
bieten, und deren einige fast neunhundert Toisen Höhe 
haben, stehen alle auf der Westseite der kleinen Antil- 
len **). Jedes dieser Eilande ist nicht durch einmaliges 
Aufsteigen entstanden: die meisten scheinen aus abge- 
sonderten Massen, welche sich allmählig vereinbart ha- 
ben, gebildet zu seyn ***) Der vulcanische Stoff ward 
nicht von einer, sondern von mehreren Mündungen 
ausgeworfen 5 so dafs oftmal ein Eiland von geringem 
Umfang ein ganzes System von Vulcanen ****), rein ba- 

*) Wir liaben solche vorhin (Th. II, S. k'i'i-') auf Lancerota 
und Fortaventura im System der canarischen Inseln angeführt. 
Unter den kleinen Antillen sind , nach Hrn. Cortc's , völlig 
kalharlige Eilande : Marigalanta , la Desirada , die Grande 
Terra von Guadeloupe und die Grcnadillen. Zufolge der 
Beobachtung eben dieses IVaturforschers stellen auch Curacao 
und Bonaire iBucji- Aj re^ nur Kail^forniationcn dar. Hr. 
Cortes theilt die Antillen i. in solche, welche sowohl pri- 
mitive, secondare und vulcanische Formationen enllialten, 
wie die grofsen Antillen; 2. in völlig kalkartige, oder die 
dafür gehalten werden, wie Marigalanta und Curacao ; 5. in 
die theils vulcanischen, theils kalkarligcn , wie Antigua, die 
St. Bartholomäus-Insel, St. Martin und St. Thomas; 4. die 
ein blos vulcanisches Gestein darbieten, wie Saint- Vincent, 
Sainle- I.ucie und Saint -Eustache. 

**) Siehe die Beobachtungen des Hrn. Amie in dem Rapport sur 
Citat du Volcan de la Guadeloupe ^ en 1797 , p. 17. 

***) Siehe oben Th. I. Hap. 2. S. 265. 

****> Diese Erscheinungen finden sich sehr gut 10 den schönen 



3S B V c h F. 

saltische Theile und andere, die mit frischer Lave be- 
deckt sind, vereinbart. IN och brennende S ulcane sind 
die von ^aint- Vincent, Sainte-Lucie und (juadeloupe. 
Der erste hat in den Jahren 1715^ und 1S12 Lave er- 
gosen: im zweyten wird dui"C:i die Verdichtung der 
aus den Spalten eines vormaligen Krati'rs aufsteigenden 
Dünste f"orlgi''iend Schwefel gebildet. Dir Vulcan von 
Guadeloupe spoyte zum letzton;. )al Feuer im Jahr 1787. 
Der Sc iwefelberg von St. (Christoph brannte noch im 
Jahr 1692. Auf Martinique miisscn der von den (ün£ 
Spit/.bergen du (^arbet unigebene Krater, der Vauclin 
und der Berg Pelee als drey ausgelöschte Vulcane be- 
trachtet werden. JVlan hat dort öfters die Wirkungen 
des Blitzes jnit denen des untenrdi-chen Feuers verwech- 
selt. Der anijehliche vulcaniche Aus!»ruch vom 22.Jen- 
ner 1792*) iit durch keine zuverlässige Beobachtung'' 



geologisclicn Cliarlen angpzpigt , die Hr. Moreau de Jonne's 
heraus7.uge]jen im ßegriH sielil. 
"J) Jüunial des ivlines, Tom. 111 , p. 5g. Um das ganze Sy- 
stem der l^ulcane der kletne.'t /iiiLillen oiitcr einem gemein- 
samen Gcsichtspuncle darzustellen, »erde ich in dieser ISote 
der Reihenordnung der Inseln von Siiüen nach INorden folgen; 
Granada , der vormalige Kraler ist mit Wasser gef'iilll; sie- 
dende VVasserquellen ; Basalte zwischenSt. Georg und Goave. — 
Saint- l^incent, l»rcnnender Vulcan. — Salute Lucie ^ ein 
sehr thätiger Schvveielberg , der Oualihou, zwey bis drey- 
hunderl Toisen iiocli ; lieiise Wasserstrahlen , uelcjie perio- 
disch kleine J>ccl<en anfüllen. — Martinique, drey grofse er- 
loschene Vulcane: der Vauclin, die Spilzberge von Carhet, 
welche vielleicht die höcjisten Gipfel der kleinen Antillen sind, 
und der Berg Pelee. cDic Huiie dieses Ictzleien Berges wahr- 
scheinlich 800 Toisen ; nacj» I.c Blond 670 T. ; nach Dupuget , 
756T. Zwischen demVauciin und den feld>palharligen L.aven 
der Spilzberge von Carbel helindet sich, der Angabe des Hrn. 
Moreau de Jonnes zufolge, in einem engen Landstriche, eine 



Kapitel XIF. 3(3 

erwalirot. Es verhält sich mit der Vulcanen-Gruppe der 
kleinen Antillen, wie mit jener von (^uilo und los l'astos. 
Müiuhmi^ei), die mit dem unterirdischen Feuer weiter 
keine Verbindung zu haben scheinen, stehen auf der 
nämliclien Ijinie mit den feuerspeyenden Kratern und 
wechseln mit ihnen ab. 

Der innigen Verhältnisse unerachtet, die sich zwi- 
schen der Wirksamkeit der V^ulcane der kleinen Antillen 
und den Erdbeben der Terra -Firma darstellen, ge- 
schieht es jedoch nicht selten, dais Erdstölse, welche 
aul der vulcaniscen Inselgruppe verspürt werden^ sich 
weder auf die Insel Trinidad^ noch an die Küs-ten von 
Cumana und Caracas fortpflanzen. Dieser Umstand hat 
nichts befremdendes. Auch in den kleinen Antillen selbst 
bleiben die Erschütterungen öfters auf eine einzige Insel 
beschränkt. Der grofse Aufbruch des Vulcans von Saint- 
Vincent im Jahr 1812 verursachte kein Erdbeben auf 
Martinique und auf Guadeloupe, wohl aber hörte man 
daselbst, wie in Venezuela ;, ein heftiges Knallen , wäh- 
rend der Erdboden ruliig blieb. 

Das gleiche Knallen Cdetonations} ^ das mit dem 



Region aller Basalte, die der Gevierlfelsen genannt wird.) 
Heil'ses Wasser vom Precheur und vom I.amentin. — Do- 
minique, ganz vulcanisch. — Guadeloupe, wirJisamer Vul- 
can , dessen Hölie , nach t.eboucher , 799 T. : nach Amie, 
85o T. beträgl. — Montserrat ^ Soufriere, schöne Porphyr- 
Javen mit grofsen FeldspotJi- und Grünstein -Krjstallen, nahe 
hey Galiowav, nach Angabe des Hrn. PSugent. — ^ieves^ 
Soufriere. — Saint-Crlslophe, Soufriere am Mont-Misere. — 
Saint-U US Lache, Krater eines erloschenen VuJcanes, vonBims- 
sleijnen umgeben. CDie Trinidad, welche von einer Bergkette 
von Urschiefer durclizogen ist, scheint vormaU zur Kiisten- 
kelle von Cumana und nicht zumSvslem der Berge der kleinen 
Antillen gehört zu haben, Edwards, Hist. of the West Ind.y 
Tom. III, p. 275. Duuxion Lauajsse^ Tom. II, p. 60.) 



40 B II c h V. 

Rollen piclit verwechselt werden darf, welches iil;crnll 
auch den geringsten Erschütterungen vorangeht, läfst 
sich nicht selten an den G;>staden des Urenoko,, iui«I, 
wie uns an Ort und Stelle versichert ward, zwischen 
dem Rio Arauca und dem Cuchivero hören. Der Pater 
Morello erzählt, vvie in der Mission von Cahruta das 
unterirdische Getöse zuweilen dem Losfeuern von Stein- 
hölh^'n (^pedreros^ dermafsen gleich war, dafs man ein 
fernes Treffen zuhören glaubte. Am 21. October 1766, 
dem Tage des furcht'iaren Erdhehens, das die Provinz 
Neu- Andalusien verheerte*), bewegte sich der Boden 
gleichmäf>ig in Cuniana, in Caracas, inMaracavbo, an 
den Gestaden des Casanare, des M 'ta, des Orenoko und 
des Ventuario. Der Pater Gili **) hat eine ßeschreibuiiir 
dieser Errchütterungen einer völlig granitischen Gegend, 
in der ^Mission von Encaraniada, wo sie von heflisfem 
Knallen hegleitet waren, beschrieben. Es erfolgten an- 
sehnliche Bergstürze am Paurari, und in der Nähe des 
Fehen AravacotoVerschwand eine kleine Insel im Ore- 
noi'.o. Die schwindenden Bex^Ciiiinufen hielten eine e^anze 
Stunde an. Es war gleichsam das erste Signal jenei- hef- 
tigen Erschütterungen, die länger als zehn Monate an 
den Küsten von (Humana und Cariaco verspürt wurden. 
Man sollte i>lauben, zerstreut in Wäldern lebende Men- 
schen, die Itein anderes Obdnclj haben, als aus Scljilf- 
rohr und PalmbliUtern verfertii>te Hütten , wiirden sich 
vor den Erdbeben weni"- fürchten. Allein die Indianer 
vom (>revato und Caura erschrecken darüber, wie über 
eine ziemlich seltene Erscheinung, die auch den Wald- 
thieren Schrecken einjagt, und die Krokodile aus der 
Tiefe des Wassers ans Gestade liinaustreibt. Näher am 



*j Siehe ölen Th. I. Kap. 4- S. 482. 

**) Saggio di Storia americnnii ^ Toni. IJ, p. 6. 



h a p i t e l XIV. 41 

Mcor, n"0 die Stöfse häufiger vorkoniinen, fürchten sich 
die Einwohner vor denselhen keines vveg-üs, sondern sie 
erkennen darin vieh)ielir die Vorholen eines leuchlL'U 
und Iruchlharen Jahres. 

Ich liahe in diesen Betraclitungen üher die Erdbehen 
der Terra- Firma und üher die V^ulcane des nahen Insel- 
meers der Antillen den allgemeinen Plan hetoL.t^ wel- 
chen ich mir in diesem Werk vorsetzte. Erst zählte 
ich eine ^rolse Anzahl vereinxelter That achen auf, die 
ich hernach in ihrem Zusammenhang dar.tellte. Alles 
verkündigt im Innern des Erdl>alls eine Wirksamkeit le- 
bendiger Kräfte, welche gegenseitig auf einander ein- 
wirken, sich die Wage halten, und Veränderungen in 
einander hervorbringen. Je unbekannter uns die Ur- 
sachen dieser Schwingungen, dieser Wärme -Entwick- 
lungen, dieser .Bildungen elasti-cher Flüssigkeiten sind, 
■um so mehr ist es dem JNaturforscher Pflicht, die Ver- 
hältnisse zu ergründen, welclie diese Erscheinungen in 
weiten [Entfernungen und auf eine so gleichförmige Weise 
darstellen. Alsdann nur, wenn diese verschiedenen Ver- 
hältnisse aus einem allgemeinen Gesichtspunct betrach- 
tet, und über eine weite Ausdehnung der Erdoberfläche 
durch vielartige Gesteinformationen hindurch verfolgt 
werden, fühlt man sich geneigt, auf die Unterschiebun- 
gen kleiner Localursachen von Schwefelkieslagern oder 
Steinkohlen-Entzündungen zu verzichten *'). 



*) Ich finde , in einem iilirigens an geistvollen Ansichten und 
richtig beobachteten Thatsachen reichen Buche , den geogiio- 
stisch- geologischen Aufsätzen des Hrn. Stcfl'cns (S. 525), die 
Behauptung, dafs ., wanne (j)uellen. Erdbeben und viilcani- 
schc^usbrüche nur da statt finden, wo Sleinkoliienlager 
vorminden sind, weil diese allein die Verbrennung niöglich 
machen, und in dem grofsen electro- motorischen Apparat der 
Erde eine kräftige eleclrische Spannung unterhalten können. 



42 B n c h V. 

Folgendes ist die Reihe der Erscheinungen, ^reiche 
die Nordküsten von Cuinana, von JNueva liai'celona und 



W enn man diese Erscheinungen in den Primitiv-Forinationen, 
wie neuerlich im südlichen America, zu heohacliten jjlauhte, 
so wird man, sagl der Verfasser, Secondar- oder Flötzpor- 
phyrc, welche Steinkohlenlager enthalten können, mit Ur- 
porphyren verwechselt hahen''. Wir liaben so eben die Erd- 
beben in völlig granitischem Boden heschrieben , in ausge- 
dehnten Landschaften, wo, wie an den Gestaden des Orenoko, 
keine andere primitive oder Secondar- Formation über dem 
Granit liegt. Bald werden wir sehen , dafs siedende Quellen, 
gleiclisam vorzugsweise, vom Granit und Gneifs ausströmen, 
und dafs die Trachyten oder Trapp - Porplivre der Anden, 
weit entfernt der Formation des rothen Sandsteins oder jenen 
Tlntzporphyren anzugehören , mit denen die Herren SlelTens 
und Freiesleben uns so genau bekannt gemacht haben , mitten 
in vulcanischem Boden aus Glimmerschieier und Gneifs her- 
vorkommen. Mir scheinen übrigens die INatur und die Ein- 
richtung der Schichten im Innern der Erde, hauptsächlich in 
primitivem Boden , der Ilvpothese einer grofsen Pile wenig 
zuzusprechen, wodurch die Stöfse auf der Erdoberfläche ver- 
ursaciil , und (mittelst chemischer Wirkung des electi-o- mo- 
torischen Apparats) den Salz- sowohl als Thermal-Quellen eine 
so aufserordentliche Beständigkeit der Mischung und des spe- 
cifisciien Gewichtes ertheilt werden sollte (_Geogn. Au/s. S. 52 2 
lind 535). Wenn man, wie ich es gethan habe, auf der Cor- 
dillere der Anden einen langen Aufenthalt geinaclit hat , wenn 
man die sich in der Tiefe der Erde Ibrtpllanzenden Detona- 
tionen gehört, wenn man die ungelieurcn Wirbungen des Auf- 
stofsens des Bodens, und die Wölbungen des Erdrciciis gesehen 
hat, das aus seinen Spalten eine unermefsliche Menge Wasser, 
Schlamm und Dünste auswirft, so hält es schwer, nicht an 
das Dasejn von HöJilungen und an Verbindungen zu glauben, 
welche zwischen dem owdirten Theil des Erdballs und einem 
Theilc desselben bestellen, der an Metalloiden , an Schwefel- 
hicsen und anderen nicht o.xydirten Substanzen noch Ueberw 
Hufs hat. Siehe oben Th. I. Kap. 2. S. 368, und Kap. 4- 
S. 5oy. 



h a p i t e l XIV. 43 

von Caracas darliieten, und von denen man glaulit^ sie 
düiltcn mil dcMi Ursaclien der Lrdl)eL)en und der Lave- 
erj^ier<uiigen in Verbindung- stehen. Wir wollen am. 
Östlichsien iinde^ mit der Insel 1 rinidad i\in\ Anl'ang- ina- 
chen, die, wie bereits oben scl.on benierlst ward, dem 
Küstenlande viehnehr, als dem System der Berge der 
Antillen-Eilande, an/.ugehüren scheint. 

Der Schlund, welcher Asphalt ausspeyt in der Bucht 
von Mayaro, auf der Uttivüste der Insel Trinidad, 
südwärts der Guatar» - Spitze. Ls ist dies die illi/ie 
' vüii Chapapole , die den mineralischen l'heer dieses 
Landes liefert. In den Monaten März und Juni 
sind, wie man veriicliert, die Ausbrüche Öfters von 
starken Detonationen, von Hauch und Flammen be- 
gleitet. Fast auf der nämlichen Parallele, ebenfalls 
im Meer, aber auf der Ostseite der Insel (nahe bev 
Punta de la Brea, südv/ärts vom Hafen von IN'apa. 
raimo") findet sich ein ähnliches Zu,''ioch. Auf der 
nahen Küste, in einem thonigten Boden, befindet 
sich der berühmte Asphallsee (^J^agima de la Brea), 
ein Sumpf, dessen Wasser die Temperatur der At- 
mosphäre besitzt. Die kleinen Kegel, welche am 
südwestlichen Ende der Intel, zwischen der Spilze 
Icacos und dem Mio Erin gelegen sind, scheinen 
einige Aehnlichkeit mit den Luft- und Schlamni- 
Vulcanen zu haben, welche ich zu Turbaco im 
Königreich Neu -Granada antraf *). Wenn ich der 
Asphalt-Lagerungen gedenke, so geschieht es iim 
der merkwürdigen, in diesen Gegenden ihnen ei- 
gentijümlichen V erhältnisse willen, indem ich übri- 
gens wohl weifs, dafs dieNaphta, das Ste'Jnöl und 
der Asphalt gleichmäfsig im vulcanischen und im 



*> Dauxion-Laraysse, Voyage ä la Trinite, p. 25, 5o und 3.>. 



f^4 B u c h V. 

Secondar- Boden vorl<omnien *), und im letzteren 
sogar auch öfterer. DasSteinöl schwimmt, dreyfsig 
Meilen nordwärts von der Trinidad, um die hisel 
Granada, die einen ausgelöschten Vulcan und Ba- 
salte hat. 

Die warmen Quellen von Irapa, am nordöstlichen End- 
theile von IN eu- Andalusien, zwischen Rio Caribe, 
Soro und Yaguarapayo. 

Der Luft- Vulcan oder Salce von Cumacatar, südwärts 
von San Jose und Carupa*ao, nahe hey der INord- 
J<üste des Festlandes, zwischen A&r iMoulunua de 
Paria und der Stadt Caracio. Man hört heynahe 
ununterbrochen anhaltende Detonationen in einem 
thonigten Boden, welcher Schwefel enthalten soll. 
Warme Wasserschwefel - Quellen drängen sich aus 
dem Boden mit solcher Heftigkeit hervor, dafs die- 
ser durch die Stöfse merklich erschüttert wird. Man 
behauptet, seit dem grofsen Erdheben von 1797 auch 
öfters das Aufsteigen von Flammen gesehen zu ha- 
ben. Diese Thatsachen verdienten durch einen sach- 
kundigen Heisenden erwahret zu werden. 

Die Steinöl- Quelle von Buen Pastor, nahe beym Rio 
Areo. Man hat im thonigen Erdreich vonGuayuta, 
wie im Thale von San Bonifacio **) , und in der 



*) Die Lrennbaren Dünste (VTasserstoffgas , welches IVaphta 
mit sich führt) der Pietra mala kommen aus dem Alpenkalk- 
stein hervor, welchen man von Covigliano his nach Ralicofa 
verfolgen kann , und der in der JNaiie von Scarica TAsino auf 
altem Sandstein ruht. Unter diesem alten Sandstein QgrSs 
rouge') befinden sich schwarzer Üehergangs-Halkstein und flo- 
rentiner Grauvvacke (Psammite quarzeuse)- Ueber den Asphalt 
der Secondar -Berge Thüringens siehe Freiesteben, Kupfer- 
schiefer, Th. 5, S. 27, Th. 4, S. 358. iHausmaun nordteut- 
sche Beitr. , St. 1 , S. y5.) 

»*) Th. II, Kap. 8, S. j58. 



Kapitel XIK 45 

Nälip des Zusammenflusses des Rio Pao mit dem 
Orenoko grofse Schwefelmassen angetrolTen. 

Die ^gvas calientes , südwärts vomKioAzulj und 
das hohle Erdreich von Cariaco, das, zur Zeit der 
grofsenErdbehen von Cumana^ Schwefelwasser und 
klebrichtes Steinöl ausgespcyt hat "). 

Die warmen Wasser des Gulfs von Cariaco '■•"•*). 

Die Steinöl<juelle im nämlichen Golf^ nahe bey Ma- 
niquarez. Sie quillt aus Glimin erschiefer **'••'). 

Die Flammen, die der Erde entstiegen , in der Nähe 
von Cumana, an den Ufern des Manzanares und in 
Mariguitar '•"'""""') , am südlichen Gestade des Golfs 
von Cariaco, zur Zeit des Erdbebens von 1797. 

Die feuerigen Erscheinungen des Berges Cuchivano, 
nahe bey Cumanacoa t)» 

Die in einer Untiefe nordwärts der Caracas-Inseln tO 
entspringende Steinölquelle, deren Geruch den Schif- 
fen die Gefahr einer Untiefe, welche nicht über ein 
Klafter Wasser hält, von weitem her ankündigt. 

Die warmen Quellen des Berges Brigantin, in der Nähe 
von Nueva Barcelona, deren Temperatur 48°; 2 des 
hunderttheiligen Thermometers beträgt. 

Die warmen Quellen des Provisor, in der Nähe von 
San Diego, in der Provinz Nueva Barcelona. 

Die warmen Quellen vonOnoto, zwischen Turmero 
und Maracay, in den Thälern von Aragua, west* 
lieh von Caracas. 



•) Th. I, Kap. 4, S. 482, und Th. II, Kap, 8, S. 159. 

**) Th. II, Kap. 8, S. 169. 

•*0 Th. I, Kap. 5, S. 547. 

•***) Th. I, Kap. 4, S. 485. * 

t) Tb. II, Kap. 6, S. 71. 

ti) Th. II, Kap. 1 1 , S. 3o,% 



46 B u c h V. 

Die wai'nien Quellen vou ISIariara, in eben diesen 

Thivlorn^ deren I emperatur 58°, 9 beträft. 
Die Avarmen Quellen von Las Trinciieras, zwiscben 
Poi'to- Cabeliu und Valencia, die aus dem Granit 
Lervorkoninjen^ gleich denen von Mariara, und 
einen warmen Bacli bilden, Rio de aguas calientes. 
Die Temperatur i-t 90°, 4. 
Die Siedqueilon der Sierra Nevada de Merida. 
Das Zugloch isoiipiraii) von Alena, am Gestade des 
Maracavbo -beesj es speyt Asphalt, und es treten 
daraus (wie man verjiciiertj Gasdünste hervor, die 
sich von selbst entzünden, und weit umher sichtbar 
werden. 
Dies sind die Quellen von Bergül und heifsem Was- 
ser, die feuerigen Meteore, die mit Detonationen be- 
gleiteten Schlaramauswüife , welche mir in den aus- 
gedehnten Provinzen von Venezuela, in einem Umfang 
von 200 Meilen, von Osten gen Westen, bekanntgewor- 
den sind. Es haben diese verschiedenen Erscheinungen 
die Phantasie der binwohner seit den grofsen Catastro- 
phen von 1797 und 1812 vielfach beschäftigt und beun- 
ruhigt: obgleich sie eigentlich nichts enthaÜen, was zu 
einem Vulcan, dem bisher gewohnten öinne des \\ orls 
nach, gehört. Wenn die Zuglöcher, welche mit Gepras- 
sel Dünste und Wasser auswerfen, bisweilen oolcaneilos 
genennt werden, so geschieht dies von solchen Einwoh- 
nern , die iilauben, es müsse notiiweudiy: V ulcane in 
einem Lande geben, welches so häuligen Erdbeben aus- 
gesetzt ist. Von dem brennenden Krater auf St. V inci'nt 
an findet sich südwärts, westwärts und süd westwärts, 
über die Bergkette der kleinen Antillen zuiiäciist, her- 
nach über die Küstenkette von Gumana und V enezuela, 
und endlicli über die Gordilleren von i^en - Granada, in 
einer Ausdehnung von 3bo IVleilen kein arbeilender Vul- 



Kapitel XIV. 47 

can, bis zum Purace, in der Nähe von Popayan. Dieser 
gänzliche Mangel von OelTnungen^ durch welche ge- 
schmolzene Stoffe sich auf dem, ostwärts der Anden- 
Cordiüere und des Felsengebirges gelegenen Tiieile des 
Festlandes entleeren können, ist eine der merkwürdig- 
sten geologischen Thatsachen. 

Wir haben in diesem Kapitel die grofsen Störungen 
untersucht, welche die Sleincruste des Erdballs von Zeit 
zu Zeit erleidet, und durch welche Landschaften ver- 
wüstet werden, die die Natur mit ihren köstlichsten 
Gaben ausgestattet hatte. Eine ununterbrochene Huhe 
herrscht in der oberen Atmosphäre ; aber, um mich eines 
Ausdrucks von Franklin zu bedienen, welcher mehr sinn- 
reich als wahr ist, der Donner rollt öfters in der n/j/er- 
irdischen Atmosphäre, in der Mischung elastischer Flüs- 
sigkeiten, deren heftige Bewegungen uns auf der Erd- 
oberfläche fühlbar werden. In der Beschreibung des 
Unterofang-s so vieler volkreicher Städte haben wir Bilder 
des gröfsten menschlichen Elendes dargestellt. Ein Volk, 
das im Kampfe für seine Unabhängigkeit begrilTen ist, 
wird plötzlich der Nahrungsmittel und aller Lebensbe- 
dürfnisse beraubt. Hungrig und ohne Obdach zerstreut 
es sich durch das Land. Sehr viele derer, die nicht un- 
ter den Trümmern ihrer Wohnungen das Grab fanden, 
unterliegen den Krankheiten. Weit entfernt das Zu- 
trauen herzustellen, wird dieses durch das Gefühl des 
Jammers vollends unter den Bürgern zer:^:tört5 das phy- 
sische Elend verstärkt noch die bürgerlichen Zwiste, und 
der Anblick einer mit Blut und Thränen getränkten 
Erde mag die Wuth der obsiegenden Farlhey nicht be- 
sänftigen. 

Nach der Aufzählung so vielfachen Elendes kann ein 
Kuhepuiict bey tröstlicheren Erinnerungen der Phan- 
tasie nicht anders denn erwünscht seyn. Als man in den 



48 B II c h y. 

Vereinten Staaten die Zerslürung von Caracas inne ward, 
Lesclilofs der in Washington ver^^ammelte Con^refs ein- 
mütliig^ fünf mit ]\]ehl Leladone Scliilüe zur Vertlieilung 
an die diirftiü^sten Einwohner nach den Küsten von Ve- 
nezuela zu senden. Die grolsniülhige Hülfreichung ward 
mit dem lebhaftesten Dank enipiangen, und diese feyer- 
liclie Handlung eines freyen Volkes, dieses Merkmal ei- 
ner volktthüujlichen 1 heilnahnie, wovon bey der ge- 
steigerten Sittigung des alten Europa so wenig neuer- 
liche Beispiele vorkommen, erschien als ein köstliches 
Pfand des gegenseitigen Wohlwollens, da» zwischen Aen 
Völkerschaften beyder America's in aller Zukunft Bestand 
hab^n soll. 



Fünfzehntes Kapitel. 



Abreise von Caracas. — Berge von San Pedro und von Los 
Tegues. — Victoria. — Thäler von ylragua 



Um auf dem kürzesten Wege von Caracas an die 
Gestade des Orenoko zu gelangen, wären wir im Fall 
gewesen die südliche Bergkette zwischen Baruta, ^ala- 
manca und den Savanen von ücumare zu übersteigen, 
die Steppen oder Llanos von Orituco zu durchw andern, 
und uns in Cabruta, in der Wähe der Ausmündung des 
Rio Guarico *), einzuschifliVn : allein dieser gerade Weg 
hätte uns des Vortheils beraubt, den schönsten und vor- 
züglich wohl angebauten Theil der Provinz, die Thäler 
von 

*)• Siehe Th. 11, Kap. 12, S. 585, und in meinem Geogra- 
phischen Atlas die Skizze des Thals von Caracas, und die 
Charte des untern Orenoko. 



Kapitel XK 49 

von Aragua, zu selien , das JNivellement eines merk- 
^vüi'tligen Theils der Küstenkette mit dem Barometer 
auf/.iinelimen, und den Rio Apure bis zu seiner Ver- 
Linilun" mit dem Orenoko lierabzufahren. Ein Kei- 
Sender, welcher sich mit der GestaUung und. den na- 
türlichen Heichthümcrn eines Landes bekannt machen 
will, läfst sich nicht durch die Entfernung , wohl aber 
durch die Eigenthüuilichkeit der Geg^enden bestimmen, 
die er besuchen will. Dies war der mächtige Beweg- 
grund; der uns auf die Berge von los TequoS;, nach den 
warmen Quellen von Mariara, an die fruchtbaren Ge- 
stade des Valencia - Sees ; und, durch die weit aus- 
gcdclinten bavanen von Calabozo, nach Saiy Fernando 
de Apure, in den östlichen Theil der Provinz Varinas 
geführt hat. Auf diesem \\ege gelangten wir anfangs 
in westlicher, hernach in südlicher, und endlich in ost- 
süd-üstliclier Hichtung, auf dem Apure in den Orenoko, 
auf der Parallele von 7°, 36' 23"- 

Weil auf einem Wege von sechs- bis siebenhundert 
Meilen die Längen durch ilas Zeitmafs von Caracas und 
von Cumana bestimmt worden sind, so ward unumgäng- 
lich nolhwendig, die Lage dieser bevden Städte genau 
und mittelst absoluter Beobachtungen festzusetzen. Ich 
habe oben, im zehnten Kapitel *J, das Ergebnifs der 
astronomischen Beobachtungen mitgetheilt, die im er- 
sten Piinct der Abreise in Cumana angt stellt wurden; 
was den zweyten Punct, das nördlichste Ende von Ca- 
racas betrifl't, so befindet >ich dasselbe unter 10° 3o' bo" 
derßreite, und 69° 20' o" der Länge**). Die magnetische 



*) Th. II. Kap. 10. S. 269. 

**) Hr. Fernes, welcher in der Douane beobachtet, findet die 
Breite von 10* 3o' zk"-, und durch das Zeitmafs von Poito-Rico 
(diesen Punct zu 68° 28' 5" angenommen) die Länge vonGg^^aS'.- 

yllex. V. Humboldts hist. ßeisen J!I A 



5o JB u c h V. 

Declination fand ich^ aui 22. Jenner i8oo, aulser der 
Stadt, unfern vom Thor de la Pastora, 4° 38' 45 nord- 
östlich, und, am 3o. Jenner, innerhalb der Stadt, im 
Universitüts^ehäude, 4° ot/ i5", demnach um 26' grös- 
ser als in Cumana. Die Inclinalion der Magnetnadel uar 
42°, 90 (der hunderttheiligen Scale). J3ie Zahl der 
Schwingungen, welche die Stärke der magnetischen 
Kraft bezeichnet, stieg, in 10' Zeit, zu Caracas, auf 
2825 in Cumana, auf 229. Diese Beobachtungen konn- 
ten nicht sehr vervielfältigt werden; sie sind das Ergeb- 
nifs dreymonatlicher Arbeit. 

Am Tage unserer Abreise aus der, seither durch 
schreckliclie Erdbeben verschütteten Hauptstadt von Ve- 
nezuela , nahmen wir unser IMachtlager am Fufse der 
waldigten Berge, von denen das Thal südwestwärts ge- 
schlossen wird. Wir folgten dem rechten Ufer des Kio 
Guayre bis zum Dorf Antiinano, auf einer sehr schönen 
und zum Theit in den Felsen gehauenen Strafse. Man 
kommt durcli la'V^ega und Carapa. Die Kirche von la 
Vega stellt sich ungemein malerisch auf einer kleinen 
Anhölie dar., welche aus Hügeln besteht, die mit dich- 
tem Fflanzenwuchs bekleidet sind. Zerstreute Häuser, 
um welche her Dattelbäunie stehen, scheinen den U ohl- 
stand ihrer Bewohner zu verkünden. Eine Kette nie- 
driger Berge trennt den kleinen Guavre-Flufs von dem ' 



Beobachtungen, die einzig nur am Himmel angestellt sind, ge- 

Len für den Fiatz von Trinidad : 

nach Monddislanzen von der Sonne und Sternen 4 St. 5;' 27'' 
nach Verdunklungen von Satelliten . 4St. jy'Sj" 



(«St. J7'/,ü" 
Siehe i^^cwü?// d'observ. astron.^ Tom. I, p. i58 — \^k- VV'^ir 
lassen eine chronometrische Bestimmung bev Seile, wegen 
der Bewegung des Schifles. bey stürmischer See. in der >ahe 
vom Cap Codera. 



Kapitel XF. 5i 

in der Geschichte des Landes berühmten Thal de la 
Pasciia *) sotvohl, als vun den vormaligen Goldniinen 
von Banita und Oripoto. Im Aufsteigen nach Carapa 
genielst man nochmals der Ansicht der hilla, die sich 
als eine ge»valtigc, gegen das Meer steil ahgesclinittene 
Kuppel darstellt. Dieser ahgeruudete Gipffd und der 
eiiier hlauer gleich gekerbte Hamm des Galipano sind 
in diesem, aus Gneifs und Glimmerschieier gebildeten 
Beeilen die einzigen Formen, welche der Land chaft 
Eigenthiimlichkeit gewähren. Die übrigen Bergspitzen 
haben eine traurig einförmige Gestaltung. Eine kurze 
Weile, ehe man ins Dorf Antimano kommt, stufst man 
reciiterseits auf eine sehr merkwürdige geologische Er- 
scheinung. Zum Behuf eines neuen, in den Felsen ge- 
hauenen Weges wurden zwey mächtige Gneilsgänge im 
Glimmerschiefer zu Tage gelegt. In beynahe senkrech- 
ter Lage durchschneiden sie alle Schichten des Glimmer- 
schiefers**), und sind 6 bis SToisen dicht. Diese Gänge 
enthalten nicht Bruchstücke, sondern Kugeln von Ur- 
Grünstein ***) mit concentrischen Schichten. Diese 



*) Thal der Corles oder Osterthal^ das diesen lV«inen daher 
trägt, weil Diego de Losada, nachdem er die Tekes-Indianer 
und ihren Kaziken Guaycaypuro in den Bergen von San Pedro 
geschlagen halte, im Jahr 1667 daselLsf die Ostertage zu- 
brachte, ehe er in's Thal von San Francisco vordrang, wo 
er die Stadt Caracas anlegte. (_Oi'iedo , p. 252.) 

**) Die Richtung des Giitnmerschiefei's ist St. 12, 2; die Sen^ 
kung 72° östlich. Die Gneifs- und sogar auch Granit-Gänge 
einer neuen Formation kommen sehr häufig im sächsischen 
Erzgebirge vor, das, wie wir früher schon bemerkt haben, 
viele Aejinlichkeit mit der Gegend von Caracas hat. Granit- 
gönge kommen im Gneifs zu Geyer und im Glimmerschiefer 
zu Johanngeorgenstadt vor. 

***j Diabase grenue. Ich erinnere mich, ähnliche Kugeln, die 
einen Gang im Uebergangsschiefer füllten, in der INähe dej 



Kuffeln bestellen aus einer innigen Mischuno^ von Horn- 

O DO 

Llende und blättrigem Fcldspath. Der Feldspath gleicbt 
zuweilen dem glasigen Feldspath^ wenn er in sebr dün- 
nen Blättern in einer Masse von zersetztem und einen 
starken Tbongerucb ausdünstendem Lr-Grünslein zer- ^ 
streut ist. Der Durchmesser der flugeln ist sehr un- 
gleich, und beträgt bald nicht über 4 bis 8 "LoWy bald 
steigt er auf 3 bis 4 Fufs an : ihr Kern ist dichter, ohne 
concentrische Schichten und von schwärzlichtem Bou- 
teillen-Grün. Ich fand keinen Glimmer darin, hingegen, 
was sehr merkwürdig ist, viele zerstreute Granaten. 
Diese Grajiaten, von schön rolher Farbe, kouimen nur 
im Grünstein allein vor, und weder im Gneifs, der den 
Cement der Kugeln bildet, noch in dem Glimmer- 
schiefer, den die Gänge durchziehen. Der Gneifs, des- 
sen Bestandthcile sich in einem Zustand von unvollkom- 
menem Zusammenhang (desagregation considerable) be- 
finden, enthält grofse Feldspathkrystallen : und, obgleich 
er die Gangmasse im Glimmerschiefer bildi'l, wird er 
selbst doch hinwieder von Quarzadern durchzogen, die 
zwey Zoll dicht und von einer ganz neuen Formation 
sind. Der Anblick dieser Erscheinung hat etwas selt- 
sames : man möchte sagen, Kanonenkugeln seyen in 
einer Felsenmauer eingelafst. Ich glaubte hinwieder in 
der nämlichen Gegend, auf der iMoutamia de ylvilu 
und am weifsen Vorgebirg, auf der Ostseite von Guayra 
einen Ur-Gj'ünstein, mit etwas Quarz und Schwefelkies 
gemengt, aber ohne Granaten, nicht in Gängen, son- 



Schlosses Schauenstein im Markgraftlnun Bayreuth gesehen 
zu haben. ioli liabe mehreie Kugeln von Anliinano an das 
kdiiiglidie Kabinel naoh .Mailril ül)ersi';!idl. Sielie die Me- 
sclireibung dei- geulogischcn Sammlung aus Caracas in mei- 
nem Schreiben an Don Joseph Clavijo. iAiinales de hisC. 
nat. , Tom. 11, p. 262 — 271.) 



Kapitel XF. 53 

dern in untorgeordne4en Lagern im Glimmei'scliiefer 
wahrgenommen zu haben. Diese Lagerung kommt zu- 
verlässig auch in Eiiropa in trgchirgen vor; überhaupt 
aber gohört der Ui- Grünsloin häufiger dem System 
der Uehergangs- Felsen^ inshcsonderc thMu Ucbergangs- 
ihonscliiefer an^ der in Lagern von st;.rk kohlenhalti- 
gem lydischem Stein, von Kieselscliielcr '•;), von Alaun- 
schiefer '"'■') und schwarzem Kallistein in Menge vor- 
kommt. 

In der Nähe von Antimano stunden alle Baumgärten 
voll hlül;»cnder Pfirsiclihäume. Dieses Dorf, so wie das 
Thal und die Ufer des Macarao liefern dem Markt von 
Caracas Pfirsiche, Quitten und noch andere europäische 
Früchte mehr im Ueberflufs. Zwischen Antimano und 
Las Ajuntasmufsman siebzehnmal über den Guayi^e-Flufs 
setzen. Der Weg ist sehr beschwerlich ; doch würde, 
statt eine neue Strafse anzulegen, vielleicht hesser ge- 
than seyn, das Flufsbett zu ändern, worin durch die In- 
filtration sowohl, als durch die Ausdünstung eine Menge 
Wasser verloren geht. Jede Krümmung bildet einen 
mehr oder minder ausgedehnten Pfuhl. Dieser Verlust 
mufs bedauerlich seyn, in einer Provinz, deren ange- 
bauter Boden überall, mit Ausnahriie der zwischen dem 
Meer und der Küstenkette von Mariara und Niguatar 
gelegenen Landschaft, überaus trocken ist. Die Hegen- 
niederschläge sind daselbst gar viel seltener und unbe- 
deutender, als im Innern von Neu-Andaluslen, in Cu- 
jnanacao und an den Gestaden des Guarapiche. Zwar 
steigen manche Berge von Caracas in die Wolkenregion 
empor; aber die Schichten derUrfelsen sind unter einem 
Winkel von ^o° bis 8q° eingesenkt, und grofsentheils 



*) Jaspe schistoide. 
**J Ampelite. 



54 B n r h V. 

in nord - westllclier Richtnnef, so dafs sicli das \'\'a«ser 
entweder im Innern des Bodens verliert , oder in reich- 
lichen Quellen^ nicht avif der Süd-, sondern auf" der 
Nord-Seite der Küslenherge von Niguatar, Avila und 
Mariara zu Tage kommt. Die südlich aufgerichtete 
Lagerung der Gneifs- und Glimmerschiefer- Schichten 
scheint mir grofsentheils die ausnehmende Feuchligheit 
des Küstenlandes zu erklären. Im Innern der Provinz 
finden sich Gegenden von zwey und drey Geviertmeilen 
im Umfang, die durchaus keine Quellen hahen. Das 
Zuckerrohr^ der Indigo und der Kalfeehaum mögen nur 
da gedeihen, wo sich laufendes Wasser befindet, das 
während der grofsen Trockenheit zu künstlichen Bewäs- 
serungen gehraucht werden kann. Die ersten Colonisten 
haben sehr unvorsichtig die Wälder ausgerottet. Die 
Ausdünstung ist gar beträchtlich auf einem steinigten 
Boden, der von Felsen umgeben wird, welche von allen 
Seiten Wärme zurückstrahlen. DieKüstenherge gleichen 
einer Mauer, welche sich von Osten nach Westen, vom 
Cap Codera gogen die Tucncas- Spitze ausdehnt 5 sie 
halten die feuchte Luft der Küsten, die unteren Schich- 
ten der Atmosphäre, welche unmittelbar über dem Meer 
liegen und die gröfste Menge Wasser aufgelöst enthalten, 
vom Eindringen in die innere Landschaft ab. Es finden 
sich nur wenige Ueffnungen und Schluchten, die, gleich 
derjenigen von Catia*} oder Tipe, vom Küstenland nach 
den hochgelegenen Längenthälern hinziehen. Kein gros- 
ses Flufshett und kein Busen öH'net sich dem Wasser des 
Oceans, gestattet seinen Eintritt in'sLand, und macht 
die Befeuchtung dieses letztern durch reichliche Aus- 
dünstung möglich. Zwischen dem 8ten und loten Brei- 
tegrad lassen viele Bäume im Jenner und Hprnung ihr 



*;) Th. II. Kap. 12. S. 391. Kap. i3. S. 455 



Kapitel XF. 55 

Laiil) fallen, gewifs niclil um clor hülteron Temperatur 
willen, wie in Europa, sondern weil in dieser von der 
He"enzelt enllVrntesten .lahrs/.eit die Luft dem höchsten 
Stand ihrer Trockenheit genähert ist. Einzig^ nur die 
Pflanzen, welche glänzende und üheraus zähe Blätter 
hal)en, mögen diesen Mangel an Feuchtigkeit ertragen. 
Den Heisonden hefremdet der Anblick einer heynahe 
winterlichen Landschaft unter dem schönen Himmel der 
Tropenländer; sohald man die Gestade des Orenoko er- 
reicht hat, erscheint aber avich wieder frisches Grün, 
Ein anderes Klima herrscht hier, und die ausgedehnten 
Waldungen erhalten durch ihren eigenen Schatten dem 
Erdhoden einen gewissen Grad von Feuchtigkeit und 
schützen ihn gegen die verzehrende Sonnenhitze- 
Jenseits dem kleinen Dorf Antimano verengert sich 
der Thalgrund heträchtlich. Der Flufs wird durch die 
J^ala , jene schöne Grasart mit zweyzeiligen Blättern 
eingefafst, die bis an dreyfsig Fufs Höhe erreicht, und 
die wir unter dem Namen Gynerium beschrieben ha- 
ben *). Um jede Hütte her stehen gewaltige Stämme 
der Persea **), an deren Fufs Aristolochien, Paullinien 
und noch viele andere rankende Pflanzen wachsen. Die, 
mit Waldung bedeckten, nahen Gebirge schienen über 
dieses nördliche Endstück des Thaies von Caracas Feuch- 
tigkeit zu verbreiten. Die Nacht vor unsrer Ankunft in 
Las Ajuntas brachten wir in einer Zuckerpflanzung zu. 
Ein viereckigtes Haus ***) bewolmten nahe an vierzig 
Neger; sie lagerten sich auf Ochsenhäuten, die auf dem 
Boden ausgebreitet waren; in jedem Zimmer des Hauses 



*) G. saccharoides, Plant, aequin.^ Tom. If. tab. ii5. Noi^a 

Gen. , Tom. I , p. i4g. 
*•) J.aurus Persea, Avocayer. 
"***> Hacienda de Don Fernando Key ■ Munnoz, 



56"^ Buch V, 

hatten vier Sclaven ihre Schlafstälte , und das Innere 
g^Hch ein r Kaserne. Im Hof der Meyerey brannten ein 
Dutzend Feuer^ an denen gekocht ward. Die lärmende 
Fröhlichkeit der Schwarzen war uns abermals auffallend, 
und störte uns am Schlafe. Der bewölkte Himmel ge- 
stattete keine Stern -Beobachtungen: der Anblick der 
Landschaft war traurig und einförmige und alle um- 
stehenden Hiioel von INIaguevs überdeckt. Alan arbei- 
tete an einem kleinen Ableitungs-Canal , welcher der 
MeyereVj, ülier 70 Fufs hoch, die Gewässer des Pvio San 
Pedro zuführen sollte. Einer barometrischen Beobach- 
tung zufolge steht der Boden der Hacienda mehr nicht 
als öoToisen über dem Bett des Kio Guayre zu la INoria, 
nahebev Caracas erhöhet. 

Das Erdreich dieser Gegfenden hat sich weni» ffün- 

O CO 

stig für die Cultur des Kaffeebaums erzeigt, der über- 
haupt im Thal von Caracas einen minderen Ertrag giebt, 
als man anfangs, zur Zeit seiner ersten Pflanzungen in 
der JNähe von Chacao, geglaubt hatte. Um sich einen 
allgemeinen Begriff von der U ichtigkeit dieses Handels. 
Zweiges zu machen, mufs man «ich erinnern, dafs die 
ganze Provinz von Caracas, im Zeitraum ihres gröfsten 
\A ohlstandes, vor den Revolutionskriegen von 1812, be- 
reits fünfzig- bis seclizigtausend Centner Kaffee erzeugt 
hat. Dieser, den veieinten Ernten von Guadeloupe 
und Martinique beynahe gleichkommende Ertrag mufs 
um so beträchtlicher erscheinen, wenn man vveifs, dafs 
erst seit 1784 ein achtung werther Bürger, Don Bartho- 
lomeo Blandin, die Einführung dieses Culturzweigs auf 
den Küsten der Terra-Pirma versucht hatte. Weil Hr. 
Depoiis, in «einer statistischen Bejchrei'>u!^g derGeneral- 
Kapitain^chaft von Venezuela, über den Zutand des 
Hand.'ls und der Landwirt!. schnft i.ur bis zum Jahr 1804 
Nachrichten geben konnte, so dürfte es angenehm seyn^ 



Kapitel XF. 57 

hier elniofc neuere und eben so zuverlässige Ang"aben zu 
finden. Die schönsten Kaffeepflanzungen helinden sich 
gegenwärtig in der Savane von Ocuuiare^ in der Nach- 
harscliaft von Salanianca, und in Kincon, so wie in den 

Berffffeaenden von Los Mariches, han Antonio Hatillo 

DO n ' 

und Los Budares. Der in den drey letztgenannten Orten 
gezogene Hailee ist von vorzüglicher Güte j hingegen 
irt der Ertrag der Sträuclier geringer, was man der Höhe 
des Orts und dem kühlen KHma zuschreibt. Die grofsen 
Pflanzungen in der Provinz V^enezuela, wie Aguacates 
in der ISähe von V^alencia und Rincon, können in guten 
Jahren Ernten von 3ooo (jenlnern litfern. Im Jahr 1796 
betrug noch die Gcsammtausfuhr der Provinz mehr nicht 
als 4S00 Centnerj im Jahr 1804 war sie auf 10,000 ge- 
stiegen, und doch hatte sie bereits seit 1789 angefan- 
een ■-,). Die Preise giengen abwechselnd von 6 zu 18 
Piaster der Centner. In Havanna hat man dieselben bis 
auf 3 Piaster sinken gesehen 5 es lagen aber auch in jener, 
für die Colonisten so höchst verderblichen Zeit, in den 
Jabren i8lO und 1812, über zwey Millionen Centner 
KalTee ffür den \Verth von zehn Millionen Pfund Sterl.) 
in den Vorralhskammern Englands angehäuft '•'"). 

Die grofse Vorliebe, welche in dieser Provinz für 
die Kaileepflanzung vorbanden ist, gründet sich zum 
Theil auf den Umstand, dafs die Körner sich viele Jahre 



*3 Folgendes sind die AngaLen der Douanen- Register in la 

Guavra : 

Ausfuhr von 1-89 , ajo Cenlner, zu 100 castillan. Pfunden. 

— — 1-92 . 1489 _ _ _ _ _ 
— " — 1794 , 5646 — — — — -^ 

— — 1796 . 4847 • — — — — — 

— — 1797 . 5095 _ _ _ _ _ 

**) Cvlquhoun, on the ivealth qf the British Empire, 181 /,, 
p. 55?. 



58 Buch V. 

anfbewahren lassen, da hingegen ^ aller angewandten 
Sorgfalt unerachtet, der Cacao nach zehn Monaten oder 
einem Jalir in den Magazinen zu Grunde geht. Wäh- 
rend der lang andauernden Kriege der europäischen 
Mächte^ zu einer Zeit, wo der Mutterstaat allzusclnvach 
^var, um dem Handel der Colonien Schutz zu verleihen, 
mufste sich der Arbeitsfleifs vorzugsweise einem Erzeug- 
nisse zuv.endon, dessen Ahsatz weniger Eile hatte, und 
demnach günstigere politische sowohl als Handelsver- 
hältnisse abwarten konnte. In den Kafteegärten von Ca- 
racas sah ich, dafs für die Anpflanzungen seltener die 
zufällig unter den Sträuchern gekeimten jungen Pflan- 
zen gesammelt wurden, hingegen vielmehr die, von der 
Beere zwar getrennten, aber doch einem Theil ihres 
Fleisches noch anhängenden Körner, zwischen ange- 
häufte Pisangblätter fünf Tage durch gelegt und zum 
Keimen gebracht wurden. Diese keimenden Saamen 
werden hernach in die Erde gelegt: sie liefern Pflänz- 
chen, welche der Sonnenhitze besser widerstehen mö- 
gen, als die in der Kaffeepflanzung selbst und im Schat- 
ten aufgewaclisenen. Es w^erden hier zu Lande meist 
53oo Stücke im Umfang einer Vauega, welche 5if76 
Geviert -Toisen hat *), gepflanzt. Ein solches Stück 
Land, wofern es zur künstliclien Bewässerung tauglich 
ist, kostet, im nördlichen Theil der Provinz, 5oo Piaster. 



*) T.\nt Vanega von Caracas Tind von Cumana enfliäll ungefähr 
drey alinuda^ ^ oder 28,300 vares carrees, oder 20,76 j Ge- 
viert-Meters. Eine Vanega ist demnach beinahe zwey Hec- 
laren gleich. Ein französischer Morgen Landes Carpent legal 
de france), 7-u i544 Geviert -Toisen, welcher in Europa, in 
mittelmafsigem Boden, 1200 Pfund Getreide oder 5ooo Pfd. 
Karloficin beträgt , ist der vierte Theil einer J''anega , und 
liönnte . unter der heifsen Zone, jährlich nahe nn. 1700 Pfd. 
Kaffee ertragen. 



Kap i t e l KV. 69 

Der Kan'eeLaum Mülit erst im 7.vvPvlen Jahr^ viml soine 
Blütlic dauert niclit übor 24 Stunden. Während dieser 
Zeit gewälirt der Straucli einen überaus schönen An- 
blick: von f;'rne betrachtet j sieht er wie mit Schnee 
bedeclit aus. Die Erndtp des dritten Jahrs ist schon sehr 
ansehnlicli. \n wohl gejäteten und gut bewässertt'n Pflan- 
zungen^ in neuem Aufbruche^ triflt man erwaclisene 
Bäume an, die l-is 16, 18 und selbst 20 Pfund KaTee 
geben. Im Durchschnitt aber kann man mehr nicht als 
anderthalb bis zwey Pfund von jeder Pflanze auf eine 
Ernte rechnen, was bereits schon ein günstigerer Dnrch- 
schnitlertrag ist, als derjonige auf den Antillen-Eilaiidi^ü. 
Der Hegen, %venn er zur ßlüthezeit fällt, der Mangel 
an Wasser für die künstlichen Wässerungen, und eine 
Schmarotzerpflanze, die eine neue Art des LorantLus 
ist, welche sich um die Aeste schlingt, werden den Kaf- 
feepflanzungen sehr schädlich. Wenn man in Pflanzun- 
gen von achtzig- und von hunderttausend Sträuchern 
die ungeheure Masse organischer Substanz betrachtet, 
welche in der fleischigten Beere des Kafl'eebaums enllial-- 
ten ist, so mufs man sich billig wundern, dafs noch nie- 
mals versucht ward, Alcohol daraus zu gewinnen *). 



*~) Die angehäuften Kirschen oder Beeren des KafTeebauins {re- 
rathen in Weingälirung , während welcher sich ein sehr an 
genehmer Alcohol -Dunst verflüchtigt. Ich Leobachtele, als 
ich in Caracas die reife Frucht des KafTeehauins unter eine 
umgestürzte Glocke brachte , die mit Wasser ganz angefüli'' 
und den Sonnenstrahlen ausgesetzt war, dafs in den ersten 
2k «Stunden heine Gasentwicklung geschah. ISach 56 Stunden 
wurden die Beeren braun und lieferten Gas. Ein in <i<'r 
Glocke enthaltener und mit der Frucht in Berührung stehen- 
der Wärmemesser blieb die rSacJil durch 4° bis 5^ höher als 
die Tempei'atur der äufseren Luft. Innerhalb 87 Stunden ei- 
hielt ich aus 60 Beeren , unter verschiedenen Glocken , .18 
}>is 4oCubikzolle von einem Gas, das mit derSalpetcrluft keine 



6o B u c h r. 

Wenn dip Unruhen von Saint- Domingue, die vor- 
übergehende Theurung der Colonialwtiaren und die 
Auswanderung der französischen Pflanzer die ersten 
Tjr:achen der Anlegung von Kafteepflanzungen auf deni 
aniericanischen Festlande ^ cui der Insel Cuha und auf 
Jainaica gewesen sind, so ist es hingegen lange nicht 
der Fali^ dafs ihr Ertrag nur das Deficit der Ausfuhr 
der französischen Antillen ersetzt haben sollte. Dieser 
Ertrag hat sich verhäitnifsniäfsig mit der Bevölkerung, 
der veränderten Lebensart und dem steigenden Luxus 
der europäischen Völkerschaften vermehrt. Die Insel 
St. Domingue hatte, zu Hrn. Becker's Zeit, im Jahr 
1780, eine Ausfuhr von nahe an 76 Millionen Pfund *) 
Kaifee. Die Ausfuhr im Jahr 1S12 und in den drey 
vorhergehenden Jahren betrug, den Angaben des Hrn. 



bedeutende Verminderung erlitt. Obgleich viele Kohlensäure 
von dem Wasser der Glocke, nach JNlafsgabe ivie sie sich bil- 
dete , eingesogen ward , fand ich jedoch noch o, 78 in den 
1,0 Cubikzollen. Der Ueberrest, oder O; 22 war Stickstoff. 
Die Kohlensäure hatte sich nicht durch die Einsaugung des 
Atmosphärischen Sauerstoffs gebildet. Diejenige , welche sich 
aus den etwas angefeuchteten und in mit Luft angefüllten und 
hermelisch verschlossenen Flaschen enthaltenen Kafieebeeren 
entwickelt, führt Alcohol mit sich, ungefähr eben so wie die 
Schwaden, welche sich bey der Gährung des Mostes in unsern 
Kellern bilden. Durch Rüllcln des Wassers mit dem Gas er- 
hält jenes einen s^hr entschiedenen Alcohol-Geschniack. ^"^ie 
manchcrley Substanzen mögen vielleicht jene JMiscbungen von 
Kohlensäure und Wasserstoff mit sich führen, die wir schäd- 
liche y?//flJOTe« heifsen, xind die in den Tropenländern überall 
aufsteigen, in Sumpfgegenden , am iNIeercsul'cr, in den Wäl- 
dern, wo der Boden mit abgefallenem Laub , Baumfrüchten 
und verfaulten Insecten bedeckt ist. 
*) Stets französische Pfunde, zu 9216 Gran; iis englische Pfun- 
de rr: io5 französisclien Pfunden Markgewicht, und joo spa- 
nische Pfunde :::z ^5 französischen Pfunden. 



Kapitel XV. 6i 

Colquhouii zufolge, annoch 36 Millionen *y. Die we* 
niger heschvverliclie und weniger kostbare Cultur des 
KalVoobaums hat seit Einführung- des Regiments der 
Schwarzen minder gelitten , als der Anbau des Zucker- 
rohrs. Das Deficit der 40 Millionen Pfunde aber ist 
gegenwärtig erset/.t durch 

26,500,000 Pfunde Ertrag von Jamaica ; 

20,000,000 — Ertrag von Cuba; 

11,4.00,000 —f Ertrag von Surinam, Demerary, 
Berbice und Curacao; 
5,000,000 — Ertrag von Venezuela 5 

1 3,000,000 — Ertrag von der Insel Java **). 

70,900,000 

Die Gesammteinfuhr des americanischen Haft'ees in 
Europa übersteigt gegenwärtig 106 Millionen Pfunde 
französischen Markgevvichts. Rechnet man dazu noch 
4. bis 5 Millionen von den Inseln Frankreich und Bour- 
bon, nebst 3o Millionen aus Arabien und Java, so er- 
giebt es sich, dafs der europäische Gesammtverb rauch ***;> 
im Jahr 1817 nahe an 140 Millionen Pfunde erreicht 



*) Die Ausfuhr von St. Doniingue nach den britiischen Häfen 
einzig nur betrug (von 1009 bis, 1811), im Durchschnitt, jähr- 
lich 19,36/1,666 engl. Pfunde Ka-^fee. Colquhoun^ p. 33i und 378. 
Ertrag der kleinen Antillen, 1 4 Millionen Pfunde. Ertrag von 
Cuba, nur im Jahr 1809, 80,000 Centner. 

**.) lieber 100,000 Pikuls^ jeder zu i33 Pfund. Hr. von Hogen- 
dorp glaubt, es könnte die Insel Java, im gegenwärtigen Zu- 
stand der Civilisalion (jedoch mit nicht sehr piiilanthropischea 
Mitteln), 5o INlillionen Pfund Kaffee an Europa liefern. Ruf- 
fies-, History of Java^ Vol. 1, p. 129 und 21 3. 

***) Der Verbrauch Frankreichs wird gewöhnlich fetwas hoch) 
zu 25 Millionen Pfunden berechnet. Auch beträgt die Be- 
völkerung Frankreichs ungefähr e'n\ Sechslheil der europäi- 
schen ßevöIkerul)'^ 



6 z ß II c h f. 

hat. In den Untersuchungen, die ich im Jahr 1810 
über die Coloniahvaaren anstellte, hlieb ich bey einer 
kleineren Summe stehen ^). Dieser ungeheure Kallee- 
verhrauch hat demjenigen des Thees keinen Eintrag 
gethan, zumal die Au?luhr von diesem aus China in 
den füuf/.ehn letzten Jahren um mehr als den vierten 
Theil höher angestiegen ist '•*'■). Der Thee künnte so 
gut wie der KafFoe im hergiglen Theil der Provinzen 
von Caracas und (jumana aiigebaut werden. Es finden 
sich daselbst alle Klimate gleich Stockwerken überein- 
ander geschichtet , und es würde dieser neue Cultur- 
zweig dort eben so wohl gedeihen, als in der südlichen 
Halbkugel, wo die brasilianische Regierung, welche 
dem Arbeitsfleifs und religiöser Duldung edelmütliigeu 
Schutz verleiht, gleichzeitig den Thee, die Cliinesen 
und die Glaubenslehren des Fo einwandern liefs. Noch 
sind niciit hundert Jahre verflossen, seit die ersten Kat- 
feebäume in Surinam und auf den Antillen gepfianzt 
wurden , und bereits steigt der Ertrag der anjerica- 
nischen Ernten zum VVcrthe von i5 Millionen Piaster 
an, wenn der Centner Kalioe auch nur zu 14 Piaster 
gerechnet wird. 

Am 8. Hornung, bey Sonnenaufgang, machten 
wir uns auf den Weg zum Uebergang des Higuerote, 
feiner Gruppe hoher Berge, welche die zwey Längen- 
thäler von Caracas und Aragua von einander trennen. 
INachdem wir nalie bey Las Ajuntas die Vereinbarung 
der ilülschen San Pedro und Aiacarao, die den Rio 



*) Essai policüjue sur le Alexique, Tom. II, p. ;i55. 

**) Die TlieeaiisTuhr von Canton belrug, in den Jaliren 1804 
Lis 1806, im Durchschnitt, 260,000 Pik/es oderöi VliJlionen 
Pfunde. Der Verhrauch von Grolshritannien ühcrsicigt 20 Mil- 
lionen. Siehe a. a. O. Tom. II, p. 658, und Colijuhoun^ p. 554 ; 
^Hppendixi p. 8, 26, 54- 



Kapitel XF. 63 

Guayro bilden, überschritten hatten, erstiegen wir ei- 
nen steilen Abhang, der zum Plateau von Buena-Vista 
führt. Man trifft hier einige vereinzelte Häuser an. 
Die Aussicht delint sich nordöstlich über die Stadt Ca- 
racas und südlicli über das Dorf Los Tec[ues aus. Die 
Landschaft ist wild und sehr waldigt. Die Pflanzen dos 
Thals von Caracas *) waren alhnählig verschwunden. 



*) Die Flora von Caracas zeichnet sich hauptsächlich durch nach 
folgende Pflanzen aus, die zwischen ^oo und 600 Toisen Höiic 
wachsen: Cipura marlinicensis, Panicum micranthum, Par- 
theniuin Hysterophorus, Vernonia odoratissima (Pevetera, de- 
ren Bliithen einen sehr angenehmen Heiiolropiuin-Geruch ha- 
Lenj, Tagcles caracasana^ T. scoparia von Lagasca cHr. Bon- 
pland hat diese Pflanze in die spanischen Gärlen eingeführlj, 
Croton hispidus^ Smilax scahriusculus^ VAmnoch^vis Humboldti 
Rieh. , Equiselum raitiosissiinum , Heterantiiera allsmoides, 
(j\yc\n^ punctata ^ Hvplis Piumeri, Pavonia canceilata Cav., 
Sperinacoce rigida^ Crotolaria acutifolia, Polygala tiemorosa, 
Stachylarpheta mutabilis, Cardiospermuni ulmaceum^ Aina- 
ranthus caracasanus , Elephantopus strigosus , Hydrolea rnol- 
lis , Alternanthera caracasaiia , Eupatoriurn amygdalinurn-, 
VAyXrAvidL fasciculatui S&\viajimbriata, Angclonia salicaria, 
Heliotropium strictuni . Convoivulus Batatilla^ Rubus ja- 
maicensis , Datura arborea, Dalea cnncaphylla, Buchnera 
rasen ^ Salix Huniboldciana Willd. , Thenphrasta longifolia, 
Tourneforlia caracasana, Inga cinerea^ I. ligustrina, I. sa- 
pindioides, I. fasluosa, Schvvenlu'a palens , Erythrina /«/^ij-. 
Die angenehjnsten botanischen Spaziergange, welche inan in. 
der rSahe der Stadt Caracas machen Kann, sind die nach den 
Rergschluchten von Tacagua, Tipe, Cotecila, Catoche, Ajjiuico 
und Ciiacaito. C^ on den Pllanzen, die zwisi.iun 800 und 1 »00 
Toisen, auf der SiJla, in der Region der Refarien, der Trixis 
nereifolia und der INlyrica caracasana wachsen , vei-gleicJie 
man oben, Th. II, Hap. i). S. 418 folg) In den vier von 
uns herausgegebenen Wei Ken der beschreibenden llotanik, dea 
Pl'iutes equino.xiales ^ der Alunographie des Rhexia ^ der- 
jenigen der MelusCi)tTt.es uMd den Nu^'u Genera., iindci» sich 



6; B u c h F. 

Wir befanden uns bev 835 Toisen über der Meeres- 
fläche: es ist dies heynahe die Höhe von Popnyan^ al- 
lein die nüttlere Temperatur des Orts betrügt wahr- 
scheinlich nur 17° bis 1^° '*'). Dieser liergpa/s wird 
stark gebraucht 5 man begegnet unaufliörlich langen 
Zügen von Manllliieren und (Jchsen^ und er bildet die 
Landstrafse, welche aus der Haupt; ladt nach Victoria 
und in die Thüler von Aragua fülirt. Der V\ eg ist in 
einen talkigen **_) und verwitterten Gneifs eingeschnit- 
ten. Eine mit Glimmerblätlchen vermengte Thonerde 
bedeckt den Felsen drey Fufs hoch. hn Winter ist der 
Staub lästig, wogegen in der Megenzeit das Land zum 
Sumpf wird. Beym Herabsteigen vom Phileau von 

Bueha-Vista findet sich etwa fünfzisr Toisen tiefer süd- 

o 

ostwärts eine wasserreiche Quelle, die aus dem Gneifs 
hervorkommt und mehrere vom dicksten Pfiauzenwuchs 
eingefafste Cascaden bildet. Der Fufs weg, welcher zur 
Quelle führt, senkt sich so schnell, dafs nsan die Spitze 
der baumartigen Farnlsräuter, deren Stamm über 26 
Fufs hoch ist, mit der Hand erreichen kaim. Die um- 
stehenden Felden sind mit Jungermannien vmd INToosen 
aus der Familie der Hypnum überzogen. Der durch 

dia 



die Pflanzen der verschiedenen Theile des spanischen America 
den nalürlicJicn Familien gem.'irs gesammelt und geordnet : in 
dieser JieisL'kfschreiöiing suclie ich, was dem n.imhclien Ort 
angehört, •zusammeny.uslellen, nicht um eine Flora zu liefern, 
sondern damit hotanisciie I-eser die Physiognomie der I-and- 
schaft und die Gestaltung iiires Pilanzcmvuchses auffassen 
mögen. 
*) Von 1 j^, 6 zu 14", 4 Reanmur. 

**) Die Piici:!ung der Gneifslager wechselt; sie ist entweder 
St. 5, 4 mit Senkung nach IS. W. , oder St. 8, 2 mit Senkung 
nach S. O. 



Kapitel XK 65 

die Quollo gebildete und durch die Heliconia *) beschat- 
tete Berifslroin entblülst in seinem Sturze die Wurzeln' 
der Plumeria**), des Cupey ***)^ der ßrovvnea und des 



*) ]lr. fJrcdeinever , vvelclier wfchllge Handschriften über die 
Pilaiv/.en von Caracas j)psil/,t , hal eine Musacee unter dem 
ISamen der Heliconia Cassupa beschrieben. Sie wäcJist nur 
in st'Jir gemalsiglen oder J.alten Orten. Wir können niclit sa- 
gen , ob es die auf der vSilla wachsende Art ist, (sielie oben, 
TI». II, Kap. iJ, S. i)2cO; denn die Herren Bredemeyer und 
Hose iiaben weder den üiplel dieses Cerges erstiegen , noch 
di'! Celarias einer so hoch gelegenen Gogond gesehen. 

**) Der Jasminhauin (Prangipanier) der Infreln. Die in den Gär- 
ten der Indianer so gemeine Piumeria ist nur selten wildwach- 
send angetroffen worden. Sic kommt hier in Gesellschaft des 
Piper /iage//are vor ^ dessen Blumenscheide bis an drej Fufs 
Lange jiat. In Gesellschalt der neuen Art des Feigenliauiil9, 
welchen wir Ficus gigäntea {Nol'. Gen., Tom. H, p. 48) nann- 
ten, weil er eine Höhe von 100 Puls erreicht, findet sicli in 
den Bergen von Buena- Visla und Los Teques der Picus nynt-i 
pha'iföüa des Gartens von Schönbrunn, welchen Hr. ßrede-, 
mcjer in unsere Garten eingeführt hat. \oi\ der Identität der 
am gleichen Standort enthobenen Art bin ich liberÄeugl^ ob es 
aber auch der wahre F. njmpha;ifoiia des l.inne' sey , für des- 
sen Vaterland man Ostind'en hält, daran xweifie ich. 

***) In den Versuchen, die ich in Caracas mit der in den Pflan- 
zen umlaufenden Luft anstellte, war mir der schöne Anblick 
auffallend, den die Stiele und Blätter der Ciusia rosea gewäh- 
ren, wenn sie, den SonncnslraJilen ausgesetzt, unter dem Was- 
ser abgeschnitten werden. Jede Röhre liefert eine Strömung 
von Gas, welches um 0,08 reiner ist als die atmosphärische 
Luft. Die Erscheinung hörte auf, sobald die Vorkehrung in 
Schatten gestellt ward. Die Luftentwicklung geht aucli nur 
äuiserst schwach auf beydcn Oberilächcn dei- Blatter der Ciu- 
sia vor sich, wenn dieselben, unabgeschnitten, im Wasser der 
Sonne ausgesetzt ^vcrden. Das in den Saameneapseln des Car- 
diospermum vesicurium enthaltene Gas schien mir eben so viel 
Sauerstoff zu entliallen, als die Atmosphäre, während das 
zwischen den Knoten und in den hohlen Stengeln enthaltene 

Alex, u, Humbotdtt Aiit. fleisen. JII. ^ 



66 Buch V. 

Ficus giganfea. Diese feuchte und von Schlangen te- 
woimte Gegend bietet den Pflanzenforschern die reich- 
sten Jirnten dar. Die Brownea, von den Einwohnern 
Rosa del yioiite oder Palo dt Cruz genannt, trägt bis 
vier- und fünfhundert Purpurblüthen in einem einzigen 
Straufse vereint. Jede Blume hat sehr beständig eilf 
Staubfäden, und dies prachtvolle Gewächs, dessen Stamm 
die Höhe von 5o bis 60 Fufs erreicht, wird selten, weil 
sein Holz eine sehr geschätzte Kohle liefert. Der Boden 
ist mit Ananas, Heniimeris, Polygalas und Melastomen 
überzogen. Ein grasartiges Rankengewächs *) verein- 
bart durch leichte Gewinde Bäume, deren Daseyn das 
sehr kühle Klima dieser Berge bezeugt. Darunter sind 
die Araiia capitata **) , die Vismia Caparosa und die 
Clethra fagifolia. Mitten unter diesen, der schönen 
Gegend der baumartigen Farnkräuter (regiou de los 
helechos") eigenthümlichen Gewächsen erheben sich an 
lichten Stollen einige Palmbäume und _einzelne Gruppen 
des Guarumo oder der silberblätlerigen Cecropia, deren 
dünne Stämme gegen die Spitze zu schw^arz und wie 
durch den Sauerstofl' der Atmosphäre verbrannt aus- 
sehen. Es ist ein befremdlicher Anblick, dafs ein so 
schöner Baum, der die Gestalt der Theophrasten und 
Palmbäume hat, gewöhnlich nur acht bis zehn Kron- 
blätter trägt. Die Ameisen, welche im Stamme des 
Guarumo oder Jarumo nisten und seine inneren Ge- 



ülierliaupl weniger rein ist. Es enthält nur o, 12 bis o, i5 
Sauerstofi". Man nmfs die in den Piöhren umlaufende Luft 
von derjenigen untersclieiden , welche in den_groisen J^ölllen 
der Stengel und in den Saamenbehaltern stockend verweilt. 

*) Carice. Siehe oben, 'I'h. II. Kap. 6. S. i5. 

**) Candelero. >Vir fanden iiu: auch auf Cumbre. iu -00 Toisen 
Höiie. 



Kapitel XK ()2 

fache zersti5ren, scheinen das Wachsthum desselben zu 
heiiiinen. Wir hatten schon frülior auf diesen ge#näs- 
sigliMi Cerg(Mi des Hiij^ucrote herborisirt^ im Chrlstnio- 
nal und im Begleite des General- Capitains^ des Herrn 
von Guevara, bey einem Ausflüge, welchen er mit dem 
Intciulnnt der Provinz nach den Mulles de Aragua un- 
ternahm. Damals entdeckte Hr. Bonpland, in der dich- 
testen Abtheilung des Waldes, einige Stämme des Agua- 
tire , dessen durch seine schone rothe Farbe berühmtesl 
Holz einst ein Ausfulirartikel nach Europa werden kann. 
Es ist die Sicking-ia Erytüvoxylon, welche die Herren 
Bredemeyer und Willdenovv beschrieben haben. 

im Hinunterstüigen auf der büdwestseite des mit 
Waldung bedeckten Higuerote kommt mau zu deiil klei- 
nen Dorfe San Pedro '■•'), das in einem Becken lie^t, in 
welchem mehrere Thalgründe sich vereinen, und das 
nahe an 3oo Toisen niedriger ist, als das Plateau der 
Buena- \'i5la. Es werden da neben einander der Pisang-, 
Karlolfeln ■■■'■•) und Haifee angebaut. Das Dorf ist nur 
sehr klein, und der Kirchenbau war nocli nicht vollen^ 
det. \n einem Wirthshaus Cpiilperia) trafen wir meh- 
rere, bey der Tabakpacnl angestellte spanische Eui'o- 
pöer. Ihre Stimmung war von der unsrigen sehr ver' 
scliieden. Von der tSeise ermüdet, ergossen sie sich in 
Klagen und Verwünschungen über das unselige Land 
(_esiiis lierras injelices};) worin sie zu leben gezwungen 
seyen. Wir hingegen konnten im Kuhnie der wilden 
Schönheit der Gegend, des fruchtbaren Bodens und des 
milden Klima s nicht satt werden. In der INä'ie von San 
Pedro gfiiil der talkartige Gneifs von Buena Vista in ei- 
nen Gliniinerschiefer über, worin seiir viele Granaten 



*j AIjsolule Hölie , 58 i Toisen. 

*'.) Soianurti luLcrosuiu. 



6& B V c h r. 

vorkommen, und welcher untergeordnete Serpenlin- 
lagej:.. enthält. Diese Lagerung gleicht derjenigen von 
Züblitz in Sachsen. Der Serpentinstein, welcher sehr 
rein und von einer schön grünen Farbe ist, scheint öf- 
ters nur auf dem Glimmerschieier aufzuliegen. Ich land 
einige Granaten darin, aber keinen körnigen Strahlslein 
(diallage metalloide). 

Das Thal von San Pedro, worin der gleichnamige 
Flufs strömt, theilt die zwey grofsen Gebirgsmassen des 
Higuerote und des Las Cocuyzas. Westwärts stiegen 
wir durch die kleinen Mevereyen von Las Lagunetas 
und Garavatos wieder bergan. Es sind dies nur einige 
einzeln stehende Häuser, welche Wirthschaft treiben; 
die Mavilthiertreiber linden hier ihr Lieblingsgetränk, 
den Guarapo, oder den Gährungssaft des Zuckerrohrs. 
Die Indianer, welche diese Strafse besuchen , sind dem 
Trunk insbesondere sehr ergeben. JNahe bey Garavatos 
findet sich ein Glimmerschiefer-Fels von seltsaniem Aus- 
sehen ; er stellt eine Gräte oder steile Mauer vor, auf 
der zu oberst ein Thurm steht. Wir öfineten den Ba- 
rometer auf der Spitze des Berges Las Cocuyzas ••), und 
fanden, dafs wir uns beynahe auf der nämlichen Höhe 
wie auf dem Plateau von Buena-Vista, oder doch kaum 
IG Toisen höher befanden. 

Man geniefst in Las Lagunetas eine sehr weite, 
aber ziemlich einförmige Fernsicht. Die bergigte, un- 
bebaute Landfchaft, zvvisclien den Quellen des Guayre 
und des Tuy, beträgt über ^5 Geviertnicilen. Es be- 
findet sich darin ein einziges elendes Dorf, Los Teques 
genannt, süd- ostwärts von San Pedro. Der Boden ist 
wie gefurcht durch eine Menge Thäler^ von den«m die 
kleinsten, mit einander parallel laufend, sich rechtwink- 



*) Höhe, 845 Toisen. 



Kapitel XK 69 

Hellt den breitesten Thälern anschliefsen. Die Gipfel 
der Berge sehen eben so einlörmig aus wie^die Schluch- 
ten. Man sieht weder pyramidalische Gestaltungen, 
noch Auszackungen, noch steile ßorgwände. Ich ver- 
muthe, es sey die, meist sanfte und nellenförmige Be- 
wegung dieses Erdreichs weniger ein Ergebnifs der Be- 
schaffenheit der Felsen, zum Bey spiel der Verwitterung 
des Gneifses, als vielmehr des langen Aufenthalts der 
Gewässer und der Kraft ihrer Strömungen. Die Kalk- 
berge von Cumana zeigen nordwärts vom Tumiriquiri 
eine gleichartige Gestaltung ■•'). 

Von Las Lagunetas stiegen wir ins Thal des Rio 
^ Tuv hinab. Dieser nördliche Abhang der Berggruppe 
von Los Teques führt den INamen Las Cocuyzas 5 er ist 
mit zwey agave-blätterigen Pflanzen bewachsen, dem 
IMagney de Cociiyza und dem IMaguey^ de Cocuy. Der 
letztere gehört der Gattung Yucca an ^*'"'_) : aus seinem 
zuckerhaltigen Gährungssaft wird durch Destillirung 
Branntwein bereitet ; ich sah die jungen Blätter als 
Speise geniefsen ; aus den alten Blättern werden über- 
aus zähe Seile verfertigt '••'■••'••). Wenn man die Berge 
von Higuerote und Los Teques verläfst, kommt man 
in eine Landschaft, die reich bebaut, mit Weilern und 
Dürfern, deren mehrere in Europa Städte heifsen wür- 
den, übersetzt ist. In einer Entfernung, die zwölf 
Meilen beträgt, von Osten nach Westen, stehen ia Vit- 
toria, San Matheo, Turmero und Maracay, welche 
zusammen eine Bevölkerung von mehr denn 28,000 Ein- 



*) Siehe oben, Th. II. Kap. 6. S. 81. 

**) Es ist unsere Yucca acaulis. Nov. Gen., Tom. I, p, 289. 

»**) Ein Maguey-Scil, 5 Linien im Durchmesser, hatte am 

Uhrwerk der Kathedralkirche von Caracas, teil i5 Jahrca, 

ein Gemcht von j5o Pfund getrogen. 



fo B V c h V. 

Vrohnern lialton. Die Ebenen von Tiiy I<ünnen als das 
ijstliche F-nde derThäler von Araj^iia aiiffeselien m erd'n, 
welche sicli von Gviiüue^ an den Gestaden des Valincia- 
SeeSj bis an den Fuf^ des La« CocuA'zas ausdehnen. Das 
barometrische Nivellement hat mir 2q5 Toisen als ab- 
solute Hühe der Falle del Tiiy , nahe beym Meyerhofe 
von Manterola^ und 222 Toisen für die Wasserfläche des 
Sees gegeben. Der Rio Tuy, welcher in den Berpen 
von Las(yOcuyzas entspringt, nimmt anfangs seinen Lauf 
westwärts, hernach dreht er sich nach Süden und Osten, 
zieht liings den hohen Savaoen von Ocumare hin, em- 
pfingt die Gewässer des Thals von Caracas, und mün- 
det unter dem Winde des Cap Codesa aus. Es ist der 
Weine, westwärts gerichtete Theil seines Beckens, wel- 
cher, geologisch gesprochen, als den Thälern von Ara- 
gua angehörend konnte erachtet werden, wofern die 
aus Kalk-TulT bestehenden Hüi-el, welche zwischen Can- 
sejo und Vittoria den Zusammenhang dieser Thäler tren- 
nen, nicht einige Beachtung verdienten. Wir erinnern 
hier nochmals, dafs die Berggruppo von Los Teques, 
welche 85o Toisen Höhe hat, zwey Liöngenthäler von 
einander sondert, die in Granit, Gneifs und Glimmer- 
schiefer ausgehülilt sind ; und dafs das östliche Thal, 
worin die Hauptstadt Caracas befindlich ist, 200 Toisen 
höher Hf*gt, als das westliche Thal, welches als der Mit- 
telpunct des landwirthschaftliclien Kunstfleifses betrach- 
tet werden kann. 

Da wir seit geraumer Zeit an eine gemäfsigte Tem- 
peratur *) gewöhnt waren, so fanden wir die Ebenen von 
Tuy aufserordcntlich heifs. Dennoch stieg der Ther- 
mometer öinTage, zwisclion 11 L'hr.Morgens und 5 Uhr 
Abends, nicht über 23 oder 24°. Des Nachts trat eine 

*j Auf 1," F.. 



Kapitel XV. 71 

sehr anffenohme Külile o\x\, indem die Temperatur der 
Luft bis aut"i7°, 5 herabsank. Jin Verhältnils mit der 
Abnahme der Wärme schien die Luft von V^ ohlgerüchen 
der Ptlanzen mehr erlullt zu werden. ^^ ir unterschie- 
den zunächst die küstllclie Würze der J^irio hermoso, 
einer neuen Art des Pancratium "), dessen Blume 8 bis 
g Zoll lang ist; und das die Gestade desMioTuy schmückt. 
Wir braciilen zwey Tage sehr angenehm in der Pflan- 
zung des Don Jose de Manterola zu, welcher in seiner 
Jugend bey der spanischen Gesandtschaft in Kufsland 
angestellt gewesen war. Als Züiiflin£: und Günstling- des 

DO Co o 

Hrn. von Xavedra, eines der einsichtsvollsten Intendan- 
ten von Caracas, w^oUte er sich, nachdem dieser be- 
rühmte iVjann ins Ministerium gelangt war, nach Eu- 
ropa einschiffen. Der Gouverneur der Provinz, wel- 
cher den Einflufs des Hrn. von Manterola fürchtete, liefs 
ihn im Hafen anhalten 5 und als der Befehl des Hofes, 
der den willkürlichen Verhaft aufhob, eintraf, war der 
Minister bereits nicht mehr in Gunsten. Auf i5oo 
Meilen Entfernung von den Küsten der americanischen 
Aequinoctial- Lande mag man nicht leicht zu rechter 
Zeit eintreffen, um den Einflufs eines Staatsbeamten zu 
benutzen. 

Die Meyerey, in der wir uns aufhielten, ist eine 
schöne Zuckerrqhr- Pflanzung. Ihr Boden ist geebnet, 
^vie der Grund eines ausijetrockneten Sees. Der Hio 
Tuy schlängelt sich durch einen Landstrich, der mit 
Pisangbäumen und einem Wäldchen aus Hura crepitans, 
Erythrina Corallodendron und dem nvmphäablättrigen 
Feigenbaum bewachsen ist. Das Flufsbett besteht aus 
Quarzgeschieben. Ich kenne keine angenehmeren Bä- 
der als die des Tuy-Flusses. Das krystatlhelle Wasser 



*) PaHcratium undulatum {Nou. Gen. , Tom. I , p. 380.) 



fZ Buch V. 

behält auch den Tag über die Temperatur von ig°, 6. 
Für dieses Klima und für eine Hübe von 3üo 1 oiyen ist 
<iies eine beträchtliche Kühlung 5 aber die Quellen des 
Flusses finden sich in den benachbarten Bergen. Die 
auf einem i5 bis 20 Toisen hohen Hügel stellende Woh- 
nung des. Gutsherrn ist von Hütten der Neger umgeben; 
die verheirathtten unter diesen sorgen selbst für ihrJNah- 
rungsbedürfnifs. INIan überläfst ihnen hier^, Avie über- 
all in den Tliälern von Aragua, ein kleines Stück Pflanz- 
land; welches sie am Samstag und Sonntag, ihren ein- 
zigen freven Wochentagen , Jiearbeiten. Sie xiehen 
Hühner auf und zuweilen auch ein Schwein. Der ge- 
bietende Herr rühmt ihr Glück, wie im nördlichen 
Europa die Grundherren gern den W^ohlstand der leib- 
eigenen ßaut^rn rühmen. Am Tage unserer Ankunft 
sahen wir drev flüchtige Neger einbringen; es waren 
kürzlich gekaufte Sclaven. Ich besorgte Zeuge einer 
Strafweise zu seyn, die überall, wo Sclaverey herrscht, 
das Landlehen widerwärtig macht: glücklicher Weise 
wurden die Schwarzen menschlich behandelt. 

In dieser, wie in allen andern Pflanzungen der Pro- 
vinz Venezuela, unterscheidet man von fernher an der 
. Farbe der r>lätter die drey Arten des Zuckerrohrs, wel- 
che angebaut werden: das alte creolische Rohr, das 
Kohr von Otaheiti und dasjenige von Balav ia. Die er- 
stere Art hat Blätter von dunklerem Grün, einen dün- 
neren Stengel und näher beysammen stehende Knoten. 
Es ist dies das Zuckerrohr, welches aus Indien zu- 
erst in Sicilien , auf den canarischen Eilanden und 
auf den Antillen eingeführt ward. Die zweyte Art 
unterscheidet sich durch ein helleres Grün. Ihr 
Stengel ist höher, dicker und saftiger. Die ganze 
Pflanze drückt ein üppigeres Wachsthum aus. Man 
verdankt sie den Reisen von Bougainville, Cook und 



Kapitel Xr. 73 

Bliffli *). Bongainville brachte sie nach Isle de Fran- 
ce, von wo sie aut'Cayenne und Martinique, dann seit 
I7g2 üucli auf die übrigen Antillen verpflanzt ward. 
Das Zuckerrohr v^on Ütaheiti, das To der Insulaner, ist 
eine der wichtigsten Erwerbungen, welche die Land- 
>A irthschalt der Colonien, seit einem Jahrhundert, den 
Reisen der Naturforscher verdankt. JNicht nur liefert 
es, auf ö;leichem Landesumfang, einen Drittheil Fezou 
mehr als das creoUsche Piohr; sondern, um seines dicken 
Stengels und seiner zähen Holzfasern willen, gewährt 
es auch ungleich mehr Brennstoff. Dieser letzte Um- 
stand ist für die Antillen-Insehi sehr wichtig, weil die 
Zerstörung der Waldungen die Pflanzer längst nüthigte, 
sich der Tresler als Feuerung unter dem Siedekessel zu 
bedienen. Ohne die Kenntnifs dieser neuen Pflanze, 
ohne die Fortschritte der Landwirthschaft auf dem Fest- 
lande des spanischen America, und die Einführung des 
indischen und Java-Zuckers würden die Umwälzungen 
von St. Domingue und die Zerstörung der grofsen Zu- 
ckerpflanzungen dieser Insel einen noch weit bedeuten- 
deren Einflufs auf den Pjeis der Colonial-Waaren in Eu- 
ropa gehabt haben. Das Kohr von Otaheiti ward von 
der Insel Trinidad nach Caracas gebracht '-''"O- Von Ca- 
racas gieng es nach Cucuta und San Gil im Königreich 
Neu-Granada über -''«''O« Heutzutage hat ein 25jähriger 



*) Siehe meine Tableaux de la Nature ^ Tom. I, p. 74; Nov. 

Genera^ Tom. I, p. 181 ; und eine Note der Herren Tliouin 

und Du Buc in der Voyage ä la Trinit6^ Tom. II, p. 

557 — 562. 
**) Durch die Sorgfalt der Herren Don Simon de Majora, 

]\Tartin Iriarte , i\Ianuel Ayala unil Andres Iharra. 
***) Unter dem Namen Canna solcra. Siehe die Nachricht 

des D. Eloy de Valenzuela, Pfarrer in Bucaramanga, in 

dem Seman. de Santa-Fe.) Tom. U. p. i5, 



74 ' Buch V. 

AnLau dlo anfangs gehegte Besorgnifs fa5t ganz ge- 
hoben, es möchte dasselbe, nach America verpHanzt, 
alhiiiililig ausarten, und so dünn wie das crtolische 
Bohr werden. Wenn es eine AJ^art ist, so ist es eine 
sehr standhafte Abart Die dritte Art, das violette Zu- 
ckerrohr, welches Canna de Butavia oder de Guinea 
genannt wird, ist zuverlässig auf der Insel Java einhei- 
misch, wo dasselbe vorzüglich in den Bezirken von Ja- 
para und Pasuruan angebaut wird *}. Seine purpur- 
farbenen Blatter sind sehr breit; in der Provinz Caracas 
gii'bt man ihm für die Kumbercitung den V^orzug. Die 
iuhlones oder mit Zuckerrohr bepflanzten Felder wer- 
den durch Hecken einer colossalen Grasart, des Ltcttta 
oder Gyneriuni mit zweyreihigen Blattern, gesondert. 
In Tuv war man mit Beendigung eines Dammbaues be- 
schäftigt, um einen Wässerungscanal herbeyzuleiten. 
Diese Unternehmung hatte dem Eigenthümer 7000 Pia. 
sler SLW Baukosten und 4000 Piaster an Procefsauslagen 
mit den Nachbaren gekostet. Während die Sachwalter 
sich um einen erst noch halbbeendigten Canal stritten, 
iieng Hr. von Manterola sogar die Ausführbarkeit des 
Werks zu bezweifeln an. Ich nahm das Nivellement des 
Bodens mit dem auf einen künstlichen Horizont gebrach- 
ten Probierglas vor, und fand, dafs der Damm um acht 
Fufs zu niedrig angelegt war. Wie vieles Geld sah ich 
in den spanischen Colonien unnütz verschwenden, für 
Bau -Anlagen, die auf irrige Nivellements berechnet 
waren ! 

Das Thal von Tuy hat „seinen Goldschachf^' wie 
fast jeder, von Weifsen bewohnte und an's Ui'gebirg stos- 
sende Ort in America. Fremde Goldwäscher, erzählte 
man, hätten im Jahr ij'So in der Goldschlucht (ravin 



*> Raffles, Hist. of Java^ Tom. I. p. 124. 



H a p i t e I XP'. 75 

ile rOro) GoMl^ürnor ^esanimolt und eine Wascliein- 
rjchlung^ gemacht. Der Geschältsf'iilirer (öder Major- 
donius^ einer lienachbarton Pflanzung liatto die;;e Spuren 
verfolgt: nian fand unter seinem Naclilaf? einen Kan)isol| 
mit GoldI<nüpfen, und, der LiOgik des Volks zufolge, 
konnte dieses Gold nur von einem Erzgange herkommen, 
dessen Ziitagcllegen durch eingestürztes Erdreich war 
verschüttet v»'orden. Ich mochte noch so sehr vorstel- 
len, dafs die hlofse Ansicht des Bodens, ohne einen tie- 
fen Stollen in der Richtung des Ganges, mir i's kann» 
möglich machen würde, iiber das Dasevii des Met.illes 
zu urtheilen. Ich mulste mich dem Ansinnen meiner 
Hauswirthe füiien. Seit zwanzig Jahren war das Ka- 
misol des Majördomus ein Gegenstand aller Gespräche 
im Canton gewesen. Das dorn Schoofse der Erde ent- 
hobene Gold besitzt in den Augen des Volks einen viel' 
höheren Reiz, als dasjenige, welches Ernebnifs des durch 
Fruchtbarkeit des Bodens und Milde des Klima s begün- 
stigten laiidwirthschaftlichen Fleifses ist. 

INordwosllich von der Hacienda del Tuy , in der 
nördlichen Reihe der hiistenheife , öffnet sich eine tiefe 
Schlucht. Man nennt sif Qiiehrada seca, weil der Berg- 
strom, welcher ihr das Daseyn gab, sein Wasser in den 
Felsspalten verliert, noch ehe er das Ende der Schlucht 
erreicht. Dieses ganze Bergland ist mit dichtem PHan- 
zenwuchs überdeckt. \^^ir fanden hier wieder das näm- 
liche Grün , dessen Frisclie uns in den Bergen von 
Buena-Vista und Las Lugenatas, überall wo sich der 
Boden bis in die Nebel-Region erhebt und wo die dem 
Meer entsteigenden Dünste freyt-n Zutritt finden, erfreut 
hatten. In den Ebenen hingegen lassen viele Bäume, 
wie schon oben bemerkt ward, einen Theil ihres Laubes 
im AA inter fallen: und, sobald man ins Thal von Tuy 
henintersteigt , ist man über die fast winterliche G*> 



^6 B II c h V. 

staltung des Landes betrofFen. Die Trockenheit der Luft 
ist so "Tols, dafs Deluc's Hygrometer *J Tag und iNacht 
durch zwischen 36° und 40° zeigt. In einiger Entfer- 
nung vom Flusse trift't man nur selten einige Hura oder 
baumartige Piper an, welche ein dürres Gebüsch be- 
schatten. Diese Ersclieinung ist ohne Zweifel eine Folge 
der Trockenheit der Luft^ die im Hornung ilir Maxi- 



*) ISach'teliendcs ist eine Reihe hygrometrischer Beobachtun- 
gen, die ich in den Thälern von Tuy und Aragua im Schat- 
ten angestellt habe; der Fischbein -Hygrometer war sorgfäl- 
tig auf den höchsten Feuchtepunct reducirt. Hacienda de 
Manterola CHöhe 296 Toiscn). Am n. Febr. um 1 Uhr, 
Hygr. 560, g; hunderllh. Therm. 26", 6*, um 4 U. H. 54", 7- 
Th. 270, 5; um 12 U. (Nachts) H. 58°, 8. Tb. 22°, 5. Am 
12. Febr. um 22 U. Morgens, H. Jy", 8. Tb. 26" 5 um 5 U. 
H. 55% o. Tb. 26°, 2; um 1 1 U. H. 42°, 6. Th. 210,2. 
Hacienda de Cura (Höhe 226 Toisen). Am 14. Febr. um 
2 U. H. 55% 2. Th. 27°, 5; um 4 U. H. 54% 0. Tb. 28% i ; 
um 5U. 5o'. H. 54°, 2. Th. 26% 5; um 7U. 56°, 7. Th. 25°; 
um 12U. H. 59°, 5. Am i5. Febr. um 2 U. 5o'. H. 54°, a. 
Th. 25°; um 11 U. H. 5/°, 6. Th. 25°, 7. Am 16. Febr. 
um 18 U. H. 58°, 5. Th. 20°, o; um 21 U. H. 59°, 7. Th. 
25°, 5; um5U. 5o' H. 55% 2. Tb. 26°, 2; um 9U. H. 37°, 6. 
Th. 25°, 5: lun 11 U. H. 58°, 6. Th. 22% 7. Am 17. Febr. 
um 19 U. H. 59°, 6. Th. 21°, 2 ; um 1 U. H. 55°, 2. Th. 
26°, 5; um 12 U. H. 57°, 4. Th. 220,6. Am 19. Febr. um 
4U. H. 54° Tb. 25", 2; um 12 U. H. 58°, 7. Tb. 220,5. 
Während aller dieser Beobachtungen war der Himmel hell 
und wolkenlos. Die mittlere Feuchtigkeit des Hornungs 
schien mir in den Thälern von Aragua , bey 240, 5 mittlerer 
Temperatur, 55o — 56° Deine, oder 70° 8 bis -20 Saussure 
gewesen zu seyn. Diese Zahlen bezeiclincn eine beträcht- 
liche Trockenheit, wenn man an den gewöhnlichen Stand 
des Hygrometers in den Tropcnländern denkt. (Siehe oben, 
Th. I. Kap. 5. S. 567.) In Paris und Genf steigt die Feuch- 
tigkeit der Monate, welche 18° mittlerer Temperatur errei- 
chen, über 82° Sauss. 



Kapitel XF. 77 

mum erreicht^ und keineswegs, wie die europäischen 
Colonisten ineynen, j^des Wechsels der Jahrszeiten in 
Spanien, deren Wirkungen sich bis in die heifse Zone 
ausdelinen."^ Wur die aus einer Halbkugel in die andere 
verpflanzten Gewächse bleiben , in ihren organischen 
Verrichtungen, in der Entwiclvlung ihrer Blätter und 
Blumen, mit einem entfernten Klima gleichsam einver- 
standen, indem sie, ihren Angewühnupgen treu, seine 
periodischen Wechsel fürdauernd beybehalten. In der 
Provinz Venezuela fangen die Bäume, welche ilir Laub 
verlieren, einen Monat beynahe vor dem Eintritt der 
Regenzeit, neues zu treiben, an. W ahrscheinlich ist vim 
diese Zeit das electrische Gleichgewicht der Luft bereits 
gebrochen, und die Atmosphäre, wenn schon noch keine 
Wolken sichtbar sind, wird allmählig feuchter. Die 
Azurfarbe des Himmels erblafst, und die höheren Ke- 
gionen beladen sich mit leichten und gleiclifürmig ver- 
breiteten Dünsten. Man kann, diese Jahrszeit als das Er- 
wachen der Natur ansehen; es ist ein Frühlinff, wel- 
eher, nach der in den spanischen Colonien gewohnten 
Sprache *), den Eintritt des Winters verkündigt, und 
auf die Sommerhitzeyb/y/. 

V ormals ward Indigo in der Ouebrada seca an- 
gebaut; weil aber ihr mit Pflanzen überwachsener Bo- 
den so viele Wärme nicht zurückstrahlt, als das flache 
Land oder der Thalgrund von Tuy empfängt und wie- 
der ausstrahlt, so ward jener Culturzweig mit dem des 
Kafi'ees vertauscht. So wie man in der Bergschlucht 



*) TVinter nennt man denjenigen Theil des Jahrs, uorin am 
meisten Regen fallt, so dafs auf der Terra -Firma die mit 
dem VVinlcr - Solstitium anfangende Jaiirszeit der Sommer 
,heifst, und man täglich sagen hört, es sey TVinter auf den 
Bergen, zur gleichen Zeit, wo im henachharlen flaclien Land 
Sommer ist. 



78 Buch F. 

vorrückt, vermehrt sich die Feuchtigkeit. Nahe Leym 
Hulo , am nördlichen Ende der Qiiebrada , fanden wir 
einen Bergstrom, der sicli über eingesenkte Gneif^lager 
niederstürzt. Man arbeitete an einer Wasserleitung, die 
sein Wasser der Ebene xuführen sollte. Ohne Wässerung 
mag die Landuirthschaft in diesem Klima keine Fort- 
schritte machen. Ein Baum '■'} von riesenhaftem Wuchs 
zog unsere Aufmerksamkeit an. Er stund am Abhang 
eines Berges über dem Hause des Huto. Da be\m klein- 
sten Erdschlipf sein Fall die Zej'störung des von ihm be- 
schatteten Gebäudes nach sich ziehen mufstc, so ward 
er nahe am Boden angebrannt und auf solche \\ eise ge- 
fällt, dafs er zwischen gewaltige Feigenbäume zu liegen 
kam, die sein Herabrollen in die Schlucht henunten. 
Wir niafsn den umgestürzten Baum. (JJiüleich sein 
Obertheil vom Feuer verzehrt war, betrus die Länye 
seines htammes doch noch i54FuIs ■■" j sein Durchmes- 
ser nahe an den Wurzeln war 8 Fuis^ und am oberen 
Ende 4 Fufs 2 Zoll. 

Unsere Führer, denen die Baumdicken gleichgül- 
tiger als uns waren, drangen zum Weitergehen und zum 
Aufsuchen des „Gold - Schachts^'. Dieser minder be- 
suchte Theil der Schlucht ist ziemlich merkwürdig-. 
Hinsichtlich auf die geologische Beschaftenheit des Bo- 
dens machten wir folgende Bemerkungen. Am Eingang 
des Quehrada seca sahen wir grofse Massen von ziem- 
lich feinkürnigem Urkalkstein, derblaulicht gefärbt und 
mit einer Menge Kalkspathadern von glänzendem Weifs 
durchzogen war. Man darf diese Kalksteinmassen nicht 
mit den viel jüngeren INiederschlägen von Tutl" oder 
kohlensaurem Kalk verwechseln, welche die Ebenen 



*j Hura crcpitons. 

*'^ Französisches Maafs, ungefähr 5o Meters. 



Kapitel S.V. ^g 

von Tuy ausfüllen: sie bilden Lager in einem Gliminex'- 
schiefer, welcher in 'J^alltscliiefer *) übergeht. Oefters 
bedeckt der Urkalkstein dies letztere Gestein nur in 
überoinslinimender Scliichtung (Stratificatioa concordan- 
te) *''''3. Ganz nahe beyni Halo wird der Talkschiefer 
völlig weifs, und enthalt schwache Schichten von zartem 
und Jettigeni Zeichenschicftr (Ampelite graphi«|ue). Ei- 
nige Stücke, die kein« Quarzadern haben ^ sind ein äch- 
ter küriiigter Graphit, welchen njan für die Kunst be- 
nutzen künnte. Der Anblick des Felsens Ijat etwas ganz 
aufserordentliches an den Stellen, wo dünne Blättchen 
schwarzer Kreide mit den bogigen und athisarligen Blät- 
tern eines schneeweifsen Kall-.schiefers abwechseln. Man 
möchte sagen, der Kohlenstoff und das Eisen, welche 
anderswo das Urgestein lärben, haben sich hier auf un- 
tergeordnete Lager coiicentrirt. 

Eine vvestliclie Krümmung brachte uns endlich in die 
Goldschlucht (^Qiiehrada del Oro~). Man hatte Mühe, 
die Spur einer Quarzader am Abhang eines Hügels 
aufzufinden. Das durch Hegengüsse eingestürzte Land 
hatte die Oberfläche des Bodens verändert, und machte 
jede Beobachtung unmöglich. Schon dehnten sich jetzt 
grofse Bäume auf den Standorten aus, wo vor zwanzig 
Jahren die Goldvväscher gearbeitet hatten. Es ist wahr- 
scheinhch, dafs der Glimmerschiefer hier, wie in der 
Gegend von Goldkronacli , in Franken und im Salz- 
burgischen, goldhaltige Adern enliiält. Wie könnte man 
aJ)er entscheiden, ob eine bauwürdige Lagerstätte Cgile} 



*) Aechtcr Wernersclier Talkscliiefer ohne Gr.malen und ohne 
Serpentinstein . nicht der JVeifsstein oder nuriie. In ilen 
Bergen von Buenavista zeigt der Gneifs. clicr eine INeigung 
zum UeLergang in den Weifsstein. 

**) Piitlilung St. 5. 5. ISeigung zu yo'^ sudöstl. 



So B u c h V. 

vorhanden sey. oder ob das Erz nur nestervveise und 
um so seltener^ als es reicher isl^ vortioiiune? Uin Ai^n 
ernuulenden Ausflug nicht ganz vergeblich getlmn zu 
Laben ^ herborisirten wii* eine geraume Zeit in der dich- 
ten Waldung, die sich jenseits des Halo ausdehnt, und 
worin die Cedrelas, die Browneen und die nyuiphsea- 
blättrigen Feigenbäume in Menge wachsen. Die Stämme 
dieser letzteren sind mit sehr wohlriechenden Vanille- 
Pflanzen bedeckt, welche grofsentheils erst im Monat 
April blühen. Es fielen uns hier abermals jene holzi^len 
Auswüchse auf, die, in Geslalt von Gräten oder Hippen, 
die Stammdicke der aniericanischen Feigenbäume so aus- 
serordentlich und bis auf 20 Fufs über den iJoden aus- 
dehnen. Ich habe Stämme angetroffen, die nahe an den 
Wurzeln 22 und einen halben Fufs Durchschnitt hatten^ 
Bisweilen trennen sich diese holzigten Gräten acht Fufs 
toch vom Stamm, und verwandeln sich in cylindrische, 
zwey Fufs dicke W urzeln. Der Baum erscheint alsdann 
wie von Strebepfeilern getragen. Diese Stützen dringen 
jedoch nicht sehr tief in die Erde ein. Die Seitenwur- 
zeln schlängeln sich auf der Oberfläche des Bodens ; und 
wenn man sie, bey zwanzig Fufs vom Stamm entfernt, 
mit der Axt durchhaut, so quillt der Milchsaft des Fei- 
genbaums hervor, welcher, sobald er der lebendigen 
Thätigkeit der Organe entzogen ist, sich verändert und 
gerinnt. Wie wunderbar erscheint uns die Zusammen- 
iügung der Zellen und Gefäfse in diesen vegetabilischen 
Massen, in diesen Hiesenbäumen der heifsen Zone, die 
seit einem Jahrtausend vielleicht, ununterbrochen, näh- 
rende Flüssigkeiten zubereiten, dieselben bey löo Fufs 
in die Höhe treiben, sie alsdann wieder zur Erde herab 
führen und, unter einer rauhen und harten Binde, unter 
leblosen Schichten von Hol/fasern, alle Bewegungen dos 
organischen Lebens bergen ! 

Ich 



Kapitel XF. 8l 

Ich benutzte die Ijellen Näclite^ um in der Pflanzung 
von Tuv zwey Austritte des ersten und des dritten Ju- 
piteitrabanten zu beobachten. Diese zwey Beobachtun- 
gen galten, nach Delambre's Tafehi , die Länge von 
4U. 39' 14"- Dem Chronometer nach f<ind ich 4U. 89' lo". 
Es find dies die letzten Verdunklungen, welche ich vor 
meiner Kiickkehr nach dem Orenoko beohachtct habe j 
sie wurden gebraucht, um mit einiger Genauigkeit das 
östliche Ende der Thäler von Aragua und den Ful's der 
Ber:;o von Las Cocuyzas zu bestimmen. Vermittelst 
Meridian -Höhen von Canopus fand ich die Breite der 
Hacienda de Manier ola, am 9. Febr., 10° 16' 55"; am 
10. Febr., 10° 16' 34". Der ausnelimtnden Trocken- 
heit der Luft unerachtet, funkelten die 8terne bis zu 
80° Höhe; eine unter diesem Hirnmeisstrich sehr seltene 
Ersclieinung, die vielleicht das Ende der schönen Jahrs- 
zeit verkündigte. Die Inclination der Magnetnadel war 
41°, 60 (hundertgradiger Abtheilung), und 228 Schwin- 
gungen, mit 10' Zeit zusammentrellend, drückten die 
Jnlensität der magnetischen Kräfte aus. Die Declination 
der Magnetnadel war 4° 3o' nordöstlich. 

Während meines Aufenthalts in den Thalern von 
Tuy und Aragua zeigte sich das Zodiacal-Licht beynahe 
in jeder JNacht überaus heil glänzend. Ich hatte dasselbe 
unter den Wendekreisen zum erstenmal in Caracas, am 
18. Jenner, nach sieben Uhr Abends wahrgenommen. 
Die Spitze der Pyramide fand sich zu 53° der Höhe. 
Der helle Schein verschwand gänzlich um g U. 35' 
(wa'ire Zeit), beynahe 3 St. 5o' nach Sonnenuntergang, 
ohne dals die Klarlieit des Himmelsgewölbes sich ver- 
mindert hätte *>. La Caille hatte, auf seiner Reise nach 

*) Ami 5. Febr. trat das gänzliche Verschwinden schon 2S1. 5o' 
nach Sonnenuntergang ein. Die Höhe derF/raniide über dem 
Horizont war 5o°. 

Alex. V. Humboldts hist. Reisen III. (> 



82 ß n c h V. 

Rio Janeiro und dem Cap, bereits die Schönheit des 
Zodiacal- Lichts zwischen den Wendekreisen bemerkt, 
welche weniger der minder gesenkten Lage, als der 
grofsen Reinheit der Luft zugerechnet werden mufs *^. 
Man dürfte es seihst befremdlich finden, dafs nicht 
schon lange vor Childrey und Dominic Cassini See- 
fahrer, welche die Meere beyder Indien besuchten, die 
Gelehrten Europas auf diesen durch bestimmte Form 
und Gang ausgezeichneten hellen Schein aufmerksam 
gemacht haben, wenn man nicht wüfste, wie wenig 
überhaupt dieselben, bis zur Mitte des achtzehnten 
Jahrhunderts, sich um Dinge bekümmerten, welche 
nicht unmittelbar auf den Lauf des Schiffes und die Kunst 
des Steuermanns Bezug hatten. 

Wie glänzend indessen der Zodiacal-Schein in dem 
trocknen Thal von Tuy auch war, so habe ich ihn doch 
noch viel schöner auf dem Rücken der inexicanisclien 
Cordilleren, an den Gestaden des Tezcuco- Sees, 1160 
Toisen über der Meeresfläche gesehen. Deluc s Hy- 
grometer geht auf diesem Plateau bis zu i5° zurück **_), 
und unter 21 Zoll 8 Linien des barometrischen Druckes 
ist die Extinction des Lichtes um xöW schwächer als in 
den Ebenen. Im Jenner 1804 stieg die Helle zuweilen 
mehr denn 60*^ über den Horizont. Die IVlilchslrafse 
schien vor dem nahen Glänze des Zodiacal- Lichtes zu 
erblassen 5 und wenn zerstreute bläulichte Wölkchen 
gegen Westen sich gesammelt hatten, sah es aus, als 
wolle der Mond aufgehen. 

Ich will hier einer andern^ sehr seltsamen Erschei- 



*3 Der überaus lielle Himmel machte im Jahr 1668 in den 
dürren Ebenen Persiens auf die Erscheinung aufmerksam. 

**) Bis auf 4aP, 8 Sauss., Ley 33°, 4 des hundertgr. Thermo« 
melers. 



H a p i t e l XF. 83 

nung gedenken, die melirmals in meinen ^ an Ort und 
Stelle geführten Tagebüchern vei'zeichnet steht. Am 
iS- Jenner und am i5. Hornung 1800 trat eine sehr 
merkliche Veränderung des Zodiacal- Lichts von zwey 
7.U zwey Minuten abwechselnd ein. Bald war es un- 
gemein schwacli, und bald übertraf es wieder den Glanz 
der Milchstrafse im Schützen. Der Wechsel hatte in 
der gan/.en Pyramide, füraus aber im Innern, von den 
Rändern entfernt statt. Während dieser Veränderungen 
des Zodiacal - Scheins deutete der Hygrometer grofse 
Trockenheit an. Die Sterne vierter und fünfter Grüfse 
stellten sich dem unbewalfneten Auge in unverändert 
gleicher Stärke des Lichtes dar. Keine Spur von Nebel 
war vorhanden, und es schien durchaus nichts die Rein- 
heit der Atmosphäre zu sturen. In anderen Jahren sah 
ich in der südlichen Halbkusfvl eine Zunahme des Lichts 
eine halbe Stunde vor seinem Verschwinden. Dominie 
Cassini anerkannte *_) „eine Abnahme des Zodiacal-Lich- 
tes in gewissen Jahren, und eine Wiederkehr seiner 
früheren Helle. ^^ Er hielt dafür, diese alhnählig ein- 
tretenden Wechsel rühren „von den nämlichen Ausdün- 
stungen her, welche die periodische Erscheinung der 
dunkeln und hellen Sonnenflecl;en begründen,^* allein 
dieser trefiliche Beobachter spricht nicht von dem Wech- 
sel der Stärke des Zodiacal Lichtes, welchen ich mehr- 
mals in den Tropenliind^rn innerhalb weniger Minuten 
wahrgenommen habe. Mairan bezeugt**^, in Frank- 
reich sehe man gar nicht selten, in den Monaten Jenner 
vmd Hornung, den Zodiacal Schein mit einer Gattung 
der INordlichter, die er unbestimmte (indecises) nennt, 



*) Mem. de fAcad. Tora. VIII, p. 164 u. 208. 
•*3 Traite de t Aurore bor. (ed. 2), p. 112, 166- Mem. de 
lAcad.. 1755, p. 482. Id, 1754.: p. 572. 



84 B u c h r. 

vergosellschaftet, deren Nebelstoff sich entweder rings 
um den Horizont verbreitet^ oder gegen Westen dar- 
stellt. Ich glaube nicht^ dafs bey den Beobachtungen, 
deren ich so eben gedachte, eine Vermischung beyder 
Liichtarten statt gefunden habe. Der Wechsel der Stärke 
gieng in sehr grofser Hübe vor sich 5 das Licht war 
weifs und nicht farbigt, ruhig und nicht flatternd. Da- 
neben ist die Erscheinung des JNordlichts in den Tro- 
penländern so selten, dafs in fünf Jahren, obgleich ich 
im Freyen schlief und das Himmelsgewölbe mit der an- 
gestrengtesten Aufmerksamkeit beobachtete, ich doch 
niemals auch nur die mindeste Spur davon zu sehen 
bekam. 

Wenn ich alles zusammenfasse, was hinsichtlich 
der Veränderungen des Zodiacal-Lichts in meinen Tage- 
büchern verzeichnet ist, so bin ich geneigt zu glauben, 
es seyen diese Veränderungen nicht blofse scheinbare 
Ergebnisse gewisser Modificationen, die unsere Atmo- 
sphäre erleidet. Bisweilen habe ich, bey nicht minder 
hellen JNächten, das Zodiacal-Licht vergeblich gesucht, 
wenn es am vorhergehenden Abend in seinem grüfsteu 
Glanz erschienen war '"'). Soll man annehmen, dafs 
Ausflüsse (emanations), die das weifse Licht zurück- 
strahlen, und die mit den Kojuetenschw eilen Aehnlich- 



*) Mairan lialte das namlitlie umer unsein llimmelsstriclien 
wahrgcnoniinen. ;-Ich soll nicht unbemerl;l lassen, sagt er, 
dafs ich, in diesem Monat j4p;il , zwevnial keine Spur des 
Zodiacal-Iachts im Westen entdecken konnte , zu einer Zeil, 
die dazu vorzugsweise günstig schien, in der Tages- und 
Jahreszeit, worin dies Liclit am sichtbarsten ist. Dabey ist 
noch besonders zu beriierJ;cn, dafs dasselJie an jedem un- 
mittelbar folgenden Tage wieder sehr glänzend und aus- 
gebreitet erschienen ist.'- jMein. de l Acad. ^ iJJJ, p. 483, 
und Mairan Traice de CAurore bor. , ed. 2 , p. 26j. 



Kapitel XV. 85 

J<eit 7,u lialien sclieinen , in g-ewisscn Zeiten minder 
reichlich vorkommen? Die Untersucliungcn über den 
Zodi.'cnl - Schein werden anziehender, seit die Mefs- 
künsller dargelhan haben, dals wir die wahre Ursache 
dieser Erscheinung nicht kennen. Der berühnite Ver- 
fasser der IMecaniqne Celeste hat gezeigt, dals die Son- 
nen-Atmosphäre sich nicht einmal bis in die Bahn des 
Mercurs erstrecken kann, und dafs dioselbe in keinem 
Fall die Linsenform darstellen würde, in der das Zo- 
diacal- Licht dem Beobachter erscheint *). Es lassen 
sich übrigens, hinsichtlich auf die Natur dieses Lichtes, 
die nämlichen Zweifel, wie über diejenige des Kometen". 
Schweifs, erheben. Ist es wirklicli ein zurückgestrahltes, 
oder ein unmittelbares Licht? Hoffentlich werden rei- 
sende Naturforscher, welche künftig die Aequinoctial- 
Länder besuchen^ sich mit solchen Polarisations-Vor- 
richtunüren versehen, welche die wichtige Fra^e zu lo- 
sen geeignet seyn können. 

Wir verliefsen, am ii.Hornung, bey Sonnenauf- 
gang, die Pflanzung von Manterola. Der We^ führt 
längs den anmulhigen Gestaden des Tuy; der Moi'gen 
war kühl und feucht 5 die Luft war mit dem herrlichen 
Geruch des Fancratium undulatum und anderer grofser 
Liliaceen erfüllt. XJm nacli Vittoria zu gelangen, kommt 
man durch das hübsche Dorf Mamon, oder Consejo, 
das durch ein Wunderbild der Jungfrau in der Provinz 
berühmt ist. Nahe vor dem Dorf machten wir in einer, 
der Familie Monteras zugehörigen Meyerey Halt. Eine 
mehr denn hundertjährige Negerin safs vor einer klei- 
nen, aus Erde und Kohren aufgeführten Hütte. Man 
kannte ihr Alter, weil sie eine Creolen-Sclavin gewesen 
war. Sie schien noch sehr gesund zu seyn. ,,Ich halte 



*) Syst. du Monde (ed. 4"°), p. 270, 



S6 B II c h V. 

sie nn der Sonno ila iengo cd sol}, sagte ihr Enkel, die 
Wärme erhält ihr Leben." Das Mittel kam uns gewalt- 
sam vor, denn die Sonne warf fast senkrechte Stralilen. 
Die Völker? lüiunie mit schwarzbrauner (basaneo) Haut, 
die wohl acclimalisirlen JNeger und die Indianer errei- 
chen unter der heifsen Zone ein glückliches Alter. Ich 
habe anderswo die Geschiclile eines Eingebornen von 
Peru erwähnt '•■'), der im i43sten Lebensjahre starb, 
nachdrm er c)0 Jahre im Ehestand gelebt hatte. 

Don Francisco Montera, und sein Bruder, ein jun- 
ger sehr aufgeklärter Geistlicher, hegleiteten und führ- 
ten uns noch ihrem Haus in Vittoria. Fast alle Fami- 
lien, mit denen wir zu Caracas in freundschaftlichen 
Verliältnisren gelebt hatten , bewthnten die schönen 
Thalgründe von Aragua. Als Besitzer der reichsten 
Pflanzungeil, bestrebten sie sich in die Wette, uns un- 
sern Aufenthalt angenehm zu machen. Ehe wir in die 
Wälder des Orenoko eindringen , genosst-n wir noch- 
mals alle Vorthe?le einer vorgeschrittenen Sittigung. 

Der Weg von Mamon nach Viltoria geht in süd- 
licher und südwestlicher Bichtung. Den Tuy-Flufs 
verloren wir bald aus dem Gesicht, da er am Fufs der 
hohen Gebirge des Guayraima, sich östlich wendend, 
eine Krümmung bildet. Wie man sich Vittoria nähert, 
wird das Land flacher und gleicht dem Grund eines ab- 
gelaufenen Sees. Man könnte sich ins Haslithal des 
Cantons Bern versetzt glauben. Die aus Fialksinter (tuf 
calcaire) bestehenden Hügel der INachbarschaft sind nur 
140 Toisen hoch, aber senkrecht abgestutzt, reichen 
sie gleich Vorgebirgen in das flache Land heraus. Ihre 
Form deutet das alte Seegeslade an. Das östliche Ende 
des Thals ist dürr und unbebaut. Die von den nahen 



*) Hilario Pari de Chiguata. 



Kapitel XV. 87 

Bero^pn bewässerten Scliluchlen sind nocli unbenutzt, 
claü:ofron bat zunäcbsl um die Stadt ber eine schöne Lan- 
descultur begonnen. leb sage der Stadt, obgleich zu 
meiner Zeit Vittoria nur noch als ein Dorf Cpueblo^ be- 
trachtet ward. 

Man mag sich nicht leiclit unter dem Begriff des 
Dorfes einen Ort denken, welcher 7000 Einwohner, 
schöne Gebäude, eine mit dorischen Siiulen verzierte 
Kirche*}, und alles, was handelnder Kunstfleifs gewäh- 
ren kann, besitzt. Längst schon haben die Bewohner 
von Vittoria beyni spanischen Hof um die Benennung 
Villa und um die Berechtigung, einen cahildo oder 
Municipalrath zu ernennen, angesucht. Das spanische 
MinisttM'ium w idersetzte sich ihrem Begehren, obgleich 
es, zur Zeit der Expedition von Iturriago und Solano 
nach dem Orenoko, auf das dringende Ansuchen der 
Franciscaner- Mönche, etlichen Gruppen indianischer 
Hütten den hochtönenden Namen ciudad Ccite} bewil- 
ligt hatte. Die Municipal- Regierung sollte ihrer Na- 
tur nach eine wesentliche Grundlage der Freyheit und 
Gleichheit der Bürger seyn, in den spanischen (volonien 
ist sie aber zur MunicipAl-Aristocratie ausgeartet. Die 
Innhaber einer unbeschränkten Gewalt, anstatt den Ein- 
flufs mächtiger Familien klug zu benutzen, fürchten das, 
was sie den Unabhängigkeitsgeist der kleinen Gemein- 
heiten nennen. Lieber wollen sie den Staatskorper ge- 
lähmt und kraftlos lassen, als Wirkungskreise begün- 
stigen, die ihrem Einflufs entgehen, und ein partielles 
Leben unterhalten, das die Gesammtmasse beseelt, weil 
es vielmehr vom Volke , als von der höchsten Gewalt 
ausgeht. Zur Zeit Karls V. und Philipps II. ward die 
Municipal -Einrichtung vom Hofe weislich begünstigt. 



*) Sie war nicht vollendet, man baute seit fünf Jahren daran. 



88 B u c h V. 

Durch angesehene Männer, die hey der Besitznahme 
des Landes Hollen gespielt hatten, Avurden Städte ge- 
gründet, und die ersten cahildos nach spanischen V^or- 
bildern errichtet. Dazumal bestund eine Gleichheit der 
Rechte zwi.chen den Bewohnern des IVlutterlandes und 
ihren Abkömmlingen in America. Die 8laatsklugheit 
war damals wohl nicht redhcher, aber minder arg- 
wöhnisch als heutzutage. Das neuerlich eroberte und 
verwüstete Festland ward als eine entlegene spanische 
Besitzung betrachtet. Der Begri'i" einer Colonie, in 
dem Sinn, welcher gegenwärtig damit verbunden wird, 
entwickelte sich erst in Folge des neueren Systemes der 
Handelspolitik 5 und diese erkannte zwar die wahrhaf- 
ten (Quellen des INationalreichlhums , ward aber auch 
bald engherzig, argwöhnisch und ausschlief^lich. Sio 
veranlafste die Zwietracht zwischen dem Mutterland und 
den Colonien; sie stellte zwischen den VVeifsen eine Un- 
gleichheit auf, welche der ersten Gesetzgebung Indiens 
fremd gewesen war. Die Concentrirung der Gewalten 
schwächte nach und nach den Einflufs der Municipa- 
litäten , und die nämliclien cubddos , die im iGten und 
l^ten Jahrhundert '••') berechtigt waren, beym Tod eines 
Statthalters das Land interimsweise /.u VQvweAien , wur- 
den vom Hof in Madrit für gefährliche Hindernis.--e der 
königHchen Gewalt angesehen. V^on da an ward es auch 
den reichr^ten Dörfern, des Wachstliums ihrer Bevöl- 
kerung unorachtet, sehr schwer, de Benennung von 
Städten und das Recht der eignen Verwaltung zu erhal- 
ten. Es ergiebt sich hieraus, dafs die Philosophie an 
den neueren Veränderungen der Colonialpolilik keinen 
Theil hatte. Um sich davon vollends zu überzeugen, 
darf man sich nur mit der Gesetzgebung Indiens **^ 

*') Cedulas reales von i56o und iGyS. 
•*) hey es de Indias, die älteslen. 



Kapitel W. 89 

näher belvannt machen,, so weit solclie die nach Amorica 
verptlaii/len Spanier und ihre ISachkomnien, die Hechte 
der Genieiidieiten und die Einrichtung der Mimicipa- 
litäten belrillt. 

Die Gegend von V iltoria gewährt einen merkwür- 
digen AnbHck, hinsichthch auf die Cultur. Das bebaute 
JLand steht 270 bis 3oo Toiien iibtr der ■NJeeresfläche, 
und doch sieht man hier Getreidefelder zwischen Pflan- 
zunijen von Zuckerrohr, Kallee und Pisang. Mit Aus- 
nahme drr inneren Landschaft der hisel Cuba *) trifft 
mau fast niriicnd anderswo in den Aequinoctial-Ge^^en- 
den der spanischen Colonien die europäischen Getreide- 
arten auf so yerinji^er Höhe im Grofsen gebaut an. In 
Mexico steilen die schönen Getreidefelder zwischen 600 
und i20oToisen absoluter Höhe, nur selten steigen sie 
auf 400 Toisen herab. Wir werden bald sehen , dafs 
der Ertrag der Cerealien^ von den hohen Breiten gegen 
den Aequator hin^ in Verbindung der mittleren tlima- 
tischen Temperatur j sich bedeutend vermehrt, wie die 
Vergielchung verschiedentlich hoher Gegenden darthut. 
Das Gelingen des Feldbaus hängt von der Trockenheit 
der Lult ab 5 von den Hegen, die zwischen verschie- 
dene Jahr?zeilen getheilt, oder allein nur auf die Win- 
terszeit zusammengedrängt sind j von beständigen Ost- 
winden, oder solchen, welche die kalten Nordwinde in 
niedere Breiten (wie im mexicanischen Meerbusen) her- 
abii.hren; von Nebeln, durch welche Monate lang die 
Kraft der Sonnenstrahlen gedämpft wird; von einer 
Menge andi^rer örtlicher Umstände endlich, welche we- 
niger auf die mittlere Jahrestemperatur, als aufdie Ver- 
tlu ilung einer gleichen Wärmemasse unter die verschie- 
denen Jahrszeiten Einflufs haben. Es ist eine merk- 



*) Der Bezirk der Q^uatro villas^ 



90 



Buch r. 



würdige Ersclioinung-, die europäischen Cerealien vom 
Aoquator bis nach Lappland, durch 69 Breitengrade, 
in Ländern, welche + 22° bis in solche, die — 2° mitt- 
lerer Wärme haben, überall angebaut zu sehen, wo die 
Temperatur des Sommers über 9 l)is io° beträgt. Man 
kennt das Minimum der zum Keifen des Weizens, der 
Gerste oder des Hafers erforderlichen Wärme : ung-e- 
wisser ist man hinsichtlich des Alaximums, welches diese 
sonst so biegsamen Grasarten ertragen möü^en. Wir ken- 
nen selbst den Inbegriff der Umstände nicht, welclie dem 
Getreidebau in den Tropenländern auf geringen Höhen 
günstig sind. Vittoria und das benachbarte Dorf San 
Matheo ertragen viertausend Centner Weizen. Die Aus- 
Saat geschieht im Christmonat. Nach siebenzig oder 
fünf und siebenzio; Ta^en erfol;>t die Ernte. Die Körner 

OD C 

sind grofs , weifs und reich an Kleber : ihr Häutchen ist 
dünner und weniger hart als dasjenige des W eizens der 
sehr kalten mexicanischen Plateaus. Ein Morgen Lan- 
des *) erträgt in der Gegend von Vittoria gewöhnlich 
3ooo bis 8200 Pfund Weizen. Der Durchschnittsertrag 
ist demnach hier, wie in Buenos-Ayres, zwey bis drey- 
mal so grofs als in den nördlichen Ländern. Alan erntet 
ungefähr die sechszehnfache Saat, während, den Ergeb- 
nissen von Lavoisiers Forschungen zufolge, der Boden 
Frankreichs im Durchschnitt nur die fünf- bis sechsfache 
Aussaat, oder eintausend bis zwölfhundert Pfund auf den 
Morgen erträgt. Dieser Fruchtbarkeit dos Landes und 
dieses günstigen climatisclien Einflusses uncrachtet ist 
die Pflanzung des Zuckerrohrs in den Thälern von Ar«- 
gua einträglicher als diejenige der Cerealien. 



•) Es ist die Picde von dem arpent des eaux et forets , oder 
arpent legal de France^ deren 1,95 eine Hectare aus- 
in aolit. 



Kapitel XF. 91 

Dei' kleine Rio Calanchas fliefst tlurcli Vilforxa; 
derselbe mündet sich nicht in den Tuy^ sondern in den 
Rio Araüua aus: daher fol^t, dafs diese fcliüno Land- 
schalt , welche gleichzeitig Zuckerrohr und Weizen 
reift^ bereits dem Biclien des Sees von Valencia und 
einem System innerer Flüsse angehört, die mit dem 
ISIeer in keiner Verbindung stehen. Das auf der West- 
seile des Rio Ca'anchas gelegene Stadtquaitier führt den 
Namen la otra banda , imd ist der vorzüglich handel- 
treibende Theil. Ueherall sind Waaren ausgelegt, und 
die Strafsen bestehen aus Keihen von Kram')uden. Durch 
Vitloria gehen zwey Handelsstrafsen, diejenige von Va- 
lencia oder von Porto- Cabello , und die Strafse von 
Villa de cura oder der Ebenen, die den Namen camino 
de los LjIciiios führt. Man trifft hier verhältnifsmäfsig 
mehr Weifse s.x\ als in Caracas. Bey Sonnenuntergang 
erstiegen wir den kleinen Calvarienberff , der eine un- 
gemein schöne und ausgedehnte Fernsicht hat. West- 
wärts übersieht man die anmuthigen Thäler von Ara- 
gua , deren weites Erdreich mit Gärten, angebauten 
Feldern, wilden ßaumijruppen, Meyerhöfen und Wei- 
lern besetzt ist. Im Süden und Südosten sieht man, so 
weit das Auge reicht, die hohen Gebirge von la Palma, 
Guayraima, Tiara und Guiripa, hinter welchen die un- 
ermefslichen Ebenen des Calabozo liegen. Diese innere 
Kette dehnt sich westwärts aus, dem See von Valencia 
entlang, gegen Villa de Cura, Cuesta de Yusma und 
die zackigten Berge von Guigue. Dieselbe ist steil und 
allezeit mit dem leichten Dunste bedeckt, welcher in 
heifsen Climaten Aen entfernten Gegenständen eine hell- 
blaue Färbung ertheilt, und ihre Umrisse keineswegs 
verhüllt, sondern denselben vielmehr einen kräftigeren 
Ausdruck verleiht. Unter den Bergen der inneren Kette 
errei«hen, wie man glaubt, diejenigen von Guayraima 



92 



Buch V. 



bey zwülfljundertToisen Hübe. In der Nacht des 1 1. Hor- 
nung fand ich die Breite von V ittoria zu 10° i3' 35" j 
die magnetische Inclinalion war 40°, 80, die Intensität 
der entsprechenden Kräfte betrug 236 Schwingungen in 
zehn Minuten Zeit *J), und die Abweichung der JNadel 
4° 40' nordöstlich. 

Wir wanderten langsam durch die Dürfer San Ma- 
theo, Turmero und Maracay nach der Hacienda de 
Cura, einer schönen Pflanzung- des Grafen Tovar, wo 
wir erst am 14. Hornung Abends eintrafen. Der Thal- 
grund dehnt sich immer weiter aus: er ist durch Hü- 
gelreihen von Kalk -Tuff, welcher hier tierra blanca 
helfstj eingefafst. Die Gelehrten des Landes haben ver- 
schiedene V^ersuche gemacht, um diese Erde zu calci- 
niren: sie verwechselten dieselbe mit der Porcellanerde, 
^yelche aus verwitterten Feldspalh- Schichten entsteht. 
Wir verweilten einige Stunden bey einer eben so ach- 
tungswürdigen als kenntnifsreichen Familie, den üstariz, 
in der Coiicesion. Das Haus, worin sich auch eine 
gewählte Büchersammlung befindet, stellt auf einer An- 
höhe. Ein Lustwäldchen aus Balsamsträuchern C^al- 
samo') **) gewährt der Anlage Schatten und Kühlung. 
3VTit einer lebhaften Theilnahme sahen wir die zahlrei- 
ch«in, im Thal zerstreuten und durch Freygelassene be- 



*) Die Intensität der magnetischen Kraft, wie ich sie in la 
Guavra, auf Vcnta grande, zwischen la Guavra und Ca- 
racas, und in Vitforia Cvon 2J4 bis auf 236o Schwingungen) 
fand, ist die stärkste, welche ich auf der Terra Perma beob- 
achtet habe. In dieser Zone , wo die Inclination überhaupt 
zwischen 40° und 45° beträgt, entspricht der mittlere Stär- 
kegrad 226 bis 228 Schwingungen. Es beruht dieser Zu- 
Tvachs ohne Zweifel auf irgend einer örtlichen Ursache im 
naheliegenden Gneifs, Glimmerschiefer und Granit. 

**) Amvris elata. 



Kapitel XK ' 93 

wolinten Häuser. Es sind die Gesetze, die Institutionen 
und die Sitten der Freyheit der Keger in den spaniscljan 
Colonien günstiger, als in denen der übrigen europäi- 
schen iNationen. 

