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Full text of "Die Russen in Centralasien. Eine Studie uber die neueste Geographie und Geschichte Centralasiens"

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Die 

RUSSEN IN CENTRALASIEN 



«o<3$S>o— 



tlNE pTUDIE 



Obku niF. 



NEUESTE GEOGRAPHIE UND GESCHICHTE 
CENTRALASIENS 



FRIEDRICH voll HELLWALD, 

MITGLlia) DER GEOGRAPHISCHEN GESELLSCHAFTEN ZU WIEN, 
MEXICO, PARIS, GENF, NEW-YORK &c. &c. 



»•i.ö^'^^©^^?^« 

AUGSBURG. 

A. F. BUTSGH'S VERLAG. 

1873. 



A. VOLKHAHrsCIIK BUCHDUUCKEKEI IN AUGSBURG. 



VORREDE. 



Interessen der mannichfaltigsten Art haften an den weiten 
noch wenig bekannten Gebietsstrecken welche man gemeinig- 
lich unter der Benennung „Centralasien" zusammenfasst. Der 
Historiker weiss dass hier einst der Tummelplatz zahlreicher 
mächtiger Völkerhorden gewesen, die verderbenbringend das 
Herz Europa's überflutheten ; der Geograph kennt diese Region 
als eine derjenigen welche auf den Karten noch am mangel- 
haftesten dargestellt ist, wo Flüsse, Gebirge und Städte nur 
in unsicheren Umrissen verzeichnet werden können; der Eth- 
nologe erinnert sich der turänischen Völkergruppe und der 
damit verknüpften schwankenden Begriffe, und der Politiker 
endlich erwartet hier vielleicht den Zusammenstoss zwischen 
der grössten See- und der grössten Landmacht der Erde. Aber 
dies ist es nicht allein welches unwillkürlich unsere Blicke 
auf Centralasien lenkt. In einem Zeitalter wo Meer und Land 
vom Dampfe durchpflügt werden, verschwinden die Entfernungen, 
und nahe gerückt erscheint was einstens unerreichbar weit. 
Schon hat die Eröffnung des Suez-Canals die Handelswege nach 
Ostasien gekürzt; früher oder später wird die Euphratbahn 
eine Wirklichkeit geworden und Indiens Goldland der europäi- 
schen Culturwelt durch Schienenstränge verbunden sein. Von 
Jahr zu Jahr schreitet der Ausbau des gewaltigen russischen 
Eisenbahnnetzes vor, und ist einmal die in Angriff genommene 



II 

Linie von Ssamara nach Orenburg vollendet, so stehen wir 
auch schon am Beginne der kirghisischen Steppe, durch welche 
in rascher Frist russische Heerstrassen uns nach den islamiti- 
schen Wunderstädten Bochara und Samarkand, d. h. in das 
Herz des asiatischen Festlandes, führen werden. Dies ist in 
keiner Weise etwa das Bild einer aufgeregten Phantasie, viel- 
mehr geht diese Heranziehung des entfernten (Ostens schon 
theihveise unter unseren Augen vor sich, und was ich so eben 
angedeutet, wird vielleicht in zwei Decennien buchstäblich in 
Erfüllung gegangen sein. Es begreift sich daher dass die 
Wissenschaft in den letzten Jahren auf jene noch so wenig 
durchforschten Gebiete ihre Aufmerksamkeit concentrirt hat, 
und sich bemüht den Schleier zu lüften der seit Marco Polo's 
Zeiten auf denselben ruht. 

Die Erforschungen in Centralasien gehen von den Russen 
und den Engländern, den beiden Rivalen in der asiatischen Welt, 
gleichzeitig aus. Erstere drängen unablässig und seit langen 
Jahren nach Süden und Osten, und haben in der That in der 
jüngsten Vergangenheit ihre Herrschaft über jene Gegenden be- 
deutend erweitert; die wissenschaftliche Forschung folgt dort, 
so zu sagen, der militärischen Action auf dem Fusse, und der 
Geograph kann daher nicht umhin den Gang der Ereignisse 
selbst mit in Betracht zu ziehen. Gleichwie aber an die russi- 
schen Fahnen die Erforschung der Wissenschaft sich heftet, 
und wir heute die eroberten Landschaften im centralen Asien 
— bisher von der Nacht der Jahrhunderte bedeckt — genauer 
kennen als manche Theile der europäischen Türkei, so folgt 
auch unausweichlich die Cultur dem Siegeszug des schwarzen 
Aars. Russland erfüllt, daran kann der Ethnograph nicht 
zweifeln, eine wahre Culturmission, indem es auf seine Weise 
den orientalischen Völkern den europäischen Ideenkreis ver- 
mittelt; mit einem Worte: für Asien ist Russland die Cultur, 
die Civilisation. Der Unbetheiligte aber muss erkennen dass 
die Erweiterung der menschlichen Kenntnisse, dieses Auf- 



III 

schliessen neuer Kreise für das Cultiirlebeii der civilisirten 
Yölkerfamilien der beste Gewinn sei den die Menschheit von 
jeher seit den Zügen des Sesostris und des makedonischen 
Alexanders aus derartigen Kriegsunternehmungen gezogen hat. 

Diesem vor wenigen Jahren so zu sagen noch völlig un- 
beachteten Vordringen der Russen in das innere Asien widmete 
ich seinerzeit eine Reihe eingehender Aufsätze, welche in 
Streffleur's „österreichischer Militärischer Zeitschrift" erschienen 
und auch in nicht militärischen Kreisen Beachtung fanden. Der 
ehrenwerthe Unterstaatssecretär Sir Grant Duft" hielt im Jahre 
18(39 vor seinen Wählern in Elgin eine Rede, die sich mit 
Indien und den Fortschritten der dortigen Civilisation befasste. 
Er nahm dabei die Gelegenheit wahr, die von einem öster- 
reichischen Militär-Schriftsteller aufgestellte Ansicht dass Russ- 
land in Mittelasien vordringe um europäische Gesittung zu 
verbreiten, als durchaus verfehlt darzustellen. Da ich die Ehre 
habe jener von Sir Duff erwähnte Schriftsteller zu sein, so 
kann ich nicht umhin hier darauf hinzuweisen wie derselbe 
meine eben damals erschienene Schrift keinesfalls der wünschens- 
werthen genauen Durchsicht gewürdigt haben könne, weil er 
mir sonst schwerlich eine Meinung unterschoben hätte, die 
irgendwie auch nur angedeutet zu haben ich mir durchaus nicht 
bcwusst bin. In meiner Arbeit, welche, wie wohl voraussicht- 
lich, die officiellen Kreise Grossbritanniens unangenehm be- 
rühren musste, habe ich gesagt dass mit dem Fortschreiten 
der Russen auch europäische Cultur in das Innere von Asien 
dringe, keineswegs aber fiel mir bei, die Verbreitung euro- 
päischer Gesittung als Motiv oder Zweck der russischen Politik 
darzustellen. Als solche habe ich ganz andere Dinge bezeichnet. 
Da dies aber sehr zweierlei ist, so muss ich bedauern dass 
Sir Grant Duff über meine Anschauungen nicht besser unter- 
richtet gewesen ist. 

In veränderter, grossen Tlieils umgearbeiteter und er- 
weiterter Gestalt bilden diese Aufsätze die Grundlage des vor- 



IV 

liegenden Buches. Es haben sich seit drei bis vier Jahren die 
Verhältnisse sehr wesentlich geändert. Damals fand der Stoll" 
keinesfalls die verdiente Beachtung; selbst in England, dem 
Lande dessen Handelsinteressen zunächst davon berührt werden, 
hatte man erst begonnen sich mit dem hochwichtigen Gegen- 
stande ernstlich zu befassen. Lord John Lawrence, der ehe- 
malige Vicekönig von Indien und Edward B. Eastwick, der tiefe 
Kenner asiatischer Verhältnisse haben sich über die mittel- 
asiatische Erage vernehmen lassen, man kann aber nicht be- 
hau])ten, dass dieselben sich stets einer besonderen Ciründlich- 
keit beflissen hätten. In der englischen Presse wurde die 
asiatische Erage von Zeit zu Zeit ventilirt, leider kaum mit 
besserem Verständniss als in den leitenden Kreisen. Was die 
„Times" über den Gegenstand mitunter veröftentlicht, ist oft 
das Papier nicht werth worauf es gedruckt ist. Das tonan- 
gebende Blatt ist eben häufig genöthigt Ansichten Raum zu 
geben welche gewissen politischen Parteiriclitungcn entsprechen. 
Im ül)rigcn trachtet es zumeist die englischen Gemüther zu 
beruhigen. Gediegeneren Anschauungen begegnen wir in William 
Howard BusselFs trefl'lich redigirten „Army and Navy Gazette," 
welche mehr denn einmal an den Times-Artikeln eine scharfe 
Kritik geübt hat. Unter den österreichischen Blättern ver- 
dient lediglich der trefflich redigirte „Wanderer" wegen des 
Augenmerkes erwähnt zu werden, welches er der Erage zu- 
wendet und der Sachkenntniss womit er sie behandelt. Sein 
Redacteur, der geistvolle C. von Vincenti, ein Schriftsteller 
von seltener Begabung, ist durch längeren Aufenthalt in den 
ferneren Gebieten des Orientes ein treti'licher Kenner desselben 
und mit gründlicher wissenschaftlicher Sprachkenntniss ausge- 
rüstet. In Deutschland hat die Erage sich ebenfalls noch keiner 
eingehenden Würdigung zu erfreuen, so weit wenigstens vom 
grossen gebildeten Publicum die Rede ist. Sorgsam verfolgt 
und studirt wird dieselbe nur vom königlich preussischen 
grossen Generalstabe, der freilich kaum irgend ein Eeld des 



Wissens seiner bc^Yun(ie^ns^ve^tllen Thätigkeit entgehen lässt. 
In der deutschen Presse sind es zunächst die „Allgemeine 
Zeitung" und die „Kölnische Zeitung," welche zeitweise Auf- 
sätze von kundiger Feder über die russischen Bestrebungen in 
Innerasien publicircn ; in diesem Falle rühren solche Artikel 
mit geringer Ausnahme von einem Manne her, der vielleicht 
mehr denn irgend jemand thätig ist die Aufmerksamkeit Europa's 
auf die Vorgänge in Asien hinzulenken. Es ist Professor Her- 
mann Vämbery in Pest, der gelehrte ungarische Reisende in 
Iran und Turkestän. Seit seiner Rückkehr aus jenen Regionen, 
die er als muselmännischer Derwisch bereist hat, war es seine 
unablässige Sorge die Kenntuiss von den Dingen in der cen- 
tralasiatischen Tiefebene nach Möglichkeit zu verbreiten. Will 
man auch nicht in allen Punkten seine Anschauungen theilen, 
so wird doch kein billig Denkender — gleichviel welcher Meinung 
er sonst huldigen mag — ihm die Anerkennung versagen dürfen 
dass es lediglich seinem rastlosen Bemühen zu verdanken ist, 
wenn es heute überhaupt Leute gibt die anscheinend so fern 
liegende Fragen in den Kreis ihrer Forschungen gezogen haben. 
Hätte Vämbery auch nichts anderes geleistet als dieses eine, 
wahrlich er hätte genug gethan! 

In den letzten Wochen ist die centralasiatische Frage 
plötzlich eine brennende geworden, die für einen Augenblick 
sogar Kriegsbesorgnisse hervorrief. Alle Zeitungen beschäftigten 
sich mit derselben. Niemand hegt mehr einen Zweifel, dass 
früher oder später dieselbe zum Austrage kommen müsse. 
Dies ist begründet in der Natur der Dinge selbst so wie in 
dem Entwicklungsprocess den bisher das russische Reich durch- 
gemacht hat. Wir überzeugen uns davon am besten wenn 
wir einen Blick auf das stetige Wachsen des russischen 
Reiches werfen. 

Wenn ein englischer Staatsmann nicht mit Unrecht be- 
hauptete, Britannien sei weit eher eine asiatische denn eine 
europäische Grossmacht, so kann man dasselbe mit Fug und 



VI 

Recht von Russland sagen, dem Staatencoloss, den man abusiv 
den nordischen zu nennen pflegt, dessen Gebiet sich aber bald 
nahezu über alle Zonen der Erde erstreckt und an Ausdehnung 
der halben Mondoberfläche gleichkommt. Seit wenigen Jahr- 
hunderten hat sich das ungeheure Reich aufgebaut, und seit- 
dem ist kein Decennium verstrichen, in welchem es nicht un- 
auflialtsam, wenn oft auch unbeachtet, an seiner Erweiterung 
mit Erfolg gearbeitet hätte. Unter Iwan IV., der von loo3 
bis 1584, also länger denn ein halbes Jahrhundert herrschte, 
unterwarf es sich die tatarischen Chanate des Südens, mit 
Ausnahme der Krim; Kasan, das schon früher (1487) den 
Czaren zeitweise unterthan ward, erobert er 1552 nach langem 
blutigem Kampfe, Astrachan im Norden fällt 1554, und 155G 
werden die Baschkiren unterworfen, gleichzeitig aber fester 
Fuss in der Kabarda am Kuban gefasst. Die Kosaken Yer- 
niak und Timosejew endlich erschliessen durch die Ent- 
deckung Ssibiriens in Iwan's letzten Regierungsjahren ihrem 
Vaterlande einen neuen Continent und legen den Grund zu 
Russlands asiatischer Macht; 1587 wird Tobolsk gegründet. 
Im achtzehnten Jahrhundert, 1727, gewinnt Russland durch 
einen Vertrag mit Persien die schon vier Jahre früher unter 
Peter dem Grossen eroberten Provinzen Daghestän, Schirwan, 
Ghilän und Mazenderän, das heisst die ganze Westküste der 
Kaspi-See, muss sie aber 1734 wieder zurückgel)en ; es sind 
die beiden letzteren die einzigen Landschaften, welche dieses 
Reich einmal besessen, verloren und nicht wieder gewonnen; 
1813 nuissten die Perser Daghestän und Schirwan wieder 
herausgeben, nachdem bereits seit 1806 das wichtige Derbend 
in den Händen der Russen war. Ein erneuerter Krieg mit 
Persien endlich dehnte das Gebiet des Riesenstaates über 
den Araxes und bis an den Ararat aus und erwarb ihm im 
Frieden von Turkmantschay 1828 die Provinz Arran. Und 
auch heute noch hat Russland sein Streben nicht aufge- 
geben, und jeder Tag sieht es fortschreiten mit Riesen- 



VII 

schritten im Herzen der alten Welt. Russland steht nunmehr in 
Centralasien. 

Denkende Politiker können, seitdem der Weltverkehr nie 
geahnte Proportionen angenommen, seitdem der Dampf die ge- 
salzene See durchpflügt, seitdem Schienenstränge die Ferne 
nahegerückt, und die Distanzen zusehend verschNvinden, nicht 
mehr übersehen, von welch' unberechenbarer Tragweite die 
Machtentwicklung eines Staates sein muss, der nunmehr der 
uralten, nach Jahrtausenden zählenden Cultur China's eben so 
wohl die Hand reicht, wie des abendländischen Europa's mo- 
derner Civilisation. Kein nutzloses Beginnen ist's daher, wenn 
wir die Ereignisse der jüngsten Jahre in's Auge fassen, wie nicht 
minder, welcher Beschaftenheit die neuerworbenen Gebiete 
sind, welchen Nutzen sie dem russischen Reiche gewähren 
können, und welchen Einfluss diese Waffenthaten auf die Staaten 
des uns näher gelegenen Europa's voraussichtlich üben können '). 

Gannstatt im März 1873. 



Der Verfasser. 



1) Zwei Bücher, die ich gerne zu dieser Arbeit benutzt hätte, sind mir leider 
nicht zu Gesichte gekommen; es sind dies: J. & R. Michail. The Russians in Ooiitral- 
Rsia. London 1865. 8. und J. Mac Neil. The progress and present position of Rusaia in 
the East, 



i. Capitel. 

Die russischen Forschungen in Mittelasien. 

^fohr (loiin oimnal sclion wir in der Woltgeschiphtc die 
Triuinplio dor AVissenschaft don Triiimphoa dor Waffen folgen; 
Avonu al)or je eine Disciplin sich an das Banner siegreielier Tleeres- 
ziige heftet, so ist es die Länder- nnd Völkerknnde, jene Wissen- 
schaft, welche dem hentigen Verkehre, unserer jetzigen Ilandels- 
entwicklung zu Grunde liegt. In der Natur wie im Leben der 
Völker steht ^Vlles in steter Wechselwirkung, ist Alles Ursache 
und Wirkung zugleich; aus dem Tode spriesst das Leben, wie 
dem Tode nur anheimfällt, was da lebt. Der Krieg , jenes trau- 
rige Übel, das über Handel und Wandel den Bann ausspricht, 
den Verkehr vernichtet, und welches daher die heutige Erkenntniss 
als Quelle des Ruins meidet mid verabscheut, er hat mehr denn 
einmal nicht nur geistig, sondern materiell dem ^lenschen sonst 
uneindringliche Gebiete erschlossen und den Nationen den Weg zu 
neuem Wohlstand, zu neuem Reichthum gewiesen. ') Was jetzt, 
von Europa's .Vlltagsmenschen wenig beachtet, sich im fernen Asien 
zuträgt, es ist nichts Anderes. Im Gefolge der russischen Streiter 
schreitet die Wissenschaft, spähend, betrachtend, prüfend, aber 
rastlos vorwärts eilend. Was vor vier I^ustren noch ein dunkel 
Geheimniss, von dem nur ahnungsvoll der Gebildete und in vor- 
sichtiger Scheu der Gelehrte sprachen, es liegt heute vor Aller 
Blicken offen; der Schleier ist zerrissen, die Schranken sind ge- 
fallen, und was noch etwa unerforscht, in wenig Jahren wird es 
sein Geheimniss den russischen Kriegern überliefern müssen. Central- 
asien mit seineu Steppen und Wüsten, mit seinen schnee- und 
eisstarrenden, himmelanragenden Gebirgsrändern, von dem, noch 
ist's nicht lange her, nur dunkle Sagen gingen, wird nicht nur 
der Wissenschaft, auch dem lebendigen Verkehre, der Civilisation, 
der europäischen Menschheit erschlossen. 



1) Siehe über den mnteriellen Nutzen des Krieges: ,,Die wissenschaftliehen 
Enningensehafteii des Krieges" (Ausland 1873 Nrn. 4 und 5). 

1 



2 Die russifsolion Forsclningon in Mittnlnsion. 

Ehe wir daran gehen, eine Skizze der Gegenden zu ent- 
^verfen, welche den Schauplatz zu den russischen Kriegsoperationen 
ahgehen, und dann letztere seihst zu heleuchten, dürfte es dem- 
nach nicht ohne Interesse sein, flüchtigen Ulicks die friedlichen 
ITnternchinungen der letzten Jahre zu hetrachten, durch welche 
Russland die wissenschaftliche Kenntniss der mittelasiatischen 
Landschaften anbahnte, gleichzeitig damit den Sieg seiner ^Vatt'en 
vorbereitend. 

Eine unermessliche Region erstreckt sich jenseits des Kaspi- 
und Aralsees bis zur chinesischen Grenze, allgemein als INIittel- 
oder Centralasien, Tatarei, Turkestun, Türkisttui, Turau'), Turk- 
menien bekannt. Über die Geographie dieser Länder gebrach es 
lange an anderen Nachrichten als jene der chinesischen Quellen 
inid der spärlichen Berichte, welche uns die \vcnigen Besucher 
dieser entfernten Regionen hinterliessen. 

Der erste europäische Besucher dieser Theile Asiens war 
der Minoritenmünch Giovanni de l'lano Carpini, der 1245 auszog 
und sechszehn Monate auf der Reise blieb. Er zuerst hat in 
Europa bestimmte Nachrichten über die ^longolen veröffentlicht, 
und auch über China und den Priester Johannes, freilich nur vom 
Hörensagen, berichtet.^) Ihm folgte im Jahre 1249 Andreas de 
Lonjumel. Positivere Daten gelangten nach Europa aber erst durch 
Willem van Ruj'sbrocck oder de Rubruquis, gleichfalls ein Mino- 
ritenniönch, der, in Begleitung des Fra Bartolomeo di Crcmona, 
1252 — 1253, von Acre quer durch Centralasien zog, und bis nach 
Karakorum, der damaligen Residenz des Grosschans, gelangic. 
Ihm verdankt man die ersten Nachrichten über den Kumys, das 
aus Stutenmilch gegohrene Lieblingsgetränk der Mongolen, über 
den aus Reis bereiteten Arak und eine genaue Beschreibung des 
Yak. Nach Aimnian ^larcellin ist Ruysbroeck auch der erste 
Europäer, welcher von Rhabarber als einem oflicinellen INIittel 
gesprochen. Aber auch in die geographischen Kenntnisse der da- 
maligen Zeit braclite der niederländische Mönch manche werthvollc 
Berichtigung. Sänuntliche Geographen und Geschichtschreiber zwi- 
schen Aristoteles und Ptolemäus haben dem Kaspischen Äleer einen 
Ausgang in das Eismeer gcgihint. Selbst der umsichtige Strabo 

1) Tiiri'iii im Zciid Ti'iirja. Ks sind dioa K('Hoiiiniii<;pn iinpiitdccktcr llorlcitiuig, 
dooli Imt nuriiouf (Ya^iin T. 1. S. 427—43(1) admrfsiniiig im die liei Strabo (lili. XI. 
j). 517 cd. Oasaub-) genannte baktrisclin Hatrapip Tiiriiui oder Tio-ivii orlnnprt. Du Tlipil 
iindOroakurd (Lot/.tcror: Th. II. S. 410) wollen aber Tupi/rid lesen. Siehe llum- 
))oldt'a Kosmos II. S. ll'J. Ableitung von Tiiirjd im Zend {Tunisctikn im Sanskrit) d. i. 
sobnell, eilend, als Be/.eiclinung der lleitorvölker der nönllielien .Steppen. Ferner über 
die Bezeioliniing Tiiraiiixrh siehe: Olobus V. Rd. S. MI - .s:i. 

2) i':ber Carpini sielic Pesehel, Oeseli. d. Krdk. S. \M, 2(fl und 207. Ferner 
die interessante Studie von Dora d' Istria: Kusses et Mongols, Les Iluricovitseha et 
Jean du Plan de Carpin in der „Revue des deux Mondes" vom 15. Februar 1872 S. 800 — 832. 



Dio ruRsisolicn Forseluingpii in Miftolasion. 3 

war diesem Trugbild erlegen, verführt von einer Küstenbcsclirei- 
bung des Patrocles , der im Dienste des Seleiicns Nicator mid 
Antiocbus eine Flotte im Kaspisehen Meer befehligte, und zu ver- 
sicliern wagte, dass von Indien ans um den Ostrand Asiens herum, 
der freilich nach den damaligen Vorstellungen schon bei den Ganges- 
Mündungen begann, Schifte aus dem Eismeer in das Kaspische 
INIeer eingelaufen seien. ') Derselben irrigen Anscliaumig begegnet 
man im Mittelalter. -) AVahrend noch Andreas de Lonjumel die 
Kaspisce mit dem Pontus vei'wechselt hatte, gebührt Iluysbroeck 
das Verdienst, das Kaspische Meer von neuem wieder als ein ge- 
schlossenes Becken erklärt zu haben, nachdem er selbst die west- 
lichen und nördlichen Ufer, die südlichen und östlichen aber kurz 
vor ilnn, wie er wusste , Lonjumel bereist hatte. 3) Auch Ruys- 
broocks Bemerkungen über die nestorianischen Christen sind voll 
Interesse; er berichtet, dass sie fünfzehn Ötildte in Cathai bewoh- 
nen, und ihr Bischof seinen Sitz zu Singan, einer Stadt im west- 
lichen China habe, wo 1(525 wirklich ein Monument aufgefunden 
wurde, welches von dem Alter dieser christlichen Niederlassung 
Zeugniss gab. 

Der wichtigste Reisende des ganzen Mittelalters war aber 
unstreitig INIarco Polo, von dessen merkwürdiger Heisebeschreibung 
Oberst Yulc im Auftrage der Hakluyt Society zu London eine 
neue, treftliche ^Vusgabe veranstaltet hat. '^) INIchr denn dreihundert 
Jahre verstrichen, ehe nach dem grossen venezianischen Reisenden 
ein Europäer die Landschaften Centralasiens betrat. Es war diess 
Benedict Goes, ein Portugiese, aus ^'illa Franca auf der Azoren- 
Insel San INIichael gebürtig, der als Jesuiten-Coadjntor im Jahre 
1504 sich in Begleitung von Ilieronymus Xavier, Neft'en des be- 
i'ühmten St. Franciscus, imd eines andern portugiesischen Priesters, 
Emanuel Pinner, nach dem Hofe von Labore begab, wo er mehrere 
Jahre verweilte und Erkundigungen über die nöi-dlichen (iebiete 
Asiens einzog; er ging dann nach Agra, inul von dort Ende lf5 02 
oder Anfangs 1G03 nach Kabid, Yärkand, und erreichte die chine- 
sische Gränzstadt Su-tschcu, wo er siebzehn Monate lano; gefangen 



1) Strabo. lib. 11. XI. Tom. I. p. 74, T. II. S. 442. 

