Skip to main content

Full text of "Rudolf Virchow"

See other formats


MEISTER DER HEILKUNDE 




)OLF VIRCHOW 



vor^ 



CARL POS NBR 

DR. MED. ET PHIL. 

A. O, PROFESSOR AN DER UNI\TERSITÄT BERLIN 

OEH. MEDIZINALRAT 



R 




512 




V7H6 




1921 





VERLAG VON JULIUS SPRINGER 



MEISTER DER HEILKUNDE 



HERAUSGEGEBEN VON 

PROFESSOR DR. MAX NEUBURGER 



BAND 1 
CARL POSNER, RUDOLF VIRCHOW 




RIKOLA VERLAG 

WIEN BERLIN LEIPZIG MÜNCHEN 

1921 




/\ ^J-./-^ 



^^ 



RUDOLF VIRCHOW 



VON 



CARL POSNER 

DR. MED. ET PHIL. 

A. O, PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT BERLIN, 

GEH. MEDIZINALRAT 



MIT EINEM BILDNIS VIRCHOWS 



DRITTE AUFLAGE 




RIKOLA VERLAG 

WIEN BERLIN LEIPZIG MÜNCHEN 

1921 



R 






QermMy 

Copyi-iplit 10-21 by Kikola-Verlag A.-G.. Wien 



HANS UND LISBETH VIRCHOW 

FREUNDSCHAFTICH ZUGEEIGNET 



VORWORT 

Wenn ich, aller naheliegenden Bedenken unerachtet, 
mich entschlossen habe, der Aufforderung des Herausgebers 
zu folgen imd eine kurze biographische Würdigung Rudolf 
Virchows zu versuchen, so wollte ich damit einen Zoll 
dankbaren Gedenkens entrichten: Vielfache Tätigkeit unter 
seiner Lrcitung, insbesondere bei der Vorbereitung inter- 
nationaler Kongresse, langjähriges Zusammenwirken bei der 
Herausgabe des „Jahresberichts" brachten mir das Glück 
naher persönlicher Beziehungen zu dem von Jugend auf 
verehrten Maime und hatten längst den W^unsch in mh- 
erweckt, sein Bild auch für die jüngere Generation festzu- 
halten, die sich des Meisters nur mehr vom Hörensagen 
ermnert imd gar zu geneigt ist, über den neuesten Fort- 
schritten unserer Wissenschaft deren eigentliche Entwick- 
lung zu übersehen. 

Ich empfinde es selbst schmerzlich, daß dieser Versuch 
nur sehr unvollkommen ausgefallen ist. Der knappe zur Ver- 
fügimg stehende Raum legte von vornherein eine Be- 
schränkung auf und ich bin nicht sicher, ob ich in der 
Auswahl des hier Mitzuteilenden immer das Richtige getroffen 
und das rechte Maß innengehalten habe. Auch weiß ich 
sehr gut, und habe dies selbst bei früherer Gelegenheit 
aasgesprochen, daß angesichts der Vielseitigkeit von 
Vii'chows Schaffen überhaupt kein einzelner sich veiTnessen 
dai"f , allen seinen Leistungen mit begründetem Urteil gerecht 
zu werden. Die eigentliche Virchow-Biographie ist noch 
zu schreiben. Vielleich regt aber dies kleine Buch manche 



Leser dazu an, wieder aufs neue Virchows Sclu-iften selbst 
zur Hand zu nehmen und aus ihnen Belelming und Genuß 
zu gewinnen — Belehrung, denn man mag fortdauernd 
daraus ersehen, was methodische, kritische Arbeit bedeutet; 
Genuß, denn ilii"e klare Sachlichkeit und stilistische Feiliing 
lassen sie auch heute noch als Vorbilder und Muster- 
stücke erscheinen. 

Die Folge von Einzeldarstellungen, denen dieser Band 
eingegliedert ist, trägt die Gesamtbezeichnung ,^Meister der 
Heilkunde". Wir Ärzte nehmen allerdings Virchow, auch 
wenn er vorwiegend als Theoretiker galt, mit gerechtem 
Stolz als den Unseren in Anspruch ; aber wie sein Geist, 
weit über den Rahmen der eigenthchen Medizin hinaus, 
alle Äußerungen des nationalen Lebens umfaßte, mögen 
nun, so hoffe ich, weiteste Kreise der wissenschafthch 
Denkenden unseres Volkes, gerade in dieser Zeit vater- 
ländischer Not, dem Streben und Wirken eines seiner 
besten Söhne ihre Teilnahme nicht versagen. 

Berlin, im Herbst 1921. 

DR. POSNER 



Motto: Die walire Ansicht der Natur 
nützt jeder Praxis. Goethe. 
(Schriften zur Morphologie). 



Zur Einführuns: 



e> 



Hundert Jahi'e sind verflossen, seit R u d o 1 f Vi r c h o w 
das Licht der Welt erblickte, nahezu achtzig, seitdem er 
tätig in die Entwicklung der Medizin emgriif — zwanzig 
aber erst trennen uns vom Tage seines Todes. Man muß 
sich fragen, ob der Zeitpunkt schon gekommen ist, seine 
Bedeutung unbefangen zu würdigen. Noch beherrscht uns 
die Erinnerung an seine überragende Persönlichkeit ; je 
näher der Einzelne ihm gestanden ist, um so schwerer 
fällt es, die Gefühle mensciilicher Verehrung zurücktretx?n 
zu lassen, wenn es gilt, rein sachlich darzustellen, was er 
im Laufe seines unvergleichlich arbeitsreichen Lebens er- 
strebt und gewirkt hat. Wie im Fluß der Dinge kein Still- 
stand eintritt, kein endgültiges Ziel je erreicht wird, so 
muß selbst ihm gegenüber die Frage so gestellt werden ; 
v,'as ist von seinen Leistungen dauernder Besitz, unzer- 
störbarer Gewinn geblieben — wie war der Stand der 
Wissenschaf t, als er anhub, was hat Virchow gefördert, 
was ist seither diu-ch weitere Fortschritte der Erkenntnis 
geändert worden ? Solche Betrachtungsweise tut der Größe 
des Mannes keinen Eintrag ; sie ist historisch und natur- 
v>i3senschaftlich berechtigt — nur durch sie kann und 
wird, seiner eigenen ki'itisehen Geistesrichtung entsprechend 
sein Bild rein und frei von allen Trübungen dui'ch Gegen- 
wartswerte dargestellt werden. 

Freihch muß, wer sich an diese Aufgabe wagt, von 
vornherein Entsagung üben. So zahlreich sind die Strahlen, 
die von dem Ingenium V i r c h o w s ausgehen, daß kein Ein- 

9 



zelaer imstande ist, sie sämtlich aufzufangen, geschweige 
denn zu analysieren. Wer seine Verdienste um die allge- 
meine Pathologie, die Hygiene und die Anthropologie er- 
schöpfend schildern wollte, müßte geradezu die Geschichte 
dieser Fächer seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts 
schreiben ; seine Beteiligung an den politischen Kämpfen, 
die der Gründung des Deutschen Reiches vorangingen, 
darlegen, hieße nichts Geringeres, als diese Entwicklung 
selbst bis in ihre Wurzeln verfolgen. Man muß sich be- 
gnügen, Umrißzeichnungen zu entwerfen, deren Ausmalung 
und Ausgestaltung eingehenderer Forschung vorbehalten 
bleibt. Glücklich genug, wenn es gelingt, die Wesenszüge 
des Mannes soweit herauszuarbeiten, daß sich eine ein- 
heitliche Anschauung seiner Persönlichkeit und seines 
Charakters gewinnen läßt, die ein Verständnis für seine 
Absichten, eine Würdigung seiner Erfolge gewährleistet! 



10 



Beginn der naturwissenschaftlichen Aera 

Wir sind gemeinhin gewohnt und geneigt, den Um- 
schwung in der modernen Medizin für eine Erscheinung 
zu halten, die etwa gleichzeitig mit den Vorwehen der 
Revolutionsjahre, also kurz vor 1848, einsetzt. Wohl wird 
zugegeben, daß schon vorher ein ungeheures Tatsachen- 
material vorlag ; man kennt die grundlegenden Unter- 
suchungen von CarlErnst v. Baer und Casp, Fried- 
rich W o 1 f auf dem Gebiete der Entwicklungsgeschichte ; 
die großen physiologischen Entdeckungen von John 
H u n t e r und M a g e n d i e ; die Ausbildung der pathologi- 
schen Anatomie durch Männer wie Cruveilhier und 
Rokitansky. Man würdigt auch die Verfeinerungen 
der medizinischen Diagnostik durch Auenbrugger und 
Skoda, Corvisart und L a e n n e c. Ja, man erkennt 
auch, wie die französische Schule, Bichat an der Spitze, 
sich bemüht, der wissenschaftlichen Medizin durch die 
Schaffung einer allgemeinen Anatomie die festeste 
Grimdlage zu geben — aber ebenso tritt deutlich die Un- 
sicherheit und Lückenhaftigkeit hervor, wo es sich darum 
handelt, zwischen all diesen Errungenschaften und dem 
Ausbau einer eigentlich klinischen Auffassung von Leben 
und Krankheit die Brücke zu schlagen. Leidenschaftlich 
tobt der Streit, ob der Paracelsus'sche Archaeus oder Spiritus 
rector als für sich bestehende, immaterielle Lebenskraft 

11 



die Vorgänge am Körper beherrsche, oder ob im Sinne 
Schellings eine Identität von Subjekt und Objekt, von 
Geist und Körper existiere ; noch lebhafter wird erörtert, 
ob sich alle Krankheitserscheinungen durch die humorale 
Krasenlehre, durch Mischung oder Entmischung der Körper- 
säfte erklären lassen, ob das Nervensystem und die Reiz- 
barkeit ausschlaggebend seien, ob die Entzündungstheorie 
Broussais' den Schlüssel auch zu jedem therapeutischen 
Handeln gäbe. Steht doch sogar ein so großer Kliniker wie 
J oh. Lucas Schönlein noch jahrelang völlig im Banne 
einer theoretisierenden Naturphilosophie, die ihn zu der, 
später freilich verlassenen Ansicht führt, die Krankheiten 
seien Entitäten, die sich nach Art der lebenden Organismen 
in einem natürlichen System von Familien, Gattungen, 
Arten gruppieren ließen. Selbst als durch S c h 1 e i d e n und 
Schwann die Zellentheorie begründet wird, als Ehren- 
bergs Untersuchungen den alten Harvey'schen Satz „Omne 
V i v u m e vivo" neu befestigen und der Lehre von der 
Generatio originaria den Todesstoß geben, als J o h a n n e s 
Müller in vielseitiger Tätigkeit die Biologie befruchtet, 
empfinden rührige und aufstrebende Geister immer aufs 
neue, daß die Medizin sich noch nicht zum Range einer 
Naturwissenschaft entwickeln will, daß Spekulation und 
Theorie noch ihr schwankes Wesen treiben, wo fesler Boden, 
logische Klarheit verlangt vvird. 

Es ist u'ii das Jahr IStO, als zuerst von Süddeutsch- 
land, und zwar von Tübingen aus, eine bewußte Reform- 
bswegung einsetzt. Kein Zufall, daß gerade dort die Re- 
aktion beginnt ; denn wemi einerseits die philosophischen 
Bestrebungen dort kraftvoll sich geltend machten und 
Männer wie E d u a r d Z e 1 1 e r, F r. T h. V i s c h e r, D a v i d 
Strauß, Robert Mayer als , J u n g-T ü b i n g e n" be- 
reits die Blicke des wissenschaftlichen Deutschland auf 
sich zu lenken begannen, lag gerade die Medizin an der 
dortigen Hochschule im argen. „Der Physiolog W. R a p p 
(so berichtet Roser) lelu-te die Propulsionskrafi des Blutes 

12 



lind der Patholog F. G m e 1 i n die Polarisation der Lebens- 
kraft; der andere Patholog, Autenrieth ir., lelirte nach 
eigenem System, wobei die Krätze-Nachkrankheiten, Friesel- 
Nachkrankhciten usw. eine Hauptrolle spielten." Während 
in Berlin Joh. Müllers Physiologie die Geister weckte, 
während in Franlvreich A n d r a 1 und Louis, Laennec 
und Broussais, in Wien Skoda und Rokitansky 
mächtig anregend und fördernd wirkten, drang nach 
Schwaben kaum ein leiser Ton all dieser Neuerungen. 
Und gerade diese Empfindung der Rückständigkeit erregte 
der dort aufwachsenden Generation die lebhafte Sehnsucht 
nach Verarbeitung und Verwertung all der aus der Fremde 
stammenden Fortschritte : ein mächtiger Drang zog sie — 
und wir haben lüer in erster Linie W. Roser und 
Wunderlich zu nennen — zunächst in die Ferne, an die 
Quellen der neuen Lehren ; und als sie von langem und 
ertragreichem Aufenthalt in Paris, Wien, Halle zurück- 
kehrten, war in ihnen der Wunsch erwacht, nun selbständig 
am Ausbau einer modernen Medizin mitzuwirken, und in 
kühnem Entschluß begründeten die „schwäbischen 
Reformatoren" ein eigenes Organ, das schon in seinem 
Titel „Archiv für physiologische Heilkund e", 
mehr noch in dem Programmaufsatz : „Über die Mängel 
der heutigen Deutschen Medizin und über die Notwen- 
digkeit einer entschieden wissenschaftliehen Richtung 
in derselben" sich als eine „förmliche Kriegserklärung" an 
die alte Schule erwies. Sie wollten damit kein neues System 
aufstellen, sondern lediglich für das physiologische Prinzip 
in der Medizin eintreten — ein Schlagwort, welches un- 
mittelbar an die Forderungen der Pariser Schule, beson- 
ders A n d r a 1 s anknüpft. Im engen Bunde mit den beiden 
Genannten wirkte Griesinger, und ein starker Erfolg 
Heß sich sofort feststellen — er tritt am deutlichsten darin 
hervor, daß alsbald Prioritätsstreitigkeiten eintraten, das 
beste Zeichen dafür, daß ein gesunder Gedanke in der 
Luft gelegen hatte und nur der Ausgestaltung harrte. 

13 



Als nächster tritt Jacob Henle auf den Plan- Ur- 
sprünglich als Schüler Johannes Müllers Anatom 
und Physiologe und in diesen Zweigen der Wissenschaft 
von heut noch unübertroffener Bedeutung, hatte Henle 
schon frühzeitig erkannt, daß die Physiologie für die Pa- 
thologie die unerläßliche Grundlage bilden müsse, „P h y- 
siologische Pathologie" war auch sein Losungs- 
wort, eng verwandt also der Tübinger Richtung. Aber 
auch er ging alsbald noch einen Schritt weiter : die Zeit- 
schrift, die er mit seinem Freunde Pfeuffer 1842 gründete, 
nannte sich bereits „Zeitschrft für rationelle Me- 
d i z i n", griff daher über die experimentellen und anatomi- 
schen Grundlagen bewußt in das Gebiet der eigentlichen 
Heilkunde hinüber. Hier treffen also die drei schwäbischen 
Ärzte R s e r, der Chirurg Wunderlich, der innere 
Kliniker und der Psychiater Griesinger mit dem Ana- 
tomen zusammen; aber während jene die Souveränität der 
eigentlichen Klinik aufrechthalten und nur Aufklärung und 
Rat von der Physiologie erwarten, weigern sie sich nun, 
sich von dem mit dem Krankenbett unbekannten Physio- 
logen eine konstruierte und zum großen Teil hypothetische 
Pathologie aufzwingen zu lassen. Der Prioritätsstreit wird 
zu einem Prinzipienstreit, dessen Schärfe uns, die wir das 
Persönliche ausschalten und nur das prinzipiell überein- 
stimmende herauszufinden vermögen, Ereiüch kaum mehr 
verständlich erscheint. 

Und noch einmal wird der Versuch gemacht, die neue 
exakte Richtung durch ein eigenes Organ zur Geltung zu 
bringen, diesmal von Berlin her und im Zusammenhang 
mit J o h, Müllers Schule: LudwigTraube, der erste 
bewußt auf dem Experiment fußende Kliniker Deutsch- 
lands, gibt seine „Beiträge zur experimentellen 
Pathologie und Physiologie" heraus, die freilich 
nur in zwei Heften erschienen, aber zunächst als das Organ 
der jungen, in Berlin um sich greifenden Bewegung gelten 
durften. 

14 



So war der Boden vorbereitet, auf dem nun eine neue 
Saat aufgellen sollte. Die Geister waren geweckt und 
aufnalmiebereit, aber das einigende Band war noch nicht 
geschlungen. Noch bestand die Gefahr der Zersplitterung 
und des Auseinanderfallens; noch war es möglich, daß alle 
wissenschaftlichen Erfolge wieder durch das Überwuchern 
der spekulativen Schwärmereien in Frage gestellt werden 
könnten. Es bedurfte eines Mannes, der mit eisernem Fleiß 
und stählerner Willenskraft den einen Punkt erkaiuite, wo 
der Hebel anzusetzen sei, der die Fragen richtig stellte 
und Talent und Energie genug besaß, sie zunächst auf 
induktivem Wege durch zahllose Einzeluntersuchimgen in 
Angriff zu nehmen, sein Genie aber bekundete, indem er 
danjtt die verstreuten Beobachtungen zu einem Ganzen 
zusammenschloß und so selbst den Bau ausführte, dessen 
kühne und folgerichtige Konstruktion auf Generationen 
hinaus als beherrschendes Wahrzeichen sich erhob. W^ii- 
treffen jetzt auf die Anfänge Rudolf V i r c h o w s. 



n. 

Lehrjahre in Berlin 

Mit raschen Schritten läßt sich der Weg abmessen, 
den V i r c h o w bis dahin 2;urückgelegt hatte. Nur wenig 
ist über seine Vorfahren zu sagen. Keine Ahnentafel klärt 
uns darüber auf, von welcher Seite des Vaters oder der 
Mutter her etwa die hervorstechenden Eigenschaften vor- 
gebildet waren, die bereits im Knaben und Jüngling sich 
aussprechen. Der Großvater war ein Fleischermeister, 
der zugleich Brennerei und Landwirtschaft in dem pommer- 
schen Städtchen Schivelbein betrieb, über die Großmutter 
ist nichts überliefert. Am 22, Dezember 1785 wurde eben- 
dort Carl Christian Siegfried Virchow geboren, 
der zunächst kaufmännische Ausbildung in Köslin genoß, 
1810 sich in Schivelbein niederließ und am 16. Oktober 1811 

1» 



das Amt eines „Stadtkämmerers" erhielt, v/elches er bis 
1828 bekleidete. Er widmete sich im Wesentlichen der Be- 
wirtschaftung seines kleinen Besitztums, allerdings ohne 
materiellen Erfolg, denn Geldverlegenheiten nahmen kein 
Ende, sie spielen in dem Briefwechsel mit dem Sohne eine 
immer wiederkelu-ende, unerfreuliche Rolle. Lebhafte In- 
teressen, namentlich für die Landwirtschaft und die Botanik 
beherrschten den augenscheinüch hochintelligenten Mann; 
ein Einfluß auf seinen Sohn ist in dieser Hinsicht unver- 
kennbar. Auch sein Bruder, der die militärische Laufbahn 
einschlug, der Major Joh. Christ. Virchow schemt 
eine geistig hochstehende Persönlichkeit gewesen zu sein. 
Seine Vorschläge zur Soldatenausrüstung, insbesondere 
Änderungen des Helmes, der Stiefel und Beinkleider, ver- 
schafften ihm eine gewisse Berühmtheit in Preußen- Ver- 
mählt war Carl Virchow seit dem 20. November 1818 
mit der am 30. August 1785 zu Beigard in Pommern ge- 
borenen Johanna Maria Hesse, von der wir nicht 
viel mehr wissen, als daß sie nüt abgöttischer und aufs 
zäi'thchste erwiderter Liebe an ihrem Sohne hing. Auch 
ihr Bruder Ludwig Ferdinand Hesse darf nicht un- 
erwähnt bleiben, da er während der Studienzeit des Neffen 
mit diesem in vielfachem Verkelir stand: er war ein an- 
gesehener Baumeister, nach Stülers Tode Leiter der 
Schloßbaukommission und Architekt derKönigUchen Theater; 
die neueCharite, die Tierarzneischule, das EUsabeth-ivran ken- 
haus in Berlin, das Schloß auf dem Pfingstberge und die 
Orangeriegebäude in Potsdam sind Zeugnisse seines großen 
Talentes. 

Rudolf Ludwig Carl Virchow ist am 13. Ok- 
tober 1821 geboren; Volksschulbesuch in der Heimatstadt, 
fördernde Privatstunden, endlich der Unterricht auf dem 
Kösliner Gymnasium bereiteten ihn auf das nach einigem 
Schwanken ins Auge gefaßte Studium der Medizin vor: 
sowohl seine uns erhaltene Meldung zur Reifeprüfung wie 
der für das I^amen gelieferte deutsche xVufsatz über das 

16 



Thema „Ein Leben voll Arbeit und Mühe ist keine Last 
sondern eine Wohltat", lassen die geistige und sittüche 
Kraft des 17jälmgen Jünglings deutlich erkennen, — das 
Wort „Leben ist e i n e r ns t e s Geschäft" hätte er ge- 
trost als Wahlspruch seiner gesamten späteren Auffassung 
hinschreiben dürfen! Ende Oktober 1839 traf er in Berlin 
ein; lange schon war er als Zögling der Pepiniöre an- 
gemeldet und wurde hier vom Generalstabsarzt v. W i e b e 1, 
der an der Spitze des gesamten Militärsanitätswesens stand, 
wie vom Oberstabsarzt Grimm, dem speziellen Studien- 
leiter am genannten Institut, gütig empfangen; die glänzende 
Reifeprüfung, die er bestanden, vielleicht auch die persön- 
liche Bemühung des Onkel Hesse sicherten ihm von vorn- 
herein wohlwollende Aufnahme. So klingen denn auch 
seine ersten Briefe an die Eltern froh und glücklich; sein 
Studienplan, — neben den einführenden anatomischen, chemi- 
schen, physikalischen Kollegien finden wir Logik und 
Psychologie („ein schreckhch langweiliges Kolleg"), „Ge- 
schichte Preußens von Friedrich dem Großen bis auf die 
heutige Zeit", bei Professor P r e u ß, Lektüre des Celsus 
und der Maria Tudor ViktorHugos, — füllen seme Zeit 
und auch das mihtärisch streng geregelte Leben der Anstalt 
ist ihm offenbar nicht unsympathisch; nur hie und da 
klingt schon in der ersten Zeit, so bald nach dem Re- 
gierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. ein Ton po- 
litisch freiheiiUcher Gesinnung an, den er allerdings dem 
konservativen Vater gegenüber möglichst dämpft. Ihm 
gegenüber beginnt überhaupt bald eine Art von Konflikt- 
stimmung: der Vater zweifelt an ihm und erklärt ihn füi* 
einen Phantasten, — der Sohn klagt, daß er immer nur 
Tadel und böse Gesichter zu sehen bekommt. Aber stolz 
bekennt er, daß er Besseres und Größeres will, daß er ein 
ernsteres Streben nach geistiger Durchbildung fühlt als die 
meisten anderen Menschen. Von eigenen Ai'beiten ist natur- 
gemäß in diesem ersten Semester noch nicht \ael die Rede, 
mindestens nicht von medizinischen: Aufsätze zur Gescliichte 

3 Posner, Virchow 17 



Pommerns werden freilich schon 1842 erwälmt und, wie 
es scheint, aucli gedruckt, ein erster Auftakt zu seinen 
späteren vorhistorischen Studien. 

Das Jahr 1843 bringt insofern eine Änderung, als 
V i r c h o w nun als „Charitechirurg" eine Stelle an J ii n g- 
kens Augenklinik übernimmt, die er freilich bald mit 
anderen Stationen vertauscht, die indes dadiu-ch für ihn 
eine besondere Bedeutung gewinnt, daß sie ihm die Anregung 
zu seiner Dissertation gibt: sie ist betitelt „De rheu- 
mate praesertira corneae" und enthält bereits einige 
Anklänge an seine später ausgebaute Entzündungstheorie; 
er selbst sagt von ihr, daß er über den Rheumatismus seine 
eigenen Ansichten habe und daß man es der kleinen Schrift 
nicht ansehe, wie viel mühselige Vorstudien dazu nötig 
waren. Wahrscheinlich war es nicht J ü n g k e n, der ihn 
hiebei unterstützte, vielmehr wird man an Johannes 
Müllers geistige Einwirkung zu denken haben; rühmt 
doch V i r c h o w von ihm, „dem berühmtesten Physiologen 
der Welt", daß er keine Dogmen, sondern ganz wesentlich 
exakte Methodik gelelirt habe. Müller war auch der 
Dekan, der Virchow am 21. Oktober 1843 zum Doktor 
promovierte. 

