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D>' L. V. SCIIREItlCK'S
REISEN UND FORSCHUNGEN
IM
AMOR-LANDE.
BAND I.
ERSTE LIEFERUNG
Einleitung'. Säugethiere des Amur-Landes.
Slit 9 Tafeln und einer Karte.
Gedruckt auf Verfügung der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften.
C. Wesselowskt,
beständiger Secretair.
5. Januar 1859.
f
EI^LEITUIVG.
Indem ich an die Veröffentlichung der von mir im Auftrage der Kaiserlichen Aka-
demie der Wissenschaften zu St. Petersburg ausgeführten Reisen und Forschungen im
Amur-Lande gehe, halte ich mich für verpflichtet, zunächst einige Worte über die nächste Veran-
lassung derselben zu sagen. Wenn man die unverwandte Aufmerksamkeit in's Auge fasst, mit
welcher die Akademie seit jeher der Erforschung Sibirien's vorgestanden hat, und in's
Besondere auch die letzten Unternehmen derselben, die Reisen Hrn. v. Middendorff's in
den äussersten Norden und Osten Sibirien's in Erwägung zieht, so wird man darin auch die
unmittelbare Veranlassung erkennen, welche zur Ausrüstung der Amur -Reise führte. Durch
Hrn. v. Middendorff's Reise nach dem Südosten Sibirien's wurde nämlich unsere Kennt-
niss des nordöstlichen Asiens bis nach den Südküsten des Ochotskischen Meeres, den
Schantarischen Inseln, dem S la n o wo i- Gebirge, dem oberen Laufe der nördlichen Amur-
Zuflüsse, des Amgunj, der Bureja, der Dseja, und sogar bis zum oberen Amur-Strome
vorgerückt. War damit unter den damaligen politischen Verhältnissen dem Chinesischen
Reiche gegenüber auch die äusserste Gränze möglicher Forschung im Südosten Sibirien's
erreicht, so stand man damit doch keineswegs an einer natürlichen Gränze, welche geeignet
wäre der Erforschung Sibirien's in räumlicher Beziehung, wenn auch nur auf kurze
Zeit, eine Schranke zu setzen. Man hatte damit vielmehr einen Boden erreicht, von dem man
unauflialtsam weiter gedrängt werden mussle. Denn wie konnte man nunmehr, da man im
Westen und Norden bereits an den Quellarmen und Zuflüssen des Amur-Stromes stand, noch
länger sich damit befriedigen, den Hauptstrom selbst noch unbekannt zu lassen? Wie sollte
das Amur- Land von wissenschaftlicher Forschung noch länger unbetreten bleiben, da man
die Mauer, die es von uns trennte, das Stanowoi-Gehirge, bereits überschütten und die Ab-
zweigungen betreten hatte, die von hier in das Stromsystem des Amur verlaufen? So muss-
ten also in allgemein geographischer Beziehung, in Rücksicht auf die oro- und hydro-
graphischen Verhältnisse Sibirien's, die Blicke wissenschaftlicher Forschung nach der Reise
Hrn. V. Middendorff's unmittelbar auf das Amur-Land sich wenden. Allein nicht bloss in
geographischer Beziehung, auch in Hinsicht auf die Pflanzen- und Thierwelt und die ethno-
graphischen Verhältnisse Sibirien's hat uns die Reise Hrn. v. Middendorff's die Brücke
?um Amur-Lande geschlagen. Denn indem sie die Verbreitung theils früher bekannter, theils
Sohrenck's Amur-Reise Bd. I. 1
II Einleitung.
neu entdeckter sibirischer Pflanzen- und Thierarten bis an die äussersten Gränzen Südost-
sibiriens, ja zum Theil bis in das Aiuur-Land hinein verfolgte, öffnete sie uns den ersten
Blick in die Flor und Fauna dieses noch unbekannten Landes und machte es für die fort-
schreitende Kenntniss Sibirien's und des nordöstlichen Asien's überhaupt zur dringenden
Aufgabe, die bis dahin aufgedeckten Fäden nunmehr im Amur-Lande weiter zu verfolgen.
Zugleich wies sie uns auch die Verbreitung sibirischer Völkerfamilien, der Tungusen und
Giljaken, bis in das Amur-Land nach, auch hier die Aufgabe erweckend, im Amur- Lande
ihrem physischen und geistigen Leben und ihrer geographischen Verbreitung weiter nachzu-
forschen. So musste also nach der Reise Hrn. v. Middendorff s das Amur-Land in geogra-
phischer, naturhistorischer und ethnographischer Beziehung als das nächste und noth wen-
digste Glied zur weiteren Kenntniss Sibirien's, des natürlichen Bodens fortlaufender und un-
ausgesetzter Forschung russischer Reisenden und Gelehrten, erscheinen. Neben dem Interesse
aber, das das Amur -Land der Akademie in dieser, ich möchte sagen national-wissenschaft-
licher Beziehung, als Boden unmittelbarer Anknüpfung an die von ihr seit Gmelin, Pallas
u. a. glänzend begonnenen und bis zu unserer Zeit fortgeführten Arbeiten bot, musste es auch
in allgemein wissenschaftlicher Beziehung die Forschung in hohem Grade herausfordern.
Denn es konnte nicht fehlen, dass das Amur-Land, bei seiner bedeutenden Ausdehnung,
seiner voraussichtlich mannigfaltigen Bodengestaltung, seiner reichen hydrographischen Aus-
stattung und seiner südlicheren Lage im Vergleiche mit Sibirien, auch einen bedeutenden
Reichthum in seiner Pflanzen- und Thierwelt besass. Mit Recht konnte man hoffen, dort nicht
bloss die Fortsetzung und gewissermassen das Ausgehende der pflanzen- und thiergeographi-
schen Verhältnisse Sibirien's, sondern daneben auch neue, eigenthümliche Pflanzen- und
Thierarten zu finden, die zugleich einen Uebergang zur Flor und Fauna der südlicher gelege-
nen, immer noch ungenügend bekannten Länder Ostasiens, wir meinen China'» und Ja-
pan's, bilden dürften.
Abgesehen aber vom wissenschaftlichen Gewinne, musste die Erforschung des Amur-
Landes auch von einem praktischen, auf die Culturverhältnisse Sibirien's gerichteten Ge-
sichtspunkte für Russlaud von besonderem Interesse sein. Es bedarf nur eines flüchtigen Blickes
auf die Karte, um zu erkennen, wie viel wichtige culturgeographische Elemente das reich
ausgestattete Amur-Land dem angränzenden Sibirien, mit dem es schon vor zwei Jahrhun-
derten in politischem Verbände stand, entgegen trägt. Man denke nur an den mächtigen
Strom, der, aus dem Innern Sibirien's nach deraStillen Ocean führend, zu einer leichten und
wichtigen commerciellen Verkehrsader für Sii)irien werden konnte, an die in südlicheren
Breiten als irgendwo sonst in Sibirien gelegenen, den Häfen Chinas und Japan's genäher-
ten Meeresküsten, an die mit milderem Klima begabten, fruchtbaren Landschaften, die den
mittleren Lauf des Amur-Stromes und seiner grossen südlichen Zufliisse begleiten, u. dgl. m.
Gewiss lag es daher nahe, die vielversprechenden culturgeographischen Elemente, mit denen
das Amur-Land ausgestattet zu sein schien, zur richtigeren Würdigung derselben, auch einer
vorurtheilsfreien, wissenschaftlichen Prüfung zu unterwerfen.
Entstehung der Reise. in
So durfte man sich also in doppeller, wissenschaftlicher und praktischer Beziehung von
der Erforschung des Amur-Landes einen reichen Gewinn versprechen. Ei konnte daher nicht
fehlen, dass die Akademie, den hervorgehobenen mannigfachen Interessen Rechnung tragend,
die erste sich darbietende Gelegenheit ergriff, um die bereits bis an die Gränzen des Amur-
Landes fortgeschrittene Forschung auch in dieses Land hineinzutragen. Diese Gelegenheit bot
sich im Jahre 1853 dar, als durch die hohe, allen wissenschaftlichen Unternehmungen frei-
gebig zugewandte Gunst Sr. Kaiserlichen Hoheit des Grossfiirsten Konstantin an die
Akademie die Aufforderung erging, den nach der Mündung des Amur-Stromes abzusendenden
Schiffen eine aus ihren Mitgliedern zusammengesetzte, vom Etat der Marine besonders zu un-
terstützende wissenschaftliche Expedition anzuschliessen. Dieser huldreiche Antra» Sr. Kai-
serlichen Hoheit war es, der die wissenschaftliche Expedition nach dem Amur-Lande ins
Leben rief. Denn nunmehr war der Akademie die Möglichkeit eröffnet, wissenschaftliche Rei-
sende nach dem noch unbetretenen, aller Forschung bisher verschlossenen Amur -Lande ge-
langen zu lassen, und zwar auf einem Wege, der um so sichereren Erfolg versprechen musste,
als er nicht bloss zum bequemen Trausporte aller von einer wissenschaftlichen Expedition un-
zertrennlichen Gegenstände geeignet war, sondern zugleich auch die Gelegenheit bot, wäh-
rend der langen Dauer der Hinreise eine Reihe interessanter naturhistorischer Beobachtungen
zur See auszuführen. Gehäufte wissenschaftliche Beschäftigungen in ihrem Amte machten es
jedoch den betreffenden Mitgliedern der Akademie nicht möglich, persönlich an einem Reise-
uuternehmen sich zu betheiligen, welches voraussichtlich mehrere Jahre lang dauern musste.
Diesem Umstände ist es zuzuschreiben, dass, statt der in ähnlichen Unternehmen bereits be-
währten Männer der Akademie, mir, einem Anfänger in der Wissenschaft, die Ehre zu Theil
ward, von der Akademie zur Ausführung dieser Reise erwählt zu werden. Die Dauer dersel-
ben vorläuüg auf 3 Jahre veranschlagend, ermöglichte die Akademie, dass zur Ausführung
derselben eine Summe von 10,800 R. S. aus den Ersparnissen der Einnahmen der Aka-
demie verwendet werden konnte, wozu später, nach Ablauf der 3 Jahre, zur Reise den
Amur aufwärts und der Rückreise durch Sibirien noch eine Summe von 3500 R. S. aus der-
selben Quelle hinzugefügt wurde. Den vielfachen wissenschaftlichen Beschäftigungen, die dem
Reisenden auf verschiedenen Gebieten und vornehmlich auf demjenigen zoologischer Forschun-
gen zur Aufgabe gestellt waren, Rechnung tragend, gesellte mir zugleich die Akademie zwei
Begleiter, einen Zeichner, in der Person desHrn. Poliwanoff's, und einen im Abbalgen und
anderweitigem Zubereiten naturhislorischer Gegenstände kundigen Präparanten bei.
So trat die Reise in's Leben, von der ich gegenwärtig zu berichten habe. Bei dem oben
molivirten Gange derselben, der Hinreise zur See, und zwar um die Südspitze Amerika's
herum, und der Rückkehr zu Lande, durch das Amur-Land und Sibirien, gestaltete sie sich
zu einer Reise um die Erde. Wenn ich daher gegenwärtig, bei ausführlicher Beschreibung
dieser Reise, bloss des einen Theiles derselben und zwar, wie es die Aufschrift dieses Wer-
kes besagt, bloss des letzteren Theiles, der Reisen im Auuir-Lande zu gedenken beabsichtige,
so dürfte man darin füglich eine Unterlassung erblicken, von der ich Rechenschaft zu geben
IV Einlet'ding
schuldig bin. Dass der erste Theil meiner Reisen, die Reise zur See, über den Atlantischen
und Stillen Ocean bis nach Kamtschatka und zur Mündung des Amur- Stromes, hier zu-
nächst keine Beachtung finden soll, hat seinen Grund nicht etwa darin, dass diese Reise, theil-
weise schon von Vielen gemacht, keine der wissenschaftlichen Bearbeitung werthe Materia-
lien mitgebracht hätte. Wäre das der Fall, dann könnte sie ja grade mit einem kurzen Ab-
risse, als blosse Hinreise zum Amur- Lande, auch hier schon abgemacht werden. Der Grund
dieser Unterlassung liegt vielmehr in dem direkt entgegengesetzten Umstände : weil nämlich
die Seereise nicht als blosse Hinreise zum Amur -Lande betrachtet wurde, sondern eine be-
sondere Aufgabe in physikalischen und zoologischen Beobachtungen erhielt, hat sie auch ein
Material mitgebracht, das einer besonderen wissenschaftlichen Bearbeitung bedarf und daher
füglich von den Reisen und Forschungen im Amur -Lande getrennt und in einem separaten
Werke niedergelegt werden soll. Lag aber somit ein genügender Grund zur getrennten Bear-
beitung beider Reisen vor, so konnte es ferner keinem Zweifel unterworfen bleiben, dass der
Vorrang dabei jedenfalls den, wenn auch der Zeit nach späteren. Reisen im Amur-Lande
gebührte. Denn wie interessant und vielfach neu das Material auch sein mag, welches das
weite und vielseitige Feld oceanischer Erscheinungen dem wissenschaftlichen, auf einem be-
stimmten, speciellen Gebiete forschenden Reisenden zuführt, so ist doch nicht zu vergessen,
dass in unserem Falle die Seereise immer nur eine zweite, untergeordnete Rolle spielte: die
Hauptveranlassung zu derselben gab die Erforschung des Amur -Landes, zu der sie füh-
ren sollte und die den Hauptzweck der gesammten Reise bildete. Diesem vor Allem beab-
sichtigten Zwecke der Reise ist auch bei Weitem die meiste Zeit gewidmet worden, indem
von den 3.V Jahren der gesammten Dauer meiner Reisen nahe 2i Jahre auf das Amur-Land
fallen und nur ein Jahr in See verbracht worden ist. Aus diesem Grunde und weil die Reisen
im Amur-Lande ein von wissenschaftlicher Forschung noch ganz unberührtes Gebiet umfass-
ten, konnten sie auch ein viel reichhaltigeres und vielseitigeres Material als die Seereisen zu-
sammenbringen, welches somit auch ein grösseres Anrecht auf unverzügliche Bearbeitung
hat. So musste also ohne Zweifel mit der Veröffentlichung der auf das Amur-Land bezüg-
lichen Materialien begonnen werden.
Was nun im Speciellen die mit dem vorliegenden Bande begonnene Bearbeitung der
Amur-Materialien betrifft, so ist als Grundsatz befolgt worden, das sachlich Zusammengehörige
auch stets zusammenzustellen, wie auch der historische Faden der Aufdeckung aller hingehö-
rigen Einzelthatsachen gewesen sein mag. Alles auf ein einzelnes Gebiet, z. B. auf die Zoolo-
gie, die Klimatologie, die Ethnographie des Landes u. s. w., bezügliche, sei es an mitge-
brachten Sammlungen, oder an den in Tagebüchern zerstreut niedergelegten Beobachtungen
und Nachrichten vorhandene Material ist daher einzeln zusammengestellt und einer besonde-
ren wissenschaftlichen Bearbeitung theils vom Reisenden selbst und theils — wo es sich um
ein ihm minder bekanntes oder gar fremdes Gebiet handelte — von respecliven Fachgelehrten,
bekannten Männern der Wissenschaft, die dazu ihre hülfreiche Hand reichen wollten, unter-
worfen worden. Auf diese Weise allein durfte man hoffen, aus den mitgebrachten Materialien
Bearbeitung der Materialien. y
in jedem Einzelgebiete und in der Gesamnitlieit einerseits einen wirklich wissenschaftlichen
Gewinn zu ziehen, und andererseits dem Leser auch ein abgerundeteres, geordneteres und
gegenständlicheres Bild von dem in Rede stehenden Lande vorführen zu können. Blicken wir
nun auf die einzelnen Gebiete zurück, auf denen während unseres Aufenthaltes und unserer
Reisen im Amur- Lande gearbeitet worden ist, so können wir auch schon vorläufig bezeich-
nen, in welcher Weise das gesammte Material unserer Reisen und Forschungen im Amur-
Lande in dem vorliegenden Werke sich zusammenstellen lassen wird. Es ist nämlich unsere Absicht
sämmtliche Resultate unserer Reisen und Forschungen im Amur-Lande in vier Bände zu ver-
theilen: davon sollen die beiden ersten alle auf die Fauna des Amur-Landes in ihren Einzei-
theilen bezüglichen Nachrichten enthalten ; der 3'^ Band soll ethnographisch -linguistischen
Inhalts sein und der 4'" endlich die meteorologischen und geoguostischen Beobachtungen, so-
wie einen ausführlichen historischen Bericht über die im Amur -Lande von mir ausgeführten
Reisen nebst geographischen Bemerkungen über dieses Land aufnehmen.
In diesem vorläufigen Inhaltsverzeichnisse unseres Reisewerks wird man auf den ersten
Blick auffallend finden, dass der Flora des Amur -Landes gar keine Erwähnung geschehen
soll. Zur Erläuterung muss ich anführen, dass gleichzeitig mit mir auch ein Reisender des
Kaiserlichen bolauischeu Gartens, Hr. Maximowicz, das Amur-Land, mit der speciellen
Aufgabe botanischer Forschungen in demselben, bereist hat. So oft wir daher gemeinsame
Reisen ausführten , hielten wir es für zweckmässig und die Sache der Wissenschaft fördernd,
wenn ein Jeder von uns dem speciellen Theile seiner Forschungen mit allen Kräften oblag.
Wenn ich dagegen allein reiste und zumal solche Gegenden des Amur-Landes betrat, die von
Hrn. Maximowicz nicht besucht worden sind, habe ich stets auch der Flor des Landes so
viel möglich meine Aufmerksamkeit geschenkt. Natürlich konnte ich aber dabei nur bezwecken
nicht sowohl ein selbstsländiges Material zur Flor des Amur-Landes zusammenzubringen, als
vielmehr manche Ergänzungen zu dem von Hrn. Maximowicz gesammelten botanischen Ma-
teriale zu liefern. Dem gemäss sind denn auch meine botanischen Sammlungen von Hrn. Ma-
ximowicz bei Bearbeitung seiner Flora des Amur -Landes, welche gegenwärtig der Veröf-
fentlichung durch den Druck in den Memoiren der Akademie entgegensieht, mit in Betracht
gezogen worden.
Einen anderen auffallenden Punkt in dem oben angegebenen Programme dieses Reise-
werkes dürfte man darin finden, dass es mit einem speciellen Theile der Forschungen, den
auf die Fauna des Amur-Landes bezüglichen Nachrichten beginnen soll, und den historischen
Bericht über den Hergang der Reise mit den geographischen Bemerkungen über das Amur-
Land, die uns in die Natur desselben einzuführen und uns einen allgemfeinen Ueberblick
über dasselbe zu geben im Stande wären, an den Schluss de:^ ganzen Werkes setzt. Um
diesem zum Theil gerechten Vorwurfe zu begegnen, muss ich aber bemerken, dass es bei
einer Reise durch ein noch ganz unbekanntes, an unerwarteten und selbst neuen Pflanzen und
Thierarten reiches Land für den historischen Bericht der Reise und die geographischen Be-
merkungen über das Land, wenn sie einen allgemeinen Einblick in die Natur desselben geben
VI
Einleitung.
sollen, gewiss wiinschenswerth und sogar nothwendig sein musste, sich erst in den Besitz der
systematischen Kennlniss der Gesteine, Pflanzen und Thierarten dieses Landes zu setzen. Um
das zu erreichen konnte also nicht anders als mit der Bearbeitung der in den einzelnen Ge-
bieten gesammelten Materialien begonnen werden. Zu dem bildeten die zoologischen Forschun-
gen, wie es schon die von der Akademie getrofl'ene Wahl des Reisenden beweist, den vor-
nehmlichsten Zweck der Reise. Billig also, dass ihnen auch der erste Platz bei Veröffentlichung
der Resultate der Reise eingeräumt werde. Dennoch müssen wir es als gerechte Anforderung
an ein Reisewerk bezeichnen, dass es dem Leser, bevor er in ein Gebiet specieller Forschun-
gen eingeführt werde, einen allgemeinen Ueberblick über die Reise selbst gebe, der ihn
in den Stand setze, über die Mittel, die dem Reisenden zu Gebote standen, über den Gang
und Umfang der Reise und somit auch den Kreis der durch Autopsie gewonnenen Erfahrun-
gen des Reisenden, über die allgemeine Beschaffenheit des Landes und die davon abhängige,
leichtere oder schwerere Möglichkeit der Forschung u. s. w. selbst sich ein Urtheil zu bilden.
Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, balle ich es daher am Orte hier einen vorläu-
figen kurzen Abriss von dem Gange meiner Reisen im Amur -Lande folgen zu lassen, den
einige, ebenfalls vorläulige, allgemeinere Bemerkungen über die orographische Beschaffen-
heit und das Ivlima des Amur-Landes begleiten sollen.
Sogleich nach meiner Ernennung zum Reisenden der Akademie, im Juli 1853, beeilte
ich mich die vielfachen Vorbereitungen zu treffen, welche eine mehrjährige wissenschaftliche
Reise zur See und zu Lande erforderlich macht. Im Anfange Augusts begab ich mich mit mei-
nen Begleitern nach Kronstadt, und am 21. Aug. (2. Sept.) lichtete die vom Capit. Isylmetjeff
befehligte Fregatte Aurora, an deren Bord wir. Dank huldreicher Verfügung des Gross-Admirals
der Russischen Marine, Sr. Kaiserlichen Hoheit des Grossfürsten Konstantin, aufgenommen
wurden, die Anker. Wie oben erörtert, liegt es nicht in meiner Absiebt in dem vorliegenden, den
Forschungen im Amur-Lande gewidmeten Werke über meine Reise zur See und deren Erfolge
zu handeln. Es darf hier daher auch nur ganz kurz des Ganges derselben, als der Hinreise zum
A mur-Lande, erwähnt werden *). Nach einer Reise von neun Tagen, während welcher wir das
Unglück hatten auf einem nahe der schwedischen Küste vor dem Städtchen Troelleborg gele-
genen, auf den russischen Karten noch nicht verzeichneten Riffe zwei mal 24 Stunden zuzu-
bringen, gelangten wir nach Kopenhagen. Hier wurde eine Rast von 4 Tagen gemacht und
am 3. (15.) Sept. wieder aufgebrochen. Die häufigen Stürme, die sich zur Zeit der Herbst-
aequinoctien im Kattegat und Skagerrak ereignen und an denen das Jahr 1853 besonders
reich war, machten unsere Fahrt durch diese engen und klippenreichen Gewässer zu einer
sehr beschwerlichen und gefahrvollen. Am 16. (28.) Sept., nach Tags zuvor überstandenem,
äusserst heftigem Sturme, der uns viele Stunden angesichts der jiilläudiscben Küste in Lebens-
*) Ausfulirlichere Angaben über den Gang unserer Seereise und meine wissenscbaftlichon Beschäftigungen wäh-
rend derselben findet man vorläuOs in meinen wälirend der Reise geschriebenen Borichlen an den beständigen Secre-
tair der Akademie. S. Bullet, de la c|asse physico-mathera. de lAcad. des Sc. de Sl.-Pet. T, XII. p. 361. T. XIH, p. 90
u. T. XIV. p. 40. Desgl. Melanges pbyaiques et cttiniiques. T. 11, p. S2, 119 u. 346.
Gang der Reise. tu
gefahr gehalten hatte, sahen wir uns genölhigt, in Folge einiger Beschädigungen, die das
Schiff im Sturme erlitten hatte, in den Hafen von Christiansand einzulaufen. Erst nach 12
Tagen, die mir zur flüchtigen Bekanntschaft mit der Natur des südlichen Norwegen's gedient
hatten, ward es uns möglich unsere Beise fortzusetzen, die nunmehr, von keinem ferneren Un-
fall begleitet, am 3. (15.)October uns auf die Behde von Spithead brachte. Die auf dem Biffe
erlittenen Beschädigungen am Schiffe machten es nothwendig die Fregatte in Portsmouth einer
gründlichen Ausbesserung im trockenen Dock zu unterwerfen, was uns einen Aufenthalt von
7 Wochen in England verursachte, eine Zeit, die ich zumeist in London unter vorbereitenden
Beschäftigungen im British Museum und ferneren Ausrüstungen zur Beise zubrachte. Am 25.
Nov. (7. Dec.) verliess unsere Fregatte, zur weiten oceanischen Beise gerüstet, die Behde von
Spithead und eilte dem Atlantischen Oceane zu. Dort wurde der gewöhnliche, direkteste
Cours nach Bio de Janeiro eingeschlagen, welcher uns östlich von den Azoren und west-
lich von den Canarischen und Cap-Verdisehen Inseln rasch nach Süden führte. Am 30. Dec.
(11. Jan.) kreuzten wir den Aequator und am 15. (27.) Jan., dem 52^'6n Jage nachdem wir
Portsmouth verlassen hatten, liefen wir in die Bai von Bio de Janeiro ein. Den Aufenthalt
von 15 Tagen in einer tropischen Natur nach 3Iöglichkeit nutzend, brachte ich die Zeit zu-
meist auf naturhistorischen Excursionen in die prächtige Umgegend Bio de Janeiro's zu. Der
31. Jan. (12. Febr.) sah uns wieder in See. Wir eilten das stürmische Meer am Cap Hörn
noch vor Eintritt einer winterlichen Jahreszeit zu erreichen. Wechselnde Winde und heftige
Stirme in den Breiten der Falklands -Inseln hielten uns jedoch lange zurück und gestat-
teten uns erst am 5. (17.) März im 59° s. Br. den Meridian von Cap Hörn zu kreuzen und
somit in den Stillen Ocean einzutreten. Neunzehn Tage später hatten wir die Insel Juan
Fernandez, in der Breite von Valparaiso, in Sicht, steuerten aber, die günstigen Winde
benutzend, noch weiter nordwärts und liefen am 3. (15.) April in die Behde von Callao ein.
Hier durfte jedoch unser Aufenthalt, so nothwendig er uns nach einer Beise von 63 Tagen
auch war, nur ein ganz kurzer sein, da die politischen Zerwürfnisse Europa's inzwischen
eine Kriegserklärung zwischen Bussland und den verbündeten Mächten von Frankreich und
England herbeigeführt hatten, auf der Behde von Callao aber vier feindliche Fregatten vor
Anker lagen, die nur der Ankunft officieller Nachrichten aus Europa harrten, um den Angriff
auf unsere Fregatte zu beginnen. Zudem herrschte in Callao und mehr noch in dem nahe
gelegenen Lima das gelbe Fieber, welches, zum ersten Mal epidemisch an diesen Küsten auf-
tretend, unserer Mannschaft den Besuch des Landes unrathsam machte. In dem kurzen Zeit-
räume von 10 Tagen, einer Zeit, die ich in Lima mit Bereicherung meiner Sammlungen und
kleinen Ausflügen in die Umgegend zubrachte, wurden die nöthigen Vorrälhe zur Weiterreise
eingenommen und am 14. (26.) April lichlelen wir von Neuem die Anker. Die erwähnten
politischen Ereignisse machten es nothwendig den Cours direkt nach dem Amur-Lande zu
nehmen und keine der Inselgruppen des Stillen Oceanes zu besuchen. Unter Begünstigung
der Passate hatten wir nach Verlauf von etwa 7 Wochen fast die ganze Breite des Stillen
Oceanes hinter uns und näherten uns nun dem Meere der südlichen Kurilen. Dort empfin-
viii Einleitung.
geu uns aber beständig contraire W. -Winde, die unseren Lauf hemmten, und ein kaltes, un-
ausgesetztes Regen- und Nebelwetter, das, rasch auf die Hitze der Tropen folgend, den Ge-
sundheitszustand unserer Mannschaft in kurzer Zeit schwächte und sehr zahlreiche Erkran-
kungen hervorrief. Unter solchen Umständen musste es rathsam erscheinen, den bis dahin ein-
gehaltenen Cours aufzugeben und statt zum Amur -Lande nach dem Peterpaulshafen in
Kamtschatka zu steuern. Dennoch hallen wir noch eine lange und beschwerliche Fahrt zu
bestehen, bis wir endlich am 1 8. (30.) Juni, nach einer Reise von 66 Tagen, in die Bai Awatscha
in Kamtschatka einliefen. Der geschwächte Gesundheitszustand unserer Mannschaft machte
hier einen längeren Aufenthalt nothwendig. Auf Verfügung des damaligen Gouverneurs von
Kamtschatka, Hrn. Contre-Admiral Sawoiko's, erhielt daher die im Peterpaulshafen vor
Anker liegende Corvette Olivuzza (Capil. NasimolT) den Befehl, an Stelle der Fregatte Au-
rora nach den Küsten des Amur -Landes sich zu begeben. Ich erwirkte mir, um an den Ort
meiner Bestimmung zu gelangen, die Erjaubniss mit meinen Begleitern an Bord der Corvette
aufgenommen zu werden. Schon am 27. Juni (9. Juli) lichteten wir wiederum die Anker;
doch hielten uns contraire Winde und Windstilleu noch 5 Tage in der geräumigen Bai Awa-
tscha zurück, und erst am 3. (15.) Juli ward es uns möglich dieselbe zu verlassen. Sobald
wir jedoch die Küsten von Kamtsciiatka hinler uns hatten, traten wiederum anhaltende con-
traire W.- und SW.-Winde und Windstillen unter beständigem Regen- und IVebelwetter ein.
Wir waren daher genötliigt uns in östlicheren Längen den südlichen Kurilen zuzuwenden.
Am 16. (28.) Juli Abends mussten wir uns endlich am Eingange in die Strasse derBoussole
befinden, ohne jedoch bei dem dichten Nebel aucli nur eine Spur vom Lande sehen zu kön-
nen und mehr als die Schiffsrechnung für uns zu haben, da unter den beständigen Nebeln seit
unserer Abreise von Kamtschatka keine einzige astronomische Ortsbestimmung möglich
gewesen war. Jetzt brach eine stockfinstere Nacht an, und während eine todte Windstille je-
des Wenden des Schiffes erfolglos machte, trieb uns eine überaus starke Strömung in der
Richtung nach West fort. Diese Erscheinung, so wie der brandungsähnliche Lärm der sich
durchkreuzenden Strömungen belehrten uns, dass wir uns in der That in der Strasse der
Boussole, zwischen den felsigen Inseln Urup und Ssimuschir befanden. Am folgenden
Morgen sahen wir uns im Ochotskischen Meere, ob wir gleich bei dem fortdauernden Nebel
auch jetzt keine Spur von der nunmehr hinter uns liegenden Kette der Kurilischen Inseln
gewahren konnten. Und von diesem Momente, dem Eintritte in das Ochotskische Meer an, durfte
ich mich bereits als an dem Schauplatz der mir bevorstehenden Forschungen angelangt ansehen;
denn mildem Ochotskischen Meere halle ich zum Theil das Mündungsmeer des Amur-Stromes
und das Küslenmeer Sachalin's erreicht, das Meer, dessen Fauna in ihren an den Küsten des
Amur-Landes vorkommenden oder gar in die Flüsse aufsteigenden Formen, dessen klimatische
Einflüsse, dessen cuiturgeographische Bedeutung u. s. w. bei der Erforschung des Amur-Landes
ein nolhwendiges Glied abgeben mussten. Auch liegen die von nun an zur See von mir besuchten
Küslenorte schon in dem Bereiche des Amur-Landes. Ich glaube daher auch den vorläufigen histo-
rischen Abriss meiner Reisen von nun an etatas ausführlicher als bis dahin fassen zu müssen.
//-
■tk.^
Gang der Reise. ix
Unter wechselnden Winden und Windstillen langsam vorwärts rückend , erblickten wir
am 20. Juli (1. August) Morgens die Südostspilze der Insel Sachalin, das Cap Aniwa, und
gingen zwei Tage später in der Bai Aniwa vor Anker. Wider Erwarten fanden wir hier den
im Jahre vorher angelegten Posten der russisch -amerikanischen Compagnie aufgehoben und
die K sie wieder im ausschliesslichen Besitze der Japanesen. Diese emplingen uns zwar sehr
freundlich und mit dem bei ihnen üblichen Ceremoniell, baten uns jedoch ihre Ansiedelungen
nicht zu betreten, was ihnen auch gewährt wurde. Meine ursprüngliche Absicht, die Insel
Sachalin von der Bai Aniwa aus zu bereisen, musste ich daher aufgeben und mich auf die
Hoffnung vertrösten, die Insel später von der Mündung des Amur -Stromes aus besuchen zu
können. Nach einem Aufenthalte von mehreren Stunden am Lande gingen wir wieder unter
Segel und umschifften in derselben Nacht die Südwestspitze der Insel Sachalin , das Cap
Crillon, in der Strasse La Perouse. Am folgenden Morgen befanden wir uns im Ange-
sichte der Insel Monneron, in der Meerenge (dem ehemaligen vermeintlichen Golfe) der Tar-
tarei. Das heitere Wetter und die ungewöhnliche, nebelfreie Luft gestatteten uns, nordwärts
steuernd, fast ununterbrochen beide Küsten der Meerenge, diejenige der Insel Sachalin und
des Festlandes, am Horizonte zu verfolgen. Am 25. Juli (6. Aug.) näherten wir uns dem Cap
Putjatin an der Küste der Mandshurei und liefen in die gleich nordwärts von demselben
im 49° n. Br. gelegene, sehr geräumige und tiefe Bai Iladshi ein, die von ihren ersten rus-
sischen Entdeckern, im Jahre 1852, den Namen Kaiserhafen erhalten hat, von den Engländern
aber 4 Jahre später Barracuta-Bai genannt worden ist. Auch doi*t fanden wir den im Jahre
vorher gegründeten russischen Posten bis auf eine Besatzung von 1 1 Mann Kosaken verlassen.
Drei Tage verblieben wir in der Bai Hadshi, während welcher Zeit ich an diesen noch völ-
lig unbekannten Küsten möglichst viel Pilanzen und Thiere zu sammeln bemüht war, auch
den hier einmündenden Fluss Hadshi eine Strecke aufwärts befuhr und die erste Bekannt-
schaft mit den dortigen Eingeborenen, den Orotschen, einem Volke von tungusischem
Stamme, machte. Fast ununterbrochene Nebel begleiteten uns von hier bis zu der an derselben
Küste ungefähr zwei Breitengrade nördlicher gelegenen Bai deCastries, indie wiram 30. Juli
(11. Aug.) einliefen. Wenige Stunden nach uns traf auch der Dampfschooner Wostok (Capit.
Rimskij-Korssakoff),der von der Braunkohlenbai von Sachalin kam, in der Bai deCastries
ein, und da die Corvette zunächst nicht weiter gehen sollte, der Schooner aber nach der Mündung
des Amur-Stromes bestimmt war, so begab ich mich mit meinen Begleitern und sämnitlichen
Reiseeffecten an Bord desselben. Am 1. (13.) Aug. lichteten wir Anker und steuerten längs der
Festlandsküste nordwärts zumCapLasareff, das am nördlichen, sehr schmalen Ende der Meer-
enge der Tartarei, am Eingange in den Amur-Liman liegt. Dort fanden wir die Fregatten
Pallas und Diana vor Anker liegen, auf welcher letzteren der Reisende des botanischen Gar-
tens, Hr.Maximowicz, sich befand, der nunmehr mein Reisegefährte auf dem Schooner Wo-
stok nach der Mündung des Amur -Stromes wurde. So gering hier die Entfernung auch ist,
so dauerte unsere Fahrt durch den Amur-Liman doch mehrere Tage. Denn unser Schooner,
mit dem sehr unregelmässigen Fahrwasser des Amur-Limanes noch völlig unbekannt, gerieth
Schreock's Amur-Reise Bd. 1. U
X Einleüiing.
iü wieJerholten Malen auf Sandbänke, von denen es nicht immer leicht war in kurzer Zeit
wieder loszukommen. Das gab uns Gelegenheit die Festlandsküste des Amur-Limanes und die
anlieirenden kleinen Inseln zu wiederholten Malen und an vielen Punkten zu besuchen, um die
geognostische Beschaflfenheit- der Ufer und ihre Flor und Fauna zu studiren und die erste Be-
kanntschaft mit den dortigen Eingeborenen, den Giljaken, zu machen. Am 6. (18.) August
liefen wir endlich in die Mündung des Amur -Stromes ein, und am folgenden Tage warfen
wir vor dem etwa 30 Werst von der Mündung des Stromes entfernten, am linken Ufer des-
selben gelegenen Nikolajewschen Posten *) Anker. Damit war nun der Ort unserer Bestim-
mung erreicht und die Seereise beschlossen, die, von unserer Abreise von St. Petersburg an
gerechnet, genau ein Jahr gedauert hatte.
Wir verliessen am selben Tage das Schiff und bezogen ein Zelt am Ufer des Stromes.
Die für meine Zwecke äusserst günstige Lage des Nikolajewschen Postens an der Mündung
des Amur-Stromes, der Hauptverkehrsader im Amur-Lande, und zugleich in der Nähe der
Insel Sachalin und der Küsten des Ochotskischen und Tartarischen Meeres bewog mich
diesen Ort zum Mittelpunkte meiner Forschungen und zum Ausgangspunkte aller ferneren
Reisen im Atnur-Lande zu wählen. In diesem Jahre unternahm ich jedoch, der bereits vorge-
rückten Jahreszeit wegen, keine grössere Reise mehr, sondern begnügte mich mit häuügen
Ausflügen in die Umgegend des Nikolajewschen Postens, welche den Zweck hatten, die
erste Grundlage zu naturhistofischen Sammlungen im Amur-Lande zu legen. Nach Mög-
lichkeit suchte ich mich dabei auf grösseren Streifzügen von einem Giljaken begleiten zu
lassen, um zugleich durch Verkehr mit diesen Eingeborenen der Amur-Mündung zur Kennt-
niss ihrer Sprache zu gelangen, die mir sowohl zu ethnograpischen Forschungen, als auch zur
Einziehung naturhistorischer Nachrichten über das Amur -Land unumgänglich nothwendig
war. Sobald als möglich wurden auch regelmässige meteorologische Beobachtungen im
Nikolajewschen Posten eingeleitet, welche acht mal täglich den Stand des Barometers,
des Thermometers, die Richtung des Windes und den Zustand der Atmosphäre aufzuzeichnen
hatten. Um nun für diese Beobachtungen über das Klima des Amur-Landes eine grössere Ba-
sis zu gewinnen, trafen wir mit Hrn. Maximowicz, der den etwa 300 Werst oberhalb am
Amur gelegenen Mariinskischen Posten zu seinem Winteraufenthalte gewählt hatte, die
Abmachung, unsere Beobachtungen stets zu denselben Stunden zu machen.
Neben diesen wissenschaftlichen Beschäftigungen nahm endlich auch ein Interesse prak-
tischer Natur die erste Zeit meines Aufenthalles im Nikolajewschen Posten in Anspruch.
Da nämlich der zur Zeit meiner Ankunft erst seit einem Jahre begründete Posten nicht mehr
als ein paar Häuser zählte und mir keine feste und beständige Wohnung bieten konnte, so
*) Obgleich dieser Ort, bei der raschen Enlwickelung der russischen Colonieeii am Amur- Strome, gegenwartig
schon zu dem Range einer Stadt, unter dem Namen Nikolajewsk, erhciben Uind zum Sitze der Gouvernenients-Kegie-
rung gemacht worden ist, die sich über das ganze Küstenland am Ochotskischen Meere, Kamtschatka mit ein;^e-
rechnct, erstreckt, so bleiben wir doch in den folgenden Miltheilungen bei der zur Zeit unseres Aufenthaltes im
Amur-Lande für diesen Ort gebräuchlichen Bezeichnung «Nikolaje wscher Postenu.
Gang der Reise. n
musste ich selbst zum Aufbau eines Hauses schreiten, das uns um so nothwendiger war, als
meine Sammlungen zunächst des Schutzes gegen die nahenden Herbslregen und in Zukunft,
bei völliger Unmöglichkeit sofortiger Abseudung nach St. Petersburg, eines bleibenden Ortes
der Niederlage während meiner Reisen im Amur-Lande bedurften. So schwer dieses Unter-
nehmen bei den anfänglichen Zuständen und geringen Mitteln des Nikolajewschen Postens
auch auszuführen war, so sah ich mich doch bereits im Anfange November's mit meinen Be-
gleitern und allen Sammlungen unter Dach und gegen die nunmehr rasch einbrechende
winterliche Jahreszeit geschützt.
So wenig nun der Winter nordischer Breiten im Allgemeinen zu naturhistorischen Rei-
sen geeignet ist, so war doch im gegenwärtigen Falle der Nutzen, den ich mir von Winter-
reisen im Amur-Lande versprechen musste, ein so vielseitiger und bedeutender, dass ich den
festen Entschluss welche auszuführen fasste. Bieten nämlich die durchweg gebirgigen und
waldigen Wildnisse am unteren Amur dem Reisenden im Sommer keine anderen Verkehrs-
wege als den Hauptstrom selbst und etwa noch den unteren Lauf der meist reissenden Zu-
flüsse desselben dar, so eröffnet ihm dagegen der Winter die Möglichkeit, in leichten, mit
Hunden bespannten Schlitten seinen Weg direkt durch die Wälder und über die Gebirgszüge
hinweg in die vom Strome entfernteren Landschaften zu nehmen. Indem daher die Winter-
reisen nach solchen Gegenden führen konnten, die im Sommer nicht zu erreichen waren,
stand von ihnen zunächst eine wesentliche Erweiterung unserer Kenntnisse der oro- und hy-
drographischen Verhältnisse des Amur-Landes zu erwarten. Daneben aber mussten sie auch
zu einem umfassenderen ethnographischen Bilde des Amur-Landes führen, indem sie uns die
Gränzen der Verbreitung der zahlreichen das Amur-Land bewohnenden Völker ermitteln hal-
fen und uns namentlich auch mit den dem Amur-Strome entlegeneren Stämmen in Berührung
brachten. Zudem bürgte die allgemeine Lebensweise dieser Völker dafür, dass der Winter
auch diejenige Jahreszeit sei, welche dem Reisenden die häufigste Berührung und den erfolg-
reichsten Verkehr mit ihnen gestatten müsse, da diese ichtb}ophagen Halbnomaden alsdann
in grösserer Menge in ihren festen Winterwohnungen versammelt sind, während der Sommer
sie zum Fischfänge und zur Bereitung von Wintervorräthen auf die Inseln und längs den zahl-
reichen Flussarmen des Amurs zerstreut. Ausser dem ethnographischen Interesse aber, das
der Verkehr mit den Eingeborenen versprach, Hess sich aus demselben auch in zoologischer
Beziehung die Erlangung mannigfacher Erfahrungen und Nachrichten über die den Eingebo-
renen nutzbaren oder überhaupt bekannten Thierarten erwarten, wozu wiederum der Winter,
als die bei den Eingeborenen des unteren Amur-Landes dem Jagderwerbe gewidmete Jahres-
zeit, die meiste Gelegenheit darbieten musste. Inwiefern in dieser letzteren Beziehung auf den
Winterreisen in der That schätzbare Materialien zur Fauna des Amur-Landes gewonnen
werden konnten, soll noch im Besonderen bei Abhandlung der Säugethiere des Amur-Landes
hervorgehoben werden.
Die angeführten Umstände erwägend, schritt ich mit dem Eintritte des Winters an die
Reisevorbereitungen , welche im Einkaufe von Provision und Tauschwaaren und in der
XII
Einleitung.
Besorgung eigener, bei den Russen am Ochotskischen Meere und in Kamtschatka ge-
bräuchlicher Schlitten, sogenannter «Narten», bestanden, deren jede mit 10 — 13 Hunden be-
spannt wird. Das Ziel meiner Reise sollte für dieses Mal die Insel ^Sachalin sein. Da der
südliche Theil des Amur-Limanes und die Meerenge am Cap Lasareff erst gegen Mitte Ja-
nuar's (alt. Stiles) mit einer bleibenden Eisschicht sich bedecken, trat ich am 27- Jan. (8. Febr.)
auf 4 Narten meine Reise an *). Wir folgten dem Fesllandsufer des Amur-Limaues bis zum
Cap Lasareff und setzten von dort am 1. (13.) Febr. nach der Insel Sachalin beim giljaki-
schen Dorfe Poghobi über. Längs der niedrigen, mit krüppeliger Lärchen waldung bedeck-
ten Westküste der Insel südwärts reisend, erreichten wir am 3. (15.) Febr. das Dorf Tyk,
wo wir von heftigen Schneegestöbern 3 Tage lang zurückgehalten wurden. Während dieser
Zeit hatte ich viel mit der Ungastlichkeit der Giljaken dieses Dorfes zu kämpfen, welche
mir sowohl den Einkauf von Futter für meine Hunde, als auch Obdach und Feuer zum
Bereiten des Essens zu verweigern suchten. Letzteres konnte zwar durch Drohung mit be-
waffneter Hand erzwungen werden, was aber das Hundefutter betraf, so war daran lei-
der an der gesammten Westküste der Insel iu diesem Jahre ein grosser Mangel und hatten die
Giljaken der südlicher von Tyk gelegenen Dörfer sich sogar genöthigt gesehen, ihre Wohn-
plätze an der Meeresküste zu verlassen und landeinwärts nach dem Tymy- Flusse zu ziehen,
wo der Fischfang im letzten Herbste ein ergiebigerer gewesen war. Dadurch an der ^^'eiter-
reise behindert, begab ich mich wieder an den Amur-Liman zurück, in der Absicht mich
dort mit einem grösseren Vorrathe an Hundefutter zu versorgen. Da jedoch auch dort alle
Versuche erfolglos blieben, sah ich mich genöthigt, die Reise nach der Insel Sachalin für
dieses Mal aufzugeben und sie für den nächsten Winter mir vorzubehalten, wo ich bei Zeiten
die nöthigen Vorrathe an Hundefutter machen konnte. Für jetzt dagegen beschloss ich, land-
einwärts nach dem Amur -Strome mich zu wenden und von diesem aus die bei den tungusi-
schen Völkern am unteren Amur als reiches Jagdrevier bekannten waldigen Wildnisse am
Gorin-Flusse zu besuchen. In dieser Absicht brach ich am 13. (25.) Febr. vom Cap Lasareff
auf und begab mich über das grosse Giljaken-Dorf Tschomi nach der Mündung des Tymi-
Flusses im Limane. Von dort folgte ich dem genannten Flusse aufwärts bis zum Gebirge, das
zwischen dem Amur-Strome und Limane sich hinzieht, überschritt dieses bei starkem Schnee-
gestöber und kam dann längs demChaselach-Flusse an den Amur-Strom bei dem Mangunen-
Dorfe Pulj heraus, von wo ich nach zwei Tagen, am 19. Febr. (3. März), den unweit vom
mangunischen Dorfe Kidsi **) gelegenen Mariinski sehen Posten erreichte. Nach einer mehr-
tägigen, durch die Erkrankung zweier meiner Kosaken veranlassten Rast setzte ich meine
*) Vorläufige Naihrichten über diese und die folgenden im Amur-Laude von mir ausgeführten Reisen sind
auch in den an den beständigen Secretair der Akademie von mir eingesandten Berichten zu finden. S. Bullet, de la
Classe physicu-malhem. de l'Acad. Imp. d. s«! de Sl.-Pet. T. XIV. p. 184 u. 217. T. XV. p. 169 u. 241. Desgl. »lelanges
phys. et chiniiques. T. II. p. 446. T. III. p. 60. Melanges russes. T. III. p. 8.
**) Im Sommer desselben Jahres (1833) ist der Ort, wo dieses Dorf lag. zur Ansiedelung eines Bataillones
Liniensoldaten erwählt und in l'olge dessen von den Mangunen gegen Entschädigung verlasse» worden. Die russische
Ansiedelung behielt jedoch den Namen Kidsi oder in der Aussprache der Küssen «Kisi» bei.
Gang der Reise. xiii
Reise den Amur aufwärts durch das Gebiet der Mangunen und Golde fort und gelangte
am 6. (18.) März an die Mündung des Gorin-Flusses. Dort verliess ich den Amur und begab
mich in das vom Gorin durchsliümle Nebenthal desselben. Nachdem wir die unbewohnten,
nur von zahlreichen Jägern aus den Stämmen der Golde und Ssamagern (oder Kile vom
Gorin) besuchten waldigen Wildnisse am unleren Laufe dieses Flusses überschritten hatten,
erreichten wir das Dorf Ngagha am Gorin, wo ich die Bekanntschaft des tungusischen
Stammes der Ssamagern machte. Gern hätte ich dort längere Zeit verweilt, um im Verkehre
mit den Eingeborenen und durch Jagden, die ich von dort aus anstellte, meine Erfahrungen
über diesen Theil des Amur -Landes in ethnographischer und zoologischer Beziehung zu
erweitern. Die späte Jahreszeit mahnte mich jedoch an die Rückreise. In Bitschu an der
Gorin-3Iündung angelangt, trat ich daher am 13. (25.) März die Rückreise auf dem Amur-
Strome an. Die während des Tages nunmehr regelmässig vor sich gehende Schneeschmelze
machte die Fahrt mit Hunden sehr beschwerlich und erlaubte mir fast nur Nachts, wenn wie-
derum Frost sich einstellte, weiter zu reisen. Vom Dorfe Pulj an betrat ich einen mir noch
unbekannten Theil des Amur-Stromes, der bald unterhalb jenes Ortes, vom Dorfe Chjare an
und bis zur Amur-Mündung von Giljaken bewohnt wird. Je weiter wir übrigens abwärts
auf dem Amur -Strome kamen, desto weniger war das nahende Frühjahr zu merken, zumal
in der letzten Biegung nach Ost, die der Strom etwa 100 Werst oberhalb seiner Mündung
erfährt. Das beschleunigte unsere Fahrt und gestattete mir am 28. März (9. April) wieder im
Nikolajewschen Posten einzutreffen, nach einer Abwesenheit von 2 Monaten, während wel-
cher ich ungefähr 1600 Werst mit Hunden zurückgelegt hatte.
Im Posten angelangt, übernahm ich sogleich wieder die meteorologischen Beobachtungen,
die während meiner Abwesenheit von Hrn. Poliwanoff sorgfältig forlgesetzt worden waren,
und die mir für den Monat April insofern noch von besonderem Interesse sein mussten, als
dieser für die Amur -Mündung grade die Zeit der Ankunft der meisten Zugvögel und über-
haupt des ersten Wiedererwachens der organischen Natur ist. Daneben aber musste auch
auch ohne Verzug an die Vorbereitungen zur Sommerreise geschritten werden, die ich mit
Aufgang des Amur-Stromes anzutreten beabsichtigte. Da der auch an jenen fernen Küsten
Asiens fühlbare Kriegszusland alle wissenschaftlichen Forschungen an den Meeresküsten des
Festlandes sowohl als auch der Insel Sachalin unmöglich machte, so mussten sich unsere
Blicke für diesen Sommer ganz dem Innern des Landes und in diesem dem Amur-Strome zu-
wenden. Um hier aber im Laufe eines Sommers zu einem möglichst umfassenden Ueberblicke
der klimatischen Verhältnisse und organischen Erzeugnisse des unteren Amur-Landes zu ge-
langen, schien es uns wünschenswerth von der Mündung des Amur-Stromes bis zu möglichst
südlichen Breiten innerhalb des Amur -Systems vorzuschreiten. Wir beschlossen daher zu-
nächst den unteren Amur -Strom bis zu dessen südlicher Biegung und der Mündung des Ls-
suri in denselben zu befahren, und alsdann diesem letzteren, ebenfalls in ungefährer Meri-
dianrichtung laufenden Flusse aufwärts zu folgen.
Auf den Erfahrungen der Eingeborenen fussend, rüstete ich zu dieser Reise zwei giljakische
:ny Einleüung.
Böte aus, die durch ihre eigenthümliche Bauart besonders befähigt sind der starken Strömung im
Amur Widerstand zu leisten. Am 2. (14.) Mai befreite sich die Mitte des Stromes vom Eise, und
am 1 3 . (25.), als auch die Ufer und Buchten des Stromes zum grössten Theil eisfrei geworden wa-
ren, trat ich meine Reise an. Sobald wir die unterste, nach Ost gerichtete Biegung des Stromes
amCapTehach hinter uns hatten, Hess sich in der Pflanzen- und Thierwelt ein bedeutend vor-
gerückterer Zustand wahrnehmen, was nun in dem Maasse, als wir weiter stromaufwärts ka-
men, mit raschen Schritten zunahm. Im Mariin skischen Posten, den wir nach 10 Tagen er-
reichten, fanden wir Alles schon im üppigsten Grün. Nach einem Aufenthalte von 2 Tagen setzte
ich meine Reise fort, dem rechten, höheren Ufer des Amur -Stromes folgend. Allein beim
Dorfe Puljssa, am 30. Mai (II. Juni), begegnete ich dem General- Gouverneur von Ostsihi-
rien, Hrn. General-Lieutenant Murawjoff, und erhielt von demselben den Befehl umzukehren
und mich nach der Bai de Castries an der Meerenge der Tartarei, behufs nalurhislorischer
Untersuchung der Küste daselbst, zu hegeben. Ich traf daher wieder im Mariinskischen
Posten ein und brach von dort am 3. (15.) Juni nach der Bai de Castries auf. Die Reise
dahin geschieht anfangs zu Bool über eine weite und tiefe Bucht des Amur-Stromes, den so-
genannten See von Kidsi, und alsdann mit Hülfe von Packpferden oder zu Fuss durch einen
sumpfigen Wald und über eine unbedeutende Hohe bis zur Meeresküste. Gegenwärtig war
der kleine, im Jahre 1853 gegründete Alexandrowsche Posten in der Bai de Castries ver-
lassen, und es stalionirte eine Abtheilung Kosaken im dichten Walde an der Meeresküste, der
stündlich zu erwartenden Ankunft feindlicher Schifle in der Bai harrend. So ungünstig auch
dieser Zeitpunkt für wissenschaftliche Forschungen in der Bai war, so suchte ich doch meinen
Aufenthall in derselben nach Möglichkeit dazu zu benutzen, mich von der noch völlig unbekann-
ten Meeresfauna jener Küsten mit Hülfe des Dredge-Instrumentes zu unterrichten. Leider
hatte ich nicht die Mittel erhalten mein eigenes Boot nach der Bai hinüberzubringen und
musste mich daher zu den Fahrten auf der weiten, den frischen Seewinden ausgesetzten Mee-
resbai eines kleinen und schlechten Orotschen- Bootes bedienen, das mir überdies auch nicht
immer zu Gebote stand. Zudem zog der Aufenthalt im sumpfigen Walde und die schlechte und
ungeni'igende Kost, auf die wir angewiesen waren, in kurzer Zeit meinen beiden Begleitern
und zweien meiner Leute Unpässlichkeiten zu, so dass ich mich bald auf einen einzigen Ma-
trosen beschränkt sah. Dadurch ausser Stand gesetzt, meine Arbeiten in der Bai länger fort-
zusetzen, hielt ich es für zweckmässig nach Verlauf von 10 Tagen die Bai de Castries zu ver-
lassen und mich wiederum nach dem Mariinskischen Posten zu hegeben. Dort traf ich mit'
Hrn. Maximowicz zusammen, der inzwischen ebenfalls von einer begonnenen Reise nach
dem Ussuri zurückberufen worden war. Auf unser gemeinsames Gesuch erhielten wir nun-
mehr vom General-douverneur die Erlaubniss, unsere unterbrocheue Reise nach dem Ussuri
wieder aufnehmen zu dürfen. Ohne Verzug, am 24. Juni (6. Juli), sogleich nach erhaltener
Erlaubniss zur Reise, verliessen wir nun den Posten. Da wir jedoch nur je zwei Mann Rude-
rer auf unsere Böte erhalten hatten, und diese Anzahl nicht genügen konnte, die Böte gegen
die starke Strömung im Amur vorwärts zu bringen, sahen wir uns genötbigl beständig noch
Gnvg der Reise. tf
2 und 3 Ruderer unter den Eingeborenen zu miethen , was unsere Mittel natürlich sehr
rasch schmälerte. Bis zur Mündung des Gorin-Flusses in den Amur folgten wir abwech-
selnd dem einen und dem anderen Ufer des Stromes. Von dort an aber hielten wir uns
beständig an das höhere rechte Ufer desselben, das linke für die Rückreise uns vorbehaltend.
Am 16. (28.) Juli rasteten wir an der Mündung des Chongar- Flusses, eines für die Einge-
borenen um so bedeutungsvolleren rechten Zuflusses des Amur's, als er eine vielbesuchte
Verkehrsstrasse zwischen den Golde am Amur und den Orotschen an der Meeresküste bil-
den hilft. Dort befanden wir uns bereits in einer im Vergleich zum Mariinskischen Posten
sehr merklich südlicheren Natur, indem dort alles Nadelholz schon auf das höhere Gebirge
verdrängt ist und üppiger Laubwald das Ufer bedeckt. Vierzehn Tage später erreichten wir
die Mündung des Ussuri. Dort begegneten uns die ersten mandshurischen Beamten, die sich
aber widi^r Erwarten zuvorkommend gegen uns benahmen und sich sogar behiilflich zeigten,
uns frische Ruderer den Ussuri aufwärts zu verschaffen. Es war uns im höchsten Grade in-
teressant, diesen nächst dem Ssungari bedeutendsten rechten Zufluss des Amur-Stromes aus
eigener Anschauung kennen zu lernen. In seinem unleren Laufe machten wir die erste Be-
kanntschaft mit den ausgedehnten, grasreichen, nur hin und wieder mit lichtem Walde von
Laubhölzern und vorzüglich Eichen bestandenen Prairieen des Amur -Landes, die in schnei-
dendem Contraste zu der fast ausschliesslich aus felsigen Gebirgen und dichten Nadelwaldun-
gen zusammengesetzten Natur des unleren Laufes und besonders der Mündung des Amur-
Stromes stehen. Weiter aufwärts sahen wir jedoch auch am Ussuri kleinere Gebirgszüge
dem Strome mehr oder weniger und bisweilen bis an die unmittelbaren Ufer desselben sich
nähern. Wir gelangten auf dem Ussuri bis zur Mündung des Flusses Noor in denselben, die
wir am 12.(24.) August erreichten. Dort sahen wir uns leider durch den Mangel an ferneren
Mitteln zur Bezahlung der Ruderer und durch theilweises Erkranken unserer Leute genölhigt
unserer Reise ein Ziel zu setzen. Nach zweitägiger Rast traten wir die Rückreise an und lang-
ten am 17. (29.) August wiederum an der Mündung des Ussuri an. Von dort dem Amur
abwärts folgend, hielten wir uns beständig an das linke Ufer desselben, welches noch lange
unterhalb der Ussuri -Mündung einen niedrigen, zum Theil prairieartigen Charakter behält
und erst nahe gegenüber der Choogar-Mündung ebenfalls gebirgig wird. Am 4. (16.) Sept.
erreichten wir den Mariinskischen Posten und am 17. (29.) traf ich wiederum im Nikola-
jewschen Posten ein, nachdem ich dieses Mal über vier Monate abwesend gewesen war und
eine Strecke von etwa 2500 Werst zu Boot zurückgelegt hatte.
Im Posten nahmen nun wiederum beständige meteorologische Beobachtungen, häufige
Jagdstreifzüge in die Umgegend und ein beständiger Verkehr mit den Giljaken meine Zeit
in Anspruch. Bei Zeiten musste auch an die Besorgung eines Vorrathes von Hundefutter zu
der mir bevorstehenden Winterreise nach der Insel Sachalin gedacht werden. Da der Lachs-
fang im Amur-Limane und Strome in diesem Jahre ein sehr ergiebiger gewesen war, so
hielt es nicht schwer einen Vorrath zu machen, der hinreichen musste, um mich bis nach
dem Tymy- Flusse, im Innern der Insel, zu bringen, wo ich auf frische Vorräthe bei den
XVI
Einleitung.
Giljaken rechnen durfte. Am 30. Jan. (11. Febr.) trat ich auf 3 Schlitten meine Reise an.
Wir eilten über den Liman und betraten am 1. (13.) Febr. beim Dorfe Poghobi die Insel.
Südlich von dort, im Dorfe Tyk überraschten mich wiederum stirmische Schneegestöber, die
4 Tage lang mit grosser Heftigkeit anhielten. Dank dem mitgenommenen Vorrathe an Hunde-
futter konnte ich jedoch nach Verlauf derselben meine Reise fortsetzen und erreichte am 8. (20.)
Febr., längs der Westküste von Sachalin nach Süden reisend, das Dorf Arkai, von wo die
von den Giljaken und Oroken der Insel gewöhnlich befolgte Strasse in's Innere der Insel
führt. Durch die letzten Schneegestöber war aber dieselbe leider vollkommen verstimmt und
zeigte sich kein Giljake im Dorfe willig mir zum Führer auf dem schweren, angeblich über
drei Gebirgsrücken führenden Wege nach den Quellen des Tymy-Flusses zu dienen. Ich brach
daher am Morgen des folgenden Tages ohne Führer landeinwärts auf. Die anfangs noch
sichtbaren Spuren des Weges verloren sich bald und mussten durch häufiges Sondiren des
Schnee's wieder aufgefunden werden. Mit vieler Mühe überstiegen wir den ersten Gebirgs-
rücken und lagerten uns zur Nacht. Es war die letzte, für die unser Vorrath an Hundefutter
noch vorhielt. Leider brach jetzt wiederum ein stürmisches Unwetter mit Schneegestöber an,
das uns für den nächsten Tag auch die letzten, noch hin und wieder sichlbaren Spuren des
Weges rauben mussle. Nur unter beständigem Sondiren der tiefen Schneemassen konnten wir
daher am nächsten Morgen unseren Weg fortsetzen. Bald versagte jedoch auch dieses letzte
Mittel und jetzt befanden wir uns in völliger Unkenntniss über die ferner einzuschlagende
Richtung. Zum Glücke begegneten uns hier zwei giljakische Schlitten, die vom Tymy-Flusse
kamen. Die Spuren, die sie hinterlassen hatten, benutzend, setzten wir unsere Reise fort,
kreuzten noch zwei Gebirgsrücken und erreichten am Abend bei heftigem Schneegestöber eine
giljakische Hütte im Tymy-Thale. In den nächsten Tagen besuchte ich nun die zahlreichen
giljakischen Dörfer am oberen Laufe des Tyiny- Flusses, die in Folge iiirer geographischen
Lage an diesem für das nördliche Sachalin höchst bedeutungsvollen Flusse und zugleich unfern
von den Quellen des nach dem Golfe der Geduld gerichteten Ty- Flusses (der Newa von
Krusenstern) einen natürlichen Verkehrsniittelpunkt für alle drei die Insel bewohnenden
Volksstämme, die Giljaken, Oroken und Aino abgeben. Neben ethnographischen Studien
war mir dort auch reiche Gelegenheit geboten, Nachrichten und eigene Erfahrungen über die
höhere Fauna der Insel Sachalin einzusammeln. Namentlich bot auch der im oberen
Laufe niemals gefrierende Tymy-Fluss ein fruchtbares und lohnendes Terrain für Jagden dar.
Gern verweilte ich daher im oberen Tymy-Thale so lange, als die Umstände es gestatteten
und als nothwendig war, um mir neue Vorrathe an Hundefutter zur Weiterreise zu verschaf-
fen, was bei dem Argwohne und der Habsucht der Sachalin-Giljaken nicht so leicht aus-
zuführen war. Am 16. (28.) Febr. trat ich unter Begleitung eines giljakischen Führers die
Reise das Tymy-Thal abwärts zur Ostküsle der Insel an. Mehrere Tage hindurch begleitete
uns noch eine kräftige, mannigfaltige, aus Laub- und Nadelhölzern gemischte Waldung, wie
sie das Innere der Insel iiesitzt. Als wir jedoch der Meeresküste uns näherten und auch die
hohen Gebirgszüge, welche den Tymy-Fluss in ziemlicher Entfernung begleiten, hinter uns
Gang der Reise. xvn
hatten, stellte sich eine mehr und mehr ausschliessliche und oft krüppelige Lärchenwaldung
ein, ähnlich derjenigen, welche auch die Westküste der Insel in ihrem nördlichen Theile he-
deckt. Am 20. Febr. (4. März) erreichte ich die Ostkiiste von Sachalin und setzte auf der-
selben meine Reise noch bis zur Bai Nyi nördlich von der Miindung des Tymy - Flusses fort.
Dort setzten Mangel an fernerem Hundefutter und die Weigerung meines Fiihrers weiter zu
gehen, so wie der äusserst rege Argwohn der zur Pliuiilerung und selbst zum Raubmorde sehr
geneigten Giljaken des nördlichen Sachali n's meiner Reise ein Ziel, ^fach mehreren Tagen
Aufenthaltes an der Ostküste begab ich mich daher wieder in s Tymy-Thal und an die West-
küste der Insel zurück. Ehe ich jedoch an dieser weiter reiste, besuchte ich uoch die beim
giljakischen Dorfe Dui befindliche Bai de la Joncquiere und die südlicher gelegene Bai
Choindsho, wo die ansehnlichsten Lager von Braunkohle auf der Insel zu Tage treten. Die
Rückreise längs der Westküste der Insel musste nach Möglichkeit beschleunigt werden, da
inzwischen unsere sämmtlichen Lebensmittel für uns und unsere Hunde ausgegangen waren.
Am 4. (16.) März betrat ich wieder die Festlandsküste iui Amur-Limane beim Dorfe My.
Von dort schickte ich sogleich einen meiner Schlitten nach dem Nikolajewschen Posten ab,
um uns neue Lebensmittel undTauscbwaaren an die Mündung des Amur-Stromes entgegen zu
bringen, da ich noch einen Abstecher nach der Sndküste des Ochotskischen Meeres auszu-
führen beabsichtigte. Diesen trat ich zwei Tage später, mit dem Nöthigen versehen, von dem
giljakischen Dorfe Tschcharbach an der Amur -Mündung an. Ich lernte dabei den nörd-
lichen Theil des Amur-Limanes und die Südküste des Ochotskischen Meeres bis nahe zum
giljakischen Dorfe Kullj kennen. Leider begleiteten mich auf dieser Reise sehr heftige und
fast ununterbrochene Schneegestöber, welche dieselbe sehr erschwerten. Am 12. (24.) März
traf ich endlich wiederum im Nikolajewschen Posten ein, nach einer Abwesenheit von 1^
Monaten, während welcher ich ungefähr 1 400 Werst auf Hunden zurückgelegt hatte.
Während des nunmehr folgenden Aufenthalts im Nikolajewschen Posten musste meine
Aufmerksamkeit, neben den gewöhnlichen, obenerwähnten wissenschaftlichen Beschäftigungen,
hauptsächlich auch auf die Zurüstungen zu der nahe bevorstehenden Sommerreise gerichtet
sein. Diese sollte nämlich, als Rückreise aus dem Amur-Lande, den gesammten Amur auf-
wärts gehen. Da mir zugleich kein anderer Weg zum Transporte aller auf der Seereise und
im Amur-Lande gemachten, im Nikolajewschen Posten angehäuften naturhistorischen und
ethnographischen Sammlungen offen stand, so mussten dieselben ebenfalls reisefertig gemacht
werden , um die voraussichtlich lange und beschwerliche Reise stromaufwärts und alsdann zu
Lande durch ganz Sibirien und das europäische Russland bis nach St. Petersburg schad-
los bestehen zu können. Jede Kiste musste zu dem Zwecke sorgfältig gepackt, vertheert und
in Rindsleder odei Seehundsfelle eingenäht werden, was bei der grossen Anzahl von Kisten
und den mangelhaften Mitteln des Nikolajewschen Postens viel Mühe, Zeit und Kostenaufwand
in Anspruch nahm. Daneben musste auch den vielfachen Bedürfnissen der Reise seihst vorge-
sorgt werden, welche, als wissenschaftliche Expedition behandelt, fortgesetztem naturhistori-
schem Beobachten und Sammeln gewidmet sein sollte.
Schreock's Amur-Keise Bd. I. 111
XVIII Einleilung.
Sobald der Amur-Slrom die Eisdecke abgeworfen halte, was in diesem Jahre (1856) am
9. (21.) Mai statt halle, schickte ich meine sämmtlichen, zur Reise hinlänglich gerüsteten Samm-
lungen nach dem iMariinskischeu Posten voraus und brach dann selbst mit meinen beiden Be-
gleitern am 13. (25.) Mai auf zwei giljakischen Böten auf. Die Natur war in diesem Jahre im
Vergleich mit dem vorigen sehr merklich zurück und gab, mit Ausnahme zahlreicher Enten und
Gänse auf dem Strome, nur wenig Ausbeute. Um so mehr Zeit konnte dem ethnographischen
Studium der Giljaken gewidmet werden, durch deren Gebiet ich zum letzten Mal reiste. Nach
9 Tagen langten wir im Mariinskischen Posten an, wo ich meine Sammlungen wohlbeslelll
vorfand. Dort stand uns ein längerer Aufenthalt bevor; denn da ich von nun an die Sammlungen
selbst weiter zu führen hatte, so mussten mehrere geräumige mandshurische Böte und eine hin-
längliche Anzahl von Ruderern herbeigeschafft werden. Letzteres aber hielt besonders schwer,
da der Krieg in einem nur von Militair besetzten Lande Alles in Anspruch nahm. Unsere einzige
Hoffnung war daher auf die rückkehrenden Leute der russisch -amerikanischen Companie ge-
richtet, deren Ankunft aber noch zu erwarten stand. Inzwischen benutzte ich den unfreiwilligen
Aufenthalt im Mariinskischen Posten, um mit Hrn. Maximowicz zusammen einen Ausflug
über den See von Kidsi nach dem Jai-Flusse auszuführen, an welchem eine der winterlichen
Verkehrsstrassen zwischen den Manguneu am Amur und den Orolschen der Meeresküste
besteht. Nach unserer Rückkehr vom Jai, am 3. (15.) Juni, fanden wir im Mariinskischen
Posten die Friedensnachricht aus Europa vor. Zugleich war ein Befehl vom General-Gouverneur
von Ostsibirien gekommen, einen Theil der am Amur befindlichen Truppen sogleich stromauf-
wärts zur Rückkehr in die Heimath zu befördern. Das gab uns Gelegenheit die nöthige Anzahl
von Ruderern auf unsere Böte zu erhalten. Auf mein Gesuch wurden mir 26 Mann Kosaken als
Ruderer zur Verfügung gestellt, was mit den drei bereits von mir gemietheteu Leuten der
russisch-amerikanischen Companie eine Mannschaft von 29 bildete. Diese wurden nun auf 3
grosse mandshurische Böte, welche meine sämmtlichen Sammlungen und reichliche Vorräthe
an Lebensmitteln und Tauschwaaren fassten , und ein kleines giljakisches Boot vertheilt, wel-
ches ich selbst bestieg, um, dem Zuge vorausgehend, mit Beobachten und Sammeln mich zu
beschäftigen. Ausserdem aber schloss sich mir noch ein 5'"* Boot an, welches die Sammlun-
gen von Hrn. Maximowicz, der noch im Mariinskischen Posten blieb, enthielt und das,
mit allem Nöthigen ausgerüstet, meiner Aufsicht und Leitung anempfohlen war. Mit den acht
Kosaken desselben zählte daher unsere gesammte Mannschaft, meine Begleiter und mich mit-
gerechnet, 40 Mann, wozu im unteren Laufe des Stromes noch stets ein Führer aus den Ein-
geborenen kam. So beschweilich eine Reise mit so zahlreicher Mannschaft im Falle eines
Mangels an Lebensmitteln auch werden konnte, so erwies es sich doch im gegenwärtigen
Falle, wie die Folgezeit lehrte, als ein Glück, dass die Mannschaft nicht geringer war, denn
nur das allein setzte mich in den Stand, trotz der äusserst zahlreichen Erkrankungen, die im
Laufe unserer beschwerlichen Reise erfolgten, ununterbrochen weiter zu gehen. Wir verlies-
sen am 15. (27.) Juni den Mariinskischen Posten und brauchten einen vollen Monat um bis
zum russischen Wachtposten gegenüber der Ssungari - Mündung zu gelangen. Der grösste
Gang der Reise. xix
Theil dieser Strecke, bis zur Ussuri-Mündung, war mir schon vom Sommer vorigen Jahres
her bekannt. Oberhalb der L'ssuri- Mündung aber lernte ich ein mir noch neues Gebiet am
Amur kennen, welches zum grösslen Theil eine Niederung ist, mit nur wenigen kleinen Ge-
birgszügen, die sich dem Strome und zumal seinem rechten Ufer nähern. Im Wachtposten
(Ssungarskij-Piket) waren die zur Versorgung der rückkehrenden Truppen bestimmten
Vorräthe noch nicht angelangt, und mussten wir daher mit den in Kidsi gemachten Vorräthen
weiter gehen. Nach einem Tage Rast, am 16. (28.) Juli, brachen wir wieder auf. Der Amur-
Strom wird oberhalb der Ssungari-Mündung, wo er bei den Mandshu den Namen Sachali
oder Sachalin-ula, d. h. schwarzer Fluss, trägt, ansehnlich schmäler. Fünf Taare lansr be-
gleitete uns noch an beiden Ufern desselben eine weite, hin und her mit Baumgruppen oder
auch mit lichtem Laubwalde bestandene Prairie; am 6'^« betraten wir den Fuss des Bureja-
(iebirges, das vom Amur-Strome durchbrochen wird. Leider war das Wasser im Strome, ver-
niuthlich in Folge häufiger Regengüsse an seinen Quellarmen und oberen Zuflüssen, seht an-
sehnlich gestiegen, was einerseits die ohnehin reissende Strömung desselben noch um ein Be-
deutendes verstärkte, und andererseits bei dem engen, von steilen Felsen eingeschlossenen
Bette des Stromes uns die Möglichkeit, unsere Böte hin und wieder vermittelst einer Leine
stromaufwärts zu ziehen, völlig raubte. Es blieb uns daher nichts übrig, als durch Rudern ge-
gen die reissende Strömung anzukämpfen, wobei wir uns oft genölhigt sahen, wenn die ange-
strengteste Arbeit nichts fruchten wollte, auf das jenseitige Ufer hinüberzugehen, ob dies
gleich bei der starken Strömung mit einem jedesmaligen Verluste gegen den schon gewonne-
nen Ort verbunden war. Acht Tage solcher Arbeit bei brennender Sonnengluth und bei
bereits geschmälerten Lebensmitteln mussten gewiss dazu beitragen, die Zahl der Kranken in
meiner Mannschaft rasch zu vergrössern. Häutige Erkältungen und in Folge davon heftige
rheumatische Uebel, welche die Leute beinahe in einen Zustand von Lähmung versetzten, Ty-
phus und die Folgen scorbutischer Leiden, denen sie an der Mündung des Stromes ausgesetzt
gewesen, raubten mir täglich mehr Kräfte und Hessen die Hindernisse wachsen. Am 28. Juli
(9. Aug.) erreichten wir endlich den westlichen Fuss des Bu reja- Gebirges : vor uns lag wie-
derum weite Prairie und im Beginn derselben der russische Wachtposten Chinganskoi Pi-
ket. Nach einer Rast von l^ Tagen brachen wir, mit frischen Lebensmitteln versehen, wie-
der auf. Jetzt setzten uns die niedrigen und ebenen Ufer des Amur -Stromes keine solchen
Hindernisse mehr wie im Gebirge in den Weg. Je weiter aufwärts wir kamen, desto ausge-
breiteter und allgemeiner wurde auch die Prairie zu beiden Seiten des Stromes. Bald oberhalb
der Bureja-Müiulung traten auch an Stelle der Zelte nomadischer Biraren, eines tungusi-
schen Stammes, der die Bureja (Njuman der Eingeborenen) und den angränzenden Theil
des Amur -Stromes bewohnt, feste, von Gemüsegärten und selbst kleinen Feldern umgebene
Ansiedelungen der Dauren, Mandshu und Chinesen, in denen wir Gelegenheit hatten für
unsere Mannschaft frische Lebensmittel sowohl zum gegenwärtigen Bedarfe, als auch zum
Vorrath für den uns noch bevorstehenden oberen Theil des Stromes zu besorgen. Gegen Ende
dieses bisher einzigen Cullurstückes am Amur-Strome erreichten wir am 11. (23.) Aug. die
XX
Einteilung.
mandshurisch-chinesische Stadt Aigun (Aicho der unleren Amur-Völker, Sachalin-ula-
choton, d. h. schwarzen Flusses Stadt, der Mandshu), ohne uns jedoch von dem Befehls-
haber derselben die Erlaubniss zum Besuche der Stadt erwirken zu können. Nachdem wir nun
am folgenden Tage an der Mündung der Dseja (Dsi der Eingeborenen) vorübergekommen
waren, erreichten wir am späten Abeml den unweit oberhalb derselben gelegenen russischen
Wachtposten Ustj-Seiskoi-Piket *). Die grosse Zahl Kranker in meiner Mannschaft nöthigte
mich hier den Befehlshaber des Postens um eine Verstärkung zu bitten, die mir auch an 10
Mann Liniensoldaten zu Theil ward. Nach zweitägiger Rast, am 15. (27.) Aug., setzten wir
unsere Reise fort, abwechselnd dem rechten und dem linken Ufer des Stromes folgend, je nach-
dem wo uns die oberhalb der Dseja wieder an den Strom herantretenden Gebirge und die
damit verbundene reissende Strömung weniger Hindernisse in den Weg setzten. Am 8'^° Tage
langten wir im folgenden russischen Wachtposten, Komarskoi Piket, nahe gegenüber der
K Omar- Mündung an. Mit einem Vorrathe an Lebensmitteln für 10 fernere Tage brachen
wir am 24. Aug. (5. Sept.) wieder auf. Bald oberhalb der Komar-Mündung nimmt die Na-
tur ein viel nordischeres Gepräge an. Rasch nach einander häuften sich jetzt die Beschwerden
unserer Reise. Längs den gebirgigen und oft felsigen Ufern des Stromes hatten wir meist ge-
gen eine reissende Strömung zu kämpfen, welche durch ein ungewöhnlich starkes, in Folge
anhaltender Regen eingetretenes Anschwellen des Stromes noch um ein Bedeutendes verstärkt
wurde. Wiederum verloren wir die Möglichkeit stellenweise an der Leine vorwärts zu gehen.
Zugleich hemmten beständig contraire und oft sehr frische Winde die Erfolge unseres Ruderns.
Zudem stellten sich mit dem 1. (13.) September regelmässige Nachtfröste ein, welche bei der
leichten, durch die lange Reise sehr mitgenommenen Bekleidung der Kosaken und Soldaten
zu immer häufigeren Erkältungen und Erkrankungen aller Art führten. Während wir daher
bei wachsenden Hindernissen und schwindenden Kräften nur äusserst langsam vorwärts rück-
ten, sahen wir zugleich einem baldigen Ende unserer Lebensmittel entgegen, einem Uebelstande,
dem in den öden Wildnissen dieses Stromtheiles nicht wohl abzuhelfen war. Denn selbstver-
ständlich konnten wir nicht hoffen in den einzelnen, spärlich zerstreuten Zelten der Monja-
gern, eines nomadischen Tungusen- Stammes, der die Ufer der Dseja und des Amur-Stro-
mes oberhalb derselben durchstreift und gegenwärtig, der Jagd nachgehend, zumeist ins In-
nere der Gebirge sich zurückgezogen hatte, Lebensmittel für 50 Mann vorzufinden, und was
mein eigenes, dem Sammeln gewidmetes Gewehr stellte, konnte natürlich ebensowenig hin-
reichen. Ich sah mich daher sehr bald genöthigt unsere tägliche Ration auf ein sehr geringes
Maass einzuschränken, so hart auch diese Maassregel bei der angestrengten Arbeit des Ru-
derns erscheinen musste. Dennoch gingen uns am 11. (23.) Sept., noch weit unterhalb des
nächsten russischen Postens, unsere letzten Vorrathe zu Ende. Zum Glück erreichten wir nun
am folgenden Tage ein mit Mehl beladenes Flussboot, das im Frühjahr auf einer Sandbank
gestrandet war. Das setzte uns in den Stand die Reise fortzusetzen und am 16. (28.) Sept.
*) Im Frühjahr 1858 ist dieser durch den Zusammenfluss des Amar's mit der Dseja höchst wichtige Ort zum
Range einer Stadt, untvr dem Namen Blagowestschensk, erhoben worden.
Gong der Heise xxi
den russischen Wachtposten Kotomandii (Kotomanga der Eingehorenen) zu erreichen. Bereits
fiel Schnee; ich eilte daher am folgenden Tage weiter. Die starken Nachtfröste begannen Eis an
den Ufern zu bilden; am 21. Sept. (3. Oct.) begegneten wir auch dem ersten treibenden Eise, das
jedoch aus einem linken Zuflüsse des Amur-S(romes, demUrutschi, kam. Oberhalb desselben
gab es daher wiederum eisfreies Fahrwasser, auf dem wir endlich am 25, Sept. (7. Oct.) den ersten
Kosakenposten, Ustj-Strjelotschnoi Karaul,amZusammenüussder Schilkaund des Argunj's
erreichten. Damit war jedoch meine Flussreise noch keineswegs zu Ende, da mir bis zur näch-
sten fahrbaren Landstrasse, auf der die Sammlungen weiter befordert werden konnten, noch
etwa 500 Werst auf dem einen oder dem anderen der beiden Quellarme des Amur- Stromes
bevorstanden. Mehrfache Gründe und darunter besonders der gegenwärtig niedrige Wasser-
stand des Argunj's im Vergleiche zum hohen der Schilka, so wie der Umstand, dass es am
ersteren Strome bis an seine Mündung Kosakenansiedelungen giebl, die Schilka dagegen in
ihrem unteren Laufe bis zur Gorbiza, d. i. auf etwa 240 Werst unbewohnt ist, bewogen
mich zu einer Zeit, da ich täglich Eisgang erwarten konnte, den Argunj zur Weiterreise zu
wählen. Wir verliessen das KosaKendorf Ustj-Strjelolschnoi am 26. Sept. (8. Oct.). Die
erste Strecke schien uns nach den Beschwerden am Amur leicht zu überwinden, da der nie-
drige Wasserstand uns fast allenthalben an der Leine fortzugehen erlaubte, die mondhellen
Nächte aber unsere Arbeitszeit verlängern halfen und die Kosakendörfer uns frische Lebens-
mittel und hin und wieder auch ein warmes Nachtlager gewährten. Bald aber fanden sich
auch hier die Hindernisse ein. Am 1. (13.) Oct. trieb uns Eis am linken Ufer des Argunj's
entgegen. Wir erreichten das grosse Kosakendorf Urjupina, versorgten uns dort mit frischen
Lebensmitteln bis zum nächsten, auf etwa 1 00 \> erst stromaufwärts entfernten Dorfe und gin-
gen am folgenden Morgen weiter. Bereits war Eisgang an beiden Ufern des Stromes ; auch
nahmen die Menge und Dicke der treibenden Eisschollen und die Ausbreitung des Ufereises
in den folgenden Tagen bedeutend zu und machten uns den Gebrauch der Leine oft unmög-
lich. Unter solchen Umständen blieb uns wenig HolTnung den noch etwa 200 Werst oberhalb
Urjupina gelegenen Ort Argunslioi Ostrog, von welchem die erste Landstrasse beginnt, zu
Boot erreichen zu können. Glücklicherweise Hess die scharfe Kälte nach drei Tagen nach und
der Fluss wurde wiederum eisfrei. Jetzt trat uns aber ein neues Hinderniss in dem weithin flachen
Wasser und den zahlreichen steinigen Untiefen (russisch: schiwerd) entgegen, über die eine
reissende, durch Rudern nicht zu überwindende Strömung geht. Am 5. (17.) Oct. waren wir
genöthigt die ganze Nacht durchzuarbeiten, bis wir am Morgen im Dorfe Ustj-Urovskoje
landen konnten. Zwei Tage später, vom Dorfe Baschurowa an, wurde es uns möglich unsere
Böte mit Hülfe von Pferden flussaufwärts ziehen zu lassen, was jedoch bei dem steinigen Bette
des Argunj's. seinen zahlreichen Untiefen, kleinen Inseln, vorspringenden Felsen u. drgl. m,
mit vielem Aufenthalte und mancher Gefahr für die Böte verbunden ist. Wiederum trat scharfe
Kälte ein und diesmal ging die Eisbildung äusserst rasch vor sich. Am 9. (21.) Oct. erreichte
ich nach vielstündigem, angestrengtem Kampfe gegen das treibende Eis in stockünstrer Nacht
das Dorf Mulatscha. Meine grossen Böte aber, die gegen das Eis in der Nacht nicht hatten
XXII
Einkittmg.
aufkommeu können, blieben zurück und konnten erst am folgenden Tage mit Hülfe zahlrei-
cherer Mannschaft bis zu dem Dorfe gelangen. Da ich von Mnlatscha nur noch 15 Werst bis
nach Argunskoi Ostrog hatte und die Sammlungen mit weniger iMühe zu Lande als auf
dem Flusse zwischen den dicht zusammengedrängten Eisschollen hindurch transportirt werden
konnten, so beschloss ich hier meiner Flussreise ein Ende zu setzen, nachdem dieselbe vom
Mariinskischen Posten an 4 und vom Nikolajewschen 5 Monate gedauert und mich über eine
Strecke von etwa 3500 Werst stromaufwärts geführt hatte. Am 12. (24.) Oct. langten wir in
Nertschinskoi Sawod an, wo ich meine Sammlungen dem Befehlshaber der dortigen Berg-
werke, Hrn. Obrist Deichmann, mit der Bitte um Weiterbeförderung mit der Goldkarawane
ablieferte. Nunmehr lag die Poststrasse Sibiriens vor uns. lieber die Schilka, die wir kurz
vor der Stadt Nertschinsk zu passiren hatten, mussten wir am 24. Oct. (5. Nov.) noch zu
Boot, zwischen den dicht angehäuften Eisschollen uns durchdrängend, übersetzen. Die übri-
gen Flüsse Transbaikalien's, die uns im Wege lagen, die Nertscha, ingoda, Sselenga,
fanden wir schon mit einer fahrbaren Eisdecke versehen und gelangten am 6. (18.) Nov. noch
rechtzeitig an den Baikal -See, um im Dampflioot über denselben herüberzukommen. Auf
Winterbahnen, die sich während unseres Aufenthaltes in Irkutsk eingestellt hatten, eilten
wir nun durch Sibirien weiter und trafen am 7. (19.) Januar 1857 wieder in St. Peters-
burg ein.
Nach diesem kurzen Abrisse meiner Reisen im Amur-Lande wird es, glaube ich, nicht
überQüssig sein, von der im Vorhergehenden schon theilweise angedeuteten, den Amur-Strom
in seinen einzelnen Theilen begleitenden Landschaft in gedrängten Zügen eine kurze Ueber-
sicht zu geben. Es kann nicht fehlen, dass ein Strom von solcher Riesengrösse wie der Amur,
der von dem Ursprünge seiner Hauptquellarme bis zur Mündung über 30 Längengrade kreuzt
und imGanzi>n gewiss gegen 4500 Werst zurücklegt, in diesem weiten Laufe auch ein Terrain
von sehr mannigfaltiger Beschaffenheit durchströmt. Auf die nackten Hochebenen Innerasiens, an
deren Rande die Quellarme des Amurs, die Schilka, mit der Jngoda und dem Onon, und
der Argunj entspringen, folgt bekanntlich gegen den Zusammenfluss dieser Ströme hin ein
weites, von vielen Gebirgszügen zusammengesetztes Bergland, welches meist abgestumpfte, oft
terrassenförmig abgesetzte und zuweilen nach Art von kleinen Hochebenen erweiterte Höhen,
mit einer im Allgemeinen vorherrschenden Vegetation von Nadelhölzern und Birken und dar-
unter besonders auch von der Betula daMnca besitzt. Ein solches Alpenland, aus Vorbergen und
Ausläufern des Stanowoi- und des Chingan-Gebirges zusammengesetzt, umgiebt auch den
oberen Lauf des Amur- oder oberen Sachali-Stromes, der offenbar nur die Fortsetzung sei-
nes mächtigeren Quellarmes, der Schilka, ist und daher mit Recht bei den dortigen tungusi-
schen Völkern, den Orotschonen und Monjagern, den Namen Schilkar oder Ssirkal
trägt. Langgedehnte, zum Strome hin bald steile und nacktfelsige, bald sanfter geneigte und
mit vorherrschendem Nadelwalde aus Lärchen und Kiefern bewachsene Höhen begleiten
den Strom. Stellenweise treten sie beiderseits dicht an denselben heran und verleihen dem en-
gen, gradlinigen Thale das Ansehen eines Gebirgsdurchbruches; meistens jedoch ist das Thal
Orographischer Charnklcr des Amur-Landes. x\iii
geräumiger und der geschlängelte Lauf des Stromes abwechselnd rechts und links von nack-
ten Felswänden oder bewaldeten Bergabhängen und von grösseren oder kleineren Wiesen be-
gleitet. Bis etwa zur Mündung des K o m a r - Flusses in den Amur bilden noch iNadelhölzer
und die Bei. daurica die Hauptwaldung der Ufer. Alsdann aber werden die ersteren mehr und
mehr verdrängt und von Laubhölzcin und namentlich Eichen in lichter Waldung ersetzt. So
geht es bis zur Einmündung lier Dseja. Dort bricht die Berglandschaft ab und es breitet sich
nunmehr eine ausgedehnte, hin und wieder gewellte oder von kleinen Hügelzügen durch-
schnittene, ab und zu mit Laubholz bewachsene Ebene aus, die namentlich nach Norden, an
der Dseja und ihren Zuflüssen weit hinaufzureichen scheint, am südlichen Horizonte dagegen
meist von einem langgedehnten Höhenzuge bcgränzt bleibt. Dies ist die Prairie am oberen
Amur- oder Sa chali -Strome , das zur Cultur am meisten geeignete Stück des Amur- Lan-
des, in welchem die Ansiedelungen derMandshu, Chinesen und Dauren längs dem Strome
liegen. Sie breitet sich am Amur bis unterhalb der Mündung der Bureja aus, wird jedoch
gegen ihr unleres Ende hin allmählig eingeschränkter, indem dort wiederum kleine Gebirgs-
züge dem Strome sich nähern. Etwa 100 Werst unterhalb der Bureja -Mündung stösst der
Amur-Strom auf den vom Stanowoi-Gebirge nach Süd verlaufenden Gebirgszweig, den wir
nach Middendorff s Vorgange das Bureja-Gebirge nennen wollen *). Dieses Gebirge wird
vom Amur in der Richtung NW. nach SO. durchbrochen, auf einer Strecke von etwa
200 Werst, wo der Strom, in ein enges Bett eingezwängt, meist in gewundenem Laufe zwi-
schen beiderseits hohen, bald steilen und nacktfelsigen, bald sanfter geneigten und üppig be-
laubten Ufern mit reisseuder Geschwindigkeit dahineilt. Es ist nicht möglich im Durchbruch
des Amur-Stromes durch das Bureja-Gebirge, das zugleich mit der südlichsten Biegung des
Stromes nahe zusammenfällt, nicht eine natürliche Abtheilung, einen Gränzpunkt im Laufe des
Amur-Stromes zu erkennen. Denn mit dem Bureja-Gebirge ist nicht bloss in geognostischer
Beziehung, wie in manchen Punkten der Pflanzen- und Thiergeographie und in den ethnogra-
phischen Verhältnissen des Amur-Landes, sondern auch in der Entwickelung des Amur-
Stromes selbst eine wichtige Gränzlinie gegeben. Befanden wir uns nämlich bisher im oberen
Amur-Lande oder, wenn man die Schilka als oberen Lauf des Amur - Stromes ansieht, am
mittleren Laufe des Stromes, so treten wir nunmehr unterhalb seines Durchbruches durch das
Bureja-Gebirge an den unteren Lauf desselben und in das untere Amur-Land ein. Die rie-
senmässige Zunahme, die der Amur-Strom gleich im Beginne seines unteren Laufes erfährt,
verdankt er seinem Zusammenflüsse mit dem Ssungari. Der herrschenden Ansicht, dass die-
ser letztere nur ein Zufluss des Amur-Stromes sei, müssen wir die richtigere Anschauung
der Mandshu entgegensetzen, die den Mangu oder unteren Amur-Strom erst aus dem Zu-
sammenflusse des Ssungari und Sachali entstehen lässt. Ja, wenn man in Erwägung zieht,
dass bei der Vereinigung dieser Ströme die ansehnlichere Grösse und maassgebende Richtung
auf Seiten des Ssungari bleibt, so dürfte man sogar geneigt sein, ihn und nicht den Sachali
*) Darüber s. eine spätere Anmerkung.
XXIV
Einleüung.
für die Hauplader des Amur- Systemes zu hallen. Längs dem vereiniglen Strome zieht sich
nun anfangs dieselhe Landschaft fort , die aucii den Sachali gleich unterhalb seines Aus-
tritts aus dem Bureja- Gebirge und noch oberhalb seiner Vereinigung mit dem Ssungari
begleitet: es ist dies nämlich eine ebene, grasreiche Prairie, die aber in Vergleich mit der
zuvor erwähnten Prairie am Sachali -Strome niedriger, sumpfiger und von geringerer Aus-
dehnung zu sein scheint. Namentlich treten am rechten Ufer niedrige Gebirge oft bis hart an
den Strom heran, während sie am linken meist nur am Horizonte sichtbar bleiben. Auch
bricht der Prairiecharakter am rechten Ufer früher und zwar schon an der Mündung des Us-
suri völlig ab, während er am linken noch eine geraume Strecke weiter geht. An der Mün-
dung des Ussuri erreicht nämlich der Amur -Strom mit seinem bis dahin im Allgemeinen
östlichen Laufe die westlichen Vorberge des Küstengebirges der Mandshurei und wendet
sich nun nach Nord, um dieses Küstengebirge zu umgehen. Von nun an breitet sich bis an die
Mündung des Amur-Stromes ein weites und durchgängiges, wenn auch nicht besonders hohes
Alpeuland aus, welches am rechten Ufer von den westlichen Vorbergen und Abfällen des Kü-
slengebirges und am linken von einzelnen Zweigen und Vorbergen des nördlichen Bureja-
Gebirges gebildet wird, die die Quellen des Kur, Gorin, Amgunj und anderer linken Zu-
flüsse des Amur-Stromes entsenden und begleiten. Namentlich hat der Strom, indem er sich
näher an das Küsten- als an das Bureja-Gebirge andrängt, in diesem Theile ein durchgängig
hohes, gebirgiges rechtes Ufer, während am linken die Ge'iirge nicht überall bis an den Strom
herantreten und daher stellenweise, wie z.B. am unteren Kur, am Boolang-und Udalj-See,
am unteren Amgunj u. s. w., auch niederes Land sich einfindet. So durchgängig aber auch
das Alpenland in diesem Theile des unteren Amur -Stromes ist, so lässt sich hier doch, in
Folge der ungefähren Meridianrichtung seines Laufes, ein rascher Wechsel im Vegetations-
charakter der Landschaft bemerken. Bis etwa zur Mündung des Gorin -Flusses bilden Laub-
hölzer der verschiedensten Art die herrschende Bewaldung der Uferabhänge, während alles
Nadelholz auf die Höhe der Gebirge verbannt ist. Alsdann aber beginnen auch die Nadel-
hölzer allmählig von der Höhe bis zum Niveau des Stromes hinabzusteigen, um nun je weiter
nach Norden, desto mehr überhand über das Laubholz zu nehmen. Mit der Biegung endlich,
die der Strom nahe dem SS'"" Breitengrade nach Osten macht, um, zwischen den nördlichen
Ausläufern des Küstengebirges der Mandshurei und den nach Osten vorgeschobenen Aus-
läufern eines Zweiges vom nördlichen Bureja-Gebirge hindurch, zum südlichen Ende des
Ochotskischen und nördlichen des Japanischen Meeres (der Meerenge der Tartarei) einzu-
münden, ist der Charakter ein vollkommen nordischer geworden, indem nun allenthalben, auf
den Höhen wie am unmittelbaren Ufersaume, eine beinahe ausschliessliche, ausgedehnte und
fast ununterbrochene Nadelwaldung von Tannen und Lärchen über einer dicken Moosdecke
von Hypnum u. dgl. sich ausbreitet. Dieser Vegetationscharakter herrscht nun im Allgemeinen
auch an der Meeresküste des Festlandes der Mandshurei und der Insel Sachalin bis weitnach
Süden, zum wenigsten bis zum 49° n. Br. hinab. Nach Norden zu, an der Südküste des Ochot-
skischen Meeres gewinnt er aber ein noch nordischeres Gepräge, indem dort meistentheils nur
Klimatischer Charakter des Amur-Landes. xxv
ein lichter und oft verkrüppelter Lärcbenwald die Meeresküste bedeckt. Dasselbe ist auch an
den niedrigen Küsten des nördlichen Tbeiles der Insel Sachalin der Fall. Im Innern dersel-
ben aber, wo das Land von gebirgiger Beschaffenheit ist, flndet sich hoher und mannigfaltiger
Nadelwald, mit vielem Laubholze, vorzüglich Weiden, Espen und Birken, aber auch Esclien,
Ahornen, Eichen u. a. m. untermischt. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass die in Meri-
dianrichtung langgestreckte Insel Sachalin ein mit dem Küstengebirge der Mandshurei
ziemlich paralleles Mittelgebirge mit mannigfachen Abzweigungen besitzt, dereu Zahl und
Ausbreitung im mittleren, vom Golfe der Geduld nach Norden gelegenen Theile besonders
ansehnlich zu sein scheint. Solche Gebirgszweige sind es auch, welche die grössten Flüsse der
Insel Sachalin, den Ty und Tymy, in ihrem von den Quellen an nach SO. und NO. diver-
girenden Laufe begleiten. Letzterer Fluss läuft in einem ziemlich weilen Thale zwischen dem
Mittelgebirge an der linken und einem an Höhe nicht geringerem Nebenzweige desselben an
der rechten Seite und erreicht erst nachdem er den letzleren Gebirgszug umgangen ist, mit
einer Biegung nach Osten das Ochotskische Meer. Im Allgemeinen schienen mir die Gebirge
in dem von mir besuchten, mittleren Theile von Sachalin denjenigen auf dem Continenle im
unteren Amur -Lande an Höhe nicht nachzustehen. Nach Angabe der Eingeborenen soll es
aber auf der Insel, und zwar im nördlichen Theile derselben, auch Gebirgsgipfel geben, die
mit ewigem Schnee bedeckt sind, was wir im Amur-Lande nirgends gesehen haben.
Gern möchten wir an diese kurze orographische Skizze des Amur -Landes auch eine
vorläufige kurze Uebersicht der klimatischen Verhältnisse desselben anschliessen ; allein hier
fehlen uns, um vom gesammlen Laufe des Stromes sprechen zu können, gegenwärtig noch die
Materialien, Nur vom Mündungslande des Amur-Stromes besitzen wir schon mehrfache Er-
fahrungen : es sind dies namentlich die von Hrn. Maximowicz im Mariinskischen und von
mir im Nikolajewschen Posten während der beiden Jahre unseres Aufenthalles im Amur-
Lande, 1854 — 1856, regelmässig fortgeführten meteorologischen Beobachtungen. Ausserdem
liegen mir einige meteorologische Aufzeichnungen vor, die von zwei Oflicieren der Russischen
Marine während einiger Monate Aufenthaltes in der Bai Hadshi an der Küste der Mandshu-
rei in 49°n. Br. und in der Bai Aniwa am Südende Sachalins gemacht worden sind. Diese
Materialien, die am entsprechenden Orte in extenso bekannt gemacht werden sollen, gestatten
uns auch vorläufig schon einen flüchtigen Blick in das Klima des unteren Amur-Landes und
in's Besondere der Amur-Mündung zu thun.
Als ein Theil der Ostküsle des weiten asiatischen Continentes rauss das Mündungsland
des Amur-Stromes in klimatischer Beziehung maritime und continentale Elemente in sich
vereinigen. Die ersteren bezieht es jedoch nicht vom offenen Oceaue, sondern zumeist von
einem hochnordischen, im Winter ebenfalls gefrierenden Binnenmeere, dem Ochotski sehen,
und in geringerem Theile von der nördlichen Ilälfle des Japanischen Meeres; die zweiten
kommen ihm von einem nach Westen äus^ rst ausgedehnten und nach Norden bis in hohe,
arktische Breiten vorgeschobenen Contino'ile zu. Beiderseits sind daher die geographischen
Verhältnisse nicht wohl geeignet ein ir des Klima an der Amur- Mündung hervorzurufen.
Scbteoek's AmDT-Beiie. Bd. 1. ly
XXVI
Einleitung.
Dabei lehren die Beobachtungen den Antheil, den die einzelnen Jahreszeilen an den maritimen
und contiuentalen Factoren im Klima haben , in folgender Weise abschätzen : im Herbst und
Winter herrscht der Einfluss des Contiaentes. im Frühjahr und Sommer derjenige der See
Aor — eine Vertheilung, die gewiss im hohen Grade ungünstig ist, indem die scharfen Win-
erfröste nicht durch eine entsprechende Sommerhitze compensirt werden. Genauer lässt sich
der allgemeine klimatische Charakter der einzelnen Monate, wie wir ihn im Nikolajewschen
Posten beobachtet haben, in folgender Weise angeben. Im October (alten Stiles, wie alle übri-
gen Angaben) stellea sich bereits vorherrschende Westwinde ein, die einen heiteren und schö-
ben, aber kalten Herbst bedingen: der einmal ausgefallene Schnee bleibt liegen und der Strom
nedeckt sich von seinen Ufern aus, ohne dass ein herbstlicher Eisgang stattfände, allmählig
tweiter und weiter mit Eis. In den ersten Tagen des Novembers (in, den Jahren 1854 und
1855 am 2. (14-.) Nov.) ist er in seiner ganzen Breite, das zuletzt gefrierende tiefere Fahr-
wasser des Stromes nicht ausgenommen, mit Eis bedeckt und wird alsdann auch sogleich in
Schlitten befahren. Im November, der ebenfalls meist heiter bei vorherrschenden Westwinden
ist, sinkt das Thermometer bereits nicht selten unter — 20"^ R. Im December thut sich der
EinQuss der See durch sehr starken Schneefall kund. Zugleich ereignen sich häufig stürmische
Schneegestöber, welche zumeist bei Westwinden stattlinden und nicht selten von einer Kälte
von — 20° R. und mehr begleitet sind. Diese Sehneegestöber (von den Russen in Sibirien
aPurga» genannt, wir möchten sie deutsch «Schneestürme» nennen) halten oft mehrere Tage
lang an: die Luft ist alsdann von dichten Mengen wirbelnden Schnee's erfüllt, allenthalben
häufen sich ungeheure Schneemassen an und aller Verkehr, selbst zwischen nahe gelegenen
Orten, wird gehemmt und zeitweise ganz unterbrochen. Bei der wirbelnden Bewegung, mit
welcher der Wind oft um die ganze Windrose umspringt, wird man sich die Erscheinung
dieser Schneestürme aus einem Zusammenstossen und Gegeneinanderkämpfen der Ost- und
Westwinde erklären können. Zuweilen, wenngleich sehr selten, nimmt auch der Ostwind
überhand und alsdann stellt sich mitten im Winter Thauwetter ein, welches aber ebenso rasch
wieder von scharfem Froste verdrängt werden kann. So hatten wir z. B. im Winter 1854 im
Nikolajewschen Posten am 5. (17.) Dec. -+- 0°,5 R. in der Luft und am 10. (22.) Dec.
— 31°,6, welches letztere zugleich auch der niedrigste im Nikolajewschen Posten von mir
beobachtete Thermometerstand ist. Im Januar pflegt ein beständigeres Wetter, bei meistens
heiterem Himmel und scharfen Frösten vorzuherrschen , welches, allmählig milder werdend,
auch den Februar und März über anhält. Gegen Ende des letzteren Monats lässt sich jedoch
schon die Wirkung der Frühlingssonne an der in den Mittagsstunden stattfindenden Schnee-
schmelze verspüren. Im April nehmen die Ostwinde entschieden überhand. Von häufigen und
dichten, oft plötzlich heraufziehenden Nebeln begleitet, färben sie den Himmel fast beständig
grau und lähmen die Wirkung der Frühlingssonne, ohne diesen Verlust an Wärme durch eine
viel niedrigere Temperatur der Luft zu compensiren. Ihrem hemmenden Einflüsse ist wahr-
scheinlich auch der späte und langsame Aufgang des Stromes zuzuschreiben; denn so rasch
und, ich möchte sagen, entschlossen der Strom im Herbst sich beeist, so langsam und zögernd
Klimatischer Charakter des Amur -Landes. xxvu
wirft er im Frühjahr die Eisdecke wieder ah. Einen grossen Theil des April-Monats hindurch
ist daher das Eis auf dem Strome noch fahrbar, obgleich von vielem Aufwasser bedeckt. Erst
im Anfange Mai's (in den Jahren 1855 und 56 am 2. (14.) und 9. (21.) Mai) befreit sich
die eigentliche Stromrinne oder das tiefere Fahrwasser vom Eise; läugs den Ufern aber und
in den Buchten des Stromes hält sich das Eis noch 8 bis 10 Tage länger. Viel später wird
der Amur-Limau eisfrei, da in demselben ausser seinem eigenen Eise auch noch bis weit in
den Juni hineiii treibende Eismassen aus dem Ochotskischen Meere sich ansammeln. Wie
lange endlich Treibeis an den Südküstendes Ochotskischen Meeres sich finden lässt, dafür diene
zum Belege der Umstand, dass im Jahre 1856 in der Bai heim Petrowskischen Posten noch
am 26. Juni (8. Juli) starke Eismassen angehäuft waren *). Unter solchen Umständen ist es
leicht zu ermessen, wie sehr die an der Amur- Mündung im Mai und Juni vorherrschenden
kalten und nebelreichen Ostwinde dem Klima jener Gegenden nachtheilig sein müssen. Darin
Hegt ohne Zweifel auch der Grund des späten Wiedererwachens der organischen Natur an der
Amur-Mündung. Im Mai liegen in den Wäldern noch vielfache Ueberreste der grossen Schnee-
mengen des Winters, die die spärlich wirkende Frühliugssonne nicht hat entfernen können.
Erst gegen Ende Mai's und im Anfange Juni's beginnen Bäume und Sträucher sich zu begrü-
nen. In den wärmsten Monaten, Juli und August, scheinen nun Ost- und Westwinde sich ziem-
lich das Gleichgewicht zu halten und bald eine Temperatur von nahe 10° und darunter, bald
eine von über 20° R. hervorzurufen. Das Maximum, das bisher im Nikolajewschen Posten
beobachtet worden, ist 25° R. am 31. Juli (12. Aug.) 1856, wogegen aber am 6. (18.) Juli
Nachts das Minimum-Thermometer nur 1° Wärme zeigte. Im September endlich nehmen wie-
derum Ostwinde überhand und rufen ein regnigtes und nebelreiches Welter hervor, auf
welches im October, wie wir bereits erwähnten, Schnee und anhaltende, im Gefolge der West-
winde eintretende Fröste folgen. So sehen wir also im Klima der Amur-Münöung den abküh-
lenden Einfluss, den die kalten, über das sibirische Festland streichenden Westwinde im Win-
ter ausüben müssen, mit dem ebenfalls abkühlenden Einfluss, den ein uorfiisches Binnenmeer
im Sommer bewirkt, sich vereinigen. Ohne Zweifel ist also das Klima der Amur -.Mündung
viel rauher als man es der geographischen Breite nach zu erwarten geneigt sein dürfte.
Sehr ähnliche klimatische Verhältnisse wie an der Amur- Mündung scheinen auch im
gesammten Küstengebiete des Amur-Landes, in der Meerenge der Tartarei und auf der In-
sel Sachalin zu bestehen.
Begreiflicher Weise lässt sich der abkühlende Einfluss, den das Ochotskische Meer auf
das Klima der anliegenden Länder ausübt, auch südlich von der Amur -Mündung, in der
Meerenge der Tartarei verspüren, die durch den Amur-Liman in direkter Verbindung mit
dem Ochotskischen Meere steht. Bis zum Gap Lasarefl', in ungefähr 52° n. Br., setzt sich
nach Siden die feste, ununterbrochene Eisdecke fort, mit der sich der Amur-Liman allwin-
terlich zu überziehen pflegt. Südlich vom Gap Lasarefl' bleibt die Meerenge der Tartarei in
') Nacli einer AliUlieilung des Dr. Pfei ffer's, der die TOn mir begonnenen meteorologischen Beobachtungen im
Nikolajewscbun Posten seit meiner Abreise toq dort fortsetzt.
xxviii Einleitung.
ihrem mittleren Theile den ganzen Winter über offen, gefriert aber, vom November und De-
ceniber an, längs den Ufern und in den Buchten und Baien. Zwar wird auch dieses Eis durch
frische Seewinde bisweilen plötzlich zerbrochen, allein in den geschützteren Baien bleibt es
lansre Zeit, in der Bai de Castries z. B. bis Ende und in der Bai Hadshi im 49° n. Br. bis
Mitte Aprils liegen. Zudem werden im Frühjahr zuweilen starke Eismassen aus dem
Ochotskischeu Meere und Amur-Liniane in die Meerenge der Tartarei getrieben. Aus den
meteorologischen Beobachtungen, die Hr. Lieut. Kusnezoff vom Juni 18.55 bis Januar .56 in
der Bai Hadshi angestellt hat, ergiebt sich, dass auch dort die Temperatur der Sommer-
monate durch den abkülilenden Einfluss vorherrschender Ostwinde niedergedrückt wird, wäh-
rend in den Wintermonaten, vom October an, besonders häufige West- und Nordwinde we-
hen, welche das Thermometer nicht selten unter — 20, ja bis — 25° R. sinken lassen. Und
doch ist damit, den Stunden der Beobachtung nach zu urtheilen, gewiss noch nicht der nie-
drigste Stand angegeben, den das Thermometer dort erreichen mag. Obgleich dalier im Klima
der Bai Hadshi im Vergleich zur Amur-Mündung schon eine bedeutende Milderung be-
merkbar ist, so bleibt es doch immer noch weit rauher als es der Breite von 49° zukom-
men müsste.