2) Sielic Paul Oinsius. Ilistor. lib. I. cap. 2. Colon. 153G. p. 15. Dann Kavon- 
niilis Anonymi Geogr. lib. II. cap. 8. eJ. Pindar & Parthoy, Berlin 1860, S. 62; Beda 
Vencrabilis. Po muiidi coeli terrestrisque constit. Colon. 1688. T. I. fol. 316. Dieser 
srlicint die Kaspisee als einen Tlicil des indischen Oceans betrachtet zu haben. Siehe 
Icrnor die Angclsächs. Karte dos britt. Museums aus dem 10. Jahrhundert und Orbis o 
cod. Bruxell. de anno 1119 in Lelewel's Atlas. PL VII und VIII. Siehe endlich über 
die Kaspisee: Peschel, Gesch. d. Krdk. S. 156, 292, und über die Entdeckung der De- 
pression dei'selben a. a. O. S- 41?, 549, 557, 558. 

3) Ruysbroeck, ed. d'Avozac. S. 264. 

4) The book of Ser Marco Polo, tho Venoiian. Ncwly translated and edited, with 
noies, by Colonel Henry Yule C. B. London 1871. 8. 2 Udo. Siehe über dieses wich- 
tige Werk: Edinburgh Review 1872. No. 275 S. 1—36. 

1* 



4 Dip russischen Forschungon in Mittelasien. 

gehalten wurde und endlich starh wenige Tage nach Ankunft 
eines christlichen Sendboten des berühmten S. Ricci zu Peking. 
4U Leider ist jener Theil von Goes' Reise , welcher die Strecke von 
Kabid nach Yärkand betrifft , noch sehr in Dunkel gehüllt. Als 
Nachfolger Goes' in späterer Zeit begnügen wir uns zu erwähnen 
Floris Beneveni 1725, Cladyschcw 1740, ^leycndorü' uiul Negri 
1820, Berg 1820, Alexander Burnes 1832, Lieutenant John Wood 
1838, Abbot 1839, Shakespeare und Aitow 1840, Nikiforow 1841, 
Nicolaus V. Chanikow und Alexander Lehmann 1841 — 1842, Oberst 
Stoddart und Capitän Conolly 1842 und Danilewsky 1842— 1843 ; 
in neuester Zeit endlich 18(53 Hermann Vämbery. 

Bis vor Kurzem waren die Arbeiten der Deutschen A. v. Hum- 
boldt und Carl Ritter, die doch eigentlich mehr oder weniger, wie 
diese beiden Gelehrten selbst g^rne einräumten , dem Gebiete der 
Conject Uralgeographie ') angehörten, das Vollständigste, was wir 
über jene Länder wussten, besonders über die Gegend zwischen 
dem Balchasch-See luid dem Tian- Schau. Den Russen erst hat 
die geographische Wissenschaft eine genauere Kenntniss Central- 
asiens zu verdanken, denn ihnen gebührt die Ehre, jene Gebiete, 
zum Theile schwierige Gebirgsgegenden und Hochebenen, theils 
eintönige Sandwüsten, zum Zwecke wissenschaftlicher Durchfor- 
schung durchwandert zu haben. In Russland war man seit .lahr- 
hunderten von dieser Nothwendigkeit durchdrungen, von der Über- 
zeugung geleitet, dass die asiatischen Gebiete früher oder später 
ein Entwicklungsfeld russischer Thätigkeit w^erden würden, worauf 
der Besitz Ssibirien's augenscheinlich hinwies. Von jeher war 
demnach das Augenmerk Russlands auf die Durchforschung des 
wenig betretenen Centralasiens gerichtet, und was Humboldt auch 
auf jenem Gebiete Ausserordentliches geleistet, es geschah auf 
Befehl und mit Unterstützung des russischen Kaisers. Humboldt 
hat indess auf seiner Reise nach Hochasien, 1829, den Tarbagatai 
nicht ü])erschritten '^) ; schon 1834 gelang es dem Astronomen 
W^assili Fedorow (Fjodorow), die Mündung der liCpsa in den 
Balchasch-See zu erreichen und zu bestimmen; 1840 — 1842 ver- 
vollständigten die Reisenden Karelin und A. Schrenk •') die Er- 

1) Sie stützton sich beinahe ausschliesslich auf die chinesischen Quellen, welche 
Klaproth, Abel Keinusat, Stanislas Julien, P. Hyacinth und Andere erschlossen. 
Die wichtigsten dieser Quellen sind das Sl-i/it-tliiiiif/-wen-fnrhi , Peking, 1772, das Si-i/ii- 
weii-kkin-li) (dessen zweite und dritte Auflage, 1777 und 1814, den Titel Sin-l-iatig-wai-fn'i- 
ki-lio und Si-ifi(-ki führte), das Plng-tseK-hii-pleii , 1726, und das 'Fliai-thsliin-i-tong-tfrhi, 
1774. — Ferner des buddhistischen Pilgers Hiuen-thsaiig Reisebeschreibung I'ieii-i-tieii, 
die Memoiren des Sse-mn-tlisle» und des Ma-tiian-Uii Encyclopedie. 

2) Sein weitester Punkt war der chinesische Pfwten Bity am Irtysch (!".)" n. Hr.) 
;i) Leider ist von Schrcnk's Reisewerk bis jetzt nur ein Bruchstück veröffent- 
licht unter dem Titel: „Berieht über eine im Jahre KS40 in die östliche dsungarische 
Kirgisensteppe unternommene Reise." (Beiträge zur Kenntniss des russischen Reiches, 
herausgeg. von Baer und Helmersen. Vll. Bändchen, St. Petersburg, 1847.) 



Die russischeu Forachungen in Mittelasien. 5 

forschuiig der Gegend zwischen dem Balchasch im Norden, dem 
Ilistrom im Süden und dem sogenannten ds ungarischen Ala-Tau. 

Immer mehr mid mehr machten diese Reisenden den Sinn 
für die geographischen Expeditionen in die NachharUinder Asiens 
rege, so dass das Jahr 1845 die Gründung eines Institutes hrachte, 
welches auf den künftigen Gang der Wissenschaft in Russland 
von unherechenharem Einflüsse sein sollte. Es traten hervor- 
ragende Männer zu einer Gesellschaft zusammen, welche sich als 
kaiserlich russische geographische Gesellschaft zu St. Petersburg 
constituirte und heute an der Spitze eines Capitales von 88.000 
Thaler und 27.970 Thaler Einnahmen steht, zu denen der Staat 
eine jährliche Subvention von Ki.löO Thaler zuschiesst. ') Hand 
in Hand mit dem tüchtigen russischen Generalstabe, dessen Arbeiten 
sie theils unterstützte, theils ergänzte, und mit dem sie in steter 
regster Verbindung steht, nahm die geographische Gesellschaft die 
Durchforschung der Heimat, die früher ganz in den Händen der 
kaiserlichen Akademie der Wissenschaften geruht, in Angriff, ihre 
Thätigkeit — im Gegensatze zu anderen ähnlichen Körperschaften — 
nur auf die Gebiete des russischen Scepters und die Nachbar- 
länder Asiens beschränkend, welche für Russland von Wichtigkeit 
sein können. In dem colossalcn Reiche ist Alles colossal, und so 
stellte sich bald die Nothwendigkeit heraus , an den Extremitäten 
des Staates, gleichsam als vorgeschobene Posten, Zweigvereine zu 
begründen , die mit dem Centrum zwar in ununterbrochener Ver- 
bindung, doch ihr eigenes, enger begrenztes Forschungsgebiet sich 
zu ziehen hätten. So erfolgte schon 1850 die Gründung der 
,, kaukasischen Section der kaiserlich russischen geographischen 
Gesellschaft''' zu Tiflis , und 1851 die der ssibirischen Section zu 
Irkutzk; in jüngster Zeit fügte sie diesen beiden zwei neue Zweige 
auf europäischem Boden zu: es sind dies die 18(i7 gegründete 
,,Noi-dwestliche Section''' zu Wilna und die ,,Orenburg'sche Section" 
zu Orenburg. Was und wer seitdem in Russland Ansehnliches 
für die Geographie geleistet hat, ist entweder aus der geographi- 
schen Gesellschaft oder aus dem Generalstabe, oft aus beiden zu- 
gleich hervorgegangen. 

Zu weit wnirde es uns führen, wollten wir hier, wenn auch 
noch so cursorisch in's Auge fassen, was für die Erweiterung der 
(Jeographie und Topographie Russlands geschehen ist; wir müssen 
uns vielmehr auf die centralasiatischen Gebiete beschränken, erst 
allein für uns von Interesse sind. Im Jahre 1851 erreichte Ob die 
Kowalewski an der äussersten Gi'enze der chinesischen Dsungarei 
den Ort Kuldscha, von welcher Reise er höchst werthvoUc Nach- 



1) Nach Bchm's neuestem „Geogriiphischcn Jahrbuch" IV. Bd. 1872 S- 445. 



ß Die russisclicii Forscluiiigcn in Mittclaaii'ii. 

richten mitbrachte^). Erst nach der 1854 erfolgten Errichtuno- 
lies Fort Wiernojc an der Ahiiaty, gehing es 1855 — 1858 den 
riissisclien Forschern, in die sogenannten transilischen Kegionen 
vorzudringen; ilirc Forschungszüge führten sie bis an das südliche 
Ufer des Sees Issi-Knl, uml Einer von ihnen, der Astronom, Herr 
jSIagister P. Ssemenow, der den Obersten Chomentowsld auf einer 
niilitiirischeu Expedition begleitet, bestieg im Juni LS -2 7 zum ersten 
ISIale die Gipfel des Tian iSchan, die vor ihm noch kein Europäer 
betreten hatte, während nahezu gleichzeitig der Capitän vom Berg-" 
Ingenieur-Corps ^Nleglitzky (auch bekannt durch seine interessanten 
Untersuchungen am Baikal-Öce in Ösibirien) und der Stabscapitän 
Autipow, 1854 — 1855, den südöstlichen Theil des Gouvernements 
Orenburg mit den südlichen Ausläufern des Uralgebirges geogno- 
stisch aufnalmien und die gewonnenen Resultate in Hchrift und 
Karte verijft'entlichtcn ; E. Borszcow bereiste in derselben Epoche, 
1857 — 1858, mit Ssäwerzow, im Auftrage der Akademie der 
Wissenschaften zu St. Petersburg, das (^renburg'sche Land zwischen 
dem Ural , dem Irgis , dem Aralsee und dem Kaspischen Meere 
und entwarf ein gelungenes Bild von der geologischen Beschatfen- 
heit der ganzen Aralo-Kaspisclien Niederung, so wie der INIucha- 
dscharischen Gebirge und des Ust-Urt. 1858 entsendete die geo- 
graphische Gesellschaft eine Expedition nach Persien, besonders 
zur Erforschung der an die centralasiatischen Gebiete im Süd-\Vesten 
grenzenden persischen Provinz Chorassan. An der Spitze dieser 
Expedition stand der rühmlichst bekannte Reisende Xicolaus von 
Chanykow, der schon 1841 — 1842 die centralasiatischen Steppen 
bereist und ein werthvolles Buch über Bochara in russischer Sprache 
verfasst hatte-); die übrigen Mitglieder der Expedition waren die Herren 
Goebel, v. Lentze (Astronom), Staatsrath Prof. Dr. A. v. Bunge 3) 
(Botaniker), Binnert, Petrow und Graf Keyserlingk. Die Exjic- 
dition ging im März 1858 ab und begab sich über Asterabäd, 
Nischabur, Meschhed (Tüs) nach Hei-at ^) und zurück üljcr den 
Ilamün-See, Kermän, Yezd, Ispaluui, Teheriin an den Urmia-Sec •^). 



1) Ausserdom war ihm idcr Zweck seiner Rciae vollstüiulig gelungen, dabin 
gellend, die Bande des guten Einvcrnclimens zwischen Russland und Cliiiia enger zu 
knüpfen, welche beide Reiche hier so wie im Norden und Nord-Ost eine gemeinschaftliche 
üronze haben sollten, und russische Faktoreien iu Kulilscha und Tschugutschak zu grün- 
den. Der hierüber am 25. Juli und 6- August 1851 abgeschlossene Yertrag ward ersl am 
28. Februar und 11. März 1861 bekannt gemacht. 

2) Ks erschien in englischer Ucbcrsctzung unter dem Titel: nokhnra, ils Aniir 
and its Pcople. Translated irom thc Russian of KhaiiiUnlV by the Bnron Clement A. de 
Rode. London 1845. S. 

3) Über Bunge siehe Pcschel Gesch. d. Erdk. S. 556. 
■l) retermann's Geogr. Mittheilungen, 1850, S. 206. 

5) Petermann's Geogr. Mittheilungen, 1860, S. 43. Den ausführlichen Berieht 
über die ganze Expedition gab Chanykow iti seinom: Memoire sur la parlic meridionalo 
de l'Asie centrale- Paris, 1861. 1. 234 S- niit 3 Karten. Uebcr Chorassan siehe ferner; 



Die russisclioii Forschungen in Mittelasien. 7 

Kurz darauf ward auf Anregung Sseinenow's beschlossen, eine 
Expedition in das I^and jenseits des Balchasch-See's und des Ili 
al)golieu zu lassen, um dem INIangel an astronomisch genau be- 
stimmten geographischen Punkten abzuhelfen , \velclie die schon 
damals als durchaus notliNvendig erkannte Ilerstcllnng einer Karte 
dieses Theiles von Centralasien möglich machen konnten. Unter 
Mitwirkung des kaiserlichen Generalstabes ging denn auch schon 
am 12. Februar 1859- der kaiserliche Gencralstabshauptmanu 
A. Golubew ') in IJeglcitnng des Topographen ^latkow daliin ab. 
Er mass in der That IG Punkte^) und drang bis zu dem See 
Issi-Kul, dessen bei Uiufig richtige Form zuerst 1847 vom russi- 
schen Topographen Nifantiew gezeichnet, endgültig aber erst durch 
im Jahre 185!) und 181)0 untcnionmicne Arbeiten festgestellt wurde. 
Letztere wurden unter der Leitung des Herrn ^Veniukow , eines 
der hervorragendsten ISlitgliedcr der kaiserlichen geographischen 
Gesellschaft, von einer Connnission von Ofticieren der ssibirischen 
Abtheilung des russischen Generalstabs ausgeführt. Auf diese 
Weise wurden blos in der Umgebung des Issi-Kul und längs des 
Flusses Tschui im Laufe des Jahres 1859 an 53.000 G^Verst -J) 
aufgenommen. Auch am östlichen Ufer des Kaspischen Meeres, 
auf dem Ust-Urt, rund um den Kara-Boghaz herum bis zum Bal- 
kanischen iNlcerbusen wurden an 88.000 OWei'st aufgenommen, 
wodurch die Figur des Kara-Boghaz ganz genau bestimmt ward. 
Im Laufe des Jahres 18(50 erlitt indess die Figur des Kas])i- 
schen jNIceres neue Veränderungen durch die vom Hydrographischen 
Departement veranlassten , chronometrischen , astronomischen und 
topographischen Vermessungen Seitens des Seecapitäns Iwaschiu- 
tzow von 1858 bis 1860, während gleichzeitig der Generalstabs- 
offizier Dandcvillc 1858 auf seiuer Karte des T"st-Urt die erste 
richtige DarsteUung der ]Mangyschlak-llalInnsel lieferte^); auch im 
Orenburg'schen Ländergebiete, sowohl bei den Urarschen Kosaken 
als in der Kirghisensteppe, wurden Katasteraufnahmen über 5320 
!_1 Werst (= 110 DM.) vom Generalstabe ausgeführt; ferner 
Nivellements zwischen dem Fort Perow.ski und dem Jany-Darjä 
auf einer Länge von 575 AVerst, xmd endlich eine Recognoscirung 
in dem Osten des Aralsee's über 27.905 GWerst (576 QM.). 

Production und Handel von Cliorassäu (P e t er m au n' s Geogr. Mlttheihuigcn, 1864, 
S. 7 — 9). 

1) Capitän Golubew starb leider für die Wissenschaft viel zu früh im Jahre 1866. 

2) Siehe dieselben in Petermann's üeogr. Mitthoilungen, 1861, S. 198- 

3) Eine russische QW erst i: 0.0206677, deutscho QMeile :; 1.138021 □Kilometer. 
Als Längcnmass gehen 104.3387 Werst auf einen Äquatorgrad, 6.955916 (also rund 7) 
Werst auf 1 deutsche Meile und 0.9373998 (also rund 1) Werst auf 1 Kilometer. 

4) Notiz über die Berge AX--tau und Kara-tau auf der Halbinsel Mangyschlak 
am Ostufer des Kaspischen Meeres, von G- v. Helmersen. (Bulletin de rAcademio 
Imp. des scicnces de St. Petersbourg. T. XIV. No. 6, Mars 1870.) 



8 Die ruBsisclicii Forschuiigon in Mittciasirn. 

Im iiäch.strolgciiden Jahre wurilen unter Leitung des Obei'sten 
Dandeville vom Generalstabc die Aufnahmsarbeiten zwischen den 
P^lüsscn Ilek und Utwa, am kSsyr-Darja hinauf vom Fort Tsehuhik 
bis zur ehokanzischen Festung Jany-Knrgaii mit Einsclduss der 
südwestlichen Aushlufer des Kara-Tau mid am Flusse Jfuiy-I)ar)ii 
fortgesetzt. Sodann fanden Recognoscirungen durch 5 Oflicierc 
des Topographen-Cori)s im Gouvernement Orenburg und im nord- 
östlichen Theile der 8teppe jenseits des Tohol zur Untersuchung 
ihres gegenwärtigen Zustande« »Statt, so dass auch in diesem Jahre 
in Allem 7670 GAVerst (IöIlM.) aufgenonnnen und 1 53.870 PAV. 
(3180 CINI.) recognoscirt wurden. Im Jahre 18()"2, wo Oberst 
Ssalessow die Katasteraufnahmen leitete, wurden weitere 599ß C7)W. 
(1 24 GM.) aufgenommen und von der S])ecialkartc des I^änder- 
gebietes sechs neue Blätter im ISlassstah von 1 : 120.000 vollendet. 
Oberst Tschernajew leitete 1863 eine Kecognoscirung in der (iebirgs- 
kette Kara-Tau, und zwar zwischen dem Berge Daud-Chodscha, 
den Forts Ösusak und Tschulak-Kurgan, der Stadt Turkestän, dem 
Orte Utsch-Kajuk und den Ruinen von Jany-Kurgan. Eine zweite 
Recognoscirung untersuchte das Terrain zwischen den westlichen 
.\usläufern des Kara-Tau, dem Daud -Chodscha und den Seen 
Telekul und Telekultata ; die Karten heider Recognoscirungen haben 
den ]\Iassstab von 1:210.000. Flotten-Capitän und Flügel-Adjutant 
Butakow dampfte 1863 den Ssyr-Darja aufwärts bis zum Orte 
Bayldyr-Tugai, bestimmte die Position mehrerer Punkte, unter- 
suchte die Tiefen und das Fahrwasser imd Hess durch einen 
Offizier imd zwei Topographen das Flussufer aufnehmen ; im Jahre 
1864 erstreckten sich die Katasterarbeiten auf 3933 HWcrst 
(81 CM.) im INIst. von 1:21.000, die geometrische Netzlegung 
über ein Areal von 5)500 GW. (11)6 G^I-) und die Berichtigung 
älterer Arbeiten im Steppengebiete der inneren Horde zwischen 
Fral und AVolga. Neue Aufnahmen erstreckten sich ferner über 
970 GW. (20 G AI.) in den Transuralischen Steppen, an der 
End)a, am Ssyr-Darja, im Bergreviere Kara-Tau uml in der neuen 
Provinz Turkestän, desgleichen über 102 GAV. (4^',^ GlM-) der 
Stadtpläne mit Umgebung von Turkestän und Tschemkend im Alst. 
von 1:8400. Im Jahre 1865 Hess Oberst Ssalessow Wegrecog- * 
noscirungen im Mst. von 1:84.000 über 20.600 ["AV. (425 GAI.) 
zwischen dem Fort Oren])urg am Turgai, Turkestän und Fort 
Perowski am Ssyr, dann über 20.000 T AV. (413 ^]M.) der Pro- 
vinz Turkestän von Merke an westlich bis zum Ssyr und diesen 
aufwärts bis zur Tschirtschik-AIündung vornehmen, so wie den 
Entwurf einer Karte des Chaiiates C'hokan vorbereiten. 

Nicht minder thätig waren die Russen im westssil)irischen 
Alilitärbezirkc ; 1860 wurden im Siebenstrom- und transiliscben 
Gebiete, im nordwestlichen Thcilc des Kreises Ala-Tau und im 



Die ruBsiBchou Forscbuugcii iu 3Iittclasicn. 9 

Südwesten des Lssi-Kul im Masstabe 1:420.000 an 45.000 DW. 
(930 HM.), im Jahre 1861 unter Leitung des Obersten Babkow 
vom Generalstabe durch zwei Ofticiere und vier Topojjrapheu im 
Thale des Tschui und Umgebung gegen 14.500 D^V. (:500 CM.) 
aufgenommen; 1862 wandte sich Oberst Babkow nach der chine- 
sischen Grenze, und zwar von den nördlichen Gebirgszweigen des 
Ala-Tau bis zum See Dsaissang-Noor und vom Flusse Tokta bis 
zu den chinesischen Grenzposten jenseits des Engpasses Chabar- 
Assu im Tarbagata'i. Von der Gegend der Flüsse Basara, Kor- 
bugi, Tebezge und Tamirsik am Xord-Fusse des Tarbagatai wairde 
die Aufnahme auf die Südufer des Dsaissang-See's und das Thal 
des schwarzen Irtisch — 120 Werst aufwärts — übertragen. ]Man 
ging längs der Grenze bis zum Piquet Koss-Agatsch vor, bestinmite 
auch die Ijage der Berge Ssary-Tsoheku und ^lankrak mid nahm 
im Laufe des Sommers im Ganzen etwa l'.).i)72 LJW- (412 HINI.) 
auf. Eine Recognoscirung, 1863 uuternonnucn, südlich des Flusses 
Tschui, bewegte sich am oberen Ssyr-Dai"ja und im Himmelsgebirgc 
in der Richtung auf Kaschgar und lieferte das Kartenmaterial über 
28.140 ,C;AV. (581 C^I.); c^ii*^ J»l"" l-'^'^i brachte, stets unter Leitung 
des Obersten Babko\v und durch 9 Offlciorc und 32 Topographen, 
die x\ufnahme von 8766 GW. (181 iZ^I.) längs der chinesischen 
Grenze am Nordabhange des Tarbagatai imd im Flussthale des 
Borochudsir ; ferner Aufnahmen am oberen Tschui zwischen Fort 
Kastek und der ]Mündung der grossen Kebin und im Süden des 
Tschui vom Flusse Talass über die Berge Karabura bis zum Flusse 
Tschoktal, ein Itinerar durch die Flussthäler Aryss imd Bugun, 
und von Tschulak-Kurgän bis Auliett (Aulie-ata) , Alles im Mst. 
1:210.000 — und endlich die Pläne der Forts Tokmak, Merke 
und Auliett im Mst. von 1:21.000. 

Ausser diesen ihren regelmässigen Gang nehmenden Arbeiten 
Hess sich aber die russische Regierung es angelegen sein , die 
Durchforschung dieser Landschaften durch speciellc Expeditionen 
zu betreiben, die zwar nicht stets rein wissenschaftlichen Älotiven 
entsprungen , immer aber der geographischen P^rkenntniss frucht- 
bringend waren, llieher gehören die commissionelle Bereisung der 
Kirghisensteppe unter I^eitimg des wirklichen Staatsrathes Girs; 
die Commission unter Führung des General-Lieutenants Dlotowski 
zur Feststellung der Grenze zwischen den Ländern der Urarschcn 
Kosaken und der Kirghisen am linken Ufer des Ural; dann die 
Reise des Bergingenieurs Oberstlieutenant Tatarinow" am Süd- 
Abhange des Kara-Tau , wo er in einer Entfernung von 90 \V. 
von Turkestän, Tschemkend und der Mündung des Arj^ss Stein- 
kohlen von bester Qualität fand '). Die Bearbeitung dieser so wie 



1) P et erni aiiii'a Geogr. Mittlieiluiigcn, lö67, S- 118. 