Von nun an ändert sich seine Stellung in der Charite, 
wälirend seine militärärztUche Ziüiunf t noch im Ungewissen 
bleibt. Es wird offenbar allgemeiner bekannt, daß ilmi 
milo-oskopische und chemische Untersuchungen am Herzen 
liegen, und so wird er zunächst von Jüngken in der 
chirurgischen Klinik in Anspruch genommen, außer- 
dem von Froriep, dem Prosektor der Charite, angeleitet 
und unterstützt. Fro ri ep stellt ihm denn auch ein semem 
Studiengange entsprechendes spezielles Thema, und lüer 
greift denn wirklich ein günstiges Geschick ein: denn dies 
Thema, die Venenentzündung, gibt nun den Aus- 
gangspunkt einer ganzen Reihe von fi-uchtbai-en Unter- 
suchungen, die den Grundstein zum Rulmi des jimgen 
Forschers legen; von ihnen wird später zu handeln sein. 

18 



Während dieser Epoche bildet sicli nun die politisclie Ge- 
sinnung Virchows weiter im freiheitüchen Sinn aus; schon 
hören wir Worte über die täghch steigenden pohtischen Dif- 
ferenzen, über die immer drohender werdenden sozialen Uebel, 
über den Uebermut der gewalthabenden Partei, und es ist 
unverkennbar, daß der Jüngling selbst den Wunsch empfindet, 
an diesen geistigen Kämpfen persönlich teilzunelimen. Diese 
revolutionäre Stimmung geht einher mit immer selbständigerer 
Entwicklung seiner wissenschaftlichen Ansichten; als er 
am 3. Mai 1845 an Görckes (des Stifters der Pepiniere) Ge- 
burtstagsfeier die Festrede hält, bezeichnet er sie selbst 
„als ein förmliches medizinisches Glaubensbekenntnis mit 
oft nicht kraftlosen Angriffen auf die Gegner der heutigen 
Richtung"; er wundert sich eigentlich, daß man sie durch- 
gelassen hat und berichtet. Eck, der Direktor, hätte gesagt, 
es klänge oft so, als wenn ein Mitglied der Akademie von 
Frankreich gesprochen hätte. Im Drucke ist die Rede nicht 
erschienen; ihr Titel „Ueber das Bedürfnis und 
die Richtigkeit einer Medizin vom mechani- 
schen Standpunkt" läßt uns aber hinreichend ver- 
muten, in welchem, damals unerhört freimütigen Geiste sie 
gehalten war. Es wäre mteressant zu wissen, ob und v/ie 
er damals wohl zu den Bestrebungen der Tübinger und 
H e n 1 e s Stellung genommen hat — ihr prinzipieller Stand- 
punkt, sollte man meinen, kann vom seinigen nicht wesent- 
lich abgewichen sein. Und trotz dieser Rede, und während 
er immer tiefer in die politischen Dinge sich versenkt und 
das soziale Elend selbst und für die weiten Volksscliichten 
lebhaft empfindet, wird ihm doch von neuem der Auftrag 
zu einer Festrede am Institut — ein Zeichen, wie hoch er 
bereits, obwohl er noch kein Sterbenswort hat drucken 
lassen, in der Wertschätzung gestiegen. Man weiß jetzt, 
so rühmt er, nicht bloß in Berlin, sondern auch in Halle, 
ja m Prag und Wien, daß jetzt in der Charite ein Mensch 
ist, dem es um die Sache ernst ist, und daß namentUch jetzt 
einer da ist, der die Sektionen sehr gut macht. Freilich 



a* 



19 



sieht er eine wahre Danaidenarbeit vor sich — nichts in 
der Medizin ist ordentlich untersucht, alles muß man wieder 
von vom durcharbeiten! Aber es freut ihn, daß er, der so 
kurze Zeit gearbeitet hat und noch so unendUch viel nicht 
weiß, schon als „Autorität" betrachtet wird; ja, schon wird 
ihm die Dozentur nahegelegt, obwohl er das Staatsexamen 
noch gar nicht bestanden hat. Auch die zweite Eede, in 
der er seine Resultate über die Venenentzündung mitteilt, 
wird — „wenn auch die alten Mihtärärzte aus der Haut 
fahren wollten" — sehr beifällig aufgenommen, und nun 
geht er auch daran, die wichtigsten Ergebnisse dem Druck 
zu übergeben — sie sind in Frorieps, seines Vorge- 
setzten, „Notizen" erschienen; und auch der Plan, ein 
eigenes Organ zu gründen, taucht im Oktober 1845 auf. 
Dann wird das Staatsexamen absolviert, und bald darauf, 
im Mai 1846 ändert sich seine Stellung von neuem: nicht 
ohne manchen Widerstand wird er als Nachfolger Frorieps, 
der als Leibarzt nach Weimar berufen war, mit der Pro- 
sektur an der Charite betraut — es ist ein Verdienst 
Jüngkens, daß er diese Anstellung empfahl, wälu-end 
sein hochverehrter Lehrer Schönlein, dem er später in 
einer Biographie ein so schönes Denkmal gesetzt hat, lange 
gegen ihn war (sein Schützling war R. R e m a k) und ilmi 
zuletzt erst, als der Minister sich schon für ihn entschieden 
hatte, seine Protektion eröffnete. Er blieb freilich dem 
Namen nach noch Charite-Chirurg; aber nun ist er doch 
imstande, einen LieBlmgswunsch auszufüliren und Kurse 
zu halten — eine Tätigkeit, die ihm nicht bloß Befriedi- 
gung, sondern auch die sehr notwendigen besseren Sub- 
sistenzmittel verschafft. Gleichzeitig wird der Verein für 
wissenschaftliche Medizin das Forum, vor dem er seine 
neuen Arbeitsergebnisse mitteilt — der Plan der Habili- 
tation gewinnt Gestalt, die ersten Schritte ziu' Begründimg 
des neuen literarischen Unternehmens in Gemeinschaft mit 
dem Buchhändler Reimer geschehen, und endlich tritt er 
mit seiner berülmiten Kritik gegen Rokitansky hervor, 

20 



die wie ein Schlachtruf erkhngt und den höchsten Zorn 
der Wiener Schule erregt. So darf er dieses Jahr denn 
in der Tat mit den Worten kennzeichnen „Meine Zeit 
in Unruhe''. 

Aber man hätte glauben können, daß doch nun für 
ihn eine längere Periode gleichmäßiger, geregelter Tätig- 
keit anheben würde. Seine wissenschaftliche Position ist 
gesichert; sein Archiv beginnt zu erscheinen und bringt 
eine Reihe wichtiger Arbeiten, die dartun, daß der junge 
— erst 25]ährige! — Gelehrte schon als Haupt einer eigenen 
Schule angesehen werden darf, zu der sich nicht bloß der 
Mitherausgeber Reinhardt und die Berliner Freunde, 
sondern auch Männer wie Panum, Bardeleben, Le- 
ber t, Julius Vogel bekennen. Mit nicht zu verkennen- 
der Ironie gegen die gelben Hefte R o s e r s, gegen H e n 1 e- 
Pfeuffers Zeitschrift für rationelle Medizin (Virchow 
spottete .,raisonnierende" Medizin) bezeichnet er in semer 
programmatischen Erklärung sein Archiv als die erste 
„charaktervoll" geleitete Zeitsclirif t der Art in Deutsch- 
land. Tag für Tag beschäftigen ihn nun neue Probleme, 
insbesondere experimenteller Art — ausgedehnte Reisen, 
darunter auch ein erster Besuch einer Naturforscher- 
versammlung in Aachen — bringen ihn in Verbindung 
mit deutschen und ausländischen Gelehrten. Aber all dies 
füllt den feurigen Kopf doch nicht vollständig aus — 
immer wieder treten die pohtischen Fragen in den Vorder- 
grund und beschäftigen den freiheitlich Gesinnten, der die 
Bewegungen nicht bloß in Deutschland, sondern auch in 
Frankreich, der Schweiz, Italien mit lebhaftestem Interesse 
verfolgt und den Sturz des alten absolutistischen Systems 
voraussieht. Und ganz besonders bekümmern ihn die trau- 
rigen sozialen Verhältnisse, als deren schlimmstes Sjonptom 
er die Not in Schlesien („ein Schimpf für die Regierung") 
mit der in ihrem Gefolge einhergehenden Epidemie an- 
sieht. Und diese Epidemie, damals als Hungertyphus be- 
zeichnet, gibt nun abermals seinem Leben eine neue Rich- 

21 



tung: auf den politisch schon soweit vorbereiteten Boden 
seiner Gesamtauffassung trifft nun durch Entsendung nach 
Oberschlesien zum Studium der dortigen lü-ankheit die 
unmittelbare Berührung mit der körperlichen und geistigen 
Not einer ganzen Provinz, die einen entscheidenden Ein- 
fluß auf Virchows gesamte Zukunft ausüben soll. 



m. 

Erstlingsarbeiten 

Bis zu diesem wichtigen Abschnitt seines Lebens 
lassen sich die wissenschafthchen Arbeiten Virchows 
im wesentlichen von dem Gesichtspunkte aus betrachten, 
daß er ein ihm vom Zufall bestimmtes Thema — eben 
die Venenentzündung, die F r o r i e p ihm als Arbeits- 
gebiet zugewiesen hatte — in Angriff nimmt und nun 
mit allen Hilfsmitteln naturwissenschaftlicher Methodik 
ganz vorurteilsfrei behandelt ; er hätte ganz gewiß eben- 
sogut und mit gleichem Erfolge irgendeinen anderen 
Ausgangspunkt wählen können. Er übersah sofort, daß die 
damals herrschende, vornehmlich durch Cruveilhier 
vertretene Auffassung von der „dominierenden" Stellung 
der Venenentzündung in der Pathologie unbegründet sei ; 
man hatte sich ausschließlich an das grob anatomische 
Bild gehalten — Chemie, Experiment und vor allen Dingen 
das Mikroskop aber niu* wenig zu Rate gezogen. Wenn 
auch durch B i c h a t und J. Müller die Bedeutung der 
mikroskopischen Untersuchung für die normale (allge- 
meine) Anatomie mit Scharfblick erkannt war, so hatte 
doch kein Geringerer als der große L a ö n n e c noch ein- 
dringlichst davor gewarnt, die Ursachen der Erkrankung 
in den feinsten Gewebsveränderungen aufzusuchen — 
dies könne, meinte er, nur zu absurden Konsequenzen 
führen und die auf optische Illusion und Spekulation ge- 
gründeten Hypothesen würden ohne jeden wirklichen 



Nutzen für die Medizin bleiben. Trotz der Begründung 
der Zellenlehre schien es zunächst dabei bleiben zu sollen, 
und auch die, gerade auf dem Gebiete der Venenentzündung 
unter Frorieps Leitung gemachten Vorarbeiten von 
Gluge und Josef Meyer hatten wenig gefordert. 
Virchow erkennt sofort die Notwendigkeit, mit dem 
Milo-oskop nach dem primum movens zu suchen oder, wie 
er bei einer anderen Gelegenheit sagt, den Naturvorgängen 
um 300 mal näher zu kommen ; er richtet bei den an- 
scheinend auf einer Entzündung der Gefäßwand beruhenden 
Gerinnselbildungen in den Venen sein Augenmerk auf 
diese Gerinnsel selbst und deckt in einer ganzen Anzahl 
von einzelnen Untersuchungen die mikroskopischen Vor- 
gänge bei der Abscheidung des Faserstoffes, insbesondere 
die Beteiligung der farblosen Blutkörper, auf ; 
deren Betrachtung führt ihn dabei auf einen Seitenweg, 
der sich für die klinische Medizin bedeutungsvoll erweisen 
sollte : er stellt fest, daß in manchen Fällen die Zahl 
dieser weißen Körper im Blute so ungeheuer zunimmt, 
daß dieses selbst weiß erscheint. Dies hatte man früher 
für eine Vereiterung gehalten — jetzt ergibt sich, daß die 
Krankheit hiemit, also mit Pyämie, nichts zu tun hat, 
sondern mit emer Veränderung der blutbildenden Organe, 
als welche er zunächst Milz und Lymphdrüsen in Anspruch 
nimmt, zusammenhängt : das neue Krankheitsbild der 
Leukämie wird fest umrissen. Weiter verfolgt er die 
chemischen Vorgänge bei der Blutgerinnung, und endUch 
sucht er experimentell deren Folgen für den Tierkörper 
zu ergründen. In einer Reihe berühmt gewordener und 
noch heute mustergültiger Versuche zeigt er, daß in die 
Blutbahn eingebrachte feste Körper weitergeschwemmt 
werden, das Herz passieren und erst in den feinsten Ge- 
fäßen der Lunge aufgehalten werden können ; und was 
für Korkstückchen oder Holundermark gilt, trifft in gleicher 
Weise auch für die Blutgerinnsel selbst zu — auch sie 
können, falls sie nicht schon unterwegs einen Aufenthalt 

23 



erleiden, in die Lunge geraten und dort, in Folge von 
Gefäßverstopfung, schwere Veränderungen hervorrufen. 
Die uns jetzt so geläufigen Begriffe von Thrombose 
und Embolie sind damit festgelegt — auch die Worte 
sind V i r c h o w's eher Prägung, hier, wie stets von ihm, 
knapp und leichtverständlich gewählt. Sofort aber geht er 
noch einen Schritt weiter und zeigt, daß nicht bloß rein 
mechanische Verhältnisse hier eine Rolle spielen, sondern 
daß es auch ganz wesenthch auf die Beschaffenheit des 
„Embolus" ankommt — ist er im heutigen Sinn steril oder 
„bland", so sind die Folgezustände anders, als wenn er 
infektiöses Material enthält und dann auch an der Haft- 
stelle eitrige Entzündung auslöst. Der Ring war damit ge- 
schlossen : was zuerst klinisch und pathologisch-anatomisch 
aufgefallen war, das plötzliche Emtreten von scharf um- 
schriebenen Lungenerkrankungen, war durch streng metho- 
dische Arbeit auf seine Grundbedingungen zurückgefülu't. 
Man erkennt in dieser ganzen Serie von Arbeiten als 
Leitmotiv den Wunsch, sich mit der herrschenden K r a s e n - 
lehre auseinanderzusetzen. Hier zum ersten Male war es 
gelungen, Erkrankungen, die dem groben Anschein nach 
sich lediglich im Blut selbst abspielten, nur von dessen 
Mischungsverhältnissen abzuhängen schienen, dank der kon- 
sequenten Durcliführung naturwissenschaftlicher Methodik 
auf Gewebs- oder Zellveränderungen zurückzuführen. In 
dem kühnen Satze „ich vindiziere für die farb- 
losen Blutkörp erchen eine Stelle in der Pa- 
thologie" ist kurz und schlagend das Endi-esultat aus- 
gedrückt. Und wenn Virchow in seiner erwähnten 
KritUt Rokitanskys aufs lebhafteste und mit guten 
Gründen dessen Satz bekämpft „die Humoralpathologie ist 
ein Postulat dos praktischen Verstandes, während die 
Solidarpathologie in ihren Kausalfragen keine andere Aus- 
kunft wußte, als sich einer spekulativen Nervenpathologie 
in die Arme zu werfen", so hatte er nun wh'klicli sieg- 
reich dargetan, daß es keiner Spekulation, sondern nur 

24 



zielbewußter Arbeit bedürfe, um mindestens für den hier 
gegebenen Fall jede erwünschte Auskunft zu erlangen. 
Die grundlegende Bedeutung dieser Erstlingsarbeiten 
wird dadurch nicht beeinträchtigt, daß die spätere For- 
schung noch mancherlei Neues hinzugefügt hat. Der Vor- 
gang der Blutgerinnung — auch heute noch nicht in allen 
Einzelheiten aufgeklärt — wü'd jetzt insofern anders be- 
urteilt, als wir die Rolle der damals noch unentdeckten 
Blutplättchen bei der Erzeugung des hiebei notwendigen 
Ferments erkannt haben. Die Leukämie-Frage ist in ein 
neues Stadium getreten, seit durch Ehrlichs Unter- 
suchungen eine feinere Differenzierung der weißen Blut- 
körperchen und dann die ganz ausschlaggebende Bedeutung 
des Knochenmarkes für viele Fälle festgestellt wurde — 
wir nehmen heute an, daß die Milz, welche Virchow bei 
den sogenannten lienalen Formen als primär erkrankt 
ansah, ebenso wie z. B. auch die Leber erst im Anschluß 
an die „myeloische" Erkrankung beteiligt wird. Daß 
endlich auch die Beurteilung der Embolie — teUs durch 
Cohnheims Forschungen über die Endarterien, teils 
durch die Färbung und Züchtung der etwa hiebei be- 
teiligten Infektionserreger, wie sie zuerst Carl Weigert 
anwandte — sich in manchen Stücken gewandelt hat, wird 
nicht wundernehmen. Immer aber handelt es sich nur 
um Ausbau und Fortschritt — nirgends um prinzipielle 
Änderungen. Und wie das Krankheitsbild der Leukämie 
zuerst gezeichnet zu haben stets ein Ruhmestitel Vir- 
chows bleiben wird, so wird auch Cohnheims Wort, 
daß Virchow das Fundament der ganzen Lehre von der 
Thrombose und Embolie errichtet hat, auf immer zu Recht 
bestehen. 

IV. 

1848 
Als der Minister für geistliche, Unterrichts- und Me- 
dizinalangelegenheiten Eic hhorn am 19. Februar 1848 

25 



Virchow beauftragte, sich als Begleiter des Geheimen 
Medizinalrates B a r e z nach Oberschlesien zu begeben, um 
dort Natur und Entstehung der Hungerepidemie 
genauer zu studieren, war er sich wohl kaum bewußt, 
daß er hierdurch einem Ankläger des bisherigen Gesund- 
heitswesens in Preußen selbst die schärfsten Waffen in 
die Hände liefern würde. Wenn er annahm, daß der Pro- 
sektor der Charite sich etwa darauf beschränken würde, 
Leichenöffnungen vorzunehmen oder den äußeren Gang 
der Seuche zu studieren, so irrte er sich gründUch. Gleich 
im ersten Brief aus Rybnik, den er dem Vater schrieb, 
zeigt sich, daß Virchow für die himmelschreienden Zu- 
stände, die er vorfindet, ganz direkt die verkehrte Politik 
der Regierung verantwortlich macht; ihr, und besonders 
dem Minister v. Bodelschwingh wirft er vor, daß 
ihre Ungläubigkeit und Starrköpfigkeit so viele Menschen 
geopfert hat, als ein kleiner Ivrieg kosten würde. Mit Eifer 
vertieft er sich in die gesamten oberschlesischen Zustände; 
er studiert die geologische Beschaffenheit und die Kultivier- 
barkeit des Bodens, die Wohnverhältnisse, die Rassenfrage, 
den Einfluß der Kirche, die sprachlichen Verhältnisse, die 
Einwirkung des Klimas, und überaU kommt er zu dem 
vernichtenden Urteil, daß der Zustand der oberschlesischen 
BevöUvcrung „grauenhaft jammervoll" ist und daß, was 
etwa zur Linderung der Not geschehen, auf das Konto 
des tätigen Breslauer Komitees, nicht aber der Regierung 
zu setzen ist. Mit jugendlichem Enthusiasmus und Opti- 
mismus erblickt er das Heilmittel nicht in irgend welcher 
Gesetzmacherei; die Bureaukratie, spottet er, konnte nicht 
helfen, die Feudalaristokratie brauchte ihr Geld, um den 
Narrheiten des Hofes, der Armee, der großen Städte zu 
frönen, die Geldaristokratie kannte die Oberschlesicr nicht 
als Menschen, sondern nur als Maschinen, die Hierai-chie 
girierte das Elend des Volkes wie eine Anweisung auf 
den Himmel ! Nur „volle und unumschränkte 
Demokratie" verspricht Hilfe, Bildung mit ihren 

26 



Töchtern Freiheit und Wohlstand allein 
garantieren eine Besserung. Manche Worte über die Zu- 
kunft Oberschlesiens, welches nur durch ein größeres 
Maß nationaler Entwicklung für Preußen-Deutschland 
gegenüber der slavischen W^elle erhalten werden könne, 
berühren uns jetzt fast wie Prophezeiungen. Würden die 
Schulen nicht zunächst auf polnischer Grundlage ausge- 
baut, Rechtsgleichheit und Selbstregierung in Staat und 
Gemeinde durchgeführt, die Arbeiter im Sinne der Assozia- 
tion — damals sein Lieblingswort — am Gewinn beteiligt, 
so sei nicht auf einen inneren Anschluß, auf eine endliche 
Germanisierung zu rechnen. Hier zum erstenmal, in dem 
großen Bericht, welchen Vir chow erstattet, werden diese 
reformatorischen Gedanken durchgeführt, bekennt sich der 
Arzt offen als Sozialpolitiker, der palliative Mittel verwirft, 
radikale fordert. Mag man über sein Programm geteilter 
Meinung sein und namentlich einwenden, daß die Hoffnung, 
Bildung allein würde überall Freiheit und Wohlstand im 
Gefolge haben, sich doch als trügerisch erwiesen hat, klar 
ergibt sich jedenfalls, wie die politischen Anschauungen 
Virchows gerade durch die eingehende Beschäftigung 
mit der Not der Obersclilesier sich vertieft und verschärft 
haben und wie nun der zeitliche Zusammenfall dieser Er- 
eignisse mit der Berliner Märzbewegung ihn unmittelbar 
zur Betätigung im revolutionären Sinne veranlagte. Am 
10. März brach er seinen Aufenthalt im Epidemiegebiet 
ab, da ihn die Nachrichten aus der Hauptstadt in zu große 
Unruhe versetzten; noch war unklar, was sich dort vor- 
bereite und namentlich inwieweit die Regierung etwa 
den Volkswünschen entgegenkommen würde. Am 18. März 
brach dann der Sturm los — die Ereignisse dieses Tages 
sind bekannt, Virchows Briefe hierüber, beeinflußt 
durch die persönliche Erregung und die Unsicherheit aller 
Nachrichten, dürfen natürlich in ihrer subjektiven Färbung 
nicht als gescliichtliche Quellen angesehen werden. Er 
selbst hat sich nur wenig — durch Hilfe an einem 

27 



Barrikadenbau — beteiligt, aber niclit mitgekämpft; viel- 
mehr knüpft er an den Sieg der Revolution die Hoffnung, 
für die wissenschaftliche und praktische Medizin möglichst 
Nutzen zu ziehen. Dann aber tritt er in die Wahlbewegung, 
wird sofort für einen Berliner und einen Frankfurter Be- 
zirk zum Wahlmann ernannt und bekennt sich offen zum 
„demokratischenKönigtu m," d. h. zu einer Republik 
mit erblichem Präsidenten. Natürlich wird es ihm sehr 
schwer, dem konservativ gesinnten Vater gegenüber diesen 
Standpunkt zu vertreten und ihm klar zu machen, daß 
jetzt wirklich die sozialen Fragen im Vordergrund stehen 
und daß der alte Unterschied zwischen „Bürgern" und 
„Arbeitern" fortfallen müsse: die Verbesserung des Wohles 
der arbeitenden Klassen, nicht durch den Willen des 
Königs, sondern durch das einige, gleichberechtigte Volk, 
erklärt er für sein wichtigstes Ziel. Sein berühmtes 
Wort: „der Arzt ist der natürliche Anwalt der 
Armen" fällt in eben diese Zeit. 

Neben die Wahlangelegenheiten, die ihn lebhaft in 
Anspruch nahmen, tritt nun die Sorge für „Medizini- 
sche Refor m," wie er auch bezeiclmend eine von ilmi 
mit Leubuscher zusammen herausgegebene Zeit- 
schrift benennt. Seine Tätigkeit wächst in erstaunlichem 
Maße: Vormittags Amtsgeschäfte und Kurse, nachmittags 
Kommissionssitzungen, abends Versammlungen aller Art; 
zweimal in der Woche Friedrich Wilhelm-Städtischer Be- 
zirksverein, wo er Komiteemitglied ist; einmal Bezirks- 
zentralverein, dem er ebenfalls als Komitcemitglied angehört ; 
einmal Generalversammlung der Ärzte — dort ist er Vizeprä- 
sident; dazu Klubs, Handwerker- und Maschinenbauarbeiter- 
verein, kurz, eine unglaubliche Vielseitigkeit und überall wird 
seine geistige Überlegenheit gewürdigt und anerkannt. 

Es war nur ein kurzer Rausch. Selir bald klingt 
in den Briefen jener Tage statt des Triumphes ein resi- 
gnierter Unterton durch. Die Ideale, die einen Augenblick 
verwirklicht schienen, halten der Macht der Tatsachen 

28 



gegenüber nicht stand. Langsam, aber unaufhaltsam 
setzt Reaktion und Konterrevolution ein und gar wenig 
bleibt von den anscheinend gesicherten Errungen- 
schaften der Märzstürme übrig. Kein Wunder, daß auch 
Virchows amtliche Stellung mit Erschütterung bedroht 
wurde. All die Forderungen, die er in der „Medizinischen 
Reform" erhoben und mit denen er an den „maßgebenden 
Stellen", namentlich bei dem ihm bis dahin sehr gewogenen 
Geheimrat Schmidt, angestoßen hatte: Errichtung 
eines Medizinalministeriums für Preußen, eine gleich- 
mäßige Medizinalgesetzgebung für Deutschland mit einem 
Reichsministerium für öffentliche Gesundheitspflege, Be- 
gründung eines obersten Gesundheitsrates, Beschränkung 
der Arbeitszeit, Recht unbemittelter Kranker auf Ver- 
pflegung durch den Staat, freie Ärzte wähl für die Armen, 
unentgeltliche Ausbildung der Studierenden mit Fortfall 
aller Kollegiengelder usw., bleiben fromme Wünsche — 
sind sie ja auch heute erst zu einem kleinen Teil erfüllt oder 
sogar ganz in den Hintergrund gedrängt. Vor allem aber 
machte man ihm persönlich den Vorwurf, daß er seine 
Stellung in der Charite agitatorisch ausgenutzt habe, 
während er tatsächlich sich gerade dagegen gewandt 
hatte, daß man die Charite zu einem eigenen Wahlbezirke 
machte und poUtische Propaganda dort hinein trug. Er 
wurde mit Suspension vom Amte bedroht, die schon aus- 
gesprochene Absetzung dann aber insoweit rückgängig 
gemacht, als man ihm nur die Wohnung in der Charite 
und einen Teil seines Gehaltes entzog, ihm die Prosektur 
jedoch beließ. Er wehrte sich stets gegen diese Ver- 
quickung seiner amtlichen mit seiner politischen Tätigkeit, 
aber er konnte sich nicht verhehlen, daß die herrschenden 
Strömungen — auch Preßprozesse drohten ihm — sein 
längeres Verbleiben in Berün erschweren, vielleicht un- 
möghch machen würden. 

