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Full text of "Romantik und Neuromantik : mit besonderer Berücksichtigung Hugo von Hofmannsthals"

-I 




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ROMANTIK UND NEUROMANTIK 

MIT BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG 

HUGO VON HOFMANNSTHALS 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK 

MIT BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG 
HUGO VON HOFMANNSTHALS 



VON 



Dr. IKA A. THOMßSE 



oKOMT^ 




HAAG 

MARTINUS NIJHOFF 
1923 



PN 
Tf6 




INHALT 



EINLEITUNG xi 

ERSTES KAPITEL, Romantik in Deutschland . . 1 

ZWEITES KAPITEL, Romantik und Neuromantik 

IN England 29 

DRITTES KAPITEL, Romantik und Neuromantik 

IN Frankreich 47 

VIERTES KAPITEL, Romantik und Neuromantik 

in Italien 64 

FÜNFTES KAPITEL, Romantik und Neuromantik 

IN Dänemark 89 

SECHSTES KAPITEL, Romantik und Neuromantik 

IN Holland 111 

SIEBENTES KAPITEL, Neuromantik in Deutsch- 
land 130 

ACHTES KAPITEL, Hugo von Hofmannsthal. . . 141 

ALPHABETISCHES VERZEICHNIS DER LITERA- 
TUR 191 

REGISTER 195 



EINLEITUNG 



In zwei Bänden, „Zeitgenössische Dichter, übertragen von Stefan 
George" vereinigt der erste deutsche Neuromantiker „eine Anzahl 
Werke der wichtigsten Geister, denen man das Wiedererwachen 
der Dichtung in Europa verdankt." Im Wesentlichen hat Georges 
Dichterwahl vorliegende Besprechimg der Neuromantik in den 
verschiedenen Ländern bestimmt, nur die Dichtung Lieders ist 
wegen der geringen Bekanntheit der polnischen Sprache nicht 
berücksichtigt worden. 



ERSTES KAPITEL 

ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

Wann sich zum ersten Mal in Leben und Dichten der europäi- 
schen Völker romantische Gefühle gezeigt haben, läszt sich kaum 
mehr ermitteln. Da aber die Literaturgeschichte zeigt, dasz sich 
auch in klassischen Zeiten Romantik nachweisen läszt und dasz in 
dem Gemüt eines vorwiegend realistischen Dichters häufig Wirk- 
lichkeitssinn und Romantik nahe bei einander liegen, so liesze sich 
daraus schlieszen, dasz romantische Gefühle, obgleich in sehr ver- 
schiedener Abstufung, allen Zeiten angehören^) . 

Der Kern aller Romantik ist eine Mischung von Verinnerli- 
chung und Phantasie. Die Freude am Phantastischen ist nament- 
Hch eine Eigenschaft südlicher Völker, deshalb tragen so viele 
Werke spanischer und italienischer Romantiker — Calderons, 
Cervantes' — Pulcis, Bojardos, Ariostos — das Gepräge dieser 
Lust am Abenteuerlichen. Der Sinn für Phantastik ist aber nicht 
auf den Süden beschränkt. Auch die Franzosen und die Kelten be- 
sitzen ihn, davon zeugen die auf den Karolinger- und Artussagen 
beruhenden Epen^), Die Epen der genannten italienischen Re- 
naissancedichter sind sogar eine dichterische Gestaltung der fran- 
zösischen und keltischen Sagenstoffe. In Deutschland erhielt sich 
die Romantik der französischen Sagen in den Volksbüchern ; es ist 
kein Zufall, dasz der einzige Dichter der Frühromantik, der einen 
ausgeprägten Sinn für das Phantastische besasz und dessen dra- 
matische Komödiensatiren mit so groszer Freude die gemeine 
Wirklichkeit verspotten, zweimal den Stoff zu seinen Dichtungen 
aus den Volksbüchern geschöpft hat^). 

^) Vgl. Walter Pater, Appreciations with an essay on Stile 1920, Seite 243. 

2) Wie sehr Verinnerlich ung ein Element auch dieser Poesie ist, beweist Prof. Frant- 
zen imNeophilologus vom 1 . Mai 1 922, der im Chevalier de la Charrette von Chretien de 
TroyeseineSteigerungdesLiebesgefühls nachweist, ähnlichderinKätchenvonHeilbronn. 

^) Tieck in den Heymonskindern und in der Liebesgeschichte der schönen Magelone 
und des Grafen Peter von Provence. 



2 ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

Da aber die grosze romantische Strömung, die vom Mittelalter 
bis zur Neuzeit durch die europäische Literatur flieszt, vorwie- 
gend aus dem Bedürfnis nach Verinnerlichung hervorgegangen ist, 
und da es das Ziel dieser Betrachtung ist, die verwandten Gefühle 
aufzudecken, welche die aus dieser Gefühlsrichtung zu verschiede- 
nen Zeiten hervorgegangenen Dichtungen verbindet, so wird von 
vornherein die vorvviegend phantastische Romantik aus dieser 
Besprt :hung ausgeschlossen oder nur flüchtig berührt werden. 

Dra nal regte sich in der Geschichte der europäischen Litera- 
tur die Romantik so kräftig, dasz man von einer romantischen Pe- 
riode sprechen kann: im Mittelalter, um 1800, in der zweiten 
Hälfte des 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Das erste Mal 
hatte Frankreich, das zweite Mal Deutschland die führende Stelle, 
das dritte Mal verbreitete sie sich von England aus. 

Weil die Romantik um 1 800 in viel höherem Grade als die frü- 
here und die spätere Strömung eine Kulturbewegung gewesen ist, 
gebührt Deutschland in einer Besprechung der europäischen Ro- 
mantik die erste Stelle. Die Provence aber ist die Heimat der mit- 
telalterlichen Poesie der Verinnerlichung. Und weil der deutsche 
Älinnesang nur ein Widerhall der südfranzösischen Liebeslyrik ist, 
wird die Besprechung der Poesie der Troubadours aus dem dritten 
Kapitel vorweggenommen und die mittelalterliche romantische 
Poesie der beiden Länder im Zusammenhang besprochen werden. 

Die höfische Lyrik stammt, was die literarische Form, Motive, 
Stil, Technik betrifft, aus der gelehrten Schule. Ihre Schöpferwa- 
ren Kleriker oder gelehrte Jongleurs und Trouveres, die auch la- 
teinisch dichteten und die aus der lateinischen Poesie stammende 
durch jahrhundertelange Übung ausgebildete Technik auf die ro- 
manische Lyrik übertrugen^). 

Während aber die Liebeslyrik der Vaganten der reine, durch 
keine gesellschaftlichen und sittlichen Schranken gehemmte, 
durch keine höhere Geistigkeit geadelte Naturtrieb ist^), so ist 
der Inhalt schon der ersten höfischen Minnelieder eine Mischung 
von sinnlicher und geistiger Liebe. 

Da zwischen der Poesie der Araber und den Liedern der Trou- 

^) Prof. Frantzen, Über den Einflusz der mittellateinischen Literatur auf die fran- 
zösische und deutsche Poesie des Mittelalters, Neophilologus IV, Seite 365, vgl. Sal- 
verda de Grave, Neophilologus III, Seite 247 ff, 

*) Prof. Frantzen, Zur Vagantendichtung, Neophilologus V, Seite 68. 



ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 3 

badours eine auffallende Motiv- und Gefühlsverwandtschaft be- 
steht^), und der Einflusz der Provence auf die arabische Dichtung 
durch das frühere Datum der Institution des Hofdichters in Spa- 
nien ausgeschlossen ist^), musz angenommen werden, dasz die 
provenzalische Minnelyrik sich unter dem Einflusz der arabischen 
entwickelt hat^). Dem Spiritualismus der Christusreligion und 
der Mystik ist es zuzuschreiben, dasz das geistige Element in der 
mittelalterlichen Liebeslyrik immer bedeutender wird, dasz es bei 
den spätesten Troubadours so sehr vorherrscht, dasz es die Sinn- 
lichkeit zum gröszten Teil, manchmal sogar ganz verdrängt*). 

Die immer wachsende Vergeistigung der christlichen Religion, 
die zu einer lebendigen Kraft heranwuchs, drang auch in die Ge- 
müter der auszerhalb der kirchlichen Welt Stehenden ein ; den hö- 
fischen Kreisen erklang es wie eine wunderbare Kunde, dasz der 
Mann in einer hohen und edlen Frau ihre Seele und ihre geistigen 
und sittlichen Vorzüge verehre und liebe. 

Von dem Zusammenhang zwischen Mystik und Minnelyrik sagt 
Wechssler^) : 

„In den Jahren 1020-30 traten in Frankreich die beiden gröszten 
Mystiker des 1 1 . Jahrhunderts hervor: Bernhard von Clairvaux 
und Hugo von St. Victor. Wenig früher blühten die ältesten 
Troubadours, von denen wir Werke besitzen, Wilhelm IX von 
Poitou und Cercalmon. Kurz nachher, seit den dreisziger Jahren 
und gegen die Mitte des Jahrhunderts sangen die ersten groszen 
Dichter, deren Lieder mystische Züge und mystische Stimmung 
aufweisen: Jaufre Rudel, Bernhard von Ventadour und Peter 
Rogier. Zwischen dem ersten und zweiten Kreuzzug (1099 — 
1 1 47) , in diesem Zeitraum einer erstaunlichen geistigen und wirt- 
schaftlichen Regsamkeit, wurde die älteste populäre Mystik des 
Mittelalters und unmittelbar darauf das Minnelied in seiner klas- 
sischen Vollendung geboren. Dieses Zusammentreffen war kein 
Zufall ; aus der auf die Mystik gestellten Zeitbildung holten sich 
die höfischen Lyriker die Kraft zu dem himmelanstrebenden Flug 
ihrer Minne". 



*) Vgl. Singer, Arabische und europäische Poesie im Mittelalter. Abhandlungen 
der preuszischen Akademie der Wissenschaften 1918. 
^) Einzelausgabe, Seite 15. ^) Einzelausgabe, Seite 14. 
*) Wechssler, das Kulturproblem des Minnesangs I, Seite 219, 220, 243. 
') Wechssler, Das Kulturproblem des Minnesangs I, Seite 243. 



4 ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

Mystik ist das Hinausstreben der Seele aus dem Endlichen 
und ihr Aufgehen im Unendlichen durch die Kraft ekstatischer 

Liebei). 

Die psychopathische Forschung hat nachgewiesen, wie sehr 
sich religiöse und sexuelle Erotik auf den Höhepunkten ihres psy- 
chologischen Verlaufes gleichen. „Es unterliegt keinem Zweifel", 
sagt August Forel, „dasz dieheiszen, schwärmerischen Sympathie- 
gefülile, aus denen z. T. unsre Religion heraus geboren wurde, 
femer die heilige Inbrunst, die Wonnen der Andacht, der Verzük- 
kung und Ekstase. . . . mögen sie auch Gott, Christus, die Jung- 
frau Maria, die Heihgen zum Gegenstand haben, nichts destowe- 
niger vielfach in erotischen Gefühlen wurzeln oder geradezu deren 
Transformation darstellen^). Und so erklärt es sich, dasz von 
Bernhard von Clairvaux an die Poesie der Mystiker zu religiöser 
Erotik geworden ist"^). 

Zieht die Mystik das rehgiöse Gefühl herab, der irdischen Liebe 
verleiht sie eine gewisse Weihe. Und so sehr vergeistigten die bei- 
den religiösen Strömungen den Frauensänger, dasz er in der 
Herrin eine Heilige anbetete^), sie als ein Wunderwerk der 
Schöpfung betrachtete, dessen unaussprechliche Schönheit Got- 
tes eigne Schönheit wiederstrahle^) . Er legte ihr Attribute bei, 
die nur der Gottesmutter eignen^), oder er setzte sie der Göttin 
der Minne und der Schönheit gleich"^). 

Aber erst recht wurde die Liebe des Frauensängers zur mysti- 
schen Liebe, wenn die Herrin gestorben war, oder der Dichter 
sich die noch Lebende als Verklärte, als Engel neben Gottes 
Thron dachte. Dann läuterte sich sein Gefühl zu einer Seelenliebe, 
die sich dem platonischen Begriff des Eros, als einer blosz geis- 
tigen Liebe, nähert. 

Heinrich von Morungen ist der einzige deutsche Minnesänger, 
in dessen Poesie sich die Verbindung von Liebe und Tod findet. 
Die Vergeistigung der Liebe bedeutete für ihn, wie für jeden Min- 
nesänger, der wirklich Dichter war, dessen Lieder aus einem in- 
neren Erlebnis hervorgingen, dessen Liebes Werbung keine poeti- 
sche Fiktion, keine offizielle Huldigung war, eine Linderung des 
Schmerzes, der ihm notwendig aus seiner gesellschaftlichen Stel- 



1) Wechssler, Seite 243. *) Wechssler, Seite 248. ^) Wechssler, Seite 249. 
«) Wechssler, Seite 282. &) Wechssler, Seite 278. «) Wechssler, Seite 303 f. 
') Wechssler, Seite 307. 



ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 5 

lung, aus dem eigentümlichen Verhältnis zu der Herrin, erwach- 
sen muszte. 

Heinrich von Morungen geht in der Verklärung der Liebe noch 
einen Schritt weiter als die zeitgenössischen Sänger. Denn er 
denkt sich nicht nur die Herrin, sondern auch sich selbst als ge- 
storben, wodurch es ihm möglich wird, die höchste Vergeistigung 
der Liebe, die Liebe zwischen zwei Seelen, zu besingen^). 

Zu einer solchen Seelenliebe, die in ihrer Reinheit der göttli- 
chen Liebe verwandt ist, schwingt sich auch bei Plato der Mensch 
erst nach dem Tode auf 2) ; nur einem Philosophen wie Sokrates 
war es gegeben, schon im Leben dieser geistigen Liebe teilhaft zu 
werden^) . 

Und so finden wir den Frauendienst zum Frauenkult und end- 
lich zu einer eigenartigen höfischen Religion vergeistigt. Mit der 
Kirchenlehre bildete sie einen Gegensatz, den auszugleichen den 
französischen und deutschen Dichtern nicht gelang. Erst Dante 
überbrückte diese Kluft ; ihm wurde die Geliebte zur Vermittlerin 
der Gottheit. 

In Deutschland aber war der feinen, ritterlichen Kunst des 
Minnesangs eine Weiterentwickelung versagt. Sie artete aus in 
die handwerksmäszig betriebene bürgerliche Kunst der Meister- 
sänger. 

Aus der altchristlich-orientalischen Mystik, deren Spuren schon 
in der deutschen geistlichen Literatur des 1 1 . Jahrhunderts zu 
erkennen sind, entwickelte sich im Anschlusz an die französische 
Schule des Heiligen Bernhard und an die scholastischen Speku- 
lationen die grosze deutsch-niederländische Literaturströmung, 
die von Eckhart bis Tauler, Suso, Mersewin, Hadewijch, Ruys- 
broec, Thomas ä Kempis reichte, durch Parazelsus hindurch 
im 17. Jahrhundert mit Böhme, Angelus Silesius wieder auflebte 
und schlieszlich in den Pietismus des 1 8. Jahrhunderts ausmün- 
dete. Erst da wurde diese religiöse Strömung weiteren Kreisen 
zugänglich. Klopstock gestaltete die pietistische Stimmung der 
rehgiösen Empfindsamkeit in seiner Poesie. Sein Epos, „Der Mes- 
, Sias", ist die erste Dichtung in der deutschen Literatur, in welcher 



^) Minnesangs Frühling, Seite 147, Zeile 4 — 16. 

2) Nicht ausgesprochen, nur angedeutet am Schlusz des Gesprächs zwischen Sokra- 
tes und der Diotima im Symposion. 

^) Rede des Alkibiades auf Sokrates im Symposion. 



6 ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

die Sprache des Dichters, weil sie, aus seinem Gemüt hervorge- 
gangen, der Ausdruck seiner PersönHchkeit ist. Durch diese Ver- 
innerhchung — ein Ausflusz der Mystik — ist Klopstock der erste 
Vorläufer der zweiten groszen romantischen Strömung; zum 
zweiten Mal ist Mystik eins der Elemente, aus denen sich die ro- 
mantische Poesie entwickelt. 

Neben Klopstock weist auch Lessing, der Feind des verknöcher- 
ten Formalismus^), aber namentlich Herder auf eine nicht mehr 
weit entfernte romantische Bewegung hin. Sowohl durch die geni- 
ale Weise, wie er sich in die Stimmungen fremder Dichter, auch 
femer Zeiten, einfühlen und ihre Poesie übersetzen konnte, wie 
durch seine hohe Wertschätzung der Volkspoesie aller Länder, 
weiter durch die Verherrlichung Homers und Shakespeares, 
schlieszlich durch seine historische Auffassung der Literatur, der 
Kunst überhaupt ist Herder so recht der Vorläufer der beiden 
Schlegel, namentlich des älteren Bruders. Die genialen Überset- 
zungen August Wilhelms, namentlich seine Shakespeare-Überset- 
zung, sowie die niemals auf vorgefaszten Meinungen beruhende, 
immer in den Geist der Dichtung eindringende Kritik der beiden 
Brüder, sind aus Herders geistigen Bestrebungen hervorgegangen 
und die Verwirklichung seiner Ideale. 

Herder übertrug seine Gedanken und Gefühle, die z. T. auf 
Rousseau und auf englische Vorläufer der Romantik zurückge- 
hen, dem jungen Goethe. Namentlich in „Götz von Berlichingen" 
und in den „Leiden des jungen Werther's", den beiden typischen 
Vertretern des Sturm und Drang, treten uns Lieblingsideen Herders 
entgegen. Da Goethe aber auch unmittelbar von Rousseau beein- 
fluszt wurde, könnten ihm z. B. der Gedanke, dasz es für den 
Menschen notwendig sei, zur Natur zurückzukehren, das Gefühl 
für menschliche Gleichheit, die Verherrlichung der Liebe auch 
ohne Herders Vermittelung gekommen sein. Die „romantische Lie- 
besraserei" in „Werther" stammt, wie E. Schmidt in „Richardson, 
Rousseau undGoethe"^) nachgewiesen hat, aus der „Nouvelle He- 
loise", und zwar aus dem ersten Teil des Romans, der nicht auf der 
Liebe zu der Gräfin d'Houdetot, sondern auf einer kurzen Jugend- 
liebe beruht. Bezeichnend für die empfindsame Zeit ist auch die 
Schwärmerei für Klopstock, in der Werthers und Lottes Seelen 
sich finden. 

^) Coellea, Neuromantik, Seite 41. «) Seite 87, 157 ff. 



ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 7 

Im Hinblick auf die englische Romantik musz Bürger, der Leh- 
rer A. W. Schlegels, namentlich wegen seiner Meisterballade „Le- 
nore", die von Scott und andern übersetzt wurde, als ein zu der 
Romantik hinüberführender Dichter genannt werden, während 
für die holländische Romantik eine der vielen Nachahmungen 
von „Werthers Leiden", Millers „Siegwart, eine Klostergeschichte" 
in Betracht kommt. Millers Roman trägt nicht die groszen klassi- 
schen Züge des Originals, wohl aber hat der Verfasser Gr^ethes 
Jugendwerk in kleineren Motiven kopiert ; in manchen An.>chau- 
ungen geht er auf den Göttinger Dichterkreis zurück^). 

Hermann Gschwind nennt in „Die ethischen Neuerungen der 
Frühromantik"2),in denen er zu zeigen sucht, wie die Moral der 
Stürmer und Dränger zu der Moral der Frühromantik hinüber- 
führt, Heinse das Bindeglied zwischen den beiden Strömungen, 
wegen seiner Verherrlichung des Macht weibes und des Genies. 
Walzel hat zuerst darauf hingewiesen, dasz Fr. H. Jacobi ein Ver- 
mittler beider Richtungen und der nächste Vorläufer der Schlegel 
ist. Seine Romane, „Aus Edward Alwills Papieren" und „Wolde- 
mar" sind Nachahmungen „Werthers", gehören aber doch schon 
der romantischen Periode^) an. 

Von einer romantischen Periode im engeren Sinn ist aber erst 
die Rede nach dem Jahre 1798, in welchem die Zeitschrift der 
Schlegel, das „Athenäum" ans Licht trat. Wenn man die sechs 
Bände, die bis 1800 erschienen, durchblättert, so fällt auf den 
ersten Blick die grosze dem Fragment eingeräumte Seitenzahl 
auf. JoeP) erklärt die Beliebtheit des kurzen Ausspruchs daraus, 
dasz Romantik Unendlichkeitsdrang sei, Unendliches sich aber 
nicht ausdrücken, nur andeuten lasse. Ein zweiter Grund dieser 
Bevorzugung liegt wohl darin, dasz bei den Frühromantikern das 
Gefühl stärker war als die schöpferische Phantasie, dasz f olghch die 
Gestaltungskraft schwand, sobald das Gefühl verblaszte. Auch 
fehlte es ihnen — mit Ausnahme von A. W. Schlegel, dem gebo- 
renen Sprach- und Formenkünstler — an Formensinn . Diese schnel- 
len, genialen Apergus ermöglichten es ihnen, eine aufblitzende 
Idee festzuhalten, ohne genötigt zu sein, sie auszuarbeiten. Fr. 



1) E. Schmidt, Richardson, Rousseau, Goethe, Seite 313. ^) Seite 5 ff. 
3) Gschwind führt diese Ansicht Walzels an in Den ethischen Neuerungen der Früh- 
romantik, Seite 31, 32. 

*) Joel, Nietzsche und die Romantik, Seite 18. 



8 ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

Schlegel sucht das Fragment zu heben, indem er betont, dasz es 
ein Kunstwerk sei^). 

Das ,, Athenäum" ist eine Haupt quelle für das Verständnis der 
Frühromantik. Die junge Schule spricht in dieser Zeitschrift ihre 
Gedanken über Leben, Kunst, Philosophie und Ethik aus. Wie 
schon erwähnt wurde, beruhen die Anschauungen der frühroman- 
tischen Dichter im Keim auf den Sturm- und-Drangideen ; nur wer- 
den diese logisch weiter geführt und philosophisch begründet. In 
der Auffassung der Kunst als ein bewusztes Schaffen weicht die 
Romantik aber wesentHch von jenen Vorgängern ab^). 

An erster Stelle verlangen ihre Jünger von dem Menschen die 
Ausprägung seiner Individualität, vor allem aber Bildung. 

„Dein Ziel ist die Kunst und die Wissenschaft, dein Leben Liebe 
und Bildung. Du bist ohne es zu wissen auf dem Weg zur Religion. 
Erkenne es und du bist sicher, das Ziel zu erreichen", sagt Schleier- 
macher^). Und Fr. Schlegel: „Jeder gute Mensch wird immer mehr 
imd mehr Gott. Gott werden, Mensch sein, sich bilden, sind Aus- 
drücke, die einerlei bedeuten"*). 

„Jeder ungebildete Mensch ist die Karikatur von sich selbst^)". 
Die jungen Dichter fühlen sich als die Aristokraten des Geistes 
im Gegensatz zu den Philistern, die sie hassen. 

„Der revolutionäre Wunsch, das Reich Gottes zu realisieren ist 
der elastische Punkt der progressiven Bildung und der Anfang 
der modernen Geschichte. Was in keiner Beziehung auf das Reich 
Gottes steht, ist in ihr nur Nebensache"^). Bildung ist ihnen Reli- 
gion. 

Dementsprechend wollen sie den Kampf für die Sittlichkeit — 
aber gegen die Sitte. Schleiermacher spricht Gedanken über Frau- 
enemanzipation und Ehe aus, die jetzt wieder als richtig empfun- 
den werden') . 

In der Kunst streben sie nach einer Synthese aller Künste, dar- 
in sind sie die Vorläufer R. Wagners. Ihr Ideal ist aber noch wei- 
ter : es schwebt ihnen die Synthese aller Künste und Wissenschaf- 
ten vor. So ist es Fr. Schlegels Wunsch : 



^) Athenäum I, 2, Seite 54. 

*) Baader, Vorwort zu der gekürzten Ausgabe des Athenäums, Seite IV. 

») Athenäum III, 1, Seite 23. *) Athenäum I, 2, Seite 73. 

') Athenäum I, 2, Seite 17. ^) Athenäum I, 2, Seite 60. 

') Athenäum I, 2, Seite 1 09, 110, 111. 



ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 9 

Der Bildung Strahlen all in Eins zu fassen^). 

Und an einer andern Stelle heiszt es : „Je mehr die Poesie Wissen- 
schaft wird, je mehr wird sie auch Kunst" ^). Dasselbe wird in der 6. 
Strophe von Fr. Schlegels Gedicht „An Heliodora" ausgespro- 
chen^) : 

Entreisze jeder Wissenschaft das Siegel, 
Verkündge Freunden heilige Gedanken 
Und stifte allen Künsten einen Tempel, 
Ich selbst von ihrem Bund ein neu Exempel. 

In dem „Gespräch über die Poesie"^) gibt Friedrich Schlegel 
eine Übersicht der Weltliteratur bis zu seiner Zeit. Dante, Petrar- 
ca, Shakespeare, Cervantes hebt er als romantische Dichter her- 
vor und zeigt damit seine moderne, weite Auffassung des Begriffs 
Romantik. Den deutschen Dichtem gibt er den Rat, dem Vorbild 
zu folgen, das Goethe gegeben hatte. Schlegel fühlte, wie nahe 
Goethe im Innern seines Wesens der Romantik verwandt war. 

Unter Romantik versteht Fr. Schlegel eine phantasievoll ge- 
staltete Kunst der Verinnerlichung : „Romantik ist das, was einen 
sentimentalen Stoff in einer phantastischen Form darstellt", heiszt 
esindem„Brief über den Roman"^). „Das Sentimentale ist das was 
uns anspricht, wo das Gefühl herrscht und zwar nicht ein sinn- 
liches, sondern das geistige. Die Quelle und Seele aller dieser Re- 
gungen ist die Liebe und der Geist der Liebe musz in der roman- 
tischen Poesie überall unsichtbar sichtbar schweben. Es ist der 
heilige Hauch, der uns in den Tönen der Musik berührt. Er läszt 
sich nicht gewaltsam fassen und mechanisch greifen, aber er läszt 
sich freundlich locken von sterblicher Schönheit und in sie ver- 
hüllen und auch die Zauberworte der Poesie können von seiner 
Kraft durchdrungen und beseelt werden. Aber in dem Gedicht, 
wo er nicht überall ist oder überall sein könnte, ist er gewisz gar 
nicht. Er ist ein unendliches Wesen und mit nichten haftet und 
klebt sein Interesse nur an den Personen, den Begebenheiten und 



V 



^) Athenäum III, 2, Seite 236. ^) Athenäum I, 2, Seite 71, 

^) Athenäum III, 1, Seite 3. 

*) Athenäum III, 1, Seite 58—121; III, 2, Seite 169—187. 

») Athenäum III, 1, Seite 1 13 ff., vgl. Seite 120. 



10 ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

Situationen und den individuellen Neigungen; für den wahren 
Dichter ist alles dieses, so innig es auch seine Seele umschlieszen 
mag, nur Hindeutung auf das Höhere, Unendliche, Hieroglyphe 
der einen, ewigen Liebe und der heiligen Lebensfülle der bilden- 
den Natur. 

Nur die Phantasie kann das Rätsel dieser Liebe fassen und als 
Rätsel darstellen, und dieses Rätselhafte ist die Quelle des Phan- 
tastischen in der Form aller poetischen Darstellung." 

Die Liebe ist die Befriedigung der Sehnsucht. Unter Liebe ver- 
steht der Romantiker ebenso sehr die geistige Liebe, die Liebe 
zum Unendlichen, den Versuch sich Gott immer mehr zu nähern, 
wie die sinnliche Liebe des Mannes zum Weibe^) . 

„Obgleich das Romantische ein Element der Poesie schlechthin 
ist"2), so fährt Fr. Schlegel fort „ist doch der Roman vor allem ein 
romantisches Werk. Im Gegensatz zur klassischen Poesie ist in 
der Romantik wahre Geschichte das Fundament aller Dichtung, 
und diese wahre Geschichte ist ein verhülltes Selbstbekenntnis 
des Verfassers, die Quintessenz seiner Eigentümlichkeit". 

In Bezug auf den Vorwurf, das ,, Athenäum" sei unverständlich, 
spricht Fr. Schlegel sich in dem ironisch gehaltenen Auf satz „Über 
die Unverständlichkeit"^) aus. Darin erklärt er, was Ironie sei*) : 

„Sie ist die freieste aller Lizenzen, denn durch sie setzt man sich 
über sich selbst weg, und doch auch die gesetzlichste, denn sie ist 
unbedingt notwendig. Es ist ein sehr gutes Zeichen, wenn die har- 
monisch Platten gar nicht wissen, wie sie diese stete Selbstparo- 
die zu nehmen haben, den Scherz grade für Ernst und den Ernst 
für Scherz halten." 

Oder es heiszt : „Ironie ist die Form des Paradoxen. Paradox ist 
alles, was zugleich gut und grosz ist. 

Ironie ist klares Bewusztsein der ewigen Agilität, des unendlich 
vollen Chaos"^). 

„Ironie ist die Freiheit des Künstlers, der sich selbst auch über 
sein Werk zu erheben weisz, denn jedes Ideal ist ihnen noch zu 
beschränkt, so idealistisch sind sie angelegt"^). 

Und Fr. Schlegel prophezeit, dasz im 19. Jahrhundert jeder 
Mensch in der Verdauungsstunde die Fragmente mit vielem Be- 

^) Walzel, Deutsche Romantik I, 4. Auflage, Seite 23.- 

') Athenäum III, 1, Seite 123. ') Athenäum III, 2, Seite 335 — 352. 

*) Athenäum III, 2, Seite 345. •) Athenäum III, 2, Seite 345. 

') Athenäum III, 1, Seite 16. ') Joel, Nietsche und die Romantik, Seite 134. 



ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 1 1 

hagen werde genieszen können^) , und er fügt hinzu : „eine klassi- 
sche Schrift musz nie ganz verstanden werden können. Aber die, 
welche gebildet sind und sich bilden, müssen immer mehr daraus 
lernen wollen"^). 

In der „Rede über die Mythologie"^) wünscht Fr. Schlegel sich 
eine neue Mythologie, die aus der tiefsten Tiefe des Geistes her- 
ausgebildet, ein hieroglyphischer Ausdruck der umgebenden Na- 
tur in der Verklärung von Phantasie und Liebe sein soll. Eine sol- 
che Mythologie ist ein Kunstwerk der Natur. In ihrem Gewebe 
ist das Höchste wirklich gebildet, alles ist Beziehung und Ver- 
wandlung, angebildet und umgebildet, und dieses Anbilden und 
Umbilden eben ihr eigentümliches Verfahren, ihr inneres Leben, 
ihre Methode*). 

„Sie soll", sagt WalzeP), „dem Bedürfnis nach Symbolisierung 
des Übersinnlichen entgegenkommen, sie ist eine Reaktion gegen 
das Vordringen mechanischer Weltanschauung". 

Diese Mythologie, nach der Fr. Schlegel sich vergebens sehnte, 
fanden die dänischen Romantiker in den Sagen der nordischen 
Heldenzeit, die sie zu neuem Leben erweckten. 

Diese Rede weist auch auf den Orient als eine bedeutende 
Quelle der Romantik hin^). Im Orient müssen wir das höchste 
Romantische suchen. „Und wenn wir erst aus der Quelle schöpfen 
können, so wird uns vielleicht der Anschein von südlicher Glut, 
der uns jetzt in der spanischen Poesie so reizend ist, wieder nur 
abendländisch und sparsam erscheinen. 

Überhaupt musz man auf mehr als einem Wege zum Ziele 
dringen können. Jeder gehe ganz den seinigen, mit froher Zuver- 
sicht, auf die individuellste Weise, denn der eigentliche Wert, ja 
die Tugend des Menschen ist seine Originalität." 

Originell im höchsten Sinn ist Novalis*^), aber auch der geistig 
weit weniger bedeutende Wackenroder, der in Tieck den Roman- 
tiker erweckte. 

Schon in seinen Jugendwerken zeigt Tieck das Talent, Stim- 
mung zu schaffen. 



*) Athenäum III, 2, Seite 349. *) Athenäum III, 2, Seite 350. 

») Athenäum III, 1, Seite 94 ff. *) Athenäum III, 1, Seite 101, 102. 

^) Leben, Erleben, Dichten, Seite 57. ^) Leben, Erleben, Dichten. Seite 100. 

') Von Novalis erschienen im Athenäum die unter dem Titel Blütenstaub zusam- 
mengefaszten Fragmente I, 1, Seite 56 — 107 und die Hymnen an die Nacht III, 2, 
Seite 188—204. 



12 ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

Bezeichnend für den späteren Stimmiingskünstler ist es, dasz 
er z. B. in seinem durch Schillers Sturm und Drangstücke angereg- 
ten „Alamoddin" statt durch die leidenschaftliche Sprache seiner 
Vorbilder, durch Stimmungsmalerei zu wirken sucht. In seinen er- 
sten Werken schildert er seine Seelenerlebnisse, seine innere Gä- 
rung, die Selbstzerrüttung durch Reflexion, das Grauen vor dem 
Leid. Zum Sänger der mondbcglänzten Zaubernacht wird er erst 
durch Wackenroders Einflusz. 

Die beiden besuchten 1793 von Erlangen aus zusammen Nürn- 
berg,Bamberg und Dresden. Den Ausflusz ihrer Gespräche über die 
Kunst Dürers und Rafaels legte Wackenroder in den „Herzenser- 
gieszungen eines kunstliebenden Klosterbruders" nieder. Was nach 
Wackenroders Tod noch nicht veröffentlicht war, hat Tieck umge- 
arbeitet in den „Phantasien über die Kunst für Freunde der 
Kunst". 

Das Muster der „Herzensergieszungen" sind die Künstlerbiogra- 
phien Vasaris. Wackenroder nimmt die auf Young und Herder zu- 
rückgehenden Ideen herüber, dasz jede Kunst die Äuszerung 
eines bestimmten Volkes zu einer bestimmten Zeit sei^). Daraus 
geht hervor, dasz man Dürer Rafael nicht unterordnen dürfe, 
dasz die Kunst beider Maler sich als eine geniale Äuszerung einer 
verschiedenen Zeit ebenbürtig sei^). 

Auch in der Verherrlichung des Mittelalters geht Wackenroder 
auf den Sturm und Drang zurück — man denke an Goethes Ge- 
fühle beim Anblick des Straszburger Münsters ; dagegen teilt er 
die Ansicht, dasz die Kunst nur um der Kunst willen da sei^), die 
Überzeugung, dasz Kunst mehr als Wissenschaft*) , Fühlen mehr 
als Denken sei^), mit romantischen Dichtern, mit deren Poesie 
ihn auch die Verwendung des Traummotivs^) in seiner Dichtung 
verbindet. 

Die Kunst, die höchste Äuszerung menschlicher Vollendung, ist 
dem Dichter heilig, in frommer Stimmung betrachtet er ein Ge- 
mälde, voller Andacht hört er Musik. Diese ist ihm die höchste 
aller Künste. Wie im Kapellmeister Kreisler E. Th. A. Hoffmann 



^) Wackenroder, Werke und Briefe Band I, Seite 46. '^) Seite 60. 

3) Seite 146, 147. «) Seite 64, 69. '^) Seite 187. 

•) Seite 52 — 63, 91 — 105. Vgl. Wackenroders Auffassung, dasz es weder die Absicht 
des Künstlers sein soll, sich Ruhm zu erwerben, noch auf andre einzuwirken mit der- 
selben Äuszerxmg D. G. Rossettis in Hand and Soul. 



ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 13 

steckt, SO birgt sich Wackenroder hinter J. BerHnger. Wie dieser 
kannte der junge Dichter — kannte auch Tieck — die bittere 
MiszheUigkeit zwischen einem angeborenen ästhetischen Enthusi- 
asmus und dem den Menschen aus seinen Schwärmereien mit Ge- 
walt herabziehenden Leben^), wie BergUnger war Wackenroder, 
waren vielleicht alle Dichter der Frühromantik mehr dazu ge- 
schaffen, Kunst zu genieszen als Kunst auszuüben^). Und in bit- 
terer Entsagung, im schmerzlichen Gefühl, dasz er, der Immer- 
begeisterte, als Künstler wohl berufen, aber nicht auserwählt sei, 
preist er die Schöpfungskraft als etwas noch Wundervolleres, 
noch Göttlicheres als die von den romantischen Dichtern so hoch 
erhobene Phantasie^) . 

In dem Aufsatz „Die Farben" *) spricht Tieck von der Mög- 
lichkeit, dasz Ton, Linie und Farbe in einander dringen könnten. 
In dieser Synthese der Künste hätten wir die Kunst als Gegen- 
stück zur Natur, als höchst verschönerte Natur, von unsrer rein- 
sten und höchsten Empfindung eingefaszt, vor uns. Auch in dem 
Aufsatz „Die Töne" sucht er fortwährend Parallelen zwischen 
Farbe und Ton zu ziehen^). 

Praktisch ging auch ihm, wohl durch Wackenroders Beeinflus- 
sung, der Ton über alles : als Lyriker suchte er musikalisch zu ge- 
stalten. Und so entstand seine Stimmungskunst der in süszen Tö- 
nen denkenden Liebe, eine Dichtung, gegenstandlos wie Musik, 
nur bemüht einen Gemütszustand wachzurufen, der äuszerste Ge- 
gensatz zu einer plastischen Dichtung, gegenständlich wie die 
bildende Kunst^). In dieser romantischen Stimmungskunst ist 
Tieck ein Meister, darin liegt seine Bedeutung als romantischer 
Dichter. Im Hinblick auf die dänische Literatur müssen seine sa- 
tirischen Komödien erwähnt werden, worin er namentlich die 
nüchterne Literatur der Aufklärung verspottet. 

Zweimal war esTiecks Schicksal, das Werk eines Dichters, dessen 
Kunstgefühl tiefer war als das seine, weiterzuführen. Das zweite Mal 
war dieses Werk der Roman seines verstorbenen Freundes Novalis. 

Friedrich von Hardenberg stammt aus einem religiösen, frän- 
kischen Adelsgeschlecht. Sein Vater, der ein weltliches Leben 
führte, änderte dies ganz als seine junge Frau den Blattern erlag; 



^) Wackenroder, Werke und Briefe Band I, Seite 131. 

2) Seite 150. 3) Seite 150, 151. •») Seite 263 ff. s) Seite 295. 

®) Walzel, Wechselseitige Erhellung der Künste, Seite 76. 



14 ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

er sah in ihrem Tode eine Strafe Gottes, der rehgiöse Eifer er- 
wachte in ihm und er bheb sein ganzes Leben ein frommer Mensch. 

Als der junge Hardenberg aus diesem herrnhuttisch frommen, 
aller Geselligkeit fremden Hause als Student nach Jena ging, 
lernte er da Kants und Schillers Philosophie, aber zugleicherzeit 
die irdischen Freuden des Lebens kennen. 1791 ging er nach Leip- 
zig und schlosz da die bedeutendste Freundschaft seines ganzen 
Lebens, die mit Fr. Schlegel^). 

Dieser charakterisiert Novalis und sich in einem Brief an seinen 
Bruder^) : 

.... „Das Schicksal hat einen jungen Mann in meine Hand ge- 
geben, aus dem alles werden kann. Er gefiel mir sehr wohl und 
ich kam ihm entgegen, da er mir denn bald das Heiligtum seines 
Herzens weit öffnete. Darin habe ich nun meinen Sitz aufgeschla- 
gen und forsche. — Ein noch sehr junger Mensch, von schlanker, 
guter Bildung, sehr feinem Gesicht mit schwarzen Augen, von 
herrlichem Ausdruck, wenn er mit Feuer von etwas Schönem re- 
det, unbeschreiblich viel Feuer — er redet dreimal mehr und drei- 
mal schneller wie wir andre — die schnellste Fassungskraft und 
Empfänglichkeit. Das Studium der Philosophie hat ihm üppige 
Leichtigkeit gegeben, schöne philosophische Gedanken zu bilden 
— er geht nicht auf das Wahre, sondern auf das Schöne — seine 
Lieblingsschriftsteller sind Plato und Hemsterhuys — mit wildem 
Feuer trug er mir einen der ersten Abende seine Meinung vor — 
es sei gar nichts Böses in der Welt und alles nahe sich wieder dem 
goldenen Zeitalter. Nie sah ich so die Heiterkeit der Jugend. Seine 
Empfindung hat eine gewisse Keuschheit, die ihren Grund in der 
Seele hat, nicht in Unerfahrenheit. — Er ist sehr fröhlich, sehr weich 
und nimmt für jetzt noch jede Form an, die ihm aufgedrückt wird. 

Die schöne Heiterkeit seines Geistes drückt er selbst am besten 
aus, da er in einem Gedicht sagt, die Natur hätte ihm gegeben, 
immer freundlich himmelwärts zu schauen. Dieses Gedicht ist 
ein Sonett, welches er an Dich gemacht, weil er Deine Gedichte 
sehr liebt. Ich habe seine Werke durchgesehen: die äuszerste Un- 
reife der Sprache und Versifikation, beständige unruhige Ab- 
schweifungen von dem eigentlichen Gegenstand, zu groszes Masz 



^) Bing, Novalis, Seite 11. 

*) Meisterbriefe aus der Frühzeit der Romantik, bearbeitet von J. Fränkel, Seite 6. 



ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 15 

der Länge und üppiger Überflusz an halbvollendeten Bildern, so 
wie beim Übergang des Chaos in Welt nach dem Ovid — verhin- 
dern mich nicht, das in ihm zu wittern, was den guten, vielleicht 
den groszen lyrischen Dichter machen kann — eine originelle und 
schöne Empfindungs weise, und Empfänglichkeit für alle Töne der 
Empfindung. Sein Name ist Hardenberg. 

Das Verhältnis mit einem jüngeren als ich gewährt mir eine neue 
Wollust, der ich mich überlasse." 

Dieser Brief macht dem Psychologen und dem Kritiker Schle- 
gel, der aber nur einige Monate älter war als sein Freund, alle Eh- 
re. Bis zuletzt hat Novalis' Stil die von Schlegel hervorgehobenen 
Eigenschaften behalten, bis zuletzt litt Novalis an zu groszer 
Empfänglichkeit . 

Was die beiden jungen Männer verband, war die Begeisterung 
für Literatur, Kunst, Philosophie, für die französische Revolu- 
tion als ein durch romantische Ideale hervorgerufenes, weltbedeu- 
tendes Ereignis. 

Was sie geistig trennte war, dasz Friedrich sich wie sein Bruder 
ganz der Literatur widmete, während Novalis Jura studierte und 
sich schlieszlich in Tennstedt unter dem Kreisamtmann Just 
auf ein Amt vorbereitete. In dieser Zeit lernte er in Grüningen 
Sophie von Kühn kennen. Er beschreibt uns das dreizehnjährige 
Mädchen als einen lustigen, reizenden Backfisch, der für seine 
Poesie gar kein Interesse besasz^) . Im März 1 795 verlobte er sich 
mit ihr. In dem Familienkreis des Herrn von Roggenthin, bei dem 
Sophie erzogen wurde, lernte er die häusliche Gemütlichkeit und 
die naive Lebensfreude kennen. 

Dichterisch verklärt hat er die in diesem Kreise herrschende 
Stimmung in der Beschreibung des Festes, wo Heinrich von Ofter- 
dingen Mathilde kennen lernt, dem Hohelied der Lebensfreude 
und des Lebensgenusses^). März 1797 aber starb Sophie, frühzei- 
tig gereift durch ihr schweres Leiden. Und wie der Vater durch den 
Tod seiner jungen Frau zum frommen Pietisten geworden war, so 
erwachte durch das Hinscheiden der Braut in dem Sohne der Mys- 
tiker. Einsam, wie noch kein Einsamer war, schaut der Dichter 



^) Novalis, Heilbom I, Seite 265; Minor II, Seite 72, 73. 

2) Novalis, Heilborn I, Seite 97 ff. ; Minor IV, S. 1 50 fif . ; vgl. Schubart, Novalis' Leben, 
Dichten, Denken, Seite 22; Gloege, Novalis' Heinrich von Ofterdingen als Ausdruck 
seiner Persönlichkeit, Seite 1 13. 



16 ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

durch dieWolken die verklärten Züge der Geliebten. „In ihren Augen 
nihte die Ewigkeit — ich faszte ihre Hände, und die Tränen wurden 
ein funkelndes, unzerreiszliches Band' ' ^) . „Wessen Mund einmal die 
krystallene Woge netzte, die gemeinen Sinnen unsichtbar, quillt in 
des Hügels dunkelm Schosz, an dessen Fusz die irdische Flut bricht, 
wer oben stand auf diesem Grenzgebirge der Welt und hinüber sah 
in das neue Land, in der Nacht Wohnsitz : wahrlich, der kehrt nicht 
in das Treiben der Welt zurück, in das Land, wo das Licht regiert 
und ewige Unruli haust. Oben baut er sich Hütten, Hütten des 
Friedens, sehnt sich und liebt, schaut hinüber, bis die willkom- 
menste aller Stunden hinunter ihn — in den Brunnen der Quelle 
zieht. Das Irdische schwimmt oben auf und wird von der Höhe 
hinabgespült, aber was heilig ward durch der Liebe Berührung, 
rinnt aufgelöst in verborgenen Gängen auf das jenseitige Gebiet, 
wo es, wie Wolken, sich mit entschlummerten Lieben mischt"^). 
Das Tagebuch, das der Dichter kurze Zeit nach Sofiens Tod an- 
fing, zeigt zwar das Bestreben, die Liebe zu der Verstorbenen auf 
dieser geistigen Höhe zu erhalten — er wünscht der Braut durch die 
Kraft seines Willens nachzusterben^), sein Tod soll Beweis für 
das Höchste sein^) ; nichts Irdisches soll ihn mehr stören^) ; „das 
Engagement war nicht für diese Welt, ich soll hier nicht vollendet 
werden"*), heiszt es. Daneben hat er aber Augenblicke, wo seine 
Liebe nicht grosz genug ist^), wo es ihm nicht gelingt, Leib und 
Seele genug von den Dingen der Welt abzulenken. Allzu häufig 
gesteht er Sinnlichkeitsgefühle, leichtsinnige Gedanken, Lüs- 
ternheit, manchmal an demselben Tage, wo der „Zielgedanke" 
ziemUch fest steht^). Und so ist Novalis' Liebe zu der Verstor- 
benen nicht der Seelenliebe vergleichbar, die Heinrich von Mo- 
rungen und die Dichter des dolce stil nuovo in ihrer Poesie ge- 
staltet haben, sondern sie besteht aus der Mischung von Religiosi- 



1) Novalis, Heilborn I, Seite 310; Minor I, Seite 16. Vgl. dazu die 13, 56 überschrie- 
bene Tagebuchstelle, Novalis, Heilborn I, Seite 274; Minor II, Seite 82. 
») Novahs, Heilborn I, Seite 310, 31 1 ; Minor I, Seite 18. 

») 26, 29 überschriebene Tagebuchstelle, Heilborn I, Seite 280; Minor II, Seite 88. 
*) 14, 88 überschriebene Tagebuchstelle, Heilborn I, Seite 285; Minor li, Seite 94. 
^) 17, 18,60,61 überschriebene Tagebuchstelle, Heilboml, Seite 276; MinorII,Seite84. 
30, 43 — 4 Mai 47, Heilborn I, Seite 271 ; Minor II, Seite 77. 
15, 89, Heilborn I, Seite 286; Minor II, Seite 94, 95. 

•) 18,31, Dienstag. Dritten Osterfeiertag Heilborn I.Seite 267; Minor II, Seite 74, 
*) Z. B. die 25, 68 überschriebeneTagebuchstelle, Heilborn I , Seite 279 ; Minor 1 1 , Sei te87 
die 7, 50 überschriebene Tagebuchstelle, Heilbornl, Seite 272; Minor II, Seite 79, u. a. 



ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 17 

tat und Sinnlichkeit, welche auch der mittelalterlichen Mystik 
eignet. 

Während aber die Erotik der religiösen Lyrik einen weltlichen 
Charakter gibt, sie herabzieht, verleiht das Ewigkeitsgefühl No- 
valis' irdischer Liebe eine religiöse Weihe. 

Novalis ist nicht der einzige Dichter der deutschen Romantik, 
in dessen Poesie sich die geheimnisvolle Verknüpfung von Liebe 
und Tod findet. Auch Heine kennt die Liebe zu einer Verstorbe- 
nen. In der ersten der „Florentinische Nächte"^) erzählt er uns, 
wie er, sieben Jahre nach dem Tode der kleinen Veronika^) sechs 
Monate ganz versunken in ihre Liebe gelebt, und wie er sich in 
dieser Zeit sorgfältig vor jeder Berührung mit der Auszenwelt ge- 
hütet habe. 

Nicht nur die Jugendgeliebte erweckt er durch die Kraft seiner 
Liebe zu neuem Leben, er weisz selbst eine Marmorstatue zu be- 
seelen. „Und nie habe ich die grauenhaft süsze Empfindung ver- 
gessen können, die meine Seele durchflutete, als die beseligende 
Kälte jener Marmorlippen meinen Mund berührte"^), so schlieszt 
der Dichter seine Erzählung. Geht Novalis' Todessehnsucht aus 
der Hoffnung auf Erfüllung des Liebesideals im Jenseits hervor, 
Heines Gefühl erwächst aus der Verzweiflung an der Erfüllung 
im Diesseits. Sein letztes Gedicht, „Für die Mouche"*), wo sich dem 
im Sarge liegenden Dichter die ihm zu Häupten wachsende Passi- 
onsblume in die Geliebte verwandelt, enthält dieses Geständnis : 

O Tod, mit deiner Grabesstille du. 
Nur du kannst uns die beste Wollust geben ; 
Den Kampf der Leidenschaft, Lust ohne Ruh 
Gibt uns für Glück das albern rohe Leben. 

Was bei Novalis aus einem, den ganzen Menschen erschüttern- 
den inneren Erlebnis hervorgewachsen war, findet bei Heine sei- 
nen Grund darin, dasz er den Gegenstand seiner Liebe so sehr ide- 
alisiert, dasz keine irdische Frau ihn mehr befriedigen kann. Die 
Liebe zu der verstorbenen Veronika ist, obgleich man ihr ein mys- 



^) Heine, Elster IV, 1. Auflage, Seite 328, 329, 330. 

") Vgl. das Buch Legrand, Elster III, Kap. 16, Seite 188; Kap. 17, Seite 189, 190; 
Kap. 19, Seite 192. 

3) Heine, Elster IV, Seite 325, 326, 327. *) Heine, Elster II, Nachlese, Seite 45. 



18 ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

tisches Element nicht absprechen darf, doch weniger hervorge- 
gangen aus der Sehnsucht ins UnendHche aufzugehen, als aus dem 
Wunsch sich in eine bessere Welt zu flüchten, wo das Ideal zur 
Wirklichkeit werden, die Liebessehnsucht ihre ungetrübte Er- 
füllung finden könnte. Heines Liebesgefühl erinnert an das des 
Minnesängers, auch diesem war die Liebe eine süsze Qual, nur im 
Traum erlebte er das höchste Glück. Doch sind diese Gefühle ver- 
schied-^n begründet: bei dem Minnesänger wird es durch den 
Druck der gesellschaftlichen Verhältnisse hervorgerufen, bei dem 
spätgD n Dichter geht es frei aus dem innersten Wesen der Ro- 
mantik hervor. 

Heines mystischer Poesie fehlt zu sehr das Gepräge des Religi- 
ösen als dasz sie Novalis' „Hymnen an die Nacht" gefühlsverwandt 
wäre. Aber auch in Novalis' Werk stehen die „Hymnen" vereinzelt 
da. Von allem, was er später geschaffen hat, weichen sie ab durch 
ihre „onstuimigheid"^). Dirk Coster führt diesen Zug auf noch un- 
besiegte Sinnlichkeit zurück, aus der auch des Dichters Mystik 
hervorgehe^), Carl Busse^) schreibt diese nicht zu Novalis* Wesen 
passende Stimmung dem Umstand zu, dasz er sich während der 
letzten Umarbeitung der „Hymnen", die er ins Jahr 1799 verlegt*), 
nicht mehr in die Gefühle des Entwurfs (1797) versetzen konnte: 
Sophie war ihm durch die Verlobung mit Julie Charpentier weiter 
gerückt. Er wollte die „Hymnen" aber beendigen und daraus eine 
romantische Dichtung machen. Dazu lautete sein eigenes Pro- 
gramm^) : 

„Ich schaffe eine romantische Dichtung, indem ich dem Gemei- 
nen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles 
Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem End- 
Uchen einen unendlichen Schein gebe. Es gehört ein tiefes poe- 
tisches Nachdenken dazu, um diese Verwandlung vorzunehmen. 
Eine gewisse Altertümlichkeit des Stils, eine leise Hindeutung 
auf Allegorie, eine gewisse Seltsamkeit und Andacht, die durch die 
Schreibart durchschimmert, dies sind einige wesentHche Züge der 
Kunst." 

Neben den „Hymnen" nehmen sich die „Geistliche Lieder" ein- 



*) *) Dirk Coster, Uren met Novalis, Seite 17. 

•) Carl Busse, Novalis' Lyrik, Seite 22, 

*) Carl Busse, Novalis' Lyrik, Seite 6 ff. 

*) Novalis, Heilborn II, 1, Seite 304; Minor III, Seite 46. 



ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 19 

fach aus^). Namentlich das fünfte^), ist ein für das ganze Volk 
bestimmtes Lied, ein Lied nach dessen Dichter man nicht mehr 
fragt^). Das vierte Lied erinnert an die dritte Hymne und an die 
entsprechende Tagebuchstelle : 

Novalis schaut Sofie an der Hand Christi. 

Zu den „Marienlieder"*) bemerkt Dilthey^), dasz die abgeschie- 
dene Braut dem Dichter jene überirdische Wirklichkeit vertreten 
habe, welche in der gnadenreichen Himmelskönigin dargestellt 
ist. Aus seinem individuellen Schicksal habe sich seine Verehrung 
Marias wie ein subjektives, mythologisches Gebilde erhoben. 
Dasz ein Besuch der Dresdener Galerie zu dieser Marienvereh- 
rung beigetragen hat, wie Busse^) vermutet, ist sehr wahrschein- 
lich. 

Sind die „Hymnen an die Nacht", die „Geistliche Lieder" und die 
„Marienlieder" die Verklärung von des Dichters Liebes- und Religi- 
onsgefühl, seine Weltauffassung hat er niedergelegt in dem unvoll- 
endeten Roman „Heinrich von Ofterdingen". 

In diesem Werk sind Poesie und Philosophie so unzertrennlich 
verbunden, dasz es, um den Dichter verstehen zu können, nötig 
ist, erst die Gedanken des Philosophen kennen zu lernen. 

Keinem romantischen Dichter ist es je um die Philosophie als 
Wissenschaft zu tun. Sie ist ihm nur das Mittel, einen gefestigten 
Standpunkt für seine Kunst zu finden. So nimmt sich auch Nova- 
lis aus Fichte, Schelling, Jacob Böhme, Hemsterhuys was ihm 
grade gefällt und kombiniert und färbt, wo er es nötig erach- 
tet'). 

Zu wiederholten Malen spricht Novalis aus, dasz die Kunst 
nicht in dem Stoff liege, sondern erst von dem Künstler hinein- 
gebracht werde^). Wie der Maler mit ganz andern Augen als der 
gemeine Mensch die sichtbaren Gegenstände sieht, so erfährt 
auch der Dichter die Begebenheiten der äuszeren und der inneren 



^) Novalis, Heilbom I, Seite 327 ff. ; Minor I, Seite 61 ff. 

') Von Boutens ins Holländische übersetzt, Carmina, Seite 85. 

') Busse, Novalis' Lyrik, Seite 129, 

*) Novalis, Heilborn I, Seite 334, 345; Minor I, Seite 84, 85, 86. 

") Dilthey, Das Erlebnis und die Dichtung, Seite 289. 

•) Busse, Novalis' Lyrik, Seite 63, 64. 

') Vgl. Havenstein, Fr. v. Hardenbergs ästhetische Weltanschauung, Seite 30. 

*) Vgl. Havenstein, Seite 31, dazu: 

Novalis, Heilbom I, Seite 238;Minor IV, Seite 34, 

Novalis, Heilbom II 1, Seite 163; Minor II, Seite 227. 



20 ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

Welt ganz anders als weniger begabte Menschen. Nirgends aber 
ist es auffallender, dasz es nur der Geist ist, der die Gegenstände, 
die Veränderungen des Stoffes poetisiert und dasz das Schöne, der 
Gegenstand der Kunst, uns nicht gegeben wird, oder in den Er- 
scheinungen schon fertig liegt, als in der Musik. Daher gibt No- 
vaHs dieser Kunst theoretisch den letzten Platz unter den Kün- 
sten^). 

Trotzdem ist Musik die am meisten beglückende Kunst. 

Sie erregt Stimmungen, und : „Stimmungen, unbestimmte Emp- 
findungen, nicht bestimmte Empfindungen und Gefühle machen 
glücklich"-). Das Leben der romantischen Seele ist Musik, das 
Wesen der Romantik ist Liebe. Das widerspricht sich nicht, beide 
fordern Harmonie, Musik und Liebe sind eines Wesens^). In die- 
sem Sinne sagt Heinrich von Ofterdingen von seiner Braut, dasz sie 
ihn in Musik auflösen werde*). Novalis denkt an die Möglichkeit, 
die höchste Unbestimmtheit, den Geist der absoluten Musik^), in 
Worten zum Ausdruck zu bringen. „Es müszte Gedichte geben 
können, blosz wohlklingend und voll schöner Worte, aber auch 
ohne allen Sinn und Zusammenhang — höchstens einzelne Stro- 
phen verständlich — wie lauter Bruchstücke aus den verschie- 
denartigsten Dingen. Höchstens kann wahre Poesie einen allego- 
rischen Sinn im Groszen haben und eine indirekte Wirkung, wie 
Musik tun"^). Wie hier auf eine Synthese der Dicht- und der Ton- 
kunst weist Novalis auf eine Synthese aller Künste hin^), wenn 
ihm, wie Richard Wagner, die vollkommene Oper als eine freie 
Vereinigung aller Künste, als die höchste Stufe des Dramas vor- 
schwebt; mit Fr. Schlegel geht er über Wagner hinaus in dem 
Traum einer Synthese aller Künste und Wissenschaften^). 

Die Augenblicke, in denen der Künstler schafft, sind Augen- 
blicke der Ekstase, wo Schauen, Hören, Fühlen Eins ist; in diesen 



») Novalis, Heilborn I, Seite 23; Minor IV, Seite 72, 73. Dichtkunst steht über 
Malerei und Tonkunst. 

Novalis, Heilborall, 1, Seite 164, 165; Minorll, Seite 227, 228, 229. Die Malerei steht 
über der Tonkunst. 

*) Novalis, Heilbom II, 1, Seite 154; Minor II, Seite 237. 

•) Joel, Nietzsche und die Romantik, Seite 37, 38. 

•) Novalis, Heilbom I, Seite 107; Minor IV, Seite 161. 

') Novalis, Heilborn II, 1, Seite 353; Minor III, Seite 298. 

«) Novalis, Heilbom II, 1, Seite 279; Minor II, Seite 308. 

') Novalis, Heilbora'II, 1, Seite 88; Minor II, Seite 304. 

*) Schubart, Novalis' Leben, Dichten und Denken, Seite 335. 



ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 21 

mystischen Momenten, in denen das Gefühl der Unendlichkeit, 
der Ewigkeit den Schaffenden berührt, fühlt dieser sein wahrhaf- 
testes, eigenstes Leben^). Daraus geht hervor, dasz der Sinn für 
Poesie viel mit dem Sinn für Mystik gemein hat 2) . Dichter und 
Priester waren denn auch im Anfang Eins, erst spätere Zeiten 
haben sie getrennt. Der echte Dichter ist aber immer Priester, wie 
alle absolute Empfindung religiös ist^) . 

Fr. Schlegel gestaltet wohl einen Gedanken Novalis', wenn er 
sagt: „Wenn jedes unendliche Individuum Gott ist, so gibt es so 
viele Götter als Ideale. Auch ist das Verhältnis des wahren Künst- 
lers und des wahren Menschen zu seinen Idealen durchaus Religi- 
on. Wem dieser innere Gottesdienst Ziel und Geschäft des ganzen 
Lebens ist, der ist Priester, und so kann und soll es jeder werden"*). 