San Matheo, Turmero und Maracay sind reizende 
Dürfer, worin alles den grüßten WoliKlaiid verrälh. 
Man glaubt sich im gewerbfleifsiysten Theil von Cata- 
lonlen zu befinden. In der Nähe von San IVIatheo sahen 
wir die letzten Weizenfelder, und die letzten IVIühieu 
mit wagerechten Wasserrädern. Man erwartete eine 
zwanzi^fache Ernte nnd als wäre dies noch ein gar 
mäfsiger Ertrag, fragte man mich, ob in Preufsen und 
Polen das Getreide mehr ertrage? Einem in den Tropen- 
ländern allgemein verbreiteten Irrthum zufolge glaubt 
man, es seyen die Cerealien Pflanzen, welche, so v,ie 
sie sich dem Aequator nähern, ausarten und in den nürd- 
lichen Ländern reichere Ernten liefern. Seit man ge- 
lernt hat, einerseits den Ertrag der Ernten unter den 
verschiedenen Zonen, und anderseits die 'f'emperaturen, 
unter deren Einflufs die Cerealien sich entwickeln, zu 
berechnen, überzeugte man sich, dafs über den 45stea 
Breitegrad hinaus nirgends der Weizen einen so reichen 
Ertrag liefert, als auf den Kord.küsten Africa's und auf 
den Plateaus von Neu-Granada, Peru und Mexico. Üey 
Vergleichung der mittleren Temperaturen, nicht des 
Gesammtjahres, sondern nur allein der Jahrszeit wel- 
che den regelationscyclas der Cerealien begreift, ti-- 
geben sich *) für drey Sommermonate im nördlichen 



*) Die mittlere Temperatur der schottischen Sommer (in der 
iSacliLarschaH von EJiniiurijli , 56" lir.j lindet sich »vieJer 
auf den Plateaus von ISeu-üranada, die so reiche Gelreide- 
ernlen Jiefern , hvy 1400 Toisen llöJie , unter 4" ßreilc. 
Anderseits trifft man die miniere Temperatm- der Thaier 



94 B II c h V. 

Europa, i5° tis 19°; in der Barbarey und in Egypten, 

27° bis 29^5 in den Tropenländernj zwi eben 1400 und 
300 Toisen Hübe, 14° bis 25°, 5 des huiideiltbeiligen 
Wärmemessers. 

Die reicben Ernten in Egypten und im Königreich 
Algier, diejenigen der Tbäler von Aragua und der in- 
neren Landscbaft der Insel Cuba tbun sallsam dar, dafs 
der büliere VVärme";rad dem Ertrasf des Weizens und an- 
derer nährender Grasarten keineswegs nacbtheilig wird, 
wofern nämlicb dieser büberen Temperatur kein Ueber- 
mafs von Trockenheit oder Feucbligkeit beygesellt ist. 
Diesem letzteren Verbältnifs müssen ohne anders jene 
scheinbaren Anomalien zugerechnet werden, die zuwei- 
len in den Tropenländern hinsichtlich auf die untere 
Grenze der Cerealien bemerkt werden '•'). Alit Erstau- 



von Aragua (Br. 10", i30 und aller nur ■»renig erhöhelen 
Ebenen ilcr heifsen Zone in der Sonimertemperatiir von 
IScapel und Sioilien CBr. 59° 40) nieder an. Diese Zaliien 
hezeichnen die Lage der /j-oM^/e?« - Linien Cglp'clier Som- 
mer) und nicht jene der IsoÜierin-VÄmtn (gleiclier jahr- 
licher Wärme). Dem Verhallnifs der VYärmeniengc zufolge, 
welche ein Punct des Erdballs im Zeitraum eines ganzen 
Jahres empfängt, entsprechen die mittleren Temperaluren 
der Thiilcr von Aragua und der Plateaus von INeu Granada, 
von 3oo und von 1400 Toisen Erhöhung, den mittleren Tem- 
peraturen der Küsten vom 25slen und 45sten ßrcilegrad. 
Uebcr die Grundlagen dieser P»echnungen vergleiche man 
vi\c\n^w Essai sur la distributiou de la chaleur., in ^f^wMcni. 
de laSoc. d'Arcueil^ Tom. 111, p. 5i6, 579, 602; und diese 
Reisebesclircibung, Th. 2, S. 096. 

•) Seit meiner Rückliunft in Europa hat Hr. Caldas eine grofse 
Zahl Beobachtungen über diese Geiize in einer Denkschrift 
gesammelt, die sich zu Santa Fe de Bogota unier den Pa- 
pieren unscrs Lcrühmten Freundes, Don Jose Cclestino iNlutis, 
finden mul's. Siehe die spanische ücbersetzung meiner Pllan- 



Kapitel Xy. 95 

nen sieht man, ostwärts von Havanna;, in dem sehr he- 
kanulen Landstrich der Qiiatro viilas, jene Grenze bis 
zur Fläche des Oceans herabsteigen ^ während west- 
wärts der Havanna^, am Abhang der mexicanischen Ber- 
ge;, in der Nähe von Xalapa^ auf 677 Toisen Hühe^ der 
Pflanzenwuchs noch dorniafsen üppig istj dafs das Ge- 
treide keine Aehren bildet, hi den ersten Zeiten der 
Besitznahme des Landes wurden die europäischen Ce- 
realicn mit Erfolg in mehreren Gegenden angebaut, von 
denen man heut/.utage glaubt, sie seyen zu warm oder 
zu feucht für diesen Zweig der Landwirthschaft. Die 
eben erst nach America verpflanzten Spanier waren der 
Maisnahrung nicht gewöhnt, imd den europäischen An- 
gewöhnungen noch allzusehr zugethan ; man berech- 
nete nicht, ob der Ertrag des Getreides dem des Kaffees 
oder der Baumwolle nachstehe, man versuchte allerley 
Gesämej man befragte die. INatur mit kühnerem Sinn, 
weil man weniger von falschen Meinungen befangen 
war. Die Provinz Carthagena, durch welche sich die 
Bei'gketten von Maria und Guamocö hinziehen, lieferte 
■ Getreideernten bis in's sechszehnte Jahrhundert ^■■^. \n 

der Provinz Caracas i-t dieser Anbau in dem Ber«-- 

c 

gelände von 1 ocu} o, Quibor und Barquesimeto, wel- 
ches die Küstenkette iv.'iX der Sierra nevada von Me- 
rida verbindet, von gar langer Zeit her üblich. Er 
hat sich darin sehr glucklicli erhalten, und die Uiu- 
gegend der Stadt Tocuyo allein nur führt jährlich nahe 
an 8000 Centner vortrefl'liches Mehl aus. Obgleich 
indefs die Provinz Caracas, in ihrem weiten Ujnfange^ 



zen-Geographie, in dem Seminario de N. Granada^ Tom. II, 
p. 187. 

*) T>jn Ignazio de Pomho, Informe del Real Consulado dt 
Cartagcna de Lidius , 1810, p. 75. 



96 Buch K 

mehrere der Entwicklung der europäischen Kornfrächte 
sehr günstige Gegenden darLirtt't^ so glaube ich doch 
nicht, dal's dieser Zweig der Landwirthschalt daselbst 
iiherhaupt je sehr wichtig werden könne. Die müdesten 
TJiäler sind aihuschnjalj es sind keine achten Plaleau'-\j 
und ihre iniltlere liriiühung über die Meerestläche ist 
zu unbclrächtUch , als dafs die Einvv ohner nicht vor- 
th.ilhafter finden sollten, vielmehr Kaifcepfianzungen 
anzulegen, ali Getreide zu ]iau;n. Gegenwärtig wird 
das Mehl, dessen Caracas bedarf, entweder aus Spanien 
oder aus den vereinten Staaten eingeführt. Wenn einst 
dem Gewerbüeifs und der öffentlichen Huhe günstigere 
politische Verhältnisse werden eingetreten seyn, und 
der y^^^^ von Santa Fe de Bogota nach dem Stapelplatz 
des Pachaquiaro gehahnt ist, so werden die Einwohner 
von Venezuela alsdann ihren jNIehlhedarf aus i\eu-Gra- 
nada auf dem Mio iMeta und dem Orenoko erhalten. 

Vier Meilen von San iMalheo steht das Dorf Tur- 
inero. Der Weg führt ununterbrochen durch Pflan- 
zungen von Zuckerrohr, Indigo, Baumwolle und Kaffee. 
Die in der Anlage der Dörler vorhandene Regelmäfsig- 
keit erinnert daran, dals sie alle den Mönchen und den 
Missionen ihren Ursprung verdanl-.en. Die Strafsen lau- 
fen der Schnur nach parallel mit einander, und kreuzen 
sich rechtwinklicht 5 auf dem in der Mitte befindlichen, 
ein Viereck bildenden grofsen Platz steht die Kirche. 
Diejenige von Turmero ist ein kostbares, abor n)it ar- 
chltectonischen Zierathen überladenes Gebäude. Seit 
die Missionare den Pfarrern Platz machten, haben f^icli 
diii Vv^ohnungen der weifsen Einwohner mit denen der 
Indianer vernsisciit. Die letzteren verschwinden nach 
und nach als ahsonderliciicr Stamm, das will sagen, sie 
werden in der Oesaintnlüber.ncht der Bevölkerung durch 
die Metis und die Zambos repräsenlirt, deren Anzahl 

sich 



Kapitel Xf^. t)7 

sicli in sletem Wachsllium befindt^t. Inzwischen haLe 
ich doch noch 4000 zinspflichtige Indianer in den Thä- 
lern von Arai^ua angetiofl'en. Die von Turmero und 
Guacara sind die zahh'eichsten. Sie sind JJein^ aber 
wcnig^er untersetzt als die Chaymasj ihr Blick verräth 
mehr Lebhaftigkeit und Verstand, was vielleicht we- 
niger von einer verschiedenen Abstammung als von 
dem höheren Grad der Sitligung herrührt. Sie arbei- 
ten , gleich den Freyon, im Taglohn: während der 
kurzen Zeil, die sie der Arbeit widmen , sind sie thätig 
und fleifsigj aber was sie in zwey Monaten gewinnen, 
verwenden sie in einer W oche auf den Ankauf starker 
Getränke in den kleinen Wirthschafteu;, deren Zahl be- 
dauerlicher Weise von Tag zu Tag gröfser wii'd. 

In Turmero sahen wir die letzte Abtheilung einer 
Versanunlung der Landmiliz, der man es alsbald ansah, 
dafs diese Thäler seit Jahrhunderten in ununterbroche- 
nem Frieden gelebt haben. Der General- Capitain, in 
der Absicht, dem Kriegsdienst neuen Antrieb zu geben, 
hatte grofse Musterungs-Uebungen angeordnet j in ei- 
nem Scheingefecht hatte das Bataillon von Turmero auf 
da>jenige von Vittoria gefeuert. Unser Wirth , ein 
Lieutenant in der Miliz, unterhielt uns mit einer lan- 
gen Schilderung dieser gefahrvollen Manövers. ;;Er 
halte sich mitten unter Flinten befunden, die jeden Au- 
genblick zerspringen konnten; er n)ufste vier stünden 
lang an der bonne stehen, und seine Sclaven durften 
niciit einmal einen Sonnenschirm über ihn ausbreiten!" 
A"\ ie schnell gewöhnen sich die, dem Anschein nach,^ 
friedfertigsten Völker an's Kriegerleben ! Damals lä- 
chelte ich über eine, n:»it so naiver Offenheit sich aus- 
sprechende Furchtsamkeit, und zwölf Jahre später sind 
eben diese Thäler von Aragua, die slillan Ebenen von 
Vittoria und Turmero, der Engpafs der Cabrera und 

Alex. V Humboldts Auf. Reisen. III. "7 



9$ Buch F. 

die fruclitbaren Gestade des Valencia -Sees der Schau- 
platz der blutigsten und erbittertrsten Gefechte zwischen 
den liingeborneu und den Soldaten des Mutterlandes ge- 
worden. 

Südwärts von Turmero steht eine Masse von Kalk- 
gebirgen in die Ebene hervor, und trennt zwey schöne 
Zuckerpflanzungen ^ die von Giiayavita und diejenige 
von Paja. Die letztere ist Eigenthum der Familie des 
Grafen Tovar, welcher in allen Theilen der Provinz 
Beisitzungen hat. Wabe bey Guavavita hat man braunes 
Eisenerz entdeckt. INordwärts von Turmero, in der 
Küsten- Cordillere, erhebt sich ein Granilgipfel, der 
Chnao , von dessen Höhe herab man zugleich das MeeV 
lind den See von Valencia erblickt. Wenn man diese 
Felsengräte übersteigt, die sich, so weit das Auge reicht, 
nach Westen ausdehnt, so gelangt man auf ziemlich 
schlimmen Fufspfaden nach den reichen Cacao- Pflan- 
zungen, welche das Küstenland in Choroni, Turiamo 
und Ocumare enthält, und die wie durch die Frucht- 
barkeit ihres Bodens, so hinwieder durch ihr ungesun- 
des Klima, bekannt sind. Turmero, Maracay, Cura, 
Guacara, jeder Punct des Thals von Aragua, hat seinen 
Bergpidd, der nach einem der kleinen Küsten-Hafen hin- 
führt. 

Beym Austritt vom Dorfe Tormero entdeckt man, 
in der Entfernung einer Meile, einen Gegenstand, der 
sich am Horizont wie ein abgerundeter Hügel, wie ein 
nüt Vegetation bedeckter tuiniilus darstellt. Es ist aber 
kein Hügel und keine Gruppe nahe beysammenstehen- 
der Bäume, sondern ein einziger Baum, der berühmte 
'Lamang del Giiay-re ^ welcher in der ganzen Provin» 
durch die ungeheure Ausdehnung seiner Zweige, die 
einen halbkugelförmigen Gipfel von 676 Fufs Umfang 
bilden, bekannt ist. Der Zamang i;<t eine schöne Mir 



Kapitel Xr. 



99 



mosen-Art, deren g-ewuiidL'ne Zweite sich galiclförml'^ 
tlifilt-n. Sein zartes und dünnes Blätlerwerl'. stellt sich 
auf dem Azur des Himmels angenehm dar. Wir ver- 
teilten lange unter diesem PHanzen - Gewölbe. Der 
Stamm des ZäCimang del Giiciyre *), welcher eigentlich 
auf der Stiafse von '1 urmero nach Maracay steht, hat 
mehr nicht als 6o Fufs Hühe und 9 Fuls Durchmesser, 
seine eigi-ntliche >clit)nheit aher hesteht in der Gesammt- 
form seines Gipfels. Die Aeste dehnen sich wie ein wei- 
ter Sonnenschirm aus, und neigen sich überall dem 
Boden zu, von welchem sie gleichmälsig bey 12 bis 
l5 Fufs entfernt bleiben. Der Umkreis der Zerästlung 
oder des Gipfels ist so regelmafsig, dafs ich bey Auf- 
nahme mehrerer Durchmesser , dieselben zu 192 und 
186 F"xifs gefunden habe. Die eine Seite des Baums 
war völlig entblättert, in Folge der Trockenheit j auf 
einer andern Seite stunden gleichzeitig Blntter und Blu- 
men 5 Tillandsien, Lorantlieen, die Pilabaya - Rakette 

und andere Schmarotzer- Pflanzen bedecken die Zweio^e 

o 

und zersj)alten die hinde. Die Bewohner dieser Thäler, 
vorzüglich die Indianer, tragen eine grofse Verehruno- 
für den Zamang del Giiayre y welchen die ersten Er- 
oberer ungefähr schon in eben dem Zustand, worin er 
sich gegenwärtig befindet, angetroffen zu haben schei- 
nen. Seit er genauer beobachtet wird, hat sich weder 
Gröfse noch Gestaltung des Baumes verändert. Der 
Zamang mufs wenigstens das Alter vom Drachenbaum 



*) Die Mimosa du Guayre ; denn 'Äamniig ist der indianische 
INaine, welcher die GaUungen Mimosa, Desmanllius und 
Acacia bezeiclinet. Die Gegend, wo der IJaun» waclist, 
heilst El Guayre. Die Mimosa (ln^^^) Saman von Jac(iuin 
Fragm. bot. p. 5. Tab. IX , die in den schönen Treihliau- 
scrn von Schönbrunn gezogen wird, ist eine andere Art, 
als die de? Uicsenbaums von Turmero. 



100 ß II c h F. 

des Orotava haben. Es lieo^t etwas Imponirendes und 
Majestätisches in dem Anblick hoclibelagter Bäume 5 
auch wird die Beschädigung dieser Denkmäler der Wa- 
tur in Ländern^ die keine Denkmäler der Kunst haben, 
strenge besti'aft. Wir hurten mit V^ergnügen, es habe 
der gegenwärtige Eigenthümer des Zamang einen Päch- 
ter^ welcher sich angemafst halte, einen Ast von dem 
Baum abzuschneiden, vor Gericlit gezogen, das nach 
angehörter Klage und Vertheidigung den Thäter zur 
Strafe verurtheilte. Es stehen in der j>iähe von Tur- 
mero und der Hacienda de Cura andere Zamangs, deren 
Stamm dicker ist als derjenige des Guayre, während ihr 
halbkugelfürmiger Gipfel so breit und ausgedehnt nicht 
ist wie jener. 

Die Landschaft erscheint angebauter und bevölker- 
ter, nach Mafsgabe wie man Cura und Guacara am 
nördlichen Seeufer näher kommt. Im Thale von Ara- 
gua zählt man über 52,ooo Einwohner auf einem Lan- 
desgebiet, das i3 Meilen lang und 2 Meilen breit ist. 
Es giebt dies eine relative Bevölkerung von 2000 Seelen 
aul die Geviertmeile, was ungefähr mit den bestbevöl- 
kerten Gegenden Frankreichs zusammentriilt. Das Dorf 
oder vielmehr der Flecken Maracay war vormals der 
Mlttelpunct der Jndigopflanzungen, zur Zeit, wo dieser 
Zweig des Colonial-Ge\verbHeifses sich im höchsten Flor 
befand. Im Jahr i^qö zählte mau daselbst, auf eine 
Bevölkerung" von 6000 Einwoiinern, 70 Kaufhule, die 
Kramljuden hielten. Die Häuser sind alle in Mauer- 
werk aufgeführt 5 in jedem Hofraum stehen Cocusbäu- 
me , deren Gipfel über die Dächer emporragt. Die 
Ansicht des allgemeinen Wohlstandes ist noch auffal- 
lender in Maracay als in Turmero. Der Anil oder In- 
digo dieser Gegenden ward jederzeit im Handel dem 
von Guatimala gleichkommend, oder noch vorzüglicher 



Kapitel Xf^. 101 

geaclitel. Seit 1772 ist dieser Anbau dem des Cacao ge- 
folgt^ er war Vorläufer des liauinwoll- und Kaffee- 
Anbaus. Die Vorliebe der Colonisten wandte sich der 
Reihe nach jedem dieser vier Erzeugnisse zu 5 aber der 
Cacao und dor Kaffee sind allein nur wichtige Vorwürfe 
des Handelsverkehrs niitüuiopa ge])liel)cn. Zur gün- 
stigsten Zeit glich die Indigolabrication beynahe der- 
jenigen von Mexico '0 5 in Venezuela stieg sie auf 
40,000 Arrobas oder eine Million Pfunde an , deren 
^^ erth über 1,260,000 Piaster betrug ^•••'). Ich will hier, 
nach amtlichen, bisher nie bekannt gemachten , Anga- 
ben "•-•■•') den ^zunehmenden Wachsthum dieses Zweiges 
der Landwirthschaft von Aragua mittheilen. 

Indigo -ausfuhr durch La Giiayra. 

Durchschnitt-Ertrag d. Jahre 1774 bis 1778. 20,3ooPfd. 

1784 126,233 — 

J780 213,172 — 

1786. 271,005 — 

1787 432,570 — 

1788 5o5,956 — 

«789 718,393 — 

»792 660,229 — 

1794 898,353 — 

»796- ♦ • . • . 737,966 — 



*) Guatfmala liefert dem Handel 1,200,000 bis i,5oo,ooo Pfund 
Indigo. 

*•) Das Pfund Indigo zu 10 Realen de plata. 

***) Expediente relativo ul comercio y crecldo contrabando 
de la Provincia de Caracas ^ dirigido al Exe. Seiinor 
Don Pedro Varela , por el Conde de Casa Valencia, 
i5 junio 1797. — In/ormes de Dun Esteban Fernandez 
de Leon, Intendente de Caracas, del j6 Sept. 1795. 
CHandschriftenO 



102 B V c h l\ 

In di Sfti' Uebersicht ist der Scliloichliandel in koi- 
nen Anschlag gelirachlj welcher, für den Indigo wenig- 
stens, auf ein V ier- oder Fünftlieil der jilluliciien Aus- 
fuhr berechnet werden niufs. Um sich von dem äufserst 
reiclien Ertrag der Landuirthschaft der ?pani>chen Co- 
lonien einen Begrift' /u machen, mufs man daran den- 
ken, dafs d^>r Indigo von Caracas, dessen W erth im 
Jahr 1794 auf mehr denn 6 Millionen Franken anstieg, 
das Krzeuguifs von 4 oder 5 Gevicrtmeil. n ist. In den 
Jahren 1789 bis 1796 begaben sich jähilich vier- bis 
fürftausend freve Menschen in die Thäler von Aragua, 
um bey der (Kultur und Fabrication des hidigo Hülfe 
zu leisten. »8ie arbeiteten zwey Monate lang im Tag- 
lohn. 

Der Indigo erschöpft mehr als keine andere Pflanze 
das Land, auf dem er mehrere Jahre nach einander an- 
gebaut uird. Man sieht den Boden von Maracay, von 
Tapatapa und von Tumiero als erschöpft an, und der 
Ertrag der Pflanze hat sieb auch stets verringert. Die 
Seel'.riege fülirten eine Stockung des Handels herbey, 
und die beträchtliche Indigo- Einfuhr aus Asien verrin- 
gerte die Preise. Die oslindi<che Gesellschaft verkauft 
gegenwärtig in London '■■') über 5,5oo,ooo Pfunde In- 
digo, während sie im Jahr 1786 aus ihren weitläuftigen 
Besitzungen mehr niclit als 25o,otiO Pfund bezog. Ver- 
hältnifmäfsig mit der Abnahme der Indigo Pflanzungen 
in den Thälern von Aragua haben diejenigen in der 
Provinz Varinas und in den heifsen Ebenen von Cucuta 
sich vermehrt, wo, an den Gestaden des Hio Tachira, 
das neuaufgebrochene Land einen reichhaltigen Ertrag 
der schönsten F'ärbung liefert. 



*) Zum Bevspiel, im Jahr 18 jo. Siehe Colquhoujij App. 

p. 25. 



Kapitel XV. 103 

Wir trafen selir spät in Maracay ein. Die Per- 
sonen, denen wir empfohlen waren ^ befanden sich ab- 
wesend; kaiun hatten die Einwohner unseie Verlegen- 
heit wahrgenommen, als sie uns wetteifernd ihre Woh- 
nungen, die zur Aufstellung unsrer Werkzeug^e erfor- 
derlichen Oertlichkeiten und die üntorhringuitg' un rer 
Alaulthiere anboten. Es ist tausendmal gesagt worden, 
aber der Heisende fühlt sich stets neu bewegt es zu wie- 
derholen: die spanischen Colonien sind das Land der 
Gastfreundschaft ; sie sind es selbst da noch, wo Ge- 
werbfleifs und Handel unter den Colonisten VYohlstand 
und einige Cultur verbreitet haben. Eine Ganarias- 
Familie nahm uns mit der liebenswürdigsten Herzlich- 
keit auf: man rüstete uns eine treffliclie Mahlzeit, und 
vermied sorgfältig alles, was unsere Freyheil stören 
konnte. Der Hausherr *) war auf einer Handelsreise 
a])wesend ; sein junges Weib genofs seit Kurzem der 
Mutterfreuden. Sie drückte das lebhafteste Vergnügen 
aus, als sie vernahm, dafs wir auf der Rückkehr vom 
Kio INegro, an den Ufern des Orenoko, durch An- 
goslura kommen würden, wo sich ihr Mann aufhielt. 
Durch uns sollte er die Kunde von der Geburt seines 
ersten Kindes erhalten. Wie im Altorthum, werden in 
diesen Ländern reisende Gäste als die sichersten Mit- 
tlieilungswege angesehen. Es giebt zwar Eilboten, a!er 
diese Eilboten machen so weite Umwege, dafs Privaten 
ihnen nur selten Briefe für die Litanos oder Savanen des 
inneren Landes anvertrauen. Im Augenblick der Abreiße 
ward uns das Kind gebracht. Wir hatten es am Abend 
schlafend gesehen, und sollten es nun des Morgens auch 
wachend sehen. Wir verhiefsen seine Gesichtszüge alle 
treulich dem Vater zu überbringen j allein der Anblick 



') Don Alexandro Gonzales. 



104 Buch V. 

unsrer Büclier und Instrumente erregte bey der jungen 
Ffqu Besorgnisse. Sie meinte^ ;, auf einer langen Heise 
und unter so viel anderweitigen Gesciiäften könnten wir 
gar leicht die Farbe der Augen ihres Fiindes vergessen/^ 
Uns erfreute die milde Sitte gastfreundlicher Gewöh- 
nungen ;, und der unbefangene Ausdruck eines dem 
ersten Zeitalter der Siltigung eigenthünilichen Ver- 
trauens ! 

Auf dem Wege von Maracay nach der Hacienda de 
Cura ölihet sich von Zeit zu Zeit die Aussicht auf den 
See von Valencia. Die Granitkette des Hüstenlaiides 
sendet südwärts einen Arm in das flache Land: er bildet 
das V orgebirg von Portachuelo, wodurch das Thal bey- 
Tiahe ge chlossen würde, insofern nicht ein schmaler 
Engpafs das Vorgebirg vom Felsen der Cabrera trennte. 
Es hat dieser Ort in den letzten Hevolutionskriegen von 
Caracas eine traurige Berühmtheit erhalten : alle Par- 
theyen haben sich um den Pafs, der den Weg nach Va- 
lencia und nach den Llanos ülfnet, lebhaft gestritten. 
Cahrera bildet gegenwärtig eine Halbinsel ; noch sind 
I^eine sechszig Jahre verflossen, da es ein Felsen-Eiland 
im See war, dessen Wasser zusehends abnimmt. \\ ir 
verweilten sieben Tage lang sehr angenehm in der Ha- 
cienda de Cura in einem kleinen, von Lustgebüschen 
umgebenen Gartenhaus, indem das Wohnhaus der schö- 
nen Zuckerpflanzung von den hubas , einer unter den 
Sclaven dieser Thäler sehr häufig vorkommenden Haut- 
krankheit, angesteckt war. 

Wir führten die Lebensweise der wohlhabenden 
Landeseinwohner , indem wir innerhalb 24 Stunden 
zwey Bäder nahmen, dreymal uns zur Ruhe legten, 
und drey Malilzeiten geno-sen. Die Temperatur des 
Seewassers ist ziemlich lioch und steigt auf 24 bis 25 
Grade an 5 hingegen giebt es ein anderes, sehr kühles 



h a p i f e l XV. lo5 

xxnA erquickendes Bad^ im Schatten der Coilia's und 
grofser ZädmaugSy bev Toma in einem aus den Granit- 
Lerg^en des Kincon del DiaMo herkommenden Sliom- 
hetl. ileym Einsteigen in dieses Bad hat man keine 
Insectenstiche, wohl aber die kleinen röthllchen Haare 
zu fürchten, womit die Schotten vom Dolichos prtiriens 
besetzt sind, und die, in derLuit zerstreut, durch Winde 
herbevgeführt werden. Wenn diese Haare, denen man 
sehr passend den Namen Picnpica gegeben hat, sich 
auf der Haut festsetzen, so erregen sie ein äufserst bren- 
nendes Jucken. Man fühlt sich gestochen, ohne zu 
wissen wolier. 

In der Nähe von Cuba fanden wir die Einwohner 
alle mit UrJ)armachung des Bodens beschäftigt, welcher 
mit Mimosen, Sterculien, und der Coccoloba excoriata 
bewachsen war, um den Baumwollpflanzungen mehr 
Ausdehnung zu geben. Dieser Cullurzweig, welcher 
zum Theil den des Indigo ersetzt, hat seit einigen Jah- 
ren ein so fröhliches Gedeihen, daf« die Baumwollstaude 
an den Ufern des Valencia-Sees wild wächst. Wir fan- 
den acht bis zehn Fufs hohe, mit Bignonien und andern 
holzigen Rankengewächsen durchschlungene Sträucher. 
Noch ist indefs die Ausfuhr der Caracas-Baumwolle un- 
bedeutend 5 sie betrug in la Guayra im Durchschnitt 
kaum drey- oder viermal hundert Tausend Pfunde auf's 
Jahr 5 in den Gesammt Hafen der Capitania general hin- 
gegen stieg sie, um der schönen Pflan/.ungen von Ca- 
riaco, Nueva Barcelona und Maracaybo willen, über 
22,000 Centner an *). Es ist dies beynahe der halbe 



*;) Im Jahr 1794 betrug die Ausfuhr sämmtlicher Seehafen 
der Capitania general, nach Spanien, ^04,075 Pfunde Baum- 
wolle: nach andern spanischen Colonien in America, vor- 
züglich nach der gewerhfleii'sigcn Provinz, von Campcche, 



io6 B u c h F. 

Ertrag der ganzen Inselgruppe der Antillen ''"■). Die 
BauuiwuUe der 'l'häier von Aragua ist von sehr schöner 
Art 5 nur die brasilianische tteht über ihr, und man 
zieht sie derjenigen von Carthagena, von der Insel St. 
Domingue und von den kleinen Antillen vor. Die 
Baumvvollpflanzungen dehnen sich einerseits vom See 
IVIaracay nach Valencia, und ajiderseits von Gua>ca 
nach Guigue aus. Die grofsen Pflanzungen ertragen 
60,000 bis 70,000 Pfund jährlich. Wenn man sich er- 



wo %-iele Baumwollzeuge verfertigt werden, 9o,.',8j; nach 
den fremden Colonien, 117,281: insgesanimt i,uii,8Jfi Plun- 
de. i^lnjorme delSr. Conde de Casa Valencia^ Handschrift.) 
Im nämlichen Jahr wurden aus la Guavra allein nicht mehr 
als 43i,658 Pfunde ausgeführt, wovon i26,^,>6 Pfunde der 
Provinz Maraca^bo angehörten. Die Ausfuhr el>en dieses 
Hafens Cden verbotenen Handel allezeit ungerechnetj betrug: 

im Jahr 1789 170,427 Pfunde. 

1792 . . , . 253,5o2 — 

1796 ..... 557,178 — 
1T97 .... 107,996 — 

Für die sechs ersten Monate von 1809 sehe man das Sg' 
minario de Santa- fe ^ Tom. 11, p. 324. Die Preise be- 
trugen, im J. 1794, von 54 bis 56 Piaster der Centner. 
*) Hr. Medford berechnet in seinen Untersuchungen der eng- 
lischen Manufacturcn, dals von den 61, 38o,ooo Pfunden Baum- 
wolle , welche diese Manufacturcn im Jahr i8o5 brauchten, 
5i iMillionen den Vereinten Staaten, 10 Millionen Brasilien 
und 10 Millionen den Antillen angehörten. Dies letztere 
Quantum war nicht der Ertrag eines einzigen Jahrs oder 
des Bodens der Inseln. Die grofsen und kleinen Antillen 
ertrugen im J. 1812 noch mehr nicht als 5,2oo,ooo Pfunde 
Baumwolle, wovon der grölsere Thell der Insel Barbados, 
den Bahamas-Eilanden, Dominique und Granada angehörte. 
Man darf das Erzcugnifs des Bodens der Antillen nicht mit 
ihrer Ausfuhr, die durch den Zwischenhandel vermehrt wird, 
verwechsejn. iCo/<fuhoun, p. 578. i'ag^ •> Tom. I, p. 5.) 



Kap i t e l XK 107 

innerlj dafs in den Vereinten Staaten , also aiifserhalb 
der Tropenländer, in einem mancherley Wechsel un- 
terworffncn, und darum öfters der (>ultur unjiünstig<;a 
lilima die Ausfuhr der einlieimi^clien Baumwolle inner- 
halb 18 Jahren C^on 1797 bis 181 5) von 1,200,000 auf 
83 iMillionen Pfund angestiegen ist, so mag man sich 
in der That nicht leicht einen Begrift' von der gewal- 
tigen Ausdehnung machen, die dieser Handelszweig ''-'^ 
erl)alten wird, wenn einst dem Gewerbfleifs der Nation 
in den vereinten Provinzen von Venezuela, in INeu- 
Granada, in iMexico und an den Ufern des la Plata die 
Fesseln abgenommen seyn werden. Im gegenwärtigen 
Zustajid der Dinge sind es, nach Brasilien, die Kihten 
der holländischen Guyana, der Golf von Cariaco, die 
Thäler von Aragua und die Provinzen von Maracaybo 
und (^arthagena, welche im südlichen America die meiste 
Baumwolle erzeugen. ' 

Während unsers Aufenthalts in Cura machten wir 
zahlreiche Ausflüge nach den in der Mitte des Sees von 
Valencia sich erhebenden Eilanden, nach den warmen 
Quellen von Mariara, und auf den hohen Granitj^erg, 
welcher El Cucurucho de Coco heifst. Ein schmaler 
und gefährlicher Fulspfad führt zum Hafen von Tu- 
riamo und zu den bi rühmten Cacaopflanzungen der 
Küste. Auf allen diesen Ausflügen sahen wir uns an- 
genehm überrascht, nicht durch die Fortschritte der 
Landescultur allein nur, sondern durch den Wachs- 
thum einer freyen, thätigen, an Arbeit gewöhnten Be- 



*) Die Baum\ToIlen-Manufacturen von Grofshritannien für sich 
allein nur liefern an aller Arl Baumwollgewebe ( farbige 
Zeuge, Strümpfe u. s. w. ) für den Werlh von sg Millio 
nen Pfund Sterling, deren Urstoff auf 6 ^Tillioncn Werth 
ansteigt. 



ioS Buch y, 

Vülkerung, die nicht reich genug ist; um auf Scla- 
venhülfe zu rechnen. U eberall hatten l<leine Pächter, 
TVeifse und Mulatten, vereinzelte Ansiedlungen gebil- 
det. Unser Uirth, dessen Vater 40^000 Piaster Ein- 
kommen hat, besafs mehr Land, als er anbauen konnte j 
er vertheilte dasselbe in den Thälern von Aragua, an 
arme Haushaltungen , welche Ba\imwolle zu pflanzen 
wünschten. Er suchte in der Nachbarschaft dieser 
grofsen Pflanzungen die Ansiedlung freyer Menschen 
zu befördern, welche frey willig, und abwechselnd auf, 
eignem Land oder auf dem der benachbarten Pflanzer, 
ihm in der Erntezeit Taglöhner sicherten. In grofs- 
jfnüthiger Beschäftigung mit den Mafsnahmen zu all- 
mähliger Austilgung der Sclaverey der Neger in diesen 
Gegenden, überiiefs sich der Graf Tovar der doppelten 
Hoflfnung, die Sclaven den Landeigenthümern minder 
nothwendig zu machen, und die Freygelassenen in den 
Stand zu setzen, Pächter zu werden. Bey seiner Ab- 
reise nach Europa hatte er einen Theil seiner Grund- 
slücke in Cura, die westlich am Fufs des Felsens von 
Ijcis firiielas gelegen sind, vertheilt und verpaclitet. 
Vier Jahre später, bey seiner Rückkunft nach America, 
traf er an*eben dieser btelle schöne Bauinvvollpflanzun- 
gen, und einen kleinen VA eiler von 3o bis 40 Häusern, 
der Pnnta Zamiiro heifst, und den wir öfters mit ihm 
besucht haben. Die Bewohner dieses Weilers sind fast 
alle Mulatten, Zambos und freye Neger. Es ist dies 
Beyspiel der Verpachtungen glücklicherweise von meh- 
reren andern grofsen Eigenthümern nachgeahmt vvor-r 
den. Der Pachtzins beträgt lo Piaster auf die Vanega 
Landes. Er wird in Baarschaft oder in Baumwolle be- 
fahlt. Weil die kleinen Päciitcr öfters in Verlegenheit 
gerathen, so überlassen sie ihre Baumwolle in sehr mas- 
sigen Preisen. Sie verkaufen solche auch wohl vor der 

I 



Kapitel XK 109 

Ernte, und diese von reichen Naclüjarn gemacliten Vor- 
schüsse bringen den üläuhi^er in eine Abhängigkeit, 
die ihn zwingt^ seine Dienste als Taglüliner öfterer an- 
zubieten. Der Taglühncr erhält hier geringeren Lohn 
als in Frankreich. Ein Freyer, der im Taglohn (als 
peoiO ai'beitet, erhält in den Tliälern von Aragua und 
in den Llanos vier bis iünf Piaster monatlich, die Wah- 
rung ungerechnet, welche, beym Uebcrfluls^ von Fleisch 
und Gemüsen, überaus wohlfeil ist. Ich mag gern bny 
diesen einzelnen Angaben über die Landwirlhscliaft der 
Colonien verweilen , weil die Einwohner von Europa 
den Beweis darin finden können , dals , worüber bey 
den aufgeklärten Bewohnern der Coloniea längst kein 
Zvveifel mehr waltet, das Festland des spanisclien Ame- 
rica, mittelst freyer Arbeiter, Zucker, Baumwolle und 
Indigo erzeugen kann, und dafs hinwieder die unglück- 
lichen Sclaven gar wohl Bauern, Päohter und Eigen)» 
thümer werden können. 



Sechszehntes Kapitel. 



See von Tacarigua. — Wanne Quellen von Maricua. — Die Stadt 
Niteva Valencia de el Rey. — Herabsteigen an die Küsten von 
Porto- Cabello. 



Die Thäler von Aragua , deren reichen Anbau 
und bewundernswerthe Fruchtbarkeit wir eben jetzt ge- 
schildert haben, bilden ein sclunales Bicken zwischen 
Granit- und Kalk-Bergen von ungleicher Höhe. INord- 
wärts sondjert sie die Sierra Mariara von den Küsten des 
Oceansj südwärts schützt die Kette des Guacimo und 
Yusma sie gegen die brennende Luft der öteppen. Hü- 



110 



Buch F. 



gelgruppen, welche hoch genug- sind, um den Lauf 
der Ge\vä?ser zu hestimmen , schliefsen das Becken öst- 
lich lind westlich gleich Querdänimen. Diei^e Hügel 
finden sich z\Aischen dem Tuy und Vittoria '••\), wie 
auf dem Weg von Valencia nach INirgua und nach den 
Bergen des Torilo. Vermöge dieser aufserordentlichen 
Gestaltung des Bodens liilden die kleinen Müsse der 
Thäler von Aragua ein abgesondertes System, und neh- 
men ihre hichtung gegen ein überall geschlossenes Be- 
cken hin; sie führen ihre Gewässer nicht dem Ocean 
zu , sondern es versammeln sich dieselben in einem 
Landsee, Vfo sie, dem mächtigen Einflufs der Ausdün- 
stung preisgegeben, sich, so zu sagen, in der j-\tmo- 
Sphäre verlieren. Auf dem Daseyn dieser Flüsse und 
Seen beruht die Fruchtbarkeit des Bodens und der Er- 
trag des Anbaus dieser Thäler. Die Ansicht der Gegend 
und die Erfahrung eines halben Jahrhunderts haben be- 
wiesen, dafs die Höhe dieser Gewässer wechselnd, und 
das Gleichgewicht zwischen dt m Ertrag der Ausdün- 
stungen und der Zuflüsse zerstört ist. V^ eil der See 
looo Fufs über den bteppen in der INähe von Calabozo, 



*) Man könnte die hohen Rerge der Los Tequos, aus denen 
der Tuy entspringt, für den ösl'ichen Rand der Tlirler von 
Aragua ansehen. Die Fläche des Bodens nimmt wirklich 
fortgehend an Höhe zu, von Viüoria (269 Toisen) i)is zur 
Hacienda de Tuy CagST.); allein der Fmls des Tuy, indem 
er sich südwärts gegen die Sierras de Guairaima und de 
"Tiara wendet, hat auf der Oslseite einen Ausweg gefunden, 
und es ist natürlicher, als Grenze des Beckens von Aragua 
eine durch die (Quellen der sich in den See von Valencia 
ergiefsenden Gewässer. Die Charten und Prolilzeichnungen, 
welche ich von dem Weg von (Caracas nach INueva Valencia 
und von Porto Cahello nach Villa de Cura nulgenommen 
hahe, thun den Zusammenhang dieser geologischen Veriiait 
nisse dar. 



n a p l t e 1 XVI. II t 

und i332 Fufs über der Meeresfläche liegt, so ward das 
Daseyn unterirdischer Verbindungen und Durchs'eihun- 
gon vermuthet. Die Erscheinung neuer Eihinde und 
der fortgehende Kücktritt der Gewässer machten glau- 
ben, der See könnte wohl gänzlich austrocknen. Ein 
Zusaininentreflfen so merkwürdiger physischer Verhält- 
nisse mufste meine Aufmerksamkeit diesen Thälern zu- 
wenden, in denen die wilden Schönheiten der INalur 
durch landwirthschaftliclien Gewerbfleifs und die Kün- 
ste einer beginnenden Civilisation erhöhet sind. 

Der See von Valencia, welchen die Indianer Ta- 
earigiia nennen*), hat einen gröfseren Umfang als der 
Neuenhurger See in der Schweiz j seii»e allgemeine Ge- 
slallung erinnert jedoch mehr an den Genfer See, des- 
sen Höhe über der Meeresfläche beynahe die gleiche ist. 
Weil in den Thälern von Aragua der Abhang des Bo- 
dens sich gegen Süden und gegen Westen senkt, so steht 
der unter Wasser gebliebene Theil des Beckens der Süd- 
kelte der Berge von Guigue, von Yusma und Guacimo, 
welche sich gegen die hohen Savanen von Ocumare hin- 
ziehen, am nächsten. Die gegen einander überstehen- 
den Ufer des Valencia- Sees stellen einen auffallenden 
CoDtrast dar; diejenigen der Südseite sind öde, nackt 
und fast unbewohnt, ein Vorhang hoher Gebirge gii-bt 
ihnen ein düsteres und einförmiges Aussehen. Das 
nördliche Gestade hingegen ist anmuthij^, ländlich, voll 
reicher Zuckerrohr-, Kaffee- und Baumwoll- l^ilanzun- 
gen. Wege, die mitCestrum, Azedar.-ics und andiin 
immerblüheiiden Sträuchern eingefafst sind, durchzie- 
hen die Ebene und verbinden die zerstreuten Pachthrfe. 
Jedes Haus ist mit ßaumgruppen umgeben. Der Ceiba 



•j Fr.-» V Pedro Simon nennt den See, veTinulJilJch aus Irrthum, 
Acarigua und Tarigua. Ntitic. hist. p. 555 und 668 



112 B II c h F. 

mit grolsen gelben Blumen (^Carnes tollendas ; Boin- 
bax kibiscijoliiis') ertheilt der Landschaft, indem seine 
Zweige von denen der purpurlarbigLn Eritliryna durcli- 
flochten werden, einen eigenthiimlichen Cliaracter. Die 
^JannigfalligUoit und der Faibeiiglanz der Pflanzenwelt 
erscheint abstechend mit der gleichförmigen Färbung 
eines wolkenlosen Himmels. In der trockenen Jahrsztil, 
wenn der erhitzte Boden von einem wallenden Dunste 
bedeckt ist, werden das Grün und die Fruchtbarkeit 
durch künstliche ^yässeruagen unterhalten. Hin und 
wieder stehen Granitfelsen aus dem angebauten Boden 
bervor. Gewaltige Steinmassen erheben sich plötzlich 
mitten im Thale. Nackt und zerspalten, nähren sie ei- 
nige Saftpflanzen, welclie künftigen Jahrhunderten Ge- 
wächserde bereiten. Nicht selten haben aul dem Gipfel 
dieser vereinzelten Hügel ein Feigenbaum oder eine Clu- 
sia mit flcisclägon Blättern sich zu ischen den Felsen ein- 
gewurzelt, und beherrschcji die Landsclialt. Ihren lod- 
ten und dürren Aesten nacK möchte man sie für Signale 
halten, die auf einer steilen Felsenküste errichtet wur- 
den. Die Gestalt der kleinen Berge verräth das Geheim- 
nifs ihrer alten Herkunft: denn, zur Zeit wo dies ganze 
Thal noch unter Wasser stund vxnd die Wellen noch ^e- 
^en den Fufs der Pics von Mariara, gegen die Teufels- 
mauer (^El Piincon del Diablo') und die Bergkette des 
Rüstenlandes anschlugen, waren diese Felsenhügel Un- 
tiefen oder kleine Eilande. 

Diese Zügü eines reichen Landschaftgemäldes, die- 
ser Abslich zwischen den beidseitigen Gestaden des Va- 
lencia-Sees, erinnerten mich oft an die Seegeslade des 
Waadllandes, ,,wo der überall bepflanzte und üherall 
fruchtbare Boden dem Land'oauer, dem Hirtea und dem 
Winzer die gt^sicherle Fruclt ihrer IMühen darreicht"'^, 
während da^ gegenüberstehende Ufer desChablais nichts 

als 



Kapitel Xn. ll3 

als ein bcrjiif^tes und halb verödetes Land ist. In jenen 
fernen Hininielsstrichen^ mitten unter den Erzeugnissen 
einer fremden Natur, maclite mir die Erinnerung der 
küstlichen Schilderungen V^crgnüi^en, zu denen der An- 
bliclv des lemanischen Sees und des Felsen von Meillerie 
eiiii'n grofsen Schriftsteller begeistert hat. Jetzt ^ da 
ich im Milti-'lpunct des civilisirten Kuropa hinwieder 
selbst die Landschaften der Neuen Welt zu schildern 
versuclie, glaube ich dem Leser die trouesten Bilder 
und die richtigsten Vorstellungen darzureichen^, wenn 
ich unsere Landschaften mit denen dor Aequinoctial- 
L'inder vorgleiche. Man kann es nicht satt?am wieder- 
liolen, div' JNatur erscheint unter j( der Zone^ in der 
AviMen oder anü;ebautcn, in der lachenden oder ma- 
jeslütischen Landschaft, n.it eigenthümlichem Charac- 
ter. Die Eindrücke, welche sie zurücklälst, sind un- 
endlich mannijcfaltii": , wifi die K.ührunoeii , welche die 
Werke des Geistes erzeugen, je nach dem Zeitalter ih- 
rer Entstehung und der Verschiedenheit der Sprachen, 
von denen sie einen Theil ihres Hoizes geborgt haben. 
Richtig niag indefs das nur verglichen weiden , was 
Grüfsen und Verhältnisse der äufseren Form betrifft 5 
es lassen sich Vergleichungen anstellen zwischen der 
hiesenkuppel des Mont-Blanc und den Himalaja -Ge- 
birgen, zwischen den Cascaden der Pyrenäen und den- 
jeniiren der Cordilleren : allein diese, in wissenschaft- 
licher Hinsicht nützliclien, vergleichenden Darstellun- 
gen mögen uns mit den characterischen Unterscheidung 
gen der iSatur der gemäfsigtcn und der heifsen Zone 
nicht bekannt machen. Am Gestade eines Sees, in einer 
ausgedehnten Waldung, am Fufs jener mit ewigem Eis 
bedeckten Berggipfel, ist es nicht die physische Gröfse 
der Gegenstände, die uns mit gelieimer Bewunderung 
erfüllt. Was unser Gemüth anspricht, und darin jene 

^iex. V. Humboldts hist. Reuen- Jll 8 



114 B u c h y. 

mannigfachen und tiefen Kührungen hervorhringl, das 
entzielit sich unsern Mafs-Formen, wie denen der Spra- 
che. Ist man von den ISaturschönheiten lebhaft ergrif- 
fen, so würde man, durch Vergleichung von Gegenden 
ungleichen Characters , seinen Genufs eu scheuchen 
fürchten. 

Es sind aber die Gestade des Valencia- Sees nicht 
durch malerische Scliönheiten allein nur im Lande selbst 
berühmt j das Becken bietet noch mehrere Erscheinun- 
gen dar, deren Erklärung für die allgemeine IVaturlehre 
und für den Wohlstand der Bewohner der Umgegend 
gleich wichtig ist. Woher rührt die Abnahme des See- 
wassers? Erfolgt diese Abnahme heutzutage schneller, 
als es vor Jahrhunderten der Fall war? Läfst sich vei'^ 
muthen , das Gleichgewicht zwischen Zuflufs und Ver- 
lust dürfte sich bald wieder herstellen, oder hat man 
ein gänzliches Verschwinden des Sees zu besorgen? 

Den astronomischen Beobachtungen zutolgf *3; die 
in Vitloria, Hacienda de Cura, Nueva Valencia und 
Guipue sind angestellt worden, beträgt die Länge dos 
Sees in seinem gegenwärtigen Zustand, von Cagua bis 
Guayros, zehn Meifen oder 28,800 Toisen. Seine Breite 
ist sehr ungleich. Den Breitegraden der Ausmündung 
des Rio Cura und des Dorfes Guigue nach zu urlheilen, 
reicht sie nii'gends über 2, 3 Meilen oder 65oo Toisehj 
meistens beträgt sie nur 4 bis ö Meilen. Die aus den von 
mir angestellten Beobachtungen herfliefsenden Ani^aben 
sind belräclitlich geringei-, als die bis dahin von denLan- 



*) Man hat auf die Reiseentfernungen von Vittoria nach Ca- 
gua , so wie auf diejenigen von Guacara nacli JMocundo 
und I,os Guayos, RücksicIU genommen. Winkelmessungen 
wurden auf der Insel Cura, auf Cab©-iJlanco und zu Mo- 
cundo angestellt. 



Kapitel Xn. Ii5 

desciiigebornen angenommen wurden *). Man könnte 
glauben, um sich einen ricliligen Begriff von der fort- 
schreitenden Abnahme der Gewässer zu machen, wäre 
es hinreichend, die gegenwärtige Ausdehnung des Sees 
mit derjenigen zu vergleichen, welche die alten Chro- 
nikschreiber ihm geben, zum ßeyspiel Uviedo, in sei- 
ner um das Jahr 1723 bekannt gemachten Geschichte 
der Provinz f enezuela. Dieser Schriftsteller ertlieilt 
in teiner aufgeblasenen Schreibart „diesem Landsee, die- 
sem monstruoso €iierpo de la laguna de Valencia''^ 
vierzehn iVI eilen Länge, auf sechs Meilen Breite ; er 
meldet, dafs in kleiner Entfernung vom Lfer das Senk- 
blei keinen Grund melir finde, und dafs grofse schwim- 
mende Inseln die bestandig durch Winde bewerte Was- 
serfläche decken **). Ks ist unmüglich, auf Angaben 
Rücksicht zu nehmen, die auf keinerley i\i essungen be- 
ruhen, und in Meilen, Leguus, ausgedrückt sind, wel- 
che in den Colonien zu 3000, zu 5ooü und zu 6656 Va- 
ras berechnet werden ***^. Was hingegen unsere Auf- 



*3 Depons , Voyage ä la Terre-Ferme. ., p. i38. 

**) Oi>iedo j p. 125. 

***) Weil die Seefalirer zuerst und lange Zeit' allein in den 
spanischen Colonien einige richtige Begrifle über die astro- 
nomische Lage und die Distanzen der Orle verbreitet haben, 
so ward die legua nautica von 665o varas^ oder 2854Toiscn 
Cden Grad zu 20 Meilen) ursprünglich in Mexico und im 
südlichen America eingefülirt ; allein diese Itgua nautica 
ward nach und nach um die Hälfte oder zwoy Drilthcile 
verkürzt, um der Langsamkeit des l.eisens willen, über die 
steilen Berge sowohl als durch die beil'sen und dürren Ebe- 
nen. Das Volk berechnet unmittelbar nur die Zeit, und 
leitet daraus, nach willkürlichen Voraussetzungen, die Länge 
des durchwanderten Baumes ab. Ich hatte bey meinen geo- 
grapliiscben Forschungen öfteren Anlals, den wahren Betrag 
tierMeiyn zu prül'en, durch Vergleichung der Reiscdistanzen 



ii6 ß « c h V. 

merksanjkeit in dem Werke eines Mannes verdient, wel- 
cher die Thäler von Aragua viellaltig durchwandert ha- 
ben inulsj ist die Behauptung, es sey die Stadt ISneva 
yaleuciu de el Rey y im Jahr i 555, in der Entfernung 
einer halbe)i Meile vom See erbaut worden '•'), und da« 
Vei'hältnii's der Länge dieses Sees zu seiner Breite ver- 
halte sich wie 7 zu 3. Heutzutage ist die Stadt Valencia 
vom Gestade durch ein flaches Land getrennt, das über 
2700 Toisen beträgt, welches Oviedo ohne Zweifel für 
eine Knlfcrnung von anderthalb Meilen gewerthet hätte, 
und die Länge des Seebeckens zu seiner Breite steht im 
Verhältniis von 10 zu 1,0 oder von 7 zu 1,6. Der An- 
blick des Landes zwischen Valencia und Guigue, dies 
auf der Ebene plötzlich aufsteigenden Hügel ostwärts 
von Canno deCambury, von denen einlüde (el Islote und 
die Isla de la Negra oder Caratapona) sogar noch ^en. 
Namen ßiltinde behalten haben, bezeugen hinlänglich, 
dafs seit Oviedo's Zeiten die Gewässer sich beträcbthch 
zurückgezogen haben. Hinsiclitlich der Veränderung 
der alli>emeinen Gestallung des Sees halte ich es für x\n- 
wahrscheinlich, dafs er beynahe zur Hallte so breit als 
lang gewesen seyn sollte. Die Lage der Granitgebirge 
von Mariara und Guigue, und die Senkung des Bodens, 
der schneller gegen Norden und Süden, als gegen Osten 
und Westen, ansteigt, widersprechen gleichmäfsig einer 
solchen Voraussetzvmg. 

Wenn der «o vielfältig behandelte Gegenstand der Ab- 
nahme der (iewässer in Frage kommt, so mufs man, glaube 
ich, zwischen den verschiedenen Epochen, in -denen die 
Senkungen der Wassertlächen statt fanden, unterschei- 



niit den Breiteunterschieden, unter verschiedenen anf dem 
gleichen Meridian gelegenen Piuiclen. 
*) Oi-ifdu y p. i.',o. 



Kapitel XFI. II7 

4en. Uo])erall findet man hey Untersucliunf^ der von 
Flüssen ^durchströmten Tliäler oder der Seebccken, das 
alte Gestade in weiter EntfernuDg. Niemandem kommt 
es lieutzutage zweifelhaft vor, dafs unsere Flüsse und 
Seen einst sehr beträchtliche Verminderungen müssen 
erlitten haben 5 aber eine Menge geologischer That- 
sachen bezeugen uns hinwieder auch, dafs diese gros- 
sen Abänderungen in der Vcrtbeilung der Gewässer al- 
ler historischen Zeit vorangiengen, und dafs seit meh- 
reren Jahrtausenden die meisten Seen ein stetes Eben- 
mafs oder Gleichgewicht zwischen ihren Zuflüssen und 
ihrem Verlust durch Ausdünstung oder Durchseihung 
behalten haben. So oft dies Gleichgewicht gestört er- 
scbeint, so ist es wohl rathsamer zu untersuchen, ob 
die vorhandene Störung nicht auf blos örtlichen Ur- 
sachen beruht und sehr neuen Ursprungs ist, als hin- 
gegen eine fürdauernde VVas?erabnahme dabey anzu- 
nehmen. Dies Verfahren ist dem umsichtigeren Gang 
des neueren Zustands der Wissenschaften anüremessen. 
Zu einer Zelt, wo die IVaturlehre der Erde, in den be- 
redsamen Schilderungen einiger geistvoller Schriftstel- 
ler, aus dem Keiche d'er Phantasie ihre Reize borgte, 
würde man in der Erscheinung, wovon hier die Kede 
ist, einen neuen Beweis des Contrastes gefunden haben, 
den man zwischen beyden Festlanden gern aufstellen 
.mochte. Um daizuthun, dafs America spiiter als Asien 
und Europa dem Wasser entstiegen sey, hätte man den 
See von Tacarigua als eines der Wasserbecken des in- 
neren Landes angeführt, die ncch nicht Zeit hatten, 
durch die W irkung einer langsamen und allmähligen 
Ausdünstung zu vertrocknen. Ich zweifle nicht, dafs 
in einer sehr alten Zeit das ganze Thal vom Fufs der 
Gebirge von Cocuyza bis zu denen von Torito und ISii»- 
gua, von der Sierra de Mariara bis zur Kergkette von 



il8 B u c h P'. 

Guigue^ von Guacimo und Palma, unter Walser ge- 
standen ist. Die Gestalt der Vorgebirge und ihr steiles 
An'leiuen scheinen das Gestade eines Alpenfees, \vie 
diejenigen in bteverniark und Tyrol sind, anzudeuten. 
Die nämlichen kleinen Holiciten, die nämlichen Valveen, 
welche gegenwärtig im See von Valencia leben, finden 
sich in 3 his 4 Fuis dichten Schichten im innern Lande 
Bis nach Turmero und Concesion nahe bey Vittoria. 
Diese That-^achen beweisen unstreitig einen Rückzug 
des Wassers 5 hingegen erhollt nirgends, dafs seit dieser 
längst vergangenen Zeit bis auf jetzt der RüclUritt des 
Walsers fürdauernd gewesen sey. Die Thäler von Ara- 
gua bilden eine der Ahlheilungen von Venezuela, die 
am frühesten bevölkert gewesen sind, und doch spre- 
chen weder Oviedo noch irgend einer der alten Chro- 
nikschreiber von einer spürbaren Abnahme des Sees. 
Soll man nun annehmen, es sey diese Erscheinung ihrer 
Aufmerksamkeit entgangen, in eine«i Zeilpunct, wo 
die indische Bevölkerung die der Weifsen noch weit 
überstieg, und wo die Seegestade minder bevölkert wa- 
ren? Seit einem halben Jahrhundert, insbesondere aber 
seit dreyfsig Jahren, hat die natürliche Austrocknung 
dieses grofsen Beckens die allgemeinste Aufmerksamkeit 
erregt. Man findet vormals unter Wasser gestandene 
grofse Ländereyen ausgetrocknet und bereits auch mit 
Plsang, Zuckerrolir oder Baumwolle bepflanzt. Allent- 
halben, wo eine Hütte am Seeufer erbaut wird, kann 
man von Jahr zu Jahr das Wasser von iijr zurückwei- 
chen sehen. Man nimmt Eilande wahr, welche, durch 
das Zurücktreten der Gewässer, kaum erst sich dem 
Festlande anzuschliefsen beginnen, (wie die Felseninsel 
Culebra, auf der Seite von Guigue) ; andere Inseln 
bilden bereits Vorgebirge '•} (wie der Morro, zwischen 

*) Isla de Cura imd Cabo-Blnnro. Das Vorge])irg CaLrer« 



Kapitel XVL 119 

Guigue und Nueva Valencia, und dieCabrera, südostwärts 
von Mariara); noch andere erheben sich im Innern des 
Landes, zerstreuten kleinen Hügeln ähnlich. Unter 
diesen, aus der Ferne so leicht kennharen, stehen die 
einen eine Viertelmeile, die andern eine halbe Meile 
vom jetzigen Seeufer entfernt. Als der merkwürdigsten 
will ich hier dreyer Granit- Eilande gedenken, welche 
3o bis 40 Toisen hoch am Wege von der Hacienda de 
Cura zu den Aguas calienles stehen, und am westlichen 
Ende des Sees, den Serrito de Don Pedro, Islote und 
Caratapona. Beyni Besuch zweyer Inseln, welche von 
Wasser gänzlich umgeben sind, haben wir, mitten un- 
ter Gesträuche, auf kleinem bey vier, sechs und auch 
acht Toisen über der jetzigen Seefläche erhabenem Bo- 
den, feinen mit Heliclten vermengten, vormals durch 
Wellen abgesetzten Sand angetrolfen. Man erkennt auf 
jeder dieser Inseln die unzweydeutigsten Spuren der 
zunehmenden Senkung der Gewässer. Noch mehr, und 
es wird dies Ereignifs von den Einwohnern als eine 
wundervolle Begebenheit angesehen: im Jahr 1796 ka- 
men ostwärts von der Insel Caiguire, in gleicher Rich- 
tung mit den Inseln Burro, Otama und Zorro, drey 
neue Eilande zum Vorschein. Diese neuen Inseln, die 
das Volk los nuevos Pennones oder las Apericidas nennK, 
bilden gewissermafsen Untiefen mit völlig ebener Fläche. 
Sie stunden im Jahr 1800 bereits mehr als einen Fufs 
über dem mittleren Wasser. 

Wir haben zu Anfang dieses Kapitels bemerkt, dafs 
der See von Valencia, gleich den Seen des Thaies von 
Mexico '•'), den Mittelpunct eines kleineu Systemes von 



ist seit den Jahren i^So oder 17G0 durch ein Thal, welche« 
Portachuelo heifst, mit dem Gestade vereint. 
*) >'or der durch die Spanier in der fsähe \on Huehuetoqu« 



120 B u c h V. 

Flüssen h'ildct, deren I<einer mit dem Ocean in VoiLin- 
dung steht. Diese Flüsse verdienen meist nur den Ma- 
nien ßergstrünie oder Bäche*), es sind ihrer zuüll bis 
vierzehn. Die Landeseinwohner^ mit den U irkungen 
der Ausdünstung wenig bekannt, haben sich seit langer 
Zeit eing<,bihh4, der See besitze einen unterirdischen 
Ausiianü, wodurch eine seinem Zufluls ähnliche Menffe 
Wasser abfliefse. Die einen bringen diesen Ausgang in 
Verbindvxng m-tGrottenj die sich in einer grofsen Tiefe 
vorfinden sollen 5 andere nehmen an, das Wasser werde 
durch einen absteigenden Oanal dem Ocean zugeführt 
Diese gewagten Vermvithungen vorhandener Verbindun- 
gen zwischen zwey benachbarten Wasserbecken haben 
sich unter allen Himmelsstrichen der Phantasie derMen- 
ge, so wie derjenigen der iVaturforscher, dargestellt^ 
denn die letztern wiederholen zuweilen, ohne es ein- 
zugestehen, die Volksmeiiiungen in wissenscliaftlicher 
Sprache. Man hört von Wasserschlünden und von un- 
terirdischen Wasserausflüssen in der Neuen Welt spre- 
chen, wie an den Gestaden des caspischen Meers, ob- 
gleich der See von Tacarigua um azzToisen höher und 
das caspische Meer um 44 Toisen niedriger ist, als der 
Ocean, und obgleich man weifs, dafs die Flüssigkeiten 
ihre Flächenhühe ausgleichen, sobald sie durch einen 
Seitengang in Verbindung mit einander stehen. 

Die Veränderungen , welche die Zerstörung der 
Wülder, das Urbarmachen des Bodens in den Ebenen 
und der Anbau des Indigo seit einem halben Jahrhun- 



gegral)enpn und unter dem ISamcn des Desague Real he- 
Lannleu Oeiinuug. 
*") Ihre ISamen sind: Rios de Ar.ngua, Tunnero, Maracay, 
Tapalapa, Aguas calienles, IVIariara, Cura, Guacara , Gua- 
tflparo) ValonrJa , Ganno grandc de Cainbury, etc. 



Ix a p i i e l X.VI. 121 

dert in der Masso der Zuflüsse liorvoi'Lraclstt-n , gehen 
einerseits, und die Ausdünstung- des Bodens mit der 
Trock.Milioit der Atmosphäre lielern anderseits iiinläng- 
liche Gründe dar, um die fortschreitende Verminderung- 
des Valencia- Sees ku erklären. Ich glauhe keineswegs, 
wie ein K eisender, welcljer später als ich diese Gegen- 
den hesucht hat'''), dafs „für die Befriedigung des (iei 
stes uPid 7.ur Ehre der Naturlehre^^ ein unterirdischer 
Abflnfs müsse angenommen werden. Durch Fällung der 
Bäume, welche die Berggipfel und BergaJjhänge decken, 
bereiten die Menschen unter allen Himmelsstrichen den 
kommenden Geschlechtern gleichzeitig eine gedoppelte 
Plage, Mangel an Brennstoff' und Wassermangol. Die 
Bäume hüllen sich, vermöge der Einrichtung ihrer Aus- 
dünstung und dem Strahlen ihrer Blätter gegen einen 
wolkenlosen Himmel, in eine stets kühle und nehligte 
Atmosphäre : sie Avirken auf den Reichthum der Quel- 
len, nicht, wie man lange Zeit geglaubt hat, durch eine 
besondere Anziehungskraft auf die in der Luft enthalte- 
nen Dünste, sondern, indem sie den Boden vor der un« 
mittelbaren Sonnenwirkung schützen, mindern sie die 
Ausdünstung des Regenwassers. Die Zerstörung der 
Wälder , wie die europäischen Colonisten dieselbe in 
America allenthalben mit unvorsichtiger Eile vorneh- 
men, hat die gänzliche Austrocknung oder wenigstens 



*) Hr. Depons O'^o^ftge n la Terre-Ferme , Tom. I. p. Jjg) 
fügt hinzu : -Die kleine Ausdeiinung ^er Wasserllnche des 
Sees (fie betrögt jedoch io6/5oo,ooo Gevierttoisenj gestattet 
unmöglich anzunehmen , dafs die Ausdünstung allein nur, 
wie beträchtlich sie auch in den Tropenländern seyn mag, 
so vieles Wasser verbrauclien könne, als die Flüsse herbcv- 
führen." In der Folge scheint der Verfasser jedoch selbst 
..diese verborgene Ursache, die Hypothese eines Zuglochs", 
wieder aufzugeben. 



132 



Bach V. 



die Abnahme der Quellen zur Folge. Die Betten der 
Bäche, welch«! einen Theil des Jahrs trocken bleiben, 
verwandtin sich in Bergstrüme, so oft Gufsregen auf 
den Hohen fällt. Und weil mit dem Gesträuche auch 
der Rasen und das Moos auf den Gräten der Berge ver- 
schwinden, so wird der Ablauf des Wassers durch nichts 
neiler aufgehalten: anstatt, mittelst eines allmähligen 
Durchseihens, die Gewässer der Bäche langsam lür- 
dauernd zu unterhalten , furchen sie bey heftigen He- 
gengüssen die Hügelabhänge aus, schwemmen das los- 
gerissene Ei'dreich fort, und bilden jene plützlichen An- 
schwellungen, welche das Land verheeren. Es ergiebt 
sich hi»>raus, dafs die Zerstörung der Wälder, das Ver- 
schwinden fürdauernd fliefsender Quellen, und das Da- 
seyn von Bergströmen drey genau mit einander ver- 
bundene Erscheinungen sind. Landschaften, welche 
auf entgegengesetzten Halbkugeln liegen, die von der 
Alpenkette begrenzte Lombardey und das zwischen den 
stillen Ocean und die Anden - Cordillere zusammenge- 
drängte untere Peru liefern auffallende Beweise von der 
Richtigkeit dieser Behauptung '•). 

Bis um die Mitte des abgeflossenen Jahrhunderts 
stunden die Berge, welche die Thäler von Aragua ein- 
fassen, mit Waldung bedeckt. Grofse, den Familien 
der Mimosen, Ceibas und der Feigen zugehörige Bäume 
gaben den Seegestaden Schatten und Kühlung. Das da- 
mals noch wenig bewohnte flache Land war mit Sträu- 
chern bewachsen , zwischen denen zerstreute Baum- 
stämme und Schmarotzer -Pflanzen sich befanden, der 
Boden selbst war mit ^ichtem Rasen überzogen, welcher 



*) Vergleiche meinen Essai polltique sur la Noiw.-Espagne, 
Vol. I, p. 208, und die Eecherches de M. de Prony sur 
les CTues du Po. 



h a p i t e l XVI. 12S 

zum Strahlen des Wärmestofis ungleich weniger fähig 
ist, als das angebaute, und eben deshalb gegen die Son- 
nenhitze nicht gescliül/.te Land. Mit der Zerstörung 
derBäunip, und mit dem vermehrten Anbau des Zucher- 
rolirs, des Indigo und der Baumwolle haben sich die 
Quellen und alle natürlichen Zuflüsse des Valencia-Sees 
von Jahr zu Jahr vermindert. Man macht sich nicht 
leicht einen richtigen Begriff' von dem ungemein grofsen 
Ertrag der Ausdünstung, die in der heifsen Zone statt 
hndrt, in einem von steil abschüssigen Bergen einge- 
falsten Thal, worin die Brise und absteigende Strümvm- 
gen gegen Abend eintreten, und dessen gleichförmige 
Bodenfläche wie durchs \\ asser geebnet ist. Wir ha- 
ben schon andersv/o bemerkt , dafs die Wärme, welche 
das ganze Jahr hindurch in Cura, Guacara, Nueva Va- 
lencia und an den Seegestaden herrscht, der höchsten 
Sommerhitze in ISeapel und Sicilien gleich kommt. Die 
mittlere jährliche Lufttemperatur der Thäler von Ara- 
gua ist ungefähr *_) 26°, 5: die hygrojnetrirchen Beob- 
achtungen geben mir, für den Monat Hornung, im 
Durchschnitt von Tag und Nacht, 71°, 4 des Haar- 
hvgrometers **•'). Weil die Worte grofse Trockenheit 
oder grofse Feuchtigkeit keine absolute Bedeutung ha- 
ben, und eine Luft, welche in den unteren Gegenden 
der Tropenländer sehr trocken genannt wird, in Eu- 
ropa für eine fc'vichte Luft gelten würde, so läfst sich 
über diese climatischen Verhältnisse nicht anders ur- 
theilen, als wenn man unter gleichem Hinunelsstrich 



*) 20", 4 Reaumur. Aus den Beobschlungen des Monats Hor- 
nung ergeben sicli 19°, 5 R. ; und in Cumana steht dieser 
Monat o, 7 R. unter der mittleren Jahrestemperatur. 

**) Diese 71*^,4 offenbarer Feuchtigkeit trafen mit der mit! 
teron Temperatur von 34", 5 zusammen. 



124 B II c h V. 

befindllclie Ortschaften vergloiclit. Nun Ist in Cuniana, 
wo zuweilen ein ganzes, Jahr lang kein Kegen lallt, und 
wo ich eine grofse Anzahl hvgronietrischer, in ver- 
schiedener Zeit Tag und Nacht angestellter ßeohach- 
tungen sammeln Konnte, die mittlere Feuchtiükeit der 
Luft 86°, neben der mittleren Temperatur von 27°, 7. 
Trägt man der Regenmonate Rechnung, das will sagen, 
Berechnet man den Unterschied, welcher an andern 
Orten der americanischen Aequinoctial - Länder zwi- 
schen der mittleren Feuchtigkeit der trockenen Monate 
und derjenigen des ganzen Jahrs beobachtet wird , so 
erhält man für die mittlere jährliche Feuchtigkeit der 
Thäler von Aragua höchstens 74°, zu der Temperatur 
von 25°, 5. In dieser so warnjen, und doch so \t enig 
feuchten Luft ist der Betrag der Wasserausdünslung 
ungemein grofs. Daltons Theorie berechnet, unter 
den gegebenen Umständen, die Dichtigkeit einer inner- 
halb einer Stunde ausgedünsteten Wasserschichte auf 
o •'^'"'■",36 oder auf 3 """.S innerhalb 24 Stunden *). 
Nimmt man für die gemäfsigte Zone, zum Beyspiel für 
Paris, die mittlere Temperatur von 10°, 6 und die niitt- 
lere Feuchtigkeit von 82°^ so findet sich, den nämlichen 
Formeln zufolge, o "^'""', 10 auf die Stunde, und 1 Linie 
auf 24 Stunden. Will man der Ungewifsheit dieser theo- 
retischen Rechnung die directen Resultate der Beobach- 
tung vorziehen, so wird man sich erinnern, dafs in 
Paris und in IVIontmorency die mittlere Jahrestempe- 
ratur von Sedileau und Cotte zu 32 ^, 1 ^'" und 38 ^'y 
4 *"" ist gefunden worden. Im südlichen F'rankreich 
haben zwey geschickte Ingenieurs, die Herren Clausade 
und Pin, berechnet, dafs nach Abzug der \A irkung des 



*) Vergl. weiter oben, am Ende des ersten Buclis, Th. I. 
S. öjo. 



H a p i t e l XVI. \ib 

Durchseihens die Gewässer des Canals von Languedoc 
und des Beckens von Saint-Ferreol, jährlich o ^', 768 his 
o '"" . 81 2, oder 336 hls 36o fjinion einhiifson. Hr. v. Prony 
hat ungeüihr ähnliche Wirliungea in den Pontinischen 
Sümpfen angetroflen. Alle diese^ unter den Risten und 
4c)slen ßreitegraden und bey 10°, 5 und 16° mittlerer 
Temperatur angestellten Versuche zeigen eine mittlere 
tägliche Ausdünstung von 1 his i;, 3 Linien. Unter der 
heilsen Zone, in den Antillen zum Üeyspiel , ist die 
Wirkung der Ausdünstung nach Le Gaux dreymal und 
nach Cassan doppelt so grofs. In Cuniana^ einer Land- 
schaft, wo die Atmosphäre doch gar viel mehr Feuch- 
tigkeit enthält, als in den Thälern von Aragua, habe 
ich öfters innerhalb 12 Stunden, an der Sonne 8 "'""'■ 8, 
im Schatten 3 "*■"'"■ /^ Wasser ausdünsten gesehen, und 
ich vermuthe, der Jahresertrag der Ausdünstung dieser, 
in der Nachbarschaft von Cumana befindlichen, Flüsse 
betraiie nicht weniger als i3o Zolle. Die V^ersuche die- 
ser Art sind mit eigenthiimlichen Schwierigkeiten ver- 
banden 5 aber das Vorgesagte mag hinreichen, um dar- 
zuthun, wie grofs die IVlenge der Dünste sevn niufs^ 
welche dem See von Valencia und dem umliegenden, 
sein Wasser dem See zuliihrenden, Land entsteigen. Ich 
werde späterhin Anlafs haben, auf diesen Geo^enstand 
zuri'ick zu kommen; denn in einem Werk, das die gros- 
sen Gesetze der JNatiir unter den verschiedenen Him- 
melsstrichen darstellen soll, mufs die Lösung der Auf- 
gabe der mittleren Spannung (tension moyenne) der in 
der Atmosphäre enthaltenen Dünste unter verschiede- 
nen Breiten und in verschiedenen Höhen über der Was- 
serfläche des Oceans versucht werden. 

Eine grofse Menge örtlicher Umstände verändern 
das Product der Ausdiinstung, dahin gehören der meh- 
rere oder mindere Schatten, der die Wasserbecken deckt. 



126 Buch V. 

ihre Bewegung und Ruhe, ihre Tiefe, die Natur und 
Farhc ihres Bodens : üherhaupt aber hängt die Aus- 
dünstung nur von drey Elementen ab, von der Tem- 
peratur nämlich, von der Spannung der in der Atmo- 
sphäre enthaltenen Dünste, und von dem Widerstand, 
welchen die mehr oder minder dichte, mehr oder min- 
der bewegte Luft der Verbreitifcng der Dünste entgegen- 
setzt. Die Wassermenge , welche in einem gegebenen 
Ort ausdünstet, steht, bey übrigens gleichen Umstän- 
den, im Verhältnlfs zu dem Untei'schied zwischen der 
üunstmasse, welche die vimgebende Luft in ihrem Sät- 
tigungszustand enthalten kann, und zu der Masse der 
wirklich in ihr enthaltenen Dünste, Daraus folgt, dafs 
die Ausdünstung (wie Hr. d'Aubuisson, welcher über 
meine hygrometrischen Beobachtungen Rechnungen an- 
stellte, bereits beobachtet hat) unter der heifsen Zone 
so grofs nicht ist, als man der sehr mächtigen Tem- 
peratur-Erhöhung zufolge glauben könnte, weil in die- 
sen heifsen Himmelsstrichen die Luft gewöhnlich auch 
sehr feucht ist. 

Seit dem Zuwachs , den der landvvirthschaftliche 
Gewerbfleifs in den Thälern von Aragua erhalten hat, 
können die kleinen Flüsse, welche sich in den See von 
Valencia ergiefsen, während der sechs auf den Christ- 
monat folgenden Monate nicht mehr als Zuwachs be- 
trachtet werden. Sie bleiben im Untertheil ihres Laufs 
trocl<en, weil die Pflanzer des Indigo, des Zuckerrohrs 
und desKalfees häufige Ableitungen C^zequias^ machten, 
um ihreLändereyen durch Hinnen zu bewässern. JNoch 
mehr; ein ziemlich beträchtlicher Flufs, der Rio Pao, 
welcher am Eingang der Lilanos entspringt, am Fufs 
jener Hügelreihe, die/« Ga/er« heifst, führte vormals 
sein Wasser dem See zu, indem er sich auf dem ^^ eg 
von der Stadt Nueva Valencia nach Guigue mit dem 



Kapitel WI. 127 

Canno de Cambury vereinbarte. Der Lauf dieses Flus- 
ses war damals in der Kichtung von Süden nach Worden. 
Gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts kam der Ei- 
genlhümer einer benachbarten Pflanzung auf den Ge- 
danken, dem.Rio Pao am Abhang eines Hügels ein neues 
Bett zu graben. Er lenkte Aen Flufs ab 5 und nachdem 
er einen Theil seines Gewässers zur Befruchtung seiner 
Felder verwandt hatte, liefs er das übrige, gleichsam 
zufällig, südwärts, in der Senkung der Llanos abflies- 
sen. In dieser neuen südlichen Richtung ergiefst sich 
der Rio Pao, mit drey andern Flüssen, dem Tinaco, 
dem Guanai'ito und dem Chilua vereint, in die Portu- 
guesa, einen Arm des Apurc. Es ist eine merkwürdige 
Erscheinung, wie durch das eigenthürnllche Verhältnifs 
des Bodens und die Senkung der Theilungsgräte ^esen 
Südwesten der Rio Pao sich von dem Ivliinen System 
der inneren Flüsse, weichem er ursprünglich ange- 
hörte, sondert, und seit einem Jahrhundert durch den 
Apure und denOienoko mit dem Ocean zusammenhängt. 
Was hier im Kleinen durch Menschenhand geschehen 
ist, das thut die iNatur öfters selbst, entweder durch 
fortschreitende Anscliwemmungen, oder durch Berg- 
stürze, die von heftigen Erdbeben bewirkt werden. Es 
ist wahrscheinlich, dafs im Lauf der Zeiten einige der 
Flüsse von Soudan und von Neu-Holland, welche sich 
gegen wältig in den Sand oder in die inneren Bassins 
verlieren, einen Weg nach den Küsten desOceans finden 
werden. Wenigstens läfst sich nicht bezweifehi, dafs 
in beyden Festlanden Systeme innerer Flüsse vorkom- 
men, die man für noc/i nnvollsländie entwickelt -0 axi- 
sehen kann, und die untereinander, theils zur Zeit des 
hohen Wasserstandes, theils durch beständige Gabel- 
theilungen in Verbindung stehen. / 

O Ca/7 Ritters Erdkunde , Th. I. S- iiS. 



i:>8 Buch F. 

Der Rio Pao hat sich ein so tiefes und breites Bett 
ausgehöhlt, tlafs in Jor Hegenzeit, \Venn der Ctniiiu 
fS^rande de Canihiiry die gan/.e Landschaft norduestlich 
von Guigue unter Wasser setzt, die Gewässer dieses 
C(inno und diejenigen des Sees von V^alencia in den 
Hio Pao seihst zurücl;fliefsen : so dafs dieser Flufs, an- 
statt dem See Wasser zu bringen, ihm solches eher noch 
zu entziehen scheint. Wir sehen etwas ähnliches im 
nördlichen America, da wo die Geographen auf ihre 
(>])arten eine eingehihicti; Bergkette zwischen die gros- 
sen Seen von Caiiada und das Land der IVIiamis hin- 
zeichnen. Zur Zeit der grof;en Gewässer stehen die 
Einflüsse der Seen mit den Einflüssen des Mis.^lssipi in 
Verbindung, und man Jsann in Booten von Ann Ouelien 
des St. Maria- Flusses in denWahash, so wie aus dem 
Chicago in den Illinois gelangen '••'). Diese analogen 
Thatsachen sclieinen mir die vorzügliche Aufmerksam- 
keit der Hydrographen zu verdienen. 

Weil der Boden um den Valencia- See völlig cheti 
und flach ist, so geschieht hier, was ich an den mexi- 
canischen Seen häufig wahrzunehmen Gelegenheit hatte, 
dafs eine Senkung der Wasserfläche um etliche Zolle ein 
ausiredehntes , mit fruchtbarem Schlamm und orn^ani- 
sehen Trünunern bedecktes Erdreich trocken legt. So 
wie der See sich zurückzieht, rücken die Colonisten ge- 
gen das neue Ufer vor. Diese, der Colonial-Landwirth- 
schaft so wichtigen Austrocknungen waren füraus in 
den zehn letzten Jahren sehr beträchtlich, während wel- 
chen ganz America an grofser Trockenheit lilt. Statt 
der Bezeichnung der gegenw^ärligen Uferkrüm munden 
des Sees rieth ich den reichen Eigenthümern dieser Ge- 
genden, im Seehecken selbst Granitsäulen aufzustellen, 
um von Jahr zu Jahr an denselben den mittleren VA asser- 
stand 



*) Drake y Ficture of Cincinnati., l8i5, p. 222. 



K a p i l e l Xfl. 129 

stand beobachten zu können. Der Marquis del Toro 
hat die Ausführung dieses Vorschlags übernommen; er 
bctlicnt sich dazu dos schönen Granits der Sierra de Ma- 
riara , und errichtet die Ljunnomelers auf den im See 
von Vah>ncia sehr häufigen Gneifs-Felsengrund. 

Es ist unmöglich j zum Voraus die mehr oder we- 
niger engen Grenzen zu bezeichnen^ aufweiche dies 
Wasserbecken «ich einst beschränken wird, wenn zni- 
schi^n diMii Ertrag der Zuflüsse und demjenigen der Aus- 
dünsluniien und des Einseihens das Gegengewicht völlig 
hergestellt seyn wird. Die allgemein^ vei breitete V^or- 
stellung, der See werde gänzlich versch\\ inden, halte 
icli für chimärisch. Wenn, in Folge heftiger Erdbeben 
oder anderer eben so geheiinnifs\ oller Ur-achen, zehn 
sehr feuchte Jahre auf lange Trockenheit folgen wür- 
den 5 wen '. die Berge sich mit neuer Waldang bedecken 
und hohe Bäume die Gestade und die Eoenen von Ara- 
gua beschatten würden, so könnte wohl elier die VVas- 
sermenge von Meuem anwachsen, und den schönen Pflan- 
zungen, welche gegenwärtig das Seebecken beengen, 
gefährlich werden. 

Während die Pflanzer in den Thälern von Aragua 
einestheils das gän/liche Verschwinden des Sees und an- 
dcrnlheils seine Rückl;ehr zu den verlassenen Gestaden 
fürchten, wird in (Jaracas die Fra^e ernstlich aufge- 
worfen, oh nicht, um dem Landbau mehr Ausdehnung 
zu verschaffen, ratnsam wäre, das Seegewässer in die 
Llaiios zu leiten, und dafür einen Abfülirungscanal ^o^- 
gen den hio Pao /a; graben. Die Möglichkeit der Aus- 
füJirung dieses Unternehmens '0 läfst sich nicht läugnen. 



*J) Die Scheidungsgräte ^ wodurch die Gc.vässer zwischen die 
Thäler von Aragua und die L.lanos gelheilt werden, neigt 
sicli , wie schon ohen ist bemerkt »vorden, dermafscn west- 

Alex. V. Humboldts hist. fieisgn. III. Q 



i3o Buch F. 

wenn zumal Stollen oder unterirdische Canäle dabey 
angewandt werden. Dem allmähligen Rücktritt der 
Gewässer verdankt man die schönen und reichen Län- 
dereyen von Maracay, Cura, Mocundo, Guigue und 
Santa Cruz del Escoval, die mit Tabak, Zuckerrohr, 
Kaffee, Indigo und KakaoLäumen bepflanzt sind, wer 
möchte aber im mindesten zweifeln, dafs der See allein 
nur die Fruchtbarkeit dieser Gegenden begründet? Ohne 
die ungemein grofse Menge der Dünste, welche seine 
Wasserfläche alltäglich der Atmosphäre übergiebt, wä- 
ren die Thäler von Aragua dürre und trocken, wie die 
Berge, von denen sie umgeben sind. 

Die mittlere Tiefe des Sees beträgt 12 bis i5 Klaf- 
ter. Die tiefsten Stellen reichen nicht, wie man ge- 
wöhnlich annimmt, bis auf 80^ hingegen aber auf 35 
bis 40 Klafter. Es ist dies das Ergebnifs der mit dem 
Senkbley durch Don Antonio Manzano aufs sorgfältig- 



wärts von Guigue , dafs es Schluchlen gicbt , welclie die 
Gewässer vom Canno de Cainbur^ , vom Rio Valencia und 
vom Guataparo , zur Zeit des hohen Wasserstandes , dem 
Rio Pao zululiren 5 es >räre aber leiciiler, einen fahrbaren 
Canal aus dem See von Valencia zum Orenoiso , durcJi den 
Pao, die Portuguesa und den vipure zu öflnen, als einen 
Austrocknungscanal im JSii'cau des Seegrundes zu graben. 
Dieser steht, dem SenUbley und meinen barometrischen 
Messungen zufolge, 222 weniger 40, oder 182 Toisen über. 
der V\ asser ilache des Oceans. Aul dem Weg von Guigue 
jiatii den IJanos, über das Plaleau der Villa de Cura, fand 
ich südwäi Is der iScheiduiigsgrate ^ imd auf ihrem mittäg- 
lichen Abhang, das den 182 Toisen enlsprechende INiveau 
erst in der fSahe von San Juan. Die absolute Höhe dieses 
Dorfs ist 194 Toisen. ich wiederhole aber, mehr westwärts 
in der zwischen (Janno de l^ambury und den (luellen des 
Rio Pao iniieliegenden Landschaft, die ich nicht untersuchen 
konnte, findet sich der Punct des JNiveau vom Seegrund gar 
viel nördlicher. 



Kapitel XFL l3l 

ste vorgenommenen Messungen. Wenn man die grofse 
Tiefe aller Schweizerseen bedenkt, die, ihrer Lage in 
liolien BtM'gt'iälern uneraclitet, beynahe die Fläche des 
!MiUelrneeres erreichen, so befremdet es, keine tieferen 
Hüiilungen im Grund des Valencia- Sees anzutreffen, 
welcher gleichfalls ein Alpensee ist. Die tiefsten Stellen 
befinden sich zwischen der Felseninsel Burro und der 
Spitze der Canha fi^tula, so wie gegenüber den hohen 
Bergen A'on JVIariara: im Ganzen aber ist der südliche 
Thell des Sees tiefer als der nördliche. Es darf nicht 
vergessen werden, dafs, wenn gegenwärtig alle Ufer 
flacli sintl, der südliche Theil de> Beckens jedoch einer 
sli'il abge-tutzlen Bergkette näher steht. Bekanntlich 
al)er erscheint selbst da? Meer da überhaupt tiefer, v/o 
die Küsten hoch, felsicht und steil abgestutzt sind. 

Die Temperatur des Sees auf seiner Oberfläche 
war, während meines Aufenthalts in den TJiälern von 
Aragua , im iMonat Hornuag, beständig zwischen 23° 
und 23°, 7. Sie stund demnach ein wenig -J) unter der 
mittleren Lufttemperatur, sey es als Ergehnifs der Aus- 
dünstung '■•'••'), die dem V\ asser und der Luft Wärme- 
sloff entzieht, sey es weil eine grofse Wassermasse 
dem Wärmewechsel der Atmosphäre nicht mit gleicher 
Schnelligkeit folgt, und weil sich Bäche in den See er- 
giefsen, die aus mehreren kalten Quellen auf den be- 
nachbarten Bergen herkommen. Der geringen Tiefe 
unerachtet bedaure ich jedoch, dafs mir die Tempe- 



») Von o";6 bis i^^s. 

**) Wir werden spater sehcu, dafs In den zu Cutnana über 
die Ergebnisse der Ausdiinstunn; angesielllen Versuchen die 
Temperatur des Wassers der während sieben bis acht Stun- 
den der Sonne ausgesetzten Gefäfse am Ende der Versi*che 
jederzeit 1° bis i".3 unter der im Schatten beobachteten 
Temperatur der Luft stund. 



i3z Bach V. 

ratur des A\ assers zur Tiefe von 3o bis 40 Klaiter zu 
untersuchen nicht möglich uar. Ich war mit dem 
thermometrischen öenkbley '0 nicht versehen , dessen 
ich mich in den Alpenseen A'on Salzburg und im An- 
tillen-Meer bedient hatte. Aus Saussure's Versuchen 
ergiebt slch^ dafs auf beyden Seiten der Alpen Seen^ 
die auf einer absoluten Höhe von ige bis 274 Toison '••0 
stehen, im höchsten Sommer, auf 900, auf 600, zu- 
weilen sogar auch auf i5o Fufs Tiefe , eine gleichför- 
mige Temperatur von 4°^ 3 oder 6 Centesirnal- Graden 
besitzen ; noch sind aber diese Versuche in den Seen 
der heifsen Zone nitht wiederholt worden. In der 
Schweiz sind die kalten Wasserschichten überaus dicht. 
Im Genfer- und ßieler-See wurden sie so nahe bey der 
Oberfläche angetroffen, dafs die Abnahme im Wasser 
einen Grad des hunderttheiligen Wärmemessers, auf 
zehn oder fünfzehn Fufs Tiefe, betrug, demnach dann 
achtmal schneller als im ücean, und 48nial schneller 
als in der Atmosphäre ***) statt fand. Unter der ge- 
mäfsigten Zone, wo die Wärme der Atmosphäre unter 
den Gefrierpunct und viel tiefer herabsinkt, muis der 



*) Siehe oben, Tl». I. S. 79. Die folgende Beobachtung habe 
ich am 16. j^pril 1798, um 4 Uhr INachmitlagS; auf dem 
St. Barlholomäus -See , in drn Berchtesj^adcu^chen Alpen, 
hinlfr dem Fnllienstcin nni;;entolll. Luft, am Geslode, Iherm. 
17", 7 liundertlh.; Haar -//> grom. 56°. Luft auf der .Mitte 
des Sees, Th. 16", Bjgr. 63°. Wasser des Sees auf zwcy 
Fufs Tiefe, Th. 7«, 7-, auf 42 Fufs Tiefe, T/i. (>'\ -i ; auf 
60 Fufs Tiefe, Th. 5°,o, und, an einer andern Steiler auf 
84 Fufs Tiefe, Th. 3", 6. 

**) Es ist dies der Unterscheid der absoluten Höhe des Gcnfer- 
und des Thuner-Sces. 

***) Siehe Th. I. S. 5.(4, und Arago in den .'l/i/i. dg Fh^s.. 
Th. V. p. 4o5. 



li a p i t e I XFI. i33 

Grund eines Sees, wenn er auch niclit von Gletschern^ 
oder mit ewigem Schnee bedeckten Bergen umgeben ist, 
Wassertheilchen enthalten, welche den Winter durch 
auf der Oberfläche das Maximum ihrer Dichtheit (jiw'i- 
schen 3°j 4 und 4°, 4) erreicht haben, und demnach 
zur grüfsten Tiefe heruntersanken. Andere VVasser- 
theilchen, deren Temperatur + 0°, 5, weit entfernt, 
ihren Platz unter der Schichte von 4° einzunehmen, 
mögen das hydrostatische Gleichgewicht nur über der- 
selben finden. Sie werden nicht tiefer herabsteigen, 
bis ihre Temperatur durch die Berührung minder kal- 
ter Schichten um 3° bis 4° hüher gestiegen ist. Würde 
das W^asser , indem es sich erkältet, fortfahren sich 
gleichm.ifsig bis &ni Zero zvi verdichten, so würde man 
in den sehr tiefen Seen und in den unter einander nicht 
zusammenhängenden W asserbecken, ohne Unterschied 
der Orlsbreiten, eine Wasserschicht finden, deren Tem- 
peratur dem Maximum der Erkältung über dem Gefrier- 
punct beynahe gleich käme, welche die untern Regio- 
nen der umgebenden Atmosphäre alljähilich erleiden! 
Dieser Betrachtung zufolge ist es wahrscheinlich, dafs 
in den Ebenen der heifsen Zone oder in niedrigen Thä- 
lern, deren mittlere W^ärme 25°,5 bis 27° beträgt, der 
Seegrund niemals unter 21° bis 22° sinken mag. W^enn, 
unter der nämlichen Zone, der Ocean, in Tiefen von 
sieben- oder aclithundert Klaftern, Gewässer enthält, 
deren Temperatur 7° beträgt, demnach 12- bis iSmal käl- 
ter ist, als das Minimum derW^ärmo *) der Aequinoctial- 



*) Es dürfte fast überflüssig seyn zu bemerken , dafs ich hier 
nur denjenigen Theil der Atmosphäre in's Auge fasse, wel- 
cher zwischen dem 10 Grad nördlicher und dem lo Grad 
südlicher Breite den Ocean deckt. Gegen die nördliche 
Grenze der heifsen Zone, um den 25 Breitegrad, wo ISord- 
ninde mit erstaunlicher Geschwindigkeit kaite Lüfte au» Ca- 



i34 Buch F. 

Seeluft (air equinoctial surfiiarin'), so mufs, meines 
Dafürhaltens, diese Erscheinung als ein unniitlelharer 
Beweis des Daseyns einer in der Tiefe des Meers vor- 
handenen Slrümung- angesehen werden ^ welche die Ge- 
wässer vom Pole gegen den Aecjuator hinführen. Wir 
•wollen hier keineswegs die schwierige Aufgabe lösen, 
wie, in den Tropenländern und in der gemiifsigten Zo- 
ne, zum ßeyspiel im Antillen-jMeer und in den Schwei- 
«erseen, diese unteren Schichten des his auf 4° oder 7° 
erköltt^ten Wassers auf die Temperatur der von ihnen 
bedeckten Stein^chichten des Erdballs, und wie eben 
diese Schiclüen, deren ursprüngliche Temperatur in 
den Tropenländern 27° und im Genfersee 10° ist, auf 
die halbuefrornea Wasser im Grund der Seen und des 
Aequinoctial-Oceans zurückwirken? Diese Fragen sind 
von der höchsten Wichtigkeit , sowohl für den Haus- 
halt der Thiere, welche gewöhnlich im Grund des süs- 
sen und salzigten Wassers leben, als für die Theorie 
der Wärmevertheilung in Ländern, die von ausgedehn- 
ten und tiefen Meeren umgeben sind. 

Der See von Valencia enthält viele Inseln, welche 
die Landschaft durch die malerische Gestaltung ihrer 
Felsen und den sie bedeckenden Pflanzenwuchs schmü- 
cken. Es ist dies ein Vorzug, welchen dieser See der 
Tropenländer den Alpenseen gegenüber besitzt. Es 
sind solcher Eilande, ohne den Morro und die Cabrera, 
welche bereits mit dem Gestade zusammenhängen, fünf- 
zehn, die in drey Gruppen zerfallen 'O- Ein Theil der- 



jiada herbevführen , sinkt der Wärmemesser auf dem Meer 
tu 16" und nocli liefer. 
*) Die I-agc und Vorllieilung dieser Inseln Ist folgende: nörd- 
lich, unfern vom Ufer, Jsla de Cura; süd-ostwärts, Burro, 
HornOj Otama, Sorro, Caiguire, Nuei^os Peiinones oder 
die neuen Apericidas ; nord-wcsUvärts , Cabo Blanco oder 



Kapitel XVI. l35 

selben ist angebaut und sehr fruchtbar, um der Aus- 
dünstungen des Sees willen. Das gröfste dieser Ei- 
lande, der Burro, welcher zwey Meilen lang ist, wird 
sogar von einigen Melis- Familien bewohnt, welche 
Ziegen halten. Diese einfach lebenden Menschen be- 
suchen nur selten das Gestade von Mocundo. Der See 
däucht ihnen unermefslich grofs j sie haben Pisang, Ma- 
nioc, Milch und etwas Fische. Eine aus Rohrstämmen 
verfertigte Hütte, etliche aus Baumwolle, die auf be- 
nachbarten Feldern gewachsen ist, verfertigte Hänge- 
matten, ein breiter Stein , worauf Feuer gemacht wird, 
die holzige Frucht der Tutuma zum Wasserschöpfen j 
hierin besteht ihr ganzes Hausgeräth. Der Metis, wel- 
cher uns die Milch seiner Ziegen anbot, besafs eine 
ungemein hübsche Tochter. Von unserm Weffweiser 
vernahmen wir, es habe das Alleinleben ihn nicht min- 
der argwöhnisch gemacht, als er es vielleicht durch den 
Umgang mit Menschen geworden wäre. Den Tag vor 
unsrer Ankunft hatten einige Jäger die Insel besucht. 
Von der Nacht überrascht, wollten sie lieber unter 
freyem Himmel schlafen, als nach Mocundo zurück- 
kehren. Die Kunde hi:3rvon erregte Verdacht auf der 
Insel. Der Vater zwang das Mädclien, einen sehr hohen 
Zamang oder Acacienbaum zu erklettern, welcher in 
einiger Entfernung von der Hütte auf der Ebene steht. 
Er selbst nahm sein Nachtlager unter dem Baum, und 
liefs die Tochter erst, nachdem die Jäger abgereist wa- 
ren, vom Baum heruntersteigen. Diese schüchterne 
Vorsicht und diese Sittenstrenge haben die Reisenden 
nicht allezeit unter den Insulanern ani^elroft'en. 



Isla de Ai'es und Chambery ; süd-westwärls, Brucha und 
Culebra. Mitten im See erheben sicii, wie Klippen oder 
kleine abgesonderte Felsstücke, Vcgre , Vraile^ Pennasc« 
und Pan de Azucar. 



i36 Buch V. 

Der See ist überhaupt sehr fischreich : seiner F'u Ch- 
arten !-intl aber nicht niihr als drey, deren Fleisch m eich 
und nur \a enig schmackhaft i?l ; es sind die Gaavinay 
der f'agre und die Sardina. Die beyden letztern kom- 
men aus den Bächen herab, welche sich in den See er- 
giefsen. Die Guavitia, die ich an Ort und Stelle ge- 
zeichnet habe, liat eine Länge von 20 Zoll, auf 3,5 
Breite. Es ist vielleicht eine neue Art der Gattung' 
Erythrlna des (»ronovius. ^ie hat grofse silberlarhcne, 
grün geränderte Schuppen. Dieser Fisch ist überaus 
gefräfb^ig, und er vertilgt die ül.rigen Arten. Der Aus- 
sage der Fi-cher zufolge trHgt ein kleines Crocodil, der 
Baia ■•'), u elcher uns oft nahe l;am, wenn wir badeten, 
gleichfalls zur Zerstörung der Fische bey. Es gelang 
uns nie, dieses l^eptil in unsere Gewalt zu betioninjen, 
um dass.lbe näher untcrsucliea zu können. Seine Grüfse 
beträgt selten über 3 bis 4 Fufs. Er wird für ganz un- 
schädlich gehalten, indefs sind seine Lebensart und seine 
Gestalt denen des Gayman oder Crocodilus acutus sehr 
ähnlich. Beym Scl)wimnieijg»sinä nur die Spitze der 
Schnauze und das Schwanzende sichtbar; es legt sich 
mitten im Tag aufs trockne Gestade. Zuverlässig ist 
es weder ein Monitor (die ächten Monitors finden sich 
ausschliefslich auf dem allen Festland), noch Seba's 
Sauvegaräe (Lacerta Teguixin), welche untertaucht 
und nicht scliwimmt *"•'). Künftige lAeisende mögen 
die Frage entscheiden j wir bemerken hier nur noch 



*^ Der Biwa oder Bavilla ist sehr gemein in Bordones, nahe 
bey Guniana. Siehe oben Th. I. S. 356 und 477. Der^ame 
Ba\'a (^Baueusei hat den Herrn Depons sehr irre geführt. 
Er hält dies Reptil für einen Fisch unserer Meere , den 
Blennius pholis. (Vojage ä \a Terre-Fermc, Tom. I» 
p. 142) 

**> Cuuier, Regne animal y »817, Tom. II, p. a6, 37. 



n a p i l e l XFL iSj 

das auffallende Verhälliiifs, demzufolge vyeder der See 
von Valencia, noch das ganze System der Ideinen Flüsse, 
die sich in denselben ergiei'sen , grofse Caymans be- 
sitzen, obgleich dies gelährliche Thier, wenige Meilen 
entfernt, in den Gewässern, die tlieils in den Apure und 
ürenoko, theils unmittelbar in's Antillen ■ Meer aus- 
fliefsen, zwischen Porto - Cabello und La Guayra in 
Menge vorkommt. 

Auf den Inseln, welche sich gleich Bollwerken 
mitten aus dem Wasser erheben, und überall, w^o der 
Felsengrund des Sees dem Auge siclitbar ist, habe ich 
eine gleichfürmig'e Richtung*) der Gneifsschichten wahr- 
genommen. Diese Hichtung ist ungeftihr diejenige der 
auf der Nord- und Süd- Seite des Sees stehenden Berg- 
ketten. In den Hügeln von Cabo-Blanco tritft man mit 
ten unter dem Gneiis eckige Massen von einem undurch- 
sichtii^en Quarz, welcher, kaum an den Rändern durch-' 
scheinend, in grauer und dunkelschwarzer Farbenschat- 
tirung wechselt. Er geht theils in Hornstein, theils in 
Kieselscliiefer (Jaspe schistoide) ubei\ Ich glaube nicht, 
dafs er einen Gang bildet. Das Seevvasser **) löst den 
Gneifs durch Zerfressung auf eine ganz aufserordent- 
liche Art auf. Ich habe durchlücherte, fast zellenartige, 
in Gestalt von Blumenkohl zerj;heilte , und auf gan?, 



*) Richtung des Gesteins, St. 5-4 nord-westl. Senl<ung. Die 
Küstenberge und die der Villa de Cura nehmen ihre Rich- 
tung von VV.S. VV. nacl) O. IN.O. 

**) Das Seevvasser ist nicht salzig, wie man in Caracas behanp» 
tet. Man kann es undurchseihl trinken. Verdünstet hieibt 
ein geringer Bodensatz von kohlensaurem Kalk und viel- 
leichl etwas saurer Pottasche zurück. Es Lefremdet sogar, 
dafs ein Binnensee nicht reicher an alcalinischen oder er« 
digien, dem ansloisenden Erdreich entzogenen Saiaen ist. 
PaileVy in d»n Irans. ^ ijib. p. 293. 



i38 B u c h V. 

dichtem Gnolfs festsitzende Stücke gefunden. Vielleicht 
hört die Wirkung' mit dem VA'ellenschlag und der Wech- 
selberührung von Luft und Wasser auf. 

Die Insel Chambery ist um ihrer Höhe willen be- 
merkenswerth. Sie wird durch einen Gneifsfelsen ge- 
bildet, dessen zwey Spitzen sattelförmig vereint und. 
200 Fufs über die W^asserfläche erhöht sind. Der Ab- 
bang des Felsens ist unfruchtbar, und nur einige Stäm- 
me der Clusia mit grofsen weifsen Blumen finden eine 
l<ümmerliche Nahrung auf ihm; hingegen ist die Aus- 
sicht über den See und den reichen Anbau der nahen 
Thäler Hngemein schön. Sie wird vollends entzückend, 
wenn des Abend«, nach Sonnenuntergang, viele Tausend 
Wasservögel, Keiher, Flamingos und wilde Enten nach 
den Inseln fliegen, auf denen sie die Nacht zubringen, 
und wenn der breite Gürtel der den Horizont begren- 
zenden Berge mit Feuer gleichsam bedeckt i*t. Die 
Lian<le?einwohner lassen, wie wir schon früher melde- 
ten, die dürren Weiden abbrennen, um ein frischeres 
und feineres Gras zu erhalten. Der Graswuchs ist auf 
den Berggipfeln am kräftigsten, und diese ausgedehnten 
Feuerbrände, welche oft bey lausend Toisen Länge ha- 
ben, erscheinen wie Lavaströme, die von der Berggräte 
uberfliefsen. Wenn man an einem dieser schönen Aben- 
de der Tropenländer am Seeufer ruht, um die milde 
Kühle der Luft zu geniefsen, so ist der Wiederschein 
der den Hoiüzont beleuchtenden röthlichen Flammen, 
in den an's Ufer schlagenden W eilen, ein ergötzlicher 
Anblick. 

Unter den Pflanzen , welche die Felsen - Eilande 
des Valencia -Sees erzeugen, fanden sich mehrere, die 
man ihnen eigenthümlich glaubt, weil sie bis dahin nir- 
gend anderswo entdeckt wurden. Es gehören dahin 
die See - Papayers (papayers du lac^ und die To- 



Kapitel XVI. 135 

mates *) der Insel Cura, Diese letztem sind A'on un- 
serni Solanum lycopersicum verschieden. Sie liahen 
eine runde, kleine, aber sehr schmackhafte Frucht; 
man pflanzt sie gegenwärtig in Vittoria, Psueva Valen- 
cia und überall in den Thälern von Aragua. Auch der 
Melonenbaum (^Papaya de In lagnnay wächst häufig 
auf der Insel Cura und auf Cabo-lilanco, Sein Stamm 
ist schlanker als derjenige des gemeinen Papayers (Ga- 
rica Papayaj, seine Frucht aber ist um die Hälfte klei- 
ner und völlig rund, oline vorstehende Rippen; ihr 
Durchmesser beträgt 4 bis 5 Zoll. Beym Durchschnei- 
den findet man sie voll Saanien, ohne jene leeren Zwi- 
schenräume, die der gemeine Melonenbaum allezeit dar- 
bietet. Der Geschmack der Frucht, die ich öfters ge- 
nossen habe, ist ausnelimend süfs"*); ich weifs nicht, 
ob die Pflanze eine Spielart der von Jacquin beschrie- 
henen Carica microcarpa ist. 

Die Nachbarschaft des Sees wird nur im Zeitpunct 
der grpfsen Trockne ungesund, wenn die Wasser bey 
ihrem Rückzug ein schlammigtes, der Sonnenhitze aus- 
gesetztes Erdreich hinterlassen. Die von Büechen der 
Coccoloba barbadensis beschatteten, mit prachtvollen 
Liliengewächsen ***) geschmückten Gestade erinnern, 
durch die Haltung der Wasserpflanzen, an die Sumpf- 
gestade unserer europäischen Seen. Man findet hier 



*} Die Tomates werden, n<^list der Papaya du Inc., im Pilan- 
zengarten zu Berlin gezogen , dem ich ihre Saamen sandte. 
Hr. Willdenow liat dieses Naclilschattengewächs, unter dem 
INamen Solanum Humboldtii , im Hortus Berolinensis, p. 27, 
tab. 27. beschrieben. 

**) Man schreibt ihnen stopfende Eigenschaften zu; das Volk 
nennt sie Tapaculo. 

***) Pancratium undulatum ^ Amaryllis nen^osa. Siehe unsere 
Noi-, Gen., Tom. 1. p. 378. 



140 Buch f\ 

den Wasserlncl< (Potamogeton), den Armlcuchler rClia- 
ra) und drey Fufs holie TeichKolben (ISIasselh'S), die 
man gar leicht mit der Typlia ani>ustifolia unsrer Süm- 
pfe verwechseln l^unnte. Erst nach joriifällii'or Lnter- 
siichung erkennt man diese Pflanzen für verschiedene, 
dem neuen Festland eigenthümiiche Arten *). . Wie 
viele Pflanzen der Magellanscheu Strafse, von Chili und 
von den Quito-Cordilleren sind vormals, um ihrer Aehn- 
lichkeit willen, mit den Pflanzen der gemäfsigten nürd- 
lic/jen Zone verwechselt worden! 

Die Bewohner iler Tiiäler von Aragua fragen öf- 
ters, warum das mittägliche Seeufer, vorzüglich sein 
südwestlicher 1 heil gegen Las Aguacatas hin , über- 
haupt mehr Schatten und ein frischeres Grün als das 
nördliche Ufer besitzt? Im Monat Hornung sahen wir 
viele entblätterte Bäume nahe bey der Hacienda do Cu- 
ra, in Mocundo und Guacara, w<ährend süd -ostwärts 
von Valencia schon Alles die nahe Regenzeit verkündig- 
te. Ich stelle mir vor, es mögen in der ersten Ahthei- 
lung des Jahrs, wo die Sonne südliche Senkung hat, 
die Hügel in der Nähe von Valencia, Guacara und Cura 
von der Sonnenhitze verbrannt werden , während das 
iniltägliche Ufer, mit der Brise, sobald sie durch ^4bra 
de Porto Cahello in's Thal eintritt, eine Luft empfängt, 
die über den See w^egstrich und mit feuchten Dünsten 
erfüllt ist. An diesem mittäglichen Gestade linden sich 
auch, nahe bey Guaruto, die schönsten Tabakpflan- 
zungen der ganzen Provinz. INIaa unterscheidet sie 
durch die Namen von primera , segnnda oder tercera 
Jundacion. Dem drückenden Monopol der Pacht zu- 
folge, dessen wir bey Anlafs der Beschreibung der Stadt 



*) Po'amogefon tenulfol'mm ^ Chara comp . ta, Typha tenui- 
Jolia. A. a. O. Tom. I, p. ^5 — 85, und 370. 



Kapitel XVI. 141 

Cumanacoa geJacht liabeu-)^ dürfen die Bewohner der 
Provinz Caracas den Tabak nur in den Thälein von 
Araiiua C^^u Guaruto und zu Tapatapa) und in den 
l^lanos, in der jNähe von Uritucu^ plianzen. Der Erlös 
davon steigt auf fünf- bis sechsiiundert Tausend Piasler 
an j aber die Regie - V^erwallung ist so ungeheuer kost- 
bar, dafs sie jährlich nahe an 230,000 Piasler eriieischt. 
Die General - Kapitansciiaft von Caracas könnte, ver- 
möge ihrer Gröfse und ihres vortretflichen Bodens, eben 
so gut wie die Insel Cuba, alle europäischen Märkte ver- 
sorgen 5 in ihren gegenwärtigen Veriiältnissen aber be- 
zieht sie durch bchleichhandel den brasilianischen Ta- 
hak auf dem Rio iNegro, d>iin Cassiquiare und dem Ore- 
noko, und den Tabak der Provinz Pore auf dem Ca- 
sanarc, dem Ariporo und dem Hio Meta. Dies sind die 
A^erderblichen Folgen eines verbietenden Systems, das 
die Forlschritte der Landwirthschaft hemmt, die INa- 
tur-Erzeugnisse mindert und yergeblicli darnach strebt, 
Landschaften zu vereinzeln, die von gemeinsamen Flüs- 
sen durchzoi^en sind und deren Grenzen sich in un- 
bewohnte Räume verlieren. 

Unter den sich in den Valencia -See ergiefsenden 
Gewässern giebt es solche, die aus Thermalquellen her- 
kommen, und eine besondere Aufmerksamkeit verdie- 
nen. Diese (Quellen entspringen auf drey Puncten der 
Granit- Cordillere der Fiüsten : nahe bey Onoto, zwi- 
schen Turmero und IVIaracay ; nahe bey Mariara, nord- 
ostuärts von der Hacienda de Cura, und in der Nähe 
von Las Trincheras, am Wege von JNueva Valencia nach 
Porto Cabello. Es war mir nur möglich, die physischen 
und geologischen Verhältnisse der warmen Wasser von 
Mariara und Las Trincheras mit gehöriger Sorgfalt zu 



*) Th. JI. Kap. 6. 5. 49- 



142 Buch f^. 

untersuchen. Steigt man den kleinen Flufs Cura gegen 
seine Quelle an, so sieht man, wie die Berge von Ma- 
riara ins flache Land hervortreten, in Gestalt eines aus- 
gedehnten Ampliitheaters, das aus senkrecht ahiieschnit- 
tenen, in ge/ähnte Hürner auslaufenden Felsmassen be- 
steht. Das IViittelstück des Amphitheaters führt den selt- 
samen Namen der Teufels JMauer oder Eche (liiiicon 
del Diablo^. Von den zwey Seiten Vorsprüngen wird 
der östliche El Chapavro , der westliche Lios f'iruelas 
genannt. Diese Trümmer-Felsen beherrschen das flache 
L<and. Sie bestehen aus grohkürnigtem , beynalie por- 
phyrartigem Granit, dessen weilsgelblichte Feldspath- 
Krystallen über anderthalb Zoll lang sind. Der nur 
selten darin vorkommende Glimmer hat einen schönen 
Silberglanz. Man kann nichts Malerischeres und Im- 
posanteres sehen, als diese zur Hälfte mit Vegetation 
bedeckte Berggruppe. Der Pic vonC^lavera, welcher 
die Teufels- IManer mit dem Chaparro vereint, ist aus 
grofser Entfernung sichtbar. Sein Granit wird durch 
senkrechte Spalten in prismatische Massen getrennt. Es 
sieht aus, als stünden Basaltsäulen über dem Urgestein. 
Zur Hegenzeit stürzt sich eine beträchtliche Wasser- 
masse als Cascade von den jähen Abhängen herunter. 
Die ostwärts an die Teufels-JManer anstehenden Berge 
sind lange nicht so hoch, und enthalten, gleich dem Voi- 
gebirg Cabrera und den abgesonderten Hügeln auf der 
Ebene, Gneifs und granathaltigen Glimmerschiefer. 

in diesen minder hohen Bergen, zwey bis drey Mei- 
len nordöstlich von Mariara, bffindet sich :lie Schlucht 
der heifsen Wasserquellen, Qncbrada de aguas colien- 
tes. Die hichtung dieser Schlucht ist N. ^5° W., und 
es enthält dleselhe mehrere kleine Becken, wovon die 
zvvev oberen, welche mit einander in keiner V^erbindung 
stehen, nur 8 Zoll, die drey untern hingegen 2 bis 3 Fufs 



Kapitel XVl. 143 

Durchmesser haben. Ihre Tiefe ist verschieden von 
3 bis i5 Zoll. Die Temperatur dieser verschiedenen 
Trichter Cpozos^ beträgt 36 bis 69 Centesiinal-Grade^ 
undj was sehr bemerkensvverth ist, die unteren Trichter 
sind wärmer als die oberen, obgleich der Gesammt- 
Unterschied ihres JNiveau niclit über 7 bis 8 Zoll be- 
trägt. Die warmen Wasser fliefsen zusammen und bil- 
den einen Bach (Kio de aguas calientes), welcher, dreys- 
sig Fufs tiefer, nur 48° Wärme hat. Zur Zeit der gros- 
sen Trockenheit (es war dies der Zeitpunct '''}, wo wir 
die Schlucht besuchten) hat die Gesammtmasse der Mi- 
neralwasser einen Durchschnitt von nicht mehr als 26 
Geviert/.oll. 'In der Regenzeit vernjehrt sich dieselbe 
beträchtlich. Der Bach wird alsdann zum Bergstrom, 
und seine Wärme vermindert sich; denn es scheint, dafs 
die warmen Quellen selbst nur unmerklichem Wechsel 
unterworfen sind. Diese sämmtlichen Quellen enthal- 
ten eine geringe Menge von gescliwefeltem Wasserstoft- 
gas **). Der demselben eigenthümliche Geruch fauler 
Eyer wird nur zunächst bey den Quellen verspürt. In 
einer einzigen Quelle, deren Temperatur auf 56° an- 
steigt, zeigt sich eine Entwicklung von Luftblasen in 
ziemlich regelmäfsigen Zeiträumen von 2 zu 3 Minuten. 
Ich habe bemerkt, dafs diese Blasen stets von den glei- 
chen Puncten ausgehen, deren vier sind, und dafs durch 
Umrühren des Beckengrunds mit einem Stock keine 
Aenderung der Stellen, aus denen das geschwefelte Gas 
hervorkommt, erzielt ward. Es treffen dieselben ohne 



*) Den 18. Hornung 1800. Der geographische Atlas liefert 
die Charle der Gegend von Mariara , die ich wührend 
meines Aufenthalts in der Hacienda de Cura gezeichnet 
habe. 

**) Acide hydro • «ulfuri({ue. 



144 Buch F. 

Zweifel mit eben so viel üeiVnungen oder Spalten im 
Gneifs zusammen: auch ist es der Fall, dafs^ wenn die 
Luftblasen auf einer der Oell'nungen ersclieiisen , der 
Gasausflufs unmittelbar nachher bcy dfen drey übrigen 
bemerkt ward. Zum Entzünden konnte ich weder die 
kleinen, sich auf der Oberriäche der 'I hennahvasser 
verflüchtigenden Gasmengen noch diejenigen bringen, 
welche ich in einer Fla-che über den (Quellen san)mel- 
te, wobey mich eine Uebelkeit befiel, die wahrschein- 
lich weniger Wirkung des Gasgeruchs, als der über- 
mäfslgen Hitze, die in dieser Schlucht herrsclite, ge- 
wesen ist. Findet sich dem geschwefelten Wasserstoft' 
viele kohlensaure oder atmosphärische Luft beyge- 
mi-cht? Ich zweifle am Daseyn der erstem dieser Mi- 
schungen, die sonst in Thermalwassern C'/u Aachen, 
in Enghien, und in Barege) sehr gewühnlich ist. Das 
in der Höhre eines Fonlnno'schen Eudiometers gesani- 
melte Gas war lange Zeit mit Wasser geschüttelt wor- 
den. Die lileinen Becken sind mit einem leichten Schwe- 
felhäutchen überzogen, welches sich durch das lang- 
same Verbrennen des geschwefelten Wasserstoffs beym 
Zusammentreffen oder der Berührung mit dem Sauer- 
stoff der Atmosphäre bildet. Einige den Quellen zu- 
nächst stehende Pflanzen waren n)it Schwefel üherzo- 
gen. Von diesem Niederschlag zeigt sich bovnahe gar 
nichts, wenn man das Wasser von Mariara in einem 
offnen Gefäfs erkalten läfst, vermuthlich weil die Menge 
des freygewordenen Gases höchst gering ist und sich 
nicht erneuert. Das kalt gewordene Wasser schliigi die 
Auflösung des Kupfersalpefers nicht nieder ; dasselbe 
hat keinen Geschmack und ist völlig trinkbar. Wofern 
es einige salz.igte Bestandthelle enthält, zum Beyspiel 
schwefelsaure Soda oder Magnesie, so mufs ihr Betrag 
äuiserst klein seyn. Wir waren fast mit gar keinen Rea- 

gentien 



Kapitel XVI. 145 

arnlien versehen '"\); und mufsten uns demnach hegnü- 
gerij 7,uey Flachen an der Quelle zu füllen, und die- 
selben, in Beg'eit der nährenden Milch des sogenannten 
Kuhbaunis (/ «c«)^ üher Porto Oahello und Havanna, 
den Herren Fourcroy und Vauquelin zu senden. Dies» 
Reinheit der warmen Wasser, die unniitleljjar aus den 
Granilbergen hervorkommen, ist eine dei; merkwürdig- 
sten Erscheinungen beyder Festlande '""■■'). Wie soll man 
sich den Ursprung des geschwefelten WasserstoiTgases 
erl'.lären? Es karm nicht aus der Zersetzung der Eisen- 
sulfüre oder Scliwefelkies - Lager herliommen. Sollte 
es von den Sulfüren des (calcium, des Magnesium, oder 
anderer erdigten Metalloide herrühren, welche das In- 
nere unsers Planeten unterhalb seiner lelsigten und oxy- 
dirten Kinde enthält? 

In der Schlucht der warmen Quellen des Mariai'a, 
zwischen den kleinen Trichtern, deren Temperatur von 
56° auf 59° ansteigt, wachsen zwey Wasserpflanzen ; die 
eine ist hautig und enthält Luftblasen, die andere Le- 
steht aus parallelen Fibern *^'*^. Die erste ist derUlva 



*) Eine kleine Büchse, welche essigsaures Bley, salpctersaures 
Silber, Alcohol, hiaugesauerte Poltasche u. s. w. enthält, 
war aus Versehen in Ciimana zuriickgeLliehcn. Icli iiefs 
das Wasser von Mariara ahdünsten 5 es hlieb nur ein sehr 
kleiner Piücksland übrig. Mit Salpetersäure digerirt, schien 
dieser Piückstand nur Kieselerde und einen Exlractiv-Pllanzen- 
slofl' 7.U enthalten. 

**) Auf dem alten Pestland finden sich eben so reine warme 

Quellen, die aus Granit hervorkommen, in Portugal und 

in Cantal. Die Pisciarelli des Agnano-Sees in Italien haben 

eine Wärme von gj Centesimalgraden. Sind diese reinen 

'Wasser verdichtete Dünste? 

***) Conferua? fibrosa, laete viridis^ Jibris parallelis, in- 
divisisy apicem versus attenuatis. 

Alex. V. Humboldts hist. Reisen, llh 10 



146 Buch F. 

labyrinthiformis de« Vandelli sehr ähnlich , welche in 
den europäischen Thermalwassern angetrofl'en wird. Auf 
der Insel Amsterdam fand Hr. Barrow *) Büschel des 
Lycopodium und der Marchantia an Stellen^ wo die 
Wärme des Bodens noch gar viel gröfser war. So 
stellt sich die Wirkung- eines habituellen Sliiniilus auf 
die Organe der Pflanzen dar. Die Wasser des Mariara 
enthalten keine Wasser-Insecten. Man trifft Frösche in 
denselben; die^ von Schlangen verfolgt, in die Trichter 
sprangen und darin umkamen. 

Südwärts der Schlucht, in der Ebene , die sich ge- 
gen das Seegestade avisdehnt, befindet sich eine andere 
Schwefel-Wasserquelle, die nicht so warm ist imd we- 
niger Gas enthält. Die Kluft, aus der das Wasser her- 
vorgeht, steht sechs Toisen höher, als die eben be- 
schriebenen Trichter. Der Wärmemesser stieg darin 
nicht über 42°. Die Gewässer fliefsen in einem, von 
hohen Bäumen umgebenen, fast kreisförn)igen , i5 bis 
18 Fufs im Durchmesser haltenden und 3 Fufs tiefen 
Becken zusammen. In dieses Bad werfen sich die un- 
glücklichen Sclaven, wenn sie am Abend, mit Staub 
bedeckt, ihr Tagwerk auf den benachbarten Ipdigo- und 
Zuckerrohr - Feldern vollendet haben. Obgleich dies 
ß«/i7*o-Wasser gewöhnlich um 12 bis 14 Grade wärmer 
ist, als die Luft, so wird es doch von den Negern küh- 
lend genennt, weil unter der heifsen Zone dies Wort 
für alles gebraucht wird, was die Kräfte herstellt, den 
Nei'venreiz mildert, oder ein Gefühl von Wohlbehagen 
verursacht. Wir liefsen unsere Hängmatten an die Bäu- 
me befestigen, welche das Wasseibeckcn beschatten, 
und verweilten einen ganzen Tag 4n dem lieblichen und 
Pflanzenreichen Ort. In der Nähe des baniio de ]\Ia- 



*) Voysg« to Cochincbina, p. »45. 



Kapitel XFL 147 

riarrt trafen u ir den Volador otlor Gyrocarpus. Die 
geÜiigolten Früchte dieses hohen Baums drehen sich wie 
Federbälle , wenn sie sich vom Fruchtstiele trennen. 
Beym Schütteln der Aesle des Volador gewährte die 
Menge gh'ichzeitig niederlallender Früchte einen ganz 
aufserordentlichen Anblick. Die zwey häutigen und 
gestreiften Flügel sind also umgebogen ;, dafs sie im 
Niederfallen den Kindruck der Luft unter einem Win- 
kel von 45° empfangen. Glücklicher Weise hatten die 
FrüchtP; welche wir sammelten^ ihre Reife erreicht. 
AVir sandten davon nach Europa, wo sie in den Gärten 
von Berlin, Paris und Malmaison gekeinjt haben. Die 
zahlreichen Stämme des Jolador , welche gegenwärtig 
in den Treibhäusern vorkommen, stammen alle von dem 
einzigen Baum dieser Gattung ab, welcher in der JNähe 
von Mariara steht. Die geographische Vertheilung der 
verschiedenen Arten des Gyrocaipus, den Hr. Brown 
für eine Laurinee hält, ist sehr sonderbar. Jacquin 
fand eine Art desselben nahe bey Carthagena in Indien*^. 
Es ist dies eben die, welche wir in Mexico nahe bsy 
Zximpango, auf dem \Ye^ von Acapulco nach der Haupt- 
stadt antrafen **). Eine andere Art, die auf dem Ge- 
birge von Coromandel wächst ***), hat Koxburgh be- 



*) Jacq. Hist. americ, t. 178, f. 80. Es ist der Gjrocarpus 
Jacquini von Gärtner (De Fruct. t. 97, Tom. II, p. 92), 
oder Gyrocarpus americanus, Willd. 

**) Die Landeseinwoliner nannten ihn , in Mexico , Quitla- 
coctli. Ich sah junye Biälter, welche 5 und 5 Lappen hat- 
ten : die erwachsenen Biälter sind herzförmig und haben 
beständig drey Lappen. Blühend haben wir den Volador 
nie angetrofl'en. Die Herren Sesse und Mocinno besitzen 
Zeichnungen davon. 

*■**) Roxb. Corom. 1, pl. l. 1. Es ist der Gyrocarpus asi«- 
ticus, WilJd. 



148 Buch P\ 

schineben : die dritte und viei'te *^ wachsen in der süd- 
lichen Halbkugel, an den Küsten von Neu-Holland. 

Als wir uns, Leym Aussteigen vom Bade, halb in 
ein Tucli gehüllt, nach Landessitte an der Sonne trock- 
neten, näherte sich ein kleiner Mann von mulatlischer 
Herkunft, welcher, nach feycrlicher Begrüfsung, in 
einer umständlichen Rede uns von den Kräften des Was- 
sers von Mariara, von der Menge der Kranken, die 
solches seil einigen Jahren besuchen, von der günstigen 
Lage der Quellen zwischen zwey Städten, Valencia und 
Caracas, in denen die Sittenlosigkeit stets überhand neh- 
me, unterhielt. Er wies uns seine Wohnung, eine klei- 
ne, mit Palmblättern gedeckte Hütte, die auf einem nahe 
gelegenen umzäunten Räume am Ufer eines, mit dem 
Bade zusammenhängenden Flusses stund. Er versicher- 
te, wir würden daselbst alle Bequemlichkeiten des Le- 
bens finden, Nägel zum Aufbängen unsrer Hängemat- 
ten, Ochsenhäute, um auf Rohrbänken zu ruhen, ir- 
dene, allzeit mit frischem Wasser gefüllte Gefäfse und, 
was nach dem Bad am wohlthätigsten wäre, jene gros- 
sen Eidechsen, Igiianas. deren Fleisch als eine kühlende 
Speise bekaiuit ist. Wir schlössen aus der langen Rede, 
dafs der gute Mann uns für Kranke hielt, die bey der 
Quelle einen Aufenthalt zu machen gedächten. Seine 
Rathschläge und seine gastfreundlichen Anerbictungen 
waren nicht ganz uneigennützig. Er nannte sich den 
Aufseher der Gewässer und den pnlpero **) des Orts. 
Auch war seine zuvorkommende Aufmerksamkeit zu 
Ende, sobald er inne ward, dafs wir nur aus Neu- 



*) G. splienopterus und G. rugosus. (Brovii Prodr. T. f, 

p. 4050 
**) Eigentluiiner einer pulperia oder kleinen Krambude, vroriu 

Efswaaren und Getränke verkauft werden. 



Kapitel Xri. 149 

gierde gekommen seyen , oder, wie man sicli in den 
Colonien;, die das Land des Müssiggangs sind^ aus- 
drückt, para ver, no mas, ,.,um zu schauen und weiter 
nichts/^ 

Die Wasser von Mariara werdem mit Erfolg gegen 
rheumatische Geschwülste, alle Geschwüre und jene 
schreckliche Hautkrankheit angewandt, welche bubas 
heifst, und nicht immer siphylitischen Ursprungs ist. 
Da die Quellen nur wenigen geschwefelten \'\ asserstofF 
enthalten, so mufs man sich nahe an der Stelle, wo sie 
hervorkommen, baden. Weiterhin wird das nämliche 
Wasser zum Bewässern der Indigo -Felder gebraucht. 
Der reiche Eigenthümer von Mariara, Don Domingo 
Tovar, gieng damit um, ein ßadhaus zu erbauen, und 
eine Einrichtung zu treffen, welche wohlhabenden Leu- 
ten etwas mehr Bequemlichkeit gewähren könnte, als 
Eidechsenfleisch zur Speise, und über eine Kohrbank 
ausgebreitete Ochsenhäute zum Ausruhen. 

Am 21. Hornung Abends reisten wir von der schö- 
nen Hacienda de Curana.c\\ Guacara und Nueva Valen- 
cia ab. Um der aufserordenllichen Tageshitze willen 
zogen wir das Nachtreisen vor. Wir kamen durch den 
Weiler von Punto Zamuro, am Fufs der hphen Berge 
der Las Viruelas. Der Weg ist von grofsen Zamang- 
oder Mimosen -Bäumen eingefafst, deren Stämme bey 
60 Fufs Höhe haben. Die fast wagerechten Aeste der- 
selben erreichen einander auf mehr als i5o Fufs Entfer- 
nung. Ich habe nirgendwo ein schöneres und dichteres 
grünes Gewölbe angetroffen. Die Nacht war finster. 
Die Teiifels-Maner und ihre gezähnten Felsen stellten 
sich unterweilen von ferne dar, entweder vom Brande 
der Savanen erleuchtet, oder Von röthlichem Rauch ein- 
gehüllt. Hier, wo das Gesträuch am dichtesten war, 
schreckte das Geschrey eines Thieres, welches uns in 



l5o Buch P^. 

der Nähe zu folgen schien. Es war ein grolser Tiger, 
der seit tlrey Jahren dies Gebirge durchstrich. Er war 
den Nachstellungen der kühnsten Jäger allezeit entgan- 
gen ; er rauhte Pferde und Maulthiere, auch aus um- 
zäunten Käunien ; weil es ihm aber an Nahrang nicht 
fehlte, so halte er Menschen noch nie angefallen. Der 
Neger, welcher uns begleitete, erhob ein wildes Ge- 
schrey, wodurch er den lig,er zu schrecken glaubte, 
das Mittel blieb natürlicli ohne Erfolg. Der Jaguar, 
wie der europäische Wolf, folgt den Wanderern, wenn 
er sie auch nicht angreifen will; der Wolf thut es in 
freyem Feld und im ofi'enen Lande ; der Jaguar folgt 
der Ötrafse seitwärts, und zeigt sich nur von Zeit zu Zeit 
im Gebüsche. 