10 Die russischen Forsfluiiigoii in Mittelasien. 

der aiif'gofiiiideiicn Goldwcrkc ward sogloich in Angriff genonnnon '). 
Von ^Vest-8si])iricll aus wurde ein niilitärisclies Coinniando unter 
dem Capitjln Ilolmstrom abgeselnckt, um die kürze.sten Karawanen- 
Avegc festzustellen, die von Ssemipolatinsk und Petropawlowsk 
westlich vom Balchascli-Sec durch die Hunger-Steppe bis zu den 
russischen Forts am Süd-Ufer des Tschui und nach Taschkend 
mid Turkestan führen. Gleichzeitig nahm Oberst Babkow, dessen 
Leitung auch die Holmstrom'sche P^xpedition unterstand, die Topo- 
graphie des so wichtigen Balchasch-Sce's auf. An diese Arbeiten 
lehnen sich die statistischen Untersuchungen A. J. Makschejew's, 
die archäologischen Forschinigen H. Fawizki's, die ethnographischen 
und linguistischen Radloffs, endlich die meteorologischen Beob- 
achtungen, die General von Kaufmann an 15 Stationen Turkestans 
eingerichtet hat. 

Die in vieler IJezieluuig so interessante Begion des Tarba- 
gata'f ward 1864 von C. Struve und dessen Begleiter Botanin 
genauer erforscht. Struve's Ex])e(lili()n verfolgte dabei astrono- 
mische und topographische Zwecke. Frühere Arbeiten s(dlten ver- 
vollständigt und das vollständige topographische INIaterial auf- 
genonmien werden, um eine Karte der ganzen Provinz Turkestan 
licrzustellen. Die Arbeiten nmfassen das ganze Gebiet von Merke 
bis zum Ssyr, am Ssyr den Strich vom Parallel von Turkestan 
im Westen l)is zur ]NBindimg des T.schirtschik und weiter östlich 
bis zu den Bergen Aon Sussamir und den Quellen des Tschirtschik. 
>s'eben den topographischen Arbeiten liefen astronomische Orts- 
bestinmiungen, die eine Reihe von Punktei^ von der Festung 
AVicrnoje an bis Taschkend und Tschinaz betreffen mid am 
Ssyr-Darja, bis zu den von Contreadmiral Butakow bestinnnten 
Puidvten reichen. Das Kesultat dieser Arbeiten Struve's, die Karte 
Turkestan's, ward schon im September 18()5 begoimen und er- 
schien 1868 als ,, Karte des General-(Jouvernements Turkestan, 
ausgeführt in der asiatischen Abtheilung des Generalstabs unter 
Leitung des Capitän Narbut" im Massstab von 1 : 2.000.000. 

Die andere Expedition des Natui'foi^schers Ssäwerzow hatte 
geologische und zoologische Forschungen im Auge. Zu derselben 
gehörten ein Officier von den Bergingenieuren sowie mehrere Berg- 
beamte und Arbeiter. Schon 18(51 machte Ssäwerzow im Auf- 
trage des russischen Kriegsmiidsteriums und versehen mit Instruc- 
tionen der k. russischen geographischen Gesellschaft in St. Peters- 
burg eine Heise in die centralasiatischen Gebiete. Die Ergebnisse 



1) Tatarinow. Über die gegenwärtige Vorbereitung der Kohlen- und Gold- 
btM'gworkc in der Provinz Turkcstäa (lawästija der kaiserlich russ. gcogr. Gesellschaft 
öt. Petersburg, B. 111, 1867, Nr. 2). 



Die nissisclicn ForscUmigcii in Mittelasien. 1 1 

dci'öolbou isiud in einem Bericht ') niitgcthcilt, der viel des Inter- 
essanten entUiilt und namentlich Klarheit über die «feognostischcn 
VerhältiHssc jener Gegenden verhreitet -). Seine seitherigen For- 
schungen, so wie jene Nikolski's sind in den Is^Yilstija (Mittheilnngen) 
der kaiserlieh russischen geographischen Gesellschaft niedergelegt •'). 
SsJiwerzow dehnte seine Forschungen sodann auf den westlichen 
Theil des Tian Schau, auf den Naryn, d. h. den ()])erlauf des 
Ssyr-Darjä und sogar jenseits des Tian Schau bis ziun .Vksai, dem 
nördlichen Quellflussc des Kaschgar-Darja aus. Er bestiUigte die 
Abwesenheit vulkanischer Gebilde im Tian Schau, glaubt in jenen 
Centralregionen den Ausgangspunkt der grossen zoologischen Keichc 
des Mittelnieeres des Ilinu'ilaya uml Ostssibiriens nachweisen zu 
können so wie dass seine Untersuchungen über die geographische 
Verbreitung der Fische die Annahme einer vormaligen Verbindung 
der centralasiaiischen Binnensee mit dem Eismeere bekräftigen 
und eine frühere .Vbtrennung des Kaspischen vom Schwarzen Meere 
als dieses letzteren vom Mittelländischen INIeere darthun '). 

Aus diesem skizzenhaften Abrisse ist deutlich zu ersehen, 
wie Russland Schritt für Schritt die "Wege zu seinem Fortschreiten 
in Innerasien mit Hilfe der Wissenschaft sich ebnet und vorbereitet. 
Aber auch nach errungenem militärischen Erfolge wird die AVissen- 
schaft nicht in die Küstkammer verwiesen, vielmehr sehen wir 
hier eines der schönen Beispiele, wo Wissenschaft und Kriegs- 
handwerk Hand in Hand gehen, und wo erstere durch Vermehrung 
und Erweiterung der menschlichen Keimtniss zu sühnen sucht, 
was allenfalls das letztere an dem sogenannten humanitären Ziele 
der Menschheit verbrechen könnte. 



1) Iswästijn ilor k. rnss. gco';!-. Gcsclls,-liaft zu St. Petersburg, 1S65, Nr. 7, S. 127 ff. 

2) Hr. MartUe. Kussischc wissenscli.Tftliclio Kxppflitionon im Jsiliro 1861 und löOD 
in Turlv'stan. (_Zei(selirift i'iir allgemeine Erdkunde- Berlin, 1867, II. S- 79-81.) 

3) Ssäwcruow ira Bilo- II, 1866, llft. Nr. 7. Nikolski's geologische Unter- 
suehungen im Bande III, 1867, lieft Nr. 3. Der „Iswästija." 

4) Maunoir- Kapport sur les Travaux de la Soeicle de geographic de I'aris, 
1868. S. l'JO. 



II. Capitel. 

Die Landschaften Centralasiens '). 



Die Region, mit wckher wii- uns beschäftigen, wird im Westen 
vom Caspisehen ]\Ieere und dem sowohl Asien als Europa gemein- 
schaftlich angehörenden Jaik oder Ural (dem Daix der Alten), im 
Norden von dcmsellien »Strome bis Orsk, dann von einer Linie 
abgeschlossen, die etwa von letzterem Punkte bis zu der ssibiri- 
schen Htadt Ssemipolatinsk ^) reicht; den Osten begrenzen die hohen, 
meist granitischen Gebirge des imposanten Tarliagatai 3), des Ala- 
Tau und Altai ')- Stockes, der Tian- Schau oder Ilimmelsberg an 

1) Wir lofjon iHrsfr grograplnscluMi SUizzo die betreffenden Absdinitle atis 
Kliideii's UaiHllnich di^r Erdkunde, III. Band (1862), zu Grunde, dieselben auf den 
lieutigen Standpunkt unscrs geographischen Wissens ergänzend. Als hervorragejidste Karten 
wurden zu dieser Darstellung benützt: der immer noch, trotz der zahlreichen neueren 
lOrforsehungen brauchbare Atlas von Lieut. Carl Zimmermann zu Ritter's Asien 
(nebst dessen geogr. Analyse der Karte von Inner-Asieii, Berlin 1841), dann II. Kiepert' 
Turin oder Türkistan, Berlin, 1864, das worthvoUe tjbersichtskürtchen der russiseb- 
turaniseh-chinesisehen Grenzgebiete in Inner-.\sien im III. Hefte von Petcrniann's 
Geogr. Mittbeilungen 1868 und schliesslich die noch wenig bekannte, aber, weil die neu- 
eren russischen Erforschungen verzeichnend, höchst wichtige, im August 1868 als Beilage 
zum „Kussischen Invaliden" erschienene Karte von Ccntralasion im Masstab 1 : 4,2(H).(H)0. 
Hecht brauchbar ist ferner <lie 1863 erschienene russische Karte von Russ'Sch-.\8icn und 
das kleine aber werthvolle, 1867 ebenfalls russisch publicirtc Kärtchen KUdturkestäns. 

2) Am Irtisch gelegen, im Gouvernement Tomsk- Siehe darüber die ,\bhandlung 
von Abramow in i'en „Süpiski" der kais. russischen geogr. Gesellschaft, 1861, 1- B I. 

3) Der Tarbagntai' oder das Murmelthiergebirge (von turhnrja , Murmelthier) er- 
hebt sich im Norden des Ala-kul und im Süden des l)saissang-Sees, weit über 50 M. 
von ^Vcsten nach Osten reichend, und ist wälirend des ganzen Sommers mit Schnee bc- 
deekf. Ssemenow gibt dem Tar1)agata'i eine mittlere Kammhöhe von 4300 P. F. Diese 
in vieler Beziehung interessante Kegion ist 1864 von C Struve und dessen Begleiter 
I'otanin genaticr, als seither der Fall gewesen, erforscht worden. Die Kirghiseu haben 
in der jüngsten Zeit Versuche gemacht, feste Wohnsitze daselbst zu grümlen, und würde 
die Ansässigkeit gewiss in grösserem Unifange stattfinden, wenn es nicht im Gebirge an 
Holz mangelte. 

4) Altai ist eine Verschmelzung, richtiger Abkürzung von Al-Taig» und bedeutet: 
erhabenes Felsongebirgo. Einige leiten den Namen von dem türkischen "Worte alti/n, 
Gold, her, wonach Altai Goldgebirge heisst. Der Altai ist ein alttürkisches Land. (Hum- 
boldt. Kosmos II. S. 43.) Neue und in anziehender W'ciac dargestellte Aufschlüsse über 



Die Landschaften ContralaRiens. 1 o 

China's Grenze und der Belut-Tagli, an welchen sicli im Süden 
die Riesenformen des Hindu-Kusch anschliessen. Der Paropanisus ') 
bis in die Gegend von Herat und dann die Höhenzüge im Norden 
der persischen Provinz Kohistitn (d. i. Berghand) bis znm Kaspi- 
See bilden den südlichen Abschluss dieses Gebietes, welches sich 
demnach etwa zwischen 34 — 50^ n. Br. und 48 — 78^ ö. L. von 
Paris erstreckt. Wie ein Blick auf die Karte lehrt, fallen in diese 
Eegion die südwestlichen Tlioile Ssibiriens 2), das ehemalige un- 
abhängige Turkestrm mit den Chanaten Chiwa, Bochitra und Chokan, 
einst unter dem Namen der grossen Bucharei zusammengefasst, das 
bis vor Kurzem nominell zu China gehörige Ost-Turkestän ^) oder 
die Provinzen Tian-Schan-Nan-Lu mid Tian-Schan-Pe-Lu ^), end- 
lich die zu Afghanistan gezählten Königreiche Kabid und Herät, 
so wie ein kleiner Tlioil des nördlichen Pcrsiens. 

Den weitaus grössern, das heisst den westlichen inul nörd- 
lichen Theil dieses Gebietes, nimmt das turanische Tiefland ein, 
das grösste der Erde, wenn man die durch den Ural davon ge- 
schiedene sarmatische Ebene in Ost-Europa hinzurechnet. Es wächst 
in diesem Bereiche die Neigung des Bodens nach Süden hin, öst- 
licher aber findet ein alhnäliges Ansteigen gegen Südost statt. Tm 
südwestlichen Theil ist die grosse Depression der Erdrinde, deren 
tiefste Stelle der Kaspi-See ^) ausfüllt, dessen Spiegel 82,8 P. E. 



denselben brachte Bernhard von Cotta's Reise vom Jahre, 186S (siehe „Ausland" 18C9 
Nro. 10, 11, 13, 16, 18, 50, 51 und sein werthvoUes Buch: „Der Altai, sein geologischer 
Bau und seine Erzlagerstätten. Leipzig 1871. 8.) — Dann die im August 1869 abgeschlosse- 
nen Arbeiten der russich - chinesischen Grenz - Commission unter BabUow, welche die 
Grundlage zu einer speeiellou Kenntniss des die wildesten Partien des Alta'i cinschliessen- 
den Grenzstreifens vom Dsaissang-See bis zur Grenze des Gouvernements Jenissei gelegt 
haben. (Petermann's Geogr. Mitth. 1870 S. 77.) 

1) In Abweichung von der allgemeinen Schreibweise Paropamisus schrei t A. v. 
Humboldt Paropanisus. CAnsichten der Natur, 1859, Bd. I. S- 82.) 

2) Geographisch ist Ssibirien von dem turanischen Tieflande nicht zu unterscheiden. 

3) Das Tafelland zwischen dem Tian Schan und dem Kuen-Luen, auch die hohe 
Tatarei oder kleine Bucharei genannt; letztere Benennung bezeichnet indess und mit 
Hecht der grosse Kenner des russischen Reiches, Adolf Erman, als sinnlos und absurd, 
denn das chinesische Turkestän ist weder kloin, noch steht es zu dem Chanate Bochära 
in anderer Beziehung, als dass es von Karawanen aus jener Stadt besucht wird. 

4) Nan lu heisst „Südstrassc", Pe Lu „Nordstrasse" ; also die Lande im Süden und 
Norden des Tian Schau, Tiaa Schan Pe Lu (die Dsungarei) ist heute schon mehr als 
zur Hälfte russisch. 

5) Das Kaspische Meer ist erst in den Jahren 1858 bis 1862 durch die Aufnahmen 
unter Leitung des Capitäns ersten Ranges N. Ivvaschintzow genauer erforscht worden. 
Er bestimmte an 40 llauptuferpunkte astronomisch und verband dieselben in Bezug auf 
ilirc Länge durch LIbertragung der Chronometer auf Dampfschifle unter sich. (Peter- 
mann's Geogr. Mittheilungen, 1863, S. 53— 62.) Das Kaspische Meer {kük- küz (\ev Turko- 
mannen, Kuzyhttit Uenizi d. h. Rabenmeer der Türken, Darjä-i-Chyzi/r, d. h. Cliazarisches 
Meer der Perser) hat einen Flächeninhalt von 407.075 ^W. (8413,25 QM.). zufolge der 
Annahme des statistischen Centralcomite's. (Petermann's Geogr. Mittheilungen, 1862, 
S. 391.) An seinem südlichen Ufer lieim Städtchen Sari (36' 50' n. Br., 53' 15, ö. L- v. 



14 Difi Landschafton Contralasiens. 

unter dem des Asow'schen Meeres liegt; dieselbe flaelie INIulden- 
aiisliöhlung setzt sieh auf dem jetzt trockenen (Jebicte fort, \Yelelies 
sich gegen Bsaratow an der Wolga und den Olischtschij-Ssyrt ') 
ausdehnt, insgesammt eine Fläche von etwa fiOOÜ [JM. Auf der 
Ost -Seite des Sec's befinden sich dagegen nicht unbedeutende 
Erhiduingen : die Halbinsel IManghyschlak namentlich durclizieht 
ein oben flaches, gegen die Küste terrassirtes Gel)irge, und der 
östlich daran stossendc Ak-Tau besteht aus niedrigen, schroffen 
Kreidefelsen; südlich von der INIeercnge Kara-Boghuz (schwarze 
Meerenge) ziehen die 10 INI. langen, 3 — 3'/-' M. breiten Balkan -)- 
Berge, welche sich bis über 5000' erheben; ihr höchster Punkt 
heisst Dirhem-Tagh. INIit ihren ^'orbergen stösst die lange Kette 
Kuron zusammen, welche aus Granit und Porphyr besteht. Im 
Osten des Kuli -Darja- Golfes endlich liegt die Kette Ssary-Baba 
und auf der Insel Tscheieken befindet sich der Felsenrücken 
Tschochrak. 

Das zwischen dem Kaspischen und Aral-See gelegene, 33 INI. 
breite Plateau führt den Namen Usturt (Ust-Uert) ,, Hohes Land'' 
und erhebt sich gegen OOO' über das Niveau beider Seen, durch 
ziendich steile und hohe Känder begrenzt, welche dasselbe scharf 
umziehen. Der Rand berührt im Osten den Aral-See und zielit 
sich noch 15 Meilen weiter nach Süden, wendet sich daiui nach 
Westen, darauf nach Nordost bis zum Kaidak- Golfe am Rande 
des Kaspischen ]\Ieeres, dessen Ost -Seite er bildet, geht bei der 
Süd-Seite des Busens IVIertwii-Kultuk (Todter Meerbusen der Russen) 
vorbei und schliesst sich hier nach Nordost hin an die ■Nluchadscha 
(Mughadjar-)Berge an. In dieser Gegend ist der Rand niedrig 
und versclnvindet nach Osten in der Sandwüstc Bolschie-Barsuki 
gänzlich. Nach Einigen verdankt der Usturt seine Entstehung 
mögbclierweisc einem Erdl)eben, das vor 500 Jahren durch eine 
geringe Erhebung auch den Lauf des Oxus abgelenkt haben soll; 
der gelehrte Ssäwerzow hingegen betrachtet, in Folge der oro- 
graphischen xmd geognostischen Beschaft'enheit der muchadscharischen 



rr? r n \vi eil) stohon voroiiizoliito Daitolpalinrn (C. v. Barr: l")att(>lpalmfn an ilon irfoni 
lies kasi)isclioii Moores, oinst um] jotzt. Aus ilcn Mf-Ia>ige.fi b!n!of/iiiue>i, T- 111), also in 
oinor Broitn, wo man sie bislior nicht vcviimthot hatte. (Vorgl. Kittor's Erilkunde, IX, 
S. 2äl.) Über ilio höchst interessanten Siidufer siehe ilas wichtige Werk ti. Molgunow's: 
Bas süllliche Ufer des kaspischen Meeres oder die Nord])rovinzen l'ersiens. Leiiizig 186S, 
8., 334 S. mit Karte. 

1) Das tiirkisehc Wort S's:/ii lieileutet einfach „Uoelilniid", ursprünglich aber 
Rückgrat. Der Ohsclischlij Ssi/rl ist ein llöheni-ücken , der sieh längs des Uralflussos, 
vom Südende des TIralgchirgos bis zur Wolga in etwa ost-westlicher Uichtung hiimiebt. 

2) Man unterscheidet den (7h Jidlkaii (das grosso Oebirge) und den Kilfsrlii'd- 
Balldii (das kleine (ieliirge). 



Dip Lanilscliaflpn CentrnlnBions. 15 

Berge und ilcs Ustuvt, letzteren als eine Fortsetzung des üi-al- 
Gebirges und bejaht somit eine von Humboldt scbon lange auf- 
geworfene Frage ') 

Im Norden des Aral, wo die Wüste Barsuki zwischen ihm 
und dem südlichen Ausläufer der Muchadscha-Berge sich ausdehnt, 
findet sich eine Strecke, welche tiefer liegt als der Spiegel des 
Mittelmeeres, und die ganze Gegend bietet zugleich, namentlich im 
Nordosten des See's, eine vollständige [Meeresflora, indem dort nur 
Pflanzenarten, ja ganze Geschlechter wachsen, welche ausscl^iess- 
lich dem Meeresboden eigen und weder in Salz- noch in Süss- 
wasser-Binnen seen gefunden^Avorden sind. INIan ist daher jetzt 
nicht mehr im Zweifel, dass diese ganze aralo-kaspische Senkung, 
so wie das Tiefland des westlichen Ssibirien mit seinen zwischen 
die dsungarisclien Gebirge hinein reichenden, sumpfigen und mit 
Salzseen bedeckten Landstrecken ein grosser ehemaliger INIeerlmsen 
des nördlichen Eismeeres sei. Die überall innerhalb dieses Bereiches 
auftretenden Salzseen, die Halophyten, welche fast die einzige 
Vegetation auf weiten Gebieten abgeben, leiteten zuerst auf solche 
Vermuthimg, für Avelchc neben anderen Gründen auch die geolo- 
gischen und paläontologischen Befunde sprechen-). Die zahlreichen 
Seen, welche sich im Westen von Aksakal-Barbi l)is zum Ssary- 
Kupa wie in einer Furche hinziehen, deuten die (legend an, in 
welcher der aralo-kaspische ]Meerbusen mit dem nch-dlicheren, ssibi- 
rischen Golfe im Zusammenhange gestanden, als die Meerestiefe 
in dem ganzen grossen Busen des Eismeeres schon gering gewor- 
den war. 

Unter den Seen, welche das Interesse der Geographen in 
hohem Grade in Anspruch nehmen, befindet sich obenan der Aral- 
Sce, theils \vegen der bisher einander widersprechenden Nachrichten 
über iim, theils weil sich einige interessante Probleme der physi- 
schen Geographie daran knüpfen. 

Der Aral- See (d. h. der Insel -See, See von Charesin der 
Araber, Oxiana jialus der Alten) ^hat einen Flächenraum von 
01,322 DWerst (1267 UMeilen), 3) ist 57 Meilen lang und 40 
Meilen breit. Die Angabe dieser seiner Dimensionen i.st indess 
eine überaus schwankende. So finden wir in Klödens Handbuch 
der Erdkunde -i) 1240 geographische iJMeilen als Flächeniidialt, 
23 Meilen für die Länge und nur 18 für die Breite angegeben. 



1) Ist der Usturt eine Fortsetzung des Uralgebirges? (Bulletin de l'acailöniie 
Inipi^rialp dos Sciences de St. Pctersbourg. T. IV. Nr. 8, S. 4S3 — 487.) 

2) E. Borszczow. Mittlipilungen über die Natur des Aralo-kaspisehen Flacli- 
liuidos. (Würzburger naturwissonschaftlicho Zeitschrift, Bd. I, S- 106—143, 254—205.) 

.3) Nach der Annahme des statistisclion (Ipnti-al-Comiic's (1' c t c r in a n n's Gcogr. 
Mittli. lSC-2. S. iVyj). 

4) Bd. I. S. 421 (erste Auflage). 



10 Difi Laiulschafton Cfntralasiens. 

An audercu Orten worden 2100 1 ^iMoilcn, 03 INIeilen und 54 — 25 
Meilen für Flächenraum, Länge und Breite berechnet. Noch grössere 
Unsicherheit herrscht in den Angaben über das Niveau des Aral-See's. 
Allgemein wird derselbe als unter dem Niveau des Schwarzen 
und über jenem des Kaspischen Meeres gelegen betrachtet. Das 
Kaspische Meer liegt aber, nach Einigen 78,8, nach Anderen 
82,8 P. F. unter dem Spiegel des Asovv'schen Meeres. Während 
nun Klöden in seinem obenerwähnten Ilandbuche ') das Niveau des 
Aral-See's mit — 34 P. F. angibt, bezeichnet er in seinein ,,Ver- 
zeichniss von Landseen mit Angabe ihrer Höhenlage, Ausdehnung 
und Tiefe*' m Behm''s Geographischem Jahrbuche -) das Niveau 
desselben als 4,15 Toisen z= 24,9 P. F. über dem Meeresspiegel 
gelegen, auf Grund des im Jahre 1858 durch den Astronomen 
C. Strnve junior ausgeführten Nivellemonts und der sehr verdienst- 
vollen Forschungen des russischen Adniirals Alexis Butakow. 
Struve fand jedoch 132', nicht, wie scinei-zeit irrtliümlich ange- 
geben wurde, 106 Engl. F. In diesem Falle läge also der Aral- 
See 23,9 P. F. über dem Spiegel des Kaspi-See und 41 P. F. 
über jenem des Schwarzen ]Meeres. Da sich zwischen beiden 
Wasserj)famien die 33 Meilen breite Hochebene des Usturt zu 
etwa 000' über dem Niveau des Kaspischen ^leeres erhebt, so ist 
die geringere Tiefe der Araleinbettung durchaus nicht auffallend. 

Klöden, der im Widerspruch zu seiner Angabe, auf S. 423 
des Handbuchs der Erdkunde, von 34 P. F. unter dem Meeres- 
spiegel, auf S. 415 den „Aral-See 34 P. F. höher als das Schwarze 
]\Ieer und 110 F. höher als das Kaspische'- gelegen sein lässt, 
spricht die Meinung aus, fernere Messungen werden vielleicht er- 
geben, dass der letztere Niveauunterschied auf einem Irrthume 
beruht, da beide Meere unzweifelhaft einst zusammengehangen haben 
und auch noch jetzt von denselben Thiorarten belebt sind. Gleich- 
zeitig wird uns an derselben Stelle mitgetheilt , ,,der ganze unter 
dem ^leeresspiegel gelegene Bereich umfasst 4500 oder gar gegen 
10,000 [ 'jNleilen." Liegt nun, wie das Klödens Hoffnung nicht 
bestätigende Nivellement Struve's ergab, der Aral-See 41 Fuss 
ülier dem Schwarzen ]Mcere, so kaim sich derselbe keinesfalls in 
jener grossen unter dem Meeressj)iegel gelegenen Dejjression l)etin- 
(h'ii. Letztere darf dann, wenn ül)erhaupt vorhanden, mit weit 
weniger Glück zur Begründung der Hypothese eines einstigen 
Zusammenhanges zwischen Kaspi - und Aral-See herangezogen 
werden. Auch Professor O. Pescliel , welcher das Niveau des 
Aval-See''s unter dem Schwarzen Äleere stehend aimimmt, tluit 
dieser Hypothese Erwälmung-'). Ohne sie zu bestreiten, sclieint 



1) Bd. I. S. 423. 