„Poesie ist Darstellung des Gemüts, der inneren Welt in ihrer 
Gesamtheit " ^) . Auch diesen Gedanken führt Fr. Schlegel weiter aus : 
„Die eigentliche Lebenskraft der inneren Schönheit und Vollen- 
dung ist das Gemüt. Gemüt ist die Poesie der erhabenen Ver- 
nunft und durch Vereinigung mit Philosophie und sittlicher Er- 
fahrung entspringt aus ihm die namenlose Kunst, welche das ver- 
worrene flüchtige Leben ergreif t und zur ewigen Einheit büdet"^). 

„Der Dichter, der Künstler ist allwissend, er ist eine wirkliche 
Welt im Kleinen'"^). Denn obgleich jeder Mensch in jeder Minute 
dichtet und trachtet, obgleich jedermann im geringen Grad schon 
Künstler ist^), so steht doch der Dichter, der wirkliche Künstler auf 
dem Menschen, wie die Statue auf dem PiedestalP), er ist durch- 
aus transzendental, er versteht die Natur besser als der wissen- 
schaftliche Kopf^^). Je gröszer er ist, desto philosophischer ist er^^), 
desto weniger Freiheiten erlaubt er sich. 

Die Philosophie lehrt uns den Wert der Poesie kennen, sie ist 
die Theorie der Poesie, sie zeigt uns, dasz die Poesie Eins und al- 



*) Novalis, Heilborn II, 1, Seite 6; Minor II, Seite 115. 

*) Novalis, Heilborn II, 1, Seite 379; Minor II, Seite 298. 

') Novalis, Heilborn II, 1, Seite 21, Seite 101 ; Minor II, Seite 126, III, Seite 34. 

*) Athenäum I, 2, Seite 125. 

») Novalis, Heilborn II, 1, Seite 363; Minor II, Seite 299. 

•) Athenäum I, 2, Seite 103. 

') Novalis, Heilborn II, 1, Seite 92; Minor II, Seite 300. 

®) Novalis, Heilborn I, Seite 121; II, 1, Seite 164; Minor IV, Seite 175; Minor II, 
Seite 227. 

*) Novalis, Heilborn II, 1, Seite 81 ; Minor III, Seite 9. 

^^) Novalis, Heilborn II, 1, Seite 203; Minor III, Seite 4., 

") Novalis, Heilborn II, 1, Seite 172; Minor II, Seite 307. 



22 ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

les ist^). Jeder echte Künstler ist von jeher nichts andres als der 
anwendende, praktische Philosoph^). Der Unterschied zwischen 
beiden ist, dasz der Philosoph seine Gedanken begrifflich, intel- 
lektuell, erfaszlich ausdrückt, der Künstler anschaulich, büdlich, 
s^Tubolisch. 

Die gemeinschaftliche Grundlage aber ist das Genie^) . 

„Das Genie ist der Springer par excellence' '^). Der Weg der inne- 
ren Betrachtung ist ilim nur ein Sprung. Und trotzdem schaut er 
unmittelbar die Natur jeder Begebenheit und jeder Sache, er be- 
trachtet sie in ihrem lebendigen, mannigfaltigen Zusammenhang 
und vergleicht sie leicht mit allen übrigen, wie Figuren auf einer 
TafeP). Alle Produktionen des Geistes stammen, wie die instink- 
tiven Bewegungen des Körpers, nicht aus Vorsatz, sondern quel- 
len ungewollt, unwillkürlich aus der unergründeten Tiefe des Be- 
wusztseins. Sie sind Kinder der Gnade, der Begabung^). Einmal 
nennt Novalis genial, was durch Inspiration gegeben isf^). Ein 
Genie ist nach Novalis derjenige, für den die Gebüde seiner Phan- 
tasie leben wie die Gegenstände der Erscheinungswelt^) . Für No- 
valis haben diese keine gröszere Realität als die Resultate der 
„schaffenden Einbüdungskraft", womit er die Phantasie meint. 
Und so kommt der Dichter zu dem Ausspruch : „Ich = Du ist der 
höchste Satz aller Wissenschaft und Kunst." Von da an haben für 
ihn Innen- und Auszenwelt die gleiche Realität, die gleichen Ge- 
setze. Er selber aber hat aufgehört, Fichteaner zu sein^). 

Die produktive Einbildungskraft ist für ihn eine magische 
Wundergewalt, deren sich der Mensch nur zu bemächtigen, ja 
nur bewuszt zu werden braucht, um alles hervorzubringen, was 
er wiUio). 

Wenn aber für uns die realen Gegenstände mit schwerer wie- 
gendem Wirklichkeitsgefühl verbunden sind, so hat das seinen 
Grund in der mangelhaften Ausbüdung unsrer Sinne^^) . Vermeh- 



») Novalis, Heilborn II, 1, Seite 89; Minor II, Seite 301. 
*) Novalis, Heilborn II, 1, Seite 69; Minor II, Seite 241. 
•) Vergl. Havenstein, Seite 38, 48. *) Novalis, Heilborn II, 2, Seite 514, 
') Novalis, Heilborn I, Seite 21, 22; Minor IV, Seite 71. 
•) Havenstein, Seite 42. 
') NovaHs, Heilbom II, 2, Seite 585. 

*) Novalis, Heilbom II, 1, Seite 5; Minor II, Seite 114, 115. 

•) Vgl. Havenstein, Seite 56, 57;Novalis, Heilborn II, Seite 301 ; Minor II, Seite 180. 
*•*) Havenstein, Seite 49, 50. ") Havenstein, Seite 53. 



ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 23 

ning und Ausbildung der Sinne gehört mit zu der Hauptaufgabe 
der Verbesserung des Menschengeschlechts, der Graderhöhung 
der Menschheit^). 

Der Mensch musz die Kraft seiner Sinne bis zu dem Grade stei- 
gern, dasz ihm abstrakte Gedanken anschaulich werden ; andrer- 
seits musz sich das Denkvermögen derartig vervollkommnen, 
dasz es anschauliche Vorstellungen ohne weiteres in Gedanken 
verwandelt. Nur der magische Idealist^) hat diese beider idea- 
listischen Operationen, die Versinnlichung des Denkens und die 
Vergeistigung der Siime^), vollkommen in seiner Gewalt. Zwi- 
schen dem Durchschnittsmenschen und ihm bildet der Künstler 
eine Zwischenstufe. 

Kunst musz symbolisch sein. Denn deutlich wird etwas nur 
durch Repräsentation. Man versteht das Ich nur, insofern es 
vom Nicht-Ich repräsentiert wird. Das Nicht-Ich ist das Symbol 
des Ich und dient nur zum Selbst Verständnis des Ich. Umgekehrt 
versteht man das Nicht-Ich nur als Symbol des Ich^). 

Wie schon erwähnt, hat Novalis diese Gedanken in „Heinrich 
von Ofterdingen" künstlerisch gestaltet. 

Dieser Roman, ein Erziehungsroman in Stimmungsbüdem, ein 
lyrisches Selbstbekenntnis, sollte eine in bewusztem Gegensatz 
zu „Wilhelm Meister" geschriebene Verherrlichung der Poesie sein, 
einer Poesie, die das ganze Leben durchdringen sollte. Das von 
Klingsor erzählte Märchen sollte als höchste Verherrlichung den 
Schlüssel zum Ganzen bieten^) ^). 

Zur Zeit der paradiesischen Unschuld des Menschengeschlechts 
war die Sinnenwelt — das Reich Arcturs — mit der Geisteswelt 
— dem Altar Sophiens — vereinigt. Als Sophie, des Königs Ge- 
mahlin, das Reich verliesz, um sich zu dem Altar der Mysterien zu 
begeben, deren Priesterin sie war, trat eine Spaltung ein, wovon 
der erstarrte Zustand von Arcturs Reich die Folge ist. 

Die Wiedervereinigung des Getrennten ist das Ziel des Mär- 
chens ; sie findet statt durch Eros, die Liebe und Fabel, die Poesie, 



1) Novalis, Heilborn II, 2, Seite 548; Minor II, 221. 

2) Novalis, Heilborn II, 2, Seite 530, 531; Minor II, Seite 199.; vgl. Havenstein, 
Seite 54, 

3) Novalis, Heilborn II, 2, Seite 531 ; Minor II, Seite 200. 
*) Novalis, Heilborn II, 2, Seite 489; Minor II, Seite 253 

5) Novaüs, Heilborn I, Seite 1 25 S. , Minor IV, Seite 1 79 ff. 
®) Vgl. Simon, Der magische Idealismus, Seite 111 ff. 



24 ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

die Tochter Ginnist ans, der Phantasie. Aber erst musz der Ein- 
flnsz des Reichs der Parzen, der mathematischen Gewalten des 
Lebens, aufgehoben werden, erst wird die Mutter, das Symbol des 
Herzens und des moralischen Triebes im Menschen, verbrannt, 
denn erst durch das tiefste Leid wird der Weg zur Höhe frei ge- 
macht, erst musz die Sonne, das mathematische Gestirn, das Sinn- 
bild der Aufklärung verblassen vor den leuchtenden Flammen des 
Scheiterhaufens. 

Das Erwachen der neuen Zeit erscheint wie ein Zurückkehren 
zum L'rbeginn — Atlas, der Träger der Welt, gewinnt neue Kraft 
und neues Leben. 

Aus der Flüssigkeit der magischen Schale, die auf Sophiens Al- 
tar gestanden hat und der Asche der Mutter \Wrd ein göttlicher 
Trank bereitet, von dem alle kosten. 

Alle fühlen nun im Innern die freundhche Begrüszung der 
Mutter; das grosze Geheimnis, der Sinn des strebenden Daseins 
wird ihnen offenbart als die Gewiszheit eines Innern Gebunden- 
seins, das Gefühl der Abhängigkeit von einem höheren Ich. 

Im zweiten Teil soUte im Gemüt des Dichters die Idee der All- 
Einheit s^nnbolisiert w^rden^) : 

Der Liebe Reich ist aufgetan. 
Die Fabel fängt zu spinnen an. 

Dem Dichter ist die Geliebte das Symbol, die Abbre\äatur des 
Universums^) ; Mathilde aber ist gestorben. Ihr Tod liegt zwischen 
dem ersten und dem zweiten Teü des Romans. Aber Cyane, und 
das Mädchen aus dem Morgenland aus dem ersten Teü des 
Romans sind wie Mathüde Verkörperungen derselben Idee, die 
von Anbeginn in uns ruht^). 

Sehr bezeichnend für Novalis ist die Antwort, welche Cyane 
dem Pügrim gibt auf seine Frage: „Wo gehen wir denn hin?" Sie 
lautet: „Immer nach Hause"*). Denn Novalis ist der Lehrling zu 
Sais, den alles in sich selbst zurückführt^), bei dem der geheim- 
nisvolle Weg nach innen geht^) . 



Novalis, Heilbom I, Seite 160; Minor IV, Seite 216. 
Novalis, Heilbom II, 1, Seite 36; Minor II, Seite 146. 
Simon, Der magische Idealismiis, Seite 128. 
Novalis, Heilbom I, Seite 168; Minor IV, Seite 224. 
Novalis, Heilbora I, Seite 212,; Minor IV Seite 6. 
Novalis, Heilbom II, 1, Seite 30; Minor II, Seite 1 14 



ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 25 

Er ist derjenige, der den Schleier der Göttin zu Sais gelioben 

hat und sich selbst erbhckte^). Aber er ist auch Hyazinth, der im 
Tempel der Isis Rosenblütchen in die Arme fäUt^). Durch die 
Liebe erfuhr er die Welt^). 

Für einen Dichter wie Xovahs läszt auch die Natur sich nur 
aus dem Inneren heraus erfassen. Und so heiszt es in ,,Die Lehrlin- 
ge zu Sais": „Mit dem Verstände gelingt es keinem, in sie zu drin- 
gen. Langer, unablässiger L'mgang, freie imd künsthche Be- 
trachtung, Aufmerksamkeit auf leise Winke und Züge, ein inneres 
Dichterieben, geübte Sinne, ein einfaches und gottesfürchtiges 
Gemüt, das sind die wesenthchen Erfordernisse eines echten Na- 
turfreundes"*). Nur dem Kinde und dem Dichter erschlieszt die 
Natur sich ohne Mühe*). 

Eine Landschaft erbhckt Novalis mit dem modernen Gefühl, 
dasz die Stimmung, welche sie in ihm erweckt, der Reflex der 
Stimmung seines eigenen Gemüts sei. 

„Wie anders ist sie" — heiszt es in „Heinrich vonOfterdingen"^, 
„wenn ein Engel, wenn ein kräftiger Geist neben uns ist, als wenn 
ein Notieidender vor uns klagt oder ein Bauer uns erzählt, wie 
ungünstig die Witterung ihm sei oder wie nötig er düstre Regen- 
tage für seine Saat brauche." 

In Bezug auf diese Stelle sagt Heübom*) : „Novalis hat das 
Wort, dasz die Landschaft ein Eriebnis sei, noch nicht prägnant 
ausgesprochen, aber sie war es ihm". 

Eine Stelle in „Die Lehrlinge zu Sais" ist wohl aus des Dich- 
ters innerster Überzeugung her\*orgegangen. Sie lautet: „Sittliches 
Handeln ist jener grosze und einzige Versuch, in welchem alle 
Rätsel der mannigfaltigsten Erscheinungen sich lösen"^. Dieser 
Ausspruch deckt sich mit der Bedeutung des Geheimnisses im 
Märchen und mit dem Gespräch über das Gewissen zwischen Syl- 
vester und dem Püger im zweiten Teü von „Heinrich von Ofterdin- 
gen". Auf Heinrichs Frage, wann es keinen Schrecken, keine Not 
und keines Übels mehr im Weltall bedürfe, antwortet Svlvester : 



^) VgL das Distichon, Novalis, Heilbom II. 1, Seite 177; Minor IV, Seite 45. 

*) Novalis, Heilbom I, Seite 226 ; Minor IV. Seite 24. 

') Novalis, Heilbom I, Seite 335; Minor I, Seite 257. 

•) Novalis, Heilbom I, Seite 219; Minor IV, Seite 14. • 

») Novaiis, Heilbora I, Seite 111; Minor IV, Seite 165. 

•) Heilbom, Novalis der Romantiker, Seite 200. 

') Novaiis, Heilbom I, Seite 223; Minor IV, Seite 13 — 19. 



26 ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

„Wenn es nur Eine Kraft gibt, die Kraft des Gewissens, wenn die 
Natur züchtig und sittlich geworden ist" ^). So ist auch der wahre 
Geist der Fabel eine freundliche Verkleidung des Geist es der Tugend 
und der eigentliche Geist der untergeordneten Dichtkunst die 
Regsamkeit des höchsten, eigentümlichen Daseins. Eine überra- 
schende Selbstheit ist zwischen einem wahrhaften Liede und einer 
edlen Handlung^). 

Das Schicksal eines Menschen ist für den Dichter in so hohem 
Masze und so unbedingt die Folge seiner inneren Verfassung, dasz 
ihm Schicksal und Gemüt Namen desselben Begriffs sind^). Sein 
eigenes Gemüt war heiter gestimmt, Trauriges konnte er nicht 
darstellen — Mathüdes Tod z. B. liegt zwischen dem ersten und 
dem zweiten Teil seines Romans. Trotzdem liegt in Novalis' Le- 
bensauffassung der Keim des Pessimismus, und zwar darin, dasz 
der Dichter das Leben als einen Traum betrachtet. Er entwertet 
es, da er blosz ein herrliches Schauspiel darin sieht^). Verzweiflung 
und Todesfurcht sind ihm grade die interessantesten Täu- 
schungen dieser Art ^) . 

Dieser Auffassung des Menschen als eines Schauspielers ent- 
spricht es, dasz der Mensch — namentlich der höchste Mensch, 
der Künstler — um seine Individualität auszubüden, immer mehr 
Individualitäten anzunehmen und sich zu assimüieren wissen 
musz: der Künstler macht sich zu allem, was er sieht und sein will^). 

Das Gleichnis, das Leben sei ein Traum, weist andrerseits auf 
den hohen \\' ert hin, den Novalis dem Traum beimiszt. Die beiden 
Träume, womit „Heinrich von Ofterdingen" anfängt, klären uns 
über das innerste Wesen Heinrichs und seines Vaters auf. In die- 
ser hohen Wertung des Traums berührt Novalis sich mit mittelal- 
terhchen Dichtem. „Schon in germanischer Sage und Dichtung 
wTirden bedeutungsvolle, meist prophetische Träume erzählt, so 
der berühmte Falkentraum Kriemhüdens. Und in der kirchli- 
chen, mehr noch in der vulgär-katholischen Literatur und Sage 
gab es Visionen aller Art. Vermöge seines Dualismus glaubte der 
mittelalterliche Mensch im Traum ein wertvolleres, weü ganz in- 



M Novalis, Heilbom I, Seite 175; Minor IV, Seite 231. 

*) Novalis, Heilborn I, Seite 177; Minor IV, Seite 234. 

*) Novalis, Heilborn I, Seite 172; Minor IV, Seite 228, 229. 

«) Joel, Seite 226. 

*) Joel, Seite 158; Novalis, Heilborn II, Seite 109; Minor III, Seite 73. 

«) Novalis, Heilborn II, 1, Seite 80, 81 ; Minor II, Seite 302. 



ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 27 

nerliches Leben zu genieszen. Da waren der Seele die Pforten von 
Himmel und Hölle aufgetan, die ihr im Wachen des Tages ver- 
schlossen waren. Die gewaltigste christHche Dichtung aller Zeiten 
wurde ein Traum "^). Auf die Bedeutung des Traums für die Poesie 
des Minnesängers wurde schon hingewiesen. Zum zweiten Mal 
berührt sich die mittelalterliche Romantik mit der durch ein 
halbes Jahrtausend von ihr getrennten Geistesströmung in der 
hohen Stellung, welche die Frau in Leben und Dichten ein- 
nimmt. Und wie die Frauenverehrung im Mittelalter daraus her- 
vorging, dasz der Sänger in der hochgebildeten Herrin eine Per- 
sönlichkeit erblickte, so verlangte der spätere Romantiker, dasz 
die Frau sich, wie er, zu einer geistig immer wachsenden Indivi- 
dualität ausbilden sollte. Deshalb sind die romantischen Frauen 
für das Verständnis der ganzen Strömung von der gröszten Be- 
deutung. 

Wie die Mitglieder des romantischen Kreises das geistige Ideal 
nicht dadurch erreichen wollten, dasz sie die eigentümlich männ- 
lichen oder spezifisch weiblichen Eigenschaften ausbüdeten, son- 
dern indem sie den Mann und Weib in sich fassenden höheren Be- 
griff des Menschen zu verwirklichen suchten, so ist ihr Charakter 
eine Mischung männlicher und weiblicher Eigenschaften. Weib- 
liche Züge in dem romantischen Dichter sind wohl die überaus 
grosze Empfänglichkeit und der Drang sich mitzuteilen, der Ge- 
selligkeit strieb. Einsame Menschen waren die Romantiker wäh- 
rend der Blütezeit ihrer Poesie nicht, der Individualismus hatte 
sich noch nicht so sehr gesteigert, dasz geistige Einsamkeit, wie 
wir sie bei den neuromantischen Dichtern finden, davon die not- 
wendige Folge sein muszte. Als aber der romantische Kreis zer- 
stob und dadurch für jedes einzelne frühere Mitglied eine gröszere 
geistige Selbständigkeit notwendig wurde, da zeigte es sich, dasz 
z. B. die Schlegel vor der Durchführung ihres eigenen Prinzips 
zurückschraken und zu der schon immer wegen ihrer ästhetischen 
Elemente so hoch von ihnen verehrten katholischen Kirche über- 
traten. 

Wie modern aber sonst die Gedanken und Gefühle der Frühro- 
mantik, namentlich Novalis' Ansichten sind, geht daraus hervor, 
dasz wir sie — mit Ausnahme von Maeterlincks Werken wahr- 



^) Wechssler, Das Kulturproblem des Minnesangs I, Seite 230, 



28 ROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

scheinlich unabhängig von ihm — in der Poesie der französischen 
Symbohsten wiederfinden. Die aus dieser Dichtung hervorgegan- 
gene deutsche Neuromantik, namenthch die Poesie Hugo von 
Hofmannsthals, knüpft dazu bewuszt wieder an Novahs an. 

Dieses Wiederaufleben der Gefühle und Gedanken des jung 
verstorbenen Dichters ist wohl der stärkste Beweis seiner wahr- 
haft seherischen Genialität. 



ZWEITES KAPITEL 

ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 

Wie durch die deutsche, so geht auch durch die enghsche Lite- 
ratur schon im Mittelalter eine romantische Strömung; von 
Chaucer flieszt sie, obgleich meistens unterirdisch, über Spenser, 
Shakespeare und Milton zu den Vorläufern der Romantik um 
1800. Chaucer, der im Kejrn realistische Dichter, entnimmt nicht 
selten den Stoff zu seinen poetischen Erzählungen französischen 
oder italienischen romantischen Dichtungen, namentlich dem 
„Roman de la Rose" und Dantes Poesie. Manchmal, wie in „The 
Monkes Tale"^) geht der Inhalt seines Werkes auf beide roman- 
tische Quellen zurück. Auch „The Parlement of Foules, a com- 
pleint to his lady"^) könnte man nicht nur wegen der Allegorie, 
der Symbolik dieser Dichtung in gewissem Sinne romantisch nen- 
nen, sondern auch deshalb, weil Chaucer dieses Gedicht als Vision 
gestaltet. Im Anfang der „Legend of good Women"^), wo der 
Dichter sagt, es gebe mehr auf Erden, als man mit Augen erblik- 
ken könne, könnte sogar auf ein romantisches Gefühl hingewie- 
sen werden. 

Spenser ist in seiner Allegorie „The Fairy Queen" durch den 
französischen Ritterroman beeinfluszt, in „The Shepheards Ca- 
lender" steht er unter der Einwirkung Petrarcas und Boccaccios. 
In ersterer Dichtung sucht er durch die Verwendung von Allite- 
rationen und den Gebrauch altertümlicher Worte seinem Werk 
das Gepräge einer früheren Zeit zu geben. 

Kräftiger äuszert sich die Romantik in Shakespeares Dramen : 
als Visionär schaut der gröszte aller englischen Dichter das Ver- 
borgene des menschlichen Herzens, dazu liebt er das Märchen- 



1) The Student's Chaucer, Skeat, Clarendon Press Oxford, Seite 530 ff. 

2) The Student's Chaucer, Skeat, Clarendon Press Oxford, Seite 101 ff. 

3) The Student's Chaucer, Skeat, Clarendon Press Oxford, Seite 349. 



30 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 

hafte, manchmal greift er ins Feenreich hinüber, hie und da ist 
der Schauplatz seiner Dramen „eine romantische Gegend." 

Milton fügt zu der Strenge des Puritaners die Glut des Re- 
naissancedichters, namentlich in Gedichten wie „L'Allegro" und 
„II Penseroso" und in „Paradise Lost" kann man von romanti- 
schem Gefühl sprechen. 

Im 18. Jahrhundert erblüht dann, obgleich noch als literari- 
sche Seltenheit, die Poesie, welche die Gestaltung des inneren Er- 
lebnisses ist. So finden sich in Youngs und Grays Dichtungen per- 
sönliche Gefühle über Leben, Tod und Vergänglichkeit und ist 
Thomsons und Cowpers Poesie der dichterische Ausdruck einer 
wirklich empfundenen Liebe zur Natur. Von diesen Dichtem hat 
Young den gröszten Einflusz ausgeübt; unter andern Werken 
regte sein „Essay on original composition", w^orin er ausführt, wie 
notwendig es für den Dichter sei,zur Natur zurückzukehren und in 
dem er die Rechte des Genies hervorhebt, Herder zu Gedanken 
an, welche den Sturm und Drang vorbereiteten. Als Dichter be- 
einfluszte er u. a. Novalis. 

Die Veröffentlichungen Macphersons, „Fragments of ancient 
Poetry", „Fingal" und „Temora"^) übertrafen an Romantik aber 
alle zum Teil unbewuszten Bestrebungen früherer Dichter. 

Nicht nur auf die romantische Bewegung in England, sondern 
auch auf die Dichter des Sturm und Drang, auf Chateaubriand, 
auf die Romantik in ItaHen, Holland und Dänemark haben diese 
Dichtungen eingewirkt. 

Von noch gröszerem Einflusz waren Percys „ReHques"^). Ohne 
sie wären Wordsworths und Coleridges „Lyrical Ballads" nicht 
möghch ge Wesen. Wordworth ist der Ansicht, dasz die englische Poe- 
sie sich seit Percys Werk vollkommen geändert habe, und dasz 
er selbst den alten Balladen „the power of sincery and of direct 
and homely Speech" verdanke^). 

Wordsw^orth sucht in seiner Dichtung die alltäglichen Erleb- 
nisse der einfachen Leute aus seiner Heimat poetisch zu verklä- 



') Macphersons Vorlagen sind irische Gedichte aus dem 13. Jahrhundert, in die er 
die Stimmung der wilden und erhabenen Natur der westlichen Hochlande hineintrug. 
Vgl. Beers, A history of English Romanticism I, Seite 306 ff., Seite 332. 

*) Reüques of ancient English poetry, consisting of old heroic ballads, songs and 
other pieces of our earlier poets. Sieh Beers I, Seite 310 ff. Herder übersetzte einige 
dieser Balladen; Sweet Williams Ghost inspirierte Bürger zu seiner Meisterballade 
Lenore, die u. a. von Scott ins Engüsche übersetzt wiirde. 

») Beers I, Seite 299, 300. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 31 

ren: nur die Landleute hätten noch den Eindrücken der Natur 
offene Sinne, nur sie seien noch empfänghch für die Wunder der 
Schöpfung^) . 

Nach Wordsworths Ansicht soll die Sprache des Dichters die 
Umgangssprache sein. Denn wie wahr und lebendig der Dichter 
sich äuszere, die Wahrheit und Lebhaftigkeit der Sprache dessen, 
der sich wirklich in der erdichteten Situation befinde, könne er 
nicht erreichen ; m. a. W. der Dichter kann den prosaischen Aus- 
druck der Wirklichkeit nie übertreffen, höchstens sich ihm nä- 
hem^) . 

In dieser Auffassung zeigt sich Wordsworth, wie in seiner Poe- 
sie, als den Übergangsdichter; auch seine Werke besitzen einen 
zwiefachen Charakter, z. T. tiagen sie das Verstandesgepräge des 
18. Jahrhunderts, z. T. sind sie der Ausdruck der Gefühle einer 
poesievolleren Zeit. 

An die Aufklärung erinnern diejenigen Stellen in seiner Poesie, 
wo der Dichter in dem Wirken der Natui einen Zweck erblickt 
und von ihr sagt, sie hätte die Gewalt, den Menschen zu lehren, 
das Leben zu nehmen wie est ist, ihn zu läutern, 

to chasten and subdue^). 

In manchen Augenblicken genieszt Wordsworth die Natur 
nicht um der inneren Freude willen, die sie ihm während des 
Schauens spendet, sondern er sucht den Natur ein druck mit Ab- 
sicht festzuhalten, weil er weisz, dasz die Erinnerung an ein sol- 
ches Erlebnis glücklich macht*), bewuszt bewahrt er den gegen- 
wärtigen Moment zu künftigem Gebrauch auf^). 

Häufig erinnert Wordworth an Rousseau^). Ganz im Geiste die- 
ses Naturpredigers ist z. B. das Gedicht „Lines written in early 
Spring"^) empfunden; wenn es der Wille des Himmels ist, dasz 
die ganze Schöpfung glücklich sei. 



^) Das Thema seiner Poesie sind „common subjects, such as will be found in every 
village, poetically treated". 

*) Brandes, Der Naturalismus in England, 1 . Auflage, Seite 76. 

') The complete poetical Works of William Wordsworth, Macmillan 1909, Seite 94. 

*) Vgl. den Schlusz des Gedichts „I wandered lonely as a cloud", Seite 205. 

') Brandes, Der Naturalismus in England, Seite 51. 

«) Vgl. das Sonett Seite 353 „The World is too much with us", vgl. The Cambridge 
history of Englisch Literature Volume XI, Seite 93. 

') Seite 84. 



32 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 

Have I not reason to lament 
What man has made of man ? 

Daneben kennt der Dichter Augenblicke mystischen Auf- 
schwungs, Zeiten, wo 

we are laid asleep 
In Body and become a living soul^). 

Da wird Wordsworth zum Pantheisten, da erbUckt er in der 
Natur die Offenbarung Gottes, da kann ihm jede Frucht, jede 
Blume, jeder Stein die Berührung mit der Ewigkeit gewähren^) . 

In „Ode, Intimations of Immortality from Recollections of 
Childhood"^) äuszert der Dichter Gedanken, die an Piatos Lehre 
von den Urbildern erinnern. Als Romantiker erblickt Words- 
worth in dem Kinde das Wesen, in dem die Erinnerung an die 
göttliche Heimat der Seele noch am kräftigsten lebt, nur die 
Jugend sehe die Natur „apparelled in celestial light." 

Wo Wordworth der Stimmung seines Innern in Augenblicken 
dichterischen Empfindens einen poetischen Ausdruck gibt, da 
entsteht eine in groszer Schönheit gestaltete Gefühlslyrik*) mit 
ursprünglichen und geschauten Gleichnissen^), daist der Dichter 
Lyriker im höchsten Sinn, so dasz man ihn, trotz der rationalisti- 
schen Elemente seiner Poesie doch als den Vorläufer von Dich- 
tem wie Keats und den Präraphaeliten betrachten musz. 

Coleridges Dichtung bedeutet auf dem Weg zur Neuromantik 
den zweiten Schritt. Das Thema dieser Poesie bilden : „subjects 
mainly supematural, but made real by the dramatic truth of such 
emotions, supposing them real"^). 

Die Ereignisse und die handelnden Personen sollen übernatür- 
lich sein, aber die Schilderung der Gemütsbewegungen soll ebenso 
dramatisch wahr sein, wie wenn die Situation real wäre. Solche 

') Seite 93. 

^) The Prelude, Seite 251, vergl. Spurgeon, Mysticism in English Literature, Seite 
62, 63; vgl. Novaüs, Heilborn II, 1, Seite 378; Minor II, Seite 291 : „Jedes Willkür- 
liche, Zufällige, Individuelle kann unser Weltorgan werden. Ein Gesicht, ein Stern, 
eine Gegend, ein alter Baum u. s. w. kann Epoche in unserm Innern machen". 

2) Seite 358. 

*) Z. B. das Sonett Composed upon Westminster Bridge, Seite 178. 

') z.B. Seite 179 „The holy time is quiet as a nun, breathless with adoration", oder 
Seite 205 „I wandered lonely as a cloud". 

•) Vorwort zu den Lyrical Ballads; vgl C. M. Herford, The age of Wordsworth, 
Seite 152. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 33 

Balladen sind „The Rime of the Ancient Mariner"^) and „Christa- 
ber'2). In dieser Poesie ist die mittelalterliche Stimmung, das 
Wunder, das Unbestimmte mit groszer Kunst suggestiv gestal- 
tet. Dasz nicht alles verständlich ist, erhöht nach des Dichters 
Ansicht noch die Stimmung desWunderbaren : „Poetrygivesmost 
pleasure, when only generally and not perfectly unterstood"^), 
eine Auffassung, die auch Friedrich Schlegel im „Athenäum" ver- 
tritt. 

Wie A. W. Schlegel wies Coleridge auf „the endless subtle beau- 
ties of Dante"*), hin; im Anschlusz an dessen Vorlesungen über 
dramatische Kunst und Literatur verkündete auch er das Genie 
Shakespeares. 

Coleridges Balladen stehen an Kunstwert so hoch über den 
Balladen Scotts, dasz diese, was die Bearbeitung betrifft, auf spä- 
tere Dichter nur selten eingewirkt haben. Gewöhnlich geben sie 
blosz den Stoff und die Lokalfarbe, aber nicht den Geist des Mit- 
telalters^) . 

In Scott f lieszt eine englische Strömung mit einer deutschen zu- 
sammen: sowohl Percys „Reliques" und Walpolesund Lewis' Ro- 
mane wie Bürgers Balladen und Goethes „Götz von Berlichingen" 
haben auf seine Dichtung eingewirkt. Von der Gemütsseite des 
Sturm und Drang ist er aber nicht beeinfluszt worden ; unabhän- 
gig von Deutschland fand diese Gefühlsrichtung ihren dichteri- 
schen Vertreter in Lord Byron. Auch Byrons Einflusz auf seine 
Zeitgenossen, sowohl in England wie im Ausland, war grosz. Aber 
auf die Dichter, die an erster Stelle Schönheit suchen, hat er kaum 
eingewirkt. Dazu ist seine Poesie zu sehr eine Dichtung aus Grund- 
sätzen und Zeitideen, und ist ihre Form in der Regel zu wenig ge- 
pflegt. Stefan George nennt Byron eine vergegenwärtigende Ge- 
stalt, dessen Gedichte von Jahr zu Jahr schlechter werden^). 



1) The poetical Works of S. T. Coleridge, edited by W. B. Scott, London 1889, 
Seite 15. 

2) Seite 39. 3) ßeers II, Seite 78 ff. *) Beers II, Seite 98. ^) Beers II, Seite 10. 
Eine Ausnahme bildet u. a. The Gray Brother, Scotts Poems and Flays I, Every 

man's Library, Seite 178. Auch in einigen Gedichten in den gröszeren episch-lyri- 
schen Werken gelingt es Scott, die Stimmung des Mittelalters zu erwecken ; vgl. z. B. 
die Einleitung zu the Lady of The Lake, Volume II, Seite 1, die Ballade Albert Graeme 
in The Lay of the last Minstrel, Volume I, Seite 404 ; weiter die Beschreibung des nächt- 
lichen Rittes und der Auffindung des Zauberbuchs. Mehr als durch seine Lyrik hat 
Scott durch seine Romane andre — auch ausländische — Romantiker beeinfluszt. 
^) Stefan George, Deutsche Dichtung, Band III, Seite 7. 



34 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 

Wie Coleridge berührt sich Shelley in seinen Gedanken und Ge- 
fühlen mit der Frühromantik ; zugleicherzeit aber bedeutet seine 
Poesie eine beträchtliche Steigung nach dem Gipfel der Neuro- 
mantik. Wie Franciscus von Assisi, wie Schelling und Novalis, 
fühlt auch Shelley sich durch die Liebe mit der ganzen Natur 
verbunden; das Gefühl der Einheit mit der ganzen Schöpfung 
spricht er u. a. aus in den Anfangsworten seiner Dichtung „Alas- 
tor" : 

Earth, Ocean, Air, beloved brotherhood^) . 

Wie für Novalis, so ist auch für Shelley die Liebe der Zentral- 
punkt, aus dem sich sowohl seine poetischen wie seine sittlichen 
Ideale erklären lassen : für beide Dichter ist das Kunst- und das 
Sittlichkeitsideal im Grunde Eins^). 

Nicht nur die Naturmystik und die hohe Würdigung der Liebe 
verbindet Shelleys Poesie mit der Dichtung der Frühromantiker: 
auch das Vorherrschen des Instinktes, der Intuition, des Unbe- 
wuszten, der Phantasie, des Traumes^), der Kampf gegen die 
Konvention*), die Liebe zu Symbol und Allegorie^) sind Be- 
rührungspunkte. Wie Novalis strebt auch Shelley die Poetisierung 
des Lebens an : „Durch Science, Poetry and Thought soll auch 
dem Ärmsten so viel Glück zu Teil werden können, dasz er sich 
in Zufriedenheit mit seinem Los abfindet^). Kein Mensch soll sich 
des Luxus ent schlagen und auf die Freude verzichten müssen. 
Frei aus der inneren Selbstbestimmung der kraftvollen Persön- 
lichkeit heraus soll er alle Früchte der Erde, alle Genüsse der Sin- 
ne und des Geistes gleichmäszig weise genieszen^) . " 

Wie spätere Dichter kennt Shelley die innere Einsamkeit^), 
welche die Folge dieses von ihm so kräftig verfochtenen Individu- 
alismus ist; wie sie, und besser als die frühromantischen Dichter, 
weisz Shelley, dasz für Musik und Dichtkunst verschiedene Re- 
geln gelten: „the mannerof music ist not the manner of poetry"^). 



^) The poetical Works of P. B. Shelley, reprinted from the early Edition, London 
Frederick Warne, Seite 52. 

») Vgl. W. B. Yeats, Ideas of Good and Evil, Seite 98; English Studies August 1922, 
J. Kooistra, Shelley, Seite 174 ff. 

») Vgl. Englische Studien, 44. Band, Shelley als Romantiker, Seite 43, 46, 49. 

«) Seite 50. ») Seite 57. •) Seite 59. ') Seite 60. 

^) Alastor or the Spirit of Solitude. 

•) Englische Studien, 44. Band, Seite 70. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 35 

„Es ist ZU bewundem, wie des Dichters Verskunst neben den 
Schönheiten des Rhythmus fast unbewuszt die feinsten Klangef- 
fekte anzubringen verstand, so dasz man hierin die französischen 
Dekadenten fast seine Jünger nennen und nicht unwahrschein- 
lich von ihm für beeinfluszt halten kann"^). 

Dasz für Shelley die Kunst noch nicht blosz wegen ihrer selbst 
da war, zeigen folgende Worte aus einem Brief an Leigh Hunt : „It 
is impossible to compose, except under the strong excitement of 
an assurance of finding sympathy in what you write"^). 

Der erste englische Dichter, der blosz aus der Freude am Schaf- 
fen dichtete, war Keats. Obgleich die Ballade „La Belle Dame 
Sans Merci"^) das einzige seiner Gedichte ist, das aus der Stim- 
mung der Frühromantik heraus geschaffen ist, berührt auch die- 
ser Dichter sich in seinen Gedanken und Gefühlen häufig mit der 
deutschen Strömung, manchmal auf dieselbe Weise wie Shelley^ 
namentlich aber darin, dasz für ihn die Phantasie weit schöner 
und wahrer ist als die Welt der Wirklichkeit : 

Heard Melodies are sweet, but those unheard are sweeter*). 

Beauty is truth, truth beauty^). 

Keats ist der Dichter mit den verfeinerten Sinnen, auf welche 
Novalis so groszen Wert legte. Niemals verwendet er ein unvoll- 
endetes Bild, all seine Gleichnisse sind mit dem Auge, dem Ohr, 
dem Geruchssinn erlebt. Die Kunst, durch Laut und Rhythmus 
verwandte Seelenschwingungen zu erzeugen, versteht er meister- 
haft^), dazu ist Keats in so hohem Masze und so ausschlieszlich der 
Gestalter der Schönheit^), dasz man seine Dichtung den Vorhof 
zum Tempel der Neuromantik nennen könnte. 



^) Seite 71. — Zitat aus Ackermann, Shelley, Seite 361. 

^) Vgl. English Studies, August 1922, Kooistra, Shelley, Seite 174. 

^) The compiete Works of J. Keats, edited by Buxton Forman, 1901, III, Seite 22. 
Das Gedicht, das in der Sage vom Venusberg die Sehnsucht nach Poesie symbolisiert, 
hat das Dunkle, Unbestimmte der mittelalterlichen Balladen. 

*) II, Seite 104. ^) II, Seite 106. 

*) In The Eve of St. Agnes II, Seite 63 fif. erleben wir mit dem Dichter zuerst die 
Stimmung der kalten Winternacht, dann zaubert er uns die Atmosphäre von Madelines 
Zimmer vor, wo alles lebt, wo alles in das warme Licht getaucht ist, das durch die 
farbigen Fenster hereinstrahlt, 

') Vgl. Novalis, Minor III, Seite 339: ,,Schönheitistdas Ideal, dasZiel, die Möghch- 
keit, der Zweck der Poesie". 



36 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 

Namentlich die Schilderung, welche Okeanos in „Hyperion" von 
dem jungen Meeresgott gibt, der ihn entthront, dessen Schönheit 
aber so gewaltig ist, dasz der ältere freiwillig auf sein Reich ver- 
zichtet, und die darauf folgenden Worte der Klymene, in denen 
sie erzählt, wie sie, schönheitsberauscht, dem jungen Gott Apollo 
gefolgt sei, ^) könnte man als das Programm für die Poesie aller 
jüngeren Dichter betrachten^). 

Keats ist der Dichter, der von Coleridge zu Rossetti, dem er- 
sten Neuromantiker der enghschen Literatur, hinüberführt. 

Rossetti verdankt das eigentümliche Gepräge seiner Poesie z. T. 
seiner italienischen Herkunft. „Tief unten in der Seele des Dich- 
ters, wo die Wurzeln seines Lebens aus geheimnisvollem Nährbo- 
den ererbte Träume und Neigungen sogen, da lebten die Gedan- 
ken und Gefühle der Männer und Frauen, die gesättigt waren von 
Jahrtausende altem Volksglauben, von inbrünstiger Marien Ver- 
ehrung, vom Ahnen einer übernatürlichen Welt "3). 

Wie mehrere seiner groszen italienischen Vorfahren, wie Leonar- 
do da Vinci und Michel Angelo, hatte Rossetti eine mehr als einsei- 
tige Künstlerbegabung, er war nicht nur Dichter, sondern auch 
Maler. 

Das Ideal aller Kunst erbhckte er in den Gemälden der Prära- 
phaeliten, sehr hoch schätzte er die Einfachheit und Energie der 
Ausführung, die Reinheit und Aufrichtigkeit der Idee bei diesen 
Künstlern^). Wie Chiaro dell Erna^) malt Rossetti mit „the fee- 



') Brandes, Der Natiiralismus in England, 1. Auflage, Seite 138 ff. 

*j In der Weise, wie Keats die Erscheinungen der Welt auf sich einwirken läszt, ver- 
wirkhcht er den Ausspruch Novalis', Heilborn II, 1, Seite 380; Minor II, Seite 288, 299: 
„Der Dichter ist wahrhaft sinnberaubt, dafür kommt alles in ihm vor. Er stellt im 
eigentUchen Sinn das Subjekt — Objekt vor — Gemüt und Welt". 

„Was den Charakter eines Dichters anbelangt" — so äuszert sich Keats in einem sei- 
ner Briefe — „so ist der Dichter nie „ er selbst", er hat gar kein Selbst, er ist Alles und 
Nichts, er hat keinen Charakter, freut sich an Licht und Schatten, lebt vom Kosten. Die 
Sonne, der Mond, das Meer, die Männer und Frauen, die alle Geschöpfe des Impulses 
sind, sind poetisch und haben an sich unveränderliche Eigenschaften, der Dichter hat 
keine. — Wenn ich mit Menschen zusammen in einem Zimmer bin, wenn ich je frei bin 
von Gedanken und Schöpfungen meines eigenen Gehirns, dann geht nicht mein Selbst 
zu meinem Selbst nach Hause, sondern die Wesenheit eines jeden im Zimmer beginnt 
auf mich zu drücken, so dasz ich in kurzer Zeit zu nichts geworden bin 

Vielleicht eben jetzt spreche ich nicht aus mir heraus, sondern aus dem Charakter 
dessen, in dessen Seele ich eben lebe". Kassner, Englische Dichter, Seite 45. 

') L. Kellner, Die englische Literatur im Zeitalter der Königin Victoria, Seite 468, 
469. 

«) The Germ, Seite 167. Kassner, Englische Dichter, Seite 90. 

') The Germ, Seite 23 ff. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 37 

ling of worship and Service", wie dieser fühlt er „the worship of 
beauty", auch er sucht den Rat zu befolgen, welchen der enttäusch- 
te italienische Maler von der schönen Frau — der Verkörperung 
seiner Seele — erhält : „Set thine hand and thy soul to serve Man 
with God." Für Rossetti, wie für Novalis und Wackenroder, wie 
für Keats, ist die Kunst heilig; „all pure art is sacred art"^). 

F. W. H. Myers nennt Rossettis Gemälde „the sacred pictures 
of a new religion"^). 

Was Rossetti als Maler wollte, suchte er auch als Dichter zu 
erreichen : seine Poesie sollte eine symbolische Kunst derVerinner- 
lichung sein, voll Wahrheit und Naturtreue, die Realistik der 
Einzelheiten sollte dazu dienen, die Schönheit der Dichtung als 
Ganzes zu erhöhen und ihre Mystik zu vertiefen. Sie bildet, als 
die Wortkunst eines Malers, den äuszersten Gegensatz zu der mu- 
sikalischen Stimmungslyrik der Frühromantik, alles Abstrakte 
wird konkret vorgestellt, alle Bilder sind geschaut^). 

Auch als Dichter fühlte Rossetti sich zu der mittelalterlichen 
Kunst Italiens hingezogen, namentlich liebte er die Dichter des 
dolce Stil nuovo, vor allen Dante*). 

An erster Stelle aber ist Rossetti, wie Keats, derSchönheitssucher : 

This is that Lady Beauty, in whose praise 
Thy voice and hand shake stilP). 

Schönheit bedeutet für ihn aber vorzugsweise die Schönheit des 
Frauenantlitzes : 

What dawn-pulse at the heart of heaven, or last 

Incarnate f lower of culminating day, — 

What marshalled marvels on the skirts of May, 



^) The Germ, Seite 157. 

2) F. W. H. Myers, Essays. Modern, Seite 325; vgl. Novalis, Heilborn II, 1, Seite 
101 ; Minor III, Seite 24: „Alle absolute Empfindung ist religiös. Religion des Schönen, 
Künstlerreligion." 

^) Als Beispiel dessen, was Rossetti als Dichter zu erreichen suchte, diene My Sis- 
ter's Sleep, The W^orks of D. G. Rossetti, edited by W. B. Rossetti, revised and enlar- 
ged edition, Seite 165. 

Der Dichter versetzt uns in die Atmosphäre des Krankenzimmers am Heiligabend. 
Das Zimmer ist durch das Licht der Kerze und des Feuers erhellt, dazu wirft der Mond 
seine Strahlen herein. Wir hören, wie das seidene Kleid der Mutter knistert und wie je- 
mand, der aufstehen will, einen Stuhl rückt; wir hören die Uhr zwölf schlagen — da 
stirbt das Mädchen ; es ist, alsob die Geburt Christi sie zu neuem Leben erweckte. 

*) Rossetti übersetzte die Poesie der „early Italien poets", sowie Dantes Vita Nuova. 

*) The House of Life, Sonnet LXXVII, Seite 205. 



38 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 

Or sung full-quired, sweet June's encomiast; 
\Miat glory of change by nature's hand amass'd 
Can vie with all those moods of varying grace 
\Miich o'er one loveliest woman's form and face 
Within this hour, within this room, have pass'd?^). 

Beauty like hers is genius. Not the call 
Of Homer's or of Dante's heart sublime, — 
Not Michael's hand furrowing the zones of time, — 
Is more with compassed mysteries musicaP). 

Wie die Dichter des dolce stil nuovo, wie Dante, betrachtet Ros- 
setti das Äuszere der Geliebten als das Symbol ihres Inneren : 

O Love ! let this my lady's picture glow 
Under my hand to praise her name, and show 
Even of her inner seif the perfect whole^). 

Wie für Dante lebt auch für Rossetti die verklärte Geliebte in 
der Gemeinschaft auserwählter Seelen: 

WTiat Word can answer to thy word — what gaze 
To thine, which now absorbs within its sphere 
My worshipping face, tili I am mirrored there 
Light-circled in a heaven of deep-drawn rays?*) 

Die irdische Liebe wird aus der ursprünglichen Einheit zweier 
Seelen erklärt : 

Even so, when first I saw you, seemed it, love, 

That among souls allied to mine, was yet 

One nearer kindred than life hinted of . 

O born with me somewhere that men forget. 

And though in years of sight and sound unmet, 

Known for my soul's birth-partner well enough^). 



») The House of Life, Sonnet, XVII, Seite 80. 

*) The House of Life, Sonnet XVIII, Seite 80. 

•) The House of Life, Sonnet X, Seite 78. 

*) The House of Life, Sonnet XXVI, Seite 83; vgl. The blessed Damozel, Seite 3. 

') The House of Life, Sonnet XV, Seite 79. 



r 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 39 

Eine Mischung von geistlicher und sinnlicher Liebe — wie so 
manche Dichtung Petrarcas — enthält das 6. Sonett : 

I was a child beneath her touch — a man 
When breast to breast we clung, even I and she — 
A spirit when her spirit looked through me — 
A god, when all our life-breath met to fan 
Our life-blood, tili love's emulous ardours ran, 
Fire within fire, desire in deity^). 

Wie den späteren Minnesängern und den gleichzeitig lebenden 
italienischen Dichtern erwächst auch dem neuromantischen Dich- 
ter aus der Liebe die Seelenkultur. 

Eine Verherrlichung der irdischen Liebe ist „The blessed Damo- 
zel"2): diese, ein verklärter Geist, legt während Engelscharen an 
ihr vorüberziehen, das Haupt auf das Himmelsgeländer und 
weint Tränen der Sehnsucht nach ihrem Geliebten auf Erden. 

Der junge Rossetti fühlt wie der Minnesänger Wachsmut von 
Mühlhausen : 

Mir waere ie liep bi ir ze sine 
Dan bi Gote in paradis^). 

Neben der Liebe gestaltet Rossetti auch den Hasz: drei Tage 
lang schmilzt Sister Helen das Wachsbild, drei Tage lang läszt 
sie den Fluch auf dem untreuen GeHebten lasten, so dasz er nicht 
beichten kann und in die Hölle fahren musz*) . 

In „Sister Helen" wird, wie in „Rose Mary" und in „The King's 
Tragedy", der Wunderglaube dichterisch verklärt. Zum Teil lag die 
Verherrlichung des Wunders dem Nachkommen italienisch- 
katholischer Vorfahren im Blut, zum Teil wurde sie ihm durch 
Lektüre vermittelt^). 



1) The House of Life, Sonnet VI, Seite 76. 

2) Seite 3. 

3) M. S. H. I, Seite 327, vgl. Wechssler, Das Kulturproblem des Minnesangs I,Seite 
426. 

*) Seite 64. 

5) Auszer diurcli die Balladen Coleridges und Keats' La Belle Dame sans merci, durch 
Shakespeare und deutsche romantische Schriftsteller. Vgl. Henri Dupre, Un Italien 
d'Angleterre, Le poete-peintre Dante Gabriel Rossetti, Paris 1921, Seite 23, 103 ff. 

Mit 16 Jahren übersetzte Rossetti Bürgers Lenore, später den Anfang des Nibelun- 
genliedes und Hartmann von Aues Armen Heinrich. Weiter las er u. a. Schillers Balla- 



40 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 

Rossettis Dichtung bedeutet in der englischen Literatur einen 
Gipfelpunkt; dieser Italiener-Engländer ist der erste Dichter, 
der eine Poesie geschaffen hat, in der die Schönheit des Inhalts 
und die der Form sich entsprechen, der erste Künstler, der unauf- 
hörlich an der Form seiner Gedichte arbeitete. Nur ausnahms- 
weise besitzt Swinburnes Poesie diese schöne Einheit. Einer ihrer 
Fehler liegt darin, dasz der Dichter in seinen Bildern an die Auf- 
nahmefähigkeit des Lesers Anforderungen stellt, denen dieser 
nicht genügen kann: es ist unmöglich, sich diese zeilenlang durch- 
gefülirten Gleichnisse in einem Augenblick in ihrem ganzen Um- 
fang zu verwirklichen. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf sich 
und zerstören die Schönheit des Ganzen^). Nur selten sind Swin- 
burnes Gedichte reine Gegenstandskunst^), gewöhnlich wirkt 
seine Dichtung, wie die Shelleys, mehr musikalisch als plastisch, 
häufig besitzt sie die Kraft und Bewegung, die der Dichter an dem 
dem Sturm trotzenden Seemöwen^) bewundert. Eben so wenig 
wie in seiner Plastik, weisz Swinburne sich auch in der musikah- 
schen Wirkung seiner Poesie zu beschränken, manchmal strömt 
er seine Lyrik mit einem derartigen Wortschwall aus, dasz man 
über diesen Trompetenstöszen und Orgeltönen den Inhalt ver- 
giszt. Dazu ist diese mit gewaltiger Kraft herausgeschmetterte 
Poesie zum TeilGedankenlyrik, auch in dieser Hinsicht nähert sich 
S\sinbumes Poesie Shelleys Dichtung; gegen Rossettis reine Kunst 
bedeuten diese Gedichte aber auch inhaltlich einen Rückschritt. 

Auch Swinburne verficht die religiöse und soziale Freiheit des 
Individuums*), daneben spricht er seine Wehmut über die Ver- 



den, Goethes Erlkönig, die Erzählungen E. T. A. Hoffmanns und Chamissos Peter 
Schlemihl. 

Dupre weist auf die Verwandtschaft hin zwischen dem 23. Sonett und der Stelle in 
der Walpurgisnacht, wo Lilith Faust erscheint. Vgl. damit den Namen Lilith der an 
Coleridges Geraldine erinnernden Heldin in Eden Bower, Seite 109. 

Auf dem in der deutschen Romantik beUebten Motiv des Doppelgängers beruht 
Rossettis Gemälde „How they met themselves"; vgl. Esther Wood, Dante Rossetti 
and the Pre-Raphaelite Movement, Seite 224. 

') Kassner führt als Beispiel der höchsten Entwicklimg des sinnlichen Stils die 
Schilderung der zur Jagd auf den Eber heranziehenden Helden in Atalanta an. 

Kassner, Englische Dichter, Seite 125. 

*) U. a. in The Kings daughter, Poems and Ballads, first series (Heinemaim), Seite 
276, wo man die „ten maidens in the green corn" vor sich stehen sieht. 

•) Toa Searaew, Poems and Ballads first series, Seite 211. 

*) Songs before Sunrise, Hertha, Seite 72 ff; Hymn of Man, Seite 93, Before a Cruci- 
fix, Seite 31. 

Poems and Ballads, first series, Dolores, Seite 154. A Litany, Seite 89, Ghristmas An- 
tiphones, Seite 67. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 4 1 

gänglichkeit alles Irdischen aus^), und in den Chören der Tragödie 
„Atalanta" den Schmerz darüber, dasz der Kampf des Menschen 
gegen das Schicksal immer erfolglos ist. 

Swinbume ist nicht nur einerseits durch Keats und Rossetti, 
andrerseits durch Shelley beeinfluszt, auch französische Dichter 
haben auf ihn eingewirkt 2) . So verwendet er z. B. in „Hertha"^) das 
von Victor Hugo so sehr geliebte Kunst mittel der Gegensätze; in 
„Laus Veneris"^), einem Gedicht das auf eine Erzählung in Maistre 
Antoine Gagets „Livre des grandes merveilles d'amour" zurück- 
geht und die Sage vom Venusberg nach der Art eines Dichters der 
„fleshly school" behandelt, erklingen Baudelairesche Töne, da 
gestaltet Swinburne „exceeding pleasure out of extreme pain." 

Späteren Dichtern ist Swinburne verwandt durch die Weise, 
wie er in seinem Trauerspiel „Atalanta" einen antiken Stoff auf ro- 
mantische Weise umdichtet, weiter durch die verhältnismäszig 
wenigen Lieder, in denen er für ein tief empfundenes Gefühl — 
häufig die Liebe zur Natur, namentlich zum Meere — eine schö- 
ne, geschlossene Form findet. Durch diese Lieder hat er sich die 
Liebe Stefan Georges erworben*). 

Mehr als Swinburne ist der junge Morris ein Verherrlicher der 
Schönheit, geheimnisvoller als Rossetti weisz er die Stimmung des 
Mittelalters zu gestalten^). Da er aber die Farben zu stark auf- 
trägt, da seine Poesie nicht die Verfeinerung besitzt, welche eine 
Eigenschaft der neuromantischen Dichtung ist, kann man diesen 
Dichter nicht als ein Bindeglied zwischen Rossetti und einer mo- 
derneren Strömung betrachten. 

Die „Blätter für die Kunst" charakterisieren die Poesie der Prä- 
raphaeliten auf folgende Weise : 



') Poems andBallads, first series, Hymn to Proserpine, Seite 67; The Garden of Pro- 
serpine, Seite 169. 

Poems and Ballads, second and third series, The forsaken Garden, Seite 22. 

*) Vgl. die Übersetzungen der Poesie Villons, die Gedichte auf Gautier, Hugo, 
Baudelaire (Ave atque Vale). Poems and Ballads, second and third Series, Seite 
33—54, 88; Seite 157, 158; 74, 109; 50. 

^) Poems and Ballads first series, Seite 1 1. 

*) Stefan George, Übertragungen zeitgenössischer Dichter, 2. Auflage, Band II, 
Seite 27 ff. 

*) Morris, Defence of Guinevere and other poems, the Tune of seven Towers, Seite 
122; The blue Closet, Seite 119; Rapunzel, Seite 71. 

Beers II, Seite 326 macht darauf aufmerksam, wie sehr Gedichte wie The Tune of se- 
ven Towers und Rapunzel an die Poesie Maeterlincks erinnern. 

Vgl. weiter Riding Together, Seite 141;Shameful Death, Seite 102 ; The Wind, 
Seite 115. 



42 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 

„Präraphaeliten und ähnliche : das gewollte Hervortreten lassen 
gewisser Eigentümlichkeiten für Beschauer, die das genaue Sehen 
verlernt und für die man schon sehr stark auftragen musz um be- 
merkt zu werden "1). 

Für die deutschen Dichter um 1 900 ist Rossettis Kunstbegriff 
zu eng, für sie darf Wortkunst kein Gemälde sein. 

Daneben aber rechnet Stefan George die Präraphaeliten zu den 
„wichtigsten Geistern, denen man das Wiedererwachen der Dich- 
tung in Europa verdankt" 2). Und die „Blätter für die Kunst "loben 
die leuchtende Grazie^) der Dichter, welche wieder die lebende 
und schöne Göttlichkeit der Form auf den Thron gesetzt*). 

Die deutschen Neuromantiker erkennen also den Wert der 
schönen Gleichnisse und der sehr gepflegten Form namentlich in 
Rossettis Dichtung an, betrachten aber die Poesie der Präraphae- 
liten doch nur als eine Etappe auf dem Weg zu der geistigen 
Kunst, welche sie anstreben. 

Hoch schätzen sie dagegen Ernest Dowson, den von Baude- 
laire, Verlaine und den Symbolisten sowie von Swinburne beein- 
fluszten, im engem Sinn als die Präraphaeliten den ausländischen 
neuromantischen Strömungen verwandten Dichter. Folgende, 
der „Villanelle of his Lady 's Treasures" entnommene Zeilen, 
charakterisieren die ganze Dichtung dieses Künstlers : 

I stole her laugh, most musical, 
I wrought it in with artful care^). 

Dowson will keine Theorien verwirklichen, keine philosophi- 
schen Gedanken dichterisch gestalten, seine Stimmungslyrik ist 
der Ausdruck individueller Gefühle, die er mit „artful care", in ge- 
schlossener Form, mit hoher musikalischer Wirkung, daneben mit 
plastischer Begabung in groszer Schönheit zu gestalten weisz. 

Dowson hebt das Kind, er suggeriert uns „the glory of child- 
hood"6). 

Mehr als die Kindheit verherrlicht er aber die Jugend : wir se- 



') Blätter für die Kunst. Eine Auslese aus den Jahren 1892—1898 Seite 17. 

-) Vorwort zu den Übertragungen der Zeitgenössischen Dichter. 

») Blätter für die Kunst. Eine Auslese aus den Jahren 1892- 1898, Seite 111. 

*) Seite 113. *) The Poems of Ernest Dowson, 8th Edition, Seite 52. 

«) Seite 22, vgl. Seite 11. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 43 

hen das junge Mädchen in her „flowerHke beauty"^), mit Trä- 
nen in den Augen über „the bürden of the days that are to be." 

Die Zeit der Jugend ist die Zeit der Liebe, und die Liebe ist die 
Herrscherin der Welt, „Love is a mighty Lord !" 

Lord over life and all the ways of breath, 

Mighty and strong to save 

From the devouring grave ; 
Yea , whose domination doth out-tyrant death, 

Thou who art life and death in one, 

The night, the sun; 
Who art, when all things seem^). 

Obgleich Dowson hofft, dasz Liebe seine Todesstunde verklä- 
ren wird : 

I will praise Thee, Lord, in Hell, while my limbs are racked asun- 

(der, 
For the last sad sight of her face and the little grace of an hour^). 

obgleich „Liebe" für ihn „Service" bedeutet*), obgleich er im 
Traum die Geliebte als Heilige erblickt^), so weisz er doch, dasz 
die Liebe zwei Menschen nur kurze Zeit verbindet^), und dasz 
alte Liebe nie wieder erblüht') : „life is a masque that changes"^). 
Die Trennung aber soll äuszerlich heiter — „with a smile"^) 
stattfinden : 

But touch my hand and say : 
„Until to-morrow or some other day, 
If we must part"^^). 

Dieser Verfechter einer heiteren Kultur, dieser Schauspieler 
des Lebens ist — wie der ihm in dieser Hinsicht verwandte deut- 
sche Neuromantiker Hugo von Hofmannsthal — der Dichter der 
Wehmut, des Pessimismus. 