Den 23sten verweilten wir im Hause des Marquis 
del Toro, im Dorfe Guacara, einer sehr ansehnlichen 
indianischen Gemeine. Die Eingebornen, deren Cor- 
regidor, Don Pedro Pennaiver, ein Mann von ausge- 
zeichneter Geistesbildung, war, geniefsen einigen W ohl- 
sland. Sie halten eben in der Audiencia einen Procefs 
gewonnen, der ihnen den Besitz von Ländereyen wie- 
der einräumte, deren Eigenthum die Weifsen anges^pro- 
chen hatten. Eine Carolinea-Allee führt von Guacara 
nach Mocundo. Ich sah hier zum erstenmal dies pracht- 
volle Gewächs im Freyen, das unter die ersten Zierden 
der grofsen Treibhäuser von Schönbrunn gehört '••'). 
Mocundo ist eine reiche Zuckerrohr - Pflan/.ung, die 
der Familie von Toro angehört. Man triilt da, was in 



*) Alle Stämme der Carolinca princeps in Schönbrunn sind 
aus Saamen gezogen, welclic die Herren Hose und Brede- 
meyer von einem einzigen Baume von ausnehmender Grölse, 
in der ISähe von Chacao, obhvärts von Caracas gesammelt 
hatten. 



Kapitel XVL i5i 

diesem Lande selten ist, sogar auch „den Luxus der 
Agricuitur" an, einen Gai'tcn, künstliche Gehölze und 
am Gestade, auf einem Gneifsfelsen *), ein Lusthäus- 
chen mit einem JMirador odei' ßelvedere. Man ge- 
niel'st hier einer herrlichen Aussicht üher den nörd- 
lichen Theil des Sees, über die umstehenden Berge und 
üher einen Wald von Palmbäumen, welcher Guacara 
von der Stadt Nueva Valencia trennt. Die Zuckerrohr- 
felder gleichen durch das zarte Grün der jungen Hohre 
einem ausgedehnten Wiesengrund. Alles verkündigt 
Ueberflufs, aber es ist dieser auf Unkosten der Freyheit 
der Landbauer erworben. In Mocundo werden mit 
280 Negern 77 tablones oder Rohrfelder (^pieces de 
Cannes^ angebaut, deren jedes lo^ooo Geviert- Vares **) 
hält und einen jährlichen reinen Ertrag von 200 bis 240 
Piastern abwirft. Das creolische und das otaheitische 
Zuckerrohr ***) werden im Monat April gepflanzt, das 
erstere^zu 4, das zweyte zu 5 Fufs Abstand. Das Rohr 
erreicht nach 14 Monaten seine Reife. Es blüht im üc- 
tober, wenn die Pflanze ki'äftig ist; man schneidet aber 
die Spitze ab, ehe die Rispe sich entvvickelt. In allen 
Monocotyledoneen (der in Mexico zu Gewinnung des 
Marks gepflanzte Maguey, die Weinpalme und das Zu- 
ckerrohr) erleiden die Säfte durch die Blüthe Verände- 
rung. Die Gewinnung des Zuckers (la cuite et le ter- 



**3 Riclitung der Gneifslager, St. 3 — 4. Incl. 80° siitl-ösll. 

**) Ein Tablonzz. 1819 Geviert-Toisen, begreift ungefähr 1 i Mor- 
gen; indem ein gesetzlicher Morgen i3/J4 Gev.-T. hat, und 
1, 95 gesetzl. Morgen einen Hectare ausmacht. 

***) Auf der Insel Palma, wo unter 29° der Breite das Zucker- 
rohr, der Angabe des Hrn. v. Buch zufolge, bis auf 140 
Toisen Höhe über der Fläche des atlantischen Meers an- 
gebaut wird, erheisclit das otaheitische melu* Wärme als das 

. creolische Piohn 



102 



Buch F. 



rage) ist auf der Terra -Ferma selir mangelhaft, weil 
man nur für den inneren Verbrauch fabricirt, und, für 
den Ab- alz im Grofsen, den pape/on den» rafHnirten 
sowohl als dem rohen Zucker vorzieht. Dieser papelon 
ist ein unreiner Zuckei-, von gelbbrauner Farbe, in ganz 
kleinen Hüten, Er ist mit Melasse und schleimichten 
Materien vermischt. Die ärmsten Leute speisen pa- 
pelon, wie man in Europa Käse ist. Man hält ihn all- 
gemein für nährend. Durch Gährung mit Wasser er- 
hält man den Giiaropo daraus, das LieJ-Iingsgetränk des 
Volks. Zum Auslaugen des Hohrsafts bedi»Mit man sich 
iii der Provinz Caracas, statt des Kalks, der gereinigten 
Poltasche. Vorzugsweise wählt man die Asche vom Bii- 
care , der die Erythrina Corallodendron ist. 

Wur spät erst, wahrscheinlich gegen dem Ende 
des sechszehnten Jahrhunderts, ist das Zuckerrohr von 
den Antillen -Eilanden in die Thäler von Aragua ver- 
pflanzt worden. Es war dasselbe in Indien, in China 
und auf allen Inseln des stillen Uceans von den ältesten 
Zeiten her bekannt; in Persien und im Chorasam ist es 
seit dem fünften Jahi'hundert unsrer Zeitrechnung, zur 
Gewinnung des harten Zuckers ")^ angebaut worden. 
Die Araber haben das, den Bewohnern warmer und 
gemäfsigter Himmelsstriche so nützliche, Kohrgewächs 
an die Küsten des Mittelmeers vei'pÜanzt. Im Jahr i3o6 
war sein Anbau in 8icilien noch unbekannt, während 
er hingegen auf der Insel Cypern, auf Hhodis und in 
Morea ""') sich schon beträchtlich verbreitet hatte; 



*) Siehe meine Unlersuchungen über den Zucker und den ta- 
basheer ^ dessen indischer IName auf den Zucker übergieng, 
in den Nov. Gen. et Species , Tom. I, p. 24 j. 

**) Zufolge dtr unler dem IVanien von Bongars, Gesta Dci 
pur Francos^ bekannten Sammlung ^Sprenge/, Geschichte der 



Kapitel XVL i53 

hundert Jahre später kamen Calahrien;, Sicilien und die 
Küsten von Spanien in den Besitz desselben. Der Infant 
Heinrich verpflanzte das Zuckerrohr aus Sicilien nach 
IVladeira*)^ von Madeira gieng es auf die (>anarischen 
Inseln über, denen es bis dahin völlig fremd geblieben 
war j denn die Feriilo? des Juba ic/iiee expressce li- 
cjuorem Jnndiint poliii jncundvin') sind Euphorbien, 
das Tahayba dnlce , und keineswegs, wie neuerlich 
behauptet ward **'), Zuckerrohr. In Kurzem waren 
zwülf Zuckerpflanzungen Cmgenios de azucar") auf den 
Inseln Grofs- Canaria und Palma, und zwischen Adexe, 
Icod und Garachico, auf der Insel Teneriffa zu Stande 
gekommen. Man gebrauchte die Neger für ihren An- 
bau, und die INaclikommen derselben bewohnen jetzt 
noch die Grotten von Tiiaxana in Grofs -Canai-ia. Seit- 
dem das Zuckerrohr nach den Antillen verpflanzt ist, 
und die Neue Welt den Mais auf die u-lückseligfen Inseln 
(lies fortunees) übertrug, hat die Cultur dieses letzterem 
Grasgewächses auf Grofs-Canaria den Bau des Zucker- 
rohrs verdrängt. Gegenwärtig findet sich dieses nur 
noch auf der Insel Palma , in der Gegend von Argual 
und Tazacorte ***), wo es jährlich kaum tausend Centner 
Zucker erträgt. Das canarische Rohr, v/elches Aguilon 
nach St. Domingue gebracht hat, ward daselbst imGros- 



geogr. Entdeckungen., p. 186). Alexandri Benedict iy Opera 

med.y 1649; p- i5o. 
*) Ramusio, Tom. I, p. 106. 
**) Uelier den Ursprung des Rohrzuckers im Journ. de Phar- 

macie ^ 1816, p. 38/. Das Tabayba dulce ist, nach Hrn. 

V. Ruch, die Euphorbia balsamifera, deren Saft nicht ätzend 

und bitter ist, wie der des Cardoa oder der Euphorbia ca- 

nariensis. 
***) Bericht über die Zuckercultur auf den canarischen Inseln^ 

durch Hrn. Leopold v. Bush. (Handschrift.) 



i54 B u c li '/. 

sen seit i5i3 oder in den sechs bis sieben darauf folgen- 
den Jahren unter der Leitung der Mönche des h. Hiero- 
nynius angebaut *}. Gleich anfangs wurden die I\eger 
in diesen Pflanzungen gebraucht, und im Jahr i5i9 
ward der Regierung bereits schon vorgestellt, wie noch 
heutzutage geschieht, „dafs die Antillen verloren wären 
und üde bleiben niüfsten, wofern nicht alljährlich Sclaven 
von der Guinea-Küste dahin gebracht würden ^^'■•'_)." 

Es sind der Anbau sowohl als die Gewinnung des 
Zuckers seit einig-en Jahren auf der Terra -Firma be- 
deutend vervollkommnet worden ; und weil die Ge- 
setze auf Jamaica das Verfahren des Raffinirens nicht ge- 
statten, so glaubt man auf die Ausfuhr des geläuterten 
Zuckers durch den Schleichhandel nach den brittischen 
Colonien rechnen zu können. Indefs ist der Verbrauch 
in den Provini,en von Venezuela, in Papelon sowohl 
als in Rohzucker, für die Bereitung von Chocolat und 
Confituren (^dalces'y so ungeheuer, dafs bis dahin über- 
all keine Ausfuhr statt fand. Die schönsten Zuckerpflan- 
zungen befinden sich in den Thälern von Aragua und 
Tuy **'"'); in der Nähe von Pao de Zarate, zwischen 
Vittoria und San Sebastian *^^**)5 in der Gegend von 
Quatire, Guarenas und Caurimare f). Wenn die ersten 
Zuckerrohre von den Canarischen Inseln nach der Neuen 
Welt gebracht wurden, so sind es überhaupt auch Ca- 



*) Herera^ Dec. 2, 1. 3, c. 14. Vergl. meinen Essai poIU. 

sur la Noiii>. Espagne^ Tom. 2, p. 425. 
**) Uerera^ Dec. 2, 1. 5, c. 5. 

***) Tapatapa, oder Trinidad, Cura, Mocundo, El Palmar. 
****) Zum Beyspiel die Hacienda de Santa Rosa, 
t) Preise, in den Thälern von Aragua : papelon, Hut von 2 \ Pf. 

Gewicht, \ real de plata oder ,'5 eines harten Piasters ; 1 PI*. 

r«oh7,ucl;cr , 1 real; 1 Pf. >Teifser Zucker, 1 bis \\ real. 



Kapitel Xn. i55 

narler oder Islengos , die noch heutzutage den grofsen 
Pflanzungen vorstehen, und die Arbeiten beym Anbau so- 
wohl als bey der Gesinnung und Läuterung des Zuckers 
leiten. 

Die nämliche genaue Verbindung mit den Cana- 
rischen In^elll und ihren Bewohnern hat auch die Ein- 
führung der Kanieele in die Provinzen von V^enezuela 
veranlafst. Der Marquis del Toro liefs drey derselben 
von Lar.cerota kommen. Die Kosten der Ueberfahrt 
waren sehr beträchtlich, theils um des haunjes willen, 
den diese Thiere auf Kauffahrtheyschiflfen einnehmen, 
theils wegen der grofsen Menge süfsen Wassers, wel- 
ches ihnen, bey der sie in einen leidenden Zustand ver- 
setzenden langen Reise, erforderlich wird. Das nämliche 
Kaineel, dessen Ankauf nur dreyfsig Piaster gekostet 
hatte, kam nach der Ankunft auf den Küsten von Ca- 
racas auf aclithundert bis neunhundert Piaster zu stehen. 
Wir sahen diese 1 hiere in Mocundoj von vieren waren 
drey bereits in America geboren. Zwey waren am Bifs 
des Coral y einer am tseeufer häufig vorkommenden gif- 
tigen Schlange, gestorben. Bis dahin hat man sich die- 
ser Kameele aus^chliefslich nur für den Transport des 
Zuckerrohrs auf die Mühlen bedient. Die männlichen 
Thiere, welche stärker als die weiblichen sind, tragen 
40 bis 5o arrobes. Ein reicher Gutsbesitzer in der Pro- 
vinz Varinas, durch das Beyspiel des Marquis del Toro 
aufgemuntert, hat eine Summe von i5,ooo Piaster be- 
stimnjt, um gleichzeitig 14 oder i5 Kameele von den 
Canarischen Inseln kommen zu lassen. Es sind diese 
Unternehmungen um so lobenswerther, weil man ge- 
sinnt ist, sich der Lastthiere für den Waarentransport 
durch die heifsen Ebenen von Casanare, von Apure und 
von Calahozo zu bedienen, die in der trockenen Ji»hrs- 
zeit den afiicanischen Wüsten gleichen. Ich habe schon 



i56 B u c h V. 

andersvYO *) die Bemerkung gemacht, wie wünsclibar 
es gewesen wäre, die Conqiiistadores hätten gleich zu 
Anfang des sechszehnten Jahihunderts America mit Ka- 
meelen versehen, wie sie ihm Hornvieh, Pferde und 
Maulthiere hrachten. Allenthalben, wo in unbewohn- 
ten Gegenden Wanderungen durch ausgedehnte Land- 
schaften geschehen müssen, überall, wo der Bau von 
Canälen unthunlich ist,'" weil sie allzuviele Schleufsen 
erfordern würden (wie in der Landenge von Panama, 
auf dem Plateau von Mexico, in den Wüsten, welche 
das Königreich Quito von Peru, und Peru von^ Chili 
trennen), wären Kamecle für die Erleichterung des in- 
neren Verkehrs buchst wichtig. Es befremdet um so 
mehr, dafs ihre Einführung nicht gleich im Anlang der 
Besitznahme des Landes durch die Regierung befördert 
ward, da doch lange nach der Einnahme von Granada 
die Kameele, für welclie die Mauren eine grofse Vor- 
liebe besafsen , im mittäglichen Spanien noch häufig 
vorkamen. Ein Biscaier, Juan de Reinaga, halte auf 
eigene Kosten etliche dieser Thiere nach Peru gebracht. 
Der Pater Acosta **) hat dieselben am Fufs der Anden 
gegen Ende des sechszehnten Jahrhunderts gesehen j 
weil sie aber nur schlechte Pflege hatten, so pflanzten 
sie sich auch wenig fort, und ihr Stamm gieng völlig 
aus. In jenen Zeiten der Bedrückung und des Unglüchs, 
welche als die Zeiten des spanischen Ruhmes geschildert 
worden sind, wurden den Reisenden von den Conunen- 
datiu-ien (^Encomenderos) die Indianer wie Laslthiere 
vermiethet. Sie wurden bey Hunderten gebraucht, theils 
zum Waarentransport über die Cordilleren , theils als 



*) Essai po/it. sur la Nou,\ Esp., Tom. i, p. 25; T. t. 

p. 689. 
**) Hist. Nat. d* Indiasy Lib. 4, c. 55. 



Kapitel XVI. \bl 

Gefolge der Armeen bey den auf Entdeckungen und 
Raub ausgehenden Zügen. Die Eingebornen ertrugen 
diesen Dienst um so geduldiger ^ als sie, bevm fast völ- 
ligen Mangel an Hausthieren, dazu längst schon, zwar 
auf eine minder grausame Weise, auch unter der Re- 
gierung ihrer eigenen Häuptlinge waren angehalten 
worden. Die durch Juan de R^einaga versuchte Einfüh- 
rung der Kameele versetzte tkie Encomei^deros , welche 
nicht zwar gesetzlich, aber factisch , die Oberherren 
(seigneurs) der indischen Dörfer waren , in nicht ge- 
ringe Bestürzung. Man wird sich nicht wundern, dals 
der Hof den Beschwerden dieser mächtigen Herren Ge- 
hör gab ; allein die Folge der Mafsnahme war, dafs Ame- 
rica eines der kräftigsten Mittel missen mufste, w^odurch 
die inneren Verbindungen und der Austausch der Län- 
dererzeugnisse erleiclitert werden konnte. Gegenwär- 
tig, da seit der Regierung R.önig Karls III. die Indianer 
nach billigeren Grundsätzen regiert werden, und da sich 
allen Zweigen der National-Industrie ein freyeres Feld 
öffnet, sollte die Einführung der Kameele im Grofsen 
und durch die Regierung selbst versucht werden. Ei- 
nige Hunderte dieser nützlichen Thiere, auf dem wei- 
ten Umfang von America, an warme und trockene Orte 
verlheilt, würden, in wenig Jahren, einen spürbaren 
Einflufs auf die Beförderung des öffentlichen Wohlstands 
haben. Durch Steppen getrennte Provinzen würden 
einander dadurch näher gerückt werden: verschiedene 
Erzeugnisse des inneren Landes würden an den Küsten 
im Preise fallen, und durch Vermehrung der Kameele, 
vorzüglich der hedjines , der Gejüfse der IViiste (vais- 
seaux du desert), würden Gewerbfleifs und Handel in 
America neues Leben erhalten. 

Am 22sten Abends setzten wir unsern Weg von Mo- 
cundo durch Los Guayos nach der Stadt Nueva Valencia 



i58 B u c h r. 

fort. Man kommt durch ein kleines Gehölz von Palm- 
bäumen, deren Wuchs und fächerförmige Blätter dem 
Chanierops humilis der Küsten der Barbarey i;leichen. 
Ihr Stamm erreicht jedoch eine Höhe von 24, bisweilen 
auch 3o Fufs. Wahrscheinlich ist es eine neue Art der 
Gattung Coryplui *) 5 die Landeseinwohner nennen sie 
Palma de Sombrero , indem ihre Blattstiele zum Flech- 
ten der Hüte gebraucht werden, die unsern Strohhüten 
ähnlich sind. Dies Palmengehölz, dessen ausgedörrte 
Blätter beym geringsten W4nde ertönen, diese in der 
Ebene weidenden Kameele, diese wellenförmige Bewe- 
gung der Dünste über eine durch die Sonnenljitze ver- 
brannte Erde geben*" der Landschaft ein aiVicanisches 
Aussehen. Die Dürre des Bodens nimmt zu, nach Mafs- 
gabe wie man sich der Stadt nähert und über das west- 
liche Ende des Sees hinauskommt. Es ist ein vom Was- 
ser geebneter und verlassener Thonboden. Die benach- 
barten Hügel, IMorros de l aleucia genannt, bestehen 
aus weifsem Tuir, einer sehr neuen Kalkformation, die 
unmittelbar über dem Gneifs liegt. Sie findet sich wie- 
der in la Viltoria , und auf mehreren anderen Stellen, 
längs der Heile des Küstenlandes. Die Weifse dieses, 
Tuffs, der die Sonnenstrahlen zurückwirft, befördert 
die grolVe Hitze, welche hier herrscht. AHcs erscheint 
unfruchtbar und öde; kaum finden sich einige Stämme 
des (>acaobaunis an den Gestaden des Rio de Valencia; 
das übrige Haclie Land ist nackt und ohne allen Pflan- 
zenwuchs. Dieser Anschein von Unfruchtbarkeit wird 
hier, wie überall in den Thälern von Aragua, dem An- 
bau des Indigo zugi'schriiben, der, wie die Colonisten 
behaupten, das Erdreich unter allen Gewächsen am mei- 
sten erschöpft (^cansa). Es wäre der Mühe werth, die 



*> Coryp]»a tectorum; I^^oi^a Gen., Tom. I, p. 299. 



Kapitel XVL 169 

waliren physischen Ursachen dieser Erscheinung- ge- 
nauer zu ergründen; j|ie ist, wie die Wirkungen der 
Brache und der Wechselvvirthscliaft, noch lange nicht 
hinlängüch aufgeklärt. Ich heschränko mich hier auf 
die allgemeine Bemerkung, dafs die Klagen üher die 
zunehmende Untruchtharkeit des angehauten Landes in 
den Tropenländern um so allgemeiner sind, je näher 
man sicli dem Zeitpunct der ersten Urharmachung he- 
findot. In einer mit keinem Rasen hedeckten Gegend, 
wo jede Pflanze einen holzigen Stamm hat und strauch- 
artig emporwächst, hleiht die jungfräuliche Erde he- 
schattet, sey es durch hohe Bäume oder durch Sträu- 
cher. Unter diesem dichten Schatten erhalten sich üher- 
all Kühle und Feuchtigkeit. Wie kräftig auch der Pflan- 
zenwuchs in den Tropenländern erscheint, so ist doch 
die Zahl der in die Erde dringenden Wurzeln im unhe- 
hauten Lande so grols nicht, während die Pflanzen auf 
cultivirtem, mit Indigo, Zuckerrohr oder Manioc über- 
decktem Land näher heysammen stehen. Die mit Aesten 
und Blättern überladenen Bäume und Sträucher ziehen 
einen grofsenTheil ihrer Nahrung aus der sie umgeben- 
den Luft, und die Fruchtbarkeit des jungfräulichen Bo- 
dens vermehrt sich durch die Zersetzung des fortschrei- 
tend anwachsenden vegetabilischen Stofl'es. Anders ver- 
hält es sich in dem, mit Indigo oder andern Kraulgewäch- 
sen bedeckten Land. Hier dringen die Sonnenstrahlen 
ungehindert in die Erde, und zerstören, durch die be- 
schleunigte Verbrennung der Verbindungen des schwe- 
felhaltigen Wasserstoffgases mit Kohlenstoff und andern 
sauerbaren Grundlagen, die Keime der Fruchtbarkeit. 
Diese Ergebnisse stellen sich der Phantasie der Colo- 
nisten um so auffallender dar, weil sie die Fruchtbarkeit 
eines seit Jahrtausenden sich selbst überlassen gewese- 
nen Bodens mit dem Ertrag des angebauten Landes y%V' 



i6o B II c h F, 

gleichen. Hinsichtlich auf die Erzeugnisse des Land- 
haus besitzen die spanischen Colonien des Festlandes 
und die grofsen Inseln von Porto- Rico und Cuha heut- 
zutage bedeutende Vortheile gpgen die kleinen Antillen. 
V^ermüge ihrer Ausdehnung, der Verschiedenheit ihrer 
Landschaften und ihrer verliältnifsmäfsig geringen Be- 
völkerung tragen die erstem noch alle Kennzeichen ei- 
nes neuen Erdreichs; während auf Barbados, auf Ta- 
bago, auf Sainte Lucie, auf den Jungfrau-Eilanden und 
im französischen Theil von St. Domingue spürbar wird, 
dafs die andauernde Cultur das Land zu erscliöpfim an- 
fängt. Würde man in den Thälern von Aragua, statt 
die Indigo Pflanzungen aufzugeben und dieFeldiM- brach 
liegen zu lassen, diese letztern einige Jahre hindurch, 
nicht mit Cerealien- Grasarten, aber mit anderen Nah- 
runüfs- und Futter-Pflanzen decken; würde man, unter 
diesen Pflanzen, solche auswählen, die ungleichen Fa- 
milien angehören, und mit ihren breiten Blättern den 
Boden beschatten, so möchten dadurch nach und nach 
die Felder verbessert, und ein Theil ihrer vormaligen 
Fruchtbarkeit wiederhergestellt werden. 

Die Stadt Nueva Valencia nimmt einen bedeutenden 
Flächenraum ein, ihre Bevölkerung hingegen beträgt 
kaum seciis- bis siebentausend Seelen. Die Strafsen sind 
sehr breit, der Marktplatz iplaza mayor') hat eine über- 
mäfsiire Gröfse , und, weil die Häuser ungemein ni'e- 
driar sind, so erscheint das Mifsverhältnifs zwischen der 
Bevölkerung der Stadt und dem Raum, welchen sie ein- 
nimmt, noch ijröfser als in Caracas. Viele Welfse, von 
europäischem Stamme, besonders die ärmern, verlassen 
ihre Häuser, und leben die meiste Zeit des Jahres auf 
ihren kleinen Indigo- und Baumwoll-Pflanzungen. Sie 
dürfen hier ihr Land selbst bearbeiten, was nach ein- 
gewurzelten Vorurtheilen in der Stadt entehrend für sie 

wäre. 



Kapitel XVI. i6i 

wäre. Der Gewex'bfleifs fängt allgemein zu eru.ichen 
an. und die Baumwoll-Pflanzungen haben sich beträcht- 
lich virmehrl, seitdem Handel von Porto-Cabello neue 
Freyheiten ertheilt worden sind, und seit dieser Hafen 
(im Jahr 179S) als Grofshafen (^Puerto mayor^ den un- 
niitti^lbar aus dem Mutterstaat Kommenden Schilfen ge- 
öffnet ward. 

Nueva Valencia, im Jahr i555 unter Villacindas 
Regierang durch Alonzo Diaz Moreno gegründet, ist 
zwölf Jahre älter als Caracas. Wir haben bereits an- 
deiswo gezeigt, dafs die spanische Bevölkerung in Ve- 
nezuela von Westen nach Osten vorgerückt ist. Va- 
lencia war anfangs nur eine »Zugehör von Burburata, 
allein diese letztere Stadt ist zu einer Embarcadere für 
Maultliiere herabgesunken. Man l^edauert es, und viel- 
leicht mit Grund, dafs Valencia nicht die Hauptstadt des 
Laüdes geworden ist. llire Lage, auf einer Ebene, am 
Seeiiestade, würde an die Lage von Mexico erinnern, 
Beyin Nachdenken über die leichten Verbindungen, 
w eiche die Thäler von Aragua mit den Ltlanos und den 
in den Orenoko ausmündenden Flüssen darbieten, und 
wenn man sich die Möglichlteit denkt, die innere SchifF- 
fahrt durch den Rio Hao und die Portuguesa bis zu 
den Mündungen des Orenoko an den Cassiquiare und 
Ania/.onen-Flufs zu öffnenj begreift man, dafs die Haupt-' 
Stadt der weitläufigen Provinzen von Venezuela in der 
INähe des prachtvollen Hafens von Porto-Cabello, unter 
einem reinen und heitern Himmel, besser stünde^ als 
in der Nähe der nur wenig geschützten Rhede von la 
Guavra, in einem gemäfsigten, aber stets nebligten 
Thale. Dem Königreich von JNeu-Oranada näher ge- 
rückt, und den fruchtbaren Getreidefeldern Von V'ittoria 
und liaitjuesimito zwischen inne liegend, hätte Valencia 
gedeihen mögen ; so aber konnte diese Stadt, ihrer Vor- 

yllex. U Humboldts hist. Reisen. III- j j 



102 -ß II c h A. 

züge unerachtel^ neben Caracas nicht aufkommen, wel- 
ches ihr, im Laufe zvveyer Jahrhunderte, einen grolscii 
Theil ihrer Bewohner enlzos^en hat. Die Familien der 
Mantuanos wollten lieher in der Hauptstadt, als in einer 
Provinzialstadt, wohnen. 

Wer die zahllose Menge Ameisen nicht kennt, von 
denen alle Länder der heifsen Zone geplagt sind, der 
mag sich kaum einen Begriff machen von den Zerstö- 
rungen und von dem Versinken des Bodens, die diese 
Jnsecten verursachen. Sie sind auf dem Erdreich der 
Stadt Valencia in so ungeheurer Anzahl vorhanden, dafs 
ihre Ausgrabungen unterirdischen Canälen gleichen, die 
sich zur Regenzeit mit Wasser anlullen und den Gebäu- 
den sehr gefährlich werden. Bis dahin hat man die aus- 
serordentlichen Mittel nicht angewandt, welche zu An- 
fang des sechszehnten Jahrhunderts auf der Insel St. Do- 
mingue ergriffen wurden, als die schönen Thal-Ebenen 
von La Vega und die reichen Besitzungen des Franzis- 
caner-Ordens durch Ameisen- Schwärme verheert wur- 
den. Die Mönche, nachdem sie die Larven dieser In- 
sectcn ohne Erfolg verbrannt und Käuclierungen ver- 
sucht hatten, riethen den Einwohnern, durch's Loos 
einen Heiligen zu bezeichnen, der als ^bagado contra 
las Hormigas dienen sollte *), Die Ehre ward dem h. 
Saturnin zu Theil, und die Ameisen verschwanden, so- 
bald das erste Fest dieses Heiligen gefeyert ward. Der 
Unglaube hat seit den Zeiten der Eroberung grofse 
Forlschritte gemacht, und nur auf dem Rücken der 
Cordilleren traf ich eine kleine Capelle an, die, ihrer 
Insclirift zufolge, für die Gebete bestimmt ist, welche 
zum Behuf der Zerstörung der Termiten dem Himmel 
■Übermacht werden. 



*) Berrcra, Decad. II, I^. 5; Cap. 14. 



Kapitel XVI. l63 

Valencia bietet einige historisclie Erinnerungen dar; 
allein diese Erinnerungen, so wie alles, was die Co- 
lonien angeht, reichen nicht weit hinauf, und heziehen 
sich entweder auf bürgerliche Zwiste oder auf blutige 
Gefechte mit den Wilden. Lopez de Aguirre, dessen 
Schal. dthalen und Abenteuer eine ausgezeichnet dra- 
matische Episode in der Gechichte der Eroberung bil- 
den, begab sich im Jahr i56i, aus Peru, auf drm Ama- 
zonen-^trom nach der Margaretha Insel, und von hier, 
durch den Hafen von burhurata, in die Thäler von Ara- 
gua. Bey seiner Ankunft in Valencia, die auf den Na- 
men der königlichen Stadt stolz ist, kündigte er die 
.Unabhängigkeit des Landes und die Ent.etzung Phi- 
lipp's II. an. Die Einwohner zogen sich auf die Inseln 
des Tacarigua-Sees zurück, und nahmen zu Sicherung 
ihres Rückzugs alle Boote vom Ufer mit sich. Diese 
Kriegslist setzte den Aguirre in den Fall, nur gegen 
seine eignen Leute Grausamkeit üben zu können. In 
Valencia schrieb er jenen berüchtigten Brief an den 
König von Spanien, worin die Lebensart und Sitten 
des Kriegsvolks im sechszehnten Jahrhundert mit einer 
furchtbaren Wahrheit geschildert sind *). Der Tyrann 
(mit diesem ISamen wird Aguirre noch heutzutage von 
dem Volke bezeichnet^, der Tyrann rühmt sich wechsels- 
weise seiner Verl»rechen und seiner Frömmigkeit; er er- 
theilt dem König Katlischläge über die Regierung der 
Colonien und die Einrichtung der Missionen. IVlitten 
unter wilden Indianern und auf der Fahrt durch ein 
grofses Süfswasser Meer, wie er den Amazonen-Strom 
nennt, „schrecken ihn Martin Luther's Ketzereyen und 
der zunehmende Einflufs der Schismatiker in Europa. ^^ 
Lopez de Aguirre ward, nachdem ihn seine Leute ver- 



*) Siehe die ^'ote A am Schlüsse de» fünften Buch«. 



i64 B II c h y, 

lassen hatten^ in Barquesimelo getödtet. Im Augenblick 
seiner Niederlage stiefs er seiner einzigen Tochter einen 
Dolch in die Brust, ^^um ihr die Schande zu ersparen, 
von den Spaniern die Tochter eines Verräthers eenannt 
zu werden/^ Die Seele des Tyrannen (so glauben 
die Eingebornen) irrt in den Savanen herum, wie eine 
Flamme, welche die Nähe der Menschen tjicht ■•')• 

Das zweyte geschichtliche Ereignifs, das sich dem 
Namen von Valencia anschliefst, ist der grofse U eberfall 
der Cariben vom Orenoko in den Jahren 1578 und i58o. 
Diese Antropophagen-Horde war an den Gestaden des 
Guarico herauf, über die Ebenen der Ltlanos gekom- 
men. Sie ward glücklich zurückgetrieben durch die 
Tapferkeit von Garci-Gonzalez, einen der Kriegshaupt- 
leute, deren Namen jetzt nocli in diesen Provinzen in 
hohen Ehren steht. Man erinnert sich gern, dafs die 
Nachkommen dieser nämlichen Cariben gegenwärtig in 
den Missionen als friedliche Pflanzer leben, und dafs 
kein wilder Volksstamm aus Guiana die Ebenen zu durch- 
ziehen wagt, welche die Region der Waldungen von 
derjenigen des angebauten Landes trennen. 

Die K^üsten Cordillere ist von mehreren Bergschluch- 
ten durchschnitten, welche sehr einförmig von Süd-Ost 
nach Nord-West gerichtet sind. DieseErscheinung zeigt 
sich allgemein von la Ouebrada de Tocume, zwischen 
Petarez und Caracas, bis nach Porto- Cabello. Man 
sollte glauben, der Stofs sey überall von Süd-Osl her 
gekümineii, und es ist diese Thatsache um so auffallen- 
der, als die Gneifs- und Glimmerschiefer- Schichten in 
den Küsten-Cordilleren allgemein ihre Richtung von Süd- 
West nach Süd-Ost haben. Die meisten jener Schluch- 
ten dringen auf der Mitlagsseite in die Berge ein^ ohne 



•) Siehe oben, Th. I. S. 480. 



Kapitel XVI. i65 

sie ganz zu durchschneiden; aher im Mittagskreis von 
Nueva Valencia befindet sich eine OefTnung (^Abra)y die 
nach der Küste führt, und wodurch alle Abende ein 
sehr kühlender Seewind die Tliälcr von Aragua heim- 
sucht. Die Brise stellt sich rcgelmäfsig zwey his drey 
Stunden nach Sonnenuntergaiii»- ein. 

Durch diese Abra, durch den Meyerhof von Bar» 
bula und durch einen östlichen Seitenarm der Berg- 
schlucht wird eine neue Strafse von Valencia nach 
Porto - Cabello eröft'net. Sie wird so sehr abkürzen, 
dafs man in vier Stunden den Hafen erreicht, und dafs 
man am gleichen Tag aus den Thälern von Aragua die 
Küsten besuchen und wieder zurück seyn kann. Um 
uns mit dieser Strafse bekannt zu machen, unternahmen 
wir am 26. Hornung Abends einen Ausflug nach dem 
Meyerhofe Barbula, in Gesellschaft seiner Eigenthümer, 
der liebenswürdigen Familie der Arambury. 

Am 27sten Vormittags -brauchten wir die warmen 
Quellen der Trinchera , welche drey Meilen von Va- 
lencia entfernt liegen. Die Bergschlucht ist sehr breit, 
und man steigt vom Seegestade fast ununterbrochen ge- 
gen die Meeresküsten herunter. Trinchera führt seinen 
Namen von den kleinen Festungswerken, die durch 
französische Filibustiers, welche die Stadt Valencia aus- 
plünderten, im Jahr 1677 errichtet wurden. Die war- 
men Quellen (diese geologische Thatsache ist bemer^ 
kensvverth) kommen nicht auf der Südseite der Berge 
zum Vorschein, wie diejenigen von Mariara, Onota 
und vom Brigantin ; sie gehen vielmehr in der Kette 
selbst fast am nördlichen Abhang zu Tage. Sie sind 
gar viel reichhaltiger, als alle, welche wir bisher ge-, 
sehen hatten, und sie bilden einen kleinen Flufs, wel- 
cher zur Zeit der grofsten Trockenheit zwey Fufs tief 
und achtzehn breit ist. Die sorgfältig aufgenommene 



i66 B u c h r. 

Temperatur des Wassers war 90°, 3 des hunderttheillgen 
Wärmemessers. JNach den Quellen von Urjjino in Japan, 
die, wie man versichert , reines Wasser sind und eine 
Temperatur von 100° zeigen , scheinen die Wasser der 
Trinchera zu den heifsesten unter allen bekannten zu 
gehören. Wir frühstückten bey der Quelle, -tyer, die 
in dieses Thermalwasser gelebt wurden, waren inner- 
halb vier Minuten weich gesotten. Es entspringen diese 
mit geschwefeltem Wasserstoff stark geschwängerten Ge- 
wässer auf dem Obertheil eines Hügels, der i5o Fufs 
über den Grund der Bergschlucht erhaben ist, und in 
der Richtung von Süd -Süd -Ost gen INord- INord- West 
steht. Das Gestein, woraus die Quellen zu Tage kom- 
men, ist ein grobkörniger, wahrhafter Granit, dem- 
jenigen der Teufels-Mauer in den Bergen von Mariara 
ähnlich. Ueberall, wo die Wasser in die Luft verdun- 
sten, bilden sie Niederschläge und Steinrinden von koh- 
lensaurer Kalkerde. Vielleicht nehmen sie ihren Weg 
über Lager von Urkalkstein, der im Glimmerschiefer 
und Gneifs der Küsten von Caracas so häufig vorkommt. 
Wir er.^aunlen über den üppigen Pflanzenwuchs um das 
Becken her. Mimosen mit zarten und gefiederten Blät- 
tern, Clusien und Feigenbäume trieben ihre Wurzeln 
bis in den Grund eines Pfuhls, dessen Temperatur auf 
85° stieg. Die Aeste dieser Bäume dehnen sich über 
die Wasserflache in der Entfernung von 2 bis 3 Zoll aus. 
Obgleich immeifort von dem wannen Dunste befeuch- 
tet, zeigte die Blätterbekleidung dieser Mimosen den- 
noch das schönste Grün, Ein Arum, mit holzigem Stam- 
me und grofsen pfeilförmigen Blättern, erhob sich sogar 
ro'tten aus einer Pfütze, deren Tecnperatur 70° war. 
Die nämlichen Pflanzenarten wachsen in anderen Thei- 
len dieser Berge, am Ufer von Waldströmen, in wel- 
chen der Wärmemesser nicht über 18° ansteigt, .Moch 



Kapitel XVl. 167 

mehr : in der Entfernung von 40 Fufs von der Stelle, 
wo die heifsen Quellen ent<pringen, deren Temperatur 
90° beträgt, finden sich andere, völlig kalte. Beyde 
verfolgen eine Zeitlang eine parallele Hichtung, und 
die Eingebornen zeigten uns, wie sie durch Graben 
eines Lochs zwischen den zwey Flüssen sich nach Be- 
lieben ein Bad von gewünschter Temperatur verschaf- 
fen können. Es ist auffallend, wie, im heifsesten nicht 
minder als im kältesten Ulima, das Volk die nämliche 
Vorliebe für die Wärme zeigt. Zur Zeit der Einfüh- 
rung des Christenthums in Island wollten seine Bewoh- 
ner sich nur in den narmen Quellen des Hecla taufen 
lassen 5 unter der heifsen Zone, im flachen Lande wie 
auf den Cordilleren, werden die Thermalwasser von den 
Landeseingebornen aller Gegenden begierig gebraucht. 
Die Kranken, welche um Dampfbäder zu nehmen nach 
der Trinchera kommen, errichten aus Baumästen und 
sehr dünnen Rohren eine Art Gitterwerk über der Quel- 
le. Sie legen sich alsdann nackt auf dieses Gitter, das 
mir ziemlich morsch und gefährlich zu besteigen däuch- 
te. Der Bio AfiAguas calienles nimmt seinen Lauf nach 
Nord-Ost, und wird in der Nähe der Küsten ein ziemlich 
bedeutender Flufs, der mit grofsen Crocodilen besetzt 
ist, und durch seine Ueberschwemmungen die ungesunde 
Beschaffenheit des Küstenlandes vermehrt. 

Wir stiegen gegen Porto - Gabello hinunter, wäh- 
rend der Warm- Wasser -Flufs uns allezeit zur Hechten 
blieb. Der Weg ist sehr malerisch. Die Wasser stür- 
zen über die Felsblöcke herab. Man glaubt die Cascaden 
der vom St, Gotthard abfliefsenden Keuss zu sehen ; al- 
lein welch ein Abstich in Stärke und Beichthum des 
Pflanzenwuchses ! Mitten aus blühenden Sträuchern, 
mitten unter Bignonien und Melastomen erheben sich 
prachtvoll die weifsen Stämme des Cecropia. Sie ver- 



i68 B u c h F, 

schwinden eher nicht als da, wo die Höhe über der Mee- 
resfläche nur noch loo Toisen beträgt, bis zu eben die- 
ser Grenze wachst auch eine kleine stachlichte Pahiien- 
art, deren zarte und gefiederte Blätter am Kande wie 
gekräuselt aussehen. Sie ist auf diesen Bergen sehr ge- 
mein 5 da wir aber weder Blüthen noch Früchte daran 
fanden, so künnen wir nicht sagen, ob es die Piriitu- 
Palme der Cariben oder Jacquin's Cocos aculeata ist. 

Der Felsen bietet auf diesem Weg eine geologische 
Erscheinung dar, die um so merkwürdiger ist, als man 
lange über das Daseyn eines wirklichen Schichten-Gra- 
nites g' stritten hat. Zwischen der Trinchera und dem 
Wirthsliause von Camhury lauft ein grobkörniger Gra» 
nit zu Tage aus, welchen die Anordnung der in kleine 
Gruppen vereinten Glimmei blättchen mit dem Gneif$ 
pder mit Felsai ten von schieferiger Textur zu verwech- 
seln nicht leicht gestattet. Dieser in 2 oder 3 Fufs dichte 
Lager getheilte Granit zeigt die Richtung IN. 62° U., und 
senkt sich regelmäfsig unter Winkeln von 3o°-4o° nord- 
westlich. Der in zolllangen Prismen zu vier ungleichen 
Rauten hrystallisirte Feldspath geht durch alle Schatti- 
rungen vom Fleischrolhen zum VVeifsgelben über. Der 
in stchsseiliyen Tafeln krystallisirte Glimmer i.>-:t schwarz, 
zuweilen grün. Der (^uarz herrscht in der Masse vor: 
seine Farbe ist überhaupt milchweifs. Ich habe in die- 
sem schichtenfürniig* n Granit weder Hornblende, noch 
schwarzen Schörl, noch Hutil (titane rulhile} angetrof- 
fen. Jn einigen Schichten bemerkt man runde, grau- 
schwärzliche , sehr quarzartige und fast glimmerlose 
Massen. Ihr Durchschnitt beträgt 1 bis i Zoll, ^ie 
finden sich unter allen Zonen, in allen Granitgebirgen. 
Es sind nicht solcne eingt^fügte Bruch;-tüc!'.e, wie am 
Greilfenslein in ^acIlsen, sondern Aggtegale von Thei« 
len^ welche partiellen Anziehungen gefolgt zu haben 



Kapitel XVL 169 

scheinen. Ich konnte die Vereinigungslinie der Gneifs- 
und G'ianit Gebirgsarten niclit verfolgen. Winkeln zu- 
folge, die in den Thälern von Araoua aufgfiionnnen 
wurdi'n, scheint der Gneifs unt«'r dem Granit gelagert, 
welcher demnach einer neueren Bildung angehören wür- 
de. Wir wollen anderswo das relative r\ller dieser Ge- 
sleiuart untersuchen, wenn wir, nach unserer Hückkehr 
vom Cirenoko, in einem eigenen Kapitel den geologi- 
schen Ahrifs der Bildungen, vom Aequator his zu den 
Küsten des Antillen-Meer«, zu liefein verbuchen werden. 
Der xAnhlick • eines Schichten - Granits zog meine Auf- 
merksamkeit um so mehr an, weil ich, als mehrjähriger 
Aufseher der Bergwerke des Fichtelgebirgs in Franken, 
Granite zu sehen gewöhnt war, die in 3 oder 4 Fufs 
dichte Lager getheilt, aher wenig gesenkt waren, und 
auf dem Gipfel der höchsten Berge *), Thürmen oder 
altem Gemäuer ähnliche Massen hildeten. 

Die Hitze w^ard , im Verhältnifs wie wir uns den 
Küsten näherten , erstickend. Der Horizont war mit 
einem rüthlichen Dunst üherzogen. Die Sonne stund 
ihrem Untergang nahe, und doch wehele der Seewind 
noch nicht. Wir machten in den abgesonderten, unter 
den JNamen Cambiiry und Canarisclies Haus iCaso del 
Islengo) bekannten Meyerhöfen, um auszuruhen, Halt. 

*) Auf dem Ochsenkopf, am Rudolphstein, am Epprechtstein, 
am I.uxburg und am Schneeberg. Die Senkung der Schich- 
ten dieser Granite des Fichtelbergs beträgt überhaupt nur 
50 _ jqo^ seilen (am Schneeberg) 18°. Den Einsenkungen 
zufolge, die ich an den Schichten der nahestehenden Gneifs- 
und Glimmer -Schiefer wahrnahm, möchte ich den Granit 
vom Fichleilierg für sehr alt, und für die Grundlage der 
üixigen Formalionen halten : aber die Grünstein-Lager und 
das Zinnmineral, die sich in ihnen zerstreut vorfinden, kön- 
nen, nach der Analogie der sachsischen zinnhaltigen Granite, 
über sein hohes Alter Zweifel erregen. 



170 



Buch y. 



Dpi' Flnfs des warmen Wassers, dem wir zur Seite 
giengeiij ward immer tiefer. Ein Crocodil lag todt 
Siin Ufer; es war über 9 Fufs lang. Wir wollten seine 
Zähne und seine Mundhöhle untersuchen 5 weil es aber 
schon mehrere Wochen an der Sonne gelegen hatte, 
verbreitete es einen so scheufslichen Geruch, dafs wir 
unsere Absicht aufgeben Und wieder zu Pferd steigen 
mufsten. Wenn man die Meeresfläche erreicht hat, so 
dreht der Weg sich ostwärts, und durchschneidet eine 
dürre, anderthalb Meilen breite Ebene, die derjenigen 
von Cumana gleicht. Man findet da zerstreute Hacketten, 
vom Sesuvium, etliche Stämme der Coccoloba uvifera, 
und, längs der Küste, Avicennien und Wurzelträger 
(Paletuviers). Wir durchwateten den Guiiiguaza und 
den Kio Estevan, die, durch häufige Ueberschwemmun- 
gen, ausgedehnte Sümpfe von stehendem Wasser bilden. 
Auf dieser grofsen Fläche erheben sich, wie fUippen, 
kleine Felsen vonMeandriten, Madreporiten und andern 
ästigen oder rund gewölbten Korallen. Man könnte sie 
für Zeugen des neuerlichen Rückzugs der See halten. 
Es sind aber diese Polypenhäuser nur Bruchstücke, die 
in eine Breccie von kalkigtem Cement eingesetzt sind. 
Ich sage in eine Breccie, denn man darf die weifsen und 
frischen Korallensteine dieser sehr jungen Küstenbildung 
nicht mit den Korallilen verwechseln, welche der Ma^e 
der Uebergangs - Gesteine , der Grauwacke und des 
schwarzen Kalksteins einverleibt sind. Es befremdele 
uns nicht wenig, in dieser völlig unbewohnten Gegend 
einen grofsen blühenden Stamm der Parkinsonia aculeata 
anzutreffen. Unsere botanischen Werke geben America 
als das Vaterland dieses Baumes an; aber seit fünf Jahren 
hatten wir ihn nur zvveymal wildwachsend gefunden, 
in a«;n Ebenen des Rio Guaiguaza und in den Llanos 
von Cumana, bey dreyfsig Meilen von der Küste nahe 



Kapitel XVI. 171 

bey der Villa del Pao, und von diesem letztern Ort liefs 
sich antioch vermutht-n, er sey ein alter conuco oder 
vormals angebauter Einfang gewesen. Sonst überall 
trafen wir auf dem aniericanischen Festland die Par- 
l<insonia, wie die Plumeria, nur in den Gärten der In- 
dianer an. 

In Porto -Cabello l<am ich zeitlich genug an, um 
einige Höhen des Canopus in der JNähe des Meridians 
aufzunehmen : allein diese Beobachtungen, so wie die- 
jenigen der entsprechenden Sonnenhöhen, die am 28. 
Hornung gemacht wurden, sind nicht ganz zuverläs- 
sig *). Ich bemerkte zu spät eine kleine Unordnung im 
Diopter- Lineal eines Troughtonschen Sextanten. Es 
war ein Dosen- Sextant von zwey Zoll Radius, dessen 
Gebrauch den Reisenden übrigens nicht genug empfoh- 
len werden kann. Ich bediente mich desselben über- 
haupt nur für geodesische Aufnahmen, welche auf Flüs- 
sen in Booten gemacht wurden. In Porto -Cabello wie 
in Guayra ist man ungleicher Meinung, ob der Hafen 
ostwärts oder westwärts von der Stadt gelegen ist, mit 
welcher der meiste Verkehr statt findet. Die Einwoh- 
ner glauben, Porto-Cabello liege nord- westwärts von 
Kueva V alencia. Meine Beobachtungen geben wirklich 
eine im Bogen 3 bis 4 Minuten westlichere Länge, Hr. 
Fidalgo findet eine Differenz ostwärts *'^). 

\\ ir wurden in der Wohnung eines französischen 
Arztes, des Hrn. Juliac, welcher recht gute Studien in 
Montpellier gemacht hatte, mit der zuvorkommendsten 
Höflichkeit empfangen. Sein kleines Haus enthielt eine 
Sammlung sehr verschiedenartiger Dinge, die aber alle 
den Heisenden angenehm seyn konnten. Wir fanden 



*) Obs. astr., Tom. I, p. 106. 

**) Siehe die Einleitung zu meinen Obs. astr.., Tom. I, p. xli 



172 



Buch V. 



literarische und naturgeschichtliche Werke ; meteoro- 
logische Bemerkungen; Häute vom Jaguar und von 
grolscn Wasserschlangen 5 lebendige Thiere, Aflfenj Ar- 
madille tmd Vügel. Unser Hausherr war erster Wund- 
arzt am königlichen Hospital zu Porto - Cabello , und 
durch eine sorgfältige Bel.anntschaft mit dem gelben 
Fiel>er unter seinen Landsleuten vortheilhaft bekannt. 
Seit sieben Jahren halte er sechs- bis achttausend von 
der schrecklichen Seuche befallene Kranke in die Spi- 
täler bringen gesehen; er hatte die V erheerungen beob- 
achtet, welche die Epidemie vom Jahr 1793 in der Flotte 
des Admirals Ariztizabal veranlafste* Diese Flotte verlor 
beynahe einen Drittheil der Schiffsmannschaft, weil die 
Matrosen fast alle dem Klima nicht angewöhnte Euro- 
päer waren und frey mit dem Lande verkehrten. Hr. 
Juliac hatte vormals diese Kranken, wie auf der Terra- 
Firma und auf den Inseln gewöhnlich gescliieht, mit 
Blutlassen, gelind abführenden Mitteln und säuerlichton 
Getränken behandelt. Die Lebenskräfte werden bey die- 
sem Verfahren durch keine Reizmittel gehohen. Indem 
man zu beruhigen trachtet, vermehrt man die Entkräf- 
tung und Schwäche. In den Spitälern, wo die Kranken 
angehäuft waren, betrug die Sterblichkeit damals 33 
vom 100 unter den weifsen Kreolen, und 65 vom 100 
unter den neu angekommenen Europäern. Seit man, 
anstatt der alten schwächenden Methode, reizende Mit- 
tel anwandte, das Opium, die Benzoe und alcoholartige 
Getränke, hat sich die Sterblichkeit bedeutend vermin- 
dert. Man glaubt sie auf 20 vom 100 für die Europäer 
und auf 10 für dieKreolen heruntergebracht zu haben*). 



*) Ich halic die Verhältnisse der Stcrbh'chkeit im gelben Fieber 
in einem andern Werke hehandelt. Nouf. Esp. , Tom. II, 
p. 777 — 785 und 867. Zu Cadix war die Sterblichkeit, im 



Kapitel Xyi. 173 

sogar auch in Fällen^ wo schwarze Ausleerungen durch 
den Mund und Bkilungen aus Nase, Ohren und Zalin- 
fleiscli einen hohen Grad von Bösartigkeit des UeJ)els 
anzeigten. Ich mekie treulich^ was damals iiir das all- 
gemeine Ergebnil's der Beobachtungen gehalten ward : 
man soll aber^ glaub' ich, bey diesen Zahlenvereloi- 
chungen nicht vergessen, dafs die Epidemien mehrerer 
aufeinander folgender Jahre verschieden sind, und dafs, 
um über den Gebrauch des stärkenden oder schwächen- 
den Heilverfahrens (wofern anders ein solcher Unter- 
scheid in absolutem Sinne vorhanden ist) zu urtheilen, 
zwischen den verschiedenen Zeiträumen der Krankheit 
unterschieden werden mufs. 

Das Klima von Porto- Cabello ist minder heifs, als 
dasjenige von Guayra. Der Seewind weht daselbst stär- 
ker, häufiger und regelmäfsiger. Die Häuser stehen 
nicht an Felswänden , welche die den Tag über ver- 
schluckten Sonnenstrahlen zur Nachtzeit wärmend wie- 
der ausstrahlen. Die Luft mag zwischen den Küsten 
und den Bergen von Ilaria freyer kreisen. Die Quellen 
der ungesunden Luftbeschaffenheit müssen an den, sich 
westlich in weite Ferne gegen Piiiita de Tiicacos ^ in 
der Nähe des schönen Hafens von Chichiribiche aus- 
dehnenden Seegestaden gesucht werden. Hier befinden 
sich die Salzwerke, und hier herrschen, beym Eintritt 
der Hegenzeit, die dreytägigen Wechselfiebor, welche 



Jahr 1800, zwanzig vom Hundert j zu Sevilla, im J. 1801, 
war sie auf sechzig vom Hundert angestiegen. In Vera Crus 
beträgt die Sterblichkeit nicht über 12 bis i5 vom Hundert, 
nofern die Kranken gehörig besorgt werden können. In 
den bürgerhchen Spitälern von Paris ist die Zahl der Sterbe- 
fälle, in mittleren Jahren, 14 bis 18 atifs 100; man ver- 
sichert jedoch, ein beträchtlicher Theil der Kranken konun» 
beynah« sterbend, oder auch sehr betagt in die Spitaler. 



Ijr^ B U C h K 

SO leicht in bösartige Fieber ül)ergehen. Man hat die 
auffallende Bemerkung gemacht, dafs die in den Salz- 
werken arbeitenden Metis dunkler gefärbt sind und eine 
gelbere Haut haben, wenn sie mehrere Jahre nach ein- 
ander jene Fieber überstanden haben, welche die üü- 
stenhrankheit genennt werden. Die Bewohner dieser 
Küste, arme Fischer, behaupten, nicht die Ueber- 
schwemmung des Meeres und das Wiederabfliefsen des 
salzigen Wassers sey es, was die mit Wurzeiträgern 
bedeckte Landschaft ungesund macht *) , sondern es 
rühre die ungesunde Luftbeschafi'enheit von den Ueber- 
schwemmungen des Guayguaza- und des hstevan- Ötro- 
mes her, die in den Monaten Uctober und iNovember 
so plötzlich und mächtig an-tsigen. 

Die Gestade des Hio Estevan sind für ihre Anwoh- 
ner minder gefährlich, seit daselbst kleine Mais- und 
Pisanff-Pflanzuneen anari^lest worden sind, und seit man 
dahin gelangt ist, durch Erhöhung und Befestigung 
den Flufs in engerem Bette zu behalten. Man ist mit 
dem Plane beschäftigt, dem Bio San Estevan eine an- 
dere Ausmündung zu geben, und dadurch die Umge- 
gend von Porto-Cabello jjesunder zu machen. Ein Ab- 
leitungscanal soll die Gen äs-er dem der Insel Guayguaza 
vorüberliegenden Küstentheil zuführen. 

Die Salzwerke von Porto-(]abello gleichen ziemlich 
denjenigen der Halbinsel Araya in der INähe von Cu- 
mana. Die Erde, welche man durch Sammeln des Be- 
genvvassers in kleinen Becken auslaugt, enthält jedoch 



*) Auf den Antillen Eilanden wird seit langer Zeit die Ursache 
der zur Winterxeit herrschenden bösartigen Krankheiten auf 
Rechnung der Südwinde gebracht. Diese Winde führen die 
Ausdünstungen der Mündungen des Orenoko und der kleinen 
Flüsse der Terra-Firma den hochgelegenen Breiten zu. 



Kapitel XVI. 175 

weniger Salz. Man wirft liier, wie in Cumana, die 
Frage auf, ob das Erdreich mit Salztheilchen ge- 
sclnvängert ist, weil es seit Jahrhunderlen periodisch 
mit an der Sonne verdünstendem Seewasser bedeckt 
war, oder ob der Boden salzhaltig ist, wie eine sehr 
arme Steinsalzgrubt'. Ich fand die erfoiderliche Mufse 
nicht, um dies Gestade mit gleicher Sorgfalt, wie die 
Halbinsel Araya, zu untersuchen. Sollte übrigens die 
Aufgabe nicht mit der sehr einfachen Frage. zusammen- 
treffen, ob das Salz von neuerlichen Ueberschwenimun- 
gen , oder von sehr alten Ueberschwemmungen her- 
rührt? Weil die Arbeit in den Salinen von Porto Ca- 
bello im höchsten Grad ungesund ist, so geben sich 
nur die allerdürftigsten Menschen damit ab. Sie sam- 
meln jdas Salz in kleinen Parthieen, und verkaufen es her- 
nach an die Magazine der Stadt. 

Während unsers Aufenthalts in Porto-Cabello war 
die Küsten - Strömung , welche sonst überhaupt west- 
wärts geht, von Westen nach Osten gerichtet. Diese 
aij/icarts gehende Strömung Ccorriente por arriba'), 
von der wir auch schon sprachen, koinnit während 
zwey bis drey Monaten Im Jahr, vom Herbstmonat bis 
Wintermonat, öfters vor '0. Man hält sie für die Wir- 



*) Die Trümmer der auf der Dreyfaltigkeits-Insel, zur Zeit 
ihrer Besitznahme durch die Britten im Jahr 1797, verbrann- 
ten »panischen Schiffe wurden durch die allgemeine oder 
Rotations - StrömuJig nach der Punta Brava, unweit von 
Porto-Cabello, geführt. Diese allgemeine, ostwärts gehende 
Strömung, von den Küsten von Paria an bis zur Landenge 
von Panama und dem westlichen Ende der Insel Cuba, war 
bereits im sechszehnten Jalirhundert der Gegenstand eines 
lebhaften Streites zwischen Don Diego Colomb, Oviedo und 
dem Piloten Andres. Siehe „de novis opinionibus Huenth 
ad occidentem pelagi Pariensis et de impuisu c^elorum ^uo 



1^6 Buch F. 

kung einiger IN ord-West- Winde zwischen Jamale» und 
dem St. Antons- Vorgebirg der Insel Cuba. 

Die militärische Vertlieidi^ung der Küsten der 
Terra -Firma beruht auf sechs Puncten , dem St. An- 
tons-Sclilofs von Cun)anaj dem Morro von JNueva Bar- 
celona, den Festungswerken der Guayra (mit 184 Ka- 
nonen), Porto- Cabello , dem St. Karls - Fort an der 
Ausmündung des Sees von iVIaracaybo, und Carthagena 
]a nueva. JNach Carthagena la nueva ist Porto-Cabcllo 
der wichtigste befestigte Platz. Die Stadt ist von ganz 
neuer Bauart, und ihr Haien einer der schönsten von al- 
len, in beyden Festlanden beKannten. Die Kunst durfte 
den Vortheilen, welche seine natürliche Lage darbietet, 
nur weniges hinzufügen. Eine Erd'.unge verlängert 
sich anfangs nördlich, hernach westuärts. Ihr west- 
liches Ende steht einer Heihe von Eilanden gegenüber, 
die durch Brücken verbunden sind, und so nahe bey 
einander stehen, dafs man sie lür eine zwevte Erdzunge 
halten möchte. Diese Inseln gehören alle einer noch 
sehr neuen Formation von Halkstein - Breccie an, die 
derjenigen verwandt ist, welche wir auf den Küsten von 
Cumana und in der INähe des Sclilos«es Araya beschrie- 
ben haben. Es ist ein Agi^lomerat, worin Bruchstücke 
von Madreporen und andern (>orall Arten durch eine 
kalkartige Masse und Sandkörner veriiittet sind. Wir 
hatten das nämliche Agglomerat bereits auch in der Nahe 
des Rio Guayguaza angetroffen. Vermöge der aufser- 
ordentlichen Verhältnisse des Bodens gleicht der Hafen 
einem Wassei'becken oder einer inneren Lagune, deren 
Südseite voll kleiner, mit Wurzelbäumen (niangliers) 
überdeckter Eilande, Die westliche Oeilnung des Ha- 
fens 

torrentcs exeunt ad occidentem et per Universum circum 
aguntur." Petr, Martyr. Oceuii. Dec. II. Lib. X, p. 5j7. 



Kapitel XFI. 177 

fens trägt Vieles zur Ruhe der Gewässer Ley '■'•'}. Auf 
einmal kann nur ein einziges Schill einlaufen 5 aber die 
grüfsten Linienschilfe können ganz nahe am Land an- 
kern^ um Wasser einzunehmen. Die Felsenriffe von 
PuntaBrava, denen gegenüber eine Batterie von acht 
Kanonen errichtet ist, können allein nur den Hafen ge- 
fährden. Westwärts und südwestwärts erblickt man das 
Fori, das ein regelmäfsiges Pentagon zu fünf Bastionen 
bildet, die Batterie des Felsenri^fs, und die Festungs- 
werke der alten Stadt, die auf einem trapezförmigen 
Eiland erbaut ward. Eine Brücke und das feste Thor 
der Eslacade vereinbaren die alte Stadt mit der neuen, 
welche bereits schon grüfser als jene ist, obgleich sie 
nur für eine Vorstadt geachtet wird. Der Hintertheil 
des Beckens oder der Lagune, die den Hafen von Porto- 
Cabello bildet, umfafst die Südvvestseite dieser Vorstadt, 
und bildet ein Sumpfland, das mit stehendem, verdor- 
benem Wasser überschwemmt ist. Die Stadt zählt ge- 
genwärtig nahe an gooo Einwohner. Sie verdankt ihren 
Ursprung dem in diesen Gewässern durch die Nähe der 
im Jahr i549 gegründeten Stadt ßurburuta veranlafbten 
Schleichhandel. Erst unter der Regierung der Biskaya- 
ner und der Compagnie von Guipuzcoa ward Porto- 
Cabi;llo, welches zuvor nur ein Weiler gewesen war. 
zu einer gut befestigten Stadt. Die Fahrzeuge von la 
Guayra, das weniger ein Hafen, als eine schlechte, of- 



*) Man ist in Porto-Cabello getheiJter Meinung, ob der Name 
des Hafens von der Ruhe seiner Gewässer herrühre, ,,die 
kein Haar i,cabeüo~) benegcn würden," oder ob, was wahr- 
scheinlicher ist, dieser ISame von Antonio Cabello herkommt, 
einem Fischer, mit dem die Schleichhändler von Curafao 
vertraute Verbindung unterhielton , zur Zeit, wo der erst» 
Weiler auf dieser halb öden Küste erbaut ward. 

AUx. V. Humboldit hist. Reisen. III. j j 



178 B n c h V. 

fene Rhede ist, kommen nach Porto -Cabello, um sich 
caliatern und ausbessern zu hassen. 

Die wahre Vertheidigung des Hafens besteht in den 
niederen Batterien der Erdzunge von Punta lirava und 
des Felsenrills;, und man hat diesen Grundsatz mifs- 
kannt, als man mit grofsen Kosten auf den Bergen, 
welche die Vorstadt südwärts beherrschen, ein neues 
Fort, das Belvedere QlMirador^ von Solano ••') erbauen 
liefs. Dies, eine Viertelstunde vom Hafen entfernt ste- 
hende Werk ist vier- bis fünfhundert Fufs über der 
Meeresfläche erhöhet. Die Baukosten desselben betru- 
gen alljährlich, während einer langen Reihe von Jah- 
ren, zwanzig- bis dreyfsigtausend Piaster. DerGeneral- 
Capitain von Caracas, Hr. v. Guevara Vasconzelos, in 
Uebereinstimmung mit den geschicktesten spanisclien 
Ingenieurs, war der Meinung, der Mirador, welcher 
zu meiner Zeit nur noch mit sechszehn Kanonen ver- 
sehen war, könnte für die Vertheidigung des Platzes 
wenig leisten, und die Arbeiten wurden auf seinen Be- 
fehl eingestellt. Eine lange Erfahrung hat dargethan, 
dafs die sehr hohen Batterien, selbst wenn sie mit gro- 
bem Geschütz versehen sind, viel weniger zum Schutz 
der Rhede leisten, als niedrige, halb im Wasser stehende 
Batterien thun, die mit kleinerem Geschütz versehen, 
aber auf den Küsten oder Hafendämmen errichtet sind. 
Wir fanden den Verlheidi»ungszustand von Porto -Ca- 
bello sehr wenig sichernd. Die Festungswerke dos Ha- 
fens und der Stadt mit etwa sechszig Feuerschlünden 
erheischen eine Besatzung von 1800 bis 2000 Mann; es 
waren aber deren nur 600 vorhanden. Auch war eine 
königliche Fregatte von den Kanonier-Schaluppen eines 



*) Der Mirador liegt östlich von der Ilgia alta und südöst- 
lich von der Batterie des Naizwerks und der Pulvcrinühle. 



Kapitel XVI. 179 

enffUschen Krlcssschifies an:',cori(Ten und genommen 
wordeil, obgleich sie am Hareneingang' vor AnKer lag. 
Die Blokade Legünrtigte den ScMoichhandel vielmehr, 
als dafs sie ihn hinderte; Alles sclsitMi in Porto-Cahello 
eine zunehmende Bevölkerung- und Gewerhiieifs anzu- 
deuten. Der thätigste Schleichhandel wird mit den In- 
seln Curasan und Jainaica getrieben. Jährlich werden 
über zehnlausend JVlauIthiere ausgeführt. Jbs ist merk- 
würdig diese Thiere einschifl'en zu sehen, die durch 
Schlingen zu Boden geworfen, und mittelst einer dem 
Kranich ähnlichen Vorrichtung an Bord der SchiflV; ge- 
bracht werden. In zwey Keihen gestellt, können die 
Maulthiere sich während desSciilingerns und btarnpfeiis 
des Schiffes kaum aufrcclit halten. Um sie zu schrecken 
und lenksamer zu machen, wird einen grofsen Theil 
des Tags und der JNacht durch die Tronimel gerührt. 
Man stelle sich die Kühe vor, deren ein Passagier ge- 
niefsen mag, welcher den Muth besitzt, auf einer dieser 
mit iVIaulthieren beladenen Giiletlen die Ueberiahrt nach 
Jamaica zu nuichen. 

Wir verliefsen Porto -Cabello am ersten März bey 
Sonnen - Aufgang. Mit Verwunderung sahen wir die 
Menge der, mit dem auf den Markt bestimmten übst 
beladenen, Kähne. Sie erinnerten mich an einen schö- 
nen Morgen in Venedig. Von der Seeseite gewährt 
die Stadt überhaupt einen freundlichen und lieblichen 
Anbuck. Mit Pttanzengrün bedeckte und in Spitzen *), 
die uian ihren Umrissen nach für trappartige Felsen hal» 
ten könnte, auslaufende Berge bilden den Hintergrund 
der Landschaft. In der Küstennähe ist Alles nacLt, weilV, 
und hell beleuchtet; während die ßei'gwand mit dicht 
helaubten Bäumen besetzt ist, deren lange Schatten sich 



*J Las Tetas de Ilaria- 



i8o Buch F. 

über eine braune und felsigte Landschaft ausdehnen. 
Bevni Ausfi-anff der Stadt besahen wir die kürzlich be- 
endigle Wasserleitung. Sie ist 5ooo Vares lang, und 
führt durch eine Rigole das Wasser des Rio Estevan 
nach der Stadt. Das Werk kostete über 3o,ooo Piaster: 
dafür fliefst nun aber auch Wasser in allen Strafsen. 

Auf dem Rückweg von Porto - Cabello nach den 
Thälern von Aragua machten wir nochmals Halt in der 
Pflanzung von Rarbula, durch welche die neue Strafse 
von Valencia geführt wird. Wir hatten seit mehreren 
Wochen von einem Baume sprechen gehört , dessen 
Saft eine nährende Milch ist. Er wird der Hiihbcnun 
(Varhre de la vache^ genannt , und man versicherte 
uns, die Neger der Meyerey, welche diese Pflanzen- 
milch in Menge trinken, halten sie für eine sehr ge- 
sunde Nahrung. Da alle Milchsäfte der Pflanzen scharf, 
bitter und mehr oder weniger giftig sind, so kam uns 
diese Angabe sehr seltsam vor. Die Eriahrung jedoch 
belehrte uns, während des Aufenthalts in Barbula, dafs 
in dem, was man uns von den Eigenschaften des Palo 
de Vaca gesagt hatte, keine Ucbertreibung lag. Es 
zeigt dieser scliöneBaum die Gestalt des Sternaplelbaums 
CCdimitier^ *). Seine ablangen, zugespitzten, zähen 
und wechselnd stehenden Biälter smd mit unterhalb 
vorspringenden und parallellaufenden Seilenrippen ver- 
sehen. Ihre Länge beträgt bis auf zehn Zoll. Die Blume 
haben wir nicht gesehen; die Frucht hat wenig Fleisch 
und enthält eine, bisweilen auch zwey Niisse. Wenn 
in den Mamm des Huhbaiinis Einschnitte gemacht wer- 
den, so fliefst eine klebiigte, ziemlich dicke, vollkom- 
men mildschmeckende und einen sehr angenehmen bal- 



*) Chrysoph^'llum Cainito. Siehe yJ finales du ßluset-, Tom. IT. 
p. 180. 



Kapitel XVl. 181 

samischcn Geruch ausdünstende Milch in Menge her- 
vor. Man reichte uns diese Milch in Früchten vom 
Tiitnmo oder Kürhisflaschenbaum. Wir haben davon 
ansehnliche Portionen getrunken, sowohl Abends vor 
Schlalongehen ;, als früh Morgens, ohne irgend eine 
schädliche Wirkung zu verspüren. Nur die Klebrigkeit 
der Milch macht sie etwas unangenehm. Die ISeger 
und die freyen Arbeiter der Pflanzung trinken dieselbe, 
indem sie Mais- oder Manioc-Brod, die yirepa und die 
Cassace darein tauchen. Der Hausmeyer des Pachthofes 
versicherte, die Sclaven würden zusehends fetter, wäh- 
rend der Jahrszeit, wo der Palo de f'^aca die meiste 
Milch liefert. Bey freyem Zutritt der Luft bilden sich 
auf der Oberfläche des Saftes, vielleicht durch Einsau- 
gung des Sauerstoffs der Atmosphäre, Häute von einer, 
dem thierischen Stoff bedeutend sich annähernden, gelb- 
lichten, faserigen, einer käseartigen ähnlichen Sub- 
stanz. Diese von der übrigen, mehr wässerigten Flüs- 
sigkeit getrennten Häute sind elastisch, beynahe wie 
Federharz (Caoutchouc) : in der Folge aber gehen sie 
eben so in Fäulnifs über, wie die Gallerte. Das Volk 
nennt den sich durch Einwirkung der Luft trennenden 
Klumpen Jxüse ; derselbe wird in fünf bis sechs Tagen 
sauer, wie ich an kleinen Portionen desselben, welche 
ich n)it mir nach Nueva Valencia nahm , beobachtet 
habe. In einem wohl verschlossenen Fläschchen auf- 
bewahrt, setzte sich aus der Milch ein geringes coagu- 
7h«i zu Boden : und, weit entfernt stinisend zu werden, 
behielt die Flüssigkeit vielmehr ihren balsamischen Ge- 
ruch. Unter Beymischun^ von kaltem Wasser gerann 
der frische Saft beynahe gar nicht; dagegen erfolgte 
die Trennung der klebrigten Häute, als ich ihn mit 
Salpetersäure in Berührung brachte. Wir sandten zwey 
Flaschen dieser Milch an Herrn Fourcroy nach Pari§. 



i8z Buch V. 

In der einen war sie in ihrem natürlicTien Zustand, in 
der aiidiTi) liin^^egen mit einer ge\vi:sen Menge kohlen- 
saurer Soda vermischt. Der franzö^isclie Consul auf 
der Insel St. Thomas hatte die Gefälligkeit^ diese Sen- 
dung 7,u hejorgen. 

Es scheint der aufserordentliche Baum ; von dem 
hier die iWde ist, der fiüsten-Cordillere , vorzüglich 
der Gegend zwischen liarhula und dem Maracayho-See 
anzugehören. Einige Stämme davon stehen auch in der 
Wähe des Dorfs San Mateo, und, dem Zeugnifs des 
Hrn. Bredemeyer zufolge, dessen Reisen den schönen 
Gewächshäusern von Schönhrunn und U ien so reichen 
Zuwachs brachten, auch im Thale von Caucagua, drey 
Tagreisen östlich von Caracas. Diespr JNaturforecher 
fand, wie wir, die Pflanzenmilch des Palo de J- tica von 
angenehmem Geschmack und gewürzhaftem Geruch. 
In Caucagua nennen die Eingehornen den Baum, wel- 
cher diesen nährenden Saft liefert, IMilc/ibaiim , Arbol 
de lecke. Sie behaupten, an der Dichtheit und Farbe 
des Laubes die Stämme zu unterscheiden, welche am 
meisten Saft enthalten, wie die Hirten an äufseren Kenn- 
zeichen eine gute Milchkuh erkennen. ^och hat bis 
dahin kein Pflanzenforscher das Dasoyn dieses Gewäch- 
ses gekannt, von dem man sich die Befruchtungstheile 
leicht wird verschafl'en können. IN ach Herrn Kunth 
scheint dasselbe der Familie der Sapoteen (Sapotilliers) 
anzugehören*^. Ich habe erst lange nach meiner hück- 



*) Galactodendrum^ ex familla sapotoarum. Arbor 6-7 -or- 
gyalis. Ramuli teretes; glabri , juniores angiilali, tcnuis- 
sime canescenti puberali. Genxniae lerminaics , subulal«^, 
convölutae, slriceo - pubescentes. Folia altcrna , petiolata, 
oblonga, utrinque rolumlala, apice brevissiine acuininata, 
integerrima , reticulato- venosa, venis primariis transversa- 
libus 'pauIo approximatis subparalleiis nervoque subtus pro- 



Kapitel XVI. i83 

kunft in Europa, in der Beschreihnng von Ostindien 
durch den Holländer Lael, eine Stelle gefunden, die auf 
den Kulibaum Bezug- zu haben scheint. ,,Es befinden 
sich, sag-tLeet*^, in der Provinz Cuinana Bäume , de- 
ren Saft einer geronnenen Milch gleicht, und eine ge- 
sunde Nahrung gewährt/"^ 

ich gestehe, dafs unter der grofsen Zahl merk- 
würdiger Erscheinungen, die mir auf meinen Reisen 
vorgekommen sind , nur wenige einen so lebhaften 
Eindruck auf mich machten, wie der Anblick des Huh- 
bamns. Alles, was auf Milch Bezug hat, alles, was die 
Cerealien angeht, regt eine Theilnahme in uns auf, die 
nicht einzig nur auf dem Werth der Kenntnifs natür- 
licher Dinge beruht, sondern sich einer andern Reihe 
von Vorstellungen und Gefühlen anschliefst. Wir mögen 
uns nicht leicht denken, wie das Menschengeschlecht 
ohne mehligte Substanzen, ohne den Nahrungssaft be- 
stehen könnte, den die Mutterbrust enthält, und wel- 
cher der lange dauernden Schwäche des Kindes ange- 
pafst ist. Der Stärkmehl-Stoflf der Cerealien, ein Ge- 



minentibus, subcoriacea, glaberrima, exsiccata supra viridia, 
sublus aureo - fusca , növem aut decem pollifcs longa, vix 
qualuor pollices lata. Petioli crassi, canaliculali , glabri, 
S aut 9 lineas longi. Stipulae nullte. Fructus facie drupae 
jugl.Tndis, carnosus, giobosus, viridis, fcetus nucibus i aut 2, 
monospermis (Drupa? pluri -, arbotu uni- aut bilocularis: 
loculis monospermis?^. Kunth 'inHumb. et Bonpl., Nou.Gen., 
Tom. Ilf, ined. 
"*) Inier arbores quec sponte hie passiin nascunlur, niemorantur 
a scriploribus hispanis quaedam, quae lacteum quemdam li- 
quorem fundunt , qui durus admodum evadit instar gummi 
et suavem odorem de se fundit : aliec quee Uquorem quem- 
dam edunt , instar lactis coagulati , qui in cibis ah ipsis 
usurpatur sine noxa. Descript. Ind. occ. Lib. 18, Cap. 4 
fed. i653, p. 67 j). 



iSi Buch V. 

g-en5tan(l religiüser Verehrung- bey sehr vielen alten und 
neueren Völkern, ist in den PHanzensaamen verbreitet, 
und n ird nicht minder in \A'ui'zeln angetroft'en ; die zur 
Speise dienende Milch zeigt sich uns ausschliefsiicli als 
ein Erzeugnifs thierischer Eildung-. So sind die Ein- 
drücke bescbaiTen, welche wir von frül'ester Jug-end an 
empfangen haben, und dies i'^t auch die Quelle des Er- 
staunens, das uns der Anblick des so eben beschriebenen 
Baumes erregt. Es sind hier keine prachtvollen Schat- 
ten der Wälder, kein majestätischer Lauf der Strüme, 
und keine in ewigen Winter gehüllte Berge, die uns 
mächtig- ergreifen. Einige Tropfen eines Fflanzensafts 
erinnern uns an die Allmacht und Fruchtbarkeit der 
INatur. Am dürren Abhang eines Felsen wächst ein 
Baum, dessen Blätter dürr und zäh sind. Seine dicken 
holzigen Wurzeln haben Mühe in das Gestein einzudrin- 
gen. Mehrere JNIonate des Jahres befeuchtet kein er- 
quickender Regen sein Laub. Die Aeste scheinen ab- 
gestorben und vertrocknet, bohrt man aber den Stamm 
an, so entfliefst ihm eine milde und nährende Milch. 
Bey Sonnen-Aufgang- ist diese vegetabili:c!ie Quelle am 
reichsten. Es kommen alsdann von allen Seilen her 
Neger und Eingeborne, mit grofsen IVäpfen versehen, 
um die Milch zu sammeln, welche gelb wird und sich 
auf der Oberfläche verdichtet. Die einen heren ihre 
Näpfe unter dem Baume selbst aus, andere bringen das 
Gesammelte ihren Kindern. Alan glaubt den Haushalt 
eines Hirten zu sehen, der die Milch seiner Heerde 
verlheilt. 

Dies sind die Eindrücke, welche der erste Anlilick 
des hu/tbaums im Geiste des Reisenden zurückläfst. Die 
Wissenschaft- zeigt uns, indem sie die natürlichen Ei- 
genschaften der thierischen Suhstan/en und der Hflanzen- 
Substanzen untersucht, die zwischen beyden bestehend© 



Kapitel XVI. i85 

enge \ «jrbindung ; aber sie entzieht das Wunderbare, 
und vielleicht auch sogar einen Tlieil seines Reizes dem- 
jenigen, das unser Erstaunen erregt lustte. JNichts er- 
scheint mehr vereinzi'U f chymische Grundtheile, ivel- 
che man den Tliieren eigenthiunlich glaubte, finden 
sich in den Pflanzen wiedi^r. Ein gemeinsames Band 
umschlingt die ganze organische Natur. 

Lange bevor die öcheidekiinstler kleine Wacbs- 
theilchen im Blütlienstaub, iin Fiinifs der Blätter und 
im weifsen Staubhauch unserer Pflaumen und Trauben 
erkannt hatteii , verfertigltm die Bewohner der Anden 
von Quindiü Kerzen aus der dicken Wachskruste , die 
den Stamm eines Palmbaums bedeckt *). Seit wenigen 
Jahren erst kam man in Europa auf die Entdeckung des 
Caseiim **), als des Grundtueils vom Käse, in der Man- 
delmilch; während seit Jahrhunderten in den Küsten- 
bergen von Venezuela die Milch eines Baumes , und 
der Käse, der sich aus dieser Pflanzenmilch abscheidet, 
für eine gesunde Nahrung gehalten wird. Worauf be- 
ruht dieser seltsame Gang in der Entwicklung unsrer 
Kenntnisse? Wie gelangte ^as Volk in der einen Halb- 
kugel zur Erkenntnifs dessen, was in der andern so lange 
Zeit dem Scharfsinn der Scheidekiinstler sich entzog, 
welche gewöhnt sind, die Natur zu befragen und sie 
in ihrem geheimnifsvollen Gang zu überraschen? Per 
Grund liegt darin, dafs eine kleine Zahl UrslolTe und 
verschiedenthcli verbundene Grundtheile in mehreren 
Pflaiizenfamilien verbreitet sind 5 dafs die Gattungen 



*) '^ercj:\ Ion and'tcola, die wir in den Plantcs equinoxialc?, 
Tom. I, p. g, pl. I et II Lekannt gemaciit lia'ben. 

'**) Proust, im Journ. de Ph')s., Tom. I.IV", p. 43o. Boullay 
und \ ogei in den A/tnales de Chiniie et de Physiquc, Tom. VI, 
f. 408. 



iS6 Buch V. 

und Arton dieser natürlidien Familien nicht gleich- 
mälsig in der Aequatorial Zone und in den kalten und 
geinSrsi<^-ten Zonen vertheilt sind 5 dafs Völkerschaften, 
die das Bediirfnifs antreiht und die ihre meiste JNalirung- 
aus dem Pflanzenreich '/iehon , nährende Grundtheile, 
niehliii:e und Nahrungs- Suhstanzen überall entdecken, 
wo die Natur sie in Säften, Binden, Wurzeln oder Früch- 
ten der Gewächse niedergelegt hat. Dieses Stärke-Satz- 
mehl, welches die Saamen der Cerealien in seiner völ- 
ligen Keinheit darstellen, findet sich, mit einem scharfen 
vnd zuweilen sogar auch gütigen Saite vereinbart, in 
den Wurzeln des Arum, der Tacca pinnatifida und der 
Jatropha ATanihot. Der americanische Wilde hat, gleich 
dem Bewohner der Südsee-lnscln, das Satzmehl durch 
Auspressen und Trennung von seinem Safte versüfsen 
gelernt. In der Pflanzenmilch und in den milchisten 
Emulsionen sind überaus nährende Stofl'e, das Eyweifs, 
der Caseum und der Zucker, mit dem Caoutchouc und 
mit ätzenden und zerstörenden Grundtheilen vermischt, 
wie die Morphine '"') und die Blausäure sind. Diese 
Mischungen zeigen sich nicht nur in den ui'igleichen 
Familien verschieden, sondern auch in den Arten, wel- 
che zur nämlichen Gattung gehören. Bald ist es die 
Morphine oder der narcotische Grundtheil, der, wie 
dies bey einigen Paperaceen der Fall ist, die Pflanzen- 
milch auszeichnet; bald das Caoutchouc, wie in der 
Hevea und Castilloaj bald das Eyweifs und das Caseum^ 
wie im Melonenhaum tind im liuhhanm. 

Es gehören die Milchsaftpflanzen vorzugsweise zu 
den drey Familien der Euphorhiaceen , Urticeen und 
Apocineen **), und da es sich, bey Untersuchung der 



*) Das Opium enthält die Morphine, das Caoutchouc u. s. >v. 
**) Auf diese drey grofsen Familien folgen die Papaveraceen, 



Kapitel XFI, 1S7 

Vertlieilung der Pflanzenformen über den Erdball ^ er- 
gi»>bt, dafs diese drey Familien in dcM- lieleiei) Gegend 
der Tropenländer in zalilreiclieren Arten vorl'.ouunen, 
so läfst sich daraus l'olgcrn^ dafs eine sehr erliühte Tem- 
peratur zur Ausarbeitung der Milchsäfte, zur Bildung 
des Caoutchouc, des Eyueifses niid der Käüesuh; tanz 
beyträgt. Der Saft des J'alo de I aca zeigt ohne Zwei- 
fel das merkwürdigste ßey?piel einer Pflanzenmilch, 
worin das scharfe und schädliclie Piincip dem Eyweifs, 
dem Caseum und dem Caoutchouc nicht beygesellt ist 5 
inzwischen landen sich bereits auch in den Gattungen 
der Euphorbia und Ascleplas , die so allgemein durch 
ihre ätzenden Eigenschaften Siekannt sind, solche Arten, 
deren Salt mild vind unschädlich ist. Dahin geliüren 
das Tabasba diilce der Canarischen Inseln , von dem 
wir anderswo gesprochen hal)en *) , und die Asclcpias 
lactifera aus Ceylan. Burmann erzählt, man bediene 
sich, in Ermangelung der Kuhmilch, dort zu Lande 
des Milchsatts dieser letzteren Pflanze, und nian lasse 
mit ihren Blättern die Speisen Kochen , die sonst ge- 
w>5hnlich mit Thiermilch zubereitet werden! Man darf 
bolfen, es werde ein in die chymischen Kenntnisse tief 
eingeweihter Keisender, Hr. John Dav)', diese That- 
sache während seines Verweilens auf der Insel Ceylan 



die Chicoraceen , die Loltellaceen , die Camparmlacoen , die 
Sapoteen und die Cucurbitaceen. Die Blausäure ist der 
Gr;-ppe der Rosaceen - Amvgdaleen eigen. In den Mono- 
cot> ledoneen findet sich iiein Milchsaft, aber die Saamen- 
um;;üi)ung der Falmbaume, welche so milde und angenehme 
milch.irtige Emulsionen liefert, enthält ohne Zweifel caseum. 
Wie verhall sich s nn't der Milch der Pilze? 
*) Euphorliia baisamifera. Siehe oben Kap. 16. S. iS"). Der 
miiciii-te Saft des (^actus mamillarls ist eltenfaüs siifs. (De 
Candolle, Essai sur ies propr. medicales des plantcs, p. i56.) 



i88 Buch F.^ 

aufklären; denn es wäre möglich, wie Hr. De Candolle 
gar wolil bemerkt, dafs die Eingebornen nur den Saft 
der ganz jungen Pflan/e gebrauchen würden, in einem 
Zeilpunct, wo der scharfe, Grundstoff noch nicht ent- 
wickelt ist. Die ersten Sprüfslinge der Apocyneen wer- 
den auch wirklich in mehreren Ländern gespeist*). 

Ich wollte durch diese Zusammenstellung den Ver- 
such machen, die Milclisäfte, welche in den Pflanzen 
umlaufen, und die milchigten Emulsionen, welche aus 
den Frücliten der Amygdaleen und Palmbaumarten er- 
halten werden, unter einem allgemeinen Gesichtspuncte 
darzustellen. Es sey mir vergönnt, diesen Betrachtun- 
gen die Resultate einiger Versuche beyzugesellen, die 
ich mit dem Saft der Carica Papaya- während meines 
Aufenthalts in den Thälern von Aragua angestellt habe, 
obgleich ich damals beynahe gar nicht mit Keagentien 
versehen war. Der nämliche Saft ist seither von Hrn. 
Vauquelin untersucht worden *'■*). Dieser berühmte 
Scheidekünstler hat das Eyweifs und den käseartigen 
Stoff sehr wohl erkannt: er vergleiclit den milcliigten 
Saft mit einer stark animalisirten Substanz , dem Blut 
der Thiere^ er konnte aber seiner Prüfung nur einen 
gegohrnen Saft und ein Coagnliiin von stinkendem Ge- 
ruch unterwerfen, das sich während der Ueberfahrt des 
Schifies von Isle de France nach dem Havre gebildet 
hatte. Er drückt den Wunsch aus , ein Keisender 
möchte die Milch des Melonenbaums frisch , wie sie 
aus den Zweigen oder der Frucht abfliefst, unter- 
suchen. 

Je jünger die Frucht des Melonenbaums ist, um so 



*) A. a. 0. p, 2i5. 

**) Vauquelin und Cadet de Gassicourt, in den Annales de 
Chimicy Tom. A3, p. a/S; Tom. 49, p. sho und 3o4. 



K a p i f e l XFL \^ 

mehr Milch liefert sie^ und diese findet sich bereits auch 
in dem kaum befruchteten Keime. So wie die Frucht 
zeitiget;, nimmt die Milch an Monge ab und wird wäs- 
seriger. Sie enthält alsdann weniger von jenem thieri- 
schen, durch Säuren und durch die Einsaugung des 
Sauersloflt's der Atmosphäre gerinnbaren Stoff. Weil 
die ganze Frucht klebrig ist ") j so könnte man glau- 
ben^ es werde der gerinnhcire Stoff in die Organe ab- 
gesetzt und einTheil der mai'kigen oder fleischigen Sub- 
stanz bilde sich daraus. Wenn mit vier Th eilen Wasser 
verdünnte Salpetersäure tropfenweise der ausgeprefsteu 
Milch einer noch ganz jungen Frucht beygemischt wird, 
so zeigt sich eine sehr aufserordentliche Erscheinung. 
Im Mittelpunct jedes Tropfens bildet sich ein gallertiges 
Häutchen, das durch graulichte Striche abgetheilt ist. 
Diese Striche sind nichts anders , als der wässerig ge- 
wordene Saft; dem die Berührung der Säure das Ey- 
weifs entzogen hat. Zu gleicher Zeit wird der Mif- 
telpunct der Häutchen undurchsichtig, und nimmt die 
Farbe des Eydotters an. Sie vergrüfsern sich wie durch 
die Verlängerung auseinander laufender Fibern. Die 
ganze Flüssigkeit sieht anfänglich einem Achat mit mil- 
chigten Wölkchen gleich _, und man glaubt organische 
Häutchen unter seinen Augen entstehen zu sehen. Wenn 
das Coagiihim sich über die ganze Masse ausdehnt, so 



*) Die niimliche Klebrigkeit ist auch der frischen Milch des 
Pnio de Vaca eigen. Sie rührt ohne Zweifel von dem Caout- 
chouc her, der noeh nicht gesondert ist und mit dem Ey- 
weifs und dem caseum eine gemeinsame Masse bildet, wie 
die Butter und der caseum in der Thiermilch. Der Saft 
einer Euphorbiacee, des Sapium aucuparium, welches gleich 
falls Caoutchouc liefert, ist so klebrig, dafs man sich seiner 
zum Fang der Papageyen bedient (^De CandoUe, a. a. 0., 
p. 263.) 



J90 



B n 



versclnvinilen die gelben Flrcken neuerdings. DurcV 
Schütteln wird die Masse körnig, wie weicher Käse *^. 
Die gelije Farbe kommt wieder zum Vor^-chein^ wenn 
man nochmals einige Tropfen Salpetersäure zugiefst. 
Die Säure wirkt hier wie die Berührung des Sauer'itoffs 
der Atmosphäre hey der Temperatur von 27° zu 35° ; 
denn das weiCse Coagnlum wird in zwey bis drey Mi- 
nuten gelb, wenn man es der Sonne aussetzt. Etliche 
Stunden nachher gelit das Gelbe in Braun über, ohne 
Zweifel weil der Kolilinstoft" frcyer wird, nach Mafs- 
gabe, wie der mit ihm vereint gewesene Wasserstoff 
verbrennt. Das durch die Säure gebildete Coagnlum 
wird klebrig und ninnnl den Wachsgeruch an, welchen 
ich bey der Behandlung des Muskelfleisches und der 



*) Was sich in geronnenen und faserigten Klümpchen nieder- 
schlagt, ist kein reines Caoulchouc, vielleicht aber eine Mi- 
schung dieser Sujjstan/. mit dem caseuin und dem Evueifs. 
Die Sciuren schlagen das Caoulchouc des MilciisalU der Eu- 
phorbien, der Fcigcnb.'iuine und der Hevea nieder; sie be- 
wirken den rSiederschlag des caseutn der ThiermiJcb. In 
hermetisch verschlossenen Fläschchen mit Milch der Hevea, 
die sich in unsern Sammlungen befand, bildete sich, wäh- 
rend unserer Heise an den Orenoko, ein weifses Coagulum. 
Es ist vielleicjit die Entvvicliclung einer vegetabilischen Sau- 
re, welche alsdann dem Evweifs Sauerstofl" liefert. Die Bil- 
dung des Coagulums der Hevea oder eines wirklichen Caout- 
chouc geschieht inzwischen viel schneller durch die Berüh- 
rung der Lult. Die Einsaugung des Sauerslofi's der Atmo- 
sphäre ist keineswegs erforderlich für die Erzeugung der 
Butter, welche völlig gebildet in der Thiermilch vorhanden 
ist; hingegen liegt es, glaube ich, aufser Zweilel, dafs in 
der Pllanzcnmilch diese Einsaugung die Jläutchen von Caoul- 
chouc , geronnenem Eyweifs und Caseum erzeugt, welche 
sich nach einander in den der Luft ausgesetzten Gefäfscn 
bilden. 



Kapitel X^Y. igi 

Pilze (Morcheln) mit Salpeterjiiure wahrnalim *). Den 
schönen Versuchen des Hrn. Hatchelt zufolge läfst sich 
anneinnen, dafs das Eyweifs zum Theil in Gallrrle über- 
geht **_). Das frisch bereitete Co«gH/u/« des Melonen- 
baums wird, im Wasser aufgeweicht, zum Theil auf- 
gelöst und fiirht das Wasser gelblich. Die Milch, mit 
blofsem Wasser in Verbindung gebracht, bildet gleich- 
falls Häute. Eine zitternde Gallerte, dem Stärkmehl 
ähnlich, wird alsbald daraus niedergeschlagen. Diese 
Erscheinung zeigt sich besonders auffallend, wenn das 
dazu gebrauchte Wasser zu 40° oder 60° erwärmt ist. 
Die Gallerte verdichtet sich im Ver^ältnifs des zugegos- 
senen mehreren Wassers. Sie behält ihre weifse Farbe 
lange, und wird nur durcli die Berührung einiger Tro- 
pfen Salpetersäure gelb gefärbt. Veranlafst durch den 
Versuch der Herren Fourcroy und Vauquelin mit dem 
Saft des Federharzbaums (Hevea), vermischte ich die 
Milch des Melonenbaums mit einer Auflösung von koh- 
lensaure/n Natrum. Es bildete sich kein Klumpen, auch 
alsdann nicht, wenn reines Wasser zu der Mischung von 
Milch und laugenhafter Auflösung gegossen ward. Die 
Häute erscheinen erst, \i enn durch Zusatz einer Säure 
die Soda neutralisirt und ein üebermafs von Säure vor- 
handen ist. Ich habe gleichmäfsig das duich Salpeter- 
säure, durch Citronensaft oder heifses Wasser gebildete 
Coagn/um mittelst der Beymischung von kohlensaurem 
Natrum zerstört. Der Salt wird wieder milchi^^ und 
flüssig, wie er urspi'ünglich gewesen ist 5 wenn dieser 
Versvich gelingen soll, so mufs jedoch das CoaguluiQ 
noch frisch und kürzlich erst gebildet seyn. 



*) Siehe meine Versuche über die gereizte Muskelfaser Th. I. 

S. .^7- 
**) Siehe am gleichen Ort, S- 177. 



192 



B n c h r. 



Vergleicht man die Milchsäfte des Melonenhaums, 
des Kiiltbuiims und der Hevea, so zeigt sich eine ciuf- 
fallende AeiuiHclikeit zwischen den Saiten , worin der 
käsigte Stofll"^ und zwischen denen, worin das Caout- 
choAiC vorherrschend ist. Alle vveilsen und Irisch he- 
reitefean Caoutchoucs, so wie die wasserdicUlen Män- 
tel'"'^, welclie im spanischen America durch eine, zwi- 
sclien zvvey Stücke Leinwand gehrackte, Schichte IVlilch 
vom Federharzhaum verfertigt werden, düngten einen 
thierischen oder ekelhaften Geruch aus. Dieser scheint 
anzudeuten, dafs das Caoutchouc heym Gerinnen den 
Caseum nach sich zieht, der vielleicht nur ein modilicir- 
tes Eyvveifs ist *'-*). 

Die Frucht des Brodbaiims ist eben so wenig Brod, 
als die Pisangfrucht vor ihrer Reife es ist, oder die knol- 
ligten, stärkemehllialtigen Wurzeln des Manioc,- der 
Dioscorea, des Convolvulus Balatas und dt.r Hartoll'eln. 
Die Milch des liuhbaiims[\'in^i?^Gn enthält den Käse.^lo/lj 
gleich der Milch der Säugtüiere. Zu allgemeineren 
Betrachtungen ansteigend, halten wir, mit Hrn. Gay- 
Liussac, das Caoutchouc für d .n üligtcn J hoil, die But- 
ter der Pflanzenmilch. Wir Hnden in der Milch der 
Gewächse Caseum und Caoiüclioiic ^ in der Milch der 
Thiere Caseum und Butter. Die iwey eyw».'il->artigen 
und üligten Grundstöfi'e kommen in alweiciiendem Ver- 
hältnifs in den verschiedenen Arten der Thiere und der 
Milci;saftpflanzen vor. In den letzteren sind sie njeist 
mit andern, als Nahrung schädlichen Substanzen ver- 
bunden, die man jedoch vielleicht durch chymische Vor- 
kehrun;ipn zu ti eiuien vermöchte. Eine PHanzenmilch 
wird nährend, wenn sie keine scharfen und narcotischen 
Grund- 

*) Ponchos y Ruanas cncdiichndas enlrc dos telas. 
**'} SJelie die ISole ß am Sclilusse des lunhen Buchs. 



Kapitel XVL icß 

Grundtlicile enthält^ und wenn das Caoutcliouc weniger 
als dei' KiisestolT darin vorherrschend ist. 

Wenn der Palo de Vacca die unermefslicheFi'ucht- 
barkeit und Wohlthätigkeit der Natur in der heifsen 
Zone darstellt, so erinnert er auch an die niancherley 
Ursachen^ welche in diesem schönen Klima die sorglose 
Trägheit des Menschen begünstigen. Mungo Park hat 
uns mit dem Butterbaiim von Bambarra bekannt ge- 
macht, von dem Hr. de Candolle vermulhet, er geiiöre, 
^\{e unser Milchbnnm, zur Familie der Sapoteea. Der 
Pisang, der Sagobaum, die Mauritien vom Orenoko 
sind JJi'odbüiwie, wie derKima der Südsee. Die Früchte 
der Crescentia und des Lecythis dienen als Gefäfse ; Blu- 
menscheiden der Palmbäume und Baumrinden liefern 
Mützen und Gewänder ohne Näthe. Die Knoten oder 
vielmehr die inneren Scheidewände des Stamms der Bam- 
busrohre dienen zu Leitern, und erleichtern auf mannig- 
faltige Weise den Bau der Hütten, die Verfertigung von 
Stühlen, Betten und andern Geräthschaften, in denen 
der Keichthum der Wilden besteht. Mitten unter einer 
so üppigen, in ihren Erzeugnissen so mannigfalti- 
gen Vegetation bedarf es kräftiger Antriebe, um de^n 
Menschen zur Arbeit zu spornen , ihn aus trägem 
Schlummer aufzuwecken, und seine Geisteskräfte zu 
entwickeln. 

In Barbula werden der. Cacaobaum und der Baum- 
wollstrauch angebaut. Wir fanden hier, was in diesem 
Land sehr Selten ist, zwey grofse Maschinen mit Cy- 
lindern, zur Absonderung der Baumwolle von den Saa- 
menkernen^ die eine wird durch ein Wasserrad, die 
andere durch einen Göpel und durch Maulthiere ge- 
trieben. Der Hausmeyer des Pachtguts, welcher diese 
Maschinen verfertigt hatte, war aus Merida gebürtig. 
Er kannte den Weg, welcher von Nueva Valencia durch. 

^Ux. V. Humboldts hisi. Reisen. III. .l3 



ig4 ß II c h A' 

Guanaie und Misagual nach Varinas, und von da durch 
die licrgsciilucht des Calkjones nach Paramo des IVlu- 
cuchies und den mit ewigem Schnee hedeckten Bergen 
von Merida führt. Die Angahen, welche wir von ihm 
erhielten, üher die erfordiuliche Zeit, um von Valencia 
durch Vax'inas nach der Sierra Nevada, und von da 
durch den Hafen von Torunos und den Rio Santo Do- 
mingo nach San Fernando de Apure zu gelangen, waren 
uns überaus wichtig. INIan kann sich in Europa keine 
Vorstellung machen, wie schwer es hält, genaue JN' ach- 
richten in einem Lande zu erhalten, wo so wenige Ver- 
bindungen vorhanden sind, und wo man die Entfernun- 
gen der Orte verringert oder vergrüfsert, je nachdem 
man einen Meisenden aufmuntern, oder ihm seine Plane 
verleiden will. Bey der Abreise von Caracas hatte ich 
dem Intendanten der Provinz Gelder übergehen, um die- 
selben durch die Beamten des königlichen Schatzamts 
in Varinas bezahlt zu erhalten. Mein Enlschlufs war, 
das östliche Ende der Cordilleren von Neugranada zu 
besuchen, da wo sie sich in die Paramos von Timotes 
und JNiquilao verlieren. In ßarbula vernahm ich, dafs 
dieser Ausflug unsere Ankunft am Orenoko um fünf und 
dreyfsig Tage verzögern würde. Dieser V^erzug mufste 
uns um so wichtiger erscheinen, da man den Eintritt 
der Regenzeit früher als gewöhnlich erwartete. \'\ ir 
hatten die Hoffnung, in der. Folge zahlreiche, mit ewi- 
gem Schnee bedeckte Berge in(^)uitOj in Peru und in 
Mexico zu besuchen, und es schien mir um so rath- 
samer, den Plan des Besuchs der Berge von Merida 
Aufzugeben, da wir fürchten niulsten, den eigentlichen 
Zweck unserer Reise zu vexlieren, welcher darin be- 
stund, durch astronomische Beobachtungen den Verein- 
barungspunct dos Orenoko mit dem Rio ISegro und dorn 
iVmazonen-Stroxn festzusetzen. Wir kehrten demnadi 



Ix a p i l e l yiVI. 196 

von Barbula nach Guacara zurück, ujo uns bey der ach- 
tungsvverthen Familie des Marquis del Toro zu ver- 
abscliieden und noch drcy Tage am öeeufer zu ver- 
weilen. 

Es waren die vier letzten Carnevalstage. Alles war 
frühhch und munter. Die Spiele, die man treibt, und 
die man Spiele de carnes loUendus heilst, nelimon mit- 
unter einen etwas rohen Character an. Einige führen 
einen mit U'asser beladeiicn Esel herum, und wo ein 
oflenes Fenster ist, wird das Innere der Zimmer mit ei- 
ner Spritze übergössen. Andere haben Daten voll Haare 
der Picapica oder des Dolichos pruriens, die sie den 
Vorhergehenden in's Gesicht blasen, und ihnen damit 
ein heftiges Hautjucken verursachen. 

Von Guacara kehrten wir nach Nueva Valencia zu- 
rück*^. Hier trafen wir etliche französische Ausgewan- 
derte, die einzigen, welche wir während fünf Jahren 
in den spanischen Colonien gesehen haben. Der Bluts- 
verwandtschaft unerachtet, welche zwischen den künig- 
lichen Familien von Fi-an!'.reich und Spanien besteht, 
war es selbst den französischen Priestern nicht ver- 
gönnt, sich in diesen Thüil der Neuen Welt, wo der 
Mensch so leicht Nahrung untl Obdach finden mag, zu 
flüchten. Jenseits des VA eltmeeres waren es die Verein- 



) Ich habe die Breite der Hacienda de Cura, einen der zu- 
verlässigst bestimmten Standpuncte , 10" j5' ItO" gefundenj 
diejenige von Guacara 10" 11' sj"; die von rsueva Valen- 
cia 10" 9' 56". iObs. astr. Tom. I, p. 199 — 204 und 
207 — 209.) Die Dedination der Mngnelnadel war jn der 
Hacienda de Cura 41", 20; in ^ueva Valencia ^i^.yS. Die 
Scliwingiingen betrugen an diesen bcvdcn Orten, in zelin 
Minuten Zeit, 23o und 224. Wir stellten alle diese Beob- 
achtungen in frever Luft und in der Entfernung von Ge- 
bäuden an. dSii^he weiter oben, Kap. i3. S. 104.) 



11)5 Buch V. 

ten Staaten einzig nur, die dem Unglück eine Zuflucht- 
stätte darboten. Eine Kegierung, die stark ist, weil sie 
freysinnig, und selbstvertrauend, weil sie gerecht ist, 
konnte ohne Furcht den Verbannten bey sich Aufnahme 
geben. 

Wir haben weiter oben versucht, einige bestimmte 
Angaben über die Verhältr.is?e der Cultur des Indigo, 
der Baumwolle und des Zuckers in der Provinz Caracas 
zu geben. Ehe wir das Thal von Aragua und das be- 
nachbarte Küstenland verlassen, müssen wir noch von 
den Cacaobüumen sprechen, welche jederzeit für die 
Hauptquelle des Wohlstands dieser Gegenden gehalten 
wurden. Die Provinz Caracas *•') erzeugte, zu Ende 
des aclitzehnten Jalirhunderts, jälirlich i5o,ooo Fanegas, 
wovon 30,000 in der Provinz selbst und 100,000 in Spa- 
nien verbraucht werden. Berechnet man eine Fanega 
Cacao, zum Preise von Cadix, auch nur zu 20 Plaster, 
so ergiebt sich, dafs der Gcsammlertrag der Cacao Aus- 
fuhr in den sechs Seehäfen der Capitania geoeral von 
Caracas '-'^^ auf 4^800,000 Piaster ansteigt. Ein so be- 



*3 Die Provinz und nicht die General-Capilanschoft, also mit 
Ausschlufs der Cacao-Pflanzungen von Cumana, von der Pro- 
vinz Barcelona, von I\Iaraca_ylio, Varinas und vom spani- 
schen Guiana. Zur Zeit des Krieges, im J. 1800, war der 
Preis e\ncr Fanega in der Provinz Caracas 12 Piaster, und 
in Spanien 70 Piaster. Von 1781 bis 1799 "cchsellen die 
Preise einer Fanega in Cadix zwischen 40 bis 100 Piaster. 
Die Transportkosten von Guayra nach Cadix beiragen in 
Friedenszeilen 5 Piaster, in Hriegszeiten 11 bis 12 Piaster 
die Fanesa. In Friedenszeiten ist der Preis des Cacao in 
Caracas 12 bis 20 Piaster die Fanega. 

**') St. Thomas von Keu-Guiana oder Angostura , Cumana, 
ISupva Barcelona, La Guayra, Porto - Cabello und iMara- 
coybo. 



Kapitel XVI. 197 

deutender Handelszweig verdient wohl eine sorgfältige 
Würdigung, und ich schmeichle mir, durch die grofse 
Zahl von Materialien, welche ich über alle Zweige dor 
Colonial-Landvvirth; cliaft gesammelt habe, im Stande 
zu seyn, die Angaben, welche Hr. Depons in seinem 
schätzbaren Werk über die Provinzen von Venezuela 
gesammelt hat, annocli zu vervollständigen. 

Der Baum, welcher den Cacao erzeugt, wäclist 
heutzutage in den Wäldern der Terra -Firma nordwärts 
d;^m Orenoko, nirgends wild ; wir haben ihn nur erst 
jenseits der Cataracten von Atures und JVlaypures an- 
getroffen. In Menge wächst er hauptsächlich unfern 
von den Gestaden des Ventuari und im obern Orenol;o, 
zwischen dem Padamo und dem Gehette. Diese Selten- 
heit der wilden Cacao - Bäume im südlichen America^ 
nördlich dem Parallelkreise von 6°, ist eine sehr merk- 
würdige und bisher wenig bekannte Erscheinung der 
Pflanzen-Erdkunde. Sie stellt sich um so auffallender 
dar, als man, nach dem Jahresertrag der Ernten, die 
Zahl der fruchtbaren Bäume in den Cacao Pflanzungen 
vonCumana, Nueva Barcelona, Venezuela, Varinas und 
Maracaybo auf mehr denn 16 Millionen berechnet. Der 
wilde (^acaobaum ist vielästig, vind sein Laubwerk ist 
dicht und schattig. Er trägt eine überaus kleine Frucht, 
die der Spielart j^leicht, welche die alten Mexicaner 
TlalcacafinatL nannten. In die coniicos der Indianer 
vom Cassiquiare und Rio "Negro verpflanzt, behält der 
Avilde Baum durch mehrere Geschlechter- Folgen jene 
Stärke d^s Pflanzenlebens, die ihn vom vierten Jahr an 
tragbar macht, wäfirend in der Provinz Caracas hin- 
gegen die Ernten im sechsten, siebenten oder achten 
Jahr erst ihren Anfang nehmen. Sie erfolgen später 
landeinwärts als auf dem Küstenlande und im Thalo von 
Guapo. Wir fanden keinen Vülkerstamm vom Orenoko, 



198 Buch V. 

der aus den Saamen des Cacaobaums ein Getränk bereitet. 
Die Wilden saugen das Mark der Hülsen aus, und u erfen 
die Saamen weg, die man oft in Menge an stellen , wo 
sie gelagert hatten, antri.'lt. Obgleich das CAo/'O/e, wel- 
ches ein gar schwacher Cacao Aulgufs ist, im Ptüstenhinde 
für ein sehr altes Getränk gilt, so sind doch keine histo- 
rischen Angalten vorhanden, welche darthun Isüiinten, 
dafs die hingehornen von \ enezuela den Chocolal oder 
irgend eine Zubereitung des Cacao vor der Ankunft der 
Spanier gekannt haben. Ich halte es für wahrschein- 
licher, es seyen die Cacao-Ptlaniungen von Caracas durch 
diejenigen von Mexico und Guatimala veranlafst worden, 
und die Spanier der Terra-Firma haben sowohl den An- 
bau des Cacaobaums, dessen junge Pflanzen unter dem 
Schatten der Erythrina und dos Pisangs gedeihen *), als 
die Verfertigung der C/ioco/«//- Täfelchen und den Ge- 
brauch des gleichnamigen Getränks durch ihren Ver- 
kehr mit Mexico, Guatimala und JN'icaragua erlernt, drey 
Landschaften, deren Bewohner toltekischer und azteki- 
scher Herkunft sind. 

Bis in s sechszehnte Jahrhundert waren die Urtheile 
der Keisenden über den Chocolatl sehr verschieden, ßen- 
zoni ■'•'■"') sagt in seiner naiven Schreibart, er sev viel- 
mehr ein Getränk da porci, che da hiioviini. Der Je- 
suite Acosta '"'^^'y meldet: ;,die in A.-?erica wohnenden 



*} Dies Verfahren der mexicanisclicn Landwirthe, welches auf 
der Ki'islc von Caracas genau hcfolgt wird, ist hereits in 
den Deukschrillen hesclirieben worden , die unter defh Na- 
men der Relazlone di certo gentiluomo del Sigiwr Cortes^ 
cotiquistatore dcl Messico (^Ramusio, Tom. II, p. iJi), he- 
kannl sind. 

**) Girolamo Benzoniy Milaiiese^ Bist, del Moiido NitovOf 
1572, p. 104. 

•**3 Tiist. Nat. de Indiasy Lib. IV, c. 22 (Ausg. von iSog), 

p. 25l. 



Kapitel XFf. 199 

Spanier spyon ganz närrisch in den Chocolat verliebt, 
man müsse aber an diesen schwarzen Trank g-ewöhnt 
seyn, um nicht schon vom l.lofsen Anblick seines oben 
scliu inimenden^ derti Bodensat/, eines i^ährenden Safts 
gleichenden Schaums Ekel zu fühlen." Er setzet hin7u: 
.,Der Cacao ist ein Vorurtheil (nna supersticion} der 
Mexicaner, wie der Coca ein Vorurtheil der Periivianer 
ist/'^ Diese Urtheile erinnern an die Prophezeiung, wel- 
che die Frau von Sevigne dem Gebrauch di'S Calfee ge- 
stellt hat. Fernand Cortez hingegen, und sein Page, 
der gentil-liomhre ilel gran. Conquislador, dessen Denk- 
schriften Ramusio bekannt gemacht hat, rühmen den 
Chocolat nicht nur als ein, auch kalt zubereitet *), an- 
genehmes Getränk, sondern vorzüglich als ein gutes 
ISahrungsmittel. ^jVVer eine Tasse davon getrunken hat, 
sag^t der Page von Hernan Cortez, der hält es einen gan- 
zen Tag, ohne weiter etwas zu geniefsen, auf der Heise 
aus, sonderheitlich in heifsen Erdstrichen, denn der 
Chocolat ist, seiner Natur nach, halt und kühlend.^' 
Dieser letzteren Behauptung können wir nun zwar nicht 
Leypflichten, hingegen werden wir bald Anlafs haben, 
bey unserer Fahrt auf dem Orenoko und bey der Heise 
über die Cordilleren die wohlthätigen Eigenschaften des 
Chocolat zu preisen. Indem er ausnehmend leicht mit- 
geführt und zur Speise gebraucht werden mag, enthält 
er in kleinem Haume viele nährend.; und erregende Thei- 
le. Es i^t sehr richtig gesaugt worden, mitheis, Gummi 
und der Butter vom Shea möge der Mensch die africa- 



*) Der Pater Gili hat aus zwcv Stellen von Torquemada CMo- 
narquia Indiana^ Lib. XIV, cap. i4 und !^2^ genügend dar- 
gelhan , dafs die Mexicaner den Aufgufs kalt machten, und 
dafs die Sitte , den Chocolat durch Sieden des Wassers mit 
dem Cacao-Teig zu verfertigen, ron den Spaniern eingeführt 
ward. 



200 Buch V. 

nischen Wüsten durchwandern. In der neuen Welt 
haben der Cliocolat und das Maismehl ihm die Plateaus 
der Anden und die unbewohnten ausgedehnten Wälder 
zugänirlich gemacht. 

Die Cacao-Ernte zeigt sich sehr verschieden. Die 
Vegetationskraft des Baumes ist so mächtig, dafs aus 
seinen holzigen Wurzeln sogar , wo die Erde sie nicht 
deckt, BliUhen hervorkonunen. Die INoidostwindc sind 
ihm schädlich, wenn die Wärme durch sie auch nur um 
etliche Grade vermindert wird. Die Platzregen, welche 
pach der Regenzeit, wälirend der Wintermonate, vom 
Christmonat bis zum März, unregelmäfsig statt finden, 
sind dem Cacaobaum ebenfalls sehr nachtheilig. Es 
geschieht öfters, dafs der Eigenthümer einer Pflanzung 
von öo,ooo Stämmen innerhalb einer Stunde für mehr 
als vier- bis fünftausend Piaster an Cacao einbüfst. Grofse 
Feuchtigkeit bekömmt dem Baume nur alsdann gut, wenn 
sie allmählich zunimmt und lange ununterbrochen an- 
hält. Wenn, zur Zeit der Trockenheit, die Blätter und 
die jungen Früchte durch einen starken Regengufs be- 
netzt werden, so löst sich die Frucht vom Stiele ab. Es 
scheint, die Gefäfse, welche das Wasser einsaugen, wer- 
den durch eine Art Auf Schwellung zerrissen. Wenn 
indefs die-Cacao-Ernte zu den unsichersten gehört, um 
der naclitheiligen Wirkungen der schlimmen Witterung 
willen, und \\<i^Qx\. der Menge Kaupen, Insecten, Vögel 
und Säugethiere *), welche die Früchte des Baumes ver- 
zehren j wenn dieser CuUurzweig den IN achtheil 'hat, 
dafs ein neuer Pflanzer nach Verflufs von acht bis zehn 
Jahren erst den Ertrag seiner Arbeit geniefsen kann, und 
dafs die Aufbewahrung des Erzeugnisses sehr schwierig 



*) Die Papageyen, die IflTen, die Agoutis, die Eichhörnchen, 
die Hirsche. (Siehe Depons, Tom. 11, p. 182 • — 204.) 



Kapitel X.V1. 201 

ist *D, so darf man hinwieder auch nicht vergessen;, dafs 
die Cacao-jPflanzungen weniger Sclaven erheischen;, als 
die meisten andern Cullurarlon. Diese Betrachtung mufs 
sehr wichtig erscheinenj in einem Zeitpunct, wo alle 
europaischen Völker den grofsmüthigen Enlschlufs ge- 
faijt haben, dem JNegerhandel ein Ziel zu setzen. Ein 
Sciave reicht hin für tausend Stämme, welche jährlich 
im Durchschnitt 12 Fanegas Cacao abtragen können. 
Allerdings ist es der Fall, dafs auf der Insel (Juha eine 
grofse Zuckerpflanzung, die 3oo Neger hat, im Durch- 
schnitt 1^0,000 yirr ob as Zucker erträgt, dessen Werth, 
die Kiste **) zu 40 Piaster gei'echnet, auf 100,000 Piaster 
ansteigt, und dafs man auch in den Provinzen von Ve- 
nezuela für 100,000 Piaster Cacao oder 4000 Fanegas, 
die Fanega zu 2 5 Piaster gevverthet, mit nicht mehr als 
3oo his 33o Sclaven erhält. Die 200,000 Kisten Zucker 
zu 3,200,000 Arrobas ***), welche von der Insel Cuha 
in den Jahren 1812 bis 1814 jährlich ausgeführt w urden, 
bilden einen Werth von 8 Millionen Piaster, und könn- 
ten mit 24,000 Sclaven fabricirt werden, wenn die Insel 
nur aus sehr grofsen PJlamungen bestünde ^ diese Vor- 
aussetzung trifft aber weder mit dem Zustand der Co- 
lonie, noch mit der Natur der Sachen überein. Die 
Insel Cuha gebrauchte im Jahr 1811 für die Feldarbeiten 
allein nur 143,000 Sclaven; während die Capitania ge- 
neral von Caracas, welche jährlich 200,000 Fanegas 
Cacao, oder den Werth von 5 Millionen Piaster erzeugt. 



•) Siehe weiter oben, Th. 2. Kap. 8. S. 164. Der Cacao von 
Guayaquil erhält sich viel besser, als der von Caracas. 

**) Eine Kiste (caxa) wiegt iS\ bis 16 Arrobas, jede Aroba 
zu 20 spanischen Pfunden. 

***) Die Baciendas von Choroni, Ocuraare, Chuao , Turiamo, 
Quaiguaza. 



202 



Bach r. 



aber niclit r.usführt, überhtiupt für Städte und Land nur 
60,000 Sclaven zählt. Ks darf wohl kaum erinnert wer- 
den, dafs diese Resultate je nach dem Preis des Zuckers 
und des Cacao abwechseln. 

Die schönsten Cacao -Pflanzungen befinden sich in 
der Provinz Caracas längs der Küste, zwischen Cara- 
valleda und der Ausmündung- des Rio Tocuyo ''0> in den 
Thälern von Caucagua, Cajiaya, Curiepe und Guapo; 
in denjenigen von Cupira, zwischen dem Cap (^odera 
lind dem Cap Unare, in der INähe von Aroa, Barque- 
simeto, Guigue und Lritucu. Der Cacao, welcher an 
den Gestaden des Uritucu, am Eingang der Llanos, im 
Gerichtsbezirk von. San Sebastian de los Reyes wächst^ 
ist derjenige, den man für den besten hält. Auf den 
Cacao von üritucu folgen die von Guigue, Caucagua_, 
Capaya und Cupira. Im Handel von Cadix besitzt der 
Cacao von Caracas den ersten Rang, unn)ittelbar nach 
demjenigen von Socomusco. Er steht gewöhnlich um 
3o bis 40 vom Hundert höher im Preis, als der von 
Guayaquil. 

Seit der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts erst 
waren es die Holländer, welche als ruhige Besitzer der 
Insel (Airacao, durch den Schleichhandel den landwirth- 
schaftliclien Arbeitsfleifs der Bewohner der nahe gele- 
genen Küsten weckten, und den Cacao zu einem Aus- 
fuhrartikel der Provinz Caracas gemacht haben. Alles, 
was in diesen Gegenden der Niederlassung der Gesell- 
scliaft der Biscayer von Guipu/xoa, im Jahr i7i8,*vor- 
angieng, ist uns unbekannt. Wir besitzen darüber kei- 
nerley zuverlässige statistische Angaben , und wissen 
nur, dafs die Ausfuhr des Cacao von Caracas zu Anfang 



*) Die iM'cy Provinzen Caracas und Nucva Barcelona machen 
sich einander diese überaus fruchtbare Landschaft streitig. 



Kapitel XVI. 2o3 

des aclilz.plinten Jalirnuntlerls kaum "^0,000 Füiie^^as a\iFs' 
Jalir bttrui;. Von i73o bis 1748 sandte die Gesellschaft 
85b,9"b i^V//jega* nach ^panieuj welches im Durchschnitt 
47,700 Fanegas aufs Jahr beträgt. Der Preis der Fa~ 
negasAnk, imJahr 1782, auf 45 Piaster herab, während 
er sich früher auf 80 Piaster erhalten halte. Im Jahr 
1763 hatte sich der Anbau schon so vermehrt j dafs die 
Ausfuhr auf 8o,65() Fanegas ang-estiegen war *). Den 
Douanen- Hegistern von la Guayra zufolge, welche ich 
besitze, stieg die Ausfuhr, den Betrag des Schleichhandels 
ungerechnet, 

im Jahr 1789 auf io3,655 FanegQS. 

— — 1792 — 100,592 — — 

— — 1794 — iii,i33 — — 

— — 1796 — 75,538 — — 

— — 1797 — 70,832 — — 

hl einem, aus dem Ministerium der Finanzen kom- 
menden , officieüen Actenstück **) wird „der jährliche 
Ertrag (die Cosecha^ der Provinz Caracas auf 1 35,ooo 
Fanegas Cacao gewerthet, wovon 33,ooo dem inneren 
Verbrauch, 10,000 anderen spanischen Colonien, 77,000 
dem Mutterstaate, i5,ooo dem Schleichhandel mit den 
französischen, englischen, holländischen und dänischen 
Colonien angehören. Von 1789 bis 1793 betrug die 
Einfuhr des Cacao von Caracas in Spanien jährlich im 
Durchschnitt 77719 Fanegas , von denen 65,766 im 
Lande selbst verbraucht, und 11,953 nach Frankreich, 



*3 Von diesen 80,659 P^ö«eg-«j- wurden 5o,5)«) unmittelbar nach 
Spanien, 1 6,564 nach Vera-Cruz. 11,160 nach den canarischen 
Eiianden und 25i6 nach den Antillen gesandt. 

**) ßericlit (JicindjchrlftUclier) des Grafen von Casa-Valcncia, 
Staatsraths im Deparlement der Indien, an Don Pedro Varela, 
Minister von Eeat Haciendu^ üJjer den Handel von Caracas, 
vom i3. Juni 1797 (^»1« 46j- 



204 B II c h V. 

Italien und Deutschland auFgeführl wurden *), Zahl- 
reichen Erkundigungen zufolge, die ich an Ort und 
Stelle eingezogen habe, sind diese Berechnungen noch 
ct\vas zu niedrig. Die Douanen-Register von la Guayra 
allein nur gehen, in Friedenszeiten, den jährlichen 
Durchschnitt einer Au-fuhr von 80,000 bis 100,000 P«- 
negas. Man darf unbedenklich diese Summe um ein 
Viertheil oder Fiinftheil höher annehmen, wegen des 
Schleichhandels mit der Dreyfaltigkeits- Insel und den 
übrigen Antillen. Ich halle für wahrscheinlich, es sey 



*) Den spanischen Hafen-Regislern zufolge belrug die Einfuhr 
des Cacao von Caracas nach der Halbinsel, 
im Jahr 1789 Fanegas 78,400 Pf. 88. 



1790 


— 


74-0S9 


- 3. 


»791 


— 


71,600 


- 45. 


1792 


— 


87,656 


- 54. 


1795 


— 


76,985 


- 4. 



Jährl. Durchschnitt: 77/719 Fanegas. 
Von diesen '^'j,i\^Fanegas vi'urden 60,202 Fß«. in den nicht 
privilegirten Provinzen tprovincias contribuyentes) Spaniens 
verbraucht, und 5564 in den privilegirten Provinzen Cpro- 
vincias exemptas), wielNavarra, Biscaja u. s. >v. Die Aus- 
fuhr aus Spanien betrug, 

im Jahr 1789 Fanegas 15,718. Pf. 98. 

1790 — 6,421. — 80. 

1791 — 21,446. — 17. 

1792 — 17,452. — 48. 

1795 — 728. — 25. • 

Jährlicher Durchschnitt : i\,o,Si Fanegas. 

Weil , zufolge des verwickelten Svstems der spanischen 
Douanen, der Cacao von Caracas sehr ungleiche Gcl)ühren 
zahlt, >rena er in der Halbinsel verbraucht oder wenn er 
vom Königreich ausgeführt wird (im ersten Fall 52^, im 
zweyten 29^ vom Hundert>, so wird vieler Cacao in Spanien 
nochmals wieder eingeführt. 



Kapitel XVI. 305 

in den Jahren 1800 bis 1806^ im letzten Zeitraum in- 
nerer Hu!<e der spanischen Colonien^ drr Jahres-Ürlrag 
der (lacao - Pflanzungen der Ca>)itanla geueral von 
Caracas mindestens auf ic)3,000 Fanegas angestiegen^ 
wovon 

auf die Provinz Caracas kommen . i5o,ooo 

— — — — Maracaybo . . 20,000 

— — — — Cumana . . . 18,000 

— — — — Nueva Barcelona 5,ooo. 
Die Ernten, welche zweymal des Jahrs ^ zu Ende 

desBrachmonals und dos Christuionats, eintrefren_, sind 
sehr ungleich und wechselnd, minder jedoch als die 
des üllvenbaums und der Weinrebe in Europa. Von 
den »91,000 Fanegas Cacao, welche die Capitania ge- 
neral von Caracas erzeugt, nehmen 146,000 ihren Weg 
nach Europa theils durch die Seehäfen der Halbinsel^ 
theils durcii den Schleichhandel. 

Ich glaube beweisen zu können *) ("und diese Be- 



*) Siehe über die Grundlagen dieser, für alle staatswirtlischaft- 
lieben Untersuchungen so wichtigen, Bereciinungen meinen 
Essai sur la Ncuv. Esp.^ Tom. II, p. 43 1, 455, 436, 658 j 
die Etats der Ausfuhr von Canton, in Sainte-Croix Voyao-e 
commercial aux Indes orientales, Tom. HI, p. i55, 161 
170; Colquhouji, on the v)ealth of the British Empire 
p. 55i, 354, und in dieser Reise, Th. 5. Kap. i5. S. 60 ff. 
Die hriltischen Antillen füJirtcn an Zacher, im Jahr 1812, 
nach allen VVelttheüen über 2j5,ooo hoghsheads (zu 14 c»vt.> 
oder 526 Millionen Pfunde aus, woran Jamaica allein nur 
(mit 35o,ooo INegern) 189 Millionen Pfunde lieferte. Der 
Ertrag von Cuba und der von Saint- Doiningue sind zusam.- 
nien auf 120 Millionen Pfunde Zucker berechnet. Wenn 
wir den europäischen Cacaoverbraucb zu 20 Millionen, und 
den des Zuckers zu 45o Millionen Pfund angeben, so glau« 
hen >vir, es seven diese Angaben bis auf ein Punflheil 
für genau zu halten. Es kanj> dieser Grad von Cenaui'^keit 



2o6 B n c h V. 

rechnungen sind die Ergebnisse zalilreicher einzelner 
AngabiMij, dafs Europa im gegenwärtigen Zustand sei- 
ner Civillsation verbraucht: 

23 Mill. Pfde. Cacao zu 1 20 Fr. d. Ctr. 27,600,000 Fr. 

32 — — Thee zu 4 Fr. d. Pfd. 128,000,000 — 

140 — — CafTco zu 1 14 Fr. d.Ctr. 159,600,0^0 — 

460 — — Zucker zu 04 Fr. d. Ctr. 243,000,000 — 



Gesamrnt Betrag -) 558,200,000 Fr. 

Von diesen vier Erzeugnissen, welche seit zwey bis 

drey Jahrhunderten die wichtigsten Gegenstände des Ar- 



errelcht werden, wenn man die Ausfuhr der Länder sorg- 
fältig Avürdigl, welche zum europäischen Cacao - und Zucker- 
Handel das iWe'/j-ff? bejlragcn; für den Cacao zum ßcyspiel 
die Ausfuhr der Sceliafen der Terra -Firma, von Guayaquil 
und Gualimala ; für den Zucker die der Ijrittischen , spa- 
nischen und fianzösiscjicn Antillen. Wir erinnern hey die- 
sem Anlafs, dafs der Zuckerverbrauch in den slalislischen 
F.Jats von Franl.reich für 1800 zu 5j Millionen Pfundea 
herechnct ist; irh Jahr 1817 betrug derselbe 56,/ioo,ooo 
Pfunde. 
') Jm J. 1818 stunden die Cacaopreise in London, für den 
Cacao von Caracas, zu 6 L. bis 6 L. 10 Sh. ; für geringere 
Sorten 4 L. 10 Sh. bis 5 L. 10 Sh. der Cenlner. Der Mit- 
teipreis des Calfees war zu 95 Sh. der Centner; der Zucker 
stund zu 40 bis 5o Sh. Die Preise dieser bcvden Erzeug- 
nisse sind, seit der Ausgabe von Hrn. Colquhouns Werk, 
belrachllich gestiegen. Eine allgemeine Angabe für den 
Preis des Thees war schwierig , um der so grofsen Ver- 
schiedenheit seiner mannigfachen Sorten willen. Di* Ein- • 
fulir des indischen Zuckers in London betrug im Jahr 1817 
nur 5o,oco ha^^s , oder 5,5oo,ooo Pfunde. Um einen kla- 
reren Begriff von der Wichtigkeit des europäischen Handels 
in Zucker, Calfec, Thee und Cacao zu geben, bringen wir 
hier in Erinnerung, dafs der Werth der Gesammleinfuhr 
von England, in den Jaliren i8o5 bis 1810, im Durchschnitt 
jährlich 1200 Millionen I-^rankcn betrug. 



Kapitel XF/. 207 

beitsfleifses und des Handels der Colonien geworden 
sind, gehört das erste ausschlicl lieh America^ und das 
zweyte Asien an. Icli sage ausschliefslich, denn die 
Cacao-Ausfuhr der philippinischen Inseln isl noch eben 
so unbedeutend, als die Versuche, den Thee in Brasilien, 
auf dcrDreylaltiglu'its-Insel und auf Jamaica zu pflanzen. 
Von der Gesamnitmasse des Cacao, der im westlichen 
und südlichen Europa verbraucht wird, liefern die ver- 
einten Provinzen von Caracas nahe an zwey Drittheile. 
Dii'S Ergebnifs ist um so merkwürdiger, als es der herr- 
schenden Meinung widerspricht 5 der Cacao von Ca- 
racas, von Maracaybo und von {^uniana ist jedoch von 
ungleicher Güte. Der Graf von Cara- Valencia berech- 
net, wie wir so eben sahen, den Verbrauch von Spa- 
nien nur auf 6 bis 7 Millionen Pfunde; der Abbe Hervas 
giebt denselben auf 9 Millionen an. Wer sich eine län- 
ge0C Zeit in Spanien, Italien und Frankreich aufgehalten 
hat, wird bemerkt haben, dafs der Gebrauch des Cho- 
colat unter den ärmeren Volksciassen nur im ersten die- 
ser JLänder bedeutend, und es darum kaum glaublich 
ist, dafs Spanien nur ein Drittheil des in Europa ein- 
geführten (3acao A^erbrauchen sollte. 

Die jüngsten Ilrirge haben auf den Cacao-Handel 
von Caracas ungleich nachtheiligeren Einflufs gehabt, 
als auf den von Cuayaquil. Die gesteigerten Preise hat- 
ten zur Folge, dafs in Europa weniger Cacao von der 
kostbarsten Art verbraucht ward. Statt, wie sonst für 
gemeinen Chocolat üblich war, ein Viertheil Cacao 
von Caracas drey Vlerthcilen Cacao von Guayaquil bejr 
z,umischien, ward in Spanien der letztere all."in nur ge- 
braucht. Es mufs hier erinnert werden, dafs vieler Ca- 
cao von geringerer Güte, wie derjenige von Maranon, 
vom FvioJNegro, von Honduras und von der Insel Salnte- 
JLucie, im Handelsverkehr Cacao von Guayacjuil heifst. 