2) Brl. I. S. 283. 

3) Neue Problenip ilpr vorglpirlicndi-n Krilkuiido. Lr-iiizig 1870. S. 5. 



Öie Lnndsfthnften Centralasienäi 17 

Sie ihm docli noch einer strengen Begründung zu bedürfen, wäh- 
rend er nur die Möglichkeit zugibt, dass sich früher der Aralsee 
über eine viel grössere Oberfläche ausbreiten durfte, als es jetzt der 
Fall ist. Die kleinen Seen in der Wüste Karakum, sowie viel- 
leicht auch die in der Wüste Barzuki, dürfen wir als die 
Reste einer ehemaligen See-Erweiterung und eben desswegen als 
deutliche ISIerkmale der Abzehrung des Arals betrachten, i) Wäre 
diese ganze Fläche, nämlich jene angebliche grosse Depression, 
dereinst ein See gewesen, so würde, nach Arago's Meinung, bei 
einer die Zuflussmenge weit übertreffenden Verdunstungsmenge der 
Spiegel des Wassers eine beständige Abnahme erfahren haben, und 
es bedarf demnach keiner Annahme von Senkung des Terrains zur 
Erklärung der örtlichen Verhältnisse, zu der man geglaubt hat ge- 
nöthigt zu sein. Dessglcichen meint Professor Peschel, dass zur 
Erklärung des Zusammenschrumpfens des Aral man sagen könnte: 
dass die aralischc Niederung just im Bette der austrocknenden 
nordöstlichen Luftsrömungen oder Passate liege. Zu einer Zeit, wo 
das Eismeer noch bis zum Oron- und Baikal-See reichte, mussten 
die Nordostwinde, noch stark mit Feuchtigkeit gesättigt, den Aral- 
see erreichen, und konnten ihm noch nicht durch Verdampfung so 
grosse Mengen Wasser entziehen als gegenwärtig. Befriedigender 
indess erachtet Professor Peschel eine andere , näher liegende Er- 
klärung. Am INIündungsgebiet des Oxus (Amu-Darjä) in den Aral 
zweigen sich eine grosse Anzahl schwacher Querarme von dem 
Hauptstrome ab. Wir wissen, dass sie das W'erk der Chiwaner 
sind, welche tiefe Gräben gezogen haben, wodurch das W'asser 
des Amu-Darjä zur Benetzung über die Fluren ausgebreitet und in 
innner düimere Adern zerlegt wird. Besonders der letzte chares- 
misclie Sultan, Seid INIehemed Chan, Padischah i Charesm, der zu 
Kunja Urgendsch residirte, durch welchen Ort der Amu floss, war 
bestrebt, den Theil der Wüste^ welcher zwischen dem Aralsee und 
dem Amu liegt, fruchtbar zu machen, indem er dort Canäle graben 
Hess, die mit zunehmender Ansiedlung an Zahl und Umfang gleich- 
falls zunahmen. Die nothwendige Folge eines solchen Verfahrens 
lässt sich aber leicht voraussehen, denn durch die Ableitung der 
W^ässer über Felder wird die Verdampfungsfläche so stark ver- 
grössert , dass der Strom den See nur im Zustande tiefer Ent- 
kräftung zu erreichen vermag. Da nun die Oberfläche eines Sees 
der mathematische Ausdruck für das Gleichgewicht zwischen Ver- 
damjifungsverlust und Zufluss ist, so muss, wenn das zuströmende 
Wasser vermindert wird, die Oberfläche des Sees, an welcher die 
Verdampfung stattfindet, sich verringern. 

In den Gegenden der aralo-kaspischen Niederung herrscht 
übrigens seit Jahrhunderten die Ansicht: dass die Wassei'spiegel 

1) Ibid. s- 7. 



13 Die Landfichafton Ccntralasicns. 

sowohl des Aral als der Kaspisee perindiscli Avachscn iiiid fallen, 
lind zwar rechnet man für das Kaspische 'Moor eine Periode von 
25 — 34, für den Aralsee eine von 4 — 5 Jahren; nach den ange- 
stellten Beohachtunfi'en ist der Spiegel des Aial im Lanfe von 82 
Jahren um 11,3 englische Fuss gesunken, und kann die" Breite 
des flachen Küstenstriches, der Avälirend der zehnjährigen Periode 
von 1847 — 1858 vom AA'asser A-erlassen woi-dcn ist, auf etwa 
0,3 — 06 geographische INIeilen geschätzt worden, i) Mit dieser mi- 
läugbaren gegenwärtigen Abnahme der Aralwasser hängt eine der 
interessantesten Fragen der physischen Geographie, jene des gänz- 
lichen zeitweisen Verschwinden des Aralsees zusammen. 

Nach der Ansicht Henry Rawlinsons darf man den Aralsee in 
der physischen Geographie mit einem der veränderlichen Sterne in 
der Astronomie vergleichen. Zu Zeiten 3 — 400 englische INIeilen 
lang, schrumpfte er mitunter zu einem Sumpfe zusaunnen oder 
trocknete er gar zu festem Marschboden aus. In seinem berühm- 
ten AVerk über Centralasien hat A. v. lIuinl)oldt mehr denn 200 
Seiten der geographischen Erörterung des Aral- und Kaspisee ge- 
widmet, und dabei den schwankenden Lauf des Oxus (Amn-Darja), 
der einmal in den einen ^ das andcremal in den andern See sich 
ergoss, ausser allen Zweifel gestellt; aber dass der Aralsee selbst 
jemals ganz verschwunden sei, hat er nirgends auszusprechen ge- 
Avagt. In der That wird dieses Phänomen auch von vielen ge- 
wiegten Gelehrten vollständig bestritten. Oberst Yule und Sir Ro- 
derich jMurchison -) sind der ^Meinung — ungeachtet der zugestan- 
denen temporären Schwankungen des üxuslaufes und der in der 
dortigen Nomenclatur und Topographie herrschenden Unklarheit, 
die sie der Naclüässigkeit und Unwissenheit der alten Geographen 
zuschreiben — dass die relativen Verhältnisse des Aral und der 
Kas])isee in historischen E^iochen niemals geändert worden sind. 
Noch weiter gehen eine Reihe von anderen Gelehrten, wie Vivien 
de Saint IMartin, Malte Brun, llugh JNIuri-ay, Baillic Fräser und 
Burnes, a\ eiche behaupten, dass jede solche Veränderung einfach 
unmöglich ge\\-esen sei, da der Oxus und Jaxartes (Syr-I)arjä) 
niemals ihren Lauf geändert haben, und seit unAordenklichen Zeiten 
gerade so wie heute in den Aralsee eimniindeten. 

Die Fluctuationen des Aralsee hingegen finden ihre Verthei- 
diger in einer Reihe von nicht minder gewichtigen Namen, an deren 
Spitze der gründHche Kenner Asiens, Herr Henry Rawlinson steht. 
Ehe demnach diese interessante Frage ihre definitive wissenschaftliche 
Lösimg erhält, wollen Avir auf die angeblichen Veränderungen des 
Aralsec's in historischer Zeit einen flüchtiti-en Blick werfen. 



1) Petermann's Qcogr. Mittli. 1861 S. 197. 

2) Journal oftheR.gcograph. Society. Vol. XXX VII (1867) S. CXXXIV— CXLVI. 



DiT Landscliafton Ccntralasiens. 19 

Im classischon Altortluim, von den frühesten Zeiten an — sagen 
^vil• vom Jalire BOG v. Clir. bis znm Jahre 500 — GOO n. Chr. — 
war der Aralsee völlig nnbekannt ; kein einziger geographischer 
Schriftsteller — weder griechischer, noch lateinischer, noch per- 
sischer — tluit seiner die geringste Erwähnung. Herodot und 
Ötraho sind die einzigen Autoren des Alterthums, ^^■e]chen eine 
Kenntniss vom Bestehen des Aralsee's zugennithet werdeji könnte, 
allein ihre Schilderungen l)eziehen sich nicht auf einen grossen 
isolirten See, sondern auf eine Reihe von Sümpfen, gespeist durch 
Wasserüberschuss des Jaxartcs, dessen Hauptarm jedoch seinen 
Weg in das Kaspische ]\Ieer nahm. Alle übrigen Schriftsteller 
lassen den O.kus sowohl als den Jaxartcs dircct in die Kaspisec 
einmünden, schätzen die Entfernung dieser zwei Stronnnündungcu 
auf etwa 80 Parasang, und cjwähnen nicht eine Sylbc von einer 
Abbiegung oder Bifurcation des einen oder des aiulern Stromes. 
Dazu kommt, dass Alexander der Grosse ein Heer in jene Theilc 
Asiens führte , und speciell Officiere behufs Recognoscirung der 
dortigen Gegenden absandte; er liess sie die Ufer des Kaspischen 
INIeeres verfolgeii, während er selbst den Oxus, allerdings etwa 
400 engl. Meilen oberhalb seiner Mündung, überschritt, und an das 
Ufer des Jaxartcs gelangte. Das Resultat dieser Forschungen war 
indess, dass beide Ströme sich in das Kaspische INleer crgiessen, 
eine Ansicht, die im ganzen .\Hertluim Geltung hatte und mit der 
Beschreibung des Ilandelsweges, auf dem die ostasiatischen Pi'o- 
ducte nach Europa gelangten, völlig übereinstimmt. Diese Handels- 
strasse ging vom (indischen) Kaukasus aus, benützte den Oxus 
bis zur Kaspisec, welche überschifft ward, zog dann den Kur- oder 
Cyrusfluss hinauf, luid ging den Phasis (Rion) wieder hinab zum 
Schwarzen INleer. In den Zeiten , wo ein solcher Ilandelsweg 
möglich war, musstc denniach der Oxus in die Kaspisec, und nicht 
in den Aral gemündet haben. ^^'enn ^vir ferner die Summe von 
gcograiihischen Nachrichten betrachten, welche den griechischen 
und römischen Autoren zu Gebote standen, wenn wir er^vägen, 
dass die in Rede stehenden Gebiete zwischen Persien und dem 
indischen Kaukasus Jahrhunderte lang durch griechische Fürsten 
regiert wurden, dass griechische Admirale das Kaspische Meer 
beschifften, w ährend die Handelsleute von Indien nach dem Mittel- 
meer ihre Reisetage- und Routenbücher zu Hause nach Rom brach- 
ten, so scheint der Zweifel ausgeschlossen, als ob wir in so her- 
vorragenden Werken wie in jenen Strabo's, Plinius'' luid Ptolemäus' 
nicht eine richtige Darstelhmg der centralasiatischen Geographie in 
der Zeit von 500 v. bis 500 n. Chr. vor uns hätten. Nach 
INIurchisons Ansicht freilich wäre das geographische Wissen der 
Alten nicht sehr hoch anzuschlagen, imd — was mehr in's Gewicht 
fällt — IIund)oldt meint, dass Alexanders Expedition nur zur "S'er- 



20 Die Landschaften Centrnl.'.sicnB. 

Avirrung der apiatischen Geographie beigetragen habe, denn von 
diesem Zuge sehreibt sich die Verwechshnig des Jaxartes mit dem 
Tanais und des Kaukasus mit dem Hindu Kusch her.') Auch ist 
nicht zu vergessen, dass die Alten den Aral mit der Kasj)isee in 
Verbindung gebracht haben mochten, ihn etwa als einen Theil des 
Kaspischen Meeres betrachteten, in -\\ elchem Falle die Einmündung 
der beiden Ströme in dasselbe ihre natürliche Pürklärung fände. '^) 
Wenn aber Oberst Yule aus der vom byzantinischen Geschichts- 
schreiber MenanderS) beschriebenen Gesandtschaft des Zemarchus 
zu dem türkischen Kaghan im Jahre 570 n. Chr. den Schhiss 
zieht, dass den Griechen doch die Existenz des Aral bekannt ge- 
wesen, so werden wir durch eine sehr fachkundige Besprechung 
von Yule's „Marco Polo" in der „Edinburgh Review"^) darauf 
aufmerksam gemacht, dass Yule die Geographie der Expedition 
des Zemarchus •"') ganzlich missverstanden habe. Als Zemarchus, 
von seiner INIission zurückkehrend, am Ak-Tagh^) lagerte, und 
den Oetsch, Oich (oder A'akh, wahrscheinlich der rechte Oxusarm) 
nahe bei der Stadt Urgendsch überschritt, fand er nämlich den 
Aral noch nicht zu einem förmlichen Binnensee entwickelt, son- 
dern noch im Zustand eines ausgedehnten ^Morastes, dessen Ufer 
er eine Zeitlang verfolgte. Vermuthlich fand erst dreissig bis 
vierzig Jahre später, unter der Regierung des Khosru Parviz, die 
grosse Veränderung statt, welche die Wasser des Oxus von der 
Kaspisce ablenkte und dem Aral zuwandte. Vm jene Zeit war 
der Kardt,r-See, gegenwärtig der südwestliche Theil des Abugliir- 
Sees, der bis dahin wahrscheinlich durch den Oxusarm von Urgendsch 
gespeist worden war, völlig ausgetrocknet imd hatte eine in frühe- 
stem Alterthume überfluthete Stadt (vielleicht das heutige Berrasin 



1) Humboldt. Asic centrale. Vol. II. S. 14, 153, 156. 

2) So meint Rennel in seinem „Geograpliicnl systeni of llorodotns" ; auf der seinem 
^^'c^kp beipegelienen Karte der zwanzig Satrapien des Dareios Ilystaspes lässt er den Oxus 
in den Knspi, den Jaxartes in den Arnl münden, die er als zwei getrennte Wasserbecken 
darstellt. Deasglcichen Williams in seinem Essay über das „Leben Alexanders des Grossen." 
In II. Kieperts „Atlas Antiquus" (zwölf Karten zur alten Gesrbiebte. Fünfte neu bear- 
beitete und vermehrte Auflage) ist auf Tab. II der Aral vom Kaspisee getrennt; während 
der Jaxartes sich in den Aral ergiesst, mündet hier der Oxus in den Arnl und in das 
Kaspischc Meer. Dieselbe Zeichnung findet man auf Tab. XII, das römische \\ eltreich 
darstellend. In seinem „Historisch geographischen Atlas der alten AVclt" (elfte Auflage) 
Blatt II führen nur todte Oxusarmc zum Aral, während der Strom in grossem Bogen zur 
Kaspisee flicsst. Der nämlichen Darstellung begegnet man in Mcnkc's ,,OrI)is nntiqui 
dcscriptio« (zweite Auflage) auf Blatt 2, 3, 7, S. 

3) Januarheft 1872. S. 7. 

4) In „Cathay aud the Way Tbither« Vol. I. S. CLXIII. 

5) Menandri excerpta dclegnt. Corpus Script, llist. Byzant. ed. Niebuhr. Bonnaoi 
1839. P. I. 

6) Niebuhr sieht im Al-Tagli den Asferah-Tagh bei Samarkaiid, Humboldt den 
Alla'i. Gewisses lässt sich darüber nichts aussprechen. 



Die Landschsften Centralasicns. 21 

Gelniaz?) blossgelegt, die so viele Schätze barg, dass nach jjer^i- 
scher Tradition zu ihrer Hebung zwölf Jahre beständiger Arl eit 
erforderlich waren. •) 

^Venn nun im Alterthume alle Quellen übereinstimmend be- 
richten, dass Oxus und Jaxartes in das Kaspische Meer fielen, so 
herrscht nicht weniger Uebereinstimmung bei den arabischen Autoren 
des INIittelalters in Bezug auf die Einmündung dieser beiden Ströme 
in den Aralsee. El-Istachri und nach ihm Ibn-Ilauqal sind die 
ersten Schriftsteller, welche von dem Aralsee verlässliche Kunde 
geben. Dieser nahm bis zur Zeit des Entstehen.s des grossen 
Mongolenreiches das gesammtc ^Vasser beider Flüsse in sich auf, 
und nach dem Zeugnisse der Araber muss in dem Zeiträume von 
etwa GOO bis 1300 n. Chr. die dortige Gegend so ziemlich die- 
selbe Physiognomie besessen haben, wie heutzutage. Sicherlich 
gingen dabei wohl grosse Veränderungen im Oxusdelta vor sich. 
Die Hauptstädte Fil Mansurch und Kat, welche alle in dem süd- 
lichen Scheitel des Dcltawinkels lagen, wurden nach einander 
zwischen dem neunten und zwölften Jahrhundert durch Ueber- 
schwemmungen des Oxus zerstört, während andererseits ein Theil 
des Stromwassers in Irrigationscanäle geleitet ward, die sich wohl 
hundert englische INIiles in die Wüste gegen Westen hinein er- 
streckten. Nichtsdestoweniger scheint in jenem Zeiträume auch 
nicht ein Tropfen weder vom Oxus noch vom Jaxai-tes in das 
Kaspische Meer gelangt zu sein. Im Jahre 1221 geschah es, dass 
Oktai Chan, Sohn des Dschingiz-Chan , bei der Belagerung von 
Urgendsch zum erstenmale den Oxusdamm durchbrach, welcher das 
Einströmen der Irrigationsgewässer in den alten Canal regulirte, 
und indem er auf solche "Weise die ganze Gewalt der Strömung 
gegen die Stadtwälle wirken Hess , dieselben unterwusch und zer- 
störte. Wir wissen nicht, was eigentlich auf die Zerstörung dieses 
Dammes erfolgte, und ob mit dieser Operation etwa eine Absper- 
rung des zum Aral führenden Armes unterhalb der Ableitungsstelle 
Hand in Hand ging; aber nur wenige Jahre später, 1224, finden 
wir in Yaqufs Beschreibung der Halbinsel INIangyschlak die erste 
Notiz davon, dass der Oxus neuerdings seinen Weg zur Kaspisee 
genommen. Wir dürfen demnach in diesem Falle diese grosse 
Veränderung der physischen Geographie jener Eegion, die mit der 
Austrocknung des Aral endete, um so mehr und um so sicherer 
Oktai's künstlicher Zerstörung des Dammes von Urgendsch zu- 



1) Dieser Sage erwähnt Yaqut in seinem grossen Wörterbuclie beim Artikel 
Kardar. Die Ruinen des verzauberten Schlosses von Berrasin -Gelmaz sind beschrieben 
bei Abbott. Travels Bd. I. S- 211, welcher sie auf ein Eiland des Aralsee verlegt, 
auf Butakows Karte des Aralsee (Journal of thc R- Geogr. Soe. Vol. XXIII. S- 94) 
aber liegt der Ort, unter dem Namen Barsa - Kilmesh , in der Salzmarsch westlich vom 
Abughir - Sumpfe. 



22 Die Landscliafton Ccntrnlasicns. 

f^clivpiboii, als Ilamdullali Mustowfi, wolchor im folgenden Jahr- 
liuiulerte, etwa \\m 1330 n. Chr., die Aendenino- des Oxuslaufes 
vom Aral zur Kaspisee beschreibt, dabei ausdrücklich sap;t, dass 
dieses Ereignis« um die Zeit des Entstehens des grossen INIongolen- 
reichcs sich zutrug. Gleichzeitig mit der Zerstörung von Urgendsch 
muss jedoch am Oxus eine zweite Krisis eingetreten sein, welche 
den oberen oder südlichen Arm dieses Stromes öffnete, denn der 
durch Ilamdullah beschriebene Canal ist nicht der nördliche Arm 
von Urgendsch, sondern jener, der von Ilezarasp durch den Pass 
von jMuslim und Kurlawa nach Akritscheh am Kaspischen ]Meerc 
floss und seine INIündung ^vahrscheinlich bei dem heutigen Orte 
Aktübbe, ein wenig nördlich von der Atrek-lNIündung, hatte. 

Die Ueberliel'erungen der Anwohner stimmen alle darin iiber-- 
ein, dass der Oxus sich ehemals in das Kaspische 'Moor ergossen 
habe. In der That lässt sich von seinem Unterlaufe nach Süd- 
west — hart an dem steilen Rande des Usturt entlang — bis 
zum Balkanbusen an der Ostseite des Kaspisees ein trockenes 
Flussbett, Oghüz genannt, verfolgen. Für das Entstehen solch 
trockener Flussbette am Oxus haben wir übrigens hinreichende 
Belege aus der allerneuestcn Zeit. Einer der Ilaujjtarme des un- 
teren Oxus, der am weitesten gegen West gelegene Laudan, welcher 
jet-ct an seiner INIündung in den Sumjifsee von Abughir eine Barre 
von nur 1'2 Fuss Tiefe besitzt, ist vor etwa fünfzig Jahren erst 
abgediinunt und in ein anderes Bett geleitet Avorden, aber er zeigt 
beständig die Neigung, sich wieder der früheren Gegend zuzuwen- 
den, und der Andrang des Wassers wächst mit jedem Jahr. Dess- 
gleichen wissen wir, dass der Amu sich ganz allmälig nach der 
Seite hingewendet, wo die zahlreichen Irriga(ion!>gräben der Chi 
waner angelegt sind, und die nach Westen führenden Ai-mc ver- 
lassen hat. Jetzt sind im Gegentheil alle llauptcanälc auf der 
liid<en Seite angelegt, und in -Folge dessen geschieht es, dass der 
Ilaujjtandrang des AVassers wieder nach der Westseite gerichtet ist. 

Während Alexander Burnes ^) überhaupt bezweifelt, dass der 
Oxus früher einen andern Weg gegangen, haben die meisten neueren 
Beisenden das verlassene Bett des Oxus genau an den Stellen 



1) BurncR. Travels into Bokliara, boing tlic nccoiint of a jouriioy froiu Iiidia 
to Cabool, Tnrtary otc. London 1834. 8. Bd. II. S. 187 — 188: I havo only to State, 
«fter an invcstigation of tlie suijoct, and the traditions related to mc, as well as 
niuch inqniry among tlic people thcmsclvcs, thnt I doubt tlie Oxus having evcr liad 
aiiy odier than it« prescnt coiiisc. Tliorc arc physical obstaclcs to its cntcriiig the 
t'aspinii, soutb of Balkbnn, niid iiorlli iif tliat point; its more natural recoptarlc- is llic 
lake of Aral. I coiicludo tbat tbc dry rivcr bcds betwcon Astrabad and Cliiwa uro tbc 
reninins of sonie of the Canals of tbc kiiigdom of Kharasm, and I am eupported in tbis 
belief by the ruins near theni, whicb liave becn desertcd as tbe prospcrity of tbat cmpire 
tlcclincd. Dieser Ruinen thut aucb Vanibery Erwäbnung, liält sicjedocb für griccbi- 
fichcn Ursprungs. (Travels in Centralasia- S- 99.) 



Die Landschaften CentralasienS. 23 

gefunden, welche in den früheren Beschreibungen bezeichnet wor- 
den sind. Die erste Nachricht darüber gab N. Murawiew, ') der 
1819 von der Ball<anbai am Kaspisee nach Chiwa ging; die Spuren 
des oberwälmten südlichen Annes von Hezarasp wurden darauf, 
von Abbott ganz nahe am Ablenkungspunkte beobachtet. -) Dann 
imtersuchte Arthur Conolly sehr sorgsam den untern Theil dessel- 
ben Armes bei den Kuran-IIügchi, durch welche zweifelsohne das 
INIuslim-Defile führte, 3) und fand, als er von Astrachan nach Chiwa 
reiste, das Oghüz; in jüngster Zeit hat es Vämbciy beschrieben, 
der die einstige Mündung des Oxus in das Kaspische Meer für 
imzweifelhaft hält und geneigt ist, den schon besprochenen Irri- 
gationscanälen zum grossen Tlieile die Ursachen der Stromableidvung 
zuzuschreiben. "S'änibery, von Süden konnnend, schildert das jen- 
seitige Ufer des bei den Turkomanen allgemein mit dem Namen 
Döden bezeichneten Flussbettes als ziemlich steil, ') und sagt an 
einer andern Stelle, dass das Plateau von Kaflankir gleich einer 
Insel aus dem Sandmeer aufrage; wenn man den A'ersicherungen 
der Turkomanen Cilauben schenken dürfte, so sei dasselbe von 
zwei ehemaligen Annen des - Oxus innflossen gewesen. ^) Für die 
Existenz des südlichen Armes von Hezarasp findet man übrigens 
genügende Bestätigung in den localen Traditionen, und thatsächlich 
repräsentirt derselbe aller Wahrscheinlichkeit nach den ursprüng- 
lichen Oxuslauf der gi-iechischen (leographcn, der in der Nähe von 
Barcani (Verkän oder Gurgan) vorbeifloss, und nördlich von Socanda 
(oder Atrek) mündete; eine Spur dieses Namens ist noch in der 
Ab-oskun der Araber zu finden. Der nördliche Arm aber, näm- 
lich das Oghüz, war vcrmuthlich das ursprüngliche Bett des Ja- 
xartes, nachdem dieser einen Theil seines Wassers in die ^Marschen 
des Aral ergossen hatte. In Ilamdullah Mustowfl's Beschreibung 
des Kaspisees kommt auch eine sehr merkwüz-dige Stelle vor, worin 
er sagt, dass in Folge des Einströmens des Oxuswassers im ver- 
flossenen Jahrhundert der Spiegel des Sees sich bis zu seiner Zeit, 
das ist 1330, so sehr erhöht habe, vun den berühmten Hafen von 
Ab-oskun und die anliegenden Gebiete zu überfluthen. Sehr richtig 
combinirt er dann weiter, dass dieses Wachsen so lange andauern 
werde, bis der Zufluss und der Abgang sich in's Gleichgewicht 
gesetzt haben werden, nämlich bis die Absorption des Wassers 
durch Verdampfung genau dem Wasservolumen entsprechen werde, 
welches der See durch seine verschiedenen Zuflüsse erhält. 