Diese sorgenvolle Lage sollte aber nicht lange dauern: 
es war wohl gerade der Konflikt mit der preußischen Re- 

29 



giening, den die medizinische Fakultät in Würzburg aus- 
nützte, um V i r h w für sich zu gewinnen. Der dortige 
Gynäkologe, Professor Ki wisch tat, angeregt durch 
seinen Schwiegervater Herrn v. Xadherny, damals Pro- 
tomedikus von Böhmen, die ersten Scliritte hiezu; Kinecker, 
der innere Kliniker, und der Anatom Kölliker unter- 
stützten seine Bemühungen, und trotzdem die ultramontane 
Partei, Rings eis an der Spitze, in München alle Hebel 
ansetzte, um die Berufung des demokratisch gesinnten 
Mannes zu verhindern, erwiesen sich Ministerium und 
König in Bayern schheßlich vorurteilsfrei genug, um alle 
solche Bedenken zu überwinden. Als V i r c h o w zuerst 
den Ruf als ordenthcher Professor der pathologischen 
Anatomie erhielt, zeigte er dies dem Minister v. Laden- 
berg an und gab auf dessen Wunsch die Bedingungen 
kund, unter denen er in BerUn verbleiben würde; sie 
waren mäßig genug: außerordentliche Professur, Bei- 
behaltung der Charite-Prosektur, 800 Thaler Gehalt. Sie 
wurden aber unter den höflichsten Formen abgelehnt; der 
Minister „erkennt in seiner Vokation die gerechte Würdi- 
gung seiner wissenschafthchen Leistungen sowie seiner 
Lehrtätigkeit, bedauert aber umsomelu-, ihm keine Vorteile 
bieten zu können, welche ihn bestimmen könnten, einen 
so elu-envollen Ruf abzulehnen". Nach längerer Pause — 
es vergehen noch Monate — • ist endlich auch in Bayern 
jedes Hindernis überwunden und im August erfolgt die 
Ernennung zum ordentlichen Professor der pathologischen 
Anatomie in Würzbiu-g mit einem Jahresgehalt von 
1200 Gulden. Damit ist denn seine Zukunft gesichert und 
gleichzeitig ist er nun instand gesetzt, an die Gründung 
eines eigenen Hausstandes zu denken: noch vor seinem 
Weggang von Berlin verlobt er sich mit Rose Mayer, 
Tochter des bekannten Frauenarztes Geheimen Sanitätsrat 
Dr. Carl Mayer, des Stifters der Berhner Gesellschaft 
für Geburtshilfe in Berlin, dem er zunächst wissenschaft- 
lich durch zahlreiche dort gehaltene Vorträge, dann in 



30 



lebhaftem persönlichen Verkehr im eigenen Hause nahe 
getreten war; ihm hat Virchow stets eine treue Verehrung 
bewahrt. Diese Verbindung brachte Virchow wiederum in 
Beziehungen zu hervorragenden Berhner FamiHen, ins- 
besondere den Rüg es und Seydels. Was Frau Rose 
Virchow — die Hochzeit fand hn Jahre 1850 statt — 
ihrem Gatten, den sie um mehrere Jalire überlebte, ge- 
wesen ist, die vorbildliche Art, in der sie dem großen 
Gelehrten die Sorgen des täglichen Lebens ersparte, ihm 
ein stilles Familienglück sicherte, der Erziehung und dem 
Wohl ihrer Kinder sich widmete, wird noch manchem in 
der Erinnerung sein, dem es vergönnt war, Virchow im 
eigenen Hause und im Kreise der Seinen zu beobachten, wo er 
sich herzlich und einfach, ledigUch als guter Hausvater im 
deutschen Sinne gab und den Besucher ganz vergessen Heß, daß 
er einem der größten Geister unserer Zeit gegenüberstand ! 

Es muß geradezu als erstaunUch bezeichnet werden, 
daß Virchow trotz der fieberhaften Tätigkeit, die er in 
dieser Periode als Politiker entfaltete, noch Zeit zu wissen- 
schaftlicher Arbeit erübrigte. Vor allem nahm ihn die Fertig- 
stellung seines Berichtes über den Typhus in Ober- 
schlesien in Anspruch, zuerst kurz am 15. ^lärz in der 
Gesellschaft für wissenschaftliche Medizin erstattet, dann 
im n. Bande seines Archivs in aller Ausführlichkeit wieder- 
gegeben. Soweit er von politischem Interesse, wui'de seiner 
schon gedacht ; aber auch in anderer Hinsicht ist er inter- 
essant, denn es ist das erstemal, daß Virchow sich mit 
dem später von ihm so gepflegten Gebiet der Seuchen- 
lehre beschäftigt. Selbstverständlich waren damals die 
Ansichten, die inzwischen unter dem Einfluß der Bakterio- 
logie sich entwickelt haben, noch in vielen Stücken unge- 
klärt. Hat auch Virchow selbst den Begriff der „In- 
fektionskrankheiten" zuerst durchgeführt, so stand 
er doch bekanntlich noch auf lange Zeit allen Versuchen, 
die belebten Infektionserreger aufzufinden mit äußerster 

31 



Skepsis gegenüber. Wenn Jakob Henle deren Existenz 
mit divinatorischer Sicherheit voraussagte, so hielt Vir- 
cho w sich an das Erweisbare — und davon war za jener 
Zeit noch so gut wie nichts vorhanden ; die Differenzen, 
die zeitlebens zwischen diesen beiden großen Forschern 
herrschten, sind zum nicht geringen Teil auf diese grund- 
sätzlich verschiedene Auffassung zurückzuführen. Aber 
selbst das Wesen der Krankheit, deren Studiiun er in An- 
griff nehmen sollte, war damals nicht klar : der Begriff 
„Typhus" umfaßte noch Dinge ganz heterogener Art und 
die auch von Virchow geteilte Ansicht, daß es nur 
eine Krankheit gäbe, die diesen Namen verdiente, ins- 
besondere aber, daß man eine besondere Gruppe als Fleck- 
typhus nicht abtrennen dürfe, ist längst widerlegt; ebenso 
irrte er, gerade bei der oberschlesischen Epidemie, von der 
wir heute mit Sicherheit sagen können, daß es sich um 
Fleckfieber gehandelt hat, wenn er die Übertragbarkeit 
leugnete. Vielmehr nahm er ein Miasma an, welches in 
irgend einer Weise, ähnlich wie beim Wechselfieber, unter 
dem Einfluß bestimmter Luftströmungen und wechselnder 
Feuchtigkeit des Bodens zu epidemischer Erkrankung 
führen könne — es ist billig, heute diese H}'pothesen zu 
widerlegen. Beachtenswert und für jene Zeit neu bleibt 
aber Virchows Überzeugung, daß der Hunger nicht die 
eigentliche, selbständige Ursache des .,Typhus" bilde, son- 
dern nur die Prädisposition zur Krankheit steigere — eine 
Ansicht, die er auch später lebhaft verteidigt, als immer 
wieder Hunger, Not, Gefängnisleben, Aufenthalt auf engen 
Sclüffen als wesentliche Erreger von Endemien in Anspruch 
genommen werden. Es sei gleich hier eingeschaltet, daß 
Virchow selbst diese Anschauungen über eine einheit- 
liche Typhus-Erki-ankung später fallen ließ — als im 
Jahre 1868 wiederum, diesmal in Ostpreußen, eine „Hunger- 
typhus"-Epidemie ausbrach, erkannte er den Unterschied 
von Abdominal- und Flecktyphus uiuinnvunden an. und die 
Rückfülu'ung der dritten Typhusform, des Rückfallfiebers 

82 



auf die Einwirkung eines wohlcharakterisierten Erregers 
(der Recurrensspirillc) ist ja sogar später, durch Ober- 
meiers berühmte Entdeckung, an seinem eigenen Institut 
gelungen. Auch seinen Widerstand gegen die Contagiosität 
des exanthematischen Typhus gab Virchow später 
unter dem Eindruck seiner Verbreitungsweise durch Ein- 
schleppung auf. Die Erfalu-ungen des Krieges 1870/71 
„zwangen ihn immer mehr in das Lager der Contagionisten.'' 
Allerdings mit der sehr beachtenswerten Einschränkung, 
daß wenigstens für den Abdominaltyphus (und ebenso füj' 
die Ruhr) nicht so sehi' die Ansteckung von Mensch zu 
Mensch, als vielmehr die Übertragimg durch menscliliche 
Auswiu-fstoffe in Betracht kommen — Überlegungen, die 
dann weiter zu seinen Bemühungen um die Assanierung 
von Berlin Anlaß gegeben haben- 

Weit wichtiger für die Beurteilung von Virchows 
allgemeiner Auffassung als diese, inzwischen ja in ganz 
anderer Weise geklärten epidemiologischen Anschauimgen 
ist aber ein anderer, gerade in dieser IH'phusarbeit stark 
hervorspringender Punkt. Man ist so sehr gewöhnt, ihn 
nur als objektiven Naturforscher zu denken, daß man darüber 
ganz vergißt, daß auch er in erster und letzter Instanz doch 
Arzt war und sich auch später noch als solcher praktisch 
betätigt hat. Meisterhch sind seine Krankenbeobachtungen 
in Oberschlesien — von den grundsätzlichen Fragen des 
Krankheitswesens natüi'hch hier abgesehen; meisterlich die 
eingehende Beschreibung der Fälle, rationell die Vorschläge 
ziu- Behandlung, z. B. zu kalten Einschlagungen mit nach- 
folgenden Bädern, die sich freilich angesichts der äußeren 
Verhältnisse nicht verwii'klichen ließen. Und gerade in den 
ersten Artikeln seines Archives, welches er nicht umsonst 
„ArchivfürpathologischeAnatomieundPhy- 
siologie und für klinische Medizin" nannte, tritt 
diese ärztliche Auffassung sehr lebendig hervor. Hier 
polemisiert er gegen die „Wissenschaft an sich" und setzt 
das ,ßeilen" als den Endzweck hin; hier fordert er füi' 

3 Posner, Yircliow 33 



die Therapie ebenfalls die wissenschaftliche Methodik, die 
er allerdings weniger im Tierversuch als in der strengen 
Empirie, und zwai* in der individualisierenden Beobachtung, 
nicht in Anwendung der Statistik mit ihren unentwirrbaren 
Fehlerquellen erblickt. Wie sehr war also Wilhelm 
R o s e r in Um-echt, wenn er behauptete, V i r c h o w be- 
schäftige sieh nicht so sehr mit Medizin, als mit naturwissen- 
schaftlichen Forschungen über die krankhaften Prozesse 
und Produkte des menschlichen Körpers; wie irrte er, 
w^enn er ihn als „reinen pathologischen Naturforscher" 
klassifiziert und ihn mit Rokitansky in eine Reihe 
stellt ! Als V i r c h o w Berlin zu verlassen im Begriff stand, 
widmete er seinem Schwiegervater Carl Mayer seine 
bekannten „Skizzen", (wie er selbst sie bescheiden benennt) 
„die Einheitsbestrebungen in der modernen 
Medizin" mit den Untertiteln „der Mensch, das Leben, 
die Medizin, die Krankheit, die Seuche" — und in den 
Widmungsworten faßt er seine ganzen bisherigen Leistungen 
in dem Satze zusammen „daß er nie, weder am Leichen- 
tisch oder hinter dem Mikroskop, noch am Krankenbette 
oder im öffentlichen Leben über die Mannigfaltigkeit des 
Einzelnen das Streben nach höheren, einheitlichen Prin- 
zipien vergessen habe." So beginnt denn in der Tat, kurz 
bevor er den Wirkungski'eis in Berlm mit dem ausge- 
dehnteren in Würzburg vertauscht, bereits die Epoche der 
Synthese: noch überwiegen die Eiiizelforschungen, noch 
gilt ihm das oben angeführte Wort, daß alles in der Medizin 
neu untersucht werden müsse, aber er ist jetzt im Besitz 
der Methode und in erstaunlich kurzer Zeit entwickeln 
sich jetzt die Grundideen, die seinen Niunen unsterblich 
gemacht haben. 

V. 
Meisterjahrc in Würzburg: 

Hatte Virchow in Berlin, trotz seiner Beziehungen 
zu Joh. Müller, Froriep, Schönlein, doch im WV 

34 



sentlichen immer in einer Oppositionsstellimg sich befunden 
und Schi'itt vor Schritt kämpfen müssen, um überhaupt 
zu einer Arbeits- und Lehi-tätigkeit durchzudringen, so wird 
er in Würzburg von Anfang an als die eigentüche Seele 
und treibende Kraft in der Fakultät angesehen. Sie zählte 
damals keine gewöhnlichen Männer zu ihren Mitgliedern: 
Kiwisch, Rinecker, später Scanzoni, vor allem aber 
Albert Kolli k er, dazu der Chemiker Seh er er, stan- 
den ihm am nächsten. Gleich nachdem er sein Amt über- 
nommen hat, schließen sich diejenigen Mitglieder der Uni- 
versität, welche Medizin und Naturwissenschaften lehren, 
zu einer „physikalisch- medizinischen" Gesell- 
schaft zusammen — Kölliker war Präsident, Vi r c h o w 
erster Sekretär imd Mitglied der Redaktionskommission für 
die Berichte. Seine Vorlesungen und Kurse waren sofort 
stark besucht und zahllose Zeugnisse aus jener Epoche 
belegen, wie groß seine Anziehungskraft damals war. 
Wilhelm Roser, der, wir hörten es eben, ihm im Grunde 
nicht freundüch gegenüberstand, zum Teil wohl, weU er 
die Begründung der Virchowschen Richtung wie einen 
Eingriff in die Prioritätsrechte der Tübinger empfand, 
rühmt ihn doch als eine „sehr glücklich ausgestattete Natur, 
originell, geistreich, rührig und lebendig, fein und gewandt 
im Schreiben und im Reden"; er habe sich in jungen und 
alten ärztlichen Kreisen einen so ungeteilten Beifall er- 
rungen, wie dies noch kaum bei einem medizinischen Do- 
zenten dagewesen sei. Kussmaul, in dem wir einen 
der größten Khniker Deutschlands verehrten, wurde im 
Jahre 1854, als er seine Gebirgspraxis aufgab und sich 
auf eine akadenüsche Laufbahn vorzubereiten begann, ganz 
wesentlich durch den Glanz von Virchows Namen nach 
Würzburg gezogen; „unübertrefflich", so erzählt er, „waren 
dessen Demonstrationen und Vorlesungen, jeder Tag brachte 
Neues und Lehrreiches". Nicht minder aber preist er 
Virchows persönüche Güte — als es sich um Kuss- 
mauls Zukunft handelte, schrieb er, ohne dessen Vor- 

3* 35 



wissen, einen warm empfehlenden Brief an G r i e s i n g e r, 
und, da dort die Assistentenstelle besetzt war, an den 
Heidelberger Kliniker Hasse. Niciit minder stand Ni- 
kolaus Friedreich, der später in Heidelberg den Lehr- 
stuhl für innere Medizin inne hatte, in seiner Würzburger 
Zeit völlig unter Virchows Einfluß, der ihn, als seine 
Rückkelu' nach Berlin bevorstand, sogar gern als seinen 
Nachfolger gesehen hätte. Eduard Rindfleisch, 
später selbst Direktor des pathologischen Institutes in 
Würzburg und somit der Erbe der dort von V i r c h o w ange- 
legten Sammlung, sieht noch nach vielen Jahi'en mit Rührung 
im Geiste das teure Haupt des Lehi-ers vor sich, „wie er 
seinen ruhigen, aber eindringenden Blick auf diese Über- 
reste (pathologische Schädelformen) richtet, Brille und 
Augenbrauen etwas emporgezogen, messend, notierend, 
zeichnend". Und fast am meisten erfahren wir von Ernst 
H a e c k e 1, der als blutjunger Student anfangs der fünfziger 
Jahre die Universität Würzburg bezieht. „Die Leute kommen 
jetzt nur noch hieher, — so sclu'eibt er an seine Ge- 
schwister — um Virchow, der wirklich in seiner Ai't 
ganz einzig und isoliert dasteht, und höchstens K ö 1 1 i k e r 
zu hören." Mit wahrer Begeisterung sclüldert er die 
Virchowschen Kollegien, die freilich in ilu-en philoso- 
phischen Einleitungen sehr schwer verständlich seien, 
nachher aber, wenn es sich um eine Demonstration handelt, 
das klarste Licht verbreiten — sie sind „ganz köstüch, 
man hört sonst so etwas nirgendwo". Er überhefert uns 
auch Beschreibungen des Fackelzuges, den die Studenten- 
schaft Virchow brachte, als er (1853) einen eluenvollen 
Ruf nach Zürich ablehnte, sowie des Abschiedsfestes bei 
seiner Berufung nach Berlin (1856) — aus beiden ergibt 
sich die unvergleichliche Populai'ität des gefeierten Pro- 
fessors. H a e c k e 1 s Zeugnisse hiefür sind um so wert- 
voller, als er persönlich, seiner ganzen Veranlagung nach, 
Virchows Wesensart ganz fremd gegenüberstand. Ernst 
für Kälte, Kritilc für Herzlosigkeit nahm; es wai'en zwei 

36 



diametral entgegengesetzte Charaktere, der jugendliche 
Schwärmer und der nun schon gereifte Gelehrte, und es 
kann nicht wundernehmen, daß dieser Gegensatz auch in 
späterer Zeit noch mehr sich geltend machte und verschärfte. 

So müssen denn die Würzburger Jahre schon rein 
äußerlich als besonders glücklich bezeichnet werden. V i r- 
c h w erlebte dort Anerkennung in vollstem Maße — nach 
Zürich wurde er nach Ablehnung des ersten Rufes als 
Kliniker noch ein zweitesmal zur Errichtung eines Lehr- 
stuhles für pathologische Anatomie berufen — sein Fa- 
milienleben entfaltete sich dank der Geburt von drei Kindern 
aufs erfreulichste; vom politischen Kampfplatz hatte er sich 
fast völlig zurückgezogen und in den wenigen literarischen 
Fehden jener Epoche, insbesondere in einem Streit mit 
V. R i n g s e i s, dem Vertreter reaktionär-hierarciiischer Ten- 
denzen, blieb er siegreich. Vor allem aber ist die Würz- 
burger Zeit eine Periode reichsten Schaffens — zahllose 
Einzelmitteilungen erscheinen im Archiv und in den Würz- 
bm-ger Verhandlungen und sie führen denn auch schon jetzt 
zu den großen Hauptwerken seines Lebens: in erster Linie 
wird jetzt der Grundstein zur Zellularpathologie gelegt. 

Wenn man dies V/ort ausspricht, so pflegt man dabei 
an die Vorlesungen zu denken, die V i r c h o w im Anfang 
des Jahres 1858 vor Berliner Ärzten gehalten und dann in 
der so berühmt gewordenen Buchform herausgegeben hat. 
Nicht mit Unrecht wundert er sich selbst im Vorwort zur 
zweiten Auflage des Werkes darüber, daß die dort gegebenen 
Auseinandersetzungen so unerwartet großen Erfolg errungen 
hatten, denn, wer seine früheren Arbeiten gekannt hätte, 
dürfte hier wenig Neues gefunden haben. Dies trifft un- 
bedingt zu; nahezu alles, was die Zellularpathologie, 
wenigstens in ihi-er ersten Auflage brachte, war bereits in 
zahLreichen Veröffenthchimgen vorbereitet oder sogar aus- 
geführt. Und deswegen darf die Würzburger Zeit auch 
als diejenige seiner größten Entdeckungen, seiner wichtigsten 
theoretischen Folgerungen bezeichnet werden. 

37 



Wie kam V i r c h o w dazu, der Zellenlehre das Gebiet 
der pathologischen Anatomie zu erobern? 

Bei Beginn seiner eigenen Arbeiten stand er noch 
ganz im Banne der Schwannschen Theorie, wonach 
wohl der ausgebildete Organismus aus zelligen Elementen 
bestehe, diese selbst aber aus einer unorganischen Masse, dem 
Cytoblastem, in der Art sich bilden sollten, daß sich zu- 
nächst ein Kernkörperchen ausscheide, dieses sich mit einem 
bläschenförmigen Kern umgebe, um welchen sich dann 
schließlich eine größere Blase, der eigentliche Zellinhalt 
mit seiner Membran herumlagere, — also eine „freie Zellen - 
bildung". Man mag sich wundern, daß diese Theorie, für 
deren Richtigkeit eigentlich keine Tatsache beigebracht 
werden konnte, solange das Feld beherrschen konnte, 
daß nicht vielmehr die Lehren der Entwicklungs- 
geschichte, insbesondere die von Robert Remak 
so sorgfältig studierten Vorgänge der Kemiblätterbilduiig 
sie sehr bald als unhaltbai* hatten erkennen lassen. Der 
Grund ist darin zu suchen, daß in vielen Geweben des 
Körpers zwischen den Zellen eme mehr oder weniger 
gleichmäßige Substanz enthalten ist, die Interzellular- 
substanz, über deren Verhältnis zu den Zellen man 
sich nicht klar war. Schwann hielt eben sie für das 
Blastem, und es schien ilmi, daß sie lediglich im embrj^onalen 
Zustand zum Zellbestand des Körpers beisteuere, wälu-end 
in den reifen Geweben — vor allem im Knochen, im 
Knorpel, im Bindegewebe — überhaupt keine Zellen nach- 
weisbar seien. Hier tat V i r c h o w den ersten entscheidenden 
Schritt, indem er zunächst im Knochen, dann im Knorpel, 
endlich im gesamten Bindegewebe Zellen isolierte, die trotz 
sehr verschiedener Gestalt die gleiche Dignität besitzen; 
damit erst war die Zellenlehre auf die gesamte normale 
Gewebelehre anwendbai' geworden, freilich hi einem neuen 
Sinn, denn von nun ab wiu'de in diesen wie in allen 
anderen Zellen der eigentliche Sitz des Lebens erkannt, 
wähi-end die Interaellulai-substanz als aus ihnen enstanden, 

38 



von ihnen abhängig betrachtet wurde. V i r c h o w stellt 
sich vor, daß jede Zelle ein zu ihi* gehöriges Territorium 
als Ernährimgseinheit beherrscht, und dies einmal zugegeben, 
war von hier aus leicht zu verstehen, daß eine Störung 
im Leben der Zelle auch deren Gebiet schädigen müsse 
— sie wiu-de damit zum Krankheitsherd — die Brücke 
von der Zellularphysiologie zur Zellularpathologie war ge- 
schlagen. Hierin, nicht in dem Satze „omnis cellula 
a c e 1 1 u 1 a", den er zuerst im Jahre 1855 gebrauchte, 
liegt flu- die ivrankheitsauffassung der Hauptwert; jener 
zum Schlagwort gewordene Ausspruch aber, der ein un- 
vergängücher Besitz für die gesamte Biologie geblieben 
Ist, hat seine Bedeutung darin, daß in ihm zum ersten 
Male mit aller Schärfe die Lehre von der Unvergänglich 
keit und Erbfolge im organischen Leben festgelegt war. 
Hierüber ist irgend eine Meinungsverschiedenheit nicht 
mehr denkbar. Kein Botaniker, kein Zoologe, kein Anatom 
zieht mehr eine andere Möglichkeit der Zellentstehung 
auch nur in Betracht. Kein Pathologe glaubt, daß etwa 
ein freies Exsudat sich organisiere, eine Geschwulst aus 
einer interzellulären Masse hervorgehen könnte, all dies 
selbstverständlich unter den Bedingungen, die heut auf 
unserem Planeten herrschen und ohne damit über die 
erste Entstehung lebendiger Substanz ii-gend etwas aus- 
sagen zu wollen. 

Die Streitigkeiten, die sich an Virchows zelluläre 
Arbeiten anschlössen, betrafen zunächst den Punkt, was 
eigentlich unter einer „Zelle" zu verstehen sei. 

Man darf Detailfragen dabei billig übergehen. Wenn 
zum Beispiel V i r c h o W" die Bindegewebskörperchen selbst 
für kanalisierte Zellen hielt und in ihren Verästelungen, 
im Gegensatze zu H e n 1 e, den Anfang der Lymphspalten er- 
blickte, wenn uns später Recklinghausen neben der 
fixen noch die wandernde Bindegewebszelle kennen lehrte, 
so handelt es sich liier durchaus nicht lun Dinge von 
prinzipieller Wichtigkeit, und Billroth war im Um-echt. 