2o8 Buch V, 

Die Ausfuhr dieses Seehafens heträgt nur 60,000 Fa- 
iiegas ^ sie ist demnach um zvvey Drittheile tileiner, als 
die der Seeliafen der Capitania general von Caracas. 

Ohgleicli die Cacao-Hflanzungen der Provinzen von 
Cumana, Barcelona und Maracayho in dem V^erhältnisse 
zugenommen hahen_^ wie diejenigen der Provinz Ca- 
racas abnahmen, so hält man doch im Alliiemcinen da- 
für, es befinde sich dieser alte Zweig landwirthschaflt- 
lichen Arheitsfleifses in fürdauernder Ahnahme. Der 
Cafl'eebaum und der Baumwollestrauch treten an vielen 
Orten an die Stelle des Cacaobaums, dessen späte Ernten 
die Geduld des Landhauers ermüden. Ehen so beliaup- 
tet man, die neuen Cacao-Pflanzungen seyen von gerin- 
gerem Ertrag als die alten. Die Bäume gelangen nicht 
zu gleicher Stärke, und sie tragen später und minder 
reichliche Früchte. Auch hiervon u^rd dem erschöpf- 
ten Boden Schuld gegeben 5 wir glauben aber, es sey 
vielmehr die Atmosphäre, die sich durch die Fortschritte 
der Cultur und der Urbarmachungen verändert hat. 
Die über einem noch ungepflügten, mit Waldung be- 
setztem Boden stehende Luft nimmt Feuchtigkeit und 
iene ijasai tieen Mischuuijen in sich auf, die zur Ernäh- 
rung der Pflanzen geeignet sind, und aus der Zersetzung 
organischer Substanzen hervorgehen. Wenn ein Land 
seit langer Zeit angebaut gewesen ist, so ändert sich 
nicht das Verhällnifs zwischen dem SaueistofF und dem 
Stickstoff, die Grundtheile der Atmosphäre bleiben die 
nämlichen; aber es befinden sich jene doppelttyi und 
dreyfachen Mischungen von Kohlenstoff, Stickstoff und 
Wasserstoff, die der unangebaute Boden ausdünstet und 
die als ene Quelle der Fruchtbarkeit angesehen werden, 
nicbt mehr in ihr aufgelöst, und die reinere, mit Mias- 
men oder fremdartigen Ausdünstunifen weniger beladene 
Luft wird zugleich trockner, die Spannung der Dünste 

nimmt 



11 a p i t e l KFI. 209 

nimmt fiililbar ab. Auf den voi' sehr langer Zeit urbar 
gciMacbteii und doswogon der Cullur des CAcaobaums 
minder günstigrn Liindereyen, auf den Anlillen-Eilanden 
'/um l]ey!i|)iel_, ist die FrucJit beynahe so klein, wie die 
dos u'ilden Cacaobaums. An den Gestaden des oberrt 
Orenoko^ jenseits der LlanoS; findet sicb^ wie wir schon 
anderswo beineri'.t haben, das wahre V aterland der Ca- 
caobäunie, wo in dichten Waldungen , auf einem noch 
nie umgepHiigten Boden und in einer stets feuchten At- 
mosphäre die Stämme vom dritten Jahr an reiche Ernten 
gewähren. Durch die Cultur ward die Frucht iiberall, 
wo das Land nicht erschöpft ist, grüfser, weniger bitter, 
aber auch verspätet. 

Bey der wahrgenommenen fortgehenden Abnahme 
des Cacao-Ertrags auf der Terra-Firma fi agt man sich, 
ob sein Verbrauch «ich in Spanien, in Italien vmd im 
übrigen Europa im gleiclien Verhältniis vermindern 
wird, oder ob wahrscheinlicher ist, dafs die Zerstörung 
der Cacao-Pflanzungen den Preis sattsam erhöhen dürf- 
te, um den Arbeitslleifs des Landhauers wieder neu auf- 
zureizen ? Das Letztere ist die herrschende Meinuna: 

Q 

unter allen denen, welchr, in Caracas, die Abnahme 
eines so alten und so einträi^lichen Handelszweiges be- 
dauern. Nach Mafsgabe, wie die Civiligation den feuch- 
ten Waldungen des inneren [.»andes, den Ge-taden des 
Orenoko ui^d des Amazonen-Stioine*, oder den Thälern, 
die den östlichen Abhang- der -^nden durchziehen, näher 
ri'ic!;t, mögen die neue;» ColoniUen eine der Cultur des 
(jacaobaums gleich vortheilhalte Beschaffenheit des Bo- 
dens und der Atmosphäre antreffen. Bekanntlich scheuen 
die Spanier überhaupt die Misciiung der Vanille mit 
dem Cacao, als nervenreizend. Audi wird die Frucht 
dieser schönen Orchidee in der Provinz Caracas gänz- 
lich vernachlässigt. Man könnte reiche Ernten davon 

W/ex- V. Hu'nhoLdts hist. Reisen III. t ■!^ 



210 



Buch r. 



auf der foucliten un<l fieberhaften Küste, zwischen Porto- 
Cabello untl Ocumare, vorzüglich zu Turiaino einsam- 
mehi , wo die Früchte des ßpidnndriiTn f\(iii/la bis zu 
eili und zwölf Zoll Länge erhalten. Die Dritten und die 
Anglo-Amcricaner suchen öfters im Hafen von Guayra 
Ankäufe von Vanille zu machen, und die Kaufleute ha- 
ben Mühe, sich auch nur kleine Vorrätlie davon zu ver- 
schaffen. In den von der Küstenkelle gegen das Antillen- 
Meer absteigenden Thälern der Provinz Truxillo, wie 
in den IVIisslonen von Guyana und in der Nähe der Ca- 
taracten des Orenoko, Wei'ie sich viele Vanille sammeln, 
deren Ertrag noch vermehrt würde, Avenn man, wie 
die Mexicaner thun, von Zeit zu Zeit die Pflanze von 
den Lianen befreyen würde, welche sie umschlingen und 
ersticken. 

Wir haben in der Darstellung des gegenwärtigen 
Zustands der Cacao-PHanzungen in der Provinz Vene- 
zuela, und bey der Würdigung der Verhältnisse, die 
zwischen dem Ertrag dieser Pflanzungen, der Feuchtig- 
keit der Atmosphäre und ilirer Gesundheit bestehen, der 
warmen und fruchtbaren ThSler der Küsten-Cordillere 
gedacht. Diese iiand:^chaft bietet da, wo sie sich west- 
wärts gegen den See von JVlaracaybo ausdehnt, eine 
Mannigfaltigkeit merkwürdiger Gegenden dar. Ich will 
am Schlüsse dieses Kapitels die Angaben zusMnmcnstel- 
len, welche ich mir über die Beschairenheit des Bodens 
und über den metallischen Heichthum der Bezirke von 
Area, Barquesimeto und Caroi'a sammeln konnte. 

Von der Sierra Nevada von Merida, nn(\ den Pa- 
ramos von INiquitao^ von BocOno und von Las Hosas *), 



•) Viele reispnde Mönche erzählten uns, auf den kleinen Pa- 
ramo de Las Rosas ^ dessen Erhöhung üher iGoo Toisen 
zu se^n scheint , wachsen der Rosmarin und die weifse ss- 



Kapitel XVI. 211 

Äuf denen der köstliche Quinqulna-Baum Aväch?t, ^nkt 
sich die örtliche Cordillere von INeu Graniula so schnell*), 
dal's sie zwischen dem 9. und 10. Breitegrad nur noch 
eine niedrige Bergkette hildet, die nordwestuärls durch 
den Altar und den Torito verlängert, die Zuliüsse des 
hio Apure und des Orenoko von den zahlreicijen Flüssen 
scheidet, welche sich theils in's Meer der Antillen, theils 
in den See von Maracaybo er^iel'sen *••'). Aul' dieser 
T/ieiliingsgräte stehen die Städte Nirgua, San Felipe 
el Puerto, Barquesinieto und Tocuvo. Die diey er- 
stem haben ein sehr warmes Klima, in Tocuyo hin- 
gegen ist die Luft sehr kühl, und man hört ;.icht ohne 
Befremden, dals seine Bewohner, unter ihrem schönen 
Himmel, eine grofse IS'eigung zum Selbstmord zeigen. 
Der Boden erhebt sich südwärts 5 denn Truxillo, der 
See von Ürao, woraus man kohlensaure Soda zieht, und 
die ostwärts der Cordillere gelegene Grita haben schon 
vier- bis fünfhundei't Toisen Erhöhung ''•'"*). 



wohl als die rothe europäische Rose in Monge wüd. Man 
sammelt diese Rosen zum Sclimucl; der AMore an Klrcben- 
feslen in den benachbarten Dörfern. Durcli welclien Zufall 
könnte unsre luindertblättrige Rose in dieser Gegend wild 
wachsen , da wir sie doch sonst nirgendswo in den Anden 
von Quito und Peru angetroflTen balien ? Sollte es aber 
wirljücli unsere Garlen ]\ose se vn ? Vergleiche oben Tli. 2. 
S. 416. 

*) Die vom Seehafen von Marficaybo ausgeführte Quinquinä 
kommt nicht aus dem Gebiet von Venezuela, sondern aus 
den Bergen von Pamplona in iSeu-Granada, den Kio de San 

• Faustino herab, welcher in den See von Maracaybo aus- 
mündet. (^Pornbo, NoCicias sobre las quinas, 1814, p. 650 
Sic wird in dei' ISiihe von Merida, in der ßcrgsclilucht von 
-Viscucucuy gesammelt. 

•*) Siehe oben, Th. 2. Kap. i3. S. 422 und i.5o. 

***) Mehr süd^vesliich liegt die Stadt Pamplona . deren Er- 



212 Buch V. 

Untersucht man das Gesetz, welches Jie Ürgehirgs- 
Schlchten der Cordillere des Küstenlandes für ihre Ein- 
senkung^ Lefolgen, so scheint darin eine der Ursachen 
der ausnehmenden Feuchtigkeit der vom Ocean und von 
jener Cordillere begrenzten Landschaft zu liegen. 
Die Schichlensenkung findet am öftersten in nordwest- 
licher Richtung statt j so dafs die Gewässer in der näm- 
lichen Kichlung über die Felsenlager herabfallen, und, 
wie oben schon bemerkt worden ist, jene IVIenge von 
Bergstrümen und Flüssen bilden, deren Ueherschwem- 
mungen der Gesundheit der Kinwohner , zwischen deni 
Cap Codera und dem Maracaybo-See, so verderblich 
wird. 

Unter den Flüssen, welche nordostwärls der Küste 
von Forto-Cabello und der Fiiiila de Hicucos zufliefsen, 
sind die merkwürdigsten diejenigen von Tocuyo, von 
Aroa und von Yaracuy. Ohne die Miasmen, welche 
die Atmospliäre verpesten, wären die Thäler von Aroa 
und von Yaracuy vielleicht bevölkerter als diejenigen 
von Aragua *). Schift'bare Flüsse würden den ersteren 
sogar den Vorzug einer leichteren Ausfuhr, theils ihrer 
eignen Zucker- und Cacao -Ernten, theils der Erzeug- 
nisse der iNachbarschaft gewähren, d^ Getreides von 
Quibor nämlich, des Vielus von Monai, und desKupfers 
von Aroa. Die Bergwcrlie, aus denen man dies Kupfer 
erhält, befinden sich in einein Seilcntlial, das in's Thal 
von Aroa ausläuft, und weniger Jieifs und ungesund ist, 
als die dem Meere näher liegenden Bergschhichlen. lu 



höhung liLcr der Meeresfläche, nadi Hrn. Caldas, laSjToisen 
betragt. 
*) Für höchst ungesunde Oric gellen auch Trama, JMoron. 
Cabria, San ^icolas und die Tliiiler von Alpargalon und Ca- 
ravinas. 



Kapitel XFJ. 2i3 

diesen letzteren besitzen die Indianer Goldwnsclien, und 
ihr Boden birgt reiche Kupiererze, die man l>is dahin 
anzubauen noch nicht versucht hat. Die alten Berg- 
werke von Aroa, nachdem sie lange Zeit vernachlässigt 
gehlieben waren, sind neuerdings durch die Bemühun- 
gen des Don Antonio Henriquez, welchen wir zu San 
Fernando an den Gestaden des Apure antrafen, wieder 
g^ülTnet worden. Den von ihm erhaltenen Angaben 
zufolge scheint es, das Erz komme in einer Art Stock- 
werk (une espece d'amo.f^ vor, das aus der Vereinba- 
rung mehrerer kleiner, sich in allen Richtungen durch- 
kreuzender Gänge gebildet wird. Dies Stockwerk ist 
zuweilen zwey bis drey Toisen dicht. Ks sind drey 
Bergwerke, welche alle durch Sclaven bebaut werden. 
Das beträchtlichste, die Biscayna , hat nur dreyfsig 
Arbeiter, und die Gesammtzahl der zur Gewinnung 
und zur Schmelzung des Erzes ^gebrauchten Sclaven 
steiii:t nicht über 60 bis 70. Weil der Altttufsstollen nur 
dreyfsig Toisen tief ist, so hindern die Gewässer die 
Bearbeitung der reichsten Theile des Siochiverks, wel- 
che unter dem Stallen liegen. An die Errichtung von 
Wasserrädern ward bis dahin nicht gedacht. Der Ge- 
samint Ertrag des Rothkupfers ist zwölf- bis fünfzehn- 
hundert Centner jährlich. Das zu Cadix unter dem 
TSamen des Hiipjers von Caracas bekannte Metall ist 
von vorlrefllicliem Gehalt. Es wird sogar dorn schwe- 
dischen und demjenigen von Coquimlio in Chili vor- 
gezogen ■'). Ein Theil des Kupfers von Aroa wird an 



*) Die j4usfulir des Kupfers von Aroa jjclrug /.n Guayra im 
Jahr i;'y4 mehr nicht als j i,525 Pfund«, die in dtii Douanen- 
Registern 1 eri.uichiiel sind; im Jahr 1796 war sie 5i,i/(2 
Pfunde und im J. 1797 nur 2400 Pfund. Der Ccniner ward 
damals mit 12 Piaster hezal)lt. 



214 Buch V. 

ort un(1 Sh 11(> 7uni Glockpiigufs gebraucht. Kürzlich 
ist zwisclion Aroa und INirgua, unfein von Guaiiita, im 
Ber^ie von San Hablo, einiü'^s Silbererz entdnclil ^vnrden. 
Gobll örnor Hiulen sich in aUen Gebirgslündern zwischen 
dem Hio Yiacnv., der Stadt San FeHpe, Nirgua und 
BarquesimetO;, vorzüglich im Kio de Santa Cruz^ in 
welchem indianische Goldsucher zuweilen Geschiebe voa 
4 bis SPi'istcr an VVerth gefunden haben. Enthalten die 
benachbarten Glimmerschiefer- und Gneifs-Felsen wirk- 
liclie Erzgänge, oder ist da< Gold hier^ wie im Granit- 
gesteine von la Guadarania in Spanien, und vom Fich- 
tclberir in Franken j durch die ganze Feiemasse zer- 
streut? V^ielli^icht ?ammelt das eindriri^ende Masser die 
zerstreuten Goldblältcheil , iind in diesem Fall würden 
alle V^ersuche des Grubenbaus vergeblich seyn. In der 
Savona de 1a RJiel , nahe bey der St.^dt Barquesimeto, 
W9rd ein Sc]iacht- geffraben in einen) schwarzen und 
glänzenden, dem Erdharz gleichenden Schiefer. Die 
dem Schacht enthobenen Fossilien , welche mir nach 
Caracas gesandt wurden^ waren Quarz, Schwefelkiese 
ohne Goldgehalt, und kohlengesäuentes, in JNadeln von 
seidenartigem Glan/.e kr\ stallisirtes Bley. 

Wir haben früher schon bemerkt, d<Tfs von den er- 
sten Zeiten der Eroberung an die Bergwerke von Nirgua 
und Buria*), der Einfälle der kriegerischen Völl<erschaft 
der Giraharas unerachlct, bebaut wurden. Im näm- 
lichen Bezirke veranlafste im Jahr i553 die Anhäufnng 
der ISegersclaven einen Vorfall, der, an sich selbst un- 
bedeutend, durch die Aehniichkeit Theilnahine erregen 
kann, welche er mit den vor unsern Augen aul der Insel 



*) Das 'In.^I von Buria nn.' tler Itleine Flufs dieses IVaincns 
stehen in Verbindung niil dem Thal des Hio Coxede , oder 
Piio de B^rqucsinielo. 



Kapitel XVI. 2i5 

St. DomingTic st.Ttt empfundenen Ereiofriissen darbietet. 
Ein NegerscI.ive brachte die Bergleute von Real de San 
Felipe de Buria zum Aufsland j er zog in die Wälder 
und gründete, mit zneyliundert seiner Gefajirten, ein 
Gemeinwesen, das ihn zum König ausrief. ]Mift,u€l, 
der neue König, war ein Freund von Pracht und vor- 
nehmem Wesen. Er liefs seine Frau, Guionutr , als 
Königin begrüfsen, und ernannte, wie Oviedo meldet*), 
Minister, Slaatsräthe, Beamtete der Casa real, und 
sogar auch einen Neger-Bischof. Bald hernach erfrechte 
er sich, die benachbarte Stadt Nueva Segovia de Bar- 
quesimeto anzugreifen 5 er ward aber von Dieijo de 
Losada geschlagen, \ind fand im Handgemeng seinen 
Tod. Dieser africanischen Monarchie folgte in Wirgua 
ein Frey-Staat iwn Zamhos , aus Abkömmlingen von 
Negern und Indianern. Die ganze Municipalität, der 
cabildo, besteht aus farbigten Menschen, die der König 
von Spanien seine treuen und redlichen Unterllianen, 
die Zambos von Nir^ua, genannt hat. Wenige weifse 
Familien wollen in einem Lande wohnen, wo eine ihren 
Anmafsungen so widersprechende Einrichtung statt fin- 
det, und die Ideine Stadt wird spottweise la repuhlica 
de Zambos y IMiilatos genannt. Es ist eben so vmklug, 
die Regierung einer einzigen Kaste zu überlassen, als 
diese Kaste ihrer natürlichen Rechte zu berauben, und 
sie dadurch abzusondern. 

Wenn dir üppige Pflanzenwuchs und die ausneh- 
mende Flüchtigkeit der Atmosphäre die durch ihr vor- 
trellliches Bauholz berühmten warmen Thaler von Aroa, 
von Yaracuy und vom Rio Tocuyo fieberhaft machen, 
so verhält es «ich anders mit den Savanen oder J^Ianos 
von IMouai und von Carora. Diese Llanos sind durch 



*) Jiist. de Venezuela^ Tom. I, p. ij^. 



2i6 B n c h F. 

das bergigte Land vonTocuvo und Nirgua von d«^n nns- 
gedohnten J£hcnen der Portnguesa und von Calubozo 
gelrennt. Es ist eine ganz aufserordentliclie Erschei- 
nung, dürre Savanen nüt Miasn)on überzogen zu sehen. 
Sumpfiges Erdreich findet sich nirgendwo , hingegen 
mehrere Anzeigen einer Entwicklung von Wasserstoft- 
gas ''0. Wenn Reisende, die mit den entzündbaren 
Schwaden unbekannt sind, in die Cueva del Serrilo de 
7V/o««i geführt werden, so schreckt man sie durch An- 
zünden der Gasmiscbung, die im 01>erlheil der Hoble 
beständig angehäuft ist. Soll man hier die gleiche Ur- 
sache der gesundiieilswidrigen Beschafienheit der At- 
mosphäre annehmen, die in dem flachen Land zwischen 
Tivoli und Rom vorkommt, Entwicklungen von ge- 
schwefeltem VVasserslolI' **)? Vielleicht hat auch das 



*) Worauf beruhl die unter dem Namen der Lonterne CFarol) 
von ßlaraca^bo heVannyc Jcuchlcnde Ersclicinung, die in 
jeder ISacht, auf der Secscile sonolil als landeinwärts, zum 
Bcyspiel zu Merida, wo Hr. Palacios dieselbe zwey Jahre 
lang heoI>achlct l)at, wahrgenoninien wir^':' Die über vierzig 
IMeilen bedagende Entfernung, in der man cLis Liclit unter- 
scheidet, bat die Vermutbung erregt, es bönntc solclies die 
Wirbung eines Gewitters oder elecfrischer Entleerungen seyn, 
die in einer ßergscbluciit alltäglich stall fänden. JMan be- 
Jiauptet, den Donner rollen zu hören, wenn man sich dem 
Farol nähert. Andere s[)rccbcn unbestimmt von einem Luft- 
vnlcan, und von asphaltischeiu Erdreich, das, dem von ]Mena 
ähnlich, entzündlithe und in ihrer Erscheinung so regelmäs- 
sige Ausdünstungen verursacht. Der Ort, wo die Erschei- 
nung statt iindet , ist ein unbewohntes Bergland , an den 
Ufern des Rio Calalumbo , nahe bey seinem Zusammenflufs 
mit dem Rio Sulia. Die Eage des FaroVs "ist so beschaffen, 
dafs er, beynahe im Meridian der Oeffnung iboca) des INIa- 
racaybo-Sees stehend, den Seefahrern die Dienste eines 
Leuchtlhurms leistet. 

'*) Don Carlos del Pozo hat in diesem Bezirk, im Hintertheil 



Kapitel KFl. 217 

Gebir^sland , woran die Lla/iof i^on IMonai grenzen, 
nachllieiligen Einflufs auf die benachbarten Ebenen. 
Süd-Ost AV'indo können fauligte Ausdünstungen herbey- 
führen , die der Bergjclilucht von Villegas und der 
Sicnega de Cabra zuisclien Carora und Carache entstei- 
gen. Fcb mag gern alle auf die Gesundheit der Luft 
Bezug habenden Umstände san)nieln ; Aveil man über 
einen so dunkeln Gegenstand nur durch die Verglei- 
chunsf zahlreicher Erscheiniino^en der VV.nhrheit auf die 
Spur zu kommen hofl'en darf. 

Die dürren^ und doch so fieberhaften Savanen, wel- 
che sicli von Barquesimeto bis ans östliche Gestade des 
Maracaybo - Sees ausdehnen, sind zum Theil mit in- 
dischen Feigenbäumen (raquettes) besetzt; aber die äch- 
te, wilde Cochenille, die unter dem unbestimmten Na- 
men der grana de Carora bekannt ist, kommt aus einer 
gemäfsigteren Landschaft zwischen Carora und Truxil- 
lo, hauptsächlich aber aus dem Thale von Bio Mu- 
cuju *), ostwärts von Merida. Die Einwohner ver- 
nachlässigen dieses im Handel so gesuchte Erzeugnifs 
völlig. 



der Qiiebrada de Moroturo ein Lager von Thonerdc ent- 
deckt, welche schwarz ist, die Finger stark färbt, einen 
starken Schwefelgeruch ausdünstet , und sich von selbst ent- 
zündet, wenn sie, nur wenig befeuchtet, den Sonnenstrahlen 
der Tropenlande geraume Zeit ausgesetzt ist ; die Delonalion 
dieses schlammiglen Stoffes ist sehr heftig. 
*) Dieser kleine Flufs kommt vom Paramo de los Conejos 
herab, und ergiefst sich in den Rio Albarregas. 



Noten zum fünften Buch. 



Note A. . 



Folgendes sind einige merkwürdige Stellen des Schreibens, 
%velrhes Aguirrc an den König von Sp.inien crliefs : 

,, König fMiili|ip, aus Spanien gphiirh'g, Karl's des Unüber- 
windlichen Solin I Ich , I/Opez von Aguirre , dein Vasall , ein 
alter Christ, von armen, aber adlichen Ellcrn und aus der Stadt 
Onnate in Biscaya geLoren, begab mich in meiner Jugend nach 
Peru als Kriegsinann. Ich habe dir bey der Eroberung Indiens 
grofse Dienste geleistet, und ich habe für deinen Ruhm gehämpft, 
oline dafür Sold von deinen Kriegsobersten zu verlangen, wie 
dies die Bücher deines Schalzatnles dartium. Wohl glaube ich, 
christlicher König und Herr, der du sehr undanlüjar gegen mich 
und meine Waiiengei;ibrlen bist, es mögen alle, welche dir aus 
deinem Lande (aus America) schreiben , dich gewallig läuschen, 
da du alle Dinge nur aus all/.uweiler Ferne sehen bannst. Ich 
ermahne dich gegen die redlichen Vasallen, welche du in diesem 
Lande besitzest, gerechter zu seyn; denn ich und die meinen, 
uir sind es müde , den Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten 
zuzusehen, welche deine Statthalter, deine Oberamtleutc und deine 
Kichter in deinem iSamen verüben, und wir sind entschlossen, 
dir nicht länger zu geborchen. Wir sehen uns niclit mehr fiir 
Spanier an: wir führen grausamen Krieg gegen dich, weil wir 
die Bedrückung deiner Beamten nicht dulden wollen, die, um 
ihren Söhnen und IN eilen Stellen zu vcrschaflcn, über unser Leben, 
unsere Ehre und unser Vermögen willkürlich schalten. Ici» bin 
am linken P'ufse durch zwey Flinlenschüsse gelähmt, die ich im 
Tbale von Coquimbo erhielt, als ich unter derAnlübrung deines 
Marschalls, Alonzo de Alvoredo , gegen Franz Hernandez Giron 
kämpfte, der damals ein ilebell war, wie ich es nuninebr bin 
und allezeit bleiben werde; denn seit der Zeit, wo dei« Statt- 
halter, der Marquis von Cannete, ein feiger, eiller Mann und 



Noten. ai9 

pin Woiclilinof. iinsore tapfi^rston Kripger aufhängen liefs. traue 
ich lieinon HcLinadigungen so wenig, als den Schriften Martin 
1-iitlicr's. r,s sieht dir iiliel an, Honig von Spanien, undankbar 
gegen deine Vasallen zu sevn ; denn es geschah zur Zeit,, wo 
dein Valer. Kaiser Karl, ruliig in Castilien verweilte, dafs dir 
so viele Königreiche und grofse Landschaften zu Theii geworden 
sind. Gedenke. Konig Philipp, dafs du nur alsdann berecltligt 
bist, aus diesen Provinzen, deren Eroberung gefahrlos für dich 
gewesen ist, Einkünfte zu ziehen > wofern du auch diejenigen 
belohnest , die dir so wichtige Dienste geleistet haben. Ich bin 
völlig iilierzeugt . dafs nur wenige Könige in den Himmel kom- 
men. Auch achten wir andere uns für sehr glücklich , hier In 
Indien zu leben, und die Gebole Gottes, so wie diejenigen der 
römisclien Kirche, in ihrer gän/.lichen P.einheit zu erhalten : wir 
zählen darauf, obgleich wir hicnieden Sünder waren, doch einst 
zum Hange der Märtyrer für die Ehre Gottes zu gelangen. Bey 
der Ausfahrt aus dem Amazonen-Strome landeten wir auf einem 
Eiland, das die .Margaretha-lnsel heifst. Hier erhielten wir au» 
Spanien die >'acliriclil von der ausgedehnten Verbindung und den 
Anschlügen (/a MaqniiKi) der Lutheraner. Sie erschreckte uns 
nicht wenig; es fand sich unter den Unsrigen ein dieser A er- 
bindung Zugehöriger: sein IVame ist Monteverdo. Ich liefs ihn 
umbringen, von Hechtes wegen ; denn glaube mir, gnädiger Herr, 
dafs überall, wo icii mich aufhalte, dem Gesetze Folge geleistet 
wird. Aber die Sitienverderbnifs der Mönche ist so übermäfsig 
hier zu Laii\le , dafs strenge Mafsnahmen gegen sie ergriffen 
werden sollten. Unter den hiesigen Heligiosen ist keiner, der 
nicht mehr zu sevn glaubt, als der Statthalter einer Provinz. 
Ich bitte dich , erlauchter König, du wollest allem dem keinen 
Glauiien bevmcssen. was die .Alönche dir in Spanien sagen. Sie 
sprechen allezeit von ihren Aufopferungen, von dem harten und 
mühevollen Leben, welches sie in America zu führen genöthigt 
seven; während sie in derThat die reichsten Besitzungen haben, 
und die Indianer täglich für sie jagen und fischen müssen. Wenn 
sie Thränen vor deinem Thron vergiefsen, so thun sie es nur, 
damit du sie hieher sendest, um das Land zu beherrschen. 
Weifsest du, was sie für ein Leben hier führen? Sie leben in 
Praclit und Herrlichkeit, sammeln sich Reichlluimer , verkaufen 
die Sacramcnle, sind ehrsüchtig, übermülliig und gefräfsig: dies 
ist ihre Lebensweise in America. So böse Beispiele wirken 



2 20 ß II C h V. 

nachtlieilig auf den Glauben der Indianer, und wofern du, o 
König von Spanien, hierin nicht Hülfe schaffst, so wird dein 
Reich keinen ßesland haben. Weltli Unglück ist es, dafs der 
Kaiser, dein Vater, Deulsr.Iiland mit so grofsem Koslcnaufwande 
erobert, und dafnr das Geld eben dieser Indien verwandle, die 
»vir ihm verscliafl't halten. \m. Jahr i559 sandle der lAIarquis 
von Cannete den Pedro de Ursua . einen INavaresen , oder viel- 
mehr Franzosen, an den Amazonen - Flufs ; nach einer langen 
Schifffahrt auf den gröfstew peruanischen Flüssen gelangten wir 
endlich in eineSüfswasser-ßucht. Wir halten bereits dreyhundert 
Äleilen zurückgelegt, als wir diesen schlimmen und elirsüchtigeu 
Capitain umbrachten. Zum König wiilillen wir einen cavallcro 
aus Sevilla , Fernand de Guzman , und wir schwuren ihm eben 
so Treue , wie dies gegen deine Person geschieht. ich ward 
zu seinem Feldzeugmeister ernannt; weil ich nach seinem Willen 
zu leben nicht geneigt war, sollte ich umgebracht werden. Icli 
aber tödtete den neuen König, den Hauptmann seiner Wache, 
seinen Generallieulenant, seinen Kaplan , eine Frau , einen Ritter 
von der Insel Rhodes , zwej Fahnenträger und fünf oder sechs 
Bediente des vorgeblichen Königs. Von da &\\ war ich entschlos- 
sen, deine Minister und deine Auditoren (Rathsgliedcr der Au- 
diencia) zu bestrafen. Ich ernannte Ilauplleute und Serschenten ; 
sie wollten mich abermals umbringen, aber ich licfs sie alle auf- 
hängen. Wahrend dieser Abenteuer dauerte unsere ScJiifffahrt 
eilt Monate bis zur Ausmündung des Flusses. Wir legten über 
i5oo 3Ieilen zurück. Gott weifs, wie wir diese grofse Wasser- 
masse überstanden haben. Ich ralhe dir, o grofser König, nie- 
mals spanische Flotten in diesen verwünscliten Strom zu senden. 
Gott wolle dich in seiner heiligen Obhut behalten'.- 

Aguirre übergab diesen Brief dem Pfarrer der Insel Mar- 
garetha, Pedro de Contreras, zur Bestellung an König Philipp 11, 
Fray Pedro^ Simon, der Provinzial vom Orden des h. Franciscus 
in INeu-Granada, hat mehrere handschriftliche Abschriften davon 
in America und in Spanien gesellen. Der Brief ward zum er- 
stenmal, im Jaiir 172J, in Oviedos Geschichte der Provinz Ve- 
nezuela (Tom. I. p. 206) abgedruckt. INicht jninder heftige Kla- 
gen gegen die Lebensweise der Mönche im sechszehnlen Jahr- 
hundert wurden durch den mail.indischen Reisenden , Girolamo 
Benzoni, unmittelbar an den Papst gerichtet. 



Noten* 22% 



Note B. 

Die Milch der milchiglcn BliUterschwäiiime ist nicht ab- 
soiiflerlich geprüft worden; sie enthält einen scharfen Griind- 
sloir im Agariius pijierarus ; in andern Arien ist sie mild und 
unschädlich. Die schönen Versuche der Herren Braconnot, 
Bouilhjii Lagrange und Vauqiielin (^yinnules de Chirnic ^ Tom. 
XI-VF, p. 211 ; Tom. LI, p. jS; Tom. LXXIX, p. 265; Tom. 
LXXXV, p. 5) haben uns in der Substanz des efshai-en Erd- 
schuamms (Agaricus dcliciosus) eine grol'sc Menge EyweifsslofF 
dargeliian. Dieser in ihrem Saft enthaltene Evweifsstoflr macht 
sie lievm Sieden so hart. Ich habe weiter oben der Versuche 
erwähnt, die ich im Jahr 1796 machte, um zu beweisen, dais 
die Morcheln CMorchella esculenta) in eine talgigle und felt- 
wachsarlige, zur Seifenbereilung geeignete Substanz sich ver- 
wandeln lassen. iT>e CamlAle, sur les proprie'tes mf-d. des plan- 
tes, p. 3^5.) Der Zuchersloff ward in den Pilzen, schon im 
J. 1791, von Hrn. Günther erkannt. CSiche meine yiphorismi 
ex physiologia ehem. plcintarittn in der Flora Friberg. p. itS.) 
In der Familie der Pilze CFtingl') , vorzüglich in den Clavarien, 
Morillen, Hervellen, Mcrulea und in den kleinen üjmnopen, 
die sich nach einem Gevvilterrcgen innerhalb etlicher Slundou 
entwickeln, sehen wir die organische ISatur am Jcbnellsteu diu 
grölsle Verschiedenheit chymischcr ßestandlhc-ilc erzeugen, den 
Zucker, das Ewreils, das Finiwachs , essigsaures Kali, Fett, Or- 
mazom, die Geruchslofle u. s. w. Es wäre wünschbar, dafs 
aufser der Milch der milchigen Schwämme auch die Arten ge- 
prüft würden, welche, in Stücke zerschnitten, bcv der ßerührun"»- 
des atmoqdiärisciicn Sauerstoffs ilire Farbe ändein. 

Wenn wir den Pcilo de luicca zur Familie der Brcyapfel- 
bäunio tSapotilliers) geordnet haben, so fanden wir an ihm je< 
doch nicht minder eine groise Achnlichkeil mit gewissen i/r- 
ticecn, vorzüglich mit dem Feigenbaum, um der gehörnt aus- 
laufenden Afterblälter willen, und mit dem Erosimum, wegen 
der lüidung seiner Frucht. Hr. Kunlh hätte auch' diese letztere 
ZusammiMislellung vorgezogen , wenn die am Orte selbst auf- 
genonnnene Beschreibung der Frucht, und die Bcschart'enheit der 
Milch, welche in den Urticeen scharf und hcy i\cx\ Scipotilliers 
■mild ist, die Vermuthung nicht zu bestätigen scheinrn würden. 



222 Such y. Noten. 

die wir oben Kap. 16. S. 186 ff. ausgesprochen halien. Hr. Brc- 
dcineyer hat, gleichwie wir, wohl die Frucht, aber nicht die 
Blume des Kuhhaums gesehen. Er versichert^ heohachlet zu 
haben Cmehrmals.'), dafs zwey Saamen neben einander stunden, 
wie im Avogadebaum fl/aurus Pcrsea.) Viclleiclit wollte der 
Bo^iniker die gleiche Bildung des Nucleus ausdrücl(en, weiche 
Schwartz in der Beschreibung des ßrosimuin andeutet : Nucleus 
bilobus aut bipartibilis. Wir haben die Standorte angegeben, 
wo dieser merkwürdige Baum wachst ; es wird reisenden Bo- 
tanikern leicht seyn , sich die ßlüthc des Falo de Kacca zu ver- 
schafTen , und die Zweifel zu lösen , welclie annoch über die 
Familie walten, zu der er gehört. 



Sechstes Buch. 



Siebenzehntes Kapitel. 

Berge, welche die AragitaThüler -con den Llanos de Caracas (rennen. — 
nila de Cura. — Parapara. — Llanos oder Steppen. — Calabo2.o. 



Die Bergkette, welche den See von Tacarigua süd- 
lich begrenzt, bildet, so zu sagen, das nördliche Ufer 
des grofsen Beckens der L,Ianos oder der Savanen von 
Caracas. Um ans den Thälern von Aragua in diese 
Savanen herunter zu kommen, müssen die Berge von 
Guigue und Tucutunemo überstiegen werden. Aus 
einer bevülkerten, durch Anbau verschüncrten Land- 
schaft gelangt man in eine ausgedehnte Einöde. Ari 
Felsen und schattige Thalgründe gewöhnt, betrachtet 
der Heisende mit Befremden diese baumlosen Savanen, 
diese unermefslichen Ebenen, die bis an den Horizont 
zu reichen scheinen. 

Ehe ich zu der Darstellung der hlanos oder der 
Gegend der Viehweiden -0 übergehe, will ich kür/.llch 
den Weg beschreiben , den wir von Nueva Valencia 
durch Villa de Cura und San Juan bis in das kleine, am 
Eingang der Steppen gelegene Dorf Ortiz zurücklegten. 
Am 6. März, vor Sonnen-Aufgang, verliefsen wir die 



*) Siehe oben, Th. IL Kap. 12. S- 363- 



224 Buch FI. 

Tliiiler von Aragua. Wir wanderten durcli eine wohl 
angebaute Ebene, längs dem südwestlichen Gestade des 
Valencia-Sees, über den von seinen Gewässern trocken 
gebliebenen Boden, und konnten nicht sattsam die Frucht- 
barkeit des mit Pisang, Flaschenkürbils ur-d Wasserme- 
lonen überdeckten Erdreichs bewundern. Den Aufgang 
der Sonne verküntlit^te der ferne Schall lieulcnder Affen. 
In der Nähe tiner Baumgruppe, die zwischen den vor- 
maligen Eilanden Don Pedro und Negra steht, sahen 
wir zahlreiche Banden Araguaten- Affen, die gleichsam 
processionsweise, nur sehr langsam von einem Baume 
zum andern übergiengen. Einem männlichen Thier 
folgten viele weibliche, worunter mehrere ihre Kleinen 
auf den Achseln trugen. Es sind die heulenden Affen, 
welche in niehreren Theilen von America gesellig bey- 
sammen leben, durch verschiedene Naturforscher be- 
schrieben worden. Ihre Lehensart und Sitten bleiben 
sich gleich, wenn auch die Arten nicht überall die näm- 
lichen sind. Man wird nicht müde, die Gleichförmig- 
keit, mit der die Araguaten ' ) ihre Bewegungen voll- 
ziehen, zu bewundern. Allentlialben, wo die Aeste be- 
nachbarter Bäume sich einander nicht berühren, hängt 
das den Reihen anführende männlic])e Thier sich mit 
dem anfassenden und schwitlichen Theil seines Sciiwan- 
zes auf, und. Indem es den übrigen Körper fallen läfst, 
wiegt es sich so lange, bis mittelst einer der Schwin- 
gungen es den zunächst befindlichen Ast erreicht hat. 
Der üanze Zuar vollzieht hierauf an der nämliciien Stelle 
die tfleiche Bewegung. Es dürfte fast übi'rfiüsjig seyn, 
bey diesem Anlafs zu bemerl<en, wie gewagt die Angabe 
Ülloa's '^•"•') und anderer einsichtsvoller Keisender mehr 

ist, 

*> Simia urslna. Vergl. Th. H. Kap. 8. S. i45. 
**3 Es li.'U der berühmlc Reisende diese aufserordenlliolie 
Vor];eIuung der X^en mit KuJIsclnvänzen sogar auf einem 

Hupfer 



Kapitel XriL 225 

ist, derzufolge die Marimondeii *") , die Araguaten und 
andere mit RoUschicänteii (queve prenanle) versehene 
Affen sich keltenartig aneinander liänüen sollen, um 
vom diesseitigen an das jenseitige Ufer eines Flusses zu 
gelangen. Wir hatten nährend fiinf Jahren Gelegen- 
heit, Tausende dieser Thiere zu beohachten, und konn- 
ten eben darum Erzähluniren keinen Glauben bevmfes- 
senj die vielleicht durch Europäer selbst erfunden sind, 
obgleich sie von den Indianern der IVlissionen wieder- 
holt werden , als wären es Ueberlieferungen ihrer Vä- 
ter. Auch der uncivilisirte Mensch findet Genufs in 
dem Erstaunen, das die Erzählung der Wunderdinge 
seines Landes hervorbringt. Er giebt für selbst gese- 
hen aus, was er glaubt, dafs andere es gesehen haben 
konnten. Alle Wilden sind Jäger, und die Erzählun- 
gen der Jäger werden um so mehr durch die Phantasie 
ausgeschmückt, als die Tliiere , deren Kunststücke sie 
uns melden, verständiger und listiger sind. Daher 
die Mährchen, wozu die Füchse und die Affen, die Ra- 
ben und der Condor der Anden auf beyden Halbkugeln 
den Stoff lieferten. 

Man beschuldigt die Araguaten , ihre Jungen zu- 
weilen im Stich zu lassen, um behender fliehen zu kön- 
nen, wenn sie durch indische Jäger verfolgt werden. 
Man behauptet, Mütter gesehen zu haben, die ihr Jun- 
ges von der Achsei losmachton, um es vom Baume 
herabzuwerfen. Ich bin geneigt zu glauben, es sey 
hier eine ganz zufällige Bewegung für eine absichtliche 
Handlung angesehen worden. Die Indianer äufsern 



Kupfer abzubilden l.ein Bedenken getragen. Siehe Viagg 
a la America meridional CMadrid, 1748), Tom. I. p. 
i.',4— 149. 

*) Simia Belzebuth. Sielic meine Obs. de Zool, Tom. I, p. 527. 

Alfix. V Humboldts hiit. Reiian. III. l5 



226 Buch VI. 

Abneigung- oder Vorliebe für gewisse Affenarten. Sic 
lieben die Virditas, die Titis und überhaupt alle klei- 
nen Sagoin - AfTeUj während die Araguaten, um ih- 
rer traurigen Gestalt und ihres eintönigen Geheuls wil- 
len, gleichniäfsig verwünscht und verläumdet werden. 
Beym Nachdenken über die Ursachen, welche die Fort- 
pflanzung des Schalls in der Luft /ur Nachtzeit beför- 
dern können, schien es mir nicht unwichtig, mit Ge- 
nauigkeit die Entfernung zu bestimmen, worin , zumal 
bey feuchter und stürmischer Witterung, das Geheul 
feines Aragualen - Schwarms geliürt wird. Ich glaube 
gewifs zu seyn, dafs sie noch in der Entfernung von 
800 Toisen gehört werden. Die vierarmigen Affen kön- 
nen keine Streifzüge in die Ljlanos machen 5 und wenn 
man sich mitten auf einer ausgedehnten , mit Gras be- 
wachsenen Ebene befindet, so hält es nicht schwer, die 
abgesonderten Baumgruppen zu erkennen, von denen 
der Schall herkommt, und die den heulenden Affen 
zum Aufenthalt dienen. Indem man sich nun diesen 
Baumgruppen nähert oder sich davon entfernt, wird 
das IMaxununi der Entfernung ausgemittelt, in wel- 
cher das Geheul liörbar ist. Ich fand diese Entfernun- 
gen zuweilen um einen Drittheil gröfser zur Nacht/.eit, 
vorzüglich wenn der Himmel bedeckt und die Witte- 
rung feucht und warm ist. 

Die Indianer behaupten , wenn das Geschrey der 
Araguaten durch den Wald ertönt, so scy immer einer, 
„welcher als Chorführer singt.*' Die Bemerkung ist 
ziemlich richtig. Man unterscheidet allgemein und 
geraume Zeit eine einzelne, stärkere Stimme, l>i» 
eine andere, von verschiedenem Gehalt, dieselbe ersetzt. 
Der gleiche Nachahmungsinstinct wird auch bey unj 
zuweilen unter den Fröschen und last allen in Gesell- 
schaft lebenden und singenden Thieren wahrgenom 



Kapitel XFIL 22? 

mcn. Die Missionarien versichern noch weiterhin, 
wenn unter den Aragualen ein VVeihclien im BpgriflT ist 
zu gebären, so stelle der Chor sein Geheul so lange 
ein, bis das Junge geboren ist. Ich konnte über die 
\"\ ahrheit dieser Angabe nicht selbst urtheilen ; inzwi- 
schen halte ich dieselbe niciit für ganz grundlos. Ich 
bemerkte, dafs, wenn eine aufserordenlliche Bewegung, 
zum Beyspiel die Seufzer eines verwundeten Aragua- 
ten , die Aufmerksamkeit der Bande erregen, das Ge- 
heul für einige IVIinuten unterbrochen wird. Unsere 
Führer versicherten in vollem Ernst: ,_,gegen Engbrü- 
stigkeit sey ein zuverlässiges Hülfsmiltel, aus dem knö- 
chernen Kasten des Zungenbeins vom Araguate zu trin- 
ken.'- Weil dieses Thier einen so aufserordenllichen 
Umfang der Stimme hat, so mufs sein Kehlkopf wohl 
unstreitig dem Wasser, welches man darein giefst, auch 
das Vermögen, Brusthrankheiten zu heilen, verleihen." 
Es ist dies die JNaturlehre des Volks, die zuweilen der- 
jenigen der Alten gleicht. 

Wir übernachteten im Dorfe Gulgue, dessen Breite 
ich durch Beobachtungen des Canopus zu 10° 4' 11" 
fand. Die Entfernung dieses, in einer trefflich angebau- 
ten Gegend gelegenen Dorfes vom Tacarigua - See be- 
trägt nicht über eintausend Toisen. ^A ir nahmen un- 
ser Quartier. bey einem allen Feldwebel, der aus Mur- 
cia gebürtig und ein sehr origineller Mensch war. Um 
zu beweisen, dafs er bey den Jesuiten studiert habe, 
sagte er uns die Geschichte der Weltschüpfnng in latei- 
nischer Sprache her. Die Namen von Augustus, Ti- 
berius und Diocletian waren ihm nicht unbekannt. 
Bey der angenehmen Kühle der Nacht, in einem mit 
Pisang bepflanzten Gehege, äufserte er viele Theilnah- 
me für alles, was sich am Hof der romischen Kaiser 
zugetragen liatle. Kr bat uns dringend um Heilmittel 



328 Buch Fl. 

gegen die Gicht, von der er schrecklich gequält ward. 
^^Ich weifs, sagte er, dafs ein Zambo aus Valencia, der 
ein berühmter Curioso ist, mich lieilen kann^ aber der 
Zamho verlangt mit einer Auszeichnung behandelt zu 
werden, die man einem larbigten Menschen, wie er ist, 
nicht bewilligen kann j ich bleibe darum lieber, wie 
ich bin/' 

Von Guigue aus beginnt das Ansteigen der Berg- 
kette, die sich südwärts vom See gegen Guacimo und 
la Palma ausdehnt. Von einer "^lo Toisen hohen Ebene 
herab sahen wir zum letztenmal die l'häler von Ara- 
gua. Der Gneil's stund zu Tage : er zeigte die gleiche 
Schichtenlage, die gleiche nordvvestliche Senkung. 
Quarzadern, die den Gneifs durchziehen , sind goldhal- 
tig, und eine nahestehende Bergschlucht führt auch den 
Wamen Quehrada del Ovo. Man ist befremdet, über- 
all den pomphaften Wamen Go/i/jc/j/hcä/ in einem Lan- 
de zu finden, wo nur ein einziges Kupferbergwerk be- 
baut wird. Wir legten fünf Meilen Weges bis zum 
Dorf Maria Magdalena, und noch zwey andere bis zur 
Villa de Ciira zurück. Es war Sonntag. im Dorfe 
Maria Magdalena fanden sich die Einwohner vor der 
Kirche versammelt. Man wollte unsere Maulthiertrei- 
ber zwingen Halt zu machen, um Messe zu hören. 
Wir entschlossen uns zu bleiben 5 aber nitch langem 
Wortwechsel setzten die Maullhiertroiber ihren Weg 
fort. Ich mufs hier beyfügen, dafs dies der einzige 
Streit solcher Art war, den wir erfuhren. Man macht 
sich in Europa sehr irrige Vorstellungen über die Un- 
duldsamkeit und selbst über den religiösen Eifer der 
spanischen Colonisten! 

San Luis de Cura, oder, wie man gewöhnlich sagt^ 
die Villa de Cura y steht in einem gar uniruclitbaren 
Thale, dessen Kichtung von Nordwest nach Südost gehl. 



Kapitel Xril. 219 

nnd dessen Erhöhung über der Wasserfläche des Oceans, 
meinen barometrischen Beobachtungen zufolge, 266 
Toisen betrügt. Einige Fruclilbäutne ausgenommen, 
ermangelt das Land ])eynalie alles Pflanzenwuchses. 
Die Trockenheit der Ebene ist um so gröfser, als meh- 
rere Flüsse (was in einem L'rgobirg^land als aufseror- 
dentlich kann angesehen werden) sich durch Spalten in. 
die Erde verlieren. Der Rio de las Minas, nordwärt« 
der Villa de Cura, verliert sich insFelsengebirg, kommt 
wieder zum Vorschein, und versenkt sich nochmals, ohne 
in den Valencia-See zu gelangen, welchem doch seine 
Richtung zugeht. Cura hat eher das Aussehen eines 
Dorfes als einer Stadt. Seine Eevöll erun_y beträgt nur 
4000 Seelen ; wir fanden aber daselbst mehrere Perso- 
nen von sehr gebildetem Geiste. Wir nahmen unsere 
Herberge bey einer Familie , gegen welche die Regie- 
rung zur Zeit der Revolution von Caracas, im Jahr 
1797, strenge verfahren war. Einer der Söhne ward, 
nachdem er lange eingekerkert gewesen war, nach der 
Havanna gesandt , um da in einem festen Schlosse 
verwahrt zu bleiben. Die Freude der Mutter war un' 
endlich grofs, als sie hörte, dafs wir nach der Rück- 
kehr vom Orenoko einen Besuch in Havanna machen 
würden! Sie vertraute mir fünf Piaster an, „alles, was sie 
hatte ersparen können.'* Ich würde ihr dieselben gern 
zurücHgegeben haben, wenn ich nicht fürcliten mufste, 
ihr Zart";efühl zu beleidi'i^en, und eine JNIutter zu 
kränken , die in freywilligen Entbehrungen süfsen Ge- 
nufs findet. Die ganze Gesellschaft der Stadt versam- 
melte sich Abends, um in einer Optili die Ansichten 
der europäischen Hauptstädte zu bewundern. Das 
Schlofs der Tuillerien ward uns gezeigt und die Bild- 
säule des grofsen Kurfürsten in Berlin. Es ist eine 
ganz aufscrordentliche Empfindung, seine Vaterstadt 



23o Bach PI. 

durch eine Optik zu sehen , wenn man zAveytausend 
Meilen von ihr enlfernt ist! 

Ein Apotheker^ den ein unsehger Hang znm Berg- 
bau zu Grund gerichtet hatte^, begleitete uns beym Be- 
such des an goldhaltigem Schwefelkies selir reichen 
Serro de Chacao. Man steigt weiter am südlichen Ab- 
hang der Küstencordillere , in welche die Ebenen von 
Aragua ein Längenthal bilden, herunter. Die Nacht 
vom 11. verweilten wir zum Thell im Dorfe San Juan, 
das durch seine Mineralwasser und die ungewühnliche 
Gestalt zwey benachbarter Berge , welche die Morros 
de San Juan heifsen, merkwürdig ist. Diese Berge 
bilden schmächtige Spitzen , die über eine sehr breite 
Felsenmauer emporstehen. Die Mauer ist senkrecht 
abgestutzt und gleicht der Tevfelsmauery *) welche ei- 
nen Theil der Gruppe des Harzgebirgs einfafst. Weil 
diese Bergspitzen aus grofser Entfernung in den Llanos 
sichtbar sind, und die Einbildungskraft der an keinerley 
Unsleichhcit der Erdfläche gewöhnten Thalbewohner 
mächtig ergreifen, so vvird die Höhe der Pic's sehr 
übertrieben geschätzt. Sie waren uns als mitten in den 
Steppen befindlich angegeben worden, während sie die- 
selben vielmehr nordwärts begränzen, beträchtlich 
weit hinter einer Hügelreihe, welche /« GrtZer« heifst. 
Den in einer Entfernung von zwey Meilen aufgenom- 
menen Winkeln nach zu urtheilen, sind die Bergspitzen 
kaum mehr als i56 Toisen über dem Dorfe San Juan, 
und 35o Toisen über der Fläche der Llanos erhübet. 
Die Mineralquellen entspringen am Fufs der Berge, 
die zum Uebergangs- Kalkstein gehören j sie sind mit 
geschwefeltem Wasserstoff geschwängert, und bilden 
einen kleinen Sumpf oder Ljagune^ worin ich den Wär- 



*) Bey Wernigerode in Deutschland. 



Kapitel KVIL 281 

memesser nicht über 3i° 3 steigen sah. Mittelst sehr 
befriedigender Stern - Beobachtungen fnnd ich in der 
Nacht vom 9. auf den 10. JViärz die Breite von Villa de 
Cura zu 10° 2' 47". Die spanisclien Üfilclere, welche 
im Jahr 1755, bey dem Grenzzug, astronomische Werk- 
zeuge an den Oreiioko brachten, haben gewifs nicht im 
Cura Beobachtungen angestoilt, denn auf Caulin's Charte 
und auf der von la Cruz Olmedilla wird diese Stadt 
um einen Viertelgrad zu weit südwärts angegeben. 

Die Stadt Cura ist in der Umoeo^end durch die Wun- 
der eines Bildes der Jungfrau berühmt, das unter dem 
Namen von Nnestra Sennora de los Falencianos be- 
kannt ijt. Dies Bild, welches ein Indianer, um die 
Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, in einer Berg- 
schlucht gefunden hat, veranlafste einen Hechtshandel 
zwischen den zwey Städten von Cura und San ^ebastian 
de los Keyos. Die Pfarrer der letzteren Stadt behaup- 
teten, die Jungfrau sey zuerst &uf dem Gebiet ihr.es 
Kirclispiels erschienen. Der Bischof von Caracas, um 
dem Aergernifs des langen Zanks ein ünde zu machen, 
liefs das Bild in's Archiv des Bisthums bringen, und be- 
hielt es darin 3ü Jahre verschlossen ; im Jahr 1802 erst 
ward es den Einwohnern von Cura zurückgegeben. 
Hr. Depons hat die näheren Umstände des seltsamen 
Streilhandels ausführlich erzählt. *) Nach einem, im 
kühlen und hellen Wasser des kleinen Flusses San Juan 
über basaltischem Grünstein genommenen Bade setz- 
ten wir um zwey Uhr Nachts unsern Weg über Orlitz 
und Parapara, nach der iV/ej« de Paja fort. Weil da- 
nials die Llanos durch Baubgesindel unsicher waren^ so 
schlössen sich mehrere Reisende uns an, um eine Art 
Caravane zu bilden. Nach sechs bis sieben Stunden an- 

*) Tom. ni. p. 178. 



2^% Buch Fl. 

haltenden NledervSteigens zogen wir längs dem Cerro 
de FLores bin, in dessen Nähe die zu dem groTsen Dorf 
San Jose de Tisnao führende Strafse sich trennt. Mijn 
kommt durch die Meyerliöfe von Lvique und Juncalito 
an den Eingang der Thalgründe^, die von den schlech- 
ten Wegen und der hlauen Farbe der Schiefer die Na- 
men iMalpasso und Piedras ylzules führen. 

Dieser Boden bildet das alte Gestade der grofsen 
Steppen- Barsins , und hat für die Unterfuchungen des 
Geologen vielAnziehendes. Man findet daselbst Trapp- 
formationen, die, wahrscheinlich Jüngern Ursprungs, 
als die Grünsteingänge in der Nähe der Stadt Caracas, 
den Gebirgsarten vulcanischen Ursprungs anzugehören 
scheinen. Es sind nicht lange und schmale Ströme, wie 
in einem Theil der Auvergne, sondern breite Flüsse, 
die wie Schichten aussehen. Die lavaarligen Steinmas- 
sen declten, so zu ?agen, das Ufer des alten Landseesj alles, 
was zerstörbar ist, die geschmolzenen Auswürfe, die 
blasigen Schlacken sind w^eggeführt. Diese Erschei- 
nungen werden insbesondere merkwürdig durch die ge- 
nauen Verhältnisse, welciie sich zwischen den Kling- 
steinen (Phonolites) und den IVIandelsteinen zeigen, die 
zuverlässig Augll (Pyroxene) und Grünstein enthalten, 
und in dem Uebergangsschiefer Lager bilden. Um den 
Zusammenhang der Lagerung dieser Gebirgsarten und 
ihres Aufliegens deutlich zu machen, wollen wir die 
Formationen aufzählen, wie sie sich in einem von Nor- 
den nach Süden gerichteten Froille darstellen. 

Zunächst findet sich in der Sierra de Mariara, die 
dem westlichen Arm der Küsten -Cordillere angehört, 
ein grobkörnigter Granit } hernach in den Thälern von 
Aragua, am Seeufer und auf seinen Inseln, so wie auch 
im südlichen Arm der Küstenkette Gneifs und Glim- 
merschiej'er. Diese zwey letztern Gebirgsarten sind 



Kapitel Xril. 233 

goldliallig in der Ouehrada dcl Oro , nahe tev Guipj-ue 
und zm?chen Villa de (3ura und den JMorros de San 
Juan, iui Gebirge von Chacao. Das Gold kommt in 
Schwefelläesen vor, die tbeils auf eine fast unbenierk- 
bai"e Art in der Gesammtmasse des Gneifs *) zerstreut, 
tbeils in kleine Quarzgänge gesammelt sind. Die mei- 
• sten Ströme, die von diesem Gebirg abfliefsen , fülirea 
[Gold. Dürftige Einwobner der Villa de Cura und von 
San Juan haben zuweilen, durch das Auswaschen ihres 
Sandes, in einem Tage bis an dreiyfsig P'astiT gewon- 
nen* mei?t jedoch mögen, wie fleifsig sie auch sind, in 
der Woche nur für zwey Piaster Goldblättchen gewon- 
nen werden. Auch geben sich nur Wenige mit dem 
unsicheren Gewerbe ab. Hingegen geschieht hier, was 
allenthalben beobachtet, werden kann, wo gediegenes 
Gold und goldhaltiger Schwefelkies im Gebirge zer- 
streu' sind, oder durch Zerstörung der Gebiresarten 
in angeschwemmtem Lande vorkommen, dafs sich näm- 
lich das V^olk die übertriebensten Vorstellungen von 
dem metallischen Reichthume des Bodens macht. Der 
Erfolg des Bergbaues aber, welcher weniger von der 
Menge des auf einer weiten Bodenfläche vertheilten Er- 
zes, als von seiner Anhäufung auf dem nämlichen 
Puncte herrührt, mag die so günstigen Vorurtlieile 
nicht rechtfertigen. Der durch die Bergschlucht von 
Tucutunemo begrenzte Berg von Chacao ist 700 Fufs 
über das Dorf San Juan erhübet. Er besteht aus Gneifs, 
welcher füraus in den oberen Schichten in Glimmer- 
schiefer übergeht. Wir sahen da Ueberbleibsel eines 
alten Bergwerks, das unter dem Namen des Real de 



*) Die vier Metalle , welche man im Granitgebirg zerstreut 
findet, als gehörten sie gleichzeitiger Bildung an. sind das 
Gold, das Zinn, das Titanium iind der Kohalt. 



234 Bach VI. 

Santa Barbara bekannt i?t. Die Arbeiten Avaren auf 
ein angegrifTones Lager von Quarz *) gerichtet, der 
von vitlflächigen Hölilunjxen durclilöchert , mit ocher- 
gelhem Eisen vermengt ist, und sowohl goldhaltig« 
Schwelelkiese, als auch Ideine Goldblättchen enthält, die, 
wie man versichert, auch dem unbewaffneten Auge 
sichtbar sind. Der Gneifs des Cerro de Chacao scheint 
noch einen andern metallischpu Niederschlag zu ent- 
halten, eine Mi chung von Hupfer und Silbererz. 
Dieser letztere ist der Gegenstand eines mit grofser Un- 
wissenheit durch mexicaniFche Bergleute, unter der 
Verwaltung des Hrn. Avale, betriebenen Baues gewe- 
sen. Der in nordöstlicher Richtung ausgegrabene Stol- 
len hat nur 25 Toisen Länge. Wir fanden darin Stücke 
T'on azurfarbenem Kupfer, verbunden mit schwefelsaurer 
Schwererde und Quarz 5 aber wir konnten nicht selbst 
urtheilen, ob das Erz silherhal tiges PaA/erz enthalte, 
und ob es eine Lage mache, oder, wie unser Führer, 
der Apotheker, versicherte, wirkliche Gänge bilde. Ge- 
wifs ist, dafs der Versuch dieses Erzgrabens in zwey 
Jahren über 12,000 Piaster gekostet hat. Man würd« 
ohne Zweifel besser gelhan haben, die Bearbeitung des 
goldhaltig'^n Lagers vom Real de Santa Barbara wie- 
der fortzusetzen. 



*) Dieses Quarzlager und der Gneifs, worin es enthalten ist, 
zeigen die Richtung von St. 8 der Boussole von Frevberg, 
unter 70"* südwestlicher Einsenl^ung. Auf 100 Toisen Ent- 
fernung vom goldhaltigen Quarz nimmt der Gneifs wieder 
seine gewohnte Lagerung an, St. 3-4 mit 60° nordwestli- 
cher Einsendung. Einige Gneifslager enthalten eine Menge 
silberfarbigen Glimmers, und statt der Granaten kommen 
darin zahllose achtfliächige Schwefelkiese vor. Dieser silber- 
farbene Gneifs gleicht dem Gneifs der bekannten Gruhe d«s 
Himmelsfürst in Sachsen. 



Kapitel XVII. 235 

Tiie Gneifs-Zone , von der wir hier sprechen^ ist 
in der Küsten -Kette vom Meer Lis nach Villa de Cura 
zehn Meilen hreit. In diesem ausgedeluilen Landstrich 
finden sich ausschliefslich Gneifs und Gliiiimerscliiefer, 
die hier nur eine gemeinsame Formalion darstellen. *) 
Jenseits der Villa de Cura und des Cerro de Chacao 
wird die Ansicht des Landes für den Geognosten nian- 
ni^^l'alliger. Noch sind aciit MeiltMi Ahhang von der 
Ebene der Stadt Cura bis zum Eingang der Llanos übrig, 
und an diesem südlichen Abhang der Küstenkette sind 
es vier Gebirgsarten ungleicher Bildung, die den Gneifs 



*) Eifie Formation, welche wir die gneifs - glimmerschiefrige 
nennen wollen, und die der Küsteiikclte uon Caracas ei- 
gen I hü ml ich ist. j\Ian müfs , wie die Herren von Bucli und 
R^aumer in ihren vortrefllichen Abhandlungen über Landeck 
und das Riesengebirge so richtig gezeigt liaben ^ fünf For- 
malionen unterscheiden , nämlich : a) Granit; b) Granit- 
Gncifs ; c) Gneifs; d) Gneifs- Glimmerschiefer; e) und 
Glimmerschiefer. Die Vermengung dieser Formationen, 
welche die ISatur in vfplen Ländern aufs bestimmteste von 
einander gesondert hat, ist die Ursache, warum Geognosten, 
deren Beobachtungen auf eine lileine Erdlläche beschrankt 
waren, angenommen haben, der Gneifs und Glimmerschie- 
fer wechseln überall in aufcinanderliegenden Schichten , 
oder bieten unmerkliche Uebergänge der einen in die an- 
dere Gebirgsart dar. Diese Uebergänge und diese wech- 
selnden Schichtenlagen finden unstreitig in den Formationen 
des Granit- Gneifs und Gneifs - Glimmerschiefers statt; weil 
aber diese Erscheinungen &Ti einem Orte vorkommen, so 
folgt daraus nicht , dafs anderswo sehr genau abgesondert© 
Formationen von Granit , Gneifs und Glimmerschiefer nicht 
angetroffen werden. Die gleichen Betrachtungen können 
auf die Formationen des Serpentins angewandt werden , die 
tald abgesondert vorkommen, und bald dem Eurit, dem 
Glimmerschiefer und dem Grünstein angehören. 



236 Buch VI. 

decken. Wir wollen dieselben zunächst beschreiben, 
ohne sio nach systematischen Ideen zu gruppiren. 

Südwärts dem Cerro de Cfiacao, zwischen der Berg- 
schlucht des Tucutunemo und Piedras Wegias , birgt 
sich der Gneifs unter einer lormation von Serpentin^ 
dessen Mischung iri den verschiedenen übereinander lie- 
genden Schicliten ungleich ersclieint. Bald ist dieselbe 
vollkommen rein, selir gleichartig, von dunkelm Üli- 
vengrün, vom schuppichten zum glatten Bruch über- 
geliend^ bald ist sie geädert, mit blaulichtem Speck- 
stein vermischt, im BrucLe ungleich und enthält Glim- 
merblätlchen. h\ beyden Verhaltnissen habe ich darin 
weder Granaten, noch Hornblunde, noch körnigten. 
Strahlstein (iliallage^ entdeckt. Weiter südlich, und 
in dieser Hiclitung verfolgten wir die Landschaft bestän- 
dig, wird' der Serpentin dunkler grün 5 man nimmt 
darin Feldspath und Hornblende wahr: es hält schwer 
"zu sagen, ob er in Grünstein (diabase') übergeht, oder 
damit abwechselt. Unbezweifelt aber ist, dafs er Gän- 
^e von Kupfererz enthält. *) Am Fufs dieses Berges 
entspringen zwey schöne Quellen aus dem Serpentin, 
Wahe beym Dorfe San Juan läuft allein nur der gekörn- 
te Gi'iijisteui zu Tage aus, der eine schwarzgrüne Far- 
be annimmt. Der mit der Masse innig vermischte Feld- 
«path sondert sich in einzelnen Krj^slalhn ab. Der 
Glimmer ist selten und Quarz mangelt gänzlich. Die 
Masse erhält auf drr Oberfläche eine gelbliche Binde, 
wie der Dolerit und der Basalt. 



*) Einer dieser Günge, auf den man zwey Stollen trieb, halte 
die Richtung von St. 2, 1 und die Einsenknng von 80" östl. 
Die Serpentinlagen, wo dieser eine etwas regelmäfslge Schich- 
tung zeigt, haben die Richtung von St. 8 und beynahe senk- 
rechte Einsenhung. Jch habe in diesem Serpentin, wo er 
in Griinstein übergeht, hin und wieder Malachit angetroffen. 



Kapitel XVII. 237 

Mitten aus diesem Boden von Trapp formatlon er- 
heben sich, zwey zerfallenen Schlüssern gleich, die 
IMorros de San Juan. Sie scheinen mit den Mornes 
von St. Sebastian und mit der Galera zusammenzuhän- 
gen, welche die LIanos wie eine Felsen.naucr begrenzt. 
Die IMorros de San Juan sind aus einem Kalkslein von 
kryytallinischer Textur gebildet; derselbe ist zuweilen 
sehr dicht, zuweilen voll Höhlungen, grau-grün, glän- 
zend, aus kleinen Körnern bestehend und mit einzel- 
nen Glimmerblättchen vermischt. Dieser Kalkstein 
braust init Säuren stai'k auf: Spuren organisclier Kör- 
per habe ich darin nicht angetroffen. In untergeord' 
nelen Schichten begreift derselbe Massen eines verhäi'- 
teten, schwärzlichblauon und kohlenlialligen Thons. 
Diese Massen sind schieferig, sehr schwer und enthal- 
ten Eisen; sie stellen weifJichte Streifen (rayure) dar, 
und brausen mit Säuren nicht auf. Ihre Oberflüci)e er- 
hält durch die Verwitterun"^ an der Luft eine treibe 
Farbe. Man glaubt in diesen Thonlagcrn, eine Ten- 
deaz, entweder zum Uehergangsschiefer , oder zum 
Jiieselschiejer Cjaspe schisloido), welche allenthalben 
den schwarzen Uehergangs - Kalkstein bezeiclmen, zu 
erkennen. In Bruchstücken würde man sie, boym er- 
sten Anblick, für Basalte oder Amphiholiten nehmen.*) 
Den IMorros de San Juan ist ein anderer vveifser, dich- 
ter Kalkstein angelehnt, welcher einige Trümmer von 



•) Ich halle den Anlafs, nochmals und sehr sorgfiilh'g die 
GeLirgsarlcii von San Ju;ni, (]liacao , Parapara und Cala- 
bozo während meines Aui'enllialts in Mexico zu untersuT 
chen, wo ich, gemeinsam mit Hrn. Del Rio, einem der vor- 
zügliclisten Zögiinge der Schule von Freyberg ^ eine geo- 
gnostische Sammlung für das ColegLo de Mineria von ^tM- 
Spanien anlegte 



238 B u c h VI. 

Schaalthieren enthält. Die VeiLlndungsllnie dieser 
zwey Kalktteine konnte ich nicht beobachten^ so wenig 
als die der Kalkstein -Formation mit dem Grünstein. 

Das Querthal j welches von Piedras Negras und 
vom Dorf« San Juan gegen Parapara und den Llanos 
herabsteigt^ ist mit Trapp - Gebirgsarten^ die eine ge- 
naue Verwandtschaft mit der unter ihnen liegenden For- 
mation von Grünschiefer haben, angefüllt. Man glaubt 
tald Serpentin zu sehen, bald Grünslein , bald Doleri- 
ten und Basalte. Die Vertheilung dieser problemati- 
schen Massen ist nicht minder aufserordentllch. Zwi- 
schen San Juan, Malpasso und Piedras A/ules bilden 
sie mit einander gleichlaufende, und regelmäfsig unter 
Winkeln von 40° bis 5o° nördlich eingesenkte Schich- 
ten; sie decken sogar auch in übereinstimmender Lage- 
rung (^Gisement concordanO den Grünschiefer. Wei- 
ter unten, wo die Mandelsteine und Klingsteine sich 
dem Grünstein beygeseüen, gewinnt Alles ein basalti- 
sches Aussehen. Ueber einander gehäufte Grünstein- 
Rugeln bilden solche abgerundete Kegel, wie man sie 
häufig im böhmischen IMllielgehirg , in der Gegend 
von Bilin , dem Vaterland der Klingsteine Cphonolites), 
antrifft. Die Ergebnisse Kieiner einzelnen Beobachtun- 
gen sind folgende: 

Der Grünstein, welcher anfänglich mit den Ser- 
pentin-Lagen wechselte, oder sich dieser Gel)irgsart 
durch unmerkliche Uebergänge anschlofs, stellt sich 
abgesondert dar, entweder in stark eingesenkten Schich- 
ten, oder in concentriscli gpsclilchteten Kugeln, die in 
gleichartigen Schichten enthalten sind. In der Gegend 
von Malpasso liegt derselbe über specksteinartigem 
Griinschiejer , der mit Hornblende vermischt ist, we- 
der Glimmer noch Quarzkürner enthält^ wie der Griiii' 



Kapitel XVII. a^Q 

alein eine nördliche Senkung von 45°, und, wie er, die 
Richtung Von N. 75° W. hat. 

Wo diese Griiaschiefer vorherrschen^ ist die Land- 
schaft selir unfruchtbar , ohne Zweifel uni der in ihnen 
enthaltenen Bittererde CMagnesie} wilh^n, die^ wie der 
niagncsiahaUige Kalkslein ■■■) in England darthut, dorn 
Fflanzenwvichs sehr naclitheilig ist. Di« Einseukung 
der Grünschiefer Lleibt die nämliche; aber ihre Schich- 
tenrichtunif wird nach und nach der al^enieinen Rich- 
tung des Urgchirgs der Küstenkette gleichfürmig. Bcy 
Piedras Aznles erhalten diese mit Hornblende ver- 
mischten Schiefer, wieder in gleichförmiger Liagerungy 
einen schwarzblauen **), sehr brücliigen, mit schwa- 
clien Quar^adern durchzogenen Schiefer. Die Grün- 
schiefer enthalten einige Grünsteinschichten , und es 
finden sich in ihnen auch Kugeln der nämlichen Sub- 
stanz. INirgends sah ich die Grünschiefer mit den 
schwarzen Schiefern der Schlucht von Piedras ylznles 
abwechseln; vielmehr schienen dieselben auf der Ver- 
bindnngslinie in einander überzugehen , indem die 
Grünschiefer, nach Mafsgabe wie sie die Hornblende 
verlieren , perlgrau werden. 

Weiter südwärts, gegen Parapara und Ortiz, ver- 
schwinden die Schiefer. Sie bergen sich unter einer 
Trappformalion von verschiedenllicher Gestaltung. Das 
Land wird fruchtbarer; die Felsmarsen wechseln mit 
Thonlagern ab, die durch Zersetzung des Grünsteins, 



*) Magnesian - Limestone ^ Strohgelb, mit Madreporen ; unter 
dem red marl oder rothen Sandstein (gres rouge muriati- 
fere). 

**) Die 7,wey Formationen von grünem und schwarzblauem 
Schiefer haben daselbst die Riclitung von IN'. 52. 0. (oder 
Sjt. 5; 4) und die Einsenkujig von 70" nordwestlich. 



2+0 -ß H c h VI. 

der Mandehleine und Klingsteine erzeugt zu seyn 
scheinen. 

Der Grünstein, welclier mehr nordwärts weniger 
körnicht war und den Uehergflng zum Serpentin bildete, 
nimmt hier einen ganz andern Characler an. Er ent-' 
hält Kugeln vom Mandelstein (^amygdaloide') , welche 
acht bis zehn Zoll im Durchmesser haben. Diese, zu- 
weilen etwas abgeplatteten Kugeln losen sich in con- 
centrischen Schichten ab. Es ist dies eine Wirkung 
der Zersetzung. Ihr Kern hat beynahe die Härte des 
Basalts. Sie sind mit kleinen blasigen Höhlungen ver- 
sehen, die mit einer grünen Erde und Krystallen von 
Augit und Zeolith angefüllt sind. Ihre Basis ist grau- 
licht-blau, ziemlich \-jeich , mit kleinen weifeen Fle- 
cken, deren regelmäfsige Bildung auf zersetzten Feld- 
spath schliefsen läfst. 

Hr. von Buch hat die Stücke, welclie Avir davon 
mitbrachten, durch eine slarlv vergrüfsernde Linse un- 
tersucht. Er hat gefunden, dafs jeder in der erdigen 
Masse eingeschlossene Augit-Krystall durch, den Seiten- 
wänden des Krystalls parallfle, Spalten von jener ge- 
trennt ist. Diese Spalten scheinen die Wirkung eines 
Zurückziehens zu seyn, welches die Masse oder Grund- 

lao^e des Mandelsteins erlitten hat. Ich sah diese Man- 

c 

delstein- Kugeln theils schichtenweise vertheilt, und 
durch IG bis 14 Zoll dichte Grünstvinlager von einan- 
der getrennt, theils (und dies war die gewöhnlichere 
Lagerung) fanden sich die zwey bis dreyFufs im Durch- 
schnitt haltenden Mandelstein -Kugeln in kleine, oben 
abgerundete Hügel, angehäuft, wie der spheroidische 
Basalt. Der Thon, welcher zwischen diesen Mandel- 
stein - Concretionen inne liegt, kommt von der Zerse- 
tzung ihrer Rinde her. Sie überziehen sich an der Luft 
mit einer ganz dünnen gelben Ucherschichte. 

Süd- 



Kapitel XFIT. 34t 

Süd-vresllich vom Dorfe Parapara erhebt sich der 
kleine Cerro de Flores^ welcher sclion von weitem her 
in den Steppen kennbar ist. An seinem Fufse, hoyiiahe 
mitten in dem Mandelstein-Gebiete, das wir beschrie- 
l)en haben, liegt ein porphyrähnlicher Klingstein zu 
Tage, eine diclite Feldspalhniasse von grünlicb-grauer 
oder berggraiier Farbe, worin länglichte Krystallen 
von glasigem Feldspath enthalten sind. Es ist der ächte 
Porp/iyrschiefer von Werner, und kaum möchte man 
in einer Sammlung von Gebirgsarten den Klingstein 
(^phcnoHte~) \on Parapara von demjenigen aus Bilin 
in Böhmen zu unterscheiden im Stande seyn. Er stellt 
sich inzwischen hier nicht in grotesk geformten Felsen 
dar, sondern er bildet kleine Hügel, die mit tafelför- 
migen Blöcken, mit breiten, sehr helltönenden, am 
Rande durchsichtigen, und beym Zerbrechen die Fin- 
ger i'itzenden Platten überdeckt sind. 

Dies ist die Keihe der Gebirgsarten, welche ich 
auf ihren Standörtern beschrieben habe, wie ich sie 
vom Tacarigua See bis zum Eingang der Steppen sich 
einander folgend antraf. Nur wenige Landschaften in 
Europa mögen eine so merkwürdige geologische Con- 
stitution darbieten. Wir fanden darin sehr aufeinander 
folgende Formationen : 

von Gneifs- Glimmerschiefer, 

von (Üebergangs-) Grünschiefer, 

von schwarzem (Üebergangs-) Kalkstein^ 

von Serpentin und Grünstein, 

von Mandelstein (mit Augit), und 

von Klingstein. 

Ich bemerke zunächst, dafs die Substanz, welche 
XfiT hier unter dem JNamen Grünstein beschrieben ha« 
ten, derjenigen völlig gleicht, di« im Glimmerschiefer 

Alex. x>. Humboldts h'st. Btian. Dl. l6 



242 B n c h VI. 

Lagen, und in der Gegend von Caracas Gänge bildet; *) 
sie unterscheidet sich nur dadurch, dafs sie weder 
Quarz, noch Granaten, noch Schwefelkiese enthält. 
Der genaue Zusammenhang und die Verhältnisse, wel- 
che wir in der Nähe von Cerro de Chacao zwischen 
dem Grünstein und dem Serpentin antrafen, können die 
Geognosten, welche die Gebirge in Franken und Schle- 
sien untersucht haben, nicht befremden. IVahe bey 
Zobtenberg **) wechselt ein serpentinartiges Fossil 
mit dem Gabbro. In der Grafschaft Glalz sind die 
Spalten des Gabbro mit einem blau grünliclien Steatit 
angefüllt, und die Gebirgsart,^ welche lange Zeit zum 
Grünstein ***) gezählt ward, ist eine innige Mischung 
von Feldspath und körnigem Strahlstein (diallage). 

Der Grünstein von Tuc'utunemo , von dem wir 
glauben p er bilde mit der serpentinartigen Gebirgsart 



*) Siehe oben Th. II. S. 347 ""d Th. III. K. i5. S. 5i. 
**) Zwisclien Tainpadel und Silslervviz QBiich , Geogn. Beob- 
Th. I. is. 69, und Natur/, freunde tu, Berlin., 1810. Th. 4. 
S. 144.) 
***) heop. de Bucht Descr. de Landeck , tradu. par Mr. d'Au' 
buiisson , p. 26. In den, an Grünstein und Serpentin so 
reichhaltigen Bergen von Baireulh in Franken sind diese 
zwey Formationen nicht miteinander verbunden. Der Ser- 
pentin gehört vielmehr zum Hornblendschiefer (amphilwlite 
schistoide) , wie auf der Insel Cuba. Psahe hey Guanaxua- 
to in Mexico liabe ich ihn mit dem Syenit wechselnd an- 
getroffen. Diese Erscheinungen serpentinartiger Gesteine, 
die im Weifsstein (eurite), im ilornblendschiefer, im Gabbro 
und im Syenit Lager bilden . sind um so merkwürdiger, als 
die grofse Masse der granathaltigen Serpentine , welche in 
den Gneiis- und Glimmerschiefer -Bergen angetroffen wer- 
den, isolirte und durch keine anderen Formationen bedeckte 
Hügel bilden. Anders verhält sich's bey den Mischungen 
von Serpentin imd körnigem Kalkstein. 



Kapitel XFIL 243 

»Ine gemeinsame Formation, enthält Gän»e von Mala- 
chit und kuplerlialtig'en Schwefelkies. Ehen diese me- 
tallli'tltigen Ltctger kommen auch in Franken vor, im 
Grii:i-tein der Berge von Stehen und von Lichtenberg, 
Was die GriinscUiefer von Malpasso hetriil't , vvelclie 
aännntlich die Eigenschaften des Uehergangsschiejers 
an sich tragen, so sind sie völlig zusammentreffend mit 
deut-n, welche Hr. von Buch in der Gegend Aon Schö- 
nau in Schlesien sehr gut beschrieben hat. Sie enthal- 
ten Grünsteinlager gleich den Schiefern der so eben von 
uns angeführten Berge von Stehen. *) Der schwarze 
Kalkstein der iMorros von San Juan ist ebenfalls ein 
Uehergangs - Kalkstein. Vielleicht bildet er ein unter- 
geordnetes La^er in den Schiefern von Malpasso. Es 
wäre diese Lagerung derjenigen ähnlich, die in vielen 
Gebenden der Schweiz angetroffen wird. **) Die Schie- 
fer-Zone , deren Mittelpunct die Bergschlucht von Pie- 
dras Azules ist, scheint aus zwey Formationen zu be- 
stehen. An einigen Stellen glaubt man einen U eber- 
gang der einen in die andere zu bemerken. Die Grün- 
steine, welche am südlichen Ende dieser Schiefer wie- 
der anfangen, schienen mir nicht verschieden von den- 
jenigen zu seyn, welche noidwärts der Bergschlucht 
von Piedras Azules vorkomnjen. ich habe keinen Augit 
darin angetroffen 5 aber am Standorte fand ich zahlrei- 



*) Buch , 1. c. T. I. p. 75. Im Portgange des Abzuggtollen» 
iFriedrich-Wühelmsstolleii) ^ den icli 1794 bey Stelten zu 
erö/Tnen anfangen liefs , und der nur noch 54o Toisen Län- 
ge hat, fand man nacheinander im Uebergangs- Schiefer: 
untergeordnete Lager von reinem und porplijrartigem Griin- 
slein , Lager vom Irdischen Stein und vom Alaunschiefer 
(ampelile) , Lager von feinkörnigem Grünstein. Alle diese 
Lager hezeichnen die Uebergangs -Formationen. 

") Ztiiti Beyspiel ; am Glj'sh«rn , am Col de Balme ; «. s. tr 



244 Buch VI. 

che Kryslallen in dem Mandelsteinc (amy-gdoloide"), 
der mit dein Grünstein so innig verbunden ist, dafs er 
öfters mit ihm abwechselt. 

Der-Geognost kann seine Pflicht erfüllt achten, 
wenn er die Lagerungen der verschiedenen Schichten 
genau bezeichnet, und die Analogien nachgewiesen hat, 
welche diese Lagerungen mit den in andern Ländern 
beobachteten darbieten. Wer sollte sich aber nicht ver- 
sucht fühlen, zum Ursprünge so mannichfacher und 
verschiedenartiger Substanzen anzusteigen, und sich 
«u fragen, wie weithin das Gebiet des Feuers sich in 
diesen, das grofse Becken der Steppen begränzenden Ber- 
gen ausdehnt? ßey den Untersuchungen über die La- 
gerungen der Gebirgsarten ist es eine allgemeine Kla.re, 
dafs die V^erhältnisse der für übereinanderliegend gehal- 
tenen Massen nicht befriedigend erkannt werden. Hier 
scheint die Schwierigkeit aus den allzu innigen und viel- 
fältigen Verliältnissen hervorzugehen, welche Gebirgs- 
arten darbieten, von denen man glaubt, dafs sie nicht 
zur nämlichen Familie gehören. 

Der Klingstein (/>/io/?o///(f, oder Hrn. Cordier's leii' 
costine compacte^ wird beynahe ungelheilt von allen, 
welche beyderley, brennende sowohl als erloschene, 
Vulcane zu untersuchen im Falle waren, für einen Gufs 
steinartiger Lave angesehen. Ich habe zwar in Para- 
para keine ächten Basalte oder Doleriten an^.etroften^ 
aber die Gegenwart des Augits i{n Mandelstein von Pa- 
rapara läfst nur wenigen Zweifei über den vulcanischen 
Ursprung dieser kugelförmigen zerspaltenen tmd mit 
Variolit (Vacuoles) angefüllten Massen übrig. Kugeln 
dieses Mandelsteins finden sich im Grünstein eingefafst, 
und dieser Grünstein wechselt auf einer Seite mit dorn 
Grünschiefer, und auf einer andern mit dem Serpentin 
von Tucutunemo. Hier zeigt sich also eine ziemlich 



Kapitel XVII. 245 

innlgfe VerLinJung /wisclien den Klingstein- und den 
Grünschiefern ^ zwischen den augitartigep Mandelstei- 
nen und den Serpentinen, welche Kupfererz enthalten, 
zwischen den vuloanischen Substanzen und andern, die 
mit den schwankenden JN'amen von Uehergcin gs-Trapp- 
firlen bezeichnet werden. Alle diese Massen enthalten 
deinen Quarz, wie die ächten trappartigen Porphyre, 
oder die vulcanischen Trachyten. Es ist diese Erschei- 
nung um so merkwürdiger, als die Grünsteine, dio 
für "primitiv gehalten werden, in Kuropa beynahe al- 
lezeit Quarz enthalten. Die allgemeinste Einsenkung 
der Schiefer von Piedras Aznles ^ der Grünsteine von 
Parapara, und der in Grünstein- Lagern eingefafsten 
Äugitartigen Mandelsteine folgt nicht der Senkung des 
Bodens von Norden südwärts, sondern es ist dieselbe 
vielmehr ziemlich beständig nordwärts gerichtet. Es 
fallen die Lager gegen die Küstenkette herab, wie Sub- 
stanzen, welche nicht in flüssiger Form ausgelaufen 
Ovaren, thun würden. Läfst es sich annehmen, dafs 
so viele wechselnde und über einander geschichtete Ge- 
birgsarten eine gleiche Abstammung haben? Die Natur 
der Klingsteine, welcha steinartige Laven mit Feld- 
spath- Grundlage sind, und die Natur der mit Horn- 
blende gemischten Grünschiefer mögen es kaum gestat- 
ten. In dieser Lage der Dinge sind zwey Lösungen 
der vorliegenden Aufgabe möglich. Der einen zufolge 
würde der Klingstein des Cerro de Flores als das ein- 
zige vulcanische Erzeugnifs dieser Landschaft, betrach- 
tet, und man ist genüthigt, die äugitartigen Mandel- 
steine mit den übrigen Grünsteinen m eine einzige 
Formation zu bringen, diejenige nämlich, welche in 
den bis dahin für nicht vulcanisch gehaltenen Ueber- 
gangsgehirgen von Europa so gewöhnlich ist. Die an- 
dere Lösung der Aufgabe sondert die Massen voi^ Kling- 



«46 B n c h VI. 

stein, Mandoblein unH Grünslein, welche südwärtl 
der Bergsch)«cht von Piedras A^nles vorkommen, von 
Aen Grünb,tein - und Serpentin - Gebirgsarten, welch© 
den Abhang der Berge nordwärts dieser Bergscb locht 
decken. Ich finde bey dem gegenwärtigen Zuslani 
unsrer Kenntnisse beynahe gleich grofse Schwierig- 
keilen für die Annahme der einen oder andern dieser 
Hypothesen; aber ich zweifle auch nicht, dafs, wftnit 
man an andern Orten die wahren Grünsteine, (diejeni- 
gen, welche keine Hornblenden [amphiholiles] sind), 
welche im Gneifs und Glimmerschiefer eingeschlosseh 
vorkommen, sorgfältiger untersuclit haben wird; wenn 
man theils die Basalte (mit Augit), welche in den Urge- 
birgen Lager bilden '"')> theils die Grünsleine und die 
Mandelsteine in den Uebergangsgebirgen genau wird 
geprüft haben; wenn man den hihalt der Massen ei- 
ner gewissen mechanischen Analyse unterworfen, und 
die Hornblenden von den Augiten ••'"')? so wie die Grün- 
Steine von den Doleriten, besser unterscheiden gelernt 
hat, so dürfte ein i^rofsor Tlicil der jetzt noch verein- 
zelt und dunkel sich darstellenden Erscheinungen als- 
dann auch gleichsam von selbst den allgemeinen Gese- 
tzen sie') unterordnen. Die Klingsteine und die übri- 
gen Gebirg: arten vulcnnischen Ur5prungs von Parapara 
sind um so merkwürdiger, als sie Zeugen vormaliger 



*) Zum Rpyspiel zu Krobsdorf In SchlcsJpn wavA n'n Ba- 
saltlager im tilinimerschiefer von zw»y berühmten Geot'iio- 
sten erkannt, den Herren von Buch und Raumer. (_f''om Grw 
jiil des Riesengehirgcs , i8i5, S. 3o.) 

**) Die Grünsteine oder Diabasen des Ficbtelgebirges in Fran- 
ken , die dem ücbergangsschiefer angeliören , enthalten zu- 
weilen Augile. Siehe Goldfnfs u. Bischof über das Fich' 
teigehirgf^ Th. I. S. 173 — 174. 



Kapitel XFII. 347 

Au8l)rüc}ie in einer granitarli^en Zone sind, als sie 
dem Gestade des Beckens der Steppen eben so angehü- 
ren, me die Basalte von Haruscli dem Gestade der Wüst© 
von Sahara zugeliören *); endlich dann auch, weil sie 
die einzigen sind, die wir in den Gebirgen der Capita- 
nia generai von Caracas beobachtet haben, die übri- 
gens keine Tracliyten oder trappartige Poi'phyre, keine 
Basalle oder vulcanische Substanzen enthalten. '■**) 

Der südliciie Abhang der Hiislenkette ist ziemlich 
steil, zumal die Steppen, meinen barometrischen Mes- 
sungen zufolge, um eintausend Fufs niedriger liegen, 
als der Grund des Beckens von Aragua. Von der aus- 
gedehnten Ebene der Villa de Cura stiegen wir an die 
Ufer des Bio Tucutunemo herunter, welcher sich in 
dem Serpentingestein ein Ltängenthal in der Richtung 
•von Osten nach Westen, ungefähr in gleicher Höhe 
mit la Vittoria, eingegi-aben hat. Ein Querthal führte 
uns von da in die Llanos, durch die Dürfer Parapara 
undUrtiz. Die allgemeine Richtung dieses Thaies geht 
von Norden nach Südon. An verschiedenen Stellen ist 
es eno^e zusammengedrängt. Becken von völlig wage- 
rechter Grundfläche werden durch enge Bergschluch- 
ten und steile Abhänge miteinander verbunden. Es 
waren ohne Zweifel vormalige kleine Seen, die durch 
Anhäufung der Gewässer oder durch eine noch gewalt- 
samere Catajtrophe die Dämme, welche sie getrennt 
hatten, durchbrachen. Die nämliche Erscheinung wird 
überall auf beyden Festlanden angetroffen, wie man sich 



*) Tiornemann^ T^oyage en Afrique, Th. I. p. 81 , und die 
vortreflliclie Erdbeschreibung von Hrn. Fütter ^ Th. I. S. 572. 

**) Vom Rio negro an bis zu den Kiisten von Cuinana und 
Caracas, ostwärts der Berge von Merida, die von uns niohl 
besucht wurden. 



248 B n c h VL 

hiervon bey Jer Untersuchung der Langenthaler, welche 
die Uebergiinge der Anden, der Alpen *) oder der Py- 
renäen bilden, leiclit überzeugen l<ann. Wahrschein- 
lich war es der Einbruch der Gewässer in die Ltlanos, 
welcher durch aufserordenlliche Zerreifsungen d«rt 
IMorros von San Juan und von San Sebastian ihre Hui- 
nengcstalt ertheilt hat. Der vulcanische Boden von Fa- 
rapara und von Ortiz steht nicht über 3o bis 40 Toisea 
über den lAanos erhübet. Die Ausbrüche haben dem- 
nach auf der niedrigsten Stelle der Granitkette stattge- 
funden. 

Unser Eintritt in das Becken der ltlanos geschah 
in der iMesa de Paja , unter 9° i der Breite. Die Son- 
ne stund beynahe im Zenith 5 der Boden zeigte überall, 
wo er öde und von Pflanzen wuchs enthlöfst war, ein© 
bis auf 48° und 5o° ansteigende Temperatur. Kein 
Windhauch ward auf der Höbe, worauf wir uns mit un- 
gern Maulthieren befanden, verspürt^ aber mitten in die- 
ser scheinbaren Ruhe wurden ununterbrochene Staub %vir- 
bel durch jene kleinen Luftströmungen empor gehoben^ 
welche nur ülyer die Obeirläcbe des Bodens hinstreifen 
und durch die ungleiche Temperatur begründet sind, 
die der nackte Sand oder die mit Pflanzen bedeckte Er- 
de annehmen. Diese Sandwinde erhohen die ersticken- 
de Wärme der Luft. Jedes Quarzkürnchen, das wär- 
mer ist als die unj»el.ende Luft, strahlt iiiöch allen Rich- 
tungen hin, und es hält echwer, die Temper.ttur der 
Atmosphäre**) zu beobachten, ohne dafs feine Sandtl>eil- 



*) Ich erinnere die Reisenden an die Slrnfse vom Urscren- 
Thal ins Hospitium auf dem St. Gothard und von da nach 
Airolo. 

**) In den Sand eingesenkt, stieg der Reaumursche Tliei-mo« 
meler auf 38", 4 und 40". 



Kapitel XVII. 24^ 

chen gpiyen dio Kugel dos Thermometers ansclilagen, 
Kings wm uns her schienen die Ebenen zum Himmel 
anzusteigen j und diese ausgedehnte und «lille hinüd* 
?lt;llle sich uns als ein mit Tfln^- oder pelagischeni Meer- 
gras bedeckter Ocean dar. Je nach der ungleich durch 
die Atmosphäre vertheilten Dünstemasse und nach der 
xvechselnden Temperatur - Abnahme der übereinander 
geh'iienpn Luftschichten erschien der Horizont an 
einigen St;^llen genau ahge?ondprt, e^n andern zeigte er 
sich vv ellenformig, schlängelnd und gleichsam gestreift. 
Die Erde ilofs da mit dem Himmel zusammen. Mitten 
durch den trockenen Nebel und die Dunstscliichten er- 
blickte man fernhin Stämme Ton Palmbäumen. Ihres 
Blälterschmuckes und ihrer grünenden Gipfel beraubt, 
sahen diese Stämme den Mastbäumen der Schifi'e gleich, 
die das Auge am Horizont entdeckt. 

Es liegt etwas Imposantes, aber Trauriges und Fin- 
steres in dem einförmigen Anblick dieser Steppen. Al- 
les ist darin gleichsam erstarrt : selten nur mag der 
Schatten einer kleinen Wolke, die durch den Zenith 
geht und die Nä]ie der Regenzeit verkündet, auf der 
Savjne gesehen werden. Ich lasse unentschieden, ob 
der erste Anblick derLlano5 nicht eben so überraschend 
ist, wie derjtniige der Andehkette. Die Gebirgsländer, 
welches auch die absolute Höhe ihrer höchsten Gipfel 
seyn mag, besitzen eine gemeinsame Physiognomie 5 
man gewöhnt sich hingegen nicht leicht an das Ausse- 
ben der Lilanos von Venezuela und von Casanare an 
das der Pampas von Buenos -Ay res und von Chaco, 
welche ununterbrochen und während 20 untl 3o Heise- 
tagen des Oceans ebene Fläche darstellen. Ich hatta 
die Ebenen oder Lilanos der Mancha in Spanien, und 
die Heiden (jericeta') gesehen, welche sich vom Au-s* 



25o B u c h r^L 

ganpre Jüflands Hnrch Lüneburg- und Westphalpn *) his 
in die JNiederlantle erstrecken. Diese letzleren sind 
va'.re St ppt^n^ von denen der Men-ch, seit Jahrhun- 
dertf'n, nur kleine Abt eilnn'<en ertra^bar zu machen 
rerrnocht hat; allein dieses flache Land des vvestliclien 
«..d nürdlicheii Europa gewährt nur ein schwaches Bild 
der unermefslichi'n l^lanos im südlichen America. Im 
südöstlichen Tlieilo unsers Festlands, in Ungarn, zwi- 
achen der Donau und der Theifs 5 in IVufsland «wischen 
dem Borvstiiems (Dniiper) , dem Don und der Wolga 
triiTt man die grofsen und ausgedelinten Viehweiden an, 
welche durch hingen Aufenthalt der Gewässer verebnet 
-scheinen, und von denen der Hori'.ont üherall begränzt 
wird. Hungarns flache Landschaft beschältigt die t^han- 
tasie des Reisenden, durch ihre fürdauernden Spiele 
der Luftspieglun^ , da, wo ich sie auf der Grenze 
Deutschlands zwischen Preshurg und Oedenburg durch« 
wandert habe 5 ihre gröfste Ausdehnung aber stellt sich 
mehr westwärts, zwischen Czegled , Debreczin und 
Tittcl dar. ■'•0 Es ist ein Meer von grünen Basen, das 



*) Die am meisten zusammenhängenden S(recl<pn dieses Heide- 
lands (blandes) finden sich zwischen Oldenburg und Osna- 
brück in der JSähe von P'riesoylhe. 

*) Hungarns weite Steppen sind nur 5o his 40 Toisen über 
die Fläche des Meeres erhöhet, welches mehr denn 80 Mei- 
len davon entfernt ist. ( Wahlenberg Flora Carpath , pag. 
XXXH.) Der Baron von Podmanifzky, ein durch physi- 
sche Kenntnisse ausgezeichneter Mann, hat diese Ebenen 
bey Aniafs eines zwischen der Oonau und der Theifs pro- 
)eclirlen Canales nivelliren lassen. Er hat die Theiluns;sgräte^ 
die Wölbung des sich gegen beyde Flufsbetten herabsenhen- 
den L-andcs, i5 Toisen über dem mittleren \Yasserstand der 
Dona« erhaben gefunden. Mehrere Geviertmeilen sind von 
Dörfern sowohl als Meyerhöfen entblöfst. Diese den Hori- 



K a p i ' r l %VIL 25t 

z\rc\ Anspi^ännfe liat. dnn rinon in der Nähe von Gran 
und Wailzan, den andern zwischen Belgrad und 
VViddin. 

Man hat bezeichnende Züge der verschiedenen 
Weltt'ioile aufzufassen geglaubt, wenn man von dem 
europäi.-chen Heideland^ von den asiatischen Steppen, 
von Africa's JVusten und von den Savanen Anierica's 
sj>rach ; e« stellt aber dle'^e Unterscheidung Contraste 
auf, die it. der Natur ds r Dinge so wenig, als im Geiste 
der Sprachen, liegen. Das Daseyn eines Heidelands 
selzi allezeit das Vorkommen von Pflanzen voraus, die 
der Heidekraut - Familie angehiJren; Asien's Steppen 
sind nicht alle mit Salzpflan/en bewachsen ; die Savanen 
von Venezuela bieten, ihren Gräsern zur Seite, kleine 
krautartige Mimosen, Schotengewächse und ander© 
Dicotvledonen mehr dar. Die Ebenen Songariens, die- 
jenigen, welche sich zwischen dem Don und der Wolga 
ausdehnen, die ungarischen Pnszta sind wahre Savanen, 
mit reichlichem Graswuchs versehene Viehweiden; wäh- 
rend dieSavanen im 0-tcn und Westen des Felsengebirgs 
und Neu Mexicos mit Pflanzen aus der Chenopodeen-Fa- 
milie bewachsen sind, welche kohlensaure und salzsaure 
Soda enthalten. *) Asien besitzt alles Pflanzenwuchses 



zont begränzenden Viehweiden werden von den Einwoh- 
nern Puszta genannt. jMan iiiidet diese mit Morastland und 
Sandstrecken untermischten Ebenen diesseits der Theifs, 
zwischen Czegled ,' Csaba, Komloss und Szarwass , jenseits 
der Tl)eifs, zwischen Debreczin, K«rkzag und Szoboszio. 
Kach Lipsky's Charte beträgt der Fliichenraum oder die 
Area dieser Ebenen im inneren Becken von Ungarn zwi- 
schen 25oo bis jooo Geviertmeilen , zu 20 auf den Grad, 
Zwischen Czegled, Szolnok und Ketskcmet gleicht die Flä- 
che heynahe einem Sandnieer. 

O Ilord- westlich vom Missoury und nördlich vom Rio Zagua- 



252 ß n c h yi. 

ermanffpln(!e Wüsten, in Arabien, im Gobi und in Per- 
sien, öeildem man die, von so langem her und so un- 
testimmt unter dem Namen der \\ iiste von Sahara iZ.ah- 
ra) vereinharttn \Vü:lon di s inneren Alrica näher ken- 
nen g-elernt hat, beobachtete man, dafs im Osten dieses 
Festlandes, wie in Arabien, mitten im nackten und un- 
fruchtbaren Lande, bavanen und Vieliueiden angetrof- 
fen werden. Jene ersteren, die mit Kies überzogenen, 
vind mit keinerley Hflanzen bewachsenen Wüsten sind 
es, die in der neuen Welt beynahe gar nicht vorkom- 
men, lall hal^e solche einzig nur im tifferen Thcil» 
von Peru, zuisrhen Amatope und Coquimbo, an den 
Gestaden der Südsee gefunden. Die Spanier pennen 
sie nicht LJanos f sondern desiertos von Sechura und 
von Atacaniez. Es ist diese Einöde nicht breit, aber 
ihre Länge betrügt 440 Meilen. Der Felsengrund liegt 
überall zvvirchen dem beweglichen Sand zu Tag. Wie 
fällt hier ein Hegentropfen; und, wie die Wüste von 
Sahara, nordwärts von Tombuclou, so bietet auch die 
peruvianische Wüste in der Gegend von Huaura eine 
reiche Steinsalz- Gi'ube dar. Soost finden sich in der 
neuen Welt überall *) zvvar öde Flächen, weil sie un- 
lewohnt sind, aber keine eigentlichen \\ üslen. 

In den entferntesten Landschaften niederholen sich 
die gleichen Erscheinungen 5 und, anstatt diese weit- 



nanas , der sjch jn den Rio Colorado von Californien er- 
giefst , enlhailen die Ebenen Oyps und Steinsalz. Siehe 
meinen mexicanischen Ailas Tal'el I. 
*) Man könnte immerhin vcrsnclit seyn , den Namen IVüste 
den Campos dos Parecis zu geben, dieser ausgedcbnten Sand- 
ebene von Brasilien, in der die Flüsse Tapajos, Paraguay 
und Madeira entspringen . und die sich übor den Jiucken 
der höclislon BcrgÄ ausdehnt. Sic ermangelt lirynahc alles 
Pilanzcmvuchses, und erinnert an den GoK der IVIongolöi. 



Kapitel XVIL ä53 

laufti^en mit kelnerley Bäumen besetzten Ebenen durch 
die auf ihnen vorkommenden Pflanzen z\x unterschei- 
den, mögen sie einfacher in IVnslen (des(?rts) und irl 
Steppen oder Savaiien j in nacktes Land ohne Plhin- 
zenvvuchs und in die mit Gräsern oder kleinern Pflan- 
zen der Dlcotyledonen bewachsenen Landscliaften ge- 
theiit werden. Manche Schriftsteller haben die ameri- 
canischen Savanen, zumal diejenigen der gemäfsigten 
Zone, I^Vie seil gründe genannt j dieser Warne dürfte je- 
doch für die öfters sehr dürren, obgleich mit vier bis 
fünf Fufs hohen Pflanzen besetzten Viehweiden nicht 
anwendbar seyn. Die Ltlanos oder Pampas, des südli- 
chen America sind wahre Steppen. Sie sind die Regen- 
zeit hindurch mit schönem Pflanzengrün überdeckt; zur 
Zeit der grofsen Trockenheit aber erhalten sie das 
Aussehen einer Wüste. Die Pflanzen zerfallen alsdana 
in Staub 5 die Erde wirft Spalten und Risse; das Kro- 
kodil und die grofsen Scliiangenarten bleiben im ver- 
trockneten Schlamme liegen , bis des Frühlings erst© 
Regengüsse sie aus der langen Ersiarrung wieder auf- 
wecken. Diese Erscheinungen stellen sich auf dürren, 
5o bis 60 Geviertmeilen haltenden Räumen iiberall dar, 
wo die Savane von keinen Flüssen durchströmt wird; 
denn am Ufer der Bäche und um die kleinen Lachen 
von Sumpfwasser her stufst der Reisende, von Zeit zu, 
Zeit, sogar auch während der gröfsten Trockenheit, 
auf Büsche der Mauritia, einer Palmenart, dt'i*en fächer- 
förmige Blätter ihr glänzendes Grün nie verlieren. 

Die Steppen Asiens liegen alle aufser den Tropen- 
Ländern und bilden sehr hohe Plateaus. Auch Ame- 
rica stellt auf dem Rücken der Gebirge von MeKico; 
Peru und Quito Savanen von bedeutendem Umfanga 
dary aber seine geräumigsten Steppen, die Llanos von 
Cuniana; von Caracas und voiiMeta, sind nur weni^ 



a54 B u c h VI. 

über die Meeresfläche erhölitt und gehören alle der Ae- 
quinoctial- Zone an. Diese Umstände ertheilen ilitu-n 
einen eigenthümlichen Chnracter. Sie besitzen nicht, 
wie die Steppen des nördlichen Asiens und Persiens 
\^üsten, jene Seen ohneAbüufs, jene kleinen Systt^'ne 
von Flüssen;, die sich entweder im Sand oder durch ein 
unterirdisches Einseihen verhören. Die americanischen 
Llanos sind östlich und südlich eingesenkt, und ihr 
Wasser fliefst dein Orenoko zu. 

Der Lauf dieser Flüs«e holte mich früher glauben 
gemaciit, die Ebenen bildeten Plateaus, welche xve- 
nigstens loo bis 150 loison über der Meeresfiaclie er- 
höhet seyen. Ich vermuthete, die Wüsten des inneren 
Africa hätten gleichfalls eine beträchtliche Höhe , und 
folgten einander stufenweise von den Küsten bis in's 
Innere dieses ausgedehnten Festlandes. Woch ist kein 
Barometer in die Sahara gekommen. Hinsichtlich der 
arnericanischen Lt/anof habe ich aus den zu Calabozo, 
jn der Villa del Pao und an der Ausmündung des Meta 
angestellten liarometrischen Höhemessungen ersehen, dafs 
sie nur 40 bis 00 Toisen über die Wasserfläche des Mee- 
res erhöhet sind. Der Fall der Gewässer ist ausneh- 
xnend ifering, öfters bevna! p unmerklich. Auch mögen 
schon der schwächste Wind oder der höhere Wasserstand 
des Orenoko das Wasser der in denselben auslaufenden 
Flüsse rückwärts diängen. D»'r Rio Arauca zeigt das 
Schauspiel dieses ^H/tor/r/j fliefsens oftmals. Die India- 
ner glaui>en den Tag über den Flufs abwärts zu fahr'jn, 
während sie in der Thal von der Ausmündutig zu den 
Quclion aufsteigen. Die abfllefsenden Gewässer sind 
von den aufsteigenden duich eine bedeutende Mas^o 
stillstehenden Wassers getrennt, worin sich, durch 
Sl.Mung d'.s Gleiciigewichls^ den Fahrzeugen gefiihr- 
liche Wirbel bilden. 



Kapitel XFII. 255 

Was in den Savanen oder Steppen dos südlichen 
America am aullailendsten erscheint, ist der gänzliche 
Mangel von Hügeln und Unebenheiten ^ die voUl^om- 
men wagerechte Gestaltung^ aller Theile des Hodens. 
Auch haben die spanischen Rrober 'ir, welche voin Coro 
her zuerst au die Gestade des Apu/e vordrangen, die^ 
, selben weder Wüsten, noch Savanen, noch Wiesen- 
gründe, hingegen aber Ebenen, los Llanos , genannt. 
Auf 3o Geviertmeilen stellt der JBoden oft kein fufshohes 
Hügelchen dar. Diese Aehnlichkeit mit der Meeresüä^ 
che ergreift die Phantasie da am meisten , wo durchaus 
keine Palmbäume auf den Ebenen wachsen , und wo 
die Entfernung von den Bergen des Küstenlandes und 
vom Urenoko so grofs ist", dais man sie nicht seheu 
kann , wie in der Mesa de Pavoiies. Man wäre ver- 
sucht, mit einem Heflexions- Instrumente Sonnenhühea 
daselbst aufzunehmen, wenn der Erdhorizont , um des 
wechselnden Spieles der Sti-ahlenbrechungen willen, 
sich nicht allezeit in Nebel aehüllt fände. Diese eleich- 
förmio^e Bodenfläche wird noch vollkommener anaretrof- 
fen im Meridian von Cakibozo, als ostwärts, zwischen 
Cari, Villa del Pao und IN ueva Barcelona : sie ist hin- 
gegen ununterbrochen vorherrschend von den Mündun- 
gen des Orenoko bis zur Villa de Araure und nach Os- 
piaos, auf einem Para//e/ von iSo Meilen Länge, und 
von San Carlos bis in die Savanen von Caqueta, auf ei- 
nem Meridian *J von 200 Meilen. Sie bildet den ei- 
genthümlichen Character des neuen Festlandes, wie hin- 
wieder auch den der niedrigen Steppen Asiens zwischen 
dem Dnieper und der Wolga, zwischen dem Irtiscii und 
dem Obi. **) Umgekehrt finden sich in den Wüstpn 

*y Eigentlich N. N. 0- nach S. S. W. 

**) GäMenstedt, Reise, Th. I, S. n6 — ia6. Gmelin, rtor. 
sibir. Praef. ^. 3i. Fallas^ T. 11,. p. -5: T. Ui. p. 658. 



a55 Buch n. 

des inneren Africa, Arabiens, Syriens und Per?Ienf, 
in Cobi und Oasna *0 viele Ungleichheiten, Hü^elrei- 
jhen, hchluchtei» ohne Wasser, und i eisen, die aus den» 
Sand hervorragen. **) 

Die LjIüiiüs zei«>:en jedennoch, der scheinbaren 
Gleiciiförmigkeil il>r»r OberHaciie unerachtet, dem Bli- 
cke do.« aufitu rissainen HeiSi'iiden zvvey bemerk, nswerthe 
Ungleichhellen. Uie erst.'* wird mit dem JNamen bancos 
bezeichnet. Es sind wirkliche Klippen, seichte Gründe 
(liaiit-fonds^ im [ieckea der Steppten, ^ehrochne Rand- 
stein- oder dichti^ Kai stoin- Lager, welche 4 bis 5 Fufs 
auf der übrigen Fläche emporstehen. Diese Hauke 
haben zuweilen drey bis vier Meilen Länge 5 sie sind 
völlig eben und ihre Oberl}äche steht wagerecht, so 
dafs man nur durch Untersuchung der Känder oderSeir 
tenwände ihr Daseyn inne wird. Die andere Art ün- 
fi^leichheit mag nur durch geodesische oder barometrische 
Ps'ivellements, oder durch den Lauf der Flüsse erkannt 
Verden. Sie wird IVlesa genannt. Ks sind dies kleine 
Plateaus, oder vielmehr gf wölbte Erhabenheiten, wel- 
che unmerklich auf einige Toi^en höiie ansteigen. Es 
gehören dahin ostwärts, in der Provinz von Cun?ana, 
auf der JNordseite der Villa de la Merced und von Can- 
delaria, die Riesas de ylniana , de Oua/iipu und de 
Jonoro , deren Richtung von Süd-West nach iSord-üst 
geht, und die ihrer Uleinen Erhöhung uncracht-t die 
Wasserscheide zwischen dem Orenoko und der JNord- 
liüste der Terra Ferma bilden. Die blolse Wölbung 
«1er Savane macht die Thcilung, und hier finden sich 

die 

*) Oder KsniK zwischen dem Jaxartes und dem Oxus. 

*"*) Siehe «lic ileilsijjen INacliforsclmngen von Jileiners über die 

Wüsten in den L'ntertuchuiij^en über die iVIensciienarlen, 

Th. I, S. 101. 



Kapitel Xrif. a5r 

die iVtvortia aquarum *) eben so^ ^ie in Polen, wo in 
der Entfernung von don Karpathon die Ebene selbst 
die Gewässer zwischen dein baltischen und dem schwar- 
ten Meere scheidet. Die Erdbeschreiber, welche über- 
all, wo eine Trennungsgräte ist, das Uasevn von Berg- 
ketten voraussetzen , haben nicht ermangelt, solche auf 
den Ciiarten bey f^Qn. Quellen des Kio Neveri, des 
Unare, des Guarapiche und des Pao zu verzeichnen. 
Die Priester von mongolischem Stamme errichten ^leich- 
mäfsig, einer alten abergläubischen Sitte zufolge, Ühos 
oder kleine Steinhügel auf jeder Stelle, von der die Ge- 
wässer in entgegengesetzten Richtungen abfliefsen. 

Die einfürmige Gestaltung der Lilanos , die äu- 
fscrst selten anzutreß'enden Wohnungen, die Ermü- 
flungen der Heise unter einem glühenden Himmel und 
in einer durch den Staub verdunkelten Atjnosphäre, der 
Anblick dieses Horizontes, welcher stets vor dem Be- 
schauer zu fliehen scheint, die vereinzelten Stämme der 
Palmhäume, welche alle die nämliche Gestalt haben, 
und die man zu erreichen verzweifelt, weil sie mit an- 
dern Stämmen verwechselt werden, welche allmählig 
am sichtbaren Horizont aufsteigen, alle diese verein- 
barten Ursachen lassen die Steppen ungleich viel grofser 
erscheinen, als sie in der That sind. Die Pflanzer, wel- 
che am südlichen Abhang der Küstonkette wohnen, se- 
hen die Steppen südwärts, so weit das Au^e reic t, sich 
wie ein grünender Ocean ausdehnen. Sie wissen, dafs 
man von* Delta des Urenoko bis in die Provinz Varina'^, 
und von da, über und längs den Gestaden des Meta, des 
Guaviare und des Caguan , im flachen Lande, aniäng- 



*) ,, Cn. Manlium prope jugis (Tauri) ad divortia aquarum 
castra posuisse." Lit'ius , üb. 58 , e. 75, C^ä. ygnet.j Tom, 
IV. p. 191.) 

Alex. V. Humboldts hist. Reisen. III. f 7 



25S Buch VI. 

lieh von Ost nach West, hernach von Nord -Ost nach 
Süd-Ost, 3So Meilen -•) zurücl legen kann, bis üher 
den Aequator hin , am Fufse der Anden von Pasto. bie 
l<ennen aus den Erzählungen der Reisenden die Fam- 
pas von Buenos- Ayres, welche ebenfalls Ljlanos sind, 
auf denen ein zartes Gras wächst, und die, von Bäu- 
men entblölst, mit verwilderten Ochsen und Pferden 
angefüllt sind. Sie haiton, zufolge den Angaben der 
meisten unsrer americanischen Charten, dafür, dieses 
Festland besitze nur eine einzige Bergkette, die der An- 
den, welche sich von Süden nach JNorden verlängert, 
und sie bilden sich ein unbestimmtes System des Zu- 
sammenhangs aller Ebenen vom Orenoko und Apure 
her bis zum Rio de la Plata und der magellantschen 
Meerenge. 

Ich will hier niclit bey der mineralogischen Be- 
schreibung der Ouerketleii, welche America von Osten 
nach Westen trennen, und die ich **} bereits schon im 
Jahr iSoo in meinem Abrifs einer geologischen Darstel- 
lung geliefert habe, verweilen. Ich werde einzig nur, in 
möglichster Klaiheit und Gedrängtheit, an die allgemeine 
Bildung eines Festlandes erinnern , dessen Endtheile, 
obgleich unter sehr verschiedenem Klima gelegen, je- 



*) Es ist dies die Entfernung von Tombuctou zu den INordkü- 
sten Africa's. 

**) Journal de Physique, Tom. LllI, p. 3o. Diese Abhand- 
lung war uniniltelbar nach meiner Rückkunft vom Orenoko 
geschrieben und nach Europa gesandt worden, als ich kaunv 
nocli die astronomischen Beoliachtungcn, wodurch ich die Ge- 
staltung der Kelle von la Parime bestimmt iiabe, zu berechnen 
Zeit gefunden hatte. Seither iiabe ich diese ersten Ansichten 
über die Ausdeimung der Ebenen , den während riieines Auf- 
enthalts in Pfru und- durch meine Verbindungen mit Brasilien 
gesammelten >achric]iten gemafs, berichligt 



Kapitel Xril. 269 

doch mehrere ähnliche Züge darbieten. Um sich einen 
genauen Begriff der Ebenen, ihrer Gestaltung und Gren- 
zen zu machen, mufs man die Bergkelten kennen, die 
ihr Gestade bilden. Wir haben bereits die Cordillere 
des hüstenlandes beschrieben , deren höchster Gipfel 
die Silla von Caracas i^t, und die sich durch den Fara- 
mo von las Hosas mit dem JSevado von Merida und 
den Anden von ISeu-Granada verbindet. Wir haben ge- 
sehen, dafs unter 10° nördlicher Breite sie sich von 
Quibor und Barquesimeto bis an die Spitze von Paria 
ausdehnt. Eine zvveyte Bergkette, oder vielmehr ein© 
minder holie, aber gar viel breitere Gruppe dehnt sich 
zwischen den Parallelen von 3° und 7°, von den Mün- 
dungen des Guaviare und der Meta nach den Quellen 
des Orenoko, des Marony und des Esquibo^ g**g6n d^s 
holländische und französische Guiana liin. Ich nenne 
diese Kette die Cordillere von la Parime, oder der gro- 
fsen Cataracten des Orenoko; man kann sie in einer Aus- 
dehnung von 25o Meilen verfolgen, aber es ist nicht so 
fast eine Kette als vielmehr ein Haufe granitischer Berge, 
die durch kleine Ebenen getrennt, jedoch nicht überall 
in Heihen geordnet sind. Die Bergirruppe von la Pari- 
me verengt sich beträchtlich zwischen den Quellen. des 
Orenoko und den Bergen von Demerary^ in den Sier- 
ras von Quimiropaca und von Pacaraimo, vv^elche die 
Gewässer zwischen den Carony und den Rio Parime^ 
oder Rio de Airuas blancas scheiden. Es ist dies der 
Schauplatz der zu Aufsuchung des Dorado und dei* 
grofsen Stadt Manoa, dem Tombuctoo des neuen Fest- 
landes, veranstalteten Unternehmungen. Die Cordil- 
lere von la Parime hängt mit den Anden von Neu- Gra- 
nada nicht zusammen, sondern sie ist davon durch einen 
achtzig Meilen breiten Pvaum geschieden, ^^'ollte matt 
der Vermulhung Kaum geben^ sie sey in diesem Zwi- 



26o B a c li VI. 

schenraum durcli irgend eine grofse Erdrevolulioii zer- 
stört wordßn, welches jedoch keineswegs wahrschein- 
lich ist, so müfstc man annehmen, sie hahe sich vor- 
mals von Aen Anden zwischen Santa -Fe de Bogota und 
Pamplona getrennt. Es mag diese Bemerkung dio 
geographische Lage einer his dahin nur sehr mangel- 
haft genannten Cordillere dem Gedächtnirs des Lesers 
desto leichter einprägen. Eine dritte Bergkette verei- 
nigt unter 16 und 18 Graden südlicher Breite (durch 
Santa-Cruz der Sierra, die Serranias von Aguapehy 
und die sehr bekannten "Crtmpoj dos Parecls') die pe- 
ruanischen Anden mit den Bergen von Brasilien. Es 
ist die Cordillere de Chiquitos , die sich in der Capi- 
tanschaft der IVIinas Geraes erweitert, und die dem Ama- 
zonenstrom und dem Bio de la Plata ^0 zufliefsenden 
Gewässer scheidet, nicht nur im Innern des Landes, 
im Meridian von Villa-Boa, sondern auch einige Mei- 
len von der Küste entfernt, zwischen Rio Janeiro und 
Bahia. **) 

Diese drey Querkelten, oder vielmehr diese drey 
zwischen den Grenzen der heilsen Zone, in der Rich- 
tung von\\'esten nach Osten hefindlichen dre^- Jßerg- 
gruppen, sind durch völlig flache Ländereven, die 
Ebenen von Caracas oder vom Orenoko, die Ebenen 
des Amazonenßusses und des Bio JNegro, die Ebenen 



*) Der Zwischenraum vom Guapore (einem Arm vom Marmore 
lind la Madeira) und dem Puo Aguapehy (der ein Arm des 
Jaura und des Paraguay ist) betrügt nur 5J22 bracas. Siehe 
die lehrreiclie, zu Piio Janeiro unter dem Titel des Patriotu 
ausgegebene Zeitschrift, i8i3, Nr. 5. p. 55. 

^*) Die Cordillere von Chiquitos und t'on Brasilien dehnt sich 
in südöstlicher Riciilung im Gouvernement von Rio Grande 
bis über 3o° südlicher üreite aus. 



Kapitel XFII, a6i 

von Jßnenos-ylyrrs oder von la Plata getrennt. Ich ge- 
brauche die JN'arnen Thiiler nicht, \veil der untere Ore- 
noko und der Amazonenfluis, weit entfernt in einem 
Thale zu fliefsen , nur eine kleine Furche mitten in 
einer weiten Ebene bilden. Die zwey an den Endthei- 
len des südlichen America i^elegenen Becken sind Sa- 
vanen oder Steppen, baumlose Viehweiden; daszwischen- 
inne gelegene Becken, welches das ganze Jahr durch 
die Aequatorial - Regen \'\'^asser empfängt, ist fast ohne 
Ausnahme ein grofser \Yald, in welchem die Bäche ein- 
zig nur statt der Wege dienen. Diese den Boden de- 
ckende Kraft des Pflanzen Wuchses macht auch die Ein- 
fürmigkoit seiner Fläclie minder auffallend , und nur 
diejenigen von.Caracas und la Plata werden Ebenen ge- 
nannt, in der Sprache der Pflanzer werden die hier 
Leschriebenen Becken mit den Namen der Ltlanos von. 
Varinas und von Caracas , der hoscjiies oder Selvas. 
(Wälder) vom Amazonenstrom, und der Pampas von 
Buenos -Ayres bezeichnet. Die Bäume decken nicht 
nur den grüfseren Theil der Ebenen des Amazonen- 
stroms von der Cordillere von Chiquitos an bis zu der- 
jenigen von la Parime; sie krönen auch die zwey Berg- 
ketten, welche nur selten die Hübe der Pyrenäen errei- 
chen. *) Es erscheinen deshalli die weitläuftigen Ebe- 
nen dos Amazonenstroms, des Madeira und des Pilo Ne- 
gro nicht so genau begrenzt, wie die Ljlanox von Ca- 
racas und die Pampas von Buenos -Ayres. Indem die 
IValdrei^ioii zugleich Ebenen und Berge begreift, so 



*) Mit Ausnahme des westlichen Theils der Cordillere von Chi- 
quitos, zwischen Cochabamha und Santa Cruz de la Sierra, 
wo die ßerggipfel mit Schnee bedeckt sind: es gehört al)er 
diese colossalische Gruppe noch beynohe ganz zu den Anden 
de Ja Pez , von denen sie ein ostw.irts verlängertes Vorgehirg 
oder* Wiederlage Ccontre - fort) bildet. 



202 B II C h VI. 

dehnt sie sich von 18° südl. ") Lis zu 7° und 8° nörd- 
lich aus, tmd begreift nahe an j 20 000 Geviertmeilen. 
Dieser Wald des südlichen America, denn eigentlich 
gieht es nur einen, ist sechsmal o^rüf-^^cr als Franki'^ichj 
die Europäer kennen davon nur die Ufer elnigf r ihn 
durchströmender Flüsse, und es gleht darin Lichtun- 
gen, deren Gröfse mit der des Waldes in Verhältnils 
steht. Wir nehmen nun hald unsern Weg längs der 
sumpfigen Savanen, zwischen dem obern Orenoko, dem 
Conorichite und dem Cassiquiare bey 3 und 4 Graden 
der Breitf. Uüter dem näiulichen Parallel finden sich 
andere hichlungen oder Savanas limpias, **) zwischen 
den (^Juellen des Mao und des flio de Aguas blancas, 
südwärts der Sierra von Pacaraima, Piese letzteren 
Savanen werden von Cariben und von den Macusis-No- 
madcn bewohnt. Sie nähern sich den Grenzen des hol- 
ländischen und französischen Guiana. 

Dieser allgemeinen Anslclit der geologischen Ver- 
hältnisse des südlichen America wollen wir jetzt die 
Hauptzüge desselben entheben. Die Westküsten sind 
durch eine mächtige Bergmauer begrenzt, welche an 
edeln Metallen reich ist, überall wo das vulcani.-xhe 
Feuer sich durch den ewigen Schnee hindurch keine 
Bahn ölTnete, es ist dies die Cordillere der Anden. 
Gipfel von Irappartigem Porphyr steigen über 33oo Toi- 



*) Westwärts dehnen sich , wegen der I-Ianos von Manso und 
der Pampas von Iluanacos , die Wälder insgemein nicht über 
die Parallelen von 18° und 19° südlicher Breite aus, hinge- 
gen ostlich von Brasilien (in den Capitanschaften von Rio 
Grande ) , so yvie in Paraguay an den Gestaden des Parama, 
verlängern sie sich bis zu 26" südl. 

*) OjTcne , baumlose Savanen j limpias de arboles* 



Kapitel XVIL 263 

sen hocli an, und. die mittlere Höhe der Kette ^^') te- 
li'ägt iSöo Toisen. bie dehnt sich in der Richtung ei- 
nes Meridians aus , und sendet jeder Halbkugel einen 
Seiteiiast zu, unter 10° nördlicher und unter 16° und 
iS° südlicher Breite. Der erste dieser Aeste, derje- 
nige des Küstenlandes von Caracas, ist minder breit 
und bildet eine wahre Kette. Der zvveyte , die Cor- 
dillere von Chiquitos und von den Quellen des Guapore, 
ist überaus reich an Gold, und erweitert sich ostwärts 
in Brasilien in die aus^'-edehnten Plateaus von mildem 
und gemUfsigtem Klima. Zwischen diesrn beiden, mit 
den Anden zusammenhängenden Querketten befindet 
sich vom 3» zum 7. Grad nördlicher Breite eine abge- 
sonderte Gruppe von Granitbergen, welche ebenfalls 
in der Richturfg eines Parallels mit dem Aequator aus- 
gedehnt, sich aber, den Meridian "'O von fi^ nicht 
überschreitend, westwärts auf einmal endigt, und mit 
den Anden von Neu - Granada in keiner Verbindung 
steht. Diese drey Querketten besitzen keine arbeiten,- 
denVulcane: wir wissen nicht, ob die südlichste, gleich 
den beyden andern, keinen Trachyt oder trappartigen 
Porphyr besitzt. Keiner ihrer Gipfel übersteigt die 
Grenze des ewigen Schnees, und die mittlere Höhe der 
Cordillere von la Parime und von der Küstenkette von 



*) In Neu -Granada, in Quito und in Peru, zufolge den von 
Bougouer , von la Condainine und von mir angestellten 
Messungen. Siehe über die verschiedenen Verhältnisse, wel- 
che die Pyrenöen , die Alpen, die Anden und das Himalaya- 
Gebirg in ihren höchsten Gipfeln und in ihrer mittleren 
Kettenhöhe (j.we\ so oft verwechjelten Elementen) darbie- 
ten, meine Untersuchungen über die Berge Indiens. (^Anna- 
les de Chymie et de Physique , 1816, Tom. III, p. 010.) 

*) Die Länge von Porto-Cabelio beträgt 70" 5;' 5" nördlich 
von Paris. 



204 -ß " c h VI. 

Caracas steigt nicht auf 600 Toisen, obgleich einige 
Giph'l '0 i)ey 1400 Toisen über der Meeresfläche erha- 
ben stehen. Die drey Querketten werden durch Übenen 
getrennt^ welche alle westwärts geschlossen sind, ost- 
und südostwärts hingegen ofFen stehen. Bedenkt man 
diese g<a'inge Erhöhung über die Flöclie des Oceans, 
so wird man versucht, sie als in der Kichtung der Ko- 
tations - Strömung verlängerte Golfe zu betrachten. 
Würden die Gewässer des atlanti'^^chen Meeres, in Folge 
irgend einer besonderen Anziehung, bey der Ausnjün- 
dung des Urenoko auf 5o Toisen , und bey derjenigen 
des Amazonenstroms auf 200 Toisen erhoben , so wäre 
die gröfsere Hälfte des südlichen America durch die 
grojse FLutli überschwemmt. Der üstliche Abhang 
öder der Fufs der Anden, welcher jetzt sechshundert 
Meilen von den Küsten Brasiliens entfernt ist, wäre 
ein durch die Wellen geebnetes flaches Ufer. Diese 
Ansicht ist das Ergebnifs einer barometrischen, in der 
Provinz von Jaen de Bracamoras, wo der Aujazonen- 
strom aus den Cordillercn hervortritt, angestellten Mes- 
sung, ich fand daselbst den mittleren Wasserstand die- 
ses mächtigen Stromes nur **) 194 Toisen über der ge- 
genwärtigen Wasserfläche des atlantischen Meeres er- 
höhet. Es stehen jedoch diese mit Waldung bedeckten 
Zvvischenflächen noch fünfmal höher, als die Pampas 
yon Buenos -Ayres und die mit (jras bewachsenen JL/a- 
nos von Caracas und vouj Meta, 



*} Es werden hier als zur Küstenkelte gehörend nicht gezählt 
die INevados und Paramos von Merida und Truxillo, welche 
eine Verlängerung der Anden von INeu- Granada sind. Die 
Kelle von Caracas nimmt erst östlich hey ji^ der Länge 
ihren Anfang. 
•*) Unter 5° öi' 28" nördlicher Ereile und 80* 56' S;" west- 
licher Lmge. 



Kapitel XVII. 265 

Diese L,Ianos f welche das Becken des untern Ore- 
noko bilden , und die wir im gleichen Jahr z*veymal, 
im I\I;ir7, und im Heun)onat^ durchwandert haben^ hän- 
gen mit dem Jiecken des rvmazonenslronjes und des Kio 
NcgTO zusammen , welches einerseits durch die Cordil- 
lere von Chiqnitos, und anderseits durch die Berge 
von la Parime begrenzt ist. Die Oeffnung, die zwischen 
diesen letztem und den Anden von INeu-Granada übrig 
ist, boiiründct diesen Zusammenhang:. Es erinnert der 
Anblick dieser Landschaft, jedoch nach einem ungleich, 
viel grüfseren IVIalsstab, an die Jbbenen der Lombardey, 
welciie gleichfalls nur öo bis 60 Toisen über der Fläche 
des Uceans emporstehen *•"), und sich anfangs von der 
Brenta gegen Turin ^ von Osten nach Westen, hernach 
von Turin gegen Coni, von Norden nach Süden ziehen. 
Könnten andere geologische Thatsachen uns berechti- 
gen, die drey grofsen Ebenen des untern Orenoko, des 
Amazonenstroms und des Kio de la Plata als Becken 
vormaliger Seen anzusehen '■"•'), so wäre man versucht^ 
in den Ebenen vom Rio Vichada und vom Meta einen 



*) Ilr. Oriani fand den Boden des Pilanzengariens vom Colle- 
gium Brera zu Mailand nur 65, 7 Toisen; den Boden des 
Marktplatzes zu Pavia nur 43 , 5 Toisen über die Küsten 
erhaben. Aber die Wasserfläche des Laco Maggiore auf 
der ZVordseile der Ebene ist um 106 Toisen, und Turin 
(der Saal der Acadeiuie) auf der Westseile der Ebene, nach 
Hrn. Ducros , um izö Toisen über die VYasserlläche des 
adriatischen Meers erhöhet. 