1) Reise des Capitäns N. Murawiew in Turknionicn und Chiwa 1819 Ijis 1820, 
Paris 1823. 

2) Abbott. Travels. Vol. I. S. 60. 

3) Conolly. Travels. Vol. I. S. 51 u. ff. 

4) Vambery. Travels in Ccntralasia. S. lOG- 

5) Ibid. S. 115. 



24 Die Landschahcn Öcntralft3ien&k 

Aus dem bisher Mitgetheilten geht demnach hervor, dass zu 
Ende des dreizehnten Jahrhunderts der Oxus sich nicht mehr in 
den Aralsee, sondern in das Kaspische JNIeer crgoss. Es sind für 
diese Ansicht indess noch mehrere interessante Thatsachen in's 
Feld zu fuhren. In dem Zeiträume vom Jahre 1300 bis löOO 
besassen die Europäer, um sich mit der physischen Geographie 
Centralasiens vertraut zu machen, verschiedene Mittel, die erst 
durch die grossen Forschungsreisen unseres gegenwärtigen Jahr- 
hunderts übertroften wurden. Häufige ]\Iissionen wurden damals 
von europäischen Höfen zu den centralasiatischen Mongolen ent- 
sendet, und die Gesandten haben meist ihi-e Reiseerinnerungon 
niedergeschrieben. Colonel Yule hat diese Berichte sehr vieler' 
Reisender aus dem 13. und 14. Jahrhundert in einem werthvollen 
Buche ') gesammelt, und es ist eigeuthümlich, zu beobachten, dass 
auch nicht ein einziger dieser Reiseberichte des Aralsees gedenkt, 
obwohl in den meisten Fällen die Route der Reisenden an den- 
selben oder über denselben führte. Her Mönch Willem de Ruys- 
broek, der 1253 den unteren Jaxartes hinabfuhr, erzählt, dass 
dieser Strom nicht etwa in einen See fliesse, sondern in der Wüste 
verrinne, wo er ausgedehnte Moräste bilde. Die älteren Poli, die 
in ihrer ersten Orientreise 1260 direct von der Wolga nach Boclnlra 
gegangen sein sollen, müssten nach der heutigen Configuration des 
Bodens an dem nördlichen oder südlichen Ufer des Aral hingezogen 
sein; jedoch weder in Marco Polo's kurzer Notiz über diese Reise 
noch an irgend einer andern Stelle seines \\'erkes ist die leiseste 
Andeutung über den Aralsee zu finden; 2) es ist also kaxun anzu- 
nehmen, dass zu jener Zeit der Aral ein imposantes Wasserbecken 
gebildet habe. Mehr noch. Ein anderer Schriftsteller, der Floren- 
tiner Balducci Pegoletto , gab genaue Details über die damals 
übliche Handelsroute vom Schwarzen IVIecrc nach China an, auf 
welcher die Kauflcute die euro])äischen Luxusgegenstände dahin 
brachten und mit Seide beladen zurückkehrten. Ja, Pegoletto, der 
um 1340 — also fast gleichzeitig mit Hamdullah Mustowfi schrieb — 
crtheilt den Handelsreisenden nach der Tartarei den Rath: sie könn- 
ten allenfalls den Umweg über Urgeiulsch machen , sonst aber 
\\ür(len sie 5 — 10 Tage ei'sjtaren, wcini sie direct von Saraichik 
am Yaik (der heutige Uralfluss, der Daix der Alten) nach Otrar 
am Jaxartes gingen, also eine Linie einschlügen, die genau quer 
durch das gegenwärtige Bett des Aral führen müsste. Dieser von 
Pegoletto empfohlene Weg wm-dc auch durch Fra Pascal aus 



1) Cathay and thc Way Tliiter. 

2) In der neuen trefflichen englischen Ausgabe der Heise Marco Polo's durch 
Oberst Yule vcrmisaen wir zu unserem grossen Leidwesen die Behandlung der Aralsee- 
Frage gänzlich. 



Die Lnndschnften Centralasicns. 25 

Vittorla ') im Jahre 1337, und bis Uvgondsch einige Jaliro frülier 
durch Ihn Batuta eingeschlagen. Wir haben sorgsam die betref- 
fenden Capitel dieses Reisenden durchgelesen, allein auch bei die- 
sem, obwohl er vom Oxus, von Charesm, sowie von mehreren 
Orten am Jaxartes, darunter Otrar, sjiricht, vom See von Charesm 
keine Erwähnung gefunden. -) Ganz ähnlich wie mit den Reise- 
berichten verhält es sich mit den Landkai'ten aus jener Zeit. Eine 
dieser letzteren, die sogenannte Catalanische Karte ist eigens zu 
dem Zwecke gezeichnet worden, um die Karawanenwege von 
Sarai an der Wolga über Urgendsch nach China zu illnstriren; 
eine andere Karte wird in der palatinisehen Bibliothek zu Florenz 
aufbewahrt; eine dritte ist die Borgianische Karte, und die be- 
rühmteste von allen endlich die venetianische Karte von Fra Älauro ; 
auf keiner von diesen allen ist der Aralsee verzeichnet. Die Cata- 
lanische Karte enthält allerdings auch den Jaxartes nicht mehr, 
und iiuf jener des Fra ]\Iauro ergiesst sich dieser Strom in den 
Issi-kul-See , was Oberst Yule geneigt ist für die aufdämmernde 
Kenntniss einer anderen Mündung als der in die Kaspisee zu halten. 
Wir möchten dagegen mir einwenden, dass es kaum wahrschein- 
lich ist, der Fra Mauro'schen Karte die Kenntniss eines so viel 
kleineren, unzugänglicheren und entlegeneren Sees, Avie des Issi- 
kul, dagegen jene des grossen Aral nicht, zuzumuthen. Man kann 
schwerlich annehmen, dass eine solche Wasseransammlung, Aväre 
sie vorhanden gewesen, diesen Kartenzeichnern entgangen oder zu 
unwichtig erschienen wäre. Auf die Karte Marino Sanudo's,-') 
wo sich Andeutungen des Aralsees finden sollen , legt Yule selbst 
keinen grossen Werth. 

Setzen wir über den Zeitraum eines weiteren Jahrhunderts 
hinweg, in dem der Oxus fortfuhr in das Kaspische INIeer zu 
fliessen, während der Jaxartes entweder sich in der A\'üste ver- 
lor, oder mühsam darnach rang, sich mit dem Oxus zu vereinigen, 
so gelangen wir von den bisher angetührten negativen zu einem 
positiven Beweise von dem Verschwinden des Aralsees im 15. 
Jahrhundert. Sir H. Rawlinson gelangte in den Besitz eines ])er- 
sischen Manuscripts '') aus dem Jahre 1417 , dessen anonymer Autor 
ein INIinister des berühmten Herrschers von Herät, Schah Rukh 
Sultan , gewesen zu sein scheint , und eine Beschreibung der Pro- 
vinz Khorassan lieferte, von der er offenbar jedes Dorf selbst kannte. 



1) Cathay and thc Way Tliither. S- 233. 

2) Voyages d'Ibn Batoutah. Texte arabe accompagnö d'une traductioti p.ar C. 
DeWmery et le Dr. B- R. Sanguinetti. Paria 1858. 8. 4 Bde. Die betreffenden Capitel 
finden sich zu Anfang des dritten Bandes. 

3) In Bongarsius, Gosta Doi per francos. Vol. II. 

4) Siehe hierüber: Procccdings of the II. Gcograpliical Soeiety. Vol. XI. (1S67) 
Nr. 3. S. 116. 

3 



26 Die Landschaften Centralasiens. 

Nachdem Sir Roderich Murchisou es seinerzeit versucht hat, an 
dem Werthe des persischen Anonymus zu mäkehi, ^) so empfiehlt 
sicli hier, daran zu erinnern, dass ein grosser Theil des berühmten 
Werkes von Abdurrhazak (übersetzt und connnentirt durch Qua- 
tremcire) Wort für Wort aus dem obenerwähnten Heräter Manus- 
cript abgeschrieben ist. Quatremöre, der treffliche Kenner, macht 
dazu die Bemerkung: dieses Buch ist zweifelsohne eines der merk- 
würdigsten (curieux) und wahrhaftigsten {oeridiques)., die in einer 
orientalischen Si^rache geschrieben worden sind. Bei Beschreibung 
der asiatischen Seen sagt aber der Anonymus vom Aral, den er 
See von Charesm nennt: „in allen alten Büchern wird der See 
von Charesm als Aufnahmsbecken des Oxus geschildert, aber jetzt, 
d. i. im Jahre 820 der Hedschra (1417 n. Chr.) besteht der See 
nicht mehr, denn der Dscheihün (arabischer Name des Oxuh) hat 
sich einen eigenen Weg in die Kaspisee gebahnt, worin er bei 
einem Orte Karlawn einmündet, wie weiter unten beschrieben wer- 
den wird." Bei Beschreibung der asiatischen Flüsse sagt das 
!Manuscript ferner: „es wird in allen alten Büchern erwähnt, dass 
von diesem Punkte aus der Dscheihünfluss nach dem Charesmischen 
See abzweigt und in denselben mündet, heute aber existirt der 
See nicht mehr, da sich der Strom ein neues Bett gemacht hat, 
das zum Kaspisee führt; die Mündungsstelle heisst Karlawn oder 
Akritscheh. Von Charesm bis zum Punkte wo der Strom in das 
Kaspische Meer fällt, ist der grösste Theil des Landes Wüste." 

So viel für den Oxus. 2) Es handelt sich aber auch noch 
darum, den Lauf des Jaxartes zu prüfen; denn obwohl der Aral- 
See kein Quellwasser besitzt, zu seiner Speisung daher auf die 
Gewässer des Oxus und Jaxartes angewiesen ist, so hätte er doch, 
selbst wenn ihm der Zufluss des Oxus entgieng, als See bestehen 
können, wenn ihm }uir der Jaxartes treu blieb. Nun haben wir 
freilich geh(3rt, dass dieser um jene Zeit im Wüstensande verrann, 
allein das obenerwähnte persische Manuscript sagt noch mehr: 
,,l)er Fluss von Khodschend im unteren Theile seines I-iaufes die 
Wüste von Charesm durchziehend, vereinigt sich mit dem Oxus 
und erreicht auf diese Weise endlich das Kaspische Meer." Raw- 
linson zieht hieraus den Schluss, dass um 1417 der Jaxaiies un- 
terhalb Otrar von seinem gegenwärtigen Bette nach links abbog 
und den Oxus zwischen Kungrad und Chiwa erreichte. So ge- 
wichtig dieses Zeugniss des persischen Autors ist, als von einem 
Manne luu'rührend der mit der Gegend gründlich vertraut war, so 



1) In seiner „Address" (Journal of the R. Geogrnpliical Society. Vol. XXXVII. 
(1867) S. CXXXV.) 

2) Vgl. K. Lenz. Unsere Kenntnisse über den früheren Lauf des Amii-Darjti. 
Mit 2 Kurten. St. Petersburg 1870. Eine sehr eingehende, kritische Behandlung dieser Frage 



Die Landschaften Centralasiens. 27 

hat doch eben jene Stelle Murchisons gewaltigste Bedenken wach- 
gerufen, da er eine solche Verbindung des Jaxartcs niit dem Oxus 
aus geologischen Gründen für unmöglich hält. In der That ge- 
schieht dieses seltsamen Umstandes in keiner andern sonst bekannt 
gewordenen Quelle, auch nicht des Alterthums, Erwähnung; wenn 
aber der englische Geologe eben diesen Umstand hervorhebt und 
betont, dass falls eine solche Vereinigung der beiden Ströme schon 
im Alterthum stattgefunden hätte, dicss den Alten genau bekannt 
gewesen sein muss (it viust have been perfectly loeU knoum to 
the anctents), so scheint er sich uns in einem seltsamen Wider- 
spruche mit seinen eigenen früheren Ausfürungen zu befinden, wo 
er dem Zeugnisse der alten Geographen wegen ihrer Unwissenheit 
möglichst wenig Gültigkeit beigelegt wissen wollte; endlich ver- 
dient beachtet zu werden, dass auf H. Kieperts Karte von Turän 
(Berlin 1864) ein beim Fort Perowski unterhalb Otrar abbiegen- 
der Flusslauf des Jany Darjä (pers. neuer Fluss) verzeichnet ist, 
dessen Bett mit theilweiser Benützung des Kyzyl-Darja, (pers. 
rother Fluss) eine Verbindung mit dem Oxus herstellt, den er bei 
Chodjeili erreicht. Die russische Karte der Kirghisen-Steppe lässt 
indess den Jany Darjä auf halbem Wege zum Oxus in einem 
kleinen See der Wüste Kyzyl-Kum verschwinden. Ohne in der 
heiklen Frage der Vereinigung beider Ströme ein Urtheil fällen zu 
wollen, müssen wir indess darauf hinweisen, dass — die Ablenkung 
des Oxus zugestanden — die Trockenlegung des Aral schon durch 
den einfachen Umstand denkbar wird, dass der Jaxartes im Sande 
verrinnend das Seebett nicht mehr erreicht. Diess wird aber nebst 
den obenerwähnten Quellen auch noch durch den grossen Sultan 
Baber bestätigt, der die Topographie seines Landes genau kannte 
und ganz ausdrücklicli sagt: .,Der Seihün (Jaxartes) fliesst nörd- 
lich vom Chodschend und südlich von Finäkat, welches jetzt 
besser bekannt ist als Schahrokhia; dann nach Norden wendend, 
fliesst er hinab nach Turkestän und ohne einen anderen Fluss zu 
begegnen, wird er in den sandigen Wüsten tief unten in Turkestän 
gänzlich aufgesaugt und verschwindet. ^) Damit wäre wohl die 
Frage bezülich des Jaxarteslaufes bis zu Anfang des sechzehnten 
Jahrhunderts entschieden, und wir wollen nur noch hervorheben, 
dass Baber's Zeugniss das einzige ist, welches von Murchison und 
Yule nicht angefochten wird. 

Um das Jahr 1500 trat eine neue Phase im Laufe der beiden 
Ströme ein, welche nunmehr in den Aral zurückzufliessen begannen; 
1550 wurden diese Regionen von einem englischen Handelsagenten, 
Anthony Jenkinson bereist, welcher auf der kaspischen Halbinsel 
Manghyschlak landete und zu der einstigen Oxus-Mündung herab- 



1) Leyden's Baber. S. 1. 



28 Die Lnndschnften CentralasienB. 

zog; liier aber vernahm er, dass der Strom seinen Lauf verändert habe 
und in die Aralsee fliesse. Der dortige Herrscher Abul-Ghazi Chan, 
der eine sehr detaillirte Geschiehte seiner Lande hinterlassen hat, 
gibt genaue Details über dieses Ereigniss und erwähnt auch das 
Jahr, wo der Oxus zum Aral zurückkehrte; er erzählt wie der 
alte Strom allmälich eintrocknete und den gegenwärtig bestehenden 
See bildete. Seit jener Zeit auf heute besitzen wir beinahe für 
jedes Jahr Kunde von dem Zustande des Stromes. 

Durch die vorstehend mitgetheilten Ansichten über das an- 
geblich periodische Verschwinden des Aralsees — "svofür wir 
übrigens im Kleinen ein analoges und näher gelegenes Beisjoiel in 
dem Austrocknen und ^^'iederanwachsen des ungarischen Neusied- 
lersees ') besitzen — beabsichtigen wir unserentheils keineswegs 
Stellung in dieser noch einer endgültigen Lösung harrenden Streit- 
frage zu nehmen, es lag uns nur daran das vorhandene Material 
und die sich daran knüpfenden Anschauungen in möglichst über- 
sichtlicher Weise dem Leser vor Augen zu bringen, damit er sich 
hierüber eine ^Meinung selbst zu bilden im Stande sei. 



1) Ucbcr das periodische Austrocknen des Neusiedler Soc's (Ausland 1872 Nr. 24 
S. 575-576). 



III. Lapitel. 

Wüsten und Steppenbilder. 



Im Nordosten und Osten des Aralsees dehnt sich zunächst 
zwischen den Flüssen Irgis und Ssyr-Darjä ') eine AMiste von 
schwarzem Fhigsand aus, der sich zu zahllosen kleinen Hügeln 
emporthürmt und mit dürrem Lehmhoden und salzigen Morästen 
ahwechselt. Aber selbst ersterer hat seine besondere Vegetation, 
worunter namentlich zwei Ijeguminosenstriiucher bemerkenswerth. Auf 
der ganzen unabsehbaren »steppe, welche die Kirghisen sehr pas- 
send Kara-Küm (türkisch: kdva , schwarz, Lnm, Sand) nennen, 
auf dem salzigen Lehmboden sind die Chenopodiaceen charakte- 
ristische Pflanzenformen, besonders der Saxaul ^) (Haloxylon atti- 
7nod(ndronJ, der überall in zerstreuten, holzigen Gesträuchen auf- 
tritt, und fusshohe Umbelliferen. Von einer eigentlichen Wüste 
kann also nicht die Rede sein; überhaupt scheint man hier nach 
dem Vorhandensein oder Fehlen trinkbaren Quellwassers den Unter- 
schied zwischen Wüste und Stepjie zu machen. Die Ufer des Ssyr 
und des Aralsees bedecken Dickichte und Schilfrohr (Arundo 
pliragrnites L.), wechselnd mit einer hochwächsigen Stipacee 
(Lasimjrotis siilendensj, aus welcher die Kirghisen ihre zierlichen 
Strohmatten flechten. Im Ssyr-Delta erreicht der Saxaul 14' Höhe; 
am Ufer wachsen reichlich Halophyten, und die Flugsand-Hügel 
bedecken anmuthige Wäldchen von Tainarix. In gewissen Ent- 
fernungen hat man , da die Karawanen nach Europa ihren Weg 
durch diese Wüste nehmen müssen , Brunnen gegraben , die ein 
spärliches Trinkwasser geben. Im iVllgemeinen aber fehlt in Turan 
die Waldnatur und mit ihr das Einsiedlerleben des W^aldes, welche 
beide so mächtig auf die Einbildungskraft der indischen Dichter 
gewirkt haben ^). 



1) Dafjä, auf persisch : Meer, grossei' Fluss. 

2) Eine ausführliche Beschreibung der Eigonschafteii des Saxaul findet man in: 
Basincr, Reise durch die Kirgisen-Steppe nach Chiwa. St. Petersburg, 1848, S. 93. 

3) Humboldt. Kosmos II. S. 42. 



30 Wüsten und Steppcnbilder. 

Zwischen dem Ssjt und dem Amu-Darja treffen wir die 
"Wüste Kyzyl-Küm (türkisch: rother Sand), ein braunrothes, 
mehr denn 40 Meilen weites Sandnieer, dessen Sand gleichfalls 
von Stüi-men zu Hügeln aufgethürmt ist. Diese bedeckt leichtes 
Gesträuch, zuweilen 10 — 12' hoch; eine einzige Grasart tritt auf, 
die aber sehr häufig ist und in ausgedehnten Rasen den Pferden 
zum Futter dient. Der "Wüstenrand des Kyzyl-Küm, Ak- 
Kamisch geheissen, hat noch gute Triften, die von den Kirghisen 
abgeweidet werden. 

Diese Steppe grenzt im Süden an die noch ödere Lehm- 
steppe von Bochiira, welche durch einzelne Bergzüge von 
Thonschiefer und jihitonischen Gesteinen durchbrochen wird: Aus- 
läufer des Gebirges, welche als kahle, schroft'e Granitfelsen sich 
wohl kaum 1000' erheben. Vambery beschreibt sie als ein unab- 
sehbares Sandmeer, das bald, gleich dem vom Sturme gepeitschten 
Ocean, hohe Sandwogen, bald wieder, gleich dem vom Zephyr 
bewegten stillen Spiegel eines Sees, sanfte Wellen bildet. Kein 
Vogel in der Luft, kein Wurm oder Käfer auf der Erde ist zu 
sehen; es gibt nur Spuren erloschenen Lebens, die Gebeine umge- 
kommener Menschen und Thiere, die jeder Vorüberziehende zu 
einem Haufen sammelt, damit sie zum Wegweiser dienen. Diese 
Wüste ist breit, hat kein Wasser, und jeder Reisende hält selbst 
beim Schlafen seine Schläuche fest umarmt. Durch die Qualen 
des Sandes und der Hitze erkranken und sterben oft Kameele und 
Menschen ^). Am schrecklichsten sind aber die Verheerungen des 
Tehhädj das Wort ist persich und bedeutet Fieberwind. Bei 
seinem Herrannahen legen sich die Kameele iinter lautem Brüllen 
nieder, streken den langen Hals auf den Boden imd .suchen den 
Kopf im Sande zu verbergen. Die Reisenden kauern sich hinter 
ihnen auf die Erde ; der W^ind fährt mit dinupfen Getöse über sie 
hin und bewirft sie mit einer Sandschicht, deren erste Körner wie 
Funkenregen brennen. Von der Fieber und Erbrechen verursachen- 
den AVirkung des Windes hatte A'ambery nur wenig zu spüren. 
Südlich von dieser schaurigen lichmsteppe folgt dann etwa in 40^ 
n. Br. die schöne Culturfläche des Zerafschän, welche durch den 
Einfluss künstlicher Bewässerung aus der Steppe selbst geschaffen 
worden ist. Die übrigen Steppen am Amu-Darja sind grösstentheils 
gänzlich unfruchtbare Sandwüsten ; nur die blätterlose , sogenannte 
Goldruthe findet sich häufig, und es zeigen sich Spuren ganzer 
Wälder; man brennt ihre bis 1' dicken Stämme zu Kohlen, Hier 
enthalten selbst die Brunnen nur salziges und bitteres Wasser, das 
nur für das Vieh gcniessbar ist. Sandstürme sind in diesen Step- 



1) H. Vämbery. Travels in Ccntral-Asia. London 1864. 8. S. 158. 



Wüsten und Stepponbilder. 31 

pen eine nicht seltene Erscheinung. In der turko manischen 
oder char es mischen Wüste, wenn die sengende Sonne der 
heisen Jahreszeit das Gras und die Stauden gleichsam zu Zunder 
gedörrt hat, ereignet es sich, dass dass ein unvorsichtigerweise 
geworfener Prunke, vom Winde angefacht, die Steppen in Brand 
steckt. Die ohne Unterbrechung genährte Flanune greift n^it einer 
derartigen Schnelligkeit um sich, dass man selbst zu Pferde sich 
nur schwer retten kann ; über das dürre Gras rollt sie gleich einer 
ausströmenden Fluth hin, bei dichteren Gebüschen fährt sie mit 
wild lodernder Wuth emjjor, und wie sie gi'osse Strecken in kurzer 
Zeit durcheilt, kann nur ein Fluss oder See ihren ungestümen 
Lauf hemmen '). 

Der tiefen aralo-kaspischen Senkung gehört die Ki rghi son- 
st eppe an, welche, im Mittel etwa 300' hoch, aus grossen 
Flächen oder vielmehr aus wellenförmiger Terrainbildung besteht, 
deren Abhänge nicht ausserordentlich lang und .sanft sind. Doch 
stösst man auch unverhofft auf tiefe und breite Einschnitte, welche 
sich auf lange Strecken durch die Steppe hinziehen. Kein Baum, 
kein Strauch ^) ist zu erblicken, auf ^velchen das Auge ausruhen 
könnte; die ganze Steppe gleicht einem unabsehbaren Meere, dessen 
langgestreckte Wellen auf einmal unbeweglich geworden sind. Nur 
die muchadscharischen Berge, eine Verlängerung des Ural, welche 
die Steppe von Nord nach Süd durchschneiden, machen eine Aus- 
nahme; indess ist die höchste Spitze derselben, der Airuk, kaum 
1000' hoch. Der bergige Theil der Steppe besteht überall aus 
Feldspath und Porphyr, in deren Begleitung oft Blei, Kupfer, 
Silber und bisweilen Gold vorkommen; längs des Irtysch und in 
dem ebenen Theil der Steppe findet man nur Kohlenkalkstein und 
eine fast horizontale Kohlenschicht 3). 