39 



wenn er durch die eben genannte Entdeckung die Zellular- 
pathologie für „fiu-chtbar zusammengerüttelt" erklärte. 
Wichtiger erscheint schon die Würdigung der einzelnen 
Teile der Zelle. Die Notwendigkeit, daß jede Zelle mit 
einer Membran bekleidet sei, wurde durch MaxSchultze, 
in lebhafter Polemik gegen Reichert, widerlegt; wenn 
dieser große Forscher indes dem Protoplasma alle Haupi- 
eigenschaften zuschrieb, so muß man nun anerkennen, daß 
er die Dignität des Kerns zu gering einschätzte, dessen 
Bedeutung gerade für die Erbfolge später durch Straß- 
burg e r, F 1 e m m i n g, die Brüder 0, und R. H e r t w i g so 
schlagend dargetan wru-de. Vor allem aber hat sich allmählich 
die Anschauung vom einheitlichen Charakter der Zelle doch 
wesentlich ändern müßte; B r ü c k es, auch von V i r c h o w 
adoptierter Ausdruck „Elementarorganismus" darf 
nicht mehr so verstanden werden, als haben wü- es in der 
Zelle wirklich mit der letzten, unauflösbaren Einheit zu 
tun. Ähnlich wie das „Atom" trotz seines Namens sich 
noch eine weitere Teilbarkeit in Kern und Elektronen 
hat gefallen lassen müssen, darf auch die naturwissen- 
schaftliche Betrachtung nicht mein* bei der Zelle selbst 
Halt machen, sondern versuchen, diesen „Organismus" als 
Organsystem aufzufassen, bis in die Molekularsti'uktiu* 
vorzudringen und deren komplizierte Tätigkeit zu begreifen, 
wie denn zum Beispiel B e n d a nicht wenigem als fünf 
„Zellorgane" unterscheidet. Wissen wir doch weiter, um 
nui' eines anzufüln-en, daß der Zelle neben ilu-er „spezifischen" 
Aufgabe, etwa als Drüsenepithelzelle, noch die Fälligkeit imie- 
wohnt, Stoffe zu erzeugen, die, in den Kreislauf aufgenommen, 
an ganz entfernter Stelle neue Wii'kungen hervorrufen 
können; die Lehre von der Wechselwirkung oder den Hor- 
monen hat uns ganz neue Ausblicke eröffnet, auch sie 
aber nur die alte Virchowsche Zellenlelire ergänzend, 
keineswegs negierend; sprach er selbst doch schon aus, 
der letzte Gedanke seiner Pathologie sei nicht die Zelle, 
sondern das Leben der einzelnen Teile! Diese Vereuche, 

40 



die Zelltätigkeit in ilire Einzelfunl^tionen aufzulösen, haben 
denn auch eine weitere Folge gehabt. Virchow selbst 
gehörte ursprünglich zu den Anhängern einer rein mechani- 
schen Auffassimg, das heißt er glaubte alle Erscheinungen 
des Zellenlebens auf physikalische oder chemische Vor- 
gänge zurückführen zu sollen. Hievon kam er bald zui'ück 
und lehrte, daß immer noch eine von den Molekularkräften 
zu unterscheidende, besondere Eigenschaft vorauszusetzen 
sei, die er mit dem alten Namen „Lebenskraft" zu belegen 
keinen Anstand finde. Er bemüht sich, in vielen Arbeiten 
genau zu erläutern, wie er sich das Verhältnis dieser beiden 
Arten von Kräften vorstellt. Man wird kaum sagen können, 
daß er hierüber zu voller Klarheit durchdringt; es bleibt 
immer etwas Transzendentes auch in seinem „N e o v i t a- 
1 i s m u s" bestehen. Man wird dieses Wort — ich verweise 
in dieser Hinsicht auf die geistvolle Auseinandersetzung 
B.V.Kerns — auch heut noch nur als einen Notbehelf ansehen 
dürfen, der verschleiert, daß uns vorläufig noch eine wirklich 
mechanische Erkläi'ung der Lebensvorgänge in der Zelle 
nicht möglich ist. Immer wieder tauchen daher auch Ver- 
suche auf, das Bereich der spezisch vitalen Funktionen 
in der Zeile wenigstens zu verengern und vieles, scheinbar 
Lebendige als Erzeugnis physico-chemischer Vorgänge zu 
deuten. Schon P a n u m bemühte sich in diesem Sinne, die 
Entstehung der Zellform mittels seiner Versuche mit Milch 
und Chloroform verständlich zu machen; M. Traubes 
„Haptogenmembran", die Erscheinungen an flüssigen Kris- 
tallen und anderes, lassen daran denken, daß wenigstens 
manche Formbildungen auf diesem Wege zu verstehen 
smd. Und was für den Zelleib selbst gilt, wird in noch 
höherem Grade für die Interzellularsubstanz in Betracht zu 
ziehen sein. Es war von jeher ein Haupteinwand gegen 
die Zellenlehre im Sinne von Virchow und Max 
Schnitze, daß speziell im Bmdegewebe sich Bildungen 
in voUer Unabhängigkeit von der Zelle selbst zu vollziehen 
scheinen; schon Kollmann und Sigmund Mayer, 

41 



später G r a w i t z und H e i d e n h a i n, neuerdings H u e c k 
und Rössle haben die Meinung vertreten, daß Fasera 
und Granula hier als lebendige Produkte entstehen können. 
Es ist vielleicht nicht allzu unbescheiden, wenn ich be- 
merke, daß ich schon im Jahre 1875 — Kollmann 
gegenüber — gegen diese Auffassung Stellung genommen 
und betont habe, daß es sich hier wirklich imi rein me- 
chanische Vorgänge handeln dürfte. Unsere neueren 
Kenntnisse auf kolloidchemischem Gebiete — zum Beispiel 
das Verhalten freier Grenzflächen betreffend — scheinen 
mir diese Ansicht zu bestätigen, diese Einwände gegen 
die Zellenlehre zu widerlegen. 

Schwerer wiegend schienen eine Zeitlang die Bedenken 
gegen die Zellularpathologie, die man aus dem Studium 
der Immunitäts Vorgänge herleitete. Wenn im Ver- 
lauf einer Infektionskrankheit das Serum bestimmte Eigen- 
schaften annahm, so konnte man meinen, daß hier die 
alten humoralpathologischen Vorstellungen wieder in ihr 
Recht eingesetzt, ja neu gefestigt würden. Soweit die aktive 
Immunisierung in Beti'acht kommt, ist diese Auffassung 
leicht zu widerlegen. Ehrlichs stets verteidigte An- 
sicht, daß es sich hier um spezifische Zelleistimgen 
(PartiaLfunktionen) handelt, ist mehi- und mehr bestätigt 
worden und hat \ielmehr der V i r c h o w sehen Lehi-e. 
statt sie zu schwächen, neue Stützen gebracht. Schwieriger 
lag die Deutimg bei der passiven Immunität — wenn wir 
etwa durch Behrings Serum ein solche gegenüber der 
Diphtherie künstlich ei"zeugen, so wü'ken wir in der Tat, 
ohne jede Beteiligung des menschUchen Organisnuis auf 
dessen Körpersäfte ein und verleihen Urnen Abwelu-kräfte. 
die nicht von seinen eigenen Zellen geliefert werden. Aber 
gerade diese Versuche sind schließlich auch zuginisten 
der Zellularpathologie ausgefallen ; denn diese passive 
Immunität ist eben nur eme vorübergehende Eigenschaft 
— niu- solange die spezifischen Stoffe im Körper kreisen, 
vorhanden ; die Zellen selbst sind bei ihr ebensowenig 

42 



beteiligt, wie wenn man etwa eine sonstige Gift- oder 
Arzneilösung in die Venen einspritzt. Im himioralpatholo- 
gischen Sinn sind also, wie dies Lubarsch mit Recht 
betont, gerade diese Erfahrungen nicht auszulegen. Und 
auch für die am schwierigsten zu erklärenden Konstitutions- 
anomalien oder Diathesen dürfen wir doch hoffen, daß 
fortschreitende Erfahrung ilu*en Ausgangspunkt in ganz 
bestimmten Zellen oder Zellkomplexen wird erkennen 
lassen. 

Man darf demnach resümieren, daß bis heute noch 
alle biologischen Ei"scheinungen sich in den Rahmen der 
Zellenlehi'e, alle krankhaften Vorgänge in jenen der Zellular- 
pathologie einfügen. Virchows Anschauung von den 
Krankheitsherden und einer hierauf zu basierenden, 
lediglich lokalistischen Behandlung hat freilich den neuen 
Erfahi-ungen gegenüber nicht standhalten können — das 
Grundprinzip, die Allemherrschaft der Zelle als Trägerin 
des Lebens, ist unerschüttert aus allen Kämpfen hervor- 
gegangen und bildet auch heute noch für uns Ausgangs- 
und Endpunkt des „naturwissenschaftlichen" Denkens in 
der Medizin ! 

Nicht so unversehrt ist die, in engem Zusammenhange 
hiemit stehende Entzündungslehre Virchows, 
ebenfalls in seiner Würzburger Zeit ausgebaut, im Laufe 
der seither verflossenen Jahrzehnte geblieben. In begreif- 
licher, aber doch einseitiger Überschätzung hatte er auch 
für die Entzündung den Hauptwert auf die Gewebszelle 
selbst gelegt : ein sie treffender Reiz löst in ihr — je 
nach seiner Stärke — eine Aktion aus, die funktionell, 
nutritiv oder formativ sem kann; stärkste Reize töten das 
Zellenleben. Die nuti-itive Reizung fühi't zur Schwellung, 
die dann auch von der Zelle selbst auf deren Gebiet über- 
greift und so sekundär die bekannten Kardinalerschei- 
nungen der Entzündung hervorruft — er spricht direkt 
von einer „Attraktion", die die so veränderte Zelle ausübt. 
Einen ersten Stoß erhielt diese Lehi*e durch die berühmten 

43 



Versuche Cohnheims, der die Auswanderung weißer 
Blutzellen bei entzündlichen Reizen zeigte ; einen weiteren 
durch Recklinghausens Entdeckung der Wanderzellen 
im Bindegewebe. Ging auch Co hn heim sicher zu weit, 
wenn er alle bei der Entzündung produzierten Zellen nach 
seinem Experiment für ausgewanderte Leukozyten erklärte, 
ist auch die Beteiligung der fixen Gewebszellen, an der 
besonders Stricker immer festhielt, jetzt wieder fast 
allgemein angenommen — auf unsere gesamte Vorstellung 
von der Entzündung sind doch die genannten Entdeckungen 
von größtem Einfluß geblieben. Wir sind heute überhaupt 
nicht mehr geneigt, die „trübe Schwellung" in Vir- 
chows Sinne immer für entzündhch zu halten, sondern 
deuten sie eher als regressiven Vorgang — der ganze 
Begriff der „parenchymatösen Entzündung" ist zum min- 
desten stark ins Schwanken geraten und wir müssen, 
wohl oder übel, überhaupt davon Abstand nehmen, den 
Vorgang der Entzündung mit einem kurzen Schlagwort zu 
erklären, vielmehr, mit Ponfick und Lu bar seh, eine 
Trias von la-ankhaften Veränderungen : Gewebsschädigung, 
Austritt von geformten oder flüssigen Blutelementen. Ge- 
webswucherung hierunter zusammenfassen. Aus dem wohl- 
gefügten Bau der Zellulai-pathologie kann Virchows 
Attraktionstheorie jedenfalls entfernt werden, ohne daß da- 
durch eine Lücke entsteht. 

VI. 

Berlin und das Pathologische Institut 

Man hat, wie schon betont, das Recht, die Würzburger 
Jahre, wenn man niu* die rein wissenschaftliche Produk- 
tivität betrachtet, als Virchows größte Zeit zu bezeichnen. 
Mit erstaunlicher Kraft und Sicherheit bewältigt er eine 
Fülle der wichtigsten Probleme, der stünnische Übereifer 
der Revolutionszeit erscheint gedämpft, bedeutende, zu- 
sanunenfassende Arbeiten — das Handbuch der speziellen 

41 



Pathologie, dessen Redaktion er übernimmt, die Heraus- 
gabe der früher Ca nn statt sehen Jalu-esberichte (mit 
Eisenmann) — zeigen ihn als einen Gelehrten, der 
„zur Vollreife gelangt und seiner Bedeutung sich bewußt ' 
ist. Die Poütik tritt ganz in den Hintergrund, selbst die 
sozialen Fragen, die ihn in Berlin so sehr in Anspruch 
genommen haben, werden jetzt kaum berührt — eine Ab- 
handlung über die Not im Spessart, den er im Jahre 1852 
im Auftrage des Ministeriums bereiste, beweist eine außer- 
ordentUche Mäßigung im Urteil und ist hauptsächUch be- 
merkenswert durch einige feine Beobachtungen über lokale 
Typhusepidemien ; die bei dieser Gelegenheit gemachten 
Studien über den dort endemischen Ivretinismus geben 
die ersten ausführlichen Mitteilungen über Schädel- 
messungen, die später, bei seiner Vertiefung in die 
Anthropologie, eine so große Rolle spielen. Der „Tribun 
von 1848", wie S c h ö n 1 e i n ihn genannt hatte, ist jeden- 
falls sehr viel ruhiger geworden, und die Vermutung ist 
wohl berechtigt, daß gerade diese von ihm geübte Zurück- 
haltung nun endlich die Blicke der Berliner Fakultät und 
besonders Johannes Müllers auf ihn lenkte, als 
Heinrich Meckel von Hemsbach, Prosektor der 
Charite und a. o. Professor, im Jahre 1856 verstarb. Müller 
selbst erkannte, daß die pathologische Anatomie, die er 
bis dahin außer der normalen gelelirt hatte, nun wohl eine 
gesonderte Vertretung in der Fakultät erfordere ; er schlug 
V i r c h w f üi' ein Ordinariat vor, und eigentüch wider 
Erwarten setzten Ministeriiun und König sich rasch über 
alle politischen Bedenken hinweg: im Juni erfolgte die 
endgültige Berufung, zum Oktober die Übersiedlung nach 
Berlin. Seine Bedingungen : Neubau eines pathologischen 
Instituts, eine Krankenabteilung in der Charite, 2000 Taler 
Gehalt waren bewilligt. 

Vielleicht mag man sich wundern, daß Virchow, 
wie dies namentlich ein Brief an seinen Schwiegervater 
zeigt, soviel Neigung besaß, einen solchen Wechsel herbei- 

45 



zuführen. Sein Leben in Würzburg war eigentlich das 
Ideal für einen arbeitsfrohen Gelehrten — wir sahen, 
welcher Popularität er sich dort erfreute, wir wissen, wie 
viel Annehmhchkeiten geselhger und familiärer Art ihm 
dort geboten waren und auch, wie der Naturfreund in der 
reizvollen Umgebung der Stadt und in weiteren Reisen im 
In- und Ausland Erholung und Erfrischung fand. Er muß 
wohl doch das Gefühl gehabt haben, daß seine Kräfte hier 
nicht voll zur «Geltung kamen, daß er seine vielseitige Bega- 
bung in dem größeren Zentrum reicher würde entfalten, nutz- 
bringender für die Allgemeinheit verwerten können. Und 
in der Tat — wer seinen späteren Lebenslauf überbückt, 
kann sich kaum vorstellen, wie der universelle Geist 
Virchows auf die Dauer die Beschränkung auf eine so 
begrenzte Welt hätte ertragen können — ihm hätt« es 
nicht genügt, sich etwa selbst, wie Goethe in seinem 
Weimai-, den Mittelpunkt zu schaffen, von dem aus er nur 
seine Kadien nach außen hin zu erstrecken hätte, immer 
wieder mit der Möghchkeit aber, auf sein engeres Arbeits- 
gebiet sich zurückzuziehen. Er bedurfte der Wirkung auf 
die ^litlebenden — er wollte füi* seine Ideen werben, An- 
regung geben und Anregung empfangen; nur in solchem 
steten Wechselspiel konnte seine Natur sich zu ihrer vollen 
Eigenart entwickeln. Berührung mit weitesten Ki'eisen 
nicht bloß der Fachgenossen, sondern des ganzen Volkes 
war seinem Tatendrange unentbehi'üch; so erklären sich 
seine Bestrebungen in Staat und Gemeinde, in Vereinen 
und Gesellschaften aller Art mitziu-aten und mitzutateu, so 
die weiten Reisen, die der Unermüdüche bis in sein spätestes 
Alter unternahm, um überall neue Fäden zu knüpfen, 
neue Saat zu streuen. Und für alle diese Bemühungen bot 
Berlin ihm den einzig geeigneten Boden imd Ausgangspunkt. 
Er fand bei seiner Rücklcelu- lüerher manches ver- 
ändert. In der Fakultät zwar waren noch einige seiner 
alten Lehi'er tätig. Noch wirkten Johannes Müller 
und neben ihm der Anatom Schlemm; Dieffenbach 

46 



leitete noch die chirurgische, S c h ö ri 1 e i n die medizinische 
KUnik. Von seinen Alters- und Studiengenossen, mit denen 
ihn mancherlei Beziehungen verbanden, waren Traube 
und L e u b u s c h e r, ferner Robert Remak — noch 
inmier Schönleins erklärter Schützling, aber aus kon- 
fessionellen Gründen nicht zur Lehrtätigkeit an der Uni- 
versität zugelassen — in eifriger Arbeit tätig. Aber daneben 
hatte sich auch ein neuer Ki'eis aufstrebender Kräfte ge- 
bildet, geschart um eine der edelsten Erscheinungen des 
damaligen medizinischen Berlin, den dank seinen wissen- 
schaftlichen und praktischen Erfolgen wie seiner bezaubernden 
Persönlichkeit gleichmäßig verehrten und geliebten Al- 
brecht V. Graefe. Fast schien es, als könnte eine 
für das kollegiale Leben der Residenz verhängnisvolle 
Zwiespältigkeit sich ergeben. Neben die Gesellschaft 
für wissenschaftliche Medizin, in der Vi r c h o w 
schon früher eine fülirende Rolle gespielt hatte und die 
den Heimgekehrten nun wieder mit dem Präsidium be- 
traute, wai- der Verein Berliner Ärzte getreten, 
dessen Vorsitz Graefe führte. Zum Glücke gelang es 
den Bemühungen meines Vaters, L. P o s n e r, des Schrift- 
führers im letzteren Verein, und E. Wegscheiders, der 
Virchow nahestand, eine Fusion herbeizuführen: die 
beiden Gesellschaften wurden in eine, die Berliner 
medizinische Gesellschaft, verschmolzen, und 
Virchow zeigte, wie selir es ihm um die Sache und 
nicht um die Person zu tun war, indem er neidlos dem 
jüngeren Graefe den Vorsitz Überheß — im Jalire 1860 
kam die Vereinigung zustande; nach G r a e f e s Tod wurde 
Bernhard v. Langenbeck, erst nach dessen Weg- 
zug von Berlin Virchow deren Vorsitzender. Er hat 
sie dann zur höchsten Blüte emporgeführt — aber schon 
gleich nach der Begründung, da er ihr noch als einfaches 
Mitgüed angehörte, nahm er an ihi'en Arbeiten regen An- 
teil und manche Frucht seiner Forschungen hat er dort 
zuerst der Öffentlichkeit übergeben. 

47 



Zunächst freilich nahmen ihn andere Sorgen in An- 
spruch. Unter den Bedingungen, die er bei der Über- 
nahme der BerUner Professur gestellt hatte, war eine der 
hauptsächlichsten der Bau eines eigenen patholo- 
gischen Institutes — es sollte nicht bloß zur Vor- 
nahme der Leichenöffnungen dienen, sondern ausgiebige 
Gelegenheit zu wissenschaftlichen Forschungen sowie 
Raum zur Aufnahme der Sammlungen bieten. Die Pläne 
wurden, noch während er in Würzburg war, gemeinsam 
mit dem Verwaltungsdirektor der Charite, Esse, der eigens 
dorthin gesandt war, besprochen — es erhob sich auf dem 
Platze, wo früher das Leichenschauhaus gestanden hatte. 
Für die damalige Zeit schien dieser Bau, der erst um die 
Jahrhundertwende dem jetzigen, großartigen Institut ge- 
wichen ist, fast verschwenderisch ausgestattet; Ernst 
H a e c k e 1 durfte einmal, als er in einer literarischen Fehde 
mit Vi r c h w dessen Leistungen in seiner ersten Berliner 
und in der Würzbui'ger Zeit denjenigen gegenüberstellte, 
die aus dem neuen Hause hervorgegangen waren, die bissige 
Bemerkung sich erlauben, daß der Fortschritt derV»^issen- 
schaft im umgekehrten Verhältnisse zui' Einriebt img der 
Ai-beitsstätte zu stehen schiene. Uns, die wu gesehen 
haben, mit wie engen Räumen der Meister sich dort be- 
helfen mußte, wie der Hörsaal nicht entfernt ausreichte, 
die Monge der Studierenden zu fassen, wie fast alle Vor- 
kehrungen zur Demonstration fehlten, wie die erste Saumi- 
lung der Welt unübersichtlich und zusammengedrängt auf- 
gestellt war, will es im Gegensatz hiezu fast unbegreifüch 
erscheinen, daß dieser Bau fast ein halbes Jaluhimdert 
hindurch den geistigen Mittelpunkt der pathologischen For- 
schungen in Deutschland bilden konnte ! 

Virchow selber war mit dem Institut in der Ge- 
stalt, wie er es übernahm, nie recht zufrieden gewesen. 
Der rasch fertig gestellte Neubau hatte nie seinen Wün- 
schen völlig entsprochen — die definitiven Baupläne wai'en 
ihm gar lücht vorgelegt worden. Aber er hatte eines 

48 



wenigstens erreicht: seine Anstalt war nicht mehr bloß 
das Leichenhaus der Charite, es war ein eigenes Univer- 
sitätsinstitut, welches er mit vollem Bedacht nicht als „patho- 
logisch-anatomisch", sondern als „pathologisch" be- 
zeichnete — dies sollte bedeuten, daß es, allei'Üings in 
Verbindung mit dem großen Krankenhaus, „für die prak- 
tischen Arbeiten in der theoretischen Medizin" eingerichtet 
werden müsse. „Anatomisch und histologisch, chemisch und 
experimentell sollten", so schrieb er selbst, „alle wichtigen 
Tatsachen, soweit sie nicht an die unmittelbare klinische 
Wahrnehmung geknüpft sind, nicht melu* bloß dem Zu- 
hörer, sondern dem Zuschauer, ja dem Beobachter vor 
Augen geführt werden." Und in dieser Zusammenfassung 
ist Virchows Institut denn auch, trotz der räumlichen 
Beschränkung, die auch durch mehrfache Um- und Er- 
weiterungsbauten nicht behoben werden konnte, doch vor- 
bildlich für alle ähnlichen Anlagen geworden. Freilich 
machte der Fortschritt der Untersuchungsmethoden, insbe- 
sondere der Ausbau der Bakteriologie, bald genug die Not- 
wendigkeit wesentlicher Veränderungen klar; Baufälligkeit, 
Feuersgefahi- bedrohten das Gebäude und seinen kostbaren 
Inhalt, und allmählich reifte dann der Plan emer gründlichen 
Umgestaltung: es sollten mehrere getrennte, aber durch 
gedeckte Gänge verbundene Gebäude hergestellt werden, 
in welchen außer Geschäftsräumen und Bibliothek folgende 
Abteilungen unterzubringen seien: I. Anatomische Abteilung; 
IL Mikroskopische Abteilung; III. Experimentell-biologische 
Abteilung; IV. Chemische Abteilung; V. Unterrichtsabtei- 
lung; VI. Bakteriologische Abteilung; VII. Sammlung. 
Virchow hat die Vollendung dieser Bauten nicht mehr 
erlebt — erst seinem Nachfolger Orth, dem wir eine 
eingehende Geschichte dieser wahrlich historisch denk- 
würdigen Anstalt verdanken — war es vergönnt, die groß- 
artigen Neubauten in Benützung zu nehmen. Nur das 
Museumsgebäude konnte Virchow noch am 27. Juni 
1899 einweihen und an seinem 80. Geburtstage in unver- 

4 Posner, Yiiehow ^a 



geßlich eindrucksvoller Feier einem großen Kreis in- und 
ausländischer Gelehrten zeigen und erklären. Dieses Mu- 
seum war eine seiner Lieblingsschöpfungen, reich nicht 
bloß an interessanten Präparaten, sondern gleichzeitig ein 
ergi-eifendes Zeugnis für die liebevolle Sorgfalt, mit der 
Virchow sich den minutiösesten Dingen widmete: kein 
Glas, das er nicht selbst etikettiert und mit eigenhändiger 
Anschrift versehen hätte! Wer heute die wohlgeordnete, 
in hellen Räumen übersichtlich aufgestellte Sammlung 
durchsclireitet, mag sich immer wieder dankbar der Mühe- 
waltung erinnern, durch die sie -wirklich zu einem Monu- 
mentum aere perennius geworden ist! 