1) Dowson, Seite 9. ^) Seite 121. ^) Seite 66. *) Seite 41. ^) Seite 39. 
«) Seite 38. ') Seite 15. «) Seite 141. ») Seite 38. ^O) Seite 67. 



44 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 

In music I have no consolation 
No roses are pale enoiigh for me^). 

For, Lord, I was free of all Thy flowers, but I chose the world's 

sad roses^). 

Erst nach dem Tode findet der Mensch den Frieden^), im Le- 
ben erblüht die Ruhe des Gemüts nur dem, der sich vor der Welt 
verschlieszt : der Nonne*), dem Mönch^). 

Beside the altar, there ist rest^). 

Die Verwirklichung der Schönheit der inneren Welt erblickt der 
Mensch nur in „perfumed dreamland""), nur auf seiner Traum- 
wanderung durch „No Man's Land"^). 

Darum liebt der Dichter vor allem andern „the visionary face, 
the admirable image, that my dreams have wrought"^). 

Am schönsten hat Dowson den Traum — zugleicherzeit die 
Liebe und die Musik — veiherr licht in „The Pierrot of the Mi- 
nute"io). 

Take up thy destiny of short delight ; 

I am thy lady for a summer's night. 

Lift up your viols, maidens of my train. 

And work such havoc on this mortal's brain. 

That for a moment he may touch and know 

Immortal things^^). 

Music, my maids ! His weary senses steep 

In soft untroubled and oblivious sleep, 

With mandragore anoint his tired eyes, 

That they may open on mere memories, 

Then shall a vision seem his lost delight, 

With love, his lady for a summer's night. 

Dream thou hast dreamt all this, when thou awake, 

Yet still be sorrowful, for a dream 's sake. 

I leave thee, sleeper! Yea, I leave thee now, 

Yet take my legacy upon thy brow ; 



»> Seite 31. ^) Seite 65. ») Seite 123. *) Seite 6. ») Seite 124. «) Seite 152. 
') Seite 54. 8) Seite 72. ») Seite 73. »oj seite 81 ff. ") Seite 91. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 45 

Remember me, who was compassionate, 

And opened for thee once, the ivory gate. 

I come no more, thou shalt not see my face 

When I am gone to mine exalted place : 

Yet all thy days are mine, dreamer of dreams, 

All silvered over with the moon's pale beams: 

Go forth and seek in each fair face in vain, 

To find the Image of thy love again. 

All maids are kind to thee, yet never one 

Shall hold thy truant heart tili day be done. 

Whom once the moon has kissed, loves long and late, 

Yet never finds the maid to be his mate. 

Farewell, dear sleeper, foUow out thy fate^) . 

Wie Heiberg in „Syvsoverdag" durch Anna, die Hauptperson 
seiner Märchendichtung, die Zeit Valdemar Atterdags und die 
Gegenwart verbindet, so leben wir in Dowsons lyrisch-dramati- 
schem Gedicht, obgleich der Ort nicht wechselt, bald im Reich des 
Märchens, bald zur Zeit der Madame Pompadour: the Lady of 
the Moon richtet aus einem „little book, bound deliciously in vel- 
lum," aus einem Rokoko-Lehrbuch der Minne, an Pierrot Fragen 
über das Wesen der Liebe^) ; als Marquise geht die Tochter des 
Mondes mit einer Lilie als Fächer in Trianon spazieren^). 

Nicht aus dem Bedürfnis nach mystischem Aufschwung, wie 
Maeterlinck, sondern aus dem Gefühl der Lebensverzweiflung her- 
aus verherrlicht Dowson das Schweigen. 

„What is the use of Speech?"*) „Silence is best"^). 
Meisterhaft suggeriert er die Stimmung der „silent sorrow", 
der „pale silence" in dem Gedicht „O Mors"^). 

Dowson ist der Dichter der „Beata Solitudo" im Lande des 
Schweigens. 

There all forgetting 
Forgotten quite, 
We will repose us 
With our delight 
Hid out of sight. 



1) Seite 115. '-) Seite 98 f. ») Seite HO. 
*) Seite 36. ^) Seite 153. «) Seite 34. 



46 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ENGLAND 



And men shall travail 
And laugh and weep ; 
Biit we have vistas 
Of gods asleep 
With dreams as deep^). 

Im tiefsten Schmerz bleibt Dowson, der Neuromantiker, der 
Verherrlicher der Schönheit. 



Seite 45. 



DRITTES KAPITEL 

ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN FRANKREICH 

In seiner „Psychologie contemporaine" sagt Paul Bourget^) : 

„Parfaitement douee pour l'analyse et pour la logique, la tete 
frangaise est d'une pauvrete d'imagination qui etonne, si on la 
compare aux tetes du Nord et ä leur magique pouvoir de reve, aux 
tetes du Midi et ä leur magique pouvoir de vision"^). 

Dennoch ist Frankreich nicht nur die Heimat der mittelalterli- 
chen europäischen Romantik, sondern auch das Land, in dem 
zum ersten Mal Gedanken und Gefühle ausgesprochen wurden, 
welche die Strömung um 1800 ankündigten. Rousseau bahnte ihr 
durch die in seinen Werken zum ersten Mal ausgesprochene An- 
sicht, dasz der durch gesellschaftliche und staatliche Bande gefes- 
selte Mensch zur Natur zurückkehren müsse, den Weg. Aber auch 
in den Jahrhunderten zwischen den zwei romantischen Höhepunk- 
ten flosz die Strömung weiter ; deutlich zeigt sie sich in dem Leben 
und der Kunst der burgundischen Lande während des ausgehen- 
den Mittelalters^) und in der durch die Poesie der Nachfolger Pe- 
trarcas beeinfluszten Dichtung der Plejaden. Sogar in der klassi- 
schen Zeit tritt sie hie und da ans Tageslicht. 

Mit dieser sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wie- 
der an die Erdoberfläche hervorwagenden französischen Strö- 
mungfloszin Chat eaubriands Dichtungen „Rene" und „Atala" eine 
englische und eine durch Rousseau und englische Dichter beein- 
fluszte deutsche Gefühlsrichtung zusammen. In diesen beiden 
Werken wurde zum ersten Mal das neue Gefühl der Wehmut laut, 
das sich bei diesem Dichter zwar einerseits aus seiner Religiosität 



1) Band I, Seite 145. 

^) Vgl. Spenle, Novalis, Seite 165, 

^) Vgl. Huizinga, Herfsttij der Middeleeuwen. 



48 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN FRANKREICH 

und der inneren Unruhe seiner Jugend erklären läszt, andrerseits 
aber auf der Lektüre Ossians und Werthers beruht^). 

Wie Chateaubriands Naturbeschreibungen als Wortkunst 
manchmal an die Poesie einer späteren Zeit heranreichen^), so 
stöszt man in seiner Dichtung auch hie und da auf Gefühle, die 
sich, kräftiger gestaltet, erst in der Literatur der zweiten Hälfte 
des 19. Jahrhunderts finden. 

So atmet z, B. die Szene in der Klosterkirche in „Rene"^) die 
Stimmung der Poesie Baudelaires und des ersten Teüs von Vil- 
liersdel'Isle Adams „Axel", „Lemondereligieux"; im Geiste Mae- 
terlincks heiszt es von den Natchez: „assis tranquülement sous 
vos ebenes, vous laissiez couler les jours sans les compter, vous ar- 
riviez mieux que moi au resultat de la sagesse comme l'enfant en- 
tre les jeux et le sommeil"^). Und wenn Rene, „le jeune homme 
plein de passions, assis sur la bouche d'un volcan"^) nicht weisz, 
woher ihm diese Schwermut kommt, so wird man an Verlaines 
Lied „II pleure dans mon coeur" erinnert, in dem der Dichter „ce 
deuil Sans raison" durch das Bild des leise, aber ununterbrochen 
tropfenden Regens gestaltet^). 

Auch Benjamin Constant kennt „la melancolie et la passion 
moderne." Seiner Freundin, Belle van Zuylen, schrieb er: „La 
vie n'est bonne que pour qui a souffert et sait souffrir"'). 

Alfred de Musset schüdert auf den ersten Seiten seines Werkes 
„La Confession d'un enfant du siecle" die Atmosphäre des wer- 
denden Pessimismus, „du sentiment de malaise inexprimable"^), 
und sucht das Gefühl des Weltschmerzes aus den Enttäuschun- 
gen, welche die Zeit mit sich brachte und der Einwirkung der 
deutschen undderenglischenLiteratur zu erklären. De Musset flucht 
Goethe und Byron, weil diese Dichter durch ihre Werke, nament- 
lich durch „Werther", „Faust" und „Manfred" einen so verhäng- 
nisvollen Einflusz ausgeübt hätten. Aber, fügt er hinzu, auch wer 

') Gautier, Histoire du Roman tisme 1911, Seite 4, faszt Chateaubriands Bedeutung 
mit den folgenden Worten zusammen: „Dans le genie du Christianisme il restaura la 
Cathedrale gothique, dans les Natchez il rouvrit la grande nature fermee, dans Rene il 
inventa la melancolie et la passion moderne." 

*) Z. B. die Beschreibung des Gewitters in Atala, Edition Flammarion, Seite 49. 

') Rene, edition Flammarion, Seite 134. 

*) Atala, Seite 49. 

') Gautier, Histoire du Romantisme, Seite 4. 

•) Paul Veriaine, GEuvres corapl^tes, Albert Messein editeur I, Seite 155. 

') Vgl. Benjamin Constant door Fenna de Meyier. Elsevier, Juli 1913, Seite 35. 

®) A. de Musset, CEuvres completes, La renaissance du Li vre, Seite 3. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN FRANKREICH 49 

diese Dichtungen nicht las, erlag dennoch der Stimmung der Zeit ; 
sie war ansteckend. 

Mit besonderer Vorliebe wurden während der ersten Jahrzehnte 
nach dem Sturz Napoleons Lamartines „Meditations" gelesen. „In 
diesem Buch fand die Zeit einen Dolmetsch ihrer Gefühle und al- 
les dessen, was sich ihr im tiefsten Innern regte, ein Bild ihres ide- 
alen Sehnens, das in den zartesten, schönsten Farben des Trau- 
mes spielte. Es wurde durchaus nicht als ein Fehler empfunden, 
dasz sich hier keine gesteigerte Leidenschaft, wie keinerlei Nei- 
gung fand, die düstern, schrecklichen Seiten des Menschenlebens, 
überhaupt das Leben, wie es ist, zu sehen. Nach einer Zeit, in wel- 
cher so viele Instinkte hatten erstickt werden müssen, freute man 
sich dieses rein poetischen Instinktes, dieses so melodiösen Dich- 
ters, der wie er sagte, einen Akkord für jedes Gefühl und jede 
Stimmung hatte" ^). 

Ein poetisch wertvollerer Ausdruck dieser auf die ereignisvoUen 
Jahre folgenden Zeit ist das Werk Alfred de Mussets. Diese im en- 
gern Sinn romantische Dichtung, die Gestaltung der aus dem zer- 
rissenen Gemüt des Dichters emporsteigenden Gefühle, ist die 
wehmutsvolle Verklärung der Vergänglichkeit alles Irdischen : 

L'homme est un apprenti, la douleur est son maitre^). 

De Musset fühlt nicht wie Francesca di Rimini : 

Nessun maggior dolore 
Che ricordarsi del tempo f elice 
Nella miseria,^) 

sondern er erblickt in der Erinnerung an Zeiten des Glücks den 
groszen innem Schatz, der den Menschen über den Schmerz des 
Lebens tröstet^). 

Der dritte Dichter dieser Zeit, der junge Victor Hugo, wird ge- 
wöhnlich als das Haupt der romantischen Schule in Frankreich 
betrachtet. Seine Gedanken über Poesie hat er in dem Vorwort zu 
„Cromwell" niedergelegt. Maurice Souriau weist in seinem Werk 



^) Brandes, Die Reaktion in Frankreich, 1. Auflage, Seite 235. 

*) De Musset, (Euvres completes, Seite 337. ^) Dante, Inferno V, 121 ff. 



4 



50 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN FRANKREICH 

„Lapreface de Cromwell" nach, dasz sich in des Dichters Kunst- 
ansichten sehr verblaszte Jugenderinnerungen an Spanien und 
Italien mit einer geringen Beeinflussung durch Shakespeare und 
A. W. Schlegel verbinden und dasz IManzoni, noch mehr aber Cha- 
teaubriand und Madame de Stael den Dichter beeinfluszt ha- 
beni). 

Victor Hugos Ansicht ist es, dasz die moderne Kunst, wie es 
das Mittelalter getan, das Häszliche, das Groteske künstlerisch 
"verwerten soll : „eile sentira que tout dans la creation n'est pas hu- 
mamement beau, que le laid y existe ä cote du beau, le difforme 
pres du gi-acieux, le grotesque au revers du sublime, le mal avec le 
bien, l'ombre avec la lumiere"^). 

Die Romantik ist nach des Dichters Ansicht die Kunst, welche 
diese Gegensätze neben einander stellt. Ihre höchste Form, zu- 
gleicherzeit die für das 19. Jahrhundert geeignetste Dichtungs- 
gattung ist das Drama, das sich in Bezug auf Handlung und 
Sprache so viel wie möglich der Wirklichkeit annähern soll. Des- 
halb werden die Einheiten des Ortes und der Zeit, wie die Vertrau- 
tenrollen der klassischen Tragödie verworfen^). 

Dasz das Werk eines Dichters mit diesem aus der Reaktion ge- 
gen den Klassizismus enstandenen fast naturalistischen Kunst- 
programm keine Romantik im engem Sinn, keine „Darstellung 
des Gemüts" ist, leuchtet ein*). An Innigkeit steht Victor Hugos 
Dichtung hinter de Mussets und Lamartines Lyrik zurück. Dage- 
gen übertrifft er diese beiden Dichter durch seine Sprachgewalt. 
Hugo ist der Rhetoriker, der Deklamator, der Virtuose, der durch 
die Kunst der Antithesen zu wirken, der Künstler, der die Sprache 
zu orchestrieren weisz^). Der Dichter, der von de Musset zu Ver- 
laine und den Symbolisten hinüberführt, ist er aber nicht. Dieses 
Bindeglied büdet die Poesie der dii minores der damaligen fran- 
zösischen Literatur, die Dichtung Maurice de Guerins, Madame 
Desbordes — Valmore, Gerard de Nervals. Der Lyrik dieser Dich- 
ter eignet die Innigkeit, welche der Poesie Hugos gewöhnlich 
fehlt^). 

-) Souriau, La preface de Cromwell, Seite 1 — 44. 

») Seite 191. ^) Seite 217, 223, 231. 

•) Neophilologus 1922, S. Braak, Novalis et le Symbolisme, Seite 247. 

*) Brunetiere, L'evolution de la poesielyrique en France au dix-neuvieme si^cle I 
1909, Seite 201. 

•) Neophilologus 1922, Seite 243 ff. Braak nimmt m. E. ohne genügenden Grund an, 
dasz Guerin von Novalis beeinfluszt worden ist. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN FRANKREICH 51 

Die immer wachsende Strömung des Pessimismus findet ihre 
Fortsetzung in der Poesie de Vignys, Leconte de Lisles, Baudelai- 
res, Dichter, welche, obgleich Klassiker der Form, dem Gefühl 
nach Romantiker sind. 

De Vigny gestaltet namentlich das Leid der Führer der Mensch- 
heit, den Schmerz „d'etre puissant et solitaire"^). Nach des 
Dichters Ansicht aber helfe der Stoizismus dem Menschen, das 
Leben zu ertragen^). 

Diesem Phüosophen, der sich am liebsten in seine „Tour d'i- 
voire" zurückzog, war es nicht möglich, seine Gefühle unmittel- 
bar zu äuszern, nur unter dem Schleier des Symbols wagte er es, 
sie in seiner Poesie zu gestalten. So ist er der Vorläufer der neuro- 
mantischen Dichter, welche das Sinnbild als Kunstmittel ver- 
wenden. 

Gelingt es de Vigny zwischen der Welt in seinem Innern und 
der Welt der Wirklichkeit einen Ausgleich zu finden, für Leconte 
de Lisle ist diese Möglichkeit ausgeschlossen. Lemaitre nennt die 
Lebensauffassung dieses Dichters so „horriblement triste", dasz 
damit verglichen, das Leid Renes uns berühre wie die Wehmut 
eines Bourgeois^). 

La nature se rit des souffrances humaines 

Et garde pour sa part le calme et la splendeur*). 

Dem Menschen mit seinen Idealen bleibt nichts übrig, „pas 
meme la poussiere"^). Der Tod erscheint als die einzige Ret- 
tung^). 

Nicht nur der Mensch ist unglücklich, auch das Tier kennt die 
Melancholie, denn Mensch und Tier sind verschiedene Formen 
derselben Naturkraft. Auf dieser Auffassung beruhen die vielen 
Gedichte, in denen der Schmerz der Tiere geschüdert wird. Na- 
mentlich aus „Les Hurleurs"^) der Schilderung der „angoisse in- 
connue" der Hunde, spricht neben der Angst der Tiere, die Le- 
bensverzweiflung des Dichters. 



*) De Vigny, CEuvres completes I, edition Delagrave (edition definitive), Seite 5. 

^) Auch das Tier kennt den Stoizismus, vgl. La Mort du Loup, Seite 222. 

^) Lemaitre, Les Contemporains, II, Seite 20. 

*) Poemes barbares, edition Lemerre, Seite 170. 

») Seite 8. «) Seite 229. 7) Seite 172. 



52 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN FRANKREICH 

Die Lebensauffassung Baudelaires, des dritten groszen Pessi- 
misten, faszt Henri de Regnier in folgender Weise zusammen: 

„Pour Baudelaire l'homme est mauvais dans un monde mau- 
vais, oü une influence satanique se mele ä sa vie et y engendre le 
peche, l'ennui et le degoüt. Et quel remede ä la lourde tristesse du 
mal? Sera ce l'amour, le reve, le vin, l'art? Sera ce la mort?"^) 

Von diesem Lebensschmerz zeugen u. a. die Worte, welche der 
Dichter beim Anblick einer Statue spricht : 

Elle pleure, insense, parce qu'elle a vecu, 
Et parce qu'elle vit ! Mais ce qu'elle deplore 
Surtout, ce qui la fait fremir jusqu'aux genoux, 
C'est que demain, helas! il faudra vivre encore! 
Demain, apres-demain et toujours ! — comme nous 1^) 

Namentlich für den Künstler ist das Leben eine Qual : 

Exüe sur le sol au milieu des huees, 

Les ailes de geant l'empechent de marcher^). 

In manchen Augenblicken erschreckt den Dichter selbst die 
Natur : 

Grands bois, vous m'effrayez comme des cathedrales; 
Vous hurlez comme l'orgue. 

Je te hais, Ocean ! tes bonds et tes tumultes 
Mon esprit les retrouve en lui !*) 

Mit Vorliebe gestaltet Baudelaire den Hasz : 

Ange, plein de bonte, connaissez vous la Haine, 
Les poings crispes dans l'ombre et les larmes de fiel, 
Quand la Vengeance bat son infernal rappel, 
Et de nos facultes se fait le capitaine?^) 



') Vorwort ohne Seitenzahl zu Les Fleurs du Mal et autres poemes. La renaissance 
du livre. 

*) Charles Baudelaire, Les Fleurs du Mal, Calmann-Levy, Seite 115. 
») Seite 89. *) Seite 204. ') Seite 150, vgl. u. a. Seite 160, Seite 196. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN FRANKREICH 53 

Der Dichter fragt sich : 

Ne suis je pas un faux accord 
Dans la divine Symphonie 
Gräce ä la vorace Ironie 
Qui me secoue et qui me mord ? 

Elle est dans ma voix, la criarde ! 
C'est tout mon sang, ce poison noir !^) 

Das Leiden aber läutert den Menschen : 

Soyez beni, mon Dieu, qui donnez la souffrance 
Comme un divin remede ä nos impuretes^) . 

Infolge dieser Läuterung ist der Dichter imstande zu der Ge- 
liebten wie zu einer Heiligen emporzublicken: 

A la tres chere, ä la tres belle 
Qui remplit mon coeur de clarte, 
A Tange, ä l'idole immortelle 
Salut en immortalite^) ! 

Die Geliebte spricht zu ihm : 

.... Je suis belle et j'ordonne 
Que pour l'amour de moi vous n'aimiez que le Beau ; 
Je suis l'Ange gardien, la Muse et la Madone*). 

Manchmal aber mischt sich auch in die Heiligenverehrung der 
Ton der „vorace Ironie" : 

Je t'adore, o ma frivole 
Ma terrible passion 
Avec la devotion 
Du pretre pour son idole^). 



») Seite 240, 241. *) Seite 87. ») Seite 227. «) Seite 148. ») Seite 176. 



54 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN FRANKREICH 

Enfin, pour completer ton röle de Marie, 
Et pour meler l'amour avec la barbarie, 
Volupte noire ! des sept Peches capitaux, 
Bourreau plein de remords, je ferai sept Couteaux 
Bien affiles, et, comme un Jongleur insensible, 
Prenant le plus profond de ton amour pour cible, 
Je les planterai dans ton coeur pantelant, 
Dans ton coeur sanglotant, dans ton coeur ruisselant !^) 

In diesen Zeilen lernen wir Baudelaire kennen als den Dichter 
der komplizierten Gefühle, der Freude am Schmerz, der Lust an 
der Sünde, als den Schöpfer der „Fleurs du Mal". 

Obgleich die Wirklichkeit für den Dichter das Reich der Nüch- 
ternheit ist : 

Et qui sait si les fleurs nouvelles que je reve 
Trouveront dans ce sol lave comme une greve 
Le mystique aliment qui ferait leur vigueur?^) 

betrachtet er sie doch als den Abglanz, das Symbol, einer höhe- 
ren Welt. 

Durch die Schönheit wird dem Menschen der Einblick in das 
Reich der Ewigkeit gewährt. Es ist Baudelaire aber nicht mög- 
lich, sich diesen inneren Glauben rein zu erhalten ; es regt sich der 
Zweifel, ob die Schönheit eine Botin des Himmels oder eine Ge- 
sandtin der Hölle sei und so bekommt die Verklärung des Ewig- 
keitsgedankens des Dichters die Färbung des Satanischen : 

Que tu viennes du ciel ou de l'enfer, qu'importe, 
O Beaute ! monstre enorme, effrayant, ingenu! 
Si ton oeü, ton Souvenir, ton pied, m'ouvrent la porte 
D'un Infini que j'aime et n'ai jamais connu? 

De Satan ou de Dieu, qu'importe ? Ange ou Sirene, 
Qu'importe, si tu rends, — fee aux yeux de velours, 
Rhythme, parfum, lueur, 6 mon unique reine ! — 
L'univers moins hideux et les instants moins lourds?^) 



») Les Fleurs du Mal, Seite 175. *) Seite 101. =») Seite 117. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN FRANKREICH 55 

In dem Gedicht „Correspondance"^) wird die Synthese aller 
Sinneswirkungen in dieser Welt voller Symbole gestaltet : 

La Nature est un temple oü de vivants piliers 
Laissent parf ois sortir de confuses paroles ; 
L'homme y passe ä travers des forets de symboles 
Qui l'observent avec des regards familiers. 

Comme de longs echos qui de loin se confondent 

Dans une tenebreuse et profonde unite, 

Vaste comme la nuit et comme la clarte, 

Les parfums, les couleurs et les sons se repondent. 

Und im Geiste Maeterlincks heiszt es: 

Celui dont les pensers, comme des alouettes, 
Vers les cieux le matin prennent un libre essor, 
Qui plane sur la vie et comprend sans effort 
Le langage des fleurs et des choses muettes^) . 

Die Auffassung der Wirklichkeit als das Symbol einer Welt der 
Schönheit macht Baudelaire in höherem Sinn als de Vigny zu dem 
Vorläufer der Symbolisten. Neben dem Dichter der „Fleurs du 
Mal" hat aber auch Verlaine auf die französische Neuromantik 
eingewirkt. Verlaines Wert liegt hauptsächlich darin, dasz er seine 
Gefühle als eine vollkommene Einheit von Inhalt und Form, von 
Bild, Klang und Rhythmus in einer Sprache zu gestalten weisz, 
welche der Wirkung der Musik erstaunlich nahe kommt. Wie 
z. B. in „Chanson d'Automne"^) war noch niemals in französischer 
Sprache gesungen worden: 

Les sanglots longs 
Des violons 

De l'automne 
Blessent mon coeur 
D'une langueur 

Monotone^). 



^) Seite 92. *) Seite 91. *) Verlaine, CEuvres completes I, Seite 33. 



56 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN FRANKREICH 

Die Anforderungen, denen ein Gedicht genügen musz, faszt 
Verlaine in „l'Art poetique"^) zusammen. 
An erster Stelle soll Poesie musikalisch sein : 

De la musique avant toute chose. 

Der Dichter ging in dieser Hinsicht so weit, dasz er in den „Ro- 
mances sansparoles" Gedichte schuf, in der er, im Geist der Früh- 
romantik, blosz durch den Klang zu wirken suclite. 

Im Geiste Friedrich Schlegels und Coleridges ist die Bedeutung, 
welche Verlaine auf die poetische Dunkelheit legt : 

C'est des beaux yeux derriere des volles, 
C'est le grand jour tremblant de midi, 
C'est par un ciel d'automne attiedi, 
Le bleu f ouillis des claires etoiles ! 

Car nous voulons la Nuance encore, 
Pas la couleur, rien que la nuance ! 

Und in Strophen, die deutlich den Einflusz Rimbauds zeigen, 
schlieszt Verlaine sein Gedicht: 

De la musique encore et toujours! 
Que ton vers soit la chose envolee 
Qu'on sent qui fuit d'une äme en allee 
Vers d'autres cieux ä d'autres amours, 

Que ton vers soit la bonne aventure 
Eparse au vent crispe du matin 
Qui va fleurant la menthe et le thym — 
Et tout le reste est litterature. 

Zeigt Verlaine in seiner Auffassung der Poesie eine innige Ver- 
wandtschaft mit den Dichtern der Frühromantik ^), wie sie ist 



^) Verlaine, CEuvres compl^tes, I, Seite 313. 

*) Auchdurch einGedicht wie Ballade de laVie en rouge,II, Seite 184, in der uns Ver- 
laine durch Worte die rote Farbe zu suggerieren sucht, ist er der deutschen Frühroman- 
tik, namentlich Tieck verwandt. 



EOMANTIK UND NEUROMANTIK IN FRANKREICH 57 

auch er an erster Stelle der Sänger der Liebe. Den Dichter quält 
„la fureur d'aimer"^), er kennt die Liebe in ihren verschiedenen 
Schattierungen und gestaltet sie als Freundschaft und Frauen- 
liebe, aber auch als Marienverehrung und Gottesliebe. Das grosze 
irdische Liebesglück erlebt auch er nur im Traum : 

Je fais souvent ce reve etrange et penetrant 
D'une femme inconnue, et que j'aime, et qui m'aime, 
Et qui n'est chaque fois, ni tout ä fait la meme 
Ni tout ä fait une autre, et m'aime et me comprend^). 

Verlaine, der Sänger der „inquietude profonde", gehört mit 
Baudelaire zu den Dichtern der Dekadenz. Keiner hat diesen Be- 
griff so sehr gehoben und diese Gefühlsrichtung so poetisch um- 
schrieben wie er:^) 

„J'aime le mot decadence tout miroitant de pourpre et d'or. J'en 
revoque toute imputation injurieuse et toute idee de decheance. 
Ce mot suppose au contraire des pensees raffinees d'extreme civi- 
lisation, une haute culture litteraire, une äme capable d'intenses 
voluptes. II pro Jette des eclats d'incendie et des lueurs de pierre- 
ries. II est fait d'un melange d'esprit charnel et de chair triste et de 
toutes les splendeurs violentes du bas-empire ; il respire le fard des 
courtisanes, les jeux du cirque, le souffle des belluaires, le bon- 
dissement des fauves, l'ecroulement dans les flammes des races 
epuisees par la force de sentir, au bruit envahisseur des trompet- 
tes ennemies. La decadence, c'est Sardanapale allumant le bra- 
sier au milieu de ses femmes, c'est Seneque ouvrant les veines en 
declamant des vers, c'est Petrone, masquant des fleurs son ago- 
nie. C'est encore, si vous voulez prendre des exemples moins eloig- 
nes de nous, les marquises marchant ä la guillotine avec un sou- 
rire et le souci de ne pas deranger leur coiffure. C'est Tart de mou- 
rir enbeaute." 

Dieses dekadente Fühlen, das durch die sozialen Verhältnisse 
in Frankreich nach der Niederlage des Jahres 1 87 1 genährt wur- 
de^), findet sich in der Poesie der Dichter der Neuromantik wieder. 



1) Verlaine, CEuvres compl^tes II, Seite 80. *) I, Seite 15. 
*) Ernest Raynaud, La melee symboliste, Seite 64. 

*) Vgl. das Vorwort zu Bourgets Roman Le Disciple, Seite 3, 4. Vgl. Jean Dornis, La 
sensibilit^ dans la poesie contemporaine 1885 — 1912, Seite 1. 



58 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN FRANKREICH 

Mallarme gestaltet es als die Empfindung des überbewuszten 
Kulturmenschen : 

La chair est triste, helas! et j'ai lu tous les livres^). 

Auch Rimbaud kennt es: 

„ J'aimais les peintures idiotes, dessus de portes, decors, toiles de 
saltimbanques, enseignes, enluminures populaires; la litterature 
demodee, latin d'eglise, li\Tes erotiques sans orthographe, romans 
de nos aieules, contes de fees, petits livres de l'enfance, operas 
vieux, refrains niais, rhythmes naifs. "^ 

Je revais croisades, voyages de decouvertes dont on n'a pas de 
relations, republiques sans histoires, guerres de religion etouffees, 
revolutions de moeurs, deplacements de races et decontinents"^). 

Die französischen Neuromantiker wollen eine Poesie, die als 
Stimmungskunst der Musik verwandt ist und wie diese das 
Dunkle, Geheimnisvolle der menschlichen Seele gestaltet. Ob- 
gleich diese Dichter gerne das Symbol anwenden, ist doch auch 
nach ihrer Ansicht eine unmittelbarere poetische Gefühlsgestal- 
tung möglich, ,,il suffit d'exprimer les secretes correspondances 
des choses avec notre äme"^). 

Wie die Frühromantiker und die Präraphaeliten streben auch 
die Symboliker nach einer Synthese mehrerer Künste : ihre Wort- 
kunst soll zugleicherzeit Gesang sein. Mallarme, der ehemalige 
Pamassien, der erst durch den Einflusz der Kunst moderner Ma- 
ler, namentlich durch die Gemälde Manets, zum Dichter von „L'a- 
pres-midi d'un Faune"*) wurde-^), träumte von einem Werk, das 
wie die Schöpfungen Richard Wagners, eine Synthese der Musik, 
der Literatur und der bildenden Künste werden sollte. Aus die- 
sem Drang nach Synthese geht auch Rimbauds Spiel der ver- 
tauschten Sinne hervor: „J'inventai la couleur des voyelles, A 
noir, E blanc, I rouge, bleu, U vert^), sowie Rene Ghils naiver 

^) Mallarme, Poemes, 9ieme edition, Seite 43. 

') CEuvres de Arthur Rimbaud, Seite 284, 285. 

') PeUissier, Le mouvement litteraire contemporain, Seite 177. 

*) Mallarme, Poesies, Seite 73. R. de Gourmont sagt in seinem Werk: Mallarme et 
l'idee de decadence von Mallarmes Dichtung, sie sei „le plus merveilleux pretexte ä 
reveries qui ait encore ofiert aux hommes fatigues d'affirmations lourdes et inutiles: 
une poesie pleine de doutes, de nuances changeantes et de parfums ambigues". Vgl. 
van Beveret Leautaud, Poetes d'Aujourd'hui I, Seite 347. 

') Diese Dichtung inspirierte Debussy zu seiner gleichnamigen Komposition. 

•) CEuvres de Arthur Rimbaud, Seite 285. 



ROMANTIK UND NEUKOMANTIK IN FRANKREICH 59 

Versuch, die Sprachlaute mit Musikinstrumenten zu vergleichen : 
A Orgel, I Geige, O Kupfer, Ü Flöte, T. D. H. Harfei). 

Die französische Neuromantik ist eine Poesie der Verinnerli- 
chung im Geiste Novalis'. Namentlich Maeterlinck zeigt sich in 
seinen Anschauungen und Empfindungen der frühromantischen 
Strömung aufs innigste verwandt. Auch in seiner Poesie findet 
sich die Verherrlichung der Liebe, des Kindes, des Traums. In der 
von „La Princesse Maleine" zu „Aglavaine et Selysette" führenden 
Dramenreihe gestaltet er nicht, wie es so häufig die Tragödien- 
dichter vor ihm getan, „la vie violente et lavied'autrefois", son- 
dern „l'existence d'une äme en elle-meme au müieu d'une immen- 
site qui n'est jamais inactive, le dialogue solennel et ininterrompu 
de l'etre et de sa destinee, les pas hesitants et douloureux d' une 
vie qui s'approche ou s'eloigne de sa verite, de sa beaute et de 
son Dieu."2) Nach Maeterlincks Ansicht fängt die wirkliche Tra- 
gik erst an, nachdem der heftigste Schmerz und die Gefahren vor- 
über sind. „Schuldig" werden die Gestalten dieses Dichters eigent- 
lich nie. Denn ihre Seele schwebt über ihren Worten und ihren Ta- 
ten ; nur für Kinder und Einfältige bemerkbar, kann sie rein aus 
den gröszten Verbrechen hervorgehen. 

Villiers de ITsle-Adam berührt sich namentlich durch sein Dra- 
ma „Axel" mit der deutschen Frühromantik, aber auch sonst fin- 
den sich in seinen Werken Aussprüche, die wie die Übersetzung 
eines dem „Athenäum" entnommenen Fragmentes anmuten. So 
heiszt esz. B. in „Elen" : „La science ne suffit pas, vous finirez par 
vousmettre ä genoux"^). Maitre Janus spricht im Geist der deut- 
schen Ich-philosophie, wenn er zu Axel sagt : „Tu n'es que ce quetu 
penses"*), „spiritualise ton corps, sublime-toi"^), „car tu possedes 
l'etre reel de toutes choses en ta pure volonte et tu es le dieu que 
tu peux devenir"^). 

In Augenblicken mystischer Ekstase gelang es Rimbaud sich 
zum Göttlichen aufzuschwingen: „Enfin, 6 bonheur, 6 raison, j'e- 
cartai du ciel l'azur qui est du noir et je vecus, etincelle d'or et de 
la lumiere nature*^). 



^) Dornis, La sensibilite dans la poesie contemporaine, Seite 8. 

^) Le tresor des Humbles, 120ieme edition, Seite 161, 162. 

^) Angeführt in Clerget, Villiers de l'Isle-Adam, Seite 45. 

*) Axel, Collection Gallia, Seite 189. 

5) Seite 190. «) Seite 188. ') CEuvres de Arthur Rimbaud, Seite 292. 



60 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN FRANKREICH 

^laeterlincks schon erwähnte Auffassung des Tragischen ist die 
notwendige Folge seiner inneren Überzeugung, dasz der Mensch 
ein Teil des Universums ist, in dem sich alles gegenseitig beein- 
fluszt : 

„II m'est arrive de croire qu'un vieillard assis danssonfauteuil,at- 
tendant simplement sous la lampe, ecoutant sous sa conscience tou- 
tesleslois eternelles qui regnent autour de sa maison, interpretant 
Sans le comprendre ce qu'il y a dans le silence des portes et des fe- 
netres et dans la petite voix de la lumiere, subissant la pr6senc6 de 
son äme et de sa destinee, inclinant un peu la tete, sans se douter 
que toutes les puissances de ce monde interviennent et veillent 
dans la chambre comme des servantes attentives, ignorant que le 
soleil lui-meme soutient au-dessus de l'abime la petite table sur 
laquelle il s'accoude, et qu'il n'y a pas un astre du ciel ni une force 
de l'äme qui soient indifferents au mouvement d'une paupiere qui 
retombe ou d'une pensee qui s'eleve, — il m'est arrive de croire 
que ce vieillard immobile vivait, enrealite, d'une vie plus profonde, 
plus humaine et plus generale que l'amant qui etrangle sa maitresse, 
le capitaine qui remporte une victoire ou l'epoux qui venge son 
honneur"^). 

Im Geiste Maeterhncks empfindet Rimbaud sein dichterisches 
Schaffen als ein mystisches Erlebnis: „Le poete trouve expression 
non plus en cherchant les mots, mais au contraire en se mettant 
dans un etat de silence et en faisant passer sur lui la nature, les 
especes sensibles „qui accrochent et tirent"^). 

In der Poesie der französischen Neuromantik findet sich, wie in 
der Neuromantik überhaupt, der Individualismus zum Ich-kultus 
gesteigert. 

In Mallarmes durch die Poesie Baudelaires beeinfluszter Dich- 
tung „Herodiade" antwortet die Prinzessin auf die Frage ihrer Am- 
me: 

pour qui, devoree 
D'angoisses, gardez-vous la splendeur ignor^e 
Et le mystere de votre etre? 



^) Le tresor des Humbles, Seite 168. 

«) Brief vom 15. Mai 1871, vgl. Claudel, Vorwort zu den CEuvres de A. Rimbaud, 
Seite 10. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN FRANKREICH 61 

mit den Worten: 

Pour moi^). 

» 

Aus der Ausbildung der Persönlichkeit geht die innere Einsam- 
keit hervor.Villiers' de l'Isle-Adam klagt : „Je me suis toujourssen- 
ti seul."2) Rimbaud aber liebt das Alleinsein als die notwen- 
dige Folge seiner unbezwinglichen Wanderlust : 

Si je desire une eau d'Europe, c'est la flache 
Noire et froide oü vers le crepuscule embaume 
Un enfant accroupi, plein de tristesse, lache 
Un bat eau freie comme un papillon de mai.^) 

Die französische Neuromantik ist eine Dichtung der Wehmut, 
in der aber der Pessimismus früherer Dichter häufig zur Sehn- 
sucht gemildert ist.*) Aber auch aus der Poesie der Symbolisten 
spricht der Schmerz, dasz die Schönheit der inneren Welt in der 
Wirklichkeit nicht wiederzufinden ist. Blosz Rimbaud gesteht : 

J'ai vu quelquefois ce que Thomme a cru voir.^) 

je me suis baigne dans le poeme 
De la mer infuse d'astres et lactescent — ^) 

Wer die höchste innere Schönheit, das Glück der Liebe erlebt 
hat, musz sterben. „Toutes les realites demain que seraient-elles 
en comparaison des mirages que nous venons de vivre?"^) sagt 
Axel zu Sara. Der Wunsch zu sterben geht also bei Villiers* Liebes- 
paar nicht, wie bei Tristan und Isolde, aus der Sehnsucht hervor, 
sich in die Unendlichkeit aufzulösen^), sondern sie ist die Folge 
des untrüglichen Gefühls, dasz auch das Schönste im Leben ver- 
blassen musz. 

Die flämischen Dichter Verhaeren und Maeterlinck aber stim- 
men freudigere Töne an. 



^^ Stephane Mallarme, Poesies, Seite 61, 62. 

Clerget, Villiers de l'Isle-Adam, Seite 132. 

CEuvres de Arthur Rimbaud, Seite 90. 

Dornis, La sensibilite dans la poesie contemporaine, Seite 28. 

CEuvres de Arthur Rimbaud, Seite 86. 
^) CEuvres de Arthur Rimbaud, Seite 85. 
'^ Axel, Seite 259. 

Tristan und Isolde III, 2. : „In ungemess'nen Räumen, Übersel'ges Träumen' 



^ 



y 



62 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN FRANKREICH 

Dem ersteren erblüht das Glück aus dem den Flamändern 
igeborenen Sinn für die \Mrkli 
Kraft, wo immer er sie erblickt : 



angeborenen Sinn für die \Mrklichkeit. Verhaeren bewundert die 



La force est sainte. 
II faut que l'homme imprime son empreinte, 
Violemment, sur ses desseins hardis: 
Elle est Celle qui tient les clefs du paradis 
Et dont le large poing en fait tourner les portes^). 

Maeterlinck, in dem die Gefühle der primitiven Maler seiner 
Heimat noch leben, ist folgender Ansicht: 

„Kons vivons tous dans le sublime. Ce qui nous manque, ce ne 
sont pas les occasions de vivre dans le ciel, c'est l'attention et le 
recueillement, et c'est un peu d'ivresse d'äme"^). 

Im Wesentlichen trägt die Poesie der Symbolisten das Gepräge 
des Geheimnisvollen. Mallarme sucht seinem Werk den Charakter 
der Unbestimmtheit zu verleihen, indem er dem Wort eine abwei- 
chende Stellung im Satz gibt. Rimbaud gesteht : „ J'ecrivais des si- 
lences, des nuits, je notais l'inexprimable, je fixais des vertiges"^). 
Maeterlinck suchte in seinen Dramen das Dunkle, das er bei Sha- 
kespaere fand, noch zu übertreffen*). 

Dem gesteigerten individualistischen Sinn der Neuromantik ge- 
mäsz dichteten anfänglich einige der jungen Symbolisten, u.a. La- 
forgue, in freien Versen; sie fühlten das Bedürfnis, jedes ihrer Ge- 
fühle in der nur dieser Empfindung entsprechenden Form zu ge- 
stalten. Dasz dieses Bestreben zur Prosa führt, zeigt der zweite 
Teil von Rimbauds „Illuminations'*, sowie Maeterlincks „La Prin- 
cesse Maleine"^). 

Abgesehen von diesen Versuchen ist die französische Neuroman- 
tik eine Kunst der Formenschönheit. Die Worte Villiers' de 
ITsle-Adam : „Mes mots sont peses dans des balances en toüe"'^), 
könnten von jedem Symboliker gesprochen worden sein. 

') Emile Verhaeren, Choix de Poemes, 7ieme Edition, L'Arbre, Seite 162. Vgl. Les 
Moines, Seite 14 ff., Le Vent, Seite 57. 

*) Le Tresor des Humbles, Seite 232, 233. 

*) CEuvres de Arthur Rimbaud, Seite 285. 

•) Van Hamel, Het Letterkundig Leven van Frankrijk, Seite 162. 

^) CEuvres de Arthur Rimbaud, Seite 162 fi. 

•) Vgl. Huret, L'evolution litteraire, Seite 28 ; vgl. Die Lehrlinge zu Sais. 

') Vgl. Clerget, Villiers de l'Isle-Adam, Seite 37. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN FRANKREICH 63 

Durch den Formenkultus setzen die französischen Neuroman- 
tiker die Ht erarischen Traditionen ihres Volkes fort. Über die be- 
stehende Literatur hinaus wollen sie, als vollkommene Einheit 
von Inhalt und Form, eine nur der Schönheit gewidmete Poesie, 
eine Kunst für die Kunst. Aus dieser Sehnsucht geht die „ivresse 
lyrique"^) der damaligen Jugend hervor, nicht nur die Poesie 
von Dichtern wie Mallarme, Rimbaud u.s.w., sondern auch die 
Gedichte der vielen der Vergessenheit Anheimgefallenen, welche 
in den ersten Zeitschriften der Dekadenten und Symbolisten er- 
schienen. 

Von diesen die Schönheit verherrlichenden Dichtern wurden 
französische Übertragungen der ersten Gedichte Stefan Georges 
gelesen, ehe diese Poesie in Deutschland veröffentlicht worden 
war. Auch in der Zeitschrift „Vers et Prose", die von Paul Fort 
gegründet worden war um Gedichte und Prosa der Symbolisten 
zu veröffentlichen, jungen, wesensverwandten Dichtern die Gele- 
genheit zu geben, ihre Gedichte bekannt zu machen und auf die 
Poesie ausländischer Dichter, deren Kunst auf denselben Grund- 
sätzen beruhte wie die ihre, hinzuweisen, erschienen Übertra- 
gungen Georgescher Gedichte. 

Auch Gedichte von Morris und Dowson finden sich in,, Vers et 
Prose". Morris eignet sich zur Auf nähme in diese Zeitschrift durch 
die Verwandtschaft einiger seiner Balladen mit der Poesie Maeter- 
lincks, Dowson durch seine im engern Sinn neuromantische Poesie. 

Und so erkennt, „Vers et Prose" die englische und die deutsche, 
wie die „Blätter für die Kunst" die englische und französische 
Schönheitsströmun^ alsjwesensverwandt an. 



^) Rette, Le Symbolisme, Seite 68. 



VIERTES KAPITEL 

ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 

Wie die deutsche, so ist auch die itahenische mittelalterHche 
Minnel}Tik nur aus der Poesie der Troubadours heraus zu verste- 
hen. Als während des Albigenserkrieges die Provence verwüstet 
wurde, lag es bei den engen Handelsbeziehungen zwischen Mar- 
seille und Genua auf der Hand, dasz die Troubadours ihr Glück 
bei den gebildeten Aristokraten in Oberitalien versuchten. Denn 
ihre Kunst war aristokratisch-höfisch und eben dadurch zu inter- 
nationaler Verbreitung geeignet.^) So grosz wurde der Einflusz 
der Troubadours, dasz einige norditalienische Dichter ihre durch 
die Kunst der südfranzösischen Sänger inspirierten Lieder in dem 
ihnen so leicht verständlichen und dem gesprochenen Italienisch^) 
so nahe verwandten Provenzalisch zu dichten anfingen. Zu ih- 
nen gehört Sordello aus Mantua, dem Dante im „Purgatorio"^) ein 
Denkmal gesetzt hat. 

Die Troubadours zogen weiter nach Süden, nach Sizüien. Dort 
hatte sich unter der arabischen, dann unter der normannischen 
und hohenstaufischen Herrschaft ein reiches Leben entwickelt. 
Eine vielseitige, aber wenig in die Tiefen der Gesellschaf t reichende 
Bildung glänzte hier an der Oberfläche und zog die provenzali- 
schen Sänger gewaltig an. *) 

Am Hofe zu Palermo, wo Friedrich II, der Hohenstaufe, Künst- 
ler und Gelehrte um sich versammelte, wurde von dem Kaiser und 
seinen Söhnen, von Pier della Vigne, vom Notar Jacopo von Len- 
tino die provenzalische Lyrik genau nachgeahmt; in der Poesie 
dieser Dichter findet sich dieselbe Verherrlichung der Frauen- 



M Karl Voszier, Die göttliche Komödie II, I, Seite 635. 

*) Italien besasz damals infolge staatlicher und sozialer Verhältnisse noch keine 
Schriftsprache. 

») Purgatorio VI 58 ff. «) Voszier, Die göttliche Komödie II, I, Seite 686. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 65 

Schönheit wie in den Liedern der gleichzeitig lebenden provenzali- 
schen und deutschen Sänger ; die Sprache aber ist italienisch, die 
Form die Canzone oder das Sonett. 

Guittone d'Arezzo in Toskane dichtete nach dem Muster der 
sizilianischen Dichter weiter; der ritterliche Geist aber und die 
verfeinerte Sitte, welche das Gepräge der provenzalischen und der 
sizilianischen Dichtung bilden, fehlen seiner Poesie ganz. 

Im Gespräch mit Bonagiunta im Purgatorio^) führt Dante aus, 
wie sich die Poesie Jacopos von Lentinos und Guittones von 
seiner eignen unterscheide: diesen Dichtern fehlt, was ihn beseelt, 
das Erlebnis. 

lo mi son un che, quando 

Amor mi spira, noto, ed a quel modo 

Che ditta dentro, vo significando. 

In Bologna war Guido Guinizelli der Dichter, welcher die Tra- 
ditionen der sizilianischen Schule weiter führte. In seiner Poesie 
wird, wie in der Dichtung der späteren Troubadours, die irdische 
Herrin zur sinnfälligen Erscheinung und Offenbarung der Gott- 
heit 2). Namentlich am Schlusz seines Gedichtes: 

AI cor gentil ripara sempre amore^) 

sieht man deutlich, wie die Frauenminne sich zu einer Art Reli- 
gion zu entwickeln anfängt : 

Donna — Deo me dira, che presumisti 

Siando Tanima mia a Lui davanti : 

— Lo Ciel passasti e fino a me venisti 

E desti, in vano amor, me per sembianti : 

A me convien la laude 

E a la Reina, del reame degno, 

Per cui cessa ogni fraude ! 

Dir li potrö — Tenea, d' Angel sembianza 



M Canto XXIV, 52. 

*) Wechssler, Das Kulturproblem des Minnesangs I, Seite 447. 

') Targioni Tozzetti, Antologia della poesia italiana, Seite 107. 



66 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 

Che f osse del to regno ; 

Non fea fallo s'eo li posi amanza! 

Dante nennt Guido Guinizelli 

il padre 
Mio, e degli altri miei miglior che mai 
Rime d'amore usar dolci e leggiadre^). 

Guido GuinizelU ist „il padre del dolce stil nuovo". Die Dichter 
dieses neuen Stils waren im Gegensatz zu den Troubadours 
rechtgläubig, fromm, wie in Italien überhaupt die Wirkung der 
Franziskaner-Bewegung tief eingedrungen war. 2) Alles Irdische 
und Vergängliche bekam für sie erst Wert durch die himmlischen 
Gestalten und Vorgänge, die darin verborgen waren und ihrem 
Blick sich offenbarten. Die Herrin war ihnen eine wundertätige 
HeiUge ; indem sie sich ihrer Liebe ergaben, standen sie ohne Auf- 
hören unter dem Eindruck des Ewigen: ihre Seele lebte in Gott. 
Was sie ganz erfüllte, war das Gefühl frommer Andacht. Dabei 
vergessen diese Dichter aber nie, dasz ihre Geliebte ein irdisches 
Wesen ist. 

Der Mutter Gottes vergleichbar sitzt Beatrice im Paradies ver- 
klärt neben Gottes Thron, weü sie durch ihr Leben auf Erden den 
Wert des Menschengeschlechts erhöht hat. Auch die „Vita Nuova" 
ist von der neunzehnten Canzone an eine christlich-religiöse Dich- 
tung, der höfische Frauendienst ist zum christlichen Gottesdienst 
geworden^) . 

Das Gedankliche in Dantes Liebe wird aber nicht nur hervorge- 
rufen durch die Religion, sondern auch durch das phüosophische 
Bewusztsein des Dichters*) . Wie durch die ganze Zeit eine Sehn- 
sucht nach Ideen geht, wie Laienkreise in Florenz philosophischen 
Studien oblagen, so suchten auch die jungen Dichter, namentlich 
aber Dante, die höfischen Lebenswerte gründlich zu erfassen und 
mit denen des Christentums in Einklang zu bringen. Und so sind die 
„Vita Nuova" und die „Divina Commedia" nicht nur religiöse, son- 



M Purgatorio XXVI, 97 ff. 

«) Wechssler, Das Kulturproblem des Minnesangs I, Seite 448. 
») Wechssler, Das Kulturproblem des Minnesangs I, Seite 449. 
*) Vgl. Bierens de Haan, Dante's mystische reis, Seite 22. 23. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 67 

dern zugleicherzeit philosophische Dichtungen : die Frauenliebe 
wird dem Dichter zum Eros im Platonischen Sinn. 

Die Dichter des dolce stil nuovo sind keine dienenden Sänger 
wie die Troubadours, eine freie Neigung inspirierte sie zu ihren 
Gedichten. Dasz Dantes Dichtung auf einem Erlebnis beruht, be- 
weist der Anfang der „Vita Nuova", derjenige Teil der Dichtung, 
der vor dem neunzehnten Sonett liegt, vor allem aber der Rest 
irdischer Gefühle, die der Dichter beim Anblick der Geliebten im 
Paradies empfindet, wo Beatrice zu ihm spricht : 

Tu non se' in terra, si come tu credi^). 

Durch die Heirat und den bald darauf folgenden Tod der Ge- 
liebten muszte die Liebe des Dichters sich immer mehr vergeisti- 
gen; die irdische Liebe wuchs zu einer Seelenliebe über den Tod 
hinaus, wie sie sich vereinzelt auch in der Poesie der Minnesänger, 
u. a. in den Liedern Heinrichs von Morungen findet. Kein früherer 
Dichter aber hat dieses Motiv so kräftig herausgebildet wie er. 

Im letzten Sonett der „Vita Nuova" weisz der Dichter die Ver- 
klärte in Gottes allernächster Nähe. In der auf das Sonett folgen- 
den Prosa deutet Dante auf geheimnisvolle Weise auf eine Vision 
hin, über welche er uns nicht genauer aufklärt. Es wird vermutet, 
dasz aus dieser Vision das Bild der Beatrice hervorgewachsen sei, 
wie es zwanzig Jahre später in der „Divina Commedia" geschildert 
wird : Die Geliebte aus dem Empyreum herabsteigend, um dem 
Dichter, dem die eigene Kraft fehlt, zur höchsten Sphäre empor- 
zuhelfen^). 

Auf der Reise durch die Hölle und den Läuterungsberg hinan, 
während welcher Virgil den Dichter begleitet, ist diesem der Ge- 
danke an die Geliebte eine Stütze^) ; nachdem er beim Eintritt ins 
Paradies Beatrice seine menschlichen Sünden gestanden und 
Reue darüber gezeigt hat, zieht sie ihn durch die Gewalt ihres 
Blickes immer höher mit sich empor, immer gröszer wird die 
Gotteserkenntnis des Dichters, immer mehr verklärt sich das 
Antlitz der Geliebten. 

Im Empyreum übergibt sie den Freund dem Heiligen Bernhard 



^) Paradiso I, 91. 

■•') Hauvette, La litterature italienne, 5ieme Edition, Seite 92. 

3) Vgl. u. a. Inferno II, 127- 133; X, 125- 132; Purgatorio VI, 43-49. 



68 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 

von Clairvaux und mischt sich wieder unter die Erwählten um 
Gottes Thron. Während des von Bernhard von Clairvaux ausge- 
sprochenen Gebetes zieht der Friede Gottes in Dantes Gemüt ein, 
da geht er auf in die alles umfassende Liebe Gottes. Die Hingabe 
an die göttliche Liebe ist die höchste menschliche Erkenntnis. 

Dieser Auffassung huldigte auch Goethe an seinem Lebensende. 
Faust, die VerherrUchung der Tat, erhebt sich erst am Schlusz zu 
einer Verherrlichung der Liebe Gottes. Ebenso wenig wie Dante 
gelingt es Faust trotz seines strebenden Bemühens, sich zu rein 
geistiger Höhe zu erheben; als die Engel ihn emportragen, klebt 
auch ihm noch ein Erdenrest an. Auf Gretchens Bitte, ihn beleh- 
ren zu dürfen, antwortet die Maler Gloriosa: 

Komm, hebe dich zu höhern Sphären, 
Wenn er dich ahnet, folgt er nach. 

Die Schluszworte von Goethes Dichtung: 

Das ewig Weibliche 
Zieht uns hinan. 

sind im Sinne Piatos und Dantes zu verstehen ; nur durch die Er- 
kenntnis der rein geistigen Liebe läutert sich die Seele, erst 
nach dieser Vergeistigung ist es möglich, das höchste Glück zu 
empfinden. 

Zwei Generationen später als Dante dichtete Petrarca. 

Ist Dantes Poesie die Vollendung des mittelalterlichen Denkens 
und Fühlens, Petrarca ist der Mensch und der Dichter einer 
Übergangszeit. Die Stimmung der vom Mittelalter zur Renais- 
sance hinüberführenden Zeit spricht besonders deutlich aus dem 
Brief des Dichters, in dem er beschreibt, wie er den Mont Ven- 
toux bestiegen, die Schönheit der Natur betrachtet und liebevoll 
nach seinem Vaterland Italien hinübergesehen — dann aber 
plötzlich zu den Konfessionen des Heüigen Augustinus gegriffen 
und nicht mehr um sich, sondern in sich geblickt habe^). 

In Petrarcas Dichtung findet sich dieser Gegensatz zurück : die 
Liebesleidenschaft des Menschen, der des „carpe diem" eingedenk, 
das Leben genieszen möchte, kämpft mit dem Bestreben des mit- 

^) Lettere delle Cose familiari, Le Monnier, Libro quarto, Lettera I, Seite 481. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 69 

telalterlichen Mystikers, das Irdische in seiner Liebe zu tilgen, 
die Geliebte, „Madonna Laura", nur platonisch zu lieben. Und so 
findet sich in seinem „Canzoniere" bald die Qual des Menschen, der 
weisz, dasz er die Geliebte nie wird besitzen können^) und sich in 
die Einsamkeit flüchtet, obgleich er fürchtet, dasz auch die Natur 
um seine Liebe weisz und er also auch in ihr keine Ruhe werde fin- 
den können^), bald die Versicherung des Dichters, dasz er Laura 
auch dann lieben werde, wenn sie nicht mehr schön sei^), dasz er 
sie bis zum Tode lieben werde^), dasz seine Liebe ihm alle niedri- 
gen Gedanken nehme^). 

Da stirbt Laura, der Tod trennt den schönsten Körper von der 
schönsten Seele^), der Dichter beneidet den Himmel, wo sich ihre 
Seele befindet"^). 

Der Tod der Geliebten aber läutert die Liebe des Dichters, und 
so entsteht im zweiten Teil des „Canzoniere", in „Morte della Ma- 
donna Laura" und in den „Trionfi" eine Dichtung im Geiste Dan- 
tes. Zu dieser Lyrik gehört das Schönste, was der auch als Mensch 
vervollkommnete Dichter geschaffen. 

Welche Bedeutung die Liebe zu Laura für Petrarca besessen hat, 
davon zeugt eine Stelle in dem Dialog „De contemptumundi", 
worin der Dichter gesteht, wie die Liebe in ihm das Gute erweckt 
und das Schlechte getötet habe, wie er erst durch sie angefangen 
habe, Gott zu lieben. Die Liebe besitze die Kraft, den Liebenden 
zu verwandeln und ihn dem Gegenstand der Liebe an Wert gleich 
zu machen^). 

Der Sinn für Verinnerlichung, der sich so kräftig in Dantes und 
Petrarcas Poesie äuszert, findet eine Fortsetzung in den Werken 
der Asketen, von denen die Briefe der Caterina de Sienna am be- 
rühmtesten geworden sind^), weiter in den Predigten, welche Sa- 
vonorola gegen die entnervende Herrschaft der Medizäer in Flo- 



^) Petrarca, Le Rime, Classic! italiani, Fernando Martini, u. a. n°. 132. Seite 199. 

*) N°. 35, Seite 75. Vergleicht man dieses Sonett mit Dantes „Guido, vorrei che tu e 
Lapo ed io" — Tutte le Opere di Dante Alighieri, Oxford, Seite 173 — so zeigt sich, 
in wie viel höherem Masze als Dante, Petrarca individuelles Fühlen gestaltet; Dante 
will blosz „ragionare d'amore". 

3) N°. 12, Seite 40. Vgl. Heinrich von Ofterdingen, Heilborn I, Seite 122; Minor IV, 
Seite 176. 

«) N°. 168, Seite 229. ^) N°. 85, Seite 141. «) N^ 283, Seite 329. 

') N°. 300, Seite 340. 

^) de Bouchaud, Les poesies de M. A. Buonarotti et de Vittoria Colonna, Seite 27, 28. 

^) Hauvette, La litterature italienne, Seite 154. 



70 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 

renz richtete. Schlieszlich sind die Übersetzungen Piatos und Plo- 
tinus' durch den Humanisten Ficino in diesem Zusammenhang zu 
nennen. 

Die Poesie Michel Angelos, des Bewunderers Dantes und Sa- 
vonorolas, kann als der letzte Ausläufer des mittelalteriichen Geis- 
tes der Verinneriichung betrachtet werden. 

Im Geiste Dantes sagt auch er: 

S'egli e che'l buon desio 
Porti dal mondo a Dio 
Alcuna cosa bella, 
Sol la mia donna e quella, 
A chi ha gli occhi fatti com' ho io. 
Ogni altra cosa oblio, 
E sol di tant' ho cura^). 
Oder: 

Tanto sopra me stesso 

Mi fai, Donna, salire, 

Che non ch'i '1 possa dire, 

No '1 so pensar, perch'io non son piü desso^). 

Obgleich es auch Michelangelo nicht möglich war, in seinem 
Gefühl zu Vittoria Colonna niemals die Grenzen des Geistigen zu 
überschreiten, obgleich auch seine Poesie die Verklärung eines in- 
neren Kampfes ist : 

Vorrei voler, Signor, quel ch'io non voglio^). 

brachte auch ihm der Tod der Geliebten die Vergeistigung der ir- 
dischen Liebe zur Liebe Gottes*). 