Von der asiatischen Steppe im Allgemeinen entwirft Thomas 
Witlam Atkinson 4) ein anschauliches Bild: ,,Man sagt wohl, dass 
es in den Wäldern einsam sei, und ich bin oft tagelang ununter- 
brochen durch Wälder gekommen. Aber ich hörte doch den Wind 
pfeifen, Blätter rauschen und Zweige knarren, auch stürzte dann 



1) H- Vamböry. In der turkoraanischen Wüste. (Globus, 1867, Bd. XI, S. 46.) 

2) A. Becker. Reise in die Kirghiacn- Steppe, nach Astrachan und an das 
kaspisehe Meer. (Bulletin de la Sociöte Imp. des Naturalistes de Moscou, 1866- Nr. 3, 
S. 163 — 207.) Als Karte mag die in russischer Sprache von Oberstl. Ilj'ie verfasste „Karte 
von der Kirghisen-Steppe und den benachbarten mittelasiatischen Gebieten." Mst. 1:4,200.000, 
St. Petersb., 1865, dienen, die dem Titel und Masatab nach zu schliessen, mit jener des 
Russ. Invaliden identisch ist. 

3) Anatole Jaunez Sponvillc. Chez les Kirghis. (Bulletin de la Society 
de geographie. Paris 1865, T- 1, S- 448.) 

4) Oriental und Western Sibiria. London, 1858. In Bezug auf geographische An- 
gaben ist übrigens Atkinson sehr unzuverlässig, wie denn auch seine Reise durch die 
nördliche Mongolei nur fingirt sein soll. Das Buch „RecoUections of the Tartar Steppes 
and their inhabitauts." London 1863. 8- hat Mrs. Atkinson zur Verfasserin. 



32 Wüsten und StepponbiUer. 

und wann ein gewaltiger Baumriese krachend zu Boden ; ich ver- 
nahm ein Echo, sah einen V'ogel oder irgend ein anderes leben- 
diges Wesen; ich war also nicht in einer völligen Einöde, denn 
jnit dem Baume kann der empfindsame Mensch gleichsam reden. 
Aber in dieser dürren Wüstenei wird die Todtenstille durch Nichts 
unterbrochen." Bei einem Wüstensee beobachtete ^Vtkinson, wie 
über ihm ein Orka)i sich l)ildete. Die Windsbraut stürmte mit 
migeheurer Schnelligkeit heran, wühlte gewaltige Wogen auf und 
zog eine lange, tiefe Furche über den See. Der Orkan brüllte 
mächtig. Vom Wasser ging er auf die Stepjie über; hier begann 
er zu wiiboln , hob ganze Terrassenhügel in die Höhe und bildete 
an anderen Stellen miichtige Haufen. Aber nach einer Viertel- 
stunde war Alles vorüber. Wehe dem , der von einem solchen 
Wirbelsturm auf ganz offener Ebene überrascht wird '). 

Nicht alle Stejipen tragen indcss einen so traurigen Charakter; 
in der weiten Ste])pe , die zwischen dem Don, der Wolga, dem 
Kaspischen ^leere und dem chinesischen Dsaissang -)-See, also in 
einer Erstreckung von fast 700 geogra^jlnschen ^Meilen sich aus- 
breitet, ist die Vegetation dieser bisweilen hügeligen und durch 
Fichtenwälder unterbrochenen Steppen gruppenweise viel mannig- 
faltiger als die der Llanos und Pampas von Caracas und Buenos- 
Ayres. Der schönere Theil der Ebenen, von asiatischen Hirten- 
völkern bewohnt, ist mit niedrigen Sträuchern üppig weissblühen- 
der Rosaceen, mit Kaiserkronen, Tulpen und Cypripedien geschmückt •^). 



1) Streifzüge in den Gebirgen und Steppen der Ulmlcbiis-Mongolcn und Kirghisen . 
(Globus, 1863, Bd. IV, S. 259.) 

2) A. Abramow. The Inkc Nor-Zaisan and its neigbourbood. Trnnslatod froin 
thc Kussian by John MiehcU. (Journ. of tbe K. Geogr. Society. 1865, Vol. XXX V^. 
S. 58—59.) 

3) Merkwürdig und rätbselhaft sind die in den südrussischen Steppen künstlich 
aufgeworfenen Erdbügcl, Kurgane oder MogPs, über deren Zweck, E jtstehung und Grün- 
der man noch nicht im Klaren ist. Man findet sie vom europäischen Russland durch das 
ganze südliche Ssibirien hindurcli bis in's Anmr-Gebict und iinterscbeidet Grabknrgane, 
Erdaut'würfc und Gräber, und einfache Kurganc, welche dazu beitragen, der Steppe ein 
eigenthüinlichcs Gepräge zu verleihen. Alexander Pctzholdt, der in jüngster Zeit (in 
seiner „Keiae im westlichen und südlichen Uussland," Leipzig, 1864) den Kurganen be- 
sondere Aufmerksamkeit geschenkt liat, fand die grösste Unregelmässigkeit in Bezug auf 
Grösse und Vertheilung über die Steppe, und selbst auf Gestalt dcrselbi'n; es gibt kleine 
und grosse, einfache und doppelte, durchschnittlich siml sie 15 — 20' hoch und haben an 
ihrer Basia einen entsprechenden Umfang. (Globus, 1866, Bd. X, 8. 64.) Siehe ferner: 
Atkinson. Travels in thc vegions of tlie Upper ond Lower Amoor. London 1860. 8. 
S. 184. Nach B. v. Cotta entsprechen die Kurgane, wenigstens äuaserlich , ganz den 
sogenannter Hünen- oder Wendengräbern in Deutschland, den Kumaniorbügoln in Ungarn, 
den Dolmen in Südfrankreich und Nordafrika, den Antas in Spanien uml Portugal. „Ich 
erinnere mich, ganz ähnliche in Sibirien bia zum Altai gesehen zu haben, wo man sie den 
Tschuden zuschreibt." (B. v. Cotta. Heise in Südrussland. „Ausland" 1869 Nr. 51 S- 1206.) 
Vgl- auch über die Kurgane der russischen Steppen: Ilaxt hausen. Studien über Russ- 
land. Hannover 1847. 8. IL Bd. S. 337, dann: Globus. V. S. 217 und VI. S 320. 



Wüsten und Steppenbilder. 33 

"Wie die heisso Zone sich im Ganzen daclureli auszeichnet, da?s 
alles ^'egctatiYe baumartig zu werden strebt , so charakterisirt 
einige Stepjjen der asiatischen gemässigten Zone die ^vundcrsamc 
Höhe, zu der sich blühende Kräuter erheben: Saussureen und 
andere Synanthereen ; Schotengewächse, besonders ein Heer von 
Astragalus-Arten. "SVenn man in den niedrigen, tatarischen Fulir- 
\verken sich durch weglose Tlieile dieser Krautsteppen bcAvegt, 
kann man nur aufrecht stehend sich orientiren und sieht die wahl- 
artig dichtgedrängten Pflanzeii sich vor den Rädern niederbeugen. 
Einige dieser asiatischen Stejjpen sind Grasebenen; andere mit 
saftigen, inunergrünen. gegliederten Kalipflanzen bedeckt; viele fern- 
leuchtend von flechtenartig aufspriessendem Salze, das ungleich, wie 
frischgefallener Schnee, den lettigen Boden verhüllt '). 

In der Gegend des 49*^ n. Br. scheint in dieser grossen 
Tiefebene sich eine Schwelle zu erheben, von welcher der Ischini 
sich nach Norden wendet und zahlreiche Steppenstrüme irrend nach 
Süd^vest sich im Sande verlaufen. In diesem Bereiche treten nie- 
drige Höhenzüge auf, wie der Arkat, Aidschan, der Tschingiz-Tau -), 
dessen ansehnlicher, sich zu 4000' Höhe erhebender waUI- und 
quellenreicher Kanun die durchaus sterile Irtysch-Steppe von der 
Balchasch-Xiederung scheidet, Karkaraly, Kent-Kaslyk, meist 
Granit- und Porphyrhügel, welche aber nur 300 — 1000' absoluter 
Höhe haben. Ferner der Ak-Tau (türkisch: weisses Gebirge), der 
Kurgentasch und die lange Kette der Ildighis, welche wahrschein- 
lich mit dem bleireichen Ulu-Tagh ^) zusanunenhängen und dann 
eine Höhenreiho von 25 INIeilen Länge bilden würden, die man 
ehemals als ein verbindendes Glied zwischen Ural und Altai dar- 
stellte. 

Im Süden dieser Schwelle führt vom Balchasch zum Aral- 
See eine ganze Reihe vereinzelter Seen hin ; und im \Vesten findet 
sich, nordöstlich vom Aral, ebenfalls ein merkwürdiges Gebiet von 
Seen, viele der kleinen oft rosenkranzartig unter einander vei'bunden. 
All all diesen Seen zeigi sich ein fortwährendes Austrocknen bis 
zum Verschwinden derselben, ganz wie beim Aral. 

Nebst dem Kaspi- und dem Aralsee ist der Balchasch- 
See 9^ — or bedeckt einen Flächenraum von circa 400 ' Pfeilen. — 
die grösste Wasseransammlung in der Kirghisensteppe, welche in 



1) A. V. Humboldt. Ansichten der Natur. 1859, Bd. I. Über Steppei und Wüsten. 
S. 6—7. 

2) Tau, türkisch: Gchirg. 

3) l'lu, türkisch : gross, Tac/h, Berg. 

4) J. Spörer. Die Soe'nzono des B.ilrhasch-Ala-kul und dasSiehcistnmlan 1 mit 
dem Ilibecken. Nach russischen Quellen. (Pe t rrma u i.'s Oongi-. Mittlicihingen, IhCS, 
S. 73—85, 193—200 und 393—406.) 

4 



34 Wüsten und Stcppcnbilder. 

cliinosischen Annalen *) oft St Jiai, das Meei' des Westens genannt, 
also mit dem Kaspisee venvcchsclt wird ; er und die tiefe Depres- 
sion, welche denselben mit dem See Ala-kul verbindet, trennen 
das Gebirgssystem Ilochasiens von der Kirgliisensteppc, eine weite 
Ebene, deren Eintönigkeit nur hie und da durch vereinzeinte Hügel 
unterbrochen \vird. Vielleicht in ÖOO' (nach ösemenow's Annahme 
(iOO — 700 englische Fuss) Meereshöhe gelegen, misst der Balchasch 
, von Nordwest nach Südost 8(i geographische Meilen, von Nord 
nach Süd 1 — 11 Meilen; seine grösste Tiefe beträgt 70 englische 
P^uss und nimmt nordwärts zu, südwärts ab. Das nördliche und 
nordwestliche Seeufer erhebt sich stufenförmig über den Wasser- 
spiegel, gleich dem Usturt am westliehen Rande des Aral. Die 
schilfige Südküste hingegen, welche kaum gestattet, eine Uferlinic 
zu unterscheiden , ist abschüssig , und von da aus zieht sich bis 
zu den Vorbergen des Ala-Tau (buntes Gebirg) eine aus Sand- 
hügeln bestehende Steppe, Ad s cli ab ai n ym- Ak- K d m, eine 
Fortsetzung der Ilungerstejjpe Bed-Pak-Dala oder Golodua jn 
Stei) der Russen, ^velche Ssibirien von der turänischen Landschaft 
Chokan scheidet. Das Wasser des iuselreichen Sees ist klar, 
meist frisch imd trinkbar: mir an den Rändern und Buchteji ist 
es salzig-bitter und ungenicssbar. Oestlich vom 15alchasch liegen 
in sandiger Stei^pe, welche in ihrer Dürre den Eindruck eines aus- 
getrockneten alten Meerbodens macht, die Reste seiner ehemaligen 
{Fortsetzung, der Ssassyk-Kul 2), (stinkender See) und der Ala-kul 3), 
letzterer mit der kleinen, niclit vulcanischen Insel .Vral-Tube ^). Älit 
dem Ala-kul hat der Balchaseh noch in historischer Zeit 
Ein Becken gebildet. 

Jenseits der in den Balchaseh mündenden Lojisa beginnt 
das eigentlich der ehemaligen Dsungarei aiigehörige, erst 1849 von 
den Russen definitv in Besitz genommene Siebenstromland, S s c- 
m i r ets ch enski j-Krai , das einerseits von der Hochgebirgs- 
kette des dsungarischen Ala-tau mit dem ihr vorgelagerten Stiifen- 

1) ^arh (loni Dafürlinlten A. v. H \i in li ol il t ' h. Thatsache ist, ilass wir die erste 
Kunde vom Bik'luiseli in den Schriften der Cliinesen finden. Der Name Balehasch-Noor 
(dessen Bedeutun«;: weiter See) ist dsungarisch und erst von Klaprotli in die geogra- 
pliiselie Nomfiieliitur eingefülirt worden. Die Kirgliisen nennen den See Tenyhiz, 
d. i. Meer. 

2) 40 Werst lang, 15 Werst hreit, mit niedrigen, verscliilften Ufern, .sonst aber 
ein sehöner klarer AVassorspiegel. 

.3) Türkisch: bunter See. Die Kalmyken nennen ihn auch Alul-tiif/til-Noor, See 
des buntscheckigen äti(ires(tufful, Stier, Kalli). In früheren Zeiten war er unter der charak- 
teristischen Bezeichnung (turijhe Noor, d. i. Biückensee, bekannt. Nach Gohiliew liegt 
der Ala-Kul in 421)0 engl- Fuss Sechöhe und bedeckt einen Flächenrnnm von 31.1! QM. 
(l.'jU (JWersf), er ist ."lö Werst lang, 40 Werst breit und 14 tief. 

4) Sie bestellt aus llornstcinporiibyr, Ilornstein und Tbonschicfer. Der Name Aral 
liihr bedeutet: Inselbügel, Hügel, auf türkisch fe/w, liiha, persisch tiihf, tapp, Ariil auf 
kirgliisisch Insel. 



Wüsten und Stcppcnbilder. 35 

1111(1 Gebirgslaiide, anderorseit's von der zum IJalcliasch allmälilig 
al)sinkcndeii 1500 — 500' hohen Steppe gel)ildet wird. Die Kamm- 
liiiie des Ala-Tau im Südost, der Balchasch-Spiegel im Nordwest, 
die Stromlinie des Ili im Süden , die der Lepsa im Nouden be- 
zeichnen die natürlichen Grenzen dieses Landstriches, der durch 
die Schneeregion des dsungarischen Ala-Tau vom hinterasiatischen 
Hochlande geschieden wird, durch das tief eingesenkte Strombett 
des Ili aber mit ihm in natürlichem und geschichtlichem Zusam- 
menhange steht. 

Die sieben Flüsse, welchen das I^and den Namen verdankt, 
sind die Ij e p s a ) mit dem Baksan, der Ak-Ssu-) (weisses 
A\'asscr) mit dem S s a r k a n , der B i e n •^) und der K a r a t a 1 •*) 
mit dem Kok-ssu'') (blaues Wasser). Nur die Lepsa, der süd- 
liche CTrenzfhiss, der Ili und allenfalls der Karatal erreichen dauernd 
den See wirklich , während alle Anderen , obwohl gleichfalls der 
Süiiküste des Balchasch zueilend, früher im Sande verrinnen oder 
nur bei Hochwasser dahin gelangen. Sie entquellen sämmtlich 
der Schneeregion des x\la-tau imd durchziehen zuerst fruchtbare 
Tliäler, später die weiten Ebenen um den Balchasch. Sie sind in 
ihrem oberen Laufe echte Gebirgswässer , in Steinbetten, raschen 
I.,aufcs die malerischen Schluchten und Thäler des Hochlandes 
durchströmend. So. wie sie die Steppe erreicht haben, verwandeln 
sie sich in träge dahinschleichende , trübe Steppenflüsse. Diese 
eigentliche Steppenregion des Balchasch (500 — 1500 P. F.) — die 
Winterstationen der Nomaden enthaltend — mit sterilen, sandigen, 
dünnen und salzigen Lagunen bedeckt, ist baumlos, trägt eine der 
Natur der (lewässer entsprechende ^'egetation, also das Charakter- 
gepräge der aralo-kaspischen Niederung, namentlich den typischen 
Saxaul. In den an den Stromufern und Balchaschküsten ge- 
deihenden Schilf- und Eohrdickichten hausen Kulan , Stachel- 
schweine und Schildkröten. Die Culturrcffion, von 1500 — 4000 P. F. 



1) Auch sie verliert sicli, 2 Werst vom See ohne eigentliche Mündung; in ihreni 
Bette sind zahlreiche Sandlänke, welche die SchifFfahrt nahezu unmöglich machen. Sic 
entspringt auf den Vorbergen dos Ala-Tau aus den beiden Terekty-Bächen, ist Anfangs 
rcisscnd, wird dann immer ruhiger, ihr Wasser ist trinkbar, gesund, nur im Sommer klar; 
Breite zwischen 2—25 Faden. Die Lepsa friert im October zu, geht Anfangs April auf 
und nimmt von links her den Baksan auf. 

2) Entspringt dort, wo die Kopalkette vom Alatau sich ablöst, in der Schnee- 
region. Gesammtläuge des Laufes etwa 240 Werst. Die Mündung hat der Akssu mit 
der Lepsa gemeinsam. 

3) Entspringt am Nord-Abhange der Kopalkette, etwa 100 Werst lang. 

4) W'ird aus den drei Quellbächen Kora, Tschadscha und Tekli-Airyk gebildet, 
die aus der Schneeregion des Ala-Tau herabkommen. Er nimmt das Flüsschen Kussak, 
später den Kokssu auf und hat eine Länge von 300 W^erst; er ergiesst sich in 3 (nach 
Abramow in 5) Armen in den Balchasch und ist in seinem oberen Laufe sehr reissend. 

5) Vom türkischen f/öl-, Himmel, blau und ssu Wasser; er ist 200 Werst lang, 
entspringt im Quellbezirke des Akssu, aus den beiden Bächen Korun und Kutal. 



36 AVüstcn und Stoppcnbildcr. 

mit guicm Ackerboden und roiclilicher Bewässerung hat in ihren 
krautartigon Gewächsen mehr Aehnlichkeit mit der Pflanzenphy- 
sidgiioiuic dos westssihirischen und osteuropäischen Tietlandes. 
Die russische Colonisation hreitet sich über diese Eegion aus und 
concentrirt sich an den Stellen, wo die von 4000 — 7600 P. F. 
rcicheride Waldregion vorhanden ist , was jedoch nicht überall 
der Fall; diese enthält nämlich ausreichende Yorräthe an Bau- 
holz für die Ansiedlungen unter ihr. So entstanden allmälich 
zahlreiche, heute schon blühende und stattliche Niederlassungen, 
als: ([\c Stadt Kopalsk oder Kopal, 1846 vom damaligen Gou- 
verneuer West-Ssibirien's, Fürsten Gortschakow, zum Schutze 
der Kirghisen der grossen Horde gegen die Einfälle der Diko- 
kamanny-Kirghisen gegründet, und am Kopal ^) (oder Kyzyl- 
Agatsch-Ssu?) gelegen, dann die Forts und ]\Iilitärstationen 
Akssuisk am Akssu, Arassan (kalmykisch: warme Quellen)-), 
Karatal und Kokssuisk (in 3350 P. F. Seehöhe), beide an den 
gleichnamigen Flüssen, Altyn-Imel (dsungarisch : goldener Sattel) 
111 d Kaltschyk. 

So bilden hier Stej)pc und Gebirgsknd den fundamentalen 
Gegensatz, der alle Natur und Culturverhältnisse durchzieht. Das 
emporragende Gebirge mit seiner AVasserfülle wirkt nährend , be- 
lebend , culturfördernd , — die platte, niedrige Stepjjc mit ihrer 
Dürre abzehrend, deprimirend, culturhemmend. AVo die Wüsten- 
«te])pc sich Wasser- und baumlos ausstreckt, da ist specifisches 
Nomadenland, der Tummelplatz des Nomadenthums, dessen Natur- 
zwang kein Wille, keine Culturmacht zu brechen vermag. In den 
höher gelegenen Geländen und Yoi'bergen findet aber die Cultur 
eine Stätte, wo sie mit Nutzen gedeihen und sich entwickeln kann. 

Bedeutender als irgend einer der sieben Ströme und zugleich 
eines der mächtigsten Gewässer Centralasiens, ist der Ili, der als 
'l'ak-Ssu aus zahlreichen Schnee- und (ilebirgsbäcben am Nordwest- 
Abhänge im höchsten Theile des Tian-Schan, am Bogdo-Oola ent- 
sj)ringt. Er durchfliesst 130 INIeilen weit ein langgestrecktes, vom 
Nan-Schan und Iren-Chabirgan (dsungarisch : buntes Gebirge, also 
gleichbedeutend nüt Ala-Tau der Kirghisen) ein geschlossenes, von 
West nach Ost laufendes, breites llial, dessen Höhe über der 
Meeeesfläche 1300 P. F. übersteigt, und ninnnt den Namen Bi 
von der Einmündung des rothen Nebenflusses Schungis oder Chasch 3) 



1) über diesen Fluss ist man noch sehr im Unklaren; ist. der Kyzyl-Agatscli- 
Ssu A. Schrcnk's der Kopal P- Sscmcnow's? Siehe hierüber Pctcrmnnn'a Gcogr. 
Miltheilungen, 1SG8, H. 199. 

2) In der That entspringen hier, etwa 7ÖU über dem Wasserspiegel des Alakul, 
licisse Schwefelquellen von 350 R. 

3) Er entspringt auf den südöstlichen Ausläufern des Tarbngatai-Gebirgcs und 
strömt in seiner Hauptricbtung nach Südwest. Seine bedeutendsten Nebenflüsse sind der 
Nilka und der Olotai. 



Wüsten und Steppenbilder. 37 

abwärts an ; er trennt die Sseniiretschensk-Region von jener süd- 
licheren Gegend, welche seit 1854 die russischen Ansiedler die 
transilischen Ländereien nnnnten. Seit 1755 gehört sein ganzes 
Becken zum chinesischen Keiche. Seine Ufer sind niedrig und hie 
und da mit grossen Bäumen und Gebüsch bestanden; die Breite 
des Stromes beträgt etwa eine Mertelmeile ; sein Lauf ist rasch, 
sogar reissend. An einem Punkte besteht eine Furt und unter- 
halb derselben drängt er sich durch poriDhyrische Felsen, die sein 
Bett verengen; dort ist er sodann sehr tief; sein Lauf wird stark 
gewmiden, aber nach jener Schlucht, Avelche er schäumend durch- 
tost, erweitern sich wieder seine Ufer, die fischreichen AVasser 
werden ruhig, und der Lauf verliert im unteren Theile an Kraft; 
die Ufer werden innner flacher und sind von einer maimigfaltigen 
Baum- und Strauch Vegetation bedeckt; endhcli 3(5 INTeilen von 
seinem Durchbruchc durch die Po rpliyrf eisen, also nach einem 
Laufe von 16(5 Meilen, und nachdem er die Sandsteppe des Sieben- 
stromlandes durclnuessen, mündet er mit einem niedrigen, von 
einem hohen Schilfwahl üppig bewachsenen, 7 Meilen breiten Delta 
in den Balchasch-See. 

Einige Stellen der Ili-Ufer besitzen die nöthigen. Eigenschaften 
zu Ansiedlungen , ja gestatten sogar feste Niederlassimgen ; dies 
bestätigen die zahlreichen ^lilitär- und Strafposten der Chinesen 
im oberen Theile des Ili-Bassins zwischen dem Iren-Chabirgan und 
Tian-Schan. Hier sind die Wässer seiner zahlreichen Zuflüsse, 
wie der Chasch (Kasch), der Pilitschi *), der Yklyk -), der Kor- 
gas ^), der LTesük ') am rechten, der Tarksyl, Koguschi, Jagustai. 
Kainak und Bugra ■') am linken Ufer, überall geschickt zur Be- 
wässerung des fetten, trockenen I^ehmbodens der Felder benützt, 
W'elche hiedurch einen reichen Ernteerti-ag liefern , die Wälder 
werden künstlich erneuert, und der Anblick der mit lebenden 
Zäunen mnfangenen, von grossen Bäumen beschatteten Dörfer er- 
freut das Auge des Reisenden , welcher soeben die ernsten und 
düstern Berg- und Steppengegenden durchzog. Li dem gestreckten 
Kessel des Stromthaies , der nur nach Westen hin für die im 
Sommer heissen Westwinde offen ist, gedeiht unter dieser Breite 
und trotz des trockenen Klima's, ^velches so wie jenes der süd- 



1) Mündet in den Ili unweit von Kuldscha. 

2) Mündet in den Ili dicht bei Kuldscha. 

3) Ergicsst sich 20 — 30 Werst westlicher in den Ili und tlioilt sicli in mehrere 
Anne; ?cin Flusabett, das viel Geröll führt, ist etwa ' ,_, Werst breit. 