Neben die Sorgen um die Einrichtung und die Aus- 
gestaltung des Instituts — Virchow hatte ursprünglich 
nur einen Assistenten (Felix Hopp e-S e y 1 e r), erst vom 
Jahre 1857 einen zweiten (Grohe), bis schließlich deren 
Zahl auf 9 stieg — trat gleich nach seiner Übersiedlung 
nach Berlin noch der Wunsch, nicht bloß den Studierenden, 
sondern auch der Ärzteschaft Berlins einen zusammen- 
hängenden Einblick in seine neuen Forschungsergebnisse 
zu verschaffen. Aus diesem Bestreben gingen die schon 
erwähnten Vorlesungen über die Z e 1 1 u 1 a r p a t h o 1 o g i e 
hervor, die er im Jahre 1858 abhielt. Und ebenso ver- 
danken wir ihm das zweite große Werk ,J)ie krank- 
haften Geschwülste" — die Niedersclu-if t einer Serie 
von 30 Vorträgen, die Virchow mi Winter 1862-63 ge- 
halten hat; ihre Veröffenthchimg zog sich freilich länger 
hin, als er erwartet hatte, der zweite Band erschien erst 
1865, und vom dritten Bande kam noch später nur die erste 
Hälfte heraus — die Schlußvorlesungen sind überhaupt 
nicht dem Druck übergeben worden. 

Was für die Zellularpathologie gilt, trifft auch für 
das Geschwulstwerk zu — es handelt sich hier nicht so 
sehi- um Mitteilung neuer Tatsachen, wie um eine Zu- 
sammenfassung älterer Ergebnisse unter einem gemein- 
samen Gesichtspunkt. Charakteristisch genug sagt Vi r c h o w 

50 



selbst in der Vorrede zum ersten Bande, daß bei Beginn des 
Wintersemesters die Aussichten für ihn, eine größere 
wissenschaftliche Arbeit bis zur Vollendung durchführen 
zu können, selir gering waren — die Hindernisse lagen 
darin, daß er um eben jene Zeit wieder in das politi- 
sche Leben eintrat und sein Amt als Abgeordneter zu 
erfüllen hatte; nicht ohne Stolz betont er, daß, wie aus 
den Daten der Vorlesungen zu ersehen, er auch an solchen 
Tagen, an welchen wichtige parlamentarische Verhand- 
lungen stattfanden, doch seiner Pflicht als Lehrer nach- 
gekommen ist. Wenn er nun die Darstellung der Lehre 
von den krankhaften Geschwülsten als eine Aufgabe be- 
zeiclinet, welche keine „besonderen Vorkehrungen und Muße- 
stunden" erforderte, so darf man wohl umso mehr die ab- 
solute Meisterschaft bewundern, mit welcher er das ge- 
waltige Tatsachenmaterial beherrschte — nicht bloß, soweit 
seine eigene Arbeiten in Betracht kamen, sondern auch 
historisch-literarisch. Das monumentale Werk bedeutete 
einen ersten Versuch, Ordnung in das Chaos alles dessen 
zu bringen, was unter dem Namen „Geschwulst" begriffen 
wurde. Sein Ausgangspunkt ist der gleiche wie der der 
Zellularpathologie: das genetische Prinzip, ausge- 
drückt in dem Satz .,Omnis cellula a cellula" liegt auch 
hier zugrunde, und damit war denn allen Auffassungen, 
die etwa die Timioren als körperfremde, parasitäre Wesen 
erklärten, ein Ende gemacht. Nach diesem Prinzip ent- 
stammen also die Geschwülste den Gewebszellen des Or- 
ganismus selbst — sie ahmen in ihrer Zusanmaensetzung 
entweder diese Gewebe nach (sind „histioid") oder auch 
ganze Organe („organoid"); die Gesetze des Körpers be- 
herrschen auch die Geschwulst, sein T>t)us ist auch maß- 
gebend für ihren T\^pus; entwickeln sie sich an Stellen, 
welche ihre Gewebe auch normalerweise enthalten, so sind 
sie „homolog" — andernfalls „heterolog". Dies alles sind 
Grundsätze, die maßgebend geblieben sind, wie verschieden 
auch seither die weiteren, hieran sich knüpfenden Fragen 

** 51 



beantwortet wurden. Diese Fragen freilich erscheinen 11113 
jetzt von besonderer Wichtigkeit: Was ist die Ursache der 
Geschwulstbildung, woher stammt der klinische Unter- 
schied, den wir mit den Worten „gutartig" und „bösartig'" 
zu bezeichnen pflegen? Virchow hat in unvergleich- 
licher Klarheit und Schärfe die morphologischen Vorgänge 
aufgedeckt und namentlich an der von ihm begründeten 
Gruppe der Sarkome in erschöpfender Weise den Ursprung 
aus Bindegewebszellen dargetan. Freiüch huldigte er selbst 
noch einer Auffassung, die wir heute nicht mehr teilen: 
er räumte den Zellen noch eine große Wandlungsfähigkeit 
ein und nahm besonders für den Krebs, den wir jetzt — 
wesentlich nach Waldeyers und Thierschs Vorgang 

— lediglich aus den epithelialen Bedeckungen der Haut 
und der Schleimhäute ableiten, an, daß auch lüer ein Ur- 
sprung aus umgewandelten Bindegewebszellen stattfinde — 
eine „Metaplasie", wie er es nannte, — im Gegensatz zu den 
Forderungen der strengen Keimblättertheorie. Es ist wohl 
kein Zufall, daß gerade die den Krebs betreffenden Vor- 
lesungen schließlich ungedruckt geblieben sind — er hat 
jene Vorstellung bis zuletzt verteidigt und noch 1900 aus- 
gesprochen, daß es ohne sie keine Form organischer Ent- 
wicklung in zusammengesetzten Organismen gebe. Die 
Ursache für solche Gewebswucherungen aber suchte er 
in einem formativen „Reiz" — und hier drängen sich 
eben die erwähnten Fragen auf: Was für ein Reiz kami 
die I<.örperzellen zu einer so exzessiven Tätigkeit veran- 
lassen? Die verschiedenartigsten Antworten sind versucht 

— keine hat bisher voll befriedigt. Ist es einfach ein Traiuna, 
welches, mindestens wenn es prädisponierte Stellen betrifft, 
solche Wirkungen erzielt? Handelt es sich, wie Cohn- 
h e i m wollte, um versprengte, am unrichtigen Ort liegende 
Reste embryonaler Gewebe, die nun plötzlich zu wuchern 
anfangen? Ist, mindestens beim Krebs, etwa ein Parasit 
die Veranlassung, ndt anderen Worten, ist die Krebski-ank- 
heit. eine Annahme, für die sich z. B. L e y d e n einsetzte, 

52 



eine Infektionskrankheit ? Stellt gar, nach Adamkiew icz, 
die Krebszelle selbst diesen Parasiten dai* ? Bekennen wir 
ruhig, daß über alle diese Fragen die Akten noch nicht 
geschlossen sind. Nur das Eine ist sicher, daß es keine 
einheitliche Ursache gibt und daß jede der erwähnten Hypo- 
thesen hie oder da zutreffen mag. Wii* kennen sicher 
Tumoren, welche durch ein Trauma ausgelöst werden ; 
wii- kennen solche, die auf embrj^onale Keime zurückgeführt 
werden müssen, wir sind auch bereit, eine Ansteckungs- 
fähigkeit gewisser Krebsformen zuzugestehen — aber die 
endgültige Lösung der ätiologischen Rätsel steht für die 
meisten Formen noch aus — und nur die Entdeckungen 
B V e r i s, der in den Geschwulstzellen Unregelmäßigkeiten 
im inneren Aufbau, insbesondere in der Chromosomen- 
anzahl nachgewiesen hat, verheißen hier, wie dies jüngst 
Fritz Levy darlegte, weitere Fortschritte. 

Faßt man allerdings den Begriff „Geschwulst" so weit, 
wie Y i r c h w es getan hat, so hat die neuere Forschung 
doch mancherlei Klarheit geschaffen. Dies gilt in erster 
Linie für den Tuberkel. Viele Mühe und Arbeit hat 
Virchow darauf verwandt, klarzustellen, was man 
hieiimter zu verstehen habe. Er trennte das Tuberkelknöt- 
chen als Bindegewebsneubildung scharf von den destruk- 
tiven „käsigen" Veränderungen, welche z. B. in der Lunge 
das anatomische Bild der „Schwindsucht" bedingen — 
letztere können auf ganz anderem Wege, etwa durch Zer- 
fall und Eindickung von Eiter entstehen, brauchen also 
nicht tuberkulös zu sein — Tuberkulose wird niu' ange- 
nonmien, wo wirklich primär jene feinsten Knötchen nach- 
weisbar sind. Dieser Dualismus hat sich nicht aufrecht 
halten lassen, seit Robert Koch das eigentliche Krite- 
rium der Tuberkulose, den nach ihm benannten Bazillus, 
aufgefunden hat. Uns interessiert hier daran wesentlich 
der Umstand, daß in diesem Bazillus (oder in den von 
ihm erzeugten Giftstoffen) in der Tat der Reizkörper ge- 
geben ist, der die Gewebe zu der das Tuberkelknötchen 

53 



bezeichneten Neubildung anregt. Hier haben wir den greif- 
baren Faktor — die conditio sine qua non. Welche kon- 
stitutionellen Eigenschaften, welche Prädisposition not- 
wendig ist, damit sich dann weiter die Tuberkulose, also 
die eigentliche Erkrankung, entwickelt, kann dabei hier 
außer Betracht bleiben. Nur sei auch hier betont, daß mit 
dieser Zurückführung der Tuberkulose auf einen belebten 
Infektionserreger keine prinzipielle Erschütterung der 
Zellularpathologie verbunden ist. Virchow selbst hat ja 
stets auf die Beziehungen des Reizes zur Zelle, auf Irritatio 
und Reactio hmgewiesen — sie bildet geradezu ein Kern- 
stück seiner Lehre. Und wenn im ersten Übereifer der 
bakteriologischen Ära der Befund der Krankheitserreger 
ohne weiteres der Kränkelt selbst gleichgesetzt wurde, so 
wissen wir heute, daß es eben in diesem Kampf der Zelle 
mit ihren Feinden ganz darauf ankommt, wer den Sieg 
davonträgt — um bei diesem Beispiel za bleiben, daß 
jemand, der mit Tuberkelbazillen infiziert ist, deswegen 
durchaus noch nicht schwindsüchtig zu werden braucht. 

Auch noch von anderen Geschwulstformen haben wir 
die parasitäre Herkunft kennen gelernt, so von der 
Lepra, dem Aussatz, durch Armauer-Hansen, von der 
syphilitischen Gummigeschwulst, die nur unter dem Ein- 
flüsse der Schaudinn-Hoffman nschen Spirochaete 
pallida sich bildet. Walu*scheinUch wird sich die Zahl 
solcher Neubildungen noch vermehren; vorläufig ergibt 
sich, daß wir eben für die Geschwülste keine einheitliche 
Ätiologie anzunehmen haben, sondern daß vielerlei Mög- 
lichkeiten vorliegen, daß jeder Einzelfall für sich betrachtet 
werden muß, und diese Forderung entspricht wieder dem 
von Virchow stets vertretenen Grundsätzen naturwissen- 
schaftlicher Methodik. 

Daß neben diesen großen, zusammenfassenden Werken 
auch die Kleinarbeit nicht ruhte, bedarf kaimi besonderer 
Betonung. Immer neue Beobachtungen an dem großen 
Material des Charite - Krankenhauses werden gesammelt 

5d 



und durch Demonstrationen in der Medizinischen Gesell- 
schaft vorgeführt. Insbesondere aber fallen in die erwähnte 
Zeit, Endo der Fünfziger und Anfang der Sechzigerjahre, 
die berühmten Untersuchungen über die Trichinen- 
krankheit, in denen er, gleichzeitig mit Leuckart und 
unabhängig von ihm, die Entwicklung der Darmtrichine und 
ihr Schicksal im Zwischenwirt, dem Schwein, durch seine 
Fütterungsexperimente aufklärte. Hiemit, insbesondere 
aber durch seine hieran geknüpften Vorschriften über die 
Fleischbeschau, griff er dann wieder in wichtige Fragen 
des öffentlichen Gesundheitswesens fördernd ein, und ihm 
in erster Linie ist es zu danken, wenn diese verderbliche 
Krankheit fast gänzlich ausgerottet werden konnte. 

Und ebenso ging der eigentliche Lehrbetrieb seinen 
geregelten Gang. Jahrelang hat Virchow selbst sein Amt 
als Prosektor ausgeübt, erst später überließ er die Aus- 
führung der Sektionen seinen anatomischen Assistenten, 
und heute ist die Arbeitsteilung — auf Orths Antrag 
— so geregelt, daß der Direktor des Institutes nur die 
allgemeine Oberleitung führt, während unter ihm ein be- 
sonderer Prosektor tätig ist. Als bleibender Gewinn von 
Virchows Amtsführung aber ist die von ihm aus- 
gearbeitete Sektions technik gleichsam der Kanon ge- 
worden, nach welchem überall — besondere gerichtliche 
Fälle ausgenommen — die Leichenöffnungen ausgeführt 
werden. 

vn. 

In Parlament und Gemeindeverwaltung 

Um das Jahr 1860 tritt eine neue Epoche im Lebensgange 
Virchows ein — er wendet sich, nach so langer Pause, 
■wieder der Politik, der staatlichen wie der kommunalen zu. 

Als er am Abend seines Lebens in den Dankworten, 
die er nach der Feier seines achtzigsten Geburtstages an 
seine Freunde richtete, gewissermaßen das Fazit seiner 

55 



gesamten Tätigkeit zog, bezeichnete er selbst als „ent- 
scheidendes Ereignis" jene Entsendung nach Oberschlesien 
im Jahre 1848, die ihn ganz unmittelbar zur Beschäftigung 
mit den großen, sozialen Problemen geführt hatte. Ein 
ähnlich greifbares Motiv lag 1860 nicht vor, — es war wohl 
mehr die gesamte, ungeklärte Lage in Preußen und 
Deutschland, die bei dem Regierungsantritt König 
Wilhelms die Geister erregte. Sicher kommen als 
treibende Kräfte auch die neu aufgenommenen Be- 
ziehungen zu den Freunden aus den Märztagen in 
Betracht; mindestens wissen wir, daß ein Kampfgefährte 
von damals, der Arzt Dr. S. Neu mann, zuerst im Jahre 
1859 V i r c h o w als Kandidaten für die Stadtverordneten- 
versammlung in der ni. Wählerklasse des 7. Kommunal - 
Wahlkreises in Vorschlag brachte. V i r c h o w selbst hatte 
keine Ahnung davon, er war nicht einmal in Berlin an- 
wesend; seine Wahl geschah aber mit großer Majorität, und 
sein Wahlkreis ist ihm immer weiter treu geblieben. 

In das Abgeordnetenhaus trat er im Jahre 1862 für 
den Wahlkreis Saarbrücken. Schon hatte damals die von der 
Regierung geplante, von der Mehrheit der Kammer gemiß- 
bilhgte Reform der Heeresorganisation zu mühsam durch 
Kompromisse verschleierten Kontlikten gefülirt; im 
Sommer 1861 war die Deutsche Fortschritts- 
partei gegründet worden, und die Wahlen vom 6. De- 
zember hatten ihr einen vollen Erfolg gebracht. Obwolü 
sie an die Spitze ihres Programms die Worte gestellt hatte: 
„Treue für den König und Festhalten an der Verfassimg'', 
wurde doch seitens der Regierung stets die Meinung ver- 
treten, daß es sich hier um eine demokratische oder gar 
verkappt-republikanische Bewegung handle, das Schlagwort 
„Königliches Heer oder Parlamentsheer?' 
kehi't immer wieder. V i r c h o w, der mit Schulze- 
D e 1 i t z s c h, F o r c k e n b e c k, F r a n z D u n c k e r, 
M o m m s e n u. a. zu den Begründern der Partei gehörte, 
nahm zum ersten Male am 14. Februar 1862 das Wort. 

56 



Die kurhessische Frage stand zur Beratung, und mit aller 
Energie betonte er die Notwendigkeit, daß durch Preußen 
die rechtlichen und verfassungsmäßigen Zustände wieder- 
hergestellt werden müßten. Am folgenden Tag verteidigte 
er sich mit Lebhaftigkeit gegen den Vorwurf einer 
Gegnerschaft gegen das Königtum: Weit entfernt, das 
preußische Königshaus zai erschüttern oder zu erniedrigen 
hoffe er vielmehr, die von ihm empfohlene Politik würde 
dies Haus mit neuem Glanz umgeben, ihm die höchsten 
Ehren unserer Nation zuführen. Dieser Grundgedanke, 
zieht sich durch seine und seiner Freunde Reden in dieser 
Session nicht bloß, sondern man kann sagen während der 
ganzen Konfliktsperiode; „verfassungsmäßiges Königtum, 
verfassungstreues Abgeordnetenhaus", so di'ückte es der 
Präsident G r a b o w aus. V i r c h o w selbst kam immer 
wieder darauf zurück: mit dem Eide auf die Verfassung 
seien alle etwaigen, auf deren Umsturz im demokratischen 
Sinne abzielenden Tendenzen abgeschlossen; anderseits aber, 
müsse das Königtum sich auf den Willen des Landes 
stütz;en, denn, wie er am IL März 1863 sagte, gerade 
hiedurch würde es die Quellen der Revolution abgraben. 
Man weiß, wie der Verfassungskonflikt sich weiter 
entwickelt hat, und wie sich, namentlich als Bismarck 
das Ministerpräsidium übernahm und ihm nach Ausscheiden 
der letzten Minister aus der Zeit der „neuen Ära" nur 
ultrakonservative Mitglieder des Kabinetts zur Seite standen 
(er selbst entwirft von ihnen, mit Ausnahme von 
A 1 b r e c h t v. R o o n, gerade keine selu* schmeichelhaften 
Schilderungen), die Heftigkeit des Kampfes stetig stei- 
gerte; die einzelnen persönlichen Kontroversen, die 3a 
sogar zur Duellforderung von selten des Ministerpräsidenten 
führten, können hier füglich außer Betracht bleiben. Man 
weiß auch, daß V i r c h o w mit einer kleinen Zahl seiner 
nächsten Freunde, als die überlegene, auf ihren verschlunge- 
nen Pfaden aber schwer zu überschauende Bismarck sehe 
Politik nach der Niederwerfung Österreichs und der Be- 

57 



gründung des Norddeutschen Bundes auf der ganzen 
Linie triumphiert hatte, der Krone die erbetene Indemnität 
für die Zeit des budgetlosen Regiments schüeßUch 
weigerte — er erkannte zwar (am 7. Mai 1867) an, daß 
Bismarc k „ein wirklicher Mann sei, daß er mit Mann- 
haftigkeit die Situation auszunützen sich bemüht habe" 
— aber er hielt doch fest an Garantien für den weiteren 
verfassungsmäßigen Ausbau Deutschlands, nicht bloß 
eines norddeutschen Bundes, sondern mit Anschluß des 
Südens und auch der deutschen Teile Österreichs; er be- 
tonte insbesondere, daß eine Ruhe der auswärtigen Ver- 
hältnisse erst eintreten würde, wenn die Völker selbst an 
der Entscheidung ihrer Geschicke einen bestimmenden 
Anteil haben. Heute, wo nach einer kurzen Periode höchsten 
Glanzes unser Vaterland schwerer als je daniederliegt, 
wird man geneigt sein, objektiver und unparteiischer über 
alle diese gegensätzlichen Meinungsäußerungen zu urteilen 
und auch seine idealistische Auffassung des sogenannten 
Kulturkampfes aus seiner gesamten Lebensanschauung zu 
erklären. Als später, im Jahre 1882, auf diese ganze 
Vergangenheit die Rede kam, nahm er immer wieder 
für sich und seine Partei die nationale Gesinnung in 
Anspruch — „derjenige, der klüger ist und sein Ziel 
erreicht, während der andere weniger klug ist und es 
nicht erreicht, hat doch nicht das Recht, den anderen seines 
guten Willens wegen zu schmähen und an den Pranger 
zu stellen, gleichsam, als wenn er außerhalb des ver- 
fassungsmäßigen Rechtes des Landes stünde". Und füi' 
seinen Patriotismus hatte er ja in der Tat, als er 1866 den 
Berliner Hilfsverein für die Armee im Felde ins Leben rief, 
als er 1870 die Sanitätszüge nach dem französischen 
Kriegsschauplatz organisierte, sehr sprechende, praktische 
Beweise geliefert ! 

Jedenfalls geht diu-ch seine gesamte politische 
Tätigkeit ein Grundzug: Cberzeugungstreue und Charakter- 
festigkeit. Es war vielleicht nicht so schwer, für seine 

58 



Meinung zu kämpfen, während die allgemeine Stimmung 
des Volkes ihn trug und ihm eine ungeheure Po- 
pularität verschaffte, wie nachher, wo er sich davon 
überzeugen mußte, daß selbst alte Kampfgefährten, wie 
T w e s t e n, G n e i s t, v. S y b e 1 u. a., ihn und seine Partei 
verließen und sich der siegreichen Regierung anschlössen. 

Aber mit dem eigentlichen politischen Kampf, der 
gewiß nicht außer acht gelassen werden darf, wenn man 
Virchow ganz verstehen will, war doch seine Aufgabe 
als Abgeordneter keineswegs erschöpft. Seine bis zur 
Pedanterie getriebene Gewissenhaftigkeit machte ihn von 
vornherein zu einem der eifrigsten Arbeiter, insbesondere 
auf dem Gebiete des Rechnungswesens; gleich zu Anfang 
wurde ihm das schwierige Amt eines Referenten der 
Budgetkommission anvertraut. Dann aber brachte er seine 
medizinisch-naturwissenschaftlichen Kenntnisse auch hier 
zur Verwertung: schon während der ersten Legislatur- 
periode, 1861, trat er zugunsten des deutschen Turnwesens 
gegen den Minister v. Mühler ein; Vogelschutz, Ver- 
besserung der Forstwirtschaft, Anlage von Eichenschäl- 
wäldern, Hebung der Fischzucht — immer ist er bemüht, 
„naturwissenschaftliche Erfahrungen zur Grundlage der 
Gesetzgebimg zu machen". Immer zeigt sich, die vielen 
Jahre seiner Wirksamkeit als Abgeordneter hindurch, der 
gleiche Zug, der ihn uns so verehrungswürdig macht: bei 
aller aufopfernden Hingabe an das große Ganze die Berück- 
sichtigung auch kleinster Einzelheiten, wenn aus ihnen 
ein Nutzen für das Volkswohl zu erwarten war. 

In einem Punkte freiUch hat Virchows parlamen- 
tarischer Einfluß auch bei seinen Parteifreunden manchen 
Widerspruch erfahren: als es sich, nach Begründung des 
Norddeutschen Bundes, um die Einführung einer Gewerbe- 
ordnung handelte, trat Virchow zuerst 1868 im preußi- 
schen Abgeordnetenhaus dafür ein, daß auch die Ärzte 
ihr unterstellt werden sollten. Damit wurde die Kurier- 
freiheit proklamiert, das Pfuschereiverbot aufgehoben. Es 

59 



war besonders der bekannte § 200, der für Ärzte den 
Kurierzwang anordnete, gegen den sich diese Agitation 
richtete. B. F r ä n k e 1, der als treibende Kraft bezeichnet 
werden darf, wurde nicht müde, gegen diesen anzukämpfen. 
Die Berliner Medizinische Gesellschaft beschloß am 
31. März 1869 — übrigens einstimmig! — die bekannte 
Petition, in welcher die erwähnten Maßnahmen, unter Bei- 
behaltung eines Schutzes für den Ärztetitel, gefordert 
wurden; es ist dabei beachtenswert, daß auch Männer wie 
Graefe, Langenbeck, F. Körte dafür eintraten, daß 
zahlreiche ärztliche Vereine in Preußen sich anschlössen 
und daß im norddeutschen Reichstag besonders Dr. Loewe 
diese Grundsätze verfocht, die ja auch dem liberalen 
Kanon insofern gerecht wurden, als nunmehr dem Publikum 
volle Freiheit in der Auswahl der Heilenden gesichert 
wurde. Die Regierung, insbesondere Delbrück, verhielt 
sich anfangs mindestens zweifelhaft, nahm aber schließ- 
Uch das Votum des Parlaments an. Die Reaktion ließ aber 
nicht lange auf sich warten; bald zeigte sich eine uner- 
wartet große Zunahme der Pfuscher im Deutscheu Reich, 
eine steigende Not des mangelhaft geschützten Ärztestandes. 
Der Deutsche Ärztevereinsbund beschloß in wiederholten 
Tagungen, unter Führung von G r a e f und L e n t, eine 
neue Ärzteordnung zu verlangen, nach welcher die Ärzte 
prinzipiell — ebenso wie etwa die Anwälte — aus der 
Gewerbeordnung ausscheiden würden, und wenn heute 
die gleiche Frage vor das Forum der medizinischen Ge- 
sellschaften gebracht würde, so würde die Abstimmung 
schwerhch in gleicher Weise wie 1869 ausfallen! 