**) In Siberien scheinen die grofsen Steppen, zwischen dem Ir- 
tisch und Oby, hauptsächlich die von ßaraba , worin viele 
salzige Seen vorkommen (Tchabacly, Tchany, Karasoesk 
und Topolnoy), chinesischen Ueberlieferungen zufolge, 
selbst noch in historischen Zeiten ein Eandsee gewesen z« 
seyn. Siehe die gelehrten Untersuchungen des Hrn. Julius 
von Klaprolh im Mag. encyclop, Sept. 1817. p. i34. 



266 Buch FI. 

Canal zu erl)llcl<en , durch den sich die Gewässer des 
oberen Sees und die der Ebenen des Amazonenstroms 
einen Weg ins unlere Becken, dasjenige der L,la- 
jios von Caracas, ölTneten, indem sie die Cordillere der 
Parime von derjenigen der Anden trennten. Dieser 
Canal ist eine Art Landenge (detroit terrestre). '0 
Der vollkoniincn g;eebnete Boden zmschen doni Guavia- 
re, dem Mela und dem Apure zeigt keine Spur eines 
g"e\valt«amen Wassereinbriichs j aber zur Seile der Cor- 
dillere von Parime, zwischen dem 4. und 7. Breitegrad, 
hat sich der Orenoko, welcher von seiner Quelle bis 
zur Mündung des Guaviare westwärts fliefst, einen Weg 
durch die Felsen, in der Richtung von Süden nach J\or- 
den, gebahnt. Alle grofsen Cataracten, wie wir bald 
sehen werden , liegen in diesem Zwischenraum. So- 
bald der Flufs die Mündung des Apure in der überaus 
niedrigen Landschaft erreicht hat, wo der nördliche 
Abhang mit 4em Gegenhange nach Süd-Ost zusan)men- 
trifft, das will sagen nät der Böschung (talus) der Ebe- 
nen , welche unmerklicii gegen die Caracas- Gebirge 
ansteigen, wendet sich der Strom netterdings und fliefst 
ostwärts. Icli glaubte bereits hier schon, die Aufmerk- 
samkeit des Lesers auf diese seltsamen Windungen des 
Orenol'.o lenken zu sollen, weil, da er zweyen Becken 
zugleich angehört, sein Lauf, so zu sagen, auch auf den 
dürftigsten Charten die Richtung dieses Theils des 
flachen Landes andeutet, w elches zwischen den Anden 
von Neu- Granada und der Westseite der Berge von Pa- 
rime inne liegt. 

Die Ltlanos oder Steppen des untern Orenoko und 
des Meta führen, wie die Wüsten Africa's, in ihren 



*) Andreossy, Voyage a [embouchure de la MerNoire, 1818, 
p. 27 , 54 und 3i j. 



Kapitel XVII. 26? 

verschiedenen Abt]ieilun,2fen unerleiche Namen. Von 
don Mi'indun^en des Dragon fol<>^en sich einander von 
Osten nach W^esten: die L^laiios von Cumana, von Bar- 
celona, und von Caracas oder Venezuohi. *) Hier, wo 
die Steppen sicJi südwärts und süd-süd- westwärts wen- 
den, vom 8- Breitegrad an, zwischen dem Meridian 
der 70 und 78 Längegrade, finden «ich, in der Hich- 
tunjr von JNorden nach Süden, die Llanos von Varinas, 
von Ca«anare, vom Meta, vom Guaviare, vom Caguan 
und vom Caqueta. **) In den Ebenen von Varinas fin- 
den sich einige geringe Denkmäler von dem Kunstflei- 
fse eines niclit mehr vorhandenen V^olkes. Zwischen 
Mijagual und Canno de la Hacha kommen wahre liunu- 
Ins vor, die von den Einwohnern Serrillos de los In- 
dios genannt werden. Es sind kegelförmige Hügel, die, 



*) Die Unterabtheilungeii dieser drey grofsen Llanos^ so wie 
ich sie an Ort und Sieüe bezeichnet habe , sind folgende. 
Di« Llanos von Cumana und von Neu-Andalusicn ontha'lcn 
diejenigen von Maturin und von Terecen , von Amana , von 
Guanipa, von Jonoro und von Cari. Die Llanos von INue- 
va Barcelona begreifen diejenigen von Aragua , von Paria-. 
guan und von Villa del Pao. Man unterscheidet in den 
Llanos von Caracas diejenigen von Chaguaramas , von Uri- 
tucu, von Calabozo oder vom Guarico, von la Portugucsa, 
von San Carlos und von Araiire. 

**) Die Bewohner dieses flachen liandes unterscheiden , als 
Unterabtheilungen ^ vom P»io Portuguesa bis zum Ca<pieta, 
die Llanos von Guanare, von ßocono, von IVufrias oder 
vom Apure, von Palmerito in ■der Nahe von Quintero , von 
Guardalito und von Arauca , vom Meta, von Apiay in der 
Nahe des Hafens von Pachaquiaro , vom Vichada, vom Gua- 
viare, vom Arriari , vom Inirida, vom Ptio Hacha und vom 
Cagiian. Die Grenzen zwischen den Savanen und Wäldern 
der Ebenen, die sich von den Quellen des Rio Ncgro zum 
Putumago ausdehnen, sind nieirt hinlänglich bekannt. 



268 B u c h VI. 

«lurcli Menschenhände erbaiit sind, und wahrschein- 
lich Knochen enthalten, \vie die iumnlus in den Step- 
pen Asiens. Hinwieder 'zei^t sicli in der JNähe von Hato 
de la Calzada, zwischen VcTiinas und Canagua, eine 
schöne, fünf Meilen lanjjce Strafso, welche vor der Ero- 
Lerung in sehr alter Zeit durch die Landeseingehor- 
3ien erbaut worden ist 5 es zieht sich diese fünfzehn Fufs 
exliühete Runslstrafse über eine, öfteren Ueberschwem- 
mungen ausgesetzte Ebene hin. *) Waren es vielleicht 
civilisirtere Völker, die aus den Bergen von Truxillo 
und von Merida in die Ebenen des Kio Apure herun- 
terstiegen? Die jetzt zwischen diesem Flufs und dem 
Meta wohnenden Indianer sind allzudumm, um an 
die Erbauung von Kunststrafsen oder an die Aufführung^ 
von tumulus zu denken. 

Ich habe die Area dieser Llanos von la Caqueta 
bis zum Apure und vom Apure bis zum Delta des Ore- 
noko berechnet, und sie auf 17,000 Geviertmeilen zu 
20 auf den Grad ansteigend gefunden. Der von Worden 
nach Süden gerichtete Theil ist beynahe doppelt so 
grofs, als der Aon Osten nach Westen zwischen dem 
untern Orenoko und der Küstenkette von Caracas''"sich 
ausdehnende. Die Pampas^ nördlich und nordwestlich 
von Buenos- Ayres, zwischen dieser Stadt und Cordova, 
Jujuy und Tucuman, sind ungefähr von gleicher Gröfse 
wie die Llanos; allein die Pampas verlängern sich 
noch um 18° südwärts, und die von ihnen bedeckte 
Landschaft ist so ausgedehnt, dafs sie auf dem einen 
ihrer Endtheile Palmbäume nährt, während das andere 
gleich niedrige und ebene unter ewigem Eis begraben 
liegt. 



*) J''iagc de Varinas a Santa Fe, durch Hrn. Palacio« (Hanc(- 
JchrifQ. 



Kapitel XVII. '2(^() 

Die amerlcanischen Lilaiios , da wo sie ?icli In 
gleichlaufender Richtung' mit dem Aeqiintor ausdehnen, 
sind viermal minder breit als die grofse africanische 
Wüste. Dieser Umstand ist sehr wichfig in einer Ge- 
gend, wo die Winde beständig von Ost nach West wehen. 
Je mehr sich die Ebenen in dieser Richtung ausdehnen, 
desto heiiser ist ihr Klima. Das groise aiVicanische 
Sandmoer steht durch den \ emen *•') mit Gedrosien unfl 
dem Ualouchistan bis zum rechten Ufer des Indus iix 
Verbindung, und das kleine Becken des rothen Meers 
wird durch die Winde, welche über die ostwärts lie- 
genden Wüsten hingezogen sind, zumal es überall von 
Ebenen umgeben ist, welche die strahlende Wärme zu- 
rückwerfen, zu einer der heifsesten Gegenden des Erd- 



*) Man darf sich nicht >vundern. dafs die arabische, mehr 
als jede andere der orientalischen Spraclien , reich an INa- 
men ist , welche die Begriffe von Wüste , von unbenolinten 
oder mit Gräsern Ledecklen Ebenen ausdrücken. Ich könnte 
ein Verzcichnifs von mehr als zwanzig solcher Namen lie- 
fern, %velcbe die arabischen Schriftsteller abwechselnd ge- 
brauchen . ohne sie jedesmal nach den Schattirungen , wel- 
che jedes Wort bezeichnet, zu unterscheiden. Suhl bedeu- 
tet vorzugsweise eine Ebene (plaine) ; Duccali, ein Plateau j 
Kafry Mikfar y Tih , Mehmeh^ eine nackte, mit Sand oder 
Kies bedeckte, wasserlose Wüste; Tanou/ah, eine Steppe. 
Sahara bezeichnet eine Wüste , worin einige Viehweiden 
voikommen. Im Persischen bedeutet Vaila^ Steppe, eine 
mit Gräsern bewachsne Elbene ; Begaban, eine nackte und 
dürre Wüste; Deschti re/l , ein Pisteau oder Bergebene 
In türkisch - tartarischer Mundart wird eine Heide tala oder 
tschol genannt. Das Wort Gobi^ woraus die Europaer durch 
Verderbnifs Cobi gemaclit haben, bezeichnet im Mongoli- 
schen eine nackte Wüste. Es ist gleichbedeutend mit Scha- 
mo oder Hhan-hai im Chinesischen. Steppe , oder mit Gras 
bewachsene Ebene wird im Mongolischen durcli Küdassh^ 
iTij Chinesischen durch houang ausgedrückt. 



270 Buch VI. 

• balls. Der unglückliche C.Tpitaln Tuokey meldet, *) 
es erhalte sich der hundertthcilig-e Wärmemesser dort 
die Nacht über meist zu 84°; lun Taire steigt er auf 40° 
bis 44°. \\ ir werden bald sejien, dafs «eib^t im west- 
lichsten Theil der Steppen von Caracas die Tempera- 
tur der Luft im Schatten, und vom Boden entfernt, uns 
nur selten über 3"° zeigte. 

Diesen physischen Betrachlung-en über die Steppen 
der neuen Welt reihen sich andere von höherem In- 
teresse an, welclie auf die Geschichte des Menschen 
Bezug haben. Das grofse africani-che Sandineer, die 
wasserlosen Wüsten werden nur von Karavanen hesucht, 
die 5o Tage auf den Durchzug verwenden. **) Die 
Sahara, welche die Vollmer vom I egerstamme von der 
Mauren- Race und derjenigen der Berberey ***) sondert, 
ist einzig auf den Oasen bewohnt. Ihr üstlicher Theil 
allein nur enthlilt Vieliweiden, weil hier durch die 
Kraft di'r Passatwinde eine minder dichte Sanddecke vor- 
handen ist, so dafs die Quellen auf der Oberfläche der 
Erde zu Tage gelangen können.^ In America sind die 
■weniger breiten, minder heifsen und durch schöne 
Ströme fruchtbaren Steppen ein ungleich schwächeres- 
Hindernifs der Verbindung zwischen den Völkern. Die 
JLlauos trennen die Hiislenkette von Caracas und der 
Anden von Neu -Granada der Waldregion, von jener 
Hylaea 1) des Orenoko , die, schon zur Zeil der 
ersten Entdeckung von America, durch rohere, der 



*) Exped. to explore the R'ner Zaire, 1818, I/itrod- , p. I.A. 
**) ISach Hrn. Piennel ist dies das ßlaxinium der Zeit. (Vojage 

de IMungo-Park, Ton^. IJ, p.. 535.) 
'**) Die SliilJia und die Kalivles!' 
t) 'TXoctT}. Herod, melp. {ed. Schioeigh. Tom, II, p. »67) 



Kapitel XFII. 271 

Cultur cnlfremdetere Völker, als die Küstenbewohner, 
vorzüglich aber die Bergbewohner der Cordilleren sind, 
beset/.t gefunden ward. Inzwischen sind die Steppen 
einst eben se wenig eine Vormauer der Civilisation ge- ' 
wesen, als sie gegenwärtig eine Scliutzwehr für diö 
Freiheit der in Aen Wäldern lebenden Horden sind. 
Die VülkeF vom untern Orenolto wurden durcli sie nicht 
gehindert, die kleinen Flüsse anzusteigen und nord- 
wärts wie westwärts üeberfälle zu machen. Hätte die 
ungleichartige Vertheilung der Thiere über den Erdball 
das Hirtenleben in der neuen Welt möglich gemacht, 
wären, vor Ankunft der Spanier, fiäe Lilanos und die 
Pampas bereits schon mit Heerden von Hornvieh und 
Pferden, wie solche jetzt auf ihnen weiden, besetzt ge- 
wesen, so hätte Columbus das Mensel. en:reschlecht in 
ganz anderen Umständen angetroffen. Hirtenvölker^ 
die von Milch und Käse lebten, wahre Nomaden, hät- 
ten alsdann diese ausgedehnten und mit einander zusam- 
menhängenden Ebenen bevvohnt. Sie würden in Zei- 
ten grofser Trockenheit oder auch zur Zeit der Ueber- 
schwemmungen, um den Besitz der Viehweiden ge- 
kämpft, einander wechselweise unterjocht, und, durch 
gemeinsame Sitten, Sprache und Cultus vereinbart, je- 
nen Zustand einer halben Sittigung erreicht haben, der 
uns bey den Völkern mongolischer und tartarischer Ab- 
stammung überrascht. America hätte alsdann gleich 
dem mittleren Asien seine Eroberer gehabt, die von 
den Ebenen her das Bergland der Cordilleren erstiegen, 
auf die herumziehende Lebensart verzichtet, die civili- 
sirlen Völker von Peru und INeu-Gi'anada unterjocht, 
den Thron der Incas und des Zako ■■'} umgestürzt, und 



") Der Zako war das welUJche Olicrliaupt von CunJiiuimarca. 
Er llieilte die Gewalt mit dem OLcrpriester (Lama) von Iraca- 



2^2 B n c 7i VI. 

tlen Despotismus, welchen die patriarchalieclie Regie- 
rung der Hirtenvölker herbe} fuhrt, erset/.t haben wür- 
den. Es hat das Menschongcfchlecht in der neuen Welt 
diese grofsen sittlichen und politischen Veränderungen 
nicht erlitten, weil seine Steppen, wenn gloicli frucht- 
harer als die asiatischen, keine Hserden ernährten 5 weil 
keine der Thieraiien, welche r.üchJiche Milch geben, 
den Ebenen des südlichen America eigen ist, und weil 
in der fortschreitenden Entwicl:lung der americanischen 
Civilisatlon die Zwischenkette mangelte, welche die 
Jägerstämme mit den Ackerbau treibenden Völkern ver- 
bindet. 

Ich glaubte diese allgemeinen Betrachtungen der 
Ebenen des neuen Festlandes und der Contraste, wel- 
che sie mit den Wüsten Africa's und den fruchtbaren 
Steppen Asiens darstellen, hier sammeln zu sollen, um 
der Erzählung einer Reise durch so einfürmige Land- 
schaften einiij^e Theilnahme zu verschaffen. Jetzt, nach- 
dem dies geschehen ist, will ich ^q\\ Weg beschreiben, 
den wir auf unsrer Heise von den vulcanischen Bergen 
des Parapara und vom nördlichen Ende der Lilanos, 
bis zu den Gestaden des Apure, in der Provinz Varinas, 
eingeschlagen haben. 

INachdem wir zwey Nächte zu Pferd zugebracht 
und mit geringem Erfolg unter den Gebüschen der Aln- 
richi-VoXxne vor der brennenden Sonne Schutz gesucht 
hatten, trafen wir vor Anbruch der Nacht bey der klei- 
nen Meierey zum CrocoJil iEl Cayman) , sonst auch 
die Giiadalupe genannt, ein. Es ist dies ein hato de 
ganaJo, das will sagen ein einzelnes Haus In der Steppe, 
um welches her etliche mit Rohren und Thierhäuten 
be- 

Siehe meine Recherches sur les monumens des Americains 
Xed. in fol., p. 246 ; ed. in 8". Tom. II, p. 225.) 



Kapitel Xni. 273 

bedeckte Hütten steheiu Das Vieh, Ochsen, Pferde 
und Maulthiere sind nicht eingepfercht, sondern strei- 
fen auf einem Flächenraume von mehreren Geviertmei- 
len frey umher. Umzäunungen sind nirgends vorhan- 
den. Männer, die bis zum Gürtel nackt und mit einer 
Lanze bewaffnet sind, reiten durch die bavanen, um die 
Thiere zu besiclitigen, diejenigen, welche sich allza- 
Avcit von den Weiden der Meyerey entfernt haben, zu- 
rückzuführen, und was noch kein Zeichen des Eigen- 
thümers halle, mit einem gUihenden Eisen zu bezeich- 
nen. Diese farbigen Menschen, die man Peones Ltltt' 
neros nennt, sind thcils Freye oder Freygelafsne, theils 
Sclaven. Es ist kein anderer Stamm , welcher so an- 
dauernd der sengenden Hitze des tropischen Himmels 
ausgesetzt ist. Sie nähren sich von dem an der Luft 
gedörrtem und nur wenig gesalzenem Fleisch j auch ihre 
Pferde sogar geniefsen zuweilen davon. Sie sit/.en fast 
immer zu Pferde, und glauben sogar den kleinsten Weg 
niclit zu Fufs zurücklegen zu künnen. In der Meyerey 
trafen wir einen alten Negersclaven, der in Abwesenheit 
des Herrn, seine Stelle versah. Man sprach unS^von 
Heerden mehrerer tausend Kühe, die auf der Steppe 
weiden, aber vergeblich war unsere Bitte um eine Schale 
Milch. In Früchten vom Tutumo ward uns ein gelb- 
lichtes, schlammiges und stinkendes Wasser gereicht j 
es war aus einer benachbarten Lache geschupft. Die 
Trägheit der Bewohner der Lilanos ht so grofs, dafs 
Niemand einen Brunnen gräbt, obgleich sie uoi;l wis- 
sen, dafs auf zehn Fufs Tiefe fast überall schune Quel- 
len in einer Lage von Conßlomerat oder rothem Sand- 
stein angetroffen werden. Nachdem man die eine Hälfte 
des Jahrs an den Folgen der üeherschwemmUügen ge- 
litt' n hat, setzt man .-ich in der andern Hälfte den; pein» 
lieh ten Wassermangel geduldig aus. Der alte Neger 

^(sx. V Humboldts hist lieiaen. IIL iS 



274 Buch VI. 

rieth unS;, ein Leintuch übei' das Trinkgefafse zu legen, 
und gleichsam durch einen Seiher zu trinken, um den 
widrigen Geruch abzuhalten, und von dem feinen, 
gelblichen Thon, der im Wasser aufgelöst ist, weniger 
zu verschlucken. Wir dachten damals nicht, dafs wir 
in der Folge ganze Monate lang dieses Mittel anzuwen- 
den genothigt seyn würden. Die Wasser des Orenoko 
enthalten gleichfalls viele aufgelöste erdige Theile : sie 
sind auch stinkend, da, wo in Buchten todte Krokodile 
auf Sandbänken oder halb im Schlamm begraben liegen. 
Sobald abgeladen und unsere Instrumente versorgt 
waren, wurden die Maulthicre freygelassen, um, wie 
man sich hier zu Land ausdrüclit, „in der Sarane Was- 
ser zu suchen. ^^ *) Es giebt kleine Teiche oder Lachen 
um die Meyerey her: die Thiere finden solche, durch 
ihren Instinct geleitet, bey Ansicht einiger zerstreuter 
Mauritia- Gebüsche, oder beym Gefühl einer feuchten 
Kühlung, welche kleine Luftströmungen mitten in der 
uns still und ruhig scheinenden Atmosphäre darbieten. 
Wenn die Lachen weit entfernt und die Knechte im 
Meyerhof zu ti'äge sind, um die Thiere zu diesen 
natürlichen Tränken zu führen, so werden diese, ehe 
man sie frey läfst, fünf bis sechs Stunden in einen recht 
warmen Stall eingesperrt. Der heftige Durst steigert 
alsdann ihr Spurvermögen, indem er ihre Sinnen und 
ihren Insllnct gleichsam schärft. Sobald der^tall geöff- 
net wird, siebt man Pferde und Maulthiere, füraus diese 
letzteren, welche an Scharfsinn die Intelligenz der Hfer- 
de übertreffen, der Savane jähling zulaufen. Mit emporge- 
hobenem Schweif und zurückgeworfenem Haupt rennen 
sie gegen den Wind an, und machen von Zeit zu Zeit, 
gleichsam um das Land auszukundschaften, Halt^ sie 



*) Fara liii^enr Agita. 



Kapitel XVIL 275 

scheinen weniger auf die Eindrücke des Gesiölits als auf 
diejenigen des Gehöi'S zu achten, und endlich verkün- 
den sie durch ein anhaltendes \yie!iern, dafs sich dag 
Wasser in der Richtung ihres Laufes befindet* Alle 
diese Bewegungen werden viel schneller und mit mehr 
Leichtigkeit von den eingebornen Pferden der Llanos, 
welche von langem her sich heerden weise frey darin 
aufgehalten haben, als hingegen von denen vollzogen, 
die von der Küste herkommen und von zahmen Pferden 
abstammen. Bey den meisten Thieren geschieht es, 
wie bevm Menschen, dafs ein lange anhaltender Zwang, 
durch die von den festen Wohnstätten und von fort- 
schreitender Cultur herrührenden Angewöhnungen, dio 
Sinne abstumpft oder ihre Zartheit mindert. 

Wir folgten unsern Maulthieren, um zu einer der 
Lachen zu gelangen , woraus das schlammige Wa' ser, 
welches unsern Durst so unvollliommen gestillt hatte, 
geschöpft war. Mit Staub bedeckt und von dem Sand- 
wind, welcher die Haut noch empfindlicher schmerzt 
als die Sonnenstrahlen, verbrannt, hatten wir sehnlich 
gewünscht ein Bad nehmen zu können, fanden aber nur 
einen grofsen, mit Palmbäumen umgebenen Wasserbe- 
hälter. Das Wasser war trübe, obgleich, zu unserni 
grofsen Erstaunen, etwas kühler als »He Luft. Wäh- 
rend der langen Heise daran gewöhnt, uns zu haden, so 
oft sich Gelegenheit darbot, bisweilen auch mehrmals 
im Tage, stunden wir nicht an, in das Wasser d* s Sum- 
pfes zu steigen. Kaum aber hatten wir seine Pvühlung 
zu verspüren angefangen, als ein Gi räuscli am jensi iti- 
gen Ufer uns auch wieder schnell heraus trieb. Ein 
Krokodil versenkte sich in den Sciilamo). Es wäre urtf 
klug gewesen, zur JNachtzeit in dieser sumpfigen Ge- 
gend zu verweilen. 

Unsere Entfernung vom Meyerhof betrug nur eine 



276 Buch VI. 

Viertelmeile, und doch waren >vir schon über eine Stun- 
de gega"g6"; ohne ihn zu erreichen. Zu spät ward 
bemerkt, dafs wir eine falsche Richtung genommen 
hatten. Wir hatten bey der Abenddämmerung, ehe 
noch die Sterne sichtbar waren, unsern Weg angetre- 
ten, und waren in der Ebene gleichsam aufs Gerathe- 
wohl vorgeschritten. Mit einem Compafs waren wir, 
wie allezeit, versehen; auch konnten wir uns unschwer 
nach der Stellung des Canopus und des Kreuzes ihn Sü- 
den Orientiren 5 diese Mittel alle aber blieben darum 
unnütz, weil wir nicht wufsten , oh wir vom Meyerhof 
aus südwärts oder nordwärts gegangen waren? Wir 
versuchten an den Ort zurückzukehren, wo wir geba- 
det hatten, und giengen noch drey Viertelstunden irre, 
ohne das Sumpfwasser aufzufinden. Oefters glaubten 
wir Feuer am Horizont zu erblicken, es waren aufge- 
hende Sterne, deren Bild uns durch die Dünste vergrö- 
fsert erschien. Nach langem Herumirren in der Savane 
fafsten wir den Entschlufs, auf dem Stamm eines Palm- 
baums niederzusitzen, an einem völlig trocknen und 
mit niederem Gras bewachsenen Ort; denn für die seit 
Kurzem erst ausgeschifl'ten Europäer überwiegt die 
Furcht vor Wasserschlangen diejenige der Jaguars alle- 
zeit bedeutend. Wir konnten nicht holfen, dals unsere 
Wegweiser, deren grofse Sorglosigkeit uns bekannt war, 
ehe sie ihre Speise bereitet und ihr Mahl eingenommen 
hätten, uns in der Savane aufsuchen würden. Je un- 
sicherer diese Lage war, desto erwünschter kam uns 
der ferne Laut eines sich nähernden Pferdes. Es war 
ein mit der Lanze bewaft'netcr Indianer, der seinen ro- 
deo machte, das will sagen, die Treibjagd , wodurch 
man die Viehheerden auf einem bestimmten Räume ver- 
sammelt. Der Anblick zwevcr svelfsen Menschen, die 
sich auf ihrem Wege Verirrt hatten, kam ihm anlangs 



Kapitel XFIL 277 

verdächtig vor. Wir hatten Mühe ihm Zutrauen ein- 
zuflöfsen. EnJlich verstund er sich, uns zum Meyer- 
hole vom liaiman zu führen, jedoch ohne sein Pferd 
darum langsamer trahen zu lassen. Unsere Führer ver- 
sicherten, „sie hätten bereits angefangen um uns besorgt 
zu werden, ^^ und zu Begründung dieser Besorgnifs 
zählten sie eine Menge Beyspielo von Personen auf, die 
sich in den Llanos verirrt halten, und in einem Zustand 
gänzlicher Erschöpfung waren angetroffen worden, 
behr grofs ist die Gefahr freylich nur für diejenigen, 
w eiche sich in weiter Entfernung von allen Wohnun- 
gen verlieren, oder die, wie dies in den letzten Jahren 
begegnet ist, von Räubern überfallen, beraubt und an 
Palmbaumstämme festarebunden wurden. 

Um von der Tageshitze weniger zu leiden, mach- 
ten wir uns um 2 Uhr Morgens auf den Weg, in der 
Hoffnung bis um Mittag Calabozo, eine kleine nicht 
unbedeutenden Handel treibende Stadt, mitten in den 
J^lanos, zu erreichen. Das Ausseifen des Landes ist 
immer das nämliche. Es war kein Mondschein, aber 
die Menge der Nebelsterne, welche den südlichen Him- 
mel zieren, erleuchteten v^or ihrem Untergang einen 
Theil des irdischen Horizonts. Dies erhabene Bild des 
sich in seiner unermefslichen Ausdehnung darstellenden 
Sternengewülbes, dieser kühle Seewind, der zur Nacht- 
zeit über die Ebene weht, die wellenförmige Bewegung 
der Gräser, überall wo sie einige Höhe erreichen. Alles 
erinnerte uns an die Fläche des Oceans. Die Täu- 
schung ward noch gröfser (man wird nicht müde es zu 
sagen), als die Sonnenscheibe sich am Horizont zeigte, 
ihr Bild sich durch die Wirkung der Strahlenbrechung 
wiederholte, und sie, ihre platte Gestaltung bald able- 
gend, schnell und gerade zum Zenith anstieg. 

Auch in den Ebenen ist der Zeitpunct des Sonnen- 



278 Buch VI. 

aufganors der kühlste des Tages, aber es macht diese 
Aenderung der Temperatur keinen sehr lebhaften Ein- 
druck auf die Organe. Wir sahen den VA'^ärmemesser 
nicht leicht unter 27°, 5 ') sinken, während in der 
^'ähe von Acapülco in Mexico, **) in gleich niedriger 
Landschaft, der Thermometer öfters um Mittag 3z°, 
und bev Sonnenaufgang 17° bis 18° zeigte. Die gleich- 
förmige Bodeiifläche der Llanos, die den Tag über nie 
beschattet istj'nimmt so viele Wärme in sich auf, dafs, un- 
erachtet der nächtlichen Strahlung gegen den wolken- 
losen Himmt'l, die Erde und die Luft nicht Zeit haben, 
sich von Mitternacht bis zu Sonnenaufgang bedeutend 
zu erkälten. In Calabozo ***) war die Temperatur, im 



*) 3s° Picaum. 

**) Siehe über diese aufserordentUche Erscheinung meinen 
Essai poUt. ^ Tom. II, p. 760. 

***) In Calabozo , im Schatten und in weiter Entfernung von 
Boden und Mauern, am i5. i\Iarz i8->d, um 1 "•, Reaum. 
Therm. 24", 25 Fischbein - Hvgrom. 56": um 7 "' Abends, 
Th. 25»; H. 55", 2: um 12 " Th. 23°, 2-, H. 35% 4- Am 
16. März, um 17 i', Th. 22», 7; H. 56«: um 25 "•, Th. 
24", 2'; H. 37: um o ", Th. 25% 8 ; H. 55": um 2 " , Th. 
36"; H. 34°, 5: um 4J ", Th. 25°, 5; H. 35% 5 ; um 7 
P- Th. 240, 6; H. 35°, 5. Am 17. März, um 16 r, Th. 
26°, 5; H. 54": um 12 ^-^ Th. 220, 4; H. 55", 3. Am 18. 
März, um 25 i^-, Th. 25", 2; H. 56", bis um eilf Uhr 
Nachts ohne Veränderung von o", 5 in beiden Instrumen- 
ten. Ich vermulhete, das Klima von Calabozo sey noch 
wärmer, als dasjenige von Cumana. Da ich Hrn. Rnbio 
ersucht hatte , während meiner Abwesenheit Beobachtungen 
in diesem Hafen anzustellen, so konnte ich die nämlichen 
Tage vergleiclien. In Cumana erhielt sich der Reaumur- 
sclie Thermometer, vom i5. bis zum 18. März, von 7 ^• 
Morgens bis 1 1 " ISachts, auf 20" bis 24" R. Zu Calabozo 
hey i3o Meilen von der Ostküste entfernt , zeigte er in den 



Kapitel XVII. 279 

Monat März, Jjey Tage 3i° bis 32°, 5, des Nachts 
28° bis 29°. Die mittlere Wärme dieses Monats, der 
jedoch nicht der wärmste des Jahres ist, schien unge- 
fähr 3o°, 6 zu seyn, was eine ungeheure Wärme für 
ein unter den Wendekreisen liegendos Land andeutet^ 
wo Tag und Wacht beynaljc st^ts von gleicher Länge 
sind. In Cairo beträgt die mittlere Temperatur des 
wärmsten Monats nicht über 29°, g 5 zu Madras ist die- 
selbe 3i°, 8j und zu Abushar , im persischen Meerbu- 
sen, wo eine Reihenfolge von Beobachtungen gemacht 
worden ist, 34° 5 allein die mittleren Temperaturen des 
ganzen Jahres sind in Madras und Abushar niedriger 
als in Calabozo. Obgleich ein Theil der Llanos, wie 
die fruchtbaren Steppen Sibiriens, von kleinen Flüssen 
durchströmt wird, und die dürresten Landstriche von 
einem zur Hegonzeit überschwemmten Land umgeben 
sind, so ist die Luft überhaupt doch sehr trocken. De- 
luc's Hygrometer erhielt sich den Tag über auf 34° und 
zur Nachtzeit '",) auf 36". 

So wie die Sonne gegen den Zenith anstiesf, und 
die Erde mit den übereinander liegenden Luftschichten 
ungleiche Temperaturen annahm, stellte sich auch die 
Erscheinung der Luftspieglung (mirage) in ihren ver' 
schiedenen Abwechslungen dar. Es wird diese Erschei- 
nung unter allen Himmelsstrichen so allgemein ange- 
troffen, dafs ich ihrer hier nur darum gedenke, weil 
wir Halt machten, um die Breite des luftartigen Zwi- 
schenraums vom Horizont bis zu dem schwebenden Ge» 
genstand mit einiger Genauigkeit zi^ messen. Das 



gleichen Stunden, aS" bis aß" R. In Cumana hatte die 
Temperatur des Monats März 1800 12", 2 betragen; in 
Calabozo ungefähr sk°t 5 Reaum. 
*3 Siehe oben, Kap. iS. S. 76. 



28o Buch VL 

Schweben in derLuft war nie jnit dem verkehrten Bilde 
verbunden. Die kleinen Luftströmungen, welche üljer 
die Bodenfläche hinstreiften, hesafsen eine so wechseln- 
de Temperatur, dafs unter einer Heerde wilder Ochsen 
die einen Thiere mit den Füfsen in der Luft zu schwe- 
ben sciiienen, während die anderen mit den ihrigen r.uf 
dem Boden ruhten. Der luftige Zwischenraum betrug-, 
je nach der Entfernung des Thiers, 3 his 4 Minuten. 
Da, wo Palmgebüsche der Mauritia in langen Reihen 
beysammen stunden, stellten sich die End lücke dieser 
grünen Keihen auf gleiche Weise schwebend dar, wie 
die Vorgebirge, welche der Vorwurf meiner andauern- 
den Beobachlungen in Cumana gewesen sind. *) Ein 
verständiger Mann versicherte uns, zwis^chen Calabozo 
und Uritucu das verkehrte Bild eines Thieres, ohne 
dafs ein aufrechtes daneben war, gesehen zu haben, 
INiebuhr hat in Arabien das Gleiche beobachtet. Ver- 
schiedentlich glaubten wir am Horizont die Gestalten 
von tnmiilus und Thürmen zu sehen, die wechselnd 
verschwanden und wieder zum Vorschein kamen, ohne 
dafs wir die wirkliche Form der Gegenstände auszumit- 
leln vermochten. Es waren vielleicht Hügel oder kleine 
über dem gewöhnlichen Horizont des Auges emporra- 
gende Erhöhungen, Ich will jenes von Pflanzenwuchs 
entblöfsten Bodens hier nicht gedenken, der sich wie 
grofse Seen mit wellenförmiger Oberfläche darstellt. 
Von dieser Erscheinung, die am frühesten beobachtet 
worden ist, erhielt die Luftspieglung, in der Sanscrit- 
sprache, den ausdrucksvollen JNamen des f^erlangens 
(des Durstes) der Antilope, Wir bewundern bey den 
indischen, persischen und arabischen Diclitern häufige 
Anspielungen auf diese zauberhaften Wirkungen der 



*) Siehe oLen , Tb. 3. Kap. i5. S. 462—473. 



li a p i t e l XVIl. 281 

irdischen Stfahlenbrecliung. Den Griechen und Rö- 
mern waren sie kaum bel;annt. Des Reichthuins ihres 
Bodens und- der milden Tempei'atur ihres Kliina's froh? 
konnte die Poesie der Wüste nur geringen Heiz für sie 
haben. Diese ward in Asien erzeugt. Die Dichter des 
Orients haben sie aus der Natur des von ihnen bewohn- 
ten Landes geschöpft^ und der Anblick dieser ausge- 
dehnti^n Einöden, die sich wie Meerengen und Buchten, 
zwischen die von der IValur mit reicher Fruchtbarkeit 
ausgestatteten Landschaften einlegen — war es, der sie 
tegeisterte. 

Mit Sonnenaufgang ward die Ebene belebter. Das 
Vieh, welches sich die Nacht über längs der Sumpf- 
stellen oder unter den iMurichi - und Rhopala - Gebü- 
schen gelagert hatte, sammelte sich jetzt heerdenweise^ 
und diese Einöden bevölkeiten sich mit Pferden, Maul- 
thieren und Ochsen, Avelche, wir wollen nicht sagen 
als wilde, aber als freye Thiere, ohne feste VVohnstät- 
ten , die Pilege und den Schutz der Menschen verach- 
tend, hier ihren Aufenthalt haben. Die Ochsen, ob- 
gleich von spanischer Herkunft, wie die der kalten Pla- 
teaus von Quito, besitzen in diesen heifsen Erdstrichen 
einen milderen Character. Der Reisende gefährdet nicht 
von ihnen angegriffen und verfolgt zu werden, wie uns 
dies bey unsern Ausflügen auf dem Rücken der Cor- 
dilleren öfters begegnet ist, wo das Klima roh und hef- 
tigen Stürmen unterworfen ist, wo die Landschaft ein 
wilderes Aussehen hat und die Nahrung sparsamer ist. 
Unweit von Calahozo sahen wir Rehheerden , die mit- 
ten unter Pferden und Ochsen friedlich weideten. Man 
nennt dieselben Matacani: ihr Fleisch ist sehr gut. 
Sie sind etwas gröfser als unsere Rehe, und gleichen den 
Damhiischen mit sehr glattem, braunfalben und weifs- 
gedupften Hautbaar. Ihre Geweihe schienen mir ein- 



282 Bach VI. 

fache Spiefse zu sftyn. Die Gegenwart des Menschen 
schreckte sie nur wenig-, und unter den Heerden von 
3o bis 40 Stücken bemerkten wir mehrere vCliig weifse. 
Diese unter den grof-en Hirschen der kalten Ai^den-Kli- 
mete ziemlich häufige Spielart mufste uns in diesen 
niedrigen und heifsen Ebenen befremden. Seilher ver- 
nahm ich, dafs selbst auch der Jaguar der heifsen Land- 
schaften von Paraguay zuweilen Alliinos- Spielarten dar- 
bietet, deren Kleidung so gleichförmig wcifs ist, dafs 
die Flecken oder Ringe nur beym Widerschein der 
Sonne sichtbar werden. Die IMatacani oder kleinen 
Damhirsche *) sind in den Llanos so zahlreich, dafs 
mit ihren Häuten Handel getrieben werden könnte. '"•''') 
Ein geübter Jäger mag über zwanzig in einem Tage er- 
legen. Allein die Trägheit der Einwohner ist so grofs, 
dafs man sich öfters nicht einmal die Mühe giebt, ihnen 
die Haut alizuziehen. Eben so verhält sich's mit der 
Jagd der Jaguars oder grofsen americanischen Tiger, 
deren Haut in den Steppen von Varinas nur einen Piaster 
gilt, während sie in Cadix mit vier und fünf Piaster be- 
zahlt wird. 

Die Steppen, welche wir durchwanderten, sind 
hauptsäclilich mit Grasarten , die zu den Gattungen 
Killingia, Cenchrum und Paspalum gehören /•'*'••'), be- 
wachsen. Diese Gräser erreichten in der gegenvvärti- 



*) Venados de tierra caliente. 

**) Dieser Handel wird wirklich , aber nur sehr im Kleinen, 
zu Carora und zu Barqnesimeto betrieben. 

'***) Kvllingia monocephala, K. odorata, Cenchrus pilosus^ Vilfa 
tenacissima , Andropogon plumosus ^ Panicum micranthumy 
Poa reptans ^ Paspalurn leptostachyum ^ P. conjugatum, 
Aristida recurvata. Siehe unsere Not^a Gentra et Spec.^ 
Tom. I, p. 84' — 345« 



Kapitel XVIL 283 

gen Jahrszeit, in der Nähe von Calabozo unil St. Hie- 
ronymus del Pirltal, kaum die Höhe von 9 bis 10 Zoll. 
In der Gegend des ApureÜusses und der Portuguesa ha- 
hen sie hey vier Fufs Höhe, so dafs drr Jaguar sich 
darin verstecken kann, um desto unhemerkter die durch 
die Ebene wandernden Maulthiere und Pferde im Sprun- 
ge zu iiberlallen. Den Grasi'rn sind einige Gewächse 
aus der Dicotyledonen- Classe untermischt, Turnera's, 
Malvaceen, und, was sehr merkwürdig ist, kleine Mi- 
mosen "^ mit reizbaren Blättern, welche von den Spa- 
niern Dormideras genannt werden. Die gleiche K.uh- 
race , welche in Spanien mit Klee und Esparcctte ge- 
mästet wird, findet hier in krautartigen Sensitiven eine 
vortreffliche Nahrung. Die Weiden, auf denen diese 
Sinnpflanzen in grofser JVIenge wachsen, weiden zu hö- 
heren Preisen verkauft. In den östlich gelegenen l^lu' 
iios von Cari und Barcelona ragen die Cypura und die 
Craniolaria, **) deren schöne weifse Blume 6 bis 8 Zoll 
JLänge hat, aus den Gräsern einzeln hervor. Die Vieh- 
weiden sind am ergiebigsten , nicht nur um die den 
Ueberschwemmungen ausgesetzten Flüsse her, sondern 
auch überall, wo die Stämme der Palmbäume näher bey- 
sammen stehen. Wo gar keine Bäume wachsen, da sind 
sie minder fruclitbar, und die Versuche, sie ertragbarer 
zu machen, würden wolil gutentheils vergeblich seyn. 
Man kann diesen Unterschied nicht dem Schutz der 
Palmbäume zurechnen, welche die Sonnenstrahlen ab- 
halten und die Austrocknung oder Dürre des Bodens 
hindern. In den Wäldern des Orenoko habe ich zwar 
Bäume, die zu dieser Familie gehören, angetroffen, wel- 



•) Turnera gujanensis, Mimosa pjgra,, M. dormiens. 

*0 Cv-pura graminea, Craniolaria annua (die Scorzonera d«r 
£inwohner). 



28+ Buch VI. 

che ein dichtes Laubwerk besalsen , aber vom Palni- 
baum der Ltlanos^ von der Palma de Cobija, *) ist 
I^ein Schatten zu rühmen , da er nur wenige fähige und 
ha ndl. Irin ige ßhitter besitzt^ die denjenigen des Cba- 
inajrops gleichen , und von denen die unteren auch 
allezeit vertrocknet und dürr sind. Es war uns aulFal- 
lend, fa'^t alle diese Corypha Stämme von gleicher Höhe 
anzutreffen. Sie betrug 20 bis 24 Fufs und der Durch- 
messer des Stamms nahe am Boden 8 bis 10 Zoll. Es 
giebt wenige Arten der Palmen, die in so ungeheurer 
Menge vorkommen. Auf Tausenden von Stämmen, die 
mit olivenförmigen Früchten beladen waren , fanden 
wir etwa l-.undert, welche keine Frucht trugen. Soll- 
ten vielleicht einzelne Stämme mit blos einhäusigen 
(monoicjues) unter den Stämmen mit Zwitterblülhen 
vorkommen? Die Ltlaneros , oder die Einwohner der 
Ebenen, sind der Meinung, diese niedrigen Bäume 
alle seven mehrere Jahrhunderte alt. Ihr Wnchsthum 
ist fast unmerklich, und der Unterschied von 20 oder 3o 
Jahren mag kaum wahrgenommen werden. Uehrigens 
liefert die Palma de Cobija ein vortrefHiches Bauljolz. 
Es ist dasselbe so hart, dafs man Mühe hat einen INagel 
einzuschlagen. Die fächerartig gefalteten Blätter wer- 
den zur Dachbedeckung der in den Llanos zerstreuten 
Hütten gebraucht, und diese Dächer dauern über 20 
Jahre. Die Blätter werden durch Krümmung des End- 
stücks der Blattstiele, die zuvor durch Quetschung zwi- 
schen zwey Steinen mürbe und biegsam gemacht wor- 
den sind, befestigt. 

Aufser den vereinzelt stehenden Palmbäumen kom- 
men auch hin und wieder Palmgruppen, eigentliche Bos- 



*) Dachpalme (Palmler Sc toiture oder couverture) S. oben, 
Kajp. 16. S. i58. 



Kapitel XFJL a85 

kets (Palmares) vor, in denen die Coryplia mit einem 
Baume aus der Proteaceen- Familie gemeinsam wuchst. 
Der lotziere wird von den Eingebornen Chaparro ge- 
nannt , und er bildel eine neue Art der ünttung Rho- 
pala *} mit harten und klingenden Blättern. Die klei- 
nen Rhopala- W äldchen heilsen Chaparrales, und es 
wirdj wie leicht zu erachten, in einer ausgedehnten 
Ebene , wo nur zw ey oder drey Baumarten wachsen, 
der Chaparro , um seines Schattens willen, als ein sehr 
küstliclies Gewächs betrachtet. Die Corypha - Palme 
dehnt sich in den Llanos von Caracas von der Mesa 
de Paja bis zum Guayaval aus; weiter nördlich oder 
nordwestlich , in der Gegend von Guanare und von San 
Carlos, ersetzt ihn eine andere Art der nämlichen Gat- 
tung, welche gleichfalls locherfürmige, aber gröfsere 
Blätter hat. Sie führt den IVamen Palma real de los 
]^lano9, **) Südwärts von Guayaval sind wieder andere 
Palmbäume vorherrschend, voraus die PiW/u- Palme 
mit gefiederten Blättern, ***) und die I\lnrichi-^a\me 
iJMoriche^ , die der Pater Gumilla unter dem Namen 
des Ltehensbaums (arbol de la vida^ gepriesen hat. t) 



*) Dem Embothrium verwandt, von dem wir auf dem n*uen 
Festland Keine Art gefunden lia}jen. Die EmLotnrium wer- 
den in der americanischen Pflanzenwelt durch die Gattungen 
Lomalia und Oreocallis vertreten. Siehe unsere AW. Gen.f 
Tom. II, p. i54. 

**) Diese Palmenart der Ebenen darf nicht mit der Palma 
real von Caracas und von Curiepe, mit gefiederten Blättern, 
verwechselt werden. Nov. Gen. , Tom. 1, p. 5o5. 

***) Vielleicht ein Aiphanes. 

t) Muriche oder Quiteve, Mauritia flexuosa. Siehe oben, Th, 
I. Kap. 9. S. 201. CGumilluy Orinoco illustrado, 1745, Toni- 
I, p. 163 — iya. Gili, storia A/riMric.., Tom. I. p. 168. 



286 B u c k VI. 

Es ist dies der americanische Sagobaum _, welcher vic' 
tarn et amictnm, *) Mehl, Wein, Fasern zu V;u fertigung 
von Hängematten, Kürhen, fSetzen und Khidern gibt. 
Seine tannzapfenförmigen und mit Scbuppoii bekleide- 
ten Früchte gleichen vollkommen denjenigen des Cala- 
mus Pvolang. Sie besitzen etwas vom Geschmacke der 
Aepfel. Bey voll ger Reife ist ihre Farbe von Innen 
gelb und auswärts roth. Die Araguaten-Aßen sind sehr 
lüstern darnach, und die Nation der Guaraons, deren 
ganze Existenz so zu sagen an das Daseyn der Miirichi- 
Palme geknüpft ist, bereitet sich daraus ein saueriicbtes, 
sehr kühlendes, gegohrnes Getränk. Es behält dieser 
Palmbaum, auch in der Jahrszelt der gröfsten Trocl'.en- 
hcit, das schöne Grün seiner glänzenden und fächerför- 
mig gefalteten Blätter. Sein Anblick allein scbon ge- 
währt ein angenehmes Gefühl von Kühle, und es bildet 
die mit ihren schuppigen Früchten beladene IMiirichi' 
Palme einen sonderbaren Contrast mit dem traurigen 
Aussehender Palma de Cobija , deren Blätter allezeit 
grau und mit Staub überzogen sind. Die Lianeros glau- 
ben, die erstere ziehe die Dünste aus der Luft an sich **) 
und darum finde man allezeit Wasser um sie her, wenn 
man in einiger Tiefe darnacii gräbt. Es waltet aber 
hierbey eine Verwechslung zwischen Ursache und Wir- 
kung ob. Die ilfiiricÄf- Palme wächst vorzugsweise an 
feuchten Orten, und man könnte vielmehr sagen, das Was- 
ser ziehe den Baum an. Durch ähnlichen Tnigsclilufs 
geleitet, halten die Eingebornen am Urenoko dafür, die 



*) Plin. , lib. XII , c. VII. 

**) Wäre die Murichi - Palme mit einer dichteren Blälterkrone 
versehen , als gewöhnlidi der Fall ist , so liel'se sich eher 
annehmen , ilir Schatten JjewaJire dem üoden um sie her 
seine Feuciilii'kcit. 



Kapitel XVII. 387 

grofsen ScMangen unterhalten die Feuchtigkeit eines 
Bezirks. Ein alter Indier von Javita erklärte uns sehr 
ernsthaft: ;»Wir uürden umsonst Wasserschlangen su- 
chen, >vo kein Sunipfland ist 5 denn es sammle sich da 
kein Wasser, wo man die Schlangen, welche solches 
anziehen, unvorsichtiger Weise tüdtel.'* 

Die Hitze fiel uns auf dem Weg durch die Mesa 
de Calahozo sehr beschwerlich. Die Temperatur der 
Luft ward, so oft der Wind zu wehen anfieng, bedeu- 
tend erhöhet Die Luft war mit Staub erfüllt, der Wär- 
memesser stieg während solchen Windstofsen auf 40° 
und 41° an. Wir kamen nur langsam vorwärts, in- 
dem es gefährlich gewesen wäre, die mit unsern Instru- 
menten beladenen Maultliiere zu verlassen. Die We«-- 

o 

weiser riethen, unsere Hüte mit Blättern des Rhopala 
auszufüllen, um die Wirkung der Sonnenstrahlen auf 
Haare und Scheitel zu schwächen. Wir fühlten uns in 
der That durch dies Verfahren erleichtert, noch mehr 
aber alsdann, wenn wir Blätter vom Pothos oder einer 
andern Pflanze der Aroideen -Familie erhalten konnten. 

Man kann unmüglich diese sengenden Ebenen 
durchwandern, ohne sich zu fragen, ob sie allezeit 
im gleichen Zustand gewesen, oder durch irgend einö 
Natur- Kevolution ihres Pflanzen wuchses beraubt wor» 
den sind. Die Erdschichte, welche gegenwärtig die- 
selben deckt, ist allerdings nur seht dünn. Die Lan- 
deseingebornen glauben, die Palmares und die Chapa- 
rales (die kleinen Palmen- und Khopala - Wäldchen) 
seyen vor Ankunft der Spanier zahlreicher und ausge- 
dehnter gewesen. Seit die Llanos bewohnt und mit 
verwildertem, Vieh besetzt sind-_ wird, zu Verbesserung 
der Weide, die Savane öfters ange7,ündet, und mit den 
Gräsern gehen alsdann zufällig auch zerstreute Baum- 
gruppen zu Grund. Im fünizehnten Jahrhundert waren 



288 " B u c h FI. 

ohne Zweifel die Ebenen so naclU nicht, wiß sie gegen- 
wärtig sind 5 inzwischen haben auch sclion die ersten 
Conqaistadores , welche von Coro her kamen , diesel- 
ben als Savancn beschrieben, worin man nur Himmel 
und Rasen erblickt, auf denen gutcntheils. keine Bäume 
wachsen, und die um des Zarückstrahlens des Bodens 
willen beschwerlich zu durchwandern sind. Warum 
dehnt sich die grofse Waldung des Orenoko nicht nörd- 
lich aufs linke Flufsgestadc aus ? Warum befafst sie den 
weiten, sich bis zur Cordillere des Küstenlandes erstre- 
ckenden und durch viele Flüsse fruchtl)aren Baum 
nicht? Diese Frage hängt mit allem, was auf die Ge- 
schichte unsers Planeten Bezug hat, zusammen. Will 
man sich geologischen Träumen überlassen, und anneh- 
men, es seyen durch einen Einsturz des üceans die 
Steppen America's und die Wüste von Sahara ihres Pflan- 
zenwuchses beraubt worden, oder sie haben ursprüng- 
lich die Grundfläche eines Landsees gebildet, so begi-eift 
man, dafs Jahrtausende unzureichend warerl , um das 
Vorschreiten der Bäume und Sträucher vom Rande der 
nackten oder mit Gras bedeckten Ebenen gegen den 
Mittelpunct zu bewirken, und eine so ausgedelsnte Ebe- 
ne zu beschatten. Es ist schwieriger den Urrprung der 
nackten, in den Wäldern eingeschlossenen Savanen zu 
erklären, als die Ursachen auszumitteln, welche die 
Wälder und die Savanen, gleichmäfsig wie die Festlande 
und die Meere, innerhalb ihrer alten Grenzen zurück- 
halten. 

Zu Calabozo wurden wir im Hause des Verwalters 
der Pieal Hacieiida , Don IVliguel Consin mit der ge- 
fälligsten Gastfreundschaft empfangen. Die, zwischen 
den Gestaden des Guarico und des L'rltucu ^^'legene 
Stadt zählte damals nur noch 5ooo Einvvo'mer, aber 
Alles verkündigle einen zunehmenden Wohlstand. Der 

Reich- 



Kapitel XFII. 289 

Relchthum der meisten Einwolmer besteht ia Heerden, 
die von Pächtern besorgt wei'den, welche Hateros hei- 
fsen, vom Worte Hato , das im Spanischen ein auf" den 
Viehweiden ein/.ehi stehendes Haus oder Meyerey be- 
deutet. Weil die in den Llanos zerstreute Bevölkerung 
sich auf ifcwissen Puncten , vorzüg-lich um die Städte 
her anhäuft, so befinden sich um Calabozo her bereits 
fünf Dürfer oder Missionen. Man berechnet das auf 
den Weiden zunächst bey der Stadt befindliche Vieh auf 
bevläufig 98,000 Stücke. Es hall übrigens sehr schwer, 
sich eine richtige Vorstellung von den Viehheerden zu 
machen, welclie auf den Lilaiios von Caracas, von Bar-: 
celona, von Cumann und vom spanischen Guiana ihren 
Aufenthalt haben. Hr. Depons, welcher länger als ich 
in der Stadt Caracas verweilte und dessen s^tatistische 
Angaben meist genau sind, zählt in diesen weitläuftigen 
Ebenen , von den Mündungen des Orenoko bis zum 
See Maracayho, 1,200,000 Ochsen, 3,ooo,ooo Pferde und 
<)0,ooo Maullhiere. Den Ertrag der Hoerden bereclv 
net er zu 5,ooo,ooo Fr., wobey neben dem W^erth der 
Ausfuhr auch die im Lande selbst verbrauchten Häute 
in Anschlag gebi'acht sind. ^•') In den Pampas von 
Buenos-Ayres halten sich, wie man annimmt, 12,000,000 
Kühe und 3, 000,000 Pferde auf, dasjenige Vieh unge- 
rechnet, welches für herrenlos geachtet wird. *'-'3 

Ich will hier keine so allgemeinen, ihrer Natur 
nach sehr unzuverlässigen Berechnungen wagen, hin- 
gegen aber die Bemerkung machen, dafs die Besitzer 
der grofsen Halos den Betrag ihres eigenen Viehstan- 
des gar nicht kennen. Sie kennen nur die Anzahl des 
jungen Viehs, welches alljährlich mit einem Buchsta- 



*) Deports f voyage a la Terre-Fermc ^ Tom. I. p. 10. 
**) Azzara^ Voyage au Paraguay ^ Tom. 1. p. 3o< 
Mex. V. Hu'.iiboldii hist. Reiitn Hl jn 



29Ö 



Buch VI. 



berij oder mit dem jeder Heerde eigcntbümlichen Merk- 
mal bezeichnet wird. Die reichsten Eigenthüiner zeich- 
nen jähilich bis auf 14,000 Stücke^ von denen hinwie- 
der fünf- bis sechstausend verkauft werden. Amthchen 
Urkunden zufolge *) betrug die Ausfuhr der Thier- 
häut« der ganzen Capitania general jährlich, nur al- 
lein für die Antillen - Eilande ; 174,000 Ochsen- und 
li,5oo Ziegen - Häute. Bedenkt man nun, dafs diese 
Angaben auf den Douanen-Hegistern einzig nur be- 
ruhen, welche die durch den Sohleichhandel ausgeführ- 
ten Häute nicht befassen, so wird man geneigt zu glau- 
ben, die Berechnung von 1,200,000 Stücke Hornvieh,, 
welche sich in den J^lanos vom Rio Carony und vom 
Guanapiche bis zum Maracaybo-See aufhalten, sey viel 
zu niedrig. Der Hafen von la Guayra zählt für sich 
allein nur, von 1789 bis 1792, alljährlich 70,000 bis 
80,000 auf den Douanen- Büchern verzeichnete Häute, 
wovon kaum ein Fünftheil für Spanien. Zu Ende des 
achtzehnten Jahrhunderts betrug die Ausfuhr von Bue- 
nos- Ayres, nach der Angabe von Don Felix d'Azarra, 
800,000 Häute. Auf der spanischen Halbinsel werden 
die Cai'acas- Häute denen von Buenos -Ayres vorgezo- 
gen, weil diese letzteren, der längeren Reise wegen, 
beym Gärben zwölf vom Hundert Abgang leiden. Der 
südliche Theil der Savanen, gewühnlich Lilanos de 
arriba genannt, erzeugt viele Maullhiere und Ochsen j 
weil indefs seine Weiden überhaupt minder gut sind, SQ 
ist man genöthigt, die Thiere zur Mästung, ehe sie 
verkauft werden, in andere Ebenen zu bringen. Der 
Julano de Monai und alle Lilanos de ahaxo nähren 
weniger zahlreiche Heerden, aber ihre Weiden sind so 



*) In forme del Conde de Casa- Valencia ^ t'me schon öfter» 
von uns angeführte Handschrift. 



H a p i t e 1 XVII. ÜQI 

fruchlliar, Hafs sie für Hen Kiistenlied.irf Fl.'^ischwaai'e 
von vortrefflichem Gehalt liefern. Die Maulthiere, 
welclie im fünften Jahr erst zur Arbeit tüchtig werden 
und alsdann IMnIas de Saca heifsen, werd.-n schon 
hier mit 14 bis 18 Piaster bezahlt, und im Hafen ^ uo 
n»an sie einschifitj mit 25 Piaster, während auf den An- 
tillen-Eilanden ihr Preis üflers auf 60 bis So Pia>ter an- 
steir;t. Die Pferde der L>laiios stammen von der schö- 
nen spanischen Hace her und sind von kleiner Statur. 
Ihre, meist einförmige Farbe ist rüthlichbraun, oder 
die boy \Ailden Thieren gewöhnliche. Wechselweise 
durch Trockenheit und Ueberschwemmungen geplagt, 
von Insectenstichen und den Bissen der grofsen Fleder- 
mäuse goquält, führen sie ein beschwerliches und un- 
ruhiges Leben. Ihre guten Eigenschaften entwickeln 
sich und werden spürbar, wenn sie zuvor einige Mo- 
nate der Pflege des Menschen genossen haben. Ein 
wildes Pferd wird in den Pampas von Buenos - Ayres 
mit ^ bis i Piaster bezahlt 3 in den L,Ia7ios von Caracas 
mit 2 bis 3 Piaster 3 der Preis der Pferde steigt, im 
Verhältnifs wie sie gezähmt und für landwirthschaftli- 
che Arbeiten brauchbar geworden sind. Schaafe giebt 
es keine, und wir haben solche nur auf dem Plateau 
der Provinz Quito angelrofl'en. 

Die Hatos des Hornviehs haben in den jüngsten 
Zeiten durch herumstreifende Horden viel gelitten^ wel- 
che die Steppen durchziehen und die Thiere tödten, 
einzig um ihre Haut zu verkaufen. Es haben sich diese 
Räubereyen vermehrt, seit der Handelsverkehr mit dem 
untern Orenoko blühender geworden ist. Ein halbes 
Jahrhundert lang waren die Gestade dieses grolsfen Stro- 
mes, von der Ausmündüng des Apure bis zum Angostu- 
ra, den Missionarien- Mönchen einzig nur bekannt 
Die Viehausfuhr geschah ausschliplslich aui den Häier- 



292 Back VI. 

der Nortlküste, durch Cumana, Barcelona, Burburuta 
und Porto -Cabello. Gegenwärtig hat sich diese Kü- 
sten-Abhän^lükeit wesentUch vermindert. DerSüdtheil 
des flachen Landes hat vielfähige Verbindungen mit dem 
untern Orenoko angeknüpft, und dieser Verkehr ist um 
so lebhafter, als die, welche sich damit abgeben, den 
Verfügungen der Prohibitiv- Gesetze leicht entgehen 



mögen. 

Die gröfsten in den Llanos von Caracas vorkom- 
menden Heerden sind jene der Hatos von Merecure, 
ia Cruz, Belen, Alta Gracia und Pavon. Das spanische 
Vieh ist über Coro und Tocuyo in die Ebenen gekom- 
men. Die Geschichte hat den Namen des Colonisten 
aufbewahrt, welcher zuerst die glückliche Idee fafste, 
diese Weiden, worauf damals nur Damhirsche und 
eine grofse Art desAguti, Cavia Capybara, hier zu Lande 
CÄi^Hire genannt, angetroffen wurden, mit Hornvieh 
zu bevölkern. Christoval Rodriguez sandte die ersten 
Stücke davon, um's Jahr 1648, in die Lilanos. *) Er 
war ein Einwohner der Stadt Tocuyo, und hatte sich 
lange Zeit in Neu Granada aufgehalten. 

Wenn man von der „zahllosen Menge^'^ Hornvieh, 
Pferde und Maulthiere, die in den americanischen Ebe- 
nen leben, reden hört, so denkt man gewöhnlich nicht 
daran, dafs im civilisirten Europa, auf ungleich be- 
schränkterem Räume und bcy Ackerbau treibenden Völ- 
kern, nicht minder grofse Schaaren vorkommen. Frank- 
reich ernährt, nach Hrn. Pcuchet's Angaben, 6 Millionen 
Stücke grofses Hornvieh, worunter 3,5oo,ooo Zugoch- 
sen. In der österreichiscben Monarchie berechnet Hr. 
von Liechtenstern die Zahl der Ochsen, Kühe und 



*) Fray Pedro Simon ^ Not. 5. Cip, 14, >'o. J. p. J/i. 



Kapitel XVII. 293 

Kälber auf 18,400,000 Stücke. Paris allein nur ver- 
braucht jährlich i55,OüO Stücke Hornvieh. *) Deutsch- 
land bezieht jährlicl» i5o,ooo ungarische Ochsen. Die 
in kleinen Heerden lebenden Hausthierc werden bey 
tlen Ackerbau treibenden Völkern als ein untergeordne- 
ter Theil des Staalsvermügens betrachtet. Auch regen 
sie. die Phantasie gar viel weniger auf, als die uni1)er- 
•chweifenden Horden von Ochsen und Pferden, welche 
die einzige Bevölkerung des tuibebauten Landes der 
neuen Welt ausmachen. Die Civilisirung und die ge- 
sellschaftlichen Einrichtungen sind wie der menschli- 
chen Bevölkerung, so hinwieder der Vermehrung nütz- 
licher Thierarten günstig. 

ZuCalabozo, mitten in den Llanos^ fanden wir eine 
Electrisir- Maschine mit grofsen Scheiben, Electropho- 
re , Batterien, Electricitätsmesser, einen Apparat bey- 
nahe eben so vollständig, wie unsere Naturforscher in 
Europa besitzen. Alle diese Werkzeuge waußn nicht 
in den vereinten Staaten gekauft; sie waren die Arbeit 
eines Menschen, der nie ein solches Instrument gesehen 
hatte, der Niemand darüber zu Bath ziehen konnte, 
und dem die Erscheinungen der Electricität einzig nur 
durch das Lesen der Schrift von Sigand de la Fond 
und aus Franklin s Denkschriften bekannt geworden 
waren. Hr. Carlos del Pozo Cdies ist der Name des ach- 
tungswerthen und sinnreichen Mannes) hatte anfangs 
cylindrische Electrisir- Mascliinen verfertigt, wozu er 
grofse Glasglocken gehrauchte, denen er die Hälse ab- 



*) Darunter sind 72,000 Ochsen, 9000 Kühe, 74,000 Kälber, 
der amtlichen Z.ihlung von 1817 zufolge, wo die Bevölke- 
rung von Paris auf 715/766 Individuen anstieg. Danehen 
verbraucht Paris 528,000 Schaafe und 74,000 Schweine; ins 
gesammt 77,500,000 Pfunde Fleisch. 



294 Buch VI. 

bracli. Seil etlichen Jahren erst war es ihm gelungen, 
sich ühei' Philadelphia zvvey Glasscheiben zu verschaf- 
fen^ mittelst deren er eine Scheiben- Maschine verferti- 
gen und ansehnlichere elechische Wirkuniren erzielen 
konnte. Man kann sich leicht vorstellen, wie ^rofse 
Schwierigkeiten Hr. Pozo zu überwinden halte, nach- 
dem ilim die ersten Schriften über die Electricität be- 
kannt geworden waren, und er den muthigen Ent- 
schlufs gefafst halte, sich durch eigene Anstrengung 
alles dasjenige, was er in den Büchern beschrieben fand, 
zu verschaffen. Bis dahin halle er nur allein das Er- 
staunen und die Bewunderung genossen, welche seine 
Versuche bey völlig rohen ununterrichtelen Personen, 
die nie aufser die einsamen Ltlanos hinausgekommen 
waren, hervorbrachten. Unser Aufenthalt in Calabozo 
gewährte ihm ein ganz neues Vergnügen. Es mufste, 
wie leicht zu erachten, die Meinung zweyer Heisender, 
iwelche seine Vorrichtungen mit den in Europa ge- 
bräuchlichen vergleichen konnten, einigen Werth für 
ihn hal)en. ich führte mehrere Electrometer, von 
Stroh, von Korkkugeln und geschlagnen Goldblättchen 
bey mir, auch eine kleine Leydner Flasche, die man 
nach dem Verfahren von Ingenhoufs dürcli Reibung la- 
den konnte, und die ich zu physiologischen V^ersuchen 
gebrauchte, Hr. Pozo drückte seine Freude lebhaft aus, 
als er zum erstenmal Instrumente sah, welche er nicht 
verfertigt hatte, und die den seinigen nachgeahmt schie- 
nen. Wir zeigten ilnn auch die Wirkung der Berüh- 
rung ungleichartiger Metalle auf (He Nerven der Frösche. 
Galvani's und Volta's Namer waren in diese weiten Ein- 
öden noch nicht vorgedrungen. 

Nach den electrischen Apparaten, welche der sinn- 
reiche Kunstflelfs eines BevA ohners der L,Ianos verfer- 
tigt halle, konnte in Calabozo nichts unsere Theilnahme 



Kapitel XVII. 296 

lebhafter Anregen als die Gymnoten, Uelclie belebt« 
electrisohe Vorrichtuikgen sind, iieil langen Jahren, >o 
zu sagen alltngllcli, mit den Erscheinungen der galvani- 
schen Electricität beschäftigt j dem Enthusiasmus hin« 
gegeben, der zum Nachforschen anspornt, aber das 
Entdeckte richtig zu sehen hindert, und naciideni ich, 
ohne daran zu denken, wirkliche galvanische Säulen 
Cpiles^ durch das Aufeinanderlegen metallischer, mit 
Muskelsubstanz oder einer andern feuchten Z^vischen- 
lage wechselnder Scheiben *) verfertigt hatte, war 
mir gleich nach der Ankunft in Cumana sehr angelegen 
electrische Stahle zu erhalten. Man hatte uns oft solche 
versprochen, und jedesmal ward unsere Hoffnung ge- 
täuscht. Das Gold sinkt in seinem Werthe, im Ver- 
hältnisse wie man sich von den Küsten entfernt 5 und 
womit soll man das unerschütterliche Phlegma des Volks 
überwinden, wenn die Gewinnsftcht nicht aufgeregt 
werden kann? 

Die Spanier bezeichnen mit dem Namen Temhla- 
dores (^die Zittern machen, eigentlich Zitterer} alle 
electrischen Fische. Es finden sich solche in dem Antil- 
len-Meer an der Küste von Cumana. Die Guayquerier- 
Indianer, die glücklichsten und geübtesten Fischer in 
diesen Gegenden, brachten uns einen Fisch, der, wie 
sie behaupteten, ihnen die Hände betäubte. Dieser 
Fisch steigt den kleinen Flufs Manzanares hinauf, und 
bildet eine neue Art der Rochen (Raja), an welcher 
die Seitenflecken nur wenig sichtbar sind, und der dem 
galvanischen Krampffisch ziemlich ähnlich ist. Die Zit- 
terrochen, mit einem ihrer durchsichtigen Haut wegen 
von aufsen sichtbaren electrischen Organ versehen, bil- 



*^ Siehe meine Versuche über die gereizte Muskelfaser. B. I, 
S. 74. Taf. 3. 4- 5. 



596 Buch VI. 

den eine von den eigentlich sogenannten Rochen ver- 
schiedene Gattung oder Gattungs- Abtheilung. *> Der 
Krampffi'^ch von Cumana war ungemein lebhiift und in 
seinen Muskelbewegungen sehr kräftig, dennoch aber 
leiglen sich die electrisQiien Krschütterungen, die wir 
von ihm spürten, nur überaus schwach. Sie wurden, 
stärker, als das Thier durch Berührung von Zink und 
Gold galvanisirt ward* Andere Temhladores , wahr- 
hafte Gymnoten oder Zitteraale, halten sich im Rio- Co- 
lorado, im Guarapiche und in mehreren kleinen, durch 
die Missionen der Cbaymas- Indianer fliefsenden Gewäs- 
sern auf. Sie finden sich 7,war auch in den grofsen 
americanischen Flüssen, dem Orenoko, dem Amazo- 
nenstrom und dem Metaj allein die starke Strömung 
und das tiefe Wasser machen es den Indianern Yinmög- 
lich, sie zu fangen. Sie sehen diese Fische auch selte- 
ner, als sie hingegen beym Schwimmen oder Baden inj 
Flufs elcctrische Erschütterungen von ihnen crlialten. 
In den L,h(nos ^ und sonderheitlich in der Gegend von 
Calabozo, zwischen den Meyereyen von Morichal und 
den Missionen de arriha und de ahaxo sind die Sumpf- 
wasser und die Gewässer, welche sich in den Orenoko 
ergiefsen (der Rio-Guarico, die Connos von Rastro, Be- 
rito lind Paloma) mit Zitteraalen angefüllt. Anfangs 
wünschten wir, die Versuche in unsrer Wohnung zu Ca- 
labozo selbst anzustellen 5 aber es herrscht unter den! 



*) Cui>ier^ Regne animaly T. 11. p. iJiG. Im Miltelmeer kom- 
mpn , nach der Angabe des Hrn. Risso, vier Arten des Zitter- 
aales vor , die vormals alle unter dem Tiamon Raja torpedo 

- vermengt waren, nämlich: Torpedo «a/Av, T. unimacu/atOj 
T. galuajiii und T. marmorata. Der Zitteraal vomVorgebirg 
der guten Hoffnung, mit welchem Hr. Todd neuerlich Versu- 
che angestellt hat, ist ohne Zweifel eine noch unbeschriebene 
Art. 



Kapitel XVIL 2^7 

Volk eine so grofso unfl übcrtrlAlipne Furcht vor rlen 
electrischcn Erschütterungen des Zitteraales, dafs wir 
(Irov Tage lang dpien keine erhülton konnten^ ohgleich 
ihr Fang sehr leicht ist, und nir für jeden efrofsen und 
starken Fisch den Indianern zwey Piaster verheifsen hat- 
ten. Diese Scheue der Eingebornen ist vini so auffallen- 
der, als sie ein IVIittel nicht anzuwenden versuchen, 
von dem sie doch mit vieler Zuversicht sprechen. So 
oft sie nämlich über die Wirkungen der Temhladores 
befragt werden , so versichern sie die wcifsen Menschen 
jedesmal, man könne, wenn man Tabak kaut, jeno 
ohne Nachtheil berühren. Dies Mährchen vom Ein- 
flufs des Tabaks auf die thierische Electricität ist auf 
dem FestJand des südlichen America eben so allgemein 
vei'breitetj wie unter den Matrosen der Glaube an dia 
Wirkung des Knoblauchs und des Unschlitts auf die 
Magnetnadel. 

Des langen vergeblichen Wartens müde, und weil 
ein lebendiger, aber schon geschwächter Krampffisch, 
den man uns gebracht hatte, nur sehr unsichere Er- 
gebnisse darbot, verfügten wir uns nach Canno deBera, 
um daselbst im Freyen und am Ufer selbst unsere Ver- 
suche anzustellen. Am ig. März früh Morgens bega- 
ben wir uns in das kleine Dorf Rastro de abaxo : von 
da führten uns die Indianer zu einem fliefsenden Wasser, 
das die trockne Jahrszeit über einen, von schonen Bäu- 
men, *) von Clusien, Amyris und wohlriechenden Mi- 
mosen eingefafsten Behälter schlammigten Wassers bil- 
det. Es hält sehr schwer die Zitteraale mit Netzen zu 
fangen, um der aufserordentlichen Behendigkeit dieser 
Fische willen, die gleich Schlangen sich in den Schlamin 



*) Amyris laterljlora , A. coriacea, Laurus Pichurin, Myroxy- 
lon jecundunif Malpigliia reiiculata. 



29S Buch VI. 

vergraben. Den Rarhasco wollte man niclit fi^ebrau- 
cKen ; worunter die Wurzeln der Piscidia erilhryna, 
dftr Jacqulnia armillaris und einiger Arten des l^hyllan- 
thus verstanden werden, welche, in ein Snmpfwasser 
geworfen, die darin befindlichen Thiere betäuUen, und 
woduich die Zitteraale wären geschwächt worden. Die 
Indianer sagten uns, sie wollen mil Pferden fischen^ 
emharhasciir con cavalLos, *') Wir hatten Mühe uns 
einen Begriff von diesem aufserordentlichen Fischfange 
lu machen, sahen aber bald unsere Führer von der Sa-i 
vane zurückkommen, wo sie ungezähmte Pferde und 
Maulthiere zusammengetrieben hatten. Sie brachten 
derselben etwa dreyfsig, die nun in den Sumpf zu gehen 
genüthigt wurden. 

Der aufserordentliche , durch das Stampfen der 
Pferde verursachte Lürm treibt die Fische aus dem 
Schlamm hervor und reizt sie zum Gefecht an. Diese 
grofsen, wie Wasserschlangcn aussehfnden, grün und 
gelben Aale schwimmen auf der Oberfläche des Was- 
sers und drängen sich unter den Bauch der Pferde und 
Maulthiere. Ein Kampf zwischen Thieren von so ganz 
verschiedener Bildung gewährt ein höchst malerisches 
Schauspiel. Die Indianer mil Harpunen und langen 
und dünnen Bambusstäben versehen , umzingeln den 
Sumpf; einige von ihnen steigen auf Bäume, deren Aeste 
sich wagerecht über die Wasserfläche ausdehnen. Durch 
ihr wildes Geschrey und mittelst ihrer langen Hohre 
hindern sie die Pferde sich aus dem Wasser an's Ufer 
zu retten. Die Zitteraale, vom Lärm betäubt, verthei- 
digen sich durch wiederholte Entladungen ihrer electri- 
achen Batterien. Eine geraume Weile scheint es, aU 



*) Eigentlich die Fische vermittelst der Pferde einsahlä/ern oder 
beiaiuchen. 



K a p { f r [ XVIL 299 

ob sie den Sieg davon tragen sollten. Viele Pferde er- 
liegen unter der Stärke der unsichtbaren Schläge, die 
sie von allen Seiten her an den empfindlichsten Lebens- 
organen erleiden : durch die Stärke und Menge der Schlä- 
ge betäubt, verschwinden sie unter dem Wasser. Mit 
gesträubter Mähne schnaubend, mit wilder Angst im 
lunkelnden Axige stehen andere wieder auf, und su- 
chen dem tobenden Ungewitter zu entfliehen. Aber 
die Indianer treiben sie in's Wasser zurück : nur ein- 
zelne mögen der wachsamen Aufsicht der Fischer ent- 
gehen 5 diese retten sich alsdann an's Ufer, straucheln 
bey jedem Schritt, dehnen sich, matt und erschüpft 
lind die Gliedmafsen von den electrischen Erschütterun- 
gen der Gymnoten betäubt, auf dem Sand aus. 

In weniger als fünf Minuten fanden sich zwey Pfer- 
de ertränkt, Der fünf Fufs lange Zitteraal drängt sich 
verschlagen unter den Bauch der Pferde, und es erfolgt 
eine Entladung in der ganzen Länge seines electrischen 
Organs, die gleichzeitig das Herz, die Eingeweide und 
den plexus caliacus der Nerven des Unterleibs trifft. 
Begreiflich mufs die Wirkung, die das Pferd davon er- 
leidet, ungleich viel heftiger seyn , als die der Schlag 
des nämlichen Fischers in dem Menschen verursacht, 
wenn er nur eines seiner äufseren Glieder berührt. Die 
Pferde sind wahrscheinlich nicht todt, sondern nur be- 
täubt. Sie ersaufen, weil der fortdauernde Kampf zwi- 
schen den übrigen Pferden und den Gymnoten ihnen 
das Aufstehen unmöglich macht. 

Wir zweifelten kaum mehr, es werde der Fisch- 
fang sich mit dem aufeinander folgenden Tod aller da- 
für gebrauchten Thiere endigen; aber nach und nach 
läfst die Wuth des ungleichen Kampfes nach 3 die er- 
müdeten Gymnoten zerstreuen sich. Sie bedürfen einer 



Zoo Buch P'J. 

langen Rulie *) und einer rcichliclien Nahrung, um 
wieder zu sammeln, was sie an galvanischer KTaft ver- 
schwendet haben. Die Maulthiere und die Pferde er* 
holten sich von ihrem S'chrecken, ihre Mähne sträuhte 
sich nicht mehr, und ihr Auge funkelte nicht länger 
angstvoll. Die Gymnoten näherten sich furchtsam dem 
Ufer, wo sie durch kleine, an langen Stricken l)efesligte 
Harpunen gefangen wurden. Wenn die Stricke völlig 
trocken sind, so fühlen die Indianer, während sie den 
Fisch emporheben, keine Erschütterung. In wenig Mi- 
nuten besafsen wir fünf grofse Aale, die meist nur leicht 
verwundet waren. Andere wurden gegen Abend auf 
gleiche Weise gefangen. 

Die Temperatur des Wassers, worin die Gymnoten 
sich gevvühnlich aufhalten, beträgt 26 bis 27 Grade. 
Man behauptet, ihre electrische Kraft nehmein kälte- 
rem Wasser ab 5 und sehr bemerkenswerth ist es, dafs 
überhaupt, wie bereits von einem berühmten Natur- 
forscher bemerkt worden ist, die, mit electrischen 
Werkzeugen, deren Wirkungen dem Alenschen fiihl- 
hiv werden, versehenen Thiere nicht in der Luft, son- 
dern in einer, die Electricilät leitenden Flüssigkeit vor- 
J^ommen. Der Zitteraal ist der grüfste unter den elec- 



*) Die Indianer Lcliaupten. wenn dir Pferde zwey Tage hin- 
tereinander in ein mit GyninnJen angefülltes Snmpf>vasser ge- 
trieben werden , so gehe am zweyien Tag keines derselben 
7,u Grund. Man vergleiche über den Gymnotenfang und 
über das ISäherc der in Calabozo gemachten Versuche eine 
besondere Abhandlung, die icli in meinen Obscrvations de 
Zoologie , T. 1. p. 59 — 92 geliefert habe , und meine Ansicht 
ten der Natur ^ B. I, S. 5; — 40. Hier konnte ich neue, 
auf eine genauere Kenntnifs der Wirkung der elcctromo- 
torischen Vorrichtungen gegründete Betrachtungen hinzu- 
fügen. 



Kapitel XVII. 3oi 

trischen Fischen ; ich liahe solche gemessen , die fünf 
Fufs bis XU fünf Fufs.drey Zoll lang waren. Die India- 
ner versicheiten ^ noch grüfscro gesehen zu haben. 
Wir fanden , dafs ein drey Fufs und zehn Zoll langer 
Fisch zwölf Pfund an Gewicht Jiielt. Der Ouerdurch- 
schnitt des Körpers betrug (die in Gestalt eines Kiels 
verlängerte hintere Flofsfeder ungerechnet) drey Zoll 
fünf Linien. Die Gymnoten von Canno de Bera haben 
eine schöne olivengrüne Farbe 5 Aar Unterthcil des 
Kopfs ist gelb und rothgefleckt. Zwey Reihen kleiner 
gelber Flecken laufen symmetrisch längs dem Rückea 
vom Kopf bis an's Schwanzende. In jedem dieser Fle- 
cken üHnet sich ein Ausleerungsgang : auch ist die Haut 
des Thiers beständig mit einem Schleim überzogen, 
der, wie V^olla dargethan hat, ein zwanzig- und dreifsig- 
mal besserer Leiter der Electricität ist, als reines Was- 
ser. Ueberhaupt ist es bemerkenswerth, dafs von allen, 
bisher bekannten *) electrischen Fischen der verschie- 
denen Welttheile kein einziger eine Schuppendecke hat. 



*) Mit einiger Zuverlässigl'.eit kennt man bisher nur sieben 
«lectrische Fische: Torpedo narke Risso , T. unimaculata^ 
T. marrnorata, T. gahanii, Silurus e/ectricus , Tetraodon 
electricus ^ G^mnotus electricus. Es scheint noch unentschie-/ 
den, ob der Trichiurus indicus eiectrische Eigenschaften be- 
sitzt (Cuvicr, regne animal^ T. 2, p. 247). Allein die Gat- 
tung Torpedo ist von den eigentlich sogenannten Rochen, 
(Raja) sehr verschieden; viele Arten derselben leben in den 
Aequalorial-Meeren und wahrscheinlich giebf es mehrere spe- 
cifisch verschiedene Gymnoten. Die Indianer erzählten uns 
\o\\ einer dunhelscliv.arzen und überaus krilftigeii Art, die in 
den Sumpfwassern von Apure wohnt und nie über zwey Fufs 
lang wird, die wir uns aber nicht verschaffen konnten. Der 
Raton vom Piio de la Magdalena , welchen ich unter dem 
ISamen Gymnotos aequi/abiaius (Olis. de Zool. .. T. I. pl. «o. 
flg. 1.) beschrieben habe« bildet eine eigene Gattungsabthei- 



302 Buch VI. 

Der Zitteraal mag, gJoicli unseren Aalen, auf Jer 
Oberfläche des Wassers gern Luft verschlucken und 
einathinen. Es darf jedoch hit^raus nicht mit Hrn. Bajon 
gefolgert werden, dafs der Fisch, wenn er nicht Atliem 
holen könnte, zu Grund gienüC. Unsere Aale verwei- 
len einen Theil der Nacht auf Wiesengründen, woge- 
gen ich einen sehr starken Zitteraal, der sich aufser 
den Wasserbehälter geschwungen hatte, auf dein trock- 
nen Boden sterben sah. Hr. Provencal und ich h.nhen 
in der Abhandlung über das Atheinholen der Fische dar- 
gethan, dafs ihre feuchten Kiemen die gedoppelte Ver- 
richtung leisten können , einerseits die atmosphärische 
Luft zu zersetzen und anderseits sich den im Wasser 
aufgelösten Sauerstoff anzueignen. In der Luft wird 
ihr Athemholen nicht untfjrbrochen 5 sie ahsorbiren aber 
den gasförmigen Sauerstoff, wie ein mit Lungen verse- 
henes heptil thut. Die Karpfen werden bekanntlich 
fett, wenn man ihnen aufser dem Wasser Nahrung reicht 
und von Zeit zu Zeit ihre Ki Miien mit feuchtem Moo- 
se benetzt, um das V^ertrocl'.nen derselben zu hindern. 
Die Fische dehnen ihre Luftmündungen im Sauerstoff- 
gas stärker aus, als im Wasser, ihre Temperatur bleibt 
indefs die nämliche, und sie leben eine gleich lange 
Zeit in der Lebensluft und in einer Mischung von 90 
Theilen Stickluft und 10 Theilen Sauerstoff. Wir ha- 
ben gefunden, dafs Schleihen CCyprinus tinea) unter 
Glasglocken, die mit Luft angefüllt waren, innerhalb 
einer Stunde einen cubischen hallien Centlmeter Sauer- 
stoff verschlucken. Diese Verrichtung geschieht aus- 



lung ; er ist ein ungesclnippter Carapo , ohne electrisches Or- 
gan. Dieses letztere mangelt auch völlig hejm hrasiliauischen 
Car«po, so wie hev allen Rochen, die Hr. Cuvier auf mein 
Ansuchen nochmals im untersuchen die üefallisJ^tit halte- 



Kapitel XVII. 3o3 

schliefslich durch die Kiemen; indem Fische, denen man 
Halsbänder von Kork unilegt, uad deren Kopf aulscr 
donj njil Luft ^efiillltMi Geläise bleibt, durch ihren übri- 
gen Küi-per niclil auf den Sauerslofl' wirken. *) 

Die Schwimmblase des Gymnoten, **) deren Da- 
seyn Hr. Bloch mit Unrecht geläugnet hat, ist bey ei- 
nem drey Fufs und zehn Zoll langen Fische zwey Fufs 
und fünf Zoll lang. Von der äufseren Haut ist sie durch 
eine Fettmasse gesondert, und sie ruht aut den electri- 
schen Organen, die über zwey Drillheile des Thieres 
anfüllen. Die gleichen Gefäfse, welche sicli zwischen 
die Blätter oder Platten dieser Organe einschieben und 
dieselben bey Querdurchschnitten blutig machen, geben 
auch der äufseren Oberfläche der Schwimmblase zahl- 
reiche Aeste ab. Ich habe in hundert Theilen der Luft 
der Schwimmblase 4 Theile Sauerstoff und qö Theile 
Stickstoff gefunden. Die Marksubstanz des Gehirns 
zeigt nur eine schwache Aehnlichkeit mit dem eyweifs- 
artigen und gallartigen Stoff der electrischen Organe; 
hingegen erhalten beyde Substanzen gleichmäfsig eine 
grofse Menge Pulsaderblut, das in ihnen desoxidirt 
wird. Wir wiederholen bey diesem Anlafs die Bemer- 
kung, dafs durch eine sehr verstärkte Thätigkeit in den 
Verrichtungen des Gehirns der Andrang des Blutes 
zum Kopf gleichmäfsig vermehrt wird, wie durch die 



*3 Memoires de la SociHk cC Arcueil, T. 2 , p. 398. Ge-r 
schiebt etwa das Aibeinholen in der Luft mittelst der Dazwi- 
schenkunft einer sehr dünnen Wasserschichle , welche die 
Kiemen Lefeuchtet? 

**) Hr. Cuvier hat mir, seit ich in Europa zurücli bin, gezeigt, 
dafs heytn GymnoCuj electricus^ neben der grolsen Schwimm- 
blase, eine zweyte nach vorn liegende kleinere vorkömmt, 
die der gehörnten Schwimmblase gleicht, welche ich vom 
Gymnotui ae(juilubiacus abgebildet habe. 



3o4 Buch ri. 

Tliätiffl<eil der Muskelbewegung die Desoxidirung des 
arteriellen Blutes beschleunigt wird. Welchen Contrast 
bilden die Zahl und Durchmesser der Blulgefilfse des 
Gymnoten mit der kleinen Masse seines Muskelsvstems ! 
Es erinnert dieser Contrast den Beobachter, dafs drey 
son^t selir ungleichartig erscheinende Lebensverrichlun- 
gen, die Verrichtungen des Gehirns, diejenigen des 
electrischen Organs, und die der Muskeln, gleichmä- 
fsig des Zuflus!-es und der Mitwirkung des arteriellen 
oder oxigenirten Blutes bedürfen. 

Es wäre verwegen, sich den ersten Erschüiternn- 
gen eines sehr grofsen und stark gereizten Gymnoten 
auszusetzen. Erhält man zufälliger Weise einen Schlag, 
ehe der Fisch verwundet oder durch lange Verfolgung 
ermattet ist, so sind Schmerz und Betäubung so heftig, 
dafs sich die Empfindung, welche man erleidet, gar 
nicht ausdrücken läfst. Ich erinnere mich nicht, durch 
die Entladung einer grofsen Leydner Flasche je eine so 
furchtbare Erschütterung erlitten zu haben, als die war, 
da ich unvorsichtiger Weise einst beyde Füfse über ei- 
nen Gymnoten legte, der eben aus dem Walser gezogen 
ward. Ich fühlte den ganzen Tag durch in denKnieen 
und fast in .dien Gelenken den empfindlichsten Schmerz. 
Um sich von dem bedeutenden Unterschied zu überzeu- 
gen, der zwischen den durch die V^oltaische Säule und 
die electrischen Fische verursachten Empfindung ob- 
■waltet, müssen die letzteren berührt werden, wenn sie 
schon sehr ermattet und geschwächt sind. Die Gym- 
noten und die Zitterroche verursachen alsdann einen 
Schauer (tressaillement), *) der sich von der auf die 
electrischen Organe gestützten btelle bis zum Elbogen 
fortpflanzt. Man glaubt, bey jedem Schlag eine innere 
Schwin- 

*;) Subsultus tendinum. 



Kapitel XVIl. 3o5 

Sclivving-ung zu verspüren, die zwey bis drey Secun- 
den dauert und worauf eine schmerzhafte Betäubung 
folgt. Auch nennen die Tau)anaken- Indianer in ihrer 
bedeutsamen Sprache den temhlador ariinna ^ Aas, will 
sagen y den Liühmenden. 

Die Empfindung-, welclie die schwachen Erschüt- 
terungen eines Gymnoten erregen, kam mir mit dem 
schmerzhaften Schauer nahe verwandt vor, der mich 
bev jeder Berührung zwey verschiedener Metalle ergrift', 
welche auf die durch Kanthariden bewirkten Wunden- 
steilen des Kückens gelegt wurden. "••') Dieser Unter- 
schied der durch electrische Fische und durch die Säule 
oder eine schwach geladene Leydner Flasche erree^ten 
Empfindung war allen Beobachtern auffallend j es steht 
derselbe jedoch keineswegs in Widerspruch mit der 
vermutheten Identität der Eleclricilät und der galvani- 
schen Verrichtung der Fische. Die Electricität kann 
die nämliche, ihre Wirkungen aber können verschie- 
dentlich modificirt seyn,' durch die Einrichtung der 
electrischen Apparate, durch die Stärke der Flüssigkeit, 
durch die Schnelligkeit ihrer Strömung, durch eine 
eigen tliümliche Wirl^samueit. 

Im holländischen Guiana, zu Demerary zum Bey- 
spiel, wurden vormals die Gymnoten zur Heilung von 
Lähmungen gebraucht. Zur Zeit, wo die europäischen 
Aer/te grofses Vertrauen in die Heilkraft der Electrici- 
tät setzten, liefs ein Wundarzt aus Essequibo^ Hr. Van- 
deriott, in Holland eine Abhandlung üher die Heil- 
kriifte der Gvynitoten drucken. Diese electrischen Cu* 
ren finden sich bey den americanischen Wilden, wie 
in der Vorzeit bey den Griechen. Scribonius Largus, 



*) Versuche über die gereizte Muikelfas4r y Th. I, S. 3i3 — 

029. 
Alex. M, JJumioldis hiit Rtistn. IW- %Q 



3o6 Buch VL 

Galcnus und Dioscorides melden, dafs der Zitterroche 
Kopfschmerzen, Migrainen und die Gicht heilt. Von 
ähnlichem Heilverfahren habe ich in den von mir be- 
suchten spanischen Colonien nichts gßhürlj hingegen 
kann ich versichern, dafs nach vierstündigen anhalten- 
den, mit den Gymnoten angestellten V^ersuchen Hr. 
Bonpland und ich bis am folgenden Tag eine Schwä- 
che in den Muskeln, einen Schmerz in den Gelenken 
und öin allgemeines Uebelseyn, als unzweifelhafte Wir- 
kung einer heftigen P«,eizung des Nervensystems, fühlten. 
Die Gymnoten sind weder geladene Leiter, noch 
Batterien , noch electro - motorische Vorrichtungen, 
durch die man Erschütterungen empfängt, so ofl man 
sie mit einer Hand berührt, oder zu Bildung des leiten- 
den Bogens zwischen ungleichartigen Polen beyde Hän- 
de anlegt. Die electrisclie Wirksamkeit des Fisches 
hängt einzig nur von seinem Willen ab, indem er ent- 
weder seine electrischen Organe nicht immer geladen 
hält, oder aber, sey es durch die Absonderung irgend 
einer Flüssigkeit, sey es durch ein anderes, uns eben so 
räthselhaftes Mittel, die Wirksamkeit seiner Organe 
nach aufsen hin leiten kann. IsoJirt oder nicht isolirt, 
versucht man üftcrs den Fisch zu berühren, ohne die 
mindeste E'rschülttMung zu verspüren. Wenn Hr. Bon- 
pland ihn am Kopf oder mitten am Leib fafste, während 
ich den Schwan/, hielt und wir, auf feuchtem Boden 
Stehend, einander die Hand nicht gaben, erhielt derEin© 
von uns Schläge, die der Andere nicht fühlte. Es hängt 
von dem Gymnoten ab, einzig nur gegen den Punct 
hinzuwirken, wo er sich am stärksten gereizt glaubt. 
Die Entladung geschieht alsdann durch diesen einzigen 
Punct, und nicht durch don ihm zunächst befindlichen. 
Von zwey Personen, welche mit dem Finger den Bauch 
des Fisches einen Zoll weit von einander und gleich- 



Kapitel XVII. So? 

zeitig berühren, ist es bald die eine, bald die andere, die 
den Sclilag empfangt. Hinwieder wenn eine isoiirte 
Person den Schwanz eines starken Gymnoten fafst, wäh- 
rend eine andere ihn an den Kiemen und an der Brust- 
floi'sfeder kneipt, so verspürt öfters nur jene erstere die 
Errchütlerung^. Wir konnten nicht finden, dafs diese 
Verschiedenheiten auf Rechnung der Trocltenheit oder 
Feuchtiü^keit unsrer Hände, odo)- ihres ungh^ichen Lei- 
tungsvermögens gebracht werden könnten. Der Gym- 
note schien seine Schläge bald durch die Gesammt- 
oberfläche seines Körpers, bald durch einen einzelnen 
Theil desselben zu leiton. Diese Wirkung bezeichnet 
weniger eine partielle Entladung des aus einer Unzähl- 
baren iVIenge Blättchen zusammengesetzten Oi'gans, als 
vielmehr das Vermögen des Thiers (vielleicht durch die 
augen]>liclvliche Absonderung einer sich im Zellgewebe 
verbreitenden Flüssigkeit), die Verbindung seiner Or- 
gane mit der Haut nur auf einen sehr engen Kaum zu 
beschranken. 

Das Vermögen des Gymnoten (durch Gehirn - und 
^^erveneinüufs) , seine Schläge nach Willkür zu schleu- 
dern und zu leiten, wird vollends aufs unzweydeutigste 
durch die mit völlig zahmen Gymnoten in Philadelphia 
Und Itürzlich in Stockholm *^ angestellten Versuche 



*J Durch die Herren WilÜamson und FahlLerg. Der letztere 
meldet in einer den Vetetiih. Acad. ny handl. quart. 2. (1801), 
pag. 122 — i56 einverleibten Nachricht Folgendes: ,,Der 
Gymnote. der dem Hrn. fsorderling aus Surinam nach Stock- 
holm gesandt ward, hat länger als vier Monate in einem Zu- 
stande vollkommner Gesundheit geleht. Seine Länge betrug 
3 7 Zoll, und die Schläge, tvelche er versetzte, waren, vorzüg- 
lich in der Luft, so heftig, dafs ich beynahe nicht wufste, wie 
ich mich bevm Fortbringen des Fisches von einem Ort zum 
andern durch nichtleitende Korper dagegen schützen solltfe. 
Sein Magen war «ehr klein : er frafs nur wenig auf einmal; 



3o5 B n c h ri 

erwiesen, Naclidem man sie lange hatte hungern las- 
sen, lötlteten sie kleine Fische, die in den Zuber ge- 
brac})t wurden, aus der Entfernung. Sie wirkten von 
weitem her, das will sagen, ihr clectrischer Schlag 
durchzog eine sehr dichte Wasserschichte. Man darf 
sich nicht wundern, dafs man in Schweden an einem 
einzigen Gvmnoten beobachten konnte, was wir an ei- 
ner grofsen Zahl derselben in ihrem Vaterland nicht 
sahen. Weil die electrische Wirksamkeit der Thiere 
eine L^ehensverrichtiing und ihrem Willen unterworfen 
ist, so hängt sie nicht ausschliefslich von ihrer Gesund- 
heit und Stärke ab. Ein Gymnote, der die Ueberfahrt 
vor^ Surinam nach Philadelphia gemacht hat, gewöhnt 
sich an das Geftingn fs, auf das er beschränkt ist 5 im 
Zuber nimmt er allinählig wieder seine früheren Ge- 
tvohnheiten der Flüsse und Sumpfvvasser an. In Cala- 
bozo ward uns ein im Netze gefangener electrischer Aal 
gebracht, der mithin völlig unverletzt war. Er frafs 
Fleisch und verursachte den kleinen Schildkröten und 



dagegen aber öfters. Lebendigen Fischen näherte er sich, 
indem er (aus der Entfernung) einen Schlag gegen sie schleu- 
derte , dessen Stärke mit ihrer Gröfse in Verhällnifs stund, 
ISur selten tättschte sich der Gymnote in seinem Urtheil; ein 
einziger Schlag war fast immer hinreichend, um den Wider- 
stand zu überwinden (die Hindernisse nämlich , welche die je 
nach der Entfernung mei)r oder weniger dicliten VVasser- 
schichtcn der electrischen Strömung enlgegenselzlen). Wenn 
ihn stark hungerte , so schleuderte er auch wohl Sciihige ge- 
gen die Person ab , welche ihm täglich gekochtes oder rohes 
Fleisch brachte. An Giiederflufs Leidende kamen und 
berührten ihn, in der Hofl'nung geheilt zu werden. Wenn 
er beym Hals und Schwanz zugleich gelafst ward, so erfolg- 
ten stärkere Erschütterungen, als hey der Berührung mit 
einer Hand. Kurze Zeit vor seinem Tod halte sich die electri- 
sche Kraft beinahe ganz verloren." ^^ 



n a p i t e l XVII. 3o9 

Fröschen, die, imit der Gefahr unbekannt, sich ver- 
traulicli auf den Kücken des Fisches setzen wollten, 
nicht geringen Schrecken. Die Frosche empfiengen 
die Erschütterung nicht eher, als in dem Augenblick, 
wo sie den Körper des Gymnoten berührten. Als si» 
wieder zur Besinnung kamen, flüchteten sie sich aus 
dem Zuber 5 und nie sie nochmals in die Niihe des Fi- 
sches gebracht wurden , entsetzten sie sich über seinen 
blolsen Anblick. Von einer mittelbaren Wirkung (ac- 
tion en distance) bemerkten wir damals nichts 5 unser 
eben erst gefangener Gymnote war aber auch nicht hin- 
länglich zahm, um Frösche anzugreifen und zu verzeh- 
ren. Wenn ein Finger oder Metallspitzen auf eine halbe 
Linie Entfernung von den electrischen Organen gehal- 
ten wurden, so war keine Erschütterung fühlbar. Viel 
leicht nahm das Thier die Nähe eines fremden Körpers 
nicht wahr, oder wenn es sie bemei'kte, so ist wahr 
scheinlich, dafs die im Anfang seiner Gefangenschaft 
ihm anwohnende Furchtsamkeit es abhält, kräftige Schlä- 
ge auszustofsen, die niclit eher erfolgen, bis es sich 
durch unmittelbare Berührung stark gereizt fühlt. Ich 
habe, während der Gymnote sich im Wasser befand, 
meine Hand mit oder ohne MetallbevvafTnung seinen 
electrischen Organen auf wenige Linien genähert, ohne 
durch die Wasserschichten irgend eine Erschütterung 
zu erhalten, während Hr. Bonpland das Thier durch 
unmittelbare Berührung kräftig reizte, und sehr heftige 
Stöfse von üim erhielt. Hätte ich die uns bekannten 
empfindlichsten Electroscopcn, die zugerichteten (prä- 
parirten) Frösche, in nahe Wasserschichten gebracht, 
so würden sie ohne Zweifel im Augenblick, wo der Gym- 
note seinen Schlag anderwärts zu richten schien, Zu- 
sammenziehungen verspürt haben. Zugerichtete Frö- 
sche,^ die unmittelbar auf den Körper eines Krampf- 



3io Buch VI. 

fisches gebracht werden, erleiden, naCh Galvani's Zoug"- 
Hifs, bey jeder Entladung^ des Fisches starke Zusam- 
menzieliungen. 

Das electriscbe Organ der Gvmnolen ist nur unter 
dem unmittelbaren Einflufs des Gehirns und des Her- 
zens wirksam. Wenn ich einen sehr kräftigen Gymno- 
ten mitten durchschnitt, so erhielt ich vom äufseren 
Theil allein nur Erschütterungen. Die Stärke der 
Schlägeist die nämliche, an welchem Theile des Kör- 
pers der Fisch berührt werden mag: inzwischen erfol- 
gen dieselben ain ehesten, wenn die Brustflofsfeder, das 
electrische Organ, die Lippen, die Augen, oder die 
Kiemen gekneipt werden. Ztiweilen sträubt sich das 
Thier heftig gegen den, wtlcher es am Schwanz hält, 
ohne die mindeste Erschütterung zu ertheilen. Ich 
empfand davon eben so wenig etwas, als ich in de^'Nähe 
der Brustflofsfeder des Fisches einen leichten Einschnitt 
machte und die Wunde durch einfache Berührung mit 
Zink- und Silber -Bewaffnung galvainsirte. Der Gym- 
note zog sich krampfhaft zusammen; wie durch eine 
ganz neue Empfindung erschreckt, streckte er den Kopf 
aus dem Wasser hervor 5 hingegen fühlte ich keine 
Erschütterung in den Händen, welche die Armaturen 
liielten. Die heftigsten IVIuskelbewegungen sind nicht 
immer von elffctrischen Entladungen begleitet. 

Die Wirkung des Fisches auf die Organe des Men- 
schen wird durch die nämlichen Körper geleitet und 
unterbrochen , welche auch die electrische Strömung 
eines geladenen Conductors , Loydner Flasche, oder 
einer Voltalschen Säule leiten oder unterbrechen. Ei- 
nige Abweichungen, welche wir wahrzunehmen glaub- 
ten, lassen sich leicht erklären, wenn man sich erinnert, 
dafs selbst die Metalle C^vie dies ihr Erglühen durch 
die Säule beweist) dem Durchgang der Eleclricität ein 



Kapitel XVII. 3i» 

leichtes Hindernifs entgegen stellen , und dafs ein 
schlechter Leiter die Wirkung einer schwachen Electri- 
cität auf unsere Organe vernichtet. M'ährend diejenige 
einer sehr starlicn durch ihn übertragen wird. Da die 
abstofsende Kraft, welche Zink und Silber zwischen 
einander darstellen, ungleich stärker ist als diejenige 
von Gold und Silber, so habe ich wahrgenommen, dafs, 
wenn ein präparirter und mit Silber armirter Frosch 
unter dem Wasser galvanisirt wird, der Leitungshogeri 
von Zink alsbald Erschütterungen hervorbringt, wenn 
einer seiner Endtheile auf drey Linien Entfernung sich 
den Muskeln nähert, während ein Bogenleiter von Gold 
keine Erregung der Organe hervorbringt, sobald diu 
zwischen Gold und Muskel befindliche Wasserschichte 
über eine halbe Linie dicht ist. Hinwieder, wenn man 
sich eines, aus zwey an ihren Enden zusammengelüthe- 
ten Zink- und Silber -Stücken bestehenden, Bogenleiters 
bedient, und das eine Ende des metallischen Bogens 
wie zuvor an den Hüftbeinnerven legt, so mufs, um 
Zusammenziehungen zu erzielen , das andere Ende des 
Leitungsbogens, nach Mafsgabe der abnehmenden Reiz- 
barkeit der Organe, den Muskeln stets mehr genähert 
werden. Gegen das Ende des Versuchs ist schon die 
dünn;te Wasserschichte hinreichend, uin den Ueber- 
gang der electrischen Strömung zu hindern, und nur 
die unmittelbare Berührung des Bozens und der Mus- 
kein mag Zusammenziehungen bewirken. Ich erinnere 
wiederholt an diese auf drey wandelbaren Verhält- 
jiissen beruhenden Umstände : jene sind der Grad der 
Wirksamkeit des electrischen Apparats, die Leitungs- 
fähigkeit der Zwischendinge, und die Reizbarkeit der 
die Eindrücke erhaltenden Organe. Der Mangel satt- 
sam wiederholter V^ersuche, mit Hinsicht auf diese drey 
wandelbaren Grundlagen^ ist die Schuld, dafs man in 



3i2 Buch VI. 

Beurtheilung der electrischen VVirksamIteit der Gymno- 
ten und Krampffische zufällige Umstände für solch© 
nahm, ohne welche die electrischen Erschütterungen 
nicht statt finden. 

Bey verwundeten Gymnoten, welche schwache, aber 
sehr gleichartige Erschütterungen liefern , fanden wir 
diese jederzeit stärker, wenn der Fisch mit einer metall- 
hewaffneten Hand berührt ward, im Gegensatz der Be- 
rührung mit der nackten Hand. Sie erzeigen sich hin- 
wieder auch stärker, wenn statt der Berührung mit ei- 
ner nackten oder mit keiner Metall- Bewaffnung verse- 
henen Hand heyde Hände zugleicli , nackt oder be- 
waffnet, aufgelegt werden. Diese Verschiedenheiten 
können, ich wiederhole es, alsdann nur wahrgenom- 
men werden, wenn man eine hinreichende Zahl Gym- 
noten besitzt, um die schwächsten darunter wählen zu 
können, und wenn die vollkommene Gleichheit der 
electrischen Entladungen den Unterscheid zwischen 
den wechselnden Empfindungen der mplallbewaffneten 
und der unbewaffneten Hand, einer oder beider nack- 
ter , einer oder beider metallbewaffneter Hände, wahr- 
zunehmen gestattet. Eben so sind auch nur bey klei- 
nen, schwachen und gleichförmigen Erschiilterungen 
die Schläge empfindlicher, wenn der Gymnote durch 
ieine Hand (ohne Kettenverband) mit Zink, als hinge- 
gen, wenn er mit Kupfer oder Eisen berührt wird. 

Die Harzsubslanzen , das Glas, das wolil getrock- 
nete Holz, das Hörn und sogar auch Knocken, die man 
gewöhnlich für gute Leiter hält, hemmen die Wirkung 
der Gymnoten auf den Mensch.en. Es war mir befremd- 
lich , nicht die mindeste Erschütterung zu fühlen, als 
ich mit nassen Siegellack&tangen die Organe des Fisches 
drückte, während das nämliche Thier, mit einem me- 
öUischen Stabe gereizt, mir die heftigsten Schläge ver« 



Kapitel XVII. 3i3 

setzte. Hr, Bonpland fulilte Erscliütterungon, als er 
einen Griiinoten auf zwey aus Palmfasern gedrehten 
Stricken tru«-; die wir fi":r vüllio- trocken g-ohalten hat- 
ten. Eine starke Entladung hahnt sich einen Weg- durch 
sehr unvollkommene Leiter. Vielleicht wird auch durch 
das im Loitunirshoo[^en vorhandene Hindernifs die Ex- 
plosion Tim desto schmerzhafter. Ich hahe ohne Erfolg 
den Gyrnnoten mit einem nassen braun- irdenen Topfe 
berührt j und hingegen heftige Schläge erhalten, als 
ich den Gvmnoten in den nämlichen Topf legte, weil 
die Berührung gröfser war. 

Wenn zwey Personen^, isolirt oder nicht isolirtj sich 
die Hand geben , und alsdann nur die eine den Fisch 
mit di^r nackten oder metallbevvaffneten Hand berührt, 
so werden die Erschütterungen meist beyden Personen 
fühlbar seyn. Docli geschieht es auch wohl, dafs bey 
den scbmerzliaften Schlägen einzig nur die in unmit- 
telbarer Berührung mit dem Fisch stehende Person den 
Stofs empfindet. Wenn der Gymnote dermafsen er- 
schöpft oder seine Erregbarkeit also geschwächt ist, dafs 
er, mit einer Hand allein gereizt, durchaus keine Schlä- 
j^e mehr ertheilen vviil , so mag man mittelst der Kette 
und der Anwendung beyder Hände nochmals lebhafte 
Erschütterungen erhalten. Jedoch findet selbst in die- 
sem Fall der electrische Stofs nur mit dem W^illen des 
Thieres statt. Zwey Personen, von denen die eine den 
Schwanz und die andere den Kopf hält, können den 
Gymnoten nicht zwingen, den Schlag zu ertheilen, 
wenn sie sich iey der Hand fassen und eine Kette 
bilden. 

Erscheinungen der Anziehung und Abstofsung 
konnte ich, auch bey der mannigfach veränderten An- 
wendung sehr empfindlicher Electricitätsmesser, bey 



3i4 B u c h FL 

Isolirung derselben auf einer Glasscheibe, u.nd während 
ich ungemein starke^ durcli i{en Electrometer gcleitole 
Erschütterungen erhielt, niemals wahrnehmen. Die 
Beobachtungen des Hrn. Fahlberg in Stocliholm tref- 
fen hiermit zusammen. Dieser iNaturforscher hat in- 
zwischen, wie vor ihm Walsh und Ingenhoufs in Lon- 
don, einen electrischen Funken bemerkt, wenn der 
Gymnote sich in der Luft befand, und die Leitungs- 
kette durch zwey auf Glas geklebte und eine Linie ab- 
stehende Goldbliittchen unterbrochen ward. Dagegen 
hat Niemand jemals einen aus dem Körper des Fisches 
selbst herausgehenden Funken bemerkt. In Calabozo 
haben wir ilin zur Nachtzeit und in völliger Finsternifs 
lange anhaltend gereizt, aber niemals irgend eine leuch- 
tende Erscheinung wahrgenommen. Als ich vier Gym- 
noten von ungleicher Stärke so ?.usammen gereiht hatte, 
dafs ich die Erschütterung des stärksten aus ihnen durch 
Coinmiinicalion y das will sagen, durch die Berührung 
eines der andern Fische empfieng, so bemerkte ich an 
diesen keine unruhige Bewegung, im Augenblick wo 
die Strömung durch sie geleitet ward. Vielleicht nimmt 
diese Strömung ihren We^ nur durch die feuchte Ober- 
„ fläche der Haut. Wir folgern jedoch hieraus keines- 
wegs, dafs die Gymnoton für die Electricität unempfäng- 
lich seyen, oder dafs sie im Grund der Sumpfwasser nicht 
gegeneinander ankämpfen können. Ihr Nervensystem 
jnufs den gleichen Einwirkungen unterliegen, wie die 
Kerven anderer Thiere. Ich habe auch wirklich die 
Beobachtung gemacht, dafs, wenn ihre Nerven nackt 
gelegt werden, sie bey der einfachen Berührung un- 
gleicher Metalle Muscalar - Zusammenziehungen er- 
leiden, und Hr. Fahlberg in Stockholm beobachtete, 
dafs sein Gymnote in ki'ampfhafte Bewegungen gerieth, 
wenn er sich in einem kupfernen Zuber befand, und 



h a p i t e l XVIL 3i5 

schwache Entladungen einer Leydner Flasche durch seine 
Haut geschahen. 

jNach aIhMi V^ersuclien , die ich mit den Gymnoten 
anaeslollt halte , w&r es mir hev der HücKkehr in Eu- 
ropa sehr wrclitig', die Verhaltnisse genau zu kennen, 
unter wolclion ein andorer electrischer Fisch ^ der Zit- 
lerrochü unserer Meere, Erschütterungen ertheilt oder 
nicht ertheilt. Unerachlet der von sehr vielen JMatur- 
forscliern mit ihm vorgenommenen Untersuchungen 
fand ich doch alles noch sehr schwankend, was von 
seinen electrischen Wirkungen bekannt geworden (ist. 
Man hat völlig willkürlich angenommen, dafs er wie 
eine Leydner Flasche wirkt, die man nach Belieben 
entladet, indem man sie mit beyden Händen berührt, 
und diese Voraussetzung scheint die Beobachter, wel' 
che sich mit diesen Forschungen abgaben, irre geführt 
zu hal>en. Auf unserer Heise durch Italien haben Hr. 
Gay - Lussac und ich zahlreiche Versuche mit den im 
Golf von Neapel gefangnen Zitterrochen angestellt. 
Diese Versuche bieten naehrere von den auf die Beobach- 
tungen der Gymnoten gegründeten ziemlich abweichen- 
de Er:rebnisse dar. Wahrscheinlich liejjt die Ursache 
dieser Verschiedenheiten mehr in der Ungleichheit der 
electrischen Kraft bey der Fische, als in der verschiede- 
nen Einrichtung ihrer Organe. '••') 

Wenn gleich die Kraft des Zitterrochen mit der 
des Gymnoten nicht zu vergleichen ist, so reicht sie 
doch hin , um sehr schmerzhafte Empfindungen zu ver- 
ursachen. Eine an elcctriiche Erschütterungen ge- 
wöiiute Person hat Mühe, einen zwölf bis vie/zehn 
Zoll langen, seine ganze Stärke besitzenden Zitterro- 



*y Ge^ffroy de St- Bilaire , in den Annales du Museum , T. 
I, p. 592 — 407. 



3i6 Buch FI. 

chen in dor Hand zu halten. Wenn das Thier im Was- 
ser nur nocli sehr schwache Schläge ertheilt, so wer- 
den die Erschütterungen fühlharer, sobald man es über 
die OborüücKe des Wassers emporhebt. Beym Gulva- 
nisiren von Fröschen habe ich diese Erscheinung öfters 
bemerkt. 

DerZitterroche bewegt die Brustfiofsfedorn krampf- 
haft, so oft er einen Schlag ertheilt, und dieser Schlag 
ist mehr oder minder schmerzhaft, je nachdem die un- 
mittelbare Berührung eine mehr oder minder breite 
Fläche einnimmt. Wir haben oben bemerkt, dafs der 
Gymnote, wenn er die stärksten Erschütterungen ertheilt, 
mit üen Füfsen, dem Kopf und den Flofsfedorn keine 
Bewegung macht. *} Beruht dieser Unler>ehied auf der 
Lage des electrischen ürganes, das beym Gymnoten 
nicht doppelt ist? Oder geht aus der Bewegung der 
Brustflofsfedern des Zitterrochen der unmittelbare Be- 
weis hervor, dafs der Fisch das electrische Gleichge- 
wicht durch seine eigene Haut herstellt, dafs er sich 
durch seinen eignen Körper entladet, und dafs wir über- 
äU nur dje Wirkung eines Seitenstofses verspüren. 

Weder ein Zittcrroche noch ein Gymnote lassen 
sich also willkürlich entladen, wie man eine Leidner 
Flasche oder eine Voltai^cbe Säule willkürlich entladen 
kann. Man fühlt niclit jederzeit eine Erschütterung, 
selbst al-dann nicht, wenn ein electrischer Fisch mit 
beyden Händen ergriffen wird 5 er mufs erst gereizt 
werden, wenn eine Erschütterung von ihm ausgehen 
soll. Diese Verrichtung ist im Zitterrochen wie im 
Gymnoten eine Lebensverrichtung 5 es hängt dieselbe 



*) IVur die hinlere Flofsfeder bewogt sich heym Gymnoten 
merklich . wenn man diese Fische unter dem Bauck^ da w© 
das electrische Organ beluidlich ist, reizt. 



Kapitel XVIL 3i7 

Äusschllefslich vom Willen des Thieres ab, das viel- 
leicht seine elßctrischen Organe niclit immer geladen 
hält, oder auch die Wirksamkeit seiner Nerven nicht 
jederzeit zur Unterhaltung der Kette zni.^clien den posi- 
tiven und negativen Polen anwendet. So viel ist gevvlfs, 
dafs der Zitterroche mit erstaunensvverther Schnellig- 
keit eine lange Heihe von Erschütterungen bewirken 
kann , sey es dafs die Scheiben oder Blätter seiner Or- 
gane nicht jedesmal ganz erschöpft werden, oder dafs 
der Fisch sie alsbald wieder neu zu laden vermaß-. 

Der electrische Schlag wird fühlbar, wenn das 
Thier zu dessen Ertheilung geneigt ist, sey es dafs man 
mit einem einzigen Finger nur eine einzige Oberfläche 
der Organe berühre, oder dafs man mit beyden Hän- 
den seine beyden Oberflächen, die obere und die untere, 
gleichzeitig umfasse. In beyden Fällen ist es völlig 
gleichgültig, ob die Person, welche den Fisch mit ei- 
nem Finger oder mit beyden Händen berührt, isolirt 
sey oder nicht. Alles, was über die Nothwendigkeit 
eines Zusammenhangs durch den feuchten Boden für 
die Erzielung einer Kettenverbindung gesagt worden 
ist, beruht auf unzuverlässigen Beobachtungen. 

Hr. Gay-Lussac hat die wichtige Beobachtung ge- 
macht, dafs, wenn eine isolirte Person den Zitterrochen 
mit einem einzigen Finger berührt, ein unmittelbarer 
Coötact durchaus erforderlich wird. Man berührt den 
Fisch mit einem Schlüssel oder mit irgend einem andern 
metallischen Werkzeug, ohne Erfolg und ohne eine Er- 
schütterung zu verspüren, sobald ein leitender oder 
nicht leitender Körper zwischen dem Finger und dem 
electrischen Organ des Zitterrochen inne liegt. Dieser 
Umstand bietet einen grofsen Unterschied zwisclien dem 
Zitterrochen und dem Gymnoten dar, indem der letz- 



3i8 B u c h VI. 

tere seine Stüfse durch das Mittel eines mehrere Fufs 
langen Eisenstabs ertheilt. 

Wird ein Zilterroclie auf eine ganz dünne Metall 
Scheibe gelegt, so dals die Scheibe die untere Flüche 
seiner Organe unmittelbar berührt, so fühlt die Hand, 
Avelche die Scheibe hält, niemals eine Erschütterung, 
wenn gleich eine zweyte isollrte Ferson das Thier reizt, 
und obschon die krampfhaften Bewegungen der Brust- 
flof-federn sehr starke und wiederholte Entladungen 
darthun. 

Wird hingegen der auf der Metallscheibe liegende 
Zitterroche, wie im vorhergehenden Versuch, von Je- 
mand mit der linken Hand gehalten, und die nämliche 
Person berührt nun mit der rechten Hand die obere 
Fläclie des electrichen Organs, so wird alsdann eine 
kräftige Erschütterung in beyden Armen verspürt. Die 
Empfindung i^t die nämliche, wofern der Fiscii sich 
zwischen zwey Metallschoiben befindet, deren Bänder 
sich einander nicht berühren, und wenn alsdann beyde 
Hände gleichzeitig an diese Scheiben gelegt werden. 
Die Dazwi'chenkunft einer Metallscheihe hemmt die 
MitthciluniT, wenn diese Scheibe nur mit der einen 
Hand berührt wird, wogegen die Da7,wi>chenkunft 
zweyer Matallscheibpn die Erschütterung nicht mehr 
hindert, sobald beyde Hände an jene gelegt werden. 
Im letzteren Fall bleibt kein Zweifel mehr ühriif, dafs 
die (^irculation der Flüssigkeit durch beyde Arme ge- 
schieht. 

Wofern bey eben dieser Lage des Fisches zwischen 
beyden Metallscheiben irgend ein unmittelbarer Zu- 
sammenhang zwischen den Bändern der zwey Scheiben 
statt findet, so hürt jede Erschütterung auf Die Kette 
z\Aischen bevden Oberflächen des clectrischi n Organs 
wird alsdann durch die Scheiben gebildet, und die neuo 



K a pi t e l XVII. 319 

Verbindung, welche durch diö Berührung beyder Hän- 
de mit den Scheiben zu Stande kommt, bleibt ohne 
Wirkung. Wir haben den Zitterrochen zwischen zwey 
Metallscheiben getragen, und seine Schlage nicht eher 
verspürt, bis die beyden Scheiben sich an ihren Rän- 
dern nicht mehr berührten. 

Beym Zitlorrochen wiebeym Gymnoten wird nichts 
bemerkt, woraus nian auf t'ine veränderte electrische 
Spannung der sich in der JNähe des Thiers befindlichen 
Kurper schlii^fsen könnte. Auch der empfindlichste 
Electrometer zeigt keine V^eränderung, wie man ihn 
immer anwenden mag, sey es dafs er den Organen ge- 
nähert wird, oder dais der Fisch isolirt, mit einer Me- 
tallscheibe bedeckt und diese durch einen Leitungsdraht 
mit dem Volta'schen Condensator verbunden wird. Wir 
haben diese Versuche, wodurch man die electrische 
Spannung in den Organen des Zitterrochen fühlbar zu 
machen suclit, mit Sorgfalt und unter vielen Abwechs- 
lungen wiederholt, allein jederzeit ohne Erfolg, so 
dafs dieselben dasjenige vollkommen bestätigen, was 
Hr. Bonpland und ich, während unsers Aufenthalts im 
südlichen Amerika, hinsichtlich der Gymnoten beobach- 
tet hatten. 

Die electrischen Fische wirken , wofern ihre Kraft 
völlig ungeschwächt ist, mit gleicher Stärke unter dem 
Wasser und in der Luft. Diese Beobachtung hat uns 
in den Stand gesetzt, die leitende Kraft des Wassers 
zu prüfen, und wir fandun, dafs, wenn mehrere Perso- 
nen die Kette zwischen der obern und untern Fläche 
der Organe des Zitterrochen bilden, die Erschütterung 
nur alsdann fühlbar wird, wenn jene Personen sich die 
Hände benetzt haben. Die Wirkung wird nicht unter- 
brochen, wenn zwey Personen, die mit ihren rechten 
Händen den Zitterrochen halten, statt sich einander 



320 B HC h VL 

mit der linken Hand zu fassen , jede ein metallnes Stab- 
chen in einen auf einem isolirenden Körper befindlichen 
Wassertropfen einsenken, \\ ird der Versuch mit einer 
JLiichtflanime statt des Wassertropfens gemacht, so ist 
die JVlittheilung unterbrochen, und sie stellt ^ich, wie 
Leym Cymnoten, nur dann wieder her, wenn beyde 
IVletallstäbchen sich im Innern der Flamme unmittelbar 
einander berühren. 

Es sind uns zuverlässig die Geheimnisse der electri- 
schen Wirkung der Fische, welche durch den EinHufs 
des Gehirns und der Nerven modificlrt wird, noch lan- 
ge nicht alle enthüllt 5 allein die bisher aufgezählten Ver- 
suche thun hinreichend dar, dafs dir-se Fische durch 
eine ferj/e///eElectriciti;t(el('Ctricite dissimulee) wirken, 
und durch electrische Vorrichtungen (appareils electro- 
moleurs) von eigenthümlicher Zusammepsetzung^ die 
mit ausnehmender Schnelligkeit ihre Ladungen wieder- 
holen. Hr. Volta nimmt an, dafs bey den Zitterrochen 
sowol als bey den Gymnoten, die Entladung der entge- 
gengesetzten Electricitäten durch ihre eigene Haut ge- 
schieht, und dafs in dem Falle, wo wir sie nur mit der 
einen Hand oder mittelst einer Metallspitze berühren, 
wir die Wirkung eines Sc.ilenslofses fühlen, indem die 
electrische Strümunijr ihre Kichtung^ nicht ausschlicfs- 
lieh auf dem kürzesten Wege nimmt. Wird eine Leyd- 
ner Flasche auf ein nasses Tuch gestellt, Avelchos ein 
schlechter Leiter ist, und wird hierauf die Fla.-che also 
entladen, dafs das Tuch in dem Bogen einbegriffen ist 
oder dazu gehurt, so zeigen zugerichtete und in ver- 
schiedener Entfernung hingelegte Frösche durch ihre 
Zusammen/iehungen, dafs die Strömung sich auf dem 
ganzen Tuch in allen möglichen Hichtungen verbrei- 
tet. Dieser Analoi^ie zufolge wäre der stärkste Schlag, 
Welchen ein Gymnote in die Ferne schleudert, nur ein 

schvva- 



Kapitel XVII. 321 

sch\raclipr Theil desjenigen Schl;iges, der das Glrlcli- 
gewiclit im iniunen des Fi'^ches herstellt. *) V'\ eil der 
Gviiiiiole seine r lüssigl.eil nach W illkür leitet, so niufs 
man aucli zugeben^ dafs die Entladung nicht gl ich- 
zeitig über die ganze Haut erfolgt^ und dafs da« gereizte 
Thier, vielleiclit mittelst der Absonderung einer in ei- 
nen Theil des Zellgewebes ergoesenen Flüssigkeit, die 
Verbindung zwischen seinen Organen und diesem oder 
jenem Theil seiner Hauptfläche willkürlich anordnet. 
Es ist begreiflich , dafs ein Seitenslofs aufser dem Bogen 
unter zwey V^erliältnis^en unmerklich werden niufs, 
nenn entweder die Entladung nur sehr schwach war, 
oder wenn die ßeschafienheit und die Länge des Leiters 
ein sehr «rofses Hindernifs in den We^r Ici'en. Dieser 
Betrachtungen unerachtet kommt es mir ilocli nicht 
wenig befremdlich vor, dafs anscheinend fe!;r starke 
Ersoliütterungen des Zitterrochen nicht in die iriaud 



*3 Die imgleicliarligen Pole der doppellcn elcctrisohon Or- 
gtine müssen sich in jedem Organe vorfinden. Hr. Tolt hat 
neuerlich durch Versuche, die an ZiUcrrochen vosn Vorge- 
Lirgc der guten HoHnui g angesleilt wurden , dorgelhan, 
dals das TJiier auch nach der Ausschneidung des einen Or- 
ganes forlfolu't, starlie ErschüUerungen zu gehen. Hinge- 
gen wird, imd dieser schon von Galvaui erläuterte Um- 
stand ist von der gröfslen Wichtigkeit, jede electrische Wir- 
I<ung zerstört, theils durch eine ansehnliche Verletzung des 
Hirns, theils durch Zerschneidung der IVerven, die sich in 
den ßlättern der electrischen Organe verlheilen. Im letz- 
tem Fall , wo die INerven ohne üehirnverlelzung zerschnit- 
ten sind, lebt der Zilterroche fort und übt alle .Muskulär - 
l)«wegungen weiterhin aus. Ein durch allzuhnufige eiectri'- 
sehe Entladungen ermüdeter Fisch erschien ungleich mehr 
leidend, als ein anderer, bcy dem man durch Zerschnei- 
dung der IVerven die Verbindung zwischen dem Gehirn 
und den electrischen ßevvegungsorganen unterbrochen hatte. 
(^Fhilos. Trans. ^ 1816, P. I. p. 120.^ 

Al«^. V. Humboldts hist. Reisen. IlL 2j 



321 Buch VI. 

übergiengen, wenn eine g-anz dünne Melallscheibe zwi- 
schen die Hand und den Fisch eingeschoben war. 

Dr. Schilling halte behauptet^ der Gyinnole nähere 
sich unwillkürlich dem Magnet^ und zu unserm Er- 
staunen hatte auch Hr. Po/o diese Idee angenommen. 
\^ ir haben auf tausenderley Arten den angeblichen 
Einflufs des Magnetes auf die electrischen Organe ver- 
sucht, aber nie irgend eine Spur davon wahrgenom- 
men. Der Fisch näherte sich einem Magnet eben so 
wenig als einer unmagnetischen Eisenstange. Die auf 
seinen Kücken gestreute Elsenfeile blieb unbeweglich. 

Während die Gymnoten ein Gegenstand der Vor- 
liebe und der lebhaften Theilnahme der europäischen 
Naturforscher sind, werden sie hingegen von den Ein- 
gebornen gefürchtet und verabscheut. Es gewährt 
zwar ihr Muskeifleisch eine ziemlich gute Nahrung; 
ctUein das electrische Organ macht den grüfsten Theil 
ihres Körpers aus, und dieses ist schwammigt und hat 
einen widrigen Geschmack 5 auch wird es sorgfältig 
vom übrigen Körper getrennt. Das Daseyn der Gym- 
noten wird bevnebens für die Hauptursache des Man- 
gels der Fische in den Teichen und Sumpfwassern der 
Llanos angesehen. Sie tüdten deren gar viel mehrere, 
als sie verzehren, und die Indianer versicherten, dafs, 
wenn in überaus starken Netzen zu gleicher Zeit jung« 
Crocodile und Gymnoten gefangen werden, diese nie 
eine Spur von Verwundung zeigen, weil sie die jun- 
gen Crocodile, ehe sie von ihnen angegriffen werden, 
dazu aufser Stand setzen. Alle Wasserbewohner fürch- 
ten die Gesellschaft der Gymnoten. Die Eidechsen, die 
Schildkröten und die Frösche suchen Sumpfwasser auf, 
wo sie vor jenen sicher seyn mögen. In der Nähe von 
Uritucu mufste die Richtung einer Strafse verändert 
werden, -weil die electrischen Aale eines Flusses sich 



Kapitel Xfll. 323 

dermafsen vermehrt hatten , dafs sie alljährlich eine 
grofse Anzalil lasttragender Maulthiere , die den Fluls 
durchwateten, todt schlugen. 