Der Geist der Lebensfreude lebt weiter in Boccaccios „Decame- 
rone" und in den Dichtungen Pulcis, Bojardos und Ariostos, den 
blosz aus der Freude am Phantastischen der altfranzösischen 
chansons de geste und der Ritterromane, als Kunst für die Kunst 
gedichteten Renaissanceepen. Einen letzten Ausläufer findet die 



*) Michel Angelo, Le Rime, Collezione Universale, Seite 85. 
») Seite 109. •) Seite 143. 

•) Vgl. de Bouchaud, Les poesies de M. A. Buoaarotti et de Vittoria Colonna, Seite 
43-95. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 7 1 

alte Sage, vermischt mit christlichem Stoff, in Tassos, „Geru- 
salemme liberata". In den Werken dieses Dichters feiert auch 
der Ritterroman seine letzte Auferstehung^) und findet das 
Schäferspiel seinen schönsten Vertreter 2). 

Wie die Literatur der andern europäischen Länder, so zeigt 
auch die italienische in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts 
einen neuen Aufstieg zur Romantik. Besonders kräftig äuszert 
sich hier die nationale Tendenz, die freilich, den staatlich ijn Ver- 
hältnissen Italiens zufolge, wie ein roter Faden durch die ganze 
Literatur geht ^). 

Namentlich Alfieri ist ein begeisterter Anhänger der politischen 
und sittlichen Befreiung seines Vaterlandes; seine auf klassi- 
schen Stoffen beruhenden Dichtungen, in denen er seinem Lande 
das lang entbehrte Drama schenken wollte, beruhen, wie die Dra- 
men Schillers, auf Freiheitsgedanken*). 

Parinis Gedicht „II Giomo" weist durch die ironische Schilde- 
rung des Lebens eines jungen, reichen Müsziggängers auf die Stim- 
mung der Revolution hin. 

Zu diesen ursprünglich italienischen Gefühlen gesellen sich lite- 
rarische Einflüsse des Auslands. 

So geht Vincenzo Monti in seinem „Pensieri d'Amore" auf „ Wer- 
ther" zurück,in „LaBassvilliana' 'machen sich Einflüsse Klopstocks 
geltend, „II Bardo della Selva nera" ist durch Ossian und Gray in- 
spiriert worden. Ugo Foscolos Dichtung, „Le ultime Lettere di Ja- 
copo Ortis", liegt dasselbe Thema zu Gnmde wie Goethes „Wer- 
ther", mit dem Unterschied, daszin dem italienischen Werk das 
Leid des Helden nicht nur die Folge einer aussichtslosen Liebe ist, 
sondern zugleicherzeit aus dem Schmerz um das Vaterland empor- 
steigt. 

Wie in Frankreich erhoben sich auch in Italien Streitigkeiten 
über die Gnmdsätze der neuen Poesie, die Schrift Giovanni Ber- 
chets, welche den Kampf eröffnete, hatte als Thema Bürgers Bal- 
laden „Lenore" und „Der wilde Jäger"^). 



^) Rinaldo. *) Aminta. 

') Vgl. den Aufsatz Guamieris in II nuovo Patto Anno V (1922) Numero 10 — 
13, Seite 411 ff. 

*) Hauvette, La litterature italienne, Seite 368 — 376. Vgl. auch Alfieris Autobio- 
graphie Vita. 

^) Hauvette, La litterature italienne, Seite 412. 



72 ROMANTIK UND NZURO>L\NTIK IN ITALIEN 

Die Ideen der neuen italienischen S ' > waren sehr gemäszigt 
und im Grunde nur äuszerhch romantisch : man erhob sich gegen 
die Verwendung der My:/. " -.': ^v^en die peinhche Durchfüh- 
rung der verschiedenen D:'::::".::u-^:-::-::u'en. gegen die drei Ein- 
heiten. Man wollte sich an weitere Ivreise des italienischen Volkes 
wenden als dies in der Kirnst der Klassiker möglich gewesen war, 
durch die Poesie sollte die staatliche und sittliche Erziehung des 
Volkes vervollkommnet werden. 

Manzoni "wird als das Haupt der romantischen Schule in Italien 
betrachtet; ebenso wenig aber wie Hugo ist dieser Dichter ein Ro- 
mantiker im enteren Sinn. Sein Grundsatz ist ; ,,la letteratura de- 
ve proporsi Tutile per is: :■ ' , il vero per soggetto, r'interessante 
per mezzo"^). 

Auch Manzonis Dichtun? könnte man sozial-politisch nennen : 
wie er in „Gl' Inni Sacri" :"-i': -".t die Alysterien der Religion besingt, 
sondern in dem Glauben das Gefühl erbhckt, das alle Alenschen 
verbindet, so besingt er in„Ilcinque Ala^eio' ' mit Begeisterung den 
Tod Napoleons-). Einen eiieri'ümhchen Ge^er.sitz zu den deut- 
schen Romantikem büdet Mar.:::-.: c.:durch. dasz er aus seinem 
Hauptwerk „I promessiSr : s:' ' c.n dem er. seinem Grundsatz ,.Pen- 
sarcisu" gemäsz, immer v/i^äer aufs neue arbeitete, aus Verstan- 
deserwäsrim^en die Liebe ausläszt. 

In engerem Sinn Rrm.antiker als Manzoni ist Leopardi, der 
Dichter des Pessimism.us. 

Als Kind war auch er voller Lebenshof fnun,^ ; 



'ö 



E che pensieri im.mensi, 
Che dolci sogni mi spirö la \'i5ta^). 

Er sah das Leben in himmlischer Schönheit : 

La sua \ita ingannevole vagheggia, 
E Celeste beltä fingendo ammira^). 



*) LettCTa al marchese Cesare d'Azegüo sul romanticismo, Ancona e Bacci, Manu- 
ale della letteratura italiana, Seite 285. 

*) Hanvette, La ütteratnre itaHenne, Seite 418. 

•) I Canti di Giacomo Leopardi, (Biblioteca di classici i: _!:-.'.: ^i..: ::.•.: . Vallardi, 
19:2, St::- :5- «) Seite 162. 



ROMANTIK UND NEÜROMANTIK TS ITALIEN 73 

Als er zum ersten Mal Liebe empfindet, fühlt er mehr den 
Schmerz als das Glück der Liebe : 

Oime, se quest'e amor, com' ei travaglia !^) 

t Bald fühlt er sich „ a pianger nato"^). 
Er gesteht : 

Arcano e tutto 

Fuor che il nostro dolor^. 

So grosz ist der Schmerz, den die Liebe mit sich bringt, dasz 
der Liebende sich den Tod "v^ünschen musz; Liebe mid Tod sind 
Zwillingsgeschwister : 

FrateUi, a un tempo stesso, Amore e Morte 
Ingenerö la sorte*). 

Quando novellamente 

Kasce nel cor profondo 

Un amoroso affetto, 

Languido e stanco insiem con esso in petto 

Un desiderio di morir si sente^). 

Nicht wie Heine sucht Leopardi im Tode die Erfüllung seiner 
Liebessehnsucht, er hofft nicht mehr, er ist zufrieden, wenn den 
irdischen Schmerzen ein Ziel gesetzt wird. 

Zwar spendet Frauenschönheit dem Mann das höchste Glück : 

Raggio di\Tno al mio pensiero apparv-e, 
Donna, la tua beltä. Simile effetto 
Fan la bellezza e i musicali accordi, 
Ch' alto mistero d'ignorati Elisi 
Paion sovente rivelai*). 

Der Mann liebt nicht die irdische Frau, sondern die Geliebte 
wird zum Ideal 



») Seite 7 ') Seite 11. ») Seite 109. «) Seite 196. *) Seite 193. *) Seite 213. 



74 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 

l'amorosa idea, 
Che gran parte d'Olimpo in se racchiude^). 

Er liebt das Bild der Geliebten noch lange, nachdem die irdische 
Frau gestorben: 

quella Diva 
Che giä vita, or sepolcro, ha nel mio core^). 

Dieses Gefühl ist Leopardi nicht, wie den Dichtem des dolce 
Stil nuovo, aus dem Denken entstanden, es ist vielmehr aus der 
Verzweiflung geboren. Mit den Minnesängern, mit Dante, mit 
Rosset ti teilt Leopardi die Ansicht, dasz Liebe zur Sittenschönheit 
führt: 

Sempre i codardi, e l'alme 

Ingenerose, abbiette 

Ebbi in dispregio. Or punge ogni atto indegno 

Subito i sensi miei ; 

Move Talma ogni esempio 

Dell'umana viltä subito a sdegno 

Di questa etä superba, 

Che di vote speranze si nutrica, 

Vaga di ciance, e di virtü nemica; 

Stolta, che l'utü^) chiede 

E inutile la vita 

Quindi piü sempre divenir non vede ; 

Maggior mi sento*). 

Nur derjenige stirbt mit der Liebe im Herzen, dem sie im „Au- 
genblick des ewigen Trennens" zu teü wird.^) 

Nicht nur die Liebe, sondern alles Irdische ist vergänglich: 

E fieramente mi si stringe ü core, 
A pensar come tutto al mondo passa. 



*) Seite 219. *) Seite 221. ») Auch hier die Betonung des Nützlichen. 
*) Leopardi, Rime, Seite 190. 191. ^) Consalvo, Seite 204. ff. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 75 

E quasi orma non lascia. Ecco ^ fuggito 
II di festivo, ed al festivo il giomo 
Volgar succede, e se ne porta il tempo 
Ogni umano accidente^). 

Nur der Schmerz ist ewig, Freude bedeutet nur eine Unterbre- 
chung: 

Uscir di pena 
E diletto fra noi^). 

Wie für Leconte de Lisle, ist auch für Leopardi die Natur der 
Inbegriff aller Grausamkeiten : 

Come d'arbor cadendo un picciol pomo, 
Cui lä nel tardo autunno 
Maturitä senz' altra forza atterra, 
D'un popol di formiche i dolci alberghi 
Cavati in molle gleba^). 

Die Natur verspricht vieles, ihre Versprechimgen treten aber 
nicht in Erfüllung : 

O natura, o natura, 

Perche non rendi poi 

Quel che prometti allor ? perche di tanto 

Inganni i figli tuoi ?*) 

Die Jugendgeliebte muszte sterben, nichts blieb von ihr als 

una tomba ignuda^). 

Das Vaterland, 

Che fosti donna, or sei povera ancella^). 

Er fragt sich : 



^) Seite 43. «) Seite 172. ») Seite 263. «) Seite 153. s) Seite 155. 
«) Seite 17. 



76 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 

dov' e la forza antica, 
Dove rarmi e il valore e la costanza?^) 

Eins aber hilft dem Menschen das Leben zu ertragen : 

Sola discolpa al fato, 

Che noi mortali in terra 

Pose a tanto patir senz' altro f rutto ; 

Solo un af fetto 

Vive tra noi: quest' uno 

Prepotente signore, 

Dieder l'eterne leggi all' uman core^). 

Aber auch diese Hoffnung schwindet dem Dicht er^), da bleibt 
ihm kein einziger Lichtblick mehr übrig. 

Könnte man Leopardi mit den französischen Dichtern des Pes- 
simismus, mit de Musset, de Vigny, Leconte de Lisle vergleichen, 
so zeigt die Poesie Pratis und Aleardis eine gewisse Ähnlichkeit 
mit Lamartines Dichtung. Wegen der romantischen Stimmung 
und des Mangels an Gedanken erfreute diese Poesie sich einer 
groszen Beliebtheit. 

Gegen den Romanticismus seines Jahrhunderts wendet sich Car- 
ducci, der Sänger der Freiheit*), in dessen in strenger, klassischer 
Form gestalteter Poesie sich dennoch hie und da romantische 
Elemente nachweisen lassen^). Seine „Odi Barbare" erweckten in 
d'Annunzio den Dichter. 

D'Annunzio ist in der italienischen Literatur der erste Sprach- 
aristokrat, der erste Verherrlicher des Wortes: 

O poeta, divina e la Parola ; 

Ne la pura Bellezza il ciel ripose 

Ogni nostra letizia ; e il Verso e tutto^) . 



*) Seite 17. ^} Seite 192. 3) A se stesso, Seite 213. 

*) Vgl Antologia Carducciana, Z. B. Seite 30, Avanti! Seite 78, Dante. 

5) Vgl. Antologia Carducciana, Z. B. Seite 227, Jaufre Rudel, Seite 213, Alla sta- 
zione in una mattina d'autunno. 

•) Poesie di Gabriele d'Annunzio, Milano, 1895, Terza edizione II, Seite 104, So- 
netti al poeta Giovanni Marradi. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 77 

„Un verso perfetto e assoluto, immutabile, immortale ; tiene in 
se le parole con la coerenza d'un diamante; chiude il pensiero 
come in un cerchio preciso che nessuna forza mai riuscirä a rom- 
pere ; diviene indipendente da ogni legame e da ogni dominio ; non 
appartiene piü all'artefice, ma e di tutti e di nessuno, come lo 
spazio, come la luce, come le cose immanenti e perpetue"^). 

Die Weise wie er dichtet, schildert uns d'Annunzio in den fol- 
genden Zeilen : 

„Laconsonanzagli venivaspontanea, senza ch'ei la cercasse; e i 
pensieri gli nascevano rimati. Poi, d'un tratto, un intoppo arres- 
tava il fluire ; un verso gli si ribellava ; tutto il resto gli si scompo- 
neva come un musaico sconnesso ; le sillabe lottavano contro la 
constrizion della misura ; una parola musicale e luminosa, che gli 
piaceva, era esclusa dalla severitä del ritmo ad onta d'ogni sf orzo ; 
da unarima nasceva un' idea nuova, inaspettata, a sedurlo, adis- 
trarlo dall' idea primitiva ; un epiteto, pur essendo giusto ed esat- 
to, aveva un suono debole ; la tanto cercata qualitä, la coerenza, 
mancava completamente ; e la strof a era come una medaglia riusci- 
ta imperfetta per colpa d'un fonditore inesperto il quäl non aves- 
se saputo calcolare la quantitä di metallo fuso necessaria a riem- 
pirne il cavo. Egli, con acuta pazienza, rimetteva, di nuovo nel 
crogiuolo il metallo; e ricominciava l'opera da capo. La strofe alla 
f ine gli usciva intera e precisa ; qualche verso, qua e lä, aveva una 
certa asprezza piacente ; a traverso le ondulazioni del ritmo appa- 
riva evidentissima la simetria ; la ripetizion delle rime faceva una 
musica chiara, richiamando allo spirito con l'accordo de'suoni 
l'accordo de'pensieri e rafforzando con un legame fisico il legame 
morale; tutto il sonetto viveva e respirava come un organismo 
indipendente, nell'unitä. Per passare da un sonetto all'altroegli 
„teneva" una nota, come in musica la modulazione da un tono 
all'altro e preparata dall'accordo di settima, nel quäl si tiene la 
nota fondamentale per farne la dominante del nuovo tono" ^). 

Für d'Annunzio, wie für die Frühromantiker, wie für Verlaine 
soll Poesie musikalisch wirken. 

Wie für Shelley ist Musik dem Dichter „chiave d'argento che 
apri la fontana delle lacrime, ove lo spirito beve finche la mente si 
smarrisce; soavissima tomba di mille timori, ove la loro madre^ 



*) II Piacere, 56°. migliaio, Seite 179. ^) II Piacere, Seite 182, 



78 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 

rinquietudine, simile a un fanciullo che dorme, giace sopita ne* 
fiori...."!). 

Sie ist „il solo mezzo conceduto airuomo per affrancarsi dall' 
inganno dell' Apparenza e per discoprire nell' universo interiore 
deir anima l'Essenza reale delle cose. Non era stata per lui la Mu- 
sica una Religione?"'^) 

Diese musikalische Sprache dient aber nicht dazu, dasz der 
Dichter dasjenige aufs neue sagt, was schon Tausende Male vor 
ihm gestaltet worden ist : 

Inutilmente voi con le snervate 

Braccia sopra le incudini sonore, 

Tristi artef ici, il verso martellate ; 

Poi che non da il metallo anche un bagliore^). 

Auf dem Boden der Seele ruhen noch unbekannte Schätze : 

Ma in grembo al Mare ignoto, ove non mai 
Giunsero na vi, ITsola fiorente 
Emerge con sue forze occulte e lente 
Su da' cerchi de' bianchi polipai*). 

Der Dichter soll den Erscheinungen der Welt neue Seiten abzu- 
gewinnen suchen : 

In ogni cerchio genera la Vita 
Novelle forme, e chiude ogni conchiglia 
Perle che il sol non mai vide, o Poeti^). 

Die Anregung zu eignen Schöpfungen kommt d'Annunzio häu- 
fig aus der Poesie fremder Dichter: 

„Quasi sempre, per incominciare a comporre, egli aveva bisog- 
no d'una intonazione musicale datagli da un altro poeta; ed egli 
usava prenderla quasi sempre dai verseggiatori antichi di Tos- 
cana. ün emistichio di Lapo Gianni, del Cavalcanti, di Cino, del 
Petrarca, di Lorenzo de' Medici, il ricordo d'un gruppo di rime, 



M U Piacere, Seite 248, 249. ») Trionfo della Morte, 24°. migliaio, Seite 398. 
») Poesie I, Ai poeti I, Seite 273. *) AI Poeti I, Seite 275. 
') Ai poeti I, Seite 276, 



N 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 79 

la congiunzione di due epiteti, una qualunque concordanza di pa- 
role belle e bene sonanti, una qualunque frase numerosa bastava 
ad aprirgli la vena, e dargli, per cosi dire, il „la", una nota che gli 
servisse di fondamento all' armonia della prima strofa. Era una 
specie di topica applicata non alla ricerca delli argomenti ma 
alla ricerca dei preludii"^). 

Die Kunst, welche d'Annunzio anstrebt, ist nicht nur eine musi- 
kalische Wortkunst, sie soll, wie das Werk des von ihm hoch ver- 
ehrten Tonkünstlers Richard Wagner^) eine Synthese aller Künste 
sein. 

Sie soll ein Fest sein „de suoni, de' colori e de le forme"^). 

In diesem Geist spricht Maria von dem Eindruck, den die „Fa- 
vola d'Ermafrodito" auf sie gemacht hat: 

„Nessuna Musica mi ha inebriata come questo poema e nessuna 
statua mi ha data della bellezza un' impressione piü armo- 
nica"4). 

An einer andern Stelle heiszt es: „lo ho eseguita ed ascoltata 
molta musica. E di ogni Sinfonia, di ogni Sonata, di ogni Nottur- 
no, di ogni singolo pezzo in somma, conservo una imaginevisi- 
bile, un' impressione di forma e di colore, una figura, un gruppo di 
figure, un paesaggio ; tanto che tutti i miei pezzi predüetti por- 
tano un nome, secondo l'imagine"^). 

D'Annunzio sucht die Synthese der Künste zu erreichen, indem 
er entweder Gemälde zum Vergleich heranzieht^), oder uns, im 
Geist der Präraphaeliten, blosz durch die Kraft seiner Wortmusik, 
Gemälde vorzaubert. 

Zu den schönsten Wortgemälden gehören wohl das Bild der 



^) II Piacere, Seite 1 80. 

^) Vgl. den Schlusz des Romans II Fuoco, wo es nach dem Tode R. Wagners 
heiszt: „II mondo pareva diminuito di valore". 

^) Vgl. Baudelaire: „les parfums, les couleurs et les sons se repondent", Les fleurs 
du Mal, Seite 92. 

*) II Piacere, Seite 210. "*) II Piacere, Seite 202. 

^) Z. B. in II Piacere, Seite 212 wird die Farbe von Marias Kleid mit den Farben 
der Gemälde Rossettis verglichen; Seite 222 vergleicht er die Geliebte mit einer „An- 
nunciazione o una Nativitä"; Seite 217 sagt der Dichter: „Un sentimento misto, 
pagano o cristiano emanava dal luogo, come da una pittura mitologica d'un quattro- 
centista pio"; Seite 90: „II duca di Beffa mostrava una danzatrice cheaveva in su la 
fronte bianca come il marmo di Luni un' accensione di chiome rosse, a similitudine 
d'una sacerdotessa d'Alma Tadema". 

Vgl. u. a. Poesie II, Seite 269 die Vergleichung seiner selbst mit Dürers Ritter auf 
dem Gemälde Ritter, Tod und Teufel; vgl. Poesie I, Seite 13, 14, l'feiH virgini di Frate 
Giovanni; I, Seite 181 die Vergleichung mit den Gemälden Alma Tademas, u. a. 



80 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 

Francesca di Rimini im Fackellicht auf dem Turm ihres Schlosses, 
und das der tanzenden und in der Pracht ihrer blonden Haare im 
Feuer sterbenden Basüiola in „La Nave". 

Wie die Dichtung der Symbolisten und der deutschen Neuro- 
mantiker ist auch die d'Annunzios hervorgegangen aus der Stim- 
mung der Dekadenz, aus dem Gefühl des Erben einer alten Kul- 
tur: 

Estati, autunni, inverni, primavere, 

O vicende costanti, ore infinite, 

Che stanchezza m'assale s'io vi penso ! 

Chi poträ darmi un qualche nuovo senso?^) 

Bewi, bevvi e ribevvi. AI fine ignota 
Non m' e nessuna ebrezza. Tutto osai^). 

Im Geiste Baudelaires heiszt es : 

Principe un tempo amai sotto aurorali 
Cieli donne possenti in un paese 
Ricco d'antiche selve circomprese 
Da meandri di fiumi imperial!. 

E f ui pugnace ; ed inf initi mali 
Addussi ai vinti ne le mie contese^). 

Aus diesem Gefühl ersprieszt die Sehnsucht, etwas Neues, Nie- 
dagewesenes zu erleben. In der Weise, wie d'Anmmzio sich die er- 
sehnten Erlebnisse ausmalt, fühlen wir die Einwirkung Baude- 
laires, Rimbauds. 

Oh al meno goder la visione 

Di Roma in flamme e qualche müione 

Di sesterzi pagare un vin di rose !*) 



1) Poesie I, Seite 124. Vgl. Mallarme, Poesies, Seite 43. 

') Poesie I, Seite 127. ') Poesie I, Seite 213. *) Poesie I, Seite 125, 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 8 1 

e tutti i filtri di Medea 
Davano ai baci suoi lenti iin funesto 
Potere. Ella evocava ogni piu rea 

Memoria di libidini, l'incesto 

Di Mirra, l'onda cretica ; o vestita 

Di jacinto, solenne, con un gesto 

Parea svelare e Tanima stupita 
Tutti i misteri chiusi nel Petroma 
Sacro e sciorre Tenigma de la Vita.^) 

Dem Dichter Andre Sperelli — dem Helden des Romans „II 
Piacere" legt d'Annunzio folgende Worte in den Mund: 

Vuoi tu pugnare 
Uccidere ? Veder f iumi di sangue ? 
Gran mucchi d'oro? Greggi di captive 
Femmine ? Schiavi ? altre, altre prede ? Vuoi 
Tu far vivere un marmo P^) 

D'Annunzio ist „l'Anima trista, che non fu mai paga."^). Da- 
neben aber kennt er die Lebensfreude*), „l'inno unico immenso de 
la Gioia"^), die namentlich bei dem reifen Dichter, in den „Laudi" 
einen so mächtigen, schwungvollen Ausdruck findet. 

In höherem Masze als alle andern europäischen Neuromantiker 
kennt d'Annunzio den Kultus des Ich. 

Er fühlt in sich den Drang, Gott zu werden : 

O f a anche una volta nel mondo il Giovine viva 
Come un possente dio ne la sua favola !^) 

Er fühlt sich Gott : 

Fremiti novi de gli alberi su le colline 
A l'alitare largo del maestral, vi sento 



^) Poesie I, Seite 97. 

*) Poesie II, Seite 107. Das Beleben des Marmorbildes ist wohl eine Reminiscenz aus 
Heine. ^) Poesie II, Seite 323. 

*) Vgl. u. a. Poesie I, Seite 179, II Peccato di Maggio. 
*) Poesie I, Seite 205. ^) Poesie I, Seite 31. 



82 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 

Nel cuor palpitante, ne i nervi, nel sangue, e una strofe 
E ogni fremito, una divina strofe 

Che vola a Timmenso poema di tutte le cose. 

lo — grida entro una voce — non son io dunque un nume?^) 

In den Anfangsworten der „Annunzio" aus den „Laudi": 

Ui te, udite, o figli della Terra, udite il Grande 
AiMunzio ch'io vi reco sopra il vento palpitante 
Con la mia bocca forte^). 

zeichnet er sich als den Übermenschen, den er im Geiste Nietz- 
sches verherrlicht. 

„II rimpianto e il vano pascolo d'uno spirito disoccupato. Bi- 
sogna sopra tutto evitare il rimpianto occupando sempre lo spi- 
rito con nuove sensazioni e con nuove imaginazioni"^). 

„Bisogna fare la propria vita, come si fa un 'opera d'arte"*). 

Die Helden aus d'Annunzios Romanen woUen ihr Leben zu 
einem Kunstwerk machen, ohne dabei nur irgendwie auf andere 
Rücksichten zu nehmen. Namentlich zeigt sich dieser Ich-kult in 
der Liebe. Denn auch die Liebe bedeutet dem Dichter nur eine 
Stufe auf dem Wege zur Göttlichkeit : 

„L'amplesso intero del mio amore ti farä divino"^). 

Die Frau soll dienen, „Servire, servire"^), sie ist sein Geschöpf , 
er fühlt sich „l'Animatore"'). 

„In due anni egli mi ha trasformata, mi ha f atta un* altra, mi ha 
dato nuovi sensi, un' anima nuova, un nuovo intelletto. Io sono 
la sua creatura. Egli puö inebriarsi di me, come d'un suo pensiero. 
Io gli appartengo, tutta quanta, ora e sempre"^). Der Heldin aus 
,,I1 Fuoco" gibt d'Annunzio den Namen „Perdita". „Distruggere 
per possedere — non ha altro mezzo colui che cerca neU' amore 
l'Assoluto"9). 



') Poesie I, Seite 20. *) Laudi I, Seite 11. 

») II Piacere, Seite 41, 42. 

*) Seite 41. ») II Fuoco, Seite 168. 

*) II Fuoco, Seite 169. 

') II Fuoco, Seite 17, 110, u. a. 

*) Trionfo della Morte, Seite 46. 

») Trionfo della Morte, S'-ite 275. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 83 

So wird er zum Dichter der „crudele amore"^), zu dem die Ge- 
liebte fleht: „oh non mi fate male" 2). Er aber schaut ihr voll 
Grausamkeit zu, als sie in Todesangst den Weg aus dem Laby- 
rinth nicht zu finden weisz^). 

Das Ende aller Liebe aber ist Ekel, Widerwille*). 

Denn auch d' Annunzio findet im Leben das Liebesideal nicht, 
das er im Herzen trägt: „l'Ideale avvelena ogni possesso imper- 
fetto e nell' Amore ogni possesso e imperfetto e ingannevole^) . Er 
träumt sich eine Liebe „fuor del mondo, interamente perduto nel 
vostro essere, per sempre, fino alla morte"^). 

Er kennt den Heiligenkult der Liebe : 

Quando primo ella a me con un immenso 
Grido s'of ferse (ancor l'anima trema), 
Un gran fascio di gigh, un puro emblema, 
Effondea presso il letto un puro incenso'^). 

Ah, mani belle, oh mani blanche e pure 
Come ostie in sacramento^). 

Ben quando (oh notte!) la divina chioma 
lo le disciolsi e vinta ella m'aperse 
Le braccia, il letto parvemi un altare^). 

D'Annunzio, der Dichter mit der Schlange im Herzen, 

lo guardo nel cuor mio ; che ardente 
Come una lampa e tutto avviluppato 
Da una spoglia di serpe, trasparente, 
Su cui l'orrido inferno e figurato^^). 

ist aber nicht im Stande, sich dauernd zu dieser hohen Liebe auf- 
zuschwingen : 



») La Gioconda, Seite 142. «) II Fuoco, Seite 190. ') II Fuoco, Seite 393 ff. 

*) Vgl. aus den Elegie Romane die Gedichte Villa Chigi, Felicem Nioben. 

6) II Piacere, Seite 174. «) II Piacere, Seite 253. ') Poesie II, Seite 256. 

^) Poesie II, Seite 30. 

*) Poesie II, Seite 155. Vgl. L'Innocente, 25°. migliaio, Seite 114. 

10) Poesie II, Seite 166. 



84 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 

Ma non poss'io veder la tua sovrana 
Luce, poi che un crudele bacio ancora 
Oueste infiammate palpebre m'aggrava. 

Bere io non posso a la tua pia fontana, 
Poi che un crudele bacio m'addolora 
Questa bocca che molto t'anelava^). 

Ein Dichter der Verinnerlichung ist dieser italienische Neuro- 
mantiker nur selten. Man glaubt ihm, wenn er gesteht : 

„Ma questo periodo di visioni, di astrazioni, di intuizioni, dl 
contemplazioni pure, questa specie di misticismo buddistico e 
quasi direi cosmogonico, fu brevissimo"^). An der Wahrheit von 
d' Annunzios mystischen Gefühlen musz man zweifeln, man fühlt 
sie als Reminiscenzen aus den Werken mystischer Schriftsteller, 
namentlich aus Maeterlincks Dichtung. 

Im Geiste dieses Flamänders spricht d'Annunzio sich in „II 
Piacere" über den Wert des Schweigens aus: „Ella taceva, tutta 
raccolta in se. Mentre il suo cuore quasi traboccava, ella godeva 
accumularvi ancora col süenzio la commozione. Parlando, ella 
l'avrebbe dispersa"^). 

„A un certo punto, il silenzio e caduto su noi, gravemente. Ma 
tra lui e me e incominciato un di que' colloqui di silenzio, ove Ta- 
nima esala l'Ineffabile e intende il murmure dei pensieri"*). 

D'Annunzio spricht hier dasselbe Gefühl aus wie Heine in dem 
Sterbelied „Für die Mouche" : 

Wir sprachen nicht, jedoch mein Herz vernahm, 
Was du verschwiegen dachtest im Gemüte — 
Das ausgesprochne Wort ist ohne Scham, 
Das Schweigen ist der Liebe keusche Blüte^) . 

Aus dem Geiste Maeterlincks hervorgegangenen ist weiter 
die verinnerlichte Gestalt der Blinden in „La Cittämorta", sowie 
die Wahnsinnige in „Sogno d'un mattino di prima vera", der ein 



^) Poesie II, Seite 253. «) II Piacere, Seite 165. 166. ^) II Piacere, Seite 25. 

*) II Piacere, Seite 260. 

*) Heine, Elster II, Nachlese, Seite 45. 



ROMANTIK AND NEUROMANTIK IN ITALIEN 85 

reiches Leben aus dem Unbewuszten emporsteigt, die mit den 
Bäumen, den Gebüschen, dem Gras eins sein möchte. 

Auch den Gedanken, dasz der Mensch ein Teil des Weltganzen 
ist, spricht d'Annunzio einmal aus: 

E non il dio e in me? II palpito eterno del Mondo 
Questo non e, che il mio cuore mortale muove ? ^) 

An Baudelaire erinnern uns die Gefühle des Demetrius Aurispa 
und seines Sohnes: „entrambi avevano l'anima religiosa, incli- 
nata al mistero, atta a vivere in una selva di simboli o in un cielo 
di pure astrazioni"^). 

In „LTnnocente", ist d'Annunzio durch Dostojewski beein- 
fluszt, in „Le Vergini delle Rocce" liest er uns aus den Briefen der 
Caterina de Sienna vor. Aber in „II Martirio di San Sebastiano", 
den beiden ursprünglich in mittelalterlichem Französisch ge- 
schriebenen Dramen, ist von Mystik kaum mehr die Rede, da 
läszt uns der Dichter mit Wollust die Grausamkeiten mitempfin- 
den, welche die Märtyrer erleiden müssen. 

Wie bei Maeterlinck finden wir auch in d'Annunzios Dichtung 
die Verherrlichung des Traums : 

„II settembre e piü feminino, piü discreto, piü misterioso. Pare 
una primavera veduta in un sogno"^). 

Im Traum erlebt er das Schönste : 

sogno di bellezza in cieli aperti*) . 

daneben aber heiszt es : 

Cosi, mio Sogno, a le tue tristi aurore 
Li spiriti fuggiti de'l mio core 
Rompono insieme tempestando forte^). 

D'Annunzio ist der Dichter mit der Fähigkeit, sich allem anzu- 
passen, aUes in sich aufzunehmen, sich in alles zu verwandeln. 

Non vivono forse i germi di tutte le vite 

Ne la mia vita umana ? Sento il prodigio instare. 



1) Poesie I, Seite 42. 2) Xrionfo della Motte, Seite 280. 281. 

8) II Piacere, Seite 215. «) Poesie I, Seite 200. ') Poesie II, Seite 109. 



86 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 

Tu cullami, o mare, nel tuo infinito respiro ; 
Compi tu, sole, l'alta metamorfosi^). 

Nicht zum ersten Mal lebt der Dichter auf Erden: 

e conoscemmo 
Pur noi nel tempo quando in un' isola 
Armoniosa de l'Arcipelago 
Costei si nomava loessa 
Ed io nomavami Dorione^). 

Auf d'Annunzio anwendbar sind die Worte, welche Joel in Be- 
zug auf den Romantiker ausspricht : 

„Er bezieht alles auf sich und bezieht sich auf alles. Er drängt 
immer zum andern und im andern findet er nur sich. Er ist die 
Leidenschaft, die heiszhungrig immer hinausstrebt und unersätt- 
lich immer zu sich zurückkehrt. Er verwandelt sich beständig und 
in alles, aber alles wird ihm nur Gewand, Schleier, Maske, Durch- 
gang. Er wandert unaufhörlich, bleibt nie fest in sich und auch 
nie fest in anderm, denn er ist bei allen Dingen nur zu Gaste. Er 
bleibt nie bei der Sache, beim Objekt, er baut nicht, sondern er 
wandelt sich, indem er denkt "^). 

D'Annunzio besitzt eine überaus grosze Empfänglichkeit, er 
zeichnet sich aus durch die „estrema impressionabilitä del suo si- 
stema nervoso cerebrale"*). Er ist der Dichter mit den scharfen 
Sinnen, vor allem, wie Baudelaire, mit dem ausgeprägten Ge- 
ruchssinn. Nicht nur in „La Gioconda" erreicht d'Annunzio Stim- 
mung durch den Duft der Veilchen, durch seine ganze Poesie 

senti soave odore^) . 

Wie ein Leitmotiv geht durch d'Annunzios Dichtung die Liebe 
zum Meere. Wie der Dichter es in „II Piacere' ' ausdrückt : „Come nel 
verso di Giorgio Byron le montagne, per lui erano un sentimento 
le marine"^). Von den ersten bis zu den letzten Gedichten läszt 



») Poesie I, Seite 42, 43. *) Poesie I, Seite 79. 

*) Joel, Nietzsche und die Romantik, Seite 116—117. 

*) II Piacere, Seite 166. *) Poesie II, Seite 28. «) II Piacere, Seite 166. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 87 

sich dieses Gefühl nachweisen. Der junge Dichter spricht es in den 
Worten aus : 

O Marc, o gloria, forza d'Itaha!^) 

der reife Künstler errichtet dem Meer ein Denkmal in den „Laudi" . 

Ein zweites, gern gestaltetes Motiv ist die Liebe zu- Rom. 
„Roma era il suo grande amore, non la Roma dei Cesar „ ma la 
Roma dei Papi ; non la Roma degli Archi, delle Terme, c^ei Fori, 
ma la Roma delle Ville, delle Fontane, delle Chiese"^). Der Dichter 
zeichnet uns diese von ihm bevorzugte Umgebung in „II Piacere" 
und in den Elegien. 

Wie Keats und Swinburne, wie Hugo von Hof mannsthal greift 
auch d'Annunzio gerne zu klassischen Stoffen, auch er gieszt 
dem antiken Stoff romantische Gefühle ein. In dem in Myken 
spielenden Drama „La Cittä morta" versucht der Dichter uns die 
Empfindungen von Menschen vorzuführen, welche vergiftet sind 
durch die beim Aufgraben der Königsleichen eingeatmeten Mias- 
men^) ; dies ist dem Dichter aber nicht gelungen, es erstehen vor 
uns moderne Menschen mit modernen Gefühlen. 

D'Annunzios Dramen tragen häufig die Stimmung des Perver- 
sen. Pervers ist die auf dem Bucentaur tanzende Pantea in 
„Sogno d'un tramonto d'autunno", pervers die tanzende und in 
den Flammen umkommende Basiliola in „La Nave"*), pervers ist 
Fedra, die Heldin der gleichnamigen Tragödie. Diese drei Dra- 
men sind Dichtungen des Hasses. Gradeniga sucht die junge schö- 
ne Gegnerin Pantea durch Zauberkünste, durch das Schmelzen 
des Wachsbildes^) ums Leben zu bringen, steht aber, als dies ihr 
gelungen, sprachlos und wahnsinnig vor Schmerz und Entsetzen 
da. In „La Nave' ' gestaltet d'Annunzio den Hasz der sich bekämp- 
fenden Heiden und Christen; durch diese Dichtung geht, wie ein 
roter Faden, die selbst den Feind bezwingende Schönheit der 
Basüiola. In „Fedra" mischt sich die Liebe zu Hippolytosmitdem 



1) Poesie I, Seite 10. ^) II Piacere, Seite 43. ^) II, 4. 

*) La Nave, Terzo migliaio, Seite 245. „Fulmineasi volge, si precipita surara,conla 
bocca protesa come per bere la fiamma, simile nella felicitä dell'atto a chi assetato 
affondi tutto il corpo nella polla, per trarre il piü lungo sorso. L'ardore s'apprende ai 
capelli che divampano in un attimo come un fascio di stipule, con un chiaro baleno. 
Sollevati sono i grandi clipei d'intorno. Urla d'intorno la moltitudine, rompendo il 
silenzio della meraviglia e dell* orrore". 

*) Vgl. Rossetti, Sister Helen. 



88 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN ITALIEN 

Hasz der Verschmähten. In dieser Dichtung verbindet sich der 
Einflusz von Baudelaires Poesie mit der d'Annunzio eignenden 
Grausamkeit. Wie Hofmannsthals .,Elektra' ' ist auch „Fedra" — 
wie „La Nave" — ein Schaustück mit schönen Stellungen, schönen 
Farben, Lichteffekten. Ist „Elektra" ein gröszeres Kunstwerk, weil 
nur Eine Empfindung, die des Hasses, die Heldin ganz erfüllt, 
„Fedra" wächst durch den Schlusz, wo die Königin sich zur 
Grösze erhebt, zu mächtigerer Wirkung aus. 

D'Annunzios Bedeutung als Dichter liegt darin, dasz er an 
erster Stelle Künstler ist. Die Kunst ist ihm „piü che l'amore". 
W^ie Leonardo da Vinci ist auch er der Ansicht, dasz „Cosa bella 
mortal passa, e non d'arte"^). Schaffen ist ihm die gröszte Freude : 
„Ouale gioja e piu forte !"2) Ist die Dichtung dieses Sinnenmen- 
schen nicht eine Kunst der Verinnerlichung, wie die Neuromantik 
in den andern Ländern, das Werk dieses Dichters, der sich, wie 
so viele Romantiker vor ihm, durch die Schönheit zu der katholi- 
schen Kirche angezogen fühlte, ist wie kein andres durch Schön- 
heit geweiht. Seiten, wie sie sich im siebenten Kapitel des Romans 
„L'Innocente" finden, stehen als Wortkunst unerreicht da, nur 
einige Stellen in dem W^erke Jacobsens sind ihnen zu vergleichen. 

Mit Recht liesze sich von diesem Dichter sagen, er sei der 

miglior fabbro del parlar materno^). 



») Titelblatt der Gioconda. *) II Piacere, Seite 180. •) Purgatorio XXVI, 117. 



FÜNFTES KAPITEL 

ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 

Der dänischen Literatur fehlt, wie der enghschen, die mittelal- 
terHche Liebesdichtung, dagegen besitzen die Dänen in der alten 
nordischen Heldensage einen unerschöpflichen poetischen Hort. 
Den Kern dieser Poesie bilden historische Ereignisse vor oder wäh- 
rend der Völkerwanderung. In lateinischer Übersetzung sind die- 
se Sagen in der Chronik des Saxo, den „GestaDanorum" erhalten. 
Die Helden der Vikingerzeit wurden nicht in die Heldensage auf- 
genommen, ihre Taten wurden mit dem frischen Gepräge des Rei- 
seabenteuers in Sagas erzählt^). Der tragische Grundton der alten 
Heldenlieder fehlt diesen Prosaerzählungen, manchmal auch sind 
den Taten ihrer Helden Märchenzüge beigemischt 2), Von den Iren 
lernten die nordischen Völker die Kunst, ihre Erzählung in einer 
lyrischen Welle gipfeln zu lassen^), der Gedankeninhalt aber blieb, 
nordisch; auch der Einflusz der ritterlichen Romanliteratur des 
Südens konnte den ursprünglichen, nordischen Geist dieser Poesie 
weder umformen, noch verdrängen, blosz eine einzige Vikinger- 
sage ist eine Mischung der südlichen und der einheimischen Rich- 
tung: die Sage von Frithjofs und Ingeborgs Liebe*). Auch diese 
Sagen sind in Dänemark durch die Chronik des Saxo erhalten. Die- 
ses Werk is die reichste Sammlung lebensvoller Bilder aus jenem 
Zeitalter, das Dänemark zur Freiheit führte und zur Grösze erhob, 
es ist ein einzig dastehendes Memoirenwerk^) . 

Als Saxo seine Chronik anfing, waren die Helden der glänzend- 
sten Epoche der dänischen Geschichte schon ausgestorben, oder 
sie hatten sich in dem gemeinem Volk verloren^), ein milderes 



*) Olrik, Nordisches Geistesleben in heidnischer und frühchristlicherZeit, Seite 125. 
«) Seite 126. 3) Seite 127. «) Olrik, Seite 128. ^) Seite 161. 
•) Seite 165. 



90 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 

Zeitalter voll Lebensfreude und Naturgefühl hatte eingesetzt. Die 
schönste, poetische Äuszerung dieser neuen Kultur sind die Folke- 
viser; die namentUch in dem Kehrreim dieser Lieder enthaltene 
Lyrik ist eine aus Tanz und Gesang emporgeblühte Kunst, die E- 
pik dieser Dichtung ist zum gröszten Teil die Verklärung des da- 
maligen Ritterlebens^) . 

Für die Dichter des goldenen Zeitalters der dänischen Literatur, 
für die Romantiker, wurden die Sagen und die Folkeviser von der 
allergröszten Bedeutung. Nicht an erster Stelle fühlten sie sich aber 
durch das Märchenhafte und Phantastische dieser Dichtungen an- 
gezogen, vielmehr erblickten sie in dieser Poesie die Verklärung ei- 
ner Zeit, welche die groszen Eigenschaften besasz, die der ihrigen 
fehlten. 

Der erste Dichter, der in seiner Poesie auf alte Sagenstoffe zu- 
rückging, war J. Ewald. Zwar besitzen die Helden seiner Tragö- 
dien, die er unter dem Einflusz von Klopstocks Barditen dichtete, 
nicht den Charakter der alten Helden, dennoch ist es das Ver- 
dienst Ewalds, dasz er die Aufmerksamkeit späterer Künstler auf 
die heimische Sage gelenkt hat 2) . 

Auch durch das Singspiel „Fiskerne", in dem er unter Rousseaus 
Einflusz die Natur und den Naturmenschen verherrlicht, führt er 
zu der Romantik hinüber. Auf einen zweiten Vorläufer späterer 
Dichter, auf Baggesen, wirkten neben Voltaire und Shakespeare, 
Klopstock, Wieland und Goethe ein. Im Geiste Lessings ebnete 
Wessel der neuenStrömung den Weg; sein Trauerspiel, „Kjaerlighed 
uden Stromper", eine Parodie auf die Tragödie Corneilles und 
Racines, wirkte so komisch, dasz von da an die Herrschaft des 
klassischen Dramas der Franzosen zu Ende war. 

Dieser leise hinanstrebende literarische Aufschwung ist aber 
noch blosz im engeren Sinn romantisch. Kräftigere Gefühle wurden 
erst hervorgerufen durch den Sieg über die englische Flotte am 2. 
Aprü 1801 ; da regte sich in den Herzen der Dänen das Bewuszt- 
sein einstiger nationaler Grösze, man verglich die Schlacht im 



') Auch aus Frankreich kam der Stoff, so wurde der Normannenheld Ogier in der 
dänischen Poesie zu Holger danske ; aus der Normandie über England kam eine Grund- 
form der Vise von Herrn Oluf und dem Elfenmädchen. Auch aus dem Sagenstoff der 
deutschen Spielmannsdichtung wurde manches herübergenommen; vgl, Olrik, Seite 
167. 

') Vgl. J. Jörgensen, Geschichte der dänischen Literatur, Seite 69. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 91 

Sund mit den Kämpfen sagenberühmter Vorfahren und fühlte die 
Poesie längst dahingeschwundener Zeiten wieder erblühen. Als 
Steffens aus Jena, wo er ein begeisterter Anhänger Schellings und 
der geistige Verwandte Novalis' und der Brüder Schlegel gewor- 
den war, nach Kopenhagen zurückkehrte, fand er da eine Jugend 
vor, die bereit war, alle an die Aufklärung erinnernden Gefühle über 
Bord zu werfen und für die seine Vorlesungen über die Naturphi- 
losophie ein Ereignis bedeuteten. Zu den jungen Männern, welche 
er beeinfluszte, gehörte Oehlenschläger : in dem Jugendwerk dieses 
Dichters, namentlich in „Aladdin", erblühte, wie eine über Nacht 
sich entfaltende Blume, eine Poesie, die aus dem Geist der Frühro- 
mantik geboren, im Wesentlichen ihre Züge trägt. Auch die Poesie 
des ersten dänischen Romantikers ist die aus heftigem Drang nach 
Verinnerlichung^) hervorgegangene Kunst eines phantasiebegab- 
ten Dichters. 

Mehrere Gefühle und Gedanken der deutschen Frühromantiker 
lassen sich in Oehlenschlägers Dichtung nachweisen. In Nureddin, 
Aladdins Gegner, der im Anfang des Dramas „Aladdin", wo er 
noch als der ernste Forscher und als Zauberer dargestellt wird, an 
den Faust des Volksbuchs erinnert, wird der Gedanke verkörpert, 
dasz Wissen nicht zur Erkenntnis führt. Im weiteren Verlauf des 
Dramas stellt Oehlenschläger mit feiner Ironie den dürren Wissen- 
schaftsmenschen dar, der niemals ein Mädchen liebte, niemals im 
Mondschein schwärmte, der immer studierte — aber nie die innere 
Befriedigung fand^). 

Den Gegensatz zu den trockenen Verstandesmenschen, den 
„Harmonisch Platten" büden: 

de sjeldne Faae 
Som vor Gave forstaae, 
Som ej Jordlaenker binde, 
Men hvis Sjaele sig haeve 
Tu det Eviges Tinde, 
Som ane det H03e 

^) Nicht ohne Bedeutung ist es wohl, dasz Oehlenschlägers — wie Steffens' — Mutter 
zur pietistischen Gemeinde gehörte; schon als sehr junger Mensch liebte Oehlenschlä- 
ger es „at taenke over Menneskets Vaesen og Handlinger, at opfatte Karakterer og 
Handlingernes Bevaeggrunde i det menneskelige Hjerte"; vgl. Vedel, Studier over 
Guldalderen i dansk Digtning, Seite 46. 

2) Oehlenschläger, Poetiske Skrif ter i Udvalg, Kobenhavn 1896. I, Seite 291, vgl. 
dazu die Verspottung der Nützlichkeitstendenzen und des Mangels an Phantasie 
während der Aufklärungszeit in Sanct Hans Aftenspil u. a. Seite 6, 19, 23, 33. 



92 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 

I Naturens öje, 

Som tilbedende basve 

For Giiddommens Straaler 

I Sole, i Viel er, 

I det ]\Iindste, i det Störste, 

Som braendende torste 

Efter Livets Liv^). 

Namentlich das Kind besitzt diesen mystischen Blick. Einem 
Kinde, einem Mädchen ist es deshalb beschieden, ohne irgend wel- 
che Anstrengung das Heiligtum zu finden, das verborgen in der 
Erde ruht, „det skjonneste Skjonne", ein „Glimt" aus ferner Zeit, 

Da det straalte i Norden, 
Da Himlen var paa Jorden^). 

Ebenso mühelos gelingt es dem jungen Aladdin, „Naturens 
Son" von den drei den Knaben zugeworfenen Apfelsinen zwei zu 
fangen, die dritte fällt ihm, ohne dasz er sich auch nur regt, in 
den Turban^). 

Naturens muntre Son er Lykken naest. 
Hvorefter Nattens Grubler flittig grunder, 
Naar Solen slukkes i det biege Vest, 

Det finder han med Lethed, ved et Under. 
Fast ubegribeligt ham Lykken gaaer 
Im0de, mens han sodt og lifHgt blunder. 

Og deri Lykken netop jo bestaaer, 

At den umiddelbar, ved skjulte Krsefter 

Hen til sin elskte G jenstand sikkert naaer. 

Den kommer selv, den vil ej gribes efter ; 

Det hjaelper lidt kun at Du S0ge vil, 

At Du din Tanke paa dens Ankomst hefter; 



') Udvalgte Digtninger, Seite 283, Guldhomene, Kobenhavn 1905. 
*) Seite 280. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 93 

Du griber — Haabets D0r sig lukker til, 
Hvis ej umiddelbar din Lod er falden, 
Da blier Du f or din Higen kun et Spil ; 
Da hjaelper ej din Forsken og din Kalden^). 

Unter den Erwachsenen steht der Künstler dem Kinde am näch- 
sten, auch ihm strömen aus dem Unbewuszten Kräfte zu; sie er- 
möglichen es ihm, ohne Mühe zu. schaffen: 

En anden I0J erlig naragtig Karl 
Blier f 0dt tu Verden som en Spindevaev ; 
Han haier alting af sig selv og hviler 
Ej, f0r den hele Bygning f aerdig staaer; 
Og det er gjort, mens en fornuftig Mand 
Faaer taendt og r0get ud sin Morgenpibe. 
Det maa man aldrig ta'e fortrydeligt ; 
Hver f0lger saa sin egen Sjaels Natur! 2) 

In seinem Märchendrama gestaltet Oehlenschläger den Künstler 
nicht als denjenigen, für den die Gebilde der Phantasie leben 
wie die Gegenstände der Erscheinungswelt^), sondern über das 
Genie hinaus als den Glücklichen, der die Wunderkraft besitzt, die 
Gestalten seiner Phantasie zu wirklichen Erscheinungen zu ma- 
chen — als eine Zwischenstufe zwischen dem Genie und dem ma- 
gischen Idealisten. 

Die zuletzt angeführten Worte heben das schnelle Schaffen des 
— romantischen — Genies hervor. Die Schnelligkeit, womit 
Oehlenschläger arbeitete, ist wie die Vorliebe der deutschen Dich- 
ter für das Fragment, eine natürliche Folge des romantischen Cha- 
rakters. Wer nur dichten kann, solange das Gefühl ihn beherrscht, 
schafft entweder Kurzes oder arbeitet schnell. Der Risz in Alad- 
dins Charakter — das junge, leichtsinnige Naturkind wird in den 
letzten Aufzügen zum Verfechter einer höheren Sittlichkeit — ist 
auch wohl eine Folge der Unfähigkeit Oehlenschlägers, sich zu 



^) Poetiske Skrifter i Udvalg, Kobenhavii 1896 I, Seite 81. 

2) I, Seite 221. 

^) Schon für Baggesen bestand kein Unterschied zwischen den Gestalten der Wirk- 
lichkeit und denen der Phantasie, vgl. Vedel, Studier over Guldalderen i dansk 
Digtning, Seite 32. 



94 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 

konzentrieren. Dennoch fühlt Oehlenschläger sehr genau, welche 
Anforderungen an den wahren Künstler gestellt werden müssen : 

„Ganske at kunne tabe sig i sit Objekt og fremstille det sandt, 
tydeligt og betydningsfuldt uden uvedkommende Indblanding er 
uden Tvivl det, der karakteriserer den sandeKunstner"^). Auch 
nach seiner Ansicht kann der Dichter nicht besonnen genug sein. 
Und wie die Frühromantiker ist auch er mit Bewusztsein Symbo- 
liker ; in „Aladdin' ' will er „gennem individuelle Billeder fremstille 
Store Situationer af Livets og Naturens forunderlige Gang"^). 

Der Stoff des „Aladdin" ist den Märchen der 1 00 1 Nacht entnom- 
men, den Geist des Ostens aber hat Oehlenschläger nicht verkör- 
pert — nur über dem Lied der Karawane in der arabischen Wüste 
liegt die Stimmung des Orients^). Im Prolog *) spricht der Dich- 
ter die Furcht aus, dasz es ihm nicht gelungen sei, das Märchen 
mit der dazu erforderlichen Farbenpracht zu gestalten. Auch Oeh- 
lenschläger kennt die Sehnsucht nach dem Orient, er möchte seine 
Poesie mit östlicher und südlicher Glut durchdrängen : 

Blomsten sund af Fr0 

Til Solen traenger, for at gjennemgl0des^). 

Den Norden und den Süden zu verbinden sucht der Dichter in 
..Hakon Jarl". Indem er mit gleich groszer Sympathie Hakon, den 
Vertreter des Heidentums und Olaf Tryggvason, den christlichen 
König darstellt, läszt Oehlenschläger die Zeit der Götterdämme- 
rung, die Übergangszeit der nördlichen zu einer südlichen Religion, 
vor uns erstehen. 

Das Thema des „Hakon Jarl", den Kampf zwischen Heidentum 
und Christentum, gestaltet Oehlenschläger aufs neue in „Palnato- 
ke" ; in diesem Trauerspiel aber hat die Religion seiner groszen Vor- 
fahren die ganze Sympathie des Dichters. Wie Harald von der 
BuUe des Papstes spricht als von „velske Kragetseer"^), so nennt 
Palnatoke die Mönche „denne lumre Munkepest fra Syd"^), das 

») Vedel, Seite 110. «) Vedel, Seite 111. 

Wie die Frühromantiker ist auch Oehlenschläger ein groszer Bewunderer Shakes- 
peares, vgl. die unter Shakespeares Einflusz gedichteten Szenen im 4. Aufzug von 
Aladdin, Seite 261 — 268. 

Der Schlusz des 3. Aufzugs von Peer Gynt, wo der Sohn die sterbende Mutter in den 
Tod fährt, ist wohl durch die mittlere dieser drie Szenen inspiriert worden. 

3) I, Seite 317, vgl. Brandes, Menschen und Werke 1894, Seite 118. 

*)I, Seite 74. ^^ II, Seite 241. «) II, Seite 260. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 95 

Christentum das Mittel „at draebe Landets Selvstaendighed". So 
wird die Schilderung der Heidenzeit symbolisch zu dem ideellen 
Bilde eines geistig unabhängigen Dänemark, das die Traditionen 
seiner groszen mittelalterlichen Vergangenheit unbeeinfluszt von 
einer südlichen Kultur fortsetzt. 

Die Romantik in „Palnatoke" ist die unmittelbare Fortsetzung 
der Gefühle der dänischen mittelalterlichen Strömung. Nicht nur 
dieser — sondern der dänischen Romantik überhaupt — fehlt 
die in der deutschen Poesie vorherrschende Verherrlichung des 
Katholizismus. Von der geringen Sympathie, welche Oehlenschlä- 
ger für die Religion des Mittelalters fühlte, zeugt, auszer den aus 
„Palnatoke" angeführten Stellen, die Gestalt des „Sortebroder 
Knud", des bösen Dominikanerbruders aus „Axel og Valborg". 

Der Glaube ist für Oehlenschläger 

En Drift, som haever Kräften i vor Sjael 
Mod Livets Ophav, det Usynlige ; 
En Drift, som er forskj ellig efter Vaesnet, 
Den virker paa; forskj ellig efter Tiden, 
Den virker i; forskj eilig som Naturen^). 

Auch die Schönheit des Katholizismus findet in der dänischen 
Romantik nicht eine ihr gerecht werdende Verklärung; der Ver- 
such Christian Winthers, in „Hjortens Fingt" das Mittelalter er- 
stehen zu lassen und somit die Stimmung der Zeit der Mönche und 
der Heiligen heraufzubeschwören, ist verfehlt. 

Nur ausnahmsweise hat die Liebe in der dänischen Dichtung 
den Wert, den die deutsche Romantik ihr beilegt. Oehlenschläger 
verherrlicht zwar „Kjserligheden", die Liebe zwischen Mann und 
Frau, in den Wertender Göttin am Schlusz des „Sanct Hans Aften- 
spil', über diese geht ihm aber die Liebe zur Natur, dieser „hellige 
Poesie uden Ord"^) 

Den hele Natur er min Elskerinde. 
Gid jeg som de hvinende Vinde 
Kunde styrte h0jt fra Skyerne ned 
Og favne det Alt! Det var Kjaerlighed!^) 



1) II, Seite HO. >) I, Seite 61. ^} I, Seite 68. 



96 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 

Niemals erwählt Oehlenschläger „eine romantische Gegend" 
zum Schauplatz seiner Dichtung, mit sichtlicher Vorliebe verweilt 
er z. B. in „Sanct Hans Aftenspil" in „Dyrehaven", dem Lustgar- 
ten in der Nähe von Kopenhagen. Diese Mischung von Romantik 
und Wirklichkeitssinn kennzeichnet nicht nur Oehlenschlägers 
Poesie, sondern die Dichtung fast aller dänischen Romantiker. 
Bei den späteren Dichtern nimmt die aus dem Volkscharakter her- 
vorgehende Realistik immer mehr zu und treten die ursprüng- 
lich fremden Gefühle und Gedanken zurück. Man könnte die däni- 
sche Romantik einer im Süden an ein Hochgebirge grenzenden, 
wellenartig sich erhebenden Landschaft vergleichen, aus der hier 
und da ein Berg aufragt, deren letzte Hügel aber schon den 
Schmuck der Ebene bilden. 

In Oehlenschlägers Werk sind die Anschauungen und Empfin- 
dungen späterer Dichter ganz oder im Keim enthalten^). 

Ganz im Geiste Oehlenschlägers fühlt auch Andersen, dasz „det 
gor ikke noget at vaere f odt i Andegaarden, naar man kun har ligget i 
et Svaneaeg"^). In einigen seiner Märchen fallen dem vom Glück 
dazu auserlesenen Kinde, wie ein Wunder, die Gaben in den 
Schosz. 

Die Verherrlichung des Kindes und des Wunders gestaltet In- 
gemann in „Reinald Underbarnet"^), dem Knaben Reinald gelingt 
es durch die Kraft seiner Reinheit, seiner „enfoldig Fromhed", 
die Schwestern aus der Gewalt des Zauberers zu befreien. 



') Nur Grundtväg nimmt in gewissem Sinne eine Einzelstellung ein. Dieser Romanti- 
ker, dessen Sinn auf das praktische Leben gerichtet war, suchte das Dasein des Volks, 
an erster Stelle das der Landleute, zu poetisieren. Auf den durch seinen Einflusz gestifte- 
ten Volkshochschulen sollte den Bauern aus der Kenntnis der Bibel und der Geschich- 
te der groszen Vergangenheit des dänischen Volkes eine fröhliche Lebensanschauung 
und nationale Selbstbesinnung erwachsen. Grundtvig verwirklicht Fr. Schlegels im 
Athenäum III, Seite 14 ausgesprochenen Wunsch : „Auch die Volkslehrer sollen wieder 
Priester werden und geistlich gesinnt, aber sie können es nur dadurch, dasz sie sich 
an die höhere Bildung anschlieszen." Wie Novalis dem deutschen Volk die Geistlichen 
Lieder, so schenkte Grundtvig den Dänen das Sangverk til den danske Kirke, Hym- 
nen, Psalmen und Kirchenlieder, die im Geist der Frühromantik die Liebe, das Kind 
und das Wunder verherrlichen. Vgl. Vedel, Seite 152. 

*) Andersen, Eventyr og Historier, Jubilaeumsudgave 1905, 1, Seite 254. Vgl. auch 
z. B. Klods Hans, Lille Claus og störe Claus, Fyrtojet. 

') Ingemanns lyrisch-episches Gedicht erinnert durch die Naturbelebung — Bäume, 
Blumen, Vögel, Fische sprechen — und durch die Stimmung des Wunderbaren äuszer- 
hch an NovaUs' Erzählung von Hyazinth und Rosenblütchen; es fehlt dieser dänischen 
Dichtung aber die Tiefe von Novahs' Märchen, mehr als ein „Uflig Sang" ist sie 
nicht, vgl. Reinald Underbamet, det Reitzelske Forlag 1893, Seite 35. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 97 

Hvo ikke blier som en af disse Smaa 
Ej Himlens Veje f Inder 

ist auch die Ansicht Hauchs^). 