Unumstrittener und von größeren praktischen Erfolgen 
gekrönt waren V i r c h o w s Bemühungen in seiner k o m m u- 
nalen Tätigkeit. Eben in die Stadtverwaltung einge- 
treten — sein alter Freund, Paul Langerhans, be- 
zeugt dies — erlangt er dort den größten Einfluß, und 
kaum aufzuzählen sind die hygienischen Verbesserungen, 
die Berlin ihm verdankt. Als erste Tat ist zu verzeichnen 

60 



die Umwandlung der Armenschulen in Volksschulen, die 
einherging mit einer Verbesserung der schulhygienischen 
Verhältnisse — sogar der fruchtbare Gedanke besonderer 
Schulärzte taucht bei V i r c h o w zuerst auf. Nicht minder 
aber nimmt ihn die Fürsorge für die Kranken in Anspruch 
Seiner Initiative ist (1866) die Errichtung der städtischen 
Choleralazarette zu danken; er führte die Oberleitung, eines 
der Lazarette hatte Albrecht v. Graefe übernommen und 
unter seinen Assistenten befand sich, von V i r c h o w dazu 
aufgefordert, unter anderen Julius Hirschberg, der 
durch diese Verbindung dann Assistent G r a e f e s und 
selbst ein Meister der Ophthalmologie wurde. Das Kranken, 
haus Moabit wurde von Virchow als Epidemielazarett 
nach dem Barackensystem eingerichtet, als 1872 eine 
Pockenepidemie drohte, das Eo-ankenhaus am Friedricliliain 
verdankt ihm ebenfalls seine mustergiltige Ausgestaltung; 
ebenso erkannte er zuerst die Notwendigkeit eines be- 
sonderen Kinderkrankenhauses — in den Achtziger- Jahren 
rief er gemeinsam mit A. Baginsky ein Komitee zur 
Errichtung eines solchen ins Leben; es gelang ihm, den 
damahgen Kronprinzen Friedrich Wilhelm und 
seine Gemahün zur Übernahme des Protektorats zu be- 
wegen, die Stadt gab das Terrain her und 1890 konnte 
das „Kaiser und Kaiserin Fried rieh- Kinde r- 
krankenhau s", zunächst als private Institution, eröffnet 
werden, später ging es dann in städtische Verwaltung 
über. So war es denn wahrlich gerechtfertigt, daß die Stadt 
Berlin in dankbarer Anerkennung seiner Verdienste ilu*e 
letzte Schöpf img auf diesem Gebiete, das Rudolf 
Virchow-Kran kenhaus, nach ihrem Ehrenbürger 
benannte imd ihm somit ein dauerndes Denkmal setzte. 
Aber alle diese Leistungen, denen sich noch zatüreiche 
andere, wie z. B. Virchows Mitwirkung bei der Er- 
richtung von Heimstätten für Genesende, von Asylen, 
Markthallen, gärtnerischen Anlagen zur Seite stellen ließen, 
werden in Schatten gestellt durch das große Werk, welches 

61 



allein genügen würde, seinen Ruhm als praktischer 
Hygieniker zu begründen : die Reinigung und Ka- 
nalisation von Berhn. 

Die verhältnismäßig hohe Sterblichkeit der Hauptstadt, 
insbesondere die hohe Zahl der Opfer, welche die Cholera 
im Jahre 1861 gefordert hatte (nicht weniger als 18.806 
Menschen waren verstorben), der jährliche Durchsclmitt 
von 450 Typhustodesfällen hatten die Aufmerksamkeit 
schon längst darauf hingelenkt, daß hier bestimmte Schäd- 
lichkeiten vorliegen müßten. Man dachte insbesondere an 
eine Verbreitung der Infektionsstoffe durch die Brunnen 
und die Luft ; die ersteren schienen gefährdet, da ihr 
Wasser leicht mit dem Inhalt der Latrinen in Berührung 
kommen konnte — auf die Luft war man vorwiegend 
durch die üblen Gerüche gekommen, die damals die tiefen 
Rinnsteine der Stadt verbreiteten — genaue Nachweise über 
die Art der Infektionen waren freilich damals nicht zu 
erbringen, da ja die Methoden der Untersuchung, die 
wesentlich an Robert Kochs Namen anknüpfen, noch 
unbekannt waren. Mit Recht hob aber Virchow gleich 
zu Anfang seiner Beschäftigung mit diesen Fragen hervor, 
daß Stinkstoffe mit den Infektionsstoffen keineswegs 
identisch zu sein brauchten, ja, wahrscheinlich keine große 
Rolle spielten. Er formulierte die Frage von vornherein 
richtig : zwei Dinge sind zu unterscheiden, einmal, welches 
System der Fäkalie nbeseitigung am besten die 
Isolierung der Abfallstoffe garantiere — dann aber, wo- 
hin diese zu befördern seien, ohne daß sie Schaden 
stiften können. In ersterer Hinsicht erklärte er im allgemeinen 
das Tonnensystem für besser als das der Senkgruben, eine an 
Wasserklosetts angeschlossene KanaUsation für besser als 
die Abfuhr in Tonnen ; in letzterer erkannte er, daß eine 
Ableitung in den unteren Flußlauf der Spree (wie Ober- 
baurat Wiche ursprünglich vorgeschlagen hatte) gefälirlich 
sei, und erklärte die Anlage von Rieselfeldern für richtiger. 
Leitender Gesichtspunkt war, daß die hygienischen Inter- 

62 



essen über den Geldinteressen stehen müßten, wobei 
natürlich auch zu bedenken war, daß die Erhaltung von 
Menschenleben, auch rein wirtschaftlich betrachtet, sich 
rentiere ! Als es nun an die praktische Frage ging, was 
für eine Anlage in Berlin auszuführen sei, zeigte sich 
wieder sein unbefangenes, kritisches Urteil. Mit unermüd- 
lichem Eifer verfolgte er die vorliegenden Erfahrungen im 
In- und Auslande — besonders in England und in Paris 
— und stellte selbst zahllose Untersuchungen an, und, weit 
entfernt von aller theoretischen Einseitigkeit, hielt er z. B. 
für tunlich, daß man für kleinere Städte ein Abfuhrsystem, 
für große die Schwemmkanalisation durchführe ; überall 
seien die speziellen Verhältnisse zu berücksichtigen, ein 
alleingültiges System existiere nicht, — ja, er war nicht ab- 
geneigt, auch für Berlin zuerst Versuche mit beiden 
Methoden zuzulassen. Nach langen Studien indes erschien 
ihm hier die Kanalisation als das gegebene System; ge- 
meinsam mit Wiebe wurde ein großzügiger Plan ausge- 
arbeitet, an dessen praktischer Ausführung dann Baurat 
Hobrecht rühmlichen Anteil nahm. Im Laufe einer 
Reilie von Jahren wurden die verschiedenen Stadtteile 
dieser umwälzenden Neuerung teilhaftig, städtische Riesel- 
güter angelegt, die, wie Virchow in seinem berühmten 
Generalbericht sich ausdrückte, eine Versöhnung der 
sanitären und der landwirtschaftlichen Forderungen er- 
möglichten, da bei ihnen die wertvollen Düngprodukte nutz- 
bar gemacht wurden — auch der Einwand, daß sie die 
Umgegend verpesten würden, wurde durch die Praxis 
widerlegt, da unser Alluvialboden ein rasches und voll- 
kommenes Versinken ermöglicht. Alle Widersprüche und 
Zweifel mußten schließlich verstummen und ein gewaltiges 
Assanierungswerk wurde vollendet, Berlin zu einer der 
gesündesten und saubersten Städte des Kontinents ge- 
macht. Virchow selbst behielt sich die dauernde Über- 
wachung und Oberaufsicht vor — mit Stolz aber diu-fte er 
auf diese gewaltigen Leistungen zurückblicken, die, wie 

63 



F. H u e p p e rühmte, allein genügen würden, ein Menschen- 
leben mit reichem Inhalt zu erfüllen und ihm den dauernden 
Dank seiner Mitbürger und Zeitgenossen zu sichern ! 

vin. 

Anthropologie, Ethnologie, Urgeschichte 

Der Ausdruck „Anthropologie" taucht schon früh- 
zeitig bei V i r c h o w auf — freilich in viel umfassenderem 
Sinne, als ihn der Sprachgebrauch bis dahin angewandt 
hatte. In seiner Skizze „Der Mensch", die er 1848 nieder- 
schrieb, heißt es vom Humanismus: er sei die wissen- 
schaftliche Selbsterkenntnis, hervorgegangen aus der Mannig- 
faltigkeit der Beziehungen der einzelnen denkenden Men- 
schen zu der immer wechselnden Außenwelt — „seine 
Basis ist die Naturwissenschaft, sein eigentlicher Ausdruck 
die Anthropologie"; er versteht hierunter „die Erfahrungs- 
wissenschaft vom Menschen überhaupt", indem er als Er- 
kenntnisquelle mcht bloß die äußere objektive, sondern 
auch die innere, subjektive Erfahrung betrachtet. Damit 
ging er denn allerdings weit über das hinaus, was man 
gemeiniglich unter Anthropologie verstand. Es handelte 
sich hier vorwiegend nur um eine Sammlung von Einzel- 
beobachtungen an Menschen der verschiedenen Rassen,, 
um eine Mischung anatomischer, ethnologischer, paläonto- 
logischer Ergebnisse, der das geistige Band noch fehlte. 
Die Versammlung Deutscher Natui-forscher und Ärzte 
hatte freilich eine anthropologische Sektion eingerichtet; 
aber gerade sie führte kein sehr beachtetes Dasein, ihre 
Verhandlungen fanden geringen Widerhall, Dies änderte 
sich erst, als auf der Innsbrucker Versammlung 1S69 auf 
einen Antrag Carl Vogts hin, die Gründung einer 
Deutschen Gesellschaft für Anthropologie, 
Ethnologie undUrgeschichte beschlossen wiu'de,. 
der dann noch im gleichen Jahre eine Berliner Ge- 
sellschaft zur Seite trat — beider Vorsitz fiel V i r- 

64 



c h o w zu und von hier an datiert dann die moderne Ent- 
wicklung dieses Wissenszweiges. Das ungeheure Interesse, 
welches man diesen Forschungen entgegenbrachte, war 
unbedingt angefacht durch die in jener Zeit so leiden- 
schaftlich erörterten Fragen des Darwinismus, oder besser 
gesagt, der Deszendenztheorie — waren doch damals gerade 
Haeckels Werke „Die generelle Antliropologie der Or- 
ganismen" und die „Natürliche Schöpfungsgeschichte" in 
Aller Händen; so ist es wohl auch kein Zufall, daß gerade 
Vogt die erwähnte Anregung gab. Aber, daß V i r c h o w 
nun an die Spitze trat, änderte von vornherein die Rich- 
tung, in der sich die anthropologischen Arbeiten fortan 
bewegten; als geschworener Feind aller vorzeitigen Theo- 
rien stellte er als Arbeitsprogramm in erster Linie die 
Sammlung positiven Materials nach wissenschaftlichen 
Gesichtspunkten auf, lehnte aber jede, auch noch so ver- 
lockende Schlußfolgerung zunächst ab. Gerade seine 
Stellung zum Darwinismus ist deshalb vielfach aufgefallen 
und abfällig beurteilt worden. Man hatte sich wohl vor- 
gestellt, daß der Schöpfer der Zellularpathologie, der ins- 
besondere in seinem Geschwulstwerk auch die Wandlungs- 
fähigkeit der „Elementar -Organismen" gelehrt hatte, gerade 
aus diesen seinen Forschungen auch die Konsequenz 
ziehen würde, daß auch die ausgebildeten Organismen 
tierischer oder pflanzlicher Natiu* nun leicht geneigt seien, 
Variationen einzugehen und daß aus der Vererbung solcher 
Varietäten allmählich bleibende Rassen- oder Arteigentüm- 
lichlieiten hervorgehen müßten; ob dabei im Sinne Dar- 
wins nach dem Prinzip der Auslese oder infolge sonstiger 
Mutationstendenzen, wäre dann erst eine zweite Frage. In 
der Tat hat er auch die Deszendenzlelire als „logisch ge- 
fordert" anerkannt — einen positiven Beweis aber, so oft 
er namentlich für den Ursprung des Menschen und seine 
Verwandtschaft mit den anthropoiden Affen erbracht zu 
werden schien, stets bestritten. Es war wohl die dauernde 
Beschäftigung mit der pathologischen Anatomie, die ihn 

5 Posner, Virchow gg 



immer wieder mißtrauisch machte und z. B. im X e a n d e r- 
thaler Schädel eine krankhafte Abweichung von der 
Norm, kein Rassenmerkmal erblicken ließ; ebenso, wie er 
z. B. die Platyknemie, Formveränderungen an der Tibia 
etwa bei Skeletten aus Steinzeitgräbem, als eine Störung 
ansah, die in der Lebensweise der betreffenden Indi\iduen 
(anhaltende, starke Wirkung der Unterschenkelmuskulatur) 
ihren Grund habe. Es fehlte ihm immer die Ausfüllung 
der Lücke, die zwischen den Affen und dem Menschen 
klafft — auch den von D u b o i s entdeckten ,3thecanthro- 
pos erectus", in dem \iele das „missing hnk" erblickten, 
erkannte er nicht an, sondern deutete die Skelettstücke als 
Teile eines Gibbon. Trotzdem würde man, wie gesagt, 
felilgehen, etwa eine prinzipielle Gegnerschaft gegen die 
Deszendenzlehre anzunehmen. Gewiü erklärt Virchow 
die Entstehung der Rassen schließlich vom Standpunkte 
des Pathologen aus; eine durch äußere Einflüsse entstan- 
dene, bald ausgeglichene Abweichung fällt nach ilmi noch 
in das Bereich des physiologischen; besteht die Abweichung 
fort, so ist sie pathologisch, wenn sie gefährliche Störungen 
herbeiruft, nosologisch. Ursprünglich ist danach jede Varietät 
pathologisch — durch Vererbung kann sie physiologisch 
werden — Rassen sind „erbliche Varietäten". Man sieht, 
daß diese Auffassung doch derjenigen, welche die Anhänger 
der Deszendenztheorie verfechten, sehr nahe kommt — es 
ist eigentlich bloß das Wort „pathologisch", was den Unter- 
schied zu bilden scheint. Seither ist uns ja freilich, aus- 
gehend von den Mendel sehen Vererbungsgesetzen und 
den vielfachen Züchtungsversuchen, z. B. von Correns, 
manches ganz neue Licht über die Entstehung von Rassen 
und Varietäten aufgegangen — der rätselhafte Vorgang 
des Atavismus ist unserem Verständnis näher gerückt, die 
Begriffe des Genotj'pus und des Phänotj-pus sind neu 
geschaffen, und man kann niu- bedauern, daß Virchow 
selbst zu diesen, rein auf dem Boden der Empirie er- 
wachsenen Lehi'en nicht nielir hat Stellung nehmen können. 

66 



Als seine eigentliche Aufgabe betrachtete er es, eine 
methodisch gesicherte Grundlage für das Verständnis der 
menschlichen RasseneigenttimHchkeiten zu schaffen: die 
Anthropologie im engeren Sinne sollte diuch Untersuchung 
der Körperformen hiezu das Material liefern; und hier 
fassen schon seine ersten Untersuchungen in Würzbm-g 
den Gegenstand in konkreter Weise an: erschloß er damals 
den Einfluß des Schädelbaues, insbesondere des Grund- 
beins auf die Entwicklung des Gehüns, so suchte er nun 
von hier ausgehend durch sorgfältige Messungen die Merk- 
male der einzelnen Vollvsstämme zu ergründen. Nicht bloß 
der bis dahin einseitig verwertete Gesichtswinkel, sondern 
die verscliiedensten osteologischen Abweichungen, das Os 
Incae, die Katarrhinie, das Os malare bipartitum wurden 
herangezogen. Viele Tausende von Schädeln sind so von ihm 
untersucht worden — endgültige und unbestrittene Resul- 
tate aber scheint diese Riesenarbeit noch nicht gezeitigt 
zu haben, vielmehr harrt hier noch ein unermeßliches 
Material der abschließenden Beurteilung. 

Virchow besclu-änkte sich aber nicht auf diese 
einzige Forschungsmethode, vielmehr ist seiner Anregung 
auch die genaue Klassifizierung der Schulkinder zu danken, 
die ergründen sollte, in welchem Maße hier noch die 
Zeichen des rein germanischen Typus — blonde Haare, 
blaue Augen, weiße Haut — erhalten seien; daß die 
Dolichocephalie nicht für den Germanenschädel charak- 
teristisch sei, sondern auch den Slaven eigne, hatte er 
früher schon erwiesen. Das Ergebnis dieser Sammel- 
forschung (1885) war, daß dieser T\'pus in Deutschland 
verwischt sei — er fand diesen in Preiü^en nur in einem 
Drittel, in Bayern in einem Fünftel der Fälle. Danach 
muß eine Rassenmischung, die auch durch alle modernen 
Staaten geht, angenommen werden; aber ebenso war durch 
seine Untersuchungen die gehässige Angabe de Quatre- 
fages' widerlegt, der nach dem Kriege von 1870 erklärt 
hatte, Preußen sei überhaupt nur von einer besoiideren 

5* 67 



„race prussienne" slavischen Ursprungs bewohnt und habe 
daher gar keinen Anspruch darauf, sich als führender 
Staat im national geeinten Deutschland zu gebärden. V i r- 
c h w hat wiederholt, so noch 1889 in Wien, Anlaß ge- 
nommen, gegen die modern gewordene Rassenhetzerei 
energisch zu protestieren. 

Minder unmittelbar war seine Beschäftigung mit den 
Problemen der eigentlichen Ethnologie, deren wissen- 
schaftlichen Ausbau Bastian angeregt hatte. Hiezu 
wären ausgedehnte Forschungsexpeditionen notwendig ge- 
wesen, wie wir sie z. B. v, d. Steinen, Sei er u. a. 
danken — ihn führten seine Reisen nur nach der Troas, dem 
Kaukasus und Ägj^pten und er brachte auch von dort 
mancherlei beachtenswertes Material mit. Vorzüglich aber 
wandte er sein Interesse der Heimat zu: die Volks- 
kunde Deutschlands bildete eine seiner Lieblings- 
aufgaben; unablässig bemühte er sich, alte Gebräuche, 
Trachten, Eigenarten des Hausbaues zu studieren und 
auch diese bis dahin dilettantisch betriebenen Forschungen 
durch Anlegung von Sammlungen und Publikationen auf 
eine methodisch gefestigte Grundlage zu stellen. 

In noch höherem Maße gilt dies von der Ur- und 
Vorgeschichte, die ihn schon früh in den „baltischen 
Studien" beschäftigt hatte. Die Schätze, welche unser 
Boden enthält, waren früher nur in sehr unvollkommener 
Weise gehoben und geborgen worden. Das ist anders ge- 
worden, seit V i r c h o w selber den Spaten ziu* Hand 
nahm und die Ausgrabungen systematisch betrieb. Yor 
allem waren es die Töpferwai*en, die seine Aufmerksam- 
keit in Anspruch nahmen und aus deren Gestaltung er 
wichtige Schlüsse zog, wie er z. B. für die in Posen und 
Schlesien gefundenen Gefäße südliche Vorbilder nachzu- 
weisen vermochte und durch das Studium der pommerelli- 
schen Gesichtsurnen auf den Vergleich mit den' Eulen- 
urnen gebracht wurde, die S c h 1 i e m a n n in der Troas 
zutage gefördert hatte. Es war G 1 a d s t o n e, der sich 

68 



für dessen Grabungen interessierte und Schliemann an 
V i r c h o w empfohlen hatte; er leitete dann Schliemann 
auf den richtigen Weg, veranlaßte, daß die Arbeiten unter 
Dörpfelds Leitung technisch einwandfrei ausgeführt 
wui'den, und sicherte dadurch dem lange verkannten, seiner 
phantastischen Deutungen halber vielverspotteten Forscher 
die gebührende Anerkennung, namentlich indem er per- 
sönlich an seinen Ausgrabungen teilnahm, ihm mit viel- 
fachem Rat zur Seite stand und sich literarisch für ihn 
einsetzte. 

Fast unzählbar sind die Diskussionsbemerkungen, die 
Virchow in den Verhandlungen der Deutschen und der 
Berliner Anthropologischen Gesellschaft niedergelegt hat; 
und wohl hatte Lissauer recht, wenn er in der Trauer- 
feier, die letztere Gesellschaft nach dem Hinscheiden ihres 
Ehrenvorsitzenden veranstaltete, klagte, daß die moderne 
Anthropologie in Virchow ihren eigentlichen Begründer, 
Führer und Meister verloren habe. Dies kam auch in den 
zahlreichen Kundgebungen aus dem Auslande zum Aus- 
druck. Es ist nicht bloß die Summe seiner eigenen 
Leistungen, die hiezu berechtigte, es ist nicht minder die 
Tatsache, daß Virchow seine ganze PersönUchkeit, seine 
ganze Autorität anregend und anfeuernd für die Sache 
eingesetzt hat. Der Mediziner mag es vielleicht bedauern, 
daß die unendliche Arbeit, die er der Anthropologie zu- 
wandte, der Pathologie verloren gegangen ist, vom all- 
gemein wissenschaftlichen Standpunkt aus aber muß man 
es um so mehr bewundern, daß er, nachdem er die Medizin 
aus den Banden des Dogmas befreit und ihr die natiu-- 
wissenschaftliche Begründung gegeben hatte, nun in einer 
zweiten Epoche seines Lebens noch einmal eine völlig 
neue, in fruchtbarer Entwicklung begriffene Disziplin ge- 
schaffen und gefördert hat! Seine „Anthropologie" knüpft 
an die Anfänge seiner Arbeiten an, sie mag denn auch 
billig als Schlußstein seiner universellen Bestrebungen 
gelten. 

69 



IX. 

Wirkungen auf In- und Ausland 

Als einen Grundzug von Virchows Wesen haben 
wir sein Bestreben kennen gelernt, sich mit allen den 
großen Gaben seines Geistes in den Dienst der Allgemein- 
heit zu stellen. Was er selbst m mühevoller Einzelarbeit 
gefunden, was er an fruchtbaren Ideen empfangen und 
durchgesonnen hatte, das begehrte er stets auch den Mit- 
lebenden, im kleineren lü-eise der Fachgenossen, wie in 
der breiten Masse des Volkes, ja der gesamten zivilisierten 
Welt zugänghch zu machen, um so ziu* weiteren Teil- 
nalmie an seinen Bestrebungen aufzurufen. Es war, wie 
er selbst das nannte und wie Bernhard Fränkel in 
einer schönen Würdigung dieses Zweiges seiner Tätigkeit 
weiter ausführte, das „Gefühl für dieKorporatio n", 
welches hier zugi-unde lag, mochte es sich nun imi ärzt- 
liche oder gemeinützige Vereine, um antliropologische Ge- 
sellschaften, um Naturforscherversammlungen oder inter- 
nationale Kongresse handeln. Zu Beginn seiner Laufbalm 
bilden die Berliner Gesellschaft für wissenschaftUche Me- 
dizin und die Gesellschaft für Geburtslülfe die Stätten, in 
denen er nicht müde wh*d, immer neue Befunde und Be- 
obachtungen fortlaufend mitzuteilen; in den Würzbiu*ger 
Jahren ist die Physikahsch-medizinische Gesellschaft — ein 
Blick auf die Bände ihrer Verhandlungen lelu"t es — aufs 
reichste von ihm bedacht worden; fast alle Grundgedanken 
der Zellularpathologie und der Geschwulstlelire hat er dort 
ausgesprochen, und was in den späteren Jahren die Berliner 
Medizinische sowie die Anthropologische Gesellschaft für ihn 
und er für sie bedeutete, habe ich bereits früher betont. Neben 
ihnen waren auch lokale Vereinigungen, wie z. B. die Branden- 
burgia, oder solche, die bestimmten Zwecken dienten, wie etwa 
der Verein für Volkskunde oder der Deutsche Fischereiverem, 
ganz besonders aber gemeinnützige Gesellschaften, so der 
Handwerkerverein, bevorzugte Stätten seiner Tätigkeit. 