Was die klimatischen Verhältnisse der Insel Sachalin betrifft, so scheint bei der an-
sehnlichen Längenerstrcckung dieser Insel ein bedeutender Unterschied zwischen dem nörd-
lichen und süilliclien Theile derselben statt zu haben. Denn während der erstere an der un-
günstigen Verbindung continentaler und maritimer Elemente, wie wir sie im Klima der Amur-
Mündung bemerkt haben, in einem noch hölieren Grade Theil zu haben scheint, besitzt die
Südspitze ein milderes und offenbar reiner maritimes Klima. Ersteres ist uns aus der geogra-
phischen Lage der Insel leicht erklärlich: denn von dem Ochotskischeu Meere und dem
Amur-Limane umgeben, ist es dem rauhen, abkühlenden Einflüsse derselben im Frühjahr
und Sommer noch mehr als die Amur- Mündung unterworfen. Andererseits aber lässt die
Nähe der Insel zum Festlande, mit dem sie im Winter durch die Eisdecke des Amur-Lima-
nes und des südlichen Ochotskischen Meeres sogar in continuirlich- feste V^erbfndung tritt,
sie auch an den excessiven Winterfrosten des Festlandes in gleichem und vielleicht noch hö-
herem Grade Theil nehmen. Die schärfste Kälte, die ich im Amur- Lande beobachtet habe
und die jedenfalls unter dem Gefrierpunkte des Quecksilbers stand, indem mein Quecksilber-
Thermometer (von Greiner in Berlin gearbeitet) — 42° R. zeigte, fand ich am 18. Februar
(1. März) 18.56 im weiten, nach NNO geöffneten Tymy-Thale auf der fnsel Sachalin. Zu-
gleich ist die Insel im Winter nicht weniger reich an Schnee wie die Amur- Mündung und
vielleicht noch häufigeren stürmischen Schneegestöbern unterworfen. Setzt sich nun dieser
Einfluss des nahen Conliiientes auf das Klima der Insel längs dem hohen Mittelgebirge der-
selben vermulhlich recht weit nach Süden fort, so scheint er doch nach der Südspilze der In-
sel zu allmählig zu schwinden und in Folge des Einflusses des Japanischen iMeeres einem
milderen, maritimen Klima Raum zu gehen. Nach den Bemerkungen des Lieut. der Russ.
Marine, Hrn. Rudanoffski, der vom October 1853 bis 3Iai 54 meteorologische Bcobachtun-
Klimatischer Charakter des Amur-Landes. ^^i^
gen in der Bai Aniwa gemacht und einige Reisen im südlichen Theile der Insel ausgeführt
hat, ist die am Ochotskischen Meere gelegene Ostküste des südlichen Sachalins merklich
rauher als die zum Nordjapauischen Meere (oder der Meerenge der Tartarei) gekehrte
Westküste desselben. In der nach Süden geöffneten Bai Aniwa betrug der niedrigste Ther-
mometerstand, den Hr. Rudanoffski beobachtet hat, nicht mehr als — 20° R., am I. (13.)
Januar Morgens. Die Mitte der Bai bleibt während des ganzen Winters offen und nur längs
den Ufern bildet sich Eis, das von frischen Winden oftmals zerbrochen wird. Bereits um die
Mitte März's (alten Stiles) ist aller Schnee geschmolzen; dennoch beginnt erst im Mai das erste
Grün hervorzubrechen. Trotz ihrer südlichen Lage von ungefähr 464° n. Br. ist also auch die
Bai Aniwa an der Südspitze Sachalin's noch mit einem verhältnissmässig rauhen Klima
ausgestattet.
Kehren wir nun wieder zum Amur -Strom zurück. Aufwärts von der Mündung
desselben gegangen, nimmt das Klima des Amur -Landes bald einen anderen Charakter an.
Denn nicht bloss gelangt man, bei der ungefähren Meridianrichtuug des unteren Amur-Stro-
mes, bald in südlichere Breiten, sondern man entfernt sich zugleich auch aus dem Bereiche
des unmittelbaren Einflusses des Ochotskischen jMeeres und der, wenn auch minder rauhen,
Meerenge der Tartarei. Im Mariinskischen Posten, etwa 350 Werst oberhalb der Amur-
Mündung, sind jedoch die nordisch-maritimen Elemente no^h sehr merklich, was nicht bloss
aus der im Allgemeinen noch bedeutenden Nähe des Stromes zur Meeresküste, sondern auch
auch aus der eigenthümlichen Bildung des sogenannten See's von Kidsi sich erklären lässt.
Durch diese weite, in östlicher Richtung langgedehnte Bucht, die dem Amur-Strome das An-
sehen giebt, als wollte er hier schon ins Meer münden, nähert sich derselbe bis auf die un-
bedeutende Entfernung von etwa 10 Werst der Meerenge der Tartarei. Kalte und feuchte
Seewinde streichen hier über die niedrige Landenge und den See von Kidsi ebenso wie an
der nach Ost geöffneten Mündung des xVjnur-Stromes weg und setzen sich noch weiter längs
dem Strome fort. Wie an der Amur -Mündung tragen sie also auch hier zur Abkühlung des
Frühjahrs und Sommers bei, während Herbst und Winter die excessiven Fröste eines conti-
nentalen Klimas in kaum geringerem Grade theilen. Nach den Beobachtungen von Hrn. Ma-
ximowicz sinkt das Thermometer im Mariinskischen Posten im Winter bisweilen bis auf
— 30° R., während es im Sommer auch nicht über 25° erreicht. In der Zeit des Zufrierens
und Aufgehens des Stromes scheint zwischen dem Mariinskischen und Nikolajewschen
Posten ein Unterschied von nur wenigen Tagen zu bestehen *). Nicht grösser scheint auch der
Unterschied im Zeitpunkte des Wiedererwachens der organischen Natur zu sein.
Erst weiter oberhalb vom Mariinskischen Posten, nach Maassgabe als der Strom von
*) Die Bcobachlungcii über das Zufrieren und Aufgehen des Stromes im Mariinskischen Posten selbst können
insulern nicht ganz maassgel)i iid sein, als dieser Posten nicht am llauptslronie selbst, sundern an einem l'lussarmo
liegt, wo die Eisdecke (rnher sich bildet und langer liegen bleibt. In den Jahren 1834— ö() beiibaclitele Hr. ;\laximo-
wicz den Zugang des Flussarmes beim Mariinskischen Posten am 2. (14.) Nüvbr. und 28. Oct. (9. Nov.), also gleich-
zeitig und sogar etwas früher als er im .Nikolajewschen Posten in denselben Jahren stattfand, den Aufgang dagege,
am 26. April ;s. .Mai) und 28. April (10. Mai), also um 6—11 Tage früher als im Mkolajew sehen Posten.
XXX
Einleitung.
der Küste weiter entfernt bleibt und durch das schützende Küstengebirge mehr und mehr aus
dem Bereiche der maritimen Einflüsse tritt, scheint das Klima einen milderen und entschieden
continentaleren Charakter anzunehmen. Namentlich dürfte, dem Vegetationscharakter der
Amur-Ufer nach zu urtheilen , die Mündung des Gorin-Flusses einen bedeutenden Wende-
punkt in den klimatischen Verhältnissen am Amur -Strome bezeichnen, da, wie wir bereits
erwähnten, von dort an aufwärts eine merklich südlichere, ausschliesslich aus Laubhölzern
zusammengesetzte Vegetation die Ufer des Stromes bedeckt. Diese günstige Aenderung im
Klima dürfte jedoch nicht sowohl in einer verhältnissmässig viel geringeren VVinterkälte , als
vielmehr in einem milderen, durch höhere Temperatur die Winterkälte compensirenden Früh-
jahr und Sommer zu finden sein. Ungeachtet daher des milderen Charakters, den das Klima
des Amur- Landes stromaufwärts gewinnt, wird es nur ein mehr und mehr excessives
und somit rein continentales. Dennoch lässt sich im Klima des gesammten unteren Amur-
Landes bis zum Bureja- Gebirge darin vielleicht noch ein Einfluss der See erkennen,
dass es reich au Niederschlägen und namentlich auch an Schnee im Winter ist. Allenthalben
im unteren Amur-Lande, bis zum Ssungari und bis zu den Quellen des Ussuri, kann man
daher bei den Eingeborenen den Gebrauch von Schneeschuhen auf ihren winterlichen Jagden
und von Hunden zum Ziehen der Schlitten finden. In diesem Schneereichthume liegt gewiss
auch ein charakteristischer Zug des unteren Amur-Landes im Vergleich zum oberen. Mit dem
Schwinden dieses letzteren Einflusses der See nimmt das Klima im oberen Amur-Lande, ober-
halb des Bureja- Gebirges, einen ganz continentalen Charakter an. Die in der gesammten
südlichen Biegung des Amur-Stromes und oberhalb bis über die Mündung der Dseja hinaus
bei den Eingeborenen und bei den angesiedelten Chinesen allgemein übliche Cultur ziemlich
südlicher Feld- und Gartenfrüchte, wie Mais, den wir im Anfange Augusts (alten Stiles) be-
reits gereift fanden, Melonen und Wassermelonen, Eierfrüchte [Solanum Melongeiia), Taback
u. s. w., lassen uns auf eine hohe Temperatur des Sommers in jenem Theile des Amur-Stro-
mes schliessen. Gleichzeitig soll aber das Thermometer im Winter so tief sinken, wie wir es
an der Amur-Mündung nicht beobachtet haben. Auf unserer Reise den Amur aufwärts stiessen
wir im oberen Laufe des Stromes schon am 21. Sept. (3. Oct.) auf treibendes Eis, das aus
dem Urutschi, einem linken ZuQusse des oberen Amur's, kam. Am 1. (13.) Oct. begann der
Eisgang im Argunj. Dies ist auch der Zeitpunkt, wo sich im oberen Amur Eis einzufinden
pflegt. Bekanntlich gehört ein excessives, continentales Klima, mit schneearmem, äusserst
kaltem Winter zum Charakter Transbaikalien's. In Nerlschinskoi Sawod, das etwas
südlicher als der Mariinskische Posten liegt, sinkt bekanntlich das Thermometer im Winter
bis zu — 36° R. uud wohl noch tiefer hinab. Im Vergleich mit dem Klima Transbaikalien's
müssen wir daher die ebenfalls niedrige VVintertemperatur des unteren Amur-Landes noch
als eine durch den Einfluss der See gemilderte ansehen. Diese Milderung im Winter hört jedoch
im oberen Amur-Lande ebenso wie die Abkühlung im Sommer mehr und mehr auf und
endlich schliesst sich das Klima desselben unmittelbar an dasjenige Transbaikalien's an.
Bemerkungen.
XXXI
In Beziehung auf die in der vorstehenden Einleitung wie in den nachfolgenden Abhand-
lungen unseres Reisewerkes beobachtete Schreibart der fremdländischen und namentlich der
bei den Amur-Völkern gebräuchlichen Orts-, Völker-, Thiernamen u. drgl. ist zu bemerken,
dass dieselbe nur eine möglichst richtige Aussprache im. Auge gehabt hat, den feineren
Nüancirungen der Laute im Munde jener Völker nur insoweit Rechnung tragend, als diese
durch unsere lateinischen Schriftzeichen wiedergegeben werden konnten. Es kommen in den
Sprachen jener Völker so viel eigene Laute vor, zu deren Angabe unsere Schriftzeichen nicht
hinreichen und die, um erschöpfend wiedergegeben zu werden, besonderer, conventionell
gewählter Zeichen bedürfen, deren Wahl wir aber füglich, zugleich mit der Bearbeitung des
von uns mitgebrachten sprachlichen Materiales, sachkundigen Linguisten überlassen müssen.
Hier genügt es daher bloss auf folgende Punkte in unserer Schreibart aufmerksam zu machen:
gh soll das mit dem Laute h gemischte oder aspirirte g ausdrücken.
sh drückt den Laut des französischen j oder russischen ok aus.
$s oder s' (letzteres ist namentlich in den Thiernamen der Amur -Völker gebraucht wor-
den), drückt das harte, zischende s aus. Von dieser Schreibart sind nur solche Namen
ausgenommen worden, deren Aussprache als allgemein bekannt vorausgesetzt werden
konnte und die wir bereits im allgemeinen Gebrauche mit einem s geschrieben finden,
wie Sibirien, Sachalin (Insel) und darnach auch Sachali (Fluss) u. dgl. m., obgleich
diese der Aussprache gemäss . ebenfalls Ssibirien, Ssachalin u. s. w. geschrieben
werden müssten. Auch dürfte man in dieser Schrift zuweilen solche Namen, die ich ge-
wöhnlich mit SS zu schreiben pflege, mit einem einfachen s geschrieben finden, wieSun-
gari, Samagern u. dgl. statt Ssungari, Ssamagern u. s. w., was hoffentlich zu kei-
nen Missverständnissen führen wird.
y bezeichnet den Laut des russischen bi.
Die übrigen Bezeichnungen dürften ohne Vorbemerkungen verstanden werden.
Sl^GETHIEßE DES ANUR-LMIIES.
Bearbeitet
Dr. L.eo|»oI(l v. j^clireiiek.
Sohrenck Anmr-K^ise Ed. 1.
Indem ich in den nachfolgenden BUiUern die Ergehnisse meiner Reise in Beziehung auf
die Fauna und namentlich zunächst auf die Säugethiere des Amur -Landes zusammenstelle,
halte ich es für nothwendig, zur richtigeren Auffassung derselhen einige Bemerkungen über
die ihnen zu Grunde liegenden Materialien und den bei Bearbeitung derselben befolgten Ge-
sichtspunkt vorauszuschicken.
Selbstversländlicii wird man von Reise-Ergebnissen nicht ein vollständiges, erschöpfen-
des Bild der Fauna eines so ausgedehnten, an wechselnder Terraingestaltung, klimatischen
Differenzen und organischen Formen so reichen Gebietes, wie das Amur-Land, erwarten. Sie
können und sollen nur die erste wissenschaftliche Kenntniss von der Fauna dieses, uns bisher
noch völlig unbekannten Landes geben, so weit natürlich, als die gesammelten Materialien
eine solche gestatten. Diese Materialien bestehen nun theils in mitgebrachten Bälgen und Ske-
letten, iheils in Beobachtungen, die auf Reisen und während des Aufenthaltes im IS'ikolajew-
schen Posten gemacht, und theils endlich in j\ achrichten, die durch Erkundigungen von den
Eingeborenen eingezogen worden sind. Dass den ersteren unter ihnen die Hauptstimme ge-
bührt, indem sie, neben dem besten Beweise von dem Vorkommen der betreffenden Thierarten
im Amur-Lande, zugleich auch die Möglichkeit genauer Vergleichung mit den in unserem aka-
demischen Museum zahlreich vorhandenen Formen angränzender Gebiete liefern, braucht wohl
kaum hervorgehoben zu werden. Dieser Bedeutung derselben eingedenk, habe ich mich stets
bemüht während der Reise, sowohl durch eigene Jagden, wie durch Verkehr mit den Einge-
borenen möglichst viele Thierformen in Bälgen und Skeletten oder Schädeln zu sammeln, und
oft in Ermangelung vollständiger Exemplare auch mangelhafte Felle und sogar einzelne Fell-
und Knochenfragmente der Aufbewahrung werth gefunden. Dennoch durfte ich im besten
Falle nur daraufrechnen, in den Sammlungen die meisten Säugethiere des Amur-Landes in
einzelnen, oft sehr unvollständigen Stücken repräsenlirt zu sehen, während die Beobachtung
an Ort und Stelle, neben manchen biologischen Momenten, auch in systematischer Beziehung
oft ein massenhafteres Material vorfand, das über den herrschenden localen Character der For-
men Aufschluss geben konnte. Indem nämlich die meisten Säugethiere in einer oder der an-
deren Beziehung eine Bedeutung für die Eingeborenen haben und manche lief in den Haushalt
und das sociale Leben derselben eingreifen, musste man erwarten durch gesteigerten Verkehr
mit den Eingeborenen auch mit den ihnen zu Gebote stehenden zoologischen Schätzen in nähere
4. Sangdhiere,
Berührung zu kommen. Dazu boten namentlich die Wintermonate, welche bei den ichthyo-
phagen Eingebornen des unteren Amur-Landes fast ausschliesslich der Jagd auf Pelzthiere ge-
widmet sind, die beste Gelegenheit dar. Alsdann sammeln sich bei ihnen nicht selten grosse
Vorräthc der geschätztesten Pelzwerke an, welche bestimmt sind im Sommer auf Handelsreisen
zu den Mandshu und Chinesen am Sungari gebracht zu werden, inzwischen aber auch dem un-
erwarteten, mit Tauschwaaren versehenen Reisenden gern zum Kaufe angeboten werden. Neben
diesen geschätzten Pelzwaaren finden sich denn oft auch andere, für die Eingeborenen werth-
lose Thierarten, welche unbeabsichtigter Weise in den für die Pelzthiere ausgestellten Fallen
erbeutet worden sind und in der Strenge winterlicher Jahreszeil sich völlig unversehrt erhal-
len haben. Wollte man daher diese Jagdausbeule der Eingeborenen als zoologisches Material
benutzen, so mussle man suchen recht viele uud an den verschiedensten Orten des Amur-Lan-
des vorhandene Niederlaffen derselben kennen zu lernen. Dies ist denn auch mit ein Grund
der alljährlichen, oben erwähnten Winlerreisen gewesen, die ich vom Nikolajewschen Posten
aus unternahm und denen ich in der That wohl den grftssten Theil meiner Erfahrungen über
die Säugethierfauna des Amur-Landes zu verdanken habe. Es kommt hier nämlich noch der
andere Umstand hinzu, dass im Winter die Eingeborenen im Amur-Lande, auf deren Vermille-
lung ich rechnete, durch ihre sesshaftere Lebensweise dem Reisenden weil zugänglicher als
im Sommer sind. Denn während sie im Sommer durch ihre ausschliessliche Beschäftigung
mit dem Fischfange und der Bereitung von Fischvorrälhen für den Winter meistens genöthigt
sind, den Zügen der verschiedeneu Fische und ihren besten Fangplätzen folgend, in leichten
Zellen eine halb nomadische Lebensweise zu führen, versammelt sie die rauhere Jahreszeil des
Winters in ihre festen Winterwohnuugen, von denen aus die im Walde aufgestellten Thier-
fallen beaufsichtigt und zeilweise auch die entfernteren, in den Gebirgswaldungen landeinwärts
gelegenen Jagdzelle besucht werden. Im Winter darf man daher stets hoffen in den Dörfern
am Amur -Strome eine zahlreiche und meistens müssige Bevölkerung versammelt zu flnden,
welche geneigt ist mit dem Reisenden, sei es aus Ilandelssuchl, aus Neugier oder auch nur
aus langer Weile, sich in Verkehr zu setzen und dabei auch seinen Erkundigungen und Nach-
fragen, so weit sie nicht ihr Misstrauen erregen, ein williges Ohr zu leihen. Füge ich noch
hinzu, dass ich durch eigenes Radebrechen ihrer Sprachen, welches ich im beständigen Ver-
kehre mit den Eingeborenen erlangt hatte, und durch stets gastliche Aufnahme vieler derselben
in meinem Hause im Nikolajewschen Posten ein gewisses Vertrauen weithin unter ihnen ge-
wonnen hatte, so wird man erklärlich finden, dass ich auf diesem Wege viele schätzbare Aus-
künfte über das Vorkommen und die geographische Verbreitung der ihnen wohlbekannten
Säugethiere erhallen konnte. Freilich mussle jede dieser Aussagen nur mit Vorsicht aufge-
nommen und durch wiederholtes Nachfragen an verschiedenen Orten einer mehrfachen Con-
trolle unterworfen werden, wobei ich jedoch nur in seltenen Fällen auf widersprechende Aus-
sagen stiess und dagegen oft durch die grössle Uebereinstimmung mich von der Richtigkeit
derselben zu überzeugen Gelegenheit halte.
Ausser den von mir selbst aus dem Amur-Laode mitgebrachten Materialien erhielt ich
Smgelhiere. 5
aber ferner auch noch schätzbare Beiträge zur Säugethierkunde des Amur-Landes durch die
Herren Maximowicz und Maack, von denen ersterer gleichzeitig mit mir, also in den Jahren
1854 bis 56, das Amur-Land in bolanischer Hinsicht durchforschte, letzterer aber im Jahre
1855 von Transbaikalien aus eine Reise den Amur-Strom abwärts und zurück ausführte.
Herr Maximowicz trat mir noch während unseres gemeinsamen Aufenthaltes und unserer zum
Theil gemeinsamen Reisen im Amur-Lande stets die von ihm erbeuteten Thiere ab. Von Hrn.
Maack erhielt ich aber nach meiner Rückkehr die freundliche Erlaubniss, bei Bearbeitung
meiner Materialien über die Säugethiere und Vögel des Amur-Landes auch die von ihm mit-
gebrachten, ebenfalls im Museum unserer Akademie befindlichen Bälge mit in Betracht zu zie-
hen. Die auf solche Weise erhaltenen Beiträge werden in den folgenden Blättern an dem betref-
fenden Orte stets besonders erwähnt werden. Hier aber kann ich es mir nicht versaeen, bei-
den Herren für dieselben meinen wärmsten Dank öffentlich auszusprechen.
Es bleibt mir nun noch übrig, einige Worte über die in der nachfolgenden Bearbeitung
der Säugethiere des Amur-Landes eingehaltenen Gesichtspunkte zu sagen. Wie in der allge-
meinen Einleitung erwähnt worden, ist es zur directen Aufgabe meiner Reise von Seiten der
Akademie gemacht worden, unsere durch Middendorff bis an die Südabhänge des Stanowoi-
Gebirges und die SüdküslendesOchotskischenMeeres nebstdenSchantarischen Inselnnach
Südost vorgeschobene Kenntniss der russisch-sibirischen Fauna, bei nunmehr eingetretener Mög-
lichkeit weiterer Forschung, südwärts über jene Gränzen hinaus auf das Amur-Land und die
Insel Sachalin auszudehnen. Somit sollten sich also meine Reisen und Forschungen im Amur-
Lande unmittelbar an diejenigen Middendorff's im Südosten Sibiriens anschliessen und, nach
Raum und Zeit, gewissermassen die Fortsetzung derselben bilden. Im Sinne solcher Fort-
setzung musste es mir denn besonders obliegen auch den acht naturhistorischen Gesichtspunkt
festzuhalten, der meinen grossen Reisevorgänger leitete und der seit den unsterblichen Arbei-
ten von Pallas in der Zoographie Russlands überhaupt der leitende geworden ist. Demnach
musste das Hauptinteresse nicht in der Entdeckung neuer Säugethierformen, deren das Amur-
Land voraussichtlich nur wenige enthalten konnte, sondern in dem fortgesetzten biologisch-
geographischen Studium der nordasiatischen Säugethierfauna sich concentriren, wie es von
Pallas angebahnt und von unseren späteren Akademikern Baer, Brandt und Middendorff
fortgesetzt worden ist. Vor allem musste also bei Aufdeckung bereits bekannter Thiere im
Amur-Lande die grösste Aufmerksamkeit auf die locale Erscheinung derselben innerhalb dieses
geographischen Bezirkes im Vergleiche zu derjenigen in anderen und namentlich den benach-
barten Theilen ihres gesammten, grösseren oder geringeren, geographischen Verbreitungsge-
bietes verwendet werden. Die nächsten Vergleichungspunkte mussten hier natürlich die Fauna
des südöstlichen Sibiriens einerseits und diejenige Chinas und Japan's andererseits bieten. In
erslerer Beziehung konnte diesem Bedürfniss durch die fortgeschrittene Kenntniss der russisch-
sibirischen Fauna und namentlich durch die Arbeiten Middendorff 's über die Fauna des süd-
östlichen Sibiriens, wie durch die reichhaltigen, von ihm und von Herrn Wosnessenski her-
rührenden, auf jene Gegenden bezüglichen Sammlungen in unserem Museum in reichem Maasse
6 Säugelhiere.
entsprochen werden. Wo daher Bälge, Skelette oder Schädel von Säugethieren aus dem Amur-
Lande vorlagen, konnten dieselben unmittelbar gegen die entsprechenden Sibiriens gehalten
und mit letzteren verglichen werden. Im Zwecke lag es, diese Vergleichungen möglichst ge-
nau und detaillirt und, wo es die Gegenstände erforderten und zuliessen, auch mit numeri-
schen Maassangaben auszuführen. Denn nur auf diese Weise durfte man hoffen , die uns bei
erweitertem Gesichtskreise nothwendig entgegentretenden abweichenden Erscheinungsformen
bereits bekannter Thierarten richtig zu würdigen, und somit, durch neu erkannte Variations-
reihen, zur Erweiterung unsrer bisherigen Kenntniss von der Variabilität der Thierarlen bei-
tragen zu können. Leider stand uns nun kein solches Vergleichuugsniaterial auch nach der
anderen Seite zu Gebote. Denn in Betreff der Fauna Chinas und Japan's musste mit dem
Wenigen vorlieb genommen werden, was über die Säugethiere dieser Länder bisher durch
Beschreibungen und Abbildungen bekannt geworden ist. Dennoch deckte die Vergleichung
auch nach dieser Seite nicht unansehnliche Variationsreihen auf, indem sie namentlich, durch
Vermittelung der Amur-Formen, in manchen bisher für selbststäudig gehaltenen Japanischen
Formen nur Varietäten bekannter, auf dem Continente verbreiteter Thierarten zu erkennen im
Stande war. Nach dieser Seite konnte also die Bekanntschaft mit den Amur-Formen zugleich
zur Reduction einiger Arten führen und somit zur Vereinfachung der Systematik beitragen.
Wichtiger als diese Vereinfachung ist aber, dass mit der Reduction für die betreffenden Arten
zugleich auch mehr Boden zur Aufdeckung der Causalbeziehungen gewonnen wird, welche
zwischen den Thierarten in ihren verschiedenen Varietäten und den physischen Bedingungen
des jedesmaligen geographischen Bodens, auf dem wir sie finden, bestehen mögen. Es ist
durchaus ein Gesichtspunkt meiner Reisen und Forschungen gewesen, diesen biologisch-geo-
graphischen Causalbeziehungen, aus denen wir dereinst die Gesetze geographischer Verbrei-
tung der Thierarten abzuleiten haben werden, in dem mir angewiesenen Gebiete möglichst
nachzuforschen, wenn ich gleich bekennen muss, dass die nachfolgenden Arbeiten, weit hinter
dem vorgesteckten Ziele zurückbleibend, nur über einige der nothwendigsten Vorbedingungen
zur Kenntniss dieser Causalbeziehungen theilweise Aufklärung zu geben im Stande sein dürf-
ten. Zu diesem Zwecke ist es daher, neben der Aufmerksamkeit auf die locale Erscheinung
und Variation der Thierarten im Amur-Lande, mein Bestreben gewesen, auch die geographi-
schen Gebiete und Gränzlinien ihrer Verbreitung, wo solche innerhalb des von mir bereisten
Gebietes sich darbieten konnten, möglichst genau zu erforschen. In der That fanden sich bei
der ansehnlichen Erstreckung des Amur-Landes und noch mehr in Folge der bedeutenden
Differenzen seiner Bodengestaltung, seines Klima's und seiner Vegetation nach Nord und Süd
die Verbreitungsgränzen verhältnissmässig recht vieler Thierarten innerhalb desselben auf.
Diese Gränzlinien konnten jedoch, wegen der kurzen Dauer meiner Reisen im Amur-Lande,
nur an wenigen Punkten aus eigener Erfaluung bestinmit, im grössten Theile ihres Verlaufes
aber auf die Aussagen der Eingeborenen begründet werden. Künftigen Reisenden bleibt es
daher anheimgestellt, neben der Prüfung und Berichtigung der in Folgendem angegebenen
Gränzlinien der Verbreitung, auch die physische Beschaffenheit der einzelneu Verbreitungs-
Ursus arctos 7
gebiete der Thierarten im Amur-Lande näher zu erforschen, um somit auch den leitenden und
maassgebenden Bedingungen der Verbreitung auf die Spur zu kommen. Wo mir solche aus
einzelnen Thatsachen horvorzuleuchten schienen, habe ich nicht unterlassen auf dieselben auf-
mei ksam zu machen.
Es bleibt mir ferner zu bemerken übrig, dass in der folgenden Abhandlung über die
Säugethiere des Amur-Landes nur diejenigen Thierarten Aufnahme gefunden haben, die ent-
weder direet beobachtet oder erkundet worden sind, oder aber die, nach ihrem Vorkommen in
den Nachbarländern oder nach alleren Muthmassungen von Pallas, im Amur-Lande erwartet
weiden konnten und wo die Nachforschungen ein mehr oder minder zuverlässiges negatives
Resultat ergaben. Desgleichen ist hier auch der bei den Amur-Völkern vorkommenden Haus-
thiere Erwähnung geschehen. Diese beschränkt sich jedoch bloss auf eine kurze Angabe ihrer
Bedeutung für die Eingeborenen und der Geschichte ihrer Verbreitung im Amur -Lande, so
weit diese erkundet werden konnte. Alle weiteren Beziehungen dagegen, in denen sowohl die
Hauslhiere, wie auch viele der wilden Säugethiere zu den Eingeborenen des Amur-Landes,
zu ihrem Haushalle, Handel, ihren Sitten und religiösen Anschauungen stehen, mussten aus
dem Rahmen rein zoologischer Abhandlung ausgeschlossen und dem ethnographischen Bande
meiner Reisebeschreibung vorbehalten bleiben. Dort hoffe ich daher neben den ethnographi-
schen Nachrichten auch in culturzoologischer Beziehung manchen nicht uninteressanten Bei-
trag liefern zu können.
Endlich in Betreff der hier befolgten Anordnung der Säugethiere, habe ich mich fast
durchgängig an die von Middendorff im 2, Bande seiner Sibirischen Reise für die Säuge-
thiere des Nordens und Ostens Sibiricn's beobachtete Reihenfolge gehalten , indem es mir als
ein Vorzug der nachfolgenden Mittheilungen erschien, wenn sie mit den bekannten Arbeiten
meines Reisevorgängers, an die sie dem Inhalte nach stets anzuknüpfen hatten, auch in der
Form möglichst parallel gingen.
L CARNIVORA.
1) Ursus arctos L.
Bei den Giljaken des Continents: kotr und tschchyf. Var. U. collaris Gadd: molk.
« « « der Insel Sachalin: tschchyf.
« « Mangunen (Oltscha), Golde unterhalb des Geong-Gebirges, Kile am Gorin
(Samagern): mafa (d. i. der Alte). Var. U. collaris Gadd: monolto.
8 Säugelhiere.
Bei den Golde oberhalb des Geong-Gebirges bis zum Ussuri, Kile am Kur: iika und mafa.
« « oberhalb des Ussuri: maßa.
« « Orotschen an der Meeresküste: mapa.
« « Biraren und Moujagerh: njonjuko.
« « Orotschonen: kongoldoi.
« « Daurcn: hara-guros.
Der Bär des Amur-Landes gehört ohne Zweifel zu der durch den ganzen Norden beider
Welten verbreiteten Art U. arctos L. Wie an anderen Orten seines weiten Verbreitungsgebie-
tes, kommt er auch im Amur-Lande in vielfachen Farbenschattirungen, vom reinen Schwarz
und dunklen Schwarzbraun bis zum Fahlbraunen vor. Vorherrschend scheint jedoch die schwarze
Farbe zu sein, eine Erscheinung, die wir irii Folgenden noch an mehreren Thierarten im Amur-
Lande zu bemerken Gelegenheit haben werden. Desgleichen kommt die mit weissem Hals-
bande (f/. collaris Gadd) oder mit unterbrochenen weissen Flecken am Halse und der Vorder-
hrust gezeichnete Farbenvarietät vor, die von den Eingeborenen mit besonderen Namen be-
zeichnet wird. Meistens ist der Bär im Amur-Lande von bedeutender Grosse, obgleich zuwei-
len auch vüUiij ausgewachsene kleinere Individuen vorkommen. Ohne Zweifel lässt sich also
die von M idd endo rff als allgemeine Regel für U. arctos nachgewiesene Existenz zweier Ab-
arten oderRacen, einer grösseren und einer kleineren,') auch über das Amur-Land ausdehnen.
Ferner giebt uns die von Middendorff aus einer vergleichenden, auf äusserst zahlreichen
Messungen begründeten Betrachtung der Bärenschädel verschiedener geographischer Gebiete
dargethane Existenz mehrerer geographischer Bären-Varietäten*) auch für den Amur-Bären die
Frage, ob und zu welcher der erwiesenen Varietäten derselbe gehören dürfte, an die Hand.
Zwei Bärenschädel, die ich aus dem Amur-Lande, von Pachale (nahe der Gorin-3Iündung)
und von Burri (nahe der Ussuri-Mündung) mitgebracht und zu dem Zwecke der Varieläts-Be-
slimmung genau nach dem von Middendorff beobachteten Verfahren vermessen habe, dürften
uns Auskunft auf diese Frage geben. In Folgendem theile ich daher die an den Bärenschä-
deln des Amur- Landes beobachteten Maasse mit. Vorläufig ist jedoch zu bemerken, dass die
dabei nur kurz angegebeneu Maassabstände genau dieselben sind, welche von Middendorff ^)
in den Erläuterungen zu seinen Tabellen der Bärenschädelmaasse genauer bezeichnet sind,
und darum keiner wiederholenden Erläuterung bedürfen. Auch folgen sie in derselben Rei-
henfolge wie dort, mit Ausschluss nur derjenigen Maassabstände, welche nachMiddendorff's
Erfahrungen*) zum Zwecke der Varietätenkunde unnütz sein dürften. Endlich sind zur voll-
ständigeren Parallelisirung mit den Middendorff'schen Tabellen auch dieselben Grossen, und
zwar einmal der Abstand der beiden ersten Backenzähne des Oberkiefers von einander und
') Middendorff, Reise in den äussersten Norden und Osten Sibirien's, Itd. II., Tbl. 2 p. 44 u. a. Desselben
Untersuchungen an Schädeln des gemeinen Landbären. St. Petersb. 1831. (Verhandlungen der Mincralog. Gesellschaft
zu St. Petersb. Jahrgang 1830^ — 31) p. 74.
2) Middendorff, Sibirische Reise I. c. p. 50. UntersuchungeD an Schädeln des gem. Landbären p. 74.
ä) Sibirische Reise 1. c. p. 18 ff.
■*) Sibirische Reise 1. c. p. 23.
Ursus arctos.
9
zweitens die Gesammtlänge des Schädels, als Maasseinheit (= 100) angenommen und alle übri-
gen Grössen auf dieselben reducirt worden. Die auf diese Weise erhaltenen Verhältnisszahleu
sind dann eben so durch besondere Schrift kenntlich gemacht und über und unter einer dritten
Zahl gesetzt worden, welche das direct abgelesene Maass einer jeden Entfernung in Millimetern
angiebt. Diese Maasse nnd Maassverhältnisse der Schädel des Amur-Bären sind nun folgende:
1. Abstand der beiden er-
sten Backenzähne i. Ober-
kiefer von einander.
2. Abst. der beid. letzten Ba-
ckenz.iraOberk. von ein-
ander (an beid. Schädeln
zwischen den ersten Hö-
ckern des letzt. Backenz.).
3. Abst.desinnenrandesder
beid. GelenkQächon (mit
d.Unterkief.) von einand.
4. Länge des Unterkiefer-
gelenkkopfes.
5. Abstand der äusseren
Gehöröllnungen von ein-
ander.
6. Grösste Breite des Hinter-
hauptes an den Zitzen-
fortsätzen.
7. Grösste Breite des Hin-
terbauptloches.
8. Grösste Höhe des Hinter-
hauptloches.
9. Breite des Schädelgewöl-
bes über den Geliöröff-
nungen.
10. Breite des Schädels in
den Scheitelbeinböckern
11. Breite des Schädelgewöl-
bes in der Scbeitelstirn
nath.
12. Grösste Breite d.Schädcli
in den Jochbögen (lallt auf
die Jochfortsätze des
Schläfenbeins).
13. Grösste Breite der Stirn
in den beiden Joch- oder
Postorbital-Fortsätzen d
Stirnbeins.
L.
a
ES
ja
u
ec
100
100
78
71
17,3
18,9
124
127
97
90
21,6
24
115
120
90
85
20
22,7
70,5
78,9
55
56
12,2
14,9
182
185
1<2
131
31,6
34,9
236
235
200
181
44,4
48,3
53,8
52,1
42
37
9,3
9,9
38,5
39,4
30
28
6,7
7,5
167
169
130
120
28,9
32
126
144
98
102
21,8
27,2
103
73
19,5
310
320
242
227
53,8
60,5
182
161
1/,2
114
31,6
30,4
14. Geringster Abstand bei-
der Augenhöhlen von
einander.
15. Breite der Schnauze in
ihrer Mitte.
16. Vordere Breite beider
Nasenbeine zusammen.
17. Höhe der Schnauze zwi
sehen beiden Unterau-
genböhlenlöchern.
18. Höhe der Schnauze zwi
sehen beiden Jochfort
Sätzen des Stirnbeins.
19. Gesichtswinkel.
20. Höhe des Schädelgewöl-
bes.
21. Tiefe der Stirnabstufung,
22. Tiefe der Stirnrinne.
23. Grösste Länge des Schä-
dels.
24. Länge des Schädels an
seiner Grundlage.
25. Länge der Schnauze bis
zum Unteraugenhöhlen-
loch.
26. Länge der Schnauze bis
zum Vorderrande der
Augenhöhle.
27. Stirnleistenwinkel.
28. Abstand des Stirnleislen-
winkels von den Schnei-
dezähnen.
E
ja
131
108
102
77
22,7
20,5
112
111
87
79
19,3
21,1
51,3
52,1
40
37
8,9
9,9
96,2
87,3
75
G2
16,7
16,5
146
124
1 H
88
25,3
23,5
37°
31°
138
—
98
26,1
17,9
11,3
14
8
3,1
2,1
5
14
4
10
0,9
2,7
577
328
450
375
100
100
495
476
386
338
85,8
90,1
168
169
131
120
29,1
32
213
199
166
141
36,9
37,6
73°
65°
401
366
313
260
69,6
69,1
29. Absland des Stirnleisten-
winkels von einer Linie,
welche beide Jochfort-
sätze des Stirnbeins mit
einander verbindet.
30. Abst. einer Linie, welche
beide Jochfortsätze des
Stirnbeines mit einander
verbindet, von dem Vor-
derrande d. Nasenbeine.
31. Abst. des letzten Backen-
zahnhinterrandes von den
Schneidezähnen im Ober-
kiefer.
32. Lange der Backenzahn-
reihe im Oberkiefer.
33 Abstand zwiscUen dem
Hauer u. dem 1. Backen
zahne im Oberkiefer.
34. Abstand d. Uinterrandes
der Schueidezäbue i. Un
terkiefer von dem Ge-
lenkkopfe desselben.
33. Länge der drei letzten
Backenzähne im Unter
kiefer.
36. Abstand zwischen dem
Hauer u. dem 1. Backen
zahne im Unterkiefer.
37. Lange des Jochbogeng.
141
HO
24,4
169
132
29,3
226
176
39,1
103
80
17,8
51,3
40
8,9
351
274
60,9
97,4
76
16,9
66,7
52
11,6
269
210
46,7
38. Höhe (Breite) des Joch-j57,7
bogens. 4 5
10
39. Mittlere Höhe des hori- 79,5
zontalen Unterkiefer- 62
astes. 13,6
113
80
21,3
165
117
31.2
220
156
41,6
106
75
20
42,3
30
8
345
245
65,3
101
72
19,2
49,3
39
9,3
249
177
47,5
50,7
36
9,6
70,4
50
13,3
Fügen wir diesen Maassen sogleich auch diejenigen der Backenzähne des Ober- und Un-
terkiefers an den Bärenschädeln vom Amur hinzu:
SchieBck Amut-Reüe Bd. I. 2
10
Snugethiere.
I m
b e r k i e f
e r.
1
Im U n t e
r k i
e f e r.
Ister Backenzahn.
2ter Backenzahn.
3ter Backenzahn, i
Ister Backenzahn.
4ter Backenzahn.
e
ICO
'S
u
a
Verhaltniss
der Breite
zur Länge.
bc
c
ci
'c
ca
Verhaltniss
der Breite
zur Länge.
Sc
-.3
a5
'S
ca
Verhaltniss
der Breite
zur Länge.
a
.es
Verhaltniss
der Breite
zur Länge.
OS
a
;eQ
1
Verhaltniss
der Breite
zur Länge.
Burri
Pachale . . .
18
16,3
13
14
0,72
0,83
23
23,3
18
18
0,72
0,77
39
37
20
20
0,31
0,34
13
13
7,3
7,3
0,38
0,38
23,3
21,5
17,3
14,5
0,74
0,67
Ehe wir nun einige Schlussfolgerungen aus diesen Maassen ziehen, müssen wir einige
Bemerkungen üher das relative Alter der beiden vermessenen Bärenschädel des Amur-Landes
vorausschicken. Nach den von Middendorff in dieser Beziehung als leitend angegebenen
Momenten dürften wir den ersteren Schädel, von Burri, als den eines recht alten, den letzte-
ren, von Pachale, als den eines bereits abgängigen Individuums ansehen. Das ergiebt sich
namentlich aus dem abgeriebenen Zustande der Zähne und der Verwachsung der Nälhe. Hin-
sichtlich des ersteren dieser Momente finden wir an beiden Schädeln und besonders am
letztern alle Backenzähne so weit abgeschliffen, dass die Sculptur der Zahnkronen unkenntlich
geworden ist und statt derselben nur eine breite und tiefe Rinne längs der Mitte der Zahn-
kronen verläuft. An dem zweiten Exemplare sind zugleich auch die Spitzen der Hauer ange-
schliffen, während sie am ersteren noch unversehrt sich erhalten haben. Von den Lückenzäh-
nen sind an beiden Schädeln im Oberkiefer tiefe Alveolen des Isten und 3ten derselben vor-
banden; diejenigen des 2ten Lückenzahnes aber sind am ersten Schädel gänzlich, am zweiten
bis auf sehr verflachte Gruben verschwunden. Im Unterkiefer beider Schädel ist nur die tiefe
Alveole des Isten Lückenzahnes vorhanden, von den übrigen aber keine Spur mehr sichtbar.
Was die Verwachsung der Näthe betrifft, so ist sie an beiden Schädeln sehr ungleich. An
dem ersteren derselben ist nur der obere-Theil der Schädelhinterhauptsnath so weit verwachsen,
dass keine Spur derselben sichtbar ist; alle übrigen Näthe dagegen sind entweder völlig un-
versehrt, oder bekunden durch Abnahme der Zäckchen die beginnende Verwachsung. Das ist
namentlich an der Scheitelstirn- und Scheitelschläfenbeinnath zum Theil der Fall. Darnach
dürfte dieser Schädel noch keinem alten, sondern nur einem vollkommen entwickelten Indivi-
duum angehört haben. Bei genauerer Betrachtung entdeckt man aber, dass an demselben die
Kieferzwischenkieferbeinnath an der einen Seite in einem, freilich nicht bedeutenden, Theile ih-
rer Länge spurlos verwachsen ist. Erwägt man nun, dass diese Nath nach Middendorff 's')
Erfahrungen zu den am spätesten verwachsenden Näthen gehört, so hat man Recht den in
Rede stehende Schädel einem alten Individuum zuzuschreiben und die unversehrte Erhaltung
der übrigen Näthe für einen Ausnahmefall zu halten, wie ihn auch Middendorff^) an
') Sibir. Reise, \. c. p. 35. Untersuchungen etc. p. 42.
2) Sibir. Reise L c.
Ursus arctos. 1 1
einem Bärenschädel in ähnlicher Weise beobachtet hat. An dem zweiten Schädel finden wir
alle IVäthe, mit Ausnahme der Jochschläfen- und der Grundfelsenbeinuath, spurlos verschwun-
den. Nur im vorderen Theile der Nasenbeine lässt sich noch ein kleines Stück der Nasen-
beinnath erkennen. Nach beiden Momenten dürften wir daher im Rechte sein diesen letzteren
Schädel für älter als den ersteren zu halten.
Ausser dem verschiedenen Alter zeigen die beiden Schädel aus dem Amur-Lande auf
den ersten Blick eine grosse Verschiedenheit der Umrisse, indem der eine von ihnen ein
hoch-, der andere ein flachstirniger ist. An dem ersteren, von Burri, ist nämlich der Gipfel
des Schädels, in der Gegend der Scheitelstirnbeinnath, sehr ausgesprochen hügelartig empor-
getrieben, und von dort senkt sich die obere Umrisslinie des Schädels sehr stark sowohl nach
vorn, zum vorderen Rande der Nasenbeine, als auch nach hinten, zum Hinterhauptshöcker,
hinab. Am Schädel von Pachale dagegen verläuft die obere Umrisslinie in ihrer ganzen
Länge, von dem Vorderrande der Nasenbeine bis zum Hinterhauplshöcker, der Grundlinie
des Schädels fast parallel, mit einer nur geringen, keineswegs hügelartigen Erhebung in der
Gegend der Scheitelstirnbeinnath. I\lit dieser Verschiedenheit der Umrisse, welche nach Mid-
dendorff's Nachweisungen durchaus von keinem specifischen Belange ist, fällt an unseren
Schädeln zufälliger Weise auch eine Ungleichheit in der Stirnabstufung zusammen, welche,
wie die obigen Maasse angeben , an dem ersteren Schädel viel stärker als an dem letzteren
ist, der sich dagegen durch eine ungleich tiefere Stirnrinne auszeichnet.
Diese Alters- und Formverschiedenheiten der beiden Bärenscbädel vom Amur machen
sie um so geeigneter zur Prüfung an denselben der von Middendorff als Kennzeichen ver-
schiedener geographischer Bären - Varietäten nachgewiesenen, in den Grössenverhältnissen
einzelner Schädeltheile ruhenden Charaktere. Halten wir zu diesem Zwecke die obigen Maasse
der Bärenschädel des Amur-Landes gegen die von Middendorff den Schädeln verschie-
dener geographischer Reviere entnommenen Maasse, so fällt uns auf den ersten Blick die grosse
Uebereinstimmung der absoluten Maasse aller Schädeldimensionen der Amur-Bären sowohl
mit denen der NW -Küste Amerika' s, als auch besonders mit denjenigen des Ochotski-
schen Meeresbeckens, der Schantar-Inseln, der Uda-Bucht und Kamtschatka's auf.
In den meisten Fällen nämlich lassen sich die Maasse der Amur-Bären als ganz gleiche oder
als Zwischen- und bisweilen auch als etwas zu- oder abnehmende Grössen jenen Maassen
der Bären beider Beringsarme und vorzüglich des westlichen derselben einschalten. Wie
an diesen finden wir daher auch an den Bärenschädeln des Amur-Landes die charakteristi-
schen Dimensionsverhältnisse der von Middendorff als Var. Beringtana^) bezeichneten Bären-
Varietät genau und bisweilen sogar in gesteigertem Maasse wieder. Es sind diese charakteri-
stischen Dimensionsverhältnisse') namentlich folgende:
1 ) Die ausnehmende Grösse des Schädels in seiner Längendimension. Diese fällt beson-
') Untersuchungen an Schädeln etc. p. 74.
2) Middendorff, Sibir. Reise 1. c. p. 53.
12 Säugethiere.
ders an dem ersten Schädel, von Burri, auf, dessen Gesammtlänge 450 Millini. beträgt und
somit den grössten bisher bekannten, von Mi ddendor ff beobachteten Bärenschädel der Jetztwelt
noch um ein Beträchtliches iibertriiVt. Die Länge des letzteren, eines Bären von der grossen
Schantar-Insel (No. 48 der Middendorff'schen Tabellen), beträgt nämlich 418 Millim. und
also nur 0,93 von der Gesammtlänge unseres grössten Schädels vom Amur. Dabei ist zu erinnern,
dass jener riesige Schädel von der Schantar-Insel einem äusserst alten, ganz abgängigen und
vermuthlich an Altersschwäche erlegenen Individuum, mit ungemein abgenutztem Gebisse, ange-
hört hat'), während der in Rede stehende Bärenschädel vom Amur in den oben erwähnten Momen-
ten der Verwachsung der Näthe und der Abnutzung der Zähne die Zeichen eines zwar vorgerück-
ten, jedoch noch lange nicht abgängigen Lebensalters an sich trägt. Um diese ausnehmende
Grösse des Amur -Schädels noch mehr zu würdigen, halten wir denselben, nach Middendorfls
Vorgänge^), auch dem grössten bisher bekannten Schädel vom Höhlenbären, Urs. spelaeus,
gegenüber. Als Middendorff diesen Vergleich mit seinem Schantar-Bären anstellte, war
der grösste bekannte Schädel vom Höhlenbären der von Schmerling auf 468 Millim. Länge
angegebene. Middendorff konnte daher die Angabe Cuvier's, dass die fossilen Bären-
scbädel diejenigen der Jetztwelt um \ ihrer Grösse überträfen, auf 1 reduciren. Demselben
Schädel von U. xpelaeus gegenüber dürfen wir mit Hülfe, unseres Amur-Schädels den erwähn-
ten Unterschied sogar auf ^-g zurückführen. Seitdem ist aber ein noch grösserer Schädel vom
Höhlenbären und zwar von 488 Millim. von Nord mann in der Umgegend von Odessa (in
den Steinbrüchen von Nerubaj) aufgefunden worden^). Dieser übertrifft den Schädel unseres
Amur-Bären um 38 Millim. und es würde sich also der vorhin erwähnte Unterschied, um
welchen der grösste Schädel des Höhlenbären den grössten bisher bekannten Schädel des
Bären der Jetztwelt übertrifft, ein Unterschied, den Cuvier, wie erwähnt, auf 1 angab, Mid-
dendorff auf J reducirte , nunmehr auf J« zurückführen lassen. So sehen wir also das
Moment der verschiedenen Grösse, welches Wagner noch für absolut unterscheidend zwi-
schen den Bärenschädeln der Vor- und Jetztwelt hielt ^), mehr und mehr auch als relatives
Unterscheidungskennzeichen an Gewicht verlieren. Aus der ausnehmenden Grösse dieses Bä-
renschädels vom Amur lässt sich endlich, in Beziehung auf die vorstehende Tabelle von
Maassen, auch die im Vergleich zu den von Middendorff gemessenen Schädeln des Ochots-
kischcn Meeresbeckens fast durchgängig geringer erscheinende Grösse aller derjenigen
Verhältnisszahlen erklären , welche aus der Reduction der absoluten Maasse dieses Schädels
auf die als Einheit angenommene Gesammtlänge desselben erhalten worden sind.
2) Die bedeutendere Grösse aller Breitendimisionen am Schädel. Alle darauf bezüglichen,
in der vorstehenden Tabelle mitgetheilten Maasse an den Bärenschädeln vom Amur, wie die
Gesammtbreite des Schädels in den Jochbögen, die Breite desselben in den Zitzenfortsätzen, die
1) Middendorff, Sibir. Reise I. c. p. 32 und 53.
*) Untersuchungen etc. p. 42.
') Alex. T. Nordmann, Paläeontologie Siidrusslands. 1. ürt. spelaeui {Odettanut). Helsingfors 1858. p. 2.
*) Middendorff, Untersuchungen etc. p. 78.
Ursus arclos. 13
Breite über der Gehöröffnung , die Breite der Stirn in den Postorbitalfortsätzen und dgl. m.,
reihen sich auf das Engste den grössten von Middendorff an den Bärenschädeln der Var.
Beringiana und namentlich den Schädeln der Küstenländer des OchotsUischen Meeres-
beckens beobachteten Maassen an. Dass diese Maasse aber an dem ersteren der Amur-Schä-
del, trotz seiner ausnehmenden Länge, dennoch im Vergleich zu dem oben erwähnten grössten
Schädel der Middendorff'schen Tabellen (No. 48) nicht im selben Verhältniss grösser,
sondern meistens sogar um ein Geringes kleiner sind als bei jenem, dürfte zum Theil in dem
oben besprochenen verschiedenen Alter der bezüglichen Thiere liegen, da die meisten dieser
Breilendimensionen, wie Middendorff nachgewiesen hat'), auch im späteren Alter der
Thiere noch fortwachsen. Aus demselben Grunde sind vielleicht auch die meisten Breiten-
dimensionen an dem ersten Schädel des Amur - Bären verhältnissmässig kleiner als am
zweiten, welcher, obwohl von geringerer Gesammtlänge, doch nachweislich einem viel
älteren Individuum angehört hat.
3) Die grössere Höhe des Jochbogens und des horizontalen Unterkieferastes. Auch in
diesen Maassen übertreffen die ßäreuschädel des Amur-Landes diejenigen der europäischen
und kaukasischen Thiere, oder der Varr. normalis und meridionalis Middendorff's ), sehr
bedeutend und schliessen sich genau an diejenigen der beiden Beringsarme an.
4) Die ansehnlichere Grösse der Lückenräume. Diese ist besonders an dem ersten,
grösseren Amur-Exemplare, weniger an dem zweiten, kleineren Schädel sichtlich.
4) Die bedeutendere Grösse der Backenzähne. Die beiden Bärenschädel vom Amur
ordnen sich in diesem, nach Middendorff^) für den Charakter der geographischen Varietät
besonders sprechenden Punkte genau denjenigen aus den Küstenländern des Ochotskischen
Meeresbeckens an. Zwar hat der kleinere der beiden Schädel vom Amur nicht grössere
Backenzähne, als wie sie die grössten Bärenschädel der baltischen Küstenländer ebenfalls
besitzen; allein dafür gehört der andere Schädel, von Burri, zu den grosszahnigsten Exem-
plaren, die uns vom Bären der Jetztwelt überhaupt bekannt geworden sind.
Zu diesen die geographische Bären- Varietät der Küstenländer des Ochotskischen
Meeresbeckens charakterisirenden Kennzeichen können wir endlich noch den gröberen Kno-
chenbau hinzufügen, welchen die Bären des Amur-Landes mit jenen in gleichem Maasse
theilen. Nach allem dem dürfte es daher keinem Zweifel mehr unterliegen, dass wir die
Bären des Amur-Landes ebenfalls zu den durch grösseren Wuchs, bedeutendere Gesammt-
länge und stärkere Entwickelung der Breitendimensionen am Schädel , wie durch vorzügliche
Grösse der Backenzähne ausgezeichneten, den Küstenländern beider Beringsarme und nament-
lich den Küstenländern des Ochotskischen Meeresbeckens eigenthümlichen Bären-Varietät,
der Var. Beringiana Middendorff's, rechnen müssen. Ja es ist vielleicht nicht ohne Bedeu-
tung, dass wir die beiden grössten der uns bisher bekannten Bärenschädel der Jetztwelt in
•) Sibirische Reise, I. c. p. 40.
*) Unlersurhungen etc. p. 74.
') Sibirische Reise, I. c. p. 54.
14 Säugethtere.
nahe benachbarten Gegenden finden, indem der eine derselben von den Schantar-Inseln, also
nahe der Südküste des Ochotskischen Meeres und dem Mündungslande des Amur-Stromes,
der andere vom Amur-Strome selbst, noch in dessen unterem Laufe, herrührt. Füge ich die
uu<'ewühnlich grossen Bärenfelle hinzu, welche ich oft im unteren Amur- Lande gesehen
habe, so liegt die Vermuthung nahe , welche wir späteren , auf reicheres Material gestützten
Forschungen anheimgeben, dass nämlich im unteren Amur-Lande und dessen nächster Umge-
bun" vielleicht die stärkste Entwickelung der grosswüchsigen Bären-Varietät zu finden sein
dürfte. —
Was die geographische Verbreitung des gemeinen Bären im Amur-Lande betrifft, so
gehört derjenige Theil der Mandshurei, über welchen ich, Iheils durch eigene Erfahrungen
auf Reisen und theils durch Erkundigungen bei den Eingeborenen, Nachrichten besitze, noch
ganz in das Verbreitungsgebiet dieser Thierart. Auf dem Continente umfassen diese Nach-
richten den ganzen Lauf des Amur-Stromes und erstrecken sich auch südlich von demselben,
namentlich bis an die Quellarme des Ussuri und an der Meeresküste bis über die Bai
Hailshi oder den Kaiserhafen der Russen, d. i. den 49^^ nördl. Breite, nach Süden hinaus.
Ohne Zweifel geben uns aber diese Punkte noch nicht die Aequatorialgränze des Bäreii an,
sondern es geht die Verbreitung desselben hier noch viel weiter südwärts. In dem bezeichneten
Gebiete der Mandshurei ist der Bär namentlich in den ausgedehnten Waldungen des gebirgigen
unleren Amur-Landes und der Meeresküste allenthalben ein häufiges Thier, An der südlichen
Biegung des Stromes dagegen, wo ein ebener, prairieartiger Charakter des Landes herrscht,
bewohnt er die waldigen Gebirge landeinwärts und nähert sich den Ufern des Stromes nur
mit den Gebirgen selbst, wie das beim Durchbruch des Amur's durch das Bureja-Gebirge'),
oder beim Oettu, Kinnale und anderen kleineren Gebirgszügen der Fall ist. Nirgends kommt
') lUit diesem Ton Herrn tod Middendorff vorgeschlagenen Namen werde ich in Folgendem stets den ge-
sammten, hohen Gebirgszug bezeichnen, der gleich östlich Yon den Quellen des Silimdshi in der Richtung nach
Süd vom Stanowoi - Gebirge sieh abzweigt, an seinen westlichen Abfällen die Quellen der Bureja entsendet
und bald unterhalb der Mündung dieses Flusses vom Amur -Strome, nahe seiner südlichsten Biegung, durchbrochen
wird. Es ist dieses dasselbe Gebirge, welches auf einigen russischen Karten unter dem Namen Ch in gan- Gebirge sich
eingetragen Cndet und demzufolge auch von Herrn v. Middendorff sowohl wie von mir, In unseren Reiseberichten
an die Akademie, unter demselben Namen erwähnt worden ist. Gleichwohl lässt sich dieser letztere Name nicht wohl
rechtfertigen, da er zwar von chinesischem Ursprünge ist, von den Chinesen selbst aber keineswegs diesem Gebirge,
sondern, mit der Unterscheidung eines grossen und kleinen Chingan's, zwei anderen Gebirgszügen, nämlich dem
Stano woi-Gebirge und einem südlich vom oberen Amur verlaufenden Gebirge gegeben wird. Die Beibehaltung
dieses Namens für einen dritten Gebirgszug dürfte daher nur zu Missverständnissen und Verwechselungen Veranlas-
sung geben. Dennoch ist das Bedürfniss nach einem Gesammtuamen für dieses Gebirge bei Beschreibung des Amur-
Landes ein sehr fühlbares. Ob die Chinesen einen solchen haben und wie er lautet, ist uns unbekannt, da wir bisher
bloss die Bezeichnungen derselben und auch einiger Eingeborenen des Amur-Landes für mehrere der Einzeltheile
dieses Gebirges kennen gelernt haben. So erfuhr Herr v. Middendorff, dass der nordliche Theil desselben, nörd-
lich von den AmgunJ- Quellen, bei den Chinesen Jam-alin und ein südlicher Theil Deusin-alin heisse. Aehnlich
verhält es sich auch mit dem auf älteren Karten eingetragenen Namen Wuanda-Gebirge, welcher, wie ich aus
eigner Erfahrung weiss, nur einem Zweige des Bureja - Gebirges zukommt, der, ostwärts verlaufend, dem Amur-
Strome nahe unterhalb der Ussuri-Mündung sich nähert, ohne ihn jedoch zu erreichen. Nicht minder beschränkten
Umfangs ist natürlich die Bezeichnung Tarjange, welche ich von den Sungari-Golde, die ich am Fusse des
Bureja- Gebirges in ihren nomadischen Zelten antraf, für dieses Gebirge hörte. Ohne Zweifel durfte keine dieser
Ursus arctos. 1
r
er jedoch im Amur-Lande in der Häufigkeit vor, wie Steller'), Langsdorff^) und spätere
Reisende von Kamtschatka berichten. Auch scheint er am Amur, den Erzählungen der
Eingeborenen zufolge, niemals von dem gulmüthigen Naturell der Bären Kamtschatka's, son-
dern stets bösartig zu sein, was vielleicht seinen Grund in einem geringeren Ueberfluss an
Nahrung, als in dem mit äusserst tisch- und besonders lachsreichen Gebirgsflüssen versehenen
Kamtschatka hat. Im Amur-Lande scheint der Bär einzig auf dieNahrung des Waldes ange-
wiesen zu sein und die Flüsse, au deren Ufern man oft seine Spuren und eingetretenen Pfade fin-
det, nur des Trinkens halber zu besuchen, oder aber um dieselben auf seinen Wanderungen zu
durchschwimmen, wie er es oft selbst mit dem Amur-Strome thut. Im unteren Amur-Lande ist
es auch, wo der Bär bei den Eingeborenen eine culturhistorische Bedeutung gewinnt. Als mäch-
tiges Raubthier gefürchtet, spielt er nämlich in den religiösen Vorstellungen derselben eine
wichtige Rolle. Zugleich aber seines schmackhaften Fleisches wegen gesucht und theuer ge-
schätzt , wird er lebendig eingefangen , in kleinen Häuschen gehalten , gefüttert und endlich
unter vielfachen, vom Aberglauben diclirten und ängstlich eingehaltenen Gebräuchen get<idtet
und verzehrt. Dem ethnographischen Bande meiner Reisebeschreibung bleibt die ausführlichere
Besprechung dieser auf den Bären bezüglichen Gebräuche vorbehalten, die, mit besonderen
Festlichkeiten und unter vielfachem Conflux von Theilnehmern begangen, tief in die Oecono-
mie und das sociale Leben jener Völker eingreifen. Namentlich ist solches bei den am weite-
sten unterhalb am Amur-Strome wohnenden Giljaken und 3Iangunen, weniger bei den
Golde, Samagern und anderen Stämmen des Amur-Landes der Fall. Bei den ersteren sieht
man daher fast in jedem Dorfe gefangene, in kleinen, eigens dazu hergerichteten Häuschen
gehaltene Bären. Leider raubt nur die Sitte dieser Völker, den Bärenschädel nach gehaltener
Mahlzeit mit einem Beile zu zerspalten , dem Naturforscher das brauchbare Material an
Schädeln. Erst weiter aufwärts, bei den Golde, die sich mit dem Einschlagen eines Loches
in den Schädel begnügen und ihn dann an einen Baum hängen, lässt sich dasselbe leichler
herbeischaffen. In solchen Anschauungen der Eingeborenen in Beziehung auf den Bären findet
auch die oben erwähnte, bei vielen derselben übliche, ehrerbietige Bezeichnung «mafa», d. i.
der Alte, oder, zum Unterschiede von dem Tiger (s. weiter unten), bisweilen auch ns'achare
mafa», d. i. der schwarze Alte, ihre Erklärung. Dieselbe Stellung wie bei den Eingeborenen
des Continentes hat der Bär auch auf der Insel Sachalin, bei den dortigen Giljaken und
Ainos. Auf dieser gebirgigen, waldreichen Insel ist der Bär bis an die Südspilze verbreitet
und nicht minder häufig wie auf dem Continenle. Zahlreiche Bärenfelle, die ich dort bei den
Eingeborenen gesehen habe, zeigten dieselben, vom Schwarzen und Schwarzbraunen bis zum
Local- und Einzelbezeichnungen, wenn man nicht neuen Verwechselungen und Missyerständnissen Raum geben
wollte, zum Gesammtnamen für das ganze Gebirge erhoben werden. Und so blieb denn nichts übrig, als eine» neuen
Namen zu wählen, der übrigens in den oben erwähnten Beziehungen dieses Gebirges zur Bureja, dem mächtigsten
ZuQusse des Amur-Stromes in diesem Theile, eine hinlängliche Begründung findet.
') Beschreibung von dem Lande Kamtschatka. Leipzig 1774. p. 113.
*) Bemerk, auf einer Reise um die Welt. Frankf. a. M. 1812. II. p. 223.
jß Säugethiere.
Fahlbraunen eehenden FarbenschaUirungen wie auf dem Continenle. Namentlich soll, den
Erzählungen der Sachalin-Giljaken zufolge, im Norden der Insel eine sehr helle Färbung
häufig vorkommen, welche die Giljaken im Gegensatz zur schwarzen hisweilen auch schlecht-
weg als weissen Bären bezeichnen, wobei sie jedoch selbst die fernere Auskunft geben, dass
es dasselbe von ihnen geschätzte und verehrte Thier wie die dunkelfarbige Varietät sei. Auch
ist es hei der Nähe der Insel zum Continente nicht anders denkbar, als dass sie von derselben
Bärenarl wie der Continent, d. i. also von U. arctos , bewohnt sei. Temminck irrt daher,
wenn er den Bären der Inseln Jesso und Tarakai (oder Sachalin) für V. ferox Lew. et
Clarcke hält'). Abgesehen von der in Zweifel gestellten Selbstständigkeit dieser letzteren Art,
»iebt auch die von Temminck mitgetheilte Beschreibung des Bären jener Inseln gar keinen
»'
Grund zu einer solchen Annahme. Bloss die sehr ansehnliche Grösse der Thiere, deren eines er
nach einem Felle auf 8 Fuss Länge angiebt, scheint ihn zu dieser Annahme bewogen zu haben.
Hinsichtlich dieser giebt uns aber die oben besprochene, von Middendorff nachgewiesene,
von mir auch für das Amur-Land bestätigte Existenz einer ausnehmend grosswüchsigen
Bären- Varietät in den Küstenländern des Ochotskischen Meeresbeckens eine hinlängliche
Erklärung. Temmiuck's Angabe kann also nur dazu dienen, das Vorkommen der Var.
Beringiana von U. arctos auch auf den Inseln Sachalin und Jesso zu hekräftigen. Von dem
Vorkommen des Bären auf letzterer Insel hatten wir vor Siehold und Temminck auch
schon durch Pallas, aus älteren russischen Quellen^), und durch Langsdorff^) Nachricht.
Durch letzteren und später durch Siebold erfahren wir zugleich, dass auch bei den Aiuos
von Jesso dieselben Gebräuche in Beziehung auf den Bären wie bei ihren Landsleuten auf
Sachalin herrschen. Südlich von Jesso, auf der Insel Nippon, scheint aber U. arctos, nach
Temmiuck's Angaben, nicht mehr vorzukommen, sondern durch V. tibetanus ersetzt zu sein*).
Hier hätten wir also mit der Insel Jesso, in etwa 41 1° n. Br., die Südgränze von U. arctos.
Das nöthigt uns zugleich uns die Verbreitung von U. arctos vom Continente nach den Japani-
schen Inseln nicht über Korea, wo sein Vorkommen auch noch nicht erwiesen ist, sondern
vom Amur -Lande nach der Insel Sachalin und von dort nach Jesso zu denken.
2) Ursu!^ inaritinius L.
Da Siebold von Eishären erzählt, die, laut Japanischen Aufzeichnungen, an den Küsten
der Provinz Jetsigo, im 37 — 38° n. Br., gesehen und wahrscheinlich auf Eisschollen dahin
verschlagen worden seien ^), so erkundigte ich mich auch bei den Eingehorenen des Amur-
l) Fauna Japonica, auct. Siebold. Mammalia ciabor. T emminck et Schlegel. Lugd. Batav. 1842. Dec. 2. p. 29.
^) Nach Otscheredin und Antipin. Pallas, Neue nordische Beiträge. St Petersb. und Leipzig 1783. Bd. IV.
p. 137.
') Bemerk, auf einer Reise um die Welt. I. p. 28S.
*j Fauna Japon. Mammalia. Dec. 2. p. 30.
') Fauna Japon. Mammalia. Dec. 2. p. 30.
ürsus marilmus. — 3Jeles Taxus. 1 7
Landes nach ähnlichen Fällen an ihren Küsten. Allein weder die Giljaken des Festlandes,
noch diejenigen der Insel Sachalin hatten jemals gesehen oder gehört, dass weisse Bären
auf Eisschollen an ihre Küsten getrieben worden wären. Ihre Erzählungen von «weissen
Bären» hatten stets nur auf die obenerwähnte hellfarbige, gelbliche oder hellbraune Varietät
des gemeinen Landbäreu Bezug, welche auf der Insel Sachalin vorkommt.
3) lleles Taxus Schreb. Taf. I. lig. 1 — 4.
Bei den Giljaken des Conlinentes: torskch.
« « Mang.unen: toro.
« « unteren Golde, bis zum Geong-Gebirge, Kile am Gorin (Saniagern): doro.
n « Golde oberhalb des Geong-Gebirges und am Ussuri: oijo und doro.
« « « oberhalb des Ussuri: dorko.
« « Kile am Kur: doroko.
« « Biraren und Monjagern: aintare.
Dieses bisher bloss bis an die Lena nach Osten bekannte Thier kommt auch im Amur-
Lande und zwar in interessanten Färbungen vor. Fasst man die abweichendste Färbung des
Dachses im Amur-Lande in's Auge, so dürfte man leicht geneigt sein , dieselbe für eine
besondere, von M. Taxus Schreb. verschiedene Dachsart zu halten. Ich habe jedoch Gelegen-
heit gehabt im Amur -Lande zahlreiche, den Uebergang vermittelnde Zeichnungen des Felles
zu beobachten und gegenwärtig liegen mir 8 Dachsfelle aus dem Amur-Lande vor, deren
5 von mir selbst und 3 von Hrn. Maack mitgebracht worden sind. Diese bieten einen so
allmähligen Uebergang von der typischen Zeichnung des Dachses in Europa zu der sehr ab-
weichenden des Amur-Landes dar, dass an der specifischen Identität dieser Formen nicht zu
zweifeln ist. Dabei aber bieten mehrere derselben auch eine solche Vermittelung zu dem
vonTemminck als eigene Art unterschiedenen Japanischen Dachse, M. Anakuma, dar, dass
wir uns genölhigt sehen, auch diese Form mit dem gemeinen Dachse in eine Art zusammen-
zuziehen.
Vergleichen wir zunächst den Dachs des Amur-Landes mit dem europäischen, so lässt
sich im Allgemeinen sagen, dass er dunkler als der europäische ist, indem alles Weiss an
ihm mehr gelblich, ja sogar bräunlich wird. Dabei stellt sich aber ferner auch eine abwei-
chende Zeichnung namentlich des Kopfes ein , welche bekanntlich hauptsächlich dazu dient
M. Taxus Schreb. und M. labradoria Say von einander zu unterscheiden. Diese abweichende
Zeichnung des Kopfes besteht darin, dass die beiden schwarzen oder schwarzbraunen Streifen,
die über Auge und Ohr gehen, beim Dachse des Amur-Landes schmäler und das Weiss
zwischen ihnen und unterhalb derselben schmutziger, gelblicher, mit mehr oder weniger
braun gespitzten und ganz braunen Haaren untermischt , ja bisweilen sogar ganz braun ist.
Auch reicht diese hellere, weissliche bis braune Färbung zwischen den beiden Seitenstreifen
am Kopfe minder hoch nach der Stirne hinauf, indem schon zwischen den Ohren die, durch
Schreuck Aniur-Rejse Bd. I. 3
18 Süitgethiere.
eigenthümliche Zeichnung der einzelnen Haare hervorgebrachte, weisslich oder gelblich und
schwärzlich oder schwarzbiaua gewellte Färbung des Rückens beginnt. Dabei zeigen die
schrägen Seitenstreifen des Kopfes au den einzelnen Exemplaren nach Breite und Verlauf
mannigfache Abänderungen, wie sie auf der Tafel I. zu sehen sind. Bisweilen entspringen sie
unmittelbar hinter der Nase, bisweilen etwas weiter aufwärts, so dass ein schmutzig weissli-
cher oder gelblicher bis bräunlicher Gürtel die Nase umgiebt; bei einigen verlaufen sie bis
an die Ohren scharf von einander gesondert, bei anderen convergiren sie mehr nach innen und
schmelzen auf dem Schnauzenrücken zum Theil zusammen; bei einigen erstrecken sie sich
tiefer unter das Ohr, bei andern minder tief hinab. Immer aber ziehen sie sich auch auf die
äussere und innere Fläche des Ohres fort, und es bleibt nur ein heller, weissli^her oder gelb-
licher Streifen übrig, der den Innen- und Vorderrand des Ohres bezeichnet, wie das auch
beim europäischen Dachse der Fall ist. Auf diese Weise erscheint im Allgemeinen die Zeich-
nung des Kopfes beim Amur -Dachse , durch das Schwinden der weissen Farbe, minder
markirt und viel dunkler als beim europäischen Thiere. Dass das nun aber keine speciüsche
Differenz vom europäischen Dachse bildet, geht, wie gesagt, schon aus den zahlreichen Mittel-
zeichnungen zwischen den extremen Formen hervor. So ist an einem meiner Amur-Exem-
plare die bezeichnete Verschiedenheit in der Zeichnung des Kopfes vom europäischen nur
schwach ausgesprochen, an einem zweiten viel merklicher und an den übrigen nimmt sie,
allmählig fortschreitend, so zu und wird so auffallend, dass von einer weisslichen Zeichnung
des Kopfes gar nicht mehr die Rede sein kann und die den M. Taxus charaklerisirende
Zeichnung des Kopfes sich nur insofern noch erhält, als die beiden dunklen Augenstreifen
immer noch einen helleren Streifen zwischen sich und einen helleren jederseits unter sich
haben. Diese helleren Streifen, die unteren sowohl wie die Mittelstreifen, sind jedoch nicht
mehr weiss, sondern an zweien meiner Exemplare schmutzig gelblich mit einigen braungespitz-
ten Haaren, an drei anderen vorherrschend braun mit nur wenig durchschimmernder gelbli-
cher Färbung, indem sämmtliche Haare braune Spitzen bekouiiiien haben und viele ganz braunge-
worden sind. An dem dunkelsten, achten Exemplare endlich (Fig. 1.) ist von dem Mittelstreifen
nur der vorderste Schnauzenrücken, unmittelbar hinter der Nase, noch beller braun, weiter-
hin aber schimmert auf dem Schnauzenrücken nur wenig von einer hellereu Färbung zwischen
den beiden schwarzen Seitenslreifen des Kopfes durch, indem sämmtliche Haare schwarzbraune
oder schwarze Spitzen bekommen haben und auch viele ganz schwarzbraune Haare sich ein-
gestellt haben. Gleichmässig damit sind denn auch die hellen Streifen unterhalb der Augeu-
streifen dunkler geworden. Bei weiterem Vergleiche des Amur-Dachses mit dem europäischen
findet man, dass die Zeichnung der einzelnen Haare am Rücken des Thieres bei beiden genau
dieselbe und nur die Farbe beim Amur-Dachse wiederum etwas dunkler ist. Das Wollhaar
ist entweder weiss, oder gelblich und bisweilen an den Spitzen mehr oder weniger bräunlich.
Die Deckhaare sind weiss oder gelblich, mit einem breiten schwarzbraunen bis schwar-
zen Ringe unterhalb ihrer Spitze gezeichnet. Längs der Mittellinie des Rückens ist dieser
schwarzbraune Ring am dunkelsten und breitesten; nach den Seiten zu wird er schmäler und
Meles Taxm. 19
heller und verschwindet bisweilen ganz, so dass zwischen der gemischten Farbe des Rückens
und dem einfachen Schwarzbraun des Bauches jederseits ein Streifen einförmiger, schmulzig-
weisslicher oder gelblicher Farbe entsteht. Diese Zeichnung, die ich am europäischen Thiere
nicht kenne, findet sich an dreien der Amur-Exemjilare, fehlt aber an allen übrigen, zum
Beweise, dass sie ebenfalls keine specitische Verschiedenheit bilden kann, sondern nur zu
den Abänderungen innerhalb einer und derselben Art gehört. Die gesammte Unterseite des
Amur-Dachses und die Extremitäten desselben sind an den helleren Exemplaren, wie beim
europäischen Thiere, schwarzbraun, an den dunkleren ganz schwarz. Der Schwanz endlich
ist beim Amur-Dachse genau wie beim europäischen, weisslich oder gelblich, mit wenig
durchschimiiiernder brauner Zeichnung der Haare unterhalb der langen weisslichen Spitzen
derselben. So finden also die Uebergäuge in der Zeichnung und Färbung vom europäischen
zum Amur-Dachse so stufenweise und allmälilig statt, dass an der Arten-Identität beider
Formen kein Zweifel sein kann. Fasst man aber ihre extremen Verschiedenheiten in's Auge,
so lässt sich die dunklere, mit gelblicher Färbung am gesammten Körper und mit bräunlicher
Zeichnung und minder markirter Sireifung des Kopfes versehene Form als besondere , dem
Amur-Lande eigene Varietät desselben bezeichnen.
Vergleichen wir nun die Amur-Form des Dachses mit dem Japanischen Dachse,
M. Anakuma Temm., indem wir sie, beim Mangel an Exemplaren von letzterem, gegen die
Beschreibung und Abbildung desselben in der Fauna Japonica') halten. Die dunkleren, gelb-
lichen und bräunlichen Färbungen des Amur-Dachses nähern sich dem M. Anahtma Temm.
so weit, dass die Beschreibung des letzteren fast vollkommen auch auf sie passt, indem M.
Anakuma ganz dieselbe Zeichnung zu haben und nur noch dunkler zu sein scheint, wenigstens
in seinem völlig erwachsenen Zustande, denn vom jungen Thiere bemerkt Temminck selbst,
dass es heller als das erwachsene sei. Der Haupt- und einzige Unterschied in der Zeichnung
beider Formen dürfte noch darin zu suchen sein, dass dem M. Anakuma, nach Temminck's
Angabe, die markirte Zeichnung des Kopfes, welche zur Charakteristik für die beiden ande-
ren bekannleu Dachsarten, M. Taxus Schreb. und M. labradoria Say, dient, gänzlich fehlen
soll. Allein gegen diese Behauptung Teiliminck's lässt sich anführen, dass einerseits auch
die Amur-Form eine minder markirte Zeichnung des Kopfes als die europäische Form besitzt
und dass andererseits Temminck selbst durch die Beschreibung und Abbildung, die er vom
Japanischen Dachse giebt, jene Behauptung widerlegt, indem Beschreibung wie Abbildung
eine immer noch recht markirte Zeichnung des Kopfes angeben, und zwar eine Zeichnung,
wie wir sie im Allgemeinen bei M. Taxus zum Unterschiede von M. labradoria finden und
im Speciellen beim Amur-Dachse kennen gelernt haben. Denn auch bei M, Anakuma ist,
wie beim Amur-Dachse, die belle Färbung des Kopfes zwischen den dunklen Augenstreifen
nicht weiss, sondern schmutzig-gelblich und reicht minder hoch nach der Stirne hinauf als
beim europäischen Dachse — ein Charakter , der eben in Verbindung mit den schwächerer
1) Mammiilia, elabor. Temminck el Schlegel. Dec. 2. p. 30 und 31. Tab. 6.
20 Säugethiere.
Augenslreifen die minder markirte Zeichnung des Kopfes bedingt, der aber jedenfalls nicht
hinreichend ist, die japanische Form von der europäischen specifisch zu trennen, da er nach
Temminck's eigner Angabe mit dem Alter sich verändert und das Weissliche in der Zeich-
nung an Reinheit und Ausdehnung abnimmt. Weniger als die Beschreibung entspricht unse-
ren Exemplaren des Amur-Dachses die Abbildung von M. Änakuma in der Fauna Japonica.
Allein vergleicht man diese mit der zugehörigen Beschreibung, so scheint sie in der That zu
dunkel gebalten zu sein — ein Fehler, den wir noch mehrmals an der Fauna Japonica bemerkt _
zu haben glauben — und auch einige Ungenauigkeilen zu enthalten, wie z. B. die ganz
weisse Schnauze, welche in der Beschreibung gelblich angegeben ist, und die gelbliche Kehle^,
welche nach der Beschreibung schwarzbraun sein soll. In Betreff dieses letzteren Punktes
mussich übrigens bemerken, dass auch an zweien der Amur-Exemplare gelbliche Flecken im
schwarzbraunen Felde der Kehle sich ünden. Wenn daher die Zeichnung der Fauna Japo-
nica hierin auch correct wäre, so dürften wir dennoch auf diesen Punkt als artenunterschei-
dendes Moment nichts geben. Somit fallen also alle diagnostischen Kennzeichen verschie-
dener Färbung und Zeichnung zwischen M. Taxus und 31. Anaknma fort. Ehen so geht es
aber auch mit der angeblich verschiedenen Grösse der Thiere. Denn obgleich Temminck
seinen M. Anaknma im Vergleich zum europäischen Dachse für kleiner erklärt, so gieht er
doch seihst die Grösse desselben auf 2 7 — 10" an, davon 5 — 6* auf den Schwanz kommen,
was mit der Grösse des europäischen Dachses, an dem ebenfalls einige Grössenvarietäten vor-
kommen, ganz übereinstimmt. Dass endlich in dem Schädelbau und in der Zahnhildung, in
den biologischen Verhälluissen und in der Lebensweise kein Unterschied des M. Anaknma vom
M. Taxus staltfinde, giebl Temminck seihst an. Und so sehen wir uns denn genöthigt, durch
Vermitlelung der Dachsformen des Amur- Landes, den Japanischen Dachs, M. Anakuma
Temm., als besondere Art in Abrede zu stellen und mit 31. Taxus, als dessen östlichste, dun-
kelste Varietät, in eine Art zu vereinigen. Scheint uns dieses Resultat durch den Weg der
Vergleichung, auf dem es gewonnen worden ist, schon hinlänglich begründet zu sein, so kön-
nen wir für dasselbe nachträglich auch noch die Ansicht eines mit der Fauna Japan 's vertrau-
ten Naturforschers anführen. Vor dem Erscheinen der Fauna Japonica erklärte nämlich H.
Schlegel'), auf Grund der von Siebold und Bürger aus Japan mitgebrachten Thierfelle,
den Japanischen Dachs nur für eine dunklere und etwas kleinere Varietät des gemeinen, euro-
päischen Dachses. Diese damals allerdings noch unbegründete und später durch die Fauna
Japonica zurückgedrängte Ansicht findet daher jetzt durch Vermitlelung der Amur-Formen
ihre Bestätigung. —
Verfolgen wir nun genauer die Verbreitung des Dachses im Amur-Lande. Wie bereits
oben erwähnt, kannte man den Dachs bisher bloss bis an die Lena^). Middendorff fand ihn
weder an der Südküste des Ochotskischen Meeres, noch im Jakutskischen Gebiete, vermu-
thete ihn aber nach den Erzählungen eines Jakuten in der nördlichen Mandshurci und na-
') Essai sur la pliysionomie des Serpens. Partie generale. Amsterdam 1837. p. 222.
^) Pallas, Zoographia Rosso-Asiatica. I. p. 71.
Meks Taxus. 21
mentlich am oberen Laufe der Bureja'). Diese Vermuthung können wir nunmehr bestätigen
und das Verbreitungsgebiet des Dachses somit bedeutend erweitern. Denn wir lernen ihn
nun durch das ganze Amur-Land bis an die Küsten des Ochotskischen und Tartarischen
Meeres, ja, durch die Identiticiruug desselben mit A&m M. AnakumaT emm,, sogar auf den Ja-
panischen Inseln kennen. Innerhalb dieses weiten Gebietes können wir uns seine Verbreitung
nicht besser vergegenwärtigen, als indem wir dem Laufe des Amur-Stromes folgen, denn
das Amur-Thal scheint mir seiner weiten Verbreitung nach Osten hauptsächlich Bahn gege-
ben zu haben. Wie schon aus den oben angeführten Bezeichnungen der Amur- Völker für
den Dachs zu ersehen ist, kommt er am gesammten Amur-Strome als einheimisches Thier
vor. Allein als vorzüglicher Bewohner gemässigter Klimale und dabei theilweise ebener, hü-
geliger oder massig bergiger Landschaften mit lockerem Erdreich, das ihm beim Graben seiner
Baue keine Hindernisse in den Weg setzt, ist der Dachs am Amur-Strome am häufigsten in
dessen mittlerem, südlichstem Theile, wo die Landschaft, eben und wellig und mit waldbe-
wachsenen Hügelzügen versehen, einen vorherrschenden Prairiecharakter trägt, \^'ir meinen
damit die Gegend zwischen der Mündung der Dseja (Dsi der Eingeborenen) und dem Ussuri,
ja am linken Amur-Ufer bis in die Gegend des Gorin, Zwar findet sich in diesem Theile
der Stromlandschaft auch ein gebirgiges Stück, es ist der Durchbruch des Amur-Stromes
durch dasBureja-Gebirge, allein auch in diesem fehlt der Dachs nicht und wo, bei einer Ser-
pentine des Stromes oder am Ausgange eines kleinen Nebenthaies, ein lockeres Erdreich sich
findet, habe ich seine Baue gesehen. Aus dem Amur-Thale geht der Dachs in die Nebeuthä-
1er und zwar wahrscheinlich so weit hinauf, als ihm Terrain und Klima derselben gestatten.
Es ist anzunehmen, dass ihm dabei an den nördlichen, linken Zuflüssen des Amur-Stromes
die baldige Veränderung der ofl'enen Prairielandschaft in eine gebirgige mit meist felsiger
BeschalTenheit des Bodens, so wie die rasche Zunahme eines excessiven, conlinentalen
Klima's mit starken Wiulerfrösten, welche den Boden in einiger Tiefe beständig gefroren er-
halten, eine frühe Gränze der Verbreitung setzen. Denn Middendorff fand ihn hier an dem
oberen Laufe der Dseja und der Bureja nicht, während er von seinem Vorkommen am un-
teren Laufe des letzteren Flusses Kunde erhielt. Es scheint mir kaum zweifelhaft, dass^ er
auch am unteren Laufe der Dseja vorkommt. Von den östlicheren linken Zuflüssen des
Amur-Stromes weiss ich durch Mittheilungen der Eingeborenen von dem Vorkommen des
Dachses am Kur, einem Flusse, der, vom Wuanda-Gebirge kommend, unweit unterhalb des
Ussuri in den Amur mündet; ferner am Ssedsemi, der gegenüber dem Bokke-Gebirge
und etwas oberhalb der Chongar-Mündung in den Amur fällt; dann am Gorin, wo ich im
Dorfe Ngagha, etwa 150 Werst oberhalb der ftlündung des Gorin in den Amur, bei den
Samagern zahlreiche Felle des Dachses gesehen und eins auch mitgebracht habe, und end-
lich am kleinen Flüsschen Patchä, nahe der Mündung des Amur-Stromes, von wo ich ein
gelblich gezeichnetes Exemplar erhalten habe. Elie wir nun an die rechten Zuflüsse des
^) Middeodorfr, Sibirische Reise, I. c. p.. 3^
22 ' Säiigelhtere.
Amur 's gehen, verfolgen wir noch den Dachs am Hanptstrome seihst. Ohgleieh die Land-
schaft am Amur unterhalh der Ussuri-Miindung ihren Prairiecharakter verliert und, zumal
am rechten Ufer, gehirgig wird, oft und hesonders gegen die Mündung hin mit steilen Felsen
den Strom säumend, kommt der Dachs an demselben doch bis an die Mündung vor, nimmt
aber dabei an Häufigkeit ah. Ich habe ihn seihst aus den Gegenden von Dshare, Gauwne,
Aure und aus der Umgegend des Nikolajewschen Postens kennen gelernt. Die an diesem
letzteren Orte von den Giljaken erhaltenen Exemplare sind die hellsten und nähern sich der
europäischen Form am meisten , während die Exemplare von südlicheren Fundorten dunkler
sind und als Miltelformen und Uebergänge zum M. Anakuma T cmm. erscheinen — eine That-
sache, die ebenfalls zur Bekräftigung der oben besprochenen Gleichartigkeit von M. Taxus
Schreh. und M. Anakuma Temm. dienen kann. Unterliegt es aber keinem Zweifel, dass der
Dachs an der Amur-Mündung im Gebiete der Giljaken ein einheimisches Thier ist, so muss
es auffallen, dass die Giljaken für ihn keine eigene, rein giljakische Bezeichnung haben, son-
dern sich dafür eines fremden, der Sprache ihrer tungusischen Nachbarn entnommenen und
offenbar nur giljakisirten Wortes bedienen. Dergleichen findet sonst hei den Giljaken bloss
für solche Thiere statt, die bei ihnen selbst nicht vorkommen und deren Bekanntschaft sie
durch ihre Nachharn oder durch Vermittelung der Mandshu und Chinesen gemacht haben,
wie z. B. für den Edelhirsch oder die Hausthiere, die sie (mit Ausnahme des überall einge-
bürgerten Hundes) fast nur nach Hörensagen kennen. Die einzigen Ausnahmen aus dieser
Regel machen ausser dem Dachse nur noch dasElennthier und das Reh, welche ebenfalls nur
giljakisirte tungusische Bezeichnungen bei den Giljaken haben, obgleich sie auch im giljaki-
schen Gebiete am Amur -Strome vorkommen. Allein diese beiden letzteren Thiere sind
im giljakischen Gebiete des Stromes viel seltener als bei den tungusischen Amur -Völ-
kern und nehmen offenbar ihre Verbreitung im Amur-Thale stromabwärts. Es ist da-
her anzunehmen, dass auch die erste Kenntniss vom Dachse den Giljaken von ihren tungu-
sischen Nachbarn gekommen ist, aus deren Gebiete das Thier auch zu ihnen sich verbreitet
hat. Auf diesem Wege, längs dem Amur-Thale, ist aber der Dachs nicht bloss bis an die
Mündung des Stromes, sondern noch weiter, längs dem Amur-Limane, bis an die Südküsten
desOchotskischen Meeres gelangt, wo er in der Umgegend der giljakischen Dörfer Olgh-vo,
Tägl, RuUj, wenn auch selten, doch vorhanden ist. Noch etwas nördlicher und westlicher
an der Südküste des Ochotskischen Meeres, wo Middendorff dieselbe bereist hat, kommt
er nicht mehr vor. Er sieht hier also genau an seiner Nordgränze, welche hier in etwa 53 i°
nördl. Breite liegt. So genau ist kaum ein anderer Punkt seiner Verhreitungsgränze be-
stimmt. Zieht man nun von diesem Punkte eine Linie, welche den mittleren Lauf des Gor in
schneidet und dann an den mittleren Lauf derBureja und Dseja gehl, so hat man, nach den
oben mitgelheilten Daten und Erörterungen, mit ziemlicher Genauigkeit die Polargränze der
Verbreitung des Dachses im Amur-Lande und damit auch im continentalen Osten Asiens be-
zeichnet. — Eiie wir nun auf die dem Amur-Lande anliegenden Inseln übergehen, verfolgen
wir den Dachs noch an den rechten Zuflüssen des Amur-Stromes. An diesen geht er weiter
Meles Taxus. . - 23
aufwärts als an den linken ZuQüssen. Vom Vorkommen des Dachses am Sungari haben wir
keine Nachrichten, aber am Ussuri weiss ich von seinem Vorkommen bis zur Jlündung des
Flusses Noor, da weiter hinauf meine Nachrichten nicht reichen. Er soll ferner, nach
Aussage der Eingeborenen, an den Flüssen Da und Munamu, welche vereinigt beim
Dorfe Naichi und daher auch unter dem Namen Naichi-Fluss, unweit Dondon'), in den
Amur mündet, und am Chongar-Flusse häutig sein und die Ufer des Jai-Flusses, der un-
weit Ridsi in den Amur filllt, in dessen ganzem Laufe bewohnen. Am Jai und auch am
Chongar und dessen rechtem Zuflüsse Uldji gelangen die Eingeborenen, 3Iangunen und
Golde, über niedrige Wasserscheiden zum Tumdshi-Fluss, der in das Meer der Tartarei
unweit oberhalb der Bai Hadshi, d. i. in 49^ nördi. Br., mündet. Von diesen Gegenden ha-
ben sie daher auch eine genauere Kenntniss, als sonst von den dem Amur-Strome entlegenen
Landschaften der Fall zu sein pflegt. Am Tumdshi-Flusse soll nun der Dachs im gesamm-
ten Laufe desselben vorkommen und auch an der Meeresküste nördlich und südlich von der
Mündung des Flusses verbreitet sein. Hier wurde mir sein Vorkommen vom Dorfe Choji an,
d. i. etwa 4 — 5 Tagereisen südhch von der Bai de Castries, bis nach Idi genannt, dem
letzten Orte, bis zu dem die Kenntnisse meines mangunischen Berichterstatters reichten und
der etwa eine Tagereise südlich von der Bai Hadshi liegen soll. OlTenbar wird dieses nicht
der südlichste Punkt der Verbreitung des Dachses in der Mandshurci sein, ja es ist vielmehr
zu vermulhen, dass er hier noch viel weiter nach Süden, vielleicht bis nach der Südspitze von
Korea reicht, wo er den Japanischen Inseln nahe kommt, auf denen wir ihn im M. Anakuma
Temm. wiedererkennen. Auf diesem südlichen Wege müssen wir uns auch seine Verbreitung
vom Continente auf die anliegenden Inseln denken, nicht auf dem nördlichen, vom Amur-Li-
mane nach der Insel Sachalin hinüber. Denn auf der Insel Sachalin, zum wenigsten in
ihrem nördlichen Theile, so weit die giljakische Bevölkerung derselben reicht, d. i. an der
Westküste der Insel bis etwas südlich von der Bai de la Joncquiere, kommt der Dachs den
wiederholten Nachrichten zufolge, die ich auf der Insel selbst von den Eingeborenen einzog, nicht
vor. Diese Thatsache, dass der Dachs auf der Insel Sachalin fehlt , scheint auch mit dessen
fremder, der tungusischen Sprache entlehnter und nur giljakisirter Bezeichnung, die bei den
Amur-Giljaken üblich ist, im Zusammenhange zu stehen. Denn man kann überhaupt bemer-
ken, dass in der Reihe der bei den Giljaken des Conlinentes gebräuchlichen Thiernamen fremde,
der tungusischen Sprache entlehnte und später giljakisirte Bezeichnungen sich nur Xür solche
Thiere hnden, welche auf dem Festlande allein vorkommen, auf der Insel Sachalin aber fehlen,
nämlich für den Dachs, das Elcnnthier und das Reh, während alle auf der Insel ebenfalls einhei-
mischen Thiere auch acht giljakische, wenngleich hier und dort dialektisch verschiedene Bezeich-
nungen tragen.^) Vielleicht dürfte uns dieser Umstand schon zu der Vermuthung berechtigen,
') Aufdea Karten daher auch unter dem Namen Dondon-Fluss eingetragen.
^) Die einzige Ausnahme macht Mustela Sibirica, welche, ob sie gleich auf der Insel Sachalin nicht vorkommt,
eine, wie mir scheint, acht giljakische Bezeichnung hat. Allein dieses Thier ist an der Amur-Mündung im Gebiete
der Giljaken häutiger als in dem ihrer Nachbarn.
24- Säugethiere.
dass dieGiljaken ursprünglich nur auf der Insel Sachalin ansässig gewesen und von dort aus
an den Amur gelangt seien, wo sie für die ihnen bis dahin unbekannt gewesenen Thiere von ih-
ren lungusischcn Nachliarn Bezeichnungen erborgten. Ich werde diese Vermuthung über die
Heimath der Giljaken, für die es noch andere Gründe giebt, an dem geeigneten Orte bespre-
chen, hier genüge es auf die Bedeutung hingewiesen zu haben , welche thiergeographische
Forschungen auch für die Lösung ethnographischer Fragen gewinnen können. Durch das
Fehlen des Dachses auf der Insel Sachalin rückt die Polargränze* desselben, welche wir an
der Südküste des Ochotskischen Meeres die Breite von 53. V^ N. erreichen sahen, vom Conti-
nente zu den Inseln rasch nach Süden hinab; denn nun müssen wir sie auf den Japanischen
Inseln annehmen, wo Temminck den M. Anakuma anführt. Dieser Umstand scheint unsere
obige Annahme, dass das Amur-Thal der weiten Verbreitung des Dachses nach Osten und
Norden auf dem asiatischen Conlinente hauptsächlich Bahn gegeben habe , noch mehr zu be-
kräftigen. In Japan soll der Dachs nach Temminck auf allen Inseln, wenn auch in gerin-
ger Anzahl von Individuen, vorkommen und vorzüglich an bewaldeten, bergigen Orten sich
aufhalten, seltner in der Ebene. Weiter südwärts ist uns das Vorkommen dieser Form nicht
bekannt und es scheint somit der Südrand der Japanischen Inseln die Aequatorialgränze des
Dachses* zu bilden.
4) dilo borealis Nilss.
Bei den Giljaken des Continentes und der Insel Sachalin: kusrj.
« « Mangunen und Kile am Gorin (Samageru): ongdo.
« « unteren Golde, bis zum Geong-Gebirge: ongdo.
«
Golde oberhalb des Geong-Gebirces: ailoki.
« « Kile am Kur: ausko.
« « Biraren: kaltyioke.
« « Monjagern: kyltyicki.
« « Orot schonen: mcelkan.
« « D au reu: chowicyr.
Der Vielfrass kommt im Amur-Lande in denselben, bald helleren, bald dunkleren Fär-
bungen vor, die in Europa und Nordasien Von ihm bekannt sind. Zwei Exemplare des Thie-
res, die ich aus dem Amur-Lande mitgebracht habe und von denen ich eines selbst vom
Flusse Chongar, das andere durch Hrn. v. Ditmar aus derselben Gegend erhalten habe, zeigen
diese verschiedenen Färbungen. Das dunklere entspricht der Zeichnung in Nilsson's Illum.
Figurer') fast ganz und ist vielleicht nur wenig heller. Es ist dunkelbraun, auf dem Kopfe, zwi-
schen Auge und Ohr, nur wenig heller; der Rückensattel. die Beine und der Schwanz beinahe
schwarz, die Seitenbinden hellbraun; an der Kehle sind nur wenige kleine weisse Flecken
vorhanden. Das andere, hellere Exemplar ist hellbraun, auf dem Kopfrücken, zwischen Auge
1] Haftet 13, Tab. 31.
Gulo borealis. 25
und Ohr, weisslich, indem hier den weissen, hellbraungespitzten Haaren noch viele rein weisse
Haare untermischt sind; der Rückensattel ist dunkler braun, von einer breiten gelblichen
Binde umgeben; die Extremitäten und der Schwanz sind schwarzbraun; an der Kehle einige
kleine weissliehe Flecken.
Das \'erbreitungsgebiet des V ielfrasses, dieses hochnordischen Raubthieres, erfährt durch
seine Ermittelung im Amur-Lande eine grosse Erweiterung nach Süden. Middendorff hat
ihn in den Abzweigungen des Stanowoi-Gebirges, innerhalb der nördlichen Mandshurei,
nicht selten angetroffen'). In unmittelbarem Anschluss daran können wir ihn im Amur-
Lande noch eine geraume Strecke nach Süden und an manchen Punkten bis an seine Aequa-
torialgränze verfolgen. Dasselbe Moment, welches, nach Nilsson^), der Verbreitung des Viel-
frasses durch Skandinavien zu Grunde liegt, uämlich das Vorkommen des Rennthiers, dem
der Vielfrass hauptsächlich nachstellt, das er auf allen Wanderungen desselben vom Gebirge
bis zur Meeresküste und zurück verfolgt und mit dem er daher auch ungefähr dasselbe Ver-
breitungsgebiet einnimmt, dieses Moment scheint auch für seine Verbreitung im Amur-Lande
leitend zu sein. Denn auch im Amur-Lande sehen wir die Gränzen der Verbreitung dieser
beiden Thiere, wo wir sie ermitteln konnten, stets zusammenfallen. Wo daher das Rennthier,
dem nordischen Charakter des Landes gemäss, durchweg, im Gebirge wie an der Meeresküste
vorkommt und die ausschliessliche oder wenigstens häufigste Hirschart ist, eine Charakterform
des Landes bildend, wie in der nördlichen Hälfte der Insel Sachalin, an der Küste des
Ochotskischen Meeres, im Amur-Limane und selbst noch an der Küste des Tartarischen
Meeres, da ist auch der Vielfrass ein allgemein verbreitetes und nicht seltenes Raubthier.
Auf der Insel Sachalin weiss ich von seinem Vorkommen durch das ganze giljakische Gebiet
an der Ost- und Westküste der Insel und in dem von mir bereisten Tymy-Thale im Innern
derselben und zweifle nicht, dass er mit dem Rennthier längs den Gebirgen des Innern bis an
die Südspitze der Insel hinabsteigt. Auf den Japanischen Inseln abernennt ihn Teraminck
nicht mehr; er müsste demnach hier an seiner Aequatorialgränze stehen. — Auf dem Con-
tinente, längs der Küste gegangen, kommt er im gesammten, in den Bereich meiner Reisen
fallenden Theile, an der Südküste des Ochotskischen Meeres, im Amur-Limane und an der
Küste des Tartarischen Meeres vor, wo ich in der Bai Hadshi, im 49° n. Br., ein schönes,
dunkles Exemplar des Thieres gesehen habe. Dort ist der Charakter des Landes noch ein
recht nordischer, die Nadelholzwaldung erstreckt sich vom Gebirge bis an die Meeresküste
und das Rennthier ist noch sehr verbreitet. Dort steht daher auch der Vielfrass noch nicht
an seiner Aequatorialgränze, welche wohl erst eine geraume Strecke südlicher gesucht werden
dürfte. — Am Amur- Strome selbst, vom Limane aufwärts gegangen, ist der Vielfrass zwar
noch auf einer geraumen Strecke einheimisch , nimmt aber an Häufigkeit rasch ab und
wird in dem Maasse, als die Ufer des Stromes ihre felsig-gebirgige Beschaffenheit und nordi-
sche Nadelholzwaldung verlieren, um ein ebenes, prairieartiges Ansehen mit südlicherem Ve-
') Middendorff Sibirische Reise Bd. II. Th. 2. pag. 4.
^j Skandiiiavisk Fauna. 1^ del. p. 132.
Scbrenck Aoiur-Reise Bd. 1. &
26 Säugt'thiere. . -
getationscharakter zu gewinnen — eine Veränderung, die das Rennthier in das höhere Gebirge
landeinwärts bannt, am Strome aber es durcii südlichere Formen, Elennthier, Reh, Edelhirsch,
ersetzt — in demselben Maasse wird auch der Vielfrass von der unmittelbaren Stromland-
schaft nach den felsigen , nordisch bewaldeten Gebirgsrücken im Innern des Landes ver-
drängt. Bis etwa an den Gorin, wo noch Nadelholzwaldung, mehr und mehr schwindend,
die hohen, meist gebirgigen Ufer des Amur-Stromes säumt, ist auch der Vielfrass in der un-
mittelbaren Stromlandscbaft ein einheimisches, wenngleich nur seltenes Thier. Oberhalb der
Gorin-Mündung aber ändert sich rasch der Charakter der Amur-Ufer und der Vielfrass
bleibt nunmehr bloss auf die höheren, landeinwärts vom Strome gelegenen Gebirge angewie-
sen. An der Chongar-Mündung ist er daher nicht mehr vorhanden, bewohnt aber wohl das
höhere Gebirge aufwärts amChongar-Flusse, von wo auch die beiden oben erwähnten Exem-
plare des Thieres rühren. Dasselbe findet bei Sargu statt. Noch weiter südwärts bewohnt
der Vielfrass den höchsten Theil des Geong-Gebirges. Und dort ist es auch, wo er, zugleich
mit dem Rennthier, an seiner Aequatorialgränze steht: denn nach Süden vom Geong-Gebirge
soll es, nach Aussage der Eingeborenen, auch im höchsten Gebirge weder Vielfrasse noch
Rennthiere geben. Wie das Geong-Gebirge am rechten, so bildet am linken Ufer des Stro-
mes das mehr landeinwärts gelegene wildreiche Wanda- Gebirge die Aequatorialgränze der
Verbreitung von Vielfrass und Rennthier. Wir sehen daher den südlichsten Theil des Amur-
Stromes, in welchem die Mündungen seiner grössten rechten Zuflüsse, des Ussuri und Sun-
gari (wenn man diesen riesigen Strom, wie es bisher üblich war, auch als einen Zufluss und
nicht als den Hauptquellarm des Amur-Stromes ansehen will'') aus dem Verbreitungsgebiete
des Vielfrasses ausgeschlossen bleiben. Im Bureja-Gebirge aber, das einen Zweig des Sta-
nowoj- Gebirges bildet, rückt wahrscheinlich der Vielfrass wieder weiter nach Süden und
vielleicht bis an den Strom vor , worüber wir jedoch keine bestimmten Nachrichten haben.
Oberhalb des Bureja-Gebirges breitet sich am Amur-Strome ein weites und schönes Prairie-
Land aus in welchem weder Rennthier noch Vielfrass vorkommen können. Es ist daher anzu-
nehmen, dass die Biraren, die amNjuman (Bureja) abwärts bis zum Sachali (oberen Amur)
und an diesem letzteren Strome nomadisiren und denen der Vielfrass bekannt ist, ihn aus den Ge-
birgen am oberen Laufe des Njuman kennen. Dasselbe dürfte auch von den Monjagern der
Dseja gelten. Letztere müssen jedoch auch am Sachali-Strome mit dem Vielfrass in Berüh-
rung kommen, da er an dem oberen Theile dieses Stromes, wo der Charakter der Landschaft
wieder ein nordischer wird und die Ufer gebirgig, steil felsig oder mit Nadelholz bedeckt
sind — was ungefähr mit der Mündung des Komar-Flusses eintritt — zugleich mit dem
Rennthier sich wieder einlindet und auch denOrotschonen bekannt ist. Hier könnte er auch
wieder auf das rechte Ufer des Amur-Stromes hinübertreten und im Gebirge vielleicht bis an
die Quellen der Unken Suugari-Zuflüsse sich ausbreiten, woher ihn wahrscheinlicherweise
'j lieber das Verhältniss dieser Ströme zu ciaander habe ich mich bereits in meinem letzten brieflichen Reise-
Berichte aa die Akademie s. Bull, de la Gl. phys.-matb. de l'Acad. T. XV. p. 244 und Meianges russes T. III. p. 349
ausgesprochen.
Gulo borealis. Muslela zibelh'na. 27
auch die Dauren kennen mögen. Zieht man nun, um das ganze Verbreitungsgebiet des
Vielfrasses im Amur-Lande zu überblicken, eine Linie von dem Südende Sachalin's nach
dem Contineate zum Geong-, Wanda- und Burcja-Gebirge und setzt sie dann zum obe-
ren Lauf der Bureja über die Dseja wieder zum Sachali-Strome, in der Gegend der Ko-
mar-Müudung fort, so hat man damit die ungefähre, der Wahrheit jedenfalls genäherte
Aoquatorialgränze der Verbreitung des Vielfrasses im Amur-Lande und zugleich im Osten
Asiens bezeichnet.
5) Mluiiitela zilielliua L.
Bei den Giljaken des Continentes und der Westküste von Sachalin: lumr.
« « « des Innern und der Ostküste von Sachalin: oghrob und myghr-nga (d. h.
braunes Thier);
« « Orotschonen der Meeresküste: sclia'ipa.
« « Oroken von Sachalin, Mangunen, Samagern (Kile am Gorin) und Golde un-
terhalb des Ussuri: s'äfa.
« « Kile am Kur: s'öbti.
n « Golde oberhalb des Ussuri: s'öba.
« « Biraren, Monjagern und Orotschonen: neka.
« « Dauren: balgha. ,
« « Maudshu: s'yka
<( « Aino von Sachalin: gomw. (?)
Wie für die nordischen Wildnisse Asiens überhaupt, so hat auch für das Amur-Land
der Zobel die Rolle des goldenen Vliesses gespielt, welches zur ersten Entdeckung und Erobe-
rung des Landes führte. Denn die Bereicherung mit diesem geschätzten Pelzwerk hat ohne
Zweifel auch jenen ersten kühnen Freibeutern, die vor mehr als zwei Jahrhunderten das
Amur-Land zuerst betraten und in blutigen Kämpfen mit den Eingeborenen und mit der chi-
nesischen Macht bis an die Mündung des Stromes sich Bahn brachen, als ein nicht geringer
Lohn ihrer Mühen und Gefahren vorgeschwebt. W'ir erfahren, dass sie während mehrerer
Jahre aus dem Amur-Lande einen reichen Tribut an Zobeln, den sie von den Eingeborenen
erhoben, nach Jakutsk und Moskau einsandten. Namentlich soll zuerst Pojarkov, der im
Jahre 16.44 in der Nähe der Amur-Mündung überwinterte, von den Giljaken 12 Zimmer
Zobel und 16 Zobelpelze als Tribut mitgebracht') und später Stepanof und Puschtschin
eine Tributskasse von 120 Zimmern Zobel eingesandt haben ^). Zwar konnte dieser Tribut,
welcher noch im Jahre 1672 für die Stadt Albasin aus beinahe 4 Zimmern Zobel bestand^),
') Müller, Samml. Russ. Gesch. St. Pet 1736. II. p. 303. Fischer, Sibirische Geschichte St Pet. 1768. II. P. 789.
*) Müller, 1. c. p. 355. Fischer, 1. c. p. 849.
S) Müller, L c. p. 372.
28 Sätigelhiere.
wegen der fortwährenden Kriege mit den Chinesen kein regelmässiger sein und hörte mit
dem Rückzuge der Russen vom Amur-Strome (nach dem Traktat von 1689) ganz auf; allein
durch russische und chinesische Jäger und Händler mussten stets wieder Zohel aus dem
Amur-Lande nach Sihirien kommen. Daher konnten Müller') und Pallas^) vom Vorkom-
men des Zobels im Amur-Lande und auf der Insel Sachalin sichere Kunde haben, ob sie
gleich von der Beschaffenheit desselben in diesem Lande nichts Genaueres anzugeben vermö-
gen. Ich habe den Zobel im gesammten von mir bereisten Theile der Mandshurei getroffen
und durch eingesammelte Nachrichten von seinem Vorkommen auch über das bereiste Gebiet
hinaus erfahren. Ueberall spielt er wegen seines von3Iandshu, Chinesen, Japanesen und
Russen hochgeschätzten Pelzwerkes bei den Eingeborenen eine grosse Rolle: er ist das wich-
tigste ihrer jagdbaren Pelzlhiere, die Einheit in der relativen Werthschätzung aller Pelzwerke,
die gangbarste Münze im Tauschhandel jener Völker — kurz ein unentbehrlicher Faktor ihres
Wohlstandes. Bei dieser hohen Bedeutung des Zobels für die Haushaltung und sogar für die
Schicksale der Amur-Völker behalte ich es mir vor, von allen Beziehungen, in denen er zum
Leben jener Völker steht, von der Art und Weise des Zobelfanges bei den Amur-Völkern,
von seiner Bedeutung im Handel, von den auf ihn bezüglichen abergläubischen Ansichten bei
den Eingeborenen u. dgl. m., in einem späteren, der Ethnographie des Amur-Landes gewid-
meten Theile meiner Reisebeschreibung zu handeln. Hier dagegen schicke ich nur das rein
Zoologische, die Erscheinung und Verbreitung des Zobels im Amur-Lande Betreffende voraus.
Da, wie bereits erwähnt, der Zobel im gesammten von mir bereisten Theile der Mand-
shurei vorkommt, so habe ich in Beziehung auf die räumliche Ausdehnung seines Verbrei-
tungsgebietes nur die Gränzen anzugeben , bis zu welchen meine Erfahrungen und Nachrich-
ten über den Zobel im Amur -Lande reichen. Dass sie die Quellarme des Amur-Stromes,
Schilka und Argunj, und die dem nordöstlichen Sibirien, dem eigentlichen Zobellande, nä-
her gelegenen linken Zuflüsse des Amur-Stromes wie den ganzen Strom selbst bis zu dessen
Mündung umfassen und in das Verbreitungsgeliiet des Zobels ziehen, verdient kaum einer be-
sonderen Erwähnung. Was aber die rechten Zuflüsse des Amur-Stromes betrifft, dürfte es
wünschenswerth sein bestimmtere Angaben über die Verbreitung des Zobels zu haben. Vom
Vorkommen des Zobels am Komar-Flusse und bis an das rechte Ufer des Argunj ist uns
durch die häuUg dorthin stattfindenden Jagdstreifzüge der Kosaken vom Argunj bekannt. Den
eifrigen Nachstellungen derselben ist es auch zuzuschreiben , ilass der Zobel dort und über-
haupt am oberen Amur an Zahl bereits sehr abgenommen hat, so dass die Jäger sich genö-
thigt sehen gegenwärtig ihr Hauptaugenmerk nicht mehr auf den Zobel, sondern auf das
Eichhörnchen zu richten, das mit der Abnahme seines Hauplfeindes, des Zobels, sehr zuge-
Dommen hat und jetzt den Hauptertrag ihrer Jagden bildet, welche sie daher auch schlechtweg
mit dem Namen «Eichhörnchen-Jagden» (bjelkowjo) belegen. Ohne Zweifel geht hier der
Zobel auch an die linken Zuflüsse des Sungari über, doch fehlen uns vom Sungari bisher
1) Samml. Russ. Gesch. Bd. III. p. 309.
2) Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 84.
Muslela zibellina. 29
alle Nachrichten. Der Ussuri aber ist in seinem gesammten und vorzüglich oberen, gebirgs-
und waldreichen Laufe mit Zobeln versehen und wird auch von den Chinesen als Tributslaud
für Zobel regelmässig besucht. Ich selbst traf dort mit eiuem chinesischen Beamten zusam-
men, der, mit Pelzwerken verschiedener Art und vorzüglich mit Zobeln reich beladen, von
einer solchen, mit dem Zwecke der Tributerhebung unternommenen Reise zurückkehrte. Hier
düifte daher der Zobel noch südwärts vom 44° nördl. Br. vorkommen und wahrschein-
lich setzt erst das Verschwinden aller Nadelholzwaldung auch im Gebirge seiner Verbreitung
nach Süden eine Gränze. Denn Waldung und namentlich Nadelholzwaldung scheint ein noth-
wendiges Element für die Verbreitung des Zobels zu sein. Gegen die Mündung des Ussuri,
wo diese verschwindet und die Ufer eben und prairieartig werden, findet sich daher der Zo-
bel nur in den angränzenden Gebirgen. Dasselbe ist auch am Amur in seinem Laufe durch
die Prairie der Fall, und hat daher die chinesische Regierung stets die nördlich vom Amur
gelegenen, waldbedeckten Gebirge, als reiches Zobelland, für sich zu wahren gesucht.^) Un-
terhalb des Ussuri, wo der Amur-Strom sich nach Norden wendet und bis an seine Mün-
dung ein gebirgiges und waldreiches Terrain durchströmt, nähert sich der Zobel mit der Na-
delholzwaldung mehr und mehr den unmittelbaren Ufern des Stromes, welche er etwa au der
Mündung des Gorin-Flusses erreicht. Und von hier an abwärts ist er am Amur-Strome
selbst und seinen beiderseitigen Zuflüssen wie an der Meeresküste, welche ich in der Bai
Hadshi, in 49° n. Br., noch mit vorherrschendem Nadelholze bewachsen fand, überall und in
einer bisher noch sehr grossen Zahl zu finden. Schon jene ersten rauhlustigen Entdecker des
Amur-Landes lobten daher diesen Theil des Amur-Stromes und namentlich das Gebiet der
Giljaken als die einzige Gegend, wo, wegen der Menge von Zobeln, noch ein reichlicher Tri-
but erhoben werden könne^). Während der beiden Jahre meines Aufenthaltes im Amur-Lande,
von 1854 — 56, flössen den Handelsleuten aus Irkutsk und von der Russ.-Amerik. Compagnie
vom unteren Amur-Strome viele Tausende von Zobelfellen zu. Vom Continente aus hat sich
der Zobel auch über die anliegenden Inseln verbreitet. Von seinem Vorkommen auf den
Schantarischen Inseln wissen wir schon durch die Reisen der russischen Kosaken (Semjon
Anabara u. a. m.) im Anfange des vorigen Jahrhunderts^). Auf der Insel Sachalin kommt
der Zobel nicht minder häufig, ja vielleicht noch häufiger als auf dem Continente vor und ist
bis an das Südende der Insel verbreitet, wo er im Handel der Japanesen eine wichtige Rolle
spielt. Südlich von Sachalin, auf Jesso und den japanischen Kurilen (Kunaschir, Iturup)
giebt zwar Pallas, nach russischen Quellen*), den Zobel an, allein aufl'allender Weise kennt
ihn Temminck für Japan nicht. Man dürfte daher geneigt sein mit dem Südende Sacha-
lin 's die Aequatorialgränze des Zobels anzunehmen, wenn nicht Temminck's eigene Nach-
richten über die Fauna Japan's Grund gäben, den Zobel auch über Sachalin hinaus zu ver-
1) Müller, 1. c. II. p. 422.
2) Müller, 1. c. II. p. 355. Fischer, I c. p. 849.
') Müller, 1. c. III. p. 99 und 108.
*)Neue Nordische Beiträge IV. p. 133—137.
30 Säiigethiere.
muthen. Ehe ich dieses jedoch wahrscheinlich machen kann, muss ich die äussere Erschei-
nung, die verschiedenen Färbungen des Zobels innerhalb seines oben bezeichnelen Verbrei-
tungsgebietes im Amur-Lande mit einigen Worten besprechen.
Bekanntlich gehört der Zobel zu den in ihrer Farbe am meisten variirenden Thiereu
und bietet eine Reihe von Schattirungen von einer beinahe schwarzen bis zu einer hellbraunen,
rölhlichen uud gelblichen Färbung dar — Verschiedenheiten, die bei Beurtheilung der Güte
des Felles im Handel hauptsächlich in Betracht kommen und die man daher frühzeitig in
ihrem Zusammenhange mit verschiedenen Theilen des weiten Verbreitungsgebietes des Zobels
kennen gelernt hat. Müller^) und Pallas^) und in späterer Zeit Galächowskij") theilen
uns eine ganze Reihe von Abstufungen von den besten (dunkelsten) bis zu den schlechtesten
(hellsten) Zobelfellen mit, wie sie die Erfahrung der hauptsächlich längs den Strömen Sibiriens
fortschreitenden Jagd allmälig herausgestellt hat, und Pallas bemerkt sogar, ohne den zahl-
reichen Farbenschattirungen, die jedenfalls auch innerhalb eines umschriebenen Gebietes noch
immer stattünden, Rechnung zu tragen, dass ein geübter Zobelkenner beim ersten Anblick
eines Felles die Gegend Sibiriens oder den Fluss wird bezeichnen können, von welchem das
Thier herrühre. Sehen wir nun, wie sich der Zobel des Amur-Stromes und der angränzen-
den Theile der Mandshurei in dieser Beziehung verhält und welche Stelle er in jener Reihe
von Abstufungen einnehmen dürfte. Als allgemeine Regel für das Amur-Land darf man aus-
sprechen, dass der Zobel je weiter nach Ost und Süd, und also je weiter von dem Innern des
Continents nach der Meeresküste und von den nordischen VVildnissen Sibirien's nach den ge-
mässigteren Gegenden des chinesischen Reiches, desto mehr an Güte abnimmt, indem das
Haar desselben nach diesen Richtungen an Schwärze und Dichtigkeit verliert. Der Zobel des
oberen Amur-(oder Sachali-)Stromes schliesst sich an die seiner oberen Quellarme, des
Schilka und Argunj, an und dürfte daher den sehr geschätzten Nertschinskischen Zobeln
nur wenig nachstehen. Auch heben jene alten Eroberer des Amur-Landes, welche bekannt-
lich aus den besten Zobelgegenden, von der Olekma und dem Aldan, an den Amur-Strom
kamen, die schönen Zobel der Umgegend von Albasin und überhaupt des oberen Amur-Lau-
fes zu wiederholten Malen hervor'). Weiter abwärts am Amur bis an deuUssuri und amUs-
suri selbst wird der Zobel heller und schlechter. Dieser Zobel dürfte sich daher vielleicht nur
dem Jenisseischen Zobel an die Seile stellen. Aber vom Ussuri abwärts, wo der Amur-Strom
sich nach Nord wendet und die hohen Ufer desselben sich mehr und mehr mit Nadelholz be-
walden, wird der Zobel wiederum besser. Und hier stehen namentlich die Zobel der westli-
chen, linken Zuflüsse des Amur-Stromes, des Gorin und Amgunj, bei den Eingeborenen
wie bei den russischen und chinesischen Handelsleuten in höherem Rufe als die Zobel des
') Samml. Russ. Gesch. Bd. III. p. 504 ff.
2) Spicilegia Zoologica Fase. XIV. p. 64 ff.
^) Baer, Uebersicbt des Jagd-Erwerbes id Sibirien, bessnders im östlichen. Baer und Uelmersen, Beiträge
zur Eenntn. des Kuss. Reicbs. Bd. VII. p. 128 ff.
*) Müller I.e. II. P.311U.352. I. p. 31T. Letzteres nach Nie. Witsen's Noord en OostTartarye. Amsterd.1671.
Musfela zibeüina. 31
Amur-Thales selbst. Die Eingeborenen, Mangunen und Giljaken, unterscheiden nach der
Güte des Felles den Zobel des linken und den Zobel des rechten Amur-Ufers (Giljakisch:
pyrchjerch-lumr und djulachjerch-lumr, Mangunisch: pyrchi-s'äfa und djuhchi-s'äfa) und geben
dem ersteren den Vorzug. Vergleicht man den Zobel dieses unteren Amur-Landes mit dem
Sibirischen, so dürfte er den ihm am nächsten gelegeneu Udschen Zobeln, zu denen Galä-
cliowskij 'l die Amur-Zobel überhaupt zu bringen scheint, allerdings am nächsten stehen,
ihnen jedoch an Schwärze nachgeben. Ich linde ihn dunkler als den Zobel des Wilui und
der unteren Tunguska; auch scheint er mir im Tone der Färbung eiu wenig schwärzer,
wenngleich weniger dichthaarig uud vielleicht auch kleiner als der Kamtschatkiscbe Zobel
zu sein, dum er sonst sehr an die Seite zu stellen ist. Ein Exemplar, das wir in einer Falle
beim Nikolaj ewschen Posten Hngen, sieht in Hinsicht auf Färbung und Zeichnung dem von
Hrn. Akad. Brandt beschriebenen^), von der Insel Tolbatschansk, bei Kamtschatka, rüh-
renden Wald- und Tundra-Zobel am nächsten. Doch finden sich am unteren Amur auch
häufig sehr helle, gelblich-braune Zobel. Im Amur-Limane und an der Meeresküste, der
Ochotskischen wie Tartarischen, ist der Zobel merklich heller als am Amur; die Zobel
der Bai Hadshi stehen denjenigen des unteren Amur- Stromes entschieden nach. Noch
schlechter endlich wird der Zobel auf der Insel Sachalin. Hier kommt er meist von so hel-
ler Farbe vor, dass man auf den ersten Blick, wenn man der starken Variabilität des Zobels
nicht eingedenk ist, kaum mit dem asiatischen Zobel zu thun zu haben glaubt. Ein Exemplar
dieser auf Sachalin vorherrschenden, hellen Zobelvarietät, das ich vom Dorfe Poghobi, an der
V\^estküsle der Insel, mitgebracht habe und das ich jetzt sowohl mit den nordasialischen, wie mit
einigen nordamerikanischen Zobeln unseres Museums (von Norton-Sound und einer anderen,
Südlicheron Gegend) und den dazu gelieferten genauen Beschreibungen des Hrn. Akad. Brandts
zu vergleichen Gelegenheit habe, lässt mich im Zobel Sachalin 's eine interessante Mittelform
erkennen. Offenbar zeigt er die grosste Aehnlichkeit mit dem amerikanischen Zobel, und na-
mentlich sind Farbe und Zeichnung des Kopfes , des Nackens und der Brust an beiden so
übereinstimmend, dass ich den Sachaliuischen Zobel nicht besser beschreiben kann, als in-
dem ich die Beschreibung des Hrn. Akad. Brand t's für den amerikanischen Zobel^) fast wört-
lich ausschreibe. Am Sachalin ischen Zobel ist der Kopf sehr hell, schwach bräunlichweiss,
oben auf dem Schnauzenrücken und unten an der Kehle stärker braun gestichelt; die Ohren
vorn weiss, oben breit weiss gesäumt, hinten hellgraubraun, von der Kopffarbe abgesetzt.
Der Nacken ist schmutzig gelblich-bräunlichweiss , in der Mitte mehr gelblichbraun gesti-
chelt. Die Kehle und Mitte des Unterhalses ist wie bei dem von Hrn. Akad. Brandt zuerst
erwähnten Exemplare: gelblich, nach der Seite mehr bräualich-weiss , wobei die weissliche,
ij Bacr I. c. p. 220.
2) Braodt, Selbstsländige Mittheilnngen über den äusseren Bau des Zobels {M. ZibelUna, Var. asiatiea und
americana) im Vergleich zu dem des Baum- und Steinmarders. Menioires de l'Acad. des Sciences de St. Pelersb. T. VII.
Beiträge zur näheren Kenntoiss der Säugethiere Russlands. St. Petersb. 18ä3. p. 13.
3) Brandt, 1. c. p. 17 fl.
32 Smigelhiere.
mit Hellbraun gewässerte Färbung in der Mittellinie bis an die Beine sich fortsetzt, wo ein
unreo^elmässiger, quer liegender weisser Fleck zwischen und etwas vor den Vorderbeinen sich
befindet — eine Zufälligkeit, die auch an einem der mir vorliegenden amerikanischen Exemplare
sich findet. Nicht ganz so übereinstimmend ist der Rumpf. Das Wollhaar des Rumpfes ist
helbrau oder bräunlichgrau, an den Spitzen gelblich. Die Farbe des Rumpfes ist etwas ver-
schieden von der des amerikanischen Zobels, gelblich braun, auf dem Rücken dunkler, beinahe
einen unregelmässigen, dunkleren Rückenstreifen bildend, an den Seiten und am Bauche heller,
schmutzig gelblich- oder graubraun; am Bauche steigt ein schwacher, heller, gelblichbrauner,
mit den Seiten gleichfarbiger Streifen, gleichsam als Fortsetzung vom weisslichen Halsstreifen,
längs der Mittellinie herab, zwischen zwei ihn einfassenden, dunkleren, aber verwaschenen
braunen Streifen, welche an den Vorderbeinen beginnen, längs dem Bauche einander genä-
hert und parallel verlaufen und dann plötzlich nach den Hinterbeinen auseinander treten.
Diese schwachangedeutele Zeichnung findet sich auch an zweien der amerikanischen und an
mehreren asiatischen Exemplaren des Continentes deutlich genug ausgesprochen. Die Farbe
und Zeichnung der Beine stimmt wieder mit der des amerikanischen Zobels ganz überein:
die Beine sind braun, schwärzlicher und dunkler als der Rücken und auf ihrer Vorderseite
mit einem scharf markirten, hellbräunlichen, weissgestichelten Fleck versehen. Der Schwanz
ist dunkelbraun, von der Farbe der Extremitäten, an der Spitze beinahe schwarz und, wie
der ganze übrige Körper und besonders die Schwanzwurzel , mit weissen Stichelhaaren hin
und her versehen. Der einzige Unterschied des Sachalinischen Zobels von dem amerikani-
schen scheint also bloss darin zu liegen, dass er mehr graubraun, der amerikanische dagegen
mehr röthlich-braun ist, was, nach den vielfältigen Farbenschattirungen des Zobels zu urthei-
len, gewiss keine specifische Verschiedenheit bilden kann. Der Sachalinische Zobel nähert
sich im allgemeinen Tone seiner Farbe mehr dem nordasiatischen; doch sind die von Midden-
dorff von der unteren Tunguska mitgebrachten Felle rölhlicher und zugleich dunkler als
der Sachalinische Zobel. Letzterer bildet daher offenbar eine Mittelform zwischen dem nord-
asiatischen und dem nordamerikanischen Zobel, wodurch die Ansicht des Hrn. Akad.Brandt's,
dass der amerikanische Zobel als Varietät mit dem asiatischen in eine Art zu vereinigen sei,
eine weitere Bestätigung erhält.
Ich kann nun nicht umhin hier die Vermuthung auszusprechen , dass auch Muslela
brachyura Temm, , von welcher Temminck nach verstümmelten Fellen, au denen der
Kopftheil fehlte , eine oberflächliche Beschreibung entworfen hat , vielleicht nichts anderes
als diese helle Varietät des Zobels sein dürfte, wie sie auf Sachalin vorkommt. So weit
Temminck's Beschreibung reicht, lässt sich nämlich kein anderer Unterschied zwischen
dieseu Formen wahrnehmen , als nur etwa der kürzere Schwanz von M. brachyura; allein
dieser Unterschied beträgt in absolutem Maasse nicht einmal einen Zoll und erscheint nur im
Vergleich zur Länge des respectiven Felles von M. brachyura bedeutender, wobei aber nicht
zu vergessen ist, dass die Maasse an einem im Handel erhaltenen Felle genommen sind, welches
>) Fauna Japonica. Mamraalia Dec. 2. p. 33 und 34.
Muslela zibellina. 33
bedeutend ausgereckt sein konnte. Wer die von den Eingeborenen im Amur-Lande und
auf der Insel Sachalin in den Handel gebrachten, durchweg lang gereckten Felle von Zobeln,
Ottern u. dgl. m. gesehen hat, sieht sich genöthigt auf die Maasse solcher Felle nicht viel zu
geben, zumal wenn sie als diagnostisches Moment zur Unterscheidung zweier Arten dienen
sollen. \Me nach dieser mangelhaften Unterscheidung, so haben wir auch ferner nach den
von Temminck angegebenen Fundorten der M. brachyura Grund sie für identisch mit unse-
rem Sachalinischen Zobel zu vermuthen. Die Felle, welche Temminck's Beschreibung von
M. brachyura vorlagen, hatte Siebold von der Insel Jesso erhalten. M. brachyura soll ausser-
dem auf den Japanischen Kurilen und überhaupt nur in den nördlichsten Provinzen des Ja-
panischen Reiches vorkommen, wo die Felle für den Handel bereitet und von wo sie in die
verschiedenen Theile des Reiches gebracht werden. Dürfte nun in dieser allgemeinen An-
gabe der «nördlichen Provinzen des Japanischen Reiches» die den Japanesen unterworfene
und tributpflichtige Südküste der Insel Sachalin schon unter den Fundorten für M. bra-
chyura mit einbegriflen sein, so möchte ich noch, ohne das Vorkommen von M. brachyura auf
Jesso streitig machen zu wollen, hervorheheu, dass bei der gewöhnlichen Unsicherheit von
Fundortangaben für Felle, die man im Handel erhält, auch die von Jesso an Siebold ge-
langten Felle sehr wohl ebenfalls von Sachalin herrühren konnten. Denn die minder be-
wohnte, waldige und gebirgige Insel Sachalin ist gewiss der an Pelzwerken reichste und er-
giebigste Theil des Japanischen Reiches, die Fundgrube der von Norden in den Japanischen
Handel kommenden Felle. Auch stehen die Japanesen mit der Südküste von Sachalin, von
Jesso aus, in directem und regelmässigem Verkehre und haben auf Sachalin ihre Ansiede-
lungen und Handelsplätze, die sie unter anderen Gründen auch deshalb besuchen, um von den
ihnen unterworfenen Aino Pelzwerke durch Tributerhebung und Kauf einzusammeln und in
den eigenen Handel zu bringen. Nun weiss ich von Giljaken, welche den Haupthandelsplatz
der Japanesen auf Sachalin, Siranussi auf der südwestlichen Spitze der Insel, zu wieder-
holten Malen besucht haben, dass die im Japanischen Handel allein vorkommenden Pelzwerke
(die die Japanesen verkaufen) Zobel, Füchse und Ottern sind. Ohne Zweifel müssen also Zobel-
felle von Sachalin auch in den Handel nach Japan kommen. Auffallend ist es daher, dass
Siebold des Zobels für Japan gar nicht erwähnt und im Handel nur die ihm ähnliche M.
brachyura als aus dem Norden kommend kennt, während dagegen meines Wissens auf Sa-
chalin, von wo, als der nördlichsten Japanischen Provinz, die M. brachyura ebenfalls kom-
men soll, keine solche und nur der Zobel vorkommt und im Handel der Japanesen eine Rolle
spielt. Diese Widersprüche lösen sich aber auf, wenn man Temminck's M. brachyura mit
dem Sachalinischen Zobel für identisch annimmt, wozu uns, wie wir oben erwähnten, auch
Temminck's Beschreibung der M. brachyura zu berechtigen scheint. Es darf uns auch nicht
auffallen, dass Temminck, geneigt in der Thierwelt Japan 's besondere, eigenthümliche Arten
zu sehen, in einem Thiere, das so verschieden von der typischen dunklen Form des asiatischen
Zobels wie der helle Sachalinische Zobel ist, der sich dem amerikanischen beinahe mehr
als dem asiatischen nähert und von dem Temminck nur verstümmelte Felle, ohne Kopftheil,
Echreack AinDr-fieise Bd. I. K
3i Sängelhiere.
kannte, dass er in diesem eher eine besondere, dem Zobel nahe stehende Mustelen-Art als
eine Varietät des Zobels selbst annahm. Ist aber Temminck's M. brachyura mit dem Sa-
chalinischen Zobel identisch, so müssen wir das Verbreitungsgebiet des Zobels über Jesso
und die Japanischen Kurilen erweitern, während er in den südlicheren Provinzen Japan's
nach Temminck nicht vorkommt. Und mit diesem Resultate stimmen denn auch die oben er-
wähnten, von Pallas mitgetheilten Angaben der alten russischen Seefahrer, dass es auf Jesso
und den Japanischen Kurilen (Kunaschir, Iturup) Zobel gebe, völlig überein. Hier dürfte
also gegenwärtig die Aequatorialgränze des Zobels liegen. Ob sie in früheren Zeiten noch
südlicher auf den Japanischen Inseln gelegen haben mag und später (hirch starke Zunahme
der Bevölkerung , durch Lichtung der Wälder und häutige Nachstellungen des Tliieres nach
Norden zurückgedrängt worden sei, darüber fehlen uns alle Nachrichten.
Die oben beschriebene, helle Färbung des Sachalinischen Zoiiels nöthigt uns ihn in
Beziehung auf die Güte des Felles in eine Reihe mit den westsibirischen Zobeln zu stellen.
So lernen wir im Amur-Lande in Beziehung auf die Schwärze und damit auch die Güte der
Zobelfelle eine ähnliche Abnahme von West nach Ost kennen, wie sie in Sibirien in umge-
kehrter Richtung von Ost nach West statttindet. Der Ausspruch Müller's') und Pallas's^),
dass der (asiatische) Zobel je weiter nach Ost desto besser werde, hat daher nur für die eine
Hälfte des Verbreitungsgebietes des Zobels seine Richtigkeit. Dass hierin noch innerhalb Si-
birien's ein Wendepunkt eintritt, geht auch schon aus den Angaben beider Schriftsteller über
die Heimath der besten Zobel hervor: denn sind ihre Angaben darüber auch nicht ganz gleich-
lautend, so stimmen doch Ijeide darin überein, dass die Kamtschatkischeu Zobel heller als
die Oslsibirischen seien, ja Pallas lässt sogar den Zobel vom Witim an nach Ost an Güte
abnehmen^), während Müller, auf die Zobel vom Flusse Uth (oder Uda) gestützt, sich dahin
zu neigen scheint, die Küste des Oehotskischeu Meeres für die Heimath der besten Zobel
zu halten. Solche Meinungsversciiiedenheiten ünden in der schon erwähnten Variabilität des
Zobels auch innerhalb eines umscliriebeneren Gebietes , zumal wenn die Kenntniss einer Ge-
gend noch gering ist, leicht ihre Erklärung. Pallas hatte jedenfalls eine spätere und grössere
Erfahrung für sich. Dennoch geht daraus hervor, dass die Abnahme der Zobel an Schwärze
nach Ost, vom Innern des Continentes nach der Meeresküste, in jenen höheren Breiten des
Oehotskischeu Meeres langsamer vor sich gehe als am Amur-Strome, was zugleich auch
eine Abnahme der Schwärze nach Süden bekundet. Der Ansicht Pallas 's nähern sich die
neueren, auf reiches Material gestützten Mittheilungen Galächowskij's*), und mit diesen
stimmt auch überein, was ich auf meiner Durchreise durch Sibirien über diesen Gegenstand
habe erfahren können. Demnach sind die besten , schwärzesten Zobel diejenigen von der
Olekma und von dort findet eine Abnahme der Schwärze nach West über den Witim und
1) Samml. Russ. Gesch. III. p. 504 und 509.
2) Spie. Zool. XIV. p. 65.
') 1. c. p. 66.
") Baer, 1. c. p. 218 ff.
Mustela zibellina. 35
nach Osl über den Aldan wie auch nach Nord und Süd statt. Mit dieser Erscheinung stehen
denn auch unsere Beobachtungen im Amur-Lande völlig im Einklänge und schliessen sich
an dieselben ergänzend und erweiternd an. Wir sehen daher die Linien wachsender, schönerer
und kräftigerer Entwickelung des Zobels gleich Radien nach einem Mittelpunkte, der Gegend
an der Olekma, zusammenlaufen. Dort, im Innern Ostasiens, müssen wir daher auch die
ursprüngliche Heimath, den Mittel- und Ausgangspunkt der Verbreitung des Zobels annehmen.
\\ir sehen diesen Punkt innerhalb des Sibirischen Continentes, in einem ausgesprochen conti-
nentalen Klima, mit den excessivsten Winterfrösten, in der Nähe der Rälle-Pole und dabei
in einer gebirgigen und mit hoher nordischer Nadelholzwaldung bedeckten Gegend liegen.
In der Vereinigung dieser verschiedenen Momente müssen wir daher auch die der Entwicke-
lung des Zobels günstigsten Bedingungen erblicken und in deren theilweiser, allmähliger,
grösserer oder geringerer Alinahme von jenem Punkte aus den Grund seines allmähligen Ver-
kümmerns und die Erklärung der Gränzen seiner Verbreitung suchen. Pallas giebt an, in-
dem er diese Momente zergliedert, dass namentlich die Schwärze des Felles von der Art der
Waldung abiiängt, welche der ZoLel bewoiml: die besten sollen darnach in Tannenwaldungen,
weniger dunkle in Pappel- und Weidengehölzen und die hellsten endlich in Lärchen- und
Cedernwäldern oder Gestrüppen vorkommen '). Mit diesen Bemerkungen stimmen auch meine
Beobachtungen im Amur-Lande überein. Denn, wie schon mehrmals erwähnt, geht der Strom
im obL'ien Laufe, wo der beste Zobel vorkommt, durch eine gebirgige, meist mit Nadelholz
bedeckte Gegend ; dann folgen Laubwälder und im südlichsten Theile des Stromes die Prairie,
und der Zobel wird schlechter oder entfernt sich vom Strome; im unteren Theile des Stromes
aber, wo er wiederum besser wird, nehmen, vom Gorin an, Tannenwaldungen mehr und
mehr überhand. Der Amur-Liman und die Meeresküste, besonders die des Continentes am
Ochotskischen Meere und der Insel Sachalin in ihrer nördlichen Hälfte, sind dagegen
häutig und die letzteren fast ausschliesslich mit Lärchen bewachsen. Sachalin, wo der
schlechteste Zobel vorkommt , ist zugleich das Cedernland des Amur-Stromes: ein dichtes
und ausgedehntes Cederngestrüppe breitet sich dort an vielen Orten von der Küste landein-
wärts aus. So dürften Abnahme und Veränderung der continentalen, nordischen , sibirischen
Waldung jedenfalls die wichtigsten bestimmenden Momente für die Verbreitung und mehr
oder minder kräftige und schöne Entwickelung des Zobels sein. Gleichwohl scheint mir, bei
Ueberblickung des ganzen Verbreitungsgebietes des Zobels, welches nach Westen trotz fort-
gesetzter Waldung abbricht, dass der Charakter der Waldung nicht als einziges leitendes
Moment angesehen werden dürfe, sondern dass das Bestimmende für die Verbreitung und
kräftigste Entwickelung des Zobels in der Vereinigung mehrerer Momente gesucht wer-
den müsse.
') Pallas, Spie. Zool. 1. c. p. 05.
36 Säugelhiere.
6) Jfliistcla Hartes L.
Ich würde dieses im Amur-Lande nicht vorkommenden Thieres auch nicht weiter er-
wähnen, wenn es hier nicht einige Vermuthungen von Pallas, die direct auf das Amur-
Land Bezug haben, zu beantworten gäbe. In den Spicil. Zool, ') hebt nämlich Pallas als be-
kannt hervor, dass in der Gegend zwischen den Flüssen Amur und Uth (oder Uda) zur Mee-
resküste hin und auf den anliegenden Inseln (worunter also die Schantarischen Inseln und
vielleicht auch Sachalin verstanden sind) zugleich mit Zobeln auch die besten Marder ge-
jangen würden, was ihn vermuthen lasse, dass der Baum- und Steinmarder [Maries et Foyna),
ob sie gleich in Sibirien nicht vorkämen, in südlicheren Breiten durch ganz Mittelasien
verbreitet seien. Darnach hätten wir also den Marder im Amur-Lande zu suchen. Al-
lein später, in der Zoographia Rosso-Asiatica^), spricht Pallas die Vermuthung aus, dass es.
ne!)en den zahlreichen localen und zufälligen Varietäten des Zobels, noch eine besondere, nahe
verwandte Mustelen-Art im Innern Asiens gebe, die mit dem Zobel wie mit dem Marder die
grösste Aehnlichkeit habe. Auf dieses Thier, heisst es weiter, müsse man, scheint es, auch
die Berichte der Jäger beziehen, welche behaupten, dass auf den Inseln an der Mündung des
Flusses Uth (oder Uda) in den östlichen Oceau und auf der grossen Insel Sachalin an der
Mündung des Amur-Stromes zugleich Marder und Zobel gefangen würden. Es scheint also,
dass Pallas mit diesem späteren Ausspruche seine erste Behauptung vom Vorkommen des
Marders am Amur und auf den anliegenden Inseln, ob er es gleich als bekannte Thatsache
hervorgehoben hatte , selbst in Zweifel zog , indem er an Stelle des Marders eine besondere,
nahe verwandte Art am Amur und auf Sachalin wie auf den Schantarischen Inseln ver-
muthete. Wie dem nun auch sei, glaube ich nach meinen Erfahrungen das Vorkommen des
Marders sowohl wie einer anderen besonderen und nahe verwandten Mustelen-Art im Amur-
Lande und auf Sachalin entschieden verneinen zu dürfen. Denn während meines zweijährigen
Aufenthaltes im Amur-Lande habe ich, trotz eigener Jagd und fortgesetzter Nachforschung bei
den Eingeborenen, weder selbst einen Marder oder eine ähnliche, noch unbekannte Mustelen-Art
gesehen, noch auch jemals bei den Eingeborenen von einer solchen Thierart gebort. Dass sie
mir aber dennoch entgangen sein könnte, ist aus mehrfachen Gründen nicht wohl anzunehmen.
Denn der Marder oder eine andere marder- oder zobelähnliche Mustelen-Art dürfte in einem
Lande, wo der Zobel eine so wichtige Rolle spielt, wie es im Amur-Lande der Fall ist, der
Aufmerksamkeit und Kenntniss der Eingeborenen gewiss nicht entzogen bleiben. Nun kennen
aber weder die Giljaken, noch die Mangunen oder Golde, bei denen ich häufig Erkundi-
gungen über die Thierwelt ihres Landes einzog, neben dem Zobel noch ein anderes, zobel-
ähnliches Thier, Mit den Giljaken namentlich stand ich, durch bessere Kenntniss ihrer
Sprache, durch bleibenderen Aufenthalt im Nikolajewschen Posten, der innerhalb ihres Ge-
bietes liegt, und durch zweimalige Winterreisen nach dem Amur-Limane und der Insel Sa-
chalin, in näherem und beständigem Verkehre. Im Winter zumal, der bei den Eingeborenen
') Fase. XIV. p. 57.
*) I. p. 84. NoU 1.
Mustela Maries. M. sibirica. 37
für die Jagd bestimmten Jahreszeit, hatte ich fast täglich Gelegenheit durch die Giljaken
sell)st mit den Säugethier-Arten ihres Landes mich bekannt zn machen. Denn ausser den un-
vermeidlich, n Zobelfellen, die jeder von ihnen zum Kaufe anzubieten hat, trugen sie, mit mei-
ner zoologischen Liebhaberei bekannt, mir alle Ergebnisse ihrer Jagd, und wenn es auch nur
die werthlosen Felle von Mustela sibirica, vom Hermelin, vom Eichhörnchen u. dgl. m. waren,
zu, da sie in mir oft einen Käufer für diese Dinge fanden, in jedem Falle aber einer gastli-
chen Aufnahme und eines kleinen Geschenkes für ihre Mittheilungen sicher waren. Ich kann
daher nicht wohl annehmen, dass mir die Bekanntschaft mit dem Marder oder einem besonde-
ren, zobelähnlichen Thiere im Amur-Lande entgangen sein dürfte. Desgleichen hat auch
Mi'ddendorff weder auf den Schantarischen Inseln , noch an der Küste des Ochotski-
schen Meeres, noch weiter landeinwärts in der nördlichen Mandshurei neben dem Zobel
auch den Marder oder eine dritte, nahe verwandte Mustelen-Art gefunden. Was konnte daher
Pallas zu der Vermuthung dieser Thierart im Amur-Lande veranlasst haben? Es scheint mir,
dass die Veranlassung dazu sehr wohl in dem oben beschriebenen, hellfarbigen Sachalinischen
Zobel gesucht werden kann. Denn aus beiden Stellen, in den Spicil. wie in der Zoogr., geht
hervor, dass Pallas die Nachrichten vom Marder oder einer nahe verwandten Mustelen-Art
nur von der Küstengegend und den Inseln, den Schantarischen und Sachalin, bezogen
hatte, und das ist gerade auch die Gegend, wo, wie wir gesehen haben, die hellfarbige Va-
rietät des Zobels vorherrscht. Diese helle, gelblichbraune Farbe des Zobels konnte ferner die
nach möglichst dunkelfarbigen Zobeln suchenden Jäger leicht zum unwilligen Ausspruche be-
wegen, dass diese hellfarbigen Thiere nicht mehr Zobel, sondern nur Marder seien, wie ich
z. B. selbst einen solchen Ausspruch von den russischen Handelsleuten im Nikolajewschen
Posten gehört habe. Fügt man endlich noch hinzu , dass in der That die hellfarbige Zobel-
varietät Sachalin's von der typischen Form so verschieden ist, dass sie dem amerikanischen
Zobel fast näher als dem asiatischen steht, so muss man zugeben, dass Pallas, der darüber
bloss nach Berichten urtheilen konnte , Grund genug hatte in ihr einen Marder oder eine
neue, dem Marder wie dem Zobel sehr ähnliche Mustelen-Art zu vermuthen , ähnlich wie sie
in neuerer Zeit vielleicht auch Temminck zur Annahme einer besonderen Art, der M. bra-
chyura, gedient hat.
7) iriiistela sibirica Pall.
Bei den Giljaken des Continentes: zongrsk.
« « Mangunen und unteren Golde bis zum Ussuri: tscholtschi und ngwakkok. (Die
letztere Bezeichnung ist bisweilen bei den unteren Golde bis zumGeong-Gebirge
im Gebrauche).
« « Golde oberhalb des Ussuri: s'oloi.
« « Kile am Kur: s'ole.
« « Biraren und Monjagern: s'oluge.
« « Orotschonen: s'olongo.
38 Säugelhtere.
Von dieser durch Pallas zuerst beschriebenen Mustelen-Art habe ich aus dem Amur-
Lande neben mehreren Skelellen fünf Felle milgebracht. Drei derselben sind Winterfelle und
zeigen die bekannte, intensiv gelbe, bald etwas dunklere, bald etwas blassere Farbe und die
markirte, abgesetzt braune Zeichnung der Schnauze. Von den beiden anderen Fellen kanp ich
leider nicht angeben, welchem Monate sie angehören, da sie von den Eingeborenen — das
eine an der Küste der Mandshurei, in der Bai Hadshi, das andere in der Umgegend des
Nikolajewschen Postens — gekauft worden sind; allein, ihrem Ansehen nach zu urlheilen,
müssen es Herbst- oder Fnihlingsfelle sein, da sie eine geringe Einmischung von Braun be-
sitzen. Da Pallas von der Farbe und Zeichnung des Sommerfelles von M. sibirka nichts
mehr sagt, als dass es auf dem Rücken hellgraubräunlich, heller als das Sommerfell des Her-
melin's, unten gelb ist '), und ich auch keine andere Beschreibung des Thieres im Sommer-
felle kenne, so will ich die beiden mir vorliegenden Herbst- oder Frühlingsfelle, an denen
die Winterfärbung jedenfalls modihcirt ist, näher besprechen. Vergleicht man das dunklere
derselben, aus der Bai Hadshi, mit dem Winterfelle, so bemerkt man folgende Unterschiede.
Während am Winterfelle von M. sibirica nur der Nasenrücken und die Augengegend braun
sind und das Braun von der gelben Farbe des übrigen Kopftheiles und ganzen Körpers über-
haupt sich scharf absetzt, zieht sich an unserem Exemplare von Hadshi das Braun auf dem
Kopfe, nur allmälig und wenig verblassend, bis etwa zur Ohrgegend fort und geht dann un-
merklich in die röthlich gelbe Farbe des Rückens über, welche aber ebenfalls einen Icichlen
bräunlichen Anllug behält und mit einzelnen braunen Haaren, zumal längs der Mittellinie, ge-
stichelt ist. Auch die Unterseite und die Extremitäten sind dunkler als am Winterfell. Die
Schnauzenspitze und das Kinn sind wie am Winterfell weiss. — Das andere Exemplar, aus
der Umgegend des Nikolajewschen Postens, steht dem Winterfell sehr nahe. Der Rücken
ist kaum merklich dunkler, aber die braune Färbung des Nasenrückens zieht sich, von den
Augen an allmälig aber stark verblassend, auf dem Kopfrücken bis zur Ohrgegend fort, wo
sie sich in das Gelb des Rückens verliert. Alles Uehrige ist wie am W interfelle von M. sibi-
rica. Aus diesen beiden Exemplaren scheint hervorzugehen, dass die bräunliche Farbe, welche
das Thier im Sommer bekommt, von der beständig braun bleibenden Schnauzenspitze aus
über den Rücken sich ausbreitet imd bei herannahendem Winter in umgekehrter W eise sich
wieder verliert. — Auch an unseren Amur -Exemplaren von M, sibirica bestätigt sich die
Bemerkung Middendorff's über die Unwesentlichkeit des zuerst von Wagner^) in der Be-
schreibung des Thieres erwähnten weissen Fleckes am Unterhalse. Nur eines unserer Exem-
plare besitzt ihn und zwar als länglichen, mehrmals unterbrochenen, vom Weiss des Kinnes
gesonderten Fleck; an den anderen Exemplaren sind nur sehr wenige, hie und da einge-
streute, weisse Haare am Unterhalse aufzuhnden.
Muslela sibirica, die nach Pallas^) erst mit dem Altaischen Gebirge und dem Jenissei
l) Pallas, Spicil. Zool. Fase. XIV. p. S7.
*) Die Säuj^elliiere Ton Schrebcr, Supplbd. Abth. 2. p. 232.
') Spicil. Zuol. XIV. p. 86. Zoogr. Kosso-Asiat. 1. p. 90.
Miislela sibirica. 39
nach Osten beginnt, ist auch durch das ganze Amur-Land verbreitet. Alle Eingeborenen am
Amur-Strome, von den Orotschonen bis zu den G'iljaken, sind mit diesem Thiere, sei es
an den unmittelbaren, waldbewachsenen Ufern des Stromes, sei es aus den entlegeneren Gebir-
gen des Landes, bekannt. Eine Bewohnerin nordischer Nadelholzwaldungen, wird M. sibirica,
wie der Zobel, wohl erst mit dem Aufhören der Nadelholzwaldung auch in den Gebirgen nach
Süd ihre Aequatorialgränze erreichen. Nach Norden, gegen die Mündung des Stromes, nimmt
sie mit der Zunahme der Nadelholzwaldung an Häufigkeit zu. in den Gebirgen am Chongar
und am Gorin ist sie nicht selten, hat aber i)ei den Eingeborenen keinen Werlh, da ihr Fell
von den Chinesen im Handel nicht geschätzt wird. Auch habe ich keine andere Benutzung
des Felles gesehen als zu kleinen Teppichen, welche die Chinesen und Maiidshu zuniSitzen
auf die Bänke der Häuser oder auf den Erdboden im Zelte ausbreiten. Doch spielt auch da-
bei das Fell der M. sibirica eine ganz nebensächliche Rolle, da es allein zu den Teppichen nicht
hinreicht, sondern, in kleine viereckige Stücke zerschnitten, mit den Beiafellen des Moschus-
thieres, welche das meiste Material liefern, schachbrettartig zusammengenäht oder auch nur
als Einfassung hinzugefügt wird. Vom Gorin abwärts, wo die Nadelholzwaldung auch an
den unmittelbaren Ufern des Stromes mehr und mehr vorzuherrschen beginnt , trifft man M.
sibirica überall häufig und im Gebiete der Giljaken, gegen die Amur-Mündung, habe ich
im Winter fast in jedem Dorfe Felle derselben zu Gesichte bekommen. Denn ob ihr gleich
wegen der Werlhlosigkeit des Felles nicht besonders nachgestellt wird, so verfängt sie sich
doch häufig in den für den Zobel ausgestellten Fallen. Auch an der noch weit nach Süden
mit nordischem Charakter der Waldung versehenen Küste der Mandshurei fand ich sie vom
Ochotskischen Meere durch den Amur-Liman bis an die Bai Hadshi, den südlichsten Punkt
der Küste, den ich besucht habe, durchweg verbreitet. Und dass sie dort mit dem Nadelwalde
noch südlicher geht, unterliegt keinem Zweifel. Allein, trotz ihrer Häufigkeit im Amur-Lande
und an der Meeresküste, bleibt M. sibirica doch nur auf den Continent beschränkt, und wie
sie im Norden nicht nach der Halbinsel Kamtschatka hinübergeht'), so betritt sie vom
Amur-Strome aus auch nicht die nahe gelegene Insel Sachalin. Diese Gräuze ihrer Ver-
breitung nach Ost im Amur-Lande kann ich mit Bestimmtheit behaupten. Denn auf wieder-
holtes Nachfragen nach diesem Thiere erhielt ich an beiden Küsten wie im Innern der Insel
stets die bestimmteste Behauptung vom Fehlen desselben zur Antwort. Erwägt man aber wie
lästig dieses Thier den Giljaken an der Amur-Mündung und im Limane als zudringlicher
Besucher und Vereitler der Zobelfailen ist, so begreift man leicht, dass sein Fehlen für die
Giljaken der Insel nicht ohne Bedeutung ist, und muss daher annehmen, dass sie davon wohl
unterrichtet sein müssen. Dazu muss das Fehlen der M. sibirica auf der Insel Sachalin dem
auf gleiche Nahrung mit ihr angewiesenen Zobel ein um so reicheres und freieres Terrain
bieten, und es mag darin mit ein Grund für die grössere Häufigkeit des Zobels auf der Insel
liegen. Wie auf Sachalin, so scheint M. sibirica auch auf den Japanischen Inseln zu fehlen.
») Pallas, Zoogr. 1. c.
4-0 Säugethiere.
da Siebold ihrer in der Fauna Japonica nicht erwähnt. *So bleibt also M. sihirica wie nach
West, so auch nach Ost hinter dem Verbreitungsgebiete des Zobels zurück, bloss auf den
Osten Asiens angewiesen, und bei der Beschränkung derselben auf das Festland, mit Aus-
schluss der nahe anliegenden Inseln sowohl wie der Halbinsel Kamtschatka, müssen wir in
ihr eine ausschliessliche Charakterform des continentalen östlichen Sibirien's erkennen.
8) lliü^tela eriiiinea L.
Bei den Giljaken des Conlinentes und der Westküste von Sachalin: tymr und tymrsch.
« « « des Innern und der Ostküste von Sachalin: tchymr.
« « Mangunen und Golde unterhalb des Geong-Gebirges: dshjuli.
« « Golde oberhalb des Geong-Gebirges: dje/t und ds%/i.
« « Samagern (Kile am Gorin): djuli.
« « Kile am Kur: djelaki.
« « Orotschonen: krenassj.
Middendorff fand das Hermelin auf den Höhen des Stanowoi-Gebirges und auf des-
sen südlicher Abdachung ^ Von dort nach Süden ist es durch das ganze Amur-Land ver-
breitet. Ich habe directe Nachrichten von seinem Vorkommen im Geong-Gehirge, in den
Gebirgen amChongar u. dgl.m. Besonders häufig fand ich es aber an der Mündung des Amur-
Stromes und am Ochotskischen Meere, wo ich aus den Dörfern Kuik und Wassj, in der
Nähe des Nikolajewschen Postens, und Kullj, an der Meeresküste, Exemplare mitgebracht
habe. Sie sind genau wie die europäischen Thiere beschaffen. Bei den Giljaken ist das
Hermelin ein beliebtes Thier, weil es den in ihren Häusern in der Regel zahlreichen Ratten
nachstellt, und manches giljakische Dorf, das von dieser Plage weniger heimgesucht wird,
wie Puir am Amur-Limane, Hisska am Ochotskischen Meere, soll diesen Vorzug dem
Aufenthalte von zahlreicheren Hermelinen verdanken. Vom Ochotskischen Meere und dem
Limane nach Süd ist das Hermelin längs der Küste der Mandshurei durchweg verbreitet;
ich habe vom südlichsten von mir berührten Punkte, der Bai Hadshi, ein Exemplar er-
halten, das im October bereits den vollständigen Winterpelz angezogen hatte. Nicht minder
ist das Hermelin auf der Insel Sachalin an der Küste wie im Innern verbreitet, von wo ich
aus dem oberen Tymy-Thale ebenfalls ein Exemplar mitgebracht habe. In Japan aber hat
Siebold das Hermelin nicht kennen gelernt. Wir müssen daher, nach den bisherigen
Erfahrungen, am Südende Sachalin 's die Aequatorialgränze des Hermelines im östlichen
Asien annehmen.
9) ]flii!!ifela vulgaris Briss.
Ich habe nur ein Exemplar des gemeinen Wiesels und zwar von den Giljaken des
Dorfes Allof in der Umgegend des Nikolajewschen Postens erhalten. Es war ein Sommerfell:
') Sibirische Reise, I. c. p. 70.
Muslela vulgaris. 41
oben Kastanienbraun, unten weiss, etwas gelblich; der Schwanz ist kürzer als die ausgestreck-
tun Hinterbeine, mit dem Rücken ganz gleichfarbig, kastanienbraun, ohne Haarpinsel an der
Spitze und, wie Pallas namentlich für seine M. Gate bemerkt'), mit einigen weissen Haa-
ren an der Spitze versehen. Es unterliegt keinem Zweifel , dass das mitgebrachte Fell der
M. vulgaris und uicht einem jungen, an der Scbwanzspitze beschädigten Hermeline angehört hat.
Bemerkenswerth ist aber, dass an unserem Amur-Exemplare die Unterseite nicht rein weiss,
sondern gelblichweiss ist, was nach Erfahrungen an den europäischen und asiatischen Thieren bis-
her bloss dem Hermeline zugeschrieben wurde. So von Erxleben^), Pallas^), Desmarest'),
Fischer^), Wagner'^), Nilsson') u. a. m., ja Bell*), Keyserling und Blasius^) u. a.
heben sogar als eines der unterscheidenden Momente zwischen M. erminea und .)/. vulgarin
hervor,, dass beim Hermelin die Unterseite schmutzig- oder gelblichweiss, beim Wiesel rein weiss
ist. Am gemeinen Wiesel IVordamerika's dagegen, welches von Einigen zur selben Art M.
vulgaris gezogen, von Anderen als besondere Art, M. pusilla De Kay, betrachtet wird, wird
die Unterseite bald weiss'"), bald weiss oder gelblich"), bald schlechtweg gelblich'') be-
schrieben. Richardson namentlich, der das amerikanische Wiesel mit dem europäischen für
identisch hält, giebt am genauesten au, dass am Sommerfelle desselben die Unterseite gelblich-
weiss ist , mit Ausnahme des Unterkiefers und eines Theiles des Oberkiefers , welche rein
weiss sind. Genau so ist es auch an unserem Amur-Exemplare, und nähert sich dieses
daher am meisten der amerikanischen Form. Wir achten aber diesen Umstand nicht für hin-
reichend, um unser Amur -Wiesel, oder aucii das amerikanische Wiesel, vom europäischen
specilisch zu trennen, sondern halten uns darnach bloss für bereciitigt die bisherigen Beschrei-
bungen von M. vulgaris dahin zu erweitern , dass die Unterseite derselben , eben so wie am
Hermelin, bald rein weiss, bald gelblichweiss ist, wobei jedoch zu bemerken ist , dass die er-
stere Form auf dem europäisch-asiatischen, die letztere auf dem amerikanischen Continente
die vorherrschende zu sein scheint.
Das gemeine Wiesel fand Middendorff häufig im Gränzgebirge der Mandshurei ).
1, Zoogr. Rosso-Äs. I. p. 98.
*) Syst. regni auim. Lipsiae 1777. I. p. 471 u. 473.
'; Zoogr. 1. c.
*) Alaniinalogie, Paris 1820. p. 179.
=>) Synopsis Maminal. Stullg. 1829. p. 223.
8) Die Säugcthiere v. Schreber. Supplbd. Abth. 2. p. 237.
') Skandin. Fauna. Lund. 1847. I. p. 1()2.
«) A bist, of Brit. Quadr. London 1837. p. 142.
5) Die Wirbelthiere Eiiropa's. Braunschw. 1840. p. 69.
10) Peiinaut, Tliiergesch. der nördl. Polarländer. Aus dem Englischen von Zimmermann. Leipzig 1787. L
Abthl. 2. p. 77. — Spencer F. Baird, General reportupon tbe Zoology of Ihe sev. Pacif. rail road routes. Washing-
ton 1837. p. 159.
•') De Kay, Zool. of New York. Albany 1842. I. p. 34, giebt M. pusilla als unten weiss an, fügt aber zugleich
hinzu, dass sie der Sommerfarbung seiner iL noveboracensis gleich sei, und diese ist unten gelblich.
'2) Kichardsou, Fauna boreali-araericana. London 1829. I. p. 45.
'ä) Sibirische Keise 1. c. p. 70.
Schrrock Amur-Reise Bd. I. g
42 Sävgelhiere.
Im Amur-Lande ist es jedenfalls viel seltener als das Hermelin, vielleicht wegen der gros-
sen Anzahl von Zoheln, welche nach Middendorff's Vermuthung dem Wiesel gefährlich
sein dürften.
10) Ijiitra vulgaris Er \l.
Bei den Giljaken des Contiuentes und der Westküste von Sachalin: iigy.
« « « des Innern und der Ostküste von Sachalin: pcity'ik.
« « Orotschen der Meeresküste, Mangunen, Samagern, Golde unterhalb des Us-
suri: miidii.
« « Kile am Kur: mugdsheki.
« « Golde oberhalb des Ussuri: dshuku.
H « Biraren und .Alonjagern: djuki.
« (( rotschonen: djukun.
« « Dauren: kalo.
Die Flussotter ist durch das ganze Amur-Land verbreitet, wenn aucli nirgends häudg.
Sie ist bei allen Eingeborenen des Amur-Landes ein sehr gesuchtes Thier, weil ihr Pelzwerk
von den Mandshu und Chinesen hoch gescliätzt wird. Als regelmässiger Handelsartikel im
Verkehre der Eingeborenen mit den Chinesen und Japanesen spielt sie nächst dem Zobel die
wichtigste Rolle, und der Werth, den die Chinesen auf ihr Pelzwerk legen, verleiht diesem
aucii in den Augen der Eingeborenen ein besonderes Ansehen. Es wird daher bei den Gil-
jaken, Mangunen und anderen Stämmen des unteren Amur-Landes gern zur Verbrämung
von Weiberpelzen, Pelzmützen, Handschuhen, Ohrenwärmern u. dgl. m. benutzt. Ich weide
bei Besprechung der ethnographischen Verhältnisse des Amur -Landes Gelegenheit nehmen,
auch von der Bedeutung der Flussotter für die Amur-Bewohner mehr zu sagen. Hier nur
das Zoologische.
Middendorff ') fand die Flussotter besonders häulig in dem Stanowoi-Gebirge luid
dessen Verzweigungen. Von da nach Süden ist sie durch das reich verzweigte Stromsystem
des Amur 's überall verbreitet und kommt am Hauptstrome wie an dessen linken und rech-
ten Zuflüssen , am Amgunj, Gorin, Ssedsemi, Kur, an der Bureja und Dseja, am Jai,
Chongar, Naichi- oder Dondon-Flusse, Ussuri u. a. m. vor. Am letzteren Strome habe
ich sie noch unweit des südlichsten von mir erreichten Ortes, der Mündung des Flusses Noor,
gesehen. An der Meeresküste ist die Flussotter ebenfalls allgemein am Ochotskischen wie
am Tartarischen Meere verbreitet; ich erhielt Nachrichten von ihrem Vorkommen noch
etwas südlicher von der Bai Hadshi. Ohne Zweifel steht sie aber an diesen südlichsten
Punkten meiner Erfahrungen über das Amur-Land, an der Meeresküste wie bei Noor am
Ussuri, noch nicht an ihrer Aequatorialgränze , sondern kommt auch weiter nach Ciiina
hinein vor; ja vielleicht dürften die zweifelhaften Arten , die uns aus dem Süden Asiens
1) Sibirisrhe Reise, 1. c. p. 70.
Lulra vulgaris. L. alerrima. Enhydris marina. 43
namhaft gemachl werden, wie L. chinensis Gray, L. indica Gray, L. Nair Fr. Cuv. ') u. a. lu.
nur Varietäten derselben weit verbreiteten Art sein. — Niclit minder wie auf dem Conlinente
ist die Flu.ssotter auf den anliegenden Inseln weit verbreitet. Ich habe sie an den Küsten wie
im Innern der Insel Sachalin kennen gelernt, wo sie bis an das Südende vorkommt und
einen wichtigen Artikel im Handel der Japanesen abgiebt. Siebold') nennt sie uns von den
Japanischen Inseln als einen nicht unbedeutenden Handelsartikel mit China. In Japan soll sie,
nach Siebold's Bemerkungen, namentlich in den nördlichen Provinzen und auf den Kurilen
von besonderer und höherer Güte des Felles als im südlichen Theile des Reiches sein und die
europäischen Felle an Güte übertreffen. Pallas'^) hebt die Flussottern von Kamtschatka als
die grösslcn hervor. Somit wären also die Kurilen und Kamtschatka die Heimalh der
grössten und schönsten Flussottern. Es liegt uns daher nahe dort, wo die zu ihrer Eulwicke-
lung günstigsten physischen Bedingungen geboten sind , auch den Mittel- und Ausgangspunkt
der Verbreitung der Flussotter anzunehmen, umso mehr als die Gegenden, wohin dieser Punkt
fällt, zugleich in dem Bereiche der Heimath einer anderen, mit der Flussotter nahe verwand-
ten Thierarl, der Seeotter (Enhydris marina Schreb.), liegen.
11) I.iifra(?) aterriitm Pall.*)
Eben so wenig wie es 31iddendorff an der Küste des Ochotskischen Meeres ist es
mir im Amur-Lande gelungen, von diesem otterähnlichen Thiere , das nach Pallas an der
Meeresküste und den Flüssen zwischen dem Uth (oder Uda) und dem Amur häufig sein soll,
irgend etwas zu erfahren. Erwägt man aber, welche Aufmerksamkeit die Giljaken und an-
dere Eingeborene des Amur-Landes der Flussotter schenken, so lässt sich nicht wohl anneh-
men, dass mir, ungeachtet mehrmaliger Reisen nach den Küsten nord- und südwärts von der
Amur-5iündung und nach der Insel Sachalin und trotz meines vielfachen nnd beständigen
Verkehres mit den Giljaken, dessen ich oben erwähnt habe, die Bekanntschaft mit einem ot-
terähnlichen Thiere, das dazu noch häufig sein soll, entgangen sein dürfte. Ich glaube daher
das Vorkommen einer solchen Thierart im Amur-Lande verneinen zu dürfen und theile mit
Middendorff die Vermulhung, dass Pallas nur eine schwarze Varietät der Flussotler vor
sich gehabt habe.
12) Enhydris marina Schreb.
Bei den Giljaken: lygni{'!).
« « Mangunen: takko[1), targa und targach'ssa{'!).
1) Wagner, Die Säugelhiere T. Schreber. Supplbd. Abth. 2. p. 234.
*) Fauna Japonica. Manimalia. Dec. 2. p. 3S.
') Zoogr. Rosso-Asial. 1. p. 78.
*) riverra aterrima Fall. Zoogr. Rosso-Asiat I. p. 81. Mustela aterrima Pall. Middendorff, Sibir. Reise
I. c p. 70.
*
4.4- Säugethiere.
Siebold erfuhr während seines Aufeulhaltes in Japan nur von wenigen Fällen des Er-
scheinens der Seeolter an den nördlichen Küsten von Nippon und Jesso, von wo sie sich in
Folge der Nachstellungen zurückgezogen haben soll '). iMeinen Erkundigungen zufolge ist
dieses Thier zwar den Aino's der Südküsle von Sachalin bekannt, soll jedoch von denselben
nicht gejagt werden. Auch wurde im Winter 1 853 auf 54, als die russisch-amerikanische Com-
pagnie in der Bai Aniwa eine zeitweilige llandelsstation errichtet hatte, kein einziges Fell
dieses Thieres von den Eingeborenen ihr zugebracht. Ehen so wenig geben sich die Gilja-
ken der Insel mit der Jagd auf die Seeotter ab. An der Westküste der Insel bleibt ihnen dieses
Thier auch fern, da es im Meere derTartarei nicht vorkommt, an der Ostküste aber könnten
sie mit demselben wohl in Berührung kommen. Den Giljaken, welchen ich das Fell zeigte,
schien es meistentheils bekannt zu sein : sie bezeichneten es mir auf der Insel wie auf
dem Continente mit dem Namen «lygiu». xMlerdings könnten sie, auch ohne selbst Jagd auf
dieses Thier zu machen, durch ihren häufigen Verkehr mit den Aino's die Bekanntschaft mit
demselben gemacht haben. Dennoch muss ich bemerken, dass ich dieselbe Bezeichnung von
ihnen bisweilen auch der Otaria ursina L. habe beilegen hören, obgleich letztere bei den Gil-
jaken noch einen besonderen Namen ^) trägt. Diese Verwechselung dient jedenfalls zum Be-
weise, dass die Seeotter den Giljaken nur wenig und wohl mehr nach Hörensagen bekannt
ist. Ich mag ihr daher auch nicht mit voller Gewissheit den oben erwähnten giljakischen
Namen zuschreiben. Noch geringer ist die Kenntniss der Seeotter bei den Mangunen, weiche
nur bei Gelegenheit ihrer Besuche bei den Aino's von Sachalin eine zufällige Bekanntschaft
mit demFelle dieses Thieres machen können. DieJIangunen, denen ich das Fell zeigte, nann-
ten das Thier bald targa oder targach's.ta, und bald takho. Die erstere Bezeichnung, obgleich die
häufigere, hört man aber auch für die Otaria tirsiiia brauchen, was mit der letzteren niciit der
Fall ist. Aus diesem Grunde und weil die raangunische Bezeichnung atakkoK zugleich eine
Aehnlichkeit mit dem Namen der Seeolter bei den Aino's von Sachalin («ra/«<»^' oder
«ra/v/fo»^'), durch deren Vermittelung die Mangunen die Seeotter kennen mögen, für sich hat,
sind wir geneigt diese letztere Bezeichnung der Mangunen für die richtige zu halten.
1 3 ) Caiiis lii|iii8 L.
Bei den Giljaken des Continentes und der Westküste von Sachalin: ligs.
« « « des Innern und der Ostküste von Sachalin: attk.
« « Mangunen, unteren Golde bis zum Geong-Gebirge, Kile amGorin (Samagern):
ngöla.
« « Golde oberhalb des Geong-Gebirges und am Ussuri: je«3?/r und uönguru.
') Fauna Japon. Mammalia. Dec. 2. p. 36.
-) »tungn s. weiter unten.
') Langsdorff, Bemerkungen auf einer Reise um die Welt. Frankf. a. M. 181i'. 1. p. 301.
*) Pallas, Zoogr. Rüsso-Asiat. I. p. 100.
Cam's lupits. iö
Bei den Kile am Kur: nyölaki.
« « Golde oberhalb des Ussuri: nöluki.
« « ßiraieu, Monjagern, Orotscbouen, Dauren: gusujka.
Die NVolfsfelle, die ich bei de» Giljaken im Amur-Limaiie gesehen habe, waren den
europäischen ganz gleich, bald ziemlich hell, bald dunkler und von anseiuilicher Grosse. Auch
an einem Schädel des Thieres , den ich vom Amur-Strome mitgebracht habe und der sich
den grössteu Exemplaren in unserem Museum anreiht , kann ich nichts vom europäischen
Thiere Abweichendes wahrnehmen.
Was die Verbreitung des Wolfes belrilTt, so kommt er zwar im gesammten-Amur-Laude,
aber nicht überall gleich häufig vor. Es richtet sich dieses hauptsächlich nach dem verschiedenen
Charakter des Reliefs und der Bewaldung der einzelnen Theile des x\mur-Landes. Denn der
Wolf liebt hauptsächlich ebene und theilweise oflene, nur hin und wieder mit Wald bedeckte
Gegenden, während hohe Gebirge und dichte ausgedehnte Waldungen seiner Verbreitung weni-
ger günstig sind. Er ist daher im Amur-Lande am häufigsten im nördlichen Sachalin, wo
ein lichter und oft verkrüppelter Lärchenwald , mit niedrigem Cedern- und Ellerngeslräuch
oder auch mit ganz waldlosen Stellen abwechselnd, vou der Küste aus weit landeinwärts bis
an den Fuss des Gebirges sich ausbreitet, und desgleichen an den lichter bewaldeten Küsten
des Ochotskischen Meeres und des Amur-Limanes. In diesem nordlichen Gebiete des
Amur-Landes stellt der Wolf hauptsächlich den häuligen, grösseren und kleineren Rudeln
wilder Rennthiere nach, ähnlich wie er es im ganzen Norden Asien's mit den Rennthierheer-
den der Nomaden , der Lappen '), Samojeden, Ostjaken u. a, Völker thut, bei denen er
daher bisweilen auch schlechtweg deu Namen «Rennthier- Verwüster» trägt"). Dort, an
der Küste Sachalin's und im Amur-Limane , habe ich auch selbst auf meinen Winter-
reisen Wölfe oder deren Spuren so wie Felle des Thieres bei den Eingeborenen zu wieder-
holten Malen gesehen. Auch erzählten mir die Giljaken der Westküste der Insel am Limane,
dass die Wölfe sich bisweilen in Rudeln den Dörfern und einzelnen Häusern der Eingeborenen
näherten und ihre Hunde zerrissen. Aber landeinwärts vom Limane, am Amur-Strome wird
der Wolf selten , denn dort breitet sich eine unabsehbare dichte Waldung über ein gebirgi-
ges Terrain aus und zugleich hat auch das Rennthier an Zahl sehr abgenommen, ohne von
einer anderen, entsprechenden Thierart im selben Maasse ersetzt worden zu sein. Wie sehr
hier dieses letztere Moment auf die Häufigkeit der Wölfe von Einfluss ist, hatte ich selbst Ge-
legenheit zu bemerken. Im ersten Winter meines Aufenthaltes im Nikolajewschen Posten
an der Amur-Mündung waren die Wölfe in der Umgegend sehr selten; im zweiten dagegen
zeigten sie sich im Verhältniss recht oft und wurden zwischen denDörfern Kalgho undKalm
am Amur von den Giljaken rasch nach einander drei Wölfe erlegt, von denen ich deu
Schädel des einen Thieres erhielt. Es hatten sich aber in diesem letzteren Winter, zugleich
mit dem Erscheinen der Wölfe, nomadische Tungusen mit Rennthierheerden , von Norden
'j Nilsson, Skandin. Fauna. I. p. 22ö.
2) Bei den Samojeden an der Pctschora u. den Ostjaken am Obj. Pallas, Zoogr. Rosso-As. I, p.36 u. 37.
4(> Säugelhiere.
koiiiiiieiul , tieiii Aiiiui-Strome genähert und an den sogenannten Seen Orelj und Tschla
ihren zeilweisen Aufenliialt genommen. Auch halte man zu gleicher Zeit, behufs der Versor-
gung der MannschaClen im N ikolajewschen Posten, Rennthiere von Udskoi Ostrog nach
der Amur-I\liindung gelrieben. Die Wölfe hatten sich dalier ollenbar im Gefolge der Renn-
thiere in grösserer Zahl am Amur eingefunden. Ueberhaupt aber scheint das Amur-Thal,
wo es immer noch offene und minder bewaldete Stellen giebt und wo im Winter die Eisdecke
<les breiten Stromes und die zahlreichen niedrigen, mit Weidengebüsch bewachsenen Inseln
dem Wolfe ein günstiges Jagdterrain bieten, dem Eindringen desselben vom Limane aus und
seiner Verbreitung im Lande mehr Raum als die landeinwärts liegenden waldigen Gebirge zu
geben. Middendorff bemerkt, dass nach Aussage der Nomaden in den Gebirgen zwischen
der Uda und Bureja die Wölfe immer zu den Seltenheiten gehört hätten und seit den letzten
12 Jahren (vor 1844) sogar ganz verschwunden seien '). Im unleren Amur-Thale aber ist
der Wolf, wenngleich selten, doch jedenfalls vorhanden. Auch kennen ihn die Eingeborenen
im unteren Amur-Lande durchweg und schätzen sein Fell, wegen eines conventionellen Wer-
thes, den es bei den Mandshu und Chinesen hat, recht hoch. Weiler aufwärts, in der Frairie
am Amur und Ussuri und oiteriialb dieser, wo wiederum gebirgiges Lfer beginnt, das aber
viel lichtere Waldung als im unteren Laufe des Amur-Stromes tiägt und auch waldlose
Strecken besitzt, tritt der Wolf, bis nach Transbaikalien hinein, wiederum häufiger auf.
In diesem oberen und südlicheren Theile des Amur-Stromes bildet aber nicht mehr das Renii-
thier, sondern das sehr häuhg vorkommende Reh die Hauptbeute des Wolfes. — Kehren wir
von hior wieder an die Meeresküste zurück, so sehen wir auch dort den Wolf vom Limane
nach Süden an Uäuligkeil abnehmen. Doch weiss ich von seinem Vorkommen auf dem Con-
tiuente bis nach Idi, etwas südlich von der Bai Hadshi, wo er aber gewiss noch nicht an
seiner Aequatorialgränze sieht; und auf der Insel Sachalin ist er bis au das Südende verbrei-
tet. Dort müsste der Wolf seine Aequatorialgränze erreichen, wenn man der Ansicht Tem-
minck's, dass der Japanische Wolf eine besondere Art sei, beistimmen will. Sollte diese
Ansicht aber wirklich haltbar sein? Zwar liegt uns kein Material vor, um sie zu widerlegen,
doch können wir nicht umhin unsere Zweifel an ihrer Richtigkeit hier auszusprechen. Die
Gründe, die Temminck bewogen, im Jamainu der Japanesen nicht mehr die weit verbrei-
tete Form des C. Iwpus L., sondern eine besondere Art, C. Iiodophilax, anzunehmen, kommen
ims jedenfalls nicht hinreichend vor. Bei der ersten Anzeige dieser neuen Art machte Tem-
minck auf die grössere Kürze des Schwanzes, die niedrigere Gestalt und die viel stumpfere
Schnauze des C. hodophilax als unterscheidende Momente von C. lupus aufmerksam^). Später,
als er in der Fauna Japonica eine Beschreibung und Abbildung dieses Thieres gab^), legte er
alles Gewicht auf die geringere Länge der Extremitäten bei C. hodophilax, während er der
übrigen Momente , der stumpferen Schnauze und des kürzeren Schwanzes , deren er noch in
1) Sibirische Reise, I. c. p. 71.
«) Tijrlschr. Toor natuurl. Gesch. V. 1839. p. 284. Wiegmann, Archiv für Natur^'csch. V. Jahrg. 1839. 2. p. 409.
Wagner, Die Säugelhiere Ton Schreber. Supplbd. Alilhl. 2. p. 371.
») Fauna Japonica. Mammalia. Dec. 2. p. 38 u. 39. Tab. 9.
Canis Inpns. 4-7
der Einleitung desselben Werkes erwähnte '), nicht weiter gedenkt. Von dem letzteren giebt
er statt dessen das Maass selbst an , welches an dem von ihm gemessenen Felle , von 3 Fuss
9 Zoll Länge, etwa einen Fuss betragen haben soll — ein Verhältniss , das den Maassen au
europäischen Thieren jedenfalls so nahe kommt , dass es kein arienunterscheidendes Moment
sein kaim. Wie dieses Maass, so sind übrigens auch die auf die Gestalt, die Länge und Hohe
des Thieres Bezug habenden Maasse an einem Felle genommen und daher höchst unsicher und
zu diagnostischen Momenten untauglich. In Beziehnng auf die Gestalt, die kürzeren Extre-
mitäten des C. hodophilax, können daher bloss diejenigen 31aasse gellen, welche Temminck
an den Knochen des Japanischen Wolfes nehmen konnte. Allein hier lagen ihm bloss ein
Radius und eine Tihia vor, die übrigen Theile fehlten und , wie er selbst sagt, konnte er an
keinem anderen Theile osteologische Vergleichungen machen. Grössenverhältnisse aber be-
dürfen beinahe mehr wie alle übrigen .Momente des äusseren oder inneren Baues der Thiere
eines reichen Materiales, wenn sie zuverlässige diagnostische Momente der Unterscheidung
abgeben sollen, und können daher nicht von einem einzelnen und noch dazu unvollständigen
Exemplare entnonmien werden. Die Maasse dieser .beiden einzigen, der Liiterscheiilung zu
Giunde gelegten Knochen von C. hodophilax giebt Temminck im Vergleiche zu denen von
C. lupus folgendermassen an:
Radius bei C. hodophilax l" 6 . Tibia bei C. hodophilax 6 (> .
« « C. lupus i) ' 5 . « « C. lupus 8 4 .
Demnach stimmen (\ hodophilax und C. lupus in der relativen Grösse dieser Knocheu
ganz iiherein , indem bei beiden der Radius etwa um einen Zoll grösser ist als die Tibia;
der Unterschied zwischen diesen Arten dürfte also nur in der absolut geringeren Grosse dieser
Knochen beim Japanischen Wolfe liegen, was eben die verschiedene Gestalt dieser Thiere be-
dingen soll. Ebenso sollen nach Temminck auch die .Metacarpal- und Metatarsalknochen bei
C. hodophilax kleiner als bei C. lupus sein. Bei solchem Zusammenslimmen der relativen
Grössen liegt aber der Gedanke nahe, dass Temminck's C. hodophilax nur ein kleineres
Exemplar von C. lupus gewesen sei. Ob übrigens auf die oben angeführten Grössenaiigaben
überhaupt viel Gewicht zu legen sei, erscheint uns noch zweifelhaft. Ich habe an einem kau-
kasischen Exemplare des gemeinen Wolfes in unserem Museum folgendes Grössenverhältniss
zwischen dem Radius und der Tibia gefunden:
Radius bei C. lupus l" 9 (Pariser M.) Tibia bei C. lupus 8" 6 .
Ferner giebt Nilsson') bei Ausmessung eines Skelettes aus Schweden an:
Radius bei C. lupus 8" 2 ". Tibia bei C. hipus 9" 2'".
In diesen beiden Fällen findet also das directe Gegentheil von der Angabe Temminck's
statt, indem die Tibia etwa um einen Zoll länger als der Radius ist. Es scheint daher in den
Grössenverhältnissen dieser Knochen eine so grosse Variabilität zu herrschen, dass sie nicht
zu diajj-nostischen Momenten gebraucht werden können. Damit fällt aber auch der einzige
') Dec. 1. p. 5.
») Skaiidin. Fauna. I. p. 221 u. 222.
4.8 Säugethiere.
Unterschied zwischen flen beiden Arten C. hodophüax und C. lupus weg. Denn dass in der Farbe,
im äusseren Habitus oder in der Lebensweise ein erheblicher Unterschied zwischen dem ge-
meinen und dem Japanischen Wolfe stattfände, stellt Temminck selbst in Abrede. Von der
Farbe und Zeichnung des letzteren bemerkt er selbst, dass sie von der des europäischen Wol-
fes nur wenig verschieden seien, und die nähere Besciireibung des Japanischen Wolfes weiss in
der That kein Moment der Verschiedenheit anzugeben und passt auf den europäischen Wolf
vollkommen. Weniger die Abbildung; aliein diese ist gegen die Beschreibung entschieden zu
dunkel "ehalten und bringt einen fremdartigen , rothlichen Farbenton hinein , welcher nach
der Beschreibung dem Tbiere nicht zukommt. Es dürfte daher richtiger sein den Japanisclien
\\ olf, so lange keine Alomente speciliscber Verschiedenheil desselben vom europäischen uach-
'Tcwiesen sind, mit diesem, auf Grundlage gleicher Farbe und Zeichnung beider Formen, in
eine Art zu vereinigen. Die Verbreitung von C. lupus L. im Osten Asiens ginge alsdann von
Sachalin und den Kurilen südwärts auch auf die Japanischen Inseln hinüber.
14) Caiiixi aliiimi!» Fall. Taf. II.
Bei den Giljaken des Conlinentes: luclioramlalsch.
„ (< <( der Insel Sachalin: IschclioJamlaliich.
« « Mangunen, Golde, Kile am Gorin und Kur, Orolschonen: dsliargul.
Dieses zuerst von Pesteref ') unter dem Namen «rother Wolf» aus dem Altaischen Ge-
birge am Us, einem Nebenflusse des Jenissei, erwähnte, von Pallas und später von Gebier
beschriebene Thier kommt auch im Amur- Lande vor, wird aber einer abergläubischen
Furcht wegen, welche die Eingeborenen vor demselben haben , von ihnen in der Regel nicht
i>^eia<Tt. Es ist mir daher auch nicht möglich gewesen mehr als ein einziges Fell dieses Thieres
zu erhallen. Dieses rührte aus dem Geong-Gebirge her und wurde mir von den Golde im
Dorfe Dshare am Amur gebracht. Da die Beschreibungen von Pallas und Gebier die
einzigen sind und das Thier noch wenig bekannt ist, will ich von dem aus dem Amur-Lande
mit'cbracblen Felle eine genauere Beschreibung geben. Im Wesentlichen stimmt es mit der
Beschreibung, die Pallas gab^), überein. Der Kopf ist kurzhaarig, fahlrolh, schwaiz gestichelt,
indem die einzelnen Haare entweder im oberen und unteren Driltheil schwarz , in der Mitte
rölhlich, oder aber durchweg röthlich und nur an der Spitze schwarz sind. Die Oberlippe, der
Unterkiefer und die Kehle sind schmutzig weiss; die Barihaare heller und dunkler braun.
Die Ohren etwa von der Länge wie beim Wolfe, innen schmutzig weiss, aussen fahlröthlich-
f^rau, schwarz gestichelt, am Rande kurzhaarig, vorn mit unregelmässiger, unterbrochener,
schwarzer Binde verseben. Der Rumpf ist langhaarig, fahlrolh, schwarz gestichelt, zumal auf
dem Rücken; nach den Seiten und dem Bauche zu heller, mit weniger Schwarz, unten schmutzig
•) Bereisung der Sinesisrtien Glänze. Busse, Journal von Russland Bd. 2. Jan. — Juni. 1794. p. 23.
^) Zoograpliia llosso-Asiatica. I. p. 34 u. 33.
Canis alpinus. 49
gelblichvveiss. Das Wollhaar am Rumpfe hellgelblichgrau, auf dem Rücken dunkler, nach
den Seilen und dem Bauche zu heller. Die Contourhaare sind meist verschiedenfarbig gerin-
gelt: auf dem Rücken in der Regel an der Basis weisslieh, dann schwärzlich, dann rölhlich,
an der Spitze schwarz; bisweilen, jedoch selten, in ihrer ganzen Länge schwarz, indem die
röthlichen Ringe sehr klein werden oder auch ganz verschwinden; an den Seiten und nach
dem Bauche zu nimmt das Schwarz an den Contourhaaren mehr und mehr ab, es wird blas-
ser, erstreckt sich über einen kürzeren Theil der Haarspitze und dagegen nehmen das Rölh-
lichgelb und Weiss an Ausdehnung zu , bis zuletzt die Haare entweder nur noch eine blass
schwärzliche Spitze behalten oder, was zumeist am Bauche der Fall ist, in ihrer ganzen Länge
gelblich und weisslieh werden. Die Beine sind aussen fahlroth, innen weisslieh. Der Schwanz
ist buschig behaart, gelblich grau, mit Schwarz stark untermischt, an der Spitze ganz schwarz;
die einzelnen Haare wie am Rumpfe geringelt, aber mit vorherrschendem Schwarz, bisweilen
ganz schwarz. Am ganzen Körper finden sich hin und wieder ganz weisse Haare einge-
streut. — Vergleicht man unser Amur-Exemplar von C. alpinus mit einem von Gebier aus
<lem Altaischen Gebirge unserem Museum zugestellten Thiere, so findet man ersteres viel
dunkler, rölher und mit mehr Schwarz versehen, welches letzterem beinahe ganz fehlt. Dieses
ist sehr hell, vielleicht auch in Folge langer Aufbewahrung im Museum schon zum Theil ver-
blichen. Es ist auf Kopf und Rumpf fahlgelb, nur auf der Schnauze, auf dem Rücken und an
den Aussenseiten der Vorderbeine etwas mehr röthlich. Die Oberlippe, das Kinn, der Bauch
und die Innenseiten wie die Enden der Extremitäten sind weiss. Der Schwanz ist gelb und
grau gemischt, an der Spitze schwarz. Das Wollhaar ist schmutzig gelblich ; die Contour-
haare entweder wie bei unserem Amur-Exemplare schwarz und gelb geringelt, aber mit be-
deutend schwächerem Schwarz, oder auch ganz gleichfarbig gelblich und weisslieh, welches
Letztere selbst auf dem Rücken zum Theil der Fall ist. Am Schwänze herrscht das Schwarz
an den Contourhaaren bloss gegen das Ende des Schwanzes vor. Was die Grössenverhältnisse
des Thieres betriflt , können weder das Fell des Amur-Exemplares , noch das ausgestopfte
Thier vom Altai scheu Gebirge zuverlässige und gültige Maasse bieten, da Manches auf Rech-
nung des gereckten Felles geschrieben werden dürfte. Gleichwohl theile ich sie in Ermange-
lung anderer mit:
Amur. Altai.
Länge des ganzen Körpers von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel 1 240 Millini. 1 1 20 Millim.
« des Schwanzes ohne Haarbüschel am Ende desselben 410 « 460 «
« des Haarbüschels am Schwanzende 1 40 « 1 40 «
(( der Ohren 90 « 85 «
Die Länge der einzelnen Schwanzhaare habe ich am Amur -Exemplare bis zu 165
Milhm. gefunden. Diese Maasse stimmen mit den von Pallas ebenfalls nach Fellen angege-
benen sehr überein.
In Beziehung auf die geographische Verbreitung von C. alpinus im Amur-Lande ist es
mir gelungen von den Eingeborenen zahlreiche Nachrichten über das Vorkommen dieses Thieres
SchreDck Amur-Reise Bd. 1. "^
50 Säugethiere.
zu erhalten. Sie bestätigen die VermuthungMiddendorff's, dass dieses Thier erst weiter süd-
wärts vom Stanowoi-Gebirge am Amur in grösster Häufigkeit vorkomme '). Doch stimm-
ten die Ansichten der Eingeborenen alle darin überein , dass es nicht im Flachlande, son-
dern in den Gebirgen seinen Aufenthalt habe, wo es in Rudeln , die bisweilen sehr zahlreich
sein sollen , zusammenhalte. Diese grössere Anzahl der Alpenwölfe vor den gemeinen im
Amur-Lande, so wie ihr Vorkommen im Gebirge, wohin die Jäger im Winter nur einzeln
oder in kleinen Gesellschaften hinkommen, mögen auch die Hauptveranlassung für die Furcht
der Eingeborenen vor diesem Thiere sein. Als Bewohner der Gebirge ist mir C. alpiims von
den Ein<reborenen im Laufe des ganzen Amur-Stromes und vieler seiner Zuflüsse genannt
worden; so am oberen Amur, in den Gebirgen am Ussuri, im Geong-Gebirge, in den Ge-
birgen am Ssedsemi, Chongar, Gorin, Chelasso und Jai und im gesammten, gebirgigen
Mündungslande des Amur-Stromes. Desgleichen erfuhr ich von seinem Vorkommen in dem
Küstenwebirt^e am Amur-Limane und dem Meere der Tartarei bis nach Idi, dem südlich-
sten Punkte der Meeresküste, über den ich Nachrichten einziehen konnte. Niciil minder wie
auf dem Continente war C. alpinus den Giljaken auf der Insel Sachalin bekannt, wo er
ebenfalls in grosser Zahl in den Gebirgen vorkommen soll. Bei den Giljaken der Insel und
des Continentes fand ich auch die Furcht vor diesem Thiere am grössten und weit stärker als
bei den tuncrusischen Amur-Völkern, was vielleicht auf dem Umstände beruhen mag, dass
die Giljaken überhaupt zu abergläubischer Furcht mehr als ihre tungnsischen Machbaren
geneigt sind und dass sie weit weniger als diese mit der Jagd sieh bescliäftigen , welche sie
auch dieses gefürchtete Thier zu überwinden lehren müsste. Nach Süden von Sachalin, auf
den Japanischen Inseln wird uns der Alpenwolf nicht genannt. Er dürfte daher auf Sacha-
lin seine Aequatorialgränze erreichen. Wie weit nach Süden er auf dem Continente geht,
lässt sich nach den bisherigen Erfahrungen nicht bestimmen. Nach Norden aber scheint C.
alpinus die Gränze seiner Verbreitung bald zu erreichen. W^ie erwähnt, fanden ihn Pesteref
und Gebier im Altaischen Gebirge. Pallas hatte auch Felle von Udskoi Ostrog und von
der oberen Lena. Im Stanowoi-Gebirge dagegen fand Middeudorlf niemals Spuren des
Alpenwolfes , und hatten die Nomaden daselbst auch nur wenig Kenntniss von demselben.
Noch andere, nördlichere Fundorte als die erwähnten sind uns bisher nicht bekannt. Es scheint
daher C. alpinus Pall. eine dem mittleren Asien eigenthüniliche Form zu sein, welche wenig
nordwärts sich verbreitet, ostwärts dagegen über die ganze Strecke vom Altaischen Gebirge
durch das Amur-Land und die anliegende Insel Sachalin bis an das Ochotskische Meer
sich hinzieht.
15) Caiiii« vulpe!^ L.
Bei den Giljaken des Continentes und der Westküste von Sachalin:
Fuchs überhaupt: Icäkcli.
*) Sibirische Reise, I. c. p. 71.
Canis vulpes. 5 t
Rother Fuchs: pasnga*).
Kreuzfuchs : pasnga-pladf.
Schwärzlicher Fuchs (Var. nigroargentea fi \\ss.) : pladf.
Schwarzer Fuchs: hüdf.
Bei den Giljaken des Innern und derOstkuste von Sachalin: Fuchs üherhaupt: paghlant und
paghlanlsch (d. h. der Rothe). Die Var, wie bei den Giljaken des Contiuentes.
Bei den Mangunen:
Fuchs überhaupt: s'ull.
Rother Fuchs: chyldagdä.
Kreuzfuchs und i
> kytr.
Schwärzlicher Fuchs f
Schwarzer Fuchs: awata.
Bei den unteren Golde bis zum Geong-Gebirge und Samagern: Fuchs überhaupt: s'ole.
Die Var. wie bei den Mangunen.
Bei den Golde zwischen dem Geong-Gebirge und Ussuri:
Fuchs überhaupt: s'ole.
Rother Fuchs: chyldagdä.
Kreuzfuchs und ^
Schwärzlicher Fuchs J
Schwarzer Fuchs: aivata.
Bei den Kile am Kur:
Fuchs überhaupt: s'olaki.
Rother Fuchs: chyldagdä.
Kreuzfuchs und \^
Schwärzlicher Fuchs f
Schwarzer Fuchs: aicata.
Bei den Orotschen der Meeresküste: chole.
« « Golde oberhalb des Ussuri, Biraren, Monjagern, Orotschonen: s'olaki.
n « Dauren: chungu.
Der Fuchs kommt in allen Farbenvarietäten im Amur-Lande vor. Ich habe heller und
dunkler rothe Füchse, Kreuzfüchse, mehr oder minder schwärzliche, auf der Oberseite weiss
gestichelte (Var. mgro-arge/i^ea Nilss.) und ganz schwarze, nur mit weisser Schwanzspilzo
versehene Thiere gesehen. Die Eingeborenen belegen diese Zeichnungen des Fuchsfelles mit
verschiedenen Namen, da sie auch im Handel einen verschiedenen Werth haben. Als regel-
mässiger Handelsartikel mit den Mandshu, Chinesen und Japanesen hat das Fuchsfell
überhaupt für die Eingeborenen des Amur-Landes nächst dem Zobel und der Flussotter die
grösste Bedeutung, da diese drei Pelzwerke allein den beständigen Handel bilden, alles Uebrige
dagegen entweder von all zu geringem Werthe ist, oder gar zu selten vorkommt, um von Be-
') Das 8 ist weich auszusprechen.
52 Säuget hier e.
deutuog für den Handel zu sein. Mehr über die relative Werllischätzung des Fuchsfelles und
seiner verschiedenen Varietäten im Handel der Eingeborenen werde ich im ethnographischen
Bande meiner Reisebeschreibung sagen. Zoologisch unterliegt es keinem Zweifel , dass es die
bekannten Varietäten von C.vulpesL. sind. Desgleichen zeigt ein Schädel des gemeinen Fuch-
ses, den ich aus dem unteren Amur-Lande mitgebracht habe, dieselben Verhältnisse wie
beim europäischen Thiere.
Der Fuchs ist im gesammten mir bekannten Theile der Mandshurei verbreitet und
überall häufig. Ich konnte mich durch Felle, die ich bei den Eingeborenen sah, durch wie-
derholtes Begegnen mit dem Thiere selbst oder dessen Spuren und durch Erzählungen der
Eingeborenen von seinem Vorkommen am gesammten Amur-Strome und dessen Zuflüssen
wie an der Meeresküste bis südlich von der Bai Hadshi und auf der ganzen Insel Sachalin
überzeugen. Oefter als gewöhnlich schienen mir die mehr oder minder schwarz gezeichneten
Varietäten vorzukommen. Namentlich soll die Insel Sachalin an schwarzen Füchsen beson-
ders reich sein. Von dieser dem Norden eigenthümlichen Varietät erzählt Pallas'), dass sie
auf den Adrianowschen oder Fuchs-Inseln beinahe zahlreicher als die rothe Färbung sei.
Ferner berichtet Steller, dass die schwarzen Füchse Kamtschatka's , deren zu seiner Zeit
noch viele jährlich in die Kasse einliefen, zumeist von den Olutorschen Korjaken (an der
Ostküste Kamtschatka's) kämen und dass namentlich auf einer der Olutorschen Bucht ge-
genüber, auf etwa zwei Meilen Entfernung vom Lande gelegenen Insel (wohl der Insel Ka-
raginskoi) durchgehends schwarze Füchse und in grosser Menge vorkommen sollen^). Es
scheint daher jenes Insel- und Küstengebiet im Nordosten Asien's der Entwickelung der
schwarzen Varietät des Fuchses hauptsächlich günstig zusein. Südlich von Sachalin, auf
den Japanischen Inseln ist der gemeine Fuchs, nach Siebold, durchweg verbreitet und
steht bei den Japanesen in hohem Ansehen, indem zur Verehrung desselben eigene Tempel
errichtet werden^) — ein Cultus , den ich bei den Giljaken auf Sachalin und im Amur-
Lande nirgends gefunden habe.
16) Canis lagopiis L.
In Siebold's Fauna Japonica findet sich die Bemerkung, dass der Polarfuchs, C. lago-
pus L., die Kurilischen Inseln (wohl die südlichen, japanischen) bewohne und im Winter
dort von ganz weisser Farbe sei'). Im Amur-Lande und auf der Insel Sachalin konnten
mir die Eingeborenen kein Beispiel von seinem Vorkommen anführen ; das Fell dieses Thieres,
das ich ihnen zeigte, war ihnen ganz unbekannt, und meine Behauptung, dass es eine weisse
Fuchsart sei, wollte bei ihnen durchaus keinen Glauben finden. Auf diesem Wege, über Sa-
') Zoofjrapliia Rosso-Asial. I. p. 48
2) Beschreibung von dem Lande Kamtschatka. Frankfurt und Leipzig 1774. p. 124.
') Fauna Japonica. Alaninialia. Dec. 2. p. 40.
*) Fauna Japonica. Mammalia. Dec. 2. p. 40.
Canis tagopus. C. procyonoides. 53
chalin, kann also der Polarfuchs nicht nach den Japanischen Kurilen gelangt sein. Es
hleiht ihm daher, wenn er wirklich auf den Japanischen Kurilen vorkommen sollte, kein
anderer Weg als der von Kamtschatka längs der Kette der nördlichen, russischen Kuri-
len übrig. Und dass er auf diesen letzteren ebenfalls nicht vorkommt, sondern nur durch
Verwechselung mit C. vulpes irriger Weise von Einigen als Bewohner dieser Inseln angeführt
worden, ist durch die kritische Beleuchtung der bisherigen Erfahrungen über diesen Gegen-
stand von Hrn. Akad. v. Baer hinlänglich erwiesen worden'). Wir sehen uns daher genothigt
die Richtigkeit der oben erwähnten Angabe Siebold 's entschieden in Zweifel zu ziehen.
17) Caiiiüi iirocyonoidcs Gray. Taf. III. fig. I u. 2. Taf. IV. Iig. 1. Taf. V.
C. fNyctereutesJ viverriniis Tenini. Van der Hoeven eii Vriese, Tijdschr. voor iialuuii. Geschied. V. p. 2S5.
Siebold, Fauna Japonica. Mamnialia. Dec. 2. p. 40. Tah. 8.
C. brachyotos Blain Tille, Osteographie des Caruass, Heft 13. p. 47.
Bei den G i 1 j a k e n : jandak.
« « Mangunen, Golde, Samagern: jaMda/co.
« « Biiarea: jandako and ölbiga.
« « Monjagern: ölbiga.
Im Amur- Lande lernte ich eine bei den Eingeborenen unter den oben angeführten Na-
men bekannte Hunde-Art kennen , welche ich auch selbst in zwei lebenden Individuen zu be-
kommen Gelegeniieit hatte und von der ich 5 Felle , 2 Schädel und ein Skelett mitgebracht
habe. An diesen in verschiedenen Jahreszeiten erhaltenen , unter einander nach Farbe und
Zeichnung zum Theil abweichenden, aber sämmtlich dem Jandako der Golde angehörenden
Fellen lassen sich nun theils C. procyonoides Gray, theils C. viverrinus Temm., theils Mittel-
und Zwischenfärbungen erkennen. Ich sehe mich daher nach genauer Vergleichung und Prü-
fung der unterscheidenden Charaktere genothigt diese beiden Arten in eine einzige zusammen-
zuziehen , für welche ich den älteren und bezeichnenderen Namen C. procyonoides Gray bei-
behalten will. Es ist, wie unser Material lehrt, eine in ihrer Färbung nach den Jahreszeiten
und ausserdem auch local ziemlich stark variirende Form, welche bei mangelhaftem Materiale
leicht in mehrere Arten zersplittert werden kann , wie es denn auch in der Thal geschehen
ist. In Folgendem will ich daher zuerst die Identität dieser vermeintlich verschiedenen Arten
darzuthun und alsdann eine ausführlichere Beschreibung dieser interessanten und bisher noch
wenig bekannten Form nach dem uns hinsichtlich derselben zu Gebole stehenden, gegenwärtig
wohl reichsten Materiale zu entwerfen suchen.
Die erste Kenntniss von dieser Thierart verdanken wir einer Abbildung von C, procyo-
noides Gray in den Illustrations of Indian Zoology chiefly selected from the collection of
Maj. Gen. Hardwicke by J. E. Gray, London 1834. Vol. II. Tab. I. und einer etwas später
in dem Magaz. of natur. bist, conducted by Edw. CharlesvKorth, 1837. p. 578. von Gray
1) Bull, scieiil. publie par l'Acad. des sciences de St. Pelersb. T. IX. p. 94.
54 Sättgelhiere.
gelieferten dürflisen Diagnose dieses Thieres. Dies ist denn bisher auch das Einzige, was über
die Art C. procyonoides Gray bekannt geworden ist. Zwei Jahre später kündigte Temminck
in van der Hoeven's und Vriese's Tijdschrift vor natuurl. Geschied, en Physiol. Bd. V.
1839. p. 285 V nach den von Siebold aus Japan niitgebracblen Materialien , eine neue
Hunde-Art, C. viverrinus, an, welche mit C. procyonoides Gray in aller Hinsicht gleich ge-
formt und nur durch die Färbung specifisch verschieden sein sollte. Beide Arten sollten nach
Temminck durch eine geringe Anomalie in der Zahnbildung von dem Geschlechte der Hunde
zum Theil abweichen und eine besondere Gruppe bilden, f i r die er den Namen Nyctereutes
vorschluo. Worin aber diese angebliche Verschiedenheit der Färbung beider Arten bestand,
•s*
wah Temminck zunächst nicht an, und blieb somit die genaue Beschreibung der neuen Art
der Publication der Japanischen Materialien vorbehalten. Inzwischen entwarf A. Wagner )
eine ausführliche Beschreibung von C. viverrinus Temm., nach einem im Münchner Museum
aufgestellten, aus Japan stammenden Exemplare. Ein Jahr später gab Temminck seihst in
der Fauna Japonica eine Abbildung vom Winterfell und Schädel des Thieres, blieb jedoch die
nähere Beschreibung schuldig, da der bisher publicirte Text der Fauna Japonica im Beginne
der Beschreibung von C. {Nyclereiites) viverrinus abbricht^) und wir daher, ausser der in der
Vorrede desselben Werkes^) enthaltenen Wiederholung einer angeblichen Verschiedenheit
zwischen C. procyonoides und C. viverrinus , über die letztere Art nichts Näheres erfahren.
Statt dessen kündigte uns aber die Fauna Japonica an , dass es ausser den beiden genannten
Arten in Japan noch eine dritte Art derselben Gruppe gebe, den Mami-Tanuki der Japanesen,
von der wir jedoch nichts weiter erfahren und die von Temminck glücklicherweise auch
keinen sysiemalischen Namen erhalten hat. Endlich tbeilte Blainville im Jahre 1843
in seiner Osteographie des Carnassiers auch einige osteologische Bemerkungen über diese
Form und zwar nach einem Exemplare des Pariser Museums mit, welches durch Temminck's
Vermittelung aus Japan stammte^). Es muss demnach C. viverrinus gewesen sein, da Tem-
minck, nach seiner eigenen Behauptung "^j, von C. procyonoides ausser einem sehr mitgenom-
menen Felle keine Exemplare aus Japan hatte. Dennoch erwähnt Blainville dieses Namens
gar nicht, sondern spricht von dem Thiere unter der Bezeichnung C. procyonoides ou Chien du
Japon , der wegen seiner kurzen Ohren auch den Namen C. brachyolos erhalten haben soll ').
Blainville scheint daher die Identität dieser Formen ohne Weiteres anzunehmen. Doch ist
uns der Name C. brachyolos sonst nirgends vorgekommen.
Das ist Alles, worauf sich unsere bisherige Kenntniss der Gruppe iV?/c;er«/fes Temminck's
1) Vergl. auch Wiegm. Archiv für Naturgesch. Jahrg. V. 1839. Bd. II. p. 409. Desgl. Schmarda, Die geogr.
Verbreitung der Thiere. Wien 1853. Bd. II. p. 257 u. a. ra.
*) Die Säugethiere von Schreber. Supplhd. Abthl. 2. p. 438.
') Fauna Japonica. Mamnialia. Dcc. 2. p. 40.
♦) I. c. Dec. 1. p. 5.
*) Blainville, Osteogr. Heft 13. p. 154.
^) Fauna Japonica 1. c. Dec. 2 p. 40.
') I. 0. p. 47.
Canis procyonoides. ö5
beläuft. Eine vergleichende Gegeneinaoderhaltung beider Formen bat wegen des mangelnden
Materiales bisher noch nicht vorgenommen werden können. Denn Wagner, dem ein Exem-
plar von C. viverrinus vorlag , kannte von C. procyanotdes nur die Abbildung und dürftige
Diagnose Gray 's, die ihm zur Unterscheidung der Formen ebenfalls ungenügend erscheint,
und verlässt sich daher bloss auf die «Versicherung» Temminck's, dass diese Arten verschie-
den seien. Temminck aber behauptet freilich in der Tijdschrift, dass diese Formen der Fär-
bung nach hinlänglich von einander verschieden seien, um getrennte Arten bilden zu können,
führt aber in der Fauna Japonica selbst an, dass er von C. procyonoides nur ein unvollständi-
ges und sehr mitgenommenes Fell (une peau mutilee et fort endommagee) in einer Sendung
aus Japan erhalten habe, das nur hinreiche ihn über das Vorkommen dieser Art in Japan
zu belehren, im Uebrigen aber ibn nöthige für diese Species auf die Abbildung Gray 's zu
verweisen.
Fragen wir nun worin nach den bisherigen Beschreibungen und Abbildungen dieser bei-
den Arten die angebliche Verschiedenheit derselben besteht? Temminck sagt bei Ankündi-
gung seiner neuen Art ausdrücklich, dass die Verschiedenheit bloss in der Färbung beruhe.
Wir dürfen die specitischen Unterschiede daher nicht etwa in der allgemeinen Gestalt oder in
der Form und den Grössenverhältnissen einzelner Theile suchen. Wenn daher Giebel'), aus
den oben angegebenen einzigen Quellen schöpfend , angiebt , dass C. procyonoides , der Hatsi-
ffionst der Japanesen, eine spitzere Schnauze als C. viverrinus, der Tanuki der Japanesen,
habe, so fmdetman dafür bei Temminck gar keine Begründung, es sei denn, dass Temminck's
Abbildung von C. viverrinus ein Thier mit längerer und deshalb minder rasch zugespitzter
Schnauze als Gray 's Abbildung von C. procyonoides darstellt, worin wir jedoch Temminck,
nach Vergleichung der von ihm gegebenen Schädelabbildung mit den von uns mitgebrachten
Schädeln, welche der Form C. procyonoides angehören, nicht beistimmen können. Es Hessen
sich ja nach den erwähnten Abbildungen noch manche Verschiedenheiten der Form zwischen
diesen beiden Thieren herausfinden , wie z. B. die mehr gestreckte Gestalt und der längere
Schwanz von C. viverrinus im Vergleich zu C. procyonoides u. dgl. m., da die beiden Abbildun-
gen uns überhaupt zwei auf den ersten Blick sehr weit von einander verschiedene Thiere vor-
führen. Allein solche Folgerungen sind, bei Temminck's eigener Behauptung vollkommener
Uebereinslimmung beider Arten in allen Punkten mit Ausnahme der Färbung, ganz unzulässig.
Wir sind daher genöthigt anzunehmen, dass die Abbildungen den Charakter der Thiere nicht
getreu genug wiedergeben. Namentlich muss ich aus eigener Belianntschaft mit dem lebenden
Thiere Temminck's Abbildung, welche vermulhlich nach einem Balge entworfen ist, für
sehr verzeichnet erklären und Gray 's Abbildung dagegen bei weitem den Vorzug geben.
Ferner dürfen wir aber eben so wenig wie aus den Abbildungen auch aus den von Wagner und
Gray angegebenen Maassen eine Verschiedenheit in den Grössenverhältnissen beider Arten
zu finden erwarten. Denn die von Wagner für C. viverrinus mitgetheilten Maasse sind i-intni
') Die Saugethiere in zoolog. analoiu. u. palaentitol. Pezichiiiii;. Leipzig 1S-2Ö. p. 826.
56 Säiigethtere.
Balge entnommen, welcher verschiedentlich gereckt sein konnte, und die von Gray für
C. procyonoiJes angegehenen sind so ungenau, dass sie nicht zur Vergleichung dienen können.
So führt Gray z.B. nicht an, oh er die Länge des Schwanzes mit oder ohne Endhaare gemes-
sen hahe, was hei einem Thiere mit huschig hehaarlem Schwänze einen bedeutenden Unter-
schied macht. Uebrigens stimmen diese Grössenangaben auch noch ziemlich mit einander
überein, und es bleibt uns daher um so weniger Zweifel übrig, Temminck 's Ausspruch, dass
die beiden Arien in jeder Hinsicht mit Ausnahme der Färbung übereinstimmten , beizutreten.
Was nun aber die Färbung, dieses angeblich allein unterscheidende Moment beider For-
men, betrifTt, so muss zunächst bemerkt werden, dass Temminck angiebt , die Färbung hei-
der Arten sei im Sommer und Winter eine verschiedene '). Wo nun eine Form im Sommer
und Winter verschiedene Färbungen hat, da muss es je nach den Jahreszeiten auch zahlreiche
Uebergänge und Zwischenfärhungen geben, welche zunächst leicht für besondere Arten ge-
halten werden können. Temminck selbst sieht sich daher genöthigt, zwei von den Japane-
sen unterschiedene Formen, den Tanuki und Mimna-Tanuki derselben, als Winter- und Som-
merfärbungen einer und derselben Art, C. viverrinus, zusammenzuziehen^). An solchen Formen
dürfte es denn auch von Hause aus sehr gewagt erscheinen, bloss auf die Färbung hin ver-
schiedene Arten zu begründen , es sei denn , dass einmal die Verschiedenheiten der Färbung
äusserst praegnant und dass ferner die Uebergänge und Zwischenfärbungen innerhalb einer
jeden Art erschöpfend bekannt seien. Dass Letzteres hiusichtlicb der Nyclereules-Arten nicht
der Fall sein kann, versteht sich bei dem oben erwähnten mangelhaften Materiale , das über
dieselben bisher vorlag, von selbst. Aber auch Ersteres findet bei denselben durchaus nicht
statt. Denn vergleicht man die einzigen Beschreibungen dieser Tbierarten, Gray 's Diagnose
von C. procyonoides und Wagner's Beschreibung von C. viverrinus, so findet man für beide
Thiere dieselbe Grundfarbe , ein schwarz gesticheltes Graubraun , dieselbe schwarzbraune
Zeichnung der Wangen und Extremitäten angegeben , und es bleibt in Beziehung auf die
Färbung bloss der Unterschied, dass C. procyonoides am Schwänze weiss-, C. viverrinus schwur i-
gespitzle Haare haben soll — ein Unterschied . der bei Thieren mit überhaupt gemischter,
weisslich und schwärzlich gespitzter Behaarung , gewiss sehr prekär ist. Wenden wir uns
aber mit diesem einzigen, aus den Beschreibungen zu entnehmenden diagnostischen Momente
der verschiedenen Arten an die Abbildungen, so überrascht es uns hier bei C. procyonoides am
buschigen Schwänze nicht weiss-, sondern ebenfalls deutlich schwarzgespitzte Haare zu sehen.
Und so fallen denn die angeblichen Verschiedenheiten in der Färbung ganz weg. — Halten wir
aber ferner auch die von Temminck und Gray gelieferten Abbildungen dieser Thiere hin-
sichtlich der Färbung gegen einander. Auf den ersten Blick scheint es allerdings, dass diese
Abbildungen , abgesehen von der Gestalt und den Grössenverhältnissen, die wir schon oben
besprochen haben, auch in der Färbung sehr verschiedene Thiere darstellen. Vergleicht man
sie aber genauer , so findet man an beiden fast genau dieselbe Zeichnung wieder: dieselbe
') Tijdschrifl voor natuiirl. Gcschicd. 1. c. Fauna Jap. Mamnialia. üec. 1. p. 5.
^) Fauua Jap. Manimalia. l)cc. 2. p. 40.
Cants procyonoides. 57
hellere Farbe der Stirne und dunkelbraune Zeichnung der Wangen , denselben hellen Fleck
am Halse, dasselbe braune Band am Widerrist , das von der dunklen Mittellinie des Rückens
zu den vorderen Extremitäten hinabsteigt, dieselbe hellere Farbe hinter diesem Bande, dieselbe
dunkelbraune Zeichnung des hinteren Randes der Hinterschenkel und der Schwanzwurzel,
dieselbe dunkelbraune Farbe der Extremitäten u. s. w. Der einzige Unterschied dürfte sich
nur darin finden lassen, dass bei C. vtverrinus, nach Temminck's Abbildung, die Seiten des
Leibes eine dunklere Färbung als bei C. procyonoides haben, wodurch sowohl der helle Fleck
hinter den Schultern des Thieres, als auch die hellere Zeichnung der Hinterschenkel markir-
ter und deutlicher hervortreten. Dass aber auch bei C. procyonoides eine dunklere Farbe von
der Mittellinie des Rückens sich zum Theil nach den Seiten hinabzieht, giebt auch Grav's
Ai)bildung zu erkennen. Der erwähnte Unterschied in der Färbung beschränkt sich also bloss
darauf, dass dieselbe Zeichnung bei einem Thiere etwas mehr, beim anderen etwas weniger
ausgesprochen ist, was unmöglich Grund zur speciüschen Trennung der Formen abgeben kann.
Dazu muss ich vorgreifend bemerken , dass Temminck's Abbildung dieses Verhältniss der
Zeichnung markirter, Grav's Abbildung dagegen verwischter darstellt, als an irgend einem
meiner Exemplare der Fall ist, und dass diese selbst wieder unter einander wie in diesem,
so auch in anderen Punkten der Zeichnung mannigfach variiren. Zudem endlich hebt ja
Temminek selbst hervor, dass diese Thiere im Sommer und Winter ein verschiedenes Kleid
haben, und von Gra> 's Abbildung wissen wir nicht, von welcher Jahreszeit es das Thier dar-
stellt. — Und so drängt sich uns schon aus der Vergleichung der bisherigen Beschreibungen
und Abbildungen von C. procyonoides Gray und C. viverrinus Temm. die Ueberzeugung von
ihrer speciüschen Identität auf, eine Ueberzeugung, welche sich nun ferner durch die aus dem
Amur-Lande mitgebrachten Exemplare auch in positiver und directer Weise begründen
lässt. Dabei sind die Amur-Exemplare, indem sie uns über die Identität zweier vermeintlich
verschiedener Arten belehren , zugleich auch geeignet uns mit einer ziemlich ansehnlichen
Variation dieser noch sehr wenig gekannten Thierart bekannt zu machen. Gehen wir daher
zur ausführlicheren Beschreibung derselben über.
Zwei von der Mündung des Amur-Stromes durch Vermittelung der Giljaken aus dem
oberen Amur-Lande von mir erhaltene Felle, lehren uns das Thier im Winterkleide kennen.
Diese beiden Felle stimmen mit Temminck's Abbildung und Wagner's Beschreibung von
C, viverrinus sehr und mit G ray 's Abbildung von C. procyonoides theilweise überein. Die
Hauptfarbe derselben (Taf. III. fig. 1.) ist licht gelblich bräunlich, an dem einen Exemplare
mit intensiverem gelblichen Farbentone, wie in Temminck's Abbildung, an dem anderen mit
blasserer, graugelblicherer Tinte, wie in Gray 's Abbildung , uud an beiden mit gleicher
schwarzbrauner, gelblich und schwarzgestichelter Zeichnung. Der Kopf ist an der Schnauzen-
spitze, auf dem Nasenrücken und der Stirne graugelblich; an den Lippen heller, auf dem Na-
senrücken dunkler mit etwas röthlicher Einmischung; auf der Stirne etwas dunkler als über den
Augen. Die Bariborsten sind schwarzbraun. Vor und unter dem Auge entspringt ein schwarz-
braunes Band, welches unter dem Auge wegläuft, dieses nach oben ebenfalls mit einem schma-
Schrenck Anuir-Reise Bd. 1. Q
58 Sängethiere.
len Streifen umgebend, und an den Halsseiten, indem es zugleich auch gegen das Ohr in einem
verwaschenen Streifen vorspringt, allmählig blasser wird und verschwindet. Diese Farbe und
Zeichnung des Kopfes ist genau und viel besser von Gray am C. procyonoides als von Tem-
minck am C. viverrinus dargestellt. Nach dem Scheitel zu wird die gelblichgraue Farbe der
Stirne allmählig dunkler graubräunlich, wie es ebenfalls an Gray 's Abbildung zu sehen ist.
Das entsteht dadurch , dass die Deckhaare, welche auf dem Nasenrücken in ihrem unteren
Theile braun, im oberen weisslich und gelblich, mit kaum merklichen braunen oder schwärz-
lichen Spitzen gezeichnet sind , auf der Stirne und nach dem Scheitel zu allmählig längere
schwarze oder richtiger schwarzbraune Spitzen bekommen und zugleich auch durch die min-
der anliegenden Deckhaare das braune Wollhaar stärker durchschimmert. Die Ohren sind
ziemlich kurz, aussen graubräunlich , inuen schmutzig gelblichgrau, am Rande und hinten
an der Ohrwurzel schwarzbraun. Unterhalb der Ohren behndet sich ein heller Backenbart aus
verlängerten Haaren , welche entweder in ihrer ganzen Länge weisslich oder gelblich , oder
aber an ihrer Basis bräunlich, im oberen Theile weisslich oder gelblich und an der Spitze bis-
weilen wiederum bräunlich oder schwärzlich gezeichnet sind. Das Rumpfstück beider Felle
ist licht gelbbräunlich mit folgender markirler Zeichnung. Vom Nacken an verläuft eine un-
regelmässige schwärzliche Binde längs der Mittellinie des Rückens bis an das Schwanzende,
durch welche die gelbliche Grundfarbe zum Theil durchschimmert. Diese Binde entsteht da-
durch, dass hier die an ihrer Basis bräunlichen, im unteren Verlaufe gelblichen Haare lange
schwarze Spitzen haben. Von diesem schwärzlichen Rückenstreifen entspringt über den
Schultern ein schwärzlichbraun schattirtes Querband , welches nach den Vorderbeinen hinab-
steigt und in welchem die Deckhaare theils lange schwarze, theils kürzere bräunliche Spitzen
über dem gelblichen Mittelstücke haben , theils auch einfach gelb gespitzt sind. Unmittelbar
vor und hinter diesem Querbande ist die gelbliche Farbe des Felles am lichtesten, indem hier
die Haare nur an der Basis lichlbräunlicb , im ganzen übrigen Verlaufe aber gelblich sind.