Die Überzeugung, dasz Fühlen mehr ist als Wissen, liegt An- 
dersens Märchen „Klokken"^) zu Grunde: der junge Königssohn 
und der arme Konfirmand erreichen beide, obgleich auf verschie- 
denen Wegen, das Ziel aller menschlichen Sehnsucht; derjenige 
aber, der die Erkenntnis durch dürre Wissenschaft gewinnen will, 
erliegt gleich. Andersen fühlt wie Paludan-Müller, dasz mit der 
Vernunft sich kein Rätsel lösen lasse, dasz 

Tanken Intet dog af Alt forstaaer^). 

Das Kind als Künstler feiert Andersen in seinem Gedicht „Det 
har Zombien gjort"*): der geniale, mit unwiderstehlicher Kunst- 
begeisterung begabte Negerknabe malt, wie es niemals einem der 
Schüler Murülos gelungen ist. 

Den Ewigkeitswert der Kunst und des Künstlers verherrlicht 
die Poesie Schack Staffeidts. 

Din Rod sig dybt i Evigheden skyder^). 

sagt er zu einem jungen Dichter. 
Und von sich und seiner Poesie heiszt es : 

Min Poesie er evig som jeg selv; 

I andre Verdner den oprinder 

Og er et Stjerneglimt i Tidens B0lge-Elv: 

Det glimter end, naar Elv og B0lge svinder^ 

Der Dichter ist ein Gott ; als Schack Staffeidt fühlt, dasz die Ge- 
staltungskraft schwindet, ruft er aus : 



^) Lyriske Digte og Romancer af C. Hauch, andet Oplag 1862, Seite 48. Vgl. dazu 
den Schlusz von Andersens Snedronningen : „Uden at I blive som Born, komme I 
ikke i Guds Rige". 

^) Andersen, Eventyr og Historier I, Seite 312 ff. 

^) Fr. Paludan — Müller, Ungdomskrifter 1854, Seite 238. 

*) Kjendte og glemte Digte 1867, Seite 56 ff. 

'") Schack Staffeldt, Digte og Sauge i Udvalg 1902, Seite 57. 

^) Schack staffeldt, Seite 58. 



98 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 

En Gud hensegner, 

Over ham styrter 

Hans grundlose Verden^). 

Kein Romantiker fühlt sich durch das Leben befriedigt, keiner 
vermag die Kluft zu überbrücken, welche die Welt der Wirklich- 
keit von dem Reich der Schönheit trennt, das er im Innern mit 
sich trä t. 

So s^ t Ingemann : , Jeg vilde saa gerne helde mit Hoved paa 
Virkeli|,.ieden, men det er en haard Sten at hvile paa"^). 

Er flüchtet sich in die Welt der Wunder: 

En underlig Verden det vaere maa, 
Hvorefter min Hu mon stände^). 

Aarestrup, der von Heine beeinfluszte Dichter, spricht seine Le- 
bensverzweiflung u. a. in „Sygdommen" und „Liigklokkerne"*) 
aus : das Leben ist ihm eine Qual, aus der nur der Tod den Men- 
schen zu erretten vermag. Auch Paludan-MüUer gestaltet den Le- 
bensschmerz, von einer höheren Schönheit gewahren wir auf Er- 
den blosz „et Glimt"^). 

Forsage, det er Laeren kun — forsage 
Er al vor Viisdom, Livets hele Frugt^). 

Im Herzen aber ruht ein „rig Skat",') im Inneren lebt der Glau- 
be an eine schönere Welt : 

Glem Alting — og i Alting glem dig selv, 
Din Kraft, din Hu, din Svaghed og din Jammer! 
Hvad da kun halv bevidst din Lsebe stammer. 
Mens Tanken bader sig i hellig Lyst, 
Er Gudens Stemme bag dit eget Bryst^). 



') Seite 84. 

■) Ingemann, Lebensbeschreibung vor Reinald Underbamet. 

•) Ingemann, Reinald Underbarnet, Seite 25. 

*) Aarestrup, Digte i Udvalg, Seite 114, 143. 

•) Paludan — Müller, Ungdomskrifter, Seite 261. 

«j Seite 268. ') Seite 198. «) Seite 300. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 99 

Die Lebensaufgabe des Menschen ist es also, sein Inneres zu 
bilden. 

Hauch spricht diesen Gedanken aus im Vorwort zu den „S0stre- 
ne paa Kinnekullen" : „ikke blot om Pengebegaerlighed og Ha- 
vesyge er her Sp0rgsmaal, men om enhver blot udvortes og 
ensidig Straeben, under hvilken den egentlige aandelige Opgave, 
som ethvert Menneske har at l0se, forglemmes og fors0mmes, 
og under hvilken Mennesket, hvor meget han ogsaa i den udvor- 
tes Verden kan virke, dog i sit inderste staar stille, medens Tiden 
uigenkaldelig s vinder hen . ' ' 

Ulrikka, die sich aus Goldgier im Berg hat einschlieszen und ihr 
Leben freudelos hat vorbeigehen lassen, teilt das Schicksal Tau- 
sender : 

I tro nu vel, hun er den eneste. 
Der saadan spundet har sin Ungdom bort, 
Og der sit Liv har ofret hen f or Guld ; 
Men jeg, som ved det bedre, jeg jer siger: 
Der gives mangen Kvinde, mangen Mand, 
Som I beundret har og agtet h0jt. 
Der gives tusinde, som mindst det tro. 
Der sade Nat og Dag som hun i Bjerget 
Og spildte Livet paa den samme Vis^) . 

Für diese Menschen ist auch nach dem Tode keine Rettung mög- 
Hch; Mephistofeles begrüszt sie beim Eintritt in die Hölle mit 
folgenden Worten : 

I finde, som sagt, det samme Liv, 
Den samme Travlhed og Tidsfordriv, 
Som forhen i det jordiske Rige; 
Det kommer deraf, maa jeg dig sige, 
At du, min Ven, og dine Lige 
Alt, mens I leved, i Helvede vare; 
Og deraf kan du dig selv forklare, 
At eders Tilstand forandres ej , 
Men er samme Virken ad samme Vej^). 



') Sestrene paa Kinnekullen 1917, Seite 79. 
*) Heiberg, En Sjael efter Deden, Akt III. 



100 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 

Wer durch die Kraft der Schönheit seines Inneren die UnvoU- 
kommenheit der WirkUchkeitswelt zu besiegen vermag, wer im 
Stande ist, sich dieser höheren Welt ganz zu ergeben, 

Med 0jet, 0ret, Sjaelen^) 

der hat damit das höchste Glück erreicht ; Schicksal und Gemüt 
sind Namen Eines Begriffes. 

Og dog er Skj aebnen til, kun at vi baere 
Den i os selv og i vort eget Skj0d. 
Den kommer f rem fra Inden, ej f ra Uden ; 
Den er vor Skabning, mens vi selv er Guden^) . 

Die infolge ihrer Erblindung, ganz verinnerlichte und vollkom- 
men glückliche Tochter König Renes betet nach ihrer Genesung : 

Ufattelige Aand, der talte til mig, 
Mens Natten hylled ind mit 0je, laer mig 
At s0ge dig i denne Verdens Straaler ! 
Laer mig at holde fast ved dig i Verden \^) 

Damit sich der Mensch diese innere Schönheit erringen kann, 
musz er geläutert werden: 

Kun i Flammeme kan Guldet luttres*), 

er musz durch den Schmerz hindurch : 

Sorgen er en Engels dunkle Haand, 

Som luttrer, hvad os jordisk kjaert er vorden, 

Og l0fter mod det Evige vor Aand^). 



^) Heiberg, Syvsoverdag 1911, Seite 35. 
*) Paludan-Müller, Adam Homo 1899 I, Seite 147. 
') Hertz, Kong Renes Datter, tiende Oplag, Seite 92. 
Wie die Poesie nur denen zugänglich ist, die 

forud som i Dromme 
Har gjemt i Brystet en poetisk Verden 
Og hige nu mod dem i vaagen Tilstand, 
so kann auch Ebn Jahia die blinde Prinzessin nur dann heilen, wenn das Gesicht „fra 
Sjaelens Dyb" strömt, wenn ihr inneres Auge geöffnet ist, und sie die Sehnsucht zu 
sehen fühlt. 

*) Paludan-Müller, Ungdomskrifter, Amor og Psyche, Seite 418. 
•) L. Bodtcher, Digte, aeldre og nyere, fjerde Udgave, Seite 216. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 101 

Den Menschen, der diese höchste Vollkommenheit nicht er- 
reicht hat, tröstet vor allem die Schönheit des Traums^) : 

hvo har N0glen til 
De dybe Gaader, som vort Indre spinder, 
Naar Sindet, fyldt af Skyggerigets Minder, 
Til Aneisernes Top sig haeve vil ? 
Naar Sjaelen snart sin Fremtid klaret finder 
I sine egne Dr0mmes dunkle Spil, 
Og snart, naar skjulte Tankekraefter m0des, 
Ved Tankens Lynglimt seer Ideen f0des?2) 

In demselben Sinne betet Aarestrup : 

Dr0mme ! 
Vaer for mig det Virkelige^) 1 

Auch die Kunst gewährt dem Menschen einen Ersatz für den 
Mangel an Schönheit in der Welt der Wirklichkeit und hilft ihm 
das Leben ertragen ; L. B0dtcher blickt an seinem Lebensende auf 
die Kunst als auf das Wesentliche in der Welt zurück : 

Den Jord du har husvalet 
Med Shakespeares gyldne Sang, 
Hvor Raphael har malet, 
Og Mozarts Toner klang*). 

Chr. Winther preist vor allem die Schönheit der Natur: 

Men naar heelt min Sjael er Nat, 
Miskjendt, haanet og forladt, 
Jeg kun h0rer Smertens Stemme, 
Flugter fra sit Fangebuur 
Tanken til din Favn, Natur ! 
For at d0ves der og glemme!^) 

Gleichfalls erwächst dem Menschen Freude aus der Erinnerung 



^) Vgl. dazu Paludan-Müller, Vestalinden, Udvalgte fortaellende Digtninge 1911, 
Seite 17 fi., wo an der zum Tode verurteilten Vestalin das Leben in seiner ganzen 
Schönheit noch einmal im Traum vorübergeht. 

») Paludan-Müller, Ungdomskrifter, Seite 206, 207. 

3) E. Aarestrup, Digte i Udvalg 1909, Seite 143. 

*) L. Bodtcher, Digte, aeldre og nyere 1878, Seite 226. 

•) ehr. Winther, SangogSagn 1866, Seite 104. 



102 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 

an eine schönere Zeit, namentlich an die Zeit der groszen histori- 
schen Vergangenheit^). So sucht Ingemann in seinen Romanen 
und in dem Gedichtzyklus „Holger Danske" seinem Volke „Evig- 
hedskemen i Tiden" zu zeigen. 

Paa Sagatavlens sjeldne Skaar 

End mangt et reddet Traek der staar, 

Som om det Svundne taler; 
Og i hvert dyrket Gudfantom 
I Kunstens indre Heiligdom 

Den gamle Tid sig maler^) . 

Schack Staffeidt fühlt sich wie der Troubadour, der nur unter 
Gottes freiem Himmel singen kann; er stellt sich im Mondschein 
unter das Fenster der Geliebten : 

Guitarrens sidste 
Smeltende Lyd d0de 
Hist ved Ridderst0tten 
Paa den maanelyse Plads^) . 

Auch Christian Winther verherrlicht den fahrenden Sänger und 
seine Wanderlust*), Heiberg spielt am Schlusz der „Nygifte"auf 
die Sehnsucht in die Ferne an, kräftiger als in der Poesie dieser 
Dichter ist sie in Paul Möllers „En dansk Students ySventyr" ge- 
staltet. Diese „ufuldendt Novelle", hat grosze Ähnlichkeit mit Ei- 
chendorf fs Erzählung „Aus dem Leben eines Taugenichts" ; in bei- 
den Dichtungen spielt neben der Wanderlust die Liebe eine grosze 
Rolle und erklingt Geige und Waldhorn; es fehlt Paul Möllers 
Werk aber die Wald- und Mondscheinstimmung der deutschen 
Romantik, sowie ihre Schlösser mit Park und Statuen; der „kr0l- 
lede Fritz" fühlt sich am behaglichsten bei den Müllersleuten. 

Die Liebe überschreitet in der Poesie der Dichter nach Oehlen- 
schläger nur selten die Grenzen der aus Geist und Sinnlichkeit ge- 



^) Vgl. z. B. Hauch, Valdemar Atterdag; Winther, Hjortens Flugt. Vgl. Oehlen- 
schläger, Grundtvig. 

*) Schack Staffeidt, Digte og Sänge, Seite 23, 
•) Schack Staffeldt, Digte og Sänge, Seite 25. 
*) Chr. Winther in Hjortens Flugt. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 103 

mischten Durchschnittsempfindung. Vereinzelt erinnert die 
dänische Liebespoesie an die mittelalterUche Minnelyrik ; so erlebt 
Aarestrup im Traum das Liebesglück, welches die Wirklichkeit 
ihm nicht gewährt ^) und vergleicht Schack Staffeidt das Gemach 
der Liebsten mit einem Altar, einem Tempel^). Auch den Wahn- 
sinn der Liebe kennt dieser Dichter : 

Fred ! Fred ! I Furier ! 
Kommer du fra Tartarus, 
T0jlel0se Elskov?^) 

Ein an Baudelaire erinnerndes, aus Liebe und Hasz gemischtes 
Gefühl gestaltet Chr. Winther in „Hjortens Flugt."*) 

Schlieszlich ist Alma, die weibliche Hauptperson aus „Adam 
Homo", Dantes Beatrice, Goethes Gretchen, Ibsens Solveig ver- 
gleichbar : 

Du — spurgte Homo — du mig f 0re vil ? 

Du til din Himmel e j tilbage vender ? 

Du, hvem den Salighed, som aldrig ender, 

Blandt de udvalgte Sjaele h0rer til — 

O, svared hun, paa een Gang streng og mild: 

Hvor lidt dog Kjserligheds Natur du kj ender! 

Hvor lidt Udvselgelsen ! Hvor lidt dog mig ! 

Ja, jeg er udvalgt — men til Hjaelp for dig^). 

Die Natur gestalten die dänischen Dichter zwar hie und da mit 
der lyrischen Stimmung des Vollmonds und des Glockenklangs^), 
häufiger aber mit realistischer Färbung. Christian Winther geht 
in dieser Wirklichkeitskunst am weitesten; in den „Traesnit" 
heiszt es : 

De, som paa min Scene gaae. 
Er jaevne, danske B0nder'^). 

da erblickt er Amor „paa en Malkeko"^). 



1) Emil Aarestrup, Digte i Udvalg 1909, Seite 129, 178. 

2) Digte og Sänge, Seite 27, 21. Vgl.Wechssler, Das Kulturproblem des Minnesangs 
I, Seite 288. 

*) Digte og Sänge, Seite 28. 

*) Chr. Winther, Hjortens Flugt, nittende Oplag, Seite 28. 

5) Paludan-Müller, Adam Homo II, Seite 340. 

8) Christian Winther, Sang ogSagn, Seite 123. ') Seite 207. 8) Seite 210. 



1 04 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 

Die mystische Veranlagung der dänischen Romantiker ist ge- 
ring, Hauch und Heiberg bilden von dieser Regel aber eine Aus- 
nahme. Hauch spricht in seinen Gedichten Gefühle aus, in denen 
er sich von Novalis beeinfluszt zeigt; Heiberg gestaltet seine 
Mystik namentlich in „Syvsoverdag" und in „De Nygifte". 

IndemDrama „Syvsoverdag" lebt Anna, das Kopenhager Mäd- 
chen des 19. Jahrhunderts, das durch die Kraft ihrer Gedanken 
und Gefühle mit einer höheren Welt verbunden ist, im Traum an 
Kong Valdemars Hof, und nimmt an den Schicksalen der Hofge- 
sellschaft teil; in „De Nygifte" heiszt es: 

Meget som haendes mig f0rste Gang, 
Synes mig et dunkelt Minde, " 

Det klinger for 0ret som en gammel Sang, 
Hvis Ord man ikke kan finde^). 

L. B0dtcher spricht ein einzelnes Mal die Erkenntnis der Ein- 
heit des Weltganzen aus: 

Du h0rer til det Hele^). 

oder er äuszert seinen Glauben an verborgene Kräfte: 

E] nogen Tanke, klaedt i Ord, 

Gaaer paa sin Livsflugt reent tilgrunde^). 

Paludan-MüUer kennt die Mystik des Schweigens*): 

Thi ogsaa Tavshed har sit Sprog, og Stemmer 

I Mine, Suk, i Stilling og i Blik ; 

Og meer Veltalenhed de ofte fik, 

End Ordet, som i Verdens Lärm man glemmer^)^). 



1) De Nygifte 1891, Seite 41, vgl. Seite 61. 

») L. Bodtcher, Digte, aeldre og nyere, Seite 214. ») Seite 215. 

•) Vgl. die Mystik der Liebe, Seite 29. 

') Paludan-MüUer, Ungdomskrifter, Seite 273. 

«) Wie in der Poesie der Frühromantik findet sich auch in der dänischen Dichtung 
niir sehr selten die Verherrlichung der Schönheit, blosz L. Bodtcher (Digte, aeldre og 
nyere, Seite 198) und Chr. Winther (Sang og Sagn Seite 8) gestalten „Skjonheds 
staerke Herredom". 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 105 

Steht also die Poesie der dänischen Dichter als Kunst der Ver- 
innerlichung hinter den Erzeugnissen der deutschen zurück, als 
Wortkunst nimmt sie eine höhere Stellung ein. Grade durch die 
ihren romantischen Gefühlen beigemischte Besonnenheit sind die 
dänischen Dichter im Stande ihre — niemals ausschweifenden — 
Empfindungen aus einer gewissen Ferne zu betrachten und sie als 
Künstler zu gestalten.^) 

Der erste Spracharistokrat in Dänemark aber ist Jacobsen. Als 
Wortkünstler steht er über allen vorigen Dichtern, traditionelle 
Wendungen sucht man in seiner Poesie vergebens, er ringt mit 
der Sprache, um dasjenige Wort zu finden, das sein persönliches 
Gefühl in Schönheit gestalten kann. Namentlich auf die Wahl der 
Beiwörter legt er das gröszte Gewicht. Unter seinen Händen wird 
die dänische Sprache ein Instrument der höchsten Ausdrucksfä- 
higkeit 2). 

Für Jacobsen ist — wie für alle Neuromantiker — das Wesent- 
liche aller Kunst die Schönheit. Niels Lyhnes Freund Erik, der 
sich die Bilder im Katalog einer Gemäldesammlung ansieht, ist 
„naesten syg af Laengsel efter virkelig at skue al denne Kunst 
og Sk0nhed, virkelig med 0jne at nyde og med 0jne virkelig at 
gribe al den Liniers og Farvers Herlighed, saa den i Beundring 
blev hans"3). 

Diese Schönheit der Formen und Farben sucht Jacobsen auch 
in seiner Poesie zu verkörpern, er will uns die Schönheit der Gestal- 
ten seiner Phantasie fühlbar machen, wir sollen sie durch seine 
Worte zu sehen bekommen. So beschreibt er nicht, wenn er uns 
eine Meerfrau vorzaubem will, wie Oehlenschläger in „Helge" blosz 
ihre schönen Glieder, sondern „Jeg vil have en yppig, gl0dende 
Skildring der, jeg vil se noget saa blaendende sk0nt, at det tager 
Vejret fra mig. Jeg vil indvies i saadant et Havf ruelegemes e j en- 
dommelige Sk0nhed. Hun skulde vaere n0gen som en B0lge, og 
Havets vilde Sk0nhed skal gaa igen i hende. Der maatte vaere no- 



*) Als Kunst des Wortes sind hervorzuheben: Schack Staffeidts Gedichte Sned- 
keren og hans Drenge, und Under Lillas Vinduer ; Aarestrup „Det var den heje hede 
dag" Digte i Udvalg, Seite 1 40 und Tidlig Skilsmisse, Seite 1 40, ein an Rilkes Die 
Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke erinnerndes Gedicht, vor allem 
aber der Schlusz von Paludan-Müllers Amor og Psyche. 

*) Georg Christensen, J. P. Jacobsen, Seite 66. (Mennesker i Litteraturens, Kun- 
stens, Politikens og Videnskabens Tjeneste, Band IV). 

*) Jacobsen, Niels Lyhne, Samlede Skrifter, ottende Udgave II, Seite 65. 



106 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 

get af Sommerhavets Fosforskaer over hendes Hud, noget af 
Tangskovenes sorte, forfiltrede Raedscl i hendes Haar. Vandets 
tusinde Farver maa gaa og komme i blinkende Skiften i hendes 
0jne; det biege Bryst maa vaere koldt af en vellystigt k0lende 
Kulde, Bolgerne risle deres vuggende Gang gennem alle hendes 
Former, og der er Malstrommens Sugen i hendes Kys og der er 
Skummets bristende Bl0dlied i Favntaget af hendes Arme"^). 

In dieser Kunst, Stimmungen zu erwecken, ist Jacobsen ein 
Meister. Er zaubert uns den Rosengarten, in dem die vierzehn- 
jährige Marie Grubbe hin und her geht^), vor, wir sehen Mogens' 
Braut Kamilla im roten^), Frau Boye im gelben Licht*), wir sit- 
zen mit Marie Grubbe in ihrer Stube, wo das Feuer rot und warm 
hineinleuchtet und die Lichter tanzen, während drauszen der 
Sturm tobt und das Dunkel zunimmt, und wir freuen uns an den 
Liedern, die sie sich auf der Guitarre begleitet^), wir fühlen den 
Jubel in der Seele der Sängerin Madame Odero, als sie nach einer 
langwierigen Krankheit zum ersten Mal wieder singen kann^). 

In diesen Szenen könnte man Jacobsen den Schüler Keats' nen- 
nen. Da aber, wo er uns die Stimmung des Frühlings in Ciarens 
vorzaubert') und uns den Abschied zwischen Niels Lyhne und 
Frau Boye mit erleben läszt^), übertrifft er alle früheren Stim- 
mungskünstler und reicht an d'Annunzio heran. 

In seiner Lyrik erwächst ihm vereinzelt die Stimmung aus einer 
Zeichnung, dann entsteht ein Gedicht im Geist der Präraphaeli- 
ten^) ; ein andres Mal gestaltet er eine Stimmungslyrik wie die 
Poesie der Frühromantik^^), hie und da dichtet er ein Stim- 
mungslied im Volkston^^). 

Jacobsens Werk aber wird erst dann ganz verständlich, wenn 
man weisz, dasz der Dichter als junger Gelehrter Darwin in Däne- 
mark bekannt gemacht hat. Da begreift man, weshalb dieser 
Träumer, der zum lyrischen Dichter geschaffen schien, sich zum 
psychologischen Roman hingezogen fühlen muszte, dasz es ihn 
drängte, die Gestalten seiner Phantasie, die er äuszerlich und in- 
nerlich scharf schaute, in Gedanken und Gefühlen als durch Ge- 
burt und Umgebung bestimmte Wesen darzustellen. Und so ist 



») II, Seite 79, 80. ^) I, Seite 10, 11. ') II, Seite 296. *) II, Seite 91. 

*) I.Seite 193— 195. «) II, Seite 245. ') II, Seite 121 — 123. 

*) II, Seite 125 ff. ^) I, 342 Arabesk tu en Haandtegning of Michel Angelo. 

'ö) I, Seite 360. ") I, Seite 347, 356. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 107 

auch die Kunst dieses Neuromantikers eine Mischung zweier 
Strömungen: während die vollendet schöne Sprache uns in die 
heraufbeschworene Stimmung einhüllt, berührt das Äuszere der 
uns in diesen Stimmungsbildern vorgeführten Gestalten wie die 
Figuren eines Gemäldes^), ihr Inneres wie die Seele eines in ver- 
traulichem Verkehr mit uns lebenden Menschen. 

Jacobsen zeichnet sich selbst und seine Dichtung in „Niels Lyh- 
ne" : „Nu havde han endelig fattet, at det ikke var nogen Naturn0d- 
vendighed at vaere enten oldnordisk eller romantisk, og at det var 
simplere selv at sige sine Tvivl end at laegge dem i Munden paa 
Gorm Lokedyrker, rimeligere at finde Lyd for sit eget Vaesens 
Mystik end at raabe mod Middelalderens Klostermure, og faa det 
Samme ekkosvagt tilbage, han selv havde sendt"^). 

„Niels kastede sig med Begejstring over sit nye Arbejde; han 
var bleven greben af den Erobringslyst, den T0rst efter Videns 
Magt, som vel hver en Aandens Tjener, hvor ydmygt han saa end 
siden kom til at g0re sin Gerning, dog en Gang har f0lt, var det end 

kun en eneste stäkket Time til Ende husker du saa, hvor 

det bygged sig op for din Tanke fra B0gemes gulnende Blade 
sluttet og samlet, hvilende i sig selv som et Kunstens Vaerk, ogdet 
var dit i hver en Enkelthed, og din Aand leved i dit Hele"^). 

Auch für Jacobsen wird die höchste Wissenschaft zur Kunst. 

Als das Werk eines Neuromantikers ist Jacobsens Dichtung ne- 
ben einer Kunst der Schönheit eine Poesie der Verinnerlichung. 
So quillt z. B. in den „Gurrelieder"*) die Liebe Valdemars zu 
Tove aus dem Innern des Königs hervor und entsteht nicht, wie 
in der Sage und in der Poesie romantischer Dichter^) durch die 
Zauberkraft eines Tove gehörenden Ringes. Nicht wie Blicher^) 
betrachtet Jacobsen die Lebensgeschichte der Marie Grubbe als 
die Bestätigung der Regel, dasz „Synden l0nner sine B0m", son- 



^) Z. B. in Mogens Kamilla unterm Apfelbaum II, Seite 294, in Marie Grubbe die 
vierzehnjährige Marie, I, Seite 7. Sophie Urne, Seite 61 — 63, die reitende Marie, Seite 
125 ff., das Menuett, an dem sich Marie beteiUgt, Seite 186 ff., die Schenke, in der Marie 
sich mit Sti Hogh befindet, Seite 233 ff., die Schenke in Aarhus, Seite 289. In Niels 
Lyhne das Bild der Edele Lyhne, Seite 30 ff., ihr Bild auf dem Sofa, Seite 36, wie sie 
sich Kupferstiche ansieht, Seite 42 ff. In Et Skud i Taagen die Hände der Agatha II, 
Seite 339, 340. 

2) II, Seite 142. ^) II, Seite 143. <) I, Seite 314 ff. 

*) Vgl. z.B. Hauch, Valdemar Atterdag; Ingemann, Kong Valdemars Jagt. Heiberg, 
Syvsoverdag. 

s) Blicher, Noveller og Skitser I 1905, Seite 43. 



108 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 

dem er leuchtet in Mariens Inneres hinein und löst das Rätsel 
ihrer Seele. 

Das höchste Glück der Verinnerlichung stellt Jacobsen an Mo- 
gens dar, der nachdem eine Feuersbrunst ihm die Geliebte ge- 
nommen, in der auf den Paroxysmus des Schmerzes folgenden Er- 
schöpfung regungslos im Schnee sitzt, „betagen af Lys og L0d, af 
Liv og Lykke"^). 

Für die liebende „lille Tove" decken sich die innere und die 
aüszere Welt; in der Wirklichkeit erblickt sie 

Et Udtryk for hvad Gud har dr0mt^). 

Der Traum gewährt Frau Lyhne den Ersatz für die Schönheit 
einer fernen Welt, nach der sie sich ihr ganzes Leben gesehnt hat; 
„Dr0mmen om den fjeme Verdens Herlighed"^) ist die unbe- 
wuszte Gestaltung der Schönheit, die ihr im Innern lebt ; auch Ma- 
rie Grubbe sucht im Traum die Erfüllung ihrer Sehnsucht*). 

Obgleich Jacobsen in seiner Dichtung die Liebe in mancherlei 
Schattierung gestaltet hat, sowohl die Sehnsucht nach Liebe^) 
wie die unerwiderte^) und die glückliche Liebe'), sowohl die sinn- 
hche Liebe der Nonne zum Christusbild^) wie die irdische Liebe 
als Heiligenkult^), so ist dieser Neuromantiker doch zu sehr der 
Dichter der Einsamkeit, als dasz man ihn den Sänger der Liebe 
nennen könnte. Von dem sterbenden Niels Lyhne^^) heiszt es : 

„Men taenkte han paa Menneskene, blev han saa syg igen i Sin- 
det. Han kaldte dem for sig ^n for en, og Allesammen gik de ham 
forbi og lod ham ene, og ikke en blev der tilbage. Men hvordan 
havde ogsaa han holdt fast ved dem, havde han vaeret trofast ? det 
var blot det, han havde vaeret langsommere til at slippe. Nej, det 
var ikke det. Det var det störe Triste, at en Sjael er altid ene. Det 
var en L0gn hver Tro paa Sammensmeltning mellem Sjael og Sjael. 
Ikke den Moder, der tog En paa sit Sk0d, ikke en Ven, ikke den 
Hustru, der hvilede ved Ens Hjerte '* 



1) Jacobsen II, Seite 305, 306. *) I, Seite 315. ») II, Seite 115 ff , Seite 122. 
*) I.Seite 148. 

») Vgl. die junge Marie Grubbe und die Novelle Der bürde have vaeret Roser II, 
Seite 365. 

«) Vgl. die Liebe der Edele Lyhne II, Seite 50 fif. 

') Der Schlusz der Novelle Mogens. ^) Faustina og Faust. 

•) Naevner min Tanke dig I, Seite 336. »<>) II, Seite 269. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 109 

Frau F0nss weisz, dasz es Schmerzen gibt „der skal d0 i L0n- 
dom og som ikke maa faa Lov at skrige ud i Ord", sie freut sich 
über „den Sjaelens Fornemhed" ihrer Tochter, die ihr das Leid 
nicht anvertraut, das ihr das Herz bewegt^). 

Auch Marie Grubbes Ansicht ist es, dasz „hver Menneske lever 
sit eget Liv og d0r sin egen D0d"2). 

Die Rehgion kann den Dichter nicht aus seiner Einsamkeit er- 
lösen^), die Natur aber spendet ihm immer neues Glück. „Hvert 
Blad, hver Kvist, hvert Lysskaer og hver Skyggekan jegglaedemig 
ved. Der er ingen Bakke saa n0gen, ingen T0rvegrav saa firkantet, 
ingen Lande vej saa kedelig, at jegikkeet enkelt 0jeblik kan forel- 
ske migderi"*). Und der sterbende Niels sagt sich : „der havde dog 
vaeret meget Sk0nt i Livet, det friske Pust ved Stranden hjemme, 
det svale Sus i Sjaellands B0geskove, den rene Bjaergluft i Ciarens 
og Gardas0ens bl0de Aftenbrise"^). 

Jacobsen ist de • erste dänische Romantiker, in dessen Poesie 
sich Baudelairesche Töne finden^), namentlich in der aus der 
Stimmung der Seuche und des „carpe diem" heraus gedichteten No- 
velle „Pesten i Bergamo"'^) wird die Freude am Schmerz und an 
der Sünde mit Meisterschaft gestaltet. Aber auch in „Marie Grubbe" 
erklingt manchmal leise der Ton der Lust an der Sünde^) . 

Wie Baudelaire ist auch Jacobsen der Dichter des Hasses : das 
aus unerwiderter Liebe geborene Gefühl bildet die poetische 
Grundlage der Novelle „Et Skud i Taagen"^). Aber auch in „Pes- 
ten" und in „Niels Lyhne"^^) wird der Hasz dichterisch verwertet. 

Jacobsen, der Individualist, der Einsame, ist an seinem Lebens- 
ende der Dichter des Pessimismus. Als Mogens hofft er noch auf 
die Verwirklichung seiner Ideale, als Niels Lyhne weisz er, dasz es 
dem Menschen nicht beschieden ist, glücklich zu sein, da tröstet 
ihn selbst die Natur nicht mehr : 

Mit Hjerte er ej Blomst, ej Blad, 
Og Vaaren g0r det ikke glad, 
Det har sin egen, saere Vaar^^). 



^) II, Seite 398. 2) i^ Seite 306. 3) II, Seite 154 fif. «) II, Seite 322. 

^) II, Seite 269. 

") Mit Ausnahme der einzigen aus Chr. Winther angeführten Stelle. 

') II, Seite 379. ») I, Seite 105. ^) II, Seite 333 ff. ^^) II, 232, 233 fif. 

") I, Seite 364. 



1 10 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN DÄNEMARK 

Durch die Verkörperung dieser Gefühle, der Freude und des 
Schmerzes in seinen Kunstwerken der Sinnenverfeinerung und 
der Seelenfeinheit schuf Jacobsen eine Sprache, die in den nordi- 
schen Literaturen unerreicht dasteht, und die es späteren Dich- 
tem mögUch machte, für jede feinste Farbennuance und für jede 
Stimmungsschattierung das Wort zu finden^). 



^) Jörgensen, Geschichte der dänischen Literatur, Seite 139. 



SECHSTES KAPITEL 

ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 

Eine ursprüngliche romantische Strömung findet sich in der 
holländischen Literatur nicht. Im Mittelalter besitzt sie infolge 
der Verbindung mit dem bayrischen Fürstenhause durch Deutsch- 
land beeinfluszte Minnelieder im Geist der Provenzalen^) , die wie- 
der auf die religiöse Mystik Zuster Hadewychs und Zuster Bert- 
kens einwirkten und Übersetzungen der ursprünglich französi- 
schen Ritterromane, auf deren Stoff die „abele speien" zurückge- 
hen. Läszt sich auch hie und da in der Literatur der folgenden 
Jahrhunderte Romantik nachweisen — man denke z. B. an die 
aus dem Spanischen und dem Englischen übersetzten Theater- 
stücke und an die durch Petrarca beeinfluszte Poesie Hoofts — 
erst das Ende des 18. Jahrhunderts bringt auch unserm Lande 
eine kräftigere romantische Strömung. Büderdijk und van de 
Kasteele übersetzen Ossian; Feith, der eigentliche Vertreter der 
Romantik in Holland, steht namentlich unter dem Einflusz von 
Millers „Siegwart". Prinsen sagt von dieser Dichtung : „in haar ver- 
toonde zieh het sentimenteele als van buiten af geimporteerde mo- 
delitt eratuur in zijn volle kracht "2). Fr. Coenen äuszert sich in 
ähnlicher Weise : „de echt romantische gloed heeft ons aUeen de 
godsdienstige beweging van het Reveil gebracht, dat met da Cos- 
ta en de Clercq zijn hoogtepunt bereikte"^). Auch Tollens' und 
Bogaers' Übersetzungen deutscher und englischer Balladen und 
die unter Scotts Einflusz stehenden Werke Aernout Drosts, 01t- 



^) Diese ritterliche Minnelyrik ist uns erhalten durch die in der Kön. Bibl. im Haag 
befindliche Liederhandschrift und durch die Handschrift des brüggischen Geschlechts 
der Gruuthuuse. 

*) Prinsen, Handboek tot de Nederiandsche letterkundige geschiedenis, 1. Auflage, 
Seite 488. 

3) Groot Nederiand 1918, Seite 333. 



1 12 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 

mans' und Frau Bosboom-Toussaints sind keine Kunst der Ver- 
innerlichung. 

Victor Hugo und Byron wurden zwar gelesen — Beets u. a. 
N^-urde in der schwarzen Zeit seiner Jünglings jähre stark von dem 
englischen Dichter des Pessimismus beeinfluszt — aber auch in 
der Poesie dieser beiden Dichter war es mehr der romantische 
Stoff als die romantische Stimmung, was die holländischen Schrift- 
steller anzog. ^) 

Erst allmählich erwachte in unserm Lande aufs neue das Ge- 
fühl für Poesie. Multatuli trug dazu bei, indem er seine Zeit- 
genossen von althergebrachten Traditionen zu befreien suchte; 
der von Perk, Kloos^) und Verwey hoch verehrte Potgieter seiner- 
seits sowohl durch seine Dichtung wie dadurch, dasz er, wie Busken 
Huet, auf die grosze Literatur des Auslandes hinwies. Letzterer 
sprach in ,,Lidewijde" zum ersten Mal den Grundsatz aus, dasz 
Kunst aus Leidenschaft geboren werden müsse. Trotzdem wurden 
die französische und englische romantische Poesie wenig gelesen ; 
man fand vorzugsweise Gefallen an der Poesie Bilderdijks und 
den Ergüssen der vielen dichtenden Pastoren: 

Het is des Dichters roeping te vermaken, 
Te spreken tot verstand, herinnering 
En tot het dichter-hart, dat elk ontving, 
En nooit het Schoone en Goede te verzaken. 

Zoo is de leer^). 

Kloos zeichnet die damals allgemein gültige Auffassung der 
Kunst mit den folgenden Worten: 

„Als men toch in die dagen maar wist te divageeren, op een er- 
kende, gangbare wijze, naar aanleiding van een zeker stellet] e 
vast-staande onderwerpen, die men gewend was, „poetisch" te 
noemen, b.v. godsvrucht, huisgezin en vaderlandsche historie, en 
men week, dit doende, geenszins af van de door wat deftige auto- 
riteiten opgestelde, schoolsche regeis eener eng-begrensde vers- 
techniek, dan kon men, in de meeste gevallen, verzekerd zijn van 
de als-officieele aanvaarding, met een wel terloopsch, maar vrien- 

^) de Vooys, Historische Schets van de Nederlandsche Letterkunde, 1 1 . Auflage, 
Seite 88. 

'^j Vgl. Kloos* Vorwort zu der 4. Auflage von Perks Gedichten, Seite 24. 
'; Gedichten van Jacques Perk, 4. Auflage, Seite 142, 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND - 113 

delijk hoofdknikken, door de maandelijksche en dagelijksche pers 
en ook van de gematigde appreciatie door een slechts-op-Zondag- 
aan-de-Kunst-soms-denkend, opperst-net en comme-il-faut pu- 
bliek. En uw werk werd dan wel bij gelegenheid gekocht, en met 
goudsnee, gelegd op een van tijd-tot-tijd-bekeken salontafel, of 
een ij verige rederijkerskamer maakte er het gebniik van, dat zoo'n 
lichaam doet"^). 

Da erschien 1 879 „Lilith", ein episch-lyrisches Gedicht von Mar- 
cellus Emants, der als erster die Poesie in die Sphäre der Ewig- 
keit und der Göttlichkeit zu heben suchte, in der ein neues Ge- 
schlecht sie wünschte^). In demselben Jahre veröffentliche W. 
van Lennep seine H3^erionübersetzung und dichtete Perk seinen 
Sonettenzyklus „Mathilde", der freilich erst 1881 erschien. 

Vereinzelt besuchte Perk den Kreis der jungen Männer, die je- 
den Dienstagabend im Hause Alber dingk Thij ms zusammenkamen 
und die Schönheit der Literatur ihres Vaterlandes von Vondel und 
Hooft bis Potgieter, sowie die Dichtung Virgils und der Griechen 
bewunderten. Zu den regelmäszigen Besuchern gehörten u. a. 
Kloos und Verwey. Diesen Kreis beseelte die Schönheitsverherrli- 
chung, der Kultus der Schönheit im Geiste Keats' und der Prära- 
phaeliten ; sie fühlten wie Perk : 

Schoonheid, o Gij, Wier naam geheiligd zij, 
Uw wil geschiede ; kome Uw heerschappij ; 
Naast U aanbidde de aard geen andren god ! 

Wie eenmaal U aanschouwt, leef de genoeg : 

Zoo hem de dood in dezen stond versloeg 

Wat nood ? Hij heeft genoten 't hoogst genot !^) 

Das Manifest der neuen Kunst, welche diese jungen Männer 
sich träumten, findet sich in der Einleitung, welche Kloos für den 
ersten Druck von Perks „Mathilde" schrieb. 

Der Dichter übernimmt Leigh Hunts Ausspruch, Poesie sei 
„imaginative passion" und fährt dann in lyrischer Prosa fort: 
„Geen genegenheid is zij, maar een hartstocht, geen bemoediging, 



^) Vorwort zu der 4, Auflage der Gedichte von Jacques Perk, Seite 7, 8. 

^) Verwey, Inleiding tot de nieuwe Nederlandsche letterkunde, 2. Auflage, Seite 27. 

^) De Gedichten van Jacques Perk, 4. Auflage, Seite 144. 

8 



1 14 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 

maar een dronkenschap, niet een traan om 's levens ernst en een 
lach om zijn behagelijkheid, maar een gloed en een verlangen, een 
v>^ en een daad, waarbuiten geen waarachtig heil voor den mensch 
te vinden is en die alleen het leven levenswaard maakt"^). 
Fügt man noch die Zeile aus Perks Sonett „Hemelvaart" 

De Godheid troont diep in mijn trotsch gemoed^) 

hinzu, 9 ist damit die Richtung der ersten Jahre der neuen Bewe- 
gung gegeben: die jungen Dichter streben eine Kunst der Schön- 
heit an, die zugleicherzeit der individuellste Ausdruck des indivi- 
f duellsten Gefühls sein solP). Zum ersten Mal zeigt sich in der hol- 
ländischen Literatur eine Auffassung der Poesie, die zu romanti- 
scher Lyrik im engem Sinn führen kann. 

Perks „Mathüde" war aber nicht die reine Stimmungskunst, die 
Kloos sich wünschte. Zwar gesteht auch Perk: 

Naar eigen hand de vrije taal te zetten, 
Is eedle kunst*), 

seinen Sonetten aber liegt der philosophische Gedanke zu Grunde, 
dasz die vergängliche Schönheit den Menschen erst dann befrie- 
digen kann, wenn sie ins Reich der Ewigkeit gehoben wird. Im 
Geiste von Dantes hoher Liebe heiszt es in dem „Sanctissima Vir- 
go" überschriebenen Sonett: 

Een schelle schiebt schoot schichtig uit den hoogen, 
En sloeg mij. Ik bezwijmde. . . . ontwaakte, en zag 
De lucht geschraagd door duizend kleurenbogen. 

Daarboven in een kolk van licht te pralen, 
Stond reuzengroot de Jonkvrouw, en een lach 
Voelde ik van haar verengeld aanschijn stralen*). 



^) Einleitung, Seite 46. 

*) Gedichten van Jacques Perk, 4. Auflage, Seite 1 17. 

* W. Kloos, Veertien jaar litteratuurgeschiedenis, 3. Auflage, II, Seite 161. 
*) Seite 34. Vgl. für Perks individualistische Äuszerungen die Seiten 116, 126, 127, 
130 u. a. •) Seite 35. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 1 15 

In demselben Sinne heiszt es : 

Een hooge lief de zal uw hart doordringen^) . 

Er nennt die Geliebte Schutsengel, Godin^), den Augenblick, 
da sie ihm erschien, Gebenedijde stonde^). Indem Muttergottes- 
bild erblickt er die Geliebte*), in ihr betet er, wie Novalis, das 
Universum an^). 

Auch ihm ersteht aus der Liebe die sittliche Läuterung: 

De lief de baart geluk en zielsverblijden, 
Geluk maakt liefderijk, ik heb haar lief, 
En wie gelukkig is, die kan niet siecht zijn^). 

Und in eigentümlichem Gegensatz zu der ersten Zeile von Mi- 
chel Angelos Sonett : 

Vorrei voler, Signor, quel ch'io non voglio') 

heiszt es : 

'k Had Hef , Mathüde ! 
Als een, die niet meer wil, gelijk hij wilde, 
Maar met, wat hooger is, zieh wil vereenen^). 

Auch diesem Dichter bedeutet Schaffen das höchste Glück: 

Sonnetten klinkt, U dichten was genieten^). 

Wie sehr Perk die Sprache beherrscht, davon zeugt, neben den 
„gebeeldhouwde sonnetten"^^) vor allem die durch SheUeys„The 
Cloud" inspirierte Wortmusik des Gedichtes „Iris"^^). 

Bei der Gründung ihrer Zeitschrift „De Nieuwe Gids" fühlte 
die junge Dichterschar ihre Poesie den groszen literarischen 
Strömungen des Auslands verwandt. Von ihren drei Glaubens- 
sätzen : 



') Seite 37. ^) Seite 41. ^) Seite 39. *) Seite 51. s) Seite 54. «) Seite 42. 
') Le Rime, Seite 143. «) Seite 44. ^) Seite 145. ^^) Seite 34. ") Seite 150. 



116 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 

a) Kunst is passie, 

b) Vorm en inhoud zijn een, 

c) de kunst om de kunst^), 

wurden die letzten zwei von den Neuromantikern aller Länder 
verkündet. 

Von den Dichtern der achtziger Jahre ist Kloos am meisten 
Stimmungsmensch. In dem Auf und Ab seiner Sonette klopft das 
Menschenherz schwer von Verlangen und Traurigkeit, von Stolz 
und Wehmut 2). 

Wer die Worte versteht, die Kloos über Van Eedens „De Kleine 
Johannes" geschrieben hat „begrijpt", sagt Prinsen^), „hoedaarin 
zijn prachtige verzen kan klagen de weekste melancholie, de diep- 
ste geslagenheid, kan züchten de meest absolute zelf vernietiging ; 
maar ook, hoe daar fier en bandeloos, luid en scherp, kan opklin- 
ken de titanentrots, de hemelbestormende hybris, hoe hij toornen 
kan en heerschen als een God. Hij is de meest er van het woord en 
den klank, van het rhythme en van de melodie, hij is de vrije, oor- 
spronkelijke beeider van zijn aandoeningen ; klagend en teer of 
donderend en forsch, pralend en daverend of kweelend en in so- 
nore murmeling geeft hij zieh zelf onder den drang van zijn sensa- 
ties en sentimenten." 

Zu den Gedanken, welche Kloos, der Neuromantiker, besonders 
häufig ausspricht, gehört die Verherrlichung, die Vergottung des 
Ich: „grooter is 't te sterven voor zijn Ikheid dan te leven"*). 

Ik ben een God in 't diepst van mijn gedachten, 
En zit in 't binnenst van mijn ziel ten troon 
Over mijzelf en 't al, naar rijks-geboon 
Van eigen strijd en zege, uit eigen krachten^). 

Ik was de God-op-aard, de Nooit-gekende, 
Die zelf zijn Zelf niet zag, dan eens op 't laatst, 
Toen opstond en de kroon op 't hoofd zieh drukte®). 



*) Groot Nederland 1920, Seite 226. Fr. Coenen, Studien van de 80er Beweging. 
*) Europas Neue Kunst und Dichtung von Fr. M. Huebner, Berlin 1920, Seite 22, 
•) Prinsen, Handboek tot de Nederlandsche letterkundige geschiedenis, Seite 

669. 
*) Verzen van Willem Kloos, Band I, 1. Auflage, Seite 22. 
^) Seite 11. •) Seite 17. Vgl. Seite 28, 59. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 1 17 

Kloos fühlt seine Individualität, sein leidenschaftliches Wesen 
im Gegensatz zu dem Charakter des „gebildeten Publikums"^), 
der Menschen, die weder lachen noch weinen können^). Daraus 
geht das Gefühl der Einsamkeit hervor: 

Ik heb mijn Ziel gered, mijn hooge, groote, 

'K heb nu dat trotsch paleis voor elk gesloten^). 

Ik die niet lijd en toch niet leven kan, 
Omdat ik eenzaam met mijzelven blijf*) . . . 

O, vloek, dat menschen-traan en menschen-lach 
Diep in ons eigen binnenst blijven leven^). 

Auch in seiner Poesie ist Kloos der Verherrlicher der Schönheit : 

Want, als eenig goed, 
Rest mij de Schoonheid nog, een körten duur^). 

Der Schoonheid Almacht, door geen mensch te keeren, 
Bhjft tot het einde van äl tijd regeeren') ! 

O, hartstocht voor de Schoonheid, die gij zijt, 
Hoe wordt mijn ziel door U op nieuw gewijd^) ! 

Heilig is Schoonheid^). 

Das Schaffen gewährt dem Künstler die gröszte Freude : 

En dat der Muze wil mijn een'ge vreugd is^^). 

Durch den Schmerz des Lebens reift der Künstler : 

Ja, 't hart moet sterven in veel donkere dagen 
Van tränen en lijfs-pijn en bitter klagen 



^) Seite 31. «) Seite 45, vgl. Seite 56. ») Seite 24. *) Seite 32. 

») Seite 65. vgl. Seite 73. «) Seite 29. ') Band II, 1. Auflage, Seite 188. 

8) Seite 231. ») Seite 270. ^O) Band I, Seite 55. 



1 18 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 

En veel ontzetting, waar het lijf in beeft : 

De mensch moet dood-gaan, eer de Kunstnaar leeft^). 

Die Seele des Künstlers ist voller Schönheit : 

Was dan mijn diepste ziel niet vol muziek, 

Hel-hooge muziek, 

Een klaar kantiek, 

Dat ik dacht te maken eens tot een tempel van geluid^). 

Ik ga mijn leven in orgieen door 

Van vol muziek en vreugden onuitspreeklijk^). 

Ein einziges Mal gestaltet Kloos den Heiligenkult der Liebe: 

Ik hield u dierder dan mijzelf. Ik had 
Geen dierbaar zelf meer, want ik wierp mijn trots, 
Mijn donkren trots, mijn alles, wat ik had, 
Voor uwe voeten, als de voeten Gods*). 

Und im Geiste Perks heiszt es : 

O Liefste Mijne, eer ik een groete vond — 

Ave Maria ! ruischte 't door mijn ziele, 

En heel mijn ziele ruischte U toe — een zucht — 

Totdat op eenmaal door de stille lucht, 
AI die millioenen gouden druppels vielen, 
En Ge als een heilige in die glorie stondt . . . . ^) 

Zwischen diesen Gedichten der Schönheit finden sich schon im 
ersten Band Versstücke, die man kaum als Kunst betrachten 
kann^). Vorklänge der späteren stark abfallenden Poesie, die uns 
beweisen, dasz es Kloos nicht verliehen war, sich in vorgerücktem 
Alter auf der Höhe seiner Jugenddichtung zu behaupten. Aber 
auch in dieser war er nicht ein typischer Vertreter der achtziger 



M Seite 46. «) Band II, Seite 33. *) Band I, Seite 67. *) Seite 77. 
•) Seite 9. •) Z. B. Seite 92, 201, 204, 205 u. a. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 1 1 9 

Bewegung, nicht der Dichter, der das individuellste Gefühl auf 
die individuellste Weise gestaltete. 

Ebenso wenig ist das Verwey, obgleich auch er in seinen ersten 
Dicht er Jahren den poetischen Ansichten Kloos' huldigte. Ver- 
weys Talent ist aber zarter, es birgt schon in dem Band „Verzamel- 
de Gedichten" die Keime der späteren philosophischen Kunst des 
Dichters. Verwey kennt wie Kloos die Selbst vergottung: 

Daar leeft geen andre God! Gij zijt alleen^). 

und die Einsamkeit, welche davon die Folge ist : 

Geen hart kan ooit het hart eens menschen toebehooren^). 

Verwey aber spinnt sich nicht in seine Einsamkeit ein ; mit der 
Schönheit seiner Lieder will er die Menschen beglücken. Kunst 
soll erheitern und erhellen^). 

En daarom heb ik begeerd 

Schatten noch Staat, 

Maar het lied, dat het schepsel eert 

En een God niet smaadt. — • 

Opdat ik in de oogen 

Van allen, die weenen, 

Zacht legge het licht, 

Dat mijn ziel heeft omschenen, — 

Dat zal hunne tränen drogen. 

leder zal tot mij vlien 

Wien 's werelds wee doorsneed, 

En schoonheid in zijn smarten zien 

En lachen in zijn leed*). 

Bei Verwey mischt sich der Kultus der Schönheit — wie bei 
Shelley — mit dem Bedürfnis nach Sympathie. 

Verwey, der Dichter mit der schönen Plastik, den scharf ge- 



^) Verzamelde Gedichten, Tweede druk, Seite 145. ') Seite 63. 

^) Auslese aus den Blättern für die Kunst, Seite 16. *) Seite, 66, 67. 



1 20 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 

schauten Gleichnissen, hat nach der Zeit, in der die „Verzamelde 
Gedichten" erschienen, lange Jahre geschwiegen. Es entwickelte 
sich in ihm das Gefühl für eine geistige Kunst. d'Oliveira gibt uns 
in „De Mannen van 80" Verweys Erklärung seiner neuen Kunstan- 
sicht ; der Dichter sagt : 

„Je hebt hier dat duinlandschap, je krijgt daar een indruk van 
en het is mogelijk met dien indruk een gedieht samen te stellen. 

Nu kijk je opnieuw, je voelt een aandoening en die kun je uit- 
drukken, zonder veel van het landschap in je werk op te nemen. 

Maar nu kijk je voor de derde maal en nu is je blik zoo doordrin- 
gend geworden, je geheele wezen neemt in zulk een mate deel aan 
de waameming, dat de uitdrukking er van geeft het wezen van je 
geest en het wezen van het landschap tevens. Dan ontstaat wat 
ik geest elijke kunst noem"^). 

Mit dieser Kunstauffassung hat Verwey Abschied genommen 
von den Idealen seiner Jugend. Sie erklärt uns, warum Stefan 
George, gleichfalls der Befürworter der geistigen Kunst^), in den 
„Übertragungen zeitgenössischer Dichter" neben vier Sonetten von 
Kloos^) so unverhältnismäszig viel Gedichte von Verwey über- 
setzt, und dasz diese, bis auf vier*), alle aus des Dichters späterer 
Periode stammen^). Es sind Gedichte aus „De nieuwe Tuin", „Het 
brandende Braambosch", „De Kristaltwijg". Sie erklärt es, dasz 
in Ven\^eys Übertragungen fremder Dichtung „Poezie in Europa", 
wo Hugo von Hofmannsthal nur mit drei Gedichten vertreten 
ist, — „De beiden", „Leven", „Wereldgeheim"^) — Stefan George 
der gröszte Platz eingeräumt wird. 

Bezeichnend für Verweys Wahl ist es, dasz zwölf Gedichte des 
deutschen Neuromantikers dem „Vorspiel zu dem Teppich des 
Lebens')" entnommen sind, von welcher Dichtung Gundolf sagt : 
„Natur, Schicksal, Seele haben jetzt Einen Namen und Ein Ge- 
sicht®)". Die anderen, Georges Poesie entnommenen Gedichte be- 
finden sich in dem Bande „Der siebente Ring"^) und sind der Aus- 
druck einer noch höheren Vergeistigung des Dichters. 



^) Seite 63. 

*) Auslese aus den Blättern für die Kunst, Seite 10, vgl. Seite 111 ff. 

») Band I, 2. Auflage, Seite 67-71. *) Seite 73-77. •) Seite 77-100. 

•) Verwey, Poezie in Europa, Seite 34 — 39. 

') N°. 1. 2. 7. 8. 12. 13. 14. 15. 17. 18. 19. 22. 

*) Fr. Gundolf, Stefan George, 2. Auflage, Seite 159. 160. 

•) Stefan George, Der siebente Ring. 5. Auflage, Seite 14, 30, 41, 78. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 121 

Gorter ist der einzige Dichter der achtziger Jahre, der in seiner 
Poesie das Kunstideal erreichte, das Kloos vorschwebte. Nament- 
lich in einigen seiner Gedichte und in dem zweiten Teil seiner 
Dichtung „Mei" ist die Sprache, die Wahl der Bilder in hohem 
Masze individualistisch; immer deutlicher äuszert sich da die 
Sensitivität des Dichters, immer besser gelingt es ihm, die fein- 
sten Schattierungen auszudrücken. Seine Sprache nennt van Re- 
den „de taal van iemand, die geheel geconcentreerd is in eigen 
gewaarwordingen en leeft in volkomen aandacht om de heerlijke 
dingen uit te spreken, die hij voelt"^). 

Niets in de ruime wereld is zoo blij 
Als deze aarde^). 

Gorter, der Schönheitsverherrlicher mit den scharf ausgebilde- 
ten Sinnen, ist berauscht von den Klängen, den Formen, den 
Farben : 

Mijn oog en oor werd als de groote hemel 
Boven de zee met al haar waterwemel 
Van prisma's kleur en van muziekballons^). 

Der Dichter ist ein Augenmensch, der uns im Geist der Prära- 
phaeliten durch die Kraft seiner Worte ein Bild vorzaubert*), 
zugleicherzeit aber der Schöpfer einer musikalischen Stimmungs- 
lyrik^). 

Gorter liebt Musik vor allen andern Künsten : 

Zij is de liefste, allerlief st e^). 
Zielsleven is muziek'). 

Im Frühling singen sogar die Pflanzen : 

Voel je den nacht 

Den eersten lentenacht ? 



^) Van Eeden, Studies, Eerste Reeks, 3. Auflage, Seite 97. 
») Mei 5. Auflage, Seite 13. ") Seite 61. *) u. a. Seite 50. 
») Z. B. Seite 71 ff. «) Seite 154. ^) Seite 154. 



122 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 

Hoor je de boomen wel zingen?') 

Er ist der ^'e^heITliche^ des Traums : 

Zachte droomen maken een helderheid 
En eene kind-doorlach'ne werklijkheid^). 

Und des Seelenlebens : 

Hoor mij nu, Mei : er dwaalt in ieder leven. 
In ieder lijf, een vlam, elk voelt haar beven 
Wel eens of tweemaal, maar niet vele malen. 
De menschen noemen ziel haar. 

Dieses tiefere Leben äuszert sich namentlich in dem Kinde, in 
der Frau, in dem Künstler^). 

Der jmige Gorter ist in hohem Masze Individualist : 

Nooit kan dit zijn, Mei, dat 'k een ander hoore, 

Ik Balder, aan een ander, zie, 'k ben blind, 

'k Zie nooit iets dan mijzelf, niet U, mijn kind*). 

Is wel mijn eigen ziel 
Iets wat ooit buiten mij, mijzelven viel?^) 

Wie düs zijn ziel is, is zichzelf een God. 
Ik ben mijn ziel, ik ben de een'ge God*). 

Dann aber fängt in dem Dichter das Pflichtgefühl des sozialen 
Menschen sich zu regen an und kämpft mit dem Künstlerstreben : 

Ik sta voor den mist van den tijd 
En fluister: „Zijt gij er, zijt gij er, 
Schoonheid? ik wacht u wijd. 
In 't duister weidt ge er, weidt ge er?" 



») Verzen 1916, Band I, Seite 37. ») Seite 136. ») Mei, Seite 152, 153. 
•i Seite 149. ^) Seite 155. «) Seite 155, 156. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 123 

Uit de koele scheemrende nevel 
Komt honderdtongig gefluister : 
„Ik ben er, ik ben er," maar de nevel 
Bewaart zijn vloeiende duister^). 

Allmählich aber wird dem Dichter 

Der menschen broederschap het hoogste schoon^). 
Da ist sein höchster Wunsch : 

Om zieh te geven voor de heele menschheid^). 

„Een klein Heldendicht"*), die poetische Gestaltung dieser so- 
zialistischen Gefühle, ist aber nach Gorters genialen Anläufen eine 
starke Enttäuschung. 

In den ersten Lieferungen der neuen Zeitschrift veröffentlichte 
van Eeden, „De Kleine Johannes", die Erzählung der Seelenent- 
wickelung des Kindes, das jeden Abend betete, es möchte doch 
einmal ein Wunder geschehen, das sich von dem Märchenwesen 
Windekind, dem Symbol der Natur, der Phantasie, der Schön- 
heit sowie von drei Vertretern einer dürren, einseitigen Verstan- 
deslehre beeeinflussen läszt, am Sterbenslager seines Vaters aber 
entschlossen Pluyzer, den nüchternen Materialisten, niederringt, 
dann aber auf das schon wieder herbeigesehnte Reich des Traums 
and der Schönheit verzichtet und freiwillig, aus Liebe zu der 
Menschheit, den schweren Weg des Leidens antritt, der zur inne- 
ren Schönheit führt. 

„Gij hebt de menschen lief, Johannes. Gij wist het niet, maar 
gij hebt hen altijd lief gehad. Gij moet een goed mensch worden, 
Het is een schoon ding een goed mensch te zijn"^). 

Feber betont in seiner Broschüre „Frederik van Eedens Ont- 
wikkelingsgang" m. E. mit Recht, dasz der kleine Johannes, wie 
sehr er auch für das Schöne empfänglich ist, dennoch nicht zum 



M Verzen, Band II, Seite 9. 

2j Seite 13. ^) Seite 21. «) Seite 33 ff . 

') De Kleine Johannes, 6. Auflage, Seite 184. 



124 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 

Schönen, sondern zum Guten strebt^). Fügt man hinzu, dasz van 
Eedens Sprache in keiner Hinsicht der individuellste Ausdruck 
des Dichters ist, dasz sie von selbstgebildeten Worten freigehal- 
ten ist, so könnte man daraus den Schlusz ziehen, dasz dieser 
Dichter eigentlich nie zu den Achtzigern gehört hat. Zwar richtet 
auch van Eeden sich gegen die Literatur vor 1880, zwar ist auch 
er Individualist 2), und Verherrlicher der Schönheit^), kennt auch 
er die Einsamkeit : 

In 't wereldhuis als kloosterlingen wonen 
Wij menschen, elk in 't eigen kamerkijn 
Levenslang opgesloten*). 

Eenzame zelf^). 

und die Lebensfreude: 

Verbeugt u toch, gij die dit rijmken lezen 

En nog in gloed der zonne wandlen meugt 

De stranden längs — wen mijn verstorven wezen 

Reeds lang ontbeert wat 't zöozeer heeft verheugd. 

Zegent dan uwe zinne' en uwen dag ! 

Ik die dit schreef ging met een hart vol wonden, 

Händen voi euvel, ooren vol geklag, 

En heb het leven toch z66 schoon gevonden^). 

daneben ist er aber, namentlich in „Het lied van Schijn en We- 
zen" der Sänger der allesumfassenden Liebe, der Liebe Gottes, 
wovon auf Erden die treue Liebe zwischen Mann und Frau das 
schönste Symbol ist"^). 

Auch in „Ellen" das unter dem Einflusz von Shelleys „Epipsychi- 
dion" entstanden ist, erhebt sich der Dichter zum Heiligenkult 
der Liebe^). 



') L. J. M. Feber, Frederik van Eedens Ontwikkelingsgang, 1922, Seite 12. 

*) Het lied van Schijn en Wezen, Seite 55. 

») Vgl. u. a. Ellen 1896, Seite 93, 99. 

*) Het lied van Schijn en Wezen, Seite 55. 

*) Van de Passielooze Lelie, 1901, Seite 73. 

•) Seite 119. ') Het Lied van Schijn en Wezen, Seite 89. 

•) Ellen, Seite 23, 38, 59, 69. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 125 

Der junge Van Eeden ist auch darin Romantiker, dasz er dem 
Fühlen vor dem Wissen Wert beimiszt: 

't Gemoed voelt binding dieper dan de rede, 
En deze, machtloos waar haar maat niet strekt, 
Heeft niet te schennen 's harten teere zeden 

Wijl zij daarvan de gronden niet ontdekt^). 

Maar Wijsheid is een zuivere structuur 
DerZieP). 

Die gröszte Weisheit vermittelt auch ihm die Musik: 

Muziek, 
Muziek alleen, dat is der spraken wonder, 
Beeld noch symbool, maar wezen, gansch uniek 

Van heil'ge zuiverheid^). 

Noch einmal spricht van Eeden diesen Gedanken aus: 

Maar op dien weg van meest volmaakte kennis 
Leidt ons het verste melodie en lied. 

Want die zijn zuiver*). 

In diesen Zeilen erhebt sich der Mystiker van Eeden zu einer 
Kunstauffassung im Geiste Novalis', Shelleys, der Symbolisten 
und der deutschen Neuromantik, zu einer Poesie der Verinner- 
lichung, wie sie sich in den Werken der jungen Dichter nicht zum 
zweiten Mal findet. 

Eine Poesie der Verinnerlichung ist auch der Band „Sonnetten 
en Verzen in Terzinen, geschreven door Henriette Roland Holst- 
van der Schalk". In dieser Ljoik ist die Dichterin noch die einsame 
Träumerin in einer Welt voller Schönheit^) : 



^) Het Lied van Schijn en Wezen, Seite 89. «) Seite 35. ^) Seite 57, 58. 

*) Het Lied van Schijn en Wezen, Seite 58. 

*) Vgl. Prinsen, Handboek tot de Nederlandsche Letterkunde, Seite 710. 



126 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 

Dagen als bloemen, open- volle nachten 
Daartusschen, als in maanlicht blanke tuinen 
En midden tusschen deze vele ga ik 
Met stralende oogen levens-op^) . 

Das \\irkliche Wissen ist ihr: 

Eve' een voelen met alle dinge' eendrachtig^) . 

Dantes Poesie weihte sie in die höhere Weisheit ein : 

Ik leefde, en wijsheid was voor mij een woord, 
Toen werd ik genoodigd haar gast te wezen 
Door Dante's princelijk en machtig woord^). 

Auch sie erblickt im Diesseits eine Welt der Symbole : 

Achter de tijdelijke vormen leven 
— Zooais achter heggen bloeiende gaarden — 
Eeuwige krachten wier adem de aarde 
Rijk maakt en die haar een gestalte geven*). 

Die Dichterin stellt Betrachtungen an „over de wijsheid die de 
weg tot volkomenheid is"^), sowie darüber, wie „door het in- 
zicht der on volkomenheid van ons zintuigelijk weten de Geest ge- 
leid wordt tot de Beginselen der goede Mystiek"^). 

Ihre späteren Gedichtbände sind die Kunst einer Sozialistin, 
die, trotz der bewuszten Tendenz ihrer Poesie, durch die wirkliche 
Empfindung, die sie ausspricht, Stimmung erreicht. „De Vrouw in 
het Woud" widmet die Dichterin 

Aan de Makkers onverloren 
Waarmee ik streed ; 
Aan de toekomst ongeboren 
Waarvoor ik leed." 



') Sonnetten en Verzen in Terzinen, 2. Auflage, Seite 3. 
') Seite 29. ') Seite 113. *) Seite 102. 
^) Seite 79. «) Seite 1 1 5. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 127 

Es sind Lieder voll Kampf und Schmerz : 

Ik ook heb dit mijn vrouwehart, dit teere 
Breekbare ding, dat elke toon doet trillen, 
Gevoerd in 't strijdperk waar vijand'ge willen 
In stalen pantser elkander braveeren — 

Ik ook heb midden in rumoer'ge sfeeren 

De koorts van heimwee door mij voelen rillen 

Naar het omslotene en veilig-stille 

Gebied, waar ik toch niet kon wederkeeren^). 

Auch im Kampf kann sie 

't oude zwieren 
Hier in die stilglanzende toovertuin^). 

nicht vergessen. 

Sie ist die Reiterin hoch zu Rosz, 

In d'eene vuist klemmend der daden teugels 
Dragend op de palm van de and're band 
De wondervogel met azuren vleugels 
Die weerschijn vange* uit droomenland^) . 

Wie die Dichterin in „De Nieuwe Geboort" gesteht: 

Ik leed het zoo vaak en zweeg 
Nu lijd ik het nog eenmaal luid 
Om andren die lijden, te reiken 
De troost der gemeenzaamheid^). 

so endet auch „De Vrouw inhet Woud" als ein Lobgesang auf die 
Liebe zu der Menschheit. 

Einen gröszeren Gegensatz als zwischen Frau Roland Holst und 
der zweiten Dichterin, die man den Achtzigern beizählen kann, 
obgleich die meisten ihrer Gedichte zuerst in „De Gids" erschienen. 



1) De Vrouw in het Woud, 2. Auflage, Seite 104. ^) Seite 134. ^) Seite 134. 
^) De Nieuwe Geboort, 4. Auflage, Seite 123. 



128 ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 

Helene Swarth, läszt sich kaum denken. Wehmut über verlorenes 
Liebesglück klingt durch fast alle Gedichte dieser groszen Wort- 
künstlerin; an der Wahrheit der Empfindung dieser, auch im 
Alter immer wiederholten Liebesklagen, musz man aber zwei- 
feln. 

Das Büd der Bewegung der achtziger Jahre wäre unvollstän- 
dig ohne van Deyssels Prosa. 

Der erste Band „Verzamelde Opstellen", namentlich der erste 
Aufsatz „Nieuw Holland" gibt uns des Verfassers Ansichten über 
die Literatur vor 1880, „het zijn de dreunende mokerslagen der 
revolutie"^) die darin ertönen. Diese Schimpf reden sind wie die 
lyrische Besprechung von Zolas „Reve"^), worin van Deyssel seine 
Verehrung für den groszen französischen Naturalisten mit dem 
stark romantischen Temperament ausspricht, bezeichnend für die 
Art seiner Kritik. 

In „Een Liefde" en „De Kleine Republiek", finden wir eine Mi- 
schung von Naturalismus und Individualismus; der Naturalis- 
mus wird in einigen zwischen den Jahren 1 889 und 1 903 geschrie- 
benen Prosastücken, u. a. in „De Zwemschool", auf die Spitze ge- 
trieben. Dann aber folgt auch bei van Deyssel eine Abwendung 
von den Dogmen der achtziger Jahre, die Aufmerksamkeit, die 
er auf die Welt um sich her richtete, richtet sich nach innen, und 
da entsteht ein Buch wie „Frank Rozelaar", in dem sich das Indi- 
viduelle zum Menschlichen erweitert. 

Eine literarische Bewegung, wie Kloos und van Deyssel sie sich 
träumten, eine Neuromantik, die den Strömungen in England, 
Frankreich und Deutschland gleichkäme, ist der holländische 
literarische Aufschwung der achtziger Jahre nicht geworden. 
Adama van Scheltema unterschätzt den Wert dieser Bewegung 
aber in hohem Masze^). Denn in den Jahren 1880 — 1900 hat die 
holländische Sprache die Fähigkeit erworben, Gefühle in sehr fei- 
nen Schattierungen auszudrücken, wodurch es einem Künstler 
wie Boutens, der diese poetische Sprache vorfand, m.öglich war, 
sie zu einem solchen Grad zu verfeinern, dasz einige Gedichte 



') Prinsen, Handboek tot de Nederlaadsche letterkundige geschiedenis, Seite 

686. 
*) Van Deyssel, Verzamelde Opstellen, Band I, 2. Auflage, Seite 217 ff. 
•) Grondslagen eener nieuwe Poezie, Seite 10 ff. u. a. 



ROMANTIK UND NEUROMANTIK IN HOLLAND 129 

Rossettis^) und Andrians^), in unsre Sprache übersetzt, den eng- 
lischen und deutschen Originalen, trotz der Übertragung, an 
Schönheit gleichkommen. Besondere Erwähnung verdient in die- 
ser Hinsicht die Übersetzung von Andrians Sonett „Carmina" 
Seite 106. 



*) P. C. Boutens, Carmina, Seite 90— 105. 
*) P. C. Boutens, Carmina, 105— 106. 



SIEBENTES KAPITEL 

NEUROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

In Deutschland blühte die neue Poesie auf in den Gedichten 
Stefan Georges und in dem Werk derjenigen Dichter, die durch 
ilm zu eignem Schaffen angeregt wurden. Ihre Kunstansichten leg- 
te die neue Dichtergruppe nieder in der von George gegründeten 
Zeitschrift „Blätter für die Kunst", die nur für eine auserwählte 
Gemeinschaft von Künstlern und Kunstanhängern gedruckt 
wurden, weil George sich jeder Rücksicht auf das Publikum ent- 
schlagen woUte. Unwülkürlich denkt man bei dieser ablehnenden 
Haltung „der tausendköpfigen Menge''^) gegenüber an Novalis' 
naiven Versuch, sich in seinen Werken nur an seelisch Verwandte 
zu richten, an seine Worte über die Möglichkeit in der gewöhnli- 
chen Landessprache so zu sprechen, dasz es nur der verstehen 
könnte, der es verstehen sollte. „Jedes wahre Geheimnis musz 
die Profanen von selbst ausschlieszen. Wer es versteht, ist von 
selbst, mit Recht, ein Eingeweihter", sagt Novalis in der Vorrede 
zu ,, Glaube und Liebe"^). 

Denn wie zwischen den Dichtern der Frühromantik und ihren 
Zeitgenossen, so klafft auch zwischen George und den nicht durch 
die verfeinerte romanische Kultur erzogenen Gebüdeten seiner 
Zeit eine ungeheure Kluft. An die tiefe Verachtung, welche die 
beiden Schlegel und Novalis für die aufgeklärten Bildungsphüi- 
ster fühlten, wird man erinnert, wenn George denjenigen seiner 
Zeitgenossen, die sich mit Kunst beschäftigen wollen, den Rat 
gibt, erst sieben Jahre hindurch über nichts andres nachzu- 
denken, als darüber, warum ein Gedicht schöner sei als eine 
Gleiches sagende Rede, ein Gemälde schöner als das genaue 



*) Der siebente Ring, 5. Auflage, Leo XIII, Seite 20. 
■) Novalis, Heilborn II, 1, Seite 35; Minor II, Seite 146, 



NEUROMANTIK IN DEUTSCHLAND 131 

farbige Lichtwerk, ein Bildwerk schöner als die treuere Wachs- 
f orm^) . 

Die geringe ästhetische Bildung seiner Landsleute, welche es 
verschuldet, dasz in keinem Nebenstaat der gleichen Leserstufe 
solche Erzeugnisse als Dichtungen angeboten werden dürfen, wie 
in Deutschland^), und dasz in dem Lande, wo um 1800 eine neue 
Kunst erblüht, am Ende des 19. Jahrhunderts die neue Poesie 
so spät erklang, erklärt George daraus, dasz der Schwerpunkt deut- 
schen Strebens nach Gebieten verlegt wurde, wo die Kunst nie ge- 
dieh und in absehbarer Zeit nicht gedeihen kann. „Durch die 
ausschlieszliche Erziehung eines Geschlechtes zu wechselseitigem 
harten Kampf ging etwas verloren — auf einigen ragenden Gip- 
feln dämmert es schon, es möchte das gröszte und edelste einer 
Rasse sein, was da einer allmählichen Verflachung und Vertrock- 
nung entgegenläuft"^). Die Neuromantik in Deutschland ist, wie 
die Schwesterströmung in Frankreich, eine bewuszte Reaktion 
gegen die Forderung, alles daranzusetzen, um in einem folgenden 
Krieg den Sieg davonzutragen. 

Dementsprechend will der Georgesche Dichterkreis auch aus 
seiner Zeitschrift alles Staatliche und Gesellschaftliche ausschei- 
den; wie die verwandten ausländischen Dichter wollen auch die 
Dichter der deutschen Neuromantik nur der Kunst dienen. Unter 
„Kunst" verstehen sie an erster Stelle, aber nicht ausschlieszlich 
Poesie, auch der Malerei und der Tonkunst nähern sie sich mit 
Ernst und Heiligkeit*). Den Einflusz der Künste auf einander, 
wie die gegenseitige Beeinflussung des Dichters, des Musikers und 
des Malers als Künstler schätzen auch sie sehr hoch. „Dies sei uns 
noch immer Anfang und Ende von der Kunst zu reden : den Kün- 
sten in ihren Beziehungen und ihrem Zusammenwirken, eine die 
andere anregend und vor Erstarrung bewahrend. Nie wäre bei 
uns Schrifttum und Dichtung von heute in so traurige Verödung 
geraten, wenn ihre Vertreter zu den gleichlebenden Meistern der 
büdenden- und Tonkunst den Blick erhoben hätten. So sind wir 
sehend geworden durch Männer wie unser Böcklin"^). C. A. Klein 



' 1) Blätter für die Kunst. Eine Auslese aus den Jahren 1 892 — 1 898, Seite 25. 

2) Bl. f. d. K., Seite 14. s) Bl. f. d. K., Seite 16. 

*) Bl, f. d. K., Seite 16, vgl. Wackenroder und die Präraphaeliten. 

^) Bl. f. d. K., Seite 24, 25, vgl. George, Böcklin, Der siebente Ring, 5. Auflage, 
Seite 14; H.v. Hofmannsthal, Ged. u. Kl. Dramen, 1922, Zu einer Totenfeier für Arnold 
Böcklin, Seite 87. 



132 NEUROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

nennt auch Richard Wagner als eine Hauptstütze der neuen 
Kunst in Deutschland^). Nur insoweit Wagners Musikdramen 
eine Synthese aller Künste sind und somit das Ideal aller Romanti- 
ker verwirklichen, mag das zutreffen. Auf die zarte Poesie der 
jungen Dichter hat die Wagnersche Musik wohl nicht eingewirkt, 
dazu ist sie eine zu wenig verfeinerte, zu wenig vornehme Kunst. 
Den Einflusz eines bestimmten Tonkünstlers scheinen die Dichter 
der deutschen Neuromantik nicht erfahren zu haben : Mahler war 
um 1890 noch zu unbekannt, als dasz er auf sie hätte einwirken 
können. Erst später fanden sich Hugo von Hofmannsthal und 
Strausz. 

Hof mannsthal dichtete den Text für Strausz' Oper, „Ariadne auf 
Naxos" und „Der Rosenkavalier" ; auch „Elektra" und „Die Frau 
ohne Schatten" inspirierten den österreichischen Tonkünstler zu 
musikalischen Dichtungen. 

Auf das Urteil von Kunstrichtern halten die jungen Dichter we- 
nig. „Unsre Kunstrichter bedeuten deshalb so wenig, weil sie meist 
verkümmerte Künstler sind, die andrer Werke bereden und tadeln 
in der Ohnmacht eigne hervorzubringen"^). Novalis war derselben 
Ansicht : 

„Wer keine Gedichte machen kann, wird sie auch nur negativ 
beurteüen. Zur echten Kritik gehört die Fähigkeit, das zu kritisie- 
rende Produkt selbst hervorzubringen. Der Geschmack allein beur- 
teüt nur negativ"^). 

Mit scharfer Kritik treten George und die ihm verwandten 
Dichter an die Literatur heran. Sie wenden sich ab von der frat- 
zenhaften Romantik und dem schwächlichen Epigonentum des 
19. Jahrhunderts und, wie die Symbolisten, von dem Naturalis- 
mus*). „Der Naturalismus hat nur verhäszlicht, wo man früher 
verschönte, aber streng genommen hat diese Kunstrichtung nie 
die Wirklichkeit wiedergegeben, sie hat uns daran gewöhnt, ge- 
wisse begleitende Bewegungen einer Handlung zur Vollständig- 
keit zu fordern, die aber, wenn sie vom Dichter berücksichtigt 
werden, jedes Werk groszen Zuges unmöglich machen"^). In den 



») Bl. f. d. K., Dezember 1892, Seite 50. 

*) Auslese aus den Bl. f. d. K., Seite 14. 

*) Novalis, Heilborn II, 1, Seite 80; Minor III, Seite 177 

«) Bl. f. d .K., Seite 10. ^) Seite 17. 



NEUROMANTIK IN DEUTSCHLAND 133 

Werken der naturalistischen Dichter findet George nicht einen ein- 
zigen, für seine Kunst fortwirkenden, lebenbringenden Hauch. 
Die ältere Literatur wird mit der rücksichtslosen Strenge des 
Künstlers geprüft: drei Bände „Deutsche Dichtung" enthalten 
alles, was ihnen Ewigkeitswert zu haben scheint. 

Wie anfänglich die Frühromantik Goethe als den wahren Statt- 
halter des poetischen Geistes auf Erden betrachtete^), so blickt 
auch die Neuromantik zu Goethe als dem gröszten deutschen 
Dichter empor ; der zweite, nur 98 Seiten starke Band bringt aus 
seinen Gedichten diejenigen, welche „die tiefsten Lebensgluten in 
der schönsten Bändigung zu enthalten scheinen"^). Der einzige, 
den Goethe als Gegensatz verträgt^), ist nach Georges Ansicht 
Jean Paul; ihm, der gröszten dichterischen Kraft der Deutschen*), 
ist der erste Band gewidmet^). Der dritte Band, „Das Jahrhundert 
Goethes", gibt eine Auslese aus den Werken Klopstocks (Seite 8 — 
20), Schülers (20—29), Hölderlins (30—50), Novalis' (50—64), 
Brentanos (64—83) , Eichendorf fs (83—88) , Platens (98— 121) ,Hei- 
nes (122—127), Lenaus (128— 144), Hebbels (144— 160), Mörikes 
(161—173) und C. F. Meyers (173—181). 

„Unsre Wahl hat nur die Verfasser getroffen, deren Ton ihnen 
so eignet, dasz er keines andern sein könnte, nicht solche, denen 
einmal ein gutes Lied oder eine gute Reihe gelang. Es wird offen- 
bar, dasz der Garten der deutschen Verskunst nach dieser Lichtung 
sich nicht ärmer, sondern in um so deutlicherer Pracht erweist. In 
diesem Zwölfgestirn sind Schüler und Heine eher die kleinsten als 
die gröszten, dieser der erste Tagesschreiber, jener der feinste 
Schönheitslehrer. Wie sehr Schülers Gestalt immer hervorragen 
wird, die Schätzung gerade seinerberühmtesten Dichtungen nimmt 
immer mehr ab. Denn eine Dichtung aus Grundsätzen und Ideen 
kann nicht dauern. Als der Verfasser der Ästhetischen Erziehung 
aber, wird Schiller noch einmal eine glänzende Auferstehung fei- 
em"6). 

Wie George den Kern von Wahrheit in den Bestrebungen der 
Naturalisten verkennt, so scheint er auch Heines Wert als 

^) Novalis, Heilborn II, 1, Seite 32; Minor II, Seite 137. 
2) Deutsche Dichtung Band II, 2. Auflage, Seite 7, 
^) Deutsche Dichtung Band III, 2. Auflage, Seite 6. 
*) Deutsche Dichtung Band I, 2. Auflage, Seite 5. 

*) Für das Verhältnis der Frühromantik zu Jean Paul sieh Haym, Die romantische 
Schule, Seite 689. 

^) Das Jahrhundert Goethes, 2. Auflage, Seite 6, 7. 



134 NEUROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

Dichter und zugleicherzeit als Sprachkünstler zu unterschätzen. 
Ist nicht dieser „Tagesschreiber" ein Meister in der „lyrischen 
Stimmungskunst", in der Kunst, welche auch George hervorzu- 
rufen suchte, obgleich die Mittel, womit Heine Stimmungen her- 
vorzaubert, nicht die Verfeinerung besitzen, welche ein Merkmal 
der neuromantischen Poesie ist ? 

Als junger Dichter, in der Zeit, da er sich vergebens nach einem 
Wiedererwachen der Poesie in Deutschland sehnte, suchte George 
bei ausländischen Meistern Hilfe und Ergänzung^). 

Er fühlte sich zu den Künstlern des jungen Belgien, Frankreich 
imd England, später auch zu verwandten holländischen, italie- 
nischen, dänischen Dichtern, und zu dem Polen Lieder hingezo- 
gen, weü es ihm wie ihnen aufgegangen war, worin das Wesen der 
modernen Dichtung liegt : das Wort aus seinem gemeinen alltäg- 
lichen Kreis zu reiszen und in eine leuchtende Sphäre zu erheben^). 

Als Vorbereitung für seine eigene Dichtung verdeutschte er 
diese ausländischen Wortkünstler^) . 

Wie A. W. Schlegel in seinen Übersetzungen zum Dichter wur- 
de, so wurde George in diesen Übertragungen zum Wortkünstler. 
Seine Kunstübung ist dem Gottesdienst vergleichbar. Jede 
Schönheit des Originals wird mit andächtiger Hingabe erlauscht 
und die beste Kraft aufgeboten, das Wunderwerk bis in seine 
feinsten Verschlingungen nachzubilden*), 

O. Walzel weist darauf hin, wie hoch George die Bedeutung 
des einzelnen Klanges im Verse bewertet, wie er in den Überset- 
zungen die Vokale der ursprünglichen Dichtung zu bewahren 
sucht. 

Als Beispiel vergleicht er Georges „Gefühlsames Zwiegespräch" 
mit Verlaines „Colloque Sentimental" : in der Übersetzung findet 

*) Vgl. George, Der siebente Ring, 5. Auflage, Seite 18 — 19, Franken. 

*) Bl. f. d. K., Dezember 1892, Seite 47. 

•) Die Übersetzungen sind später gesammelt worden in 2 Bänden Zeitgenössischen 
Dichtern. Der erste Band enthält Übersetzungen von: Rossetti Seite 1 1 — 24, Swinburne 
27— 44, Dowson47— 49, Jacobsen55— 62, Kloos67— 71, Verwey 73—100, Verhaerea 
105—110. 

Im zweiten Band finden sich Übersetzungen von Gedichten von Verlaine Seite 9 — 29, 
Mallarme 33— 43, Rimbaud 45—48, Henri de Regnier 51—58, d'Annunzio 63—74, 
Waclaw Rolicz Lieder 79 — 114. 

Die grosze Verwey gewidmete Seitenzahl erklärt sich aus der Afi&nität in der Kunst 
beider Dichter, sieh Kapitel VI. Für Lieder sind so viele Seiten abgefallen, weil George 
die polnische Poesie erst durch die Übertragung den Deutschen zugänglich machte. 

Auch Baudelaires Fleurs du Mal, Dante und Shakespeare wurden übersetzt. 

*) Von der Leyen, Deutsche Dichtung in neuer Zeit, Seite 197. 



NEUROMANTIK IN DEUTSCHLAND 135 

sich — wie im Original — der stete Wechsel von a und o, den ab 
und zu ein i unterbricht^). 

In den „Blätter für die Kunst" spricht sich George über die Poe- 
sie aus, die er dichten und anregen möchte. Sie soll eine lyrische 
Stimmungskunst sein, eine Einheit von Auswahl, Masz und 
Klang, wie die Poesie der übersetzten Dichter. Er will der 
Schöpfer einer höheren, geistigen Kunst in Deutschland sein. Dem- 
entsprechend verlangt er von dem Dichter Konzentration, von 
dem Gedicht Kürze^), das Merkmal der Poesie der Parnassiens 
und aller neuromantischen Dichtungen. 

Erst dann kann der Dichter das Erlebnis in Schönheit gestal- 
ten, wenn es in die gehörige Ferne gerückt ist ; dem Vorwurf, dasz 
die Haltung der neuromantischen Dichter zu kalt und ruhig, zu 
wenig der Jugend angemessen sei, begegnet George durch die 
Worte : 

„Seid ihr noch nicht vom Gedanken überfallen worden, dasz in 
diesen glatten und zarten Seiten vielleicht mehr Aufruhr enthal- 
ten ist als in all euren donnernden und zerstörenden Kampfre- 
den ?"3) 

Auf den Vorwurf, die ganze Kunstbewegung der „Blätter" sei zu 
südlich, zu wenig deutsch, antwortet George, es sei fast die natür- 
lichste und hervorragendste aller deutschen Stammeseigenheiten, 
in dem Süden die Vervollständigung zu suchen, in dem Süden, zu 
dem die Dichter pügern, um zu der Tiefe das Licht zu finden*). 
Die Liebe zu demx Süden ist ein den Romantikern aller Länder 
eigner Zug. Blosz die holländischen Dichter um 1880 büden von 
dieser Regel eine Ausnahme. 

„Die älteren Dichter schufen der Mehrzahl nach ihre Werke oder 
wollten sie wenigstens angesehen haben als Stütze einer Meinung, 
einer Weltanschauung^). Dichtung aber ist niemals Zweckdich- 
tung. Nicht eine Bereicherung unserer Erkenntnis, sondern eine 
Erhöhung unserer Freude am Leben wird uns durch das Kunst- 



*) Leben, Erleben, Dichten, Seite 35. 

«) Bl. f. d. K., Seite 10, 13. ^) Seite 19. *) Seite 19. 

5) Seite 13. Vgl. dazu aber NovaKs, Heilborn II, 1, 8. 82; Minor III, Seite 178: . 

„Die Poesie schaltet und waltet mit Schmerz und Kitzel, mit Lust und Unlust, Irr- 
tum und Wahrheit, Gesundheit und Krankheit. Sie mischt alles zu ihrem groszen 
Zweck der Zwecke — die Erhebung des Menschen über sich selbst." 



136 NEUROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

werk zu Teil^) „der Zweck" aller Kunst ist Genieszen. Poesie soll 
erheitern und erhellen." „Sie will" — wie Paul Gerardy es in be- 
geisterter Sprache ausdrückt — „hervorrufen und einflüstern, 
mit Hilfe wesentlicher Worte suggerieren. Und was sie liebt, ist 
vor allem die Schönheit"^). 

Das Gedicht ist der höchste, der endgültigste Ausdruck eines Ge- 
schehens. In dieser Wertschätzung stimmt die deutsche Neuro- 
mantik mit der Ansicht aller verwandten ausländischen Dichter 
überein — von Novalis' Auffassung aber weicht sie ab. Der Früh- 
romantik war die Lyrik „Minus-Poesie"^). 

Eben so wenig war der hohe Wert der Form diesen ein Jahrhun- 
dert früher lebenden Dichtern bewuszt geworden. 

Ganz wie Novalis empfindet Karl Wolfskehl, wenn er den Wert 
des Fühlens vor dem des Wissens betont: „So mag es kom- 
men, dasz alles Wissen der Welt uns nimmer das grosze Erkennen 
schenken kann, dasz ein geritzter Stein, dasz arme Runen 
die Wahrheit bergen, die keinem unsrer Weisen aufgegangen 
ist"*). 

Und in Worten, die im Geiste Fr. Schlegels und Novalis' die 
Dunkelheit und die Nacht preisen, verherrlicht Gerardy die Poe- 
sie als den dichterischen Ausdruck der religiösen Erkenntnis der 
Einheit alles Seienden^). 

Auch der deutschen Neuromantik ist die Poesie zur Religion, 
der Dichter zum Priester geworden. 

Dichter-Priester fühlte sich vor allen anderen Stefan George. 
Anfangs überwog der Dichter, seine erste Poesie ist eine Dichtung 
„aus Rausch und Klang und Sonne"^). Vielleicht hat keiner bes- 
ser als C. A. Klein ausgesprochen, worin die Schönheit dieser Poe- 
sie besteht. 

„Durch genau erwogene Wahl und Anhäufung von Konsonanten 
imd Vokalen bekommen wir einen Eindruck ohne Zutat des Sin- 
nes ; Jubel und Trauer, Glätte und Härte, Nacht und Licht fühlen 
wir ohne dasz wir die Begriffe dastehn haben. 

Alles läuft auf eins hinaus : den groszen Zusammenklang, wobei 



1) Bl. f. d. K., Seite 141. «) Seite 114. 

») Novalis, Heilbom II, 1, Seite 83; Minor III, Seite 10. 

*) Bl. f. d. K., Seite 130. ^) Bl. f. d. K., Seite 130. «) Bl. f. d K., Seite 16. 



NEUROMANTIK IN DEUTSCHLAND 137 

wir durch die Worte erregt werden wie durch Rauschmittel. 
Trotz diesem Ringen nach der höchsten und vollendetsten Form 
vermissen wir niemals die Seelentiefe" ^). 

Für diese Poesie, die wie die „Blätter für die Kunst", in erster 
Auflage in etwa hundert Exemplaren erschien, entwarf M. Lechter 
die Ausstattung, Druck, Buchschmuck und Einband. Man könnte 
diese durch das Zusammenwirken von Dichter und Zeichner 
entstandenen Prachtbände Kunstwerke im Geist der Präraphae- 
liten nennen, um so mehr da für beide Künstler die Kunst 
„sacred" ist. 

Anfänglich macht sich in Georges Dichtungen, namentlich in 
dem Band „Hymnen, Pügerfahrten, Algabal" der Einflusz der 
französischen Poesie geltend^). Historisch ist Algabal der spätrö- 
mische Kultkaiser, der verrufenste Name der Geschichte, der 
einzige Priesterkaiser, und der einzige, zu dessen wesentlichen 
Zügen die Schönheit gehört^). George betrachtet seinen Algabal 
als den jüngeren Bruder Ludwigs des Zweiten, des schönheits- 
liebenden Bayernkönigs*) ; wie Baudelaire kennt dieser Herrscher, 
dem George sich innerlich verwandt fühlte, die Wollust der Grau- 
samkeit, wie Mallarmes Herodias den Ich-kultus und die Einsam- 
keit. 

Aufschlüsse über Georges Dichterideal gibt „Die Spange"^). 

Gedichte, formenrein wie ein glatter, fester Reif, wie eine Span- 
ge aus kühlem Eisen, schweben ihm als höchstes Erreichbares vor ; 
bis seine Poesie diese Vollkommenheit erreicht hat, soll sie 
sein 

Wie eine grosze fremde Dolde 
Geformt aus feuerrotem Golde 
Und reichem, blitzendem Gestein. 

Auch dieses Gleichnis mutet noch als dekadent an. 

Georges Kunst ist noch die dunkle, grosze, schwarze Blume, 



1) Bl. f. d. K. Dezember 1892, Seite 48—49. Vgl. Novalis, Heilboni II, 1, Seite 281 ; 
Poesie is Gemütserregungskunst. 

*) Die Gedichte, Seite 93, 94 sind Beispiele der audition coloree, vgl. Verlaine II, 
Seite 184, Ballade de la Vie en Rouge. 

3) Gundolf, George, Seite 80. 

*) Hymnen, Pilgerfahrten, Algabal, 6. Auflage, Seite 88. ^) Seite 83. 



138 NEUROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

die sich in dem Unterreich entfaltet hat^), sie ist noch nicht die 
dichterische Verklärung des wirklich Erlebten. 

„Die Bücher der Hirten und Preisgedichte der Sagen und 
Sänge- und der hängenden Gärten" enthalten die Spiegelungen 
einer Seele, die vorübergehend in andre Zeiten und örtlichkeiten 
geflohen ist und sich dort gewiegt hat 2). Georges Seele ist vollkom- 
men eins geworden mit dem Geist des Altertums, des Mittelalters, 
des Orients. \^on einer romantischen Sehnsucht nach fernen Län- 
dern und fernen Zeiten ist hier gar nicht die Rede. Verwey hebt 
das Gedicht „Herr der Insel" hervor als das Beispiel einer beson- 
ders groszen Einswerdung des antiken Geistes mit der Seele des 
modernen Dichters^). George ist in diesen Gedichten noch der 
Dichter der Schönheit, der seine Stimmungslyrik mit der 
Plastik des Malers und dem feinen Ohr des Musikers gestal- 
tet. 

In dem dritten Band, „Das Jahr der Seele", spricht der Dichter 
seine Wehmut aus, seine Überzeugung, dasz der Mensch auf ewig 
einsam bleiben musz, dasz auch in der Liebe keine Befriedigung 
zu finden ist. Leidenschaftliche Erregung sucht man in diesen Ge- 
dichten vergebens; George fühlt wie Maeterlinck, dasz die Tragik 
erst auf die bewegten Augenblicke folgt. Diese Lyrik spricht nur 
vom Aller tiefsten, von dem was sich minütlich verändert. Sie 
könnte nicht im Konzertsaal erklingen, weil sie zu intim ist, weil 
sie sich nur an Einen Menschen zugleich wendet. Ihre Stimmung 
ist die einer schneeigen, manchmal vielleicht etwas starren Rein- 
heit — man könnte sie präraphaeh tisch im florentinischen Sinne 
nennen*). In dem vierten Band Gedichte „Der Teppich des Lebens 
und die Lieder von Traum und Tod mit einem Vorspiel" stellt 
George, wie de Musset, die Erinnerung an die Liebe höher als die 
Liebe. 

Auch der Engel, die Idealgestalt, welche George zeigt, wie er 
werden soll, die ihn segnet, von der er nicht wieder läszt^), erin- 
nert an de Mussets Poesie, an die Musein „La Nuit d'Aoüt"®), „La 
NuitdeMai",')„LaNuitd'Octobre"^)undandieGestaltin„LaNuit 



') Algabal, Seite 96. ^) Bl. f. d. K., Seite 15. 

') Aufsätze über St. George und die jüngste dichterische Bewegung von A. Verwey 
und L. van Deyssel. Übertragen von Fr. Gundolf, Seite 19. 

*) Georg von Lukacs, Die Seele und die Formen, Seite 173. ^) Seite 14. 
*) De Musset, CEuvres completes, Seite 331. ') Seite 324. «) Seite 336. 



NEUROMANTIK IN DEUTSCHLAND 139 

deDecembre"^), von welcher der Dichter sagt „quimeressemblait 
comme un frere". Mit bewusztem Willen läszt George, seitdem der 
Engel ihm erschienen, alles was die Welt bietet, hinter sich zu- 
rück, sein Weg führt zur geistigen Einsamkeit, zu immer höherer 
Vollkommenheit. In seinen Gedichten weicht das Menschliche 
zurück, und tritt die Sittlichkeit in den Vordergrund. Gundolf 
nennt „Der siebente Ring" und „Der Stern des Bundes" heilige 
Bücher^). 

Den Kern des siebenten Ringes bildet „Das Buch Maximin". 
Maximin ist der Name eines jungen, reich begabten, früh ver- 
storbenen Dichters, in dem George sein geistiges Ideal verkörpert 
fand und den er als das Symbol des Göttlichen schaute : 

Dem bist du Kind, dem Freund. 
Ich seh in dir den Gott 
Den schauernd ich erkannt 
Dem meine Andacht gilt^). 

Nach dem Tod des Freundes sagt der Dichter : 

Der Tag ohne dich ist die Sünde 
Der Tod um dich ist die Ehre*). 

Nachdem auch dieses irdische Band gelöst ist, wird George 
ganz zum Führer, zum Priester. In „Der Stern des Bundes" zeigt 
er sich als das grosze, hervorragende Individuum, das die roman- 
tische Ich-Philosophie in ihrer äuszersten Konsequenz durchge- 
führt und auf sich bezogen hat, er ist der Mensch, der in seiner 
Isolierung sich selbst die Welt bedeutet, der Mensch auf dem 
Wege, Gott zu werden^). 

Wir wären du, wenn wir dich ganz erfaszt^). 

Der Dichter-Priester ist zum Priester-Dichter, die künstlerisch 
gestaltete Schönheit zur künstlerisch gestalteten Ethik geworden. 

Da die Bestrebungen der Neuromantik sich an Georges Werk 



1) Seite 328. ^) Gundolf, George, Seite 208. ^) Der siebente Ring, Seite 96. 
«) Seite 102. 5) Der Stem des Bundes, 4. Auflage, Seite 15. «) Seite 98. 



140 NEUROMANTIK IN DEUTSCHLAND 

am deutlichsten darlegen lassen, ist es für das Verständnis dieser 
Strömung nicht nötig, näher auf die Dichter einzugehen, deren 
Poesie in den „Blätter für die Kunst" Aufnahme fand. Nur Leo- 
pold Andrians Werk wird flüchtig berührt, weil seine Poesie der 
des zweiten groszen Dichters der Neuromantik, dem Werk Hugo 
von Hofmannsthals, vor allen andern verwandt ist. 

Alles was wir von Andrian besitzen, ist in ein paar Bändchen 
enthalten. Von der Tiefe seines Talentes zeugen seine Gleichnisse, 
die manchmal von ergreifender Schönheit sind^). 

Der Büdungsroman der Frühromantik erlebt bei diesem Dichter 
noch einmal eine Auferstehung. Der Fragment gebliebene Ro- 
man „Der Garten der Erkenntnis, das Fest der Jugend" geht aus 
der französischen Dekadenz hervor und erinnert zugleicherzeit 
an „Heinrich von Ofterdingen'*. 

Wie in diesem Roman sind auch in Andrians Werk alle Begeg- 
nungen voll Bedeutsamkeit, voll Symbolik, wie für Novalis ist 
auch für diesen neuromantischen Dichter Fühlen mehr als Wissen. 

Andrian gestaltet in seinem Roman die Erkenntnis von der 
Einheit alles Seienden. 

Der junge, künstlerisch veranlagte Aristokrat Erwin sucht mit 
groszer Sehnsucht nach der Erkenntnis des Lebens, er sucht mit 
krankhafter Empf änglichkeit^) , in groszer Seeleneinsamkeit^) 
das Andre, bis ihm deutlich wird, dasz es kein „Andres" gibt, dasz 
er selbst die Welt ist. Die Hoffnung, dasz ihm aus dem Büdnis der 
Welt sein Büdnis entgegenschauen würde^) — Ego Narzissus 
lautet die Überschrift über dem Roman — wurde nicht erfüllt, die 
tiefere Erkenntnis, die er durch Studium erreichen wollte, blieb 
ihm versagt, während des Studiums nahm die Dürre seiner Seele 
zu, er starb, ohne erkannt zu haben. 

George liebt an diesem österreichischen Fürsten „die schwanke 
Schönheit Grabes-Müder"^). 



*) Vor allen andern das Gleichnis von der halb verwelkten Gardenie im Sonett, 
Seite 76 in der 4. Auflage des Festes der Jugend. 

») Seite 47. ») Seite 32, 41, 48, 49. «) Seite 54. ») Seite 54, 55. •) Seite 57. 
') Lieder von Traum imd Tod, 10. Auflage, Seite 79. 



ACHTES KAPITEL 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 



Wie grosz auch der Abstand zwischen Hofmannsthals und 
Georges Dichtercharakter sein mag, so ist doch zumal in ihren Ju- 
gendwerken ein gemeinsamer Zug unverkennbar : als vollkomme- 
ne Formbeherrscher gestalten die beiden jungen Dichter eine ver- 
innerlichte geistige Kunst der Schönheit. Wie George ist auch 
Hofmannsthal bei den französischen Dichtern der Neuromantik 
in die Schule gegangen, wie der ältere, so hat auch der jüngere 
Dichter die Schönheit der verwandten englischen Literatur auf 
sich einwirken lassen. Schon in seinen ersten Gedichten erregt der 
junge Österreicher durch einen vollkommenen Einklang von Form 
und Inhalt, durch Metrum und Reim, durch mit feinem Verständ- 
nis angewendete Alliteration, durch Wiederholung desselben Vo- 
kals und Unterbrechung einer Vokalreihe, durch die magische 
Kraft des Wortes eine Stimmung, die uns zum Erlebnis der Seele 
wird^) . 

Vergleicht man z. B. das Gedicht „Vorfrühling" 2) mit Shel- 
leys „Ode to the Westwind", mit Morris' „The Wind" und mit Ver- 
haerens„Le Vent", so zeigt sich, worin diePoesiedes deutschenNeu- 
romantikers von den genannten Dichtungen abweicht. Das Ge- 
dicht enthält keinen philosophischen Gedanken wie Shelleys „Ode", 
im Gegensatz zu Morris' Dichtung fehlt alles Epische, auch ver- 
schmäht es der Dichter der „Blätter für die Kunst" mit starken Mit- 
teln das Geheimnisvolle heraufzubeschwören, es wird nur ange- 
deutet, dasz „seltsame Dinge" in dem Wehen des Windes sind. 
Weiter wäre es dem verfeinerten Talent des jungen Ästheten un- 
möglich, die Lebenskraft zu gestalten, die aus der Poesie des flä- 
mischen Dichters spricht ; seine aristokratische Kunst suggeriert 



^) H. von Hofmannsthal, Prosa I, 1920, Seite 102. 
2) Ged. und Kl. Dramen, 1922, Seite 4. 



142 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

die weiche Stimmung der Landschaft, durch die der Frühlings- 
wind an Menschenleid und Menschenglück vorübergefahren ist. 
worin er Akazienblüten gebrochen und den Duft ferner Gegen- 
den hineingetragen hat. Über die Poesie der angeführten Dich- 
ter hinaus ist das Gedicht „Vorfrülüing", ist Hofmannsthals 
ganzes Jugendwerk, wie die Poesie der ersten Gedichtbände 
Georges, durch Schönheit geweihte Stimmungslyrik. 

Wie George hat sich auch Hofmannsthal über den hohen Wert 
der Form ausgesprochen 

Lord Chandos^) spielt wohl auf ein Erlebnis des Dichters an, 
wenn er sagt: 

„Und bin ich 's wiederum, der mit dreiundzwanzig unter den 
steinernen Lauben des groszen Platzes von Venedig in sich jenes 
Gefüge lateinischer Perioden fand, dessen geistiger Grundrisz und 
Aufbau ihn im Inneien mehr entzückte als die aus dem Meer auf- 
tauchenden Bauten des Palladio und Sansovin" ? 

Der Dichter in „Das Kleine Welttheater" charakterisiert eine 
Dichtung als ein künstliches Gebild aus Worten^). 

An dem sterbenden Tizian würdigt sein Schüler Desiderio vor 
allem, dasz er „der Dinge Bändiger" gewesen sei^). 

In der Dichtung „Der Tor und der Tod" rühmt Claudio an sei- 
nen gemalten und gebildhauten Kunstschätzen, seinen Kröten, En- 
geln, Greifen, Faunen vor allem die Form, die sie — wie den Fisch 
das Netz — gefangen habe*) . 

Form und Inhalt bilden eine Einheit, es gibt kein getrenntes 
Auszen und Innen. Diesen von George in den „Blätter für die 
Kunst" betonten Grundsatz, die Überzeugung der neuromanti- 
schen Dichter aller Länder, führt Hofmannsthal aus in der „Un- 
terhaltung über die Schriften von Gottfried Keller". Dasz diese 
Auffassung eines notwendigen innigsten Zusammenklangs von 
Form und Inhalt nur schwer die ihr gebührende Beistimmung ge- 
funden hat, davon zeugt die Stelle in dieser in die Form eines Ge- 
sprächs gekleideten Erörterung, wo Hofmannsthal den Maler auf 
die Frage des Sekretärs: „Meinst du es äuszerlich oder in Bezug auf 
das Innere der Figuren" ? „heftig" erwidern läszt : „Ich glaube, oder 



*) Prosa I, Ein Brief, Seite 56. 

*) Ged. und Kl. Dramen, Seite 60. 

•) Ged. u. Kl. Dramen, Der Tod des Tizian, Seite 51, 

\^*) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 116. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 143 

ich hoffe, darüber sind wir doch endhch hinaus, in der Kunst oder 
im Leben ein Äuszeres von einem Inneren scheiden zu wol- 
len'i). 

Das gröszte Denkmal, das der Dichter der Form errichtet hat, 
ist die Beschreibung der Mahlzeit, die dem Kaiser in dem Märchen 
„Die Frau ohneSchatten' ' von seinen noch ungeborenenKindem an- 
geboten wird. Der Teppich, den das älteste Mädchen gewoben 
hat, 2) die Art und Weise, wie sie den Tisch mit Blumen schmückt^), 
die Haltung der Kinder, die bei Tisch aufwarten, und die unbegreifli- 
che Anmut aller ihrer Stellungen*) , das Schauspiel, das die Reiter 
vor dem Kaiser aufführen^), dies alles zeugt von einer Formvoll- 
endung, welche eine natürliche Eigenschaft aller Äuszerungen die- 
ser blosz ideellen Wesen ist. Die Einheit von Form und Inhalt in 
dem Gewebe des Teppichs ist von dem Dichter noch besonders 
hervorgehoben worden^) . 

Damit der Dichter diese höhere Formvollendung erreiche, soll 
er „sich das Überflüssige abgewöhnen" , „nach Knappheit ringen" ^) ; 
wie George verlangt auch Hofmannsthal von dem Dichter Kon- 
zentration, von dem Gedicht Kürze. 

Nicht nur George, auch Hofmannsthal zeigt als junger Dichter 
eine nahe Gefühlsverwandtschaft mit Baudelaire, namentlich die 
Beschreibung der Flagellanten^) und die Verherrlichung der Sün- 
de^) in seinem ersten Drama „Gestern" sind von dem Dichter der 
„Fleurs du Mal" inspiriert worden. Auch beiHofmannsthal wird in 
den späteren Werken diese Abhängigkeit immer geringer; nur 
„Elektra" bildet von dieser Regel eine Ausnahme. 

Auf Hofmannsthals erste dramatische Studie haben neben Bau- 
delaire besonders die Frühromantiker, die Präraphaeliten und 
d'Annunzio eingewirkt^^) . Durch diese literarische Verwandtschaft 

^) Prosa II, Seite 30. ^) Die Frau ohne Schatten, Seite 81, 84. 

3) Seite 92. *) Seite 89, 90. ^) Seite 88. «) Seite 84. 

') Prosa II, Unterhaltungen über ein neues Buch, Seite 47 ff. 

^) Kleine Dramen, Gestern, Seite 20, 40, 41. 

») Seite 27, 28, 52. 

^") In keinem späteren Werk Hofmannsthals lassen sich so viele literarische Re- 
miniscenzen nachweisen. So ist die Verhöhnung des Gewissens auf Seite 13, 14 im 
Geiste Nietzsches ; der Seite 22 betonte Gegensatz zwischen den Flagellanten und den sie 
umringenden blassen, schönen Frauen eine Erinnerung an V. Hugo, mit dessen Spra- 
che sich Hofmannsthal in seiner Dissertation beschäftigte; der Totenkopf in blumigen 
Gewinden, Seite 22ist Keats' Isabella or the Pot of Basil entnommen; der Liebesschmerz 
als Wonne der Erinnerung, vgl. Georges Jahr der Seele, ist gleichfalls ein Gefühl de 
Mussets, dessen Vision „qui me ressemblait comme un frere" Hofmannsthal in der 
Reitergeschichte (das Märchen der 672. Nacht und andere Erzählungen, Seite 64, 65) 



1 44 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

führt das Drama zu des Dichters späterer Poesie hinüber , es wird 
darum, wie die Gedichte, weiter im Zusammenhang mit Hof- 
mannsthals ganzem Werk betrachtet werden. 

Es soll versucht werden, aus des Dichters Werken seine Gedan- 
ken und Gefühle herauszulesen und seine Poesie mit den Dichtun- 
gen verwandter Schriftsteller zu vergleichen. Dazu werden haupt- 
sächlich die Jugend werke, die Prosa und „Die Frau ohne Schatten" 
berücksichtigt werden, die Umarbeitungen fremder Poesie werden 
nur ausnahmsweise angeführt, des Dichters spätere Werke, die 
Lustspiele, bleiben ganz auszer Betracht. 

Wie der junge George Dichter-Priester ist, so könnte man den 
jungen Hofmannsthal als Dichter-Mystiker bezeichnen. Als sol- 
cher berührt er sich in weiterem Sinne als George mit Novalis und 
Maeterlinck, und ist er einem französischen Neuromantiker wie 
Rimbaud näher als dieser verwandt. 

Wie für Novalis und Maeterlinck, ist auch für Hofmannsthal 
das Herz der Schlüssel des Universums^) . Mit ihnen, wie mit 
Wolfskehl und Andrian teilt er die Bevorzugung des Fühlens 
vor dem Wissen ; Andrea spricht des Dichters eigne Ansicht aus, 
wenn er sagt : 

Ergründen macht Empfinden unerträglich 
Und jedes wahre Fühlen ist unsäglich 2). 

Weiter verbindet die hohe Wertung des Kindes, des Künstlers 
und des Traums, die wie die Wertschätzung des Fühlens vor dem 
Wissen aus der hohen Würdigung des Unbewuszten im Menschen 
hervorgeht, Hofmannsthals Poesie mit den Werken der beiden 
Mystiker. Mit George berühren sich die drei Dichter, wie in der 
Wertschätzung des Künstlers, in der hohen Bedeutung, welche 
sie der Sittlichkeit und dem Symbol beilegen^). 



vielleicht unabhängig von dem französischen Dichter und auf ganz andre Weise als 
George in dem Vorspiel zu dem Teppich des Lebens gestaltet. Die Zeilen „Es gibt noch 
Stürme, die mich nie durchbebt! Noch Ungefühltes kann das Leben schenken. ..." 
sind wohl als Gegensatz zu Mallarmes „La chair est triste, helas! et j'ai lu tous les li- 
vres" empfunden. 

*) H. V. Hofmannsthal, Prosa II, Seite 90. Prosa I, Seite 71. 

Novalis, Heilbom II, 1, Seite HB; Minor III, Seite 57. 

■) Gestern, Kleine Dramen I, Seite 13. 

*) Über den Traum, sieh Seite 1 78 ; über die Sittlichkeit, Seite 1 72 ff. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 145 

Eine Verherrlichung des Kindes ist das kleine Gedicht, das als 
die Einleitung zu den „Gesammelte Gedichte und kleinere 
Dramen", den Geist der Poesie des jungen Dichters verkörpert. Es 
ist die poetische Gestaltung von Novalis' Ausspruch : „Nicht alle 
Kinder sind Kinder, ein Kind aber ist weit klüger als ein Erwach- 
sener"^) und des Gedankens, den der Dichter in der Bespre- 
chung des Buches von Peter Altenberg^) weiter ausführt: Nur 
Künstler und Kinder sehen das Leben wie es ist. Dem Kinde ist 
das Land der Schönheit offen^), die Welt ist ihm wie ein Mär- 
chen: 

Die Sonne mit heimlicher Kraft, 
Sie formt dir die rosigen Füsze, 
Ihr ewiges Land zu betreten^) . 

So wünscht auch der alte Mann in dem Gedicht „Des alten Man- 
nes Sehnsucht nach dem Sommer"*) noch einmal wie ein Kind die 
Natur genieszen zu können. Und in der eben erwähnten Bespre- 
chung des Buches von Peter Altenberg wird die neue Romantik 
gepriesen, weil eine sehnsüchtige Anbetung der kleinen Kinder 
über ihre Kultur ausgegossen ist. 

In auffallender Weise berühren sich die Früh- und die Neuroman- 
tik in der Würdigung des Künstlers. Nicht nur kennt Hofmanns- 
thal wie Novalis keine haarscharfe Absonderung des Dichters vom 
Nicht-Dichter^), sondern beiden Strömungen ist der Künstler 
Führer^), für beide steht der Künstler auf dem Menschen, wie die 
Statue auf dem PiedestalF), ist der Dichter allwissend. 

„Der Begriff Dichter ist in dieser Zeit zu viel von Bildungsgefüh- 
len getragen, zu wenig von Intuition. Man wünscht sich diesen Be- 
griff zu dephlegmatisieren, zu vivifizieren, wie die beiden schönen 
Kunstworte des Novalis^) heiszen", sagt Hofmannsthal. Nachbei- 



^) Novalis, Heilborn II, 2, Seite 251; Minor II, Seite309. 
2) Prosa II, Seite 81 ff. 

^) Ged. u. Kl. Dramen, Verse auf ein kleines Kind, Seite 26. Vgl. The Poems of Er- 
nest Dowson, Seite 11. 

*) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 24, 25. 

') Prosa I, Seite 3 fi., vgl. Novalis, HeUborn II, 1, Seite 164; Minor II, Seite 228. 

«) Prosa I, Seite 13. 

') Novalis, Heilbom II, 1, Seite 81 ; Minor III, Seite 9. 

«) Novalis, Heilborn II, 1, Seite 58; Minor II, Seite 176. 

Prosa I, Seite 10; vgl. Ged. mid Kl. Dramen, Seite 106, Prolog zur Lysistrata des 

to 



1 46 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

der Ansicht steigt die gröszte Kraft des Dichters aus dem Unbe- 
wuszten empor. 

„Alles was in einer Sprache geschrieben wird, stammt von den 
Dichtem. Nicht nur in Unterhaltungsbüchem, sondern auch in 
wissenschaftlichen Büchern wird von der viellesenden Menge im- 
mer der Dichter gesucht. Denn die Sehnsucht der Vielen geht nach 
den verknüpfenden Gefühlen, den Weltgefühlen, den Gedanken- 
gefülilen. Sie suchen den Dichter und nennen ihn nicht"^). Man 
denkt a i Novalis' Ausspruch : „Die Poesie ist das echt absolut 
Reelle, je poetischer, je wahrer "2). 

Das Element der Poesie ist das SymboP) . 

Was ein Symbol ist, erklärt Hugo von Hofmannsthal, indem er 
deutlich zu machen sucht, wie das Opfer entstanden ist, wie ein 
Tier für den Menschen den symbolischen Opfertod sterben kann. 
Diese Möglichkeit beruht auf dem festen Glauben, dasz das Da- 
sein des Menschen sich für die Dauer eines Atemzugs in dem frem- 
den Dasein aufgelöst hat*). 

Auch ödipus fühlt diese Verzauberung^) : 

Auf dem Leib 
Des Opfertiers lag ich, zuckend mit 
Dem Zuckenden. Aus seiner Kehle troff 
Das Blut. Ich mischte meinen Hauch damit, 
Da fuhr die Seele mir aus meinem Leib 
Und schwang sich auf dem Tier hinab zur Herrin Hekate^). 

Nicht nur in ihrer Auffassung von Kunst und Poesie, auch in 
ihrem Glauben an die Ähnlichkeit von Kunst und Wissenschaft in 
ihrer Vollendung berühren sich Hofmannsthal und Novalis. 



Aristophanes: „Wer anders als er kann dies ausgeheckt haben uns die griechische Ko- 
mödie zu galvanisieren." Diese Worte sind wohl hervorgerufen durch Novalis' 
Wunsch: „Galvanism der Antike, ihr Stoff, Revivication des Altertums". Novalis, 
Heilbom II , 2, Seite 49 1 . 

I) Prosa I, Seite 24. 

*) Novalis, Heilbom II, I, 1, Seite 77; Minor III, Seite 1 1. 

') Vgl. Hugo V. Hofmannsthal, Prosa I, Seite 92; vgl. Paul Gerardy in der Auslese 
aus den Bl. f. d K., Seite 1 13. 

*; Prosa I, Seite 90, 91, 92. 

') Vgl Novalis, Heilbom II, 1, Seite 106; Minor III, Seite 182. „Symbole sind 
Mystificationen". 

*) Ödipus und die Sphinx, Seite 65, 66. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 147 

Beider Ansicht ist es, dasz wie den Künsten ein Streben inne- 
wohnt, reine Kunst zu werden, m.a.W. wie sie danach streben, Mu- 
sik zu werden, die Wissenschaften sich zur Mathematik emporläu- 
tern wollen^). 

Hofmannsthals Gleichnis „Herrlich wie Musik und Algebra"^) 
gemahnt an Novalis' Ausspruch : „Musik hat viel Ähnlichkeit mit 
der Algeber"^) und an seinen begeisterten Ausruf: „das höchste 
Leben ist Mathematik, reine Mathematik ist Religion"^). 

Auch in der Weise, wie Hofmannsthal als Dichter die Welt auf 
sich einwirken läszt, läszt sich Ähnlichkeit mit einem von Novalis 
ausgesprochenen Gedanken feststellen^). Er vergleicht den Dich- 
ter mit einem Seismographen, den jedes Beben, und wäre es auf 
Tausende von Meilen, in Vibrationen versetzt^). „Der Dichter lei- 
det an allen Dingen und indem er an ihnen leidet, genieszt er sie. 
Er leidet sie so sehr zu fühlen. Und er leidet an dem einzelnen, 
so sehr als an der Masse, er leidet ihre Einzelheit und leidet ihren { 
Zusammenhang, das Hohe und das Wertlose, das Sublime und 
das Gemeine, er leidet ihre Zustände und ihre Gedanken; ja 
blosze Gedankendinge, Phantome, die wesentlichen Ausgeburten 
der Zeit, leidet er, als wären sie Menschen. Denn ihm sind Men- ! 
sehen und Dinge und Gedanken und Träume völlig eins : er kennt 
nur Erscheinungen, die vor ihm auftauchen und an denen er leidet 
und leidend sich beglückt"^). 

Der erste Teil dieser Anschauung findet sich, dichterisch ge- 
staltet, in dem „Vorspiel zur Antigone des Sophokles" 

Nichts bleibt mir verborgen^) . 

Wie hast du mir die Poren aufgetan ? 
Was für ein sehendes Geschöpf gemacht 
Aus mir^). 



1) Prosa I, Seite 23. ^) Seite 58. 

3) Novalis, Heilborn II, 2, Seite 549; Minor III, Seite 107, 

*) Novalis, Heilborn II, 1, Seite 222, 223; Minor II, Seite 268. 

^) Vgl. den schon in Bezug auf Keats angeführten Ausspruch: „Der Dichter ist wahr- 
haft sinnberaubt, dafür kommt alles in ihm vor. Er stellt im eigentlichsten Sinn das 
Subjekt-Objekt vor — Gemüt und Welt". NovaUs, Heilborn II, 1, Seite 380; Minor 
II, Seite 298, 299. 

«) Prosa I, Seite 34. ') Prosa I, Seite 27, 28. «) Ged.und Kl. Dramen Seite 103. 

9) Seite 104. 



148 HUGO VON HOFMANNSTHAL 



Aus den Geschöpfen tritt ihr tiefstes Wesen 
Heraus und kreiset funkelnd um mich her^). 

die Zeit versank, von den Abgründen 
Des Lebens sind die Schleier weggezogen^). 

Der zweite Teil ist in der Schluszzeile der dritten „Terzine über 
die Vergänglichkeit" enthalten: 

Und drei sind Eins, ein Mensch, ein Ding, ein Traum^). 

In dieser leidenden Empfänglichkeit erinnert H. v. Hofmanns- 
thal an Keats*). Auch Rimbauds „materieller Mystik" ist seine 
Passivität verwandt. Der Dichter, für den ein Mensch, ein Ding, 
ein Traum Eins sind, schaut unbewuszt das Sinnliche geistig und 
das Geistige sinnhch, er nähert sich Novalis' Begriff des magischen 
Idealisten, dem auf Erden unerreichbaren Künstlerideal. 