70 



Gleich von Anbeginn aber erstreclit seine Wirkung 
sich weiter: in weit höherem Grade als heute, wo die 
Speziahsierung der Medizin zur Begründung zahlreicher 
Einzclkongresse geführt hat, galten um die Mitte des 
vorigen Jalu'hunderts die Deutschen Naturforscher- 
versammlungen als Zentren, in denen nicht blos neue 
Ergebnisse der Forschung, sondern die wichtigsten all- 
gemeinen Tagesfragen zur Erörterung gelangten. Diese 
Wanderversammlungen bildeten so recht den Resonanzboden 
für Vircho w s allgemeine Bestrebungen, stellten sie doch, 
nach einem Ausdruck Alexander v. Humboldts, 
„ein schwaches Lichtbild dessen dar, was von der mythi- 
schen Einheit des Deutschen Vaterlandes übrig gebheben 
war"! Was dort in den allgemeinen Sitzungen vorgetragen 
wurde, wirkte weit hinaus und gab Anstoß zu lebhafter 
Bewegung in ganz Deutschland. So weit ich sehe, trat 
Vi r c h w zum ersten Male 1858 inK a r 1 s r u h e mit einem 
Vortrag „über die mechanische Auffassung der Lebens- 
bedingungen" hervor; er mußte später noch einmal hierauf 
zurückkommen, denn immer wieder wurde ihm der Vorwurf 
eines groben Materiahsmus gemacht, der doch gerade ihm, 
dem „Neovitalisten" gegenüber ganz ungerechtfertigt war. 
Ausf ülirlich sprach er sich hierüber 1863 in S t e 1 1 i n aus, in 
der gleichen Versammlung, die auch dadurch denkwürdig 
geworden ist, daß hier Ernst Haeckel seinen auf sehen- 
erregenden Vortrag „Über die Schöpfungstheorie Darwins" 
hielt. V i r c h w betitelte seine Rede „Über den vermeint- 
lichen Materialismus der Naturforscher", sie bildet ein 
wichtiges Glaubensbekenntnis insofern, als er die vol^te 
Freiheit für die Forschung fordert, aber streng die Grenze 
zieht, wo diese Halt zu machen gezwungen ist : während 
alle Lebenserscheinungen sonst sich lokalisieren üeßen, 
könne man für das Bewußtsein vorläufig keine wissen- 
schaftliche Formel aufstellen, müsse vielmehr jedem ein- 
zelnen überlassen, wie er es mit der Seele, dem Geiste, der 
ReHgion in Zusammenhang bringen könne; die Natui'- 

71 



forscliung könne hier noch nicht eingreifen und dürfe nicht 
in Gebiete sich wagen, die der Wissenschaft nicht zustellen. 
Ein toleranter Ausspruch, der wie eine Vorwegnähme von 
du Bois-Reymonds berühmtem „I g n o r a b i m u s" 
klingt; ohne Zweifel hatten gerade die kühnen Gedanken- 
flüge H a e c k e 1 s ihn zu solcher Warnung bewogen! Noch 
oft ist Vir c ho w auf ähnliche Themata eingegangen; 
wenn er 1867 in Frankfurt „Über die Fortschritte der 
modernen Pathologie" sprach, wenn er 1878 in Wies- 
baden „die Naturwissenschaft in ihrer Bedeutung für 
die sitthche Erziehung der Menschheit" zum Gegenstand 
seiner Betrachtungen machte, so schwebte ihm immer dabei 
der Wunsch vor, Anhänger für seine ebenso kritische wie 
maßvolle Lehre zu gewinnen. Es läßt sich nicht leugnen, 
daß der ganz gewaltige Widerhall, den namentlich in den 
Sechzigerjahi'en seine Reden weckten, zu einem großen 
Teil auf seine politische Stellungnahme, auf seine Führer- 
schaft im Parlament zurückzufülu-en ist. Man huldigte 
ihm, auch wenn er zu Tischreden das Wort nahm, nicht 
blos als dem Reformator auf medizinischem Gebiete, sondern 
auch als dem tapferen Vorkämpfer für ein freies und 
einiges Deutschland. Er hat diese seine pohtische Stellung 
auch hier nie zurücktreten lassen. Als der Konflikt auf 
semem Höhepunkte stand (1865), sprach er in Hannover 
über die nationale Entwicklung der Naturwissenschaft; als 
das neue Reich begründet war, wälilte er in Rostock 
(1871) das Thema „die Aufgaben der Natiuwissenschaften 
in dem neuen Leben Deutschlands", und ähnlich 1877 in 
München „die Freilieit der Wissenschaft im modernen 
Staatsleben". Gerade die Naturforscherversamnflungen 
schienen ihm für solche allgemeine Beti-achtungen, wie er 
sie ähnlich auch in seinem Archiv niederlegte, wenn etwa 
ein besonderer Zeitabschnitt semes Erscheinens zu Rück- 
blicken Anlaß' gab, der geeignetste Boden. Schon 1861 
liatte er zu Speyer in einer Rede über Lorenz k e n 
und die Aufgaben der Naturforscherversammlungen dar- 

72 



getan, welche Rolle sie als Sammelpunkt für die freie 
Forschung auf medizinisch-wissenschaftlichem Gebiet spie- 
len müßten. Unablässig verfolgte er seither den Gedanken, 
diese altehrwürdige Institution (wir stehen jetzt vor dem 
hundertsten Jubiläum) immer weiter auszubauen und zu 
festigen. Sie hatte bis dalün nur eine sehr lockere Ver- 
fassung: eine lokale Geschäftsführung hatte alle Befugnisse, 
von ihrem guten Willen, noch mehr von ilu-er Fähigkeit 
hing es ab, ob die Versammlung duich die würdigsten 
Redner wichtige Fragen behandeln würde. Je mehr Spezial- 
kongresse neben sie traten, je mehr Sektionen sich bildeten, 
um so größer schien die Gefahr, daß der durch sie zu re- 
präsentierende Zusammenhang sich lösen und dadurch ihre 
Bedeutung sich schwächen würde. Auf Virchows Ini- 
tiative trat man daher in den Achtziger jahi-en einer prin- 
zipiellen Änderung näher: sein Plan war, die nur ein 
ephemeres Dasein fülu-ende Versammlung in eine dauernde 
Gesellschaft mit bleibendem Vorstand und einem wissen- 
schaftlichen Ausschuß umzuwandeln, die unbeschadet aller 
Freilieit für den Verlauf der jeweiligen Tagung doch eine 
Bürgschaft für ihre Kontinuität, für eine sorgsame Vor- 
bereitung in wissenschaftlicher Hinsicht erhielte. Eigen- 
tümhcherweise wurde dies dem „Liberalen" Virchow wie 
ein Eingriff in alte, freiheitliche Gepflogenheiten ausgelegt. 
In Köln, im Jahre 1888, kostete es nicht geringe Mühe, 
diese Reform zu einem vorläufigen Abschluß zu bringen; 
und im nächsten Jahre, in Heidelberg, erhob sich eine 
gewaltige Opposition von Mitgliedern, die die alte Un- 
abhängigkeit nicht aufgeben, sich eine „Bevormundung" 
mcht gefallen lassen wollten. Erst als nach Virchow, 
der diese schwierigen Verhandlungen in meisterhafter Ob- 
jektivität leitete, Ernst v. Bergmann, Hermann 
V. Helm holt z, Viktor Meyer, Werner v. Siemens 
— also Männer der versclüedensten Berufs- und Partei- 
richtungen — für diese Neuerung eintraten, wurde sie an- 
genommen; und zwei Jahre später, in Halle, konnte 

73 



Virchow dann seiner Befriedigung darüber Ausdruck 
geben, daß jetzt die Aufgabe der Versammlungen, die in 
der Pflege und Aufrechterhaltung der alten Ideale deutscher 
Wissenschaft, m treuer, hingebender, freimütiger Arbeit zu 
suchen sei, besser als früher gelöst werden könne, daß 
die gegenseitige Befruchtung und Durchdringung der ver- 
schiedenen Einzelgebiete naturwissenschaftlicher und ärzt- 
licher Bestrebungen nunmelu- gewährleistet sei. Man wird 
unumwunden zugeben dürfen, daß seither das Niveau der 
Versammlungen sich weiter und weiter gehoben hat und 
dankbar auch hierin eine bleibende Wirkung von Vir- 
chows Bemühungen erkennen! 

Wie die Naturforscherversammlungen haben auch die 
Tagungen der Deutschen Gesellschaft für An- 
thropologie seit ihrer Begründung in allen Teilen 
Deutschlands und Österreichs stattgefunden — in Ost und 
West, in Nord und Süd ; und bei ihnen kam noch ein 
wichtiges Moment insofern hinzu, als überall das örthche 
Interesse mitsprach : die Art der Bevölkerung, das Studium 
der historischen und prähistorischen Verhältnisse, oftmals 
gefördert durch Grabungen an Ort und Stelle, drückte 
ihnen einen besonderen Stempel auf. Virchow war — 
so bekundet Waldeyer — die Seele der Versammlungen; 
„sah man ihn mit dem Generalselo'etär Johannes 
Kanke und dem Schatzmeister Weismann, zu denen 
später noch der österreichische Freiherr v. Andrian- 
Werburg trat, am Vorstandstische sitzen, so waren alle 
zufrieden und überzeugt, daß die Tagung gut verlaufen 
werde". V i r c li o w hat bis zu seinem Tode keine einzige 
dieser Versammlungen versäumt. Es hat fast etwas 
Rührendes, wenn er gelegentlich glaubte, sich gegen den 
Vorwurf der „Kongreßbummelei" verteidigen zu müssen. 
Als die Versammlung 1889 in Wien tagte, sprach er die 
folgenden, für seine Bestrebungen so bezeichnenden Worte: 
„Wenn wir hieher gekommen sind, so wissen Sie ja, daß 
es ein gemeinsamer Geist ist, der die österreichischen Ge- 

74 



lehrten und uns durchdringt, jener Geist der Arbeit zu 
gemeinsamen Zielen, welche, obwohl national, doch den 
höchsten Aufgaben der Menschheit zugewendet sind. Wir 
ziehen in der Welt umher, lun für diese Zwecke Propa- 
ganda zu machen, um den Glauben an die Wissenschaft 
zu stärken, iiu- neue Anhänger zu gewinnen. Wir sind 
keine Faulenzer, welche herumziehen und bloß genießen 
wollen, sondern ernsthafte Ai'beiter, von denen jeder sein 
Feld hat und seinen Platz in der Welt einnimmt." 

Es liegt in diesen Worten schon ein Hinweis darauf, 
daß Virchow stets darauf bedacht war, auch über die 
nationale Begrenzung hinaus zu wirken. Noch als Würz- 
burger Professor (1855) unternahm er eine Eeise nach 
Paris, wo er als Mitglied des internationalen statistischen 
Kongresses tätig war. 1859 folgte eine Fahrt nach Nor- 
wegen zum Studium der Lepra — eine Erlo-ankung, die 
sein Interesse nachhaltig gefesselt hat : noch 1897 war er 
Präsident der Internationalen Leprakonferenz und regte 
durch persönliche Initiative die Ehrungen an, welche 1901 
dem Entdecker des Leprabazillus, Armauer Hansen, 
erwiesen wurden. Immer von neuem ergriff er die Ge- 
legenheit zur Anknüpfung auswärtiger Beziehungen — so 
bereiste er Rußland, als es sich, im Anschluß an Q u a t r e- 
fages' Angriffe, irni die Untersuchung der Bevölkerung 
in den jetzt sogenannten Randstaaten handelte ; imd von 
diesem Gesichtspunkte des gegenseitigen Verständnisses 
der Nationen betrachtete er auch seine Teilnahme an 
internationalen Kongressen. Als im Jahre 1890 zum ersten- 
mal die internationale Ärzteversammlung in Berlin 
tagte und Virchow, wie das gar nicht anders sein 
konnte, ihr präsidierte, gab er seinen Überzeugungen be- 
redten Ausdruck mit den Worten : „Ist das nicht die 
höchste Aufgabe der internationalen medizinischen Kon- 
gresse, daß sie in allen ihren Teilnehmern, ja, weit über 
die Reihen der Teilnehmer hinaus, in den Ärzten der 
ganzen Welt zum vollen Bewußtsein bringen, daß die 

75 



Medizin eine humane Wissenschaft sein soll ? Müssen 
wir uns nicht in dem Anblick so großer Anstrengungen, 
die sämtlich darauf gerichtet sind, das Wohl der Menschen 
zu fördern, müssen wir uns nicht, einer den andern,, daran 
erinnern, daß der ärztliche Dienst ein Dienst der Mensch- 
heit ist? Sollen wir nicht in gerechtem Stolze ob der 
Größe der Opfer, welche der einzelne Arzt, wie oft um 
den geringsten Lohn oder gar ohne Lohn bringt, darauf 
hinweisen, daß die Ärzte der ganzen Welt zu so gewaltigen 
Versammlungen, wie diese, nicht zusammentreten, um per- 
sönliche Vorteile zu gewinnen, um ihre Stellung zu ver- 
bessern, um sich höheren Lohn und kürzere Arbeitszeit 
zu sichern, sondern um sich zu bereichem im Wissen, um 
sich stark zu machen im Können, um noch mehr als bis- 
her ihren Nebenmenschen zu dienen?" 

An den Berüner Kongreß von 1890 schlössen sich 
dann diejenigen in K o m 1894, Moskau 1897 und Paris 
1900 an; soweit die Vorbereitungen hiezu Deutschland be- 
trafen, lagen sie in den Händen Virchows, der dem 
„Deutschen Reichskomitee" präsidierte. Bei den Versamm- 
lungen selbst war er unbestritten die gefeiertste und popu- 
lärste Persönlichkeit. Niemand wird z. B. vergessen, mit 
welchem Enthusiasmus ihn die russischen Studenten auf 
dem Fest in den großen Handelsreihen in Moskau buch- 
stäblich auf Händen trugen oder welcher Stm-m des Bei- 
falls ihn begrüßte, als er in Paiis in der riesigen Salle 
des Fetes die Rednertribüne betrat ! Gerade an diesen 
letzten Kongreß, den er erlebte, knüpfte er noch weit- 
gehende Hoffnungen : als er nach der Heimkelir in der 
Berliner Medizinischen Gesellschaft darüber bericlitete, be- 
tonte er mit Genugtuung, daß kein Zwischenfall den Ver- 
kehr der Medizinischen Korporation gestört hatte — „auch 
das leise Gefühl des Mißtrauens und eine gewisse peinliche 
Erinnerung an die Vergangenheit, die wir früher zu er- 
tragen hatten, all dies war vergessen ; ich habe niemals", 
fuhr er fort, „einen freundlicheren Empfang gefunden als 

76 



in der französischen Hauptstadt". Wenn er dann der 
Meinung Ausdruck gab, daß wenigstens die Medizin ein 
neutrales Gebiet bleiben werde, daß wir nicht wieder in 
solche gehässige, unter dem Mantel der Nationalität sich 
breit machende Feindseligkeiten geraten würden, wie sie 
uns nur zu lange beschäftigt haben, daß in Zukunft die 
Ärzte nicht bloß Boten des Friedens, sondern auch der 
Eintracht sein werden, so ist dieser schöne Traum freilich 
wenige Jahre später aufs grausamste zerstört worden ! 

Wie hoch er selbst in der Schätzung des Auslandes 
stand, wie die Ärzte aller Nationen in ihm ihren Meister 
verehrten, das kam dann noch einmal zu ergreifendem 
Ausdruck bei der Feier seines 80. Geburtstages. Kein Land 
der Erde, das sich nicht beteiligt hätte, keine medizinische 
Gesellschaft, die nicht ihm zu Ehren eine festliche Ver- 
anstaltung getroffen, eine glückwünschende Adresse 
eingesandt hätte. Wenn Männer wie Lord Lister, 
Baccelli, Cornil, Stokvis, Armauer Hansen, 
Maragliano, Toldt, Podwissotzky, Montelius 
— der Raum fehlt, sie alle zu nennen ! — nach Berlin 
geeilt waren, wenn sie alle ihn neidlos als Führer der 
modernen Medizin anerkannten — welch schöneres Zeugnis 
konnte beigebracht werden für den ganz einzigen Einfluß, 
den er auf die Entwicklung unserer Wissenschaft ge- 
nommen hatte ! Wie er seinerseits stets bestrebt war, seine 
großen Vorgänger zu rühmen, wie er in London das An- 
denken an Glisson, in Rom dasjenige an Morgagni 
neu belebt hatte, so stand er nun am Abend seines Lebens 
da, selbst schon eine historisch gewordene Persönlichkeit, 
umstrahlt von der vollen Glorie, die nur das Haupt der 
größten Meister, der wahrhaft Unsterblichen, leuchtend 
schmückt ! 

Am Abend seines Lebens — wenige Monate später 
erlitt er jenen verhängnisvollen Unfall, der einen Bruch 
des Schenkelhalses, ein langes Krankenlager, ein allmähliches 
Erlöschen seiner Kräfte zur Folge hatte. Nach kurzem 

77 



Hoffnungsschimmer, bewirkt durch die sorgsame Pflege 
unter W. Körtes Leitung sowie durch eine Kur in Teplitz, 
ist er am 5. September 1902 entschlafen. Die Trauerfeier im 
Kathaus, bei der Waldeyer ihm, wie er ihn bei seiner 
Geburtstagsfeier als Erster begrüßt hatte, auch die 
letzten Gedenkworte nachrief, die Teilnahme der gesamten 
Bevölkerung Berlms bezeugten, daß man sich wohl des 
Verlustes bewußt war, den Deutschland durch seinen Tod 
erlitten hatte — er war ein Stolz unseres Volkes gewesen, 
um den uns die anderen Nationen beneideten — daß wir 
ihn besessen und nach Gebühr gewürdigt haben, wird alle- 
zeit ein Ruhmesblatt in der Geschichte der deutschen 
Wissenschaft bedeuten! 



X. 
Rückblick. Persönliches 

Wir schauen zurück: welch weiter Weg, den der aus 
kümmerlichen Verhältnissen kommende pommersche Land- 
wirtssohn zurücklegte bis zur höchsten, mit allen erdenk- 
lichen Auszeichnungen und Ehrenbezeugungen gekrönten 
Meisterschaft! Einzelarbeiten über ein behebiges Thema 
aus der pathologischen Anatomie bilden den Anfang — 
geniale Konzeption einer ganz neuen, allgemeingültigen 
Lelu-e den Höhepunkt — und bis zum Ende sind gewissen- 
hafte Erfüllung aller übernommenen Pflichten, strenge Sach- 
lichkeit, treue, charaktervolle Ausdauer in dem, was er 
für recht erkannte, die Walu*zeichen seiner Lebensführung. 

Man hat bei der Beiu-teilung großer Männer oft ver- 
sucht, eine künstliche Scheidung danach zu machen, ob 
sie in erster Linie schöpferisch oder kritisch ver- 
anlagt waren, und V i r c h o w hat sich meist gefallen lassen 
müssen, in die zweite Kategorie eingereiht zu werden. Mir 
scheint diese ganze Betrachtungsweise ungerechtfertigt. Jede 
große Neuschöpfung bedingt eine Iviitik des bis dalün Be- 

78 



stehenden — mag es sich um Fortführung unsei'er Er- 
kenntnis auf dem Wege der aHmählichen Entwicklung oder 
um einen völligen Umsturz handeln. Gewiß mußte Vir- 
chow vor allem Hand anlegen an eine Säuberung der 
geltenden Anschauungen — ohne eine Widerlegung der 
Krasenlelu'e konnte er überhaupt nicht vorwärts kommen; 
dann aber setzt schnell die Periode des eigenen, originellen 
Schaffens ein — das Vacuum, welches er durch die Be- 
seitigung der herrschenden Theorien geschaffen hatte, 
mußte durch neue Tatsachen und Begriffe ausgefüllt wer- 
den, und beide strömen ihm nun in verschwenderischer 
Menge zu. 

Es ist selbstverständlich, daß eine solche Epoche der 
Produktivität, wie wü' sie namentlich in Würzburg zu be- 
wundern haben, nicht von unbegrenzter Dauer sein kann. 
Nicht als wäre die Schaffenskraft erlahmt — wir sehen 
gerade bei Virchow eine Fortdauer unermüdlicher Ar- 
beit, ja sogar die Begründung und Fördenmg eines ganz 
neuen Wissenszweiges noch im vorgerückteren Alter. Aber 
ebenso natürlich ist es, daß er nun auch, im Vollbewußt- 
sein dessen, was er geleistet luid erreicht hat, eine Aner- 
kennung seines Lebenswerkes erwarten darf — eine An- 
erkennung nicht jeder einzelnen Tatsache, wohl aber der 
Methode, nach der er gearbeitet hat und die ihn zu so 
großen Erfolgen gefühi-t hat. Und hier tritt dann freilich 
das kritische Element in den Vordergrund. Vorurteils- 
freie Beobachtung, scharfer Gebrauch der Sinnesorgane — 
das erwartete er zunächst von seinen Schülern; und hier 
konnte er wohl unerbittlich streng werden, wenn er auf 
mangelhafte Logik, auf voreilige Schlußfolgerungen, insbe- 
sondere aber auf ungenügende Sorgfalt im „Sehen" traf. 
Konnte er doch auch auf sich selbst Goethes Ausspruch 
mit Fug anwenden „Wenn ich meine Augen ordentlich 
aufmache, dann sehe ich wohl auch, was irgend zu sehen 
ist". Ein hübsches Beispiel dessen, was er unter „Sehen" 
verstand, erzählt Kaiserling. Wie er die Medizin als 

79 



Naturwissenschaft auffaßte, so forderte er auch von der 
heranwachsenden Generation vor allem eine genaue Prü- 
fung der Tatsachen; und dies nicht etwa bloß, wie die 
\ielen, von Mund zu Mund gehenden Examenanekdoten 
bezeugen sollten, bei der Beurteilung eines anatomischen 
Präparates, sondern in allen Angelegenheiten des täglichen 
Lebens: seine strenge Sachlichkeit war hier das ausschlag- 
gebende Moment. „Ich halte auf meinRecht, darum 
erkenne ich auch das Recht der anderen an" 
— dieser Satz kehrt, oft variiert, immer wieder. Die „pe- 
dantische Sorgfalt eines tüchtigen Kanzleibeamten" — so 
nannte B. Fraenkel einmal diese Eigenschaft, die er als 
Vorsitzender in den von ihm geleiteten Vereinen, als Re- 
daktem- und Leser von Druckkorrekturen an den Tag 
legte, war eine ganz charakteristische Eigenschaft. Dies 
ist auch der Grundzug seiner historischen Schi'iften — 
man betrachte nur seuie Arbeiten zur Geschichte des 
Hospitalwesens, seine Reden zum Gedächtnis von Jo- 
hannes Müller, Schönlein, Carl Mayer: durch 
alle geht die gleiche minutiöse Genauigkeit, der nichts zu 
gering scheint, was das Bild runden kann, auch dieselbe 
Pietät gegen die Männer, die vor ihm tätig gewirkt haben. 
Und so verlangte er auch von den Neuerungen auf 
wissenschaftlichem Gebiet, die ihm wälirend seines langen 
Lebens entgegentraten, daß sie ebenso gut fundiert seien, 
wie das, was er selber geschaffen hatte. Als C o h n h e i m 
mit seiner neuen Entzündungstheorie hervortrat, scherzte 
er wohl, die Studierenden sähen jetzt überall nichts, als 
weiße Blutkörperchen auswandern. Und ebenso wandte 
er sich, als die bakteriologische Ära begann, gegen die- 
jenigen, die im bloßen Nachweis eines Miki'oorganismus 
schon das Wesen der Krankheit ergründet zu haben wähnten. 
Es ist ganz falsch, wenn man amiimmt, er habe der Lelu-e 
von den belebten Krankheitserregern von vornherein feind- 
lich gegenüberstanden. Niemand hat schärfer als er, schon 
im Jahre 1868, also lange vor Robert Kochs Ent- 

80 



deckuiig, Fetten kofer gegenüber die Ansicht formu- 
liert, daß es wohl einen „C h o 1 e r a p i 1 z" geben müsse — 
nur hat er immer den strikten Nachweis verlangt und vor 
allen Dingen nicht übersehen, daß außer den, wie er es 
zu nennen pflegte, „botanischen" Forschungen über die 
niederen Organismen die allgemein hygienischen Ver- 
hältnisse sowie die Abwehrkräfte des Körpers gebührend 
Berücksichtigung finden müssen — und in dieser Betrach- 
tungsweise hat ihm der weitere Verlauf der Dinge doch 
wohl recht gegeben! So durfte H u e p p e sagen, „daß wir 
jetzt (1893) manches als Infektionskrankheiten auffassen, 
was 1848 anders gedeutet wurde, ist doch zu selbstver- 
ständlich, als daß man V i r c h o w hieraus einen Vorwurf 
machen kann, und auch der fanatischeste Bakteriologe 
kann es doch Virchow nicht verübeln, daß er 1848 die 
Fleckfieber-Mikrobien nicht entdeckte, die bis 1893 auch 
noch kern Bakteriologe gefunden hat!" Gewiß war H e n 1 e 
in dieser Hinsicht noch weitbückender, vorausschauender 
— aber halten wir uns ruhig an die Worte eines so 
scharfen Beurteilers wie Billroth, der von Virchow 
rühmte, er erhalte sich stets an der Spitze, dadurch, daß 
er den Beobachtungen Rechnung trage und auf diese 
Weise dauernd fördere, daß er stets gegen die Autorität 
kämpfend die Souveränität des einzelnen Beobachters 
predigte! 