Obgleich wir uns schmeicheln dürfen, beym ge- 
genwärtigen Stand unsrer Kenntnisse über die aufser- 
ordentlichen Wirkungen der electrischen Fische eini- 
ges Licht verbreitet zuhaben, so bleibt in physischer 
und physiologischer Hinsicht immer noch sehr Vieles 
zu untersuchen übrig. Die glänzenden Ergebnisse, 
welche die Chymie durch die voltaische Säule erhalten 
hat, nahmen alle Beobachter in Anspruch, und zogen 
für eine Weile ihre Aufmerksamkeit von den Erschei- 
nungen der Vitalität ab. Man darf hoffen, diese Phä- 
nomene, merkwürdiger und geheimnifsvoller als alle 
übrigen, werden jetzt hinwieder auch ihrerseits den 
Scharfsinn der Naturforscher beschäftigen. Diese Hoff- 
nung mag leicht in Erfüllung gehen, wenn man in ei- 
ner der grofsen Hauptstädte Europa's dazu gelangt, 
sich neuerdings lebendige Gymnoten zu verschaifen. 
Die Entdeckungen, die man über die Vorrichtungen der 
electrischen Bewegungen dieser Fische, welche ungleich 
viel kräftiger "■'} und auch leichter lebend aufzubewah- 



*) Um sich mit den Erscheinungen der Ichendig-eH electrischen 
Bcvvegiing^apparate in ihrer ganzen Einfachheit veitrout zu 
maclien , und lun nicht Umstände, die von dem versclücde- 
nen Slärkegrad der Organe abhängen, für allgemeine Be- 
dingungen zu nehmen , müssen zu den Versuchen diejenigen 
electrischen Fische gehraucht werden , die man am leichte- 
sten aähmt. Wären die Gvmnoten unbekannt, so könnte 
man, zufolge der mit den Zitterrochen angestellten Versu 
che, glauben , dafs die Fische ihre Schläge nicht von weitem 
her schleudern, durch dichte Wasserschichlen , oder ohne 
Kette ^ längs einer Eisenstange. Hr. Williamson hat leb- 
hafte Erschütterungen verspürt, wenn er nur die eine Hand 
im Wasser Kjelt; und wenn diese Hundj ohne den Gjnmo- 



324 Buch VI. 

ren sind als die Zitterrochen ;, machen wird, werden 
sich über alle Erscheinungen der willkürlichen Muskel- 
bevvegung ausdeijnen. Vielleicht findet sich's, dafs hey 
den meisten Thieren einer jeden Zusanimenziehung' 
der Muskelfieber eine Entladung des Nerv's in den Mus- 
kel vorangeht; und daTs die einfache Berührung ver- 
schiedenartiger Substanzen eine Quelle der Bewegung 
und des Lebens aller organischen Geschop/^e ist. Sollte 
wohl ein lebhaftes und geistreiches V'olk^ die Araber, 
schon im frühen Alterthume errathen haben, dals eben 
die Kraft, Avelche bey Gewittern das Himmelsgewölbe 
entzündet, auch die lebervdige und unsichtbare Waffe 
der Bewohner der Gewässer ist? Der electrische Fisch 
des iNils wird in Egypten , wie man versichert, mit ei- 
nem iNamen benannt, der den Donnerstrahl bezeich- 
net. *) 

Am 24- März verliefsen wir die Stadt Calabozo, ver- 
gnügt und zufrieden mit unserm Aufenthalt, so wie mit 
unsera Versuchen über einen der Aufmerksamkeit der 



ten zu berühren, sich zwischen diesem und dem kleinen 
Fische befand, gegen den der Schlag in zehn oder fünfzehn 
Zoll Entfernung gerichtet war. (_P/iil. Trans. , T. 65 , p, 
99 u. io8.) War der Gymnole geschwächt ein schlechtem 
Gesundheilszustand), so ward der Seitenstofs nicht verspürt, 
und um eine Erschütterung zu erhalten, mufste eine Kette 
gebildet, und der Fisch mit beyden Händen zugleich he- 
rujirt werden. Cavendish hat in seinen geistreichen Ver- 
suciien mit einem künstlichen Zitteraal diese Verschieden- 
heiten , je nachdem die Ladung mehr oder weniger stark 
war, recht gut beobachtet. (.Phii. Trans. 1776, p. 212.) 
*) ylnnal. du Mus.^ T. I, p. 598. Es scheint jedoch, dafis 
zwischen radhy Donnerstrahl , und rahadd, der electrische 
Fisch, unterschieden werden mufs , und dafs dies letztere 
Wort einzig nur etwas, das Zittern macht-, bedeutet. (Silv. 
de Sacy, in Abd. AliatiJ. p. 167.) 



Kapitel XVIL 325 

Physiologen 80 würdigen Gegenstand. Ich hatte hey- 
nebens auch gute Slernheohachtungen erhallen, und 
mit Bcfi'emden die Bemerkung gemacht , dafs die Feh- 
ler der Charten auch hier noch auf den viprten Theil 
eines Breitegrades ansteigen. Vor nur hatte hier Nie- 
mand Bcobaclitungen angestellt, und indem die Erdbe- 
schreiber, wie gewöhnlich, dieKüstenahstiinde im Innern 
zu grofs annahmen, wurden alle Standpunkte unge- 
bührlich weit nach Süden vorgerückt. ^•') 



*) Ich fand CalaLozo, welches auf Arrovvsinith's Charte Cala' 
baco heifst, durch Meridianliöhen des Canopus auf 8° 56' 
8" der Breite und durch Zeit-Uehei'trag von Caracas auf 
70° 10' 40" der Länge, das will sagen 0° 16' 56" östlich 
von Guacara ; D'Anville giebt Calabozo zu 8° 35' an; la 
Cruz zu 8" 43. (Siclie meinen Recnell d'Obs. Astr.^ Vol.I, 
p. 212. 2i5.) Die magnetisclie Inclinalion betrug zu Cala- 
bozo 58°, 5o der hundertth. Scale. Die ISadel halte 222 
Schwingungen in 10' Zeit, zehn Schwingungen weniger 
als in Caracas. Für die magnetische Declination erhielt ich 
(am 18. I\Iärz 1800) 4° 54' 10" N. 0. Die Erhöhung von 
Calabozo über der Meeresfläche ist 53 Toisen. (Das NU'el' 
lement barometrique giebt irriger Weise gi Toisen an. 
Das Tagebuch lautete ,,553 lin. 7 , aber 40 Fufs über dem 
Ilio Guarico." Die Füfse wurden für Toisen genonnnen.) 
Ich will hier folgende Beobachtungen miltheilen , welche bis 
dabin grofsentbeils nicht bekannt gemacht worden sind. In 
der Hacienda de Cura zeigte mein Barometer um 5 U. 
(lootheil. Therm. 27" 6) 53o lin. 5: in Guacara um 10 U. 
(Th. 25) 521 lin. 5; in IVueva Valencia um 14 U. (Th. 26", 
4) 320 lin. 4: in Guigue um 2 U. (Th. So", 5) 021 lin. 2* 
in Villa de Cura um 6 U. (Th. 26a, 3) 3i7 lin. 6: in San 
Juan um 1 U. (Tli. 25", 2 cent.) 322 lin. 8; in Parapara 
um 23 U. (Th. 37°, 2) 33i lin. 5: zu Cayman im Llano 
um 14 U. (Th. 28", 5) 33i lin. 3: in Calabozo, 5 Toisen 
über dem Rio Cuarico, um 25 U. (Th. 31°, a) 535 lin. 7 ; 
zu San Geronimo del Guayaval , um 21 U. (Th. 32°) 5 Toisen 
über dem Bio Guarico 536 lin. 4 : zu San Fernando de Apure, 



326 Buch VI. 

Bevm Vorrücken im südlichen Theile der Llanos 
fanden wir den Boden staubigter, von Pflanzen entblüfs- 
ter und durch eine anhaltende Trockenheit zerrissener. 
Die Falmbäunie verschwanden nach und nach. Der 
Wärmemesser erhielt sich von ii Uhr bis zu Sonnen- 
untergang- auf 34 oder 35 Grad. Je ruhiger die Luft 
aufs oder lo Fufs Hube zu seyn schien, desto mehr 
wurden wir von den Staubwirbeln eingehüllt, welche 
die kleinen über den Boden hin?treifenden Luftzüge 
verursachen. Gegen vier Uhr Abends trafen wir in 
der Savane ein junges indianisches Mädcben an. Es 
war völlig nackt, lag auf dem Rücken und schien nicht 
über zwölf oder dreyzehn Jahr alt. Müdigkeit und 
Durst halten das Kind erschöpft j Augen, Nasenlöcher 
und Mund waren mit Staub angefüllt, sein Athemholen 
röchelnd, und unsere Fragen konnte es nicht beantwor- 
ten. Ein umgestürzter Krug, zur Hälfte voll Sand, lag 
neben ihm. Zum Glück hatten wir ein mit Wasser be- 
ladenes Maulthier, Durch Waschen des Gesichts, und 
durch ein wenig Wein, den wir das Kind zu trinken 
nöthigten, ward es aus seinem lethargischen Zustand 
erweckt. Anfangs schien es erschrocken über die vie- 
len Leute; allmählig aber ward es ruhiger und sprach 
mit unsern Führern. Der Stellung der Sonne nach 
glaubte es mehrere Stunden in dem Todesschlummer 
gelegen zu haben. Es wollte durchaus nicht eines un- 
serer Lastthiere besteigen, und eben so wenig nach Uri- 
tucu zurückkehren. Es hatte in einem benachbarten 



5 Toisen über der Wasserfläche des. Apure , um sj U. (Th. 
3i* 4> 555 lin. 6. Diese Zahlen liefern Abiveichungen der 
relativen Höhe: die Correction zur Rcduction des Barome- 
ters auf der H*>he der IMeeresflache zu 557 lin., 8, ist nicht 
angewandt worden. Für die absoluten Höhen siehe mein© 
Obj. ajLr.^ Vol. I, p. 297 und jCy. 



Kapitel XVII. 327 

Meyerhofe gedient^ und war von seiner Herrschaft ver- 
abscliiedet worden^ weil es in Fol>^e einer überstande- 
nen langen Krankheit zur Arbeit minder brauchbar 
erachtet ward. Unser Bitten und Drohen w.ir vergeb- 
lich: für Leiden unempfindlich, wie die übrigen Glieder 
seines Stammes, und mit der Gegenwart einzig nur be- 
schäftigt, ohne künftige Gefahren zu fürchten, beharrte 
CS auf dem Entschlufs , sich in eine der indischen Mis- 
sionen in der Nähe von Calabozo zu begeben. Wir 
reinigten seinen Krug vom Sand und füllten ihn mit 
Wasser. Das IVIädchen setzte seinen We^ in den Step- 
pen fort, noch ehe wir wieder zu Pferd safsen, und 
bald hatte uns eine Staubwolke von ihm getrennt. 

In der Nacht setzten wir über den Rio Uritucu *^ 
durch die Furt; der Flufs enthält ein zahlreiches, seiner 
W^ildheit wegen sehr merkwürdiges Crocodilgesclilecht, 
Man rieth uns, die Hunde nicht aus dem Strome trinken 
zulassen, weil öfters geschieht, dafs die Crocodile des 
Uritucu aus dem Wasser hervorkommen und die Hunde 
am Gestade verfolgen. Diese Kühnheit ist um so auf- 
fallender, als die Crocodile des Rio Tisnao, in einer 
Entfernung von nicht mehr als sechs Meilen, ziemlich 
furchtsam und wenig gefährlich sind. Die Sitten der 
Thiere wecliseln bey der gleichen Art, nach Maisgabe 
Örtlicher schwer auszumittelnder Verhältnisse. Man 
zeigte uns eine Hiitte oder vielmehr eine Art Ueberdach 
(hangard), worin unser Wirth von Calabozo , Don Mi- 
guel Cousin, Zeuge eines ganz aufserordentlichen Vor- 
falls gewesen war. In Gesellschaft eines seiner Freunde 
und auf eine mit Leder überzogene Bank gelagert, hatte 
er hier die Nacht zugebracht, als er früh Morgens. 



•) Fasso de Uritucu,. 



328 Buch VI. 

durcli heftige Stöfse und einen farclitbarPn Lärm ge- 
weckt ward. Erdschollen wui'den bis mitlen in die 
Hültf frp^chleudert. Bnld !<am ein jungesj zwey bis 
drev Fufs langes Crocoilil unter dem Bett hervor, warf 
sich auf einen an di^r Thürschwelle liegenden Hund, 
verf<'hlte ihn im Ungestüm seine? Sprung;.' s und (loh 
dann gegen das Ufer^ um den Flufs zu erreichen. Bey 
Ansicht der Stelle^ wo die harbacoa , odfr Schlafstätte 
errichtet war, konnte man sich die Ursache des seltsa- 
men Vorlalls leicht erklären. Der Boden war in be- 
trächtlicher Tiefe aufgewühlt. Er he tunrl aus trock- 
nem Schlamm, welcher das Crocodil in dem lothargi- 
schim Zuitand oder Sommerschlaf (sommeil d'ete) be- 
graben halte, den manche Individuen dieser Art, mit- 
ten in den Llanos , in der Jahrszeit, wo kein Regen 
fällt, erleiden. Der Lärm von iMeiischen und Pferden, 
vielleicht auch der Geruch des Hundes, hatte das Thier 
aus seinem Schlummer erweckt. Die Stätte, wo das 
Ueherdach errichtet ward, befand sich zunächst bev 
einer Lache, und sie selbst stund einen Thcil des Jahres 
durch unter Wass.er, das Crocodil hatte sich vermutb- 
lich zur Zeit der Ueberschuemmung der Savane durch 
die nämliche Oeffnung in den Boden verdenkt, aus der 
Hr. l'ozo es hervorkommen sah. Don Indianern wider- 
fährt nicht selten, dafs sie grofse JBoaSj welche von 
ihnen Lyt genannt werden, oder IT'asserschlaii^en;, '"') 
in ähnlichem Zustande von Erstarrunij antreffen. Um 
diestlhen zu beloben, müssen sie, sagt man, gereizt 
oder mit Wasser begossen werden. Die Boaschlange 
■wird i^etüdlet, um durch Fäulung im fliefsenden V.'as- 
ser die Sehnentheilc ihrer Rückenmuskeln zu erhalten. 



*"_) Culebras de agua, Traga-Venado (der Hirsche verschlingt). 
Das Wort UjL ist tamanalsiich. 



Kapitel XVIL 329 

U'oraus in Calaho/.o vorlreffliche Guitarrftn -Saiten ver- 
fertigt werden, die man den aus den Därmen der Alo- 
naten-Aft'en bereiteten vorzieht. 

Wir sollen hier, dnfs in den J^Ianos Trocl<enheit 
tind Wärme auf Thiere und Pflanzen gloichmäfsig wir- 
ken wie die Kälte. Axifser den Wendekreisen verlieren 
die Bäume in sehr trocKner Luft ihre Blätter. Die 
Reptilien, vorzüglich die Crocodile und die Riesen- 
schlange, mögen hey ihrer ausnehmend trägen Natur 
die Becken, worin sie zur Zeit der grofsen Ueberschvvem- 
jnunii^en Wasser fanden, nicht gern verlassen. So wie 
die Lachen allm'ählig austrocknen, vertiefen diese Thiere 
sich im Schlamm, um den Grad der Feuchtigkeit zu 
finden, der ihren Hautdecken Biegsamkeit gewährt. In 
diesem Zustand der Ruhe gehen sie in Erstarrung üherj 
sie müüfen vielleicht noch einig-e V^erhinduns' mit der 
äufseren Luft unterhalten 5 und wie gering diese auch 
ist, mag sie dem Athemholen eines Saurus (Thiere der 
Eidechsenfamilie) genügen, der, mit überaus grofsen Lun- 
gensäcken versehen , keine Muskelbewegungen macht, 
und in dem auch beynahe alle Lebensbevvegungen un- 
terbrochen sind. *) Wahrscheinlich beträgt die mitt- 
lere \"\ arme des vertrockneten und demEinflufs der Son- 
nenstrahlen ausgesetzten Schhimmes über 40°. Als 
das nördliche Egypten, wo die Temperatur des kälte- 
sten Monats **) immer i3°} 4 beträgt, noch Crocodile 
ernährte, sah man diese öfters von Frost erstarrt. Sie 
waren einem J^VinterscIilaJ unterworfen, wie bey uns 



*) Siehe meine VersucJje über das Athemholen der jungen Cro- 
codile in den Obs. de Zoologie., T. I, p. 258. 

*) Es ist dies die mittlere Temperatur vom Monat Februar in 
Cairo, unter jo" 2' der Breite: gegen Theben hin ist die 
Abnahme der Temperatur , wie leicht zu erachten , geringer. 



33ö Buch FL 

Frösche und Salamander, Uferschwalben und Murmel- 
thiere. Wenn das winterliche Erstarren gleichmäfsig 
l>ey Tliieren von warmem und kaltem Blut vorkommt, 
so wird man es weniger auftauend finden, dafs diese 
fceyden Classen hinwieder auch Beyspiele des Sommer- 
Schlafes darbieten. Wie die Crocodile des südlichen 
America, so verleben auch die Tenrecs *) oder mada- 
gascarischen Igel, mitten in der h'eifsen Zone, drey Mo- 
nate des Jahrs im lethargischen Zustande. 

Am 25. März kamen wir durch den ausgezeichnet 
ehenen Theil der Steppen von Caracas, die Riesa de 
Pavones , auf welcher gar keine Corypha oder Muri- 
che Palmen angetroffen werden. So weit das Auge 
reicht, erblickt man keinen, auch nur fünf Zoll hohen 
Gegenstand. Die Luft war rein und die Farbe des Him- 
mels sehr dunkelblau, aber am Horizont sah man den 
Wiederschein eines blassen und gelblichten Lichtes, 
ohne Zweifel als Wirkung des in der Atmosphäre schwe- 
tenden Sandes. Es begegneten uns zahlreiche Vieh- 
heerden und in ihrem Gefolg Schwärme von schwarzen 
in's Olivenfarbe spielenden Vögeln, die der Gattung 
Crotophaga angehören. Wir haben dieselben öfters 
«uf dem Rücken der Kühe sitzend gesehen, wo sie 
Bremsen und andere Insecten aufsuchen. **) Gleich 
mehreren Vögeln dieser Einöden scheuen sie die Nähe 
der Menschen so \yenig, dafs die Kinder solche zuwei- 
len mit der Hand fangen. In den Thälern von Aragua, 
wo sie in Menge vorkommen , setzten sie sich auf un- 



*) Centenes, Illiger (Erinaceus ecaudatus, Lin.). 

**) Die spanisrhen Colonisten nennen den Crotophaga Ani Za- 
murito (kleiner Vultur aura) oder Garapalero ^ der Gara- 
-putas speist t Insekten aus der jMilbeu- Familie. 



Kapitel XVn. 33i 

sere Hängemallen, während wir am hellen Tag darin 
rubelen. 

Zwischen Calabozo, Uritucu und der Riesa de 
Pavones erkennt man überall, nvo Menschenhände 
einige Fufs tief die Erde öftneten, das geologische Ver- 
hältnifs der Ljlanos. Eine Bildung von rothem Sand- 
stein *■) (oder altem Conglomerat) dehnt sich über meh« 
rere tausend Geviertmeilen aus. Wir werden sie in der 
Folge iji den weiten Ebenen des Amazonenstroms, am 
östlichen Ende der Provinz Jaen de Bracumoros wieder 
antreffen. Diese ungeheure Ausdehnung des rothert 
Sandsteins in den Niederungen, die sich auf der Ostseile 
der Anden befinden, ist eine der merkwürdigsten Er- 
scheinungen, welche mir das Studium der Gebirgsar- 
ten in den Aequinoctialländern dargeboten hat. 

Der rothe Sandstein in den L/lanos von Caracas 
findet sich in mnldenjörmiger Liagerung **) zwischen 
den Urgebirgen des Küstenlandes und denen von la Pa- 
rime. JNürdlich scliliefst er sich den Uebergangsschie- \ 
fern an; **'*) südwärts ruht er unmittelbar auf den Gra- 
niten des ürenoko. Wir fanden darin abgeründeto 
Bruchstücke von Quarz, von Kieselschiefer und vom 
lydischen Stein, die durch einen eisenhaltigen braun- 
licht - olivenfarbenen Thon verkittet sind. Es ist völlig 
die nämliche Formation wie das tote Liegende in Thü- 
ringen. Der Kitt hat zuweilen eine so hellrothe Farbe, 
dafs die Landbewohner darin Zinnober zu sehen glau- 
ben. In Calabozo machten wir die Bekanntschaft eine$ 



•) Rothes totes Liegende oder ältester Flötzsandstein der 
ScJiule von Preyberg; Poudingue psammitique der Herr«! 
Brongniard und Binard. 

'*) Gisement concafe. 

'*) Zu Malpasso und Piedras Azules. Siehe oben Kap. 17. S. >St. 



33i B u c h VI, 

Kapuziner -Mönchs, der sich viele vergehliche Mühe 
gegeben hatte, um Quecksilber aus diesoin rothen Sand- 
stein zu gewinnen. In der JMesa de Paja enthält diese 
Gebirgsart Lagen eines andern quarzichten und sehr 
feinkörnigen Sandsteins: ni^hr S'idwärts enthält dieselbe 
braune Eisenmassen und Bruchstücke von versteinertem 
Holz au^ Gewächsen der Monocotyledonen -Familie ; 
dagegen fanden wir keine Cpnchylien darin. Der rothe 
Sandstein, welchem die J^laneros Aen IN amen Piedras 
de arrecifes *) geben, ist allenthalben mit einer Thon- 
schichtc bedeckt. An der Sonne verhärtet und ausge- 
trocknet, spaltet sich dieser Thon in einxelne pi'ismati- 
sche, fünf- oder sechsseitige Stücke. Gehört jene viel- 
leicht zur Trapp -Formation von Parapara? Es wird 
dieselbe dicker und mit Sand vermengt, nach Mafsgabe, 
wie man dem Rio Apure näher kommt: denn in der 
Gegend von Calabozo beträgt ihre Dicke eine Toise, 
und in der Gegend der Mission von Guayaval fünf Toi- 
sen, welches auf die Vermuthung führen könnte, es 
seyen die Lager des rothen Sandsteins südwärts gesenkt. 
In der JMesa de Pavbnes haben wir kleine INester von 
blauer Eisenerde **) im Thon zerstreut angetroffen. 

Ueber dem rothen Sandstein lagert, zwisclien Tis- 
nao und Calabozo, ein dichter, grauweilser Kalkstein, 
welcher im Bruche glatt und der Formation von Ca- 
ripe y =••'•'*) mithin auch derjenigen des Jura sehr ähn- 



•) Pierre de ricage, oder d'ecnpüs; Ufer- oder Klippen -Steint. 

**) Fer azuri^ fer phosphale bleu. 

•**) Siehe oben Th. 2. Kap. 6, S. gj; Kap. 8, S. 149; Kap. 11, 
S. 5i5. Enthält diese Formation von Secondar - Kalkstein der 
l<!anos Bieyglanz? Man findet solchen in den schwarzen Mer- 
gel-Lagern von ßarhacoa. zwischen Truxillo und Barquesi- 
meto, auf der IS'ordweslseite der Llanos. 



Kapitel XVII 333 

lieh ist; an mehreren andern Stellen, C^um Beyspiel 
in dei" Mesa de San Diego, und zwischen Ortiz und 
der ^lesa de Paja '"')) triflfl man üher dem Kalkstein 
blättrigen mit Mergellagern wechselnden Gyps an. 
Dieser wird in bedeutender Menge nach Caracas **) ffe- 
sandt, welches mitten im Urgehirge liegt. 

Es findet sich dieser Gyps meist nur in kleinen 
Vorräthen (depots) und er ist mit vielfasiigem Gyps 
vermischt. Sollte er der nämlichen Formation angehö- 
ren wie derjenige von Guire, auf der Küste von Paria, 
welcher Schwefel enthält? oder gehören die im Thale 
von Buen- Pastor und an den Gestaden vom Orenoko 
vorkommenden Massen dieses letzteren, mit dem tho- 
nichlen Gyps der L,lanos , einem Secondar- Boden von 
viel neuerem Ursprünge an. *'-'^') Diese Fragen sind 
für das Studium des verhültnifsmäfsigen Alters der 
Gebirgsarten, dieser Hauptgrundlage der Geognosie, 
von grofser Wichtigkeit. Es sind mir keine Bildungen 
salzsaurer Soda in den Ltlanos bekannt. Das Hornvieh 
gedeiht hier ohne jene berühmten hareros , oder das 
salzigte Erdreich, welches in den Pampas von Buenos- 
Ayres so häufig vorkommt. 

Nach langer ohne irgend eine Spur von Weg fort- 
gesetzter Wanderung durch die öden Savanen der Mesa 
de Pavones wurden wir sehr angenehm durch eine 
abgesonderte Meyerey überrascht, welche Hato de 
Atta Gracia heilst, und mit Gärten und klaren Was- 



*) Auch in der Gegend von Cachipe und San Juacquim , in den 
Llanos von Barcelona. 

**) Dieser Handel geschieht von Parapara aus. Eine Ladung 
von 8 arobas wird in Caracas mit 24 Piaster Lezahlt. 

*»*) Siehe oben Th. I, Kap. 3, S. 269 j Th. II, Kap, 6, S. Sjj 
Th. 3. Hap. 14. 



334 Bach VL 

serbecken versehen ist. Hecken vom ^t«c?«rffc-Strauch 
umgaben mit Früchten beladene Gruppen des Icaco- 
Pflaumbaums. Die JNacht brachten wir in der Nähe des 
kleinen Dorfes San Geronymo dcl Guayaval zu, das 
durch Kapuziner -Missionare gegründet ward. Es Hegt 
nahe am Ufer des Kio Guarico, welcher si h in den 
Apure ergiefst. Ich besuchte den Geistlichen, welcher 
einstweilen in der Kirche >Vohntc, weil noch kein Pfarr- 
hof erbaut war. Der junge Mann empfieng uns mit zu- 
vorkommender Gefälligkeit, und gab über alles, was ich 
^vün?chte, Auskunft. Sein Dorf oder, um den unter 
den Mönchen üblichen Namen zu gebrauchen, seine 
Mission war ein schwieriges Amt. Ihr Stifter, welcher 
kein Bedenken getragen hatte, eiue pulperia für seinen 
iVutzen zu errichten, das will sagen, in der Kirche selbst 
Pisangfrüchte und Guarapo zu verkaufen, war in der 
Auswahl seiner neuen Colonisten mit eben so wenig 
Vorsicht zu Werke gegangen. Viele Landstreicher aus 
den Lilanos hatten sich in Guayaval angesiedelt, weil 
die Bewohner der Missionen sich dem weltlichen Rich- 
ter entziehen können. Hier, wie in Neu-Holland, darf 
man sich nur von der zweyten oder dritten Geschlechts- 
folge gute Colonisten versprechen. 

Wir setzten über den Bio Guarico, und biwackteix 
in den Savanen südwärts von Guayaval. Sehr grofsa 
Fledermäuse, die ohne Zweifel zur Familie der Fhyl- 
lostomen gehören, schwärmten wie gewöhnlich einen 
guten Theil der Nacht über unsern Hängematten. Man 
glaubt jeden Augenblick, sie werden sich aufs Gesicht 
anklammern. Früh Morgens setzten wir unseren Wog 
durch niedriges und öfters überschwemmtes Land wei- 
ter fort. Zur Regenzeit kann man zwischen dem Gua- 
rico und dem Apure wie über einen See im Kahne fah- 
ren. Ein Mann, welcher alle Meyereyen (^hatos) der 



Kapitel XVIJ. 335 

Lilanos besucht hatte , um Pferde zu kaufen . ward un- 
ser Begleiter. Er hatte für looo Pferde 2200 Piaster 
bezahlt. Die Preise *) werden, wie leicht zu erachten, 
niedriger bey beträchtlichen Ankäufen. Am 27. März 
trafen wir in der Filla de San Fernando ein, die der 
Hauptort der Kapuziner-Missionen in der Provinz Va- 
rinas ist. Es war dies das Ziel unserer Heise auf deni 
/lachen Land, denn die drey Monate April, May und 
Juny brachten wir auf den Strumen zu. 



Achtzehntes Kapitel. 

San Fernando de Apure. — Venehlingangen und Gabeltheilungen der 
Strömt von ylpure und Arauea. — Schiffahrt auf dem Rio Apure. 



Die Namen der grofsen Ströme des Apure, Paya- 
ra, Arauea und Meta waren bis zur zweyten Hälfte des 
achtzehnten Jahrhunderts in Europa beynahe gar nicht 



*) In den Llanos von Calabozo und Guayaval wird ein jnnger 
Ochse von 2 bis 5 Jahren mit einem Piaster bezahlt. Ein 
verschniltner (das Verfahren ist im sehr heifsen Klima mit 
bedeutender Gefahr verbunden) kostet 5 bis 6 Piaster. Eine 
an der Sonne getrocknete üchsenhaut gilt dritthalb Reales de 
plata Ci peso :== 8 reales); ein Huhn 2 Reales 5 ein Schaf in 
ßarquesimefo und Truxillo , denn ostwärts von diesen Städten 
giebt es keine mehr, 3 Realen. Da diese Preise sich nolh- 
wendig verändern werden, im Verhäitnifs der ansleigendon 
Bevölkerung der spanischen Colonien, schien es mir der Mühe 
werlh, Angaben hier aufzuzeichnen, die in der Folge staats- 
wirth?ohaftlicheii Unternehmungen zum Grund gelegt werden 
können. 



336 B u c h VI. 

Bekannt; weniger noch denn in den zwey vorlierj^e- 
gangonen Jahrhunderten, als der tapfere Filipe de Urre 
und die Eroherer von Tocuvo die i^lanos durciizogen, 
um jenseits des Apure die grofse Stadt vom Dorado 
und das reiche Land der Oineguas, das Tombouctou 
des neuen Festlandes, aufzusuchen. So kühne Unter- 
nehmungen mochten nur unter dem Schulze von Kriegs- 
rüstungen ausgeführt werden. Auch wurden die Waf- 
fen, welche nur zum Schutze der neuen Colonislen 
dienen sollten, aHezeit gegen die unglückliclien Lan- 
deseingebornen gebraucht. Als den Zt-ilen der Ge- 
■waltthätigkeit und gemeiner Noth friedlichere Zeiten 
gefolgt waren, bemächtigten sich zwey ausgezeichnete 
Indianer -Stämme, die Cabresen und die Cariben vom 
Orenoko, der nämlichen Landschaft, welche die Con- 
quisladores früher verwüstet halten. Von da an durf- 
ten nur noch arme Mönche südwärts in den Steppen 
vordringen. Eine unbekannte Welt öffnete sich iSierL 
spanischen Colonislen jenseits des Uritucu, und die Ab- 
kömmlinge der muthigen Krieger, welche ihre Erobe- 
rungen von Peru bis an die Küsten von Neu- Granada 
und zur Ausmündung des Amazonenslroms ausgedehnt 
hatten, kannten die Wpge nicht, welche von Coro zum 
Bio Mela führen. Das Küstenland von Venezuela blieb 
abgesondert, und die langsamen Eroberungen der Je- 
suiten-Missionare waren nur längs den Ufern des Ore- 
noko mit Erff lg begleitet. Diese Ordensmänner waren 
bereits über die grofsen Cataracten von Atures und 
Maypuros vorgedrungen, als die andalusischen Kapu- 
ziner kaum noch von der Küste und aus den Thälern 
von Aragua in die Ebenen von Calabozo gelangt wa- 
ren. Ein solcher Abstich dürfte sich wohl schwerlich 
aus der verschiedentlichen Einrichtung und Verfahrens- 
weise beyder Mönchsorden erklären lassen 3 die Be- 

schaf- 



Kapitel XVIIL 33? 

ScliafTenlieit des Landes ist es vielmehr^ welclie den 
sclmolleren oder langsainerei^ Erfolg- der Missionen 
zunächst bopründ;-t. Sie rücken im Innern des 
Lfin(!e<, in Ber^^egenden odnr Stoppen, überall, wo 
sie nicht längs einem Flusse ihren Weg- nehmen kön- 
nen , nur langsam vor. Man begreift kaum , wie es 
gescheljen konnte, dafs die Stadt San Fernaüdo de Apu- 
re . die in gerader Hichtung nicht über 5o Meilen von 
dem am frühesten bewohnten Küstenort von Caracai 
entfernt liegt, erst im Jahr 1789 gegründet ward. Es 
ward uns eine pergamentne Ui künde gezeigt, voll schö- 
ner Malereyen, welche die Stiftung (privilege) der klei-' 
nen Stadt enthielt. Sie war auf das Gesuch der Mön- 
clse a\is Madiit eingetroffen, als nur nocli wenige Kohr- 
büttenein grofses, in der Mitte des Fleckens aufgerich- 
tetes Kreuz umgaben. Weil den Missionarien und den 
Wrlllichfn Vorstehern gleichmäfsig daran gelegen istj 
üliertriebene Vorstellungen von dem Erfolg ihrer Be- 
mühungen für die Cultur und Bevölkerung der jenseits 
des Meeres gelegenen Provinzen in Europa geltend 
zu machen, so geschieht öfters, dafs die Namen von 
Städten und Dörfern geraume Zeit, ehe diese noch 
vorhanden si'id, in die Verzeichnisse der neuen Ervoer' 
bimsten aufgenommen werden. Es wird Anlafs geben, 
an den Gestaden des Orenoko und des Cassiquiare Er- 
wähnung von solchen zu machen, die eine lange Zeit 
l)indurcii zwar beabsichtigt warert , niemals aber zum 
Daseyn gekommen sind, aufser auf den in Rom und zu 
Madrit gestochenen Charten der Missionen. 

Die Lage von San Fernando &n einem grofsen 
schifFljaren Strom, nahe an der Ausmündung eines an- 
deren Flusses, der die ganze Provinz Varinas durch- 
läuft, ist dem Handel ausnehmend günstig. Die sämmt- 
liclien Erzeugnisse dieser Provinz, ^ Häute , Cacao^ 
Altx. V. fiitmboldti bist Btistn. Uh 32 



^38 Such VI. 

Baumwolle und Indigo von Mijagual, welcher vom be- 
sten Gehalt ist, gelangen durch diese Stadt an die Mün- 
dungen des Orenoko. Während der Regen/.eit kommen 
grofse Fahrzeuge von Angostura bis San Fernando de 
Apure und auf dem Rio Santo Domingo bis nach To- 
runos in den Hafen der Stadt Varinas. Gleichzeitig 
wird die Landschaft in einer Ausdehnung von 400 Ge- 
viertmeilen durch Ueberschwemmungen der Flüsse, 
welche ein Labyrinth von Verilecatungen zwischen 
dem Apure, dem Arauca, dem Capanapuro und dem 
Sinaruco bilden, unter Wasser gesetzt. Hier ist die 
Stelle, wo der Orenoko seine Richtung ändert und nicht 
durch anstehende Berge, aber durch die Erhöhung der 
Gegenhänge seinen Lauf östlich nimmt, statt die frühere 
Richtung in derjenigen eines Meridians zu verfolgen. 
Betrachtet man die Oberfläche des Erdballs als ein aus 
verschiedentlich geneigten Flächen gebildetes Polye- 
dron, *) so ergiebt sich schon aus der blofsen Ansicht 
der Charten, dafs zwischen San Fernando de Apure, 
Cavcara und der Ausmündung des Meta, der Durch- 
schnitt dreyer gegen JNorden, gegen Westen und Sü- 
den **) aufsteigender Abhänge eine bedeutende Vertie- 
fung zur Folge haben mufste. Die Savanen werden in 
diesem Becken mit zwölf bis vierzehn Fufs Wasser be- 
deckt, und sie stellen in der Regenzeit das Bild eines gro- 

*) Siehe die Abhandlung^ über die Kunst der Canal • Zeichnun- 
gen von den Herreu Dupuis-Torcv und Brissot, im Journal 
de l'F.cole poh techaique , Tom. VII , p. 265. 
**) Die Erhöhungen gegen IN'orden und gegen Westen schliefsen 
«ich in znev Giebel-Linien ^ den Bergen von Villa de Cura 
und von Merida an. Die dritte von INorden nach Süden ge- 
richtete .Senkung ist diejenige der Erdzunge zwischen dem An- 
den -G^birg und der Kette von Parime. Sie bestimmt die all- 
gemeine ISeigung des Orenoko von der Mündung desGuaviare 
bi« zu derjenigen des Apure. 



Kapitel XFIII, 339 

fsen Sees dar. Die Dürfer und Meyereyen, welch* 
auf liüheren Standpuncten erbaut sind, heben sich kaum. 
2 oder 3 Fufs über der WasserHäche. Alles erinnert 
hier an die Ueberschwemniungen von Unter- Egypten 
und von der Laguna de Xarayes, welche einst in den 
Erdbeschreibungen so berühmt war, obgleich sie nur 
einige Monate im Jahr Bestand hat. Die Anschwel" 
lungen der Ströme des Apure , des Meta und dei 
Orenoko sind gleichfalls periodisch. Die Pferde, wel- 
che in der Savane wild leben, und beym Eintritt der Re- 
genzeit nicht schnell genug die Plateaus oder erhüheten 
Ebenen der JLlanos erreichen, gehen bey Hunderten 
zu Grunde. Man sieht die Stuten mit ihren Füllen '') 
einen Theil des Tages schwimmen, um sich von Pflan- 
zen zu nähren, die mit ihren Spitzen nur über das Was- 
ser emporreichen. In dieser Lage werden sie von den Cro* 
codilen überfallen, und es ist gar nicht selten, dafs man 
an ihren Schenkeln die Spuren der Zähne dieser fleisch- 
fressenden Reptilien wahrnimmt. Die Aase von Pfer- 
den, Maulthieren und Kühen locken eine grofse Men- 
ge Geyer herbey. Die Zamuros *> sind die Ibis oder 
vielmehr die Aasgeyer dieses Landes. Sie haben völlig 
das Aussehen des Pharao- Huhns und leisten den Be- 
wohnern der Llanos die gleichen Dienste, wie der Vul- 
tur Percnopterus den Einwohnern von Egypten. 

Man kann den Wirkungen dieser Ueberschwem- 
mungen nicht nachdenken, ohne die ungemein grofse 
Biegsamkeit der Organisation d,er Thiere zu bewundern, 
welche der Mensch seiner Herrschaft unterworfen hat ^ 



*) Die Füllen ertrinken in Menge, weil sie im Schwimraen 
schneller ermüden, und ihren Müttern überall hin folgen 
wollen , wo diese allein nur sich auf den FüTsen halten könneru 

'*} VuUur aurea, L 



340 B n c h yi. 

In Grönland speist der Hiind die Ueberbleibsel des 
Fischfangs, und in Ermangelung von Fischen nährt 
er sich von Meergras. •'Der Esel und das Pferd, die 
aus den kalten und dürren Ebenen von Ober -Asien ab- 
stammen, begleiten den Menschen in die Neue Welt, 
kehren daselbst in den Zustand der Wildheit zurück, und 
führen unter dem heifsen tropischen Himmel ein unru- 
higes und beschwerliches Leben. Wechselweise vonx 
Uebermafs der Trockenheit und der JNässe gedrängt, 
suchen sie entweder zur Stillung ihres Durstes ein© 
Lache mitten in dem nackten und staubigen Erdreich, 
oder sie fliehen vor dem Wasser und den Ueberschwem- 
mungen der Flüsse, wie vor einem sie von allen Seiten 
umzingelnden Feind. Den vTag über von Bremsen und 
Moustiko's geplagt, werden Pferde , Maulthiere und 
Hornvieh des JNachts von sehr grofsen Fledermäusen 
überfallen, die sich auf ihren Rücken anklammern, und 
um so gefährlichere Wunden verursachen, weil solche 
alsbald von Milben und andern schädlichen Insecten 
wimmeln. Zur Zeit der grofsen Trockenheit werden 
selbst die stachlichten Meiocuclus *) von den Maul- 
thieren benagt, um ihren erfrischenden Saft fast gleichsam 
wie aus einer vegetabilischen Quelle zu trinken j zur 
Zeit der grofsen Ueberschwemmungen leben diese näm- 
lichen Thiere als wahre Amphibien, von Crocodilen, 
Wasserschlangen und Seekühen (Lamantins) umgeben. 
Dennoch aber (so wollen es die unwandelbaren Gesetze 
der Natura erhalten sich ihre Ka^en im Kampf der Ele- 
mente mitten unter so mannichfacben Leiden und Ge- 



*) Die Esel besitzen eine ganz eigne Geschicklichkeit, um sich 
des im Cactus Melocactus enthaltenen Saftes zu bemächtigen j 
sie drücken mit den Fiifsen die Dornen seitwärts, mitunter 
bleiben sie auch von dieser Qjperation her hinkend. 



Kapitel XVIII. 34t 

fahren. Wenn die Gewässer ablaufen und die Flüsse'irt 
ihre Betten zurücktreten, überzieht sicli die Savahe 
mit zarten und wohlriechenden Kräutern 5 und es schei-^ 
nen die Thiere, welche aus dein alten Europa und aus 
Hochasien abstammen, im Millelpunct derheifsen Zone 
die Rückkehr der Vegetatiou des Frühlings eben so Aviff 
in ihrem Vaterlande zu geniefsen. 

Während des hohen Wasserstandes werden von dert 
Einwohnern, zu Vermeidung der Gefahr starker Strö- 
mungen und der davon fortgeschwemmten Baumstämme^ 
die Strombetten vermieden, und sie fahren mit ihren 
Kähnen über die Savanon. Um von San Fernando^ iri 
die Dörfer San Juan de Payara, San Raphael de Ata- 
maica, oder San Francisco de Capanaparo zu gelangen, 
fährt man in südlicher Richtung, als hätte maa über ei- 
nen einzigen zwanzig Meilen breiten Strom zu setzen. 
Durch den Zusammenflufs des Guarico, des Apure, des 
Cabullare und des Arauca mit dem Orenoko bildet sich 
in einer 160 Meilen betragenden Entfernung von den 
Küsten von Guiana eine Art Binnen -Delta (Delta in- 
terieur), deren in der alten Welt wenig ähnliche vor- 
kommen. Dem Quecksilberstand im Barometer zufolge 
beträgt der Fall der Gewässer des Apure in San Fernan- 
do bis zum Meer nicht über 84 Toisen. Es ist ein eben 
so unbeträchtlicher Fall, welcher von den Mündungen 
des Ossage und des Missoury bis zur Sandbank des Mis- 
sissipi vorhanden ist. Die Savanen von Unter- Louisia. 
na erinnern überall an die Savanen vom untern Ore- 
noko. 

Wir verweilten drey Tage in der kleinen Stadt San 
Fernando, und wohnten daselbst bey dem Kapuziner-Mis- 
sionar, der in grofsem Wohlstand lebt. Der Bischof 
von Caracas hatte uns an ihn empfohlen, und er bezeigte 
sich ausnehmend gefällig. Er zog mich über die Arbei- 



341 Buch VI. 

ten zu Ratli, welche man begonnen halte, tim cfair 
Ufer, worauf die Stadt erbaut war, gegen das Untergra- 
ben durch die Gewässer des Flusses zu schützen. Der 
Eintritt der Portuguesa in den Apure drängh diesen süd- 
ostwärts, und, anstatt dem Strom freyeren Abflufs zu 
verschaffen, hatte man ihn durch Wuhrungen und 
Dämme mehr einzuengen versucht. Dal's diese Werke 
beym höheren Wasserstand um so schneller würden 
weggeführt werden, weil man durch Wegnahme der 
für die Wasserarbeiten gebrauchton Erde hinter den 
Dämmen das Ufer geschwächt hatte, war leicht vor- 
herzusagen. 

San Fernando ist durch die grofse Hitze, welche 
den gröfsten Theil des Jahrs durch daselbst angetroffen 
wird, berüchtigt; und ehe ich zu der Erzählung un- 
serer langen Stromfahrt übergehe, will ich noch einige 
Thatsachen vorausschicken, welche die Meteorologie 
der Tropenländer einigermafsen zu beleuchten geeignet 
sind. Wir begaben uns, mit Thermometern viirsehen, 
auf das mit weifsem Sand bedeckte Gestade in der Nähe 
des Apurestroms. Um 2 Uhr Nachmittags fand ich die- 
sen Sand allenthalben, wo er der Sonne ausgesetzt ist,*) 
auf 5*°? 5. Zu 18 Zoll Erhöhung über dem Sand 
aeigte der Wärmemesser 42°, 8> zu 6 Fufs Erhöhung 
38°?' 7- Die Lufttemperatur im Schatten einer Ceiba 
war 36°, 2. Diese Beobachtungen wurden bey völlig 
stiller Liiift gemacht. Sobald der Wind zu vvej»en an- 
iieng, stieg die Temp ''atur der Luft um 3°: dennoch 
waren wir von keinem Sandwind eingehüllt. Es warea 
Luftschichten, die mit einem stärker erwärmten Boden 
in Berührung gestanden, oder durch welche SanJtrom- 
peten gezogen waren. Dieser westliche Theil der Lala' 

*) Auf 42" R. 



Kapitel XVin. 343 

nos ist der wärmste, weil er die Luft empfängt, welche 
zuvor sclion die übrige dürre Steppe durchzogen hat. 
Der gleiche Untprscliied ist zwischen den üstliciien und 
westlichen Theilen der africanischen Wüsten da bemerkt 
worden, wo die Passatwinde wehen. 

Die Hitze nimmt in den L,lanos während der Ro- 
genzeit bedeutend zu, vornämlich im Julius, wenn der 
Himmel bedeckt ist, und die ausstrahlende Wärme der 
Erde zurücksendet. Während dieser Zeit hört der Ost- 
wind völlig auf, und zufolge sorgfältiger, von Hr. Pozo 
angestellter Beobachtungen steigt der Thermometer 
im Schatten *) auf 89° und 89°, 5, wenn derselbe auch 
mehr denn i5 Fufs über dem Boden erhöhet ist. Im 
Verhrlltnifs wie wir den Gestaden der Portuguesa, des 
Apure und des Apurito näher kamen, ward die Luft 
um der Verdunstung einer so beträchtlichen Wasser- 
masse willen kühler. Diese Wirkung ward vorzüglich 
nach Sonnenuntergang verspürt; den Tag über wird 
die Wärme von den mit weifsem Sand bedeckten Strom- 
ufern auf eine unerträgliche Weise, und gar viel mehr 
als von dem thonartigen braungelben Brdreich von Ca- 
l^bozo und Tisnao zurückgestrahlt. 

Am 28. März, bey Sonnenaufgang, befand ich 
mich am Gestade, um die Breite Tles Apure zu messen, 
welche 206 Toisen beträgt. Der Donner rollte von allen 
Seiten her. Es war das erste Gewitter und der erste He- 
gen der Jahrzeit. Die Wasser des Stromes wurden vom 
Ostwinde emporgehoben, bald jedoch ward es wieder 
windstill , und alsbald fiengen grofse Cetaceen aus der 
Familie der Blaser (Souffleurs), und die denMeerschvvei- 
nen unserer Meere völlig gleichen, ^""0 in langen Rei- 



*) Auf 5i°, j oder 5i , 6 R. 
**) DeJphinus phocaena, h- 



344 Buch VI. 

hen auf der Oberfläche des Wassers ihre Spiele an. Die 
langsamen und trägen Crocodile scheinen die Nähe die- 
ser lärmenden und in ihren Bewegungen ungestümen 
Thiere zu fürchten. Wir sahen sie untertauchen, wenn 
die Blaser ihnen nahe kamen. Es ist eine aufjerordent- 
liche Erscheinung, in dieser Entfernung von dfn Kü- 
sten Cetaccen anzutreffen. Die Spanier der IVlisnoner^ 
ijezeichnen sie, wie die Meerschweine des Ozeans, durch 
den Namen Toninas. Ihr indischer Name he;ii*st Ori- 
nucnu. *y Ihre Lärtge beträgt drey bis vier Füfs,. und 
indem sie den Rücken krümmen Mnd den Schwanz ge- 
gen die untern Wasserschichten anstüt/en, wird ein 
Theil des Rückens und der Rückenflofsfeder sichtbar. 
Ich konnte keines dieser Thiere habhaft werden, ob- 
gleich ich die Indianer wiederholt aufforderte, <nlt Pfei- 
len nach ihnen zu schiefsen. Der Pater Gili versichert, 
die Guamos essen das Fleisch deyselhon. Sind di' seCe- 
taceen den grofsen Strömen des südlichen America ei- 
genthümlich, wie die Seekuh (Lamanlin), welche, den 
anatomi?chcn Untersuchungen des Hrn. Cuvier zufolge, 
den Siifiwasser - Cetaceen gleichfalls angehört, oder 
soll man annehmen, sie steigen aus dem Meere strom- 
aufwärts, yi'ie der Beluga (Delphinapt'ere ßeluga) in den 
Strömen Asiens zuweilen thut? Was mir diese letztere 
Vermuthung unwahrscheinlich n)acht, ist der Ums^tand, 
dafs wir oberhalb de? griofsen Cataracten d. i Ortna!<o, 
im Rio Atapalio Töninas gesehen , )iaben. Sollten sie 
in die Mitte der Aequinoctial -Gegenden America s von 
der Mündung des Amazoneurtronis durch die Verbin-t 
dung.''n desselben mit dem Rio Negrp., dem Cassic[uiarej 
und dem Qrenoko vorgedrungen §eyn? Man tnift sie 
zu allen Jahrzeiten dort an, und nichts scheint anzudeu- 



*) In der Tamanaken - Sprache. 



Kapitel XFIII. 345 

ten, dafs sie wie die Lachse periodische Wanderungen 
machen. 

Während der Donner bereits um uns her rollte, 
waren am Himmel nur noch zerstreute Wolken sichtbar, 
die langsam und in entgegengesetzter Richtung gegen 
das Zenith anrückten. Deluc's Hygrometer zeigte 53°, 
der hunderltheiliiie Thermometer *) 23°, 7- Der mit 
einer rauchenden Lunte bewaffnete Electricitätsmesser 
verrioth keine Spur von Jilectricität. So wie das Ge- 
witter sich bildete, gieng die blaue Himmelsfarbe an- 
fänglich in ein dunldes Azur und hernach in Grau über. 
Der bläschenartise Dunst ward sichtbar, und der Ther- 
mometer stieg um 3°, wie dies in den Tropenländern 
bey bedeckiem Himmel, welcher die strahlende Wärme 
des Bodens zurücksendet, beynahe allezeit der Fall ist. 
Der Hegen fiel in Strömen. Da wir an das Clima satt- 
sam gewöhnt waren, um keine nachtheiligen Wirkun- 
gen des Regens der Tropenländer zu fürchten, so blie- 
bon wir am Gestade, um den Gang des Electricitätmes- 
sers genau zu beobachten. Ich hielt denselben über 20 
Minuten in der Hand, zu 6 Fufs Erhöhung über dem 
Boden , und ich bemerkte überhaupt, dafs die Korkkü- 
gelclien nur wenige Secunden vor dem Blitz auseinan- 
derwichen. Die Entfernung betrug 4 Linien. Die 
electrische Ladung blieb mehrere Minuten unverändert, 
und da wir Zeit IVmden , die Beschaffenheit der Electri- 
cität zu prüfen, so habe ich, bey Annäherung einer 
Stande Siegellack hier in der Ebene bemerkt, was ich 
häutig während der Gewitter auf dem Kücken der An- 
den beobachtet hatte, dafs die Luft-Electricität anfangs 
positiv, hernach Zero, und endlich negativ waf. 
Diese Schwingungen vom positiven zum negativen (vom 



*J Hygr. von Saussure, 87", 5} Th. 19* R. 



346 Buch VI. 

Glas - Zii«!tand zum Harz- Zustand) wieclpt*lioltftn sich 
öfters. Jedoch zeigte der Electrometer j kurz vor docn 
Blitz allezeit nur Zero E. oder -f- E. , nlomals — E. 
Gt^g-fTi Ende des Gewitters trat ein sehr heftiger West- 
wind ein. Die Wolken zertheilten sich, und der Ther- 
mometer sank auf 22°, um der Ausdünstung des Bodens 
und der freyeren Strahlung gPgen den Himmel willen. 
fch wollte diese einzelnen Angaben über die elec- 
trische Ladung der Atmosphäre hier aufnehmen, weil 
die Heisenden sich meist nur begnügt haben , den Ein- 
druck zu schildern, welchen der imposante Anblick 
ei.ies Gewitters'in den Tropenländern bey einem kürz- 
lich eingelroffnen Europäer hervorbringt. In einem 
Land, wo das Jahr sich in die zwey grofsen Zeiten, der 
Trockenheit und der Nässe, oder wie die Indianer in ih- 
rer ausdrucksvollen Sprache §agen, von Sonne *) und 
Regen **> theilt, gewährtes ein grofses Interesse, den 
Gang der meteorologii>chen Erscheinungen im Ueber- 
gang ron der einen zur anderen Jahrzeit zu verfolgen. 
Bereits hatten wir vom 18. und ig, Hornung an in den 
Thälern von Aragua gesehen, wie sich beym Eintritt 
der Nacht Wolken bildeten. Zu Anfang des Monats 
März ward die Anhäufung der bläschenartigen dem 
Auge sichtbaren Dünste, und damit zugleich die Zei- 
ehen der atmosphärischen Electricität mit jedem Tag 
Ledeulender. Wir sahen am südlichen Himmel Wetter- 
leuchten , und Volta's Electrometer zeigte allezeit bey 



•) In der Majpure - Sprache Camoti , eigentlich glänzende 
Hitze (der Sonne). Die Tamanaken nennen die Zeit der 
Trocl;enhcit Uamuy die Zeit der Jltuschrecken. 

*) Tn der Tamanaken-Sprache Canepo. Das Jahr wird bey 
verschiedenen Nationen durch den IVamen einer der zwey 
Jahrzeiten bezeichnet. 



Kapitel XVIII. 347 

Sonnenuntergang Glas-Electricität. Das Voneinander- 
weichen der kleinen Kork - Kügelchen , welches d» n 
weiteren Tag über nicht zu bemerken war, betrug hey 
Eintritt der Nacht drey bis vier Linien , od r das drey- 
fache dessen, was ich mit dem gleichen Werkzeug in 
Europa '■•') bey heller Witterung gewöhnlich beobacu- 
tet halle. Endlich, vom 26. May an, schien das eltc- 
trische Gleichgewicht der Atmosphäre gänzlich zerstört 
zu seyn. Ganze Stunden lang war die Electricität Zero, 
dann ward sie sehr bedeutend, 4 bis 5 Linien, und bald 
darauf war dieselbe wieder völlig unbedeutend. De- 
luc's Hygrometer zeigte fürdauernd eine grofse Tro- 
ckenheit ■••*) von 33° bis 35°, und doch schien die At- 
mosphäre nicht mehr die gleiche zu seyn. Mitten unter 
diesem beständigen Wechsel der electi'ischen Ladung 
der Luft fiengen die ihrer Blätter beraubten Bäume 
bereits wieder an frisches Laub zu entwickeln und vom 
nahenden Frühling gleichsam ein Vorgefühl zu haben. 
Die hier beschriebenen Veränderungen sind nicht 
etwa einem einzelnen Jahrgang eigenthümlich. In dec 
Aequinoctial-Zone folgt Alles mit wunderbarer Gleich- 
förmigkeit aufeinander, weil sich die lebendigen Kraft© 
der Natur nach leicht erkennbaren Gesetzen einander 
begrenzen und aufwiegen. Folgendes ist der Gang der 
atmosphärischen Erscheinungen im Binnenlande ostwärts 



*) Zu Salzburg, zu Baireulh und tn Jena in Deutschland, in 
der Ebene von Saint -Denis hey Paris, und auf dem Plateau 
von Casfilien. Siehe die Darstellung meiner Versuche über 
die Electricität der Atmosphäre im Journal de Physique, Tom. 
XLVIIl, p. J93. 

••) Von 68° zu 70" , 8 des Saussur'schen Hygrometers bey 23» 
bis 26" Reaum. , welches die Trockenheit der Luft in der Ae- 
quinoctial • Zone darthut. 



348 Buch VI. 

der Cordilleren von Merida und von Neu- Granada in 
den Li/anos von Venezuela und vom Bio Meta^ vom 4. 
zum 10. Grad nordlichor Breite, überall wo die Hegen- 
zeit vom May bis zum October anbäit, und demnach 
die, Monate der gröfsten Trockenheit den Julius und 
August befafsten. *) 

Nichts gleicht der Reinheit der Atmosphäre vom 
December bis zum Februar. Der Himmel erscheint 
alsdann beständig wolkenlos, und wenn eine Wolke sich 
sehen läfst, so ist es eine Erscheinung, welche die ganze 
Aulinerksamlicit der Einwohner beschäftigt. Die öst- 
liche und ost-nord - östliche Brise bläst heftig. Weil 
die durch sie herheygeführte Luft stets einerley Tem- 
peratur hat, so können die Dünste durch Erkältung 
nicht sichtbar werden. Gegen Ende Februars und zu 
Anfang des Märzmonals ist das Himmelsblau minder 
dunkel gefärbt, der Hygrometer deutet allmälig auf 
gröfsere Feuchtigkeit, die Sterne sind zuweilen von 
einer leichten Dunsthülle verdeckt, ihr Licht ist nicht 
mehr ruhig und plai^etarisch : man sieht dieselben von 
Zeit zu Zeit auf 20° Erhöhung über dem Horizont fun- 
keln. Die Brise weht um diese Zeit minder stark und 
weniger regelmäfslg, sie wird öfterer durch PVind- 
stUle unterbrochen. In Süd-Süd-(3st sammeln sich 
Wolken. Sie erscheinen wie ferne Berge mit sehr be- 
stimmten Umrissen. Zuweilen sieht man, wie sich die- 
selben vom Horizont losmachen und das Himmelsge- 



•} Auf den Küsten hingegen , f u Cumana , in la Guayra und 
auf der henachbarten Margarellien- Insel trifft ^as Maxi- 
mum der Wärme erst im September ein*, und die Regen, 
wofern man einige zuweilen niederfallende Tropfen Wasser 
so nennen kann , werden erst im October und fSovember 
fceobachlet. 



Kapitel XFIII. 349 

ivülbe "mit einer Schnelligkeit durchlaufen^ die der 
Schwäche des in den unteren Luftschichten herrschen- 
den Windes keineswegs entspricht. Zu Ende des März 
^yird die südliche Kegion der Atmosphäre durch kleine 
electrische Explosionen erleuchtet. Es sind wie phos- 
phorescirende^ auf eine einzige Dunstgruppe beschränk- 
te Fiuiken. Von da an treten von Zeit zu Zeit und 
mehrere Stunden anhaltend West- und Süd- West- Winde 
ein. Dies ist ein sicheres Zeichen des Anrückens der 
Hegenzeit, die am Orenoko gegen Ende Aprils beginnt. 
Der Himmel fängt an bedeckt zu werden , die Azur- 
bläue verschwindet, und eine gleichförmige graue Fär- 
bung ersetzt dieselbe. Gleichzeitig nimmt die W'ärme 
der Atmosphäre mehr und mehr zu, bald sind es nicht 
blofse iWolken nur , sondern verdichtete Dünste , die 
das ganze Himmelsgewölbe decken. Die Brüllaffen fan- 
gen an ihr klagendes Geschrey schon lange vor Tages- 
anbruch hören zu lassen. Die atmosphär sehe Electri- 
cität, welche während der grofsen Trockenheit vom 
December bis zum März, fast beständig, den Tag über 
1,7 bis 2 Linien des VoLtaschen Electrometers betra- 
gen hatte, wird vom iMärz an höchst abwechselnd. 
Ganze Tage durch ist dieselbe völlig null, hernach für 
etliche Stunden weichen die Korkkugelchen des Volta'- 
schen Electrometers um 3 bis 4 Linien von einander. 
Die Atmosphäre, welche überhaupt in der hoifsen Zone, 
wie in der gemäfsigten, sich im Zustand der Glas-EIec- 
tricität befindet, geht wechselnd 8 bis 10 Minuten lang 
in den Zustand der Harz-Electricität über. Die Hegen- 
zeit ist die Zeit der Gewitter, und doch haben zahl- 
reiche, im Lauf von drey Jahren angestellte Versuche 
mir dargethan, dafs gerade in dieser Jahrzeit der Ge- 
witter in den unteren Hegionen der Atmosphäre eine 
geringere electrische Spannung voi-handen ist. Sind 



35o Buch VI. 

die Gewitter das Ergebnifs dieser ungleichen Ladung 
dei- verschiedenen übereinander liegenden Luftschicht 
ten? Was hindert die Ülectricität in einer seit dem 
Monat Miirz feuchter gewordenen Luft gegen die 
Erde herabzusteigen ? statt gleichförmig durch die 
ganze Atmosphäre vertheilt zu seyn , scheint die 
Electricität in diesem Zeitpunct auf der äufseren Hülle, 
auf der Oberfläche der Wolken angehäuft. Es ist, wie 
Hr. Gay-Lussac glaubt, die Bildung der Wolken selbst, 
welche die Flüssigkeit nach der Oberfläche hinführt. 
Das Aufsteigen- des Gewitters erfolgt zwey Stunden nach 
dem Durchgang der Sonne durch den Meridian, mithin 
kurze Zeit nach dem Moment des Maximums der Ta- 
geswärme unter dem Tropenhimmel. Hücbst selten 
nur läfst sich im Binnenlande der Donner in der Nacht 
oder am Morgen hören. Die Nacht- Gewitter sind nur 
gewissen Flufsthälern , welche ein besonderes Clim« 
haben, eigen. 

Welches sind nun aber die Ursachen dieser Zer- 
störung des Gleichgewichts in der electrischen Span- 
nung der Luft, dieser beständigen Verdichtung der 
Dünste in Wasser, dieser Unterbrechung der periodi- 
schen Winde, dieses Anfangs und dieser Fürdauer der 
Begenzeit? Ich zweifle, dafs die Electricität auf die 
Bildung der bläschenartigen Dünste Einflufs habe. Es 
ist vielmehr die Bildung dieser Dünste, welche die elec- 
trische Spannung vermehrt und verändert. Nördlich 
und südlich vom Aequator geschehen die Gewitter oder 
grofsen Explosionen gleichzeitig in der temperirten und 
in der Aequinoclial-Zone. Gif^jt es eine Wirkung^ wel- 
c'ie sich durch den grofsen Luft-Ocean aus der ersten 
dieser Zonen gegen die Wendekreise fortpflanzt? VVie 
mag man sich's erklären, dafs unter dieser Zone, wo 
die Sonne beständig zu so grofser Höhe über den Hori- 



Kapitel XFIII. göz 

lonl ansteigt, der Durchgang dieses Gestirns durch das 
Zenith einen so bedeutenden Einflufs auf die meteoro- 
logischen Veränderungen äufsert? fch vermuthe, die 
Ursache, welche den Anfang der Hegenzeit unter den 
Wendekreisen bestimmt, ist nicht örtlich, und eine ge- 
nauere Keniilnifs der oberen Luftschichten würde die 
dem Anschein nach so verwickelten Aufgaben vcreinfa- 
clien. Wir können nur dasjenige beobachten, was in 
den unteren Kegionen der Atmosphäre vorgeht. Die 
Anden sind über 20üo Toisen Erhöhung fast gar nicht 
bewohnt, und auf dieser Höhe haben die Nähe des Bo- 
dens und die Bergmassen, welche die Untiefen im Luft- 
Ocean darstellen, einen bedeutenden Einflufs auf die 
in ihrer Nähe befindliche Luft. Was man auf dem Pla- 
teau von Antisana beobachtet, ist von dem verschieden, 
was auf gleicher Höhe in einem Luftballon über den 
Lt/anos oder über der Fläche des Weltmeeres schwe- 
bend wahrgenommen werden könnte. 

Wir haben so eben gesehen, dafs die Jahrzeit der 
Regen und der Gewitter, in der nördlichen Aequinoc- 
tial-Zone, mit den Sonnen - Durchgängen durch das 
Zenith *) des Ortes, irAi dem Aufhören der Brisen 
oder Nord -Ostwinde, mit dem öfteren Eintreten der 
Windstillen und der ßendavales , welches süd-östliche 
und süd-westliche stürmische und mit überzognem Him- 
mel *'•') begleitete Winde sind, zusammentrefi'en. Ich 
glaube, man wird^ beym Nachdenken über die allge- 
meinen Gesetze des Gleichgewichts der gasartigen Mas- 



*) Diese Durchgänge geschehen unter den 5° und lo* nörd- 
licher Breite, zwischen dem 3. und lo. April und zwischen 
dem 37. August und 8. September. 

•) Vergl. meinen Etsat politique sur la NouvcUe - Efpagn». 
Tum. II, pa^. 38a, 712 und 767 



352 Buch ri. 

sen, aus denen unsere Atmosphäre bestellt, in der Unter- 
brechung der von einem gleichnamigen Pole herkom- 
roenden Strömvxng, in dem Mangel der Erneuerung 
der Luft unter der heifsen Zone, und in der anhallen- 
den Wirkung der aufsteigenden feuchten Strömung, 
eine sehr einfache Ursache des Zusammentrefliens dieser 
Erscheinungen finden. Walirend nordwärts vom Ae- 
quator der Nord -Ostwind (brise) in seiner vollen Kraft 
weht, hindert derselbe die, die Aequinoctial- Lande 
und Meere bedeckende Atmosphäre sich mit Dünsten 
zu sättigen. Die warme und feuclite Luft der heif^on 
Zone steigt in die Höhe und neigt sich den Polen zu, 
während die unteren Polar- Strömungen durch herbey- 
geführte trocknere und kältere Luftschichten die auf- 
steigenden Luftsäulen beständig ersetzen. Durch dies 
anhaltende Spiel zwey entgegengesetzter Strömungen 
wird die Feuchtigkeit, weit entfernt, sich in der Aequa- 
torial - Region anzuhäufen , vielmehr den l-.alten und 
temperirten Regionen zugeführt. Während dieser Zeit 
der Nord-Ostwinde, wo die Sonnein den mitläglichen 
Zeichen ist, bleibt der Himmel in der nördlichen Ae- 
quinoctial- Zone stels heiter. Die bläschenartigen Dün- 
ste verdicken sich nicht, weil die beständig erneuerte 
Luft von ihrem Sättigungs - Punct weit entfernt ist. 
Nach Mafsgabe wie die Sonne beym Eintritt in die mit- 
ternächtlichen Zeichen sich gegen das Zenith erhebt, 
fängt die Nord-Ost-Brise sich zu legen an, bis sie nach 
vmd nach gänzlich aufhört. Die Verschiedenheit der 
Temperatur zwischen den Wendekreisen und der ge- 
mäfsigten nördlichen Zone ist alsdann die möglichst 
kleine. Es ist diefs der Sommer des Nordpols 5 und 
wenn die mittlere Temperatur des Winters unter den 
42° und 52° nördlicher Breite um 20° bis 26° des hun- 
derttheiligcn Thermometers geringer ist, als die Aequa- 

to 



Kapitel XVIIL 353 

torial-Hitze^ so beträgst dieser Unlorscliied im Sommer 
haum 4° bis 6°. Wenn die Sonne im Zenitli stellt und 
die Brise sich fi^elegt hat, werden die Ursachen, welche 
die Feuchtigkeit begründen und dieselbe in der nördli- 
chen Aequinoclial-Zone anhäufen, gleichzoitig wirksa- 
mer. Die Luftsäule, die anf dieser Zone ruht, sättigt 
sich mit Dünsten , weil sie durch die Polar- Strömung 
nicht mehr erneuert wird. Die Wolken bilden sich in 
dieser gesättigten und durch die Tereinbarten Wirkun- 
gen der Strahlung und der Ausdehnung der aufsteigen- 
den Luft erkälteten Atmosphäre. In dem Verhältnifs 
ihrer V erdünnung wird die Capacität der Luft für die 
Wärme gröfser. Mit der Bildung und Gruppirung der 
bläschenartigen Dünste häuft sich die Electricität in 
den oberen Hegionen der Atmosphäre an. Die Nieder- 
schläge der Dünste sind den Tag über andauernd. Sie 
hören die Nacht durch auf, öfters schon mit dem Un- 
tergang der Sonne. Die Regengüsse erfolgen regelmäs- 
sig am stärksten und mit electrischen Explosionen be- 
gleitet, kurze Zeit nach dem IXlaximum der Tages- 
wärrne. Dieser Zustand bleibt unverändert, bis die 
Sonne in die mittäglichen Zeichen tritt. Damit fängt 
in der nördlichen gemäfsigten Zone die Kälte an. Von 
da an beginnt auch die Strömung des Nordpols wieder 
neuerdings, weil der Unterschied der Wärme zwischen 
der Aequinoctial- und der gemäfsigten Region von Tag 
zu Tag gröfser wird. Die Nord- Ost -Brise weht kräf- 
tig, die Luft der Tropenländer erneuert sich nicht, und 
sie mag den Sättigungspunct nicht mehr erreichen. 
Der Regen fällt demnacli auch nicht länger, der bläs- 
chenartige Dunst löst sich auf, und der Himmel erhält 
neuerdings seine Reinheit und seine azurne Färbung. 
Electrische Explosionen finden jetzt keine mehr statt, 
ohne Zweifel darum, weil die Electricität in den höhe- 
^Ux. V. Ilnwho'da hist. Btistn III 23 



35:^ Buch VI. 

ren Luft Rogionen jene Gruppen bläschenartiger Dün- 
ste, ich möchte fast sagen, jene Nebelhüllen, worauf die 
FJüssigl<eit sich sammeln kann, niclit mehr anlritft. 

Wir haben das Aufhören der Brisen als die Haupt- 
ursache *) der Aeqiiaiorial - Regen betrachtet. Diese 
Regen dauern in jeder Halbkugel nur so lange, als die 
Sonne eii.e gleichnamige Abweichung mit der Halbku- 
gel hat. Es mufs hier bemerkt werden, dals (ieni 
Aufhören der Brise nicht allezeit Windstille folgt, 
sondern dafs diese öfters, zumal längs der ameri- 
canisclien Westküsten, durch die Hendavales , oder 
Süd -West- und Süd- Ost- Winde unterbrochen wird. 
Dieses Phänomen scheint darzuthun, dafs die feuclilen 
Luftsäulen, die in der nördlichen Aequatorial - Zone 
aufsteigen, sich zuweilen gegen den Siidpol hinneigen. 
Wirklich zeigen die unter der heifsen Zone, dem Ae- 
quator nördlich und südlich gelegenen Gegenden, im 
Sommer, während die Sonne durch ihr Zenith geht, 
das JMaxiniujn des Unterschieds der Temperatur mit 
der Luft des ungleichnamigen Pol«. Die gemüfsigte 
südliche "Zone hat ihren Winter, während es nordwärts 
vom Aequator regnet, und daselbst eine mittlere um 5° 
bis 6° gröisere Wärme herrscht, als in der Zeit der Tro- 
ckenheit, wo die Sonne am niedrigsten ist **). Die Fort- 



*) Jch Iiabe alisichtlicli bev dieser Untersuchung die gewagten 
Hypothesen über die Verbindungen des Sauerstoft's mit dem 
^\asse^sloH', und über die der Electricität zugesrhriebne Ei- 
genschaft, bläschenartige Dünste zu bilden und niederzusc]ila- 
gen , bey Seite gelassen. 

**) Vom Aequator bis zu lo*» nördlicher Breite weichen die mitt- 
leren Temperaluren der Soiiimer - und W intermonatc kaum 
um 2" bis 5° ron einander ab; dagegen auf den Grenzen 



Kapitel Xri/l. 355 

dauer des Re^^ens , während die Beudavales wehen, 
zcii^t , dafs die Strömungen des entfernteren Pols, in 
der n^irdlichen Aequinoctial - Zone , um der grOfseren 
Feiichtiij-!<eit der ^i'.dliclien PoKirslrüniung' willen, niclit 
gleich den Striinmngen des nJiheren Pcds wirken. Die l^uit. 
Welche jene Stiön'ung bring5 , kommt aus einer gleich- 
saiii ganz, nas^eri Atmosphäre her. Um den Paiaileikreis 
von 8° nördlicher Breite zu erreicijen, durchzieht sie 
die ganze südliche Aequatorial- Zone 5 sie ist def?nahen 
minder trocken, minder kalt^ minder geeignet wie eine 
Gegenströmung zu wirken, die Aequinoctial - Luft zu 
erneuern und ihre Sättigung zu hindern, als diefs hin- 
ge^^en die nördliche Polar - Strömung, oder die nord- 
östliche Brise *) thut. Es ist wahrscb'einlich, dafs diei 
Hendavales auf einigen Küsten, zum Beyfpiel auf de- 
nen xon Guatimala, ungestüme Winde sind, weil sie 
nic';t die Wirkung eines regelmäfsigen und progressiven 
Uehertritts der Luft der \^ endekreise gegen den Süd'' 
pol sind, sondi^rn mit Windstillen wechseln, von elec- 
Irischen Kxplo>;ionen hegleitet werden, und als wahre 
Stof:-winde, ein Zurückschlagen, eine schnelle und 
plötzliche Störung des Gleichgewichts im Luft-Ocean 
darlhun. 

Wir haben hier eine der wichtigsten Erscheinun« 
gen der Meteorologie der Tropenländer in ihrer gröfs- 
fen Allgemeinheit betrachtet. So wie die Grenzen der 



der üicifscn Zone, gegen den Wendekreis des Krebses, dei* 
Unterschied auf ö'' und 9" ansteigt, 

*) In Leyden gemäfsiglcn Zonen verliert die Luft ihre Durch- 
sichtigkeil . so oft der Wind vom ungleichiuimigeii Pole her 
weht, das will sagen, von dem Pole, dessen IName mit der 
Haihktijfel. worin der Wind Verspiirt wird, nicht gleichen Na- 
men iVilnf. 



350 B u c h VI. 

regelmäfsigen Winde {vents alises') keine Parallelkreise 
mit dein Aequator bilden *), so stellt sicli auch die Wir- 
kung der Polar- Strömungen unter verschiedenen Meri- 
dianen ungleich dar. In der nämlichen Halbkugel ha- 
ben die Bergketten und das Küstenland öfters entgegen- 
gesetzte Jahrszeiten. Wir werden in der Folge Anlafs 
finden, mehrere Beyspiele solcher Anomalien anzufüh- 
ren j um aber die Naturgesetze zu ergründen, mufs, 
bevor die Ursachen der örtlichen Störungen erforscht 
werden, das Durchschnitt - Verhältnifs der Atmospliäre 
und der beständige Typus ihrer Abweichungen ge- 
kannt seyn. 

Die Gestaltung des Himmels, der Gang der Elec- 
tricität und der Schlagregen am 28. März verkündigten 
den Eintritt der Regenzeit: inzwischen ward uns an- 
noch gerathen, von San Fernando de Apure durch 
San Francisco de Capannparo über den Kio Sinaruco 
und den Ilato von San Antonio, das erst kürzlich naho 
an den Ufern der Meta errichtete Dorf der Otomakera 
zu erreichen, tmd uns etwas oberhalb Carichana auf 
dem Orenoko einzuschilfen. Dieser Landweg geht 
durch ein ungesundes und fiebriges Land, Ein alter 
Pächter, Don P'rancisco Sanchez, bot sich uns gefällig 
zum Führer an, teine Kleidung verrieth die grofse 
Sitten- Einfalt, welche in diesen fernen Ländern herr- 
schet. Er besafs über 100,000 Piaster im Vermögen^ 
und stieg jedoch mit nackten Füfsen und mit grofseni 
silbernen Spornen zu Pferde. Da wir aus einer Erfah- 
rung mehrerer Wochen die traurige Einförmigkeit der 
Vegetation der L,larios sattsam kannten, so zogen wir 
den längeren Weg auf dem Kio Apure zum Orenok» 



*j Siehe oben, Th. I, Kap. 3, S. 297, 358, und mein Memoirs 
sur les lignes isochermes, p. 114. 



Kapitel XVIIL 35? 

vor. Wir uälilten dafür eine der sehr breiten PIrogen, 
welche die Spanier lanchas lieifsen. Ein Steuer- 
mann *) und vier Indianer reichten für die Bedienung 
des Fahrzeuges hin. Im Hintertheil desselben ward, in 
ctliclien Stunden , eine mit Corypha- Blättern bedeckte 
Hütte errichtet, die geräumig genug war, um einen 
Tisch und Bänke zu fassen. Diese bostund(>n aus stark 
ausgespannten und auf eine Art Hahmen von antillischeni 
Brasilienholz genagelten Ochsenhäuten **}. Ich führe 
diese kleinliciien^Umstände hier &n, um darzuthunj dafs 
unsere Lage auf dem Rio Apure von derjenigen sehr 
Terschieden war, auf die wir in den schmalen Kähnen 
des ürenoko beschränkt waren. Die Piroge ward mit 
Lehensmitteln für einen Monat versehen. In San Fer- 
nando sind Hübner, Byer, Pisangfrüchte, Maniocca- 
mehl und Cacao im Ueberflufs zu haben. Der gütige 
Kapuziner- Pater ***) vei'sah uns mit Xerez- Wein, mit 
Oraniren und Tamarinden- Frücliten, um kühlende Li- 
xnonaden zubereiten. Wir konnten voraussehen, dafs 
ein aus Palmblättern verfertigtes Dach sich in einem 
breiten Flufsbette, wo man fast immer den senkrechten 
Sonnenstrahlen ausgesetzt ist, ungemein erhitzen werde. 
Die Indianer rechneten weniger auf die von uns ange- 
ltauften Lehensmittel, als auf ihre Angel und Garne. 
Wir nahmen auch einige Schiefsge wehre mit, welche 



•) El patron, 

**) Wir bezahlten fiir die Fahrt von San Fernando de ipure 
nach Carichana am Orenoko Cacht Tagreisen Entfernung), 
zehn Piaster für die lancha , und darüberhin den Taglohn, 
welcher einen halben Piaster oder 4 Realen für den Steuer- 
mann , und zwey Piealen für jeden der indianischen Ruderer 
beträgt. 

'*) Fray Jose Maria de Malaga. 



35S Buch VI. 

bis in die Gebend der Cataracten ziemlich alh;einein ffe- 
braucht werden 5 wogegen mehr südwärts die ungentein 
starke Feuchtigkeit der Liuft den Missionarien den Ge- 
brauch der Flinten untersagt. Der Hio Apure nährt 
<el\r vi(4e Fische, Seekühe und Schildkröten, deren 
Eyer eine mehr nährende als angenehme Speise gewah- 
ren. Seine Ufer wimmeln von unv^älilharen Vögeln, 
worunter der Pauxi und die Guacharaca, welche man 
die Truthähne und Fasane dieser Gegenden nennen 
könnte, uns am meisten zu gut kamen. Ihr Fleisch 
schien mir zäher und nnnder weifs, als dasjenige unse- 
rer europäischen Hühnerarten, woran die kralligere 
Muscular-Bewegung schuld ist '■'). Man vergafs nicht, 
den Speisevorräthen, den Waffen und den Werkzeugen 
für den Fi-chfang einige Branntwein- Fässer beyzufü- 
gen, um solclie als Tauschmittel bey den Indianern am 
ürenoko zu gebrauchen. 

Unsere Abreise von San Fernando **_) geschah am 



*> Die Miiscular-Zusammen/iohung (die Entladung des INervs 
in den Muskel) wird von einer chyniischen Veränderung der 
Bcstanddieile Jbegleitcl. Der Sauerslofl' des arteriellen Blutes 
wird absorbirt, und während dieser Einsaugung schwärzt und 
verkühlt sich die Muskeliieber. 

**) Ich habe mittelst Meridian Höhen des a >'<>'" Hrouze am 
Siidhinimel, die Breite der iStndt San Fernando de Apiire 
(Wohnung des Missionars) 7" 55 12" gefunden {Obs. asbr.^ 
Tom. 1, {>. 2 1Ö). Die chronometrische Länge war 70" 21' 
lo", die IncJination der M.Tgnelnadel 36", 71 (hunderlth. 
Scale). Die Intensität der magnetischen Kri.fte zeigte, wie in 
CalaliQzo, 222 Schwingungen in z.clin Minuten Zeit. Der 
IS.Tine von San Fernando ist auf den neueren (Jhailen noch 
nicht zn iinden , xum ße^.spiel auf den schönen (Jliarten der 
Herren Arrovvsmilh und ßrue. oh ich gleich vor zwölf Jah- 
ren schon in dem Conspectus iongitudinurn et lutiludinum 



Fl a p i t e f Xrilf. 359 

3o. März um 4 Uhr Abends, bey tingomein grofser 
Hitze 5 der Wärmeniesser stieg im ScI.atten, des sehr 
heftigen Süd- Ostwindes unerachtet, auf 34°. ßey die- 
sem Gegenwind konnten dio Segel nicht aufgezogen 
werden. Wir wurden während dieser ganzen P»i,ise auf 
den» Apure^ dem Urenoko und dem Rio INegro, von 
dem Sc!iwas:er des Stattliallers der Provinz, Varinas, 
Don ISicolas Sotto, begleitet, welcher kürzlich von Ca- 

dix einffetroHen war und eine Kei^e nach San Fernando 

r 

genjacht hatte. Um die der riulmerksamkeit eines Euro- 
päers so sehr würdige Landschaft kennen zu lernen, 
stund er nicht an, sich in unsrer Gesellschaft 74 Ts^ge 
durch in einen engen mit ]Mosqiiito.s angefüllten Kahn 
zu verschliefsen. Sein liebenswürdiger Geist und sein 
munterer Character haben uns öfters die Beschwerden 
einer nicht allezeit gefahrlosen Schiffahrt vergessen ge- 
maclit. Wir kamen bey der Mündung des Apurito und 
längs der gleichnamigen, vom Apure und Guarico ge- 
bildeten Insel vorbey. üs ist dies Eiland eigentlich nur 
ein sehr niedriges Erdreich, das von zwey grofsen Flüs- 
sen eingefafst wird, die sich beyde in kleiner Entfer- 
nung von einander, und nachdem sie sich unterhalb San 
Fernando durch eine erste Gabelthcilung des Apure ver- 
einigt hatten, in den Orenoko ergiefsen. Die Isla del 
Apurito ist 22 Meilen lang und 2 bis 3 Meilen breit. Sie 
wild durch den Canno de la Tigrera und den Canno 
del Manati in drey Stücke abgetheilt, wovon die zwey 
Endtheile die Namen Islas de ßlanco und de las Garzi- 
tas heifsen. Ich verweile bey diesen Angaben ^ weil 
auf allen bisher erschienenen Charten der Lau! und 
die Verflechtunü^en tler Flüsse zwischen dem Guarjco 

Americae aequinoctialls die astionoim'sclie Tage des^elhen 
bekannt gemacht habe. 



36o Buch Vi 

und dem Mela -'), auf die seltsamste Weise entstellt 
sind. Unterhalb dem Apurito ist das rechte Ufer des 
Apui'e etwas besser angebaut als das linke , \vo die Ya- 
ruros- (oder Japuin-) Indianer aus Rohren und Palniblät- 
tersten^eln einige Hütten erbaut haben. Sie leben von 
der Jagd und vom Fischfang ; und weil sie die Jaguare 
mit vieler Geschicklichkeit erlegen, so sind sie es vor- 
züglich, welche ihre, in Europa unter dem Namen der 
Tigerfelle bekannten, Häute in die spanischen Dürfet 
bringen. Die einen dieser Indianer sind getauft; sie 
besuclien jedoch die christlichen Kirchen niemals. Sie 
werden als Wilde angesehen, weil sie unabhängig blei- 
ben wollen. Andere Stämme der Yaruros leben unter 
der Herrschaft der Missionarien, im Dorfe Achaguas, 
südwärts vom Rio Payara. Die Individaen dieser Na- 
tion, die ich am Orenoko zu sehen Gelegenheit hatte, be- 
sitzen; einige Züge der Physiognomie, welche irriger 
Weise die tartarische genennt wird, und die einem der 
Stämme von mongolischer Race angehört. Ihr Blick 
ist ernst, die Augen hervorstehend, die Backenbeine, 
vorzüglich aber die Nase, der ganzen Länge nach sehr 
vorragend. Sie sind von gröfserer Statur, dunkler 
braun gefiirbt und weniger untersetzt, als die Chaymas- 
Indianer. Die Missionarien rühmen die Geistes- Anla- 
gen der Yaruros, welche vormals ein mächtiges und 
zahlreiches Volk an den Gestaden des Orenoko, zumal 
in der Gegend von Caycara, unterhalb der Mündung 
des Guarico gewesen sind. Wir übernachteten im Dia- 
mattte , einer kleinen Zuckerrohr- Pflanzung, die der 
Insel dieses Namens gegenüber liegt. 

Während der ganzen Heise von San Fernando nach 
San Carlos de Rio Negro und von da bis in die Stadt 



*) Siehe meinen Atlas geogr. , PJ. XVIII. 



Kapitel XFIII. 36i 

Angoslura, war icli heflissen, Tag für Tag, entweder 
zu Scliilfe oder im Nachtlagor, alles Bemerkensn ertlie 
aufzuschreiben. Heftiger Kogen und die ungeheure 
Menge der IMosqmi.os , von denen die Luft an den Ge- 
staden des Orenoko und des (>assiquiare wimmelt, mufs- 
ton unvermeidliche Lücken in diese Arbeit bringen. 
Ich habe dieselben wenige Tage nachher ausgefüllt. 
Die folgenden Blätter sind Auszug meines Tagebuchs. 
Alles was im Angesicht der Dinge selbst, die man schil- 
dern will, geschrieben ist, trägt einen Character von 
Wahrheit (ich möchte sage^h von Individualität^», wel- 
cher auch den unwichtigsten Dingen Reiz verleiht. Zu 
Vermeidung unnutzer Wiederholungen habe ich dem 
Tagebuch mitunter Angaben beygefügt, die mir später 
erst über die darin behandelten Gegenstände zugekom- 
men sind. Je grüfser und imposanter sich die Natur 
in den von unermefslichen Strömen durchzogenen Wäl- 
dern darstellt, desto mehr müssen die Naturgemäldo 
dem einfachen Character treu bleiben, welcher das vor- 
züglichste und öfters einzige Verdienst der ersten Ent- 
würfe ist. 

Am 3i« März wurden wir durch widrigen Wind 
bis Mittag am Gestade zurücl<gehalten. Vv'ir sahen ei- 
nen Theil der Zuckerrohr- Felder vom Feuer zerstört, 
das aus einem nahen Walde auf sie übergetragen Avard. 
Die JNomaden- Indianer zünden den Wald jedesmal an, 
wo sie des Nachts gelagert haben 5 in der trocknen Jahrs- 
zeit müfsten ausgedehnte Landschaften durch diese Brän- 
de verheert werden, wenn das äufserst harte Ho4z die 
Bäume nicht vor gänzlicher Zerstörung sicherte. Wir 
fanden Stämme des Demanthus und des Acajou- oder 
Mahagonybaums (jcahoba'), die kaum zwey Zoll tief 
verkohlt waren. 

Vom Diamant aus kommt man in ein Land, vvel- 



362 Bach VI. 

ches aus^chljefslich von Tiirern, Crocot^ilen und Chi- 
giiire's , einer grulsen zu Linno s Gattung üavia gehü- 
rii^en Art, bewohnt \vircl. Wir sahen dicht /usanunen- 
gedrän^te Schuürrne von Vöirfehi ?ich am Himmel xvie 
eine schwarze Wolke darstellen, die jeden Angi nl)lick 
ihre Gestalt ändert. Der Fluls wird alhnälig hrt-iter. 
Das eine seiner Ufer ist mei-t unfruclitbar und in Folge 
der Ueherschwenjmungen sandig; das andere liegt hö- 
her und ist mit hochstämmigen Bäumen bewachsen. 
Zuweilen ist der Strom auf beyden Seiten mit Waldung 
eingefafst und bildet einen geraden iDo Toisen breiten 
Canal. Die Abtheilung und Ordnung der Bäume ist 
sehr merkvvürtlig. Zunächst finden sich Gebüsche des 
Sniiso '■^), die gleichsam eine vier Fufs hohe Hecke bil- 
den: man sollte glauben, sie seyen durch Menschen- 
hände beschnitten. Hinter dieser Hecke erhebt sich ein 
Schlag von Paternosterbaumen Ccedre/a). iilutholz (^Bre~ 
sillel) und Lebenshoiz (_Gaiac). Pahnenbäume Kom- 
men selten vor und nur etwa einzelne Stämme der Co- 
rozo - und der stachlichten Piricu- Palme. Die grofsen 
A'ierfüfsigen Thiere des Landes, die Tiger, die Tapir 
und die Pecari- Schweine haben sich in den beschriebe- 
nen S'ffH^o- Hecken Durcl>gänge geöffnet, aus denen 
sie am Strome zu trinken hervorkommen. Weil die«e 
wilden Thiere die INähe eines Kahnes nur wenig scheuen, 
so hat man alsdann das Vergnügen, sie geraume Zeit 
länüTS dem Ufer hinstreichen 7,n sehen, ehe sie durch 
eine der hin und wieder im Gebüsch vorliandenen Oeff- 
nungei^ im Walde verschwinden. Ich gestehe gern, dafs 
dieser Anblick auch nach öfterer ^Viederholung allezeit 



"j Hennesia castancifolia. Es isl eine neue , dir Alcliornea 
von Swarz verwandte Gattung. ( Siehe unsere tluntes 
iquin.'x.., Toni. I, p. i65 , PI. XLVI). 



h a p i t e l XVIII. 363 

nn^piniMii an/ieliond für mich geblieben ist. Das Ver- 
gnügen, welches inan flabey fühlt, berulit nicht nur 
auf der Theilnahme, die dor Naturforscher an den \ or- 
würfen seiner Untersuchungen nimmt; es geht d.isseli)e 
aus einem riefühh; hervor, das allen in den Gevvöhnxin- 
gen civilisirler Völker erlogenen Menschen gemeinsam 
ist. Man sieht sich in Berührung mit einer neuen Welt, 
mit einer wilden und ungczähmten Natur. Bald i?t es 
der Jaguar, das schöne americanische Panterthier, das 
sich am Flufsgestade zeij^t; bald erscheint der Hocco '■•) 
mit schwarzem Gefieder und hehaubtem Kopf, längs 
dem Sanso langsam einherschreitend. Thiere der ver- 
schiedensten Classen folgen eines dem andern. ,,Es corno 
eil el Paraiso^' **), sagte unser Steuermann, ein alter 
Indianer aus den Missionen. Wirklich erinnert hier 
alles an jenen Ur Zustand der Welt, dessen Unschuld 
und Glück durch alle und ehrwürdige Ueberlieferungen 
allen Völkern verkündet sind; bey sorgfältiger Beach- 
tung der Verhältnisse der Thiere zu einander, nimmt 
man indefs bald wahr, dafs sie sich gegenseitig fliehen 
und ßijrchten. Das goldene Zeitalter ist verschwunden, 
und in- diesem Paradies der americanischen Wälder hat, 
wie überall, eine lange und traurige Erfahrung allen 
Geschöpfen den Beweis geliefert, dafs Milde und Stärke 
nur sehen vereinbart gefunden werden. 

Wo das flache Ufer eine bedeutende Breite hat, da 
stehen die L5rt^^i^o - Hecken vom Strome entfernt. Das 
Zwi-^chenland dient den Crocodilen zum Aufenthalt, 
und man sieht nicht selten acht bis zehn derselben auf 
dem Sande gelagert. In unbewegliclier Stellung und 
mit rechtyvinklicht geöffneten Kinnladen ruhen sie ne- 



*» Crax alector, C. Pauxi. 
**j ,,Es ist wie im Paradiese." 



364 ^ Buch VI. 

beneinander hingestreckt, ohne sich irgftnd einos jener 
Zeichen freuiuUicher Zuneigung zu ertheilen, die man 
bey tnndern gesellig lebenden Thieren wahrnimmt. Die 
Truppe geht ausi^inander, sobald sie das Ufer i'erläfst. 
Es ist indefs wahrscheinlich, dafs sie aus einem einzigen 
männlichen und vielen weiblichen Thieren besteht; 
denn wie dies Hr. Decourtils, welcher die Crocodile 
von Saint- Domingue sorgfaltig erforscht hat, «chon vor 
mir beobachtete. Jis sind die männlichen Thiere ziem- 
lich selten, weil sie zur Zeit ihrer Brunst sich einander be- 
l<riegen und tüdten. Diese ungestolten Reptilien Kommen 
in solcher Menge vor, dafs wir auf der ganzen Strom- 
fahrt fast jeden Augenblick fünf oder sechs derselben er- 
blickten. Und doch hatte damals das Steigen der Ge- 
wässer des Rio Apure ktium erst angefangen, nnd viele 
Hunderte von Crocodilen lagen also noch im Schlamme 
der Savanen begraben. Gegni 4 Uhr Nachmittags macii- 
ten wir Halt, um ein todtes Crocodil zu anessen, das 
der Strom aufs Gestade? geworfen hatte. Seine Länge 
betrug nicht über 16 Fufs 8 Zoll ; einige Tage später 
fand Hr. Bonpbnd ein anderes (männliches), welches 
22 Fufs 3 Zoll Länge halte. Unter allen Zonen, in 
America wie in Egypten , erreicht dies Thier *^) die 
nämliche Grüfse, aucli ist die im Apure, im Orenoko 
und im Magdalenenstrom so zahlreich vorkommende 
Art keineswegs ein Cayman oder Alligator, sondern 
ein wahres Crocodil mit am äufsern Rand gekerbten 
Füfsen und demjenigen des Ailstroms ähnlich. Wenn 
man sich erinnert, dafs das männliche Thier im zehn-_ 
ten Jahr erst mannbar wird, und dafs seine Länge als- 
dann 8 Fufs beträgt, so darf man annehmen, das von 



*) Es ist das AniS der Tamanalten- Indianer, das Amana der 
Maypurcn -Indianer, der Crocodilus acutus des Hrn. Cuvier. 



Kapitel XFIII. 365 

Hrn. Bonpland gemessene Thier sey wenigstens 2S 
Jahre «>U gewesen. Die Indianer versicherten, in San 
Fernando vergehe selten ein Jahr, wo nicht zwey 
oder drev erwachsene Personen^, meist Weiher, die a?n. 
Strome Wasser schöpfen, diesen flelsclifressenden Eidech- 
sen zur Beule werden. IVlan erzählte uns die Geschichte 
eines Mädchens aus Uritncu, das sich mit aulserordent- 
licher Geistesgegenwart und Unersclirocl<enhcit aus dem 
Radien eines Crocodils rettete. So hald es sich vom 
Thier gefafst fühlte, griff es nach den Augen der Bestie 
und drückte dieselben mit den Fingern so gewaltsam, 
dafs das Crocodil, von Schmer/ überwältigt, se'-ne Beute, 
der es bereits den Vorderarm abgekneipt hatte, fahren 
liefs. Des grofsen Blutverlustes unerachtet, gelangt© 
die Indianerin, durch Schwimmen mit der ihr üjjrig ge- 
bliebenen Hand, glücklich an's Ufer. In diesen Einö- 
den, wo der Mensch mit der Natur in stetem Kampfe 
lebt, ist das Tagesgespräch vielfältig auf die Mittel ge- 
richtet, durch die man sich gegen die Nachstellungen 
eines Tigers, einer Boa oder Traga- Venado y und ei- 
nes Crocodils schützen mag; Jedermann rüstet sich, 
so zu sagen, gegen die drohenden Gefahren. ,,Ich 
wufste, sprach hernach das junge Mädchen von Uritucu 
ganz ruhig, dafs der Cayman seinen Raub fahren läfst, 
wenn man ihm die Augen mit den Fingern drückt.^"' 
Geraume Zeit nach meiner Rückkunft in Europa ver- 
nahm ich, dafs die Neger im Innern von Africa das 
nämliche Verfahren kennen und anwenden. Wer sollte 
sich nicht mit lebhafter Theilnahme erinnern, dafs 
Isaaco, der Wegweiser des unglücklichen Mungo-Park, 
zweymal (unfern von Boulinkomhou) von einem Croco- 
dil ergriffen ward, und beydemale sich auT dem Rachen 
des Ungeheuers rettete, weil ihm gelang, demselben 
unter dem Wasser mit den Fingern beyde Augen zu 



366 Buch Fl 

clrüclten *)! Isaaco, der Africaiier und die junge Ame- 
ricanerin verdankten ihr Heil der nämlichen Geistesge- 
genwart, dergleichen Ideenverbindung. 

Das Cro.codil vom Apure zeigt im Angriff schnelle 
und stürmische Beweguniren , \\ ogegen es sicfi , durch 
Zorn oder Hunger unt(erei/.t, mit der Langsanjkeit ei- 
nes Salamanders fortschleppt. Im Laufen erregt das 
'1 hier einen dumpfen Ton, der vom Aneinandersclila- " 
gen seiner Hautschuppen herzurühren scheint. Es 
Itrümml während dieser Bewegung seinen Rücken, unä 
die Füfse erscheinen dadurch höher als in der Huhe. 
Wir haben diesen Ton der Scliuppen oft vom Ufer her 
ganz in der Nähe gehört 5 aber es ist nicht wahr^ was 
die Indianer erzählen, dafs die alten Crocodile, gleich 
dem Schuppenthier (pan<4olin) , .^ibre Schuppen und 
ijjre ganze Decke in die Hi"he richten küiiiien/^ Die 
Bewegung dieser Thiere geschieht allerdings in gerader 
Richtung, oder vielmehr in der lAiclitung eines Pfeils, 
der von Distanz zu Distanz seine Bichtung ändert. Den- 
nuch , und unerachtet der kloinen Vorrichtung der fal- ' \ 
'■rhon Rippen, welche diu -Kücltenwirbi 1 binden und die 
Sf'ifenbeu enung zu erschweren scheinen, niögen sich 
die Crocodile , wenn sie wollen, recht gut umdrehen. 
Ich haj3e oftmals Junge gesehen, die sich in den Schwanz 
bissen ; andere Beobachter sahen das Gleiclie Ley er- 
Machsenen Thieren. Wenn ilire Bewegungen fast im- 
mer geradlinigt scheinen, so geschieht dies, weil sie, 
wiv ujisere kleinen Eidechsen, dieselben sprungweise 
thun. Die Crocodile sind vortreffliche Scbwinuner, 
tmd sie mögen auch gegen den reifsenden Strom mit 
Leichtigkeit emporsteigen j liingegen däucht mir, dafs 



*J> Mungo- Parks ItuC Mission lo ^frica^ iöi5, png ^9 



Kapitel XVIII. 367 

ihnen beym Stroinabwärtssclnvimnien das schnelle Um- 
drehen schwer wird. Ein grofserHund, welcher auf 
der Heise von Caracas an den Rio Negro unser Begleiter 
war, sah sich einst schwimmend von einem sehr grolsen 
Crocodil verfolgt^ und moclile seinem Feind nur da- 
durch entgehen, dals er sicli schnell umwandte und 
stromaufwärts scliwainm. Das Crocodil machte nun 
zwar d^t" gleiche Bewegung, aber viel langsamer als der 
Hund, welcher glücklich das Ufer erreichte. 

Die Crocodile vom Apure- Strom finden eine reich- 
liche ISahrung in den Chigaire's ■') (den Wassersclnvei- 
nen der Naturforscher), welche in Heerden von 5o bis 
60 Stück am Stromufer leben. Diese unglücklichen 
1 hiore, von der Gr^fse unserer Schweine, besitzen kei- 
ne Watfe, mit der sie sich vertheidigen könnten : sie 
schwimmen etwas besser als sie laufen. Indefs werden 
sie im Wasser ein Kaub der Crocodile , und auf dem 
festen Land eine Beute der Tiger. Man begreift kaum, 
wie es müglich ist, dafs sie, von zwey so mächtigen Fein- 
den verfolgt, dennoch in so grofser Zahl vorkommen j 
aber sie ptlanzen sich eben so schnell fort, als die (jO- 
bayas oder Meerschweinchen, die wir aus Brasilien er- 
halten haben. 

Unterhalb der Mündung des Cauno de !a Tigrera, 
in einer Bucht, die f^iielta de Joval heifst, hielten uir 



*) Cavia Capybara , Lin. Das Wort Chiguire gehört der Pa- 
Icnken - und Cumanagoten - Sprache an. C^ieJ^e oben Th. 
2, Kap. 9, S. 241.). Die Spanier nennen das Thier Guur- 
dcUinaja y die Cariben Catigua^ die Tamanaken Cappiva. 
die Maypuren Chiato. IVach Azzara giebt man ihm in Bue- 
nos A^res die indianischen IN amen Capijgua und Capiguara. 
Diese verscliiedenen INamen bieten eine auffallenUe Arhnl;rh- 
keit zwischen den Sprachen vom Orenoko und denjenigen 
vom 2iiQ de Ja PJata dar. 



36S B u e h VI. 

an, um die Sclitielligkeit des Wassers auf seiner Ober- 
fläche zu messen, sie betruj^ niclit mehr als 3;) 2 Fufs *) 
iii der Secunde, was 2, 56 Fufs mittlererer Schnelle 
giebt. Die harometrischen Höhen , mit Berücksichti- 
gung dffr kleinen Stunden- Variationen, zeigten höch- 
stens einen Fall von 17 Zoll auf die Meile (von 950 Toi- 
Sen). Die Schnellit»keit ist ein gleichzeitiges Ergebnifs 
der Senkung des Bodens untl der Ansammlung der Ge- 
wässer durch das Steigen in den höher gelegnen Thei- 
len des Stroms. Wir sahen uns nochmals von den Chi- 
guires umgeben, welchc;, Kopf und Hals über dem Was- 
ser emportragend _, wie Hunde schwimmen. Am ge- 
genüberliegenden Ufer erblickten wir mit Befremdea 
ein grofses Crocodil, unbeweglich und schlafend, mit- 
ten unter diesen Nagthieren. Bey der Annäherung un- 
serer Piroge erwachte es und bewegte sich hierauf lang- 
sam dem Strome zu, ohne dafs die CJiignire's scheu 
wurden. Unsere Indianer erklärten diese 01eicl)ijüllior- 
keit aus der Dummheit des Thiers j es ist jedoch wahr- 
scheinlicher, dafs die Chiguires aus langer Erfalirung 
wissen, das Crocodil vom Apure und vom Orenoko 
greife auf dem Land nicht an, wofern der Gegenstand 
seines Raubes sich nicht unmittelbar am Wege findet, 
wenn es dem Wasser zugeht. 

In der Nähe von Joval erhält die Landschaft einen 
imposanten und wilden Ciiaracter. Hier sahen wir auch 
den grüfsten Tiger, der uns noch vorgekommen war. 
Selbst die Landes -Eingebornen waren über seine ganz 
, aus- 

*) Zu Ausmittiung der Schnelligkeit derStröme auf ihrer Was- 
serflache hahe ich gewöhnlich am Ufer eine Länge von 2S0 
Fufs gemessen, und &xii Chronometer die Zeit bezeichnet, 
welche ein dem Strom liherlassener schwimmender Körper 
brauchte , um den nämlichen Raum zu durchlaufen. 



Kapitel XVIII. 369 

aufserordentliche Länge erstaunt 5 sie übertraf'diejenliie 
ftllor indianischen Tiger, welche ich je in den europäi- 
sch»n Menagerien gesehen habe. Das Thier lag im 
Schalten eines grolsen Zamctui:^ '-') hingestreckt. Es 
halte eben erst ein Chigiiire erlegt, seinen Raub aber 
noch nicht vorzehrt, sondern eine seiner Tatzen stützte 
sich darauf. Die Zmnnros , eine Art Geyer, welche 
wir weiter oben mit den Percnopteres von Unter- Egyp' 
ten verglichen haben, hatten sich haufenweise versam- 
melt, um, was vom Mahle des Jaguars übrig bleiben 
würde, zu verzehren. Durch eine seltsame Mischung 
von Kühnheit und Furchtsamkeit gewährten sie uns ein 
anziehendes Schauspiel. Sie näherten sich bis auf zvvey 
Fufs dem Jaguar, aber die mindeste Bewegung dessel- 
ben schreckte sie zurück. Um die Neigungen dieser 
Tliiere in der Nähe zu beobachten, setzten wir uns in 
den kleinen Kahn, der unsere Firoge begleitete. Es ge- 
schieht höchst selten, dafs der Tiger Kähne angreift, wel- 
che er schwimmend erreichen kann, und er thut dies 
einzig nur, wenn andauernder' Nahrungsmangel seine 
\Yildhcit gesteigert hat. Das vom Schlagen unsrer Hu- 
der verursachte Geräusch bewog das Thier, langsaxn von 
seinem Lager aufzustehen und sich hinter Aen Sauso- 
Gebüschen, die das Ufer einfassen, zu verbergen. Die 
Geyer wollten diesen Augenblick benutzen, um das Chi- 
gulre zu verschlingen. Allein der Tiger sprang, der 
Nähe unsers Kahns unerachtet, mitten unter sie, und 
trug in einem Anfall von Zorn, welchen die Geberden 
und die Bewegung des Schwanzes auszudrücken schie- 
nen, seinen Haub in den Wald. Die Indianer bedauer- 
ten, ihre Lanzen nicht bey sich zu haben, um landen 
und den Tiger verfolgen zu können. Sie sind an dies» 



*) Eine Art der Münos?. 

Alex. ». Humboldts hist. fieistn. HI-. 2^ 



370 Buch VI. 

Waffe gewöhnt, und sie hatten recht , sich auf unsere 
Flinten niciit zu verlassen, welche in einer so ausneh- 
mend feuchten Luft öfters den Schufs versagten. 

Weiter unten am Strome trafen wir die grofse Heer- 
de der Chiguire an, welche der Tiger in die Flucht ge- 
jagt und aus der er seine Beule geholt hatte. Diese 
Thiere salien unserer Landung ruhig zu. Einige waren 
gelagert und liatten ihre Blicke auf uns geheftet, wäh- 
rend sie, nach Art der Kaninchen, die Oherlippe beweg- 
ten. Den Menschen schienen sie nicht zu fürchten, 
aber der Anblick unsers grofr^en Hundes jagte sie aus- 
einander. Weil ihr Hinterbug höher ist, so laufen sie 
im kurzen Galopp, aber so langsam, dafs wir zwey 
derselben fangen konnten. Das Chiguire , welches mit 
der gröfsten Behendigkeit schwimmt, stufst im Laufen 
kleine Seufzer aus, wie von gehemmtem Athemholen. 
Es ist das gröfste Thier aus der Familie der JNagerj es 
vertheidigt sich nur im äufsersten Nothfall, wenn es 
gefangen und verletzt ist. Weil seine Backenzähne *), 
vorzüglich die hintern, ungemein stark und ziemlich 
lang sind, so kann es durch seinen Bifs die Tatze eines 
Tigers oder das Bein eines Pferdes verwunden. Sein 
Fleisch hat einen ziemlich unangenehmen Bisamgeruch. 
Es werden jedoch im Lande Sciiinken daraus bereitet, 
und es kann dies gevvissermafsen den Namen J^Vasser- 
Schwein rechtfertigen, welchen einige ältere Naturfor- 



*} Wir haben auf jeder vScile 18 Scheidewände C'ames) gezählt. 
An den Hinlertüfsen, oben awi Milteiknochen, findet sich eine 
Schwiele, 3 Zoll lang und l Zoll breit, die unbehaart ist. 
Be^m Sitzen ruht das Thier auf diesem Theil. Ein aus- 
wärts sichtbarer Schwanz ist nicht vorhanden ; biegt man 
aber die Haare zurück, so nimmt man einen Hübcl wahr, 
eine nackte runzlige Fleischmasse, von kegelförmiger Ge- 
staltung und einen halben Zoll lans. 



H a p { t e I XVIII. ' 371 

scher dpin Chiguire ertlieilt liaben. Die Mi^sionarien- 
Möüclie machen sich kein Bodenken , während der Fa- 
stenzeit von diesen Schinken zu speisen. Ihrem zoolo- 
gischen Systeme zufolge komiiien das Gnrtellhier (Ta- 
tou), da^ (hionire und die Seekuh (Lamantin) nehen die 
Scinifllu'vile zu stehen 5 das erste, weil es mit einer har- 
ten Decke, einer Art Schale versehen ist, die zw ey an- 
dern, weil j^ie Ampi ihien sind. An den Gestaden der 
Ströme Santo Domingo, Apuie und Arauca, in den 
Sümpfen und üherschwemmlen Savanen der Lilanos *) 
kommen die (yhiguires in solcher Menge vor, dafs die 
Viehweiden darunter leiden. Sie verzehren das Kraut, 
von dem die Pferde am leichtesten fett werden, und das 
den jNauien Chignirero (Kraut des Chiguire) führt. Sie 
nähren sich hinwieder auch von Fischen, und wir sahen 
mit Erstaunen, wie das Thier, durch einen annähernden 
Kalm geschreckt, heym Eintauchen acht his zehn Mi- 
nuten unter dem Wasser hlieb. 

Die Nacht brachten wir, wie allezeit, tmter freyem 
Himmel zu, obgleich in einer Pßanuing , deren Be- 
sitzer sich mit der Tigerjagd abgab. 'Er war beynahe 
vüllio- nackt und braunschwär/lich wie ein Zambo. 
was ihn aber keineswegs hinderte, sich zur Caste der 
weissen Menschen zu zählen. Seine Frau und seine 
Tochtei", die eben so nackt wie er selbst giengen, nannte 
er Donna l«abela und Donna Manuela. Obgleich er 
nie die Gestade des Apure verlassen hatte, äufserte er 
eine lebhafte Theilnahme ,,an den Neuigkeiten aus Ma- 
drit, an den immerwährenden Kriegen und an all* den 
Dingen von dort unten (todas las cosas de allä).'^' Er 
wufsle, dafs der König von Spanien bald zum hesuch 



*) Nahe bey Urifucu, im Canno dcl RavanaJ., sahen v.ir ein«. 
Heerde von 80 bis loo Stücke». 



3/2 Buch FL 

y,dev Herrlidikeiten der Landschaft Caracas^' kommen 
würde; inzwischen setzte er scherzhaft hinzu, ,,\veil 
die Hofleute nur Weizcnbrod essen, so dürften sie wohl 
nie Aveiter als bis in die Stadt Victoria kommen, und hier 
zu Land werde man von ilinen nichts sehen." Icli hatte 
ein CJiigiiire mitgebracht, und wollte dasselbe braten 
lassen; tinser Wirth aber behauptete, nos ostros cavel- 
leros blancos, weifte L/aute wie er und ich wären nicht 
gemacht, um „indianisches Wild^^ zu speisen; er bot uns 
einen Hirsch an , welchen er Tags zuvor mit einem 
Pfeile erlegt hatte, denn Pulver und Schiefsgewehr be- 
safs er nicht. 

Wir vermutheten, ein nahes Pisangwäldchen berge 
die Hütte der Meyerey; es fand sich aber, dafs dieser 
auf seinen Adel und seine Hautfarbe so stolze Mann 
sich die Mühe nicht gegeben hatte, aus Palmblättern 
einen Schoppen zu errichten. Wir wurden eingeladen, 
unsere Hängematten neben die seinen, zwischen zwey 
Bäumen aufzuhängen; beynebens versicherte er, mit 
einiger Selbstzufriedenheit, wir würden, wenn wir wäh- 
rend der Regenzeil zurück reisten, ihn unter Dache '") 
finden. Wir kamen bald in den Fall, die Nachtheile 
einer, der Trägheit so günstigen und den Menschen 
für die Bequemlichkeiten des Lebens gleichgültig- ma- 
chenden Philosophie inne zu werden. Wach Mitter- 
nacht erhob sich ein heftiger Sturmwind, Blitze durch- 
zogen den Horizont, der Donner rollte, und wir wurden 
bis auf die Haut durchnäfst. Während des Gewitters 
ergab sich ein seltsamer Zufall, der uns einen Augen- 
blick erlustigte. Die Katze der Donna Isabela hatte 
sich ihr Nachtlager auf dem Tamarindenbaum gewählt, 
unter dem wir bivvackten. Sie fiel in die Hängematt» 

*) Baxo techo. 



11 a p i t e l XVIII. 3?3 

eines unsrer Begleiter herab, vvelclier, von flen Klauen 
der Katze ^'erletzt und aus iiei'em Schlaf aufgeweckt, 
sich von einem wilden Thier überfallen glaubte. Wir 
eilten auf sein Geschrey herbey, und konnten ihn nur 
mit Miihe A^on dem Irrthume überzeugen. Während 
der Hegen in Strömen auf unsere Hängematten und auf 
die ans Land gebrachten Instrumente niederfiel, be- 
glückwünschte uns Don Ignacio, dafs wir, statt am Ge- 
stade zu übernachten, uns auf seinem Gute befänden 
und in Gesellschaft weifser Menschen von Stande, „en- 
ire gente blanca y de trato." Durchnäfst wie wir wa- 
ren, fiel es uns schwer, die Vortheile dieser Lage ein- 
zusehen, und wir hurten nur mit einiger Ungeduld 
der langen Erzählung zu, die uns unser Wirth von sei- 
nem vorgeblichen Kriegerzug an den Rio Meta machte, 
von der Tapferkeit, welche er in einem blutigen Ge- 
fecht mit den Guahibos- Indianern erwiesen, und „von 
den, durch Wegnahme von Kindern C^os Indiecitos'), 
die er aus der elterlichen Heimath in die Missionen 
brachte, Gott und seinem König geleisteten Diensten/' 
Welch eine seltsame Erscheinung in dieser unermefsli- 
chen Einöde , alle eitlen Anmafsungen, jedes erbliche 
Vorurtheil und alle Verkehrtheiten einer alten Civilisa- 
tion bey einem Manne anzutrefi'en , der von europäi- 
scher Herkunft zu seyn glaubt, und aufser dem Schat- 
ten eines Baumes kein anderes Obdach besitzt. 

Am 1. April bey Sonnenaufgang verabschiedeten 
•wir uns vom Sennor Don Ignacio und von der Sennora 
Donna Isabela, seiner Gemahlin. Die Luft war abge- 
kühlt, und der Thermometer, der meist den Tag über 
3o° bis 35° zeigte, war auf 24° gesunken. Die Tem- 
peratur des Flusses wechselte nur wenige sie blieb sich 
immer gleich zwischen 26° und 27°. Eine Menge 



374 Buch PI, 

Baumstämme schwammen den Strom herab. Man sollte 
denken^ in einem ganz flachen Lande, wo das Auge 
nirgends den kleinsten Hügel entdeckt, liülte sich der 
Fluis , durch die Gewalt seiner Strüniung, einen Ca- 
nal in gerader Richtung gegraben. Ein Blick auf die 
pharte, die ich durch Aufnehmen mit der ßoussole ge- 
zeichnet habe, bezeugt das Gegentheil. Die beyden 
vom Wasser angegriffnen Ufer setzen ungleichen Wi- 
derstand entgegen, und fast unmerkliche Unebenheiten 
der Oberfläche reichen liin, um grofse Krümmungen 
zu veranlassen. Unterhalb dem JovuL jedoch, wo das 
Flufsbelt sich einigermafsen erweitert, bildet dasselbe 
einen Canal, der völlig nach der Schnur gezogen 
scheint, und zu beyden Seiten von sehr hohen Bäumen 
beschattet wird. Diese Abtheilung des Stromes wird 
Caniio ricco genannt 5 ihre Breite betrug i36 Toisen. 
Wir kamen bey einem flachen Eilande vorbey, das von 
unzählbaren Flamingos, rosenfarbigen Löfl'elreihern, 
Fischreihern und Wasserhühnern bevölkert war, deren 
Gefieder das bunteste Farbenspiel darbot. Diese Vögel 
fanden sich dermalsen dicht zusammengedrängt, dafs es 
schien, als könnten sie sich kaum bewegen. Das von 
ihnen bewohnte Eiland lioifst Isla de Aves. Weiter 
unten kamen wir bey der Stelle vorbey, an welcher 
der Apure einen Arm (den Rio Arichuna) dem CabuUare 
sendet und dadurch eine beträchtliche Wasserniasse ver- 
liert. Wir hielten am rechten Ufer, bey einer kleinen 
indischen Mission an, die von einem Stamme der GuU' 
mos bewohnt wird. Sie bestand nur noch in i6 bis 1^ 
aus Pahnbaunxbiältcrn erbauten Hütten; in den statisti- 
schen Tabellen aber, welche von den Missionarien dem 
Hof jährlich eingereicht werden, führen diese beysam- 
men stehenden Hütten den Namen der DorJ'schaJt von 
Santa Barbara de Arichuna. 



Kapitel XFIII. 375 

Die Gnamos'^ sind ein Indianer- Stamm, der nicht 
leicht an bieibeiide W ohnstätlen gewöhnt werden mag« 
Ihi'e Lebensweise hat viel AtJinlichkeil Jiiit den Sitten 
der yicliagnas , der Giiajihos **) und der Otomaco.v, 
denen sie an Unreinlichkeit^ Kachsucht und in der Wei- 
sung zum Herumstreichen vollkommen gleich stehen 5 
ihre Sprache hingegen ist wesfutlicli vtn-schiedcn. Die 
grofse Mehrzahl dieser vier Stämme nährt sich mit Fi- 
scherey und Jagd in den öfters überschwemmten, zwi- 
schen dem Apuro, dem Meta und dem Guaviare gele- 
genen Ebenen. Die Beschaifenheit des Landes selbst 
acheint das unstete Leben seiner Bewohner zu veranlas- 
sen. Wir werden bald sehen, dafs beym Eintritt in das 
Gebirge der Cataracten vom Orenoko unter den Pi- 
raoas , den Macos und den Maquiritares mildere 
Sitten, Neigung zum Landbau und eine grofse Rein- 
lichkeit im Innern der Hütten angetroffen wird. Auf 
dem Kücken der Berge, mitten in dichten Wäldern ist 
der Mensch genöthigt^ ein kleines Stück Erdreich an- 
zubauen und darauf sein Obdach zu suchen. Dieser 
Anbau erheischt nur geringe Anstrengung, während 
in einer Landschaft, worin Flüsse die einzigen Strafsen 
bilden, die Lebensart des Jägers schwierig und müh- 
sam ist. Die Guamos der Mission von Santa Barbara 
konnten uns die Vorräthe, welche wir wünschten, nicht 
geben. Sie pflanzen nur etwas Maniocj übrigens schie- 
nen sie gastfreundlich zu seyn, und als wir in ihre Hüt- 
ten traten, wurden uns gedörrte Fische nnd Wasser (in 
ihrer Sj)rac:ie cuh^ angeboten. Das Wasser war in po- 
rösen Gefäfben abgekühlt. 

*) Der Pater Gili hehauptel , ihr indischer IVamc sey Uanut 
und Fau^ und sie haben ursprünglicl» am obcrn Ainpure 
gewohnt. 

**) Ihr indischer !S"anie ist Guaii'a (auszuspreclien Guahii'o). 



37^? Buch VI. 

UnterLaib Viielta del Cochino roto, an einer Stelle, 
wo der Strom sich ein neues Bett gegraben hatte, brach- 
ten wir die Nacht am unfruchtbaren und sehr ausgedehnt 
flachen Gestade zu. Die dichte Waldunsr war so iinzu- 
gänglich j dafs wir die gröfste Mühe hatten, trockneg 
Holz zum Anzünden der Feuer zu erhalten, in deren 
Nähe die Indianer sich gegen die nächtlichen Angriffe 
des Tigers gesichert glauben. Unsere eigne Erfahrung 
scheint diese Meinung zu unterstützen ; Hr. Azara hin- 
gegen meWet, zu seiner Zeit und in Paraguay habe ein 
Tiger einen Manschen, welcher bey einem in der Sa- 
vane angezündeten Feuer safs, überfallen und fortge- 
schleppt. 

Die Nacht war still und heiter, bey schönem Mond- 
schein. Die Crocodile lagen am Ufer hingestreckt. Sie 
hatten sich also gelagert, dafs sie in's Feuer schauen 
konnten. Wir haben zu bemerken geglaubt, dafs sein 
Glanz dieselben eben so mächtig anzieht, wie die Fische, 
die Krebse und andere Bewohner des Wassers. Di»,^ In- 
dianer zeigten uns im Sand die Tritte von drey Tigern, 
unter denen zwey noch ganz junge. Ohne Zweifel war 
es ein weibliches Thier, das seine Jungen zur Tränke 
an den Strom geführt hatte. Weil nirgends l^ein Baum 
zu finden war, liefsen wir unsere Huder in die Erde 
stecken , um die Hängematten daran zu befestigen. Al- 
les blieb ruhig bis um eili Uhr Nachts 5 alsdann aber 
erhob sich aus dem nahen Wühl ein so furchtbarer Lärm, 
dafs es beynahe unmügUch ward ein Auge zu sthliefsen. 
Von der Menge wilder Thierstimmen, welche gleich- 
zeitig ertönten, mochten unsere Indianer nur diejenigen 
unterscheiden, die sich auch vereinzelt hören liefsen. 
Es waren die leisen Flötenlöne der Sapaju's, die Seuf- 
zer der Alouaten, das Geschrey des Tigers, dos Coxx- 
guars, oder des americanischen Löwen ohne Mähne, 



Kapitel XVIII. 377 

des Blsainschweins, des Faulthiers, des Hocco^ des 
Parraqua und einiger anderer Vogel aus dem Hüliner- 
fioschlecht. Wenn die Jaguars dem Saum des Waldes 
nahe harnen, fieng- unser Hund, der zuvor beständig 
e;ebellt iiatte , zu heulen und sich unter den Hängemat- 
ten zu verkriechen an. Zuweilen, nach langer Stille, er- 
tönte das Brüllen des Tigers von den Bäumen herab, 
und alsdann folgte ihm das schneidend anhaltende Pfei- 
fen der Affen , welche der sie bedrohenden Gefahr zu 
entfliehen schienen. 

Ich stelle diese Nachtscenen in ihren einzelnen Zü- 
gen dar, weil sie im Anfang der Wasserfahrt auf dem 
Apure uns noch neu waren. Wir gewöhnten uns daran, 
nachdem sie ganze Monate lang sich wiederholt hatten, 
überall wo die Waldung dem Strombette genähert ist. 
Die Sicherheit, welche die Indianer zu Tage legen, 
flöfsi den Reisenden Zutrauen ein. Man beredet sich 
mit ihnen, die Tiger scheuen alle das Feuer, und ein 
Mensch, der in seiner Hängematte liegt, werde nie von 
ihnen angegriflTen. Wirklich sind die Fälle, wo solche 
Angriffe geschahen, äufserst selten, und während eines 
langen Aufenthalts im südlichen America erinnere ich 
mich des einzigen Beyspiels eines Lälanero, welcher, 
den Achaguas- Inseln gegenüber, in seiner Hängematte 
zerfleischt gefunden ward. 

Die Landes- Eingebornen, wenn man sie um die 
Ursache fragt, warum die Waldthiere zu gewissen Stun- 
den in der Nacht einen so furchtbaren Lärm machen, 
geben die lustige Antwort: „Sie feyern den Vollmond.'^ 
Ihre Unruhe rührt, wie ich denke, meist von einem 
Streit her, der sich im Innern des Waldes erhoben hat. 
Die Jaguars zum Beyspiel verfolgert die Pecari's und 
die Tapir's, welche sich nur durch ihre Menge verthei- 
digen, in gedrängten Schaaren fliehen und das Gebüsöh 



3^8 B II c h VI. 

auf ihrem We^ye 7,erdrücl<en. Die furchtsamen unH arsr- 
wühnischen Affen, von dem Kampfe erschrecl^t, erwie- 
dern das Geschrey dei" grofsen Thiere von den Bäumen 
herah. Sie wecken die gesellig lehenden Vögel, und 
nach und nach geräth die ganze Menagerie in Aufruhr. 
Wir werden bald sehen, dals gar nicht immer bey hel- 
lem Mondschein, sondern vorzüglich zur Zeit der Ge- 
witter und heftiger f^egengüsse jener Lärm unter den 
wilden Thieren stattfindet. „Der Himmel wolle ihnen 
eine gute fSacht und Kühe verleihen, wie uns andern,^^ 
sprach der Mönch, der uns an den Kio Negro heglei- 
tet haltf«, als er von Müde erschöpft unser Biwack er- 
richten hall! Es war in der That ein seltsamer Umstand, 
nulten in der waldigen Einöde keine Stille finden zu 
können, in den spanischen Gasthöfen scheut man den 
scharfen Ton der Zither im anstofsenden Zimmer; in 
denen am Orenoko , welche ein offnes Flufsgestade oder 
der Schatten eines einzeln stehenden Baumes sind, fürch- 
tet man durch die aus dem Wald herkommenden Stim- 
men vom Sclilafe- abgehalten zu werden. 

Am 2. April giengen wir vor Sonnenaufgang unter 
Segel. Der Morgen war schön und kühl, nach dem 
Gefühle derer, welche an die Hitze des Clima's gewöhnt 
sind. In freyer Luft stieg der Thermometer nicht über 
28°, aber der trockne und weifse öfersand behielt, seiner 
Strahlung ^a^en den wolkenlosen Himmel unerachlet, 
eine Temperatur von 36°. Die Meerschweine {Toni- 
nas^ durchzogen den Strom in langen Reihen. Das 
Ufer war mit J'aucher- Vögeln beset/.t. Einige dersel- 
ben bonutzen das Flötzholz, welches den Strom her- 
unter kommt, um diejenigen Fische zu übeifaüen, wel- 
che sich in der Mitte des Flusses halten. Unser Kahn 
war diesen Vormittag mehrmals aufgefahren. Solche 
Slöfse, wenn sie heftig sind, können leichte Fahrzeuge 



Kapitel XVIII. 379 

spalten. Wir sliefsen gegen dio Spitze mehrerer gro- 
/"ser BiiuDie, die seit Jahren in einer schiefen Stellung in 
den Stronigrund eingesenkt waren. Diese Bäume kom- 
men zur Zeit der grofsen Ueberschwemmungen vom 
Sarare herab. Sie füllen das Strombett dermafsen an, 
dafs die Pirogen auf der Rückfahrt stromaufwärts zu* 
wellen Mühe haben, zwischen den Untiefen und überall, 
wo Strudel sind, sich Durchgang zu öffnen. Nahe bey 
der Insel der Carizalen gelangten wir an eine Stelle, wo 
wir über der Wasserfläche Courbaril- Stämme von aus- 
serordentlicher Grüfse erblickten. Sie waren mit eine? 
dem Anhinga sehr nahe verwandten Art des Plotus be- 
deckt. Diese Vögel sitzen reihenweise wie die Fasanen 
und die Parraquas. Sie bleiben Stunden lang unbeweg- 
lich mit in die Höhe gerichtetem Schnabel, was ihnen 
ein xMigemein dummes Aussehen giebt. 

Von der Carizalen-Insel abwärts war uns die Ab- 
nahme der Wassermasse des Stromes um so auffallender, 
als, von der Gabeltheilung bey der 5oca de Arichuna 
an, keinerley Arm oder natürlicher Ableitungs- Cajuil 
dein Apure Wasser entzieht. Das Verhältnifs beruht 
einzig auf den Wirkungen der Ausdünstung und des 
Durchseihens am flachen sandigen und feuchten Ufer. 
Um einen Betriff von der Gröfse dieser Wirkungen zu 
erhalten, mufs man sich erinnern, dafs wir die Wärme 
des trocknen Sandes, in den verschiedenen Tageszeiten, 
zu 36° bis 02° gefunden haben, und hingegen diejenige 
des mit drey bis vier Zoll W^asser bedeckten Sandes zu 
32°. Das Strombett erwärmt sich bis zu der Tiefe, zu 
welcher die Sonnenstrahlen dringen mögen, ohne auf 
dem Durchgang der übereinander liegenden Wasser- 
schichten eine allzugrofseSchwäcliung erlitten zu haben. 
Dazu kommt, dafs das Durchseihen sich weithin über 
das Flufsbelt seitwärts ausdehnt. Die Ufer, obgleich 



38o Buch VI. 

sie trocken sind ^ werden bis zur Höhe der Stromfläche 
mit Wasser durchzog^en. Wir sahen bey fünfzig- Toisen 
Entfernung- vom Gestade Wasser hervorquillen^ so oft 
die Indianer ihre Ruder in die Krde einschhigen : dieser 
in der Tiefe feuchte, auf seiner Oberfläche trockne und 
den Sonnenstrahlen aufgesetzte Sandhoden wirkt me 
ein Schwamm, «nd verdünstet ununterbrochen das ein- 
gesogene Wasser. Die sich ent^yickelnden Dünste durch- 
dringen die obere beträchtlich erwärmte Sandschichte 
•und werden, wenn die Luft sich am Abend abkühlt, 
eiclilbar. In dem Verlüiltnifs wie das Ufer durch diese 
Ausdünstung Irockner wird, zieht es aus dorn Strom- 
bett wieder neues Wasser an sich, und es ist augenfillig, 
dafs dies fürdauernde Spiel der Verdunstung und des 
seitwärts , geschehenden Einsaugens einen höchst be- 
trächtlichen , der genauen Rechnung jedoch schwer 
zu unterwerfenden V^erlust zur Folcre haben mufs. Die 

O 

Zunahme dieses Verlustes müfste mit der Länge des 
StromlauffS im V^erhältnifs stehen, wofern dieser von 
seinem Ursprung bis zur Ausmündung gleichmäfsig 
durch flacht» L'fer eingefafst wäre 5 weil aber die letzte- 
ren ein Ergebnifs der Anschwemmungen sind, und die 
Ge\vässr>r nach Mafsgabe der weiteren Entfernung von 
ihren Quellen schwächeren Fall haben, und demnach 
mehr Geschiebe unterwärts ablegen als weiter oben, so 
erleiden dann auch manche Ströme der heifsen Länder, 
gegen ihre Ausmündung hin, einen bedeutenden Ver- 
lust in ihrer Wassermasse. Hr. Barrow hat diese merk- 
würdiffon Ergebnisse des Sandbodens im nördlichen 
Africa an den Ufern des Orange-Flusses beobachtet, und 
es sind dieselhen auch sehr wichtige Momente für die 
Würdigung der verschiedenen Hypothesen über den 
Lauf des Wigerstromes geworden. 

Nahe bey der Uuella de Basilio, wo wir um Pflan- 



Kapitel XVIIT. 38l 

Ten zu sammeln landoton, ])omerkten wir Im Gipfel ei- 
nes Baumes zwey niedliclie kleine AfTen, pechschwarz, 
von der GriJfse des Sai, mit 'A ickelschwänzen. Ihre 
Gesichtszüge und Bewegungen zeigten hinlänglich, dafs 
sie weder Co«i/rt'*, noch Chamek's waren, noch über- 
haupt zu den Atece- A^inn gehörten. Selbst unsere In- 
dianer hatten noch nie solche gesehen. Es finden sich 
in diesen Wäldern eine Menge den europäischen Natur- 
forschern noch unbekannter Sapajus 5 und weil die Affen, 
zumal die rottenweiso bevsammen lebenden und darum 
auch verwe^tüenern, zu gewissen Zeiten grofse Wande- 
rungen imternehmen, so geschieht öfters, dafs beym Ein- 
tritt der Regenzeit die Eingebornen in der JNähe ihrer 
Hütten solche Arten entdecken, die sie zuvor nie wahr- 
genommen haben. Am nämlichen Ufer zeigten unsere 
Führer uns ein Nest junger Leguanen, die nicht über 
vier Zoll lang- waren. Man mochte sie von der ffemei- 
nen Eidechse kaum unterscheiden, die Wampe unter- 
halb der Kehle war einzig noch ausgebildet; die Kü- 
ckendornen hingegen, die grofsen aufstehenden Schup- 
pen und alle die Ansätze, welche dem Leguan, wenn 
er die Länge von 3 bis 4. Fufs erreicht hat, eine so 
monströse Gestalt verleihen, waren gleichsam nur noch 
im Keime vorhanden. Wir fanden das Fleisch dieser 
Eidechse in allen Ländern, die ein trocknes Clima ha- 
ben, sehr schmackhaft, auch da, wo uns andere Nahrung 
keineswegs fehlte. Dasselbe ist sehr weifs, und gehört 
nach den Fleisch des Tatou oder Armadills, welches 
hier Cachicamo heifst, zu den besten, die man in dea 
Hütten der Landes -Eingebornen antrifft. 