Der Dichter sieht und fühlt, sein Erkennen hat die Betonung 
des Fühlens, sein Fühlen die Scharfsichtigkeit des Erkennens.^) 
Er ist der Mensch mit den scharfen Sinnen, worauf auch Novalis 
so groszen Wert legte^); niemals aber hätte die Frühromantik 
das Fühlen durch eine Eigenschaft des Erkennens zu heben ge- 
sucht. 

In dem Dichter ist die Gegenwart in einer unbeschreiblichen 
Weise durch woben mit der Vergangenheit: in den Poren seines 
Lebens spürt er das Herübergelebte von vergangenen Tagen, von 
fernen, nie gekannten Vätern und Urvätern, verschwundenen 
Völkern, abgelebten Zeiten^). 



») Seite 105. *) Seite 105. ») Seite 15. 

*) Kassner, Englische Dichter, Seite 45 — 46. 

*) Prosa I, Seite 23. 

•) Novaüs, Heilborn II, 2, Seite 548; Minor II, Seite 221. 

Vgl. Prosa I, Seite 33: „Die dürftigste Situation wird ihren immer schärferen Sin- 
nen seelenhaft". 

') Prosa I, Seite 29; vgl. Novalis, Heilborn II, 2 Seite 570; Minor III, Seite 378. 
„Was einmal dagewesen ist, lebt fort". Minor III, Seite 23: „Wir tragen die Lasten 
unsrer Väter wie wir ihr Gutes empfangen haben, und so leben die Menschen in der Tat 
in der ganzen Vergangenheit und Zukimft und nirgends weniger als in der Gegen- 
wart". 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 149 

Dieses Gefühl kehrt in H. von Hofmannsthals Poesie immer wie- 
der. 

In der ersten „Terzine über die Vergänglichkeit"^) spricht er es 
folgendermaszen aus: 

Dann : dasz ich auch vor hundert Jahren war 
Und meine Ahnen, die im Totenhemd, 
Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar. 
So eins mit mir als wie mein eignes Haar. 

Eine Strophe des Gedichtes: „Manche freilich . . . ."^) lautet: 

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten 
Kann ich nicht abtun von meinen Lidern, 
Noch weghalten von der erschrocknen Seele 
Stummes Niederfallen ferner Sterne. 

In dem „Vorspiel für ein Puppentheater" heiszt es^): 

„Alle Besonderheiten und Geheimnisse meines Blutes rinnen zu- 
sammen zu Gestalten und Figuren : die Urahnin schlägt in mir die 
Augen auf wie ich selbst im Schosz ihrer Enkeltochter einst getan ; 
den Geizigen spür ich seinen Strumpf voll Gold in gierigen kalten 
Fingern liebkosen und wilde Männer schieszen kriegerische Blicke 
durch mich hin, wie Kometen ihre Blitze. Von ganz vergessenen 
Leuten regt sich ein Bewusztsein und ein zorniger Wille, Fromme 
sinken am Altar nieder, der Bauer zieht seine Furche, der Bürger 
baut sein Haus, der Dieb schaut ihm mit gierigen Augen ins Fen- 
ster, gute und böse Kinder wachsen auf wie Rittersporn und Bren- 
nessel und Liebende teilen im Schatten meines Herzens ihr Herz 
wie eine Frucht, und ich fühle den doppelten Schmerz und die 
doppelte Lust von Mann und Weib". 

Noch einmal hat Hofmannsthal dieses Gefühl der Abhängigkeit 
von den Vorfahren gestaltet in „ödipus und die Sphinx", ödipus 
erzählt dem alten Diener Phönix, wie es ihm zu Mute gewesen sei, 
als er im Heiligtum zu Delphi auf den Orakelspruch der Priesterin 
vorbereitet wurde**). 



1) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 14. =) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 16. 

3) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 94. *) Ödipus mid die Sphinx, 2. Auflage, Seite 30,31. 



150 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

ödipus. Mit meinen Vätern hauste meine 

Schlaflose Seele. 
Phönix. Wie, der Toten, die 

Du nie gesehen hast, entsannst du dich? 
ödipus. Nein — sie entsannen sich des Enkels und 

Durchzogen mich, 

Es ist das Gefühl des Erben einer reichen Kultur, von der jede 
Generation bewuszter lebt als die vorige^). 
Auch Baudelaire spricht es aus: 

J'ai plus de Souvenirs que si j'avais mille ans^). 

Je suis comme le roi d'un pays pluvieux, 

Riche mais impuissant, jeune et pourtant tres vieux^). 

Nicht nur mit der Vergangenheit, sondern auch mit dem was 
nach ihm kommt, mit der Zukunft, fühlt sich der Mensch und na- 
mentHch der Dichter unauflöslich verbunden. 

Der Königin in „Das Bergwerk zu Falun" ist es, wenn sie einen 
Menschen sieht, 

als müszte an ihm 
Noch hängen Ungewordnes und Verwestes, 
Als war er nie allein, wo er auch geht und steht*). 

Sie stürbe vor Grauen, wenn sie leben müszte wie der Menschen 
einer. 

Schon in „Gestern" heiszt es: 

Was einmal war, das lebt auch ewig fort !^) 

Jokaste in „ödipus und die Sphinx" ruft aus: 

Mich würde schauem bis ins Mark, zu denken, 
Dasz ich die Mutter eines Menschen bin. 



') Prosa II, Seite 183. 

*j Baudelaire, Les fleurs du Mal, Calman — Levy, Seite 199. 

») Seite 201. 

*) Ged, u. Kl. Dramen, Seite 250. 

•) Kleine Dramen I, Seite 51. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL. 151 

Weh ! Mutter von Dämonen ! Schuld und Qual 
Aufhäufend maszlos!^) 

Auch in „Die Frau ohne Schatten" ist der Zusammenhang des 
Seienden mit dem Künftigen gestaltet ; nicht nur steht der Kaiser 
in der schon erwähnten Mahlzeit seinen späteren Kindern gegen- 
über, sondern auch die Kaiserin blickt in dem wichtigsten Au- 
genblick ihres Lebens in die Augen Baraks, gespiegelt in der Mie- 
ne seines ältesten Sohnes^). 

Wie zwischen der Vergangenheit, dem Heute und der Zukunft 
ein enges Band besteht, so beeinfluszt auch alles Irdische sich ge- 
genseitig^) . 

Steigert sich dieser Zusammenhang und diese Beeinflussung, so 
musz daraus in dazu veranlagten Wesen das Vermögen entstehen, 
sich nach Belieben in eine andre Gestalt zu verwandeln. 

Sterbhchkeit und Wandelbarkeit ist grade ein Vorzug höherer 
Naturen^), sagt Novalis. Auszer dem Künstler, der sich zu allem 
macht, was er sieht und sein will^), besitzt der Mensch die 
Gabe der Verwandlung nur im Traum^) ; es liegt aber nur an 
der Schwäche unsrer Organe und der Selbstberührung, dasz 
wir uns in der Wirklichkeit nicht auch in einer Feenwelt 
erblicken^). 

In „Heinrich von Ofterdingen" hat Novalis das Motiv der Ver- 
wandlung dichterisch verwertet; es büdet einen der vielen Be- 
rührungspunkte zwischen dieser Dichtung und Hofmannsthals 
Märchen „Die Frau ohne Schatten" Auch in letzterem Werk 
kehrt es zu wiederholten Malen wieder. Die Kaiserin hat von ih- 
rem Vater, dem Fürsten des Geisterreichs, als Geschenk das Ver- 
mögen bekommen, sich zu verwandeln, als Reh ist sie ihrem Gat- 
ten in die Hände gefallen. 

Zugleich mit einem Talisman hat sie aber diese beglückende 

^) Ödipus und die Sphinx, Seite 103. 

2) Vgl. NovaHs, Heilborn II, 1, Seite 25; Minor II, Seite 134: 

„Wir stehen in Verhältnissen mit allen Teilen des Universums, sowie mit Zukunft 
und Vorzeit". 

Die Stellen in Hofmannsthals Werken, wo der Dichter die Erkenntnis von dem Zu- 
sammenhang alles Seienden ausspricht, werden in Verbindung mit seiner mystischen 
Poesie betrachtet werden. 

3) Novalis, Heilborn II, II, Seite 586; Minor II, Seite 223. 
") Novalis, Heilborn II, 1, Seite 80; Minor II, Seite 302. 

'^) Novalis, Heilbom II, II, Seite 538; Minor II, Seite 196. 
^) Novalis, Heilborn II, 1, Seite 95; Minor II, Seite 310. 



152 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

Fähigkeit verloren^) ; es scheint dem Kaiser, dasz die Gestalten 
der Kinder in der Felsenhöhle in einander hinüberflieszen^) ; der 
rote Falke und der Küchenmeister sind dasselbe Wesen^) ; der 
Kaiser verw^andelt sich in eine Statue*) und aus dieser wieder in 
einen Menschen^) ; der Färber und die Färberin treten nach ihrer 
sittlichen Erhebung als Knabe und Mädchen auf^); die Brüder 
des Färbers erscheinen am Ende des Märchens aufs neue in andrer 
Gestalt"). Als Höchstes wird die Verwandlungskraft des Wassers 
des Lebens gepriesen, weil es selbst das Unsichtbare verwandelt^). 

Auf Hofmannsthal wirkt nicht nur die beliebige Verwandlung 
der Märchengestalten, sondern auch die körperliche und nament- 
lich die geistige Entwickelung des Kindes zum Menschen fast wie 
ein Wunder. 

In dem Gedicht „Erlebnis" sieht er sich selber 

Ein Kind am Ufer stehn mxit Kindesaugen^). 

Deutlicher spricht er in der ersten „Terzine über die Vergäng- 
lichkeit"^^) sein Staunen aus: 

Und dasz mein eignes Ich, durch nichts gehemmt, 

Herüberglitt aus einem kleinen Kind, 

Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd. 

Im Gegensatz zu dieser tiefen, bedeutenden Verwandlung steht 
der Stimmungswechsel Andreas, der Hauptperson aus dem 
Drama.. Gestern", der sich als Sklave seiner Stimmung jeden Augen- 
blick einen anderen glaubt^^). 

Meister in der wunderbaren göttlichen Kunst der Verwand- 
lung^^j sind die Schauspieler, sie erfreuen sich als Künstler der 
besonderen Liebe des Dichters. 

So heiszt es von dem verstorbenen Schauspieler Mitterwurzer : 

Er kroch von einer Larve in die andre. 



') Die Frau ohne Schatten, Seite 14. 

«) Seite 90, 93 u. a. ') Seite 97. «) Seite 105. ») Seite 173. 

•) Seite 153. ') Seite 161. ^) Seite 153. 

•) Ged. und KI. Dramen, Seite 6. ^^) Ged. und Kl. Dramen, Seite 14. 

*^) Kleine Dramen I, Seite 14, 15. 

") Ged. und Kl, Dramen, Seite 38. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 153 

Sprang aus des Vaters in des Sohnes Leib 
Und tauschte wie Gewänder die Gestalten^). 

Und von dem Schauspieler Hermann Müller sagt Hofmanns- 
thal in groszer Bewunderung : 

Sein Leib war so begabt. 
Sich zu verwandeln, dasz es schien, kein Netz 
Vermöchte ihn zu fangen^) ! 

Er schuf sich um^). 

Joseph Kainz erscheint dem Dichter als 

Ein Unverwandelter in viel Verwandlungen, 
Ein niebezauberter Bezauberer, 
Ein Ungerührter, der uns rührte, einer, 
Der fern war, da wir meinten, er sei nah. 
Ein Fremdling über allen Fremdlingen, 
Einsamer über allen Einsamen, 
Der Bote aller Boten, namenlos 
Und Bote eines namenlosen Herrn*) . 

Auch an Dichtern lobt Hofmannsthal den Sinn für das Schau- 
spiel. Von Peter Altenberg sagt er als höchstes Lob^) : „Eine drei- 
fältige Macht scheint diesen Dichter erzogen zu haben. 

a) Eine künstlerische Kultur : Menschen, die ihre Beziehungen 
so wie Landschaften genieszen und ihre Vergangenheiten wie 
Gärten und ihre Geschicke wie Schauspiele. 

c) eine literarische Kultur: Menschen, die es lieben zu reden, 
Menschen, Künstler, denen das Schauspiel viel bedeutet. Es ist et- 
was tief Schauspielerisches in dem Buch : in den kleinen Geschich- 
ten stehen oft Menschen gegen Menschen wie in einer Rolle, ja der 
Dichter gegen das Leben so: er spielt sich selbst und dann und 
wann spielen seine Geschöpfe sich selbst. Die Namen sehr groszer 

* 

^) Ged, und Kl. Dramen, Seite 81. 

2) Ged. und Kl Dramen, Seite 82. 

') Ged. und Kl. Dramen, Seite 83. 

*) Ged. und Kl. Dramen, Seite 85. 

') Prosa II, Seite 80. 



1 54 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

Schauspieler gehören zu den bunten Gewändern der Götter, mit 
denen dieser Lebensgarten höchst künsthch umhängt ist". 

Hofmannsthal selbst geht noch einen Schritt weiter: Wie No- 
valis sieht auch er in dem Leben nur noch ein Schauspiel^) . 

Diese Lebensauffassung spricht er aus im ,,Prolog zudem Buch 
Anatol". 

Eine Laube statt der Bühne, 
Sommersonne statt der Lampen, 
Also spielen wir Theater, 
Spielen unsre eignen Stücke, 
Frühgereift und zart und traurig. 
Die Komödie unsrer Seele, 
Unsres Fühlens Heut und Gestern, 
Böser Dinge hübsche Formel, 
Glatte Worte, bunte Büder, 
Halbes, heimliches Empfinden, 
Agonieen, Episoden . . . .^) 

In dem Gedicht „Zu Einem Buch ähnlicher Art" gesteht der 
Dichter: 

Wir haben aus dem Leben, das wir leben. 
Ein Spiel gemacht, 

Ward je ein so verworrnes Spiel gespielt? 

Es stiehlt uns von uns selbst und ist nicht lieblich 

Wie Tanzen oder auf dem Wasser Singen, 

Und doch ist es das reichste an Verführung 

Von allen Spielen, die wir Kinder wissen, 

Wir Kinder dieser sonderbaren Zeit^). 

Nur auf diese Weise ist es möglich, das Leben zu ertragen : 

Es tragen die Geliebtesten der Menschen 

Vor dir ein maskenhaft Gesicht : 

Ein menschlich Aug erträgt nichts Wirkliches"*). 



^) Vgl. Joel, Nietzsche und die Romantik, Seite 226. 

*) Ged. und Kl. Dramen, Seite 78. 

') Ged. u. Kl. Dramen, Seite 79, 80. 

*) Ged. u. Kl. Dramen, Vorspiel zur Antigone des Sophokles, Seite 103. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 155 

Den aus dieser Lebensauffassung hervorgehenden Pessimis- 
mus spricht der Dichter aus in der „Ballade des äuszeren Le- 
bens": 

Was frommt das alles uns und diese Spiele, 
Die wir doch grosz und ewig einsam sind 
Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele ?^) 

Zu Hofmannsthals groszer Liebe zu dem Schauspieler und sei- 
ner Kunst scheint folgender Ausspruch einen Gegensatz zu bilden : 
„Ich liebe das Theater nicht. Es verdirbt mirzu oft meine Träume. 
Freilich ist es wahr, dasz alle meine Träume beständig ums Thea- 
ter herumflattern : das ist nun einmal das kleine Paradoxon mei- 
nes Daseins" 2). 

Dieser scheinbare Widerspruch klärt sich auf, wenn wir des 
Dichters eigne Dramen näher betrachten. Sie sind nicht, wie die 
Dramen Shakespeares, auo dem Herzen der Schauspielkunst her- 
aus^), nicht für diejenigen geschrieben, die eine Bühne in sich 
tragen^). Hugo von Hofmannsthal ist nicht ein an erster Stelle 
dramatischer, sondern ein vorwiegend lyrischer Dichter, der 
durch seine Liebe zum Schauspiel dazu veranlaszt wird, für seine 
Lyrik häufig die dramatische Form zu wählen. 

Obgleich diesen lyrischen Dramen die zur Bühnenwirksamkeit 
erforderliche Handlung fehlt, sind sie als Schaustücke bei einer 
Aufführung nicht ohne Erfolg. 

Sie berühren das Auge wie ein Gemälde oder zaubern die Um- 
gebung eines Künstlers hervor. Hofmannsthal verwirklicht in sei- 
nen dramatischen Dichtungen das Ideal der Frühromantiker, der 
Präraphaeliten, der Symbolisten; als S5mthese mehrerer Künste 
sind seine Dramen dem Werk Richard Wagners und d'Annunzios 
dramatischen Dichtungen verwandt^). 



^) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 12. 

^) Ged. u. Kl. Dramen, Prolog zur Lysistrata des Aristophanes, Seite 107. 

^) Prosa I, Shakespeares Könige und grosze Herren, Seite 109. 

*) Seite 123. 

*) Wie Friedrich Schlegel im Athenäum I, 2, Seite 147 ff. eine musikalische 
Charakteristik von Wilhelm Meister gab, wie Otto Ludwig die Dramen Shakespeares 
mit Beethovenschen Sonaten verglich (Hofmannsthal, Prosa I, Seite 114), so sucht 
auch Hofmannsthal „wie alle Österreicher ein geborener Musiker" einmal Literatur 
wie ein Tonstück zu charakterisieren: 



156 HUGO VON HOFFMANSTHAL 

Schon die dramatische Studie „Gestern", die „zur Zeit der gro- 
szen Maler "^) spielt, will durch die Ausstattung des Gartensaals 
im Hause Andreas^) wie ein Bild aus der Spätrenaissance wirken. 
Die „Idylle nach einem antiken Vasenbild" ist nicht nur durch 
dieses Bild inspiriert, sondern verlangt auszerdem einen Schau- 
platz im Böcklinschen StiP). 

Das Studierzimmer Claudios*) in „Der Tor und der Tod" fes- 
selt das Auge durch Glaskasten mit Altertümern, durch alter- 
tümliche Musikinstrumente, eine gotische dunkle, geschnitzte 
Truhe und ein Bild eines italienischen Meisters. 

In „Der Tod des Tizian" muten die drei Mädchen^) und der 
Page^) wie Bilder aus alter Zeit an; in „Elektra" wirken die Kö- 
nigin Klytämnestra und ihre beiden Begleiterinnen durch die 
scharlachrote, dunkel violette und gelbe Farbe ihrer Gewänder*^). 

Trotz ihrer Vorzüge als Schaustücke gewähren Hofmannsthals 
Dramen im Theater nicht den höchsten Genusz. Die gröszte Freu- 
de schenken sie, wenn ihre Sprachmusik nicht ununterbrochen 
weit erklingt, sondern wir bald an dieser, bald an jener Stelle 
verw^eüen und die Schönheit des Wohllauts genieszen können. 
\\'ie Georges Lyrik, vertont, nicht im Konzertsaal erklingen könn- 
te, eignet sich auch die intime Lyrik der dramatischen Dichtun- 
gen Hof mannsthals, besser als zu einer Aufführung im Theater, zu 
einer Lektüre „sous la lampe". 

Daraus, dasz Hofmannsthal wie Rossetti und einige von den 
symbolistischen Dichtern Ästhet und Mystiker zugleicherzeit ist, 
geht hervor, dasz er sich nicht an erster Stelle durch ein tiefes, re- 
ligiöses Fühlen mit der Ewigkeit berührt. Auch nicht durch die 
Liebe wird ihm der mystische Aufschwung ermöglicht, verge- 
bens sucht man in seiner Poesie sowohl das aus Sinnlichkeit und 
Religion gemischte Liebesgefühl Novalis', wie die ganz oder zum 
Teü vergeistigte Liebe, wodurch die späteren Minnesänger und 
die gleichzeitig lebenden Dichter des dolce stil nuovo, wodurch 



„Lassen Sie mich Ihnen sagen, dasz die Charaktere im Drama nichts anderes sind als 
kontrapunktische Notwendigkeiten. Die Katastrophe als symphonischer Aufbau, das 
ist die Sache des Dramatikers, der mit dem Musiker so nahe verwandt ist". Prosa 
II, Seite 171). 

*) Kleine Dramen I, Seite 6. ^_) Seite 7. ') Ged. und Kl. Dramen, Seite 34. 

*) Ged. und Kl. Dramen, Seite 112. ») Seite 53. «) Seite 41. 

') Elektra, 5. Auflage, Seite 25. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 157 

Dante und Petrarca, später auch Michelangelo, sich zur Mystik 
erhoben. Nur einmal findet sich in Hofmannsthals Dichtung ein an 
die Poesie der italienischen Dichter erinnerndes Gefühl, nämlich 
in dem Gedicht : „Dein Antlitz". 

Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen. 
Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben. 
Wie stieg das auf ! Dasz ich mich einmal schon 
In frühern Nächten völlig hingegeben 

Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal. 

Denn allen diesen Dingen 
Und ihrer Schönheit — die unfruchtbar war — 
Hingab ich mich in groszer Sehnsucht ganz. 
Wie jetzt für das Anschaun von deinem Haar 
Und zwischen deinen Lidern diesen Glanz !^) 

Die Mystik Hofmannsthals entspringt einerseits dem Gefühl 
für die Schönheit aller Künste, andrerseits der Naturbetrachtung 
und der Erkenntnis des Zusammenhangs alles Seienden. 

Als Dichter kennt Hofmannsthal, wie Novalis, die Ekstase des 
Schaffens. Novalis zielt wohl durch die Worte „Glaube an echte 
Offenbarungen des Geistes" 2) auf den Zustand der Verzückung 
hin, Hofmannsthal äuszert sich ausführlicher darüber: „In den 
höchsten Augenblicken des Schaffens, dieser immenschlichen 
Herrlichkeit, braucht der Dichter nur zusammenzustellen ; was er 
neben einander stellt, wird harmonisch"^). 

Weder Novalis noch Hofmannsthal kennen die Mystik des 
Schaffens als ein so tiefes, alles Irdische auflösendes Erlebnis wie 
der englische Dichter Blake, der von dem Entstehen seines „Mil- 
ton" sagt. 

„I have written this poem f rom immediate direction, twelve or 
sometimes twenty or thirty lines at a time, without pre-meditation 

^) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 10. 

Überhaupt gestaltet die Neuromantik — im Ggs. zu der Frühromantik — selten 
Frauenliebe. Hofmannsthal hat seine beiden Liebeslieder „Wir gingen einen Weg . . . . " 
(Bl. f. d. Kunst, 97, 99, 4. Folge), „Auf einem hohen Berge" (Bl. f. d. Kunst, '97, 99. 4. 
Folge) nicht in die Gesammelten Gedichte aufgenommen. 

2) Novalis, Heilborn II, Seite 6; Minor II, Seite 115. 

3) Prosa I, Seite 35. 



158 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

and even against my will. The time it has taken in writing was 
thus rendered non-existent, and an immense poem exists which 
seems to be the labour of a long life, all produced without labour 
or study"^). 

Wie aber eine haarscharfe Absonderung des Dichters vom Nicht- 
Dichter unmöghch ist 2), so kann auch letzterer sich durch die 
Schönheit der Kunst zur Mj^stik erheben, und zwar durch dasje- 
nige, was er mit dem mit schöpferischer Phantasie Begabten 
teilt und was auch ihn zum Künstler macht: durch eine tiefe 
Verinnerlichung, ein sehr starkes Fühlen. 

Die ästhetische Verzückung des nachschaffenden Künstlers 
charakterisiert Hofmannsthal im Geiste Keats'^) als ein zucken- 
des Ahnen, flüchtigste Intuition, ein raumloses, zeitloses „Ich 
hab's gefühlt"^). 

Sie wird dem Menschen nur gewährt in seltenen Stunden, die 
ein Erlebnis sind, und nicht gewollt werden können^), sie ist eine 
zerrüttende und stumme innere Orgie^). Diese Augenblicke des 
höchsten Genieszens sind, wie die des höchsten Schaffens, religiöse 
Erlebnisse"), der Lesende Hest nichts, woran er nicht glaubt — 
das Glauben gefaszt in seiner voUen, religiösen Bedeutung, als ein 
Fürvvahrh alten über allen Schein der Wirklichkeit, ein Ergreifen 
und Ergriffensein in tiefster Seele, ein Ausruhen im Wirbel des 
Daseins-). In diesen Augenblicken der Gnade ist die Poesie „une 
des entrees du ciel"^) und wird der Dichter zum Priest er^^). 

Als neuromantischer Dichter ist sich Hofmannsthal tief der 
mystischen Kraft bewuszt, die dem Worte innewohnt. Dieses 
Gefühl spricht er aus in dem „Brief des Lord Chandos an seinen 
älteren Freund Francis Bacon"^^). 

Dem jungen englischen Edelmann ist die Fähigkeit abhanden 
gekommen, die Worte mit dem vereinfachenden Blick der Ge- 
wohnheit zu fassen, sie schwimmen um ihn herum, sie gerinnen zu 
Augen, die ihn anstarren und die er wieder anstarren musz, Wir- 
bel sind sie, in die hinabzusinken ihm schwindelt, die sich unauf- 



^) Spurgeon, Mysticism in English Literature, Seite 131. 

*)-Hofraannsthal Prosa I, Seite 13. ') Endymion Buch 1, Zeile 744. 

*) Prosa II, Seite 140. ^} Prosa I, Seite 45. «) Seite 110. 

') Seite 48. 8) Seite 45, 46. 

') Maeterlinck, Le Tresor des Hurables, 120. Auflage, Seite 241 , 
^"j Novalis, Heilbom II, 1, Seite 21 ; Minor II, Seite 126. 
"y Prosa II, Seite 140. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 159 

haltsam drehen und durch die hindurch man ins Leere kommt^) . 
Es ist das Gefühl der Unzulänglichkeit des Wortes, das auch 
Maeterlinck kennt 2), es ist, wie die Sobeide es ausdrückt^) 

Alle diese Dinge 
Sind anders, und die Worte die wir brauchen. 
Sind wieder anders. 

Das Wort ist aber auch der Träger der Schönheit, nach Nova- 
lis' Ausspruch die äuszere Offenbarung des inneren Kraftreichs, 
des Gemüts*). So sagt Andrea: 

Grad wie wenn Worte, die wir täglich sprechen. 
In unsre Seele plötzlich leuchtend brechen, 
Wenn sich von ihnen das Gemeine hebt 
Und dasz ihr Sinn lebendig, ganz erwacht^). 

Das Wort ist Symbol des Weltgeheimnisses: 

In unsern Worten liegt es drin. 
So tritt des Bettlers Fusz den Kies, 
Der eines Edelsteins Verliesz^). 

So ist auch die Sprache der Worte das Symbol einer höheren 
Sprache, die schöner ist als die irdische. 

In diesem Sinne sagt der Dichter von Grillparzers Drama „Des 
Meeres und der Liebe Wellen"^) : 

„Spreche es zu Fremden die deutsche Sprache mit geliebtem 
Mund, zu uns spricht es eine wortlose Sprache, die noch darüber 
ist". 

Fände Lord Chandos diese mystische Sprache, in welcher nicht 
nur zu schreiben, sondern auch zu denken ihm vielleicht gegeben 
wäre, die Sprache, von deren Worten ihm auch nicht eins be- 



Prosa I, Seite 64. 

Vgl. Le Tresor des Humbles, Seite 1 0, 1 1 

Theater in Versen, 4. Auflage, Seite 60. 

Novalis, Heilborn II, 1, Seite 363; Minor II, Seite 299. 

Gestern, Kleine Dramen I, Seite 42. 

Ged. u. Kl. Dramen, Seite 11. 

Prosa I, Seite 90, 91, 92. 



1 60 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

kannt, in welcher aber die stummen Dinge zu ihm sprechen und 
in welcher er vielleicht einst im Grabe vor einem unbekannten 
Richter sich wird verantworten müssen, so wäre es in seine Ge- 
walt gegeben, blosz durch die Kraft seiner Worte, die Cherubim 
vom Himmel niederzuzwingen 2). 

Nicht nur der Dichter, auch der Schauspieler besitzt die Gabe, 
den künstlerisch veranlagten Menschen über sich selbst zu erhe- 
ben. Dieser Gedanke ist schon in den vorhin angeführten „Verse 
zum Gedächtnis des Schauspielers Joseph Kainz" enthalten^). 
Dasselbe wird noch einmal im , .Prolog zur Lysistrata des Aristo- 
phanes" ausgesprochen, wo der Dichter von den Schauspielern 
sagt, dasz sie an ihrem lebendigen Leib das Instrument hätten, 
Weltenfernen aufzusperren^) . Am Schlusz dieses Prologs wird der 
Tanz verherrlicht^). Die Mystik des Tanzes ist in dem Dialog 
„Furcht" gestaltet^); in den gespannten Zügen der Tänzerin 
Laidion ist nach dem Tanze etwas Ewiges, ihr Gesicht ist dem 
einer Gottheit ähnlich'). 

Für Hofmannsthal ist wie für Novalis Musik die am meisten be- 
glückende Kunst^). Die Zeilen, aus welchen sich des Dichters hohe 
Würdigung der Tonkunst schlieszen läszt, sind von einem solchen 
Wohllaut, dasz sie an glückspendender Kraft der Musik nahe 
kommen. Sie enthalten die Worte, welche Tizianello, des groszen 
Malers Tizian Sohn, an die eben eingetretenen Mädchen richtet : 

Und dasz wir eures Haares Duft und Schein 
Und eurer Formen mattes Elfenbein 
Und goldne Gürtel, die euch weich umwinden, 
So wie Musik und wie ein Glück empfinden — 
Das macht : Er lehrte uns die Dinge sehen . . . . ^) 

Eine Verherrlichung der Musik und der Liebe ist das Drama 
„Der Abenteurer und die Sängerin" ^'^). Der Abenteurer, ein zwei- 



M Prosa II, Seite 160. 

') Prosa I, Seite 69, 76. 

') Ged. u. Kl. Dramen, Seite 85. 

*) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 109. 

*) Seite 1 10. V^gl. Theater in Versen, Die Hochzeit der Sobeide, Seite 53. 

«j Prosa III, Seite 11 ff. 

') Seite 24. 

*) Novalis, Heilbom II, 1, Seite 154; Minor II, Seite 237. 

*) Ged. und. Kl. Dramen, Seite 53. ") Theater in Versen, Seite 133 fE. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 1 6 1 

ter Casanova, sucht immerfort neues Liebesglück, während die 
Sängerin durch die Liebe zu dem sitthch tief unter ihr stehenden 
Manne zur immer gröszeren Künstlerin heranreift^). In ihrer wei- 
ten Lebensauffassung erkennt sie das Göttliche auch in der Seele 
des, trotz seines Leichtsinns, immer geliebten Mannes: 

Bin ich nicht die Musik, die er erschuf. 
Ich und mein Kind ? Ist Feuer nicht in uns. 
Was Feuer einst in seiner Seele war ? 
Was gilt das Scheit, daran es sich entzündet : 
Die Flamme ist dem höchsten Gott verbündet 2). 

Und so vergöttlicht Hof mannsthal, im Geiste der Frühroman- 
tik, mit denselben Worten die Liebe und die Musik. 

Deutlicher als in diesem Drama hat Hof mannsthal die mysti- 
sche Kraft der Musik im „Vorspiel zur Antigone" hervorge- 
hoben : 

Denn dem Hauch des Göttlichen 
Hält unser Leib nicht stand, und unser Denken 
Schmilzt hin und wird Musik^) . 

Noch einmal deutet der Dichter auf den mystischen Wert der 
Musik hin in der Einleitung zu Grillparzers Drama „Des Meeres 
und der Liebe Wellen", wo er von „dem groszen Dichter von Ös- 
terreich, dem Halbbruder Mozarts" sagt: „Ihm allein war der 
Schlüssel gegeben, den nur der Musiker besitzt, der mit der Un- 
mittelbarkeit des Fühlens die Tür ins Namenlose aufschlieszt"*). 

Die Berührung mit der Ewigkeit durch die Kunst des Malers 
hat Hof mannsthal gestaltet in „Die Farben. Aus den Briefen des 
Zurückgekehrten", wo er erzählt, wie das Schauen der Farben in 
den Gemälden Vincent vanGoghs den eben aus den Tropen zurück- 
gekehrten jungen Mann über sich selbst erhebt^): „Wie kann ich 
es dir nur zur Hälfte nahe bringen, wie mir diese Sprache in die 
Seele redete, die mir die gigantische Rechtfertigung der seltsam- 

^) Seite 188. 

^) Seite 259 ; vgl. Seite 226, 227, wo sich gleichfalls eine VerherrHchung der Musik fin- 
det, namentlich aber den Schlusz. 
3) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 105. 
*) Prosall, Seite 157. S) p^osa m, Seite 132 fE. 

11 



1 62 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

sten unauflösbarsten Zustände meines Inneren hinwarf, mich mit 
eins begreifen machte, was ich in unerträgHcher Dumpfheit zu 
fühlen kaum ertragen konnte und was ich doch, wie sehr fühlte 
ich das, aus mir nicht mehr herausreiszen konnte — und hier gab 
eine unbekannte Seele von unfaszbarer Stärke mir Antwort, mit 
einer Welt mir Antwort" ! 

Ihm sind die Farben eine Sprache, in der das Wortlose, das E- 
wige, das Ungeheuere sich hergibt, eine Sprache erhabener als die 
Töne, wtil sie wie eine Ewigkeitsflamme unmittelbar her vorschlägt 
aus dem stummen Dasein und uns die Seele erneuert. Ihm ist 
Musik neben diesen wie das liebliche Leben des Mondes neben dem 
furchtbaren Leben der Sonne"^). 

Die göttliche Kraft, die in den Statuen der Griechen schlum- 
mert, wirdin ,.Die Statuen" geschildert 2). Während der Dichter in 
einem kleinen Museum auf der Akropolis die da befindlichen 
Statuen betrachtet, vollzieht sich in ihren Gesichtern ein völlig 
unsägliches Lachen. Er sagt sich: „ich sehe dies nicht zum 
ersten Mal, auf irgend welche Weise, in irgend welcher Welt 
bin ich vor diesen gestanden, habe ich mit diesen irgend welche 
Gemeinschaft gepflogen". Er fühlt sich nicht mehr als ein von 
zeitlichen Bedingtheiten bestimmtes Wesen: die Hingenommen- 
heit, an die er sich verloren hat ist dauerlos, und das, wovon 
sie erfüllt ist, trägt sich auszerhalb der Zeit zu. In den zweideutig 
lächelnden Larven fühlt er ein lauerndes Herüberblicken von drü- 
ben^), es ist ihm, alsob die Statuen an Dingen teilnehmen, die über 
jede gemeine Ahnung sind^). Dasjenige, was vor ihm ist, sein 
Auge füllt, richtet ihn irgendwohin, ins Unendliche. Ob seine 
Seele von den Statuen ihre Richtung empfängt, oder von etwas an- 
derm, als dessen Boten sie ihn umstehen^) — für ihn sind die Mar- 
morbilder in diesem Augenblick die Trägerinnen der Ewigkeit. 
Während dieses höchsten, seligen Schauens löst sich alles Irdische 
und wird der Mensch zur Gottheit^). Auch Hofmannsthal kennt 
den bis zur Vergottung des Ich gesteigerten Ich-kultus der Symbo- 
listen, Georges, d'Annunzios. 

Die Verzückung, die dem mit religiösem Gefühl Schauenden 
durch die Schönheit der Natur zu teil werden kann, schildert Hof- 



') Prosa III, Seite 140, 141. •) Prosa III, Seite 174 ff. ») Prosa III, Seite 189. 
«) Prosa III, Seite 190. •) Prosa III, Seite 193. 
•) Prosa III, Seite 194, 195. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 163 

mannsthal in der Erzählung des mystischen Erlebnisses Rama 
Krishnas. 

Der Büszer Rama Krishna, einBrahmane, wurde erst zum Hei- 
ligen, als er einen Zug weiszer Reiher in groszer Höhe quer über 
den Himmel gehen sah, und nichts als dies, nichts als das Weisz 
der lebendigen Flügelschlagenden unter dem blauen Himmel, 
nichts als diese zwei Farben gegen einander, dies ewige Unnennba- 
re, drang in diesem Augenblick in seine Seele und löste, was ver- 
bunden war, und verband, was gelöst war, dasz es zusammenfiel 
wie tot, und als er wieder aufstand, war er nicht mehr derselbe, der 
hingestürzt war^) . 

Auch der Bewunderer von Vincent van Goghs Gemälden hat 
sich an einem grauen Sturm- und Regentage im Hafen von Bue- 
nos Aires, durch den Anblick der Farben eines kleinen Schiffes 
vom Hauch der Ewigkeit berührt gefühlt 2). 

Nicht nur durch die Farbenschönheit der Natur berührt sich 
der Mensch mit der Ewigkeit, auch ganz Einfaches, eine Giesz- 
kanne, eine auf dem Felde verlassene Egge, ein Hund in der Son- 
ne, ein ärmlicher Kirchhof, ein Krüppel, ein kleines Bauernhaus 
kann ihm zum Gefäsz der Offenbarung werden^). In Augenblik- 
ken, die herbeizuführen nicht in des Menschen Gewalt steht, 
kann es auch die bestimmte Vorstellung eines abwesenden Gegen- 
standes sein, dem die unbegreifliche Auserwählung zu teil wird, 
mit jener sanft und jäh steigenden Flut göttlichen Gefühls bis an 
den Rand gefüllt zu werden*) . 

In dem „Brief an Francis Bacon" — dem obige, an Wordsworth 
erinnernde Naturmystik entnommen ist — schildert Lord Chan- 
dos, wie der Gedanke an den Todeskampf der in den Milchkellem 
eines seiner Meierhöfe, infolge des ihnen gestreuten Giftes sterben- 
den Ratten, in ihm ein ungeheures Anteilnehmen erregt habe, ein 
Hinüberflieszen in jene Geschöpfe oder ein Fühlen, dasz ein Flui- 
dum des Lebens und Todes, des Träumens und Wachens für einen 
Augenblick in sie hinübergeflossen sei. 

Es ist dem Lord, wie den kleinen Mädchen, die 

wissen, dasz das Leben jetzt aus ihren 



^) Prosa III, Seite 137, 138. ») Prosa III, Seite 139, 140. 

3) Prosa I, Seite 66, vgl. Novalis, Heilborn II, 1, Seite 878; Minor II, Seite 291. 

*) Prosa I, Seite 67. 



1 64 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

Schlaftrunknen Gliedern still hinüberflieszt 
In Bäum und Gras .... 

Es ist ihnen zu Mute : 

Wie eine(r) Heilige (n), die ihr Blut vergieszt ^). 

Das Gefüll 1 der Unendlichkeit durchschauert in solchen Augen- 
blicken den Menschen von den Wurzeln der Haare bis ins Mark 
der Fersen ; es ist ihm, als könnte er in ein neues ahnungsvolles 
Verhältnis zum ganzen Dasein treten, wenn er anfinge mit dem 
Herzen zu denken. Wieder ist es, alsob Novalis redete^). 

Wie für Novalis und Maeterlinck, sind auch für Hofmannsthal 
die Blumen Boten aus einer höheren Welt^). 

„Mit jedem Frühjahr wird der grüne, geheimnisvolle Teppich der 
Liebe erneuert, und seine seltsame Schrift ist nur dem Geliebten 
lesbar, wie der Blumenstrausz des Orients, ewig wird er lesen, und 
sich nicht satt lesen, und täglich neue Bedeutungen, neue entzük- 
kende Offenbarungen der liebenden Natur gewahr werden. Die- 
ser unendliche Genusz ist der geheime Reiz, den die Begehung der 
Erdfläche für mich hat, indem eine jede Gegend andre Rätsel lö- 
set, und mich immer mehr erraten läszt, woher der Weg komme 
und wohin er gehe"*), sagt Sylvester zu Heinrich von Ofterdingen. 

Ähnliches legt Hofmannsthal dem Gärtnerin „Das kleine Welt- 
theater" in den Mund ; ein Groszes ist ihm widerfahren : 

Dasz an den Blumen ich erkennen kann 

Die wahren Wege aller Kreatur, 

Von Schwach und Stark, von Üppig oder Kühn 

Die wahre Art^). 

Auch die Tiere sind für Hofmannsthal Symbole der Unendlich- 
keit, man fühlt sie in seiner Poesie als beseelte Wesen, der Dichter 
spricht von ihnen met der Wehmut des um ihre Leiden Wissenden. 

*) Zweite Terzine über die Vergänglichkeit, Ged. u. Kl. Dramen, Seite 15. 

«) Prosa I, Seite 71. Vgl. Novalis, Heilborn II, 1, Seite 143; Minor III, Seite 57. 

Wie ein Baum Raoul Richter die Offenbarung der UnendUchkeit gewährt, be 
schreibt Hofmannsthal, Prosa III, Seite 33 — 48. Vgl. auch hier Novalis, Heilbom II, 
I; Seite 378; Minor II, Seite 291. 

') Vgl. Maeterlinck, L'Intelligence des Fleurs. 

*) Novalis, Heilbom I, Seite 172, 173; Minor IV, Seite 229. 

*) Ged. und KL Dramen, Seite 62. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 1 65 

So singt der Schiffskoch, ein Gefangener : 

Schöne purpurflossige Fische, 
Die sie mir lebendig brachten, 
Schauen aus gebrochenen Augen, 
Sanfte Tiere musz ich schlachten, 

Stille Tiere musz ich schlachten . . . . ^) 

Die Kaiserin in „Die Frau ohne Schatten", die Tochter des 
Geisterkönigs, findet Menschengesichter wild und häszlich, Tier- 
gesichter dagegen redlich und schön^). Ein enthäutetes Lamm 
blickt sie mit sanften Augen an^). Die Ausdrücksfähigkeit der Au- 
gen der Gazelle und des roten Falken*) kommt, weil beide in Tier- 
gestalt verwandelte höhere Wesen sind, in dieser Hinsicht nicht in 
Betracht. 

Es erübrigt noch, den Teil von Hofmannsthals mystischer Poe- 
sie zu besprechen, wo die Mystik durch „Wissen" hervorgerufen 
wird, durch die Erkenntnis von dem Zusammenhang alles Irdi- 
schen, alles Seienden. In der Besprechung des Buches von Peter 
Altenberg zielt der Dichter nur auf die gegenseitige Beeinflussung 
von Menschen, Bäumen, Bergen hin^). Deutlicher aber ist dieser 
Gedanke ausgesprochen in dem Gedicht „Der Jüngling in der 
Landschalt": 

Durch diese Landschaft ging er langsam hin 
Und fühlte ihre Macht und wuszte — dasz 
Auf ihn die Weltgeschicke sich bezogen^). 

Auch das Gedicht „Manche freilich" .... spricht denselben 
Gedanken aus. Nachdem der Dichter ausgeführt hat, wie das Le- 
ben vieler in den Niederungen verläuft, andern dagegen bei den 
Sibyllen, den Königinnen, Stühle gerichtet sind, fährt er fort : 

Doch ein Schatten fällt von jenen Leben 
In die andern Leben hinüber. 



*) Ged. und Kl. Dramen, Seite 23, vgl. die Paraphrase dieses Gedichtes in Der Frau 
ohne Schatten, Seite 29. 

2) Seite 17. 3) Seite 29. *) Seite 15, 16. 

*) Prosa 11, Seite 74, 75. ^) Ged. und Kl. Dramen, Seite 22. 



166 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

Und die leichten sind an die schweren, 
Wie an Luft und Erde gebunden : 

Viele Geschicke weben neben dem meinen, 
Durch einander spielt sie alle das Dasein, 
Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens 
Schlanke Flamme oder schmale Leier ^). 

An die Mystik des Franciscus von Assisi, an Schelling, an Nova- 
lis, an Shelley erinnern die Worte des Dieners in „Das Kleine Welt- 
theater": 

Und vor ihm beginnt der brüderliche 

Dumpfe Reigen der verschlungnen Kräfte 

In der tiefsten Nacht mit glühndem Munde 

Unter sich zu reden : Wunderliches, 

Aus dem Herzblut eines Kindes quellend, 

Findet Antwort in der Gegenrede 

Eines Riesenblocks von dunkelm Porphyr^). 

Auch der Wahnsinnige in derselben Dichtung fühlt auf diese 
Weise: 

Ich gleite bis ans Meer, gelagert sind die Mächte dort 
Und kreisen dröhnend, Wasserfälle spiegeln 
Den Schein ergosznen Feuers, jeder findet 
Den Weg und rührt die andern alle an .... ^) 

Auf den mystischen Zusammenhang des ganzen Universums 
spielt der Dichter an in dem Wilhelm Dilthey gewidmeten Aufsatz 
„In Memoriam"^) : „Wie lebte nicht für diese Augen eine geistige 
Welt, und Welten über Welten, Schuld über Schuld und eins im 
andern gespiegelt und eins aus dem andern gezeugt und Verwand- 
lung überall und Einheit überall". 

Einen Geistesverwandten Dütheys erblickt Hofmannsthal in 
dem Naturforscher Robert Lieben, von dem er sagt :^) 



') Ged. u. Kl. Dramen, Seite 16. *) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 71. 
») Ged. u. Kl. Dramen, Seite 74, vgl. Seite 74, Zeile 10—18. 
«) Prosa III, Seite 30. ») Prosa III, Seite 52. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 1 67 

„Das Innere seiner Sinne war lebendig, wie nur im schöpferischen 
Künstler; man darf sagen, dasz sie sich zu einem umfassenden Le- 
benssinn vereinigten. Durch diesen kommunizierte er tief mit der 
Erscheinung und empfing in ihr das Universum. Er wuszte, dasz 
es ihm in höchsten Augenblicken von unmeszbarer Dauer gegeben 
war, unendliche Gedanken zu denken. Er hatte sich mit dem Un- 
endlichen berührt, in einer grenzenlos wandelbaren, aber unzer- 
störbaren Realität sich selber gefunden." „Ich würde mich zu sa- 
gen getrauen", fährt der Dichter fort, „Lieben habe sein Selbst 
wahrgenommen auf einem unzerstörbaren Throne sitzend". So 
führte auch diesen Menschen, der in der Gegenwart nur ein vöUig 
zufälliger Gast war^), die Mystik zur Vergottung des Ich und zur 
Einsamkeit^). 

Das Märchendrama „Das Bergwerk zu Falun" ist die dichteri- 
sche Gestaltung der Erkenntnis von dem Zusammenhang alles 
Seienden. Elis, die Hauptperson dieser Dichtung, vom Vater her 
mystisch veranlagt*), ist auf das Gebot des verstorbenen Vaters 
in die Heimat zurückgekehrt^). 

Die Beschreibung seiner Jugend lautet wie ein Märchen : 

Einen Fusztritt 
Gab meinem Kahn der Vater, und die Mutter 
Blies ihren letzten Atem in die Leinwand^) . 

In Gesellschaft von Menschen überkommt ihn das Gefühl der 
Einsamkeit, ist er aber allein, so fühlt er sich von Geistern um- 
geben^) . 

Die Worte der Königin des Geisterreichs erklären uns, warum 
ihm der Eintritt in ihr Reich möglich wird : 

Du sehntest dich herab, den Boden schlug 

Dein Fusz, unwilhg trugst du, zornig atmend. 

Den Druck der irdischen Luft, dein Blick durchdrang 

Die Niedrigkeit, dein Mund verschmähte sie, 

Ein ungeheurer Strahl entglomm dem Aug, 



1) Prosa III, Seite 49. ^) Prosa III, Seite 50. 
') Ged. imd Kl. Dramen, Seite 222 ff. 

*) Der Vater hatte das 2. Gesicht, Seite 288, er wuszte seinen Tod drei Tage vorher, 
Seite 235. ^) Seite 235. 
«) Seite 237. ') Seite 236. 



1 68 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

Und das Gewürme floh, die Finsternis 
Trat hinter sich, so wie sie's tut vor mir!^) 

EHs ist aber noch nicht reif für das Reich der Geister, die Sehn- 
sucht nach der Erde regt sich noch in ihm. Deshalb musz er wie- 
der hinauf, um sich in der Einsamkeit weiter zu vervollkommnen. 
Jetzt fühlt er sich aber nicht mehr als Erdenmensch, sondern als 
Teil eines Weltganzen, das sich bestrebt, ihm bei seinem geistigen 
Aufschwung behilflich zu sein : 

Der tote Mann stand auf zu meinem Dienst, 
Die Sterne stürzen, meinem Pfad zu leuchten, 
Und wenn dies Boot zerscheitert unter mir : 
Die grüne Woge starrt und wird mich tragen. 
Mein Innres schaudert auf und fort und fort 
Gebiert's in mir ihr funkelnd Antlitz wieder, 
Und was mir widerführ', nun sterb ich nicht. 
Denn dieser Welt Gesetz ist nicht auf mir^). 

Hofmannsthal fühlt wie Maeterlinck^), und wie der enghsche 
Dichter Thompson in ,,The Mistress of Vision" : 

When to the new eyes of thee 

All things by immortal power, 

Near or far, 

Hiddenly 

To each other linked are, 

That thou canst not stir a flower 

Without troubling of a star*). 

Andere in dieser Dichtung dichterisch gestalteten Gedanken er- 
innern gleichfalls an Maeterhnck, an erster Stelle aber an Novalis, 
ein einzelnes Mal kann auch ein Ausspruch des enghschen Mysti- 
kers Blake zum Vergleich herangezogen werden. So beruhen 
Torbems Worte : 



') Seite 254. *) Seite 261. 

») Le Tresor des Humbles, Seite 168, 169. 

*) Spurgeon, Mysticism in English Literature, Seite 148. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 169 

» 

Sprach ich ? 
Bedurft es dessen auch ? Entquoll den Lippen 
Von selber nicht das rechte Wort ?^) 

Meiner Stimme Klang 
Bin ich entwöhnt 2). 

und Elis' Ausruf: 

Das hast du mir getan !^) 

sein Gefühl, dasz der schweigend und unbeweglich dastehende 
Torbem es veranlaszt habe, dasz der Seele tief geheimste Wünsche 
sich seinem unbewuszten Mund entrangen*), auf der Ansicht, 
dasz zwischen Denken, Sprechen und Handeln kein wesentlicher 
Unterschied besteht, eine Auffassung, die sich mit verschiedener 
Abstufung in den Werken der drei Mystiker wiederfindet^). 

An Novalis' Ausspruch : „Man kann nur werden, insofern man 
schon ist'*^), und den damit auis engste zusammenhängenden Ge- 
danken, dasz Schicksal und Gemüt Namen Eines Begriffes sind'), 
erinnern die Worte Torbems : „Keiner wird was er nicht ist"^) und 
der Zusammenhang zwischen Elis' Innerem und der Notwendig- 
keit, wieder auf die Erde zurückzukehren^). Die Ansicht, dasz das 
Wesen und das Schicksal des Menschen ganz und gar dasselbe ist, 
hat Hofmannsthal mit besonderem Nachdruck in dem Aufsatz 
über Oscar W^ilde verf ochten^^) . 

Schlieszlich denkt man bei den an Elis gerichteten Worten der 
Königin : 



1) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 242. ^) Seite 243. ») Seite 242. «) Seite 243. 

») NovaHs, Heilborn II, 2, Seite 527 ; Minor III, Seite 358 : 

„Denken ist sprechen. Sprechen und tun oder machen sind nur Eine modifizierte Ope- 
ration. Gott sprach: es werde Licht und es ward". Maeterlinck, La Sagesse et laDesti- 
nee, Seite 245: „Agir, c'est penser plus vite et plus completement que lapens^enepeut 
le faire". Blake: „Thought is more real than action. Thought is action". Spurgeon, 
Mysticism in English Literature, Seite 145. 

') Novalis, Heilborn II, 1, Seite 244; Minor III, Seite 61. 

') Novalis, Heilbom I, Seite 172;>Iinor IV, Seite 228, 229. 

®) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 245. 

8) Seite 248, 249, 257. 

") Prosa II, Seite 9 1,92: „Oscar Wildes Wesen und Oscar Wildes Schicksal sind ganz 
und gar dasselbe .... Man musz das Leben nicht banahsieren, indem man das Wesen 
und das Schicksal auseinanderzerrt und sein Unglück abseits stellt von seinem 
Glück". 



170 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

Du warst ein Geist wie ich^). 

Er schläft in euch, doch ahnt ihr's nicht ^). 

nicht nur an die nui höheren Wesen eigene Gabe der Verwand- 
lung, sondern auch an Novalis' Worte: 

„Die Geistervveit ist uns in der Tat schon aufgeschlossen, sie ist 
immer offenbar. Würden wir plötzlich so elastisch, als es nötig 
wäre, so sähen wir uns mitten unter ihr"^). 

Oder : ,, Wir sind mit dem Unsichtbaren näher als mit dem Sicht- 
baren verbunden"*). 

Dem Bergmann zu Falun ist der Eintritt ins Geisterreich z. T. 
darum möglich, weil er alles Niedrige verschmäht hat ; nur dem 
sittlichen Menschen wird die höhere Erkenntnis zu teil : 

Was ist denn reif sein, wenn nicht : ein Gesetz 
Für sich und für die Sterne anerkennen^). 

Nicht nur als eine den mystischen Aufschwung erleichternde 
Vorbedingung^) , auch wegen ihres hohen Wertes für das rein-ir- 
dische Leben, als das Ziel innerer Bestrebungen, wird Sittlichkeit 
von Hofmannsthal, wie von Novalis und Maeterlinck hoch ge- 
würdigt. Dasz der Weg zu der höchsten Sittenschönheit durch 
Schmerz hindurchgeht, ist das Thema des von Klingsor erzählten 
Märchens sowie von Hofmannsthals Dichtung „Die Frau ohne 
Schatten". 

Der Kaiser in Hof mannsthals Märchen ist ein heftiger, unbändi- 
ger Mensch'). Nur einmal hat er seine Frau mit sanfter Beseli- 

1) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 254. 2) Seite 255. 

') Novalis, Heilborn II, 2, Seite 53; Minor II, Seite 198; vgl. Faust I, Nacht. 
Goethe geht auf Swedenborg zurück. 

*) Novalis, Heilbom II, 1, Seite 215; Minor III, Seite 92. 

*) Theater in Versen, Seite 70. 

•) Als die zweite den mystischen Aufschwung erleichternde Vorbedingung kennt 
auclf Hofmannsthal das zerrüttete Herz. 

Prosa III, Seite 173: 

„Einmal offenbart sich jedes Lebende, einmal jede Landschaft, und völlig: abern\ir 
einem erschütterten Herzen". 

Vgl. dazu den Schlusz des Gedichtes: Vox portentis gravida, Ged. u. Kl. D., Seite 13, 
14; vgl. auch Novaüs' Ausspruch: Heilborn II, 1, Seite 149; Minor III, Seite 58: 

„Ein gemeinschaftUcher Schiffbruch u.s.w. ist eine Trauung der Freundschaft oder 
der Liebe". 

') Die Frau ohne Schatten, Seite 15, 16. Die Erklärung dieses Märchens beruht zum 
gröszten Teil auf einer mir freundlichst zugeschickten brieflichen Erörterung des 
Dichters. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 1 7 1 

gung geliebt^), es ist ihm nicht gelungen, die Feentochter wahr- 
haft in die Menschenwelt herüberzuziehen, infolge dieser engen, 
selbstsüchtigen, nicht zu hohem Menschentum sich aufschwingen- 
den Liebe ist die Kaiserin nicht im höchsten, strengsten Sinn die 
Frau ihres Mannes geworden; die Ehe bleibt deshalb ohne Frucht, 
wovon die Schattenlosigkeit der symbolische Ausdruck ist. 

Der Kaiser verläszt seine Frau um den roten Falken zu suchen-). 
Er folgt dem Vogel in eine Höhle ; hier, in dem Bereich seines er- 
sten Abenteuers mit der geliebten Frau^) , in dem Reich der voll- 
kommenen Sittlichkeit und der vollkommenen Schönheit*), war- 
ten seine und der Kaiserin noch ungeborene Kinder ihm bei einer 
Mahlzeit auf. 

Dasz zwischen diesen Gestalten und ihm das Verhältnis der 
vollkommenen Ehrfurcht herrschen soll, versteht der Kaiser nicht^) . 
Er fühlt sich durch eine geheimnisvolle, aus Sinnlichem und Ma- 
gischem gewobene Zuneigung zu ihnen hingezogen, er will sie 
besitzen^) . Wieder ist seine Liebe selbstsüchtig ; er denkt nur an 
sich, er fragt nur, was die Kinder ihm bedeuten, nicht was er ih- 
nen ist"). Erst spät bemerkt er, dasz die Schüsseln, die ihm ge- 
reicht werden, mit genau denselben Bewegungen an der andern 
Seite des Tisches, wo seine Frau sitzen sollte, angeboten werden. 
Er versteht weder den sehnlichen Wunsch der Kinder, die beiden 
Eltern beim Gastmahl des Lebens vereinigt sitzen zu sehen und 
sie zu bedienen — die Kinder sind ja die Wirte und Gäste des Le- 
bensfestes*^) — noch ihren ängstlichen Ruf: „Wir werden nicht ge- 
boren" 9). 

Die Kaiserin kann nicht kommen) weil der Gatte den Knoten 
ihres Herzens noch nicht gelöst hat^^), der Kaiser aber wird dem 
aus diesem Grunde über ihn verhängten Fluch zufolge zu Stein^^). 

Die Kaiserin tut alles Mögliche, eines Schattens habhaft zu 
werden und ihren Gatten zu retten. Mit der Amme gleitet sie 
durch die Luft ins Menschenland^^) Die ins Geisterreich gehören- 
de Begleiterin, die Feindin der Menschen, sucht auf ihre Weise 
der Herrin zu dem Ersehnten zu verhelfen. Sie verführt die Fär- 



• ') Seite 16. ^) Seite 68 ff. ^) Seite 78. 

*) Vgl. Novalis, Shelley, Keats. Vgl. auch die Novalis, Heilborn I, Seite 164; Minor 
IV, Seite 220 beschriebene ferne, kleine, wundersame Herrlichkeit. 

^) Die Frau ohne Schatten, Seite 94. 

6) Seite 85, 87, 93. ') Seite 95. 8) Seite 180. ») Seite 79. 

^0) Seite 100, 101. ") Seite 19, 105. ^^) Seite 27. 



172 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

berin, die ihren Mann nicht hebt, zu einer Verwünschung an den 
Ungeborenen^), sie sucht die Frau in die Gewalt des Efrits, des 
bösen Geistes zu bringen-) und sie dazu zu bewegen, dasz sie 
sich von ihrem Planne lossagt. Gegen das verheiszene Liebesglück 
musz die Färberin ihren Schatten eintauschen. Damit der Zauber 
in Erfüllung gehe, der Schatten sich von ihr löse, übergibt die 
Färbersfrau kleine Fischlein dem Feuer ; in dem Augenblick, da das 
letzte Fischlein verzehrt sein wird, wird sich der Schatten von ihr 
entfernen. Als die Färberin aber ihrem Gatten mitteilt, dasz sie 
einem andern gehören wül, treffen sich beider Blicke ; ein sittlicher 
Umschwimg geht in ihnen vor, sie sehen sich in Liebe. Zugleicher- 
zeit löst sich der zauberischen Formel gemäsz der Schatten^): 
trotz der Liebe musz die Ehe kinderlos bleiben. 

Die Feentochter ist bei den Färbersleuten zum Menschen ge- 
worden : der Färber hat durch seine Güte und seine Leiden den 
Knoten ihres Herzens gelöst. Zweimal hat die Kaiserin die Fär- 
bersfrau ihrem Gatten zu erhalten gesucht*). Sie fühlt sich an je- 
ne geschmiedet, in deren Dasein sie ungerufen eingetreten war; im 
Bewusztsein ihrer Schuld liegt sie mit unsäglicher Demut dem 
Färber zu Füszen, reckt den Arm nach ihm aus und läszt sich mit 
dem Fusz wegstoszen^). Sie will nicht durch neue Schuld den Kai- 
ser befreien ; das Wasser aus der Schale, das ihr den Schatten ge- 
ben würde und das ihr eine Gestalt in der Haltung einer Sklavin, 
zitternd wie Espenlaub — die Färberin — reicht, trinkt sie nicht, 
weü sie weisz, dasz sie dadurch der Ehe des Färbers und seiner 
Frau das höchste Glück rauben würde^). 

Durch diese schwerste Sittlichkeitsprobe hat sie sich aus eigner 
Kraft den Schatten errungen, und wird es ihr möglich, den Gatten 
zu befreien. „Der Kaiser schlug die Augen zu ihr auf, unerschöpf- 
liches Leben war in seinem jungen Blick, in dessen tiefsten Tiefen 
nur blieb der erlebte Tod als ein dunkler Glanz früher Weisheit. 
Sie hob ihn zu sich auf, sie umarmten einander ohne Wort, ihre 
Schatten flössen in eins"*^). 

„Der Fluch war getilgt, der unbegreiflich zarte Gesang ihrer 
künftigen Kinder ertönte im höchsten, strahlenden Haus des Him- 
mels"^). 

Auch der Kaiser in dem Drama „Der Kaiser und die Hexe" 



') Seite 37. *) Seite 57 ff. ») Seite 140. 

«) Seite 62, 120. ^) Seite 137. «) Seite 170. ') Seite 174. *) Seite 180. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 173 

lernt den hohen Wert der Sittlichkeit kennen. Unter dem Einflusz 
der Sinnlichkeit der Hexe erschien ihm die Welt wie ein Knäuel: 

Alles ist ein Knaul, Umarmung 
Und Verwesung einerlei, 
Lallen von verliebten Lippen, 
Wie das Rascheln dürrer Blätter, 
Alles könnte sein, auch nicht ^). 

Erst nachdem er mit eigner Kraft 2), bewuszt und freiwillig"^), 
die Sinnlichkeit besiegt hat, nachdem er nicht länger Waffen 
braucht, sich zu schützen vor sich selber^) , erwacht in seinem Her- 
zen die Liebe, sowohl zu seiner Frau, an der ihm nun vor allem das 
Kindliche gefällt^), wie zu dem Verbrecher, der „sich selber furcht- 
bar treu war"^) und dem geblendeten Kaiser^). 

Es ist ihm gelungen, „den W^eg nach Hause" zu finden^). 

Zu dieser erkämpften höheren Sittlichkeit verhält sich die Rein- 
heit des noch nicht erprobten Knaben ödipus^), wie das Kind 
zum geistig gereiften Menschen. 

Es ist schon ausgeführt worden, dasz für Hofmannsthal, der als 
Mystiker und als Ästhet^^) an den Menschen die Forderung der 
höchsten Sittlichkeit stellt, das Leben ein Schauspiel bedeutet. 

Dasz dieses „Schattenspiel"^^) unentrinnbar ist, ist der Gedanke, 
der Hofmannsthals Nacherzählung des Märchens der 672. Nacht 
zu Grunde liegt^^). Auf den Kaufmannssohn in diesem Märchen, 
der nur seinen Kunstschätzen lebte, drückte das durch die Diener 
symbolisierte Leben. Er wuszte, ohne den Kopf zu heben, dasz sie 
ihn ansahen, ohne ein Wort zu reden, jedes aus einem andern Zim- 
mer. „Er kannte sie so gut, er fühlte sie leben, stärker, eindringli- 
cher, als er sich selber leben fühlte^^). Eine furchtbare Beklem- 



1) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 173. *) Seite 193. 
3) Seite 183. 

♦) Seite 166. °) Seite 192. ^) Seite 177. ') Seite 190. 

«) Seite 196. Vgl. Novalis, Heilborn I, Seite 168; Minor IV.Seite 224; Novalis, Heil- 
born II, 1, Seite 4; Minor II, Seite 1 14. 

^) Ödipus und die Sphinx, Seite 39 — 40. Vgl. Novalis, Heilborn II, 1, Seite 326; 
Minor II, Seite 283. 
^^) Prosa II, Seite 90: „Ein Ästhet is naturgemäsz durch und durch voll Zucht". 
*^) Ged. u. Kl. Dramen, Der weisze Fächer, Seite 133. 

^2) Das Märchen der 672. Nacht, Seite 17. Vgl, Die Frau im Fenster, Theater in Ver- 
sen, Seite 23. 



1 74 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

mung kam über ihn, eine tödliche Angst vor der Unentrinnbarkeit 
des Lebens"^). 

Nicht als eine feindhche flacht, wie der kunsthebende Orienta- 
le, sondern als etwas Unbekanntes, an dem er immer gleichgültig 
vorübergegangen ist, fühlt Claudio, die Hauptperson aus der 
Dichtung „Der Tor und der Tod" das Leben: 

Was weisz denn ich vom IMenschenleben ? 

Bin freilich scheinbar drin gestanden, 

Aber ich hab es höchstens verstanden, 

Konnte mich nie darein verweben. 

Hab mich niemals dran verloren. 

^^'o andre nehmen, andre geben, 

Blieb ich beiseit, im Innern stummgeboren. 

Ich hab von allen lieben Lippen 

Den wahren Trank des Lebens nie gesogen. 

Bin nie von wahrem Schmerz durchschüttert, 

Die Strasze einsam, schluchzend, nie! gezogen^). 

Auch die Ursache dieser Lebensfremdheit weisz er: 

Ich hab mich so an Künstliches verloren, 

Dasz ich die Sonne sah aus toten Augen 

Und nicht mehr hörte als durch tote Ohren: 

Stets schleppte ich den rätselhaften Fluch, 

Nie ganz bewuszt, nie völlig unbewuszt, 

Mit kleinem Leid und schaler Lust 

Mein Leben zu erleben wie ein Buch, 

Das man zur Hälft noch nicht und halb nicht mehr begreift, 

Und hinter dem der Sinn erst nach Lebendgem schweift^). 

Erst der Tod, der das Leben noch einmal in der Gestalt der Mut- 
ter, der Geliebten, des Freundes an ihm vorbeigehen läszt, zeigt 
ihm, was er hätte erleben können. Es wird ihm klar, dasz dem 
blosz nachschaffenden Künstler die Kunst das Leben nicht bedeu- 
ten kann — dasz sein Leben verfehlt ist. Blosz die Hoffnung auf 
ein „Erleben" nach dem Tode bleibt ihm: 



») Das Märchen der 672. Nacht, Seite 20. ») Ged. u. Kl. Dramen, Seite 114. 
•) Seite 116. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 175 



Wenn einer träumt, so kann ein Übermasz 
Geträumten Fühlens ihn erwachen machen, 
So wach ich jetzt, im Fühlensübermasz 
Vom Lebenstraum wohl auf im Todeswachen ^) . 

Wie Claudio leidet die Frau in der „Idylle nach einem antiken 
Vasenbild", weil auch sie Kunst und Leben nicht zu unterschei- 
den gewuszt hat^). Schon als Kind hatte sie einen so starken An- 
teil an dem Gram, dem Hasz, der Liebeslust der Gestalten, welche 
der Vater auf seine Töpfe hervorzauberte, dasz ihr war: 

als hätte ich im Schlaf 
Die stets verborgenen Mysterien durchirrt 
Von Lust und Leid, Erkennende mit wachem Aug 
Davon, an dieses Sonnenbild zurückgekehrt. 
Mir mahnendes Gedenken andern Lebens bleibt 
Und eine Fremde, Ausgeschloszne aus mir macht 
In dieser nährenden, lebendgen Luft der Welt. 

Wie reich das durch die Kunst verschönerte Leben ist, sprechen 
die Schüler Tizians aus, die sich, obgleich ihnen nicht, wie dem 
Meister, das Höchste gewährt ist^), als begnadete Wesen fühlen. 

Auf die Stadt zu seinen Füszen zeigend, sagt Desiderio*) : 

Was die Ferne weise dir verhüllt, 
Ist ekelhaft und trüb und schal erfüllt 
Von Wesen, die die Schönheit nicht erkennen 
Und ihre Welt mit unsern Worten nennen .... 
Denn unsre Wonne oder unsre Pein 
Hat mit der ihren nur das Wort gemein .... 
Und liegen wir in tiefem Schlaf befangen, 
So gleicht der unsre ihrem Schlafe nicht : 
Da schlafen Purpurblüten, goldne Schlangen, 
Da schläft ein Berg, in dem Titanen hämmern — 
Sie aber schlafen, wie die Austern dämmern^). 



^) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 131. Vgl. Vor dem Kruzifix Seite 115, mit Swin- 
bvimes Before a Crucifix. 

*) Ged. und Kl. Dramen, Seite 35. ') Seite 55. *) Seite 49. 

*) Vgl. die zweite Hymne an die Nacht, Novalis, Heilborn I, Seite 308; Minor I, 
Seite 14. 



1 76 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

Die Stellung, welche der schaffende Künstler im Leben ein- 
nimmt, vergleicht Hofmannsthal mit der des Heizers auf einem 
Dampfer, der am Abend einen Augenblick auf dem Verdeck er- 
scheint und ohne die Sterne und den Duft der geheimnisvollen 
Inseln, an denen das Schiff vorüberfährt, nur bemerkt zu haben, 
wieder im Bauch des Schiffes verschwindet. Das sind die Aufent- 
halte des Künstlers unter den Menschen, wenn er taumelnd und 
mit blöden Augen aus dem feurigen Bauch seiner Arbeit hervor- 
kriecht. Wie der Heizer nicht ärmer ist als die Leute droben auf dem 
Deck, so ist der Künstler nicht ärmer als die das Leben genieszen- 
den Menschen. Sein Schicksal aber ist nirgends als in seiner Arbeit, 
nur in ihr soll er sich seine Abgründe und Gipfel suchen wollen^). 

Hofmannsthal teüt diese Ansicht mit den Dichtern der Früh- 
romantik, auch Fr. Schlegels Auffassung war, dasz der Künst- 
ler, der nicht sein ganzes Leben preisgebe, ein unnützer Knecht 
sei^). 

Zum zweiten Mal spricht Fr. Schlegel dieselbe Meinung auf re- 
ligiöse \Vei<=ie aus: 

.Jeder Künstler ist Mittler. Ein Mittler ist derjenige, der Göttli- 
ches in sich wahrnimmt und sich selbst vernichtend preisgibt, um 
dieses Göttliche zu verkündigen, mitzuteüen und darzustellen al- 
len Menschen in Sitten und Taten und Worten und Werken"^). 

Trotz alledem kann auch der Künstler sich nicht ganz vom Le- 
ben losreiszen, auch Hofmannsthal kennt Augenblicke, in welchen 
er sich danach sehnt: 

Ein namenloses Heimweh weinte lautlos 
In meiner Seele nach dem Leben*). 

Wie viel inniger ist diese fast geistige Lebenssehnsucht des 
Künstlers als der Lebenshunger Andreas in „Gestern": 

Ich will mein Leben fühlen, dichten, machen. 
Erst wenn zum Kranz sich jede Blume flicht, 
Wenn jede Lust die rechte Frucht sich bricht, 



^) Prosa II, Seite 174, 175. *) Athenäum III, 1, Seite 24. 

3) Athenäum III, 1, Seite 11, 12. 

*) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 5, 6. Das Gedicht Erlebnis erinnert durch die Be- 
schreibung des an der Vaterstadt vorüberfahrenden Seeschiffes an Heines Seegespenst. 
Nordseebilder, No. 10. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 177 

Ein jedes Fühlen mit harmonisch spricht, 
Dann ist das Leben Leben, früher nicht. ^) 

Zwischen Andreas Worten und der Lebensauffassung des Ba- 
rons in „Der Abenteurer und die Sängerin" ist nur ein Unterschied 
des Grades. 

Sympathischer als diese Lebensbegierde ist der Lebensdrang 
des Jünglings in „Der Jüngling und die Spinne" 2). Ihm ist das 
Leben der Weg zu der „Heimat", er fühlt sich mit allen Sinnen ins 
Ungewisse gezogen, und 

kann schon spüren 
Ein unbegreiflich riesiges Genügen 
Im Vorgefühl. 

Von gröszerem Wert als dieses noch nicht erprobte Gefühl des 
Jünglings ist die in dem kleinen Rokoko-Drama „Der weisze Fä- 
cher" gestaltete Lebensfreude der Groszmutter, der Frau mit dem 
kräftigen Sinn für die Wirklichkeit und der unzerstörbaren Le- 
benskraft, die trotzdem sie soviel Schmerzliches erfahren hat, das 
Leben immer noch liebt^). 

Dennoch ist ihr nur ein einfaches — obgleich sehr bewegtes — 
Menschenschicksal zu teil geworden, die „Abgründe und Tiefen" 
des Lebens hat sie nicht kennen gelernt; dieses Glück ist auszer 
dem schaffenden Künstler nur dem Wahnsinnigen und dem Mär- 
chenkaiser gewährt. 

Der Wahnsinnige fühlt sich Gott*). 

Ich bin hergeschickt 
Zu ordnen, meines ist ein Amt, 
Des Namen über alle Namen ist. 
Es haben aber die Dichter schon 
Und die Erbauer der könighchen Paläste 
Etwas geahnt vom Ordnen der Dinge. 

Was aber sind Paläste und die Gedichte : 
Traumhaftes Abbild des Wirklichen ! 



^) Gestern, Kleine Dramen, I, Seite 16. 2) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 32, 33. 
3) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 140. ♦) Ged. u. Kl. Dramen, Seite 73, 74. 



12 



178 HUGO VON HOFÄIAKXSTHAL 

Das Wirkliche fängt kein Gewebe ein : 
Den ganzen Reigen anzuführen, 
Den wirklichen, begreift ihr dieses Amt ? 
Mit trunknen Gliedern, ich, im Wirbel mitten 
Reisz alles hinter mir, doch alles bleibt 
Und alles schwebt, so vde es musz und darf ! 

Auch der Märchenkaiser glaubt, dasz er über dem Künstler 
stehe^) : 

Sieh, ein Schicksal zu erfinden, 
Ist wohl schön, doch Schicksal sein. 
Das ist mehr, aus Wirklichkeit 
Träume baun, gerechte Träume, 
Und mit ihnen diese Hügel 
Und die vielen weiten Länder 
Bis hinab ans Meer bevölkern 
Und sie vor sich weiden sehn, 
\^'ie der Hirt die stülen Rinder .... 

Die unumschränkte Gewalt, welche der Wahnsinnige und der 
Märchenkaiser als Alleinherrscher im Reich der Phantasie besit- 
zen, eignet dem Wirklichkeitsmenschen nur vorübergehend in der 
Welt des Traumes. Da verfügt er — wie die Königin des Geister- 
reichs^) — über eine an keine irdischen Gesetze gebundene Schaf- 
fenskraft, ihm eignet das Vermögen, nach Belieben zeitüch und 
örtlich Entferntes ins Dasein zu rufen^). 

Nicht nur darum hat der Traum für den Menschen die grosze 
Bedeutung, weil sich während seiner Magie aus dem Unbewuszten 
aufsteigende Kräfte in ihm regen, sondern hauptsächlich, weü die- 
se ihm zeitweüig eine schöpferische Gewalt und ein Glück verlei- 
hen, welche die Schaffenskraft und die Freude des schaffenden 
Künstlers übersteigen. Das Gefühl, dasz die Schönheit des Trau- 
mes dem Menschen das glänz- und duftlose Leben ertragen*) hilft, 
teüt Hofmannsthal mit Heine und mit den Minnesängern. Die 



^) Ged. u. Kl. Dramen, Der Kaiser und die Hexe, Seite 191. Vgl. Der Kaiser voa 
China spricht, Seite 26. Vgl Novalis, Heilbom II, Seite 51 ; Minor II, Seite 162: „Ein 
wahrhafter Fürst ist der Künstler der Künstler". 

-) Ged. u. Kl. Dramen, Das Bergwerk zu Falun, Seite 251. 

') Ged. u. Kl. Dramen, Ein Traum von groszer Magie, Seite 16, 17, 18. 

*) Psyche, Bl. f.d. Kunst 1,2, Seite 37, nicht in die Ged. u. Kl. Dramen aufgenommen. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 1 79 

Verherrlichung des Traumes ist der einzige den drie romantischen 
Strömungen gemeinsame Zug. 

Wie d'Annunzio läszt auch Hofmannsthal sich gerne durch 
fremde Poesie zu einer Dichtung inspirieren. 

Betrachtet man diejenigen Dramen Hofmannsthals, deren Stoff 
nicht frei erfunden ist, so erweisen sie sich in sehr verschie- 
denem Grade von den Originaldichtungen abhängig. So ist „Die 
Frau im Fenster" die freie dichterische Gestaltung der in d'An- 
nunzios „Sogno d'un mattino di prima vera" erzählten Geschichte 
der Madonna Dianora; in „Elektra" sind blosz die Personen und 
die äuzsere Handlung Sophokles' Trauerspiel entnommen; 
^,ödipus und die Sphinx" beruht auf der Jugendgeschichte des 
Helden, dem Teil seines Lebens, der vor dem Anfang von Sopho- 
kles' Tragödie hegt; dagegen sind „ödipus", „Alkestis", „Jeder- 
mann", „Das gerettete Venedig", „Dame Kobold" in höherem 
Grade Hterarisch abhängig. 

Es sind im Hinbhck auf die moderne Bühne umgearbeitete und 
in die Sprache des 20. Jahrhunderts imigedichtete Dramen, wel- 
che der Dichter durch Hervorheben, Streichen und -\ndem dazu 
geeigneter Stellen unserm modernen Fühlen näher zu bringen ge- 
sucht hat. Auch in diesen Umarbeitimgen ist Hofmannsthal der 
Sprachkünstler, als welcher er sich in seinen früheren Werken 
zeigte. 

„Die Frau im Fenster" ist das einzige von Hofmannsthals Re- 
naissancedramen, das nicht eine Verherrhchung der Kunst ist ; in 
diesem Einakter tritt eine andre Seite dieser an Gegensätzen so 
reichen Zeit in dem Kraftmenschen Messer Braccio^) in den Vor- 
dergrund. 

Seine Frau, ^ladonna Dianora, die als Kind nichts war als 
stolz, 2) die am häufigsten sündigte durch Hoffart^), ist durch die 
Liebe zu einem jungen Edelmann, Palla degh Albizzi, wie umge- 
wandelt, \^-ie verzaubert*). Ihre Seele ist erwacht^), sie fühlt, wie 
süsz die Demut ist^), sie kennt die Lust zu dienen^. Ihre Liebe 

^) Vg]. das seinem Inneren Seite 19, 21, 22, 36) entsprechende Auszere, Seite 23. 
Vgl. zu der Gestalt des Messer Braccio Novalis' Ausspruch: ^,Das Ideal der Sittlichkeit 
hat keinen gefährlicheren Nebenbuhler als das Ideal der höchsten Stärke". Heilbom 
II, 1, Seite 166. 

*) Seite 16. ») Seite 16. *) Seite IZ ^) Seite 13. «) Seite 16. 

') Vgl. dazuGed. u. Kl. Dramen, Seite 22, Der Jüngling in der Landschaft ; Die Frau 
ohne Schatten. Seite 23; Prosa I, Seite 12t:; Ödipus und die Sphinx. Seite 19; Der 
siebente Ring, CarlAugust, Seite 28; vgL Wagners Paxzi val und d' Annunzios II Fuoco . 



180 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

gewährt ihr die Kraft, die Angst vor dem Tode, der ihrer durch die 
Hand des eifersüchtigen Gatten harrt, zu besiegen; in dieser Hin- 
sicht ist Madonna Dianora Maeterhncks Selysette verwandt. Der 
Schauplatz in „Die Frau im Fenster" ist aber nicht, wieder Park mit 
Turm und Teich in dem letzten Teil der „Hochzeit der Sobeide", 
Maeterlincks Dramen entnommen, vielmehr erinnert der lom- 
bardische Palast mit dem Balkon an das Schlosz der Capuletti 
in Shakespeares Liebesdrama^). 

Ist Madonna Dianora die Verkünderin der Liebe, in Elektras 
Seele lebt blosz der Hasz^). Sie könnte mit Baudelaire von sich 
sagen : 

Je suis de mon coeur le vampyre^) . 

Sie haszt nicht mit der Seele der Jungfrau, sondern eifersüchtig 
wie ein wissendes Weib)*, sie liebt ihren Hasz, den Sklavinnen 
wehrt sie das Süsze abzuweiden von ihrer Qual. 

Den leidenschaftlichen, unbändigen, grausamen Charakter hat 
Elektra von der Mutter, die wüde Trunkenheit, mit der sie dieser 
den Tod prophezeit,''') ist Klytämnestras Freude beim vermeint- 
lichen Tode des Orest^) vergleichbar. Erst nach der Ermordung 
des Agamemnon hat sich das Wesen der beiden Frauen zu dieser 
Heftigkeit zugespitzt, und da Inneres und Äuszeres auch im Le- 
ben dasselbe sind, hat sich bei beiden mit der Seele auch der Kör- 
per geändert, bei der Mutter als die Folge des von ihr verübten 



*) Theater in Versen, Seite 9. 

Die Beschreibung des ersten Tages der Liebe der Madonna Dianora (Seite 26) ist der 
Erzählung der Aquilina in dem Geretteten Venedig, Seite 209, 210 ähnlich. Beide 
Stellen tragen das Zeichen des wirklich dichterischen Gebildes: sie sind aus der Vision 
geboren. Vgl. Hofmannsthal, Prosa I, Seite 49. Vgl. zu Madonna Dianoras Worten: 
„Fiel ich ins Wasser, mir war wohl darin — Mit weichen kühlen Armen fing's mich auf", 
(Seite 13) Novalis' Ausspruch : „Wollust der Wasserberührung", Novalis, Heilborn 
II, 2, Seite 390; Minor III, Seite 24. 

*) Für die Frage, ob Elektra pathologisch sei, vgl. Hofmannsthal, Prosa II. Seite 183, 
184: „Pathologisch ! Fassen wir nun gefälligst die Begriffe weit genug, und es werden die 
Hölle und der Himmel hineingehen. Es ist in allem, in allem der Keim zu einem Fe- 
tisch, zu einem Gott, zu einem allumspannenden Gott. Lassen wir die Treue dem, der 
aus der Treue einen Gott gemacht hat. Ich sehe auch den, der seinen Gott aus der 
Treulosigkeit gemacht hat. Alles ist ein Reich und jeder ist der Napoleon in dem seini- 
gen". — Man könnte hinzufügen: das Reich der Elektra ist das Reich des Hasses, der 
Rache. 

•) Baudelaire, Les Fleurs du Mal, Calman — Levy, Seite 241. 

*) Elektra, 5. Auflage, Seite 78. 

') Seite 47. «j Seite 48. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 181 

Mordes^), bei der Tochter als der Ausflusz der sie verzehrenden 
Gefühle^). 

Wie Hamlet^) leidet Elektra unter dem Bewusztsein, eine Tat 
vollbringen zu müssen, wozu es ihr an Kraft fehlt. Wie wenig sie 
zur Rache fähig ist, geht schon daraus hervor, dasz sie zwar das 
Beil, womit die Mutter getötet werden soll, jahrelang als einen 
kostbaren Schatz hütet, im entscheidenden Augenblick aber ver- 
giszt, es Orest zu übergeben*). In dem Verhältnis zu dem Bruder 
zeigt Elektra das einzige Weiche, was ihr noch gebUeben ist. 

Wäre es Orest gelungen, durch Liebe Elektra ihrem Hasz zu 
entreiszen, wie später Iphigenie ihn durch ihre hoch sittliche Per- 
sönlichkeit vom Wahnsinn befreit, so hätte das Drama im Geiste 
Goethes — Maeterlincks — geendet. Jetzt stürzt sie, als eine aus 
Baudelaires Dichtung hervorgewachsene Gestalt, tanzend zu- 
sammen^), durch Orests Rachetat ist ihr Schicksal erfüllt. 

Der geheimnisvolle Zug von Opf ertieren^) , der an Elektras Zim- 
mer vorübergeht, erhöht noch die Stimmung des Grauens, die 
über das ganze Drama ausgegossen ist. 

Auf Elektra anwendbar sind folgende Aussprüche St. Georges : 
„Was die Alten aus ungehauenen Wäldern, unausgebeuteten Fel- 
dern entnahmen, müssen wir aus der Tiefe zu gewinnen suchen"'^). 

Und : „Wie nun gar häufig vornehmlich in eben erscheinenden 
Erzeugnissen das Schildern von Gegenwart und Wirklichkeit 
diesen gerade so wenig entspricht als losestes Träumen, so rückt 
andrerseits jede Zeit oder jeder Geist, indem er Ferne und Ver- 
gangenheit nach eigner, nach seiner Weise gestaltet, ins Reich des 
nahen Persönlichen und Heutigen. Wesentlich is die künstleri- 
sche Umformung eines Lebens, welches Lebens ist vorerst be- 
langlos"^). 

Nicht nur in Elektra, auch in, „ödipus und die Sphinx" hat der 
Dichter, wie es vor ihm Keats, Swinbume, d'Annunzio getan, ei- 
nen klassischen Stoff auf moderne Weise behandelt. Während 
aber „Elektra" eine in hohem Masze künstlerische Umformung der 
antiken Tragödie ist, in welcher der Dichter das vergiftete Gemüt 



1) Seite 82. 2) Seite 72. 

^) Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, 4. Buch, 13. Kapitel: „Eine grosze Tat auf 
eine Seele gelegt, die der Tat nicht gewachsen ist". 
«) Elektra, Seite 85. ^) Seite 93, 94. 

6) Seite 24. Vgl. zu Elektra der Türmer VI, 3, Seite 335 flf. 

7) Bl. f. d. K., Seite 19. ^) Bl. f. d. K., Seite 15. 

12* 



1 82 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

der Heldin als eine logische Folge ihrer Herkunft und im Einklang 
mit ihrem schweren Schicksal darstellt, ist est ihm in .,ödipus und 
die Sphinx" nicht gelungen, die antike Schicksalstragödie in eine 
moderne Dichtung der Verinnerlichung umzuwandeln. Der aus 
Hölderlins Werk entnommene Spruch: „Des Herzens Woge 
schäumte nicht so schön empor und würde Geist, wenn nicht der 
alte stumme Fels, das Schicksal ihr entgegenstände"^), weist als 
Motto zu der Dichtung eines Neuromantikers, schon auf ein 
Zwitterdrama hin. Der Dichter zeigt uns zwar die Heftigkeit des 
jungen ödipus-) als ein Erbteil seines Vaters^), seine königliche 
Gesinnung^) und seine sittliche Reinheit^) als Geschenke der 
Mutter^), dasz es aber nur ihm möglich ist, die Sphinx zu besie- 
gen"), berührt in der deutschen Dichtung nicht als eine Einheit 
von Gemüt und Schicksal, sondern als ein Zugeständnis an die 
antike Tragödie. Die Worte, womit das Rätselwesen den längst 
Ersvarteten begrüszt: „Heil, der die tiefen Träume träumt", so- 
wie ödipus' Sieg ohne Kampf sind wohl ein erneuter Versuch des 
Dichters, seine mystische Auffassung von der Gleichheit des 
Träumens — des Denkens — und des Handelns zu gestalten^). 
Diese Mystik, die in „Der Bergmann zu Falun" aus der Gestalt 
des Elis hervorzuwachsen scheint, fühlen wir in „ödipus und 
die Sphinx" als von dem Dichter hineingetragen. Wie es dem Berg- 
mann einen höheren Glanz verleiht, dasz es nur ihm ermöglicht 
wird, in das Phantasiereich der Geisterkönigin hinunterzusteigen, 
so drückt die nur dem jungen ödipus vom Schicksal gewährte Tat 
in Hofmannsthals Drama den Helden zu einem Märchenprin- 
zen herunter. Auch die wiederholte Betonung der unbedingten 
Wahrheit des Traumes wird als absichtlich gefühlt und ver- 
stimmt^). 

In der Umarbeitung von Sophokles „König ödipus" weicht der 
Dichter nur wenig von der Originaldichtung ab. Obgleich auch 
an ödipus' Innerem, an seinem Fühlen, nichts geändert wurde, 
ist es dem Leser doch, alsob ihm durch die moderne Sprache der 
Übersetzung, ihre Gleichnisse und ihr Metrum, die fünffüszigen 



') ödipus und die Sphinx, 2. Auflage, Seite 7. 

») Seite 23, 25, 32, 41, 53. ») Seite 57, vgl. Seite 127, 128. «) Seite 45. 

*) Seite38, 39, 173. «) Seite 94 ff. ') Seite 156, 162. 

*) Seite 157, 163. Vgl. Seite BS, wo sich Denken und Handeln gleichgesetzt werden. 

•) Seite 17,21,30,31,33,41,52,71,75,84, 116, 157, 165, 167. 



HUGO VAN HOFMANNSTHAL 183 

Jamben des klassischen deutschen Trauerspiels, ein Zauberring an 
den Finger geschoben wäre^) . 

Mit Rücksicht auf die moderne Bühne sind Greise an die Stelle 
des Chores getreten und sind ihre Reden stark gekürzt; weiter 
sucht Hofmannsthal die dramatische Wirkung des Stückes durch 
eine kräftigere Handlung zu heben. Dementsprechend nimmt z.B. 
im Anfang das Volk an dem Gespräch zwischen ödipus und 
dem Priester teil^) und wird die lange Rede des Königs vom 
Volke unterbrochen^). Am Schlusz macht es für unser Gefühl 
gröszeren Eindruck, dasz die Worte der Ergebung in den Willen 
der Götter nicht, wie bei Sophokles, dem Chor, sondern ödipus 
selbst in den Mund gelegt werden. 

Die dritte Dichtung Hofmannsthals, auf welche die aus den 
„Blätter für die Kunst" angeführten Worte anwendbar sind, ist 
die Umarbeitung von Euripides' „Alkestis' ' . Der wesentliche Unter- 
schied zwischen dem griechischen und dem deutschen Drama 
liegt nicht in den kleinen Abweichungen und Kürzungen der spä- 
teren Dichtung, sondern in der Stelle, wo Admet den Schmerz 
über den Tod seiner Frau beherrscht und Herakles bittet, in sei- 
nem Hause zu übernachten*). Hof mannsthal verleiht dem König 
von Pherä in diesem Augenblick die Lebensauffassung des Äs- 
theten, die heitere Kultur des Menschen, dessen Anstand ihm ge- 
bietet, der Schwere der Welt entgegenzulächeln^), die geistige 
Überlegenheit desjenigen, der Schwerem den Ausdruck der Leich- 
tigkeit und des Scherzes zu geben weisz^) . Der Dichter betrachtet 
dieses Spielen mit dem Schicksal als eine geistige Errungenschaft 
der neuen Romantik im Gegensatz zu der alten'). Diejenige Poe- 
tisierung des Lebens, welche Novalis herbeisehnte, ist sie nicht. 
Aber da die neue Kultur, dazu als eine Einheit von Schönheit und 
Sittlichheit ^), das Leben in Poesie einhüllt, ist auch sie aus dem 
Geiste Novalis' geboren. 

Auch die Neigung, sich in vergangenen Zeiten zu spiegeln, eine 
Eigenschaft sowohl des jungen George wie des österreichischen 



1) Vgl. Hofmannsthal, Prosa II, Seite 108. 

2) Ödipus, Seite 9 fi. ^) Seite 20 ff. 
*) Alkestis, 1911, Seite 23 ff. 

^) Prosa II, Seite 80, das Buch von Peter Altenberg. 
*) Prosa I, Ein Brief, Seite 55. 

') Prosa II, Seite 81, Das Buch von Peter Altenberg. 
S) Vgl. Prosa I, Seite 55, Alkestis, Seite 25. 



184 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

Dichters, ist wie des Letzteren Vorliebe für das Märchen^) gleich- 
falls ein altromantischer Zug. Als ein Märchen will Hofmannsthal 
auch die Geschichte von Jedermanns Ladung vor Gottes Richter- 
stuhl angesehen haben-). „Man hat sie das Mittelalter hindurch an 
\'ielen Orten in \4elen Fassungen erzählt; dann erzählte sie ein 
Engländer des fünfzehnten Jahrhunderts in der Weise, dasz er die 
einzelnen Gestalten lebendig auf eine Bühne treten liesz, jeder die 
ihr gemäszen Reden in den Mund legte und so die ganze Erzäh- 
lung unter die Gestalten aufteilte^). Diesem folgte ein Niederlän- 
der*), dann gelehrte Deutsche, die sich der lateinischen oder der 
griechischen Sprache zu dem gleichen Werk bedienten. Ihrer ei- 
nem schrieb Hans Sachs seine Komödie vom sterbenden reichen 
Manne nach. Alle diese Auf Schreibungen stehen nicht in jenem 
Besitz, den man als den lebendigen des deutschen Volkes be- 
zeichnen kann, sondern sie treiben im toten Wasser des gelehrten 
Besitzstandes. Darum wurde hier versucht, dieses allen Zeiten 
gehörige und allgemein gültige Märchen abermals in Bescheiden- 
heit aufzuzeichnen "2). 

So ist die Erneuerung des ..Spiel vom Sterben des reichen Man- 
nes" die einzige Dichtung, in welcher ein Neuromantiker es ver- 
sucht, mit seiner Poesie ins Herz des Volks zu dringen. Auch in 
diesem Bestreben berührt sich Hofmannsthal mit Dichtem der 
Frühromantik; als Mittel, das Leben des Volkes zu poetisieren, 
hesze sich sein Mysterienspiel mit Novalis' „Geistliche Lieder", 
mit Achim von Arnims und Brentanos Liedersammlung „Des 
Knaben Wunderhom" und mit der von den Brüdern Grimm her- 
ausgegebenen Märchensammlung vergleichen. 

Es erübrigt noch, als letzte von Hofmannsthals auf fremdem 
Stoff beruhenden Dichtungen^) „Das Gerettete Venedig" zu be- 

^) Vgl. Der Kaiser und die Hexe, Der Bergmann zu Falun, Die Frau ohne Schatten. 

*) Vorwort zu Jedermann vgl. dazu das Vorwort zu Hofmannsthals 1922 erschie- 
nenem Mysterienspiel „Das Salzburger grosze Welttheater": „Dasz es ein geistliches 
Schauspiel von Calderon gibt, mit Namen „Das grosze Welttheater" weisz alle Welt. 
Von diesem ist hier die das Ganze tragende Metapher entlehnt: dasz die Welt ein 
Schaugerüst aufbaut, worauf die Menschen in ihren von Gott ihnen zugeteilten Rol- 
len das Spiel des Lebens aufführen; femer der Titel dieses Spiels und die Namen 
der sechs Gestalten, durch welche die Menschheit vorgestellt wird — sonst nichts. 
Diese Bestandteile aber eignen nicht dem groszen katholischen Dichter als seine 
Erfindung, sondern gehören zu dem Schatz von Mythen und Allegorien, die das 
Mittelalter ausgeformt und den späteren Jahrhunderten Übermacht hat". 

') Every one. *) Elckerlijc. 

*) Dame Kobold weicht nur durch kleine, für die Bühne notwendige Änderungen von 
Calderons Lustspiel ab. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 185 

Sprechen, die Umarbeitung von Otways „Venice Preserved, 
a Plot discovered." Die zweite Hälfte des Titels hat Hof- 
mannsthal weggelassen, weil in dem deutschen Drama die 
Entdeckung der Verschwörung nicht die Hauptsache ist, die 
Handlung nicht unaufhaltsam auf dieses Ziel hinschreitet. Als 
Drama steht Hofmannsthals Dichtung denn auch hinter Otways 
Werk zurück, es fehlt ihr die dramatische Geschlossenheit des 
Originals. Als Schaustück dagegen weist das deutsche Drama 
einige von Hofmannsthal hinzugedichtete, auf der Bühne sehr 
\Wrksame Szenen auf. Es sind die Pfändungsszene im 1 .^) und die 
Balkonszene im 2. Aufzug^), weiter im 4. Aufzug die Szene, 
wo der Haushofmeister des Senators Priuli beim Tischdecken den 
Bedienten Verhaltungsmaszregeln erteilt^), und die darauf fol- 
gende, w^o der Senator im Spiegel seine Tochter auf den Knien 
herankommen sieht und seine verstorbene Frau zu erblicken 
glaubt^). Die weisze Schönheit der Aquilina wird durch die ihr 
zugesellte Mulattin gehoben^). 

Nicht nur als Schaustück, auch als Dichtung läszt „Das Geret- 
tete Venedig" das engüsche Drama hinter sich zurück. Lebhafter 
als bei Otway, fühlen wir ims in das Venedig des Jahres 1618 
versetzt, wir nehmen Anteil an der Verschwörung der durch tie- 
fen Hasz gegen die Senatoren verbündeten Eidgenossen^), \vir er- 
leben die Gewalttaten der Herrscher"), \v\i sehen den überall in 
der Stadt lauernden Verrat^) und bücken in die sittüche Ver- 
derbnis der Senatoren und der höheren Stände^) . 

Auch durch die schärfere psychologische Ausarbeitung der 
Charaktere tritt uns das deutsche Werk näher^^), namentlich 
Jaffier ge\\innt in Hofmannsthals Dichtung erst rechtes Leben. 
Hofmannsthal übernimmt Otways Charakteristik des Schwäch- 
lings, derweisz, dasz er nicht im Stande ist, einem schw^eren Schick- 
sal Trotz zu bieten. 



^) Das Gerettete Venedig, zweite Auflage, Seite 9 S. 

2)Seitel24fi. ") Seite 1 83 ff. *) Seite 195. 

^) Seite 1 95, u. a. Auch in Cristinas Heimreise erscheint ein Farbiger auf der Bühne. 
Vgl. Baudelaires Vorliebe für Farbige. 

*) Bei Hofmannsthal findet im 2. Aufzug zweimal eine Versammlung der Eidge- 
nossen statt; namentlich Bemardo Capello tritt als Fanatiker des Hasses hervor. Bei 
Otway wird nur einmal eine Versammlung abgehalten, tmd sind die Verschworenen 
viel weniger scharf charakterisiert. 

') Seite 42, 43, 46. ^) Seite 157, 155. ») Seite 99 ff., 192 ff.. 37, 33, 39. 
'®) Vgl. die schärfere Charakteristik der Verschworenen und der Behidera. 



186 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

Otways Worte : 

Ah, rather why 
Didst thou not form me fordid as my fate, 
Base-minded, duU und fit to carry Burdens, 
Why have I sense to know the curse that's on me ? 
Is this just DeaHng, Nature? 

lauten bei Hof mannsthal : 

Warum, du Himmel, 
Hast du mich so geschaffen, wie ich bin ! 
Wozu denn Zartheit mir ! Gefühl ! Geschmack ! 
Wozu aus feinem Stoff den Prügelknaben 
Des Schicksals ? Warum keinen Klotz aus mir, 
Mit eines Lastträgers Gehirn und Nerven, 
Der Wucht zu trotzen, die du auf mir lädst !^) 

Bei beiden Dichtern ist Jaffier, der Schwiegersohn des Senators 
PriuH, ein liebenswürdiger Gatte^), bei Hof mannsthal wird Jaffier 
uns auch durch das Verhältnis zu Pierre, als Freund sympathisch. 

Pierre gesteht ihm : 

Was ich Bess'res, Schön' res 
Da drinnen hab', daran bist an dem Meisten 
Du Schuld. Du, Du. Es kam so, dasz du mir 
Das Gröszte, Meiste einmal bist geworden, 
In diesen Jahren damals^) . 

Pierre nimmt seinen Freund in den Bund der Verschworenen 
auf, erläszt ihm aber den Eid*). Jaffier weidet sich in diesem ent- 
scheidenden Augenblick im Geiste nicht an dem Bild wie 

Auf seines Hauses blut'ger Schwelle 
Der alte Priuli mit offner Kehle 
Dahegen wird, 



^) Das Gerettete Venedig, Seite 21. 

') Bei Otway ist das Liebesgespräch am Schlusz des ersten Aufzugs bedeutungsvol- 
ler als bei Hofmannstbal, in der deutschen Umarbeitung ist diese Szene durch das Ge- 
spräch nach der Pfändung bereits zum Teil vorweggenommen. 

') Seite 44, 45. 

*) Seite 52. Bei Otway schwört Jaf&er Rache. „By Sea and Air, by Earth.by Heavn 
and Hell". 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 187 

sondern er fragt : 

Mein Bruder Pierre, 
Was aber wird aus uns, wenn es gelingt ?^) 

Jaffier kennt noch andre Gefühle als die des Hasses und der 
Rache; zum groszen Verbrecher fehlt ihm das nur von Einer Emp- 
findung volle Herz; schon jetzt ahnen wir, dasz der jetzige 
liebenswürdige Schwächling^) zum künftigen Verräter werden 
musz. 

Seinem leicht bestimmbaren Charakter gemäsz ist Jaffier ganz 
dem Einflusz seiner Frau hingegeben, als sich in ihr, der Senato- 
rentochter, in dem Augenblick, da ihr deutlich wird, dasz ihr 
Mann die Stadt „verraten" will, das Blut ihrer Väter zu regen an- 
fängt, und sie ihm sein künftiges Schicksal ausmalt^). 

„Mit einer gräszlichen Veränderung" spricht er zu ihr: 

Weiszt du das auch ? 
Dasz sie die Stärkern sind ? Ich weisz es immer, 
In einem fort hab ich's im Leib, ich spiele 
Und spiele immer höher, heute Nacht 
Hab ich dich eingesetzt, dann meinen Kopf — 
Und hab in einem fort gewuszt, dasz ich 
Verlieren musz*) . 

Den Gatten zu retten und die Stadt zu „befreien" geht Belvi- 
dera zu ihrem Vater, frohlockend, dasz sie ihm in ihrem Gatten 
den „Erretter" der Stadt zuführen kann, sie stürzt aber ohnmäch- 
tig zusammen, als sie hört, welcher Lohn in Venedig auf eine Tat 
wie die Jaf f iers steht^) . 

Im fünften Aufzug zeigt Hofmannsthal uns den Verräter in 
seiner ganzen Erbärmlichkeit ; bei Otway besitzt er noch den sitt- 
lichen Mut, Pierre und sich zu erschieszen, im deutschen Drama 
wird er heimlich und geräuschlos im Kanal ertränkt. ' 

In dem imaginären Gespräch zwischen Balzac und Hammer- 
Gurgwall „Über Charaktere im Roman und im Drama" kommt fol- 
gende Stelle vor^): 

^) Seite 53. =) Vgl. Seite 26, 37 ff. 3) Seite 175. *) Seite 175. 
^) Seite 203, 204 ^} Prosa II, Seite 168. 



188 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

Balzac : Kennen Sie „Das gerettete Venedig" von Otway ? 

Hammer: Ich glaube es in Weimar gesehen zu haben. 

Balzac: Mein Vautrin hält es für das schönste aller Theater- 
stücke. Ich gebe viel auf das Urteil eines solchen Men- 
schen. 

Hofmannsthal zeigt durch seine Umarbeitung, dasz er die An- 
sicht Vautrins nicht teilt. Er bildete Otways Drama zu einer mehr 
lyrischen Dichtung um, er vertiefte die Charaktere, er gab durch 
besonders auf das Auge wirkende Szenen eine Synthese der Wort- 
kunst und der bildenden Künste, er zeigte sich als der formvoll- 
endete Sprachkünstler seiner Jugendwerke. Auch in der Prosa 
der Komödie „Cristinas Heimreise" und des nach dem Kriege 
in den Kreisen der Wiener Aristokratie spielenden Lustspiels „Der 
Schwierige" zeigt er seine schöne Sprachbeherrschung. 

Vergleicht man aber Hofmannsthals spätere Poesie mit seinen 
früheren Dichtungen, so macht sich dennoch ein Unterschied gel- 
tend. In der Poesie seiner Jugend ist der Dichter der nur vom Ge- 
nieszen und Nachschaffen der Schönheit lebende Neuromantiker^), 
seine Gefühle und Gedanken richten sich an erster Stelle auf die 
Auszerung der höchsten Vollendung des menschlichen Geistes, 
aufdie Kunst ; in den Gestalten seiner Phantasie zeigt sich entwe- 
der ein Gefühl des Glücks, dasz sie Künstler, Ausnahmemenschen 
sind oder die Wehmut darüber, dasz die Wirklichkeit so wenig der 
unendlich schöneren Welt in ihrem Innern entspricht. Dem jungen 
Dichter gewährt die Schönheit die mystische Berührung mit 
der Ewigkeit. 

Der ältere Dichter zeigt sich zwar noch in der Formvollendung 
seiner Poesie als der durch romanische Kultur erzogene Künstler, 
er ist aber der strengen inneren Zucht^) seiner Jugend nicht treu 
geblieben. 

Selbstverständlich ist der Schmerz eines Claudio oder Tizianel- 
lo verwunden, und schweigt die Sehnsucht der Frau in der „Idylle". 
Dem älteren Dichter geht es aber nicht, wie dem Kaufmann in 
„Die Hochzeit der Sobeide"^) : 

Der Glanz, der auf den bunten Städten lag. 
Der blaue Duft der Ferne, das ist weg. 



^) Prosa II, Seite 90. «) Prosa II, Seite 90. 
') Theater in Versen, Seite 52. 



HUGO VON HOFMANNSTHAL 189 

Ich fand' es nicht, wenn ich auch suchen ginge. 
Allein im Innern, wenn ich rufe, konmt's, 
Ergreift die Seele. 

Hofmannsthals spätere Poesie ist nicht die dichterische Gestal- 
tung der seeUschen Ergriffenheit des reifen Mannes. 

Entweder enthält sie, wie z. B. „ödipus und die Sphinx", und 
manches in „Die Frau ohne Schatten", die blassere Wiederholung 
der Jugendgefühle, oder sie sinkt herunter zu einer Dichtung, die 
zwar formenschön, aber inhaltlich kaum als die Fortsetzung der 
genialen Anfänge des jungen Neuromantikers betrachtet werden 
kann. Der Abenteurer lebt als Florindo weiter, die Frau aber, die 
glücklich wurde durch seine Liebe, findet in ihrer Verlassenheit 
nicht eine über das Liebesglück hinausgehende Seligkeit in der 
Kunst. Die Sängerin ist zum Bauemmädchen geworden^). 

Noch einmal aber glaubt man die Stimme des jungen Dichters 
zu hören in den Worten, die Hofmannsthal 1921 als Einleitung zu 
einer Auswahl aus deutschen Erzählern schrieb^) . 

„In diesen Geschichten ist ein unmeszbarer Reichtum geistiger 
und gemütlicher Beziehungen darin gegeben, wie die Figuren zu 
einander stehen; die Liebe ist überall drinnen, aber nicht allein 
die des Mannes zum Weibe, des Jünglings zur Jungfrau, sondern 
auch des Freundes zum Freund, des Kindes zu den Eltern, des 
Menschen zu Gott, auch des Einsamen zu einer Blume, zu einer 
Pflanze, zu einem Tier, zu seiner Geige, zur Landschaft: es ist 
eine verteilte Liebe, das ist die deutsche Liebe. Nirgends in diesen 
vielen Geschichten ist es die wilde, ausschlieszende Besessenheit 
von Mann und Weib, nie das völlig dunkle, erdgebundne Trach- 

^) Cristinas Heimreise. 

^) Deutsche Erzähler, Drei Bände, Insel verlag 1921. 

Der ersteBandenthält: Goethe, Novelle, Seitel ; H.v. Kleist, Das Erdbeben in Chili, 
Seite 33; F. Hebbel, Aus meiner Jugend, Seite 57; G. Keller, Spiegel, das Kätzchen, 
Seite 101 ; J. Paul, Leben des vergnügten Schulmeisterleins M. Wuz in Auerbach, Seite 
153; E. Mörike, Mozart auf der Reise nach Prag, Seite 209; J. v. Eichendorfi, Aus dem 
Leben eines Taugenichts, Seite 293. 

Der zweite Band enthält: G. Büchner, Lenz, Seite 5; L.Achim von Arnim, Der tolle 
Invalide auf dem Fort Ratonneau, Seite 41 ; Annette Freiin von Droste-Hülshofi, Die 
Judenbuche, Seite 73; Fr, von Schiller, Der Geisterseher, Seite 139; Jeremias Gott- 
helf, Barthli der Korber, Seite 297; Friedrich de la Motte Fouque, Undine, Seite 391. 

Der dritte Band enthält: L. Tieck, Der blonde Eckbert, Seite 5: C. Brentano, Ge- 
schichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl, Seite 33; Charles Sealsfield, 
Die Erzählung des Obersten Morse, Seite 81 ; Franz Grillparzer, Der arme Spielmann, 
Seite 197; E. T. A. Hoffmann, Der Elementargeist, Seite 257; VV. Hauff, Das kalte 
Herz, Seite 319; A. Stifter, Der Hagestolz, Seite 379. 



1 90 HUGO VON HOFMANNSTHAL 

ten, das in den Geschichten der Romanen so mächtig und un- 
heimhch hervortritt. Würde man französische Erzähler zusam- 
menstellen, so ergäbe sich, dasz es innerlich ein älteres Volk ist, al- 
les ist scharf begrenzt, diesseitig, hier in den deutschen Erzäh- 
lern ist über alles Wirkliche hinaus ein beständiges Einatmen des 
Jenseitigen, Verborgenen. Das Wunderhafte der Märchen ist nir- 
gends ganz abgestreift." 

Ist es nicht, als charakterisierte Hofmannsthal mit diesen Sätzen 
dasjenige, was der Poesie der Frühromantik und seiner Jugend- 
dichtung gemeinsam ist, und was einen Teil auch ihres Ewig- 
keitswertes bildet? 



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gliaio; L' Innocente, Milano 25.° mi- 
gliaio; Trionfo della Morte, Milano 24.° 
migliaio; Le Vergini deile Rocce, Mila- 
no 22.° migliaio; II Fuoco, Milano 2,° 
migliaio; La Cittä morte, Milano, 15.° 
migliaio; Sogno d'un Mattino di Pri- 
mavera, Milano 7.° migliaio; Sogno 
d'un Tramonto d'Autunno, Milano 8.° 
migliaio; La Gioconda, Milano 22.° mi- 
gliaio; La Nave, Milano 3.° migliaio; 
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Gerettete Venedig, nach dem Stoffe 
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Aleardi, A.,76. 

Alfieri, V., 71. 

Andersen, H. C, 96, 97. 

Andrian, L., 129, 140, 144. 

Angelus Silesius, 5. 

Annunzio, G. d', 76—89, 106, 134, 143, 

155, 162, 179, 181. 
Ariosto, L., 1, 70. 
Athenäum, 7, 8, 9, 10, 1 1, 33, 59, 96, 155, 

176. 

Baggesen, J., 90, 93. 

Baudelaire, Ch., 41, 42, 48, 51—56, 57, 

60, 79, 80, 85, 86, 88, 103, 109, 134, 

137, 143, 150, 180, 181, 185. 
Beets, N., 112. 
Berchet, G., 71. 
Bertken, Zuster, 111. 
Bilderdijk, W., 111, 112. 
Blake, W., 157, 168, 169. 
Blicher, S. S., 107. 
Boccaccio, G., 29, 70. 
Bogaers, A., 111. 
Bojardo, M. M., 1, 70. 
Bosboom-Toussaint, A. L. G., 112. 
Boutens, P. C, 128, 129. 
Böcklin, A., 131, 156. 
Bodtcher, L. A., 100, 101, 104. 
Böhme, J., 5, 19. 
Brentano, C, 133, 184, 189. 
Busken Huet, C, 1 12. 
Büchner, G., 189. 
Bürger, G. A. , 7, 30, 33, 39, 7 1 . 
Byron, G. G., 33, 48, 86, 112. 

Calderon de la Barca, P., 1, 179, 184. 
Carducci, G., 76. 
Caterina de Siena, 69, 85. 
Cervantes, M. de, 1, 9. 
Chamisso, A. von, 40. 
Chateaubriand, F. R. de, 30, 47, 48, 50, 
51. 



Chaucer, G., 29. 

Clercq, W. de, 111. 

Coleridge, S. T., 30, 32, 33, 34, 36, 39, 4C, 

56. 
Constant, B., 48. 
Costa, I. da, 111. 
Cowper, W., 30. 

Dante Alighieri, 5, 9, 29, 33, 37, 38, 49, 
64, 65, 66, 67, 68, 69, 70, 74, 103, 114, 
126, 134, 157. 

Debussy, C, 58. 

Desbordes — Valmore, M., 50. 

Deyssel, L. van, 128. 

Dostojewski, F., 85. 

Drost, A. 111. 

Droste Hülshoff, A. von, 189. 

Dowson, E., 42 — 47, 63, 134. 

Eckhart, Meister, 5. 

Eeden, Fr. van, 116, 121, 123—126. 

Eichendorf f, J. von, 102, 133, 189. 

Emants, M., 1 13. 

Euripides, 179, 183. 

Ewald, J., 90. 

Feith, R., 111. 

Fichte, J. G., 19,22. 

Ficino, M., 70. 

Fort, P., 63. 

Foscolo, U., 71. 

Franciscus von Assisi, 34, 66, 166. 

Frühromantik, 1—29, 34, 35, 56, 58, 59, 
77, 91, 93, 94, 95, 96, 104, 106, 130, 
131, 133, 140, 143, 145, 148, 155, 157, 
161, 176, 184, 190. 

George, S., 33, 41, 42, 63, 120, 130—141, 
142, 143, 144, 156, 162, 179, 181, 183. 

Gerardy, P., 136. 

Ghü, R., 58. 

Goethe, J. W. von, 6, 7, 9, 12, 23, 33, 40, 
48, 68, 71, 90, 91, 103, 133, 155, 170, 
181, 189. 

Gorter, H., 121, 122, 123. 



196 



REGISTER 



Gottheit, J., 189. 
Gray, Th., 30, 71. 
Grillparzer, F., 189. 
Grimm, J. und \V., 184. 
Grundtvig, N. F. S., 96, 102. 
Guerin, Ch., 50. 
Guido Guinizelli, 65, 66. 
Guittone d'Arezzo, 65. 

Hadewych, 5, 111. 

Hartmaan von Aue, 39. 

Hauch, C, 97, 99, 102, 104, 107. 

Hauff, W., 189. 

Hebbel, F., 133, 189. 

Heiberg, J. L., 45, 99, 100, 102, 104, 107. 

Heine, H., 17, 18, 73, 84, 98, 133, 134, 

176, 178. 
Heinrich von Morungen, 4, 5, 67. 
Heinse, J. J. W., 7. 
Hemsterhuys, T., 19. 
Herder, J. G., 6, 12,30. 
Hertz, H., 100. 
Hofmannsthal, H. von, 28, 43, 87, 88, 

120, 131, 132, 140, 141—190. 
Hoffmann, E. Th. A., 12, 40, 189. 
Hooft, P.C., 111, 113. 
HölderUn, J. C. T., 133, 182. 
Hugo, V., 41, 49, 50, 72, 112, 143. 

Ibsen, H., 94, 103. 

Ingemann, B. S., 96, 98, 102, 107. 

Jacobi, F. H., 7. 

Jacobsen, J. P., 88, 105—111, 134. 

Jacopo von Lentino, 64, 65. 

Jean Paul Friedrich Richter, 133, 189. 

Young, E., 12, 30. 

Kasteele, P. L. van de, 111. 

Keats, J., 32, 35—40, 87, 106, 113, 143, 

147, 148, 158,171,181. 
KeUer, G., 189 
Kleist, H. von, 39. 
Kloos, W., 112, 113, 114, 116—121, 128, 

134. 
Klopstock, F. G., 5, 6, 71, 90, 133. 

Laforgue, J., 62. 

Lamartine, A. de, 49, 50, 76. 

Lechter, M., 137. 

Leconte de Lisle, Ch. M., 51, 75, 76. 

Leigh Hunt, J., 35, 113. 

Lenau, N., 133. 

Lennep, W. van, 1 13. 

Leopardi, G., 72 — 77. 

Lessing, G. E., 6, 90. 

Lewis, M. G., 33. 

Lieder, W. R., 134. 

Ludwig, O., 155. 



Macpherson, J., 30, 48, 71, 111. 
Maeteriinck, M., 27, 41, 45, 48, 55, 59, 60, 

61, 62, 63, 84, 85, 138, 144, 158, 159, 

164, 168, 169, 170, 180, 181, 
Mahler, G., 132. 
Mallarme, S., 58, 60, 62, 63, 80, 134, 137, 

144. 
Manet, E., 58. 
Manzoni, A., 50, 72. 
Mersewin, 5. 
Meyer, C. F., 133. 
Michel Angelo Buonarotti, 36, 70, 106, 

115, 157. 
MiUer, J. M., 7, 111. 
Milton, J., 30. 
Minnelyrik, 2, 3, 4, 5, 27, 39, 64, 65, 66, 

67,74, 103, 111, 156, 178. 
Monti, V., 71. 
Morris, W., 41, 63, 141. 
Motte Fouque, F. de la, 189. 
Moller, P. M., 102. 
Mörike, E., 133, 189. 
MultatuH, 112. 
Musset, A. de, 48, 49, 50, 76, 138, 139, 

143. 

Nerval, G. de, 50. 

Nietzsche, Fr., 82, 143. 

Novalis, 1 1 , 1 3— 28, 30, 34, 35, 37, 50, 59, 
69. 91, 93, 96, 104, 115, 125, 130, 132, 
135, 136, 137, 140, 144, 145, 146, 147, 
148, 151, 154, 156, 157, 158, 159, 160, 
163, 164, 166, 163, 169, 170, 171, 173, 
175, 178, 179, 180, 181, 183, 184. 

Oltmans, J. F., 111. 

Otway, Th., 179, 185, 186, 187, 188. 

Oehlenschläger, A,. 91—97, 102, 105. 

Paludan— Müller, F., 97, 98, 100, 101, 

103, 104, 105. 
Parazelsus, 5. 
Parini, G., 71. 
Percy, Th., 30, 33. 
Perk, J., 112—116, 118. 
Petrarca, F., 9, 29, 39, 47, 68—71, 111, 

157. 
Pier della Vigne, 64. 
Platen, A. von, 133. 
Plato, 4, 5, 32, 67, 68, 70. 
Plejaden, 47. 
Potgieter, E. J., 112, 113. 
Prati, G., 76. 
Präraphaeliten, 32, 36 — 43, 58, 79, 106, 

113, 121, 131, 137, 138, 143,155. 
Pulci, L., 1, 70. 

Regnier, H. de, 134. 
Rilke, R. M., 105. 



REGISTER 



197 



Rimbaud, A., 56, 58, 59, 60, 61, 62, 63, 

80, 134, 148. 
Roland Holst — vander Schalk, H., 125 — 

128. 
Rossetti, D. G., 12, 36—42, 74, 87, 129, 

134, 156. 
Rousseau, J. J., 6, 31, 47, 90. 
Ruysbroec, J. van, 5. 

Savonorola, J., 69, 70. 

Saxo, 89. 

Scott, W., 7,30,33, 111. 

Schack von Staffeidt, A. W., 97, 102, 103, 

105. 
Schelling, F.W. J., 19,34, 77,91, 166. 
Schiller, Fr. von, 12,39, 133, 189. 
Schlegel, A. W. von, 6, 7, 15, 27, 33, 50, 

91, 130, 134. 
Schlegel, Fr. von, 6, 7, 8, 9, 10, 1 1 , 1 4, 1 5, 

20, 21, 27, 33, 56, 91, 96, 130, 136, 155, 

176. 
Schleiermacher, Fr., 8. 
Sealsfield, Ch., 189. 
Shakespeare, 6, 9, 29, 33, 39, 50, 62, 90, 

94, 115, 134, 155, 180, 181. 
Shelley,?. B., 34, 35, 40, 41, 77, 115, 119, 

124, 125, 141, 166, 171. 
Sophokles, 179, 182, 183. 
Sordello, 64. 
Spenser, E., 29, 
Stael de — Necker, G., 50. 
Steffens, H., 91. 
Stifter, A., 189. 
Strausz, R., 132. 
Suso, H., 5. 
Svvarth, H., 128. 



Swedenborg, E. von, 170. 

Swinburne, A. Ch., 40, 41, 42, 87, 134, 

175, 181. 
Symbolisten, 28, 35, 42, 50, 55, 57—64, 

69, 80, 125, 131, 132, 140, 141, 155, 

156, 162. 

Tasso, T., 71. 

Tauler, J., 5. 

Thomas ä Kempis, 5. 

Thompson, F., 168. 

Thomson, J., 30. 

Tieck, L., 1, 11, 12, 13,56, 139. 

Tollens, H., 111. 

Verhaeren, E., 61, 62, 134, 141. 
Verlaine, P., 42, 48, 50, 55—58, 77, 134, 

135, 137. 
Verwey, A., 1 12, 1 13, 119, 120, 134, 138. 
Vigny, A. de, 51, 55, 76. 
Villiers de l'Isle— Adam, P. A. M., 48, 59, 

61,62. 
Voltaire, F. M. A. de, 90. 
Vondel, J. van den, 1 13. 

Wackenroder, W. H., 11, 12, 13. 
Wagner, R., 8, 20, 58, 61, 79, 132, 155, 

179. 
Walpole, H., 33. 
Wessel, J. H., 90. 
Wieland, Gh. M., 90. 

Winther, Chr., 95, 101, 102, 103, 104, 109. 
Wolfskehl, K., 136. 
Wordsworth, W.,30,3l,32, 131,163. 

Zola, E., 128. 



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Thomese, Ika a 

Romantik und Neuromantik