Durch solche Verlheilung der Farben entsteht auf dem Vorderrücken des Thieres die sehr
markirte Zeichnung eines dunklen , schwärzlichen Kreuzes auf hellem , gelblichem Grunde.
Diese Zeichnung ist auch an den Abbildungen von Gray und Temminck deutlich zu erken-
nen. In ähnlicher Weise zieht sich am Hinterrücken von der schwärzlichen Längsbinde des
Rückens eine dunkle, schwärzliche Schattirung auch nach den Seiten des Leibes , allmählig
verblassend , fort , indem hier die schwarzen Spitzen der Deckhaare des Rückens allmählig
kürzer werden und zuletzt ebenfalls verschwinden. Dieses ist nun der Punkt, in welchem die
Abbildungen Gray's und Temmincks am meisten difl'eriren. indem bei ersterer an den Seiten
des Leibes kaum eine dunklere Schattirung als unmittelbar hinter der braunen Querbinde der
Schultern zu merken ist , während bei letzterer an den Seiten des Leibes eine sehr deutliche
breite dunkle Querbinde hinabsteigt, die nicht bloss nach vorn, von der hellgelblichen Färbung
hinter den Schultern, sondern auch nach hinten, wenn auch in geringerem Grade, von der
helleren Zeichnung der Schenkel absticht. An meinen beiden Exemplaren vom Winterfelle
des Thieres ist nun diese Zeichnung, die an Gray 's Abbildung so gut wie verschwindet, eben-
Canis procyonoides. 59
falls in der Weise wie Temminck sie angiebt, aber in viel weniger markirtem Grade und
mit geringer Abweicbung der beiden Exemplare unter einander vorhanden. Zunächst ist an
beiden die schwärzliche Schattirung der Seiten viel heller als Temminck sie darstellt, indem
sie deutlich heller als das Querband der Schultern ist, was bei Temminck nur kaum der
Fall sein dürfte. Dadurch sticht sie ferner nach vorn, von dem hellgelblichen Fleck hinter
den Schultern, minder scharf als in Teniminck's Abbildung ab. Alsdann breitet sie sich
auch abwärts minder weit aus, als Temminck's Zeichnung angiebt, indem sie ohne den
Bauch zu erreichen verblasst. Nach hinten zu linde ich diese schwärzliche Schattirung der
Seiten an einem meiner Exemplare zum Theil, wenn auch viel weniger scharf als Temminck
angiebt, gegen eine hellere Färbung der Schenkelgegend abstechend, wodurch ein ungefähres,
aber sehr verwaschenes und undeutliches Querband an den Seiten des Leibes entsieht. Am
anderen Exemplare dagegen ist ein solches dunkler schallirles Querband an den Seiten des
Leibes durchaus nicht zu linden, indem die schwärzliche Schattirung an dem ganzen Hinter-
rücken allenthalben nach dem Bauche zu gleichmässig verblasst und nur vorn etwas rascher
abbricht als hinten. So zeigen also meine beiden Exemplare neben der Zeichnung, welche sie
mit Temminck's Abbildung vou C. viverrinus gemeinschaftlich haben, doch, in Folge der
helleren Schattirung und der minder markirlen Absetzung der Farben , eine solche Näherung
au Gray's Abbildung von C. procyonoides, dass ich nicht zu bestimmen wage, wohin sie mehr
gehören. Vielleicht dürfte auch Temminck die Zeichnung des Thieres in der That markir-
ter und die Farbe der Schatlirungen etwas dunkler dargestellt haben , als sie in der Natur
sind, während Gray dieselben zu verwischt gezeichnet hat. Wegen dieser Uebereinstimmung
der Abbildung Gray's mit meinen Winter-Exemplaren, wie wegen der starken und reichen
Behaarung des Pelzes an derselben muss ich sie auch für eine Abbildung des Thieres im Win-
terfelle halten. — Die weitere Färbung des Felles anlangend, sind Kehle und Brust licht grau-
braun, der Bauch gelblich graubraun; die Extremitäten sind im oberen Theile dunkler, schwärz-
lichbraun, im unteren heller, auf dem Fussrücken kastanienbraun; an der Innenseite mit eini-
gen gelblichen und röthlicben Haaren gemischt; die Nägel braun. Von den hinteren Extremi-
täten zieht sich an meinen Exemplaren die schwärzlichbraune Farbe nicht bis an die Schwanz-
wurzel hinauf, wie es an den Abbildungen Gray's und Temminck's angegeben ist, sondern
bricht früher ab, so dass die Seiten der Schwanzwurzel von der Farbe der Schenkel, d. i.
bräunlichgelb mit schwacher schwärzlicher Schattirung sind. Der Schwanz ist oben von der
Farbe des Kückens, d. i. schwarzbraun, zumal an der Spitze, in Folge der langen schwarzen
Spitzen der in ihrem unteren Theile weisslichen oder gelblichen Haare; unten schmutzig gelb-
lich. Das Wollhaar des Rückens ist grau bräunlich. Die Länge der Deckhaare des Rückens
beträgt etwa 75 , derjenigen des Schwanzes 80 Millimeter.
Von dem Winterfelle ist recht abweichend das Sommerfell des Thieres , und zwar lässt
sich dabei, neben der im Sommer viel dunkleren Färbung des Thieres, auch ein verschie.lent-
liches Verschwinden der markirten Zeichnung des Winterfelles wahrnehmen. Drei Exemplare,
welche ich vom Sommerfelle habe , sind sehr geeignet uns über diese Variation zu belehren.
(30 Säugethiere.
indem an einem derselben die Zeichnung des Winterfelles noch vollkommen deutlich , an den
beiden anderen aber in verschiedenem Grade verwischt ist.
Das erstere derselben erhielt ich im unteren Amur-Lande von den Golde des Dorfes
Ssoja, in dessen Umgegend es erlegt worden war. Statt der licht gelblich-bräunlichen Farbe
des Winterfelles ist dieses Sommerfell (Taf. 111. fig. 2.) gelblichgrau mit schwärzlicher Schat-
tirung, und alle braunen und schwarzbraunen Zeichnungen sind fast in reines Schwarz umge-
wandelt. Der Kopf des Thieres hat genau dieselbe Zeichnung wie am Winterfelle, nur allent-
halben in dunkleren Farbentönen: so ist die Schnauzenspitze licht bräunlich - gelblich , der
Nasenrücken dunkler bräunlich mit etwas gelblichweisser Einmischung, die Stirne gelblich-
weiss mit schwarzer Schattirung gemischt, welche im Beginne der Stirne und in einem Bande
über dem Auge zum Ohre hin heller, im mittleren Theile aber nach dem Scheitel zu dunkler
ist und zwischen den Ohren fast in reines Schwarz übergeht. Diese Zeichnung wird dadurch
bedingt, dass die im Beginne der Stirne und über den Augen an ihrer Basis lichtbräunlichen,
im weiteren Verlaufe weisslichen und an der Spitze schwarzbraunen Deckhaare nach dem
Scheitel zu längere schwarze Spitzen bekommen und zugleich auch die braune Farbe an ihrer
Basis dunkler wird und eine grössere Ausdehnung gewinnt, so dass der weisslich-gelbliche
Ring derselben mehr und mehr an Ausdehnung verliert. Das am Winterfelle braune Band,
das unter den Augen zum Halse verläuft, ist am Sommerfelle dunkler schwarzbraun, fast rein
schwarz und rückt etwas mehr vor das Auge als am Winterfelle. Es sticht daher auch um
so greller von dem hellen, schmutzig weisslich-gelblichen Barihaare unterhalb der Ohren ab.
Die dunkle Längsbinde des Rückens hat zwar einen schwärzeren Ton als am Winterfelle, ist
aber im Ganzen verwaschener und nur auf dem Vorderrücken noch deutlich kenntlich, auf
dem Hinterrücken aber von der schwärzlichen Schattirung der Seiten kaum zu unterscheiden.
Wie am Winterfelle wird sie durch die längeren schwarzen Spitzen der an ihrer Basis schwarz-
braunen, im weiteren Verlaufe schmutzig gelblichen Deckhaare hervorgebracht; indem aber
die Behaarung eine minder dichte ist, schimmern die gelblichen Mitlelstücke der Deckhaare
stärker durch als am Winterfelle und lassen eben dadurch die Binde verwaschener als an je-
nem erscheinen. Von den Schultern steigt ebenfalls ein deutlich schwarz schattirtes Querband
nach den Vorderbeinen hinab , zu dessen Seiten , unmittelbar vor und hinter demselben , die
Färbung des Felles am lichtesten und zwar schmutzig hellgelblich ist , indem die Deckhaare
dort entweder nur an der Basis schwärzlich, im übrigen Theile weisslich, oder auch im gan-
zen Verlaufe weisslich oder gelblich sind. Dadurch ist an diesem Sommerfelle die Zeichnung
eines dunklen, schwärzlichen Kreuzes auf lichtem, schmutzig gelblichem Grunde deutlich aus-
gesprochen. Der Hinterrücken des Thieres ist , wie bereits gesagt , durchweg graugelblich
mit schwarzer Schattirung , welche auf der Mittellinie des Rückens nur etwas stärker als an
den Seilen des Leibes ist. Der Unterkiefer , die Kehle , die Brust und die Extremitäten sind
dunkel schwarzbraun , die letzteren an der Innenseite mit theilweiser Einmischung lichterer,
gelblich-bräunlicher Haare. Der Bauch ist gelblich graubraun. Der Schwanz fehlt an diesem
Exemplare und ist daher iu der Abbildung nach einem anderen Sommerfelle dargestellt.
Canis procynnoides. 61
Das oben beschriebene Sommerkleid des Thieres lässt sich wegen der deutlich vorhan-
denen niarkirten Zeichnung, welche das Thier auch im Winterfelle charakterisirt, als die nor-
male Färbung des Thieres im Sommer ansehen. Dagegen glaube ich zwei andere Exemplare
dieses Thieres, an denen jene Zeichnung zum Theil verwischt ist, für eine Varietät des Thie-
res halten zu müssen. Das eine derselben, ein altes Weibchen, ist von den Bi raren von Os-
sika am oberen Amur-Strome, oberhalb des Bureja-Gebirges und nahe der Mündung derBu-
reja in den Amur, am ^Ii^lll— ^ erlegt worden; das andere, ein junges Männchen, erhielt ich
lebend im Dorfe Emmero am unteren Amur-Strome und hielt es in der Gefangenschaft bis
zum -^^. October , wo es getödtet und abgebalgt wurde. Beide stimmen sehr mit einander
überein und scheinen auf den ersten Blick von jener oben beschriebenen Zeichnung des Thie-
res sehr abzuweichen. Vergleicht man dieselben aber genauer, so findet man die einzelnen
Stücke der Zeichnung , wenn auch bisweilen nur in Andeutungen , wieder. Im Allgemeinen
ist die Farbe dieser Felle ein Gemisch von Gelblichgrau mit starker schwarzer Schattirung.
Im Einzelnen betrachtet, ist der Kopf genau so wie an dem erstgenannten Sommerfelle gezeich-
net, mit dem geringen Unterschiede, dass an dem einen Exemplare (vom Juli) der Schnauzenrücken
bis an die Nase dunkler bräunlich und das schwarze Band, das unter dem Auge verläuft, noch
etwas mehr nach vorn vorspringt. Am anderen Exemplare (vom October, Taf. IV. fig. 1 .)
findet das nicht statt, und die ganze Schnauzenspitze ist heller und mehr von der Farbe des
Winterfelles , wogegen die dunklere Farbe der Slirne bis zwischen die Augen vorspringt.
Die Ohren sind genau wie am Winterfelle beschaffen: aussen gelblichbraun, innen schmutzig
weisslich, am Rande und hinten an der Wurzel schwarzbraun. Ein Backenbart aus weissli-
chen und gelblichen Ilaaren ist ebenfalls vorhanden. Weniger übereinstimmend ist die Zeich-
nung des Rückens dieser beiden Exemplare. Die dunkle Längsbinde des Rückens ist an dem
einen Exemplare (vom Juli) wohl so gut wie gar nicht mehr , am anderen nur sehr schwach
zu unterscheiden, indem einerseits auch längs der Mittellinie des Rückens, vom Nacken an,
eine gelbliche Farbe der Haare durch die schwarze durchschimmert und andererseits eine
schwarze Schattirung, und zwar in stärkerem Maasse als an dem normalen Sommerfelle, auch
die Seiten des Leibes und fast gleichmässig bedeckt. Dennoch lässt sich an beiden Fellen,
und besonders an dem dunkleren (vom October) , auf dem Vorderrücken in der Schulterge-
gend sowohl ein Stück der unregelmässigen Rückenbinde, als auch eine verwaschene, dunkler
als ihre Umgebungen schattirte, schwärzliche Querbinde erkennen , welche nach den Vorder-
beinen hinabsteigt. An beiden Fellen lassen sich ferner auch die lichten gelblichen Stellen
des Felles unmittelbar vor und hinler dieser Querbinde erkennen , an denen die Deckhaare
nur an ihrer Basis schwärzlichbraun, im übrigen Verlaufe aber schmutzig gelblich sind. Na-
mentlich ist der helle Fleck vor der (}uerbinde ansehnlich und deutlich ausgesprochen, derje-
nige hinter der Binde aber weniger deutlich , indem die Zahl der ihn bildenden gelblich ge-
spitzten Haare geringer ist. Diese Stellen sind denn auch die einzigen an den Seiten des Lei-
bes , wo sich bei diesen beiden Exemplaren weisslich oder gelblich gespitzte Haare finden.
Und so sehen wir die markirle Zeichnung eines schwärzlichen Kreuzes auf gelblichem Grunde^
62 Smgethiere.
welche die zuerst besprochenen Exemplare von C. procyonoides lebhaft kennzeichnete, an die-
sen beiden Exemplaren so weit sich verwischen, dass sie auf den ersten Blick gar nicht auf-
fällt und sich erst bei genauerer Betrachtung und mit geringer Deutlichkeit herausünden lässt.
Ebenso fallen aber auch an Gray's Abbildung von C. procyonoides die lichten Stellen vor und
hinter der Querbinde der Schultern weniger scharf in die Augen, und hnde ich , bei Verglei-
chuno^ meiner Exemplare mit dieser, zwischen ihnen nur den Unterschied, dass die Abbildung
Gray's eine geringere schwarze Schatlirung der gesammten Leibesseiten als meine Exemplare
hat. Hier schliessen sich daher die Formen nur mit gradueller Verschiedenheit der Schatti-
run" an einander. Wie Gray's Abbildung darstellt, sind nun auch meine Exemplare an den
Seiten des Leibes hinter jenem helleren Flecke, der sich unmittelbar hinter der dunklen (juer-
binde der Schultern beündet, gleichmässig gelblichgrau uud schwarz schatlirt, wobei sich
zwischen den Schattirungen der Seiten uud des Rückens nur etwa der Unterschied bemerken
lässt, dass an den Seiten die schwarze Schattirung mehr gleichmässig mit dem Gelblichgrau
vermischt ist , während auf dem Rücken die schwarzen Spitzen der Deckhaare stellenweise
mehr zusammenhängende schwarze Flecke bilden , welche so die unregelmässige Längsbinde
des Rückens einigermassen ersetzen. Diese schwärzliche Schattirung der Seiten des Leibes ist
an meinen beiden Exemplaren nur wenig heller als die Querbinde der Schultergegend , wo-
durch sich wiederum eine Näherung an Temminck's Abbildung des Thieres herausstellt.
Ferner zeigt eines derselben (dasjenige vom Juli) auch eine dunklere, schwarzbraune Schatti-
ruuar der Hinterschenkel bis an die Schwanzwurzel hin, so dass auch dieses Moment, das wir
an den anderen Exemplaren nicht fanden und das Gray und Temminck abbilden, in den
Bereich der Variation fällt. Die Unterseite des Thieres ist genau wie an dem ersterwähnten
Sommerfelle beschaffen: Unterkiefer, Kehle. Brust und Extremitäten dunkel schwarzbraun,
die letzteren im oberen Theile fast rein schwarz; der Bauch heller, graubraun, nach hinten,
an den Geschlechtslheilen und dem After, schmutzig gelblich. Der Schwanz ist schmutzig
graugelblich, oben schwarz schattirt und an der Spitze , durch die langen schwarzen Spitzen
der Haare, ganz schwarz; unten schmutzig gelblich. Die Länge der Deckhaare beträgt auf
dem Rücken etwa 80 — 85, am Schwänze 90 Millim. Das Exemplar vom October hat bereits
ein dichtes Wollhaar von derselben graubraunen Farbe wie die Winterfelle. Auch hat es am
Nacken bereits eine bräunlichere, dem Winterfelle näher stehende Färbung als das Exemplar
vom Juli. Da ich dieses Thier (von Emmero) lebendig gehalten habe, will ich noch bemer-
ken, dass die Iris desselben graubraun und die Pupille rund war. Beide Thiere , die ich in
der Gefangenschaft, das eine einen halben Monat, das andere anderthalb Monate lang hielt und
auf der Reise im Boote mit mir führte und deren eines mir später in Kidsi entkam, fütterte
ich, dem Vorgange der Eingeborenen folgend, mit Fisch und dazwischen auch mit dem
Fleische geschossener Vogel, das sie gern assen. Die Thiere, obgleich noch jung, waren recht
bissig und bewegten sich besonders Nachts unruhig in ihren Kähgen umher. Ohne Zweifel
sind es nächtliche Thiere. Niemals habe ich sie bellen gehört, sondern nur einen grunzenden
Ton von sich geben. In ihren Bewegungen hatten sie viel Schleichendes, was ich namentlich
Canis procyonotdes.
63
bei der Gelegenlieit bemerken konnte , als einmal eines derselben , im Entspringen begriffen,
von uns wieder eingefangen wurde. Beide Exemplare waren von den Eingeborenen an ver-
schiedenen Orten aus Erdbauen genommen worden, die sie, nach Aussage der Eingeborenen,
den Dachsen oder Füchsen ähnlich anlegen. — Im October gab ich dem mir nachgebliebenen
Thiere eine Dosis Strychnin, welche es nach einer Viertelstunde in ein rasches und heftiges
Zittern am ganzen Leibe versetzte, worunter es auch alsbald verreckte. An dem frisch getöd-
teten Thiere nahm ich folgende Maasse:
Gesammtlänge von der Nasen- bis zur Schwanzspitze .... 885 Millim.
Länge von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel 610 «
« des Kopfes 155 «
« des Schwanzes ohne Endhaare 190 «
« der Endhaare am Schwänze 85 «
Ich füge zugleich die hauptsächlichsten ungefähren Maasse der übrigen mir vorliegenden
Exemplare bei, ob diese gleich, am Felle genommen, nur einen sehr geringen, approximativen
Werlh haben können:
Winte
rfelle
Sommerfelle
Erstes. ,
Zweites.
Ossika.
Ssoja.
Gesammtlänge von der Nasen- bis zur Schwanzspitze . . .
Länge von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel
(t dps Schwanyps ohne Endhaare
940
700
170
70
900
660
170
70
860
660
150
50
700
« der Endhaarp des Schwanzes
Nach dieser vergleichenden Besprechung der äusseren Charaktere von C. procyonoides
Gray und C. viverrinus Temm., sowohl nach den bisher bekannten Beschreibungen und Ab-
bildungen, als auch nach den uns vorliegenden Exemplaren , dürfte es wohl keinem Zweifel
mehr unierliegen, dass diese vermeintlich verschiedenen Arten eine einzige Art bilden, welche
im Sommer und Winter eine verschiedene Färbung hat und ausserdem auch localen Variatio-
nen in der Zeichnung unterworfen ist. Die im Amur-Lande beobachtete, oben beschriebene
Varietät zeigt uns aber im Allgemeinen eine stärkere schwarze Schattirung, durch deren Aus-
breitung auch über die an der normalen Form helleren Partieen des Felles die markirte Zeich-
nung des Thieres undeutlicher wird. So tindet also auch an dieser Form die schon an meh-
reren Thierarten im Amur -Lande beobachtete Neigung zum Ueberhandnehmen dunklerer,
schwärzlicher Farbentöne statt.
Ehe ich nun an die geographische Verbreitung von C. procyonotdes im Amur-Lande
gehe, will ich mir noch einige Bemerkungen über die Stellung dieser Art im Hundegeschlechle
sowohl nach den osteologischen Verhältnissen , wie nach dem Gesammthabitus derselben er-
lauben. Wie erwähnt schlägt Temm ine k ') vor , die genannten Arten , C. procyonoiiles und
'; Tijdschr. Toor natuurl. Geschied. 1. c. Fauna Jap. Jlammalia Dec. 1. p. 5.
64^ Säugethiere.
C. viverrinus, als besondere Gruppe unter dem Namen Nyclereules von dem CanM-Geschlechte
zu trennen. Als Grundlage dafür giebt er nur im Allgemeinen an, dass diese Arten eine kleine
Anomalie im Zahnbau zeigen und in ihrem Habitus sich einerseits den Waschbären Amerikas
und andererseits den Viverren Indiens nähern, Specieller giebt Wagner'), der in diesen
Thieren nach Gestalt, Grösse und Färbung eine Näherung an die Marder hndet und sie daher
als besondere Gruppe «Marderhunde» [Martini) im Geschlechte Canis unterscheidet, die Ano-
malie im Zahnbau darin an, dass «die beiden oberen Höckerzähne länger (d.h. von vorn nach
hinten), zugleich aber auch (von innen nach aussen) kürzer als bei anderen Gruppen sind,
und dass überdiess der untere grosse Höckerzahn ein Höckerchen mehr hat.» Blainville
endlich bringt nach osteologischen Verhältnissen C. procyonoides zur Abtheilung der ächten
Wölfe, hebt aber im Allgemeinen hervor , dass er mit einigen anderen nächstverwandten Ar-
ten, wie C. cancrioorus und brachyteles , durch einen kürzeren und entfernter stehenden Dau-
men sich auszeichne (weshalb Blainville^) für diese Arten auch den Namen «chiens brachy-
ieles>y vorschlägt), ferner auch einige Aehnlichkeit mit den Schakalen habe und durch die Form
des Kopfes sich den Hyänen nähere^). In Betreff der Zahnbildung macht er aber nur auf die
grössere Entwickelung der oberen Höckerzähne im Vergleich zum Reisszahne und auf die beson-
dere Kleinheit des letzten unteren Höckerzahnes aufmerksam^). Leider stehen mir zur Ver-
gleichung keine Schädel oder Skelette von den dem C. procyonoides vermuthlich nächstver-
wandten Arten, C. cancrivorus u. a. m. , sondern nur diejenigen europäischer und sibirischer
Hunde-Arten zu Gebote. Es bleibt mir daher auch nichts Anderes übrig , als meine Verglei-
chungen diesen Arten gegenüber zu thun.
Prüfen wir zunächst die angegebenen Besonderheiten im Gebisse der NyclereuteS' Xrlen
an den uns vorliegenden Schädeln , welche den beiden zuletzt beschriebenen Thieren der
schwärzlichen Varietät des Amur-Landes angehören und von denen das eine ein altes, das
andere ein ziemlich junges Thier war.
Was zunächst den grossen unteren Höckerzahn betrifft, so ist Wagner 's Behauptung
nicht haltbar, denn von den beiden mir vorliegenden Exemplaren linde ich an dem einen, und
zwar dem älteren , mit ziemlich abgeriebenem Gebisse , allerdings statt der beiden vorderen
Höcker diei, und zwar einen grösseren inneren und zwei kleinere nach aussen von jenem;
an dem anderen, jüngeren Exemplare dagegen, mit sehr gut erhaltenem Gebisse, sind an dem
unteren grossen Backenzahne vorn ebenfalls nur zwei und überhaupt genau eben so viel Hö-
cker wie bei den anderen Hunde-Arten vorhanden. Das lässt sich auch an den Abbildungen
Blainville's") und Temminck's*') erkennen. Erstere giebt deutlich am grossen unteren
Höckerzahne vorn nur zwei neben einander stehende Höcker an; aus letzterer scheint es eben-
1) 1. c. p. 437.
*) Osteogr. 1. e. p. 47.
3) Osleogr. 1. c. p. 30.
*) Osleogr. I. c. p. 47 u. p. 156. tab XII.
5) Osleogr. 1. c. lab. XII.
^j Fauna Japonica. Alanirualia. tab. 8. fig. S.
Canis procyonoides.
65
falls hervorzugehen, oi)gleich das Exemplar Temminck's, nach der Abhildung zu urlheilen,
ein sehr abgeriebenes Gel)iss gehabt haben muss , was Temminck's Bemerkung einer Ano-
malie im Zahnbau dieser Thiere um so aulTallender macht. Jedenfalls fällt also diese von
Wagner erwähnte, vermeintliche Eigenthünilichkeit der Nyctereutes -Artea als Gattungs-
charakter weg.
In Betreff ferner des Verhältnisses der Länge und Breite der oberen Höckerzähne finde
ich, beim Vergleiche meiner beiden Schädel von C. procyonoides mit den europäischen und si-
birischen Canis-Schädeln unseres Museums, folgende Grossenverhällnisse (in Millim.):
Name und Fundort der Arten.
(\ procyonoides Gray.Amur, Ossika
« « « « Emmero
C.lagopus L. Nowaja Semlja . . .
« « NW-Amerika
« « « Amerika
« « « Patria ine
C.vulpes L. Amur, Kidsi
« « « St. Petersburg
« « « « «
« « « Nishnaja Tunguska
C. Karagati Gm. Caucasus
« « « «
« « , « «
« « « «
« « « «
« « « «
« « « «
« « « «
« « « «
« « (( «
C. aureus L. Caucasus
n « « «
Ister oberer
Höckerzabn.
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10
9,5
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8
8
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10
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10
11
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9
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9
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9
9,5
9
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10
12
12
10
10
10
9
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9,5
11.5
12
11
12,5
10,5
10,5
11
11
11,5
10,5
11
11
11
13
13,5
14
0,95
0,85
0,89
0,84
0,89
0,87
0,88
0,91
0,88
0,86
0,86
0,86
0,82
0,83
0,86
0,86
0,82
0,82
0,77
0,89
0,86
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2ter oberer
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9
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0,85
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0,83
0,83
0,75
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0,75
0,80
0,71
0,73
0,80
0,73
0,67
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77
') Die Breite der Höckerzäbne messe ich nicht vom vorderen, sondern vom hinteren äusseren Höcker nach
innen, weil dies die zur Dimension der Länge senkrecht gestellte Dimension der Breite ist, während jene erstere sie
unter spitzem Winkel schneidet.
Schrenck Anuir-Reise Bd. I, Q
66
Säugelhiere.
Name und Fundort der Arten.
C. aureus L. Caucasus. . . .
« « « « ....
« « « « ....
« « « « ....
« « a « ....
« « « « ....
C lupus L. Amar, Kalm .
« « « Patr. ine
« « « Caucasus . . . .
« « « « . . . .
« « « « , . . .
« <> « « . . . .
« « « « . . . .
« « « « . . . .
C.Azarae Pr. M. Brasilien
Isler oberer
Höikerzahn.
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0,74
0,75
0,76
0,80
0,69
0,81
0,77
0,74
Aus diesen Maassen gehl allerdings hervor » dass an den Höckerzähnen des Oberkiefers
bei C. procyonoides die Länge im Verhältniss zur Breite eine ansehnlichere als hei anderen
Hundearten ist. Von den hier angefiiiirlen ist C. procyonoides die einzige Art, bei welcher der
erste obere Höckerzaiin bisweilen ganz und der zweite fast ganz ebenso lang wie breit ist.
Hält man in absolutem Maasse die Hockerzähne des Wolfes dagegen , so ist die Verschieden-
heit sehr sichtlich, !;idem bei diesem die Differenz in den genannten Dimensionea der Höcker-
zähne im Durchschnitt 2 und 3 und in einzelnen Fällen sogar 3i und 4 iMillim. beträgt.
Dennoch ündel sowohl an einigen Schädeln des Wolfes, als auch an denjenigen der zwischen-
genannten Hundearten auch in absolutem Maasse eine allmählige Ausgleichung dieser Dif-
ferenz bis auf die unbedeutende Grösse von l bis 1 Mülim. statt. Nimmt jnan nun aber, um das
allein richtige Maass dieses Verhältnisses zu haben, nicht die absolute Diil'erenz dieser DimiMi-
sionen, sondern das jedesmalige Verhältniss der Länge eines Zahnes zu seiner Breite, so stellt sich
eine noch sichtlichere Näherung der Formen gegen einander heraus. Wir linden nämlich, dass
1) in eii^r grösseren Anzahl von Schädeln der genannten Hundearten es stets auch
solche giebt , an denen das Verhältniss der Länge zur Breite an den oberen Höckerzähnen
demjenigen von C. procyonoiiles äussevsl nahe und fast g' eich kommt. So ist das Maximum
dieses Verhältnisses an den uns vorliegenden Schädeln folgendes :
Cani.s procyunoides. 67
Ister HöckerzabD. 2ter Höckerzabn.
€. lagopm 0,89 - 0,83
C. vulpes 0,9 1 0,80
C. Karayan 0,80 0,80
C. aureus 0,93 0.83
C. lupus 0,94 0,80
Die grössten dieser Zahlen, die wir beim Schakal und Wolfe finden, nähern sich den Verhält-
nisszahlen des 2ten Exemplares von C. procyoiwiJes, wo sie 0,95 und 0,85 beiragen, bis auf
die unbedeutende Differenz von 0,01 und 0,02.
2) Nimmt man nun, da wir von C. procyonoides nur 2 Schädel haben , auch für die an-
deren Arten die Mittelwerthe des in Rede stehenden Verhältnisses nur für je 2 Schädel und
zwar für diejenigen derselben , an welchen die Länge der Hockerzähne im VerhäUniss zur
Breite derselben am grössten ist, so stellen sich folgende Verhältnisszahlen heraus:
Ister Höckerzabn. 2ter Höckerzahn.
C. laijopus 0,89 0,83
C. vulpes 0,90 0,78
C. Karayan 0,86 0,80
C. aureus 0,93 0,83
C. lupus 0,93 , 0,80
C. procyonoides 0,98 0,89
Hier sehen wir die geringste Differenz der Verhältnisszahlen, die uns wiederum der Schakal
und der Wolf bieten, zwar steigen, allein immer noch die unbedeutende Grösse von 0,05
und 0,06 betragen.
31 Vergleichen wir endlich die in der Tabelle gegebenen mittleren Verhältnisszahlen
aller gemachten Messungen der Länge und Breite der Höckerzähne , so linden wir, dass die
geringste Differenz derselben für beide Höckerzähne, und zwar für den Isten zwischen C^ro-
cyonoides und C. aureus und für den 2ten zwischen C. procyonoides und C. layopus, trotzdem
dass wir nicht die dem C. procyonoides nächst verwandten , sondern entfernter stehende
Hundearten, bei denen also die Differenz eine grössere sein muss , in Vergleichung nahmen,
dennoch nicht mehr als 0,08 beträgt. Dagegen sehen wir, dass die Variation in diesem Ver-
hällniss innerhalb einer und derselben Art bisweilen 0,1 1 und 0,15 beträgt. Wir können
daher die verhältnissmässig grössere Länge der Höckerzähne bei C. procyonoides unmöglich
als eine Anomalie auffassen , die genügend wäre aus dieser Art eine besondere Gattung zu
bilden , sondern fmden darin bloss eine gewisse Gradation innerhalb des Cants-Geschlechtes.
In Betreff dieser Gradation können wir aber, da uns die dem C. procyonoides vermuthlich näch-
sten Glieder fehlen, nur so viel hervorheben , dass im Vergleich zu den angeführten Arten
C procyonoides in der verhältnissmässigen Länge und Breite der Höckerzähne sich mehr dem
Schakal und dem Wolfe als den Füchsen nähert.
In ähnlicher Weise lässt sich auch in Beziehung auf die verhältnissmässige Entwicke-
*
08
Säugethiere.
lung der Höckerzähne im Vergleiche zu den Reisszähnen eine Al)Stufung im Hundegeschlechte
darlhun. Blainville giebt eine solche Gradation für die Länge der Höckerzähne und des
Reisszahnes im Oberkiefer an, indem er die verhältnissmässig grösste Entwickelung des Reiss-
zahnes bei C. primaevus Hodgs., die geringste bei C. megalotis Desm. findet. Schliessen wir
aber letzteren , als besondere Gattung Olocyon , vom Canes-Geschlechte aus , so bleibt , nach
Blainville's Angabe, als die durch die grösste Entwickelung der Höckerzähne im Vergleiche
zum Ueisszahne im Oberkiefer gezeichnete Form C. procyonoides stehen. Während nämlicii
bei C. primaevus der Reisszahn ansehnlich länger ') sein soll als die beiden Höckerzähne zu-
sammengenommen, sollen bei €. procyonoides umgekehrt die Höckerzähne zusammengenom-
men deu Reisszahn an Länge um ein Bedeutendes übertreffen. Numerische Angaben sind uns
von Blainville leider nicht milgetheilt. An meinen beiden Schädeln von C. procyonoides linde
ich darin im Vergleiche zu einigen anderen Hundearten folgende Maasse:
Name und Fuiidurt der Arten.
Lauge des
oberea Reiss-
zahnes.*)
C. procyonoides Gray. Amur, Ossika. .
« « « « Enunero
C. lagopus L. Nowaja Semlja
« « « NW- Amerika
« « « Amerika ,
« « « Patr. ine
C. vulpes L. Amur, Kidsi
« « « Petersburg
« « « «
« « « Nishnaja Tunguska
C. KaraganGm. Caucasus
«
« «
«
«
« «
«
«
« «
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« «
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14
12,5
12
12
13
12,5
12,5
13
13
Länge der
oheren Hök-
kerzaline zu-
saniiiionge-
uuniiiivn.
15,5
14,5
12,5
13,5
12,5
13
15
16
16
16,5
14
15
14
14,5
14
15
14
15
14
14
Verhälliiiss der
Län^'e iler oberen
Höckerzähne zii-
saninien^enoni-
nien zum Reiss-
zaliD.
1,41
1,26
1,14
1,08
1,04
1,08
1,07
1,10
1,07
1,18
1,08
1,07
1,12
1,21
1,17
1,15
1,12
1,20
1,08
1,08
Minieres Verhält-
niss (lerLänpe der
oberen Höcker-
zähne zusininicn-
genonmien zum
Reisszahn.
> 1,34
1,09
1,11
1,13
1) Blainville nennt übrigens diese Dimension wlargettr». Osleogr. I. c.
*) Am äusseren Rande gemessen, den vorderen inneren Ansatz nicht mitgerechnet.
Cants procyonoides.
69
Name und Fuadort der Arten.
Länge des
oberen Keiss-
zahnes.
Länge der
oberen Hök-
kerzähne zu-
sammenge-
nommen.
Vprhälluiss der
Lansp der oberen
Höckerzähiie zu-
saninieiigpiiom-
meii zum Reiss-
zahri.
Mittleres Verhäll-
niss der Lance der
oberen Höcker-
zähiie zusammen-
genonmien zum
Reisszahn.
C. mtreus L. Caucasus. . . .
« « « « ....
« « « « ....
« « « « ....
« « « « ....
« « « « ....
« « « « ....
« « « « ....
C. lupus L. Amur, Kalm. .
n « « Patr. ine
« « « Caucasus . . . .
« « « « . . . .
« « « « . . . . .
« « « « . . . .
« n « a . . . .
« « « « . . . .
C. Azarae Pr. M. Brasilien
17
17
17
15
17
17
18,5
17
27
21
26
23,5
24
26
28
25
8,5
18,5
18,5
19
16,5
18
19,5
20,5
18,5
26
21
26
25
25
27
27
26
14
1,09
1,09
1,12
1,10
1,06
1,15
1,11
1,09
0,96
1,00
1,00
1,06
1,04
1 ,04
0,96
1,04
1,65
( 1,10
) 1,01
Diese Maasse stimmen nicht ganz mit den allgemeinen Angaben Blainville's überein.
Den mittleren Verhältnisszahlen zufolge, findet nämlich die grösste Entwickelung der oberen Hök-
kerzähne im Vergleich zum Reisszahne beim Wolfe statt, wo diese Zähne fast völlig gleich lang
sind, ja in einzelnen Fällen sogar der Reisszahn länger als die beiden Höckerzähne zusammenge-
nommen ist, was wir bei keiner anderen der erwähnten Hundearten bemerkt haben. Alsdann
folgen mit unter einander ziemlich gleicher, im Vergleich zum Wolfe al)er stärkerer Entwickelung
der Höckerzäbne, der Polar- und gemeine Fuchs und der Schakal und dann endlich der Kara-
gan, bei dem das Verhältniss um ein Geringes zu Gunsten der Höckerzähne steigt, jedoch im-
mer noch sichtlich hinler der Entwickelung derselben bei C. procyonoides zurückbleibt. Nach
Blainville dagegen soll der Polarfuchs dasselbe Verhältniss der Höckerzähne zum Reisszahne
zeigen wie der Wolf; beim Schakal steigt es etwas zu Gunsten der Uöckerzähne und beim
Fuchse soll die überwiegende Länge der Höckerzähne schon sehr merklich und dem Verhältniss
von C. Azarae gleichkommen. Ein mir vorliegender Schädel des letzteren zeigt aber auffal-
lender W^eise eine noch stärkere Entwickelung der oberen Höckerzähne als C. procyonoides,
während Blainville an 5 Schädeln dieses Thieres ein ähnliches Verhalten wie beim Schakal
bemerkt zu haben angiebt. Solche Differenzen dürften theils aus der ansehnlichen Variation
70
Säugelhtere.
dieses Verhältnisses an den einzelnen Schädeln , wie wir sie auch unter den oben milgetheil-
len Maassen finden, sich erklären lassen , theils aber auch aus dem Mangel numerischer An-
sahen bei Blainville herzuleiten sein.
Füc^en wir nun zu diesen Betrachtungen der Zähne im OberLiefer eine ähnliche Ver-
ffleichung der verhältnissmässigen Entwickelung der Hockerzähne im Unterkiefer hinzu , und
zwar indem wir den zweiten, kleinen Höckerzahn , der bisweilen kaum merklich ist, biswei-
len auch schon in den aufsteigenden Ast des Unterkiefers rückt, dabei ganz ausser Acht lassen
und nur den ersten Höckerzahn und den Höckeransalz des Reisszahnes einerseits und anderer-
seits die Schneide des Reisszahnes gegen einander halten. An den oben erwähnten Schädeln
unseres Museums linde ich in dieser Beziehung folgende Maasse:
Name und Fundort der Arten.
Länge der
Schoeide des
Beisszahoes im
Unterkiefer.
Lance des Hök-
keransaUes um
Keisszahne u. des
ersten nuteten
Höckerzahnes zu-
saninienerenoni-
men.
Verhällniss der
Län^e d. Höcker-
zätine zum Reiss-
zahn (d i. zur
Schneide dessel-
beuj.
Mittleres Verhält-
nis« derLänße der
Höckerzähne zum
Reisszahn (d. i.
zur Schneide des-
selben;.
C.procyonoides Gray. Amur, Ossika .
« « « « Emmero
C. layopus L. Nowaja Semlja
« « « NW-Amerika
« « « Amerika
« « « Patria ine
C. vulpes L. Amur, Kidsi
« « « Petersburg
« « « «
« « « Nishnaja Tunguska . . .
C. haragan Gm. Caucasus
« « « '(
« « « «
« « « «
« « « «
u « « «
« « « «
« « « «
« « « «
c « « «
C. aureus L. Caucasus ,
« « « «
« « « «
9
8,5
9
10
9,5
10
11
11
12
12
10
10
10
9,5
10
9,5
10
10
10,5
10
13
13
13
11
11,5
9,5
10
10
10
11
12
12
12
11
11
11
10,5
11,5
10.5
11
10,5
10,5
12,5
13
13,5
14
1,22
1,35
1,06
1,00
1,05
1,00
1,00
1,09
1,00
1,00
1,10
i,!0
1,10
1,11
1,15
1,11
1,10
1,05
1,00
1,25
1,00
1,04
1,08
> 1.29
1,03
1,02
1,11
1,08
Canis procyonotdes.
71
Name und Fundort der Arten.
Länge der
Schneide des
Reisszabues im
Unlerkiefer.
_L
LäD^e des Hök-
keransatzes am
Reisszahne u. des
ersten unlerea
Höckerzahnes zu
samnieijpenom-
men.
Verhällniss der
Länire d Röcker-
zähne zum Reiss-
zahji (d. i. zur
Schneide dessel-
ben.)
Minieres Verhäh-
nis^ der Läne:e der
Höckerzähue zum
Rfisszihn (d. i,
/ur Schneide dei-
selLien).
t. aureus L. Gaucasus. . . .
« « « « . . . .
« « « « ....
(( « « « ....
« « « « ....
C. lupus L. Amur, Kalm . .
« « « Patr. ine
« « « Caucasus . . . .
« « « « ....
« « « « ....
« « « « ....
« « « « ....
« « « « ....
C- Azarae Pr. M. Brasilien
13
11,5
13
13
12,5
21
19
19
18
19,5
21
20,5
20
7
14
12,5
14
15
13,5
21
19
20
18
20
20,5
20,5
20,5
9,5
1,08
1,09
1,08
1,15
1,08
1,00
1,00
1,05
1,00
1,03
0,98
1,00
1,03
1,36
1,08
( 1,0t
Diese Maasse geben für die verhältnissmässige Länge der Höckerzähne im Unterkiefer
eine mit der obigen, für den Oberkiefer gefundenen fast ganz parallele Reihe. Wir finden
wiederum die geringste Länge der Höckerzähne im Vergleiche zum Reisszahne ( d. i. zur
Schneide desselben) beim Wolfe, wo diese Theile fast gleich lang sind, ja in einzelnen Fällen
sogar die Schneide des Reisszahnes den Höckeransatz desselben und den ersten Höcker-
zahn zusammengenommen an Länge übertiifft , was bei anderen der erwähnten Hundearten
nicht vorkommt. Dann folgen, mit etwas stärkerer Entwickelung der Höckerzähne, der ge-
meine und der Polarfuchs. Beim Schakal und Karagan endlich steigert sich das Verhältniss
noch um etwas mehr zu Gunst n der Höckerzähne, bleibt aber auch bei letzterem noch merk-
lich hinter demjenigen von (\ prneyonoides zurück. Dabei lässt sich im Unterkiefer ein nocb
stärkeres Variiren dieses Verhältnisses als im Oberkiefer bemerken. So finden wir z. B.
an einem Schädel von C. fiarayan das Verhältniss der Länge des ersten Höckerzahnes und
des Höckeransalzes am Reisszahue zusamiuengenommen zur Schneide des letzteren 1,25 be-
tragen, was die Grösse dieses Verhältnisses bei einem der Schädel von C. procyonoiden, näm-
lich 1,22, übertriflt , während an einem anderen Schädel vom Karagan dasselbe Verhältniss
nur 1 ,00 beträgt, also dem beim Wolfe stattfindenden Verhältnisse nahe gleich Isommt.
Nehmen wir nun , um das mittlere Maass der Entwickelung der Höckerzähne im Ver-
hältniss zu den Reisszähnen in beiden Kiefern zu haben, die Mitlelwerthe der für beide gefun-
denen Verhältnisszahlen, so haben wir folgende Grössen:
72 Säugelhiere.
Mittleres Verhältniss der Lange der Höiker-
zabiie zu den Keisszäbnea in beiden Kielern.
C. procyonoides ^ 1 ,32
C. layopus 1 ,06
C. vulpes 1 ,07
C. Karayan \,\'2,
C. aureus 1,09
C. lupus 1 ,0 1
Aus diesen Zahlen geht hervor , dass die grösste Enlwickehing der Reisszähne und die
geringste der Höckerzähne beim Wolfe statt hat. Es folgen dann, mit stets zunehmender Enl-
wickelung der Ilückerzähne, der Polarfuchs und der gemeine Fuchs, dann der Schakal und
dann der Karagan, endlich C. procyonoüles. Zwischen diesem letzteren und dem Karagan ist
die DilTerenz grösser als zwischen je zweien der vorhergehenden , was ohne Zweifel daher
rührt, weil uns die dem C. procyonoides zunächst stehenden Hundearten fehlen. Dennoch lässt
sich auch aus dieser kleinen Anzahl mit einander verglichener Hundearten in der verhältniss-
mässigen Entwickelung der Höckerzähne eine gewisse Gradationsreihe im Canis - Geschlechle
erkennen, innerhalb welcher C. procyonoides wohl gegen das eine Ende der Reihe, mit verhält-
nissmässig starker Entwickelung der Höckerzähne, zu stellen sein wird.
Bei dieser Betrachtung des Verhältnisses der Höcker- und Reisszähne haben wir den
zweiten Höckerzahn im Unterkiefer ganz ausser Acht gelassen. Dieser ist nun bei C.
procyonoides , wie auch bei manchen anderen Hundearten sehr klein. An dem einen mei-
ner beiden Schädel von C. procyonoides , und zwar dem des alten Thieres , ist er ganz be-
sonders klein; an dem anderen, jüngeren Thiere ist er zwar grösser, rückt aber schon
in den aufsteigenden Ast des Unterkiefers, Es liegt dieses wohl zum Theil auch an der
eigenlhümlichen Form des Unterkiefers , welche C. procyonoides vor vielen anderen Hunde-
arten auszeichnet. Bei ihm ist nämlich der aufsteigende Ast des Unterkiefers mit dem
stark entwickelten Kronenfortsatze mehr nach vorn gebogen und also mehr senkrecht auf
den horizontalen Ast des Unterkiefers gestellt als bei anderen Hundearten. Dabei hat der
horizontale Ast einen geraderen Verlauf und zugleich ist der Unterkieferwinkel , der beim
\\ olfe, Fuchse und den anderen oben genannten Arten, bei einem allmähligen Uebergange des
horizontalen Astes in den aufsteigenden, kaum merklich ist, hei C. procyonoides sehr stark ent-
wickelt und nach hinten deutlich abgesetzt. Auf eine horizontale Fläche gelegt, berührt da-
her der Unterkiefer von C. procyonoides dieselbe mit der ganzen Länge des horizontalen Astes,
derjenige der anderen oben genannten Hundearten dagegen nur mit einem Theile desselben.
Ferner ist bei ('. procyonoides der Winkel- oder hintere Kronenfortsatz ') sehr viel stärker enl-,
wickelt als bei jenen Hundearten. Bei letzteren ist er nämlich nur klein , noch am grössten
beim Schakal , und ragt nicht oder (beim Schakal bisweilen) nur sehr wenig über den Ge-
lenkfortsatz nach hinten vor; bei C. procyonoides dagegen ist dieser Fortsatz sowohl von oben
') Carus, Lehrbuch der verglekhenden Zootomie. l. p. 238.
Canis procyonotdes. 73
nach unten von bedeutender Höhe, als auch nach hinten stark über den Gelenkfortsalz vorra-
gend, üiese Bildung des Unterkiefers, die eine verhältnissmässig starke Entwickelung der zum
Ansatz der Kaumuskeln dienlichen Theile erkennen lässt, dürfte vielleicht auch mit der oheu
bemerkten verhältnissmässig grösseren Entwickelung der Höckerzähne bei C procyonotdes im
Einklänge stehen. Sie bildet jedoch keine so ausschliessliche Eigenthümlichkeit von C.procyo-
noides, sondern hndet sich in ähnlicher Weise auch bei einigen anderen Ca/iiS-Arlen, nament-
lich bei C. cancrtvorus u. a. m. In Blainville's sonst getreuer Abbildung vom Schädel von
C . procyonoides^) finde ich diese Bildung des Unterkiefers im Vergleich mit meinen Exemplaren
zu wenig ausgesprochen, indem an meinen beiden Schädeln, und namentlich an dem des älte-
ren Thieres, der Ivrouenfortsatz mehr nach vorn gebogen, der Winkelfortsatz viel stärker und
an der Basis desselben ein deutlicher Einschnitt vorhanden ist, welcher ihn vom Kiefer-
winkel absetzt.
Endlich muss ich , bevor ich an die Betrachtung des eigentlichen Schädels von C. pro-
cyonoides gehe, noch in Betreff der Zahnbildung desselben bemerken , dass ich auch die in
einigen zoologischen Handbüchern') angeführte, angeblich die Gattung Nycterevtes charakteri-
sirende Bcschailenheit der Schneidezähne — dass nämlich jederseits der äussere derselben von
den beiden inneren durch eine Lücke getrennt ist — als Gattungskennzeichen an meinen bei-
den Schädeln des Thieres nicht bestätigen kann. An dem einen derselben ist allerdings an der
betreffenden Stelle eine Lücke von 2 — 3 Millim. vorhanden, an dem anderen dagegen stehen
die äusseren Schneidezähne von den inneren kaum auf ein Millimeter auseinander , was auch
an manchen anderen der mir vorliegenden Ca/ij's-Schädel der Fall ist.
Gehen wir nun zur Vergleichung des Schädels von C. procyouoides mit denjenigen der
oben genannten europäischen und sibirischen Hundearten über. Keyserling und Blasius
finden das Unterscheidende im Schädelbau der verschiedenen Gruppen und Arten des Hunde-
geschlechtes in dem verschiedenen Verhältniss des Vorspringens der Nasenbeine in die Stirne
und der verhältnissmässigen Länge der Nasenstirnbein- und Nasenzwischenkieferbeinnath^).
Prüft man aber die von ihnen angegebenen Verhältnisse an einer grösseren Anzahl von Schä-
deln, so lassen sich dieselben nicht durchweg bestätigen. Behufs der Unterscheidung der äch-
ten Hunde und Wölfe von den Füchsen geben Keyserling und Blasius an, dass bei erste-
ren die Nasenbeine über die Wangenbeine (soll heissen Oberkieferbeine) hinaus nach hinten
in die Stirne vortreten , was bei letzteren nicht der Fall sein soll. C. procyonoides stimmt in
dieser Beziehung mit den Wölfen überein , indem bei ihm die Nasenbeine nach hinten die
Oberkieferbeine um etwa 3 Millim. überragen. Doch finde ich dieses Verhältniss an einem
Wolfs- und zwei Schakalschädeln unseres Museftms nicht bestätigt, indem an denselben die Nasen-
beine die Oberkieferbeine nach hinten nicht überragen , ja an einem der letzteren sogar das
1) 1. c. tati. VIII.
*) Wiegmann und Ruthe, Handbuch der Zoologie. Berlin 1848. p. 47.
ä) Keyserling i.nd Blasius, Die Wirbelthiere Europa's. 1. p. 63 sqq.
SchreDck Aiuur-fieise Bd. I, iO
7i
Säugethiere.
Gegentheil stattfindet '). Noch weniger haltbar scheinen mir die Angaben in Beziehung auf
die verhältnissmässige Länge der Nasenstirnbein- und Nasenzwischenkieferbeinnath zu sein.
Nach Keyserling und Blasius legen sich am Schädel des Wolfes die Stirnbeine an das obere
Drittheil, die Zwischenkieferbeine an die ganze vordere Hälft« der Nasenbeine an; am Schä-
del des Schakals dagegen legen sich die Stirnbeine an die ganze hintere Hälfte, die Zwischen-
kieferbeine nicht bis an die Mitte der Nasenbeine an. An 8 Schädeln beider Arten in unserem
Museum linde ich folgende Grössen (in Millim.) :
C. lupus L.
Länge des Nasenbeines, längs dem äusse-
ren Rande gemessen^)
Länge der Nasenstirnbeinnath
« der Nasenzwischenkieferbeinnath .
C. aureus L.
Amor.
Patria
iuc.
C a u c a s u s.
Mittel-
werlhe.
92
76
86
86
86
90
93
92
87,6
27
20
30
28
31
35
25
37
29,1
48
33
41
40
43
50
39
47
42,6
Z a I
1 c a s a s.
Millel-
werlhe.
52
55
61
53
55
61
57
51
55,6
25
24
24
20
24
23
25
24
23,6
26
26
27
24
27
26
24
.7
25,6
Länge des Nasenbeines
« der Nasenstirnbeimialh
« der Nasenzwischenkieferbeinnath .
Daraus ergiebt sich, dass das Verhältniss der Nasenstirn- und Nasenzwischenkieferbein-
nath zur ganzen Länge des Nasenbeines ein ziemlich variables ist. Beim Wolfe sehen wir die
Nasenstirnbeinnath bald mehr, bald weniger als ein Dritlheil der Nasenbeinlänge eiiniehnien,
im Mittel aber ziemlich genau einem Drittheil der letzteren gleichkommen; die Nasenzwischen-
kieferbeinnath beträgt ebenfalls bald mehr , bald weniger als die Hälfte der Nasenbeinlänge,
bleibt aber im Mittel etwas hinter derselben zunick. Weniger richtig ist die Angabe Key-
serling's und Blasius's für den Schakalschädil. An keinem der von mir gemessenen Schä-
del nimmt die Nasenstirnbeinnath die halbe Nascnbeinlänge ein, sondern bleibl stets hinter der-
selben zurück, während dagegen die Nasenzwischenkieferbeinnath dieselbe bisweilen erreicht
und sogar übertrifft. Fast in jedem einzelnen der angeführten Fälle und auch im Mittelwerthe
ist daher die Nasenzwischenkieferbeinnath länger als die Nasenstiriileinnath , während nach
Keyserling und Blasius das Gegentheil stattlinden müsste. Die \ erscbiedenheit zwischen
den Schädeln beider Thief-arten in dieser Beziehung dürfte sich daher nur darauf beschränken,
') Auch Wagner bat mehrere Fälle der Art beobachtet. Vergl. Die Säugethiere vou Schreber, Supplbd.
Abth. 2 p. 365.
*) Bei Torkommender geringer Ungleichheit der Suluren an beiden Seiten, weli lic bisweilen ein paar Millim,
beträgt, ist die mildere <irö<se genommen. Stets ist die geradlinige Entfernung der beiden Endpunkte der Suturen
TOD einander gemessen.
Canis procyonuides.
75
dass am Wolfsschädel die absolute Difl'erenz zwischen der Nasenstirn- und Nasenzwischenkie-
ferbeinnath iniuier eine ansehnliche (au unseren Exemplaren zum wenigsten von lOMillim.) ist
und stets zu Gunsten der letzteren ausfällt , während am Schakalschädel diese Differenz nur
eine geringe (an unseren Exemplaren stets unter 5 .Millini.) ist und zu Gunsten bald der einen,
bald der anderen, meist aber der Nasenzwischenkieferbeinnath ausfällt.
Aehnliches lässt sich auch über die Angaben Keyserling's und Blasius's in Betreff
der Fuchsschädel darlhun. Denselben zufolge legen sich bei-C. vnlpes und seinen nächsten
Verwandten, wie C.melanogaster und C. Corsac, die Stirnbeine viel weiter an die Nasenbeine hin-
ten als die Zwischonkieferbeine vorn an, während bei C. lagopvs beide Theile, der Stirnbein- und
Zwischenkieferbein iheil der Nasenbeine, gleich lang sind. An vier Schädeln beider Arten in
unserem Museum linde ich in dieser Beziehung folgende Grossen:
C. vulpes L.
Länge des Nasenheines
« der Nasenslirnbeinnath
« der Nasenzwischenkieferbeinnath .
Amur.
Umgegend Ton
Petersburg.
Nishnaja
Tunguska.
Alittel-
werlhe.
54
53
56
57
55
18
17
22
17
18,5
27
25
28
27
26,8
C. lag opus L.
Nowaja
Semlja.
AW-Ame-
rika.
Patr. ine.
Amerika.
Mittel-
werthe.
42
18
18
45
19
18
40
16
19
40
17
16
41,7
17.5
17,7
Länge des Nasenbeines
« der Nasenstirnbeinnath
« der Nasenzwischenkieferbeinnath
Daraus folgt, dass beim Polarfuchs in der That die Nasenstirn- und Nasenzwischenkiefer-
beinnath einander ziemlich gleich'.vommen , indem die Differenz bisweilen , bisweilen eine
sehr geringe zu Gunsten der einen oder der anderen ist. Beim gemeinen Fuchs dagegen ist
die Differenz zwischen beiden eine ansehnliche, aber nicht zu Gunsten der ersteren, wie Key-
seT ling und Blasius angeben, sondern der letzteren, indem jene nur ungefähr (und in unse-
rem Mittelwerthc ziemlich genau) ein Drittheil, diese dagegen ungefähr die Hälfte der ganzen
Nasenbeinlänge einnimmt. Am Schädel des gemeinen Fuchses findet daher in dieser Beziehung
eine grosse Uebereinstimmung mit dem Wolfsschädel, an demjenigen des Polarfuchses dagegen
mit dem Schakalschädel statt.
Was C, procyonoideK betrifft, so findet bei demselben weder ganz der eine, noch ganz der
andere der oben erwähnten Fälle, sondern ein Mittelverhältniss, jedoch mit grösserer Annähe-
runi; an den Wolf und Fuchs als an den Schakal oder Polarfuchs statt. Die Maasse an unse-
reu beiden Schädeln sind in dieser Beziehung folgende:
76
Säugelhiere.
A ra u r -
Strom.
Mitlelwerlbe.
Ossika.
Emmero.
45
44
44,5
16
19
17,5
21
23
22
Länge des Nasenbeines
« der Naseustirnbeinnath
« der Nasenzwischenkieferbeinnalh
Die Differenz zwischen der Nasenstirubein- und Nasenzwischenkieferbeinnalh ist also bei
C.procyonoides eine ziemlich merkliche, und zwar zu Gunsten der letzteren, welche auch nahe
der halben Nasenbeinlänge gleichkommt , während die erstere in beiden Fällen mehr als ein
Drittheil derselben beträgt. Uebrigens scheint schon aus den angegebenen Maassen hervorzu-
gehen, dass dieses Verhältniss nicht wohl geeignet ist zur Unterscheidung natürlicher Gruppen
im Canw-Geschlechte zu dienen.
Den eigenthümlichsten Zug am gesammten Schädel von C. procyonotdes finde ich in sei-
ner verhältnissmässig ansehnlicheren Höhe , wenn man vom Unterkieferwinkel über den Kro-
nenforlsatz zum Scheitel oder zum hinleren Ende der Stirnbeine hinauf missl. Das rührt aber
von der oben erwähnten starken Enlwickelung des Unterkieferwinkels und überhaupt des
aufsteigenden Astes des Unterkiefers her. Am oberen Theile des Schädels linde ich dagegen
weder die Höhe, noch eine der anderen Dimensionen merklich verschieden. Abweichend ist
an ihm aber, im Vergleich zu den genannten CaHJS-Arten, die Gestalt des Jochbogens. An
beiden Schädeln ist er nämlich viel weniger aufwärts gebogen als bei jenen Arten, indem so-
wohl der Jochfortsatz des Schläfenbeines als auch das Jochbein eine horizontalere , minder
aufsteigende Richtung haben. Dieser Unterschied tritt namentlich sehr deutlich im Vergleiche
zu den Fuchsschädeln (C. vulpes, C. Karagan, C. lagopus) hervor , während Wolf und Schakal
ein ähnlicheres Verhalten zeigen. — Ferner lässt sich bemerken, dass bei C. procyonoides die
Augenhöhlen verhältnissmässig kleiner und, in Folge etwas stärkerer Entwickelung des Stirn-
fortsatzes am Jochbein und des Jochfortsatzes am Stirnbein, auch etwas geschlossener als bei
den oben erwähnten Hundearten sind — ein Unterschied, auf den auch Blainville') aufmerk-
sam macht und in dem er vielleicht die Annäherung zum Schädel der Hyänen sieht. Unter
den erwähnten europäischen und sibirischen Hundearten kommt ihm in dieser Beziehung
wiederum der Schakal am nächsten, während die Füchse am fernsten zurückbleiben.
Theilen wir endlich die Hauptmaasse der beiden uns vorliegenden Schädel von C. pro-
cyonoides mit:
Grösste Länge des Schädels, vom Halse eines der oberen mittleren Schneide-
zähne bis zum äussersten Ende des Hinterhaupthöckers.
Amur
-Strom.
Ossika.
Emmero.
128
1 22
1
1
') Osteogr. I. c. p. 31.
Cants procyonoides.
11
Länge des Schädels an seiner Grundlage, vom Halse eines der oberen mitt-
leren Schneidezähne bis zum unteren Rande des Hiuterhauptloches .
Länge der Schnauze, von dem Halse eines der oberen mittleren Schneide-
zähne bis zum Hiulerrande des Unteraugenhöhleuloches
Länge der Schnauze bis zum Vorderrande der Augenhöhle
Länge des Stirnbeines, von der vorderen Stirnbeinschneppe bis zurScheitel-
stirnbeinnath
Länge des Scheitelbeines, von der Scheitelstirnbeinnath bis zum oberen hin-
teren Winkel des Scheitelbeines
Länge des Jochbogens, vom hinteren Rande des Foramen infraorbitale bis
zum vorderen Rande der äusseren Gehöröffnung
Länge des Unterkiefers , von dem vorderen Ende , nahe dem Halse eines
der mittleren Schneidezähne, bis zum äussersten Ende des Winkel-
oder hinteren Kroneufortsatzes desselben
Länge des Zusammenstosses beider Unlerkieferhälften
Länge des Unterkiefergelenkkopfes
Grösste Breite des Schädels an den Jochbögen (fällt auf die Jocbfortsätze
der Schläfenbeine)
Breite des Schädelgewölbes in der Scheitelstirnbeinnath, zwischen den Punk-
ten, wo Scheitelbein, Stirnbein und Keilbein zusammenstossen ....
Breite des Schädels in den Scheitelbeinhuckern
Breite des Schädels über den Gehöröffnungen, oberhalb der Knochenlamelle,
welche vom Jochbogen zum Hinterhaupte geht und die Gehöröffnung
überdacht
Abstand der Gehöröffnungen von einander, jederseits von dem vorderen un-
teren Rande gemessen
Grösste Breite des Hiuterhauptloches, zwischen den Punkten wo die Gelenk-
köpfe des Hinlerhauptes sich vom Hinterhauptloche ab und aus-
' wärts wenden
Höhe des Hinterhauptloches
Abstand der beiden Gelenkflächen (mit dem Unterkiefer), zwischen den In-
nenrändern derselben gemessen
Grösste Breite der Stirn in den Joch- oder Postorbitalfortsätzen des Stirn-
beines
Geringster Abstand der Augenhöhlen von einander (fällt in die Nähe der
äussersten Zipfel der Stirnkieferbeinnath)
Araur-
Strom.
Ossika.
Emmero.
117
111
40
41
50
46
50
51
36
35
63
57
96
92
21
20
—
15
74
66
33
32
40
38
42
42
38
33
12
13
10
11
30
26
38
33
24
23
78
Säugelhiere.
Amur-Stroni.
Ossika.
Emmero.
Breite der Schnauze in ihrer Mitte, in der Mitte des Abstandes des For.
infraorbilale von den oberen Sclineidezähnen gemessen
Vordere Breite beider Nasenl)eine zusammen
Hintere Breite beider Nasenl)eine zusammen , zwischen den Spitzen der
Stirnbeinsciineppen
Abstand der Kronenfortsätze des Unterkiefers von einander , zwischen den
oberen hinteren Winkeln derselben
Grösste Höhe des Schädels mit dem Unterkiefer zusammen , vom Kiefer
winke! zum Scheitel in der Scheitelstirnbeinnath
Höhe des Schädelgewölbes, vom höchsten Punkte des Schädelgewölbes (die
Scheitelleiste ausgeschlosson) zur Nasenfläche des Grundbeines ....
Höhe des Scheitelbeines, zwischen dem vorderen oberen und vorderen un-
teren Winkel desselben
Höhe des Hinterhauptbeines, zwischen dem oberen Rande des Hinterhaupt-
loches und der Mille des liinterhauplhöckers
Höhe der Schnauze zwischen den Jochforlsätzen des Stirnbeines , von der
Mitte einer die beiden Jochforlsätze verbindenden Linie zum harten
Gaumen
Höhe der Schnauze zwischen den Unteraugenhöhlenlöchern, von der Mitte
einer die beiden For. infraorbitalia verbindenden Linie zum harten
Gaumen
Höhe (Breite) des Jochbogens, am hinteren Ende der Jochschiäfenbeinnalh
Höhe des aufsteigenden Astes des Unterkiefers, vom Kieferwinkel zur ober-
sten Spitze des Kronenfortsatzes
Höhe des horizontalen Astes des Unterkiefers am Kieferastwinkel, vom obe-
ren Rande, zwischen dem 2''^'" und 3*6° Lückenzahne, zum unteren,
diesen als Horizontale angenommen
Höhe des horizontalen Astes des Unterkiefers am hinteren Ende, vom obe-
ren Rande, hinler dem giossen unteren Höckerzahne, zum unteren,
diesen als Horizontale angenommen
23
12
8
45
66
33
22
34
22
9
49
12
18
22
11
9
47
65
33
26
22
33
21
8
46
11
18
In Beziehung auf das Rumpfskelett von C. procyonoides muss als erste Eigenthrmlich-
keit die abweichende Anzahl von ^^ irbeln hervorgehoben werden. Blainville, dem, seinen
Bemerkungen nach zu urlheilen , auch ein Skelett dieser Thierart vorgelegen haben nuiss,
hat diese Verschiedenheit ganz übersehen, indem er die bei den Hundearten gewohnliche
Canis procyonot'des. 79
Anzahl von Wirlieln auch auf C. brachyolon überträgt ') und nur am C. [Protcles) Lalandii eine
Ausnahme lindel. Dagegen hat sie neuerdings , wenn auch nur zum Theil , niimlich für die
Brust- und Lendenwirbel, van der Hoeven an einem Exemplar von 6\int)ernViMS Temm. be-
merkt, wobei er aber irrthümlicher Weise die gewöhnliche Anzahl der Lendenwirbel bei den
Ca/us-Arlen auf 5 , statt auf 7 angiebt^). Der Kreuz- und Schwauzwirbel gedenkt er gar
nicht, obgleich die Anzahl derselben ebenfalls abweicht. Während nämlicii alle übrigen
Hundearten, den bisherigen Angaben zufolge, 13 Brustwirbel und also auch 13 Kippenpaare,
7 Lendenwirbel, 3 Kreuzwirbel und eine zwischen 18 und 22^) variirende Anzahl von
Schwanzwirbeln haben, besitzt i'.procynnoides 14 Brustwirbel und also auch 14 Rippenpaare,
6 Lendenwirbel , 4 Kreuzwirbel und , an meinem Exemplare , 1 6 Schwanzwirbel, Von den
anderen Canis- Arien zeichnet er sich also durch eine grössere Anzahl von Brust- und
Kreuzwirlieln und dagegen eine geringere Anzahl von Lenden- und Schwanzwirbeln ans.
Dass das keinen Gattungscharakter abgeben kann , folgt aus zahlreichen bekannten Fällen
ähnlicher Aitweichungen innerhalb anderer Thiergattungen , z. B. der Hyänen , Mangusten,
Bären u. s. w.*) Blainville erwähnt sogar eines Schakalskeletles aus Indien, das an der
einen Seite 14, an der andern 13 Rippen halle"). Dennoch scheint, nach der Uebereinstim-
mung der Angaben v'an der Hoeven 's für die Brust- und Lendenwirbel mit dem mir vor-
liegenden Skelette zu urfheilen, obige Anzahl von Wirbeln die regelmässige bei C. procyonoi-
des zu sein, was uns nöthigen dürfte C.procyonoides gegen das eine Ende des Cani's-Geschlech-
tes zu setzen, mit theilweiser Annäherung an andere Thiergattungen, wie Otocyon und Prote-
les. Die geringe Anzahl von Schwanzwirbeln stimmt auch mit der am Balge bemerkten Kürze
des Schwanzes überein, welche hinter derjenigen aller übrigen Ca/a's-Arlen zurückbleibt, was
gewiss eine specilische Eigenthümlichkeil von C. procyonoides bildet.
In Betreff der Form der Wirbel linde ich mehr Aehnlichkeit mit dem Schakal als mit
den Füchsen. Der Dornfortsatz des 2'"=" Halswirbels ist recht stark und nach hinten allmäh-
lig sich senkend, wie beim Schakal, nicht plötzlich abgebrochen, wie bei den Füchsen. Der
Dornfortsatz des 3'''" Halswirbels ist kammarlig, niedrig; die folgenden werden spitzer und
steigen allmählig höher auf; der 7'^ isl ziemlich spitz aufwärts gerichtet. Die Querfortsätze
der Halswirbel sind ebenfalls stark; derjenige des 6'"» Wirbels besonders in die Breite er-
weitert und ohne Einbuchtung am Aassenrande. An den Brustwirbeln ist der Dornfortsatz
des 2'e" Wirbels am längsten; die folgenden bis zum 9'"" werden niedriger und richten sich
mehr und mehr nach hinten ; der I 0'« ist sehr kurz und legt sich ganz auf den Bogen des
folgenden Wirbels; der 1 1'«' ist stumpf und kaum merklich. Vom 12''"" an werden die Dorn-
') Osteogr. I. c. p. 144.
*) Van der Hoereii, Handbuch der Zoologie. Leipzig 1852 — 56. II. p. 752.
3) IJlai 11 Tille, üstfo,'r. I. c. p. 144.
■•) CuTier, Lecons d'.4.natoniie eoniparee. 2 Edit. Paris 1833. I. p. 179.
*) Osteogr. I. c. p. 23.
80 Säugelhi'ere.
forlsätze der Brustwirbel denjenigen der ersten Lendenwirbel ähnlich , kamnnartig, seitlich
zusammengedrückt und am Ende mehr und mehr breit abgestumpft. Die letzten Lendenwirbel
haben aber wiederum spitzere, nach oben und vorn gerichtete Dornfortsälze. Die Rippen sind
wenig breit; nur die ersten 9 derselben erreichen das Brustbein, die übrigen 5 legen sich mit
ihrem knorpeligen Theile stets an die vorhergehende Rippe an. Am Brustbein, das wie bei
anderen Hundearten 8 Stücke zählt, ist der Processus xiphoideus nach hinten sehr breit und
zweitheilig mit breiten Enden, was ich an keiner der oben genannten europäischen und sibi-
rischen Hundearten tinde. Die Ouerfortsätze der Lendenwirbel sind kurz. Von den Kreuz-
wirbeln legen sich nur die drei ersten an das Hüftliein an; der i'** ist jedoch mit den vorher-
gehenden noch vollkommen verwachsen. Die Schwanzwirbel verdünnen sich rasch , bleiben
aber im Vergleich mit denjenigen der Füchse viel kürzer. Die Maasse der einzelnen Theile
der Wirbelsäule an meinem Skelette von C. procyonoides sind ungefähr folgende:
Länge der Halswirbel , vom vorderen Rande des unteren Bogens des Atlas bis
zum hinteren Rande des Körpers des 7'cn Wirbels 116 Millim.
Länge der Brustwirbel, vom vorderen Rande des Körpers des 1*'^" bis zum hin-
teren Rande des Körpers des 1 4'"" Wirbels 1 60 «
Länge der Lendenwirbel, vom vorderen Rande des Körpers des 1*'"" bis zum
hinteren Rande des Körpers des 6"=" Wirbels 102 «
Länge der Kreuzwirbel, vom vorderen Rande des Körpers des 1 **8° bis zum hin-
teren Rande des Körpers des 4'en Wirbels 37 «
Länge der Schwanzwirbel 205 «
Fügen wir endlich noch einige Bemerkungen über die Knochen der Extremitäten von
C. procyonoides hinzu. An diesen zeigt sich bei C. procyonoides, im Vergleich zu den
oben genannten Hundearten , ein eigenthümliches Verhältniss : während nämlich die Gürtel-
knochen , Schulterblatt und Becken , eine ansehnliche Grösse haben , sind die Knochen der
eigentlichen Extremitäten verhältnissmässig viel kürzer und dafür robuster als an jenen.
Blainville bemerkt Letzteres für C. cancrivorus , welcher dem C. procyonoides am nächsten
zu stehen scheint , übersieht aber die ähnliche Bildung bei diesem , den er dem Schakal ver-
gleicht, fast gänzlich. Ich flnde bei C. procyonoides, im Vergleiche zu den genannten europäi-
schen und sibirischen Hundearten, folgende Grössen (in Millim.):
Canis procyonoides.
Länge des Schulterblattes, am hinte-
ren Rande, von oben nach unten
Breite desselben von vorn nach hinten
(den hinteren Rand als Horizontale
angenommen)
Länge des Oberarmbeines, am äus-
seren Rande, vom oberen äusseren
Höcker an gemessen
Länge der Ulna, v. oberen Knorren an
« des Radius, am inneren Rande
« des Carpus, über dem Mittel-
knochen des Metacarpus
Länge des mittleren Metacarpalkno-
chens ')
Länge des Mittelfingers bis zur Nagel-
basis
Länge des Nagelgliedes mit dem Na-
gel am Mittelfinger
Länge des Beckens, v. oberen Rande
des Hüftbeines bis zum hinteren
unteren des Sitzbeines
Grösste Breite des Hüftbeines von
oben nach unten
Abstand der vorderenHüftbeinspilzen
beider Seiten von einander
Grösster Abstand der Gelenkpfannen
von einander, zwischen den oberen
äusseren Rändern
Abstand d. Sitzbeinhöcker v. einander
Länge d. Schenkelbeines v. äusseren
Höcker a. d. Aussenseite angemess.
Länge der Tibia, am inneren Rande .
. « der Fibula
« d. Fersenbeines a. äuss. Rande
« des Würfeibeines
« des 3'"^" Mitlelfussknochens . .
« d. 3'e'i Zehe bis zur Nagelbasis
« desNagelgliedesmitdemNagel
an der 3'''°Zehe
C. pro-
cyonoi-
des Gr.
Amur.
73
45
99
105
92
10
37
24
18
99
25
60
50
60
109
109
103
25
10
43
28
17
C. lagopus L.
Nowaja
Senilja.
60
34
100
109
91
8
37
29
24
75
21
45
39
55
99
115
108
26
10
48
31
17
NW-
Anierik.1
70
42
109
127
106
9
44
31
21
91
23
46
48
64
112
132
124
31
12
56
36
20
C. vtilpes L.
St. Pe-
tersburg
Nishn.
Tuiipiiska
74
45
132
146
127
11
50
36
19
92
28
47
51
73
138
150
142
32
14
67
42
20
67
40
125
141
122
9
53
49
24
91
24
44
47
68
131
145
137
31
13
70
46
19
C. Karagan
Gm.
Caucasus.
70
42
117
134
115
9
47
30
20
88
25
48
46
63
122
141
131
30
12
61
36
17
66
41
119
132
113
10
45
33
19
87
24
45
45
59
123
138
130
30
14
60
35
16
C aureus L.
Caucasus.
83 74
51
136
159
135
15
63
36
21
120
31
60
57
78
150
159
151
40
15
69
39
19
46
125
144
122
13
56
33
19
108
28
55
56
75
135
140
122
35
13
61
36
18
C. In-
pus L.
Cauca-
sus.
131
90
210
250
215
23
84
55
29
178
53
92
86
126
223
233
220
58
23
97
56
27
') Die Länge der Hand- und Fussknocben' dürfte etwas zu gering angegeben sein, da an den Skeletten die Gelenk-
köpfe meist in den Gelenkgruben versteckt waren. Diese Grössen baben daher nur approximativen Werth.
Schreack Amur-Beise Bd. I. ^a
82
Säiigelhiere.
Aus diesen Zusammenstellungen lässt sich ersehen , dass C. procyononles in absolutem
Maasse in Beziehung auf die Länge der Extremitäten hinter allen oben genannten Hundearten
zurückbleibt, während er in Betrefl' der Länge der Gürtelknochen, des Schul lerblattes und Be-
ckens, viele derselben und namentlich die kleineren übertrifft und sich den an Wuchs weit
grösseren, wie «lern Schakal, nähert. Als ganz durchgängiger und praegnant charakteristischer
Zug tritt uns aber diese Bildung im Bau von C. procyonoides erst dann entgegen , wenn wir
die Knochen der Extremitäten im Verhältniss aur Grösse der Gürtelknochen betrachten. Neh-
men wir daher für die hauptsächlichsten der oben angeführten Maasse, nämlich für die Länge
und Breite des Schult, rblattes, die Länge des Oberarmbeines, der Ulna und des Radius einer-
seits , so wie für die Länge und Breite des Beckens , die Länge des Schenkelbeines , der
Tibia und Fibula andererseits die Verhältnisszahlen, und awar indem wir für die ersteren die
jedesmalige Länge des Schulterblattes , für die letzteren dagegen die Länge des Beckens als
Einheit annehmen, die wir gleich 100 setzen und auf die wir die übrigen respectiven Grös-
sen zurückführen, so ergiebt sich uns folgende Reihe von Verhältnisszahlen:
Länge der Extremitäten im Verhältniss zu den Gürtelknochen.
C.procy-
onoides
Gray.
C. lagopus L.
C. vulpes L.
C. Earagan G m.
C, aureus L.
C. lu-
pus L.
Amar.
Nowaja
Semlja.
NW-
Amerika.
St. Pe-
tersburg.
Nisbaaja
Tun^uska.
Caocasas.
Caucasiis.
Caucasus.
Länge des Schulterblat-
tes angenommen =
Breite desselben
Länge des Oberarmbeines
« der Ulna
« des Radius
Länge des Beckens an-
genommen = . . . .
Breite des Hüftbeines . . .
Länge des Schenkelbeines
« der Tibia
« der Fibula ......
100
61,6
135,6
143,8
126,0
100
25,3
110,1
110,1
104,0
100
56,7
166,7
181,7
151,7
100
28,0
132,0
153,3
144,0
100
60,0
155,7
181,4
151,4
100
25,3
123,1
145,1
136,3
100
60,8
178,4
197,3
171,6
100
30,4
150,0
163,0
1 54,3
100
59,7
186,6
210,4
182,1
100
26,4
144,0
159,3
150,5
100
60,0
167,1
191,4
164,3
100
28,4
138,6
160,2
148,9
100
62,1
180,3
200,0
171,2
100
27,6
141,4
158,6
149,4
100
61,4
163,9
191,6
1 62,7
100
25,8
125,0
132,5
125,8
100
62,2
168,9
194,6
164,9
100
25,9
125,0
129,6
113,0
100
68,7
160,3
190,8
164.1
100
29,8
125,3
130,9
123,6
Hieraus ergiebt sich, dass bei C. procyonoides die Knochen der Extremitäten im Verhält-
niss zu den Gürtelknochen durchgängig kürzer als bei irgend einer der anderen hier angeführ-
ten Hundearien sind, und zwar ist diese Differenz eine ganz ansehnliche. Während z. B. die
Ulna bei den meisten Hundearten fast die doppelte Länge des Schulterblattes hat und bei den
Füchsen diese bisweilen sogar übertrifft, erreicht sie bei C. procyonoides nicht die anderthalb-
malige Länge des Schulterblattes. Ebenso übertrifft die Tibia bei den Füchsen zumeist die
anderthalbmalige Länge des Beckens , während sie bei C. procyonoides nur um ein Geringes
Canis procyonotdes. 83
länger als das Becken ist. Nach den wenigen oben mitgetheilten Messungen ist die Länge der
Knochen der Extremitäten im Verhältniss zu den Gürtelknochen im Allgemeinen am grössten
bei den Füchsen , beim gemeinen Fuchs und Karagon , geringer beim Schakal und Wolfe,
welche daher dem C. procyonoides in dieser Beziehung näher stehen. Letzteres^, gilt besonders
für die Knochen der hinteren Extremitäten im Verhältniss 2um Becken, während bezüglich der
vorderen Extremitäten die Verhältnisszahlen beim Polarfuchs denjenigen von C. procyonoides
am nächsten zu stehen scheinen. An den hinteren Extremitäten zeigt sich auch noch darin
beim Wolf und Schakal ein ähnliches Verhältniss wie bei C. procyonoides, dass das Schenkel-
bein und das Schienbein, welche an unserem Exemplare von C. procyonoides ganz gleich lan<^
sind, einander an Grösse näher kommen als bei denFüchseu, bei denen die Differena zwischen
denselben ansehnlich zu Gunsten des Schienbeines steigt. In Beziehung auf die Form der Gür-
telknochen, das Verhältniss der Breite derselben zur Länge, lassen unsere Messungen keine er*
hebliche Verschiedenheit zwischen C. procyonoides und den übrigen Hundearten erblicken, in-
dem dieselbe bis auf geringe Differenzen bei allen nahe dieselbe zu sein scheint. Von den
Knochen der Extremitäten aber habe ich bereits oben bemerkt , dass sie im Verhältniss zu
ihrer Länge bei C. procyonoides robuster als bei den anderen oben genannten Hundearten sind.
Aus den obigen vergleichenden Betrachtungen des Zahn- und Knochenbaues von C. pro-
cyonoides können wir in Beziehung auf seine Stellung zum Cams - Geschlechte folgende
Schlüsse ziehen:
1) Die Sonderuftg von C. procyonoides oder derjenigen mehreren Arten, in welche diese
Form irriger Weise zersplittert worden ist, als eigene, vom übrigen CöHW-Geschlechte unter-
schiedene Gattung, Nycterentes, ist osteologisch unstatthaft.
2) Die Zusammenstellung von C. procyonoides innerhalb des Cawts-Geschlechtes mit den
FüchsenVsl osteologisch unrichtig, da er den Wölfen und Schakalen näher sieht als den Füchsen.
3) Im Zahn- und Knochenbau von C. procyonoides lassen sich Eigenthümlichkeiten er-
kennen, welche, wenn sie auch keine Gattungscharaktere abgeben, dennoch hinreichen dürften,
um C. procyonoides , vielleicht mit einigen nächstverwandten Arten zusammen , als besondere
Gruppe im Canis-Geschlechte zu kennzeichnen. Und zwar dürften diese Eigenthümlichkeiten
in folgenden Verhältnissen au suchen sein:
a) in einer verhältnissmässig grösseren Länge der Höckerzähne im Vergleich zur Breite
derselben und überhaupt einer stärkeren Entwickelung der Höckerzähne im Ver-
gleich zu den Reisszähnen.
b) in einer abweichenden Form des Unterkiefers, hauptsächlich in Folge einer stärkeren
Entwickelung des Winkels und Winkelfortsataes am aufsteigenden Asle desselben.
c) in einer abweichenden Anzahl von Brust-, Lenden- und Kreuzwirbeln und einer be-
sonders geringen Apzahl von Schwanzwirbeln.
d) in einer verhältnissmässig geringeren Länge der Knochen der Extremitäten im Ver-
gleich zu den Gürtelknochen.
') Van der Hoeven, 1. c; auf Grundlage der ebenfalls irrigen Angabe einer senkrecblen Pupille. S. oben.
84 Säugelhtere.
Die angeführten osleologischen Verhältnisse geben uns zugleich auch einige der auffal-
lenilsten Züge im Gesamnithabitus von C.procyonoides an die Hand. Es gilt dies namentlich für
die im Vergleich zu anderen Hundearten geringere Länge des Schwanzes und der Extremitä-
ten. Letzteres »Moment mag Wagner hauptsächlich dazu bewogen haben, dieser Gruppe von
Hunden die Bezeichnung «Marderhunde» zu geben. Sie ist aber für den Gesammthabitus von
C. procyonoides, der bisher einzigen Art dieser Gruppe, durchaus nicht bezeichnend. Dass sie
auch osteologisch keine Begründung hat , ist aus Obigem zu ersehen. Dagegen muss ich,
nach Erwägung der Haltung des lebenden Thieres und namentlich auch seiner Färbung , der
Bemerkung Temminck's beistimmen, dass sich im Gesammthabitus von C. procyonoides eine
Annäherung einerseits an die Viverren und andererseits an die Waschbären lindet. Letzteres
ist besonders aulTallcnd und hat offenbar auch Gray bei der Wahl des treffenden Namens
C. procyonoides geleitet. —
Gehen wir nunmehr zur geographischen Verbreitung von C. procyonoides über. Unsere
bisherige Kenntniss derselben beschränkte sich bloss auf die allgemeine Angabe zweier Län-
der, Chi na 's und Jap an 's, ohne alle bestimmtere Bezeichnung des Fundortes der wenigen
von dorther erhaltenen Exemplare, ja ohne Bezeichnung ob diese aus dem Norden oder Süden
jener Länder herstammten. Dabei hat die durch Temminck bewerkstelligte Trennung der
Japanischen Form als einer besonderen Art, C.viverrinus, die Ansicht veranlasst, als sei C.pro-
cyonoides bloss auf dem Continente, in China, verbreitet, auf dem Japanischen Archipel aber
durch eine entsprechende Art ersetzt '), obwohl Temminck selbst auch ein Fell von C. pro-
cyonoides aus Japan erhalten zu haben angiebf). Diese mangelhaften Kenntnisse können wir
nun einerseits durch die oben dargethane Identität beider Formen berichtigen und anderer-
seits durch die Aufdeckung von C. procyonoides im Amur-Lande bedeutend erweitern. Wir
lernen demnach C. procyonoides als eine Form des gemässigten Ostasiens kennen , welche so-
wohl auf dem Continente, als auch auf den Japanischen Inseln verbreitet ist und auf dem er-
steren sogar recht weit nach Norden geht. Vom nordlichen China breitet sich nämlich C.pro-
cyonoides in das nordwärts gelegene Amur-Land aus. Dort ist er namentlich an den grossen,
von Süden in den Amur fallenden Strömen, dem Sungari und Ussuri, wie an der südlichen
Biegung des Amur-Stromes selbst ein häufiges Thier. Am südlichen Amur und am Ussuri
habe ich selbst zahlreiche Felle desselben gesehen , die von den mandshurischen Beamten im
Tribut oder durch Kauf und Erpressungen von den Eingeborenen erhalten worden waren.
Denn C. procyonoides ist im Winterhaare bei den Mandshu und Chinesen und somit auch
bei den Eingeborenen ein geschätztes Thier. Von der südlichen Biegung des Amur-Stromes
ist C. procyonoides sowohl den Amur auf- wie abwärts verbreitet. In der ersteren Richtung,
an dem oberen Amur- oder Sachali-Strome, geht er über das Bureja-Gebirge weg und
findet sich noch ziemlich häulig in derPrairie oberhalb desselben, an der Mündung derBureja
und Dseja. Von dorther rührt auch eines der oben beschriebenen Exemplare her, welches
') A. Wagner, Die geogr. Verbreitung der Säugelhiere. 1. Abthl. p. 143.
^1 Siebold, Fauna Jap. Mammalia. Dec. 2. p. 40.
Canis procyonoides. 85
ich auf meiner Reise als frisch geschossenes Thier von den Biraren erhielt, die es in einem
kleinen Gebirge, wahrscheinlich einem Seitenzweige des Bur eja- Gebirges , nahe der Mün-
dung der Bureja erlegt hatten. Im Sommerfelle hatte es jedoch für die Biraren keinen an-
deren Werth als den eines geringen, essbaren Wildprets. Ueber diese Prairie, hinaus kommt
C. procyonoides zwar noch ziemlich weit nord- und westwärts am oberen Amur-Strome vor,
wird aber, den Aussagen der Eingeborenen zufolge, viel seltener. Monjagern, die ich einige
Tagereisen oberhalb der Komar-Mündung an den Ufern des Amur-Stromes in nomadischen
Jagdzelten antraf und die von dem kleinen Flusse Gerbilak, einem linken Zuflüsse des
Amur-Stromes, kamen, nannten mir C. procyonoides, den sie, den Biraren gleich, mit dem
Namen «ülbiga» bezeichneten, noch unter den bei ihnen einheimischen Thieren. Die Mündung
des Flüsschens Gerbilak in den Amur liegt aber nahe der nördlichsten Biegung des oberen
Amur-Stromes, etwa 4 bis 500 Werst unterhalb des Zusammenflusses der Schilka und des
Argunj, und die Landschaft daselbst trägt bereits einen nordischen Charakter mit vorherr-
schender Nadelholzwaldung. Es ist anzunehmen , dass C. procyonoides dort nahe der nord-
westlichen Gränze seiner Verbreitung stehe, da von seinem Vorkommen bei Ustj-Strjelka, am
Zusammenflusse der Schilka und des Argunj zum Amur, oder über den Amur hinaus, in
Transbaikalien, trotz der alljährlich dort slattlindenden anhaltenden Jagden der Kosaken, bis-
her niemals eine Kunde verlautet hat. Ebenso scheint er auch an den Südabhängen des Sta-
nowoi-Gebirges und am oberen Laufe der Dseja und Bureja, wo Middendorff's Reise
durchging, nicht mehr vorzukommen, während er den unteren Lauf dieser Flüsse bewohnt ').
Wir dürfen daher seine Polargränze im oberen oder westlichen Theile des Amur-Landes von
der nördlichen Biegung des Amur-Stromes, unterhalb Ustj-Strjelka, quer über den mittle-
ren Lauf der Dseja und Bureja annehmen. — Im unteren oder östlichen Amur-Lande brei-
tet sich C. procyonoides von der Mündung des Ussuri, wo er am häufigsten ist, noch ziemlich
weit abwärts aus. Den einmüthigen Aussagen der Golde zufolge, ist er dort namentlich am
linken Ufer des Amur -Stromes häufiger als am rechten. Ich selbst habe ihn dort in gefange-
nen, lebenden Individuen in den Dörfern! mm inda und Emmero und in Fellen an vielen ande-
ren Orten gesehen. Dieses linke Ufer des Amur-Stromes ist das niedrigere und hat noch weit
abwärts vom Ussuri einen prairieartigen Charakter der Landschaft, mit wenigen Gebirgszü-
gen, wie das Wanda-Gebirge u. a., während das rechte fast durchgängig gebirgig ist. An
dem genannten Wanda-Gebirge soll auch C. procyonoides, nach Aussage der Eingeborenen,
noch ziemlich oft vorkommen. An diesem linken Ufer des Amur-Stromes geht nun C. pro-
cyonoides bis an den Ssedsemi-Fluss und den Bolong-See, einer seitlichen Ausbuchtung des
Amur-Stromes etwas südlich vom Dorfe und Vorgebirge Odshal, mit dem wiederum ein ge-
birgiger Charakter am linken Amur-Ufer beginnt. Diesem Punkte fast genau gegenüber
' ) Höchst wahrscheinlich ist auch die Nachricht, welche Middendorff von einem Jakuten erhielt, dass es näm-
lich im Lande der chinesischen Duraler (welche offenbar unsere Bi raren an der Bureja und am Sachali sind)
ein an Gestalt und Grösse fuchsähnliches Thier mit sehr strengem Harne gebe (Slidd. Sibir. Reise I. c. p. 3.), auf C.
procyonoides zu bezieben.
86 Säugelhiere.
liegt auch seine Polargränze am rechten Amur-Ufer. Dort soll er nämlich in seltenen Fällen
bis in die Umgegend von Ssargu und bis an den Chongar-Fluss vorkommen. Abwärts von
diesen Punkten, Odshal undChongar-Mündung, kommt er aber nirgends, weder am Amur-
Strome selbst, noch an dessen Zuflüssen, vor. Wo man daher noch weiter unlerhalb Felle von
C. procyonoides bei den Eingeborenen findet, wie es mir noch bei den Giljaken an der Mün-
dung des Amur-Stromes begegnet ist, da rühren dieselben stets von oben, etwa aus der Ge-
gend der Ussuri- oder Sungari-Mündung her und sind durch die Handelsreisen der Einge-
borenen abwärts gebracht worden. Das bekräftigten mir sowohl die Ssamagern am Gorin,
wie die Golde, Man'gunen und Giljaken am Amur. So ist die Polargränze von C. procyo-
noides am unteren Amur-Strome genau zu erweisen. — Weiter ostwärts vom Amur findet
sich C. |)rocyono«/es, den Aussagen der Eingeborenen zufolge , am Tumdshi-Flusse, dessen
Quellarme von den Zufiüssen des Chongar, namentlich vom Uldji, nur durch eine niedrige
Wasserscheide getrennt sind und der etwa 25 Werst oberhalb der Bai Hadshi (des Kaiser-
hafens der Russen) in die Meerenge der Tartarei einmündet. Dagegen soll C. procyonoides
die nordwärts gelegene, niedrige Wasserscheide zwischen dem Tumdshi und dem bei Kidsi in
den Amur fallenden Jai-Flusse nicht überschreiten und somit an letzterem Flusse sich nicht mehr
finden. — Endlich an der Meeresküste soll C. procyonoides von dem Dorfe Choji an, d. i. etwa
4 bis 5 Tagereisen südlich von der Bai de Castries, nach Süd verbreitet sein. Hier bleibt er
also weit südlich von den Breiten zurück, in welchen die Insel Sachalin sich dem Continente
nähert und wo sie allwinterlich mit demselben durch das Eis des Limanes in zeitweise feste
Verbindung gesetzt wird. In Uebereinstimmung damit fehlt auch C. procyonoides der Insel
Sachalin, nach Aussage der dortigen Giljaken, gänzlich. Und zwar gilt das nicht bloss für
den nördlichen, von Giljaken bewohnten, sondern auch für den südlichen Theil der Insel,
von dem die Giljaken durch ihren Handelsverkehr mit den Aino und Japanesen Nach-
richtenhaben. Diesen Nachrichten zufolge, finden sich unter den Fellen, welche sie inSiranussi
an der Südspitze von Sachalin von den Japanesen erhandeln, niemals Felle von C. procyo-
noides , obschon die Giljaken diese Felle, wegen ihres hohen Werthes bei den Mandshu
und Chinesen, gewiss gerne kaufen würden. Leider giebt uns Temminck nicht an, wie
weit C. procyonoides in Japan verbreitet sei und ob er die Insel Jesso erreiche. Erwägt
man aber, dass die auf Sachalin mit den Giljaken handelnden Japanesen meist von Jesso
herüberkommen, so scheint es wahrscheinlich, dass sie auch auf letzterer Insel sich nicht mit
Fellen von C. procyonoides versorgen können. Demnach scheint C. procyonoides Gray oder
viverrinus Temm. nicht über Nippon nach Nord hinauszugehen. Wir sind daher genöthigt
uns die Verbreitung desselben nach den Japanischen Inseln nicht über Sachalin und Jesso
sondern über Korea zu denken. So bleibt also seine Polargränze auf den Inseln an der Ost-
küste Asien's weit hinter derjenigen auf dem Continente zurück. — Fasst man alle obigen
Daten zusammen, so lässt sich die Polargränze von C. procyonoides durch eine Linie bezeich-
nen, die von der Meeresküste beim Dorfe Choji, zwischen dem 50*'"° und 51*'"" Breitengrade,
nach den) Tumdshi und von da nach der Mündung des Chongar-Flus^^s in den Amur,
Canis procyonoides. C. famitiaris. Felis Lynx. 87
dann nach Odshal und von diesem über das Bureja- Gebirge und den mittleren Lauf der
Bureja und Dseja zum oberen Amur, nahe der Mündung des Flüsschens Gerbilak, gezo-
gen wird. Diese Linie bringt also den grössten Theil des Amur-Stromes und namentlich
seinen mittleren Lauf in das Verbreitungsgebiet von C. procyonoides. Indem sie zugleich eine
geraume Strecke nördlich vom Amur-Strome verläuft, nöthigt sie uns C. procyonoides auch
als ein Glied der russisch -sibirischen Fauna anzusehen. Dieser gehört er aber bloss am
Amur-Strome, d. i. also im äussersten Osten ihrer südlichen Gränzen an. In der Fauna des
Amur- Landes bildet also C. procyonoides einen praegnanten und charakteristischen Zug,
durch welchen dieselbe von der sibirischen Fauna sich unterscheidet und an die Faunen
China 's und Japan's sich anschliesst.
18) CanU fainiliaris L.
Bei den Giljaken des Continentes und der Insel Sachalin: kann.
« « Mangunen, Golde, Ssamagern, Orotschen der Meeresküste, Oroken von Sa-
chalin: enda und inda.
« « Biraren: kalschikan.
« « Monjagern: ninakin.
« « Orotschonen: nennakin.
« « Dauren: nugh.
Der Hund ist bei den Eingeborenen des Amur-Landes ein durchweg verbreitetes und
allgemein eingebürgertes Hausthier, das ihnen entweder als Zugthier auf ihren Winterfahrten
und Reisen, oder aber als Begleiter auf der Jagd dient. Ersteres findet auf der Insel Sacha-
lin und auf dem Continente, an der Meeresküste wie am Amur-Strome und dessen Zuflüssen
bis zur Mündung des Sungari, und zwar je mehr stromabwärts in desto grösserem Maass-
stabe, Letzteres an dem oberen Amur- oder Sachali-Strome, bei den nomadisirenden und
hauptsächlich von der Jagd lebenden tungusischen Stämmen, den Biraren, Monjagern und
Orotschonen statt. Auch fehlt er nicht als treuer Wächter in den Gehöften der am Sa-
chali-Strome ansässigen, mit Viehzucht und Ackerbau beschäftigten Dauren, Mandshu und
Chinesen. Als Zugthier insonderheit greift der Hund tief in die Oekonomie jener Völker ein,
und ist es nicht möglich ein noch so flüchtiges und oberflächliches Bild von dem Leben der-
selben zu entwerfen, ohne dabei des Antheiles , den der Hund an ihrem Haushalte hat, wie-
derholentlich zu gedenken. Wir müssen daher die Besprechung desselben ganz in den ethno-
graphischen Theil unserer Reisebeschreibung verweisen.
19) Felix liyiixL
Bei den Giljaken des Continentes und der Insel Sacha in: tschlyght.
« « Mangunen: tugdshä.
88 Säugethiere.
Bei den Golde unterhalb des Ussuri, Kile am Gorin (Ssamagern): tubdsha.
« « « oberhalb des Ussuri, Kile am Kur, Biraren und Monjagern: tibdshaki.
« « Orotschonen: nondo.
Die Luchsfelle, deren ich im Laufe von zwei Jahren im Amur-Lande eine ziemliche
Anzahl gesehen habe , gehörten sämmtlich der fein- und schwachgefleckten Varietät F. Lynx
Temm. et Nilss. ') an. Sie waren von ziemlich heller Grundfarbe, mit kleinen, sehr verwa-
schenen Flecken auf dem Rücken und an den Seiten; die Schwanzspitze war im letzten Dritlheil
schwarz. Es blieb mir kein Zweifel übrig, dass ich es mit dieser Luchsvarietät des europäisch-
asiatischen Continentes und nicht mit der Luchsart des amerikanischen Nordens, F. canadensts
Geoffr., zu thun hatte. Niemals sind mir im Amur-Lande die Varietäten Kceruana Temm. et
Nilss. und F. üiVga^aN iläs. begegnet. Doch ist es auch nicht so leicht in kurzer Zeil eine grössere
Anzahl von Luchsfellen im Amur-Lande zu Gesichte zu bekommen, da der Luchs, als einsa-
mer Bewohner der Wälder, verhältnissmässig immer nur selten erlegt wird und ausserdem
sein Fell bei den Mandsbu und Chinesen sowohl wie bei den Eingeborenen in einem hohen
Conventionellen Werthe steht, was die Eingeborenen, und vorzüglich die Giljaken, veranlasst,
das erbeutete Fell entweder baldmöglichst an die chinesischen Kaufleute zu veräussern , oder
aber als besonders geschätztes Stück, mit anderen nominellen Schätzen zusammen , in beson-
derer, dem Auge der Umgebung entzogener Verwahrung zu halten. Wo daher bei den Gilja-
ken auch ein ganzer Pelz von Luchsfellen vorhanden ist, wird er nicht getragen, sondern als
grosse und werthvolle Seltenheit aufbewahrt, welche auf den Besitzer das Licht aussergewölm-
lichen Reichthumes wirft. Minder selten bekommt man das Luchsfell in der Form einer besonde-
ren Art Wintermützen bei den giljakischen Weibern zu Gesichte; doch ist es auch in dieser Form
nicht häutig und stets ein Zeichen grossen Wohlstandes. Genaueres über diese Gegenstände der
Eingeborenen und die relative Werthschätzung des Luchsfelles bei denselben wird im ethnographi-
schen Bande meiner Reisebeschreibung zu finden sein. Das hohe Ansehen des Luchsfelles im
Amur-Lande nötbigt uns bei den Eingeborenen auch eine genaue Kenntniss dieses Thieres vor-
auszusetzen. Und in der That habe ich von ihnen oft, wenn kein Fell vorlag, genaue Schilderun-
gen des Thieres gehört, welche die bekannte Form nicht leicht verkennen Hessen. Sämmtliche
Eingeborene im Amur-Lande kennen aber nur eine einzige Luchsart, für die ich in jedem
Volksstamme auch nur eine einzige Bezeichnung gehört habe. Sollten sich daher bisweilen
auch die Formen JP. cervavta Temm, et Nilss. und F. virgata Nilss. unter den Luchsen im
Amur-Lande finden, wie es wohl möglich ist, so werden sie doch jedenfalls von den Einge-
borenen nicht als besondere Thierarten angesehen, sondern unter einer und derselben Bezeich-
nung Luchs schlechtweg verstanden. — Ausser den mir zu Gesichte gekommenen Luchs-
fellen, belehrte mich auch ein Schädel dieses Thieres, den ich aus dem Dorfe Dyra am unte-
ren Amur erhielt, über die Identität der dortigen Form mit unserem europäisch - asiati-
1) Nilsson, Skandin. Fauna. 1» del. Däggdjuren. Lund. 1847. p. 126. Desgl. meine Schrirt: lieber die Luchs-
arten des Nordens und ihre geographische yerbreitung. Dorpat. 1849. p. 27.
Felis Lynx.
89
scheu Luchse. Nach einer Vergleichung desselbeu init vier Luchsschädeln unseres akad. Mu-
seums — aus der Umgegend St. Petersburgs , aus Tyrol , dem Caucasus und ISordsibirien
— kann ich an ihm nichts Abweichendes linden. Seiner Grösse nach steht er den vier an-
deren Schädeln unseres JMuseums nach. Folgendes ist ihre Länge und Breite (in Millim.):
Länge des Schädels . von dem Halse eines der oberen mittleren
E
Schneidezähne bis zum äussersten Ende des Hinterhaupthöckers 131
Breite des Schädels an den Jochbögen
89
134
149
154
98 103
162
106
Auch am Amur-Exemplare des Luchsschädels wie an den 4 anderen Schädeln unseres
Museums bestätigt sich die Unhaltbarkeit des von Keyserling und Blasius zur Unterschei-
dung des LucJistypus vom Typus der eigentlichen Katzen angegebenen osteologischen Momen-
tes, dass nämlich am Schädel der Luchse die Stirnbeine in langen Fortsätzen längs den Nasen-
beinen bis über deren Mitte hinausreichen, wo sie mit den Zwischenkieferbeinen zusammen-
treffen , so dass die Nasen- und Wangenbeine (soll heissen Oberkieferbeine) einander nicht
berühren '). Wie ich schon früher aufmerksam gemacht habe^), ist dies ein variirendes Ver-
hältniss, und dürfte nach meinen Erfahrungen sogar häufiger eine Berührung der Oberkiefer-
beine mit den Nasenbeinen als der von Keyserling und Blasius angegebene Fall stattfinden.
Unser Amur-Exemplar vom Luchsschädel zeigt den auch von Wagner^) einmal beobachte-
ten Fall, dass das Oberkieferbein an der einen Seite das Nasenbein berührt, an der anderen
dagegen durch das Zusammentreffen der Stirn- und Zwischenkieferbeinfortsätze von der Be-
rührung mit dem Nasenbeine ausgeschlossen bleibt.
Ueber die Verbreitung des Luchses im Amur-Lande konnte ich, wegen der grossen
Werthschälzung und allgemeinen Kenutniss dieses Thieres bei den Eingeborenen , zahlreiche
Nachrichten einsammeln. Diesen zufolge kommt der Luchs im gesammten Amur-Lande, aber
stets nur in seinen waldreichen Gebieten vor, was meine früher ausgesprochene Ansicht, dass
die Verbreitung des Luchses wesentlich an das Vorhandensein hochstämmiger Waldung ge-
bunden sei*), auch hier bestätigt. Folgt man dem Laufe des Amur-Stromes, so findet man
im oberen Theile desselben den Luchs auch als Bewohner der unmittelbaren waldigen Ufer
des Stromes, während er weiter abwärts, im Prairietheile des Stromes, von den unmittelbaren
Ufern entfernt und auf die landeinwärts gelegenen bewaldeten Gebirge beschränkt bleibt. In
dem waldreicheren unteren Amur-Lande habe ich den Luchs nach Aussagen der Eingeborenen
oder nach den bei ihnen vorhandenen Fellen, einzelnen Knochen, Krallen des Thieres u. dgl. m.
') Keyserling und Blasius, Die Wirbelth. Europa's. p. 62.
^) Hoher die Luchsarten des Nordens, p. 8.
3) Die Säugelhiere von Schreber. Supplbd. Abtbl. 2. p. 51S. Anm. 19.
*) Ueber die Luchsarten des Nordens, p. 38.
ScbreDck Amur-Keise Bd. 1
12
90 Säugefhi'ere.
am Amur-Strome selbst wie an dessen linken und rechten Zuflüssen kennen gelernt. Am
Ussuri nannten ihn mir die Golde als Bewohner der waldigen Gebirge landeinwärts wie zur
Meeresküste hin, und vermuthlich zieht er sich dort auch noch weiter südwärts nach Korea
und dem östlichen China fort. Nordwärts kommt er nachweisslich im Ghöchzyr-Gebirge
an der Mündung des Ussuri, im oftmals erwähnten Geong-Gebirge , in den Gebirgen am
Naichi- oder Dondon-Flusse, am Chongar, am Ssedsemi, am Gorin, am Jai und bis an
die Mündung des Amur-Stromes vor. Er wurde mir ferner als Bewohner der Wälder landein-
wärts von der Südküste des Ochotskischen Meeres, der Waldungen am Aniur-Limane und
der Rüste des Tar tarischen Meeres bis südlich von der Bai Hadshi genannt. Auch bleibt der
Luchs in diesem gebirg- und waldreichen Lande nicht bloss auf das Festland beschränkt, son-
dern geht auch auf die nahe anliegende Insel Sachalin hinüber, welche im Winter durch die
ununterbrochene Eisdecke des Amur-Limanes mit dem Continente in steter Verbindung und
mannigfachem Austausch ihrer Thierwelt steht. Auf Sachalin bewohnt aber der Luchs nur
das besser bewaldete Innere und bleibt von den im Norden der Insel waldlosen Rüstenstrecken
fern. So erreicht er auch nicht die mit lichter und krüppeliger Lärchenwaldung bedeckte
Mündung des Tymy-Flusses an der Ostküste der Insel, während er im waldreichen oberen
Laufe dieses Flusses heimisch ist. In diesen Waldungen des Innern steigt er gewiss bis an das
Südende der Insel hinab. Dort aber müssen wir, wenn wir Siebold's Nachrichten über
Japan auch auf Jesso ausdehnen wollen, die Aequatorialgränze des Luchses annehmen, da
er für Japan von Siebold nicht mehr genannt wird.
20) Felis Tigris L.
Bei den Giljaken des Continentes: alt, märeder, chalowüsch.
« « « der Westküste von Sachalin: att, märeder, klutsch.
« « « des Innern und der Ostküste von Sachalin: klunlsch.
« « Mangunen: mare-mafa, dussä.
« « Golde unterhalb des Ussuri: mare-mafa, auch schlechtweg mafa (d. h. der Alte).
« « Golde oberhalb des Ussuri: kutty-mafa.
« « Biraren: lawgun^).
« « Monjagern: migdu.
« « Orotschonen: bßber.
Von besonderem Interesse war es mir im Amur-Lande einige Thatsachen zur Erwei-
terung unserer Renutniss von der Verbreitung des Tigers erfahren zu können. Kein ande-
res Thier hat die Aufmerksamkeit der Forschung in solchem Maasse auf sich gezogen, wie
dieser König der asiatischen Thierwelt, und von keinem anderen besitzen wir daher so genaue
') Sehräbniich der chinesischen Bezeichnung des Tigers: aLao-hou» (Du Halde, Descr. geogr., bist., chronol.,
polit. et phys. de I'Erapire de la Chine. La Haye. 1736. IV. p. 33.) oder «tou-cAit» (Pallas, Zoogr.Rosso-Asiat. I. p. 13.)
Felis Tigris. 9 t
Darstellungen der geographischen Verbreitung in früherer und gegenwärtiger Zeit, wie uns
vom Tiger durch Ritter, Humboldt und neuerdings in umfassender Weise durch Herrn
Akad. Brandt ') gegeben worden sind. Um so mehr dürften daher ergänzende Angaben, zumal
aus einem Lande, wo die noch immer nicht genugsam erforschte Polargränze der Verbreitung
dieses Thieres liegt, einiges Interesse finden. — Durch Pallas^) ist uns bereits das Vorkom-
men des Tigers am Argunj, einem Quellarme des Amur-Stromes, und durch Middendorff^)
sein Vorkommen nördlich vom Amur-Strome, am Kebeli, an den Zuflüssen der Dseja, an
der Tyrma und, in ausnahmsweisen Fällen, amSüdabhauge desStanowoi-Gebirges bekannt.
Gleichwohl wusste man bisher von seiner Verbreitung am Amur-Strome noch nichts. Wir
sind nun im Stande diese Nachrichten längs dem gesammten Stromlaufe zu geben. Am oberen
Amur ist der Tiger zwar den Orotschonen wie den Monjagern bekannt, allein vom Irbis
(F. /rijs Müll.), wie es scheint, nicht genugsam unterschieden. Zwar gaben mir die Eingebore-
nen von beiden Thieren genaue Beschreibungen, welche sie unverkennbar machten , allein in
der Bezeichnung fassten sie beide Thiere zusammen , was wohl zum Beweise dafür dienen
kann, dass sie mit diesen Thierarten zu selten in Berührung kommen, um ihre Selbständigkeit
aus eigener Erfahrung zu kennen. Aehnlich scheint es sich mit der Renntniss des Tigers auch
bei den weiter abwärts wohnenden Biraren zu verhalten. Erst bei den Golde unterhalb des
Bureja-Gebirges, am Ussuri und am Amur ober- und unterhalb der Ussuri-Mündung
konnte ich, mit der Sprache der Eingeborenen besser bekannt , mich überzeugen , dass der
Tiger und Irbis als verschiedene Thierarten auch in den Bezeichnungen auseinandergehalten
werden. Dieses ist aber auch derjenige Theil des Amur-Landes, in welchem der Tiger häufiger
als in allen anderen vorkommt, offenbar weil es der südlichste Theil ist, in welchem diegröss-
ten aus Süd und Südwest kommenden Zuflüsse des Amur-Stromes, der Sungari und Us-
suri Hegen, deren Haupt- und Nebenthäler dem Tiger von den Gränzen Korea s und des
nordöstlichen China's eine Bahn nach Norden bieten. In diesem Theile des Amur-Stromes
wird auch dem Tiger in den feuchten, oft sumpfigen Niederungen und den mit Gebüsch , mit
hohem Grase und oft mit dichtem, über mannshohem Schilfe bewachsenen Ufern des Stromes
ein viel günstigeres Terrain als in dem oberen und unteren , gebirg- und waldreichen Laufe
des Amur-Stromes geboten. Auch ist der Tiger dort, nach Aussage der Eingeborenen, nicht
bloss ein seltener Gast, sondern im Winter und Sommer ein stetiger Bewohner des Landes,
dem man häufig begegnet und der nicht selten für Menschen und Vieh verderblich wird. So
erzählten uns die Golde von Turmi und Dshuada an der Ussuri-Mündung , dass ihnen im
letzten Winter sämmtliche Pferde, welche sie vom oberen Amur bekommen hatten, von Tigern
zerrissen worden seien. Im Dorfe Agdeki (oder Mutscha) am Ussuri berichteten die Golde,
dass die Tiger bisweilen, zumal im Winter, ihren Wohnungen nahe kämen und ihnen Hunde
') Untersuchungen über die Verbreitung des Tigers (Felis tigris) und seine Beziehungen zur Menschheit. St.
Petersburg 1S56. In den Mem. de l'Acad. des Sciences de St. Pelersb. ö""" Serie. Sc. nalur. T. VIII.
*) Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 16.
') Sibirische Reise, 1. c. p. 75.
92 Säiigeihtere
und Schweine zerrissen, und dasselbe erzäliUen auch die Golde von Dawanda am linken
Amur-Ufer unterhalb des Ussuri. Die Golde sind den Angriffen des mächligen Thieres
nicht gewachsen und tragen daher grosse Furcht vor demselben , zu welcher sich natür-
lich, bei dem Gefühle ihrer Ohnmacht, manche abergläubische Vorstellungen gesellen. Fast
allenthalben findet man daher aus Holz geschnitzle Tigerfiguren, welche entweder in der
Nähe der Häuser, am Fusse grosser Bäume aufgestellt, oder aber, in kleinerer Gestalt,
an die Kleidungsstücke angeheftet werden, um deren Träger jederzeit vor einem Angriffe dieses
Thieres zu schützen. Diese Tigergotzen sind zwar nur sehr roh gearbeitet, lassen aber den-
noch das Thier nicht verkennen. Sie gehen den gestreckten Körper, den langen Schwanz,
den breiten Kopf mit kurzer Schnauze und die gestreifte Zeichnung dieses Thieres wieder. Meist
ist dasselbe in aufrechter Stellung mit ausgestrecktem Schwänze, bisweilen auch liegend mit
auf den Rücken zurückgeschlagenem Schwänze dargestellt. Die Zeichnung besteht aus einem
längs der Mittellinie des Kopfes, Rückens und Schwanzes verlaufenden schwarzen Streifen, an
den Seiten aus quer gestellten, abwechselnd schwarzen und rothen Streifen und am Schwänze
aus eben solchen Ringen. Ich werde im ethnographischen Bande meiner Reisebeschreibung
einige Abbildungen dieser Tigergötzen, deren ich mehrere mitgebracht habe, mitlheilen. Was
diese Tigergötzen nur roh audeuten , weiss die Beschreibung, welche die Eingeborenen von
dem Thiere geben, genauer zu zeichnen. Das gefürchtele Thier wird stets als eine Katze von
sehr bedeutender Grösse beschrieben, einer Grösse, welche die übertreibende Furcht der Golde
bisweilen sogar auf ungefähr 2 Faden Länge uud 1 Faden Höhe anzugeben weiss. Die Farbe des
Thieres soll gelb mit schwarzen Querstreifen, der Schwanz gelb und schwarz geringelt und
an der Spitze schwarz sein. Schleichend soll das Thier sich seiner Beute nähern und sich
dann mit einem Sprunge auf dieselbe werfen. Es ist mir leider nicht gelungen selbst ein Fell
des Tigers am Amur zu sehen, da die grosse Furcht der Eingeborenen sie von einer wirk-
lichen Jagd auf denselben zurückhält uud nur gelegentlich und selten ein Individuum erlegt
wird, dessen Fell alsdann sogleich den Chinesen oder Mandshu verkauft wird, bei denen es
in hohem Ansehen steht und zur Kleidung der Vornehmen verwendet werden soll. Selbst alle
Auskunft über den Tiger gaben mir die Eingeborenen nur mit Widerstreben, da sie die aber-
gläubische Furcht haben , dass sogar das Sprechen vom Tiger ihnen Unheil und Verderben
durch das mächtige Thier zuziehen könne. Nicht seilen bemerkte ich bei ihnen, wenn wir auf
den Tiger zu sprechen kamen, ein Dämpfen der Stimme, als fürchteten sie belauscht zu wer-
den, und nach Möglichkeit vermieden sie den Namen des Thieres zu nennen. Auch fügen
sie diesem Namen , wohl aus Ehrfurcht und um sich schadlos zu halten , das schmeichelnde
und ehrende Beiwort ((tnafan, d. i. «der Alle», bei — ein Prädikat, das ausser dem Tiger nur
noch dem allgemein geachteten und abergläubisch gefürchtelen Bären zukommt. Ja, wie die-
ser bei den unteren Golde, Mangunen und anderen tungusischen Stämmen des unteren
Amur-Landes schlechtweg <iMafar) (Alter) genannt wird, so habe ich bei den Golde am
Ussuri und am Amur in der Gegend der Ussuri-Mündung , wo der Bär in den Augen der
Eingeborenen bereits an Ansehen verloren hat, oftmals den Tiger schlechtweg «Mafa» nen-
Felis Tigris. 93
nen hören. Dort ist also der Tiger unstreitig noch ein König der Thierwelt. — Geht man
nun von dort weiter abwärts am Amur-Strome, zu den unteren Golde und Mangunen, so
findet man den Tiger zwar noch allgemein bekannt, allein, nach Angabe der Eingeborenen,
weit seltener als an der Ussuri- Mündung, Doch müssen wir aus diesen Angaben entnehmen,
dass er bei Naichi und Dshare am Geong-Gebirge, am Chongar, am Nor- oder Bolong-
See, bei Ongmoi, bei Adi oberhalb der Gorin-Münduug und weiter abwärts noch am Jai,
einem Zuflüsse des Amur-Stromes bei Kidsi, im Sommer und Winter, wenn auch sehr sel-
ten und vereinzelt, vorkomm!. Bis dahin habe ich ihn stets auch in der Bezeichnuns der Ein-
geborenen vom Irbis unterscheiden hören. Bei den unteren Mangunsn aber, die auch eine
andere Bezeichnung, dussü, für den Tiger haben, findet man bereits ein Zusammenwerfen der
Tiger- und Irbis-Namen, obgleich beide Thiere in ihrer charakteristisch verschiedenen Zeich-
nung beschrieben werden. Die Veranlassung dazu liegt offenbar nur in der dort weit grösseren
Seltenheit dieser Thiere, welche eine geringere Kenntniss derselben bei den Eingeborenen zur
Folge hat. Auch ist hier das Terrain für das Vorkommen des Tigers allmählig viel ungünsti-
ger als oberhalb geworden, indem der Boden fast durchweg gebirgig und zumeist mit dichter
Nadelholzwaldung bedeckt ist. Trotz dieses nordischen Charakters des Landes, kommt aber
der Tiger auch noch weiter unterhalb, im Gebiete der Giljaken bis an die Mündung des
Amur-Stromes vor. Doch scheint es, dass er diesen äussersten Norden des Amur-Landes nur
bisweilen und auf Streifz gen besucht, indem er sich dort, nach Aussage der Giljaken, nur im
Sommer und auch dann in sehr seltenen Fällen sehen lässt. Die Giljaken sind der Ansicht,
dass der Tiger und der Irbis zu einer und derselben Thierart gehören, welche in der Jugend
gefleckt, im Alter gestreift sei, und bezeichnen beide mit denselben Namen, deren sie mehrere
haben. Die gebräuchlichsten von diesen sind «alt» und «märedem , während die Bezeichnung
«chalowitsch» viel seltener zu sein scheint. Was es jedoch für eine Bewandtniss mit diesen ver-
schiedenen Namen für eine und dieselbe Thierart habe, konnte ich nicht ermitteln; nur so viel
erfuhr ich mit Bestimmtheit, dass sie nicht einzeln, eine dem Tiger, die andere dem Irbis zu-
kommen, sondern auf beide vermeintliche Allersverschiedenheilen des Thieres bezogen wer-
den. Von beiden Thieren , dem Tiger wie dem Irbis, gaben mir übrigens die Giljaken ge-
naue und charakteristische Beschreibungen, welche wie diejenigen der Golde lauteten und die
Thiere unverkennbar verriethen. Es scheint daher nur das gleiche und sehr seltene Vorkom-
men beider Thierarten wie die gleiche abergläubische Furcht der Giljaken vor beiden sie
zu dieser Verschmelzung beider Formen in eine Thierart bestimmt zu haben. Aus dieser Ver-
schmelzung allein kann ich mir auch die Thatsache erklären, warum man bei den Gilja-
ken niemals Irbis-, wohl aber häutig Tigergötzen findet. Denn als die ältere und erwachsene
Form müsste der Tiger, nach Vorstellung der Giljaken, auch schon den Irbis in sich fassen,
und dürfte daher ein Abbild des ersteren den Besitzer vor den Angriffen beider Thiere schützen.
Die Tigergötzen der Giljaken stellen übrigens das Thier auch nicht mit der Genauigkeit und
Treue wie diejenigen der Golde dar. Ebenfalls aus Holz geschnitzt, geben sie das Thier in
aufrechter Stellung wieder. Wie an den Tigergötzen der Golde und Mangunen erkennt
94. Säugelhiere.
man auch an denjenigen der Gil ja ken den breiten Kopf mit kurzer Schnauze, den langgestreck-
ten Körper auf verhältnissmässig sehr kurzen Beinen und den langen Schwanz des Thieres ; al-
lein es fehlt die farbige Angabe der gestreiften Zeichnung des Thieres. Statt durch Farben sind
an diesen giljakischen Tigergötzen die Streifen durch eine Reihe quer gestellter Einschnitte an
den Seiten des Thieres dargessellt. Bisweilen jedoch fehlt die Angabe der Streifen auch ganz,
und dann kann allerdings der Götze ebensogut auch auf den Irbis wie auf den Tiger bezogen
werden. In diesem Falle wird es aber auch überhaupt schwer, bei der rohen Arbeit dieser
Götzen, in der stark verkleinerten, gestreckten, mit kurzen Beinen und langem Schwänze ver-
sehenen Gestall, welche einer Ratte weit ähnlicher als einem Tiger aussieht , dieses mächtige
Raubthier zu erkennen. Ich habe selbst einen solchen Tigergotzen bei mir gehabt , welchen
ich lange Zeit auf die Ratte {Mus decumanus) beziehen zu müssen glaubte, bis ich mit der gilja-
kischen Sprache mich so weit vertraut gemacht halte, dass ich von den Giljaken selbst
eine Erklärung dieser Götzengestalt erfragen konnte, in der ich nunmehr, mit den Tigergötzen
der Golde und Mangunen bekannt, denselben Typus wiederünde. Ein anderer Zug der gilja-
kischen Tigergotzen, in welchem sie von denen derGolde und Mangunen abweichen, besteht
darin, dass das Ende des bisweilen ziemlich kurz dargestellten Schwanzes mit einer scharf
abgesetzten Anschwellung versehen ist. Dies ist namentlich hei den durch Quereinschnitten
gestreiften Tigergötzen der Fall, welche ich bei den oberen Giljaken am Amur häulig ge-
sehen habe. Eine Erklärung für diese seltsame Abweichung von der Natur kann ich nicht
fmden. Soll diese Anschwellung vielleicht die schwarze Schwanzspitze angeben? oder haben
wir sie nur als eine in Folge mangelhafter Kenntniss des Thieres entstandene Erfindung der
Phantasie anzusehen? Letzteres kann um so eher möglich sein, als der Tiger dort jedenfalls
sehr selten ist, die Phantasie der Giljaken aber sich sehr viel mit ihm abgiebt. Denn die
abergläubische Furcht vor dem Tiger , deren ich oben bei den Golde erwähnt habe, findet
sich in einem noch höheren Grade bei den zu abergläubischen Vorstellungen jeder Art geneig-
teren Giljaken. Nicht nur dass sie gleich den Golde vom Tiger zu sprechen oder gar ihn
beim Namen zu nennen sich scheuen und darum beim Sprechen von ihm in der Regel die
Stimme dämpfen und den Namen umschreiben, sondern sie sind auch der Ansicht, dass jede
schlechte Handlung überhaupt dem Uebelthäter leicht das Erscheinen des «.4«» nach sich zie-
hen könne. Der blosse Anblick des «Att» dürfte aber schon genügen dem Menschen Unheil
und Verderben zu bringen , wenn er auch nicht sogleich zur direkten Beute desselben wer-
den sollte. Bei solchem unheilvollen Begegnen sucht daher der Giljake dem Anblicke des
Thieres sich möglichst rasch zu entziehen und lässt sich niemals in einen direkten Kampf mit
ihm ein. Ich habe selbst Giljaken gesprochen, welche den Tiger gesehen zu haben behaup-
teten; aber niemals, meinten sie, habe ein Giljake einen Tiger erlegt. Der umgekehrte Fall
dagegen, dass Giljaken vom Tiger zerrissen würden, soll wohl vorkommen. Auch knüpft
sich hei den Giljaken eine Reihe religiöser Gebräuche an die Bestattung und Aufbewahrung
der aufgefundenen Ueberreste eines vom Tiger Zerrissenen oder an die Feier seines Gedacht"
nisses. Es würde qns zu weit von unserem zoologischen Ziele entfernen , wollten wir hier
Felis Tigris. 95
eine Schilderung dieser religiösen Gebräuche derGiljaken geben, welche zweckmässiger dem
ethnographischen Bande meiner Reisebeschreibung vorbehalten bleibt. Nur so viel will ich
hier bemerken, dass diese Bestattungsgebräuche derGiljaken gleichmässig auf die vom Tiger
und vom Bären Zerrissenen Bezug haben und auf dem Glauben an eine Seelenwanderung in
Betreff dieser Thiere beruhen. Auch finden sich unter den Götzengestalten der Giljaken Zu-
sammenstellungen von menschlichen mit Tiger- und Bärenformen , welche auf diese Vorstel-
lungen von Metempsychose in direkter Weise hindeuten dürften. — Es bleibt uns nunmehr
noch übrig der Verbreitung des Tigers an den Meeresküsten des Amur-Landes zu erwähnen.
Die Mündung des Amur-Stromes ist keineswegs die Polargränze der Verbreitung des Tigers.
Nach Aussage der Giljaken am Ochotskischen Meere lässt er sich auch dort als sehener
Gast im Sommer sehen — ein Vorkommen, welches sich unmittelbar an das von Midden-
dorff in Erfahrung gebrachte Vorkommen des Tigers an der Tyrma') anschliesst und das viel-
leicht wohl die Polargränze desThieres bezeichnen dürfte. Längs den Küstendes Amur-Limanes
und der Meerenge der Tartarei ist der Tiger ebenfalls vorhanden und zwar, nach Aussage
derMangunen, bis etwa nachSsurku, nahe dem 50°n.Br., sehr selten, von da an südwärts
aber häufiger und an der Küste wie an den in's Meer fallenden Flüssen, dem Tumdshi
u. a. m. zu finden. Höchst auffallend endlich ist mir die Thatsache, dass der Tiger, trotz seiner
Seltenheit im nördlichen Amur-Lande und dem Küstengebiete desselben, doch nicht auf das
Festland beschränkt bleibt, sondern auch auf der Insel Sachalin sich finden soll. Zum we-
nigsten versicherten mir die Giljaken der Westküste und des Innern dieser Insel, dass er, wenn
auch sehr selten, dennoch sich dort sehen lasse, zum grössten Schrecken derGiljaken,
welche in Beziehung auf den Tiger die Furcht und die abergläubischen Vorstellungen ihrer
Landsleute auf dem Continente in gleichem Maasse theilen. Auch haben die Giljaken von Sa-
chalin für den Tiger, ausser den auch bei ihnen gebräuchlichen Namen «aH» und «märeder»,
noch eine dritte , eigene Bezeichnung, welche mir auf der Westküste «A/m<sc/i», im Tymy-
Thale im Innern der Insel nkluntsch» genannt wurde. Jedenfalls aber darf der Tiger nur als
seltener Gast der Insel angesehen werden, und ist demnach anzunehmen, dass er bei Cap La-
sareff oder nördlicher das Eis des Amur-Limanes überschreite, um sich auch auf der Insel
zu verbreiten. Auf den Japanischen Inseln , südlich von Sachalin, soll er aber, nach dem
Zeugnisse Siebold's^), nicht vorkommen. Ausser den südlichen, dem asiatischen Continente
sehr genäherten Inseln Hainan, Sumatra, Java und Ceylon, ist alsoSachalin die einzige
Insel welche vom Tiger bewohnt oder zum wenigsten besucht wird. Ueberhaupt ist es im
Haushalte der Natur begründet, dass die grössten Raubthiere ihre Heimalh und grösste Ver-
breitung auf den Continenten haben , wo eine reichere Säugethierfauna ihnen die nöthigen
Nahrungsmittel liefert, und dass sie dagegen den Inseln, wo in der Regel eine Verarmung der
Säugethierfauna stattfindet, fehlen. Bilden nun die mit conlinentalem Charakter ihrer Säuge-
thierfauna versehenen Sunda-Inseln, und ebenso vielleicht auch Hainan und Ceylon, eine
'1 Sibirische Reise I. c.
2) Fauna Japonica. Mammalia. Dec. 1. p. 5. und Oec. 2. p. 28.
96 Säugethtere.
Ausnahme von dieser Regel, so lässt sich dasselbe doch kaum vom nordischen Sachalin er-
warten. Blicken wir daher genauer . welche Nahrungsmittel der Tiger bei seinen Besuchen
auf der Insel Sachalin dort finden dürfte. Hauptsächlich sind es wohl die grossleibigeren
Ruminanüen und Pachydermen, welche dem Tiger in seinem gesammten weiten Verbreitungs-
gebiete die nölhigen Nahrungsmittel liefern müssen. Im südlichen Theile des Amur-Stromes,
wo der Tiger am häufigsten ist, giebl es mannigfache Repräsetitanten der genannten Gruppen:
Edelhirsch, Reh, Elennthier, JMoschusthier, Wildschwein und im Küstengebirge eine Antilo-
penart. Nach Norden, nahe der Mündung des Amur-Stromes, schwindet freilich die Hälfte
derselben, Edelhirsch, Reh und Wildschwein , dafür aber findet sich zu den drei noch übrig
iTcbliebenen Tliieren ein neues , das Rennthier , ein. Von diesen vier Thierarten schwindet
endlich auf Sachalin wiederum ein sehr wichtiges, nämlich das Elennthier, und vielleicht
auch die Antilope, die aber als ein ausschliessliches und sehr seltenes Gebirgsthier kaum in
Betracht kommen kann, und es bleiben also nur Moschusthier und Rennthier nach, von denen
ersteres nur im Innern der Insel , das Rennthier aber allenthalben und häufiger vorkommt.
Wir sind daher genöthigl anzunehmen, dass der Tiger, wenn er die Insel Sachalin besucht,
mit seiner Nahrung zumeist auf das Rennthier angewiesen sein müsse. Und so sehen wir den
Tiger, den mau gewohnt ist sich in der Nähe von Palmen und Bambusen zu denken , auf der
Insel Sachalin nicht bloss mit der polaren Form des Rennthieres zusammentreffen, sondern
auch seine meiste Nahrung von derselben beziehen. Fügt man noch hinzu, dass ich im unte-
ren Amur-Lande und auf der Insel Sachalin im Winter zu wiederholten Malen eine unter
dem Gefrierpunkte des Quecksilbers siehende Temperatur beobachtet habe , so beweist dies
wohl mehr als alle bisher bekannten Thatsachen, wie unrecht man thun würde, den Tiger als
eine exclusiv tropische oder auch nui' subtropische Form betrachten zu wollen.
21) Felis Irlii!^ Müll.
Bei den Giljaken des Continenles und der Insel Sachalin wie der Tiger.
« « Mangunen und Golde: jcrya.
Da ich bei Besprechung des Tigers im Amur -Lande, wegen der häufig mangelhaften
Unterscheidung bei den Eingeborenen zwischen Tiger und Irbis, an mehreren Orten zugleich
auch des letzteren habe erwähnen müssen, so brauche ich mich hier nur kurz zu fassen und
das auf den Irbis allein Bezügliche nachzuholen. Aus dem oben Gesagten geht bereits hervor,
dass der Irbis im Amur-Lande dieselbe Verbreitung wie der Tiger hat, d. h. längs dem gan-
zen Amur-Strome , an den Küsten des Ochotskischen und Tartarischen Meeres und auf
der Insel Sachalin vorkommt. Allein nur im südlichen Theile dieses Verbreitungsgebietes,
bei den Golde am Ussuri und am Amur-Strome ober- und unterhalb der Ussuri-Mün-
dung, wird der Irbis als selbständige Thierart vom Tiger genau unterschieden und auch in
der Bezeichnung auseinandergehallen. Bei ihnen findet man denn auch Irbis-Götzen , welche
Felis Irbis. 97
dieselbe Bestimmung wie die Tiger-Götzen haben, indem sie zum Schutze und Schadloshalten
vor den Angriffen des gefiirchteten Thieres dienen sollen. Diese Irbis-Gützen, deren ich meh-
rere amUssuri gesehen und auch welche mitgebracht habe, geben die Gestalt und Zeichnung
des Thieres in ebenso roher Weise wie die Tiger-Götzen wieder. Dennoch verrathen der kurze
breite Kopf, der gestreckte Körper, der lange Schwanz und vor allem die charakteristische,
wenngleich nur sehr schematisch gehaltene Zeichnung diese grosse Katzenart des angränzen-
den Ost- und Mittelasiens zur Genüge. In den Hauptziigen besteht die Zeichnung darin, dass
am Kopfe abwechselnd rothe und schwarze Querstreifen, längs der Mittellinie des Kopfes, des
Ri'ckens und des Schwanzes ein schwarzer Streifen und an den Seiten des Rumpfes und des
Schwanzes entweder schwarze , oder abwechselnd schwarze und rothe Rosetten angegeben
sind. Offenbar kommt es dabei den Golde nicht sowohl auf eine getreue Zeichnuni?, als auf
eine specifisch selbständige Darstellung des Irbis und eine hinlängliche Unterscheidung des-
selben vom Tiger an. Ich habe oft an den Kleidungsstücken oder unter dem Hausgeräth der
Golde kleine Tiger- und Irbis-Götzen neben einander gesehen, welche in der Grösse und Ge-
stalt vollkommene Seitenstücke zu einander bildeten und nur durch die verschiedene, hier üe-
streifte, dort rosettenförmig gefleckte Zeichnung verschieden waren. Auch in ihren Beschrei-
bungen vom Irbis hoben die Golde stets die grosse Aehnlichkeit desselben mit dem Tiger in
der Grösse, Gestalt und Lebensweise hervor und gaben die vom Tiger verschiedene Zeichnung
des Irbis an. Nach ihren Angaben soll der Jerga eine Katzenart von etwa l'/ Faden Länge
sein, davon '/^ Faden auf den Schwanz kommt; wie der Tiger soll er einzeln vorkommen,
bisweilen auf Bäume klettern, schleichend seiner Beute sich nähern und mit einem Sprunge
sie erhaschen. Auffallender Weise soll der Irbis in den Gegenden am Ussuri und am Amur
nahe der Ussuri-Mündung viel seltener als der Tiger sein, und ist es wahrscheinlich diesem
Umstände zuzuschreiben, warum er von den Golde noch mehr als der Tiger gefürchtet wird.
Nach Erzählungen der Golde sollen nur Wenige den Jerga gesehen haben und es wage Nie-
mand ihn zu jagen, während Tiger, wenngleich in seltnen Fällen, doch erlegt werden. Ebenso
scheint der Irbis auch weiter abwärts am Amur-Strome und gegen die Mündung desselben,
wo er bei den Giljaken mit dem Tiger, als dessen jugendliche Form, für eine und dieselbe
Thierart angesehen wird, noch seltner als der Tiger vorzukommen. Pallas's Angabe, dass
der Irbis zwischen den Flüssen Uth (od.Uda) und Amur häufig sein soll '), müssen wir daher,
im selben Maasse wie Middendorff es für das Stanowoi-Gebirge thut ^), auch für den zum
Amur-Strome fallenden Theil dahin berichtigen, dass der Irbis dort sehr selten sei. Wie be-
reits oben erwähnt, ist nach Angabe der Giljaken anzunehmen, dass der Irbis auch auf der
Insel Sachalin als seltner Gast vorkomme. Auf den Japanischen Inseln lernte ihn Siehold
nicht kennen. Doch erwähnt Middendorff ^) eines Felles ijn Museum von Levden, das
aus Nangasaki herrührte; auch giebt Pallas einen japanischen Namen für den Irbis
') Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 17.
-) Sibirische Reise. 1. c. p. 76.
■*; Sibir. Reise. I. c.
Schrenck Aniur-ßeise Bd. I. jo
98 Säugelhiere.
an '). Es scheint also derselbe auch in Japan vorzukommen und somit auf den Inseln Ostasiens
eine weitere Verbreitung als der Tiger zu haben.
22) Felis (loinestica Briss.
Bei den Giljaken: kyssk.
« « Mangunen, Golde, Ssamagern, (Kile am Gorin): kysska, seltner: koksja.
« « Biraren und Monjagern: kaka.
Obgleich die Katze als Hausthier bei Besprechung des Haushaltes der Amur- Völker
besondere Erwähnung ünden wird, glaube ich doch das zur geographischen Verbreitung der-
selben Gehörige schon hier niittheileu zu müssen. Die Hauskatze ist bei den Eingeborenen des
Amur-Landes bisher noch wenig eingebürgert. Sie hat auf zweierlei Wegen ihre Verbreitung
in das untere Amur-Land gefunden: einmal durch die Maudshu und Chinesen von Süden,
und dann, in späterer Zeit, durch die Russen von Norden her. Betrachten wir diese Wege
genauer. Wie bereits Pallas ') und Nilsson ^) bemerken, fehlt die Katze allen nomadischen
Völkern , deren wandernde Lebensweise , ohne einen bleibenden festen Wohnort, nicht wohl
geeignet ist der Katze, welche sich stets an das Haus zu schliessen pflegt, eine Heimath zu
bieten. Vergeblich würden wir sie daher bei den wandernden Tungusischen Stämmen am
oberen Amur, den Orotschonen und Monjagern, suchen. Zwar ist sie den ersteren durch
die Russen, und darum auch unter dem russischen Namen ukoschkan, und den Monjagern
und wandernden Biraren durch die am Amur ansässigen Mandshu, Chinesen und Dau-
ren unter dem Namen ukakn» bekannt, allein in ihre unstälen Zelte ist sie ihnen nicht ge-
folgt. In den festen Ansiedelungen der mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigten Mandshu,
Chinesen und Dauren am oberen Amur- oder Sachali-Strome ist sie dagegen wohl zu
hnden, und dasselbe soll in den mandshurischea Dörfern und Städten am Sungari der Fall
sein. Von den Ortschaften am Sungari ist sie durch mandsiuirische und chinesische Kauüeule
auch in das untere Amur-Land, zu den Golde, Mangunen und Giljaken gebracht worden.
Ich habe sie in vielen Dörfern dieser 3 Völker, in Turmi an der Ussuri-Münduug, in Ssa,
Ssamachagdu, Dshai, Kidsi, Mongole, Tyr und Wair gesehen. Ueberall mögen sie die
Eingeborenen sehr gern , angeblich weil sie den in ihren Häusern zahlreichen Ratten nach-
stellt, in derThat aber weil sie an dem fremdländischen, bei den Mandshu geschätzten Thiere
Gefallen hnden. Grossen Nutzen können sie von der Katze nicht haben, weil sie dieselbe ge-
wöhnlich, um sie vor den in grosser Zahl von ihnen gehaltenen Hunden zu schützen, in einer
gewissen Gefangenschaft, bald in einem Winkel des Hauses angebunden, bald in einem höl-
zernen Käfige eingesperrt halten. Sie wird daher zum blossen Luxusartikel bei den Eingeborenen,
M Zoojjr. Rosso-Asial. 1. c.
*, ZoogT. Rosso-Asiat. I. p. 26.
3) Skandin. Fauna. 1-a dcl: Päggdjuren. 184". I. p. 113.
Felis domeslica. 99
den sich der Wohlhabende unter ihnen gegen einen bedeutenden Preis entweder selbst von
den Mandshu am Sungari holt, oder von einem stromabwärts gekommenen chinesischen
Kaufmanne einlauscht. Die gewinnsüchtigen Mandshu und Chinesen sollen aber, um die-
sen Handelsartikel nicht aus den Händen zu geben, nur verschnittene Kater zu den Amur-
Völkern bringen, so dass eine Vermehrung der Katzen im unteren Amur-Lande selbst un-
möglich ist und jedes einzelne Thier vom Sungari gebracht werden muss. ImAeusseren sind
diese mandshurischen Katzen den russischen od*r europäischen ganz ähnlich, meist schwarz
und weiss gescheckt . bisweilen auch blass fuchsroth und weder von aussergewohnlicher
Grösse, noch mit langem Haare und hängenden Ohren versehen, wie man sie in der nordchi-
nesischen Provinz Pe-tscheli hnden soll '). Letzlerer Charakter kommt also nicht allen chi-
nesischen, zum wenigsten nicht den mandshurischen Katzen zu. Auffallend ist aber, dass die
Katze bei .den Eingeborenen des unteren Amur-Landes, trotz ihres unzweifelhaft mandshuri-
schen Ursprunges, eine Bezeichnung trägt, welche mit der russischen grosse Aehnlichkeit hat
— ein Umstand, derauf eine ursprünglich durch die Russen vermittelte Bekanntschaft der Amur-
Völker mit der Katze hinzudeuten scheint. Wie dem aber auch sei, beziehen gegenwärtig die
Eingeborenen des Amur-Landes die Katze von den Mandshu und Chinesen, und ist daher
auch die Verbreitung derselben an die Ausdehnung und die Häufigkeit ihres Verkehres mit
den letztgenannten Völkern gebunden. Aus diesem Grunde besitzen die den Mandshu und
Chinesen näher wohnenden, ihnen zum Theil unterworfenen Golde und Mangunen, welche
überdies auch alljährlicii von chinesischen Kaulleuten besucht werden , die Katze häufiger
als die entfernteren und vinabhängigen Giljaken, zu denen die chinesischen Kaufleute sich
nicht mehr hinwagen. Von den beiden genannten Stämmen sieht man aber wiederum bei den
sesshafleren Mangunen die Hauskatze häutiger als bei den nomadischeren Golde, welche im
Sommer, ihren Ort oft wechselnd, nur leichte Zelte von Birkenrinde bewohnen. Die Giljaken
des Amur-Stromes endlich haben noch auf ihren Handelsreisen zu den von chinesischen Kauf-
leuten besuchten Orten am Amur oder zu den Mandshu am Sungari Gelegenheit sich mit
diesem beliebten Thiere zu versorgen. Aber zu den mit den Mandshu und Chinesen so gut
wie in gar keinem direkten Verkehre stehenden Giljaken der Insel Sachalin und Oro-
tschen der Meeresküste gelangt die Katze nicht mehr. Ich habe sie in keinem der von mir
mehrmals besuchten Dörfer des Amur-Limanes und der Insel Sachalin gefunden. Allerdinors
kannten sie die Sachalin-Giljaken dem Namen und Aussehen nach, schon in Folge ihres
Verkehres mit ihren Landsleuteu am Amur, allein sie besassen sie nicht und wussten mir auch
nicht zu sagen, ob die Japanesen, bei denen die Katze ebenfalls ein beliebtes Hausthier
ist, dieselbe zu den Aino im Süden der Insel bringen. So wenig hat sich also bisher die
Katze auf dem mandshu -chinesischen Wege im unteren Amur -Laude verbreitet und einge-
bürgert; offenbar aus dem Grunde, weil ihrer Veritreilung zwei Hindernisse im Wege stehen:
einmal die hundezüchtende Lebensweise der Eingeborenen, welche sie nöthigt die Katze in der
') Du Halde, üescri|it. de la Chine. I. p. 134.
1 00 Säugelhiere.
Gefangenschaft zu halten, wodurch sie ihrer Nützlichkeit berauht und zum Luxusartikel ge-
macht wird, während sie doch in den von Ratten wimmelnden Häusern der Eingeborenen ein
unumgängliches Thier sein dürfte, und daun zweitens die gewinusücr.lige Sitte der Mandshu
und Chinesen nur verschnittene Kater in den Handel zu bringen. Ohne Zweifel viel rascher
wird daher die Katze auf einem anderen, neueren Wege, durch die Russen, ihre Verbreitung
und Einbürgerung im Amur-Lande linden. Gleich bei der «rsten Ansiedelung der Russen im
Amur-Lande, im Jahre 1853, wurden einige Katzen in den Pelrovskischen Posten am
Ochotskischen Meere, nahe dem Eingange in den Amur-Liman, und von dort im folgen-
den Jahre in den eben angelegten Nikolajewschen Posten, an der Amur-Mündung, gebracht.
Sie vermehrten sich bald, und die Giljaken, welche den Posten des Handels wegen häufig
besuchten, baten sich bisweilen statt anderer Zahlung eine junge Katze aus. In den nächsten
Jahren, 1855 und 56, konnte man daher schon in mehreren giljakischen Dörfern der näch-
sten Umgegend des Nikolajewschen Postens, wie Wair, Tschcharbach und a. m., Katzen
von russischem Ursprünge sehen. Weiter waren sie zur Zeit meines Aufenthaltes im Amur-
Lande noch nicht gelangt, allein es ist vorauszusehen, dass bei der Vorliebe der Eingebore-
nen für die Katze und der Nützlichiieit, die sie in ihrem Haushalte haben kann, ihre Verbrei-
tung nunmehr rasch weiter gehen und der ferneren Einführung mandshurischer Katzen bald
ein Ende setzen wird.
II. INSEGTIVORA.
23) ErSmacejss eiiropaeti!!« L. Taf. IV. fig. 2.
In derNähe der Stadt Aigun, im mandshurischen Dorfe Guissoja am Amur, erhielt
ich von den Eingeborenen das Fell eines Igels, welchen ich nach genauer Vergleichung mit
den Igel-Arten unseres Museums und den Beschreibungen der bisher bekannten Igel-Arten
für Erinaceux europaeus halten muss. So sehr nun diese Thatsache unseren bisherigen Erfah-
rungen über die geographische Verbreitung des E. europaeus zu widersprechen scheint, so
kann ich mich doch nicht entschliessen aus dem Igel des Amur-Landes, auf Grundlage einiger
geringen Abweichungen vom europäischen Igel — Abweichungen, welche in den Bereich der Va-
riation einer und derselben Art fallen dürften — eine neue Art zu bilden, sondern glaube viel-
mehr, dass wir unsere bisherigen Ansichten über die geographische Verbreitung dieses Thieres
modiliciren müssen. Eine genaue Beschreibung des Amur -Igels im Vergleiche zu den be-
kannten Igel-Arten und besonders zum gemeinen Igel Europa's soll diese Ansicht rechtfertigen.
Nach den bisherigen Erfahrungen über die Verbreitung der Igel- Arten dürfte man ge-
neigt sein im Amur-Lande den E.aurütis S.Gmc\. zu vermuthen. Ich selbst schrieb daher die
Erinaceiis europaeus. 101
ersten Spuren, welche ich vom Igel im Amur-Lande fand, dieser Art zu '). Allein das von
mir mitgebrachte Fell gehört keineswegs dem E. auritus an. Die kurzen Ohren , die einfach
gefurchten , glatt anzufühlenden Stacheln , die borstenförmige Behaarung des Kopfes und der
Seiten , die derberen Füsse und Nägel und die dunklere Färbung des Kopfes und der Unter-
seite lassen keinen Zweifel übrig, dass unser Amur-Igel weder zur Sibirischen Igel- Art E.axi-
ritus, noch zu einer der wenig gekannten, aber sämmtlich durch lange Ohren charakterisirten,
entfernter nachbarlichen Formen Indiens und des Himmalaya - Gebiges, E. collans Gray,
E. Spatangus Bennet und E.Grayi Beünet, gezogen werden dürfe. Dagegen bringen die ange
gebenen Charaktere den Amur-Igel in die unmittelbare Nähe der europäischen Form ; ja
es bleibt mir, indem ich ihn mit Exemplaren des E. europaeus vergleiche , nicht ein einziges
hallbares Kennzeichen zur Unterscheidung beider Formen als besonderer Arten übrig. Ge-
hen wir diese Vergleichung Stück für Stück durch.
Die Stacheln des Amur-Igels bieten, unter dem Mikroskop betrachtet, in ihrem Baue
keine Verschiedenheit von denjenigen des E. europaeus dar. Sie zeigen dieselbe einfache Fur-
chung, ohne alle Hockerchen, und fühlen sich daher auch glatt an, während die des E. anritus
durch eine Menge Höckerchen an ihrer Oberfläche rauh anzufühlen sind. In der Farbe aber
zeigen die Stacheln des Amur -Igels allerdings eine geringe Abweichung von denen des eu-
ropäischen Igels. Bei diesem sind nämlich die Stach In mehrfach braunschwarz und weiss gerin-
gelt : an der Basis braunschwarz , dann bis über die Hälfte hinaus weiss, dann wiederum
braunschwarz, wiederum weiss und an der äusserslen feinen Spitze schwärzlich. Sie sind also
mit zwei weissen Ringen auf braunschwarzem Grunde versehen. Die Stacheln des Amur-
Igels dagegen haben nur einen weissen Ring: sie sind an der Basis braunschwarz, dann hel-
ler bräunlich , dann wiederum braunschwarz, dann weiss und an der äussersten feinen Spitze
schwärzlich. Der Unterschied von der europäischen Form besteht also nur darin, dass der
uutere weisse Ring am Stachel des E. europaeus beim Amur -Igel hellbräunlich ist. Dieser
helibräunliche Ring setzt sich aber , ebenso wie der weisse an der europäischen Form,
von den beiden ihn einschliessenden , dunkelbraunschwarzen Ringen ab. Es ist also beim
Amur -Igel dieselbe Anzahl verschiedener Farbenringe am Stachel wie bei der europäischen
Form vorhanden, aber mit einer Neigung der schwarzen Farbe überhand über die weisse
zu nehmen. Durch solcli' ein Ueberhandnehmen der schwarzen Farbe über die weisse ist der
unlere weisse Ring der europäischen Form hier durchgängig hellbräunlich oder schwärzlich
geworden; der obere weisse Ring dagegen erhält sich in der Regel auch beim Amur-Igel
weiss, allein nicht durchweg, indem er an vielen Stacheln entweder sehr eingeschränkt, oder
aber ebenfalls mit bräunlichem Anfluge versehen ist. Durch ein mehr oder weniger starkes
Ueberhandnehraen der bräunlichen Farbe über die weissen Ringe ist an den Stacheln der Amur-
Form eine Reihe von Uebergängen zur Farbenzeichnung der europäischen Form wahrzunehmen,
wie umgekehrt auch an der europäischen Form sich manche Stacheln linden, an denen der
') Bull, de la classe phys. malh. de l'Acad. des sc. de St. Pelersb. T. XV. p. 246. Dsgl. Melanges russes. T. III. p. 352.
102 Säugelhiere.
untere weisse Ring einen bräunlichen Anflug erhalten hat. Es ist aber das Ueberhandnehmen
einer schwarzen oder überhaupt dunkleren Färbung eine in der Thierwelt Ostasiens schon
mehrmals beobachlele Erscheinung. Wir erinnern nur an die Bemerkung Baer's, dass
Daurien sich durch vorherrschende Schwärze in allen Fellen auszeichne'), eine Bemerkung,
die bisher am Eichhörnchen , Zobel u. a. m. ihre Begründung hat. Ich glaube daher auch
in den schwärzeren Stacheln des Amur-Igels, im Vergleich zum europäischen, nicht sowohl
ein Kennzeichen specifischer Verschiedenheit der Formen , als vielmehr eine fernere Kundge-
bung jener Erscheinung des Schwarzwerdens europäischer oder westasiatischer Formen im
Osten Asiens erblicken zu müssen. Uebrigens ünden sich auch am Amur-Igel, wie am euro-
päischen, einige bis auf die feine schwärzliche Spitze ganz weisse Stacheln, nur minder zahl-
reich als beim europäischen Thiere und, wie es scheint, in einem noch unentwickelten Zu-
stande der Stacheln : ich habe an meinem Exemplare nur kurze, stärker gedrungene Stacheln
von solcher Farbe gesehen, niemals Stacheln, die ihre volle Länge erreicht haben, während
man am europäischen Thiere auch ganz lange weisse Stacheln findet. Die Länge der Stacheln
endlich ist beim Amur -Igel ebenfalls dieselbe wie beim europäischen und erreicht im Maxi-
mum nahe einen Zoll.
Ein ferneres wichtiges Kennzeichen zur Idenlificirung des Amur-Igels mit dem euro-
päischen bietet das Ohr. Dieses ist beim Amur-Igel im Vergleich zu E. aurüus entschieden
kurz und stellt sich dem Ohre des E. etiropaeus, das es an Länge durchaus nicht übertrifft, ganz
an die Seite. Wie dieses hat es eine längere und rauhere Behaarung als das Ohr von E. auri-
tus und wird von den Stacheln und der umgebenden Behaarung des Kopfes überragt. Der ein-
zige, sehr minime Unterschied, der sich zwischen ihm und dem Ohre der europäischen Form
noch wahrnehmen liesse, dürfte darin bestehen, dass es weniger abgerundet und etwas spitzer
zu sein scheint. Doch ist dies, wie gesagt, ein sehr geringer Unterschied, und finden sich an
den fünf mir vorliegenden Exemplaren des europäischen Igels, aus der Umgegend Peters-
burgs und Sarepta's, ebenfalls einige geringe Modilicationen dieses Verhältnisses. Ein genügen-
der Grund zu specifischer Trennung der Formen dürfte also in diesem Umstände nicht gegeben sein.
Das nächst wichtigste Kennzeichen zur Unterscheidung der Igel-Arten bietet die Behaa-
rung des Kopfes, der Seiten und des Bauches derselben. Diese ist beim Amur-Igel nicht kurz
und weich, wie bei E. ai(rüus, sondern länger, rauh und borstig, wie bei E. enropaeus , und
nähert sich diesem auch in der Farbe, während es jenem fern sieht. Bei den mannigfachen
Farbenabänderungen, die man innerhalb unserer europäischen Igel-Art findet und die auch
an den mir vorliegenden fünf Exemplaren sich kundgeben , zeichnet sich E. europaeus doch
immer durch eine dunklere, mehr mit Braun und Schwarz gemischte Farbe aus, während bei
E. aurüus die Unterseite schmutzig weisslich ist, die Oberseite des Kopfes aber und die Seiten
bräunlich sind. Beim Amur-Igel ist der Kopf auf dem Nasenrücken und im Umkreise der Augen
schwarz mit weissen und hellbräunlicheu Ilaaren gestichelt; die Oberlippe ist ebenfalls schwärz-
•) Baer, Cebersichl des Ja;,'d-Erwerbcs in Sibirien, besonders im östlichen. IIa er und Ilelmersen, Beitrage zur
Kennluiss des russ. Reiches. Vll. p. 212.
Erinaccus europaeus. 103
lieh, aber stärker weiss gestichelt, das Kinn schmutzig weisslich ; die Stirne und Ohrgegend sind
hellbräunlich und schwärzlich mit Weiss gestichelt, die Ohren schmutzig weisslich. Diese Fär-
bung des Kopfes finde ich an zweien, aus Sarepta slanimenden Exemplaren von li. europaeus
genau und nur mit etwas stärkerer weisser Slichelung wieder. An der Stirne und Olugegend
rührt sie von der gemischten Färbung der langen, borstenformigen Ilaare her, welclie in ihrer
unteren Hälfte braunschwarz, in der oberen, bis auf die schwärzliche Spitze, hellbräunlich oder
schmutzig gelblich sind und mit ganz weissen Haaren untermischt stehen. Dieselbe Färbung
zieht sich beim Amur-Igel von der Stirne und Ohrgegend längs den Seilen nnlerhalb der Stacheln
fort, nur sind hier die Borsten noch länger, in ihrer unteren Hälfte stets braunsdiwarz, in<ler
oberen gelblich und weisslich und an der Spitze schwärzlich. Es findet demnach an den Bor-
sten eine gauz entsprechende Farbenzeichnung wie an den Stacheln statt. An denSarepta'schen
Exemplaren von E. europaeus findet sich zwar ebenfalls ein schmaler, unterbrochener Streifen
ebenso wie beim Amur- Igel gefärbter Borsten unterhalb der Stacheln, allein es nimmt doch
im Vordertheile des Korpers das Weiss, im Hinterllieile das Schwarz entschieden überhand,
wobei jedoch der schwarze Grund des Hinlerllieiies mit zahlreichen weiss oder gelblicii gerin-
gelten oder auch ganz weissen Haaren gestichelt ist. Drei Exemplare von E. europaeus aus
der Umgegend St. Petersburg's zeigen dagegen diesen Conlrast von schwarzer und weisser
Färbung an den Seilen und dem Bauche nicht, sondern sind überall gleichförmig, und nur
unter einander verschieden, heller oder dunkler braungrau gefärbt, wobei die Borsten eben-
falls in der Basalhälfte dunkler, bräunlich, in der Endhälfle heller, schmutzig weisslich sind.
Das dunkelste dieser letzteren Eveuiplare ist dem Amur-Exemplare sehr ähnlich und nur um
ein Geringes heller gefärbt. Die erwähnte gemischte Färbung der Seilen selzl sich beim
Amur-Igel, wie bei E. europaeus, auch auf die Extremitäten fort und verliert sich erst am
Fusse, welcher ziemlich einfarbig braun ist, heller als bei den Sareptaschen und dunkler als
bei den Petersburger Exem|)laren von E. europaeus. So liietet also die Färbung des Igels im
Amur-Lande ebenfalls keine diagnostisciien Verschiedeuheilen von dem europäischen Igel
dar, sondern schliesst sich vielmehr eng an die mannigfach variirende Färbung dieser letzte-
ren Form an.
Ein ferneres Kennzeichen, welches den Igel des Amur-Landes zu E. europaeus bringen
lässt, entnehmen wir der Bildung seiner Zehen und Nägel. Diese sind nicht fein und schlank,
wie bei E. aurilns, sondern viel der])er, kräftig und gedrungen gebaut, wie bei E. europaeus.
Die Nägel sind im Verhällniss minder lang als bei ersterem, an der Basis breit und von brau-
ner Farbe wie bei letzterem.
Endlich stimmt der Amur-Igel auch in der minder verlängerten Schnauze und dei- slum-
pferen Nase mit E. europaeus überein. Und so lässt sich denn in der Thal kein einziges Kenn-
zeichen specifischer Verschiedenheit zwischen dem Igel des Amur-Landes und dem europäi-
schen finden. Wir sehen uns daher genolhigt in demselben nur eine durcii dunklere Färbung
der Stacheln und ein vielleicht etwas spitzeres Ohr ausgezeichnete Varietät von E. europaeus
anzunehmen.
104^ Säugelhiere.
In Beziehung auf die geographische Verbreitung ist das Vorkommen von E. eiiropaeus
am Amur eine äusserst überraschende Thatsache. Bekanntlich war Pallas der Ansicht, dass
E. europaeus eine nach Osten sehr eingeschränkte Verbreitung habe, indem er das Ural-Ge-
birt'^e nicht überschreite ') — eine Ansicht , welche wir noch heut zu Tage bei den meisten
Zoologen, wie Wagner ^) , Keyserling und Blasius *), Nilsson *) u. a. m. wiederfinden.
In der Thal ist er in höheren Breiten bisher von keinem Reisenden östlich vom Ural-Gebirge
beobachtet worden. Südlicher aber erwähnte ihn schon Georgi für das gemässigte Sibirien
östlich vom Ural-Flusse, in deuKirgisischen und Songorischen Steppen vom Ural zumObj,
amTobolunillrtysch^) — eine Angabe, auf welche auch H.Akad. Brandt aufmerksam macht*^).
Da Georgi auch den E. aurkus mit besonderen Fundortangaben nennt, so ist nicht anzuneh-
men, dass seine Angabe auf einer Verwechselung dieser, übrigens nur all zu sehr verschiede-
nen Formen beruhe. Auch hat ein anderer von ihm zuerst erwähnter Fundort von E. europaeus,
Georgien ^), durch die späteren Beobachtungen Menetries*) und M. Wagner's^) im Kau-
kasus seine Bestätigung gefunden. Ja in dieser Richtung südwärts hat ihn Schubert sogar
aus der Umgegend Jerusalem' s, wo er nicht selten sein soll, mitgebracht '"). Nach Süden
also ist E. europaeus keinesweges eine bloss europäische, sondern auch eine asiatische Form.
Da wir ihn nun am Amur-Strome nachweisen, so liegt es nahe anzunehmen, dass er in süd-
licheren Breiten als das Ural-Gebirge, in den von Georgi angegebenen Breiten und vielleicht
noch südlicher, vom Kaukasus und von Palaestina ostwärts durch ganz Mittelasien bis
nach China und dem Amur-Lande verbreitet sei. Es ist dies allerdings eine so grosse plötzliche
Erweiterung des Verbreitungsgebietes einer Thierart, wie wir sie in der Geschichte unserer
Wissenschaft selten finden, allein sie betrifft auch solche Gegenden, welche uns in Beziehung
auf ihre Thierwelt noch eine Terra üicognüa sind und an deren Kenntniss wir daher noch
manche Modification unserer bisherigen Ansichten über die Verbreitung organischer Formen
erwarten dürfen. Am Amur habe ich den Igel nur an einem Orte, nahe der Stadt Aigun, also im
Prairie-Theile des Stromes oberhalb des Bureja- Gebirges kennen gelernt. Niemals ist mir
eine Spur desselben im unteren Amur -Lande, an der Mündung des Stromes oder auf der
Insel Sachalin vorgekommen. Möglich also, das ihm dass Bureja-Gebirge eine Gränze der
') Zoogr. Rosso Asialiia. I. p. 137.
2) Die Saiigelliieie von Si:hreber. Suppitbd. Äbtb. 2. p. 20.
3) Die Wirbelthiere Europa's. p. XVII. Dsgl. Blasius, Fauna der Wirbelthiere Deutschlands und der angriinzeu-
den Länder von Mitteleuropa. Bd. I. Naturgesch. der Säugelhiere. Braunscbweig 1837. p. 134.
*) Skandin. Fauna. 1847. I. p. 96.
5) Georgi, Geograph., pbysikal. und naturbistor. Beschreibung des Russ. Reiches. III. Theil. 6. Bd. p. 1532.
'') Bemerkungen über die Wirbeltliiere des nördl. europäischen Russlands, bes. des nördl. Urals, p. 10. Hof-
mann, Der nordliche Ural und das Küstengebirge Pae-Choi. St. Petersb. 1836. II.
') Georgi, I. c.
*) Catal. raisonne des objets de Zool. recueillis dans un voyage au Caucase et jusqu'aux front, act. de la Perse.
St. Petersb. 1832. p. 17.
^) Brandt, lieraerkungen ülter die WirLeltbiere etc. I. c.
'") Wagner, Die Säugelhiere von Scbreber. I. c.
Erinaceus evropaeus. E. aurilus. 105
Verbreitung nach Osten setzt. In das Amur-Land muss E. miropaeus offenbar aus China sich
verbreitet haben, da er im östlichen Sibirien, westlich vom Amur-Lande, unbekannt ist.
Dass es in der That in China Igel gebe, erfahren wir durch Siebold. Nach dessen Zeug-
niss ^) sollen nämlich lebendige Individuen einer Igel-Art aus China nach Japan gebracht
worden sein, wo es ursprünglich keine Igel gegeben habe und wo sich dieselben, seit jener
Importation, in einigen bergigen Distrikten der Provinz aiito fortgepflanzt haben, immer je-
doch sehr selten sind. Ferner sollen nach Siebold getrocknete und in der Regel sehr mit-
genommene Igel-Felle, als ein in den japanischen Officinen gebräuchlicher Artikel, im Han-
del aus Tibet und China nach Japan gebracht werden. Leider besass ein solches Fell, das
Siebold selbst in Japan erhalten halte, weder Kopf noch Extremitäten und gestattete ihm
daher nicht über die Art, der es angehörte, abzuurtheilen. So viel bemerkt aber Siebold,
dass das Rumpfstück (und also auch die Stacheln) mit demjenigen von E. europaem ganz über-
einstimmend war. Uns kommt es in Folge des Auflindens von E.enropaeus am Amur-Strome
in der That nicht unwahrscheinlich vor, dass die aus China und Tibet nach Japan wan-
dernden Igel- Felle dem E. europaens angehören mögen. Jedenfalls ist die Angabe Siebold's
geeignet unsere Vermuthung, dass E. europaens durch ganz Mittelasien verbreitet sei, noch
mehr zu bestärken.
24) Erinaceus auritiis S. Gmel.
Ob neben E. europaeus auch die sibirische Form E. aurilus das Amur -Land bewohne,
kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, da mir keine Spur dieses letzteren Thieres begegnet ist.
Wahrscheinlich ist es wohl, da bekanntlich schon Pallas, ob er gleich das Verbreituugs<Tebiet
von E. aurilus bis an den Baikal-See angiebl, daurische Exemplare dieses Thieres beschreil)t\
Auch die durch 31iddendorff erhaltene Auskunft über das Vorkommen von E. aurilus an der
Bureja oberhalb ihrer Mündung in den Amur ^) muss unbestimmt bleiben, da wir geo^en-
wärtig , durch das Auffinden von E. europaeus am Amur, nicht wissen können, auf welche
der beiden Arten die Aussage des Tungusen, der 3Iiddendorff die Nachricht vom Igel gab,
zu beziehen sei. Nach der Combinalion unserer bisherigen Erfahrungen über die Verbreitung
der Igel - Arten müsste sie allerdings auf die nachbarliche, sibirische und daurische Form,
E. aurilus, bezogen werden. Seitdem aber das Vorkommen von E. europaeus am Amur und
zwar in demselben Stromtheile, der Prairie oberhalb des Bureja-Gebirges, auf welchen auch
jene Aussage des Tungusen Bezug hat, eine erwiesene Thatsache ist, dürfte man eher genei'^t
sein sie zu Gunsten des E. europaeus auszulegen. Demnach wird es also wahrscheinlich, dass
E. europaeus im Amur -Lande, in dessen oben bezeichnetem Prairie-Theile , nicht bloss am
') Fauna Japonica. Mammalia. Dec. 1. p. 19.
2) Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 139.
') Sibirische Reise. 1. c. p. 76.
SchreDck Amur-Keise Bii, 1. 1^
1 06 Sängelht'ere.
Hauptstronie, sondern auch über diesen hinweg an den linken Zuflüssen desselben, wie an
der Bureja u. a. m., verbreitet sei, an diesen letzteren aber noch unterhalb ihres oberen,
gebirgigen Laufes, über welchen Middendorffs Reise ging, seine Polargränze erreiche.
Uebrigens wiederholen wir nochmals, dass uns auch das Vorkommen von E. aurilus im obe-
ren Theile des Amur -Stromes sehr wahrscheinlich dünkt. Im unteren Amur-Lande aber, an
der Mündung des Stromes und auf der Insel Sachalin scheint er jedenfalls nicht vorzu-
kommen.
25) Sorex vulgaris L.
Bei den GiljakendesContinentes und der Westküste der Insel Sachalin: mwc/ifr und /io«gs c/irä.
« « « des Innern und der Ostknste von Sachalin: koiigtsrlik.
Sorex vulgaris trägt im Amur-Lande eine Farbe, welche von der des europäischen Thieres
etwas abweichend ist und mit der von Middendorff ') an den nordsibirischen Thieren bemerk-
ten Färbung übereinstimmt. Alle meine an der Mündung des Amur-Stromes und auf der Insel
Sachalin im November bis Januar, und also im Winterkleide, gefangenen Thiere stimmen
unter einander in ihrer Färbung sehr überein und zeichnen sich durch den 3Iangel des röth-
lichbraunen und gelblichen Farbentones von den europäischen Exemplaren aus. Die Oberseite
ist au ihnen nicht sowohl rothbraun , als vielmehr dunkelgraubraun und die Unterseite er-
scheint, durch den viel schwächeren bellgelblichen Anflug, heller und weisslicher als an den
europäischen Thieren. Nur wo die dunkle Farbe der Oberseite mit der hellen der Unterseite
zusammenstösst, zeigt sich bisweilen etwas mehr vom gelblichbraunen Farbentone. Diese
dunklere, graubraune Färbung der Amur -Exemplare rührt aber nicht sowohl von einer län-
geren Behaarung und dem damit verbundenen stärkeren Durchschimmern der mausegrauen
Färbung des unteren Theiles der Haare, wie Middendorff es für die sibirischen Thiere an-
nimmt, sondern von der verschiedenen Färbung der Haarspitzen selbst her. Allerdings ist auch
an den Amur-Exemplaren, wie an den nordsibirischen, die Behaarung eine längere als an den
europäischen Thieren und beträgt 8 — 9 Millim., davon über 6 von dunkelgrauer Farbe sind
und nur kaum 2 auf die anders gefärbten Haarspitzen kommen ; diese Haarspitzen aber zei-
gen, denjenigen europäischer Thiere gegenübergehalten, eine entschieden andere Farbe, in-
dem ihnen der röthliche Farbenton fehlt und sie statt dessen dunkelgraubraun sind. Aehnlich
verhält -es sich auch mit der weisslicheren Färbung der Unterseite bei den Amur-Exemplaren.
Genau dieselbe dunkelgraubraune Färbung wie am Amur trägt S. vulgaris auch in Kam-
tschatka, so viel ich aus einer Vergleichung der durch Hrn. Wosnessenski von dorther mit-
gebrachten Exemplare mit den meinigen ersehen kann. Eine Mittelfärbung zwischen den roth-
braunen europäischen Thieren und den dunkelgraubraunen nordsibirischen, kamtschatkischen
und Amur-Foriuen ündel man an den nur schwach röthlichbraun oder rölhlichgraubraun gefärb-
1) Sibirische Reise. 1. c. p. 77.
Sorex vulgaris. S. pygmaeus.
107
teil Thieren dieser Art im Caucasus und im Altaischen Gebirge. Es scheint somit an diesem
Thiere die Schwärze nach Nord und Ost zuzunehmen. Wie an den Spitzmäusen häufig bemerkt
worden ist, variiren auch die Amur -Exemplare von S. vulgaris ansehnlich in der absokiten
Grösse und in der verhältnissmässigen Länge der Schnauze und des Schwanzes. An drei, in
Weingeist aufl)ewahrten Exemplaren aus dem Amur -Lande finde ich folgende .Maasse
(in Millim.) :
Länge von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel.
Länge des Kopfes
Länge des Schwanzes ohne Haarpinsel
Dorf Wair am
Amur. IN'oT.
73
37
Xikolajewscher
Posten. Dec.
75
25
49
Tymy-Thal im
lauem v. Sacha-
lin. Jan.
67
24
50
Sorex vulgaris ist im unteren Amur -Lande die häufigste Spitzmaus. Ich habe sie von
der Mündung des Amur-Stromes und von der Insel Sachalin in mehrfachen Exemplaren
mitgebracht. Auf dem Continente wie a«f der Insel findet sie sich im Winter nicht selten in
den Hütten und Häusern der Giljaken, und habe ich sie in solcher Weise an der Westküste
und im Tymy-Thale, im Innern der Insel, gefangen. Bei ihrer Kleinheit und geringen Anzahl
fügt sie jedoch den Fischvorräthen der Eingeborenen keinen der Rede werthen Schaden zu.
26) |§orex pygmaeus Laxm.
Bei den Giljaken des Continentes und der Insel Sachalin wie S. vulgaris,
Sorex pygmaeus ist im Amur r Lande auf der Oberseite von der gewöhnlichen schwach
röthlichgraubraunen Farbe, auf der Unterseite schmutzig weisslich mit mehr oder weniger
gelblichem Anfluge. An den Seiten gehen die Farben allmählig in einander über. Die
einzelnen Haare haben eine Länge von etwa 7 Millim., davon kaum 2 auf die röthlich-
graubraunen Spitzen kommen, das Uebrige aber von mausegrauer Farbe ist. Wie > andrer
Orten variirt 5. pygmaeus auch im Amur -Lande und ist bald mit spitzerer, bald mit
stumpferer Schnauze , bald mit länger , bald mit kürzer behaartem Schwänze versehen. Ich
habe ein typisch gestaltetes Exemplar aus dem Innern der Insel Sachalin mitgebracht, an
welchem der Schwanz in seiner ganzen Länge mit abstehenden langen Haaren bedeckt und
die Schnauze sehr spitz ist. Andere Exemplare von Sachalin und von der 3Iündung des
Amur-Stromes haben einen kürzer behaarten Schwanz. An allen aber ist der Schwanz ander
Wurzel ziemlich stark eingeschnürt, im Verhältniss recht dick und von ansehnlicher, wenn-
gleich variirender Länge im Verhältniss zu derjenigen des Körpers. An vier, in Weingeist er-
haltenen Exemplaren finde ich folgende Maasse ;in Millim.) :
108
Säugethiere.
Länge von der Nasenspitze bis zur
Schwanzwurzel
Länge des Kopfes
Länge des Schwanzes ohne Haar-
pinsel
INikolajewscher
Posten. Herbst.
48
2t
36
Nikolajewscher
Posten. Not.
52
23
36
Tyniy-Thal im
Innern t. Sacha-
lin. Jan.
45
20
39
Dorf Poghobi an
der Westküste v.
Sachalin. März.
51
22
45
Sorex pygmaeus ist in seiner Verbreitung durch Sibirien seit Laxmann und Pallas ')
bloss bis an den Jenissei nach Osten bekannt gewesen, bis ihn H. Akad. Brandt, nach eini-
gen von Hrn. Wosnessenski mitgebrachten Exemplaren, auch aus Kamtschatka bekannt
machte '). Wir können nun, weiter ergänzend, das Verbreitungsgebiet dieser kleinen Spitz-
maus, durch das Auffinden derselben am Amur und auf der Insel Sachalin, bis an die Kü-
sten der Mandshurei und des Ochotskischen Meeres aufdecken. Ich selbst fing sie im Au-
gust 1854 an den Ufern des Amur-Stromes in der Nähe der Amur-Mündung und erhielt
sie später, im Herbst und Winter, noch mehrmals aus des Umgegend des Nikolajewschen
Postens. Desgleichen fand ich sie an der Westküste und im Innern der Insel Sachalin, wo
sie im Winter, ebenso wie auf dem Continente, bisweilen in den Hütten der Giljaken sich
aufhält. Ueberhaupt scheint sie im Amur-Lande weniger selten als in Sibirien vorzu-
kommen.
III. CHIROPTERA.
27) Tesiieriigo ^Vesperiis) borealis Nilss.
Ein Exemplar dieser Fledermaus-Art, das wir durch Hrn. Maack aus dem Quelllande des
Amur-Stromes haben, stimmt, nach genauer Vergleichung, mit den Beschreibungen dieser
Art und den Exemplaren unseres Museums aus der Umgegend St. Petersburg's vollkommen
übereiu. Die Farbe des Amur-Exemplares ist ebenfalls dieselbe: oben dunkelbraun mit
einem unregelmässigen, nach hinten verschmälerten gelblichen Fleck auf dem Rücken und ei-
nem anderen Fleck von derselben Farbe an der Ohrwurzel und hinter dem Ohre ; unten
') Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 133.
2) Brandt, Bemerkungen über die Wirbelthiere des nördl. europ. Russlands, bes. des nördl. Urals, p. 7. s. Hof-
mann, Der nördlictie Ural und das Küsten-Gebirge Pae-Choi. Bd. II.
Vesperugo fVesperusJ boreah's. Vesperlilio myslacimis. 109
gelblichgrau. Die einzelnen Haare sind in ihrem unteren Theile auf etwa V, ihrer Lance
'3 o
dunkelbraun, im oberen Drittheil oben gelblich, unten heller, gelblichgrau. Die Maasse
des Amur-Exemplares sind folgende:
Flugweite 250 Millim.
Länge von der Nasen- bis zur Scbwanzspitze 95 »
» des Kopfes 18 »
» » Schwanzes • 42 »
» » Ohres am Aussenraude 17 »
» » Ohres am lunenrande 12 »
» » Tragus am Aussenrande 6 »
» » Tragus am Innenrande 4 »
» » Oberarmes 26 »
» » Unterarmes . .• 40 »
» » Daumens ohne Nagel 6 »
» » 3ten Fingers 38_j_15-+-12h-7 »
» » 4'en Fingers 36-1-1 3-i- 8-+-3 »
» » 5'en Fingers 35-h 9-i- 5-f-2 »
» » Schenkels 15 »
» » Schienbeins 19 »
» » Fusses und der Zehen ohne Nägel 8 »
» der frei vorstehenden Schwanzspitze 5
»
Von dieser durch Middendorff am Ostabhange des Stanowoi- Gebirges aufgefunde-
nen ') und also bis nach dem Ochotskischen Meere in ihrer Verbreitung nachgewiesenen
Fledermaus hat H. Maack ein Exemplar von der Mündung des Flusses Daban in die
Schilka und also vom oberen Theila des Amur-Stromes mitgebracht. Ich sah Fledermäuse,
welche wahrscheinlich zu dieser Art gehörten, noch am 30. Sept. (12. Oct.) Abends längs
den felsigen Ufern des Argunj-Flusses schwärmen, bei einer bereits so niedrigen Temperatur,
dass an den Ufern Eis sich bildete und in derselben Nacht auch der erste Eisgang auf dem
Flusse sich einstellte.
28) Vespcrtilio mysstaciiiiis Leisl.
Bei den Giljaken des Continentes : jur/ur und jurjursch.
« « Golde unterhalb des Geong-Gebirges : c/ii/rajda/jtj'.
« « « oberhalb des Geong-Gebirges : c%ragda^.
« « liile am Kur : ylagde.
•) Middendorff, Sibirische Reise. 1. c. p.78.
1 1 Säugethiere.
Bei den Biraren und Monjagern : kulschidu.
« « Oroischonen : tschinyrikan.
(Diese Bezeichnungen beziehen sich wahrscheinlich auf die Fledermäuse überhaupt.)
Indem ich für das Amur-Land diese und die folgende Art Fledermäuse {V. Dauhenlonii
Leisl.) nenne, folge ich der in der zoologischen Systematik bisher üblichen, in manchen Fäl-
len vielleicht allzusehr artensplitternden Unterscheidung nahe verwandter Formen , welche in
Zukunft durch Vergleichung eines an einem Orte reichlicher angesammelten Materiales viel-
leicht manche Reduction erleiden dürfte. Ehe jedoch eine solche geschehen ist, bleibt uns bei
einer Aufzählung und vergleichen !en Beschreibung der Thierarten einer bisher noch unbekannten
Gegend, wo die allgemein übliche Artenunterscheidung den Maassslab abgeben muss, nur übrig
die uns vorliegenden Formen mit den bekannten um so genauer zu vergleichen und die etwa
vorkommenden Abweichungen und Mittelbildungen, die uns allmählig den Variationskreis der
Arten kennen lehren sollen, in allen ihren Einzeltheilen £tufzuzeicjinen.
Nach Kühl, welcher die von Leisler entdeckte Art V. myslacinus zuerst beschrieb, bil-
det ein dichter, langer, weichhaariger Bart längs der Oberlippe das diagnostische Kennzeichen
derselben '). Aus Kuhl's fernerer Beschreibung lässt sich nur noch die Form und Lage der
Talgdrüse , welche bei V. myslacinus eiförmig ist und nur über dem Auge liegt, bei F. Bau-
bentonii dagegen als ein Wulst über dem Auge verläuft und sich abwärts um den hinteren
Rand des Auges herumbiegt ^), als unterscheidendes Kennzeichen zwischen diesen beiden
Arten entnehmen. Nach den späteren, genaueren und schärferen Diagnosen von Keyserling
und Blasius, in Wiegmann's Archiv ^) und in den Wirbelthieren Europa's *), von Nils-
son ^) , von Blasius in der Fauna der Wirbelthiere Deutschlands ^) u. a. m. geben noch die
BeschalTenheit des Ohres, die Anheftung der Flughaut an die hintere Extremität, die ver-
hältnissmässige Länge des 2'en und 3'"^° Gliedes am 3'^" Finger der vorderen Extremität und
die Beschaffenheit der Schwanzflughaut diagnostische Merkmale zur Unterscheidung zwischen
V. myslacinus Leis\. und F. Daubenlonii Lei s\. ab. Alle übrigen von mehreren Autoren eben-
falls hervorgeliobenen Verschiedenheilen zwischen den genannten Arten, wie z. B. in den
Grössenverhällnissen der Zähne u. dgl. m. , bilden so minime und unmerkliche Abstufungen,
dass sie keine specifische Unterscheidung begründen können. Prüfen wir nun, wie sich die ange-
führten Momente der Verschiedenheit beider Arten an unseren Amur-Exemplaren kundgeben.
Von den fünf mir vorliegenden Amur-Exemplaren beider Arten zusammen, davon zwei
von mir selbst und drei von Hrn. Maack gesammelt worden sind, gehören, nach den oben
angeführten diagnostischen Kennzeichen, drei zu V. myslacinus und zwei zu F. Daubenlonii Leisl.
Das Kennzeichen eines längeren Bartes an der Oberlippe bei V. myslacinus ist schwer
') Kühl, Die deutschen Fledermäuse. Hanau. 1817. p. 58.
2) Kühl, I. c. p. 31 und 58.
3) Jahr^'ang V. 183"). Itd. I. p. 310 und 311.
4) p. 33 und 34.
') Skandin. Eauna. 1847. I. p. 43—50.
*) Bd. 1. Nalurgesch. der Säugethiere Deutschlands. Braunschweig. 1837. p. 81 und 96 — 101.
VesperlUio myslacinus. Hl
festzuhalten, da sich in diesem Punkte vielfache Abstufungen finden und V. Dmibentonii eben-
falls eine behaarte Schnauze hat. Als alleiniges diagnostisches Kennzeichen, wie Kühl es auf-
fasst , dürfte es daher wohl nicht hinreichen V. mystacimts von V. Daubenlonü in allen Fällen
zu unterscheiden. Dennoch haben von den Amur-Fledermäusen die drei Exemplare, welche
ich für V. myslacinus halte, eine entschieden stärkere Behaarung der Oberlippe als die von
mir zu V. Daubenlonü gebrachten Thiere.
In Beziehung auf die Form und Erstreckung der Talgdrüse lassen sich die Amur-Exem-
plare ebenfalls in der angegebenen Weise in zwei Arten unterscheiden. Ich zweifle jedoch
sehr, dass dieses Kennzeichen ein durchgreifendes sein dürfte, da sich auch an meinen Exem-
plaren verschiedene Grössenverhältnisse an der Talgdrüse bemerken lassen und mit der Grösse
zugleich auch die Erstreckung der Drüse nach hinten eine Veränderung erleidet. Auch hat
dieses Moment nach Kühl von keinem der späteren Zoologen weitere Berücksichtigung gefun-
den , vielleicht auch aus dem Grunde , weil es kein äusserliches und darum auch nicht immer
und an trockenen Exemplaren der Museen niemals brauchbares Kennzeichen ist.
Das Moment aber, auf welches die neueren Zoologen bei Unterscheidung der genannten
Arten und der Fledermäuse überhaupt das grosste Gewicht legen, ist bekanntlich die Beschaf-
fenheit des Ohres. Dieses ist bei V. myslacinus am Aussenrande stärker und tiefer buchtig aus-
gerandet als bei V. Daubenlonü ; auch soll der Ohrdeckel bei ersterer etwas länger und von
der Basis an, bei letzterer bloss in der Endhälfte verschmälert sein. Blasius legt, bei Erwäh-
nung der Variabilität von V. myslacinus, auf die Beständigkeit dieses Kennzeichens besonderes
Gewicht'). An meinen drei Amur-Exemplaren finde ich ebenfalls den Aussenrand stark buch-
tig ausgerandet, so dass sie nach diesem Kennzeichen unzweifelhaft zu V, myslacinus gehören.
Dennoch finden sich in diesem Verhältniss ebenfalls Abstufungen , wodurch sich die beiden
Formen V. myslacinus und V. Daubenlonü so weit nähern,-dass die Unterscheidung zweifelhaft
wird. Ja dies kann um so leichter geschehen , als die gleichzeitige Verschiedenheit in der
Länge und Form des Ohrdeckels zwischen V. myslacinus und V. Daubenlonü, wie Keyserling
und Blasius sie angeben, sich nicht durchweg zu bestätigen scheint. So ist an den Amur-
Exemplaren von V. myslacinus, mit deutlicher und starker Einbuchtung am Aussenrande des
Ohres, der Tragus dennoch nur in seiner Endhälfte deutlich verschmälert und läuft am Ende
bald mehr, bald weniger abgerundet spitz zu. Seine äusserste Spitze ist nicht nach aussen ge-
bogen, sondern verläuft grade, und kann ich ihn der Form nach vom Tragus von V. Dauben-
lonü kaum und nur durch eine sehr wenig grössere Breite an der Basis als im weiteren Ver-
laufe unterscheiden. Ebenso ist die verschiedene Länge des Tragus sowoh wie des ganzen
Ohres bei V. myslacinus und V. Daubenlonü zu gering, um hinzureichen beide Formen immer
mit Sicherheit auseinander zu halten.
Ein ferneres Kennzeichen, auf welches sowohl Keyserling und Blasius, als auch Nilsson
grossen Nachdruck legen, ist die verhältnissmässige Länge des 2'^" und 3'en Gliedes am
1) Fauna der Wirbellh. Deutschlands. I. c. p. 98.
112 Säugethiere.
3ten Finger der vorderen Extremität, indem diese beiden Glieder bei V. mystacinus gleicli lang
sind, bei V. Daubentonii dagegen das 3'" Glied kürzer als das 2'e ist. Blasius fügt ausdrück-
lich hinzu, dass das eine Eigenlhümlichkeit von V. mystacinus sei , die sich bei keiner anderen
europäischen Fledermaus ünde '). Die unten mitgelheilten Maasse bestätigen dieses Verhältniss
auch an den Amur-Exemplaren bis auf die unbedeutende Differenz von '/, 31illim. Doch
scheint diese Differenz bisweilen auch grösser zu sein. Denn bei einer der von Hrn. Wosnes-
senski aus Kamtschatka mitgebrachten Fledermäuse, welche mir, ungleich den anderen
von Hrn. Akad. Brandt zu V. Daubentonii gehr achten Exemplaren, nach der Länge des Bartes,
der Beschaffenheit der Ohren und der Anheftung der Flughäute längs den Fusssohlen zu V.
mystacinus zu gehören scheint und mit den Amur-Exemplaren im Uebrigen sehr übereinstim-
mend ist, sehe ich die Differenz zwischen dem 2*6" und S'«" Gliede am 3'*" Finger sogar auf
1 Millim. steigen. Erwägt man nun, dass andrerseits diese Differenz bei V. Daubentonii oft,
und auch bei den Amur-Exemplaren, nur 2 Millim. beträgt, so bleibt zum Unterschiede zwi-
schen beiden Arten in diesem Punkte nur eine Differenz von 1 Millim. nach. Allein genom-
men, dürfte daher dieses Moment ebenfalls nicht immer zur unzweifelhaften Unterscheidung
der genannten Arten dienen.
Aehnlich verhält es sich mit der Differenz in Beziehung auf die Anheftung der Flughaut
längs der Fusssohle. Uebereinstimmend mit den Diagnosen der beiden Arten, reicht auch bei
den Amur-Exemplaren von F. mystacinus die Anheftung der Flughaut längs der Fusssohle
bis zur Zehenwurzel, bei V. Daubentonii dagegen bis etwa zur Mitte des Mittelfusses. Da aber
die ganze Fusssohle nur etwa 3 — 4 31illim. beträgt , so bleibt nur ein Raum von i^^ — 2
Millim. freier, von der Flughaut längs ihrem Rande unberührter Fusssohle bei V. Dauben-
tonii zur Unterscheidung von V. mystacinus übrig.
• Das Kennzeichen ferner, das Nils so n in den Diagnosen dieser beiden Arten allen übri-
gen voraussetzt, dass nämlich die Schwanzflughaut bei V. mystacinus mit zahlreichen (10 — 12)
merkbaren Qucrslreifen versehen sei, bei V. Daubentonii dagegen keine solchen, sondern, wie
Nilsson in der ferneren Beschreibung dieser Art anführt, nur eine grosse Menge vermittelst
der Loupe sichtbarer, punktirter Linien habe, kann ich an den Amur-Exemplaren nicht ganz
bestätigt finden. An diesen sind nämlich Querstreifen bei V. mystacinus sehr deutlich und sogar
bis zur Anzahl von 1 4 vorhanden ; dieselben fehlen aber auch den Exeimplaren von V. Dau-
bentonii nicht ganz, sondern sind nur viel schwächer und übrigens bei beiden mit kleinen,
dem unbewaffneten Auge sichtbaren Punkten oder Wärzchen versehen.
Uebereinstimmend endlich mit den Beschreibungen dieser beiden Arten, ist der Pelz bei
den Amur-Exemplaren von V. mystacinus langhaariger als bei denjenigen von V. Daubentonii.
Seine Farbe ist bei V. mystacinus oben schwärzlich gelbbraun , unten schmutzig gelblichgrau.
Die einzelnen Haare sind in ihrem unteren Theile bis über die Hälfte hinaus schwarz, an den
Spitzen auf der Oberseite fahlgelblich braun , auf der Unterseite fahlgelblich grau. Der Bart
') Fauna der Wirbellh. Deutschlands. I. c. p. 97.
Vesperlilio mystacinus.
113
an der Oberlippe ist dunkelschwarzbraun oder schwarz. Die Unterseite der Schwanzflughaut
trägt viele einzelne graue Haare , namentlich längs dem Schwänze und von diesem aus auf
und zwischen den Querstreifen der Flughaut. Die Amur -Exemplare stimmen in ihrer Fär-
bung ganz mit den in unserem Museum befindlichen europäischen Thieren aus dem Böhmer-
Walde, dem Caucasus und dem Kasan'schen Gouvernement, wie mit einem Exemplare aus
Kamtschatka überein.
Die Maasse der drei mir vorliegenden Amur-Exemplare von F. mystacinus sind folgende
(in Millim.):
Flugweite
Länge von derNasen-bis
zur Schwanzspitze. . .
Länge des Kopfes
Länge des Schwanzes.. .
Länge des Ohres am Aus-
senrande .
Länge des Ohres am In-
Tragus
Tragus
am
am
nenrande,
Länge des
Aussenrande
Länge des
Innenrande
Länge des Oberarmes. . .
Länge des Unterarmes . .
Länge des Daumens ohne
Nagel ,
Länge des 3'"^° Fingers
4ien Fingers
5ten Fingers
Nikolajewschcr Posten.
10 (22) Sept.
205
80
15
36
14
12
' 2
6
22
34
294-
28 -
28 -
-101
■ 8 -
■ 8 ■
-10-
8-
6-
11
14JL
H
» »
» » Schenkels... 12 10
» » Schienbeins . . 15 14
Länge des Fusses u. der
Zehen ohne Nägel . • .
Länge der frei vorstehen-
den Schwanzspitze. . .
Das Verbreitungsgebiet von V. mystacinus, einer Fledermaus, welche bisher bloss in
Europa bis zur Ukraine und dem Caucasus bekannt war, gewinnt in unseren Augen durch
Schreück Amar-Reise Bd. I. 15
Bai Hadsbi. Augrust.
190
70
14
31
13
11
H
5
19
30
27-h-9|-h9 -+-H
27-
27-
-n-
-6|-f-2
-6 -t-1
Amur oberhalb Borbi.
180
72
14
33
13
11
H
20
31
281-1-10-
28 -+- 8-
27 -+- 7-
10 -
• n-
■ H-
-4
-2
-2
114. Säugelhiere.
das AufQnden derselben im entferntesten Osten Asiens eine bedeutende Erweiterung. Zunächst
stellt sicL nach einer genauen Prüfung der von Eversmann ') als neu aufgestellten und von Hrn.
Akad. Brandt^) bereits in Zweifel gezogenen Art V. Brandlii und einer Vergleichung derselben mit
den Amur-Exemplaren von V. mystacimis deutlich heraus, dass dies Ibe nicht, wie H. Akad.
Brandt vermuthete, zu V. Daubenlonü, sondern zu V. myslacinus gehört. Ein Exemplar der-
selben, das unser Museum besitzt und das von Eversmann selbst herrührt, hat eine lange
Behaarung der Oberlippe, stark ausgebuchtete Ohren, eine ganz gleiche Länge (von 9^^ Millim.)
des 2'^" und 3'en Gliedes am 3'*"i Finger , eine längs der ganzen Fusssohle bis an die Zehen-
wurzel angeheftete Flughaut und eine sehr deutlich quergestreifte Schwanzdughaut — Merk-
male, nach denen diese Fledermaus ohne Zweifel zu V, mystacinus gebracht werden muss.
Auch stimmt es in seiner Färbung ganz mit den europäischen und den Amur -Exemplaren
überein. Demnach käme also V. mystacinus in den Vorbergen des Urals, an der Ssakmara und
im Kasan'schen Gouvernement vor. Ferner muss ich eine der von Hrn. Wosnessenski aus
Kamtschatka mitgebrachten Fledermäuse, wegen der bereits oben erwähnten Charaktere
derselben, ebenfalls zu V. mystacinus bringen. Endlich habe ich selbst diese Fledermaus von
der 3Jünduug des Amur -Stromes und von der Bai Hadshi, an der Meerenge der Tartarei
im 49° n. Br., mitgebracht, während H. Maack sie am Amur -Strome oberhalb des Dor-
fes Borbi (d. i. etwa 400 Werst oberhalb seiner Mündung) erhielt. So scheint also diese
Fledermaus quer durch den ganzen europäisch - asiatischen Continent verbreitet zu sein. An
der Mündung des Amur -Stromes ist sie die häufigste Fledermaus; dort habe ich sie im Au-
gust und Anfang September's an heiteren Abenden, gleich nach Sonnenuntergang, sowohl
über dem Strome, wie an gelichteten Stellen des Waldes und zwischen den Häusern des Ni-
kolajewschen Postens fast täglich fliegen sehen. Ihr Flug ist wenig hoch, aber rasch und
mannigfaltig und das Thier daher schwer zu fangen. Etwa nach dem 15. (27.) Sept. Hess sie
sich nicht mehr sehen.
29) Vespertilio DaulientGiiii Lcisl.
Bezeichnungen bei den Eingeborenen wie für V. mystacinus.
Die Beschaffenheit der Amur -Exemplare von V. Daubentonü ist bereits oben, bei Gele-
genheit einer Vergleichung mit V, myslacinus , besprochen worden. Die Farbe der Amur-
Exemplare ist mit derjenigen europäischer Thiere ganz übereinstimmend , oben röthlichgrau-
braun, unten weisslichgrau. Die einzelnen Haare sind auf der Oberseite in ihrem unteren
Theile bis über die Hälfte hinaus dunkel schwarzbraun, an den Spitzen licht röthlichgrau-
braun, auf der Unterseite unten schwarzgrau, an den Spitzen weiss. Die Unterseite der
Schwanzflughaut hat einzelne graue Härchen, welche am Rande derselben eine schwache Spur
1) Bullet, de la soc. des naliir. de Moscou. 1843. T. XVIII. No. II. p. 503.
^) Die Handflügler des europ. und asiat. Russlands. S. dessen Beiträge zur näheren Kenntniss der Säugetbiere
Russlands, p. 39. Auch in den Jlemoires malbem., phys. et nat. de l'Acad. des sc. de St. Petersbourg. T. VII.
Vesperlilio Danbentonn. Plecotus aurilus.
115
von Wimperung bilden. Die Maasse der beiden mir vorliegenden Amur -Exemplare sind
folgende (in Millim.) :
Flugweite
Länge von der Nasen- bis zur Schwanzspitze
Länge des Kopfes
» Schwanzes
» Ohres am Aussenrande
» » » Innenrande
» Tragus am Aussenrande
» » » Innenrande
» Oberarmes
» Unterarmes
Daumens ohne Nagel
3ten Fingers
4ien Fingers
5ien Fingers
Schenkels
Schienbeins . .
Fusses und der Zehen ohne Nägel.
Amur oberhalb der Bureja-
Müudung. 23. Sept.
Amur oberhalb der Dseja-
Mündung. 8. Ott.
180
200
78
78
16
16
34
35
14
15
12
12^
7
7
5
5
23
25
36
37
7
6
31-f-12-HlO-t-7
33 -h12 H-10-H7
30h- 9-+- 7-+-3
32|h- 9|-t- 8h-3
30h- 9h- 5h-3
32 H- 9 H- 5h-2^
13
13
16
17
9
8
3
2
der frei vorstehenden Schwanzspitze . .
In Beziehung auf die geographische Verbreitung ist V. Daxibentonii durch Eversmann
und Brandt vom Altaischen Gebirge und durch die vonHrn. Wosnessenski mitgebrachten
Exemplare auch aus Kamtschatka ^) und also durch ganz Nordasien bekannt. Zwei Exem-
plare derselben Art sind von Hrn. Maack am .^ur-Strome, eines oberhalb der Dseja -Mün-
dung, das andere oberhalb der Bureja-Mündung erhalten worden.
30) Plecotus aua'Btiis L.
Das einzige mir vorliegende Exemplar dieser Fledermaus aus dem Amur -Lande, und
zwar von der Küste der Mandshurei, finde ich, nach genauer Vergleichung aller Charaktere,
mit dem europäischen Thiere ganz übereinstimmend. Die Farbe desselben ist oben gelblich-
graubraun, unten blasser, hellgelblichgrau. Die einzelnen Haare sind in ihrem unteren Theile
bis über die Hälfte hinaus schwarzbraun, an der Spitze oben hellgelblichbraun , unten hell-
gelblichgrau. Die Maasse des mandshurischen Exemplares von PL aurilus sind folgende :
') Brandt, Die Uandflügler des europ. u. asiat. Rassl. S. dessen Beitr. z. nah. Eenntniss d. Saugeth. Russl. p. 39.
*
»
»
»
»
»
»
116 Säugethiere.
Flugweite 250 Millim.
Länge von der Nasen- bis zur Schwanzspitze 98 »
» des Kopfes 19 »
» » Schwanzes 48 »
» » Ohres, von der Basis des Innenrandes an 35 »
» » Ohrdeckels 17 »
Oberarmes 26 »
Unterarmes 41 »
Daumens ohne Nagel 8 «
» » 3'e° Fingers 36h-1 5-1-1 4-+-7 »
» » 4K'n Fingers 36-i-lO-i- 9h-2 »
» » 5'en Fingers 34-1-1 0-+- 8-»-2 »
» » Schenkels 16 »
» » Schienbeins 20 »
» » Fusses und der Zehen mit den Nägeln 11 »
» der frei vorstehenden Schwanzspitze 2J »
In Beziehung auf die geographische Verbreitung von Plecotus aurüus gab schon Pallas
das vonSteller beobachtete Vorkommen dieser Fledermaus in Kamtschatka an'). Hrn.Akad.
Brandt hat sie neuerdings von der Küste des Ochotskischen Meeres bei Ajan bekannt ge-
macht "). Wir können nun, weiter nach Süden ergänzend , unsere Kenntniss von der Ver-
breitung dieser Fledermaus im Osten Asiens auch über die Mandshurei ausdehnen, indem
ich ein Exemplar dieses Thieres von der Bai Hadshi, an der Meerenge der Tartarei im
49° n. Br., erhalten habe, und H. Maack dieselbe Fledermaus bei Nertschinsk, also im
oberen Theile des Amur-Systemes angetroffen hat.
IV. G L I R E S.
3 1 . Ptei'oiuys volaii!$ L.
Bei den Giljaken des Continentes und der Westküste von Sachalin: tumr und tumrsch.
« « « des Innern und der Ostküste von Sachalin : okila-nga.
« « Mangunen, Golde, Ssamagern (Kile am Gorin) : c/iongmo.
') Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 124.
^) Brandt, Die Uaudflügler des europ. und asial. Russlands, s. dessen Beiträge etc. p. 40.
Pteromys volans. 117
Bei den Kile am Kur: omoki.
« « Biraren und Monjagern: umki.
« « Orotsclionen: notaga ').
Die Amur -Exemplare des fliegenden Eichhörnchens dürften mit den sibirischen ganz
übereinstimmend sein. Nur scheint mir Pallas's treffliche und ausführliche Beschreibung von
Pt. volans^), welche vielen späteren Beschreibungen dieses Thieres zur Grundlage gedient hat,
bei Erwähnung der gemischten Färbung des Thieres den wohl meist vorhandenen, bald stär-
keren, bald schwächeren, schmutziggelblichen Farbenton desselben zu sehr ausser Acht zu
lassen. An den Amur -Exemplaren von Pt. volans ist die Farbe oben aschgrau, mehr oder
weniger schmutziggelblich untermischt ; unten weiss , bisweilen ebenfalls mit iheilweisem
schmutziggelblichem Anfluge. Das Wollhaar ist dunkel mausegrau. Die Deckhaare des Rückens
sind in ihrem unteren Theile dunkelgrau, im oberen weisslich oder gelblich und an der Spitze
wiederum schwärzlich, — eine Zeichnung, durch welche die gemischte, grauweisslich gelbliche
Färbung des Thieres entsteht. Auf der Unterseile sind die Deckhaare in ihrer unteren Hälfte
dunkelgrau, in der oberen weiss, einige auch gelblich und mit schwärzlichen Spitzen, zumal
nach den Seilen hin und unter der Flughaut. Der Schwanz ist graugelblich mit schwärzlichem
Anfluge; das Wollhaar an demselben ist grauweisslich, die Conlourhaare weisslich und gelb-
lich, viele, zumal gegen das Ende des Schwanzes, mit langen schwarzen Spitzen versehen.
Pallas's Ansicht, dass das fliegende Eichhörnchen nach Osten kaum die Lena über-
schreite^), wurde neuerdings durch das Auffinden dieses Thieres von Hrn. Akad. Middendorff ')
imStanowoi-Gebirge und von Hrn. Wosnessenski in den Waldungen bei Ajan am Ochot-
skischen Meere ^) widerlegt. Wir können nun auch das ganze Amur -Land in das Verbrei-
tungsgebiet dieser Thierart ziehen. Pt. volans ist allen dem Amur -Strome anwohnenden
Völkern, von den Orotschonen bis zu den Giljaken, bekannt. Im oberen und unteren wald-
reichen Stromlaufe kommt es als Bewohner der unmittelbaren Ufer des Amur -Stromes und
seiner beiderseitigen Zuflüsse, wie des Kur, Chongar, Gorin, Jai u. a. m., vor. ImPrairie-
iheile dagegen kennen es die Eingeborenen nur von den Abhängen der landeinwärtsgelegenen,
mit Wald bedeckten Gebirge. An der 31ündung des Amur-Stromes habe ich dieses Thier aus
der nächsten, meist mit Nadelholz bewachsenen Umgegend des Nikolajewschen Postens wäh-
rend des ganzen Winters, vom November bis Mai, zu wiederholten Malen erhalten. Nicht min-
der bewohnt Pt. volans die bewaldeten Küsten des südlichen Ochotskischen Meeres, des
Amur-Limanes, wo ich es im Dorfe Tschomi gesehen habe, und der Meerenge der Tartarei,
an der Bai de Gas tri es und, nach Aussage der Eingeborenen, bis über die Bai Hadshi nach
Süden hinaus. Auch setzt ihm die Meeresküste hier nicht sogleich eine Gränze der Verbrei-
1) Wahrscheinlich bloss eine Verstümmelung des russischen Wortes Ijetjaga.
-) Novae Species Quadr. e Glirium ordine. Erlangae 1778. p. 353 sq.
3) Xovae Spec. Quadr. e Glir. ord. p. 360. Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 191.
■■) Sibirische Reise. 1. c. p. 78.
5) Brandt, Bemerk, iiber die WirLelth. des nördl. europ. Russlauds, p. 32. s. Hofmann, Der nördl. Ural und
das Küsteugeb. Pae-Choi. II.
118 Säugethiere.
tung. Ungleich seinem Verhalten im Norden, wo es durch waldlose Strecken von der Halb-
insel Kamtschatka ferngehalten wird, hat sich das üiegende Eichhörnchen im Amur-Lande
von der Küste der Mandshurei, wohl hei Cap Lasareff, auch üher die nahe anliegende
Insel Sachalin verbreitet, wo es beide Küsten, sowohl als auch das mit gemischter Nadel-
und Laubholzwaldung und darunter häufig auch mit der Belula Ermanni bewachsene Innere
des Insel bewohnt.
32) Sciui'iis vulgaris L.
Bei den Giljaken des Continentes und der Westküste der Insel Sachalin: lakr und lakrs.
« « « des Innern und der Ostküste von Sachalin: lafkor.
« « Mangunen, Golde am Amur unterhalb des Ussuri und am Ussuri, Ssamagern
(Kile am Gorin): chulu und chuluch'ssa,
« « Kile am Kur, Golde oberhalb des Ussuri, Biraren, Monjagern, Orotschonen:
uluki.
« « Dauren: kyrmo.
Nach den ausführlichen Beschreibungen, welche wir durch Müller, Pallas und in neue-
rer Zeit durch Middendorff von der in den verschiedenen Theilen Sibirien's variirenden Fär-
bung des Eichhörnchens haben, und den zahlreichen verschiedenfarbigen Exemplaren, welche
unser Museum durch Hrn. Akad. v. Middendorff und Hrn. Wosnessenski aus dem
Norden und Osten Sibirien's besitzt, wird es uns möglich auch über die Farbe des Eichhörn-
chens im Amur -Lande im Vergleiche zu derjenigen sibirischer Thiere Genaueres mitzu-
theilen. Schon Müller ') und Pallas ^) heben hervor, dass die ostsibirischen Eichhörnchen,
in den Gegenden am Baikal-See und an den Flüssen Angara, Sseleuga, Argunj, Witim,
Lena und bis nach Ochotsk, dunkler als die westsibirischen und im Sommer sogar von
braunschwarzer oder beinahe ganz schwarzer Farbe sind. Genauer bezeichnet Middendorff
das rechte Ufer des Jenissei als die Gränze, von wo an nach Osten eine tiefer dunkelgraue
Winlerfärbung beginnt und die rothen Tinten mehr und mehr schwinden, um durch Braun-
schwarz ersetzt zu werden. Noch um einen Ton dunkler und durch einen noch grösseren Aus-
schluss der rothen Tinten charakterisirt fand Middendorff die Eichhörnchen am Stano-
woi- Gebirge, an dessen Ostabhange er im Sommer auch beinahe ganz schwarze Thiere
antraft). Vergleicht man nun die Eichhörnchen des Amur-Landes mit den sibirischen, so
reihen sich dieselben diesen zuletzt von Middendorff erwähnten ziemlich genau an und sind
nur, wie es scheint, noch etwas dunkler und durch einen noch grösseren Ausschluss der ro-
then Tinten gezeichnet. Betrachten wir die Färbung derselben nach den Jahreszeiten be-
sonders.
1) Sammlung Russ. Gesch. III. p. 519.
*) Novae Spec. Quadr. e Glir. ord. p. 373. Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 185.
3) Middendorff, Sibirische Reise. 1. c. p. 81.
Sciurus vulgaris. 119
Die Winterfärbung der Amur-Eichhörnchen ist ein recht dunldes Grau, Es ist beträcht-
lich duuiiler als das winterliche Grau der Eichhörnchen des rechten Jenissei- Ufers. Diese
dunklere Färbung der Amur -Eichhörnchen rührt von einer Zunahme der schwarzen Farbe
an den Deck- und Oberhaaren her. Nach 3Iiddendorffs genauen Untersuchungen unterschei-
den sich nämlich die dunkler grauen Jenissei -Eichhörnchen von den europäischen der Ost-
seeküsten dadurch, dass bei letzteren die Deck- und Oberhaare weisse Spitzen haben, bei den
Jenissei-Eichhörnchen dagegen nur die Deckhaare weisse Spitzen behalten, die einzeln aus
diesen hervorstehenden Oberhaare aber schwarze Spitzen bekommen, wodurch die Felle na-
türlich dunkler als die der baltischen Eichhörnchen werden. Bei den Jenissei-Eichhörnchen
sind demnach die Deckhaare an der Spitze weiss, dann schwarzbraun, dann wiederum weiss
und endlich in der Wurzelhälfte grau; die Oberbaare an der Spitze schwarz, dann weiss, dann
schwarz oder schwarzbraun, dann wiederum weiss und endlich in der Wurzelhälfte grau. Bei
den Amur-Eichhörnchen dagegen sind die Deckbaare an der Spitze schwarz, dann weiss, dann
schwarz oder schwarzbraun, dann wiederum weiss und endlich in der Wurzelhälfte grau ; die
Oberhaare an der Spitze in einem langen Stück schwarz, dann eine kurze Strecke lang weiss und
in der Wurzelhälfte grau. Die Schwärze hat also an den Amur-Eichhörnchen, wie ich aus einer
direkten Vergleichung derselben mit den Middendorff'schen Exemplaren von der unteren
Tunguska entnehmen muss, in doppelter Weise zugenommen: einmal haben die Deckhaare
ebenfalls schwarze Spitzen bekommen, wie an den Jenissei-Eichhörnchen im Vergleiche zu
den baltischen die Oberhaare, und dann ist an den Oberhaaren der obere weisse Ring durch
das zunehmende Schwarz der Spitze zumeist verschwunden , so dass also die schwarze Spitze
der Oberhaare viel länger geworden ist. Die erstere .Zunahme an Schwärze, an den Deckhaa-
ren, findet bei den Amur-Eichhörnchen durchgängig statt, so dass es mir kaum gelungen ist
ein Deckhaar zu finden, das keine schwarze Spitze hätte; die letztere dagegen hat nur zumeist
statt, indem sich immer noch Oberhaare finden, an denen der obere weisse Ring mehr oder we-
niger deutlich erhalten bleibt. Es ist dies ein ganz ähnliches Ueberhandnehmen der schwarzen
Farbe am Haar, wie wir es oben beim Igel des Amur-Landes an den Stacheln gesehen haben.
Natürlich aber, dass durch diese zweifache Zunahme an Schwärze, an den Deck- und Ober-
haaren, bei den Amur-Eichhörnchen im Vergleich zu den Jenissei'schen ein viel dunkleres
Grau entsteht. Zwischen den Amur- und Jenissei-Eichhörnchen mitten inne stehen die Eich-
hörnchen des Stanowoi-Gebirges und der Westküste des Ochotskischen Meeres, bei denen
man daher auch schon den Anfang zu jener zweifachen Weise des Dunklerwerdens an den Deck-
und Oberhaaren findet. So sind an den Eichhörnchen der Küste des Ochotskischen Meeres
bei Ajan die Deckhaare bald mit weissen, bald, und zumeist, mit schwarzen Spitzen versehen,
und an den Oberhaaren ist der obere weisse Ring zwar meistentheils vorhanden, bisweilen
jedoch auch verschwunden. Dasselbe findet an den Eichhörnchen statt, die wir durch Midden-
dorff vom Westabhange des Stanowoi-Gebiraes bei Bah ktach-Munaly erhalten haben und
die im September schon ihre volle Wintertracht angezogen hatten. — Was die Ausschliessung
rother Tinten betrifft, so ist diese an den Winterfellen der Amur-Eichhörnchen noch vollständiger
120 Säuge thiere.
als an denen des Stanowoi-Gehirges und der Küsten des Ochotskischen Meeres. Midden-
dorff erwähnt, dass an den Eichhörnchen des Südahhanges des Stanowoi-Gebirges bis nach
Nertschiusk hin das dunkelgraue Winterfell der Eichhörnchen nicht selten einen Anflug von
gelblich-rolhlicher Tinte hat'). An den Amur-Eichhörnchen habe ich das nicht gesehen, und
dürfte es daher bei ihnen nur sehr seilen statt haben. An den fünf mir vorliegenden Winter-
fellen vom oberen Amur, von der Mündung des Stromes und von der Einmündung des
Gorin in denselben beschränkt sich die einzige schwache Spur gelblich-röthlicher Färbung
darauf, dass an den Deckhaaren des Kopfes und der Schwanzwurzel die weisse Farbe etwas
schmutzig gelblich - bräunlich getrübt ist ; die Obren aber sind dunkel braunschwarz und die
Ohrenpiusel beinahe rein schwarz und ohne den geringsten röthlichen Anflug, während die
Eichhörnchen von Ajan am Ochotskischen Meere einen solchen besitzen. Die Beine sind
braunschwarz, die hinteren dunkler; der Schwanz dunkelbraunschwarz, ebenfalls schwärzer
als an den Eichhörnchen um Ajan und vom Stanowoi- Gebirge und ohne den geringsten
röthlichen Anflug. — Ich bemerke ferner, dass auch an den Amur-Eichhörnchen, wie nach
Middendorffs Bemerkung *) an denjenigen des rechten Jenissei-Ufers und der östlich von
diesem gelegenen Gegenden Sibirien's, Unterkiefer und Kehle grau oder schwärzlich, von der
Farbe des Kopfes sind, und das Weiss des Halses oft, durch Vorrücken der dunklen Fär-
bung der Oberseite nach unten, mehr oder weniger verschmälert ist. Von den neun mir
vorliegenden Amur-Exemplaren, davon eines von Hrn. Maack und die übrigen von mir ge-
sammelt worden sind, ist nur an einem, von der Mündung des Gorin-Flusses in den Amur, ein
schmaler weisser Streifen längs der Kehle vorhanden, der sich vom Unterkiefer an ununter-
brochen nach dem Halse hinzieht. Endlich ist auch an den Amur -Eichhörnchen, wie nach
Jlidi'eudorffs Bemerkung an denjenigen des Stanowoi-Gebirges, das Fell minder weich
anzufühlen als an den Eichhörnchen des Jenissei-Stromes.
Das Sommerfell der Eichhörnchen im Amur- Lande scheint vorherrschend von dunkel-
braunschwarzer oder beinahe ganz schwarzer Farbe zu sein. Es schliesst sich an die Sommer-
färbung der Eichhörnchen an der Westküste des Ochotskischen Meeres von Ajan bis Ud-
skoi-Ostrog und an den Oslabhängen des Stanowoi-Gebirges an. Wie bei diesen ist es
bald beinahe rein schwarz, bald mit schwachem rölhlichem Schimmer versehen, je nach-
dem in welchem Grade sich die röthlichen Ringe unterhalb der schwarzen Spitze der
Haare in der schwarzen Grundfarbe verlieren. Ein Exemplar vom Bureja- Gebirge, am 24.
Juli (5. Aug.) geschossen, ist auf der Oberseile dunkel braunschwarz, an den Deckhaaren
unterhalb der schwarzen Spitzen mit rothbraunen Ringen versehen, welche zumal am Nacken,
am Vorderrücken und an den vorderen Extremitäten deutlich durchschimmern, am Hinterrrücken
dagegen in der schwarzen Grundfarbe verschwinden. Der Kopf an demselben ist braunschwarz
mit weisslich-gelblichen Ringen an den Haaren, die Ohren rothbraun , der Schwanz dunkel-
braunschwarz mit durchschimmerndem Rothbraun in der Wurzelhälfte der Haare. Ein
') Sibirische Reise. 1. c. p. 82.
^) Sibirische Reise. I. c. p. 81.
Sciunis vulgaris. 121
anderes Eveniplar , aus der Bai Iladshi an der Küste der Meerenge der Tartarei vom Juni
Monat, ist dunkler als das vom Bureja-Gebirge, mit weniger durchschimmerndem Rothbraun
der Deckhaare ; die Extremitäten und der Schwanz an demselben sind ganz schwarz. Rothe
Eichhörnchen, deren es im Amur-Lande vermuthlich eben so selten und ausnahmsweise, wenn
nicht noch seltner, wie an der Küste des Ochotskischen Meeres bei Ajan welche geben
mag, habe ich nicht gesehen.
Es bleibt uns nun noch übrig des Ueberganges der Sommer- in die Winlertracht bei den
Amur-Eichhornchen zu gedenken. Ein Exemplar, das am 28. Sept. (lO.Oct.) in der nächsten
Umgegend des Nikolajewschen Postens geschossen wurde, steht im letzten Uebergange aus
der Sommer- in die Wintertracht. Es ist auf dem Ilintenücken bereits ganz von dem dunklen
Grau des Winterfelles, mit einer geringen, kaum merklichen hellbräunlichen Trübung der
weissen Farbe an den Deckhaaren in der Mittellinie des Rückens und im Beginne des Schwan-
zes. An den Seiten ist das Weiss des Bauches von dem Grau des Rückens durch einen etwa
10 — 15 Millim. breiten schwarzen Streifen geschieden, welcher nach Middendorff ') an
jenen dunkel gefärbten Eicbhörnchen-Varietälen des östlichen Sibiriens den äussersten Ueber-
gang von der Sommer- in die Wintertracht bezeichnet. Am Vorderrücken befinden sich aber
ausserdem noch unregelmässige schwarze Flecken als Ueberreste der schwarzen Sommerfär-
bung. Der Kopf ist dunkelgrau mit schwach hellbräunlicher Trübung ; die Ohrenpinsel, die
Extremitäten uud der Schwanz sind dunkel braunschwarz, beinahe ganz schwarz. Die Aende-
rung der Sommer- in die Wintertracht scheint, abgesehen von allen Verschiedenheiten, die in
dieser Beziehung an jedem Orte stattfinden, an der Amur -Mündung ungefähr um dieselbe
Zeil wie am Stanowoi-Gebirge ^) oder um Krassnojarsk ^) und überhaupt in ganz Sibi-
rien *), d. i. gegen Ende September's alten oder Anfang October's neuen Stiles, ihrer Vollen-
dung nahe zu sein. Doch hat Middendorff auch vom 7. — 10. Sept. bei üdskoi Ostrog
noch Eichhörnchen in vollem Sommerhaar geschossen"). Ferner beobachtete Pallas zu Krass-
nojarsk an einem in der Gefangenschaft gehaltenen Eichhörnchen den Beginn der Winter-
tracht am 4. (IG.) October und die volle Winlertracht am 4. (16.) November ^). Ja mir liegt
sogar ein Exemplar vor, dass ich durch Maximowicz von Kidsi am Amur-Strome erhalten
habe und das im November noch das volle schwarze Sommerhaar trägt. Dieses Exemplar ge-
hört überhaupt zu den schwärzesten Eichhörnchen , welche ich gesehen habe. Es ist bis auf
die schneeweisse Unterseile fast durchweg dunkelbraunschwarz; nur am Kopfe und dem Vor-
derrücken finden sich häufig unter den schwarzen Ilaarspitzen trübe weissliche Ringe und an
den Ohren und dem Nacken schimmert eine schwache röthliche Tinte durch. Der Schwanz ist
dunkel braunschwarz und nur in seinem oberen Theile, nahe der Mitte, mit einer durch-
1) 1. c. p. 81.
2)Middendorfn. c.
ä) Pallas, Novae Spec. Qiiadr. e Glir. ord. p. 372.
^) Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 185.
*) Sibirische Reise. 1. c. p. 82.
*) .Novae Spec. Quadr. e Glir. ordine. p. 373.
ficKreock Amur-Reise Bd. l. 16
122 ■ Säugel hier e.
schimmernden, gemischten, röthlich - weisslichen Färbung an der Wurzelhälfle der Haare
gezeichnet. Das Winterkleid scheinen die Eichhörnchen im Amur- Lande weit in das Früh-
jahr hinein anzubehalten; im März zum wenigsten sind sie im unteren Amur-Lande noch im
vollen Winterhaar.
Aus dieser Vergleichung der Amur-Eichhörnchen mit den Sibirischen können wir den
Schluss ziehen, dass das Eichhörnchen des Amur-Landes zu den schwärzesten der bisher be-
kannten Varietäten gehört. Nach Müller sind die schwärzesten Eichhörnchen östlich vom Bai-
kal-See, bei ßargusinsk, an der Werchnaja Angara , am Ursprünge des Witim-Flusses
und im Nertschinsker-Gebiete zu linden '). Letzlere, die schon zum oberen Theile des Amur-
Systemes gehören, sollen nach Müller die schwärzesten und berühmtesten von ganz Sibirien
sein, InNertschinsk musstensich damals auch die Eichhörnchen-Felle vom unteren Ar gunj und
oberen Amur sammeln, wie es noch heut zu Tage geschieht. Nachrichten zufolge, welche ich
von einem um den Pelzhandel in Sibirien sehr interessirten Kaufmanne in Nertschinsk, wie
von den mit der Eicbhörnchenjagd eifrig sich beschäftigenden Kosaken am unteren Argunj-
Flusse eingezogen habe, soll das beste (schwärzeste) Eichhörnchen dasjenige vom unteren Argunj
(russisch: Argunskaja nisowaja bjelka) sein. Diesem soll wenig nachgeben das Eichhörnchen
aus dem Nertschinsker-Gebiete. Alsdann folgt das Ole km ins L er- Eichhörnchen , welches
ebenso dunkel, aber kleiner sein soll, und endlich folgen, an Güte abnehmend, aufeinander die
Eichhörnchen vom Witim, von der Werchnaja Angara und von Bargusinsk. Weiter nach
Süden von letzterem Orte soll das Eichhörnchen schlechter werden und am Tschikoi zum Bei-
spiel, einem Nebenflusse der Sselenga, einen röthlichen Anflug haben. Die Jäger Trans bai-
kalien's sind geneigt den Grund dieser verschiedenen Färbung des Eiciihörncbens der ver-
schiedenen Nahrung des Thieres zuzuschreiben. Sie meinen, dass das beste (dunkelste) Eich-
hörnchen das sogenannte Schwammeichhörnchen (russ.: gubnaja bjelka) sei, das sich vorzüglich
von Schwämmen nährt, die es, in der Weise wie es auch Pallas beschreibt^), für den Winter
sammelt und auf Bäumen aufbewahrt. Auf dieses folgt das Zapfeneichhörnchen (russ.: schisch-
kowaja bjelka), das hauptsächlich von den Zapfen der Cedern und anderen Coniferen lebt und
ebenfalls noch recht dunkel ist. Am schlechtesten endlich und von rölblicher Färbung soll das
Nusseichböruchen (russ.: orjechowaja bjelka) sein, dessen Nahrung aus Haselnüssen und dergl.
besteht. Ich theile diese Ansicht beobachtender Jäger desshalb mit, weil sie gewiss mit vielem
Rechte dem Einflüsse der Nahrung auf die Färbung der Eichhörnchen grosse Rechnung trägt,
wie Solches ja auch an anderen Thierarten durch direkte Beobachtungen erwiesen ist. Den-
noch vermag sie nicht uns die allmälilige, von West nach Ost statllindende Zunahme an
Schwärze am Eichhörnchenfelle zu erklären. Gewiss dürften daher neben den Nahruugsbedin-
gungen auch andere physische und namentlich klimatische Verhältnisse dabei mit im Spiele sein.
Mit dem Eichhörnchen des unteren Argunj gehört in eine Kategorie das Eichhörnchen
des oberen Amur-Stromes. Beide fallen auch in dasselbe, von russischen Jägern alljährlich
') Müller, Sammliing Russ. Gesch. III. p. 319.
^) NoYae Spec. Quadr. e Olir. ord. p. 376. Zoogr. Rosso-As. I. p. 184.
Sciiiriis vulgaris. 123
zum Zwecke der Eichhörnchenj<igd durchstreifte Gebiet, welches den unteren Lauf der beiden
(Juellarme des Amur-Stromes, des Argunj und der Schilka, und den oberen Amur bis etwa
zur Mündung des Komar- Flusses umfasst. Dort ist das Eichhörnchen noch ein sehr häufiges
Thier und dalier die Jagd auf dasselbe, trotz des geringen Preises jedes einzelnen Felles, ein sehr
ergiebiges Geschäft. Alljährlich begeben sich daher mit dem Eintritt des Herbstes, gegen Ende
September's und Anfang October's, die Kosaken des unteren Argunj und der Schilka auf
ausgedehnte Jagdstreifziige in das bezeichnete Gebiet. Namentlich sind es die Waldungen am
unbewohnten rechten, und also chinesischen, Ufer des Argunj-Flusses und die Wildnisse am
oberen Amur, welche ihnen reiche Beute gewähren. In kleinen, meist aus Verwandten oder
Angehörigen eines Ortes gebildeten Gesellschaften zusammenhaltend, wählen sie in den Wäl-
dern hier und dort ihre zeitweiligen Standquartiere, von denen aus sie ihre Streifziige aus-
führen und die sie nach Ausbeutung einer Gegend gegen andere vertauscnen, so weil vordrin-
gend, als ihnen die auf Pferden mitgeführten Jagd- und Nahrungsvorräthe gestatten. Bisweilen
auch begeben sich die Jäger kurz vor dem Gefrieren des Amur-Stromes in Böten eine Strecke
weit stromab, bis sie eine günstige Lokalität erreicht haben, wo sie denn ihr zeitweiliges Stand-
quartier für weitere Streifzüge aufschlagen. Den weit vorgedrungenen Jägern bietet nicht seilen
im Winter, wenn die Vorrälhe zu Ende gegangen sind, der Lauf des Komar-Flusses, dessen
Quellen sich der Bystra, einem recalen Zuflüsse des Argunj, ansehnlich nähern, einen kür-
zeren und desshalb oft von ihnen befolgten Rückweg dar. Ich erwähne hier dieser Jagden ge-
nauer, weil sie speciell auf das Eichhörnchen gerichtet sind und von der Häuligkeit dieses
Thieres in jenen Gegenden einen Begrifl^ gehen. Zwar verschmähen die Jäger auch andere
Thierarten, die sich ihnen als Beute darbieten, nicht und ohne Zweifel am wenigsten den Zo-
bel, da ein paar Felle von diesem den ganzen Ertrag eines Jägers an Eichhörnchen aufbieten
dürften ; allein diese letzteren sind so selten , dass sie nicht als sicherer Gewinn in Rechnung
gebracht werden können, während die 31enge von Eichhörnchen dem geschickten und aus-
harrenden Jäger eine zuverlässige Garantie bietet. Diese allein sind daher beabsichtigt, und
werden demnach auch die Jagden mit dem speciellen Namen «Eichhörnchen -Erwerb» (russ.:
bjelkowjo) belegt. Ein jeder Jäger bringt von diesen herbst- und winterlichen Streifzügen einige
Hunderte dieser Thiere zurück, deren jedes, um das Fell nicht zu verderben, nur mit einer klei-
nen Büchsenkugel durch den Kopf geschossen worden ist. Diese Häufigkeit der Eichhörnchen
am oberen Amur hängt aber ohne Zweifel mit der Seltenheit seines grössten Feindes, des Zo-
bels, in jenen Gegenden zusammen, den dieselben Jagden iheils unmittelbar an Zahl vermin-
dert, theils, und noch mehr, durch den Lärm und die häufig verursachten Waldbrände ver-
scheucht haben. Nicht so im unteren Amur -Lande. Dort sind der Zobel und die dem Eich-
hörnchen wohl nicht minder verderbliche MuMela sibirica bis jetzt noch häufige Thiere, deren
Zahl durch die Nachstellungen der im Verhältniss zum ausgedehnten Terrain nur sehr wenig
zahlreichen Eingeborenen um so weniger merklich vermindert wird, als diese stets nur durch
Fallen den Thieren beiznkommen suchen, wodurch sie nicht verscheucht werden. Im un-
teren Amur- Lande ist daher das Eichhörnchen, obschon überall vorhanden, gewiss nicht so
124 Sali g e (hier e.
häufi'^ wie im oberen Theile des Stromes, ungeachtet es dort von den Eingeborenen viel we-
niger gejagt wird. Denn fast nur gelegentlich verfängt es sich selbst in die für den Zobel, mit
etwas getrocknetem Fisch als Köder, ausgestellten Fallen. Giljaken und Manguuen ge-
brauchen es alsdann zur Verfertigung von Hals- und Stirnwärmern (Boas), wozu jedoch auch
nur die langhaarigen Schwänze der Eichhörnchen benutzt werden. Ich werde dieser Benutzung
des Eicbhörnchenfelles bei den Eingeborenen des Amur -Landes im ethnographischen Bande
meiner Reisebeschreibung ausführlicher gedenken. Sie ist immer nur eine geringe. Erst wenn
der Zobel durch russische Jäger in den Waldungen am unteren Amur-Strome bedeutend an Zahl
abo^enommen haben wird, werden dort ebenfalls die an Schwärze und Güte des Felles den Thieren
des oberen Amur-Stromes um nichts nachstehenden Eichhörnchen an die Reihe kommen und
gewiss auch ein Gegenstand eifriger Nachstellungen werden. Als ein an die Waldung gebun-
denes Thier, kommt das Eichhörnchen imPrairietheile des Stromes natürlich nur in den wald-
bewachsenen Gebirgen landeinwärts vor. Wo aber Gebirge und Waldungen den Strom säu-
men, da ist es auch an den unmittelbaren Ufern desselben überall vorhanden. So habe ich es
selbst an einem mit hohen Cedern bewachsenen Abbange im Bureja- Gebirge erlegt. Ohne
Zweifel geht es im Amur-Lande, im Innern wie an der Meeresküste, wo ich es aus der Bai
Hadshi an der Meerenge der Tartarei erhalten habe, der Waldung folgend, noch viel weiter
nach Süden. Desgleichen bewohnt das Eichhörnchen die Waldungen im Innern und an den
Küsten der Insel Sachalin bis an das Südende derselben. Sehr wahrscheinlich geht es dort
auch weiter nach Süden, auf die japanischen Inseln hinüber, da die Selbstständigkeit der von
Temminck aufgestellten japanischen Art Sc. lis noch als fraglich betrachtet werden muss.
33) Taiiiias!!itriatiis L.
Bei den Giljaken des Conlinentes und der Westküste von Sachalin: tar.
a « « des Innern und der Ostküsle von Sachalin: taghr.
« « Mangunen: nldshe.
« « Golde am Amur unterhalb des Ussuri und am Ussuri: ulgi.
« « Kile am Kur: onjolscho.
« « Golde oberhalb des Ussuri: dshurga-iilki uad dshurganyat-ulki.
« « Biraren und Monjagern: ulküschan.
« « rotschonen: ulgiikttschan.
Wie am Stanowoi-Gebirge und an den Küsten des Ochotskischen Meeres nach Mid-
dendorffs Bemerkung '), so ist Tamias slriatus auch im Amur-Lande äusserst häutig und
stets von derselben constanten Färbung, welche er durch ganz Nordasien besitzt. Ich habe ihn
im gesammten Laufe des Amur- Stromes und an den von mir besuchten Zuflüssen desselben
überall häufig beobachtet und geschossen, oder durch Aussagen der Eingeborenen von seinem
1) Sibirische Reise. 1. c. p. 83.
Tamias slriaius. T. uthensis. 125
Vorkommen mich überzeugen können. Dabei ist dieses Thier ebenso häuHff in der mit völliff
nordischem Charakter versehenen Nadelwaldung der Amur -Mündung, wie weiter oberhalb
am Strome, wo eine Laubholzvegetation die unmittelbaren Ufer bedeckt. An felsigen Ufern
zumal, wo ein stark verwittertes und zerklüftetes Gestein hin und her mit mannisfalliffem
Gesträuch und verschiedenartigen Laubhölzern bewachsen ist, habe ich regelmässig den kurzen,
schnalzenden Schrei dieses Thieres gehört und oftmals auch das Thier selbst beobachten kön-
nen. Ja sogar in der Prairie am Ussuri-Strome, wo nur Laubhölzer und vorzüglich Eichen in
einzelnen Gruppen aus dem hohen Grase der Ebene sich erheben, wie bei Dsamo, oder aber
in lichter Waldung die sanften Abhänge der Vorberge bedecken, wie an der Mündung des
Noor- Flusses in den Ussuri, habe ich T. slriatus oft an den Stämmen der Eichen klettern
sehen und auch mehrmals geschossen. Diese Exemplare aus der Prairie zeigen jedoch nicht die
geringste Verschiedenheit von denjenigen der Nadelwaldungen der Amur-Mündung. Wie am
Amur-Strome und seinen Zuflüssen, so ist T. striatus auch längs der gesammten Küste des süd-
lichen Ochotskischen 3Ieeres, des Amur-Limanes und der Meerenge der Tartarei bis nach
der Bai Hadshi, dem südlichsten Punkte der Küste, den ich besucht habe, verbreitet. Des-
gleichen findet sich dieses Thier zahlreich auf Sachalin, an den Küsten wie im Innern der
Insel, von wo ich aus dem Tymy-Thale ein Exemplar mitgebracht habe. Ja es ist auch süd-
wärts von Sachalin über die japanischen Inseln verbreitet. Ein Exemplar, das unser 3Iuseum
durch Temminck aus Japan besitzt, weicht nicht im Geringsten von der constanten Farbe
und Zeichnung dieses Thieres auf dem asiatischen Continente ab. An der Mündung des Amur-
Stromes, beim Nikolajewschen Posten, scheint T. striatus mit dem ersten Schneefalle und
dem Beginne starker Herbslfrösle, gegen Ende September's und Anfang October's, in seine
Winterhöhlen sich zurückzuziehen. Im Frühjahre (1855) Hessen sich die ersten Thiere schon
am 13. (25.) April sehen, als in der Umgegend des Nikolajewschen Postens noch ringsum
Schnee lag.
34) Tainiaj^ iitlieiiiiiii^ Pall.
Dieser von Pallas ') beschriebenen Tamias-Xrl, welche am Flusse Uth (od. Uda) häufig
sein soll, bin ich im Amur-Lande, ebenso wie Middendorff im Stanowoi-Gebirge ^),
weder auf Reisen und Jagdstreifziigen, noch im Verkehre mit den Eingeborenen jemals be-
gegnet. Dagegen liegt mir ein T)is auf einen weissen Kehlüeck ganz schwarzes Fell von
T. striatus vor, welches H. Maack vom Witim erhalten hat. Es gewinnt daher die Ansicht
Wagner's ^), Middendorff's u. a., dass T. uthensis Pall. nur eine schwarze Abänderung
von T. striatus sei, mehr und mehr Wahrscheinlichkeit.
') Zoogr. Rosso- Asiat. I. p. 189.
2) Sibirische Reise. 1. c. p. 83.
3) Die Säugelhiere v. Schieber. Supplbd. Abthl. 3. p. 232.
126 Säugelhtere.
35) Spermoplüliis Eversniaiiiii Brandt.
Bei den Monjagern: gadayan.
Ein Exemplar von Sp. Eversmanni, das Hr. Maack aus Nertschinsk mitgebracht hat,
und zwei unvollständige Felle desselben, die ich im Amur-Lande erhalten habe, stimmen mit
den Beschreibungen dieses Thieres von Brandt') und Middendorff^) vollständig überein und
geben nichts Abweichendes zu erkennen. Die weiss gesprenkelte Zeichnung des Rückens ist
an ihnen sehr deutlich. Die Zeichnung der einzelnen Haare ist ebenso beschaffen, wieMidden-
dorff an den jakutskischen Thieren angiebt. Ich füge nur hinzu, dass unter den Deckhaaren des
Rückens, welche zumeist schwarz mit weisser oder gelblicher Binde nahe unterhalb ihrer Spitze
gezeichnet sind , auch viele ganz schwarze Haare sich finden. An den Seiten und nach dem
Bauche zu sind die Deckhaare untereinander verschieden gezeichnet, indem das Schwarz der-
selben mehr und mehr schwindet und durch die gelbliche und weissliche Farbe des Bauches
ersetzt wird. Zuerst verschwindet nämlich die schwarze Spitze, die das Rückenhaar hat, sodass
eine lange gelbliche oder weissliche Spitze am schwarzen Haar entsteht; dann stellt sich ausser-
dem noch ein gelblicher oder weisslicher Ring mitten in dem schwarzen Theile des Haares ein,
so dass dieses nunmehr an der Basis schwarz , im oberen Theile gelblich oder weisslich mit
schwarzem Ringe erscheint; und zuletzt verschwindet auch dieser schwarze Ring und die
Haare sind nur an ihrer Basis schwärzlich, im langen oberen Theile einfarbig weisslich oder
gelblich. Diese belle Zeichnung der Seiten und des Bauches variirt aber an den Transbaikali-
schen und Amur-Exemplaren in derselben Weise, wie Middendorff es an den jakutskischen
hervorhebt, indem der Antheil rostfarbner Zeichnung grösser oder geringer ist. So ist eines der
Amur-Felle an den Seiten heller, das andere intensiver gelblich und mit röthlicher Färbung
versehen, während das Nertschinsker Exemplar an den Seiten und dem Bauche mehr weiss-
lich und mit einer intensiv rostrolhen, unregelmässig begränzten Binde gezeichnet ist, welche
bald hinter den vorderen Extremitäten beginnt, dann, längs den Seiten des Körpers verlaufend,
auf die Hinlerschenkel tritt und sich bis auf die Zehen der hinteren Extremitäten fortsetzt.
Die vorderen Extremitäten dieses Exemplares sind an ihrer Aussenseite ebenfalls mit rost-
rothen Flecken versehen.
Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass diese von Hrn. Akad. Brandt im Jahre 1843 nach
Exemplaren, die das Museum durch Gebier und meinen Bruder Alexander v. Schrenck
aus dem Altaiseben und dem Alatau -Gebirge erhielt, für selbstständig erkannte Zieselart
schon Pallas unter der allgemeinen, viele Arten umfassenden Bezeichnung M. cttillus be-
kannt war, und dass namentlich die von Pallas erwähnten Ziesel von Jakutsk und der
Lena [Citilli Jarutenses) wie auch wahrscheinlich diejenigen von Daurien, an der Sselenga,
Ingodaundbisanden Amur, ja vielleicht sogar die Ziesel aus den Gegenden amUth-Flusse^)
'] Bull, scient. publ. par l'Acad. des Sricaces de St. Petersbourg. T. IX. p. 43. Bull, de la Classe phys.-matb. de
l'Acad. des sc. de St. Petersbourg. T. II. p. 373.
2) Sibirische Reise. 1. c. p. 83.
*) Pallas, Novae Spec. Quadr. e Glir. ord. p. 120—126.
Spermophilus Eversmanni. Arctomys Bobac. Mus decumanm. 127
auf diese Art zu beziehen sind. Seit der Unterscheidung von Sp. Eversmanni als besonderer Art
ist dieselbe von Middendorff bei Jakutsk, von Maack am Baikal und bei Nertschinsk
und von mir am Amur gefunden worden. Es scheint also diejenige Art unter den Ziesel-
mäusen zu sein, welche die grösste Verbreitung über den asiatischen Conlinent hat. Am Amur
entdeckte ich sie nach zwei Fellen, welche ich bei den Mandshu eines kleinen Dorfes, eine
Tagereise oberhalb der Stadt Aigun, zu einem Tabacksbeutel verarbeitet fand. Das Stück
wurde von ihnen für ziemlich werthlos gehalten , da das Thier ihren Angaben zufolge in der
Prairie der Umgegend sehr zahlreich sein soll. Weiter oberhalb bestätigten mir auch die Mo-
njagern, bei denen ich mich nach diesem Thiere erkundigte, das Vorkommen desselben am
Amur-Strome. Ohne Zweifel ist also Sp. Eversmanni von Transbaikalien ostwärts im gan-
zen oberen Theile des Amur-Stromes und in den Prairieen desselben zum wenigsten bis an
das Bureja-Gebirge verbreitet. Ob es aber im unteren Amur-Lande ebenfalls vorkommt, ver-
mag ich nicht zu sagen, da mir dort keine Spur dieses Thieres begegnet ist.
36) Aretoiiiys Bobac Schreb.
Ob ich gleich dieses Thier im Amur-Lande nicht gefunden habe, ist es doch zu erwar-
ten, dass es zum wenigsten im oberen Theile des Stromes und in den Prairieen desselben sich
finden werde, da es nach Pallas bekanntlich bis nach Kamtschatka verbreitet und auch in
Transbaikalien und namentlich am Argunj ein sehr häuOges Thier ist ). Auch hat
H. Maack neuerdings ein Exemplar von dem anderen Quellarme des Amur-Stromes, der
Schilka, in der Umgegend von Nertschinsk, mitgebracht. Es ist eine Varietät von Arcl.
Bobac, deren Beschreibung durch Hrn. Akad. Brandt wir in nächster Zeit entgegensehen.
37) HIus deciinianiis Pall.
Bei den Giljaken: njagrsch.
« « Mangunen, Ssamagern, Golde: s'jnjare.
« « Bi raren: anjaka.
« « Orotschonen: kuttyr.
Die Wanderratte im Amur -Lande ist mit dem in Europa eingebürgerten Thiere ganz
übereinstimmend. Die Farbe derselben ist oben bräunlichgrau, schwarz gestichelt; unten
scharf abgesetzt weissgrau. Die Deckhaare des Rückens sind in ihrer unteren Hälfte grau, in
der oberen gelblich-bräunlich, mit vielen längeren schwarzen Haaren untermischt.
Mus decvmaiius ist im Amur-Lande allentha bcn, sowohl in den Häusern der Mandshu,
Chinesen und Dauren am Sachali- oder oberen Amur-Strome und in den Hütten aller
sesshaften Völker des unteren Amur-Landes, der Golde, Ssamagern, Mangunen und Gilja-
'J Pallas, NüTae Spec. Quadr. e Glir, ord. p. 101. Zoogr. Rcisso-Asiat. 1. p. 136.
123 Säugethiere.
keil, als auch iii den Aasiedelungeu der Russen am Amur -Strome in grosser Zahl vorhan-
den. Es ist anzunehmen, dass die Wanderratte auf mehrfachen Wegen in das Amur -Land
eingewandert sei. Die älteste und bedeutendste Einwanderung, seit welcher M. decumanns sich'
im Amur- Lande eingebürgert hat, niuss ohne Zweifel von China aus stattgefunden haben.
Auf diesem Wege muss sie sowohl in die chinesischen Colonien, nach der Stadt Aigun und
den Dörfern am Sachali-Strome, als auch, durch die häuhgen Handelsreisen der Chinesen
und der Eingeborenen, den Sungari abwärts in das untere Amur-Land bis an die Mündung
des Stromes sich verbreitet haben. Zu dieser Annahme werden wir durch den Umstand genö-
thigt, dass M.decumanus weder von Sibirien aus, noch auf dem Seewege zuerst in das Amur-
Land gelangt sein kann. Nach Sibirien war M. decumanus bekanntlich zu Pallas s Zeiten
noch nicht vorgedrungen ') und fand sie in neuerer Zeit auch Middendorff daselbst nicht
vor. Andrerseits aber war M. decumanus lange bevor russische Schifl'e die Mündung des
Amur-Stromes berührt halten in den Hütten der sesshaften Amur-Völker eine allgemeine
Plage. So fand ich sie im Jahre 1854, im Beginne der russischen Colunisation der Amur-
Mündung, bei den Eingeborenen schon allenthalben und weit oberhalb der russischen Ansie-
delungen eingebürgert. Die grosse Zahl und Gefrässigkeit derselben halte die Eingeborenen
schon längst gelehrt ihre Vorräthe an getrocknetem Fisch, Seehundslleisch und Häuten und
dgl. ni. in eigenlhümlich gei)auten Vorrathskammern hallen, welche auf mehreren einzel-
nen, einige Fuss über den Erdboden erhöhten und an ihrem oberen Ende mit einem grossen
Stücke Baumrinde bedeckten Pfählen errichtet werden. Auch stellen die Giljaken diesem
schädlichen Thiere eigenlhümlich gemachte Fallen aus, von denen ich im ethnographischen
Bande meiner Reisebeschreibung eine Abbildung und Beschreibung mitlheilen werde. Bei den
Golde ist die Gefrässigkeit der Ratte zum Theil sprnchwörtlich geworden und dient ihnen
daher das Wort «s'ingare» (Ratte) zum Spott- und Schimpfnamen für die durch gierige Tri-
butserhebung und ungerechte Erpressungen sie ausplündernden Mandshu. Wenn daher
M. decumanus später, mit der russischen Colonisation der Amur -Mündung, ohne Zweifel
auch auf dem Seewege und zwar auf Schilfen aus Kamtschatka, wo die Wanderratte gegen-
wärtig ebenfalls in grosser Zahl sich ündel, in das Amur-Land gebracht worden ist, so betrill'f
dieses doch nur die Amur-Mündung und ist, bei der schon früher vorhandenen Ueberzahl dieser
Thiere am Amur, von keinem weiteren Belange. Dass die Wanderratte ferner auch auf der
Insel Sachalin vorkommt, ist aus den Angaben der Eingeborenen zu entnehmen. Doch muss
sie dort, vielleicht in Folge einer anderen, für ihre Einnistung weniger günstigen Bauart der
Hütten bei den Eingeborenen, weit seltner sein. So habe ich sie in den Erdhütten der Gilja-
ken südlich von Poghobi an der Westküste der Insel, im Tymv-Thale im Innern derselben
und bei Nyi an der Ostküste während meiner Winterreisen auf Sachalin niemals gesehen.
Anders mag es sich in den nordwärts von Poghobi gelegenen giljakischen Dörfern verhalten,
wo dieselbe Bauart der Häuser wie auf dem Continente herrscht. Wahrscheinlich hat sie auf
doppeltem Wege ihre Verbreitung nach der Insel Sachalin genommen, indem sie sowohl von
*j Pallas, Not. Sp. Qiiailr. e Glir. ord. p. 92. Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 164.
Mus decimamts. M. mnsculus. Arvicola fHypudaeusJ amurensis. 129
der Amur- Mündung, durch die Handelsreisen der Giljalien und Mangunen, als von Süden
her, aus Japan, wo ;)/. decumauus ebenfalls allgemein verbreitet ist '), durch die von Jesso
alljährlich herüberkommenden Schiffe nach Sachalin gebracht worden ist. Wie leicht M. de-
cumaims in den kleinsten Fahrzeugen von Ort zu Ort transportirt werden kann, habe ich selbst
zu beobachten Gelegenheit gehabt, indem ich auf einer Reise von Kidsi nach der Bai de
Caslries zwei Ratten mitten auf dem See von Kidsi aus meinem kleinen Boote über Bord
springen sah.
38) ]9Iii!$ iniii^culus L.
Obgleich in Sibirien bis in den hohen Norden ^) und andrerseits in Japan ^) und viel-
leicht auch in China verbreitet, ist die Hausmaus im Amur-Lande weder in den Häusern
und Hütten der Eingeborenen, noch in den Ansiedelungen der Russen zu finden. Vielleicht
dürfte das Fehlen derselben auch der grossen Anzahl von Ratten, M. deciimanus, im Amur-
Lande zuzuschreiben sein.
39) Arvicola (Hypiidaeiis) aiiiiireiisSs Schrenck n. sp. Taf. VL fig. 1 u. 2.
Bei den Giljaken: wytsch-wyb-nga.
Im September 1854 fing ich an der Mündung des Amur-Stromes eine Feldmaus, welche
ich gegenwärtig, nach genauer Vergleichung mit ihren Gattungsverwandten, für eine neue
Art halten muss. Sie hat auf den ersten Blick im Gesammthabitus, durch die ziemlich langen
Ohren und einen recht langen Schwanz, beinahe mehr Aehnlichkeit von den ächten Mausen
als von den Feldmäusen, reiht sich aber bei genauerer Betrachtung der von Keyserling und
Blasius als Untergattung Ilypudaeus 11 Hg. ^) oder Wald Wühlmäuse ^) bezeichneten, den wah-
ren Mäusen am meisten genäherten Abtheilung der Gattung Arvicola an. Bekanntlich zählt
diese Unterabtheilung bisher nur wenige Repräsentanten: im mittleren Europa nur A. (Hyp.)
glareolus Schreb., im nördlichen Europa und Asien A. rutilus Pall.und ^. rw/bca/iMS Sunde v.
Unsere Amur-Feldmaus trägt nun dieselben charakteristischen Kennzeichen der Unterabthei-
lung Ilypudaeus wie jene, ist aber von ihnen durch specifische Charaktere scharf unterschieden.
Beschreiben wir sie genauer.
Wie es der Uuterablheilung Hypudaeus zum Unterschiede von den übrigen Arten der
Gattung Arvicola zukommt, sind auch bei Arvicola amurensis die Schmelzbuchten der Backen-
zähne nicht nach aussen scharfkantig und nach innen tief in die Zahnsubstanz einspringend,
') Siebold, Fauna Japoa. Maranial. Dec. I. p.6. Dsgl. Te mm ine k, Kenntniss und Verbreitung der Säugetbiere
von Japan, s. Wiegman 's Arch. für Naturgeschichte. Jahrg. V. 1839. II. p. 409.
2) lliddendorff, Sibirische Reise. 1. c. p. 114.
ä) Siebold, Fauna Japon. Mammal. Dec. 1. p. 6.
*) Keyserling und Blasius, Die Wirbclthiere Europa's. p. VIII.
^) Blasius, Fauna der Wirbelthiere Deutschlands. Bd. I. Naturgescb. der Saugethiere. p. 333 u. 336.
Schreock Amur-fieise Bd. 1. 17
130
Säugethtere.
sondern gerundet und flach, so dass sich die Schmelzwände des äusseren und inneren Bandes
der Backenzähne oftmals gar nicht herühren und die Zähne daher das Ansehen, als seien sie
aus dreiseitigen Prismen zusammengesetzt, verlieren. Solche flache Schmelzhuchlen charakteri-
siren namentlich den 2''^° unteren Backenzahn, welcher in Folge dessen dem folgenden, S'"^"
Zahne desselben Kiefers ähnlich wird. Dadurch nämlich, dass die äusseren und inneren Schmelz-
wände einander nicht ganz berühren und die Schmelzbuchten an der Aussen- und Innenseite
einander fast ganz entsprechen, lassen sich am 2^*^° unteren Backenzahne nicht mehr 5 geson-
derte Schmelzschlingen oder Prismen, wie bei den übrigen Arten der Gattung Arvicola, sondern
nur 3 deutlich von einander getrennte Schmelzschliugen unterscheiden , von denen jedoch
die beiden vorderen jede aus 2, in der Mitte etwas getrennten Ahlheiiungen bestehen. Eine
ähnliche, unvollständige Trennung der Schmelzschlingen in Folge der flachen Schmelzbuchten
findet mehr oder weniger auch an den übrigen Zähnen und namentlich an dem 1'''" unteren
und 3'*° oberen Backenzahne statt. Ferner ist bei A. amurensis, ebenfalls dem Charakter der
Untergattung Ilypudaens entsprechend, die ganze Zahnreihe im Ober- wie im Unterkiefer kür-
zer als bei den übrigen .4r«;iVo/a-Arten. Ich finde an ihr in dieser Beziehung im Vergleiche mit
einigen anderen Arvicola - Arten folgende Grössen (in Millim.) :
A.amuTen-
sis n. sp.
A. Nageri
S c h i 11 z.
[A glareo-
lus Sehr.)
A. rutilus
Pall.
A.ritfoca-
nus Sün-
der.
A.rallieeps
Keys, et
Blas.
A. oeeono-
mus Fall.
A. Maxi-
mowiczii
a. sp. 1).
A.saxati-
lis Pall.
H
5!
5
H
6
H
6^
6§
H
H
5
5-1
6
6i
61
6-
Länge der Zahnreihe
im Unterkiefer. . .
Länge der Zahnreihe
im Oberkiefer . . .
Bei A. amurensis spricht sich also in diesem Punkte die typische Bildung der Untergat-
tung Hijpudaeus noch deutlicher als bei den ihr nächstverwandten Arten A. glareohis, rutilus und
rufocanus AUS. Gegenüber den übrigen hier angeführten /Iru/co/a-Arten ist die Kürze der Zahn-
reihen besonders sichtlich im Vergleiche zu A. saxalilis und A. Maximowiczii, von denen das ge-
messene Exemplar der ersteren an Grösse unserem Exemplar der A. amurensis ziemlich gleich
kam, letztere aber sogar kleiner als A. amurensis ist. — Was die Anzahl der Schmelzschlingen
und Kanten an den Zähnen betrifl^t, so ist darin, bis auf die oben bereits hervorgehobene Ver-
schiedenheit des 2'^° unteren Backenzahnes, in den übrigen Zähnen, und namentlich dem 1 '*°
unteren und 2'«" oberen Backenzahne, keine ausschliessliche Eigenthümlichkeit der Untergat-
tung Ilijpudaeus im Vergleiche mit den anderen ^reico/a-Arten zu finden, da ein grosser Theil
der letzteren dieselbe Anzahl von Schmelzschlingen und Kanten hat. Ich theile daher die wei-
teren Verhältnisse der Zahnbildung von A. amurensis in der folgenden specielleren Beschrei-
bung derselben mit und hebe hier nur im Allgemeinen hervor, dass wo die Schmelzbuchten
flach sind und die äusseren und inneren Schmelzwände einander nicht immer berühren, so
') üeber diese neue Speoies s. weiter unten.
Arvicola {Hypudaeiis) amurensis. 131
dass die Schmelzschlingen oft unvollständig von einander gelrennt bleiben, wie das bei der
Untergaltung Hypudaeus der Fall ist, dass dort auch in der Anzahl der Schmelzschlingen sehr
leicht dill'ereute Angaben entstehen können , indem die unvollständig getrennten Schmelz-
schlingen bald für eine, bald für mehrere gerechnet werden. Eine genaue Angabe der Be-
schaffenheit aller einzelnen Schmelzschliugen, verbunden mit getreuer Abbildung derselben, kano
hier allein vor Missverstäudnissen bewahren.
A. amurensis hat im Gebiss 1 6 Zähne. Die Vorderzähne sind ziemlich schmal, an meinem
Weingeist-Exemplare schmutzig weiss. Von den Backenzähnen hat im Oberkiefer (Fig. 2. a.)
der 1*'" Zahn 5 Schnielzschlingen, von denen die 3 ersten ganz, die beiden letzten nicht ganz
vollständig von einander gelrennt sind, und aussen und innen 3 Kanten; der 2'« hat 4 Schmelz-
schlingen , von denen die beiden ersten ganz , die beiden letzten nicht ganz vollständig von
einander getrennt sind, und aussen 3, innen 2 Kanten — ein Verhältniss, wodurch sich Ä. amu-
rensis mit vielen anderen Arvicola - Arien von A. agreslis und der Untergattung Agricola Blas,
auf den ersten Blick unterscheidet. Der 3"^ Zahn im Oberkiefer hat 6 Schmelzsclilinsen oder,
da dieselben nicht alle vollständig von einander getrennt sind, auch nur 4 Schmelzschlingen.
Rechnet man 6, so ist die l*'*^ von gewöhnlicher Beschaffenheit und vollständig abgesondert;
die 2'^ und 3'" sind unvollständig von einander getrennt und die Schmelzbuchten der Aussen-
und Innenseite einander sehr entsprechend , so dass beide Schmelzschlingen für eine einzige,
in ihrer Mitte in zwei Abtheilungen getheilte Schmelzschlinge genommen werden können.
Dasselbe ist mit der 4'"" und 5'*"' Schmelzschlinge der Fall, von denen jedoch die erstere (an
der Aussenseite liegende) nur sehr klein ist. Die letzte, 6'^ Schmelzschlinge könnte in Folge
einer flachen Einbuchtung an der Innenseite ebenfalls als aus 2 Schmelzschlingen zusammen-
gesetzt angesehen werden. An der Aussenseite hat der 3*^ Backenzahn des Oberkiefers 3,
an der Innenseite 4 Kanten und eine abgerundete Kante nach hinten. Im Unterkiefer (Fig. 2. b.)
hat der l*''^Zahn 8 Schmelzschlingen oder, da dieselben nicht alle vollständig von einander
getrennt sind, auch 7 und 6. Rechnet man 8, so ist die erste kleine Schmelzschlinge an der
Aussenseite gelegen und ziemlich, wenn auch nicht ganz, vollständig von der 2''^", parallel ne-
ben ihr liegenden getrennt — eine Bildung, die ich bei keiner anderen Feldmaus kenne und
die mir daher zu den wesentlichsten specilischen Charakteren von A. amurensis zu gehören
scheint. Die 2''' bis 4*" Schmelzschlinge des ersten Unterkieferzahnes sind deutlich unvoll-
ständig getrennt: die erstere derselben liegt am vorderen und inneren Ende des Zahnes, neben
der 1'^" Schmelzschlinge; die 3'" liegt ebenfalls an der Innenseite und könnte leicht mit der
2teii für eine einzige, in ihrer Mitte durch eine Einbuchtung in 2 Abiheilungen getheilte
Schmelzschliiige genommen werden ; die 4'" liegt an der Aussenseite , etwas mehr nach hin-
ten als die 3'" und ist von dieser etwas mehr getrennt als die 3'^ von der 2'*°. Die 5'®
Schmelzschlinge, an der Innenseite liegend, ist vollständig getrennt. Die 6'" und 7'" sind un-
vollständig von einander getrennt und die Schmelzbuchten der Aussen- und Innenseite ent-
sprechen einander sehr, so dass beide Schmelzschlingen leicht für eine oinzige, in ihrer Mitte
in 2 Abtheilungen getheilte Schmelzschlinge genommen werden können. Die 8'* oder letzte
132 Säugelhiere.
Schmelzschlinge ist von der T'«'" vollständig getrennt. Die Zahl der Kanten am 1'«" Unter-
kieferzahn beträgt aussen 4 und eine abgerundete Kante nach vorn, innen 5, davon jedoch die
vorderste, sehr kleine, noch zu dem etwas ausgeschweiften Vorderrande des Zahnes gebort.
Der 2'6Zahu des Unterkiefers ist bereits oben beschrieben worden; er hat 3 Schmelzschlingen
oder, wenn man die je 2 Abiheilungen der beiden vorderen Schmelzschlingen einzeln rechnen
will, auch 5 Schraelzschlingen und aussen und innen 3 Kanten. Der 3^^ Zahn im Unterkiefer
ist, wie oben erwähnt, dem 2'<^" äusserst ähnlich und hat ebenfalls 3 vollständig getrennte
Schmelzschlingen oder, wenn man die je 2 Abtheilungen der beiden vorderen Schmelzschlin-
gen einzeln rechnen will, auch 5 Schmelzschlingen und aussen und innen 3 Kanten. Sämmt-
liche Kanten au allen Backenzähnen sind, wie bereits erwähnt, abgerundet und viel weniger
scharf als bei den übrigen, nicht zur Untergattung //ypac/aras gehörenden Jrüico/a-Arten. — Am
Gaumen von A. amurensis sind, wenn man bei der theilweisen Unterbrechung der Falten in
der Mittellinie des Gaumens die einander entsprechenden Fallen der beiden Gaumenseiten
nicht einzeln rechnen will, 1 1 Fallen. Davon belinden sich 5 in der Zahnlücke zwischen den
Vorder- und Backenzähnen und die übrigen 6 zwischen den beiden Zahureihen des Oberkie-
fers. Die erste Falte ist seitlich zusammengedrückt, dachförmig und hängt an ihrem hinteren
Ende mit der 2'^" zusammen. Diese ist 3spitzig, die mittlere Spitze am höchsten, die seitlichen
niedriger und nach den Seiten herabsteigend. Die 3''^ Falte ist ein einfacher, kurzer und dicker
Querwulsl. Die 4'^ ist länger und dünner als die vorhergehende und in der Mitte mit einer
kleiuen Einsenkung versehen. Die 5'"^ ist in der Mitte unterbrochen, flachbogig, die Enden an
der Mittellinie nach hinten gerichtet. Die 6'^ Falte liegt zwischen den vorderen Enden der
Backenzahnreiheu und ist in der Mille ebenfalls unterbrochen. Die 7'" entspringt an der 2'en
inneren Kante des 1'^° oberen Backenzahnes, ist nur ganz kurz und bleibt joderseits weit von
der Mittellinie zurück. Die 8'^ entspringt von der 3'^° inneren Kante des 1"'" oberen Backen-
zahnes, verläuft bogig nach innen und vorn und ist in der Mittellinie unterbrochen, wobei die
Enden jederseils nach hinten gerichtet sind, so dass sie sich auf jeder Gaumenscile mit der in
der Mille ebenfalls unterbrochenen und mit ihren Enden an der 3Iiltellinie nach vorn gerich-
teten 9'*'" Falte zu einer fast ganz geschlossenen Schlinge verbinden. Die 10''^ Falle ent-
springt von der 2'*'" inneren Kante des 2'en Backenzahnes und stössr in der Mittellinie mit
der ihr entsprechenden an der anderen Gaumenseite zu einer nach vorn gerichteten Spitze zu-
sammen. Die letzte, 1 1'^ , ist flach bogig, ohne Unterbrechung in der Mitte. — Die Lippen sind
fleischig; die Oberlippe ist ganz gespalten, aussen und innen, die Unterlippe vorn und am
Rande weisslich behaart. Inwendig am Mundwinkel liegt jederseils eine drüsige, weisslich
behaarte Warze. — Die Nasenlöcher sind nierenförmig, mit der hohlen Seile nach oben gerich-
tet, schief seitlich und etwas nach vorn geöffnet; vorn durch eine Mitlelfurche von einander
getrennt. Die Schnauzenspitze ist bis auf die nackten Nasenwülste behaart. — Das Auge ist ziem-
lich gross, etwas näher zum Ohr als zur Schnauzenspilze gelegen . — Das Ohr ist etwas mehr
als von halber Kopfeslänge, deutlich aus dem Pelze hervortretend, breit, rundlich, ganzrandig;
an der Basis des Aussenrandes mit einem kleinen, rundlichen Läppchen versehen; vorn an der
Arvicola f HypridaeusJ nmurensis. 133
Basis mit langen Haaren bewachsen, welche in die Ohrmuschel hineinragen. Die Ohrmuschel
ist in der Basalhälfte nackt, in der Endiiälfle aussen und innen mit kurzen röthlichen Härchen
bedeckt, am Innenrande bis nahe zur Mitte des Ohres lang behaart. Der zur iheilweisen Ver-
schliessnng des Ohres dienende Lappen der inneren Ohrlliiche liegt nach ismen von der Inci-
sur am Läppchen des Aussenrandes und hat etwa 5 MilHni. Länge und 2.', Mill. Breite. — Die
Vibrissen sind von verschiedener Länge : die vordersten reichen nicht bis an die Ohrbasis, die
hinteren ragen angedrückt in die Ohrmuschel hinein und ein paar von ilmen überragen sogar
das ganze Ohr. Einige derselben sind ganz weiss, die meisten braun an der Basis und weiss in
der Endhälfte, wenige ganz braun. — Die Extremitäten sind schwach. Am Vorderfusse ist die
Daumenwarze mit einem kurzen, stumpfen Nagel versehen; die beiden Mittelfinger sind weniger
tief gesondert als die seitlichen; der ä^"^ Finger ist am längsten; der 1'^ reicht ohne Nagel bis an
die Ballenbasis des 2'6n; der 3'" ist nur um ein Geringes kürzer als der 2'e ; der 4'^ reicht
mit dem Nagel bis an die Ballenbasis des 3'en. An der Sohle haben die Vorderfusse 5 rund-
liche Schwielen, davon die 3 vorderen an der Basis je zweier, auf einander folgender Zehen,
die beiden hinteren in einer Querreihe etwas hinter der Daumenwarze liegen. Die Zehen sind
unten geringelt. Die Sohle ist nackt; oben ist der Fuss mit kurzen, an der Basis der Nägel mit
etwas längeren, die Nägel zumeist überragenden, weisslichen Haaren bedeckt. Die Nägel sind
ebenfalls weisslich. Am Hinterfusse sind die drei mittleren Finger viel länger als die beiden
seitlichen; der S'^und 3'" sind tiefer von einander gesondert als der 3'« und 4'^ ; die seitlichen
noch tiefer. Der 3'" und 4'^ Finger sind gleich lang und am längsten; der 2'^ nur wenig kür-
zer, reicht ohne Nagel bis an die Ballenmitte des 3'"^°; der 5'^ erreicht mit der Nagelspitze
die Ballenbasis des 4'«°; der 1'" reicht ohne Nagel bis zur Wurzel des 2'en Fingers. Auf der
Sohle tragen die Hinterfusse 6 länglich-rundliche Schwielen, davon die 4 vordersten in 2 schie-
fen, einander parallelen Beihen an der Basis je zweier, auf einander folgender Zehen liegen;
die beiden hinteren befinden sich ebenfalls in einer schiefen, mit jenen fast parallelen Beihe,
die kleinste nach vorn und aussen, die grossere nach hinten und innen. Die Zehen sind unten
geringelt. Die Sohle ist im vorderen Theile nackt, hinter den letzten Schwielen behaart. Oben
ist der Hinterfuss mit kurzen, an der Basis der Nägel mit etwas längeren, die Nägel zumeist
überragenden, weisslichen Haaren bedeckt. — Der Schwanz ist ohne Haarpinsel kürzer als die
halbe Körperlänge, mit den Endhaaren zusammen gleich der halben Korperlänge; er ist ziem-
lich sparsam und in seiner ganzen Länge gleichmässig, an der Spitze aber länger behaart. —
Die Farbe anlangend ist die Oberseile von .4. amurensis rolhbraun, schwarz gestichelt, an der
Schnauze und den Seiten des Körpers gelblich; die Unterseite und die Extremitäten scharf ab-
gesetzt, schmutzig weiss. Der Schwanz ist zweifarbig, oben von der rothbraunen Farbe des
Rückens, unten heller, gelblich. Die Deckhaare der Oberseite sind von 13 — 1 4 31illim. Länge,^
in ihrem unteren Theile etwas über die Hälfte (8 Mill.) hinaus dunkel schwärzlichgrau, im oberen,
kürzeren Theile entweder einfarbig rothbraun, oder röthlich mit schwarzer Spitze; nach den
Seiten zu ist der obere Theil der Deckhaare an einigen einfarbig gelblich, an anderen gelb-
lich mit schwarzer Spitze, unten sind die Deckhaare von 9 xMillim. Länge, in der unteren
134. Säugelhiere.
Hälfte, auf 5 Millim. Länge, grau, aber heller als auf der Oberseite, in der oberen Hälfte
schmutzig weiss. — Das mir vorliegende Exemplar ist ein Weibchen und hat 8 Zitzen, davon
2 Paar vorn an der Brust, zwischen und hinter den Vorderbeinen und 2 Paar hinten, zwi-
schen und hinter den Hinterbeinen liegen. — Die Hauptraaasse unseres Exemplares von A.
amurensis sind folgende :
Länge von der Nasen- bis zur Schwanzspitze 138 Millim.
» von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel 92 »
» des Schwanzes ohne Endhaare 37 »
» der Endhaare am Schwänze 9 »
» des Kopfes 27 »
Breite des Kopfes unter den Augen 13 »
» » zwischen den Augen und der Nasenspitze 6 »
Länge der Augenspalte 4 »
Entfernung zwischen dem vorderen Augenwinkel und der Nasenspitze. . 11 »
Entfernung zwischen dem hinteren Augenwinkel und der Ohröffnung. . 9 »
Länge des Ohres, von der äusseren Ohrbasis an 15 »
» » von der Incisur am äusseren Ohrlappen 13 »
» » vom Scheitel 11 »
Grösste Breite des Ohres 14 »
Länge der längsten Vibrisse 33 »
« » Deckhaare oben 1 3 — 1 4 »
» » Deckhaare unten 9 »
» des Unterarmes 16 »
» » Vorderfusses bis zur Krallenspilze 10 »
» » Schienbeines 23 »
» » Hinterfusses, von dem Hacken bis zur Kralleuspitze 18 »
Es dürfte nach dieser Beschreibung nicht schwer sein A. amuretisü von allen anderen
^rui'co/a-Arten sogleich zu unterscheiden. Von den durch tiefe und scharfkantige, fast überall
und namentlich auch am 2'^" Backenzahne des Unterkiefers vollständig getrennte Schmelz-
schlingen eharakterisirten Arten scheidet sie sehr scharf die abweichende Zahnbildung ab.
Von den mit ähnlicher Zahnbildung versehenen Arten, also der Untergattung IlypuJaeus, näm-
lich von der europäischen A.glarcolus Schreb. und deren Varietäten, wie .4. iNotymSchinz, so
wie von den asiatischen und nordeuropäischen Arten A. rutilus ¥ aU. und ,4. rH/bca«MS Sunde v.
unterscheidet sie sich aber durch die abweichende Bildung des ersten unteren Backenzahnes,
dessen erste Schmelzschlinge, wie oben erwähnt, nicht vor, sondern nach aussen neben der 2'^",
fast vollständig von ihr getrennten Schmelzschlinge liegt, wodurch der vordere Zahnrand wie
mit einer Einkerbung versehen erscheint. Auch haben die beiden letzterwähnten Arten einen
kürzeren Schwanz und kürzere Ohren, so wie eine andere Farbe, indem .4. ru^i/us auf der Ober-
seite mehr rostroth, nicht rothbraun, A. rufocanus aber auf der Unterseite mehr mausegrau,
Arvicola fHypudaeusJ amurensis. A. ruliks. 135
nicht weisslichgrau wie A. amurensis ist. Endlicli soll auch A. ruülus nach Pallas ') nur 2
Paar Abdominalzitzen und gar keine Brustzitzen haben, während A. amurensis 2 Paar Abdo-
minal- und 2 Paar Brustzitzen hat. An jenen beiden Arten, A. rutilus und A. nifocamts,
spricht sich auch der Charakter der Untergattung Ilypudaeus, der in flachen, abgerundeten
Schnielzbuchlen und einer mangelhaften Berührung der Schmelzwände der Aussen- und Innen-
seite der Zähne besteht, viel schwächer als bei A.glareolus und noch mehr bei A.amuretisis aus.
Jene beiden Arten bilden daher gewissermassen den Uebergang von der Untergattung Ihjpu-
daetts zu den ächten Feldmäusen, A. arvalis, oeconomm u. s. w., während sich diese durch die
Zahnbildung sowohl als auch im Gesammlhabitus, durch längere Ohren und längeren Schwanz,
meiir den ächten Mäusen nähern.
Der Fundort meines Exemplares von A. amurensis ist der Nikolajewsche Posten, un-
weit der Amur-iAIündung, wo das Thier am 1 4. (26.) Sept. beim Roden des Waldes gefangen
wurde, indem es aus einem Erdloche unter der Wurzel eines Lärchenbaumes herauskam.
Erwägt man, dass die dieser Feldmaus zunächst verwandte europäische Form, A. glareolus
Schreb., in ihrer Verbreitung ostwärts, nach den bisherigen Erfahrungen, bloss bis an die
Wolga und den Ural geht ), so möchte man geneigt sein ,4. amurensis als die jener west-
lichen Art entsprechende Form im Osten Asiens zu bezeichnen.
40) .%1'vicola riitilii$!i Pall.
Die Amur- Exemplare dieser Feldmaus stimmen mit den sibirischen und europäischen
Thieren, wie sie uns Pallas ^), Nilsson ') u. a m. beschrieben haben, völlig überein. Auch
die Färbung ist an den drei mir vorliegenden Exemplaren genau dieselbe. Diese ist oben rost-
röthlichbraun, etwas schwarz gesticheil; auf der Schnauze, an den Seiten des Körpers und
von hier f her die Hinterschenkei nach der Scliwanzwurzel hin ist die Farbe heller, gelblich-
grau; unten grauweiss ; der Schwanz ist oben dunkelgelblich und schwärzlich gemischt, unten
hellweisslichgelb ; die Extremitäten sind weiss. Die Deckhaare sind oben von etwa 13 lUillim.
Länge, in ihrem unteren Theile, auf etwa 9 bis 10 Millim. Länge, dunkel schwärzlich grau, im
übrigen, oberen Theile röthlichgelb, bisweilen an der äussersten Spitze schwärzlich. Sie wer-
den von etwas längeren Oberhaaren überragt, welche im unleren Theile grau, dann blass-
gelblich und am Ende mit einer langen schwarzen Spitze versehen sind. An den Seiten des
Körpers und besonders über den Hinterschenkeln nach der Schwanzwurzel zu, wo die Farbe
gelblichgrau ist, wird die Spitze der unten dunkel schwarzgrauen Deckhaare hellgelblich, und
die schwarzen Oberhaare gewinnen ebenfalls hellgelbliche Spitzen , welche über den Hinter-
1) Novae Spec. Quadr. e Glir. ord. p. 249.
^) Pallas, NoTae Sp. Quadr. e Glir. ord. p. 247. Blasiis, Fauna der Wirbeltb. Deutschlands. Bd. I. Naturgesch.
der Säugethiere. p. 342.
ä) Novae Spec. Quadr. p. 246. sqq.
*) Skandin. Fauna. 1847. I. p. 366. sqq.
136 Säugelhiere.
schenkein und an der Schwanzwurzel die Länge von etwa 3 — 4 Millim. erreichen. Am Kopfe
bleibt die Farbe aus hellgelblich und schwarzgespitzten Haaren gemischt. Unten haben die
Deckhaarc etwa 7 — 8 Millim. Länge, davon etwas mehr als die Hälfte, nämlich 5 Millim.,
auf den dunkelgrauen unteren Theil und die übrigen 3 Millim. auf die weisse Spi ze kommen.
Diese tjpische Färbung, welche auch Pallas's Abbildung ^) wiedergiebt, lindet sich an zweien
unserer Amur-Exemplare; das 3'^ aber weicht davon etwas ab. Es ist nämlich im Einzelnen
zwar ebenso gezeichnet, aber viel heller, auf dem Rücken gelblichroth, schwarz gestichelt, an
den Seiten graugelblich , unten weiss , iheilweise mit schwachem schmutzig gelblichem An-^
fluge ; der Schwanz ist ebenfalls viel heller, oben gelblich mit schwarzgespitzlen oder ganz
schwarzen Haaren gemischt, unten einfarbig gelblich; über der Scbwanzwurzel läuft vou einem
Hinterschenuel zum anderen eine verwaschene schwärzliche Binde, welche von der durch-
schimmernden schwarzen Farbe unterhalb der gelblichen Spitzen an den Oberhaaren herrührt.
Diese in ihrer geographischen Verbreitung bereits durch Steiler^) und Pallas^) bis nach
Kamtschatka bekannte, von Middendorff ^) häuüg am • Stanowoi - Gebirge gefundene
Febimaus kommt auch im gesammlen Laufe des Amur -Stromes vor. Ich erhielt sie an der
Mündung desselben und H.3L'iack brachte 2 Exemplare vom oberen Amur-Strome, das eine
von der Mündung des Ko mar -Flusses, das andere (hellere) aus der Gegend oberhalb Alba-
sin's mit. Pallas berichtet, dass diese Maus den ganzen Winter hindurch munter bleibe und
häufig über den Schnee hinlaufe. An der Mündung des Amur-Stromes fand ich sie jedoch am
15.(27.) Nov., bei einer Temperatur von etwa — 14" R., unter der Wurzel eines Baumstam-
mes im Schlafe versunken liegen. In die Stube gebracht, wachte das Thier nach kurzer Zeil
auf. Es scheint daher dieses Thier bei stärkerem Froste bisweilen auch in einen zeitweisen
Winterschlaf zu versinken.
41) Ar^ioola ainitliibiiis L.
A. terreslris L. et A u e t.
Ein mitgebrachtes Exemplar der Wasserratte aus dem Amur-Lande gehört der helleren,
kurzschwänzigen Varietät A. terreslris Au ct. an. Der Schwanz derselben ist wenig länger
als ein Drittbeil des Körpers, indem die Länge des Körpers von der Nasenspitze bis zur
Schwanzwurzel 130, die des Schwanzes 45 Millim. beträgt. Die Farbe des Amur-
Exemplares ist oben graubraun, an den Seiten beller, gelblichbraun, unten weissgrau mit
schmutzig gelblichem Anfluge ; die Extremitäten sind hellbraun, der Schwanz oben braun,
unten weisslich. Die Deckhaare des Rückens sind von 15 — 17 Millim. Länge und von ver-
schiedener Farbe: die meisten sind zweifarbig, in ihrem unteren Theile (auf etwa 12 Millim.
Länge) dunkel schwarzgrau, im oberen entweder bräunlichgelb mit äussersler schwarzer Spitze,
') Not. Sp. Quadr. tab. XIV. B.
*) Die von Steiler (Besihreib. von dem Lande Kamtschatka, p. 129. Nota a.) unter dem KamtscbadaliscbeD
Namen Tschetanaustschu angeführte rothe Maus scheint Ä. rutilus Pall. zu sein.
') Nov. Sp. Quadr. 1. c.
*) Sibirische Reise. I. c. p. 114.
Arvicola amphibius. A. saxatilis. 137
oder einfarbig bräunlichgelb ; ihnen sind einfarbig schwarze Haare beigemischt. An den Sei-
ten wird die Zahl der einfarbig gelblich gespitzten Haare grösser und die Farbe der Haar-
spitzen heller gelblich. Auf der Unterseite endlich sind die Deckhaare von 10 — 12 Millim.
Länge, davon etwas über die Hälfte auf den dunkelgrauen Basaltheil und das Uebrige auf die
weissliche oder gelbliche Spitze kommt.
Arvicola amphibius kommt im Amur- Lande nicht häufig vor. Das oben beschriebene
Exemplar erhielt ich durch Hrn. Maximowicz, der es im November (1854) erfroren auf
einer mit Weiden bewachsenen Insel des Amur -Stromes in der Gegend von Kidsi fand. Ich
selbst habe dieses Thier im September 1854 in einem Flussarme des Amur-Stromes zwi-
schen sumpügen Inseln unweit vom Nikolajewschen Posten im Wasser schwimmen sehen,
konnte seiner aber nicht habhaft werden.
42) Arvicola üiaxatilis Fall. Taf. VI. fig. 3.
Diese seit Pallas nicht wiedergefundene Feldmaus liegt mir in einem von Hrn. Maxi-
mowicz aus dem Amur-Lande mitgebrachten Exemplare vor. Die grösseren Ohren und der
verhältnissmässig längere, dünnbehaarte Schwanz, welche sie den ächten Mäusen nähern, las-
sen in ihr sogleich das von Pallas ') beschriebene Thier erkennen. Da jedoch die erste, von
Pallas nach dem lebenden Thiere entworfene Beschreibung in Folge eines Unglücksfalles
verloren gegangen ist und nur eine spätere dürftige Beschreibung dieses Thieres nach Fellen
uns vorliegt, so dürfte hier eine genauere Beschreibung des Amur-Exemplares am Orte sein.
Arvicola saxalilis gehört zu den ächten, mit scharfkantigen, nach innen tief einspringen-
den und meist vollständig getrennten Schmelzschlingen versehenen Feldmäusen. Das Gebiss
besteht aus 1 6 Zähnen. Die Vorderzähne sind ziemlich breit, gelb, die unteren heller gelblich.
Von den Backenzähnen hat im Oberkiefer (Fig. 3. a.) der l'*' Zahn 5 vollständig getrennte
Schmelzschlingen und aussen und innen 3 Kanten; der 2'*^ hat 4 vollständig getrennte Schmelz-
schlingen und aussen 3, innen 2 Kanten; der 3'^ hat 6 Schmelzschlingen, davon die 4 ersten
vollständig, die beiden letzten unvollständig von einander getrennt sind; an der Aussenseite
hat der 3'« Zahn im Oberkiefer 3, an der Innenseite 4 Kanten und ausserdem eine nach hin-
ten gerichtete, abgerundete Kante. Im Unterkiefer (Fig. 3. b.) hat der 1'^ Zahn 9 Schmelz-
schlingen, davon die 3 vordersten unvollständig, die übrigen vollständig von einander ge-
trennt sind; an der Aussenseite hat er 5 Kanten, davon die vorderste abgerundet ist und zur
Eudschlinge gehört, an der Innenseite 6 Kanten, von denen die vorderste, ebenfalls zur End-
schlinge gehörig, sehr wenig vorspringt. Der 2'« Zahn im Unterkiefer hat 5 vollständig ge-
trennte Schmelzschlingen und aussen und innen 3 Kanten ; der 3'^ hat 3 vollständig getrennte
Schmelzschlingen und aussen und innen 3 Kanten. — Im Gaumen sind 9 Falten, von denen 4 in
1) Not. Sp. Quadr. e Glir. ord. p. 235. sqq.
Schrenck Araur-Keise Bd. I. 10
138 Säugethiere.
der Zahnlücke zwischen den Vorder- und Backenzähnen liegen. Von diesen ist die vorderste
3eckig, die 2'^ und 3'" einfach bogenförmig, in der Mittellinie nicht unterbrochen ; die 4'^ , unmit-
telbar vor dem ersten Backenzahne entspringend, ragt jederseits nach hinten und innen in den
Zwischenraum zwischen den Zahnreihen hinein und ist in der Mitte unterbrochen. Auf diese
folgen zwischen den Zahnreihen 5 schwache, ziemlich parallele, in der Mitte mehr oder we-
niger unterbrochene Falten, deren letzte von der 1'^" Innenkante des S^*"* Backenzahnes ent-
springt. — Die Lippen sind fleischig; die Oberlippe aussen uml innen, die Unterlippe unten und
am Rande behaart. Inwendig am Mundwinkel liegt eine drüsige, mit langen, weisslichen Haa-
ren bedeckte Warze. — Die Nasenlöcher sind rundlich-nierenförm g, mit der hohlen Seite nach
hinten gerichtet, vorn durch eine MilteU'urche von einander getrennt. Die Schnauze über und
unter denselben ist bis auf die Nasenwülste stark behaart. — Die Bartborsten sind kürzer als der
Kopf, verschiedenfarbig: schwarz, schwarz im unteren Theile und weiss am oberen Ende, und
ganz weiss. — Das Auge liegt in der Mitte zwischen der Nasenspitze und der Ohröfl'nung. —Das
Ohr hat über ein Dritlheil der Kopfeslänge, ist von ovaler Form und tritt aus dem Pelze her-
vor ; es ist aussen und innen ziemlich behaail, an der Basis inwendig mit langen Ilaaren ver-
sehen. — Die E\tremiläten sind ziendich robust. Am Vorderfusse ist die Daumenwarze klein, mit
kurzem Nagel; der 2'« Finger ist am längsten; der 1 ^'^ reicjjt ohne Nagel bis an die Ballen-
basis des 2'^" ; der 3'^ ist nur wenig kürzer als der 2"^ und reicht ohne Nagel bis zur Ballen-
milte des 2'^"; der i''' reicht mit dem Nagel bis zur Balleubasis des 3'''". Die MitleUinger
sind weniger tief als die seillichen gesondert; die Zehen unten geringelt. Die Sohle der Vor-
derfiisse hat 5 längüch-rundliche Schwielen, davon die 3 vorderen an der Basis von je 2 auf
einander folgenden Zehen, die beiden anderen hinter jenen in einer Querreiiie in der Gegend
des Daumens liegen; die innere der letzteren, an der Basis des Daumens, ist die grösste. Die
Sohle ist nackt; der Fuss und die Zehen sind oben und an den Seiten stark behaart; die Haare
an der Basis der Nägel die Nägel an Länge überragend. Am Hinterfusse ist der 3'^ Finger am
längsten; der 2'^ reicht ohne Nagel bis an die Ballenmitte des 3'en; der 4*" ist um ein Gerin-
ges länger als der 2'" und kürzer als der 3'^ ; der 5'^ reicht mit der Kralle beinahe bis an die
Balleubasis des 4'^°; der 1*'" reicht ohne Nagel beinahe bis an die Basis des 2'^" Fingers. Der
3'" und 4'" Finger sind etwas w eniger tief von einander gesondert als der 2'" und 3'"' ; die
seitlichen sind viel tiefer gesondert. Die Sohle des Hiuterfusses hat 5 längliche Schwielen, da-
von die 4 vorderen in 2 schiefen, einander fast parallelen Reihen an der Basis der Zehen
liegen, (He 5'*', hinterste, am Innenrande des Fusses hinter der 4'^", an derDaumenbasisgele-
genen Schwiele sich belindet. Die Zehen sind unten geringelt und ebenso wie die Sohle nackt;
der Fuss an den Seiten und oben und die Fusswnrzel unten, bis an die hinterste Schwiele, stark
behaart; die Haare an der Basisder Nägel von ansehnlicher Länge, die Nägel weit überragend. —
Der Schwanz ist ziemlich diinu und wird gegen das Ende noch dünner ; er ist ohne Haar-
pinsel beinahe von halber, mit demselben von mehr als halber Körperlänge, schwach behaart,
mil duichschimmernden Schuppenringen ; die Behaarung an demselben ist ziemlich gleich-
massig, nur an der äussersten Spitze länger. — Die Farbe des Amur-E\eniplares ist der Be-
Arvicola saxalilis. 1 39
Schreibung und Abbildung von Pallas ') entsprechend: oben dunkelrolhlich graubraun, nach
den Seilen zu heller, unten scharf abgesetzt weissgrau ; die Extremitäten bräunlich; der
Schwanz oben braun, unten weisslich. Die Deckhaare der Oberseite sind von 10 Milliin.
Länge, in ihrem unteren Theile, auf etwa 6 Millim. Länge, schwarzgrau, im oberen röthlich-
gelb, an der äussersten Spitze bisweilen schwärzlich. Ueber die Declihaare ragen einzelne
längere, etwa 13 Millim. betragende!, ganz schwarze oder bisweilen auch mit röthlich - gelb-
licher Spitze versehene Oberhaare hervor. Unten sind die Deckhaare von 7 Millim. Länge,
ebenfalls zweifarbig: in der Wurzelhälfte, auf etwa 4?, Millim. Länge, dunkelgrau, im oberen
Theile weisslich. Die Nägel simi weisslich. — Das mir vorliegende Exemplar ist ein erwachsenes
Weibchen und hat 8 Zitzen, davon 2 l'aar vorn, zwischen und hinter den Vorderbeinen, und
2 Paar hinten, zwischen und hinter den Hinterbeinen liegen. — Die Maasse des Thieres sind
folgende :
Länge von der Nasen- bis aur Schwanzspitze 160 Millim.
» von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel 1 03 »
» des Schwanzes ohne Endhaare 46 »
» der Endhaare am Schwänze 11 »
» des Kopfes 29 »
» der Augenspalte 4 »
. Entfernung zwischen dem vorderen Augenwinkel und der Nasenspitze 11 »
» zwischen dem hinteren Augenwinkel und der Ohröffnung 11 »
Länge der längsten Vibrisse (ungefähr) 26 »
« des Ohres von der äusseren Basis an 12 »
Grösste Breite des Ohres 10 »
Länge des Oberarmes 15 »
» des Unterarmes 17 »
» des Vorderfusses bis zur Krallenspilze 11 »
» des Hinterfusses vom Hacken bis zur Krallenspilze 20 »
Es bleibt mir nun noch i'ibrig A. saxalilis gegen die nächstverwandten Arten prägnanter
abzugränzen. Nach der Zahubildung, und namentlich der Anzahl von Schmelzschlingen am
l'en unteren Backenzahne, steht A. saxalilis unter den europäischen Thieren nur /l. arva-
lis Pall. und A. campestris Blas., so wie den Arten A. sublerraneus Selys und A. Savii
Selys nahe, von welchen letzteren sie sich aber sehr entschieden schon durch die Körper-
verhällnisse, durch längere Ohren und eine grossere Anzahl und verschiedene Lage der Zitzen
entfernt '). Von den ersteren ist sie durch die Anzahl von Schwielen an der Sohle des Hinter-
') l. c. lab. XXIII. B.
^} Beide letztgenannten Arien, Ä. sublerraneus und A. Savii, liaben nach Blasius (Fauna der Wirbelth.
Deutschlands. I. p. 336 u. 387) 4 Zitzen, wehte in der Ahdominalgegend liegen. Nach Selys (Etudes de. micro-
maninialogie. Paris 1839. p. 101 u. 103) seüist al'er hat erstere 6, letztere 8 Zitzen, welche alle in der Abduminal- und
luguinal^egend liegen.
140 Säugethiere.
fusses verschieden, deren jene 6, A. saxatilis nur 5 hat. Zwar giebt Blasius ') auch A. sa~
jcalilis 6 Knorpelschwielen an der Sohle des Hinterfusses, allein es ist wohl anzunehmen, dass
er keine Exemplare der wirklichen A. saxatilis vor sich gehabt habe. Von beiden ist sie auch
ferner durch den längeren, dünnbehaarten Schwanz, durch die Form der vorderen Schmelz-
schlingen am 1 '*° unleren Backenzahne und von A. campestris auch durch die Anzahl der Kan-
ten am 3'"" oberen Backenzahne unterschieden. Was die nahe verwandten sibirischen Arten
betrifft, so unterscheidet sich A. saxatilis von denselben, ausser der abweichenden Form des
l'en unleren und bisweilen auch des S^e" oberen Backenzahnes, von den meisten, wie A.oecn-
nomus? aU., A. gregalisV a\\., A. socialis P aU. und der seit Middendorff's^) Beschreibung genau
bekannten A. obscurus Eversm. , auch durch längere Ohren und besonders durch einen viel
längeren Schwanz. Die einzige ihr in dieser Beziehung näher kommende sibirische Art A. al-
liaritis Fall, unterscheidet sich aber von ihr, abgesehen von der verschiedenen Farbe, schon
durch eine geringere Anzahl von Zitzen, deren A. saxatilis 8, A. alliarius nach Pallas ")
nur 6 hat.
Pallas hielt A. saxatilis für eine nur Transbaikalien und der Mongolei eigenthüm-
liche Form. Wir müssen aber diese Gränzen ostwärts auch über das Amur -Land erweitern,
indem unser Exemplar von Hrn. Maximowicz am linken Ufer des Amur-Stromes nahe un-
terhalb seines Durchbruches durch das Bureja-Gebirge am 12. (24.) August 1856 gefangen
worden ist.
43) ArTlcoIa ]fIaxiinowlcail Schrenck n. sp. Taf. VI. fig. 4 u. 5.
Durch Hrn. Maximowicz haben wir aus dem Amur-Lande eine Feldmaus erhalten,
welche ich trotz der genauesten Vergleichung mit den bisher beschriebenen und theils auch
in unserem Museum vorhandenen, vielfachen Arten dieses Geschlechtes, dennoch unter keine der
bisher bekannten Arten zu bringen weiss. Ich sehe mich daher geuothigt dieses Thier für eine
neue Art zu halten, muss aber bedauern die Beschreibung nur nach einem einzigen und dazu
nicht ganz gut erhaltenen Exemplare entwerfen zu müssen.
A. Maximowiczii reiht sich dem Gesammthabitus wie dem Charakter der Zahnbildung
nach den ächten Feldmäusen an. Die Schmelzschlingen der Backenzähne sind tief einspringend
und scharfkantig und die Schmelzwände der Aussen- und Innenseite berühren sich vollständig,
so dass die Schmelzschlingen, bis auf die vordersten am 1'^" Unterkiefer- und die hintersten
am 3'^" Oberkieferzahne, vollständig von einander getrennt sind. Die speciellen Charaktere
betreffend, hat ^. Maa;iVnoM)iC3Ü ziemlich breite und starke Vorderzähne, von gelber Farbe; die
oberen glatt und ohne Furchen. Von den Backenzähnen hat im Oberkiefer (Fig. 5. a.) der
l^'e Zahn 5 vollständig getrennte Schmelzschlingen und aussen und innen 3 Kanten; der
') 1. c. p. 387.
2) Sibirische Reise. I. c. p. 109. sqq.
ä) Nov. Sp. Quadr. p. 233.
Arvicola Maximowiczii. 14-1
2te Zahn hat 4 vollständig getrennte Schmelzschlingen und aussen 3 , innen 2 Kanten ; der
3'e Zahn hat 6 Schmelzschlingen, davon die 4 vordersten vollständig, die heiden hintersten
aber unvollständig von einander getrennt sind. An der Aussenseite des S'en Zahnes sind 3, an
der Innenseite 4 Kanten und eine abgerundete Kante nach hinten und etwas nach innen. Im
Unterkiefer (Fig. 5.6.) hat der l'^Zahn 9 Schmelzschlingen, von denen die 3 vordersten unvoll-
ständig, die übrigen vollständig von einander getrennt sind; an seiner Aussenseite sind 5 Kanten,
von denen die vorderste sehr schwach ist, an der Innenseile 6. Der 2'^ Zahn im Unterkiefer hat
5 vollständig getrennte Schmelzschlingen und aussen und innen 3 Kanten ; der 3'^ hat 3 voll-
ständig getrennte Schmelzschlingen und aussen und innen 3 Kauten. — Im Gaumen sind 1 Fal-
ten, davon 5 in der Zahnlücke zwischen den Vorder- und Backenzähnen und 5 zwischen den
Zahnreihen des Oberkiefers liegen. In der Zahnlücke ist die 1*'^ Falle ungefähr 3eckig ; die
2'e einfach bogenförmig; die 3 folgenden bestehen aus einem in der Mitte geknickten und mit der
Spitze nach hinten gerichteten Bogen, wobei die erste derselben in der Mittellinie gar nicht,
die 2'" schwach und die 3'^ deutlich unterbrochen ist; letztere, die 5'^, entspringt unmittelbar
vor dem ersten Backenzahne und reicht in der Mittellinie weit in den Zwischenraum zwischen
den Zahnreihen hinein. Es folgen nun 5 Falten zwischen den Backenzahnreihen, davon die 3
ersten, von der 2'^° und 3''^'' Innenkante des 1'"" Backenzahnes und der l'^" Innenkante des
2'en Backenzahnes entspringend, ziemlich schwach, flach bogenförmig und in der Mittellinie unter-
brochen sind; die beiden letzten, von der 2'ß''bis letzten Innenkante des 3'e'' Backenzahnes ent-
springend, steigen bogenförmig nach vorn und innen auf, die vorletzte mit einer in der Mittellinie
nach vorn gerichteten Spitze, die letzte einfach mit einer leisen Spur von Unterbrechung an
der Mitttellinie. — Die Lippen und die Schnauzenspitze sind bis auf die Nasenwülste behaart.
Das Auge liegt etwas näher zur Ohröffnung als zur Schnauzenspitze. Das Ohr beträgt mehr
als ein Drittheil, ja Jjeinahe die Hälfte der Kopfeslänge. — Die Extremitäten sind ziemlich
schwach. Am Vorderfusse ist die Daumenwarze klein, mit kurzem, stumpfem Nagel versehen;
der darauffolgende, 1'" Finger reicht mit der Kralle bis zur Ballenmitte des 2'6" Fingers;
der 2'^ und 3'" Finger sind ziemlich gleich lang und am längsten ; der 4'^ Finger reicht mit
der Kralle bis zur Ballenbasis des 3'^°. Die Mittelfinger sind weniger tief gesondert als die
seitlichen. Die Sohle der Vorderfusse hat 5 Schwielen, von denen die 3 vorderen an der Basis
der 1'en bis 4'6° Zehe, die 2 hinteren in einer Reihe in der Gegend des Daumens liegen; die
innere der letzteren, an der Basis des Daumens, ist am grössten. Die Zehen sind unten gerin-
gelt ; die Sohle nackt; der Fuss und die Zehen oben und an den Seiten behaart; die Haare an
der Basis der Nägel ziemlich lang, die Nägel an Länge überragend. AmHinterfusse reicht die
erste, innerste Zehe mit der Kralle bis an die Basis der 2'^° ; die 2'^ ist nur \^ enig kürzer als
die 3'6 und reicht ohne Nagel bis an die Ballenmitte der S'^"; die 3'« und 4'^ sind gleich lang
und am längsten; die 5'^ reicht mit der Kralle beinahe bis zur Ballenbasis der 4'^° . Die Sohle
des Ilinterfusses hat 5 längliche Schwielen, davon die 4 vorderen in 2 schiefen, einander
fast parallelen Reihen zwischen der Basis je zweier auf einander folgender Zehen liegen und
die 5*ß hinter der Schwiele der Daumenbasis am inneren Rande des Fusses sich befindet. Die
142 Sängelhiere.
Zehen sind unten geringelt; die Sohle nackt; der Fuss und die Zehen oben und an den Seilen,
so wie die Fusswurzel unten bis an die Schwiele des Daumens stark behaart. Die Nägel sind
lieuilich stark, weisslich. — Der Schwanz ist von der Länge des Kopfes, beinahe gleich einem
Dritlheil der Kiirperlänge. — Die Farbe dieses Thieres ist oben rolhbraun, schwarz ge-
stichelt, an den Seilen heller, unten scharf abgesetzt gelblichweiss. Die Extremitäten sind grau.
Der Schwanz ist oben schwarzbraun , unten scharf abgesetzt weisslich ; die Schwanzspitze
ziemlich steifhaarig, zumeist aus den schwarzbraunen Haaren der Oberseite des Schwanzes
üeltiblet. Die Deckhaare der Oberseile sind im unteren, längeren Theile dunkel schwärzlich-
grau, im oberen rölhlich mit feiner schwarzer Spitze, manche auch einfarbig rölhlich; sie wer-
lien von längeren, ganz schwarzen Haaren überragt. Auf der Unterseite sind die Deckhaare
im unteren Theile grau im oberen gelblichweiss. Das mir vorliegende Exemplar ist einMänn-
ch* 11. nie Maasse desselben sind folgende :
Gesammtiänge von der Käsen- bis zur Schwanzspitze 113 Millim.
Länge von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel 81 »
» des Schwanzes ohne Endhaare 26 »
» der Enilhaare am Schwänze 6 »
» des Kopfes 26 »
Entfernung zwischen dem vorderen Augenwinkel und der Nasenspitze 10 »
» zwischen dem hinteren Augenwinkel und der Ohröffnung 7 »
Länge der Augenspalte 3 »
» des Ohres von der äusseren Basis an 11 »
Breite des Ohres 9 »
Länge des Oberarmes 13 »
» des Unterarmes » 15 »
» des Vorderfusses bis zur Krallenspitze 11 »
» Schenkels 13 »
» Schienbeines 17 »
» des Hinterfusses vom Hacken bis zur Nagelspitze 19 »
Heben wir nun prägnanter die Hauptkennzeichen hervor, durch welche sich A. Maxi-
mowiczii von den ihr zunächst stehenden Arten unterscheidet. Die Abgränzung muss hier na-
mentlich gegen die Gruppe der ächten Feldmäuse, d. i. unter den europäischen Thieren gegen
A. arvalis Fall., A. campestris Blas, und die kurzöhrigen A. subterraneus Selys und A. Savri
Sel>s, und unter den asiatischen Formen gegen A.occonowus, ^4. grc^/a/js u. a. m. geschehen, da
A. Maximowkzü von ä^n anderen Gruppen desselben Geschlechtes durch die Zahnbildung zu
sehr unterschieden ist, um eine Verwechselung zuzulassen. Von A. arvalis und A. campestris
unterscheidet sie sich sowohl durch die Form der Schmelzschlingen am 1 'ß" unteren (und von
A. campestris auch am 3'"^° oberen) Backenzahne, als auch durch die Anzahl der Hinlerluss-
schwielen, deren jene 6, A. Maxiwomiczii nur 5 hat. In diesem letzteren Punkte stimmt
sie mit der Untergruppe Microtus Selys überein. Durch die Länge des Ohres aber unierschei-
Arvicola Maximowiczii. 14.3
det sie sich von beiden europäischen Arten, A. sublerraneus und .4. Savii, jener Untergruppe;
roxi letzterer Art ausserdem auch durch einen längeren Schwanz und eine andere Anzahl von
Schnielzschlingen am 3'e° oberen Backenzahne. Mit A. snbterramus Sei) s scheint A. Maxi-
mowiczii die grösste Aehnlichkeit in den Charakteren zu haben, unterscheidet sich jedoch eben-
falls durch eine etwas andere Form der Schmelzschlingen am l'^n unteren Backenzahne und
durch etwas andere Körperverhältnisse , namentlich durch längere Ohren und wie es scheint
durch einen kürzeren Schwanz. Das Unterscheidende von den asiatischen Formen muss ebenfalls
hauptsächlich in der Form der Schmelzschlingen , dann in den Verhältnissen der Ohr- und
Sciiwanzlänge und endlich in der Farbe gesucht werden. Von A. gregalis Fall., wofür ich das in
Weingeist aufbewahrte Exemplar von A. Maximowiczii aniaings hielt, steht mir leider weder ein
Schädel, noch eine Abbildung desselben zur Vergleichung der Zahnbildung zu Gebote. Allein
Keyserling und Blasius ') geben als charakteristisches, nur der A. gregalis zukommendes Kenn-
zeichen an, dass dieselbe am l'«^" Backenzahne im Unterkiefer nur 8 Prismen habe, während
A. Maximowiczii ihrer 9 hat. Auch unterscheidet sie sich von A. gregalis, nach den Maass-
angaben von Pallas ^), durch einen etwas längeren Schwanz und durch eine viel dunklere
und röthlichere Farbe. Von A. oeconomus Pall. ist unsere Art durch die abweichende Form
des ersten unteren Backenzahnes sehr unterscliieden : zwar ist die Anzahl von Schmelzschlin-
gen dieselbe, allein die vordere Endschlinge ist bei A, oeconomus von den anderen weniger
getrennt und etwas nach aussen gekehrt, während sie bei A. Maxim oiciczii schärfer getrennt
und nach innen gekehrt ist, wodurch auch die Zahl der Innenkanten des 1'^" unteren Backen-
zahnes !ei leliterer eine grössere wird. Endlich ist auch die Farbe dunkler als bei A. oecono-
mus. Mit A. obscurus Eversm. ist schon wegen des längeren Schwanzes bei A. Maximowiczii
keine Verwechselung möglich; noch weniger bei Vergleichung der Zahnbildung, welche eben-
falls in der Form des l^^" unteren und 3'*^" oberen Backenzahnes verschieden ist ^). Eine grös-
sere Aehnlichkeit im Zahnbau hat A. Maximowiczii mit A. saxalilis Pall.; allein auch hier ist
der Unterschied in lier Form der Endschlinge des 1 '^" unteren Backenzahnes sehr ausge-
sprochen; auch lassen der bei A. saxalilis verhäUnissmässig viel längere Schwanz und die ver-
schiedene Färbung keine Verwechselung zu. Von den Arten A. socialis Pall. und A. alliarius
Pall., von denen mir keine zuverlässig denselben angehörende Schädel oder Zalinabbildungen
zu Gel'ote stehen, ist unsere Art durch die dunklere, rolhbraune Farbe und durch den länge-
ren Schwanz unterschieden. Von den meisten der genannten Arten miissle sich endlich A, Ma-
ximowiczii auch durch die Anzahl der Schwielen an <ier Sohle des Hinlerfusses unterscheiden,
da A. oeconomus, gregalis, socialis und saxalilis nach Blasius's '') Angaben 6 Hinterfuss-
schwielen besitzen sollen, A. Maximowiczii al>er ihrer nur 5 hat. Dass diese Angabe von Bla-
sius jciloch für A. saxalilis nicht richtig sei, habe ich bereits oben bemerkt.
') IMemoires presentes ä l'Acad. des Sc. de St. Petersb. par divers sayants. T. IV. 184o. p. 332.
*) Nov. Spec. Quadr. p. 245.
3) Middendorff, Sibirische Reise. I. c. tab. XI.
«) 1. c. p. 3S7.
1 44 Säugelhtere.
Diese Feldmaus ist von Hrn. Maximowica am oberen Amur-Strome, an der Mündung
des Flusses Oniutna in denselben, auf sandigem Boden unter Weidengebiischen am 7. (19.)
Octüber 1856 gefangen worden.
44] Siplineii!« ilspalax Fall.
Ullis Aspalax Fall. Nov. Sp. Quadr. e Glir. ord. p. 163. Tab. X. ')
Spalax talpinus Fall. Zoogr. Rosso-Asialiea. I. p. 139.
Ein Exemplar dieses Thieres, das wir aus dem Amur -Lande haben, stimmt mit dem
sibirischen Thiere und mit der Beschreibung von Pallas ganz überein. Nur tinde ich Pallas's
Angabe über die verhällnissmässige Länge der Zehen und Nägel am Hinterfusse des Thieres
nicht ganz richtig. Nach Pallas soll nämlich am Hinterfusse der 2'^ Finger der längste sein
und einen grösseren Nagel als der etwas kleinere S'** Finger haben. An dem Amur -Exem-
plare dagegen und an 6 altaischen Exemplaren unseres Museums ist der 3'« Finger am
längsten: er ist etwas grösser und auch stärker gebaut als der 2'^. Am Amur -Exemplare
ist an dem einen Hinterfusse auch der Nagel des 3*en Fingers etwas länger als der des 2'6° ,
indem jener 4, dieser nur 3 Milliin. misst; am anderen Fusse aber sind die Nägel des 2'^" und
3ten Fingers einander gleich und zwar je 3 Millim. lang. — In der Farbe und Zeichnung
lässt unser Amur- Exemplar ebenfalls genau dasselbe Thier erkennen: es ist oben röthlich-
aschgrau, Stirn und Ohrgegend weisslich grau ; Unterseite grau, stellenweise bald mehr weiss-
lich, bald mit schwachem röthlichem Anfluge versehen. Betrachtet man die einzelnen Haare
genauer, so findet man sie auf dem Rücken von etwa 12 Millim. Länge, zweifarbig: im un-
teren, längeren Theile, auf etwa 9 Millim. Länge, dunkel mausegrau, an der Spitze röthlich-
weisslich ; ihnen sind nur wenige statt der hellröthlichen mit schwarzen Spitzen versehene
Haare beigemischt. Auf der Unterseite sind die Haare kürzer, im unteren Theile heller grau,
im oberen weiss oder blassröthlich wie auf dem Rücken. Der Schwanz ist bis auf wenige
kurze weissliche Härchen nackt.
Dieses von Laxmann in den Vorbergen des Altai- Gebirges entdeckte, nach Pallas in
Transbaikalien jenseits des Stanowoi-Gebirges zwischen der Jngoda und dem Argunj,
also an den Quellarmen des Amur-Stromes, hauptsächlich häuhge Thier ist von Hrn. Maack
auch am Amur -Strome und zwar etwas unterhalb der Komar- Mimdung gefunden worden.
Nach der Beschaffenheit des Landes zu urtheilen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass es auch
weiter unterhalb am Strome, zum wenigsten bis an das Bureja- Gebirge, vorkommen dürfte.
Im unleren Amur-Lande aber ist mir keine Spur dieses Thieres begegnet.
1) Im Texte des genannten Werltes ist irriger Weise auf p. 168. Cm Mus Aspalax tab. VIII statt X, und ebensu
auf p. 158. für Mus Typhlus tab. VII statt VIII citirt, ein Druckfehler, der sich schon aus der Explicatio Iconum, p. 386,
berichtigen iasst.
Casfor Fiber. Lepns variabilis. 145
45) Castor Fiber L.
Bekanntlich hat Middendorff keine Spur des Bibers im Stanowoi-Gebirge gefunden ').
Ich habe ihn ebenfalls vergeblich am Amur-Strome und dessen Zuflüssen gesucht. Gleichwohl
kann er in jenen wenig bevölkerten, zum Theil nur von Nomaden durchstreiften Wildnissen
nicht wohl durch Nachstellungen bereits so weit ausgerottet sein, dass auch die Kunde von
demselben unter den Eingeborenen verloren gegangen sein sollte. Erwägt man dazu, dass
meine Reisen im Amur -Lande sich fast immer längs dem Laufe der Flüsse bewegten, so
scheint es wohl erlaubt, das Vorkommen des Bibers im Amur -Lande völlig in Abrede zu
stellen. Dasselbe dürfte auch für die Insel Sachalin gelten. Auch ist mir durch mündliche
Mittheilungen bekannt, dass der russisch-amerikanischen Companie während des einen Win-
ters, von 1853 auf 54, als sie eine temporäre Handelsstation in der Bai Aniwa hatte, von
den Eingeborenen der Insel niemals ein Fell des Bibers zugebracht worden ist. Desgleichen
weiss Siebold nichts von seinem Vorkommen in Japan.
46) licpiis variabilis Fall.
Bei den Giljaken des Continentes und der Westküste der Insel Sachalin: chy'i und chy'ik.
« « « des Innern und der Oslküste von Sachalin: ossjk und kanak (d.h. der Weisse).
« « Mangunen, Golde unterhalb des Geong- Gebirges, Ssamagern (Kile am Gorin):
toksa und tochsa.
« « Golde zwischen dem Geong-Gebirge und dem Ussuri: tochsa und golmochong.
« « « zwischen dem Ussuri und Ssungari: gurmacho.
« « Biraren, Monjagern, Orotschonen: toksake.
Der Schneehase kommt im Amur-Lande in seiner typischen Form, mit veränderlichem,
im Winter bis auf die schwarze Spitze der Ohren vollkommen weissen Kleide vor. In dieser
Tracht habe ich ihn oft auf meinen Winterreisen im Amur-Lande gesehen. Der Schädel eines
solchen Thieres aus dem unteren Amur-Lande stimmt, nach genauer Vergleichung, mit dem
des europäischen Thieres ganz überein. Das Hinterhauptsbein springt an demselben ebenfalls
mit abgerundeter Schneppe in die Scheitelbeine vor und die Stirnbeine schieben sich mit ziem-
lich spitzer Schneppe in der Medianlinie zwischen die Nasenbeine vor ^). Letztere scheinen
auch im Vergleich zu den Nasenbeinen von L. europaeusVaW. [L. timidus L.) weniger entwickelt zu
sein. Die Gesammtlänge des Schädels vom Amur-Exemplare beträgt 95, die grössle Breite an den
lochbögen 50 Mill. — Ein Herbstexemplar vom selben Hasen, das ich am 2. (14.) Oct. vom Flusse
Kamr in der Umgegend des Nikolaj ewschen Postens erhielt, ist im Wechsel der Sommer- in
die Wintertracht begriffen. Es ist bereits in seinem grössten Theile weiss, am Kopfe und Mittel-
rücken aber noch roströthlich gemischt. Am Kopfe ist namentlich der Nasenrücken licht rost-
•) Sibirische Reise. 1. c. p. 115.
*) Middendorff, Ueber die als Bastarde angesprorh. Millelform. zwisch. L. eiirop. Fall, und l. xtariab. Fall.
S. Bull, ph^s.-raath. T. IX. . ) ' 14—16. Dsgl. .Melanges biologiques. T. I. p. 245.
SchreDck Aruar-Reise ßd. I. l*'
1 4-6 Sängelkiere.
röthlich ; die Stirne und der Scheitel sind etwas dunkler roslröthlich mit schwarzen Haaren
gemischt imd wenig durclischinmierndem Weiss , indem hier aus dem weissen Wollhaar und
den anwachsenden, noch kurzen, etwa 9 bis 10 Millim. langen, weissen Deckhaaren andere,
längere Haare, von etwa 16 — 19 Millim., hervorragen, welche theils, und zumeist, in
der Basalhälfte grau, in der Endhiilfte schwarz mit roslröthlicher Spitze oder auch mit rost-
röthlichem Bande unterhalb der schwarzen Spitze , theils ganz schwarz sind. Die Kopfseiten
unterhalb der Augen sind weiss, mit wenigen röthlich und schwarz gezeichneten Haaren un-
termischt. An den Ohrwurzeln und auf dem Oberhalse ist das Fell fast rein weiss, mit sehr
wenigen röthlich und schwarz gezeichneten Haaren. Die Ohren erreichen angedrückt die
Schnauzcnspilze nicht ; sie sind auf der Aussenseite vorn röthlich mit schwarz gemischt wie
die Stirn , hinten weiss, an der Spitze, und zwar am Aussen- und Innenrande gleichraässig,
dunkel schwarzgrau; auf der Innenseite sind die Ohren schmutzig weisslich, nach dem Aussen-
rande zu gelblichgrau. Die Mittellinie des Rückens ist roströthlichgrau mit durchschimmern-
dem Weiss, indem hier aus dem weissen Wollhaar theils weisse, theils und zumeist schwarze,
mit grauer Basalhälfte und röthlichem Bande unterhalb der schwarzen Spitze versehene
DecUiaare von etwa 25 Mülim. Länge hervorragen, welche von einzelnen ganz weissen und
ganz schwarzen Stichelhaaren von etwa 37 Millim. Länge überragt werden. Diese Farbe der
Mittellinie des Rückens bricht nach den Seiten sehr unregelmässig und verwaschen ab, indem
das Weiss mehr und mehr überhand nimmt. Die Unterseite endlich ist vom Unterkiefer an,
mit Ausnahme des Halses, wo sich schwarz und röthlich gezeichnete Haare finden, rein weiss.
Die Extremitäten sind ebenfalls weiss, mit wenigen eingemengten röthlichen Härchen, welche
sich namentlich an den Vorderbeinen von der Schuller auf das Bein hiuabziehen; die Läufe
sind schmutzig gelblich. Der Schwanz ist weiss, auf der Oberseite mit einzelnen, theils schwar-
zen, gegen die Spitze hin mit röthlichem Bande versehenen, theils ganz schwarzen, und theils
auch weissen, schwarzgespitzlen Haaren untermischt. — Das eben beschriebene Exemplar bietet
zum Theil den Uebergang zu einem reinen Sommerfell, das wir durch Hrn. Maack aus dem
Amur-Lande erhalten haben und das von ungemein dunkler Farbe ist. Letzteres gehört eben-
falls nach allen Charakteren , und namentlich nach der geringen Länge der Ohren , welche
angedrückt die Schnauzenspitze nicht erreichen, nach der kurzen, hellen, oben dunkel asch-
grauen Schnauze, nach dem grauen, mit röthlichen Spitzen gezeichneten Wollhaare der Ober-
seite, nach dem Mangel des weissen Streifens hinter dem Auge, nach der geringen Grösse und
nach der ziemlich, wenn auch nicht ganz zugespitzten vorderen Stirnbeinschneppe, unzweifel-
haft zu L.üar(a6i7('.<t. Der Kopf desselben ist genau wie an dem oben beschriebenen Exemplare,
aber ohne durchschimmerndes Weiss und vielleicht um ein Geringes dunkler roströthlich,
schwarz gestichelt. Die Ohren sind auf der Aussenseile vorn roströthlichgelb, stärker sthwarz
gestichelt, hinten schmutzig gelblichgrau , an der Spitze dunkel schwarzgrau; die schwarze
Farbe reicht auswendig an beiden Ohrrändern gleich weit, inwendig am Innenrande etwas
tiefer abwärts als am Aussenrande. Der Rücken ist rostgelblichbraun, schwarz gestichelt, nach
den Seiten zu mehr rostgelblichgrau, am Hinterrande der Schenkel schwärzlichgrau. Die Un-
Lepus variabilis. Lrigomys hyperboreus. , 147
terseile ist weiss, mit Ausnahme des Halses und der Vorderbrust, die rost<(ell)lichgrau sind.
Die Extremitäten sind aussen rostgelblichgrau, an den Enden dunkler, auf der Innenseite
weiss. Der Schwanz ist unten weissgrau, oben schwärzlichgrau. Am ganzen Körper finden
sich im Deckhaare auch einzelne weisse Haare eingestreut. — Nicht weniger als dieses Som-
merfell zeichnet sich auch das Bruchstück vom Felle eines jungen Thieres dieser Art, das ich
im Amur-Lande erhielt, durch dunkle Farbe aus. Das Wollhaar desselben ist ziemlich reich-
lich, auf der Rückenseite grau mit röthlichgrauen Spitzen; die Deckhaare sind im unteren
Theile grau, im oberen dunkel schwarzbraun mit gelblicher Spitze oder gelblichem Bande un-
terhalb der schwarzen Spitze, von längeren, theils ganz schwarzen, theils gelblich gespitzten
Stichelhaar.en überragt.
Der Schneehase kommt im gesammten Amur-Lande, so weit ich dasselbe kennen gelernt
habe, vor. Im Laufe des Amur-Stromes und seiner Zuflüsse fand ich die Eingeborenen allent-
halben mit ihm 'als einem sehr gewöhnlichen und häufigen Thiere bekannt. An der Meeres-
küste konnten sie ihn mir nach Süden bis über die Bai Hadshi, d. i. bis über den 49 Breilen-
grad hinaus angeben. Vorzüglich oft habe ich das Thier oder zum wenigsten Felle oder Spu-
ren desselben auf meinen Winterreisen im unteren Amur-Lande gesehen. Sowohl in den Wäl-
dern am Ufer des Stromes und in den Nebenlhälern desselben, als auch auf den offeneren
Flächen und zwischen den Weidengebüschen der Amur-Inseln sieht man im Winter den
Schnee von zahlreichen Hasenfährten durchkreuzt. Besonders war das auch in dem mit
mannigfaltigem Terrain und sehr gemischter Waldung versehenen Gorin-Thale der Fall.
Die Hasenspuren sind es auch, welche den Zug der Hunde vor dem Schlitten oft in Unord-
nung bringen, indem sie dieselben seitab vom Wege locken. Nicht minder häulig als auf dem
Conlinente kommt der Schneehase auf der Insel Sachalin vor, wo ich Felle und Spuren des-
selben an beiden Küsten und im Innern der Insel oft genug gesehen habe. Ohne Zweifel ist
er dort auch bis an die Südspitze der Insel verbreitet.
47) Iia§;oiiiy!« Iiyperlioreiis Fall. Taf. VII. fig. 1 u. 2. Taf. VIII. fig. 1 u. 2.
Bei den Orotscbonen am Amur: tscliipa.
Ein paar von Hrn. Maack aus dem Amur-Lande mitgebrachte Pfeifhasen dieser Art,
welche ich mit den Exemplaren unseres Museums verglichen habe, nothigen mich etwas ge-
nauer auf die verschiedenen Farbenzeichnungen dieser seit Pallas ^) nicht wieder beschriebe-
nen Thierart einzugehen. Es liegen mir nämlich" 1 Exemplare dieses Thieres aus verschie-
nen Gegenden des östlichen Sibiriens von Kamtschatka bis an den Amur vor, welche
einerseits die von Pallas nach Winterfellen aus dem Tschuktschen- Lande entworfene Be-
schreibung bestätigen, und andererseits durch abweichende Färbungen uns über den Varia-
tionskreis dieser noch wenig bekannten Thierart belehren.
') Zoogr. Rosso-Asial. I. p. Iü2.
ji
148 ^ Smgelhiere.
Gehen wir zunächst auf die von Pallas gegebene Beschreibung dieses Thieres ein, so fin-
den wir dieselbe Färbung nur an einem unserer Exemplare genau wieder. Es ist dieses ein
von Hrn. Wosnessenski im Cholsanischen Gebirge, im Innern des südlichen Kamtschatka's,
am 9. (21.) August erbeutetes Thier. Für dieses (Taf. VII. fig. 1.) können wir die Beschrei-
bung von Pallas fast wörtlich brauchen. Der Rücken des Thieres ist längs der Mittellinie
graubräunlich, der Scheitel mehr rostfarben, die Seiten des Kopfes, Halses und Rumpfes rost-
farben; die Unterseite ist heller rostgelblich (nach Pallas gelblichweiss); die Ohren sind weiss-
lich gerandet, die Bartborsten (wie auch an allen übrigen Exemplaren) theils schwärzlich mit
weisser Spitze, theils einfarbig schwärzlich oder weisslich ; die Extremitäten sind schmutzig
gelblichweiss, die Nägel braun. Bei solcher Uebereinstimmung mit der Pallas'schen Beschrei-
bung muss es auffallen, dass unser kamlschatkisches Exemplar kein Winter-, sondern ein
Sommerfell ist. Es dürfte uns das schon die Folgerung erlauben, dass L. hyperboreus im
Sommer und Winter genau dieselbe Färbung habe, wofür übrigens noch mehrere Belege unter
unseren Exemplaren vorliegen. Doch kann ich mit Pallas darin nicht übereinstimmen, dass
auch in der kürzeren Behaarung, und namentlich des Rückens, ein Charakterzug von L. hy-
perboreus zu finden sei, da ich die Deckhaare des Rückens am Sommerfelle von etwa 16, am
Winterfelle von 20^22 Millim. Länge finde, wogegen allerdings ein Winterfell von L. alpi-
nus Pall. 23 — 25 Millim. lange Deckhaare, ein anderes von L. oyotona Pall. dagegen nur
etwa 1 8 Millim. lange Deckhaare hat.
Von dieser oben beschriebenen Form, welche wir, weil sie die zuerst und schon durch
Pallas bekannt gewordene ist, als die typische Form oder Var. normalis bezeichnen wollen,
giebt es nun mehrere Abweichungen in der Färbung und namentlich zwei markirtere, in wel-
chen entweder die eine, oder die andere der beiden, in der Var. normalis neben einander vor-
handenen, rostrothen und graubraunen Farben überwiegend wird und welche wir daher als
Var.ferruginea und Var. einer eo-ftisca bezeichnen können, und eine S'«, zwischen diesen beiden
stehende, durch Verbleichuiig der rostrothen Farbe in eine gelbliche und durch theilweises
Sicheiulinden der graubräuulichen Farbe bezeichnete Mittelform, welche wir Var. cinereo-/(ava
nennen wollen.
Was nun zunächst die erste derselben, die Var.ferruginea betrifft, so liegen uns zwei an
demselben Orte und zur selben Zeit wie jenes Exemplar der Var. normalis, nämlich im Chol-
sanischen Gebirge in Kamtschatka am 3.(15.) und 7. (1 9.) Aug. von Hrn. Wosnessenski
erbeutete Exemplare von L. hyperboreus vor, welche uns über die Färbung dieser Varietät und
den Uebergang der Var. normalis in dieselbe belehren können. Betrachtet man nämlich die Zeich-
nung der einzelnen Haare, welche an der letzteren die eigenthümliche Färbung hervorbringen, so
findet man, dass die von den rostfarbenen Seiten deutlich, aber nicht scharf, sondern ziemlich
verwaschen gesonderte graubraune Färbung des Rückens dadurch entsteht, dass die in ihrer
Basalhälfle (wie auch an allen brigen Exemplaren) dunkelgrauen Deckhaare in dem kürzeren
oberen Theile schmulzig gelblich, mit kürzerer oder längerer schwärzlicher Spitze gezeichnet
sind. An den Seiten haben dagegen die Deckhaare einfach roslgelbliche Spitzen. Doch findet
Lagomys hyperboreus. 149
man unter diesen letzteren auch welche, an denen der rostgelbliche Endtheil des Haares eine
kurze schwärzliche Spitze hat, was namentlich nach dem Rücken zu mehr und mehr der Fall
ist. Dahei wird zugleich in derselben Richtung auch die rostgelbliche Farbe des Endtheiles der
Deckhaare etwas dunkler, so dass an den Grunzen des graubraunen Rückenstreifens eine mehr
rostbraune Färbung entsteht, welche sich unregelmässig gegen den graubraunen Rückenstreifen
absetzt und stellenweise auch mitten in jenen hineinreicht. An der Var. ferruginea (Taf. VII.
flg. 2.) nimmt nun diese rostbraune Färbung so weit überhand, dass der graubraune Rücken-
slreifen ganz verschwindet. Das Thier ist alsdann längs dem ganzen Rücken rostbraun und
wird von hier aus nach den Seiten zu allmählig heller rostfarben, wie auch die Var. normalis,
indem die schwarzen Spitzen der Deckhaare allmählig schwinden und auch ihr rostfarbner
Endtheil heller, rostgelblich wird. Die Unterseite endlich ist entweder hell rostgelblich, oder,
wie Pallas angiebt und wie auch eines meiner Exemplare darthut, gelblich weiss. — An diese
beiden kamtschatkischen Exemplare der Var. ferruginea schliesst sich ferner ein Exemplar aus
dem östlichen Sibirien, von den Ufern des Flusses Maja an, das am 12. (24.) Sept. von Hrn.
Wosnesseuski erbeutet worden und das zwar genau wie jene gezeichnet ist, aber in Folge der
längeren schwärzlichen Spitzen der Deckhaare eine etwas dunklere, rothbraune Farbe am Rücken
hat. Zugleich ist an diesem Exemplare die Färbung der Kopfseiten und des Nackens nicht
sowohl rostfarben, als vielmehr gelblich graubraun, wie zum Theil bei der Var. normah's, in-
dem die Deckhaare hier im Endtheile heller, gelblich (nicht rölhlich) und mit schwarzer Spitze
gezeichnet sind. — Mit diesem letzteren Thiere stimmt ferner im hohen Grade überein ein
Exemplar vom Flusse Olenek, am 2. (14.) October von Hrn. Maack erhalten, das sich von
jenem nur durch eine etwas mehr ausgesprochene graubraune Färbung der Kopfseiten und
des Nackens auszeichnet, während dagegen der Schnauzenrücken von der Nase an mehr
rostbraun als an dem vorhergehenden Thiere ist. — Ziemlich von derselben Zeichnung, nur
durchweg von hellerer Farbe ist auch ein 2'^* , zur selben Zeit und an demselben Orte
erbeutetes Exemplar von L. hyperboreus. Dieses ist überhaupt das hellste von allen mir vor-
liegendtsn Exemplaren, indem an demselben alles Rostfarbene zu einer schwach rotblicb-gelb-
lichen Tinte verblichen ist. Die Oberseite ist daher weniger rostbraun als gelblichbraun, die
Si'iten des Kopfes, Halses und Rumpfes weniger rostfarben als schwach röthlich- gelblich zu
nennen, und die Unterseite ist schmutzig gelblichweiss. Diese Verschiedenheit der Färbung
fällt deutlich in die Augen, wenn man das letzterwähnte Exemplar gegen die beiden oben be-
schriebenen kamtschatkischen Exemplare der Var. ferruginea hält, findet aber an dem zwi-
schenerwähnten Thiere von der Maja und dem ersten Exemplare vom Olenek ganz allmäh-
lige und unmerkliche Uebergänge. — An das hellste Exemplar vom Olenek reiht sich end-
lich sehr nahe ein Exemplar von L. hyperboreus von Udskoi Ostrog an, das während der
Reise Hrn. von Middendorff's am 18. Febr. (2. März) erbeutet worden ist und von dem-
selben bei Reschreibmig seiner zoologischen Ausbeute im reichen Materiale übersehen wor-
den ist. Dieses Exemplar (Taf. VIII. fig. 1.) ist von dem hellsten Thiere vom Olenek kaum
und nur darin verschieden, dass es an den Kopfseiten und besonders am Nacken eine um ein
150 Säugethiere.
Geringes merklichere Einmischung von gelblich-graubrauner Farhe zeigt. Diese letzterwähnten,
durch Verbleichung der rölhlichen Tinte in eine gelbliche und durch eine theilweise schon
graubräunliche Färbung raarkirten Exemplare sind es, welche wir als Var. cinereo-flava be-
zeichnen. — Von ihr findet durch allmählige weitere Zunahme der graubraunen Farbe der
Uebergang zur graubraunen, sogar schwärzlichen Form des Amur-Stromes, der Var. cinereo-
fusca statt. Unter den 3 Amur-Exemplaren von L. hyperboreus liegt mir ein solches, beide
letzteren Farbenvarietäten deutlich vermittelndes Exemplar vor. Hält man dieses neben dem
Exemplare von Udskoi Ostrog, so findet man am Hinterriicken des Amur-Exemplares die-
selbe gelblichbraune Farbe wie an jenem ; am Vorderrücken aber und nach dem Nacken zu
verschwindet die rötlilich-bräunliche Farbe mehr und mehr und macht einer graubräunlichen
Platz, welche auch an den Exemplaren von Udskoi Ostrog und vom Olenek am Nacken
und an den Kopfseiten zum Theil sich kundgiebt. Neben dem Exemplare von Udskoi Ostrog
erscheint also das erwähnte Amur -Exemplar als eine ganz allmählige Abstufung und zwar
als fortgesetzte Verbleiciiung der röthlichen und gelblichen Farben in Grau. Hält man es da-
gegen neben einem der rostfarbenen Exemplare Kamtschatka's , so ist die gelblich-grau-
braune Farbe sehr auffallend. Indem nun diese letztere Farbe den gelblichen Ton noch weiter
verliert und in Grau umsetzt, wird die Färbung dunkler graubraun mit etwas schwärzlichem
Anfluge. Dies ist denn die Var. cinereo-fusca, die wir in zweien, von Hrn. Maack am oberen
Amur-Strome, am 18. (30.) Mai und am 20. Mai (I.Juni), erbeuteten Exemplaren besitzen.
An diesen (Taf. VHl. Gg. 2.) ist die ganze Rückenseite des Kopfes und Rumpfes graubraun,
derSchnauzenn'icken etwas heller graubraun, das Ende des Hinterrückens mit etwas rothlicher
Einmischung; die Seiten des Kopfes, Halses und Rumpfes, so wie die Unterseite des Halses
sind rothlichgrau ; die ganze übrige Unterseite und die Extremitäten sind heller, schmutzig
rothlich- und gelblich-grau. Entfernt sich die Var. cinereo-fusca in dieser extremen, wenn auch
allmählig vermittelten, graubraunen, mit schwärzlichem Anfluge versehenen Färbung sehr von
den rostfarbenen Exemplaren Kamtschatka's, so schliesst sie sich doch wieder nahe an die
ganz zuerst genannte, typische Form an, um so den ganzen Variationskreis von L. hyperboreus
zu schliessen. Vergleicht man nämlich diese beiden letztgenannten Formen unter einander, so
findet man, dass die graubraune Farbe der Amur-Form dieselbe ist, welche an der typischen
Form längs dem Rücken verläuft, und nur um ein Geringes dunkler ist als jene. \A ährend sie
sich aber bei letzterer gegen die Seiten hin deutlich absetzt, um einer rostrothen Farbe Raum
zu geben, breitet sie sich bei den Amur -Exemplaren, allmählig verblassend, auch nach den
Seiten aus und lässt diese nur rothlichgrau, statt rostfarben, erscheinen. Desgleichen zieht
sich die graubraune Farbe an den Amur -Exemplaren auf den Kopf und bis zur Nasenspitze
fort, während sie bei der Var. normalis früher abbricht und am Kopfe zumeist durch eine roslrothe
Farbe ersetzt wird. Es nimmt also bei der Var. cinereo-fusca, im Vergleiche zur Var. normalis,
ebenso die graubraune Farbe überhand, wie wir es oben an der Var. fkrniijinea mit der rost-
rothen und rostbraunen Farbe gesehen haben. Und so dürfte denn die Var. normalis als die
Mittelform zwischen den nach verschiedenen Seiten auseinander gehenden, aber untereinander
Lagnmys hyperboreiis. 151
durch die Var. cinereo-flava vermillellen Färbungeo der Var. ferruginea und Var. einer eo-fusca
angeseheu werden.
Es entsteht nun die Frage, ob und in wie weit diese verschiedenen Farbenvarietäten von
L. hyperboreiis auch mit verschiedenen Gebieten der geographischen Verbreitung dieser Thier-
art in Beziehung stehen? Aus den uns vorliegenden Exemplaren scheint allerdings eine solche
Beziehung deutlich hervorzugehen. Durch Pallas, der einzigen Quelle unserer bisherigen
Kenntniss von L. hyperboreiis, war bloss das Tschuktschen-Land als Heimath dieses Thieres
bekannt. Wir sehen nunmehr die Gränzen seiner Verbreitung weit nach Süden und Westen
sich erweitern. Denn nach den uns vorliegenden Exemplaren bewohnt L. hyperboreiis das ganze
östliche Sibirien, von dem Tschuktschen-Lande und dem Olenek im Norden bis nach der
Südspitze Kamtschatka's und dem Amur-Lande im Süden. Innerhalb dieses Verbreitungs-
gebietes tritt L. hyperboreus in mehreren Farbenvarielälen auf, welche in folgender Beziehung
zu den einzelnen Theilen seines Verbreitungsgebietes zu stehen scheinen. Auf der Halbinsel
Kamtschatka scheint die am meisten röthliche, rostfarbene und rostbraune Form, die Var.
ferruginea, am Amur dagegen, und zwar am oberen Strome, die am wenigsten röthliche und
dagegen dunkelste, graubraune und schwärzliche Färbung, die Var. cj'«ereo-/'Hsca vorzuherrschen.
Während so die beiden extremen Färbungen sich auch an den äussersten und zugleich südlich-
sten Punkten des Verbreitungsgebietes von L. hyperboreiis finden, kommen in dem zwischenliegen-
den Theile des östlichen und nördlichen Asiens die Jlitlelfärbungen vor, und zwar scheint nach
Norden von Kamtschatka, im Tschuktschen-Lande die durch einen graubraunen Rücken-
streifen gezeichnete Mittelform, die Var. normalis vorzuherrschen, während westlich davon, am
Olenek und von dort nach Süden zum Amur hin, an der Maja, bei Udskoi Ostrog u.s. w.
die durch Verbleichen der rolhlichen Tinten in gelbliche und durch eine rhehr und mehr
sich einstellende graubraune Farbe charakterisirte Mittelform, die Var. cinereo-flava vor-
herrscht. Diese Verbreitung der Farbenvarietäten von L. hyperboreus giebt uns demnach wie-
derum einen Beleg für die schon mehrmals ausgesprochene Bemerkung, dass nämlich die Ge-
gend am oberen Amur-Strome durch das Ueberhandnehmen schwarzer Farben an seinen Thier-
arten sich auszeichnet. In Beziehung auf Kamtschatka erinnert uns aber das Verhalten von
L. hyperboreus an das ähnliche Verhallen der Füchse, deren rötbeste Varietät, die russisch
sogenannten Ognjofki (oder Feuerfüchse), ebenfalls auf jener Halbinsel sich findet.
Was nun noch die specielle Verbreitung von L. hyperboreus im Amur-Lande betrifft, so
rühren jene drei Exemplare vom oberen Strome, eines von der unteren Schilka, die beiden
anderen vom Amur selbst nahe dem Zusammenflusse der Schilka und des Argunj her.
Dort am oberen Amur- Strome habe ich ebenfalls oft das schrille Schreien von Pfeifhasen an
den zerklüfteten Felsen der Flussufer gehört. Leider konnte ich aber dieser scheuen Thiere
selbst nicht habhaft werden. Ich vermulhete anfangs, dass diese schrillen Töne von einer der
Arten L. ogotona oder, noch wahrschemlicher, L alpimis kämen, und glaubte auf diese letztere
Art auch die oben erwähnte Bezeichnung dieses Thieres bei den Monjagern bezieben zu
müssen. Da jedoch L. hyperboreus bisher die einzige im Amur -Lande nachgewiesene Pfeif-
1 52 Sängethtere.
hasen-Art ist, so wird wohl Beides auf diese Art zu bezieiien sein. Aus dem unteren Amur-
Lande habe ich keine Exemplare dieses Thieres erhalten, zweifle jedoch nach seinem Vorkom-
men bei Udskoi-Ostrog nicht, dassL.%J3fr6oreMS auch in den Gebirgen an der Amur-Mündung
vorkommen dürfte. Merkwürdig bleibt es mir aber, dass ich sein Pfeifen dort niemals gehört habe.
V. PAGHYDERMATA.
48) Sms scrofa L.
a) S. scrofa ferus Gmel.
Bei den Giljaken: ajara und ajerda.
« « Mangunen, Golde unterhalb des Ussuri, Kile am Gorin und Kur: nyghty.
« « Golde oberhalb des Ussuri: nykta.
« « Biraren und Monjagern: loroki.
« « Orotschonen: tokalagda.
« « Dauren: gagha.
Das Wildschwein scheint im Amur-Lande durchaus von derselben BescliafTenheit wie im
westlicheren Asien oder in Europa zu sein. Das von mir mitgebrachte Fell eines jungen Weib-
chens, das noch kein volles Jahr alt und im Februar-Monat im unteren Amur-Lande bei
Ssamachagdu, nahe der Chelasso- Mündung, erlegt worden war, ist von .gemischter,
schwarzer und gelblichbrauner Farbe. Es ist allenthalben mit dichtem, graubraunem Woli-
haare bedeckt, aus welchem braunschwarze, unterhalb ihrer Spitze mit schmutzig gelbem
Bande gezeichnete Borsten hervorstehen, die von anderen, längeren, ganz schwarzen Borsten
überragt werden. Auf der Stirne, dem Nacken und dem Vorderrücken befindet sich ein Bor-
stenkamra, der von längeren, gemischten, theils ganz schwarzen, theils nur in ihrem unteren
Theile braunschwarzen, im oberen schmutzig gelblichen, bisweilen wiederum mit schwärz-
licher Spitze versehenen Haaren gebildet wird. Die Ohren und die Schwanzspitze sind ganz
braunschwarz. Die Extremitäten sind an diesem Felle mangelhaft vorhanden und von ge-
mischter, schwärzlicher und gelblich-brauner Farbe, an alten Thieren im Amur-Lande»habe
ich sie jedoch von ganz braunschwarzer Farbe gesehen. Zwei Schädel junger Thiere von dersel-
ben Art aus dem Amur-Lande, die noch das Milchzahngebiss mit 5 Backenzähnen tragen und
darnach kein volles Jahr alt sein können, bieten mir im Vergleich zu kaukasischen Schädeln
dieser Thierart nichts Bemerkenswerthes dar. Nach den von mir gesehenen und theils auch
mitgebrachten Hauern und Extremitäten alter Thiere zu urtheilen, muss das Wildschwein
im Amur-Lande von ganz ansehnlicher Grösse sein, was auch mit den Angaben der Einge-
borenen übereinstimmt.
■ Sus scrofa. \ 53
Die geographische Verhreitung des Wildschweines betreffend, wurde bis zu IMidden-
dorffs Reise, den Angaben von Pallas ') zufolge, der Baikal-See und die Lena für die öst-
liche Verbreitungsgränze des Wildschweines gehalten. Middendorff brachte zuerst Nach-
richten von dem Vorkommen desselben weiter ostwärts, in der 3Iandshurei, und zwar sollte
es den Aussagen der Jakuten und Tungusen zufolge in den morastigen Niederungen des
linken Amur-Ufers nicht seilen sein und an der Bureja mit dem Jorach, einem linken Zu-
flüsse derselben, seine nördliche Verbreitungsgränze erreichen ^). Wir können nun diese von
den Eingeborenen eingezogenen Nachrichten Äliddendorffs , so weit sie den Amur-Strom
betreffen , aus unseren Erfahrungen bestätigen und zugleich auch nach Siiden und Osten
erweitern. In dem betreffenden Theile des Amur-Stromes, oberhalb des Bureja-Gebirges, wo
derselbe die Bureja aufnimmt, fand ich den tungusischen Stamm der Biraren mit dem Wild-
schweine durchweg unter dem oben erwähnten, auch von Middendorff ermittelten Namen
«torokin bekannt. Ihren Aussagen gemäss, ist es in diesem mit einem ausgesprochenen Prairie-
charakter und mit niedrigen, oft sumpfigen Ufern versehenen Theile des Stromes zu beiden
Seiten desselben ein häuligcs Thier. Das ist jedoch nicht der einzige vom Wildschweine be-
wohnte Theil des Amur-Stromes; es kommt vielmehr auch weiter ober- und unterhalb und fast
im gesammten Laufe des Amur-Stromes vor. In der ersteren Richtung, stromaufwärts, kennen
es über jenen Prairietheil des Stromes hinaus die Monjagern, und zwar unter demselben
Namen wie die Biraren, und noch weiter aufwärts die Orotschonen bis über den Anfang
des Amur-Stromes oder den Zusammenfluss der Schilka und des Argunj hinaus. Strom-
abwärts von der Bureja -Mündung gegangen, findet man das Wildschwein in der südlichen
Biegung des Amur-Stromes noch häutiger als in jenem oberen Prairietheile desselben. Es gilt
dies namentlich für den Durchbruch des Amur-Stromes durch das waldreiche Bureja-Ge-
birge, für die niedrigen, sumpfreichen Prairieen unterhalb des Bureja-Gebirges bis zum Us-
suri, wo die Ufer des Amur-Stromes oft auf weite Strecken hin von hohem, dichtem Schilfe
bewachsen sind, und von dem an feuchten, üppigen Laubholzwaldungen und sumpfigen Inseln
reichen Laufe des Amur-Stromes unterhalb der Ussuri-Mündung. In dem zuletzt erwähnten
Theile des Amur-Stromes konnte ich durch die dortigen Eingeborenen, denen das Wild-
schwein ein Gegenstand vielfacher Jagd ist, manches Genauere über die Verbreitung dieses
Thieres erfahren. Am Ussuri nannten es die Golde der Gefahr wegen, die es dem Jäger
bringt, unmittelbar nach dem Bären. Dort und am unterhalb gelegenen Amur- Laufe werden
von den Eingeborenen jährlich viele dieser Thiere erlegt, da das Fleisch derselben von ihnen
zur Nahrung, das Fell aber in derselben Weise wie das Bärenfell bei den Giljaken und Man-
guiien, d. i. zu Decken in den Sommerzelten und auf Reisen benutzt wird. In solcher Iläu-
ligkeit bleibt das Wildschwein am unteren Amur-Strome am linken Ufer bis zum Gorin und
am rechten wohl bis zum Chelasso, da es noch beim Dorfe Ssamahagdu, gleich unterhalb
der Mündung des letzteren Flusses, wo ich im Winter 1855 drei jüngst erlegte Individuen
') Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 266.
-) Miildendurff, Sibirische Reise. 1. c. p. 116.
Schiene k Amur-Reise Bd. I. ^tl
1 54 Säugelhiere.
dieses Thieres sah, zahlreich sein soll. Von dort an aber wird es, mit der Abnahme der Laub-
holzwalduu":, in raschem Maasse seltener. Dennoch kommt es weiter unterhalb und nordwärts
am Amur-Strome noch an den Flüssen Jai, Kada und wohl bis zur Mündung des Chase-
lach- Flusses vor, da ich etwas oberhalb des letzteren, im Dorfe Aure noch die Hauer eines
nach Angabe der dortigen Eingeborenen in der Umgegend erlegten Thieres gesehen habe.
Unterhalb der Chaselach-Mündung aber kommt das Wildschwein, nach den einstimmigen
Aussagen der Giljaken, nicht mehr vor. Es ist dieser Punkt am Amur-Strome, an der Gränze
zwischen der Mangunen- und Giljaken-Bevölkerung gelegen, zugleich auch ein merklicher
Wendepunkt in dem Vegetationscharakter der Amur-Ufer, indem mit dem Gebirge nördlich von
demselben auch eine viel nordischere Natur mit ausschliesslieherer Nadelholzwaldung beginnt.
Vergleicht man denselben mit dem von Middendorff an der Bureja ermittelten nördlichsten
Punkte der Verbreitung des Wildschweines, so liegt er ziemlich unter demselben Breilengrade,
von etwa 5 1 i°N. Eine Linie, die man vom Chaselach-Flusse am unteren Amur zum Jorach
an der Bureja zieht, würde uns also die nördlichste Verbreitungsgränze des Wildschweines
im Amur-Lande bezeichnen. Westwärts dürfte diese Linie über den oberen Lauf der Dseja
und jedenfalls nördlich vom oberen Amur verlängert werden. Nach Osten aber vom Amur, zur
Meeresküste hin, scheint die Polargränze des Wildschweines sich mehr nach Süd zu senken,
da der Amur-Liman und wohl auch der nördliche Theil der Meerenge der Tartarei, viel-
leicht bis zur Bai de Castries, nach den Aussagen der Eingeborenen zu urlheilen, von der
Verbreitung des Wildschweines ausgeschlossen sind. Südlich von der Bai de Castries dage-
gen soll es an der Meeresküste und an den dort einmündenden Flüssen, wie dem Tumdshi
u. a. m., vorkommen. Gewiss scheint für eine solche Senkung der Polargränze des Wild-
schweines nach der Meeresküste hin auch der Umstand zu sprechen, dass an diesen Küsten ein
nordischer Naturcharakter viel weiter südwärts als im Amur-Thale vordringt. Mit dem Feh-
len des Wildschweines am Amur-Limaue steht endlich auch das Fehlen desselben auf der
Insel Sachalin im Einklänge. In ihrer nördlichen Hälfte wenigstens, soweit das Gebiet der
Giljaken geht, kommt es, nach den wiederholten und einstimmigen Angaben dieser Eingebo-
renen, weder an den Küsten, noch im Innern der Insel vor. Ob es südlicher von Sachalin,
auf Jesso und den Japanischen Inseln vorkomme, muss noch dahingestellt bleiben, da Tem-
minck bekanntlich das japanische Wildschwein als eine besondere Art, Sus leucomyalax , un-
terscheidet, welche er zugleich auch für die Stammart des in Japan gezogenen (siamischen)
Hausschweines hält. Das Wenige jedoch, was uns bisher über diese neue Art bekannt ge-
worden ist, eine Abbildung nämlich und die wenigen, mit derselben nicht übereinstimmenden
Worte Temminck's, dass es meist von ganz schwarzer Farbe sei '),ist für die Unterscheidung
einer besonderen Art noch keinesweges hinreichend. Aus diesem Grunde nun und weil anderer-
seits die Verbreitung des Wildschweines im Osten Asien's nunmehr bis an die Meeresküste
erwiesen ist, liegt uns die V^ermulhung nahe, dass Sus leucomystax Temm. ebenfalls nur das
') Siebold, Fauna Japonica. Mamnialia. Dec. I. p. 6. Tab. 20.
Siis scrofa. 155
gemeine, europäisch-asiatische Wildschwein sei, welches sich vom Fesllaude auch nach den
anliegenden japanischen Inseln verhreitet habe.
h) S. scrofa domesticus Briss.
Bei den Giljaken: olghonh.
« « Mangunen, Golde und Ssamagern: olge und orge.
« « Biraren und Monjagern: ulge.
Das llausschwein ist auf doppeltem Wege in das Amur-Land gebracht Morden: einmal
und zuerst durch die Chinesen von Süden und auf dem Landwege, und dann durch die Russen
von Norden und auf dem Seewege. Bloss auf dem ersleren Wege jedqch hat es bisher eine
theilweise Einbürgerung im Amur-Lande gewinnen können. Es Gndet sich nämlich als Ilaus-
thier in den mit Viehzucht, Feld- und Gartenbau beschäfligten Ansiedelungen der Chinesen,
Mandshu und Dauren im oberen Prairietheile des Sachali- oder oberen Amur-Stromes.
Von dorther ist es denn auch den Monjagern und Biraren dem Namen und Ansehen nach
bekannt, ohne jedoch in ihren Haushalt selbst Eingang gefunden zu haben. Etwas mehr Ter-
rain als bei diesen nomadischen Jagdvölkern hat das Hausschwein , durch Vermiltelung der
Mandshu und Chinesen vom Ssungari, beiden sesshafteren Golde am Ssungari, Ussuri
und am Amur-Strome noch eine Strecke weit unterhalb der Ussuri-Mündung gewonnen.
Am Ussuri namentlich habe ich bei den Golde im Dorfe Agdeki eine ordenlliche und ver-
hällnissmässig ansehnliche Schweinezucht gefunden. In geringerem Maasse lindet sich eine
solche auch in vielen grösseren Golde-Dörfcrn am Amur, wie in Da, Naichi, Ssargu u.a.m.
Dort hatten wir daher auf unserer Reise oft Gelegenheit von den Eingeborenen einzelne Thiere
im Kaufe zu erstehen, die bei unseren spärlichen Vorräthen an Lebensmitteln uns wesent-
liche Dienste leisteten. Doch ist das Fleisch dieser Thiere nur sehr unschmackhaft, da die
Golde als Fischervolk auch ihre Schweine mit Fischen zu füttern genölhigt sind. Weiler ab-
wärts von den genannten Dörfern am Amur-Strome, gegen die nördliche Gränze der Golde-
Bevülkeruug hin und bei den Mangunen hört die Schweinezucht ganz auf, und lindet man
immer nur einzelne Thiere, die stets in der Gefangenschaft, sei es in einer bretternen Abthei-
lung im Hause der Eingeborenen selbst, oder aber in kleinen, eigens dazu hergerichteten
Häuschen, ähnlich den Bären gehalten werden. Diese Thiere rühren entweder aus den
Golde-Dörfern oberhalb, oder auch direkt vom Ssungari durch Vermitlelung der Handels-
reisen chinesischer Kaufleute oder der Eingeborenen selbst her. Beim Mangel eigener Zucht
müssen jedoch stets wieder neue Thiere von oberhalb gebracht werden. In diesem unteren
Stromtheile bleibt daher das Schwein nur ein Handelsartikel der chinesischen Kaufleute und
der oberen Golde, der aber bei den Eingeborenen am unteren Amur nur wenig Nachfrage
findet. Man sieht ihn daher auch verhältnissmässig nur sehr selten bei ihnen. 3Iir ist es am
unteren Amur begegnet, einzelne Schweine in den Dörfern Bitschu an der Gorin-Mündung,
Mongole und Pulj zu sehen. Letzterer Ort, an der nördlichen Gränze der Mangunen-Bevöl-
kerung gelegen, ist zugleich auch der äussersle am Strome, wo ich das Hausschwein gesehen
156 Säugelht'ere.
habe. Dean in den giljakischen Dörfern ist es mir niemals zu Gesichte g^ekommen, weder am
Amur-Strome selbst, noch an der Meeresküste, noch endlich auf der Insel Sachalin. Wir
sehen also die Gränze der Schweinezucht am unteren Amur -Strome ziemlich mit der Gränze
goldischer und diejenige einzeln gehaltener Thiere mit der Gränze mangunischer Bevölke-
rung am Strome zusammenfallen, das Gebiet der Giljaken aber bisher noch ganz ausserhalb
der Culturheimath dieses Thieres liegen.
Unabhängig nun von dieser durch die Mandshu und Chinesen vermittelten Verbrei-
tung des llausschweines im Amur-Lande, welche stromabwärts geht und bisher weder die
Mündung des Amur- Stromes , noch die Meeresküste erreicht hat, ist dieses Hansthier auch
auf einem zweiten Wege in das Amur -Land und zwar grade in die bis dahin von ihm noch
unberührten Gebiete , die Mündung des Stromes und die Meeresküste , gebracht worden. Es
geschah dies im Jahre 1854 durch die russische Fregatte «Pallas» und im folgenden Jahre
durch die von Kamtschatka nach der Bai de Gastries angelangten Schiffe. Von beiden Ma-
len hatten sich jedoch bis zum Jahre 1856 keine Thiere mehr im Amur-Lande erhalten, da
einige derselben sehr bald in den waldigen Wildnissen der Umgegend sich verliefen, und die
übrigen, bei den geringen Lebensmitteln jener Coloniecn in den Kriegsjahren, hingeschlachtet
werden mussten. So fand also bis zum Jahre 1 856 russischerseits noch keine Schweinezucht
im Amur-Lande statt.
Es wäre endlich möglich, dass das Hausschwein noch auf einem dritten Wege in das
Amur-Land gebracht worden sei. Nach Siebold's Angaben züchten nämlich die Japanesen
das Hausschwein und zwar die siamische Ilaee desselben (s. oben). Durch deren Vermittelung
könnte daher das Hausschwein auch zu den Aino der Insel Sachalin gelangt sein. Während
meines kurzen Besuches der japanischen Colonie in der Bai Aniwa auf Sachalin, im Jahre
1854, habe ich jedoch keine Hausschweine daselbst gesehen.
VL RUMINANTIA.
40) Ovis ^j^egoceros) iiiontaita Desm.
Da Middendorff das Vorkommen dieses Wildschaafes im Stanowoi- Gebirge an den
Quellen des Utschur und im Gehirgskamme Chaptscha, östlich vom Flusse Polowinnaja,
wie überhaupt im Küstengebiige des Ochotskischen Meeres nachgewiesen hat '), so lag es
nahe dieses Thier auch in den Gebirgen des Amur-Landes und namentlich der Amur- Mün-
dung und der Meeresküste der Mandshurei iu erwarten. Sämmtliche Nachfragen jedoch»
^) JliddendorfC, Sibirische Reise. L c. p. 116.,
Ovis [Aegoceros) monlana. 0. aries. 157
die ich desslialb bei den Eingeborenen des Amur-Landes anstellte, fiihrtea zu negativen Re-
sultaten. Das Hörn eines Wildschaafes von KamlscbatUa, das ich za diesem Zwecke vielen
Giljaken und Manguncn zeigte, war sämmllichen unter ihnen unbekannt, und hatten die-
selben dergleichen im Amur-Lande niemals gesehen. Auch bin ich selbst bei ihnen niemals
auf Bruchstücke von Wildschaafliörnern gestossen, ob es mir gleich bei den meisten Thier-
arten begegnet ist, durch Bruchstücke irgend welcher Art, die ich bei den Eingeborenen fand,
auf die erste Spur ihres Vorkommens im Amur-Lande geleitet zu werden. Es kommt mir
daher wahrscheinlich vor, dass jenes von Middendorff ermittelte Vorkommen von Ovismon-
tana in den Gebirgen an den Utschur-Ouellen und östlich von der Polowinnaja die Süd-
gränze dieses Thieres bezeichne, über welche hinaus es nach der Mündung des Amur-Stro-
mes zu nicht mehr vorkomme, gleichwie es nach Middendorffs Erkundigungen auch weiter
westwärts, in den Gebirgen an den Ssilimdshi-Quellen, auf ausdrückliche Aussage der Tun-
gusen, nicht mehr zu finden sein soll.
50) Ovis aries L,
Bei den Giljaken: chosom.
« « Mangunen, Golde, Ssamagern : c/ion«' und ema.
« « Biraren und Monjagern: konin.
« « Orotschonen : der Schaafsbock — baran (von den Russen entlehnt), das weibliche
Schaaf — njami.
« « Dauren : chont.
Das Schaaf wird im Amur-Lande nur am oberen Ussuri und, in grösserer Menge, am
Ssungari gezüchtet. Am Sachali- oder oberen Amur-Strome hingegen, wo bei denMandshu,
Chinesen und Dauren Rindviehzucht und Feldbau in allgemeinem Gebrauche sind, habe ich
seltsamer Weise keine Schaafe gesehen. Dennoch ist dieses Thier, durch Vcrmiltelung der
Mandshu und Chinesen vom Ssungari, den Biraren und 3Ionjageru und, durch Verniitte-
iung der Russen vom Argunj und der Schilka, den Orotschonen am Amur dem Namen
und Ansehen nach bekannt. Den ersteren verdanken auch die Eingeborenen des unteren Amur-
Landes ihre Kenntniss von diesem Thiere. Zu diesen gelangen nämlich im Handelsverkehre
mit den Mandshu und Chinesen vom Ssungari fertig genähete Scliaafspelze, die ziemlich
theuer geschätzt werden und sich daher auch nur bei den Wohlhabenderen unter ihnen linden.
Ich habe dergleichen bei den Golde, Mangunen und Giljaken bis an die Amur-Mündung,
so z. B. in den giljakischen Dörfern Kalm, Tebach, Wair, ja selbst noch auf der Insel
Sachalin, im Dorfe Tyk an der Westküste derselben gesehen. Diese Felle sind nur kurz-
haarig, von schwarzer und weisser Farbe und werden von den Golde darnach auch mit ver-
schiedenen Namen belegt. Zum PcUe werden in der Regel schwarze und weisse Felle bunt
durcheinander genäht; seltener sind einfarbige Pelze zu sehen. — Russischerseils war das
Schaaf bis zum Jahre 1856 noch nicht in das Amur -Land gebracht worden.
158 Säiigeihiere.
51) i^ntilopc eB'i$!>iia Temm.
Bei den Giljaken: 2/ig%.
» » Blanguncn uuil Golde: dslüira, cljiira und Jjära.
Von den Manguuen der Dörfer Aure und Adi im unteren Amur-Lande erhielt ich
zwei Anlilopenhörner, welche ich der japanischen Art A. crhpa Temm. zuschreiben muss.
Diese Hörncr sind nämlich von schwarzer Farbe, einfach und schwach nach rückwärts gebo-
gen, mit einer vielleicht nur etwas stärkeren Krümmung als die Taff, 18 und 19 der Säuge-
ihiere in Siehold's Fauna Japonica angeben. Sie haben Individuen von verschiedenem Alter,
einem jüngeren und einem viel älteren, angehört. Das erstere dieser Ilörner ist ziemlich un-
versehrt erhallen, das letztere hingegen von den Eingeborenen halbirt und der obere Theil stark
abgeschabt und mit Einschnitten versehen worden. Die Länge des ersteren Hornes beträgt,
wenn man die Chorde oder gradlinige Entfernung von derKasis zur Spitze raisst, 135Mill. Das
Ilorn des älteren Thieres scheint um etwa 30 — 50 Millim. länger gewesen zu sein. Der un-
tere Theil des ersteren Hornes, auf 48 Älillim. Länge, ist rauh und mit etwa 12 oder 13 er-
habenen Ringen oder (Juerwülsten versehen, der obere glatt. Die Ringe sind unregelniässig
gewellt, stellenweise und besonders nach hinten zu mit einander verschmolzen und daher
vorn in grösserer Angahl vorhanden als iiinten, wo dagegen die zwischen den Ringen sicht-
baren erhabenen Längsstreifen des Hornes deutlicher hervortreten. Das Hörn des älteren Thie-
res ist im unteren Theile, auf etwa 64 Millim. Länge, mit Querwülslen versehen, welche nach
Zahl und Verlauf im Umkreise des Hornes noch grössere Unregelmässigkeit als beim jün-
geren Thiere zeigen. Denn während es ihrer vorn, wo sie deutlicher sind, ebenfalls 12 und 13
gieb!, lassen sich hinten kaum 8 unterscheiden. Dabei sind die Ringe noch stärker gewellt,
theilweise mit einander verschmolzen und allenthalben, und besonders an der hinteren Fläche,
von sehr starken Längsstreifen durchschnitten. Die Basis der Hörner ist nicht rund, sondern
oval; das grössere Hörn ist an der Basis im grösseren Durchmesser 37, im kleineren 30 Äiill.
breit; das kleinere im grösseren Durchmesser 23, im kleineren 19 Millim. breit. Es scheint
mir, da SS die Hörner in solcher Weise der Slirne aufsitzen, dass der grössere Breilendurch-
messer ihrer Basis von vorn und innen nach hinten und aussen, der kleinere von vorn und
aussen nach hinten und innen verläufl. Bei solcher Stellung hätten sie, neben der. Krümmung
nach hinten, zugleich nach der Spitze hin auch eine divergirende Richtung nach aussen, wie
es auch die Schädelabbildung bei Temminck angiebt. Bekanntlich hatTemminck keine Be-
schreibung der A. crispa von Japan, sondern nur die oben erwähnten Abbildungen dieses
Thieres und seines Schädels in der Fauna Japonica bekannt gemacht. Mit diesen verglichen,
ist das kleinere Antilopenhorn vom Amur um | länger und hat einige Querwülste mehr, da
das japanische Thier ihrer nur 5 — G zu haben scheint, was jedoch keinen specilischen Unter-
schied abgeben kann.
Leider sollte es mir, trotz beständiger Nachfragen bei den Eingeborenen, nicht gelingen
das Thier selbst oder dessen Fell zu Gesichle zu bekommen, da es bei seinem Aufenlhalle im
Gebirge den Jägern am Amur-Strome nur sehr seilen in die Hände fällt. Aus den Beschrei-
Antilope crispa. 159
Lungen aber, die diese Leute, und selbst Augenzeugen unter ihnen, mir von dem Thiere ent-
warfen, lässt sich natürlich in Bezug auf die Farbe und Zeichnung desselben nichts Zuverläs-
siges entnehmen. Nur so viel Uann ich bemerken, dass die allgemeine Farbe dieses Thieres
eine bräunliche sein soll, was sowohl mit der Abbildung von Temminck, als auch mit der
kurzen Boschreibung dieses Thieres von Sundevall ') in keinem Widerspruche zu stehen
scheint. Reichen nun diese Angaben über die Farbe des Thieres und die mitgebrachten Hör-
uer allein nicht hin, uns in der Antilope vom Amur mit völliger Gewissheit die .1. crispa
Temm. erkennen zu lassen und sie namentlich von der mit ähnlichen Hörnern und ähn-
licher Farbe verseheneu Himalaiischeu Art A. Goral Hardw. zu unterscheiden, so wer-
den wir ferner durch zoologisch -geographische Rücksichten in unserer obigen Anaahme be-
stärkt. Denn einerseits ist A. crispa Temm. die dem Amur zunächst benachbarte Form, und
andererseits ist die Antilope vom Amur, wie wir unten darthun werden, auch nur auf die
Küstenregion der iMandshurci beschräukt und kommt weiter landeinwärts nicht mehr vor.
Blit Bestimmtheit lässt sich nach der oben erwähnten Beschaffenheit der Antilopeuhörncr
vom Amur behaupten, dass dieselben nichts mit der A.gulturosa Fall, zu thua haben, welche
letztere Art man nach Pallas's Angaben"^) über die Verbreitung derselben in den daurischen
Gebirgen, an der Ingoda, Schilka, am Amur und bis zum stillen Ocean, wie nach der mit
der Amur- Antilope fast gleichlautenden Bezeichnung «Dseren», welche sie bei den dortigen
mongolischen Völkerschaften trägt, zunächst im Amur-Lande erwarten dürfte. Es ist hier da-
her ebenso vor einer durch zufällige Aehnlichkeit in den Bezeichnungen der Eingeborenen nahe
liegenden Verwechselung der Dshiira oder Djära der Amur- Völker [A. crispa Temm.) mit
dem Dseren der Mongolen [A. guUiirosa Fall.) zu warnen, wie Pallas und G-üldenstädt es
für die letzterwähnte Art und den Dshairan der Perser [A. subgutturosa Güld.) thun ^).
In hohem Grade übereinstimmend unter einander waren die zahlreichen Naclirichten,
welche ich von den Eingeborenen über die Verbreitung der A. crispa im Amur-Lande erhielt.
Alle lauteten dahin, dass dieses Thier nur im Gebirge der Meeresküste vorkomme und weder
den unteren Amur-Strom, noch den ungefähr in Meridianrichtung in denselben einmündenden
Ussuri nach West überschreite. Innerhalb dieser Küstenregion am Japanischen Meere und
an der Meerenge der Tartarei hat es aber eine recht weite Verbreitung nach Norden. Gilja-
ken der Amur-Mündung, denen ich ein Ilorn desselben zeigte, kannten das Thier und mein-
ten, dass es im Gebirge am Amur-Limane vorkomme. Nördlich von der Amur-Mündung, an
der Südkiiste des Ochotskischen Meeres, habe ich dagegen von dem Vorkonnnen dieses
Thieres nicht gehört. Von dorther haben wir auch durch Middendorff keine Nachrichten
über dies Thier erhalten. Vermuthlich bildet daher die Amur -Mündung die nördliche Ver-
breitungsgränze desselben. Weiter aufwärts am Amur-Strome gaben mir Mangunen aus den
') Linne's Pecora. S. Ilornschuch, Archiv SkatiJin. Beiträge zur Nalurgesch. I!. p. 2^12.
2) S|)icileg. Zoolog. Fase. XII. p. 47. Zoogr. Ros<io-Asiat. I. p. 231.
3) Gulileiistäd t, Acta Pelropol. 1778. I. p. 234. Pallas hielt den Dsliairan der Perser anfänglich für A. Ke-
veiJa, s.Spicil. Zool. Fase. Xif. p. (i und p. 17, spater fiir A. siibgutlitrosa Oüld., s. Zongr. Rosso-Asiat. I. p. 232.
1 60 Säugelhiere.
Döifern Tyr, Aiirc, Gauwnc und Golde aus den Dörfern Chongar.Onmoi, Maji, Dondon
u. a. m. das Vorkommen dieser Antilope im Küstengebirge ostwärts vom Amur an, Kamenllich
sollte sie von Choji an, d. i. etwa in 50.1^ n. Br., nach Süden häufiger werden, dabei aber
immer nur auf das Küstengebirge beschränkt bleiben und daher weder an den westwärts vom
Küstengebirge in den Amur fallenden Flüssen, am Jai, Chelasso, Chongar, Naichi- oder
Dondon -Flusse u. a., noch auch am rechten Amur-Ufer sich finden. Ausdrücklich wurde
mir auch das Vorkommen dieser Antilope am linken Ufer und den linken Zuflüssen des unte-
ren Amur-Stromes, am Gorin, Ssedsemi und Kur geläugnet. Ganz unbekannt mit diesem
Thiere endlich fand ich die Golde oberhalb der Ussuri-3Iündung und also auch westwärts
vom Ussuri-Slrome. Ostwärts von diesem hingegen soll es im Gebirge der Meeresküste vor-
kommen und ist mir namentlich auch für das Gebirge am Por, einem rechten Zuflüsse des
Ussuri, genannt worden. Ob endlich diese Antilope auch auf der Insel Sachalin vorkomme,
konnte ich nicht ermitteln, doch kommt mir solches, bei ihrer allgemeinen Verbreitung in der
Küstenregion am Japanischen Meere, sehr wahrscheinlich vor.
52) Bos tauriis L.
Bei den Giljaken: erra.
« « Maneunen und Golde: erra und eclia.
« « Biraren, Monjagern, Orotschonen, Dauren: tjAiT.
Das Rind ist zwar allen Völkern des Amur-Landes bis hinab zu den Giljaken der
Amur-Mündung dem Namen nach bekannt, wird aber als Ilauslhicr nur an sehr wenigen
Orten desselben gehalten. Mao findet es nämlich bloss in den Ansiedelungen der Chinesen,
Mandshu und Daurcn am oberen Amur- oder Sachali -Strome und ferner am Ssungari
und oberen Ussuri. Am ersteren Strome sieht man zahlreiche Ileerden von schönem, gross-
wüchsigem und kräftigem Rindvieh, welches in den üppigen Prairiecn jener Gegend vortrefl-
lich gedeiht. Die Gränzen dieser Rindviehzucht am Sachali erstrecken sich so weit als die
festen Ansiedelungen der oben genannten Volker reichen, d. i. also stromaufwärts bis zur
Mündung der Dseja und stromabwärts bis zum Biraren -Dorfe Kadagan, welches ein paar
Tagereisen oberhalb der Bureja-Mündung liegt. Ohne Zweifel stammt dieses Rindvieh am
Sachali von den grösseren und zahlreicheren mandshurischen und chinesischen Ortschaften
am Ssungari her, wo die Rindvichzucht eine noch ausgedehntere als am Sachali sein soll.
Desgleichen soll sich Rindviehzucht auch am oberen Ussuri finden. Dort sollen, nach Angabe
der Ussuri - Golde , die Ochsen im Sommer auch als Zugvieh zum Transporte von Lasten
und zum Verkehre über das Gebirge dienen, welches zwischen der Meeresküste und dem obe-
ren Ussuri liegt. Am unteren Ussuri dagegen, bis zur Mündung des Flusses Noor in den-
selben, habe ich kein Rindvieh gescheu. Darauf beschränkt sich nun auch die gesammte Gul-
turheimath, welche das Rind im Amur -Lande bisher gewonnen hat. Unterhalb des Dorfes
Kadagan, wo das Gebiet der nomadischen Biraren am Sachali beginnt, und am Amur-
Bos (aurus. Moschus moschiferus. 161
Strome unterhalb der Ssungari-Müuduug, bei den icbtbyophagen Golde, Mangunen und
Giijaken, so wie bei den Eingeborenen an der Meeresküste und auf der Insel Sachalin ist
nirgends eine andere Spur von der Bekanntschaft mit dem Rinde als nur der Name dieses Thie-
res zu finden. Kein von dem Rinde bezogenes Produkt irgendwelcher Art wird ihnen im Han-
delsverkehre mit den Maudshu und Chinesen am Ssungari gebracht. In ihrer Unkenutniss
von diesem Thiere und seiner Nützlichkeit bezeichneten sie auch stets die Butter, die sie bei
uns sahen und die sie für ein Analogon des bei ihnen zur Nahrung gebräuchlichen Fisch- und
Seehundthranes hielten, als «Rindviehthran» (giljakisch: erra-tomm, niangunisch und gol-
disch: ecban-ssimoch'ssa). Diese Unkenutniss derselben dürfte jedoch bald schwinden, da nach
Besitznahme des Stromes durch die Russen, in den Jahren 1854 — 56, eine grosse Anzahl
Rindviehes von Transbaikalien den Amur abwärts in die russischen Niederlassungen an
der Mündung des Stromes gebracht worden ist.
53) ITEoselins inoscliiferiis L.
Bei den Giijaken des Continentes und der Insel Sachalin: wong'i.
« « ÄJangunen, Ssamagern, Golde unterhalb des Geong-Gebirges: udja.
« « Golde oberhalb des Geong-Gebirges: akke, auch udja und iidsa.
« « Kile am Kur : «uVa7sc/ia.
« « Biraren und Monjagern : «uVi/sc/ian.
« « rotschonen: myktscheka.
Schon Pallas gab nach den ihm zugegangenen Nachrichten an, dass das Jloschuslhier
durch das ganze Amur-Land bis an die Küsten, des Stillen Oceanes verbreitet sei '). Wir
können nun aus eigenen Erfahrungen diese Verbreitung desselben im Amur-Lande mit Rück-
sicht auf die vielfach verschiedene Terraiubeschaffenheit desselben genauer angeben. Be-
kanntlich hält sich das Moschusthier, wie schon Pallas bemerkt, vornehmlich in den Nadel-
holzwaldungen felsiger und gebirgiger Gegenden auf. Am oberen Amur -Strome kommt es
daher nur im obersten Theile desselben, etwa bis zur Komar- Mündung , unmittelbar bis an
die felsigen, mit Kiefern, Lärchen u. a. Baumarten bewachsenen Slromufer vor. Weiter aL-
wärts dagegen, wo erst die Nadelholzer vom Strome sich entfernen und sodann, von der Mün-
dung der Dseja an, eine ausgedehnte, beinahe waldlose Prairie beginnt, welche, mit alleini-
ger Unterbrechung durch das Bureja- Gebirge und einige kleine Gebirgszüge am rechten
Amur-Ufer, bis an den Ussuri, ja am linken Ufer des Stromes noch weiter sich ausbreitet,
bleibt das Moschusthier vom Strome entfernt und auf die Gebirge landeinwärts beschränkt. So
ist es den Monjagern und Biraren am Sachali von der oberen Dseja und der oberen Bu-
reja, den Golde am Ussuri vom oberen Laufe dieses Stromes und seinen Zuflüssen, den Kile
am Kur vom Wand a-Gebirge bekannt. Erst unterhalb der U s s u r i-Mündung nähert sich das Mo-
>) Pallas, Spicil. Zool. Fase. Xlll. p. 16.
Scfarenck Amur-Reise Bd. 1. 21
1 62 Säugelhiere.
schusthier wieder dem Amur-Strome und wird namentlich in der Gegend der Gorin-Mündung
und weiter unterhalb, wo ausgebreitete Nadelholzwaldungen die hohen, gebirgigen Ufer des Stro-
mes bedecken, ein häufiges Thier, Dort ist es auch, wo ich besonders zahlreiche Felle vom.Mo-
schuslhiere gesehen habe. Von den Eingeborenen werden sie tlieils zu Pelzröcken und theils zu
Decken verarbeitet, welche letztere aber bloss aus den Beinfellen dieser Thiere zusammen-
genäht werden und durch Vermittelung der Eingeborenen auch bei den Mandshu und Chi-
nesen im Gebrauche sind. Ein Stück der Art, welches die Beinfelle von mehr als 20 Thieren
zählte, konnte ich bei den Ssamagern am Gorin gegen wenige Tabacksblätter erhalten, zum
Beweise wie häuHg das Moschusthier dort sein muss. Für denselben niedrigen Preis kaufte
ich auch im Winter 1855 am unteren Gorin-Flusse ein jüngst erlegtes, im 2'''" Jahre stehen-
des Moschuslhierweihchen, von dem ich Fell und Schädel mitgebracht habe. Dieser niedrige
Preis ist um so erklärlicher, als auch das Fleisch des Moschusthieres, das von den Eingeborenen
gegessen wird, in jenen an Hochwild und namentlich an Rehen, Elennthieren und Wild-
schweinen reichen Gegenden nur einen geringen Werth hat. Einen besonderen Vorzug in den
Augen der Eingeborenen haben dagegen, ausser den im Handel mit den Mandshu und Chi-
nesen wichtigen Moschusheuleln, auch die Extremitäten des Moschusthieres , da die dünnen
Röhrenknochen derselben ihnen zum Verfertigen von Pfeilspitzen dienen. Fast in gleicher Häu-
figkeit wie am Gorin bleibt das Moschusthier in den Gebirgen am Amur-Strome noch bis un-
terhalb Kidsi; alsdann aber wird es seltner, obgleich das Land gegen die Mündung des Stromes
nur noch gebirgiger und die Nadelholzwaldung anschliesslicher wird. Doch kommt es, nach
Aussage der Giljaken, bis an die Mündung des Stromes vor. Auch wurden dort im Winter
1856, während meines Aufenthaltes im Nikolajewschen Posten, drei Thiere dieser Art dem
Posten gegenüber am rechten Amur-Ufer gesehen. Nördlich von der Amur-Mündung, an der
Südküste des Ochotskischen Meeres gaben mir die Giljaken an, dass das Moschusthier bei
ihnen fehle. W ahrscheinlich bleibt es dort im höheren Gebirge landeinwärts zurück und nä-
hert sich nur mit diesem wiederum der 31eeresküste, da 31iddendorff es auf dem Kamme des
Stanowoi- Gebirges überall häufig fand '). Südlich von der Amur-Mündung dagegen ist das
Moschusthier in den Gebirgen der Meeresküste allenthalben verbreitet. Am Amur-Limane
kannten es die Giljaken als ein häufiges Thier der dortigen Gebirge, wofür mir auch der
Umstand zu sprechen schien, dass ich im Dorfe Tschomi eine Menge von F'ussknochen dieses
Thieres sah, die den giljakischen Knaben zum Spielzeuge dienten. Noch weiter südwärts, an
der Meerenge der Tarlarei soll das Moschusthier, nach Angabe der Eingeborenen, im
Gebirge der Küste und au den dort einmündenden Flüssen, dem Tumdshi u. a., so weit
ihre Kenntnisse reichten, d. i. bis über die Bai Hadshi nach Süden hinaus, häufig vor-
kommen. Endlich ist das Moschusthier auch auf der Insel Sachalin verbreitet. Ausdrück-
lich gaben mir aber die Giljaken beider Küsten an, dass es nur im hohen, waldreichen
Gel)irge im Innern der Insel zu finden sei, den niedrigeren und oft waldlosen Meeresküsten
hingegen fehle. Auch kannten es die Giljaken an den Quellen des Tymy-Flusses im Innern
1) aj iddendorff, Sibirische Reise. I. c. p. 118.
Moschus moschiferus. Certms Cnpreolus. 163
Sachalin's aus ilirer nächsten Umgegend. Desgleichen isl mir durch zuverlässige Mitlheiliiug
von Augenzeugen bekannt, dass der russisch -amerikanischen Compagnie in ihrer im Winter
1853 zeitweise errichteten Handelsslation in der Bai Aniwa auf Sachalin von den dortigen
Aino Moschusthierfelle und Moschusbeutel zum Kaufe gebracht wurden. Dem Gebirge fol-
gend, ist also das Moschuslhier aujf der Insel Sachalin bis zur Südspitze derselben ver-
breitet. Weiter südwärts, auf Jesso und den japanischen Inseln scheint es aber nicht mehr
vorzukommen, da wir sonst durch Siebold von diesem des Moschus wegen gewiss auch den
Japanesen bekannten Thiere Nachrichten erhalten hätten. Seine Verbreitung nach Sachalin
scheint also nur durch die grosse Nähe dieser gebirgigen und waldigen Insel zum Continente
am Amur-Limane vermittelt worden zu sein.
54) Cervus Capreoliis L.
Bei den Giljaken des Continentes : kighu.
« « Mangunen, Ssamagern, Golde unterhalb des Ussuri: giwu.
« « Golde oberhalb des Ussuri, Kile am Kur: giutscha,
« « Bi raren : gjtcisc/ia.
« « Monjagern und Orotschonen: gjwfsc/ian.
A( « Dauren : djura.
Bekanntlich hat Pallas das sibirische Reh, welches er anfangs als besondere Art, C. Py-
gargus, vom europäischen C. Capreoius unterschied '), später mit diesem letzteren als Varietät
wieder vereinigt ^). Seitdem sind jedoch diese Formen von mehreren Seiten her und nament-
lich durch Brandt, Bonaparte, Sundevall u. a. wiederum specifisch getrennt worden, eine
Trennung, die sich aber bei wachsender Erfahrung über diese Formen nicht zu bestätigen
scheint. So musste Middendorff, nach Vergleichung des sibirischen Rehes mit dem europäi-
schen, für die Identität derselben sich erklären ^). Zu demselben Resultate führt uns eine Ver-
gleichung des Amur -Rehes mit der sibirischen und europäischen Form. Prüft man nämlich
das Amur -Reh auf die zwischen diesen Formen angeblich specifisch unterscheidenden Cha-
raktere, so hält es schwer zu bestimmen, zu welcher derselben es eher zu rechnen sei, da
sie}) an ihm die Charaktere beider Formen mehr oder weniger durcheinander ünden. Im All-
gemeinen ist C. Pijgargus von grösserem Wüchse und hellerer Färbung als C. Capreoius. Letz-
teres Moment scheint nun auch den Amur -Exemplaren eigen zu sein. Das Sommerfell ist
nämlich rothlichgelb , auf dem Rücken dunkler , an den Seiten und zum Bauche hin heller,
schmutzig weisslichgelb; das Winterfell ist gelblichgrau, in der Mittellinie des Rückens dunk-
ler, bräunlichgrau. Dabei ist aber die Zeichnung des ganzen Thieres und namentlich auch sei-
') Pallas, Reise durch verschied. Prov. des russ. Reiches. I. p. 97 u. 453.
2) Pallas, Zoogr. Rosso-Asial. 1. p. 219.
3) Middendorff, Sibirische Reise. I. c. p. 118
164 Säugeffitere.
nes Kopfes genau wie am europäischen Thiere beschaffen, so dass es hier auch keiner wieder-
holenden Erwähnung derselben bedarf. Will man daher das Amur-Reh, nach dem allgemeinen,
helleren Farbentone, zu C. Pygargns rechnen, so kann ich an ihm die Behauptung Sundevall's,
dass C. Pygargns durch einen weiter ausgedehnten, beinahe das ganze Kinn einnehmenden
schwarzen Fleck au der Unterlippe von dem europäischen Reh verschieden sei '), nicht bestä-
tigt hnden. Meine vom oberen und unteren Amur- Strome mitgebrachten Exemplare zeigen
vielmehr, mit den europäischen ganz übereinstimmend, nur einen schwarzen oder richtiger
braunschwarzen Streifen in der Mitte der Unterlippe, vor dem Mundwinkel. Zugleich ist aber
dieser braunschwarze Fleck an einem meiner Exemplare ziemlich lang und etwa 5 — 6 Millim.
breit, an einem anderen dagegen kaum merklich, zum deutlichsten Beweise, dass in diesem
variablen Verhältniss überhaupt kein speciüscher Unterschied zwischen dem sibirischen und
europäischen Reh gesucht werden darf. Daneben haben ferner die Amur -Exemplare einen
weissen Rand der Oberlippe, wie das, nach der Bemerkung des Hrn. Akad. Brandt's ^), dem
C. Pygargus zum Unterschiede von C. Capreolus zukommt. Doch dürfte auch dieses Moment zu
den variirendeu gehören und von keinem artenunterscheidenden Belange sein , da sich der
schwarze Streifen, der sich längs der Oberlippe zum Mundwinkel hinzieht, dem Rande der
Oberlippe bald mehr und bald weniger nähert. Aehnlich scheint es sich auch mit den
Unterscheidungen in Beziehung auf die Form und gegenseitige Stellung der Gehörne von
C. Capreolus und C. Pygargus zu verhalten. Schwerlich dürften sich zwei Rehgeborne fin-
den, welche in dieser Beziehung einander völlig gleich wären, indem die Richtung und Bie-
gung der Hauptstange sowohl wie der Nebensprossen nicht bloss an verschiedenen Indivi-
duen, sondern nicht selten auch an den beiden Gehörnhälften eines und desselben Thieres
eine mannigfach variirende ist. Es dürfte daher schwer halten nach diesem Merkmale die beiden
Formen stets auseinander zu halten, zumal es Gehörne giebt, an denen die Kennzeichen bei-
der Formen durcheinander sich finden. Das beweisen z. B. auch die beiden von mir mitge-
brachten Rehgehörne vom Amur. Beide sind regelmässige Sechser, eines vom Ussuri, das
andere vom oberen Amur stammend. Ersteres entspricht mehr dem Gehörne von C. Capreolus,
indem die Hauptstangen einen fast geraden Verlauf haben, mit einer nur geringen Divergenz
nach aussen und einer sehr unbedeutenden (an beiden Gehörnhälften übrigens verschiedenen)
Biegung oberhalb der ersten Sprosse nach hinten, wobei zugleich auch die Spitzen des Gehör-
nes entschieden nach innen gekehrt sind. Das andere Gehörn dagegen trägt unverkennbar die
Kennzeichen von C. Pygargus an sich , indem die Biegung oberhalb der ersten Spiosse nach
hinten eine ganz ansehnliche ist und die obersten Spitzen, deren Abstand von einander grösser
als derjenige der Hauptstangen in ihrer Mitte ist, nach oben gekehrt sind. Trotzdem beträgt
aber an diesem letzteren Gehörne der Absland der Hauptstangen an ihrer Basis von einander
nicht mehr als 10 Millim. oder 3 rheinl. Linien, was ein Charakter von C. Capreolus sein soll.
Diese Thatsachen an den Gehörnen und in der Kopfzeichnuug der Amur-Rehe scheinen mir
') Suiidevall, Linne's Pecora. S. Hornschiicli, Archiv Skand. Beiträge zur Nalurgescli. IL p. 137.
^) Bull, de In classe pliysico mathem. de I'Aciid. Inip. iles sc. de St.-Pelersb. T. III. p. 280.
Cervus Capreolus. 165
daher geeignet zu sein, die spätere Ansicht von Pallas, dass C, Capreolus und C. Pygargus spe-
cilisch identische Formen seien, mehr und mehr ausser Zweifel zu stellen. — Beide ohen
erwähnten Rehgehörne vom Amur hahen übrigens eine ganz ansehnliche Grösse, indem das
eine derselben, vom Ussuri, in gerader Entfernung von der Basis bis zur Spitze etwa 270,
das andere, vom oberen Amur, in derselben Dimension etwa 255 Millini. heträet. Der Schä-
del einer erwachsenen Ricke, den ich vom unteren Amur mitgebracht habe, misst vom vor-
dersten Ende des Zwischenkieferbeines bis zum Ilinterhanptshöcker 216 Millim. Länge.
Was die geographische Verbreitung des Rehes betrifft, so war es durch Pallas im Osten
Asien's bis nach Daurien und zur Lena bekannt '). Middendor ff lehrte es weiter ost-
wärts, in einem Theile des linken Amur-Ufers und nordwärts bis zum Stanowoi Gebirge
kennen; am Amur-Strome sollte es namentlich je weiter nach Süden, desto häufiger vorkom-
men ). Von der Richtigkeit dieser Angabe habe ich Gelegenheit gehabt mich durch eigene Er-
fahrung zu überzeugen. Denn obgleich das Reh fast am gesammten Amur-Strome, mit allei-
niger Ausnahme der 3Iündung desselben, vorkommt, so ist es doch nirgends so häuGg wie in
der südlichsten Biegung desselben. Bereits im oberen Laufe des Amur -Stromes ist das Reh
ein häufiges Thier und ein Hauptgegenstand der Jagd bei den dortigen nomadischen Völkern,
den Orotschonen und Monjagern. Die gebirgige Beschaffenheit des Landes am oberen
Amur, die gemischte Waldung, die vielen offenen Grasplätze, die mit den felsigen Ufern längs
dem Strome abwechseln, bieten dem Reh ein sehr günstiges Terrain zum Aufenthalte dar. Im
Herbst zumal steigt es dort häufig aus dem Gebirge auf die offenen Grasplätze und bis an die
Slromufer herab, um, wo es auf der anderen Seite ein besseres Terrain findet, auch den Strom
zu durchschwimmen. Mir selbst ist es auf meiner Flussreise zweimal begegnet das Reh bei
solcher Gelegenheit zu überraschen und das einemal, am 30. Aug. (1 1. Sept.), oberhalb der
Komar-Mündung einen alten Rehbock, das andremal, am 15. (27.) Sept., unterhalb des Po-
stens von Kotomandu eine Schmalricke mitten im Amur -Strome zu erbeuten. Der Herbst
ist auch die Zeit der meisten Rehjagd bei den dortigen Eingeborenen. Die Monjagern
und Orotschonen, durch deren Gebiet wir zu dieser Jahreszeit kamen, fanden wir daher
durchweg mit dieser Jagd beschäftigt und von ihren temporären Zelten am Amur zumeist
abwesend . wo inzwischen die Familien der Jäger vom Fleische der bereits erbeuteten Thiere
zehrten. Ausser dem Fleische muss aber die ergiebige Herbstjagd den Eingeborenen auch die
aur Kleidung nötiiigen Rehfelle liefern. Alle Pelze der Art, die man bei den dortigen Eingebo-
renen und durch deren Vermiltelung auch bei den Mandshu und Chinesen findet, sind da-
her stets aus Fellen im röthlichgelben Sommerhaar dieses Thieres verfertigt. JVoch häufiger
wird das Reh weiter abwärts am Amur-Strome im Gebiete der Biraren, gegen die 3Iündung
der Bureja hin, wo Hügelzüge mit Laubholzwaldung die Prairie durchschneiden und auch
einzelne Zweige vom Bureja- Gebirge den Ufern des Amur- Stromes sich nähern. Bei den
Bi raren spielt es daher vollkommen dieselbe Rolle wie bei den Monjagern oberhalb. Des-
1) Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 220.
*) Jl iUdeiidorff, Sibirische Reise. 1. c. 119.
1 06 Säugelhiere.
gleichen kommt das Reh häufig in den mit Laubholz bewachsenen Abfällen des Bureja- Ge-
birges und in den kleineren Gebirgszügen der Prairie imlerhalb desselben vor. Am Ussuri
gaben mir die Golde das Reh als ein allgemein und bis zum oberen Laufe dieses Stromes
verbreitetes Thier an. Nicht minder bleibt es auch am unteren Amur-Strome bis zur Gorin-
Miindunc und an seinen Zuflüssen bis dahin, am Kur, Ssedsemi, Päch'ssa, Naiche- und
Chongar-Flusse ein häuüges Thier. Wie oberhalb, so ist es auch dort bei den Eingeborenen,
den Golde am Amur, den Ssamagern am Gorin u. a. m., ein beliebtes Jagdthier, dessen
Fleisch ihnen zur Nahrung , das Fell aber zur Kleidung beilragen muss. Doch wird man in
diesem Theile des Stromes stets nur das Winterfell des Rehes zu diesem Zwecke benutzt fin^.
den, da dort der Winter allein den Eingeborenen zur Jagd dient, der Herbst hingegen noch
mit Fischfang verbracht wird. Unterhalb der Gorin -Mündung, wo die Laubholzwaldung am
Amur rasch abnimmt, wird das Reh viel seltner, kommt aber noch im gesammten Gebiete
der Mangunen, am Amur und dessen Zuflüssen, am Chelasso, Jai u. a. m. vor. Erst im Ge-
biete der Giljaken erreicht es im Gebirge bei den Dörfern Tylm und Tyr seine Nordgränze,
Die Eingeborenen in diesen Dörfern gaben mir ausdrücklich an, dass das Reh unterhalb die-
ser Orte am Amur nicht mehr vorkomme. Dasselbe bestätigten auch die Giljaken der unter-
halb gelegenen Dörfer bis zur Amur -Mündung hin. Ferner stellten mir auch die Giljaken
an der Südküste des Ochotskischen Meeres gleich nördlich vom Amur-Limane das Vorkom-
men des Rehes in ihrer Umgegend entschieden in Abrede. Auch habe ich während meines
Aufenthaltes im Nikolajewschen Posten bei den Giljaken der Amur-Mündung niemals von
einem bei ihnen erlegten Reh gehört. Dem entsprechend endlich hat das Reh bei den Gilja-
ken auch nur eine giljakisirte tungusische Bezeichnung. Es bleibt also das Mündungsland des
Amur- Stromes von der Verbreitung des Rehes ausgeschlossen, Seine Nordgränze am Amur
betretVend , muss aber noch erwähnt werden, dass sie bei den oben genannten Dörfern Tylm
und Tyr zugleich auch an der Mündung des von links in den Amur fallenden Amgunj-Flus-
ses liegt, an welchem auch Middendorff noch das Vorkommen des Rehes angiebt. M idd en-
do r ff nennt jedoch das Reh auch noch eine geraqme Strecke nördlicher, am Gallam, einem
rechten Zuflüsse des Udj, wo es freilich nur selten sein soll ^). Es scheint hier daher die
Polargränze des Rehes, welche weiter westwärts, den Erfahrungen Middendorff's zufolge,
längs dem Stanowoi-Gebirge verläuft und dieses nach Norden nicht überschreitet, in diesem
östlichen Theile sich plötzlich stark nach Süden zu senken, indem sie vom Gallam-Flusse, iq
etwa 54^° n, Br., zur Amgunj- Mündung am Amur-Strome, in etwa 53° n. Br., gezogen
werden muss. Diese Senkung der Polargränze des Rehes nach Süden setzt sich nun auch weir-
ter ostwärts vom Amur -Strome fort, indem das Reh an der Meeresküste, den Aussagen der
Eingeborenen zufolge, weder am Amur-Limane noch am nördlichsten Theile der Meerenge
der Tartarei vorkommt, sondern erst südlich von der Bai d.e Castries, in etwa 51" n. Br,,
beginnt, Vielleicht dürfte man diese Erscheinung mit dem sehr ausschliesslichen Vorherrschen
ausgedehnter nnd geschlossener Nadelholzwaldungen im Mündungslande des Amur r Stromes
') Middendorff, Sibirische Reise. I. c. p. 119.
Cervus Capreohis. C. Tarandus. 167
und an der Meeresküste in causale Verbindung bringen. Damit im Einklänge steht end-
licli auch das Fehlen des Rehes auf der Insel Sachalin. Es ist mir dort von den Giljaken
beider Küsten und des Innern auf wiederholtes Nachfragen entschieden in Abrede gestellt
worden, und nie habe ich seihst irgend welche Spuren von dem Vorkommen desselben auf
der Insel gefunden. Bekanntlich wird uns das Reh von Siebold auch für die japanischen Inseln
nicht genannt. Es scheint daher die Verbreitung desselben im Osten Asien's auf das Festland
sich zu beschränken und die anliegenden Inseln nirgends zu berühren.
55) Cervus Tarandus L.
Bei den Giljaken des Continentes und der Westküste von Sachalin: Isclialangai.
« « « des Innern und der Oslküste von Sachalin: </a>igj.
« « Oroken von Sachalin :
das wilde Rennthier : Inru und s'iru.
das zahme Rennthier : oro und iilja (d. h. der Gute).
« « Mangunen, Golde unterhalb des Ussuri, Ssamagern:
das wilde Rennthier : biru, hirun und s'iru.
das zahme Rennthier : oro und oron.
« « Golde oberhalb des Ussuri, Kile am Kur: iru.
« « Biraren:
das erwachsene Thier: oro.
das junge Thier: yngnekan.
« « Monjagern und Orotschonen: oro«.
Das Rennthier muss für das Amur-Land in doppelter Beziehung nahmhaft gemacht wer-
den, da es einmal wild über einen ansehnlichen Theil desselben verbreitet ist, und dann auch
im gezähmten Zustande, als Ilauslhier, bei mehreren seiner Völker im Gebrauche steht.
Was zunächst die Verbreitung des wilden Rennthieres im Amur-Lande betrifft, so ist
dieselbe schon mehrfach früher , bei Besprechung der Verbreitung des Vielfrasses und des
Wolfes (s. oben) , für die das Vorkommen des Rennthieres hauptsächlich bestimmend und
maassgehend zu sein scheint, in ihren Hauptzügen berührt worden. Im Amur -Lande ist das
Rennthier eine Charakterform seines nördlichsten Theiles, des Küstengebietes und der Amur-
Mündung, von welcher die übrigen Hirscharteu mehr oder weniger südlich zurückbleiben.
In der grössten Häufigkeit kommt es namentlich im nördlichen Theile der Insel Sachalin, an
der Südküste des Ochotskischen Meeres und am Amur-Limane vor, wo die nordische Na-
delholzwaldung einen grossen Reichthum an Flechten und 3]oosen aufzuweisen hat und Iheil-
weise auch moorige, nackte oder nur von krüppeligen Lärchen bewachsene Niederungen längs
der Küste sich ausbreiten. Auf meinen Winterreisen habe ich dort fast täglich einzelne Indi-
16S Säugelhiere.
viduen oder grössere und kleinere Rudel von Rennlhieren an den Kiislen der Insel und des
Conlinentes gesehen und auch die Schneedecke des Limaneises von zahlreichen Rennthier-
spuren durchkreuzt gefunden. Auf der Insel Sachalin geht das Rennlhier , dem Gebirge des
Innern folgend, bis nach der Südspitze derselben, in etwa 46^ n. Br. hinab, wo es von den
Aino noch häufig erlegt werden soll. An der Küste des Festlandes ist das Rennlhier bis zur
Bai Hadshi in 49° n. Br., wo noch ausgedehnte Nadelwälder bis an die Meeresküste sich
erstrecken, nicht selten und soll nach Angabe der Eingeborenen auch weiter südwärts noch
ta finden sein. Am Amur -Strome dagegen wird es durch das Vordringen einer südliche-
ren Vegetation weiter nach Norden , als es an der Meeresküste der Fall ist , früher von den
Slromufern verdrängt und auf das höhere Gebirge landeinwärts gebannt. Während es daher
im Mündungslaufe des Amur -Stromes bis an die unmittelbaren Ufer des Stromes vorkommt
und von den Giijaken noch bisweilen während des Uebersetzens über den Strom erlegt wird,
zieht es sich schon unterhalb Kidsi, im Gebiete der Mangunen, in das höhere Gebirge ab-
seits vom Strome zurück. Längs dieser Gebirge breitet es sich nun weiter südwärts aus und
kommt sowohl am Jai", Tumdshi und Chongar östlich vom Amur, als auch am Gorin
westlich von demselben vor. Die Mangunen und Golde am Amur und die Ssamagern am
Gorin wussten mir von dieser Verbreitung des Rennthieres im Gebirge, wo sie es im Winter
bisweilen erlegen, oft zu erzählen; niemals aber soll es in diesen Breiten am Amur -Strome
selbst sich finden. In solcher Weise kommt das Rennthier, nach Aussage der Eingeborenen, bis
zum Geong-Gebirge nach Süden vor. Südlicher von diesem aber wurde es mir von den Golde
am Amur und Ussuri auch für das Gebirge in Abrede gestellt. So sollte es namentlich auch
im Chöchzier-Gebirge an der Mündung des Ussuri nicht mehr vorkommen. Wir können hier
daher die Aequatorialgränze der Verbreitung des Rennthieres mit dem Geong-Gebirge, in
etwa 49° n. Br. annehmen. Nach Westen von dort, am linken Amur-Ufer bildet das ungefähr
in gleicher Breite gelegene Wanda-Gebirge, wo das Rennthier noch vorkommt, ebenfalls die
Südgränze desselben. Wie weit es im Bureja-Gebirge nach Süden geht, ist mir unbekannt,
doch muss ich durchaus bezweifeln, dass es dort den das Gebirge durchbrechenden Amur-
Strom erreiche, da es den nomadischen Biraren, die ich an der Burcja-Mündung am Amur-
Strome antraf, nur dem Namen nach bekannt war. Auch führt Middendorff an, dass es an
den Quellzuflüssen der Dseja, südlich vom Stanowoi-Gebirge, nicht leicht über den Gebirgs-
zweig Tukuringra, ungefähr in 54°n.Br., nach Süden vorkomme. Dort drängt ohne Zwei-
fel die an der Dseja weit nordwärts sich ausdehnende Prairie die Aequatorialgränze des
Rennthieres nach Norden zurück. Erst im oberen Laufe des Amur- Stromes, oberhalb der
erwähnten Prairie, kommt das Rennthier mit dem Gebirge wiederum bis an den Amur-Strom
vor und wird von den Monjagern und Orotschonen, wenn auch viel seltner als die übri-
gen Hirscharien, erlegt. Ja dort soll bekanntlich, einer Angabe von Pallas ') zufolge, das
Rennthier auch südlich vom Amur-Strome, im Chingan-Gebirge, das zwischen dem Amur
und dem Naun-Flusse sich hinzieht, noch vorkommen — eine Angabe, die wir zu bezweifeln
') Zoogr. Kosso<-A$iat. I. p. 20S.
Cervtis Tarandus. |69
keinen Grund haben. Dieses Gebirge liegt ziemlich in demselben Breitengrade wie das Wanda-
und Geong-Gebirge im unteren Amur-Lande. An beiden Orten aber bleibt die Aequatorial-
gränze des Rennthieres , mit ihrer Lage an der Meeresküste und auf der Insel Sachalin ver-
glichen, nach Norden zurück. Den anderen llirscharten entgegengesetzt, dringt also dasRenn-
Ihier im Küstengebiete des Amur -Landes in südlichere Breiten als im Innern Ostasiens vor,
eine Erscheinung, die gewiss mit der weiteren Erslreckung eines nordisch-maritimen Kli-
mas und Vegetationscharakters längs den Küsten des Amur -Landes nach Süd im Zusam-
menhange steht.
Im gezähmten Zustande, als Hausthier, spielt das Rennthier im Amur -Lande eine nur
unbedeutende Rolle, da es es bei sehr wenigen der dortigen Völker sich ündet. Zunächst ist
hier der nomadischen Tungusen zu erwähnen, welche bisweilen, und namentlich im Winter
und ersten Frühjahr, mit ziemlich zahlreichen Rennlhierheerden, aus den Gegenden am Udj
und Tugur kommend, dem Amur-Strome sich nähern und an den sogenannten Seeen
Tschlja, Orellj u.a., welche zumeist nur flache und weite Buchten des Amur-Stromes sind,
wie auch an der Südküste des Och otski sehen Meeres bis in das Gebiet der Giljaken hin-
ein ihre zeitweisen Sitze nehmen. In den Jahren meines Aufenthalles an der Amur-Mündung
wurden diese Züge der Rennlhier-Tungusen, welche zu dem Zwecke eines Handels mit den
sesshaften Amur -Völkern geschehen, noch durch die Anwesenheit der Russen in dem nahen
Nikolajewschen Posten besonders begünstigt. Auch hatten einzelne dieser Tungusen con-
tractmässig die Lieferung von zahlreichen Rennlhieren zur Nahrungsversorgung der russischen
Mannschaften am Amur, so wie die Beförderung der Post übernommen, welche sie mit Hiilfe
ihrer Rennthiere von der Amur-Mündung nach den Orten Udskoi-Ostrog und Ajan be-
sorgten. — Ungleich wichtiger für die Culturverbreitung des Rennthieres im Amur -Lande
als diese nur den Mnndungstheil des Amur-Stromes berührenden Tungusen sind die auf der
Insel Sachalin mit Hülfe von Rennthieren nomadisirenden Oroken. In dem Umfange, wie
wir das Amur- Land betrachten, d. h. mit Hinzuziehung zu demselben auch der Meeresküste
und der Insel Sachalin, sind die Oroken die einzigen Rennthiernomaden , denen wir stetig
in demselben begegnen. Obgleich zum tungusischen Stamme gehörig, bei dem das Rennthier
in der Regel nur zum Reiten dient, weichen die Oroken darin von ihren Stammgenossen ab,
dass sie das Rennthier nicht als Reit-, sondern als Zugthier gebrauchen, gleich wie es die
Korjaken, Ssamojeden, Lappen u. a. Völker des Nordens Ihun. Dabei gestattet ihnen
aber die bergige und waldige Beschaffenheit ihres Landes nur während des Winters ihre
Wanderungen mit Hülfe von Rennlhieren zu unternehmen; im Sommer hingegen sind sie
zu einer mehr oder minder sesshaften, auf Fischfang angewiesenen Lebensweise genöthigl.
Das Gebiet der Oroken und mit ihnen also auch die Culturheimath des Rennthieres auf
Sachalin erstreckt sich über einen Theil der Ostküste der Insel, von dem Golfe der Ge-
duld im Süden bis über die Bai Nyi nach Norden hinaus, d. i. ungefähr von 49.^ bis 52.[^
nördl. Breite. Innerhalb dieser Gränzen bieten den Oroken namentlich die Thäler der von
ihren Quellen an nach SO und NO divergirenden Flüsse Ty und Tymy die hauptsächlichsten
Schrenck Amur-Reise Bd. I. 22
170
Sängefhiere.
Bahneu zu ihren winterlichen Wanderungen dar. Einmal im Jahre jedoch, im December oder
Januar, wenn der Amur-Liman sich niil Eis bedeckt hat, überschreiten die Oroken ihre ge-
wöhnlichen Gränzen und ziehen des Handels wegen in ansehnlicher Anzahl von der Insel nach
dem Festlaude iiiniiber, dieselbe Route befolgend, welche ich auf meinen Winterreisen in den
Jahren 1 855 und 56 gegangen bin. Ihre von Rennthieren bespannten Schlitten überschreiten
alsdann die Gebirge im Innern Sachalin's von den Tymy- Quellen nach der Westküste der
Insel bei Arkai und Mgatsch, folgen dieser Küste nordwärts bis zum Dorfe Poghobi am
Amur-Limane, durchschneiden dann den Amur-Liman nach dem Dorfe Tymi und der
Mündung des gleichnamigen Flusses und gehen endlich au diesem letzteren aufwärts bis zum
Gebirge, welches sich zwischen dem Amur-Limane und Amur-Strome hinzieht. Dort
auf der Höhe des Gebirges pflegen einige der Oroken mit den Rennthieren zurückzubleiben,
während andere auf bundebespannten Schlitten, welche jeden Rennthierzug begleiten, nach
dem Amur-Thale zu den Mangunen und den zeitweise bei diesen sich aufhaltenden chine-
sischen Kaufleuten hinabsteigen. Wie wir daher oben das Rennthier mit den Tungusen als
Reitthier dem Amur-Strome von Nord und West sich nähern sahen, so rückt es hier mit den
Oroken als Zugthier von Ost und Süd an den Strom hinan, ohne jedoch denselben auch hier
ganz zu erreichen. Dies sind denn auch die beiden einzigen Völker des Amur -Landes, bei
denen das Rennthier eine Culturheimath gewonnen hat. Nirgends sonst begegnen wir ihm im
Amur -Lande. Nur eine Tradition soll sich bei mehreren seiner tuugusischen Stämme, z. B.
den Mangunen und Golde, erhalten haben, laut welcher dieselben in früheren, längst ver-
gangenen Zeiten zahlreiche Reuuthierheerdeu besessen und mit deren Hülfe eine nomadische
Lebensweise geführt hätten, bis eine verderbliche Seuche die Heerden gelichtet und zerstört
und die Nomaden somit zum Fischfang und zur festen Ansiedelung am Strome gezwungen
habe. Vielleicht dürfte auch der Umstand, dass wir bei allen unteren Amur-Völkern tungusi-
schen Stammes, ob diese gleich gegenwärtig das Rennthier nur im wilden Zustande kennen,
dennoch eine verschiedene Bezeichnung für das wilde und das gezähmte Rennthier linden, auf
einen solchen Wechsel in ihrer Lebensweise, wie ihn die Tradition angiebt, hindeuten. Warum
wäre sonst eine solche besondere Bezeichnung für das gezähmte Rennthier nur bei den tun-
gusischen Stämmen am Amur und nicht auch bei den Giljaken zu finden, welche gegen-
wärtig, als nächste und unmittelbare Nachbarn jener zum Theil sogar durch ihr Gebiet wan-
dernden Rennthiernomaden, mit dem gezähmten Thiere ohne Zweifel viel bekannter als die
entlegeneren tuugusischea Stämme am Amur sein müssen?
Bei den Giljaken: botscha.
56) Cei'vus Ela|)luis L.
«
«
Mangunen: btitscha.
« « Golde unterhalb des Ussuri, Ssamagern: bozza.
« « Golde oberhalb des Ussuri, Kile am Kur, Biraren, Orotschonen: komaka.
Cervus Elapkus. 171
Bei den M o n j a g e r n : btuju.
« « Dauren : bugho.
Wie Pallas ^), Eversmann ^), Middendorff ^) u. a. vom sibirischen Hirsche bemer-
ken, so ist auch der Edelhirsch des Amur -Landes im Vergleich zum europäischen von grös-
serem NYuchse und, wie ich nach den von mir im Amur-Lande beobachlelen und zum Theil
mitgebrachlen Fellen schliessen möchte , zugleich von hellerer und mehr grauer Färbung
des Sommer- vtie des Winterfelles als jener. Das Sommerfell eines noch ziemlich jungen Thie-
res, das ich am oberen Amur-Strome oberhalb der Komar-Mündung erhalten habe, ist näm-
lich von gelblichgrauer Farbe, auf dem Rücken dunkler, bräunlichgrau, an den Seiten und
nach dem Bauche zu heller, fast rein grau mit schwacher gelblicher Einmischung. Diese Fär-
bung entsteht durch ein Verbleichen der gelblichen Tinte an den einzelnen Ilaaren: diese sind
nämlich auf dem Rücken an ihrer Basis bräunlichgrau, dann gelb und an der Spitze schwärz-
lich. Die gelbe Farbe macht aber , von dem Rücken nach dem Bauche zu rasch verblassend,
einer weisslichen Farbe mehr und mehr Raum, wobei zugleich auch die dunkle Farbe der
Haarspilze sowohl wie der Haarbasis mehr und mehr verblasst und abnimmt und die weiss-
liche Farbe auch auf deren Kosten überhand nimmt. Gleichzeitig ist jedoch an diesem Som-
merfell des Edelhirsches vom Amur der Spiegel um die Schwanzgegend von intensiv röthlich-
gelber Farbe, mit braungrauer, nach hinten zu allmählig dunklerer und zuletzt schwarzbrauner
seillicher Einfassung und einem schwärzlichen Fleck in der Mitte. — Das von mir mitge-
brachte Winterfell des Edelhirsches stammt vom Gorin-Flusse her. Es gehört einem Zwölf-
ender und ist von ansehnlicher Grösse. Der Hals dieses Thieres ist von gelblich-graubrauner
Farbe, nach unten zu dunkler, schwärzlichbraun. Der Rumpf ist gelblichgrau, längs der Mittel-
linie des Rückens dunkler bräunlich, nach den Seilen zu rasch verblassend, hellgelblichgrau. Die
Unterseite ist gelblichbraun, nach der Mitte zu dunkler, bis schwarzbraun. Der Spiegel um die
Schwanzgegend ist röthlichgelb, heller als am Sommerfell, mit ziemlich heller, bräunlicher, nur
am hinleren Ende dunklerer, schwarzbrauner Einfassung. Die erwähnten, stellenweise helleren
und dunkleren Schallirungen in der Färbung des Winterfelles sind durch ein ähnliches Verhal-
ten in der Zeichnung der Deckhaare wie am Sommerfelle bedingt. Die Deckhaare sind nämlich
in der Mittellinie des Rückens dunkel-braungrau mit gelblichem Bande unterhalb ihrer schwärz-
lichen Spitze. Nach den Seiten zu verblasst aber die gelbliche Farbe mehr und mehr zum
Weisslichen und breitet sich über ein längeres Stück des Haares auf Kosten der braungrauen
Farbe der Haarbasis aus, welche zugleich eine hellere graue Farbe gewinnt. Allenthal-
ben ist das Winterfell mit grauem, am Halse und in der 3IiUellinie des Rückens dunklerem,
an den Seiten hellerem Wollhaare bedeckt. Das Geweih dieses Edelhirsches vom Gorin trägt,
wie erwähnt, jederseits 6 Enden und zeigt die ungewöhnliche, übrigens auch an europäischen
Thieren vorkommende Bildung einer fehlenden Krone , indem an Stelle derselben nur eine
') Zoogr. Rosso-Asial. I. p. 217.
*) Bullet, de la Soc. Imp. des Natural, de Moscou. T. XXI. 1848. No. 1. p. 197.
^) Sibirische Reise. 1. c. p. 120.
172 Sougelhiere.
doppelte, in ungleicher Hohe statthabende Gabelung der Hauptstange oberhalb ihrer Mittel-
sprosse eintritt, wobei zugleich die beiden Endgabeln unter einander in einer und derselben
Fläche, gegen die Gabel an der Mittelsprosse aber gehalten, in verschiedenen Flächen liegen.
Seit Pallas wusste man von der Verbreitung des Edelhirsches ostwärts bis nach Dau-
rien, dem Witim und der Lena'). Ueber diese Gränzen hinaus machte uns Middendorff ^)
mit der Verbreitung desselben durch die nördliche Mandsburei bekannt, indem er das Sta-
nowoi- oder Gränzgebirge der Mandshurei als Polargränze des Edelhirsches nachwies und
von dem Vorkommen desselben am Inkanj und Kebeli, oberen Zuflüssen des Ssilimdshi
und der Bureja, Nachrichten mitbrachte. Es bleibt mir daher nur übrig die Verbreitung des
Hirsches noch weiter ostwärts, im unteren Amur -Lande und das Vorkommen desselben am
Amur-Strome selbst zu besprechen. Am gesammten oberen Amur ist der Edelhirsch nicht min-
der häufig als das Reh und giebt seiner grösseren Nützlichkeit wegen in noch höherem Maasse
ein Haupljagdthier der dortigen Eingeborenen, der Orotschonen, Monjagern und Biraren ab.
Im Herbst, während meiner Reise am oberen Amur, habe ich fast allabendlich entweder das
laute Schreien dieses Thieres, oder aber den einförmigen Lockton der ihm nachstellenden Jä-
ger durch die Waldung am Strome schallen hören. So oft ich aber mit den oben erwähnten
Eingeborenen selbst zusammentraf, hatte ich stets Gelegenheit die hohe Bedeutung, die der
Edelhirsch für ihren Haushalt bat, zu erkennen. Denn nicht bloss, dass das Fleisch desselben,
frisch oder getrocknet, ihnen mit zur hauptsächlichsten Nahrung, das Fell aber, kunstvoll
zum Leder gegorben, zur vornehmlichsten Kleidung dient, sondern es bieten ihnen auch noch
das Hirschleder sowohl wie auch das frische, noch unverhärtete Geweih dieses Thieres die
wichtigsten Artikel zum Handel mit den Mandshu, Chinesen und Russen dar. Letzteres
zumal (bei den Mandshu und Dauren pH'i<o und funto, bei den tungusischen Eingeborenen
des Amur-Landes, den Golde, Mangunen u. a. puriiu genannt) giebt einen sehr geschätzten
Gegenstand ab, weil es von den Chinesen und darnach auch von den Eingeborenen des
Amur-Landes selbst für ein höchst wirksames Confortativ gehalten wird. Ausserdem dienen
den Eingeborenen der Edelhirsch und das Elenn, neben den Pelzthieren, auch zur Zahlung des
Tributes an die Chinesen, während das kleinere Reh von letzleren nicht angenommen wird.
Geringere Bedeutung hat der Edelhirsch bei den Eingeborenen unterhalb des Bureja-Gebirges,
deren Lebensweise mehr und mehr eine Ichthyophage wird und denen zur Tributzahlung und
zum Handel ein grösserer Reichthum an Pelzthieren und namentlich an Zobeln zu Gebote
steht. Dennoch ist C. Elaphus am Amur -Strome unterhalb des Bureja-Gebirges noch über
eine geraume Strecke hin die vorherrschende Hirschart. In diesem Stromtheile, nahe der Us-
suri-Mündung und unterhalb derselben, habe ich oft zahlreiche Hirschspuren auf den niedri-
gen, mit Weiden und hohem Grase bewachsenen Inseln des weit ausgebreiteten Stromes gese-
hen. In der That soll der Hirsch, den Angaben der Eingeborenen zufolge, diese Inseln
sehr gern besuchen und zu diesem Zwecke die breiten Arme des Stromes durchschwimmen,
') Pallas, Zoogr. Rosso- Asiat. I. p. 217.
.«) Sibir. Reise. 1. c. p. 121.
Cervus Elaphus. C. Alces. 173
wobei er oft von den Eingeborenen überrascht und erlegt wird. Etwa bis zur Mündung
des Cbongar-Flusses ist der Edelhirsch am Amur-Strome und dessen beiderseitigen Zuflüs-
sen häufig ; alsdann aber wird er, vielleicht in Folge zunehmender Nadelholzwaldung und des
hohen Schneefalles im Winter, seltner, erreicht jedoch noch die 3Iündungen des Gorin-Flus-
ses am linken und des Chelasso am rechten Amur-Ufer. Vom Gorin habe ich selbst das
oben erwähnte Fell und Geweih dieses Thieres mitgebracht. Bis zum Chelasso , ungefähr in
51° n. B^., lauteten die weitesten Angaben, die ich von den Golde und Mangunen über
die Verbreitung des Edelhirsches gehört habe. Weiter unterhalb im Amur -Lande sind mir
von den Mangunen und Giljaken stets nur verneinende Angaben über den Hirsch ertheilt
worden und niemals habe ich selbst Spuren von dem Vorkommen desselben zu Gesichte be-
kommen. Bei den Giljaken, von deren Gebiete der Edelhirsch ganz ausgeschlossen bleibt,
trägt er daher auch nur einen fremden, von den tungusischen Nachbarvölkern entlehnten Na-
men, dessen allgemeinere Kenntniss wohl nur der auch bei ihnen renommirten Eigenschaft
der Hirschgeweihe zuzuschreiben ist, ob diese gleich nur sehr selten bis zu den Giljaken
selbst gelangen. Die grosse Zahl und Uebereinstimmung obiger Angaben der Eingeborenen
lassen mich die erwähnte Polargränze der Verbreitung des Hirsches am Amur, die Mündung
des Chelasso, für eine zuverlässig bestimmte halten. Ostwärts von ihr, zur Meeresküste hin
gaben mir die Eingeborenen den Edelhirsch am Jai, Tumdshi und an der Meeresküste, an
letzterer jedoch nicht eher als ein paar Tagereisen südwärts von der Bai de Castries an.
Vergleicht man diese Punkte der Polargränze des Hirsches im unteren Amur -Lande mit den
weiter westwärts durch Middendorff ermittelten nördlichsten Punkten seiner Verbreitung,
so liegen sie sehr ansehnlich südlicher als letzlere. Auch in der Verbreitung des Edelhirsches
findet also wie beim Reh eine starke Senkung der Polargränze im unteren Amur-Lande statt,
eine Erscheinung, die wahrscheinlich ebenfalls mit der schon erwähnten raschen Zunahme
nordischer Nadelholzwaldung im unteren Amur-Lande unterhalb der Gorin-Mündung und
dem höheren winterlichen Schneefall in diesem Theile des Amur -Landes zusammenhängen
dürfte. Gleich dem Reh bleibt endlich auch der Edelhirsch auf das Festland Ostasiens be-
schränkt und geht, nach einstimmigen Aussagen der Giljaken von Sachalin, niemals auf
diese Insel hinüber. Desgleichen scheint er, nach Siebold's Angaben, auch auf den japani-
schen Inseln zu fehlen und dort durch eine besondere, kleinere Art, Cervus Sika Temm. , er-
setzt zu sein.
57 ) Cervus Alces L.
Bei den Giljaken: loch. ,
« « Mangunen, Ssamagern, Golde unterhalb des Ussuri: to und hvju (d. h.dasThier).
« « Orotschen an der Meeresküste, Kile am Kur, Golde oberhalb des Ussuri: toke.
« « Biraren, Monjagern, Orotschonen: loke und bojim.
« « Dauren: chandaga.
17i Säugclhiere.
Schon Pallas gab an, dass das Elennthier in den Gegenden am Ulh-Flusse, so weit es
dort Waldungen gebe, zu linden sei'). Middendorff traf es in grosser Anzahl am Stano-
woi-Gebirge und erfuhr auch von seinem sehr zahlreichen Vorkommen am linken Ufer des
Amur-Stromes südöstlich vom Tugur^), also nahe der Amur-Mündung. Von diesem Punkte
im Norden des Amur-Landes ausgehend, können wir nun das Elennlhier noch über eine ge-
raume Strecke nach Süden verfolgen , indem es in der That fast das gesammte, wald- und
sumpfreiche Amur -Land bewohnt. In der grösst^n Zahl kommt es namentlich im unleren
Laufe des Amur -Stromes vor, wo die ausgedehnten, dichten, anfangs fast ausschliesslich aus
Nadelholz besiehenden, weiter stromaufwärts mit Laubholz gemischten, oft moorigen und
sumpligcn Wälder dem Elenathiere das günstigste Terrain darbieten. Beim Nikolajewschen
Posten an der Amur- Mündung habe ich selbst das Elennthier in den Wäldern der nächsten
Umgegend zu wiederholten Malen getroffen. Im Herbst 1854, am 24. Sept. (6. Oct.), wurde
dort vor meinen Augen ein Thier erlegt, das aus dem Walde mitten auf den Posten herausge-
kommen war und über den Strom zu schwimmen im Begriffe stand. Dieses Thier , dessen
Fell und Schädel ich mitgebracht habe , war ein Gabelhirsch , der bereits das heller braune
Herbstkleid angezogen hatte. Dennoch muss ich bemerken, dass das Elennthier an der Mün-
dung des Amur-Stromes minder häufig ist als eine Strecke aufwärts, noch im unleren Lauf
des Stromes, und dass es namentlich das niedrigere und landeinwärts ebenere linke Amur-
Ufer in grösserer Zahl als das höhere, gebirgige rechte Ufer und die Meeresküste zu bewoh-
nen scheint. Gleichwohl kommt es auch an der Meeresküste, am Amur-Limane sowohl wie
an der Meerenge der Tartarei bis über die Bai Hadshi nach Süden vor. Auffallend ist es
aber, dass es der Insel Sachalin, zum wenigsten der nördlichen Hälfte derselben, den aus-
drücklichen Aussagen der Giljaken beider Küsten und des Innern der Insel zufolge, gänzlich
fehlt. Sollten wir daher Recht haben die ursprünglichen Wohnsitze der Giljaken, wie oben
erwähnt worden, auf der Insel Sachalin zu vermuthen, so dürfte das Fehlen des Elennlhieres
auf dieser Insel vielleicht auch der Grund sein, wesshalb wir bei den Giljaken für dieses Thier
keine eigene, acht giljakische, sondern nur eine von ihren tungusischen Nachbaren erborgle
und giljakisirte Bezeichnung finden. Jedenfalls kommt, wie gesagt, das Elennthier im Gebiete
der tungusischen Stämme am Amur häufiger als bei den Giljaken an der Amur-Mündung
vor und spielt bei jenen auch eine wichtigere Rolle als bei diesen. Schon im Gebiete der
Mangunen am Amur wird das Elennthier merklich zahlreicher und erhält den gewöhnliche-
ren Namen «bujun, d, h. das Thier insonderheit, eine Bezeichnung, die noch weiter aufwärts,
bei den Golde am Amur und den Ssamagern am Gorin ihre volle Bedeutung gewinnt. Nir-
gends im Amur-Lande kommt das Elenn in solcher Häufigkeit wie am Gorin und am Amur
etwas ober- und unterhalb der Gorin-Mündung vor. Imme^ wieder sah ich, während mei-
ner Reise am Gorin, frische Elennsfährten die Schneedecke des Flusses durchkreuzen und an
den Bäumen der Ufer hie und da bald frische, zum Trocknen ausgespannte Felle, bald zahl-
1) Pallas, Zoogr. Rosso-Äsiat. I. p. 202.
2) Middendorff, Sibirische Reise. I. c. p. 121.
Cervus Alces. Equus Caballus. 175
reiche, trophäenartig aufgesteckte Schädel und Knochen dieses Thieres, die Reste ehemaliger
Ausbeuten, hängen. Die Ssamagern am Gorin fand ich zumeist in Elennsleder gekleidet.
Zu wiederholten 3Ialen begegneten mir auch die mit reicher Beute anElennsfleisch und Häuten
beladenen Schlitten rückkehrender Jäger. Denn es sind diese waldigen Wildnisse am Gorin
ein besuchtes Jagdgebiet nicht bloss der dort ansässigen Ssamagern, sondern auch der ent-
fernter wohnenden Golde am Amur. Oberhalb der Gorin-Mündung wird das Elennlhier all-
mählig seltner, kommt jedoch noch in ziemlicher Anzahl am Chougar, Ssedsemi und Kur
vor. Mit Bestimmtheil lässt sich auch sagen, dass es bis zur südlichen Biegung des Amur-
Slromes an der Ussuri- Mündung die entlegeneren, waldbewachsenen Gebirgsthäler sowohl
wie auch die unmittelbaren Ufer des Stromes bewohnt. Nahe der Ussuri-Münduns habe ich
nicht selten die Fährten des Elennthieres auf den niedrigen, sumpfigen, mit Weidengesträuch
und hohem Grase bewachsenen Inseln des Amur-Stromes gesehen. Am Ussuri kommt das
Elennthier, so weit ich den Strom besucht habe, den Angaben der Golde gemäss ebenfalls
vor. Doch soll es dort schon seltner als unterhalb am Amur-Strome sein. Die Golde am
Ussuri pflegen daher die zu ihrem Bedarfe nöthigen Elennsfelle, und namentlich die zum Be-
kleiden der Schneeschuhe bei allen tungusischen Völkern am Amur hauptsächlich beliebten
Beinfelle des Elennthieres , zum Theil von ihren nördlichen Nachbarn zu kaufen. Oberhalb
des Bureja- Gebirges ist anzunehmen, dass das Elennthier in der trockenen, fast waldlosen
Prairie am Amur-Strome von den unmittelbaren Ufern desselben entfernt bleibt. Ueber diese
Prairie hinaus aber wird es wiederum ein häufiges Thier, das von den Monjagern nicht
minder wie das Reh und der Edelhirsch gejagt wird und eine vielfache Benutzung bei densel-
ben sowohl zu ihrem eigenen Bedarfe an Nahrung und Kleidung, als auch zum Handel mit
den Russen und zur Tributzahlung an die Chinesen findet. Von allen Hirscharten im Amur-
Lande ist also das Elennthier diejenige, welche dem Räume nach die grössle Verbreitung und
im Allgemeinen auch die grosste Bedeutung für die Eingeborenen hat. Fügt man daher noch
hinzu, dass es zugleich auch das grösste aller Säugethiere im Amur -Lande ist, so wird man
den Namen, den es bei den tungusischen Amur-Völkern als «das Thier» insonderheit trägt, ge-
wiss sehr bezeichnend finden.
Vn. SOLIDUNGULA.
58) Equus Caballus L.
Bei den Giljaken und Mangunen: mur.
« « Golde, Biraren, Dauren: »norre.
« « Monjagern und Orotschonen: murrin.
176 Säugelhtere.
In Beziehung auf das Vorkommen des Pferdes im Amur-Lande muss man die ältere,
vor dem Beginne russischer Colonisation am Amur -Strome bereits stattgehabte Verbreitung
dieses Thieres bei den Amur- Völkern und die spätere Einführung desselben durch die Rus-
sen unterscheiden.
Was die erstere betrifft, so fand ich sie in den Jahren 1 854 — 56 bereits ziemlich weit
vorgeschritten, da sie mehr als den halben Lauf des gesammten Amur-Stromes umfasste. Im
Allgemeinen lässt sich hinsichtlich derselben bemerken, dass je weiter stromabwärts, desto
grösser die Abnahme wird , welche das Pferd in seiner Bedeutung für die Eingeborenen und
somit auch in seiner Cultur bei denselben erleidet, eine Abnahme, die natürlich mit den Vei-
äuderungen in der physischen Beschaffenheit des Landes und in der Lebensweise seiner Be-
wohner in vielfachem und innigem Zusammenhange steht. Im oberen Theile des Amur -Stro-
mes, angefangen vom Zusammenflusse der Schilka und des Argunj, ist das Pferd in grosser
Zahl bei den Orotschonen und besonders bei den Monjagern vorhanden, denen es als noth-
wendiges Lastlhier auf ihren periodischen Wanderungen dient. Im Gefolge derselben ist es
dort auch nicht bloss am Amur, sondern auch an den Zuflüssen desselben, am Komar, an
der Dseja u. a. m. verbreitet. Oft habe ich in diesem Theile des Stromes zahlreiche Pferde
in einiger Entfernung von den Zelten der Eingeborenen weiden sehen. Auch ist es mir einmal
begegnet, ein einzelnes Thier am Strome aufzutreiben, wo ich weit und breit keine Einge-
borenen fand. Durch den Lärm unserer Ruder aufgescheucht, rannte es scheu davon, den Ein-
druck eines verwilderten Thieres hinterlassend. Doch ist mir von den Eingeborenen niemals
von einem Falle. wirklicher Verwilderung der Pferde am Amur erzählt worden, ob sie gleich
in den vielen und weiten Grasplätzen am oberen Amur und noch mehr in der Prairie unter-
halb der Dseja ein nicht minder günstiges Terrain dazu wie in den Steppen Südrusslands oder
der Mongolei finden dürften. Der Ursprung dieser Pferde der Orotschonen und Monjagern
ist offenbar bei den Russen am Argunj und der Schilka zu suchen, wo Pferde in grosser
Zahl gehalten werden. Die Monjagern versorgen sich auch gegenwärtig noch bisweilen in
direkter Weise mit Pferden von den Russen, um sie an die unterhalb wohnenden Chinesen
und Mandshu zu verkaufen. Ich habe selbst Flösse mit zahlreichen Pferden gesehen, die von
Monjagern zu diesem Zwecke stromabwärts getrieben wurden. Dies dürfte daher auch der
Ursprung der meisten Pferde sein, die wir unterhalb der Dseja in den Ansiedelungen der
Mandshu, Chinesen, Dauren und Biraren in der Prairie finden. Andere mögen vom
Ssungari her in diese Colonieen am Amur gebracht worden sein. Eine Sonderung vonRacen
aber habe ich dort nicht bemerken können. Die Pferde kamen mir überhaupt von robustem
starkem Bau und ziemlich, jedoch nicht übermässig kleinem \> uchse vor und trugen wie in
Europa die verschiedensten Farben. In diesen festen mandshurisch- chinesischen Ansiedelun-
gen in der Prairie spielt das Pferd auch ganz dieselbe Rolle wie in Europa, indem es nicht
bloss zum Reiten und Lasttragen , sondern auch zum Ziehen von Fuhrwerken dient und der
ackerbauenden Bevölkerung dieser Colonieen daher von besonderem Nutzen ist. Auch muss es
dazu beitragen die Verbindung zwis.chen Aigun, der einzigen chinesischen Stadt am Sachali-
Eqmis Caballus. 177
oder oberen Amur-Strome, und den am Ssungari und dessen Zuflüssen gelegenen chinesi-
schen Ortschaften zu unterhalten , zu welchem Zwecke geebnete Wege über den südlich von
Aigun von West nach Ost laufenden, den Biraren (vielleicht aus diesem Grunde) unter dem
Namen «Morre-urra», d.h. Pferde-Gebirge, bekannten Gebirgszug führen sollen. Diese Benutzung
des Pferdes bleibt durch die ganze Prairie, so weit die festen Ansiedelungen reichen, dieselbe.
So habe ich sie noch in der kleinen Biraren- Ansiedelung Kalta, gleich oberhalb des Bu-
reja-Gebirges, gefunden. Dieses Gebirge setzt ihr aber eine Granze; denn unterhalb desselben
hat das Pferd nur eine sehr untergeordnete Bedeutung. Bei den nomadischen Golde, die ich
dort antraf und die angeblich vom Ssungari kamen, war es nur in sehr geringer Zahl
vorhanden und diente in derselben Weise wie bei den Monjagern zum Lastlhiere auf ihren
W^anderungen. Noch geringer wird die Zahl und Bedeutung des Pferdes bei den weiter ab-
wärts, zwischen der Ssungari- und Ussuri-Miindung in festen Wohnsitzen lebenden Golde.
Ihr beständiger , durch den Fischfang bedingter Aufenthalt am Strome , inmitten eines nie-
drigen, oft moorigen und brüchigen und von vielen Flussarmen durchschnittenen Terrains,
gestattet ihnen das Pferd nur auf kurzen Strecken zum Reiten zu gebrauchen, während aller
weitere Verkehr im Sommer zu Boote, iiu Winter auf Schlitten mit Hülfe der' bereits allge-
mein gehaltenen Hunde geschieht. Das Pferd lindet sich daher bei ihnen nur noch als ein
Luxusartikel im Handelsverkehre mit ihren oberhalb wohnenden Nachbarn ein. Im Dorfe
Sselgako, unterhalb der Ssungari-Mündung, wo ich, stromaufwärts gegangen, die ersten
Pferde sah, gaben mir die Golde ausdrücklich an, dass sie dieselben von dem oberhalb der
Stadt Aigun am Sachali-Strome wohnenden Volke der Ssolo erhielten, welche sich mit dem
Pferdehandel beschäftigten — eine Angabe, die sich, dem oben Mitgelheillen zufolge, auf kein
anderes Volk als die Monjagern beziehen lässt. Von diesen kommen denn auch die Pferde,
welche sich bei den Eingeborenen am Ussuri finden. An der Mündung dieses Flusses, im
Dorfe Turme, wo es deren welche gab, waren dieselben im Sommer 1855 kurz vor unserer
Ankunft daselbst von Tigern zerrissen worden". Weiter oberhalb am Ussuri sind uns keine
begegnet, zum Beweise, dass auch dort das Pferd, nur zeit- und stellenweise vorkommend,
eine sehr untergeordnete Rolle spielt, da der stetige Verkehr im Sommer zu, Boote, im Win-
ter auf hundebespannten Schlitten geschieht. Am oberen Ussuri soll jedoch das Pferd, den
Angaben der Golde zufolge, wiederum zahlreicher gehalten und auch als Lastthier im Ver-
kehre mit den südlich vom Gebirge an der Meeresküste gelegen3Q chinesischen Ortschaften
gebraucht werden. Die Mündung des Ussuri ist nun auch die Gränze der Verbreitung des
Pferdes im Amur- Lande. Unterhalb derselben findet sich kein Pferd mehr, weder bei den
Eingeborenen des Amur-Landes, noch bei den zum Handel oder zur Tributserhebung hinkom-
menden Mandshu und Chinesen. Den Golde unterhalb der Ussuri-Mündung, den Man-
gunen, Giljaken u. a. m. ist daher das Pferd aus eigener Anschauung nur den Wenigen,
welche Handelsreisen an den Ssungari gemacht haben, im Allgemeinen aber bloss dem Namen
nach bekannt. Diese Bekanntschaft nimmt auch stromabwärts mehr und mehr ab und verliert
sich endlich bei den Giljaken so weit, dass man bei ihnen die allerunähnlichsten Darstellungen
Schiene k Amur-Keise ßil. 1. — *^
178 . Säiigethi'ere.
desselben, z. B. in Holz geschnitzte, purpurrotli mit schwarzen Flecken und Streifen bemalte
Figuren, die es versinnlichen sollen, u. drgl. m., findet.
In dieser Begränzung der Culturheimath des Pferdes im Amur-Lande lässt sich nun ein
inniger Zusammenhang mit der Beschaffenheit des Landes, mit seiner Bodengestal lung und
seinen klimatischen Verhältnissen erkennen. Mit der Mündung des üssuri beginnt nämlich
stromabwärts am Amur ein durchweg gebirgiges Terrain, mit steiler, oft felsiger Beschaffen-
heit der Ufer und mit ausgedehnten Waldungen, sei es aus Laubhölzern mit dem dichtesten
Gebüsch im Süden, oder aus Nadelhölzern im Norden, deren noch ungelichtete , von zahl-
reichen Flüssen durchschnittene und oft mit moorigem und brüchigem Boden versehene Wild-
niss bisher noch keinen Pfad für den Fussgänger und wie viel weniger also für das Pferd dar-
bietet. Wie diese Beschaffenheit des Bodens im Sommer, so machen im Winter klimatische
Verhältnisse und namentlich der hohe Schneefall und die häufig sich ereignenden Schneeslörme
den Gebrauch des Pferdes im unteren Amur-Lande unmöglich. Stellen die ungeheueren Schnee-
massen doch selbst den leichten , mit Hunden bespannten Schlitten oft unüberwindliche Hin-
dernisse entgegen. Dabei entziehen diese Schneemassen dem Pferde auch die Möglichkeit, im
Winter durch Aufscharren des Schnee's, wie das im schneearmen oberen Amur-Lande und in
Transbai kalicn geschieht, die nölhige Nahrung zu finden. Abgesehen daher von der Nutz-
losigkeit des Pferdes für die Eingeborenen des unteren Amur -Landes, gäbe ihnen die Cultur
desselben noch die ansehnliche Mühe der Bereitung von Heuvorräthen im Sommer, während
der nützliche Hund für die Eingeborenen auch noch den Vorzug hat, dass er ihre ichthjophage
Nahrung theilt. So fällt also die Culturgränze des Pferdes im Amur- Lande mit der Natur-
gränze sowohl des höheren oder geringeren Schneefalles, als auch der mehr oder minder aus-
schliesslichen Prairie einerseits und des Gebirgs- und Waldlandes andrerseits zusammen. Durch
diese physischen Bedingungen genöthigt, muss die Cultur desselben am unteren Amur-Strome
derjenigen des Hundes weichen, dessen Verbreitung im Amur-Lande daher gewissermassen
in direktem Gegensatze zu derjenigen des Pferdes steht.
Abgesehen aber von dieser älteren, durch die Naturbeschaffenheit des Landes im Laufe
der Zeil bedingten Verbreitung des Pferdes bei den Amur- Völkern, ist nun auch noch einer
späteren, durch die russische Colonisation veranlassten Einführung desselben in das Amur-
Land zu gedenken. Mit der Gründung der russischen Posten an der Amur-Mündung im .Jahre
1854 wurden nämlich zahlreiche Pferde aus Transbaikalien den Amur abwärts ge-
bracht, ja sogar eine Abiheilung reitender Kosaken im Mariinskischen Posten angesiedelt.
Die oben angedeuteten Schwierigkeiten für den Gebrauch des Pferdes im unteren Amur-Lande,
so lange dieses 'lie Eingrifl'e der Cultur noch nicht in grösserem Maasse erfahren hat, ver-
minderten jedoch rasch die Zahl dieser Pferde und schränkten die Benutzung derselben im
Sommer sowohl wie im Winter fast vollkommen ein. Dass unter solchen Umständen an eine
Einbürgerung des Pferdes vermittelst der Bussen auch bei den Eingeborenen des unteren
Amur-Landes bisher noch im Entferntesten nicht zu denken ist, versteht sich von selbst.
Einen günstigeren Boden dagegen fanden die Pferde der Russen in den kleineren , oberhalb
JEqinis Caballus. E. Asiniis. Trichechiis Rosmanis. 179
der SsuDgari- Mündung gegründeten Posten, wo, wie erwähnt, auch die Eingehorenen mit
der Pferdezucht in grösserem oder geringerem Maasse sich beschäftigen.
59) Eqiiiis itiiiiiiiis L.
Den Esel habe ich im Amur -Lande nur an einem Orte und zwar in der chinesischen
Stadt Aigun oder Sachalin-ula-choton am oberen Amur gesehen, wo er den Chinesen
und 31andshu zum Reiten dient, wie das von Pallas auch für die nach Kjachta kommen-
den Chinesen bemerkt worden ist ^). Als ich nämlich in dieser Stadt landete, kam mir ein
Gehülfe des Gouverneurs derselben, von zwei Beamten begleitet, entgengeritten. Letztere sassen
auf Eseln, welche den europäischen ganz ähnlich, von grauer Farbe mit schwärzlichem
Rückenstreifen gezeichnet waren. Der Gouverneursgehülfe aber ritt auf einem Maulesel.
Letztere Bastardform scheint somit auch bei den Chinesen im Amur-Lande in einem höheren
Ansehen als der Esel zu stehen.
Vm. PINNIPEDIA.
60) Tricliecliiis Rosmanis L.
Bei den Giljaken: tschu-ngych.
Das Wallross ist den Giljaken natürlich nur durch seine Zähne dem Namen nach be-
kannt. Diese erhielten die Giljaken schon vor dem Beginne russischer Colonisation am
Amur-Strome durch Vermittelung ihrer nördlichen Nachbarvölker. Seit dem Jahre 1853 be-
ziehen sie dieselben im Handel mit der russisch - amerikanischen Compagnie im Nikolajew-
schen Posten. Doch ist die Abnahme, die dieser Gegenstand bei ihnen findet, nur eine sehr ge-
ringe, weil die Giljaken zu Schnitzereien für ihren eigenen Bedarf mit dem reichen Mate-
riale an Rennthier- und Elennsgeweihen vorlicb zu nehmen pflegen , die Wallrosszähne aber
nur zu dem Zwecke kaufen, um sie zu den Chinesen am Ssungari zu bringen und gegen
andere Gegenstände mit Vortheil wieder zu vertauschen — eine Handelsspeculalion, welche
natürlich nur Wenige von ihnen zu unternehmen im Stande sind.
*) Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 263.
180 Sängelhiere.
61) Plioca iiiiiiiiuulai'is Schleg.
PA. ZarjÄo Pall. Zoogr. Rosso-Äsiat. I. p. 113.
Bei den Giljaken:
Das erwachsene Thier: pyghi-langr {Jangr beisst Seehund überhaupt).
Das jüngere Thier ; ngyss'chylj.
Das noch jüngere Thier: orongr und odontsch.
Bei den Mangunen: gjäuch'ssa.
Diese schon von Pallas theils als Varietät von Ph. vitulvia L. und theils als besondere
Art unter dem oben angeführten Namen erwähnte '), von Schlegel nach Siebold's japani-
schen Materialien ) genauer beschriebene Art kommt auch an den Küsten des Amur-Landes,
im Ochotskischen Meere, in der Meerenge der Tartarei und im Amur-Strome vor. Wie
Schlegel für die japanischen Exemplare angiebt, so kann man auch im Amur- Lande die
mannigfaltigsten Varietäten in der Zeichnung dieser Robbe bemerken, indem die besonders
auf dem Rücken zusammengedrängten schwarzen Flecken bald zahlreicher, grösser und dunk-
ler, bald spärlicher, kleiner und heller sind. Auf diesen Verschiedenheiten der Fleckung,
welche im Allgemeinen mit dem Aller der Thiere stärker hervortritt , beruhen auch die oben
angegebenen Bezeichnungen der Giljaken für die verschiedenen Alterszuslände dieses Thie-
res. Für das Amur-Land ist Ph, nummularis unstreitig die wichtigste Robbenart. An den
Meeresküsten zumal bildet sie bei den auf den Seehundsfang vielfach angewiesenen Giljaken
einen für ihren Haushalt unumgänglichen Gegenstand, indem Fleisch und Thran derselben
ihnen und ihren Hunden zur Nahrung, das Fell aber zu den verschiedensten Kleidungsstücken
dient. Der Fang derselben wird daher sowohl im Sommer, mit Hülfe besonderer, im ethnogra-
phischen Bande meiner Reise näher zu beschreibender Harpunen, als auch im Winter betrieben,
wenn der Amur-Liman gefroren, die Meerenge der Tartarei aber in ihrer Mitte eisfrei ist,
indem alsdann die zahlreich auf das Eis herauskommenden Thiere vom W asser abgeschnitten und
erschlagen werden. Am Amur-Strome nimmt natürlich mit der Zahl der Seehunde auch ihre
Bedeutung für die Eingeborenen ab. Nach Angabe der Giljaken geht das alte, besonders
schön gefleckte Thier nur selten in den Amur -Strom hinein und entfernt sich alsdann auch
nur wenig von der Mündung desselben, während die jungen Thiere häufig und bis zu einer
sehr ansehnlichen Entfernung von der Mündung aufwärts steigen und auch in die Mündungen
der Nebenflüsse sich begeben. Im Gebiete der Giljaken habe ich im Amur-Strome häufig
Seehunde gesehen. Bei ihnen ist auch das Seehundsfell in einem weit grösseren Gebrauche
und steht in niedrigerem Preise als bei den stromaufwärts wohnenden Mangunen. Dennoch
sind auch diese mit dem Seehunde noch aus dem Strome selbst bekannt. Nach den überein-
stimmenden Angaben derselben kommt dieser Seehund im Gebiete der Mangunen bis nach
dem Dorfe Yrri vor, welches etwa 400 Werst oberhalb der Mündung des Amur-Stromes,
nahe dem 51° n. Br. gelegen ist. Diese Gränze seines äussersten Aufsteigens im Strome land-
1) Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 113 u. p. 117. Nota 2.
^) Fauna Japonica. Mamraalia. Dec. 3. p. 3 u. 4.
Phoca nummularis. Ph. barbala. Ph. ochofensis. 181
einwärts uuJchtcn wir seine Binnenlandgriinzo im Gegensatz zur oceanischen oder maritimen
nennen. Oberhalb derselben , bei der bald darauf am Strome beginnenden Bevölkerung der
Golde verschwindet mit dem Seebunde auch der Gebrauch des Seehundsfelles gänzlich.
62) PItooa linrliata Müll.
Ph. naulica und Pli. albigena Pall. Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 108 u. 109.
Bei den Giljaken:
Das erwachsene Thier : kighitsch und kighitsch-langr.
Das junge Thier : naf-nga.
Bei den Mangunen: amischupi.
Dieser Art möchte ich die bei den Giljaken unter den angeführten Namen bekannte Robbe
zuzählen, deren Felle ich sehr häufig im Amur-Lande gesehen habe. Dieselben waren von
schmutzig gelblicher Farbe, in der Regel ganz ungefleckt und nur längs dem Rücken dunkler
graugelb. Nach Angabe der Eingeborenen kommt diese Robbe häufig an den Südküsten des
Ochotskischen Meeres, in der Meerenge der Tartarei, im Amur -Limane und selbst noch
im Amur- Strome vor. Auch von ihr gilt, was von der vorhergehenden Art gesagt worden,
dass nämlich das ältere Thier im Amur -Strome nnr selten vorkommt und alsdann auch nur
wenig von der Mündung desselben sich entfernt, während das jüngere Thier höher aufwärts
steigt. Wie weit das jedoch geschehe uml ob sie ebenso hoch aufwärts im Strome vorkomme
wie die vorhergehende Art, konnte ich nicht ermitteln. Die Giljaken schätzen die Häute die-
ser Robbe hauptsächlich wegen ihrer grösseren Dicke und Festigkeit und brauchen sie daher
auch vornehmlich zur Bereitung von Riemen, Stiefeln, und zwar der unteren Stiefeltheile und
der Sohlen, und drgl. m. Diese von den Giljaken verfertigten Gegenstände, und besonders
die Stiefel von Seehundsleder , finden auch weiter aufwärts bei ihren Nachbarn am Amur
eine vielfache Abnahme und liefern daher den Giljaken, und zumal denjenigen der Meeres-
küste und der Insel Sachalin, einen ergiebigen Tauschartikel im Handel mit den Mangu-
nen, Golde und anderen Völkern des Amur-Landes.
63) Plioca oelioteiisis Pall.
Bei den Giljaken: matsch-nga (d. h. kleines Thier).
« « Mangunen: kongoro.
Diese kleine Robbe von schmutzig gelblicher Farbe mit grauer Fleckung des Rückens
kommt auch im Amur-Lande, an den Küsten des Ochotskischen Meeres, in der 3Ieerenge
der Tartarei und im Amur-Limane vor. In den Amur- Strom aber soll sie nach Angabe
der Giljaken nur in sehr seltnen Fällen sich begeben und alsdann auch niemals weit
über die Mündung desselben hinaufgehen. Eine genauere Beschreibung dieser noch sehr un-
182 Sättgel/iiere.
genügi'ud bekaualen Art, welche nach Pallas zuerst voq Hrn. Wosnessenski imOchotski-
schen Meere wieder aufgefunden wurde, sieht uns in nächster Zeit von Hrn. Akad. Brandt
zu erwarten.
64) I^liuea eqiiCNti-is Pall. Taf. IX. fig. 1 —3.
Ph. fasciata Shaw, Geiier. Zool. or System. Natur. Hisl. Vol. I. Pari. 2. Dlammal. London 1800. p. 2b7.
Bei den. Giljaken : alrh.
« « M a ngunen : ö/c/ia.
Von besonderem Interesse war es mir im Amur -Lande einige Felle von der noch sehr
uni^enifgend und nur nach einem Felifragmcnle bekannten Robbenart Pli. equeulris Pall. zu
sehen und zu erhalten. Bekanntlich hat Pallas diese Art nur nach einem aus dem Rücken des
Thieres ausgeschnittenen Fellstücke gekannt^), welches wir bei Pennant, dem er eine Zeich-
nung desselben zugeschickt hatte, zuerst beschrieben und abgebildet hnden ^). Pennant be-
zeichnete dabei dieses Thier bloss mit dem englischen Namen Ruhbon-Seal (Band-Robbe), was
später Shaw veranlasste demselben die systematische Bezeichnung Ph. fasciata zu erlheilen
— eine Bezeichnung, die jedoch gegenwärtig gegen den ursprünglichen, vom Entdecker selbst
stammenden und nur durch das verzögerte Erscheinen der Zoographia Rosso- Asialica später
bekannt gewordenen Namen Ph. eqncslris zurücktreten muss. Seit jener Entdeckung dieser
Robb'e durch Pallas ist aber unsere Kennlniss derselben um nichts weiter gefördert wor-
den. Ja der völlige Mangel an weiteren Nachrichten über dieselbe veranlasste sogar manche
neuere Schriftsteller, dieses Thier als besondere Art in Zweifel zu ziehen und es mit anderen
liobbenarten für identisch zu erklären. So stellen z. B. Keyserling und Blasius Ph. eque-
stris Pall. als svnonym mit Ph. foedda Fabr. od. Ph, annelala Nilss. zusammen ^), von wel-
cher sie durch Zeiciiuung, Zahnbildung u. s. w. sehr verschieden ist. Dem Conservator unseres
akademischen Museums, Hrn. Wosnessenski , gebührt das Verdienst, während seines Auf-
enthaltes in Kamtschatka die ersten vollständigen Exemplare von Ph. equestris Pall. aufge-
trieben zu haben, welche uns gegenwärtig mit der Beschaffenheit des alten und jungen Thie-
res beiderlei Geschlechts bekannt machen und somit auch alle Zweifel über den specilischen
\^ erlh dieser Robbenarl in Zukunft nehmen. Dieses schätzenswerthe Material über die Ph.
eqvcslris in unserem Museum ist aber bisher noch nicht beschrieben worden. Nur eine sehr
ungenaue und sogar falsche, von wenigen beschreibenden Worten begleitete Abbildung dieses
Thieres, die ihre Entstehung einem flüchtigen Einblicke in das erwähnte Material zu verdan-
ken scheint, ist von Siemaschko in dessen russischer Fauna bekannt gemacht worden '').
Es drängt mich daher um so mehr, nach dem reichen, von Hrn. Akad. Brandt mir freund-
lichst zur Disposition gestellten Materiale des akademischen Museums und nach den von Hrn.
') Pallas, Zoogr. Rosso-Asial. I. p. 111.
2) Pennant, Hist. of Ouadr. III. Edit. London 1793. Vol. IL p. 2T6. Die Abbildung auf p. 26b.
ä) Keyserling und Blasius, Die Wirbclthiere Eiiropa's. I. p. XXI.
*) CuaiamKO, PyccKafl «tayiia. C. nexepöyprT) 1831. IL p. 1022. lab. 8ö. flg. i.
Pk^ca eqnestris. 183
Wosnessenski an Ort und Stelle über diese Robbe eingesammelten und zur VerölTentlichung
an diesem Orte mir gefälligst mitgelheilteu Nachrichten eine genauere , von Abbildungen
begleitete Beschreibung dieser interessanten Robbenart zu entwerfen.
1—1
Wie alle ächten Phoken hat auch Ph. equeslris im Gebisse ^ Schneidezäinie, ^ Eck-
zähne und 1^ Backenzähne, welche letzteren, mit Ausnahme des ersten, zum Unterschiede
von der Gattung HaUchoerus Nilss., mit je 2 Wurzeln versehen sind. Tiotz dieser Beschaffen-
heit der Backenzähne, welche fh. eqnestris von der Gattung Ilalichocrm entschieden absondert,
nähert sie sich derselben doch sehr durch die äussere Form der Zähne. W ie in der Gattung
Ilatichoerus sind nämlich auch bei Ph. eqnestris die Vorderzähne spitz, kegelförmig, mit ihrer
Spitze etwas nach hinten gebogen, die äusseren viel grösser als die inneren; die Eckzähne
sind stark; die Backenzähne ziemlich weit auseinander stehend, ebenfalls eckzahnähnlich, ke-
gelförmig, mit ihrer Spitze etwas zuriickgebogen , vorn und liinten mit einer Längskante be-
zeichnet und fast einfach oder nur mit kaum merklichen Nebenspitzen versehen, welches letz-
tere Moment an verschiedenen Individuen sehr verschiedentlich zu variiren scheint. So finde
ich an einem erwachsenen Männchen im Oberkiefer den 1'«° und 2''^" Backenzahn ganz einfach,
den 3'«° und 4'en mit einer kleinen Spitze hinten versehen und den .5^e" , immer stumpferen,
kleineren und durch eine grössere Lücke von den übrigen gesonderten Zahn wiederum ein-
fach ; im Unterkiefer ist der 1'e Backenzahn einfach, der 2'e hinten imd der 3"= bis 5'^ vorn
und hinten mit einer kleinen Spitze versehen. An einem erwachsenen Weibchen hingegen finde
ich alle Backenzähne, vielleicht in Folge stärkerer Abreibung, einfach, und nur an den 3 letzten
Backenzähnen des Unterkiefers sind schwache Spuren einer hinleren Spii/.c zu unlersclieiden.
Im Gebisse zweier jungen Thiere, die im Allgemeinen spitzere Zähne haben, finde ich im Ober-
kiefer dasselbe Verhältuiss wie beim erwachsenen Männchen, im Unterkiefer dagegen bei dem
einen am 1'"" bis 4"^", bei dem anderen am 2""« bis 4'e° Backenzahne eine Nebenspitze hinten
und am 5^«" bei beiden eine Nebenspitze vorn. An einem dieser letzteren Schädel findet sich zu-
gleich die seltsame Anomalie, dass im Oberkiefer jcderseits ein G"^»", sehr kleiner und durch eine
ansehnliche Lücke vom vorhergebenden Zahne getrennter Backenzahn sich findet. Ihrer Zahn-
biidung nach steht also Ph. eqnestris gewissermassen zwischen den ächten Seehunden und den
Kegelrobben, der Gattung IlaUchoeriis, mitten inne. Dagegen scheint mir der Schädel, und nament-
lich der Schnauzentheil desselben, nicht länger gestreckt als bei den ächten Seehunden zu sem.
Am lebenden Thiere ist nach den Bemerkungen Hrn. Wosnessenski's die Schnauze stumpfer
a\shei Ph.vltulina, mit dicken, aufgetriebenen Lippen, Das Auge der Ph. equeslris ist gross, die
Iris dunkelbraun. Die Bartborsten stehen in 6 Reihen zusammen, sind plattgedrückt und wellen-
förmig gerandet. An den vorderen Extremitäten ist der erste Finger am längsten, die übrigen
nehmen an Länge allmählig ab ; die Krallen sind stark, etwas zusammengedrückt, spitz und reichen
ungefähr mit einem Fünflheil bis zu einem Drittheil ihrer Länge über die behaarte Schwimm-
haut hinaus. Die hinteren Extremitäten sind stark ausgeschnitten zweilappig, der untere Lappen
etwas grösser als der obere; die Krallen ziemlich grade, spitz, ragen nicht über die Schwimmhaut
hinaus; die Kralle des unteren Lappens ist am grössten. Der Schwanz ist plattgedrückt und kurz.
184- Säugelhiere.
Die schon von Pallas theilweise angegebene Faibenzeiclinung von Ph. eqnestris isl
höchst eigenlhümlich und, wie Pennant richtig bemerkt, in Worten schwer wiederzugeben.
Erwachsene und junge Thiere, Männchen und \>eibchen zeigen darin eine ansehnliche Ver-
schiedenheit. Das erwachsene Männchen ist es namentlich, welches die auffallende, von Pal-
las und Pennant theilweise beschriebene Zeichnung besitzt, während das Weibchen und die
jungen Thiere die bei den Seehunden sehr gewöhnlichen schmutzig gelblichen und grauen
Farben tragen und jene Zeichnung des Männchens nur theilweise und sehr schwach wieder-
erkennen lassen. Diese auffallende Zeichnung des erwachsenen Männchens (Fig. 1 u. 2.) be-
steht darin, dass das ganze Thier in grossen, sehr regelmässigen Flecken schwarzbraun und
schmutzig graugclblich gescheckt ist, indem Kopf, Rücken und Extremitäten dunkel schwarz-
braun sind, zwischen diesen dunklen Flecken aber breite Bänder von heller , schmutzig grau-
gelblicher Farbe .sich hinziehen. Genauer beschrieben , befindet sich hinler dem schwarzbrau-
nen Kopfe ein breites, schmutzig graugelbliches, vom IVacken zur Kehle hinabsteigendes Hals-
band, welches in der Mittellinie oben und unten nach vorn vorspringt, an den Seiten aber
hoffenförmi", mit der Convexität nach hinten ceiichtet, verläuft. Hinler diesem hellen Hals-
bände breitet sich auf dem Rücken des Thieres ein grosser, länglicher, sattelförmiger, schwarz-
brauner Fleck aus, der nach vorn in der Mittellinie mit einer Schneppe in das helle Halsband
vorspringt, seillich aber in zwei schmalen Bändern nach der Unterseite des Halses hinabsteigt,
wo sich die beiden Bänder begegnen und auf der Yorderhrust eine nach hinten gerichtete,
spitze, schwarzbraune Schneppe bilden. Nach der Mitte zu verschmälert sich der schwarz-
braune Fleck des Rückens allniählig und nimmt dann weiter nach hinten rasch wieder an
Breite zu, so dass er an seinem Hinlerende ebenfalls in zwei Schenkel ausläuft, die jedoch .
kürzer als die vorderen sind und an den Seiten des Körpers abbrechen , ohne die Un-
terseite zu erreichen. Zu den Seiten dieses dunklen Rückcndeckes verläuft jederseils ein
breites, bogenförmiges, mit der Convexität nach oben gerichtetes, helles, schmutzig graugelb-
liches Band, welches vorn und hinten nach der Unterseile hinabsteigt; dort vereinigen sich
die Bänder beider Seiten und bilden die helle Färbung des Bauches. Innerhalb dieser hellen,
nach oben bogenförmigen, auf der Unterseile des Thieres aber mit einander verflossenen Bän-
der befindet sich jederseils ein grosser, ovaler, schwarzbrauner Fleck, in dessen vorderei
Hälfte die gleichfarbige vordere Extremität liegt. Zwischen und hinter diesen dunklen, die
vorderen Extremitäten umgebenden Flecken liegt in der hellen Mittellinie des Bauches ein
kleiner, länglicher, schwarzbrauner Fleck. Mit den erwähnten graugelblichen Seitenbändern
fliesst ferner an ihrem hinleren Ende noch ein drittes, breiteres, ebenfalls graugelhiiches Band
zusammen, welches quer über den Hinterrücken des Thieres läuft, das hinlere Ende des dunk-
len Rückenfleckes wellenförmig begränzend. Im hellen Felde dieses Bandes befindet sich auf
der Unterseite nahe der Mittellinie jederseils ein kleiner, länglicher, schwarzbrauner Fleck,
und hinter dem Bande endlich breitet sich wiederum eine schwarzbraune Farbe aus, welche
das ganze hintere Ende des Thieres, oben und unten, so wie den Schwanz und die hinteren
Extremitäten umfasst. In der Regel sind die Gränzen der beiden genannten, bellen und dunklen
Phoca equestris. 185
Farbe sehr scharf gezogen ; bisweilen jedoch scheidet sich auch hie und da von einem der
grossen dunklen Flecke ein kleinerer Fleck ab, der in das ihn begränzende helle Band
mehr oder weniger inselartig gelrennt vorspringt.
Diese nicht wohl kürzer zu fassende Beschreibung von dem Farbenkleide des erwachse-
nen Männchens von Ph. equestris ist nach einem von Hrn. Wosnessenski von der Ostküste
Kamtschatkas mitgebrachten Individuum entworfen. Halten wir dagegen das Exemplar
eines ebenfalls erwachsenen und in seinen Dimensionen noch grösseren Männchens, das ich
aus dem Amur-Lande und zwar von den Küsten der Meerenge der Tartarei mitgebracht
habe, so finden wir an letzterem zwar ganz dieselbe Zeichnung, nicht aber ganz dieselbe
Farbe wieder. Denn statt des Schwarzbraunen bat das Amur -Exemplar ein dunkles Grau-
schwarz und statt des Scbmutzig-Graugelblichen ein weissliches oder Strohgelb. Indem daher
an dem Amur -Exemplare die dunklen Flecken noch dunkelfarbiger und die hellen Bänder
dazwischen noch heller sind, gewinnt das ganze Fell ein noch auffallenderes, prägnanteres
Ansehen. Im Uebrigen aber wiederholt sich an demselben, wie gesagt, die Zeichnung des
kamtschatkischen Exemplares bis in das kleinste Detail hinein.
Bei solcher Uebereinstimmung zweier, von so weit auseinanderliegenden Fundorten
herrührender Exemplare muss es uns um so auffallender erscheinen, in der Abbildung Sie-
maschko's, welche dasselbe Thier darstellen soll, eine ganz abweichende Zeichnung zu lin-
den. An dieser (1. c. Tab. 85. fig. 1.) sehen wir nämlich das helle Halsband nicht quer über
den Hals vom Nacken zur Kehle, sondern schräg vom Nacken zu den Vorderbeinen hinab-
steigen, so dass die ganze Vorderbrust mit dem Kopfe gleichfarbig schwarzbraun ist, während
an unseren Exemplaren die schwarzbraune Farbe des Kopfes schon an der Kehle durch ein
breites gelbliches Band begränzt wird. Ferner giebt die Abbildung Siemaschko's(l. c. hg. 3.)
an, dass die schwarzbraune Farbe des Rückens vorn wie hinten bis auf die Unterseite des
Thieres sich fortsetzt und die ganze Bauchseite einnimmt, mit Ausnahme zweier, von einander
ganz getrennter , heller Bänder , welche kreisftirniig um die dunkel begränzten Extremitäten
verlaufen, und eines ebenfalls abgesonderten hellen Bandes, das quer über den Hintertheil des
Thieres geht. An unseren beiden Exemplaren aber sehen wir die dunkle Farbe des Rückens
nur vorn in einem schmalen Bande jederseils bis auf die Unterseite des Thieres hinabsteigen
und auf der Vorderbrust eine spitze, nach hinten gerichtete Schneppe bilden; die ganze Bauch-
seite dagegen ist an ihnen nicht schwarzbraun , sondern hellgelblich , und die hellen Bänder,
diejenigen um die vorderen Extremitäten sowohl wie das Querband über den Hinterrücken
des Thieres, bleiben nicht abgesondert, sondern fliessen mit einander und mit der hellen
Bauchseite zusammen. Die Abweichung in der Zeichnung zwischen unseren Exemplaren und
der Abbildung Siemascko's ist mithin so gross, dass wir sie mit einander zu identiüciren
nicht im Stande sind. Zwar scheint es, als ob diese Abweichung zum Theil aus dem Umstände
sich erklären Hesse, dass Siemaschko's Abbildung, seiner eigenen Angabe zufolge, nur
nach einem ihm zugekommenen Fellstücke dieses Thieres entworfen ist und also leicht irren
konnte; allein das könnte doch füglich nur auf die falsch combinirte Fig. I. und nicht
Schrenck Amur-Reise Bd. I.
186 Säugethi'ere.
auch auf die angeblich nach der Natur copirte Fig. 3. desselben Bezug haben, welche das
erwähnte, der ganzen Abbildung zu Grunde gelegte Fellstück selbst darstellt. Dieses letz-
tere, angeblich nach der Natur copirte Stück ist aber grade dasjenige, welches jene oben
erwähnten, starken Abweichungen von unseren Exemplaren am Auffallendsten darbietet. Den-
noch können wir dieser Abbildung, in Folge der erwähnten grossen Uebereinstimmung unse-
rer Exemplare mit einander, keinen Glauben schenken. Zudem muss es uns auch auffallen,
dass Hr. Siemaschko nicht ein Wort über den Fundort des ihm zugekommenen Fell-
stückes mittheilt. Es bleibt uns daher nichts übrig, als die Angabe desselben, dass die in Rede
stehende Abbildung von Ph. equestris in der That eine Copie nach der Natur sei, in Zweifel
zu ziehen.
Von dem Farbenkleide des erwachsenen Männchens von Ph. equestris ist sehr verschie-
den dasjenige des erwachsenen Weibchens (Fig. 3.). An diesem sind Kopf, Unterseite und
Extremitäten von schmutzig graugelblicher, an den vorderen Extremitäten etwas intensiverer
gelblicher Farbe ; der Rücken ist dunkler gelblichgrau und giebt den dunklen Sattelfleck,
den das Männchen hat, nur schwach zu erkennen, indem die gelblichgraue Farbe desselben
nicht immer scharf abgegränzt ist, sondern an vielen Stellen ganz allmählig in das Graugelb
der Unterseite übergeht. Gleichwohl sind am Nacken die vorspringende Spitze dieses Fleckes
und am Hinterrücken eine Unterbrechung durch ein quer verlaufendes helles Band deutlich
zu erkennen. Hinter diesem letzteren Querbande breitet sich endlich auch beim W eibchen eine
dunklere, gelblichgraue Farbe aus , welche aber nicht das ganze Hinterende des Thieres, wie
beim Männchen, sondern nur die Oberseite, den Beginn der hinteren Extremitäten und die
Mitte des gelblich gerandeten Schwanzes umfasst.
Mit der Färbung des Weibchens stimmt auch diejenige der jungen Thiere beiderlei Ge-
schlechts überein. Bei dem jungen Männchen beginnen jedoch frühzeitig die dunklen Flecken
des Rückens und der Extremitäten mehr und mehr hervorzutreten. Das Exemplar, das Hr.
Wosnessenski mitgebracht hat, zeigt, ob es gleich noch ansehnlich kleiner als das erwachsene
Weibchen ist. doch schon einen dunkleren und schärfer abgegränzten, immer aber noch mit
gelblichem Schimmer versehenen, grauen Rückenfleck. Gleichzeitig fängt der Kopf an von der
Stirne aus sich dunkler zu verfärben, indem er ebenfalls eine graue Farbe wie der Rücken an-
nimmt. Diese graue Farbe zieht sich an unserem Exemplare bereits bis unter das Auge und
zur Ohrgegend fort und lässt schon das helle, gelbliche Halsband auf der Oberseite deutlich
erkennen. Desgleichen beginnt auch der dunkle ovale Fleck, der die vordere Extremität um-
giebt, von einem etwas über und hinter der Extremität liegenden Punkte aus hervorzutreten :
an unserem Exemplare finden wir die graue Farbe schon oberhalb der ganzen Extremität und
können auch schon den Beginn der hellen Seitenbinde zwischen dem Rückenfleck und der dunk-
len Umgebung der vorderen Extremität in schwacher Andeutung erkennen. In den übrigen
Stücken aber ist dies junge Männchen noch ganz wie das Weibchen gezeichnet.
Fast von gleicher Farbe bei allen Exemplaren verschiedenen Alters und Geschlechts
sind endlich die Bart- und Augenborsten und die Nägel; beim erwachsenen Männchen nur
Phoca equeslris.
187
um etwas dunkler als beim Weibchen und dem jungen Thiere. Die Bartborsten sind nämlich
theils einfarbig hornbraun, theils mit einer weissen Linie jederseits längs ihrem Rande ge-
zeichnet. Von derselben Farbe und Beschaffenheit wie die Bartborsten, nur bedeutend kürzer,
sind auch die Augenborsten. Die Nägel endlich sind dunkel schwarzbraun, am Rande, und
diejenigen der hinteren Extremitäten auch an der Spitze, heller hornfarben.
Was die Grösse von Ph. equeslris betrifft, so schloss schon Pallas nach den Maassen
des ihm zugekommenen Fellstückes, dass diese Robbe zu den grösseren gehören müsse, indem
das erwähnte unvollständige Rückenstück 6 — 7 Spannen oder 41 — 5 Fuss mass. Die von
Hrn. Wosnessenski an den noch unabgebalgten Exemplaren genommenen Maasse geben
uns folgende Grössen ') :
Länge von der Nasen- bis zur
Schwanzspitze
Abstand des Hinterrandes des Schä-
dels von der vorderen Extremität
Breite der Brust
Umfang des Halses (längs dem hel-
len Halsbande gemessen)
Umfang des Rumpfes in der Mitte
desselben
Umfang des Rumpfes am hinteren
Ende, gleich hinter der Ruthe.
Länge des Ruthenknochens
5' 6l"(1683)
Erwachsenes
Afannchen.
9"
1' 4"
(229)
(406)
l'Uf (603)
3' 6" (1067)
2' II" (641)
6" (152)
Erwachsenes
Weibchen.
5'3'(1600)
Junges
Manneben.
3'5"(1041)
Junges
Weibchen.
4'7"(1397)
Dazu lassen sich nach den Bälgen derselben Thiere noch folgende Maasse hinzufügen:
Ungefähre Länge der vorderen Ex-
tremität
Ungefähre Länge der hinteren Ex-
tremität mit dem Nagel
Länge des Schwanzes
» der längsten Bartborste . . .
» der längsten Augenborste . .
Länge des längsten Nagels an der
vorderenExtremität (so weit der-
selbe aus der Haut hervorragt).
Länge des längsten Nagels an der
hinteren Extremität
230
270
80
112
61
32
22
185
250
70
103
55
31
22
165
220
60
111
53
30
19
165
220
80
102
55
29
22
1) Die Maasse sind von Hrn. Wosnessenski in russischen oder englischen Füssen und Zollen genommen wor
den. Um sie mit den folgenden, an den Bälgen derselben Thiere tou mir genommenen Maassen la parallelisiren, ist
ihnen in Klammern dieselbe Grösse in Millimetern beigefugt worden.
1 88 Säiigelhiere.
Das von mir mitgebrachle Fell eines erwachsenen Männchens aus der Meerenge der
T arlarei misst vom Nacken bis zur Schwanzwurzel 1450 Millim. oder über 4 9 (engl.). Es
ist also ungefähr von derselben Grösse wie das von Pallas beobachtete Rückenstück und
scheint einem etwas grösseren Thiere angehört zu haben, als das von Hrn. Wosnessenski
vermessene erwachsene Männchen war. Letzteres soll übrigens nach Angabe der kamtschatki-
schen Jäger, von denen Hr. Wosnessenski seine Exemplare kaufte, noch nicht zu den
grössten gehört haben, indem dieses Thier bisweilen auch die Länge von 6i Fuss erreichen
soll. Nach allen diesen Maassen zu urtheilen, scheint daher Ph. equestris den mittelgrossen
Robben, wie Ph. groenlandica u. a., ungefähr gleichzukommen, der Ph. barbala aber, deren
grösste Individuen bekanntlich eine Länge von 8 — 10 Fuss erreichen, an Grösse entschieden
nachzustehen.
Ueber das Verhalten des lebenden Thieres erzählten die Jäger, von denen Hr. Wosnes-
senski die noch unabgebalgten Thiere kaufte, dass es in der Regel auf dem Bauche, seltner
auf dem Rücken schwimme. Wenn es senkrecht aus dem Wasser steigt, pQegt es den Kopf
wie die Seeotter steil gegen den Wasserspiegel zu halten und den Hais länger als die gemeine
Robbe [Ph. vüulina) auszurecken.
Alle 4 von Hrn. Wosnessenski mitgebrachten Exemplare von Ph. equestris sind an
der Ostkäste Kamtschatka's, an der Mündung des Kamtschatka-Flusses, am 18. (30.)
und 20. März (I.April) erlegt worden '). Nach den Erzählungen der Jäger soll es sich jedoch
nur sehr selten ereignen, dass diese Robbe in so früher Jahreszeit, auf Eisschollen getrieben,
an die Mündung des Kamtschatka -Flusses komme. In der Regel pflegt sie dort erst in der
2ien Hälfte des Aprils oder im Mai (allen Stiles) und später als alle übrigen Robben anzulangen.
Nach Pallas soll Ph. equestris sehr selten im Ochotskischen Meere, häuüger dagegen an den
Kurilen vorkommen. An der Südküste des Ochotskischen Meeres, nördlich vom Amur-
Limane, habe ich ebenfalls nur selten Fellstücke dort erlegter Thiere dieser Art gesehen. Die
Giljaken benutzen dieselben ebenso wie die Felle anderer Seehunde zum Bekleiden der Schnee-
schuhe, zum Verfertigen verschiedener Taschen u. dgl. m. Ihren Angaben zufolge kommt Ph,
equestris auch im Amur-Limane, niemals aber im Amur-Strome vor. Desgleichen lindet sie
sich in der Meerenge der Tartarei, zwischen Sachalin und dem Festlande, von wo ich durch
Vermittelung eines Mangunen das oben beschriebene Fell erhalten habe. Südlich von Sacha-
lin dagegen, im Japanischen Meere scheint sie nach Siebold's Erfahrungen zu fehlen. Ueber-
baupt ist uns ausser den genannten Fundorten bisher kein anderes Vorkommen der Ph. eque~
stris bekannt. Es scheint daher diese Robbe, den bisherigen Erfahrungen zufolge, nur eine
beschränkte Verbreitung zu haben, welche das Beringsmeer, die Küsten Kamtschatka's, die
Rette der Kurilischen Inseln, das Ochotskische Meer, den Amur-Liman und die Meerenge
der Tartarei bis nach der Südspitze Sachalins umfasst.
>) Die Angabe Siemascbko's (I. c. p. 1023), dass Ph. equestris den Nachrichten Hrn. Wosnessenski's zufolge
nur io der See von Olutorsk vorkommeo solle, ist also falsch.
Olaria ursina. ' 189
65) Otaria ursina L.
Bei den Giljaken: tung.
« « Mangunea: mu-nyghty (d. h. Wasser-Wildschwein).
Zu wiederholten Malen habe ich Gelegenheit gehabt, bei den Eingeborenen des Amur-
Landes einzelne Stücke vom Fell des Stell ersehen Seebären ') zu sehen und zu erhalten. Das
grösste derselben, das ich durch Vermitlelung eines Mangunen von Kidsi erhielt und das
angeblich aus der Meerenge der Tartarei ziemlich weit südlich vom Gap Lasareff stammte,
gehört offenbar einem erwachsenen Männchen, einem von den Russen sogenannten aSsäkatsch»
an. Es ist im Allgemeinen von grauer, schwarzgemischter Farbe, auf dem Nacken und Vor-
derrücken am hellsten, nach hinten zu allmählig dunkler, gegen die hinteren Extremitäten hin
dunkel kastanienbraun. Genauer betrachtet, tindet man die Deckhaare von verschiedener Farbe,
indem einige derselben an der Basis lichtbraun, dann dunkelschwarzbraun und an der äusser-
sten Spitze weisslich, andere dagegen an der Basis lichtbraun, im übrigen Theile weisslich
sind. Am Nacken und Vorderrücken ist die Zahl der letzteren überwiegend, während nach
hinten zu die Zahl der schwarzbraunen, nur weisslich gespitzten Haare zunimmt. An den
kastanienbraunen Stellen oberhalb der hinteren Extremitäten sind die Deckhaare ebenfalls
heller und dunkler braun. Mit der Farbenmischung ist zugleich auch die Länge der Deckhaare
an den verschiedenen Körperlheilen eine verschiedene : am Nacken und Vorderrücken sind
die Deckhaare am längsten, von 50 — 55 Millim, Länge ; nach hinten zu werden sie viel kür-
zer und betragen nur etwa 17 — 20 Millim. Unter dem ziemlich rauhen und steifen Deckhaare
ist ein dichtes und weiches, lichtkaslanienbraunes, etwas iu's Röthliche spielendes Wollhaar
vorhanden.
An der Südküste des Ochotskischen Meeres habe ich niemals von Seebären gehört. In
der Meerenge der Tartarei hingegen, südlich vom Gap Lasareff, und im Ochotskischen
Meere an der Ostküste von Sachalin soll dieses Thier, den Aussagen der Giljaken dieser
Insel zufolge, vorkommen. Den Beweis dafür lieferten mir die zahlreichen Stücke vom Fell die-
ses Thieres, die ich bei ihnen sah. Im Dorfe Tyk an der Westküste von Sachalin, wo mir
die ersten dieser Fellstücke begegnet sind, rührten dieselben von Thieren her, die, nach An-
gabe der Giljaken, südlich von Tyk in der Meer€nge der Tartarei erschlagen worden waren.
Die Sachalin-Giljaken wussten mir nicht genug von der grossen Zahl dieser Thiere daselbst
und dem lauten Gebrüll zu erzählen, das sie bisweilen erheben. Bis zur Küste von Tyk und
zum Gap Lasareff sollen jedoch die Seebären nicht hinaufsteigen. Damit stimmten auch ganz
überein die Angaben der Giljaken und Mangunen am Amur, die im Verkehre mit den
Bewohnern von Sachalin bisweilen ebenfalls Felle vom Seebären erhalten, wie z. B. das oben
beschriebene Fell ein solches war. An der Ostküste von Sachalin habe ich Fellstücke
vom Seebären im Dorfe Nyi gesehen, die nach Angabe der dortigen Giljaken von Thieren
aus dem angränzenden Ochotskischen Meere rühren sollten. — Zur Benutzung dieser
Felle pflegen die Giljaken das rauhe und steife Deckhaar zu entfernen, um das weiche
1) Nicht zu Terwechseln mit Otaria Stelleri Schleg.
190 " Säugelhiere.
Wollhaar zu entblössen, in derselben Weise, wie das auch von den Bussen mit den für die
Chinesen bestimmten Fellen dieses Thieres zu geschehen pflegt. Die auf solche Weise er-
haltenen, weichen und zarten Felle dienen den Eingeborenen des Amur -Landes zur Verbrä-
mung verschiedener Gegenstände, wie Taschen, Ohrenwärmer u. dgl. m. Dass eine häutige
Verwechselung dieser Felle mit denjenigen von Enhydris marina bei den mit letzterem Thiere
nur sehr wenig bekannten Eingeborenen des Amur -Landes vorkommt, ist bereits bei Gele-
genheit der Besprechung der Seeotter erwähnt worden (s. oben). — Die hier mitgetheilten
Thatsachen lehren uns also das Vorkommen von 0. ursina in den Gewässern der südlichen
Hälfte von Sachalin, im Ochotskischen und Tartarischen (oder Nord-Japanischen) Meere
zum wenigsten bis zum 46°n. Br. (der Südspitze von Sachalin) nach Süd kennen. Sie dienen
daher auch zur Bestätigung der schon von Steller erhaltenen Nachrichten, dass der Seebär auch
an den südlichen Kurilen und bei Japan vorkomme — Nachrichten, denen Steller vielleicht
nur aus dem Grunde keinen vollen Glauben zu schenken wagte '), weil er die Lage Japan' s
viel südlicher sich dachte, als es in der Tbat der Fall ist ^). Hielt er es doch selbst für sehr
wahrscheinlich, dass die Seebären an der Kurilischen Insel Compagnie-Land (Urup),
welche nach ihm im 45°n.Br. liegen sollte^), oder an einer anderen in der Nähe der ersteren
ihren Winteraufenthalt nähmen *). AutTallend ist aber, dass Siebold während seines langen
Aufenthaltes in Japan keine Felle von Otaria ursina aus dem Japanischen Meere erhielt.
Sollte daher dieser Seebär vielleicht nur im Norden und nicht mehr im Süden des Japani-
schen Meeres vorkommen ?
IX. GETAGEA.
66) Delpliinapterus lieiicas Fall.
Bei den Giljaken: pomi-tscho [tscho heisst Fisch Oberhaupt).
« « Mangunen : ma/<a.
Die Verbreitung des Weissfisches anlangend, gab bekanntlich Pallas im Allgemeinen
den 56° n. Br. und für das Ochotskische Meer im Speciellen die noch etwas südlicher, nahe
dem 55'«" Breitengrade gelegene Mündung des Uth- Flusses als dessen Südgränze an ').
Middendorff fand ihn jedoch über diese Gränze hinaus in grosser Anzahl an den Südküsten
i) steller, s. Novi Comment. Acad, Sc. Imp. Petrop. 11. p. 346. Desselben Beschreibuog von sonderbaren Meer-
tbieren. Halle 1753. p. 131.
*) Vrgl. die Karte von den Kuriliscben Inseln in Steller's Beschreibung von dem Lande Kamtscbatka.
') Vrgl. die angeführte Karte v. den Kur. Ins.
*) Novi Commentar. I. c. p. 359. Desgl. Steller, Beschreib, von sonderb. Mecrtbieren. p. tS(0.
*) Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. I p. 274.
Delphinaptervs Leiwas. 19t
des Ochotskischen Meeres. Noch weiter südwärts haben wir ihn in grosser Menge im
Amur-Limane und Amur-Strome beobachtet. An der Südküste des Ochotskischen Meeres,
gleich nördlich vom Amur-Limane, erzählten mir die Giljaken, dass der Weissüsch bei
ihnen bereits in der ersten Hälfte Mais (alten Stiles), wenn der Amur-Strom vom Eise sich
befreit habe, die Küsten des Ochotskischen Meeres aber noch mit Eis bedeckt seien, in gros-
ser Menge sich einfinde, indem er den gedrängten Schaaren des kleinen, von den Giljaken
«prschokv oder nprschon-tscho» genannten Fisches (einer dem Saimo Eperlanus L. nahe ste-
henden, vermuthlich neuen Lachsart) an die Meeresküste folge. Diesen zum Fange der Weiss-
fische günstigsten Zeitpunkt benutzend, sollen die Giljaken alsdann eine grosse Anzahl
dieser Thiere erbeuten , wozu sie sich besonderer , im ethnographischen Bande meiner
Reise näher zu beschreibender Harpunen bedienen. Im Amur-Limane habe ich selbst
Schädel vom Weissfische an den Küsten liegen sehen. Es war dies namentlich an der Mün-
dung des Amur-Stromes der Fall. Südlich von derselben und in der Meerenge der Tartarei
sind mir keine begegnet. Auch habe ich die Giljaken an der Westküste von Sachalin, in
der Meerenge der Tartarei, niemals vom Weissfische sprechen hören, noch weniger selbst
Schädel oder andere Theile dieses Thieres dort gesehen. Siebold nennt ihn auch nicht
unter den ihm bekannten Thieren des Japanischen Meeres. Ohne es daher mit Bestimmtheit
behaupten zu wollen, halte ich es für möglich, dass der Weissfisch nicht über die Mündung
des Amur-Stromes oder zum wenigsten nicht über den Amur-Liman hinaus nach Süden
vorkomme, was die Südgränze seiner Verbreitung an den Küsten Ostasiens ungefähr in den
52° n. Br. versetzen würde. Eine noch südlichere Breite erreicht aber der Weissfisch im
Amur-Strome, den er vom Ochotskischen Meere aus bis zu einer sehr ansehnlichen Ent-
fernung von seiner Mündung besucht. Nach Aussage der Giljaken der Amur- Mündung be-
ginnt der Weissfisch schon 10 Tage nach dem Eisgange im Amur, der stets in den ersten
Tagen Mai's (alt. Stiles) stattfindet, in den Strom zu steigen. Ich habe ihn im Jahre 1855 am
17. (29.) Mai, 15 Tage nach dem Eisgänge, bereits bei den Dörfern Kuk und Tyr, d. i. der
Amgunj-Mündung gegenüber, etwa 100 Werst oberhalb der Amur- Mündung, im Strome
ziehen sehen. Er hält sich dabei stets an das tiefste Wasser des Stromes und ist daher
zumeist in der Nähe des höheren, rechten Lfer des Amur's zu sehen, wo das Bett dessel-
ben eine grössere Tiefe hat. Auf einer Strecke von etwa 200 Werst von der Mündung bleibt
der Weissfisch im Amujr recht häufig; alsdann wird er seltner, steigt jedoch, den ein-
stimmigen Angaben der Mangunen zufolge, noch bis zum Dorfe Yrri aufwärts. Dieser letz-
tere Ort liegt an einer sehr ansehnlichen Biegung des Amur -Stromes, gleich unterhalb der
Mündung des Chelasso- Flusses in denselben, ungefähr 400 Werst oberhalb der Amur-
Mündung, in etwa 51° n. Br., und bezeichnet den äussersten Punkt, bis zu welchem der
Weissfisch sich jemals im Amur -Strome gezeigt haben soll. Es ist derselbe Punkt, an wel-
chem auch die Binnenlandgränze der Verbreitung der Seehunde im Amur liegt. Vergleicht
man dieselbe für den Weissfisch mit derjenigen in anderen Strömen Nordasiens, so fällt ihre
verhältnissmässig sehr südliche Lage auf. Denn sie liegt im Amur um volle 10 und 15°
192 Säugelkiere.
südlicher als im Obj und Jenissei, in denen der Weissfisch, nach Pallas '), im ersteren bis
zur Einmündung des Irtysch, im letzteren bis zur Einmündung der (unteren) Tunguska auf-
wärts steigt. Diese südliche Lage der Binnenlandgränze des Weissfisches im Amur erinnert
an das sehr ähnliche Verhältniss an den Ostküsten Amerika' s, wo der VVeissfisch im Lo-
renz-Strome bekanntlich bis nach Quebek ^), d. i. ungefähr bis zum 48° n. Br. und also
noch um 3° südlicher als im Amur hinaufsteigt. Diesen äussersten Wendepunkt im Amur-
Strome erreichen aber natürlich nicht alle den Strom besuchenden Weissfische. Wie man aus
der stromaufwärts zunehmenden Seltenheit derselben entnehmen kann, kehren vielmehr die
meisten schon weit früher um, je nachdem sie vielleicht durch die zu verschiedenen Zeiten
stattfindenden Züge der aus dem Meere in den Strom steigenden Fische und namentlich der
verschiedenen Lachsarten, denen die Weissfische gern entgegenziehen, zur Umkehr bestimmt
werden mögen. So dürften sehr wahrscheinlich im Mai und Juni die Züge von Salmo proleus
und 5. ft/caodon Pall. und im August und September diejenigen von S.lagocephalusPaiW. auf die
Wanderungen der Weissfische im Amur einen bestimmenden Einfluss üben. Namentlich
scheinen die sehr zahlreichen Züge der letzteren Lachsart im Spätsommer und Herbst eine
besonders grosse Anzahl von Weissfischen in den unteren Theil des Stromes zu locken. Im
Nikolajewschen Posten kann man alsdann täglich und fast beständig dieses Thier mit sei-
nem blendend weissen Rücken längs dem tiefsten Fahrwasser des Stromes auf- und nieder-
tauchen sehen. Dies ist denn auch die Zeit, wann die Giljaken am Amur die meisten Weiss-
fische erlegen. Ich habe manche Stelle am Ufer des Stromes gesehen, wo zahlreich angehäufte,
zum Theil an Baumästen hängende Weissfisch - Schädel mir von oftmals ausgeführten Jagden
dieser Art bei den Giljaken Zeugniss gaben. Eine grössere Bedeutung im Haushalte der Ein-
geborenen hat jedoch der Weissfisch nicht.
Was endlich die an den Küsten des Amur-Landes vorkommenden Wallfische betrifft, so
bin ich, bei dem oben angegebenen Gange meiner Reisen, die sich meist nur auf das Innere
des Landes, auf den Amur-Strom und dessen Zuflüsse beschränkten, die Meeresküste aber nur
sehr weniff und auch dann zumeist nur im Winter berührten, natürlich auch ausser Stande
mehr als einige Vermuthungen auszusprechen, welche sich theils auf die Angaben der Einge-
borenen und theils auf einige bei ihnen gesehene Knochenbruchs tücke dieser Thiere gründen.
Darnach glaube ich für die Küsten des Amur-Landes folgende zwei Wallfischarten namhaft
machen zu dürfen.
67) Balaeiioptera longiinaiia Rudolphi.
Bei den Giljaken: keng.
Unter dem angeführten Namen begreifen die Giljaken die an der Südküste desOchots-
kischen Meeres, gleich nördlich vom Amur-Limane am häufigsten strandende Wallfischart,
welche somit, den Angaben Middendorffs zufolge, aller Wahrscheinlichkeit nach Balaenn-
') Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 274.
^) Wagner, Die Säugethiere Ton Sc hreber. Bd. VII. p. 284.
Balaennptera longimana. Balaena anslrah's. 193
ptera lonyimana Rud. sem dürfte '). Dieselbe Walllischart findet sich, nach Aussage der Gilja-
ken, nicht minder häufig auch an den Küsten der Insel Sachalin im Ochotskischen und
im Tartarischen Meere, was auch mit den Angaben Siebold's, der sie im Japanischen
Meere kennen lernte ^), im Einklänge steht. Die Giljaken des Continentes und der Insel Sa-
chalin beuten die gestrandeten Thiere aus, um Fett und Fleisch derselben zum Futter fiir
ihre Hunde, die Knochen aber und namentlich diejenigen des Unterkiefers zum Bekleiden der
Schlittensohlen bei eingetretenem Thauwetter und nassem Schnee im Frühjahre zu verwenden.
Zum eigenea Nahrungsbedarfe aber verabscheuen sie das Walllischfett oder Fleisch voll-
kommen.
68) Balaena australis Desmoul.
£. antarctica Scbleg. Fauna Japon. Mammalia. Dec. 3. p. 18. .
Bei den Giljaken: kalm.
Auf lias Vorkommen dieser Wallfischart an den Küsten des Amur-Landes und nament-
lich der Insel Sachalin glaube ich aus den grossen Wallfischbarten schliessen zu dürfen,
welche ich bei den dortigen Giljaken gesehen habe. Zwei solcher Barten, die noch völlig un-
beschädigt waren und die ich zu vermessen Gelegenheil nahm, hatten jede eine Länge von 2 •
Meter oder 8 Fuss und an ihrer Basis eine Breite von 200 — 210 Millimeter. Dennoch waren
es, wie ich zuversichtlich weiss, noch nicht die längsten Barten des Thieres. Es unterliegt
daher keinem Zweifel, dass dieselben einer ächten lialaena angehört haben. Bekanntlich giebt
nun Schlegel nach den von Siebold milgebracblen Nachrichten an, dass B. auslralis (bei
ihm B. antarctica] periodisch die Küsten Japan's besuche und von den Japanesen erbeutet
werde. Es liegt daher, nach den oben mitgetheilten Thatsachen, sehr nahe anzunehmen,
dass dieselbe Wallfischart auch den Küsten von Sachalin sich nähere und gelegentlich an
den Strand geworfen werde. Von der Küste des nördlichen Sachalin's rührten auch jene
Barten her, welche von den dortigen Giljaken zu ihren Landsleuten auf dem Continente zum
Verkaufe gebracht worden waren. Denn wie die Giljaken auf der Insel, so brauchen auch
diejenigen des Festlandes das Fischbein zum Bekleiden ihrer Bögen, Schlittensohlen, Schnee-
schuhe u. dgl. m. An diesen Gegenständen kann man daher sehr häufig ebenfalls Bartenbruch-
stücke von 4 und 5 Fuss Länge sehen, die von derselben Wallfischart herrühren.
>) Middendorff, Sibirische Reise. 1. c. p. 123.
*) Fauna Japon. Mammal. Dec. 3. p. 21.
S ehren ck Amur-Reise Bd. l.
1 94 Säugelhiere.
Zum Schlüsse dieser Betrachtungen über die Säugethiere des Amur- Landes drängen
sich uns noch einige Bemerkungen allgemeineren Inhalts auf. Kiinnen nämlich diese ersten,
auf Reisen gesammelten Nachrichten auch nicht anders als sehr lückenhaft sein, so glauben
wir dennoch, dass sie uns auch in ihrem gegenwärtigen Umfange schon zu einigen, wenn-
gleich nur vorläuhgea, allgemeineren Schlussfolgerungen über den Charakter der
Säugelhierfauua des Amur-Landes berechtigen.
Zuvorderst ersehen wir aus denselben, dass das Amur- Land keineswegs durch viele
oder durch besonders prägnante, ihm ausschliesslich eigenthümliche Säugelhierarten sich aus-
zeichnet. Denn mit Ausnahme zweier neuen Feldmäuse, welche bisher noch an keinem ande-
ren Orte aufgefunden worden sind, treten uns im Amur -Lande nur bekannte Formen ent-
gegen. Führen wir aber diese bekannten Formen auf ihre bisher erforschten Verbreitungs-
gebiete zurück, so deckt sich uns allerdings in der Zusammensetzung der Säugethierfauna
des Amur-Landes ein sehr prägnanter Charakter auf. Dieser prägnante, eigenthümliche
Charakter besteht darin, dass im Amur-Lande viele Formen neben einander sich ünden,
welche uns bisher nach Nord und Süd, nach Ost und West weit auseinander zu liegen schienen.
Fassen wir zunächst das Zusammentreffen nordischer und sfidlicher Säugethierarten ins
Auge, so begegnen wir z. B. im Amur- Lande dem bengalischen Tiger bis nahe zum 51'*'"
Breilengrade als bleibendem Bewohner des Landes, und treffen ihn auf seineu Streifzügen
noch bis über den 53'«" Breilengrad hinaus, im Amur -Lande sehen wir daher diese lanefe
Zeit für ausschliesslich tropisch gehaltene Form auf einer Ausdehnung von 4 Breilengraden
das Gebiet mit der polaren Form des Rennthieres iheilen . ja auf der Insel Sachalin scheint
diese letztere polare Thierart sogar zur hauptsächlichsten Beule des Tigers dienen zu müssen.
Nicht minder charakteristisch für das Amur-Land ist es, den Tiger daselbst, wenn er den
Strom von Lfer zu Ufer durchschwimmt, in den Wellen desselben mit den nordischen Robben,
der Phoca nummularis und barbuta, und mit dem Weisslische, Delpkinapterus Leuciis, diesem
Bewohner arktischer Meere, zusammenstossen zu sehen. Wie der Tiger vom äussersten Süden
Asien's, so begegnet uns andrerseits im Amur-Lande eine Säugeliiierart, welche bisher nur
aus dem äussersten Norden des asiatischen Conlinentes bekannt war. Es ist dies der kleine,
polare Pfeifhase, Layomys hyperbarem , den wir seil Pallas nur aus dem Tschuktsclien-
Landtj kannten. Im Amur-Lande aber steigt diese polare Thierart mit dem Bureja- Gebirge
zum wenigsten bis zum 48'*^" Breilengrade nach Süden hinab. — Im selben Sinne charakte-
ristisch für das Amur -Land ist es, dass dort manche Thierarten nordischer und gemässigter
Klimate, die anderer Orten zwar ebenfalls zusammentreffen, auf weiterer Raunierstreckung
als gewöhnlich neben einander sich Ünden. So sehen wir in demselben manche Formen ge-
mässigter Klimate verhältnissmässig noch recht hohe Breiten erreichen, indem der Edelhirsch
z. B. bis nahe zum 56'*^" '), das Wildschwein bis über den 52'*^", der Dachs bis über den
53'«° Grad nördl. Breite hinaufsteigen u. s. w. Ihnen kommen aber nordische Formen enl-
') Bis zum Kamme des Stanowoi-Gebirges, s. Middeadorff, Sibirische Heise. 1. c. p. 120.
Schlussfolgerungen. 195
gegen, welche, fast das ganze Gebiet im Amur-Lande mit ihnen theilend, in diesen östlichen
Längen der alten Welt südlichere Breiten als irgendwo sonst zu erreichen scheinen. Solche
nordische Säugethierarten , deren Aequatorialgränze im Amur -Lande südlicher als im w>;sl-
licheren Theile der alten Well liegt, sind namentlich das Rennthier, der Vielfrass, der Schnee-
hase u. a. m. Die beiden ersteren, Rennthier und Vielfrass, deren äusserste Aequatorial-
gränze in Europa und dem westlichen Asien gegenwärtig , auch wo sie am weitesten nach
Süd vorgeschoben ist, wie im südlichen Schweden, im Ural und im Altai, im ersteren nicht
über den GO'*^"* '), im 2'®° nicht über den 53'^"^) und im letzteren nicht über den 50'"" Giad
nördl. Breite ^) geht, erreichen im Amur-Lande erst mit dem 49'*^" und auf der Insel Sa-
chalin sogar erst mit dem iG'^n Grade nördl. Breite ihre Südgränze. Der Schneebase, Lepus
vartaljilts, findet in Europa und dem westlichen Sibirien, abgesehen von dem inselartig iso-
lirten Vorkommen desselben nahe der Schneegränz« der Hochgebirge, ungefähr mit dem 50"
n. Br. seine Südgränze ^). Im Amur -Lande aber haben wir ihn bis zur südlichsten Biegung
des Stromes, in 474° n. Br. verfolgt, ohne auch dort seiner Aequatorialgränze begegnet zu
sein. Von der im Amur-Lande weit nach Süden reichenden Verbreitung des nordischen Pfeif-
hasen, Lag. Iiy perbor eun, und des Weissfisches, Delph. Leucax , dessen Binnenlandgränze im
Amur-Strome um 10 und 15" südlicher als im Obj und Jenissei liegt, ist bereits oben die
Rede gewesen. Ohne Zweifel bildet diese weite Ausdehnung der Aequatorialgränzen vieler
nordischer Thierarten im Amur-Lande nach Süden einen bezeichnenden zoologisch - geogra-
phischen Charakterzug desselben. Ihr ist vornehmlich auch jenes auf weiter Raumerstreckung
stattfindende Zusammenstossen nordischer Thierarten mit den Formen gemässigter und selbst
südlicher Klimate im Amur-Lande zuzuschreiben.
Fragt man nun nach den physischen Bedingungen, welche dieser Erscheinung zu Grunde
liegen dürften, so muss man die hauptsächlichsten derselben in den Verhältnissen des Klima' s
und der geographischen Lage und Configuration des Amur-Landes erkennen. Ohne hier auf
das Detail dieser Verhältnisse im Amur Lande, die in einem anderen Bande unserer Reise-
beschreibung besprochen werden sollen, eingehen zu können, wollen wir hier nur auf die
wichtigsten Bedingungen aufmerksam machen, die jene Erscheinungen der Säugelhierverbrei-
tung im Amur-Lande vermitteln dürften. Gewiss lassen sich in den Verhältnissen der geogra-
phischen Lage und Configuration des Amur -Landes manche für ein milderes Klima in dem-
selben sehr ffünstii-e Momente erkennen, wozu wir namentlich die nach Norden schitzende
Mauer des Slanowoi-Gebirges, den continuirlichen Zusammenbang des Amur- Landes mit
den nach Süd und West gelegenen, durch eine hohe Sommertemperatur ausgezeichneten Ge-
genden Innerasiens und die weit nach Süden reichende Biegung des Amur -Stromes zugleich
') Nilsson, Skandin. Fauna, 2» uppl. 1. p. 505.
2) Brandt, Bemerk, über die Wirbellhiere des nördl. europ. Russlands, bes. des nördl. UraTs. p. 20 un d 46.
S. Hofmann, Der nördl. Ural und das Küstenjjebirge Pae-Choi. Bd. II.
3) Brandt, I. <-. p. 21 und 45.
*) Middendorff, Ueber die als Bastarde angesproch. Mitlelforra. zwisch. L. europ. und L. variab. S. Bull, de
la classe physicomathem. de l'Acad. Inip. des sc. de Sl.-Pet. T. IX. p. 230. Desgl. Melanges biologlques. T. I. p. 2.>4.
196 Sängelfucre.
mit der ungefähren Meridianrichlung seines unleren Laufes und seiner mächtigsten südlichen
Zuflüsse, des Ssungari und Ussuri, rechnen müssen. Diesen klimatisch günstigen Verhältnissen
treten aher im A niu r-Lande andere und zwar praevalirende Faclore eines nordischen Klima's ent-
gegen. Als solche müssen wir namentlich die conlinuiriiche Aushreitung des asiatischen Fest-
landes vom Amur- Lande nach West und Nord his in arktische Breiten, ferner die vom Sta-
nowoi- Gebirge in Meridianrichlung nach Süd sich abzweigenden Gebirgszüge, wie das Bu-
reia-Gebirge, und endlich, und am meisten, die unmittelbare iNähe des Ochotskischen Mee-
res bezeichnen, welches als nordisches Binnenmeer bis in den Sommer hinein ein Reservoir
von Eismassen und eine stete (Juelle von Hegen und Schnee, von Nebeln und kalten Seewin-
den ist. Wie nun jene erslerea Momente hauptsächlich in den ebeneren Landstrichen, in den
Prairieen am oberen Amur- oder Sachali-Strome, am Ssungari und Ussuri und in dem
nach Süden geoflneten, weiteren Amur-Tiiale selbst unterhalb der Mündung jener Ströme
sich geltend machen, so erstreckt sich der Einfluss nordischer Faclore im Klima des Amur-
Landes hauptsächlich auf das Gebirgsland an den linken, nördlichen Zuflüssen des Amur-
Stromes, auf das Mündungsland desselben, auf die Meeresküste der Mandshurei und auf die
Insel Sachalin. Während daher im Amur-Thale eine südlichere Flor weit nach Nordensich
vorschiebt, rückt umgekehrt an den Meeresküsten ein nordischer Vegetationscharakter in un-
verhältnissmässig südliche Breiten vor. So trägt z. B. die Meeresküste an der Bai Hadshi in
49^ n. Br. noch ziemlich denselben nordischen Nadelwaldcharakter wie die um etwa 4 Brei-
tengrade nördlicher gelegene Mündung des Amur-Stromes, während im Amur-Thale an der
Mündung des Chongar-Flusses, etwa 1° nördlicher als die Bai Hadshi, schon aller Nadel-
wald auf die Gebirgshöhen zurückgedrängt ist und nur Laubhölzer, wie Eichen, Ulmen, Lin-
den, Ahorne, Wallnussbäume u. dgl. m. , die Waldung der Ufer bilden. Wir sehen also im
Amur- Lande in gleichen Breitengraden zwischen der Meeresküste und dem Slronie bedeu-
tende klimatische und vegetative Differenzen in räumlicher Nähe von einander liegen. Und
wie für Klima und Vegetation, so gilt es auch für die Verbreitung der Thiere. Oeflnen daher
die weiten, durch mildere klimatische Einflüsse begünstigten Thäler des Aniur-Slromes und
seiner siidlichen Zuflüsse manchen Thierarlen gemässigter und selbst südlicher Kliniate eine
leichte Verbreilungsbahn nach Nord, so gestatlen aniherseits, und in noch höherem Grade,
die Gebirgszüge und rauheren Gebiigsthäler an den nördlichen Zuflüssen des Amur-Stromes
und besonders die nebel- und schneereiche Meeresküste vielen nordischen Thierarlen eine
weitere Verbreitung nach Süd. In dem Maasse jedoch als diese letzteren Umstände dahin wir-
ken, die Aequatorialgränze mancher nordischer Tiiierarlen im Amur-Lande, und zumal längs
der Meeresküste desselben, weiter als gewöhnlich nach Süden vorzuschieben, müssen sie an-
dererseits auch die Polargränzen der Thierarlen gemässigter Klimate in denselben Gegenden
nach Süd zurückdrängen. So erklärt sich uns also auch die in der Kiislenregion des Amur-Lan-
des slaltlindende südliche Depression der Polargränzen vieler Säugethiere, wie des Rehes, Edel-
hirsches, Wildschweines u. s. w., die wir bei Besprechung dieser Thierarlen hervorgehoben haben
und die in thiergcograpischer Beziehung ebenfalls einen Charakterzug des Amur-Landes bildet.
Schlussfolgerungen. 197
Neben dem ZusamnientrefTen uordischer und südlicher Formen können wir aber auch
das Zusamraentrefl'en östlicher und westlicher Formen als einen CharaLterzug in der Zusam-
mensetzung der Säugethierfauna des Amur-Landes bezeichnen. Ja hier sind die Erscheinungen
zum Tlieil noch aulTallender und prägnanter als in jenem ersteren Falle. Denn gewiss ist es
in hohem Grade überraschend, die bisher für ausschliesslich europaisch und nur im Süden
auch für westasiatisch gehaltene Form des gemeinen Igels, Erinaceus europaeus, als dessen
östlichste Gräuze bis dahin das Ural-Gebirge angenommen wurde, nunmehr auch in den Prai-
rieen am Amur zu ünden. Nicht minder auffallend ist es, an der Mündung des Amur -Stro-
mes einer Fledermaus, Vesperlilio mi/slucinus Leisl., zu begegnen, deren östlichster Fundort
bisher die Ukraine, also das östliche Euro|)a war. Bilden diese Formen in der \'mur-Fauna
Züge eines westlichen, europäischen Charakters, so treten uns andrerseits im Amur-Lande
zwei Säugetbierarten entgegen, die uns auf dem asiatischen Festlande bisher bis zum fernsten
Osten unbekannt waren und deren Heimath ausschliesslich auf den dem Ostrande Asiens an-
liegenden Japanischen Inseln angenommen wurde. Es sind dies eine Antilope, Antilope crispa
Temm., und eine Hundeart, Canis viverrinus Temm., welche letztere uns durch Vermittelung
der Amur-Exemplare mit der chinesischen Form C. procyonoidex Gray als identisch sich er-
weist und die wir über den grössten Theil des Amur- Landes verbreitet linden. Nicht minder
sprechende Züge eines östlichen Charakters in der Säugethierfauna des Amur -Landes treten
uns in der dunklen, dem i/e/es Anakttma Temm. aus Japan genäherten Dachsvarielät, in der
nach Midiiendorff's Forschungen den Küstenländern des Beringsmeeres vorzüglich eigenen,
ausnehmend grossen Bärenvarietäl, in der hellen, der nordamerikanischen Form sehr genä-
herten Zobelvarielät der Insel Sachalin u. a. m. entgegen.
Suchen wir nun auch diese Erscheinung auf die geographischen Grundlagen des Amur-
Landes zurückzuführen, so müssen wir darauf hinweisen, dass das Amur-Land einerseits
durch den von West nach Ost gerichteten Lauf seines Hanptstromes und die weit aus dem
Innern des Continentes kommenden (Juellarme desselben, so wie durch die in gleicher Richtung
verlaufenden Gebirgszüge eng an das Innere Asien's sich anschliesst, wo gewiss auch der ge-
meinsame Mittel- und Ausgangspunkt vieler Thierarten des Ostensund Westens der alten Welt
zu suchen ist. Im Anschlüsse an Innerasien kann daher das Amur-Land manche mit Westasien
und Europa gemeinsame Formen haben, die dem zwischenliegenden Sibirien fehlen, wie Eri-
naceus europ'aeus u. dgl. Andrerseits aber tritt das Amur -Land durch seine gleichzeitige Aus-
breitung am Nordjapanischen oder Tartarischen und am Ochotskischen 31eere und durch
die der Mündung des Amur-Stromes nahe gelegene, nach Japan, den Kurilen und sogar
Kamtschatka hinüberführeude Insel Sachalin sowohl mit der Japanischen Inselwelt, als auch
mit den Küstenländern des Ochotskischen Meeres, mit Kamtschatka und durch dieses auch
mitden Küsten des Beringsmeeres in nahe Berührung. InFolge dieser geographischen Verbält-
nisse darf es uns daher nicht auffallen, in der Säugethierfauna des Amur-Landes manche mit Ja-
pan, Kamtschatka oder gar NW-Amerika gemeinsame Züge, wie Canis procyanoides, Antilope
crispa, Layomys hyperboreus, die erwähnten Zobel- und Bärenvarietäten u. dgl. m. wiederzufmden.
1 98 Säugethiere.
Fasst man nun das Zusammentrefl'en geographisch so differenler, östlicher -(oslasiati-
scher) und westlicher (europäischer), nordischer (sibirischer, kamtschatkischer und NW-
amerikanischer) und südlicher (chinesischer und japanischer) Formen in der Säugethier-
fauna des Amur- Landes zusammen, so muss man derselben den Charakter eines nach ver-
schiedenen Seiten vermittelnden und verbindenden Gliedes zwischen den Faunen weit ausein-
ander liegender Gebiete zuerkennen. Dai)ei konnten wir jedoch bemerken, dass die nordischen
und östlichen Formen in der Säugelhierfauua des Amur-Landes entschieden vor den südliche-
ren und westlichen vorherrschen. Ungeachtet daher der vielfachen Berührungen, welche die
Säugethierfauna des Amur -Landes mit denjenigen anderer geographischer Gebiete hat,
schliesst sie sich doch, bei genauerer Vergleichung, am nächsten an die ostsibirische oder
nordostasiatische Fauna an. Mit dieser hat sie bei weitem die meisten Formen gemein, und
zeichnet sich ihr gegenüber nur durch einige iheils mit China und Japan, theils mit Eu-
ropa und theils endlich mit dem äussersten Nordosten Asien's allein gemeinsame Züge aus.
Solche Formen, die dem Amur-Lande zukommen, Sibirien dagegen, mit dem wir es natur-
gemäss zu vergleichen haben, ganz oder in seinem grösslen Theile fehlen, wie Canis procyo-
noides, Antilope crispa, Erinaceus eiiropaem, Layomys hyperboreus u. a., bilden daher in der Zu-
sammensetzung der Amur-Fauna die am meisten charakteristischen Züge.
Bei weiterer Vergleichung der Amur-Fauna mit der sibirischen muss es uns ferner auf-
fallen, dass wir manche Theile der letzteren auch im Amur-Lande sehr stark, andere dagegen
verhältnissmässig nur schwach vertreten Qnden. Namentlich lässt sich bemerken, dass in der
Säugethierfauna des Amur-Landes die dem Walde eigenlhümlichen Arten stark vorherrschen,
die Steppenformen dagegen völlig zurücktreten. Ohne Zweifel muss hier Vieles noch auf Rech-
nung unserer bisher sehr anfänglichen und lückenhaften Kenntniss der Amur-Fauna geschrie-
ben werden, die im Laufe einer nur kurzen Zeit und zumeist unter steler, für die Ermittelung
der Säugethierfauna eines Landes nicht immer günstiger Ortsveränderung gewonnen werden
musste. Namentlich lassen sich unter solchen Umständen besonders viel Lücken in der Kennt-
niss der kleineren Säugethiere erwarten, welche sowohl der direkten Beobachtung durch den
Reisenden, als auch der Erkundigung vermittelst der Eingeborenen, für die sie keinerlei Be-
deutung haben, leichler entzogen bleiben. Wir sind daher überzeugt, dass eine spätere For-
schung die Anzahl der von uns ermittelten Säugethierarten des Amur -Landes wie im Allge-
meinen, so auch ganz besonders unter den kleineren und namentlich unter den Nagethieren
um ein Bedeutendes erweitern wird. Dennoch scheint es schon aus unseren bisherigen Erfah-
rungen hervorzugehen, dass das Amur-Land im Vergleich mit Sibirien in der That eine ge-
ringere Anzahl von Nagethieren besitzt. Namentlich scheinen in demselben die zahlreichen
Formen der sibirischen Steppen, die Springmäuse, die Hamster, die Wühlmäuse u. dgl. m.
entweder ganz zu fehlen, oder nur in sehr geringer Zahl repräsentirt zu sein, während die
auf den Wald angewiesenen Formen, wie die Eichhörnchen u. a. , reichlich vorkommen.
Nicht minder lässt es sich bemerken, dass im Amur-Lande keine von denjenigen Wieder-
käuer- und Einhufer-Arten zu finden ist, welche für die Steppen und Hochebenen Innerasiens
Schlussfolgerungen. 1 99
so charakteristisch sind, wie Bos gmnniens, Anlilope gnllmosa, A. Saiga, Equus Onager, E. He-
mionus u. drgl. m., obgleich diese Formen zum grössten Theil jowohl westwärts bis in die
Steppen am Aral- und Kaspischen See, als auch ostwärts bis nach Daurien hinein ver-
breitet sind. Noch auflallender endlich tritt uns das Fehlen der Steppenformen im Amur-
Lande unter deu Raubthieren entgegen: denn obgleich die Zahl dieser letzteren im Amur-
Lande auch eine sehr ansehnliche ist, so fehlen doch grade diejenigen, welche den Hochebe-
nen und Steppen Innerasiens eigenthiimlich sind, wie Canis Karagan und C. Corsac, Felis Manul
u. drgl. m. Es lässt sich somit in der Säugelhierfauna des Amur-Landes der ganz vorherr-
schende Charakter einer Waldfauna nicht verkennen. Das dürfte uns auch nicht weiter auf-
fallen, wenn wir das mit ausgedehnten und fast ununterbrochenen Waldungen bedeckte untere
Amur-Land allein in Betracht zögen. Erwägt man aber die weiten Grasebeuen und Prairieen
an der südlichen Biegung des Amur-Stromes zwischen der Dseja und dem Ussuri und die
nur theil weise bewaldeten Gebirgs- und Hochebeneuahfälle am oberen Amur, nach denGrän-
zen Dauriens oder Transbaikaliens hin, so dürfte man wohl geneigt sein, einen anderen
Charakter in der Säugethierfauna des Amur-Landes zu erwarten. Gewiss werden auch grade
diese letzteren, von mir nur flüchtig durchreisten Gegenden in Zukunft noch manche, sei es
überhaupt, oder zum wenigsten für das Amur-Land neue Formen kennen lehren. Dennoch
dürfte das, wie wir bereits erwähnten, voraussichtlich bloss auf manche kleinere Nagethier-
formen und nicht auch auf jene grossen, den Hochebenen Innerasiens eigenthümlichen Wieder-
käuer, Einhufer und Kaubthiere sich erstrecken und somit den Gesaramtcharakter der Säuge-
thierfauna des Amur-Landes nicht wesentlich ändern. Vom zoologisch-geographischen Ge-
sichtspunkte erscheinen uns also jene Grasebeuen und Prairieen am südlichen Amur keines-
wegs als Fortsetzungen oder Ausläufer der Hochebenen- und Steppeunatur Innerasiens nach
Osten, sondern nur als locale Unterbrechungen, gleichsam als ebene und waldfreie Oasen im
Gebirgs- und Waldlande des Amur- Stromes, die als solche dem Waldlande gegenüber aller-
dings auch mit local eigenthümlichem Charakter ihrer Säugethierfauna gezeichnet sind, im
Verbände mit dem Ganzen aber dem Gesanmitcharakter einer Waldfauna im Amur-Lande
keinen wesentlichen Abbruch ihun.
Neben diesen geograpischen Charakterzügen in der Säugethierfauna des Amur- Landes
möchten wir hier endlich auch eines morphologischen Charakters gedenken, der sich sehr
allgemein an derselben kundgiebt. Es ist dies die schon bei Besprechung der einzelnen For-
men oftmals hervorgehobene Erscheinung einer vorherrschenden Schwärze oder eines Ueber-
handnehmens dunkler, schwärzlicher Farbentöne an den Säugethierarten des Amur- Landes.
Bekanntlich ist diese Erscheinung schon an mehreren Formen Ostsibiriens und unter den
Säugethieren namentlich am Zobel und Eichhörnchen bemerkt und das Gesetz ausgesprochen
worden, dass im Allgemeinen die Farbe der 8äugethieve, wenn sie einem Wechsel unterworfen
ist, je weiter nach Osten in Sibirien, desto dunkler werde '). Im Amur-Lande kommen nun
') Biier, Uebersicht de* Ja|,'der\verbe« in Sibiriea, bes. im östlicben. S. Baer und HeJraersen, Beiträge zur
Kenntniss des russ. Reiches, Itd. VII. p. 2i'2,
200 Smgelhiere.
zu den beiden genannten Thieren noch eine Menge anderer hinzu, an denen sich dasselbe be-
merken lässt, wie der DachSj der Wolf, der Fuchs, der Igel u. s. w. Zugleich aber lässt sich
im Amur- Lande eine Zunahme an Schwärze an manchen Thierarten auch in anderen Rich-
tuno-en als nach Ost bemerken. So finden wir z. B., dass der polare Pfeifhase, Lagomys hyper-
boreus, dessen bisher bekanntes Verbreitungsgebiet ausser dem Amur-Lande noch den Nord-
osten Asien's und Kamtschatka umfasst, nichts destoweniger im Amur-Lande, also in der
Richtung nach Süd und West die schwärzeste Färbung erhält. Ebenso ist das Eichhörnchen
im Amur-Lande schwärzer als am Ochotskischen Meere, der Zobel am Amur-Strome
schwärzer als auf Sachalin, am Ochotskischen Meere oder in Kamtschatka u. s. w. Wir
sehen daher die Zunahrpe an Schwärze in der Färbung der Säugethiere INordasieos nicht
bloss in der Richtung nach Ost, sondern zugleich auch in derjenigen nach Süd vor sich gehen
und dabei nicht immer bis an den äussersten Ostrand des Continentes fortschreiten, sondern
bisweilen ihr Maximum auch früher auf dem Festlande Asien's erreichen. Namentlich aber
scheint das Amur-Land in denjenigen Längen- und Breilengraden Nordasiens zu liegen, wo
sich das meiste Schwarz in der Färbung der Säugethiere findet. In Beziehung auf die Säuge-
thicrfauna des Amur-Landes müssen wir daher den Namen «Sacbali» oder «Sachalin-ula»,
d. b. schwarzer Fluss, den der obere Amur-Strom bei den Mandshu trägt, gewiss sehr be-
zeichnend finden.
Beziehen sich diese Bemerkungen auf das Amur- Land überhaupt, so bleibt uns noch
übrig zum Schlüsse einige Worte im Speciellen über die Säugethierfauna der Insel Sachalin
zu sagen. So mangelhaft auch unsere bisherigen, nur während zweier Winterreisen von mir
ffesammelten Nachrichten über dieselbe sind, so lässt sich aus ihnen doch schon entnehmen,
dass die Säugethierfauna Sachalin's eng an diejenige des nördlichen Amur-Landes sich an-
schliesst und im Allgemeinen eine minder verarmte ist als man von einer Insel zu erwarten
geneigt wäre. So muss es uns überraschen auf Sachalin alle die zahlreichen und zum Theil
sehr ansehnlichen Raubthiere des Festlandes, mit nur wenigen und unbedeutenden Ausnah-
men, wie Mcles Tajcus, Muntela sibirica und Canis procyonoides, zu linden. Desgleichen sehen wir
die Insel von zwei Arten aus der Familie der Cervinen, vom Rennthier und Moschusthier be-
wohnt. Nicht minder endlich finden wir auf derselben die dem Walde eigenthümlichen Eich-
hörnchenarten des Festlandes, Scnmts vulgaris, Tamias strtatus und Pteromys volans wieder.
Dieser Reichthum an Säugethieren auf Sachalin fällt uns um so mehr in die Augen, wenn
wir diese Insel gegen die mit ihrem südlichen Theile in gleichen Breiten mit Nordl-Sachalin
gelegene und ebenfalls gebirgs- und waldreiche Halbinsel Kamtschatka halten. Erscheint
uns daher letztere vom zoologisch -geographischen Gesichtspunkte, in Folge der starken Ver-
armung ihrer Säugethierfauna, als eine mit insularem Charakter gezeichnete Halbinsel, so
möchten wir umgekehrt Sachalin eine in Beziehung auf ihre Säugethierfauna mit halbinsu-
larem Charakter versehene Insel nennen. — Fasst man den nördlichen Theil der Insel in's
Auge, so dürfte auf demselben fast ganz dieselbe Säugethierfauna wie in gleichen Breiten auf
dem Contiuente zu finden sein, indem wir von den Säugethierarten der Amur-Mi'ndung auf
Schhissfolgcrungen. 201
der Insel Sachalin mit Bestimnilheit nur den Dachs, die Mttstela sibirica und das Elennlhier
vermissen. Grösser scheint dagegen die Verarmung der Säugethierfauna im südlichen Theile
der Insel zu sein, insofern nämlich die auf dem Festlande in südlicheren Breiten auftretenden
Säugelhierarten , wie Canis procyoiioides, Reh, Edelhirsch, Wildschwein u. a.. auf der Insel
aushleiben. Vermuthlich dürften dort auch die mit derPrairie im südlichen Theile des Amur-
Landes auftretenden kleineren Säugethierarten, wie Erinaceus europaeus, Spermophilus Evers-
tnanni , Siphneus Aspalax u. a. m., fehlen, wogegen vielleicht am Südende Sachalin's unter
den kleineren Säugethieren manche mit den Japanischen Inseln gemeinsame, dem Festlande
dagegen fehlende Form sich auffinden wird.
Es dürfte nun nicht schwer sein, den Zusammenhang dieser thiergeographischen Ver-
hältnisse der Insel Sachalin mit ihrer physischen Beschafl'enheil und geographischen Lage
im Vergleich zum Continente nachzuweisen. Dass die Insel Sachalin, als wald- uud gebirg-
reiches Land, nahe dieselbe Säugethierfauna wie das gebirgige Waldland am unleren Amur-
Strome zu ernähren im Stande sein dürfte, haben wir schon mehrmals, bei Besprechung der
einzelnen Thierarten, zu bemerken Gelegenheit gehabt. Erwägen wir daher neben dieser Be-
schaffenheit der Insel auch ihre ansehnliche Nähe zum Continente, so wird uns die für eine
Insel verhältnissmässig nur geringe Verarmung in der Säugethierfauna Sachalin's nicht wei-
ter auffallen. Dass aber diese Verarmung im Süden der Insel eine grössere als im Norden
ist, scheint uns aus den geographischen Verhältnissen derselben ebenfalls leicht erklärlich.
Bekanntlich schliesst sich die Insel grade mit ihrem nördlichen Theile am nächsten an das
Festland, und zwar an das untere Amur-Land und die Amur-Mündung an. Denn nicht bloss
liegt sie dort räumlich dem Festlande am nächsten, und am Gap Lasareff , wo man sie ehe-
mals mit dem Continente in fester, halbinsularer Verbindung glaubte, sogar bis auf die un-
bedeutende Entfernung von 3 — 4 Seemeilen genähert, sondern sie tritt dort auch allwinterlich
durch die ununterbrochene Eisdecke des Amur-Limanes mit dem Continente in zeitweise feste
Verbindung, welche einen mannigfachen Austausch der Thierwelt ermöglicht. Sahen wir
doch, dass wahrscheinlicherweise selbst der Tiger diese temporäre Brücke über den Amur-
Liman zu seinen Streifzügen nach der Insel Sachalin benutzt. Weiter südwärts dagegen ent-
fernt sich die Insel weiter vom Continente und bleibt von demselben auch im Winter durch
die in ihrer Mitte niemals und längs den Küsten auch nur sehr unterbrochen gefrierende
Meerenge der Tartarei getrennt. Dort muss daher auch der im Norden stattfindende, bestän-
dige Austausch von Säugethierarten zwischen dem Festlande und der Insel aufhören, und so-
mit bleiben also der letzteren auch die auf dem Continente in südlicheren Breiten auftretenden
Formen fern. Zudem bietet die Insel Sachalin, bei ihrer gebirgigen Natur und ihrer mariti
men, den Einflüssen des nordischen Ochotskischen Meeres im hohen Grade ausgesetzten
Lage, gewiss weder die raschen klimatischen Differenzen nach Süden, die sich im Amur-
Thale bemerken lassen, noch auch eine solche Aenderung der Gebirgs- und Waldnatur zur
Prairie, wie das im Süden des Amur-Landes der Fall ist. Damit fallen aber auf derselben
auch die physischen Bedingungen zum Vorkommen der im Amur-Lande mit der Prairie sich
Schrenck's Amor-Reise Bd. 1. ^O
202 Säugelhiere.
einlindenden Säugelhierarten weg, während andrerseits den nordischen, der Insel mit dem
nördlichen Amur- Lande gemeinsamen Formen, z. B. dem Rennthier, Vielfrass u. drgl. m.,
eine weitere Verbreitung nach Süd als auf dem Continente möglich wird. Dennoch lassen sich
in der südlichen Hälfte der Insel, zugleich mit der Milderung klimatischer Verhältnisse, auch
manche südlichere Formen erwarten, und zwar macht die Nähe Süd-Sachalin 's von Jesso
und den Japanischen Inseln das Vorkommen daselbst mancher mit Japan gemeinsamer Säu-
gethierarten wahrscheinlich. So dürfte also die Insel Sachalin gewissermassen eine Brücke
zwischen dem nördlichen Amur-Lande und der Inselwelt Japan's bilden, und es lässl sich
annehmen, dass eine genauere Erforschung derselben uns noch mehr verbindende und ver-
mittelnde Züge zwischen den Faunen Ostsibirien's und Japan's nachweisen wird, als wir
sie bereits auf dem angränzenden Festlande gefunden haben.
203
Erläiiteriinseii xiir Karte «le«« Ainiir-liaiidei».
Da die beifolgende Karte des Amur-Landes von Hrn, Samochwaloff zu dem Zwecke
entworfen worden ist, um unsere Mittheilungen über das Amur-Land zu begleiten, so wird
es hier am Orte sein, einige Worte über die Entstehung derselben und das Verhältniss, in
welchem sie zu unserem Reisewerke steht, zu sagen, ßegreillicber Weise mussten wir gleich
im Beginne der Bearbeitung unserer Reise - Materialien die Nolhwendigkeit einer Karle des
Amur -Landes empfinden. War uns eine solciie schon wünschenswerth, um den Leser in den
Stand zu setzen, dem in der Einleitung zu diesem Werke angegebenen Gange unserer Reisen im
Amur-Lande folgen zu können, so machte sich ein noch grösseres Bedürfniss nach derselben bei
der ebenfalls in der Einleitung vorausgeschickten kurzen Lebersicht der orograpbischen und
klimatischen Verhältnisse des Amur-Landes geltend. Bei derKürze dieser vorläufigen geogra-
phischen 31ittheilungen niusste ausdrücklich darauf gerechnet werden, dass eine Karte ihnen
selbstredend zu Hülfe kommen und mehr als jene kurze Uebersicht es vermochte zu einem vor-
läufigen allgemeinen Bilde der geographischen Verhältnisse des Amur- Landes, der Richtung
und Enlwickelung des llauptstromes und seiner Zuflüsse, des Verlaufes der Gebirge, der
Configuration der Küsten u. s. w., führen werde. Ganz unumgänglich endlich wurde uns eine
Karte bei den speciellen wissenschaftlichen Arbeiten über das Amur- Land, die in dieser er-
sten Lieferung unseres Reisewerkes mit den Säugelhieren des Amur- Landes begonnen wor-
den sind. Wie man bemerken wird, ist in dieser Abhandlung neben den zoologisch-systemati-
schen Erörterungen, zu denen die Amur- Materialien Veranlassung geben konnten, auch eine
besondere Aufmerksamkeit auf die geographische Verbreitung der Säugelhiere im Amur-
Lande verwendet worden. Dass aber unsere Erfahrungen in dieser Richtung nur ganz anfäng-
liche sein konnten, versteht sich von selbst, um so mehr musste man daher darauf bedacht
sein, dieselben späteren, durch wachsendes Material zu umfassenderen Schlüssen berechtigten
Forschungen nutzbar zu machen. Zu dem Zwecke nun sind von uns die Fundorte der an ein-
zelnen Punkten des Amur -Landes aufgefundenen, sei es beobachteten oder mitgebrachten
Thierarten mit möglichster Genauigkeit angegeben, das Vorkommen allgemein verbreiteter
Formen nach den einzelnen Theilen des Amur-Landes besonders besprochen, die in demselben
befindlichen Gränzlinien der Verbreitung einzelner Säugethiere nach möglichst genau ermit-
telten Punkten verzeichnet und wo sich uns im Verlaufe derselben ein gewisser Zusammen-
hang mit anderweitigen, klimatischen oder überhaupt geographischen Verhältnissen des Amur-
Landes zu verrathen schien, auch auf diesen hingewiesen worden. Es versteht sich nun von
selbst, dass wir diese Angaben nicht anders als mit Hülfe einer dem Detail derselben ent-
sprechenden Karte anschaulich zu machen hoffen durften. Dass endlich ein gleiches Bedürfniss
204. Erläuterungen
nach einer Karle auch bei Bearbeitung anderer Theile der Fauna, so wie bei Besprechung
der ethnographischen Verhältnisse des Amur-Landes sich herausstellen würde, war leicht
vorauszusehen. Nach alledem schien es also zweckmässig mit dem Entwürfe einer Karte des
Amur-Landes nicht bis zur Abfassung des letzten, dem ausführlichen historischen Berichte
über unsere Reisen und den geographischen Bemerkungen über das Anuir-Land gewidmeten
Theile zu warten, sondern sogleich an denselben zu gehen, ob auch viele, auf unsere Erfah-
rungen begründete Punkte der Karte erst später eine genauere Besprechung und respektive
Erklärung finden können.
Ein gleiches Bedürfniss nach einer Karte musste natürlich auch Hr. Maximowicz bei
seinen gleichzeitigen Arbeiten über die Flora des Amur-Landes empfinden. Wir trafen daher
die Uebereinkunft, unsere beiderseitigen Erfahrungen über die geographischen Verhältnisse
des Amur -Landes zu vereinigen und gemeinschaftlich einer auf die neuesten Quellen zu be-
gründenden Karte zuzuwenden. Es lag uns diese Vereinbarung um so näher, als wir einen
grossen Theil unserer Reisen im Amur -Lande gemeinschaftlich ausgeführt hatten und auch
gegenwärtig bei Bearbeitung der Materialien in unseren Wünschen in Beziehung auf den
Umfang, den Maassstab und das Detail der Karte vollkommen übereinstimmten. Was den er-
steren betraf, so musste die Karte natürlich das gesammle Amur-System (mit Ausnahme viel-
leicht der zum Theil schon nach Innerasien gehörenden Quellgegenden des Argunj's und der
Schilka) aufnehmen und konnte also ziemlich natürliche Gränzen an dem Stanowoi-Gebirge
im Norden und dem Shan-alin im Süden finden. In Beziehung aber auf die Grösse und das
Detail der Karte musste der doppelte Zweck, dem sie zu dienen hatte, im Auge behalten wer-
den. Sollte sie nämlich, neben möglichst getreuer und anschaulicher Uebersicht der geogra-
phischen Verhältnisse des Amur-Landes, auch die Gränzlinien der Verbreitung vieler Pllan-
zen- und Thierarten aufnehmen und zugleich dem Detail der Reise- und Fuudortangaben ent-
gegenkommen, so musste sie in einem mittleren, weder sehr kleinen, noch sehr grossen Maass-
stabe gehalten werden. Ersterer, obgleich zum Verzeichnen der pflanzen- und thiergeographi-
schen Gränzlinien der bequemere, hätte es unmöglich gemacht, in die Karte das zur Orienti-
rung bei speciellen nalurhistorischen und ethnographischen Arbeiten nöthige Detail einzutra-
gen; letzterer Maassstab dagegen hätte es zwar gestattet in den durchforschten Theilen des
Amur-Landes alles Detail an Gebirgen, Flüssen, Ortschaften u. s. w. aufzunehmen, wäre
aber der Karte in Beziehung auf die bisher noch überwiegenden unbekannteren Gebiete des
Amur -Landes um so nachtheiliger geworden und hätte sie namentlich auch zum Eintragen
der immer nur an wenigen Punkten bestimmt nachgewiesenen Gränzlinien der Verbreitung
von Pflanzen und Thieren im hohen Grade ungeeignet gemacht.
Dass keine von den bisher vorhandenen Karten des Amur-Landesunseren Wünschen ge-
nügen konnte, versteht sich von selbst. Bereits lagen aber viele schätzbare Materialien zu einer
genaueren und zuverlässigeren Karte des Amur-Landes vor. Vor Allem ist hier auf die zahl-
reichen, durch die Expedition der Russischen Geographischen Gesellschaft während der Jahre
1855 — 58 im Laufe des Amur-Stromes und seiner Zuflüsse, sowie an der 3Ieeresküste des Fest-
zur Karte des Amur-Landes. 205
landes und der Insel Sachalin astronomisch hestinimten Punkte aufmerksam zu machen, die,
wenngleich nur vorläufig berechnet, schon im Stande waren eine sichere Grundlage für den
grössten Theil einer Karte des Amur-Landes abzugeben. Diesen besonders auf das Innere des
Amur-Landes bezüglichen Materialien kommen nun von der Seeseite die beim hydrographischen
Departement und im Journal der Russischen Marine (Morskoi Sbornik) zerstreut niederlegten
Arbeiten russischer Seeofficiere entgegen, die uns eine Reihe höchst sorgfällig ausgeführter Kü-
stenaufnahmen, angefangen vomOchotskischen Meere und bis zur Südspitze von Korea, vor-
führen. Ihnen lassen sich auch einige neuere, zum Theil auf dieselben Gegenden bezügliche Ar-
beiten englischer und nordamorikanischer Seeofficiere anreihen. Für das Innere des A mur-Landes
aber und vornehmlich den Amur-Strom haben wir ferner der mehrfache i auf Befehl des Hrn.
General-Gouverneurs von Ostsibirien ausgeführten topographischen Arbeiten zu gedenken. End-
lich bleibt uns noch einer unveröffentlichten, von Hrn. v. Middendorff iheils nach eigenen
Eifahrungen und theils nach chinesischen Quellen zusammengestellten Karte zu erwähnen
übrig, die uns freundlichst zur Benutzung mitgetheilt worden ist und die uns namentlich über
die linken Zuflüsse des Amur-Stromes ausführlicher unterrichten konnte. Es möge diese flüch-
tige Aufzählung nur der wichtigsten kartographischen Vorarbeiten genügen, um darzuthun,
dass bereits reiche Quellen zu einer zuverlässigeren Karte des Amur-Landes, als wir sie bis-
her hatten, vorhanden waren, wenngleich dieselbe, noch vor der endgültigen Berechnung der
zahlreichen , von der Expedition der Russischen Geographischen Gesellschat ausgeführten
Ortsbestimmungen entworfen, gewiss in vielen Punkten irren konnte und einer baldigen
Verbesserung entgegensehen durfte. Bis dahin galt es aber, um den oben hervorgehobenen Be-
dürfnissen nachzukommen, die bereits vorhandenen Quellen durchzuarbeiten und zu sichten,
sie zu einem Ganzen zu verschmelzen und mit den noch unveröffentlichten Nachrichten zu
bereichern, welche uns eigene Reisen durch verschiedene Theile des Amur-Landes an die
Hand gegeben hatten. Diese Arbeit war es, der sich auf unsere Aufforderung Hr. Samo-
chwaloff unterzog und die er zu unserer völligen Befriedigung löste. Als Lieutenant im
Sleuermannscorps der Kaiser I. russischen Marine, hatte Hr. Samochwaloff an Bord der
Fregatte Aurora selbst das Amur- Land besucht und anderthalb Jahre (1855 und 56) an
den Küsten der Meerenge der Tartarei, im Amur-Limane, im Nikolajewschen Posten und
auf einer Reise den Amur aufwärts bis zur Einmündung des Gorin's in denselben zuge-
bracht. Zu den übrigen Quellen über das Amur-Land konnte er daher auch noch seine eige-
nen Erfahrungen über das Mündungsland des Amur-Stromes hinzufügen. Bei dem Verhält-
nisse nun, in dem Hrn. Samochwaloff's Karte zu unserem ReisewerUe steht, sei es uns ge-
stattet, ihm für diese, unsere Mitlheilungen über das Amur-Land wesentlich ergänzende und
erläuternde Arbeit unseren verbindlichsten Dank hier öffentlich auszusprechen. Zur ferneren
Erläuterung der Karte aber, lassen wir hier die von Hrn. Samochwaloff selbst niederge-
schriebene und uns zur Veröffentlichung an diesem Orte mitgetheille Aufzählung der für die
verschiedenen Theile der Karte von ihm benutzten Quellen folgen.
«Vorliegende Karte des Amur-Landes, in Mercator's Projection , einen Raum von
206 Erläulerungen
14 Breiten- und 32 Längengraden im Alaassslabe von 108,2 Werst auf einen englischen Zoll
umfassend, ist nach den neuesten, zum Theil noch unveröflentlichten Quellen entworfen wor-
den. Zur Grundlage derselben haben folgende astronomische Ortsbestimmungen gedient:
1) Für den Amur-Strom, den Amur-Liman und die Insel Sachalin folgende, von Hrn.
Lieut. Roschkoff im Auftrage der Russ. Geographischen Gesellschaft in den Jahren 1855
und 1 856 vermittelst mehrerer Chronometer und eines Passage-Instrumentes bestimmte Punkte: *)
Nördliche Breite. Oestl. Länge T. Greeiiw.
Üstj-Strelotschnoi Karaul 53° 19' 56" 12r40' 24"
Ein Punkt am Amur-Ufer nahe dem Berge Zagajan.52 14 22 126 25 27
Mündung des Ssungari 47 42 15 —
Mündung des Ussuri 48 16 25 1 35 5 49,5
Sandsteinwand bei Uch'ssumi 48 51 55 " —
ap ZoUazi am Amur 49 37 2 137 3 37,5
Mariinskischer Posten 51 42 18 140 11 31,5
Dorf Michailowskoje 52 36 30 —
,, Tschelmok 52 51 18 140 1 15
„ Tyr 52 55 23 1 39 50 49
» Magho 53 15 4 140 7 37
Nikolajewscher Posten 53 8 19 140 42 58,5
Dorf Wassj 53 20 —
„ Pronge 52 50 13 141 11
„ My 52 35 35 —
Dorf Tschomi 52 21 35 —
Gap Lasareff 52 13 5 141 32 45
Bai de Castries 51 28 2 1 40 49 15
Dorf Puir 53 11 44 —
>, Langr 53 17 29 —
Petrowskischer Posten 53 28 21 1 41 2
Dorf Poghobi 52 13 24 141 37 45
« Dui 50 49 49 142 6
2) Für Transbaikalien und namentlich die Quellarme des Amur-Siromes, die
Schilka, den Argunj und deren Zuflüsse, folgende, von Hrn. Schwarz, Hauptastronomen
der Ostsibirischen Expedition der Russ. Geograph. Gesellschaft, im Jahre 1855 vermittelst
mehrerer Chronometer und eines Passage-Instrumentes bestimmte Punkte **):
*) Vergl. OtieTT. HHnep. PyccK. Teorp. OGuiecxBa aa 1850 roAi,. p. 26, und OT>ieTT> Hnn. PyccK. Teoip. nem.
aa 1857 r. p. 24.
*•) Vergl. OxHeTi. Hmd. Pjcck. Teorp. Ortnj. sa 1836 r p. 24.
zur Karte des Amur-Landes. 207
Nördliche ßreite. Oestl. Längte t. Greenw
Stadt Tschita 52° l' 27" 11 3° 36' 30"
» Nertschiusk 51 57 57 116 42
Festung Tschindaut 50 34 40 115 31 30
Kirchdorf Schelopugino 51 39 7 117 40 30
Wachtposten Abagaitu 49 34 29 117 57 15
Festung Zuruchaitu 50 23 34 119 10
Nertschinskoi Sawod 51 18 32 119 43 45
Argunskoi Ostrog 51 34 3 120 8 30
Mündung des Urov (in den Argunj) 52 12 15 120 51 15
3) Für beide Länder, Transbaikalien und das Amur-Land, noch folgende, zumeist
ebenfalls von der Ostsibirischen Expedition der Geogr. Gesellschaft astronomisch bestimmte,
aus dem Kataloge der bis zum Jahre 1857 in Ostsibirien ausgeführten Ortsbestimmungen
entlehnte Punkte *):
Nördliche Breite. Oestl. Länge v. Greenw.
Quellen der Nertscha 54°21,5' 11 7° 36'
Festung Gorbiza 53 6 119 9
Felsen Smeinaja-Gora (am oberen Amur) 53 4 125 44
Punkt gegenüber der Bureja-Mündung 49 23 1 29 40
» » der Ssungari-Mündung 47 42,5 132 33
Dorf Amtscho 48 56,5 —
Zweite Mündung des Gorin's 50 44 1 37 44
Bai Hadshi (Kaiserhafen) 49 1,5 140 19,5
Für das Detail des Flussnetzes, die Richtung der Gebirge, die Umrisse der Küsten u. s. w.
sind folgende Quellen benutzt worden :
Für den Amur -Strom:
Kapra AsiypcKaro BO/tfluaro nytH. 1857. (Karte der Amur-Strasse, 1857.) Herausgegeben
beim Rechenschaftsberichte der Russisch-Amerikanischen Companie für das Jahr 1856.
(Otmcti Pocc. Aniep. Komu. 3a 1 856 r.)
Manuscripte und mündliche Mittlieiluiigen der Hrn. L. v. Schrenck und C. Maximo-
wicz (zumal in Beziehung auf den Verlauf der den Strom begleitenden Gebirge).
Meine, beim hydrographischen Departement niedergelegte Manuscriptkarte des Mündungs-
laufes des Amur-Stromes.
Für die Flüsse Bureja und Dseja **) :
Unveröffentlichte Karte Hrn. v. Middendorff's — Erster Versuch einer hydrogr, Karte des
Stanowoi Gebirges und seiner Ausläufer zwischen dem 45 und 62° n. Br,
*) Vergl. OrieTT, ümh. Pvcck. Teorp. 06m. aa 1857 r. p. 113. ff.
•') Die im Laufe der Dseja -Zuflüsse von Hrn. Schwarz u. a. recht zahlreich bestimmten, zumeist Jedoch nur
in sehr unbestimmten Bezeichnungen bekannt gemachten und deshalb Ton Anderen kaum brauchbaren Punkte lassen
voraussehen, dass die Karte des Dseja-Systems in kurzer Zeit eine sehr veränderte Gestall gewinnen wird.
208 Erläuterungen
Für die Flüsse Gorin und Amgunj:
Die obeoerwälmte von der Russisch - Amerikanischen Companie herausgegebene Karte des
Amur-Stromes.
Für die Flüsse Ussuri, Päch'ssa, Dondon, Chongar, Chelass, Jai, Kur, Ssed-
semi, Nummul u. a. :
Manuscript-Mittheilungen der Hrn. Schrenck und Maximowicz.
Für den Tymy-Fluss auf der Insel Sachalin:
Manuscripl-Mitlheüungen Hrn. v. Schrenck's.
Für den nördlichen Theil der Festlandsküste, die Küsten Sachalin's und des nordösl-
lichsten Theiles von Jesso:
Kapxa BocTüSHOÜ nacru CnoHpH no onucn HopyinKa Ko3bMHua, U34au. npii 3anncKax'i>
Fiuporpa*. yXenapraiueuTa. 4. IV. 1846 r. (Karle vom östlichen Theile Sibiriens
nach den Aufnahmen des Lieut. Kosmin, herausgeg. in den Schriften des hydrogr. De-
partements. Bd. IV. 1846.)
MepKaTopcKafl Kapxa cteepHoü no-ioBoubi OxoTCKaro Mopa, cocTaB.«. h3t> pasnuxii JKyp-
Ba.ioBi> H KapxTi npn Fn^porp. ^enapx. bt> 1849 r. a iicnpaB.ieHHafl bt. 1857 r. (Karte
vom nördl. Theile des Ochotskischen Meeres, entworfen nach versch. Journ. und Kar-
ten im hydrogr. Depart. 1849, berichtigt 1857.)
MepKaxopcKaa Kapxa iojkhoü no.ioBHHW OxoxcKaro Mopn, cocxae.i. nax paan. JKypnaj. u
KapxT. npu rn4porp. ^enapx. btj 1852 r. h HcnpaB.i. bt> 1858 r. (Karte vom südlichen
Theile des Ochotskischen Meeres, entworf. nach versch. Journ. und Karten im hydrog.
Depart. 1852, berichtigt 1858.)
MepKaxopcKaa Kapxa Taxapcnaro npo.iuBa ct> ohhch ÄniypcKoü 3Kcne4HuiH h mxyubi Bocxokt.
Bi> 1 853r. (Karte der Meerenge der Tartarei nach den Küstenaufnahmen der Amur-Exped.
und des Schooners Wostok. 1 853.) Herausg. im MopcKoii CöopuHKi.. 1 858. XXXV. .71^ 5.
Kapxa JeAOBHxaro Mopa a Bocxoquaro oKeana, iua. npn rH4porp. ^enapx. bt> 1844 r. h
HcnpaBJ. BT. 1858 r. (Karte des Eismeeres und des Stillen Oceanes, herausgeg. im hy-
drograph. Depart. 1844, berichtigt 1858.)
Für den südlichen Theil der Fesllandsküste :
Kapxa BocToinaro öepera nojyocrpoBa Kopen , cocxan.!. cb onncH npon3Be4eunoii o<j'Hue-
pawu mperaxa na.i.ia4a u H34aH. bt. rH4porp. .^enapx. bt. 1 857 r. (Karte von der Ost-
küste der Halbinsel Korea, entworfen nach den von den Offic. der Fregatte Pallas aus-
geführten Küstenaufnahmen und herausgegeb. im hydrogr. Departem. 1857.)
n.iaHbi nopxoBT. B.ia4HMipa h O.ibrn h Kapxa Kb njaBauiio napo\()4a AMepnKa. 1857.
(Karte der Fahrten des Dampfschifl's Amerika im Jahre 1857, nebst Plänen der Häfen
Wladimir und Olga) herausgeg. im MopcKoii Cßopn. 1858. XXXIV. J\f 3.
Karte: The Kuril Islands frora Nipon to Kamtschatka (The coast from Castries Bay
south ward to Low Cape by Mr. H. Hill Mast., from Low Cape to Hörnet Bay by Mr.
S. W. R. Fr eema n Mast. 1 856). London. Published by the Admirally 1855. Additions 1856.
zur Karte des Amur-Landes. 209
Für den westlichen Theil der Insel Jesso:
Track -Chart of the U. S. North - Pacific Surveying Expedition. John Rodgers U. S . N.
Commanding 1854 — 1856 (by U. S. Steamer John Hancock, Lieut. Commdg. H. R.
Stevens).
Für den übrigen nördlichen Theil der Karte :
Kapta BocTOHHon Cnönpu, cocraBJ. no uoBliiaiHiui CBtÄtniaMi. npn ynpaea. FenepaJibH.
LUraßa BT> BocToqn. CnöupH 1855. (Karte von Ostsibirien, entworfen nach den neuesten
Nachrichten beim General-Stabe in Ostsibirien. 1855.)
Die obenerwähnte unveröffentlichte Karte Hrn. v. Middendorff's vom Stanowoi-Gebirge.
Für den übrigen südlichen Theil der Karte :
Ritters Karte von Asien.
Die Namen der Ortschaften, Flüsse, Gebirge u. s. w. sind durchweg nach den Angaben
der Hrn. Schrenck und Maximowicz eingetragen worden.»
Es bleibt mir nun noch übrig einige erläuternde Worte zu den auf der Karle verzeich-
neten Gränzlinien der Verbreitung einiger Säugethiere im Amur -Lande zu sagen. Die That-
sachen, auf denen sie beruhen, sind im Vorhergehenden ausführlich erörtert worden. Aus
denselben wird man daher ersehen können, in wie weit uns eigene Erfahrungen und mehr
oder weniger zuverlässige Angaben der Eingeborenen des Amur-Landes, oder aber nur Com-
binationen und Vermuthungen, wie sie die Natur des Landes uns an die Hand geben konnte,
den Lauf dieser Linien dictirt haben. Die verschiedene Tragweite dieser Grundlagen ermes-
send, haben wir übrigens dieselben auch in der Ausführung der Linien stets auseinander ge-
halten. Denn nur wo uns eigene Erfahrungen oder bestimmte Angaben von Eingeborenen vor-
lagen, sind die Gränzlinien ausgezogen, im Uebrigen aber punctirt angegeben worden. Ja, wo
das Feld der Combinationen ein zu weites war, da sind die Linien sogar zu öfters ganz abge-
brochen worden, ob auch der Lauf derselben zuverlässig in den Raum der Karte fällt. Dies
ist namentlich auch dann geschehen, wenn wir nicht mehr als an einem Orte einen bestimm-
ten Gränzpunkl der Verbreitung eines Thieres ermitteln konnten, für den übrigen Theil aber
nur unbestimmte Angaben besassen, da uns der Lauf der Linie alsdann noch zu wenig indi-
cirt schien. So ist es gleich bei der ersten der von uns verzeichneten Linien, der Polargränze
von Meles Taxus Schreb., geschehen. Denn ob wir auch Grund haben zu vermuthen, dass
dieselbe im oberen Amur- Lande den mittleren Lauf der Bureja und Dseja schneidet, so
fehlt es uns hier doch an allen direkten Erfahrungen und müssen wir uns daher zunächst mit
dem einen, ziemlich bestimmt ermittelten Gränzpunkte an der Sndküste des Ochotski-
schen Meeres begnügen. Aehnlich verhält es sich auch mit unserer II'«"» Linie , der Aequa-
torialgränze von Gulo borealis Nilss., die wir nach Verbindung zweier Gränzpunkte im
unteren Amur- Lande, des Geong- und Wanda-Gebirges , westlich von letzterem, in Er-
mangelung noch mehrerer, bestimmt ermittelter Gränzpunkte, abbrechen müssen, ob es gleich
wahrscheinlich ist, dass dieselbe, auch im Westen des Amur-Landes der Aequatorialgränze
des Rennlhieres folgend, den oberen Amur in der Gegend der Komar- Mündung wieder er-
Sc hrenck's Amur-Reise Bd. I. Jti
210 Erläuterungen.
reicht. Ebenso brechen wir die Gränzlinie des Vielfrasses auch im Osten vom Geong-Gebirge
mit der Festlandskiiste , wo sie jedenfalls südlich von der Bai Hadshi und von Idi liegt, ab,
ob wir gleich den Vielfrass bis nach der Südspitze Sachalin's vermuthen dürfen. Bedeutend
mehr Punkte liegen uns für die ihr sehr genäherte, auf unserer Karte VII'^ Linie, die Aequa-
torialgräuze von Cervus Tarandus L., vor, da uns hier die Südspitze Sachalin's, das Geong-
und Wanda-Gebirge, der Gebirgsstock Tukuringra (Middendorff) und das Chingan-Ge-
birge zwischen dem Amur- und dem Nonni-Fluss (Pallas) als Gränzpuukte bekannt sind.
Da jedoch letzterer Gebirgszug eine weite Ausdehnung hat und das südlichste Vorkommen des
Rennthieres in demselben nicht ermittelt ist, so können wir unsere Linie an diesem Endpunkte
auch nur andeutungsweise ziehen. Verhältuissmässig gut indicirt und daher leicht einzutragen
war uns die 111'^ Linie unserer Karte, die Polargränze von Canis procyonoides Gray, da wir
die Granzpunkte der Verbreitung dieses Thieres an der Küste und am unteren und oberen Amur
mit ziemlicher Genauigkeit ermitteln konnten. Für die drei folgenden Linien (IV, V u. VI),
die Polargränzen des Wildschweines, des Rehes und des Edelhirsches, gaben uns Midden-
dorff s Forschungen im Norden vom Amur wesentliche Anhaltspunkte, welche es uns gestat-
teten die im unteren Amur-Lande nachgewiesenen Gränzlinien der Verbreitung dieser Thiere
westwärts fortzusetzen. Für das Wildschwein namentlich war uns westlich vom unleren Amur
ein bestimmter Gränzpunkt mit dem Jorach an der Bureja gegeben. Als Polargränze des
Rehes und Edelhirsches aber war uns durch Middendorff im NW. vom Amur der Kamm
des Stanowoi-Gebirges bekannt und Hess sich für die Senkung der Linien von dort zum un-
teren Amur, wo wir die Granzpunkte bestimmen konnten, das sehr seltene Vorkommen des
ersteren noch an den Zuflüssen des Gallam und des letzteren am Inkanj (Middendorff) als
maassgebend annehmen. Nicht für überOiissig hielten wir es endlich auf unserer Karte auch
die Gräiize des weitesten Aufsteigens der Phocu nummularis Schleg. und des Weissfisches
(^Delphinapterus LeucasViiU.) im Amur (Linie VIII), so wie die Aequatorialgränze des letzteren
(Linie IX) zu verzeichnen. Denn ob auch beide Gränzen, die erstere ihrer Natur nach und die
letztere ihrer Lage an der schmalen Meerenge der Tartarei zufolge, auf einen einzelnen Punkt
sich beschränken, so schien es doch wichtig auch auf der Karte auf die verhältuissmässig sehr
südliche Lage, dieser Punkte im Amur-Strome und Limane aufmerksam zu machen. Dagegen
sind auf der Karte alle bisher durch Keine bestimmten Granzpunkte genauer zu fixireuden
Angaben iiber die Verbreitung mancher wahrscheinlich nur der Prairie in der südlichen Bie-
gung des Stromes eigenen, dem gebirgigen unteren Amur-Lande dagegen fehlenden Formen,
wie Erinaceus europaeus, Spermophilus Eversmanni, Siphneus Aspalax u. s. w., weggelassen
worden. Dasselbe ist mit der Verbreitungsgränze der noch viel zu wenig bekannten Antilope
crispa Temm. geschehen, die den Angaben der Eingeborenen zufolge dem Küstengebirge der
Mandshurei von der Amur-Mündung an südwärts folgt. Wird man aber die Unterlassung
voreiliger graphischer Darstellung gut heissen, so haben wir schliesslich auch für die auf
der Karte verzeichneten Verbreitungsgränzen noch eine gütige Nachsicht in Anspruch zu
nehmen, da dieselben ebenfalls mehr punclirte und also nur vermuthungsweise angegebene
zur Karte des Amur-Landes. 21 1
als wirklich ermittelte, ausgezogene Linien enthalten. ^Jöge uns dabei auch der Umstand ent- ,
schuldigen, dass wir durch den Entwurf irgend darstellbarer Linien der Thierverbreitung auf
unserer Karte die Aufmerksamkeit künftiger Reisenden im Amur-Lande unserem Gegen-
stande in einem höheren Grade und auf unmittelbare Weise zuzuwenden hoffen durften.
Ifericliti§;iiiigeii und Ziii^ätze.
Felis Tigris L. Auf S. 95 ist augeführt worden, dass das durch Aussagen der Gilja-
ken von uns erkundete Vorkommen des Tigers an der Südküste des Ochotskischen Meeres
dem von Middendorff in Erfahrung gebrachten Vorkommen desselben an derTyrma unmit-
telbar sich anschliesse und dort vielleicht die Polargränze der Streifzüge des Tigers bezeichne.
Als ich dies niederschrieb, war mir noch keine die Reisen Hrn. v. Middendorff» im Süd-
ositen Sibirien's erläuternde Karte zu Gesichle gekommen. Ich glaubte daher unter der Be-
zeichnung Tyrma denselben Fluss verstehen zu dürfen, den wir auf der neuesten Karte von
Ostsibirien (Kapxa Boctohhoü Cnoapu cocraB-i. no HOBtüranM-b cBt^tuiniuT. npn yupaBj.
Feuep. LUraöa bt> Boctoh. Ch6. 1855 r.) als Torma oder Terma angegeben finden. Gegen-
wärtig hat uns jedoch die von Hrn. v. Middendorff entworfene (unveröflentlichte) Karte vom
Stanowoi-Gebirge und seinen Ausläufern dahin belehrt, das die Tyrma oder Tyrmy ein Ne-
benlluss der Bureja sei. Von einem Anschlüsse der oben erwähnten Fundorte an einander
kann daher nicht mehr die Rede sein. Jenes von uns erkundete Vorkommen des Tigers im
Gebiete der Giljaken an der Siidküste des Ochotskischen Meeres ist somit gegenwärtig der
nordlichste bekannte Punkt seiner Verbreitung im Küstengebiete Ostasiens.
Tamias slriatus L. p. 125. Im selben Jahre (1855), als ich T. strialus im Nikolajew-
schen Posten im Frühjahre zuerst am 13. (25.) April bemerkte, hat Hr. Maximowicz das
erste Wiedererscheinen dieses Thieres im Mariinskischen Posten am 7. (t9.) April, also um
6 Tage früher beobachtet, was mit den klimatischen Dill'erenzen dieser beiden Orte völlig im
Ei u klänge steht.
212
■Erklärung der Tafeln.
Taf. I.
Fig. 1. Meles Taxus Schreb. Var. amurensis, fünfmal verkleinert; nach einem Exemplare aus
dem unteren Amur-Lande nahe der Ussuri-Mündung.
Fig. 2, 3 u. i. Köpfe derselben Varietät von M. Jaa"MS Schreb. in halber Grösse: nach Exem-
plaren vom Gorin und aus der Umgegend des Nikolaj ewschen Postens; nach Farbe und Zeich-
nung den Uebergang zur typischen Form vermittelnd.
Taf. II.
Canis alpinus Pall., acht mal verkleinert; nach einem aus dem Ge eng -Gebirge im unteren
Amur-Lande erhaltenen Felle.
Taf. III.
Fig. 1. Canis procyonoides Gray im Winterkleide, vier mal verkleinert; nach einem durch di_e
Giljaken der Amur- Mündung aus dem unteren Amur- Lande, vermuthlich aus der Gegend der
Ussuri-Mündung erhaltenen Felle.
Fig. 2. Derselbe im Sommerkleide; nach einem im Uorfe Ssoja im unteren Amur- Lande
erhaltenen Felle.
Taf. IV.
Fig. 1. Can. procyonoides Gray Var. amurensis, im Sommerkleide, vier mal verkleinert; nach
einem im Dorfe Emmero im unteren Amur-Lande lebendig erhaltenen Individuum.
Fig, 2. Erinaceus europaeus L. Var. amurensis, in Laiber Grösse; nach einem im Dorfe Guls-
soja nahe der chinesischen Stadt Aigun erhaltenen Felle. Daneben ein einzelner Stachel in dop-
pelter V'ergrösserung.
Taf. V.
Skelett von Can. procyonoides Gray, in halber Grösse, von einem erwachsenen Weibchen
vom oberen Amur bei Ossika, nahe der Bureja-Mündung.
Taf. VI.
Fig. 1. Arvicola [Hypudaeus] amurensis n. sp. in natürlicher Grösse; nach einem im Nikola-
jewschen Posten gefangenen, weiblichen Individuum.
Fig. 2. Kauflächen der Backenzahnreihen von Arv. amurensis- a des Oberkiefers, b des Un-
terkiefers, in siebenfacher Vergrösserung.
Fig. 3. Kauflächen der Backenzahnreihen von Arvicola saxatilis Pall.: a des Oberkiefers, b des
Unterkiefers, in siebenfacher Vergrösserung; nach einem am Amur, nahe dem Bureja-Gebirge ge-
fangenen, weiblichen Individuum.
Fig. 4. Arvicola Maximowiczü n. sp. in natürhcher Grösse; nach einem am oberen Amur
bei der Mündung des Flusses Omutna gefangenen, männlichen Individuum.
Erklärung der Tafeln. 213
Fig. 5. Kauflächen der BackenzaLnreihen von Arv. Maximowiczii- a des Oberkiefer«, b des
Unterkiefers, sieben mal vergrössert.
Taf. VII.
' Fig. 1. Lagomys hyperboreus Fall. Var. normatts i nach Exemplaren aus dem Cholsanischen Ge-
Fig.2. '■ ■ " Vor./errMjiReajbirge in Kamtschatka, in natürlicher Grösse.
Taf. VIII.
Fig. 1. Lag. hyperboreus Fall. Yar. cinereo-flava, in natürlicher Grösse; nach einem Exemplare
von Udskoi Ostrog.
Fig. 2. Lag. hyperboreus Fall. Var. cinereo-fusca, in natürlicher Grösse; nach Exemplaren vom
oberen Amur nahe Ustj-Strelka.
Taf. IX.
Fig. 1. Phoca equestris Fall., Männchen.
Fig. 2. Zeichnung der Bauchseite desselben.
Fig. 3. Ph.equesiris Fall., Weibchen. Beide nach Exemplaren von der Ostküste Kamtschat-
kas an der Mündung des Kamtschatka-Flusses, in neunmaliger Verkleinerung.
BEMERKTE DRUCKFEHLER.
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