Gegen Abend regnete es. Vor dem Regen flogen 
die Schwalben, welche den unsrigen völlig gleichen, 
dicht über der Wasserfläche hin. Wir sahen auch einen 
Flug Papagayen Cperruches), die von kleinen nicht ge- 



382 Buch VI. 

schöpften HaLichten verfolgt wurden. Das l^reischende 
Geschrey der_ Papageyen bildet einen seltsamen Contrast 
mit dem Pfeifen der Haubvögel. V^'ir brachten die Nacht 
im Freyen am Ufer zu, unfern von der Cari/.alun-Insel. 
Verschiedene, mit Pflanzungen umgebene Hütten der 
Indianci befanden sich in der iNähe. Unser Steuermann 
sa^te voraus, wir würden den Ja<i;uar nicht schreven hö- 
ren, weil derselbe, wofern er nicht selir hungrig ist^ 
die Orte verläfst, wo er nicht allein herrscht. j^Die 
IS'ähe der Menseben macht ihn launisch, los hombres 
lo enjadan ,'■' sagt das Volk in den Missionen. Es ist 
dies der drollige und naive Ausdruck einer richtig beob- 
achteten Thatsache, 

Am 3. April. Seit der Abreise von San Fernando 
hat uns kein einziger Kahn auf dem schönen Strome be- 
gegnet. Alles verkündigt eine völlige Einöde. Unsere 
Indianer hatten Vormittags einen Fisch an der Angel 
gefangen, den die Landes -Eingpbornen Caribe oder 
Caribito heifsen, weil kein anderer Fiscli blutgieriger 
ist. Er greift badende und schwimmende Mensclien an, 
und reifst ihnen öfters ansehniiche Stücke fleisch weg. 
Wer auch nur leicht verwundet ist, der hat Mühe aus 
dem Wasser wegzukommen, ehe er gefährlichere Wun- 
den empfängt. Die Indianer fürchten diese Carihen- 
Fische ungemein, und mehrere derselben zeigten uns 
an der Wade und am Schenkel vernarbte, aber tiefe 
Wunden, die von diesen kleinen Thieren, welche die 
Maypuren Umati nennen, herrührten. Sie halten sich 
im Grund des Stromes auf} sobald aber einige Bluts- 
tropfen sich ins Wasser ergiefsen, so sammeln sie sich 
zu Tausenden auf der Oberfläche. Wenn man die Men- 
ge dieser Fische, von denen die gefräfsigsten und grau- 
samsten niclit über 4 bis D Zoll Länge haben, die droy- 
eckige Gestalt ihrer schneidenden und spitzen Zähne, 



Kapitel XVIH. 383 

und die Weite ilires dehnbaren Mundes bedenkt, so 
mag man sich über den Schrecken nicht wundern, wA- 
chen der Carihe den Bewohnern der Gestade vom Apure 
und ürenoko A^erursacht. \Vir haben au Stellen, wo 
der Strom vülli«»- hell und noch kein Fisch zu sehen 
war, Stückchen bkiligen Fleisches in's Wasser gewor- 
fen, hl wenigen Minuten war ein ganzer Schwärm 
von Cariben versammelt, die sich um die Beute stritten. 
Der Bauch des Fisches ist sägenförmig gezähnt und 
schneidend; ein Kennzeichen, das bey mehreren Gattun- 
gen angetroflen wird, bey den Serra - Salmes, den i'Wv- 
letes und den Pristigastres. Die Gegenwart einer zwey. 
ten fettigen Rückenflosse und die Gestalt der durch die 
Lippen bedeckten, von einander entfernt stehenden und 
in der untern Kinnlade gröfseren Zähne weisen dem 
Caribe seinen Platz unter den Serra - Salmes an. Sein 
Alund erscheint ungleich mehr gespalten, als bey den 
Myletes des Hrn. Cuvier der Fall ist. Sein Körper hat 
gegen den Rücken hin eine aschgraue in's grünlichte 
spielende Farbe 5 hingegen sind Bauch, Kiemen, Brust-;, 
Bauch - und Steifsflossen von schöner ürangenfarbe. 
Man findet im Orenoko drey Arten (oder Spielarten?), 
die durch ihre Gröfse unterschieden werden. Die mitt- 
lere oder Zwischenart scheint mit der mittleren Art 
des Piraya oder Piranha von Marcgrav '•;) identisch zu 
seyn. Ich habe sie an Ort und Stelle beschrieben und 
gezeichnet **). Der Caribito hat einen sehr angeneh- 
men Geschmack. Weil man nirgends zu baden wagt, 



*) Salmo rhombeus, I.in. 

*•) Siehe die Abhandlung über die Fische der aniericanischcn 
Aequinoctial - Länder , die ich gemeinsam mit Hrn. Valen- 
ciennes in den Observ. de Zoologie. Vol. IJ, p. 14 5; bekannt 
gemacht habe. 



384 Buch VI. 

wo er vorkommt, so kann er als eine der grüfsten Pla- 
gen dieser Landschaften angesehen vv erden, wo die Sti- 
che der IVlosfjnitos und der vielfältige Hautreiz den Ge- 
brauch der Bäder so nöthig machen. 

Um Mittag hielten wir in einer öden Gegend an, 
die Algodonal heifst. Während das Fahrzeug ans Ufer 
gezogen und unser Mittagsmahl zugerüstet ward, hatte 
ich mich von der Gesellschaft getrennt. Ich gieng längs 
dem Ufer hin, um eine Crocodil Gruppe in der TSähe 
zu hoohachten. Die Thiere schliefen an der Sonne und 
Agaren so gelagert, dafs ihre mit hreiti-n Blättern hesetz- 
ten Schwänze sich gegen einander stützten. Kleine 
schneeweifse Heiher *) traten ihnen auf den Rücken 
und eelhst auch auf den Kopf, als spazierten sie üher 
Baumstämme hin. DieCrocodile waren grauliclit-grün, 
zur Hälfte mit trocknem Schlamm überzogen j ihrer 
Farbe und Unbeweglichkeit nach konnte man bronzene 
Bilder zu sehen glaui)en. Es fehlte wenig, so wäre mir 
dieser Spaziergang verderblich geworden. Ich hatte 
immer nur gegen das Ufer hingeschaut, als ich beym 
Aufheben der im Sand vorkommenden Glimmerblätt- 
chen die frischen, durch ihre Gestalt und Breite so 
leicht zu erkennenden Fufstapfen eines Tigers wahi*- 
nahm. Das Thier hatte seinen Weg nach dem Wald 
genommen, und so wie ich mich dorthin umsah, er- 
blickte ich auf 80 Fufs Entfernung einen Jaguar unter 

dem 

*) Garz'in chicn. In Ober-Egypten glaubt man, die Reiher 
lieben das Crocodil, weil ibnen beym Fischfang der Schre- 
cken zu gut kommt, den das monströse Thier den Fischen 
einjagt, die es aus der Tiefe nach der Oberflfäche des Was- 
sers jagt •, an den INilgestaden bleibt jedoch der Reiher kliig- 
licli in einiger Entfernung vom Crocodil. (Geoft'roy de Saint' 
Jlilaire , in den Annales du Mus., T. IX, p. 584)- 



Kapitel XVIII. 385 

doin {Hellten Laubwei'k eines Cciba aiisgostrecl't. Ich 
glaubte nie einen grüfseren Tiger gesehen zu haben. 

Ks giebt Zufalle im Leben, i^egon die man vorgeb- 
lich seuie Vernunlt zu stählen versucht. Ich erschrak 
heftig, blieb jedoch meiner selbst und der Bewegungen 
meines Körpers hinliinglich mächtig, um die Hilthe zu 
befolgen j welche die hingebornen uns für solche Fälle 
öiters ertheilt hatten. Ich schritt weiter vorwärts, ohne 
zu laufen 5 ich vermied jede Bewegung der Arme, und 
glaubte zu bemerken, dafs der Jaguar seine ganze Auf- 
jjierksamkeit auf eine Keerde Capyhuras richtete^ die. 
über den Flufs setzten. Nun schlug ich den Rückweg 
unter einem bedeutenden Bogenkreis gegen das Ufer ein. 
So wie ich vorrückte, glaubte ich meine Schritte be- 
schleunigen zu dürfen. Wie manchmal war ich ver- 
sucht zurückzusehen, um mich zu versichern, dafs ich 
niciit verfolgt ward ! Zum Glück habe ich nur spät erst 
diesem Trieb Gehör gegeben. Der Jaguar war unbe- 
weglich an seiner Stelle geblieben. Es sind diese Bie- 
sen-Katzen mit geflecktem Kleide in den Landschaften, 
die an Cnpyharas , Pecaris und Damhirschen Üeber- 
flufs haben, so wohl genährt, dafs sie nur selten den 
Menschen angreifen. Ich kam athemlos bey unserm 
Fahrzeuge an, und erzählte den Indianern mein Abenteuer. 
Sie blieben dabey ziemlich gleichgültig 5 nachdem je- 
doch die Flinten geladen waren, begleiteten sie uns 
nach dem Ceiba, unter den der Jaguar sich gelagert 
hatte. Wir trafen ihn nicht mehr, und hielten auch 
nicht gerathen, ihm in das Gehölz zu folgen, wo man 
sich zerstreuen oder einzeln der Reihe nach zwischen 
Lianengeflechten gehen mufs. 

Abends kamen wir bey der Mündung des Canno 
del yianali yorhey , die ihren Namen von der grolVen 
Menge Manali's oder Seekiihe führt^ welche alljährlich 

Alex- V. Jiuinboldti hist. Riisen. III. 25 



386 Buch VI. 

da gefangen werden. Dies grasfressende Thier aus der 
Familie der Cetaceen, welches die Indler Apcia und 
yivia ••') nennen^ erreicht gewöhnlich eine Länge von 
lo bis 12 Fuls. Sein Gewicht beträgt 5oo bis 800 
Pfund. **J Wir sahen das Masser von seinem Kolh be- 
deckt, d(?r sehr übel riecht, und übrigens dem Koth 
des Rindviehs völlig gleicht. Es kommt das Thier im 
Orenoko unterhalb den Cataracten, im Kio Meta und 
im Apure, zwischen den zwey Carrizales - Eilanden 
und der Conserva in Menge vor. Auf der Aufsenseite 
und am Rand der völlig glatten Flofsfedern haben wir 
l<eine Spur von Nägeln wahrgenommen 5 hingegen zeig- 
ten sich kleine Nägelspuren am dritten Glied, wenn die 
Haut der Flofsfedern abgehoben wird. ***) Bey einem 
Thier, welches 9 Fufs Länge hatte, und das wir zu 
Carichana, einer Mission vom Orenoko, zergliederten, 
war die Oberlippe vier Zoll über die Unterlippe vor- 
stehend. Sie ist mit einer sehr zarten Haut bedeckt. 



*y Das erste dieser Worte gehört der Tainanakcn-, das zweyte 
der Otomaken - Sprache an. Der Pater Gili hat gegen 
Oviedo beniesen , dafs das Wort Alanati (Fisch mit Hän- 
dc/i) nicht spanisch ist, sondern der Haiti- (von Saint - Do- 
mingue) und Mavpuren-Spraclie angehört. Storia del Ori/ioco, 
Tom. I, p- 84 , Toni. III, p. 225. Ich glaube ebenfalls, 
dafs , dem Geist der spanischen Sprache zufolge , das Thier 
Manudo oder Marion^ niemals aber Manuti genannt wor- 
den wäre. 

**) Man behauptet, es gebe solclie, die bey 8000 Pfund wiegen. 
(Cuvier in den Ann. du Jllus., Tom, XIII, p. 28:). 

***) Siehe über die Seekuh vom Orenoko und von den Antil- 
len meinen Hec d'Obs. de Zoo/., Tom. II, p. 170. Schon 
der Paler Caulin hat vom iManati gesagt: ..,Tiene dos bra- 
zuelos sin division de dedos v sin unnas.*'*' iHist. de Nue- 
i-a Aiidail , p. 49). 



Kapitel Xrill. 38? 

und dient als Rüssel oder Suciier zu Untersuchung nahe 
Lelindlicher Körper. Die Mundhöhlcj welche im frisch 
getödleton Tliier eine fühlbare Wärme hat^ zeigt eine 
sehr ungewühnliclie Bildung-. Die Zunge ist fast unbe- 
ueüücli: aber der Zunffe vorliegend , hefindct sich auf 
jeder Kinnlade eine fleischige Wulst und eine mit einer 
sehr harten Haut überzogene Höhlung-, welche gegen- 
seitig in einander passen. Die Seeluah verschluckt so 
viele Futtergräser, dafs wir sowol den in mehrere Fächer 
abijetheilten Magen als die 108 Fufs langen Gedärme 
damit angefüllt fanden. Wenn das Thier rückwärts ge- 
öffnet wird, so erstaunt man über die Gröfse, Gestalt 
und Lage seiner Lungen. Sie haben weite Zellen und 
gleichen sehr grofsen Schwimmblasen. Ihre Länge ist 
drey Fufs. Mit Luft angefüllt beträgt ihr Umfang über 
eintausend Cubikzoll. Es befremdete mich , dafs der 
3Ianali nntso ansehnlichen Luftbehältern doch so häufig 
zum Behuf des Atheinholens auf der Oberfläche des Was- 
sers erscheint. Sein Fleisch, das, ich weifs nicht durch 
^velchcs Vorurtheil, für ungesund und calentiiriosa *) 
gehalten wird, ist sehr schmackhaft. Ich fand es dem 
Schweinefleisch ähnlicher, als dem Rindfleisch. Die 
Guainos und die Otomacos sind am meisten darnach 
lüstern ; und diese zwey Völker sind es auch , die sich 
vorzüglich mit der Seekuh -Fischerey abgeben. Sein 
Fleisch wird eingesalzen und an der Sonne gedörrt, das 
ganze Jahr aufbewahrt, und weil die Geistlichkeit die- 
ses Säugthier unter die Fische zählt, so ist es die Fastea 
durch sehr begehrt. Die Seekuh hat ein überaus zähes 
Leben. Sie wird, nachdem sie harpuniert ist, gebunden, 
aber man tödtet sie nicht eher, als bis sie sich wirklich 
in der Piroge-feefindet. Dies geschieht, zumal wenn das 



*) FieLermacIi^nd. . 



388 B u c h PL 

Thler grofs ist, oft mitten im Strome, indem man näm» 
Jicli die Piroge zu zwey Drittheil iliros Inlialts mit Was- 
ser füllt, sie alsdann dem Thier unterschiebt, und dja$ 
Wasser mittelst einer Kürbifstlasche wieder ausschöpft. 
Der Fang" dieser Thiere ist zur Zeit, wo die grofsen 
Ueberschwemmungen zu Ende geiien, am leichtesten, 
indem der Ulanati aus den grofsen Flüssen in die um- 
liegenden Seen und Sümpfe übergehen konnte, und 
die Wasser jetzt schnell fallen. Zur Zeit der Jesuiten- 
Herrschaft in den Missionen am untern Orenoko ver- 
sammelten sie sich alljährlich in Cabruta, unterhalb 
der Mündung des Apuro , um mit den Indiern ihrer 
Missionen, am Fufs des Berges, welcher gegenwärtig 
den Namen El Capiichino führt, eine grofse Seekuh- 
Jagd anzustellen. Das Fett des Thiers ist unter dem 
INamen, Maiileca de Manati bekannt, und wird zum 
Dienst der Kirchenlampen benutzt 5 man gebraucht es 
auch zur Zubereitung von Speisen. Es hat nicht den 
widrigen Geruch des Thrans der Wallfische oder ande- 
rer blasender Cetaceen. Die Haut der Seekühe, welche 
über anderthalb Zoll dick ist, wird in Kiemen zer- 
schnitten und, gleich den Streifen der Ochsenhäute, in 
den JAtinos statt der Stricke gebraucht. In's Wasser 
getaucht, bleibt sie einem ersten Grad der Fäulnifs aus- 
tresetzt. In den spanischen Colonien werden Geiseln 
daraus verfertigt. Auch liaben die Worte latigo und 
manati eiiie zusammentrefl'ende Bedeutung. Diese Gei- 
seln aus der Haut der Seekühe sind ein grausames Straf- 
werkzeug der unglücklichen Sclaven und selbst auch der 
Indier in den Missionen, die den Gesetzen zufolge als 
freve Menschen behandelt werden sollten. 

Die IN acht durch biwakirten wir der Insel Conserva 
gegenüber. Auf dem Weg längs dem Saum des Waldes 
iiel uns ein ungeheurer Baumstamm auf^ der, bey einer 



Kapitel XVm. 3S9 

Höhe von 70 Fufs, voll ästlgei' Dox'ncn wrv. Die Lan- 
des - Eingebornen nennen ilin Barba de tigre. Er ge- 
hurt vielleicht zur Familie der Berberideen. '') FJie 
Indier hatten unsere Feuer am Stromufer angezündet. 
Wir bemerkten abermals, dafs ihr Glanz die Crocodile 
anzieht und selbst auch die Blaser (^Toninas') , deren 
Geräusch unser Einschlafen hinderte, bis das Feuer ge- 
löscht ward. Wir wurden in dieser Nacht zweymal auf- 
geweckt, welches ich nur defshalb bemerke, weil es- 
<1en wilden Char^cter der Gegend zu bezeichnen dient. 
Ein weiblicher Jaguar näherte sich unserm Biwack, um 
sein Junges zur Tränke an den Strom zu führen. Die 
Indier jagten ihn weg, aber wir hörten das Geschrey 
des jungen Thiers, das wie eine junge Katze miaute, 
noch eine geraume Zeit. Bald hernach ward unser 
grofser Doggen -Hund vorn an der Schnauze gebissen, 
oder, wie die Eingebornen sagen, gestochen. Die Ste- 
cher waren sehr grofse Fledermäuse, die um unsere 
Hängesäcke her schwärmten. Sie hatten einen langen 
Schwanz wie die Molossen; ich glaube jedoch, dafs es 
Phvllostomen sind, deren mit Wärzchen besetzte Zunge 
ein Saugorgan und einer bedeutenden Verlängerung 
fähig ist. Die Wunde war selix klein und rund. Wenn 
der Hund, sobald er sich gebissen fühlte. Klagetöne 
ausstiefs, so geschah dies nicht aus Schmerz, sondern 
weil ihn der Anblick der unter unsern Hängematten 



*) Am Gestade des Apure fanden wir folgende Pflanzen : Ain- 
mania apurensis ^ Cordia cordifolia , C. grandi/lora , Mol- 
lugo sperguloides , IVIyosotis lithospermoides ^ spermacoce 
diffusa^ Coronilla occidentalis ^ Bignonia apurcnsls ^ Pisonia 
pubescens , P»uellia viscosa , neue Arien der Jussieva , und 
eine Gattung aus der Familie de Composeen, der flolandra 
verwandt , Hr. Huntli's Trichospira menthoides. 



Sgo * B n c h VI. 

hervorkommenden Fledermäuse schreckte. Diese Zu- 
fälle sind gar viel seltener, als man selbst hier zu Land 
glaubt. Obgleich wir mehrere Jahre durch vielfällig 
unter freyem Himmel schliefen, wo der Vampir ••) und 
andere verwandte Arten häufig vorkommen , so sind 
wir doch niemals verletzt worden. Uebrigens ist der 
Stich ganz und gar nicht gefährlich und meist auch so 
wenig schmerzhaft, dafs man nicht eher erwacht , bis 
die Fledermaus wieder weg ist. 

Der 4. April war der letzte Tag, den wir auf dem 
Rio Apure zubrachten. Der Pflanzen wuchs seiner Ge- 
stade wird stets einförmiger. Seit ein Paar Tagen, vor- 
züglich von der Mission Arichuna an, liengen wir an 
durch Insecten-Stiche im Gesicht und an den Händen 
jämmerlich gequält zu werden. Es waren nicht JMos- 
qiiitos y welche das Aussehen von kleinen Fliegen oder 
Simnlies **) haben, sondern Zancudos ^ die \iahre 
Schnacken , und von unserm Culex pipiens völlig ver- 
schieden sind. Diese stechenden Insecten kommen erst 
nach Sonnenuntergang zum Vorschein; ihr Saugrüssel 
ist dermafsen lang, dafs, wenn sie sich auf die Unter- 
seite der Hängematten setzen, sie damit durch diese und 
dichte Kleidungen hindurchdringen mögen. 

Wir wollten die Nacht in der 1 iiellci del Palmito 
zubringen; die Jaguars finden sich aber in dieser Ge- 
gend des Apure in solcher Menge, dafs unsere Indier 
zwey derselben hinter einem Courbaril-Stamme gilogert 
antrafen, als sie eben unsere Hängematten befestigen 
wollten. Man rieth uns weiter zu fahren und unser 



*) Vespertili'o speclrum. 

**) Hr. I.atrcille liat gefunden, dafs die Mousticos von Süd- 
carolina zur Gattung Simulium gehören (Atraclocera Mei- 
ßen). 



Kapitel XVIIl. 391 

Naclillager auf dei- Insel Apurito, ganz nahe beyni Zu- 
sanimentiurs mit dem Orenoko, zu nehmen. Jis gehört 
dieser Theil der Insel zur Provinz Caracas j wo hinge- 
gen die Gestade zur Rechton vom Apure und vom Ore- 
TJoko, das eine zur Provinz V^arinas und das andere zur 
spanischen Guiana gehört. Es fanden sich keine Bäume, 
an die unsere KiJng'ematten hefestiüt -.v^erdon konnten. 
Wir mufsten also auf Ochsenhäuten und zu ebener Erde 
lagern. Die Kähne ?ind zu eng ixnd zu voll von Zancu- 
dos, um die Nacht darin zuzubringen. 

Weil die Ufer an der Stelle, wo wir unsere Instru- 
mente an's Land gebracht hatten, ziemlich steil waren, 
so k.onnten wir hier neue Beweise dessen erhalten, was 
ich anderswo die Trägheit der Vögel aus dem Hühner- 
geschlecht in den Tropenländern genannt habe. Die 
Hoccos und die Stein - Pauxis *) sind gewohnt mehrmals 
im Tag zum Flufs herabzusteigen, um ihren Durst zu 
loschen. Sie trinken viel und öfters. Eine beträchtli- 
che Anzahl dieser V^ögel hatte sich in der Nähe unsers 
Biwacks einem Schwärme Parraquas- Fasanen zugesellt. 
Das Aufsteigen am abschüssigen Ufer fiel ihnen sehr be- 
schwerlich, Sie versuchten es mehrmals, ohne ihre 
Flügel dabey zu gebrauchen. Wir trieben sie vor uns 
her, wie man eine Heerde Schaafe vor sich hin treibt. 
Auch die Zamuros- Geyer mögen sich nicht leicht zun» 
Auffliegen entschllefsen. 

Nach Mitternacht erhielt ich eine gute Beobachtung 
der Mittagshöhe vom « des Kreuzes im Süden. Die 
Breite der Mündung des Apure beträgt j-^ 36' 23". Der 
Pater Gumilla giebt sie zu 5° 5', d'Anville zu 7° 3'; 
Caulin zu 7° 26' an. Die Länge der hoca des Apure, 
nach Sonnenhöhen, die ich am 5. Apiil Morgens auf- 



*) Der letztere (CraxPauxi) ist minder häufig'als der erste. 



392 Buch VI. 

nahm, beträg^l 69° 7' 29", oder 1° 12' 41" östlich vom 
Meridian von San Fernando. 

Am 5. April erschien uns die geringe Wassermasse 
sehr auffallend, welche der Hio Apure dem Orenoko in 
dieser Jahrszeit zuführt. Der nämliche Strom, der mei- 
nen Messungen zufolge heym Canno ricco noch i36 
Toisen hreit war, hatte an seiner Ausmündung nur noch 
die Breite von 60 bis 80. *) Seine Tiefe betrug an die- 
ser Stelle nur 3 bis 4 Toisen, Er verliert allerdings von 
seinem Wasser durch den Rio Arichuna und den Canno 
del Manati, zwey Arme des Apure, die nach dem Pr.yara 
und nach dem Guarico hingehen; inzwischen scheint 

der betrachtlichere Verlust auf den Durchseihunarcn der 

o 

Gestade zu beruhen, von welchen oben die Rede gewe- 
sen ist. Die Geschwindigkeit des Apure betrug nahe bey 
seiner Ausmündung nur 3 Fufs,2 in der Secunde; so 
dafs ich die ganze Wassermasse leicht hatte berechnen 
l<ünncn, wenn ich durcb genäherte Senkbleye mit allen 
Dimensionen des Querdurchschnitts bekannt geworden 
wäre. Der Barometer, welcher in San Fernando, 28 
Fufs über dem mittleren Wasserstand des Apure, sich 
um halb zehn Uhr Vormittags auf 335, 6 Linien erhal- 
ten hatte, stund an der Ausmündung des Apure in den 
Orenoko, um eilf Uhr Vormittags auf 337, 3 Linien.**) 
Berechnet man die ganze Stromlänge (mit den Krüm- 
mungen ='*^'")) zu 94 Meilen oder §9,300 Toisen, und 
berücksichtigt man die kleine von der Horar-Bewegung 



*) Etwas weniger, als die Breite der Seine am Pont-Roy&l dem 
Pallast der Tuillerien gegenüber beträgt. 

**) Die Temperatur der Luft betrug an beyden Orten Si", a 
und 32°, 4. 

***} Ich habe diese zu \ der Entfernung berechnet. 



H a p i t e l XFIII. 393 

des Barometers herrührende Correction, so ergieht sich 
ein Durchschnitt- Fall von i3 Zoll (genau i Fufs, i5) 
auf die Meile von (j5o Toisen. La Condarnine und der 
gelehrte Major Kennel nehmen an, der ünrchschnitt" 
Fall des Amazonenstromes und des Ganges betrage nicht 
einmal 4 bis 5 Zoll auf die Meile. *_) 

Wir stiefsen mehrmals auf Untiefen, ehe wir den 
Orenoko erreichten. Die Anschwemmungen sind in 
der Gegend des Zusammenflusses ungemein grofs. Wir 
mufsten unser Fahrzeug längs dem Ufer .am Taue zie- 
l)en lassen. Welcher Unterschied zwischen dem Zu- 
stand des Stromes unmittelbar vor dem Eintintt der Re- 
genzeit, wo alle Wirkungen der Lufttrocknifs und der 
Ausdünstung ihr IMaximiiTn erreicht haben, und je- 
nem andern herbstlichen Zustand, wo der Apure einem 
Arme des Meeres gleicht, und die Savanen, so weit das 
Auge reicht, überdeckt. Südwärts entdeckten wir die 
abgesonderten Hügel von Coruato ; im Osten begannen 
die Granitfelsen von Curiquima, der Zuckerhut von 
Caycara und die Berge von Tyran **) iCerros del Ti- 
rano') sich am Horizont zu erheben. Nicht ohne Küh- 
rung erblickten wir zum erstenmal nach langem Har- 
ren die Gewässer des Orenoko auf einem von der Küst© 
60 entfernten Punct. 



*) Tuckey Exped. to the Congo 1818. Einleitung S. 17. 

**) Dieser Name ist vermuthlich Anspielung auf die Unterneh- 
mung des Antonio Sedenno: auch der Hafen von Caycara, 
gegenüber von Cabruta, führt heutzutage noch den INamen 
dieses Conquistador. 



Siebentes Buch. 



Neunzehntes Kapitel. 

T^erbindiing des Fiio yipure und des Orenoko. — Berge von Enea- 
ramoda- ■ — Uruana. — Baraguan. — Mündung des MetA. — 
Insel Paniunana. 



Als wir ^en Rio Apure verliefsen, hatte die Land- 
schaft ein völlig neues Aussehen erhalten. Die uner- 
mefsliche Wasserfläche lag- einem See gleich ^ so weit 
das Auije reichte, vor uns ausgedehnt. Schäumende 
Wellen wurden vom Kampf des Windes und der Strö- 
mung mehrere Fufs hoch emporgehoben. Die krei- 
schenden Stimmen der Reiher, der Flamingos und der 
Löflelganse^ welche in langen Reihen von einem zum 
andern Gestade überfliegen, liefsen sich jetzt nicht mehr 
in der Luft hören. Vergeblich sahen wir uns nach den 
Schwimmvögeln um, deren kunstreiche List sich in je- 
dem Stamme verschieden oifenbart. Die ffanze JNatur 
halte ein minder belebtes Aussehen. Nur selten erblick- 
ten wir zwischen den holilen Wellen einzelne grofse 
Crocodile, welche mittelst ihrer langen Schwänze die 
Fläche des unruhigen Wassers schief durchschnitten. 
Den Horizont begrenzte ein waldigter Kränz 5 allein 
nirgends dehnte der Wald sich bis zum Flufsbette avis. 
Ein breites Gestade, von der Sonnenhitze allezeit ver- 



Kapitel XIX. 395 

brannt, öde und unfruchtbar wie das Gestade des Meers, 
sah von weiten), der Luftspieglung wegen, wie stillste- 
hendes Wasser aus. Weit entfernt dem Strome Grenzen 
zu setzen, machten die Sandufer diese vielmehr unge- 
wifs, und es erschienen dieselben, je nach dem wech- 
selnden Spiel der Strahlenbrechung, bald näher und 
bald wieder entfernter. 

In diesen einzelnen Zügen des Landschaftgemäldes, 
in diesem Character der Einfachheit und der Gröfse er- 
kenntman den Lauf des Orenoko, eines der ersten unter 
den majestätischen Strömen der neuen Welt. Die Ge- 
wässer, so wie das Land, stellen überall eine eigenthüm- 
liche und bezeichnende Gestaltung dem Auge dar. Das 
Strombett des Orenoko hat ein anderes Aussehen als die 
Betten des Meta, des Guaviare, des Kio Negro und des 
Amazonenstroms. Ihre Verschiedenheiten beruhen nicht 
einzig nur auf Breite und Schnelligkeit des Laufes 5 sie 
gehen aus einem Inbegriff" von Verhältnissen hervor, die 
auf Ort und Stelle leichter wahrzunehmen sind, als sie 
genau dargestellt werden mögen 5 so dafs ein erfahrner 
Seemann aus der blofsen Gestaltung der Wellen , aus 
der Farbe des Wassers, aus dem Ansehen des Himmels 
und der Wolken errathen könnte, ob er sich im atlan- 
tischen, im Mittelmeere oder im Aequinoctial-Theil 
des grofsen Weltmeeres befindet. 

Es wehete ein kühler Ost Nord-Ost- Wind , dessen 
Richtung unser Stromaufwärtssegeln nach der Mission 
von Encaramada begünstigte; unsere Piroge leistete 
aber dem Wellenstofse so schwachen Widerstand, dafs 
Personen, welche der Seekrankheit ausgesetzt waren, 
auch auf dem Strome Uebelseyn litten. Das Gegenein- 
anderstofsen der Gewässer bey der Vereinbarung beyder 
Ströme verursacht den Wellenschlag. Dieser Stofs ist 
sehr heftig, jedoch keineswegs so gefährlich, wie der 



396 Buch VII. 

Pater Gumilla rersichert *). Wir kamen bey der Punla 
Curiquima vorbey, die eine Masse von quarzigem Gra- 
nit^ ein kleines aus abg^erundeten Blöcken bestolienrles 
Vorffebir^;- ist. Hier halte, am rechten Gestatio des Ure- 
noko, zur Zeit der Jesuiten, der l'iiter Holella eine 
Mission vonPalenkes und Viriviri- oder Guires-Indianern 
gestiftet. Zur Zeit der Ueberschwemmungen waren 
der Felsen Curiquima und das an seinem Fuls gelegene 
Dorf völlig mit VVassor umringt. Dieses sehr nachthei- 
lige Verhältnifs und die unzählbare Menge der ISIosqni- 
los und Nigiias **), von denen der Missionar und die 
Indianer geplagt wurden, bewogen sie den feuchten 
Ort zu verlassen. Jetzt ist derselbe gänzlich verödet 5 
wogegen jenseits auf dem linken Stromufer die Hügel 
von Corualo den,.theils aus den Missionen, theils von 
den Stämmen, welche nicht von Mönchen beherrscht 
sind, ausgestofsenen herumstreichenden Indianern zum 
Aufenthalt dienen. 

Die aufserordentliche Breite des Orenoko, zwischen 
der Mündving des Apui'e und dem Felsen Curiquima, 
bevvog mich , sie mittelst einer zweymal auf dem west- 
lichen Uler gemessenen Basis zu messen. Das Bett des 
Stromes hatte in seinem gegenwärtigen V^erhältnifs des 
niedrigen Wasserstandes 1906 Toisen ***) Breite; die- 
selbe steigt aber auf 55 17 Toisen t) an? wenn zur Re- 



*) Orinoko illustrndo , Tom. I, p. 47. 

**) Die Tschike's oder Sandilohe rPulex pcnctrans , I/in.), wel- 
che dem Menschen und den Aflen ihre Ever unter die INä- 
gcl der Pufsxchcn legen. 

•**) Oder 5714 Meiers oder 4441 Varas (1 INIeler =z o',5i3o7 
zr 1^,19546 berechnet). 

t) Oder 10755 Meters oder i.i855 Varas. 



Kapitel XIX. 397 

genzcit der Felsen Curiquiina und der Meyerhof des 
Capuchino , nahe beym Hügel von Pocopocori, zu In- 
seln wei'den. Das Anschwellen des Orenoko vernielirt 
sich durch den Andrang der Gewässer des Apure, welche 
keineswegs, gleich andern Flulseinniüadungen, in einem 
spitzen Winkel mit dem höheren Theil des Haupt- Reci- 
pienten zusammen trefi'en, sondern sich unter einem 
rechten Winkel damit vereinbaren. Die Temperatur 
der Wasser des Orenoko, an mehreren Puncten des 
Strombetts gemessen, betrug mitten im Thalweg, wo 
die Strömung am stärksten ist, 28°, 3, in der Nähe der 
Ufer 29°, 2. 

Wir fuhren anfangs in süd-westlicher Richtung den 
Flufs herauf, bis an's Gestade der Guaricotos- Indianer 
am rechten Ufer des Orenoko, von da aber südwärts. 
Der Strom ist so breit, dafs die Berge von Encaramada 
aus dem Wasser emporzusteigen scheinen, als sähe man, 
sie über dem Horizont des Meeres. Sie bilden eine zu- 
sammenhängende Kette in der Richtung von Osten nach 
Westen: die Landschaft gewinnt, im Verhältnifs wie 
man ihr näher kommt, ein mahlerischeres Aussehen. Es 
sind diese Berge aus Ungeheuern zerspaltenen und über 
einander aufgehäuften Granitblücken zusammengesetzt. 
IhreTheilung in Blöcke ist die Wirkung der Zersetzung. 
Zur Verschönerung der Gegend von Encaramada trägt 
der kräftige Pflanzenwuchs wesentlich bey, welcher die 
Felsen-Abhänge deckt und einzig nur ihre abgerundeten 
Gipfel nackt läfst. Man glaubt altes Gemäuer, das 
mitten aus einem Walde emporragt, zu sehen. Der 
Berg selbst, an aessen Fufs die Mission gelegen ist, der 
Tepupano *) der Tamanaken -Indianer, stellt auf seiner 



*) Tepu-pano. Steingegend, worin man tepu^ Stein, Felsen 
findet ; nie in tepu - iri , Berg. Es ist dies abermals die 



398 Bach VIL 

Höhe drey ungeheure Granit -Cylinder dar, von denen 
z\vey "eingesenkt sind, während der dritte, dessen Un- 
tertheil ausgeschnitten und der über So Fufs hoch ist, 
eine senkrechte Stellung behalten hat. Dieses Fclsstück, 
dessen Gestalt an den Schnarcher auf dem Harzgebirg, 
oder an die Actopan'schen Orgeln -erinnert *), gehörte 
vormals zu dem abgerundeten Gipfel des Berges. Un- 
ter allen Himmelsstrichen ist es dem niciit aufgeschich- 
teten Granit eigenthümlich, sich durch Zersetzung in 
Blöcke von prisn)atischer, cylindrischer oder säulenar- 
ligfer Geslaltunff zu trennen. 

Dem Gestade der Guaricotos gegenüber näherten 
wir uns einer andern, sehr niedrigen und drey bis vier 
Toisen langen Felsenmasso. Sie liegt mitten in der 
libene, und gleicht weniger einem tuiniilus , als jenen 
Granit - Steinmassen , die man im JNo'^-den von Holland 
und Deutschland Hiinenbette, Grahmüler (oder Betten) 
der Helden nennt. Die Ufer des Ürenoko sind in die- 
ser Gegend nicht mehr ein reiner und quarziger Sand 5 
«ie bestehen aus Thon und Glimmerblältchen, welche in 
düimen \ind meist zu 40 bis 5o Grad eingesenkten Sdiich- 
ten gf^lagert sind. Man könnte zersetzten Glimmerscliie- 
fer zu sehen glauben. Dieser Wechsel in der geologi- 
schen Bildung der Ufer dehnt sich weithin über die 



Lesghier , tartarisch : oygurschc Wurzel, tep (Stein) , die in 
America bey den Mexicanern im tepetl ^ bcj den Cariben 
im tebou^ bcy den Tamanal;en im tepuiri wieder angetrof- 
fen wird, and eine merkwürdige Verwandtscliaft der Spra- 
chen am Caucasus und in Ober - Asien mit denjenigen an 
den Gestaden des Orenol<o darbietet. 

*) In der Reise des Kapitän Tuckey an den Rio Congo findet 
sich die Abbildung eines Granit- Felsen des Taddi Enzazi. 
weicher dem Berg von Encaramada ungemein gleich sieht. 



Kapitel XIX. 399 

Mündung des Apure aus. Wir haben dieselbe an die- 
sem letzteren Strom bis Algodonal und bis zum Canno 
del INIanati walirgenomnien. Die Gliminerblältclien 
kommen unzweifelhaft von den Granit^ebirgen von Cu- 
riijuima und Encaraniada her; denn weiter nördlich 
und östlich trifl't man nur (quarzigen Sand, Sandstein, 
dichten Kalhstein und Gyps an. Die von Süden nach 
IVorden einander folgenden Anschwemmungen Iiönnen 
uns am ürenoko nicht befremden; wie mag man sich 
hingegen die nämliche Erscheinung im Bttte des Apure, 
sieben Meilen westwärts von seiner Mündung, erklären? 
In den jetzt bestehenden Verhältnissen werden auch bey 
dem gröfsten Wasserstand des Ürenoko die Gewässer 
des Apure nie so weit zurückgetrieben; und um sich. 
die Erscheinung zu erklären, sieht man sich genöthigt 
anzunehmen, die Glimmerschichten seyen zu einer Zeit 
abgelagert worden, wo diese ganze sehr niedrige Land- 
schaft zwischen Caycara, dem Algodanal und den 
Bergen von Encaraniada das Becken eines Binnensees 
bildete. 

Wir verweilten einige Zeit im Hafen von Encara- 
niada. Es ist derselbe eine Gattung embarctcclcre , ein 
Ort, wo die Schiffe sich versammeln. Ein 40 bis 5o Fufs 
hoher Fels bildet das Gestade. Es sind immer die glei- 
chen übereinander gehäuften Granit- Blöcke, wie im 
fränkischen Schneeburg und in beynahe allen europäi- 
schen Granitberircn. Einitre dieser abi^efonderten Mas- 
sen haben eine kugelförmige Gestalt: es sind jedoch 
keine aus concentrisclien Schichten bestehende Kugeln, 
y\ie wir deren anderswo beschrieben haben, sondern 
blofse abgerundete Blöcke, Herne, die durch Zersetzung 
von ihren Decken getrennt wurden. Dieser Granit ist 
bleygrau, öfters schwarz, w'ie mit Braunstein Oxid über- 
zogen} diese Farbe dringt jedoch nicht üjjer eine Drit' 



400 Buch VIl. 

tel-Linie des Fossils, welches ueifs-rüthlich. grob-kor- 
nigtist, und keine Hornblende enthält. 

Guftja und Caramana *^ sind die indischen Namen 
der Mission von San Luis ilel Encarumadu. Das 
Dürfclien ward im Jahr 1749 durch den Jesuiten, Paler 
Gili, den Vei'fasser der zu P^om erschienenen Storia 
dcll Orinoco gegründet. Dieser in den Sprachen der 
Jndier wohl bewanderte Missionar hat während acht- 
zehn Jahren bis zur Vertreibung der Jesuiten in dieser 
Einsamkeit gewohnt. Um sich von dem wilden Zu- 
stand dieser Länder einen richtigen Beü:ril}zu machen^ 
Inufs man sich erinnern, dals der Pater Gili von Cari- 
chana 

*) Die Missionen in Süd -America führen insgesammt IS'anien, 
uelche aus zucy Worten zusainincngeselzt sind, wovon das 
erste allzeit der IVame eines Heiligen Cdes Kirchen- Patrons) 
und der zvveyte ein indischer ISanie ist (des Volks, das sie 
}>euohnt und der Gegend, worin die Einrichtung getroffen 
ward). So sagt man San Jose de Alaypures , Santa-Cruz de 
Cachipo , San Juan iNcpomuccno de los Atures, u. s. w.* 
Diese zusammengesetzten PSamen iverden aher in amtlichen 
Schriften der Urkunden nicht gebraucht; die Einwohner be- 
dienen sich nur des einen, und gewöhnlich, wofern er wohl- 
lautend ist, des indischen ISamens. Weil die Heiligen- !Sa- 
nien in nahe beysammen liegenden Orten mehrinals ange- 
wandt werden, so veranlassen diese Wiederholungen eine 
grofse Verwirrung in der Erdbesclueibung. Die INamen 
San Juan , San Pedro und San Diego erscheinen auf unsern 
Charten wie zufällig h:nge;vorfen. Die Mission von Guaja 
stellt (wie man versichert) ein sehr seltenes Beyspiel der 
Zusammensetzung zweyer spanischer Worte dar. Das Wort 
Encaramada bedeutet, was übereinander lipgt, von encara- 
niar, attolere. Man leitet es von der Gestaltung des Tepu- 
pano und der benachbarten Fclsstücke her: Vielleicht ist es 
nur ein in«Jischcs Wort CCaramanä), worin man, wie in 
Maiiali , durch EfymoIogiL-nsucht geleitet, eine spanische 
Bedeutung zu findea geglaubt hat. 



Kapitel XrX. 401 

cliana *')? de'^'pn Enlfornunnr von Rncaramafla 40 Mei- 
len betragt, als von einem weit ei.tfernlen Urlo spricht, 
und dafs er niemals bis /um er.^ten (>nlarnct des Stromes, 
von dem er die Beschreibung unternonjmon hat, ge- 
langt ist. 

Im Hafen von Encaramada trafen wir Carlbon aus 
Panapana an. Bs war ein Cnzil-.e, der in seiner Plroge 
den Orenoko liinauffuhr, um dem berühmten Sclild- 
kroten-Everfanü;^ bey/uwohncn. Der Hintei thoil «meiner 
Piroge war wie ein Bongo abgerundet, und von eip.em 
kleineren Kahn, der CHr/ar« heifst, begleitet. Er safs 
unter einer Art Zelt {loldo), das gleich dorn Segel aus 
Palmbauml)lättern verfertigt war. Sein kaller und stum- 
mer Ernst, so wie die Ehrfurcht, mit der seine Begleiter 
ihn bedienten, deuteten die Wichtigkeit der Person an. 
So'ist tru"^ der Cazike keine andere Kleidun«- als seine 

D O 

Indianer. Sie waren nämlich alle nackt, mit Bogen 
und Pff'il bewaffnet, und mit 0/ioto , dfm fiirltenden 
Satimehl des Kocon, bemalt. Der Häuptling, seine Die- 
ner, die Geräthschaften und die Segel, Alles war roth 
gefärbt. Diese Cariben schienen uns Menschen von 
fast athletischer Gestaltung zu seyn: wir fimden sie gar 
viel schlanker, als die Indier, welche uns bisher zu Ge- 
sicht gekommen waren. I!)re glatten und dichten Haare, 
an der Stlrne wie bey den Chorknaben aligeschiiitlin, 
ihre schwarz gefiirbten Augenbraunen, ilir finsterer, je- 
doch kräftiger Blick erthrllen ihrem Gesicht einen Aus- 
druck grofser Häito. Wir liatlen bis dabin nur die in 
den europ;iischen Sammlung n auf beu alirten Schüdel 
einiger Cariben von ^\en Antillen Ellanden gesehr n^ 
und waren de«nahen befremdet, bey die^^en l.;dlern vom 
Urstamme die Slirne ungleich gewülbter (plus bombe^ 



*) Saggio dl Stnria Americann^ Tom. I5 p. 122. 
Alex. u. Humboidts hist. Reisen. JJI. 26 



4oz Buch VIL 

anzutreffen, als solche uns v.nren beschrieben 'worden. 
Die sehr grofsen, aber ekelliaft schmutzigen Weiber 
trugen ihre Kleinen Kinder auf dem Rücken ; um die 
Schenkel und Beine waren diesen letztern breite Bande 
von Baumwollluch in einiger Entfernung von einander 
umgelegt. Das unter dem V erband stark zusammenge- 
prefste Fleisch war in den Zwischenräumen aufge- 
schwellt. Ueberhaupt bemeikt man, dafs die Cariben 
auf ihr Aeufseres und auf ihren Schmuck so viele Sorg- 
falt wenden, als nackte und rolh bemalte ISlenschtn nur 
immer thun können. Sie legen auf gewisse Leibesfor- 
men einen grofsen Werth, und eine Mutter würde der 
Gleichgültigkeit gegen ihre Rinder beschuldigt, wenn 
sie der Wade niclit die Gestalt, welche die Landessitte 
heischt, zu geben bemüht wäre. Da keiner unserer In- 
dianer vom Apure die Caril)cn?prache verstund, so 
konnten wir bey dem Caziken von Ponama auch keine 
Erkundigungen über die Lager einziehen, welche man 
zum Behuf des Einsammelns der Schihlkrüten- Eyer in 
dieser Jalirszcit auf verschiedenen Inseln des Orenoko 
veranstaltet. 

In der Nähe von Encaramada wird der Strom durch 
ein sehr langes Eiland in zwey Arme gelheilt. Die 
Nacht brachten wir in einer Felsenbucht zu, der Mün- 
dung des Rio Cabullare gegenüber, der aus dem Payara 
und dem Atamaica gebildet und zuweilen als ein Arm 
des Apure angesehen wird, weil er mit diesem durch 
den Rio Arichuna zusammenhängt. Der Abend war 
schon und der IVIond beleuchtete den Gipfel der Granit- 
felsen. Der feucliten Luft unerachtet war die Wärme 
so gleichförmig verlheilt, dafs kein Funkeln bemerkt 
wurde, selbst zu 4° oder 5° Erhöhung über dem Hori- 
zont. Das Licht der Planeten war ausnehmend gc- 
schwächt5 und wofern ich nicht^ um der Kleinheit des 



Kapitel XIX. 4o3 

scheinbaren Dnrclimessers vom Jupiter willen, einen 
Irrthmii in der Lieobachtun^ zu mutliinarsen verajilafst 
wäre, würde ich sagen, dafs wir hier zum erleimial 
die Scheibe dos Jupiters mit unbewairnetem Auge zu 
unterscheiden glaubten. Gegen Mitternacht ward der 
Nord -Ost -Wind sehr heftig. Kr führte keine Wolken 
herbey, aber das Himmel gewülbe üher/og sich zuse- 
hends n^it Dünsten. Es traten starlie Wliidstüfse e.n, 
welche für die Sicherheit unserer Piroge ßesoTj^nisse 
erregten. Diesen ganzen Taof über hatten wir nur ue- 
nige Crocodile gesehen, die aber alle von ausnehmen- 
der Gröfse, 20 bis 24 Fufs lang waren. Die Indianer 
behaupteten, die jungen Crocodile ziehen die Lachen 
und die woniger hreitin und weniger tiefen Ströme vor; 
sie häufen sich sondi rheitlich in don Cannos an, und 
man wäre versucht auf sie anzuwenden, was Abd-Allatif 
von den INil- Crocodilen sagt: *) j^Sie wimmeln wie 
Würmer in den Untiefen des Stroms und um die unbe- 
wohnten Inseln her/' 

Am 6. April ward die Fahrt den Orenoko hinauf 
fortgesetzt, anfangs in südlicher, hernach in süd- west- 
licher Richtung, urid wir bekamen die Südseite der 
Seri'ania oder Bergkette von Encaramada zu Gesicht. 
Der dem Strom nächstgolegene Theil ist nicht über 140 
bis 160 Toisen erhöhet 5 allein durch ihre steilen Ab- 
hänge, durch ihre Lage mitten in einer Savane, durch 
ihre in uaregelmäfslge Prismen gehauenen Felsenspitzen 
erhält die Serratia ein sehr hohes Ausgehen. Ihre 
gröfste Breite beträgt nicht über drey Mellon ; den mir 
von den Indiern der Pareka-Nation ertheilten Anzeigen 
zufolge breitet sich dieselbe ostwärts beträchtlich wei- 
ter aus. Die Gipfel der Encaramada bilden das n'ird- 
lichste Glied einer Berggruppe, welche das rechte Ufer 

*) Descripl. de lEgyplc, trad. par M. S^lvestre de Sacy, p. 141. 



404 B u c h VII. 

des Orenoko, zwischen Hern 5° und dem ^° J der Breite, 
von der Mündung des Rio Zania bis zu derjenigen des 
Cabullare begränzt. Die versc'uiedenen Theile^ aus de- 
nen diese Gruppe besteht, sind durch kloine begraste 
Ebenen von einander gesondert. Es bestellt kein volU 
kommner GK^chlauf zwischen iluien, indem die nörd- 
lichsten die Hichtung von West nach Ost, die südlich- 
sten hin^i;egen diejenige von INordwest nach Südost ha- 
ben. Dieie veränderte Hichtung erklärt die Breitezu- 
nahme hinlänglich, welche in der Cordillere von la Pa- 
ritne osl •. ärts, zwi'^chon den Quellen des Orenokö und 
des Bio Paru.-pa, wahrgenommen wird. Bevm Vorrü- 
cken über die grofsen Cataracten von Atures und May- 
pures hinaus, werden wir eine Reihe von sieben Haupt- 
gliedt'rn der Kette aufeinander folgon sehen, die von 
Encaramada oder Sacuina , von Chaviripa, vom Bara- 
guan, von Carichana, von Uniama, von Calitamini 
und von S papo. Diese Ueber?icht mag einen allge- 
meinen Begrili der geologischen Beschaffenheit des Lan- 
des gewähren, lieber den ganzen Erdball erkennt man 
ein Streben nach regelmäfsigen Formen in den Ge- 
birgen , welche am uuregehnäfsigsten gruppirt schei- 
nen. Jedes Glied stellt sich den Schiflahrern auf dem 
Orenoko, in einem Querdurchschnitt, als ein abgeson- 
derter Berggipfel dar 5 allein diese Absonderung i^t nur 
scheinbar. Die Regelmäfsigkeit in der Richtung und 
Trennung der Glieder scheint, nach Mafsgabe wie man 
ostwärts vorrückt, abzunehmen. Die Berge von Enca- 
ramada sc-iliefsen sich an die des Mato an, auf denen 
der Rio Asiveru oder Cuchivero entspringt; diejenigen 
von CSaviripa dehnen sich durch die Granitgebirge 
von(yaros«l^ von Amoco und von Muscielago bis zu 
den Quellen vom Erevato und Ventuari aus. 

Durch dieses Gebirgland^ das von Indianern l>e- 



Kapitel XIX. 4o5 

WoTint wird, die milde Sitten habon and sich mit (fem 
Landliau beschäftigen *) , hatte der General Iturriage 
zur Zeit des Grenz- Zugs das für die Versorgung der 
neuen Stadt San Fernando de Atabapo bestinmjte Horn- 
vieh führen lassen. Die Bewohner von Encaramada 
zeigten damals den spanischen Soldaten den Weg des 
Rio Manapiari **"), der sich in den Ventuari ausmün- 
det. Führt man diese zwey Ströme herab, so gelangt 
mafi in den Orenoko und in den Ataliapo, ohne den 
gröfsen Cataracten zu begegnen, welche dem Fortbrin- 
gen des Viehes fast unübersteigliche Hindernisse entge- 
gensetz«». Der Unternehmungrgeisty welcher die Ca- 
Sfcillanen zur Zeil der Entdeckung von America in so 
vorzüglichem Grad ausgezeiclmet hatte, trat un> die 
Mitte des achtzehnten Jahrhunderts für einige Zeit 
neuerdings hervor, als König Ferdinand VI. die wahren 
Grenzen seiner ausgedehnten Besitzungen kennen woll- 
te , üh'd als in den Wäldern von Guiana, diesem classi- 
schen Boden der Lüge und mährchenhafter Ueberlie- 
ferungon, die Schlauheit der Indier jene trügerischen 
Eeurüfe von den Keichtliümern des Dorado, welche die 
Phantasie der ersten Eroberer so mannichfach beschäf- 
tigt hatte, nochmals in's Leben rief. 

Man fragt sich mitten in diesen Bergen von Enca- 
ramada, die gleich den meisten grobkörnigen Granit- 
felsen keine Erzgänge haben , woher die Goldgeschiebe 



*) Die Mapoycs-, Parecas-, Javaranas- und Curacicanas-IntUaner, 

die schöne Pflanzungen Cconucos) in den Savanen haben, 

mit <Ienen diese Waldungen umgehen sind. 
**) Don Miguel Sancliez , der Anführer des kleinen Zuges, 
' suzle zwischen l-Incaramada und dem Rio Manapiari über 

de« Ptio Guainaima , der sich in den Cuchivero ergiefst. 

Sanöiez starb, durch diese Reise erschöpft, an den Ufern 

des Vmtuaii. 



4o6 Buch VII. 

koiÄmen, welche Juaa Martinez *) und Raleigh Bey 
den Indianern vom Oronoko in so gi'ofser Menge gese- 
hen zu haben vor^iclifru. Jen verinuthf, den Beob- 
achluMgpn zufolie, \v<-lche ich in die?eni l'heil von 
Americi« zu machen im Fall vv.ir, es liegt das Gold, wie 
das Zinü ^ '■•'), zuweilen auf eine fast .unmei^Miche Weise 
duich die Masse des GrariiJgeoi'".^s seihst zerstreut, ohl^e 
dafs eine Verästelung oder V'ereinh.irung kleiner • lärige 
küiine angenommen werden. Vor nicht gar. .langer 
Zeit hahcn die Indianer von Encaraniada in dei* Qiie- 
b'^ada de! Tigre *-'^) ein Gold:.orn von zwey Linien 
Durchmesser gefunden. Es war abgerundet und schien 
vom Wasser ge-c'nvemmt /u seyn. Diese Entdeckung 
war den Miss onaren gar vi.d wic'.li^er als den Ur- Ein- 
wohnern;, sie hlieb aber einzeln und ohne Wieder- 
holung, 

Ich kann dieses erste Glied der Bergl<etle von En- 
caramada n'cbl verlassen, ohne einer Tliatsache zu ge- 
denken, die dem Pater Gili nicht unbekannt gehiiohen 
war , und die wir während unsers Auf. nthalts in den 
Missionen vom OrenoKo üftirs /,u hören Gelegenheit 
hatten. U)!t^'r den Ur-Einwohnern hat sich der Glaube 
an die Ueberlieferung erhalten, „dafs, zur Zeit dar 



*) Der Gefährte von Diego de Ordaz. 

*'") So findet sich das Zinn im Granit neuer Formalion (m 
Geyer» , im Graisen oder Hyahmicte (zu Zinnivald) uid 
im syenitischen Porphyr (zu Altenberg in Saclisen , so we 
in der Gegend von ^aJia im Fichteljjebirgc). Ich Jiabe au;h 
in der Obcrpfalz das gliniinrige Eisen und den schwarzen 
erdigen Cobalt, ohne alle Gänge, in einer Granitmass:;, die 
]<einen Glimmer enthielt, zerslj-eul angetrofien, wie As tita- 
nisciie Eisen in ^Tilcanischen Fossilien vorkommt. 

***) ßergschluclit des Tigers. 



Kapitel XTX. 407 

grofsen Gewässer, wo ihre Väter sich in Kähnen aus 
der allgemeinen Ueberschwemmung reiten niufsten, die 
Felsen von Encaramada durch die Meeret-flutlien be- 
spült wurden/' Es findet sich dieser Glaube nicht etwa 
nur hey einem einzelnen Volke, den Tamanakon, son- 
dern es ist derselbe Bestandtheil eines Systems geschicht- 
licher üeberlieferungen , wovon die zerstreuten Anga- 
ben bev den Alaypu en der grofien Cataracten, bey 
den Indianern vorn Rio Erevato *^), welcher sich in 
den Caura ergiefst, und bey fast allen Volksstämmen 
am Über-Orenoko angetrofien werden. Fragt man die 
Tamanaken, wie das Menschengeschlecht die grofse 
Sündfluth, das Zeitaller der Geicässer der Mexicaner 
überlebt habe, so antworten sie: „Ein Mann und ein 
Weib retteten sich auf einen hohen Berg, welcher Ta- 
inanacu heifst und an den Gestaden des Asiveru Hegt 5 
sie warfen die Früchte der Mauritia- Palme über ihre 
Häupter rücklings, und aus den Kei'nen dieser Früchte 
sind Männer und Weiber entsprossen, welche die Erde 
reuerdln"S bevölkert haben. "^ In solcher Einfachheit 
wird unter gegenwärtig wilden Völkern eine Ueherlie- 
ferung angetroffen, die \on den Griechen mit allem Reiz 
der Phantasie ausgeschmückt worden ist! Einige Meilen 
von Encaramada erhebt sich, mitten in der Savane, ein 
Felsstück, welches Tepii-mereme , der gemalte Fels, 
heifst. Derselbe stellt Thierbilder und symbolische 
Schriftzüge dar, die denen ähnlich sind, welche wir, 
auf der Rückreise den Orenoko herab, in der Nähe der 
Stadt Caycara antrafen. In Africa werden ähnliche Fel- 



*) Für die Indianer vom Erevalo Isann ich mich auf das 
Zeugnifs unsers unglücklichen Fieundes Fray Juan Gonzales 
berufen, welcher sich lange Zeit in den Missionen von 
Caura aufgehalten hat. Siehe oben, Th. 2. S. 5oi. 



4o8 Bach VII. 

sen von den Reisendon Fetisch- Steine genannt. Ich 
werde diesen Namen nicht gebrauchen, weil die Vereh- 
rung der Fetische unter den Ur- Einwohnern des Ore- 
noko nicht herrsclit, und weil ich nicht glaube, dafs 
die Bilder der Sterne, der Sonne, der Tiger und Cro- 
codile , die wir auf div'sen Felsen eingegraben fanden, 
Geirenstände einer religiösen V^erehrung dieser Vülker 
Bez nchnen. Zwischen den Gestaden des Cas^iquiaro 
und desOrenOi'.o, zwischen Encaramada, Capuchino und 
Cavcara kommen diese Hieroglyphen - Bilder oftmals 
in grofer Erhöhung an Felsmauera vor, die dort nur 
mittelst sehr hoher Gerürte zugänglich sevn würden. 
Fragt man die Ur- Einwohner, wie es möglich war, 
diese Bilder in don Felsen zu graben, so antworten sie 
lächelnd durch Hinvveisung auf eine Thalsache, die nur 
einem Fremden, einem weifsen Menschen unbekannt 
bleiben konnte, .,^ur Zeit der grojsen U asser seyen 
ihre Väter in Kähnen zu jener Höhe gelangt/' 

Es gewähren diese alterthümlichen Sagen des Men- 
schenijesclileciits, die wir gleic'i den Trümmern ei- 
nes grofsen Schifl'brucJis über den Erdball zerstreut 
antreffen, dem philo.^ophische;i Forscher der Geschichte 
de; Men'chen das höc '^te Interesse. Wie gewisse Fa- 
milien der Pflanzen, des Einflusses der Höhen und der 
Verschiedenheit der Cün^.ate unerac'ilet, das Gepräge 
eines gemeinsamen Url.'ihles beybehalten, so stellen 
auch die cosmogonischen Ueberlieferungen der Völker 
übf^rall die gleichartige Gestaltung und Züge der Aehn» 
llchkeit dar, die uns zur Bewunderung hinreifsen. So 
mancherley Sprachen, welche völlig vereinzelten Stäm- 
men anzugehören scheinen, überliefi-rn uns die nämli- 
chen That'^achen. Da< Wesentliche der Angaben über 
die zerstörten Stämme und über die Erneuerung d-T 



Kapitel XIX. 409 

Natur, ist nur wonia^ abweichend *) ; jedes Volk aber 
ertheilt ihnen sein örtliclies Colorit Auf den ^rofsen 
Festhinden, wie ,iuf d'.>n M iüston Insehi des stillen Oct-ans, 
ist es jedesmal der höchste und nächste Berg^, auf den 
sich die Uelierreste des Gesclihchts der Menschen ge- 
rettet hahen, und das Ereignifs ersclieint in dem Ver- 
hältnisse jünger, als die V{;h'ter ungehihh'tcr sind, und 
als das, was sie von sich selh-^t wissen, auf engeren Zeit- 
raum heschränht ist. Wer die mexicanischen Alterthii- 
ner aus den Zeiten, welche der Entdeckung der neuen 
Welt vorangiengen, aufmerksam erforscht, wer mit 
dem Innern der Wälder des Orenoko, mit der Kleinheit 
und Vereinzelung der europäischen Einric'itungen, und 
hinwieder auch mit den Verhältnissen der unabhängig 
gebliebnen Vülkerstämme bekannt ist, der kann un- 
möglich versucht seyn, die bemerkten Aehnlichkeiten 
dem Einflufs der Missionarien und des Christenthums 
auf die National- Ueberlleferungen zuschreiben zu wol- 
len. Gleich unwahrscheinlich ist es , dafs der Anblick 
von Seekürpern, die auf den iierghöhen vorkommen, un- 
ter den V^ülkern am Orenoko die Vorstellung der gros- 
sen Ueberschwemmungen erzeuj^^t haben sollte, durch 
welche die Keime des organischen Lebens auf dem Erd- 
tall für einige Zelt sind erstickt worden. Die Land- 
schaft, welche sich vom rechten Ufer des Orenoko bis 
zum Cassiquiare und Pvio Negro ausdehnt, ist ein dem 
Urgeblrg angehöriges Land. Ich fand darin eine kleine 
Sand- oder Conglomerat- Formation 5 aher keinen Se- 
condar- Kalkstein und keine Spur von Versteinerungen, 
Ein frischer Nord Ost-Wind brachte uns mit vollen 
Segtln nach der boca de la Torliiga. Um eilf Uhr 



*') Siehe meine Monnmens des peuples indigenes de rAmeri' 
que, p. 204, 206, 223 und 227. 



4to Buch VlI. 

Vormittags landeton \vir auf einer Insel, welche die 
Indianer der Mission Uruana als ihr Eigenthuni betrach- 
ten, und die mitten im Flusse liegt. Das Eiland ist 
durch den Schildkröten-Fang berühmt, oder durch die 
jährlich darauf veranstaltete cosecha, SchUdkruien - 
Eyersammlung. Wir trafen daselbst eine über drey- 
hundert Personen starke Gesellschaft von Indiern an, 
welche unter Hütten aus Falm!iaumbliUt?rn gelagert 
waren. Die unter ihnen herrechende lebhafte Bewegung 
mufste uns um so mehr auffallen , weil wir seit San Fer- 
nando de Apure nur öde? Hüstenland zu sehen gewohnt 
waren. Aufser Aen Guamos und tUomacos von Uruana, 
die als zwey wilde und ftörrige Stämme gelton, hatten 
sich, auch Carihen und andere Indianer vom untern Ore» 
noko eingefunden. Jeder Stamm war absonderlich ge- 
lagert, und zeichnete sich durch eigenthümliche Haupt- 
färbung aus. Wir fanden mitten unter dem lärmenden 
Haufen etliche weifse Menschen, hauptsächlich pulpe- 
ros oder Krämerleute von Angostura, die den Strom 
heraufgekommen waren, um das Gel der Schildkröten- 
Eyer von den Einwohnern zu kaufen. Der aus Alcala 
de Henarez gebürtige Missionar von Uruana kam uns 
entgegen, und war über unsere Erscheinung nicht wenig 
befremdet. Nachdem er unsere Instrumente bewundert 
hatte, machte er uns eine übertriebene Vorstellung der 
Beschwerlichkelt-n, denen wir beym'A »steigen des Ore- 
noko, über die Cataracten hinauf, ausgesetzt seyn wür- 
den. Der Zweck unserer Reise däuchte ihm sehr ge- 
heimnifsvoll. „Wer wird glauben, sagte er, dafs ihr 
euer Vaterland verlassen habet, um euch auf diesem 
Strome von den Mosquitos verzehren zu lassen , und 
um Länder zu vermessen, die nicht euer sind?*^ Wir 
waren glücklicher Weise mit Empfehlungen des Pater 
Guardian der Franciscaner - Missionen versehen, und 



Kapitel XIX. 41t 

der Scliwager des Stallhaltors voa Varinas, welcher uns 
begipitt'te , beseitigte bald vollends das Mifstrauen, 
XTclclies unsere Kleidung, unsere Mundart und unser 
Eintreffen auf diesem sandi^'^en Eyland hey den Weifsen 
veraiilafst hatten. Der Missionar lud uns zu seinem 
aus Pisangfrüchten und Fischen bestehenden einfachen 
Malil ein. Wir vernahmen von ihm, dafs er für die 
Zeit der Eyer- Ernte in's Lager der Indianer gekom- 
men sey, j;Um jeden Morgen unter frevem Himmel 
eine Messe zu lesen, um sich das zum Unterhalt der 
Kirchen Lampe erforderliche Oel zu verscliaft'en, haupt- 
sächhch aber um diese repuhlica de Indios y Caslel- 
lanox, worin jeder für sich allein nur benutzen möchte, 
was Gott Alien geschenkt hat, in Ordnung zu halten.'' 
Wir machten einen Garn»; um die Insel in Gesell- 
Schaft des Missionar und eines pntpero , der sich rühm- 
te , nun bereits seit zehn Jahren das Lager der Indier 
und die pesca de lortugas besucht zu haben. Es wird 
diese Gegend am Gestade desOrenoko ungeüihr eben 
so besucht, wie bey uns die Messen von Frankfurt oder 
von Beaucaire. Wir befanden uns in einer vollkommen 
flachen Sand -Ebene. ,,So weit ihr am Ufer hin sehen 
könnt, sagte man uns, liegen Schildkröten- Eyer unter 
der Erdschichte." Der Missionar hielt eine lange Stan- 
ge in der Hand. Er zeigte uns, wie man durch Sondi- 
ren mit dieser Stange (varcO die Ausdehnung der Eyer- 
schichte ungefähr eben so ausmlttilt, wie der Bergmann 
die Grenzen eines Lagers von Mergel, Ortstein (fei* 
limoneux) oder Steinkohlen bezeichnet. Beym senk- 
rechten Eindrücken der Stange nimmt man an dem 
plöt/.Uch aufhörenden Widerstände wahr, dafs man in 
die Höhlung oder Schichte des lockeren Erdreichs ge- 
langt ist, worin die Eyer enthalten sind. Wir sahen 
diese Schiclile so allgemein und gleichförmig verbreitet, 



412 Buch FII. 

dafs in einem Umkreis von zehn Toisen um eine be- 
zeichnete Stelle her die Sonde solche üh^'rall antrifit. 
Auch spricht man hier nur von Geviert- Riüften Even 
es ist gleichsam ein Grubenland, das in Loose vertheilt 
und auf« reaelmöAigste bebaut wird. Jedoch ist es lang© 
nicht der Fall, dafs die ßyerschlck/e sich über die ganze 
Insel auadehnt: wo der Boden plötzlich anstei'.;t, da 
kommt dieselbe nirgends vor, well die Schihlkrüte /u 
jenen etwas erhüheten Plätzen nicht gelangen niag. Ich 
erzählte meinen Fülirern die schwülstlo^en Anaraben des 
Pater Gumilla *) , welcher versichert, die Geetade dos 
Orenoko enthalten nicht so viele Sandkörner, als der 
Strom Schildl<röten enthHlt, i^nd es mülsten diese Thie- 
re die SchilTahrt völlig unmügllch machen, wenn nicht 
jährlich durch Menschen und Tiger einfe.iso gro&e Men- 
ge derselben getödtet würde. ,,Son ciienlos defrailes^'^ 
sagte ganz leise der pnlpero von Angosturaj denn, 
weil arme Missionarien die einzigen Reisenden in die- 
sem Lande sind, so nennt man Mönchs -IVlähr che iij 
was in Europa Reise- Miilirchen heifsen würde. 

Die Indianer versicherten uns, man möge beym 
Heraufiahren des Orenolto, von seiner Ausmundansf bis 
zu seinem Zusammenflufs mit dem Apure, kein Eylantl 
und kein Gestade finden, auf denen nicht Eyer in INIenge 
angetroffen würden. Die grofse Schildkröte Arrau **) 



*;) Tarn difficulfoso es contar las arenas ^e las dilatadas plavas 
del Orinoco , coma contar p1 immeiiso nmnero de torlugas 
que alimenta en sus margenes v corrienfes. — Sc nn ubi- 
esse tan exorbilanfe consumo de lorlugas , de torluguillos y 
de huevos, el Rio Orinoco, aun de primera magnilud, se 
l)oIl)eria innavegable, sirviendo de embaraxo a las cn)Jiarca- 
ciones la miillitud imponderable de tortugas. Orinoco, //• 
lustr., Tom. I, p. 3.3i — 536. 

*) Wird Ara-ou ausgesproclicn. Das Wort gehört der Majr- 



B a p i t e l XIX. 413 

meidet dip von Menschen bewolinten oder von Schif- 
fen viell/nsuchten Orte. Sie ist ein furciitsames und 
argwöhnisches Tiiier, das den Kopf aus dem Wasser 
licrvorstreckt j und sich hevm niip.deslen Ger.insche 
verbirgt. Die Gestade, auf dtnen sich fast alle Schild- 
kröten vom Orenol;o alljährlich zu sammeln scheinen, 
sind zwischen dem Zusammenflufs des Orenoko mit dem 
Apure und den grofsen Cataracten oder Piavdales ^ das 
will «agen, zwischen (^r.bruta und der Mission von Atu- 
res gelegen. Hier beiinden sich die drey berühmten 
Fischereven von Encaramada oder Boca del Cabullare, 
von Cucuruparu *) oder Boca de la Tortuga und von 
Pararuma, etwas unterhalb von Carichana. Die Schild- 
kröte ^rr«H scheint nicht über die Cataracten aufzustei- 
gen, und man versicherte uns, dafs oberhalb von Atu- 
res und Mavpures keine anderen als T^ereAav-**;) Schild- 
kröten vorkommen. Es ist hier der Ort, öin Paar 
Worte von der Verscbiedenheit dieser zwey Arten, und 
von ihrem Verhältnifs zu den verschiedenen Familien 
der schildkrötenartiüren Thiere zu sa^en. 

Wir wollen mit der v^r?Ym - Schild!;röte anfangen^ 
welche die Spanier der Missionen kurzweg tortuga nen- 
nen, und deren Daseyn für die Völker vom untern Ore- 
noko den hüchiten Werlh hat. Das Thier ist eine grofse 
Süfswasser- Schildkröte, mit Füfsen, deren Zehen durch 
eine bchwimmhtfut veibunden sind, mit sehr flachem 



pure Sprache an, und imiTs niclit mit Arui vcrvvPcIiseU wer- 
«len , nas hey den Tamanaken, den Naclibarcn der Mav-pu- 
ren. ein Crocodil Lezeiclinet. Die Otomak(>n nennen die 
Scliildkröte von Uruana Achen : die Tamanal;cn Peje. 

*} Oder Curucuruparu. Icli liabe heyin Herunterfahren des 
Oreno]<o die Breite dieser In?el hestiinint. 

**) Im spanischen Tereca^a*. 



414 B II c h VII. 

Kopf, zwey fleischigen, stark zugespitzten Anhängseln 
unter dem Kinn, fünf ISägtln an den V^order- and vier 
Wägein an den Ilinlcrfülsen , welche unterhalb gestreift 
sind. Die Schaalo besteht aus 5 mittleren, 8 Seiten- 
und 24 Randschuppen. Die Farbe ist oberhalb grau- 
schwärzlich un.I unterhalb orangengelb. Die Füfse 
sind gleicli falls gelb und «elir lang. Zwischen den Au- 
gen bemerkt man eine tiefe Furche. Die Nägel sind 
sehr stark und sehr gewölbt. D'^r After steht zu ^ vom 
Endtheil des Schwanzes entfernt. Das erwachsene Thier 
wägt 40 bis 5o Pfund. Seine Eyer, viel gröfser als 
Taubeneyer, sind so länglicht nicht wie die Terehay- 
Eyer, Sie sind mit einer kalkigten Kruste überzogen 
und, wie man versichert, fest genug, um den Kindern 
der Otomaken -Indianer, die grofse Ball-pieler sind. 
Statt der Kugeln zu dienen, die sie in die Hübe und 
einander zuwerfen. Wenn die ^rrwH- Schildkröte im 
Strombett über den Cataracten vorkäme, so würden die 
Indianer vom Ober-Ürenoko einen so weiten Weg nicht 
machen, um sich das Fleisch und die Eyer des Thiers 
zu verschatTen. Man hat aber vormals ganze Völker- 
schaften vom Atabapo und vom Cnssiquiare von jenseits 
der Raudales kommen sehen, um an der Fischerey in 
Uruana Theil zu nehmen. 

Die Terehays sind kleiner als die yirrau. Ihr 
Durchmesser b(iträgt meist nicht über 14 Zoll. Die 
Zahl der Schuppen ihrer Schaalen ist die nämliche, 
hingegen weicht die Stellung diser Schuppen etwas ab. 
Ich habe drey in der Mitte und fünf sechseckige auf 
jeder Seite gezählt. Die Ränder sind mit 24 durchavis 
viereckigen und stark eingekrümmten Schuppen besetzt. 
Die Farbe der Schale ist schwarz auf grün schillernd: c 
Füfse und Nägel sind wie bev der yirrau. Das ganze 
Thier ist olivengrün ^ hat «dber auf dem Scheitel dea 



Kapitel XIX. 4i5 

Kopfs zwey rolli-gelbe Flecken. Dio Brust ist ßbenfalla 
gelb und mit ein m slixhligen Anhängsel versehen. 
Die Tfreliuys veisamnii-ln sich nicht^ wie die Arrau 
oder TortugaSy in gvofier IVlengo, um ihre Eyer ge- 
meinsam und am gleichen C-e.tade abzulegen. Die Te- 
rekays-Eyev hahiMi einen angenehmen Gtschmack , uiid 
sind unter den iien ohnern des spanischen Guiana sahr 
beliebt. Man findet sie am Ober-Orenoko wie unter- 
halb der Cataracten, und sogar auch im Apure, im 
Uritucu, imGuarico und in den kleinen Flüssen, welche 
die Ltlanos von Caracas durchslrünien. Die Bildung 
der Fülse und des Kopfs, die Anhängsel des Kinnes 
und der Brust, so wie die Lage des Aflois sclicinen an- 
zudeuten, dafs die Aman- und vernuthlich auch die 
TVreA«^'- Schildkröte einer neuen Gattungs- Abtheilung 
angehören, die von denEmyden getrennt werden kann. 
Sie nähern sich durh die I^-äihchen und die Stellung des 
Afters der Emys Nasuta des Hrn. Schweigger und der 
iT/a/«wo/a -Schildkröte des französischen Guiana; von 
der letzteren unterscheiden sie sich hingegen durch die 
Schuppen, welche mit keinen pyramidalischen Ei'hü- 
hungen besetzt sind. *^ 



*) Ich sdilage vor, der Matamata von Brugnieres oder der Te- 
studo fimbriata von Gnielin {SchuepJ\ iah. 21.), welche Hr., 
Dumerii zur Bildung seiner Gattung Chel^s gebraucht hat, 
einstweilen zur Seile zu setzen : 

Tettudo Arrau ^ testa ovali subconvexa, *x griseo nigres« 
cenli, subtus lutea, scutellis disci5, iateralibus 8, margina- 
Jibus i4, Omnibus planis (nee mucronnto- conicis), pedibus 
luteis, mento et gulture subtus biafipendirnlalis. 

Testudo Terekay ^ testa ovali, alio - viridi , scuteih's discl 5, 
lateralibus lo , niarginalihus 2(, caj)itis vertice maculis dua- 
bus ex rubre flavescentibus notalo , gulture lutesccnli, appen» 
dicalo fpinoso. 



4i6 Buch VII. 

Der Zoitpunct, wo die grofse ^rr«H- Schildkröte 
ihre Eyer le^t, trifft mit dem kleinsten \^ asserstand 
' zu 

Diese ncsclirciliungcn sind l;cinpswegs rollständig, ahor es 
sind die rrslen, >vel<;he von zwey seil langer Zeit durch die 
Erzählungen der Missionarien so herühinten und durch den 
' INuly.en- «elcliendie Einwohner davon ziehen, so merkwür- 
digen Schildlaöten zu gclien ^ersuchl wurden. Man bemerkt 
an den in der Sammlung iles Ja' diu du Hoi helindlichen Indi- 
viduen, dafs Ley der Tesludo fuuLriata (zu 25 Piandschuppen) 
die OeflTnung des Afters hevnahe die gleiclie l.age hat , wie 
hey den zvvev Schildkröten vom Orenoko , deren ünterschei- 
dungs-Merkmale ich hier angehe, und wie bev Trvonix wgvp- 
tiaca , nämlich auf l vom Endlheil des Schwanzes. Es ver- 
dient diese Stellung des Alters die Aufmerksamkeit des Zoolo- 
gen j sie nähert, eben so wie das Daseyn eines verlängernden 
Rüssels im Malamala, die Cheliden den Tryonix; diese Gat- 
tungen sind hingegen durch die Zahl der tSägel und durch die 
Festigkeit der Scliale von einander verschieden. Hr. Geofl'roy 
hatte, durch andere Griinde geleitet, diese Verhältnisse be- 
reits auch angenommen {Aiuiales da Museum^ T. Xl\ , p. 19.). 
Bev den Che;onien, den Land -Schildkröten und den wahren 
Emvden beiindel sich der After an der Stelle, wo der Schwanz 
anf.'ngl. Ich habe in meinem Tagebuch nur ganz junge Indi- 
viduen der 'ifsL'tdo Arrnu liescbrieben. Des Rüssels geschieht 
dabev keine Erw;ilinung; uiul wofern ich mich auf mein Ge- 
däch'nils verlassen konnte , wurde ich .».ageu , die erwachsene 
^rrav -Schildkröte sey nicht, wie die M atamaca^ mit einem 
Bussel versehen. Es darf übrigens nicht vergessen werden, 
dafs die Gattung Chclys nur bev der Kennlnifs einer einzigen 
Art ist gebildet worden, und d.ifs also, was der Art angehört, 
mit den Hennzeichen der Gattung verwechselt werden l;onnle. 
Die wesentlichen Oharactere der neuen Gallnng Gheiys beste- 
hen in der Gestalt des Mundes und in den hautigen Anhäng- 
seln fies Kinns und des Halses. Die wahre Testudo fimbriata 
voh Gayennc, deren Schuppen kegeiförmig und jtvramidalisch 
sind, habe ich in America nie angetroffen, und ich bemerkte 
mit um so mehr Verwunderung, dafs der Paler Gili, Missionar 
in Encamarada, aujf 5ao Meilen Enllernung von Gayenne., be- 

reilR 



Kapitel XIX. 417 

zusammen. Da der Orenoko vom FrühUng3 - Aequi- 
noctiuin an zu wachsen beginnt, so liegen seine nie-» 
drigston Gestade A'on Ende Jänners bis zrum 20. oder 
20. ISIärz trocken. üie ^^/v'««-Schild!irüten , welche 
vom Jänner an in Rotten zusammenhalten, kommen 
alsdann aus dem Wasser hervor und wärmen sich an 
der Sonne, irjdem sie sich auf den Sand legen. Die 
Indianer glauben, eine beträchtliche Wärme sey der 
Gesundheit des Thieres unentbehrlich, und das Sonnen 
beföidere das Eyerlegen. Man trifft die ^i/vf/H- Schild- 
liröle den ganzen Hornung durch auf dem Gestade an. 
Zu Anfang März versammeln sich die zerstreuten Rot- 
ten, und schwimmen auf die nicht zahlreichen Inseln 
hin, wo sie ihre Eyer zu legen gewohnt sind. Wahr- 
scheinlich besucht die gleiche Schildkröte alljährlich 
aucli das nämliche Gestade. Um diese Zeit und einig« 
Tage, ehe das Eyerlegen seinen Anfang nimmt, zeigen 
sich diese Thiere bey Tausenden in langen Reihen an 
den Ufern der Inseln Cucuruparu, Ui'uana und Para- 
ruma mit ausgestrecktem Hals und den Kopf über dem 
Wasser emporhaltend, um zu sehen, ob von Tigern 
oder Menschen keine Gefahr droht. Die Indianer, de- 



reits in einem 1788 ausgegebenen Werke die Arraii- und 
Terehay -Sc\\'i\AkTÖ\c von einer viel l<leineren unlerscheidef, 
welche er Matamata nennt. Er giebt ihr in seiner italieni- 
schen Beschreibung, il guscio non convesso come neue allre 
tartarughe , ma piano ^ scabroso e deforme. Diese letzteren 
Kennzeichen passen recht gut auf die Testudo fimbriata, und 
weil der Pater Gili weder in der Zoologie bewandert, noch 
mit den Büchern dioEf>s Faches beJ-.annt war, so darf man an» 
nehmen, er habe die Matamata vom Orenoko so beschrieben) 
wie er sie gesehen hat. Aus diesen Forschungen erhellet, 
dafs drey verwandte Arten, die Arrau, die Terekay und die 
Testudo fimbriata auf dem neuen Festland nahe beysammen 
vorkommen. 
4U». V. Hii/nboldtt hist. fitittn. Ut. j» 



4i8 Buch f^'JJ. 

nen es wichtig ist, dafs die A-ersammelten Piotten voll- 
ständig bleiben, dafs die Schildkröten sich nicht zer- 
streuen und dafs das Eyerlegen ruhig und ungestört vor 
sich gehe, stellen in gewissen Entfernungen am Gestade 
Schildwachen aus. Die Schlflleute werden erinnert, 
ihre Fahrzeuge in der Strommitte zu halten, und jedes 
Geräusch, das die Schildkröten schrecken könnte, zu 
vermeiden. Das Everlegen geschieht immer zur Nacht- 
zeit, und liJngf gleich nach Sonnenuntergang an. Da? 
Thier gräbt mit seinen sehr langen und mit gekrümm- 
ten Nägeln versehenen Hinterpfoten eine Grube, wel- 
che drey Fufs Durchmesser hat und zwey Fufs tief ist. 
Der Angabe der Indianer zufolge wird zu Befestigung 
des Ufersandes dieser mit dem Harn der Schildkröte 
befeuchtet. Man glaubt dies am Geruch wahrzuneh- 
men, wenn man ein kürzlich gegrabenes Loch, oder, 
wie man hier sagt, ein Eyernest (Nidada de huevos) 
öffnet. Der Drang zum Eyerlegen ist bey diesen Thie- 
ren so grofs , dafs einige sich dafür der Lücher bedie- 
nen, die von andern gegraben, aber noch nicht mit 
Erde wieder ausgefüllt worden sind. Sie bringen alsdann 
auf die schon in der Grube vorhandene eine zweyle 
Eyerlas^e. Bey der lärmenden Unruhe werden eine 
grofse Menge Eyer zerschlagen. Der Missionar zeigte 
uns, indem er den Sand an verschiedenen Stellen auf- 
rührte, dafs dieser Verlust einen Drittheil der ganzen 
Ernte betragen mag. Das Gelbe der Eyer trägt, in- 
dem es vertrocknet, dazu bey, den Sand zu verkitten, 
und wir haben sehr ansehnliche verhärtete Massen von 
OuarzUörnern und zerbrochenen Muschelschalen ange- 
troffen. Die Zahl dieser am Ufer die Nacht über arbei- 
tenden Tliiere ist so grofs, dafs man des Morgens noch 
Manche mitten in der unvollendeten Arbeit überrascht. 
Sie sind alsdann vom doppelten Bedürfnils, des Eyer- 



1{ a p i t e l XIX. 419 

legens und des Zudeckens der gegrabenen Lücher, da- 
mit der Tiger sie nicht Wtihrnehnicn möge, gedrängt. 
Für sich selbst kennen diese im Kückstiind gebliebenen 
Schildkröten keine Gefahr. Sie set/.en ihre Arbeit in, 
Gegenwart der Indier, die das Gestade am frühen Mor- 
gen besuchen , fort. Man nennt sie thöriclite Schild- 
hrölen (tortu. s folles). Der Heftigkeit ihrer Bewegun- 
gen unerachlet lassen sie sich leicht mit der Hand 
fangen. 

Die drev Lager, welche die Indier an den obbe- 
zeiclmeten Orten be/.iehen, nehmen zu Ende März und 
in den ersten Tagen des Aprils, ihren Anfang. Das 
Everlesen geschieht überall gleichförmig und mit der- 
jenigen Hegelmäfsigkeil, die den mönchischen Anstalten 
eigenthümlich ist. Ehe die Missionarien an diesen Ge- 
staden eintrafen, ward das von der Natur in solchem 
Ueberflufs hier niedergelegte Erzeugnifs gar viel weni- 
ger benutzt. Jeder Volksstamm wühlte den Boden nach 
Gutfinden auf, und eine ungeheure Menge Eyer ward 
unnütz zerbrochen, weil man beym Nachgraben unvor- 
sichtig zu Werke gieng, und weil mehr Eyer gefunden 
als weggebracht werden konnten. Das V^erhältnifs war 
ungefähr das nämliche, wie dasjenige einer von unge- 
schickten Bergleuten bearbeiteten Grube. Den Jesuiten- 
Vätern gebührt das Verdienst, Regel und Ordnung- in 
die Arbeit gebracht zu haben; und obgleich die Fran- 
ciscaner- Mönche, die Nachfolger der Jesuiten in den 
Missionen am Orenoko, den Pfad ihrer Vorgänger zu 
verfolgen sich rühmen, so gehen sie doch leider keines- 
wegs mit der erforderlichen Vorsicht dabey zu Werke. 
Die Jesuiten gestalteten nicht, dafs das ganze Ufer 
durchwühlt werde : sie liefsen einen Theil desselben 
unberührt, aus Besorgnifs , es könnte die Race der ^r- 
raii- Schildkröte wo nicht vertilgt^ doch bedeutend ver- 



420 B IL C ft f'JI. 

mindert werden. Jetzt wird diese Vorsicht nicht mehr 
brobachtet^ und man glaubt auch bereits zu bemerken, 
dafs die Ernte von Jahr zu Jahr abnimmt. 

Wenn das Lager eingerichtet ist, so ernennt der 
Missionar von Uruana seinen Statthalter odtr Cominis^ 
sar , welcher den eyerhaltenden Boden in verschiedene 
Portionen tlieilt, nach der Zahl der indischen Stämme, 
die an der Ernte Theil nehmen. Sie sind alle Indianer 
der Missionen , so nackt und völlig roh als die India- 
ner der TVülder: man nennt sie reducidos und neofitos, 
weil sie, wenn die Glocke läutet, zur Kirche gehen, und 
weil sie gelernt haben, während der Segnung nieder- 
knieen. 

Der Stalthalter oder comissionado del Padre be- 
ginnt seine Verrichtungen mit dem Sucher Qsonde^. Ei* 
untersucht, wie wir oben gesagt haben, mit einer lan- 
gen hölzernen Stange oder mit einem Bambus -Rohr, 
wie weit die Eyerschichte sich ausdehnt. Unseren Mes- 
sungen zufolge erstreckt sich dieselbe bis 120 Fufs vom 
Stromufer. Ihre Tiefe beträgt im Durchschnitt drey 
Fufs. Der comissionado steckt Zeichen aus zu Bestim- 
mung des Puncts, wo jeder Stamm mit seiner Arbeit ein- 
halten soll. Mit einigem Erstaunen hört man den Er- 
trag der Eyer- Sammlung wie denjonij^en eines gut be- 
bauten Ackers wcrthen. Ein genau gemessener ^rea 
von 120 Fufs Länge und 5o Fufs Breite mochte wohl 
100 Schilfkriige, oder für eintausend Franken üel ertra- 
gen. Die Indianer graben die Erde mit den Händen auf; 
die ausgehobenen Eyer legen sie in kleine Körbe, wel- 
che Mappiri heifsen; sie tragen diese ins Lager, und 
werfen den Inhalt in lange hölzerne Tröge voll Wasser, 
In diesen Trögen bleibendie mit Schaufeln zerbrochenen 
und umgerüttelten Eyer der Sonne so lange ausgesetzt, 
bis das Geibc (der ölige Theil), welches oben schwimmt. 



Kapitel XIX. 421 

Sich verdichtet li.it. Nach Mafsgahe, wie dieser ülig'e 
Theil sich auf der Oherflächo des Wassers sammelt, 
wird derselbe ahgepchüpft und über einem starken F'euer 
gekocht. Man behauptet, dieses thierische Oel, das. 
die Spanier manleca de tortugas ') nennen, ei'kalte 
sich um so besser, je einer stärkeren Kochune^ es un- 
terworfen worden ist. Gut zubereitet, ist dasselbe klar, 
g^eruchlos und nur von schwach gelblichter Farbe. Die 
^lissionarien vergleiclien es dem besten Oliven- Oel, 
und man gebraucht es nicht nur für die Lampe, son- 
dern vorzüglich auch zur Bereitung der Speisen, denen 
es keinerley widrigen Geschmack ertheilt. Es hält in- 
dessen ziemlich schwer, sich ein völlig reines Eyer-()el 
zu verschafl'en. Gewöhnlich hat dasselbe einen faulifftcn 
Geruch, welcher von der Beymischung solcher Ever 
lierrührt, worin durch die andauernde Sonnenhitze die, 
jungen Schildkröten (los tortiigudlos') bereits ausgebil- 
det sind. Dies Mifsgeschick erfuhren wir vorzüglich 
Jjey unsrer Rückkehr vom Rio Negro, wo wir uns eines 
Iraun und stinkend gewordenen flüssigen Fettes bedie- 
nen mufsten. Ein fasei'iger Stoff hatte sich auf dem Bo- 
den der Gefäfse gesammelt, ui^d man erkennt hieran 
die Unreinigkeit des Schildkröten- Oels. 

Ich will hier einige statistische Angaben einrücken, 
die ich auf Ort und Stelle theils von dem Missionar 
von Uruana und seinem Statthalter, theils von den 
Krämern aus Angostura zu erforschen im Fall war. 
Das Gestade von Uruana liefert jährlich 1000 botijas ^^) 



*) Schildkröten-Fett. Die Tamanaken-Indianer, geben ihm den 

IN amen carapa; die Maypurcn nennen es timi, 
**) Jede botija enthält ^5 Flaschen: sie beträgt 1000 bis 1200 
-Cttbik-Zoll. 



422 Buch FlI. 

oder Schifr!<rüge Oel (manteccO. Ein Schifn<rug {jarrey 
wird in der Haxiptstadt von Guiana j gorneinhiu Ango- 
stura genaiintj mit zvvey bis dritthalb Piaster bezahlt. 
Man kann annehmen^ dafs der Gesamnilerlrag der drey 
Gestade^ auf uelchen jährlicli A'xe cosecJia oder Ey er- 
Ernte veranstaltet wird, auf 5ooo &o//y«j ansteigt. Da 
nun zuevhundert Eyer zu Füllung einer Flasche oder 
limetn hinreichendes Oel liefern., so sind für einen 
Schiffkrug oder hotija 5ooo Ever erforderlich. Berech- 
net man die Zahl der Eyer, welche von einer Schild- 
kröte gelegt werden, auf loo oder ii6, und nimmt man 
an, es gehe ein Drilt'ieil der Eyer im Moment des Le- 
gens, sonderheitlich durch die tkörichten Schildkröten 
zu Grund, so ergiebt sich, dafs, um jährlich öoooScbifT- 
krüge Oel zu erzielen, 33o,ooo ^'■ir?'«?« - Schildkröten, 
deren Gewicht i65,00O Centner beträgt, auf den drey 
' zur Einsammlung benutzten Gestaden 33 Millionen 
Eyer legen müssen. Die Ergebnisse dieser Rechnun- 
gen erreichen die Wahrheit noch lange nicht. Viele 
Schildkröten legen nur 60 bis 70 Eyer 5 sehr viele die- 
ser Thiere werden im Augenblick, wo sie aus dem 
Wasser steigen, durch Jaguare verzehrt. Die In- 
dianer nehmen viele Eyer weg, um sie an der Sonne 
getrocknet zu speisen 5 sie zerbrechen viele andere 
unvorsichtiger Weise beym Einsammeln, Die Menge 
der Eyer, aus denen, che der Mensch sie hervor- 
gräbt, die Jungen ausschlüpfen, ist so grofs, dafs 
ich um das Lager von IJruana her das ganze Ufer des 
Orenoco von kleinen Schildkröten wimmeln sah, die 
einen Zoll im Durchmesser hielten und den IS'achstel- 
lupgen der indischen Kinder zu entfliehen Mühe hatten. 
Bedenkt man dazu noch weiter, dafs nicht alle Arraiis 
sich auf den drey Gestaden sammeln, wo die Lager er- 
richtet werden, dafs auch viele ihre Eyer einzeln, »er- 



Kapitel XIX. 4^3 

slreut und einige AVochen später *), zwischen der Mün- 
dung des Orenoho und dorn Zusainnienfluls des Apure 
legen, so sieht man sicli genüthi^t anzunehmen, es mö- 
een wohl nahe an eine Million Schildkröten seyn, die 
alljährlich ihre Ever auf den Gestaden vom Unter- Ore- 
jioko legen. Diese Zahl ist selir bedeutend für ein so 
grofses Thier, dessen Gewicht auf einen halben Cent- 
ner ansteigt^ und das der Mensch in solcher Menge 
7,er.«tört. Gemeiniglich geschieht die Forlpflanzung in 
beschränkterem Mafse bey den grofsen als bey den klei- 
neren Thieren. 

Die Arbeit des Eyersammelns und die Zubereitung 
des Oeles dauert drev Wochen. In dieser Zeit allein 
nur stehen di» Missionen in Verbindung mit der Küste 
und mit den benachbarten civilisirten Ländern. Die 
Franciscaner - Mönche, welche südwärts der Cataracten 
wohnen, kommen zur F.\-pj--Erntep nicht so fastum sich 
Oel zu verschafteuj als um, wie sie sich ausdrücken. 



*} Diejenigen y^rr«« - Schildkröten, welche ihre Eyer vor An- 
fang des ^liirzinonats legen (es bringen nämlicli hey ver- 
schiedenen Individuen der glciclien Art, die melir oder min- 
der häufige Sonnung^ die iSahrung und eigcnlhümliche Or- 
ganisation, solche Abweichungen hervor), steigen mit den 
Tercliays aus dem Wasser, deren E verlegen iin Jiinner und 
im Ilornung statt findet. Der Pater Gumilla glaubt, es 
seyen dies die y^r/Y/w - Schildkröten , welche das Jahr zuvor 
nicht legen konnten I Was der Pater Gili von den Terekay's 
meldet (Tom. I, p. 96, loi und 297), stimmt völlig mit dem 
überein. was ich von dem Statthalter der Otomaken von 
Uruana vernahm , der die castiilansche vSprache verstund, 
und mit dem ich mich unterreden konnte. Es hält ziem- 
lich schwer, die Eyer der Tijre/töjv'- Schildkröte zu sammeln, 
weil diese Thiere sie zerstreut legen und sich nicht zu Tau- 
senden dafür auf der nämlichen Küste sammeln. 



(i24 B II c k VII. 

yjWeisse Gewichter'' zu sehen, und um lu vernehmen, 
ob der König im Escurial oder in St. Ildefonso wohne, 
ob die Klöster in Frankreich aufgehoben bleiben, son- 
derheitlich aber auch, ob der Türke sich noch immer 
ruhig verhalte. Dies ist der Inbegriff der Dinge, die 
einen Mönch vom ürenol<o ausschliefslich interessiren^ 
und worüber die l^leinen Krämer von Angostui'a, die 
diesen Schildkruten-Markt besuchen, Aufsciilufs zu ge- 
ben nicht im Stande sind. Neuigkeiten, welche ein 
Weifser Mensch aus der Hauptstadt bringt, bezweifelt 
in diesen fernen Landen Niemand. Zweifeln ist dem 
Vernünfteln nahe verwandt ; und wie sollte man es nicht 
Lejcbwerlich finden, seinen Verstand zu üben, wo man 
das Leben mit Klagen über das heifse Klima und über 
den Stich der Mouscjiiitos zubringt? 

Der Gewinn, den die Oelhändler machen, beträgt 
70 oder 80 vom 100; denn die Indianer verkaufen ihnen 
den Schiffkrug oder die bolija für einen harten Piaster, 
und die Transportkosten betragen nicht über | Piaster 
vom Schiffkrug '•'). Die hidianer, welche die cosecha 
de huevos besuclien, bringen auch eine sehr grofse 
Menge an der Sonne getrockneter oder einem geringen 
Siedegrad unterworfener Eyer nach Hause. Unsere Ru- 
derer hatten immer Körbe oder kleine Säcke von Baum- 
wolltuch mit solchen Eyern angefüllt. Ihr Geschmack 



*) Ankauf-Preis von 3oo botijas^ 000 Piaster. Transporlhoslen: 
ein Fahrzeug, Uiecha^ mit vier Ruderern und einem üleuer- 
mann , 60 p. ; zwey Kühe zur IVahrung der Ruderer für 2 
Monate 10 p. ; Maniocca - Melil 20 p. 5 kleine Ausgaben im 
Lager 3o p. : zusammen 420 Piaster. Die 3oo botijas wer- 
den in Angoslura, einem Durchschnitfpreis von 10 Jahren 
zufolge, für 600 bis -jho Piaster verkauft. 



Kapitel XIX. 4^5 

Iiain uns, ^-^enn sie gut erhallen sind, nicht unange- 
nehm vor. INIan zeigte uns grofse, durch Jaguar - Ti' 
ger geleerte SchihlKrüt- Schalen. Diese Thiere folgen 
der _//vv/H - Schildluüte an die Gestade, wo sie ihreEyer 
legt. Sie überlallen solche auf dem Sand 5 und um. sie 
desto hpquemer vorzehren zu können, wenden sie die- 
selbe also um, dafs der Brustschild aufwärts gekehrt 
ist. In dieser Laare können die Schildkröten sich nicht 
wieder aufrichten; und weil der Jaguar ungleicli meh- 
rere derselben wendet, als er in einer Wacht frifst, 
so benutzen die Indianer öfters seine List und seine 
bösartige Gier zu ihrem eignen Vortheil. 

Bedenkt man, wie schwierig es für den reisenden 
Naturforscher ist, den Körper der Schildkröte heraus- 
zunehmen, ohne die Decke vom Brustschild zu trennen, 
so kann man die Gewandtheit der Pfote des Tigers nicht 
sattsam bewundern, die den gedoppelten Panzer der 
^Jfrr«H- Schildkröte ausleert, als wären die Muscular- 
Bande mit einem chirurgischen Instrumente gelöst wor- 
den. Der Jaguar verfolgt die Schildkröte bis in's Was- 
ser, wenn dieses nicht sehr tief ist. Er gräbt auch die 
Eyer hervor; und nebst dem Crocodil, dem Keiher und 
dem GalUuazo - Geyer ist er der grausamste Feind der 
kleinen, eben erst ausgekrochenen Schildkröten. Im 
Jahr zuvor ward die Insel Pararuma durch Crocodile 
während der Eyerzeit dermafsen beunruhigt, dafs die 
Indianer in einer einzigen Nacht, mittelst gekrümmter 
\ind mit Seekuhfleisch besetzter Eisen, achtzehn dieser 
Thiere von zwölf bis fünfzehn Fufs Länge einfiengen. 
Neben den Waldthieren , wovon so eben die Rede war, 
thun auch die wilden Indianer der Oelfabrication bedeu- 
tenden Schaden. Durch (üe ersten Regenschauer, wel- 



426 B u c h VII. 

che sie Schildkrül- Regen Cpeje - caneporO *) nennen, 
auimeri^saro gemacht, begehen sie sich an die Gestade 
des Orenoko, und tüüten niit vergifteten Pftdlen die 
Schihlhröten, welche mit eiDporstehendem Hopf" und 
ausgestreckten Füfsen sich an der Sonne wärmen. 

Wenn schon die jungen Sc'iihlkrüten (torhignillos'y 
die Schale ihres Eyes am Tage durchbrochen haben, so 
sieht man sie doch immer erst zur Nachtzeit aus der 
»Erde sclilupfen. Die Indianer behaupten, das junge 
Thier scheue dieSonnenhitze; sie versuchten auch, uns 
zu zeigen, nie die junge Schihlkröte, wenn sie in ei- 
nem Sack weit vom Ufer. hinweggetragen und so gestellt 
wird, dafs sie dem Gestade den Kücken zuwendet, den- 
noch ohne Anstand denJuirzesten \Ve<j zuivi Wasser ein- 
schlägt. Ich gestehe zwar, dafs dieser Versuch , von 
welchem auch schon der Pater Gumilla gesprochen hat, 
nicht immer gleich gut gerüth: im Aligemeinen aber 
schien es mir, dafs diese Thierchen in grofser Entfer- 
nung vom Ufer, und seihst auch auf einer Insel, mit 
ausnehmend zartem Gefühl unterscheiden, von welcher 
Seile her der feuchteste Wind weht. Wenn man über 
diese Eyerschichte nachdenkt, die sich beynaho unun- 
terbrochen längs dem Gestade ausdehnt, und über die 
Tausende kleiner Schildkröten, die, so wie sie ausge- 
schlüpft sind, das Wasser o-rhen, so mag man schwer- 
lich glauben, dafs eine solche Menge von Schildkröten, 
die ilire INesler am nämlichen Ort haben, ihre Jungen 
unterscheiden, und sie, wie die (^rocodile tlmn, zu den 
benach])arten Lachen des Orenoko führen können. Es 
ist jedoch zuverlässig der Fall, dafs das Tiiier seine ei- 
sten Lebensjahre in den Lachen zubringt, deren Was- 
ser nicht tief sind, und dafs nur das erwachsene Thier 

*) In der Tamanaken-Sprache , aus peje Schildl^röte , und ca- 
iiepQ liegen. 



n a p i t e l XIX. 42? 

ersi In's Bell des grofson Stromes zurückkehrt. Wie 
mögen nun aber die lortugiüUos diese Laclien auffin- 
den :* \A ej-don sie durch weihliche Schihlkröten , wie 
der Zufall sie darreicht, adoptirt und dorlhiu geleitet ? 
Die weniger zahlreichen Crocodile legen ihre Eyer in 
ahiresonderle Lücher;, und wir werden hald sehen, dafs 
in dieser Eidechsen - Familie das weihliciie Thier um 
die Zeil, wo die Incubation ?u Ende geht, sich wieder 
einfindet, die Junten ruft, welche seiner Stimme ant-^ 
Worten, und denselben meist auch beym Auskriechen 
behülflich ist. Die ^y;v«n -Schildkröte erkennt ohne 
Zweifel, wie das Crocodil, den Ort, wo sie ihre Eyer 
gelegt hat; weil sie aber nicht auf das Gestade zurück- 
kehren darf, wo die Indianer ihr Lager aufgeschlagen 
liaben, wie sollte sie ihre Jungen von den ihr nicht an- 
S[ehuri2:en torlu"uiUos unterscheiden können ? Die Oto- 
n)aken - Indianer behaupten hinwieder, zur Zeit der 
Ueberschwemmungen weibliche Schildkröten von einer 
grofsen Zahl junger Schildkröten begleitet angetroffen 
zu haben. Es waren dies vielleicht solche yirraus, die 
auf einer öden Küste, ihre Ever abgesondert gelegt hal- 
len und dortliin zurück!(ehren konnten. Die männli- 
chen Thiere sind äufserst selten, und unter mehreren 
hundert Schildkröten trilft man kaum eine männliche 
an. Die Ursache dieser Seltenheit kann nicht die glei- 
che seyn, wie bey den Crocodilen, die in der Brunstzeit 
ihre getährlichen Kämpfe bestehen. 

Unser Pilote halte in der Playa de huevos ange- 
halten , um daselbst einige Provisionen, die uns zu 
mangeln anfiengen , einzukaufen. Wir fanden hier fri- 
sches Fleisch, Angostura - Heifs und selbst auch aus 
Waizenmehl bereiteten Zwieback. Unsere Indianer 
füllten die Piroge, für ihren eignen Bedarf, mit kleinen 
lebendigen Schildkröten und an der Sonne getrockneten 



428 Buch VIL 

Eyern. Nachdem wir vom Missionar aus Uruana^ wel- 
cher uns mit vieler Herzlichkeit behandelt liatte^ Ab- 
schied genommen hatten, ^iongen wir gegen 4 Uhr 
Abends unter Segel. Der Wind wehete kühl und stofs- 
iveise. Seit wir den gebirgigten Thell des Landes er- 
reicht hatten, bemerkten wir, dafs unsere Piroge ein 
schlechter Segler sey; der Patron aber wollte den am 
Gestade versammelten ladiern zeigen, dafs, wenn er 
recht dicht beym Winde segle, er alsdann mit einem 
einzigen Schlag die Mitte des Stroms erreichen möge. 
In dem Augenblick, wo er sich seiner Geschicklichkeit 
und kühnen Schwenkung rühmte, ward der Stofs des ' 
Windes auf den Segel so heftig, dafs wir auf dem 
Puncte waren unterzusinken. Die eine Seite des Fahr- 
zeugs stund unter Wasser und dieses drang mit solcher 
Gewalt ein, dafs es uns bis über die Hniee gieng. Es über- 
schwemmte ein Tischchen, worauf ich im Hiiüerlbeil 
des Schiffes gerade mit Schreiben beschäftigt war. I\Iit 
Mühe mochte ich mein Tagebuch retten und augenblick- 
lich sahen wir unsere Bücher, unsere Papiere und un- 
sere getrockneten Pflanzen im \Vasser schwimmen. Hr. 
Bonpland hatte sich mitten in die Piroge gelagert und 
schlief. Dnrch das eindringende Wasser und das Ge- 
schrey der Indianer geweckt, beurtheilte er unser Ver- 
hältnifs mit der Gleichmütliigkoil, welche er jederzeit 
unter den schwierigsten Umstlindon zu Tage gelegt hat. 
Weil die eingesenkte Seile des Schiffessich während des 
Windstofses von Zeit zu Zeit emporliob, hielt er das 
Fahrzeug noch nicht für verloren. Sollte es auch ver- 
lassen werden müssen, so glaulite er, könnten wir uns 
durch Schwimmen retten, weil kein Crocodil in der 
IVähe war. Während dieser Ungewifsheit rifs plötzlich 
das Tauwerk des Segels. Der nämliche Windstofs, der 
uns seitwärts geworfen hatte, hob uns jetzt hinwieder 



Kapitel KJK. 42g 

empor» Mit den Fn'icliten der Ci'escenUa Cujete ward 
hierauf ungesäumt das Wasser aus der Piroge g-csciiüpft: 
die Segel uurden ausgebessert^ utul vor Abflufs einer hal- 
ben Stunde Salven wir uus im Stand weiter zu fahren. 
Der. Wind hatte sich etwas gelegt. Windstöfse, die mi^ 
g^änzliclier Luftstille wechseln, sind übrigens in diesem 
Theil des von Bergen eingeschlossenen Stromes sehr ge-' 
wohnlich. Sie werden für überladene Schiffe ohne Ver- 
deck gefiihrlich, und wir waren gleichsam durch ein 
Wunder gerettet. Der Pilote empfieng mit indischera 
Phlegma die Vorwürfe, die ihm über sein dicht beym 
Winde Segeln gemacht wurden, indem er kaltblütig er- 
wiederte ; „es werde den Weissen auf diesen Gestadea 
nicht an Sonne zum Trocknen ihrer Papiere felilen. 
Wir hatten nur ein einziges Buch eingebiifst. Es war 
der erste Band von Schreber s Genera Planlariiin^ wel- 
cher in s Wasser fiel. Man wird für solche Verluste 
empfindlich, wenn man auf eine kleine Zahl wissen- 
schaftlicher Bücher beschränkt ist. 

Bey Eintritt der Nacht biwacltten wir auf einer un« 
■fruchtbaren, mitten im Strom, nahe bey der Mission 
Uruana gelegenen histl. Boy schönem Mondschein 
nahmen wir unser Abendessen ein, auf grofsen Schild- 
krütschalen sitzend, die am Ufer zerstreut lagen. Die 
Fi'eude, uns Alle vereint zu sehen, wargrofs! Wir stell- 
IPft uns die Lage eines Menschen vor, welcher sieb 
allein aus dem Schiffbruch gerettet hätte, an diesen Ge- 
staden wanderte und vielmals an Ströme geriethe, die 
sich in den Orenoko er^^iefsen, und über die man, um 
der Menge von Crocodilen und Car/6eA' - Fischen wil- 
len, nicht ohne Gefahr schwimmen kann. Wir dach- 
ten uns den für zarte Gefühle empfänglichen Menschen 
mit dem Schicksal seiner Unelückssrefährlen völlii; un- 
bekannt, und mehr um sie, als um lieh selbst bekam» 



43o Buch rn. 

jnert. Man überlüfst sich so traurigem Nachdenken 
elsdann um so eh^r, »^ enn man. der Gefahr entg-angen, 
Jas Bedürfnifs starker Külirungen neuerdings empfin- 
det. Wir waren Alle mit dem, was so eben uns vor Au- 
gen geschwebt hatte, beschäftigt. Es giebt Zeilpuncte 
des Lebens, in denen ohne Verzagllieit die Zukunft 
doch ungewisser erscheint. Wir befanden uns seit drey 
Tagen erst auf dem Orenol.o, und es lagen noch drey 
Monate einer Schiflahrt vor uns, auf Strömen, die durch 
Felsmasscn eingeengt, und auf Fahrzeuijen, die kleiner 
waren , als dasjenige , worauf wir so eben erst mit der 
Gefahr des Untei'gangs bedrohet w^aren. 

Die JVaclit war sehr schwül. Wir hallen uns auf 
Thierhäute gelagert, die über dem Boden ausgebrei- 
tet wurden^ weil zur Befestigung unserer Hängematten 
keine Bäume vorhanden waren. Mit Befremden be- 
merkten wir, dafs die Jaguars durch unsere Feuer hier 
nicht abgehalten wurden sich zu nähern. Sie setzten 
schwimmend über den Flufsarm , welcher uns vom 
Festland trennte. Gegen Morgen hurten wir ihr Ge- 
schrev ganz nahe. Sie waren auf die Insel gekommen, 
wo wir biwackirten. Von den Indianern vernahmen 
Avir, dafs zur Zeit der Schildkröt- Eversammlung die 
Tiffer allezeit am häufigsten auf diesen Gestaden ange- 
troffen werden, und dafs sie zu eben dieser Zeit auch 
die meiste Unerschrockenheit zu Taffe lesren. 

Am ^, April sahen wir rechts die Ausinündung des 
grofsen Bio Arauca, der durch die Menge Vügel^ wel- 
che er ernährt, berühmt ist, und hnks die IVIission Urua- 
na, gemeiniglich die Concepcion de Urhaiia genannt. 
Dies kleine Dorf, welches 5oo Seelen zählt, ward um's 
Jahr 1748 dnrch die Jesuiten gemeinsam aus Otoma- 
ken und Cavercs- oder Cabres- Indianern gebildet. Es 
liegt am Fufs eines aus einzelnen Granitblocken beste- 



H a p i t e l X.IX. 43 1 

henden Berges. Der Name dieses Berges ist, wo ich 
nicht irre, Saraguaca. Steinhaufen, die dui^ch Verwit- 
terung von einander getreiint sindj bilden Höhlen, 
\vorin uiizwcvdeutiii^e Zeuijnisse einer vormaliü-en Cul- 
tur der Ur -Einwohner angetroHen werden. Bs finden, 
sich daselbst Hieroglyplicn Bilder und sogar auch in 
gerader Linie stehende Zeichen. Ich zweifle, dafs 
diese Zeichen mit einer alphabetischen Schrift verwandt 
seyen. *j ^^ ir haben auf der hückreise vom Rio Negro 
die Mission üruana besucht, und daselbst mit eignen 
Augen die Erdhaufen gesehen, welche die Ütomaken 
speisen, und die ein Gegenstand vielfältiger Untersu- 
chungen in Europa geworden sind. 

Die Vermessung der Breite des Orenoko zwischen 
den Eylanden , welche Isla de Uruanci und Isla de la 
manteca heifsen, gab uns beym hohen Wasserstand eine 
Breite von 2674 Toisen **), welche beynahe 4 Seemei- 
len betragen. Es ist dies achtfach die Breite des Nils 
bey Manfalout und Syont ***^ j indefs befanden wir uns 
bey 1^4 Meilen von der Ausmündung des Orenoko ent- 
fernt. Die Temperatur des Wassers auf seiner Ober- 
fläclie betrug in der Nähe von Uruana 27°,8 des hun- 
derttheiligen Thermometers. Diejenige des Stromes 
Zaire oder Congo in Africa ward in gleicher Entfer- 
nung vom Aefj[uator ****)j vom Capitän Tuckey, in 
Ae.n Monaten Julius und August, nur zu 23°, 9 bis 25°,6 
angetroffen. Wir werden in der Folge sehen, dafs die 



*) Siehe meine Monumens des peuples de l' Ainerique (Folio- 
Ausg.), Tom. I, p. 61. 

**> Oder 5211 Meters, oder GsSo J''arat. 

***) Girard , sur la Vallee d'Egypte , p. 1 %. 

"***;) In der südlichen Halbkugel. 



43z Buch HL 

Gewisser des Orenoko, sowol nahe am Lfer_, wo sie in 
dichtem Schatten fliefsen, als im Thohneg , mitten im 
Strome, his auf 2t)°,5 ansteigen *) , und nicht unter 
27°j5 sinken *■'*): es betrug aher auch die Tempei-atur 
der Luft in diesem Zeitraum, vom April his zuui Ju- 
nius, den Tag über meist zwischen 28° und 3o^ ; de? 
Nachts zwischen 24° und 26° ; während sich im Thale 
von Congo die Temperatur von ö Uhr früh bis Mit- 
tags, zwischen 20°,6 und 26^,7 erhielt. 

Das westliche Gestade des Orenoko bleibt niedrig, 
bis über die Ausmündung des Meta hin, wogegen sich 
von der Mission Uruana an die Berge dem östlichen 
Gestade mehr und mehr nähern. Weil die Stärke der 
Strömung, nach Mafsgabe wie das Flufsbett enger wird, 
zunimmt, so ward der Lauf unsers Fahrzeugs nun be- 
deutend langsamer. Wir segelten zwar weiter strom- 
aufwärts, aber die hohen und waldigen Küsten entzo- 
gen uns den Wind. Zuweilen sandten die engen Ge- 
birgsschluchten, bey denen wir vorbeykamen , heftige 
Stofswinde, die jedoch nur von kurzer Dauer waren. 
Die Zahl der Crocodile vermehrte sich unterhalb der 
Vereinbarung des Kio Araiica, vorzüglich dem grofseii 
See von Capanaparo gegenüber, welcher mit dem Ore- 
noko zusammenhängt, wie die Laguna von Cabullarilo 
zugleich mit diesem und dein Kio Arauca in Verbin- 
dung steht. Die Indianer sagten uns, diese Crocodile 
kommen aus dem innern Lande bor, wo sie im trock- 
nen Schlamm der Savanen begraben lagen. Sobald die 
ersten Schlagregen dieselben aus ihrer Erstarrung we- 
cken, sammeln sie ^ich rottenvveise und laufen dem 
Stro- 

•) Bis auf 2.30,6 R. 
**; »30,0 R. 



Kapitel XIX. 433 

Strome zu, um sich darin wiodor zu vertheilen. Hier, 
in der Aequinoctial - Zone, ist es die Zunahme der 
Feuclitigkeit , welche sie ins Lelx'n zurückruft; in 
Georgien und in Florida, im g-emäfsigten Erdstrich, 
ist es die steigende Wärme , wodurch diese Thiore aus 
einem Zustand von Schwäche des INcrven- und Muskel - 
Systems, während dessen die Thätigkeit des Aihemho- 
lens entweder unterbrochen oder aufserordentlich ver- 
mindert Avar , erweckt werden. Die Zeit der grofsen 
Trockenheit, welche uneigentlich der Som??ic7' der 
heijsen Zone genannt wirdj trifft mit dem Winter der 
gemäfsigten Zone zusammen, und es gewährt eine 
merl'xwürdige physiologische Erscheinung, die Alliga- 
toren des nördlichen America durcli die strenge Kälte 
zur gleichen Zeit in den Winlerschlaj vei'sunken zu 
sehen , wo die Crocodile der l^lanos hinwieder ihren 
Sommerschlaf machen. Wäre es wahrscheinlich, dafs 
diese der nämlichen Famihe zugehürlgen Thiere vor- 
mals die gleiche nördliche Landschaft hewohnt hätten, 
so könnte n)an glauben, sie fühlen Leym Vorschroiten 
gegen den Aequator, nach einer sieben- bis achtmonat- 
lichen Muskulär -Bewegung, das Bedürfnifs der Ruhe, 
und behalten unter einem neuen Erdstrich Gewöhnun- 
gen "'') , die mit ihrer Organisation sehr innig zusam- 
menhängen. 

Nachdem wir bey den Mündungen der Canäle vor- 
Leygekommen waren, die mit dem See von Capanaparo 
in Verbindung stehen, gelangten wir in eine Gegend 
des Orenoko, wo das Strombett durch die Berge von 
ßciragnan verengt wird. Es ist eine Art Engpafs, der 
sich bis zum Zusammenflusse des Rio Suapure verlän- 



*) Siehe oben, Kap. i5, S. 77. 
jilex. V. Humboldts hist. fleisen. III. •^S 



434 Buch VII. 

gert. Von diesen Grariitbergen hatten vormals die Ur- 
Klnwohner dem zwischen den Mündungen des Arauca 
und des Atabaj>o gelegenen Theil des Orenoko den Na- 
men ßaragiuui ertljeilt. Bey den wilden Völkern füh- 
ren die grolsen Ströme abweichende Namen in verschie? 
denen ihrer Abthi ilungen. Der Baraguan - Pofs stellt 
eine sehr malerische Landscliaft dar. Die Granitfelsen 
sind senkrecht abgestutzt: da sie eine von Nord- West 
gen Süd-Osl laufende Pveilie von Bergen Jjilden, und 
der Strom diesen Damm gleichsam im rechten Win- 
kel durchschneidet, so stellen sich die Berggij»fei als 
abgesonderte Spitzen dar. Ihre Erhöhung beträgt im 
Ganzen nicht über 120 Toisen 5 aber ihre Lage mitten 
in einer Idcinen Ebene, ihre abgestutzten Wände, ihre 
nackten Abhänge ertheilen ihnen einen imposanten Cha- 
racter. Es sind allezeit die Ungeheuern Granitmassen, 
welche in Gestalt von Langwürleln , aber mit abgerun- 
deten Händern, über einander gehäuft sind. Die Blöcke 
haben öfters So Fufs Länge, auf 20 bis 3o Fufs Breite. 
Man könnte sie durch irgend eine äufsere Gewalt auf 
einander gethürmt glauben 5 wenn die Nähe einer Fels- 
inasse von gleichartiger Zusammensetzung, die aber 
keineswegs in Blöcke zertheilt, sondern mit Gängen '•) 
durchzogen ist, nicht darthäle, dafs die Parallelepipe- 
den-Form einzig nur Ergebnlfs der atmosphärischen 
Einwirkungen seyn kann. Diese zwey bis drey Zoll 
dichten Gänge unterscheiden sich durch einen feinköi'- 



*) llire Dlrcction jsi meist St. 5. Ich sah auch viele solcher Gän- 
ge, deren Riclilung St. 6 — 11 ist, im Winterhafen (P-'/er^o rf<f 
iin'ifnio') von Alures. Es finden sich darin •weder ein leerer 
Baum, noch eine Spur von Drusen. Es sind, wie in Bara- 
giian, Gange von feinkörnigem Granit, nelciie den groltkör- 
jii^on Granit durchziehen. 



H fi p i t e l XIX. 435 

nigen quarzigen Granit, der einen grollkörnigen, Jjcy- 
nalie porphyrartigen und an schönen rothen Feldspath- 
Kryslallen reichen Granit durchzieht. Ich habe mich in 
der Cordlllere von Baragnan vergeblich nach der 
Hornblende und den Specksleinmassen umgesehen, 
durch die sich verschiedene Granite der schweizeri- 
schen Hochalpen auszeichnen. 

Wir landeten mitten im Engpasse von Barctguan, 
um seine Breite zu messen. Die Felsen sind dermafsen 
gegen den Strom vorgerückt, dafs ich Mühe halt?, eine 
Grundlinie von 80 Toisen zu erhalten. Die Breite des 
Stroms betrug 889 Toisen. Um zu begreifen, wie hier 
von einem Engpasse die Rede seyn kann, mufs man 
sich erinnern, dafs von Uruana bis zum Einflufs der 
Meta die Strombreite meist i5oo bis 25oo Toisen be- 
trägt. An der nämlichen, überaus heifsen und dürren 
Stelle habe ich drey sehr abgerundete Granit- Gipfel 
gemessen, von denen der eine nur iio und der andere 
85 Toisen betrug. Es finden sich höhere Gipiel im In- 
nern der Gruppe, überhaupt aber besitzen diese so wild 
aussehenden Berge die Höhe keineswegs, welche die 
Alissionarien angeben. 

Wir suchten vergeblich nach Pflanzen in den Spal- 
ten dieser Felsmassen, die Mauern gleich abgestutzt 
sind, und einige Spuren von Stratification zeigen •••_). 
Es fand sich einzig nur ein alter Stamm der Aubletia **) 



*) An einer einzigen Stelle haben wir den Granit von Bara- 
gnan geschichtet und in drey Zoll dichte Lagen zertheilt 
angetroffen. Die Richtung dieser Schichten war N. 20" \V. j 
ihre Einsenkung beteilig 85° IVordöstl. Es war ein grobkör- 
niger Granit , geschichtet wie derjenige von Las Trinche- 
ras^ in der Gegend von Porto • Cabello , und kein Gneüi. 
(^Sielie o])en, Kap. 16, S, I66. 
**) Aubletia Tiburba. 



436 Buch VIL 

mit grofser apfelformiger Frucht^ und eine neue, der 
Apocyneen- Familie zugehürige Art*). Die Steine wa- 
ren überall mit einer unzählbaren Menge Leguanen und 
Geckos mit blättrigen Fufszeben überdeckt. Unbeweg- 
lich, mit aufgerichtetem Kopf und offenem Mund, schie- 
nen diese Eidechsen nach der heifsen Luft zu schnap- 
pen. Der an den Fels gelehnte Thermometer stieg **> 
auf 5o°,2. Der Boden schien durch die Wirkung der 
Luftspieglung in wellenförmiger Bewegung zu seyn, 
ohne dafs irgend ein Wind spürbar war. Die Sonne 
stund nahe am Zenith , und ihr vom Wasserspiegel des 
Stroms zurückgeworfenes, schimmerndes Licht contra- 
stirte mit dem rüthlichen Dunst, der alle in der Nähe 
Lefindlichen Gegenstände umhüllte. Es ist ein mächti- 
ger Eindruck, welchen, um die Mitte des Tages, in 
diesen heifsen Erdstrichen die Stille der Natur hervor- 
bringt. Die Waldthiere bergen sich im Dickicht, die 
Vögel im Laubwerk der Bäume oder in Felsspalten. So- 
bald man inzwischen, während dieser scheinbaren 
Stille, mit aufmerksamem Ohr den schwächsten, durch 
die Luft herbeygeführlen Tönen lauscht, so vernimmt 
man ein dumpfes Rauschen, ein ununterbrochenes Ge- 
sause und Summen der Inseclen, von denen alle unte- 
ren Luftschichten, so zu sagen, voll sind. Nichts kann 
geeigneter seyn, dem Menschen den Umfang und die 
Macht des organischen Lebens fühlbar zu machen. 
Myriaden Insecten kriechen über den Boden und 
schwärmen um die von der Sonnenhitze verbrannten 
Pflanzen. Ein verwirrtes Gesause ertönt aus jedem Ge- 
büsch, aus faulenden Baumstämmen, aus Felsspalten, 
aus dem von Eidechsen, Tausendfufsern und Cecilien 



*) Allamanda SallciJoUa. 
**) 40°,i Reaum. 



n et p i t e l XIX. 437 

wnlerliölillen Botlcn. Es sind diese Tüne eben so viele 
Stimmen, die uns verkünden, dafs Alles in der Natur 
«itliniet, dafs unter tausend verschiedenen Gestalten das 
Leben im staubigen, dürren) und zerspaltenen Erdreich 
eben so allgemein verbreitet ist, wie im Schoofse des 
Wassers und in der uns umgebenden Luft. Die Em- 
pfindungen, an Welche ich liier erinnere, sind denen 
nicht fremd, die, ohne sich dem Aequator zu nähern, 
Italien, Spanien oder Egyplen besucht haben. Es be- 
schäftigt dieser Contrast von Bewegung und Stille, 
dieser Anblick einer zuf'l'iich ruhi.i '^ ^ind ' ?'vehten Na- 
tur die Phantasie des Reisenden alsbald beym Eintritt 
in das Becken des Mittelmeers, in den Erdstrich der 
Olivenbäume, des Chamasrops und der Dattelpalmen. 

■ Wir bivvackten auf dem östlichen Gestade des 
Orenoko, am Fufse eines Granithügels. In der Nähe 
dieser Einöde war ehemals die Mission von San Regis 
gelegen. Wir hätten gern in Baraguan eine Quelle ge- 
funden. Das Flufswasser hat einen Bisamgeruch und 
einen süfslichen, höchst widrigen Geschmack. Im Ore- 
noko, wie im Apure, ist der Unterschied des Wassers 
am dürren Gestade in den verschieden-eri Abtheilungen 
des Stromes sehrauflallend. Am einen Ort ist dasselbe' 
sehr trinkbar, während es am andern mit gallertigen 
Stoffen übersättigt zu seyn scheint. «jDie Ptinde t[die 
lederartige Decke) der faulenden Caymans ist daran 
Schuld, sagen die Eingebornea. Je älter der Cay- 
man ist, desto bitterer wird seine Ptinde/^ Ich glaube 
wohl, dafs die Aeser dieser grofsen Reptilien, diejeni- 
gen der Seekühe, welche fünf Centner wiegen, und die 
Gegenwart der Meerschweinchen (^toniv(is) mit schlei-" 
miger Haut, das Wasser, zumal in Buchten und Krüm- 
mungen, wo der Stromlauf schwächer ist, allerdings 
verderben können. Indefs fand sich das stinkende Was* 



435 Buch ril. 

ser nicht immer da, wo wir tOflte Thiere am Ufer an- 
gehäuft sahen. Wenn man sicli in diesen heifsen Regio- 
nen, wo der Durst beständig quält, auf das Stroniwasser 
Jjeschränlit ^icht, dessen Temperatur 27° bis 28° he- 
träot, so ist der Wunsch, ein so warmes und sandige« 
Weisser möchte geruchlos seyn, niclit zu verargen. 

Am b. April kamen wir auf der Ostseite der Mün- 
dungen von Suapure oder Sivapuri und von Caripe , so 
wie auf der Westseite der Mündung des Sinaruco vor- 
über. Nach dem Kio Arauca ist dieser letztere Strom 
der beträchtlichste zwischen dem Apure und dem Mela. 
Der Suapure, voll kleiner Wasserfalle, ist bey den In* 
diern durch den vielen wilden Honig berühmt, wel- 
chen die benachbarten Wälder liefern. Die Mellponen 
hängen ihre Ungeheuern Stöcke an die Baumäste. Der 
Pater Gili hat im Jahre 1766 den Suapure und den Tu- 
riva , welcher sich in den erstem ergiefst, befahren. 
Er hat daselbst Stämme von dem Volke der Areverier 
angetroßen. Wir biwackirten etwas unterhalb der Insel 
Macupina. 

Am Q. April trafen wir frühmorgens am Gestade 
von Pararuma ein. Wir fanden hier ein Lager von 
Indiern, demjenigen ähnlich, das wir auf der hoca de 
la Tortiiga gesehen hatten. Sie waren versammelt, um 
den Sandboden aufzuwühlen, Schildkröten -Eyer zu 
sammeln und ihr Oel zu gewinnen 5 allein unglückli- 
cher Weise waren sie um mehrere Tage zu spät ge- 
kommen. Die jungen Schildkröten •') waren aus ih- 
ren Schalen gekrochen, che die Indier ihr Lager gebil- 
det hatten. Dies Versäumnils machten die Crocodil« 
und die Garzes, eine Art grofser weifser Reiher, sich 
wohl zu Nutz. Diese nach dem Fleisch junger Schild- 



*) Los tortuguillos* 



I\ a p i l e l XIX, 459 

l<rölGn glelcliniärsig- lüsternen Thlere verzehren eine 
zahllose Menge derselben. Sie gehen des Nachts auf 
den Kanb, denn die iortii<yuillos kriechen nach der 
Abenddämmerunf; erst aus der Erde hervor, um den 
nahen Fluls zu erreichen. Die Zamiiros- Geyer -O sind 
zu träge, um nach Sonnenuntergang «lagd zu machon. 
Sie streichen hey Tage am Gestade hin, werfen sich 
mitten in's Lager der Indier, um Speise zu holen, und 
ölters bleibt ihnen, ihre Frefsgior zu stillen, anders 
nichts übrig, als entweder auf dem festen Lande oder in 
untiefen VA assern sieben bis acht Zoll lange junge Cro- 
codile anzugreifen. Es ist mei'kwürdig zu sehen,' wie 
listig sich diese kleinen Thiere eine Zeit lang gegen 
die Geyer zu vertheidigen wissen. Sobald sie ihrer an- 
sichtig werden, richten sie sich anf ihren Vorderpfoten 
in die Höhe, krümmen den Rücken, und heben den 
Hopf empor, indem sie das breite Maul offen halten, 
liangsam zwar, kehren sie sich jedoch allzeit ^e^en ^p.n 
Feind, um ihm die Zähne zu weisen, die bey dem eben 
erst aus dem Ey gekrochenen Thiere schon sehr lang 
und sehr spitzig sind. Oefters sieht man, wie, während 
einer der Zamiiros die ganze Aufmerksamkeit eines 
jungen Crocodils bescliäftigt, ein anderer den günstigen 
Augenblick für einen unvorgesehenen Angriff benutzt. 
Er schiefst auf das Thier herab ^ packt es bevm Nacken, 
und hebt es in die hohen Lüfte empor. Wir hatten Gele- 
genheit, dieses Verfahren ganze Vormittage zu beobach- 
ten, als wir in der Stadt Mompox *-•') in einem geräu- 
migen, von einer Mauer umgebenen Hofraum mehr 
denn 40, seit i5 bis 20 Tagen erst dem Ey entschlüpf- 
ter Crocodile beysammen hatten. 



*) Siehe oben, B. I, Hop. 8. 5. 175. 
**J Ain Gestade des Magdalenenslroms, 



440 Buch VIL 

Unter den in Pararunia versammelten Indianern 
fanden sich einige weifse Menschen, die von Angostura 
zum Einkauf der manteca de torluga eingetrofi'en wa- 
ren. JNachdenj sie uns durch ihre Klagen über die 
j, schlechte Ernte" und über den von den Tigern zur 
Zeit des .fyerlegens verursachten Schaden lange ermüdet 
hatten, füiirti-n sie uns unter einen, mitten im indischen 
Lager stehenden Ajoupa, wo wir die Missionarien-Mönche 
von Caiichana und von den Cataracten zur Erde gela- 
gert, in der Harte spielend und aus langen Pfeilen Ta- 
Lak räuchi'nd, antrafen. Ihrer weiten blauen Klei- 
dung, ihren geschornen Küpfen und ihren langen Bar- 
ten nach hätten wir sie für Morgenländer gehalten. 
Diese armen Ordensmänner empfiengenuns aufs Freund- 
licliste, und gaben uns alle für die Fortsetzung unserer 
Schiffahrt nöthige Au«lainft. Seit mehreren Monaten 
waren sie vom dr?vtögigen Fieber geplagt, und ihr blas- 
ses abgezehrtes Aussehen konnte uns leicht überzeugen, 
dafs die Landschall, welche wir zu be.^uchen im Begriff 
stunden, der Gesundheil der Reisenden einigermafsen 
gefährlich soy. 

Der indische Pilote, welcher uns von San Fernando 
de Apure bis ans Gestade von Pararuma geführt hatte, 
war mit der Fahrt durch die rapides *) vom Orenoko 
unbelvannt^ und wollte unser Schifi nicht weiter füh- 
ren. \'\'ir mufsten uns seinem Willen lügen. Glückli- 
cher Weise fand sich der Missionar von Carichana ge- 
neigt , uns eine schöne Piroge um sehr mäfslgen Preis 
zu überlassen. Der Pater Bernardo Zea, Missionar von 
Atures und Maypures, in der INähe der grofsen Cata- 
racten, erbot sich sogar, obgleich krank, uns bis an 
die brasilianische Gränze zu begleiten. Die Zahl der 



*) Kleine Cascaden, chorroty raudalitos» 



Kapitel XIX. 441 

Eingebornen, welclie l>eym Transport der Käline durch 
die Raiidales Hülfe leisten, ist so klein, dafs wir, ohne 
die Gegenwart eines Missionars, Gefahr liefen, wochen- 
lang in diesen feuchten und ungesunden Gegenden aiif- 
gehalten zu werden. An den Gestaden des Orenoko 
•werden die \Yäldor vom Rio Negro für ein herrliches 
Land gehalten. \A irklich ist die Luft dort frischer und 
gesunder. Der Strom enthält nur selten Crocodile; 
man kann darin unbesorgt baden, und zur Nachtzeit so- 
wohl als bey Tage wird man an seinen Ufern weniger 
als am Ürenoko durch Insectenstiche gequält. Der Pater 
Zea hofi'te durch den Besuch des Missionaren vom Piio 
INegro seine Gesundheit herzustellen. Er spx'ach davon 
mit dem Enthusiasmus, den man in allen Colonien des 
Festlandes für entfernte Dinge fühlt. 

Die in Pararuma versammelten Indianer regten 
neuerdings die Theilnahme in uns auf, welche die Be- 
trachtung-des wilden Menschen und das Studium der all- 
mähligon Entwicklung seiner Geisteskräfte beym culti- 
virlen Pvlenschen anspricht. Es halt schwer, in dieser 
Kindheit der Gesellschaft, in diesem Haufen finsterer, 
stiller, gleichgültiger Menschen den Urcharacter un- 
sers Geschlechts zu erkennen. Die menschliche Watur 
stellt sich hier nicht in jenen Zügen der milden Einfalt 
dar, wie sie von Dichtern in allen Sprachen so reizend 
ist geschildert worden. Der Wilde vom Orenoko schien 
uns eben so häuslich zu scyn , wie der Wilde am Missis- 
sipi, den der philosophische Reisende *) geschildert 
hat, welcher die Menschen der verschiedenen Erdstriche 
am trefl'endsten zu zeichnen verstund. Man beredet sich 
gern, es seyen diese Landes -Eingebornen, die um ei- 
nen Feuerheerd hocken, oder auf grofsen SchildkrÖt- 

*) Hr. von Volney. 



442 Buch FII. 

Schalen sitzen, mit Erde oiler Fett beslrlclien sinJ, 
und stundenlang den dummen Blick auf das Getränk 
heften, dessen Zubereituno- sie teschäftiijt, keineswegs 
der Ur-Tvpus unsers Geschlechts^ sondern vieliriehr ein 
ausgearteter Stamm^ und die schwachen Ueherreste von 
Völkerscljaftfn^ die durch langen und zerstreuten Auf- 
enthalt in den Wäldern in Barbarey zurückgesunken 
sind. 

Das Piothmalen dient den Indianern unjrefahr statt 
aller Kleidung, und man unterscheidet zwey Arten des- 
selben bey mehr oder minder wohlhabenden Personen. 
Den gemeinen Schmuck der Cariben, dei-Otomaken und 
der Jaruros liefert das Onoto *), welches die Spanier 
yichole , und die Colonisten auf Cayenne Piocoii nen- 
nen. Es ist dasselbe der Färbestoif, den das Mark der 
Bixa orellana •'") gewährt. Um das Onoto zu bereiten, 
werfen die. indi-^chen Weiber die Saamen der Pflanze 
in eine mit Wasser gefüllte Kufe. Sie rühren dieses 
Wasser eine Stunde lang um, und lassen hornacli das 
farbigte Sat/.mehl, dessen Farbe ein sehr dunkles Ziegel- 
rolh ist, ruhig niederschlagen. Das Wasser wird abge- 
gossen, das Satzmehl herausgenommen, mit den Händen 
ausgedrückt, mitÜel von Scliildkrüten-Eyern geknätet, 
und darai>s runde Kuchen,' drey bis vier Unzen schwer, 
verfertigt. In Ermanglung von Schildkrut-Oel bedie- 



*) Eigenllich Anoto. Dies Wort gohört der Tamanalien-Spra' 
che an. Die .Maypuren nennen das Rocou Majepa. ' Die 
spanischen Missionare sagen onotarse^ sich die Haut mit Ro- 
cou heraalen, s'onotcr. 

**J) Das ^Yort Bixa sogar, das die Botanilier aufgenommen 
hahen, ist aus der alten Sprache von Haily oder St. Do- 
iiiingue entlehnt. Rocou kommt vom brasih'anischen Wort 
Urucu her. 



Kapitel XIX, 443 

nen sicli einige Stämme des Fetts der Crocodile, wel- 
ches sie dem Oiiolo beymisclien. Ein anderer, ungleich 
kostbarerer Färbestofl'wird aus einer Pflanze erhallen, die 
zur Bignonien-Fainilie gehört, und welche Hr. Bonpland 
unter dem Namen der Bignonia Chica *) Ijeschrieben. 
bat. Die Tamanaken heirsen sie Craviri , die Maypu- 
ren Chirraviri. Sie erklettert die höchsten Bäume und 
befestigt sich daran mittelst ihrer Ranken. Ihre zolllan- 
f>,en, zwey lippigen Blumen sind schön violett geftirbt^ 
und stellen zu zwey oder drey beysammen. Die dop- 
pelt gefiederten Blätter werden beym Vertrocknen rüth- 
licht. Die Frucht ist 6ine mit geflügelten Saamen be- 
setzte Schote, von zwey Fufs Länge. Diese Bignonie 
wächst wild und in grofser Menge in der Gegend von 
Maypures, und aufwärts am Orenoko, jenseits der Mün- 
dung des Guaviare, von Santa-Barbara bis zu dem ho- 
ben Berg von Duida, vorzüglich in der Nähe von Esme- 
ralda. VVir haben sie hinwieder auch an den Ufern des 
Cassiquiare angetrofien. Die rothe Farbe des Chica 
wird nicht wie das Oiioto aus der Frucht, sondern aus 
den im Wasser eingeweichten Blättern erhalten. Der 
Farbestofl^ sondert sich in Gestalt eines überaus leichten 
Slaubes ab, weicher ohne Zumischung von Schildkröt- 
Oel^ in kleinen, 8 bis g Zoll langen und 2 bis 3 Zoll ho- 
}ien, an den Enden abgerundeten Brüdchen vereinbart 
wird. Erwärmt, dünsten diese Brüdchen einen ange- 
nehmen Benzoingeruch aus. Beym Destilliren verrälh 
das Chica kein flüchtiges Laugensalz. Es ist dasselbe 
keine slickgashaltige Substanz, wie der Indigo. In 
Schwefel - und Salz -Säuren, und auch sogar in den 
Alealien löst es sich leicht auf. Mit Oel abgerieben. 



•) Plantes equinoxlales^ Tom. I, p. 108. PI. XXXI. G'diy Sag- 
gio, Tom. 1, p. ^18. 



444 ' Buch VIL 

liefert das Chica eine rothe, etwas lackartige Farbp. Auf 
Wolle angewandt, konnte sie leicht mit der rothen 
Firappfarbe vei'wechselt werden. Es liegt aiifser Zwei- 
fel, dafs das vor unserer Heise in Europa unbekannte 
Chica in den Künsten nützliche Anwendung leiden mag. 
Die Völker am Orenoko, welche diese Farbe am besten 
zubereit, n, sind die Salivas, die Guaypunaves, die Ga- 
reres und die Pivaoas. Das V^erfahren der Aufgüsse und 
der Einu eichungen ist überhaupt unter allen Völkern 
am Orenoko «ehr al'gemein verbreitet. Die Maypuren 
führen ihren Tansclihandel mit P«r/j/na -Brüdchen, die 
aus einem vegetabilischen Satzmehl bestehen, welches auf 
ähnliche Art, wie der Indigo, getrocknet wird, und eine 
sehr dauerhafte gelhe Farbe liefert. Die Scheidekunst 
der Wilden beschränkt sich auf Zubereitung von Farbe- 
stofien, von Giften, und auf die Versüfsnng der stärk- 
mehlhaltigen Wurzeln von Pflanzen aus den Aroideen - 
und. Euphorbiaceen - Familien. 

Die meisten Missionarien am Ober- und Unter- 
Orenoko erlauben den Indianern ihrer Missionen, sich 
die Haut zu färben. Einige sind niederträchtig genug, 
aus der Nacktheit der Ur- Einwohner Gewinn zu zie- 
hen. Weil ?le ihnen weder Jjeinwand noch Kleider 
verkaufen können, so treiben die Mönche mit der ro- 
then, bey jenen so beliobten Farbe einen Handel. Ich 
habe öfters in ihren Hütten, welche pomphaft conven- 
/oj *) heifsen, Niederlagen von Chica gesehen, wovon 
der Kuchen, die liirla, bis zu 4 Franken verkauft wird. 
Um einen richtigen Begriff von dem Luxus zu geben, 
den die nackten Indianer mit ihretn Schmucke treiben, 
bemerke ich hier, dafs ein grofsgewachsener Mensch 



*) In den Missionen heilst der Pfarrhof das Kloster ., es ist 
die Casa del Fadre. 



Kapitel XIX. 445 

Mülie hat, In zwey Woclien mit seiner Arbeit so viel in 
verdienen, als er bedarf, um das nölliige Chica einzu- 
tauschen, womit er sicli roth fiirbt. Auch ist es der 
Fall, dafs, so wie man in yemiirsigten Klimaten von 
einem armen Menschen sagt: „er ist so arm, dafs 
er sich nicht kleiden kann,^'^ so hört man die hidianer 
am ürenoko sagen: „dieser Mensch ist so elend, dafs 
er sich nicht einmal am halben Leib zu malen ionoter, 
majepayer') verma{j/^ Der kleine CA/ra- Handel fin- 
det hauptsächlich mit Aen Stammen am Lanier- Orenoko 
statt, deren Landschaft die Pflanze nicht erzeugt, wel- 
che diesen köstlichen Stofi" liefert. Die Cariben urd die 
Otomaken malen sich nur Kopf und Haare mit Cldca, 
die Saliven hingegen besitzen diesen Färbestoff im Ue- 
berflufs, so dafs sie den ganzen Körper damit färben- 
AVenn die Missionarien fiir ihre Rechnung kleine La- 
dungen von Cacao/ Tabak und Chiqiii-chiqiii '■') vom 
Rio Negro nach Angostura senden, so legen sie allezeit 
auch Chica- Kuchen als eine sehr beliebte Waare bey. 
Einige Personen von europäischer Herkunft gehrauchen 
dieses i'othe, im Wasser aufgelöste Satzmehl als ehi vortr{?ff. 
liebes harntreibendes Mittel **). — Die Gewohnheit sich 
zu färben, ist bey den verschiedenen Vi'ilkerstämmen am 
Orenoko nicht von gleichejn Alter. Sie hat sich allge- 
meiner verbreitet seit dem Zeitpunct, v/o das mächtige 
Volk der Cariben öftere Einfälle in die Landschaft 
machte. Sieger und Besiegte waren beyde gleich nacktj 



*} Seile, die aus den Stielen eines Palmbauins mit gefiederlea 
Blättern verfertigt werden, von denen nachher die Rede 
seyn wird. 

**) Das Mark des Hocou und auch das Chica sind zusammen- 
zieiiend und gelind ohführend. 



445 Buch VII. 

und, um dem Sieger gefallig zu werden, mufsle man 
sich malen wie er, und seine Farbe annehmen. Heut- 
zutage, nachdem der Einflufs der Cariben aufhörte, und 
sie zwischen den Flüssen von (>arony, von Cuyuni und 
von Paraguamuzi begränzt sind, hat die Carihe n-JMode , 
den ganzen Leib zu ftirben, sich dennoch erhalten. Die 
Sitte hat die. Eroberung überhbt. , 

Ist der Gebrauch dos Onolo und des Chica aus Ge- 
fallsucht und aus jener Neigung zum Putz hervorgegan- 
gen, die avich unter den wildesten Völkern so allgemein 
ist, oder soll m:.n vielmehr annehmen, es beruhe der- 
selbe auf der Erfahrung, dafs die farbigen und öligen 
Stoffe, womit man die Haut einreibt, diese gpgen die 
7\^o^^jn7o.y-Sliche schützen? Ich habe diese Frage in 
den Missionen vom Orenoko und überall in den Tro- 
penländern, wo die Luft von giftigen Insecten wimmelt, 
öfters aufwerfen und viel darüber sprechen gehurt. Man 
bemerkt, dafs der Caribe und der Saliva, die sich roth 
färben, durch die IMosquilos und die Zanciidos gleich 
arg mifshandelt werden, wie die Indianerstämme, wel- 
che sich den Leib nicht färben. Bey den einen und 
andern verursacht der Stich der Insecten keine Ge- 
schwulst 5 nur selten entstehen hcy ihnen jene Pusteln 
undkleinen Beulen, welche den neu angekommenen Eu- 
ropäern ein so schmerzbaftes Jucken verursachen. Aber 
den Eingebornen und den weifsen Menschen schmerzt 
der Stich gleiclnnäfsig, so lange das Insecl den Siuge- 
rüssel nicht aus der Haut zurückgezogen hat. Nach 
vielfältigen andern vergeblichen Versuchen haben Hr. 
Bonpland und ich unsere Arme und Hände mit Croco- 
dil-Fett und mit dem Oel der Schildkröten -Eyer einge- 
rieben, ohne irgend eine Erleichterung davon zu ver- 
spüren ; wir wurden nachher eben so häufig gestochen, 
wie vorher. Ich weifs woJil, dafs Oel und Fett von 



Fl a p i t e l XIX. 447 

den Lapplnndern als sclir '.v irksame Scliulzniittel ge- 
riibmt werden ; aber die Insecten der nördlichen Län- 
der sind von d-enen am Orenoko verschieden. Der Ta- 
Lak^ranch vertreibt unsere Schnaclten, g^g*''"' tlie Zan- 
cndos lungr<*^L-n wird er ohne Erfolg" angewandt. Weni^ 
der Gebrauch fetter und zusainincnzieliencler Stoffe die 
unglücl^lichen Bewoliner dieser Länder gegen die Plage 
der Insecten schül/en würde , wie sollte der Ge- 
Lrauch^ sich zu färben, an diesen Gestaden nicht allge- 
mein ge.vonlen seyn? wie konnte man alsdann wohl so 
viele nackte Völker *) antreffen, welche sich nur das Ge- 
sicht färben, und doch unmittelbar neben denen woh- 
nen '••'*), die sich den ganzen Leib färben? 

Es ist aufiallentl, dafs die Indianer am Orenoko, 
gleich den L^r- Einwohnern von Nord- Amerika, die ro- 
then Färbestoffe allen andern vorziehen. Sollte diese 
Vorliebe sich auf die Leichtigkeit gründen, womit der 
^\ilde sicli die ockerfarbigen Erden oder das färhendq 
Satzmehl des liocou und des Chica verschärfen kann? 
Ich zweifij sehr daran. Der Indigo wird in einem gros- 
sen Theil der amerikanischen Aequinoclial-Länder wild- 
wachsend angetroffen. Diese und viele andere Schoten- 
Cevvächse konnten den Eingebornen Pigmente zum 
lilaufärben eben so wie den alten Bretagnern darbie- 
ten ^'^*). Wir hnden jedoc!» keine blaugefärbten ameri- 
kanischen Völkerslämme. Mir ist wahrscheinlich, wie 
ich bereits oben angedeutet habe, dafs die Vorliebe der 
Amerikaner für die rolhe Farbe am meisten auf der 



*) Di« Guaypunaves, die Caveres, die Guahibes. 

"**) Die Cariben , die Saliven , die Tamanaken und die May- 
puren. 

***) Die halbnackten Völl.er der gemfifsigten Zone fiiirben sieh 
die Haut öfters mit der Farbe ilirer Kleidunsr. 



448 Buch VII. 

herrsclienden Neigung der Völker beruht, alles dasje- 
nige schön zu finden, was ihrer National-Physiognoini© 
eigenthüinlicli ist, Menschen, deren natürliche Haut- 
farbe Lraunroth ist, liehen die rothe Farbe. Diejeni- 
gen, welche mit einer flachen Stirne und mit einem 
eingedrückten Kopf zur Welt Itommen, suchen ihren 
Kindern die Stirne noch flaclier zu drücken. Unter- 
scheiden sie sich von andern Völkern durch einen sehr 
geringen Bart, so trachten sie auch die wejiigen Bart- 
haare, die sie haben, noch auszureifsen. Sit? irlauben 
um so viel schöner zu seyn, als sie die Characterzüge 
ihres Stammes oder ihrer National- Bildung vorherr- 
schender machen können. 

hn Lager von Pararuma war es uns auffallend zu 
hemerken, dafs sehr alte Weiber ungleich mehr Sorg- 
falt auf ihren Putz verwandten, als die jüngsten. Wir 
sahen eine Indianerin vom Stamme der Otoinalten, die 
sich ihre Haare mit dem Oel von Schildkröten-Eyern 
einreiben, und den Rücken niit Ünoto und Caruto*^ be- 
malen licfs : es waren zwry ihrer Töchter, die dies 
Geschäft verrichteten. Die Malerey bestund in einer- 
Art Gitterwerk, kreuzweise gezogener, schwarzer Stri- 
che auf rolhem Grund. Jodes der kleinen Viereck.a 
hatte einen schwarzen Punct in der Mitte. Es war eine 
Arbeit, die ungeheure Geduld erheischte. Wir kamen 
von einem lani^en botanischen Spaziergang zurück, 
und die Malerey war noch nicht zur Hälfte beendigt. 

Man 



*) Das schwarze und «tzende Pigment des Caruto (Genipa 
americana) widersteht jedoch dem Wasser lange, wie wir, 
zu unserm nicht geringem Leid , an uns seihst erfahren ha- 
ben , als wir uns, mit den ludiern scherzend, einst Flecken 
und Zeichen von GaruCo im Gesicht machen liefsen. Sie 
waren noch sichtbar, als wir nach Angoslura zu den euro- 
päischen civilisirten Menschen zurückkamen. 



li a p i t e l XfX. 44() 

Man erstaunt um so mehr üLcr oinon so ausgesuchten 
Putz, wenn man bedenkt, clafs die Bilder und Züge 
nicht durch das beym Tuloirireu gehi'äucljliche Verfah- 
ren zu Stande gebracht si'ul;, sondern dafs die mit so 
vieleilVIühe gelertigten Maleroyen durch starken Regen, 
•wenn der Indianer sich unvorsichtig demselben aussetzt, 
zerstört werde. Es gieht Völker, die sich nur für ge- 
wisse Feste malen j andere erscheinen das ganze Jahr 
durch gefärbt, und bey diesen wird der Gebrauch des 
Onoto für so unentbehrlich geachtet, dafs Männer und 
Weiber sich vielleiclit minder schämen würden, ohne 
Giitiyuco als unbemalt zu erscheinen. Diese Guayucos 
vom Orenoko bestehen z\im Theil aus Baumrinde, zum 
Theil aus Baumwolltuch. Die Miinner tragen breitere 
als die Weiber, welche (dem Zeugnifs der Missiona- 
rien zufolge) überhaupt ein geringeres Sc'jamirefühl ha- 
ben, tine ähnliche Bemerkung iiatte auch schon Chri- 
stoph Columbus gemacht. Sollte diese Gleichgültig- 
keit, dieser Mangel an weiblichem Schamgefühl bey 
Völkern, unter denen keine grofse Sittenverd« rbnifs 
herrscht, nicht auf Kechnung der V^erwilderung und 
Sclaverey zu bringen seyn, welchem im südlichen Ame- 
rica das weibliche Geschlecht durch Unbill und Mifs- 
brauch der Stärke von Seite der Männer unterlie<>t. 

o 

Wenn in Europa von einem Ur-Einvvohncr aus 
Guiana die Redeist, so stellt man sich einen Menschen 
vor, welcher an Kopf und Gürtel mit schönen Aras -, 
Toucans-, Tangaras- und Colibri - Federn geschmückt 
ist. Unsere Maler und Bildhauer haben seit langer Zeit 
solchen Putz für das auszeichnende Alerkmal des Ame- 



*) Das Wort gehört der CarJben - Sprache an. Das perizoma 
der Indier arn Orenoko ist eher ein Bändchen als eine Scliürz«. 
Siehe oben TJj. 2. S. 196. 

^I*x. V. Humboldts hist. Reisen. III. 2Q 



45o Buch VU. 

rikaners ^»^elialten. Wir waren erstaunt, weder in den 
Chavmas- Missionen, noch in den Lagern von Uruana 
und Pararuina, ich könnte fast sagen, auf allen Gestaden 
des Orenoko und des Cassi(juiare, die scliönen Federbü- 
sche und die aus Federn verfertigten Schürzen anzutref- 
fen, welche von Reisenden so häufig aus Cayenne und 
Demerarv heinigebracht werden. Uie meisten Völker 
von Guiana, st-lbst solche , deren Geistcsliräfte ziemlich 
entwickelt sind, die Nahrungspflanzen anbauen und 
Kaum wollge webe verfertigen, sind eben so nackt *), 
eben so arm, vind eben so schmucklos, wie die Einge- 
bornen von Neu Holland. Die grofse Hitze der Atmo- 
«phäre, die übermäfsigen Schweifse, welche den Tag 
und einen grofsen Theil der IVacht durch andauern, 
machen die Kleidung unerträglich- Putzsachen, vor- 
züglich Federbüsche, werden nur zum Tanz und bey 
festlichen Anlässen gebraucht. Die Federbüsche der 
Guaypunaves '"''O sind durch die Auswabl der schönen 
Federn der Manakino's und der Fapagaien vorzüglich 
berühmt. 

Die Indianer begnügen sich nicht immer mit ei- 
ner gleichniäfsig vertheilten Farbe, und sie ahmen 
zuweilen in ihren Hautmalereyen auf's Seltsamste die 
»Kleidungen der Europäer nach. In Pararuma trafen 
wir solche an, die sich eine blaue Jacke mit schwarzen 
Knöpfen hatten maclien lassen. Die Missionarien er- 
zählten uns von Aen Guaynaven am Hio Caura sogar, 
sie seyen gewohnt, sich mit Onolo zu färben und längs 
dem Körper breite Querstreifen zu machen, worauf sie 

*) Zum Beispiel die Macos und die Piraoas. Die Cariben ma- 
chen eine Ausnahme, indem das perizoma hey ihnen ein so 
Lreiles ßauniuolltuch ist , dafs es die Scliulter decken kann. 

**) Sie stammen von den Gestaden des Inü'ida , einer der Zu- 
llüsse des (Juaviare her. 



Kapitel XIX. 461 

Bliittclien von sllberfarlienein Glimmer befestigen. Wenn 
man diese nackten Menschen von ferne erblicht , so 
glaubt man sie in galonnirt;>n Kleidern zu sehen. Hätte 
man die gemalten f'ölker so sor''lalti^ l)eobaclitet , vvie 
die heJdeideten Völker, so würde man gefunden ha- 
Lon, dafs die fruchtbarste Phantasie und die beweirlich- 
ste Laune sich in den Malereyen der einen, wie in der 
Beklcitiung der andern, zu Tage legen. 

Malerev und Tatouirung sind in beyden Festlanden 
veder auf einen einzigen Stamm, noch auf eine oinzis^e 
Zone beschränkt. Diese Putzarlen werden bey der ma- 
hn ischen und amerikanischen Kace häufiger angetroffen 5 
aber zu den Zeiten der Körner fanden sie sich auch bey 
der weifscn l^ace im Noidon von Europa. So wie die 
nanz vorzüülich maierisc!;en Kleider und Trachten im 
griechischen Ai-chipelagiis und im nördliclicn Asien an- 
getroffen werden, so finden sich die vollendetsten Mu- 
ster von Malerey und Tatouirnng bey den Insulanern der 
Südsee -) Einige belvleidcte Völker malen sich arinoch 
Hände, Nägel und Gesicht. Die Malorev en^cheint hier 
auf die einzigen nacl;t bleibenden Tlieile beschränkt; 
nmd während das Srliminken, welches an den wilden 
Zustand der Menschen erinnert, in Europa nach und 
nach verschu^indet, fflauben di.-: Frauenzimmer einiarer 
Provinzen von Peru, ihre übrigens sehr feine luid sehr 
Wftifse Haut durch Bedeckung i\n\. Lirbenden Pflanzen- 
stoffen, n)it Stärke. Eyweifs und Mehl zu verschönern. 
IVachdem man lange Zeit unter den mit Oiioco und 
C/iicfi gcfirblen Alenschen gewohnt hat, so erstaunt 
man nicht wenig, die Ueberresle einer allen BarbareV 
mitten unter allen Gewühnunjren der Civilisirun'r an- 
noch wahrzunehmen. 



*) Im Arcfiipelagus der Mendoza-EvJande. 



4'52 -0 n c k in. 

Das iiidlsclie Lager von Pararuma verscIiafTte uns 
Gele«>enlieit, mehrere Thiere, die wir bis dahin nur in 
den europäischen Sammhiifgen gesehen halten, zum 
erstenmal lebendig zu beobachten. Diese kleinen Thiere 
gehören zum Handel der Alissionare, welche Tabak, 
il/«/ii-Harz, C//i6'« - Pigment, Gallitos imanakin'syy 
Titis, Kapuziner- und andere in den Küstenländern 
sehr beliebte Allen gegen Tücher, Nägel, Beile, An- 
geln und Stecknadeln eintauschen. Die Erzeugnisse 
vom Orenoko sind um niedrige Preise von den India- 
nern erkauft worden , welche in Abhängigkeit von den 
München leben, und diese nämlichen Indianer sind es 
hinwieder auch, die von den IVIönchen, aber zu sehr 
hohen Preisen, aus dem bey der Kverernle erlösten 
Geld die Fischerey- und Garten - Geräthschaften wieder 
einkauften. \^ ir kauften mcjirere Thiere, die uns auf 
unserer übrigen Slrömiahrt begleitet haben, und deren 
Lebensart wir indcfs beobachten konnten. Ich habe 
diese Beobaclilungen in einem andern Werke bekannt 
gemacht; weil ich aber zweymal von dergleichen Sache 
sprechen muls, so beschränke ich mich hier auf sehr 
gedrängte Angaben, denen ich die ßen)erkung beyfüge, 
welche ich seither in unsern Heise- Tagebüchern zer- 
streut fand. 

Die Gallitos oder Coqs de roclie , welche zu Para- 
ruma in hübschen kh'inen, aus Palmblattstielen verfer- 
tigten Käfichen verkauft werden, sind an den Gestaden 
des Orenoko und im ganzen PSord und West der Aequi- 
noctial -Gegenden von Amerika überaus viel seltener, 
als in dem französischen Guiana. Sie sind bis dahin ein- 
zig nur in der Gegend der iSIission von Encaramada 
und in den Kaudales oder Cataracten von Maypures ge- 
funden worden. Icii sage absichtlich in den Cataracten, 
Acnii es sind die Spalten der kleinen Granitfelsen, wel- 



n a p i t e l XIX. 453 

die quor durch den Orcnoko sireichen und die zahlrei- 
chen Cascaden bilden, die diese Vügol sich vorzugsweise» 
für ihre Woliiiungon wähl.'n. Wir haben ?ie öfters am 
INIorgen mitten in den Schaunnvellon des Stromes ihre 
Weibchen hcrbeyrufen und Kämpfe bestehen sehen, wie 
unsere Hiiline thun, und indem sie den doppelten he- 
weglichen Kamm, der ihren Scheitel schmückt, in Fal- 
ten legen. Da die Indianer nur selten erwachsene Gal- 
litos einlaniien, und in Europa nur die Männchen ge- 
schätzt werden, die vom drillen Jahr an zierlich hoch- 
gelb gefärbt sind, so müssen Käufer sich in Acht neh- 
men, um nicht statt junger Männchen junge W^eibchen 
zu erhalten. Beyde haben eine braune Olivenfarbe, 
€iber der pol/o oder das Hähnchen unter':cheidet sich 
bereits noch ganz jung durch seine Gröfse und durch 
die gelben Füf*e. Das Weibchen behält allezeit eine 
düstere, dunkelbraune P'arbe, und nur die Spitzen und 
Unterflächen der Vögel sind gelb ••')• Wenn der männ- 
liche und erwachsene Hahn in unsern Sammlungen die 
schöne Farbe seines Gefieders behalten soll, so darf er 
dem Licht nicht ausgesetzt werden. Seine Farbe erblafst 
gar viel schneller, als in andern Gattungen der Sper- 
lings - Familie. Die jungen Hähnchen haben, wie bey 
den meisten Vögeln der Fall ist, das Gefieder oder die 
Kleidung ihrer Mutter. Mich wundert, dafs ein so vor- 
■züglicher Beobachter, wie Hr. le Vaillant **), es in 
Zweifel setzen konnte, ob wirklich das Weibchen be- 
ständig: seine düstere , olivensrrüne Farbe behält? Die 
Indianer der Piavdalen versicherten mich übereinstim- 
mend, nie ein aurorafarbenes Weibchen gesehen zu 
haben. 

*) VorzügWrh der Tlieil . den die Ornithologen le poigneb 

nennen. 
**) Oiseaux de Paradi«, Tom. II, p. 61. 



45(^ B a c h III. 

Unter flcn Affen, welclie die Indianer auf den Markt 
vonParaiumo gebracht hatten, bemerkten wir verschie- 
dene Spielart« a des Sai *), die der kleinen Gruppe 
der Brüllaffen, uelche in den i-paniscbcn Colonien i\/«/- 
chi heifsen, angfliürenj Mamarimondes **} oder roth- 
bauchige Alelesj Titis und f^iiiditas. Die zwey letzte- 
ren beschäftigten un?.?rc Aufmerhsaniheit vorzüglich, 
und wir kauften dieselben , um sie nach Europa zu sen- 
den ^**). Der Oui^'liti **■■•') von Buffon, welcher der 
Titi des Hrn. von Arzara irt, der Tili von Carthagena 
in hidien Und von Darien t)? welcher Buffons Pinche 
ist, und der Tili vom Oreno!;o {t), welcher der Sai- 
luari der franzüsiscben jNalui forscher ist, dürfen nicht 
mit einander verwechselt werden. Der Name Titi wird 
in den verschiedenen spanischen Colonien an Affen er- 
theilt, welche drey verschiedenen Unterabiheilungen ttt) 
angehören, und in der Zahl ihrer Bachenzähne von 
einander abweichen tttt)> Die Zahl dieser letzteren 
schliefst auch den schönsten der drcy Titi, denjenigen 
vom Orenoko, von der Gattung aus, welche llr. jlliger 



*) Simia capucina. Ueber die ^'emi^^ung, welche in der Sv- 
nonvmik des Sai und der verwandten Arten ]ierrsclit,//t7/(? mei- 
ne Ohseru. de Z ologie. Tom. I, p. jaj — 525, 5j6 u. 555. 

**) Simia ßelzcluilii. 

***) Zu Pararuma I<auft man einen schönen .^aimiri oder Titi 
vom Orenoko für 8 Lis 9 Pi.islrr. Der IMissionar zahlt dem lä- 
dier, der ihn gelangen und zaliui gemacht lial, anderilialb Piaster. 

****) Simia jacchus. 

t) Simia oedipus. 

•j-f) vSimia sciurea. 

f I ; ) Die Gattungen Callithrix, Jacchus und Midas des Ilrji. Gcof- 
frov de Saint- Hilaire. 

tttt) Der Titi vom Orenoko (aus der Familie der Sagoine) hat 
sechs Backenzähne ; der Titi aus Darien und Paraguay (aus 
der Familie derHapalen) hat auf jeder üeije fünf Backenzähne. 



/{ a'p i t e l XIX. 455 

unter dorn Nainon Üulstili odor Hapule Aufgestellt lial, 
IN'acli dem eben Gesagten wird die Erinnerung- fast über- 
flüssig, wie wünscli«nswerth es wäre, dafs in wissen- 
scliaflliclien Werken Keine INanien aus lebcMiden Spra- 
chen aufgenommen würde i, weil dieselben, durch un- 
sere Heclilschreibung entstellt luid von einer Provinz 
zur andern wechselnd, die bedauerliche Verwirrung 
der zoologischen JNomencbilur nur vermehren können. 
Der Tili vom OrenoLo (Simia scinrea) , welcher 
bis dahin nirgends gut ahgchildel ist, obgleich er in un- 
sern Sammlungen niclit* selten vorkommt, hellst bey den 
Maypures Indianern />i///pn/. Er ist südwärts der Ca- 
taracten sehr gemein. Sein Gesicht ist weifs : ein klei- 
ner schwnrzblauer Fleck deckt das Maul und die Spitze 
der Mase. Die am zierlichst gebildeten und schonst ge- 
färbten (mit goldgelbem Pelzwerk) Titis kommen vom 
Gestade dos Cassiquiare. Diejenigen, welche man an den 
Lifern des Gnaviare fängt, sind grofs und nicht leicht 
y.ahm zu machen. Kein anderer Affe hat ein solches 
Hindorgesicht wie der Titi: er zeigt den nämlichen Aus- 
druck von Unschuld, das gleiche schalkhafte Lächeln, 
den gleich schnellen Uehergang von der Freude zur 
Trauer. Seine grofsen Augen füllen sich mit Thränen, 
sobald er in Furcht geräth. Er ist ausnehmend lüstern 
nach Insecten , vorzüglich nach Spinnen. Der Scharf- 
sinn dieses kleinen Thiers ist so grofs, dafs eines der- 
selben, welches wir in unserm Kahne nach Angostura 
führten , die verschiedenen dem Tahleaii elenicntaire 
dhisloire nalnrelle des Hrn. Cuvier angehängten Kupfer- 
tafeln recht gut unterschied. Die Kupfer der Werke 
sind nicht farbigt, und dennoch streckte der Titi seine 
kleine Hand schnell aus, in der Hoffnung, eine Heu- 
schrecke oder eine W^espe zu erhaschen, so oft wir ihm 
die eilfle Tafel vorlegten, auf der diese Insecten abge- 



456 Bach ril. 

bildet sind. Er blieb hingegen völlig gleicbgiiltig, \TCnn 
ihm die Aboihlungen der Gerippe oder Köpfe von Säug- 
thieren *) gezeigt wurden. Wenn mehrere dieser klei- 
nen Affen, im nämlichen Käfich verschlossen, dem Re- 
gen ausges( tzt sind, und die gewohnte Temperatur der 
Luft plülzlich um zvvey oder drey Grade sinkt, so bie- 
gen sie ihren Schwanz, der doch kein VVickelschwanz 
ist, sich um den Hals, und schlingen Arme und Beino 
in einander, um sich wechselseilig zu \-\ armen. Die 
indischen Jäger erzählten uns, man treffe öfters im Wald 
Gruppen von zehn bis zwölf solclier Affen an, die ein 
jämmerliches Geschrey hören lassen, weil die auswärts 
betindlichen in's Innere des Knauls zu dringen versu- 
chen^ um daselbst U arme und Obdach zu finden. 
Schiefst man mit in gescliicüchtes Gift *'•') getauchten 
Pfeilen nach einem solchen Knäuel, so kann man eine 
grofse Zahl jung'er Aflen auf einmal lebendig fangen. 
Der Titi bleibt im Fallen an seiner Mutter liängen, und 
wofern er durch den Fall nicht verletzt ist, so verläfst 
er die Schulter oder den Hals des getüdteten Thiers 
nicht mehr. Die meisten derer, welche man lobendig 
in den Hütten der Indianer antrifft, sind auf diese Weise 
von den todten Müttern weggenommen worden. Die 
erwachsenen, von einer ungefährlichen Wunde geheil- 
ten Thiere gehen meist zu Grund, ehe sie zu Haus- 



*) Ich bemerke bey diesem Anlafs, dafs icli nie gescbcn habe, 
dafs ein Gemälde , wclclics Hasen und Pielie in n.itiirlichpr 
Oröfse und aufs Allerbeste darstellte, den mindeslcn I'indruck 
auf Jagdhunde, deren Versland vorzüglich entwickelt schien, 
gemacht hätte. Kennt man ein zuverlässiges Bevspiel eines 
Hundes, der das Bild seines Herrn in ganzer Figur erkannt 
hätte? In all' diesen Fällen wird das Gcsiclil vom Geruch 
nicht unterstützt. 

**) Curare dgstemplado. 



li n p i t e l XIX. 45?^ 

lliieren gewohnt sind. Die Titi's sind üLerlianpt zarte 
und furchtsame kleine Thi:'re. Es hält sehr scliwer, sie 
von den Mis-^ionon am Orenoko an die Küsten von Caracas 
und Cumana zu vorpHanzen. Sie werden traurig- und 
niedergeschlagen, sobahl man die Kegion der Waldun- 
gen verläfst und in die Hanos übergeiit. Diese Verän- 
derung kann nicht auf der geringen Zunahme der Tem- 
peralur beruhen, und sie scheint eher von einer gröfse- 
ren istärke des Lichts, von einer minderen Feuchtigkeit 
und von irgend einer chyniischen Eigenschaft der Kü 
stenluft herzurühren. 

Die Saimiri's oder Titi's vom Orenoko, die At'eles, 
die Sajous und andere seit langer Zeit in Europa ge- 
kannte Vierlüinder bilden einen grofsen Contrast in 
Hallung und Betragen mit dem IMacavahs *), den die 
INIissionare Vindita oder Traaerivilfioe nennen. Dies 
kleine Thier hat feine, glanzende, schÖH schwarze Haare. 
Sein Antlitz ist mit einer viereckigten, weifslichten und 
in's Blaue spielenden Larve bedeckt. Diese Larve be- 
greift Augen, INase und .Mund. Die Ohren haben eine 
Kandleibtej sie sind klein, niedlich und beynahe ganz 
unbehaart. Der Hals der JVitlioe ist vorn mit einem 
weifsen, einen Zoll breiten Streif besetzt, der einen 
Halbring bildet. Die hintern Füfse oder vielmehr Hän- 
de sind gleich dem übrigen Körper schwarz, aber die 
Vorderhände sind auswendig weifs und inwendig glän- 
zend schwarz. An diesen weifsen Zeichen oder Flecken 
glauben die Missionavien den Schleyer , das Halsluch, 
und die Handschuhe einer Tranerwittive zu erkennen. 
Der Character dieser kleinen Affen, der sich nur zum 
Fressen auf den Hinterpfoten aufstellt, kündigt sich 



*) Es ist dies der maravitanische IS'ame des Siiiiia lugens. Si^ke 
meine Obs. dt Zoologie. Tom. I| p> äig* 



458 B u c h VII. 

durch seine Haltung nur wenig; an. Er lial oin sanftes 
und schüchternes Aussahen; dio ihm dargehotene Nah- 
rung verweigert er öfters auch dann , wenn er von 
grofsein Hunger gequält wird. Er meidet dcMi Upi. 
gang mit andern AfFcn, und sclion der Anhlick des J<lein- 
slen Saimiri verjagt ihn. Sein Auge drückt viele Lebhnf- 
tigkeil aus. Wir haben ihn stundenlang in unhewegh- 
cher Stellung gesehen, ohne zu schlafen, und sehr auf- 
jnerksam auf alles, was um ihn her vorgieng. Aber 
diese Schüchternheit und Sanftheit sind nur scheinbar. 
Wenn sie allein und sich seli>st überlassen ist, wird die 
Vindita beym Anblick eines Vogels wüthend : sie klet- 
tert und läuft alfdann mit erstaunender Schnelligkeit j 
sie springt wie eine Katze auf ihren Haub los, und er- 
würgt, was sie erhaschen l;ann. Dieser sehr seltene 
und sehr zarte Affe findet sich am rechten Ufer desOre- 
nol<o in di^n Granit-Gebirgen, die sich hinter der Mis- 
sion von Santa Barbara erheben. Er wohnt auch an 
den Gestaden des Guavinre, in der Geiicnd von San Fer- 
nando de Atabapo. Die P'indila hat uns aut der ganzen 
hcise vom Cassiquiare und vom Rio Negro zweyn)al bey 
den Calarncton vorbey begleitet. Ich halte es für die 
genaue Kennlnifs der Sitten und Lebensweise der 
Thiere sehr vortheilhaft, wenn man sie mehrere Mo- 
nate hindurch beständig vor Augen hat, und zwar im 
Freven, nicht in verschlossenen Wohnungen, wo sie 
ihre naliirliche Lebhaftigkeit völlig einbüfsen. 

Die neue für uns bestimmte Piroge ward noch am 
gleichen Abend beladen. Es war, wie alle indischen Häh- 
ne, ein auf dem gedoppelten Wei( der Axt und des Feuers 
ausgehöhlter Baumstamm. Seine L3nge betrug vierzig 
Fufs auf drey Fufs Breite. Drey Personen hätten darin 
nicht nebeneinander sitzen können. Diese Piroxen sind 
so beweglich, und sie erheischen um ihrer geringen Fe- 



Kapitel XIX. 45^ 

stlgheil willen eine so glelclifürmig vertlieille Ladung, 
dafs, wenn man nur eiiu'n Augenblick aufstehen will, 
die Huderer [boiias} erinnert werden müssen, auf die 
andere Seite zu drücken. Ohne diese Vorsicht würde 
das Wasser unfehlbar über den eingesenkten Hand ein- 
treten. Es hält schwer, t^ich einen richtigen Begriff von 
den Beschwerlichkeiten, die man in so elenden Fahr- 
zeugen erduldet, zu machen. 

Der Missionar von den Raudales hatte die Zu- 
rnstungen der Heise mit mehr Eifer betrieben , als uns 
li.^b war. Aus Furcht, nicht die hinreichende Zahl 
Macos- und Guahibes- Indianer zu erhalten, welche das 
Labyrinth der kleinen (Kanäle und Cascaden kennen, aus 
denen die rmuditles oder (Cataracten bestehen, wurden 
zwev- derselben die Nacht über im cepo behalten, das 
will sagen, sie mulsten ihre Füfse zwischen zwey einge- 
schnittenen, durch eine ilctte mitVorlegsclilofs zusam- 
mengehallenfn Hölzern gelagert halten. Frühmorgens 
weclUe uns das Schrcyen eines Jünglings , der mit le- 
dernen Lamantin- v'^triemen grausam gepeitscht ward. 
Es war Z,erepe, ein gar verständiger Indianer, welcher 
uns in der Folge sehr nützlich ward, und der uns nicht 
hatte begleiten wollen. In der Mission von Apures, 
durch einen Maco - Vater mit einer Mutter aus dem 
Mavpuren- Stamme erzeugt, war er in die Wälder («/ 
inonte') zurückgekehrt, und hatte einige Jahre unter 
den wilden Indianern verlebt. Dort verschaffte er sich 
die Kenntnifs mehrerer Sprachen , und der Missionar 
gebrauchte ilin als Dolmetscher. Wir hatten Mühe 
dem Jüngling Gnade auszuwirken. ,,Ohne solche Hand- 
lungen der Strenge (ward uns geantwortet) würdet 
Ihr bald an Allem Mangel leiden. Die Indianer der 
fiaudales und am Ober-Orenoko sind ein kräftigerer 
und arbeitsamerer Stamm ^ als die Bewohner voni XJn:' 



46o Buch riL 

ter-OrenoUo. Sie wissen , dafs man in Angostura viel 
auf sie hält. Liefse man sie thun, wie sie gern wol- 
len, sie kämen alle den Flufs herab, un) ihre Erzeugnisse 
zu verlsauten, und unter den Weifsen in Freyheit zu 
leben. Die Missionen blieben verödet." 

Diese Gründe, ich gestehe es gern, haben mehr 
Schein als Wahrheit Um die V^ortheile der Geselhchaft 
zu geniefsen, mufs der Mensch allerdings auf einen 
Theil seiner natüHiclien Piechte und seiner ursprüngli- 
chen Unabhängiglieit verzichten. Wenn aber das Opfer, 
welches man ihm auflogt, in den Vorthcilen der Silti- 
gung keinen Ersatz findet, so wird der Wilde in seiner 
Tcrständiijen Einfalt allezeit die Kückkchr nach den Wäl- 
dern wünschen, in denen er geboren ward. Die christ- 
lichen Ansiedelungen am Orenoko bleiben verlassen, 
weil in den meisten Missionen die Indian^^r der Wälder 
als Leiheigene behandelt werden, und die Früchte ih- 
rer Arbeiten ihnen nicht zu gut kommen. Eine auf die 
Zei'slürung der Freyheit der Ur-E nwohner gegrün- 
dete Regierung muls die Geisteskräfte ersticken oder 
ihre Enlwickelung hindern. 

Es ist eine unpassende V^ergleichung, wenn man 
Lehauptet, der Wilde müsse als ein Kind behandelt und 
zu strengem Gehorsam angehalten werden. Die India- 
ner vom Orenoko haben wohl etwas Kindisches in dem 
Ausdruck ihrer Freude, in dem schnellen Wechsel ih- 
rer Gemüthsslimmung : aber sie sind darum keine gros- 
sen Kinder; sie sind es eben so wenig, als die armen 
Landbauer im östlichen Europa, welche die Barbarey 
unserer Feudal -Institutionen in der gröfslen Verwil- 
derung erhalten hat. Die Anwendung der Gewalt als 
erstes und einziges Mittel der Siltigung des Milden ist 
beynebens ein Grundsatz , der auf die Erziehung der 
Völker eben so unrichtig angewandt wird, wie auf die 



Kapitel X/X. 461 

Erziilmng der Jugend. Wie schwach und wie tief ge- 
sunken der Mensch auch seyn mag, seine Kräfte sind 
nie ganz zerstört. Der uicnscliliche Verstand zeigt sich 
nur in versciiiedentlichpm Grad der Starke vmd der 
Entwicklung. Der Wilde wie das" Kind vergleicht die 
Gegenwart mit der Vergangenheit j seine Handlungen 
werden nicht durch einen Minden Inslinct, sondern 
durch Gründe seiner Vorlheile geleitet. Die V^ernunft 
ivird überall durch die Vernunft aufgehellt, und ihre 
Fortschritte müssen um so mehr yerzügerl werden, als 
diejenigen, welche sich zur Eiziehung der Jugend oder 
zur Kcgierung der Völker berufen glauben, vom Gefühl 
ihrer Uebermacht aufjjiebläht, jene verachten, auf die 
sie wirken sollen, und durch Gewalt und Stärke dasje- 
nige zu erzielen streben, was durch moralischen Ein- 
flufs erzielt werden soll, welcher einzig nur die werden- 
den Kräfte entwicRl'ln^ die aufgereizten Leidenschaften 
hesänfligen, und den Gesellschafts -Zustand befestigen 
kann. 

Am 10. April konnten wir um zehn Uhr Morgens 
erst unter Segel gehen. Wir hatten MüIie, uns an die 
neue Pircge, die uns wie ein neues Gofängnifs vorkam, 
zu gewöhnen. Um Breite zu gewinnen, hatte man aus 
Baumästen auf dem Hinlertheil des Fahrzeugs eine 
Art von Gitter oder Laube errichtet, das zu heyden Sei- 
ten über den Rand der Piroge hinausragte. Leider war 
das ßlätterdach "0 des Gitters so niedrig, dafs man ent- 
weder, ohne etwas zu sehen, ausgestreckt liegen , oder 
dann gebückt sitzen mufste. Die JNothwendigkeit, die 
Fahrzeuge über die schnellen Abschüsse, oder auch von 
einem Strom in den andern überzutra-n-n, die Besorfi- 
nifs durch Erhöhung des toldo dem Wind zu vielen 

*) £■/ coiclo , 



462 B u c h 111. 

Spielraum einzuräumen, ni-ochen diesen Bau für die 
Meinen, den Nio Negro aufsteigenden Fahrzeage nolh- 
wendig. Das Dach ^var für vior Personen, welche auf 
dem Gilter oder der Lauhe von Baumäi>ten Ligen, be- 
rechnet; aber die Beine reiclitn weit unter der Decke 
hervor, und wenn es regnet, wird man am lialben Leib 
durchnäfst. Dazukommt, dafs man auf üclisenhäuten 
oder Tigerfellen liegt, und dafs die Baumäsle, über 
welche die Häute ausgebreitet sind, «lurch die dünne 
Decke schmerzhaft drücken. Den Vorderllieil des Schif- 
fes besetzen die rudernden Indianer, mit drey Fufs lan- 
gen, löflelfürmigen pagaies versehen. Sie sind völlig 
nackt, sitzen paarweise und riuh^rn im Tact ungemein 
harmonisch. Ihre Gesänge sind traurig und eintönig. 
Die kleinen Käfiche, worin unsere Vugol und AflVn ver- 
wahrt waren, und deren Zahl sich nach und nacli mehr- 
te, waren die einen am toldo, die andern aui Vorder- 
iheil des Schlßes befesJigt. Sie bildeten unsere wan- 
dernde IMenagerie. Der häufigen Einbufsen unerach- 
tet, die durch Zufälle, und vorzüglich durch die ver- 
derbliche Wirkung des Sonnens (insotatioiO veranlafst 
wurden, besafsen wir vierzelm dieser kleinen Thie- 
re bev unscn'er Rückkunft vom Cassic|uiare. Natur- 
wissenschaflliche Samn>ler, welche lebendige Thiere 
nach Europa zurückbringen wollen, könnten in beyden 
an den Gestaden des Orenoko und des Amazonen-Stroms 
gelegenen Hauptstädten, in Angoslura oder in Grand- 
Para^ eigene Pirogen verfertigen lassen , deren erster 
Drittheil zwey Reihen vor der Sonne gedeckter Käfiche 
enthalten würde. In jedem INachtlager, wenn wir un- 
sern Biwack einrichteten, bildeten die JMenageiie und 
unsere Instrumente den Mittelpunct: ringsum kamen 
dann unsere Hängematten , hernach die Hängematten 
der Indier, und auswendig die Feuer, welche man, um 



Kapitel XIX. 463 

den Jaguar zu verscheuchen, für unentbehrlich hält. Ge- 
Äen Morien eru'iedorten die Allen unserer Käficije den 
Ruf der Allen im Walde, Diese Mittlieilunffen zwischen 
Thleren gleicher Art, die mit einander synipatliisiren, 
ohne sich zu sehen, und von denen die einen die Frey- 
heit genlofsen , deren die andern beraubt sind, haben 
etwas Trauriges und Kührendos. 

In einer so engen Pirooe, die keine drev Fufs breit 
war, Konnte für die getroclineten Pflanzen, für die Man- 
telsäcke, für einen Sextant, für die Inclinalions- ßous- 
sole und die meteorologii-chcn Werkzeuge kein anderer 
Raum übrig bleiben, als der Unterboden des Gitters, auf 
dem wir den gröfsten Tlieil des Tages in gezwungener 
Stellung gelagert waren. Um irgend etwas aus dem 
Felleisen zu holen, oder um ein Instrument zu gebrau- 
chen, mufste man landen und auspacken. Diesen Un- 
bequemlichkeiten allen gesellte sich annoch diePIage der 
JMosquitos hinzu, welche sich unter dem niedrigen D«- 
che anhäufen, und die Hitze, die von den Palmblättern 
ausgellt, deren Obertheil derSonne beständig ausgesetzt 
ist. Wir suchten jeden Augenblick, aber allezeit um- 
sonst, unsere Lage zu be'.sern. Während der j'ine zum 
Schutz gegen die Inseclen ein Tuch über sich drckte, 
verlangte der Andere, man solle grünes Ho!/, unter dem 
toldo anzünden, um die mosquilos durch den Rauch 
zu vertreiben. Das Brennen der xAugen und die Zu- 
nahme der ohnedies schon erstickenden Hitze mach- 
ten die Anwendung beyder Mülfsmittel gleich unthun- 
lich. Mittelst einiger natürlicher IVJtinterkeil, durch 
Verhältnisse wechselseitigen Wohlwollens, und mit ei- 
nem lebhaften Gefühl für die hehre Pracht der Natur 
in diesen grofsen Flufsthälern , mag der Reisende die 
allmählig gewöhnten Beschv/erden leichter erduld n. 
Ich habe diese kleinlichen Umstände hier nur erwähnt. 



464 ^ « c /i VIL 

um die Verhältnissa der Schiflalirt auf dem Oronoko zu 
schildern^ und um darzuthuni^ warum Hr. Bonpland 
TUid ich boym bestem Willen wälirend dieses Abschiiills 
unserer Heise so vielfältige lieobachlungen niclit ma- 
chen konnten, als unsere merkwürdigen Umgebungen 
erheischt halten. 

Die Indianer zeigten uns die Stelle, wo auf dem 
rechten Stromufer vormals die von den Jesuiten um das 
Jahr 1733 gegründete Mission von Pararuma gelegen 
war. Eine Pockenseuche, die unler den Salivas'- India- 
nern grofse Verheerungen anrichtete, war die Haupt- 
ursache der Zerstörung der IVIission. Die wenigen Ein- 
wohner, welche die bösartige Seuche überstunden, wur- 
den dem Dorfe Carichana einverleibt^ das wir nun bald 
besuchen werden. In Pararuma war es, wo, dem Zeug- 
nifs des Pater Roman zufolge, um die Mitte des vorigen 
Jahrhunderts, während eines heftigen Gewitters, Schlös- 
sen gefallen sind. Es ist dies beynahe das ein/.ige mir 
bekannte Bey^piel, in einer Ebene, die mit dem Meere 
fast wagerecbt steht 5 denn unter den Wendekreisen fällt 
unter 3oü Toisen Erhöhung gewöb.nlich kein Hagel ••'). 
Wofern er sich in gleicherHöhc über den Thal-Ebenen 

und 



*) Siehe oben, Th. 2, S. 596. Thibaiilt de Clianralon nirft in 
einer sehr soiiarfsinnigen Aliliandlung über die Meteorologie 
der 'IVupenl.ndor und der genialVigtcn Zone die Frage auf: 
warum die Gewitter iti den Ebenen nur im geniaisigleu Erd- 
striche mit Schloisen begleitet sind? ^Die Wanne der Ebe- 
nen, heincrkt er, kann kein Hindcrhirs der Entstehung des 
Hagels seyn. In Europa ist derselbe in der heiiscn Jahreszeit 
am häufigsten.'' Er meldet, man habe auf Martinique nur 
«inmal, im Jahr 1721. auf den Irlbenen Schloisen l'ailen gese- 
hen. {Voy (Ige ä la Martinique^ ji. i55, INro. -lO). Diese An- 
gabe scheint jedocli unzuverlässig. (^Moreau de Jonnis-, sttr 
le sämat des Antilles, p. 49) 



Kapitel X.IX.. 465 

und Berghohen Cplaleaiix) hildet, so mufs man anneh- 
men, es schmelze im Niederfallen beym Durchgang der 
untersten Schichten der Atmosphäre, d(^ren mittlere 
Temperatur (zwischen o ^ und 3oo ^) 27°,5 und i!^^ 
des hunderttheiligen Thermometers beträgt Ich ge- 
stehe, dafs es beym gegenwärtigen Zustand der Meteo- 
rologie schwer halt, zu erklären, warum in Philadel- 
phia, in Rom und zu Montpellier Schloffen niederfal- 
len in den wärmsten Monaten, wo die mittlere Tempe- 
ratur auf 20° bis 26° ansteigt, während die gleiche Er- 
scheinung in Cumana, in la Guayra und überhaupt in 
den Aequatorial -Ebenen nicht wahrgenommen wird. 
In den vereinten Staaten und im südlichen Europa (un- 
ter 40° und 43° der Breite), ist die Hitze der Ebenen 
im Sommer ungefähr die nämliche, wie unter den Wen- 
dokreisen. Auch die Abnahme der Wärmestofli'e wech- 
selt, meinen Untersuchungen zufolge, nur wenig ab. 
Wenn also der Mangel an Schlofsen unter dem heifsen 
Himmelsstrich, in der Meereshühe, vom Schmelzen der 
Hagelkörner beym Durchgang der unteren Luftschich- 
ten herrührt, so mufs man annehmen, es seyen diesel- 
ben, im Augenblick ihrer Bildung, im gemäfsigten Erd- 
striche gröfser als im heifsen. Die Verhältnisse, unter 
denen das \V asser in einer Gewitterwolke in unserm 
Clima gefriert, sind uns noch zu wenig bekannt, um 
urtheilen zu können, ob die gleichen Bedingungen auch 
unter dem Aequator, über den Elenen vorhanden sind. 
Ich zweirie, dafs die Sclilofsen allzeit nur in einer Luft- 
region gebildet werden, deren mittlere Temperatur 
Zero ist, und welche bey uns im Sommer nur auf der 
Höhe von i5oo oder 1600 Toisen angetroffen wird. Die 
Wolken, in denen man die Schlofsen vor ihrem Nieder- 
schlag gegen einander stofsen hört, und die sich wage* 
recht bewegen, schienen mir allzeit gar viel niedriger 
^Ux. V. Humboldts hist. Reisen. HI. 'JO 



466 B n c h rn. 

zu seyn 5 und auf diesen minderen Höhen Begreift man^ 
dafs aufserordentliche Erkältungen durch die Ausdeh- 
nung der aufsteigenden Luft, welche an Fassungsvermö- 
gen für den Wärmestoff zunimmt , durch aus einer hö- 
heren Breite kommende Strömungen kalter Luft und 
insondt^rheit (nach Hrn. Gay-Lussac) durch die Strah- 
lung der ohern Wolkenfläche ent^:tellen können. Ich 
werde Anlafs hahen, auf diesen Gegenstand zurück zu 
liommen , wenn ich yon den verschiedenen Formen 
spreche, unter welchen Schlofsen- und Graupenhagel 
auf dem Rücken der Anden bey 2000 und 2600 Toiserx 
sich darstellen, und wenn ich die Frage untersuche, ob 
man die Wolkenschichle, welche das Gebürge einhüllt, 
als eine wagerechte Fortsetzung derjenigen Sciiiclite be- 
trachten kann, welche wir unmittelbar über uns in den 
Ebenen erblicken. 

Der mit vielen Inseln besetzte Orenoko beginnt sich 
in mehrere Arme zu theilen, deren westlichster den Jän- 
ner und Hornung durch trocken bleibt. Die Gesammt- 
brcite des Stromes beträgt über aöoo bis 3ooo Toisen. 
Der InselJavanava gegenüber bemerkten wir östlich die 
Mündung des Canno Anjacoa. Zwischem diesem Can- 
no und dem Kio Paruasi *) oder Paruati wird das Land 
zusehends holzreicher. Mitten aus einem Wald von 
Palmenbäumen, unfern vom Orenoko **), erhebt sich 
ein abgesonderter Felsenrücken von überaus malerischer 
Gestaltung. Es i<t ein Granilpfeiler, eine prismatische 
Masse, deren nackte und schroffe Seitenwände nahe an 



*y Der Jesuite Pater Mon'llo haue an den Ufern des Paruasi 
eine Mission dieses ISainens gestiftet, worin er Mapo^es- 
oder Mapoi -Indianer sammelte. Sie löste sich jedocii balil 
nieder auf. CG///, Ton(i. I, p. 5".) 

**_) Dem HaUo de San Antonio gegenüber. 



ji a p i t e i xrx, i^r 

zwpyluindert Fnfs Hühe liabiMi. Sein Gipföl, darüber 
die hüclislcn Waldhäumeeniporrngl , ist mit einer Fel- 
senLank gekrüril^ deren Oborflöche glatt und wagerfcht 
hi. Auf diosem Gipfel sti'Iien andere Bäume. Die Mis- 
sionare lieifscn ihn den Pic oder JMogote de Cocuyzai. 
Es erinnert dieses, in seiner Gröfse oirtfache Denkmahl' 
der Natur an die cyclopischen Denkmähler. Seine 
sehr bestimmten Umrisse, mit der Baum- und Gebüsch- 
Gruppe über ihm, stellen sich auf deöa azurnen Hirn-, 
iiiel merkwürdig- dar. Es gleicht einem Gehölze, nel-, 
ehes über einem andern Gehülze emporsteht. 

Weiter hin, nahe bey der Mündung des Paruasi, 
verengert sich der Orenuko. Ostwärts bemerkten wir 
eine'n Berg mit plattem Gipfel, der wie ein Vorg^ebirg. 
Lervorstcbt. Seine Höhe beträgt nahe an dreybundert 
Fufs, und die .Jesuiten gebraucliten ihn als Festung. 
Sie hatten ein Fortin darauf angelegt, welches mit drey: 
Kanonen-Batterien versehen und allezeit mit einem Mili- 
tär- Detaschement besetzt war. Wir haben die von ih- 
ren Laffetten abgenommenen und zur Hälfte in den 
Sand vergrabenen Kanonen zu (3arichana und zu Atu- 
res gesehen. Das Fortin der Jesuiten (oder fortalexa 
de San Francisco Javier) ist seit der Auflösung des 
Ordens /erelört worden; aber der Ort wird immer noch 
el Castillo genannt. Auf der Handzeichnung einer 
Charte, die vor Kurzem erst in Caracas von einem Welt- 
priesler verfertigt worden ist, fand ich ihn mit den* 
seltsamen Namen Trinchera del despolismo monacal'^y 
bezeichnet. In allen Revolutionen drückt sich der Neüe^ 
rungsgeist, der die Menge hinreist, auch in der geogra- 
phischen Nomenclatur aus. 

Die von den Jesuiten auf diesem Felsen unterhalb 



') Verschanz ung des monchisehen Despotismus., 



468 Buch yil. 

tene Besatzung war nicht blofs zum Schutz der Missio» 
nen gegen die Einfalle der Cariben bestimmt; sie ward 
auch zum Angriffskriege gebraucht, oder, wie man hier 
sagt, zur Seelen-Eroberung, conqiiista de almas. Dio 
Soldaten, durch Geldbelohnungen angereizt , machten 
bewaffnete Ueberfälle oder entradas in's Gebiet der un- 
abhängigen Indier. Was Widerstand leistete, ward um- 
gebracht 5 die Hütten wurden verbrannt, die Pflanzun- 
gen zerstört, und Greise, Weiber und Kinder wurden 
als Gefangene weggeführt. Diese Gefangenen vertheilte 
man in die Missionen vom Meta, Kio Negro und Ober' 
Orenoko. Die entferntesten Orte wurden vorzugsweise 
gewählt, um der Versuchung zur Rückkehr in die Hey- 
math entgegen zu wirken. Dieses gewaltsame Mfttel 
zur Seelen-Eroberung war zwar durch die spanischen 
Gesetze untersagt, aber darum nichts desto minder von 
den Landesstatthaltern geduldet, und von den Obern 
der Gesellschaft als für die Religion und für die Aus- 
breitung der Missionen sehr vortheiDiaft gepriesen. 
„Die Stimme des Evangeliums '^'j sagt ein Jeeuite vom 
Orenoko in den erbaulichen Briefen '-'') sehr naiv, „fin- 
det nur da Eingang, wo die Indianer zuvor den Knall des 
Gescliützes, et ecco de la polvora, gehurt haben. Die 
Gelindigkeit ist ein gar langsam wirkendes Mittel. Durch 
Züchtigung der Ur- Einwohner wird ihre Bekehrung 
erleichtert." Diese die Menschheit entehrenden Grund- 
sätze wurden vermuthlich nicht von allen Gliedern ei- 
ner Gesellschaft gotheilt, die in der neuen Welt und 
allenthalben, wo die Erziehung ausschliefslich den Mün- 
chen anvertraut geblieben war, den Wissenschaften und 
der Civilisation beförderlich gewesen ist. Die entradas 



*) Cartas edlficnntes de la Compannla dg Jesus, »rS/, Tom. 
XVI, p. 9>. 



li a p i l e l XIX, 469 

aber und die geislllchen Bekehrungen durch Bayonnetle 
waren ein, dem auf schnelle Vergröl'scrung der Missio- 
nen berechneten Reo;imenle innvvohnendes, Gebreclien« 
Es ist tröstlich zusehen, dafs die Franciscaner-, Domi- 
nicaner- und Augustiner- Mönche, welche gegenwärtig 
ausgedehnte Landschaften beherrschen, und durch die 
Milde oder die Rohheit ihrer Sitten einen so mächtigen 
Einflufs auf das Schicksal so vieler Tausenden der Ur- 
Einwohner ausüben , jenem Systeme nicht huldigen. 
Die bewaffneten Ueberfälle sind beynahe völlig abge- 
schafft; und wo sie noch stattfinden, da werden sie von. 
den Vorgesetzten der Orden mifsbilligt. Wir wollen 
in diesem Augenblick nicht entscheiden, ob diese Ver- 
besserung der mönchischen Einrichtungen einem Man- 
gel an Thätigkeit und einer trägen Lauheit, oder, wie 
man eher wünschen möchte, vermehrter Aufklärung 
und würdigeren, dem wahren Geist des Christernthums 
besser entsprechenden Gesinnungen müsse zugerechnet 
%v erden. 

Von der Mündung des Rio Paruasi an verengert 
der Orenoko sich neuerdings. Sein mit kleinen Insfln 
und Granit- Blöcken angefülltes Bett stellt nun die rapi- 
des oder kleinen Cascaden *) dar, deren erster Anblick 
den Reisenden durch den beständigen Wasserslrudel be- 
unruhigen kann, die jedoch den Fahrzeugen in keiner 
Jahreszeit gefährlich sind. Man mufs wenig iu Schiff 
gewesen seyn, um mit dem Pater Gili **), welcher sonst 
so genau und verständig ist, zusagen, ^^e terribile pe 
jnolti scogli il tratto del fiiime tral Castello e Caric- 
ciana.'* Eine Rrihe Klippen, welche beynahe durch 
die ganze Breite des Stroms läuft, führt den Warnen 



•) Los rgmolinof, 
**) Tom. I, p. II, 



470 Bach VII. 

Mandat de Marimara '••)• E.\n enffer Canal geht zwi- 
sehen durch, worin das Wasser zu sieden scheint, wenn 
• es untcrhall» d«r P/eJ/-« de iMarimara , einem dichten 
Granitfekcu von So Fufs Höhe und 3oo Fufs Umfang, 
ohne üpalten oder J^pur von Schichtenbildung, urtge- 
strau hervorkömmt **). Der Strom dringt lief landein- 
wärts, und bildet geräumige Buchten in dem Felsen- 
ufer. Eine dieser Buchten, die zwischen zw^ey nack- 
ten Vorgebirgen eingeschlossen ist, heifst der Hafen 
von Carichana***y. Die Gegend hat ein wildes Ausse- 
hen. Die Felsküste wirft Abends ihre langen Schatten 
über die Wasserfläche des Stroms. Das Wasser erscheint 
schwarz, indem es die Bilder dieser Granitmassen zu- 
rückwiift, die, wie wir schon bemerkt haben, durch 
das Colorit ihrer äufsern Oberfläche bald den Steinkoh- 
3en, bald demBleyerze gleichen. Wir übernachteten in 
dem kleinen Dorfe Carichana, wo uns, auf die Empfeh- 
lung des guten Missionars, Fray Jose Antonio de Torre, 
im Pfarrhof oder convento Aufnahme zu Theil ward. 
Wir hatten seit vierzehn Tagen unter keinem Dache ge- 
schlafen. 

Am 11. April. Um den der Gesundheit oft so nach- 
theiligen Folgen der Ueberschwemmungen zu entgehen, 
ward die Mission von Carichana in der Entfernung von 
Dreyviertel- Meilen vom Strom angelegt. Die India- 
"jier gehören zu dem Stamme der Salivas: sie haben ei- 
nen widrigen JN äsen -Ton. Ihre Sprache, von welcher 



*) Man crl;ennt diesen Namen in demjenigen des Berges von 
Castillo, neleher MnrimaTuta oder Marimarota heifst. {Gu- 
milla^ Tom. I, p. 283.) 

**3 Diese Gegenden werden in den spanischen Colonien choT' 
reras genannt. 

•**) Fietra j piierto de Carichana* 



H a p i f e l XIX. 471 

clor Jesuit P. Anisson eine handschriflHcli geblieben« 
Sprachlehre verfertigt hat, ist, neben der Cariben-, Ta- 
manaken-, JVTaypuren-, Otomaken-, Guahiven- und 
Jaruro- Sprache, eine der am Orenoho am weitesten 
verbreiteten Mutter- Sprachen. Der Pater Gili *) hält 
das Ature, Piraoa, Guayna oder Mapoje nur für Dia- 
lecte der Saliva. Meine Reise war viel zu schnell, als 
dafs ich die Richtigkeit dieser Angabe beurtheilen könnte ; 
wir werden aber bald sehen, dafs in dem, durch diein sei- 
ner Nähe befindlichen grof?;en Cataracten berühmten Dorf 
Atures heutzutage weder die Saliva -, noch die '> ture -, son- 
dern die Maypuren-Sprache geredet wird. In der Saliva- 
Sprache von Carichana heifst der Mann cocco, das Weib 
gnacii, das Wasser cf'gH«, Aa.%¥e\xGvegnssa, die Erde sehe, 
der Himmel **) innmeseke (das Oberland), der Jaguar 
impü , das Crocodil cuipöo , der Mais^zo/n«, die Pi- 
sangfrucht paractiinct , die Manioccawurzel peipe. 
Ich will eine der beschreibenden Zusammensetzungen 
anführen, welche die Kindheit der Sprache zu bezeich- 
nen scheinen, obgleich sie sich auch in einigen sehr 
ausgebildeten Idiomen erhalten haben ***). Wie in der 
Basken - Sprache , wird der Donner das Krachen der 
TVolken iodotscO genannt; die Sonne heifst in der Sa- 
liva -Sprache mume- sehe- cocco, das will sagen, Mensch 
(jcocco) des Landes isehe') droben (miime'). 

Der älteste Wohnsitz des S.iliva- Stammes scheint 
das weltliche Gestade des Orenoko zwischen dem Rio 
Vichada **■*) und dem Guivare sowohl, als zwischen 



*) Tom. Iir, p. 2o5. 
**) Tom. III, p. 212. 
**♦) Siehe oben Th. II, Kap. 9, S. 200. 

****) Die Mission Salive, am Rio VichaJa, ward durch die 
Cai-iben zerstört. ^Casaiüy Uist. Gen., Cap. XXVl, p. 168.) 



47* Buch VlI. 

dem Meta und dem Rio Pante gewesen «u seyn. HeuK- 
zuta:>e tr'iTt man Menschen vom Saliva- Stamme nicht 
nur in Carichana an , sondern auch in den Missionen 
der Provinz von Casanare, in Cabapuna, in Guanapale, 
in Cahinna und in Macuco. Dieses letztere, im Jahr 
j^3o durch den Je«uiten- Pater Fray Manuel Boman ge- 
gründete Dorf zählt i3oo Einwohner. Die Salivas sind 
ein getelliges^ sanftes, fast schüchternes, und leichler) 
ich will nicht sairen zu cullivirendes , aher zu unterjo- 
chendes Volk, als die übrigen Stämme am Orenoko. 
Um der Herrschatt der Cariben zu entgehen, haben die 
Salivas sich den ersten Missionen der Jesuiten willig 
angeschlossen. Darum rühmen dann auch diese Ordens- 
leute in ihren Schriften überall den Verstand und die 
Gelehrigkeit derselben "■•'). Die Salivas sind grofse 
Freunde der Tonkunst; sie bedienen sich, von sehr 
alten Zeiten her, der Trompeten aus gebrannter Erde, 
welche vier bis fünf Fufs lang sind und mehrere kugel- 
förmige Bauchungen haben, welche durch enge Boh- 
ren zusammenhängen. Die Töne dieser Trompeten sind 
überaus kli^glich. Die Jesuiten haben die natürlichen 
Anlagen der Salivas für die Instrumental- Musik ausge- 
bildet y und die Missionarien vom Rio Meta haben so- 
gar auch seit Auflösung des Ordens in San Miguel de 
Macuco eine schöne Kirchen- Musik und den musikali- 
schen Unterricht der indischen Jugend beybehalten. 
Ganz neuerlich noch war ein Reisender verwundert, 
die Ur-Einwohner die Violine, das Violonzell, den Trian- 
gel, die Guilarre und die Flöte spielen zu sehen. *""') 

*) Gnmilla, Tom. I, Cap. XIII, p. 309 — 224. Gili , Tom. I, 

p. 57 5 Tom. II, p. /j4. 
**) Diario del Fresbilero Josef Cortes ßladaiiaga en su viag9 

de Santa- Fe de Bogota por el Rio Meta a Caracas C>8'Q» 
/o/. i5. (HandschrifQ. 



Kapitel XIX. 473 

Diß Verhältnisse der abgesonderten Missionen am 
OrenoKo sind den Fortscliritten der Sittigung und der 
Zunaliine der Bevölkerung der Salivas so günstig nicht, 
wie die von den Augustiner -Mönchen in den Ebenen 
von Casanare und vom Metastrom befolgten Einrich- 
tungen '0. In Macuco haben die U:* -Einwohner ihr© 
Verbindungen mit den Weifsen benutzt, welche im 
nämlichen Dorf wohnen und fast alle Flüchtlinge au» 
Socorro sind **). Am Orenoko wurden zur Zeit der 
Jesuiten die dr^v Dürfer von Pararuma, von Castillo 
oder Marumarutu und von Carichana in ein einziges, 
nämlich dasjenige von Carichana verschmolzen, welches 
dadurch eine ansehnliche Mission ward. Im Jahr 1769, 
als die Forlaha de San Francisco Xavier und ihre 
drey Batterien noch vorhanden waren, zählte der Pater 
Caulin ***> in der Mission von Carichana 400 Salivas. 
Im Jahr 1800 fand ich ihrer kaum i5o. Von dem Dorfe 
sind nur noch einige aus Lehmerde erbaute Hütten 
übrig, welch ein symmetrischer Ordnung ein ungeheuer 
hohes Kreuz umgeben. 



•) Recoletos, vom grofsen Collegiuin de la Candelaria de Santa • 
Fe de Bogota abliängend. 

**) Die Stadt Socorro, südlich vom Rio Sogamozo, und nord- 
nord- östlich von Santa -Fe de Bogota, ^var der Miltelpuncl 
des Aufruhrs, welcher im Königreich Neu- Granada, im Jahr 
1781, unter dem Erzbischof, Vicekönig Gongora , um der 
Bedrückungen willen, welche das Volk durch Einführung de» 
Tahakspachts erlitten hatte, ausgebrochen ist. Viele gewerb- 
fleifsige Einwohner wanderten damals in die Llanos der 
Äleta aus, um den Verfolgungen zu entgehen , welche im Ge- 
folge der vom Hof zu Madril ertheilten allgemeinen Amne- 
stie eintraten. Diese Auswanderer werden in den Missionen 
Socorrennos refugiados genannt. 

*'**} Hut, corogra/ieaf p. 71. 



A74 Buch VIL 

IVIitten unlpr den Salivas- Indiern trafen wir ein 
Weib an von weifser Herkunft, die Schwester eines Je- 
suil?n aus Neu-Granada. Das Vergnügen ist unaus- 
sprechlich grofs, welches man fühlt, wenn man mitten 
unter Völ!;ern, deren Sprache man nicht kennt, ein 
Geschöpf antrifft, init dem eine Unterredung ohne Dol- 
metscher geschehen kann. Jede Mission hat wenig- 
stens zwpy solcher Dolmetscher, lenguaraies. Es sind 
Indianer, etwas weniger dumm als die übrigen, und 
durch welche die Missionarien am Orenoko, die sich 
nur selten Mühe gel)en die Landesspraclien selbst zu er- 
lernen, mit den Neubekehrten Unterredung pflegen. 
Diese Dolmetscher haben uns auf unsern botanischen 
Spaziergiingen meist begleitet; sie verstehen jedoch 
das Castiüanische eher, als dafs sie solches sprechen 
können. In ihrer trägen Gleichgültigkeit beantworten 
sie jede an sie gerichtete Frage, gleichsam aufs Gerade- 
wohl, aller allzeit mit einem gefälligen Lächeln durch 
ein : ;«, mein Puter ^ nein , mein Pater. Man stellt 
sich leicht vor, wie ungeduldig solche Gespräche ganze 
Monate lang machen müssen, wenn man gerne Aufklä- 
rung über Dinge hatte, die eine lebhafte Theilnahme 
erregen. Oeflers sahen wir uns genöthigt, gleichzeitig 
mehrere Dolmetscher und verschiedene Uebersetzungen 
nacheinander zu gebrauchen, um mit den Ur -Einwoh- 
nern uns unterhalten zu können. '0 



*) Um sich von «Ten Verlegenheiten, welche diese INIillheilun- 
gcn durch Dolmelscher begleiten , einen richtigen Begriff zu 
machen , müfs man daran denken . \v\e auf der Reise von Le- 
wis und Clarel« an den Rio Columbia der Capilain Clark, 
um sich mit den Chapnnish- Indianern zu unterhallen, mit ei- 
nem seiner t.eute Englisch sprach; dieser übersetzte die Frage 
dem Chabaneau französisch ; Chabaneau übersetzte seiner in- 
dianischen Frau das Französische in die Minetarru-lSlusiinr\\ 



Kapitel XIX. 475 

^jUeLcr meine Mission hinaus, sagte der gute Or- 
densinann von Uruana, werden Sie wie Stumme rei- 
sen/'^ Diese Vorlior?agung ist ungefähr in Erfüllung 
gegangen^und um nicht allen Vortheil^ der aus dem Um- 
gang auch mit den rohesten Indianern gezogen werden 
magj zu verlieren, hahen wir bisweilen die Zeichen- 
sprache vorgezogen. Sobald der Landes -Eingebor'ne 
wahrnimmt, dais man sich keines Dolmetschers bedie- 
nen will, sobald man ihn durch Hinweisung auf die 
Gegenstände unmittelbar fragt, so legt er seine gewohnte 
Gleichgültigkeit ab, und verräth eine nicht gemeine Ge- 
wandtheit, sich verständlich zu machen. Er wechselt 
mit den Zeichen ab, spricht die Worte langsam aus, 
xmd wiederholt sie auch, ohne dazu aufgefordert za 
werden. Seine Eigenliebe scheint sich durch die Ach- 
tung geschmeichelt zu fühlen, welche ihm dadurch be- 
zeugt wird, dafs man sich von ihm unterrichten läfst. 
Diese Leichtigkeit, sich verständlich zu machen, zeigt 
sich besonders auffallend beym unabhängigen Indianer 
und in den- cl.risllichen Ansiedelungen 5 ich empfehle 
den Reisenden, sich vorzugsweise an die seit Kurzem 
erst be kehrte filJr-Winyirohner oder an solche zu wenden, 
welche von Zeit zu Zeit in die Wälder zurückkehren, 
um ihre vormalige Freyheit zu geniefsen '"■). Es unter- 
liegt keinem Zweifel, dafs die unmittelbaren Verhält- 
nisse mit den Ur-Einwohnern gar viel belehrender und 



die Frau üLersclzte dies hinwieder einem Gefangenen in die 
Shosshonee : und der Gefangene dann endiicli in die Chapu' 
rj/jÄ- Sprache. Dafs durch die fünf aufeinander folgenden 
Uebersetzungen der Sinn der Frage zuweilen gefälscht ward, 
läfst sich wohl mit Recht befürchten. 
*} Indios neuvamente reducidos ; Lidios medio • reducldoSy va' 
gosj que vuelven almonte. 



476 Buch VIL 

zuverlässiger sind, als die, welche durch Dolmetscher 
geschehen ■'), sobald man die Fragen zu vereinfachen 
weifs, und sie mit zweckmäfsigen Aenderungen mehre- 
ren Personen nacheinander vorlegt. Die Verschieden- 
heit der Mundarten, welche an den Ufern des Meta, 
des Orenoko, des Cassiquiare und des Rio Negro ge- 
sprochen werden, ist übrigens dermafsen grofs , daft 
ein Reisender, wie ausgezeichnet auch sein Sprachta- 
lent seyn mag, sich niemals schmeicheln dürfte, so viele 
zu erlernen, als erforderlich wäre , um sich längs den 
schiffbaren Strömen, vom Angostura bis zum Fortin von 
San Carlos del Rio INegro versländlich zu machen. In 
Peru und in Quito ist die Kenntnifs der Qquichua odei? 
der Incas- Sprache liinreichend ; in Chili genügt dai 
Araucanische ; in Paraguay das Guaranysche , um sich 
dem gröfsern Theil der Bevölkerung verständlich zu 
machen. Anders verhält es sich in den Missionen des 
spanischen Guiana, wo die Völker verschiedener Stämme 
im gleichen Dorfe vermischt beysammen leben. Hier 
Itönnte es sogar noch nicht genügen, die Cariben oder 
(Jarina, die Guamo, die Guahlve **), die Jaruro, die 
Otomaken, die Maypuren, die Saliva, die Marivitan, 
die Maquiritare und die Guaica, alle diese zehn Spra- 
chen erlernt zu haben, von denen nur unförmliche 
Sprachlehren vorhanden sind, und deren Verwandschaft 
zu einander geringer ist, als diejenige zwischen dein 
Griechischen, Deutschen und Persischen. 

Wir fanden die Umgebungen der Mission von Cari- 
chana überaus angenehm. Das kleine Dorf liegt in ei- 
ner der mit Gras bewachsenen Ebenen, welche vom En- 
caramada bis jenseits der Cataracten von Maypures alle 



*) Siehe oben Th. 2, Kap, 9, S. 20J. 

**y Wird ausgesprochen guaslua , im Spanischen guajiva. 



K et p i t e l XIX. 47- 

Glieder des Cranitgcbirges von einander trennen. Die 
Waldgränze stellt sich nur in der Ferne dar. Der Ho- 
rizont erscheint von Bergen begränzt^ die, zum Theil 
mit U aldung l)e\vachsen, ein düsteres Aussehen haben, 
zum Tiieil nackt sind, mit Felsengipfeln gekrönt, die 
vom Glanz der Abendsonne vergoldet werden. Was 
dieser Landschaft einen eigenlhümlichen Character er- 
theilt, das sind die beynahe alles Pflanzenvvuchses ent- 
blüfjten Felsen -Bänke *), welche oft über achthundert 
Fufs Umkreis haben, und kaum einige' Zoll über die 
umliegende Savane erhöht sind. Sie bilden gegenwär- 
tig einen Theil der Ebene. Man fragt sicii erstaunt, ob 
irgend eine aufserordentliche Umwälzung die Erde und 
die Pflanzen von ihnen weggeführt hat, oder ob der 
Granit-Kern unsers Planeten sich nackt darstellt, weil 
die Keime des Lebens noch nicht auf allen Puncten sich 
entwickelt haben. Das nämliche Phänomen scheint sich 
auch im S/tamo darzubieten., welches die Mongolei voa 
China trennt. Diese abgesonderlan Felsenbänke in der 
AVüste werden Tsy^ genannt. Es würden, denk' ich, 
wahrhafte Plateaus seyn, wenn die umliegenden Ebenen 
von Sand und von der Erde, die sie decken, und dio 
durch das Wasser an den niedrigsten Stellen angehäuft 
wurden, entledigt wären. Theilnehmend verfolgt man 
auf diesen Stein - Plateaus von Carichana die Anfänge 
des Pflanzenwuchses in den versciüedenen Stufen seiner 
Entwicklung. Man nimmt flechtenartige Pflanzen wahr, 
welche den Stein zu spalten anfangen, und die in mehr 
oder minder dichten Krusten vorhanden sind j in klei- 
nen Häufchen von quarzigem Sand ernähren sich Saft- 
gewächse 5 und endlich in Schichten von schwarzer 
Erde, welche in hohlen Spalten abgesetzt, und aus U«- 

*) Laxas. 



478 B n c h ril. 

berbleibseln von Wurzeln und Blattern gobildet ist, 
waclisea Büsche von schattigen, immergrünen Sträu- 
cliern. Ich würde unserer Gärten und der schüchter- 
nen Werke der Kunst nicht gedenken, wenn von gros- 
sen Nafurscenen die Rede wäre; dieser Conlra?t aber 
von Felsen und blumigten Gebüschen, diese in der Sa- 
vane zerstreuten Buschwerke kleiner Bäume erinnern 
unwillkührl:ch an das, was unsere Garlenanlagen Man- 
nigfaches und Malerisches darbieten. Man könnte glau- 
ben, der Menscii habe , durch ein inniges Gefühl der 
Schönheiten der Natur geleitet, die wilde Rohheit die- 
ser Gegenden zu mildern versucht. 

In der Entf<»rnung von zwey bis drev Meilen von 
der Mission stellt sich in diesen durch Granithügel von 
einander gelrx?nnten Ebenen ein eben so reicher als 
mannigfaltiger Pflanzenwuchs dar. Vergleicht man die 
Gegend von Carichana mit derjenigen aller Dorfschaf- 
ten oberhalb der Cataracten, so erstaunt man über die. 
Leichtigkeit, womit das Land durchwandert wird, ohae 
den Stromufern zu folgen , und ohne durch die dichten 
Waldungen aufgehalten zu werden. Hr. Bonpland hat 
mehrere Ausflüge zu Pferd gemacht, die ihm eine rei- 
che Pflanzenernte gewährten '■*). Ich will nur des Para- 
guatan gedenken, einer prächtigen Art des Macrocne- 
nium, deren Hinde roth ftirbt**); des Guaricamo mit 
giftiger Wurzel***), des Jacaranda obtusifolia ****), und 



*) Camhroyvkm fraric'daefoliurn ^ Bi|Tnonia carlchanensis ., B. 
fluvialiJis, B. salivifoUa., Hypericum Euge/üae/o/i um , Convol-' 
vulus disco/or, Casearia cap:tata, Spathodia oriuoceiuisy 
Heliolropiuin cinereum^ H. Jiliforme^ etc. 

**) Macrocnemum tinctorium. 

***) Ryania coccinea. 

****) Siehe unsere PlcuUcs eqiiin., Tom, I, p. 63, tab. i8. 



Kapitel XIK. 479 

des Serrnpe oder J<//je*) der Salivas- Indianer, \v(4Gliep' 
Aublet s Couinarouna, und auf der ganzen Terra-Firma 
um seiner gewürzreichen Frucht willen beriihmt ist,' 
Diese Frucht, die in Caracas zwischen die Wäsche ge- 
legt wird, wie man sie in Europa unter dem NaiTien der 
Tonca- oder Toiigo - Bohne dem Schnupftabak bey- 
mischt, wird für giftig gehalten. Es ist. eine irrige, in 
der Provinz Cumana seJir verbreitete Me\i\ung, dafs 
der vortreffliche in Martinique bereitete Likör sein he- 
sonderes Aroma dem Jape verdankt. In den Missionen 
heifst er Simaruba. ein Name, der grofse MifsgriHT» 
veranlassen kann , indem die wahre Simaruba eine der. 
Gattung Quassia angehürige fiebertilgt-nde Art Ist, und 
in der spanischen Guiana nur im Thale vom Rio Caura 
wächst, wo die Paudacotes- Indianer ihr den Namen 
^chec-chari geben. 

Auf dem Marktplätze in Garichana fand ich die In- 
clination der Magnetnadel zu 33°,7oCneuer Eintheilung). 
Die Intensität der Kräfte drückte sich durch 227 Schwin- 
gungen in zehn Zeitminuten aus, ein Zuwachs von 
Kräften **), welcher das Daseyn einiger örtlicher An- 
ziehungen vermuthen lassen dürfte. Die von den Ge- 
wässern des Orenoko geschwärzten Granit-Biücke wir- 
ken jedoch nicht merklich auf den Magnet. Die Baro- 
meter-Höhe ***; betrug Mittags 336 Lin, 65 der hun^ 



*) Diplerix odorata, Willd , oder Baryosma Tongo von Gaert- 
ner. Der Jape liefert in Carichana ein vertrcfffiches Bauholz. 

**) Siehe oben Kap. 18, S. 558. Die Breite von Carichana, nach 
derjenigen von Uruana und von der Ausmündung des Met« 
berechnet, beträgt 6", 29'. 

***) Im Hafen von Caricliana halte sich der Barometer Tim 6 Uhr 
Abends auf 3j5 lin. erhallen ; der Thermometer betrug an 
frejer Luft 36°,8. (Siehe weiter oi»cn Hp. xü. Ü. igs.) 



48o B II c h Vll. 

derltheilige Thermometer zeigte im Schallen 3o°,6. 
In der Wacht sank die Temperatur der Luft auf 26°,2 ; 
Deluc's Hygrometer erhielt siel» auf 46°. 

Der Strom hatte sich am 10. April den Tag über 
om mehrere Zoll erhöhet; dieses Steigen ward den Ein- 
gebornen um so auffallender^ als die ersten Anwachse 
unmerklich, und auch gewöhnlich im Monat April ei- 
nige Tage lang mit einer Abnahme begleitet sind. Der 
Orenoko war schon um drey Fuf her dem niedrigsten 
Wasserspiegel erhöhet. Die IJr - Einwohner zeigten 
uns auf einer Granitmauer di Merkmale dei- jetzigen 
grofsen Wasserhöhen. Wir fanden sie von 42 Fufs*) Er- 
höhung, welches das Doppelte ^es mittleren Steigens 
vom Nil -Strom ist. Allein dieses Mafs war an einer 
Stelle genommen, das Bett des OrenoKo aufseror- 
dentlich zwiscb eingeengt ist, und ich mufsta 
mich einzig nur die Aussage der Landes - Eingobor- 
nen halten. Man sieht le":ht ein, dal's die ^Vi^kuni^en 
und die Höhen der steigenden Wasser, je nach dem 
Strom- Profil, nach der Beschaffenheit der mehr oder 
minder erhöheten Ufer, der Zahl der die Hrgenwasser 
sammelnden Zuflüsse, und nach der Länge des durch- 
laufenen Erdreichs ungleich und verschieden seyn 
müssen* Was aber aufser Zweifel liegt, und allen 
Bewohnern dieser Gegenden höchst merkwürdig er- 
scheint, ist der Umstand, dafs in Carichana, in San 
Borja, in Alures und Maypures, da, wo der Slrom sich 
durch Berge seinen Weg gebahnt hat, auf hundert, zu- 
weilen auch hundert und dreifsig Fufs über den gegen- 
wärtigen gröfslen Flufshöiien schwarze Streifen und 
Anfres- 

*) Oder iS^iS. Die Höhe dos mittleren Steigens vom Mlslrom 
beträgt 14 Vorderarmlangen des ISilmcssers von Elephantine, 

oder 7", 41. 



Kapitel XIX. 481 

Anfressungen sichtbar sind, welche den vormaligen 
Stand der Gewässer andeuten. Dieser Strom des Ore- 
noko, ^velcher uns so imposant und majestätisch er- 
scheint, wäre demnach nur ein schwacher Ueberrest 
jener unermefsliclien Süfswasser- Strömungen , die vom 
Alpenschnee oder von stärkeren Regengüssen ange^- 
schwellt, von dichten Waldungen überall beschattet, 
luid jener Ebenen entbehrend, welche die V^erdünslung 
begünstigen, vornial, da' Land ostwärts der Anden wie 
Arme von ßinnennieerer urchzoffen haben ? Was mufs 
damals das Verhältnifr. dieser niedrigen Landschaften 
der Guiana gewesen sv^^n, welche gegenwärtig den Wir- 
liungen der jährlichen Ueberschwemmungen ausgesetzt 
sind? Welche ungeheure Menge '., Crocodilen, See- 
kühen und Boas müssen damals ^ -r -"Uäuftiären Ebe- 
nen bewohnt haben, die aus wechse. -/-n Sumpflachen 
stillstehenden Wassers, und einem dürren, zerrissenen 
Boden bestunden. Die ruhigere Welt, welche wir be- 
wohnen, hat auf eine lärmendere Welt gefolgt. Kno- 
chengerippe des Mammuth und achter amerikanischer 
Elephanten werden auf den Plateaus der Anden zerstreut 
^^getrofifen. Das Megatherium, lebte in den Ebenen 
Ton Uruguay. Beym tieferen Ausgraben der Erde in 
ten Hochthälern, welche heutzutage weder Palmbäume, 
loch baumartige Farnkräuter ernähi^n können, wer- 
den Steinkohlenlager entdeckt, worin Kiesen -Trümmer 
von Gewächsen aus der IVIonocotyled,jnen- Classe be- 
graben liegen. Es war also eine entfernte Zeit, wo die 
Familien der Gewächse anders vertheill, wo die Thiere 
gii'jfjcr, die Ströme breiter und liefer waren. Hier 
enden nun aber die Denkmahle der ISatur, T/elche wir 
zu Rath ziehen mögen. Wir wissen nicht, ob das 
Menschengeschlecht, welches zur ^eit der Entdeckung 
von Amerika ostwärts der GoYdilleren l<aum einige 

jll«». V. f/n.-nboldts hiit. Reisen. JJI 3^ 



482 Buch VlI. 

scliw acLe Stamme zeigte , Lereits in die Thäler herat- 
gestiegen war, oder ob die alte Ueberlieferung der 
grofsen Gewässer , die unter den Völkern am Orenoko, 
am Erevato und am Caura angetroffen wird^ anderen 
Erdstrichen angehört, aus welchen sie in diesen Theil 
des neuen Festlandes verpflanzt worden ist. 

Am 11. April waren wir um 2 Uhr Nachmittags 
von Carichana abgefahren; das Strombett zeigte sich 
immer mehr mit Gi'anit-Blöcken angefüllt. Wir kamen 
westlich beym Canno Orupe *J vorbey, und hernach 
bey der grofsen, unter dem Namen Piedra del Tigre 
bekannten Klippe. Der Strom ist daselbst so tief, dafs 
man mit einer 22 Ellen langen Sonde seinen Grund 
nicht erreicht. Gegen Abend ward der Himmel über- 
zogen und düster. Die Nähe des Gewitters kündigt© 
sich durch Stofswinde an, die mit gänzlicher Luftslille 
wechselten. Der Regen fiel in Strömen nieder, und 
das Laubdach, unter dem wir gelagert waren, gewährt© 
ein unzureichendes Obdach. Zum Glück vertrieben 
die Regengüsse, für eine V\ eile wenigftens, die iMosqui- 
tos, welche uns den Tag über gi'ausam geplagt hatten. 
Wir befanden uns dem Wasserfall von Cariven gegen- 
über, und der Andrang der Gewässer war so stark, dafj 
wir Mühe hatten an's Land zu kommen. Wir wurden 
allezeit wieder in die Mitte des Stroms zurücl;gedrängt 
Endlich sprangen zwey Sft/iüßj- Indianer, vortrefflich» 
Schwimmer, ins Wasser, um mittelst eines Taues di» 
Piroge an's Ufer zu ziehen, und sie an der Piedra de 
Carichana vieja zu befestigen, einer nackten Felsea- 
bank, worauf wir biwackten. Der Donner rollte einen 
Theil der Nacht durch j das Wasser stieg bedeutend. 



*) Urupe. 



Kapitel XIX. 483 

und man furclilete einigemal , die Slürmisclicn Wellen 
würden unser leichtes Fahrzeug vom Ufer losreifsen. 

Dor Granitfels j auf welcliem wir die Nacht zu- 
Jjrachton, ist einer von denen, worauf die Reisenden am 
Oronoko von Zeit zu Zeit gpg'en Sonnenaufgang iinter- 
irdisciie Töne gehört haben, denjenigen einer Orgel 
iihnlich. Die Missionarien nennen diese Sleine laxas de 
Tiiusica. ,,Es ist Hexenwerk (cosa dehrnras'),^' sagte un- 
ser junger indischer Pilote, welcher Castilianisch sprach. 
W\t seihst haben diese geheimnifsvollen Töne weder 
zu Carichana vieja, noch am Ober-Orenoko gehört, 
aber den Aussagen. glaubwürdiger Zeugen zufolge mag" 
die Wahrheit der Erscheinung nicht be/wpift^lt werden, 
\Yfilche von einer gewissen BcschaflTenheit der Atmosphäre 
Iierzurühren scheint. Die Felsenbanke sind voll sehr 
enger und sehr tiefer Spalten. Sie erhitzen sich den 
Tag über bis zu 48° und 5o°. Ich habe ihre Tempera- 
tur an der Oberfläche dos Nachts öfters zu 3«)° gpfun- 
den, während die umgebende Atmosphäre 28° hatte. 
Es ist leicht begreiflich j dafs der Unterschied der Tem- 
pei'atur zwischen der unterirdischen und der äufseren 
Luft sein IMaxirnnm gegen Sonnenaufgang erreicht, 
in dem Augenblick, welcher zugleich der entfernteste 
1 om Zeitpunct des Maximums der Wärme des vorher- 
gehenden Tages ist. Sollten die Orgeltöne, welche 
man bevm Nachtlager auf dem Felsen höi-t, wenn das 
Ohr sich an den Stein lehnt, nicht die Wirkung einer 
durch die Spalten austretenden Luftströmung seyn? 
Sollte der Andrang der Luft gegen elastische Glimmer- 
blätlchen, welche die Spalten zum Theil ausfüllen, 
nicht zur Modification der Töne beytragen ? Liefse 
sich nicht vermuthen, es haben die alten Bewohner Ae- 
gyptens , bey ihrem beständigen Auf- und Niederfah- 
ren des Nilslroms j die nämliche Beobachtung auf ir^ 



48+ Buch VII. 

gend einem Felsen der ihcbaischen Wüste gemacht, 
und es habe die JMiisik des Felsen zu den Gaukeleyen 
der Priestor mit der Bildsäule des Meninon die Veran- 
lassung gegeben? Damals vielleicht, als ,,die rosen- 
fingrige Aurora ihrem Sohn , dem glorreichen Mem- 
non, die Stimme verlieh '"•')." Diese Stimme war dieje- 
nige eines unter dem Fulsgestell des Bildes verborgenen 
Menschen; die hier angeführte Beobachtung der Ur- 
Einwohner vom Ürenoko scheint aber auf eine natürli- 
che Weise zu erklären, was den Glauben der Aegyptier, 
dafs ein Stein bey Sonnenaufgang Tüne erschallen lasse, 
veranlafst hat. 

Beynahe zur gleichen Zeit, '.vo ich diese Vermu- 
thungen einigen europäischen Gelehrten mittheilte, 
sind franzilsisciie Reisende, die Herren Jomard, Jollois 
und Devilliers auf ähnliche Ideen geführt worden. In 
einem Denkmahl aus Granit, welches mitton im Pallast 
von Karnak steht, haben sie bey Sonnenaufgang einen. 
Ton gehört, welcher demjenigen einer springenden 
Saite glich. Dies ist gerade auch die Vergleichung, 
deren sich die Alten bedient haben, wo sie von derMem- 
nons- Säule reden. Die französischen Reisenden waren 
eben so, wie ich, der Meinung, es habe der Durch- 
gang der verdüiu»ten Luft durch die Spalten eines wi- 
derhallenden Steins die ägyptischen Priester auf die Er- 
findung der Gaukeleyen des Memnoniums führen kön- 
nen **). 

Am 12. April setzten wir unsere Reise frühmor- 



*) Es sind dies die Worle eitipr Inschrift, weldie von den am 
i5. des Monats Paclion im ^l'lmlcn Jahr der Regierung Anlo- 
nio's gehörten Tönen Zeugnifs ablegt. Siehe xllon. de l'E- 
gypte ancienne^ Vol. JI. p. XXIJ, fig. 6. 

**) A. a. 0. Tom. I, p. io3 und 2a4. 



Kapitel XIX. 485 

gerts um vier Uhr weiter fort. Der Missionar verkün^ 
digte eine beschwerliche Fahrt bey den rapides und der 
Ausmündung des Meta vorüber. Die Indianer ruder- 
ten zwölf und eine halbe Stunde ununterbrochen, Ma- 
nioccamehl und Pisangfrucht waren während dieser 
Zeit ihre einzige Nahrung. Bedenkt man die Anstren- 
gung, welche der Kampf gegen die mächtige Strömung 
und die Gewalt der Cataracten erheischt, und überlegt 
man diesen anhaltenden Gebrauch der Muscularkräfto 
während zwey Monate andauernder Stromfahrten, so 
erstaunt man gleichmalsig über die kraftvolle Leibesbe- 
schaft'enheit und über die Enthaltsamkeit der Indianer 
am Orenoko und am Amazonen- Strom. Stärkmehlai*- 
tige und zuckerhaltige Substanzen, zuweilen Fische und 
das Fett der Schildkröten -Kyer versehen die Stelle der 
den zwey ersten Classen des Thierreichs, der Säugthiere 
und Vögel, enthobnen Nahrungsmittel *). 

Wir fanden das Strombett in einer Länge von 600 
Toisen mit Granit-Blöcken angefüllt. Es ist dies der 
sogenannte Piaudal de Cariven **). Wir fuhren durch 
Canäle, die keine fünf Fufs breit waren. Zuweilen 
ward unsere Piroge zwischen zwey Granitblöcken fest- 
gehalten. Man suchte die Stellen zu vermeiden, wo 
die Gewässer sich mit entsetzlichem Geräusch Weg 
bahnten. Mit einem guten indischen Steuermann ver- 
sehen, läuft man keine Gefahr. Wo die Strömung all- 
zuschwierig wird, da werfen sich die Ruderer in's Was- 
ser, und befestigen ein Tau an die Felsenspitzcn, um 
die Piroge stromaufwärts zu ziehen. Dies mühsame 
Verfahren erheischt viele Zeit, die zuweilen von uns 
benutzt ward, um die Klippen zu ersteigen, zwischen 



*) Tliiere mit rothem und warmem Blut. 
**) Oder Chrlveni. 



486 Buch VII. 

denen wir durchfuhren. Es glcbl ihrer von allen Grös- 
sen 5 sie sind abgerundet, sehr schwarz, glänzend wie 
Bley, und von aller Vegetation enlhlüfst. Es gewährt 
einen ganz aurscrordentlichen Anblick, die Gewässer 
eines der grüfsten Ströme des Erdballs gleichsam ver- 
sciiwinden zu sehen. Auch sogar in weiter Entfernung 
vom Gestade saht n wir die mächtigen Granitblöcl'.e aus 
der Erde emporsteigen und sicli gegen einander lehnen. 
In den Rapides sind die Zwischen -Canäle über 25 El- 
len lief, und ihre l'ntersuchunar wird um so schwieri- 
ger, als die Fehen im Grund oft äufscrst enge sind, und 
über der Wasserfläche gleichsam hängende Gewölbe bil- 
den. Crocodile haben wir im Putudal de Cariven kei- 
ne wahrgenommen. Es scheinen diese Tliiere den 
Lärm der Cataracti^n zu meiden. 

Von Cabruta bis zur Mündung des Rio Sinaruco, 
in einer Entfei-nung von beynahe zwey Breilcgraden, 
ist das linke Ufer des Orenoko völlig unbewohnt; dage- 
gen hat westlich vom Raudal de Cariven ein unter- 
nehmender Mann, Don Felix Belinchon, die Jaruros- 
und Otomaken -Indianer in ein kleines Dorf versammelt. 
Es ist dies ein Civilisations- Versuch, worauf die Mönche 
Keinen uumittelbaren Einflufs halten. Es wäre über- 
flüssig beyzufi'igen , dafs Don Felix in offener Fehde 
mit den Missionarien vom rechten Ufer des Orenoko lebt. 
Wir werden bey einer andern Gelegenheit die wichtige 
Frage untersuchen, ob in der gegenwärtigen Lage des 
spanischen Amerika solche Capitanes pobladores und 
fnndadores an die Stelle der mönchischen Einrichtun- 
gen gebracht werden können, und welche von den zwey, 
gleich launischen und willkürlichen Regierungen für 
die armen Indier mehr zu fürchten ist? 

Um neun Uhr gelangten wir in unserer Stromauf- 
fahrt vor die Mündung des Meta, der Stelle gegenüber. 



Kapitel XIX. 487 

%vo vormals die von den Jesuiten gestiftete IVIission von 
Santa Teresa lag. Der Meta ist nach dem Guaviare 
der belräclitliclistc Strom, welcher sicli in den Orenoko 
crf>iorst. Man kann ihn mit der Donau vergleichen, 
nicht hinsichtlich der Länge seines Laufes, wohl aber 
seiner Wassermasse. Seine mittlere Tiefe beträgt 36 
Fufs, die höchste erreiciit 84. Die Vereinbarung beyder 
Ströme gewährt, einen sehr imposanten Anblick. Verein- 
zelt stehende Felsblöcko erheben sich am östlichen Ge- 
stade. Uebereinander liegende Granitblöcke sehen von 
ferne zertrümmerten Schlössern gleich. Ausgedehnte 
Sandufer entfernen die Grenze der Waldungen vom 
Strome; aber mitten unter denselben erblickt man über 
dem Horizont einzelne, am Himmelsraiim sich darstel- 
lende und die Berggipfel krönende Palmenbäume. 

Wir verweilten zwey Stunden auf einem grofsen, 
mitten im Orenoko befindlichen Felsen , welcher der 
Stein der Geduld "-^ heifst, weil die stromaufwärts fah- 
renden Pirogen zuweilen zwey Tage brauchen, um 
den von diesem Fels herrührenden Wasserstrudel zu- 
rückzulegen. Es gelang mir meine Instrumente daselbst 
aufzustellen. SonnenhöI)en gaben mir **) für die Län- 
ge der Mündung des Meta 7o°4'29''. Diese chronome- 
trische Beobachtung zeigt^ dafs an dieser Stelle d'An- 



*) Piedra de la Vac'iencia. 

**) Siehe meine Obs. astr., Tom. I, p. 222. Der Pater Caulin 
hat da, wo er der im Jahr 1756 auf der Reise von Iturria- 
ga und Solano gemachten Beobachtungen gedenkt, ausdrück- 
licli bemerkt, der Breitegrad der Ausmündung des Meta sey 
6°, 20' (Hist- corogr. ^ p, 70), und dennoch findet sich der- 
selbe auf den nach eben diesen Beobachtungen gezeichneten 
Charten, denjenigen von Survüle und von La Cruz zu 6°7' 
Hnd 6° 10' angegeben. 



488 B n c h vn. 

ville's Cliarte des südlichen Amerika hinsichtlich der 
Länge beynahe durchaus richti^«^, in der Breite hinge- 
gen um einen Grad fehlerhaft ist. 

Der Rio Meta, welcher die weiten Ebenen von 
Casanare durchströmt und bis an den Fufs der Anden 
von INeu- Granada schiffbar ist, wird einst für die Ein- 
wohner von Guiana und Veftezuela eine grofse politische 
Wichtigkeit erhalten. Vom Trauergolf und von der 
Mündung des Drachen mag eine Flottille den Orenoko 
und den Meta bis zu i5 oder 20 Meilen Entfernung von 
Santa -Fe de Bogota ansteigen. Das Getreidemehl von 
ISeu-Grauada kann hinwieder auf gleichem Weg herab- 
kommen. Der Mota ist gleichsam ein Verbindungsca- 
nal zwischen Ländern, die unter gleicher Breite liegen, 
deren Erzeugnisse aber so verschieden sind, wie dieje- 
nigen von Frankreich und von Senegal. Dieser Um- 
stand macht die genaue Kenntnifs der Quellen eines 
auf unsern Charten so fehlerhaft gezeichneten Stromes 
wichtig. Der Meta entsteht durch die Vereinbarung 
zweyer Ströme, die von den Pax-amos de Chingasa und 
Von Sunia Paz herkommen. Der erste ist der Kio Negro, 
welcher tiefer unten den Pachaquiaro aufnimmt ; der zwey- 
le ist der Rio de Aguasblancasoder Umadea. Ihr Zusam- 
jnenflufs geschieht in der Nähe des Hafens von Marayal. 
Vom Passo de la Cabulla, wo man den Rio Negro ver- 
läfst, beträgt die Entfernung der Hauptstadt von Santa - 
Fe nur 8 oder 10 Meilen. Ich habe diese merkwürdi- 
gen Angaben, so wie ich dieselben von Augenzeugen 
sammelte, in der ersten Ausgabe meiner Charte vom 
Rio Meta verzeichnet *). Die Beschreibung der Reise 



*) Atlas geogr., PI. XIX. 



li et p i t e l XIX. 489 

des Canonicus Don Jost^f Cortes Madariaga hat niclit 
nur meine ersten Ansichten über die Quellen des Meta 
Leslätigt^ sondern mir auch für die Vervollkommnung 
meiner Arbeit höchst schätzbare Materialion geliefert. 
Von den Dörfern Xiramena und Cabullaro bis zu den- 
jenigen von Guanapalo und Santa Rosalia de Cabapuna, 
auf einer Länge von 60 Meilen, sind die Gestade des 
INIela bevölkerter, als des Orenoko. Man findet da 14 
christliche, zum Theil sehr zahlreiche Niederlassun- 
gen 5 aber von den Mündungen des Pauto und des Casa- 
nare an wallen in einer Strecke von mehr denn 5o Mei- 
len die Wilden Guahibos -0 an den Gestaden des Meta. 

Zur Zeit der Jesuiten und vorzüglich während der 
Reiseunternehmung Iturriaga's im Jahr 1756 war die 
Schiffahrt auf diesem Strome gar viel thätiger, als sie 
gegenwärtig nicht ist. Missionarien des gleichen Or- 
dens herrschten damals an den Gestaden des Meta 
und des Orenoko. Die Dörfer von Macuco, von Zuri- 
niena und Casimena waren gleichmäfsig durch Jesuiten 
gegründet worden , wie diejenigen von Uruana, Enca- 
ramada und Carichana. Es lag im Plan dieser Väter, 
eine Reihenfolge von Missionen zu gründen, die sich 
voTn Zusammenflufs des Casanare mit dem I\Ieta bis zum. 
Zusammenflufs des Meta mit dem Orenoko ausdehnen 
sollte. Ein schmaler Strich angebauten Landes hätte 
die ausgedehnte Steppe durchzogen, welche die Wäl- 
der der Anden -Guiana von j\eu- Granada trennt. Aus- 
ser den Mehlvorräthen von Santa -Fe sah man damals, 
zur Zeil der Ernte der Schildkiöten-Ever, auch day 



*) Man schreibt Guajibos, Guahiuos, und Guagiuos. Sie selbst 
nennen sich Gua-ii>a. 



490 'Bach ni. 

Salz von Chita , die Bauinwolltiiclier von San Gil und 
die farbigen Decl^en von Socorro den Slrom her.il) schif- 
fen. Um den kleinen Krämern, die sich mit diesem 
Binnenhandel ahgaben, einige Sicherheit zu verschaf- 
fen, wurden vom Cnslillo oder Fortin von Carichana 
von Zeit zu Zeit Ausftille gegen die Guahibos- Indianer 
gemacht. 

Weil der nämliche Weg, welclier den Handel der 
Erzeugnisse von Neu- Granada begünstigte, auch den 
Schleichhandel der Küsten von Guiana erleichtert, so 
hat der Handelsstand von Carlhagena in Indien von -'er 
Regierung Mafsnahmen ausgewirkt, welche den freyen 
Handel auf dem Meta ungemein beschränken. Der 
gleiche Monopolien- Geist hat den Meta, den Rio Atracto 
und den Amazonenslrom verschlossen. Seltsame Staats- 
lilugheit, welche die Muttorstaaten glauben macht, dafs 
ihr V"orth(;il erheische, Länder unbebaut zu lassen, in 
welchen die Natur die Keime jeder Fruchtbarkeit nie- 
dergelegt hatte. Die wilden Indier haben sich die man- 
gelnde BeA-ülkerung überall zu Nutz gemacht. Sie ha- 
lben sich den Strumen genähert, sie beunruhigen die 
Durchreisenden, und sie suchen wieder -ii erobern, 
was sie seit Jahrhunderten eingebüßt hatten. Um die 
Guahibos im Zaum zu halten, wollten die Kapuziner- 
Missionarien, die in den Missionen am Orenoko den 
Jesuiten folgten, an der Ausmündung des Meta*) eine 
Stadt erbauen, die den Namen f'il/a de San Carlos 
führen sollte. Trägheit und die Furcht vor Wechsel- 
fiebern haben de Ausführung dieses Planes gehindert. 



*) Oestlich von f.ahranza grande und nord- westlich von Pore, 
der jetzigen Hauptstadt der Provinz Oasanare. 



H n p i t e l XIX. 49i 

und es ist von der Stadt VIUa de San Carlos nie etuas 
anders vorhanden gewesei».;,. als ihr auf schünein Perga- 
ment gemaltes Wappen? cliiJJ, und ein ungeheuer hohes 
am Gestade des Mela errichtetes Kreuz. Die Guahihos, 
deren Zahl, wie man hehauptct, aui* einige Tausend© 
ansteigt, sind so frech geworden, dafs sie hej unserer 
Durchreise in Carichana dem Missionar hallen hedeu- 
ten Kassen, sie würden aui- Flüfsen kommen, um sein 
Dorf zu verbrennen. Diese Ftüfse (valzas'y, die wir zu 
sehen Gelegenheit hallen, sind auf zwölf Fufs Läng© 
kaum driy Puls breit. Sie tragen mehr nicht ais zwey 
oder drey Indianer 5 aber i5 oder 16 solcher Flöfso 
werden mit Stengeln der Paullinia, der Dolichos und 
anderer Rankenpflanzen aneinander gebunden. Es Ist 
beynahe unbegreiflich, wie diese leichten Fahrzeug© 
beym Durchgang der rapides unzerstürt und mit ein- 
ander verbunden bleiben. Viele Flüchtjinge aus den 
Dörfern Casanare und Apure haben sich den Guahiboa 
angeschlossen 5 sie haben diesen die Sitte, das Ochsen- 
fleisch zu speisen und die Ochsenhäut^ zu benutzen, 
übei'liefert. Die Meyereyen von San Vicento, vom Ru- 
bio und von San Antonio haben durch die Ui^berfälle 
der Indier einen grofsen Theil ihres Hornviehs einge- 
büfst. Sie sind es hinwieder auch, welche die Pieisen- 
den, die den Mela aufschiflen, bis zum Zusamraenflufs 
des Casanare am Gestade zu übernachten hin<'/era. Zui? 
Zeit der niedrigen Gewässer geschieht es öfters, daf» 
Meine Krämer von IN eu- Granada, deren einige noch 
das Lager von Pararuma besuchen, durch die vergifte- 
ten Pfeile der Guahihos gel jdtet ^-^ e; uen. 

Von der Ausmündung des Mela an schien uns der 
Orenoko weniger Klippen und Felsenhiöcke zu entbal- 
tcr« Wir schiliten in einenj yoo Toisen breiten CauÄl. 



49^ B u c h VIL 

Die Indianer ruderten in der Piroge, ohne sie zu ver- 
holen und ohne ihre Arme stark anzustrengen; hin- 
gegen ermüdeten sie uns durch ihr wihles Geschrey. 
Wir kamen westlich bey den Cannos Vita und Endava 
vorbey. Es war bereits Nacht, als wir vor dem Pian- 
dal de Tahaje eintrafen *). Die Indier wollten es nicht 
wagen den Wasserfall vorbey zufahren, und wir über- 
nachteten am Lande an einer höchst unbequemen Stelle, 
auf einer über 18° eingesenkten Felsenbank, die in ih- 
ren Spalten einer Scliaar Fledermäuse zum Aufontlialt 
diente. Wir hörten die ganze Nacht durch das Ge- 
schrey des Jaguars völlig in der Nähe. Unser grofser 
Hund beantu ortete dasselbe durch ein anhaltendes Heu- 
len. Ich hofite vergebens auf die Steniej der Himmel 
war von furchtbar dunkler Schwärze. Das dumpfe Ge- 
tös der Wasserfälle des Orenoko contrastirle mit dem 
Knall des Donners, der fern gegen den Wald hin rollte. 

Am i3. April kamen wir frühmorgens bey den 
Wasserfällen von Tahaje vorbey, dem Ziel der Heise 
des Pater Gumilla ""'O; und wir stiegen hier wieder an's 
Land. Der Pater Zea, welcher uns begleitete, wollte 
in der seit zvvey Jahren errichteten neuen Mission von 
San ßorja Messe lesen. Wir fanden daselbst sechs von 
nicht - catechisirten Guahibos bewohnte Häuser. Sie 
waren von den wilden Indiern durch nichts unterschie- 
den. Ihre ziemlich grof^en und schwarzen Augen 
drückten mehr Lebhaftigkeit aus, als die Augen der in 



*) Tai'aje^ olme Zweifel Atavoje. 

**) Ort-ncgiie ilhisLre (franz. Uel)er3.) , Tom. I. p. '19 und ;?f. 
Gumilla verndierl jedocji, p. CG, auf dem Tjnaviare g!».«chiilt 
zu haben. Er giebt für den Raudal de Jabaje 1° 4 UrJite 
«n, wobey eine Irrung von 5° 10' wallet. 



Kapitel XIX. 493 

den allen Missionen wohnenden Indianer. Wir boten 
ihnen vergebens Branntwein anj sie wollten ihn auch 
nicht einmal scliinecken. Die jungen Mädchen hatten 
alle runde und schwarze Flecken im Gesicht. Man hätte 
sie für Schönjlechchen halten können, deren sich vor- 
mals die Frauen in Europa bedienten, um die Weifse 
ihrer Haut damit zu erliühen. Der übrige Körper der 
Guahibos war nicht bemalt. Melirere hatten Barthaare, 
sie schienen stolz darauf zu seyn 5 und, indem sie uns 
beym Kinn fasten , gaben sie durch Zeichen zu verste- 
hen, sie seyen gebildet wie wir. Ihr Wuchs war über- 
haupt schlank. Hier neuerdings, wie bey den Salivas 
und Macos, befremdete mich die wenige Einförmigkeit 
der Gesichtszüge dieser Indianer vom Orenoko, Ihr 
Blick ist finster und traurig; er zeigt weder Härte noch 
Wildheit. Ohne einigen Begriff von den Gebräuchen 
der christlichen Religion zu haben (der Missionar von 
Carichana liest in San Borja nicht mehr als drey oder 
vier Mal im Jahr Messe), war ihr Betragen in der Kir- 
che überaus anständig. Die Indianer lieben Alles, was 
Ansehen giebt Cla representation) ; sie unterziehen «ich 
gern für eine kurze Weile allem Zwang und Unterwür- 
figkeit, wofern sie nur bemerkt zu werden versichert 
sind. Im Augenblick der Einsegnung gaben sie einan- 
der durch- Zeichen zu verstehen, der Priester werde 
jetzt den Kelch an seine Lippen b?ingen. Diese Liewe» 
gung ausgenommen, blieben sie völlig still in unbtör- 
barer Gleichgültigkeit. 

DieTheilnahme, mit der wir die Verhältnisse die- 
ser armen Wilden untersuchten, ist vielleicht Ursache 
der Zerstörung der Mission geworden. Einige aus ih- 
nen , die ein umherziehendes Leben den Arbeiten des 
Landbaues vorzogen, beredeten die übrigen nach de» 



49^ Buch VII. 

Ebenen des Meta zurückzukehren. Sie sagten ihnen: 
,,Die weilsen Menschen würden nach San Borja zurück- 
l<ommen, um sie in ihren Kähnen abzuführen, und als 
poitos oder Sclaven in Angostura zu verkaufen/^ Dio 
Guahibos erwarteten die Nachricht von unserer Rück' 
kehr vom Rio Negro durch den Cassiquiare 5 und, als 
sie inne wurden, wir seyen beym ersten greisen Wasser- 
fall, dem von Atures, eingetrolkMi, zogen sie alle weg, 
und flüchteten in die den CKrenoko westlich begränzen- 
den Savanen. Schon dio Jesuiten -'jVäter hatten eine 
Mission an eben dieser Stelle, die au&h den gleichen 
Namen führte, gegründet. Kein Indicr- Stamm ist 
schwieriger an einen festen Wohnsitz zu gewöhnen, als 
die Guahibos. Sie mögen sich lieber mit faulen Fi- 
schen, Scolopendern und W^ürmern nähren, als ein 
Weines Stück Land anbauen. Darum sagen auch die 
übrigen Indianer sprichwörtlich: „ein Guahibos ifst 
Alles, was auf und unter der Erde vorkömmt.^^ 

Beym südwärts Aufschiffen des Orenoko nahm die 
Hitze keineswegs zu, sondern sie ward vielmehr er- 
träglicher. Den Tag über *) betrug die Ten)peratur 
der Luft 26° oder 27°,5, des IVaclkts **) 23°,7- Das 
Wasser des Orenoko behielt seine gewöhnliche 
Temperatur ***) von 27°,?. Die Plage der IMosqnitos 
jiahm^ der verminderten Wärme unerachtet, jämmer- 
lich zu. Nirgends hatten wir so arg davon gelitten, 
äIs in San Borja. Man konnte weder sprechen , noch 
das Gesicht entblöfsen, ohne Mund und Nase mit die- 
sen 

*) 20", 8 oder 22«» R, 
**) 19° R. 
*'*) ii.°,^ R. 



Kapitel XJX. 496 

sen In«ccton angefüllt zu bekommen. Wir wunderten 
uns den Thermometer nicht auf 35° oder 36^ angestie- 
gen zu sohen 5 die so ausn^ehmend erhöhete Hautrei- 
zung liefs uns glauben, die Lult sey glühend. Wir 
biwackten am Gestade von Guaripo *). Die Furcht vor 
den kleinen Caribes- Fischen hielt uns vom Baden ab. 
Die Crocodile, welchen wir an diesem Tag begegneten, 
waren alle von ungewöhnlicher Gröfse, 22 bis 24 Fufs 
lang. 

.Am 14. April bewog uns die Plage der Z,cinciidos 
um 5 Uhr morgens abzureisen. In der unmittelbar über 
dem Strom ruhenden Luftschichte befinden sich weni- 
ger Insecien, als unfern vom Saum der Waldungen. 
Zum Früh-tück macliten wir auf der Insel Guachaco *''^'') 
Halt, wo eii»e Sand- oder Aggloniei'at- Formation un- 
mittelbar den Granit deckt. Die?er Sandstein enthält 
Bruchstücke von Ouarz und selbst auch Fcldspath durch 
verhärteten Thon gekittet. Er zeigt kleine Adern von 
Braun-Eisenerz, das sich in linsendichten Blättchen oder 
Platten ahlöst. Wir iiatten bereits solche Blättchen am 
Gestade zwischen dem Encaramada und dem Baraouan 
angetroffen, wo die Missionarien solche bald für Gold- 
erz, bald für Zinn hielten. Es ist walirscheinlich, dafs 
diese Secondar- Formalion vormals eine gröfsere Aus- 
dehnung hatte. JNachdem wir bey der Mündung des 
Rio Parueni, jenseits welcher die Macos - Indianer 
wohnen, vorübergekommen waren, biwackten wir auf 
der Insel von Panumana. Wicht ohne Mühe konnte ich 



•) Hölie des Barometers um G Uhr Ahends 335 ^'" 6. (Ihin- 
derttli. 'Iherm. ih''o ) Die Ideinen Unregelmärsigljpiten der 
stündlichen Variationen machen den Einfluis des .Stromfalis auf 
die Höhe des Barorneters hevnahe unmerklich. 

**) Oder Vachaco. 

Alex. V. Humboldts hisf. Rtisen. III. 2^ 



4q6 Buch J'II. 

Höhen des Canopus ernalten, um diß Länfrenhe^tiin- 
inung ■"•) dieses Punctes zu machen , bey welchem der 
Strom sich auf einmal nach Werten wendet. Die Insel- 
Panumana besitzt einen grofsen Heichthum an Pflanzten. 
Es finden sicli hier abermals jene nackten Felsbänke, 
jene jVlelastoinen - Gebüsche^ jene Boskets von Sträu- 
chern, die uns in den Ebenen von Carichana so aulTr.l- 
lend gewesen waren. Die Berge der grofsen WaSber- 
fälle begräiizten den Horizont süd- östlich. Im weite- 
ren Vorrücken bemerl^ten wir, dafs die Gestade des Ure- 
noko ein imposanteres und malerisches Ansehen ge- 
wannen. 



*) Länge ro^S'Sg'', in Voraussetzung , nach den Reise-Entfer- 
nunjjen, die Breite der Jnsel scy 5''4i'. 



Druckfehler 

im ersten Theil. 

Seite 61 Zeile 22 Genf, statt 10°, i lies 9", 6. 

— 61 — 24 Toulon, St. 17° 5 I. 16», 7. 

— 61 — 27 rseapel, st. iS^o I. 17" 5. 

— 202 — 2 V. utilcn 1. cheiranthifolia. 

— '450 — 2 V. unten Laguna ^tadt, 1. 264 Toisen, nach Hrn. 

von Buch. 

Im zweyten Theil. 
Seite 3 Zeile 8 lies Petrarca. 

— 7 — <*i'4 1. hervorstehender, so lange. 

— 12 — 6 1. Zucl<errohr, 

— 26 — 7 u. J I von unten 1. Aublet. 

— 28 — 4 V. unlen I. apiifolia. 

— 3i — i3 V. unlen 1. dafs. 

— 41 — 7 V. unten I. um, gemolken. 

— 42 — i4 1. Bemerkung. 

— 45 — 17 I. des. 

— 46 — 5 V. unten 1. Stvartz. 



Seile 66 Zeile ß ist das Vcrblndungs/cinlipii nacli Alpcnkallistein 
weg-ÄUSlrcKiiCii. 

— 85 — 2 V. unten 1. Meridianhöheii von Deneb du Cignc. 

— 85 — 12 V. unicn I. Rüchen. 

— 91 — i5 V. unlcn 1. er. 

— lo^ — 17 1. erl)liol;l. 

— 106 — 6 V. unten I. Genipa. 

— 11/, — i5 V. unten sind die Worte, um die Mitte des Ta- 

' ges^ durchzustreichen, 

— 126 — 17 '• Schichten. 

— 120 — i5 V. unten nach Pflanzen setze ein Comma. 

— i33 — 12 I. unwichtig. 

— i57 — 5 J. lafst. 

— 107 — 71. Boden. 

— 141 — 3 V. unten I. Cap. Vf. S. 90. 

— 142 — 4 1. abstechend. 

— 142 — j8 I. Aspidium. 

— 142 — 21 I. Acrosticiium, 

— 142 — 22 1. Aspidium, 

— i55 — j6 I. nichts, 

— i58 — 9 I. Cumana, 

— 160 — 8 V. unten I. Haushaltungen. 

— 166 — 8 1. faneges. 

— 177 — i5 I. Piämavana. 

— i85 — 5 V. unten I. angesehen. 

— j85 — 5 1. Sprachen. 
_ ,87 — j8 I. Hapilel. 

— 109 — 5 u. 1 2 I. Hautfarbe. 

— jo3 — 5 V. unten I. Hindernisses. 

— 2o5 — 5 V. unt«n 1. Rohlieit. 

— 218 — 9 1, loya, ihm. 

— 218 — 18 I. Oroa. drev. 

— si8 — 20 ]. Pun, Fleisch. 

— 228 — 10 I. nicht. 

— 229 — 10 V. unten 1. bezeichnender. 

— 200 — 2 V. unten 1. Hauptwort. 

— 242 — 5 1. würde. 

— 242 — 16 1. lionnte. 

— 240 — i5 1. verbündeten. 

— 245 — 16 J. Caraiben- rSation. 

— 245 — 2 1. glaubte. 

— 246 — 12 I. qui. 

— 246 — 8 V. unten 1. tenus. 

— 247 — II i. bekräftigen. 

— 247 — IV. unten 1. Grvn. 

— 248 — 9 I. Berührung. 

— 255 — 9 V. unten 1. des. 

— 265 — 17 1. ausnehmend. 

— 266 — 8 1. seiner. 

— 272 — 12 u. i4v. unten I. Eleclricität. 

— 275 — 17 1. gleicher. 



Seife 288 Zelle s 1. Aufmerlsanikeit. 

— 291 — 7 1. mit iler Zeit von. 

292 — i3 V. unten 1. nämlichen Zeil eine üLeraus. 

— 293 — i5 st. immerliin 1. aucli. 

— 295 — 5 nach angehöi-ende ist ein Hiammerzeichen zu 

setzen. 

— 299 — '5 St. Raum 1. Baum. 

— 5o4 — 1 1- Pyrenäen. ♦ 
_ 5i5 — 12 V. unlen I. mittelst. 

3i4 - — 5 1. ßoracha. 

— 5i5 — 11 1. noch. 

— 5i5 — i5 1. beträchllicher. 

5i5 — ■ 2» 1. bewachsen. 

3i8 — 1 1. ISovember. 

3i7 — 7 V. unlen I. Hygrometer- 

. 028 — 12 1. lebende. 

55o — i5 1. auseinandervveichen. 

— 539 — 3 1. Stadt. 
__ 543 — 16 1. Aer/,le. 

352 — 7 ]. in den vereinten. 

— 362 — 41. eine. 

362 — 12 V. unten I. zahlen. 

365 — 2 V. unlen I. Spanien. 

— 366 — 7 V. unten I. Küsten. 
367 — 8 St. die I. der. 

. 370 — 7 J- Reisebeschreibung. 

370 — 9 V. unten 1. iiürzlich. 

372 — 10 V. unten I. Valencia-See. 

3^5 — 5 V. unten 1. Wortes. 

582 — IG I. begrub. 

382 — 11 1. dieser. 

585 — 8 V. unten I. zwischen. 

— 385 — i4 V. unlen 1. Aiusgetrocknclen. 
597 — 7 1. Zuckerrohr. 

— 397 — 14 •• Sladt. 

406 — 19 sl. im I. ein. 

, 4i5 _ 4 V. unten I. Sisyrinchium. 

1^22 — 7 V. unlen !. Früchte. 

/,2 2 — 8 V. unten I. ßaumrebe. 

/j2 4 — 3 V. unlen I. beynahe. 

— 426 — 5 1. 7°. Aus. 

— 428 — 4 1- eines. 
«431 — 3 1. dar. 

45 1 — 7 1. Valencia -Sees. 

467 — 4 V. unlen 1. Erde. 

^ 4g^ — 10 V. unlen 1. syenitischen. 

4q5 — 4 V. unten 1. Gattungs- und Arten -Namen. 



NORTHEASTERN UNIVERSITY LIBRARIES DUPL 



3 9358 01412108 8 



L8.604ä Humboldt, Alexander freiherr von 



Reise in die aequinoctiülgegenden des 
neuen continsnts in den jähren 1799, 1800 
1801, 1002, 1803, and 1804. Stuttgart u 
Tubingen, J.G. Cotta,lS15. 



220095 V.3 





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