Das schiefe Urteil, als sei Virchow ein ganz ein- 
seitiger Verstandesmensch mit kühlem Herzen gewesen, 
hat neuerdings noch durch H a e c k e 1 s Jugendbriefe einen 
gewissen Nachdruck empfangen. Ich habe früher schon 
darauf hingewiesen, daß gerade zwischen diesen beiden 
Charakteren zu tief greifende Unterschiede bestanden, um 
eine gerechte Würdigung zu ermöglichen. Besseres 
Zeugnis könnten die Männer ablegen, die Virchow seit 
ihrer Jugend in treuer Freundschaft ergeben waren, wie 
etwa Friedrich Körte, P. Langerhans, v. Frant- 
zius, Siegmund; das beste aber — da es sich hier 

6 Posner, Virchow 81 



um ui'sprünglich rein wissenschaftliche Beziehungen 
handelte, die erst durch den unausgesetzten Verkehr einen 
persönlichen Charakter annahmen, seine zahlreichen Schüler, 
Assistenten, Mitarbeiter in der Leitung von Gesellschaften 
und literarischen Unternehmungen. Es will mir nicht ge- 
ziemen, der vielfachen, anregenden Stunden zu gedenken, 
die ich selbst dem Meister danke, und in denen ich immer 
wiederholte Beweise seiner Herzensgüte, seines Wohl- 
wollens empfing; aber wenn ich an seine unmittelbaren 
Schüler, wie Cohnheim, v. Kecklinghausen, 
K 1 e b s, Kühne, r t h. Liebreich, P o n f i c k, er- 
innere, die trotz so mancher Abweichungen in ihi-en wissen- 
schaftlichen Anschauungen ihm zeitlebens eine ganz per- 
sönliche Verehrung bewahrt haben, wenn ich Wal- 
de y e r imd V. Bergmann anführe, die ihm eng vertraut 
waren, obwohl sie politisch auf ganz anderem Boden 
standen, wenn ich daran denke, wie Baccelli ihm eine 
geradezu schwärmerische Ergebenheit widmete, wie 
Cornil in seinen reizvollen „Souvenirs d'autrefois" die 
inVirchows Laboratorium verbrachte Studienzeit zu den 
schönsten Erinnerungen seines Lebens zählte, wie die 
großen holländischen Gelehrten D o n d e r s und S t o k v i s 
ihm in warmer Anhänglichkeit zugetan blieben, dann er- 
übrigt sich wohl jedes weitere Wort hierüber. Und nicht 
nur die Großen, auch die Kleinen hingen an ihm — auch 
der Mann aus dem Volke empfand, daß er nicht bloß mit 
dem Verstände, sondern auch mit dem Herzen seine Sache 
fühi'te: sprach es doch Vir che w selbst aus, daß von all 
den zur Feier seines 80. Geburtstages veranstalteten 
Festlichkeiten ihn keine tiefer gerülu-t habe als jene des 
Berliner Handwerkervereines, die ganz 
spontane Huldigung, die ilim die Bewohner seiner Straße 
durch abendliche Illumination ilirer Fenster bereiteten, 
und der Gruß der Kinder, die ihn, wo er sich blicken 
ließ, mit ilirem freundlichen Ruf "Guten Tag, Herr 
V i r c h o w !" umdrängten. 

82 



Diese Zeichen der Liebe galten ihm mehr als die 
höchsten Anerkennungen, die der Staat ihm gewähren 
mußte, die die Fachgenossen ihm willig und immer erneut 
darbrachten. Sie entsprachen auch am meisten der stillen 
und anspruchslosen Führung seines Privatlebens. Nur wer 
ihn dort innerhalb seiner Familie oder im geselligen Kreise 
beobachten durfte, wenn etwa — Max Bartels erzählt 
sehr eindrucksvoll davon — in den Nachsitzungen nach 
der Anthropologischen Gesellschaft auch der jüngste An- 
fänger Gelegenheit fand, sich ihm persönlich zu nähern 
und von ihm Rat und Anregung zu empfangen, der gewann 
auch einen Einblick in sein tieferes Gemütsleben. 

Am 28. Dezember 1864 begrub er seinen Vater. „Die all- 
gemeine Teilnahme der ganzen Stadt", so schrieb er seiner 
Frau, „hat mir den schmerzlichen Gang etwas erleichtert. 
Aber als ich dann draußen an der offenen Gruft stand, 
als der grüngeschmückte Sarg in den engen vier Erd- 
wänden stand und ich von dem Erdhaufen, der über dem 
Grabe der Mutter lag, die erste Handvoll Erde nahm, lun 
sie hinunterzuschütten über die Leiche des Vaters, da 
brach meine Fassung zusammen und ich mußte mich eilig 
durch den Kreis der Leidti*agenden hindurchzwängen, um 
mich wieder zu sammeln." Schlichte Worte eines ver- 
haltenen Schmerzes; aber sie sprechen eine beredte Sprache 
und lassen ahnen, wie luiter oft kühl anmutender Hülle 
der große Geist Rudolf Virchows ein warme Emp- 
findung barg, und wie nur die strenge Selbstzucht, die 
er übte, einen Schleier warf über das, was in seinem 
Innern vorging. So hat er unter uns geweilt als ein 
Vorbild fester Männlichkeit, und so wollen wir nicht nur 
des bahnbrechenden Gelehrten, des großen Genius, sondern 
auch des edlen Menschen gedenken! 



83 



ANHANG 



RudolfVirchows eigene Schriften sind nicht besonders zitiert; ich 
verweise auf die überaus sorgfältige „Vircho-w-Bibliographie" 
(BerUn 1901), in welcher J. Schwalbe mit seinen Mitarbeitern P a g e 1, 
0. Strauß und anderen das gesamte Material in erschöpfender Weise 
zusammengestellt hat. 

Die einzige, meines Wissens bisher vorhegende Lebensbeschreibung 
„Rudolf V i r c h w, eine biographische Studie", Berlin, S. Karger 189-1, 
von W. B e c h e r reicht nur bis zu dem genannten Jahre ; sie ist wegen 
der eingehenden Analyse von Virchows Arbeiten sehr zu empfehlen. 
Im übrigen wurden zahlreiche verstreute Joumalartikel benutzt, so zum 
Beispiel die bei den verschiedenen Jubiläen und Geburtstagen erschienenen 
Festnummern der Berliner Klinischen und der Deutschen Medizinischen 
Wochenschrift ; eine sehr gute Charakteristik Virchows von Emil 
Schiff in dessen nachgelassenem Buch „Aus dem naturwissenschaft- 
lichen Jahrhundert" (Berlin, Georg Reimer, 1902), ein Artikel von 
J. K a s t a n, „Xat.-Ztg." vom 4. Dezember 1885 ; eine Festnummer des 
„Berliner Tageblatt" zum 70. Geburtstag, eine solche des „Tag" zum 
80. Geburtstag usw. 

Für die Jugendzeit und die Würzburger Jahre ist unschätzbares 
Material erschlossen durch die von Marie R a b 1 herausgegebenen Briefe 
ihres Vaters. (Rudolf Virchow, Briefe an seine Eltern 1839— 1864 ; 
Leipzig, W. Engelmann, 1906.) Sie haben erst eine richtige Würdigung 
des jungen Virchow ermögUcht, enthalten auch zahlreiche Notizen über 
Familienmitglieder, Freunde und Zeitgenossen. Ich habe sie an den 
verschiedensten Stellen dankbar benutzt. Zu den einzelnen Abschnitten 
kommen noch vorwiegend folgende Quellen in Betracht : 

I. W i 1 h e 1 m R s e r, ein Beitrag zur Geschichte der Chirurgie 
von Karl Roser ("Wiesbaden, J. F. Bergmann. 1902). Hier sind die 
wichtigsten, auf die „schwäbischen Reformatoren" bezüglichen Schriften 
von R s e r. Wunderlich, K r ö n 1 e i n abgedruckt. — H e n 1 e und 
Pfeuffer, Zeitschrift für rat. Heilkunde, Bd. I— X. 

II. Hier ist besonders der von Marie R a b 1 herausgegebene 
Briefwechsel zu vergleichen. Zur Familiengeschichte schalte ich hier 
einen Stammbaum ein, den ich der Güte der Frau Oberregierungsrat 
K ä t e G r a b o w o r, geb. Vi r c h o w, verdanke. (Siehe Seite 86). 

84 



III. über dio Erstlingsarbeiten vgl. besonders C o h n h e i m, Vor- 
lesungen über allgemeine Pathologie (Berlin, A. Hirschwald, 1877). 

IV. Über die Vorgänge 1848 vgl. M. Lenz, Geschichte der 
Universität Berlin, II. 2 (Halle, Buchhandlung des Waisenhauses, S. 172 ff.) 

V. Zur Würzburger Zeit ist „Ernst H a e c k e 1, Entwicklungs- 
geschichte einer Jugend, herausgegeben von Heinrich Schmidt" (Leipzig, 
K. F. Köhler, 1901) eine wichtige Quelle. Vgl. ferner : K u ß m a u 1, Aus 
meiner Dozentenzeit (Stuttgart, Adolf Bonz & Co.) ; derselbe über 
Friedrich, D. Arch. f. Klin. Med., 1853, Bd. 32. E. Rindfleisch, 
B. K. W., 13. Oktober 1901. B. v Kern, Das Problem des Lebens 
(Beriin, A. Hirschwald, 1909). Zur Zellularpathologie : Lubarsch und 
Rössle in Aschoffs Lehrbuch d. allg. Pathologie, Bd. I (Jena 
Gustav Fischer, 1921) ; Lubarsch, Die Zellularpathologie (Jahres- 
kurse f. ärztl. Fortbildung, München, J. F. Lehmann, 1905) sowie die 
Lehrbücher von Cohnheim, Perl s-N e 1 s o n u. a. Femer B i 1 1 r o t h, 
Briefe, IV. Aufl. (Hannover und Leipzig, Hahnsche Buchhandlung, 1897) 
S. 30, 39, 80, 148. 

VI. J h. r t h, Arbeiten aus dem Patholog. Institut der Univ. 
Berlin (Berlin, A. Hirschwald, 1906) S. 1—16. M. Lenz, 1. c. S. 312 ff. 

VU. Stenograph. Bericht der Verhandlungen des preußischen Ab- 
geordnetenhauses, 1862 ff. — V. S y b e 1, Die Begründung des Deutschen 
Reiches durch Wilhelm I., Volksausgabe, m. Aufl. (München und Berlin. 
R. Oldenbourg, 1903), V., S. 323. — Aus Bismarcks Briefwechsel, An- 
hang zu den Gedanken und Erinnerungen (Stuttgart und BerUn, J. G. 
Cotta, 1901), S. 379 ff. — P. Langerhans, Berl. Klin. Woch., 
13. Oktober 1901; F. Hueppe, ibid. — Erismann, D. m. W., 
13. Oktober 1901. 

Vm. L i s s a u e r, Zeitschr. f. Ethnol., Bd. 34, S. 331 ff. Boas, 
Science, N. L. XVI, 1902. v. W a 1 d e y e r - H a r t z, Lebenserinnerungen 
(Friedrich Cohen, Bonn, 1921), wo auch viel einzelne, persönliche Züge. 

IX. B. Fränkel, Berl. Kim. Woch., 13. Ok-t. 1901. 

X. Berichte über die Feier von Virchows 80. Geburtstag, Berl. 
Klin. Woch., 1901. V i r c h o w, Dank an meine Freunde (V. Arch., 
1902). — Bartels, Zeitschr. f. Ethnol., Bd. 34. — C. Posner, 
Gartenlaube, 1902, Nr. 39. — Kaiserling, Arb. a. d. Pathol. Inst, 
d. Univ. Berlin, S. 101. — Orth, Senator, Berl. Klin. Woch. 1902. — 
W. Körte, Virchows letzte Krankheit, ebd. 



Das beigegebene Bildnis Rudolf Virchows ist nach einer, 
im Jahre 1898 in London angefertigten Aufnahme hergestellt und bisher 
noch nicht veröffentlicht; ich verdanke es der Freundlichkeit von Frau 
L i s b e t h V i r c h o w. 

85 



5 ^ 

c 

O 3 



O o 
P*- CO 



a ^ 



-■ ^ 






u .22 

«JE 



> m 



^ .9 



a 

— ' (O 



o c 



■a Ol 



> ^ -s "^ 

— 73 

:- •- uT ip 

L. a IB O 

^ i ^ 



SS «o 



05 > 
2 -o 



öö S 

u 
T ^^ 

y TS 






00 » 00 

—I «0 I— i 

?< " X 

t-J ~ oi 

S c S» 



5c 03 " 



> 

£3 S 2 






'< '-J ii 5 



U 

U 

TS 

13 



5 :3 



- _ ^ •■£ ■= 

> ^ * a S, 

3 « S K " 



00 • fV . ta^ 

"^ in S S' "^ 

" '*: ^ • ■"■ 

0^ C GJ *!- 



> s 



O lO 

> £ 

«2 aa 



:r > 



= r Ä o "^ '^ 
ü B 'S B "^ 2 

« 5 ^- X 



CQ 



i 






'S S '^ o Ä (g 

>-i tj S .3 -5 00 

r t?r '^ ~ — <* t-* 

^ o ^ 03 E a3 

*^ '^ "^ . c " 



2 •^' 



O \rs 

- m 
•*• oo 



Sa 



-; ^ c C C .5 
= C3 c 03 oa ^ 



" '^ -2 _. a m ^ 3 

C c 5 M 



— J2 

<: 






O 



CL. 

u 
a> 
•O 

E 

3 
«J 

ja 
E 
E 

vi 

■4-' 

C/3 






: ^ 2 = 



-^ CJ O 



. ^ 



E ;; 



„^"l^a E^c 

r 3 "^ *■■ * •• 



86 



INHALT 

Znr Eluftihrong-. 

I. 

Begrinn der natnrwissenschaftlicheu Xra. 

Zustand der wissenschaftlichen Medizin um 1840. — Reformbestre- 
bungen. — Eoser, Wunderlich, Ginsinger begründen das Archiv für 
physiologische Heilkunde. — Henle und Pfeuffer dio Zeitschrift für 
rationelle Medizin. — Ludwig Traube die Beiträge zur experimentellen 
Pathologie und Physiologie. 

n. 

Lehrjahre in Berlin. 

Rudolf Virchows Herkimft und Fannlie. — Beginn seiner Studien 
an der Pepiniöre. — Anstellung als Charitö-Chirurg. — Promotion. — 
Mikroskopische Untersuchungen. — Festreden. — Prosektur. — Heraus- 
gabe des Archivs. — PoUtische Stellungnahme. 

m. 

Erstling'sarbeiten, 

Die Venenentzündung. — Untersuchungen über Thrombose und 
Embolie. — Leukämie. — Auseinandersetzung mit der Krasenlehre. 

IV. 

1848. 

Reise nach Oberschlesien zum Studium der Hungerepidemie. — 
Teilnahme an der Revolution. — Die medizinische Reform. — Wahlbe- 
wegung. — Suspension vom Amt. — Berufung nach Würzburg. — Ver- 
mählung. — Virchows Auffassung der Typhuskrankheiten. — Virchow 
als Arzt. 

87 



Meisterjahre In WÜrzburgr, 

Virchows Stellung in der dortigen Fakultät. — Die physikalisch- 
medizinische Gesellschaft. — Zeugnisse von Zeitgenossen. — Die Zellular- 
pathologie. — Die Zelle als Krankheitsherd und als Elementarorganis- 
mus. — Neovitalismus. — Zellularpathologie und Immunitätsvorgänge. 

— Entzündungslehre. 

VI. 

Berlin und das Pathologische Institut. 

Berufung nach Berlin. — Stiftung der BerUner Medizinischen Ge- 
Seilschaft. — Neubau und Einrichtung des Pathologischen Instituts. — 
Vorlesungen über die krankhaften Geschwülste. — Virchows Theorie. 

— Tuberkel und Tuberkulose, Lepra, Syplülis. — Trichinenkrankheit. — 

Sektionstechnik. 

VU. 

In Parlament und Stadtverwaltung, 

Wahl zum Stadtverordneten und Abgeordneten. — Konfliktsperiode. 

— Politische Stellung. — Ärzte und Gewerbeordnung. — Kommunale 
Tätigkeit. — Krankenhausbauten. — Städtereinigung und Kanalisation. 

\Tn. 

Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, 

Gründung der Deutschen und der Berliner Antliropologischen Ge- 
sellschaft. — Virchows Stellung zur Deszendenztheorie. — Rassenfragen. 

— Schädelmessungen. — Volkskunde. — Vorgeschichte. — Ausgrabungen. 

IX. 

Wirkungen auf In- und Ausland, 

Tätigkeit in Vereinen. — Naturforsohcr\-ersammlungen und deren 
Reform. — Deutsche Gesellschaft für Anthropologie. — Reisen. — Inter- 
nationale medizinische Kongresse. — Feier des 80. Geburtstages. 

X. 

Rückblick, Persönliches, 

Schöpferische und kritische Tätigkeit. — Historische Schriften. — 
Stellung zur Bakteriologie. — Freundschaftliche Beziehungen. — Cha- 
rakter und Persönlichkeit. 

Anhang. 

Literaturangaben. — Stammbaum der Familie. 
88 



NAMENSVERZEICHNIS 



Adamkiewicz 53 

Andral 13 

V. Andrian-Weiburg 74 

Armauer Hansen 54, 75, 77 

Auenbrugger 11 

Autenrieth 13 

Baccelli 77, 82 

Baer, Carl Enist v. 11 

Baginsky, A. 61 

Barez 26 

Bardeleben 21 

Bartels, Max 83 

Bastian 68 

V. Behring 42 

Benda 40 

V. Bergmann, Ernst 73, 82 

BiChat 11, 22 

BUlroth 39, 81 

V. Bismarck, Fürst 57, 58 

V. Bodelschwingh 26 

Bovere 40, 53 

Broussais 12, 13 

Brücke 40 

Cannstatt 45 

Cohnheim 25, 44, 52, 80, 82 

Comil 77, 82 

Con-ens 66 

Corvisart 11 

Cruveilhier 11, 22 

Dandn 65 

Delbrück 60 

Dieffenbach 46 

Donders 82 



Dorpfeld 69 

Dubois 66 

du Boia-Keymond 72 

Duncker Franz 56 

Eck 19 

Ehrenberg 12 

Ehrhch 25 

Eichhorn 25 

Eisenmann 45 

Esse 48 

Hemming 40 

V. Forckenbach 56 

V. Frantzius 81 

Fraenkcl, Bemh. 60, 70, 80 

Friedreich 36 

Friedrich Wilh., Kronprinz 17, 61 

Froriep 18, 20, 22, 34 

Gladstone 68 

Glisson 77 

Glugo 23 

Gmelin 13 

Gneist 59 

Görcke 19 

Goethe 9, 46, 79 

Grabow 57 

Graef 60 

V. Graefe 47, 60, 61 

Grawitz 42 

Griesinger 13, 14, 36 

Grimm 17 

Grohe 50 

Haeckel 36, 48, 65, 71, 72, 81 

Uasse 36 



89 



Harvey 12 

Ileidenhain 42 

V. Helmholtz 73 

Henle, Jac. 14, 19, 21, 32, 39, 81 

Ilertwig, 0. 40 

Hertwig, R. 40 

Hesse, Johanna Maria 16 

Hesse, Ludwig Ferd. 16 

Hirschberg, J. 61 

Hobrecht 63 

Hoffmann, E. 54 

Hoppe-Seyler 50 

Hueck 42 

Hueppe 64, 81 

Hunter, John 11 

Humboldt, Alex. v. 71 

Jüngken 18, 20 

Kaiscrling 79 

Kern, B. v. 41 

Kiwisch 30, 35 

Klebs 82 

Koch, Robert 53, 62, 80 

KöUiker 30, 35, 36 

Kollmann 41, 42 

Körte, F. 60, 81 

Körte, W. 78 

Kühne, W..82 

Kussmaul 35 

V. T^adenberg 30 

Laennec 11, 13, 22 

V. Langenbeck 47, 60 

Langerhans 60, 81 

Lcberl 21 

Lent 60 

Levy, Fritz 53 

Leubuschor 28, 47 

Leuckart 55 

V. Leyden 52 

Liebreich, 0. 82 

Lissauer 69 

Lister 77 

Loewo 60 

Louis 13 



Lubarsch 43, 44 

Magendie 11 

Maraghano 77 

Mayer, Carl 30, 34, 80 

Mayer, Rob. 12 

Mayer, Rose 30 

Mayer, Sigmund 41 

Meckel v. Hemsbach 45 

Mendel 66 

Meyer, Josef 23 

Meyer, Viktor 73 

Mommsen 56 

Montelius 77 

Morgagni 77 

V. Mühler 59 

MüUer, Job. 12, 13, 14, 18, 22, 

34, 45, 46, 80 
V. Nadherny 30 
Neuraann, S. 56 
Obermeier 33 
Oken 72 
Orth 49, 55, 82 
Panum 21, 41 
Paracelsus 11 
V. Pettenkofer 81 
Pfeuffer 14, 21, 38 
Podwissotzky 77 
Poiifick 44, 82 
Posner, L. 47 
Pi-euss 17 

de Quatrefages 67. 75 
Ranke, Joh. 74 
Rapp, W. 12 

V. Recklinghausen 39, 44, 82 
Reichert 40 
Reimer 20 
Reinhardt, S. 21 
Romak. R. 20, 47 
RincUleisch 36 
Rinecker 30, 35 
V. Ringseis 30. 37 
Rokitansky 11, 13, 20, 24, 34 
v. Roon 57 



90 



Roscr, W. 12, 13, 14, 21, 34, 35 

Kösslo 42 

Rugo 31 

Scanzoni 35 

Schaudinn 54 

Schelling 12 

Scherer 35 

Schlemm 46 

Schieiden 12 

ScUiemann 68, 69 

Schmidt 29 

Schönlein, Joh. Lucas 12, 20, 34, 

45, 47, 80 
Schwann 12, 38 
Schnitze, Max 40, 41 
Schulze-Delitzsch 56 
Seier 68 
Seydel 31 
Siegmund 81 
V. Siemens, Werner 73 
Skoda 11, 13 
Strassburger 40 
V. d. Steinen 68 
Stokvis 77, 82 
Strauss, Da^^d 12 



Stricker 44 

Stüler 16 

V. Sybol 59 

Thiersch 52 

Toldt 77 

Traube, Ludwig 14, 47 

Traube, M. 41 

Tweston 59 

Virchow, Carl Christian Siegfried 

15, 16 

Virchow, Johann Christ. (Major) 

16, 17 
Vischer, Fr. Th. 12 
Vogel, Jul. 21 
Vogt, Karl 64, 65 

V. Waldeyer-Hartz 52, 74, 78, 82 

Wegscheider 47 

Weigert 25 

Weismann 74 

V. Wiebel 17 

Wiebe 62 

Wilhelm, König von Preußen 56 

Wolf, Casp. Friedr. 11 

Wunderlich 13, 14 

Zeller, Ed. 12 



91 



piiiillllinilllliiriHhiiittllliiiiHlliiMlIlliiiilllliiiilllliiiMllHiiilHliiiiillliiiillHiiiilllimillllHiilllimillh 

j MEISTER DER HEILKUNDE i 

S Herausgegeben von Dr. Max Neuburger, a. o. Professor a. d. Universität Wien = 

i Theodor BILLROTH, von Hofrat Dr. Robert Gersuny. Wien | 

= Paul EHRLICH, von Professor Dr. Adolf Lazai-us, Berlin E 

I Krail DUBOIS-REYMOND, voü Prof. Dr. Heinrich Boruttau, Berlin f 

= Ferdinand HEBRA, von Regierungsrat Prof. Dr. Max. Zeissl, Wien p 

= Robert KOCH, von Exzellenz Geheimrat Professor Dr. Martin ^ 

H Kirchner, Berlin = 

% Johannes MÜLLER, von Oljerstabsarzt Dez. Dr. Haberling, Koblenz p 

J Max PETTENKOFER, von Dr. Otto Neustätt€r, Direktor des |. 

H Hygiene-Museums, Dresden = 

m Job. Lukas SCHÖNLEIN, von Oberarzt Dr. Erich Ebstein. Leipzig B 

M Ignaz Ph. SEMMEL WEIS, von Prof. Dr. Tibor von Györ>\ Budapest 1 

H Josef SKODA, von Regierungsrat Prof. Dr. Max. Sternberg. Wien h 



= Vom Herausgeber obiger Sammlung erschienen in unserem Verlage: S 

1 DIE WIENER MEDIZINISCHE SCHULE I 

I IM VORMÄRZ I 

S Mit 6 Bildnissen ^ 

= Briefe und Aufzeichnungen fremder Ärzte, die der Ruf der p 

M Wiener Schule nach Wien geführt hat, Tagebücher von Zeit- ^ 

1 genossen und interessante zeitgeschichtliche Dokumente geben = 

^ ein Bild vom Schaffen und Wirken der großen medizinischen s 

M Reformatoren BOER, BEER. JÄGER, KERN, ROKIT.-LNSKY und g 

s SKODA, denen die Wiener medizinische Schule ihre Entwicklung = 

^ und ihren glanzvollen Aufstieg verdankt. s 

iHERMANN NOTHNAGElI 

= LEBENSGESCHICHTE EINES DEUTSCHEN KLINIKERS | 

M Mit 3 Bildern und einem Faksimile = 

s NOTHNAGELS Jugend- und Lehrjahre, die Assistenten- = 

= und Dozententätigkeit in Berlin, Königsberg und Breslau, seine = 

■= Teilnahme an den Kriegen 1866 und 1870, sein wissenschaftliches, w 

^ klinisches und ärztlich-konsultatives Wirken in Freiburg, Jena = 

J und Wien, seine Mitarbeit an Kongressen und Wohlfahrtswerkon ^ 

= werden geschildert. Neben der Darstellung seiner wissenschaftlichen = 

= Bedeutung findet auch seine Persönlichkeit als Mensch eingehende ^ 

1 und liebevolle Wüi-digung. i 



B^kl^N RIKOLA VERLAG ^KV.?•N 






Druck von J. N. Vem»T, Wi«n, IX. 



R Posner, Carl 

512 Rudolf Virchow 3. Aufl. 

V7P6 

1921 



^ Medical 



PLEASE DO NOT REMOVE 
CARDS OR SLIPS FROM THIS POCKET 

UNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY