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Full text of "Reisen und Forschungen im Amur-Lande in den Jahren 1854-1856"

:^ i 



A 



X-:^ 






D>' L. V. SCIIREItlCK'S 

REISEN UND FORSCHUNGEN 



IM 



AMOR-LANDE. 



BAND I. 

ERSTE LIEFERUNG 

Einleitung'. Säugethiere des Amur-Landes. 



Slit 9 Tafeln und einer Karte. 



Gedruckt auf Verfügung der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften. 

C. Wesselowskt, 

beständiger Secretair. 

5. Januar 1859. 




f 






EI^LEITUIVG. 



Indem ich an die Veröffentlichung der von mir im Auftrage der Kaiserlichen Aka- 
demie der Wissenschaften zu St. Petersburg ausgeführten Reisen und Forschungen im 
Amur-Lande gehe, halte ich mich für verpflichtet, zunächst einige Worte über die nächste Veran- 
lassung derselben zu sagen. Wenn man die unverwandte Aufmerksamkeit in's Auge fasst, mit 
welcher die Akademie seit jeher der Erforschung Sibirien's vorgestanden hat, und in's 
Besondere auch die letzten Unternehmen derselben, die Reisen Hrn. v. Middendorff's in 
den äussersten Norden und Osten Sibirien's in Erwägung zieht, so wird man darin auch die 
unmittelbare Veranlassung erkennen, welche zur Ausrüstung der Amur -Reise führte. Durch 
Hrn. v. Middendorff's Reise nach dem Südosten Sibirien's wurde nämlich unsere Kennt- 
niss des nordöstlichen Asiens bis nach den Südküsten des Ochotskischen Meeres, den 
Schantarischen Inseln, dem S la n o wo i- Gebirge, dem oberen Laufe der nördlichen Amur- 
Zuflüsse, des Amgunj, der Bureja, der Dseja, und sogar bis zum oberen Amur-Strome 
vorgerückt. War damit unter den damaligen politischen Verhältnissen dem Chinesischen 
Reiche gegenüber auch die äusserste Gränze möglicher Forschung im Südosten Sibirien's 
erreicht, so stand man damit doch keineswegs an einer natürlichen Gränze, welche geeignet 
wäre der Erforschung Sibirien's in räumlicher Beziehung, wenn auch nur auf kurze 
Zeit, eine Schranke zu setzen. Man hatte damit vielmehr einen Boden erreicht, von dem man 
unauflialtsam weiter gedrängt werden mussle. Denn wie konnte man nunmehr, da man im 
Westen und Norden bereits an den Quellarmen und Zuflüssen des Amur-Stromes stand, noch 
länger sich damit befriedigen, den Hauptstrom selbst noch unbekannt zu lassen? Wie sollte 
das Amur- Land von wissenschaftlicher Forschung noch länger unbetreten bleiben, da man 
die Mauer, die es von uns trennte, das Stanowoi-Gehirge, bereits überschütten und die Ab- 
zweigungen betreten hatte, die von hier in das Stromsystem des Amur verlaufen? So muss- 
ten also in allgemein geographischer Beziehung, in Rücksicht auf die oro- und hydro- 
graphischen Verhältnisse Sibirien's, die Blicke wissenschaftlicher Forschung nach der Reise 
Hrn. V. Middendorff's unmittelbar auf das Amur-Land sich wenden. Allein nicht bloss in 
geographischer Beziehung, auch in Hinsicht auf die Pflanzen- und Thierwelt und die ethno- 
graphischen Verhältnisse Sibirien's hat uns die Reise Hrn. v. Middendorff's die Brücke 
?um Amur-Lande geschlagen. Denn indem sie die Verbreitung theils früher bekannter, theils 

Sohrenck's Amur-Reise Bd. I. 1 



II Einleitung. 

neu entdeckter sibirischer Pflanzen- und Thierarten bis an die äussersten Gränzen Südost- 
sibiriens, ja zum Theil bis in das Aiuur-Land hinein verfolgte, öffnete sie uns den ersten 
Blick in die Flor und Fauna dieses noch unbekannten Landes und machte es für die fort- 
schreitende Kenntniss Sibirien's und des nordöstlichen Asien's überhaupt zur dringenden 
Aufgabe, die bis dahin aufgedeckten Fäden nunmehr im Amur-Lande weiter zu verfolgen. 
Zugleich wies sie uns auch die Verbreitung sibirischer Völkerfamilien, der Tungusen und 
Giljaken, bis in das Amur-Land nach, auch hier die Aufgabe erweckend, im Amur- Lande 
ihrem physischen und geistigen Leben und ihrer geographischen Verbreitung weiter nachzu- 
forschen. So musste also nach der Reise Hrn. v. Middendorff s das Amur-Land in geogra- 
phischer, naturhistorischer und ethnographischer Beziehung als das nächste und noth wen- 
digste Glied zur weiteren Kenntniss Sibirien's, des natürlichen Bodens fortlaufender und un- 
ausgesetzter Forschung russischer Reisenden und Gelehrten, erscheinen. Neben dem Interesse 
aber, das das Amur -Land der Akademie in dieser, ich möchte sagen national-wissenschaft- 
licher Beziehung, als Boden unmittelbarer Anknüpfung an die von ihr seit Gmelin, Pallas 
u. a. glänzend begonnenen und bis zu unserer Zeit fortgeführten Arbeiten bot, musste es auch 
in allgemein wissenschaftlicher Beziehung die Forschung in hohem Grade herausfordern. 
Denn es konnte nicht fehlen, dass das Amur-Land, bei seiner bedeutenden Ausdehnung, 
seiner voraussichtlich mannigfaltigen Bodengestaltung, seiner reichen hydrographischen Aus- 
stattung und seiner südlicheren Lage im Vergleiche mit Sibirien, auch einen bedeutenden 
Reichthum in seiner Pflanzen- und Thierwelt besass. Mit Recht konnte man hoffen, dort nicht 
bloss die Fortsetzung und gewissermassen das Ausgehende der pflanzen- und thiergeographi- 
schen Verhältnisse Sibirien's, sondern daneben auch neue, eigenthümliche Pflanzen- und 
Thierarten zu finden, die zugleich einen Uebergang zur Flor und Fauna der südlicher gelege- 
nen, immer noch ungenügend bekannten Länder Ostasiens, wir meinen China'» und Ja- 
pan's, bilden dürften. 

Abgesehen aber vom wissenschaftlichen Gewinne, musste die Erforschung des Amur- 
Landes auch von einem praktischen, auf die Culturverhältnisse Sibirien's gerichteten Ge- 
sichtspunkte für Russlaud von besonderem Interesse sein. Es bedarf nur eines flüchtigen Blickes 
auf die Karte, um zu erkennen, wie viel wichtige culturgeographische Elemente das reich 
ausgestattete Amur-Land dem angränzenden Sibirien, mit dem es schon vor zwei Jahrhun- 
derten in politischem Verbände stand, entgegen trägt. Man denke nur an den mächtigen 
Strom, der, aus dem Innern Sibirien's nach deraStillen Ocean führend, zu einer leichten und 
wichtigen commerciellen Verkehrsader für Sii)irien werden konnte, an die in südlicheren 
Breiten als irgendwo sonst in Sibirien gelegenen, den Häfen Chinas und Japan's genäher- 
ten Meeresküsten, an die mit milderem Klima begabten, fruchtbaren Landschaften, die den 
mittleren Lauf des Amur-Stromes und seiner grossen südlichen Zufliisse begleiten, u. dgl. m. 
Gewiss lag es daher nahe, die vielversprechenden culturgeographischen Elemente, mit denen 
das Amur-Land ausgestattet zu sein schien, zur richtigeren Würdigung derselben, auch einer 
vorurtheilsfreien, wissenschaftlichen Prüfung zu unterwerfen. 



Entstehung der Reise. in 

So durfte man sich also in doppeller, wissenschaftlicher und praktischer Beziehung von 
der Erforschung des Amur-Landes einen reichen Gewinn versprechen. Ei konnte daher nicht 
fehlen, dass die Akademie, den hervorgehobenen mannigfachen Interessen Rechnung tragend, 
die erste sich darbietende Gelegenheit ergriff, um die bereits bis an die Gränzen des Amur- 
Landes fortgeschrittene Forschung auch in dieses Land hineinzutragen. Diese Gelegenheit bot 
sich im Jahre 1853 dar, als durch die hohe, allen wissenschaftlichen Unternehmungen frei- 
gebig zugewandte Gunst Sr. Kaiserlichen Hoheit des Grossfiirsten Konstantin an die 
Akademie die Aufforderung erging, den nach der Mündung des Amur-Stromes abzusendenden 
Schiffen eine aus ihren Mitgliedern zusammengesetzte, vom Etat der Marine besonders zu un- 
terstützende wissenschaftliche Expedition anzuschliessen. Dieser huldreiche Antra» Sr. Kai- 
serlichen Hoheit war es, der die wissenschaftliche Expedition nach dem Amur-Lande ins 
Leben rief. Denn nunmehr war der Akademie die Möglichkeit eröffnet, wissenschaftliche Rei- 
sende nach dem noch unbetretenen, aller Forschung bisher verschlossenen Amur -Lande ge- 
langen zu lassen, und zwar auf einem Wege, der um so sichereren Erfolg versprechen musste, 
als er nicht bloss zum bequemen Trausporte aller von einer wissenschaftlichen Expedition un- 
zertrennlichen Gegenstände geeignet war, sondern zugleich auch die Gelegenheit bot, wäh- 
rend der langen Dauer der Hinreise eine Reihe interessanter naturhistorischer Beobachtungen 
zur See auszuführen. Gehäufte wissenschaftliche Beschäftigungen in ihrem Amte machten es 
jedoch den betreffenden Mitgliedern der Akademie nicht möglich, persönlich an einem Reise- 
uuternehmen sich zu betheiligen, welches voraussichtlich mehrere Jahre lang dauern musste. 
Diesem Umstände ist es zuzuschreiben, dass, statt der in ähnlichen Unternehmen bereits be- 
währten Männer der Akademie, mir, einem Anfänger in der Wissenschaft, die Ehre zu Theil 
ward, von der Akademie zur Ausführung dieser Reise erwählt zu werden. Die Dauer dersel- 
ben vorläuüg auf 3 Jahre veranschlagend, ermöglichte die Akademie, dass zur Ausführung 
derselben eine Summe von 10,800 R. S. aus den Ersparnissen der Einnahmen der Aka- 
demie verwendet werden konnte, wozu später, nach Ablauf der 3 Jahre, zur Reise den 
Amur aufwärts und der Rückreise durch Sibirien noch eine Summe von 3500 R. S. aus der- 
selben Quelle hinzugefügt wurde. Den vielfachen wissenschaftlichen Beschäftigungen, die dem 
Reisenden auf verschiedenen Gebieten und vornehmlich auf demjenigen zoologischer Forschun- 
gen zur Aufgabe gestellt waren, Rechnung tragend, gesellte mir zugleich die Akademie zwei 
Begleiter, einen Zeichner, in der Person desHrn. Poliwanoff's, und einen im Abbalgen und 
anderweitigem Zubereiten naturhislorischer Gegenstände kundigen Präparanten bei. 

So trat die Reise in's Leben, von der ich gegenwärtig zu berichten habe. Bei dem oben 
molivirten Gange derselben, der Hinreise zur See, und zwar um die Südspitze Amerika's 
herum, und der Rückkehr zu Lande, durch das Amur-Land und Sibirien, gestaltete sie sich 
zu einer Reise um die Erde. Wenn ich daher gegenwärtig, bei ausführlicher Beschreibung 
dieser Reise, bloss des einen Theiles derselben und zwar, wie es die Aufschrift dieses Wer- 
kes besagt, bloss des letzteren Theiles, der Reisen im Auuir-Lande zu gedenken beabsichtige, 
so dürfte man darin füglich eine Unterlassung erblicken, von der ich Rechenschaft zu geben 



IV Einlet'ding 

schuldig bin. Dass der erste Theil meiner Reisen, die Reise zur See, über den Atlantischen 
und Stillen Ocean bis nach Kamtschatka und zur Mündung des Amur- Stromes, hier zu- 
nächst keine Beachtung finden soll, hat seinen Grund nicht etwa darin, dass diese Reise, theil- 
weise schon von Vielen gemacht, keine der wissenschaftlichen Bearbeitung werthe Materia- 
lien mitgebracht hätte. Wäre das der Fall, dann könnte sie ja grade mit einem kurzen Ab- 
risse, als blosse Hinreise zum Amur- Lande, auch hier schon abgemacht werden. Der Grund 
dieser Unterlassung liegt vielmehr in dem direkt entgegengesetzten Umstände : weil nämlich 
die Seereise nicht als blosse Hinreise zum Amur -Lande betrachtet wurde, sondern eine be- 
sondere Aufgabe in physikalischen und zoologischen Beobachtungen erhielt, hat sie auch ein 
Material mitgebracht, das einer besonderen wissenschaftlichen Bearbeitung bedarf und daher 
füglich von den Reisen und Forschungen im Amur -Lande getrennt und in einem separaten 
Werke niedergelegt werden soll. Lag aber somit ein genügender Grund zur getrennten Bear- 
beitung beider Reisen vor, so konnte es ferner keinem Zweifel unterworfen bleiben, dass der 
Vorrang dabei jedenfalls den, wenn auch der Zeit nach späteren. Reisen im Amur-Lande 
gebührte. Denn wie interessant und vielfach neu das Material auch sein mag, welches das 
weite und vielseitige Feld oceanischer Erscheinungen dem wissenschaftlichen, auf einem be- 
stimmten, speciellen Gebiete forschenden Reisenden zuführt, so ist doch nicht zu vergessen, 
dass in unserem Falle die Seereise immer nur eine zweite, untergeordnete Rolle spielte: die 
Hauptveranlassung zu derselben gab die Erforschung des Amur -Landes, zu der sie füh- 
ren sollte und die den Hauptzweck der gesammten Reise bildete. Diesem vor Allem beab- 
sichtigten Zwecke der Reise ist auch bei Weitem die meiste Zeit gewidmet worden, indem 
von den 3.V Jahren der gesammten Dauer meiner Reisen nahe 2i Jahre auf das Amur-Land 
fallen und nur ein Jahr in See verbracht worden ist. Aus diesem Grunde und weil die Reisen 
im Amur-Lande ein von wissenschaftlicher Forschung noch ganz unberührtes Gebiet umfass- 
ten, konnten sie auch ein viel reichhaltigeres und vielseitigeres Material als die Seereisen zu- 
sammenbringen, welches somit auch ein grösseres Anrecht auf unverzügliche Bearbeitung 
hat. So musste also ohne Zweifel mit der Veröffentlichung der auf das Amur-Land bezüg- 
lichen Materialien begonnen werden. 

Was nun im Speciellen die mit dem vorliegenden Bande begonnene Bearbeitung der 
Amur-Materialien betrifft, so ist als Grundsatz befolgt worden, das sachlich Zusammengehörige 
auch stets zusammenzustellen, wie auch der historische Faden der Aufdeckung aller hingehö- 
rigen Einzelthatsachen gewesen sein mag. Alles auf ein einzelnes Gebiet, z. B. auf die Zoolo- 
gie, die Klimatologie, die Ethnographie des Landes u. s. w., bezügliche, sei es an mitge- 
brachten Sammlungen, oder an den in Tagebüchern zerstreut niedergelegten Beobachtungen 
und Nachrichten vorhandene Material ist daher einzeln zusammengestellt und einer besonde- 
ren wissenschaftlichen Bearbeitung theils vom Reisenden selbst und theils — wo es sich um 
ein ihm minder bekanntes oder gar fremdes Gebiet handelte — von respecliven Fachgelehrten, 
bekannten Männern der Wissenschaft, die dazu ihre hülfreiche Hand reichen wollten, unter- 
worfen worden. Auf diese Weise allein durfte man hoffen, aus den mitgebrachten Materialien 



Bearbeitung der Materialien. y 

in jedem Einzelgebiete und in der Gesamnitlieit einerseits einen wirklich wissenschaftlichen 
Gewinn zu ziehen, und andererseits dem Leser auch ein abgerundeteres, geordneteres und 
gegenständlicheres Bild von dem in Rede stehenden Lande vorführen zu können. Blicken wir 
nun auf die einzelnen Gebiete zurück, auf denen während unseres Aufenthaltes und unserer 
Reisen im Amur- Lande gearbeitet worden ist, so können wir auch schon vorläufig bezeich- 
nen, in welcher Weise das gesammte Material unserer Reisen und Forschungen im Amur- 
Lande in dem vorliegenden Werke sich zusammenstellen lassen wird. Es ist nämlich unsere Absicht 
sämmtliche Resultate unserer Reisen und Forschungen im Amur-Lande in vier Bände zu ver- 
theilen: davon sollen die beiden ersten alle auf die Fauna des Amur-Landes in ihren Einzei- 
theilen bezüglichen Nachrichten enthalten ; der 3'^ Band soll ethnographisch -linguistischen 
Inhalts sein und der 4'" endlich die meteorologischen und geoguostischen Beobachtungen, so- 
wie einen ausführlichen historischen Bericht über die im Amur -Lande von mir ausgeführten 
Reisen nebst geographischen Bemerkungen über dieses Land aufnehmen. 

In diesem vorläufigen Inhaltsverzeichnisse unseres Reisewerks wird man auf den ersten 
Blick auffallend finden, dass der Flora des Amur -Landes gar keine Erwähnung geschehen 
soll. Zur Erläuterung muss ich anführen, dass gleichzeitig mit mir auch ein Reisender des 
Kaiserlichen bolauischeu Gartens, Hr. Maximowicz, das Amur-Land, mit der speciellen 
Aufgabe botanischer Forschungen in demselben, bereist hat. So oft wir daher gemeinsame 
Reisen ausführten , hielten wir es für zweckmässig und die Sache der Wissenschaft fördernd, 
wenn ein Jeder von uns dem speciellen Theile seiner Forschungen mit allen Kräften oblag. 
Wenn ich dagegen allein reiste und zumal solche Gegenden des Amur-Landes betrat, die von 
Hrn. Maximowicz nicht besucht worden sind, habe ich stets auch der Flor des Landes so 
viel möglich meine Aufmerksamkeit geschenkt. Natürlich konnte ich aber dabei nur bezwecken 
nicht sowohl ein selbstsländiges Material zur Flor des Amur-Landes zusammenzubringen, als 
vielmehr manche Ergänzungen zu dem von Hrn. Maximowicz gesammelten botanischen Ma- 
teriale zu liefern. Dem gemäss sind denn auch meine botanischen Sammlungen von Hrn. Ma- 
ximowicz bei Bearbeitung seiner Flora des Amur -Landes, welche gegenwärtig der Veröf- 
fentlichung durch den Druck in den Memoiren der Akademie entgegensieht, mit in Betracht 
gezogen worden. 

Einen anderen auffallenden Punkt in dem oben angegebenen Programme dieses Reise- 
werkes dürfte man darin finden, dass es mit einem speciellen Theile der Forschungen, den 
auf die Fauna des Amur-Landes bezüglichen Nachrichten beginnen soll, und den historischen 
Bericht über den Hergang der Reise mit den geographischen Bemerkungen über das Amur- 
Land, die uns in die Natur desselben einzuführen und uns einen allgemfeinen Ueberblick 
über dasselbe zu geben im Stande wären, an den Schluss de:^ ganzen Werkes setzt. Um 
diesem zum Theil gerechten Vorwurfe zu begegnen, muss ich aber bemerken, dass es bei 
einer Reise durch ein noch ganz unbekanntes, an unerwarteten und selbst neuen Pflanzen und 
Thierarten reiches Land für den historischen Bericht der Reise und die geographischen Be- 
merkungen über das Land, wenn sie einen allgemeinen Einblick in die Natur desselben geben 



VI 



Einleitung. 



sollen, gewiss wiinschenswerth und sogar nothwendig sein musste, sich erst in den Besitz der 
systematischen Kennlniss der Gesteine, Pflanzen und Thierarten dieses Landes zu setzen. Um 
das zu erreichen konnte also nicht anders als mit der Bearbeitung der in den einzelnen Ge- 
bieten gesammelten Materialien begonnen werden. Zu dem bildeten die zoologischen Forschun- 
gen, wie es schon die von der Akademie getrofl'ene Wahl des Reisenden beweist, den vor- 
nehmlichsten Zweck der Reise. Billig also, dass ihnen auch der erste Platz bei Veröffentlichung 
der Resultate der Reise eingeräumt werde. Dennoch müssen wir es als gerechte Anforderung 
an ein Reisewerk bezeichnen, dass es dem Leser, bevor er in ein Gebiet specieller Forschun- 
gen eingeführt werde, einen allgemeinen Ueberblick über die Reise selbst gebe, der ihn 
in den Stand setze, über die Mittel, die dem Reisenden zu Gebote standen, über den Gang 
und Umfang der Reise und somit auch den Kreis der durch Autopsie gewonnenen Erfahrun- 
gen des Reisenden, über die allgemeine Beschaffenheit des Landes und die davon abhängige, 
leichtere oder schwerere Möglichkeit der Forschung u. s. w. selbst sich ein Urtheil zu bilden. 
Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, balle ich es daher am Orte hier einen vorläu- 
figen kurzen Abriss von dem Gange meiner Reisen im Amur -Lande folgen zu lassen, den 
einige, ebenfalls vorläulige, allgemeinere Bemerkungen über die orographische Beschaffen- 
heit und das Ivlima des Amur-Landes begleiten sollen. 

Sogleich nach meiner Ernennung zum Reisenden der Akademie, im Juli 1853, beeilte 
ich mich die vielfachen Vorbereitungen zu treffen, welche eine mehrjährige wissenschaftliche 
Reise zur See und zu Lande erforderlich macht. Im Anfange Augusts begab ich mich mit mei- 
nen Begleitern nach Kronstadt, und am 21. Aug. (2. Sept.) lichtete die vom Capit. Isylmetjeff 
befehligte Fregatte Aurora, an deren Bord wir. Dank huldreicher Verfügung des Gross-Admirals 
der Russischen Marine, Sr. Kaiserlichen Hoheit des Grossfürsten Konstantin, aufgenommen 
wurden, die Anker. Wie oben erörtert, liegt es nicht in meiner Absiebt in dem vorliegenden, den 
Forschungen im Amur-Lande gewidmeten Werke über meine Reise zur See und deren Erfolge 
zu handeln. Es darf hier daher auch nur ganz kurz des Ganges derselben, als der Hinreise zum 
A mur-Lande, erwähnt werden *). Nach einer Reise von neun Tagen, während welcher wir das 
Unglück hatten auf einem nahe der schwedischen Küste vor dem Städtchen Troelleborg gele- 
genen, auf den russischen Karten noch nicht verzeichneten Riffe zwei mal 24 Stunden zuzu- 
bringen, gelangten wir nach Kopenhagen. Hier wurde eine Rast von 4 Tagen gemacht und 
am 3. (15.) Sept. wieder aufgebrochen. Die häufigen Stürme, die sich zur Zeit der Herbst- 
aequinoctien im Kattegat und Skagerrak ereignen und an denen das Jahr 1853 besonders 
reich war, machten unsere Fahrt durch diese engen und klippenreichen Gewässer zu einer 
sehr beschwerlichen und gefahrvollen. Am 16. (28.) Sept., nach Tags zuvor überstandenem, 
äusserst heftigem Sturme, der uns viele Stunden angesichts der jiilläudiscben Küste in Lebens- 



*) Ausfulirlichere Angaben über den Gang unserer Seereise und meine wissenscbaftlichon Beschäftigungen wäh- 
rend derselben findet man vorläuOs in meinen wälirend der Reise geschriebenen Borichlen an den beständigen Secre- 
tair der Akademie. S. Bullet, de la c|asse physico-mathera. de lAcad. des Sc. de Sl.-Pet. T, XII. p. 361. T. XIH, p. 90 
u. T. XIV. p. 40. Desgl. Melanges pbyaiques et cttiniiques. T. 11, p. S2, 119 u. 346. 



Gang der Reise. tu 

gefahr gehalten hatte, sahen wir uns genölhigt, in Folge einiger Beschädigungen, die das 
Schiff im Sturme erlitten hatte, in den Hafen von Christiansand einzulaufen. Erst nach 12 
Tagen, die mir zur flüchtigen Bekanntschaft mit der Natur des südlichen Norwegen's gedient 
hatten, ward es uns möglich unsere Beise fortzusetzen, die nunmehr, von keinem ferneren Un- 
fall begleitet, am 3. (15.)October uns auf die Behde von Spithead brachte. Die auf dem Biffe 
erlittenen Beschädigungen am Schiffe machten es nothwendig die Fregatte in Portsmouth einer 
gründlichen Ausbesserung im trockenen Dock zu unterwerfen, was uns einen Aufenthalt von 
7 Wochen in England verursachte, eine Zeit, die ich zumeist in London unter vorbereitenden 
Beschäftigungen im British Museum und ferneren Ausrüstungen zur Beise zubrachte. Am 25. 
Nov. (7. Dec.) verliess unsere Fregatte, zur weiten oceanischen Beise gerüstet, die Behde von 
Spithead und eilte dem Atlantischen Oceane zu. Dort wurde der gewöhnliche, direkteste 
Cours nach Bio de Janeiro eingeschlagen, welcher uns östlich von den Azoren und west- 
lich von den Canarischen und Cap-Verdisehen Inseln rasch nach Süden führte. Am 30. Dec. 
(11. Jan.) kreuzten wir den Aequator und am 15. (27.) Jan., dem 52^'6n Jage nachdem wir 
Portsmouth verlassen hatten, liefen wir in die Bai von Bio de Janeiro ein. Den Aufenthalt 
von 15 Tagen in einer tropischen Natur nach 3Iöglichkeit nutzend, brachte ich die Zeit zu- 
meist auf naturhistorischen Excursionen in die prächtige Umgegend Bio de Janeiro's zu. Der 
31. Jan. (12. Febr.) sah uns wieder in See. Wir eilten das stürmische Meer am Cap Hörn 
noch vor Eintritt einer winterlichen Jahreszeit zu erreichen. Wechselnde Winde und heftige 
Stirme in den Breiten der Falklands -Inseln hielten uns jedoch lange zurück und gestat- 
teten uns erst am 5. (17.) März im 59° s. Br. den Meridian von Cap Hörn zu kreuzen und 
somit in den Stillen Ocean einzutreten. Neunzehn Tage später hatten wir die Insel Juan 
Fernandez, in der Breite von Valparaiso, in Sicht, steuerten aber, die günstigen Winde 
benutzend, noch weiter nordwärts und liefen am 3. (15.) April in die Behde von Callao ein. 
Hier durfte jedoch unser Aufenthalt, so nothwendig er uns nach einer Beise von 63 Tagen 
auch war, nur ein ganz kurzer sein, da die politischen Zerwürfnisse Europa's inzwischen 
eine Kriegserklärung zwischen Bussland und den verbündeten Mächten von Frankreich und 
England herbeigeführt hatten, auf der Behde von Callao aber vier feindliche Fregatten vor 
Anker lagen, die nur der Ankunft officieller Nachrichten aus Europa harrten, um den Angriff 
auf unsere Fregatte zu beginnen. Zudem herrschte in Callao und mehr noch in dem nahe 
gelegenen Lima das gelbe Fieber, welches, zum ersten Mal epidemisch an diesen Küsten auf- 
tretend, unserer Mannschaft den Besuch des Landes unrathsam machte. In dem kurzen Zeit- 
räume von 10 Tagen, einer Zeit, die ich in Lima mit Bereicherung meiner Sammlungen und 
kleinen Ausflügen in die Umgegend zubrachte, wurden die nöthigen Vorrälhe zur Weiterreise 
eingenommen und am 14. (26.) April lichlelen wir von Neuem die Anker. Die erwähnten 
politischen Ereignisse machten es nothwendig den Cours direkt nach dem Amur-Lande zu 
nehmen und keine der Inselgruppen des Stillen Oceanes zu besuchen. Unter Begünstigung 
der Passate hatten wir nach Verlauf von etwa 7 Wochen fast die ganze Breite des Stillen 
Oceanes hinter uns und näherten uns nun dem Meere der südlichen Kurilen. Dort empfin- 



viii Einleitung. 

geu uns aber beständig contraire W. -Winde, die unseren Lauf hemmten, und ein kaltes, un- 
ausgesetztes Regen- und Nebelwetter, das, rasch auf die Hitze der Tropen folgend, den Ge- 
sundheitszustand unserer Mannschaft in kurzer Zeit schwächte und sehr zahlreiche Erkran- 
kungen hervorrief. Unter solchen Umständen musste es rathsam erscheinen, den bis dahin ein- 
gehaltenen Cours aufzugeben und statt zum Amur -Lande nach dem Peterpaulshafen in 
Kamtschatka zu steuern. Dennoch hallen wir noch eine lange und beschwerliche Fahrt zu 
bestehen, bis wir endlich am 1 8. (30.) Juni, nach einer Reise von 66 Tagen, in die Bai Awatscha 
in Kamtschatka einliefen. Der geschwächte Gesundheitszustand unserer Mannschaft machte 
hier einen längeren Aufenthalt nothwendig. Auf Verfügung des damaligen Gouverneurs von 
Kamtschatka, Hrn. Contre-Admiral Sawoiko's, erhielt daher die im Peterpaulshafen vor 
Anker liegende Corvette Olivuzza (Capil. NasimolT) den Befehl, an Stelle der Fregatte Au- 
rora nach den Küsten des Amur -Landes sich zu begeben. Ich erwirkte mir, um an den Ort 
meiner Bestimmung zu gelangen, die Erjaubniss mit meinen Begleitern an Bord der Corvette 
aufgenommen zu werden. Schon am 27. Juni (9. Juli) lichteten wir wiederum die Anker; 
doch hielten uns contraire Winde und Windstilleu noch 5 Tage in der geräumigen Bai Awa- 
tscha zurück, und erst am 3. (15.) Juli ward es uns möglich dieselbe zu verlassen. Sobald 
wir jedoch die Küsten von Kamtsciiatka hinler uns hatten, traten wiederum anhaltende con- 
traire W.- und SW.-Winde und Windstillen unter beständigem Regen- und IVebelwetter ein. 
Wir waren daher genötliigt uns in östlicheren Längen den südlichen Kurilen zuzuwenden. 
Am 16. (28.) Juli Abends mussten wir uns endlich am Eingange in die Strasse derBoussole 
befinden, ohne jedoch bei dem dichten Nebel aucli nur eine Spur vom Lande sehen zu kön- 
nen und mehr als die Schiffsrechnung für uns zu haben, da unter den beständigen Nebeln seit 
unserer Abreise von Kamtschatka keine einzige astronomische Ortsbestimmung möglich 
gewesen war. Jetzt brach eine stockfinstere Nacht an, und während eine todte Windstille je- 
des Wenden des Schiffes erfolglos machte, trieb uns eine überaus starke Strömung in der 
Richtung nach West fort. Diese Erscheinung, so wie der brandungsähnliche Lärm der sich 
durchkreuzenden Strömungen belehrten uns, dass wir uns in der That in der Strasse der 
Boussole, zwischen den felsigen Inseln Urup und Ssimuschir befanden. Am folgenden 
Morgen sahen wir uns im Ochotskischen Meere, ob wir gleich bei dem fortdauernden Nebel 
auch jetzt keine Spur von der nunmehr hinter uns liegenden Kette der Kurilischen Inseln 
gewahren konnten. Und von diesem Momente, dem Eintritte in das Ochotskische Meer an, durfte 
ich mich bereits als an dem Schauplatz der mir bevorstehenden Forschungen angelangt ansehen; 
denn mildem Ochotskischen Meere halle ich zum Theil das Mündungsmeer des Amur-Stromes 
und das Küslenmeer Sachalin's erreicht, das Meer, dessen Fauna in ihren an den Küsten des 
Amur-Landes vorkommenden oder gar in die Flüsse aufsteigenden Formen, dessen klimatische 
Einflüsse, dessen cuiturgeographische Bedeutung u. s. w. bei der Erforschung des Amur-Landes 
ein nolhwendiges Glied abgeben mussten. Auch liegen die von nun an zur See von mir besuchten 
Küslenorte schon in dem Bereiche des Amur-Landes. Ich glaube daher auch den vorläufigen histo- 
rischen Abriss meiner Reisen von nun an etatas ausführlicher als bis dahin fassen zu müssen. 



//- 



■tk.^ 



Gang der Reise. ix 

Unter wechselnden Winden und Windstillen langsam vorwärts rückend , erblickten wir 
am 20. Juli (1. August) Morgens die Südostspilze der Insel Sachalin, das Cap Aniwa, und 
gingen zwei Tage später in der Bai Aniwa vor Anker. Wider Erwarten fanden wir hier den 
im Jahre vorher angelegten Posten der russisch -amerikanischen Compagnie aufgehoben und 
die K sie wieder im ausschliesslichen Besitze der Japanesen. Diese emplingen uns zwar sehr 
freundlich und mit dem bei ihnen üblichen Ceremoniell, baten uns jedoch ihre Ansiedelungen 
nicht zu betreten, was ihnen auch gewährt wurde. Meine ursprüngliche Absicht, die Insel 
Sachalin von der Bai Aniwa aus zu bereisen, musste ich daher aufgeben und mich auf die 
Hoffnung vertrösten, die Insel später von der Mündung des Amur -Stromes aus besuchen zu 
können. Nach einem Aufenthalte von mehreren Stunden am Lande gingen wir wieder unter 
Segel und umschifften in derselben Nacht die Südwestspitze der Insel Sachalin , das Cap 
Crillon, in der Strasse La Perouse. Am folgenden Morgen befanden wir uns im Ange- 
sichte der Insel Monneron, in der Meerenge (dem ehemaligen vermeintlichen Golfe) der Tar- 
tarei. Das heitere Wetter und die ungewöhnliche, nebelfreie Luft gestatteten uns, nordwärts 
steuernd, fast ununterbrochen beide Küsten der Meerenge, diejenige der Insel Sachalin und 
des Festlandes, am Horizonte zu verfolgen. Am 25. Juli (6. Aug.) näherten wir uns dem Cap 
Putjatin an der Küste der Mandshurei und liefen in die gleich nordwärts von demselben 
im 49° n. Br. gelegene, sehr geräumige und tiefe Bai Iladshi ein, die von ihren ersten rus- 
sischen Entdeckern, im Jahre 1852, den Namen Kaiserhafen erhalten hat, von den Engländern 
aber 4 Jahre später Barracuta-Bai genannt worden ist. Auch doi*t fanden wir den im Jahre 
vorher gegründeten russischen Posten bis auf eine Besatzung von 1 1 Mann Kosaken verlassen. 
Drei Tage verblieben wir in der Bai Hadshi, während welcher Zeit ich an diesen noch völ- 
lig unbekannten Küsten möglichst viel Pilanzen und Thiere zu sammeln bemüht war, auch 
den hier einmündenden Fluss Hadshi eine Strecke aufwärts befuhr und die erste Bekannt- 
schaft mit den dortigen Eingeborenen, den Orotschen, einem Volke von tungusischem 
Stamme, machte. Fast ununterbrochene Nebel begleiteten uns von hier bis zu der an derselben 
Küste ungefähr zwei Breitengrade nördlicher gelegenen Bai deCastries, indie wiram 30. Juli 
(11. Aug.) einliefen. Wenige Stunden nach uns traf auch der Dampfschooner Wostok (Capit. 
Rimskij-Korssakoff),der von der Braunkohlenbai von Sachalin kam, in der Bai deCastries 
ein, und da die Corvette zunächst nicht weiter gehen sollte, der Schooner aber nach der Mündung 
des Amur-Stromes bestimmt war, so begab ich mich mit meinen Begleitern und sämnitlichen 
Reiseeffecten an Bord desselben. Am 1. (13.) Aug. lichteten wir Anker und steuerten längs der 
Festlandsküste nordwärts zumCapLasareff, das am nördlichen, sehr schmalen Ende der Meer- 
enge der Tartarei, am Eingange in den Amur-Liman liegt. Dort fanden wir die Fregatten 
Pallas und Diana vor Anker liegen, auf welcher letzteren der Reisende des botanischen Gar- 
tens, Hr.Maximowicz, sich befand, der nunmehr mein Reisegefährte auf dem Schooner Wo- 
stok nach der Mündung des Amur -Stromes wurde. So gering hier die Entfernung auch ist, 
so dauerte unsere Fahrt durch den Amur-Liman doch mehrere Tage. Denn unser Schooner, 
mit dem sehr unregelmässigen Fahrwasser des Amur-Limanes noch völlig unbekannt, gerieth 

Schreock's Amur-Reise Bd. 1. U 



X Einleüiing. 

iü wieJerholten Malen auf Sandbänke, von denen es nicht immer leicht war in kurzer Zeit 
wieder loszukommen. Das gab uns Gelegenheit die Festlandsküste des Amur-Limanes und die 
anlieirenden kleinen Inseln zu wiederholten Malen und an vielen Punkten zu besuchen, um die 
geognostische Beschaflfenheit- der Ufer und ihre Flor und Fauna zu studiren und die erste Be- 
kanntschaft mit den dortigen Eingeborenen, den Giljaken, zu machen. Am 6. (18.) August 
liefen wir endlich in die Mündung des Amur -Stromes ein, und am folgenden Tage warfen 
wir vor dem etwa 30 Werst von der Mündung des Stromes entfernten, am linken Ufer des- 
selben gelegenen Nikolajewschen Posten *) Anker. Damit war nun der Ort unserer Bestim- 
mung erreicht und die Seereise beschlossen, die, von unserer Abreise von St. Petersburg an 
gerechnet, genau ein Jahr gedauert hatte. 

Wir verliessen am selben Tage das Schiff und bezogen ein Zelt am Ufer des Stromes. 
Die für meine Zwecke äusserst günstige Lage des Nikolajewschen Postens an der Mündung 
des Amur-Stromes, der Hauptverkehrsader im Amur-Lande, und zugleich in der Nähe der 
Insel Sachalin und der Küsten des Ochotskischen und Tartarischen Meeres bewog mich 
diesen Ort zum Mittelpunkte meiner Forschungen und zum Ausgangspunkte aller ferneren 
Reisen im Atnur-Lande zu wählen. In diesem Jahre unternahm ich jedoch, der bereits vorge- 
rückten Jahreszeit wegen, keine grössere Reise mehr, sondern begnügte mich mit häuügen 
Ausflügen in die Umgegend des Nikolajewschen Postens, welche den Zweck hatten, die 
erste Grundlage zu naturhistofischen Sammlungen im Amur-Lande zu legen. Nach Mög- 
lichkeit suchte ich mich dabei auf grösseren Streifzügen von einem Giljaken begleiten zu 
lassen, um zugleich durch Verkehr mit diesen Eingeborenen der Amur-Mündung zur Kennt- 
niss ihrer Sprache zu gelangen, die mir sowohl zu ethnograpischen Forschungen, als auch zur 
Einziehung naturhistorischer Nachrichten über das Amur -Land unumgänglich nothwendig 
war. Sobald als möglich wurden auch regelmässige meteorologische Beobachtungen im 
Nikolajewschen Posten eingeleitet, welche acht mal täglich den Stand des Barometers, 
des Thermometers, die Richtung des Windes und den Zustand der Atmosphäre aufzuzeichnen 
hatten. Um nun für diese Beobachtungen über das Klima des Amur-Landes eine grössere Ba- 
sis zu gewinnen, trafen wir mit Hrn. Maximowicz, der den etwa 300 Werst oberhalb am 
Amur gelegenen Mariinskischen Posten zu seinem Winteraufenthalte gewählt hatte, die 
Abmachung, unsere Beobachtungen stets zu denselben Stunden zu machen. 

Neben diesen wissenschaftlichen Beschäftigungen nahm endlich auch ein Interesse prak- 
tischer Natur die erste Zeit meines Aufenthalles im Nikolajewschen Posten in Anspruch. 
Da nämlich der zur Zeit meiner Ankunft erst seit einem Jahre begründete Posten nicht mehr 
als ein paar Häuser zählte und mir keine feste und beständige Wohnung bieten konnte, so 



*) Obgleich dieser Ort, bei der raschen Enlwickelung der russischen Colonieeii am Amur- Strome, gegenwartig 
schon zu dem Range einer Stadt, unter dem Namen Nikolajewsk, erhciben Uind zum Sitze der Gouvernenients-Kegie- 
rung gemacht worden ist, die sich über das ganze Küstenland am Ochotskischen Meere, Kamtschatka mit ein;^e- 
rechnct, erstreckt, so bleiben wir doch in den folgenden Miltheilungen bei der zur Zeit unseres Aufenthaltes im 
Amur-Lande für diesen Ort gebräuchlichen Bezeichnung «Nikolaje wscher Postenu. 



Gang der Reise. n 

musste ich selbst zum Aufbau eines Hauses schreiten, das uns um so nothwendiger war, als 
meine Sammlungen zunächst des Schutzes gegen die nahenden Herbslregen und in Zukunft, 
bei völliger Unmöglichkeit sofortiger Abseudung nach St. Petersburg, eines bleibenden Ortes 
der Niederlage während meiner Reisen im Amur-Lande bedurften. So schwer dieses Unter- 
nehmen bei den anfänglichen Zuständen und geringen Mitteln des Nikolajewschen Postens 
auch auszuführen war, so sah ich mich doch bereits im Anfange November's mit meinen Be- 
gleitern und allen Sammlungen unter Dach und gegen die nunmehr rasch einbrechende 
winterliche Jahreszeit geschützt. 

So wenig nun der Winter nordischer Breiten im Allgemeinen zu naturhistorischen Rei- 
sen geeignet ist, so war doch im gegenwärtigen Falle der Nutzen, den ich mir von Winter- 
reisen im Amur-Lande versprechen musste, ein so vielseitiger und bedeutender, dass ich den 
festen Entschluss welche auszuführen fasste. Bieten nämlich die durchweg gebirgigen und 
waldigen Wildnisse am unteren Amur dem Reisenden im Sommer keine anderen Verkehrs- 
wege als den Hauptstrom selbst und etwa noch den unteren Lauf der meist reissenden Zu- 
flüsse desselben dar, so eröffnet ihm dagegen der Winter die Möglichkeit, in leichten, mit 
Hunden bespannten Schlitten seinen Weg direkt durch die Wälder und über die Gebirgszüge 
hinweg in die vom Strome entfernteren Landschaften zu nehmen. Indem daher die Winter- 
reisen nach solchen Gegenden führen konnten, die im Sommer nicht zu erreichen waren, 
stand von ihnen zunächst eine wesentliche Erweiterung unserer Kenntnisse der oro- und hy- 
drographischen Verhältnisse des Amur-Landes zu erwarten. Daneben aber mussten sie auch 
zu einem umfassenderen ethnographischen Bilde des Amur-Landes führen, indem sie uns die 
Gränzen der Verbreitung der zahlreichen das Amur-Land bewohnenden Völker ermitteln hal- 
fen und uns namentlich auch mit den dem Amur-Strome entlegeneren Stämmen in Berührung 
brachten. Zudem bürgte die allgemeine Lebensweise dieser Völker dafür, dass der Winter 
auch diejenige Jahreszeit sei, welche dem Reisenden die häufigste Berührung und den erfolg- 
reichsten Verkehr mit ihnen gestatten müsse, da diese ichtb}ophagen Halbnomaden alsdann 
in grösserer Menge in ihren festen Winterwohnungen versammelt sind, während der Sommer 
sie zum Fischfänge und zur Bereitung von Wintervorräthen auf die Inseln und längs den zahl- 
reichen Flussarmen des Amurs zerstreut. Ausser dem ethnographischen Interesse aber, das 
der Verkehr mit den Eingeborenen versprach, Hess sich aus demselben auch in zoologischer 
Beziehung die Erlangung mannigfacher Erfahrungen und Nachrichten über die den Eingebo- 
renen nutzbaren oder überhaupt bekannten Thierarten erwarten, wozu wiederum der Winter, 
als die bei den Eingeborenen des unteren Amur-Landes dem Jagderwerbe gewidmete Jahres- 
zeit, die meiste Gelegenheit darbieten musste. Inwiefern in dieser letzteren Beziehung auf den 
Winterreisen in der That schätzbare Materialien zur Fauna des Amur-Landes gewonnen 
werden konnten, soll noch im Besonderen bei Abhandlung der Säugethiere des Amur-Landes 
hervorgehoben werden. 

Die angeführten Umstände erwägend, schritt ich mit dem Eintritte des Winters an die 
Reisevorbereitungen , welche im Einkaufe von Provision und Tauschwaaren und in der 



XII 



Einleitung. 



Besorgung eigener, bei den Russen am Ochotskischen Meere und in Kamtschatka ge- 
bräuchlicher Schlitten, sogenannter «Narten», bestanden, deren jede mit 10 — 13 Hunden be- 
spannt wird. Das Ziel meiner Reise sollte für dieses Mal die Insel ^Sachalin sein. Da der 
südliche Theil des Amur-Limanes und die Meerenge am Cap Lasareff erst gegen Mitte Ja- 
nuar's (alt. Stiles) mit einer bleibenden Eisschicht sich bedecken, trat ich am 27- Jan. (8. Febr.) 
auf 4 Narten meine Reise an *). Wir folgten dem Fesllandsufer des Amur-Limaues bis zum 
Cap Lasareff und setzten von dort am 1. (13.) Febr. nach der Insel Sachalin beim giljaki- 
schen Dorfe Poghobi über. Längs der niedrigen, mit krüppeliger Lärchen waldung bedeck- 
ten Westküste der Insel südwärts reisend, erreichten wir am 3. (15.) Febr. das Dorf Tyk, 
wo wir von heftigen Schneegestöbern 3 Tage lang zurückgehalten wurden. Während dieser 
Zeit hatte ich viel mit der Ungastlichkeit der Giljaken dieses Dorfes zu kämpfen, welche 
mir sowohl den Einkauf von Futter für meine Hunde, als auch Obdach und Feuer zum 
Bereiten des Essens zu verweigern suchten. Letzteres konnte zwar durch Drohung mit be- 
waffneter Hand erzwungen werden, was aber das Hundefutter betraf, so war daran lei- 
der an der gesammten Westküste der Insel iu diesem Jahre ein grosser Mangel und hatten die 
Giljaken der südlicher von Tyk gelegenen Dörfer sich sogar genöthigt gesehen, ihre Wohn- 
plätze an der Meeresküste zu verlassen und landeinwärts nach dem Tymy- Flusse zu ziehen, 
wo der Fischfang im letzten Herbste ein ergiebigerer gewesen war. Dadurch an der ^^'eiter- 
reise behindert, begab ich mich wieder an den Amur-Liman zurück, in der Absicht mich 
dort mit einem grösseren Vorrathe an Hundefutter zu versorgen. Da jedoch auch dort alle 
Versuche erfolglos blieben, sah ich mich genöthigt, die Reise nach der Insel Sachalin für 
dieses Mal aufzugeben und sie für den nächsten Winter mir vorzubehalten, wo ich bei Zeiten 
die nöthigen Vorrathe an Hundefutter machen konnte. Für jetzt dagegen beschloss ich, land- 
einwärts nach dem Amur -Strome mich zu wenden und von diesem aus die bei den tungusi- 
schen Völkern am unteren Amur als reiches Jagdrevier bekannten waldigen Wildnisse am 
Gorin-Flusse zu besuchen. In dieser Absicht brach ich am 13. (25.) Febr. vom Cap Lasareff 
auf und begab mich über das grosse Giljaken-Dorf Tschomi nach der Mündung des Tymi- 
Flusses im Limane. Von dort folgte ich dem genannten Flusse aufwärts bis zum Gebirge, das 
zwischen dem Amur-Strome und Limane sich hinzieht, überschritt dieses bei starkem Schnee- 
gestöber und kam dann längs demChaselach-Flusse an den Amur-Strom bei dem Mangunen- 
Dorfe Pulj heraus, von wo ich nach zwei Tagen, am 19. Febr. (3. März), den unweit vom 
mangunischen Dorfe Kidsi **) gelegenen Mariinski sehen Posten erreichte. Nach einer mehr- 
tägigen, durch die Erkrankung zweier meiner Kosaken veranlassten Rast setzte ich meine 



*) Vorläufige Naihrichten über diese und die folgenden im Amur-Laude von mir ausgeführten Reisen sind 
auch in den an den beständigen Secretair der Akademie von mir eingesandten Berichten zu finden. S. Bullet, de la 
Classe physicu-malhem. de l'Acad. Imp. d. s«! de Sl.-Pet. T. XIV. p. 184 u. 217. T. XV. p. 169 u. 241. Desgl. »lelanges 
phys. et chiniiques. T. II. p. 446. T. III. p. 60. Melanges russes. T. III. p. 8. 

**) Im Sommer desselben Jahres (1833) ist der Ort, wo dieses Dorf lag. zur Ansiedelung eines Bataillones 
Liniensoldaten erwählt und in l'olge dessen von den Mangunen gegen Entschädigung verlasse» worden. Die russische 
Ansiedelung behielt jedoch den Namen Kidsi oder in der Aussprache der Küssen «Kisi» bei. 



Gang der Reise. xiii 

Reise den Amur aufwärts durch das Gebiet der Mangunen und Golde fort und gelangte 
am 6. (18.) März an die Mündung des Gorin-Flusses. Dort verliess ich den Amur und begab 
mich in das vom Gorin durchsliümle Nebenthal desselben. Nachdem wir die unbewohnten, 
nur von zahlreichen Jägern aus den Stämmen der Golde und Ssamagern (oder Kile vom 
Gorin) besuchten waldigen Wildnisse am unleren Laufe dieses Flusses überschritten hatten, 
erreichten wir das Dorf Ngagha am Gorin, wo ich die Bekanntschaft des tungusischen 
Stammes der Ssamagern machte. Gern hätte ich dort längere Zeit verweilt, um im Verkehre 
mit den Eingeborenen und durch Jagden, die ich von dort aus anstellte, meine Erfahrungen 
über diesen Theil des Amur -Landes in ethnographischer und zoologischer Beziehung zu 
erweitern. Die späte Jahreszeit mahnte mich jedoch an die Rückreise. In Bitschu an der 
Gorin-3Iündung angelangt, trat ich daher am 13. (25.) März die Rückreise auf dem Amur- 
Strome an. Die während des Tages nunmehr regelmässig vor sich gehende Schneeschmelze 
machte die Fahrt mit Hunden sehr beschwerlich und erlaubte mir fast nur Nachts, wenn wie- 
derum Frost sich einstellte, weiter zu reisen. Vom Dorfe Pulj an betrat ich einen mir noch 
unbekannten Theil des Amur-Stromes, der bald unterhalb jenes Ortes, vom Dorfe Chjare an 
und bis zur Amur-Mündung von Giljaken bewohnt wird. Je weiter wir übrigens abwärts 
auf dem Amur -Strome kamen, desto weniger war das nahende Frühjahr zu merken, zumal 
in der letzten Biegung nach Ost, die der Strom etwa 100 Werst oberhalb seiner Mündung 
erfährt. Das beschleunigte unsere Fahrt und gestattete mir am 28. März (9. April) wieder im 
Nikolajewschen Posten einzutreffen, nach einer Abwesenheit von 2 Monaten, während wel- 
cher ich ungefähr 1600 Werst mit Hunden zurückgelegt hatte. 

Im Posten angelangt, übernahm ich sogleich wieder die meteorologischen Beobachtungen, 
die während meiner Abwesenheit von Hrn. Poliwanoff sorgfältig forlgesetzt worden waren, 
und die mir für den Monat April insofern noch von besonderem Interesse sein mussten, als 
dieser für die Amur -Mündung grade die Zeit der Ankunft der meisten Zugvögel und über- 
haupt des ersten Wiedererwachens der organischen Natur ist. Daneben aber musste auch 
auch ohne Verzug an die Vorbereitungen zur Sommerreise geschritten werden, die ich mit 
Aufgang des Amur-Stromes anzutreten beabsichtigte. Da der auch an jenen fernen Küsten 
Asiens fühlbare Kriegszusland alle wissenschaftlichen Forschungen an den Meeresküsten des 
Festlandes sowohl als auch der Insel Sachalin unmöglich machte, so mussten sich unsere 
Blicke für diesen Sommer ganz dem Innern des Landes und in diesem dem Amur-Strome zu- 
wenden. Um hier aber im Laufe eines Sommers zu einem möglichst umfassenden Ueberblicke 
der klimatischen Verhältnisse und organischen Erzeugnisse des unteren Amur-Landes zu ge- 
langen, schien es uns wünschenswerth von der Mündung des Amur-Stromes bis zu möglichst 
südlichen Breiten innerhalb des Amur -Systems vorzuschreiten. Wir beschlossen daher zu- 
nächst den unteren Amur -Strom bis zu dessen südlicher Biegung und der Mündung des Ls- 
suri in denselben zu befahren, und alsdann diesem letzteren, ebenfalls in ungefährer Meri- 
dianrichtung laufenden Flusse aufwärts zu folgen. 

Auf den Erfahrungen der Eingeborenen fussend, rüstete ich zu dieser Reise zwei giljakische 



:ny Einleüung. 

Böte aus, die durch ihre eigenthümliche Bauart besonders befähigt sind der starken Strömung im 
Amur Widerstand zu leisten. Am 2. (14.) Mai befreite sich die Mitte des Stromes vom Eise, und 
am 1 3 . (25.), als auch die Ufer und Buchten des Stromes zum grössten Theil eisfrei geworden wa- 
ren, trat ich meine Reise an. Sobald wir die unterste, nach Ost gerichtete Biegung des Stromes 
amCapTehach hinter uns hatten, Hess sich in der Pflanzen- und Thierwelt ein bedeutend vor- 
gerückterer Zustand wahrnehmen, was nun in dem Maasse, als wir weiter stromaufwärts ka- 
men, mit raschen Schritten zunahm. Im Mariin skischen Posten, den wir nach 10 Tagen er- 
reichten, fanden wir Alles schon im üppigsten Grün. Nach einem Aufenthalte von 2 Tagen setzte 
ich meine Reise fort, dem rechten, höheren Ufer des Amur -Stromes folgend. Allein beim 
Dorfe Puljssa, am 30. Mai (II. Juni), begegnete ich dem General- Gouverneur von Ostsihi- 
rien, Hrn. General-Lieutenant Murawjoff, und erhielt von demselben den Befehl umzukehren 
und mich nach der Bai de Castries an der Meerenge der Tartarei, behufs nalurhislorischer 
Untersuchung der Küste daselbst, zu hegeben. Ich traf daher wieder im Mariinskischen 
Posten ein und brach von dort am 3. (15.) Juni nach der Bai de Castries auf. Die Reise 
dahin geschieht anfangs zu Bool über eine weite und tiefe Bucht des Amur-Stromes, den so- 
genannten See von Kidsi, und alsdann mit Hülfe von Packpferden oder zu Fuss durch einen 
sumpfigen Wald und über eine unbedeutende Hohe bis zur Meeresküste. Gegenwärtig war 
der kleine, im Jahre 1853 gegründete Alexandrowsche Posten in der Bai de Castries ver- 
lassen, und es stalionirte eine Abtheilung Kosaken im dichten Walde an der Meeresküste, der 
stündlich zu erwartenden Ankunft feindlicher Schifle in der Bai harrend. So ungünstig auch 
dieser Zeitpunkt für wissenschaftliche Forschungen in der Bai war, so suchte ich doch meinen 
Aufenthall in derselben nach Möglichkeit dazu zu benutzen, mich von der noch völlig unbekann- 
ten Meeresfauna jener Küsten mit Hülfe des Dredge-Instrumentes zu unterrichten. Leider 
hatte ich nicht die Mittel erhalten mein eigenes Boot nach der Bai hinüberzubringen und 
musste mich daher zu den Fahrten auf der weiten, den frischen Seewinden ausgesetzten Mee- 
resbai eines kleinen und schlechten Orotschen- Bootes bedienen, das mir überdies auch nicht 
immer zu Gebote stand. Zudem zog der Aufenthalt im sumpfigen Walde und die schlechte und 
ungeni'igende Kost, auf die wir angewiesen waren, in kurzer Zeit meinen beiden Begleitern 
und zweien meiner Leute Unpässlichkeiten zu, so dass ich mich bald auf einen einzigen Ma- 
trosen beschränkt sah. Dadurch ausser Stand gesetzt, meine Arbeiten in der Bai länger fort- 
zusetzen, hielt ich es für zweckmässig nach Verlauf von 10 Tagen die Bai de Castries zu ver- 
lassen und mich wiederum nach dem Mariinskischen Posten zu hegeben. Dort traf ich mit' 
Hrn. Maximowicz zusammen, der inzwischen ebenfalls von einer begonnenen Reise nach 
dem Ussuri zurückberufen worden war. Auf unser gemeinsames Gesuch erhielten wir nun- 
mehr vom General-douverneur die Erlaubniss, unsere unterbrocheue Reise nach dem Ussuri 
wieder aufnehmen zu dürfen. Ohne Verzug, am 24. Juni (6. Juli), sogleich nach erhaltener 
Erlaubniss zur Reise, verliessen wir nun den Posten. Da wir jedoch nur je zwei Mann Rude- 
rer auf unsere Böte erhalten hatten, und diese Anzahl nicht genügen konnte, die Böte gegen 
die starke Strömung im Amur vorwärts zu bringen, sahen wir uns genötbigl beständig noch 



Gnvg der Reise. tf 

2 und 3 Ruderer unter den Eingeborenen zu miethen , was unsere Mittel natürlich sehr 
rasch schmälerte. Bis zur Mündung des Gorin-Flusses in den Amur folgten wir abwech- 
selnd dem einen und dem anderen Ufer des Stromes. Von dort an aber hielten wir uns 
beständig an das höhere rechte Ufer desselben, das linke für die Rückreise uns vorbehaltend. 
Am 16. (28.) Juli rasteten wir an der Mündung des Chongar- Flusses, eines für die Einge- 
borenen um so bedeutungsvolleren rechten Zuflusses des Amur's, als er eine vielbesuchte 
Verkehrsstrasse zwischen den Golde am Amur und den Orotschen an der Meeresküste bil- 
den hilft. Dort befanden wir uns bereits in einer im Vergleich zum Mariinskischen Posten 
sehr merklich südlicheren Natur, indem dort alles Nadelholz schon auf das höhere Gebirge 
verdrängt ist und üppiger Laubwald das Ufer bedeckt. Vierzehn Tage später erreichten wir 
die Mündung des Ussuri. Dort begegneten uns die ersten mandshurischen Beamten, die sich 
aber widi^r Erwarten zuvorkommend gegen uns benahmen und sich sogar behiilflich zeigten, 
uns frische Ruderer den Ussuri aufwärts zu verschaffen. Es war uns im höchsten Grade in- 
teressant, diesen nächst dem Ssungari bedeutendsten rechten Zufluss des Amur-Stromes aus 
eigener Anschauung kennen zu lernen. In seinem unleren Laufe machten wir die erste Be- 
kanntschaft mit den ausgedehnten, grasreichen, nur hin und wieder mit lichtem Walde von 
Laubhölzern und vorzüglich Eichen bestandenen Prairieen des Amur -Landes, die in schnei- 
dendem Contraste zu der fast ausschliesslich aus felsigen Gebirgen und dichten Nadelwaldun- 
gen zusammengesetzten Natur des unleren Laufes und besonders der Mündung des Amur- 
Stromes stehen. Weiter aufwärts sahen wir jedoch auch am Ussuri kleinere Gebirgszüge 
dem Strome mehr oder weniger und bisweilen bis an die unmittelbaren Ufer desselben sich 
nähern. Wir gelangten auf dem Ussuri bis zur Mündung des Flusses Noor in denselben, die 
wir am 12.(24.) August erreichten. Dort sahen wir uns leider durch den Mangel an ferneren 
Mitteln zur Bezahlung der Ruderer und durch theilweises Erkranken unserer Leute genölhigt 
unserer Reise ein Ziel zu setzen. Nach zweitägiger Rast traten wir die Rückreise an und lang- 
ten am 17. (29.) August wiederum an der Mündung des Ussuri an. Von dort dem Amur 
abwärts folgend, hielten wir uns beständig an das linke Ufer desselben, welches noch lange 
unterhalb der Ussuri -Mündung einen niedrigen, zum Theil prairieartigen Charakter behält 
und erst nahe gegenüber der Choogar-Mündung ebenfalls gebirgig wird. Am 4. (16.) Sept. 
erreichten wir den Mariinskischen Posten und am 17. (29.) traf ich wiederum im Nikola- 
jewschen Posten ein, nachdem ich dieses Mal über vier Monate abwesend gewesen war und 
eine Strecke von etwa 2500 Werst zu Boot zurückgelegt hatte. 

Im Posten nahmen nun wiederum beständige meteorologische Beobachtungen, häufige 
Jagdstreifzüge in die Umgegend und ein beständiger Verkehr mit den Giljaken meine Zeit 
in Anspruch. Bei Zeiten musste auch an die Besorgung eines Vorrathes von Hundefutter zu 
der mir bevorstehenden Winterreise nach der Insel Sachalin gedacht werden. Da der Lachs- 
fang im Amur-Limane und Strome in diesem Jahre ein sehr ergiebiger gewesen war, so 
hielt es nicht schwer einen Vorrath zu machen, der hinreichen musste, um mich bis nach 
dem Tymy- Flusse, im Innern der Insel, zu bringen, wo ich auf frische Vorräthe bei den 



XVI 



Einleitung. 



Giljaken rechnen durfte. Am 30. Jan. (11. Febr.) trat ich auf 3 Schlitten meine Reise an. 
Wir eilten über den Liman und betraten am 1. (13.) Febr. beim Dorfe Poghobi die Insel. 
Südlich von dort, im Dorfe Tyk überraschten mich wiederum stirmische Schneegestöber, die 
4 Tage lang mit grosser Heftigkeit anhielten. Dank dem mitgenommenen Vorrathe an Hunde- 
futter konnte ich jedoch nach Verlauf derselben meine Reise fortsetzen und erreichte am 8. (20.) 
Febr., längs der Westküste von Sachalin nach Süden reisend, das Dorf Arkai, von wo die 
von den Giljaken und Oroken der Insel gewöhnlich befolgte Strasse in's Innere der Insel 
führt. Durch die letzten Schneegestöber war aber dieselbe leider vollkommen verstimmt und 
zeigte sich kein Giljake im Dorfe willig mir zum Führer auf dem schweren, angeblich über 
drei Gebirgsrücken führenden Wege nach den Quellen des Tymy-Flusses zu dienen. Ich brach 
daher am Morgen des folgenden Tages ohne Führer landeinwärts auf. Die anfangs noch 
sichtbaren Spuren des Weges verloren sich bald und mussten durch häufiges Sondiren des 
Schnee's wieder aufgefunden werden. Mit vieler Mühe überstiegen wir den ersten Gebirgs- 
rücken und lagerten uns zur Nacht. Es war die letzte, für die unser Vorrath an Hundefutter 
noch vorhielt. Leider brach jetzt wiederum ein stürmisches Unwetter mit Schneegestöber an, 
das uns für den nächsten Tag auch die letzten, noch hin und wieder sichlbaren Spuren des 
Weges rauben mussle. Nur unter beständigem Sondiren der tiefen Schneemassen konnten wir 
daher am nächsten Morgen unseren Weg fortsetzen. Bald versagte jedoch auch dieses letzte 
Mittel und jetzt befanden wir uns in völliger Unkenntniss über die ferner einzuschlagende 
Richtung. Zum Glücke begegneten uns hier zwei giljakische Schlitten, die vom Tymy-Flusse 
kamen. Die Spuren, die sie hinterlassen hatten, benutzend, setzten wir unsere Reise fort, 
kreuzten noch zwei Gebirgsrücken und erreichten am Abend bei heftigem Schneegestöber eine 
giljakische Hütte im Tymy-Thale. In den nächsten Tagen besuchte ich nun die zahlreichen 
giljakischen Dörfer am oberen Laufe des Tyiny- Flusses, die in Folge iiirer geographischen 
Lage an diesem für das nördliche Sachalin höchst bedeutungsvollen Flusse und zugleich unfern 
von den Quellen des nach dem Golfe der Geduld gerichteten Ty- Flusses (der Newa von 
Krusenstern) einen natürlichen Verkehrsniittelpunkt für alle drei die Insel bewohnenden 
Volksstämme, die Giljaken, Oroken und Aino abgeben. Neben ethnographischen Studien 
war mir dort auch reiche Gelegenheit geboten, Nachrichten und eigene Erfahrungen über die 
höhere Fauna der Insel Sachalin einzusammeln. Namentlich bot auch der im oberen 
Laufe niemals gefrierende Tymy-Fluss ein fruchtbares und lohnendes Terrain für Jagden dar. 
Gern verweilte ich daher im oberen Tymy-Thale so lange, als die Umstände es gestatteten 
und als nothwendig war, um mir neue Vorrathe an Hundefutter zur Weiterreise zu verschaf- 
fen, was bei dem Argwohne und der Habsucht der Sachalin-Giljaken nicht so leicht aus- 
zuführen war. Am 16. (28.) Febr. trat ich unter Begleitung eines giljakischen Führers die 
Reise das Tymy-Thal abwärts zur Ostküsle der Insel an. Mehrere Tage hindurch begleitete 
uns noch eine kräftige, mannigfaltige, aus Laub- und Nadelhölzern gemischte Waldung, wie 
sie das Innere der Insel iiesitzt. Als wir jedoch der Meeresküste uns näherten und auch die 
hohen Gebirgszüge, welche den Tymy-Fluss in ziemlicher Entfernung begleiten, hinter uns 



Gang der Reise. xvn 

hatten, stellte sich eine mehr und mehr ausschliessliche und oft krüppelige Lärchenwaldung 
ein, ähnlich derjenigen, welche auch die Westküste der Insel in ihrem nördlichen Theile he- 
deckt. Am 20. Febr. (4. März) erreichte ich die Ostkiiste von Sachalin und setzte auf der- 
selben meine Reise noch bis zur Bai Nyi nördlich von der Miindung des Tymy - Flusses fort. 
Dort setzten Mangel an fernerem Hundefutter und die Weigerung meines Fiihrers weiter zu 
gehen, so wie der äusserst rege Argwohn der zur Pliuiilerung und selbst zum Raubmorde sehr 
geneigten Giljaken des nördlichen Sachali n's meiner Reise ein Ziel, ^fach mehreren Tagen 
Aufenthaltes an der Ostküste begab ich mich daher wieder in s Tymy-Thal und an die West- 
küste der Insel zurück. Ehe ich jedoch an dieser weiter reiste, besuchte ich uoch die beim 
giljakischen Dorfe Dui befindliche Bai de la Joncquiere und die südlicher gelegene Bai 
Choindsho, wo die ansehnlichsten Lager von Braunkohle auf der Insel zu Tage treten. Die 
Rückreise längs der Westküste der Insel musste nach Möglichkeit beschleunigt werden, da 
inzwischen unsere sämmtlichen Lebensmittel für uns und unsere Hunde ausgegangen waren. 
Am 4. (16.) März betrat ich wieder die Festlandsküste iui Amur-Limane beim Dorfe My. 
Von dort schickte ich sogleich einen meiner Schlitten nach dem Nikolajewschen Posten ab, 
um uns neue Lebensmittel undTauscbwaaren an die Mündung des Amur-Stromes entgegen zu 
bringen, da ich noch einen Abstecher nach der Sndküste des Ochotskischen Meeres auszu- 
führen beabsichtigte. Diesen trat ich zwei Tage später, mit dem Nöthigen versehen, von dem 
giljakischen Dorfe Tschcharbach an der Amur -Mündung an. Ich lernte dabei den nörd- 
lichen Theil des Amur-Limanes und die Südküste des Ochotskischen Meeres bis nahe zum 
giljakischen Dorfe Kullj kennen. Leider begleiteten mich auf dieser Reise sehr heftige und 
fast ununterbrochene Schneegestöber, welche dieselbe sehr erschwerten. Am 12. (24.) März 
traf ich endlich wiederum im Nikolajewschen Posten ein, nach einer Abwesenheit von 1^ 
Monaten, während welcher ich ungefähr 1 400 Werst auf Hunden zurückgelegt hatte. 

Während des nunmehr folgenden Aufenthalts im Nikolajewschen Posten musste meine 
Aufmerksamkeit, neben den gewöhnlichen, obenerwähnten wissenschaftlichen Beschäftigungen, 
hauptsächlich auch auf die Zurüstungen zu der nahe bevorstehenden Sommerreise gerichtet 
sein. Diese sollte nämlich, als Rückreise aus dem Amur-Lande, den gesammten Amur auf- 
wärts gehen. Da mir zugleich kein anderer Weg zum Transporte aller auf der Seereise und 
im Amur-Lande gemachten, im Nikolajewschen Posten angehäuften naturhistorischen und 
ethnographischen Sammlungen offen stand, so mussten dieselben ebenfalls reisefertig gemacht 
werden , um die voraussichtlich lange und beschwerliche Reise stromaufwärts und alsdann zu 
Lande durch ganz Sibirien und das europäische Russland bis nach St. Petersburg schad- 
los bestehen zu können. Jede Kiste musste zu dem Zwecke sorgfältig gepackt, vertheert und 
in Rindsleder odei Seehundsfelle eingenäht werden, was bei der grossen Anzahl von Kisten 
und den mangelhaften Mitteln des Nikolajewschen Postens viel Mühe, Zeit und Kostenaufwand 
in Anspruch nahm. Daneben musste auch den vielfachen Bedürfnissen der Reise seihst vorge- 
sorgt werden, welche, als wissenschaftliche Expedition behandelt, fortgesetztem naturhistori- 
schem Beobachten und Sammeln gewidmet sein sollte. 

Schreock's Amur-Keise Bd. I. 111 



XVIII Einleilung. 

Sobald der Amur-Slrom die Eisdecke abgeworfen halte, was in diesem Jahre (1856) am 
9. (21.) Mai statt halle, schickte ich meine sämmtlichen, zur Reise hinlänglich gerüsteten Samm- 
lungen nach dem iMariinskischeu Posten voraus und brach dann selbst mit meinen beiden Be- 
gleitern am 13. (25.) Mai auf zwei giljakischen Böten auf. Die Natur war in diesem Jahre im 
Vergleich mit dem vorigen sehr merklich zurück und gab, mit Ausnahme zahlreicher Enten und 
Gänse auf dem Strome, nur wenig Ausbeute. Um so mehr Zeit konnte dem ethnographischen 
Studium der Giljaken gewidmet werden, durch deren Gebiet ich zum letzten Mal reiste. Nach 
9 Tagen langten wir im Mariinskischen Posten an, wo ich meine Sammlungen wohlbeslelll 
vorfand. Dort stand uns ein längerer Aufenthalt bevor; denn da ich von nun an die Sammlungen 
selbst weiter zu führen hatte, so mussten mehrere geräumige mandshurische Böte und eine hin- 
längliche Anzahl von Ruderern herbeigeschafft werden. Letzteres aber hielt besonders schwer, 
da der Krieg in einem nur von Militair besetzten Lande Alles in Anspruch nahm. Unsere einzige 
Hoffnung war daher auf die rückkehrenden Leute der russisch -amerikanischen Companie ge- 
richtet, deren Ankunft aber noch zu erwarten stand. Inzwischen benutzte ich den unfreiwilligen 
Aufenthalt im Mariinskischen Posten, um mit Hrn. Maximowicz zusammen einen Ausflug 
über den See von Kidsi nach dem Jai-Flusse auszuführen, an welchem eine der winterlichen 
Verkehrsstrassen zwischen den Manguneu am Amur und den Orolschen der Meeresküste 
besteht. Nach unserer Rückkehr vom Jai, am 3. (15.) Juni, fanden wir im Mariinskischen 
Posten die Friedensnachricht aus Europa vor. Zugleich war ein Befehl vom General-Gouverneur 
von Ostsibirien gekommen, einen Theil der am Amur befindlichen Truppen sogleich stromauf- 
wärts zur Rückkehr in die Heimath zu befördern. Das gab uns Gelegenheit die nöthige Anzahl 
von Ruderern auf unsere Böte zu erhalten. Auf mein Gesuch wurden mir 26 Mann Kosaken als 
Ruderer zur Verfügung gestellt, was mit den drei bereits von mir gemietheteu Leuten der 
russisch-amerikanischen Companie eine Mannschaft von 29 bildete. Diese wurden nun auf 3 
grosse mandshurische Böte, welche meine sämmtlichen Sammlungen und reichliche Vorräthe 
an Lebensmitteln und Tauschwaaren fassten , und ein kleines giljakisches Boot vertheilt, wel- 
ches ich selbst bestieg, um, dem Zuge vorausgehend, mit Beobachten und Sammeln mich zu 
beschäftigen. Ausserdem aber schloss sich mir noch ein 5'"* Boot an, welches die Sammlun- 
gen von Hrn. Maximowicz, der noch im Mariinskischen Posten blieb, enthielt und das, 
mit allem Nöthigen ausgerüstet, meiner Aufsicht und Leitung anempfohlen war. Mit den acht 
Kosaken desselben zählte daher unsere gesammte Mannschaft, meine Begleiter und mich mit- 
gerechnet, 40 Mann, wozu im unteren Laufe des Stromes noch stets ein Führer aus den Ein- 
geborenen kam. So beschweilich eine Reise mit so zahlreicher Mannschaft im Falle eines 
Mangels an Lebensmitteln auch werden konnte, so erwies es sich doch im gegenwärtigen 
Falle, wie die Folgezeit lehrte, als ein Glück, dass die Mannschaft nicht geringer war, denn 
nur das allein setzte mich in den Stand, trotz der äusserst zahlreichen Erkrankungen, die im 
Laufe unserer beschwerlichen Reise erfolgten, ununterbrochen weiter zu gehen. Wir verlies- 
sen am 15. (27.) Juni den Mariinskischen Posten und brauchten einen vollen Monat um bis 
zum russischen Wachtposten gegenüber der Ssungari - Mündung zu gelangen. Der grösste 



Gang der Reise. xix 

Theil dieser Strecke, bis zur Ussuri-Mündung, war mir schon vom Sommer vorigen Jahres 
her bekannt. Oberhalb der L'ssuri- Mündung aber lernte ich ein mir noch neues Gebiet am 
Amur kennen, welches zum grösslen Theil eine Niederung ist, mit nur wenigen kleinen Ge- 
birgszügen, die sich dem Strome und zumal seinem rechten Ufer nähern. Im Wachtposten 
(Ssungarskij-Piket) waren die zur Versorgung der rückkehrenden Truppen bestimmten 
Vorräthe noch nicht angelangt, und mussten wir daher mit den in Kidsi gemachten Vorräthen 
weiter gehen. Nach einem Tage Rast, am 16. (28.) Juli, brachen wir wieder auf. Der Amur- 
Strom wird oberhalb der Ssungari-Mündung, wo er bei den Mandshu den Namen Sachali 
oder Sachalin-ula, d. h. schwarzer Fluss, trägt, ansehnlich schmäler. Fünf Taare lansr be- 
gleitete uns noch an beiden Ufern desselben eine weite, hin und her mit Baumgruppen oder 
auch mit lichtem Laubwalde bestandene Prairie; am 6'^« betraten wir den Fuss des Bureja- 
(iebirges, das vom Amur-Strome durchbrochen wird. Leider war das Wasser im Strome, ver- 
niuthlich in Folge häufiger Regengüsse an seinen Quellarmen und oberen Zuflüssen, seht an- 
sehnlich gestiegen, was einerseits die ohnehin reissende Strömung desselben noch um ein Be- 
deutendes verstärkte, und andererseits bei dem engen, von steilen Felsen eingeschlossenen 
Bette des Stromes uns die Möglichkeit, unsere Böte hin und wieder vermittelst einer Leine 
stromaufwärts zu ziehen, völlig raubte. Es blieb uns daher nichts übrig, als durch Rudern ge- 
gen die reissende Strömung anzukämpfen, wobei wir uns oft genölhigt sahen, wenn die ange- 
strengteste Arbeit nichts fruchten wollte, auf das jenseitige Ufer hinüberzugehen, ob dies 
gleich bei der starken Strömung mit einem jedesmaligen Verluste gegen den schon gewonne- 
nen Ort verbunden war. Acht Tage solcher Arbeit bei brennender Sonnengluth und bei 
bereits geschmälerten Lebensmitteln mussten gewiss dazu beitragen, die Zahl der Kranken in 
meiner Mannschaft rasch zu vergrössern. Häutige Erkältungen und in Folge davon heftige 
rheumatische Uebel, welche die Leute beinahe in einen Zustand von Lähmung versetzten, Ty- 
phus und die Folgen scorbutischer Leiden, denen sie an der Mündung des Stromes ausgesetzt 
gewesen, raubten mir täglich mehr Kräfte und Hessen die Hindernisse wachsen. Am 28. Juli 
(9. Aug.) erreichten wir endlich den westlichen Fuss des Bu reja- Gebirges : vor uns lag wie- 
derum weite Prairie und im Beginn derselben der russische Wachtposten Chinganskoi Pi- 
ket. Nach einer Rast von l^ Tagen brachen wir, mit frischen Lebensmitteln versehen, wie- 
der auf. Jetzt setzten uns die niedrigen und ebenen Ufer des Amur -Stromes keine solchen 
Hindernisse mehr wie im Gebirge in den Weg. Je weiter aufwärts wir kamen, desto ausge- 
breiteter und allgemeiner wurde auch die Prairie zu beiden Seiten des Stromes. Bald oberhalb 
der Bureja-Müiulung traten auch an Stelle der Zelte nomadischer Biraren, eines tungusi- 
schen Stammes, der die Bureja (Njuman der Eingeborenen) und den angränzenden Theil 
des Amur -Stromes bewohnt, feste, von Gemüsegärten und selbst kleinen Feldern umgebene 
Ansiedelungen der Dauren, Mandshu und Chinesen, in denen wir Gelegenheit hatten für 
unsere Mannschaft frische Lebensmittel sowohl zum gegenwärtigen Bedarfe, als auch zum 
Vorrath für den uns noch bevorstehenden oberen Theil des Stromes zu besorgen. Gegen Ende 
dieses bisher einzigen Cullurstückes am Amur-Strome erreichten wir am 11. (23.) Aug. die 



XX 



Einteilung. 



mandshurisch-chinesische Stadt Aigun (Aicho der unleren Amur-Völker, Sachalin-ula- 
choton, d. h. schwarzen Flusses Stadt, der Mandshu), ohne uns jedoch von dem Befehls- 
haber derselben die Erlaubniss zum Besuche der Stadt erwirken zu können. Nachdem wir nun 
am folgenden Tage an der Mündung der Dseja (Dsi der Eingeborenen) vorübergekommen 
waren, erreichten wir am späten Abeml den unweit oberhalb derselben gelegenen russischen 
Wachtposten Ustj-Seiskoi-Piket *). Die grosse Zahl Kranker in meiner Mannschaft nöthigte 
mich hier den Befehlshaber des Postens um eine Verstärkung zu bitten, die mir auch an 10 
Mann Liniensoldaten zu Theil ward. Nach zweitägiger Rast, am 15. (27.) Aug., setzten wir 
unsere Reise fort, abwechselnd dem rechten und dem linken Ufer des Stromes folgend, je nach- 
dem wo uns die oberhalb der Dseja wieder an den Strom herantretenden Gebirge und die 
damit verbundene reissende Strömung weniger Hindernisse in den Weg setzten. Am 8'^° Tage 
langten wir im folgenden russischen Wachtposten, Komarskoi Piket, nahe gegenüber der 
K Omar- Mündung an. Mit einem Vorrathe an Lebensmitteln für 10 fernere Tage brachen 
wir am 24. Aug. (5. Sept.) wieder auf. Bald oberhalb der Komar-Mündung nimmt die Na- 
tur ein viel nordischeres Gepräge an. Rasch nach einander häuften sich jetzt die Beschwerden 
unserer Reise. Längs den gebirgigen und oft felsigen Ufern des Stromes hatten wir meist ge- 
gen eine reissende Strömung zu kämpfen, welche durch ein ungewöhnlich starkes, in Folge 
anhaltender Regen eingetretenes Anschwellen des Stromes noch um ein Bedeutendes verstärkt 
wurde. Wiederum verloren wir die Möglichkeit stellenweise an der Leine vorwärts zu gehen. 
Zugleich hemmten beständig contraire und oft sehr frische Winde die Erfolge unseres Ruderns. 
Zudem stellten sich mit dem 1. (13.) September regelmässige Nachtfröste ein, welche bei der 
leichten, durch die lange Reise sehr mitgenommenen Bekleidung der Kosaken und Soldaten 
zu immer häufigeren Erkältungen und Erkrankungen aller Art führten. Während wir daher 
bei wachsenden Hindernissen und schwindenden Kräften nur äusserst langsam vorwärts rück- 
ten, sahen wir zugleich einem baldigen Ende unserer Lebensmittel entgegen, einem Uebelstande, 
dem in den öden Wildnissen dieses Stromtheiles nicht wohl abzuhelfen war. Denn selbstver- 
ständlich konnten wir nicht hoffen in den einzelnen, spärlich zerstreuten Zelten der Monja- 
gern, eines nomadischen Tungusen- Stammes, der die Ufer der Dseja und des Amur-Stro- 
mes oberhalb derselben durchstreift und gegenwärtig, der Jagd nachgehend, zumeist ins In- 
nere der Gebirge sich zurückgezogen hatte, Lebensmittel für 50 Mann vorzufinden, und was 
mein eigenes, dem Sammeln gewidmetes Gewehr stellte, konnte natürlich ebensowenig hin- 
reichen. Ich sah mich daher sehr bald genöthigt unsere tägliche Ration auf ein sehr geringes 
Maass einzuschränken, so hart auch diese Maassregel bei der angestrengten Arbeit des Ru- 
derns erscheinen musste. Dennoch gingen uns am 11. (23.) Sept., noch weit unterhalb des 
nächsten russischen Postens, unsere letzten Vorrathe zu Ende. Zum Glück erreichten wir nun 
am folgenden Tage ein mit Mehl beladenes Flussboot, das im Frühjahr auf einer Sandbank 
gestrandet war. Das setzte uns in den Stand die Reise fortzusetzen und am 16. (28.) Sept. 

*) Im Frühjahr 1858 ist dieser durch den Zusammenfluss des Amar's mit der Dseja höchst wichtige Ort zum 
Range einer Stadt, untvr dem Namen Blagowestschensk, erhoben worden. 



Gong der Heise xxi 

den russischen Wachtposten Kotomandii (Kotomanga der Eingehorenen) zu erreichen. Bereits 
fiel Schnee; ich eilte daher am folgenden Tage weiter. Die starken Nachtfröste begannen Eis an 
den Ufern zu bilden; am 21. Sept. (3. Oct.) begegneten wir auch dem ersten treibenden Eise, das 
jedoch aus einem linken Zuflüsse des Amur-S(romes, demUrutschi, kam. Oberhalb desselben 
gab es daher wiederum eisfreies Fahrwasser, auf dem wir endlich am 25, Sept. (7. Oct.) den ersten 
Kosakenposten, Ustj-Strjelotschnoi Karaul,amZusammenüussder Schilkaund des Argunj's 
erreichten. Damit war jedoch meine Flussreise noch keineswegs zu Ende, da mir bis zur näch- 
sten fahrbaren Landstrasse, auf der die Sammlungen weiter befordert werden konnten, noch 
etwa 500 Werst auf dem einen oder dem anderen der beiden Quellarme des Amur- Stromes 
bevorstanden. Mehrfache Gründe und darunter besonders der gegenwärtig niedrige Wasser- 
stand des Argunj's im Vergleiche zum hohen der Schilka, so wie der Umstand, dass es am 
ersteren Strome bis an seine Mündung Kosakenansiedelungen giebl, die Schilka dagegen in 
ihrem unteren Laufe bis zur Gorbiza, d. i. auf etwa 240 Werst unbewohnt ist, bewogen 
mich zu einer Zeit, da ich täglich Eisgang erwarten konnte, den Argunj zur Weiterreise zu 
wählen. Wir verliessen das KosaKendorf Ustj-Strjelolschnoi am 26. Sept. (8. Oct.). Die 
erste Strecke schien uns nach den Beschwerden am Amur leicht zu überwinden, da der nie- 
drige Wasserstand uns fast allenthalben an der Leine fortzugehen erlaubte, die mondhellen 
Nächte aber unsere Arbeitszeit verlängern halfen und die Kosakendörfer uns frische Lebens- 
mittel und hin und wieder auch ein warmes Nachtlager gewährten. Bald aber fanden sich 
auch hier die Hindernisse ein. Am 1. (13.) Oct. trieb uns Eis am linken Ufer des Argunj's 
entgegen. Wir erreichten das grosse Kosakendorf Urjupina, versorgten uns dort mit frischen 
Lebensmitteln bis zum nächsten, auf etwa 1 00 \> erst stromaufwärts entfernten Dorfe und gin- 
gen am folgenden Morgen weiter. Bereits war Eisgang an beiden Ufern des Stromes ; auch 
nahmen die Menge und Dicke der treibenden Eisschollen und die Ausbreitung des Ufereises 
in den folgenden Tagen bedeutend zu und machten uns den Gebrauch der Leine oft unmög- 
lich. Unter solchen Umständen blieb uns wenig HolTnung den noch etwa 200 Werst oberhalb 
Urjupina gelegenen Ort Argunslioi Ostrog, von welchem die erste Landstrasse beginnt, zu 
Boot erreichen zu können. Glücklicherweise Hess die scharfe Kälte nach drei Tagen nach und 
der Fluss wurde wiederum eisfrei. Jetzt trat uns aber ein neues Hinderniss in dem weithin flachen 
Wasser und den zahlreichen steinigen Untiefen (russisch: schiwerd) entgegen, über die eine 
reissende, durch Rudern nicht zu überwindende Strömung geht. Am 5. (17.) Oct. waren wir 
genöthigt die ganze Nacht durchzuarbeiten, bis wir am Morgen im Dorfe Ustj-Urovskoje 
landen konnten. Zwei Tage später, vom Dorfe Baschurowa an, wurde es uns möglich unsere 
Böte mit Hülfe von Pferden flussaufwärts ziehen zu lassen, was jedoch bei dem steinigen Bette 
des Argunj's. seinen zahlreichen Untiefen, kleinen Inseln, vorspringenden Felsen u. drgl. m, 
mit vielem Aufenthalte und mancher Gefahr für die Böte verbunden ist. Wiederum trat scharfe 
Kälte ein und diesmal ging die Eisbildung äusserst rasch vor sich. Am 9. (21.) Oct. erreichte 
ich nach vielstündigem, angestrengtem Kampfe gegen das treibende Eis in stockünstrer Nacht 
das Dorf Mulatscha. Meine grossen Böte aber, die gegen das Eis in der Nacht nicht hatten 



XXII 



Einkittmg. 



aufkommeu können, blieben zurück und konnten erst am folgenden Tage mit Hülfe zahlrei- 
cherer Mannschaft bis zu dem Dorfe gelangen. Da ich von Mnlatscha nur noch 15 Werst bis 
nach Argunskoi Ostrog hatte und die Sammlungen mit weniger iMühe zu Lande als auf 
dem Flusse zwischen den dicht zusammengedrängten Eisschollen hindurch transportirt werden 
konnten, so beschloss ich hier meiner Flussreise ein Ende zu setzen, nachdem dieselbe vom 
Mariinskischen Posten an 4 und vom Nikolajewschen 5 Monate gedauert und mich über eine 
Strecke von etwa 3500 Werst stromaufwärts geführt hatte. Am 12. (24.) Oct. langten wir in 
Nertschinskoi Sawod an, wo ich meine Sammlungen dem Befehlshaber der dortigen Berg- 
werke, Hrn. Obrist Deichmann, mit der Bitte um Weiterbeförderung mit der Goldkarawane 
ablieferte. Nunmehr lag die Poststrasse Sibiriens vor uns. lieber die Schilka, die wir kurz 
vor der Stadt Nertschinsk zu passiren hatten, mussten wir am 24. Oct. (5. Nov.) noch zu 
Boot, zwischen den dicht angehäuften Eisschollen uns durchdrängend, übersetzen. Die übri- 
gen Flüsse Transbaikalien's, die uns im Wege lagen, die Nertscha, ingoda, Sselenga, 
fanden wir schon mit einer fahrbaren Eisdecke versehen und gelangten am 6. (18.) Nov. noch 
rechtzeitig an den Baikal -See, um im Dampflioot über denselben herüberzukommen. Auf 
Winterbahnen, die sich während unseres Aufenthaltes in Irkutsk eingestellt hatten, eilten 
wir nun durch Sibirien weiter und trafen am 7. (19.) Januar 1857 wieder in St. Peters- 
burg ein. 

Nach diesem kurzen Abrisse meiner Reisen im Amur-Lande wird es, glaube ich, nicht 
überQüssig sein, von der im Vorhergehenden schon theilweise angedeuteten, den Amur-Strom 
in seinen einzelnen Theilen begleitenden Landschaft in gedrängten Zügen eine kurze Ueber- 
sicht zu geben. Es kann nicht fehlen, dass ein Strom von solcher Riesengrösse wie der Amur, 
der von dem Ursprünge seiner Hauptquellarme bis zur Mündung über 30 Längengrade kreuzt 
und imGanzi>n gewiss gegen 4500 Werst zurücklegt, in diesem weiten Laufe auch ein Terrain 
von sehr mannigfaltiger Beschaffenheit durchströmt. Auf die nackten Hochebenen Innerasiens, an 
deren Rande die Quellarme des Amurs, die Schilka, mit der Jngoda und dem Onon, und 
der Argunj entspringen, folgt bekanntlich gegen den Zusammenfluss dieser Ströme hin ein 
weites, von vielen Gebirgszügen zusammengesetztes Bergland, welches meist abgestumpfte, oft 
terrassenförmig abgesetzte und zuweilen nach Art von kleinen Hochebenen erweiterte Höhen, 
mit einer im Allgemeinen vorherrschenden Vegetation von Nadelhölzern und Birken und dar- 
unter besonders auch von der Betula daMnca besitzt. Ein solches Alpenland, aus Vorbergen und 
Ausläufern des Stanowoi- und des Chingan-Gebirges zusammengesetzt, umgiebt auch den 
oberen Lauf des Amur- oder oberen Sachali-Stromes, der offenbar nur die Fortsetzung sei- 
nes mächtigeren Quellarmes, der Schilka, ist und daher mit Recht bei den dortigen tungusi- 
schen Völkern, den Orotschonen und Monjagern, den Namen Schilkar oder Ssirkal 
trägt. Langgedehnte, zum Strome hin bald steile und nacktfelsige, bald sanfter geneigte und 
mit vorherrschendem Nadelwalde aus Lärchen und Kiefern bewachsene Höhen begleiten 
den Strom. Stellenweise treten sie beiderseits dicht an denselben heran und verleihen dem en- 
gen, gradlinigen Thale das Ansehen eines Gebirgsdurchbruches; meistens jedoch ist das Thal 



Orographischer Charnklcr des Amur-Landes. x\iii 

geräumiger und der geschlängelte Lauf des Stromes abwechselnd rechts und links von nack- 
ten Felswänden oder bewaldeten Bergabhängen und von grösseren oder kleineren Wiesen be- 
gleitet. Bis etwa zur Mündung des K o m a r - Flusses in den Amur bilden noch iNadelhölzer 
und die Bei. daurica die Hauptwaldung der Ufer. Alsdann aber werden die ersteren mehr und 
mehr verdrängt und von Laubhölzcin und namentlich Eichen in lichter Waldung ersetzt. So 
geht es bis zur Einmündung lier Dseja. Dort bricht die Berglandschaft ab und es breitet sich 
nunmehr eine ausgedehnte, hin und wieder gewellte oder von kleinen Hügelzügen durch- 
schnittene, ab und zu mit Laubholz bewachsene Ebene aus, die namentlich nach Norden, an 
der Dseja und ihren Zuflüssen weit hinaufzureichen scheint, am südlichen Horizonte dagegen 
meist von einem langgedehnten Höhenzuge bcgränzt bleibt. Dies ist die Prairie am oberen 
Amur- oder Sa chali -Strome , das zur Cultur am meisten geeignete Stück des Amur- Lan- 
des, in welchem die Ansiedelungen derMandshu, Chinesen und Dauren längs dem Strome 
liegen. Sie breitet sich am Amur bis unterhalb der Mündung der Bureja aus, wird jedoch 
gegen ihr unleres Ende hin allmählig eingeschränkter, indem dort wiederum kleine Gebirgs- 
züge dem Strome sich nähern. Etwa 100 Werst unterhalb der Bureja -Mündung stösst der 
Amur-Strom auf den vom Stanowoi-Gebirge nach Süd verlaufenden Gebirgszweig, den wir 
nach Middendorff s Vorgange das Bureja-Gebirge nennen wollen *). Dieses Gebirge wird 
vom Amur in der Richtung NW. nach SO. durchbrochen, auf einer Strecke von etwa 
200 Werst, wo der Strom, in ein enges Bett eingezwängt, meist in gewundenem Laufe zwi- 
schen beiderseits hohen, bald steilen und nacktfelsigen, bald sanfter geneigten und üppig be- 
laubten Ufern mit reisseuder Geschwindigkeit dahineilt. Es ist nicht möglich im Durchbruch 
des Amur-Stromes durch das Bureja-Gebirge, das zugleich mit der südlichsten Biegung des 
Stromes nahe zusammenfällt, nicht eine natürliche Abtheilung, einen Gränzpunkt im Laufe des 
Amur-Stromes zu erkennen. Denn mit dem Bureja-Gebirge ist nicht bloss in geognostischer 
Beziehung, wie in manchen Punkten der Pflanzen- und Thiergeographie und in den ethnogra- 
phischen Verhältnissen des Amur-Landes, sondern auch in der Entwickelung des Amur- 
Stromes selbst eine wichtige Gränzlinie gegeben. Befanden wir uns nämlich bisher im oberen 
Amur-Lande oder, wenn man die Schilka als oberen Lauf des Amur - Stromes ansieht, am 
mittleren Laufe des Stromes, so treten wir nunmehr unterhalb seines Durchbruches durch das 
Bureja-Gebirge an den unteren Lauf desselben und in das untere Amur-Land ein. Die rie- 
senmässige Zunahme, die der Amur-Strom gleich im Beginne seines unteren Laufes erfährt, 
verdankt er seinem Zusammenflüsse mit dem Ssungari. Der herrschenden Ansicht, dass die- 
ser letztere nur ein Zufluss des Amur-Stromes sei, müssen wir die richtigere Anschauung 
der Mandshu entgegensetzen, die den Mangu oder unteren Amur-Strom erst aus dem Zu- 
sammenflusse des Ssungari und Sachali entstehen lässt. Ja, wenn man in Erwägung zieht, 
dass bei der Vereinigung dieser Ströme die ansehnlichere Grösse und maassgebende Richtung 
auf Seiten des Ssungari bleibt, so dürfte man sogar geneigt sein, ihn und nicht den Sachali 



*) Darüber s. eine spätere Anmerkung. 



XXIV 



Einleüung. 



für die Hauplader des Amur- Systemes zu hallen. Längs dem vereiniglen Strome zieht sich 
nun anfangs dieselhe Landschaft fort , die aucii den Sachali gleich unterhalb seines Aus- 
tritts aus dem Bureja- Gebirge und noch oberhalb seiner Vereinigung mit dem Ssungari 
begleitet: es ist dies nämlich eine ebene, grasreiche Prairie, die aber in Vergleich mit der 
zuvor erwähnten Prairie am Sachali -Strome niedriger, sumpfiger und von geringerer Aus- 
dehnung zu sein scheint. Namentlich treten am rechten Ufer niedrige Gebirge oft bis hart an 
den Strom heran, während sie am linken meist nur am Horizonte sichtbar bleiben. Auch 
bricht der Prairiecharakter am rechten Ufer früher und zwar schon an der Mündung des Us- 
suri völlig ab, während er am linken noch eine geraume Strecke weiter geht. An der Mün- 
dung des Ussuri erreicht nämlich der Amur -Strom mit seinem bis dahin im Allgemeinen 
östlichen Laufe die westlichen Vorberge des Küstengebirges der Mandshurei und wendet 
sich nun nach Nord, um dieses Küstengebirge zu umgehen. Von nun an breitet sich bis an die 
Mündung des Amur-Stromes ein weites und durchgängiges, wenn auch nicht besonders hohes 
Alpeuland aus, welches am rechten Ufer von den westlichen Vorbergen und Abfällen des Kü- 
slengebirges und am linken von einzelnen Zweigen und Vorbergen des nördlichen Bureja- 
Gebirges gebildet wird, die die Quellen des Kur, Gorin, Amgunj und anderer linken Zu- 
flüsse des Amur-Stromes entsenden und begleiten. Namentlich hat der Strom, indem er sich 
näher an das Küsten- als an das Bureja-Gebirge andrängt, in diesem Theile ein durchgängig 
hohes, gebirgiges rechtes Ufer, während am linken die Ge'iirge nicht überall bis an den Strom 
herantreten und daher stellenweise, wie z.B. am unteren Kur, am Boolang-und Udalj-See, 
am unteren Amgunj u. s. w., auch niederes Land sich einfindet. So durchgängig aber auch 
das Alpenland in diesem Theile des unteren Amur -Stromes ist, so lässt sich hier doch, in 
Folge der ungefähren Meridianrichtung seines Laufes, ein rascher Wechsel im Vegetations- 
charakter der Landschaft bemerken. Bis etwa zur Mündung des Gorin -Flusses bilden Laub- 
hölzer der verschiedensten Art die herrschende Bewaldung der Uferabhänge, während alles 
Nadelholz auf die Höhe der Gebirge verbannt ist. Alsdann aber beginnen auch die Nadel- 
hölzer allmählig von der Höhe bis zum Niveau des Stromes hinabzusteigen, um nun je weiter 
nach Norden, desto mehr überhand über das Laubholz zu nehmen. Mit der Biegung endlich, 
die der Strom nahe dem SS'"" Breitengrade nach Osten macht, um, zwischen den nördlichen 
Ausläufern des Küstengebirges der Mandshurei und den nach Osten vorgeschobenen Aus- 
läufern eines Zweiges vom nördlichen Bureja-Gebirge hindurch, zum südlichen Ende des 
Ochotskischen und nördlichen des Japanischen Meeres (der Meerenge der Tartarei) einzu- 
münden, ist der Charakter ein vollkommen nordischer geworden, indem nun allenthalben, auf 
den Höhen wie am unmittelbaren Ufersaume, eine beinahe ausschliessliche, ausgedehnte und 
fast ununterbrochene Nadelwaldung von Tannen und Lärchen über einer dicken Moosdecke 
von Hypnum u. dgl. sich ausbreitet. Dieser Vegetationscharakter herrscht nun im Allgemeinen 
auch an der Meeresküste des Festlandes der Mandshurei und der Insel Sachalin bis weitnach 
Süden, zum wenigsten bis zum 49° n. Br. hinab. Nach Norden zu, an der Südküste des Ochot- 
skischen Meeres gewinnt er aber ein noch nordischeres Gepräge, indem dort meistentheils nur 



Klimatischer Charakter des Amur-Landes. xxv 

ein lichter und oft verkrüppelter Lärcbenwald die Meeresküste bedeckt. Dasselbe ist auch an 
den niedrigen Küsten des nördlichen Tbeiles der Insel Sachalin der Fall. Im Innern dersel- 
ben aber, wo das Land von gebirgiger Beschaffenheit ist, flndet sich hoher und mannigfaltiger 
Nadelwald, mit vielem Laubholze, vorzüglich Weiden, Espen und Birken, aber auch Esclien, 
Ahornen, Eichen u. a. m. untermischt. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass die in Meri- 
dianrichtung langgestreckte Insel Sachalin ein mit dem Küstengebirge der Mandshurei 
ziemlich paralleles Mittelgebirge mit mannigfachen Abzweigungen besitzt, dereu Zahl und 
Ausbreitung im mittleren, vom Golfe der Geduld nach Norden gelegenen Theile besonders 
ansehnlich zu sein scheint. Solche Gebirgszweige sind es auch, welche die grössten Flüsse der 
Insel Sachalin, den Ty und Tymy, in ihrem von den Quellen an nach SO. und NO. diver- 
girenden Laufe begleiten. Letzterer Fluss läuft in einem ziemlich weilen Thale zwischen dem 
Mittelgebirge an der linken und einem an Höhe nicht geringerem Nebenzweige desselben an 
der rechten Seite und erreicht erst nachdem er den letzleren Gebirgszug umgangen ist, mit 
einer Biegung nach Osten das Ochotskische Meer. Im Allgemeinen schienen mir die Gebirge 
in dem von mir besuchten, mittleren Theile von Sachalin denjenigen auf dem Continenle im 
unteren Amur -Lande an Höhe nicht nachzustehen. Nach Angabe der Eingeborenen soll es 
aber auf der Insel, und zwar im nördlichen Theile derselben, auch Gebirgsgipfel geben, die 
mit ewigem Schnee bedeckt sind, was wir im Amur-Lande nirgends gesehen haben. 

Gern möchten wir an diese kurze orographische Skizze des Amur -Landes auch eine 
vorläufige kurze Uebersicht der klimatischen Verhältnisse desselben anschliessen ; allein hier 
fehlen uns, um vom gesammlen Laufe des Stromes sprechen zu können, gegenwärtig noch die 
Materialien, Nur vom Mündungslande des Amur-Stromes besitzen wir schon mehrfache Er- 
fahrungen : es sind dies namentlich die von Hrn. Maximowicz im Mariinskischen und von 
mir im Nikolajewschen Posten während der beiden Jahre unseres Aufenthalles im Amur- 
Lande, 1854 — 1856, regelmässig fortgeführten meteorologischen Beobachtungen. Ausserdem 
liegen mir einige meteorologische Aufzeichnungen vor, die von zwei Oflicieren der Russischen 
Marine während einiger Monate Aufenthaltes in der Bai Hadshi an der Küste der Mandshu- 
rei in 49°n. Br. und in der Bai Aniwa am Südende Sachalins gemacht worden sind. Diese 
Materialien, die am entsprechenden Orte in extenso bekannt gemacht werden sollen, gestatten 
uns auch vorläufig schon einen flüchtigen Blick in das Klima des unteren Amur-Landes und 
in's Besondere der Amur-Mündung zu thun. 

Als ein Theil der Ostküsle des weiten asiatischen Continentes rauss das Mündungsland 
des Amur-Stromes in klimatischer Beziehung maritime und continentale Elemente in sich 
vereinigen. Die ersteren bezieht es jedoch nicht vom offenen Oceaue, sondern zumeist von 
einem hochnordischen, im Winter ebenfalls gefrierenden Binnenmeere, dem Ochotski sehen, 
und in geringerem Theile von der nördlichen Ilälfle des Japanischen Meeres; die zweiten 
kommen ihm von einem nach Westen äus^ rst ausgedehnten und nach Norden bis in hohe, 
arktische Breiten vorgeschobenen Contino'ile zu. Beiderseits sind daher die geographischen 
Verhältnisse nicht wohl geeignet ein ir des Klima an der Amur- Mündung hervorzurufen. 

Scbteoek's AmDT-Beiie. Bd. 1. ly 



XXVI 



Einleitung. 



Dabei lehren die Beobachtungen den Antheil, den die einzelnen Jahreszeilen an den maritimen 
und contiuentalen Factoren im Klima haben , in folgender Weise abschätzen : im Herbst und 
Winter herrscht der Einfluss des Contiaentes. im Frühjahr und Sommer derjenige der See 
Aor — eine Vertheilung, die gewiss im hohen Grade ungünstig ist, indem die scharfen Win- 
erfröste nicht durch eine entsprechende Sommerhitze compensirt werden. Genauer lässt sich 
der allgemeine klimatische Charakter der einzelnen Monate, wie wir ihn im Nikolajewschen 
Posten beobachtet haben, in folgender Weise angeben. Im October (alten Stiles, wie alle übri- 
gen Angaben) stellea sich bereits vorherrschende Westwinde ein, die einen heiteren und schö- 
ben, aber kalten Herbst bedingen: der einmal ausgefallene Schnee bleibt liegen und der Strom 
nedeckt sich von seinen Ufern aus, ohne dass ein herbstlicher Eisgang stattfände, allmählig 
tweiter und weiter mit Eis. In den ersten Tagen des Novembers (in, den Jahren 1854 und 
1855 am 2. (14-.) Nov.) ist er in seiner ganzen Breite, das zuletzt gefrierende tiefere Fahr- 
wasser des Stromes nicht ausgenommen, mit Eis bedeckt und wird alsdann auch sogleich in 
Schlitten befahren. Im November, der ebenfalls meist heiter bei vorherrschenden Westwinden 
ist, sinkt das Thermometer bereits nicht selten unter — 20"^ R. Im December thut sich der 
EinQuss der See durch sehr starken Schneefall kund. Zugleich ereignen sich häufig stürmische 
Schneegestöber, welche zumeist bei Westwinden stattlinden und nicht selten von einer Kälte 
von — 20° R. und mehr begleitet sind. Diese Sehneegestöber (von den Russen in Sibirien 
aPurga» genannt, wir möchten sie deutsch «Schneestürme» nennen) halten oft mehrere Tage 
lang an: die Luft ist alsdann von dichten Mengen wirbelnden Schnee's erfüllt, allenthalben 
häufen sich ungeheure Schneemassen an und aller Verkehr, selbst zwischen nahe gelegenen 
Orten, wird gehemmt und zeitweise ganz unterbrochen. Bei der wirbelnden Bewegung, mit 
welcher der Wind oft um die ganze Windrose umspringt, wird man sich die Erscheinung 
dieser Schneestürme aus einem Zusammenstossen und Gegeneinanderkämpfen der Ost- und 
Westwinde erklären können. Zuweilen, wenngleich sehr selten, nimmt auch der Ostwind 
überhand und alsdann stellt sich mitten im Winter Thauwetter ein, welches aber ebenso rasch 
wieder von scharfem Froste verdrängt werden kann. So hatten wir z. B. im Winter 1854 im 
Nikolajewschen Posten am 5. (17.) Dec. -+- 0°,5 R. in der Luft und am 10. (22.) Dec. 
— 31°,6, welches letztere zugleich auch der niedrigste im Nikolajewschen Posten von mir 
beobachtete Thermometerstand ist. Im Januar pflegt ein beständigeres Wetter, bei meistens 
heiterem Himmel und scharfen Frösten vorzuherrschen , welches, allmählig milder werdend, 
auch den Februar und März über anhält. Gegen Ende des letzteren Monats lässt sich jedoch 
schon die Wirkung der Frühlingssonne an der in den Mittagsstunden stattfindenden Schnee- 
schmelze verspüren. Im April nehmen die Ostwinde entschieden überhand. Von häufigen und 
dichten, oft plötzlich heraufziehenden Nebeln begleitet, färben sie den Himmel fast beständig 
grau und lähmen die Wirkung der Frühlingssonne, ohne diesen Verlust an Wärme durch eine 
viel niedrigere Temperatur der Luft zu compensiren. Ihrem hemmenden Einflüsse ist wahr- 
scheinlich auch der späte und langsame Aufgang des Stromes zuzuschreiben; denn so rasch 
und, ich möchte sagen, entschlossen der Strom im Herbst sich beeist, so langsam und zögernd 



Klimatischer Charakter des Amur -Landes. xxvu 

wirft er im Frühjahr die Eisdecke wieder ah. Einen grossen Theil des April-Monats hindurch 
ist daher das Eis auf dem Strome noch fahrbar, obgleich von vielem Aufwasser bedeckt. Erst 
im Anfange Mai's (in den Jahren 1855 und 56 am 2. (14.) und 9. (21.) Mai) befreit sich 
die eigentliche Stromrinne oder das tiefere Fahrwasser vom Eise; läugs den Ufern aber und 
in den Buchten des Stromes hält sich das Eis noch 8 bis 10 Tage länger. Viel später wird 
der Amur-Limau eisfrei, da in demselben ausser seinem eigenen Eise auch noch bis weit in 
den Juni hineiii treibende Eismassen aus dem Ochotskischen Meere sich ansammeln. Wie 
lange endlich Treibeis an den Südküstendes Ochotskischen Meeres sich finden lässt, dafür diene 
zum Belege der Umstand, dass im Jahre 1856 in der Bai heim Petrowskischen Posten noch 
am 26. Juni (8. Juli) starke Eismassen angehäuft waren *). Unter solchen Umständen ist es 
leicht zu ermessen, wie sehr die an der Amur- Mündung im Mai und Juni vorherrschenden 
kalten und nebelreichen Ostwinde dem Klima jener Gegenden nachtheilig sein müssen. Darin 
Hegt ohne Zweifel auch der Grund des späten Wiedererwachens der organischen Natur an der 
Amur-Mündung. Im Mai liegen in den Wäldern noch vielfache Ueberreste der grossen Schnee- 
mengen des Winters, die die spärlich wirkende Frühliugssonne nicht hat entfernen können. 
Erst gegen Ende Mai's und im Anfange Juni's beginnen Bäume und Sträucher sich zu begrü- 
nen. In den wärmsten Monaten, Juli und August, scheinen nun Ost- und Westwinde sich ziem- 
lich das Gleichgewicht zu halten und bald eine Temperatur von nahe 10° und darunter, bald 
eine von über 20° R. hervorzurufen. Das Maximum, das bisher im Nikolajewschen Posten 
beobachtet worden, ist 25° R. am 31. Juli (12. Aug.) 1856, wogegen aber am 6. (18.) Juli 
Nachts das Minimum-Thermometer nur 1° Wärme zeigte. Im September endlich nehmen wie- 
derum Ostwinde überhand und rufen ein regnigtes und nebelreiches Welter hervor, auf 
welches im October, wie wir bereits erwähnten, Schnee und anhaltende, im Gefolge der West- 
winde eintretende Fröste folgen. So sehen wir also im Klima der Amur-Münöung den abküh- 
lenden Einfluss, den die kalten, über das sibirische Festland streichenden Westwinde im Win- 
ter ausüben müssen, mit dem ebenfalls abkühlenden Einfluss, den ein uorfiisches Binnenmeer 
im Sommer bewirkt, sich vereinigen. Ohne Zweifel ist also das Klima der Amur -.Mündung 
viel rauher als man es der geographischen Breite nach zu erwarten geneigt sein dürfte. 

Sehr ähnliche klimatische Verhältnisse wie an der Amur- Mündung scheinen auch im 
gesammten Küstengebiete des Amur-Landes, in der Meerenge der Tartarei und auf der In- 
sel Sachalin zu bestehen. 

Begreiflicher Weise lässt sich der abkühlende Einfluss, den das Ochotskische Meer auf 
das Klima der anliegenden Länder ausübt, auch südlich von der Amur -Mündung, in der 
Meerenge der Tartarei verspüren, die durch den Amur-Liman in direkter Verbindung mit 
dem Ochotskischen Meere steht. Bis zum Gap Lasarefl', in ungefähr 52° n. Br., setzt sich 
nach Siden die feste, ununterbrochene Eisdecke fort, mit der sich der Amur-Liman allwin- 
terlich zu überziehen pflegt. Südlich vom Gap Lasarefl' bleibt die Meerenge der Tartarei in 

') Nacli einer AliUlieilung des Dr. Pfei ffer's, der die TOn mir begonnenen meteorologischen Beobachtungen im 
Nikolajewscbun Posten seit meiner Abreise toq dort fortsetzt. 



xxviii Einleitung. 

ihrem mittleren Theile den ganzen Winter über offen, gefriert aber, vom November und De- 
ceniber an, längs den Ufern und in den Buchten und Baien. Zwar wird auch dieses Eis durch 
frische Seewinde bisweilen plötzlich zerbrochen, allein in den geschützteren Baien bleibt es 
lansre Zeit, in der Bai de Castries z. B. bis Ende und in der Bai Hadshi im 49° n. Br. bis 
Mitte Aprils liegen. Zudem werden im Frühjahr zuweilen starke Eismassen aus dem 
Ochotskischeu Meere und Amur-Liniane in die Meerenge der Tartarei getrieben. Aus den 
meteorologischen Beobachtungen, die Hr. Lieut. Kusnezoff vom Juni 18.55 bis Januar .56 in 
der Bai Hadshi angestellt hat, ergiebt sich, dass auch dort die Temperatur der Sommer- 
monate durch den abkülilenden Einfluss vorherrschender Ostwinde niedergedrückt wird, wäh- 
rend in den Wintermonaten, vom October an, besonders häufige West- und Nordwinde we- 
hen, welche das Thermometer nicht selten unter — 20, ja bis — 25° R. sinken lassen. Und 
doch ist damit, den Stunden der Beobachtung nach zu urtheilen, gewiss noch nicht der nie- 
drigste Stand angegeben, den das Thermometer dort erreichen mag. Obgleich dalier im Klima 
der Bai Hadshi im Vergleich zur Amur-Mündung schon eine bedeutende Milderung be- 
merkbar ist, so bleibt es doch immer noch weit rauher als es der Breite von 49° zukom- 
men müsste. 

Was die klimatischen Verhältnisse der Insel Sachalin betrifft, so scheint bei der an- 
sehnlichen Längenerstrcckung dieser Insel ein bedeutender Unterschied zwischen dem nörd- 
lichen und süilliclien Theile derselben statt zu haben. Denn während der erstere an der un- 
günstigen Verbindung continentaler und maritimer Elemente, wie wir sie im Klima der Amur- 
Mündung bemerkt haben, in einem noch hölieren Grade Theil zu haben scheint, besitzt die 
Südspitze ein milderes und offenbar reiner maritimes Klima. Ersteres ist uns aus der geogra- 
phischen Lage der Insel leicht erklärlich: denn von dem Ochotskischeu Meere und dem 
Amur-Limane umgeben, ist es dem rauhen, abkühlenden Einflüsse derselben im Frühjahr 
und Sommer noch mehr als die Amur- Mündung unterworfen. Andererseits aber lässt die 
Nähe der Insel zum Festlande, mit dem sie im Winter durch die Eisdecke des Amur-Lima- 
nes und des südlichen Ochotskischen Meeres sogar in continuirlich- feste V^erbfndung tritt, 
sie auch an den excessiven Winterfrosten des Festlandes in gleichem und vielleicht noch hö- 
herem Grade Theil nehmen. Die schärfste Kälte, die ich im Amur- Lande beobachtet habe 
und die jedenfalls unter dem Gefrierpunkte des Quecksilbers stand, indem mein Quecksilber- 
Thermometer (von Greiner in Berlin gearbeitet) — 42° R. zeigte, fand ich am 18. Februar 
(1. März) 18.56 im weiten, nach NNO geöffneten Tymy-Thale auf der fnsel Sachalin. Zu- 
gleich ist die Insel im Winter nicht weniger reich an Schnee wie die Amur- Mündung und 
vielleicht noch häufigeren stürmischen Schneegestöbern unterworfen. Setzt sich nun dieser 
Einfluss des nahen Conliiientes auf das Klima der Insel längs dem hohen Mittelgebirge der- 
selben vermulhlich recht weit nach Süden fort, so scheint er doch nach der Südspilze der In- 
sel zu allmählig zu schwinden und in Folge des Einflusses des Japanischen iMeeres einem 
milderen, maritimen Klima Raum zu gehen. Nach den Bemerkungen des Lieut. der Russ. 
Marine, Hrn. Rudanoffski, der vom October 1853 bis 3Iai 54 meteorologische Bcobachtun- 



Klimatischer Charakter des Amur-Landes. ^^i^ 

gen in der Bai Aniwa gemacht und einige Reisen im südlichen Theile der Insel ausgeführt 
hat, ist die am Ochotskischen Meere gelegene Ostküste des südlichen Sachalins merklich 
rauher als die zum Nordjapauischen Meere (oder der Meerenge der Tartarei) gekehrte 
Westküste desselben. In der nach Süden geöffneten Bai Aniwa betrug der niedrigste Ther- 
mometerstand, den Hr. Rudanoffski beobachtet hat, nicht mehr als — 20° R., am I. (13.) 
Januar Morgens. Die Mitte der Bai bleibt während des ganzen Winters offen und nur längs 
den Ufern bildet sich Eis, das von frischen Winden oftmals zerbrochen wird. Bereits um die 
Mitte März's (alten Stiles) ist aller Schnee geschmolzen; dennoch beginnt erst im Mai das erste 
Grün hervorzubrechen. Trotz ihrer südlichen Lage von ungefähr 464° n. Br. ist also auch die 
Bai Aniwa an der Südspitze Sachalin's noch mit einem verhältnissmässig rauhen Klima 
ausgestattet. 

Kehren wir nun wieder zum Amur -Strom zurück. Aufwärts von der Mündung 
desselben gegangen, nimmt das Klima des Amur -Landes bald einen anderen Charakter an. 
Denn nicht bloss gelangt man, bei der ungefähren Meridianrichtuug des unteren Amur-Stro- 
mes, bald in südlichere Breiten, sondern man entfernt sich zugleich auch aus dem Bereiche 
des unmittelbaren Einflusses des Ochotskischen jMeeres und der, wenn auch minder rauhen, 
Meerenge der Tartarei. Im Mariinskischen Posten, etwa 350 Werst oberhalb der Amur- 
Mündung, sind jedoch die nordisch-maritimen Elemente no^h sehr merklich, was nicht bloss 
aus der im Allgemeinen noch bedeutenden Nähe des Stromes zur Meeresküste, sondern auch 
auch aus der eigenthümlichen Bildung des sogenannten See's von Kidsi sich erklären lässt. 
Durch diese weite, in östlicher Richtung langgedehnte Bucht, die dem Amur-Strome das An- 
sehen giebt, als wollte er hier schon ins Meer münden, nähert sich derselbe bis auf die un- 
bedeutende Entfernung von etwa 10 Werst der Meerenge der Tartarei. Kalte und feuchte 
Seewinde streichen hier über die niedrige Landenge und den See von Kidsi ebenso wie an 
der nach Ost geöffneten Mündung des xVjnur-Stromes weg und setzen sich noch weiter längs 
dem Strome fort. Wie an der Amur -Mündung tragen sie also auch hier zur Abkühlung des 
Frühjahrs und Sommers bei, während Herbst und Winter die excessiven Fröste eines conti- 
nentalen Klimas in kaum geringerem Grade theilen. Nach den Beobachtungen von Hrn. Ma- 
ximowicz sinkt das Thermometer im Mariinskischen Posten im Winter bisweilen bis auf 
— 30° R., während es im Sommer auch nicht über 25° erreicht. In der Zeit des Zufrierens 
und Aufgehens des Stromes scheint zwischen dem Mariinskischen und Nikolajewschen 
Posten ein Unterschied von nur wenigen Tagen zu bestehen *). Nicht grösser scheint auch der 
Unterschied im Zeitpunkte des Wiedererwachens der organischen Natur zu sein. 

Erst weiter oberhalb vom Mariinskischen Posten, nach Maassgabe als der Strom von 



*) Die Bcobachlungcii über das Zufrieren und Aufgehen des Stromes im Mariinskischen Posten selbst können 
insulern nicht ganz maassgel)i iid sein, als dieser Posten nicht am llauptslronie selbst, sundern an einem l'lussarmo 
liegt, wo die Eisdecke (rnher sich bildet und langer liegen bleibt. In den Jahren 1834— ö() beiibaclitele Hr. ;\laximo- 
wicz den Zugang des Flussarmes beim Mariinskischen Posten am 2. (14.) Nüvbr. und 28. Oct. (9. Nov.), also gleich- 
zeitig und sogar etwas früher als er im .Nikolajewschen Posten in denselben Jahren stattfand, den Aufgang dagege, 
am 26. April ;s. .Mai) und 28. April (10. Mai), also um 6—11 Tage früher als im Mkolajew sehen Posten. 



XXX 



Einleitung. 



der Küste weiter entfernt bleibt und durch das schützende Küstengebirge mehr und mehr aus 
dem Bereiche der maritimen Einflüsse tritt, scheint das Klima einen milderen und entschieden 
continentaleren Charakter anzunehmen. Namentlich dürfte, dem Vegetationscharakter der 
Amur-Ufer nach zu urtheilen , die Mündung des Gorin-Flusses einen bedeutenden Wende- 
punkt in den klimatischen Verhältnissen am Amur -Strome bezeichnen, da, wie wir bereits 
erwähnten, von dort an aufwärts eine merklich südlichere, ausschliesslich aus Laubhölzern 
zusammengesetzte Vegetation die Ufer des Stromes bedeckt. Diese günstige Aenderung im 
Klima dürfte jedoch nicht sowohl in einer verhältnissmässig viel geringeren VVinterkälte , als 
vielmehr in einem milderen, durch höhere Temperatur die Winterkälte compensirenden Früh- 
jahr und Sommer zu finden sein. Ungeachtet daher des milderen Charakters, den das Klima 
des Amur- Landes stromaufwärts gewinnt, wird es nur ein mehr und mehr excessives 
und somit rein continentales. Dennoch lässt sich im Klima des gesammten unteren Amur- 
Landes bis zum Bureja- Gebirge darin vielleicht noch ein Einfluss der See erkennen, 
dass es reich au Niederschlägen und namentlich auch an Schnee im Winter ist. Allenthalben 
im unteren Amur-Lande, bis zum Ssungari und bis zu den Quellen des Ussuri, kann man 
daher bei den Eingeborenen den Gebrauch von Schneeschuhen auf ihren winterlichen Jagden 
und von Hunden zum Ziehen der Schlitten finden. In diesem Schneereichthume liegt gewiss 
auch ein charakteristischer Zug des unteren Amur-Landes im Vergleich zum oberen. Mit dem 
Schwinden dieses letzteren Einflusses der See nimmt das Klima im oberen Amur-Lande, ober- 
halb des Bureja- Gebirges, einen ganz continentalen Charakter an. Die in der gesammten 
südlichen Biegung des Amur-Stromes und oberhalb bis über die Mündung der Dseja hinaus 
bei den Eingeborenen und bei den angesiedelten Chinesen allgemein übliche Cultur ziemlich 
südlicher Feld- und Gartenfrüchte, wie Mais, den wir im Anfange Augusts (alten Stiles) be- 
reits gereift fanden, Melonen und Wassermelonen, Eierfrüchte [Solanum Melongeiia), Taback 
u. s. w., lassen uns auf eine hohe Temperatur des Sommers in jenem Theile des Amur-Stro- 
mes schliessen. Gleichzeitig soll aber das Thermometer im Winter so tief sinken, wie wir es 
an der Amur-Mündung nicht beobachtet haben. Auf unserer Reise den Amur aufwärts stiessen 
wir im oberen Laufe des Stromes schon am 21. Sept. (3. Oct.) auf treibendes Eis, das aus 
dem Urutschi, einem linken ZuQusse des oberen Amur's, kam. Am 1. (13.) Oct. begann der 
Eisgang im Argunj. Dies ist auch der Zeitpunkt, wo sich im oberen Amur Eis einzufinden 
pflegt. Bekanntlich gehört ein excessives, continentales Klima, mit schneearmem, äusserst 
kaltem Winter zum Charakter Transbaikalien's. In Nerlschinskoi Sawod, das etwas 
südlicher als der Mariinskische Posten liegt, sinkt bekanntlich das Thermometer im Winter 
bis zu — 36° R. uud wohl noch tiefer hinab. Im Vergleich mit dem Klima Transbaikalien's 
müssen wir daher die ebenfalls niedrige VVintertemperatur des unteren Amur-Landes noch 
als eine durch den Einfluss der See gemilderte ansehen. Diese Milderung im Winter hört jedoch 
im oberen Amur-Lande ebenso wie die Abkühlung im Sommer mehr und mehr auf und 
endlich schliesst sich das Klima desselben unmittelbar an dasjenige Transbaikalien's an. 



Bemerkungen. 



XXXI 



In Beziehung auf die in der vorstehenden Einleitung wie in den nachfolgenden Abhand- 
lungen unseres Reisewerkes beobachtete Schreibart der fremdländischen und namentlich der 
bei den Amur-Völkern gebräuchlichen Orts-, Völker-, Thiernamen u. drgl. ist zu bemerken, 
dass dieselbe nur eine möglichst richtige Aussprache im. Auge gehabt hat, den feineren 
Nüancirungen der Laute im Munde jener Völker nur insoweit Rechnung tragend, als diese 
durch unsere lateinischen Schriftzeichen wiedergegeben werden konnten. Es kommen in den 
Sprachen jener Völker so viel eigene Laute vor, zu deren Angabe unsere Schriftzeichen nicht 
hinreichen und die, um erschöpfend wiedergegeben zu werden, besonderer, conventionell 
gewählter Zeichen bedürfen, deren Wahl wir aber füglich, zugleich mit der Bearbeitung des 
von uns mitgebrachten sprachlichen Materiales, sachkundigen Linguisten überlassen müssen. 
Hier genügt es daher bloss auf folgende Punkte in unserer Schreibart aufmerksam zu machen: 
gh soll das mit dem Laute h gemischte oder aspirirte g ausdrücken. 
sh drückt den Laut des französischen j oder russischen ok aus. 

$s oder s' (letzteres ist namentlich in den Thiernamen der Amur -Völker gebraucht wor- 
den), drückt das harte, zischende s aus. Von dieser Schreibart sind nur solche Namen 
ausgenommen worden, deren Aussprache als allgemein bekannt vorausgesetzt werden 
konnte und die wir bereits im allgemeinen Gebrauche mit einem s geschrieben finden, 
wie Sibirien, Sachalin (Insel) und darnach auch Sachali (Fluss) u. dgl. m., obgleich 
diese der Aussprache gemäss . ebenfalls Ssibirien, Ssachalin u. s. w. geschrieben 
werden müssten. Auch dürfte man in dieser Schrift zuweilen solche Namen, die ich ge- 
wöhnlich mit SS zu schreiben pflege, mit einem einfachen s geschrieben finden, wieSun- 
gari, Samagern u. dgl. statt Ssungari, Ssamagern u. s. w., was hoffentlich zu kei- 
nen Missverständnissen führen wird. 
y bezeichnet den Laut des russischen bi. 

Die übrigen Bezeichnungen dürften ohne Vorbemerkungen verstanden werden. 



Sl^GETHIEßE DES ANUR-LMIIES. 



Bearbeitet 



Dr. L.eo|»oI(l v. j^clireiiek. 



Sohrenck Anmr-K^ise Ed. 1. 



Indem ich in den nachfolgenden BUiUern die Ergehnisse meiner Reise in Beziehung auf 
die Fauna und namentlich zunächst auf die Säugethiere des Amur -Landes zusammenstelle, 
halte ich es für nothwendig, zur richtigeren Auffassung derselhen einige Bemerkungen über 
die ihnen zu Grunde liegenden Materialien und den bei Bearbeitung derselben befolgten Ge- 
sichtspunkt vorauszuschicken. 

Selbstversländlicii wird man von Reise-Ergebnissen nicht ein vollständiges, erschöpfen- 
des Bild der Fauna eines so ausgedehnten, an wechselnder Terraingestaltung, klimatischen 
Differenzen und organischen Formen so reichen Gebietes, wie das Amur-Land, erwarten. Sie 
können und sollen nur die erste wissenschaftliche Kenntniss von der Fauna dieses, uns bisher 
noch völlig unbekannten Landes geben, so weit natürlich, als die gesammelten Materialien 
eine solche gestatten. Diese Materialien bestehen nun theils in mitgebrachten Bälgen und Ske- 
letten, iheils in Beobachtungen, die auf Reisen und während des Aufenthaltes im IS'ikolajew- 
schen Posten gemacht, und theils endlich in j\ achrichten, die durch Erkundigungen von den 
Eingeborenen eingezogen worden sind. Dass den ersteren unter ihnen die Hauptstimme ge- 
bührt, indem sie, neben dem besten Beweise von dem Vorkommen der betreffenden Thierarten 
im Amur-Lande, zugleich auch die Möglichkeit genauer Vergleichung mit den in unserem aka- 
demischen Museum zahlreich vorhandenen Formen angränzender Gebiete liefern, braucht wohl 
kaum hervorgehoben zu werden. Dieser Bedeutung derselben eingedenk, habe ich mich stets 
bemüht während der Reise, sowohl durch eigene Jagden, wie durch Verkehr mit den Einge- 
borenen möglichst viele Thierformen in Bälgen und Skeletten oder Schädeln zu sammeln, und 
oft in Ermangelung vollständiger Exemplare auch mangelhafte Felle und sogar einzelne Fell- 
und Knochenfragmente der Aufbewahrung werth gefunden. Dennoch durfte ich im besten 
Falle nur daraufrechnen, in den Sammlungen die meisten Säugethiere des Amur-Landes in 
einzelnen, oft sehr unvollständigen Stücken repräsenlirt zu sehen, während die Beobachtung 
an Ort und Stelle, neben manchen biologischen Momenten, auch in systematischer Beziehung 
oft ein massenhafteres Material vorfand, das über den herrschenden localen Character der For- 
men Aufschluss geben konnte. Indem nämlich die meisten Säugethiere in einer oder der an- 
deren Beziehung eine Bedeutung für die Eingeborenen haben und manche lief in den Haushalt 
und das sociale Leben derselben eingreifen, musste man erwarten durch gesteigerten Verkehr 
mit den Eingeborenen auch mit den ihnen zu Gebote stehenden zoologischen Schätzen in nähere 



4. Sangdhiere, 

Berührung zu kommen. Dazu boten namentlich die Wintermonate, welche bei den ichthyo- 
phagen Eingebornen des unteren Amur-Landes fast ausschliesslich der Jagd auf Pelzthiere ge- 
widmet sind, die beste Gelegenheit dar. Alsdann sammeln sich bei ihnen nicht selten grosse 
Vorräthc der geschätztesten Pelzwerke an, welche bestimmt sind im Sommer auf Handelsreisen 
zu den Mandshu und Chinesen am Sungari gebracht zu werden, inzwischen aber auch dem un- 
erwarteten, mit Tauschwaaren versehenen Reisenden gern zum Kaufe angeboten werden. Neben 
diesen geschätzten Pelzwaaren finden sich denn oft auch andere, für die Eingeborenen werth- 
lose Thierarten, welche unbeabsichtigter Weise in den für die Pelzthiere ausgestellten Fallen 
erbeutet worden sind und in der Strenge winterlicher Jahreszeil sich völlig unversehrt erhal- 
len haben. Wollte man daher diese Jagdausbeule der Eingeborenen als zoologisches Material 
benutzen, so mussle man suchen recht viele uud an den verschiedensten Orten des Amur-Lan- 
des vorhandene Niederlaffen derselben kennen zu lernen. Dies ist denn auch mit ein Grund 
der alljährlichen, oben erwähnten Winlerreisen gewesen, die ich vom Nikolajewschen Posten 
aus unternahm und denen ich in der That wohl den grftssten Theil meiner Erfahrungen über 
die Säugethierfauna des Amur-Landes zu verdanken habe. Es kommt hier nämlich noch der 
andere Umstand hinzu, dass im Winter die Eingeborenen im Amur-Lande, auf deren Vermille- 
lung ich rechnete, durch ihre sesshaftere Lebensweise dem Reisenden weil zugänglicher als 
im Sommer sind. Denn während sie im Sommer durch ihre ausschliessliche Beschäftigung 
mit dem Fischfange und der Bereitung von Fischvorrälhen für den Winter meistens genöthigt 
sind, den Zügen der verschiedeneu Fische und ihren besten Fangplätzen folgend, in leichten 
Zellen eine halb nomadische Lebensweise zu führen, versammelt sie die rauhere Jahreszeil des 
Winters in ihre festen Winterwohnuugen, von denen aus die im Walde aufgestellten Thier- 
fallen beaufsichtigt und zeilweise auch die entfernteren, in den Gebirgswaldungen landeinwärts 
gelegenen Jagdzelle besucht werden. Im Winter darf man daher stets hoffen in den Dörfern 
am Amur -Strome eine zahlreiche und meistens müssige Bevölkerung versammelt zu flnden, 
welche geneigt ist mit dem Reisenden, sei es aus Ilandelssuchl, aus Neugier oder auch nur 
aus langer Weile, sich in Verkehr zu setzen und dabei auch seinen Erkundigungen und Nach- 
fragen, so weit sie nicht ihr Misstrauen erregen, ein williges Ohr zu leihen. Füge ich noch 
hinzu, dass ich durch eigenes Radebrechen ihrer Sprachen, welches ich im beständigen Ver- 
kehre mit den Eingeborenen erlangt hatte, und durch stets gastliche Aufnahme vieler derselben 
in meinem Hause im Nikolajewschen Posten ein gewisses Vertrauen weithin unter ihnen ge- 
wonnen hatte, so wird man erklärlich finden, dass ich auf diesem Wege viele schätzbare Aus- 
künfte über das Vorkommen und die geographische Verbreitung der ihnen wohlbekannten 
Säugethiere erhallen konnte. Freilich mussle jede dieser Aussagen nur mit Vorsicht aufge- 
nommen und durch wiederholtes Nachfragen an verschiedenen Orten einer mehrfachen Con- 
trolle unterworfen werden, wobei ich jedoch nur in seltenen Fällen auf widersprechende Aus- 
sagen stiess und dagegen oft durch die grössle Uebereinstimmung mich von der Richtigkeit 
derselben zu überzeugen Gelegenheit halte. 

Ausser den von mir selbst aus dem Amur-Laode mitgebrachten Materialien erhielt ich 



Smgelhiere. 5 

aber ferner auch noch schätzbare Beiträge zur Säugethierkunde des Amur-Landes durch die 
Herren Maximowicz und Maack, von denen ersterer gleichzeitig mit mir, also in den Jahren 

1854 bis 56, das Amur-Land in bolanischer Hinsicht durchforschte, letzterer aber im Jahre 

1855 von Transbaikalien aus eine Reise den Amur-Strom abwärts und zurück ausführte. 
Herr Maximowicz trat mir noch während unseres gemeinsamen Aufenthaltes und unserer zum 
Theil gemeinsamen Reisen im Amur-Lande stets die von ihm erbeuteten Thiere ab. Von Hrn. 
Maack erhielt ich aber nach meiner Rückkehr die freundliche Erlaubniss, bei Bearbeitung 
meiner Materialien über die Säugethiere und Vögel des Amur-Landes auch die von ihm mit- 
gebrachten, ebenfalls im Museum unserer Akademie befindlichen Bälge mit in Betracht zu zie- 
hen. Die auf solche Weise erhaltenen Beiträge werden in den folgenden Blättern an dem betref- 
fenden Orte stets besonders erwähnt werden. Hier aber kann ich es mir nicht versaeen, bei- 
den Herren für dieselben meinen wärmsten Dank öffentlich auszusprechen. 

Es bleibt mir nun noch übrig, einige Worte über die in der nachfolgenden Bearbeitung 
der Säugethiere des Amur-Landes eingehaltenen Gesichtspunkte zu sagen. Wie in der allge- 
meinen Einleitung erwähnt worden, ist es zur directen Aufgabe meiner Reise von Seiten der 
Akademie gemacht worden, unsere durch Middendorff bis an die Südabhänge des Stanowoi- 
Gebirges und die SüdküslendesOchotskischenMeeres nebstdenSchantarischen Inselnnach 
Südost vorgeschobene Kenntniss der russisch-sibirischen Fauna, bei nunmehr eingetretener Mög- 
lichkeit weiterer Forschung, südwärts über jene Gränzen hinaus auf das Amur-Land und die 
Insel Sachalin auszudehnen. Somit sollten sich also meine Reisen und Forschungen im Amur- 
Lande unmittelbar an diejenigen Middendorff's im Südosten Sibiriens anschliessen und, nach 
Raum und Zeit, gewissermassen die Fortsetzung derselben bilden. Im Sinne solcher Fort- 
setzung musste es mir denn besonders obliegen auch den acht naturhistorischen Gesichtspunkt 
festzuhalten, der meinen grossen Reisevorgänger leitete und der seit den unsterblichen Arbei- 
ten von Pallas in der Zoographie Russlands überhaupt der leitende geworden ist. Demnach 
musste das Hauptinteresse nicht in der Entdeckung neuer Säugethierformen, deren das Amur- 
Land voraussichtlich nur wenige enthalten konnte, sondern in dem fortgesetzten biologisch- 
geographischen Studium der nordasiatischen Säugethierfauna sich concentriren, wie es von 
Pallas angebahnt und von unseren späteren Akademikern Baer, Brandt und Middendorff 
fortgesetzt worden ist. Vor allem musste also bei Aufdeckung bereits bekannter Thiere im 
Amur-Lande die grösste Aufmerksamkeit auf die locale Erscheinung derselben innerhalb dieses 
geographischen Bezirkes im Vergleiche zu derjenigen in anderen und namentlich den benach- 
barten Theilen ihres gesammten, grösseren oder geringeren, geographischen Verbreitungsge- 
bietes verwendet werden. Die nächsten Vergleichungspunkte mussten hier natürlich die Fauna 
des südöstlichen Sibiriens einerseits und diejenige Chinas und Japan's andererseits bieten. In 
erslerer Beziehung konnte diesem Bedürfniss durch die fortgeschrittene Kenntniss der russisch- 
sibirischen Fauna und namentlich durch die Arbeiten Middendorff 's über die Fauna des süd- 
östlichen Sibiriens, wie durch die reichhaltigen, von ihm und von Herrn Wosnessenski her- 
rührenden, auf jene Gegenden bezüglichen Sammlungen in unserem Museum in reichem Maasse 



6 Säugelhiere. 

entsprochen werden. Wo daher Bälge, Skelette oder Schädel von Säugethieren aus dem Amur- 
Lande vorlagen, konnten dieselben unmittelbar gegen die entsprechenden Sibiriens gehalten 
und mit letzteren verglichen werden. Im Zwecke lag es, diese Vergleichungen möglichst ge- 
nau und detaillirt und, wo es die Gegenstände erforderten und zuliessen, auch mit numeri- 
schen Maassangaben auszuführen. Denn nur auf diese Weise durfte man hoffen , die uns bei 
erweitertem Gesichtskreise nothwendig entgegentretenden abweichenden Erscheinungsformen 
bereits bekannter Thierarten richtig zu würdigen, und somit, durch neu erkannte Variations- 
reihen, zur Erweiterung unsrer bisherigen Kenntniss von der Variabilität der Thierarlen bei- 
tragen zu können. Leider stand uns nun kein solches Vergleichuugsniaterial auch nach der 
anderen Seite zu Gebote. Denn in Betreff der Fauna Chinas und Japan's musste mit dem 
Wenigen vorlieb genommen werden, was über die Säugethiere dieser Länder bisher durch 
Beschreibungen und Abbildungen bekannt geworden ist. Dennoch deckte die Vergleichung 
auch nach dieser Seite nicht unansehnliche Variationsreihen auf, indem sie namentlich, durch 
Vermittelung der Amur-Formen, in manchen bisher für selbststäudig gehaltenen Japanischen 
Formen nur Varietäten bekannter, auf dem Continente verbreiteter Thierarten zu erkennen im 
Stande war. Nach dieser Seite konnte also die Bekanntschaft mit den Amur-Formen zugleich 
zur Reduction einiger Arten führen und somit zur Vereinfachung der Systematik beitragen. 
Wichtiger als diese Vereinfachung ist aber, dass mit der Reduction für die betreffenden Arten 
zugleich auch mehr Boden zur Aufdeckung der Causalbeziehungen gewonnen wird, welche 
zwischen den Thierarten in ihren verschiedenen Varietäten und den physischen Bedingungen 
des jedesmaligen geographischen Bodens, auf dem wir sie finden, bestehen mögen. Es ist 
durchaus ein Gesichtspunkt meiner Reisen und Forschungen gewesen, diesen biologisch-geo- 
graphischen Causalbeziehungen, aus denen wir dereinst die Gesetze geographischer Verbrei- 
tung der Thierarten abzuleiten haben werden, in dem mir angewiesenen Gebiete möglichst 
nachzuforschen, wenn ich gleich bekennen muss, dass die nachfolgenden Arbeiten, weit hinter 
dem vorgesteckten Ziele zurückbleibend, nur über einige der nothwendigsten Vorbedingungen 
zur Kenntniss dieser Causalbeziehungen theilweise Aufklärung zu geben im Stande sein dürf- 
ten. Zu diesem Zwecke ist es daher, neben der Aufmerksamkeit auf die locale Erscheinung 
und Variation der Thierarten im Amur-Lande, mein Bestreben gewesen, auch die geographi- 
schen Gebiete und Gränzlinien ihrer Verbreitung, wo solche innerhalb des von mir bereisten 
Gebietes sich darbieten konnten, möglichst genau zu erforschen. In der That fanden sich bei 
der ansehnlichen Erstreckung des Amur-Landes und noch mehr in Folge der bedeutenden 
Differenzen seiner Bodengestaltung, seines Klima's und seiner Vegetation nach Nord und Süd 
die Verbreitungsgränzen verhältnissmässig recht vieler Thierarten innerhalb desselben auf. 
Diese Gränzlinien konnten jedoch, wegen der kurzen Dauer meiner Reisen im Amur-Lande, 
nur an wenigen Punkten aus eigener Erfaluung bestinmit, im grössten Theile ihres Verlaufes 
aber auf die Aussagen der Eingeborenen begründet werden. Künftigen Reisenden bleibt es 
daher anheimgestellt, neben der Prüfung und Berichtigung der in Folgendem angegebenen 
Gränzlinien der Verbreitung, auch die physische Beschaffenheit der einzelneu Verbreitungs- 



Ursus arctos 7 

gebiete der Thierarten im Amur-Lande näher zu erforschen, um somit auch den leitenden und 
maassgebenden Bedingungen der Verbreitung auf die Spur zu kommen. Wo mir solche aus 
einzelnen Thatsachen horvorzuleuchten schienen, habe ich nicht unterlassen auf dieselben auf- 
mei ksam zu machen. 

Es bleibt mir ferner zu bemerken übrig, dass in der folgenden Abhandlung über die 
Säugethiere des Amur-Landes nur diejenigen Thierarten Aufnahme gefunden haben, die ent- 
weder direet beobachtet oder erkundet worden sind, oder aber die, nach ihrem Vorkommen in 
den Nachbarländern oder nach alleren Muthmassungen von Pallas, im Amur-Lande erwartet 
weiden konnten und wo die Nachforschungen ein mehr oder minder zuverlässiges negatives 
Resultat ergaben. Desgleichen ist hier auch der bei den Amur-Völkern vorkommenden Haus- 
thiere Erwähnung geschehen. Diese beschränkt sich jedoch bloss auf eine kurze Angabe ihrer 
Bedeutung für die Eingeborenen und der Geschichte ihrer Verbreitung im Amur -Lande, so 
weit diese erkundet werden konnte. Alle weiteren Beziehungen dagegen, in denen sowohl die 
Hauslhiere, wie auch viele der wilden Säugethiere zu den Eingeborenen des Amur-Landes, 
zu ihrem Haushalle, Handel, ihren Sitten und religiösen Anschauungen stehen, mussten aus 
dem Rahmen rein zoologischer Abhandlung ausgeschlossen und dem ethnographischen Bande 
meiner Reisebeschreibung vorbehalten bleiben. Dort hoffe ich daher neben den ethnographi- 
schen Nachrichten auch in culturzoologischer Beziehung manchen nicht uninteressanten Bei- 
trag liefern zu können. 

Endlich in Betreff der hier befolgten Anordnung der Säugethiere, habe ich mich fast 
durchgängig an die von Middendorff im 2, Bande seiner Sibirischen Reise für die Säuge- 
thiere des Nordens und Ostens Sibiricn's beobachtete Reihenfolge gehalten , indem es mir als 
ein Vorzug der nachfolgenden Mittheilungen erschien, wenn sie mit den bekannten Arbeiten 
meines Reisevorgängers, an die sie dem Inhalte nach stets anzuknüpfen hatten, auch in der 
Form möglichst parallel gingen. 



L CARNIVORA. 



1) Ursus arctos L. 

Bei den Giljaken des Continents: kotr und tschchyf. Var. U. collaris Gadd: molk. 
« « « der Insel Sachalin: tschchyf. 

« « Mangunen (Oltscha), Golde unterhalb des Geong-Gebirges, Kile am Gorin 
(Samagern): mafa (d. i. der Alte). Var. U. collaris Gadd: monolto. 



8 Säugelhiere. 

Bei den Golde oberhalb des Geong-Gebirges bis zum Ussuri, Kile am Kur: iika und mafa. 

« « oberhalb des Ussuri: maßa. 

« « Orotschen an der Meeresküste: mapa. 

« « Biraren und Moujagerh: njonjuko. 

« « Orotschonen: kongoldoi. 

« « Daurcn: hara-guros. 

Der Bär des Amur-Landes gehört ohne Zweifel zu der durch den ganzen Norden beider 
Welten verbreiteten Art U. arctos L. Wie an anderen Orten seines weiten Verbreitungsgebie- 
tes, kommt er auch im Amur-Lande in vielfachen Farbenschattirungen, vom reinen Schwarz 
und dunklen Schwarzbraun bis zum Fahlbraunen vor. Vorherrschend scheint jedoch die schwarze 
Farbe zu sein, eine Erscheinung, die wir irii Folgenden noch an mehreren Thierarten im Amur- 
Lande zu bemerken Gelegenheit haben werden. Desgleichen kommt die mit weissem Hals- 
bande (f/. collaris Gadd) oder mit unterbrochenen weissen Flecken am Halse und der Vorder- 
hrust gezeichnete Farbenvarietät vor, die von den Eingeborenen mit besonderen Namen be- 
zeichnet wird. Meistens ist der Bär im Amur-Lande von bedeutender Grosse, obgleich zuwei- 
len auch vüUiij ausgewachsene kleinere Individuen vorkommen. Ohne Zweifel lässt sich also 
die von M idd endo rff als allgemeine Regel für U. arctos nachgewiesene Existenz zweier Ab- 
arten oderRacen, einer grösseren und einer kleineren,') auch über das Amur-Land ausdehnen. 
Ferner giebt uns die von Middendorff aus einer vergleichenden, auf äusserst zahlreichen 
Messungen begründeten Betrachtung der Bärenschädel verschiedener geographischer Gebiete 
dargethane Existenz mehrerer geographischer Bären-Varietäten*) auch für den Amur-Bären die 
Frage, ob und zu welcher der erwiesenen Varietäten derselbe gehören dürfte, an die Hand. 
Zwei Bärenschädel, die ich aus dem Amur-Lande, von Pachale (nahe der Gorin-3Iündung) 
und von Burri (nahe der Ussuri-Mündung) mitgebracht und zu dem Zwecke der Varieläts-Be- 
slimmung genau nach dem von Middendorff beobachteten Verfahren vermessen habe, dürften 
uns Auskunft auf diese Frage geben. In Folgendem theile ich daher die an den Bärenschä- 
deln des Amur- Landes beobachteten Maasse mit. Vorläufig ist jedoch zu bemerken, dass die 
dabei nur kurz angegebeneu Maassabstände genau dieselben sind, welche von Middendorff ^) 
in den Erläuterungen zu seinen Tabellen der Bärenschädelmaasse genauer bezeichnet sind, 
und darum keiner wiederholenden Erläuterung bedürfen. Auch folgen sie in derselben Rei- 
henfolge wie dort, mit Ausschluss nur derjenigen Maassabstände, welche nachMiddendorff's 
Erfahrungen*) zum Zwecke der Varietätenkunde unnütz sein dürften. Endlich sind zur voll- 
ständigeren Parallelisirung mit den Middendorff'schen Tabellen auch dieselben Grossen, und 
zwar einmal der Abstand der beiden ersten Backenzähne des Oberkiefers von einander und 



') Middendorff, Reise in den äussersten Norden und Osten Sibirien's, Itd. II., Tbl. 2 p. 44 u. a. Desselben 
Untersuchungen an Schädeln des gemeinen Landbären. St. Petersb. 1831. (Verhandlungen der Mincralog. Gesellschaft 
zu St. Petersb. Jahrgang 1830^ — 31) p. 74. 

2) Middendorff, Sibirische Reise I. c. p. 50. UntersuchungeD an Schädeln des gem. Landbären p. 74. 

ä) Sibirische Reise 1. c. p. 18 ff. 

■*) Sibirische Reise 1. c. p. 23. 



Ursus arctos. 



9 



zweitens die Gesammtlänge des Schädels, als Maasseinheit (= 100) angenommen und alle übri- 
gen Grössen auf dieselben reducirt worden. Die auf diese Weise erhaltenen Verhältnisszahleu 
sind dann eben so durch besondere Schrift kenntlich gemacht und über und unter einer dritten 
Zahl gesetzt worden, welche das direct abgelesene Maass einer jeden Entfernung in Millimetern 
angiebt. Diese Maasse nnd Maassverhältnisse der Schädel des Amur-Bären sind nun folgende: 



1. Abstand der beiden er- 
sten Backenzähne i. Ober- 
kiefer von einander. 

2. Abst. der beid. letzten Ba- 
ckenz.iraOberk. von ein- 
ander (an beid. Schädeln 
zwischen den ersten Hö- 
ckern des letzt. Backenz.). 

3. Abst.desinnenrandesder 
beid. GelenkQächon (mit 
d.Unterkief.) von einand. 

4. Länge des Unterkiefer- 
gelenkkopfes. 

5. Abstand der äusseren 
Gehöröllnungen von ein- 
ander. 

6. Grösste Breite des Hinter- 
hauptes an den Zitzen- 
fortsätzen. 

7. Grösste Breite des Hin- 
terbauptloches. 

8. Grösste Höhe des Hinter- 
hauptloches. 

9. Breite des Schädelgewöl- 
bes über den Geliöröff- 
nungen. 

10. Breite des Schädels in 
den Scheitelbeinböckern 

11. Breite des Schädelgewöl- 
bes in der Scbeitelstirn 
nath. 

12. Grösste Breite d.Schädcli 
in den Jochbögen (lallt auf 
die Jochfortsätze des 
Schläfenbeins). 

13. Grösste Breite der Stirn 
in den beiden Joch- oder 
Postorbital-Fortsätzen d 
Stirnbeins. 



L. 

a 
ES 


ja 
u 
ec 


100 


100 


78 


71 


17,3 


18,9 


124 


127 


97 


90 


21,6 


24 


115 


120 


90 


85 


20 


22,7 


70,5 


78,9 


55 


56 


12,2 


14,9 


182 


185 


1<2 


131 


31,6 


34,9 


236 


235 


200 


181 


44,4 


48,3 


53,8 


52,1 


42 


37 


9,3 


9,9 


38,5 


39,4 


30 


28 


6,7 


7,5 


167 


169 


130 


120 


28,9 


32 


126 


144 


98 


102 


21,8 


27,2 




103 





73 




19,5 


310 


320 


242 


227 


53,8 


60,5 


182 


161 


1/,2 


114 


31,6 


30,4 



14. Geringster Abstand bei- 
der Augenhöhlen von 
einander. 

15. Breite der Schnauze in 
ihrer Mitte. 

16. Vordere Breite beider 
Nasenbeine zusammen. 

17. Höhe der Schnauze zwi 
sehen beiden Unterau- 
genböhlenlöchern. 

18. Höhe der Schnauze zwi 
sehen beiden Jochfort 
Sätzen des Stirnbeins. 

19. Gesichtswinkel. 

20. Höhe des Schädelgewöl- 
bes. 



21. Tiefe der Stirnabstufung, 



22. Tiefe der Stirnrinne. 



23. Grösste Länge des Schä- 
dels. 



24. Länge des Schädels an 
seiner Grundlage. 

25. Länge der Schnauze bis 
zum Unteraugenhöhlen- 
loch. 

26. Länge der Schnauze bis 
zum Vorderrande der 
Augenhöhle. 

27. Stirnleistenwinkel. 

28. Abstand des Stirnleislen- 
winkels von den Schnei- 
dezähnen. 



E 


ja 


131 


108 


102 


77 


22,7 


20,5 


112 


111 


87 


79 


19,3 


21,1 


51,3 


52,1 


40 


37 


8,9 


9,9 


96,2 


87,3 


75 


G2 


16,7 


16,5 


146 


124 


1 H 


88 


25,3 


23,5 


37° 


31° 




138 


— 


98 




26,1 


17,9 


11,3 


14 


8 


3,1 


2,1 


5 


14 


4 


10 


0,9 


2,7 


577 


328 


450 


375 


100 


100 


495 


476 


386 


338 


85,8 


90,1 


168 


169 


131 


120 


29,1 


32 


213 


199 


166 


141 


36,9 


37,6 


73° 


65° 


401 


366 


313 


260 


69,6 


69,1 



29. Absland des Stirnleisten- 
winkels von einer Linie, 
welche beide Jochfort- 
sätze des Stirnbeins mit 
einander verbindet. 

30. Abst. einer Linie, welche 
beide Jochfortsätze des 
Stirnbeines mit einander 
verbindet, von dem Vor- 
derrande d. Nasenbeine. 

31. Abst. des letzten Backen- 
zahnhinterrandes von den 
Schneidezähnen im Ober- 
kiefer. 

32. Lange der Backenzahn- 
reihe im Oberkiefer. 



33 Abstand zwiscUen dem 
Hauer u. dem 1. Backen 
zahne im Oberkiefer. 

34. Abstand d. Uinterrandes 
der Schueidezäbue i. Un 
terkiefer von dem Ge- 
lenkkopfe desselben. 

33. Länge der drei letzten 
Backenzähne im Unter 
kiefer. 

36. Abstand zwischen dem 
Hauer u. dem 1. Backen 
zahne im Unterkiefer. 

37. Lange des Jochbogeng. 



141 

HO 

24,4 



169 

132 

29,3 



226 

176 

39,1 



103 

80 

17,8 
51,3 

40 

8,9 
351 

274 

60,9 



97,4 

76 

16,9 
66,7 

52 

11,6 
269 

210 

46,7 



38. Höhe (Breite) des Joch-j57,7 

bogens. 4 5 

10 



39. Mittlere Höhe des hori- 79,5 
zontalen Unterkiefer- 62 
astes. 13,6 



113 

80 

21,3 



165 

117 

31.2 



220 

156 

41,6 



106 

75 

20 

42,3 

30 

8 
345 

245 

65,3 



101 

72 

19,2 
49,3 

39 

9,3 
249 

177 

47,5 

50,7 
36 

9,6 
70,4 

50 

13,3 



Fügen wir diesen Maassen sogleich auch diejenigen der Backenzähne des Ober- und Un- 
terkiefers an den Bärenschädeln vom Amur hinzu: 

SchieBck Amut-Reüe Bd. I. 2 



10 



Snugethiere. 







I m 


b e r k i e f 


e r. 




1 


Im U n t e 


r k i 


e f e r. 




Ister Backenzahn. 


2ter Backenzahn. 


3ter Backenzahn, i 


Ister Backenzahn. 


4ter Backenzahn. 




e 

ICO 


'S 

u 

a 


Verhaltniss 
der Breite 
zur Länge. 


bc 
c 


ci 
'c 

ca 


Verhaltniss 
der Breite 
zur Länge. 


Sc 
-.3 


a5 

'S 

ca 


Verhaltniss 
der Breite 
zur Länge. 


a 

.es 




Verhaltniss 
der Breite 
zur Länge. 


OS 

a 

;eQ 


1 


Verhaltniss 
der Breite 
zur Länge. 


Burri 

Pachale . . . 


18 
16,3 


13 
14 


0,72 
0,83 


23 
23,3 


18 
18 


0,72 
0,77 


39 
37 


20 
20 


0,31 
0,34 


13 
13 


7,3 
7,3 


0,38 
0,38 


23,3 
21,5 


17,3 
14,5 


0,74 
0,67 



Ehe wir nun einige Schlussfolgerungen aus diesen Maassen ziehen, müssen wir einige 
Bemerkungen üher das relative Alter der beiden vermessenen Bärenschädel des Amur-Landes 
vorausschicken. Nach den von Middendorff in dieser Beziehung als leitend angegebenen 
Momenten dürften wir den ersteren Schädel, von Burri, als den eines recht alten, den letzte- 
ren, von Pachale, als den eines bereits abgängigen Individuums ansehen. Das ergiebt sich 
namentlich aus dem abgeriebenen Zustande der Zähne und der Verwachsung der Nälhe. Hin- 
sichtlich des ersteren dieser Momente finden wir an beiden Schädeln und besonders am 
letztern alle Backenzähne so weit abgeschliffen, dass die Sculptur der Zahnkronen unkenntlich 
geworden ist und statt derselben nur eine breite und tiefe Rinne längs der Mitte der Zahn- 
kronen verläuft. An dem zweiten Exemplare sind zugleich auch die Spitzen der Hauer ange- 
schliffen, während sie am ersteren noch unversehrt sich erhalten haben. Von den Lückenzäh- 
nen sind an beiden Schädeln im Oberkiefer tiefe Alveolen des Isten und 3ten derselben vor- 
banden; diejenigen des 2ten Lückenzahnes aber sind am ersten Schädel gänzlich, am zweiten 
bis auf sehr verflachte Gruben verschwunden. Im Unterkiefer beider Schädel ist nur die tiefe 
Alveole des Isten Lückenzahnes vorhanden, von den übrigen aber keine Spur mehr sichtbar. 
Was die Verwachsung der Näthe betrifft, so ist sie an beiden Schädeln sehr ungleich. An 
dem ersteren derselben ist nur der obere-Theil der Schädelhinterhauptsnath so weit verwachsen, 
dass keine Spur derselben sichtbar ist; alle übrigen Näthe dagegen sind entweder völlig un- 
versehrt, oder bekunden durch Abnahme der Zäckchen die beginnende Verwachsung. Das ist 
namentlich an der Scheitelstirn- und Scheitelschläfenbeinnath zum Theil der Fall. Darnach 
dürfte dieser Schädel noch keinem alten, sondern nur einem vollkommen entwickelten Indivi- 
duum angehört haben. Bei genauerer Betrachtung entdeckt man aber, dass an demselben die 
Kieferzwischenkieferbeinnath an der einen Seite in einem, freilich nicht bedeutenden, Theile ih- 
rer Länge spurlos verwachsen ist. Erwägt man nun, dass diese Nath nach Middendorff 's') 
Erfahrungen zu den am spätesten verwachsenden Näthen gehört, so hat man Recht den in 
Rede stehende Schädel einem alten Individuum zuzuschreiben und die unversehrte Erhaltung 
der übrigen Näthe für einen Ausnahmefall zu halten, wie ihn auch Middendorff^) an 



') Sibir. Reise, \. c. p. 35. Untersuchungen etc. p. 42. 
2) Sibir. Reise L c. 



Ursus arctos. 1 1 

einem Bärenschädel in ähnlicher Weise beobachtet hat. An dem zweiten Schädel finden wir 
alle IVäthe, mit Ausnahme der Jochschläfen- und der Grundfelsenbeinuath, spurlos verschwun- 
den. Nur im vorderen Theile der Nasenbeine lässt sich noch ein kleines Stück der Nasen- 
beinnath erkennen. Nach beiden Momenten dürften wir daher im Rechte sein diesen letzteren 
Schädel für älter als den ersteren zu halten. 

Ausser dem verschiedenen Alter zeigen die beiden Schädel aus dem Amur-Lande auf 
den ersten Blick eine grosse Verschiedenheit der Umrisse, indem der eine von ihnen ein 
hoch-, der andere ein flachstirniger ist. An dem ersteren, von Burri, ist nämlich der Gipfel 
des Schädels, in der Gegend der Scheitelstirnbeinnath, sehr ausgesprochen hügelartig empor- 
getrieben, und von dort senkt sich die obere Umrisslinie des Schädels sehr stark sowohl nach 
vorn, zum vorderen Rande der Nasenbeine, als auch nach hinten, zum Hinterhauptshöcker, 
hinab. Am Schädel von Pachale dagegen verläuft die obere Umrisslinie in ihrer ganzen 
Länge, von dem Vorderrande der Nasenbeine bis zum Hinterhauplshöcker, der Grundlinie 
des Schädels fast parallel, mit einer nur geringen, keineswegs hügelartigen Erhebung in der 
Gegend der Scheitelstirnbeinnath. I\lit dieser Verschiedenheit der Umrisse, welche nach Mid- 
dendorff's Nachweisungen durchaus von keinem specifischen Belange ist, fällt an unseren 
Schädeln zufälliger Weise auch eine Ungleichheit in der Stirnabstufung zusammen, welche, 
wie die obigen Maasse angeben , an dem ersteren Schädel viel stärker als an dem letzteren 
ist, der sich dagegen durch eine ungleich tiefere Stirnrinne auszeichnet. 

Diese Alters- und Formverschiedenheiten der beiden Bärenscbädel vom Amur machen 
sie um so geeigneter zur Prüfung an denselben der von Middendorff als Kennzeichen ver- 
schiedener geographischer Bären - Varietäten nachgewiesenen, in den Grössenverhältnissen 
einzelner Schädeltheile ruhenden Charaktere. Halten wir zu diesem Zwecke die obigen Maasse 
der Bärenschädel des Amur-Landes gegen die von Middendorff den Schädeln verschie- 
dener geographischer Reviere entnommenen Maasse, so fällt uns auf den ersten Blick die grosse 
Uebereinstimmung der absoluten Maasse aller Schädeldimensionen der Amur-Bären sowohl 
mit denen der NW -Küste Amerika' s, als auch besonders mit denjenigen des Ochotski- 
schen Meeresbeckens, der Schantar-Inseln, der Uda-Bucht und Kamtschatka's auf. 
In den meisten Fällen nämlich lassen sich die Maasse der Amur-Bären als ganz gleiche oder 
als Zwischen- und bisweilen auch als etwas zu- oder abnehmende Grössen jenen Maassen 
der Bären beider Beringsarme und vorzüglich des westlichen derselben einschalten. Wie 
an diesen finden wir daher auch an den Bärenschädeln des Amur-Landes die charakteristi- 
schen Dimensionsverhältnisse der von Middendorff als Var. Beringtana^) bezeichneten Bären- 
Varietät genau und bisweilen sogar in gesteigertem Maasse wieder. Es sind diese charakteri- 
stischen Dimensionsverhältnisse') namentlich folgende: 

1 ) Die ausnehmende Grösse des Schädels in seiner Längendimension. Diese fällt beson- 



') Untersuchungen an Schädeln etc. p. 74. 
2) Middendorff, Sibir. Reise 1. c. p. 53. 



12 Säugethiere. 

ders an dem ersten Schädel, von Burri, auf, dessen Gesammtlänge 450 Millini. beträgt und 
somit den grössten bisher bekannten, von Mi ddendor ff beobachteten Bärenschädel der Jetztwelt 
noch um ein Beträchtliches iibertriiVt. Die Länge des letzteren, eines Bären von der grossen 
Schantar-Insel (No. 48 der Middendorff'schen Tabellen), beträgt nämlich 418 Millim. und 
also nur 0,93 von der Gesammtlänge unseres grössten Schädels vom Amur. Dabei ist zu erinnern, 
dass jener riesige Schädel von der Schantar-Insel einem äusserst alten, ganz abgängigen und 
vermuthlich an Altersschwäche erlegenen Individuum, mit ungemein abgenutztem Gebisse, ange- 
hört hat'), während der in Rede stehende Bärenschädel vom Amur in den oben erwähnten Momen- 
ten der Verwachsung der Näthe und der Abnutzung der Zähne die Zeichen eines zwar vorgerück- 
ten, jedoch noch lange nicht abgängigen Lebensalters an sich trägt. Um diese ausnehmende 
Grösse des Amur -Schädels noch mehr zu würdigen, halten wir denselben, nach Middendorfls 
Vorgänge^), auch dem grössten bisher bekannten Schädel vom Höhlenbären, Urs. spelaeus, 
gegenüber. Als Middendorff diesen Vergleich mit seinem Schantar-Bären anstellte, war 
der grösste bekannte Schädel vom Höhlenbären der von Schmerling auf 468 Millim. Länge 
angegebene. Middendorff konnte daher die Angabe Cuvier's, dass die fossilen Bären- 
scbädel diejenigen der Jetztwelt um \ ihrer Grösse überträfen, auf 1 reduciren. Demselben 
Schädel von U. xpelaeus gegenüber dürfen wir mit Hülfe, unseres Amur-Schädels den erwähn- 
ten Unterschied sogar auf ^-g zurückführen. Seitdem ist aber ein noch grösserer Schädel vom 
Höhlenbären und zwar von 488 Millim. von Nord mann in der Umgegend von Odessa (in 
den Steinbrüchen von Nerubaj) aufgefunden worden^). Dieser übertrifft den Schädel unseres 
Amur-Bären um 38 Millim. und es würde sich also der vorhin erwähnte Unterschied, um 
welchen der grösste Schädel des Höhlenbären den grössten bisher bekannten Schädel des 
Bären der Jetztwelt übertrifft, ein Unterschied, den Cuvier, wie erwähnt, auf 1 angab, Mid- 
dendorff auf J reducirte , nunmehr auf J« zurückführen lassen. So sehen wir also das 
Moment der verschiedenen Grösse, welches Wagner noch für absolut unterscheidend zwi- 
schen den Bärenschädeln der Vor- und Jetztwelt hielt ^), mehr und mehr auch als relatives 
Unterscheidungskennzeichen an Gewicht verlieren. Aus der ausnehmenden Grösse dieses Bä- 
renschädels vom Amur lässt sich endlich, in Beziehung auf die vorstehende Tabelle von 
Maassen, auch die im Vergleich zu den von Middendorff gemessenen Schädeln des Ochots- 
kischcn Meeresbeckens fast durchgängig geringer erscheinende Grösse aller derjenigen 
Verhältnisszahlen erklären , welche aus der Reduction der absoluten Maasse dieses Schädels 
auf die als Einheit angenommene Gesammtlänge desselben erhalten worden sind. 

2) Die bedeutendere Grösse aller Breitendimisionen am Schädel. Alle darauf bezüglichen, 
in der vorstehenden Tabelle mitgetheilten Maasse an den Bärenschädeln vom Amur, wie die 
Gesammtbreite des Schädels in den Jochbögen, die Breite desselben in den Zitzenfortsätzen, die 



1) Middendorff, Sibir. Reise I. c. p. 32 und 53. 

*) Untersuchungen etc. p. 42. 

') Alex. T. Nordmann, Paläeontologie Siidrusslands. 1. ürt. spelaeui {Odettanut). Helsingfors 1858. p. 2. 

*) Middendorff, Untersuchungen etc. p. 78. 



Ursus arclos. 13 

Breite über der Gehöröffnung , die Breite der Stirn in den Postorbitalfortsätzen und dgl. m., 
reihen sich auf das Engste den grössten von Middendorff an den Bärenschädeln der Var. 
Beringiana und namentlich den Schädeln der Küstenländer des OchotsUischen Meeres- 
beckens beobachteten Maassen an. Dass diese Maasse aber an dem ersteren der Amur-Schä- 
del, trotz seiner ausnehmenden Länge, dennoch im Vergleich zu dem oben erwähnten grössten 
Schädel der Middendorff'schen Tabellen (No. 48) nicht im selben Verhältniss grösser, 
sondern meistens sogar um ein Geringes kleiner sind als bei jenem, dürfte zum Theil in dem 
oben besprochenen verschiedenen Alter der bezüglichen Thiere liegen, da die meisten dieser 
Breilendimensionen, wie Middendorff nachgewiesen hat'), auch im späteren Alter der 
Thiere noch fortwachsen. Aus demselben Grunde sind vielleicht auch die meisten Breiten- 
dimensionen an dem ersten Schädel des Amur - Bären verhältnissmässig kleiner als am 
zweiten, welcher, obwohl von geringerer Gesammtlänge, doch nachweislich einem viel 
älteren Individuum angehört hat. 

3) Die grössere Höhe des Jochbogens und des horizontalen Unterkieferastes. Auch in 
diesen Maassen übertreffen die ßäreuschädel des Amur-Landes diejenigen der europäischen 
und kaukasischen Thiere, oder der Varr. normalis und meridionalis Middendorff's ), sehr 
bedeutend und schliessen sich genau an diejenigen der beiden Beringsarme an. 

4) Die ansehnlichere Grösse der Lückenräume. Diese ist besonders an dem ersten, 
grösseren Amur-Exemplare, weniger an dem zweiten, kleineren Schädel sichtlich. 

4) Die bedeutendere Grösse der Backenzähne. Die beiden Bärenschädel vom Amur 
ordnen sich in diesem, nach Middendorff^) für den Charakter der geographischen Varietät 
besonders sprechenden Punkte genau denjenigen aus den Küstenländern des Ochotskischen 
Meeresbeckens an. Zwar hat der kleinere der beiden Schädel vom Amur nicht grössere 
Backenzähne, als wie sie die grössten Bärenschädel der baltischen Küstenländer ebenfalls 
besitzen; allein dafür gehört der andere Schädel, von Burri, zu den grosszahnigsten Exem- 
plaren, die uns vom Bären der Jetztwelt überhaupt bekannt geworden sind. 

Zu diesen die geographische Bären- Varietät der Küstenländer des Ochotskischen 
Meeresbeckens charakterisirenden Kennzeichen können wir endlich noch den gröberen Kno- 
chenbau hinzufügen, welchen die Bären des Amur-Landes mit jenen in gleichem Maasse 
theilen. Nach allem dem dürfte es daher keinem Zweifel mehr unterliegen, dass wir die 
Bären des Amur-Landes ebenfalls zu den durch grösseren Wuchs, bedeutendere Gesammt- 
länge und stärkere Entwickelung der Breitendimensionen am Schädel , wie durch vorzügliche 
Grösse der Backenzähne ausgezeichneten, den Küstenländern beider Beringsarme und nament- 
lich den Küstenländern des Ochotskischen Meeresbeckens eigenthümlichen Bären-Varietät, 
der Var. Beringiana Middendorff's, rechnen müssen. Ja es ist vielleicht nicht ohne Bedeu- 
tung, dass wir die beiden grössten der uns bisher bekannten Bärenschädel der Jetztwelt in 



•) Sibirische Reise, I. c. p. 40. 
*) Unlersurhungen etc. p. 74. 
') Sibirische Reise, I. c. p. 54. 



14 Säugethtere. 

nahe benachbarten Gegenden finden, indem der eine derselben von den Schantar-Inseln, also 
nahe der Südküste des Ochotskischen Meeres und dem Mündungslande des Amur-Stromes, 
der andere vom Amur-Strome selbst, noch in dessen unterem Laufe, herrührt. Füge ich die 
uu<'ewühnlich grossen Bärenfelle hinzu, welche ich oft im unteren Amur- Lande gesehen 
habe, so liegt die Vermuthung nahe , welche wir späteren , auf reicheres Material gestützten 
Forschungen anheimgeben, dass nämlich im unteren Amur-Lande und dessen nächster Umge- 
bun" vielleicht die stärkste Entwickelung der grosswüchsigen Bären-Varietät zu finden sein 

dürfte. — 

Was die geographische Verbreitung des gemeinen Bären im Amur-Lande betrifft, so 
gehört derjenige Theil der Mandshurei, über welchen ich, Iheils durch eigene Erfahrungen 
auf Reisen und theils durch Erkundigungen bei den Eingeborenen, Nachrichten besitze, noch 
ganz in das Verbreitungsgebiet dieser Thierart. Auf dem Continente umfassen diese Nach- 
richten den ganzen Lauf des Amur-Stromes und erstrecken sich auch südlich von demselben, 
namentlich bis an die Quellarme des Ussuri und an der Meeresküste bis über die Bai 
Hailshi oder den Kaiserhafen der Russen, d. i. den 49^^ nördl. Breite, nach Süden hinaus. 
Ohne Zweifel geben uns aber diese Punkte noch nicht die Aequatorialgränze des Bäreii an, 
sondern es geht die Verbreitung desselben hier noch viel weiter südwärts. In dem bezeichneten 
Gebiete der Mandshurei ist der Bär namentlich in den ausgedehnten Waldungen des gebirgigen 
unleren Amur-Landes und der Meeresküste allenthalben ein häufiges Thier, An der südlichen 
Biegung des Stromes dagegen, wo ein ebener, prairieartiger Charakter des Landes herrscht, 
bewohnt er die waldigen Gebirge landeinwärts und nähert sich den Ufern des Stromes nur 
mit den Gebirgen selbst, wie das beim Durchbruch des Amur's durch das Bureja-Gebirge'), 
oder beim Oettu, Kinnale und anderen kleineren Gebirgszügen der Fall ist. Nirgends kommt 



') lUit diesem Ton Herrn tod Middendorff vorgeschlagenen Namen werde ich in Folgendem stets den ge- 
sammten, hohen Gebirgszug bezeichnen, der gleich östlich Yon den Quellen des Silimdshi in der Richtung nach 
Süd vom Stanowoi - Gebirge sieh abzweigt, an seinen westlichen Abfällen die Quellen der Bureja entsendet 
und bald unterhalb der Mündung dieses Flusses vom Amur -Strome, nahe seiner südlichsten Biegung, durchbrochen 
wird. Es ist dieses dasselbe Gebirge, welches auf einigen russischen Karten unter dem Namen Ch in gan- Gebirge sich 
eingetragen Cndet und demzufolge auch von Herrn v. Middendorff sowohl wie von mir, In unseren Reiseberichten 
an die Akademie, unter demselben Namen erwähnt worden ist. Gleichwohl lässt sich dieser letztere Name nicht wohl 
rechtfertigen, da er zwar von chinesischem Ursprünge ist, von den Chinesen selbst aber keineswegs diesem Gebirge, 
sondern, mit der Unterscheidung eines grossen und kleinen Chingan's, zwei anderen Gebirgszügen, nämlich dem 
Stano woi-Gebirge und einem südlich vom oberen Amur verlaufenden Gebirge gegeben wird. Die Beibehaltung 
dieses Namens für einen dritten Gebirgszug dürfte daher nur zu Missverständnissen und Verwechselungen Veranlas- 
sung geben. Dennoch ist das Bedürfniss nach einem Gesammtuamen für dieses Gebirge bei Beschreibung des Amur- 
Landes ein sehr fühlbares. Ob die Chinesen einen solchen haben und wie er lautet, ist uns unbekannt, da wir bisher 
bloss die Bezeichnungen derselben und auch einiger Eingeborenen des Amur-Landes für mehrere der Einzeltheile 
dieses Gebirges kennen gelernt haben. So erfuhr Herr v. Middendorff, dass der nordliche Theil desselben, nörd- 
lich von den AmgunJ- Quellen, bei den Chinesen Jam-alin und ein südlicher Theil Deusin-alin heisse. Aehnlich 
verhält es sich auch mit dem auf älteren Karten eingetragenen Namen Wuanda-Gebirge, welcher, wie ich aus 
eigner Erfahrung weiss, nur einem Zweige des Bureja - Gebirges zukommt, der, ostwärts verlaufend, dem Amur- 
Strome nahe unterhalb der Ussuri-Mündung sich nähert, ohne ihn jedoch zu erreichen. Nicht minder beschränkten 
Umfangs ist natürlich die Bezeichnung Tarjange, welche ich von den Sungari-Golde, die ich am Fusse des 
Bureja- Gebirges in ihren nomadischen Zelten antraf, für dieses Gebirge hörte. Ohne Zweifel durfte keine dieser 



Ursus arctos. 1 



r 



er jedoch im Amur-Lande in der Häufigkeit vor, wie Steller'), Langsdorff^) und spätere 
Reisende von Kamtschatka berichten. Auch scheint er am Amur, den Erzählungen der 
Eingeborenen zufolge, niemals von dem gulmüthigen Naturell der Bären Kamtschatka's, son- 
dern stets bösartig zu sein, was vielleicht seinen Grund in einem geringeren Ueberfluss an 
Nahrung, als in dem mit äusserst tisch- und besonders lachsreichen Gebirgsflüssen versehenen 
Kamtschatka hat. Im Amur-Lande scheint der Bär einzig auf dieNahrung des Waldes ange- 
wiesen zu sein und die Flüsse, au deren Ufern man oft seine Spuren und eingetretenen Pfade fin- 
det, nur des Trinkens halber zu besuchen, oder aber um dieselben auf seinen Wanderungen zu 
durchschwimmen, wie er es oft selbst mit dem Amur-Strome thut. Im unteren Amur-Lande ist 
es auch, wo der Bär bei den Eingeborenen eine culturhistorische Bedeutung gewinnt. Als mäch- 
tiges Raubthier gefürchtet, spielt er nämlich in den religiösen Vorstellungen derselben eine 
wichtige Rolle. Zugleich aber seines schmackhaften Fleisches wegen gesucht und theuer ge- 
schätzt , wird er lebendig eingefangen , in kleinen Häuschen gehalten , gefüttert und endlich 
unter vielfachen, vom Aberglauben diclirten und ängstlich eingehaltenen Gebräuchen get<idtet 
und verzehrt. Dem ethnographischen Bande meiner Reisebeschreibung bleibt die ausführlichere 
Besprechung dieser auf den Bären bezüglichen Gebräuche vorbehalten, die, mit besonderen 
Festlichkeiten und unter vielfachem Conflux von Theilnehmern begangen, tief in die Oecono- 
mie und das sociale Leben jener Völker eingreifen. Namentlich ist solches bei den am weite- 
sten unterhalb am Amur-Strome wohnenden Giljaken und 3Iangunen, weniger bei den 
Golde, Samagern und anderen Stämmen des Amur-Landes der Fall. Bei den ersteren sieht 
man daher fast in jedem Dorfe gefangene, in kleinen, eigens dazu hergerichteten Häuschen 
gehaltene Bären. Leider raubt nur die Sitte dieser Völker, den Bärenschädel nach gehaltener 
Mahlzeit mit einem Beile zu zerspalten , dem Naturforscher das brauchbare Material an 
Schädeln. Erst weiter aufwärts, bei den Golde, die sich mit dem Einschlagen eines Loches 
in den Schädel begnügen und ihn dann an einen Baum hängen, lässt sich dasselbe leichler 
herbeischaffen. In solchen Anschauungen der Eingeborenen in Beziehung auf den Bären findet 
auch die oben erwähnte, bei vielen derselben übliche, ehrerbietige Bezeichnung «mafa», d. i. 
der Alte, oder, zum Unterschiede von dem Tiger (s. weiter unten), bisweilen auch ns'achare 
mafa», d. i. der schwarze Alte, ihre Erklärung. Dieselbe Stellung wie bei den Eingeborenen 
des Continentes hat der Bär auch auf der Insel Sachalin, bei den dortigen Giljaken und 
Ainos. Auf dieser gebirgigen, waldreichen Insel ist der Bär bis an die Südspilze verbreitet 
und nicht minder häufig wie auf dem Continenle. Zahlreiche Bärenfelle, die ich dort bei den 
Eingeborenen gesehen habe, zeigten dieselben, vom Schwarzen und Schwarzbraunen bis zum 



Local- und Einzelbezeichnungen, wenn man nicht neuen Verwechselungen und Missyerständnissen Raum geben 
wollte, zum Gesammtnamen für das ganze Gebirge erhoben werden. Und so blieb denn nichts übrig, als eine» neuen 
Namen zu wählen, der übrigens in den oben erwähnten Beziehungen dieses Gebirges zur Bureja, dem mächtigsten 
ZuQusse des Amur-Stromes in diesem Theile, eine hinlängliche Begründung findet. 

') Beschreibung von dem Lande Kamtschatka. Leipzig 1774. p. 113. 

*) Bemerk, auf einer Reise um die Welt. Frankf. a. M. 1812. II. p. 223. 



jß Säugethiere. 

Fahlbraunen eehenden FarbenschaUirungen wie auf dem Continenle. Namentlich soll, den 
Erzählungen der Sachalin-Giljaken zufolge, im Norden der Insel eine sehr helle Färbung 
häufig vorkommen, welche die Giljaken im Gegensatz zur schwarzen hisweilen auch schlecht- 
weg als weissen Bären bezeichnen, wobei sie jedoch selbst die fernere Auskunft geben, dass 
es dasselbe von ihnen geschätzte und verehrte Thier wie die dunkelfarbige Varietät sei. Auch 
ist es hei der Nähe der Insel zum Continente nicht anders denkbar, als dass sie von derselben 
Bärenarl wie der Continent, d. i. also von U. arctos , bewohnt sei. Temminck irrt daher, 
wenn er den Bären der Inseln Jesso und Tarakai (oder Sachalin) für V. ferox Lew. et 
Clarcke hält'). Abgesehen von der in Zweifel gestellten Selbstständigkeit dieser letzteren Art, 
»iebt auch die von Temminck mitgetheilte Beschreibung des Bären jener Inseln gar keinen 



»' 



Grund zu einer solchen Annahme. Bloss die sehr ansehnliche Grösse der Thiere, deren eines er 
nach einem Felle auf 8 Fuss Länge angiebt, scheint ihn zu dieser Annahme bewogen zu haben. 
Hinsichtlich dieser giebt uns aber die oben besprochene, von Middendorff nachgewiesene, 
von mir auch für das Amur-Land bestätigte Existenz einer ausnehmend grosswüchsigen 
Bären- Varietät in den Küstenländern des Ochotskischen Meeresbeckens eine hinlängliche 
Erklärung. Temmiuck's Angabe kann also nur dazu dienen, das Vorkommen der Var. 
Beringiana von U. arctos auch auf den Inseln Sachalin und Jesso zu hekräftigen. Von dem 
Vorkommen des Bären auf letzterer Insel hatten wir vor Siehold und Temminck auch 
schon durch Pallas, aus älteren russischen Quellen^), und durch Langsdorff^) Nachricht. 
Durch letzteren und später durch Siebold erfahren wir zugleich, dass auch bei den Aiuos 
von Jesso dieselben Gebräuche in Beziehung auf den Bären wie bei ihren Landsleuten auf 
Sachalin herrschen. Südlich von Jesso, auf der Insel Nippon, scheint aber U. arctos, nach 
Temmiuck's Angaben, nicht mehr vorzukommen, sondern durch V. tibetanus ersetzt zu sein*). 
Hier hätten wir also mit der Insel Jesso, in etwa 41 1° n. Br., die Südgränze von U. arctos. 
Das nöthigt uns zugleich uns die Verbreitung von U. arctos vom Continente nach den Japani- 
schen Inseln nicht über Korea, wo sein Vorkommen auch noch nicht erwiesen ist, sondern 
vom Amur -Lande nach der Insel Sachalin und von dort nach Jesso zu denken. 



2) Ursu!^ inaritinius L. 

Da Siebold von Eishären erzählt, die, laut Japanischen Aufzeichnungen, an den Küsten 
der Provinz Jetsigo, im 37 — 38° n. Br., gesehen und wahrscheinlich auf Eisschollen dahin 
verschlagen worden seien ^), so erkundigte ich mich auch bei den Eingehorenen des Amur- 



l) Fauna Japonica, auct. Siebold. Mammalia ciabor. T emminck et Schlegel. Lugd. Batav. 1842. Dec. 2. p. 29. 
^) Nach Otscheredin und Antipin. Pallas, Neue nordische Beiträge. St Petersb. und Leipzig 1783. Bd. IV. 

p. 137. 

') Bemerk, auf einer Reise um die Welt. I. p. 28S. 
*j Fauna Japon. Mammalia. Dec. 2. p. 30. 
') Fauna Japon. Mammalia. Dec. 2. p. 30. 



ürsus marilmus. — 3Jeles Taxus. 1 7 

Landes nach ähnlichen Fällen an ihren Küsten. Allein weder die Giljaken des Festlandes, 
noch diejenigen der Insel Sachalin hatten jemals gesehen oder gehört, dass weisse Bären 
auf Eisschollen an ihre Küsten getrieben worden wären. Ihre Erzählungen von «weissen 
Bären» hatten stets nur auf die obenerwähnte hellfarbige, gelbliche oder hellbraune Varietät 
des gemeinen Landbäreu Bezug, welche auf der Insel Sachalin vorkommt. 



3) lleles Taxus Schreb. Taf. I. lig. 1 — 4. 

Bei den Giljaken des Conlinentes: torskch. 

« « Mang.unen: toro. 

« « unteren Golde, bis zum Geong-Gebirge, Kile am Gorin (Saniagern): doro. 

n « Golde oberhalb des Geong-Gebirges und am Ussuri: oijo und doro. 

« « « oberhalb des Ussuri: dorko. 

« « Kile am Kur: doroko. 

« « Biraren und Monjagern: aintare. 

Dieses bisher bloss bis an die Lena nach Osten bekannte Thier kommt auch im Amur- 
Lande und zwar in interessanten Färbungen vor. Fasst man die abweichendste Färbung des 
Dachses im Amur-Lande in's Auge, so dürfte man leicht geneigt sein , dieselbe für eine 
besondere, von M. Taxus Schreb. verschiedene Dachsart zu halten. Ich habe jedoch Gelegen- 
heit gehabt im Amur -Lande zahlreiche, den Uebergang vermittelnde Zeichnungen des Felles 
zu beobachten und gegenwärtig liegen mir 8 Dachsfelle aus dem Amur-Lande vor, deren 
5 von mir selbst und 3 von Hrn. Maack mitgebracht worden sind. Diese bieten einen so 
allmähligen Uebergang von der typischen Zeichnung des Dachses in Europa zu der sehr ab- 
weichenden des Amur-Landes dar, dass an der specifischen Identität dieser Formen nicht zu 
zweifeln ist. Dabei aber bieten mehrere derselben auch eine solche Vermittelung zu dem 
vonTemminck als eigene Art unterschiedenen Japanischen Dachse, M. Anakuma, dar, dass 
wir uns genölhigt sehen, auch diese Form mit dem gemeinen Dachse in eine Art zusammen- 
zuziehen. 

Vergleichen wir zunächst den Dachs des Amur-Landes mit dem europäischen, so lässt 
sich im Allgemeinen sagen, dass er dunkler als der europäische ist, indem alles Weiss an 
ihm mehr gelblich, ja sogar bräunlich wird. Dabei stellt sich aber ferner auch eine abwei- 
chende Zeichnung namentlich des Kopfes ein , welche bekanntlich hauptsächlich dazu dient 
M. Taxus Schreb. und M. labradoria Say von einander zu unterscheiden. Diese abweichende 
Zeichnung des Kopfes besteht darin, dass die beiden schwarzen oder schwarzbraunen Streifen, 
die über Auge und Ohr gehen, beim Dachse des Amur-Landes schmäler und das Weiss 
zwischen ihnen und unterhalb derselben schmutziger, gelblicher, mit mehr oder weniger 
braun gespitzten und ganz braunen Haaren untermischt , ja bisweilen sogar ganz braun ist. 
Auch reicht diese hellere, weissliche bis braune Färbung zwischen den beiden Seitenstreifen 
am Kopfe minder hoch nach der Stirne hinauf, indem schon zwischen den Ohren die, durch 

Schreuck Aniur-Rejse Bd. I. 3 



18 Süitgethiere. 

eigenthümliche Zeichnung der einzelnen Haare hervorgebrachte, weisslich oder gelblich und 
schwärzlich oder schwarzbiaua gewellte Färbung des Rückens beginnt. Dabei zeigen die 
schrägen Seitenstreifen des Kopfes au den einzelnen Exemplaren nach Breite und Verlauf 
mannigfache Abänderungen, wie sie auf der Tafel I. zu sehen sind. Bisweilen entspringen sie 
unmittelbar hinter der Nase, bisweilen etwas weiter aufwärts, so dass ein schmutzig weissli- 
cher oder gelblicher bis bräunlicher Gürtel die Nase umgiebt; bei einigen verlaufen sie bis 
an die Ohren scharf von einander gesondert, bei anderen convergiren sie mehr nach innen und 
schmelzen auf dem Schnauzenrücken zum Theil zusammen; bei einigen erstrecken sie sich 
tiefer unter das Ohr, bei andern minder tief hinab. Immer aber ziehen sie sich auch auf die 
äussere und innere Fläche des Ohres fort, und es bleibt nur ein heller, weissli^her oder gelb- 
licher Streifen übrig, der den Innen- und Vorderrand des Ohres bezeichnet, wie das auch 
beim europäischen Dachse der Fall ist. Auf diese Weise erscheint im Allgemeinen die Zeich- 
nung des Kopfes beim Amur -Dachse , durch das Schwinden der weissen Farbe, minder 
markirt und viel dunkler als beim europäischen Thiere. Dass das nun aber keine speciüsche 
Differenz vom europäischen Dachse bildet, geht, wie gesagt, schon aus den zahlreichen Mittel- 
zeichnungen zwischen den extremen Formen hervor. So ist an einem meiner Amur-Exem- 
plare die bezeichnete Verschiedenheit in der Zeichnung des Kopfes vom europäischen nur 
schwach ausgesprochen, an einem zweiten viel merklicher und an den übrigen nimmt sie, 
allmählig fortschreitend, so zu und wird so auffallend, dass von einer weisslichen Zeichnung 
des Kopfes gar nicht mehr die Rede sein kann und die den M. Taxus charaklerisirende 
Zeichnung des Kopfes sich nur insofern noch erhält, als die beiden dunklen Augenstreifen 
immer noch einen helleren Streifen zwischen sich und einen helleren jederseits unter sich 
haben. Diese helleren Streifen, die unteren sowohl wie die Mittelstreifen, sind jedoch nicht 
mehr weiss, sondern an zweien meiner Exemplare schmutzig gelblich mit einigen braungespitz- 
ten Haaren, an drei anderen vorherrschend braun mit nur wenig durchschimmernder gelbli- 
cher Färbung, indem sämmtliche Haare braune Spitzen bekouiiiien haben und viele ganz braunge- 
worden sind. An dem dunkelsten, achten Exemplare endlich (Fig. 1.) ist von dem Mittelstreifen 
nur der vorderste Schnauzenrücken, unmittelbar hinter der Nase, noch beller braun, weiter- 
hin aber schimmert auf dem Schnauzenrücken nur wenig von einer hellereu Färbung zwischen 
den beiden schwarzen Seitenslreifen des Kopfes durch, indem sämmtliche Haare schwarzbraune 
oder schwarze Spitzen bekommen haben und auch viele ganz schwarzbraune Haare sich ein- 
gestellt haben. Gleichmässig damit sind denn auch die hellen Streifen unterhalb der Augeu- 
streifen dunkler geworden. Bei weiterem Vergleiche des Amur-Dachses mit dem europäischen 
findet man, dass die Zeichnung der einzelnen Haare am Rücken des Thieres bei beiden genau 
dieselbe und nur die Farbe beim Amur-Dachse wiederum etwas dunkler ist. Das Wollhaar 
ist entweder weiss, oder gelblich und bisweilen an den Spitzen mehr oder weniger bräunlich. 
Die Deckhaare sind weiss oder gelblich, mit einem breiten schwarzbraunen bis schwar- 
zen Ringe unterhalb ihrer Spitze gezeichnet. Längs der Mittellinie des Rückens ist dieser 
schwarzbraune Ring am dunkelsten und breitesten; nach den Seiten zu wird er schmäler und 



Meles Taxm. 19 

heller und verschwindet bisweilen ganz, so dass zwischen der gemischten Farbe des Rückens 
und dem einfachen Schwarzbraun des Bauches jederseits ein Streifen einförmiger, schmulzig- 
weisslicher oder gelblicher Farbe entsteht. Diese Zeichnung, die ich am europäischen Thiere 
nicht kenne, findet sich an dreien der Amur-Exemjilare, fehlt aber an allen übrigen, zum 
Beweise, dass sie ebenfalls keine specitische Verschiedenheit bilden kann, sondern nur zu 
den Abänderungen innerhalb einer und derselben Art gehört. Die gesammte Unterseite des 
Amur-Dachses und die Extremitäten desselben sind an den helleren Exemplaren, wie beim 
europäischen Thiere, schwarzbraun, an den dunkleren ganz schwarz. Der Schwanz endlich 
ist beim Amur-Dachse genau wie beim europäischen, weisslich oder gelblich, mit wenig 
durchschimiiiernder brauner Zeichnung der Haare unterhalb der langen weisslichen Spitzen 
derselben. So finden also die Uebergäuge in der Zeichnung und Färbung vom europäischen 
zum Amur-Dachse so stufenweise und allmälilig statt, dass an der Arten-Identität beider 
Formen kein Zweifel sein kann. Fasst man aber ihre extremen Verschiedenheiten in's Auge, 
so lässt sich die dunklere, mit gelblicher Färbung am gesammten Körper und mit bräunlicher 
Zeichnung und minder markirter Sireifung des Kopfes versehene Form als besondere , dem 
Amur-Lande eigene Varietät desselben bezeichnen. 

Vergleichen wir nun die Amur-Form des Dachses mit dem Japanischen Dachse, 
M. Anakuma Temm., indem wir sie, beim Mangel an Exemplaren von letzterem, gegen die 
Beschreibung und Abbildung desselben in der Fauna Japonica') halten. Die dunkleren, gelb- 
lichen und bräunlichen Färbungen des Amur-Dachses nähern sich dem M. Anahtma Temm. 
so weit, dass die Beschreibung des letzteren fast vollkommen auch auf sie passt, indem M. 
Anakuma ganz dieselbe Zeichnung zu haben und nur noch dunkler zu sein scheint, wenigstens 
in seinem völlig erwachsenen Zustande, denn vom jungen Thiere bemerkt Temminck selbst, 
dass es heller als das erwachsene sei. Der Haupt- und einzige Unterschied in der Zeichnung 
beider Formen dürfte noch darin zu suchen sein, dass dem M. Anakuma, nach Temminck's 
Angabe, die markirte Zeichnung des Kopfes, welche zur Charakteristik für die beiden ande- 
ren bekannleu Dachsarten, M. Taxus Schreb. und M. labradoria Say, dient, gänzlich fehlen 
soll. Allein gegen diese Behauptung Teiliminck's lässt sich anführen, dass einerseits auch 
die Amur-Form eine minder markirte Zeichnung des Kopfes als die europäische Form besitzt 
und dass andererseits Temminck selbst durch die Beschreibung und Abbildung, die er vom 
Japanischen Dachse giebt, jene Behauptung widerlegt, indem Beschreibung wie Abbildung 
eine immer noch recht markirte Zeichnung des Kopfes angeben, und zwar eine Zeichnung, 
wie wir sie im Allgemeinen bei M. Taxus zum Unterschiede von M. labradoria finden und 
im Speciellen beim Amur-Dachse kennen gelernt haben. Denn auch bei M, Anakuma ist, 
wie beim Amur-Dachse, die belle Färbung des Kopfes zwischen den dunklen Augenstreifen 
nicht weiss, sondern schmutzig-gelblich und reicht minder hoch nach der Stirne hinauf als 
beim europäischen Dachse — ein Charakter , der eben in Verbindung mit den schwächerer 



1) Mammiilia, elabor. Temminck el Schlegel. Dec. 2. p. 30 und 31. Tab. 6. 



20 Säugethiere. 

Augenslreifen die minder markirte Zeichnung des Kopfes bedingt, der aber jedenfalls nicht 
hinreichend ist, die japanische Form von der europäischen specifisch zu trennen, da er nach 
Temminck's eigner Angabe mit dem Alter sich verändert und das Weissliche in der Zeich- 
nung an Reinheit und Ausdehnung abnimmt. Weniger als die Beschreibung entspricht unse- 
ren Exemplaren des Amur-Dachses die Abbildung von M. Änakuma in der Fauna Japonica. 
Allein vergleicht man diese mit der zugehörigen Beschreibung, so scheint sie in der That zu 
dunkel gebalten zu sein — ein Fehler, den wir noch mehrmals an der Fauna Japonica bemerkt _ 
zu haben glauben — und auch einige Ungenauigkeilen zu enthalten, wie z. B. die ganz 
weisse Schnauze, welche in der Beschreibung gelblich angegeben ist, und die gelbliche Kehle^, 
welche nach der Beschreibung schwarzbraun sein soll. In Betreff dieses letzteren Punktes 
mussich übrigens bemerken, dass auch an zweien der Amur-Exemplare gelbliche Flecken im 
schwarzbraunen Felde der Kehle sich ünden. Wenn daher die Zeichnung der Fauna Japo- 
nica hierin auch correct wäre, so dürften wir dennoch auf diesen Punkt als artenunterschei- 
dendes Moment nichts geben. Somit fallen also alle diagnostischen Kennzeichen verschie- 
dener Färbung und Zeichnung zwischen M. Taxus und 31. Anaknma fort. Ehen so geht es 
aber auch mit der angeblich verschiedenen Grösse der Thiere. Denn obgleich Temminck 
seinen M. Anaknma im Vergleich zum europäischen Dachse für kleiner erklärt, so gieht er 
doch seihst die Grösse desselben auf 2 7 — 10" an, davon 5 — 6* auf den Schwanz kommen, 
was mit der Grösse des europäischen Dachses, an dem ebenfalls einige Grössenvarietäten vor- 
kommen, ganz übereinstimmt. Dass endlich in dem Schädelbau und in der Zahnhildung, in 
den biologischen Verhälluissen und in der Lebensweise kein Unterschied des M. Anaknma vom 
M. Taxus staltfinde, giebl Temminck seihst an. Und so sehen wir uns denn genöthigt, durch 
Vermitlelung der Dachsformen des Amur- Landes, den Japanischen Dachs, M. Anakuma 
Temm., als besondere Art in Abrede zu stellen und mit 31. Taxus, als dessen östlichste, dun- 
kelste Varietät, in eine Art zu vereinigen. Scheint uns dieses Resultat durch den Weg der 
Vergleichung, auf dem es gewonnen worden ist, schon hinlänglich begründet zu sein, so kön- 
nen wir für dasselbe nachträglich auch noch die Ansicht eines mit der Fauna Japan 's vertrau- 
ten Naturforschers anführen. Vor dem Erscheinen der Fauna Japonica erklärte nämlich H. 
Schlegel'), auf Grund der von Siebold und Bürger aus Japan mitgebrachten Thierfelle, 
den Japanischen Dachs nur für eine dunklere und etwas kleinere Varietät des gemeinen, euro- 
päischen Dachses. Diese damals allerdings noch unbegründete und später durch die Fauna 
Japonica zurückgedrängte Ansicht findet daher jetzt durch Vermitlelung der Amur-Formen 
ihre Bestätigung. — 

Verfolgen wir nun genauer die Verbreitung des Dachses im Amur-Lande. Wie bereits 
oben erwähnt, kannte man den Dachs bisher bloss bis an die Lena^). Middendorff fand ihn 
weder an der Südküste des Ochotskischen Meeres, noch im Jakutskischen Gebiete, vermu- 
thete ihn aber nach den Erzählungen eines Jakuten in der nördlichen Mandshurci und na- 



') Essai sur la pliysionomie des Serpens. Partie generale. Amsterdam 1837. p. 222. 
^) Pallas, Zoographia Rosso-Asiatica. I. p. 71. 



Meks Taxus. 21 

mentlich am oberen Laufe der Bureja'). Diese Vermuthung können wir nunmehr bestätigen 
und das Verbreitungsgebiet des Dachses somit bedeutend erweitern. Denn wir lernen ihn 
nun durch das ganze Amur-Land bis an die Küsten des Ochotskischen und Tartarischen 
Meeres, ja, durch die Identiticiruug desselben mit A&m M. AnakumaT emm,, sogar auf den Ja- 
panischen Inseln kennen. Innerhalb dieses weiten Gebietes können wir uns seine Verbreitung 
nicht besser vergegenwärtigen, als indem wir dem Laufe des Amur-Stromes folgen, denn 
das Amur-Thal scheint mir seiner weiten Verbreitung nach Osten hauptsächlich Bahn gege- 
ben zu haben. Wie schon aus den oben angeführten Bezeichnungen der Amur- Völker für 
den Dachs zu ersehen ist, kommt er am gesammten Amur-Strome als einheimisches Thier 
vor. Allein als vorzüglicher Bewohner gemässigter Klimale und dabei theilweise ebener, hü- 
geliger oder massig bergiger Landschaften mit lockerem Erdreich, das ihm beim Graben seiner 
Baue keine Hindernisse in den Weg setzt, ist der Dachs am Amur-Strome am häufigsten in 
dessen mittlerem, südlichstem Theile, wo die Landschaft, eben und wellig und mit waldbe- 
wachsenen Hügelzügen versehen, einen vorherrschenden Prairiecharakter trägt, \^'ir meinen 
damit die Gegend zwischen der Mündung der Dseja (Dsi der Eingeborenen) und dem Ussuri, 
ja am linken Amur-Ufer bis in die Gegend des Gorin, Zwar findet sich in diesem Theile 
der Stromlandschaft auch ein gebirgiges Stück, es ist der Durchbruch des Amur-Stromes 
durch dasBureja-Gebirge, allein auch in diesem fehlt der Dachs nicht und wo, bei einer Ser- 
pentine des Stromes oder am Ausgange eines kleinen Nebenthaies, ein lockeres Erdreich sich 
findet, habe ich seine Baue gesehen. Aus dem Amur-Thale geht der Dachs in die Nebeuthä- 
1er und zwar wahrscheinlich so weit hinauf, als ihm Terrain und Klima derselben gestatten. 
Es ist anzunehmen, dass ihm dabei an den nördlichen, linken Zuflüssen des Amur-Stromes 
die baldige Veränderung der ofl'enen Prairielandschaft in eine gebirgige mit meist felsiger 
BeschalTenheit des Bodens, so wie die rasche Zunahme eines excessiven, conlinentalen 
Klima's mit starken Wiulerfrösten, welche den Boden in einiger Tiefe beständig gefroren er- 
halten, eine frühe Gränze der Verbreitung setzen. Denn Middendorff fand ihn hier an dem 
oberen Laufe der Dseja und der Bureja nicht, während er von seinem Vorkommen am un- 
teren Laufe des letzteren Flusses Kunde erhielt. Es scheint mir kaum zweifelhaft, dass^ er 
auch am unteren Laufe der Dseja vorkommt. Von den östlicheren linken Zuflüssen des 
Amur-Stromes weiss ich durch Mittheilungen der Eingeborenen von dem Vorkommen des 
Dachses am Kur, einem Flusse, der, vom Wuanda-Gebirge kommend, unweit unterhalb des 
Ussuri in den Amur mündet; ferner am Ssedsemi, der gegenüber dem Bokke-Gebirge 
und etwas oberhalb der Chongar-Mündung in den Amur fällt; dann am Gorin, wo ich im 
Dorfe Ngagha, etwa 150 Werst oberhalb der ftlündung des Gorin in den Amur, bei den 
Samagern zahlreiche Felle des Dachses gesehen und eins auch mitgebracht habe, und end- 
lich am kleinen Flüsschen Patchä, nahe der Mündung des Amur-Stromes, von wo ich ein 
gelblich gezeichnetes Exemplar erhalten habe. Elie wir nun an die rechten Zuflüsse des 



^) Middeodorfr, Sibirische Reise, I. c. p.. 3^ 



22 ' Säiigelhtere. 

Amur 's gehen, verfolgen wir noch den Dachs am Hanptstrome seihst. Ohgleieh die Land- 
schaft am Amur unterhalh der Ussuri-Miindung ihren Prairiecharakter verliert und, zumal 
am rechten Ufer, gehirgig wird, oft und hesonders gegen die Mündung hin mit steilen Felsen 
den Strom säumend, kommt der Dachs an demselben doch bis an die Mündung vor, nimmt 
aber dabei an Häufigkeit ah. Ich habe ihn seihst aus den Gegenden von Dshare, Gauwne, 
Aure und aus der Umgegend des Nikolajewschen Postens kennen gelernt. Die an diesem 
letzteren Orte von den Giljaken erhaltenen Exemplare sind die hellsten und nähern sich der 
europäischen Form am meisten , während die Exemplare von südlicheren Fundorten dunkler 
sind und als Miltelformen und Uebergänge zum M. Anakuma T cmm. erscheinen — eine That- 
sache, die ebenfalls zur Bekräftigung der oben besprochenen Gleichartigkeit von M. Taxus 
Schreh. und M. Anakuma Temm. dienen kann. Unterliegt es aber keinem Zweifel, dass der 
Dachs an der Amur-Mündung im Gebiete der Giljaken ein einheimisches Thier ist, so muss 
es auffallen, dass die Giljaken für ihn keine eigene, rein giljakische Bezeichnung haben, son- 
dern sich dafür eines fremden, der Sprache ihrer tungusischen Nachbarn entnommenen und 
offenbar nur giljakisirten Wortes bedienen. Dergleichen findet sonst hei den Giljaken bloss 
für solche Thiere statt, die bei ihnen selbst nicht vorkommen und deren Bekanntschaft sie 
durch ihre Nachharn oder durch Vermittelung der Mandshu und Chinesen gemacht haben, 
wie z. B. für den Edelhirsch oder die Hausthiere, die sie (mit Ausnahme des überall einge- 
bürgerten Hundes) fast nur nach Hörensagen kennen. Die einzigen Ausnahmen aus dieser 
Regel machen ausser dem Dachse nur noch dasElennthier und das Reh, welche ebenfalls nur 
giljakisirte tungusische Bezeichnungen bei den Giljaken haben, obgleich sie auch im giljaki- 
schen Gebiete am Amur -Strome vorkommen. Allein diese beiden letzteren Thiere sind 
im giljakischen Gebiete des Stromes viel seltener als bei den tungusischen Amur -Völ- 
kern und nehmen offenbar ihre Verbreitung im Amur-Thale stromabwärts. Es ist da- 
her anzunehmen, dass auch die erste Kenntniss vom Dachse den Giljaken von ihren tungu- 
sischen Nachbarn gekommen ist, aus deren Gebiete das Thier auch zu ihnen sich verbreitet 
hat. Auf diesem Wege, längs dem Amur-Thale, ist aber der Dachs nicht bloss bis an die 
Mündung des Stromes, sondern noch weiter, längs dem Amur-Limane, bis an die Südküsten 
desOchotskischen Meeres gelangt, wo er in der Umgegend der giljakischen Dörfer Olgh-vo, 
Tägl, RuUj, wenn auch selten, doch vorhanden ist. Noch etwas nördlicher und westlicher 
an der Südküste des Ochotskischen Meeres, wo Middendorff dieselbe bereist hat, kommt 
er nicht mehr vor. Er sieht hier also genau an seiner Nordgränze, welche hier in etwa 53 i° 
nördl. Breite liegt. So genau ist kaum ein anderer Punkt seiner Verhreitungsgränze be- 
stimmt. Zieht man nun von diesem Punkte eine Linie, welche den mittleren Lauf des Gor in 
schneidet und dann an den mittleren Lauf derBureja und Dseja gehl, so hat man, nach den 
oben mitgelheilten Daten und Erörterungen, mit ziemlicher Genauigkeit die Polargränze der 
Verbreitung des Dachses im Amur-Lande und damit auch im continentalen Osten Asiens be- 
zeichnet. — Eiie wir nun auf die dem Amur-Lande anliegenden Inseln übergehen, verfolgen 
wir den Dachs noch an den rechten Zuflüssen des Amur-Stromes. An diesen geht er weiter 



Meles Taxus. . - 23 

aufwärts als an den linken ZuQüssen. Vom Vorkommen des Dachses am Sungari haben wir 
keine Nachrichten, aber am Ussuri weiss ich von seinem Vorkommen bis zur Jlündung des 
Flusses Noor, da weiter hinauf meine Nachrichten nicht reichen. Er soll ferner, nach 
Aussage der Eingeborenen, an den Flüssen Da und Munamu, welche vereinigt beim 
Dorfe Naichi und daher auch unter dem Namen Naichi-Fluss, unweit Dondon'), in den 
Amur mündet, und am Chongar-Flusse häutig sein und die Ufer des Jai-Flusses, der un- 
weit Ridsi in den Amur filllt, in dessen ganzem Laufe bewohnen. Am Jai und auch am 
Chongar und dessen rechtem Zuflüsse Uldji gelangen die Eingeborenen, 3Iangunen und 
Golde, über niedrige Wasserscheiden zum Tumdshi-Fluss, der in das Meer der Tartarei 
unweit oberhalb der Bai Hadshi, d. i. in 49^ nördi. Br., mündet. Von diesen Gegenden ha- 
ben sie daher auch eine genauere Kenntniss, als sonst von den dem Amur-Strome entlegenen 
Landschaften der Fall zu sein pflegt. Am Tumdshi-Flusse soll nun der Dachs im gesamm- 
ten Laufe desselben vorkommen und auch an der Meeresküste nördlich und südlich von der 
Mündung des Flusses verbreitet sein. Hier wurde mir sein Vorkommen vom Dorfe Choji an, 
d. i. etwa 4 — 5 Tagereisen südhch von der Bai de Castries, bis nach Idi genannt, dem 
letzten Orte, bis zu dem die Kenntnisse meines mangunischen Berichterstatters reichten und 
der etwa eine Tagereise südlich von der Bai Hadshi liegen soll. OlTenbar wird dieses nicht 
der südlichste Punkt der Verbreitung des Dachses in der Mandshurci sein, ja es ist vielmehr 
zu vermulhen, dass er hier noch viel weiter nach Süden, vielleicht bis nach der Südspitze von 
Korea reicht, wo er den Japanischen Inseln nahe kommt, auf denen wir ihn im M. Anakuma 
Temm. wiedererkennen. Auf diesem südlichen Wege müssen wir uns auch seine Verbreitung 
vom Continente auf die anliegenden Inseln denken, nicht auf dem nördlichen, vom Amur-Li- 
mane nach der Insel Sachalin hinüber. Denn auf der Insel Sachalin, zum wenigsten in 
ihrem nördlichen Theile, so weit die giljakische Bevölkerung derselben reicht, d. i. an der 
Westküste der Insel bis etwas südlich von der Bai de la Joncquiere, kommt der Dachs den 
wiederholten Nachrichten zufolge, die ich auf der Insel selbst von den Eingeborenen einzog, nicht 
vor. Diese Thatsache, dass der Dachs auf der Insel Sachalin fehlt , scheint auch mit dessen 
fremder, der tungusischen Sprache entlehnter und nur giljakisirter Bezeichnung, die bei den 
Amur-Giljaken üblich ist, im Zusammenhange zu stehen. Denn man kann überhaupt bemer- 
ken, dass in der Reihe der bei den Giljaken des Conlinentes gebräuchlichen Thiernamen fremde, 
der tungusischen Sprache entlehnte und später giljakisirte Bezeichnungen sich nur Xür solche 
Thiere hnden, welche auf dem Festlande allein vorkommen, auf der Insel Sachalin aber fehlen, 
nämlich für den Dachs, das Elcnnthier und das Reh, während alle auf der Insel ebenfalls einhei- 
mischen Thiere auch acht giljakische, wenngleich hier und dort dialektisch verschiedene Bezeich- 
nungen tragen.^) Vielleicht dürfte uns dieser Umstand schon zu der Vermuthung berechtigen, 



') Aufdea Karten daher auch unter dem Namen Dondon-Fluss eingetragen. 

^) Die einzige Ausnahme macht Mustela Sibirica, welche, ob sie gleich auf der Insel Sachalin nicht vorkommt, 
eine, wie mir scheint, acht giljakische Bezeichnung hat. Allein dieses Thier ist an der Amur-Mündung im Gebiete 
der Giljaken häutiger als in dem ihrer Nachbarn. 



24- Säugethiere. 

dass dieGiljaken ursprünglich nur auf der Insel Sachalin ansässig gewesen und von dort aus 
an den Amur gelangt seien, wo sie für die ihnen bis dahin unbekannt gewesenen Thiere von ih- 
ren lungusischcn Nachliarn Bezeichnungen erborgten. Ich werde diese Vermuthung über die 
Heimath der Giljaken, für die es noch andere Gründe giebt, an dem geeigneten Orte bespre- 
chen, hier genüge es auf die Bedeutung hingewiesen zu haben , welche thiergeographische 
Forschungen auch für die Lösung ethnographischer Fragen gewinnen können. Durch das 
Fehlen des Dachses auf der Insel Sachalin rückt die Polargränze* desselben, welche wir an 
der Südküste des Ochotskischen Meeres die Breite von 53. V^ N. erreichen sahen, vom Conti- 
nente zu den Inseln rasch nach Süden hinab; denn nun müssen wir sie auf den Japanischen 
Inseln annehmen, wo Temminck den M. Anakuma anführt. Dieser Umstand scheint unsere 
obige Annahme, dass das Amur-Thal der weiten Verbreitung des Dachses nach Osten und 
Norden auf dem asiatischen Conlinente hauptsächlich Bahn gegeben habe , noch mehr zu be- 
kräftigen. In Japan soll der Dachs nach Temminck auf allen Inseln, wenn auch in gerin- 
ger Anzahl von Individuen, vorkommen und vorzüglich an bewaldeten, bergigen Orten sich 
aufhalten, seltner in der Ebene. Weiter südwärts ist uns das Vorkommen dieser Form nicht 
bekannt und es scheint somit der Südrand der Japanischen Inseln die Aequatorialgränze des 
Dachses* zu bilden. 



4) dilo borealis Nilss. 

Bei den Giljaken des Continentes und der Insel Sachalin: kusrj. 
« « Mangunen und Kile am Gorin (Samageru): ongdo. 
« « unteren Golde, bis zum Geong-Gebirge: ongdo. 



« 



Golde oberhalb des Geong-Gebirces: ailoki. 



« « Kile am Kur: ausko. 

« « Biraren: kaltyioke. 

« « Monjagern: kyltyicki. 

« « Orot schonen: mcelkan. 

« « D au reu: chowicyr. 

Der Vielfrass kommt im Amur-Lande in denselben, bald helleren, bald dunkleren Fär- 
bungen vor, die in Europa und Nordasien Von ihm bekannt sind. Zwei Exemplare des Thie- 
res, die ich aus dem Amur-Lande mitgebracht habe und von denen ich eines selbst vom 
Flusse Chongar, das andere durch Hrn. v. Ditmar aus derselben Gegend erhalten habe, zeigen 
diese verschiedenen Färbungen. Das dunklere entspricht der Zeichnung in Nilsson's Illum. 
Figurer') fast ganz und ist vielleicht nur wenig heller. Es ist dunkelbraun, auf dem Kopfe, zwi- 
schen Auge und Ohr, nur wenig heller; der Rückensattel. die Beine und der Schwanz beinahe 
schwarz, die Seitenbinden hellbraun; an der Kehle sind nur wenige kleine weisse Flecken 
vorhanden. Das andere, hellere Exemplar ist hellbraun, auf dem Kopfrücken, zwischen Auge 



1] Haftet 13, Tab. 31. 



Gulo borealis. 25 

und Ohr, weisslich, indem hier den weissen, hellbraungespitzten Haaren noch viele rein weisse 
Haare untermischt sind; der Rückensattel ist dunkler braun, von einer breiten gelblichen 
Binde umgeben; die Extremitäten und der Schwanz sind schwarzbraun; an der Kehle einige 
kleine weissliehe Flecken. 

Das \'erbreitungsgebiet des V ielfrasses, dieses hochnordischen Raubthieres, erfährt durch 
seine Ermittelung im Amur-Lande eine grosse Erweiterung nach Süden. Middendorff hat 
ihn in den Abzweigungen des Stanowoi-Gebirges, innerhalb der nördlichen Mandshurei, 
nicht selten angetroffen'). In unmittelbarem Anschluss daran können wir ihn im Amur- 
Lande noch eine geraume Strecke nach Süden und an manchen Punkten bis an seine Aequa- 
torialgränze verfolgen. Dasselbe Moment, welches, nach Nilsson^), der Verbreitung des Viel- 
frasses durch Skandinavien zu Grunde liegt, uämlich das Vorkommen des Rennthiers, dem 
der Vielfrass hauptsächlich nachstellt, das er auf allen Wanderungen desselben vom Gebirge 
bis zur Meeresküste und zurück verfolgt und mit dem er daher auch ungefähr dasselbe Ver- 
breitungsgebiet einnimmt, dieses Moment scheint auch für seine Verbreitung im Amur-Lande 
leitend zu sein. Denn auch im Amur-Lande sehen wir die Gränzen der Verbreitung dieser 
beiden Thiere, wo wir sie ermitteln konnten, stets zusammenfallen. Wo daher das Rennthier, 
dem nordischen Charakter des Landes gemäss, durchweg, im Gebirge wie an der Meeresküste 
vorkommt und die ausschliessliche oder wenigstens häufigste Hirschart ist, eine Charakterform 
des Landes bildend, wie in der nördlichen Hälfte der Insel Sachalin, an der Küste des 
Ochotskischen Meeres, im Amur-Limane und selbst noch an der Küste des Tartarischen 
Meeres, da ist auch der Vielfrass ein allgemein verbreitetes und nicht seltenes Raubthier. 
Auf der Insel Sachalin weiss ich von seinem Vorkommen durch das ganze giljakische Gebiet 
an der Ost- und Westküste der Insel und in dem von mir bereisten Tymy-Thale im Innern 
derselben und zweifle nicht, dass er mit dem Rennthier längs den Gebirgen des Innern bis an 
die Südspitze der Insel hinabsteigt. Auf den Japanischen Inseln abernennt ihn Teraminck 
nicht mehr; er müsste demnach hier an seiner Aequatorialgränze stehen. — Auf dem Con- 
tinente, längs der Küste gegangen, kommt er im gesammten, in den Bereich meiner Reisen 
fallenden Theile, an der Südküste des Ochotskischen Meeres, im Amur-Limane und an der 
Küste des Tartarischen Meeres vor, wo ich in der Bai Hadshi, im 49° n. Br., ein schönes, 
dunkles Exemplar des Thieres gesehen habe. Dort ist der Charakter des Landes noch ein 
recht nordischer, die Nadelholzwaldung erstreckt sich vom Gebirge bis an die Meeresküste 
und das Rennthier ist noch sehr verbreitet. Dort steht daher auch der Vielfrass noch nicht 
an seiner Aequatorialgränze, welche wohl erst eine geraume Strecke südlicher gesucht werden 
dürfte. — Am Amur- Strome selbst, vom Limane aufwärts gegangen, ist der Vielfrass zwar 
noch auf einer geraumen Strecke einheimisch , nimmt aber an Häufigkeit rasch ab und 
wird in dem Maasse, als die Ufer des Stromes ihre felsig-gebirgige Beschaffenheit und nordi- 
sche Nadelholzwaldung verlieren, um ein ebenes, prairieartiges Ansehen mit südlicherem Ve- 

') Middendorff Sibirische Reise Bd. II. Th. 2. pag. 4. 
^j Skandiiiavisk Fauna. 1^ del. p. 132. 
Scbrenck Aoiur-Reise Bd. 1. & 



26 Säugt'thiere. . - 

getationscharakter zu gewinnen — eine Veränderung, die das Rennthier in das höhere Gebirge 
landeinwärts bannt, am Strome aber es durcii südlichere Formen, Elennthier, Reh, Edelhirsch, 
ersetzt — in demselben Maasse wird auch der Vielfrass von der unmittelbaren Stromland- 
schaft nach den felsigen , nordisch bewaldeten Gebirgsrücken im Innern des Landes ver- 
drängt. Bis etwa an den Gorin, wo noch Nadelholzwaldung, mehr und mehr schwindend, 
die hohen, meist gebirgigen Ufer des Amur-Stromes säumt, ist auch der Vielfrass in der un- 
mittelbaren Stromlandscbaft ein einheimisches, wenngleich nur seltenes Thier. Oberhalb der 
Gorin-Mündung aber ändert sich rasch der Charakter der Amur-Ufer und der Vielfrass 
bleibt nunmehr bloss auf die höheren, landeinwärts vom Strome gelegenen Gebirge angewie- 
sen. An der Chongar-Mündung ist er daher nicht mehr vorhanden, bewohnt aber wohl das 
höhere Gebirge aufwärts amChongar-Flusse, von wo auch die beiden oben erwähnten Exem- 
plare des Thieres rühren. Dasselbe findet bei Sargu statt. Noch weiter südwärts bewohnt 
der Vielfrass den höchsten Theil des Geong-Gebirges. Und dort ist es auch, wo er, zugleich 
mit dem Rennthier, an seiner Aequatorialgränze steht: denn nach Süden vom Geong-Gebirge 
soll es, nach Aussage der Eingeborenen, auch im höchsten Gebirge weder Vielfrasse noch 
Rennthiere geben. Wie das Geong-Gebirge am rechten, so bildet am linken Ufer des Stro- 
mes das mehr landeinwärts gelegene wildreiche Wanda- Gebirge die Aequatorialgränze der 
Verbreitung von Vielfrass und Rennthier. Wir sehen daher den südlichsten Theil des Amur- 
Stromes, in welchem die Mündungen seiner grössten rechten Zuflüsse, des Ussuri und Sun- 
gari (wenn man diesen riesigen Strom, wie es bisher üblich war, auch als einen Zufluss und 
nicht als den Hauptquellarm des Amur-Stromes ansehen will'') aus dem Verbreitungsgebiete 
des Vielfrasses ausgeschlossen bleiben. Im Bureja-Gebirge aber, das einen Zweig des Sta- 
nowoj- Gebirges bildet, rückt wahrscheinlich der Vielfrass wieder weiter nach Süden und 
vielleicht bis an den Strom vor , worüber wir jedoch keine bestimmten Nachrichten haben. 
Oberhalb des Bureja-Gebirges breitet sich am Amur-Strome ein weites und schönes Prairie- 
Land aus in welchem weder Rennthier noch Vielfrass vorkommen können. Es ist daher anzu- 
nehmen, dass die Biraren, die amNjuman (Bureja) abwärts bis zum Sachali (oberen Amur) 
und an diesem letzteren Strome nomadisiren und denen der Vielfrass bekannt ist, ihn aus den Ge- 
birgen am oberen Laufe des Njuman kennen. Dasselbe dürfte auch von den Monjagern der 
Dseja gelten. Letztere müssen jedoch auch am Sachali-Strome mit dem Vielfrass in Berüh- 
rung kommen, da er an dem oberen Theile dieses Stromes, wo der Charakter der Landschaft 
wieder ein nordischer wird und die Ufer gebirgig, steil felsig oder mit Nadelholz bedeckt 
sind — was ungefähr mit der Mündung des Komar-Flusses eintritt — zugleich mit dem 
Rennthier sich wieder einlindet und auch denOrotschonen bekannt ist. Hier könnte er auch 
wieder auf das rechte Ufer des Amur-Stromes hinübertreten und im Gebirge vielleicht bis an 
die Quellen der Unken Suugari-Zuflüsse sich ausbreiten, woher ihn wahrscheinlicherweise 



'j lieber das Verhältniss dieser Ströme zu ciaander habe ich mich bereits in meinem letzten brieflichen Reise- 
Berichte aa die Akademie s. Bull, de la Gl. phys.-matb. de l'Acad. T. XV. p. 244 und Meianges russes T. III. p. 349 
ausgesprochen. 



Gulo borealis. Muslela zibelh'na. 27 

auch die Dauren kennen mögen. Zieht man nun, um das ganze Verbreitungsgebiet des 
Vielfrasses im Amur-Lande zu überblicken, eine Linie von dem Südende Sachalin's nach 
dem Contineate zum Geong-, Wanda- und Burcja-Gebirge und setzt sie dann zum obe- 
ren Lauf der Bureja über die Dseja wieder zum Sachali-Strome, in der Gegend der Ko- 
mar-Müudung fort, so hat man damit die ungefähre, der Wahrheit jedenfalls genäherte 
Aoquatorialgränze der Verbreitung des Vielfrasses im Amur-Lande und zugleich im Osten 
Asiens bezeichnet. 



5) Mluiiitela zilielliua L. 

Bei den Giljaken des Continentes und der Westküste von Sachalin: lumr. 

« « « des Innern und der Ostküste von Sachalin: oghrob und myghr-nga (d. h. 

braunes Thier); 

« « Orotschonen der Meeresküste: sclia'ipa. 

« « Oroken von Sachalin, Mangunen, Samagern (Kile am Gorin) und Golde un- 
terhalb des Ussuri: s'äfa. 

« « Kile am Kur: s'öbti. 

n « Golde oberhalb des Ussuri: s'öba. 

« « Biraren, Monjagern und Orotschonen: neka. 

« « Dauren: balgha. , 

« « Maudshu: s'yka 

<( « Aino von Sachalin: gomw. (?) 

Wie für die nordischen Wildnisse Asiens überhaupt, so hat auch für das Amur-Land 
der Zobel die Rolle des goldenen Vliesses gespielt, welches zur ersten Entdeckung und Erobe- 
rung des Landes führte. Denn die Bereicherung mit diesem geschätzten Pelzwerk hat ohne 
Zweifel auch jenen ersten kühnen Freibeutern, die vor mehr als zwei Jahrhunderten das 
Amur-Land zuerst betraten und in blutigen Kämpfen mit den Eingeborenen und mit der chi- 
nesischen Macht bis an die Mündung des Stromes sich Bahn brachen, als ein nicht geringer 
Lohn ihrer Mühen und Gefahren vorgeschwebt. W'ir erfahren, dass sie während mehrerer 
Jahre aus dem Amur-Lande einen reichen Tribut an Zobeln, den sie von den Eingeborenen 
erhoben, nach Jakutsk und Moskau einsandten. Namentlich soll zuerst Pojarkov, der im 
Jahre 16.44 in der Nähe der Amur-Mündung überwinterte, von den Giljaken 12 Zimmer 
Zobel und 16 Zobelpelze als Tribut mitgebracht') und später Stepanof und Puschtschin 
eine Tributskasse von 120 Zimmern Zobel eingesandt haben ^). Zwar konnte dieser Tribut, 
welcher noch im Jahre 1672 für die Stadt Albasin aus beinahe 4 Zimmern Zobel bestand^), 



') Müller, Samml. Russ. Gesch. St. Pet 1736. II. p. 303. Fischer, Sibirische Geschichte St Pet. 1768. II. P. 789. 
*) Müller, 1. c. p. 355. Fischer, 1. c. p. 849. 
S) Müller, L c. p. 372. 



28 Sätigelhiere. 

wegen der fortwährenden Kriege mit den Chinesen kein regelmässiger sein und hörte mit 
dem Rückzuge der Russen vom Amur-Strome (nach dem Traktat von 1689) ganz auf; allein 
durch russische und chinesische Jäger und Händler mussten stets wieder Zohel aus dem 
Amur-Lande nach Sihirien kommen. Daher konnten Müller') und Pallas^) vom Vorkom- 
men des Zobels im Amur-Lande und auf der Insel Sachalin sichere Kunde haben, ob sie 
gleich von der Beschaffenheit desselben in diesem Lande nichts Genaueres anzugeben vermö- 
gen. Ich habe den Zobel im gesammten von mir bereisten Theile der Mandshurei getroffen 
und durch eingesammelte Nachrichten von seinem Vorkommen auch über das bereiste Gebiet 
hinaus erfahren. Ueberall spielt er wegen seines von3Iandshu, Chinesen, Japanesen und 
Russen hochgeschätzten Pelzwerkes bei den Eingeborenen eine grosse Rolle: er ist das wich- 
tigste ihrer jagdbaren Pelzlhiere, die Einheit in der relativen Werthschätzung aller Pelzwerke, 
die gangbarste Münze im Tauschhandel jener Völker — kurz ein unentbehrlicher Faktor ihres 
Wohlstandes. Bei dieser hohen Bedeutung des Zobels für die Haushaltung und sogar für die 
Schicksale der Amur-Völker behalte ich es mir vor, von allen Beziehungen, in denen er zum 
Leben jener Völker steht, von der Art und Weise des Zobelfanges bei den Amur-Völkern, 
von seiner Bedeutung im Handel, von den auf ihn bezüglichen abergläubischen Ansichten bei 
den Eingeborenen u. dgl. m., in einem späteren, der Ethnographie des Amur-Landes gewid- 
meten Theile meiner Reisebeschreibung zu handeln. Hier dagegen schicke ich nur das rein 
Zoologische, die Erscheinung und Verbreitung des Zobels im Amur-Lande Betreffende voraus. 
Da, wie bereits erwähnt, der Zobel im gesammten von mir bereisten Theile der Mand- 
shurei vorkommt, so habe ich in Beziehung auf die räumliche Ausdehnung seines Verbrei- 
tungsgebietes nur die Gränzen anzugeben , bis zu welchen meine Erfahrungen und Nachrich- 
ten über den Zobel im Amur -Lande reichen. Dass sie die Quellarme des Amur-Stromes, 
Schilka und Argunj, und die dem nordöstlichen Sibirien, dem eigentlichen Zobellande, nä- 
her gelegenen linken Zuflüsse des Amur-Stromes wie den ganzen Strom selbst bis zu dessen 
Mündung umfassen und in das Verbreitungsgeliiet des Zobels ziehen, verdient kaum einer be- 
sonderen Erwähnung. Was aber die rechten Zuflüsse des Amur-Stromes betrifft, dürfte es 
wünschenswerth sein bestimmtere Angaben über die Verbreitung des Zobels zu haben. Vom 
Vorkommen des Zobels am Komar-Flusse und bis an das rechte Ufer des Argunj ist uns 
durch die häuUg dorthin stattfindenden Jagdstreifzüge der Kosaken vom Argunj bekannt. Den 
eifrigen Nachstellungen derselben ist es auch zuzuschreiben , ilass der Zobel dort und über- 
haupt am oberen Amur an Zahl bereits sehr abgenommen hat, so dass die Jäger sich genö- 
thigt sehen gegenwärtig ihr Hauptaugenmerk nicht mehr auf den Zobel, sondern auf das 
Eichhörnchen zu richten, das mit der Abnahme seines Hauplfeindes, des Zobels, sehr zuge- 
Dommen hat und jetzt den Hauptertrag ihrer Jagden bildet, welche sie daher auch schlechtweg 
mit dem Namen «Eichhörnchen-Jagden» (bjelkowjo) belegen. Ohne Zweifel geht hier der 
Zobel auch an die linken Zuflüsse des Sungari über, doch fehlen uns vom Sungari bisher 



1) Samml. Russ. Gesch. Bd. III. p. 309. 

2) Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 84. 



Muslela zibellina. 29 

alle Nachrichten. Der Ussuri aber ist in seinem gesammten und vorzüglich oberen, gebirgs- 
und waldreichen Laufe mit Zobeln versehen und wird auch von den Chinesen als Tributslaud 
für Zobel regelmässig besucht. Ich selbst traf dort mit eiuem chinesischen Beamten zusam- 
men, der, mit Pelzwerken verschiedener Art und vorzüglich mit Zobeln reich beladen, von 
einer solchen, mit dem Zwecke der Tributerhebung unternommenen Reise zurückkehrte. Hier 
düifte daher der Zobel noch südwärts vom 44° nördl. Br. vorkommen und wahrschein- 
lich setzt erst das Verschwinden aller Nadelholzwaldung auch im Gebirge seiner Verbreitung 
nach Süden eine Gränze. Denn Waldung und namentlich Nadelholzwaldung scheint ein noth- 
wendiges Element für die Verbreitung des Zobels zu sein. Gegen die Mündung des Ussuri, 
wo diese verschwindet und die Ufer eben und prairieartig werden, findet sich daher der Zo- 
bel nur in den angränzenden Gebirgen. Dasselbe ist auch am Amur in seinem Laufe durch 
die Prairie der Fall, und hat daher die chinesische Regierung stets die nördlich vom Amur 
gelegenen, waldbedeckten Gebirge, als reiches Zobelland, für sich zu wahren gesucht.^) Un- 
terhalb des Ussuri, wo der Amur-Strom sich nach Norden wendet und bis an seine Mün- 
dung ein gebirgiges und waldreiches Terrain durchströmt, nähert sich der Zobel mit der Na- 
delholzwaldung mehr und mehr den unmittelbaren Ufern des Stromes, welche er etwa au der 
Mündung des Gorin-Flusses erreicht. Und von hier an abwärts ist er am Amur-Strome 
selbst und seinen beiderseitigen Zuflüssen wie an der Meeresküste, welche ich in der Bai 
Hadshi, in 49° n. Br., noch mit vorherrschendem Nadelholze bewachsen fand, überall und in 
einer bisher noch sehr grossen Zahl zu finden. Schon jene ersten rauhlustigen Entdecker des 
Amur-Landes lobten daher diesen Theil des Amur-Stromes und namentlich das Gebiet der 
Giljaken als die einzige Gegend, wo, wegen der Menge von Zobeln, noch ein reichlicher Tri- 
but erhoben werden könne^). Während der beiden Jahre meines Aufenthaltes im Amur-Lande, 
von 1854 — 56, flössen den Handelsleuten aus Irkutsk und von der Russ.-Amerik. Compagnie 
vom unteren Amur-Strome viele Tausende von Zobelfellen zu. Vom Continente aus hat sich 
der Zobel auch über die anliegenden Inseln verbreitet. Von seinem Vorkommen auf den 
Schantarischen Inseln wissen wir schon durch die Reisen der russischen Kosaken (Semjon 
Anabara u. a. m.) im Anfange des vorigen Jahrhunderts^). Auf der Insel Sachalin kommt 
der Zobel nicht minder häufig, ja vielleicht noch häufiger als auf dem Continente vor und ist 
bis an das Südende der Insel verbreitet, wo er im Handel der Japanesen eine wichtige Rolle 
spielt. Südlich von Sachalin, auf Jesso und den japanischen Kurilen (Kunaschir, Iturup) 
giebt zwar Pallas, nach russischen Quellen*), den Zobel an, allein aufl'allender Weise kennt 
ihn Temminck für Japan nicht. Man dürfte daher geneigt sein mit dem Südende Sacha- 
lin 's die Aequatorialgränze des Zobels anzunehmen, wenn nicht Temminck's eigene Nach- 
richten über die Fauna Japan's Grund gäben, den Zobel auch über Sachalin hinaus zu ver- 



1) Müller, 1. c. II. p. 422. 

2) Müller, 1. c. II. p. 355. Fischer, I c. p. 849. 
') Müller, 1. c. III. p. 99 und 108. 

*)Neue Nordische Beiträge IV. p. 133—137. 



30 Säiigethiere. 

muthen. Ehe ich dieses jedoch wahrscheinlich machen kann, muss ich die äussere Erschei- 
nung, die verschiedenen Färbungen des Zobels innerhalb seines oben bezeichnelen Verbrei- 
tungsgebietes im Amur-Lande mit einigen Worten besprechen. 

Bekanntlich gehört der Zobel zu den in ihrer Farbe am meisten variirenden Thiereu 
und bietet eine Reihe von Schattirungen von einer beinahe schwarzen bis zu einer hellbraunen, 
rölhlichen uud gelblichen Färbung dar — Verschiedenheiten, die bei Beurtheilung der Güte 
des Felles im Handel hauptsächlich in Betracht kommen und die man daher frühzeitig in 
ihrem Zusammenhange mit verschiedenen Theilen des weiten Verbreitungsgebietes des Zobels 
kennen gelernt hat. Müller^) und Pallas^) und in späterer Zeit Galächowskij") theilen 
uns eine ganze Reihe von Abstufungen von den besten (dunkelsten) bis zu den schlechtesten 
(hellsten) Zobelfellen mit, wie sie die Erfahrung der hauptsächlich längs den Strömen Sibiriens 
fortschreitenden Jagd allmälig herausgestellt hat, und Pallas bemerkt sogar, ohne den zahl- 
reichen Farbenschattirungen, die jedenfalls auch innerhalb eines umschriebenen Gebietes noch 
immer stattünden, Rechnung zu tragen, dass ein geübter Zobelkenner beim ersten Anblick 
eines Felles die Gegend Sibiriens oder den Fluss wird bezeichnen können, von welchem das 
Thier herrühre. Sehen wir nun, wie sich der Zobel des Amur-Stromes und der angränzen- 
den Theile der Mandshurei in dieser Beziehung verhält und welche Stelle er in jener Reihe 
von Abstufungen einnehmen dürfte. Als allgemeine Regel für das Amur-Land darf man aus- 
sprechen, dass der Zobel je weiter nach Ost und Süd, und also je weiter von dem Innern des 
Continents nach der Meeresküste und von den nordischen VVildnissen Sibirien's nach den ge- 
mässigteren Gegenden des chinesischen Reiches, desto mehr an Güte abnimmt, indem das 
Haar desselben nach diesen Richtungen an Schwärze und Dichtigkeit verliert. Der Zobel des 
oberen Amur-(oder Sachali-)Stromes schliesst sich an die seiner oberen Quellarme, des 
Schilka und Argunj, an und dürfte daher den sehr geschätzten Nertschinskischen Zobeln 
nur wenig nachstehen. Auch heben jene alten Eroberer des Amur-Landes, welche bekannt- 
lich aus den besten Zobelgegenden, von der Olekma und dem Aldan, an den Amur-Strom 
kamen, die schönen Zobel der Umgegend von Albasin und überhaupt des oberen Amur-Lau- 
fes zu wiederholten Malen hervor'). Weiter abwärts am Amur bis an deuUssuri und amUs- 
suri selbst wird der Zobel heller und schlechter. Dieser Zobel dürfte sich daher vielleicht nur 
dem Jenisseischen Zobel an die Seile stellen. Aber vom Ussuri abwärts, wo der Amur-Strom 
sich nach Nord wendet und die hohen Ufer desselben sich mehr und mehr mit Nadelholz be- 
walden, wird der Zobel wiederum besser. Und hier stehen namentlich die Zobel der westli- 
chen, linken Zuflüsse des Amur-Stromes, des Gorin und Amgunj, bei den Eingeborenen 
wie bei den russischen und chinesischen Handelsleuten in höherem Rufe als die Zobel des 



') Samml. Russ. Gesch. Bd. III. p. 504 ff. 
2) Spicilegia Zoologica Fase. XIV. p. 64 ff. 

^) Baer, Uebersicbt des Jagd-Erwerbes id Sibirien, bessnders im östlichen. Baer und Uelmersen, Beiträge 
zur Eenntn. des Kuss. Reicbs. Bd. VII. p. 128 ff. 

*) Müller I.e. II. P.311U.352. I. p. 31T. Letzteres nach Nie. Witsen's Noord en OostTartarye. Amsterd.1671. 



Musfela zibeüina. 31 

Amur-Thales selbst. Die Eingeborenen, Mangunen und Giljaken, unterscheiden nach der 
Güte des Felles den Zobel des linken und den Zobel des rechten Amur-Ufers (Giljakisch: 
pyrchjerch-lumr und djulachjerch-lumr, Mangunisch: pyrchi-s'äfa und djuhchi-s'äfa) und geben 
dem ersteren den Vorzug. Vergleicht man den Zobel dieses unteren Amur-Landes mit dem 
Sibirischen, so dürfte er den ihm am nächsten gelegeneu Udschen Zobeln, zu denen Galä- 
cliowskij 'l die Amur-Zobel überhaupt zu bringen scheint, allerdings am nächsten stehen, 
ihnen jedoch an Schwärze nachgeben. Ich linde ihn dunkler als den Zobel des Wilui und 
der unteren Tunguska; auch scheint er mir im Tone der Färbung eiu wenig schwärzer, 
wenngleich weniger dichthaarig uud vielleicht auch kleiner als der Kamtschatkiscbe Zobel 
zu sein, dum er sonst sehr an die Seite zu stellen ist. Ein Exemplar, das wir in einer Falle 
beim Nikolaj ewschen Posten Hngen, sieht in Hinsicht auf Färbung und Zeichnung dem von 
Hrn. Akad. Brandt beschriebenen^), von der Insel Tolbatschansk, bei Kamtschatka, rüh- 
renden Wald- und Tundra-Zobel am nächsten. Doch finden sich am unteren Amur auch 
häufig sehr helle, gelblich-braune Zobel. Im Amur-Limane und an der Meeresküste, der 
Ochotskischen wie Tartarischen, ist der Zobel merklich heller als am Amur; die Zobel 
der Bai Hadshi stehen denjenigen des unteren Amur- Stromes entschieden nach. Noch 
schlechter endlich wird der Zobel auf der Insel Sachalin. Hier kommt er meist von so hel- 
ler Farbe vor, dass man auf den ersten Blick, wenn man der starken Variabilität des Zobels 
nicht eingedenk ist, kaum mit dem asiatischen Zobel zu thun zu haben glaubt. Ein Exemplar 
dieser auf Sachalin vorherrschenden, hellen Zobelvarietät, das ich vom Dorfe Poghobi, an der 
V\^estküsle der Insel, mitgebracht habe und das ich jetzt sowohl mit den nordasialischen, wie mit 
einigen nordamerikanischen Zobeln unseres Museums (von Norton-Sound und einer anderen, 
Südlicheron Gegend) und den dazu gelieferten genauen Beschreibungen des Hrn. Akad. Brandts 
zu vergleichen Gelegenheit habe, lässt mich im Zobel Sachalin 's eine interessante Mittelform 
erkennen. Offenbar zeigt er die grosste Aehnlichkeit mit dem amerikanischen Zobel, und na- 
mentlich sind Farbe und Zeichnung des Kopfes , des Nackens und der Brust an beiden so 
übereinstimmend, dass ich den Sachaliuischen Zobel nicht besser beschreiben kann, als in- 
dem ich die Beschreibung des Hrn. Akad. Brand t's für den amerikanischen Zobel^) fast wört- 
lich ausschreibe. Am Sachalin ischen Zobel ist der Kopf sehr hell, schwach bräunlichweiss, 
oben auf dem Schnauzenrücken und unten an der Kehle stärker braun gestichelt; die Ohren 
vorn weiss, oben breit weiss gesäumt, hinten hellgraubraun, von der Kopffarbe abgesetzt. 
Der Nacken ist schmutzig gelblich-bräunlichweiss , in der Mitte mehr gelblichbraun gesti- 
chelt. Die Kehle und Mitte des Unterhalses ist wie bei dem von Hrn. Akad. Brandt zuerst 
erwähnten Exemplare: gelblich, nach der Seite mehr bräualich-weiss , wobei die weissliche, 



ij Bacr I. c. p. 220. 

2) Braodt, Selbstsländige Mittheilnngen über den äusseren Bau des Zobels {M. ZibelUna, Var. asiatiea und 
americana) im Vergleich zu dem des Baum- und Steinmarders. Menioires de l'Acad. des Sciences de St. Pelersb. T. VII. 
Beiträge zur näheren Kenntoiss der Säugethiere Russlands. St. Petersb. 18ä3. p. 13. 

3) Brandt, 1. c. p. 17 fl. 



32 Smigelhiere. 

mit Hellbraun gewässerte Färbung in der Mittellinie bis an die Beine sich fortsetzt, wo ein 
unreo^elmässiger, quer liegender weisser Fleck zwischen und etwas vor den Vorderbeinen sich 
befindet — eine Zufälligkeit, die auch an einem der mir vorliegenden amerikanischen Exemplare 
sich findet. Nicht ganz so übereinstimmend ist der Rumpf. Das Wollhaar des Rumpfes ist 
helbrau oder bräunlichgrau, an den Spitzen gelblich. Die Farbe des Rumpfes ist etwas ver- 
schieden von der des amerikanischen Zobels, gelblich braun, auf dem Rücken dunkler, beinahe 
einen unregelmässigen, dunkleren Rückenstreifen bildend, an den Seiten und am Bauche heller, 
schmutzig gelblich- oder graubraun; am Bauche steigt ein schwacher, heller, gelblichbrauner, 
mit den Seiten gleichfarbiger Streifen, gleichsam als Fortsetzung vom weisslichen Halsstreifen, 
längs der Mittellinie herab, zwischen zwei ihn einfassenden, dunkleren, aber verwaschenen 
braunen Streifen, welche an den Vorderbeinen beginnen, längs dem Bauche einander genä- 
hert und parallel verlaufen und dann plötzlich nach den Hinterbeinen auseinander treten. 
Diese schwachangedeutele Zeichnung findet sich auch an zweien der amerikanischen und an 
mehreren asiatischen Exemplaren des Continentes deutlich genug ausgesprochen. Die Farbe 
und Zeichnung der Beine stimmt wieder mit der des amerikanischen Zobels ganz überein: 
die Beine sind braun, schwärzlicher und dunkler als der Rücken und auf ihrer Vorderseite 
mit einem scharf markirten, hellbräunlichen, weissgestichelten Fleck versehen. Der Schwanz 
ist dunkelbraun, von der Farbe der Extremitäten, an der Spitze beinahe schwarz und, wie 
der ganze übrige Körper und besonders die Schwanzwurzel , mit weissen Stichelhaaren hin 
und her versehen. Der einzige Unterschied des Sachalinischen Zobels von dem amerikani- 
schen scheint also bloss darin zu liegen, dass er mehr graubraun, der amerikanische dagegen 
mehr röthlich-braun ist, was, nach den vielfältigen Farbenschattirungen des Zobels zu urthei- 
len, gewiss keine specifische Verschiedenheit bilden kann. Der Sachalinische Zobel nähert 
sich im allgemeinen Tone seiner Farbe mehr dem nordasiatischen; doch sind die von Midden- 
dorff von der unteren Tunguska mitgebrachten Felle rölhlicher und zugleich dunkler als 
der Sachalinische Zobel. Letzterer bildet daher offenbar eine Mittelform zwischen dem nord- 
asiatischen und dem nordamerikanischen Zobel, wodurch die Ansicht des Hrn. Akad.Brandt's, 
dass der amerikanische Zobel als Varietät mit dem asiatischen in eine Art zu vereinigen sei, 
eine weitere Bestätigung erhält. 

Ich kann nun nicht umhin hier die Vermuthung auszusprechen , dass auch Muslela 
brachyura Temm, , von welcher Temminck nach verstümmelten Fellen, au denen der 
Kopftheil fehlte , eine oberflächliche Beschreibung entworfen hat , vielleicht nichts anderes 
als diese helle Varietät des Zobels sein dürfte, wie sie auf Sachalin vorkommt. So weit 
Temminck's Beschreibung reicht, lässt sich nämlich kein anderer Unterschied zwischen 
dieseu Formen wahrnehmen , als nur etwa der kürzere Schwanz von M. brachyura; allein 
dieser Unterschied beträgt in absolutem Maasse nicht einmal einen Zoll und erscheint nur im 
Vergleich zur Länge des respectiven Felles von M. brachyura bedeutender, wobei aber nicht 
zu vergessen ist, dass die Maasse an einem im Handel erhaltenen Felle genommen sind, welches 

>) Fauna Japonica. Mamraalia Dec. 2. p. 33 und 34. 



Muslela zibellina. 33 

bedeutend ausgereckt sein konnte. Wer die von den Eingeborenen im Amur-Lande und 
auf der Insel Sachalin in den Handel gebrachten, durchweg lang gereckten Felle von Zobeln, 
Ottern u. dgl. m. gesehen hat, sieht sich genöthigt auf die Maasse solcher Felle nicht viel zu 
geben, zumal wenn sie als diagnostisches Moment zur Unterscheidung zweier Arten dienen 
sollen. \Me nach dieser mangelhaften Unterscheidung, so haben wir auch ferner nach den 
von Temminck angegebenen Fundorten der M. brachyura Grund sie für identisch mit unse- 
rem Sachalinischen Zobel zu vermuthen. Die Felle, welche Temminck's Beschreibung von 
M. brachyura vorlagen, hatte Siebold von der Insel Jesso erhalten. M. brachyura soll ausser- 
dem auf den Japanischen Kurilen und überhaupt nur in den nördlichsten Provinzen des Ja- 
panischen Reiches vorkommen, wo die Felle für den Handel bereitet und von wo sie in die 
verschiedenen Theile des Reiches gebracht werden. Dürfte nun in dieser allgemeinen An- 
gabe der «nördlichen Provinzen des Japanischen Reiches» die den Japanesen unterworfene 
und tributpflichtige Südküste der Insel Sachalin schon unter den Fundorten für M. bra- 
chyura mit einbegriflen sein, so möchte ich noch, ohne das Vorkommen von M. brachyura auf 
Jesso streitig machen zu wollen, hervorheheu, dass bei der gewöhnlichen Unsicherheit von 
Fundortangaben für Felle, die man im Handel erhält, auch die von Jesso an Siebold ge- 
langten Felle sehr wohl ebenfalls von Sachalin herrühren konnten. Denn die minder be- 
wohnte, waldige und gebirgige Insel Sachalin ist gewiss der an Pelzwerken reichste und er- 
giebigste Theil des Japanischen Reiches, die Fundgrube der von Norden in den Japanischen 
Handel kommenden Felle. Auch stehen die Japanesen mit der Südküste von Sachalin, von 
Jesso aus, in directem und regelmässigem Verkehre und haben auf Sachalin ihre Ansiede- 
lungen und Handelsplätze, die sie unter anderen Gründen auch deshalb besuchen, um von den 
ihnen unterworfenen Aino Pelzwerke durch Tributerhebung und Kauf einzusammeln und in 
den eigenen Handel zu bringen. Nun weiss ich von Giljaken, welche den Haupthandelsplatz 
der Japanesen auf Sachalin, Siranussi auf der südwestlichen Spitze der Insel, zu wieder- 
holten Malen besucht haben, dass die im Japanischen Handel allein vorkommenden Pelzwerke 
(die die Japanesen verkaufen) Zobel, Füchse und Ottern sind. Ohne Zweifel müssen also Zobel- 
felle von Sachalin auch in den Handel nach Japan kommen. Auffallend ist es daher, dass 
Siebold des Zobels für Japan gar nicht erwähnt und im Handel nur die ihm ähnliche M. 
brachyura als aus dem Norden kommend kennt, während dagegen meines Wissens auf Sa- 
chalin, von wo, als der nördlichsten Japanischen Provinz, die M. brachyura ebenfalls kom- 
men soll, keine solche und nur der Zobel vorkommt und im Handel der Japanesen eine Rolle 
spielt. Diese Widersprüche lösen sich aber auf, wenn man Temminck's M. brachyura mit 
dem Sachalinischen Zobel für identisch annimmt, wozu uns, wie wir oben erwähnten, auch 
Temminck's Beschreibung der M. brachyura zu berechtigen scheint. Es darf uns auch nicht 
auffallen, dass Temminck, geneigt in der Thierwelt Japan 's besondere, eigenthümliche Arten 
zu sehen, in einem Thiere, das so verschieden von der typischen dunklen Form des asiatischen 
Zobels wie der helle Sachalinische Zobel ist, der sich dem amerikanischen beinahe mehr 
als dem asiatischen nähert und von dem Temminck nur verstümmelte Felle, ohne Kopftheil, 

Echreack AinDr-fieise Bd. I. K 



3i Sängelhiere. 

kannte, dass er in diesem eher eine besondere, dem Zobel nahe stehende Mustelen-Art als 
eine Varietät des Zobels selbst annahm. Ist aber Temminck's M. brachyura mit dem Sa- 
chalinischen Zobel identisch, so müssen wir das Verbreitungsgebiet des Zobels über Jesso 
und die Japanischen Kurilen erweitern, während er in den südlicheren Provinzen Japan's 
nach Temminck nicht vorkommt. Und mit diesem Resultate stimmen denn auch die oben er- 
wähnten, von Pallas mitgetheilten Angaben der alten russischen Seefahrer, dass es auf Jesso 
und den Japanischen Kurilen (Kunaschir, Iturup) Zobel gebe, völlig überein. Hier dürfte 
also gegenwärtig die Aequatorialgränze des Zobels liegen. Ob sie in früheren Zeiten noch 
südlicher auf den Japanischen Inseln gelegen haben mag und später (hirch starke Zunahme 
der Bevölkerung , durch Lichtung der Wälder und häutige Nachstellungen des Tliieres nach 
Norden zurückgedrängt worden sei, darüber fehlen uns alle Nachrichten. 

Die oben beschriebene, helle Färbung des Sachalinischen Zoiiels nöthigt uns ihn in 
Beziehung auf die Güte des Felles in eine Reihe mit den westsibirischen Zobeln zu stellen. 
So lernen wir im Amur-Lande in Beziehung auf die Schwärze und damit auch die Güte der 
Zobelfelle eine ähnliche Abnahme von West nach Ost kennen, wie sie in Sibirien in umge- 
kehrter Richtung von Ost nach West statttindet. Der Ausspruch Müller's') und Pallas's^), 
dass der (asiatische) Zobel je weiter nach Ost desto besser werde, hat daher nur für die eine 
Hälfte des Verbreitungsgebietes des Zobels seine Richtigkeit. Dass hierin noch innerhalb Si- 
birien's ein Wendepunkt eintritt, geht auch schon aus den Angaben beider Schriftsteller über 
die Heimath der besten Zobel hervor: denn sind ihre Angaben darüber auch nicht ganz gleich- 
lautend, so stimmen doch Ijeide darin überein, dass die Kamtschatkischeu Zobel heller als 
die Oslsibirischen seien, ja Pallas lässt sogar den Zobel vom Witim an nach Ost an Güte 
abnehmen^), während Müller, auf die Zobel vom Flusse Uth (oder Uda) gestützt, sich dahin 
zu neigen scheint, die Küste des Oehotskischeu Meeres für die Heimath der besten Zobel 
zu halten. Solche Meinungsversciiiedenheiten ünden in der schon erwähnten Variabilität des 
Zobels auch innerhalb eines umscliriebeneren Gebietes , zumal wenn die Kenntniss einer Ge- 
gend noch gering ist, leicht ihre Erklärung. Pallas hatte jedenfalls eine spätere und grössere 
Erfahrung für sich. Dennoch geht daraus hervor, dass die Abnahme der Zobel an Schwärze 
nach Ost, vom Innern des Continentes nach der Meeresküste, in jenen höheren Breiten des 
Oehotskischeu Meeres langsamer vor sich gehe als am Amur-Strome, was zugleich auch 
eine Abnahme der Schwärze nach Süden bekundet. Der Ansicht Pallas 's nähern sich die 
neueren, auf reiches Material gestützten Mittheilungen Galächowskij's*), und mit diesen 
stimmt auch überein, was ich auf meiner Durchreise durch Sibirien über diesen Gegenstand 
habe erfahren können. Demnach sind die besten , schwärzesten Zobel diejenigen von der 
Olekma und von dort findet eine Abnahme der Schwärze nach West über den Witim und 



1) Samml. Russ. Gesch. III. p. 504 und 509. 

2) Spie. Zool. XIV. p. 65. 
') 1. c. p. 66. 

") Baer, 1. c. p. 218 ff. 



Mustela zibellina. 35 

nach Osl über den Aldan wie auch nach Nord und Süd statt. Mit dieser Erscheinung stehen 
denn auch unsere Beobachtungen im Amur-Lande völlig im Einklänge und schliessen sich 
an dieselben ergänzend und erweiternd an. Wir sehen daher die Linien wachsender, schönerer 
und kräftigerer Entwickelung des Zobels gleich Radien nach einem Mittelpunkte, der Gegend 
an der Olekma, zusammenlaufen. Dort, im Innern Ostasiens, müssen wir daher auch die 
ursprüngliche Heimath, den Mittel- und Ausgangspunkt der Verbreitung des Zobels annehmen. 
\\ir sehen diesen Punkt innerhalb des Sibirischen Continentes, in einem ausgesprochen conti- 
nentalen Klima, mit den excessivsten Winterfrösten, in der Nähe der Rälle-Pole und dabei 
in einer gebirgigen und mit hoher nordischer Nadelholzwaldung bedeckten Gegend liegen. 
In der Vereinigung dieser verschiedenen Momente müssen wir daher auch die der Entwicke- 
lung des Zobels günstigsten Bedingungen erblicken und in deren theilweiser, allmähliger, 
grösserer oder geringerer Alinahme von jenem Punkte aus den Grund seines allmähligen Ver- 
kümmerns und die Erklärung der Gränzen seiner Verbreitung suchen. Pallas giebt an, in- 
dem er diese Momente zergliedert, dass namentlich die Schwärze des Felles von der Art der 
Waldung abiiängt, welche der ZoLel bewoiml: die besten sollen darnach in Tannenwaldungen, 
weniger dunkle in Pappel- und Weidengehölzen und die hellsten endlich in Lärchen- und 
Cedernwäldern oder Gestrüppen vorkommen '). Mit diesen Bemerkungen stimmen auch meine 
Beobachtungen im Amur-Lande überein. Denn, wie schon mehrmals erwähnt, geht der Strom 
im obL'ien Laufe, wo der beste Zobel vorkommt, durch eine gebirgige, meist mit Nadelholz 
bedeckte Gegend ; dann folgen Laubwälder und im südlichsten Theile des Stromes die Prairie, 
und der Zobel wird schlechter oder entfernt sich vom Strome; im unteren Theile des Stromes 
aber, wo er wiederum besser wird, nehmen, vom Gorin an, Tannenwaldungen mehr und 
mehr überhand. Der Amur-Liman und die Meeresküste, besonders die des Continentes am 
Ochotskischen Meere und der Insel Sachalin in ihrer nördlichen Hälfte, sind dagegen 
häutig und die letzteren fast ausschliesslich mit Lärchen bewachsen. Sachalin, wo der 
schlechteste Zobel vorkommt , ist zugleich das Cedernland des Amur-Stromes: ein dichtes 
und ausgedehntes Cederngestrüppe breitet sich dort an vielen Orten von der Küste landein- 
wärts aus. So dürften Abnahme und Veränderung der continentalen, nordischen , sibirischen 
Waldung jedenfalls die wichtigsten bestimmenden Momente für die Verbreitung und mehr 
oder minder kräftige und schöne Entwickelung des Zobels sein. Gleichwohl scheint mir, bei 
Ueberblickung des ganzen Verbreitungsgebietes des Zobels, welches nach Westen trotz fort- 
gesetzter Waldung abbricht, dass der Charakter der Waldung nicht als einziges leitendes 
Moment angesehen werden dürfe, sondern dass das Bestimmende für die Verbreitung und 
kräftigste Entwickelung des Zobels in der Vereinigung mehrerer Momente gesucht wer- 
den müsse. 



') Pallas, Spie. Zool. 1. c. p. 05. 



36 Säugelhiere. 

6) Jfliistcla Hartes L. 

Ich würde dieses im Amur-Lande nicht vorkommenden Thieres auch nicht weiter er- 
wähnen, wenn es hier nicht einige Vermuthungen von Pallas, die direct auf das Amur- 
Land Bezug haben, zu beantworten gäbe. In den Spicil. Zool, ') hebt nämlich Pallas als be- 
kannt hervor, dass in der Gegend zwischen den Flüssen Amur und Uth (oder Uda) zur Mee- 
resküste hin und auf den anliegenden Inseln (worunter also die Schantarischen Inseln und 
vielleicht auch Sachalin verstanden sind) zugleich mit Zobeln auch die besten Marder ge- 
jangen würden, was ihn vermuthen lasse, dass der Baum- und Steinmarder [Maries et Foyna), 
ob sie gleich in Sibirien nicht vorkämen, in südlicheren Breiten durch ganz Mittelasien 
verbreitet seien. Darnach hätten wir also den Marder im Amur-Lande zu suchen. Al- 
lein später, in der Zoographia Rosso-Asiatica^), spricht Pallas die Vermuthung aus, dass es. 
ne!)en den zahlreichen localen und zufälligen Varietäten des Zobels, noch eine besondere, nahe 
verwandte Mustelen-Art im Innern Asiens gebe, die mit dem Zobel wie mit dem Marder die 
grösste Aehnlichkeit habe. Auf dieses Thier, heisst es weiter, müsse man, scheint es, auch 
die Berichte der Jäger beziehen, welche behaupten, dass auf den Inseln an der Mündung des 
Flusses Uth (oder Uda) in den östlichen Oceau und auf der grossen Insel Sachalin an der 
Mündung des Amur-Stromes zugleich Marder und Zobel gefangen würden. Es scheint also, 
dass Pallas mit diesem späteren Ausspruche seine erste Behauptung vom Vorkommen des 
Marders am Amur und auf den anliegenden Inseln, ob er es gleich als bekannte Thatsache 
hervorgehoben hatte , selbst in Zweifel zog , indem er an Stelle des Marders eine besondere, 
nahe verwandte Art am Amur und auf Sachalin wie auf den Schantarischen Inseln ver- 
muthete. Wie dem nun auch sei, glaube ich nach meinen Erfahrungen das Vorkommen des 
Marders sowohl wie einer anderen besonderen und nahe verwandten Mustelen-Art im Amur- 
Lande und auf Sachalin entschieden verneinen zu dürfen. Denn während meines zweijährigen 
Aufenthaltes im Amur-Lande habe ich, trotz eigener Jagd und fortgesetzter Nachforschung bei 
den Eingeborenen, weder selbst einen Marder oder eine ähnliche, noch unbekannte Mustelen-Art 
gesehen, noch auch jemals bei den Eingeborenen von einer solchen Thierart gebort. Dass sie 
mir aber dennoch entgangen sein könnte, ist aus mehrfachen Gründen nicht wohl anzunehmen. 
Denn der Marder oder eine andere marder- oder zobelähnliche Mustelen-Art dürfte in einem 
Lande, wo der Zobel eine so wichtige Rolle spielt, wie es im Amur-Lande der Fall ist, der 
Aufmerksamkeit und Kenntniss der Eingeborenen gewiss nicht entzogen bleiben. Nun kennen 
aber weder die Giljaken, noch die Mangunen oder Golde, bei denen ich häufig Erkundi- 
gungen über die Thierwelt ihres Landes einzog, neben dem Zobel noch ein anderes, zobel- 
ähnliches Thier, Mit den Giljaken namentlich stand ich, durch bessere Kenntniss ihrer 
Sprache, durch bleibenderen Aufenthalt im Nikolajewschen Posten, der innerhalb ihres Ge- 
bietes liegt, und durch zweimalige Winterreisen nach dem Amur-Limane und der Insel Sa- 
chalin, in näherem und beständigem Verkehre. Im Winter zumal, der bei den Eingeborenen 

') Fase. XIV. p. 57. 
*) I. p. 84. NoU 1. 



Mustela Maries. M. sibirica. 37 

für die Jagd bestimmten Jahreszeit, hatte ich fast täglich Gelegenheit durch die Giljaken 
sell)st mit den Säugethier-Arten ihres Landes mich bekannt zn machen. Denn ausser den un- 
vermeidlich, n Zobelfellen, die jeder von ihnen zum Kaufe anzubieten hat, trugen sie, mit mei- 
ner zoologischen Liebhaberei bekannt, mir alle Ergebnisse ihrer Jagd, und wenn es auch nur 
die werthlosen Felle von Mustela sibirica, vom Hermelin, vom Eichhörnchen u. dgl. m. waren, 
zu, da sie in mir oft einen Käufer für diese Dinge fanden, in jedem Falle aber einer gastli- 
chen Aufnahme und eines kleinen Geschenkes für ihre Mittheilungen sicher waren. Ich kann 
daher nicht wohl annehmen, dass mir die Bekanntschaft mit dem Marder oder einem besonde- 
ren, zobelähnlichen Thiere im Amur-Lande entgangen sein dürfte. Desgleichen hat auch 
Mi'ddendorff weder auf den Schantarischen Inseln , noch an der Küste des Ochotski- 
schen Meeres, noch weiter landeinwärts in der nördlichen Mandshurei neben dem Zobel 
auch den Marder oder eine dritte, nahe verwandte Mustelen-Art gefunden. Was konnte daher 
Pallas zu der Vermuthung dieser Thierart im Amur-Lande veranlasst haben? Es scheint mir, 
dass die Veranlassung dazu sehr wohl in dem oben beschriebenen, hellfarbigen Sachalinischen 
Zobel gesucht werden kann. Denn aus beiden Stellen, in den Spicil. wie in der Zoogr., geht 
hervor, dass Pallas die Nachrichten vom Marder oder einer nahe verwandten Mustelen-Art 
nur von der Küstengegend und den Inseln, den Schantarischen und Sachalin, bezogen 
hatte, und das ist gerade auch die Gegend, wo, wie wir gesehen haben, die hellfarbige Va- 
rietät des Zobels vorherrscht. Diese helle, gelblichbraune Farbe des Zobels konnte ferner die 
nach möglichst dunkelfarbigen Zobeln suchenden Jäger leicht zum unwilligen Ausspruche be- 
wegen, dass diese hellfarbigen Thiere nicht mehr Zobel, sondern nur Marder seien, wie ich 
z. B. selbst einen solchen Ausspruch von den russischen Handelsleuten im Nikolajewschen 
Posten gehört habe. Fügt man endlich noch hinzu , dass in der That die hellfarbige Zobel- 
varietät Sachalin's von der typischen Form so verschieden ist, dass sie dem amerikanischen 
Zobel fast näher als dem asiatischen steht, so muss man zugeben, dass Pallas, der darüber 
bloss nach Berichten urtheilen konnte , Grund genug hatte in ihr einen Marder oder eine 
neue, dem Marder wie dem Zobel sehr ähnliche Mustelen-Art zu vermuthen , ähnlich wie sie 
in neuerer Zeit vielleicht auch Temminck zur Annahme einer besonderen Art, der M. bra- 
chyura, gedient hat. 

7) iriiistela sibirica Pall. 
Bei den Giljaken des Continentes: zongrsk. 
« « Mangunen und unteren Golde bis zum Ussuri: tscholtschi und ngwakkok. (Die 
letztere Bezeichnung ist bisweilen bei den unteren Golde bis zumGeong-Gebirge 
im Gebrauche). 
« « Golde oberhalb des Ussuri: s'oloi. 
« « Kile am Kur: s'ole. 
« « Biraren und Monjagern: s'oluge. 
« « Orotschonen: s'olongo. 



38 Säugelhtere. 

Von dieser durch Pallas zuerst beschriebenen Mustelen-Art habe ich aus dem Amur- 
Lande neben mehreren Skelellen fünf Felle milgebracht. Drei derselben sind Winterfelle und 
zeigen die bekannte, intensiv gelbe, bald etwas dunklere, bald etwas blassere Farbe und die 
markirte, abgesetzt braune Zeichnung der Schnauze. Von den beiden anderen Fellen kanp ich 
leider nicht angeben, welchem Monate sie angehören, da sie von den Eingeborenen — das 
eine an der Küste der Mandshurei, in der Bai Hadshi, das andere in der Umgegend des 
Nikolajewschen Postens — gekauft worden sind; allein, ihrem Ansehen nach zu urlheilen, 
müssen es Herbst- oder Fnihlingsfelle sein, da sie eine geringe Einmischung von Braun be- 
sitzen. Da Pallas von der Farbe und Zeichnung des Sommerfelles von M. sibirka nichts 
mehr sagt, als dass es auf dem Rücken hellgraubräunlich, heller als das Sommerfell des Her- 
melin's, unten gelb ist '), und ich auch keine andere Beschreibung des Thieres im Sommer- 
felle kenne, so will ich die beiden mir vorliegenden Herbst- oder Frühlingsfelle, an denen 
die Winterfärbung jedenfalls modihcirt ist, näher besprechen. Vergleicht man das dunklere 
derselben, aus der Bai Hadshi, mit dem Winterfelle, so bemerkt man folgende Unterschiede. 
Während am Winterfelle von M. sibirica nur der Nasenrücken und die Augengegend braun 
sind und das Braun von der gelben Farbe des übrigen Kopftheiles und ganzen Körpers über- 
haupt sich scharf absetzt, zieht sich an unserem Exemplare von Hadshi das Braun auf dem 
Kopfe, nur allmälig und wenig verblassend, bis etwa zur Ohrgegend fort und geht dann un- 
merklich in die röthlich gelbe Farbe des Rückens über, welche aber ebenfalls einen Icichlen 
bräunlichen Anllug behält und mit einzelnen braunen Haaren, zumal längs der Mittellinie, ge- 
stichelt ist. Auch die Unterseite und die Extremitäten sind dunkler als am Winterfell. Die 
Schnauzenspitze und das Kinn sind wie am Winterfell weiss. — Das andere Exemplar, aus 
der Umgegend des Nikolajewschen Postens, steht dem Winterfell sehr nahe. Der Rücken 
ist kaum merklich dunkler, aber die braune Färbung des Nasenrückens zieht sich, von den 
Augen an allmälig aber stark verblassend, auf dem Kopfrücken bis zur Ohrgegend fort, wo 
sie sich in das Gelb des Rückens verliert. Alles Uehrige ist wie am W interfelle von M. sibi- 
rica. Aus diesen beiden Exemplaren scheint hervorzugehen, dass die bräunliche Farbe, welche 
das Thier im Sommer bekommt, von der beständig braun bleibenden Schnauzenspitze aus 
über den Rücken sich ausbreitet imd bei herannahendem Winter in umgekehrter W eise sich 
wieder verliert. — Auch an unseren Amur -Exemplaren von M, sibirica bestätigt sich die 
Bemerkung Middendorff's über die Unwesentlichkeit des zuerst von Wagner^) in der Be- 
schreibung des Thieres erwähnten weissen Fleckes am Unterhalse. Nur eines unserer Exem- 
plare besitzt ihn und zwar als länglichen, mehrmals unterbrochenen, vom Weiss des Kinnes 
gesonderten Fleck; an den anderen Exemplaren sind nur sehr wenige, hie und da einge- 
streute, weisse Haare am Unterhalse aufzuhnden. 

Muslela sibirica, die nach Pallas^) erst mit dem Altaischen Gebirge und dem Jenissei 



l) Pallas, Spicil. Zool. Fase. XIV. p. S7. 

*) Die Säuj^elliiere Ton Schrebcr, Supplbd. Abth. 2. p. 232. 

') Spicil. Zuol. XIV. p. 86. Zoogr. Kosso-Asiat. 1. p. 90. 



Miislela sibirica. 39 

nach Osten beginnt, ist auch durch das ganze Amur-Land verbreitet. Alle Eingeborenen am 
Amur-Strome, von den Orotschonen bis zu den G'iljaken, sind mit diesem Thiere, sei es 
an den unmittelbaren, waldbewachsenen Ufern des Stromes, sei es aus den entlegeneren Gebir- 
gen des Landes, bekannt. Eine Bewohnerin nordischer Nadelholzwaldungen, wird M. sibirica, 
wie der Zobel, wohl erst mit dem Aufhören der Nadelholzwaldung auch in den Gebirgen nach 
Süd ihre Aequatorialgränze erreichen. Nach Norden, gegen die Mündung des Stromes, nimmt 
sie mit der Zunahme der Nadelholzwaldung an Häufigkeit zu. in den Gebirgen am Chongar 
und am Gorin ist sie nicht selten, hat aber i)ei den Eingeborenen keinen Werlh, da ihr Fell 
von den Chinesen im Handel nicht geschätzt wird. Auch habe ich keine andere Benutzung 
des Felles gesehen als zu kleinen Teppichen, welche die Chinesen und Maiidshu zuniSitzen 
auf die Bänke der Häuser oder auf den Erdboden im Zelte ausbreiten. Doch spielt auch da- 
bei das Fell der M. sibirica eine ganz nebensächliche Rolle, da es allein zu den Teppichen nicht 
hinreicht, sondern, in kleine viereckige Stücke zerschnitten, mit den Beiafellen des Moschus- 
thieres, welche das meiste Material liefern, schachbrettartig zusammengenäht oder auch nur 
als Einfassung hinzugefügt wird. Vom Gorin abwärts, wo die Nadelholzwaldung auch an 
den unmittelbaren Ufern des Stromes mehr und mehr vorzuherrschen beginnt , trifft man M. 
sibirica überall häufig und im Gebiete der Giljaken, gegen die Amur-Mündung, habe ich 
im Winter fast in jedem Dorfe Felle derselben zu Gesichte bekommen. Denn ob ihr gleich 
wegen der Werlhlosigkeit des Felles nicht besonders nachgestellt wird, so verfängt sie sich 
doch häufig in den für den Zobel ausgestellten Fallen. Auch an der noch weit nach Süden 
mit nordischem Charakter der Waldung versehenen Küste der Mandshurei fand ich sie vom 
Ochotskischen Meere durch den Amur-Liman bis an die Bai Hadshi, den südlichsten Punkt 
der Küste, den ich besucht habe, durchweg verbreitet. Und dass sie dort mit dem Nadelwalde 
noch südlicher geht, unterliegt keinem Zweifel. Allein, trotz ihrer Häufigkeit im Amur-Lande 
und an der Meeresküste, bleibt M. sibirica doch nur auf den Continent beschränkt, und wie 
sie im Norden nicht nach der Halbinsel Kamtschatka hinübergeht'), so betritt sie vom 
Amur-Strome aus auch nicht die nahe gelegene Insel Sachalin. Diese Gräuze ihrer Ver- 
breitung nach Ost im Amur-Lande kann ich mit Bestimmtheit behaupten. Denn auf wieder- 
holtes Nachfragen nach diesem Thiere erhielt ich an beiden Küsten wie im Innern der Insel 
stets die bestimmteste Behauptung vom Fehlen desselben zur Antwort. Erwägt man aber wie 
lästig dieses Thier den Giljaken an der Amur-Mündung und im Limane als zudringlicher 
Besucher und Vereitler der Zobelfailen ist, so begreift man leicht, dass sein Fehlen für die 
Giljaken der Insel nicht ohne Bedeutung ist, und muss daher annehmen, dass sie davon wohl 
unterrichtet sein müssen. Dazu muss das Fehlen der M. sibirica auf der Insel Sachalin dem 
auf gleiche Nahrung mit ihr angewiesenen Zobel ein um so reicheres und freieres Terrain 
bieten, und es mag darin mit ein Grund für die grössere Häufigkeit des Zobels auf der Insel 
liegen. Wie auf Sachalin, so scheint M. sibirica auch auf den Japanischen Inseln zu fehlen. 



») Pallas, Zoogr. 1. c. 



4-0 Säugethiere. 

da Siebold ihrer in der Fauna Japonica nicht erwähnt. *So bleibt also M. sihirica wie nach 
West, so auch nach Ost hinter dem Verbreitungsgebiete des Zobels zurück, bloss auf den 
Osten Asiens angewiesen, und bei der Beschränkung derselben auf das Festland, mit Aus- 
schluss der nahe anliegenden Inseln sowohl wie der Halbinsel Kamtschatka, müssen wir in 
ihr eine ausschliessliche Charakterform des continentalen östlichen Sibirien's erkennen. 



8) lliü^tela eriiiinea L. 

Bei den Giljaken des Conlinentes und der Westküste von Sachalin: tymr und tymrsch. 
« « « des Innern und der Ostküste von Sachalin: tchymr. 

« « Mangunen und Golde unterhalb des Geong-Gebirges: dshjuli. 
« « Golde oberhalb des Geong-Gebirges: dje/t und ds%/i. 
« « Samagern (Kile am Gorin): djuli. 
« « Kile am Kur: djelaki. 
« « Orotschonen: krenassj. 

Middendorff fand das Hermelin auf den Höhen des Stanowoi-Gebirges und auf des- 
sen südlicher Abdachung ^ Von dort nach Süden ist es durch das ganze Amur-Land ver- 
breitet. Ich habe directe Nachrichten von seinem Vorkommen im Geong-Gehirge, in den 
Gebirgen amChongar u. dgl.m. Besonders häufig fand ich es aber an der Mündung des Amur- 
Stromes und am Ochotskischen Meere, wo ich aus den Dörfern Kuik und Wassj, in der 
Nähe des Nikolajewschen Postens, und Kullj, an der Meeresküste, Exemplare mitgebracht 
habe. Sie sind genau wie die europäischen Thiere beschaffen. Bei den Giljaken ist das 
Hermelin ein beliebtes Thier, weil es den in ihren Häusern in der Regel zahlreichen Ratten 
nachstellt, und manches giljakische Dorf, das von dieser Plage weniger heimgesucht wird, 
wie Puir am Amur-Limane, Hisska am Ochotskischen Meere, soll diesen Vorzug dem 
Aufenthalte von zahlreicheren Hermelinen verdanken. Vom Ochotskischen Meere und dem 
Limane nach Süd ist das Hermelin längs der Küste der Mandshurei durchweg verbreitet; 
ich habe vom südlichsten von mir berührten Punkte, der Bai Hadshi, ein Exemplar er- 
halten, das im October bereits den vollständigen Winterpelz angezogen hatte. Nicht minder 
ist das Hermelin auf der Insel Sachalin an der Küste wie im Innern verbreitet, von wo ich 
aus dem oberen Tymy-Thale ebenfalls ein Exemplar mitgebracht habe. In Japan aber hat 
Siebold das Hermelin nicht kennen gelernt. Wir müssen daher, nach den bisherigen 
Erfahrungen, am Südende Sachalin 's die Aequatorialgränze des Hermelines im östlichen 
Asien annehmen. 



9) ]flii!!ifela vulgaris Briss. 
Ich habe nur ein Exemplar des gemeinen Wiesels und zwar von den Giljaken des 
Dorfes Allof in der Umgegend des Nikolajewschen Postens erhalten. Es war ein Sommerfell: 

') Sibirische Reise, I. c. p. 70. 



Muslela vulgaris. 41 

oben Kastanienbraun, unten weiss, etwas gelblich; der Schwanz ist kürzer als die ausgestreck- 
tun Hinterbeine, mit dem Rücken ganz gleichfarbig, kastanienbraun, ohne Haarpinsel an der 
Spitze und, wie Pallas namentlich für seine M. Gate bemerkt'), mit einigen weissen Haa- 
ren an der Spitze versehen. Es unterliegt keinem Zweifel , dass das mitgebrachte Fell der 
M. vulgaris und uicht einem jungen, an der Scbwanzspitze beschädigten Hermeline angehört hat. 
Bemerkenswerth ist aber, dass an unserem Amur-Exemplare die Unterseite nicht rein weiss, 
sondern gelblichweiss ist, was nach Erfahrungen an den europäischen und asiatischen Thieren bis- 
her bloss dem Hermeline zugeschrieben wurde. So von Erxleben^), Pallas^), Desmarest'), 
Fischer^), Wagner'^), Nilsson') u. a. m., ja Bell*), Keyserling und Blasius^) u. a. 
heben sogar als eines der unterscheidenden Momente zwischen M. erminea und .)/. vulgarin 
hervor,, dass beim Hermelin die Unterseite schmutzig- oder gelblichweiss, beim Wiesel rein weiss 
ist. Am gemeinen Wiesel IVordamerika's dagegen, welches von Einigen zur selben Art M. 
vulgaris gezogen, von Anderen als besondere Art, M. pusilla De Kay, betrachtet wird, wird 
die Unterseite bald weiss'"), bald weiss oder gelblich"), bald schlechtweg gelblich'') be- 
schrieben. Richardson namentlich, der das amerikanische Wiesel mit dem europäischen für 
identisch hält, giebt am genauesten au, dass am Sommerfelle desselben die Unterseite gelblich- 
weiss ist , mit Ausnahme des Unterkiefers und eines Theiles des Oberkiefers , welche rein 
weiss sind. Genau so ist es auch an unserem Amur-Exemplare, und nähert sich dieses 
daher am meisten der amerikanischen Form. Wir achten aber diesen Umstand nicht für hin- 
reichend, um unser Amur -Wiesel, oder aucii das amerikanische Wiesel, vom europäischen 
specilisch zu trennen, sondern halten uns darnach bloss für bereciitigt die bisherigen Beschrei- 
bungen von M. vulgaris dahin zu erweitern , dass die Unterseite derselben , eben so wie am 
Hermelin, bald rein weiss, bald gelblichweiss ist, wobei jedoch zu bemerken ist , dass die er- 
stere Form auf dem europäisch-asiatischen, die letztere auf dem amerikanischen Continente 
die vorherrschende zu sein scheint. 

Das gemeine Wiesel fand Middendorff häufig im Gränzgebirge der Mandshurei ). 



1, Zoogr. Rosso-Äs. I. p. 98. 

*) Syst. regni auim. Lipsiae 1777. I. p. 471 u. 473. 

'; Zoogr. 1. c. 

*) Alaniinalogie, Paris 1820. p. 179. 

=>) Synopsis Maminal. Stullg. 1829. p. 223. 

8) Die Säugcthiere v. Schreber. Supplbd. Abth. 2. p. 237. 

') Skandin. Fauna. Lund. 1847. I. p. 1()2. 

«) A bist, of Brit. Quadr. London 1837. p. 142. 

5) Die Wirbelthiere Eiiropa's. Braunschw. 1840. p. 69. 

10) Peiinaut, Tliiergesch. der nördl. Polarländer. Aus dem Englischen von Zimmermann. Leipzig 1787. L 
Abthl. 2. p. 77. — Spencer F. Baird, General reportupon tbe Zoology of Ihe sev. Pacif. rail road routes. Washing- 
ton 1837. p. 159. 

•') De Kay, Zool. of New York. Albany 1842. I. p. 34, giebt M. pusilla als unten weiss an, fügt aber zugleich 
hinzu, dass sie der Sommerfarbung seiner iL noveboracensis gleich sei, und diese ist unten gelblich. 

'2) Kichardsou, Fauna boreali-araericana. London 1829. I. p. 45. 

'ä) Sibirische Keise 1. c. p. 70. 
Schrrock Amur-Reise Bd. I. g 



42 Sävgelhiere. 

Im Amur-Lande ist es jedenfalls viel seltener als das Hermelin, vielleicht wegen der gros- 
sen Anzahl von Zoheln, welche nach Middendorff's Vermuthung dem Wiesel gefährlich 
sein dürften. 



10) Ijiitra vulgaris Er \l. 

Bei den Giljaken des Contiuentes und der Westküste von Sachalin: iigy. 

« « « des Innern und der Ostküste von Sachalin: pcity'ik. 

« « Orotschen der Meeresküste, Mangunen, Samagern, Golde unterhalb des Us- 
suri: miidii. 

« « Kile am Kur: mugdsheki. 

« « Golde oberhalb des Ussuri: dshuku. 

H « Biraren und .Alonjagern: djuki. 

« (( rotschonen: djukun. 

« « Dauren: kalo. 

Die Flussotter ist durch das ganze Amur-Land verbreitet, wenn aucli nirgends häudg. 
Sie ist bei allen Eingeborenen des Amur-Landes ein sehr gesuchtes Thier, weil ihr Pelzwerk 
von den Mandshu und Chinesen hoch gescliätzt wird. Als regelmässiger Handelsartikel im 
Verkehre der Eingeborenen mit den Chinesen und Japanesen spielt sie nächst dem Zobel die 
wichtigste Rolle, und der Werth, den die Chinesen auf ihr Pelzwerk legen, verleiht diesem 
aucii in den Augen der Eingeborenen ein besonderes Ansehen. Es wird daher bei den Gil- 
jaken, Mangunen und anderen Stämmen des unteren Amur-Landes gern zur Verbrämung 
von Weiberpelzen, Pelzmützen, Handschuhen, Ohrenwärmern u. dgl. m. benutzt. Ich weide 
bei Besprechung der ethnographischen Verhältnisse des Amur -Landes Gelegenheit nehmen, 
auch von der Bedeutung der Flussotter für die Amur-Bewohner mehr zu sagen. Hier nur 
das Zoologische. 

Middendorff ') fand die Flussotter besonders häulig in dem Stanowoi-Gebirge luid 
dessen Verzweigungen. Von da nach Süden ist sie durch das reich verzweigte Stromsystem 
des Amur 's überall verbreitet und kommt am Hauptstrome wie an dessen linken und rech- 
ten Zuflüssen , am Amgunj, Gorin, Ssedsemi, Kur, an der Bureja und Dseja, am Jai, 
Chongar, Naichi- oder Dondon-Flusse, Ussuri u. a. m. vor. Am letzteren Strome habe 
ich sie noch unweit des südlichsten von mir erreichten Ortes, der Mündung des Flusses Noor, 
gesehen. An der Meeresküste ist die Flussotter ebenfalls allgemein am Ochotskischen wie 
am Tartarischen Meere verbreitet; ich erhielt Nachrichten von ihrem Vorkommen noch 
etwas südlicher von der Bai Hadshi. Ohne Zweifel steht sie aber an diesen südlichsten 
Punkten meiner Erfahrungen über das Amur-Land, an der Meeresküste wie bei Noor am 
Ussuri, noch nicht an ihrer Aequatorialgränze , sondern kommt auch weiter nach Ciiina 
hinein vor; ja vielleicht dürften die zweifelhaften Arten , die uns aus dem Süden Asiens 



1) Sibirisrhe Reise, 1. c. p. 70. 



Lulra vulgaris. L. alerrima. Enhydris marina. 43 

namhaft gemachl werden, wie L. chinensis Gray, L. indica Gray, L. Nair Fr. Cuv. ') u. a. lu. 
nur Varietäten derselben weit verbreiteten Art sein. — Niclit minder wie auf dem Conlinente 
ist die Flu.ssotter auf den anliegenden Inseln weit verbreitet. Ich habe sie an den Küsten wie 
im Innern der Insel Sachalin kennen gelernt, wo sie bis an das Südende vorkommt und 
einen wichtigen Artikel im Handel der Japanesen abgiebt. Siebold') nennt sie uns von den 
Japanischen Inseln als einen nicht unbedeutenden Handelsartikel mit China. In Japan soll sie, 
nach Siebold's Bemerkungen, namentlich in den nördlichen Provinzen und auf den Kurilen 
von besonderer und höherer Güte des Felles als im südlichen Theile des Reiches sein und die 
europäischen Felle an Güte übertreffen. Pallas'^) hebt die Flussottern von Kamtschatka als 
die grösslcn hervor. Somit wären also die Kurilen und Kamtschatka die Heimalh der 
grössten und schönsten Flussottern. Es liegt uns daher nahe dort, wo die zu ihrer Eulwicke- 
lung günstigsten physischen Bedingungen geboten sind , auch den Mittel- und Ausgangspunkt 
der Verbreitung der Flussotter anzunehmen, umso mehr als die Gegenden, wohin dieser Punkt 
fällt, zugleich in dem Bereiche der Heimath einer anderen, mit der Flussotter nahe verwand- 
ten Thierarl, der Seeotter (Enhydris marina Schreb.), liegen. 



11) I.iifra(?) aterriitm Pall.*) 

Eben so wenig wie es 31iddendorff an der Küste des Ochotskischen Meeres ist es 
mir im Amur-Lande gelungen, von diesem otterähnlichen Thiere , das nach Pallas an der 
Meeresküste und den Flüssen zwischen dem Uth (oder Uda) und dem Amur häufig sein soll, 
irgend etwas zu erfahren. Erwägt man aber, welche Aufmerksamkeit die Giljaken und an- 
dere Eingeborene des Amur-Landes der Flussotter schenken, so lässt sich nicht wohl anneh- 
men, dass mir, ungeachtet mehrmaliger Reisen nach den Küsten nord- und südwärts von der 
Amur-5iündung und nach der Insel Sachalin und trotz meines vielfachen nnd beständigen 
Verkehres mit den Giljaken, dessen ich oben erwähnt habe, die Bekanntschaft mit einem ot- 
terähnlichen Thiere, das dazu noch häufig sein soll, entgangen sein dürfte. Ich glaube daher 
das Vorkommen einer solchen Thierart im Amur-Lande verneinen zu dürfen und theile mit 
Middendorff die Vermulhung, dass Pallas nur eine schwarze Varietät der Flussotler vor 
sich gehabt habe. 

12) Enhydris marina Schreb. 

Bei den Giljaken: lygni{'!). 
« « Mangunen: takko[1), targa und targach'ssa{'!). 



1) Wagner, Die Säugelhiere T. Schreber. Supplbd. Abth. 2. p. 234. 
*) Fauna Japonica. Manimalia. Dec. 2. p. 3S. 
') Zoogr. Rosso-Asial. 1. p. 78. 

*) riverra aterrima Fall. Zoogr. Rosso-Asiat I. p. 81. Mustela aterrima Pall. Middendorff, Sibir. Reise 
I. c p. 70. 

* 



4.4- Säugethiere. 

Siebold erfuhr während seines Aufeulhaltes in Japan nur von wenigen Fällen des Er- 
scheinens der Seeolter an den nördlichen Küsten von Nippon und Jesso, von wo sie sich in 
Folge der Nachstellungen zurückgezogen haben soll '). iMeinen Erkundigungen zufolge ist 
dieses Thier zwar den Aino's der Südküsle von Sachalin bekannt, soll jedoch von denselben 
nicht gejagt werden. Auch wurde im Winter 1 853 auf 54, als die russisch-amerikanische Com- 
pagnie in der Bai Aniwa eine zeitweilige llandelsstation errichtet hatte, kein einziges Fell 
dieses Thieres von den Eingeborenen ihr zugebracht. Ehen so wenig geben sich die Gilja- 
ken der Insel mit der Jagd auf die Seeotter ab. An der Westküste der Insel bleibt ihnen dieses 
Thier auch fern, da es im Meere derTartarei nicht vorkommt, an der Ostküste aber könnten 
sie mit demselben wohl in Berührung kommen. Den Giljaken, welchen ich das Fell zeigte, 
schien es meistentheils bekannt zu sein : sie bezeichneten es mir auf der Insel wie auf 
dem Continente mit dem Namen «lygiu». xMlerdings könnten sie, auch ohne selbst Jagd auf 
dieses Thier zu machen, durch ihren häufigen Verkehr mit den Aino's die Bekanntschaft mit 
demselben gemacht haben. Dennoch muss ich bemerken, dass ich dieselbe Bezeichnung von 
ihnen bisweilen auch der Otaria ursina L. habe beilegen hören, obgleich letztere bei den Gil- 
jaken noch einen besonderen Namen ^) trägt. Diese Verwechselung dient jedenfalls zum Be- 
weise, dass die Seeotter den Giljaken nur wenig und wohl mehr nach Hörensagen bekannt 
ist. Ich mag ihr daher auch nicht mit voller Gewissheit den oben erwähnten giljakischen 
Namen zuschreiben. Noch geringer ist die Kenntniss der Seeotter bei den Mangunen, weiche 
nur bei Gelegenheit ihrer Besuche bei den Aino's von Sachalin eine zufällige Bekanntschaft 
mit demFelle dieses Thieres machen können. DieJIangunen, denen ich das Fell zeigte, nann- 
ten das Thier bald targa oder targach's.ta, und bald takho. Die erstere Bezeichnung, obgleich die 
häufigere, hört man aber auch für die Otaria tirsiiia brauchen, was mit der letzteren niciit der 
Fall ist. Aus diesem Grunde und weil die raangunische Bezeichnung atakkoK zugleich eine 
Aehnlichkeit mit dem Namen der Seeolter bei den Aino's von Sachalin («ra/«<»^' oder 
«ra/v/fo»^'), durch deren Vermittelung die Mangunen die Seeotter kennen mögen, für sich hat, 
sind wir geneigt diese letztere Bezeichnung der Mangunen für die richtige zu halten. 



1 3 ) Caiiis lii|iii8 L. 

Bei den Giljaken des Continentes und der Westküste von Sachalin: ligs. 
« « « des Innern und der Ostküste von Sachalin: attk. 

« « Mangunen, unteren Golde bis zum Geong-Gebirge, Kile amGorin (Samagern): 

ngöla. 
« « Golde oberhalb des Geong-Gebirges und am Ussuri: je«3?/r und uönguru. 

') Fauna Japon. Mammalia. Dec. 2. p. 36. 

-) »tungn s. weiter unten. 

') Langsdorff, Bemerkungen auf einer Reise um die Welt. Frankf. a. M. 181i'. 1. p. 301. 

*) Pallas, Zoogr. Rüsso-Asiat. I. p. 100. 



Cam's lupits. iö 

Bei den Kile am Kur: nyölaki. 

« « Golde oberhalb des Ussuri: nöluki. 

« « ßiraieu, Monjagern, Orotscbouen, Dauren: gusujka. 

Die NVolfsfelle, die ich bei de» Giljaken im Amur-Limaiie gesehen habe, waren den 
europäischen ganz gleich, bald ziemlich hell, bald dunkler und von anseiuilicher Grosse. Auch 
an einem Schädel des Thieres , den ich vom Amur-Strome mitgebracht habe und der sich 
den grössteu Exemplaren in unserem Museum anreiht , kann ich nichts vom europäischen 
Thiere Abweichendes wahrnehmen. 

Was die Verbreitung des Wolfes belrilTt, so kommt er zwar im gesammten-Amur-Laude, 
aber nicht überall gleich häufig vor. Es richtet sich dieses hauptsächlich nach dem verschiedenen 
Charakter des Reliefs und der Bewaldung der einzelnen Theile des x\mur-Landes. Denn der 
Wolf liebt hauptsächlich ebene und theilweise oflene, nur hin und wieder mit Wald bedeckte 
Gegenden, während hohe Gebirge und dichte ausgedehnte Waldungen seiner Verbreitung weni- 
ger günstig sind. Er ist daher im Amur-Lande am häufigsten im nördlichen Sachalin, wo 
ein lichter und oft verkrüppelter Lärchenwald , mit niedrigem Cedern- und Ellerngeslräuch 
oder auch mit ganz waldlosen Stellen abwechselnd, vou der Küste aus weit landeinwärts bis 
an den Fuss des Gebirges sich ausbreitet, und desgleichen an den lichter bewaldeten Küsten 
des Ochotskischen Meeres und des Amur-Limanes. In diesem nordlichen Gebiete des 
Amur-Landes stellt der Wolf hauptsächlich den häuligen, grösseren und kleineren Rudeln 
wilder Rennthiere nach, ähnlich wie er es im ganzen Norden Asien's mit den Rennthierheer- 
den der Nomaden , der Lappen '), Samojeden, Ostjaken u. a, Völker thut, bei denen er 
daher bisweilen auch schlechtweg deu Namen «Rennthier- Verwüster» trägt"). Dort, an 
der Küste Sachalin's und im Amur-Limane , habe ich auch selbst auf meinen Winter- 
reisen Wölfe oder deren Spuren so wie Felle des Thieres bei den Eingeborenen zu wieder- 
holten Malen gesehen. Auch erzählten mir die Giljaken der Westküste der Insel am Limane, 
dass die Wölfe sich bisweilen in Rudeln den Dörfern und einzelnen Häusern der Eingeborenen 
näherten und ihre Hunde zerrissen. Aber landeinwärts vom Limane, am Amur-Strome wird 
der Wolf selten , denn dort breitet sich eine unabsehbare dichte Waldung über ein gebirgi- 
ges Terrain aus und zugleich hat auch das Rennthier an Zahl sehr abgenommen, ohne von 
einer anderen, entsprechenden Thierart im selben Maasse ersetzt worden zu sein. Wie sehr 
hier dieses letztere Moment auf die Häufigkeit der Wölfe von Einfluss ist, hatte ich selbst Ge- 
legenheit zu bemerken. Im ersten Winter meines Aufenthaltes im Nikolajewschen Posten 
an der Amur-Mündung waren die Wölfe in der Umgegend sehr selten; im zweiten dagegen 
zeigten sie sich im Verhältniss recht oft und wurden zwischen denDörfern Kalgho undKalm 
am Amur von den Giljaken rasch nach einander drei Wölfe erlegt, von denen ich deu 
Schädel des einen Thieres erhielt. Es hatten sich aber in diesem letzteren Winter, zugleich 
mit dem Erscheinen der Wölfe, nomadische Tungusen mit Rennthierheerden , von Norden 



'j Nilsson, Skandin. Fauna. I. p. 22ö. 

2) Bei den Samojeden an der Pctschora u. den Ostjaken am Obj. Pallas, Zoogr. Rosso-As. I, p.36 u. 37. 



4(> Säugelhiere. 

koiiiiiieiul , tieiii Aiiiui-Strome genähert und an den sogenannten Seen Orelj und Tschla 
ihren zeilweisen Aufenliialt genommen. Auch halte man zu gleicher Zeit, behufs der Versor- 
gung der MannschaClen im N ikolajewschen Posten, Rennthiere von Udskoi Ostrog nach 
der Amur-I\liindung gelrieben. Die Wölfe hatten sich dalier ollenbar im Gefolge der Renn- 
thiere in grösserer Zahl am Amur eingefunden. Ueberhaupt aber scheint das Amur-Thal, 
wo es immer noch offene und minder bewaldete Stellen giebt und wo im Winter die Eisdecke 
<les breiten Stromes und die zahlreichen niedrigen, mit Weidengebüsch bewachsenen Inseln 
dem Wolfe ein günstiges Jagdterrain bieten, dem Eindringen desselben vom Limane aus und 
seiner Verbreitung im Lande mehr Raum als die landeinwärts liegenden waldigen Gebirge zu 
geben. Middendorff bemerkt, dass nach Aussage der Nomaden in den Gebirgen zwischen 
der Uda und Bureja die Wölfe immer zu den Seltenheiten gehört hätten und seit den letzten 
12 Jahren (vor 1844) sogar ganz verschwunden seien '). Im unleren Amur-Thale aber ist 
der Wolf, wenngleich selten, doch jedenfalls vorhanden. Auch kennen ihn die Eingeborenen 
im unteren Amur-Lande durchweg und schätzen sein Fell, wegen eines conventionellen Wer- 
thes, den es bei den Mandshu und Chinesen hat, recht hoch. Weiler aufwärts, in der Frairie 
am Amur und Ussuri und oiteriialb dieser, wo wiederum gebirgiges Lfer beginnt, das aber 
viel lichtere Waldung als im unteren Laufe des Amur-Stromes tiägt und auch waldlose 
Strecken besitzt, tritt der Wolf, bis nach Transbaikalien hinein, wiederum häufiger auf. 
In diesem oberen und südlicheren Theile des Amur-Stromes bildet aber nicht mehr das Renii- 
thier, sondern das sehr häuhg vorkommende Reh die Hauptbeute des Wolfes. — Kehren wir 
von hior wieder an die Meeresküste zurück, so sehen wir auch dort den Wolf vom Limane 
nach Süden an Uäuligkeil abnehmen. Doch weiss ich von seinem Vorkommen auf dem Con- 
tiuente bis nach Idi, etwas südlich von der Bai Hadshi, wo er aber gewiss noch nicht an 
seiner Aequatorialgränze sieht; und auf der Insel Sachalin ist er bis au das Südende verbrei- 
tet. Dort müsste der Wolf seine Aequatorialgränze erreichen, wenn man der Ansicht Tem- 
minck's, dass der Japanische Wolf eine besondere Art sei, beistimmen will. Sollte diese 
Ansicht aber wirklich haltbar sein? Zwar liegt uns kein Material vor, um sie zu widerlegen, 
doch können wir nicht umhin unsere Zweifel an ihrer Richtigkeit hier auszusprechen. Die 
Gründe, die Temminck bewogen, im Jamainu der Japanesen nicht mehr die weit verbrei- 
tete Form des C. Iwpus L., sondern eine besondere Art, C. Iiodophilax, anzunehmen, kommen 
ims jedenfalls nicht hinreichend vor. Bei der ersten Anzeige dieser neuen Art machte Tem- 
minck auf die grössere Kürze des Schwanzes, die niedrigere Gestalt und die viel stumpfere 
Schnauze des C. hodophilax als unterscheidende Momente von C. lupus aufmerksam^). Später, 
als er in der Fauna Japonica eine Beschreibung und Abbildung dieses Thieres gab^), legte er 
alles Gewicht auf die geringere Länge der Extremitäten bei C. hodophilax, während er der 
übrigen Momente , der stumpferen Schnauze und des kürzeren Schwanzes , deren er noch in 

1) Sibirische Reise, I. c. p. 71. 

«) Tijrlschr. Toor natuurl. Gesch. V. 1839. p. 284. Wiegmann, Archiv für Natur^'csch. V. Jahrg. 1839. 2. p. 409. 
Wagner, Die Säugelhiere Ton Schreber. Supplbd. Alilhl. 2. p. 371. 
») Fauna Japonica. Mammalia. Dec. 2. p. 38 u. 39. Tab. 9. 



Canis Inpns. 4-7 

der Einleitung desselben Werkes erwähnte '), nicht weiter gedenkt. Von dem letzteren giebt 
er statt dessen das Maass selbst an , welches an dem von ihm gemessenen Felle , von 3 Fuss 
9 Zoll Länge, etwa einen Fuss betragen haben soll — ein Verhältniss , das den Maassen au 
europäischen Thieren jedenfalls so nahe kommt , dass es kein arienunterscheidendes Moment 
sein kaim. Wie dieses Maass, so sind übrigens auch die auf die Gestalt, die Länge und Hohe 
des Thieres Bezug habenden Maasse an einem Felle genommen und daher höchst unsicher und 
zu diagnostischen Momenten untauglich. In Beziehnng auf die Gestalt, die kürzeren Extre- 
mitäten des C. hodophilax, können daher bloss diejenigen 31aasse gellen, welche Temminck 
an den Knochen des Japanischen Wolfes nehmen konnte. Allein hier lagen ihm bloss ein 
Radius und eine Tihia vor, die übrigen Theile fehlten und , wie er selbst sagt, konnte er an 
keinem anderen Theile osteologische Vergleichungen machen. Grössenverhältnisse aber be- 
dürfen beinahe mehr wie alle übrigen .Momente des äusseren oder inneren Baues der Thiere 
eines reichen Materiales, wenn sie zuverlässige diagnostische Momente der Unterscheidung 
abgeben sollen, und können daher nicht von einem einzelnen und noch dazu unvollständigen 
Exemplare entnonmien werden. Die Maasse dieser .beiden einzigen, der Liiterscheiilung zu 
Giunde gelegten Knochen von C. hodophilax giebt Temminck im Vergleiche zu denen von 
C. lupus folgendermassen an: 

Radius bei C. hodophilax l" 6 . Tibia bei C. hodophilax 6 (> . 

« « C. lupus i) ' 5 . « « C. lupus 8 4 . 

Demnach stimmen (\ hodophilax und C. lupus in der relativen Grösse dieser Knocheu 
ganz iiherein , indem bei beiden der Radius etwa um einen Zoll grösser ist als die Tibia; 
der Unterschied zwischen diesen Arten dürfte also nur in der absolut geringeren Grosse dieser 
Knochen beim Japanischen Wolfe liegen, was eben die verschiedene Gestalt dieser Thiere be- 
dingen soll. Ebenso sollen nach Temminck auch die .Metacarpal- und Metatarsalknochen bei 
C. hodophilax kleiner als bei C. lupus sein. Bei solchem Zusammenslimmen der relativen 
Grössen liegt aber der Gedanke nahe, dass Temminck's C. hodophilax nur ein kleineres 
Exemplar von C. lupus gewesen sei. Ob übrigens auf die oben angeführten Grössenaiigaben 
überhaupt viel Gewicht zu legen sei, erscheint uns noch zweifelhaft. Ich habe an einem kau- 
kasischen Exemplare des gemeinen Wolfes in unserem Museum folgendes Grössenverhältniss 
zwischen dem Radius und der Tibia gefunden: 

Radius bei C. lupus l" 9 (Pariser M.) Tibia bei C. lupus 8" 6 . 

Ferner giebt Nilsson') bei Ausmessung eines Skelettes aus Schweden an: 

Radius bei C. lupus 8" 2 ". Tibia bei C. hipus 9" 2'". 

In diesen beiden Fällen findet also das directe Gegentheil von der Angabe Temminck's 

statt, indem die Tibia etwa um einen Zoll länger als der Radius ist. Es scheint daher in den 

Grössenverhältnissen dieser Knochen eine so grosse Variabilität zu herrschen, dass sie nicht 

zu diajj-nostischen Momenten gebraucht werden können. Damit fällt aber auch der einzige 



') Dec. 1. p. 5. 

») Skaiidin. Fauna. I. p. 221 u. 222. 



4.8 Säugethiere. 

Unterschied zwischen flen beiden Arten C. hodophüax und C. lupus weg. Denn dass in der Farbe, 
im äusseren Habitus oder in der Lebensweise ein erheblicher Unterschied zwischen dem ge- 
meinen und dem Japanischen Wolfe stattfände, stellt Temminck selbst in Abrede. Von der 
Farbe und Zeichnung des letzteren bemerkt er selbst, dass sie von der des europäischen Wol- 
fes nur wenig verschieden seien, und die nähere Besciireibung des Japanischen Wolfes weiss in 
der That kein Moment der Verschiedenheit anzugeben und passt auf den europäischen Wolf 
vollkommen. Weniger die Abbildung; aliein diese ist gegen die Beschreibung entschieden zu 
dunkel "ehalten und bringt einen fremdartigen , rothlichen Farbenton hinein , welcher nach 
der Beschreibung dem Tbiere nicht zukommt. Es dürfte daher richtiger sein den Japanisclien 
\\ olf, so lange keine Alomente speciliscber Verschiedenheil desselben vom europäischen uach- 
'Tcwiesen sind, mit diesem, auf Grundlage gleicher Farbe und Zeichnung beider Formen, in 
eine Art zu vereinigen. Die Verbreitung von C. lupus L. im Osten Asiens ginge alsdann von 
Sachalin und den Kurilen südwärts auch auf die Japanischen Inseln hinüber. 



14) Caiiixi aliiimi!» Fall. Taf. II. 

Bei den Giljaken des Conlinentes: luclioramlalsch. 

„ (< <( der Insel Sachalin: IschclioJamlaliich. 

« « Mangunen, Golde, Kile am Gorin und Kur, Orolschonen: dsliargul. 

Dieses zuerst von Pesteref ') unter dem Namen «rother Wolf» aus dem Altaischen Ge- 
birge am Us, einem Nebenflusse des Jenissei, erwähnte, von Pallas und später von Gebier 
beschriebene Thier kommt auch im Amur- Lande vor, wird aber einer abergläubischen 
Furcht wegen, welche die Eingeborenen vor demselben haben , von ihnen in der Regel nicht 
i>^eia<Tt. Es ist mir daher auch nicht möglich gewesen mehr als ein einziges Fell dieses Thieres 
zu erhallen. Dieses rührte aus dem Geong-Gebirge her und wurde mir von den Golde im 
Dorfe Dshare am Amur gebracht. Da die Beschreibungen von Pallas und Gebier die 
einzigen sind und das Thier noch wenig bekannt ist, will ich von dem aus dem Amur-Lande 
mit'cbracblen Felle eine genauere Beschreibung geben. Im Wesentlichen stimmt es mit der 
Beschreibung, die Pallas gab^), überein. Der Kopf ist kurzhaarig, fahlrolh, schwaiz gestichelt, 
indem die einzelnen Haare entweder im oberen und unteren Driltheil schwarz , in der Mitte 
rölhlich, oder aber durchweg röthlich und nur an der Spitze schwarz sind. Die Oberlippe, der 
Unterkiefer und die Kehle sind schmutzig weiss; die Barihaare heller und dunkler braun. 
Die Ohren etwa von der Länge wie beim Wolfe, innen schmutzig weiss, aussen fahlröthlich- 
f^rau, schwarz gestichelt, am Rande kurzhaarig, vorn mit unregelmässiger, unterbrochener, 
schwarzer Binde verseben. Der Rumpf ist langhaarig, fahlrolh, schwarz gestichelt, zumal auf 
dem Rücken; nach den Seiten und dem Bauche zu heller, mit weniger Schwarz, unten schmutzig 



•) Bereisung der Sinesisrtien Glänze. Busse, Journal von Russland Bd. 2. Jan. — Juni. 1794. p. 23. 
^) Zoograpliia llosso-Asiatica. I. p. 34 u. 33. 



Canis alpinus. 49 

gelblichvveiss. Das Wollhaar am Rumpfe hellgelblichgrau, auf dem Rücken dunkler, nach 
den Seilen und dem Bauche zu heller. Die Contourhaare sind meist verschiedenfarbig gerin- 
gelt: auf dem Rücken in der Regel an der Basis weisslieh, dann schwärzlich, dann rölhlich, 
an der Spitze schwarz; bisweilen, jedoch selten, in ihrer ganzen Länge schwarz, indem die 
röthlichen Ringe sehr klein werden oder auch ganz verschwinden; an den Seiten und nach 
dem Bauche zu nimmt das Schwarz an den Contourhaaren mehr und mehr ab, es wird blas- 
ser, erstreckt sich über einen kürzeren Theil der Haarspitze und dagegen nehmen das Rölh- 
lichgelb und Weiss an Ausdehnung zu , bis zuletzt die Haare entweder nur noch eine blass 
schwärzliche Spitze behalten oder, was zumeist am Bauche der Fall ist, in ihrer ganzen Länge 
gelblich und weisslieh werden. Die Beine sind aussen fahlroth, innen weisslieh. Der Schwanz 
ist buschig behaart, gelblich grau, mit Schwarz stark untermischt, an der Spitze ganz schwarz; 
die einzelnen Haare wie am Rumpfe geringelt, aber mit vorherrschendem Schwarz, bisweilen 
ganz schwarz. Am ganzen Körper finden sich hin und wieder ganz weisse Haare einge- 
streut. — Vergleicht man unser Amur-Exemplar von C. alpinus mit einem von Gebier aus 
<lem Altaischen Gebirge unserem Museum zugestellten Thiere, so findet man ersteres viel 
dunkler, rölher und mit mehr Schwarz versehen, welches letzterem beinahe ganz fehlt. Dieses 
ist sehr hell, vielleicht auch in Folge langer Aufbewahrung im Museum schon zum Theil ver- 
blichen. Es ist auf Kopf und Rumpf fahlgelb, nur auf der Schnauze, auf dem Rücken und an 
den Aussenseiten der Vorderbeine etwas mehr röthlich. Die Oberlippe, das Kinn, der Bauch 
und die Innenseiten wie die Enden der Extremitäten sind weiss. Der Schwanz ist gelb und 
grau gemischt, an der Spitze schwarz. Das Wollhaar ist schmutzig gelblich ; die Contour- 
haare entweder wie bei unserem Amur-Exemplare schwarz und gelb geringelt, aber mit be- 
deutend schwächerem Schwarz, oder auch ganz gleichfarbig gelblich und weisslieh, welches 
Letztere selbst auf dem Rücken zum Theil der Fall ist. Am Schwänze herrscht das Schwarz 
an den Contourhaaren bloss gegen das Ende des Schwanzes vor. Was die Grössenverhältnisse 
des Thieres betriflt , können weder das Fell des Amur-Exemplares , noch das ausgestopfte 
Thier vom Altai scheu Gebirge zuverlässige und gültige Maasse bieten, da Manches auf Rech- 
nung des gereckten Felles geschrieben werden dürfte. Gleichwohl theile ich sie in Ermange- 
lung anderer mit: 

Amur. Altai. 

Länge des ganzen Körpers von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel 1 240 Millini. 1 1 20 Millim. 

« des Schwanzes ohne Haarbüschel am Ende desselben 410 « 460 « 

« des Haarbüschels am Schwanzende 1 40 « 1 40 « 

(( der Ohren 90 « 85 « 

Die Länge der einzelnen Schwanzhaare habe ich am Amur -Exemplare bis zu 165 
Milhm. gefunden. Diese Maasse stimmen mit den von Pallas ebenfalls nach Fellen angege- 
benen sehr überein. 

In Beziehung auf die geographische Verbreitung von C. alpinus im Amur-Lande ist es 
mir gelungen von den Eingeborenen zahlreiche Nachrichten über das Vorkommen dieses Thieres 

SchreDck Amur-Reise Bd. 1. "^ 



50 Säugethiere. 

zu erhalten. Sie bestätigen die VermuthungMiddendorff's, dass dieses Thier erst weiter süd- 
wärts vom Stanowoi-Gebirge am Amur in grösster Häufigkeit vorkomme '). Doch stimm- 
ten die Ansichten der Eingeborenen alle darin überein , dass es nicht im Flachlande, son- 
dern in den Gebirgen seinen Aufenthalt habe, wo es in Rudeln , die bisweilen sehr zahlreich 
sein sollen , zusammenhalte. Diese grössere Anzahl der Alpenwölfe vor den gemeinen im 
Amur-Lande, so wie ihr Vorkommen im Gebirge, wohin die Jäger im Winter nur einzeln 
oder in kleinen Gesellschaften hinkommen, mögen auch die Hauptveranlassung für die Furcht 
der Eingeborenen vor diesem Thiere sein. Als Bewohner der Gebirge ist mir C. alpiims von 
den Ein<reborenen im Laufe des ganzen Amur-Stromes und vieler seiner Zuflüsse genannt 
worden; so am oberen Amur, in den Gebirgen am Ussuri, im Geong-Gebirge, in den Ge- 
birgen am Ssedsemi, Chongar, Gorin, Chelasso und Jai und im gesammten, gebirgigen 
Mündungslande des Amur-Stromes. Desgleichen erfuhr ich von seinem Vorkommen in dem 
Küstenwebirt^e am Amur-Limane und dem Meere der Tartarei bis nach Idi, dem südlich- 
sten Punkte der Meeresküste, über den ich Nachrichten einziehen konnte. Niciil minder wie 
auf dem Continente war C. alpinus den Giljaken auf der Insel Sachalin bekannt, wo er 
ebenfalls in grosser Zahl in den Gebirgen vorkommen soll. Bei den Giljaken der Insel und 
des Continentes fand ich auch die Furcht vor diesem Thiere am grössten und weit stärker als 
bei den tuncrusischen Amur-Völkern, was vielleicht auf dem Umstände beruhen mag, dass 
die Giljaken überhaupt zu abergläubischer Furcht mehr als ihre tungnsischen Machbaren 
geneigt sind und dass sie weit weniger als diese mit der Jagd sieh bescliäftigen , welche sie 
auch dieses gefürchtete Thier zu überwinden lehren müsste. Nach Süden von Sachalin, auf 
den Japanischen Inseln wird uns der Alpenwolf nicht genannt. Er dürfte daher auf Sacha- 
lin seine Aequatorialgränze erreichen. Wie weit nach Süden er auf dem Continente geht, 
lässt sich nach den bisherigen Erfahrungen nicht bestimmen. Nach Norden aber scheint C. 
alpinus die Gränze seiner Verbreitung bald zu erreichen. W^ie erwähnt, fanden ihn Pesteref 
und Gebier im Altaischen Gebirge. Pallas hatte auch Felle von Udskoi Ostrog und von 
der oberen Lena. Im Stanowoi-Gebirge dagegen fand Middeudorlf niemals Spuren des 
Alpenwolfes , und hatten die Nomaden daselbst auch nur wenig Kenntniss von demselben. 
Noch andere, nördlichere Fundorte als die erwähnten sind uns bisher nicht bekannt. Es scheint 
daher C. alpinus Pall. eine dem mittleren Asien eigenthüniliche Form zu sein, welche wenig 
nordwärts sich verbreitet, ostwärts dagegen über die ganze Strecke vom Altaischen Gebirge 
durch das Amur-Land und die anliegende Insel Sachalin bis an das Ochotskische Meer 
sich hinzieht. 



15) Caiiii« vulpe!^ L. 

Bei den Giljaken des Continentes und der Westküste von Sachalin: 

Fuchs überhaupt: Icäkcli. 



*) Sibirische Reise, I. c. p. 71. 



Canis vulpes. 5 t 

Rother Fuchs: pasnga*). 

Kreuzfuchs : pasnga-pladf. 

Schwärzlicher Fuchs (Var. nigroargentea fi \\ss.) : pladf. 

Schwarzer Fuchs: hüdf. 
Bei den Giljaken des Innern und derOstkuste von Sachalin: Fuchs üherhaupt: paghlant und 

paghlanlsch (d. h. der Rothe). Die Var, wie bei den Giljaken des Contiuentes. 
Bei den Mangunen: 

Fuchs überhaupt: s'ull. 

Rother Fuchs: chyldagdä. 

Kreuzfuchs und i 

> kytr. 
Schwärzlicher Fuchs f 

Schwarzer Fuchs: awata. 
Bei den unteren Golde bis zum Geong-Gebirge und Samagern: Fuchs überhaupt: s'ole. 

Die Var. wie bei den Mangunen. 
Bei den Golde zwischen dem Geong-Gebirge und Ussuri: 

Fuchs überhaupt: s'ole. 

Rother Fuchs: chyldagdä. 

Kreuzfuchs und ^ 

Schwärzlicher Fuchs J 

Schwarzer Fuchs: aivata. 
Bei den Kile am Kur: 

Fuchs überhaupt: s'olaki. 

Rother Fuchs: chyldagdä. 

Kreuzfuchs und \^ 

Schwärzlicher Fuchs f 

Schwarzer Fuchs: aicata. 
Bei den Orotschen der Meeresküste: chole. 
« « Golde oberhalb des Ussuri, Biraren, Monjagern, Orotschonen: s'olaki. 
n « Dauren: chungu. 

Der Fuchs kommt in allen Farbenvarietäten im Amur-Lande vor. Ich habe heller und 
dunkler rothe Füchse, Kreuzfüchse, mehr oder minder schwärzliche, auf der Oberseite weiss 
gestichelte (Var. mgro-arge/i^ea Nilss.) und ganz schwarze, nur mit weisser Schwanzspilzo 
versehene Thiere gesehen. Die Eingeborenen belegen diese Zeichnungen des Fuchsfelles mit 
verschiedenen Namen, da sie auch im Handel einen verschiedenen Werth haben. Als regel- 
mässiger Handelsartikel mit den Mandshu, Chinesen und Japanesen hat das Fuchsfell 
überhaupt für die Eingeborenen des Amur-Landes nächst dem Zobel und der Flussotter die 
grösste Bedeutung, da diese drei Pelzwerke allein den beständigen Handel bilden, alles Uebrige 
dagegen entweder von all zu geringem Werthe ist, oder gar zu selten vorkommt, um von Be- 

') Das 8 ist weich auszusprechen. 



52 Säuget hier e. 

deutuog für den Handel zu sein. Mehr über die relative Werllischätzung des Fuchsfelles und 
seiner verschiedenen Varietäten im Handel der Eingeborenen werde ich im ethnographischen 
Bande meiner Reisebeschreibung sagen. Zoologisch unterliegt es keinem Zweifel , dass es die 
bekannten Varietäten von C.vulpesL. sind. Desgleichen zeigt ein Schädel des gemeinen Fuch- 
ses, den ich aus dem unteren Amur-Lande mitgebracht habe, dieselben Verhältnisse wie 
beim europäischen Thiere. 

Der Fuchs ist im gesammten mir bekannten Theile der Mandshurei verbreitet und 
überall häufig. Ich konnte mich durch Felle, die ich bei den Eingeborenen sah, durch wie- 
derholtes Begegnen mit dem Thiere selbst oder dessen Spuren und durch Erzählungen der 
Eingeborenen von seinem Vorkommen am gesammten Amur-Strome und dessen Zuflüssen 
wie an der Meeresküste bis südlich von der Bai Hadshi und auf der ganzen Insel Sachalin 
überzeugen. Oefter als gewöhnlich schienen mir die mehr oder minder schwarz gezeichneten 
Varietäten vorzukommen. Namentlich soll die Insel Sachalin an schwarzen Füchsen beson- 
ders reich sein. Von dieser dem Norden eigenthümlichen Varietät erzählt Pallas'), dass sie 
auf den Adrianowschen oder Fuchs-Inseln beinahe zahlreicher als die rothe Färbung sei. 
Ferner berichtet Steller, dass die schwarzen Füchse Kamtschatka's , deren zu seiner Zeit 
noch viele jährlich in die Kasse einliefen, zumeist von den Olutorschen Korjaken (an der 
Ostküste Kamtschatka's) kämen und dass namentlich auf einer der Olutorschen Bucht ge- 
genüber, auf etwa zwei Meilen Entfernung vom Lande gelegenen Insel (wohl der Insel Ka- 
raginskoi) durchgehends schwarze Füchse und in grosser Menge vorkommen sollen^). Es 
scheint daher jenes Insel- und Küstengebiet im Nordosten Asien's der Entwickelung der 
schwarzen Varietät des Fuchses hauptsächlich günstig zusein. Südlich von Sachalin, auf 
den Japanischen Inseln ist der gemeine Fuchs, nach Siebold, durchweg verbreitet und 
steht bei den Japanesen in hohem Ansehen, indem zur Verehrung desselben eigene Tempel 
errichtet werden^) — ein Cultus , den ich bei den Giljaken auf Sachalin und im Amur- 
Lande nirgends gefunden habe. 



16) Canis lagopiis L. 

In Siebold's Fauna Japonica findet sich die Bemerkung, dass der Polarfuchs, C. lago- 
pus L., die Kurilischen Inseln (wohl die südlichen, japanischen) bewohne und im Winter 
dort von ganz weisser Farbe sei'). Im Amur-Lande und auf der Insel Sachalin konnten 
mir die Eingeborenen kein Beispiel von seinem Vorkommen anführen ; das Fell dieses Thieres, 
das ich ihnen zeigte, war ihnen ganz unbekannt, und meine Behauptung, dass es eine weisse 
Fuchsart sei, wollte bei ihnen durchaus keinen Glauben finden. Auf diesem Wege, über Sa- 



') Zoofjrapliia Rosso-Asial. I. p. 48 

2) Beschreibung von dem Lande Kamtschatka. Frankfurt und Leipzig 1774. p. 124. 

') Fauna Japonica. Alaninialia. Dec. 2. p. 40. 

*) Fauna Japonica. Mammalia. Dec. 2. p. 40. 



Canis tagopus. C. procyonoides. 53 

chalin, kann also der Polarfuchs nicht nach den Japanischen Kurilen gelangt sein. Es 
hleiht ihm daher, wenn er wirklich auf den Japanischen Kurilen vorkommen sollte, kein 
anderer Weg als der von Kamtschatka längs der Kette der nördlichen, russischen Kuri- 
len übrig. Und dass er auf diesen letzteren ebenfalls nicht vorkommt, sondern nur durch 
Verwechselung mit C. vulpes irriger Weise von Einigen als Bewohner dieser Inseln angeführt 
worden, ist durch die kritische Beleuchtung der bisherigen Erfahrungen über diesen Gegen- 
stand von Hrn. Akad. v. Baer hinlänglich erwiesen worden'). Wir sehen uns daher genothigt 
die Richtigkeit der oben erwähnten Angabe Siebold 's entschieden in Zweifel zu ziehen. 



17) Caiiiüi iirocyonoidcs Gray. Taf. III. fig. I u. 2. Taf. IV. Iig. 1. Taf. V. 

C. fNyctereutesJ viverriniis Tenini. Van der Hoeven eii Vriese, Tijdschr. voor iialuuii. Geschied. V. p. 2S5. 

Siebold, Fauna Japonica. Mamnialia. Dec. 2. p. 40. Tah. 8. 
C. brachyotos Blain Tille, Osteographie des Caruass, Heft 13. p. 47. 

Bei den G i 1 j a k e n : jandak. 

« « Mangunen, Golde, Samagern: jaMda/co. 

« « Biiarea: jandako and ölbiga. 

« « Monjagern: ölbiga. 

Im Amur- Lande lernte ich eine bei den Eingeborenen unter den oben angeführten Na- 
men bekannte Hunde-Art kennen , welche ich auch selbst in zwei lebenden Individuen zu be- 
kommen Gelegeniieit hatte und von der ich 5 Felle , 2 Schädel und ein Skelett mitgebracht 
habe. An diesen in verschiedenen Jahreszeiten erhaltenen , unter einander nach Farbe und 
Zeichnung zum Theil abweichenden, aber sämmtlich dem Jandako der Golde angehörenden 
Fellen lassen sich nun theils C. procyonoides Gray, theils C. viverrinus Temm., theils Mittel- 
und Zwischenfärbungen erkennen. Ich sehe mich daher nach genauer Vergleichung und Prü- 
fung der unterscheidenden Charaktere genothigt diese beiden Arten in eine einzige zusammen- 
zuziehen , für welche ich den älteren und bezeichnenderen Namen C. procyonoides Gray bei- 
behalten will. Es ist, wie unser Material lehrt, eine in ihrer Färbung nach den Jahreszeiten 
und ausserdem auch local ziemlich stark variirende Form, welche bei mangelhaftem Materiale 
leicht in mehrere Arten zersplittert werden kann , wie es denn auch in der Thal geschehen 
ist. In Folgendem will ich daher zuerst die Identität dieser vermeintlich verschiedenen Arten 
darzuthun und alsdann eine ausführlichere Beschreibung dieser interessanten und bisher noch 
wenig bekannten Form nach dem uns hinsichtlich derselben zu Gebole stehenden, gegenwärtig 
wohl reichsten Materiale zu entwerfen suchen. 

Die erste Kenntniss von dieser Thierart verdanken wir einer Abbildung von C, procyo- 
noides Gray in den Illustrations of Indian Zoology chiefly selected from the collection of 
Maj. Gen. Hardwicke by J. E. Gray, London 1834. Vol. II. Tab. I. und einer etwas später 
in dem Magaz. of natur. bist, conducted by Edw. CharlesvKorth, 1837. p. 578. von Gray 



1) Bull, scieiil. publie par l'Acad. des sciences de St. Pelersb. T. IX. p. 94. 



54 Sättgelhiere. 

gelieferten dürflisen Diagnose dieses Thieres. Dies ist denn bisher auch das Einzige, was über 
die Art C. procyonoides Gray bekannt geworden ist. Zwei Jahre später kündigte Temminck 
in van der Hoeven's und Vriese's Tijdschrift vor natuurl. Geschied, en Physiol. Bd. V. 
1839. p. 285 V nach den von Siebold aus Japan niitgebracblen Materialien , eine neue 
Hunde-Art, C. viverrinus, an, welche mit C. procyonoides Gray in aller Hinsicht gleich ge- 
formt und nur durch die Färbung specifisch verschieden sein sollte. Beide Arten sollten nach 
Temminck durch eine geringe Anomalie in der Zahnbildung von dem Geschlechte der Hunde 
zum Theil abweichen und eine besondere Gruppe bilden, f i r die er den Namen Nyctereutes 
vorschluo. Worin aber diese angebliche Verschiedenheit der Färbung beider Arten bestand, 



•s* 



wah Temminck zunächst nicht an, und blieb somit die genaue Beschreibung der neuen Art 
der Publication der Japanischen Materialien vorbehalten. Inzwischen entwarf A. Wagner ) 
eine ausführliche Beschreibung von C. viverrinus Temm., nach einem im Münchner Museum 
aufgestellten, aus Japan stammenden Exemplare. Ein Jahr später gab Temminck seihst in 
der Fauna Japonica eine Abbildung vom Winterfell und Schädel des Thieres, blieb jedoch die 
nähere Beschreibung schuldig, da der bisher publicirte Text der Fauna Japonica im Beginne 
der Beschreibung von C. {Nyclereiites) viverrinus abbricht^) und wir daher, ausser der in der 
Vorrede desselben Werkes^) enthaltenen Wiederholung einer angeblichen Verschiedenheit 
zwischen C. procyonoides und C. viverrinus , über die letztere Art nichts Näheres erfahren. 
Statt dessen kündigte uns aber die Fauna Japonica an , dass es ausser den beiden genannten 
Arten in Japan noch eine dritte Art derselben Gruppe gebe, den Mami-Tanuki der Japanesen, 
von der wir jedoch nichts weiter erfahren und die von Temminck glücklicherweise auch 
keinen sysiemalischen Namen erhalten hat. Endlich tbeilte Blainville im Jahre 1843 
in seiner Osteographie des Carnassiers auch einige osteologische Bemerkungen über diese 
Form und zwar nach einem Exemplare des Pariser Museums mit, welches durch Temminck's 
Vermittelung aus Japan stammte^). Es muss demnach C. viverrinus gewesen sein, da Tem- 
minck, nach seiner eigenen Behauptung "^j, von C. procyonoides ausser einem sehr mitgenom- 
menen Felle keine Exemplare aus Japan hatte. Dennoch erwähnt Blainville dieses Namens 
gar nicht, sondern spricht von dem Thiere unter der Bezeichnung C. procyonoides ou Chien du 
Japon , der wegen seiner kurzen Ohren auch den Namen C. brachyolos erhalten haben soll '). 
Blainville scheint daher die Identität dieser Formen ohne Weiteres anzunehmen. Doch ist 
uns der Name C. brachyolos sonst nirgends vorgekommen. 

Das ist Alles, worauf sich unsere bisherige Kenntniss der Gruppe iV?/c;er«/fes Temminck's 



1) Vergl. auch Wiegm. Archiv für Naturgesch. Jahrg. V. 1839. Bd. II. p. 409. Desgl. Schmarda, Die geogr. 
Verbreitung der Thiere. Wien 1853. Bd. II. p. 257 u. a. ra. 

*) Die Säugethiere von Schreber. Supplhd. Abthl. 2. p. 438. 

') Fauna Japonica. Mamnialia. Dcc. 2. p. 40. 

♦) I. c. Dec. 1. p. 5. 

*) Blainville, Osteogr. Heft 13. p. 154. 

^) Fauna Japonica 1. c. Dec. 2 p. 40. 

') I. 0. p. 47. 



Canis procyonoides. ö5 

beläuft. Eine vergleichende Gegeneinaoderhaltung beider Formen bat wegen des mangelnden 
Materiales bisher noch nicht vorgenommen werden können. Denn Wagner, dem ein Exem- 
plar von C. viverrinus vorlag , kannte von C. procyanotdes nur die Abbildung und dürftige 
Diagnose Gray 's, die ihm zur Unterscheidung der Formen ebenfalls ungenügend erscheint, 
und verlässt sich daher bloss auf die «Versicherung» Temminck's, dass diese Arten verschie- 
den seien. Temminck aber behauptet freilich in der Tijdschrift, dass diese Formen der Fär- 
bung nach hinlänglich von einander verschieden seien, um getrennte Arten bilden zu können, 
führt aber in der Fauna Japonica selbst an, dass er von C. procyonoides nur ein unvollständi- 
ges und sehr mitgenommenes Fell (une peau mutilee et fort endommagee) in einer Sendung 
aus Japan erhalten habe, das nur hinreiche ihn über das Vorkommen dieser Art in Japan 
zu belehren, im Uebrigen aber ibn nöthige für diese Species auf die Abbildung Gray 's zu 
verweisen. 

Fragen wir nun worin nach den bisherigen Beschreibungen und Abbildungen dieser bei- 
den Arten die angebliche Verschiedenheit derselben besteht? Temminck sagt bei Ankündi- 
gung seiner neuen Art ausdrücklich, dass die Verschiedenheit bloss in der Färbung beruhe. 
Wir dürfen die specitischen Unterschiede daher nicht etwa in der allgemeinen Gestalt oder in 
der Form und den Grössenverhältnissen einzelner Theile suchen. Wenn daher Giebel'), aus 
den oben angegebenen einzigen Quellen schöpfend , angiebt , dass C. procyonoides , der Hatsi- 
ffionst der Japanesen, eine spitzere Schnauze als C. viverrinus, der Tanuki der Japanesen, 
habe, so fmdetman dafür bei Temminck gar keine Begründung, es sei denn, dass Temminck's 
Abbildung von C. viverrinus ein Thier mit längerer und deshalb minder rasch zugespitzter 
Schnauze als Gray 's Abbildung von C. procyonoides darstellt, worin wir jedoch Temminck, 
nach Vergleichung der von ihm gegebenen Schädelabbildung mit den von uns mitgebrachten 
Schädeln, welche der Form C. procyonoides angehören, nicht beistimmen können. Es Hessen 
sich ja nach den erwähnten Abbildungen noch manche Verschiedenheiten der Form zwischen 
diesen beiden Thieren herausfinden , wie z. B. die mehr gestreckte Gestalt und der längere 
Schwanz von C. viverrinus im Vergleich zu C. procyonoides u. dgl. m., da die beiden Abbildun- 
gen uns überhaupt zwei auf den ersten Blick sehr weit von einander verschiedene Thiere vor- 
führen. Allein solche Folgerungen sind, bei Temminck's eigener Behauptung vollkommener 
Uebereinslimmung beider Arten in allen Punkten mit Ausnahme der Färbung, ganz unzulässig. 
Wir sind daher genöthigt anzunehmen, dass die Abbildungen den Charakter der Thiere nicht 
getreu genug wiedergeben. Namentlich muss ich aus eigener Belianntschaft mit dem lebenden 
Thiere Temminck's Abbildung, welche vermulhlich nach einem Balge entworfen ist, für 
sehr verzeichnet erklären und Gray 's Abbildung dagegen bei weitem den Vorzug geben. 
Ferner dürfen wir aber eben so wenig wie aus den Abbildungen auch aus den von Wagner und 
Gray angegebenen Maassen eine Verschiedenheit in den Grössenverhältnissen beider Arten 
zu finden erwarten. Denn die von Wagner für C. viverrinus mitgetheilten Maasse sind i-intni 



') Die Saugethiere in zoolog. analoiu. u. palaentitol. Pezichiiiii;. Leipzig 1S-2Ö. p. 826. 



56 Säiigethtere. 

Balge entnommen, welcher verschiedentlich gereckt sein konnte, und die von Gray für 
C. procyonoiJes angegehenen sind so ungenau, dass sie nicht zur Vergleichung dienen können. 
So führt Gray z.B. nicht an, oh er die Länge des Schwanzes mit oder ohne Endhaare gemes- 
sen hahe, was hei einem Thiere mit huschig hehaarlem Schwänze einen bedeutenden Unter- 
schied macht. Uebrigens stimmen diese Grössenangaben auch noch ziemlich mit einander 
überein, und es bleibt uns daher um so weniger Zweifel übrig, Temminck 's Ausspruch, dass 
die beiden Arien in jeder Hinsicht mit Ausnahme der Färbung übereinstimmten , beizutreten. 
Was nun aber die Färbung, dieses angeblich allein unterscheidende Moment beider For- 
men, betrifTt, so muss zunächst bemerkt werden, dass Temminck angiebt , die Färbung hei- 
der Arten sei im Sommer und Winter eine verschiedene '). Wo nun eine Form im Sommer 
und Winter verschiedene Färbungen hat, da muss es je nach den Jahreszeiten auch zahlreiche 
Uebergänge und Zwischenfärhungen geben, welche zunächst leicht für besondere Arten ge- 
halten werden können. Temminck selbst sieht sich daher genöthigt, zwei von den Japane- 
sen unterschiedene Formen, den Tanuki und Mimna-Tanuki derselben, als Winter- und Som- 
merfärbungen einer und derselben Art, C. viverrinus, zusammenzuziehen^). An solchen Formen 
dürfte es denn auch von Hause aus sehr gewagt erscheinen, bloss auf die Färbung hin ver- 
schiedene Arten zu begründen , es sei denn , dass einmal die Verschiedenheiten der Färbung 
äusserst praegnant und dass ferner die Uebergänge und Zwischenfärbungen innerhalb einer 
jeden Art erschöpfend bekannt seien. Dass Letzteres hiusichtlicb der Nyclereules-Arten nicht 
der Fall sein kann, versteht sich bei dem oben erwähnten mangelhaften Materiale , das über 
dieselben bisher vorlag, von selbst. Aber auch Ersteres findet bei denselben durchaus nicht 
statt. Denn vergleicht man die einzigen Beschreibungen dieser Tbierarten, Gray 's Diagnose 
von C. procyonoides und Wagner's Beschreibung von C. viverrinus, so findet man für beide 
Thiere dieselbe Grundfarbe , ein schwarz gesticheltes Graubraun , dieselbe schwarzbraune 
Zeichnung der Wangen und Extremitäten angegeben , und es bleibt in Beziehung auf die 
Färbung bloss der Unterschied, dass C. procyonoides am Schwänze weiss-, C. viverrinus schwur i- 
gespitzle Haare haben soll — ein Unterschied . der bei Thieren mit überhaupt gemischter, 
weisslich und schwärzlich gespitzter Behaarung , gewiss sehr prekär ist. Wenden wir uns 
aber mit diesem einzigen, aus den Beschreibungen zu entnehmenden diagnostischen Momente 
der verschiedenen Arten an die Abbildungen, so überrascht es uns hier bei C. procyonoides am 
buschigen Schwänze nicht weiss-, sondern ebenfalls deutlich schwarzgespitzte Haare zu sehen. 
Und so fallen denn die angeblichen Verschiedenheiten in der Färbung ganz weg. — Halten wir 
aber ferner auch die von Temminck und Gray gelieferten Abbildungen dieser Thiere hin- 
sichtlich der Färbung gegen einander. Auf den ersten Blick scheint es allerdings, dass diese 
Abbildungen , abgesehen von der Gestalt und den Grössenverhältnissen, die wir schon oben 
besprochen haben, auch in der Färbung sehr verschiedene Thiere darstellen. Vergleicht man 
sie aber genauer , so findet man an beiden fast genau dieselbe Zeichnung wieder: dieselbe 

') Tijdschrifl voor natuiirl. Gcschicd. 1. c. Fauna Jap. Mamnialia. üec. 1. p. 5. 
^) Fauua Jap. Manimalia. l)cc. 2. p. 40. 



Cants procyonoides. 57 

hellere Farbe der Stirne und dunkelbraune Zeichnung der Wangen , denselben hellen Fleck 
am Halse, dasselbe braune Band am Widerrist , das von der dunklen Mittellinie des Rückens 
zu den vorderen Extremitäten hinabsteigt, dieselbe hellere Farbe hinter diesem Bande, dieselbe 
dunkelbraune Zeichnung des hinteren Randes der Hinterschenkel und der Schwanzwurzel, 
dieselbe dunkelbraune Farbe der Extremitäten u. s. w. Der einzige Unterschied dürfte sich 
nur darin finden lassen, dass bei C. vtverrinus, nach Temminck's Abbildung, die Seiten des 
Leibes eine dunklere Färbung als bei C. procyonoides haben, wodurch sowohl der helle Fleck 
hinter den Schultern des Thieres, als auch die hellere Zeichnung der Hinterschenkel markir- 
ter und deutlicher hervortreten. Dass aber auch bei C. procyonoides eine dunklere Farbe von 
der Mittellinie des Rückens sich zum Theil nach den Seiten hinabzieht, giebt auch Grav's 
Ai)bildung zu erkennen. Der erwähnte Unterschied in der Färbung beschränkt sich also bloss 
darauf, dass dieselbe Zeichnung bei einem Thiere etwas mehr, beim anderen etwas weniger 
ausgesprochen ist, was unmöglich Grund zur speciüschen Trennung der Formen abgeben kann. 
Dazu muss ich vorgreifend bemerken , dass Temminck's Abbildung dieses Verhältniss der 
Zeichnung markirter, Grav's Abbildung dagegen verwischter darstellt, als an irgend einem 
meiner Exemplare der Fall ist, und dass diese selbst wieder unter einander wie in diesem, 
so auch in anderen Punkten der Zeichnung mannigfach variiren. Zudem endlich hebt ja 
Temminek selbst hervor, dass diese Thiere im Sommer und Winter ein verschiedenes Kleid 
haben, und von Gra> 's Abbildung wissen wir nicht, von welcher Jahreszeit es das Thier dar- 
stellt. — Und so drängt sich uns schon aus der Vergleichung der bisherigen Beschreibungen 
und Abbildungen von C. procyonoides Gray und C. viverrinus Temm. die Ueberzeugung von 
ihrer speciüschen Identität auf, eine Ueberzeugung, welche sich nun ferner durch die aus dem 
Amur-Lande mitgebrachten Exemplare auch in positiver und directer Weise begründen 
lässt. Dabei sind die Amur-Exemplare, indem sie uns über die Identität zweier vermeintlich 
verschiedener Arten belehren , zugleich auch geeignet uns mit einer ziemlich ansehnlichen 
Variation dieser noch sehr wenig gekannten Thierart bekannt zu machen. Gehen wir daher 
zur ausführlicheren Beschreibung derselben über. 

Zwei von der Mündung des Amur-Stromes durch Vermittelung der Giljaken aus dem 
oberen Amur-Lande von mir erhaltene Felle, lehren uns das Thier im Winterkleide kennen. 
Diese beiden Felle stimmen mit Temminck's Abbildung und Wagner's Beschreibung von 
C, viverrinus sehr und mit G ray 's Abbildung von C. procyonoides theilweise überein. Die 
Hauptfarbe derselben (Taf. III. fig. 1.) ist licht gelblich bräunlich, an dem einen Exemplare 
mit intensiverem gelblichen Farbentone, wie in Temminck's Abbildung, an dem anderen mit 
blasserer, graugelblicherer Tinte, wie in Gray 's Abbildung , uud an beiden mit gleicher 
schwarzbrauner, gelblich und schwarzgestichelter Zeichnung. Der Kopf ist an der Schnauzen- 
spitze, auf dem Nasenrücken und der Stirne graugelblich; an den Lippen heller, auf dem Na- 
senrücken dunkler mit etwas röthlicher Einmischung; auf der Stirne etwas dunkler als über den 
Augen. Die Bariborsten sind schwarzbraun. Vor und unter dem Auge entspringt ein schwarz- 
braunes Band, welches unter dem Auge wegläuft, dieses nach oben ebenfalls mit einem schma- 

Schrenck Anuir-Reise Bd. 1. Q 



58 Sängethiere. 

len Streifen umgebend, und an den Halsseiten, indem es zugleich auch gegen das Ohr in einem 
verwaschenen Streifen vorspringt, allmählig blasser wird und verschwindet. Diese Farbe und 
Zeichnung des Kopfes ist genau und viel besser von Gray am C. procyonoides als von Tem- 
minck am C. viverrinus dargestellt. Nach dem Scheitel zu wird die gelblichgraue Farbe der 
Stirne allmählig dunkler graubräunlich, wie es ebenfalls an Gray 's Abbildung zu sehen ist. 
Das entsteht dadurch , dass die Deckhaare, welche auf dem Nasenrücken in ihrem unteren 
Theile braun, im oberen weisslich und gelblich, mit kaum merklichen braunen oder schwärz- 
lichen Spitzen gezeichnet sind , auf der Stirne und nach dem Scheitel zu allmählig längere 
schwarze oder richtiger schwarzbraune Spitzen bekommen und zugleich auch durch die min- 
der anliegenden Deckhaare das braune Wollhaar stärker durchschimmert. Die Ohren sind 
ziemlich kurz, aussen graubräunlich , inuen schmutzig gelblichgrau, am Rande und hinten 
an der Ohrwurzel schwarzbraun. Unterhalb der Ohren behndet sich ein heller Backenbart aus 
verlängerten Haaren , welche entweder in ihrer ganzen Länge weisslich oder gelblich , oder 
aber an ihrer Basis bräunlich, im oberen Theile weisslich oder gelblich und an der Spitze bis- 
weilen wiederum bräunlich oder schwärzlich gezeichnet sind. Das Rumpfstück beider Felle 
ist licht gelbbräunlich mit folgender markirler Zeichnung. Vom Nacken an verläuft eine un- 
regelmässige schwärzliche Binde längs der Mittellinie des Rückens bis an das Schwanzende, 
durch welche die gelbliche Grundfarbe zum Theil durchschimmert. Diese Binde entsteht da- 
durch, dass hier die an ihrer Basis bräunlichen, im unteren Verlaufe gelblichen Haare lange 
schwarze Spitzen haben. Von diesem schwärzlichen Rückenstreifen entspringt über den 
Schultern ein schwärzlichbraun schattirtes Querband , welches nach den Vorderbeinen hinab- 
steigt und in welchem die Deckhaare theils lange schwarze, theils kürzere bräunliche Spitzen 
über dem gelblichen Mittelstücke haben , theils auch einfach gelb gespitzt sind. Unmittelbar 
vor und hinter diesem Querbande ist die gelbliche Farbe des Felles am lichtesten, indem hier 
die Haare nur an der Basis lichlbräunlicb , im ganzen übrigen Verlaufe aber gelblich sind. 
Durch solche Verlheilung der Farben entsteht auf dem Vorderrücken des Thieres die sehr 
markirte Zeichnung eines dunklen , schwärzlichen Kreuzes auf hellem , gelblichem Grunde. 
Diese Zeichnung ist auch an den Abbildungen von Gray und Temminck deutlich zu erken- 
nen. In ähnlicher Weise zieht sich am Hinterrücken von der schwärzlichen Längsbinde des 
Rückens eine dunkle, schwärzliche Schattirung auch nach den Seiten des Leibes , allmählig 
verblassend , fort , indem hier die schwarzen Spitzen der Deckhaare des Rückens allmählig 
kürzer werden und zuletzt ebenfalls verschwinden. Dieses ist nun der Punkt, in welchem die 
Abbildungen Gray's und Temmincks am meisten difl'eriren. indem bei ersterer an den Seiten 
des Leibes kaum eine dunklere Schattirung als unmittelbar hinter der braunen Querbinde der 
Schultern zu merken ist , während bei letzterer an den Seiten des Leibes eine sehr deutliche 
breite dunkle Querbinde hinabsteigt, die nicht bloss nach vorn, von der hellgelblichen Färbung 
hinter den Schultern, sondern auch nach hinten, wenn auch in geringerem Grade, von der 
helleren Zeichnung der Schenkel absticht. An meinen beiden Exemplaren vom Winterfelle 
des Thieres ist nun diese Zeichnung, die an Gray 's Abbildung so gut wie verschwindet, eben- 



Canis procyonoides. 59 

falls in der Weise wie Temminck sie angiebt, aber in viel weniger markirtem Grade und 
mit geringer Abweicbung der beiden Exemplare unter einander vorhanden. Zunächst ist an 
beiden die schwärzliche Schattirung der Seiten viel heller als Temminck sie darstellt, indem 
sie deutlich heller als das Querband der Schultern ist, was bei Temminck nur kaum der 
Fall sein dürfte. Dadurch sticht sie ferner nach vorn, von dem hellgelblichen Fleck hinter 
den Schultern, minder scharf als in Teniminck's Abbildung ab. Alsdann breitet sie sich 
auch abwärts minder weit aus, als Temminck's Zeichnung angiebt, indem sie ohne den 
Bauch zu erreichen verblasst. Nach hinten zu linde ich diese schwärzliche Schattirung der 
Seiten an einem meiner Exemplare zum Theil, wenn auch viel weniger scharf als Temminck 
angiebt, gegen eine hellere Färbung der Schenkelgegend abstechend, wodurch ein ungefähres, 
aber sehr verwaschenes und undeutliches Querband an den Seiten des Leibes entsieht. Am 
anderen Exemplare dagegen ist ein solches dunkler schallirles Querband an den Seiten des 
Leibes durchaus nicht zu linden, indem die schwärzliche Schattirung an dem ganzen Hinter- 
rücken allenthalben nach dem Bauche zu gleichmässig verblasst und nur vorn etwas rascher 
abbricht als hinten. So zeigen also meine beiden Exemplare neben der Zeichnung, welche sie 
mit Temminck's Abbildung vou C. viverrinus gemeinschaftlich haben, doch, in Folge der 
helleren Schattirung und der minder markirlen Absetzung der Farben , eine solche Näherung 
au Gray's Abbildung von C. procyonoides, dass ich nicht zu bestimmen wage, wohin sie mehr 
gehören. Vielleicht dürfte auch Temminck die Zeichnung des Thieres in der That markir- 
ter und die Farbe der Schatlirungen etwas dunkler dargestellt haben , als sie in der Natur 
sind, während Gray dieselben zu verwischt gezeichnet hat. Wegen dieser Uebereinstimmung 
der Abbildung Gray's mit meinen Winter-Exemplaren, wie wegen der starken und reichen 
Behaarung des Pelzes an derselben muss ich sie auch für eine Abbildung des Thieres im Win- 
terfelle halten. — Die weitere Färbung des Felles anlangend, sind Kehle und Brust licht grau- 
braun, der Bauch gelblich graubraun; die Extremitäten sind im oberen Theile dunkler, schwärz- 
lichbraun, im unteren heller, auf dem Fussrücken kastanienbraun; an der Innenseite mit eini- 
gen gelblichen und röthlicben Haaren gemischt; die Nägel braun. Von den hinteren Extremi- 
täten zieht sich an meinen Exemplaren die schwärzlichbraune Farbe nicht bis an die Schwanz- 
wurzel hinauf, wie es an den Abbildungen Gray's und Temminck's angegeben ist, sondern 
bricht früher ab, so dass die Seiten der Schwanzwurzel von der Farbe der Schenkel, d. i. 
bräunlichgelb mit schwacher schwärzlicher Schattirung sind. Der Schwanz ist oben von der 
Farbe des Kückens, d. i. schwarzbraun, zumal an der Spitze, in Folge der langen schwarzen 
Spitzen der in ihrem unteren Theile weisslichen oder gelblichen Haare; unten schmutzig gelb- 
lich. Das Wollhaar des Rückens ist grau bräunlich. Die Länge der Deckhaare des Rückens 
beträgt etwa 75 , derjenigen des Schwanzes 80 Millimeter. 

Von dem Winterfelle ist recht abweichend das Sommerfell des Thieres , und zwar lässt 
sich dabei, neben der im Sommer viel dunkleren Färbung des Thieres, auch ein verschie.lent- 
liches Verschwinden der markirten Zeichnung des Winterfelles wahrnehmen. Drei Exemplare, 
welche ich vom Sommerfelle habe , sind sehr geeignet uns über diese Variation zu belehren. 



(30 Säugethiere. 

indem an einem derselben die Zeichnung des Winterfelles noch vollkommen deutlich , an den 
beiden anderen aber in verschiedenem Grade verwischt ist. 

Das erstere derselben erhielt ich im unteren Amur-Lande von den Golde des Dorfes 
Ssoja, in dessen Umgegend es erlegt worden war. Statt der licht gelblich-bräunlichen Farbe 
des Winterfelles ist dieses Sommerfell (Taf. 111. fig. 2.) gelblichgrau mit schwärzlicher Schat- 
tirung, und alle braunen und schwarzbraunen Zeichnungen sind fast in reines Schwarz umge- 
wandelt. Der Kopf des Thieres hat genau dieselbe Zeichnung wie am Winterfelle, nur allent- 
halben in dunkleren Farbentönen: so ist die Schnauzenspitze licht bräunlich - gelblich , der 
Nasenrücken dunkler bräunlich mit etwas gelblichweisser Einmischung, die Stirne gelblich- 
weiss mit schwarzer Schattirung gemischt, welche im Beginne der Stirne und in einem Bande 
über dem Auge zum Ohre hin heller, im mittleren Theile aber nach dem Scheitel zu dunkler 
ist und zwischen den Ohren fast in reines Schwarz übergeht. Diese Zeichnung wird dadurch 
bedingt, dass die im Beginne der Stirne und über den Augen an ihrer Basis lichtbräunlichen, 
im weiteren Verlaufe weisslichen und an der Spitze schwarzbraunen Deckhaare nach dem 
Scheitel zu längere schwarze Spitzen bekommen und zugleich auch die braune Farbe an ihrer 
Basis dunkler wird und eine grössere Ausdehnung gewinnt, so dass der weisslich-gelbliche 
Ring derselben mehr und mehr an Ausdehnung verliert. Das am Winterfelle braune Band, 
das unter den Augen zum Halse verläuft, ist am Sommerfelle dunkler schwarzbraun, fast rein 
schwarz und rückt etwas mehr vor das Auge als am Winterfelle. Es sticht daher auch um 
so greller von dem hellen, schmutzig weisslich-gelblichen Barihaare unterhalb der Ohren ab. 
Die dunkle Längsbinde des Rückens hat zwar einen schwärzeren Ton als am Winterfelle, ist 
aber im Ganzen verwaschener und nur auf dem Vorderrücken noch deutlich kenntlich, auf 
dem Hinterrücken aber von der schwärzlichen Schattirung der Seiten kaum zu unterscheiden. 
Wie am Winterfelle wird sie durch die längeren schwarzen Spitzen der an ihrer Basis schwarz- 
braunen, im weiteren Verlaufe schmutzig gelblichen Deckhaare hervorgebracht; indem aber 
die Behaarung eine minder dichte ist, schimmern die gelblichen Mitlelstücke der Deckhaare 
stärker durch als am Winterfelle und lassen eben dadurch die Binde verwaschener als an je- 
nem erscheinen. Von den Schultern steigt ebenfalls ein deutlich schwarz schattirtes Querband 
nach den Vorderbeinen hinab , zu dessen Seiten , unmittelbar vor und hinter demselben , die 
Färbung des Felles am lichtesten und zwar schmutzig hellgelblich ist , indem die Deckhaare 
dort entweder nur an der Basis schwärzlich, im übrigen Theile weisslich, oder auch im gan- 
zen Verlaufe weisslich oder gelblich sind. Dadurch ist an diesem Sommerfelle die Zeichnung 
eines dunklen, schwärzlichen Kreuzes auf lichtem, schmutzig gelblichem Grunde deutlich aus- 
gesprochen. Der Hinterrücken des Thieres ist , wie bereits gesagt , durchweg graugelblich 
mit schwarzer Schattirung , welche auf der Mittellinie des Rückens nur etwas stärker als an 
den Seilen des Leibes ist. Der Unterkiefer , die Kehle , die Brust und die Extremitäten sind 
dunkel schwarzbraun , die letzteren an der Innenseite mit theilweiser Einmischung lichterer, 
gelblich-bräunlicher Haare. Der Bauch ist gelblich graubraun. Der Schwanz fehlt an diesem 
Exemplare und ist daher iu der Abbildung nach einem anderen Sommerfelle dargestellt. 



Canis procynnoides. 61 

Das oben beschriebene Sommerkleid des Thieres lässt sich wegen der deutlich vorhan- 
denen niarkirten Zeichnung, welche das Thier auch im Winterfelle charakterisirt, als die nor- 
male Färbung des Thieres im Sommer ansehen. Dagegen glaube ich zwei andere Exemplare 
dieses Thieres, an denen jene Zeichnung zum Theil verwischt ist, für eine Varietät des Thie- 
res halten zu müssen. Das eine derselben, ein altes Weibchen, ist von den Bi raren von Os- 
sika am oberen Amur-Strome, oberhalb des Bureja-Gebirges und nahe der Mündung derBu- 
reja in den Amur, am ^Ii^lll— ^ erlegt worden; das andere, ein junges Männchen, erhielt ich 
lebend im Dorfe Emmero am unteren Amur-Strome und hielt es in der Gefangenschaft bis 
zum -^^. October , wo es getödtet und abgebalgt wurde. Beide stimmen sehr mit einander 
überein und scheinen auf den ersten Blick von jener oben beschriebenen Zeichnung des Thie- 
res sehr abzuweichen. Vergleicht man dieselben aber genauer, so findet man die einzelnen 
Stücke der Zeichnung , wenn auch bisweilen nur in Andeutungen , wieder. Im Allgemeinen 
ist die Farbe dieser Felle ein Gemisch von Gelblichgrau mit starker schwarzer Schattirung. 
Im Einzelnen betrachtet, ist der Kopf genau so wie an dem erstgenannten Sommerfelle gezeich- 
net, mit dem geringen Unterschiede, dass an dem einen Exemplare (vom Juli) der Schnauzenrücken 
bis an die Nase dunkler bräunlich und das schwarze Band, das unter dem Auge verläuft, noch 
etwas mehr nach vorn vorspringt. Am anderen Exemplare (vom October, Taf. IV. fig. 1 .) 
findet das nicht statt, und die ganze Schnauzenspitze ist heller und mehr von der Farbe des 
Winterfelles , wogegen die dunklere Farbe der Slirne bis zwischen die Augen vorspringt. 
Die Ohren sind genau wie am Winterfelle beschaffen: aussen gelblichbraun, innen schmutzig 
weisslich, am Rande und hinten an der Wurzel schwarzbraun. Ein Backenbart aus weissli- 
chen und gelblichen Ilaaren ist ebenfalls vorhanden. Weniger übereinstimmend ist die Zeich- 
nung des Rückens dieser beiden Exemplare. Die dunkle Längsbinde des Rückens ist an dem 
einen Exemplare (vom Juli) wohl so gut wie gar nicht mehr , am anderen nur sehr schwach 
zu unterscheiden, indem einerseits auch längs der Mittellinie des Rückens, vom Nacken an, 
eine gelbliche Farbe der Haare durch die schwarze durchschimmert und andererseits eine 
schwarze Schattirung, und zwar in stärkerem Maasse als an dem normalen Sommerfelle, auch 
die Seiten des Leibes und fast gleichmässig bedeckt. Dennoch lässt sich an beiden Fellen, 
und besonders an dem dunkleren (vom October) , auf dem Vorderrücken in der Schulterge- 
gend sowohl ein Stück der unregelmässigen Rückenbinde, als auch eine verwaschene, dunkler 
als ihre Umgebungen schattirte, schwärzliche Querbinde erkennen , welche nach den Vorder- 
beinen hinabsteigt. An beiden Fellen lassen sich ferner auch die lichten gelblichen Stellen 
des Felles unmittelbar vor und hinler dieser Querbinde erkennen , an denen die Deckhaare 
nur an ihrer Basis schwärzlichbraun, im übrigen Verlaufe aber schmutzig gelblich sind. Na- 
mentlich ist der helle Fleck vor der (}uerbinde ansehnlich und deutlich ausgesprochen, derje- 
nige hinter der Binde aber weniger deutlich , indem die Zahl der ihn bildenden gelblich ge- 
spitzten Haare geringer ist. Diese Stellen sind denn auch die einzigen an den Seiten des Lei- 
bes , wo sich bei diesen beiden Exemplaren weisslich oder gelblich gespitzte Haare finden. 
Und so sehen wir die markirle Zeichnung eines schwärzlichen Kreuzes auf gelblichem Grunde^ 



62 Smgethiere. 

welche die zuerst besprochenen Exemplare von C. procyonoides lebhaft kennzeichnete, an die- 
sen beiden Exemplaren so weit sich verwischen, dass sie auf den ersten Blick gar nicht auf- 
fällt und sich erst bei genauerer Betrachtung und mit geringer Deutlichkeit herausünden lässt. 
Ebenso fallen aber auch an Gray's Abbildung von C. procyonoides die lichten Stellen vor und 
hinter der Querbinde der Schultern weniger scharf in die Augen, und hnde ich , bei Verglei- 
chuno^ meiner Exemplare mit dieser, zwischen ihnen nur den Unterschied, dass die Abbildung 
Gray's eine geringere schwarze Schatlirung der gesammten Leibesseiten als meine Exemplare 
hat. Hier schliessen sich daher die Formen nur mit gradueller Verschiedenheit der Schatti- 
run" an einander. Wie Gray's Abbildung darstellt, sind nun auch meine Exemplare an den 
Seiten des Leibes hinter jenem helleren Flecke, der sich unmittelbar hinter der dunklen (juer- 
binde der Schultern beündet, gleichmässig gelblichgrau uud schwarz schatlirt, wobei sich 
zwischen den Schattirungen der Seiten uud des Rückens nur etwa der Unterschied bemerken 
lässt, dass an den Seiten die schwarze Schattirung mehr gleichmässig mit dem Gelblichgrau 
vermischt ist , während auf dem Rücken die schwarzen Spitzen der Deckhaare stellenweise 
mehr zusammenhängende schwarze Flecke bilden , welche so die unregelmässige Längsbinde 
des Rückens einigermassen ersetzen. Diese schwärzliche Schattirung der Seiten des Leibes ist 
an meinen beiden Exemplaren nur wenig heller als die Querbinde der Schultergegend , wo- 
durch sich wiederum eine Näherung an Temminck's Abbildung des Thieres herausstellt. 
Ferner zeigt eines derselben (dasjenige vom Juli) auch eine dunklere, schwarzbraune Schatti- 
ruuar der Hinterschenkel bis an die Schwanzwurzel hin, so dass auch dieses Moment, das wir 
an den anderen Exemplaren nicht fanden und das Gray und Temminck abbilden, in den 
Bereich der Variation fällt. Die Unterseite des Thieres ist genau wie an dem ersterwähnten 
Sommerfelle beschaffen: Unterkiefer, Kehle. Brust und Extremitäten dunkel schwarzbraun, 
die letzteren im oberen Theile fast rein schwarz; der Bauch heller, graubraun, nach hinten, 
an den Geschlechtslheilen und dem After, schmutzig gelblich. Der Schwanz ist schmutzig 
graugelblich, oben schwarz schattirt und an der Spitze , durch die langen schwarzen Spitzen 
der Haare, ganz schwarz; unten schmutzig gelblich. Die Länge der Deckhaare beträgt auf 
dem Rücken etwa 80 — 85, am Schwänze 90 Millim. Das Exemplar vom October hat bereits 
ein dichtes Wollhaar von derselben graubraunen Farbe wie die Winterfelle. Auch hat es am 
Nacken bereits eine bräunlichere, dem Winterfelle näher stehende Färbung als das Exemplar 
vom Juli. Da ich dieses Thier (von Emmero) lebendig gehalten habe, will ich noch bemer- 
ken, dass die Iris desselben graubraun und die Pupille rund war. Beide Thiere , die ich in 
der Gefangenschaft, das eine einen halben Monat, das andere anderthalb Monate lang hielt und 
auf der Reise im Boote mit mir führte und deren eines mir später in Kidsi entkam, fütterte 
ich, dem Vorgange der Eingeborenen folgend, mit Fisch und dazwischen auch mit dem 
Fleische geschossener Vogel, das sie gern assen. Die Thiere, obgleich noch jung, waren recht 
bissig und bewegten sich besonders Nachts unruhig in ihren Kähgen umher. Ohne Zweifel 
sind es nächtliche Thiere. Niemals habe ich sie bellen gehört, sondern nur einen grunzenden 
Ton von sich geben. In ihren Bewegungen hatten sie viel Schleichendes, was ich namentlich 



Canis procyonotdes. 



63 



bei der Gelegenlieit bemerken konnte , als einmal eines derselben , im Entspringen begriffen, 
von uns wieder eingefangen wurde. Beide Exemplare waren von den Eingeborenen an ver- 
schiedenen Orten aus Erdbauen genommen worden, die sie, nach Aussage der Eingeborenen, 
den Dachsen oder Füchsen ähnlich anlegen. — Im October gab ich dem mir nachgebliebenen 
Thiere eine Dosis Strychnin, welche es nach einer Viertelstunde in ein rasches und heftiges 
Zittern am ganzen Leibe versetzte, worunter es auch alsbald verreckte. An dem frisch getöd- 
teten Thiere nahm ich folgende Maasse: 

Gesammtlänge von der Nasen- bis zur Schwanzspitze .... 885 Millim. 

Länge von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel 610 « 

« des Kopfes 155 « 

« des Schwanzes ohne Endhaare 190 « 

« der Endhaare am Schwänze 85 « 

Ich füge zugleich die hauptsächlichsten ungefähren Maasse der übrigen mir vorliegenden 
Exemplare bei, ob diese gleich, am Felle genommen, nur einen sehr geringen, approximativen 
Werlh haben können: 





Winte 


rfelle 


Sommerfelle 




Erstes. , 


Zweites. 


Ossika. 


Ssoja. 


Gesammtlänge von der Nasen- bis zur Schwanzspitze . . . 

Länge von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel 

(t dps Schwanyps ohne Endhaare 


940 

700 

170 

70 


900 

660 

170 

70 


860 
660 

150 
50 


700 


« der Endhaarp des Schwanzes 









Nach dieser vergleichenden Besprechung der äusseren Charaktere von C. procyonoides 
Gray und C. viverrinus Temm., sowohl nach den bisher bekannten Beschreibungen und Ab- 
bildungen, als auch nach den uns vorliegenden Exemplaren , dürfte es wohl keinem Zweifel 
mehr unierliegen, dass diese vermeintlich verschiedenen Arten eine einzige Art bilden, welche 
im Sommer und Winter eine verschiedene Färbung hat und ausserdem auch localen Variatio- 
nen in der Zeichnung unterworfen ist. Die im Amur-Lande beobachtete, oben beschriebene 
Varietät zeigt uns aber im Allgemeinen eine stärkere schwarze Schattirung, durch deren Aus- 
breitung auch über die an der normalen Form helleren Partieen des Felles die markirte Zeich- 
nung des Thieres undeutlicher wird. So tindet also auch an dieser Form die schon an meh- 
reren Thierarten im Amur -Lande beobachtete Neigung zum Ueberhandnehmen dunklerer, 
schwärzlicher Farbentöne statt. 

Ehe ich nun an die geographische Verbreitung von C. procyonotdes im Amur-Lande 
gehe, will ich mir noch einige Bemerkungen über die Stellung dieser Art im Hundegeschlechle 
sowohl nach den osteologischen Verhältnissen , wie nach dem Gesammthabitus derselben er- 
lauben. Wie erwähnt schlägt Temm ine k ') vor , die genannten Arten , C. procyonoiiles und 



'; Tijdschr. Toor natuurl. Geschied. 1. c. Fauna Jap. Jlammalia Dec. 1. p. 5. 



64^ Säugethiere. 

C. viverrinus, als besondere Gruppe unter dem Namen Nyclereules von dem CanM-Geschlechte 
zu trennen. Als Grundlage dafür giebt er nur im Allgemeinen an, dass diese Arten eine kleine 
Anomalie im Zahnbau zeigen und in ihrem Habitus sich einerseits den Waschbären Amerikas 
und andererseits den Viverren Indiens nähern, Specieller giebt Wagner'), der in diesen 
Thieren nach Gestalt, Grösse und Färbung eine Näherung an die Marder hndet und sie daher 
als besondere Gruppe «Marderhunde» [Martini) im Geschlechte Canis unterscheidet, die Ano- 
malie im Zahnbau darin an, dass «die beiden oberen Höckerzähne länger (d.h. von vorn nach 
hinten), zugleich aber auch (von innen nach aussen) kürzer als bei anderen Gruppen sind, 
und dass überdiess der untere grosse Höckerzahn ein Höckerchen mehr hat.» Blainville 
endlich bringt nach osteologischen Verhältnissen C. procyonoides zur Abtheilung der ächten 
Wölfe, hebt aber im Allgemeinen hervor , dass er mit einigen anderen nächstverwandten Ar- 
ten, wie C. cancrioorus und brachyteles , durch einen kürzeren und entfernter stehenden Dau- 
men sich auszeichne (weshalb Blainville^) für diese Arten auch den Namen «chiens brachy- 
ieles>y vorschlägt), ferner auch einige Aehnlichkeit mit den Schakalen habe und durch die Form 
des Kopfes sich den Hyänen nähere^). In Betreff der Zahnbildung macht er aber nur auf die 
grössere Entwickelung der oberen Höckerzähne im Vergleich zum Reisszahne und auf die beson- 
dere Kleinheit des letzten unteren Höckerzahnes aufmerksam^). Leider stehen mir zur Ver- 
gleichung keine Schädel oder Skelette von den dem C. procyonoides vermuthlich nächstver- 
wandten Arten, C. cancrivorus u. a. m. , sondern nur diejenigen europäischer und sibirischer 
Hunde-Arten zu Gebote. Es bleibt mir daher auch nichts Anderes übrig , als meine Verglei- 
chungen diesen Arten gegenüber zu thun. 

Prüfen wir zunächst die angegebenen Besonderheiten im Gebisse der NyclereuteS' Xrlen 
an den uns vorliegenden Schädeln , welche den beiden zuletzt beschriebenen Thieren der 
schwärzlichen Varietät des Amur-Landes angehören und von denen das eine ein altes, das 
andere ein ziemlich junges Thier war. 

Was zunächst den grossen unteren Höckerzahn betrifft, so ist Wagner 's Behauptung 
nicht haltbar, denn von den beiden mir vorliegenden Exemplaren linde ich an dem einen, und 
zwar dem älteren , mit ziemlich abgeriebenem Gebisse , allerdings statt der beiden vorderen 
Höcker diei, und zwar einen grösseren inneren und zwei kleinere nach aussen von jenem; 
an dem anderen, jüngeren Exemplare dagegen, mit sehr gut erhaltenem Gebisse, sind an dem 
unteren grossen Backenzahne vorn ebenfalls nur zwei und überhaupt genau eben so viel Hö- 
cker wie bei den anderen Hunde-Arten vorhanden. Das lässt sich auch an den Abbildungen 
Blainville's") und Temminck's*') erkennen. Erstere giebt deutlich am grossen unteren 
Höckerzahne vorn nur zwei neben einander stehende Höcker an; aus letzterer scheint es eben- 



1) 1. c. p. 437. 

*) Osteogr. 1. e. p. 47. 

3) Osleogr. 1. c. p. 30. 

*) Osleogr. I. c. p. 47 u. p. 156. tab XII. 

5) Osleogr. 1. c. lab. XII. 

^j Fauna Japonica. Alanirualia. tab. 8. fig. S. 



Canis procyonoides. 



65 



falls hervorzugehen, oi)gleich das Exemplar Temminck's, nach der Abhildung zu urlheilen, 
ein sehr abgeriebenes Gel)iss gehabt haben muss , was Temminck's Bemerkung einer Ano- 
malie im Zahnbau dieser Thiere um so aulTallender macht. Jedenfalls fällt also diese von 
Wagner erwähnte, vermeintliche Eigenthünilichkeit der Nyctereutes -Artea als Gattungs- 
charakter weg. 

In Betreff ferner des Verhältnisses der Länge und Breite der oberen Höckerzähne finde 
ich, beim Vergleiche meiner beiden Schädel von C. procyonoides mit den europäischen und si- 
birischen Canis-Schädeln unseres Museums, folgende Grossenverhällnisse (in Millim.): 



Name und Fundort der Arten. 



(\ procyonoides Gray.Amur, Ossika 
« « « « Emmero 

C.lagopus L. Nowaja Semlja . . . 

« « NW-Amerika 

« « « Amerika 

« « « Patria ine 

C.vulpes L. Amur, Kidsi 

« « « St. Petersburg 

« « « « « 

« « « Nishnaja Tunguska 

C. Karagati Gm. Caucasus 

« « « « 

« « , « « 

« « « « 

« « « « 

« « « « 

« « « « 

« « « « 

« « « « 

« « (( « 

C. aureus L. Caucasus 

n « « « 



Ister oberer 
Höckerzabn. 



c i" 



10 

9,5 

8,5 

8 

8 

8,5 
10 
10,5 
10 
11 

9 

9 

9,5 

9 

9,5 

9 

9,5 

9 

9 
10 
12 
12 



10 

10 

10 
9 

9,5 
9,5 

11.5 

12 

11 

12,5 

10,5 

10,5 

11 

11 

11,5 

10,5 

11 

11 

11 

13 

13,5 

14 



0,95 
0,85 
0,89 
0,84 
0,89 
0,87 
0,88 
0,91 
0,88 
0,86 
0,86 
0,86 
0,82 
0,83 
0,86 
0,86 
0,82 
0,82 
0,77 
0,89 
0,86 









H .2 " 



'0,98 



0,87 



0,89 



>0,84 



>0,90 



2ter oberer 
Höckerzahn, 



>- 5 . 

aj = c 



6 

5,5 

5 

5 

5 

4,5 

5,5 

6 

6 

6 

5,5 

6 

5,5 

5 

6 

5 

6 

5,5 

5 

6 

7 

7 



> .j 



6,5 

6,5 

6 

6 

6 

6 

8,5 

8 

7,5 

8,5 

7,5 

7,5 

7,5 

7,5 

7,5 

7 

7,5 

7 

7 

9 

9 

9,5 



0,92 
0,85 
0,83 
0,83 
0,83 
0,75 
0,65 
0,75 
0,80 
0,71 
0,73 
0,80 
0,73 
0,67 
0,80 
0,71 
0,80 
0,79 
0,71 
0,67 
0,78 
0,74 



■5 ® 

> :3 



!o,89 
) 



0,81 



0,73 



>0,74 



!o. 



77 



') Die Breite der Höckerzäbne messe ich nicht vom vorderen, sondern vom hinteren äusseren Höcker nach 
innen, weil dies die zur Dimension der Länge senkrecht gestellte Dimension der Breite ist, während jene erstere sie 
unter spitzem Winkel schneidet. 

Schrenck Anuir-Reise Bd. I, Q 



66 



Säugelhiere. 



Name und Fundort der Arten. 



C. aureus L. Caucasus. . . . 

« « « « .... 

« « « « .... 

« « « « .... 

« « a « .... 

« « « « .... 

C lupus L. Amar, Kalm . 

« « « Patr. ine 

« « « Caucasus . . . . 

« « « « . . . . 

« « « « , . . . 

« <> « « . . . . 

« « « « . . . . 

« « « « . . . . 
C.Azarae Pr. M. Brasilien 



Isler oberer 
Höikerzahn. 



0) 



0) 



' r= ■= : T, 5 0) 



Oi 






~r 



12,5 14 



11 


12.5 


12 


13,5 


12,5 


13,5 


13 


14 


12 


13 


17,5 


21 


14 


15,5 


17 


19 



16,5 17,5 
17 ! 19 
17,5! 20 
17 i 20 



17,5 

8,5 



19 
9,5 



> -j 



5; ac 

•I .2 £ 



0,89 
0,88 
0,89 
0,93 
0,93 
0,92 
0,83 
0,90 
0,89 
0,94 
0,89 
0,88 
0,85 
0,it2 
0,89 



0,90 



2ter oberer 
Höckerzahn. 



e a - 

= 5 = 

:n o — 

■^ »■ ja 



0,89 



7,5 

6 
7 

7,5 
7,5 
7 

8,5 
7 

9,5 
8,5 
9 

9,5 
10 
9 
6,5 



a c _• 

x5.= 



10 

8 

9,5 

9 
10 

8,5 
12 
10 
12 
11,5 
12 
12,5 
12,5 
13 

8 



.2 1- 

5 5 



> -) 






1 :;:f 

Sex 



0,75 
0,75 
0,74 
0,83 
0,75 
0,82 
0,71 
0.70 
0,79 
0,74 
0,75 
0,76 
0,80 
0,69 
0,81 



0,77 



0,74 



Aus diesen Maassen gehl allerdings hervor » dass an den Höckerzähnen des Oberkiefers 
bei C. procyonoides die Länge im Verhältniss zur Breite eine ansehnlichere als hei anderen 
Hundearten ist. Von den hier angefiiiirlen ist C. procyonoides die einzige Art, bei welcher der 
erste obere Höckerzaiin bisweilen ganz und der zweite fast ganz ebenso lang wie breit ist. 
Hält man in absolutem Maasse die Hockerzähne des Wolfes dagegen , so ist die Verschieden- 
heit sehr sichtlich, !;idem bei diesem die Differenz in den genannten Dimensionea der Höcker- 
zähne im Durchschnitt 2 und 3 und in einzelnen Fällen sogar 3i und 4 iMillim. beträgt. 
Dennoch ündel sowohl an einigen Schädeln des Wolfes, als auch an denjenigen der zwischen- 
genannten Hundearten auch in absolutem Maasse eine allmählige Ausgleichung dieser Dif- 
ferenz bis auf die unbedeutende Grösse von l bis 1 Mülim. statt. Nimmt jnan nun aber, um das 
allein richtige Maass dieses Verhältnisses zu haben, nicht die absolute Diil'erenz dieser DimiMi- 
sionen, sondern das jedesmalige Verhältniss der Länge eines Zahnes zu seiner Breite, so stellt sich 
eine noch sichtlichere Näherung der Formen gegen einander heraus. Wir linden nämlich, dass 

1) in eii^r grösseren Anzahl von Schädeln der genannten Hundearten es stets auch 
solche giebt , an denen das Verhältniss der Länge zur Breite an den oberen Höckerzähnen 
demjenigen von C. procyonoiiles äussevsl nahe und fast g' eich kommt. So ist das Maximum 
dieses Verhältnisses an den uns vorliegenden Schädeln folgendes : 



Cani.s procyunoides. 67 

Ister HöckerzabD. 2ter Höckerzabn. 

€. lagopm 0,89 - 0,83 

C. vulpes 0,9 1 0,80 

C. Karayan 0,80 0,80 

C. aureus 0,93 0.83 

C. lupus 0,94 0,80 

Die grössten dieser Zahlen, die wir beim Schakal und Wolfe finden, nähern sich den Verhält- 

nisszahlen des 2ten Exemplares von C. procyoiwiJes, wo sie 0,95 und 0,85 beiragen, bis auf 
die unbedeutende Differenz von 0,01 und 0,02. 

2) Nimmt man nun, da wir von C. procyonoides nur 2 Schädel haben , auch für die an- 
deren Arten die Mittelwerthe des in Rede stehenden Verhältnisses nur für je 2 Schädel und 
zwar für diejenigen derselben , an welchen die Länge der Hockerzähne im VerhäUniss zur 
Breite derselben am grössten ist, so stellen sich folgende Verhältnisszahlen heraus: 

Ister Höckerzabn. 2ter Höckerzahn. 

C. laijopus 0,89 0,83 

C. vulpes 0,90 0,78 

C. Karayan 0,86 0,80 

C. aureus 0,93 0,83 

C. lupus 0,93 , 0,80 

C. procyonoides 0,98 0,89 

Hier sehen wir die geringste Differenz der Verhältnisszahlen, die uns wiederum der Schakal 
und der Wolf bieten, zwar steigen, allein immer noch die unbedeutende Grösse von 0,05 
und 0,06 betragen. 

31 Vergleichen wir endlich die in der Tabelle gegebenen mittleren Verhältnisszahlen 
aller gemachten Messungen der Länge und Breite der Höckerzähne , so linden wir, dass die 
geringste Differenz derselben für beide Höckerzähne, und zwar für den Isten zwischen C^ro- 
cyonoides und C. aureus und für den 2ten zwischen C. procyonoides und C. layopus, trotzdem 
dass wir nicht die dem C. procyonoides nächst verwandten , sondern entfernter stehende 
Hundearten, bei denen also die Differenz eine grössere sein muss , in Vergleichung nahmen, 
dennoch nicht mehr als 0,08 beträgt. Dagegen sehen wir, dass die Variation in diesem Ver- 
hällniss innerhalb einer und derselben Art bisweilen 0,1 1 und 0,15 beträgt. Wir können 
daher die verhältnissmässig grössere Länge der Höckerzähne bei C. procyonoides unmöglich 
als eine Anomalie auffassen , die genügend wäre aus dieser Art eine besondere Gattung zu 
bilden , sondern fmden darin bloss eine gewisse Gradation innerhalb des Cants-Geschlechtes. 
In Betreff dieser Gradation können wir aber, da uns die dem C. procyonoides vermuthlich näch- 
sten Glieder fehlen, nur so viel hervorheben , dass im Vergleich zu den angeführten Arten 
C procyonoides in der verhältnissmässigen Länge und Breite der Höckerzähne sich mehr dem 
Schakal und dem Wolfe als den Füchsen nähert. 

In ähnlicher Weise lässt sich auch in Beziehung auf die verhältnissmässige Entwicke- 

* 



08 



Säugethiere. 



lung der Höckerzähne im Vergleiche zu den Reisszähnen eine Al)Stufung im Hundegeschlechte 
darlhun. Blainville giebt eine solche Gradation für die Länge der Höckerzähne und des 
Reisszahnes im Oberkiefer an, indem er die verhältnissmässig grösste Entwickelung des Reiss- 
zahnes bei C. primaevus Hodgs., die geringste bei C. megalotis Desm. findet. Schliessen wir 
aber letzteren , als besondere Gattung Olocyon , vom Canes-Geschlechte aus , so bleibt , nach 
Blainville's Angabe, als die durch die grösste Entwickelung der Höckerzähne im Vergleiche 
zum Ueisszahne im Oberkiefer gezeichnete Form C. procyonoides stehen. Während nämlicii 
bei C. primaevus der Reisszahn ansehnlich länger ') sein soll als die beiden Höckerzähne zu- 
sammengenommen, sollen bei €. procyonoides umgekehrt die Höckerzähne zusammengenom- 
men deu Reisszahn an Länge um ein Bedeutendes übertreffen. Numerische Angaben sind uns 
von Blainville leider nicht milgetheilt. An meinen beiden Schädeln von C. procyonoides linde 
ich darin im Vergleiche zu einigen anderen Hundearten folgende Maasse: 



Name und Fuiidurt der Arten. 



Lauge des 
oberea Reiss- 
zahnes.*) 



C. procyonoides Gray. Amur, Ossika. . 
« « « « Enunero 

C. lagopus L. Nowaja Semlja 

« « « NW- Amerika 

« « « Amerika , 

« « « Patr. ine 

C. vulpes L. Amur, Kidsi 



« « « Petersburg 



« « « « 

« « « Nishnaja Tunguska 
C. KaraganGm. Caucasus 



« 


« « 


« 


« 


« « 


« 


« 


« « 


« 


« 


« « 


« 


« 


« « 


« 


« 


« « 


« 


« 


« < 


« 


« 


« ( 


« 


« 


« ( 


t « 



11 

11,5 

11 

12,5 

12 

12 

14 

14,5 

15 

14 

13 

14 

12,5 

12 

12 

13 

12,5 

12,5 

13 

13 



Länge der 
oheren Hök- 
kerzaline zu- 

saniiiionge- 
uuniiiivn. 



15,5 

14,5 

12,5 

13,5 

12,5 

13 

15 

16 

16 

16,5 

14 

15 

14 

14,5 

14 

15 

14 

15 

14 

14 



Verhälliiiss der 
Län^'e iler oberen 
Höckerzähne zii- 
saninien^enoni- 
nien zum Reiss- 
zaliD. 



1,41 
1,26 
1,14 
1,08 
1,04 
1,08 
1,07 
1,10 
1,07 
1,18 
1,08 
1,07 
1,12 
1,21 
1,17 
1,15 
1,12 
1,20 
1,08 
1,08 



Minieres Verhält- 
niss (lerLänpe der 

oberen Höcker- 
zähne zusininicn- 

genonmien zum 
Reisszahn. 



> 1,34 



1,09 



1,11 



1,13 



1) Blainville nennt übrigens diese Dimension wlargettr». Osleogr. I. c. 

*) Am äusseren Rande gemessen, den vorderen inneren Ansatz nicht mitgerechnet. 



Cants procyonoides. 



69 



Name und Fuadort der Arten. 



Länge des 

oberen Keiss- 

zahnes. 



Länge der 
oberen Hök- 
kerzähne zu- 
sammenge- 
nommen. 



Vprhälluiss der 
Lansp der oberen 
Höckerzähiie zu- 
saninieiigpiiom- 
meii zum Reiss- 
zahri. 



Mittleres Verhäll- 
niss der Lance der 
oberen Höcker- 
zähiie zusammen- 
genonmien zum 
Reisszahn. 



C. mtreus L. Caucasus. . . . 

« « « « .... 

« « « « .... 

« « « « .... 

« « « « .... 

« « « « .... 

« « « « .... 

« « « « .... 

C. lupus L. Amur, Kalm. . 

n « « Patr. ine 

« « « Caucasus . . . . 

« « « « . . . . 

« « « « . . . . . 

« « « « . . . . 

« n « a . . . . 

« « « « . . . . 

C. Azarae Pr. M. Brasilien 



17 

17 
17 
15 
17 
17 
18,5 
17 
27 
21 
26 
23,5 
24 
26 
28 
25 
8,5 



18,5 

18,5 

19 

16,5 

18 

19,5 

20,5 

18,5 

26 

21 

26 

25 

25 

27 

27 

26 

14 



1,09 
1,09 
1,12 
1,10 
1,06 
1,15 
1,11 
1,09 
0,96 
1,00 
1,00 
1,06 
1,04 
1 ,04 
0,96 
1,04 
1,65 



( 1,10 



) 1,01 



Diese Maasse stimmen nicht ganz mit den allgemeinen Angaben Blainville's überein. 
Den mittleren Verhältnisszahlen zufolge, findet nämlich die grösste Entwickelung der oberen Hök- 
kerzähne im Vergleich zum Reisszahne beim Wolfe statt, wo diese Zähne fast völlig gleich lang 
sind, ja in einzelnen Fällen sogar der Reisszahn länger als die beiden Höckerzähne zusammenge- 
nommen ist, was wir bei keiner anderen der erwähnten Hundearten bemerkt haben. Alsdann 
folgen mit unter einander ziemlich gleicher, im Vergleich zum Wolfe al)er stärkerer Entwickelung 
der Höckerzäbne, der Polar- und gemeine Fuchs und der Schakal und dann endlich der Kara- 
gan, bei dem das Verhältniss um ein Geringes zu Gunsten der Höckerzähne steigt, jedoch im- 
mer noch sichtlich hinler der Entwickelung derselben bei C. procyonoides zurückbleibt. Nach 
Blainville dagegen soll der Polarfuchs dasselbe Verhältniss der Höckerzähne zum Reisszahne 
zeigen wie der Wolf; beim Schakal steigt es etwas zu Gunsten der Uöckerzähne und beim 
Fuchse soll die überwiegende Länge der Höckerzähne schon sehr merklich und dem Verhältniss 
von C. Azarae gleichkommen. Ein mir vorliegender Schädel des letzteren zeigt aber auffal- 
lender W^eise eine noch stärkere Entwickelung der oberen Höckerzähne als C. procyonoides, 
während Blainville an 5 Schädeln dieses Thieres ein ähnliches Verhalten wie beim Schakal 
bemerkt zu haben angiebt. Solche Differenzen dürften theils aus der ansehnlichen Variation 



70 



Säugelhtere. 



dieses Verhältnisses an den einzelnen Schädeln , wie wir sie auch unter den oben milgetheil- 
len Maassen finden, sich erklären lassen , theils aber auch aus dem Mangel numerischer An- 
sahen bei Blainville herzuleiten sein. 

Füc^en wir nun zu diesen Betrachtungen der Zähne im OberLiefer eine ähnliche Ver- 
ffleichung der verhältnissmässigen Entwickelung der Hockerzähne im Unterkiefer hinzu , und 
zwar indem wir den zweiten, kleinen Höckerzahn , der bisweilen kaum merklich ist, biswei- 
len auch schon in den aufsteigenden Ast des Unterkiefers rückt, dabei ganz ausser Acht lassen 
und nur den ersten Höckerzahn und den Höckeransalz des Reisszahnes einerseits und anderer- 
seits die Schneide des Reisszahnes gegen einander halten. An den oben erwähnten Schädeln 
unseres Museums linde ich in dieser Beziehung folgende Maasse: 



Name und Fundort der Arten. 



Länge der 

Schoeide des 

Beisszahoes im 

Unterkiefer. 



Lance des Hök- 

keransaUes um 

Keisszahne u. des 

ersten nuteten 

Höckerzahnes zu- 

saninienerenoni- 

men. 



Verhällniss der 
Län^e d. Höcker- 
zätine zum Reiss- 
zahn (d i. zur 
Schneide dessel- 
beuj. 



Mittleres Verhält- 
nis« derLänße der 
Höckerzähne zum 
Reisszahn (d. i. 
zur Schneide des- 
selben;. 



C.procyonoides Gray. Amur, Ossika . 
« « « « Emmero 

C. layopus L. Nowaja Semlja 

« « « NW-Amerika 

« « « Amerika 

« « « Patria ine 

C. vulpes L. Amur, Kidsi 

« « « Petersburg 

« « « « 

« « « Nishnaja Tunguska . . . 

C. haragan Gm. Caucasus 

« « « '( 

« « « « 

« « « « 

« « « « 

u « « « 

« « « « 

« « « « 

« « « « 

c « « « 

C. aureus L. Caucasus , 

« « « « 

« « « « 



9 

8,5 

9 
10 

9,5 
10 
11 
11 
12 
12 
10 
10 
10 

9,5 
10 

9,5 
10 
10 
10,5 
10 
13 
13 
13 



11 

11,5 
9,5 
10 
10 
10 
11 
12 
12 
12 
11 
11 
11 

10,5 
11,5 
10.5 
11 

10,5 
10,5 
12,5 
13 
13,5 
14 



1,22 
1,35 
1,06 
1,00 
1,05 
1,00 
1,00 
1,09 
1,00 
1,00 
1,10 
i,!0 
1,10 
1,11 
1,15 
1,11 
1,10 
1,05 
1,00 
1,25 
1,00 
1,04 
1,08 



> 1.29 



1,03 



1,02 



1,11 



1,08 



Canis procyonotdes. 



71 



Name und Fundort der Arten. 



Länge der 

Schneide des 

Reisszabues im 

Unlerkiefer. 



_L 



LäD^e des Hök- 
keransatzes am 

Reisszahne u. des 
ersten unlerea 

Höckerzahnes zu 

samnieijpenom- 

men. 



Verhällniss der 
Länire d Röcker- 
zähne zum Reiss- 
zahji (d. i. zur 
Schneide dessel- 
ben.) 



Minieres Verhäh- 
nis^ der Läne:e der 
Höckerzähue zum 
Rfisszihn (d. i, 
/ur Schneide dei- 
selLien). 



t. aureus L. Gaucasus. . . . 
« « « « . . . . 

« « « « .... 

(( « « « .... 

« « « « .... 

C. lupus L. Amur, Kalm . . 

« « « Patr. ine 

« « « Caucasus . . . . 
« « « « .... 

« « « « .... 

« « « « .... 

« « « « .... 

« « « « .... 

C- Azarae Pr. M. Brasilien 



13 
11,5 
13 
13 
12,5 
21 
19 
19 
18 
19,5 
21 

20,5 
20 
7 



14 
12,5 
14 
15 
13,5 
21 
19 
20 
18 
20 
20,5 
20,5 
20,5 
9,5 



1,08 
1,09 
1,08 
1,15 
1,08 
1,00 
1,00 
1,05 
1,00 
1,03 
0,98 
1,00 
1,03 
1,36 



1,08 



( 1,0t 



Diese Maasse geben für die verhältnissmässige Länge der Höckerzähne im Unterkiefer 
eine mit der obigen, für den Oberkiefer gefundenen fast ganz parallele Reihe. Wir finden 
wiederum die geringste Länge der Höckerzähne im Vergleiche zum Reisszahne ( d. i. zur 
Schneide desselben) beim Wolfe, wo diese Theile fast gleich lang sind, ja in einzelnen Fällen 
sogar die Schneide des Reisszahnes den Höckeransatz desselben und den ersten Höcker- 
zahn zusammengenommen an Länge übertiifft , was bei anderen der erwähnten Hundearten 
nicht vorkommt. Dann folgen, mit etwas stärkerer Entwickelung der Höckerzähne, der ge- 
meine und der Polarfuchs. Beim Schakal und Karagan endlich steigert sich das Verhältniss 
noch um etwas mehr zu Gunst n der Höckerzähne, bleibt aber auch bei letzterem noch merk- 
lich hinter demjenigen von (\ prneyonoides zurück. Dabei lässt sich im Unterkiefer ein nocb 
stärkeres Variiren dieses Verhältnisses als im Oberkiefer bemerken. So finden wir z. B. 
an einem Schädel von C. fiarayan das Verhältniss der Länge des ersten Höckerzahnes und 
des Höckeransalzes am Reisszahue zusamiuengenommen zur Schneide des letzteren 1,25 be- 
tragen, was die Grösse dieses Verhältnisses bei einem der Schädel von C. procyonoiden, näm- 
lich 1,22, übertriflt , während an einem anderen Schädel vom Karagan dasselbe Verhältniss 
nur 1 ,00 beträgt, also dem beim Wolfe stattfindenden Verhältnisse nahe gleich Isommt. 

Nehmen wir nun , um das mittlere Maass der Entwickelung der Höckerzähne im Ver- 
hältniss zu den Reisszähnen in beiden Kiefern zu haben, die Mitlelwerthe der für beide gefun- 
denen Verhältnisszahlen, so haben wir folgende Grössen: 



72 Säugelhiere. 



Mittleres Verhältniss der Lange der Höiker- 
zabiie zu den Keisszäbnea in beiden Kielern. 



C. procyonoides ^ 1 ,32 

C. layopus 1 ,06 

C. vulpes 1 ,07 

C. Karayan \,\'2, 

C. aureus 1,09 

C. lupus 1 ,0 1 

Aus diesen Zahlen geht hervor , dass die grösste Enlwickehing der Reisszähne und die 
geringste der Höckerzähne beim Wolfe statt hat. Es folgen dann, mit stets zunehmender Enl- 
wickelung der Ilückerzähne, der Polarfuchs und der gemeine Fuchs, dann der Schakal und 
dann der Karagan, endlich C. procyonoüles. Zwischen diesem letzteren und dem Karagan ist 
die DilTerenz grösser als zwischen je zweien der vorhergehenden , was ohne Zweifel daher 
rührt, weil uns die dem C. procyonoides zunächst stehenden Hundearten fehlen. Dennoch lässt 
sich auch aus dieser kleinen Anzahl mit einander verglichener Hundearten in der verhältniss- 
mässigen Entwickelung der Höckerzähne eine gewisse Gradationsreihe im Canis - Geschlechle 
erkennen, innerhalb welcher C. procyonoides wohl gegen das eine Ende der Reihe, mit verhält- 
nissmässig starker Entwickelung der Höckerzähne, zu stellen sein wird. 

Bei dieser Betrachtung des Verhältnisses der Höcker- und Reisszähne haben wir den 
zweiten Höckerzahn im Unterkiefer ganz ausser Acht gelassen. Dieser ist nun bei C. 
procyonoides , wie auch bei manchen anderen Hundearten sehr klein. An dem einen mei- 
ner beiden Schädel von C. procyonoides , und zwar dem des alten Thieres , ist er ganz be- 
sonders klein; an dem anderen, jüngeren Thiere ist er zwar grösser, rückt aber schon 
in den aufsteigenden Ast des Unterkiefers, Es liegt dieses wohl zum Theil auch an der 
eigenlhümlichen Form des Unterkiefers , welche C. procyonoides vor vielen anderen Hunde- 
arten auszeichnet. Bei ihm ist nämlich der aufsteigende Ast des Unterkiefers mit dem 
stark entwickelten Kronenfortsatze mehr nach vorn gebogen und also mehr senkrecht auf 
den horizontalen Ast des Unterkiefers gestellt als bei anderen Hundearten. Dabei hat der 
horizontale Ast einen geraderen Verlauf und zugleich ist der Unterkieferwinkel , der beim 
\\ olfe, Fuchse und den anderen oben genannten Arten, bei einem allmähligen Uebergange des 
horizontalen Astes in den aufsteigenden, kaum merklich ist, hei C. procyonoides sehr stark ent- 
wickelt und nach hinten deutlich abgesetzt. Auf eine horizontale Fläche gelegt, berührt da- 
her der Unterkiefer von C. procyonoides dieselbe mit der ganzen Länge des horizontalen Astes, 
derjenige der anderen oben genannten Hundearten dagegen nur mit einem Theile desselben. 
Ferner ist bei ('. procyonoides der Winkel- oder hintere Kronenfortsatz ') sehr viel stärker enl-, 
wickelt als bei jenen Hundearten. Bei letzteren ist er nämlich nur klein , noch am grössten 
beim Schakal , und ragt nicht oder (beim Schakal bisweilen) nur sehr wenig über den Ge- 
lenkfortsatz nach hinten vor; bei C. procyonoides dagegen ist dieser Fortsatz sowohl von oben 



') Carus, Lehrbuch der verglekhenden Zootomie. l. p. 238. 



Canis procyonotdes. 73 

nach unten von bedeutender Höhe, als auch nach hinten stark über den Gelenkfortsalz vorra- 
gend, üiese Bildung des Unterkiefers, die eine verhältnissmässig starke Entwickelung der zum 
Ansatz der Kaumuskeln dienlichen Theile erkennen lässt, dürfte vielleicht auch mit der oheu 
bemerkten verhältnissmässig grösseren Entwickelung der Höckerzähne bei C procyonotdes im 
Einklänge stehen. Sie bildet jedoch keine so ausschliessliche Eigenthümlichkeit von C.procyo- 
noides, sondern hndet sich in ähnlicher Weise auch bei einigen anderen Ca/iiS-Arlen, nament- 
lich bei C. cancrtvorus u. a. m. In Blainville's sonst getreuer Abbildung vom Schädel von 
C . procyonoides^) finde ich diese Bildung des Unterkiefers im Vergleich mit meinen Exemplaren 
zu wenig ausgesprochen, indem an meinen beiden Schädeln, und namentlich an dem des älte- 
ren Thieres, der Ivrouenfortsatz mehr nach vorn gebogen, der Winkelfortsatz viel stärker und 
an der Basis desselben ein deutlicher Einschnitt vorhanden ist, welcher ihn vom Kiefer- 
winkel absetzt. 

Endlich muss ich , bevor ich an die Betrachtung des eigentlichen Schädels von C. pro- 
cyonoides gehe, noch in Betreff der Zahnbildung desselben bemerken , dass ich auch die in 
einigen zoologischen Handbüchern') angeführte, angeblich die Gattung Nycterevtes charakteri- 
sirende Bcschailenheit der Schneidezähne — dass nämlich jederseits der äussere derselben von 
den beiden inneren durch eine Lücke getrennt ist — als Gattungskennzeichen an meinen bei- 
den Schädeln des Thieres nicht bestätigen kann. An dem einen derselben ist allerdings an der 
betreffenden Stelle eine Lücke von 2 — 3 Millim. vorhanden, an dem anderen dagegen stehen 
die äusseren Schneidezähne von den inneren kaum auf ein Millimeter auseinander , was auch 
an manchen anderen der mir vorliegenden Ca/ij's-Schädel der Fall ist. 

Gehen wir nun zur Vergleichung des Schädels von C. procyouoides mit denjenigen der 
oben genannten europäischen und sibirischen Hundearten über. Keyserling und Blasius 
finden das Unterscheidende im Schädelbau der verschiedenen Gruppen und Arten des Hunde- 
geschlechtes in dem verschiedenen Verhältniss des Vorspringens der Nasenbeine in die Stirne 
und der verhältnissmässigen Länge der Nasenstirnbein- und Nasenzwischenkieferbeinnath^). 
Prüft man aber die von ihnen angegebenen Verhältnisse an einer grösseren Anzahl von Schä- 
deln, so lassen sich dieselben nicht durchweg bestätigen. Behufs der Unterscheidung der äch- 
ten Hunde und Wölfe von den Füchsen geben Keyserling und Blasius an, dass bei erste- 
ren die Nasenbeine über die Wangenbeine (soll heissen Oberkieferbeine) hinaus nach hinten 
in die Stirne vortreten , was bei letzteren nicht der Fall sein soll. C. procyonoides stimmt in 
dieser Beziehung mit den Wölfen überein , indem bei ihm die Nasenbeine nach hinten die 
Oberkieferbeine um etwa 3 Millim. überragen. Doch finde ich dieses Verhältniss an einem 
Wolfs- und zwei Schakalschädeln unseres Museftms nicht bestätigt, indem an denselben die Nasen- 
beine die Oberkieferbeine nach hinten nicht überragen , ja an einem der letzteren sogar das 



1) 1. c. tati. VIII. 

*) Wiegmann und Ruthe, Handbuch der Zoologie. Berlin 1848. p. 47. 
ä) Keyserling i.nd Blasius, Die Wirbelthiere Europa's. 1. p. 63 sqq. 
SchreDck Aiuur-fieise Bd. I, iO 



7i 



Säugethiere. 



Gegentheil stattfindet '). Noch weniger haltbar scheinen mir die Angaben in Beziehung auf 
die verhältnissmässige Länge der Nasenstirnbein- und Nasenzwischenkieferbeinnath zu sein. 
Nach Keyserling und Blasius legen sich am Schädel des Wolfes die Stirnbeine an das obere 
Drittheil, die Zwischenkieferbeine an die ganze vordere Hälft« der Nasenbeine an; am Schä- 
del des Schakals dagegen legen sich die Stirnbeine an die ganze hintere Hälfte, die Zwischen- 
kieferbeine nicht bis an die Mitte der Nasenbeine an. An 8 Schädeln beider Arten in unserem 
Museum linde ich folgende Grössen (in Millim.) : 

C. lupus L. 



Länge des Nasenbeines, längs dem äusse- 
ren Rande gemessen^) 

Länge der Nasenstirnbeinnath 

« der Nasenzwischenkieferbeinnath . 



C. aureus L. 



Amor. 


Patria 
iuc. 


C a u c a s u s. 


Mittel- 
werlhe. 


92 


76 


86 


86 


86 


90 


93 


92 


87,6 


27 


20 


30 


28 


31 


35 


25 


37 


29,1 


48 


33 


41 


40 


43 


50 


39 


47 


42,6 







Z a I 


1 c a s a s. 




Millel- 
werlhe. 


52 


55 


61 


53 


55 


61 


57 


51 


55,6 


25 


24 


24 


20 


24 


23 


25 


24 


23,6 


26 


26 


27 


24 


27 


26 


24 


.7 


25,6 



Länge des Nasenbeines 

« der Nasenstirnbeimialh 

« der Nasenzwischenkieferbeinnath . 



Daraus ergiebt sich, dass das Verhältniss der Nasenstirn- und Nasenzwischenkieferbein- 
nath zur ganzen Länge des Nasenbeines ein ziemlich variables ist. Beim Wolfe sehen wir die 
Nasenstirnbeinnath bald mehr, bald weniger als ein Dritlheil der Nasenbeinlänge eiiniehnien, 
im Mittel aber ziemlich genau einem Drittheil der letzteren gleichkommen; die Nasenzwischen- 
kieferbeinnath beträgt ebenfalls bald mehr , bald weniger als die Hälfte der Nasenbeinlänge, 
bleibt aber im Mittel etwas hinter derselben zunick. Weniger richtig ist die Angabe Key- 
serling's und Blasius's für den Schakalschädil. An keinem der von mir gemessenen Schä- 
del nimmt die Nasenstirnbeinnath die halbe Nascnbeinlänge ein, sondern bleibl stets hinter der- 
selben zurück, während dagegen die Nasenzwischenkieferbeinnath dieselbe bisweilen erreicht 
und sogar übertrifft. Fast in jedem einzelnen der angeführten Fälle und auch im Mittelwerthe 
ist daher die Nasenzwischenkieferbeinnath länger als die Nasenstiriileinnath , während nach 
Keyserling und Blasius das Gegentheil stattlinden müsste. Die \ erscbiedenheit zwischen 
den Schädeln beider Thief-arten in dieser Beziehung dürfte sich daher nur darauf beschränken, 



') Auch Wagner bat mehrere Fälle der Art beobachtet. Vergl. Die Säugethiere vou Schreber, Supplbd. 
Abth. 2 p. 365. 

*) Bei Torkommender geringer Ungleichheit der Suluren an beiden Seiten, weli lic bisweilen ein paar Millim, 
beträgt, ist die mildere <irö<se genommen. Stets ist die geradlinige Entfernung der beiden Endpunkte der Suturen 
TOD einander gemessen. 



Canis procyonuides. 



75 



dass am Wolfsschädel die absolute Difl'erenz zwischen der Nasenstirn- und Nasenzwischenkie- 
ferbeinnath iniuier eine ansehnliche (au unseren Exemplaren zum wenigsten von lOMillim.) ist 
und stets zu Gunsten der letzteren ausfällt , während am Schakalschädel diese Differenz nur 
eine geringe (an unseren Exemplaren stets unter 5 .Millini.) ist und zu Gunsten bald der einen, 
bald der anderen, meist aber der Nasenzwischenkieferbeinnath ausfällt. 

Aehnliches lässt sich auch über die Angaben Keyserling's und Blasius's in Betreff 
der Fuchsschädel darlhun. Denselben zufolge legen sich bei-C. vnlpes und seinen nächsten 
Verwandten, wie C.melanogaster und C. Corsac, die Stirnbeine viel weiter an die Nasenbeine hin- 
ten als die Zwischonkieferbeine vorn an, während bei C. lagopvs beide Theile, der Stirnbein- und 
Zwischenkieferbein iheil der Nasenbeine, gleich lang sind. An vier Schädeln beider Arten in 
unserem Museum linde ich in dieser Beziehung folgende Grossen: 

C. vulpes L. 



Länge des Nasenheines 

« der Nasenslirnbeinnath 

« der Nasenzwischenkieferbeinnath . 



Amur. 


Umgegend Ton 
Petersburg. 


Nishnaja 
Tunguska. 


Alittel- 
werlhe. 


54 


53 


56 


57 


55 


18 


17 


22 


17 


18,5 


27 


25 


28 


27 


26,8 



C. lag opus L. 



Nowaja 
Semlja. 


AW-Ame- 
rika. 


Patr. ine. 


Amerika. 


Mittel- 
werthe. 


42 

18 
18 


45 
19 

18 


40 
16 
19 


40 
17 

16 


41,7 
17.5 
17,7 



Länge des Nasenbeines 

« der Nasenstirnbeinnath 

« der Nasenzwischenkieferbeinnath 



Daraus folgt, dass beim Polarfuchs in der That die Nasenstirn- und Nasenzwischenkiefer- 
beinnath einander ziemlich gleich'.vommen , indem die Differenz bisweilen , bisweilen eine 
sehr geringe zu Gunsten der einen oder der anderen ist. Beim gemeinen Fuchs dagegen ist 
die Differenz zwischen beiden eine ansehnliche, aber nicht zu Gunsten der ersteren, wie Key- 
seT ling und Blasius angeben, sondern der letzteren, indem jene nur ungefähr (und in unse- 
rem Mittelwerthc ziemlich genau) ein Drittheil, diese dagegen ungefähr die Hälfte der ganzen 
Nasenbeinlänge einnimmt. Am Schädel des gemeinen Fuchses findet daher in dieser Beziehung 
eine grosse Uebereinstimmung mit dem Wolfsschädel, an demjenigen des Polarfuchses dagegen 
mit dem Schakalschädel statt. 

Was C, procyonoideK betrifft, so findet bei demselben weder ganz der eine, noch ganz der 
andere der oben erwähnten Fälle, sondern ein Mittelverhältniss, jedoch mit grösserer Annähe- 
runi; an den Wolf und Fuchs als an den Schakal oder Polarfuchs statt. Die Maasse an unse- 
reu beiden Schädeln sind in dieser Beziehung folgende: 



76 



Säugelhiere. 



A ra u r - 


Strom. 


Mitlelwerlbe. 


Ossika. 


Emmero. 


45 


44 


44,5 


16 


19 


17,5 


21 


23 


22 



Länge des Nasenbeines 

« der Naseustirnbeinnath 

« der Nasenzwischenkieferbeinnalh 



Die Differenz zwischen der Nasenstirubein- und Nasenzwischenkieferbeinnalh ist also bei 
C.procyonoides eine ziemlich merkliche, und zwar zu Gunsten der letzteren, welche auch nahe 
der halben Nasenbeinlänge gleichkommt , während die erstere in beiden Fällen mehr als ein 
Drittheil derselben beträgt. Uebrigens scheint schon aus den angegebenen Maassen hervorzu- 
gehen, dass dieses Verhältniss nicht wohl geeignet ist zur Unterscheidung natürlicher Gruppen 
im Canw-Geschlechte zu dienen. 

Den eigenthümlichsten Zug am gesammten Schädel von C. procyonotdes finde ich in sei- 
ner verhältnissmässig ansehnlicheren Höhe , wenn man vom Unterkieferwinkel über den Kro- 
nenforlsatz zum Scheitel oder zum hinleren Ende der Stirnbeine hinauf missl. Das rührt aber 
von der oben erwähnten starken Enlwickelung des Unterkieferwinkels und überhaupt des 
aufsteigenden Astes des Unterkiefers her. Am oberen Theile des Schädels linde ich dagegen 
weder die Höhe, noch eine der anderen Dimensionen merklich verschieden. Abweichend ist 
an ihm aber, im Vergleich zu den genannten CaHJS-Arten, die Gestalt des Jochbogens. An 
beiden Schädeln ist er nämlich viel weniger aufwärts gebogen als bei jenen Arten, indem so- 
wohl der Jochfortsatz des Schläfenbeines als auch das Jochbein eine horizontalere , minder 
aufsteigende Richtung haben. Dieser Unterschied tritt namentlich sehr deutlich im Vergleiche 
zu den Fuchsschädeln (C. vulpes, C. Karagan, C. lagopus) hervor , während Wolf und Schakal 
ein ähnlicheres Verhalten zeigen. — Ferner lässt sich bemerken, dass bei C. procyonoides die 
Augenhöhlen verhältnissmässig kleiner und, in Folge etwas stärkerer Entwickelung des Stirn- 
fortsatzes am Jochbein und des Jochfortsatzes am Stirnbein, auch etwas geschlossener als bei 
den oben erwähnten Hundearten sind — ein Unterschied, auf den auch Blainville') aufmerk- 
sam macht und in dem er vielleicht die Annäherung zum Schädel der Hyänen sieht. Unter 
den erwähnten europäischen und sibirischen Hundearten kommt ihm in dieser Beziehung 
wiederum der Schakal am nächsten, während die Füchse am fernsten zurückbleiben. 

Theilen wir endlich die Hauptmaasse der beiden uns vorliegenden Schädel von C. pro- 
cyonoides mit: 



Grösste Länge des Schädels, vom Halse eines der oberen mittleren Schneide- 
zähne bis zum äussersten Ende des Hinterhaupthöckers. 



Amur 


-Strom. 


Ossika. 


Emmero. 


128 


1 22 

1 
1 



') Osteogr. I. c. p. 31. 



Cants procyonoides. 



11 



Länge des Schädels an seiner Grundlage, vom Halse eines der oberen mitt- 
leren Schneidezähne bis zum unteren Rande des Hiuterhauptloches . 

Länge der Schnauze, von dem Halse eines der oberen mittleren Schneide- 
zähne bis zum Hiulerrande des Unteraugenhöhleuloches 

Länge der Schnauze bis zum Vorderrande der Augenhöhle 

Länge des Stirnbeines, von der vorderen Stirnbeinschneppe bis zurScheitel- 
stirnbeinnath 

Länge des Scheitelbeines, von der Scheitelstirnbeinnath bis zum oberen hin- 
teren Winkel des Scheitelbeines 

Länge des Jochbogens, vom hinteren Rande des Foramen infraorbitale bis 
zum vorderen Rande der äusseren Gehöröffnung 

Länge des Unterkiefers , von dem vorderen Ende , nahe dem Halse eines 
der mittleren Schneidezähne, bis zum äussersten Ende des Winkel- 
oder hinteren Kroneufortsatzes desselben 

Länge des Zusammenstosses beider Unlerkieferhälften 

Länge des Unterkiefergelenkkopfes 

Grösste Breite des Schädels an den Jochbögen (fällt auf die Jocbfortsätze 
der Schläfenbeine) 

Breite des Schädelgewölbes in der Scheitelstirnbeinnath, zwischen den Punk- 
ten, wo Scheitelbein, Stirnbein und Keilbein zusammenstossen .... 

Breite des Schädels in den Scheitelbeinhuckern 

Breite des Schädels über den Gehöröffnungen, oberhalb der Knochenlamelle, 
welche vom Jochbogen zum Hinterhaupte geht und die Gehöröffnung 
überdacht 

Abstand der Gehöröffnungen von einander, jederseits von dem vorderen un- 
teren Rande gemessen 

Grösste Breite des Hiuterhauptloches, zwischen den Punkten wo die Gelenk- 
köpfe des Hinlerhauptes sich vom Hinterhauptloche ab und aus- 
' wärts wenden 

Höhe des Hinterhauptloches 

Abstand der beiden Gelenkflächen (mit dem Unterkiefer), zwischen den In- 
nenrändern derselben gemessen 

Grösste Breite der Stirn in den Joch- oder Postorbitalfortsätzen des Stirn- 
beines 

Geringster Abstand der Augenhöhlen von einander (fällt in die Nähe der 
äussersten Zipfel der Stirnkieferbeinnath) 



Araur- 


Strom. 


Ossika. 


Emmero. 


117 


111 


40 


41 


50 


46 


50 


51 


36 


35 


63 


57 


96 


92 


21 


20 


— 


15 


74 


66 


33 


32 


40 


38 


42 


42 


38 


33 


12 


13 


10 


11 


30 


26 


38 


33 


24 


23 



78 



Säugelhiere. 



Amur-Stroni. 



Ossika. 



Emmero. 



Breite der Schnauze in ihrer Mitte, in der Mitte des Abstandes des For. 
infraorbilale von den oberen Sclineidezähnen gemessen 

Vordere Breite beider Nasenl)eine zusammen 

Hintere Breite beider Nasenl)eine zusammen , zwischen den Spitzen der 
Stirnbeinsciineppen 

Abstand der Kronenfortsätze des Unterkiefers von einander , zwischen den 
oberen hinteren Winkeln derselben 

Grösste Höhe des Schädels mit dem Unterkiefer zusammen , vom Kiefer 
winke! zum Scheitel in der Scheitelstirnbeinnath 

Höhe des Schädelgewölbes, vom höchsten Punkte des Schädelgewölbes (die 
Scheitelleiste ausgeschlosson) zur Nasenfläche des Grundbeines .... 

Höhe des Scheitelbeines, zwischen dem vorderen oberen und vorderen un- 
teren Winkel desselben 

Höhe des Hinterhauptbeines, zwischen dem oberen Rande des Hinterhaupt- 
loches und der Mille des liinterhauplhöckers 

Höhe der Schnauze zwischen den Jochforlsätzen des Stirnbeines , von der 
Mitte einer die beiden Jochforlsätze verbindenden Linie zum harten 
Gaumen 

Höhe der Schnauze zwischen den Unteraugenhöhlenlöchern, von der Mitte 
einer die beiden For. infraorbitalia verbindenden Linie zum harten 
Gaumen 

Höhe (Breite) des Jochbogens, am hinteren Ende der Jochschiäfenbeinnalh 

Höhe des aufsteigenden Astes des Unterkiefers, vom Kieferwinkel zur ober- 
sten Spitze des Kronenfortsatzes 

Höhe des horizontalen Astes des Unterkiefers am Kieferastwinkel, vom obe- 
ren Rande, zwischen dem 2''^'" und 3*6° Lückenzahne, zum unteren, 

diesen als Horizontale angenommen 

Höhe des horizontalen Astes des Unterkiefers am hinteren Ende, vom obe- 
ren Rande, hinler dem giossen unteren Höckerzahne, zum unteren, 
diesen als Horizontale angenommen 



23 
12 

8 

45 

66 

33 



22 

34 

22 
9 

49 
12 

18 



22 
11 

9 

47 

65 

33 

26 

22 

33 

21 

8 

46 
11 

18 



In Beziehung auf das Rumpfskelett von C. procyonoides muss als erste Eigenthrmlich- 
keit die abweichende Anzahl von ^^ irbeln hervorgehoben werden. Blainville, dem, seinen 
Bemerkungen nach zu urlheilen , auch ein Skelett dieser Thierart vorgelegen haben nuiss, 
hat diese Verschiedenheit ganz übersehen, indem er die bei den Hundearten gewohnliche 



Canis procyonot'des. 79 

Anzahl von Wirlieln auch auf C. brachyolon überträgt ') und nur am C. [Protcles) Lalandii eine 
Ausnahme lindel. Dagegen hat sie neuerdings , wenn auch nur zum Theil , niimlich für die 
Brust- und Lendenwirbel, van der Hoeven an einem Exemplar von 6\int)ernViMS Temm. be- 
merkt, wobei er aber irrthümlicher Weise die gewöhnliche Anzahl der Lendenwirbel bei den 
Ca/us-Arlen auf 5 , statt auf 7 angiebt^). Der Kreuz- und Schwauzwirbel gedenkt er gar 
nicht, obgleich die Anzahl derselben ebenfalls abweicht. Während nämlicii alle übrigen 
Hundearten, den bisherigen Angaben zufolge, 13 Brustwirbel und also auch 13 Kippenpaare, 
7 Lendenwirbel, 3 Kreuzwirbel und eine zwischen 18 und 22^) variirende Anzahl von 
Schwanzwirbeln haben, besitzt i'.procynnoides 14 Brustwirbel und also auch 14 Rippenpaare, 
6 Lendenwirbel , 4 Kreuzwirbel und , an meinem Exemplare , 1 6 Schwanzwirbel, Von den 
anderen Canis- Arien zeichnet er sich also durch eine grössere Anzahl von Brust- und 
Kreuzwirlieln und dagegen eine geringere Anzahl von Lenden- und Schwanzwirbeln ans. 
Dass das keinen Gattungscharakter abgeben kann , folgt aus zahlreichen bekannten Fällen 
ähnlicher Aitweichungen innerhalb anderer Thiergattungen , z. B. der Hyänen , Mangusten, 
Bären u. s. w.*) Blainville erwähnt sogar eines Schakalskeletles aus Indien, das an der 
einen Seite 14, an der andern 13 Rippen halle"). Dennoch scheint, nach der Uebereinstim- 
mung der Angaben v'an der Hoeven 's für die Brust- und Lendenwirbel mit dem mir vor- 
liegenden Skelette zu urfheilen, obige Anzahl von Wirbeln die regelmässige bei C. procyonoi- 
des zu sein, was uns nöthigen dürfte C.procyonoides gegen das eine Ende des Cani's-Geschlech- 
tes zu setzen, mit theilweiser Annäherung an andere Thiergattungen, wie Otocyon und Prote- 
les. Die geringe Anzahl von Schwanzwirbeln stimmt auch mit der am Balge bemerkten Kürze 
des Schwanzes überein, welche hinter derjenigen aller übrigen Ca/a's-Arlen zurückbleibt, was 
gewiss eine specilische Eigenthümlichkeil von C. procyonoides bildet. 

In Betreff der Form der Wirbel linde ich mehr Aehnlichkeit mit dem Schakal als mit 
den Füchsen. Der Dornfortsatz des 2'"=" Halswirbels ist recht stark und nach hinten allmäh- 
lig sich senkend, wie beim Schakal, nicht plötzlich abgebrochen, wie bei den Füchsen. Der 
Dornfortsatz des 3'''" Halswirbels ist kammarlig, niedrig; die folgenden werden spitzer und 
steigen allmählig höher auf; der 7'^ isl ziemlich spitz aufwärts gerichtet. Die Querfortsätze 
der Halswirbel sind ebenfalls stark; derjenige des 6'"» Wirbels besonders in die Breite er- 
weitert und ohne Einbuchtung am Aassenrande. An den Brustwirbeln ist der Dornfortsatz 
des 2'e" Wirbels am längsten; die folgenden bis zum 9'"" werden niedriger und richten sich 
mehr und mehr nach hinten ; der I 0'« ist sehr kurz und legt sich ganz auf den Bogen des 
folgenden Wirbels; der 1 1'«' ist stumpf und kaum merklich. Vom 12''"" an werden die Dorn- 



') Osteogr. I. c. p. 144. 

*) Van der Hoereii, Handbuch der Zoologie. Leipzig 1852 — 56. II. p. 752. 

3) IJlai 11 Tille, üstfo,'r. I. c. p. 144. 

■•) CuTier, Lecons d'.4.natoniie eoniparee. 2 Edit. Paris 1833. I. p. 179. 

*) Osteogr. I. c. p. 23. 



80 Säugelhi'ere. 

forlsätze der Brustwirbel denjenigen der ersten Lendenwirbel ähnlich , kamnnartig, seitlich 
zusammengedrückt und am Ende mehr und mehr breit abgestumpft. Die letzten Lendenwirbel 
haben aber wiederum spitzere, nach oben und vorn gerichtete Dornfortsälze. Die Rippen sind 
wenig breit; nur die ersten 9 derselben erreichen das Brustbein, die übrigen 5 legen sich mit 
ihrem knorpeligen Theile stets an die vorhergehende Rippe an. Am Brustbein, das wie bei 
anderen Hundearten 8 Stücke zählt, ist der Processus xiphoideus nach hinten sehr breit und 
zweitheilig mit breiten Enden, was ich an keiner der oben genannten europäischen und sibi- 
rischen Hundearten tinde. Die Ouerfortsätze der Lendenwirbel sind kurz. Von den Kreuz- 
wirbeln legen sich nur die drei ersten an das Hüftliein an; der i'** ist jedoch mit den vorher- 
gehenden noch vollkommen verwachsen. Die Schwanzwirbel verdünnen sich rasch , bleiben 
aber im Vergleich mit denjenigen der Füchse viel kürzer. Die Maasse der einzelnen Theile 
der Wirbelsäule an meinem Skelette von C. procyonoides sind ungefähr folgende: 
Länge der Halswirbel , vom vorderen Rande des unteren Bogens des Atlas bis 

zum hinteren Rande des Körpers des 7'cn Wirbels 116 Millim. 

Länge der Brustwirbel, vom vorderen Rande des Körpers des 1*'^" bis zum hin- 
teren Rande des Körpers des 1 4'"" Wirbels 1 60 « 

Länge der Lendenwirbel, vom vorderen Rande des Körpers des 1*'"" bis zum 

hinteren Rande des Körpers des 6"=" Wirbels 102 « 

Länge der Kreuzwirbel, vom vorderen Rande des Körpers des 1 **8° bis zum hin- 
teren Rande des Körpers des 4'en Wirbels 37 « 

Länge der Schwanzwirbel 205 « 

Fügen wir endlich noch einige Bemerkungen über die Knochen der Extremitäten von 
C. procyonoides hinzu. An diesen zeigt sich bei C. procyonoides, im Vergleich zu den 
oben genannten Hundearten , ein eigenthümliches Verhältniss : während nämlich die Gürtel- 
knochen , Schulterblatt und Becken , eine ansehnliche Grösse haben , sind die Knochen der 
eigentlichen Extremitäten verhältnissmässig viel kürzer und dafür robuster als an jenen. 
Blainville bemerkt Letzteres für C. cancrivorus , welcher dem C. procyonoides am nächsten 
zu stehen scheint , übersieht aber die ähnliche Bildung bei diesem , den er dem Schakal ver- 
gleicht, fast gänzlich. Ich flnde bei C. procyonoides, im Vergleiche zu den genannten europäi- 
schen und sibirischen Hundearten, folgende Grössen (in Millim.): 



Canis procyonoides. 



Länge des Schulterblattes, am hinte- 
ren Rande, von oben nach unten 

Breite desselben von vorn nach hinten 
(den hinteren Rand als Horizontale 
angenommen) 

Länge des Oberarmbeines, am äus- 
seren Rande, vom oberen äusseren 
Höcker an gemessen 

Länge der Ulna, v. oberen Knorren an 
« des Radius, am inneren Rande 
« des Carpus, über dem Mittel- 
knochen des Metacarpus 

Länge des mittleren Metacarpalkno- 
chens ') 

Länge des Mittelfingers bis zur Nagel- 
basis 

Länge des Nagelgliedes mit dem Na- 
gel am Mittelfinger 

Länge des Beckens, v. oberen Rande 
des Hüftbeines bis zum hinteren 
unteren des Sitzbeines 

Grösste Breite des Hüftbeines von 
oben nach unten 

Abstand der vorderenHüftbeinspilzen 
beider Seiten von einander 

Grösster Abstand der Gelenkpfannen 
von einander, zwischen den oberen 
äusseren Rändern 

Abstand d. Sitzbeinhöcker v. einander 

Länge d. Schenkelbeines v. äusseren 
Höcker a. d. Aussenseite angemess. 

Länge der Tibia, am inneren Rande . 

. « der Fibula 

« d. Fersenbeines a. äuss. Rande 

« des Würfeibeines 

« des 3'"^" Mitlelfussknochens . . 
« d. 3'e'i Zehe bis zur Nagelbasis 
« desNagelgliedesmitdemNagel 
an der 3'''°Zehe 



C. pro- 
cyonoi- 
des Gr. 



Amur. 



73 

45 

99 

105 

92 

10 

37 

24 

18 

99 
25 
60 



50 
60 

109 
109 
103 
25 
10 
43 
28 

17 



C. lagopus L. 



Nowaja 
Senilja. 



60 

34 

100 

109 

91 

8 

37 

29 

24 

75 
21 
45 



39 
55 

99 
115 
108 
26 
10 
48 
31 

17 



NW- 

Anierik.1 



70 

42 

109 
127 
106 

9 

44 

31 

21 

91 
23 
46 



48 
64 

112 
132 
124 
31 
12 
56 
36 

20 



C. vtilpes L. 



St. Pe- 
tersburg 



Nishn. 
Tuiipiiska 



74 

45 

132 
146 
127 

11 

50 

36 

19 

92 

28 
47 



51 

73 

138 
150 
142 
32 
14 
67 
42 

20 



67 

40 

125 
141 

122 

9 
53 
49 
24 

91 
24 
44 



47 

68 

131 
145 
137 
31 
13 
70 
46 

19 



C. Karagan 
Gm. 



Caucasus. 



70 
42 

117 

134 
115 

9 

47 

30 

20 

88 
25 
48 



46 
63 

122 
141 
131 
30 
12 
61 
36 

17 



66 

41 

119 
132 
113 

10 

45 

33 

19 

87 
24 
45 



45 
59 

123 
138 
130 
30 
14 
60 
35 

16 



C aureus L. 



Caucasus. 



83 74 



51 

136 
159 
135 

15 

63 

36 

21 

120 
31 

60 



57 

78 

150 
159 
151 
40 
15 
69 
39 

19 



46 

125 
144 
122 

13 

56 

33 

19 

108 

28 
55 



56 
75 

135 
140 
122 
35 
13 
61 
36 

18 



C. In- 
pus L. 



Cauca- 
sus. 



131 

90 

210 
250 
215 

23 

84 

55 

29 

178 
53 
92 



86 
126 

223 
233 
220 
58 
23 
97 
56 

27 



') Die Länge der Hand- und Fussknocben' dürfte etwas zu gering angegeben sein, da an den Skeletten die Gelenk- 
köpfe meist in den Gelenkgruben versteckt waren. Diese Grössen baben daher nur approximativen Werth. 
Schreack Amur-Beise Bd. I. ^a 



82 



Säiigelhiere. 



Aus diesen Zusammenstellungen lässt sich ersehen , dass C. procyononles in absolutem 
Maasse in Beziehung auf die Länge der Extremitäten hinter allen oben genannten Hundearten 
zurückbleibt, während er in Betrefl' der Länge der Gürtelknochen, des Schul lerblattes und Be- 
ckens, viele derselben und namentlich die kleineren übertrifft und sich den an Wuchs weit 
grösseren, wie «lern Schakal, nähert. Als ganz durchgängiger und praegnant charakteristischer 
Zug tritt uns aber diese Bildung im Bau von C. procyonoides erst dann entgegen , wenn wir 
die Knochen der Extremitäten im Verhältniss aur Grösse der Gürtelknochen betrachten. Neh- 
men wir daher für die hauptsächlichsten der oben angeführten Maasse, nämlich für die Länge 
und Breite des Schult, rblattes, die Länge des Oberarmbeines, der Ulna und des Radius einer- 
seits , so wie für die Länge und Breite des Beckens , die Länge des Schenkelbeines , der 
Tibia und Fibula andererseits die Verhältnisszahlen, und awar indem wir für die ersteren die 
jedesmalige Länge des Schulterblattes , für die letzteren dagegen die Länge des Beckens als 
Einheit annehmen, die wir gleich 100 setzen und auf die wir die übrigen respectiven Grös- 
sen zurückführen, so ergiebt sich uns folgende Reihe von Verhältnisszahlen: 

Länge der Extremitäten im Verhältniss zu den Gürtelknochen. 





C.procy- 
onoides 
Gray. 


C. lagopus L. 


C. vulpes L. 


C. Earagan G m. 


C, aureus L. 


C. lu- 
pus L. 




Amar. 


Nowaja 
Semlja. 


NW- 
Amerika. 


St. Pe- 
tersburg. 


Nisbaaja 
Tun^uska. 


Caocasas. 


Caucasiis. 


Caucasus. 


Länge des Schulterblat- 
tes angenommen = 

Breite desselben 

Länge des Oberarmbeines 

« der Ulna 

« des Radius 

Länge des Beckens an- 
genommen = . . . . 
Breite des Hüftbeines . . . 
Länge des Schenkelbeines 

« der Tibia 

« der Fibula ...... 


100 

61,6 

135,6 

143,8 

126,0 

100 

25,3 

110,1 

110,1 

104,0 


100 

56,7 

166,7 

181,7 

151,7 

100 

28,0 

132,0 

153,3 

144,0 


100 

60,0 

155,7 

181,4 

151,4 

100 

25,3 

123,1 

145,1 

136,3 


100 

60,8 

178,4 

197,3 

171,6 

100 

30,4 

150,0 

163,0 

1 54,3 


100 

59,7 

186,6 

210,4 

182,1 

100 

26,4 

144,0 

159,3 

150,5 


100 

60,0 

167,1 

191,4 

164,3 

100 

28,4 

138,6 

160,2 

148,9 


100 

62,1 

180,3 

200,0 

171,2 

100 

27,6 

141,4 

158,6 

149,4 


100 

61,4 

163,9 

191,6 

1 62,7 

100 

25,8 

125,0 

132,5 

125,8 


100 

62,2 
168,9 
194,6 
164,9 

100 

25,9 

125,0 

129,6 

113,0 


100 

68,7 

160,3 

190,8 

164.1 

100 

29,8 

125,3 

130,9 

123,6 



Hieraus ergiebt sich, dass bei C. procyonoides die Knochen der Extremitäten im Verhält- 
niss zu den Gürtelknochen durchgängig kürzer als bei irgend einer der anderen hier angeführ- 
ten Hundearien sind, und zwar ist diese Differenz eine ganz ansehnliche. Während z. B. die 
Ulna bei den meisten Hundearten fast die doppelte Länge des Schulterblattes hat und bei den 
Füchsen diese bisweilen sogar übertrifft, erreicht sie bei C. procyonoides nicht die anderthalb- 
malige Länge des Schulterblattes. Ebenso übertrifft die Tibia bei den Füchsen zumeist die 
anderthalbmalige Länge des Beckens , während sie bei C. procyonoides nur um ein Geringes 



Canis procyonotdes. 83 

länger als das Becken ist. Nach den wenigen oben mitgetheilten Messungen ist die Länge der 
Knochen der Extremitäten im Verhältniss zu den Gürtelknochen im Allgemeinen am grössten 
bei den Füchsen , beim gemeinen Fuchs und Karagon , geringer beim Schakal und Wolfe, 
welche daher dem C. procyonoides in dieser Beziehung näher stehen. Letzteres^, gilt besonders 
für die Knochen der hinteren Extremitäten im Verhältniss 2um Becken, während bezüglich der 
vorderen Extremitäten die Verhältnisszahlen beim Polarfuchs denjenigen von C. procyonoides 
am nächsten zu stehen scheinen. An den hinteren Extremitäten zeigt sich auch noch darin 
beim Wolf und Schakal ein ähnliches Verhältniss wie bei C. procyonoides, dass das Schenkel- 
bein und das Schienbein, welche an unserem Exemplare von C. procyonoides ganz gleich lan<^ 
sind, einander an Grösse näher kommen als bei denFüchseu, bei denen die Differena zwischen 
denselben ansehnlich zu Gunsten des Schienbeines steigt. In Beziehung auf die Form der Gür- 
telknochen, das Verhältniss der Breite derselben zur Länge, lassen unsere Messungen keine er* 
hebliche Verschiedenheit zwischen C. procyonoides und den übrigen Hundearten erblicken, in- 
dem dieselbe bis auf geringe Differenzen bei allen nahe dieselbe zu sein scheint. Von den 
Knochen der Extremitäten aber habe ich bereits oben bemerkt , dass sie im Verhältniss zu 
ihrer Länge bei C. procyonoides robuster als bei den anderen oben genannten Hundearten sind. 
Aus den obigen vergleichenden Betrachtungen des Zahn- und Knochenbaues von C. pro- 
cyonoides können wir in Beziehung auf seine Stellung zum Cams - Geschlechte folgende 
Schlüsse ziehen: 

1) Die Sonderuftg von C. procyonoides oder derjenigen mehreren Arten, in welche diese 
Form irriger Weise zersplittert worden ist, als eigene, vom übrigen CöHW-Geschlechte unter- 
schiedene Gattung, Nycterentes, ist osteologisch unstatthaft. 

2) Die Zusammenstellung von C. procyonoides innerhalb des Cawts-Geschlechtes mit den 
FüchsenVsl osteologisch unrichtig, da er den Wölfen und Schakalen näher sieht als den Füchsen. 

3) Im Zahn- und Knochenbau von C. procyonoides lassen sich Eigenthümlichkeiten er- 
kennen, welche, wenn sie auch keine Gattungscharaktere abgeben, dennoch hinreichen dürften, 
um C. procyonoides , vielleicht mit einigen nächstverwandten Arten zusammen , als besondere 
Gruppe im Canis-Geschlechte zu kennzeichnen. Und zwar dürften diese Eigenthümlichkeiten 
in folgenden Verhältnissen au suchen sein: 

a) in einer verhältnissmässig grösseren Länge der Höckerzähne im Vergleich zur Breite 
derselben und überhaupt einer stärkeren Entwickelung der Höckerzähne im Ver- 
gleich zu den Reisszähnen. 

b) in einer abweichenden Form des Unterkiefers, hauptsächlich in Folge einer stärkeren 
Entwickelung des Winkels und Winkelfortsataes am aufsteigenden Asle desselben. 

c) in einer abweichenden Anzahl von Brust-, Lenden- und Kreuzwirbeln und einer be- 
sonders geringen Apzahl von Schwanzwirbeln. 

d) in einer verhältnissmässig geringeren Länge der Knochen der Extremitäten im Ver- 
gleich zu den Gürtelknochen. 

') Van der Hoeven, 1. c; auf Grundlage der ebenfalls irrigen Angabe einer senkrecblen Pupille. S. oben. 



84 Säugelhtere. 

Die angeführten osleologischen Verhältnisse geben uns zugleich auch einige der auffal- 
lenilsten Züge im Gesamnithabitus von C.procyonoides an die Hand. Es gilt dies namentlich für 
die im Vergleich zu anderen Hundearten geringere Länge des Schwanzes und der Extremitä- 
ten. Letzteres »Moment mag Wagner hauptsächlich dazu bewogen haben, dieser Gruppe von 
Hunden die Bezeichnung «Marderhunde» zu geben. Sie ist aber für den Gesammthabitus von 
C. procyonoides, der bisher einzigen Art dieser Gruppe, durchaus nicht bezeichnend. Dass sie 
auch osteologisch keine Begründung hat , ist aus Obigem zu ersehen. Dagegen muss ich, 
nach Erwägung der Haltung des lebenden Thieres und namentlich auch seiner Färbung , der 
Bemerkung Temminck's beistimmen, dass sich im Gesammthabitus von C. procyonoides eine 
Annäherung einerseits an die Viverren und andererseits an die Waschbären lindet. Letzteres 
ist besonders aulTallcnd und hat offenbar auch Gray bei der Wahl des treffenden Namens 
C. procyonoides geleitet. — 

Gehen wir nunmehr zur geographischen Verbreitung von C. procyonoides über. Unsere 
bisherige Kenntniss derselben beschränkte sich bloss auf die allgemeine Angabe zweier Län- 
der, Chi na 's und Jap an 's, ohne alle bestimmtere Bezeichnung des Fundortes der wenigen 
von dorther erhaltenen Exemplare, ja ohne Bezeichnung ob diese aus dem Norden oder Süden 
jener Länder herstammten. Dabei hat die durch Temminck bewerkstelligte Trennung der 
Japanischen Form als einer besonderen Art, C.viverrinus, die Ansicht veranlasst, als sei C.pro- 
cyonoides bloss auf dem Continente, in China, verbreitet, auf dem Japanischen Archipel aber 
durch eine entsprechende Art ersetzt '), obwohl Temminck selbst auch ein Fell von C. pro- 
cyonoides aus Japan erhalten zu haben angiebf). Diese mangelhaften Kenntnisse können wir 
nun einerseits durch die oben dargethane Identität beider Formen berichtigen und anderer- 
seits durch die Aufdeckung von C. procyonoides im Amur-Lande bedeutend erweitern. Wir 
lernen demnach C. procyonoides als eine Form des gemässigten Ostasiens kennen , welche so- 
wohl auf dem Continente, als auch auf den Japanischen Inseln verbreitet ist und auf dem er- 
steren sogar recht weit nach Norden geht. Vom nordlichen China breitet sich nämlich C.pro- 
cyonoides in das nordwärts gelegene Amur-Land aus. Dort ist er namentlich an den grossen, 
von Süden in den Amur fallenden Strömen, dem Sungari und Ussuri, wie an der südlichen 
Biegung des Amur-Stromes selbst ein häufiges Thier. Am südlichen Amur und am Ussuri 
habe ich selbst zahlreiche Felle desselben gesehen , die von den mandshurischen Beamten im 
Tribut oder durch Kauf und Erpressungen von den Eingeborenen erhalten worden waren. 
Denn C. procyonoides ist im Winterhaare bei den Mandshu und Chinesen und somit auch 
bei den Eingeborenen ein geschätztes Thier. Von der südlichen Biegung des Amur-Stromes 
ist C. procyonoides sowohl den Amur auf- wie abwärts verbreitet. In der ersteren Richtung, 
an dem oberen Amur- oder Sachali-Strome, geht er über das Bureja-Gebirge weg und 
findet sich noch ziemlich häulig in derPrairie oberhalb desselben, an der Mündung derBureja 
und Dseja. Von dorther rührt auch eines der oben beschriebenen Exemplare her, welches 

') A. Wagner, Die geogr. Verbreitung der Säugelhiere. 1. Abthl. p. 143. 
^1 Siebold, Fauna Jap. Mammalia. Dec. 2. p. 40. 



Canis procyonoides. 85 

ich auf meiner Reise als frisch geschossenes Thier von den Biraren erhielt, die es in einem 
kleinen Gebirge, wahrscheinlich einem Seitenzweige des Bur eja- Gebirges , nahe der Mün- 
dung der Bureja erlegt hatten. Im Sommerfelle hatte es jedoch für die Biraren keinen an- 
deren Werth als den eines geringen, essbaren Wildprets. Ueber diese Prairie, hinaus kommt 
C. procyonoides zwar noch ziemlich weit nord- und westwärts am oberen Amur-Strome vor, 
wird aber, den Aussagen der Eingeborenen zufolge, viel seltener. Monjagern, die ich einige 
Tagereisen oberhalb der Komar-Mündung an den Ufern des Amur-Stromes in nomadischen 
Jagdzelten antraf und die von dem kleinen Flusse Gerbilak, einem linken Zuflüsse des 
Amur-Stromes, kamen, nannten mir C. procyonoides, den sie, den Biraren gleich, mit dem 
Namen «ülbiga» bezeichneten, noch unter den bei ihnen einheimischen Thieren. Die Mündung 
des Flüsschens Gerbilak in den Amur liegt aber nahe der nördlichsten Biegung des oberen 
Amur-Stromes, etwa 4 bis 500 Werst unterhalb des Zusammenflusses der Schilka und des 
Argunj, und die Landschaft daselbst trägt bereits einen nordischen Charakter mit vorherr- 
schender Nadelholzwaldung. Es ist anzunehmen , dass C. procyonoides dort nahe der nord- 
westlichen Gränze seiner Verbreitung stehe, da von seinem Vorkommen bei Ustj-Strjelka, am 
Zusammenflusse der Schilka und des Argunj zum Amur, oder über den Amur hinaus, in 
Transbaikalien, trotz der alljährlich dort slattlindenden anhaltenden Jagden der Kosaken, bis- 
her niemals eine Kunde verlautet hat. Ebenso scheint er auch an den Südabhängen des Sta- 
nowoi-Gebirges und am oberen Laufe der Dseja und Bureja, wo Middendorff's Reise 
durchging, nicht mehr vorzukommen, während er den unteren Lauf dieser Flüsse bewohnt '). 
Wir dürfen daher seine Polargränze im oberen oder westlichen Theile des Amur-Landes von 
der nördlichen Biegung des Amur-Stromes, unterhalb Ustj-Strjelka, quer über den mittle- 
ren Lauf der Dseja und Bureja annehmen. — Im unteren oder östlichen Amur-Lande brei- 
tet sich C. procyonoides von der Mündung des Ussuri, wo er am häufigsten ist, noch ziemlich 
weit abwärts aus. Den einmüthigen Aussagen der Golde zufolge, ist er dort namentlich am 
linken Ufer des Amur -Stromes häufiger als am rechten. Ich selbst habe ihn dort in gefange- 
nen, lebenden Individuen in den Dörfern! mm inda und Emmero und in Fellen an vielen ande- 
ren Orten gesehen. Dieses linke Ufer des Amur-Stromes ist das niedrigere und hat noch weit 
abwärts vom Ussuri einen prairieartigen Charakter der Landschaft, mit wenigen Gebirgszü- 
gen, wie das Wanda-Gebirge u. a., während das rechte fast durchgängig gebirgig ist. An 
dem genannten Wanda-Gebirge soll auch C. procyonoides, nach Aussage der Eingeborenen, 
noch ziemlich oft vorkommen. An diesem linken Ufer des Amur-Stromes geht nun C. pro- 
cyonoides bis an den Ssedsemi-Fluss und den Bolong-See, einer seitlichen Ausbuchtung des 
Amur-Stromes etwas südlich vom Dorfe und Vorgebirge Odshal, mit dem wiederum ein ge- 
birgiger Charakter am linken Amur-Ufer beginnt. Diesem Punkte fast genau gegenüber 



' ) Höchst wahrscheinlich ist auch die Nachricht, welche Middendorff von einem Jakuten erhielt, dass es näm- 
lich im Lande der chinesischen Duraler (welche offenbar unsere Bi raren an der Bureja und am Sachali sind) 
ein an Gestalt und Grösse fuchsähnliches Thier mit sehr strengem Harne gebe (Slidd. Sibir. Reise I. c. p. 3.), auf C. 
procyonoides zu bezieben. 



86 Säugelhiere. 

liegt auch seine Polargränze am rechten Amur-Ufer. Dort soll er nämlich in seltenen Fällen 
bis in die Umgegend von Ssargu und bis an den Chongar-Fluss vorkommen. Abwärts von 
diesen Punkten, Odshal undChongar-Mündung, kommt er aber nirgends, weder am Amur- 
Strome selbst, noch an dessen Zuflüssen, vor. Wo man daher noch weiter unlerhalb Felle von 
C. procyonoides bei den Eingeborenen findet, wie es mir noch bei den Giljaken an der Mün- 
dung des Amur-Stromes begegnet ist, da rühren dieselben stets von oben, etwa aus der Ge- 
gend der Ussuri- oder Sungari-Mündung her und sind durch die Handelsreisen der Einge- 
borenen abwärts gebracht worden. Das bekräftigten mir sowohl die Ssamagern am Gorin, 
wie die Golde, Man'gunen und Giljaken am Amur. So ist die Polargränze von C. procyo- 
noides am unteren Amur-Strome genau zu erweisen. — Weiter ostwärts vom Amur findet 
sich C. |)rocyono«/es, den Aussagen der Eingeborenen zufolge , am Tumdshi-Flusse, dessen 
Quellarme von den Zufiüssen des Chongar, namentlich vom Uldji, nur durch eine niedrige 
Wasserscheide getrennt sind und der etwa 25 Werst oberhalb der Bai Hadshi (des Kaiser- 
hafens der Russen) in die Meerenge der Tartarei einmündet. Dagegen soll C. procyonoides 
die nordwärts gelegene, niedrige Wasserscheide zwischen dem Tumdshi und dem bei Kidsi in 
den Amur fallenden Jai-Flusse nicht überschreiten und somit an letzterem Flusse sich nicht mehr 
finden. — Endlich an der Meeresküste soll C. procyonoides von dem Dorfe Choji an, d. i. etwa 
4 bis 5 Tagereisen südlich von der Bai de Castries, nach Süd verbreitet sein. Hier bleibt er 
also weit südlich von den Breiten zurück, in welchen die Insel Sachalin sich dem Continente 
nähert und wo sie allwinterlich mit demselben durch das Eis des Limanes in zeitweise feste 
Verbindung gesetzt wird. In Uebereinstimmung damit fehlt auch C. procyonoides der Insel 
Sachalin, nach Aussage der dortigen Giljaken, gänzlich. Und zwar gilt das nicht bloss für 
den nördlichen, von Giljaken bewohnten, sondern auch für den südlichen Theil der Insel, 
von dem die Giljaken durch ihren Handelsverkehr mit den Aino und Japanesen Nach- 
richtenhaben. Diesen Nachrichten zufolge, finden sich unter den Fellen, welche sie inSiranussi 
an der Südspitze von Sachalin von den Japanesen erhandeln, niemals Felle von C. procyo- 
noides , obschon die Giljaken diese Felle, wegen ihres hohen Werthes bei den Mandshu 
und Chinesen, gewiss gerne kaufen würden. Leider giebt uns Temminck nicht an, wie 
weit C. procyonoides in Japan verbreitet sei und ob er die Insel Jesso erreiche. Erwägt 
man aber, dass die auf Sachalin mit den Giljaken handelnden Japanesen meist von Jesso 
herüberkommen, so scheint es wahrscheinlich, dass sie auch auf letzterer Insel sich nicht mit 
Fellen von C. procyonoides versorgen können. Demnach scheint C. procyonoides Gray oder 
viverrinus Temm. nicht über Nippon nach Nord hinauszugehen. Wir sind daher genöthigt 
uns die Verbreitung desselben nach den Japanischen Inseln nicht über Sachalin und Jesso 
sondern über Korea zu denken. So bleibt also seine Polargränze auf den Inseln an der Ost- 
küste Asien's weit hinter derjenigen auf dem Continente zurück. — Fasst man alle obigen 
Daten zusammen, so lässt sich die Polargränze von C. procyonoides durch eine Linie bezeich- 
nen, die von der Meeresküste beim Dorfe Choji, zwischen dem 50*'"° und 51*'"" Breitengrade, 
nach den) Tumdshi und von da nach der Mündung des Chongar-Flus^^s in den Amur, 



Canis procyonoides. C. famitiaris. Felis Lynx. 87 

dann nach Odshal und von diesem über das Bureja- Gebirge und den mittleren Lauf der 
Bureja und Dseja zum oberen Amur, nahe der Mündung des Flüsschens Gerbilak, gezo- 
gen wird. Diese Linie bringt also den grössten Theil des Amur-Stromes und namentlich 
seinen mittleren Lauf in das Verbreitungsgebiet von C. procyonoides. Indem sie zugleich eine 
geraume Strecke nördlich vom Amur-Strome verläuft, nöthigt sie uns C. procyonoides auch 
als ein Glied der russisch -sibirischen Fauna anzusehen. Dieser gehört er aber bloss am 
Amur-Strome, d. i. also im äussersten Osten ihrer südlichen Gränzen an. In der Fauna des 
Amur- Landes bildet also C. procyonoides einen praegnanten und charakteristischen Zug, 
durch welchen dieselbe von der sibirischen Fauna sich unterscheidet und an die Faunen 
China 's und Japan's sich anschliesst. 



18) CanU fainiliaris L. 

Bei den Giljaken des Continentes und der Insel Sachalin: kann. 

« « Mangunen, Golde, Ssamagern, Orotschen der Meeresküste, Oroken von Sa- 
chalin: enda und inda. 

« « Biraren: kalschikan. 

« « Monjagern: ninakin. 

« « Orotschonen: nennakin. 

« « Dauren: nugh. 

Der Hund ist bei den Eingeborenen des Amur-Landes ein durchweg verbreitetes und 
allgemein eingebürgertes Hausthier, das ihnen entweder als Zugthier auf ihren Winterfahrten 
und Reisen, oder aber als Begleiter auf der Jagd dient. Ersteres findet auf der Insel Sacha- 
lin und auf dem Continente, an der Meeresküste wie am Amur-Strome und dessen Zuflüssen 
bis zur Mündung des Sungari, und zwar je mehr stromabwärts in desto grösserem Maass- 
stabe, Letzteres an dem oberen Amur- oder Sachali-Strome, bei den nomadisirenden und 
hauptsächlich von der Jagd lebenden tungusischen Stämmen, den Biraren, Monjagern und 
Orotschonen statt. Auch fehlt er nicht als treuer Wächter in den Gehöften der am Sa- 
chali-Strome ansässigen, mit Viehzucht und Ackerbau beschäftigten Dauren, Mandshu und 
Chinesen. Als Zugthier insonderheit greift der Hund tief in die Oekonomie jener Völker ein, 
und ist es nicht möglich ein noch so flüchtiges und oberflächliches Bild von dem Leben der- 
selben zu entwerfen, ohne dabei des Antheiles , den der Hund an ihrem Haushalte hat, wie- 
derholentlich zu gedenken. Wir müssen daher die Besprechung desselben ganz in den ethno- 
graphischen Theil unserer Reisebeschreibung verweisen. 



19) Felix liyiixL 

Bei den Giljaken des Continentes und der Insel Sacha in: tschlyght. 
« « Mangunen: tugdshä. 



88 Säugethiere. 

Bei den Golde unterhalb des Ussuri, Kile am Gorin (Ssamagern): tubdsha. 
« « « oberhalb des Ussuri, Kile am Kur, Biraren und Monjagern: tibdshaki. 
« « Orotschonen: nondo. 

Die Luchsfelle, deren ich im Laufe von zwei Jahren im Amur-Lande eine ziemliche 
Anzahl gesehen habe , gehörten sämmtlich der fein- und schwachgefleckten Varietät F. Lynx 
Temm. et Nilss. ') an. Sie waren von ziemlich heller Grundfarbe, mit kleinen, sehr verwa- 
schenen Flecken auf dem Rücken und an den Seiten; die Schwanzspitze war im letzten Dritlheil 
schwarz. Es blieb mir kein Zweifel übrig, dass ich es mit dieser Luchsvarietät des europäisch- 
asiatischen Continentes und nicht mit der Luchsart des amerikanischen Nordens, F. canadensts 
Geoffr., zu thun hatte. Niemals sind mir im Amur-Lande die Varietäten Kceruana Temm. et 
Nilss. und F. üiVga^aN iläs. begegnet. Doch ist es auch nicht so leicht in kurzer Zeil eine grössere 
Anzahl von Luchsfellen im Amur-Lande zu Gesichte zu bekommen, da der Luchs, als einsa- 
mer Bewohner der Wälder, verhältnissmässig immer nur selten erlegt wird und ausserdem 
sein Fell bei den Mandsbu und Chinesen sowohl wie bei den Eingeborenen in einem hohen 
Conventionellen Werthe steht, was die Eingeborenen, und vorzüglich die Giljaken, veranlasst, 
das erbeutete Fell entweder baldmöglichst an die chinesischen Kaufleute zu veräussern , oder 
aber als besonders geschätztes Stück, mit anderen nominellen Schätzen zusammen , in beson- 
derer, dem Auge der Umgebung entzogener Verwahrung zu halten. Wo daher bei den Gilja- 
ken auch ein ganzer Pelz von Luchsfellen vorhanden ist, wird er nicht getragen, sondern als 
grosse und werthvolle Seltenheit aufbewahrt, welche auf den Besitzer das Licht aussergewölm- 
lichen Reichthumes wirft. Minder selten bekommt man das Luchsfell in der Form einer besonde- 
ren Art Wintermützen bei den giljakischen Weibern zu Gesichte; doch ist es auch in dieser Form 
nicht häutig und stets ein Zeichen grossen Wohlstandes. Genaueres über diese Gegenstände der 
Eingeborenen und die relative Werthschätzung des Luchsfelles bei denselben wird im ethnographi- 
schen Bande meiner Reisebeschreibung zu finden sein. Das hohe Ansehen des Luchsfelles im 
Amur-Lande nötbigt uns bei den Eingeborenen auch eine genaue Kenntniss dieses Thieres vor- 
auszusetzen. Und in der That habe ich von ihnen oft, wenn kein Fell vorlag, genaue Schilderun- 
gen des Thieres gehört, welche die bekannte Form nicht leicht verkennen Hessen. Sämmtliche 
Eingeborene im Amur-Lande kennen aber nur eine einzige Luchsart, für die ich in jedem 
Volksstamme auch nur eine einzige Bezeichnung gehört habe. Sollten sich daher bisweilen 
auch die Formen JP. cervavta Temm, et Nilss. und F. virgata Nilss. unter den Luchsen im 
Amur-Lande finden, wie es wohl möglich ist, so werden sie doch jedenfalls von den Einge- 
borenen nicht als besondere Thierarten angesehen, sondern unter einer und derselben Bezeich- 
nung Luchs schlechtweg verstanden. — Ausser den mir zu Gesichte gekommenen Luchs- 
fellen, belehrte mich auch ein Schädel dieses Thieres, den ich aus dem Dorfe Dyra am unte- 
ren Amur erhielt, über die Identität der dortigen Form mit unserem europäisch - asiati- 



1) Nilsson, Skandin. Fauna. 1» del. Däggdjuren. Lund. 1847. p. 126. Desgl. meine Schrirt: lieber die Luchs- 
arten des Nordens und ihre geographische yerbreitung. Dorpat. 1849. p. 27. 



Felis Lynx. 



89 



scheu Luchse. Nach einer Vergleichung desselbeu init vier Luchsschädeln unseres akad. Mu- 
seums — aus der Umgegend St. Petersburgs , aus Tyrol , dem Caucasus und ISordsibirien 
— kann ich an ihm nichts Abweichendes linden. Seiner Grösse nach steht er den vier an- 
deren Schädeln unseres JMuseums nach. Folgendes ist ihre Länge und Breite (in Millim.): 



Länge des Schädels . von dem Halse eines der oberen mittleren 



E 



Schneidezähne bis zum äussersten Ende des Hinterhaupthöckers 131 



Breite des Schädels an den Jochbögen 



89 






134 



149 



154 



98 103 






162 
106 



Auch am Amur-Exemplare des Luchsschädels wie an den 4 anderen Schädeln unseres 
Museums bestätigt sich die Unhaltbarkeit des von Keyserling und Blasius zur Unterschei- 
dung des LucJistypus vom Typus der eigentlichen Katzen angegebenen osteologischen Momen- 
tes, dass nämlich am Schädel der Luchse die Stirnbeine in langen Fortsätzen längs den Nasen- 
beinen bis über deren Mitte hinausreichen, wo sie mit den Zwischenkieferbeinen zusammen- 
treffen , so dass die Nasen- und Wangenbeine (soll heissen Oberkieferbeine) einander nicht 
berühren '). Wie ich schon früher aufmerksam gemacht habe^), ist dies ein variirendes Ver- 
hältniss, und dürfte nach meinen Erfahrungen sogar häufiger eine Berührung der Oberkiefer- 
beine mit den Nasenbeinen als der von Keyserling und Blasius angegebene Fall stattfinden. 
Unser Amur-Exemplar vom Luchsschädel zeigt den auch von Wagner^) einmal beobachte- 
ten Fall, dass das Oberkieferbein an der einen Seite das Nasenbein berührt, an der anderen 
dagegen durch das Zusammentreffen der Stirn- und Zwischenkieferbeinfortsätze von der Be- 
rührung mit dem Nasenbeine ausgeschlossen bleibt. 

Ueber die Verbreitung des Luchses im Amur-Lande konnte ich, wegen der grossen 
Werthschälzung und allgemeinen Kenutniss dieses Thieres bei den Eingeborenen , zahlreiche 
Nachrichten einsammeln. Diesen zufolge kommt der Luchs im gesammten Amur-Lande, aber 
stets nur in seinen waldreichen Gebieten vor, was meine früher ausgesprochene Ansicht, dass 
die Verbreitung des Luchses wesentlich an das Vorhandensein hochstämmiger Waldung ge- 
bunden sei*), auch hier bestätigt. Folgt man dem Laufe des Amur-Stromes, so findet man 
im oberen Theile desselben den Luchs auch als Bewohner der unmittelbaren waldigen Ufer 
des Stromes, während er weiter abwärts, im Prairietheile des Stromes, von den unmittelbaren 
Ufern entfernt und auf die landeinwärts gelegenen bewaldeten Gebirge beschränkt bleibt. In 
dem waldreicheren unteren Amur-Lande habe ich den Luchs nach Aussagen der Eingeborenen 
oder nach den bei ihnen vorhandenen Fellen, einzelnen Knochen, Krallen des Thieres u. dgl. m. 



') Keyserling und Blasius, Die Wirbelth. Europa's. p. 62. 
^) Hoher die Luchsarten des Nordens, p. 8. 

3) Die Säugelhiere von Schreber. Supplbd. Abtbl. 2. p. 51S. Anm. 19. 
*) Ueber die Luchsarten des Nordens, p. 38. 
ScbreDck Amur-Keise Bd. 1 



12 



90 Säugefhi'ere. 

am Amur-Strome selbst wie an dessen linken und rechten Zuflüssen kennen gelernt. Am 
Ussuri nannten ihn mir die Golde als Bewohner der waldigen Gebirge landeinwärts wie zur 
Meeresküste hin, und vermuthlich zieht er sich dort auch noch weiter südwärts nach Korea 
und dem östlichen China fort. Nordwärts kommt er nachweisslich im Ghöchzyr-Gebirge 
an der Mündung des Ussuri, im oftmals erwähnten Geong-Gebirge , in den Gebirgen am 
Naichi- oder Dondon-Flusse, am Chongar, am Ssedsemi, am Gorin, am Jai und bis an 
die Mündung des Amur-Stromes vor. Er wurde mir ferner als Bewohner der Wälder landein- 
wärts von der Südküste des Ochotskischen Meeres, der Waldungen am Aniur-Limane und 
der Rüste des Tar tarischen Meeres bis südlich von der Bai Hadshi genannt. Auch bleibt der 
Luchs in diesem gebirg- und waldreichen Lande nicht bloss auf das Festland beschränkt, son- 
dern geht auch auf die nahe anliegende Insel Sachalin hinüber, welche im Winter durch die 
ununterbrochene Eisdecke des Amur-Limanes mit dem Continente in steter Verbindung und 
mannigfachem Austausch ihrer Thierwelt steht. Auf Sachalin bewohnt aber der Luchs nur 
das besser bewaldete Innere und bleibt von den im Norden der Insel waldlosen Rüstenstrecken 
fern. So erreicht er auch nicht die mit lichter und krüppeliger Lärchenwaldung bedeckte 
Mündung des Tymy-Flusses an der Ostküste der Insel, während er im waldreichen oberen 
Laufe dieses Flusses heimisch ist. In diesen Waldungen des Innern steigt er gewiss bis an das 
Südende der Insel hinab. Dort aber müssen wir, wenn wir Siebold's Nachrichten über 
Japan auch auf Jesso ausdehnen wollen, die Aequatorialgränze des Luchses annehmen, da 
er für Japan von Siebold nicht mehr genannt wird. 



20) Felis Tigris L. 

Bei den Giljaken des Continentes: alt, märeder, chalowüsch. 

« « « der Westküste von Sachalin: att, märeder, klutsch. 

« « « des Innern und der Ostküste von Sachalin: klunlsch. 

« « Mangunen: mare-mafa, dussä. 

« « Golde unterhalb des Ussuri: mare-mafa, auch schlechtweg mafa (d. h. der Alte). 

« « Golde oberhalb des Ussuri: kutty-mafa. 

« « Biraren: lawgun^). 

« « Monjagern: migdu. 

« « Orotschonen: bßber. 

Von besonderem Interesse war es mir im Amur-Lande einige Thatsachen zur Erwei- 
terung unserer Renutniss von der Verbreitung des Tigers erfahren zu können. Kein ande- 
res Thier hat die Aufmerksamkeit der Forschung in solchem Maasse auf sich gezogen, wie 
dieser König der asiatischen Thierwelt, und von keinem anderen besitzen wir daher so genaue 



') Sehräbniich der chinesischen Bezeichnung des Tigers: aLao-hou» (Du Halde, Descr. geogr., bist., chronol., 
polit. et phys. de I'Erapire de la Chine. La Haye. 1736. IV. p. 33.) oder «tou-cAit» (Pallas, Zoogr.Rosso-Asiat. I. p. 13.) 



Felis Tigris. 9 t 

Darstellungen der geographischen Verbreitung in früherer und gegenwärtiger Zeit, wie uns 
vom Tiger durch Ritter, Humboldt und neuerdings in umfassender Weise durch Herrn 
Akad. Brandt ') gegeben worden sind. Um so mehr dürften daher ergänzende Angaben, zumal 
aus einem Lande, wo die noch immer nicht genugsam erforschte Polargränze der Verbreitung 
dieses Thieres liegt, einiges Interesse finden. — Durch Pallas^) ist uns bereits das Vorkom- 
men des Tigers am Argunj, einem Quellarme des Amur-Stromes, und durch Middendorff^) 
sein Vorkommen nördlich vom Amur-Strome, am Kebeli, an den Zuflüssen der Dseja, an 
der Tyrma und, in ausnahmsweisen Fällen, amSüdabhauge desStanowoi-Gebirges bekannt. 
Gleichwohl wusste man bisher von seiner Verbreitung am Amur-Strome noch nichts. Wir 
sind nun im Stande diese Nachrichten längs dem gesammten Stromlaufe zu geben. Am oberen 
Amur ist der Tiger zwar den Orotschonen wie den Monjagern bekannt, allein vom Irbis 
(F. /rijs Müll.), wie es scheint, nicht genugsam unterschieden. Zwar gaben mir die Eingebore- 
nen von beiden Thieren genaue Beschreibungen, welche sie unverkennbar machten , allein in 
der Bezeichnung fassten sie beide Thiere zusammen , was wohl zum Beweise dafür dienen 
kann, dass sie mit diesen Thierarten zu selten in Berührung kommen, um ihre Selbständigkeit 
aus eigener Erfahrung zu kennen. Aehnlich scheint es sich mit der Renntniss des Tigers auch 
bei den weiter abwärts wohnenden Biraren zu verhalten. Erst bei den Golde unterhalb des 
Bureja-Gebirges, am Ussuri und am Amur ober- und unterhalb der Ussuri-Mündung 
konnte ich, mit der Sprache der Eingeborenen besser bekannt , mich überzeugen , dass der 
Tiger und Irbis als verschiedene Thierarten auch in den Bezeichnungen auseinandergehalten 
werden. Dieses ist aber auch derjenige Theil des Amur-Landes, in welchem der Tiger häufiger 
als in allen anderen vorkommt, offenbar weil es der südlichste Theil ist, in welchem diegröss- 
ten aus Süd und Südwest kommenden Zuflüsse des Amur-Stromes, der Sungari und Us- 
suri Hegen, deren Haupt- und Nebenthäler dem Tiger von den Gränzen Korea s und des 
nordöstlichen China's eine Bahn nach Norden bieten. In diesem Theile des Amur-Stromes 
wird auch dem Tiger in den feuchten, oft sumpfigen Niederungen und den mit Gebüsch , mit 
hohem Grase und oft mit dichtem, über mannshohem Schilfe bewachsenen Ufern des Stromes 
ein viel günstigeres Terrain als in dem oberen und unteren , gebirg- und waldreichen Laufe 
des Amur-Stromes geboten. Auch ist der Tiger dort, nach Aussage der Eingeborenen, nicht 
bloss ein seltener Gast, sondern im Winter und Sommer ein stetiger Bewohner des Landes, 
dem man häufig begegnet und der nicht selten für Menschen und Vieh verderblich wird. So 
erzählten uns die Golde von Turmi und Dshuada an der Ussuri-Mündung , dass ihnen im 
letzten Winter sämmtliche Pferde, welche sie vom oberen Amur bekommen hatten, von Tigern 
zerrissen worden seien. Im Dorfe Agdeki (oder Mutscha) am Ussuri berichteten die Golde, 
dass die Tiger bisweilen, zumal im Winter, ihren Wohnungen nahe kämen und ihnen Hunde 



') Untersuchungen über die Verbreitung des Tigers (Felis tigris) und seine Beziehungen zur Menschheit. St. 
Petersburg 1S56. In den Mem. de l'Acad. des Sciences de St. Pelersb. ö""" Serie. Sc. nalur. T. VIII. 
*) Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 16. 
') Sibirische Reise, 1. c. p. 75. 



92 Säiigeihtere 

und Schweine zerrissen, und dasselbe erzäliUen auch die Golde von Dawanda am linken 
Amur-Ufer unterhalb des Ussuri. Die Golde sind den Angriffen des mächligen Thieres 
nicht gewachsen und tragen daher grosse Furcht vor demselben , zu welcher sich natür- 
lich, bei dem Gefühle ihrer Ohnmacht, manche abergläubische Vorstellungen gesellen. Fast 
allenthalben findet man daher aus Holz geschnitzle Tigerfiguren, welche entweder in der 
Nähe der Häuser, am Fusse grosser Bäume aufgestellt, oder aber, in kleinerer Gestalt, 
an die Kleidungsstücke angeheftet werden, um deren Träger jederzeit vor einem Angriffe dieses 
Thieres zu schützen. Diese Tigergotzen sind zwar nur sehr roh gearbeitet, lassen aber den- 
noch das Thier nicht verkennen. Sie gehen den gestreckten Körper, den langen Schwanz, 
den breiten Kopf mit kurzer Schnauze und die gestreifte Zeichnung dieses Thieres wieder. Meist 
ist dasselbe in aufrechter Stellung mit ausgestrecktem Schwänze, bisweilen auch liegend mit 
auf den Rücken zurückgeschlagenem Schwänze dargestellt. Die Zeichnung besteht aus einem 
längs der Mittellinie des Kopfes, Rückens und Schwanzes verlaufenden schwarzen Streifen, an 
den Seiten aus quer gestellten, abwechselnd schwarzen und rothen Streifen und am Schwänze 
aus eben solchen Ringen. Ich werde im ethnographischen Bande meiner Reisebeschreibung 
einige Abbildungen dieser Tigergötzen, deren ich mehrere mitgebracht habe, mitlheilen. Was 
diese Tigergötzen nur roh audeuten , weiss die Beschreibung, welche die Eingeborenen von 
dem Thiere geben, genauer zu zeichnen. Das gefürchtele Thier wird stets als eine Katze von 
sehr bedeutender Grösse beschrieben, einer Grösse, welche die übertreibende Furcht der Golde 
bisweilen sogar auf ungefähr 2 Faden Länge uud 1 Faden Höhe anzugeben weiss. Die Farbe des 
Thieres soll gelb mit schwarzen Querstreifen, der Schwanz gelb und schwarz geringelt und 
an der Spitze schwarz sein. Schleichend soll das Thier sich seiner Beute nähern und sich 
dann mit einem Sprunge auf dieselbe werfen. Es ist mir leider nicht gelungen selbst ein Fell 
des Tigers am Amur zu sehen, da die grosse Furcht der Eingeborenen sie von einer wirk- 
lichen Jagd auf denselben zurückhält uud nur gelegentlich und selten ein Individuum erlegt 
wird, dessen Fell alsdann sogleich den Chinesen oder Mandshu verkauft wird, bei denen es 
in hohem Ansehen steht und zur Kleidung der Vornehmen verwendet werden soll. Selbst alle 
Auskunft über den Tiger gaben mir die Eingeborenen nur mit Widerstreben, da sie die aber- 
gläubische Furcht haben , dass sogar das Sprechen vom Tiger ihnen Unheil und Verderben 
durch das mächtige Thier zuziehen könne. Nicht seilen bemerkte ich bei ihnen, wenn wir auf 
den Tiger zu sprechen kamen, ein Dämpfen der Stimme, als fürchteten sie belauscht zu wer- 
den, und nach Möglichkeit vermieden sie den Namen des Thieres zu nennen. Auch fügen 
sie diesem Namen , wohl aus Ehrfurcht und um sich schadlos zu halten , das schmeichelnde 
und ehrende Beiwort ((tnafan, d. i. «der Alle», bei — ein Prädikat, das ausser dem Tiger nur 
noch dem allgemein geachteten und abergläubisch gefürchtelen Bären zukommt. Ja, wie die- 
ser bei den unteren Golde, Mangunen und anderen tungusischen Stämmen des unteren 
Amur-Landes schlechtweg <iMafar) (Alter) genannt wird, so habe ich bei den Golde am 
Ussuri und am Amur in der Gegend der Ussuri-Mündung , wo der Bär in den Augen der 
Eingeborenen bereits an Ansehen verloren hat, oftmals den Tiger schlechtweg «Mafa» nen- 



Felis Tigris. 93 

nen hören. Dort ist also der Tiger unstreitig noch ein König der Thierwelt. — Geht man 
nun von dort weiter abwärts am Amur-Strome, zu den unteren Golde und Mangunen, so 
findet man den Tiger zwar noch allgemein bekannt, allein, nach Angabe der Eingeborenen, 
weit seltener als an der Ussuri- Mündung, Doch müssen wir aus diesen Angaben entnehmen, 
dass er bei Naichi und Dshare am Geong-Gebirge, am Chongar, am Nor- oder Bolong- 
See, bei Ongmoi, bei Adi oberhalb der Gorin-Münduug und weiter abwärts noch am Jai, 
einem Zuflüsse des Amur-Stromes bei Kidsi, im Sommer und Winter, wenn auch sehr sel- 
ten und vereinzelt, vorkomm!. Bis dahin habe ich ihn stets auch in der Bezeichnuns der Ein- 
geborenen vom Irbis unterscheiden hören. Bei den unteren Mangunsn aber, die auch eine 
andere Bezeichnung, dussü, für den Tiger haben, findet man bereits ein Zusammenwerfen der 
Tiger- und Irbis-Namen, obgleich beide Thiere in ihrer charakteristisch verschiedenen Zeich- 
nung beschrieben werden. Die Veranlassung dazu liegt offenbar nur in der dort weit grösseren 
Seltenheit dieser Thiere, welche eine geringere Kenntniss derselben bei den Eingeborenen zur 
Folge hat. Auch ist hier das Terrain für das Vorkommen des Tigers allmählig viel ungünsti- 
ger als oberhalb geworden, indem der Boden fast durchweg gebirgig und zumeist mit dichter 
Nadelholzwaldung bedeckt ist. Trotz dieses nordischen Charakters des Landes, kommt aber 
der Tiger auch noch weiter unterhalb, im Gebiete der Giljaken bis an die Mündung des 
Amur-Stromes vor. Doch scheint es, dass er diesen äussersten Norden des Amur-Landes nur 
bisweilen und auf Streifz gen besucht, indem er sich dort, nach Aussage der Giljaken, nur im 
Sommer und auch dann in sehr seltenen Fällen sehen lässt. Die Giljaken sind der Ansicht, 
dass der Tiger und der Irbis zu einer und derselben Thierart gehören, welche in der Jugend 
gefleckt, im Alter gestreift sei, und bezeichnen beide mit denselben Namen, deren sie mehrere 
haben. Die gebräuchlichsten von diesen sind «alt» und «märedem , während die Bezeichnung 
«chalowitsch» viel seltener zu sein scheint. Was es jedoch für eine Bewandtniss mit diesen ver- 
schiedenen Namen für eine und dieselbe Thierart habe, konnte ich nicht ermitteln; nur so viel 
erfuhr ich mit Bestimmtheit, dass sie nicht einzeln, eine dem Tiger, die andere dem Irbis zu- 
kommen, sondern auf beide vermeintliche Allersverschiedenheilen des Thieres bezogen wer- 
den. Von beiden Thieren , dem Tiger wie dem Irbis, gaben mir übrigens die Giljaken ge- 
naue und charakteristische Beschreibungen, welche wie diejenigen der Golde lauteten und die 
Thiere unverkennbar verriethen. Es scheint daher nur das gleiche und sehr seltene Vorkom- 
men beider Thierarten wie die gleiche abergläubische Furcht der Giljaken vor beiden sie 
zu dieser Verschmelzung beider Formen in eine Thierart bestimmt zu haben. Aus dieser Ver- 
schmelzung allein kann ich mir auch die Thatsache erklären, warum man bei den Gilja- 
ken niemals Irbis-, wohl aber häutig Tigergötzen findet. Denn als die ältere und erwachsene 
Form müsste der Tiger, nach Vorstellung der Giljaken, auch schon den Irbis in sich fassen, 
und dürfte daher ein Abbild des ersteren den Besitzer vor den Angriffen beider Thiere schützen. 
Die Tigergötzen der Giljaken stellen übrigens das Thier auch nicht mit der Genauigkeit und 
Treue wie diejenigen der Golde dar. Ebenfalls aus Holz geschnitzt, geben sie das Thier in 
aufrechter Stellung wieder. Wie an den Tigergötzen der Golde und Mangunen erkennt 



94. Säugelhiere. 

man auch an denjenigen der Gil ja ken den breiten Kopf mit kurzer Schnauze, den langgestreck- 
ten Körper auf verhältnissmässig sehr kurzen Beinen und den langen Schwanz des Thieres ; al- 
lein es fehlt die farbige Angabe der gestreiften Zeichnung des Thieres. Statt durch Farben sind 
an diesen giljakischen Tigergötzen die Streifen durch eine Reihe quer gestellter Einschnitte an 
den Seiten des Thieres dargessellt. Bisweilen jedoch fehlt die Angabe der Streifen auch ganz, 
und dann kann allerdings der Götze ebensogut auch auf den Irbis wie auf den Tiger bezogen 
werden. In diesem Falle wird es aber auch überhaupt schwer, bei der rohen Arbeit dieser 
Götzen, in der stark verkleinerten, gestreckten, mit kurzen Beinen und langem Schwänze ver- 
sehenen Gestall, welche einer Ratte weit ähnlicher als einem Tiger aussieht , dieses mächtige 
Raubthier zu erkennen. Ich habe selbst einen solchen Tigergotzen bei mir gehabt , welchen 
ich lange Zeit auf die Ratte {Mus decumanus) beziehen zu müssen glaubte, bis ich mit der gilja- 
kischen Sprache mich so weit vertraut gemacht halte, dass ich von den Giljaken selbst 
eine Erklärung dieser Götzengestalt erfragen konnte, in der ich nunmehr, mit den Tigergötzen 
der Golde und Mangunen bekannt, denselben Typus wiederünde. Ein anderer Zug der gilja- 
kischen Tigergotzen, in welchem sie von denen derGolde und Mangunen abweichen, besteht 
darin, dass das Ende des bisweilen ziemlich kurz dargestellten Schwanzes mit einer scharf 
abgesetzten Anschwellung versehen ist. Dies ist namentlich hei den durch Quereinschnitten 
gestreiften Tigergötzen der Fall, welche ich bei den oberen Giljaken am Amur häulig ge- 
sehen habe. Eine Erklärung für diese seltsame Abweichung von der Natur kann ich nicht 
fmden. Soll diese Anschwellung vielleicht die schwarze Schwanzspitze angeben? oder haben 
wir sie nur als eine in Folge mangelhafter Kenntniss des Thieres entstandene Erfindung der 
Phantasie anzusehen? Letzteres kann um so eher möglich sein, als der Tiger dort jedenfalls 
sehr selten ist, die Phantasie der Giljaken aber sich sehr viel mit ihm abgiebt. Denn die 
abergläubische Furcht vor dem Tiger , deren ich oben bei den Golde erwähnt habe, findet 
sich in einem noch höheren Grade bei den zu abergläubischen Vorstellungen jeder Art geneig- 
teren Giljaken. Nicht nur dass sie gleich den Golde vom Tiger zu sprechen oder gar ihn 
beim Namen zu nennen sich scheuen und darum beim Sprechen von ihm in der Regel die 
Stimme dämpfen und den Namen umschreiben, sondern sie sind auch der Ansicht, dass jede 
schlechte Handlung überhaupt dem Uebelthäter leicht das Erscheinen des «.4«» nach sich zie- 
hen könne. Der blosse Anblick des «Att» dürfte aber schon genügen dem Menschen Unheil 
und Verderben zu bringen , wenn er auch nicht sogleich zur direkten Beute desselben wer- 
den sollte. Bei solchem unheilvollen Begegnen sucht daher der Giljake dem Anblicke des 
Thieres sich möglichst rasch zu entziehen und lässt sich niemals in einen direkten Kampf mit 
ihm ein. Ich habe selbst Giljaken gesprochen, welche den Tiger gesehen zu haben behaup- 
teten; aber niemals, meinten sie, habe ein Giljake einen Tiger erlegt. Der umgekehrte Fall 
dagegen, dass Giljaken vom Tiger zerrissen würden, soll wohl vorkommen. Auch knüpft 
sich hei den Giljaken eine Reihe religiöser Gebräuche an die Bestattung und Aufbewahrung 
der aufgefundenen Ueberreste eines vom Tiger Zerrissenen oder an die Feier seines Gedacht" 
nisses. Es würde qns zu weit von unserem zoologischen Ziele entfernen , wollten wir hier 



Felis Tigris. 95 

eine Schilderung dieser religiösen Gebräuche derGiljaken geben, welche zweckmässiger dem 
ethnographischen Bande meiner Reisebeschreibung vorbehalten bleibt. Nur so viel will ich 
hier bemerken, dass diese Bestattungsgebräuche derGiljaken gleichmässig auf die vom Tiger 
und vom Bären Zerrissenen Bezug haben und auf dem Glauben an eine Seelenwanderung in 
Betreff dieser Thiere beruhen. Auch finden sich unter den Götzengestalten der Giljaken Zu- 
sammenstellungen von menschlichen mit Tiger- und Bärenformen , welche auf diese Vorstel- 
lungen von Metempsychose in direkter Weise hindeuten dürften. — Es bleibt uns nunmehr 
noch übrig der Verbreitung des Tigers an den Meeresküsten des Amur-Landes zu erwähnen. 
Die Mündung des Amur-Stromes ist keineswegs die Polargränze der Verbreitung des Tigers. 
Nach Aussage der Giljaken am Ochotskischen Meere lässt er sich auch dort als sehener 
Gast im Sommer sehen — ein Vorkommen, welches sich unmittelbar an das von Midden- 
dorff in Erfahrung gebrachte Vorkommen des Tigers an der Tyrma') anschliesst und das viel- 
leicht wohl die Polargränze desThieres bezeichnen dürfte. Längs den Küstendes Amur-Limanes 
und der Meerenge der Tartarei ist der Tiger ebenfalls vorhanden und zwar, nach Aussage 
derMangunen, bis etwa nachSsurku, nahe dem 50°n.Br., sehr selten, von da an südwärts 
aber häufiger und an der Küste wie an den in's Meer fallenden Flüssen, dem Tumdshi 
u. a. m. zu finden. Höchst auffallend endlich ist mir die Thatsache, dass der Tiger, trotz seiner 
Seltenheit im nördlichen Amur-Lande und dem Küstengebiete desselben, doch nicht auf das 
Festland beschränkt bleibt, sondern auch auf der Insel Sachalin sich finden soll. Zum we- 
nigsten versicherten mir die Giljaken der Westküste und des Innern dieser Insel, dass er, wenn 
auch sehr selten, dennoch sich dort sehen lasse, zum grössten Schrecken derGiljaken, 
welche in Beziehung auf den Tiger die Furcht und die abergläubischen Vorstellungen ihrer 
Landsleute auf dem Continente in gleichem Maasse theilen. Auch haben die Giljaken von Sa- 
chalin für den Tiger, ausser den auch bei ihnen gebräuchlichen Namen «aH» und «märeder», 
noch eine dritte , eigene Bezeichnung, welche mir auf der Westküste «A/m<sc/i», im Tymy- 
Thale im Innern der Insel nkluntsch» genannt wurde. Jedenfalls aber darf der Tiger nur als 
seltener Gast der Insel angesehen werden, und ist demnach anzunehmen, dass er bei Cap La- 
sareff oder nördlicher das Eis des Amur-Limanes überschreite, um sich auch auf der Insel 
zu verbreiten. Auf den Japanischen Inseln , südlich von Sachalin, soll er aber, nach dem 
Zeugnisse Siebold's^), nicht vorkommen. Ausser den südlichen, dem asiatischen Continente 
sehr genäherten Inseln Hainan, Sumatra, Java und Ceylon, ist alsoSachalin die einzige 
Insel welche vom Tiger bewohnt oder zum wenigsten besucht wird. Ueberhaupt ist es im 
Haushalte der Natur begründet, dass die grössten Raubthiere ihre Heimalh und grösste Ver- 
breitung auf den Continenten haben , wo eine reichere Säugethierfauna ihnen die nöthigen 
Nahrungsmittel liefert, und dass sie dagegen den Inseln, wo in der Regel eine Verarmung der 
Säugethierfauna stattfindet, fehlen. Bilden nun die mit conlinentalem Charakter ihrer Säuge- 
thierfauna versehenen Sunda-Inseln, und ebenso vielleicht auch Hainan und Ceylon, eine 

'1 Sibirische Reise I. c. 

2) Fauna Japonica. Mammalia. Dec. 1. p. 5. und Oec. 2. p. 28. 



96 Säugethtere. 

Ausnahme von dieser Regel, so lässt sich dasselbe doch kaum vom nordischen Sachalin er- 
warten. Blicken wir daher genauer . welche Nahrungsmittel der Tiger bei seinen Besuchen 
auf der Insel Sachalin dort finden dürfte. Hauptsächlich sind es wohl die grossleibigeren 
Ruminanüen und Pachydermen, welche dem Tiger in seinem gesammten weiten Verbreitungs- 
gebiete die nölhigen Nahrungsmittel liefern müssen. Im südlichen Theile des Amur-Stromes, 
wo der Tiger am häufigsten ist, giebl es mannigfache Repräsetitanten der genannten Gruppen: 
Edelhirsch, Reh, Elennthier, JMoschusthier, Wildschwein und im Küstengebirge eine Antilo- 
penart. Nach Norden, nahe der Mündung des Amur-Stromes, schwindet freilich die Hälfte 
derselben, Edelhirsch, Reh und Wildschwein , dafür aber findet sich zu den drei noch übrig 
iTcbliebenen Tliieren ein neues , das Rennthier , ein. Von diesen vier Thierarten schwindet 
endlich auf Sachalin wiederum ein sehr wichtiges, nämlich das Elennthier, und vielleicht 
auch die Antilope, die aber als ein ausschliessliches und sehr seltenes Gebirgsthier kaum in 
Betracht kommen kann, und es bleiben also nur Moschusthier und Rennthier nach, von denen 
ersteres nur im Innern der Insel , das Rennthier aber allenthalben und häufiger vorkommt. 
Wir sind daher genöthigl anzunehmen, dass der Tiger, wenn er die Insel Sachalin besucht, 
mit seiner Nahrung zumeist auf das Rennthier angewiesen sein müsse. Und so sehen wir den 
Tiger, den mau gewohnt ist sich in der Nähe von Palmen und Bambusen zu denken , auf der 
Insel Sachalin nicht bloss mit der polaren Form des Rennthieres zusammentreffen, sondern 
auch seine meiste Nahrung von derselben beziehen. Fügt man noch hinzu, dass ich im unte- 
ren Amur-Lande und auf der Insel Sachalin im Winter zu wiederholten Malen eine unter 
dem Gefrierpunkte des Quecksilbers siehende Temperatur beobachtet habe , so beweist dies 
wohl mehr als alle bisher bekannten Thatsachen, wie unrecht man thun würde, den Tiger als 
eine exclusiv tropische oder auch nui' subtropische Form betrachten zu wollen. 



21) Felis Irlii!^ Müll. 

Bei den Giljaken des Continenles und der Insel Sachalin wie der Tiger. 
« « Mangunen und Golde: jcrya. 

Da ich bei Besprechung des Tigers im Amur -Lande, wegen der häufig mangelhaften 
Unterscheidung bei den Eingeborenen zwischen Tiger und Irbis, an mehreren Orten zugleich 
auch des letzteren habe erwähnen müssen, so brauche ich mich hier nur kurz zu fassen und 
das auf den Irbis allein Bezügliche nachzuholen. Aus dem oben Gesagten geht bereits hervor, 
dass der Irbis im Amur-Lande dieselbe Verbreitung wie der Tiger hat, d. h. längs dem gan- 
zen Amur-Strome , an den Küsten des Ochotskischen und Tartarischen Meeres und auf 
der Insel Sachalin vorkommt. Allein nur im südlichen Theile dieses Verbreitungsgebietes, 
bei den Golde am Ussuri und am Amur-Strome ober- und unterhalb der Ussuri-Mün- 
dung, wird der Irbis als selbständige Thierart vom Tiger genau unterschieden und auch in 
der Bezeichnung auseinandergehallen. Bei ihnen findet man denn auch Irbis-Götzen , welche 



Felis Irbis. 97 

dieselbe Bestimmung wie die Tiger-Götzen haben, indem sie zum Schutze und Schadloshalten 
vor den Angriffen des gefiirchteten Thieres dienen sollen. Diese Irbis-Gützen, deren ich meh- 
rere amUssuri gesehen und auch welche mitgebracht habe, geben die Gestalt und Zeichnung 
des Thieres in ebenso roher Weise wie die Tiger-Götzen wieder. Dennoch verrathen der kurze 
breite Kopf, der gestreckte Körper, der lange Schwanz und vor allem die charakteristische, 
wenngleich nur sehr schematisch gehaltene Zeichnung diese grosse Katzenart des angränzen- 
den Ost- und Mittelasiens zur Genüge. In den Hauptziigen besteht die Zeichnung darin, dass 
am Kopfe abwechselnd rothe und schwarze Querstreifen, längs der Mittellinie des Kopfes, des 
Ri'ckens und des Schwanzes ein schwarzer Streifen und an den Seiten des Rumpfes und des 
Schwanzes entweder schwarze , oder abwechselnd schwarze und rothe Rosetten angegeben 
sind. Offenbar kommt es dabei den Golde nicht sowohl auf eine getreue Zeichnuni?, als auf 
eine specifisch selbständige Darstellung des Irbis und eine hinlängliche Unterscheidung des- 
selben vom Tiger an. Ich habe oft an den Kleidungsstücken oder unter dem Hausgeräth der 
Golde kleine Tiger- und Irbis-Götzen neben einander gesehen, welche in der Grösse und Ge- 
stalt vollkommene Seitenstücke zu einander bildeten und nur durch die verschiedene, hier üe- 
streifte, dort rosettenförmig gefleckte Zeichnung verschieden waren. Auch in ihren Beschrei- 
bungen vom Irbis hoben die Golde stets die grosse Aehnlichkeit desselben mit dem Tiger in 
der Grösse, Gestalt und Lebensweise hervor und gaben die vom Tiger verschiedene Zeichnung 
des Irbis an. Nach ihren Angaben soll der Jerga eine Katzenart von etwa l'/ Faden Länge 
sein, davon '/^ Faden auf den Schwanz kommt; wie der Tiger soll er einzeln vorkommen, 
bisweilen auf Bäume klettern, schleichend seiner Beute sich nähern und mit einem Sprunge 
sie erhaschen. Auffallender Weise soll der Irbis in den Gegenden am Ussuri und am Amur 
nahe der Ussuri-Mündung viel seltener als der Tiger sein, und ist es wahrscheinlich diesem 
Umstände zuzuschreiben, warum er von den Golde noch mehr als der Tiger gefürchtet wird. 
Nach Erzählungen der Golde sollen nur Wenige den Jerga gesehen haben und es wage Nie- 
mand ihn zu jagen, während Tiger, wenngleich in seltnen Fällen, doch erlegt werden. Ebenso 
scheint der Irbis auch weiter abwärts am Amur-Strome und gegen die Mündung desselben, 
wo er bei den Giljaken mit dem Tiger, als dessen jugendliche Form, für eine und dieselbe 
Thierart angesehen wird, noch seltner als der Tiger vorzukommen. Pallas's Angabe, dass 
der Irbis zwischen den Flüssen Uth (od.Uda) und Amur häufig sein soll '), müssen wir daher, 
im selben Maasse wie Middendorff es für das Stanowoi-Gebirge thut ^), auch für den zum 
Amur-Strome fallenden Theil dahin berichtigen, dass der Irbis dort sehr selten sei. Wie be- 
reits oben erwähnt, ist nach Angabe der Giljaken anzunehmen, dass der Irbis auch auf der 
Insel Sachalin als seltner Gast vorkomme. Auf den Japanischen Inseln lernte ihn Siehold 
nicht kennen. Doch erwähnt Middendorff ^) eines Felles ijn Museum von Levden, das 
aus Nangasaki herrührte; auch giebt Pallas einen japanischen Namen für den Irbis 

') Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 17. 
-) Sibirische Reise. 1. c. p. 76. 
■*; Sibir. Reise. I. c. 
Schrenck Aniur-ßeise Bd. I. jo 



98 Säugelhiere. 

an '). Es scheint also derselbe auch in Japan vorzukommen und somit auf den Inseln Ostasiens 
eine weitere Verbreitung als der Tiger zu haben. 



22) Felis (loinestica Briss. 

Bei den Giljaken: kyssk. 

« « Mangunen, Golde, Ssamagern, (Kile am Gorin): kysska, seltner: koksja. 

« « Biraren und Monjagern: kaka. 

Obgleich die Katze als Hausthier bei Besprechung des Haushaltes der Amur- Völker 
besondere Erwähnung ünden wird, glaube ich doch das zur geographischen Verbreitung der- 
selben Gehörige schon hier niittheileu zu müssen. Die Hauskatze ist bei den Eingeborenen des 
Amur-Landes bisher noch wenig eingebürgert. Sie hat auf zweierlei Wegen ihre Verbreitung 
in das untere Amur-Land gefunden: einmal durch die Maudshu und Chinesen von Süden, 
und dann, in späterer Zeit, durch die Russen von Norden her. Betrachten wir diese Wege 
genauer. Wie bereits Pallas ') und Nilsson ^) bemerken, fehlt die Katze allen nomadischen 
Völkern , deren wandernde Lebensweise , ohne einen bleibenden festen Wohnort, nicht wohl 
geeignet ist der Katze, welche sich stets an das Haus zu schliessen pflegt, eine Heimath zu 
bieten. Vergeblich würden wir sie daher bei den wandernden Tungusischen Stämmen am 
oberen Amur, den Orotschonen und Monjagern, suchen. Zwar ist sie den ersteren durch 
die Russen, und darum auch unter dem russischen Namen ukoschkan, und den Monjagern 
und wandernden Biraren durch die am Amur ansässigen Mandshu, Chinesen und Dau- 
ren unter dem Namen ukakn» bekannt, allein in ihre unstälen Zelte ist sie ihnen nicht ge- 
folgt. In den festen Ansiedelungen der mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigten Mandshu, 
Chinesen und Dauren am oberen Amur- oder Sachali-Strome ist sie dagegen wohl zu 
hnden, und dasselbe soll in den mandshurischea Dörfern und Städten am Sungari der Fall 
sein. Von den Ortschaften am Sungari ist sie durch mandsiuirische und chinesische Kauüeule 
auch in das untere Amur-Land, zu den Golde, Mangunen und Giljaken gebracht worden. 
Ich habe sie in vielen Dörfern dieser 3 Völker, in Turmi an der Ussuri-Münduug, in Ssa, 
Ssamachagdu, Dshai, Kidsi, Mongole, Tyr und Wair gesehen. Ueberall mögen sie die 
Eingeborenen sehr gern , angeblich weil sie den in ihren Häusern zahlreichen Ratten nach- 
stellt, in derThat aber weil sie an dem fremdländischen, bei den Mandshu geschätzten Thiere 
Gefallen hnden. Grossen Nutzen können sie von der Katze nicht haben, weil sie dieselbe ge- 
wöhnlich, um sie vor den in grosser Zahl von ihnen gehaltenen Hunden zu schützen, in einer 
gewissen Gefangenschaft, bald in einem Winkel des Hauses angebunden, bald in einem höl- 
zernen Käfige eingesperrt halten. Sie wird daher zum blossen Luxusartikel bei den Eingeborenen, 



M Zoojjr. Rosso-Asial. 1. c. 

*, ZoogT. Rosso-Asiat. I. p. 26. 

3) Skandin. Fauna. 1-a dcl: Päggdjuren. 184". I. p. 113. 



Felis domeslica. 99 

den sich der Wohlhabende unter ihnen gegen einen bedeutenden Preis entweder selbst von 
den Mandshu am Sungari holt, oder von einem stromabwärts gekommenen chinesischen 
Kaufmanne einlauscht. Die gewinnsüchtigen Mandshu und Chinesen sollen aber, um die- 
sen Handelsartikel nicht aus den Händen zu geben, nur verschnittene Kater zu den Amur- 
Völkern bringen, so dass eine Vermehrung der Katzen im unteren Amur-Lande selbst un- 
möglich ist und jedes einzelne Thier vom Sungari gebracht werden muss. ImAeusseren sind 
diese mandshurischen Katzen den russischen od*r europäischen ganz ähnlich, meist schwarz 
und weiss gescheckt . bisweilen auch blass fuchsroth und weder von aussergewohnlicher 
Grösse, noch mit langem Haare und hängenden Ohren versehen, wie man sie in der nordchi- 
nesischen Provinz Pe-tscheli hnden soll '). Letzlerer Charakter kommt also nicht allen chi- 
nesischen, zum wenigsten nicht den mandshurischen Katzen zu. Auffallend ist aber, dass die 
Katze bei .den Eingeborenen des unteren Amur-Landes, trotz ihres unzweifelhaft mandshuri- 
schen Ursprunges, eine Bezeichnung trägt, welche mit der russischen grosse Aehnlichkeit hat 
— ein Umstand, derauf eine ursprünglich durch die Russen vermittelte Bekanntschaft der Amur- 
Völker mit der Katze hinzudeuten scheint. Wie dem aber auch sei, beziehen gegenwärtig die 
Eingeborenen des Amur-Landes die Katze von den Mandshu und Chinesen, und ist daher 
auch die Verbreitung derselben an die Ausdehnung und die Häufigkeit ihres Verkehres mit 
den letztgenannten Völkern gebunden. Aus diesem Grunde besitzen die den Mandshu und 
Chinesen näher wohnenden, ihnen zum Theil unterworfenen Golde und Mangunen, welche 
überdies auch alljährlicii von chinesischen Kaulleuten besucht werden , die Katze häufiger 
als die entfernteren und vinabhängigen Giljaken, zu denen die chinesischen Kaufleute sich 
nicht mehr hinwagen. Von den beiden genannten Stämmen sieht man aber wiederum bei den 
sesshafleren Mangunen die Hauskatze häutiger als bei den nomadischeren Golde, welche im 
Sommer, ihren Ort oft wechselnd, nur leichte Zelte von Birkenrinde bewohnen. Die Giljaken 
des Amur-Stromes endlich haben noch auf ihren Handelsreisen zu den von chinesischen Kauf- 
leuten besuchten Orten am Amur oder zu den Mandshu am Sungari Gelegenheit sich mit 
diesem beliebten Thiere zu versorgen. Aber zu den mit den Mandshu und Chinesen so gut 
wie in gar keinem direkten Verkehre stehenden Giljaken der Insel Sachalin und Oro- 
tschen der Meeresküste gelangt die Katze nicht mehr. Ich habe sie in keinem der von mir 
mehrmals besuchten Dörfer des Amur-Limanes und der Insel Sachalin gefunden. Allerdinors 
kannten sie die Sachalin-Giljaken dem Namen und Aussehen nach, schon in Folge ihres 
Verkehres mit ihren Landsleuteu am Amur, allein sie besassen sie nicht und wussten mir auch 
nicht zu sagen, ob die Japanesen, bei denen die Katze ebenfalls ein beliebtes Hausthier 
ist, dieselbe zu den Aino im Süden der Insel bringen. So wenig hat sich also bisher die 
Katze auf dem mandshu -chinesischen Wege im unteren Amur -Laude verbreitet und einge- 
bürgert; offenbar aus dem Grunde, weil ihrer Veritreilung zwei Hindernisse im Wege stehen: 
einmal die hundezüchtende Lebensweise der Eingeborenen, welche sie nöthigt die Katze in der 



') Du Halde, üescri|it. de la Chine. I. p. 134. 



1 00 Säugelhiere. 

Gefangenschaft zu halten, wodurch sie ihrer Nützlichkeit berauht und zum Luxusartikel ge- 
macht wird, während sie doch in den von Ratten wimmelnden Häusern der Eingeborenen ein 
unumgängliches Thier sein dürfte, und daun zweitens die gewinusücr.lige Sitte der Mandshu 
und Chinesen nur verschnittene Kater in den Handel zu bringen. Ohne Zweifel viel rascher 
wird daher die Katze auf einem anderen, neueren Wege, durch die Russen, ihre Verbreitung 
und Einbürgerung im Amur-Lande linden. Gleich bei der «rsten Ansiedelung der Russen im 
Amur-Lande, im Jahre 1853, wurden einige Katzen in den Pelrovskischen Posten am 
Ochotskischen Meere, nahe dem Eingange in den Amur-Liman, und von dort im folgen- 
den Jahre in den eben angelegten Nikolajewschen Posten, an der Amur-Mündung, gebracht. 
Sie vermehrten sich bald, und die Giljaken, welche den Posten des Handels wegen häufig 
besuchten, baten sich bisweilen statt anderer Zahlung eine junge Katze aus. In den nächsten 
Jahren, 1855 und 56, konnte man daher schon in mehreren giljakischen Dörfern der näch- 
sten Umgegend des Nikolajewschen Postens, wie Wair, Tschcharbach und a. m., Katzen 
von russischem Ursprünge sehen. Weiter waren sie zur Zeit meines Aufenthaltes im Amur- 
Lande noch nicht gelangt, allein es ist vorauszusehen, dass bei der Vorliebe der Eingebore- 
nen für die Katze und der Nützlichiieit, die sie in ihrem Haushalte haben kann, ihre Verbrei- 
tung nunmehr rasch weiter gehen und der ferneren Einführung mandshurischer Katzen bald 
ein Ende setzen wird. 



II. INSEGTIVORA. 



23) ErSmacejss eiiropaeti!!« L. Taf. IV. fig. 2. 

In derNähe der Stadt Aigun, im mandshurischen Dorfe Guissoja am Amur, erhielt 
ich von den Eingeborenen das Fell eines Igels, welchen ich nach genauer Vergleichung mit 
den Igel-Arten unseres Museums und den Beschreibungen der bisher bekannten Igel-Arten 
für Erinaceux europaeus halten muss. So sehr nun diese Thatsache unseren bisherigen Erfah- 
rungen über die geographische Verbreitung des E. europaeus zu widersprechen scheint, so 
kann ich mich doch nicht entschliessen aus dem Igel des Amur-Landes, auf Grundlage einiger 
geringen Abweichungen vom europäischen Igel — Abweichungen, welche in den Bereich der Va- 
riation einer und derselben Art fallen dürften — eine neue Art zu bilden, sondern glaube viel- 
mehr, dass wir unsere bisherigen Ansichten über die geographische Verbreitung dieses Thieres 
modiliciren müssen. Eine genaue Beschreibung des Amur -Igels im Vergleiche zu den be- 
kannten Igel-Arten und besonders zum gemeinen Igel Europa's soll diese Ansicht rechtfertigen. 

Nach den bisherigen Erfahrungen über die Verbreitung der Igel- Arten dürfte man ge- 
neigt sein im Amur-Lande den E.aurütis S.Gmc\. zu vermuthen. Ich selbst schrieb daher die 



Erinaceiis europaeus. 101 

ersten Spuren, welche ich vom Igel im Amur-Lande fand, dieser Art zu '). Allein das von 
mir mitgebrachte Fell gehört keineswegs dem E. auritus an. Die kurzen Ohren , die einfach 
gefurchten , glatt anzufühlenden Stacheln , die borstenförmige Behaarung des Kopfes und der 
Seiten , die derberen Füsse und Nägel und die dunklere Färbung des Kopfes und der Unter- 
seite lassen keinen Zweifel übrig, dass unser Amur-Igel weder zur Sibirischen Igel- Art E.axi- 
ritus, noch zu einer der wenig gekannten, aber sämmtlich durch lange Ohren charakterisirten, 
entfernter nachbarlichen Formen Indiens und des Himmalaya - Gebiges, E. collans Gray, 
E. Spatangus Bennet und E.Grayi Beünet, gezogen werden dürfe. Dagegen bringen die ange 
gebenen Charaktere den Amur-Igel in die unmittelbare Nähe der europäischen Form ; ja 
es bleibt mir, indem ich ihn mit Exemplaren des E. europaeus vergleiche , nicht ein einziges 
hallbares Kennzeichen zur Unterscheidung beider Formen als besonderer Arten übrig. Ge- 
hen wir diese Vergleichung Stück für Stück durch. 

Die Stacheln des Amur-Igels bieten, unter dem Mikroskop betrachtet, in ihrem Baue 
keine Verschiedenheit von denjenigen des E. europaeus dar. Sie zeigen dieselbe einfache Fur- 
chung, ohne alle Hockerchen, und fühlen sich daher auch glatt an, während die des E. anritus 
durch eine Menge Höckerchen an ihrer Oberfläche rauh anzufühlen sind. In der Farbe aber 
zeigen die Stacheln des Amur -Igels allerdings eine geringe Abweichung von denen des eu- 
ropäischen Igels. Bei diesem sind nämlich die Stach In mehrfach braunschwarz und weiss gerin- 
gelt : an der Basis braunschwarz , dann bis über die Hälfte hinaus weiss, dann wiederum 
braunschwarz, wiederum weiss und an der äusserslen feinen Spitze schwärzlich. Sie sind also 
mit zwei weissen Ringen auf braunschwarzem Grunde versehen. Die Stacheln des Amur- 
Igels dagegen haben nur einen weissen Ring: sie sind an der Basis braunschwarz, dann hel- 
ler bräunlich , dann wiederum braunschwarz, dann weiss und an der äussersten feinen Spitze 
schwärzlich. Der Unterschied von der europäischen Form besteht also nur darin, dass der 
uutere weisse Ring am Stachel des E. europaeus beim Amur -Igel hellbräunlich ist. Dieser 
helibräunliche Ring setzt sich aber , ebenso wie der weisse an der europäischen Form, 
von den beiden ihn einschliessenden , dunkelbraunschwarzen Ringen ab. Es ist also beim 
Amur -Igel dieselbe Anzahl verschiedener Farbenringe am Stachel wie bei der europäischen 
Form vorhanden, aber mit einer Neigung der schwarzen Farbe überhand über die weisse 
zu nehmen. Durch solcli' ein Ueberhandnehmen der schwarzen Farbe über die weisse ist der 
unlere weisse Ring der europäischen Form hier durchgängig hellbräunlich oder schwärzlich 
geworden; der obere weisse Ring dagegen erhält sich in der Regel auch beim Amur-Igel 
weiss, allein nicht durchweg, indem er an vielen Stacheln entweder sehr eingeschränkt, oder 
aber ebenfalls mit bräunlichem Anfluge versehen ist. Durch ein mehr oder weniger starkes 
Ueberhandnehraen der bräunlichen Farbe über die weissen Ringe ist an den Stacheln der Amur- 
Form eine Reihe von Uebergängen zur Farbenzeichnung der europäischen Form wahrzunehmen, 
wie umgekehrt auch an der europäischen Form sich manche Stacheln linden, an denen der 



') Bull, de la classe phys. malh. de l'Acad. des sc. de St. Pelersb. T. XV. p. 246. Dsgl. Melanges russes. T. III. p. 352. 



102 Säugelhiere. 

untere weisse Ring einen bräunlichen Anflug erhalten hat. Es ist aber das Ueberhandnehmen 
einer schwarzen oder überhaupt dunkleren Färbung eine in der Thierwelt Ostasiens schon 
mehrmals beobachlele Erscheinung. Wir erinnern nur an die Bemerkung Baer's, dass 
Daurien sich durch vorherrschende Schwärze in allen Fellen auszeichne'), eine Bemerkung, 
die bisher am Eichhörnchen , Zobel u. a. m. ihre Begründung hat. Ich glaube daher auch 
in den schwärzeren Stacheln des Amur-Igels, im Vergleich zum europäischen, nicht sowohl 
ein Kennzeichen specifischer Verschiedenheit der Formen , als vielmehr eine fernere Kundge- 
bung jener Erscheinung des Schwarzwerdens europäischer oder westasiatischer Formen im 
Osten Asiens erblicken zu müssen. Uebrigens ünden sich auch am Amur-Igel, wie am euro- 
päischen, einige bis auf die feine schwärzliche Spitze ganz weisse Stacheln, nur minder zahl- 
reich als beim europäischen Thiere und, wie es scheint, in einem noch unentwickelten Zu- 
stande der Stacheln : ich habe an meinem Exemplare nur kurze, stärker gedrungene Stacheln 
von solcher Farbe gesehen, niemals Stacheln, die ihre volle Länge erreicht haben, während 
man am europäischen Thiere auch ganz lange weisse Stacheln findet. Die Länge der Stacheln 
endlich ist beim Amur -Igel ebenfalls dieselbe wie beim europäischen und erreicht im Maxi- 
mum nahe einen Zoll. 

Ein ferneres wichtiges Kennzeichen zur Idenlificirung des Amur-Igels mit dem euro- 
päischen bietet das Ohr. Dieses ist beim Amur-Igel im Vergleich zu E. aurüus entschieden 
kurz und stellt sich dem Ohre des E. etiropaeus, das es an Länge durchaus nicht übertrifft, ganz 
an die Seite. Wie dieses hat es eine längere und rauhere Behaarung als das Ohr von E. auri- 
tus und wird von den Stacheln und der umgebenden Behaarung des Kopfes überragt. Der ein- 
zige, sehr minime Unterschied, der sich zwischen ihm und dem Ohre der europäischen Form 
noch wahrnehmen liesse, dürfte darin bestehen, dass es weniger abgerundet und etwas spitzer 
zu sein scheint. Doch ist dies, wie gesagt, ein sehr geringer Unterschied, und finden sich an 
den fünf mir vorliegenden Exemplaren des europäischen Igels, aus der Umgegend Peters- 
burgs und Sarepta's, ebenfalls einige geringe Modilicationen dieses Verhältnisses. Ein genügen- 
der Grund zu specifischer Trennung der Formen dürfte also in diesem Umstände nicht gegeben sein. 

Das nächst wichtigste Kennzeichen zur Unterscheidung der Igel-Arten bietet die Behaa- 
rung des Kopfes, der Seiten und des Bauches derselben. Diese ist beim Amur-Igel nicht kurz 
und weich, wie bei E. ai(rüus, sondern länger, rauh und borstig, wie bei E. enropaeus , und 
nähert sich diesem auch in der Farbe, während es jenem fern sieht. Bei den mannigfachen 
Farbenabänderungen, die man innerhalb unserer europäischen Igel-Art findet und die auch 
an den mir vorliegenden fünf Exemplaren sich kundgeben , zeichnet sich E. europaeus doch 
immer durch eine dunklere, mehr mit Braun und Schwarz gemischte Farbe aus, während bei 
E. aurüus die Unterseite schmutzig weisslich ist, die Oberseite des Kopfes aber und die Seiten 
bräunlich sind. Beim Amur-Igel ist der Kopf auf dem Nasenrücken und im Umkreise der Augen 
schwarz mit weissen und hellbräunlicheu Ilaaren gestichelt; die Oberlippe ist ebenfalls schwärz- 



•) Baer, Cebersichl des Ja;,'d-Erwerbcs in Sibirien, besonders im östlichen. IIa er und Ilelmersen, Beitrage zur 
Kennluiss des russ. Reiches. Vll. p. 212. 



Erinaccus europaeus. 103 

lieh, aber stärker weiss gestichelt, das Kinn schmutzig weisslich ; die Stirne und Ohrgegend sind 
hellbräunlich und schwärzlich mit Weiss gestichelt, die Ohren schmutzig weisslich. Diese Fär- 
bung des Kopfes finde ich an zweien, aus Sarepta slanimenden Exemplaren von li. europaeus 
genau und nur mit etwas stärkerer weisser Slichelung wieder. An der Stirne und Olugegend 
rührt sie von der gemischten Färbung der langen, borstenformigen Ilaare her, welclie in ihrer 
unteren Hälfte braunschwarz, in der oberen, bis auf die schwärzliche Spitze, hellbräunlich oder 
schmutzig gelblich sind und mit ganz weissen Haaren untermischt stehen. Dieselbe Färbung 
zieht sich beim Amur-Igel von der Stirne und Ohrgegend längs den Seilen nnlerhalb der Stacheln 
fort, nur sind hier die Borsten noch länger, in ihrer unteren Hälfte stets braunsdiwarz, in<ler 
oberen gelblich und weisslich und an der Spitze schwärzlich. Es findet demnach an den Bor- 
sten eine gauz entsprechende Farbenzeichnung wie an den Stacheln statt. An denSarepta'schen 
Exemplaren von E. europaeus findet sich zwar ebenfalls ein schmaler, unterbrochener Streifen 
ebenso wie beim Amur- Igel gefärbter Borsten unterhalb der Stacheln, allein es nimmt doch 
im Vordertheile des Korpers das Weiss, im Hinterllieile das Schwarz entschieden überhand, 
wobei jedoch der schwarze Grund des Hinlerllieiies mit zahlreichen weiss oder gelblicii gerin- 
gelten oder auch ganz weissen Haaren gestichelt ist. Drei Exemplare von E. europaeus aus 
der Umgegend St. Petersburg's zeigen dagegen diesen Conlrast von schwarzer und weisser 
Färbung an den Seilen und dem Bauche nicht, sondern sind überall gleichförmig, und nur 
unter einander verschieden, heller oder dunkler braungrau gefärbt, wobei die Borsten eben- 
falls in der Basalhälfte dunkler, bräunlich, in der Endhälfle heller, schmutzig weisslich sind. 
Das dunkelste dieser letzteren Eveuiplare ist dem Amur-Exemplare sehr ähnlich und nur um 
ein Geringes heller gefärbt. Die erwähnte gemischte Färbung der Seilen selzl sich beim 
Amur-Igel, wie bei E. europaeus, auch auf die Extremitäten fort und verliert sich erst am 
Fusse, welcher ziemlich einfarbig braun ist, heller als bei den Sareptaschen und dunkler als 
bei den Petersburger Exem|)laren von E. europaeus. So liietet also die Färbung des Igels im 
Amur-Lande ebenfalls keine diagnostisciien Verschiedeuheilen von dem europäischen Igel 
dar, sondern schliesst sich vielmehr eng an die mannigfach variirende Färbung dieser letzte- 
ren Form an. 

Ein ferneres Kennzeichen, welches den Igel des Amur-Landes zu E. europaeus bringen 
lässt, entnehmen wir der Bildung seiner Zehen und Nägel. Diese sind nicht fein und schlank, 
wie bei E. aurilns, sondern viel der])er, kräftig und gedrungen gebaut, wie bei E. europaeus. 
Die Nägel sind im Verhällniss minder lang als bei ersterem, an der Basis breit und von brau- 
ner Farbe wie bei letzterem. 

Endlich stimmt der Amur-Igel auch in der minder verlängerten Schnauze und dei- slum- 
pferen Nase mit E. europaeus überein. Und so lässt sich denn in der Thal kein einziges Kenn- 
zeichen specifischer Verschiedenheit zwischen dem Igel des Amur-Landes und dem europäi- 
schen finden. Wir sehen uns daher genolhigt in demselben nur eine durcii dunklere Färbung 
der Stacheln und ein vielleicht etwas spitzeres Ohr ausgezeichnete Varietät von E. europaeus 
anzunehmen. 



104^ Säugelhiere. 

In Beziehung auf die geographische Verbreitung ist das Vorkommen von E. eiiropaeus 
am Amur eine äusserst überraschende Thatsache. Bekanntlich war Pallas der Ansicht, dass 
E. europaeus eine nach Osten sehr eingeschränkte Verbreitung habe, indem er das Ural-Ge- 
birt'^e nicht überschreite ') — eine Ansicht , welche wir noch heut zu Tage bei den meisten 
Zoologen, wie Wagner ^) , Keyserling und Blasius *), Nilsson *) u. a. m. wiederfinden. 
In der Thal ist er in höheren Breiten bisher von keinem Reisenden östlich vom Ural-Gebirge 
beobachtet worden. Südlicher aber erwähnte ihn schon Georgi für das gemässigte Sibirien 
östlich vom Ural-Flusse, in deuKirgisischen und Songorischen Steppen vom Ural zumObj, 
amTobolunillrtysch^) — eine Angabe, auf welche auch H.Akad. Brandt aufmerksam macht*^). 
Da Georgi auch den E. aurkus mit besonderen Fundortangaben nennt, so ist nicht anzuneh- 
men, dass seine Angabe auf einer Verwechselung dieser, übrigens nur all zu sehr verschiede- 
nen Formen beruhe. Auch hat ein anderer von ihm zuerst erwähnter Fundort von E. europaeus, 
Georgien ^), durch die späteren Beobachtungen Menetries*) und M. Wagner's^) im Kau- 
kasus seine Bestätigung gefunden. Ja in dieser Richtung südwärts hat ihn Schubert sogar 
aus der Umgegend Jerusalem' s, wo er nicht selten sein soll, mitgebracht '"). Nach Süden 
also ist E. europaeus keinesweges eine bloss europäische, sondern auch eine asiatische Form. 
Da wir ihn nun am Amur-Strome nachweisen, so liegt es nahe anzunehmen, dass er in süd- 
licheren Breiten als das Ural-Gebirge, in den von Georgi angegebenen Breiten und vielleicht 
noch südlicher, vom Kaukasus und von Palaestina ostwärts durch ganz Mittelasien bis 
nach China und dem Amur-Lande verbreitet sei. Es ist dies allerdings eine so grosse plötzliche 
Erweiterung des Verbreitungsgebietes einer Thierart, wie wir sie in der Geschichte unserer 
Wissenschaft selten finden, allein sie betrifft auch solche Gegenden, welche uns in Beziehung 
auf ihre Thierwelt noch eine Terra üicognüa sind und an deren Kenntniss wir daher noch 
manche Modification unserer bisherigen Ansichten über die Verbreitung organischer Formen 
erwarten dürfen. Am Amur habe ich den Igel nur an einem Orte, nahe der Stadt Aigun, also im 
Prairie-Theile des Stromes oberhalb des Bureja- Gebirges kennen gelernt. Niemals ist mir 
eine Spur desselben im unteren Amur -Lande, an der Mündung des Stromes oder auf der 
Insel Sachalin vorgekommen. Möglich also, das ihm dass Bureja-Gebirge eine Gränze der 



') Zoogr. Rosso Asialiia. I. p. 137. 

2) Die Saiigelliieie von Si:hreber. Suppitbd. Äbtb. 2. p. 20. 

3) Die Wirbelthiere Europa's. p. XVII. Dsgl. Blasius, Fauna der Wirbelthiere Deutschlands und der angriinzeu- 
den Länder von Mitteleuropa. Bd. I. Naturgesch. der Säugelhiere. Braunscbweig 1837. p. 134. 

*) Skandin. Fauna. 1847. I. p. 96. 

5) Georgi, Geograph., pbysikal. und naturbistor. Beschreibung des Russ. Reiches. III. Theil. 6. Bd. p. 1532. 

'') Bemerkungen über die Wirbeltliiere des nördl. europäischen Russlands, bes. des nördl. Urals, p. 10. Hof- 
mann, Der nordliche Ural und das Küstengebirge Pae-Choi. St. Petersb. 1836. II. 

') Georgi, I. c. 

*) Catal. raisonne des objets de Zool. recueillis dans un voyage au Caucase et jusqu'aux front, act. de la Perse. 
St. Petersb. 1832. p. 17. 

^) Brandt, lieraerkungen ülter die WirLeltbiere etc. I. c. 
'") Wagner, Die Säugelhiere von Scbreber. I. c. 



Erinaceus evropaeus. E. aurilus. 105 

Verbreitung nach Osten setzt. In das Amur-Land muss E. miropaeus offenbar aus China sich 
verbreitet haben, da er im östlichen Sibirien, westlich vom Amur-Lande, unbekannt ist. 
Dass es in der That in China Igel gebe, erfahren wir durch Siebold. Nach dessen Zeug- 
niss ^) sollen nämlich lebendige Individuen einer Igel-Art aus China nach Japan gebracht 
worden sein, wo es ursprünglich keine Igel gegeben habe und wo sich dieselben, seit jener 
Importation, in einigen bergigen Distrikten der Provinz aiito fortgepflanzt haben, immer je- 
doch sehr selten sind. Ferner sollen nach Siebold getrocknete und in der Regel sehr mit- 
genommene Igel-Felle, als ein in den japanischen Officinen gebräuchlicher Artikel, im Han- 
del aus Tibet und China nach Japan gebracht werden. Leider besass ein solches Fell, das 
Siebold selbst in Japan erhalten halte, weder Kopf noch Extremitäten und gestattete ihm 
daher nicht über die Art, der es angehörte, abzuurtheilen. So viel bemerkt aber Siebold, 
dass das Rumpfstück (und also auch die Stacheln) mit demjenigen von E. europaem ganz über- 
einstimmend war. Uns kommt es in Folge des Auflindens von E.enropaeus am Amur-Strome 
in der That nicht unwahrscheinlich vor, dass die aus China und Tibet nach Japan wan- 
dernden Igel- Felle dem E. europaens angehören mögen. Jedenfalls ist die Angabe Siebold's 
geeignet unsere Vermuthung, dass E. europaens durch ganz Mittelasien verbreitet sei, noch 
mehr zu bestärken. 



24) Erinaceus auritiis S. Gmel. 

Ob neben E. europaeus auch die sibirische Form E. aurilus das Amur -Land bewohne, 
kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, da mir keine Spur dieses letzteren Thieres begegnet ist. 
Wahrscheinlich ist es wohl, da bekanntlich schon Pallas, ob er gleich das Verbreituugs<Tebiet 
von E. aurilus bis an den Baikal-See angiebl, daurische Exemplare dieses Thieres beschreil)t\ 
Auch die durch 31iddendorff erhaltene Auskunft über das Vorkommen von E. aurilus an der 
Bureja oberhalb ihrer Mündung in den Amur ^) muss unbestimmt bleiben, da wir geo^en- 
wärtig , durch das Auffinden von E. europaeus am Amur, nicht wissen können, auf welche 
der beiden Arten die Aussage des Tungusen, der 3Iiddendorff die Nachricht vom Igel gab, 
zu beziehen sei. Nach der Combinalion unserer bisherigen Erfahrungen über die Verbreitung 
der Igel - Arten müsste sie allerdings auf die nachbarliche, sibirische und daurische Form, 
E. aurilus, bezogen werden. Seitdem aber das Vorkommen von E. europaeus am Amur und 
zwar in demselben Stromtheile, der Prairie oberhalb des Bureja-Gebirges, auf welchen auch 
jene Aussage des Tungusen Bezug hat, eine erwiesene Thatsache ist, dürfte man eher genei'^t 
sein sie zu Gunsten des E. europaeus auszulegen. Demnach wird es also wahrscheinlich, dass 
E. europaeus im Amur -Lande, in dessen oben bezeichnetem Prairie-Theile , nicht bloss am 



') Fauna Japonica. Mammalia. Dec. 1. p. 19. 
2) Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 139. 
') Sibirische Reise. 1. c. p. 76. 
SchreDck Amur-Keise Bii, 1. 1^ 



1 06 Sängelht'ere. 

Hauptstronie, sondern auch über diesen hinweg an den linken Zuflüssen desselben, wie an 
der Bureja u. a. m., verbreitet sei, an diesen letzteren aber noch unterhalb ihres oberen, 
gebirgigen Laufes, über welchen Middendorffs Reise ging, seine Polargränze erreiche. 
Uebrigens wiederholen wir nochmals, dass uns auch das Vorkommen von E. aurilus im obe- 
ren Theile des Amur -Stromes sehr wahrscheinlich dünkt. Im unteren Amur-Lande aber, an 
der Mündung des Stromes und auf der Insel Sachalin scheint er jedenfalls nicht vorzu- 
kommen. 



25) Sorex vulgaris L. 

Bei den GiljakendesContinentes und der Westküste der Insel Sachalin: mwc/ifr und /io«gs c/irä. 
« « « des Innern und der Ostknste von Sachalin: koiigtsrlik. 

Sorex vulgaris trägt im Amur-Lande eine Farbe, welche von der des europäischen Thieres 
etwas abweichend ist und mit der von Middendorff ') an den nordsibirischen Thieren bemerk- 
ten Färbung übereinstimmt. Alle meine an der Mündung des Amur-Stromes und auf der Insel 
Sachalin im November bis Januar, und also im Winterkleide, gefangenen Thiere stimmen 
unter einander in ihrer Färbung sehr überein und zeichnen sich durch den 3Iangel des röth- 
lichbraunen und gelblichen Farbentones von den europäischen Exemplaren aus. Die Oberseite 
ist au ihnen nicht sowohl rothbraun , als vielmehr dunkelgraubraun und die Unterseite er- 
scheint, durch den viel schwächeren bellgelblichen Anflug, heller und weisslicher als an den 
europäischen Thieren. Nur wo die dunkle Farbe der Oberseite mit der hellen der Unterseite 
zusammenstösst, zeigt sich bisweilen etwas mehr vom gelblichbraunen Farbentone. Diese 
dunklere, graubraune Färbung der Amur -Exemplare rührt aber nicht sowohl von einer län- 
geren Behaarung und dem damit verbundenen stärkeren Durchschimmern der mausegrauen 
Färbung des unteren Theiles der Haare, wie Middendorff es für die sibirischen Thiere an- 
nimmt, sondern von der verschiedenen Färbung der Haarspitzen selbst her. Allerdings ist auch 
an den Amur-Exemplaren, wie an den nordsibirischen, die Behaarung eine längere als an den 
europäischen Thieren und beträgt 8 — 9 Millim., davon über 6 von dunkelgrauer Farbe sind 
und nur kaum 2 auf die anders gefärbten Haarspitzen kommen ; diese Haarspitzen aber zei- 
gen, denjenigen europäischer Thiere gegenübergehalten, eine entschieden andere Farbe, in- 
dem ihnen der röthliche Farbenton fehlt und sie statt dessen dunkelgraubraun sind. Aehnlich 
verhält -es sich auch mit der weisslicheren Färbung der Unterseite bei den Amur-Exemplaren. 
Genau dieselbe dunkelgraubraune Färbung wie am Amur trägt S. vulgaris auch in Kam- 
tschatka, so viel ich aus einer Vergleichung der durch Hrn. Wosnessenski von dorther mit- 
gebrachten Exemplare mit den meinigen ersehen kann. Eine Mittelfärbung zwischen den roth- 
braunen europäischen Thieren und den dunkelgraubraunen nordsibirischen, kamtschatkischen 
und Amur-Foriuen ündel man an den nur schwach röthlichbraun oder rölhlichgraubraun gefärb- 



1) Sibirische Reise. 1. c. p. 77. 



Sorex vulgaris. S. pygmaeus. 



107 



teil Thieren dieser Art im Caucasus und im Altaischen Gebirge. Es scheint somit an diesem 
Thiere die Schwärze nach Nord und Ost zuzunehmen. Wie an den Spitzmäusen häufig bemerkt 
worden ist, variiren auch die Amur -Exemplare von S. vulgaris ansehnlich in der absokiten 
Grösse und in der verhältnissmässigen Länge der Schnauze und des Schwanzes. An drei, in 
Weingeist aufl)ewahrten Exemplaren aus dem Amur -Lande finde ich folgende .Maasse 
(in Millim.) : 



Länge von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel. 

Länge des Kopfes 

Länge des Schwanzes ohne Haarpinsel 



Dorf Wair am 
Amur. IN'oT. 



73 



37 



Xikolajewscher 
Posten. Dec. 



75 
25 
49 



Tymy-Thal im 
lauem v. Sacha- 
lin. Jan. 



67 
24 
50 



Sorex vulgaris ist im unteren Amur -Lande die häufigste Spitzmaus. Ich habe sie von 
der Mündung des Amur-Stromes und von der Insel Sachalin in mehrfachen Exemplaren 
mitgebracht. Auf dem Continente wie a«f der Insel findet sie sich im Winter nicht selten in 
den Hütten und Häusern der Giljaken, und habe ich sie in solcher Weise an der Westküste 
und im Tymy-Thale, im Innern der Insel, gefangen. Bei ihrer Kleinheit und geringen Anzahl 
fügt sie jedoch den Fischvorräthen der Eingeborenen keinen der Rede werthen Schaden zu. 



26) |§orex pygmaeus Laxm. 

Bei den Giljaken des Continentes und der Insel Sachalin wie S. vulgaris, 

Sorex pygmaeus ist im Amur r Lande auf der Oberseite von der gewöhnlichen schwach 
röthlichgraubraunen Farbe, auf der Unterseite schmutzig weisslich mit mehr oder weniger 
gelblichem Anfluge. An den Seiten gehen die Farben allmählig in einander über. Die 
einzelnen Haare haben eine Länge von etwa 7 Millim., davon kaum 2 auf die röthlich- 
graubraunen Spitzen kommen, das Uebrige aber von mausegrauer Farbe ist. Wie > andrer 
Orten variirt 5. pygmaeus auch im Amur -Lande und ist bald mit spitzerer, bald mit 
stumpferer Schnauze , bald mit länger , bald mit kürzer behaartem Schwänze versehen. Ich 
habe ein typisch gestaltetes Exemplar aus dem Innern der Insel Sachalin mitgebracht, an 
welchem der Schwanz in seiner ganzen Länge mit abstehenden langen Haaren bedeckt und 
die Schnauze sehr spitz ist. Andere Exemplare von Sachalin und von der 3Iündung des 
Amur-Stromes haben einen kürzer behaarten Schwanz. An allen aber ist der Schwanz ander 
Wurzel ziemlich stark eingeschnürt, im Verhältniss recht dick und von ansehnlicher, wenn- 
gleich variirender Länge im Verhältniss zu derjenigen des Körpers. An vier, in Weingeist er- 
haltenen Exemplaren finde ich folgende Maasse ;in Millim.) : 



108 



Säugethiere. 



Länge von der Nasenspitze bis zur 
Schwanzwurzel 

Länge des Kopfes 

Länge des Schwanzes ohne Haar- 
pinsel 



INikolajewscher 
Posten. Herbst. 



48 
2t 

36 



Nikolajewscher 
Posten. Not. 



52 
23 

36 



Tyniy-Thal im 
Innern t. Sacha- 
lin. Jan. 



45 
20 

39 



Dorf Poghobi an 

der Westküste v. 

Sachalin. März. 



51 
22 

45 



Sorex pygmaeus ist in seiner Verbreitung durch Sibirien seit Laxmann und Pallas ') 
bloss bis an den Jenissei nach Osten bekannt gewesen, bis ihn H. Akad. Brandt, nach eini- 
gen von Hrn. Wosnessenski mitgebrachten Exemplaren, auch aus Kamtschatka bekannt 
machte '). Wir können nun, weiter ergänzend, das Verbreitungsgebiet dieser kleinen Spitz- 
maus, durch das Auffinden derselben am Amur und auf der Insel Sachalin, bis an die Kü- 
sten der Mandshurei und des Ochotskischen Meeres aufdecken. Ich selbst fing sie im Au- 
gust 1854 an den Ufern des Amur-Stromes in der Nähe der Amur-Mündung und erhielt 
sie später, im Herbst und Winter, noch mehrmals aus des Umgegend des Nikolajewschen 
Postens. Desgleichen fand ich sie an der Westküste und im Innern der Insel Sachalin, wo 
sie im Winter, ebenso wie auf dem Continente, bisweilen in den Hütten der Giljaken sich 
aufhält. Ueberhaupt scheint sie im Amur-Lande weniger selten als in Sibirien vorzu- 
kommen. 



III. CHIROPTERA. 



27) Tesiieriigo ^Vesperiis) borealis Nilss. 

Ein Exemplar dieser Fledermaus-Art, das wir durch Hrn. Maack aus dem Quelllande des 
Amur-Stromes haben, stimmt, nach genauer Vergleichung, mit den Beschreibungen dieser 
Art und den Exemplaren unseres Museums aus der Umgegend St. Petersburg's vollkommen 
übereiu. Die Farbe des Amur-Exemplares ist ebenfalls dieselbe: oben dunkelbraun mit 
einem unregelmässigen, nach hinten verschmälerten gelblichen Fleck auf dem Rücken und ei- 
nem anderen Fleck von derselben Farbe an der Ohrwurzel und hinter dem Ohre ; unten 



') Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 133. 

2) Brandt, Bemerkungen über die Wirbelthiere des nördl. europ. Russlands, bes. des nördl. Urals, p. 7. s. Hof- 
mann, Der nördlictie Ural und das Küsten-Gebirge Pae-Choi. Bd. II. 



Vesperugo fVesperusJ boreah's. Vesperlilio myslacimis. 109 

gelblichgrau. Die einzelnen Haare sind in ihrem unteren Theile auf etwa V, ihrer Lance 

'3 o 

dunkelbraun, im oberen Drittheil oben gelblich, unten heller, gelblichgrau. Die Maasse 

des Amur-Exemplares sind folgende: 

Flugweite 250 Millim. 

Länge von der Nasen- bis zur Scbwanzspitze 95 » 

» des Kopfes 18 » 

» » Schwanzes • 42 » 

» » Ohres am Aussenraude 17 » 

» » Ohres am lunenrande 12 » 

» » Tragus am Aussenrande 6 » 

» » Tragus am Innenrande 4 » 

» » Oberarmes 26 » 

» » Unterarmes . .• 40 » 

» » Daumens ohne Nagel 6 » 

» » 3ten Fingers 38_j_15-+-12h-7 » 

» » 4'en Fingers 36-1-1 3-i- 8-+-3 » 

» » 5'en Fingers 35-h 9-i- 5-f-2 » 

» » Schenkels 15 » 

» » Schienbeins 19 » 

» » Fusses und der Zehen ohne Nägel 8 » 



» der frei vorstehenden Schwanzspitze 5 



» 



Von dieser durch Middendorff am Ostabhange des Stanowoi- Gebirges aufgefunde- 
nen ') und also bis nach dem Ochotskischen Meere in ihrer Verbreitung nachgewiesenen 
Fledermaus hat H. Maack ein Exemplar von der Mündung des Flusses Daban in die 
Schilka und also vom oberen Theila des Amur-Stromes mitgebracht. Ich sah Fledermäuse, 
welche wahrscheinlich zu dieser Art gehörten, noch am 30. Sept. (12. Oct.) Abends längs 
den felsigen Ufern des Argunj-Flusses schwärmen, bei einer bereits so niedrigen Temperatur, 
dass an den Ufern Eis sich bildete und in derselben Nacht auch der erste Eisgang auf dem 
Flusse sich einstellte. 



28) Vespcrtilio mysstaciiiiis Leisl. 

Bei den Giljaken des Continentes : jur/ur und jurjursch. 
« « Golde unterhalb des Geong-Gebirges : c/ii/rajda/jtj'. 
« « « oberhalb des Geong-Gebirges : c%ragda^. 
« « liile am Kur : ylagde. 



•) Middendorff, Sibirische Reise. 1. c. p.78. 



1 1 Säugethiere. 

Bei den Biraren und Monjagern : kulschidu. 
« « Oroischonen : tschinyrikan. 

(Diese Bezeichnungen beziehen sich wahrscheinlich auf die Fledermäuse überhaupt.) 

Indem ich für das Amur-Land diese und die folgende Art Fledermäuse {V. Dauhenlonii 
Leisl.) nenne, folge ich der in der zoologischen Systematik bisher üblichen, in manchen Fäl- 
len vielleicht allzusehr artensplitternden Unterscheidung nahe verwandter Formen , welche in 
Zukunft durch Vergleichung eines an einem Orte reichlicher angesammelten Materiales viel- 
leicht manche Reduction erleiden dürfte. Ehe jedoch eine solche geschehen ist, bleibt uns bei 
einer Aufzählung und vergleichen !en Beschreibung der Thierarten einer bisher noch unbekannten 
Gegend, wo die allgemein übliche Artenunterscheidung den Maassslab abgeben muss, nur übrig 
die uns vorliegenden Formen mit den bekannten um so genauer zu vergleichen und die etwa 
vorkommenden Abweichungen und Mittelbildungen, die uns allmählig den Variationskreis der 
Arten kennen lehren sollen, in allen ihren Einzeltheilen £tufzuzeicjinen. 

Nach Kühl, welcher die von Leisler entdeckte Art V. myslacinus zuerst beschrieb, bil- 
det ein dichter, langer, weichhaariger Bart längs der Oberlippe das diagnostische Kennzeichen 
derselben '). Aus Kuhl's fernerer Beschreibung lässt sich nur noch die Form und Lage der 
Talgdrüse , welche bei V. myslacinus eiförmig ist und nur über dem Auge liegt, bei F. Bau- 
bentonii dagegen als ein Wulst über dem Auge verläuft und sich abwärts um den hinteren 
Rand des Auges herumbiegt ^), als unterscheidendes Kennzeichen zwischen diesen beiden 
Arten entnehmen. Nach den späteren, genaueren und schärferen Diagnosen von Keyserling 
und Blasius, in Wiegmann's Archiv ^) und in den Wirbelthieren Europa's *), von Nils- 
son ^) , von Blasius in der Fauna der Wirbelthiere Deutschlands ^) u. a. m. geben noch die 
BeschalTenheit des Ohres, die Anheftung der Flughaut an die hintere Extremität, die ver- 
hältnissmässige Länge des 2'en und 3'"^° Gliedes am 3'^" Finger der vorderen Extremität und 
die Beschaffenheit der Schwanzflughaut diagnostische Merkmale zur Unterscheidung zwischen 
V. myslacinus Leis\. und F. Daubenlonii Lei s\. ab. Alle übrigen von mehreren Autoren eben- 
falls hervorgeliobenen Verschiedenheilen zwischen den genannten Arten, wie z. B. in den 
Grössenverhällnissen der Zähne u. dgl. m. , bilden so minime und unmerkliche Abstufungen, 
dass sie keine specifische Unterscheidung begründen können. Prüfen wir nun, wie sich die ange- 
führten Momente der Verschiedenheit beider Arten an unseren Amur-Exemplaren kundgeben. 

Von den fünf mir vorliegenden Amur-Exemplaren beider Arten zusammen, davon zwei 
von mir selbst und drei von Hrn. Maack gesammelt worden sind, gehören, nach den oben 
angeführten diagnostischen Kennzeichen, drei zu V. myslacinus und zwei zu F. Daubenlonii Leisl. 

Das Kennzeichen eines längeren Bartes an der Oberlippe bei V. myslacinus ist schwer 



') Kühl, Die deutschen Fledermäuse. Hanau. 1817. p. 58. 

2) Kühl, I. c. p. 31 und 58. 

3) Jahr^'ang V. 183"). Itd. I. p. 310 und 311. 

4) p. 33 und 34. 

') Skandin. Eauna. 1847. I. p. 43—50. 

*) Bd. 1. Nalurgesch. der Säugethiere Deutschlands. Braunschweig. 1837. p. 81 und 96 — 101. 



VesperlUio myslacinus. Hl 

festzuhalten, da sich in diesem Punkte vielfache Abstufungen finden und V. Dmibentonii eben- 
falls eine behaarte Schnauze hat. Als alleiniges diagnostisches Kennzeichen, wie Kühl es auf- 
fasst , dürfte es daher wohl nicht hinreichen V. mystacimts von V. Daubenlonü in allen Fällen 
zu unterscheiden. Dennoch haben von den Amur-Fledermäusen die drei Exemplare, welche 
ich für V. myslacinus halte, eine entschieden stärkere Behaarung der Oberlippe als die von 
mir zu V. Daubenlonü gebrachten Thiere. 

In Beziehung auf die Form und Erstreckung der Talgdrüse lassen sich die Amur-Exem- 
plare ebenfalls in der angegebenen Weise in zwei Arten unterscheiden. Ich zweifle jedoch 
sehr, dass dieses Kennzeichen ein durchgreifendes sein dürfte, da sich auch an meinen Exem- 
plaren verschiedene Grössenverhältnisse an der Talgdrüse bemerken lassen und mit der Grösse 
zugleich auch die Erstreckung der Drüse nach hinten eine Veränderung erleidet. Auch hat 
dieses Moment nach Kühl von keinem der späteren Zoologen weitere Berücksichtigung gefun- 
den , vielleicht auch aus dem Grunde , weil es kein äusserliches und darum auch nicht immer 
und an trockenen Exemplaren der Museen niemals brauchbares Kennzeichen ist. 

Das Moment aber, auf welches die neueren Zoologen bei Unterscheidung der genannten 
Arten und der Fledermäuse überhaupt das grosste Gewicht legen, ist bekanntlich die Beschaf- 
fenheit des Ohres. Dieses ist bei V. myslacinus am Aussenrande stärker und tiefer buchtig aus- 
gerandet als bei V. Daubenlonü ; auch soll der Ohrdeckel bei ersterer etwas länger und von 
der Basis an, bei letzterer bloss in der Endhälfte verschmälert sein. Blasius legt, bei Erwäh- 
nung der Variabilität von V. myslacinus, auf die Beständigkeit dieses Kennzeichens besonderes 
Gewicht'). An meinen drei Amur-Exemplaren finde ich ebenfalls den Aussenrand stark buch- 
tig ausgerandet, so dass sie nach diesem Kennzeichen unzweifelhaft zu V, myslacinus gehören. 
Dennoch finden sich in diesem Verhältniss ebenfalls Abstufungen , wodurch sich die beiden 
Formen V. myslacinus und V. Daubenlonü so weit nähern,-dass die Unterscheidung zweifelhaft 
wird. Ja dies kann um so leichter geschehen , als die gleichzeitige Verschiedenheit in der 
Länge und Form des Ohrdeckels zwischen V. myslacinus und V. Daubenlonü, wie Keyserling 
und Blasius sie angeben, sich nicht durchweg zu bestätigen scheint. So ist an den Amur- 
Exemplaren von V. myslacinus, mit deutlicher und starker Einbuchtung am Aussenrande des 
Ohres, der Tragus dennoch nur in seiner Endhälfte deutlich verschmälert und läuft am Ende 
bald mehr, bald weniger abgerundet spitz zu. Seine äusserste Spitze ist nicht nach aussen ge- 
bogen, sondern verläuft grade, und kann ich ihn der Form nach vom Tragus von V. Dauben- 
lonü kaum und nur durch eine sehr wenig grössere Breite an der Basis als im weiteren Ver- 
laufe unterscheiden. Ebenso ist die verschiedene Länge des Tragus sowoh wie des ganzen 
Ohres bei V. myslacinus und V. Daubenlonü zu gering, um hinzureichen beide Formen immer 
mit Sicherheit auseinander zu halten. 

Ein ferneres Kennzeichen, auf welches sowohl Keyserling und Blasius, als auch Nilsson 
grossen Nachdruck legen, ist die verhältnissmässige Länge des 2'^" und 3'en Gliedes am 



1) Fauna der Wirbellh. Deutschlands. I. c. p. 98. 



112 Säugethiere. 

3ten Finger der vorderen Extremität, indem diese beiden Glieder bei V. mystacinus gleicli lang 
sind, bei V. Daubentonii dagegen das 3'" Glied kürzer als das 2'e ist. Blasius fügt ausdrück- 
lich hinzu, dass das eine Eigenlhümlichkeit von V. mystacinus sei , die sich bei keiner anderen 
europäischen Fledermaus ünde '). Die unten mitgelheilten Maasse bestätigen dieses Verhältniss 
auch an den Amur-Exemplaren bis auf die unbedeutende Differenz von '/, 31illim. Doch 
scheint diese Differenz bisweilen auch grösser zu sein. Denn bei einer der von Hrn. Wosnes- 
senski aus Kamtschatka mitgebrachten Fledermäuse, welche mir, ungleich den anderen 
von Hrn. Akad. Brandt zu V. Daubentonii gehr achten Exemplaren, nach der Länge des Bartes, 
der Beschaffenheit der Ohren und der Anheftung der Flughäute längs den Fusssohlen zu V. 
mystacinus zu gehören scheint und mit den Amur-Exemplaren im Uebrigen sehr übereinstim- 
mend ist, sehe ich die Differenz zwischen dem 2*6" und S'«" Gliede am 3'*" Finger sogar auf 
1 Millim. steigen. Erwägt man nun, dass andrerseits diese Differenz bei V. Daubentonii oft, 
und auch bei den Amur-Exemplaren, nur 2 Millim. beträgt, so bleibt zum Unterschiede zwi- 
schen beiden Arten in diesem Punkte nur eine Differenz von 1 Millim. nach. Allein genom- 
men, dürfte daher dieses Moment ebenfalls nicht immer zur unzweifelhaften Unterscheidung 
der genannten Arten dienen. 

Aehnlich verhält es sich mit der Differenz in Beziehung auf die Anheftung der Flughaut 
längs der Fusssohle. Uebereinstimmend mit den Diagnosen der beiden Arten, reicht auch bei 
den Amur-Exemplaren von F. mystacinus die Anheftung der Flughaut längs der Fusssohle 
bis zur Zehenwurzel, bei V. Daubentonii dagegen bis etwa zur Mitte des Mittelfusses. Da aber 
die ganze Fusssohle nur etwa 3 — 4 31illim. beträgt , so bleibt nur ein Raum von i^^ — 2 
Millim. freier, von der Flughaut längs ihrem Rande unberührter Fusssohle bei V. Dauben- 
tonii zur Unterscheidung von V. mystacinus übrig. 

• Das Kennzeichen ferner, das Nils so n in den Diagnosen dieser beiden Arten allen übri- 
gen voraussetzt, dass nämlich die Schwanzflughaut bei V. mystacinus mit zahlreichen (10 — 12) 
merkbaren Qucrslreifen versehen sei, bei V. Daubentonii dagegen keine solchen, sondern, wie 
Nilsson in der ferneren Beschreibung dieser Art anführt, nur eine grosse Menge vermittelst 
der Loupe sichtbarer, punktirter Linien habe, kann ich an den Amur-Exemplaren nicht ganz 
bestätigt finden. An diesen sind nämlich Querstreifen bei V. mystacinus sehr deutlich und sogar 
bis zur Anzahl von 1 4 vorhanden ; dieselben fehlen aber auch den Exeimplaren von V. Dau- 
bentonii nicht ganz, sondern sind nur viel schwächer und übrigens bei beiden mit kleinen, 
dem unbewaffneten Auge sichtbaren Punkten oder Wärzchen versehen. 

Uebereinstimmend endlich mit den Beschreibungen dieser beiden Arten, ist der Pelz bei 
den Amur-Exemplaren von V. mystacinus langhaariger als bei denjenigen von V. Daubentonii. 
Seine Farbe ist bei V. mystacinus oben schwärzlich gelbbraun , unten schmutzig gelblichgrau. 
Die einzelnen Haare sind in ihrem unteren Theile bis über die Hälfte hinaus schwarz, an den 
Spitzen auf der Oberseite fahlgelblich braun , auf der Unterseite fahlgelblich grau. Der Bart 



') Fauna der Wirbellh. Deutschlands. I. c. p. 97. 



Vesperlilio mystacinus. 



113 



an der Oberlippe ist dunkelschwarzbraun oder schwarz. Die Unterseite der Schwanzflughaut 
trägt viele einzelne graue Haare , namentlich längs dem Schwänze und von diesem aus auf 
und zwischen den Querstreifen der Flughaut. Die Amur -Exemplare stimmen in ihrer Fär- 
bung ganz mit den in unserem Museum befindlichen europäischen Thieren aus dem Böhmer- 
Walde, dem Caucasus und dem Kasan'schen Gouvernement, wie mit einem Exemplare aus 
Kamtschatka überein. 

Die Maasse der drei mir vorliegenden Amur-Exemplare von F. mystacinus sind folgende 
(in Millim.): 



Flugweite 

Länge von derNasen-bis 
zur Schwanzspitze. . . 

Länge des Kopfes 

Länge des Schwanzes.. . 
Länge des Ohres am Aus- 



senrande . 



Länge des Ohres am In- 



Tragus 



Tragus 



am 



am 



nenrande, 
Länge des 

Aussenrande 
Länge des 

Innenrande 

Länge des Oberarmes. . . 
Länge des Unterarmes . . 
Länge des Daumens ohne 



Nagel , 



Länge des 3'"^° Fingers 



4ien Fingers 
5ten Fingers 



Nikolajewschcr Posten. 
10 (22) Sept. 



205 

80 
15 
36 

14 

12 



' 2 



6 
22 
34 



294- 
28 - 

28 - 



-101 

■ 8 - 

■ 8 ■ 



-10- 

8- 
6- 



11 
14JL 



H 



» » 

» » Schenkels... 12 10 

» » Schienbeins . . 15 14 

Länge des Fusses u. der 
Zehen ohne Nägel . • . 

Länge der frei vorstehen- 
den Schwanzspitze. . . 

Das Verbreitungsgebiet von V. mystacinus, einer Fledermaus, welche bisher bloss in 
Europa bis zur Ukraine und dem Caucasus bekannt war, gewinnt in unseren Augen durch 

Schreück Amar-Reise Bd. I. 15 



Bai Hadsbi. Augrust. 



190 

70 
14 
31 

13 

11 



H 



5 
19 
30 



27-h-9|-h9 -+-H 

27- 
27- 



-n- 



-6|-f-2 
-6 -t-1 



Amur oberhalb Borbi. 



180 

72 
14 

33 

13 
11 



H 

20 
31 



281-1-10- 

28 -+- 8- 
27 -+- 7- 



10 - 

• n- 

■ H- 



-4 
-2 
-2 



114. Säugelhiere. 

das AufQnden derselben im entferntesten Osten Asiens eine bedeutende Erweiterung. Zunächst 
stellt sicL nach einer genauen Prüfung der von Eversmann ') als neu aufgestellten und von Hrn. 
Akad. Brandt^) bereits in Zweifel gezogenen Art V. Brandlii und einer Vergleichung derselben mit 
den Amur-Exemplaren von V. mystacimis deutlich heraus, dass dies Ibe nicht, wie H. Akad. 
Brandt vermuthete, zu V. Daubenlonü, sondern zu V. myslacinus gehört. Ein Exemplar der- 
selben, das unser Museum besitzt und das von Eversmann selbst herrührt, hat eine lange 
Behaarung der Oberlippe, stark ausgebuchtete Ohren, eine ganz gleiche Länge (von 9^^ Millim.) 
des 2'^" und 3'en Gliedes am 3'*"i Finger , eine längs der ganzen Fusssohle bis an die Zehen- 
wurzel angeheftete Flughaut und eine sehr deutlich quergestreifte Schwanzdughaut — Merk- 
male, nach denen diese Fledermaus ohne Zweifel zu V, mystacinus gebracht werden muss. 
Auch stimmt es in seiner Färbung ganz mit den europäischen und den Amur -Exemplaren 
überein. Demnach käme also V. mystacinus in den Vorbergen des Urals, an der Ssakmara und 
im Kasan'schen Gouvernement vor. Ferner muss ich eine der von Hrn. Wosnessenski aus 
Kamtschatka mitgebrachten Fledermäuse, wegen der bereits oben erwähnten Charaktere 
derselben, ebenfalls zu V. mystacinus bringen. Endlich habe ich selbst diese Fledermaus von 
der 3Jünduug des Amur -Stromes und von der Bai Hadshi, an der Meerenge der Tartarei 
im 49° n. Br., mitgebracht, während H. Maack sie am Amur -Strome oberhalb des Dor- 
fes Borbi (d. i. etwa 400 Werst oberhalb seiner Mündung) erhielt. So scheint also diese 
Fledermaus quer durch den ganzen europäisch - asiatischen Continent verbreitet zu sein. An 
der Mündung des Amur -Stromes ist sie die häufigste Fledermaus; dort habe ich sie im Au- 
gust und Anfang September's an heiteren Abenden, gleich nach Sonnenuntergang, sowohl 
über dem Strome, wie an gelichteten Stellen des Waldes und zwischen den Häusern des Ni- 
kolajewschen Postens fast täglich fliegen sehen. Ihr Flug ist wenig hoch, aber rasch und 
mannigfaltig und das Thier daher schwer zu fangen. Etwa nach dem 15. (27.) Sept. Hess sie 
sich nicht mehr sehen. 



29) Vespertilio DaulientGiiii Lcisl. 

Bezeichnungen bei den Eingeborenen wie für V. mystacinus. 
Die Beschaffenheit der Amur -Exemplare von V. Daubentonü ist bereits oben, bei Gele- 
genheit einer Vergleichung mit V, myslacinus , besprochen worden. Die Farbe der Amur- 
Exemplare ist mit derjenigen europäischer Thiere ganz übereinstimmend , oben röthlichgrau- 
braun, unten weisslichgrau. Die einzelnen Haare sind auf der Oberseite in ihrem unteren 
Theile bis über die Hälfte hinaus dunkel schwarzbraun, an den Spitzen licht röthlichgrau- 
braun, auf der Unterseite unten schwarzgrau, an den Spitzen weiss. Die Unterseite der 
Schwanzflughaut hat einzelne graue Härchen, welche am Rande derselben eine schwache Spur 



1) Bullet, de la soc. des naliir. de Moscou. 1843. T. XVIII. No. II. p. 503. 

^) Die Handflügler des europ. und asiat. Russlands. S. dessen Beiträge zur näheren Kenntniss der Säugetbiere 
Russlands, p. 39. Auch in den Jlemoires malbem., phys. et nat. de l'Acad. des sc. de St. Petersbourg. T. VII. 



Vesperlilio Danbentonn. Plecotus aurilus. 



115 



von Wimperung bilden. Die Maasse der beiden mir vorliegenden Amur -Exemplare sind 
folgende (in Millim.) : 



Flugweite 

Länge von der Nasen- bis zur Schwanzspitze 
Länge des Kopfes 

» Schwanzes 

» Ohres am Aussenrande 

» » » Innenrande 

» Tragus am Aussenrande 

» » » Innenrande 

» Oberarmes 

» Unterarmes 



Daumens ohne Nagel 

3ten Fingers 

4ien Fingers 

5ien Fingers 

Schenkels 

Schienbeins . . 

Fusses und der Zehen ohne Nägel. 



Amur oberhalb der Bureja- 
Müudung. 23. Sept. 


Amur oberhalb der Dseja- 
Mündung. 8. Ott. 


180 


200 


78 


78 


16 


16 


34 


35 


14 


15 


12 


12^ 


7 


7 


5 


5 


23 


25 


36 


37 


7 


6 


31-f-12-HlO-t-7 


33 -h12 H-10-H7 


30h- 9-+- 7-+-3 


32|h- 9|-t- 8h-3 


30h- 9h- 5h-3 


32 H- 9 H- 5h-2^ 


13 


13 


16 


17 


9 


8 


3 


2 



der frei vorstehenden Schwanzspitze . . 

In Beziehung auf die geographische Verbreitung ist V. Daxibentonii durch Eversmann 
und Brandt vom Altaischen Gebirge und durch die vonHrn. Wosnessenski mitgebrachten 
Exemplare auch aus Kamtschatka ^) und also durch ganz Nordasien bekannt. Zwei Exem- 
plare derselben Art sind von Hrn. Maack am .^ur-Strome, eines oberhalb der Dseja -Mün- 
dung, das andere oberhalb der Bureja-Mündung erhalten worden. 



30) Plecotus aua'Btiis L. 

Das einzige mir vorliegende Exemplar dieser Fledermaus aus dem Amur -Lande, und 
zwar von der Küste der Mandshurei, finde ich, nach genauer Vergleichung aller Charaktere, 
mit dem europäischen Thiere ganz übereinstimmend. Die Farbe desselben ist oben gelblich- 
graubraun, unten blasser, hellgelblichgrau. Die einzelnen Haare sind in ihrem unteren Theile 
bis über die Hälfte hinaus schwarzbraun, an der Spitze oben hellgelblichbraun , unten hell- 
gelblichgrau. Die Maasse des mandshurischen Exemplares von PL aurilus sind folgende : 



') Brandt, Die Uandflügler des europ. u. asiat. Rassl. S. dessen Beitr. z. nah. Eenntniss d. Saugeth. Russl. p. 39. 

* 



» 


» 


» 


» 


» 


» 



116 Säugethiere. 

Flugweite 250 Millim. 

Länge von der Nasen- bis zur Schwanzspitze 98 » 

» des Kopfes 19 » 

» » Schwanzes 48 » 

» » Ohres, von der Basis des Innenrandes an 35 » 

» » Ohrdeckels 17 » 

Oberarmes 26 » 

Unterarmes 41 » 

Daumens ohne Nagel 8 « 

» » 3'e° Fingers 36h-1 5-1-1 4-+-7 » 

» » 4K'n Fingers 36-i-lO-i- 9h-2 » 

» » 5'en Fingers 34-1-1 0-+- 8-»-2 » 

» » Schenkels 16 » 

» » Schienbeins 20 » 

» » Fusses und der Zehen mit den Nägeln 11 » 

» der frei vorstehenden Schwanzspitze 2J » 

In Beziehung auf die geographische Verbreitung von Plecotus aurüus gab schon Pallas 
das vonSteller beobachtete Vorkommen dieser Fledermaus in Kamtschatka an'). Hrn.Akad. 
Brandt hat sie neuerdings von der Küste des Ochotskischen Meeres bei Ajan bekannt ge- 
macht "). Wir können nun, weiter nach Süden ergänzend , unsere Kenntniss von der Ver- 
breitung dieser Fledermaus im Osten Asiens auch über die Mandshurei ausdehnen, indem 
ich ein Exemplar dieses Thieres von der Bai Hadshi, an der Meerenge der Tartarei im 
49° n. Br., erhalten habe, und H. Maack dieselbe Fledermaus bei Nertschinsk, also im 
oberen Theile des Amur-Systemes angetroffen hat. 



IV. G L I R E S. 



3 1 . Ptei'oiuys volaii!$ L. 

Bei den Giljaken des Continentes und der Westküste von Sachalin: tumr und tumrsch. 
« « « des Innern und der Ostküste von Sachalin : okila-nga. 

« « Mangunen, Golde, Ssamagern (Kile am Gorin) : c/iongmo. 



') Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 124. 

^) Brandt, Die Uaudflügler des europ. und asial. Russlands, s. dessen Beiträge etc. p. 40. 



Pteromys volans. 117 

Bei den Kile am Kur: omoki. 

« « Biraren und Monjagern: umki. 

« « Orotsclionen: notaga '). 

Die Amur -Exemplare des fliegenden Eichhörnchens dürften mit den sibirischen ganz 
übereinstimmend sein. Nur scheint mir Pallas's treffliche und ausführliche Beschreibung von 
Pt. volans^), welche vielen späteren Beschreibungen dieses Thieres zur Grundlage gedient hat, 
bei Erwähnung der gemischten Färbung des Thieres den wohl meist vorhandenen, bald stär- 
keren, bald schwächeren, schmutziggelblichen Farbenton desselben zu sehr ausser Acht zu 
lassen. An den Amur -Exemplaren von Pt. volans ist die Farbe oben aschgrau, mehr oder 
weniger schmutziggelblich untermischt ; unten weiss , bisweilen ebenfalls mit iheilweisem 
schmutziggelblichem Anfluge. Das Wollhaar ist dunkel mausegrau. Die Deckhaare des Rückens 
sind in ihrem unteren Theile dunkelgrau, im oberen weisslich oder gelblich und an der Spitze 
wiederum schwärzlich, — eine Zeichnung, durch welche die gemischte, grauweisslich gelbliche 
Färbung des Thieres entsteht. Auf der Unterseile sind die Deckhaare in ihrer unteren Hälfte 
dunkelgrau, in der oberen weiss, einige auch gelblich und mit schwärzlichen Spitzen, zumal 
nach den Seilen hin und unter der Flughaut. Der Schwanz ist graugelblich mit schwärzlichem 
Anfluge; das Wollhaar an demselben ist grauweisslich, die Conlourhaare weisslich und gelb- 
lich, viele, zumal gegen das Ende des Schwanzes, mit langen schwarzen Spitzen versehen. 

Pallas's Ansicht, dass das fliegende Eichhörnchen nach Osten kaum die Lena über- 
schreite^), wurde neuerdings durch das Auffinden dieses Thieres von Hrn. Akad. Middendorff ') 
imStanowoi-Gebirge und von Hrn. Wosnessenski in den Waldungen bei Ajan am Ochot- 
skischen Meere ^) widerlegt. Wir können nun auch das ganze Amur -Land in das Verbrei- 
tungsgebiet dieser Thierart ziehen. Pt. volans ist allen dem Amur -Strome anwohnenden 
Völkern, von den Orotschonen bis zu den Giljaken, bekannt. Im oberen und unteren wald- 
reichen Stromlaufe kommt es als Bewohner der unmittelbaren Ufer des Amur -Stromes und 
seiner beiderseitigen Zuflüsse, wie des Kur, Chongar, Gorin, Jai u. a. m., vor. ImPrairie- 
iheile dagegen kennen es die Eingeborenen nur von den Abhängen der landeinwärtsgelegenen, 
mit Wald bedeckten Gebirge. An der 31ündung des Amur-Stromes habe ich dieses Thier aus 
der nächsten, meist mit Nadelholz bewachsenen Umgegend des Nikolajewschen Postens wäh- 
rend des ganzen Winters, vom November bis Mai, zu wiederholten Malen erhalten. Nicht min- 
der bewohnt Pt. volans die bewaldeten Küsten des südlichen Ochotskischen Meeres, des 
Amur-Limanes, wo ich es im Dorfe Tschomi gesehen habe, und der Meerenge der Tartarei, 
an der Bai de Gas tri es und, nach Aussage der Eingeborenen, bis über die Bai Hadshi nach 
Süden hinaus. Auch setzt ihm die Meeresküste hier nicht sogleich eine Gränze der Verbrei- 



1) Wahrscheinlich bloss eine Verstümmelung des russischen Wortes Ijetjaga. 
-) Novae Species Quadr. e Glirium ordine. Erlangae 1778. p. 353 sq. 
3) Xovae Spec. Quadr. e Glir. ord. p. 360. Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 191. 
■■) Sibirische Reise. 1. c. p. 78. 

5) Brandt, Bemerk, iiber die WirLelth. des nördl. europ. Russlauds, p. 32. s. Hofmann, Der nördl. Ural und 
das Küsteugeb. Pae-Choi. II. 



118 Säugethiere. 

tung. Ungleich seinem Verhalten im Norden, wo es durch waldlose Strecken von der Halb- 
insel Kamtschatka ferngehalten wird, hat sich das üiegende Eichhörnchen im Amur-Lande 
von der Küste der Mandshurei, wohl hei Cap Lasareff, auch üher die nahe anliegende 
Insel Sachalin verbreitet, wo es beide Küsten, sowohl als auch das mit gemischter Nadel- 
und Laubholzwaldung und darunter häufig auch mit der Belula Ermanni bewachsene Innere 
des Insel bewohnt. 



32) Sciui'iis vulgaris L. 

Bei den Giljaken des Continentes und der Westküste der Insel Sachalin: lakr und lakrs. 

« « « des Innern und der Ostküste von Sachalin: lafkor. 

« « Mangunen, Golde am Amur unterhalb des Ussuri und am Ussuri, Ssamagern 
(Kile am Gorin): chulu und chuluch'ssa, 

« « Kile am Kur, Golde oberhalb des Ussuri, Biraren, Monjagern, Orotschonen: 
uluki. 

« « Dauren: kyrmo. 

Nach den ausführlichen Beschreibungen, welche wir durch Müller, Pallas und in neue- 
rer Zeit durch Middendorff von der in den verschiedenen Theilen Sibirien's variirenden Fär- 
bung des Eichhörnchens haben, und den zahlreichen verschiedenfarbigen Exemplaren, welche 
unser Museum durch Hrn. Akad. v. Middendorff und Hrn. Wosnessenski aus dem 
Norden und Osten Sibirien's besitzt, wird es uns möglich auch über die Farbe des Eichhörn- 
chens im Amur -Lande im Vergleiche zu derjenigen sibirischer Thiere Genaueres mitzu- 
theilen. Schon Müller ') und Pallas ^) heben hervor, dass die ostsibirischen Eichhörnchen, 
in den Gegenden am Baikal-See und an den Flüssen Angara, Sseleuga, Argunj, Witim, 
Lena und bis nach Ochotsk, dunkler als die westsibirischen und im Sommer sogar von 
braunschwarzer oder beinahe ganz schwarzer Farbe sind. Genauer bezeichnet Middendorff 
das rechte Ufer des Jenissei als die Gränze, von wo an nach Osten eine tiefer dunkelgraue 
Winlerfärbung beginnt und die rothen Tinten mehr und mehr schwinden, um durch Braun- 
schwarz ersetzt zu werden. Noch um einen Ton dunkler und durch einen noch grösseren Aus- 
schluss der rothen Tinten charakterisirt fand Middendorff die Eichhörnchen am Stano- 
woi- Gebirge, an dessen Ostabhange er im Sommer auch beinahe ganz schwarze Thiere 
antraft). Vergleicht man nun die Eichhörnchen des Amur-Landes mit den sibirischen, so 
reihen sich dieselben diesen zuletzt von Middendorff erwähnten ziemlich genau an und sind 
nur, wie es scheint, noch etwas dunkler und durch einen noch grösseren Ausschluss der ro- 
then Tinten gezeichnet. Betrachten wir die Färbung derselben nach den Jahreszeiten be- 
sonders. 



1) Sammlung Russ. Gesch. III. p. 519. 

*) Novae Spec. Quadr. e Glir. ord. p. 373. Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 185. 

3) Middendorff, Sibirische Reise. 1. c. p. 81. 



Sciurus vulgaris. 119 

Die Winterfärbung der Amur-Eichhörnchen ist ein recht dunldes Grau, Es ist beträcht- 
lich duuiiler als das winterliche Grau der Eichhörnchen des rechten Jenissei- Ufers. Diese 
dunklere Färbung der Amur -Eichhörnchen rührt von einer Zunahme der schwarzen Farbe 
an den Deck- und Oberhaaren her. Nach 3Iiddendorffs genauen Untersuchungen unterschei- 
den sich nämlich die dunkler grauen Jenissei -Eichhörnchen von den europäischen der Ost- 
seeküsten dadurch, dass bei letzteren die Deck- und Oberhaare weisse Spitzen haben, bei den 
Jenissei-Eichhörnchen dagegen nur die Deckhaare weisse Spitzen behalten, die einzeln aus 
diesen hervorstehenden Oberhaare aber schwarze Spitzen bekommen, wodurch die Felle na- 
türlich dunkler als die der baltischen Eichhörnchen werden. Bei den Jenissei-Eichhörnchen 
sind demnach die Deckhaare an der Spitze weiss, dann schwarzbraun, dann wiederum weiss 
und endlich in der Wurzelhälfte grau; die Oberbaare an der Spitze schwarz, dann weiss, dann 
schwarz oder schwarzbraun, dann wiederum weiss und endlich in der Wurzelhälfte grau. Bei 
den Amur-Eichhörnchen dagegen sind die Deckbaare an der Spitze schwarz, dann weiss, dann 
schwarz oder schwarzbraun, dann wiederum weiss und endlich in der Wurzelhälfte grau ; die 
Oberhaare an der Spitze in einem langen Stück schwarz, dann eine kurze Strecke lang weiss und 
in der Wurzelhälfte grau. Die Schwärze hat also an den Amur-Eichhörnchen, wie ich aus einer 
direkten Vergleichung derselben mit den Middendorff'schen Exemplaren von der unteren 
Tunguska entnehmen muss, in doppelter Weise zugenommen: einmal haben die Deckhaare 
ebenfalls schwarze Spitzen bekommen, wie an den Jenissei-Eichhörnchen im Vergleiche zu 
den baltischen die Oberhaare, und dann ist an den Oberhaaren der obere weisse Ring durch 
das zunehmende Schwarz der Spitze zumeist verschwunden , so dass also die schwarze Spitze 
der Oberhaare viel länger geworden ist. Die erstere .Zunahme an Schwärze, an den Deckhaa- 
ren, findet bei den Amur-Eichhörnchen durchgängig statt, so dass es mir kaum gelungen ist 
ein Deckhaar zu finden, das keine schwarze Spitze hätte; die letztere dagegen hat nur zumeist 
statt, indem sich immer noch Oberhaare finden, an denen der obere weisse Ring mehr oder we- 
niger deutlich erhalten bleibt. Es ist dies ein ganz ähnliches Ueberhandnehmen der schwarzen 
Farbe am Haar, wie wir es oben beim Igel des Amur-Landes an den Stacheln gesehen haben. 
Natürlich aber, dass durch diese zweifache Zunahme an Schwärze, an den Deck- und Ober- 
haaren, bei den Amur-Eichhörnchen im Vergleich zu den Jenissei'schen ein viel dunkleres 
Grau entsteht. Zwischen den Amur- und Jenissei-Eichhörnchen mitten inne stehen die Eich- 
hörnchen des Stanowoi-Gebirges und der Westküste des Ochotskischen Meeres, bei denen 
man daher auch schon den Anfang zu jener zweifachen Weise des Dunklerwerdens an den Deck- 
und Oberhaaren findet. So sind an den Eichhörnchen der Küste des Ochotskischen Meeres 
bei Ajan die Deckhaare bald mit weissen, bald, und zumeist, mit schwarzen Spitzen versehen, 
und an den Oberhaaren ist der obere weisse Ring zwar meistentheils vorhanden, bisweilen 
jedoch auch verschwunden. Dasselbe findet an den Eichhörnchen statt, die wir durch Midden- 
dorff vom Westabhange des Stanowoi-Gebiraes bei Bah ktach-Munaly erhalten haben und 
die im September schon ihre volle Wintertracht angezogen hatten. — Was die Ausschliessung 
rother Tinten betrifft, so ist diese an den Winterfellen der Amur-Eichhörnchen noch vollständiger 



120 Säuge thiere. 

als an denen des Stanowoi-Gehirges und der Küsten des Ochotskischen Meeres. Midden- 
dorff erwähnt, dass an den Eichhörnchen des Südahhanges des Stanowoi-Gebirges bis nach 
Nertschiusk hin das dunkelgraue Winterfell der Eichhörnchen nicht selten einen Anflug von 
gelblich-rolhlicher Tinte hat'). An den Amur-Eichhörnchen habe ich das nicht gesehen, und 
dürfte es daher bei ihnen nur sehr seilen statt haben. An den fünf mir vorliegenden Winter- 
fellen vom oberen Amur, von der Mündung des Stromes und von der Einmündung des 
Gorin in denselben beschränkt sich die einzige schwache Spur gelblich-röthlicher Färbung 
darauf, dass an den Deckhaaren des Kopfes und der Schwanzwurzel die weisse Farbe etwas 
schmutzig gelblich - bräunlich getrübt ist ; die Obren aber sind dunkel braunschwarz und die 
Ohrenpiusel beinahe rein schwarz und ohne den geringsten röthlichen Anflug, während die 
Eichhörnchen von Ajan am Ochotskischen Meere einen solchen besitzen. Die Beine sind 
braunschwarz, die hinteren dunkler; der Schwanz dunkelbraunschwarz, ebenfalls schwärzer 
als an den Eichhörnchen um Ajan und vom Stanowoi- Gebirge und ohne den geringsten 
röthlichen Anflug. — Ich bemerke ferner, dass auch an den Amur-Eichhörnchen, wie nach 
Middendorffs Bemerkung *) an denjenigen des rechten Jenissei-Ufers und der östlich von 
diesem gelegenen Gegenden Sibirien's, Unterkiefer und Kehle grau oder schwärzlich, von der 
Farbe des Kopfes sind, und das Weiss des Halses oft, durch Vorrücken der dunklen Fär- 
bung der Oberseite nach unten, mehr oder weniger verschmälert ist. Von den neun mir 
vorliegenden Amur-Exemplaren, davon eines von Hrn. Maack und die übrigen von mir ge- 
sammelt worden sind, ist nur an einem, von der Mündung des Gorin-Flusses in den Amur, ein 
schmaler weisser Streifen längs der Kehle vorhanden, der sich vom Unterkiefer an ununter- 
brochen nach dem Halse hinzieht. Endlich ist auch an den Amur -Eichhörnchen, wie nach 
Jlidi'eudorffs Bemerkung an denjenigen des Stanowoi-Gebirges, das Fell minder weich 
anzufühlen als an den Eichhörnchen des Jenissei-Stromes. 

Das Sommerfell der Eichhörnchen im Amur- Lande scheint vorherrschend von dunkel- 
braunschwarzer oder beinahe ganz schwarzer Farbe zu sein. Es schliesst sich an die Sommer- 
färbung der Eichhörnchen an der Westküste des Ochotskischen Meeres von Ajan bis Ud- 
skoi-Ostrog und an den Oslabhängen des Stanowoi-Gebirges an. Wie bei diesen ist es 
bald beinahe rein schwarz, bald mit schwachem rölhlichem Schimmer versehen, je nach- 
dem in welchem Grade sich die röthlichen Ringe unterhalb der schwarzen Spitze der 
Haare in der schwarzen Grundfarbe verlieren. Ein Exemplar vom Bureja- Gebirge, am 24. 
Juli (5. Aug.) geschossen, ist auf der Oberseile dunkel braunschwarz, an den Deckhaaren 
unterhalb der schwarzen Spitzen mit rothbraunen Ringen versehen, welche zumal am Nacken, 
am Vorderrücken und an den vorderen Extremitäten deutlich durchschimmern, am Hinterrrücken 
dagegen in der schwarzen Grundfarbe verschwinden. Der Kopf an demselben ist braunschwarz 
mit weisslich-gelblichen Ringen an den Haaren, die Ohren rothbraun , der Schwanz dunkel- 
braunschwarz mit durchschimmerndem Rothbraun in der Wurzelhälfte der Haare. Ein 



') Sibirische Reise. 1. c. p. 82. 
^) Sibirische Reise. I. c. p. 81. 



Sciunis vulgaris. 121 

anderes Eveniplar , aus der Bai Iladshi an der Küste der Meerenge der Tartarei vom Juni 
Monat, ist dunkler als das vom Bureja-Gebirge, mit weniger durchschimmerndem Rothbraun 
der Deckhaare ; die Extremitäten und der Schwanz an demselben sind ganz schwarz. Rothe 
Eichhörnchen, deren es im Amur-Lande vermuthlich eben so selten und ausnahmsweise, wenn 
nicht noch seltner, wie an der Küste des Ochotskischen Meeres bei Ajan welche geben 
mag, habe ich nicht gesehen. 

Es bleibt uns nun noch übrig des Ueberganges der Sommer- in die Winlertracht bei den 
Amur-Eichhornchen zu gedenken. Ein Exemplar, das am 28. Sept. (lO.Oct.) in der nächsten 
Umgegend des Nikolajewschen Postens geschossen wurde, steht im letzten Uebergange aus 
der Sommer- in die Wintertracht. Es ist auf dem Ilintenücken bereits ganz von dem dunklen 
Grau des Winterfelles, mit einer geringen, kaum merklichen hellbräunlichen Trübung der 
weissen Farbe an den Deckhaaren in der Mittellinie des Rückens und im Beginne des Schwan- 
zes. An den Seiten ist das Weiss des Bauches von dem Grau des Rückens durch einen etwa 
10 — 15 Millim. breiten schwarzen Streifen geschieden, welcher nach Middendorff ') an 
jenen dunkel gefärbten Eicbhörnchen-Varietälen des östlichen Sibiriens den äussersten Ueber- 
gang von der Sommer- in die Wintertracht bezeichnet. Am Vorderrücken befinden sich aber 
ausserdem noch unregelmässige schwarze Flecken als Ueberreste der schwarzen Sommerfär- 
bung. Der Kopf ist dunkelgrau mit schwach hellbräunlicher Trübung ; die Ohrenpinsel, die 
Extremitäten uud der Schwanz sind dunkel braunschwarz, beinahe ganz schwarz. Die Aende- 
rung der Sommer- in die Wintertracht scheint, abgesehen von allen Verschiedenheiten, die in 
dieser Beziehung an jedem Orte stattfinden, an der Amur -Mündung ungefähr um dieselbe 
Zeil wie am Stanowoi-Gebirge ^) oder um Krassnojarsk ^) und überhaupt in ganz Sibi- 
rien *), d. i. gegen Ende September's alten oder Anfang October's neuen Stiles, ihrer Vollen- 
dung nahe zu sein. Doch hat Middendorff auch vom 7. — 10. Sept. bei üdskoi Ostrog 
noch Eichhörnchen in vollem Sommerhaar geschossen"). Ferner beobachtete Pallas zu Krass- 
nojarsk an einem in der Gefangenschaft gehaltenen Eichhörnchen den Beginn der Winter- 
tracht am 4. (IG.) October und die volle Winlertracht am 4. (16.) November ^). Ja mir liegt 
sogar ein Exemplar vor, dass ich durch Maximowicz von Kidsi am Amur-Strome erhalten 
habe und das im November noch das volle schwarze Sommerhaar trägt. Dieses Exemplar ge- 
hört überhaupt zu den schwärzesten Eichhörnchen , welche ich gesehen habe. Es ist bis auf 
die schneeweisse Unterseile fast durchweg dunkelbraunschwarz; nur am Kopfe und dem Vor- 
derrücken finden sich häufig unter den schwarzen Ilaarspitzen trübe weissliche Ringe und an 
den Ohren und dem Nacken schimmert eine schwache röthliche Tinte durch. Der Schwanz ist 
dunkel braunschwarz und nur in seinem oberen Theile, nahe der Mitte, mit einer durch- 



1) 1. c. p. 81. 
2)Middendorfn. c. 

ä) Pallas, Novae Spec. Qiiadr. e Glir. ord. p. 372. 
^) Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 185. 
*) Sibirische Reise. 1. c. p. 82. 
*) .Novae Spec. Quadr. e Glir. ordine. p. 373. 
ficKreock Amur-Reise Bd. l. 16 



122 ■ Säugel hier e. 

schimmernden, gemischten, röthlich - weisslichen Färbung an der Wurzelhälfle der Haare 
gezeichnet. Das Winterkleid scheinen die Eichhörnchen im Amur- Lande weit in das Früh- 
jahr hinein anzubehalten; im März zum wenigsten sind sie im unteren Amur-Lande noch im 
vollen Winterhaar. 

Aus dieser Vergleichung der Amur-Eichhörnchen mit den Sibirischen können wir den 
Schluss ziehen, dass das Eichhörnchen des Amur-Landes zu den schwärzesten der bisher be- 
kannten Varietäten gehört. Nach Müller sind die schwärzesten Eichhörnchen östlich vom Bai- 
kal-See, bei ßargusinsk, an der Werchnaja Angara , am Ursprünge des Witim-Flusses 
und im Nertschinsker-Gebiete zu linden '). Letzlere, die schon zum oberen Theile des Amur- 
Systemes gehören, sollen nach Müller die schwärzesten und berühmtesten von ganz Sibirien 
sein, InNertschinsk musstensich damals auch die Eichhörnchen-Felle vom unteren Ar gunj und 
oberen Amur sammeln, wie es noch heut zu Tage geschieht. Nachrichten zufolge, welche ich 
von einem um den Pelzhandel in Sibirien sehr interessirten Kaufmanne in Nertschinsk, wie 
von den mit der Eicbhörnchenjagd eifrig sich beschäftigenden Kosaken am unteren Argunj- 
Flusse eingezogen habe, soll das beste (schwärzeste) Eichhörnchen dasjenige vom unteren Argunj 
(russisch: Argunskaja nisowaja bjelka) sein. Diesem soll wenig nachgeben das Eichhörnchen 
aus dem Nertschinsker-Gebiete. Alsdann folgt das Ole km ins L er- Eichhörnchen , welches 
ebenso dunkel, aber kleiner sein soll, und endlich folgen, an Güte abnehmend, aufeinander die 
Eichhörnchen vom Witim, von der Werchnaja Angara und von Bargusinsk. Weiter nach 
Süden von letzterem Orte soll das Eichhörnchen schlechter werden und am Tschikoi zum Bei- 
spiel, einem Nebenflusse der Sselenga, einen röthlichen Anflug haben. Die Jäger Trans bai- 
kalien's sind geneigt den Grund dieser verschiedenen Färbung des Eiciihörncbens der ver- 
schiedenen Nahrung des Thieres zuzuschreiben. Sie meinen, dass das beste (dunkelste) Eich- 
hörnchen das sogenannte Schwammeichhörnchen (russ.: gubnaja bjelka) sei, das sich vorzüglich 
von Schwämmen nährt, die es, in der Weise wie es auch Pallas beschreibt^), für den Winter 
sammelt und auf Bäumen aufbewahrt. Auf dieses folgt das Zapfeneichhörnchen (russ.: schisch- 
kowaja bjelka), das hauptsächlich von den Zapfen der Cedern und anderen Coniferen lebt und 
ebenfalls noch recht dunkel ist. Am schlechtesten endlich und von rölblicher Färbung soll das 
Nusseichböruchen (russ.: orjechowaja bjelka) sein, dessen Nahrung aus Haselnüssen und dergl. 
besteht. Ich theile diese Ansicht beobachtender Jäger desshalb mit, weil sie gewiss mit vielem 
Rechte dem Einflüsse der Nahrung auf die Färbung der Eichhörnchen grosse Rechnung trägt, 
wie Solches ja auch an anderen Thierarten durch direkte Beobachtungen erwiesen ist. Den- 
noch vermag sie nicht uns die allmälilige, von West nach Ost statllindende Zunahme an 
Schwärze am Eichhörnchenfelle zu erklären. Gewiss dürften daher neben den Nahruugsbedin- 
gungen auch andere physische und namentlich klimatische Verhältnisse dabei mit im Spiele sein. 

Mit dem Eichhörnchen des unteren Argunj gehört in eine Kategorie das Eichhörnchen 
des oberen Amur-Stromes. Beide fallen auch in dasselbe, von russischen Jägern alljährlich 

') Müller, Sammliing Russ. Gesch. III. p. 319. 

^) NoYae Spec. Quadr. e Olir. ord. p. 376. Zoogr. Rosso-As. I. p. 184. 



Sciiiriis vulgaris. 123 

zum Zwecke der Eichhörnchenj<igd durchstreifte Gebiet, welches den unteren Lauf der beiden 
(Juellarme des Amur-Stromes, des Argunj und der Schilka, und den oberen Amur bis etwa 
zur Mündung des Komar- Flusses umfasst. Dort ist das Eichhörnchen noch ein sehr häufiges 
Thier und dalier die Jagd auf dasselbe, trotz des geringen Preises jedes einzelnen Felles, ein sehr 
ergiebiges Geschäft. Alljährlich begeben sich daher mit dem Eintritt des Herbstes, gegen Ende 
September's und Anfang October's, die Kosaken des unteren Argunj und der Schilka auf 
ausgedehnte Jagdstreifziige in das bezeichnete Gebiet. Namentlich sind es die Waldungen am 
unbewohnten rechten, und also chinesischen, Ufer des Argunj-Flusses und die Wildnisse am 
oberen Amur, welche ihnen reiche Beute gewähren. In kleinen, meist aus Verwandten oder 
Angehörigen eines Ortes gebildeten Gesellschaften zusammenhaltend, wählen sie in den Wäl- 
dern hier und dort ihre zeitweiligen Standquartiere, von denen aus sie ihre Streifziige aus- 
führen und die sie nach Ausbeutung einer Gegend gegen andere vertauscnen, so weil vordrin- 
gend, als ihnen die auf Pferden mitgeführten Jagd- und Nahrungsvorräthe gestatten. Bisweilen 
auch begeben sich die Jäger kurz vor dem Gefrieren des Amur-Stromes in Böten eine Strecke 
weit stromab, bis sie eine günstige Lokalität erreicht haben, wo sie denn ihr zeitweiliges Stand- 
quartier für weitere Streifzüge aufschlagen. Den weit vorgedrungenen Jägern bietet nicht seilen 
im Winter, wenn die Vorrälhe zu Ende gegangen sind, der Lauf des Komar-Flusses, dessen 
Quellen sich der Bystra, einem recalen Zuflüsse des Argunj, ansehnlich nähern, einen kür- 
zeren und desshalb oft von ihnen befolgten Rückweg dar. Ich erwähne hier dieser Jagden ge- 
nauer, weil sie speciell auf das Eichhörnchen gerichtet sind und von der Häuligkeit dieses 
Thieres in jenen Gegenden einen Begrifl^ gehen. Zwar verschmähen die Jäger auch andere 
Thierarten, die sich ihnen als Beute darbieten, nicht und ohne Zweifel am wenigsten den Zo- 
bel, da ein paar Felle von diesem den ganzen Ertrag eines Jägers an Eichhörnchen aufbieten 
dürften ; allein diese letzteren sind so selten , dass sie nicht als sicherer Gewinn in Rechnung 
gebracht werden können, während die 31enge von Eichhörnchen dem geschickten und aus- 
harrenden Jäger eine zuverlässige Garantie bietet. Diese allein sind daher beabsichtigt, und 
werden demnach auch die Jagden mit dem speciellen Namen «Eichhörnchen -Erwerb» (russ.: 
bjelkowjo) belegt. Ein jeder Jäger bringt von diesen herbst- und winterlichen Streifzügen einige 
Hunderte dieser Thiere zurück, deren jedes, um das Fell nicht zu verderben, nur mit einer klei- 
nen Büchsenkugel durch den Kopf geschossen worden ist. Diese Häufigkeit der Eichhörnchen 
am oberen Amur hängt aber ohne Zweifel mit der Seltenheit seines grössten Feindes, des Zo- 
bels, in jenen Gegenden zusammen, den dieselben Jagden iheils unmittelbar an Zahl vermin- 
dert, theils, und noch mehr, durch den Lärm und die häufig verursachten Waldbrände ver- 
scheucht haben. Nicht so im unteren Amur -Lande. Dort sind der Zobel und die dem Eich- 
hörnchen wohl nicht minder verderbliche MuMela sibirica bis jetzt noch häufige Thiere, deren 
Zahl durch die Nachstellungen der im Verhältniss zum ausgedehnten Terrain nur sehr wenig 
zahlreichen Eingeborenen um so weniger merklich vermindert wird, als diese stets nur durch 
Fallen den Thieren beiznkommen suchen, wodurch sie nicht verscheucht werden. Im un- 
teren Amur- Lande ist daher das Eichhörnchen, obschon überall vorhanden, gewiss nicht so 



124 Sali g e (hier e. 



häufi'^ wie im oberen Theile des Stromes, ungeachtet es dort von den Eingeborenen viel we- 
niger gejagt wird. Denn fast nur gelegentlich verfängt es sich selbst in die für den Zobel, mit 
etwas getrocknetem Fisch als Köder, ausgestellten Fallen. Giljaken und Manguuen ge- 
brauchen es alsdann zur Verfertigung von Hals- und Stirnwärmern (Boas), wozu jedoch auch 
nur die langhaarigen Schwänze der Eichhörnchen benutzt werden. Ich werde dieser Benutzung 
des Eicbhörnchenfelles bei den Eingeborenen des Amur -Landes im ethnographischen Bande 
meiner Reisebeschreibung ausführlicher gedenken. Sie ist immer nur eine geringe. Erst wenn 
der Zobel durch russische Jäger in den Waldungen am unteren Amur-Strome bedeutend an Zahl 
abo^enommen haben wird, werden dort ebenfalls die an Schwärze und Güte des Felles den Thieren 
des oberen Amur-Stromes um nichts nachstehenden Eichhörnchen an die Reihe kommen und 
gewiss auch ein Gegenstand eifriger Nachstellungen werden. Als ein an die Waldung gebun- 
denes Thier, kommt das Eichhörnchen imPrairietheile des Stromes natürlich nur in den wald- 
bewachsenen Gebirgen landeinwärts vor. Wo aber Gebirge und Waldungen den Strom säu- 
men, da ist es auch an den unmittelbaren Ufern desselben überall vorhanden. So habe ich es 
selbst an einem mit hohen Cedern bewachsenen Abbange im Bureja- Gebirge erlegt. Ohne 
Zweifel geht es im Amur-Lande, im Innern wie an der Meeresküste, wo ich es aus der Bai 
Hadshi an der Meerenge der Tartarei erhalten habe, der Waldung folgend, noch viel weiter 
nach Süden. Desgleichen bewohnt das Eichhörnchen die Waldungen im Innern und an den 
Küsten der Insel Sachalin bis an das Südende derselben. Sehr wahrscheinlich geht es dort 
auch weiter nach Süden, auf die japanischen Inseln hinüber, da die Selbstständigkeit der von 
Temminck aufgestellten japanischen Art Sc. lis noch als fraglich betrachtet werden muss. 



33) Taiiiias!!itriatiis L. 

Bei den Giljaken des Conlinentes und der Westküste von Sachalin: tar. 

a « « des Innern und der Ostküsle von Sachalin: taghr. 

« « Mangunen: nldshe. 

« « Golde am Amur unterhalb des Ussuri und am Ussuri: ulgi. 

« « Kile am Kur: onjolscho. 

« « Golde oberhalb des Ussuri: dshurga-iilki uad dshurganyat-ulki. 

« « Biraren und Monjagern: ulküschan. 

« « rotschonen: ulgiikttschan. 

Wie am Stanowoi-Gebirge und an den Küsten des Ochotskischen Meeres nach Mid- 
dendorffs Bemerkung '), so ist Tamias slriatus auch im Amur-Lande äusserst häutig und 
stets von derselben constanten Färbung, welche er durch ganz Nordasien besitzt. Ich habe ihn 
im gesammten Laufe des Amur- Stromes und an den von mir besuchten Zuflüssen desselben 
überall häufig beobachtet und geschossen, oder durch Aussagen der Eingeborenen von seinem 



1) Sibirische Reise. 1. c. p. 83. 



Tamias slriaius. T. uthensis. 125 

Vorkommen mich überzeugen können. Dabei ist dieses Thier ebenso häuHff in der mit völliff 
nordischem Charakter versehenen Nadelwaldung der Amur -Mündung, wie weiter oberhalb 
am Strome, wo eine Laubholzvegetation die unmittelbaren Ufer bedeckt. An felsigen Ufern 
zumal, wo ein stark verwittertes und zerklüftetes Gestein hin und her mit mannisfalliffem 
Gesträuch und verschiedenartigen Laubhölzern bewachsen ist, habe ich regelmässig den kurzen, 
schnalzenden Schrei dieses Thieres gehört und oftmals auch das Thier selbst beobachten kön- 
nen. Ja sogar in der Prairie am Ussuri-Strome, wo nur Laubhölzer und vorzüglich Eichen in 
einzelnen Gruppen aus dem hohen Grase der Ebene sich erheben, wie bei Dsamo, oder aber 
in lichter Waldung die sanften Abhänge der Vorberge bedecken, wie an der Mündung des 
Noor- Flusses in den Ussuri, habe ich T. slriatus oft an den Stämmen der Eichen klettern 
sehen und auch mehrmals geschossen. Diese Exemplare aus der Prairie zeigen jedoch nicht die 
geringste Verschiedenheit von denjenigen der Nadelwaldungen der Amur-Mündung. Wie am 
Amur-Strome und seinen Zuflüssen, so ist T. striatus auch längs der gesammten Küste des süd- 
lichen Ochotskischen 3Ieeres, des Amur-Limanes und der Meerenge der Tartarei bis nach 
der Bai Hadshi, dem südlichsten Punkte der Küste, den ich besucht habe, verbreitet. Des- 
gleichen findet sich dieses Thier zahlreich auf Sachalin, an den Küsten wie im Innern der 
Insel, von wo ich aus dem Tymy-Thale ein Exemplar mitgebracht habe. Ja es ist auch süd- 
wärts von Sachalin über die japanischen Inseln verbreitet. Ein Exemplar, das unser 3Iuseum 
durch Temminck aus Japan besitzt, weicht nicht im Geringsten von der constanten Farbe 
und Zeichnung dieses Thieres auf dem asiatischen Continente ab. An der Mündung des Amur- 
Stromes, beim Nikolajewschen Posten, scheint T. striatus mit dem ersten Schneefalle und 
dem Beginne starker Herbslfrösle, gegen Ende September's und Anfang October's, in seine 
Winterhöhlen sich zurückzuziehen. Im Frühjahre (1855) Hessen sich die ersten Thiere schon 
am 13. (25.) April sehen, als in der Umgegend des Nikolajewschen Postens noch ringsum 
Schnee lag. 



34) Tainiaj^ iitlieiiiiiii^ Pall. 

Dieser von Pallas ') beschriebenen Tamias-Xrl, welche am Flusse Uth (od. Uda) häufig 
sein soll, bin ich im Amur-Lande, ebenso wie Middendorff im Stanowoi-Gebirge ^), 
weder auf Reisen und Jagdstreifziigen, noch im Verkehre mit den Eingeborenen jemals be- 
gegnet. Dagegen liegt mir ein T)is auf einen weissen Kehlüeck ganz schwarzes Fell von 
T. striatus vor, welches H. Maack vom Witim erhalten hat. Es gewinnt daher die Ansicht 
Wagner's ^), Middendorff's u. a., dass T. uthensis Pall. nur eine schwarze Abänderung 
von T. striatus sei, mehr und mehr Wahrscheinlichkeit. 



') Zoogr. Rosso- Asiat. I. p. 189. 

2) Sibirische Reise. 1. c. p. 83. 

3) Die Säugelhiere v. Schieber. Supplbd. Abthl. 3. p. 232. 



126 Säugelhtere. 

35) Spermoplüliis Eversniaiiiii Brandt. 

Bei den Monjagern: gadayan. 

Ein Exemplar von Sp. Eversmanni, das Hr. Maack aus Nertschinsk mitgebracht hat, 
und zwei unvollständige Felle desselben, die ich im Amur-Lande erhalten habe, stimmen mit 
den Beschreibungen dieses Thieres von Brandt') und Middendorff^) vollständig überein und 
geben nichts Abweichendes zu erkennen. Die weiss gesprenkelte Zeichnung des Rückens ist 
an ihnen sehr deutlich. Die Zeichnung der einzelnen Haare ist ebenso beschaffen, wieMidden- 
dorff an den jakutskischen Thieren angiebt. Ich füge nur hinzu, dass unter den Deckhaaren des 
Rückens, welche zumeist schwarz mit weisser oder gelblicher Binde nahe unterhalb ihrer Spitze 
gezeichnet sind , auch viele ganz schwarze Haare sich finden. An den Seiten und nach dem 
Bauche zu sind die Deckhaare untereinander verschieden gezeichnet, indem das Schwarz der- 
selben mehr und mehr schwindet und durch die gelbliche und weissliche Farbe des Bauches 
ersetzt wird. Zuerst verschwindet nämlich die schwarze Spitze, die das Rückenhaar hat, sodass 
eine lange gelbliche oder weissliche Spitze am schwarzen Haar entsteht; dann stellt sich ausser- 
dem noch ein gelblicher oder weisslicher Ring mitten in dem schwarzen Theile des Haares ein, 
so dass dieses nunmehr an der Basis schwarz , im oberen Theile gelblich oder weisslich mit 
schwarzem Ringe erscheint; und zuletzt verschwindet auch dieser schwarze Ring und die 
Haare sind nur an ihrer Basis schwärzlich, im langen oberen Theile einfarbig weisslich oder 
gelblich. Diese belle Zeichnung der Seiten und des Bauches variirt aber an den Transbaikali- 
schen und Amur-Exemplaren in derselben Weise, wie Middendorff es an den jakutskischen 
hervorhebt, indem der Antheil rostfarbner Zeichnung grösser oder geringer ist. So ist eines der 
Amur-Felle an den Seiten heller, das andere intensiver gelblich und mit röthlicher Färbung 
versehen, während das Nertschinsker Exemplar an den Seiten und dem Bauche mehr weiss- 
lich und mit einer intensiv rostrolhen, unregelmässig begränzten Binde gezeichnet ist, welche 
bald hinter den vorderen Extremitäten beginnt, dann, längs den Seiten des Körpers verlaufend, 
auf die Hinlerschenkel tritt und sich bis auf die Zehen der hinteren Extremitäten fortsetzt. 
Die vorderen Extremitäten dieses Exemplares sind an ihrer Aussenseite ebenfalls mit rost- 
rothen Flecken versehen. 

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass diese von Hrn. Akad. Brandt im Jahre 1843 nach 
Exemplaren, die das Museum durch Gebier und meinen Bruder Alexander v. Schrenck 
aus dem Altaiseben und dem Alatau -Gebirge erhielt, für selbstständig erkannte Zieselart 
schon Pallas unter der allgemeinen, viele Arten umfassenden Bezeichnung M. cttillus be- 
kannt war, und dass namentlich die von Pallas erwähnten Ziesel von Jakutsk und der 
Lena [Citilli Jarutenses) wie auch wahrscheinlich diejenigen von Daurien, an der Sselenga, 
Ingodaundbisanden Amur, ja vielleicht sogar die Ziesel aus den Gegenden amUth-Flusse^) 



'] Bull, scient. publ. par l'Acad. des Sricaces de St. Petersbourg. T. IX. p. 43. Bull, de la Classe phys.-matb. de 
l'Acad. des sc. de St. Petersbourg. T. II. p. 373. 
2) Sibirische Reise. 1. c. p. 83. 
*) Pallas, Novae Spec. Quadr. e Glir. ord. p. 120—126. 



Spermophilus Eversmanni. Arctomys Bobac. Mus decumanm. 127 

auf diese Art zu beziehen sind. Seit der Unterscheidung von Sp. Eversmanni als besonderer Art 
ist dieselbe von Middendorff bei Jakutsk, von Maack am Baikal und bei Nertschinsk 
und von mir am Amur gefunden worden. Es scheint also diejenige Art unter den Ziesel- 
mäusen zu sein, welche die grösste Verbreitung über den asiatischen Conlinent hat. Am Amur 
entdeckte ich sie nach zwei Fellen, welche ich bei den Mandshu eines kleinen Dorfes, eine 
Tagereise oberhalb der Stadt Aigun, zu einem Tabacksbeutel verarbeitet fand. Das Stück 
wurde von ihnen für ziemlich werthlos gehalten , da das Thier ihren Angaben zufolge in der 
Prairie der Umgegend sehr zahlreich sein soll. Weiter oberhalb bestätigten mir auch die Mo- 
njagern, bei denen ich mich nach diesem Thiere erkundigte, das Vorkommen desselben am 
Amur-Strome. Ohne Zweifel ist also Sp. Eversmanni von Transbaikalien ostwärts im gan- 
zen oberen Theile des Amur-Stromes und in den Prairieen desselben zum wenigsten bis an 
das Bureja-Gebirge verbreitet. Ob es aber im unteren Amur-Lande ebenfalls vorkommt, ver- 
mag ich nicht zu sagen, da mir dort keine Spur dieses Thieres begegnet ist. 



36) Aretoiiiys Bobac Schreb. 

Ob ich gleich dieses Thier im Amur-Lande nicht gefunden habe, ist es doch zu erwar- 
ten, dass es zum wenigsten im oberen Theile des Stromes und in den Prairieen desselben sich 
finden werde, da es nach Pallas bekanntlich bis nach Kamtschatka verbreitet und auch in 
Transbaikalien und namentlich am Argunj ein sehr häuOges Thier ist ). Auch hat 
H. Maack neuerdings ein Exemplar von dem anderen Quellarme des Amur-Stromes, der 
Schilka, in der Umgegend von Nertschinsk, mitgebracht. Es ist eine Varietät von Arcl. 
Bobac, deren Beschreibung durch Hrn. Akad. Brandt wir in nächster Zeit entgegensehen. 



37) HIus deciinianiis Pall. 

Bei den Giljaken: njagrsch. 

« « Mangunen, Ssamagern, Golde: s'jnjare. 

« « Bi raren: anjaka. 

« « Orotschonen: kuttyr. 

Die Wanderratte im Amur -Lande ist mit dem in Europa eingebürgerten Thiere ganz 
übereinstimmend. Die Farbe derselben ist oben bräunlichgrau, schwarz gestichelt; unten 
scharf abgesetzt weissgrau. Die Deckhaare des Rückens sind in ihrer unteren Hälfte grau, in 
der oberen gelblich-bräunlich, mit vielen längeren schwarzen Haaren untermischt. 

Mus decvmaiius ist im Amur-Lande allentha bcn, sowohl in den Häusern der Mandshu, 
Chinesen und Dauren am Sachali- oder oberen Amur-Strome und in den Hütten aller 
sesshaften Völker des unteren Amur-Landes, der Golde, Ssamagern, Mangunen und Gilja- 



'J Pallas, NüTae Spec. Quadr. e Glir, ord. p. 101. Zoogr. Rcisso-Asiat. 1. p. 136. 



123 Säugethiere. 

keil, als auch iii den Aasiedelungeu der Russen am Amur -Strome in grosser Zahl vorhan- 
den. Es ist anzunehmen, dass die Wanderratte auf mehrfachen Wegen in das Amur -Land 
eingewandert sei. Die älteste und bedeutendste Einwanderung, seit welcher M. decumanns sich' 
im Amur- Lande eingebürgert hat, niuss ohne Zweifel von China aus stattgefunden haben. 
Auf diesem Wege muss sie sowohl in die chinesischen Colonien, nach der Stadt Aigun und 
den Dörfern am Sachali-Strome, als auch, durch die häuhgen Handelsreisen der Chinesen 
und der Eingeborenen, den Sungari abwärts in das untere Amur-Land bis an die Mündung 
des Stromes sich verbreitet haben. Zu dieser Annahme werden wir durch den Umstand genö- 
thigt, dass M.decumanus weder von Sibirien aus, noch auf dem Seewege zuerst in das Amur- 
Land gelangt sein kann. Nach Sibirien war M. decumanus bekanntlich zu Pallas s Zeiten 
noch nicht vorgedrungen ') und fand sie in neuerer Zeit auch Middendorff daselbst nicht 
vor. Andrerseits aber war M. decumanus lange bevor russische Schifl'e die Mündung des 
Amur-Stromes berührt halten in den Hütten der sesshaften Amur-Völker eine allgemeine 
Plage. So fand ich sie im Jahre 1854, im Beginne der russischen Colunisation der Amur- 
Mündung, bei den Eingeborenen schon allenthalben und weit oberhalb der russischen Ansie- 
delungen eingebürgert. Die grosse Zahl und Gefrässigkeit derselben halte die Eingeborenen 
schon längst gelehrt ihre Vorräthe an getrocknetem Fisch, Seehundslleisch und Häuten und 
dgl. ni. in eigenlhümlich gei)auten Vorrathskammern hallen, welche auf mehreren einzel- 
nen, einige Fuss über den Erdboden erhöhten und an ihrem oberen Ende mit einem grossen 
Stücke Baumrinde bedeckten Pfählen errichtet werden. Auch stellen die Giljaken diesem 
schädlichen Thiere eigenlhümlich gemachte Fallen aus, von denen ich im ethnographischen 
Bande meiner Reisebeschreibung eine Abbildung und Beschreibung mitlheilen werde. Bei den 
Golde ist die Gefrässigkeit der Ratte zum Theil sprnchwörtlich geworden und dient ihnen 
daher das Wort «s'ingare» (Ratte) zum Spott- und Schimpfnamen für die durch gierige Tri- 
butserhebung und ungerechte Erpressungen sie ausplündernden Mandshu. Wenn daher 
M. decumanus später, mit der russischen Colonisation der Amur -Mündung, ohne Zweifel 
auch auf dem Seewege und zwar auf Schilfen aus Kamtschatka, wo die Wanderratte gegen- 
wärtig ebenfalls in grosser Zahl sich ündel, in das Amur-Land gebracht worden ist, so betrill'f 
dieses doch nur die Amur-Mündung und ist, bei der schon früher vorhandenen Ueberzahl dieser 
Thiere am Amur, von keinem weiteren Belange. Dass die Wanderratte ferner auch auf der 
Insel Sachalin vorkommt, ist aus den Angaben der Eingeborenen zu entnehmen. Doch muss 
sie dort, vielleicht in Folge einer anderen, für ihre Einnistung weniger günstigen Bauart der 
Hütten bei den Eingeborenen, weit seltner sein. So habe ich sie in den Erdhütten der Gilja- 
ken südlich von Poghobi an der Westküste der Insel, im Tymv-Thale im Innern derselben 
und bei Nyi an der Ostküste während meiner Winterreisen auf Sachalin niemals gesehen. 
Anders mag es sich in den nordwärts von Poghobi gelegenen giljakischen Dörfern verhalten, 
wo dieselbe Bauart der Häuser wie auf dem Continente herrscht. Wahrscheinlich hat sie auf 
doppeltem Wege ihre Verbreitung nach der Insel Sachalin genommen, indem sie sowohl von 

*j Pallas, Not. Sp. Qiiailr. e Glir. ord. p. 92. Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 164. 



Mus decimamts. M. mnsculus. Arvicola fHypudaeusJ amurensis. 129 

der Amur- Mündung, durch die Handelsreisen der Giljalien und Mangunen, als von Süden 
her, aus Japan, wo ;)/. decumauus ebenfalls allgemein verbreitet ist '), durch die von Jesso 
alljährlich herüberkommenden Schiffe nach Sachalin gebracht worden ist. Wie leicht M. de- 
cumaims in den kleinsten Fahrzeugen von Ort zu Ort transportirt werden kann, habe ich selbst 
zu beobachten Gelegenheit gehabt, indem ich auf einer Reise von Kidsi nach der Bai de 
Caslries zwei Ratten mitten auf dem See von Kidsi aus meinem kleinen Boote über Bord 
springen sah. 



38) ]9Iii!$ iniii^culus L. 

Obgleich in Sibirien bis in den hohen Norden ^) und andrerseits in Japan ^) und viel- 
leicht auch in China verbreitet, ist die Hausmaus im Amur-Lande weder in den Häusern 
und Hütten der Eingeborenen, noch in den Ansiedelungen der Russen zu finden. Vielleicht 
dürfte das Fehlen derselben auch der grossen Anzahl von Ratten, M. deciimanus, im Amur- 
Lande zuzuschreiben sein. 

39) Arvicola (Hypiidaeiis) aiiiiireiisSs Schrenck n. sp. Taf. VL fig. 1 u. 2. 

Bei den Giljaken: wytsch-wyb-nga. 

Im September 1854 fing ich an der Mündung des Amur-Stromes eine Feldmaus, welche 
ich gegenwärtig, nach genauer Vergleichung mit ihren Gattungsverwandten, für eine neue 
Art halten muss. Sie hat auf den ersten Blick im Gesammthabitus, durch die ziemlich langen 
Ohren und einen recht langen Schwanz, beinahe mehr Aehnlichkeit von den ächten Mausen 
als von den Feldmäusen, reiht sich aber bei genauerer Betrachtung der von Keyserling und 
Blasius als Untergattung Ilypudaeus 11 Hg. ^) oder Wald Wühlmäuse ^) bezeichneten, den wah- 
ren Mäusen am meisten genäherten Abtheilung der Gattung Arvicola an. Bekanntlich zählt 
diese Unterabtheilung bisher nur wenige Repräsentanten: im mittleren Europa nur A. (Hyp.) 
glareolus Schreb., im nördlichen Europa und Asien A. rutilus Pall.und ^. rw/bca/iMS Sunde v. 
Unsere Amur-Feldmaus trägt nun dieselben charakteristischen Kennzeichen der Unterabthei- 
lung Ilypudaeus wie jene, ist aber von ihnen durch specifische Charaktere scharf unterschieden. 
Beschreiben wir sie genauer. 

Wie es der Uuterablheilung Hypudaeus zum Unterschiede von den übrigen Arten der 
Gattung Arvicola zukommt, sind auch bei Arvicola amurensis die Schmelzbuchten der Backen- 
zähne nicht nach aussen scharfkantig und nach innen tief in die Zahnsubstanz einspringend, 



') Siebold, Fauna Japoa. Maranial. Dec. I. p.6. Dsgl. Te mm ine k, Kenntniss und Verbreitung der Säugetbiere 
von Japan, s. Wiegman 's Arch. für Naturgeschichte. Jahrg. V. 1839. II. p. 409. 
2) lliddendorff, Sibirische Reise. 1. c. p. 114. 
ä) Siebold, Fauna Japon. Mammal. Dec. 1. p. 6. 
*) Keyserling und Blasius, Die Wirbclthiere Europa's. p. VIII. 

^) Blasius, Fauna der Wirbelthiere Deutschlands. Bd. I. Naturgescb. der Saugethiere. p. 333 u. 336. 
Schreock Amur-fieise Bd. 1. 17 



130 



Säugethtere. 



sondern gerundet und flach, so dass sich die Schmelzwände des äusseren und inneren Bandes 
der Backenzähne oftmals gar nicht herühren und die Zähne daher das Ansehen, als seien sie 
aus dreiseitigen Prismen zusammengesetzt, verlieren. Solche flache Schmelzhuchlen charakteri- 
siren namentlich den 2''^° unteren Backenzahn, welcher in Folge dessen dem folgenden, S'"^" 
Zahne desselben Kiefers ähnlich wird. Dadurch nämlich, dass die äusseren und inneren Schmelz- 
wände einander nicht ganz berühren und die Schmelzbuchten an der Aussen- und Innenseite 
einander fast ganz entsprechen, lassen sich am 2^*^° unteren Backenzahne nicht mehr 5 geson- 
derte Schmelzschlingen oder Prismen, wie bei den übrigen Arten der Gattung Arvicola, sondern 
nur 3 deutlich von einander getrennte Schmelzschliugen unterscheiden , von denen jedoch 
die beiden vorderen jede aus 2, in der Mitte etwas getrennten Ahlheiiungen bestehen. Eine 
ähnliche, unvollständige Trennung der Schmelzschlingen in Folge der flachen Schmelzbuchten 
findet mehr oder weniger auch an den übrigen Zähnen und namentlich an dem 1'''" unteren 
und 3'*° oberen Backenzahne statt. Ferner ist bei A. amurensis, ebenfalls dem Charakter der 
Untergattung Ilypudaens entsprechend, die ganze Zahnreihe im Ober- wie im Unterkiefer kür- 
zer als bei den übrigen .4r«;iVo/a-Arten. Ich finde an ihr in dieser Beziehung im Vergleiche mit 
einigen anderen Arvicola - Arten folgende Grössen (in Millim.) : 



A.amuTen- 
sis n. sp. 


A. Nageri 

S c h i 11 z. 

[A glareo- 

lus Sehr.) 


A. rutilus 
Pall. 


A.ritfoca- 
nus Sün- 
der. 


A.rallieeps 

Keys, et 

Blas. 


A. oeeono- 
mus Fall. 


A. Maxi- 
mowiczii 
a. sp. 1). 


A.saxati- 
lis Pall. 


H 


5! 


5 


H 


6 


H 


6^ 


6§ 


H 


H 


5 


5-1 


6 


6i 


61 


6- 



Länge der Zahnreihe 

im Unterkiefer. . . 
Länge der Zahnreihe 

im Oberkiefer . . . 

Bei A. amurensis spricht sich also in diesem Punkte die typische Bildung der Untergat- 
tung Hijpudaeus noch deutlicher als bei den ihr nächstverwandten Arten A. glareohis, rutilus und 
rufocanus AUS. Gegenüber den übrigen hier angeführten /Iru/co/a-Arten ist die Kürze der Zahn- 
reihen besonders sichtlich im Vergleiche zu A. saxalilis und A. Maximowiczii, von denen das ge- 
messene Exemplar der ersteren an Grösse unserem Exemplar der A. amurensis ziemlich gleich 
kam, letztere aber sogar kleiner als A. amurensis ist. — Was die Anzahl der Schmelzschlingen 
und Kanten an den Zähnen betrifl^t, so ist darin, bis auf die oben bereits hervorgehobene Ver- 
schiedenheit des 2'^° unteren Backenzahnes, in den übrigen Zähnen, und namentlich dem 1 '*° 
unteren und 2'«" oberen Backenzahne, keine ausschliessliche Eigenthümlichkeit der Untergat- 
tung Ilijpudaeus im Vergleiche mit den anderen ^reico/a-Arten zu finden, da ein grosser Theil 
der letzteren dieselbe Anzahl von Schmelzschlingen und Kanten hat. Ich theile daher die wei- 
teren Verhältnisse der Zahnbildung von A. amurensis in der folgenden specielleren Beschrei- 
bung derselben mit und hebe hier nur im Allgemeinen hervor, dass wo die Schmelzbuchten 
flach sind und die äusseren und inneren Schmelzwände einander nicht immer berühren, so 



') üeber diese neue Speoies s. weiter unten. 



Arvicola {Hypudaeiis) amurensis. 131 

dass die Schmelzschlingen oft unvollständig von einander gelrennt bleiben, wie das bei der 
Untergaltung Hypudaeus der Fall ist, dass dort auch in der Anzahl der Schmelzschlingen sehr 
leicht dill'ereute Angaben entstehen können , indem die unvollständig getrennten Schmelz- 
schlingen bald für eine, bald für mehrere gerechnet werden. Eine genaue Angabe der Be- 
schaffenheit aller einzelnen Schmelzschliugen, verbunden mit getreuer Abbildung derselben, kano 
hier allein vor Missverstäudnissen bewahren. 

A. amurensis hat im Gebiss 1 6 Zähne. Die Vorderzähne sind ziemlich schmal, an meinem 
Weingeist-Exemplare schmutzig weiss. Von den Backenzähnen hat im Oberkiefer (Fig. 2. a.) 
der 1*'" Zahn 5 Schnielzschlingen, von denen die 3 ersten ganz, die beiden letzten nicht ganz 
vollständig von einander gelrennt sind, und aussen und innen 3 Kanten; der 2'« hat 4 Schmelz- 
schlingen , von denen die beiden ersten ganz , die beiden letzten nicht ganz vollständig von 
einander getrennt sind, und aussen 3, innen 2 Kanten — ein Verhältniss, wodurch sich Ä. amu- 
rensis mit vielen anderen Arvicola - Arien von A. agreslis und der Untergattung Agricola Blas, 
auf den ersten Blick unterscheidet. Der 3"^ Zahn im Oberkiefer hat 6 Schmelzsclilinsen oder, 
da dieselben nicht alle vollständig von einander getrennt sind, auch nur 4 Schmelzschlingen. 
Rechnet man 6, so ist die l*'*^ von gewöhnlicher Beschaffenheit und vollständig abgesondert; 
die 2'^ und 3'" sind unvollständig von einander getrennt und die Schmelzbuchten der Aussen- 
und Innenseite einander sehr entsprechend , so dass beide Schmelzschlingen für eine einzige, 
in ihrer Mitte in zwei Abtheilungen getheilte Schmelzschlinge genommen werden können. 
Dasselbe ist mit der 4'"" und 5'*"' Schmelzschlinge der Fall, von denen jedoch die erstere (an 
der Aussenseite liegende) nur sehr klein ist. Die letzte, 6'^ Schmelzschlinge könnte in Folge 
einer flachen Einbuchtung an der Innenseite ebenfalls als aus 2 Schmelzschlingen zusammen- 
gesetzt angesehen werden. An der Aussenseite hat der 3*^ Backenzahn des Oberkiefers 3, 
an der Innenseite 4 Kanten und eine abgerundete Kante nach hinten. Im Unterkiefer (Fig. 2. b.) 
hat der l*''^Zahn 8 Schmelzschlingen oder, da dieselben nicht alle vollständig von einander 
getrennt sind, auch 7 und 6. Rechnet man 8, so ist die erste kleine Schmelzschlinge an der 
Aussenseite gelegen und ziemlich, wenn auch nicht ganz, vollständig von der 2''^", parallel ne- 
ben ihr liegenden getrennt — eine Bildung, die ich bei keiner anderen Feldmaus kenne und 
die mir daher zu den wesentlichsten specilischen Charakteren von A. amurensis zu gehören 
scheint. Die 2''' bis 4*" Schmelzschlinge des ersten Unterkieferzahnes sind deutlich unvoll- 
ständig getrennt: die erstere derselben liegt am vorderen und inneren Ende des Zahnes, neben 
der 1'^" Schmelzschlinge; die 3'" liegt ebenfalls an der Innenseite und könnte leicht mit der 
2teii für eine einzige, in ihrer Mitte durch eine Einbuchtung in 2 Abiheilungen getheilte 
Schmelzschliiige genommen werden ; die 4'" liegt an der Aussenseite , etwas mehr nach hin- 
ten als die 3'" und ist von dieser etwas mehr getrennt als die 3'^ von der 2'*°. Die 5'® 
Schmelzschlinge, an der Innenseite liegend, ist vollständig getrennt. Die 6'" und 7'" sind un- 
vollständig von einander getrennt und die Schmelzbuchten der Aussen- und Innenseite ent- 
sprechen einander sehr, so dass beide Schmelzschlingen leicht für eine oinzige, in ihrer Mitte 
in 2 Abtheilungen getheilte Schmelzschlinge genommen werden können. Die 8'* oder letzte 



132 Säugelhiere. 

Schmelzschlinge ist von der T'«'" vollständig getrennt. Die Zahl der Kanten am 1'«" Unter- 
kieferzahn beträgt aussen 4 und eine abgerundete Kante nach vorn, innen 5, davon jedoch die 
vorderste, sehr kleine, noch zu dem etwas ausgeschweiften Vorderrande des Zahnes gebort. 
Der 2'6Zahu des Unterkiefers ist bereits oben beschrieben worden; er hat 3 Schmelzschlingen 
oder, wenn man die je 2 Abiheilungen der beiden vorderen Schmelzschlingen einzeln rechnen 
will, auch 5 Schraelzschlingen und aussen und innen 3 Kanten. Der 3^^ Zahn im Unterkiefer 
ist, wie oben erwähnt, dem 2'<^" äusserst ähnlich und hat ebenfalls 3 vollständig getrennte 
Schmelzschlingen oder, wenn man die je 2 Abtheilungen der beiden vorderen Schmelzschlin- 
gen einzeln rechnen will, auch 5 Schmelzschlingen und aussen und innen 3 Kanten. Sämmt- 
liche Kanten au allen Backenzähnen sind, wie bereits erwähnt, abgerundet und viel weniger 
scharf als bei den übrigen, nicht zur Untergattung //ypac/aras gehörenden Jrüico/a-Arten. — Am 
Gaumen von A. amurensis sind, wenn man bei der theilweisen Unterbrechung der Falten in 
der Mittellinie des Gaumens die einander entsprechenden Fallen der beiden Gaumenseiten 
nicht einzeln rechnen will, 1 1 Fallen. Davon belinden sich 5 in der Zahnlücke zwischen den 
Vorder- und Backenzähnen und die übrigen 6 zwischen den beiden Zahureihen des Oberkie- 
fers. Die erste Falte ist seitlich zusammengedrückt, dachförmig und hängt an ihrem hinteren 
Ende mit der 2'^" zusammen. Diese ist 3spitzig, die mittlere Spitze am höchsten, die seitlichen 
niedriger und nach den Seiten herabsteigend. Die 3''^ Falte ist ein einfacher, kurzer und dicker 
Querwulsl. Die 4'^ ist länger und dünner als die vorhergehende und in der Mitte mit einer 
kleiuen Einsenkung versehen. Die 5'"^ ist in der Mitte unterbrochen, flachbogig, die Enden an 
der Mittellinie nach hinten gerichtet. Die 6'^ Falte liegt zwischen den vorderen Enden der 
Backenzahnreiheu und ist in der Mille ebenfalls unterbrochen. Die 7'" entspringt an der 2'en 
inneren Kante des 1'^° oberen Backenzahnes, ist nur ganz kurz und bleibt joderseits weit von 
der Mittellinie zurück. Die 8'^ entspringt von der 3'^° inneren Kante des 1"'" oberen Backen- 
zahnes, verläuft bogig nach innen und vorn und ist in der Mittellinie unterbrochen, wobei die 
Enden jederseils nach hinten gerichtet sind, so dass sie sich auf jeder Gaumenscile mit der in 
der Mille ebenfalls unterbrochenen und mit ihren Enden an der 3Iiltellinie nach vorn gerich- 
teten 9'*'" Falte zu einer fast ganz geschlossenen Schlinge verbinden. Die 10''^ Falle ent- 
springt von der 2'*'" inneren Kante des 2'en Backenzahnes und stössr in der Mittellinie mit 
der ihr entsprechenden an der anderen Gaumenseite zu einer nach vorn gerichteten Spitze zu- 
sammen. Die letzte, 1 1'^ , ist flach bogig, ohne Unterbrechung in der Mitte. — Die Lippen sind 
fleischig; die Oberlippe ist ganz gespalten, aussen und innen, die Unterlippe vorn und am 
Rande weisslich behaart. Inwendig am Mundwinkel liegt jederseils eine drüsige, weisslich 
behaarte Warze. — Die Nasenlöcher sind nierenförmig, mit der hohlen Seile nach oben gerich- 
tet, schief seitlich und etwas nach vorn geöffnet; vorn durch eine Mitlelfurche von einander 
getrennt. Die Schnauzenspitze ist bis auf die nackten Nasenwülste behaart. — Das Auge ist ziem- 
lich gross, etwas näher zum Ohr als zur Schnauzenspilze gelegen . — Das Ohr ist etwas mehr 
als von halber Kopfeslänge, deutlich aus dem Pelze hervortretend, breit, rundlich, ganzrandig; 
an der Basis des Aussenrandes mit einem kleinen, rundlichen Läppchen versehen; vorn an der 



Arvicola f HypridaeusJ nmurensis. 133 

Basis mit langen Haaren bewachsen, welche in die Ohrmuschel hineinragen. Die Ohrmuschel 
ist in der Basalhälfte nackt, in der Endiiälfle aussen und innen mit kurzen röthlichen Härchen 
bedeckt, am Innenrande bis nahe zur Mitte des Ohres lang behaart. Der zur iheilweisen Ver- 
schliessnng des Ohres dienende Lappen der inneren Ohrlliiche liegt nach ismen von der Inci- 
sur am Läppchen des Aussenrandes und hat etwa 5 MilHni. Länge und 2.', Mill. Breite. — Die 
Vibrissen sind von verschiedener Länge : die vordersten reichen nicht bis an die Ohrbasis, die 
hinteren ragen angedrückt in die Ohrmuschel hinein und ein paar von ilmen überragen sogar 
das ganze Ohr. Einige derselben sind ganz weiss, die meisten braun an der Basis und weiss in 
der Endhälfte, wenige ganz braun. — Die Extremitäten sind schwach. Am Vorderfusse ist die 
Daumenwarze mit einem kurzen, stumpfen Nagel versehen; die beiden Mittelfinger sind weniger 
tief gesondert als die seitlichen; der ä^"^ Finger ist am längsten; der 1'^ reicht ohne Nagel bis an 
die Ballenbasis des 2'6n; der 3'" ist nur um ein Geringes kürzer als der 2'e ; der 4'^ reicht 
mit dem Nagel bis an die Ballenbasis des 3'en. An der Sohle haben die Vorderfusse 5 rund- 
liche Schwielen, davon die 3 vorderen an der Basis je zweier, auf einander folgender Zehen, 
die beiden hinteren in einer Querreihe etwas hinter der Daumenwarze liegen. Die Zehen sind 
unten geringelt. Die Sohle ist nackt; oben ist der Fuss mit kurzen, an der Basis der Nägel mit 
etwas längeren, die Nägel zumeist überragenden, weisslichen Haaren bedeckt. Die Nägel sind 
ebenfalls weisslich. Am Hinterfusse sind die drei mittleren Finger viel länger als die beiden 
seitlichen; der S'^und 3'" sind tiefer von einander gesondert als der 3'« und 4'^ ; die seitlichen 
noch tiefer. Der 3'" und 4'^ Finger sind gleich lang und am längsten; der 2'^ nur wenig kür- 
zer, reicht ohne Nagel bis an die Ballenmitte des 3'"^°; der 5'^ erreicht mit der Nagelspitze 
die Ballenbasis des 4'«°; der 1'" reicht ohne Nagel bis zur Wurzel des 2'en Fingers. Auf der 
Sohle tragen die Hinterfusse 6 länglich-rundliche Schwielen, davon die 4 vordersten in 2 schie- 
fen, einander parallelen Beihen an der Basis je zweier, auf einander folgender Zehen liegen; 
die beiden hinteren befinden sich ebenfalls in einer schiefen, mit jenen fast parallelen Beihe, 
die kleinste nach vorn und aussen, die grossere nach hinten und innen. Die Zehen sind unten 
geringelt. Die Sohle ist im vorderen Theile nackt, hinter den letzten Schwielen behaart. Oben 
ist der Hinterfuss mit kurzen, an der Basis der Nägel mit etwas längeren, die Nägel zumeist 
überragenden, weisslichen Haaren bedeckt. — Der Schwanz ist ohne Haarpinsel kürzer als die 
halbe Körperlänge, mit den Endhaaren zusammen gleich der halben Korperlänge; er ist ziem- 
lich sparsam und in seiner ganzen Länge gleichmässig, an der Spitze aber länger behaart. — 
Die Farbe anlangend ist die Oberseile von .4. amurensis rolhbraun, schwarz gestichelt, an der 
Schnauze und den Seiten des Körpers gelblich; die Unterseite und die Extremitäten scharf ab- 
gesetzt, schmutzig weiss. Der Schwanz ist zweifarbig, oben von der rothbraunen Farbe des 
Rückens, unten heller, gelblich. Die Deckhaare der Oberseite sind von 13 — 1 4 31illim. Länge,^ 
in ihrem unteren Theile etwas über die Hälfte (8 Mill.) hinaus dunkel schwärzlichgrau, im oberen, 
kürzeren Theile entweder einfarbig rothbraun, oder röthlich mit schwarzer Spitze; nach den 
Seiten zu ist der obere Theil der Deckhaare an einigen einfarbig gelblich, an anderen gelb- 
lich mit schwarzer Spitze, unten sind die Deckhaare von 9 xMillim. Länge, in der unteren 



134. Säugelhiere. 

Hälfte, auf 5 Millim. Länge, grau, aber heller als auf der Oberseite, in der oberen Hälfte 
schmutzig weiss. — Das mir vorliegende Exemplar ist ein Weibchen und hat 8 Zitzen, davon 
2 Paar vorn an der Brust, zwischen und hinter den Vorderbeinen und 2 Paar hinten, zwi- 
schen und hinter den Hinterbeinen liegen. — Die Hauptraaasse unseres Exemplares von A. 
amurensis sind folgende : 

Länge von der Nasen- bis zur Schwanzspitze 138 Millim. 

» von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel 92 » 

» des Schwanzes ohne Endhaare 37 » 

» der Endhaare am Schwänze 9 » 

» des Kopfes 27 » 

Breite des Kopfes unter den Augen 13 » 

» » zwischen den Augen und der Nasenspitze 6 » 

Länge der Augenspalte 4 » 

Entfernung zwischen dem vorderen Augenwinkel und der Nasenspitze. . 11 » 

Entfernung zwischen dem hinteren Augenwinkel und der Ohröffnung. . 9 » 

Länge des Ohres, von der äusseren Ohrbasis an 15 » 

» » von der Incisur am äusseren Ohrlappen 13 » 

» » vom Scheitel 11 » 

Grösste Breite des Ohres 14 » 

Länge der längsten Vibrisse 33 » 

« » Deckhaare oben 1 3 — 1 4 » 

» » Deckhaare unten 9 » 

» des Unterarmes 16 » 

» » Vorderfusses bis zur Krallenspilze 10 » 

» » Schienbeines 23 » 

» » Hinterfusses, von dem Hacken bis zur Kralleuspitze 18 » 

Es dürfte nach dieser Beschreibung nicht schwer sein A. amuretisü von allen anderen 
^rui'co/a-Arten sogleich zu unterscheiden. Von den durch tiefe und scharfkantige, fast überall 
und namentlich auch am 2'^" Backenzahne des Unterkiefers vollständig getrennte Schmelz- 
schlingen eharakterisirten Arten scheidet sie sehr scharf die abweichende Zahnbildung ab. 
Von den mit ähnlicher Zahnbildung versehenen Arten, also der Untergattung IlypuJaeus, näm- 
lich von der europäischen A.glarcolus Schreb. und deren Varietäten, wie .4. iNotymSchinz, so 
wie von den asiatischen und nordeuropäischen Arten A. rutilus ¥ aU. und ,4. rH/bca«MS Sunde v. 
unterscheidet sie sich aber durch die abweichende Bildung des ersten unteren Backenzahnes, 
dessen erste Schmelzschlinge, wie oben erwähnt, nicht vor, sondern nach aussen neben der 2'^", 
fast vollständig von ihr getrennten Schmelzschlinge liegt, wodurch der vordere Zahnrand wie 
mit einer Einkerbung versehen erscheint. Auch haben die beiden letzterwähnten Arten einen 
kürzeren Schwanz und kürzere Ohren, so wie eine andere Farbe, indem .4. ru^i/us auf der Ober- 
seite mehr rostroth, nicht rothbraun, A. rufocanus aber auf der Unterseite mehr mausegrau, 



Arvicola fHypudaeusJ amurensis. A. ruliks. 135 

nicht weisslichgrau wie A. amurensis ist. Endlicli soll auch A. ruülus nach Pallas ') nur 2 
Paar Abdominalzitzen und gar keine Brustzitzen haben, während A. amurensis 2 Paar Abdo- 
minal- und 2 Paar Brustzitzen hat. An jenen beiden Arten, A. rutilus und A. nifocamts, 
spricht sich auch der Charakter der Untergattung Ilypudaeus, der in flachen, abgerundeten 
Schnielzbuchlen und einer mangelhaften Berührung der Schmelzwände der Aussen- und Innen- 
seite der Zähne besteht, viel schwächer als bei A.glareolus und noch mehr bei A.amuretisis aus. 
Jene beiden Arten bilden daher gewissermassen den Uebergang von der Untergattung Ihjpu- 
daetts zu den ächten Feldmäusen, A. arvalis, oeconomm u. s. w., während sich diese durch die 
Zahnbildung sowohl als auch im Gesammlhabitus, durch längere Ohren und längeren Schwanz, 
meiir den ächten Mäusen nähern. 

Der Fundort meines Exemplares von A. amurensis ist der Nikolajewsche Posten, un- 
weit der Amur-iAIündung, wo das Thier am 1 4. (26.) Sept. beim Roden des Waldes gefangen 
wurde, indem es aus einem Erdloche unter der Wurzel eines Lärchenbaumes herauskam. 
Erwägt man, dass die dieser Feldmaus zunächst verwandte europäische Form, A. glareolus 
Schreb., in ihrer Verbreitung ostwärts, nach den bisherigen Erfahrungen, bloss bis an die 
Wolga und den Ural geht ), so möchte man geneigt sein ,4. amurensis als die jener west- 
lichen Art entsprechende Form im Osten Asiens zu bezeichnen. 



40) .%1'vicola riitilii$!i Pall. 

Die Amur- Exemplare dieser Feldmaus stimmen mit den sibirischen und europäischen 
Thieren, wie sie uns Pallas ^), Nilsson ') u. a m. beschrieben haben, völlig überein. Auch 
die Färbung ist an den drei mir vorliegenden Exemplaren genau dieselbe. Diese ist oben rost- 
röthlichbraun, etwas schwarz gesticheil; auf der Schnauze, an den Seiten des Körpers und 
von hier f her die Hinterschenkei nach der Scliwanzwurzel hin ist die Farbe heller, gelblich- 
grau; unten grauweiss ; der Schwanz ist oben dunkelgelblich und schwärzlich gemischt, unten 
hellweisslichgelb ; die Extremitäten sind weiss. Die Deckhaare sind oben von etwa 13 lUillim. 
Länge, in ihrem unteren Theile, auf etwa 9 bis 10 Millim. Länge, dunkel schwärzlich grau, im 
übrigen, oberen Theile röthlichgelb, bisweilen an der äussersten Spitze schwärzlich. Sie wer- 
den von etwas längeren Oberhaaren überragt, welche im unleren Theile grau, dann blass- 
gelblich und am Ende mit einer langen schwarzen Spitze versehen sind. An den Seiten des 
Körpers und besonders über den Hinterschenkeln nach der Schwanzwurzel zu, wo die Farbe 
gelblichgrau ist, wird die Spitze der unten dunkel schwarzgrauen Deckhaare hellgelblich, und 
die schwarzen Oberhaare gewinnen ebenfalls hellgelbliche Spitzen , welche über den Hinter- 



1) Novae Spec. Quadr. e Glir. ord. p. 249. 

^) Pallas, NoTae Sp. Quadr. e Glir. ord. p. 247. Blasiis, Fauna der Wirbeltb. Deutschlands. Bd. I. Naturgesch. 
der Säugethiere. p. 342. 

ä) Novae Spec. Quadr. p. 246. sqq. 

*) Skandin. Fauna. 1847. I. p. 366. sqq. 



136 Säugelhiere. 

schenkein und an der Schwanzwurzel die Länge von etwa 3 — 4 Millim. erreichen. Am Kopfe 
bleibt die Farbe aus hellgelblich und schwarzgespitzten Haaren gemischt. Unten haben die 
Deckhaarc etwa 7 — 8 Millim. Länge, davon etwas mehr als die Hälfte, nämlich 5 Millim., 
auf den dunkelgrauen unteren Theil und die übrigen 3 Millim. auf die weisse Spi ze kommen. 
Diese tjpische Färbung, welche auch Pallas's Abbildung ^) wiedergiebt, lindet sich an zweien 
unserer Amur-Exemplare; das 3'^ aber weicht davon etwas ab. Es ist nämlich im Einzelnen 
zwar ebenso gezeichnet, aber viel heller, auf dem Rücken gelblichroth, schwarz gestichelt, an 
den Seiten graugelblich , unten weiss , iheilweise mit schwachem schmutzig gelblichem An-^ 
fluge ; der Schwanz ist ebenfalls viel heller, oben gelblich mit schwarzgespitzlen oder ganz 
schwarzen Haaren gemischt, unten einfarbig gelblich; über der Scbwanzwurzel läuft vou einem 
Hinterschenuel zum anderen eine verwaschene schwärzliche Binde, welche von der durch- 
schimmernden schwarzen Farbe unterhalb der gelblichen Spitzen an den Oberhaaren herrührt. 
Diese in ihrer geographischen Verbreitung bereits durch Steiler^) und Pallas^) bis nach 
Kamtschatka bekannte, von Middendorff ^) häuüg am • Stanowoi - Gebirge gefundene 
Febimaus kommt auch im gesammlen Laufe des Amur -Stromes vor. Ich erhielt sie an der 
Mündung desselben und H.3L'iack brachte 2 Exemplare vom oberen Amur-Strome, das eine 
von der Mündung des Ko mar -Flusses, das andere (hellere) aus der Gegend oberhalb Alba- 
sin's mit. Pallas berichtet, dass diese Maus den ganzen Winter hindurch munter bleibe und 
häufig über den Schnee hinlaufe. An der Mündung des Amur-Stromes fand ich sie jedoch am 
15.(27.) Nov., bei einer Temperatur von etwa — 14" R., unter der Wurzel eines Baumstam- 
mes im Schlafe versunken liegen. In die Stube gebracht, wachte das Thier nach kurzer Zeil 
auf. Es scheint daher dieses Thier bei stärkerem Froste bisweilen auch in einen zeitweisen 
Winterschlaf zu versinken. 



41) Ar^ioola ainitliibiiis L. 

A. terreslris L. et A u e t. 

Ein mitgebrachtes Exemplar der Wasserratte aus dem Amur-Lande gehört der helleren, 
kurzschwänzigen Varietät A. terreslris Au ct. an. Der Schwanz derselben ist wenig länger 
als ein Drittbeil des Körpers, indem die Länge des Körpers von der Nasenspitze bis zur 
Schwanzwurzel 130, die des Schwanzes 45 Millim. beträgt. Die Farbe des Amur- 
Exemplares ist oben graubraun, an den Seiten beller, gelblichbraun, unten weissgrau mit 
schmutzig gelblichem Anfluge ; die Extremitäten sind hellbraun, der Schwanz oben braun, 
unten weisslich. Die Deckhaare des Rückens sind von 15 — 17 Millim. Länge und von ver- 
schiedener Farbe: die meisten sind zweifarbig, in ihrem unteren Theile (auf etwa 12 Millim. 
Länge) dunkel schwarzgrau, im oberen entweder bräunlichgelb mit äussersler schwarzer Spitze, 

') Not. Sp. Quadr. tab. XIV. B. 

*) Die von Steiler (Besihreib. von dem Lande Kamtschatka, p. 129. Nota a.) unter dem KamtscbadaliscbeD 
Namen Tschetanaustschu angeführte rothe Maus scheint Ä. rutilus Pall. zu sein. 
') Nov. Sp. Quadr. 1. c. 
*) Sibirische Reise. I. c. p. 114. 



Arvicola amphibius. A. saxatilis. 137 

oder einfarbig bräunlichgelb ; ihnen sind einfarbig schwarze Haare beigemischt. An den Sei- 
ten wird die Zahl der einfarbig gelblich gespitzten Haare grösser und die Farbe der Haar- 
spitzen heller gelblich. Auf der Unterseite endlich sind die Deckhaare von 10 — 12 Millim. 
Länge, davon etwas über die Hälfte auf den dunkelgrauen Basaltheil und das Uebrige auf die 
weissliche oder gelbliche Spitze kommt. 

Arvicola amphibius kommt im Amur- Lande nicht häufig vor. Das oben beschriebene 
Exemplar erhielt ich durch Hrn. Maximowicz, der es im November (1854) erfroren auf 
einer mit Weiden bewachsenen Insel des Amur -Stromes in der Gegend von Kidsi fand. Ich 
selbst habe dieses Thier im September 1854 in einem Flussarme des Amur-Stromes zwi- 
schen sumpügen Inseln unweit vom Nikolajewschen Posten im Wasser schwimmen sehen, 
konnte seiner aber nicht habhaft werden. 



42) Arvicola üiaxatilis Fall. Taf. VI. fig. 3. 

Diese seit Pallas nicht wiedergefundene Feldmaus liegt mir in einem von Hrn. Maxi- 
mowicz aus dem Amur-Lande mitgebrachten Exemplare vor. Die grösseren Ohren und der 
verhältnissmässig längere, dünnbehaarte Schwanz, welche sie den ächten Mäusen nähern, las- 
sen in ihr sogleich das von Pallas ') beschriebene Thier erkennen. Da jedoch die erste, von 
Pallas nach dem lebenden Thiere entworfene Beschreibung in Folge eines Unglücksfalles 
verloren gegangen ist und nur eine spätere dürftige Beschreibung dieses Thieres nach Fellen 
uns vorliegt, so dürfte hier eine genauere Beschreibung des Amur-Exemplares am Orte sein. 

Arvicola saxalilis gehört zu den ächten, mit scharfkantigen, nach innen tief einspringen- 
den und meist vollständig getrennten Schmelzschlingen versehenen Feldmäusen. Das Gebiss 
besteht aus 1 6 Zähnen. Die Vorderzähne sind ziemlich breit, gelb, die unteren heller gelblich. 
Von den Backenzähnen hat im Oberkiefer (Fig. 3. a.) der l'*' Zahn 5 vollständig getrennte 
Schmelzschlingen und aussen und innen 3 Kanten; der 2'*^ hat 4 vollständig getrennte Schmelz- 
schlingen und aussen 3, innen 2 Kanten; der 3'^ hat 6 Schmelzschlingen, davon die 4 ersten 
vollständig, die beiden letzten unvollständig von einander getrennt sind; an der Aussenseite 
hat der 3'« Zahn im Oberkiefer 3, an der Innenseite 4 Kanten und ausserdem eine nach hin- 
ten gerichtete, abgerundete Kante. Im Unterkiefer (Fig. 3. b.) hat der 1'^ Zahn 9 Schmelz- 
schlingen, davon die 3 vordersten unvollständig, die übrigen vollständig von einander ge- 
trennt sind; an der Aussenseite hat er 5 Kanten, davon die vorderste abgerundet ist und zur 
Eudschlinge gehört, an der Innenseite 6 Kanten, von denen die vorderste, ebenfalls zur End- 
schlinge gehörig, sehr wenig vorspringt. Der 2'« Zahn im Unterkiefer hat 5 vollständig ge- 
trennte Schmelzschlingen und aussen und innen 3 Kanten ; der 3'^ hat 3 vollständig getrennte 
Schmelzschlingen und aussen und innen 3 Kanten. — Im Gaumen sind 9 Falten, von denen 4 in 



1) Not. Sp. Quadr. e Glir. ord. p. 235. sqq. 
Schrenck Araur-Keise Bd. I. 10 



138 Säugethiere. 

der Zahnlücke zwischen den Vorder- und Backenzähnen liegen. Von diesen ist die vorderste 
3eckig, die 2'^ und 3'" einfach bogenförmig, in der Mittellinie nicht unterbrochen ; die 4'^ , unmit- 
telbar vor dem ersten Backenzahne entspringend, ragt jederseits nach hinten und innen in den 
Zwischenraum zwischen den Zahnreihen hinein und ist in der Mitte unterbrochen. Auf diese 
folgen zwischen den Zahnreihen 5 schwache, ziemlich parallele, in der Mitte mehr oder we- 
niger unterbrochene Falten, deren letzte von der 1'^" Innenkante des S^*"* Backenzahnes ent- 
springt. — Die Lippen sind fleischig; die Oberlippe aussen uml innen, die Unterlippe unten und 
am Rande behaart. Inwendig am Mundwinkel liegt eine drüsige, mit langen, weisslichen Haa- 
ren bedeckte Warze. — Die Nasenlöcher sind rundlich-nierenförm g, mit der hohlen Seite nach 
hinten gerichtet, vorn durch eine MilteU'urche von einander getrennt. Die Schnauze über und 
unter denselben ist bis auf die Nasenwülste stark behaart. — Die Bartborsten sind kürzer als der 
Kopf, verschiedenfarbig: schwarz, schwarz im unteren Theile und weiss am oberen Ende, und 
ganz weiss. — Das Auge liegt in der Mitte zwischen der Nasenspitze und der Ohröfl'nung. —Das 
Ohr hat über ein Dritlheil der Kopfeslänge, ist von ovaler Form und tritt aus dem Pelze her- 
vor ; es ist aussen und innen ziemlich behaail, an der Basis inwendig mit langen Ilaaren ver- 
sehen. — Die E\tremiläten sind ziendich robust. Am Vorderfusse ist die Daumenwarze klein, mit 
kurzem Nagel; der 2'« Finger ist am längsten; der 1 ^'^ reicjjt ohne Nagel bis an die Ballen- 
basis des 2'^" ; der 3'^ ist nur wenig kürzer als der 2"^ und reicht ohne Nagel bis zur Ballen- 
milte des 2'^"; der i''' reicht mit dem Nagel bis zur Balleubasis des 3'''". Die MitleUinger 
sind weniger tief als die seillichen gesondert; die Zehen unten geringelt. Die Sohle der Vor- 
derfiisse hat 5 längüch-rundliche Schwielen, davon die 3 vorderen an der Basis von je 2 auf 
einander folgenden Zehen, die beiden anderen hinter jenen in einer Querreiiie in der Gegend 
des Daumens liegen; die innere der letzteren, an der Basis des Daumens, ist die grösste. Die 
Sohle ist nackt; der Fuss und die Zehen sind oben und an den Seiten stark behaart; die Haare 
an der Basis der Nägel die Nägel an Länge überragend. Am Hinterfusse ist der 3'^ Finger am 
längsten; der 2'^ reicht ohne Nagel bis an die Ballenmitte des 3'en; der 4*" ist um ein Gerin- 
ges länger als der 2'" und kürzer als der 3'^ ; der 5'^ reicht mit der Kralle beinahe bis an die 
Balleubasis des 4'^°; der 1*'" reicht ohne Nagel beinahe bis an die Basis des 2'^" Fingers. Der 
3'" und 4'" Finger sind etwas w eniger tief von einander gesondert als der 2'" und 3'"' ; die 
seitlichen sind viel tiefer gesondert. Die Sohle des Hiuterfusses hat 5 längliche Schwielen, da- 
von die 4 vorderen in 2 schiefen, einander fast parallelen Reihen an der Basis der Zehen 
liegen, (He 5'*', hinterste, am Innenrande des Fusses hinter der 4'^", an derDaumenbasisgele- 
genen Schwiele sich belindet. Die Zehen sind unten geringelt und ebenso wie die Sohle nackt; 
der Fuss an den Seiten und oben und die Fusswnrzel unten, bis an die hinterste Schwiele, stark 
behaart; die Haare an der Basisder Nägel von ansehnlicher Länge, die Nägel weit überragend. — 
Der Schwanz ist ziemlich diinu und wird gegen das Ende noch dünner ; er ist ohne Haar- 
pinsel beinahe von halber, mit demselben von mehr als halber Körperlänge, schwach behaart, 
mil duichschimmernden Schuppenringen ; die Behaarung an demselben ist ziemlich gleich- 
massig, nur an der äussersten Spitze länger. — Die Farbe des Amur-E\eniplares ist der Be- 



Arvicola saxalilis. 1 39 

Schreibung und Abbildung von Pallas ') entsprechend: oben dunkelrolhlich graubraun, nach 
den Seilen zu heller, unten scharf abgesetzt weissgrau ; die Extremitäten bräunlich; der 
Schwanz oben braun, unten weisslich. Die Deckhaare der Oberseite sind von 10 Milliin. 
Länge, in ihrem unteren Theile, auf etwa 6 Millim. Länge, schwarzgrau, im oberen röthlich- 
gelb, an der äussersten Spitze bisweilen schwärzlich. Ueber die Declihaare ragen einzelne 
längere, etwa 13 Millim. betragende!, ganz schwarze oder bisweilen auch mit röthlich - gelb- 
licher Spitze versehene Oberhaare hervor. Unten sind die Deckhaare von 7 Millim. Länge, 
ebenfalls zweifarbig: in der Wurzelhälfte, auf etwa 4?, Millim. Länge, dunkelgrau, im oberen 
Theile weisslich. Die Nägel simi weisslich. — Das mir vorliegende Exemplar ist ein erwachsenes 
Weibchen und hat 8 Zitzen, davon 2 l'aar vorn, zwischen und hinter den Vorderbeinen, und 
2 Paar hinten, zwischen und hinter den Hinterbeinen liegen. — Die Maasse des Thieres sind 
folgende : 

Länge von der Nasen- bis aur Schwanzspitze 160 Millim. 

» von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel 1 03 » 

» des Schwanzes ohne Endhaare 46 » 

» der Endhaare am Schwänze 11 » 

» des Kopfes 29 » 

» der Augenspalte 4 » 

. Entfernung zwischen dem vorderen Augenwinkel und der Nasenspitze 11 » 

» zwischen dem hinteren Augenwinkel und der Ohröffnung 11 » 

Länge der längsten Vibrisse (ungefähr) 26 » 

« des Ohres von der äusseren Basis an 12 » 

Grösste Breite des Ohres 10 » 

Länge des Oberarmes 15 » 

» des Unterarmes 17 » 

» des Vorderfusses bis zur Krallenspilze 11 » 

» des Hinterfusses vom Hacken bis zur Krallenspilze 20 » 

Es bleibt mir nun noch i'ibrig A. saxalilis gegen die nächstverwandten Arten prägnanter 
abzugränzen. Nach der Zahubildung, und namentlich der Anzahl von Schmelzschlingen am 
l'en unteren Backenzahne, steht A. saxalilis unter den europäischen Thieren nur /l. arva- 
lis Pall. und A. campestris Blas., so wie den Arten A. sublerraneus Selys und A. Savii 
Selys nahe, von welchen letzteren sie sich aber sehr entschieden schon durch die Körper- 
verhällnisse, durch längere Ohren und eine grossere Anzahl und verschiedene Lage der Zitzen 
entfernt '). Von den ersteren ist sie durch die Anzahl von Schwielen an der Sohle des Hinter- 



') l. c. lab. XXIII. B. 

^} Beide letztgenannten Arien, Ä. sublerraneus und A. Savii, liaben nach Blasius (Fauna der Wirbelth. 
Deutschlands. I. p. 336 u. 387) 4 Zitzen, wehte in der Ahdominalgegend liegen. Nach Selys (Etudes de. micro- 
maninialogie. Paris 1839. p. 101 u. 103) seüist al'er hat erstere 6, letztere 8 Zitzen, welche alle in der Abduminal- und 
luguinal^egend liegen. 



140 Säugethiere. 

fusses verschieden, deren jene 6, A. saxatilis nur 5 hat. Zwar giebt Blasius ') auch A. sa~ 
jcalilis 6 Knorpelschwielen an der Sohle des Hinterfusses, allein es ist wohl anzunehmen, dass 
er keine Exemplare der wirklichen A. saxatilis vor sich gehabt habe. Von beiden ist sie auch 
ferner durch den längeren, dünnbehaarten Schwanz, durch die Form der vorderen Schmelz- 
schlingen am 1 '*° unleren Backenzahne und von A. campestris auch durch die Anzahl der Kan- 
ten am 3'"" oberen Backenzahne unterschieden. Was die nahe verwandten sibirischen Arten 
betrifft, so unterscheidet sich A. saxatilis von denselben, ausser der abweichenden Form des 
l'en unleren und bisweilen auch des S^e" oberen Backenzahnes, von den meisten, wie A.oecn- 
nomus? aU., A. gregalisV a\\., A. socialis P aU. und der seit Middendorff's^) Beschreibung genau 
bekannten A. obscurus Eversm. , auch durch längere Ohren und besonders durch einen viel 
längeren Schwanz. Die einzige ihr in dieser Beziehung näher kommende sibirische Art A. al- 
liaritis Fall, unterscheidet sich aber von ihr, abgesehen von der verschiedenen Farbe, schon 
durch eine geringere Anzahl von Zitzen, deren A. saxatilis 8, A. alliarius nach Pallas ") 
nur 6 hat. 

Pallas hielt A. saxatilis für eine nur Transbaikalien und der Mongolei eigenthüm- 
liche Form. Wir müssen aber diese Gränzen ostwärts auch über das Amur -Land erweitern, 
indem unser Exemplar von Hrn. Maximowicz am linken Ufer des Amur-Stromes nahe un- 
terhalb seines Durchbruches durch das Bureja-Gebirge am 12. (24.) August 1856 gefangen 
worden ist. 



43) ArTlcoIa ]fIaxiinowlcail Schrenck n. sp. Taf. VI. fig. 4 u. 5. 

Durch Hrn. Maximowicz haben wir aus dem Amur-Lande eine Feldmaus erhalten, 
welche ich trotz der genauesten Vergleichung mit den bisher beschriebenen und theils auch 
in unserem Museum vorhandenen, vielfachen Arten dieses Geschlechtes, dennoch unter keine der 
bisher bekannten Arten zu bringen weiss. Ich sehe mich daher geuothigt dieses Thier für eine 
neue Art zu halten, muss aber bedauern die Beschreibung nur nach einem einzigen und dazu 
nicht ganz gut erhaltenen Exemplare entwerfen zu müssen. 

A. Maximowiczii reiht sich dem Gesammthabitus wie dem Charakter der Zahnbildung 
nach den ächten Feldmäusen an. Die Schmelzschlingen der Backenzähne sind tief einspringend 
und scharfkantig und die Schmelzwände der Aussen- und Innenseite berühren sich vollständig, 
so dass die Schmelzschlingen, bis auf die vordersten am 1'^" Unterkiefer- und die hintersten 
am 3'^" Oberkieferzahne, vollständig von einander getrennt sind. Die speciellen Charaktere 
betreffend, hat ^. Maa;iVnoM)iC3Ü ziemlich breite und starke Vorderzähne, von gelber Farbe; die 
oberen glatt und ohne Furchen. Von den Backenzähnen hat im Oberkiefer (Fig. 5. a.) der 
l^'e Zahn 5 vollständig getrennte Schmelzschlingen und aussen und innen 3 Kanten; der 



') 1. c. p. 387. 

2) Sibirische Reise. I. c. p. 109. sqq. 

ä) Nov. Sp. Quadr. p. 233. 



Arvicola Maximowiczii. 14-1 

2te Zahn hat 4 vollständig getrennte Schmelzschlingen und aussen 3 , innen 2 Kanten ; der 
3'e Zahn hat 6 Schmelzschlingen, davon die 4 vordersten vollständig, die heiden hintersten 
aber unvollständig von einander getrennt sind. An der Aussenseite des S'en Zahnes sind 3, an 
der Innenseite 4 Kanten und eine abgerundete Kante nach hinten und etwas nach innen. Im 
Unterkiefer (Fig. 5.6.) hat der l'^Zahn 9 Schmelzschlingen, von denen die 3 vordersten unvoll- 
ständig, die übrigen vollständig von einander getrennt sind; an seiner Aussenseite sind 5 Kanten, 
von denen die vorderste sehr schwach ist, an der Innenseile 6. Der 2'^ Zahn im Unterkiefer hat 
5 vollständig getrennte Schmelzschlingen und aussen und innen 3 Kanten ; der 3'^ hat 3 voll- 
ständig getrennte Schmelzschlingen und aussen und innen 3 Kauten. — Im Gaumen sind 1 Fal- 
ten, davon 5 in der Zahnlücke zwischen den Vorder- und Backenzähnen und 5 zwischen den 
Zahnreihen des Oberkiefers liegen. In der Zahnlücke ist die 1*'^ Falle ungefähr 3eckig ; die 
2'e einfach bogenförmig; die 3 folgenden bestehen aus einem in der Mitte geknickten und mit der 
Spitze nach hinten gerichteten Bogen, wobei die erste derselben in der Mittellinie gar nicht, 
die 2'" schwach und die 3'^ deutlich unterbrochen ist; letztere, die 5'^, entspringt unmittelbar 
vor dem ersten Backenzahne und reicht in der Mittellinie weit in den Zwischenraum zwischen 
den Zahnreihen hinein. Es folgen nun 5 Falten zwischen den Backenzahnreihen, davon die 3 
ersten, von der 2'^° und 3''^'' Innenkante des 1'"" Backenzahnes und der l'^" Innenkante des 
2'en Backenzahnes entspringend, ziemlich schwach, flach bogenförmig und in der Mittellinie unter- 
brochen sind; die beiden letzten, von der 2'ß''bis letzten Innenkante des 3'e'' Backenzahnes ent- 
springend, steigen bogenförmig nach vorn und innen auf, die vorletzte mit einer in der Mittellinie 
nach vorn gerichteten Spitze, die letzte einfach mit einer leisen Spur von Unterbrechung an 
der Mitttellinie. — Die Lippen und die Schnauzenspitze sind bis auf die Nasenwülste behaart. 
Das Auge liegt etwas näher zur Ohröffnung als zur Schnauzenspitze. Das Ohr beträgt mehr 
als ein Drittheil, ja Jjeinahe die Hälfte der Kopfeslänge. — Die Extremitäten sind ziemlich 
schwach. Am Vorderfusse ist die Daumenwarze klein, mit kurzem, stumpfem Nagel versehen; 
der darauffolgende, 1'" Finger reicht mit der Kralle bis zur Ballenmitte des 2'6" Fingers; 
der 2'^ und 3'" Finger sind ziemlich gleich lang und am längsten ; der 4'^ Finger reicht mit 
der Kralle bis zur Ballenbasis des 3'^°. Die Mittelfinger sind weniger tief gesondert als die 
seitlichen. Die Sohle der Vorderfusse hat 5 Schwielen, von denen die 3 vorderen an der Basis 
der 1'en bis 4'6° Zehe, die 2 hinteren in einer Reihe in der Gegend des Daumens liegen; die 
innere der letzteren, an der Basis des Daumens, ist am grössten. Die Zehen sind unten gerin- 
gelt ; die Sohle nackt; der Fuss und die Zehen oben und an den Seiten behaart; die Haare an 
der Basis der Nägel ziemlich lang, die Nägel an Länge überragend. AmHinterfusse reicht die 
erste, innerste Zehe mit der Kralle bis an die Basis der 2'^° ; die 2'^ ist nur \^ enig kürzer als 
die 3'6 und reicht ohne Nagel bis an die Ballenmitte der S'^"; die 3'« und 4'^ sind gleich lang 
und am längsten; die 5'^ reicht mit der Kralle beinahe bis zur Ballenbasis der 4'^° . Die Sohle 
des Ilinterfusses hat 5 längliche Schwielen, davon die 4 vorderen in 2 schiefen, einander 
fast parallelen Reihen zwischen der Basis je zweier auf einander folgender Zehen liegen und 
die 5*ß hinter der Schwiele der Daumenbasis am inneren Rande des Fusses sich befindet. Die 



142 Sängelhiere. 

Zehen sind unten geringelt; die Sohle nackt; der Fuss und die Zehen oben und an den Seilen, 
so wie die Fusswurzel unten bis an die Schwiele des Daumens stark behaart. Die Nägel sind 
lieuilich stark, weisslich. — Der Schwanz ist von der Länge des Kopfes, beinahe gleich einem 
Dritlheil der Kiirperlänge. — Die Farbe dieses Thieres ist oben rolhbraun, schwarz ge- 
stichelt, an den Seilen heller, unten scharf abgesetzt gelblichweiss. Die Extremitäten sind grau. 
Der Schwanz ist oben schwarzbraun , unten scharf abgesetzt weisslich ; die Schwanzspitze 
ziemlich steifhaarig, zumeist aus den schwarzbraunen Haaren der Oberseite des Schwanzes 
üeltiblet. Die Deckhaare der Oberseile sind im unteren, längeren Theile dunkel schwärzlich- 
grau, im oberen rölhlich mit feiner schwarzer Spitze, manche auch einfarbig rölhlich; sie wer- 
lien von längeren, ganz schwarzen Haaren überragt. Auf der Unterseite sind die Deckhaare 
im unteren Theile grau im oberen gelblichweiss. Das mir vorliegende Exemplar ist einMänn- 
ch* 11. nie Maasse desselben sind folgende : 

Gesammtiänge von der Käsen- bis zur Schwanzspitze 113 Millim. 

Länge von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel 81 » 

» des Schwanzes ohne Endhaare 26 » 

» der Enilhaare am Schwänze 6 » 

» des Kopfes 26 » 

Entfernung zwischen dem vorderen Augenwinkel und der Nasenspitze 10 » 

» zwischen dem hinteren Augenwinkel und der Ohröffnung 7 » 

Länge der Augenspalte 3 » 

» des Ohres von der äusseren Basis an 11 » 

Breite des Ohres 9 » 

Länge des Oberarmes 13 » 

» des Unterarmes » 15 » 

» des Vorderfusses bis zur Krallenspitze 11 » 

» Schenkels 13 » 

» Schienbeines 17 » 

» des Hinterfusses vom Hacken bis zur Nagelspitze 19 » 

Heben wir nun prägnanter die Hauptkennzeichen hervor, durch welche sich A. Maxi- 
mowiczii von den ihr zunächst stehenden Arten unterscheidet. Die Abgränzung muss hier na- 
mentlich gegen die Gruppe der ächten Feldmäuse, d. i. unter den europäischen Thieren gegen 
A. arvalis Fall., A. campestris Blas, und die kurzöhrigen A. subterraneus Selys und A. Savri 
Sel>s, und unter den asiatischen Formen gegen A.occonowus, ^4. grc^/a/js u. a. m. geschehen, da 
A. Maximowkzü von ä^n anderen Gruppen desselben Geschlechtes durch die Zahnbildung zu 
sehr unterschieden ist, um eine Verwechselung zuzulassen. Von A. arvalis und A. campestris 
unterscheidet sie sich sowohl durch die Form der Schmelzschlingen am 1 'ß" unteren (und von 
A. campestris auch am 3'"^° oberen) Backenzahne, als auch durch die Anzahl der Hinlerluss- 
schwielen, deren jene 6, A. Maxiwomiczii nur 5 hat. In diesem letzteren Punkte stimmt 
sie mit der Untergruppe Microtus Selys überein. Durch die Länge des Ohres aber unierschei- 



Arvicola Maximowiczii. 14.3 

det sie sich von beiden europäischen Arten, A. sublerraneus und .4. Savii, jener Untergruppe; 
roxi letzterer Art ausserdem auch durch einen längeren Schwanz und eine andere Anzahl von 
Schnielzschlingen am 3'e° oberen Backenzahne. Mit A. snbterramus Sei) s scheint A. Maxi- 
mowiczii die grösste Aehnlichkeit in den Charakteren zu haben, unterscheidet sich jedoch eben- 
falls durch eine etwas andere Form der Schmelzschlingen am l'^n unteren Backenzahne und 
durch etwas andere Körperverhältnisse , namentlich durch längere Ohren und wie es scheint 
durch einen kürzeren Schwanz. Das Unterscheidende von den asiatischen Formen muss ebenfalls 
hauptsächlich in der Form der Schmelzschlingen , dann in den Verhältnissen der Ohr- und 
Sciiwanzlänge und endlich in der Farbe gesucht werden. Von A. gregalis Fall., wofür ich das in 
Weingeist aufbewahrte Exemplar von A. Maximowiczii aniaings hielt, steht mir leider weder ein 
Schädel, noch eine Abbildung desselben zur Vergleichung der Zahnbildung zu Gebote. Allein 
Keyserling und Blasius ') geben als charakteristisches, nur der A. gregalis zukommendes Kenn- 
zeichen an, dass dieselbe am l'«^" Backenzahne im Unterkiefer nur 8 Prismen habe, während 
A. Maximowiczii ihrer 9 hat. Auch unterscheidet sie sich von A. gregalis, nach den Maass- 
angaben von Pallas ^), durch einen etwas längeren Schwanz und durch eine viel dunklere 
und röthlichere Farbe. Von A. oeconomus Pall. ist unsere Art durch die abweichende Form 
des ersten unteren Backenzahnes sehr unterscliieden : zwar ist die Anzahl von Schmelzschlin- 
gen dieselbe, allein die vordere Endschlinge ist bei A, oeconomus von den anderen weniger 
getrennt und etwas nach aussen gekehrt, während sie bei A. Maxim oiciczii schärfer getrennt 
und nach innen gekehrt ist, wodurch auch die Zahl der Innenkanten des 1'^" unteren Backen- 
zahnes !ei leliterer eine grössere wird. Endlich ist auch die Farbe dunkler als bei A. oecono- 
mus. Mit A. obscurus Eversm. ist schon wegen des längeren Schwanzes bei A. Maximowiczii 
keine Verwechselung möglich; noch weniger bei Vergleichung der Zahnbildung, welche eben- 
falls in der Form des l^^" unteren und 3'*^" oberen Backenzahnes verschieden ist ^). Eine grös- 
sere Aehnlichkeit im Zahnbau hat A. Maximowiczii mit A. saxalilis Pall.; allein auch hier ist 
der Unterschied in lier Form der Endschlinge des 1 '^" unteren Backenzahnes sehr ausge- 
sprochen; auch lassen der bei A. saxalilis verhäUnissmässig viel längere Schwanz und die ver- 
schiedene Färbung keine Verwechselung zu. Von den Arten A. socialis Pall. und A. alliarius 
Pall., von denen mir keine zuverlässig denselben angehörende Schädel oder Zalinabbildungen 
zu Gel'ote stehen, ist unsere Art durch die dunklere, rolhbraune Farbe und durch den länge- 
ren Schwanz unterschieden. Von den meisten der genannten Arten miissle sich endlich A, Ma- 
ximowiczii auch durch die Anzahl der Schwielen an <ier Sohle des Hinlerfusses unterscheiden, 
da A. oeconomus, gregalis, socialis und saxalilis nach Blasius's '') Angaben 6 Hinterfuss- 
schwielen besitzen sollen, A. Maximowiczii al>er ihrer nur 5 hat. Dass diese Angabe von Bla- 
sius jciloch für A. saxalilis nicht richtig sei, habe ich bereits oben bemerkt. 



') IMemoires presentes ä l'Acad. des Sc. de St. Petersb. par divers sayants. T. IV. 184o. p. 332. 

*) Nov. Spec. Quadr. p. 245. 

3) Middendorff, Sibirische Reise. I. c. tab. XI. 

«) 1. c. p. 3S7. 



1 44 Säugelhtere. 

Diese Feldmaus ist von Hrn. Maximowica am oberen Amur-Strome, an der Mündung 
des Flusses Oniutna in denselben, auf sandigem Boden unter Weidengebiischen am 7. (19.) 
Octüber 1856 gefangen worden. 



44] Siplineii!« ilspalax Fall. 

Ullis Aspalax Fall. Nov. Sp. Quadr. e Glir. ord. p. 163. Tab. X. ') 
Spalax talpinus Fall. Zoogr. Rosso-Asialiea. I. p. 139. 

Ein Exemplar dieses Thieres, das wir aus dem Amur -Lande haben, stimmt mit dem 
sibirischen Thiere und mit der Beschreibung von Pallas ganz überein. Nur tinde ich Pallas's 
Angabe über die verhällnissmässige Länge der Zehen und Nägel am Hinterfusse des Thieres 
nicht ganz richtig. Nach Pallas soll nämlich am Hinterfusse der 2'^ Finger der längste sein 
und einen grösseren Nagel als der etwas kleinere S'** Finger haben. An dem Amur -Exem- 
plare dagegen und an 6 altaischen Exemplaren unseres Museums ist der 3'« Finger am 
längsten: er ist etwas grösser und auch stärker gebaut als der 2'^. Am Amur -Exemplare 
ist an dem einen Hinterfusse auch der Nagel des 3*en Fingers etwas länger als der des 2'6° , 
indem jener 4, dieser nur 3 Milliin. misst; am anderen Fusse aber sind die Nägel des 2'^" und 
3ten Fingers einander gleich und zwar je 3 Millim. lang. — In der Farbe und Zeichnung 
lässt unser Amur- Exemplar ebenfalls genau dasselbe Thier erkennen: es ist oben röthlich- 
aschgrau, Stirn und Ohrgegend weisslich grau ; Unterseite grau, stellenweise bald mehr weiss- 
lich, bald mit schwachem röthlichem Anfluge versehen. Betrachtet man die einzelnen Haare 
genauer, so findet man sie auf dem Rücken von etwa 12 Millim. Länge, zweifarbig: im un- 
teren, längeren Theile, auf etwa 9 Millim. Länge, dunkel mausegrau, an der Spitze röthlich- 
weisslich ; ihnen sind nur wenige statt der hellröthlichen mit schwarzen Spitzen versehene 
Haare beigemischt. Auf der Unterseite sind die Haare kürzer, im unteren Theile heller grau, 
im oberen weiss oder blassröthlich wie auf dem Rücken. Der Schwanz ist bis auf wenige 
kurze weissliche Härchen nackt. 

Dieses von Laxmann in den Vorbergen des Altai- Gebirges entdeckte, nach Pallas in 
Transbaikalien jenseits des Stanowoi-Gebirges zwischen der Jngoda und dem Argunj, 
also an den Quellarmen des Amur-Stromes, hauptsächlich häuhge Thier ist von Hrn. Maack 
auch am Amur -Strome und zwar etwas unterhalb der Komar- Mimdung gefunden worden. 
Nach der Beschaffenheit des Landes zu urtheilen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass es auch 
weiter unterhalb am Strome, zum wenigsten bis an das Bureja- Gebirge, vorkommen dürfte. 
Im unleren Amur-Lande aber ist mir keine Spur dieses Thieres begegnet. 



1) Im Texte des genannten Werltes ist irriger Weise auf p. 168. Cm Mus Aspalax tab. VIII statt X, und ebensu 
auf p. 158. für Mus Typhlus tab. VII statt VIII citirt, ein Druckfehler, der sich schon aus der Explicatio Iconum, p. 386, 
berichtigen iasst. 



Casfor Fiber. Lepns variabilis. 145 

45) Castor Fiber L. 

Bekanntlich hat Middendorff keine Spur des Bibers im Stanowoi-Gebirge gefunden '). 
Ich habe ihn ebenfalls vergeblich am Amur-Strome und dessen Zuflüssen gesucht. Gleichwohl 
kann er in jenen wenig bevölkerten, zum Theil nur von Nomaden durchstreiften Wildnissen 
nicht wohl durch Nachstellungen bereits so weit ausgerottet sein, dass auch die Kunde von 
demselben unter den Eingeborenen verloren gegangen sein sollte. Erwägt man dazu, dass 
meine Reisen im Amur -Lande sich fast immer längs dem Laufe der Flüsse bewegten, so 
scheint es wohl erlaubt, das Vorkommen des Bibers im Amur -Lande völlig in Abrede zu 
stellen. Dasselbe dürfte auch für die Insel Sachalin gelten. Auch ist mir durch mündliche 
Mittheilungen bekannt, dass der russisch-amerikanischen Companie während des einen Win- 
ters, von 1853 auf 54, als sie eine temporäre Handelsstation in der Bai Aniwa hatte, von 
den Eingeborenen der Insel niemals ein Fell des Bibers zugebracht worden ist. Desgleichen 
weiss Siebold nichts von seinem Vorkommen in Japan. 



46) licpiis variabilis Fall. 

Bei den Giljaken des Continentes und der Westküste der Insel Sachalin: chy'i und chy'ik. 

« « « des Innern und der Oslküste von Sachalin: ossjk und kanak (d.h. der Weisse). 

« « Mangunen, Golde unterhalb des Geong- Gebirges, Ssamagern (Kile am Gorin): 
toksa und tochsa. 

« « Golde zwischen dem Geong-Gebirge und dem Ussuri: tochsa und golmochong. 

« « « zwischen dem Ussuri und Ssungari: gurmacho. 

« « Biraren, Monjagern, Orotschonen: toksake. 

Der Schneehase kommt im Amur-Lande in seiner typischen Form, mit veränderlichem, 
im Winter bis auf die schwarze Spitze der Ohren vollkommen weissen Kleide vor. In dieser 
Tracht habe ich ihn oft auf meinen Winterreisen im Amur-Lande gesehen. Der Schädel eines 
solchen Thieres aus dem unteren Amur-Lande stimmt, nach genauer Vergleichung, mit dem 
des europäischen Thieres ganz überein. Das Hinterhauptsbein springt an demselben ebenfalls 
mit abgerundeter Schneppe in die Scheitelbeine vor und die Stirnbeine schieben sich mit ziem- 
lich spitzer Schneppe in der Medianlinie zwischen die Nasenbeine vor ^). Letztere scheinen 
auch im Vergleich zu den Nasenbeinen von L. europaeusVaW. [L. timidus L.) weniger entwickelt zu 
sein. Die Gesammtlänge des Schädels vom Amur-Exemplare beträgt 95, die grössle Breite an den 
lochbögen 50 Mill. — Ein Herbstexemplar vom selben Hasen, das ich am 2. (14.) Oct. vom Flusse 
Kamr in der Umgegend des Nikolaj ewschen Postens erhielt, ist im Wechsel der Sommer- in 
die Wintertracht begriffen. Es ist bereits in seinem grössten Theile weiss, am Kopfe und Mittel- 
rücken aber noch roströthlich gemischt. Am Kopfe ist namentlich der Nasenrücken licht rost- 

•) Sibirische Reise. 1. c. p. 115. 

*) Middendorff, Ueber die als Bastarde angesprorh. Millelform. zwisch. L. eiirop. Fall, und l. xtariab. Fall. 
S. Bull, ph^s.-raath. T. IX. . ) ' 14—16. Dsgl. .Melanges biologiques. T. I. p. 245. 

SchreDck Aruar-Reise ßd. I. l*' 



1 4-6 Sängelkiere. 

röthlich ; die Stirne und der Scheitel sind etwas dunkler roslröthlich mit schwarzen Haaren 
gemischt imd wenig durclischinmierndem Weiss , indem hier aus dem weissen Wollhaar und 
den anwachsenden, noch kurzen, etwa 9 bis 10 Millim. langen, weissen Deckhaaren andere, 
längere Haare, von etwa 16 — 19 Millim., hervorragen, welche theils, und zumeist, in 
der Basalhälfte grau, in der Endhiilfte schwarz mit roslröthlicher Spitze oder auch mit rost- 
röthlichem Bande unterhalb der schwarzen Spitze , theils ganz schwarz sind. Die Kopfseiten 
unterhalb der Augen sind weiss, mit wenigen röthlich und schwarz gezeichneten Haaren un- 
termischt. An den Ohrwurzeln und auf dem Oberhalse ist das Fell fast rein weiss, mit sehr 
wenigen röthlich und schwarz gezeichneten Haaren. Die Ohren erreichen angedrückt die 
Schnauzcnspilze nicht ; sie sind auf der Aussenseite vorn röthlich mit schwarz gemischt wie 
die Stirn , hinten weiss, an der Spitze, und zwar am Aussen- und Innenrande gleichraässig, 
dunkel schwarzgrau; auf der Innenseite sind die Ohren schmutzig weisslich, nach dem Aussen- 
rande zu gelblichgrau. Die Mittellinie des Rückens ist roströthlichgrau mit durchschimmern- 
dem Weiss, indem hier aus dem weissen Wollhaar theils weisse, theils und zumeist schwarze, 
mit grauer Basalhälfte und röthlichem Bande unterhalb der schwarzen Spitze versehene 
DecUiaare von etwa 25 Mülim. Länge hervorragen, welche von einzelnen ganz weissen und 
ganz schwarzen Stichelhaaren von etwa 37 Millim. Länge überragt werden. Diese Farbe der 
Mittellinie des Rückens bricht nach den Seiten sehr unregelmässig und verwaschen ab, indem 
das Weiss mehr und mehr überhand nimmt. Die Unterseite endlich ist vom Unterkiefer an, 
mit Ausnahme des Halses, wo sich schwarz und röthlich gezeichnete Haare finden, rein weiss. 
Die Extremitäten sind ebenfalls weiss, mit wenigen eingemengten röthlichen Härchen, welche 
sich namentlich an den Vorderbeinen von der Schuller auf das Bein hiuabziehen; die Läufe 
sind schmutzig gelblich. Der Schwanz ist weiss, auf der Oberseite mit einzelnen, theils schwar- 
zen, gegen die Spitze hin mit röthlichem Bande versehenen, theils ganz schwarzen, und theils 
auch weissen, schwarzgespitzlen Haaren untermischt. — Das eben beschriebene Exemplar bietet 
zum Theil den Uebergang zu einem reinen Sommerfell, das wir durch Hrn. Maack aus dem 
Amur-Lande erhalten haben und das von ungemein dunkler Farbe ist. Letzteres gehört eben- 
falls nach allen Charakteren , und namentlich nach der geringen Länge der Ohren , welche 
angedrückt die Schnauzenspitze nicht erreichen, nach der kurzen, hellen, oben dunkel asch- 
grauen Schnauze, nach dem grauen, mit röthlichen Spitzen gezeichneten Wollhaare der Ober- 
seite, nach dem Mangel des weissen Streifens hinter dem Auge, nach der geringen Grösse und 
nach der ziemlich, wenn auch nicht ganz zugespitzten vorderen Stirnbeinschneppe, unzweifel- 
haft zu L.üar(a6i7('.<t. Der Kopf desselben ist genau wie an dem oben beschriebenen Exemplare, 
aber ohne durchschimmerndes Weiss und vielleicht um ein Geringes dunkler roströthlich, 
schwarz gestichelt. Die Ohren sind auf der Aussenseile vorn roströthlichgelb, stärker sthwarz 
gestichelt, hinten schmutzig gelblichgrau , an der Spitze dunkel schwarzgrau; die schwarze 
Farbe reicht auswendig an beiden Ohrrändern gleich weit, inwendig am Innenrande etwas 
tiefer abwärts als am Aussenrande. Der Rücken ist rostgelblichbraun, schwarz gestichelt, nach 
den Seiten zu mehr rostgelblichgrau, am Hinterrande der Schenkel schwärzlichgrau. Die Un- 



Lepus variabilis. Lrigomys hyperboreus. , 147 

terseile ist weiss, mit Ausnahme des Halses und der Vorderbrust, die rost<(ell)lichgrau sind. 
Die Extremitäten sind aussen rostgelblichgrau, an den Enden dunkler, auf der Innenseite 
weiss. Der Schwanz ist unten weissgrau, oben schwärzlichgrau. Am ganzen Körper finden 
sich im Deckhaare auch einzelne weisse Haare eingestreut. — Nicht weniger als dieses Som- 
merfell zeichnet sich auch das Bruchstück vom Felle eines jungen Thieres dieser Art, das ich 
im Amur-Lande erhielt, durch dunkle Farbe aus. Das Wollhaar desselben ist ziemlich reich- 
lich, auf der Rückenseite grau mit röthlichgrauen Spitzen; die Deckhaare sind im unteren 
Theile grau, im oberen dunkel schwarzbraun mit gelblicher Spitze oder gelblichem Bande un- 
terhalb der schwarzen Spitze, von längeren, theils ganz schwarzen, theils gelblich gespitzten 
Stichelhaar.en überragt. 

Der Schneehase kommt im gesammten Amur-Lande, so weit ich dasselbe kennen gelernt 
habe, vor. Im Laufe des Amur-Stromes und seiner Zuflüsse fand ich die Eingeborenen allent- 
halben mit ihm 'als einem sehr gewöhnlichen und häufigen Thiere bekannt. An der Meeres- 
küste konnten sie ihn mir nach Süden bis über die Bai Hadshi, d. i. bis über den 49 Breilen- 
grad hinaus angeben. Vorzüglich oft habe ich das Thier oder zum wenigsten Felle oder Spu- 
ren desselben auf meinen Winterreisen im unteren Amur-Lande gesehen. Sowohl in den Wäl- 
dern am Ufer des Stromes und in den Nebenlhälern desselben, als auch auf den offeneren 
Flächen und zwischen den Weidengebüschen der Amur-Inseln sieht man im Winter den 
Schnee von zahlreichen Hasenfährten durchkreuzt. Besonders war das auch in dem mit 
mannigfaltigem Terrain und sehr gemischter Waldung versehenen Gorin-Thale der Fall. 
Die Hasenspuren sind es auch, welche den Zug der Hunde vor dem Schlitten oft in Unord- 
nung bringen, indem sie dieselben seitab vom Wege locken. Nicht minder häulig als auf dem 
Conlinente kommt der Schneehase auf der Insel Sachalin vor, wo ich Felle und Spuren des- 
selben an beiden Küsten und im Innern der Insel oft genug gesehen habe. Ohne Zweifel ist 
er dort auch bis an die Südspitze der Insel verbreitet. 



47) Iia§;oiiiy!« Iiyperlioreiis Fall. Taf. VII. fig. 1 u. 2. Taf. VIII. fig. 1 u. 2. 

Bei den Orotscbonen am Amur: tscliipa. 

Ein paar von Hrn. Maack aus dem Amur-Lande mitgebrachte Pfeifhasen dieser Art, 
welche ich mit den Exemplaren unseres Museums verglichen habe, nothigen mich etwas ge- 
nauer auf die verschiedenen Farbenzeichnungen dieser seit Pallas ^) nicht wieder beschriebe- 
nen Thierart einzugehen. Es liegen mir nämlich" 1 Exemplare dieses Thieres aus verschie- 
nen Gegenden des östlichen Sibiriens von Kamtschatka bis an den Amur vor, welche 
einerseits die von Pallas nach Winterfellen aus dem Tschuktschen- Lande entworfene Be- 
schreibung bestätigen, und andererseits durch abweichende Färbungen uns über den Varia- 
tionskreis dieser noch wenig bekannten Thierart belehren. 



') Zoogr. Rosso-Asial. I. p. Iü2. 



ji 



148 ^ Smgelhiere. 

Gehen wir zunächst auf die von Pallas gegebene Beschreibung dieses Thieres ein, so fin- 
den wir dieselbe Färbung nur an einem unserer Exemplare genau wieder. Es ist dieses ein 
von Hrn. Wosnessenski im Cholsanischen Gebirge, im Innern des südlichen Kamtschatka's, 
am 9. (21.) August erbeutetes Thier. Für dieses (Taf. VII. fig. 1.) können wir die Beschrei- 
bung von Pallas fast wörtlich brauchen. Der Rücken des Thieres ist längs der Mittellinie 
graubräunlich, der Scheitel mehr rostfarben, die Seiten des Kopfes, Halses und Rumpfes rost- 
farben; die Unterseite ist heller rostgelblich (nach Pallas gelblichweiss); die Ohren sind weiss- 
lich gerandet, die Bartborsten (wie auch an allen übrigen Exemplaren) theils schwärzlich mit 
weisser Spitze, theils einfarbig schwärzlich oder weisslich ; die Extremitäten sind schmutzig 
gelblichweiss, die Nägel braun. Bei solcher Uebereinstimmung mit der Pallas'schen Beschrei- 
bung muss es auffallen, dass unser kamlschatkisches Exemplar kein Winter-, sondern ein 
Sommerfell ist. Es dürfte uns das schon die Folgerung erlauben, dass L. hyperboreus im 
Sommer und Winter genau dieselbe Färbung habe, wofür übrigens noch mehrere Belege unter 
unseren Exemplaren vorliegen. Doch kann ich mit Pallas darin nicht übereinstimmen, dass 
auch in der kürzeren Behaarung, und namentlich des Rückens, ein Charakterzug von L. hy- 
perboreus zu finden sei, da ich die Deckhaare des Rückens am Sommerfelle von etwa 16, am 
Winterfelle von 20^22 Millim. Länge finde, wogegen allerdings ein Winterfell von L. alpi- 
nus Pall. 23 — 25 Millim. lange Deckhaare, ein anderes von L. oyotona Pall. dagegen nur 
etwa 1 8 Millim. lange Deckhaare hat. 

Von dieser oben beschriebenen Form, welche wir, weil sie die zuerst und schon durch 
Pallas bekannt gewordene ist, als die typische Form oder Var. normalis bezeichnen wollen, 
giebt es nun mehrere Abweichungen in der Färbung und namentlich zwei markirtere, in wel- 
chen entweder die eine, oder die andere der beiden, in der Var. normalis neben einander vor- 
handenen, rostrothen und graubraunen Farben überwiegend wird und welche wir daher als 
Var.ferruginea und Var. einer eo-ftisca bezeichnen können, und eine S'«, zwischen diesen beiden 
stehende, durch Verbleichuiig der rostrothen Farbe in eine gelbliche und durch theilweises 
Sicheiulinden der graubräuulichen Farbe bezeichnete Mittelform, welche wir Var. cinereo-/(ava 
nennen wollen. 

Was nun zunächst die erste derselben, die Var.ferruginea betrifft, so liegen uns zwei an 
demselben Orte und zur selben Zeit wie jenes Exemplar der Var. normalis, nämlich im Chol- 
sanischen Gebirge in Kamtschatka am 3.(15.) und 7. (1 9.) Aug. von Hrn. Wosnessenski 
erbeutete Exemplare von L. hyperboreus vor, welche uns über die Färbung dieser Varietät und 
den Uebergang der Var. normalis in dieselbe belehren können. Betrachtet man nämlich die Zeich- 
nung der einzelnen Haare, welche an der letzteren die eigenthümliche Färbung hervorbringen, so 
findet man, dass die von den rostfarbenen Seiten deutlich, aber nicht scharf, sondern ziemlich 
verwaschen gesonderte graubraune Färbung des Rückens dadurch entsteht, dass die in ihrer 
Basalhälfle (wie auch an allen brigen Exemplaren) dunkelgrauen Deckhaare in dem kürzeren 
oberen Theile schmulzig gelblich, mit kürzerer oder längerer schwärzlicher Spitze gezeichnet 
sind. An den Seiten haben dagegen die Deckhaare einfach roslgelbliche Spitzen. Doch findet 



Lagomys hyperboreus. 149 

man unter diesen letzteren auch welche, an denen der rostgelbliche Endtheil des Haares eine 
kurze schwärzliche Spitze hat, was namentlich nach dem Rücken zu mehr und mehr der Fall 
ist. Dahei wird zugleich in derselben Richtung auch die rostgelbliche Farbe des Endtheiles der 
Deckhaare etwas dunkler, so dass an den Grunzen des graubraunen Rückenstreifens eine mehr 
rostbraune Färbung entsteht, welche sich unregelmässig gegen den graubraunen Rückenstreifen 
absetzt und stellenweise auch mitten in jenen hineinreicht. An der Var. ferruginea (Taf. VII. 
flg. 2.) nimmt nun diese rostbraune Färbung so weit überhand, dass der graubraune Rücken- 
slreifen ganz verschwindet. Das Thier ist alsdann längs dem ganzen Rücken rostbraun und 
wird von hier aus nach den Seiten zu allmählig heller rostfarben, wie auch die Var. normalis, 
indem die schwarzen Spitzen der Deckhaare allmählig schwinden und auch ihr rostfarbner 
Endtheil heller, rostgelblich wird. Die Unterseite endlich ist entweder hell rostgelblich, oder, 
wie Pallas angiebt und wie auch eines meiner Exemplare darthut, gelblich weiss. — An diese 
beiden kamtschatkischen Exemplare der Var. ferruginea schliesst sich ferner ein Exemplar aus 
dem östlichen Sibirien, von den Ufern des Flusses Maja an, das am 12. (24.) Sept. von Hrn. 
Wosnesseuski erbeutet worden und das zwar genau wie jene gezeichnet ist, aber in Folge der 
längeren schwärzlichen Spitzen der Deckhaare eine etwas dunklere, rothbraune Farbe am Rücken 
hat. Zugleich ist an diesem Exemplare die Färbung der Kopfseiten und des Nackens nicht 
sowohl rostfarben, als vielmehr gelblich graubraun, wie zum Theil bei der Var. normah's, in- 
dem die Deckhaare hier im Endtheile heller, gelblich (nicht rölhlich) und mit schwarzer Spitze 
gezeichnet sind. — Mit diesem letzteren Thiere stimmt ferner im hohen Grade überein ein 
Exemplar vom Flusse Olenek, am 2. (14.) October von Hrn. Maack erhalten, das sich von 
jenem nur durch eine etwas mehr ausgesprochene graubraune Färbung der Kopfseiten und 
des Nackens auszeichnet, während dagegen der Schnauzenrücken von der Nase an mehr 
rostbraun als an dem vorhergehenden Thiere ist. — Ziemlich von derselben Zeichnung, nur 
durchweg von hellerer Farbe ist auch ein 2'^* , zur selben Zeit und an demselben Orte 
erbeutetes Exemplar von L. hyperboreus. Dieses ist überhaupt das hellste von allen mir vor- 
liegendtsn Exemplaren, indem an demselben alles Rostfarbene zu einer schwach rotblicb-gelb- 
lichen Tinte verblichen ist. Die Oberseite ist daher weniger rostbraun als gelblichbraun, die 
Si'iten des Kopfes, Halses und Rumpfes weniger rostfarben als schwach röthlich- gelblich zu 
nennen, und die Unterseite ist schmutzig gelblichweiss. Diese Verschiedenheit der Färbung 
fällt deutlich in die Augen, wenn man das letzterwähnte Exemplar gegen die beiden oben be- 
schriebenen kamtschatkischen Exemplare der Var. ferruginea hält, findet aber an dem zwi- 
schenerwähnten Thiere von der Maja und dem ersten Exemplare vom Olenek ganz allmäh- 
lige und unmerkliche Uebergänge. — An das hellste Exemplar vom Olenek reiht sich end- 
lich sehr nahe ein Exemplar von L. hyperboreus von Udskoi Ostrog an, das während der 
Reise Hrn. von Middendorff's am 18. Febr. (2. März) erbeutet worden ist und von dem- 
selben bei Reschreibmig seiner zoologischen Ausbeute im reichen Materiale übersehen wor- 
den ist. Dieses Exemplar (Taf. VIII. fig. 1.) ist von dem hellsten Thiere vom Olenek kaum 
und nur darin verschieden, dass es an den Kopfseiten und besonders am Nacken eine um ein 



150 Säugethiere. 

Geringes merklichere Einmischung von gelblich-graubrauner Farhe zeigt. Diese letzterwähnten, 
durch Verbleichung der rölhlichen Tinte in eine gelbliche und durch eine theilweise schon 
graubräunliche Färbung raarkirten Exemplare sind es, welche wir als Var. cinereo-flava be- 
zeichnen. — Von ihr findet durch allmählige weitere Zunahme der graubraunen Farbe der 
Uebergang zur graubraunen, sogar schwärzlichen Form des Amur-Stromes, der Var. cinereo- 
fusca statt. Unter den 3 Amur-Exemplaren von L. hyperboreus liegt mir ein solches, beide 
letzteren Farbenvarietäten deutlich vermittelndes Exemplar vor. Hält man dieses neben dem 
Exemplare von Udskoi Ostrog, so findet man am Hinterriicken des Amur-Exemplares die- 
selbe gelblichbraune Farbe wie an jenem ; am Vorderrücken aber und nach dem Nacken zu 
verschwindet die rötlilich-bräunliche Farbe mehr und mehr und macht einer graubräunlichen 
Platz, welche auch an den Exemplaren von Udskoi Ostrog und vom Olenek am Nacken 
und an den Kopfseiten zum Theil sich kundgiebt. Neben dem Exemplare von Udskoi Ostrog 
erscheint also das erwähnte Amur -Exemplar als eine ganz allmählige Abstufung und zwar 
als fortgesetzte Verbleiciiung der röthlichen und gelblichen Farben in Grau. Hält man es da- 
gegen neben einem der rostfarbenen Exemplare Kamtschatka's , so ist die gelblich-grau- 
braune Farbe sehr auffallend. Indem nun diese letztere Farbe den gelblichen Ton noch weiter 
verliert und in Grau umsetzt, wird die Färbung dunkler graubraun mit etwas schwärzlichem 
Anfluge. Dies ist denn die Var. cinereo-fusca, die wir in zweien, von Hrn. Maack am oberen 
Amur-Strome, am 18. (30.) Mai und am 20. Mai (I.Juni), erbeuteten Exemplaren besitzen. 
An diesen (Taf. VHl. Gg. 2.) ist die ganze Rückenseite des Kopfes und Rumpfes graubraun, 
derSchnauzenn'icken etwas heller graubraun, das Ende des Hinterrückens mit etwas rothlicher 
Einmischung; die Seiten des Kopfes, Halses und Rumpfes, so wie die Unterseite des Halses 
sind rothlichgrau ; die ganze übrige Unterseite und die Extremitäten sind heller, schmutzig 
rothlich- und gelblich-grau. Entfernt sich die Var. cinereo-fusca in dieser extremen, wenn auch 
allmählig vermittelten, graubraunen, mit schwärzlichem Anfluge versehenen Färbung sehr von 
den rostfarbenen Exemplaren Kamtschatka's, so schliesst sie sich doch wieder nahe an die 
ganz zuerst genannte, typische Form an, um so den ganzen Variationskreis von L. hyperboreus 
zu schliessen. Vergleicht man nämlich diese beiden letztgenannten Formen unter einander, so 
findet man, dass die graubraune Farbe der Amur-Form dieselbe ist, welche an der typischen 
Form längs dem Rücken verläuft, und nur um ein Geringes dunkler ist als jene. \A ährend sie 
sich aber bei letzterer gegen die Seiten hin deutlich absetzt, um einer rostrothen Farbe Raum 
zu geben, breitet sie sich bei den Amur -Exemplaren, allmählig verblassend, auch nach den 
Seiten aus und lässt diese nur rothlichgrau, statt rostfarben, erscheinen. Desgleichen zieht 
sich die graubraune Farbe an den Amur -Exemplaren auf den Kopf und bis zur Nasenspitze 
fort, während sie bei der Var. normalis früher abbricht und am Kopfe zumeist durch eine roslrothe 
Farbe ersetzt wird. Es nimmt also bei der Var. cinereo-fusca, im Vergleiche zur Var. normalis, 
ebenso die graubraune Farbe überhand, wie wir es oben an der Var. fkrniijinea mit der rost- 
rothen und rostbraunen Farbe gesehen haben. Und so dürfte denn die Var. normalis als die 
Mittelform zwischen den nach verschiedenen Seiten auseinander gehenden, aber untereinander 



Lagnmys hyperboreiis. 151 

durch die Var. cinereo-flava vermillellen Färbungeo der Var. ferruginea und Var. einer eo-fusca 
angeseheu werden. 

Es entsteht nun die Frage, ob und in wie weit diese verschiedenen Farbenvarietäten von 
L. hyperboreiis auch mit verschiedenen Gebieten der geographischen Verbreitung dieser Thier- 
art in Beziehung stehen? Aus den uns vorliegenden Exemplaren scheint allerdings eine solche 
Beziehung deutlich hervorzugehen. Durch Pallas, der einzigen Quelle unserer bisherigen 
Kenntniss von L. hyperboreiis, war bloss das Tschuktschen-Land als Heimath dieses Thieres 
bekannt. Wir sehen nunmehr die Gränzen seiner Verbreitung weit nach Süden und Westen 
sich erweitern. Denn nach den uns vorliegenden Exemplaren bewohnt L. hyperboreiis das ganze 
östliche Sibirien, von dem Tschuktschen-Lande und dem Olenek im Norden bis nach der 
Südspitze Kamtschatka's und dem Amur-Lande im Süden. Innerhalb dieses Verbreitungs- 
gebietes tritt L. hyperboreus in mehreren Farbenvarielälen auf, welche in folgender Beziehung 
zu den einzelnen Theilen seines Verbreitungsgebietes zu stehen scheinen. Auf der Halbinsel 
Kamtschatka scheint die am meisten röthliche, rostfarbene und rostbraune Form, die Var. 
ferruginea, am Amur dagegen, und zwar am oberen Strome, die am wenigsten röthliche und 
dagegen dunkelste, graubraune und schwärzliche Färbung, die Var. cj'«ereo-/'Hsca vorzuherrschen. 
Während so die beiden extremen Färbungen sich auch an den äussersten und zugleich südlich- 
sten Punkten des Verbreitungsgebietes von L. hyperboreiis finden, kommen in dem zwischenliegen- 
den Theile des östlichen und nördlichen Asiens die Jlitlelfärbungen vor, und zwar scheint nach 
Norden von Kamtschatka, im Tschuktschen-Lande die durch einen graubraunen Rücken- 
streifen gezeichnete Mittelform, die Var. normalis vorzuherrschen, während westlich davon, am 
Olenek und von dort nach Süden zum Amur hin, an der Maja, bei Udskoi Ostrog u.s. w. 
die durch Verbleichen der rolhlichen Tinten in gelbliche und durch eine rhehr und mehr 
sich einstellende graubraune Farbe charakterisirte Mittelform, die Var. cinereo-flava vor- 
herrscht. Diese Verbreitung der Farbenvarietäten von L. hyperboreus giebt uns demnach wie- 
derum einen Beleg für die schon mehrmals ausgesprochene Bemerkung, dass nämlich die Ge- 
gend am oberen Amur-Strome durch das Ueberhandnehmen schwarzer Farben an seinen Thier- 
arten sich auszeichnet. In Beziehung auf Kamtschatka erinnert uns aber das Verhalten von 
L. hyperboreus an das ähnliche Verhallen der Füchse, deren rötbeste Varietät, die russisch 
sogenannten Ognjofki (oder Feuerfüchse), ebenfalls auf jener Halbinsel sich findet. 

Was nun noch die specielle Verbreitung von L. hyperboreus im Amur-Lande betrifft, so 
rühren jene drei Exemplare vom oberen Strome, eines von der unteren Schilka, die beiden 
anderen vom Amur selbst nahe dem Zusammenflusse der Schilka und des Argunj her. 
Dort am oberen Amur- Strome habe ich ebenfalls oft das schrille Schreien von Pfeifhasen an 
den zerklüfteten Felsen der Flussufer gehört. Leider konnte ich aber dieser scheuen Thiere 
selbst nicht habhaft werden. Ich vermulhete anfangs, dass diese schrillen Töne von einer der 
Arten L. ogotona oder, noch wahrschemlicher, L alpimis kämen, und glaubte auf diese letztere 
Art auch die oben erwähnte Bezeichnung dieses Thieres bei den Monjagern bezieben zu 
müssen. Da jedoch L. hyperboreus bisher die einzige im Amur -Lande nachgewiesene Pfeif- 



1 52 Sängethtere. 

hasen-Art ist, so wird wohl Beides auf diese Art zu bezieiien sein. Aus dem unteren Amur- 
Lande habe ich keine Exemplare dieses Thieres erhalten, zweifle jedoch nach seinem Vorkom- 
men bei Udskoi-Ostrog nicht, dassL.%J3fr6oreMS auch in den Gebirgen an der Amur-Mündung 
vorkommen dürfte. Merkwürdig bleibt es mir aber, dass ich sein Pfeifen dort niemals gehört habe. 



V. PAGHYDERMATA. 



48) Sms scrofa L. 

a) S. scrofa ferus Gmel. 

Bei den Giljaken: ajara und ajerda. 

« « Mangunen, Golde unterhalb des Ussuri, Kile am Gorin und Kur: nyghty. 

« « Golde oberhalb des Ussuri: nykta. 

« « Biraren und Monjagern: loroki. 

« « Orotschonen: tokalagda. 

« « Dauren: gagha. 

Das Wildschwein scheint im Amur-Lande durchaus von derselben BescliafTenheit wie im 
westlicheren Asien oder in Europa zu sein. Das von mir mitgebrachte Fell eines jungen Weib- 
chens, das noch kein volles Jahr alt und im Februar-Monat im unteren Amur-Lande bei 
Ssamachagdu, nahe der Chelasso- Mündung, erlegt worden war, ist von .gemischter, 
schwarzer und gelblichbrauner Farbe. Es ist allenthalben mit dichtem, graubraunem Woli- 
haare bedeckt, aus welchem braunschwarze, unterhalb ihrer Spitze mit schmutzig gelbem 
Bande gezeichnete Borsten hervorstehen, die von anderen, längeren, ganz schwarzen Borsten 
überragt werden. Auf der Stirne, dem Nacken und dem Vorderrücken befindet sich ein Bor- 
stenkamra, der von längeren, gemischten, theils ganz schwarzen, theils nur in ihrem unteren 
Theile braunschwarzen, im oberen schmutzig gelblichen, bisweilen wiederum mit schwärz- 
licher Spitze versehenen Haaren gebildet wird. Die Ohren und die Schwanzspitze sind ganz 
braunschwarz. Die Extremitäten sind an diesem Felle mangelhaft vorhanden und von ge- 
mischter, schwärzlicher und gelblich-brauner Farbe, an alten Thieren im Amur-Lande»habe 
ich sie jedoch von ganz braunschwarzer Farbe gesehen. Zwei Schädel junger Thiere von dersel- 
ben Art aus dem Amur-Lande, die noch das Milchzahngebiss mit 5 Backenzähnen tragen und 
darnach kein volles Jahr alt sein können, bieten mir im Vergleich zu kaukasischen Schädeln 
dieser Thierart nichts Bemerkenswerthes dar. Nach den von mir gesehenen und theils auch 
mitgebrachten Hauern und Extremitäten alter Thiere zu urtheilen, muss das Wildschwein 
im Amur-Lande von ganz ansehnlicher Grösse sein, was auch mit den Angaben der Einge- 
borenen übereinstimmt. 



■ Sus scrofa. \ 53 

Die geographische Verhreitung des Wildschweines betreffend, wurde bis zu IMidden- 
dorffs Reise, den Angaben von Pallas ') zufolge, der Baikal-See und die Lena für die öst- 
liche Verbreitungsgränze des Wildschweines gehalten. Middendorff brachte zuerst Nach- 
richten von dem Vorkommen desselben weiter ostwärts, in der 3Iandshurei, und zwar sollte 
es den Aussagen der Jakuten und Tungusen zufolge in den morastigen Niederungen des 
linken Amur-Ufers nicht seilen sein und an der Bureja mit dem Jorach, einem linken Zu- 
flüsse derselben, seine nördliche Verbreitungsgränze erreichen ^). Wir können nun diese von 
den Eingeborenen eingezogenen Nachrichten Äliddendorffs , so weit sie den Amur-Strom 
betreffen , aus unseren Erfahrungen bestätigen und zugleich auch nach Siiden und Osten 
erweitern. In dem betreffenden Theile des Amur-Stromes, oberhalb des Bureja-Gebirges, wo 
derselbe die Bureja aufnimmt, fand ich den tungusischen Stamm der Biraren mit dem Wild- 
schweine durchweg unter dem oben erwähnten, auch von Middendorff ermittelten Namen 
«torokin bekannt. Ihren Aussagen gemäss, ist es in diesem mit einem ausgesprochenen Prairie- 
charakter und mit niedrigen, oft sumpfigen Ufern versehenen Theile des Stromes zu beiden 
Seiten desselben ein häuligcs Thier. Das ist jedoch nicht der einzige vom Wildschweine be- 
wohnte Theil des Amur-Stromes; es kommt vielmehr auch weiter ober- und unterhalb und fast 
im gesammten Laufe des Amur-Stromes vor. In der ersteren Richtung, stromaufwärts, kennen 
es über jenen Prairietheil des Stromes hinaus die Monjagern, und zwar unter demselben 
Namen wie die Biraren, und noch weiter aufwärts die Orotschonen bis über den Anfang 
des Amur-Stromes oder den Zusammenfluss der Schilka und des Argunj hinaus. Strom- 
abwärts von der Bureja -Mündung gegangen, findet man das Wildschwein in der südlichen 
Biegung des Amur-Stromes noch häutiger als in jenem oberen Prairietheile desselben. Es gilt 
dies namentlich für den Durchbruch des Amur-Stromes durch das waldreiche Bureja-Ge- 
birge, für die niedrigen, sumpfreichen Prairieen unterhalb des Bureja-Gebirges bis zum Us- 
suri, wo die Ufer des Amur-Stromes oft auf weite Strecken hin von hohem, dichtem Schilfe 
bewachsen sind, und von dem an feuchten, üppigen Laubholzwaldungen und sumpfigen Inseln 
reichen Laufe des Amur-Stromes unterhalb der Ussuri-Mündung. In dem zuletzt erwähnten 
Theile des Amur-Stromes konnte ich durch die dortigen Eingeborenen, denen das Wild- 
schwein ein Gegenstand vielfacher Jagd ist, manches Genauere über die Verbreitung dieses 
Thieres erfahren. Am Ussuri nannten es die Golde der Gefahr wegen, die es dem Jäger 
bringt, unmittelbar nach dem Bären. Dort und am unterhalb gelegenen Amur- Laufe werden 
von den Eingeborenen jährlich viele dieser Thiere erlegt, da das Fleisch derselben von ihnen 
zur Nahrung, das Fell aber in derselben Weise wie das Bärenfell bei den Giljaken und Man- 
guiien, d. i. zu Decken in den Sommerzelten und auf Reisen benutzt wird. In solcher Iläu- 
ligkeit bleibt das Wildschwein am unteren Amur-Strome am linken Ufer bis zum Gorin und 
am rechten wohl bis zum Chelasso, da es noch beim Dorfe Ssamahagdu, gleich unterhalb 
der Mündung des letzteren Flusses, wo ich im Winter 1855 drei jüngst erlegte Individuen 



') Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 266. 
-) Miildendurff, Sibirische Reise. 1. c. p. 116. 
Schiene k Amur-Reise Bd. I. ^tl 



1 54 Säugelhiere. 

dieses Thieres sah, zahlreich sein soll. Von dort an aber wird es, mit der Abnahme der Laub- 
holzwalduu":, in raschem Maasse seltener. Dennoch kommt es weiter unterhalb und nordwärts 
am Amur-Strome noch an den Flüssen Jai, Kada und wohl bis zur Mündung des Chase- 
lach- Flusses vor, da ich etwas oberhalb des letzteren, im Dorfe Aure noch die Hauer eines 
nach Angabe der dortigen Eingeborenen in der Umgegend erlegten Thieres gesehen habe. 
Unterhalb der Chaselach-Mündung aber kommt das Wildschwein, nach den einstimmigen 
Aussagen der Giljaken, nicht mehr vor. Es ist dieser Punkt am Amur-Strome, an der Gränze 
zwischen der Mangunen- und Giljaken-Bevölkerung gelegen, zugleich auch ein merklicher 
Wendepunkt in dem Vegetationscharakter der Amur-Ufer, indem mit dem Gebirge nördlich von 
demselben auch eine viel nordischere Natur mit ausschliesslieherer Nadelholzwaldung beginnt. 
Vergleicht man denselben mit dem von Middendorff an der Bureja ermittelten nördlichsten 
Punkte der Verbreitung des Wildschweines, so liegt er ziemlich unter demselben Breilengrade, 
von etwa 5 1 i°N. Eine Linie, die man vom Chaselach-Flusse am unteren Amur zum Jorach 
an der Bureja zieht, würde uns also die nördlichste Verbreitungsgränze des Wildschweines 
im Amur-Lande bezeichnen. Westwärts dürfte diese Linie über den oberen Lauf der Dseja 
und jedenfalls nördlich vom oberen Amur verlängert werden. Nach Osten aber vom Amur, zur 
Meeresküste hin, scheint die Polargränze des Wildschweines sich mehr nach Süd zu senken, 
da der Amur-Liman und wohl auch der nördliche Theil der Meerenge der Tartarei, viel- 
leicht bis zur Bai de Castries, nach den Aussagen der Eingeborenen zu urlheilen, von der 
Verbreitung des Wildschweines ausgeschlossen sind. Südlich von der Bai de Castries dage- 
gen soll es an der Meeresküste und an den dort einmündenden Flüssen, wie dem Tumdshi 
u. a. m., vorkommen. Gewiss scheint für eine solche Senkung der Polargränze des Wild- 
schweines nach der Meeresküste hin auch der Umstand zu sprechen, dass an diesen Küsten ein 
nordischer Naturcharakter viel weiter südwärts als im Amur-Thale vordringt. Mit dem Feh- 
len des Wildschweines am Amur-Limaue steht endlich auch das Fehlen desselben auf der 
Insel Sachalin im Einklänge. In ihrer nördlichen Hälfte wenigstens, soweit das Gebiet der 
Giljaken geht, kommt es, nach den wiederholten und einstimmigen Angaben dieser Eingebo- 
renen, weder an den Küsten, noch im Innern der Insel vor. Ob es südlicher von Sachalin, 
auf Jesso und den Japanischen Inseln vorkomme, muss noch dahingestellt bleiben, da Tem- 
minck bekanntlich das japanische Wildschwein als eine besondere Art, Sus leucomyalax , un- 
terscheidet, welche er zugleich auch für die Stammart des in Japan gezogenen (siamischen) 
Hausschweines hält. Das Wenige jedoch, was uns bisher über diese neue Art bekannt ge- 
worden ist, eine Abbildung nämlich und die wenigen, mit derselben nicht übereinstimmenden 
Worte Temminck's, dass es meist von ganz schwarzer Farbe sei '),ist für die Unterscheidung 
einer besonderen Art noch keinesweges hinreichend. Aus diesem Grunde nun und weil anderer- 
seits die Verbreitung des Wildschweines im Osten Asien's nunmehr bis an die Meeresküste 
erwiesen ist, liegt uns die V^ermulhung nahe, dass Sus leucomystax Temm. ebenfalls nur das 



') Siebold, Fauna Japonica. Mamnialia. Dec. I. p. 6. Tab. 20. 



Siis scrofa. 155 

gemeine, europäisch-asiatische Wildschwein sei, welches sich vom Fesllaude auch nach den 
anliegenden japanischen Inseln verhreitet habe. 

h) S. scrofa domesticus Briss. 
Bei den Giljaken: olghonh. 

« « Mangunen, Golde und Ssamagern: olge und orge. 

« « Biraren und Monjagern: ulge. 

Das llausschwein ist auf doppeltem Wege in das Amur-Land gebracht Morden: einmal 
und zuerst durch die Chinesen von Süden und auf dem Landwege, und dann durch die Russen 
von Norden und auf dem Seewege. Bloss auf dem ersleren Wege jedqch hat es bisher eine 
theilweise Einbürgerung im Amur-Lande gewinnen können. Es Gndet sich nämlich als Ilaus- 
thier in den mit Viehzucht, Feld- und Gartenbau beschäfligten Ansiedelungen der Chinesen, 
Mandshu und Dauren im oberen Prairietheile des Sachali- oder oberen Amur-Stromes. 
Von dorther ist es denn auch den Monjagern und Biraren dem Namen und Ansehen nach 
bekannt, ohne jedoch in ihren Haushalt selbst Eingang gefunden zu haben. Etwas mehr Ter- 
rain als bei diesen nomadischen Jagdvölkern hat das Hausschwein , durch Vermiltelung der 
Mandshu und Chinesen vom Ssungari, beiden sesshafteren Golde am Ssungari, Ussuri 
und am Amur-Strome noch eine Strecke weit unterhalb der Ussuri-Mündung gewonnen. 
Am Ussuri namentlich habe ich bei den Golde im Dorfe Agdeki eine ordenlliche und ver- 
hällnissmässig ansehnliche Schweinezucht gefunden. In geringerem Maasse lindet sich eine 
solche auch in vielen grösseren Golde-Dörfcrn am Amur, wie in Da, Naichi, Ssargu u.a.m. 
Dort hatten wir daher auf unserer Reise oft Gelegenheit von den Eingeborenen einzelne Thiere 
im Kaufe zu erstehen, die bei unseren spärlichen Vorräthen an Lebensmitteln uns wesent- 
liche Dienste leisteten. Doch ist das Fleisch dieser Thiere nur sehr unschmackhaft, da die 
Golde als Fischervolk auch ihre Schweine mit Fischen zu füttern genölhigt sind. Weiler ab- 
wärts von den genannten Dörfern am Amur-Strome, gegen die nördliche Gränze der Golde- 
Bevülkeruug hin und bei den Mangunen hört die Schweinezucht ganz auf, und lindet man 
immer nur einzelne Thiere, die stets in der Gefangenschaft, sei es in einer bretternen Abthei- 
lung im Hause der Eingeborenen selbst, oder aber in kleinen, eigens dazu hergerichteten 
Häuschen, ähnlich den Bären gehalten werden. Diese Thiere rühren entweder aus den 
Golde-Dörfern oberhalb, oder auch direkt vom Ssungari durch Vermitlelung der Handels- 
reisen chinesischer Kaufleute oder der Eingeborenen selbst her. Beim Mangel eigener Zucht 
müssen jedoch stets wieder neue Thiere von oberhalb gebracht werden. In diesem unteren 
Stromtheile bleibt daher das Schwein nur ein Handelsartikel der chinesischen Kaufleute und 
der oberen Golde, der aber bei den Eingeborenen am unteren Amur nur wenig Nachfrage 
findet. Man sieht ihn daher auch verhältnissmässig nur sehr selten bei ihnen. 3Iir ist es am 
unteren Amur begegnet, einzelne Schweine in den Dörfern Bitschu an der Gorin-Mündung, 
Mongole und Pulj zu sehen. Letzterer Ort, an der nördlichen Gränze der Mangunen-Bevöl- 

kerung gelegen, ist zugleich auch der äussersle am Strome, wo ich das Hausschwein gesehen 



156 Säugelht'ere. 

habe. Dean in den giljakischen Dörfern ist es mir niemals zu Gesichte g^ekommen, weder am 
Amur-Strome selbst, noch an der Meeresküste, noch endlich auf der Insel Sachalin. Wir 
sehen also die Gränze der Schweinezucht am unteren Amur -Strome ziemlich mit der Gränze 
goldischer und diejenige einzeln gehaltener Thiere mit der Gränze mangunischer Bevölke- 
rung am Strome zusammenfallen, das Gebiet der Giljaken aber bisher noch ganz ausserhalb 
der Culturheimath dieses Thieres liegen. 

Unabhängig nun von dieser durch die Mandshu und Chinesen vermittelten Verbrei- 
tung des llausschweines im Amur-Lande, welche stromabwärts geht und bisher weder die 
Mündung des Amur- Stromes , noch die Meeresküste erreicht hat, ist dieses Hansthier auch 
auf einem zweiten Wege in das Amur -Land und zwar grade in die bis dahin von ihm noch 
unberührten Gebiete , die Mündung des Stromes und die Meeresküste , gebracht worden. Es 
geschah dies im Jahre 1854 durch die russische Fregatte «Pallas» und im folgenden Jahre 
durch die von Kamtschatka nach der Bai de Gastries angelangten Schiffe. Von beiden Ma- 
len hatten sich jedoch bis zum Jahre 1856 keine Thiere mehr im Amur-Lande erhalten, da 
einige derselben sehr bald in den waldigen Wildnissen der Umgegend sich verliefen, und die 
übrigen, bei den geringen Lebensmitteln jener Coloniecn in den Kriegsjahren, hingeschlachtet 
werden mussten. So fand also bis zum Jahre 1 856 russischerseits noch keine Schweinezucht 
im Amur-Lande statt. 

Es wäre endlich möglich, dass das Hausschwein noch auf einem dritten Wege in das 
Amur-Land gebracht worden sei. Nach Siebold's Angaben züchten nämlich die Japanesen 
das Hausschwein und zwar die siamische Ilaee desselben (s. oben). Durch deren Vermittelung 
könnte daher das Hausschwein auch zu den Aino der Insel Sachalin gelangt sein. Während 
meines kurzen Besuches der japanischen Colonie in der Bai Aniwa auf Sachalin, im Jahre 
1854, habe ich jedoch keine Hausschweine daselbst gesehen. 



VL RUMINANTIA. 



40) Ovis ^j^egoceros) iiiontaita Desm. 

Da Middendorff das Vorkommen dieses Wildschaafes im Stanowoi- Gebirge an den 
Quellen des Utschur und im Gehirgskamme Chaptscha, östlich vom Flusse Polowinnaja, 
wie überhaupt im Küstengebiige des Ochotskischen Meeres nachgewiesen hat '), so lag es 
nahe dieses Thier auch in den Gebirgen des Amur-Landes und namentlich der Amur- Mün- 
dung und der Meeresküste der Mandshurei iu erwarten. Sämmtliche Nachfragen jedoch» 

^) JliddendorfC, Sibirische Reise. L c. p. 116., 



Ovis [Aegoceros) monlana. 0. aries. 157 

die ich desslialb bei den Eingeborenen des Amur-Landes anstellte, fiihrtea zu negativen Re- 
sultaten. Das Hörn eines Wildschaafes von KamlscbatUa, das ich za diesem Zwecke vielen 
Giljaken und Manguncn zeigte, war sämmllichen unter ihnen unbekannt, und hatten die- 
selben dergleichen im Amur-Lande niemals gesehen. Auch bin ich selbst bei ihnen niemals 
auf Bruchstücke von Wildschaafliörnern gestossen, ob es mir gleich bei den meisten Thier- 
arten begegnet ist, durch Bruchstücke irgend welcher Art, die ich bei den Eingeborenen fand, 
auf die erste Spur ihres Vorkommens im Amur-Lande geleitet zu werden. Es kommt mir 
daher wahrscheinlich vor, dass jenes von Middendorff ermittelte Vorkommen von Ovismon- 
tana in den Gebirgen an den Utschur-Ouellen und östlich von der Polowinnaja die Süd- 
gränze dieses Thieres bezeichne, über welche hinaus es nach der Mündung des Amur-Stro- 
mes zu nicht mehr vorkomme, gleichwie es nach Middendorffs Erkundigungen auch weiter 
westwärts, in den Gebirgen an den Ssilimdshi-Quellen, auf ausdrückliche Aussage der Tun- 
gusen, nicht mehr zu finden sein soll. 

50) Ovis aries L, 

Bei den Giljaken: chosom. 

« « Mangunen, Golde, Ssamagern : c/ion«' und ema. 

« « Biraren und Monjagern: konin. 

« « Orotschonen : der Schaafsbock — baran (von den Russen entlehnt), das weibliche 
Schaaf — njami. 

« « Dauren : chont. 

Das Schaaf wird im Amur-Lande nur am oberen Ussuri und, in grösserer Menge, am 
Ssungari gezüchtet. Am Sachali- oder oberen Amur-Strome hingegen, wo bei denMandshu, 
Chinesen und Dauren Rindviehzucht und Feldbau in allgemeinem Gebrauche sind, habe ich 
seltsamer Weise keine Schaafe gesehen. Dennoch ist dieses Thier, durch Vcrmiltelung der 
Mandshu und Chinesen vom Ssungari, den Biraren und 3Ionjageru und, durch Verniitte- 
iung der Russen vom Argunj und der Schilka, den Orotschonen am Amur dem Namen 
und Ansehen nach bekannt. Den ersteren verdanken auch die Eingeborenen des unteren Amur- 
Landes ihre Kenntniss von diesem Thiere. Zu diesen gelangen nämlich im Handelsverkehre 
mit den Mandshu und Chinesen vom Ssungari fertig genähete Scliaafspelze, die ziemlich 
theuer geschätzt werden und sich daher auch nur bei den Wohlhabenderen unter ihnen linden. 
Ich habe dergleichen bei den Golde, Mangunen und Giljaken bis an die Amur-Mündung, 
so z. B. in den giljakischen Dörfern Kalm, Tebach, Wair, ja selbst noch auf der Insel 
Sachalin, im Dorfe Tyk an der Westküste derselben gesehen. Diese Felle sind nur kurz- 
haarig, von schwarzer und weisser Farbe und werden von den Golde darnach auch mit ver- 
schiedenen Namen belegt. Zum PcUe werden in der Regel schwarze und weisse Felle bunt 
durcheinander genäht; seltener sind einfarbige Pelze zu sehen. — Russischerseils war das 
Schaaf bis zum Jahre 1856 noch nicht in das Amur -Land gebracht worden. 



158 Säiigeihiere. 

51) i^ntilopc eB'i$!>iia Temm. 
Bei den Giljaken: 2/ig%. 
» » Blanguncn uuil Golde: dslüira, cljiira und Jjära. 

Von den Manguuen der Dörfer Aure und Adi im unteren Amur-Lande erhielt ich 
zwei Anlilopenhörner, welche ich der japanischen Art A. crhpa Temm. zuschreiben muss. 
Diese Hörncr sind nämlich von schwarzer Farbe, einfach und schwach nach rückwärts gebo- 
gen, mit einer vielleicht nur etwas stärkeren Krümmung als die Taff, 18 und 19 der Säuge- 
ihiere in Siehold's Fauna Japonica angeben. Sie haben Individuen von verschiedenem Alter, 
einem jüngeren und einem viel älteren, angehört. Das erstere dieser Ilörner ist ziemlich un- 
versehrt erhallen, das letztere hingegen von den Eingeborenen halbirt und der obere Theil stark 
abgeschabt und mit Einschnitten versehen worden. Die Länge des ersteren Hornes beträgt, 
wenn man die Chorde oder gradlinige Entfernung von derKasis zur Spitze raisst, 135Mill. Das 
Ilorn des älteren Thieres scheint um etwa 30 — 50 Millim. länger gewesen zu sein. Der un- 
tere Theil des ersteren Hornes, auf 48 Älillim. Länge, ist rauh und mit etwa 12 oder 13 er- 
habenen Ringen oder (Juerwülsten versehen, der obere glatt. Die Ringe sind unregelniässig 
gewellt, stellenweise und besonders nach hinten zu mit einander verschmolzen und daher 
vorn in grösserer Angahl vorhanden als iiinten, wo dagegen die zwischen den Ringen sicht- 
baren erhabenen Längsstreifen des Hornes deutlicher hervortreten. Das Hörn des älteren Thie- 
res ist im unteren Theile, auf etwa 64 Millim. Länge, mit Querwülslen versehen, welche nach 
Zahl und Verlauf im Umkreise des Hornes noch grössere Unregelmässigkeit als beim jün- 
geren Thiere zeigen. Denn während es ihrer vorn, wo sie deutlicher sind, ebenfalls 12 und 13 
gieb!, lassen sich hinten kaum 8 unterscheiden. Dabei sind die Ringe noch stärker gewellt, 
theilweise mit einander verschmolzen und allenthalben, und besonders an der hinteren Fläche, 
von sehr starken Längsstreifen durchschnitten. Die Basis der Hörner ist nicht rund, sondern 
oval; das grössere Hörn ist an der Basis im grösseren Durchmesser 37, im kleineren 30 Äiill. 
breit; das kleinere im grösseren Durchmesser 23, im kleineren 19 Millim. breit. Es scheint 
mir, da SS die Hörner in solcher Weise der Slirne aufsitzen, dass der grössere Breilendurch- 
messer ihrer Basis von vorn und innen nach hinten und aussen, der kleinere von vorn und 
aussen nach hinten und innen verläufl. Bei solcher Stellung hätten sie, neben der. Krümmung 
nach hinten, zugleich nach der Spitze hin auch eine divergirende Richtung nach aussen, wie 
es auch die Schädelabbildung bei Temminck angiebt. Bekanntlich hatTemminck keine Be- 
schreibung der A. crispa von Japan, sondern nur die oben erwähnten Abbildungen dieses 
Thieres und seines Schädels in der Fauna Japonica bekannt gemacht. Mit diesen verglichen, 
ist das kleinere Antilopenhorn vom Amur um | länger und hat einige Querwülste mehr, da 
das japanische Thier ihrer nur 5 — G zu haben scheint, was jedoch keinen specilischen Unter- 
schied abgeben kann. 

Leider sollte es mir, trotz beständiger Nachfragen bei den Eingeborenen, nicht gelingen 
das Thier selbst oder dessen Fell zu Gesichle zu bekommen, da es bei seinem Aufenlhalle im 
Gebirge den Jägern am Amur-Strome nur sehr seilen in die Hände fällt. Aus den Beschrei- 



Antilope crispa. 159 

Lungen aber, die diese Leute, und selbst Augenzeugen unter ihnen, mir von dem Thiere ent- 
warfen, lässt sich natürlich in Bezug auf die Farbe und Zeichnung desselben nichts Zuverläs- 
siges entnehmen. Nur so viel Uann ich bemerken, dass die allgemeine Farbe dieses Thieres 
eine bräunliche sein soll, was sowohl mit der Abbildung von Temminck, als auch mit der 
kurzen Boschreibung dieses Thieres von Sundevall ') in keinem Widerspruche zu stehen 
scheint. Reichen nun diese Angaben über die Farbe des Thieres und die mitgebrachten Hör- 
uer allein nicht hin, uns in der Antilope vom Amur mit völliger Gewissheit die .1. crispa 
Temm. erkennen zu lassen und sie namentlich von der mit ähnlichen Hörnern und ähn- 
licher Farbe verseheneu Himalaiischeu Art A. Goral Hardw. zu unterscheiden, so wer- 
den wir ferner durch zoologisch -geographische Rücksichten in unserer obigen Anaahme be- 
stärkt. Denn einerseits ist A. crispa Temm. die dem Amur zunächst benachbarte Form, und 
andererseits ist die Antilope vom Amur, wie wir unten darthun werden, auch nur auf die 
Küstenregion der iMandshurci beschräukt und kommt weiter landeinwärts nicht mehr vor. 

Blit Bestimmtheit lässt sich nach der oben erwähnten Beschaffenheit der Antilopeuhörncr 
vom Amur behaupten, dass dieselben nichts mit der A.gulturosa Fall, zu thua haben, welche 
letztere Art man nach Pallas's Angaben"^) über die Verbreitung derselben in den daurischen 
Gebirgen, an der Ingoda, Schilka, am Amur und bis zum stillen Ocean, wie nach der mit 
der Amur- Antilope fast gleichlautenden Bezeichnung «Dseren», welche sie bei den dortigen 
mongolischen Völkerschaften trägt, zunächst im Amur-Lande erwarten dürfte. Es ist hier da- 
her ebenso vor einer durch zufällige Aehnlichkeit in den Bezeichnungen der Eingeborenen nahe 
liegenden Verwechselung der Dshiira oder Djära der Amur- Völker [A. crispa Temm.) mit 
dem Dseren der Mongolen [A. guUiirosa Fall.) zu warnen, wie Pallas und G-üldenstädt es 
für die letzterwähnte Art und den Dshairan der Perser [A. subgutturosa Güld.) thun ^). 

In hohem Grade übereinstimmend unter einander waren die zahlreichen Naclirichten, 
welche ich von den Eingeborenen über die Verbreitung der A. crispa im Amur-Lande erhielt. 
Alle lauteten dahin, dass dieses Thier nur im Gebirge der Meeresküste vorkomme und weder 
den unteren Amur-Strom, noch den ungefähr in Meridianrichtung in denselben einmündenden 
Ussuri nach West überschreite. Innerhalb dieser Küstenregion am Japanischen Meere und 
an der Meerenge der Tartarei hat es aber eine recht weite Verbreitung nach Norden. Gilja- 
ken der Amur-Mündung, denen ich ein Ilorn desselben zeigte, kannten das Thier und mein- 
ten, dass es im Gebirge am Amur-Limane vorkomme. Nördlich von der Amur-Mündung, an 
der Südkiiste des Ochotskischen Meeres, habe ich dagegen von dem Vorkonnnen dieses 
Thieres nicht gehört. Von dorther haben wir auch durch Middendorff keine Nachrichten 
über dies Thier erhalten. Vermuthlich bildet daher die Amur -Mündung die nördliche Ver- 
breitungsgränze desselben. Weiter aufwärts am Amur-Strome gaben mir Mangunen aus den 



') Linne's Pecora. S. Ilornschuch, Archiv SkatiJin. Beiträge zur Nalurgesch. I!. p. 2^12. 

2) S|)icileg. Zoolog. Fase. XII. p. 47. Zoogr. Ros<io-Asiat. I. p. 231. 

3) Gulileiistäd t, Acta Pelropol. 1778. I. p. 234. Pallas hielt den Dsliairan der Perser anfänglich für A. Ke- 
veiJa, s.Spicil. Zool. Fase. Xif. p. (i und p. 17, spater fiir A. siibgutlitrosa Oüld., s. Zongr. Rosso-Asiat. I. p. 232. 



1 60 Säugelhiere. 

Döifern Tyr, Aiirc, Gauwnc und Golde aus den Dörfern Chongar.Onmoi, Maji, Dondon 
u. a. m. das Vorkommen dieser Antilope im Küstengebirge ostwärts vom Amur an, Kamenllich 
sollte sie von Choji an, d. i. etwa in 50.1^ n. Br., nach Süden häufiger werden, dabei aber 
immer nur auf das Küstengebirge beschränkt bleiben und daher weder an den westwärts vom 
Küstengebirge in den Amur fallenden Flüssen, am Jai, Chelasso, Chongar, Naichi- oder 
Dondon -Flusse u. a., noch auch am rechten Amur-Ufer sich finden. Ausdrücklich wurde 
mir auch das Vorkommen dieser Antilope am linken Ufer und den linken Zuflüssen des unte- 
ren Amur-Stromes, am Gorin, Ssedsemi und Kur geläugnet. Ganz unbekannt mit diesem 
Thiere endlich fand ich die Golde oberhalb der Ussuri-3Iündung und also auch westwärts 
vom Ussuri-Slrome. Ostwärts von diesem hingegen soll es im Gebirge der Meeresküste vor- 
kommen und ist mir namentlich auch für das Gebirge am Por, einem rechten Zuflüsse des 
Ussuri, genannt worden. Ob endlich diese Antilope auch auf der Insel Sachalin vorkomme, 
konnte ich nicht ermitteln, doch kommt mir solches, bei ihrer allgemeinen Verbreitung in der 
Küstenregion am Japanischen Meere, sehr wahrscheinlich vor. 



52) Bos tauriis L. 

Bei den Giljaken: erra. 

« « Maneunen und Golde: erra und eclia. 

« « Biraren, Monjagern, Orotschonen, Dauren: tjAiT. 

Das Rind ist zwar allen Völkern des Amur-Landes bis hinab zu den Giljaken der 
Amur-Mündung dem Namen nach bekannt, wird aber als Ilauslhicr nur an sehr wenigen 
Orten desselben gehalten. Mao findet es nämlich bloss in den Ansiedelungen der Chinesen, 
Mandshu und Daurcn am oberen Amur- oder Sachali -Strome und ferner am Ssungari 
und oberen Ussuri. Am ersteren Strome sieht man zahlreiche Ileerden von schönem, gross- 
wüchsigem und kräftigem Rindvieh, welches in den üppigen Prairiecn jener Gegend vortrefl- 
lich gedeiht. Die Gränzen dieser Rindviehzucht am Sachali erstrecken sich so weit als die 
festen Ansiedelungen der oben genannten Volker reichen, d. i. also stromaufwärts bis zur 
Mündung der Dseja und stromabwärts bis zum Biraren -Dorfe Kadagan, welches ein paar 
Tagereisen oberhalb der Bureja-Mündung liegt. Ohne Zweifel stammt dieses Rindvieh am 
Sachali von den grösseren und zahlreicheren mandshurischen und chinesischen Ortschaften 
am Ssungari her, wo die Rindvichzucht eine noch ausgedehntere als am Sachali sein soll. 
Desgleichen soll sich Rindviehzucht auch am oberen Ussuri finden. Dort sollen, nach Angabe 
der Ussuri - Golde , die Ochsen im Sommer auch als Zugvieh zum Transporte von Lasten 
und zum Verkehre über das Gebirge dienen, welches zwischen der Meeresküste und dem obe- 
ren Ussuri liegt. Am unteren Ussuri dagegen, bis zur Mündung des Flusses Noor in den- 
selben, habe ich kein Rindvieh gescheu. Darauf beschränkt sich nun auch die gesammte Gul- 
turheimath, welche das Rind im Amur -Lande bisher gewonnen hat. Unterhalb des Dorfes 
Kadagan, wo das Gebiet der nomadischen Biraren am Sachali beginnt, und am Amur- 



Bos (aurus. Moschus moschiferus. 161 

Strome unterhalb der Ssungari-Müuduug, bei den icbtbyophagen Golde, Mangunen und 
Giijaken, so wie bei den Eingeborenen an der Meeresküste und auf der Insel Sachalin ist 
nirgends eine andere Spur von der Bekanntschaft mit dem Rinde als nur der Name dieses Thie- 
res zu finden. Kein von dem Rinde bezogenes Produkt irgendwelcher Art wird ihnen im Han- 
delsverkehre mit den Maudshu und Chinesen am Ssungari gebracht. In ihrer Unkenutniss 
von diesem Thiere und seiner Nützlichkeit bezeichneten sie auch stets die Butter, die sie bei 
uns sahen und die sie für ein Analogon des bei ihnen zur Nahrung gebräuchlichen Fisch- und 
Seehundthranes hielten, als «Rindviehthran» (giljakisch: erra-tomm, niangunisch und gol- 
disch: ecban-ssimoch'ssa). Diese Unkenutniss derselben dürfte jedoch bald schwinden, da nach 
Besitznahme des Stromes durch die Russen, in den Jahren 1854 — 56, eine grosse Anzahl 
Rindviehes von Transbaikalien den Amur abwärts in die russischen Niederlassungen an 
der Mündung des Stromes gebracht worden ist. 



53) ITEoselins inoscliiferiis L. 

Bei den Giijaken des Continentes und der Insel Sachalin: wong'i. 

« « ÄJangunen, Ssamagern, Golde unterhalb des Geong-Gebirges: udja. 

« « Golde oberhalb des Geong-Gebirges: akke, auch udja und iidsa. 

« « Kile am Kur : «uVa7sc/ia. 

« « Biraren und Monjagern : «uVi/sc/ian. 

« « rotschonen: myktscheka. 

Schon Pallas gab nach den ihm zugegangenen Nachrichten an, dass das Jloschuslhier 
durch das ganze Amur-Land bis an die Küsten, des Stillen Oceanes verbreitet sei '). Wir 
können nun aus eigenen Erfahrungen diese Verbreitung desselben im Amur-Lande mit Rück- 
sicht auf die vielfach verschiedene Terraiubeschaffenheit desselben genauer angeben. Be- 
kanntlich hält sich das Moschusthier, wie schon Pallas bemerkt, vornehmlich in den Nadel- 
holzwaldungen felsiger und gebirgiger Gegenden auf. Am oberen Amur -Strome kommt es 
daher nur im obersten Theile desselben, etwa bis zur Komar- Mündung , unmittelbar bis an 
die felsigen, mit Kiefern, Lärchen u. a. Baumarten bewachsenen Slromufer vor. Weiter aL- 
wärts dagegen, wo erst die Nadelholzer vom Strome sich entfernen und sodann, von der Mün- 
dung der Dseja an, eine ausgedehnte, beinahe waldlose Prairie beginnt, welche, mit alleini- 
ger Unterbrechung durch das Bureja- Gebirge und einige kleine Gebirgszüge am rechten 
Amur-Ufer, bis an den Ussuri, ja am linken Ufer des Stromes noch weiter sich ausbreitet, 
bleibt das Moschusthier vom Strome entfernt und auf die Gebirge landeinwärts beschränkt. So 
ist es den Monjagern und Biraren am Sachali von der oberen Dseja und der oberen Bu- 
reja, den Golde am Ussuri vom oberen Laufe dieses Stromes und seinen Zuflüssen, den Kile 
am Kur vom Wand a-Gebirge bekannt. Erst unterhalb der U s s u r i-Mündung nähert sich das Mo- 



>) Pallas, Spicil. Zool. Fase. Xlll. p. 16. 
Scfarenck Amur-Reise Bd. 1. 21 



1 62 Säugelhiere. 

schusthier wieder dem Amur-Strome und wird namentlich in der Gegend der Gorin-Mündung 
und weiter unterhalb, wo ausgebreitete Nadelholzwaldungen die hohen, gebirgigen Ufer des Stro- 
mes bedecken, ein häufiges Thier, Dort ist es auch, wo ich besonders zahlreiche Felle vom.Mo- 
schuslhiere gesehen habe. Von den Eingeborenen werden sie tlieils zu Pelzröcken und theils zu 
Decken verarbeitet, welche letztere aber bloss aus den Beinfellen dieser Thiere zusammen- 
genäht werden und durch Vermittelung der Eingeborenen auch bei den Mandshu und Chi- 
nesen im Gebrauche sind. Ein Stück der Art, welches die Beinfelle von mehr als 20 Thieren 
zählte, konnte ich bei den Ssamagern am Gorin gegen wenige Tabacksblätter erhalten, zum 
Beweise wie häuHg das Moschusthier dort sein muss. Für denselben niedrigen Preis kaufte 
ich auch im Winter 1855 am unteren Gorin-Flusse ein jüngst erlegtes, im 2'''" Jahre stehen- 
des Moschuslhierweihchen, von dem ich Fell und Schädel mitgebracht habe. Dieser niedrige 
Preis ist um so erklärlicher, als auch das Fleisch des Moschusthieres, das von den Eingeborenen 
gegessen wird, in jenen an Hochwild und namentlich an Rehen, Elennthieren und Wild- 
schweinen reichen Gegenden nur einen geringen Werth hat. Einen besonderen Vorzug in den 
Augen der Eingeborenen haben dagegen, ausser den im Handel mit den Mandshu und Chi- 
nesen wichtigen Moschusheuleln, auch die Extremitäten des Moschusthieres , da die dünnen 
Röhrenknochen derselben ihnen zum Verfertigen von Pfeilspitzen dienen. Fast in gleicher Häu- 
figkeit wie am Gorin bleibt das Moschusthier in den Gebirgen am Amur-Strome noch bis un- 
terhalb Kidsi; alsdann aber wird es seltner, obgleich das Land gegen die Mündung des Stromes 
nur noch gebirgiger und die Nadelholzwaldung anschliesslicher wird. Doch kommt es, nach 
Aussage der Giljaken, bis an die Mündung des Stromes vor. Auch wurden dort im Winter 
1856, während meines Aufenthaltes im Nikolajewschen Posten, drei Thiere dieser Art dem 
Posten gegenüber am rechten Amur-Ufer gesehen. Nördlich von der Amur-Mündung, an der 
Südküste des Ochotskischen Meeres gaben mir die Giljaken an, dass das Moschusthier bei 
ihnen fehle. W ahrscheinlich bleibt es dort im höheren Gebirge landeinwärts zurück und nä- 
hert sich nur mit diesem wiederum der 31eeresküste, da 31iddendorff es auf dem Kamme des 
Stanowoi- Gebirges überall häufig fand '). Südlich von der Amur-Mündung dagegen ist das 
Moschusthier in den Gebirgen der Meeresküste allenthalben verbreitet. Am Amur-Limane 
kannten es die Giljaken als ein häufiges Thier der dortigen Gebirge, wofür mir auch der 
Umstand zu sprechen schien, dass ich im Dorfe Tschomi eine Menge von F'ussknochen dieses 
Thieres sah, die den giljakischen Knaben zum Spielzeuge dienten. Noch weiter südwärts, an 
der Meerenge der Tarlarei soll das Moschusthier, nach Angabe der Eingeborenen, im 
Gebirge der Küste und au den dort einmündenden Flüssen, dem Tumdshi u. a., so weit 
ihre Kenntnisse reichten, d. i. bis über die Bai Hadshi nach Süden hinaus, häufig vor- 
kommen. Endlich ist das Moschusthier auch auf der Insel Sachalin verbreitet. Ausdrück- 
lich gaben mir aber die Giljaken beider Küsten an, dass es nur im hohen, waldreichen 
Gel)irge im Innern der Insel zu finden sei, den niedrigeren und oft waldlosen Meeresküsten 
hingegen fehle. Auch kannten es die Giljaken an den Quellen des Tymy-Flusses im Innern 

1) aj iddendorff, Sibirische Reise. I. c. p. 118. 



Moschus moschiferus. Certms Cnpreolus. 163 

Sachalin's aus ilirer nächsten Umgegend. Desgleichen isl mir durch zuverlässige Mitlheiliiug 
von Augenzeugen bekannt, dass der russisch -amerikanischen Compagnie in ihrer im Winter 
1853 zeitweise errichteten Handelsslation in der Bai Aniwa auf Sachalin von den dortigen 
Aino Moschusthierfelle und Moschusbeutel zum Kaufe gebracht wurden. Dem Gebirge fol- 
gend, ist also das Moschuslhier aujf der Insel Sachalin bis zur Südspitze derselben ver- 
breitet. Weiter südwärts, auf Jesso und den japanischen Inseln scheint es aber nicht mehr 
vorzukommen, da wir sonst durch Siebold von diesem des Moschus wegen gewiss auch den 
Japanesen bekannten Thiere Nachrichten erhalten hätten. Seine Verbreitung nach Sachalin 
scheint also nur durch die grosse Nähe dieser gebirgigen und waldigen Insel zum Continente 
am Amur-Limane vermittelt worden zu sein. 



54) Cervus Capreoliis L. 

Bei den Giljaken des Continentes : kighu. 

« « Mangunen, Ssamagern, Golde unterhalb des Ussuri: giwu. 

« « Golde oberhalb des Ussuri, Kile am Kur: giutscha, 

« « Bi raren : gjtcisc/ia. 

« « Monjagern und Orotschonen: gjwfsc/ian. 
A( « Dauren : djura. 

Bekanntlich hat Pallas das sibirische Reh, welches er anfangs als besondere Art, C. Py- 
gargus, vom europäischen C. Capreoius unterschied '), später mit diesem letzteren als Varietät 
wieder vereinigt ^). Seitdem sind jedoch diese Formen von mehreren Seiten her und nament- 
lich durch Brandt, Bonaparte, Sundevall u. a. wiederum specifisch getrennt worden, eine 
Trennung, die sich aber bei wachsender Erfahrung über diese Formen nicht zu bestätigen 
scheint. So musste Middendorff, nach Vergleichung des sibirischen Rehes mit dem europäi- 
schen, für die Identität derselben sich erklären ^). Zu demselben Resultate führt uns eine Ver- 
gleichung des Amur -Rehes mit der sibirischen und europäischen Form. Prüft man nämlich 
das Amur -Reh auf die zwischen diesen Formen angeblich specifisch unterscheidenden Cha- 
raktere, so hält es schwer zu bestimmen, zu welcher derselben es eher zu rechnen sei, da 
sie}) an ihm die Charaktere beider Formen mehr oder weniger durcheinander ünden. Im All- 
gemeinen ist C. Pijgargus von grösserem Wüchse und hellerer Färbung als C. Capreoius. Letz- 
teres Moment scheint nun auch den Amur -Exemplaren eigen zu sein. Das Sommerfell ist 
nämlich rothlichgelb , auf dem Rücken dunkler , an den Seiten und zum Bauche hin heller, 
schmutzig weisslichgelb; das Winterfell ist gelblichgrau, in der Mittellinie des Rückens dunk- 
ler, bräunlichgrau. Dabei ist aber die Zeichnung des ganzen Thieres und namentlich auch sei- 



') Pallas, Reise durch verschied. Prov. des russ. Reiches. I. p. 97 u. 453. 

2) Pallas, Zoogr. Rosso-Asial. 1. p. 219. 

3) Middendorff, Sibirische Reise. I. c. p. 118 



164 Säugeffitere. 

nes Kopfes genau wie am europäischen Thiere beschaffen, so dass es hier auch keiner wieder- 
holenden Erwähnung derselben bedarf. Will man daher das Amur-Reh, nach dem allgemeinen, 
helleren Farbentone, zu C. Pygargns rechnen, so kann ich an ihm die Behauptung Sundevall's, 
dass C. Pygargns durch einen weiter ausgedehnten, beinahe das ganze Kinn einnehmenden 
schwarzen Fleck au der Unterlippe von dem europäischen Reh verschieden sei '), nicht bestä- 
tigt hnden. Meine vom oberen und unteren Amur- Strome mitgebrachten Exemplare zeigen 
vielmehr, mit den europäischen ganz übereinstimmend, nur einen schwarzen oder richtiger 
braunschwarzen Streifen in der Mitte der Unterlippe, vor dem Mundwinkel. Zugleich ist aber 
dieser braunschwarze Fleck an einem meiner Exemplare ziemlich lang und etwa 5 — 6 Millim. 
breit, an einem anderen dagegen kaum merklich, zum deutlichsten Beweise, dass in diesem 
variablen Verhältniss überhaupt kein speciüscher Unterschied zwischen dem sibirischen und 
europäischen Reh gesucht werden darf. Daneben haben ferner die Amur -Exemplare einen 
weissen Rand der Oberlippe, wie das, nach der Bemerkung des Hrn. Akad. Brandt's ^), dem 
C. Pygargus zum Unterschiede von C. Capreolus zukommt. Doch dürfte auch dieses Moment zu 
den variirendeu gehören und von keinem artenunterscheidenden Belange sein , da sich der 
schwarze Streifen, der sich längs der Oberlippe zum Mundwinkel hinzieht, dem Rande der 
Oberlippe bald mehr und bald weniger nähert. Aehnlich scheint es sich auch mit den 
Unterscheidungen in Beziehung auf die Form und gegenseitige Stellung der Gehörne von 
C. Capreolus und C. Pygargus zu verhalten. Schwerlich dürften sich zwei Rehgeborne fin- 
den, welche in dieser Beziehung einander völlig gleich wären, indem die Richtung und Bie- 
gung der Hauptstange sowohl wie der Nebensprossen nicht bloss an verschiedenen Indivi- 
duen, sondern nicht selten auch an den beiden Gehörnhälften eines und desselben Thieres 
eine mannigfach variirende ist. Es dürfte daher schwer halten nach diesem Merkmale die beiden 
Formen stets auseinander zu halten, zumal es Gehörne giebt, an denen die Kennzeichen bei- 
der Formen durcheinander sich finden. Das beweisen z. B. auch die beiden von mir mitge- 
brachten Rehgehörne vom Amur. Beide sind regelmässige Sechser, eines vom Ussuri, das 
andere vom oberen Amur stammend. Ersteres entspricht mehr dem Gehörne von C. Capreolus, 
indem die Hauptstangen einen fast geraden Verlauf haben, mit einer nur geringen Divergenz 
nach aussen und einer sehr unbedeutenden (an beiden Gehörnhälften übrigens verschiedenen) 
Biegung oberhalb der ersten Sprosse nach hinten, wobei zugleich auch die Spitzen des Gehör- 
nes entschieden nach innen gekehrt sind. Das andere Gehörn dagegen trägt unverkennbar die 
Kennzeichen von C. Pygargus an sich , indem die Biegung oberhalb der ersten Spiosse nach 
hinten eine ganz ansehnliche ist und die obersten Spitzen, deren Abstand von einander grösser 
als derjenige der Hauptstangen in ihrer Mitte ist, nach oben gekehrt sind. Trotzdem beträgt 
aber an diesem letzteren Gehörne der Absland der Hauptstangen an ihrer Basis von einander 
nicht mehr als 10 Millim. oder 3 rheinl. Linien, was ein Charakter von C. Capreolus sein soll. 
Diese Thatsachen an den Gehörnen und in der Kopfzeichnuug der Amur-Rehe scheinen mir 

') Suiidevall, Linne's Pecora. S. Hornschiicli, Archiv Skand. Beiträge zur Nalurgescli. IL p. 137. 
^) Bull, de In classe pliysico mathem. de I'Aciid. Inip. iles sc. de St.-Pelersb. T. III. p. 280. 



Cervus Capreolus. 165 

daher geeignet zu sein, die spätere Ansicht von Pallas, dass C, Capreolus und C. Pygargus spe- 
cilisch identische Formen seien, mehr und mehr ausser Zweifel zu stellen. — Beide ohen 
erwähnten Rehgehörne vom Amur hahen übrigens eine ganz ansehnliche Grösse, indem das 
eine derselben, vom Ussuri, in gerader Entfernung von der Basis bis zur Spitze etwa 270, 
das andere, vom oberen Amur, in derselben Dimension etwa 255 Millini. heträet. Der Schä- 
del einer erwachsenen Ricke, den ich vom unteren Amur mitgebracht habe, misst vom vor- 
dersten Ende des Zwischenkieferbeines bis zum Ilinterhanptshöcker 216 Millim. Länge. 

Was die geographische Verbreitung des Rehes betrifft, so war es durch Pallas im Osten 
Asien's bis nach Daurien und zur Lena bekannt '). Middendor ff lehrte es weiter ost- 
wärts, in einem Theile des linken Amur-Ufers und nordwärts bis zum Stanowoi Gebirge 
kennen; am Amur-Strome sollte es namentlich je weiter nach Süden, desto häufiger vorkom- 
men ). Von der Richtigkeit dieser Angabe habe ich Gelegenheit gehabt mich durch eigene Er- 
fahrung zu überzeugen. Denn obgleich das Reh fast am gesammten Amur-Strome, mit allei- 
niger Ausnahme der 3Iündung desselben, vorkommt, so ist es doch nirgends so häuGg wie in 
der südlichsten Biegung desselben. Bereits im oberen Laufe des Amur -Stromes ist das Reh 
ein häufiges Thier und ein Hauptgegenstand der Jagd bei den dortigen nomadischen Völkern, 
den Orotschonen und Monjagern. Die gebirgige Beschaffenheit des Landes am oberen 
Amur, die gemischte Waldung, die vielen offenen Grasplätze, die mit den felsigen Ufern längs 
dem Strome abwechseln, bieten dem Reh ein sehr günstiges Terrain zum Aufenthalte dar. Im 
Herbst zumal steigt es dort häufig aus dem Gebirge auf die offenen Grasplätze und bis an die 
Slromufer herab, um, wo es auf der anderen Seite ein besseres Terrain findet, auch den Strom 
zu durchschwimmen. Mir selbst ist es auf meiner Flussreise zweimal begegnet das Reh bei 
solcher Gelegenheit zu überraschen und das einemal, am 30. Aug. (1 1. Sept.), oberhalb der 
Komar-Mündung einen alten Rehbock, das andremal, am 15. (27.) Sept., unterhalb des Po- 
stens von Kotomandu eine Schmalricke mitten im Amur -Strome zu erbeuten. Der Herbst 
ist auch die Zeit der meisten Rehjagd bei den dortigen Eingeborenen. Die Monjagern 
und Orotschonen, durch deren Gebiet wir zu dieser Jahreszeit kamen, fanden wir daher 
durchweg mit dieser Jagd beschäftigt und von ihren temporären Zelten am Amur zumeist 
abwesend . wo inzwischen die Familien der Jäger vom Fleische der bereits erbeuteten Thiere 
zehrten. Ausser dem Fleische muss aber die ergiebige Herbstjagd den Eingeborenen auch die 
aur Kleidung nötiiigen Rehfelle liefern. Alle Pelze der Art, die man bei den dortigen Eingebo- 
renen und durch deren Vermiltelung auch bei den Mandshu und Chinesen findet, sind da- 
her stets aus Fellen im röthlichgelben Sommerhaar dieses Thieres verfertigt. JVoch häufiger 
wird das Reh weiter abwärts am Amur-Strome im Gebiete der Biraren, gegen die 3Iündung 
der Bureja hin, wo Hügelzüge mit Laubholzwaldung die Prairie durchschneiden und auch 
einzelne Zweige vom Bureja- Gebirge den Ufern des Amur- Stromes sich nähern. Bei den 
Bi raren spielt es daher vollkommen dieselbe Rolle wie bei den Monjagern oberhalb. Des- 

1) Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 220. 

*) Jl iUdeiidorff, Sibirische Reise. 1. c. 119. 



1 06 Säugelhiere. 

gleichen kommt das Reh häufig in den mit Laubholz bewachsenen Abfällen des Bureja- Ge- 
birges und in den kleineren Gebirgszügen der Prairie imlerhalb desselben vor. Am Ussuri 
gaben mir die Golde das Reh als ein allgemein und bis zum oberen Laufe dieses Stromes 
verbreitetes Thier an. Nicht minder bleibt es auch am unteren Amur-Strome bis zur Gorin- 
Miindunc und an seinen Zuflüssen bis dahin, am Kur, Ssedsemi, Päch'ssa, Naiche- und 
Chongar-Flusse ein häuüges Thier. Wie oberhalb, so ist es auch dort bei den Eingeborenen, 
den Golde am Amur, den Ssamagern am Gorin u. a. m., ein beliebtes Jagdthier, dessen 
Fleisch ihnen zur Nahrung , das Fell aber zur Kleidung beilragen muss. Doch wird man in 
diesem Theile des Stromes stets nur das Winterfell des Rehes zu diesem Zwecke benutzt fin^. 
den, da dort der Winter allein den Eingeborenen zur Jagd dient, der Herbst hingegen noch 
mit Fischfang verbracht wird. Unterhalb der Gorin -Mündung, wo die Laubholzwaldung am 
Amur rasch abnimmt, wird das Reh viel seltner, kommt aber noch im gesammten Gebiete 
der Mangunen, am Amur und dessen Zuflüssen, am Chelasso, Jai u. a. m. vor. Erst im Ge- 
biete der Giljaken erreicht es im Gebirge bei den Dörfern Tylm und Tyr seine Nordgränze, 
Die Eingeborenen in diesen Dörfern gaben mir ausdrücklich an, dass das Reh unterhalb die- 
ser Orte am Amur nicht mehr vorkomme. Dasselbe bestätigten auch die Giljaken der unter- 
halb gelegenen Dörfer bis zur Amur -Mündung hin. Ferner stellten mir auch die Giljaken 
an der Südküste des Ochotskischen Meeres gleich nördlich vom Amur-Limane das Vorkom- 
men des Rehes in ihrer Umgegend entschieden in Abrede. Auch habe ich während meines 
Aufenthaltes im Nikolajewschen Posten bei den Giljaken der Amur-Mündung niemals von 
einem bei ihnen erlegten Reh gehört. Dem entsprechend endlich hat das Reh bei den Gilja- 
ken auch nur eine giljakisirte tungusische Bezeichnung. Es bleibt also das Mündungsland des 
Amur- Stromes von der Verbreitung des Rehes ausgeschlossen, Seine Nordgränze am Amur 
betretVend , muss aber noch erwähnt werden, dass sie bei den oben genannten Dörfern Tylm 
und Tyr zugleich auch an der Mündung des von links in den Amur fallenden Amgunj-Flus- 
ses liegt, an welchem auch Middendorff noch das Vorkommen des Rehes angiebt. M idd en- 
do r ff nennt jedoch das Reh auch noch eine geraqme Strecke nördlicher, am Gallam, einem 
rechten Zuflüsse des Udj, wo es freilich nur selten sein soll ^). Es scheint hier daher die 
Polargränze des Rehes, welche weiter westwärts, den Erfahrungen Middendorff's zufolge, 
längs dem Stanowoi-Gebirge verläuft und dieses nach Norden nicht überschreitet, in diesem 
östlichen Theile sich plötzlich stark nach Süden zu senken, indem sie vom Gallam-Flusse, iq 
etwa 54^° n, Br., zur Amgunj- Mündung am Amur-Strome, in etwa 53° n. Br., gezogen 
werden muss. Diese Senkung der Polargränze des Rehes nach Süden setzt sich nun auch weir- 
ter ostwärts vom Amur -Strome fort, indem das Reh an der Meeresküste, den Aussagen der 
Eingeborenen zufolge, weder am Amur-Limane noch am nördlichsten Theile der Meerenge 
der Tartarei vorkommt, sondern erst südlich von der Bai d.e Castries, in etwa 51" n. Br,, 
beginnt, Vielleicht dürfte man diese Erscheinung mit dem sehr ausschliesslichen Vorherrschen 
ausgedehnter nnd geschlossener Nadelholzwaldungen im Mündungslande des Amur r Stromes 



') Middendorff, Sibirische Reise. I. c. p. 119. 



Cervus Capreohis. C. Tarandus. 167 

und an der Meeresküste in causale Verbindung bringen. Damit im Einklänge steht end- 
licli auch das Fehlen des Rehes auf der Insel Sachalin. Es ist mir dort von den Giljaken 
beider Küsten und des Innern auf wiederholtes Nachfragen entschieden in Abrede gestellt 
worden, und nie habe ich seihst irgend welche Spuren von dem Vorkommen desselben auf 
der Insel gefunden. Bekanntlich wird uns das Reh von Siebold auch für die japanischen Inseln 
nicht genannt. Es scheint daher die Verbreitung desselben im Osten Asien's auf das Festland 
sich zu beschränken und die anliegenden Inseln nirgends zu berühren. 



55) Cervus Tarandus L. 

Bei den Giljaken des Continentes und der Westküste von Sachalin: Isclialangai. 
« « « des Innern und der Oslküste von Sachalin: </a>igj. 

« « Oroken von Sachalin : 

das wilde Rennthier : Inru und s'iru. 
das zahme Rennthier : oro und iilja (d. h. der Gute). 
« « Mangunen, Golde unterhalb des Ussuri, Ssamagern: 
das wilde Rennthier : biru, hirun und s'iru. 
das zahme Rennthier : oro und oron. 
« « Golde oberhalb des Ussuri, Kile am Kur: iru. 
« « Biraren: 

das erwachsene Thier: oro. 
das junge Thier: yngnekan. 
« « Monjagern und Orotschonen: oro«. 

Das Rennthier muss für das Amur-Land in doppelter Beziehung nahmhaft gemacht wer- 
den, da es einmal wild über einen ansehnlichen Theil desselben verbreitet ist, und dann auch 
im gezähmten Zustande, als Ilauslhier, bei mehreren seiner Völker im Gebrauche steht. 

Was zunächst die Verbreitung des wilden Rennthieres im Amur-Lande betrifft, so ist 
dieselbe schon mehrfach früher , bei Besprechung der Verbreitung des Vielfrasses und des 
Wolfes (s. oben) , für die das Vorkommen des Rennthieres hauptsächlich bestimmend und 
maassgehend zu sein scheint, in ihren Hauptzügen berührt worden. Im Amur -Lande ist das 
Rennthier eine Charakterform seines nördlichsten Theiles, des Küstengebietes und der Amur- 
Mündung, von welcher die übrigen Hirscharteu mehr oder weniger südlich zurückbleiben. 
In der grössten Häufigkeit kommt es namentlich im nördlichen Theile der Insel Sachalin, an 
der Südküste des Ochotskischen Meeres und am Amur-Limane vor, wo die nordische Na- 
delholzwaldung einen grossen Reichthum an Flechten und 3]oosen aufzuweisen hat und Iheil- 
weise auch moorige, nackte oder nur von krüppeligen Lärchen bewachsene Niederungen längs 
der Küste sich ausbreiten. Auf meinen Winterreisen habe ich dort fast täglich einzelne Indi- 



16S Säugelhiere. 

viduen oder grössere und kleinere Rudel von Rennlhieren an den Kiislen der Insel und des 
Conlinentes gesehen und auch die Schneedecke des Limaneises von zahlreichen Rennthier- 
spuren durchkreuzt gefunden. Auf der Insel Sachalin geht das Rennlhier , dem Gebirge des 
Innern folgend, bis nach der Südspitze derselben, in etwa 46^ n. Br. hinab, wo es von den 
Aino noch häufig erlegt werden soll. An der Küste des Festlandes ist das Rennlhier bis zur 
Bai Hadshi in 49° n. Br., wo noch ausgedehnte Nadelwälder bis an die Meeresküste sich 
erstrecken, nicht selten und soll nach Angabe der Eingeborenen auch weiter südwärts noch 
ta finden sein. Am Amur -Strome dagegen wird es durch das Vordringen einer südliche- 
ren Vegetation weiter nach Norden , als es an der Meeresküste der Fall ist , früher von den 
Slromufern verdrängt und auf das höhere Gebirge landeinwärts gebannt. Während es daher 
im Mündungslaufe des Amur -Stromes bis an die unmittelbaren Ufer des Stromes vorkommt 
und von den Giijaken noch bisweilen während des Uebersetzens über den Strom erlegt wird, 
zieht es sich schon unterhalb Kidsi, im Gebiete der Mangunen, in das höhere Gebirge ab- 
seits vom Strome zurück. Längs dieser Gebirge breitet es sich nun weiter südwärts aus und 
kommt sowohl am Jai", Tumdshi und Chongar östlich vom Amur, als auch am Gorin 
westlich von demselben vor. Die Mangunen und Golde am Amur und die Ssamagern am 
Gorin wussten mir von dieser Verbreitung des Rennthieres im Gebirge, wo sie es im Winter 
bisweilen erlegen, oft zu erzählen; niemals aber soll es in diesen Breiten am Amur -Strome 
selbst sich finden. In solcher Weise kommt das Rennthier, nach Aussage der Eingeborenen, bis 
zum Geong-Gebirge nach Süden vor. Südlicher von diesem aber wurde es mir von den Golde 
am Amur und Ussuri auch für das Gebirge in Abrede gestellt. So sollte es namentlich auch 
im Chöchzier-Gebirge an der Mündung des Ussuri nicht mehr vorkommen. Wir können hier 
daher die Aequatorialgränze der Verbreitung des Rennthieres mit dem Geong-Gebirge, in 
etwa 49° n. Br. annehmen. Nach Westen von dort, am linken Amur-Ufer bildet das ungefähr 
in gleicher Breite gelegene Wanda-Gebirge, wo das Rennthier noch vorkommt, ebenfalls die 
Südgränze desselben. Wie weit es im Bureja-Gebirge nach Süden geht, ist mir unbekannt, 
doch muss ich durchaus bezweifeln, dass es dort den das Gebirge durchbrechenden Amur- 
Strom erreiche, da es den nomadischen Biraren, die ich an der Burcja-Mündung am Amur- 
Strome antraf, nur dem Namen nach bekannt war. Auch führt Middendorff an, dass es an 
den Quellzuflüssen der Dseja, südlich vom Stanowoi-Gebirge, nicht leicht über den Gebirgs- 
zweig Tukuringra, ungefähr in 54°n.Br., nach Süden vorkomme. Dort drängt ohne Zwei- 
fel die an der Dseja weit nordwärts sich ausdehnende Prairie die Aequatorialgränze des 
Rennthieres nach Norden zurück. Erst im oberen Laufe des Amur- Stromes, oberhalb der 
erwähnten Prairie, kommt das Rennthier mit dem Gebirge wiederum bis an den Amur-Strom 
vor und wird von den Monjagern und Orotschonen, wenn auch viel seltner als die übri- 
gen Hirscharien, erlegt. Ja dort soll bekanntlich, einer Angabe von Pallas ') zufolge, das 
Rennthier auch südlich vom Amur-Strome, im Chingan-Gebirge, das zwischen dem Amur 
und dem Naun-Flusse sich hinzieht, noch vorkommen — eine Angabe, die wir zu bezweifeln 

') Zoogr. Kosso<-A$iat. I. p. 20S. 



Cervtis Tarandus. |69 

keinen Grund haben. Dieses Gebirge liegt ziemlich in demselben Breitengrade wie das Wanda- 
und Geong-Gebirge im unteren Amur-Lande. An beiden Orten aber bleibt die Aequatorial- 
gränze des Rennthieres , mit ihrer Lage an der Meeresküste und auf der Insel Sachalin ver- 
glichen, nach Norden zurück. Den anderen llirscharten entgegengesetzt, dringt also dasRenn- 
Ihier im Küstengebiete des Amur -Landes in südlichere Breiten als im Innern Ostasiens vor, 
eine Erscheinung, die gewiss mit der weiteren Erslreckung eines nordisch-maritimen Kli- 
mas und Vegetationscharakters längs den Küsten des Amur -Landes nach Süd im Zusam- 
menhange steht. 

Im gezähmten Zustande, als Hausthier, spielt das Rennthier im Amur -Lande eine nur 
unbedeutende Rolle, da es es bei sehr wenigen der dortigen Völker sich ündet. Zunächst ist 
hier der nomadischen Tungusen zu erwähnen, welche bisweilen, und namentlich im Winter 
und ersten Frühjahr, mit ziemlich zahlreichen Rennlhierheerden, aus den Gegenden am Udj 
und Tugur kommend, dem Amur-Strome sich nähern und an den sogenannten Seeen 
Tschlja, Orellj u.a., welche zumeist nur flache und weite Buchten des Amur-Stromes sind, 
wie auch an der Südküste des Och otski sehen Meeres bis in das Gebiet der Giljaken hin- 
ein ihre zeitweisen Sitze nehmen. In den Jahren meines Aufenthalles an der Amur-Mündung 
wurden diese Züge der Rennlhier-Tungusen, welche zu dem Zwecke eines Handels mit den 
sesshaften Amur -Völkern geschehen, noch durch die Anwesenheit der Russen in dem nahen 
Nikolajewschen Posten besonders begünstigt. Auch hatten einzelne dieser Tungusen con- 
tractmässig die Lieferung von zahlreichen Rennlhieren zur Nahrungsversorgung der russischen 
Mannschaften am Amur, so wie die Beförderung der Post übernommen, welche sie mit Hiilfe 
ihrer Rennthiere von der Amur-Mündung nach den Orten Udskoi-Ostrog und Ajan be- 
sorgten. — Ungleich wichtiger für die Culturverbreitung des Rennthieres im Amur -Lande 
als diese nur den Mnndungstheil des Amur-Stromes berührenden Tungusen sind die auf der 
Insel Sachalin mit Hülfe von Rennthieren nomadisirenden Oroken. In dem Umfange, wie 
wir das Amur- Land betrachten, d. h. mit Hinzuziehung zu demselben auch der Meeresküste 
und der Insel Sachalin, sind die Oroken die einzigen Rennthiernomaden , denen wir stetig 
in demselben begegnen. Obgleich zum tungusischen Stamme gehörig, bei dem das Rennthier 
in der Regel nur zum Reiten dient, weichen die Oroken darin von ihren Stammgenossen ab, 
dass sie das Rennthier nicht als Reit-, sondern als Zugthier gebrauchen, gleich wie es die 
Korjaken, Ssamojeden, Lappen u. a. Völker des Nordens Ihun. Dabei gestattet ihnen 
aber die bergige und waldige Beschaffenheit ihres Landes nur während des Winters ihre 
Wanderungen mit Hülfe von Rennlhieren zu unternehmen; im Sommer hingegen sind sie 
zu einer mehr oder minder sesshaften, auf Fischfang angewiesenen Lebensweise genöthigl. 
Das Gebiet der Oroken und mit ihnen also auch die Culturheimath des Rennthieres auf 
Sachalin erstreckt sich über einen Theil der Ostküste der Insel, von dem Golfe der Ge- 
duld im Süden bis über die Bai Nyi nach Norden hinaus, d. i. ungefähr von 49.^ bis 52.[^ 
nördl. Breite. Innerhalb dieser Gränzen bieten den Oroken namentlich die Thäler der von 
ihren Quellen an nach SO und NO divergirenden Flüsse Ty und Tymy die hauptsächlichsten 

Schrenck Amur-Reise Bd. I. 22 



170 



Sängefhiere. 



Bahneu zu ihren winterlichen Wanderungen dar. Einmal im Jahre jedoch, im December oder 
Januar, wenn der Amur-Liman sich niil Eis bedeckt hat, überschreiten die Oroken ihre ge- 
wöhnlichen Gränzen und ziehen des Handels wegen in ansehnlicher Anzahl von der Insel nach 
dem Festlaude iiiniiber, dieselbe Route befolgend, welche ich auf meinen Winterreisen in den 
Jahren 1 855 und 56 gegangen bin. Ihre von Rennthieren bespannten Schlitten überschreiten 
alsdann die Gebirge im Innern Sachalin's von den Tymy- Quellen nach der Westküste der 
Insel bei Arkai und Mgatsch, folgen dieser Küste nordwärts bis zum Dorfe Poghobi am 
Amur-Limane, durchschneiden dann den Amur-Liman nach dem Dorfe Tymi und der 
Mündung des gleichnamigen Flusses und gehen endlich au diesem letzteren aufwärts bis zum 
Gebirge, welches sich zwischen dem Amur-Limane und Amur-Strome hinzieht. Dort 
auf der Höhe des Gebirges pflegen einige der Oroken mit den Rennthieren zurückzubleiben, 
während andere auf bundebespannten Schlitten, welche jeden Rennthierzug begleiten, nach 
dem Amur-Thale zu den Mangunen und den zeitweise bei diesen sich aufhaltenden chine- 
sischen Kaufleuten hinabsteigen. Wie wir daher oben das Rennthier mit den Tungusen als 
Reitthier dem Amur-Strome von Nord und West sich nähern sahen, so rückt es hier mit den 
Oroken als Zugthier von Ost und Süd an den Strom hinan, ohne jedoch denselben auch hier 
ganz zu erreichen. Dies sind denn auch die beiden einzigen Völker des Amur -Landes, bei 
denen das Rennthier eine Culturheimath gewonnen hat. Nirgends sonst begegnen wir ihm im 
Amur -Lande. Nur eine Tradition soll sich bei mehreren seiner tuugusischen Stämme, z. B. 
den Mangunen und Golde, erhalten haben, laut welcher dieselben in früheren, längst ver- 
gangenen Zeiten zahlreiche Reuuthierheerdeu besessen und mit deren Hülfe eine nomadische 
Lebensweise geführt hätten, bis eine verderbliche Seuche die Heerden gelichtet und zerstört 
und die Nomaden somit zum Fischfang und zur festen Ansiedelung am Strome gezwungen 
habe. Vielleicht dürfte auch der Umstand, dass wir bei allen unteren Amur-Völkern tungusi- 
schen Stammes, ob diese gleich gegenwärtig das Rennthier nur im wilden Zustande kennen, 
dennoch eine verschiedene Bezeichnung für das wilde und das gezähmte Rennthier linden, auf 
einen solchen Wechsel in ihrer Lebensweise, wie ihn die Tradition angiebt, hindeuten. Warum 
wäre sonst eine solche besondere Bezeichnung für das gezähmte Rennthier nur bei den tun- 
gusischen Stämmen am Amur und nicht auch bei den Giljaken zu finden, welche gegen- 
wärtig, als nächste und unmittelbare Nachbarn jener zum Theil sogar durch ihr Gebiet wan- 
dernden Rennthiernomaden, mit dem gezähmten Thiere ohne Zweifel viel bekannter als die 
entlegeneren tuugusischea Stämme am Amur sein müssen? 



Bei den Giljaken: botscha. 



56) Cei'vus Ela|)luis L. 



« 



« 



Mangunen: btitscha. 



« « Golde unterhalb des Ussuri, Ssamagern: bozza. 

« « Golde oberhalb des Ussuri, Kile am Kur, Biraren, Orotschonen: komaka. 



Cervus Elapkus. 171 

Bei den M o n j a g e r n : btuju. 
« « Dauren : bugho. 

Wie Pallas ^), Eversmann ^), Middendorff ^) u. a. vom sibirischen Hirsche bemer- 
ken, so ist auch der Edelhirsch des Amur -Landes im Vergleich zum europäischen von grös- 
serem NYuchse und, wie ich nach den von mir im Amur-Lande beobachlelen und zum Theil 
mitgebrachlen Fellen schliessen möchte , zugleich von hellerer und mehr grauer Färbung 
des Sommer- vtie des Winterfelles als jener. Das Sommerfell eines noch ziemlich jungen Thie- 
res, das ich am oberen Amur-Strome oberhalb der Komar-Mündung erhalten habe, ist näm- 
lich von gelblichgrauer Farbe, auf dem Rücken dunkler, bräunlichgrau, an den Seiten und 
nach dem Bauche zu heller, fast rein grau mit schwacher gelblicher Einmischung. Diese Fär- 
bung entsteht durch ein Verbleichen der gelblichen Tinte an den einzelnen Ilaaren: diese sind 
nämlich auf dem Rücken an ihrer Basis bräunlichgrau, dann gelb und an der Spitze schwärz- 
lich. Die gelbe Farbe macht aber , von dem Rücken nach dem Bauche zu rasch verblassend, 
einer weisslichen Farbe mehr und mehr Raum, wobei zugleich auch die dunkle Farbe der 
Haarspilze sowohl wie der Haarbasis mehr und mehr verblasst und abnimmt und die weiss- 
liche Farbe auch auf deren Kosten überhand nimmt. Gleichzeitig ist jedoch an diesem Som- 
merfell des Edelhirsches vom Amur der Spiegel um die Schwanzgegend von intensiv röthlich- 
gelber Farbe, mit braungrauer, nach hinten zu allmählig dunklerer und zuletzt schwarzbrauner 
seillicher Einfassung und einem schwärzlichen Fleck in der Mitte. — Das von mir mitge- 
brachte Winterfell des Edelhirsches stammt vom Gorin-Flusse her. Es gehört einem Zwölf- 
ender und ist von ansehnlicher Grösse. Der Hals dieses Thieres ist von gelblich-graubrauner 
Farbe, nach unten zu dunkler, schwärzlichbraun. Der Rumpf ist gelblichgrau, längs der Mittel- 
linie des Rückens dunkler bräunlich, nach den Seilen zu rasch verblassend, hellgelblichgrau. Die 
Unterseite ist gelblichbraun, nach der Mitte zu dunkler, bis schwarzbraun. Der Spiegel um die 
Schwanzgegend ist röthlichgelb, heller als am Sommerfell, mit ziemlich heller, bräunlicher, nur 
am hinleren Ende dunklerer, schwarzbrauner Einfassung. Die erwähnten, stellenweise helleren 
und dunkleren Schallirungen in der Färbung des Winterfelles sind durch ein ähnliches Verhal- 
ten in der Zeichnung der Deckhaare wie am Sommerfelle bedingt. Die Deckhaare sind nämlich 
in der Mittellinie des Rückens dunkel-braungrau mit gelblichem Bande unterhalb ihrer schwärz- 
lichen Spitze. Nach den Seiten zu verblasst aber die gelbliche Farbe mehr und mehr zum 
Weisslichen und breitet sich über ein längeres Stück des Haares auf Kosten der braungrauen 
Farbe der Haarbasis aus, welche zugleich eine hellere graue Farbe gewinnt. Allenthal- 
ben ist das Winterfell mit grauem, am Halse und in der 3IiUellinie des Rückens dunklerem, 
an den Seiten hellerem Wollhaare bedeckt. Das Geweih dieses Edelhirsches vom Gorin trägt, 
wie erwähnt, jederseits 6 Enden und zeigt die ungewöhnliche, übrigens auch an europäischen 
Thieren vorkommende Bildung einer fehlenden Krone , indem an Stelle derselben nur eine 



') Zoogr. Rosso-Asial. I. p. 217. 

*) Bullet, de la Soc. Imp. des Natural, de Moscou. T. XXI. 1848. No. 1. p. 197. 

^) Sibirische Reise. 1. c. p. 120. 



172 Sougelhiere. 

doppelte, in ungleicher Hohe statthabende Gabelung der Hauptstange oberhalb ihrer Mittel- 
sprosse eintritt, wobei zugleich die beiden Endgabeln unter einander in einer und derselben 
Fläche, gegen die Gabel an der Mittelsprosse aber gehalten, in verschiedenen Flächen liegen. 
Seit Pallas wusste man von der Verbreitung des Edelhirsches ostwärts bis nach Dau- 
rien, dem Witim und der Lena'). Ueber diese Gränzen hinaus machte uns Middendorff ^) 
mit der Verbreitung desselben durch die nördliche Mandsburei bekannt, indem er das Sta- 
nowoi- oder Gränzgebirge der Mandshurei als Polargränze des Edelhirsches nachwies und 
von dem Vorkommen desselben am Inkanj und Kebeli, oberen Zuflüssen des Ssilimdshi 
und der Bureja, Nachrichten mitbrachte. Es bleibt mir daher nur übrig die Verbreitung des 
Hirsches noch weiter ostwärts, im unteren Amur -Lande und das Vorkommen desselben am 
Amur-Strome selbst zu besprechen. Am gesammten oberen Amur ist der Edelhirsch nicht min- 
der häufig als das Reh und giebt seiner grösseren Nützlichkeit wegen in noch höherem Maasse 
ein Haupljagdthier der dortigen Eingeborenen, der Orotschonen, Monjagern und Biraren ab. 
Im Herbst, während meiner Reise am oberen Amur, habe ich fast allabendlich entweder das 
laute Schreien dieses Thieres, oder aber den einförmigen Lockton der ihm nachstellenden Jä- 
ger durch die Waldung am Strome schallen hören. So oft ich aber mit den oben erwähnten 
Eingeborenen selbst zusammentraf, hatte ich stets Gelegenheit die hohe Bedeutung, die der 
Edelhirsch für ihren Haushalt bat, zu erkennen. Denn nicht bloss, dass das Fleisch desselben, 
frisch oder getrocknet, ihnen mit zur hauptsächlichsten Nahrung, das Fell aber, kunstvoll 
zum Leder gegorben, zur vornehmlichsten Kleidung dient, sondern es bieten ihnen auch noch 
das Hirschleder sowohl wie auch das frische, noch unverhärtete Geweih dieses Thieres die 
wichtigsten Artikel zum Handel mit den Mandshu, Chinesen und Russen dar. Letzteres 
zumal (bei den Mandshu und Dauren pH'i<o und funto, bei den tungusischen Eingeborenen 
des Amur-Landes, den Golde, Mangunen u. a. puriiu genannt) giebt einen sehr geschätzten 
Gegenstand ab, weil es von den Chinesen und darnach auch von den Eingeborenen des 
Amur-Landes selbst für ein höchst wirksames Confortativ gehalten wird. Ausserdem dienen 
den Eingeborenen der Edelhirsch und das Elenn, neben den Pelzthieren, auch zur Zahlung des 
Tributes an die Chinesen, während das kleinere Reh von letzleren nicht angenommen wird. 
Geringere Bedeutung hat der Edelhirsch bei den Eingeborenen unterhalb des Bureja-Gebirges, 
deren Lebensweise mehr und mehr eine Ichthyophage wird und denen zur Tributzahlung und 
zum Handel ein grösserer Reichthum an Pelzthieren und namentlich an Zobeln zu Gebote 
steht. Dennoch ist C. Elaphus am Amur -Strome unterhalb des Bureja-Gebirges noch über 
eine geraume Strecke hin die vorherrschende Hirschart. In diesem Stromtheile, nahe der Us- 
suri-Mündung und unterhalb derselben, habe ich oft zahlreiche Hirschspuren auf den niedri- 
gen, mit Weiden und hohem Grase bewachsenen Inseln des weit ausgebreiteten Stromes gese- 
hen. In der That soll der Hirsch, den Angaben der Eingeborenen zufolge, diese Inseln 
sehr gern besuchen und zu diesem Zwecke die breiten Arme des Stromes durchschwimmen, 

') Pallas, Zoogr. Rosso- Asiat. I. p. 217. 
.«) Sibir. Reise. 1. c. p. 121. 



Cervus Elaphus. C. Alces. 173 

wobei er oft von den Eingeborenen überrascht und erlegt wird. Etwa bis zur Mündung 
des Cbongar-Flusses ist der Edelhirsch am Amur-Strome und dessen beiderseitigen Zuflüs- 
sen häufig ; alsdann aber wird er, vielleicht in Folge zunehmender Nadelholzwaldung und des 
hohen Schneefalles im Winter, seltner, erreicht jedoch noch die 3Iündungen des Gorin-Flus- 
ses am linken und des Chelasso am rechten Amur-Ufer. Vom Gorin habe ich selbst das 
oben erwähnte Fell und Geweih dieses Thieres mitgebracht. Bis zum Chelasso , ungefähr in 
51° n. B^., lauteten die weitesten Angaben, die ich von den Golde und Mangunen über 
die Verbreitung des Edelhirsches gehört habe. Weiter unterhalb im Amur -Lande sind mir 
von den Mangunen und Giljaken stets nur verneinende Angaben über den Hirsch ertheilt 
worden und niemals habe ich selbst Spuren von dem Vorkommen desselben zu Gesichte be- 
kommen. Bei den Giljaken, von deren Gebiete der Edelhirsch ganz ausgeschlossen bleibt, 
trägt er daher auch nur einen fremden, von den tungusischen Nachbarvölkern entlehnten Na- 
men, dessen allgemeinere Kenntniss wohl nur der auch bei ihnen renommirten Eigenschaft 
der Hirschgeweihe zuzuschreiben ist, ob diese gleich nur sehr selten bis zu den Giljaken 
selbst gelangen. Die grosse Zahl und Uebereinstimmung obiger Angaben der Eingeborenen 
lassen mich die erwähnte Polargränze der Verbreitung des Hirsches am Amur, die Mündung 
des Chelasso, für eine zuverlässig bestimmte halten. Ostwärts von ihr, zur Meeresküste hin 
gaben mir die Eingeborenen den Edelhirsch am Jai, Tumdshi und an der Meeresküste, an 
letzterer jedoch nicht eher als ein paar Tagereisen südwärts von der Bai de Castries an. 
Vergleicht man diese Punkte der Polargränze des Hirsches im unteren Amur -Lande mit den 
weiter westwärts durch Middendorff ermittelten nördlichsten Punkten seiner Verbreitung, 
so liegen sie sehr ansehnlich südlicher als letzlere. Auch in der Verbreitung des Edelhirsches 
findet also wie beim Reh eine starke Senkung der Polargränze im unteren Amur-Lande statt, 
eine Erscheinung, die wahrscheinlich ebenfalls mit der schon erwähnten raschen Zunahme 
nordischer Nadelholzwaldung im unteren Amur-Lande unterhalb der Gorin-Mündung und 
dem höheren winterlichen Schneefall in diesem Theile des Amur -Landes zusammenhängen 
dürfte. Gleich dem Reh bleibt endlich auch der Edelhirsch auf das Festland Ostasiens be- 
schränkt und geht, nach einstimmigen Aussagen der Giljaken von Sachalin, niemals auf 
diese Insel hinüber. Desgleichen scheint er, nach Siebold's Angaben, auch auf den japani- 
schen Inseln zu fehlen und dort durch eine besondere, kleinere Art, Cervus Sika Temm. , er- 
setzt zu sein. 



57 ) Cervus Alces L. 

Bei den Giljaken: loch. , 

« « Mangunen, Ssamagern, Golde unterhalb des Ussuri: to und hvju (d. h.dasThier). 
« « Orotschen an der Meeresküste, Kile am Kur, Golde oberhalb des Ussuri: toke. 
« « Biraren, Monjagern, Orotschonen: loke und bojim. 
« « Dauren: chandaga. 



17i Säugclhiere. 

Schon Pallas gab an, dass das Elennthier in den Gegenden am Ulh-Flusse, so weit es 
dort Waldungen gebe, zu linden sei'). Middendorff traf es in grosser Anzahl am Stano- 
woi-Gebirge und erfuhr auch von seinem sehr zahlreichen Vorkommen am linken Ufer des 
Amur-Stromes südöstlich vom Tugur^), also nahe der Amur-Mündung. Von diesem Punkte 
im Norden des Amur-Landes ausgehend, können wir nun das Elennlhier noch über eine ge- 
raume Strecke nach Süden verfolgen , indem es in der That fast das gesammte, wald- und 
sumpfreiche Amur -Land bewohnt. In der grösst^n Zahl kommt es namentlich im unleren 
Laufe des Amur -Stromes vor, wo die ausgedehnten, dichten, anfangs fast ausschliesslich aus 
Nadelholz besiehenden, weiter stromaufwärts mit Laubholz gemischten, oft moorigen und 
sumpligcn Wälder dem Elenathiere das günstigste Terrain darbieten. Beim Nikolajewschen 
Posten an der Amur- Mündung habe ich selbst das Elennthier in den Wäldern der nächsten 
Umgegend zu wiederholten Malen getroffen. Im Herbst 1854, am 24. Sept. (6. Oct.), wurde 
dort vor meinen Augen ein Thier erlegt, das aus dem Walde mitten auf den Posten herausge- 
kommen war und über den Strom zu schwimmen im Begriffe stand. Dieses Thier , dessen 
Fell und Schädel ich mitgebracht habe , war ein Gabelhirsch , der bereits das heller braune 
Herbstkleid angezogen hatte. Dennoch muss ich bemerken, dass das Elennthier an der Mün- 
dung des Amur-Stromes minder häufig ist als eine Strecke aufwärts, noch im unleren Lauf 
des Stromes, und dass es namentlich das niedrigere und landeinwärts ebenere linke Amur- 
Ufer in grösserer Zahl als das höhere, gebirgige rechte Ufer und die Meeresküste zu bewoh- 
nen scheint. Gleichwohl kommt es auch an der Meeresküste, am Amur-Limane sowohl wie 
an der Meerenge der Tartarei bis über die Bai Hadshi nach Süden vor. Auffallend ist es 
aber, dass es der Insel Sachalin, zum wenigsten der nördlichen Hälfte derselben, den aus- 
drücklichen Aussagen der Giljaken beider Küsten und des Innern der Insel zufolge, gänzlich 
fehlt. Sollten wir daher Recht haben die ursprünglichen Wohnsitze der Giljaken, wie oben 
erwähnt worden, auf der Insel Sachalin zu vermuthen, so dürfte das Fehlen des Elennlhieres 
auf dieser Insel vielleicht auch der Grund sein, wesshalb wir bei den Giljaken für dieses Thier 
keine eigene, acht giljakische, sondern nur eine von ihren tungusischen Nachbaren erborgle 
und giljakisirte Bezeichnung finden. Jedenfalls kommt, wie gesagt, das Elennthier im Gebiete 
der tungusischen Stämme am Amur häufiger als bei den Giljaken an der Amur-Mündung 
vor und spielt bei jenen auch eine wichtigere Rolle als bei diesen. Schon im Gebiete der 
Mangunen am Amur wird das Elennthier merklich zahlreicher und erhält den gewöhnliche- 
ren Namen «bujun, d, h. das Thier insonderheit, eine Bezeichnung, die noch weiter aufwärts, 
bei den Golde am Amur und den Ssamagern am Gorin ihre volle Bedeutung gewinnt. Nir- 
gends im Amur-Lande kommt das Elenn in solcher Häufigkeit wie am Gorin und am Amur 
etwas ober- und unterhalb der Gorin-Mündung vor. Imme^ wieder sah ich, während mei- 
ner Reise am Gorin, frische Elennsfährten die Schneedecke des Flusses durchkreuzen und an 
den Bäumen der Ufer hie und da bald frische, zum Trocknen ausgespannte Felle, bald zahl- 



1) Pallas, Zoogr. Rosso-Äsiat. I. p. 202. 

2) Middendorff, Sibirische Reise. I. c. p. 121. 



Cervus Alces. Equus Caballus. 175 

reiche, trophäenartig aufgesteckte Schädel und Knochen dieses Thieres, die Reste ehemaliger 
Ausbeuten, hängen. Die Ssamagern am Gorin fand ich zumeist in Elennsleder gekleidet. 
Zu wiederholten 3Ialen begegneten mir auch die mit reicher Beute anElennsfleisch und Häuten 
beladenen Schlitten rückkehrender Jäger. Denn es sind diese waldigen Wildnisse am Gorin 
ein besuchtes Jagdgebiet nicht bloss der dort ansässigen Ssamagern, sondern auch der ent- 
fernter wohnenden Golde am Amur. Oberhalb der Gorin-Mündung wird das Elennlhier all- 
mählig seltner, kommt jedoch noch in ziemlicher Anzahl am Chougar, Ssedsemi und Kur 
vor. Mit Bestimmtheil lässt sich auch sagen, dass es bis zur südlichen Biegung des Amur- 
Slromes an der Ussuri- Mündung die entlegeneren, waldbewachsenen Gebirgsthäler sowohl 
wie auch die unmittelbaren Ufer des Stromes bewohnt. Nahe der Ussuri-Münduns habe ich 
nicht selten die Fährten des Elennthieres auf den niedrigen, sumpfigen, mit Weidengesträuch 
und hohem Grase bewachsenen Inseln des Amur-Stromes gesehen. Am Ussuri kommt das 
Elennthier, so weit ich den Strom besucht habe, den Angaben der Golde gemäss ebenfalls 
vor. Doch soll es dort schon seltner als unterhalb am Amur-Strome sein. Die Golde am 
Ussuri pflegen daher die zu ihrem Bedarfe nöthigen Elennsfelle, und namentlich die zum Be- 
kleiden der Schneeschuhe bei allen tungusischen Völkern am Amur hauptsächlich beliebten 
Beinfelle des Elennthieres , zum Theil von ihren nördlichen Nachbarn zu kaufen. Oberhalb 
des Bureja- Gebirges ist anzunehmen, dass das Elennthier in der trockenen, fast waldlosen 
Prairie am Amur-Strome von den unmittelbaren Ufern desselben entfernt bleibt. Ueber diese 
Prairie hinaus aber wird es wiederum ein häufiges Thier, das von den Monjagern nicht 
minder wie das Reh und der Edelhirsch gejagt wird und eine vielfache Benutzung bei densel- 
ben sowohl zu ihrem eigenen Bedarfe an Nahrung und Kleidung, als auch zum Handel mit 
den Russen und zur Tributzahlung an die Chinesen findet. Von allen Hirscharten im Amur- 
Lande ist also das Elennthier diejenige, welche dem Räume nach die grössle Verbreitung und 
im Allgemeinen auch die grosste Bedeutung für die Eingeborenen hat. Fügt man daher noch 
hinzu, dass es zugleich auch das grösste aller Säugethiere im Amur -Lande ist, so wird man 
den Namen, den es bei den tungusischen Amur-Völkern als «das Thier» insonderheit trägt, ge- 
wiss sehr bezeichnend finden. 



Vn. SOLIDUNGULA. 



58) Equus Caballus L. 



Bei den Giljaken und Mangunen: mur. 
« « Golde, Biraren, Dauren: »norre. 
« « Monjagern und Orotschonen: murrin. 



176 Säugelhtere. 

In Beziehung auf das Vorkommen des Pferdes im Amur-Lande muss man die ältere, 
vor dem Beginne russischer Colonisation am Amur -Strome bereits stattgehabte Verbreitung 
dieses Thieres bei den Amur- Völkern und die spätere Einführung desselben durch die Rus- 
sen unterscheiden. 

Was die erstere betrifft, so fand ich sie in den Jahren 1 854 — 56 bereits ziemlich weit 
vorgeschritten, da sie mehr als den halben Lauf des gesammten Amur-Stromes umfasste. Im 
Allgemeinen lässt sich hinsichtlich derselben bemerken, dass je weiter stromabwärts, desto 
grösser die Abnahme wird , welche das Pferd in seiner Bedeutung für die Eingeborenen und 
somit auch in seiner Cultur bei denselben erleidet, eine Abnahme, die natürlich mit den Vei- 
äuderungen in der physischen Beschaffenheit des Landes und in der Lebensweise seiner Be- 
wohner in vielfachem und innigem Zusammenhange steht. Im oberen Theile des Amur -Stro- 
mes, angefangen vom Zusammenflusse der Schilka und des Argunj, ist das Pferd in grosser 
Zahl bei den Orotschonen und besonders bei den Monjagern vorhanden, denen es als noth- 
wendiges Lastlhier auf ihren periodischen Wanderungen dient. Im Gefolge derselben ist es 
dort auch nicht bloss am Amur, sondern auch an den Zuflüssen desselben, am Komar, an 
der Dseja u. a. m. verbreitet. Oft habe ich in diesem Theile des Stromes zahlreiche Pferde 
in einiger Entfernung von den Zelten der Eingeborenen weiden sehen. Auch ist es mir einmal 
begegnet, ein einzelnes Thier am Strome aufzutreiben, wo ich weit und breit keine Einge- 
borenen fand. Durch den Lärm unserer Ruder aufgescheucht, rannte es scheu davon, den Ein- 
druck eines verwilderten Thieres hinterlassend. Doch ist mir von den Eingeborenen niemals 
von einem Falle. wirklicher Verwilderung der Pferde am Amur erzählt worden, ob sie gleich 
in den vielen und weiten Grasplätzen am oberen Amur und noch mehr in der Prairie unter- 
halb der Dseja ein nicht minder günstiges Terrain dazu wie in den Steppen Südrusslands oder 
der Mongolei finden dürften. Der Ursprung dieser Pferde der Orotschonen und Monjagern 
ist offenbar bei den Russen am Argunj und der Schilka zu suchen, wo Pferde in grosser 
Zahl gehalten werden. Die Monjagern versorgen sich auch gegenwärtig noch bisweilen in 
direkter Weise mit Pferden von den Russen, um sie an die unterhalb wohnenden Chinesen 
und Mandshu zu verkaufen. Ich habe selbst Flösse mit zahlreichen Pferden gesehen, die von 
Monjagern zu diesem Zwecke stromabwärts getrieben wurden. Dies dürfte daher auch der 
Ursprung der meisten Pferde sein, die wir unterhalb der Dseja in den Ansiedelungen der 
Mandshu, Chinesen, Dauren und Biraren in der Prairie finden. Andere mögen vom 
Ssungari her in diese Colonieen am Amur gebracht worden sein. Eine Sonderung vonRacen 
aber habe ich dort nicht bemerken können. Die Pferde kamen mir überhaupt von robustem 
starkem Bau und ziemlich, jedoch nicht übermässig kleinem \> uchse vor und trugen wie in 
Europa die verschiedensten Farben. In diesen festen mandshurisch- chinesischen Ansiedelun- 
gen in der Prairie spielt das Pferd auch ganz dieselbe Rolle wie in Europa, indem es nicht 
bloss zum Reiten und Lasttragen , sondern auch zum Ziehen von Fuhrwerken dient und der 
ackerbauenden Bevölkerung dieser Colonieen daher von besonderem Nutzen ist. Auch muss es 
dazu beitragen die Verbindung zwis.chen Aigun, der einzigen chinesischen Stadt am Sachali- 



Eqmis Caballus. 177 

oder oberen Amur-Strome, und den am Ssungari und dessen Zuflüssen gelegenen chinesi- 
schen Ortschaften zu unterhalten , zu welchem Zwecke geebnete Wege über den südlich von 
Aigun von West nach Ost laufenden, den Biraren (vielleicht aus diesem Grunde) unter dem 
Namen «Morre-urra», d.h. Pferde-Gebirge, bekannten Gebirgszug führen sollen. Diese Benutzung 
des Pferdes bleibt durch die ganze Prairie, so weit die festen Ansiedelungen reichen, dieselbe. 
So habe ich sie noch in der kleinen Biraren- Ansiedelung Kalta, gleich oberhalb des Bu- 
reja-Gebirges, gefunden. Dieses Gebirge setzt ihr aber eine Granze; denn unterhalb desselben 
hat das Pferd nur eine sehr untergeordnete Bedeutung. Bei den nomadischen Golde, die ich 
dort antraf und die angeblich vom Ssungari kamen, war es nur in sehr geringer Zahl 
vorhanden und diente in derselben Weise wie bei den Monjagern zum Lastlhiere auf ihren 
W^anderungen. Noch geringer wird die Zahl und Bedeutung des Pferdes bei den weiter ab- 
wärts, zwischen der Ssungari- und Ussuri-Miindung in festen Wohnsitzen lebenden Golde. 
Ihr beständiger , durch den Fischfang bedingter Aufenthalt am Strome , inmitten eines nie- 
drigen, oft moorigen und brüchigen und von vielen Flussarmen durchschnittenen Terrains, 
gestattet ihnen das Pferd nur auf kurzen Strecken zum Reiten zu gebrauchen, während aller 
weitere Verkehr im Sommer zu Boote, iiu Winter auf Schlitten mit Hülfe der' bereits allge- 
mein gehaltenen Hunde geschieht. Das Pferd lindet sich daher bei ihnen nur noch als ein 
Luxusartikel im Handelsverkehre mit ihren oberhalb wohnenden Nachbarn ein. Im Dorfe 
Sselgako, unterhalb der Ssungari-Mündung, wo ich, stromaufwärts gegangen, die ersten 
Pferde sah, gaben mir die Golde ausdrücklich an, dass sie dieselben von dem oberhalb der 
Stadt Aigun am Sachali-Strome wohnenden Volke der Ssolo erhielten, welche sich mit dem 
Pferdehandel beschäftigten — eine Angabe, die sich, dem oben Mitgelheillen zufolge, auf kein 
anderes Volk als die Monjagern beziehen lässt. Von diesen kommen denn auch die Pferde, 
welche sich bei den Eingeborenen am Ussuri finden. An der Mündung dieses Flusses, im 
Dorfe Turme, wo es deren welche gab, waren dieselben im Sommer 1855 kurz vor unserer 
Ankunft daselbst von Tigern zerrissen worden". Weiter oberhalb am Ussuri sind uns keine 
begegnet, zum Beweise, dass auch dort das Pferd, nur zeit- und stellenweise vorkommend, 
eine sehr untergeordnete Rolle spielt, da der stetige Verkehr im Sommer zu, Boote, im Win- 
ter auf hundebespannten Schlitten geschieht. Am oberen Ussuri soll jedoch das Pferd, den 
Angaben der Golde zufolge, wiederum zahlreicher gehalten und auch als Lastthier im Ver- 
kehre mit den südlich vom Gebirge an der Meeresküste gelegen3Q chinesischen Ortschaften 
gebraucht werden. Die Mündung des Ussuri ist nun auch die Gränze der Verbreitung des 
Pferdes im Amur- Lande. Unterhalb derselben findet sich kein Pferd mehr, weder bei den 
Eingeborenen des Amur-Landes, noch bei den zum Handel oder zur Tributserhebung hinkom- 
menden Mandshu und Chinesen. Den Golde unterhalb der Ussuri-Mündung, den Man- 
gunen, Giljaken u. a. m. ist daher das Pferd aus eigener Anschauung nur den Wenigen, 
welche Handelsreisen an den Ssungari gemacht haben, im Allgemeinen aber bloss dem Namen 
nach bekannt. Diese Bekanntschaft nimmt auch stromabwärts mehr und mehr ab und verliert 
sich endlich bei den Giljaken so weit, dass man bei ihnen die allerunähnlichsten Darstellungen 

Schiene k Amur-Keise ßil. 1. — *^ 



178 . Säiigethi'ere. 

desselben, z. B. in Holz geschnitzte, purpurrotli mit schwarzen Flecken und Streifen bemalte 
Figuren, die es versinnlichen sollen, u. drgl. m., findet. 

In dieser Begränzung der Culturheimath des Pferdes im Amur-Lande lässt sich nun ein 
inniger Zusammenhang mit der Beschaffenheit des Landes, mit seiner Bodengestal lung und 
seinen klimatischen Verhältnissen erkennen. Mit der Mündung des üssuri beginnt nämlich 
stromabwärts am Amur ein durchweg gebirgiges Terrain, mit steiler, oft felsiger Beschaffen- 
heit der Ufer und mit ausgedehnten Waldungen, sei es aus Laubhölzern mit dem dichtesten 
Gebüsch im Süden, oder aus Nadelhölzern im Norden, deren noch ungelichtete , von zahl- 
reichen Flüssen durchschnittene und oft mit moorigem und brüchigem Boden versehene Wild- 
niss bisher noch keinen Pfad für den Fussgänger und wie viel weniger also für das Pferd dar- 
bietet. Wie diese Beschaffenheit des Bodens im Sommer, so machen im Winter klimatische 
Verhältnisse und namentlich der hohe Schneefall und die häufig sich ereignenden Schneeslörme 
den Gebrauch des Pferdes im unteren Amur-Lande unmöglich. Stellen die ungeheueren Schnee- 
massen doch selbst den leichten , mit Hunden bespannten Schlitten oft unüberwindliche Hin- 
dernisse entgegen. Dabei entziehen diese Schneemassen dem Pferde auch die Möglichkeit, im 
Winter durch Aufscharren des Schnee's, wie das im schneearmen oberen Amur-Lande und in 
Transbai kalicn geschieht, die nölhige Nahrung zu finden. Abgesehen daher von der Nutz- 
losigkeit des Pferdes für die Eingeborenen des unteren Amur -Landes, gäbe ihnen die Cultur 
desselben noch die ansehnliche Mühe der Bereitung von Heuvorräthen im Sommer, während 
der nützliche Hund für die Eingeborenen auch noch den Vorzug hat, dass er ihre ichthjophage 
Nahrung theilt. So fällt also die Culturgränze des Pferdes im Amur- Lande mit der Natur- 
gränze sowohl des höheren oder geringeren Schneefalles, als auch der mehr oder minder aus- 
schliesslichen Prairie einerseits und des Gebirgs- und Waldlandes andrerseits zusammen. Durch 
diese physischen Bedingungen genöthigt, muss die Cultur desselben am unteren Amur-Strome 
derjenigen des Hundes weichen, dessen Verbreitung im Amur-Lande daher gewissermassen 
in direktem Gegensatze zu derjenigen des Pferdes steht. 

Abgesehen aber von dieser älteren, durch die Naturbeschaffenheit des Landes im Laufe 
der Zeil bedingten Verbreitung des Pferdes bei den Amur- Völkern, ist nun auch noch einer 
späteren, durch die russische Colonisation veranlassten Einführung desselben in das Amur- 
Land zu gedenken. Mit der Gründung der russischen Posten an der Amur-Mündung im .Jahre 
1854 wurden nämlich zahlreiche Pferde aus Transbaikalien den Amur abwärts ge- 
bracht, ja sogar eine Abiheilung reitender Kosaken im Mariinskischen Posten angesiedelt. 
Die oben angedeuteten Schwierigkeiten für den Gebrauch des Pferdes im unteren Amur-Lande, 
so lange dieses 'lie Eingrifl'e der Cultur noch nicht in grösserem Maasse erfahren hat, ver- 
minderten jedoch rasch die Zahl dieser Pferde und schränkten die Benutzung derselben im 
Sommer sowohl wie im Winter fast vollkommen ein. Dass unter solchen Umständen an eine 
Einbürgerung des Pferdes vermittelst der Bussen auch bei den Eingeborenen des unteren 
Amur-Landes bisher noch im Entferntesten nicht zu denken ist, versteht sich von selbst. 
Einen günstigeren Boden dagegen fanden die Pferde der Russen in den kleineren , oberhalb 



JEqinis Caballus. E. Asiniis. Trichechiis Rosmanis. 179 

der SsuDgari- Mündung gegründeten Posten, wo, wie erwähnt, auch die Eingehorenen mit 
der Pferdezucht in grösserem oder geringerem Maasse sich beschäftigen. 



59) Eqiiiis itiiiiiiiis L. 

Den Esel habe ich im Amur -Lande nur an einem Orte und zwar in der chinesischen 
Stadt Aigun oder Sachalin-ula-choton am oberen Amur gesehen, wo er den Chinesen 
und 31andshu zum Reiten dient, wie das von Pallas auch für die nach Kjachta kommen- 
den Chinesen bemerkt worden ist ^). Als ich nämlich in dieser Stadt landete, kam mir ein 
Gehülfe des Gouverneurs derselben, von zwei Beamten begleitet, entgengeritten. Letztere sassen 
auf Eseln, welche den europäischen ganz ähnlich, von grauer Farbe mit schwärzlichem 
Rückenstreifen gezeichnet waren. Der Gouverneursgehülfe aber ritt auf einem Maulesel. 
Letztere Bastardform scheint somit auch bei den Chinesen im Amur-Lande in einem höheren 
Ansehen als der Esel zu stehen. 



Vm. PINNIPEDIA. 



60) Tricliecliiis Rosmanis L. 

Bei den Giljaken: tschu-ngych. 

Das Wallross ist den Giljaken natürlich nur durch seine Zähne dem Namen nach be- 
kannt. Diese erhielten die Giljaken schon vor dem Beginne russischer Colonisation am 
Amur-Strome durch Vermittelung ihrer nördlichen Nachbarvölker. Seit dem Jahre 1853 be- 
ziehen sie dieselben im Handel mit der russisch - amerikanischen Compagnie im Nikolajew- 
schen Posten. Doch ist die Abnahme, die dieser Gegenstand bei ihnen findet, nur eine sehr ge- 
ringe, weil die Giljaken zu Schnitzereien für ihren eigenen Bedarf mit dem reichen Mate- 
riale an Rennthier- und Elennsgeweihen vorlicb zu nehmen pflegen , die Wallrosszähne aber 
nur zu dem Zwecke kaufen, um sie zu den Chinesen am Ssungari zu bringen und gegen 
andere Gegenstände mit Vortheil wieder zu vertauschen — eine Handelsspeculalion, welche 
natürlich nur Wenige von ihnen zu unternehmen im Stande sind. 



*) Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 263. 



180 Sängelhiere. 

61) Plioca iiiiiiiiuulai'is Schleg. 

PA. ZarjÄo Pall. Zoogr. Rosso-Äsiat. I. p. 113. 

Bei den Giljaken: 

Das erwachsene Thier: pyghi-langr {Jangr beisst Seehund überhaupt). 

Das jüngere Thier ; ngyss'chylj. 

Das noch jüngere Thier: orongr und odontsch. 
Bei den Mangunen: gjäuch'ssa. 

Diese schon von Pallas theils als Varietät von Ph. vitulvia L. und theils als besondere 
Art unter dem oben angeführten Namen erwähnte '), von Schlegel nach Siebold's japani- 
schen Materialien ) genauer beschriebene Art kommt auch an den Küsten des Amur-Landes, 
im Ochotskischen Meere, in der Meerenge der Tartarei und im Amur-Strome vor. Wie 
Schlegel für die japanischen Exemplare angiebt, so kann man auch im Amur- Lande die 
mannigfaltigsten Varietäten in der Zeichnung dieser Robbe bemerken, indem die besonders 
auf dem Rücken zusammengedrängten schwarzen Flecken bald zahlreicher, grösser und dunk- 
ler, bald spärlicher, kleiner und heller sind. Auf diesen Verschiedenheiten der Fleckung, 
welche im Allgemeinen mit dem Aller der Thiere stärker hervortritt , beruhen auch die oben 
angegebenen Bezeichnungen der Giljaken für die verschiedenen Alterszuslände dieses Thie- 
res. Für das Amur-Land ist Ph, nummularis unstreitig die wichtigste Robbenart. An den 
Meeresküsten zumal bildet sie bei den auf den Seehundsfang vielfach angewiesenen Giljaken 
einen für ihren Haushalt unumgänglichen Gegenstand, indem Fleisch und Thran derselben 
ihnen und ihren Hunden zur Nahrung, das Fell aber zu den verschiedensten Kleidungsstücken 
dient. Der Fang derselben wird daher sowohl im Sommer, mit Hülfe besonderer, im ethnogra- 
phischen Bande meiner Reise näher zu beschreibender Harpunen, als auch im Winter betrieben, 
wenn der Amur-Liman gefroren, die Meerenge der Tartarei aber in ihrer Mitte eisfrei ist, 
indem alsdann die zahlreich auf das Eis herauskommenden Thiere vom W asser abgeschnitten und 
erschlagen werden. Am Amur-Strome nimmt natürlich mit der Zahl der Seehunde auch ihre 
Bedeutung für die Eingeborenen ab. Nach Angabe der Giljaken geht das alte, besonders 
schön gefleckte Thier nur selten in den Amur -Strom hinein und entfernt sich alsdann auch 
nur wenig von der Mündung desselben, während die jungen Thiere häufig und bis zu einer 
sehr ansehnlichen Entfernung von der Mündung aufwärts steigen und auch in die Mündungen 
der Nebenflüsse sich begeben. Im Gebiete der Giljaken habe ich im Amur-Strome häufig 
Seehunde gesehen. Bei ihnen ist auch das Seehundsfell in einem weit grösseren Gebrauche 
und steht in niedrigerem Preise als bei den stromaufwärts wohnenden Mangunen. Dennoch 
sind auch diese mit dem Seehunde noch aus dem Strome selbst bekannt. Nach den überein- 
stimmenden Angaben derselben kommt dieser Seehund im Gebiete der Mangunen bis nach 
dem Dorfe Yrri vor, welches etwa 400 Werst oberhalb der Mündung des Amur-Stromes, 
nahe dem 51° n. Br. gelegen ist. Diese Gränze seines äussersten Aufsteigens im Strome land- 

1) Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 113 u. p. 117. Nota 2. 
^) Fauna Japonica. Mamraalia. Dec. 3. p. 3 u. 4. 



Phoca nummularis. Ph. barbala. Ph. ochofensis. 181 

einwärts uuJchtcn wir seine Binnenlandgriinzo im Gegensatz zur oceanischen oder maritimen 
nennen. Oberhalb derselben , bei der bald darauf am Strome beginnenden Bevölkerung der 
Golde verschwindet mit dem Seebunde auch der Gebrauch des Seehundsfelles gänzlich. 



62) PItooa linrliata Müll. 

Ph. naulica und Pli. albigena Pall. Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 108 u. 109. 

Bei den Giljaken: 

Das erwachsene Thier : kighitsch und kighitsch-langr. 

Das junge Thier : naf-nga. 
Bei den Mangunen: amischupi. 

Dieser Art möchte ich die bei den Giljaken unter den angeführten Namen bekannte Robbe 
zuzählen, deren Felle ich sehr häufig im Amur-Lande gesehen habe. Dieselben waren von 
schmutzig gelblicher Farbe, in der Regel ganz ungefleckt und nur längs dem Rücken dunkler 
graugelb. Nach Angabe der Eingeborenen kommt diese Robbe häufig an den Südküsten des 
Ochotskischen Meeres, in der Meerenge der Tartarei, im Amur -Limane und selbst noch 
im Amur- Strome vor. Auch von ihr gilt, was von der vorhergehenden Art gesagt worden, 
dass nämlich das ältere Thier im Amur -Strome nnr selten vorkommt und alsdann auch nur 
wenig von der Mündung desselben sich entfernt, während das jüngere Thier höher aufwärts 
steigt. Wie weit das jedoch geschehe uml ob sie ebenso hoch aufwärts im Strome vorkomme 
wie die vorhergehende Art, konnte ich nicht ermitteln. Die Giljaken schätzen die Häute die- 
ser Robbe hauptsächlich wegen ihrer grösseren Dicke und Festigkeit und brauchen sie daher 
auch vornehmlich zur Bereitung von Riemen, Stiefeln, und zwar der unteren Stiefeltheile und 
der Sohlen, und drgl. m. Diese von den Giljaken verfertigten Gegenstände, und besonders 
die Stiefel von Seehundsleder , finden auch weiter aufwärts bei ihren Nachbarn am Amur 
eine vielfache Abnahme und liefern daher den Giljaken, und zumal denjenigen der Meeres- 
küste und der Insel Sachalin, einen ergiebigen Tauschartikel im Handel mit den Mangu- 
nen, Golde und anderen Völkern des Amur-Landes. 



63) Plioca oelioteiisis Pall. 

Bei den Giljaken: matsch-nga (d. h. kleines Thier). 
« « Mangunen: kongoro. 

Diese kleine Robbe von schmutzig gelblicher Farbe mit grauer Fleckung des Rückens 
kommt auch im Amur-Lande, an den Küsten des Ochotskischen Meeres, in der 3Ieerenge 
der Tartarei und im Amur-Limane vor. In den Amur- Strom aber soll sie nach Angabe 
der Giljaken nur in sehr seltnen Fällen sich begeben und alsdann auch niemals weit 
über die Mündung desselben hinaufgehen. Eine genauere Beschreibung dieser noch sehr un- 



182 Sättgel/iiere. 

genügi'ud bekaualen Art, welche nach Pallas zuerst voq Hrn. Wosnessenski imOchotski- 
schen Meere wieder aufgefunden wurde, sieht uns in nächster Zeit von Hrn. Akad. Brandt 
zu erwarten. 

64) I^liuea eqiiCNti-is Pall. Taf. IX. fig. 1 —3. 

Ph. fasciata Shaw, Geiier. Zool. or System. Natur. Hisl. Vol. I. Pari. 2. Dlammal. London 1800. p. 2b7. 

Bei den. Giljaken : alrh. 
« « M a ngunen : ö/c/ia. 

Von besonderem Interesse war es mir im Amur -Lande einige Felle von der noch sehr 
uni^enifgend und nur nach einem Felifragmcnle bekannten Robbenart Pli. equeulris Pall. zu 
sehen und zu erhalten. Bekanntlich hat Pallas diese Art nur nach einem aus dem Rücken des 
Thieres ausgeschnittenen Fellstücke gekannt^), welches wir bei Pennant, dem er eine Zeich- 
nung desselben zugeschickt hatte, zuerst beschrieben und abgebildet hnden ^). Pennant be- 
zeichnete dabei dieses Thier bloss mit dem englischen Namen Ruhbon-Seal (Band-Robbe), was 
später Shaw veranlasste demselben die systematische Bezeichnung Ph. fasciata zu erlheilen 
— eine Bezeichnung, die jedoch gegenwärtig gegen den ursprünglichen, vom Entdecker selbst 
stammenden und nur durch das verzögerte Erscheinen der Zoographia Rosso- Asialica später 
bekannt gewordenen Namen Ph. eqncslris zurücktreten muss. Seit jener Entdeckung dieser 
Robb'e durch Pallas ist aber unsere Kennlniss derselben um nichts weiter gefördert wor- 
den. Ja der völlige Mangel an weiteren Nachrichten über dieselbe veranlasste sogar manche 
neuere Schriftsteller, dieses Thier als besondere Art in Zweifel zu ziehen und es mit anderen 
liobbenarten für identisch zu erklären. So stellen z. B. Keyserling und Blasius Ph. eque- 
stris Pall. als svnonym mit Ph. foedda Fabr. od. Ph, annelala Nilss. zusammen ^), von wel- 
cher sie durch Zeiciiuung, Zahnbildung u. s. w. sehr verschieden ist. Dem Conservator unseres 
akademischen Museums, Hrn. Wosnessenski , gebührt das Verdienst, während seines Auf- 
enthaltes in Kamtschatka die ersten vollständigen Exemplare von Ph. equestris Pall. aufge- 
trieben zu haben, welche uns gegenwärtig mit der Beschaffenheit des alten und jungen Thie- 
res beiderlei Geschlechts bekannt machen und somit auch alle Zweifel über den specilischen 
\^ erlh dieser Robbenarl in Zukunft nehmen. Dieses schätzenswerthe Material über die Ph. 
eqvcslris in unserem Museum ist aber bisher noch nicht beschrieben worden. Nur eine sehr 
ungenaue und sogar falsche, von wenigen beschreibenden Worten begleitete Abbildung dieses 
Thieres, die ihre Entstehung einem flüchtigen Einblicke in das erwähnte Material zu verdan- 
ken scheint, ist von Siemaschko in dessen russischer Fauna bekannt gemacht worden ''). 
Es drängt mich daher um so mehr, nach dem reichen, von Hrn. Akad. Brandt mir freund- 
lichst zur Disposition gestellten Materiale des akademischen Museums und nach den von Hrn. 



') Pallas, Zoogr. Rosso-Asial. I. p. 111. 

2) Pennant, Hist. of Ouadr. III. Edit. London 1793. Vol. IL p. 2T6. Die Abbildung auf p. 26b. 

ä) Keyserling und Blasius, Die Wirbclthiere Eiiropa's. I. p. XXI. 

*) CuaiamKO, PyccKafl «tayiia. C. nexepöyprT) 1831. IL p. 1022. lab. 8ö. flg. i. 



Pk^ca eqnestris. 183 

Wosnessenski an Ort und Stelle über diese Robbe eingesammelten und zur VerölTentlichung 
an diesem Orte mir gefälligst mitgelheilteu Nachrichten eine genauere , von Abbildungen 
begleitete Beschreibung dieser interessanten Robbenart zu entwerfen. 



1—1 



Wie alle ächten Phoken hat auch Ph. equeslris im Gebisse ^ Schneidezäinie, ^ Eck- 
zähne und 1^ Backenzähne, welche letzteren, mit Ausnahme des ersten, zum Unterschiede 
von der Gattung HaUchoerus Nilss., mit je 2 Wurzeln versehen sind. Tiotz dieser Beschaffen- 
heit der Backenzähne, welche fh. eqnestris von der Gattung Ilalichocrm entschieden absondert, 
nähert sie sich derselben doch sehr durch die äussere Form der Zähne. W ie in der Gattung 
Ilatichoerus sind nämlich auch bei Ph. eqnestris die Vorderzähne spitz, kegelförmig, mit ihrer 
Spitze etwas nach hinten gebogen, die äusseren viel grösser als die inneren; die Eckzähne 
sind stark; die Backenzähne ziemlich weit auseinander stehend, ebenfalls eckzahnähnlich, ke- 
gelförmig, mit ihrer Spitze etwas zuriickgebogen , vorn und liinten mit einer Längskante be- 
zeichnet und fast einfach oder nur mit kaum merklichen Nebenspitzen versehen, welches letz- 
tere Moment an verschiedenen Individuen sehr verschiedentlich zu variiren scheint. So finde 
ich an einem erwachsenen Männchen im Oberkiefer den 1'«° und 2''^" Backenzahn ganz einfach, 
den 3'«° und 4'en mit einer kleinen Spitze hinten versehen und den .5^e" , immer stumpferen, 
kleineren und durch eine grössere Lücke von den übrigen gesonderten Zahn wiederum ein- 
fach ; im Unterkiefer ist der 1'e Backenzahn einfach, der 2'e hinten imd der 3"= bis 5'^ vorn 
und hinten mit einer kleinen Spitze versehen. An einem erwachsenen Weibchen hingegen finde 
ich alle Backenzähne, vielleicht in Folge stärkerer Abreibung, einfach, und nur an den 3 letzten 
Backenzähnen des Unterkiefers sind schwache Spuren einer hinleren Spii/.c zu unlersclieiden. 
Im Gebisse zweier jungen Thiere, die im Allgemeinen spitzere Zähne haben, finde ich im Ober- 
kiefer dasselbe Verhältuiss wie beim erwachsenen Männchen, im Unterkiefer dagegen bei dem 
einen am 1'"" bis 4"^", bei dem anderen am 2""« bis 4'e° Backenzahne eine Nebenspitze hinten 
und am 5^«" bei beiden eine Nebenspitze vorn. An einem dieser letzteren Schädel findet sich zu- 
gleich die seltsame Anomalie, dass im Oberkiefer jcderseits ein G"^»", sehr kleiner und durch eine 
ansehnliche Lücke vom vorhergebenden Zahne getrennter Backenzahn sich findet. Ihrer Zahn- 
biidung nach steht also Ph. eqnestris gewissermassen zwischen den ächten Seehunden und den 
Kegelrobben, der Gattung IlaUchoeriis, mitten inne. Dagegen scheint mir der Schädel, und nament- 
lich der Schnauzentheil desselben, nicht länger gestreckt als bei den ächten Seehunden zu sem. 
Am lebenden Thiere ist nach den Bemerkungen Hrn. Wosnessenski's die Schnauze stumpfer 
a\shei Ph.vltulina, mit dicken, aufgetriebenen Lippen, Das Auge der Ph. equeslris ist gross, die 
Iris dunkelbraun. Die Bartborsten stehen in 6 Reihen zusammen, sind plattgedrückt und wellen- 
förmig gerandet. An den vorderen Extremitäten ist der erste Finger am längsten, die übrigen 
nehmen an Länge allmählig ab ; die Krallen sind stark, etwas zusammengedrückt, spitz und reichen 
ungefähr mit einem Fünflheil bis zu einem Drittheil ihrer Länge über die behaarte Schwimm- 
haut hinaus. Die hinteren Extremitäten sind stark ausgeschnitten zweilappig, der untere Lappen 
etwas grösser als der obere; die Krallen ziemlich grade, spitz, ragen nicht über die Schwimmhaut 
hinaus; die Kralle des unteren Lappens ist am grössten. Der Schwanz ist plattgedrückt und kurz. 



184- Säugelhiere. 

Die schon von Pallas theilweise angegebene Faibenzeiclinung von Ph. eqnestris isl 
höchst eigenlhümlich und, wie Pennant richtig bemerkt, in Worten schwer wiederzugeben. 
Erwachsene und junge Thiere, Männchen und \>eibchen zeigen darin eine ansehnliche Ver- 
schiedenheit. Das erwachsene Männchen ist es namentlich, welches die auffallende, von Pal- 
las und Pennant theilweise beschriebene Zeichnung besitzt, während das Weibchen und die 
jungen Thiere die bei den Seehunden sehr gewöhnlichen schmutzig gelblichen und grauen 
Farben tragen und jene Zeichnung des Männchens nur theilweise und sehr schwach wieder- 
erkennen lassen. Diese auffallende Zeichnung des erwachsenen Männchens (Fig. 1 u. 2.) be- 
steht darin, dass das ganze Thier in grossen, sehr regelmässigen Flecken schwarzbraun und 
schmutzig graugclblich gescheckt ist, indem Kopf, Rücken und Extremitäten dunkel schwarz- 
braun sind, zwischen diesen dunklen Flecken aber breite Bänder von heller , schmutzig grau- 
gelblicher Farbe .sich hinziehen. Genauer beschrieben , befindet sich hinler dem schwarzbrau- 
nen Kopfe ein breites, schmutzig graugelbliches, vom IVacken zur Kehle hinabsteigendes Hals- 
band, welches in der Mittellinie oben und unten nach vorn vorspringt, an den Seiten aber 
hoffenförmi", mit der Convexität nach hinten ceiichtet, verläuft. Hinler diesem hellen Hals- 
bände breitet sich auf dem Rücken des Thieres ein grosser, länglicher, sattelförmiger, schwarz- 
brauner Fleck aus, der nach vorn in der Mittellinie mit einer Schneppe in das helle Halsband 
vorspringt, seillich aber in zwei schmalen Bändern nach der Unterseite des Halses hinabsteigt, 
wo sich die beiden Bänder begegnen und auf der Yorderhrust eine nach hinten gerichtete, 
spitze, schwarzbraune Schneppe bilden. Nach der Mitte zu verschmälert sich der schwarz- 
braune Fleck des Rückens allniählig und nimmt dann weiter nach hinten rasch wieder an 
Breite zu, so dass er an seinem Hinlerende ebenfalls in zwei Schenkel ausläuft, die jedoch . 
kürzer als die vorderen sind und an den Seiten des Körpers abbrechen , ohne die Un- 
terseite zu erreichen. Zu den Seiten dieses dunklen Rückcndeckes verläuft jederseils ein 
breites, bogenförmiges, mit der Convexität nach oben gerichtetes, helles, schmutzig graugelb- 
liches Band, welches vorn und hinten nach der Unterseile hinabsteigt; dort vereinigen sich 
die Bänder beider Seiten und bilden die helle Färbung des Bauches. Innerhalb dieser hellen, 
nach oben bogenförmigen, auf der Unterseile des Thieres aber mit einander verflossenen Bän- 
der befindet sich jederseils ein grosser, ovaler, schwarzbrauner Fleck, in dessen vorderei 
Hälfte die gleichfarbige vordere Extremität liegt. Zwischen und hinter diesen dunklen, die 
vorderen Extremitäten umgebenden Flecken liegt in der hellen Mittellinie des Bauches ein 
kleiner, länglicher, schwarzbrauner Fleck. Mit den erwähnten graugelblichen Seitenbändern 
fliesst ferner an ihrem hinleren Ende noch ein drittes, breiteres, ebenfalls graugelhiiches Band 
zusammen, welches quer über den Hinterrücken des Thieres läuft, das hinlere Ende des dunk- 
len Rückenfleckes wellenförmig begränzend. Im hellen Felde dieses Bandes befindet sich auf 
der Unterseite nahe der Mittellinie jederseils ein kleiner, länglicher, schwarzbrauner Fleck, 
und hinter dem Bande endlich breitet sich wiederum eine schwarzbraune Farbe aus, welche 
das ganze hintere Ende des Thieres, oben und unten, so wie den Schwanz und die hinteren 
Extremitäten umfasst. In der Regel sind die Gränzen der beiden genannten, bellen und dunklen 



Phoca equestris. 185 

Farbe sehr scharf gezogen ; bisweilen jedoch scheidet sich auch hie und da von einem der 
grossen dunklen Flecke ein kleinerer Fleck ab, der in das ihn begränzende helle Band 
mehr oder weniger inselartig gelrennt vorspringt. 

Diese nicht wohl kürzer zu fassende Beschreibung von dem Farbenkleide des erwachse- 
nen Männchens von Ph. equestris ist nach einem von Hrn. Wosnessenski von der Ostküste 
Kamtschatkas mitgebrachten Individuum entworfen. Halten wir dagegen das Exemplar 
eines ebenfalls erwachsenen und in seinen Dimensionen noch grösseren Männchens, das ich 
aus dem Amur-Lande und zwar von den Küsten der Meerenge der Tartarei mitgebracht 
habe, so finden wir an letzterem zwar ganz dieselbe Zeichnung, nicht aber ganz dieselbe 
Farbe wieder. Denn statt des Schwarzbraunen bat das Amur -Exemplar ein dunkles Grau- 
schwarz und statt des Scbmutzig-Graugelblichen ein weissliches oder Strohgelb. Indem daher 
an dem Amur -Exemplare die dunklen Flecken noch dunkelfarbiger und die hellen Bänder 
dazwischen noch heller sind, gewinnt das ganze Fell ein noch auffallenderes, prägnanteres 
Ansehen. Im Uebrigen aber wiederholt sich an demselben, wie gesagt, die Zeichnung des 
kamtschatkischen Exemplares bis in das kleinste Detail hinein. 

Bei solcher Uebereinstimmung zweier, von so weit auseinanderliegenden Fundorten 
herrührender Exemplare muss es uns um so auffallender erscheinen, in der Abbildung Sie- 
maschko's, welche dasselbe Thier darstellen soll, eine ganz abweichende Zeichnung zu lin- 
den. An dieser (1. c. Tab. 85. fig. 1.) sehen wir nämlich das helle Halsband nicht quer über 
den Hals vom Nacken zur Kehle, sondern schräg vom Nacken zu den Vorderbeinen hinab- 
steigen, so dass die ganze Vorderbrust mit dem Kopfe gleichfarbig schwarzbraun ist, während 
an unseren Exemplaren die schwarzbraune Farbe des Kopfes schon an der Kehle durch ein 
breites gelbliches Band begränzt wird. Ferner giebt die Abbildung Siemaschko's(l. c. hg. 3.) 
an, dass die schwarzbraune Farbe des Rückens vorn wie hinten bis auf die Unterseite des 
Thieres sich fortsetzt und die ganze Bauchseite einnimmt, mit Ausnahme zweier, von einander 
ganz getrennter , heller Bänder , welche kreisftirniig um die dunkel begränzten Extremitäten 
verlaufen, und eines ebenfalls abgesonderten hellen Bandes, das quer über den Hintertheil des 
Thieres geht. An unseren beiden Exemplaren aber sehen wir die dunkle Farbe des Rückens 
nur vorn in einem schmalen Bande jederseils bis auf die Unterseite des Thieres hinabsteigen 
und auf der Vorderbrust eine spitze, nach hinten gerichtete Schneppe bilden; die ganze Bauch- 
seite dagegen ist an ihnen nicht schwarzbraun , sondern hellgelblich , und die hellen Bänder, 
diejenigen um die vorderen Extremitäten sowohl wie das Querband über den Hinterrücken 
des Thieres, bleiben nicht abgesondert, sondern fliessen mit einander und mit der hellen 
Bauchseite zusammen. Die Abweichung in der Zeichnung zwischen unseren Exemplaren und 
der Abbildung Siemascko's ist mithin so gross, dass wir sie mit einander zu identiüciren 
nicht im Stande sind. Zwar scheint es, als ob diese Abweichung zum Theil aus dem Umstände 
sich erklären Hesse, dass Siemaschko's Abbildung, seiner eigenen Angabe zufolge, nur 
nach einem ihm zugekommenen Fellstücke dieses Thieres entworfen ist und also leicht irren 
konnte; allein das könnte doch füglich nur auf die falsch combinirte Fig. I. und nicht 

Schrenck Amur-Reise Bd. I. 



186 Säugethi'ere. 

auch auf die angeblich nach der Natur copirte Fig. 3. desselben Bezug haben, welche das 
erwähnte, der ganzen Abbildung zu Grunde gelegte Fellstück selbst darstellt. Dieses letz- 
tere, angeblich nach der Natur copirte Stück ist aber grade dasjenige, welches jene oben 
erwähnten, starken Abweichungen von unseren Exemplaren am Auffallendsten darbietet. Den- 
noch können wir dieser Abbildung, in Folge der erwähnten grossen Uebereinstimmung unse- 
rer Exemplare mit einander, keinen Glauben schenken. Zudem muss es uns auch auffallen, 
dass Hr. Siemaschko nicht ein Wort über den Fundort des ihm zugekommenen Fell- 
stückes mittheilt. Es bleibt uns daher nichts übrig, als die Angabe desselben, dass die in Rede 
stehende Abbildung von Ph. equestris in der That eine Copie nach der Natur sei, in Zweifel 
zu ziehen. 

Von dem Farbenkleide des erwachsenen Männchens von Ph. equestris ist sehr verschie- 
den dasjenige des erwachsenen Weibchens (Fig. 3.). An diesem sind Kopf, Unterseite und 
Extremitäten von schmutzig graugelblicher, an den vorderen Extremitäten etwas intensiverer 
gelblicher Farbe ; der Rücken ist dunkler gelblichgrau und giebt den dunklen Sattelfleck, 
den das Männchen hat, nur schwach zu erkennen, indem die gelblichgraue Farbe desselben 
nicht immer scharf abgegränzt ist, sondern an vielen Stellen ganz allmählig in das Graugelb 
der Unterseite übergeht. Gleichwohl sind am Nacken die vorspringende Spitze dieses Fleckes 
und am Hinterrücken eine Unterbrechung durch ein quer verlaufendes helles Band deutlich 
zu erkennen. Hinter diesem letzteren Querbande breitet sich endlich auch beim W eibchen eine 
dunklere, gelblichgraue Farbe aus , welche aber nicht das ganze Hinterende des Thieres, wie 
beim Männchen, sondern nur die Oberseite, den Beginn der hinteren Extremitäten und die 
Mitte des gelblich gerandeten Schwanzes umfasst. 

Mit der Färbung des Weibchens stimmt auch diejenige der jungen Thiere beiderlei Ge- 
schlechts überein. Bei dem jungen Männchen beginnen jedoch frühzeitig die dunklen Flecken 
des Rückens und der Extremitäten mehr und mehr hervorzutreten. Das Exemplar, das Hr. 
Wosnessenski mitgebracht hat, zeigt, ob es gleich noch ansehnlich kleiner als das erwachsene 
Weibchen ist. doch schon einen dunkleren und schärfer abgegränzten, immer aber noch mit 
gelblichem Schimmer versehenen, grauen Rückenfleck. Gleichzeitig fängt der Kopf an von der 
Stirne aus sich dunkler zu verfärben, indem er ebenfalls eine graue Farbe wie der Rücken an- 
nimmt. Diese graue Farbe zieht sich an unserem Exemplare bereits bis unter das Auge und 
zur Ohrgegend fort und lässt schon das helle, gelbliche Halsband auf der Oberseite deutlich 
erkennen. Desgleichen beginnt auch der dunkle ovale Fleck, der die vordere Extremität um- 
giebt, von einem etwas über und hinter der Extremität liegenden Punkte aus hervorzutreten : 
an unserem Exemplare finden wir die graue Farbe schon oberhalb der ganzen Extremität und 
können auch schon den Beginn der hellen Seitenbinde zwischen dem Rückenfleck und der dunk- 
len Umgebung der vorderen Extremität in schwacher Andeutung erkennen. In den übrigen 
Stücken aber ist dies junge Männchen noch ganz wie das Weibchen gezeichnet. 

Fast von gleicher Farbe bei allen Exemplaren verschiedenen Alters und Geschlechts 
sind endlich die Bart- und Augenborsten und die Nägel; beim erwachsenen Männchen nur 



Phoca equeslris. 



187 



um etwas dunkler als beim Weibchen und dem jungen Thiere. Die Bartborsten sind nämlich 
theils einfarbig hornbraun, theils mit einer weissen Linie jederseits längs ihrem Rande ge- 
zeichnet. Von derselben Farbe und Beschaffenheit wie die Bartborsten, nur bedeutend kürzer, 
sind auch die Augenborsten. Die Nägel endlich sind dunkel schwarzbraun, am Rande, und 
diejenigen der hinteren Extremitäten auch an der Spitze, heller hornfarben. 

Was die Grösse von Ph. equeslris betrifft, so schloss schon Pallas nach den Maassen 
des ihm zugekommenen Fellstückes, dass diese Robbe zu den grösseren gehören müsse, indem 
das erwähnte unvollständige Rückenstück 6 — 7 Spannen oder 41 — 5 Fuss mass. Die von 
Hrn. Wosnessenski an den noch unabgebalgten Exemplaren genommenen Maasse geben 
uns folgende Grössen ') : 



Länge von der Nasen- bis zur 
Schwanzspitze 

Abstand des Hinterrandes des Schä- 
dels von der vorderen Extremität 

Breite der Brust 

Umfang des Halses (längs dem hel- 
len Halsbande gemessen) 

Umfang des Rumpfes in der Mitte 
desselben 

Umfang des Rumpfes am hinteren 
Ende, gleich hinter der Ruthe. 

Länge des Ruthenknochens 



5' 6l"(1683) 



Erwachsenes 
Afannchen. 



9" 
1' 4" 



(229) 
(406) 



l'Uf (603) 
3' 6" (1067) 

2' II" (641) 

6" (152) 



Erwachsenes 
Weibchen. 



5'3'(1600) 



Junges 
Manneben. 



3'5"(1041) 



Junges 
Weibchen. 



4'7"(1397) 



Dazu lassen sich nach den Bälgen derselben Thiere noch folgende Maasse hinzufügen: 



Ungefähre Länge der vorderen Ex- 
tremität 

Ungefähre Länge der hinteren Ex- 
tremität mit dem Nagel 

Länge des Schwanzes 

» der längsten Bartborste . . . 
» der längsten Augenborste . . 

Länge des längsten Nagels an der 
vorderenExtremität (so weit der- 
selbe aus der Haut hervorragt). 

Länge des längsten Nagels an der 
hinteren Extremität 



230 

270 
80 

112 
61 



32 
22 



185 

250 
70 

103 
55 



31 
22 



165 

220 
60 

111 
53 



30 
19 



165 

220 
80 

102 
55 



29 
22 



1) Die Maasse sind von Hrn. Wosnessenski in russischen oder englischen Füssen und Zollen genommen wor 
den. Um sie mit den folgenden, an den Bälgen derselben Thiere tou mir genommenen Maassen la parallelisiren, ist 
ihnen in Klammern dieselbe Grösse in Millimetern beigefugt worden. 



1 88 Säiigelhiere. 

Das von mir mitgebrachle Fell eines erwachsenen Männchens aus der Meerenge der 
T arlarei misst vom Nacken bis zur Schwanzwurzel 1450 Millim. oder über 4 9 (engl.). Es 
ist also ungefähr von derselben Grösse wie das von Pallas beobachtete Rückenstück und 
scheint einem etwas grösseren Thiere angehört zu haben, als das von Hrn. Wosnessenski 
vermessene erwachsene Männchen war. Letzteres soll übrigens nach Angabe der kamtschatki- 
schen Jäger, von denen Hr. Wosnessenski seine Exemplare kaufte, noch nicht zu den 
grössten gehört haben, indem dieses Thier bisweilen auch die Länge von 6i Fuss erreichen 
soll. Nach allen diesen Maassen zu urtheilen, scheint daher Ph. equestris den mittelgrossen 
Robben, wie Ph. groenlandica u. a., ungefähr gleichzukommen, der Ph. barbala aber, deren 
grösste Individuen bekanntlich eine Länge von 8 — 10 Fuss erreichen, an Grösse entschieden 
nachzustehen. 

Ueber das Verhalten des lebenden Thieres erzählten die Jäger, von denen Hr. Wosnes- 
senski die noch unabgebalgten Thiere kaufte, dass es in der Regel auf dem Bauche, seltner 
auf dem Rücken schwimme. Wenn es senkrecht aus dem Wasser steigt, pQegt es den Kopf 
wie die Seeotter steil gegen den Wasserspiegel zu halten und den Hais länger als die gemeine 
Robbe [Ph. vüulina) auszurecken. 

Alle 4 von Hrn. Wosnessenski mitgebrachten Exemplare von Ph. equestris sind an 
der Ostkäste Kamtschatka's, an der Mündung des Kamtschatka-Flusses, am 18. (30.) 
und 20. März (I.April) erlegt worden '). Nach den Erzählungen der Jäger soll es sich jedoch 
nur sehr selten ereignen, dass diese Robbe in so früher Jahreszeit, auf Eisschollen getrieben, 
an die Mündung des Kamtschatka -Flusses komme. In der Regel pflegt sie dort erst in der 
2ien Hälfte des Aprils oder im Mai (allen Stiles) und später als alle übrigen Robben anzulangen. 
Nach Pallas soll Ph. equestris sehr selten im Ochotskischen Meere, häuüger dagegen an den 
Kurilen vorkommen. An der Südküste des Ochotskischen Meeres, nördlich vom Amur- 
Limane, habe ich ebenfalls nur selten Fellstücke dort erlegter Thiere dieser Art gesehen. Die 
Giljaken benutzen dieselben ebenso wie die Felle anderer Seehunde zum Bekleiden der Schnee- 
schuhe, zum Verfertigen verschiedener Taschen u. dgl. m. Ihren Angaben zufolge kommt Ph, 
equestris auch im Amur-Limane, niemals aber im Amur-Strome vor. Desgleichen lindet sie 
sich in der Meerenge der Tartarei, zwischen Sachalin und dem Festlande, von wo ich durch 
Vermittelung eines Mangunen das oben beschriebene Fell erhalten habe. Südlich von Sacha- 
lin dagegen, im Japanischen Meere scheint sie nach Siebold's Erfahrungen zu fehlen. Ueber- 
baupt ist uns ausser den genannten Fundorten bisher kein anderes Vorkommen der Ph. eque~ 
stris bekannt. Es scheint daher diese Robbe, den bisherigen Erfahrungen zufolge, nur eine 
beschränkte Verbreitung zu haben, welche das Beringsmeer, die Küsten Kamtschatka's, die 
Rette der Kurilischen Inseln, das Ochotskische Meer, den Amur-Liman und die Meerenge 
der Tartarei bis nach der Südspitze Sachalins umfasst. 



>) Die Angabe Siemascbko's (I. c. p. 1023), dass Ph. equestris den Nachrichten Hrn. Wosnessenski's zufolge 
nur io der See von Olutorsk vorkommeo solle, ist also falsch. 



Olaria ursina. ' 189 

65) Otaria ursina L. 

Bei den Giljaken: tung. 
« « Mangunea: mu-nyghty (d. h. Wasser-Wildschwein). 

Zu wiederholten Malen habe ich Gelegenheit gehabt, bei den Eingeborenen des Amur- 
Landes einzelne Stücke vom Fell des Stell ersehen Seebären ') zu sehen und zu erhalten. Das 
grösste derselben, das ich durch Vermitlelung eines Mangunen von Kidsi erhielt und das 
angeblich aus der Meerenge der Tartarei ziemlich weit südlich vom Gap Lasareff stammte, 
gehört offenbar einem erwachsenen Männchen, einem von den Russen sogenannten aSsäkatsch» 
an. Es ist im Allgemeinen von grauer, schwarzgemischter Farbe, auf dem Nacken und Vor- 
derrücken am hellsten, nach hinten zu allmählig dunkler, gegen die hinteren Extremitäten hin 
dunkel kastanienbraun. Genauer betrachtet, tindet man die Deckhaare von verschiedener Farbe, 
indem einige derselben an der Basis lichtbraun, dann dunkelschwarzbraun und an der äusser- 
sten Spitze weisslich, andere dagegen an der Basis lichtbraun, im übrigen Theile weisslich 
sind. Am Nacken und Vorderrücken ist die Zahl der letzteren überwiegend, während nach 
hinten zu die Zahl der schwarzbraunen, nur weisslich gespitzten Haare zunimmt. An den 
kastanienbraunen Stellen oberhalb der hinteren Extremitäten sind die Deckhaare ebenfalls 
heller und dunkler braun. Mit der Farbenmischung ist zugleich auch die Länge der Deckhaare 
an den verschiedenen Körperlheilen eine verschiedene : am Nacken und Vorderrücken sind 
die Deckhaare am längsten, von 50 — 55 Millim, Länge ; nach hinten zu werden sie viel kür- 
zer und betragen nur etwa 17 — 20 Millim. Unter dem ziemlich rauhen und steifen Deckhaare 
ist ein dichtes und weiches, lichtkaslanienbraunes, etwas iu's Röthliche spielendes Wollhaar 
vorhanden. 

An der Südküste des Ochotskischen Meeres habe ich niemals von Seebären gehört. In 
der Meerenge der Tartarei hingegen, südlich vom Gap Lasareff, und im Ochotskischen 
Meere an der Ostküste von Sachalin soll dieses Thier, den Aussagen der Giljaken dieser 
Insel zufolge, vorkommen. Den Beweis dafür lieferten mir die zahlreichen Stücke vom Fell die- 
ses Thieres, die ich bei ihnen sah. Im Dorfe Tyk an der Westküste von Sachalin, wo mir 
die ersten dieser Fellstücke begegnet sind, rührten dieselben von Thieren her, die, nach An- 
gabe der Giljaken, südlich von Tyk in der Meer€nge der Tartarei erschlagen worden waren. 
Die Sachalin-Giljaken wussten mir nicht genug von der grossen Zahl dieser Thiere daselbst 
und dem lauten Gebrüll zu erzählen, das sie bisweilen erheben. Bis zur Küste von Tyk und 
zum Gap Lasareff sollen jedoch die Seebären nicht hinaufsteigen. Damit stimmten auch ganz 
überein die Angaben der Giljaken und Mangunen am Amur, die im Verkehre mit den 
Bewohnern von Sachalin bisweilen ebenfalls Felle vom Seebären erhalten, wie z. B. das oben 
beschriebene Fell ein solches war. An der Ostküste von Sachalin habe ich Fellstücke 
vom Seebären im Dorfe Nyi gesehen, die nach Angabe der dortigen Giljaken von Thieren 
aus dem angränzenden Ochotskischen Meere rühren sollten. — Zur Benutzung dieser 
Felle pflegen die Giljaken das rauhe und steife Deckhaar zu entfernen, um das weiche 

1) Nicht zu Terwechseln mit Otaria Stelleri Schleg. 



190 " Säugelhiere. 

Wollhaar zu entblössen, in derselben Weise, wie das auch von den Bussen mit den für die 
Chinesen bestimmten Fellen dieses Thieres zu geschehen pflegt. Die auf solche Weise er- 
haltenen, weichen und zarten Felle dienen den Eingeborenen des Amur -Landes zur Verbrä- 
mung verschiedener Gegenstände, wie Taschen, Ohrenwärmer u. dgl. m. Dass eine häutige 
Verwechselung dieser Felle mit denjenigen von Enhydris marina bei den mit letzterem Thiere 
nur sehr wenig bekannten Eingeborenen des Amur -Landes vorkommt, ist bereits bei Gele- 
genheit der Besprechung der Seeotter erwähnt worden (s. oben). — Die hier mitgetheilten 
Thatsachen lehren uns also das Vorkommen von 0. ursina in den Gewässern der südlichen 
Hälfte von Sachalin, im Ochotskischen und Tartarischen (oder Nord-Japanischen) Meere 
zum wenigsten bis zum 46°n. Br. (der Südspitze von Sachalin) nach Süd kennen. Sie dienen 
daher auch zur Bestätigung der schon von Steller erhaltenen Nachrichten, dass der Seebär auch 
an den südlichen Kurilen und bei Japan vorkomme — Nachrichten, denen Steller vielleicht 
nur aus dem Grunde keinen vollen Glauben zu schenken wagte '), weil er die Lage Japan' s 
viel südlicher sich dachte, als es in der Tbat der Fall ist ^). Hielt er es doch selbst für sehr 
wahrscheinlich, dass die Seebären an der Kurilischen Insel Compagnie-Land (Urup), 
welche nach ihm im 45°n.Br. liegen sollte^), oder an einer anderen in der Nähe der ersteren 
ihren Winteraufenthalt nähmen *). AutTallend ist aber, dass Siebold während seines langen 
Aufenthaltes in Japan keine Felle von Otaria ursina aus dem Japanischen Meere erhielt. 
Sollte daher dieser Seebär vielleicht nur im Norden und nicht mehr im Süden des Japani- 
schen Meeres vorkommen ? 



IX. GETAGEA. 



66) Delpliinapterus lieiicas Fall. 

Bei den Giljaken: pomi-tscho [tscho heisst Fisch Oberhaupt). 
« « Mangunen : ma/<a. 

Die Verbreitung des Weissfisches anlangend, gab bekanntlich Pallas im Allgemeinen 
den 56° n. Br. und für das Ochotskische Meer im Speciellen die noch etwas südlicher, nahe 
dem 55'«" Breitengrade gelegene Mündung des Uth- Flusses als dessen Südgränze an '). 
Middendorff fand ihn jedoch über diese Gränze hinaus in grosser Anzahl an den Südküsten 



i) steller, s. Novi Comment. Acad, Sc. Imp. Petrop. 11. p. 346. Desselben Beschreibuog von sonderbaren Meer- 
tbieren. Halle 1753. p. 131. 

*) Vrgl. die Karte von den Kuriliscben Inseln in Steller's Beschreibung von dem Lande Kamtscbatka. 

') Vrgl. die angeführte Karte v. den Kur. Ins. 

*) Novi Commentar. I. c. p. 359. Desgl. Steller, Beschreib, von sonderb. Mecrtbieren. p. tS(0. 

*) Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. I p. 274. 



Delphinaptervs Leiwas. 19t 

des Ochotskischen Meeres. Noch weiter südwärts haben wir ihn in grosser Menge im 
Amur-Limane und Amur-Strome beobachtet. An der Südküste des Ochotskischen Meeres, 
gleich nördlich vom Amur-Limane, erzählten mir die Giljaken, dass der Weissüsch bei 
ihnen bereits in der ersten Hälfte Mais (alten Stiles), wenn der Amur-Strom vom Eise sich 
befreit habe, die Küsten des Ochotskischen Meeres aber noch mit Eis bedeckt seien, in gros- 
ser Menge sich einfinde, indem er den gedrängten Schaaren des kleinen, von den Giljaken 
«prschokv oder nprschon-tscho» genannten Fisches (einer dem Saimo Eperlanus L. nahe ste- 
henden, vermuthlich neuen Lachsart) an die Meeresküste folge. Diesen zum Fange der Weiss- 
fische günstigsten Zeitpunkt benutzend, sollen die Giljaken alsdann eine grosse Anzahl 
dieser Thiere erbeuten , wozu sie sich besonderer , im ethnographischen Bande meiner 
Reise näher zu beschreibender Harpunen bedienen. Im Amur-Limane habe ich selbst 
Schädel vom Weissfische an den Küsten liegen sehen. Es war dies namentlich an der Mün- 
dung des Amur-Stromes der Fall. Südlich von derselben und in der Meerenge der Tartarei 
sind mir keine begegnet. Auch habe ich die Giljaken an der Westküste von Sachalin, in 
der Meerenge der Tartarei, niemals vom Weissfische sprechen hören, noch weniger selbst 
Schädel oder andere Theile dieses Thieres dort gesehen. Siebold nennt ihn auch nicht 
unter den ihm bekannten Thieren des Japanischen Meeres. Ohne es daher mit Bestimmtheit 
behaupten zu wollen, halte ich es für möglich, dass der Weissfisch nicht über die Mündung 
des Amur-Stromes oder zum wenigsten nicht über den Amur-Liman hinaus nach Süden 
vorkomme, was die Südgränze seiner Verbreitung an den Küsten Ostasiens ungefähr in den 
52° n. Br. versetzen würde. Eine noch südlichere Breite erreicht aber der Weissfisch im 
Amur-Strome, den er vom Ochotskischen Meere aus bis zu einer sehr ansehnlichen Ent- 
fernung von seiner Mündung besucht. Nach Aussage der Giljaken der Amur- Mündung be- 
ginnt der Weissfisch schon 10 Tage nach dem Eisgange im Amur, der stets in den ersten 
Tagen Mai's (alt. Stiles) stattfindet, in den Strom zu steigen. Ich habe ihn im Jahre 1855 am 
17. (29.) Mai, 15 Tage nach dem Eisgänge, bereits bei den Dörfern Kuk und Tyr, d. i. der 
Amgunj-Mündung gegenüber, etwa 100 Werst oberhalb der Amur- Mündung, im Strome 
ziehen sehen. Er hält sich dabei stets an das tiefste Wasser des Stromes und ist daher 
zumeist in der Nähe des höheren, rechten Lfer des Amur's zu sehen, wo das Bett dessel- 
ben eine grössere Tiefe hat. Auf einer Strecke von etwa 200 Werst von der Mündung bleibt 
der Weissfisch im Amujr recht häufig; alsdann wird er seltner, steigt jedoch, den ein- 
stimmigen Angaben der Mangunen zufolge, noch bis zum Dorfe Yrri aufwärts. Dieser letz- 
tere Ort liegt an einer sehr ansehnlichen Biegung des Amur -Stromes, gleich unterhalb der 
Mündung des Chelasso- Flusses in denselben, ungefähr 400 Werst oberhalb der Amur- 
Mündung, in etwa 51° n. Br., und bezeichnet den äussersten Punkt, bis zu welchem der 
Weissfisch sich jemals im Amur -Strome gezeigt haben soll. Es ist derselbe Punkt, an wel- 
chem auch die Binnenlandgränze der Verbreitung der Seehunde im Amur liegt. Vergleicht 
man dieselbe für den Weissfisch mit derjenigen in anderen Strömen Nordasiens, so fällt ihre 
verhältnissmässig sehr südliche Lage auf. Denn sie liegt im Amur um volle 10 und 15° 



192 Säugelkiere. 

südlicher als im Obj und Jenissei, in denen der Weissfisch, nach Pallas '), im ersteren bis 
zur Einmündung des Irtysch, im letzteren bis zur Einmündung der (unteren) Tunguska auf- 
wärts steigt. Diese südliche Lage der Binnenlandgränze des Weissfisches im Amur erinnert 
an das sehr ähnliche Verhältniss an den Ostküsten Amerika' s, wo der VVeissfisch im Lo- 
renz-Strome bekanntlich bis nach Quebek ^), d. i. ungefähr bis zum 48° n. Br. und also 
noch um 3° südlicher als im Amur hinaufsteigt. Diesen äussersten Wendepunkt im Amur- 
Strome erreichen aber natürlich nicht alle den Strom besuchenden Weissfische. Wie man aus 
der stromaufwärts zunehmenden Seltenheit derselben entnehmen kann, kehren vielmehr die 
meisten schon weit früher um, je nachdem sie vielleicht durch die zu verschiedenen Zeiten 
stattfindenden Züge der aus dem Meere in den Strom steigenden Fische und namentlich der 
verschiedenen Lachsarten, denen die Weissfische gern entgegenziehen, zur Umkehr bestimmt 
werden mögen. So dürften sehr wahrscheinlich im Mai und Juni die Züge von Salmo proleus 
und 5. ft/caodon Pall. und im August und September diejenigen von S.lagocephalusPaiW. auf die 
Wanderungen der Weissfische im Amur einen bestimmenden Einfluss üben. Namentlich 
scheinen die sehr zahlreichen Züge der letzteren Lachsart im Spätsommer und Herbst eine 
besonders grosse Anzahl von Weissfischen in den unteren Theil des Stromes zu locken. Im 
Nikolajewschen Posten kann man alsdann täglich und fast beständig dieses Thier mit sei- 
nem blendend weissen Rücken längs dem tiefsten Fahrwasser des Stromes auf- und nieder- 
tauchen sehen. Dies ist denn auch die Zeit, wann die Giljaken am Amur die meisten Weiss- 
fische erlegen. Ich habe manche Stelle am Ufer des Stromes gesehen, wo zahlreich angehäufte, 
zum Theil an Baumästen hängende Weissfisch - Schädel mir von oftmals ausgeführten Jagden 
dieser Art bei den Giljaken Zeugniss gaben. Eine grössere Bedeutung im Haushalte der Ein- 
geborenen hat jedoch der Weissfisch nicht. 



Was endlich die an den Küsten des Amur-Landes vorkommenden Wallfische betrifft, so 
bin ich, bei dem oben angegebenen Gange meiner Reisen, die sich meist nur auf das Innere 
des Landes, auf den Amur-Strom und dessen Zuflüsse beschränkten, die Meeresküste aber nur 
sehr weniff und auch dann zumeist nur im Winter berührten, natürlich auch ausser Stande 
mehr als einige Vermuthungen auszusprechen, welche sich theils auf die Angaben der Einge- 
borenen und theils auf einige bei ihnen gesehene Knochenbruchs tücke dieser Thiere gründen. 
Darnach glaube ich für die Küsten des Amur-Landes folgende zwei Wallfischarten namhaft 
machen zu dürfen. 

67) Balaeiioptera longiinaiia Rudolphi. 

Bei den Giljaken: keng. 

Unter dem angeführten Namen begreifen die Giljaken die an der Südküste desOchots- 
kischen Meeres, gleich nördlich vom Amur-Limane am häufigsten strandende Wallfischart, 
welche somit, den Angaben Middendorffs zufolge, aller Wahrscheinlichkeit nach Balaenn- 

') Zoogr. Rosso-Asiat. I. p. 274. 
^) Wagner, Die Säugethiere Ton Sc hreber. Bd. VII. p. 284. 



Balaennptera longimana. Balaena anslrah's. 193 

ptera lonyimana Rud. sem dürfte '). Dieselbe Walllischart findet sich, nach Aussage der Gilja- 
ken, nicht minder häufig auch an den Küsten der Insel Sachalin im Ochotskischen und 
im Tartarischen Meere, was auch mit den Angaben Siebold's, der sie im Japanischen 
Meere kennen lernte ^), im Einklänge steht. Die Giljaken des Continentes und der Insel Sa- 
chalin beuten die gestrandeten Thiere aus, um Fett und Fleisch derselben zum Futter fiir 
ihre Hunde, die Knochen aber und namentlich diejenigen des Unterkiefers zum Bekleiden der 
Schlittensohlen bei eingetretenem Thauwetter und nassem Schnee im Frühjahre zu verwenden. 
Zum eigenea Nahrungsbedarfe aber verabscheuen sie das Walllischfett oder Fleisch voll- 
kommen. 



68) Balaena australis Desmoul. 

£. antarctica Scbleg. Fauna Japon. Mammalia. Dec. 3. p. 18. . 

Bei den Giljaken: kalm. 

Auf lias Vorkommen dieser Wallfischart an den Küsten des Amur-Landes und nament- 
lich der Insel Sachalin glaube ich aus den grossen Wallfischbarten schliessen zu dürfen, 
welche ich bei den dortigen Giljaken gesehen habe. Zwei solcher Barten, die noch völlig un- 
beschädigt waren und die ich zu vermessen Gelegenheil nahm, hatten jede eine Länge von 2 • 
Meter oder 8 Fuss und an ihrer Basis eine Breite von 200 — 210 Millimeter. Dennoch waren 
es, wie ich zuversichtlich weiss, noch nicht die längsten Barten des Thieres. Es unterliegt 
daher keinem Zweifel, dass dieselben einer ächten lialaena angehört haben. Bekanntlich giebt 
nun Schlegel nach den von Siebold milgebracblen Nachrichten an, dass B. auslralis (bei 
ihm B. antarctica] periodisch die Küsten Japan's besuche und von den Japanesen erbeutet 
werde. Es liegt daher, nach den oben mitgetheilten Thatsachen, sehr nahe anzunehmen, 
dass dieselbe Wallfischart auch den Küsten von Sachalin sich nähere und gelegentlich an 
den Strand geworfen werde. Von der Küste des nördlichen Sachalin's rührten auch jene 
Barten her, welche von den dortigen Giljaken zu ihren Landsleuten auf dem Continente zum 
Verkaufe gebracht worden waren. Denn wie die Giljaken auf der Insel, so brauchen auch 
diejenigen des Festlandes das Fischbein zum Bekleiden ihrer Bögen, Schlittensohlen, Schnee- 
schuhe u. dgl. m. An diesen Gegenständen kann man daher sehr häufig ebenfalls Bartenbruch- 
stücke von 4 und 5 Fuss Länge sehen, die von derselben Wallfischart herrühren. 



>) Middendorff, Sibirische Reise. 1. c. p. 123. 
*) Fauna Japon. Mammal. Dec. 3. p. 21. 



S ehren ck Amur-Reise Bd. l. 



1 94 Säugelhiere. 

Zum Schlüsse dieser Betrachtungen über die Säugethiere des Amur- Landes drängen 
sich uns noch einige Bemerkungen allgemeineren Inhalts auf. Kiinnen nämlich diese ersten, 
auf Reisen gesammelten Nachrichten auch nicht anders als sehr lückenhaft sein, so glauben 
wir dennoch, dass sie uns auch in ihrem gegenwärtigen Umfange schon zu einigen, wenn- 
gleich nur vorläuhgea, allgemeineren Schlussfolgerungen über den Charakter der 
Säugelhierfauua des Amur-Landes berechtigen. 

Zuvorderst ersehen wir aus denselben, dass das Amur- Land keineswegs durch viele 
oder durch besonders prägnante, ihm ausschliesslich eigenthümliche Säugelhierarten sich aus- 
zeichnet. Denn mit Ausnahme zweier neuen Feldmäuse, welche bisher noch an keinem ande- 
ren Orte aufgefunden worden sind, treten uns im Amur -Lande nur bekannte Formen ent- 
gegen. Führen wir aber diese bekannten Formen auf ihre bisher erforschten Verbreitungs- 
gebiete zurück, so deckt sich uns allerdings in der Zusammensetzung der Säugethierfauna 
des Amur-Landes ein sehr prägnanter Charakter auf. Dieser prägnante, eigenthümliche 
Charakter besteht darin, dass im Amur-Lande viele Formen neben einander sich ünden, 
welche uns bisher nach Nord und Süd, nach Ost und West weit auseinander zu liegen schienen. 

Fassen wir zunächst das Zusammentreffen nordischer und sfidlicher Säugethierarten ins 
Auge, so begegnen wir z. B. im Amur- Lande dem bengalischen Tiger bis nahe zum 51'*'" 
Breilengrade als bleibendem Bewohner des Landes, und treffen ihn auf seineu Streifzügen 
noch bis über den 53'«" Breilengrad hinaus, im Amur -Lande sehen wir daher diese lanefe 
Zeit für ausschliesslich tropisch gehaltene Form auf einer Ausdehnung von 4 Breilengraden 
das Gebiet mit der polaren Form des Rennthieres iheilen . ja auf der Insel Sachalin scheint 
diese letztere polare Thierart sogar zur hauptsächlichsten Beule des Tigers dienen zu müssen. 
Nicht minder charakteristisch für das Amur-Land ist es, den Tiger daselbst, wenn er den 
Strom von Lfer zu Ufer durchschwimmt, in den Wellen desselben mit den nordischen Robben, 
der Phoca nummularis und barbuta, und mit dem Weisslische, Delpkinapterus Leuciis, diesem 
Bewohner arktischer Meere, zusammenstossen zu sehen. Wie der Tiger vom äussersten Süden 
Asien's, so begegnet uns andrerseits im Amur-Lande eine Säugeliiierart, welche bisher nur 
aus dem äussersten Norden des asiatischen Conlinentes bekannt war. Es ist dies der kleine, 
polare Pfeifhase, Layomys hyperbarem , den wir seil Pallas nur aus dem Tschuktsclien- 
Landtj kannten. Im Amur-Lande aber steigt diese polare Thierart mit dem Bureja- Gebirge 
zum wenigsten bis zum 48'*^" Breilengrade nach Süden hinab. — Im selben Sinne charakte- 
ristisch für das Amur -Land ist es, dass dort manche Thierarten nordischer und gemässigter 
Klimate, die anderer Orten zwar ebenfalls zusammentreffen, auf weiterer Raunierstreckung 
als gewöhnlich neben einander sich Ünden. So sehen wir in demselben manche Formen ge- 
mässigter Klimate verhältnissmässig noch recht hohe Breiten erreichen, indem der Edelhirsch 
z. B. bis nahe zum 56'*^" '), das Wildschwein bis über den 52'*^", der Dachs bis über den 
53'«° Grad nördl. Breite hinaufsteigen u. s. w. Ihnen kommen aber nordische Formen enl- 



') Bis zum Kamme des Stanowoi-Gebirges, s. Middeadorff, Sibirische Heise. 1. c. p. 120. 



Schlussfolgerungen. 195 

gegen, welche, fast das ganze Gebiet im Amur-Lande mit ihnen theilend, in diesen östlichen 
Längen der alten Welt südlichere Breiten als irgendwo sonst zu erreichen scheinen. Solche 
nordische Säugethierarten , deren Aequatorialgränze im Amur -Lande südlicher als im w>;sl- 
licheren Theile der alten Well liegt, sind namentlich das Rennthier, der Vielfrass, der Schnee- 
hase u. a. m. Die beiden ersteren, Rennthier und Vielfrass, deren äusserste Aequatorial- 
gränze in Europa und dem westlichen Asien gegenwärtig , auch wo sie am weitesten nach 
Süd vorgeschoben ist, wie im südlichen Schweden, im Ural und im Altai, im ersteren nicht 
über den GO'*^"* '), im 2'®° nicht über den 53'^"^) und im letzteren nicht über den 50'"" Giad 
nördl. Breite ^) geht, erreichen im Amur-Lande erst mit dem 49'*^" und auf der Insel Sa- 
chalin sogar erst mit dem iG'^n Grade nördl. Breite ihre Südgränze. Der Schneebase, Lepus 
vartaljilts, findet in Europa und dem westlichen Sibirien, abgesehen von dem inselartig iso- 
lirten Vorkommen desselben nahe der Schneegränz« der Hochgebirge, ungefähr mit dem 50" 
n. Br. seine Südgränze ^). Im Amur -Lande aber haben wir ihn bis zur südlichsten Biegung 
des Stromes, in 474° n. Br. verfolgt, ohne auch dort seiner Aequatorialgränze begegnet zu 
sein. Von der im Amur-Lande weit nach Süden reichenden Verbreitung des nordischen Pfeif- 
hasen, Lag. Iiy perbor eun, und des Weissfisches, Delph. Leucax , dessen Binnenlandgränze im 
Amur-Strome um 10 und 15" südlicher als im Obj und Jenissei liegt, ist bereits oben die 
Rede gewesen. Ohne Zweifel bildet diese weite Ausdehnung der Aequatorialgränzen vieler 
nordischer Thierarten im Amur-Lande nach Süden einen bezeichnenden zoologisch - geogra- 
phischen Charakterzug desselben. Ihr ist vornehmlich auch jenes auf weiter Raumerstreckung 
stattfindende Zusammenstossen nordischer Thierarten mit den Formen gemässigter und selbst 
südlicher Klimate im Amur-Lande zuzuschreiben. 

Fragt man nun nach den physischen Bedingungen, welche dieser Erscheinung zu Grunde 
liegen dürften, so muss man die hauptsächlichsten derselben in den Verhältnissen des Klima' s 
und der geographischen Lage und Configuration des Amur-Landes erkennen. Ohne hier auf 
das Detail dieser Verhältnisse im Amur Lande, die in einem anderen Bande unserer Reise- 
beschreibung besprochen werden sollen, eingehen zu können, wollen wir hier nur auf die 
wichtigsten Bedingungen aufmerksam machen, die jene Erscheinungen der Säugelhierverbrei- 
tung im Amur-Lande vermitteln dürften. Gewiss lassen sich in den Verhältnissen der geogra- 
phischen Lage und Configuration des Amur -Landes manche für ein milderes Klima in dem- 
selben sehr ffünstii-e Momente erkennen, wozu wir namentlich die nach Norden schitzende 
Mauer des Slanowoi-Gebirges, den continuirlichen Zusammenbang des Amur- Landes mit 
den nach Süd und West gelegenen, durch eine hohe Sommertemperatur ausgezeichneten Ge- 
genden Innerasiens und die weit nach Süden reichende Biegung des Amur -Stromes zugleich 



') Nilsson, Skandin. Fauna, 2» uppl. 1. p. 505. 

2) Brandt, Bemerk, über die Wirbellhiere des nördl. europ. Russlands, bes. des nördl. UraTs. p. 20 un d 46. 
S. Hofmann, Der nördl. Ural und das Küstenjjebirge Pae-Choi. Bd. II. 

3) Brandt, I. <-. p. 21 und 45. 

*) Middendorff, Ueber die als Bastarde angesproch. Mitlelforra. zwisch. L. europ. und L. variab. S. Bull, de 
la classe physicomathem. de l'Acad. Inip. des sc. de Sl.-Pet. T. IX. p. 230. Desgl. Melanges biologlques. T. I. p. 2.>4. 



196 Sängelfucre. 

mit der ungefähren Meridianrichlung seines unleren Laufes und seiner mächtigsten südlichen 
Zuflüsse, des Ssungari und Ussuri, rechnen müssen. Diesen klimatisch günstigen Verhältnissen 
treten aher im A niu r-Lande andere und zwar praevalirende Faclore eines nordischen Klima's ent- 
gegen. Als solche müssen wir namentlich die conlinuiriiche Aushreitung des asiatischen Fest- 
landes vom Amur- Lande nach West und Nord his in arktische Breiten, ferner die vom Sta- 
nowoi- Gebirge in Meridianrichlung nach Süd sich abzweigenden Gebirgszüge, wie das Bu- 
reia-Gebirge, und endlich, und am meisten, die unmittelbare iNähe des Ochotskischen Mee- 
res bezeichnen, welches als nordisches Binnenmeer bis in den Sommer hinein ein Reservoir 
von Eismassen und eine stete (Juelle von Hegen und Schnee, von Nebeln und kalten Seewin- 
den ist. Wie nun jene erslerea Momente hauptsächlich in den ebeneren Landstrichen, in den 
Prairieen am oberen Amur- oder Sachali-Strome, am Ssungari und Ussuri und in dem 
nach Süden geoflneten, weiteren Amur-Tiiale selbst unterhalb der Mündung jener Ströme 
sich geltend machen, so erstreckt sich der Einfluss nordischer Faclore im Klima des Amur- 
Landes hauptsächlich auf das Gebirgsland an den linken, nördlichen Zuflüssen des Amur- 
Stromes, auf das Mündungsland desselben, auf die Meeresküste der Mandshurei und auf die 
Insel Sachalin. Während daher im Amur-Thale eine südlichere Flor weit nach Nordensich 
vorschiebt, rückt umgekehrt an den Meeresküsten ein nordischer Vegetationscharakter in un- 
verhältnissmässig südliche Breiten vor. So trägt z. B. die Meeresküste an der Bai Hadshi in 
49^ n. Br. noch ziemlich denselben nordischen Nadelwaldcharakter wie die um etwa 4 Brei- 
tengrade nördlicher gelegene Mündung des Amur-Stromes, während im Amur-Thale an der 
Mündung des Chongar-Flusses, etwa 1° nördlicher als die Bai Hadshi, schon aller Nadel- 
wald auf die Gebirgshöhen zurückgedrängt ist und nur Laubhölzer, wie Eichen, Ulmen, Lin- 
den, Ahorne, Wallnussbäume u. dgl. m. , die Waldung der Ufer bilden. Wir sehen also im 
Amur- Lande in gleichen Breitengraden zwischen der Meeresküste und dem Slronie bedeu- 
tende klimatische und vegetative Differenzen in räumlicher Nähe von einander liegen. Und 
wie für Klima und Vegetation, so gilt es auch für die Verbreitung der Thiere. Oeflnen daher 
die weiten, durch mildere klimatische Einflüsse begünstigten Thäler des Aniur-Slromes und 
seiner siidlichen Zuflüsse manchen Thierarlen gemässigter und selbst südlicher Kliniate eine 
leichte Verbreilungsbahn nach Nord, so gestatlen aniherseits, und in noch höherem Grade, 
die Gebirgszüge und rauheren Gebiigsthäler an den nördlichen Zuflüssen des Amur-Stromes 
und besonders die nebel- und schneereiche Meeresküste vielen nordischen Thierarlen eine 
weitere Verbreitung nach Süd. In dem Maasse jedoch als diese letzteren Umstände dahin wir- 
ken, die Aequatorialgränze mancher nordischer Tiiierarlen im Amur-Lande, und zumal längs 
der Meeresküste desselben, weiter als gewöhnlich nach Süden vorzuschieben, müssen sie an- 
dererseits auch die Polargränzen der Thierarlen gemässigter Klimate in denselben Gegenden 
nach Süd zurückdrängen. So erklärt sich uns also auch die in der Kiislenregion des Amur-Lan- 
des slaltlindende südliche Depression der Polargränzen vieler Säugethiere, wie des Rehes, Edel- 
hirsches, Wildschweines u. s. w., die wir bei Besprechung dieser Thierarlen hervorgehoben haben 
und die in thiergcograpischer Beziehung ebenfalls einen Charakterzug des Amur-Landes bildet. 



Schlussfolgerungen. 197 

Neben dem ZusamnientrefTen uordischer und südlicher Formen können wir aber auch 
das Zusamraentrefl'en östlicher und westlicher Formen als einen CharaLterzug in der Zusam- 
mensetzung der Säugethierfauna des Amur-Landes bezeichnen. Ja hier sind die Erscheinungen 
zum Tlieil noch aulTallender und prägnanter als in jenem ersteren Falle. Denn gewiss ist es 
in hohem Grade überraschend, die bisher für ausschliesslich europaisch und nur im Süden 
auch für westasiatisch gehaltene Form des gemeinen Igels, Erinaceus europaeus, als dessen 
östlichste Gräuze bis dahin das Ural-Gebirge angenommen wurde, nunmehr auch in den Prai- 
rieen am Amur zu ünden. Nicht minder auffallend ist es, an der Mündung des Amur -Stro- 
mes einer Fledermaus, Vesperlilio mi/slucinus Leisl., zu begegnen, deren östlichster Fundort 
bisher die Ukraine, also das östliche Euro|)a war. Bilden diese Formen in der \'mur-Fauna 
Züge eines westlichen, europäischen Charakters, so treten uns andrerseits im Amur-Lande 
zwei Säugetbierarten entgegen, die uns auf dem asiatischen Festlande bisher bis zum fernsten 
Osten unbekannt waren und deren Heimath ausschliesslich auf den dem Ostrande Asiens an- 
liegenden Japanischen Inseln angenommen wurde. Es sind dies eine Antilope, Antilope crispa 
Temm., und eine Hundeart, Canis viverrinus Temm., welche letztere uns durch Vermittelung 
der Amur-Exemplare mit der chinesischen Form C. procyonoidex Gray als identisch sich er- 
weist und die wir über den grössten Theil des Amur- Landes verbreitet linden. Nicht minder 
sprechende Züge eines östlichen Charakters in der Säugethierfauna des Amur -Landes treten 
uns in der dunklen, dem i/e/es Anakttma Temm. aus Japan genäherten Dachsvarielät, in der 
nach Midiiendorff's Forschungen den Küstenländern des Beringsmeeres vorzüglich eigenen, 
ausnehmend grossen Bärenvarietäl, in der hellen, der nordamerikanischen Form sehr genä- 
herten Zobelvarielät der Insel Sachalin u. a. m. entgegen. 

Suchen wir nun auch diese Erscheinung auf die geographischen Grundlagen des Amur- 
Landes zurückzuführen, so müssen wir darauf hinweisen, dass das Amur-Land einerseits 
durch den von West nach Ost gerichteten Lauf seines Hanptstromes und die weit aus dem 
Innern des Continentes kommenden (Juellarme desselben, so wie durch die in gleicher Richtung 
verlaufenden Gebirgszüge eng an das Innere Asien's sich anschliesst, wo gewiss auch der ge- 
meinsame Mittel- und Ausgangspunkt vieler Thierarten des Ostensund Westens der alten Welt 
zu suchen ist. Im Anschlüsse an Innerasien kann daher das Amur-Land manche mit Westasien 
und Europa gemeinsame Formen haben, die dem zwischenliegenden Sibirien fehlen, wie Eri- 
naceus europ'aeus u. dgl. Andrerseits aber tritt das Amur -Land durch seine gleichzeitige Aus- 
breitung am Nordjapanischen oder Tartarischen und am Ochotskischen 31eere und durch 
die der Mündung des Amur-Stromes nahe gelegene, nach Japan, den Kurilen und sogar 
Kamtschatka hinüberführeude Insel Sachalin sowohl mit der Japanischen Inselwelt, als auch 
mit den Küstenländern des Ochotskischen Meeres, mit Kamtschatka und durch dieses auch 
mitden Küsten des Beringsmeeres in nahe Berührung. InFolge dieser geographischen Verbält- 
nisse darf es uns daher nicht auffallen, in der Säugethierfauna des Amur-Landes manche mit Ja- 
pan, Kamtschatka oder gar NW-Amerika gemeinsame Züge, wie Canis procyanoides, Antilope 
crispa, Layomys hyperboreus, die erwähnten Zobel- und Bärenvarietäten u. dgl. m. wiederzufmden. 



1 98 Säugethiere. 

Fasst man nun das Zusammentrefl'en geographisch so differenler, östlicher -(oslasiati- 
scher) und westlicher (europäischer), nordischer (sibirischer, kamtschatkischer und NW- 
amerikanischer) und südlicher (chinesischer und japanischer) Formen in der Säugethier- 
fauna des Amur- Landes zusammen, so muss man derselben den Charakter eines nach ver- 
schiedenen Seiten vermittelnden und verbindenden Gliedes zwischen den Faunen weit ausein- 
ander liegender Gebiete zuerkennen. Dai)ei konnten wir jedoch bemerken, dass die nordischen 
und östlichen Formen in der Säugelhierfauua des Amur-Landes entschieden vor den südliche- 
ren und westlichen vorherrschen. Ungeachtet daher der vielfachen Berührungen, welche die 
Säugethierfauna des Amur -Landes mit denjenigen anderer geographischer Gebiete hat, 
schliesst sie sich doch, bei genauerer Vergleichung, am nächsten an die ostsibirische oder 
nordostasiatische Fauna an. Mit dieser hat sie bei weitem die meisten Formen gemein, und 
zeichnet sich ihr gegenüber nur durch einige iheils mit China und Japan, theils mit Eu- 
ropa und theils endlich mit dem äussersten Nordosten Asien's allein gemeinsame Züge aus. 
Solche Formen, die dem Amur-Lande zukommen, Sibirien dagegen, mit dem wir es natur- 
gemäss zu vergleichen haben, ganz oder in seinem grösslen Theile fehlen, wie Canis procyo- 
noides, Antilope crispa, Erinaceus eiiropaem, Layomys hyperboreus u. a., bilden daher in der Zu- 
sammensetzung der Amur-Fauna die am meisten charakteristischen Züge. 

Bei weiterer Vergleichung der Amur-Fauna mit der sibirischen muss es uns ferner auf- 
fallen, dass wir manche Theile der letzteren auch im Amur-Lande sehr stark, andere dagegen 
verhältnissmässig nur schwach vertreten Qnden. Namentlich lässt sich bemerken, dass in der 
Säugethierfauna des Amur-Landes die dem Walde eigenlhümlichen Arten stark vorherrschen, 
die Steppenformen dagegen völlig zurücktreten. Ohne Zweifel muss hier Vieles noch auf Rech- 
nung unserer bisher sehr anfänglichen und lückenhaften Kenntniss der Amur-Fauna geschrie- 
ben werden, die im Laufe einer nur kurzen Zeit und zumeist unter steler, für die Ermittelung 
der Säugethierfauna eines Landes nicht immer günstiger Ortsveränderung gewonnen werden 
musste. Namentlich lassen sich unter solchen Umständen besonders viel Lücken in der Kennt- 
niss der kleineren Säugethiere erwarten, welche sowohl der direkten Beobachtung durch den 
Reisenden, als auch der Erkundigung vermittelst der Eingeborenen, für die sie keinerlei Be- 
deutung haben, leichler entzogen bleiben. Wir sind daher überzeugt, dass eine spätere For- 
schung die Anzahl der von uns ermittelten Säugethierarten des Amur -Landes wie im Allge- 
meinen, so auch ganz besonders unter den kleineren und namentlich unter den Nagethieren 
um ein Bedeutendes erweitern wird. Dennoch scheint es schon aus unseren bisherigen Erfah- 
rungen hervorzugehen, dass das Amur-Land im Vergleich mit Sibirien in der That eine ge- 
ringere Anzahl von Nagethieren besitzt. Namentlich scheinen in demselben die zahlreichen 
Formen der sibirischen Steppen, die Springmäuse, die Hamster, die Wühlmäuse u. dgl. m. 
entweder ganz zu fehlen, oder nur in sehr geringer Zahl repräsentirt zu sein, während die 
auf den Wald angewiesenen Formen, wie die Eichhörnchen u. a. , reichlich vorkommen. 
Nicht minder lässt es sich bemerken, dass im Amur-Lande keine von denjenigen Wieder- 
käuer- und Einhufer-Arten zu finden ist, welche für die Steppen und Hochebenen Innerasiens 



Schlussfolgerungen. 1 99 

so charakteristisch sind, wie Bos gmnniens, Anlilope gnllmosa, A. Saiga, Equus Onager, E. He- 
mionus u. drgl. m., obgleich diese Formen zum grössten Theil jowohl westwärts bis in die 
Steppen am Aral- und Kaspischen See, als auch ostwärts bis nach Daurien hinein ver- 
breitet sind. Noch auflallender endlich tritt uns das Fehlen der Steppenformen im Amur- 
Lande unter deu Raubthieren entgegen: denn obgleich die Zahl dieser letzteren im Amur- 
Lande auch eine sehr ansehnliche ist, so fehlen doch grade diejenigen, welche den Hochebe- 
nen und Steppen Innerasiens eigenthiimlich sind, wie Canis Karagan und C. Corsac, Felis Manul 
u. drgl. m. Es lässt sich somit in der Säugelhierfauna des Amur-Landes der ganz vorherr- 
schende Charakter einer Waldfauna nicht verkennen. Das dürfte uns auch nicht weiter auf- 
fallen, wenn wir das mit ausgedehnten und fast ununterbrochenen Waldungen bedeckte untere 
Amur-Land allein in Betracht zögen. Erwägt man aber die weiten Grasebeuen und Prairieen 
an der südlichen Biegung des Amur-Stromes zwischen der Dseja und dem Ussuri und die 
nur theil weise bewaldeten Gebirgs- und Hochebeneuahfälle am oberen Amur, nach denGrän- 
zen Dauriens oder Transbaikaliens hin, so dürfte man wohl geneigt sein, einen anderen 
Charakter in der Säugethierfauna des Amur-Landes zu erwarten. Gewiss werden auch grade 
diese letzteren, von mir nur flüchtig durchreisten Gegenden in Zukunft noch manche, sei es 
überhaupt, oder zum wenigsten für das Amur-Land neue Formen kennen lehren. Dennoch 
dürfte das, wie wir bereits erwähnten, voraussichtlich bloss auf manche kleinere Nagethier- 
formen und nicht auch auf jene grossen, den Hochebenen Innerasiens eigenthümlichen Wieder- 
käuer, Einhufer und Kaubthiere sich erstrecken und somit den Gesaramtcharakter der Säuge- 
thierfauna des Amur-Landes nicht wesentlich ändern. Vom zoologisch-geographischen Ge- 
sichtspunkte erscheinen uns also jene Grasebeuen und Prairieen am südlichen Amur keines- 
wegs als Fortsetzungen oder Ausläufer der Hochebenen- und Steppeunatur Innerasiens nach 
Osten, sondern nur als locale Unterbrechungen, gleichsam als ebene und waldfreie Oasen im 
Gebirgs- und Waldlande des Amur- Stromes, die als solche dem Waldlande gegenüber aller- 
dings auch mit local eigenthümlichem Charakter ihrer Säugethierfauna gezeichnet sind, im 
Verbände mit dem Ganzen aber dem Gesanmitcharakter einer Waldfauna im Amur-Lande 
keinen wesentlichen Abbruch ihun. 

Neben diesen geograpischen Charakterzügen in der Säugethierfauna des Amur- Landes 
möchten wir hier endlich auch eines morphologischen Charakters gedenken, der sich sehr 
allgemein an derselben kundgiebt. Es ist dies die schon bei Besprechung der einzelnen For- 
men oftmals hervorgehobene Erscheinung einer vorherrschenden Schwärze oder eines Ueber- 
handnehmens dunkler, schwärzlicher Farbentöne an den Säugethierarten des Amur- Landes. 
Bekanntlich ist diese Erscheinung schon an mehreren Formen Ostsibiriens und unter den 
Säugethieren namentlich am Zobel und Eichhörnchen bemerkt und das Gesetz ausgesprochen 
worden, dass im Allgemeinen die Farbe der 8äugethieve, wenn sie einem Wechsel unterworfen 
ist, je weiter nach Osten in Sibirien, desto dunkler werde '). Im Amur-Lande kommen nun 



') Biier, Uebersicht de* Ja|,'der\verbe« in Sibiriea, bes. im östlicben. S. Baer und HeJraersen, Beiträge zur 
Kenntniss des russ. Reiches, Itd. VII. p. 2i'2, 



200 Smgelhiere. 

zu den beiden genannten Thieren noch eine Menge anderer hinzu, an denen sich dasselbe be- 
merken lässt, wie der DachSj der Wolf, der Fuchs, der Igel u. s. w. Zugleich aber lässt sich 
im Amur- Lande eine Zunahme an Schwärze an manchen Thierarten auch in anderen Rich- 
tuno-en als nach Ost bemerken. So finden wir z. B., dass der polare Pfeifhase, Lagomys hyper- 
boreus, dessen bisher bekanntes Verbreitungsgebiet ausser dem Amur-Lande noch den Nord- 
osten Asien's und Kamtschatka umfasst, nichts destoweniger im Amur-Lande, also in der 
Richtung nach Süd und West die schwärzeste Färbung erhält. Ebenso ist das Eichhörnchen 
im Amur-Lande schwärzer als am Ochotskischen Meere, der Zobel am Amur-Strome 
schwärzer als auf Sachalin, am Ochotskischen Meere oder in Kamtschatka u. s. w. Wir 
sehen daher die Zunahrpe an Schwärze in der Färbung der Säugethiere INordasieos nicht 
bloss in der Richtung nach Ost, sondern zugleich auch in derjenigen nach Süd vor sich gehen 
und dabei nicht immer bis an den äussersten Ostrand des Continentes fortschreiten, sondern 
bisweilen ihr Maximum auch früher auf dem Festlande Asien's erreichen. Namentlich aber 
scheint das Amur-Land in denjenigen Längen- und Breilengraden Nordasiens zu liegen, wo 
sich das meiste Schwarz in der Färbung der Säugethiere findet. In Beziehung auf die Säuge- 
thicrfauna des Amur-Landes müssen wir daher den Namen «Sacbali» oder «Sachalin-ula», 
d. b. schwarzer Fluss, den der obere Amur-Strom bei den Mandshu trägt, gewiss sehr be- 
zeichnend finden. 

Beziehen sich diese Bemerkungen auf das Amur- Land überhaupt, so bleibt uns noch 
übrig zum Schlüsse einige Worte im Speciellen über die Säugethierfauna der Insel Sachalin 
zu sagen. So mangelhaft auch unsere bisherigen, nur während zweier Winterreisen von mir 
ffesammelten Nachrichten über dieselbe sind, so lässt sich aus ihnen doch schon entnehmen, 
dass die Säugethierfauna Sachalin's eng an diejenige des nördlichen Amur-Landes sich an- 
schliesst und im Allgemeinen eine minder verarmte ist als man von einer Insel zu erwarten 
geneigt wäre. So muss es uns überraschen auf Sachalin alle die zahlreichen und zum Theil 
sehr ansehnlichen Raubthiere des Festlandes, mit nur wenigen und unbedeutenden Ausnah- 
men, wie Mcles Tajcus, Muntela sibirica und Canis procyonoides, zu linden. Desgleichen sehen wir 
die Insel von zwei Arten aus der Familie der Cervinen, vom Rennthier und Moschusthier be- 
wohnt. Nicht minder endlich finden wir auf derselben die dem Walde eigenthümlichen Eich- 
hörnchenarten des Festlandes, Scnmts vulgaris, Tamias strtatus und Pteromys volans wieder. 
Dieser Reichthum an Säugethieren auf Sachalin fällt uns um so mehr in die Augen, wenn 
wir diese Insel gegen die mit ihrem südlichen Theile in gleichen Breiten mit Nordl-Sachalin 
gelegene und ebenfalls gebirgs- und waldreiche Halbinsel Kamtschatka halten. Erscheint 
uns daher letztere vom zoologisch -geographischen Gesichtspunkte, in Folge der starken Ver- 
armung ihrer Säugethierfauna, als eine mit insularem Charakter gezeichnete Halbinsel, so 
möchten wir umgekehrt Sachalin eine in Beziehung auf ihre Säugethierfauna mit halbinsu- 
larem Charakter versehene Insel nennen. — Fasst man den nördlichen Theil der Insel in's 
Auge, so dürfte auf demselben fast ganz dieselbe Säugethierfauna wie in gleichen Breiten auf 
dem Contiuente zu finden sein, indem wir von den Säugethierarten der Amur-Mi'ndung auf 



Schhissfolgcrungen. 201 

der Insel Sachalin mit Bestimnilheit nur den Dachs, die Mttstela sibirica und das Elennlhier 
vermissen. Grösser scheint dagegen die Verarmung der Säugethierfauna im südlichen Theile 
der Insel zu sein, insofern nämlich die auf dem Festlande in südlicheren Breiten auftretenden 
Säugelhierarten , wie Canis procyoiioides, Reh, Edelhirsch, Wildschwein u. a.. auf der Insel 
aushleiben. Vermuthlich dürften dort auch die mit derPrairie im südlichen Theile des Amur- 
Landes auftretenden kleineren Säugethierarten, wie Erinaceus europaeus, Spermophilus Evers- 
tnanni , Siphneus Aspalax u. a. m., fehlen, wogegen vielleicht am Südende Sachalin's unter 
den kleineren Säugethieren manche mit den Japanischen Inseln gemeinsame, dem Festlande 
dagegen fehlende Form sich auffinden wird. 

Es dürfte nun nicht schwer sein, den Zusammenhang dieser thiergeographischen Ver- 
hältnisse der Insel Sachalin mit ihrer physischen Beschafl'enheil und geographischen Lage 
im Vergleich zum Continente nachzuweisen. Dass die Insel Sachalin, als wald- uud gebirg- 
reiches Land, nahe dieselbe Säugethierfauna wie das gebirgige Waldland am unleren Amur- 
Strome zu ernähren im Stande sein dürfte, haben wir schon mehrmals, bei Besprechung der 
einzelnen Thierarten, zu bemerken Gelegenheit gehabt. Erwägen wir daher neben dieser Be- 
schaffenheit der Insel auch ihre ansehnliche Nähe zum Continente, so wird uns die für eine 
Insel verhältnissmässig nur geringe Verarmung in der Säugethierfauna Sachalin's nicht wei- 
ter auffallen. Dass aber diese Verarmung im Süden der Insel eine grössere als im Norden 
ist, scheint uns aus den geographischen Verhältnissen derselben ebenfalls leicht erklärlich. 
Bekanntlich schliesst sich die Insel grade mit ihrem nördlichen Theile am nächsten an das 
Festland, und zwar an das untere Amur-Land und die Amur-Mündung an. Denn nicht bloss 
liegt sie dort räumlich dem Festlande am nächsten, und am Gap Lasareff , wo man sie ehe- 
mals mit dem Continente in fester, halbinsularer Verbindung glaubte, sogar bis auf die un- 
bedeutende Entfernung von 3 — 4 Seemeilen genähert, sondern sie tritt dort auch allwinterlich 
durch die ununterbrochene Eisdecke des Amur-Limanes mit dem Continente in zeitweise feste 
Verbindung, welche einen mannigfachen Austausch der Thierwelt ermöglicht. Sahen wir 
doch, dass wahrscheinlicherweise selbst der Tiger diese temporäre Brücke über den Amur- 
Liman zu seinen Streifzügen nach der Insel Sachalin benutzt. Weiter südwärts dagegen ent- 
fernt sich die Insel weiter vom Continente und bleibt von demselben auch im Winter durch 
die in ihrer Mitte niemals und längs den Küsten auch nur sehr unterbrochen gefrierende 
Meerenge der Tartarei getrennt. Dort muss daher auch der im Norden stattfindende, bestän- 
dige Austausch von Säugethierarten zwischen dem Festlande und der Insel aufhören, und so- 
mit bleiben also der letzteren auch die auf dem Continente in südlicheren Breiten auftretenden 
Formen fern. Zudem bietet die Insel Sachalin, bei ihrer gebirgigen Natur und ihrer mariti 
men, den Einflüssen des nordischen Ochotskischen Meeres im hohen Grade ausgesetzten 
Lage, gewiss weder die raschen klimatischen Differenzen nach Süden, die sich im Amur- 
Thale bemerken lassen, noch auch eine solche Aenderung der Gebirgs- und Waldnatur zur 
Prairie, wie das im Süden des Amur-Landes der Fall ist. Damit fallen aber auf derselben 
auch die physischen Bedingungen zum Vorkommen der im Amur-Lande mit der Prairie sich 

Schrenck's Amor-Reise Bd. 1. ^O 



202 Säugelhiere. 

einlindenden Säugelhierarten weg, während andrerseits den nordischen, der Insel mit dem 
nördlichen Amur- Lande gemeinsamen Formen, z. B. dem Rennthier, Vielfrass u. drgl. m., 
eine weitere Verbreitung nach Süd als auf dem Continente möglich wird. Dennoch lassen sich 
in der südlichen Hälfte der Insel, zugleich mit der Milderung klimatischer Verhältnisse, auch 
manche südlichere Formen erwarten, und zwar macht die Nähe Süd-Sachalin 's von Jesso 
und den Japanischen Inseln das Vorkommen daselbst mancher mit Japan gemeinsamer Säu- 
gethierarten wahrscheinlich. So dürfte also die Insel Sachalin gewissermassen eine Brücke 
zwischen dem nördlichen Amur-Lande und der Inselwelt Japan's bilden, und es lässl sich 
annehmen, dass eine genauere Erforschung derselben uns noch mehr verbindende und ver- 
mittelnde Züge zwischen den Faunen Ostsibirien's und Japan's nachweisen wird, als wir 
sie bereits auf dem angränzenden Festlande gefunden haben. 



203 



Erläiiteriinseii xiir Karte «le«« Ainiir-liaiidei». 



Da die beifolgende Karte des Amur-Landes von Hrn, Samochwaloff zu dem Zwecke 
entworfen worden ist, um unsere Mittheilungen über das Amur-Land zu begleiten, so wird 
es hier am Orte sein, einige Worte über die Entstehung derselben und das Verhältniss, in 
welchem sie zu unserem Reisewerke steht, zu sagen, ßegreillicber Weise mussten wir gleich 
im Beginne der Bearbeitung unserer Reise - Materialien die Nolhwendigkeit einer Karle des 
Amur -Landes empfinden. War uns eine solciie schon wünschenswerth, um den Leser in den 
Stand zu setzen, dem in der Einleitung zu diesem Werke angegebenen Gange unserer Reisen im 
Amur-Lande folgen zu können, so machte sich ein noch grösseres Bedürfniss nach derselben bei 
der ebenfalls in der Einleitung vorausgeschickten kurzen Lebersicht der orograpbischen und 
klimatischen Verhältnisse des Amur-Landes geltend. Bei derKürze dieser vorläufigen geogra- 
phischen 31ittheilungen niusste ausdrücklich darauf gerechnet werden, dass eine Karte ihnen 
selbstredend zu Hülfe kommen und mehr als jene kurze Uebersicht es vermochte zu einem vor- 
läufigen allgemeinen Bilde der geographischen Verhältnisse des Amur- Landes, der Richtung 
und Enlwickelung des llauptstromes und seiner Zuflüsse, des Verlaufes der Gebirge, der 
Configuration der Küsten u. s. w., führen werde. Ganz unumgänglich endlich wurde uns eine 
Karte bei den speciellen wissenschaftlichen Arbeiten über das Amur- Land, die in dieser er- 
sten Lieferung unseres Reisewerkes mit den Säugelhieren des Amur- Landes begonnen wor- 
den sind. Wie man bemerken wird, ist in dieser Abhandlung neben den zoologisch-systemati- 
schen Erörterungen, zu denen die Amur- Materialien Veranlassung geben konnten, auch eine 
besondere Aufmerksamkeit auf die geographische Verbreitung der Säugelhiere im Amur- 
Lande verwendet worden. Dass aber unsere Erfahrungen in dieser Richtung nur ganz anfäng- 
liche sein konnten, versteht sich von selbst, um so mehr musste man daher darauf bedacht 
sein, dieselben späteren, durch wachsendes Material zu umfassenderen Schlüssen berechtigten 
Forschungen nutzbar zu machen. Zu dem Zwecke nun sind von uns die Fundorte der an ein- 
zelnen Punkten des Amur -Landes aufgefundenen, sei es beobachteten oder mitgebrachten 
Thierarten mit möglichster Genauigkeit angegeben, das Vorkommen allgemein verbreiteter 
Formen nach den einzelnen Theilen des Amur-Landes besonders besprochen, die in demselben 
befindlichen Gränzlinien der Verbreitung einzelner Säugethiere nach möglichst genau ermit- 
telten Punkten verzeichnet und wo sich uns im Verlaufe derselben ein gewisser Zusammen- 
hang mit anderweitigen, klimatischen oder überhaupt geographischen Verhältnissen des Amur- 
Landes zu verrathen schien, auch auf diesen hingewiesen worden. Es versteht sich nun von 
selbst, dass wir diese Angaben nicht anders als mit Hülfe einer dem Detail derselben ent- 
sprechenden Karte anschaulich zu machen hoffen durften. Dass endlich ein gleiches Bedürfniss 



204. Erläuterungen 

nach einer Karle auch bei Bearbeitung anderer Theile der Fauna, so wie bei Besprechung 
der ethnographischen Verhältnisse des Amur-Landes sich herausstellen würde, war leicht 
vorauszusehen. Nach alledem schien es also zweckmässig mit dem Entwürfe einer Karte des 
Amur-Landes nicht bis zur Abfassung des letzten, dem ausführlichen historischen Berichte 
über unsere Reisen und den geographischen Bemerkungen über das Anuir-Land gewidmeten 
Theile zu warten, sondern sogleich an denselben zu gehen, ob auch viele, auf unsere Erfah- 
rungen begründete Punkte der Karte erst später eine genauere Besprechung und respektive 
Erklärung finden können. 

Ein gleiches Bedürfniss nach einer Karte musste natürlich auch Hr. Maximowicz bei 
seinen gleichzeitigen Arbeiten über die Flora des Amur-Landes empfinden. Wir trafen daher 
die Uebereinkunft, unsere beiderseitigen Erfahrungen über die geographischen Verhältnisse 
des Amur -Landes zu vereinigen und gemeinschaftlich einer auf die neuesten Quellen zu be- 
gründenden Karte zuzuwenden. Es lag uns diese Vereinbarung um so näher, als wir einen 
grossen Theil unserer Reisen im Amur -Lande gemeinschaftlich ausgeführt hatten und auch 
gegenwärtig bei Bearbeitung der Materialien in unseren Wünschen in Beziehung auf den 
Umfang, den Maassstab und das Detail der Karte vollkommen übereinstimmten. Was den er- 
steren betraf, so musste die Karte natürlich das gesammle Amur-System (mit Ausnahme viel- 
leicht der zum Theil schon nach Innerasien gehörenden Quellgegenden des Argunj's und der 
Schilka) aufnehmen und konnte also ziemlich natürliche Gränzen an dem Stanowoi-Gebirge 
im Norden und dem Shan-alin im Süden finden. In Beziehung aber auf die Grösse und das 
Detail der Karte musste der doppelte Zweck, dem sie zu dienen hatte, im Auge behalten wer- 
den. Sollte sie nämlich, neben möglichst getreuer und anschaulicher Uebersicht der geogra- 
phischen Verhältnisse des Amur-Landes, auch die Gränzlinien der Verbreitung vieler Pllan- 
zen- und Thierarten aufnehmen und zugleich dem Detail der Reise- und Fuudortangaben ent- 
gegenkommen, so musste sie in einem mittleren, weder sehr kleinen, noch sehr grossen Maass- 
stabe gehalten werden. Ersterer, obgleich zum Verzeichnen der pflanzen- und thiergeographi- 
schen Gränzlinien der bequemere, hätte es unmöglich gemacht, in die Karte das zur Orienti- 
rung bei speciellen nalurhistorischen und ethnographischen Arbeiten nöthige Detail einzutra- 
gen; letzterer Maassstab dagegen hätte es zwar gestattet in den durchforschten Theilen des 
Amur-Landes alles Detail an Gebirgen, Flüssen, Ortschaften u. s. w. aufzunehmen, wäre 
aber der Karte in Beziehung auf die bisher noch überwiegenden unbekannteren Gebiete des 
Amur -Landes um so nachtheiliger geworden und hätte sie namentlich auch zum Eintragen 
der immer nur an wenigen Punkten bestimmt nachgewiesenen Gränzlinien der Verbreitung 
von Pflanzen und Thieren im hohen Grade ungeeignet gemacht. 

Dass keine von den bisher vorhandenen Karten des Amur-Landesunseren Wünschen ge- 
nügen konnte, versteht sich von selbst. Bereits lagen aber viele schätzbare Materialien zu einer 
genaueren und zuverlässigeren Karte des Amur-Landes vor. Vor Allem ist hier auf die zahl- 
reichen, durch die Expedition der Russischen Geographischen Gesellschaft während der Jahre 
1855 — 58 im Laufe des Amur-Stromes und seiner Zuflüsse, sowie an der 3Ieeresküste des Fest- 



zur Karte des Amur-Landes. 205 

landes und der Insel Sachalin astronomisch hestinimten Punkte aufmerksam zu machen, die, 
wenngleich nur vorläufig berechnet, schon im Stande waren eine sichere Grundlage für den 
grössten Theil einer Karte des Amur-Landes abzugeben. Diesen besonders auf das Innere des 
Amur-Landes bezüglichen Materialien kommen nun von der Seeseite die beim hydrographischen 
Departement und im Journal der Russischen Marine (Morskoi Sbornik) zerstreut niederlegten 
Arbeiten russischer Seeofficiere entgegen, die uns eine Reihe höchst sorgfällig ausgeführter Kü- 
stenaufnahmen, angefangen vomOchotskischen Meere und bis zur Südspitze von Korea, vor- 
führen. Ihnen lassen sich auch einige neuere, zum Theil auf dieselben Gegenden bezügliche Ar- 
beiten englischer und nordamorikanischer Seeofficiere anreihen. Für das Innere des A mur-Landes 
aber und vornehmlich den Amur-Strom haben wir ferner der mehrfache i auf Befehl des Hrn. 
General-Gouverneurs von Ostsibirien ausgeführten topographischen Arbeiten zu gedenken. End- 
lich bleibt uns noch einer unveröffentlichten, von Hrn. v. Middendorff iheils nach eigenen 
Eifahrungen und theils nach chinesischen Quellen zusammengestellten Karte zu erwähnen 
übrig, die uns freundlichst zur Benutzung mitgetheilt worden ist und die uns namentlich über 
die linken Zuflüsse des Amur-Stromes ausführlicher unterrichten konnte. Es möge diese flüch- 
tige Aufzählung nur der wichtigsten kartographischen Vorarbeiten genügen, um darzuthun, 
dass bereits reiche Quellen zu einer zuverlässigeren Karte des Amur-Landes, als wir sie bis- 
her hatten, vorhanden waren, wenngleich dieselbe, noch vor der endgültigen Berechnung der 
zahlreichen , von der Expedition der Russischen Geographischen Gesellschat ausgeführten 
Ortsbestimmungen entworfen, gewiss in vielen Punkten irren konnte und einer baldigen 
Verbesserung entgegensehen durfte. Bis dahin galt es aber, um den oben hervorgehobenen Be- 
dürfnissen nachzukommen, die bereits vorhandenen Quellen durchzuarbeiten und zu sichten, 
sie zu einem Ganzen zu verschmelzen und mit den noch unveröffentlichten Nachrichten zu 
bereichern, welche uns eigene Reisen durch verschiedene Theile des Amur-Landes an die 
Hand gegeben hatten. Diese Arbeit war es, der sich auf unsere Aufforderung Hr. Samo- 
chwaloff unterzog und die er zu unserer völligen Befriedigung löste. Als Lieutenant im 
Sleuermannscorps der Kaiser I. russischen Marine, hatte Hr. Samochwaloff an Bord der 
Fregatte Aurora selbst das Amur- Land besucht und anderthalb Jahre (1855 und 56) an 
den Küsten der Meerenge der Tartarei, im Amur-Limane, im Nikolajewschen Posten und 
auf einer Reise den Amur aufwärts bis zur Einmündung des Gorin's in denselben zuge- 
bracht. Zu den übrigen Quellen über das Amur-Land konnte er daher auch noch seine eige- 
nen Erfahrungen über das Mündungsland des Amur-Stromes hinzufügen. Bei dem Verhält- 
nisse nun, in dem Hrn. Samochwaloff's Karte zu unserem ReisewerUe steht, sei es uns ge- 
stattet, ihm für diese, unsere Mitlheilungen über das Amur-Land wesentlich ergänzende und 
erläuternde Arbeit unseren verbindlichsten Dank hier öffentlich auszusprechen. Zur ferneren 
Erläuterung der Karte aber, lassen wir hier die von Hrn. Samochwaloff selbst niederge- 
schriebene und uns zur Veröffentlichung an diesem Orte mitgetheille Aufzählung der für die 
verschiedenen Theile der Karte von ihm benutzten Quellen folgen. 

«Vorliegende Karte des Amur-Landes, in Mercator's Projection , einen Raum von 



206 Erläulerungen 

14 Breiten- und 32 Längengraden im Alaassslabe von 108,2 Werst auf einen englischen Zoll 
umfassend, ist nach den neuesten, zum Theil noch unveröflentlichten Quellen entworfen wor- 
den. Zur Grundlage derselben haben folgende astronomische Ortsbestimmungen gedient: 

1) Für den Amur-Strom, den Amur-Liman und die Insel Sachalin folgende, von Hrn. 
Lieut. Roschkoff im Auftrage der Russ. Geographischen Gesellschaft in den Jahren 1855 
und 1 856 vermittelst mehrerer Chronometer und eines Passage-Instrumentes bestimmte Punkte: *) 

Nördliche Breite. Oestl. Länge T. Greeiiw. 

Üstj-Strelotschnoi Karaul 53° 19' 56" 12r40' 24" 

Ein Punkt am Amur-Ufer nahe dem Berge Zagajan.52 14 22 126 25 27 

Mündung des Ssungari 47 42 15 — 

Mündung des Ussuri 48 16 25 1 35 5 49,5 

Sandsteinwand bei Uch'ssumi 48 51 55 " — 

ap ZoUazi am Amur 49 37 2 137 3 37,5 

Mariinskischer Posten 51 42 18 140 11 31,5 

Dorf Michailowskoje 52 36 30 — 

,, Tschelmok 52 51 18 140 1 15 

„ Tyr 52 55 23 1 39 50 49 

» Magho 53 15 4 140 7 37 

Nikolajewscher Posten 53 8 19 140 42 58,5 

Dorf Wassj 53 20 — 

„ Pronge 52 50 13 141 11 

„ My 52 35 35 — 

Dorf Tschomi 52 21 35 — 

Gap Lasareff 52 13 5 141 32 45 

Bai de Castries 51 28 2 1 40 49 15 

Dorf Puir 53 11 44 — 

>, Langr 53 17 29 — 

Petrowskischer Posten 53 28 21 1 41 2 

Dorf Poghobi 52 13 24 141 37 45 

« Dui 50 49 49 142 6 

2) Für Transbaikalien und namentlich die Quellarme des Amur-Siromes, die 
Schilka, den Argunj und deren Zuflüsse, folgende, von Hrn. Schwarz, Hauptastronomen 
der Ostsibirischen Expedition der Russ. Geograph. Gesellschaft, im Jahre 1855 vermittelst 
mehrerer Chronometer und eines Passage-Instrumentes bestimmte Punkte **): 



*) Vergl. OtieTT. HHnep. PyccK. Teorp. OGuiecxBa aa 1850 roAi,. p. 26, und OT>ieTT> Hnn. PyccK. Teoip. nem. 
aa 1857 r. p. 24. 

*•) Vergl. OxHeTi. Hmd. Pjcck. Teorp. Ortnj. sa 1836 r p. 24. 



zur Karte des Amur-Landes. 207 

Nördliche ßreite. Oestl. Längte t. Greenw 

Stadt Tschita 52° l' 27" 11 3° 36' 30" 

» Nertschiusk 51 57 57 116 42 

Festung Tschindaut 50 34 40 115 31 30 

Kirchdorf Schelopugino 51 39 7 117 40 30 

Wachtposten Abagaitu 49 34 29 117 57 15 

Festung Zuruchaitu 50 23 34 119 10 

Nertschinskoi Sawod 51 18 32 119 43 45 

Argunskoi Ostrog 51 34 3 120 8 30 

Mündung des Urov (in den Argunj) 52 12 15 120 51 15 

3) Für beide Länder, Transbaikalien und das Amur-Land, noch folgende, zumeist 
ebenfalls von der Ostsibirischen Expedition der Geogr. Gesellschaft astronomisch bestimmte, 
aus dem Kataloge der bis zum Jahre 1857 in Ostsibirien ausgeführten Ortsbestimmungen 
entlehnte Punkte *): 

Nördliche Breite. Oestl. Länge v. Greenw. 

Quellen der Nertscha 54°21,5' 11 7° 36' 

Festung Gorbiza 53 6 119 9 

Felsen Smeinaja-Gora (am oberen Amur) 53 4 125 44 

Punkt gegenüber der Bureja-Mündung 49 23 1 29 40 

» » der Ssungari-Mündung 47 42,5 132 33 

Dorf Amtscho 48 56,5 — 

Zweite Mündung des Gorin's 50 44 1 37 44 

Bai Hadshi (Kaiserhafen) 49 1,5 140 19,5 

Für das Detail des Flussnetzes, die Richtung der Gebirge, die Umrisse der Küsten u. s. w. 
sind folgende Quellen benutzt worden : 
Für den Amur -Strom: 
Kapra AsiypcKaro BO/tfluaro nytH. 1857. (Karte der Amur-Strasse, 1857.) Herausgegeben 

beim Rechenschaftsberichte der Russisch-Amerikanischen Companie für das Jahr 1856. 

(Otmcti Pocc. Aniep. Komu. 3a 1 856 r.) 
Manuscripte und mündliche Mittlieiluiigen der Hrn. L. v. Schrenck und C. Maximo- 

wicz (zumal in Beziehung auf den Verlauf der den Strom begleitenden Gebirge). 
Meine, beim hydrographischen Departement niedergelegte Manuscriptkarte des Mündungs- 
laufes des Amur-Stromes. 

Für die Flüsse Bureja und Dseja **) : 
Unveröffentlichte Karte Hrn. v. Middendorff's — Erster Versuch einer hydrogr, Karte des 

Stanowoi Gebirges und seiner Ausläufer zwischen dem 45 und 62° n. Br, 



*) Vergl. OrieTT, ümh. Pvcck. Teorp. 06m. aa 1857 r. p. 113. ff. 

•') Die im Laufe der Dseja -Zuflüsse von Hrn. Schwarz u. a. recht zahlreich bestimmten, zumeist Jedoch nur 
in sehr unbestimmten Bezeichnungen bekannt gemachten und deshalb Ton Anderen kaum brauchbaren Punkte lassen 
voraussehen, dass die Karte des Dseja-Systems in kurzer Zeit eine sehr veränderte Gestall gewinnen wird. 



208 Erläuterungen 

Für die Flüsse Gorin und Amgunj: 

Die obeoerwälmte von der Russisch - Amerikanischen Companie herausgegebene Karte des 
Amur-Stromes. 

Für die Flüsse Ussuri, Päch'ssa, Dondon, Chongar, Chelass, Jai, Kur, Ssed- 
semi, Nummul u. a. : 

Manuscript-Mittheilungen der Hrn. Schrenck und Maximowicz. 
Für den Tymy-Fluss auf der Insel Sachalin: 

Manuscripl-Mitlheüungen Hrn. v. Schrenck's. 

Für den nördlichen Theil der Festlandsküste, die Küsten Sachalin's und des nordösl- 
lichsten Theiles von Jesso: 

Kapxa BocTüSHOÜ nacru CnoHpH no onucn HopyinKa Ko3bMHua, U34au. npii 3anncKax'i> 
Fiuporpa*. yXenapraiueuTa. 4. IV. 1846 r. (Karle vom östlichen Theile Sibiriens 
nach den Aufnahmen des Lieut. Kosmin, herausgeg. in den Schriften des hydrogr. De- 
partements. Bd. IV. 1846.) 

MepKaTopcKafl Kapxa cteepHoü no-ioBoubi OxoTCKaro Mopa, cocTaB.«. h3t> pasnuxii JKyp- 
Ba.ioBi> H KapxTi npn Fn^porp. ^enapx. bt> 1849 r. a iicnpaB.ieHHafl bt. 1857 r. (Karte 
vom nördl. Theile des Ochotskischen Meeres, entworfen nach versch. Journ. und Kar- 
ten im hydrogr. Depart. 1849, berichtigt 1857.) 

MepKaxopcKaa Kapxa iojkhoü no.ioBHHW OxoxcKaro Mopn, cocxae.i. nax paan. JKypnaj. u 
KapxT. npu rn4porp. ^enapx. btj 1852 r. h HcnpaB.i. bt> 1858 r. (Karte vom südlichen 
Theile des Ochotskischen Meeres, entworf. nach versch. Journ. und Karten im hydrog. 
Depart. 1852, berichtigt 1858.) 

MepKaxopcKaa Kapxa Taxapcnaro npo.iuBa ct> ohhch ÄniypcKoü 3Kcne4HuiH h mxyubi Bocxokt. 
Bi> 1 853r. (Karte der Meerenge der Tartarei nach den Küstenaufnahmen der Amur-Exped. 
und des Schooners Wostok. 1 853.) Herausg. im MopcKoii CöopuHKi.. 1 858. XXXV. .71^ 5. 

Kapxa JeAOBHxaro Mopa a Bocxoquaro oKeana, iua. npn rH4porp. ^enapx. bt> 1844 r. h 
HcnpaBJ. BT. 1858 r. (Karte des Eismeeres und des Stillen Oceanes, herausgeg. im hy- 
drograph. Depart. 1844, berichtigt 1858.) 
Für den südlichen Theil der Fesllandsküste : 

Kapxa BocToinaro öepera nojyocrpoBa Kopen , cocxan.!. cb onncH npon3Be4eunoii o<j'Hue- 
pawu mperaxa na.i.ia4a u H34aH. bt. rH4porp. .^enapx. bt. 1 857 r. (Karte von der Ost- 
küste der Halbinsel Korea, entworfen nach den von den Offic. der Fregatte Pallas aus- 
geführten Küstenaufnahmen und herausgegeb. im hydrogr. Departem. 1857.) 

n.iaHbi nopxoBT. B.ia4HMipa h O.ibrn h Kapxa Kb njaBauiio napo\()4a AMepnKa. 1857. 
(Karte der Fahrten des Dampfschifl's Amerika im Jahre 1857, nebst Plänen der Häfen 
Wladimir und Olga) herausgeg. im MopcKoii Cßopn. 1858. XXXIV. J\f 3. 

Karte: The Kuril Islands frora Nipon to Kamtschatka (The coast from Castries Bay 
south ward to Low Cape by Mr. H. Hill Mast., from Low Cape to Hörnet Bay by Mr. 
S. W. R. Fr eema n Mast. 1 856). London. Published by the Admirally 1855. Additions 1856. 



zur Karte des Amur-Landes. 209 

Für den westlichen Theil der Insel Jesso: 
Track -Chart of the U. S. North - Pacific Surveying Expedition. John Rodgers U. S . N. 

Commanding 1854 — 1856 (by U. S. Steamer John Hancock, Lieut. Commdg. H. R. 

Stevens). 

Für den übrigen nördlichen Theil der Karte : 
Kapta BocTOHHon Cnönpu, cocraBJ. no uoBliiaiHiui CBtÄtniaMi. npn ynpaea. FenepaJibH. 

LUraßa BT> BocToqn. CnöupH 1855. (Karte von Ostsibirien, entworfen nach den neuesten 

Nachrichten beim General-Stabe in Ostsibirien. 1855.) 
Die obenerwähnte unveröffentlichte Karte Hrn. v. Middendorff's vom Stanowoi-Gebirge. 

Für den übrigen südlichen Theil der Karte : 
Ritters Karte von Asien. 

Die Namen der Ortschaften, Flüsse, Gebirge u. s. w. sind durchweg nach den Angaben 
der Hrn. Schrenck und Maximowicz eingetragen worden.» 

Es bleibt mir nun noch übrig einige erläuternde Worte zu den auf der Karle verzeich- 
neten Gränzlinien der Verbreitung einiger Säugethiere im Amur -Lande zu sagen. Die That- 
sachen, auf denen sie beruhen, sind im Vorhergehenden ausführlich erörtert worden. Aus 
denselben wird man daher ersehen können, in wie weit uns eigene Erfahrungen und mehr 
oder weniger zuverlässige Angaben der Eingeborenen des Amur-Landes, oder aber nur Com- 
binationen und Vermuthungen, wie sie die Natur des Landes uns an die Hand geben konnte, 
den Lauf dieser Linien dictirt haben. Die verschiedene Tragweite dieser Grundlagen ermes- 
send, haben wir übrigens dieselben auch in der Ausführung der Linien stets auseinander ge- 
halten. Denn nur wo uns eigene Erfahrungen oder bestimmte Angaben von Eingeborenen vor- 
lagen, sind die Gränzlinien ausgezogen, im Uebrigen aber punctirt angegeben worden. Ja, wo 
das Feld der Combinationen ein zu weites war, da sind die Linien sogar zu öfters ganz abge- 
brochen worden, ob auch der Lauf derselben zuverlässig in den Raum der Karte fällt. Dies 
ist namentlich auch dann geschehen, wenn wir nicht mehr als an einem Orte einen bestimm- 
ten Gränzpunkl der Verbreitung eines Thieres ermitteln konnten, für den übrigen Theil aber 
nur unbestimmte Angaben besassen, da uns der Lauf der Linie alsdann noch zu wenig indi- 
cirt schien. So ist es gleich bei der ersten der von uns verzeichneten Linien, der Polargränze 
von Meles Taxus Schreb., geschehen. Denn ob wir auch Grund haben zu vermuthen, dass 
dieselbe im oberen Amur- Lande den mittleren Lauf der Bureja und Dseja schneidet, so 
fehlt es uns hier doch an allen direkten Erfahrungen und müssen wir uns daher zunächst mit 
dem einen, ziemlich bestimmt ermittelten Gränzpunkte an der Sndküste des Ochotski- 
schen Meeres begnügen. Aehnlich verhält es sich auch mit unserer II'«"» Linie , der Aequa- 
torialgränze von Gulo borealis Nilss., die wir nach Verbindung zweier Gränzpunkte im 
unteren Amur- Lande, des Geong- und Wanda-Gebirges , westlich von letzterem, in Er- 
mangelung noch mehrerer, bestimmt ermittelter Gränzpunkte, abbrechen müssen, ob es gleich 
wahrscheinlich ist, dass dieselbe, auch im Westen des Amur-Landes der Aequatorialgränze 
des Rennlhieres folgend, den oberen Amur in der Gegend der Komar- Mündung wieder er- 

Sc hrenck's Amur-Reise Bd. I. Jti 



210 Erläuterungen. 

reicht. Ebenso brechen wir die Gränzlinie des Vielfrasses auch im Osten vom Geong-Gebirge 
mit der Festlandskiiste , wo sie jedenfalls südlich von der Bai Hadshi und von Idi liegt, ab, 
ob wir gleich den Vielfrass bis nach der Südspitze Sachalin's vermuthen dürfen. Bedeutend 
mehr Punkte liegen uns für die ihr sehr genäherte, auf unserer Karte VII'^ Linie, die Aequa- 
torialgräuze von Cervus Tarandus L., vor, da uns hier die Südspitze Sachalin's, das Geong- 
und Wanda-Gebirge, der Gebirgsstock Tukuringra (Middendorff) und das Chingan-Ge- 
birge zwischen dem Amur- und dem Nonni-Fluss (Pallas) als Gränzpuukte bekannt sind. 
Da jedoch letzterer Gebirgszug eine weite Ausdehnung hat und das südlichste Vorkommen des 
Rennthieres in demselben nicht ermittelt ist, so können wir unsere Linie an diesem Endpunkte 
auch nur andeutungsweise ziehen. Verhältuissmässig gut indicirt und daher leicht einzutragen 
war uns die 111'^ Linie unserer Karte, die Polargränze von Canis procyonoides Gray, da wir 
die Granzpunkte der Verbreitung dieses Thieres an der Küste und am unteren und oberen Amur 
mit ziemlicher Genauigkeit ermitteln konnten. Für die drei folgenden Linien (IV, V u. VI), 
die Polargränzen des Wildschweines, des Rehes und des Edelhirsches, gaben uns Midden- 
dorff s Forschungen im Norden vom Amur wesentliche Anhaltspunkte, welche es uns gestat- 
teten die im unteren Amur-Lande nachgewiesenen Gränzlinien der Verbreitung dieser Thiere 
westwärts fortzusetzen. Für das Wildschwein namentlich war uns westlich vom unleren Amur 
ein bestimmter Gränzpunkt mit dem Jorach an der Bureja gegeben. Als Polargränze des 
Rehes und Edelhirsches aber war uns durch Middendorff im NW. vom Amur der Kamm 
des Stanowoi-Gebirges bekannt und Hess sich für die Senkung der Linien von dort zum un- 
teren Amur, wo wir die Granzpunkte bestimmen konnten, das sehr seltene Vorkommen des 
ersteren noch an den Zuflüssen des Gallam und des letzteren am Inkanj (Middendorff) als 
maassgebend annehmen. Nicht für überOiissig hielten wir es endlich auf unserer Karte auch 
die Gräiize des weitesten Aufsteigens der Phocu nummularis Schleg. und des Weissfisches 
(^Delphinapterus LeucasViiU.) im Amur (Linie VIII), so wie die Aequatorialgränze des letzteren 
(Linie IX) zu verzeichnen. Denn ob auch beide Gränzen, die erstere ihrer Natur nach und die 
letztere ihrer Lage an der schmalen Meerenge der Tartarei zufolge, auf einen einzelnen Punkt 
sich beschränken, so schien es doch wichtig auch auf der Karte auf die verhältuissmässig sehr 
südliche Lage, dieser Punkte im Amur-Strome und Limane aufmerksam zu machen. Dagegen 
sind auf der Karte alle bisher durch Keine bestimmten Granzpunkte genauer zu fixireuden 
Angaben iiber die Verbreitung mancher wahrscheinlich nur der Prairie in der südlichen Bie- 
gung des Stromes eigenen, dem gebirgigen unteren Amur-Lande dagegen fehlenden Formen, 
wie Erinaceus europaeus, Spermophilus Eversmanni, Siphneus Aspalax u. s. w., weggelassen 
worden. Dasselbe ist mit der Verbreitungsgränze der noch viel zu wenig bekannten Antilope 
crispa Temm. geschehen, die den Angaben der Eingeborenen zufolge dem Küstengebirge der 
Mandshurei von der Amur-Mündung an südwärts folgt. Wird man aber die Unterlassung 
voreiliger graphischer Darstellung gut heissen, so haben wir schliesslich auch für die auf 
der Karte verzeichneten Verbreitungsgränzen noch eine gütige Nachsicht in Anspruch zu 
nehmen, da dieselben ebenfalls mehr punclirte und also nur vermuthungsweise angegebene 



zur Karte des Amur-Landes. 21 1 

als wirklich ermittelte, ausgezogene Linien enthalten. ^Jöge uns dabei auch der Umstand ent- , 
schuldigen, dass wir durch den Entwurf irgend darstellbarer Linien der Thierverbreitung auf 
unserer Karte die Aufmerksamkeit künftiger Reisenden im Amur-Lande unserem Gegen- 
stande in einem höheren Grade und auf unmittelbare Weise zuzuwenden hoffen durften. 



Ifericliti§;iiiigeii und Ziii^ätze. 

Felis Tigris L. Auf S. 95 ist augeführt worden, dass das durch Aussagen der Gilja- 
ken von uns erkundete Vorkommen des Tigers an der Südküste des Ochotskischen Meeres 
dem von Middendorff in Erfahrung gebrachten Vorkommen desselben an derTyrma unmit- 
telbar sich anschliesse und dort vielleicht die Polargränze der Streifzüge des Tigers bezeichne. 
Als ich dies niederschrieb, war mir noch keine die Reisen Hrn. v. Middendorff» im Süd- 
ositen Sibirien's erläuternde Karte zu Gesichle gekommen. Ich glaubte daher unter der Be- 
zeichnung Tyrma denselben Fluss verstehen zu dürfen, den wir auf der neuesten Karte von 
Ostsibirien (Kapxa Boctohhoü Cnoapu cocraB-i. no HOBtüranM-b cBt^tuiniuT. npn yupaBj. 
Feuep. LUraöa bt> Boctoh. Ch6. 1855 r.) als Torma oder Terma angegeben finden. Gegen- 
wärtig hat uns jedoch die von Hrn. v. Middendorff entworfene (unveröflentlichte) Karte vom 
Stanowoi-Gebirge und seinen Ausläufern dahin belehrt, das die Tyrma oder Tyrmy ein Ne- 
benlluss der Bureja sei. Von einem Anschlüsse der oben erwähnten Fundorte an einander 
kann daher nicht mehr die Rede sein. Jenes von uns erkundete Vorkommen des Tigers im 
Gebiete der Giljaken an der Siidküste des Ochotskischen Meeres ist somit gegenwärtig der 
nordlichste bekannte Punkt seiner Verbreitung im Küstengebiete Ostasiens. 

Tamias slriatus L. p. 125. Im selben Jahre (1855), als ich T. strialus im Nikolajew- 
schen Posten im Frühjahre zuerst am 13. (25.) April bemerkte, hat Hr. Maximowicz das 
erste Wiedererscheinen dieses Thieres im Mariinskischen Posten am 7. (t9.) April, also um 
6 Tage früher beobachtet, was mit den klimatischen Dill'erenzen dieser beiden Orte völlig im 
Ei u klänge steht. 



212 



■Erklärung der Tafeln. 



Taf. I. 

Fig. 1. Meles Taxus Schreb. Var. amurensis, fünfmal verkleinert; nach einem Exemplare aus 
dem unteren Amur-Lande nahe der Ussuri-Mündung. 

Fig. 2, 3 u. i. Köpfe derselben Varietät von M. Jaa"MS Schreb. in halber Grösse: nach Exem- 
plaren vom Gorin und aus der Umgegend des Nikolaj ewschen Postens; nach Farbe und Zeich- 
nung den Uebergang zur typischen Form vermittelnd. 

Taf. II. 

Canis alpinus Pall., acht mal verkleinert; nach einem aus dem Ge eng -Gebirge im unteren 
Amur-Lande erhaltenen Felle. 

Taf. III. 

Fig. 1. Canis procyonoides Gray im Winterkleide, vier mal verkleinert; nach einem durch di_e 
Giljaken der Amur- Mündung aus dem unteren Amur- Lande, vermuthlich aus der Gegend der 
Ussuri-Mündung erhaltenen Felle. 

Fig. 2. Derselbe im Sommerkleide; nach einem im Uorfe Ssoja im unteren Amur- Lande 
erhaltenen Felle. 

Taf. IV. 

Fig. 1. Can. procyonoides Gray Var. amurensis, im Sommerkleide, vier mal verkleinert; nach 
einem im Dorfe Emmero im unteren Amur-Lande lebendig erhaltenen Individuum. 

Fig, 2. Erinaceus europaeus L. Var. amurensis, in Laiber Grösse; nach einem im Dorfe Guls- 
soja nahe der chinesischen Stadt Aigun erhaltenen Felle. Daneben ein einzelner Stachel in dop- 
pelter V'ergrösserung. 

Taf. V. 

Skelett von Can. procyonoides Gray, in halber Grösse, von einem erwachsenen Weibchen 
vom oberen Amur bei Ossika, nahe der Bureja-Mündung. 

Taf. VI. 

Fig. 1. Arvicola [Hypudaeus] amurensis n. sp. in natürlicher Grösse; nach einem im Nikola- 
jewschen Posten gefangenen, weiblichen Individuum. 

Fig. 2. Kauflächen der Backenzahnreihen von Arv. amurensis- a des Oberkiefers, b des Un- 
terkiefers, in siebenfacher Vergrösserung. 

Fig. 3. Kauflächen der Backenzahnreihen von Arvicola saxatilis Pall.: a des Oberkiefers, b des 
Unterkiefers, in siebenfacher Vergrösserung; nach einem am Amur, nahe dem Bureja-Gebirge ge- 
fangenen, weiblichen Individuum. 

Fig. 4. Arvicola Maximowiczü n. sp. in natürhcher Grösse; nach einem am oberen Amur 
bei der Mündung des Flusses Omutna gefangenen, männlichen Individuum. 



Erklärung der Tafeln. 213 

Fig. 5. Kauflächen der BackenzaLnreihen von Arv. Maximowiczii- a des Oberkiefer«, b des 
Unterkiefers, sieben mal vergrössert. 

Taf. VII. 

' Fig. 1. Lagomys hyperboreus Fall. Var. normatts i nach Exemplaren aus dem Cholsanischen Ge- 
Fig.2. '■ ■ " Vor./errMjiReajbirge in Kamtschatka, in natürlicher Grösse. 

Taf. VIII. 

Fig. 1. Lag. hyperboreus Fall. Yar. cinereo-flava, in natürlicher Grösse; nach einem Exemplare 
von Udskoi Ostrog. 

Fig. 2. Lag. hyperboreus Fall. Var. cinereo-fusca, in natürlicher Grösse; nach Exemplaren vom 
oberen Amur nahe Ustj-Strelka. 

Taf. IX. 

Fig. 1. Phoca equestris Fall., Männchen. 
Fig. 2. Zeichnung der Bauchseite desselben. 

Fig. 3. Ph.equesiris Fall., Weibchen. Beide nach Exemplaren von der Ostküste Kamtschat- 
kas an der Mündung des Kamtschatka-Flusses, in neunmaliger Verkleinerung. 



BEMERKTE DRUCKFEHLER. 



Seite 12, Zeile 33 von oben statt Itreiteadimisionea lies Breiteadimensionen 



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