■l) Kann bis vor Kurzem gleichsam als Grenze zwischen China und Kussland 
gelten, ist einer der bedeutendsten Zuflüsse des Ili; sein Bett ist 2 — 3 Werst breit, in 
dicht bewaldetem Thalo. Der Fluss selbst ist etwa 50 Faden breit, sehr tief und hat 
ein sehr starkes Gefall. 

5) Über diese Zuflüsse fehlen noch die näheren Nachrichten. 



38 Wüsten und Stcppenbildcv. 

liehen dsungarischoii Kirghisenstcppe eine Uebergangsstiife zwischen 
dem rauhen Klima iS.'^ibirien's und dem troiiischcn Klima jenseits 
des Tian-Schan bildet, Wein, Reis, Mais, Sorghum, Weizen, Arbusc 
und Melone, von europäischen Obstbäumen vorzüglich die Pfirsiche 
und Apricosen, Birnen und Pflaumen, also Früchte, wie in dem in 
derselben Breite gelegenen Istrien in Süd-Euroi)a. Der Winter 
dauert hier nur drei Monate, und die allerdings sehr hohe Kälte 
hält meist nur drei Wochen an. Dagegen ist der Sommer furcht- 
bar heiss, die Hitze erreicht mitunter im August 36 — 38" R. im 
Schatten. Für die Bewohner ist indess das Klima sehr gesund, 
und gehören Epidemien zu den Seltenheiten i). Einer solch' günsti- 
gen Lage, wenngleich südlich vom eigentlichen Ili-Thale und der 
oberwähnten P^'urt, am Fussc des Ala-Tau, in '2533,4 P. F. See- 
liöhe '''), dort wo die wilden Gebirgswässcr der Almaty aus den 
Bergschluchten hervortreten j erfreut sich die Avichtige russische 
Niederlassung Fort Wiernoje ^), heute eine kleine Stadt von 4 bis 
5000 Seelen, 1854 von Kosaken und ausgewanderten russischen 
Colonisten gegründet. Die Gehänge des nahen transilischen Ala- 
Tau, reichlich mit ssibirischen Tannen bestanden, haben das nöthigc 
Älaterial zum Baue von Wohnungen geschaffen ; die Flüsse Aksay 
und Almaty, deren Thal mit Obstbäumen bedeckt, nnissten zur 
Bewässerung der Felder und Anpflanzungen dienen und der Acker- 
bau Idüht an diesem wenig gekannten Punkte Asiens. 



1) W. Rnilloff. Das Ili-Thnl in Iloclinsicn und seine Bewolmrr. (Peter- 
m a n n's Gcogr. Mittlicilungm , 1866, ir- 88 — 97 und 250 — 264), eine nanientlicli in cttino- 
rgnphischor Hinsicht sehr eingehende, lesensvverthe Arbeit 

2) 3130 Fusä nach dem russischen Gcncrnlsta shanptraann Obulth, der auch 
vährend eines gansien Jalires in Wiernoje meteorologische Brobaclitungen anstellte. 
^C de Sahir. Aper(;\i des r(5cen(es explorations des Kusses dans l'Asie centrale. Lc pays 
des scpt rivicrca et la contree transilicnne, im Bulletin de la Socicic de geograidiie 
Paris, 1861, T. II. S- 335—364.) 

3) Üeber die Wichtigkeit (Hesca Ortes, siehe: Michel W' o 1 k o w , Noticc sur 
le pays transilicn. (Bulletin de la Societe de Geographie, Paris 1861, T. II, S. 113 — 119.) 



IV. Capitel. 

Die Landschaften am Ssyr und Amu-Darjä. 



Während dem kaspisclien ^leere ausser dorn Aral von be- 
deutenderen Gewässern nur die End)a (^Jasfiis der Alten) aus den 
von uns betrachteten Gegenden zufliesst, nimmt der Aral die beiden 
wicbtigsten Ströme Gentralasiens, den Jaxartes und den Oxus der 
Alten, auf. 

Der Jaxartes') der jetzige Ssyr-Darjä fDarja, auf per- 
sisch : Meer, Strom; die Araber nennen den Fluss Sihün, Sei- 
hün) ist luis, was seinen Lauf anbelangt, noch theilweise unbe- 
kannt, daher auf allen Karten unrichtig eingezeichnet. Seine Länge 
beträgt im Ganzen etwa 400 INIeilen, wovon 200 schiftbar sind. 
Erst in jünster Zeit, 1863, durch die Entdeckungsfahrt des russi- 
schen Contreadmii-als Alexis Butakow -), welcher den Strom zwischen 
dem Fort Perowski und dem Orte Bayldyr-Tugai erfoi'schte, ist 
einiges Licht auf die Toi)ograf:e des Ssyr geworfen worden. Seine 
Quellen wurden aber erst 1869 durch Baron Kaulbars entdeckt, 
dessen Aufnahmen die verschiedenen Ketten des Tian-Schan Systems 
von der Grenze des Chanats-Chokan und dem Thale des Aksai im 
Südwesten bis zum Tengri-Chan und ]SIusart-Clian im Nordosten 
umfassten und die Quelle des Naryn — seines östlicheren und 
längeren Quellstromes — in einem Gletscher der Ak-Schirak-Bergc, 
nahezu im Meridian des Ostendes vom Iss*ikul-See nachgewiesen 
haben. Der Ssyr entspringt also im Tian-Schan, ist aber in 
seinem oberen Laufe, oberhalb Chokand's, wo er aus der Ver- 



1) Der Jaxartes oder Orxanthes wird bei einigen alten Schriftstellern auch Ara.ves 
genannt. Die Geschichtsschreiber Alexanders des Grossen heissen ihn (fälschlich) 
Tanclis, die Massageten Silis. 

2) Notiz über den oberen Lanf des Ssyr-Darjä (Jaxartes) zwischen dem Port 
Peroffski und Bayldyr-Tuga'i (Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin, 1866, 
Nr. 2, S. 114 — 128), ne'ost wichtiger Übersichtskarte des Ssyr mit den durch die neue 
Recognoscirung veränderten Positionen und einem Vorzcichniss der in jenen Gegenden 
astronomisch bestimmten Punkte. 



40 Die Landschaften am Ssyr und Amu-Darjä. 

einigung des Naryn ') und dos Gutitschan entsteht, bis Bayldyr- 
Tugai, 807 Werst von Ak-]Mesdsched (Port Perowski) wenig be- 
kannt; auf letzterer Strecke fliesst er breit und tief als inijiosante 
Masse nur in Einem Bette zwischen niedrigen, theils thonigen und 
salzhaltigen, theils sandigen Ufern, über welche er bei Hochwasser 
weit hinaustritt, und nimmt mehrere nicht unbedeutende Neben- 
flüsse auf, ein Land bewässernd, dessen üjjpige Vegetation nur in 
den fruchtbaren Thälern Indiens ihres Gleichen sucht. Von Chod- 
schand bis Ilazret-i-Turkestan strömt er nach Norden imd fliesst 
der Sandwüste Kyzyl-Küm entlang. Hier gewinnt dann Alles ein 
anderes Aussehen; seine Ufer werden nackt und unfruchtbar; bald 
tief eingebettet, ist er von der Steppe nur durch einen schmalen 
Streif von Dschungeln getrennt , bald hingegen sein niedriges Bett 
verlassend, überfluthet er die Umgebung, Schilflagunen und unpas- 
sirbare Sümpfe bildend, die sich weithin, oft mehrere hundert 
INIeilen weit in die Ebene erstrecken. Nur an den Orten, wo das 
steile Ufer dem Fluss höchstens bei Hochwasser auszutreten ge- 
stattet, treibt der Kirghise Ackerbau und soll, wie man sagt, der 
durch die P^'lussalhnionen gedüngte Boden reichliche Ernten ge- 
^^•illlren. 

Gewiss ist, dass dort, wo die Hochwasser abgelaufen, das 
überschwemmte Land prächtigen Graswuchs darbietet, ^veshalb die 
Kirghieen sich in den Wintermonaten dort einfinden. Inmitten 
dieser W^icsen erheben sich da und dort Sandhügel von 30 — 40' 
Höhe; sie sind meist mit Tamarix, Turanga und Dsclüda, die 
7 — 8' hohen Ufergegenden mit Tamarix, Disteln und Saxaul be- 
wachsen. Die vielen Inseln, manche 3 Werst lang, sind gewöhn- 
lich mit undurchdringlichem Gebüsch bedeckt, worin Tiger hausen. 
Die Breite dos Stromes beträgt von 150—400^', die Tiefe 3—6", 
die Schnelligkeit des Laufes bis zu 7 Werst in der Stunde, die 
mittlere Geschwindigkeit 4 '/g — 6 Werst. Das W^asser ist trübe 
und gelblich, schmeckt aber süss und angenehm, sobald es sich 
gesetzt hat, und ist gesund. 

Nirgends fand Butakow eine menschliche Wohmmg am Ufer 
dos Jaxartes, selten nur bebaute Felder. Gegenwärtig ist dieser 
majestätische Strom bis zum Fort Tschulak, der am weitesten 
gegen Osten vorgescliobcnen unter den russischen Jaxartes-Festun- 
gen, eine totale Einöde. In alten Zeiten war er eine von Schiffen 
belebte Handelsstrasse; Butakow fand an seinen Ufern die Ruinen 



1) Schon Adricn Bnlbi, auf Klaproth's Mitteilungen gestützt, hielt den Naryn 
für den oberen Lauf des Ssyr selbst (Abrege de göographie- Paris, 1S33, S- 685), und die 
neueren, russischen Forschungen bestätigen diese Ansicht vollkommen. Der Naryn oder 
Ta aUhai bewegt sich in dem schmalen Thale zwischen den beiden fast parallel ziehen- 
den Ketten des Tian-Schan nach West-Süd-West hinab; 1SG7 drang der Chef der furke- 
stänischon wissenschaftlichen Expedition, Herr Ss äw erzow sehr nahe zu seinen Quellen. 



l)ic tjanclschaftoii am Ssyr und Amu-iD.arjn. 41 

von Städten, wio z. B. Otrar, wo Tamerlan starb, und von Tun- 
kat, das dieser gewaltige Herrsclier zerstört. Die Uferregionen des 
Ssyr ober- und unterhalb des Fort Tschulak bilden einen schrofl'en 
Gegensatz. 15is uacli Tschulak herrscht die Wüste, unterhalb da- 
gegen findet man Leben und Thiitigkeit, denn hier sind Personen 
und Eigentlunn unter dem Schutze der Russen gesichert. AVeit 
und breit sind die Felder gut bestellt und liefern reichen Ertrag, 
die Aule der Kirghisen haben zahlreiche Bewohner, viele Ilecrden 
und gute Kibitka's; bei Fort Nr. 1 (Kazaly), wo sich eine Ko- 
saken-Colonie befindet, wächst vortrefflicher AVein, und die A'er- 
suche mit dem Aidiau der Baumwolle sind gelungen. 

Von den Zuttüssen des Ssyr-Darja hat Butakow nur zwei 
gesehen, die beide am rechten Ufer münden, nämlich den Aryss 
und den Sauran-Ssu. Von der ^lündung des Aryss, in der Nähe 
der Ruinen von Otrar, bis zum Fort Utsch-Kajuk (d. i. drei 
Boote) das auf sumpfigen Boden steht, beträgt die Entfernung 127 
Werst. Dieser Fluss hat denselben Charakter wie der Ssyr, ähn- 
liche Krümmimgen und Inseln, niedrige, der Ueberschwemmung 
ausgesetzte Ufer und dieselbe Vegetation. Der Sauran-Ssu fällt 
in den Hauptstrom bei Au-Dschar, 38 Werst unterhalb Utsch- 
Knjuk; die anderen Flüsse, welche vom Kara-Tau herab kommen, 
sind: der Initschke, an die dem Stadt Turkestän liegt, der Kara'it- 
schik, 9 Werst weiter abwärts, und der Sart-Ssu: sie alle ge- 
langen aber eigentlich nicht bis zmn Hauptsrom, sondern verlieren 
sich in Morästen ^). 

Bei Ak-Mesdsched (Ah-Meschlied, weisses Märtyrergrab, weisse 
Moschee) tlieilt sich der Ssyr in drei Arme; der nördliche behält 
den Namen Ssyr, der mittlere heisst Kuwän-Darjä, der südliche 
.Tany-Darja. Von der Theilung an erstreckt sich die Wüste Kai-a- 
Küm nach Nordwest. Der Kuwän wendet sich nach W^esten und 
theilt sich in fünf Arnie, die sich wieder vereinigen und dann im 
Sande verlieren. Der Unterlauf bis zum Aral, in neuerer Zeit ge- 
nauer erforscht, theilt sich auch in mehrere Arme, grosse Inseln 
umschliessend ; er ist übrigens beständig neuen Veränderungen 
unterworfen , wie sich dies aus der lockeren Beschaftenheit -'der 
Stronuifer und der Abwesenheit jeder vSteinart im Bette erklärt. 
Trotz der Krümmungen und Untiefen — an manclien Stellen hat 
er nur 31/2' Wasser — ist er doch schon seit 1845 von den 
Russen auch mit Dampfschiffen befahren. Er friert im December zu 
und geht im März auf. Das ganze Land ringsumher trägt den 
Charakter eines ehemaligen INIeeresbodens. Der salzreiche, thonige 
Thalgrund ist in seinem unteren Theile bei der künstlichen und 



1) Ailmival Butakow'ä Fahrten auf dem Jaxartes. (Globus, 1865, Bil. YIII, 
S. 113—114.) 

5 



43 t>ic Landschaftpn am Ssyr und Amu-t)arjä. 

Überaus kunstvollen Bewässening für den Ackerbau geeignet; im 
Sommer felüt es ganz an Regen, und avo kein Wasser hingelangt, 
erscheint der Boden als Wüste, bedeckt sich mit Salz und trägt 
nur Avenige stachelichtc I'flanzen. Alle Gemüse gedeihen in Fülle, 
treffliche Früchte und selbst der "Wein. In den schiltigen INloriisten 
des Älündungsgcbietes hausen Wolken von Älücken und Heu- 
schrecken und wilde Schweine. 

Der Ssyr ist der eigentliche llauptstroin der Landschaft Cho- 
kan, deren grosserer Theil, östlich vom Ssyr gelegen, gebirgig, der 
westlich vom Fluss gelegene Theil dagegen Sandwüste ist. Da 
die Ufer des Ssyr im Allgemeinen auch sandig sind, so liegen die 
bedeutenderen Städte alle ziemlich fern davon; alle übrigen 
Flüsse des Landes fliessen ihm zu; sie sind alle zu durchwaten, 
ausgenommen im Frühling. Die Hochthäler der Gebirge, welche 
Chokan im Süden und Südosten abschliessen, sind mit ewigem 
Schnee bedeckt, haben aber im Sommer ein sehr mildes, der Vieh- 
zucht höchst günstiges Klima. In der Ebene fällt selten Schnee, 
wenngleich es Nächte gibt, in denen das Thermometer auf — 10" 
fällt, und in den Bergen um Taschkend (türkisch: Steinstadt) 
stellen sich heftige Winterstürme ein. Die Steppen dagegen leiden 
an übermässiger Sonmierhitze. Im INIärz bekleidet sich der Boden 
mit reichem Grün und duftigen Blumen, xmd vor Anfang Mai 
blüht und duftet Alles. Die Hitze steigt endlich bis auf 40", und 
somit vergeht jede Spur der Vegetation; man gewahrt alsdann nur 
den nackten Sand und Lehm, der von der Hitze geborsten ist. 
Einige Ivi-äuter finden sich nur noch an den Quellen, Bächen und 
in Bei'g Schluchten. Obwohl der Regen im Sonnner fast ganz fehlt, 
so gedeihen bei künstlicher Bewässerung doch fast alle Getreide- 
arten reichlich, und das künstlich erzeugte Gras wird bis viermal 
gemäht. Im September und October lässt die Hitze nach, und 
noch im November haben die Tage stets 15" Wärme. Als Nord- 
grenze des Landes gilt der Tschui, ein echter Stcppenfluss mit 
brackigem Wasser, 70 Meilen lang. Er entspringt auf der Höhe 
des Muz-Tagh und tritt in das Thal des Bergsees Issi-Kul , 5 
Werst vom westlichen Ufer dieses Sees ein. Zwischen dem 
Tschui und dem salzigen, hellblauen stürmischen See liegt eine nur 
wenig nach Osten geneigte Ebene. Der Issi-KuP) selbst, über 



1) Issi-Kul der Türken und Iii-llai der Chüicscii bedeuten beide: warmer Soo; 
die Kalmyken nennen ihn Tetnmtu-Xoor. Xoor (Xor) , eine Contraction von naghoi; 
hoisst im Mongolischen, Kul im 'IMirkischen See; die Russen haben für den Namen des 
Sees die Schreibweise Jssyk-Kul festgesetzt, 72 Flüsse und Bäche münden in ihn; er 
friert nie zu; doch sind seine Zuflüsse wäbrend dreier Monate im Jahr mit Eis bedeckt, 
obwohl im Sommer kein Unterschied zwischen der Temperatur des Seewassers und der 
der Zuflüsse ist. Das Seewasser, obwohl salzig, ist doch trinkbar. Schon 1858 und 1859 
\\urden unter Golubew und dann unter Weniukow die Umgebungen des Issi-kul und die 
Tbäler des Tschui und Kotsohgar topographisch aufgenommen. 



Die Laiidscliafteu am Ssyr uud Amu-Darja. 43 

21 ISIeilcn (161 ^Vcrst) lang, bis 7 INIeilen (50 Werst) breit, 
335,1 C Meilen gross in 4691,5 P. F. Meercsliölie liegt in tiefem 
Kessel auf einem 10 — 15 Meilen breiten Plateau zwischen dem 
]Muzart im Süden und dem Kungi- oder Ala-Tau im Norden und 
galt lange für den Quellsee des Tschui ; indess fliesst nur eine 
schmale Wasserader, Kutemaldy, vom Tschui in den mit flachen 
grasreichen Ufern ausgestatteten Bergsee. Der X^'^chui fliesst 
zwischen massigen Höhen, dann zwischen ganz flachen Steppen- 
ufern nach Nordwest und West und ergiesst sich in den Steppen- 
see Telc-Kul. Hier begegnet er dem aus den Ildighis-Ciebirgen 
herabkonniienden Ssyri-Ssu oder Ssary-Ssu , (türkisch : gelbes 
Wasser), der in nordost-südwcstlichcr Richtung die Kirghisen- 
stei)pe durchschneiclet und gleichfalls im Tele-Kul sein Ende findet. 
Der zweitwichtigste Strom des Landes ist der Amu-Darjä 
oder Dscheihün, (Dschihün der Araber), der Oxus der Alten, der 
in Betreff seines befruchtenden Einflusses mit dem Nil vcrglicheu 
werden kann; sein gelbes A\'asscr, obwohl im eigentlichen Fluss- 
bett nicht so gut trinkbar wie in den Canälen und Gräben , wo 
sich der Sand schon gesetzt hat, knirscht unter den Zähnen, als 
ob man in einen Sandkuchen beisst; was aber den süssen und 
guten (Icschmack anbelangt, so behaupten die Chiwaner imd Väm- 
bery mit ihnen, dass darin kein Fluss auf Erden, selbst nicht der 
Nil, ,,der gesegnete" (Mubarek) dem Amu gleichkomme ^). Er 
entquillt dem kleinen Alpensee Ssary-Kul (türkisch: gelber See; 
Humboldt schreibt: Sir-i-kol ^) oder Yictoria-Lake , der in den 



1) Väiiibery. tjber die Produktionsfähigkeit der drei turkestänischen Stcppeu- 
ländcr. („Unsere Zeit.« 1866, II, S- 295.) 

2) Die Quollen des Oxus wurden 183S von Lieutenant John Wood (Journcy 
to tlie sources of the river Oxus) in diesem See entdeckt. Au die Oxusquellcn knüpft 
sich eine wissenschaftliche Discussion, die vor einigen Jahren grosses Aufsehen in ge- 
lehrten Kreisen hervorrief. Der sehr verdienstvolle russische Reisende Weniukow 
hatte nünilich 1861 im „Journal of de R. geographical Society" zu London die Denkschrift 
eines Ungenannten: „Ü'ber das Hochplateau von Pamir tind die Quellen des Oxus in 
Ccntralasicn" verötfentlicht. Dieses Memoire gibt eine Beschreibung jenes Districtcs, und 
zwar nach dem Berichte eines im russischen Kriegsdepot zu St. Petersburg im Maniis- 
crijit aufgefundenen Rcisejournals. Der Verfasser des mit der Jahreszalil 1806 versehenen 

Manuscriptcs gibt vor, ein Deutscher, Georg Ludwig v zu sein, der von der 

ostindischen Compagnie mit dem Ankaufe von Pferden in jenen von ihm beschriebenen 
Gegenden betraut gewesen. (Petermann's Geogr. Mittheilungen, 1861, S. 274. — Sa- 
piski der kais. russischen geographischen Gesellschaft, 1861.) Dieses Schriftstück nun , 
dessen Angaben als durchaus zuverlässig betrachtet und von den besten Kartographen 
benützt worden sind, ist nach der auf weitschiehtigen und gründlichen Nachforschungen 
beruhenden Üebcrzeugung von Sir II. E. Rawlinson — wie in der Sitzung der Londoner 
geographischen Gesellschaft vom 26. März 1866 mitgetheilt — weiter Nichts, als eine 
ausgearbeitete Erdichtung. Die Ilauptarguniente, die derselbe für seine Ansicht aufführt, 
sind folgende: Im Manuscript wird von einem noch thätigen Vulkan im Norden von 
Srinaggar erzählt, während in jener gegenwärtig kaum weniger denn England durch- 
forschten Gegend nie etwas von einem Vulkan bekannt geworden sei. Der Verfasser 



44 Die Lniulscliaftcii am Ssyr und Anni-Darja. 

Gebirgen liegt, welche das Plateau von Pamir begrenzen, in 15.230 
P. F. Sechühe, strömt nach Süihvest und \Yendet srcli dann nach 
Nordwest um sich in das südliche Ende des Aralsees zu ergiessen. 
Nach den vorhandenen ^Messungen führt er in seinem untersten 
Laufe 3000 Kubikmeter ^Yasscr per Sekunde (der Khein 2500, 
die Rhone 2000) ). Ueber seine Schifi'barkeit liegen abweichende 
Nachrichten .vor; nach Einigen soll er in einem grossen Theilc 
seines Laufes, nach Lenz für Boote, und nach Vämbcry ^) überhaupt 
schwer schiffbar sein; der ganze Obci-lauf l)leibt im Winter ge- 
froren, und im strengen "\^'inter sogar der L^nterlauf. Er durch- 
fliesst zunächst das kalte Bergland Wochän, wo er fünf Zuflüsse 
aufnimmt; berührt rechts das bergige Badachschan, ein malerisches 
Land, berühmt durch sein schönes Klima und seine Eubingruben; 
hier nimmt er namentlich den Badachschiln auf und heisst von da 
an Amu. Rechts von ihm liegt das schwach bevölkerte, gebirgige 
Kluitel, weiterhin südlich vom Flusse das Thal von Kundüz, nörd- 
lich die Oase Hissar (arabisch : Fort), berühmt durch ihre Messer- 
fabrication; im Westen des ersteren liegt das Thal Hulum und 
weiterhin das Land Balch, durch einen dürren Landstrich von .Vnui 
getrennt. Noch weiter links von ihm dehnt sich die turkomanischc 
oder charesmische Wüste, rechts jene von Kyzyl-Küm aus. Seinen 
bedeutendsten Nebenfluss, den Ak-Serai, empfangt er aus Kundüz, 
und von dessen Mündung an ist er schiffbar. }ioi dem etwa 150 
Häuser zählenden, von ackerbautreibenden Turkomanen und Us- 
beken bewohnten Städtchen Kerki (Kirki) — einer Grenzfestung 
auf der Strasse nach Herat und Schlüssel, zu Bochära — - ist der 
Oxus 800 Schritte breit, fliesst stark, hat aber viele Sandbänke 
und seichte Stellen. Im mittleren Laufe hat er 2100 — 2400 P. 
F. Breite und 6 — 24 F. Tiefe; ehe er mündet, bildet er ein 
sumpfiges, ganz mit Schilf bedecktes Delta, dessen centraler Theil 
eine Art von Depression bildet, und dessen 2 — 3' tiefe Flussarme 



will ferner Strecken in ZcitiUunicn xiirückgclcgt halten, in denen sie sieli nninöglidi zu- 
rücklegen licssen, wie z. B. die 120 engl. Meilen zwisclicu Si'iiiiiggar uinl dem Indus in 
dem gcLirgigen, unwegsamen Lande, in zwei, und die SIrccke zwischen d in Indus und 
Kaschgar in 'Jö Tagen. Nachforschungen, die Sir II. E. I{ a w 1 i n s o n in den Arcliivcn 
des indischen Anitos in England sowohl als in Indien angestellt, ergehen, dass Kicmand 
in jonoi- Zeit von der ostindisclion Compagnie mit Pferd eaikäufen heauftragt gewesen 
war, und dass kein Lieutenant llnrvcy, den der Verfasser als seinen Begleiter angiht, 
sieh damals auf der indischen Arnicclistc hefainl. Ausser diesen führt Oherst Uawlin- 
son noch eine ganze lleiho von tlieils nachweislich falschen, theils höchst verdächtigen 
Angaben jener Schrift an, die sie als rälschung erscheinen lassen; trotzdem hat bis 
jetzt keine der entgegenstehenden Ansichten entschieden gesiegt. 

1) R. Lenz. Unsere Kenntnisse über den früheren Lauf des Amu-Dnrjü. öt. Peters- 
burg 1S70. 4° (Mcm. de l'Acad. Imp. d. Sciences d. St. Pctcrsbourg.) 

2) Kusslaud und das Chanat Chiwa. (Allg. Ztg. 1870 Nr. 38.) 



Die Landschaften am Ssyr und Amu-Daijä. 45 

beständigen Veränderungen unterwoi'fen sin d, wie sclion Humboldt 
in seinem grossen Werke über Centralasien ') nachgewiesen hcat. 

Der östliche Arm des Amu-Deltas heisst Kuwän-Darja, oder 
Kuk {gök, türkisch : blau) und in der Nähe des Sees Jany-Ssu, 
der neue Fluss ; 1849 mündete der grössere Theil der Wassermasse 
des Amu durch diesen Arm, und Butakow konnte 9 '/a ]\Iiles von 
der Mündung entfernt, im Aral süsses Wasser schöpfen; 223/4 
Miles aufwärts von der Mündung zieht eine Felsenleiste, die nur 
1'2 — 23/4' Tiefe zeigt, gerade durch das Bett des Jany-Ssu, 
welcher oberhalb 50 — 80 Faden breit und 5 — 8 Fuss tief ist. 
Nachdem dieser östliche Arm vom Amu sich abgesondert hat, 
flicsst dieser gegen Nordwest und Nord; er sendet viele kleine 
Zw^eige aus und einen grösseren Canal, den Karabaili, welcher sich 
über die Deltadepressionen verbreitet; aus diesem fliesst dann das 
Wasser in den Ulu-Darjä (^uhi., türkisch: gross, darjd, persisch: 
Fluss, Meer) zusammen und findet in grösster INIengc seinen AVeg 
in den Aral. Westlich vom Uhi-Dai-jä, liegt die Taldyk-]Mündung, 
die 1849 eine rasche Strömung, 3' Wasser auf der Barre, 1858 
aber nur mehr I1/2' hatte. 

Der Amu ist der Ilauptstroin von Bochara und Chiwa. ly 
der ersteren dieser beiden Jjandschaften troffen ^vir noch den Zeraf- 
schän (Zaräfscluui) und Sogd, den Kaschka und Balch als wich- 
tigste Wasseradern. Der 87 Meilen lange Kohik oder Zeraf- 
schän (persisch von zer, Gold: Goldspender, Goldstreuer), der 
Polymetos der Griechen entspringt wie die 1870 ausgeführte, halb mili- 
tärische, halb wissenschaftliche Expedition des General Abramow 
gezeigt, etwa 20 Meilen östlicher als man bisher glavibte j aus 
einem 7 ^^2 deutsche Meilen langen Gletscher etwa unter dem 
Meridian von Chokand an der Schneegrenze der Kette des Fou- 
Tagh und der üstgrenze Bochära's und behält auf einer Länge 
von mehr denn 5*' (zwischen Usruschnah und Bochara) sehr regel- 
mässig die Richtung einer Parallele zum Aequator bei -). Jenseits 
Pendschakend (persisch : Fünfd orfschaften), tritt er in ein breites 
Thal , das hinter Samarkand eine offene Ebene wird und jenseits 
Bochara eine Sandsteppe. Im Westen von Bochara wendet er 
sich plötzlich nach Süden und ergicsst sich in den kleinen See 
Karakul (türkisch : schwarzer See). Die Pässe über das Scheide- 
gebirge zwischen Zerafschän und Ssyr-Darjä wurden 15 — 16000' 
hoch gefunden. Zahlreiche Canälc sind vom Zerafschän abge- 
leitet ; er bewässert die unfern von seinenx linken Ufer gelegene 
Stadt Bochara •*), ,,dic edle,'' die jetzige Hauptstadt des gleich- 

1) Asie centrale. Paris, 1843 Vol. II, p. US-lGl. 

2) Humboldt. Asie centrale. II, p. 55. 

3) Büchära selbst liegt streng genommen am Khoirabad, einem Zuflüsse des Zeraf- 
schän. (Ibid. II, p. 17.) 



46 Die Landscliaftcn am Ssyr und Amu-Durjä. 

iiaiiiigou Reiches, und das dcavoii 2403/4 Werst, oder 34 — 35 
deutsche Meilen, also fünf Tagereisen stromaufwärts entfernte 
Öaniarkand , Tanierlan's alte Residenz ^). Das Terrain zwischen 
heiden Städten ist thcilweise vortrefflich angehaut. Wo das hreitc 
Thal beginnt, da liegt bis nahe an Bochara eine fast luiunter- 
brochene Kette von Ortschaften auf dem ebenen fruchtbaren Ter- 
rain, das der Zerafschän zurückgelassen, der ehedem viel wasser- 
reicher gewesen sein muss. Ebenda liegen auch die dazu ge- 
hörenden Dörfer, sowie die Gärten zur Obst- und Seidenzucht, 
und die mit Baumwolle, Kürbis, Arbusen, Weizen, Gerste und 
jMais bestellten Felder. Andrerseits zeigt sich aber auch ein 
schrofter Gegensatz von Unfruchtoarkeit, z. B. in der nahen 
INIälik-Wüste. AVciter östlich aber ist wieder üppiger Bodan. 
Ein weiter Landstrich am Zerafschän bis in die Gegend von 
Samarkand ist von Feldern mit Reis, ,, dieser unersättlichen Cere- 
alie"^ bedeckt -). Zwischen Samarkand und dem 18 deutsche 
]Meilen entfernten Karschi 3) am Flusse Ab-i-Scher-i-Ssebz, welcher 
aus dem kleinen gleichnamigen Chanate *) hervorströmt, liegt aber- 
mals eine ^^'üstc, die jedoch bei weitem nicht so gefährlich ist 
wie die übrigen. Sie wird nach allen Richtungen durchzogen und 
besitzt tiefe Brunnen mit ziemlich gutem Trinkwasser. 

Das ganze weite Gebiet, dessen Schilderung Avir im Vor- 
strheuden versucht , zerfällt heutzutage in mehrere unabhängige, 
doch ihrem Ende sichtbar entgegenschreitende Staaten, deren be- 



1) Ül)cr Samarkand berichtet Marco Polo, der schwerlich selbst dort gewesen, 
nur wenig (Le livre de Marc Pol. Ed. Pauthier. I. Vol. Chapitrc I. C); genauere Kunde 
erhielt mau erst durch den spanischen Ritter Don Ruiz Gonzalez de CUivijo, der 
1104 in Samarkand verweilte- Seitdem verstrichen vier Jahrhunderte, in denen kein 
gebildeter Europäer dahin gckonimen , wenn man von dem russischen Edelmann 
Chochlnw, 1625, und dem russischen Unterofficicr Jefrcmow abschen will, der 1774 
dorthin als Sclave verkauft wurde. Lehmann und Chanykow besuchten die seither 
gänzlich verfallene Stadt im September 1841. 

2) Dieses Gebiet war vor Alexander Lehmann noch niemals wissenschaftlich 
diirchfoischt worden. 

3) Karschi, das alte Xachscheb , ist durch Grosse und llandclsbedcutnng die 
zweitwichtigstc Stadt Bochär.i's , hat 10 Karavansercion , einen gut versorgten Bazar, in 
ruhigen Zeiten viel Transithandcl zwischen Bochära, Kabul und Indien, und 25,000 meist 
usbekische Einwohner, welche den Kern der bocharischen Truppen bilden. 

4) Nach den Berichten des russischen Reisendon Galkin liegt Schohr-i-Ssebz 
(persisch: Grünstadt), das alte Naiicata, die Geburtsstätte des gewaltigen Tamcrlan, im 
Sinlüsten von Bochära, das Land besitzt vortreffliches Klima, sehr fruchtbaren Boden, 
'1 Festungen, 70,000 sehr kriegerische, tatarisch redende, sininitischo Einwohner und ist, 
die westliche Seite ausgenommen, mit Gebirgen umgeben. (Globus, XIII. Bd., 1868, S. 
63; Annalcs des Voynges 1867, III. Bd-, S. 240—244, dann „Der Schehri-Ssebszische 
District" in: Jswästija der kais. russ. gcogr. Gesellschaft zu St. Petersburg, Bd. I. 1865, 
Nr. 7 in rusaischcr Sprache.) 



Die Landschaften am Ssyr und Amu-Dnrjä. 47 

deutendste die Chanate von Cliiwa i), Bochrira und Chokan 2) sind ; 
von ihnen allein haben wir positivere Nachrichten ; über die übrigen 
Staaten Turans, worunter Knndüz, welches das Badachschan er- 
obert hat, das wichtigste ist, besitzen Avir niu' imbestinnnte und 
nnzurcichende Andeutungen. Ein Theil des südlichen Turhestan 
ist heute eine afghanische Provinz, als deren Hauptstadt das in 
einer Steppenoase, wo die vom Gebirge konunenden Flüsse ver- 
siegen und versumpfen, liegende Balch (Beleb, Balkh) gilt, wo der 
Serdar mit einer Garnison von 10.000 jMann residirt. Von den 
alten Orientalen Um-e^-Bildd , Mutter der Stildte genannt, bietet 
Balch nunmehr nur die Erinnerung seiner einstigen Grösse in den 
gewaltigen Trünunern, die einen Umkreis von 4 deutschen ^Meilen 
bedecken. Balch, im frühen Älittelalter ein Hauptsitz islamitischer 
Cilvilisation, steht nahezu auf den Ruinen des antiken Baltrn ^'), 
von dem nur mehr einzelne Erdhaufen zeigen , wo es gestanden. 
Der Ort ist nur im AVinter bewohnt , denn schon im Frühjahre 
zieht Alles nach d«m höher gelegenen Mesar (Muzar), wo die 
Hitze nicht so drückend und die Luft nicht so schlecht ist, wie 
zwischen den Trümmern des alten Baktra. Andchuj, westlich von 
Balch, das noch vor mehr als einem ]\Ienschenalter 50.000 Ein- 
wohner hatte, zählt heute noch 2000 Häuser und 3000 Zelte mit 
15.000 Einwohner, Turkomanen, Usbeken und Tadschiks, und liegt 
am Saume der Wüste oder in den Oasen derselben. Obwohl von 
jeher ein besonderes Chanat, crkeimt es doch seit 1840 die Ober- 
herrschaft der Afghanen an und gehört zur afghanischen Provinz 
Turkestun. Das Chanat INIeymene allein, von tapfem Usbeken 
vertheidigt, widerstand den afghanischen Siegern und bewahrte bis 
heute seine Unabhängigkeit. Es hat, so weit es bewohnt ist, 20 
IMeilen Länge, 18 Meilen Breite mid besteht, ausser der etwa 
1500 Lehmhütten zählenden IIau])tstadt, aus 10 Dörfern und Ort- 
schaften, zusammen 100.000 Seelen, zumeist L'sbeken , welche 
8000 gutbewaffnete Reiter in's Feld stellen. 

Schon der Name ,, Steppenländer," sagt Yämbery, der diese 
selten besuchten Gegenden bereiste, trägt viel dazu bei, dass der 
bewohnte Theil Turkestän's in Bezug auf seine productive Kraft 



1) Kühl GW ein. Abriss einer Reise nach Chiwa und einige Einzelnheitcn über 
das Reich des Chans Said-Muhammcd , 1856—1860 (Sapislti der Itais. russ. geogr. Gesell- 
sellschaft 1861-) Grigoriew. Beschreibung des Chanats Chiwa und des von der Festung 
Saraitschikow dahin führenden Weges. (Sapiski der kais. russ. geogr. Gesellschaft, 1S61.) 

2) Karte des Chanats Chokan (1: 4,200,0(0) mit Krläuterungen von Weniukow 
(Sapiski, 1862, Bd. 1.) 

3) Die Stadt hioss Zariaspa und war die Hauptstadt der Landschaft Baktrin 
Ikcy.initiVrj, altpersirch Jiakhtri im Zend Bochdlii, woraus im Mittelalter Bach!, neu- 
persisch Balch), welche die mittlere fruchtbare Thalebene des Oxus (persisch WaVxcha) 
tirafasste. Später ward die Stadt gewöhnlich nur nach dem Landesnamen Baktra ge- 
nannt. Hier starb 1152 der berühmte persische Lyriker Enweri. 



48 Die Lftiidscliafton am Ssyi- und Amu-Darja 

für iinl)P(loiiteiul gehalten wird. Die Einhoimisclion hingegen und 
auch die orientalischen Reisenden und Geographen , wie P^drisi, 
Il)n-Hanqal , Ahulfeda und der gelelirte Fürst Baher gerathen in 
das entgegengesetzte Extrem, indem sie Turkestan als eines der 
reichsten Länder der ganzen Erde darstellen und nur Indien einen 
Vorzug vor demselben zugestehen ; und Vambery selbst steht nicht 
an zu behaupten, dass Turkestan den inis bekannten Tbeil der 
europäischen und asiatischen Türkei , Afghanistan und Pcrsien, 
sowohl an Reichthum als auch an Mannigfaltigkeit der Producte 
weit übertreffe, ja, dass es sogar schwer wäre, in dem sonst so 
segensreichen und blühenden Europa ein Gebiet zu finden, das 
dem turkestanischen Steppenlande gleichgestellt werden könnte '). 
Die ^Mannigfaltigkeit der p]rzeugnisse ist ^vesentlicll durch die 
klimatischen Verhältnisse bedingt, deren sich die Uferländer des 
Oxus und Jaxai'tes erfreuen. Das Klima ist nicht rauh , doch 
kann man es auch nicht mild nennen, und obwohl es durch- 
schnittlich jenem von Mitteleuropa entspricht, so muss doch darauf 
aufmerksam gemacht werden, dass der Winter am Aralsee und in 
dem gebirgigen Theil Chokan's weit strenger, der Sommer hin- 
gegen in südlicher gelegenen Gebieten, besonders aber in Gegen- 
den, welche in unmittelbarer Nähe der grossen Sandwüsten liegen, 
oft ein beinahe trojnscher, jedenfalls aber viel wärmer ist als in 
jMittcleuropa. In Kun-Chodscha-Ili und am rechten Ufer des 
Oxus, wo die Karakalpaken hausen, herrscht gewöhnlich ein sehr 
strenger Winter, der Schnee bleibt oft wochenlang liegen, xuid 
stürmische Nordwinde (Ajamudschiz) gehören nicht zu den Selten- 
heiten. Unter solchen Verhältnissen kann von einem milden Klima 
nicht die Rede sein; doch ist die Hitze Anfangs Jvxni in Cliiwa 
schon unerträglich, und im August ist es mitunter um Karschi 
luid lialch herum selbst im Schatten so drückend und schwül, wie 
es kaum in wirklich troi)ischen Gegenden der Fall ist. Diese 
Differenzen zeigen sich übrigens im Pflanzenreiche schon auf 
kleineren Strecken; so ist z. B. the Baumwolle von Jany-Urghendsch 
weit besser als die von nördlicheren Districten, und die Seide von 
Ilezarasp wird im Chanat von Cliiwa für ein Product erster 
Qualität gehalten. Den besten Reis liefert Gürlen , und die vor- 
züglichsten Früchte sind in der Umgegend des südlicher gelegenen 
Cliiwa zu Hause. Dieselben A'erhältnisse finden wir auch in 
Buchara und Chokan, und nur durch Berücksichtigung derselben 
wird es erklärlich, warum jedes der drei Chanate auf verhältniss- 
mässig kleinem Flächenraum so verschiedenartige Producte hervor- 
bringt, wie man sie sonst nur in grösseren Ländern, die mehrere 



1) II. Väniböry. Üeber die Produktionsfahigkcit der droi turkestanischen Steppen- 
lilndrr. (Unsere Zeit, 1S66, II. S. 291.) 



Die Landschaften am Ssyr und Amu-ßarjii. 40 

Zonen bci-üliren, antrifft. Der Älaulbccrbaum \Yird überall gepflegt, 
und die Seidcnzuclit bildet den wicbtigstcn Gewerbzweig. Alle 
Getreidearten , Krapp , Flacbs und Hanf gedeihen vortrefflich , wie 
nicht minder Pferde, Hornvieh, Esel, Kanieele und alles Hausge- 
flügel nebst Trappen luid Fasanen. 

Was die in der That aufteilende Ergiebigkeit des Bodens 
anbelangt, so ist diese einestheils den segensreichen Flüssen, welche 
die Oasenländer durchschneiden, andererseits aber der Qualität des 
Bodens zuzuschreiben; dazu kommt noch, dass die Bewässerung 
der Felder mit genug Sorgfalt und mit grösserer Leichtigkeit ge- 
schieht als in anderen Theilen AVestasien's, ^vogegen nicht zu über- 
sehen ist, dass, so vortheilhaft die zahlreichen Canalgräben für den 
Ackerbau auch sein mögen, sie für den allgemeinen Verkehr von 
grossem Nachtheile sind. 

Welches von den drei Chanateu das fruchtbarste sein mag, 
ist in der That schwer zu entscheiden; was die Vegetation anbe- 
trifft, gibt Vämbery Chiwa den Vorzug, welches zwar weniger 
bebautes Land besitzt als die beiden übrigen Cbanate, dieselben 
aber an Fülle und (Qualität der Erzeugnisse weit überragt; nur in 
der Mannigfaltigkeit und Vorzüglichkeit der Obstgattungen mag 
es von Bochära übertroffen werden. In Betreff des Mineralreiches 
verdient ohne Zweifel Bochära den Preis, während die vorzüg- 
lichste Thierzucht auschliessliches Eigenthum der Nomaden ist. 
Wie viel Quadratmoilcn bebauten oder culturfähigen Landes die 
drei Chanate besitzen, ist eine Frage, deren Beantwortung vor- 
läufig noch ganz unmöglich ist. Uic häufigen Kriege und Wirren 
erklären zur CJenüge , dass man so zahlreiche Ruinen ') einst 
blühender Colonien antrifft, und in Bezug auf Chiwa wenigsten 
könnte man leicht annehmen, dass der Flächcnraum dieser ver- 
heerten und verwüsteten Gebiete grösser ist als das gegenwärtig 
bebaute Land. Mit Ausnahme einiger weniger Producte, mit 
welchen die Chanate unter einander und mit Russland Export- 
handel treiben, wird in allem Uebrigen nur so viel erzeugt, als 
der Hausbedarf verzehrt, und es leidet doch gewiss keinen Zweifel, 
dass die Qualität der heutigen Erzeugnisse nicht nur wesentlich 
verbessert , sondern auch bedeutend vervielfältigt werden kann -). 

Der östliche Theil Turkestän's ist sehr metallreich. In der 
Quellgegend des Jaxartes, überhaupt am oberen Laufe und dessen 
Nebenflüssen wird Gold eewaschcn. Silber und Blei kommen in 



1) Wie z.B. Otrar nebst den benachbarten Ruinen von Dschankenk (Yanguiken), 
Tunkat, Kosch-Kurgun , Dschan-Kala, Kyzyl-Kala und ganz im Süden Faizabad. 

2) n. Vamböry, Über die Productionsfähigkeit der drei turkestäniachen Stop- 
penländer. (Unsere Zeit, 1S66, II, S. 294—297.) 

6 



50 Die Lanilsplmfton ftm Ssyr und Anni-HarjA. 

(Ion Gebirgen Kaschgar-DawAn, Belut-Tagh , Eolordai, im Ala- 
inul Kara-Tan vor; auch Kupfer ist nicht selten, vortreffliches 
Eisenerz sehr häufig; an »Scliwefel, Salpeter mid Salz ist kein 
^Nfangel. Steinkohlen ') sind an den Abhängen des Kaschgar- 
Dawän und Kara-Tan gefunden worden, Jaspis und Türkise in 
^leuffc vohanden. 



1) Si(>hp hiorübor: Journal iIp St. Potorsbourg, 7 Februar ISCG. 



Y. Lapitel. 

Das centralasiatische Hochland. 

Wir Ycriuögcu nicht, diese g-engrapliische RuiRlschau zu 
vollenden, ohne noch zuvor einen Blick auf die Gehirgserhebungeu 
zu werfen, welche die turuuischen Tieflande gegen Ost und Süd 
hin umziehen. 

^'on den Hochebenen, welche zwischen der Mündung des 
Kahidflusses in den Indus und deui obersten Amu-Laufe liegen, 
erstreckt sich Westsüdwest als Wasserscheide zwischen Amu und 
Kabul der Hindu-Kusch, vielleicht theilweise der Para^janisi'S oder 
Caucasuf! indicvft der Alten. Eine andere Kette läuft nach Nord- 
west neben der Stadt Kundüz bis zum Aniu-I)arj;i; eine dritte 
endlich ist der IJelut odei- Bolut - Tagh , gewöhnlich, wenn 
auch unrichtig, Bolor genannt (im uigurischen Dialect so viel als 
Wolkcngebirge) — der Imavs der Alten — mit dem Hochplateau 
von Pamir (Pamer), dem Povn-Io des chinesischen Geographen 
Hiaoi-Thsniig (im Ficn-i-tiev), welches die Kirghisen sehr be- 
zeichnend ob seiner Höhe (14.000 P. F. über dem Meere) Bavi-i- 
Dunfah, das „Dach der Welt" nennen '). In diesem Gebiete ist 
A. Fedschenko's Keise -) durch Chokan 1871 und über das süd- 
lich anstossende Alai-Plateau bis zu einer neu entdeckten riesigen 
Geliirgskette, die das Alai-Plateau im Süden begrenzt und wahr- 
scheinlich von Pamir scheidet , als der grösste Erfolg in Bezug 
auf das Pamir-System seit Lieutenant Wood 1838 zu betrachten. 
Durch die Forschungen der P^ngländer im Süden und der Küssen 
im Norden, wurde der Bolut-Tagh oder das Pamir-System, welches 
nach A. v. Ilumboldt's A'orstellungen eine nieridionalc Richtung 
hatte und einen Querriegel zwischen dem Tian-Schan und Hiinü- 
laya bildete , als nordwestliche Fortsetzung des letzteren erkannt. 
Der Hindu-Kusch, richtiger Hindu-Kuh 3), d. h. das indische Ge- 
birge (im Sanscrit; GravaJiasas, d. i. glänzendes Felsgcbirge, da- 



1) über Pamir vgl. Pcschel Gesch. der Erdk. S- 159. 

2) Petcrraann's Geogr. Mitth. 1872, Heft V S- 161. 

3) Kuh, auf persisch, Berg. 



52 Das ccntralasiatischc Hochlnnd. 

hör Graucasus bei Plinius i), kann ebenfalls als Fortsetzung des 
IlinuUaya nach Westen gelten und zieht von dem Gebirgsknoten 
im Norden des Kabülflusses nach Westsüdwest bis zu den Quellen 
des Ileri-Küd (^Jotiog, Arhis 2) der Alten), Tocharistan von*Ka- 
bulistän scheidend. Er ist ein noch wenig bekanntes Gebirge, 
das Westende ausgenonnnen, welclies der mit Schnee bedeckte 
Kuhi-Baba (Vater der Ciebirge) IG. 870' hoch bildet. Nach Westen 
(Herät) und Norden (Balch) hin verliert sich die Kette in einem 
Gewirre niedriger Berge. Der nördlich Aon Dschelälabäd (Dje- 
ITalabäd am Kabiiltluhse, dem Euasples der Alten) gelegene Thcil 
des Gebirges, wo der Gliond 18.984 P. V. sich erhebt, führt in 
engerem Sinne den Namen llindu-Kidi und bildet das jetzt theil- 
weise von den heidnischen Käfirs oder Sijapösch bewohnte Ge- 
birg.sland. Die höchsten Spitzen steigen bis über die in 12.979 
P. F. Scehöhe gelegene Schneegrenze und sind noch im Juni in 
Schnee gehüllt. Die Thiilcr, terrassenförmig nach dem Indus und 
Kabul abfallend, haben die Natur Kaschmirs; die Vorberge sind 
lieblich und frHchtreich; trefflicher, weitberühmter Wein, Apricosen, 
^landein und Aepfel u. s. w. wach.'^cn wild in den Thälern, und 
die Dörfer hängen als Häuserterrassen an den Seiten der Gebirge. 
Von Balch aus kommend, steigt man südwärts hinauf zwischen den 
Bergen der mongolischen Ilesarch durch dunkle Schluchten und 
über hohe Pässe in's Thal von Bamijan, wo die colossalcn ), aus 
der Bergwand gehauenen Figuren für den einstigen Buddha-Ciiltus 
in diesem an in Felsen gehauenen Wohnräumen überreichen Thale 
sprechen. Abermals über drei, und zwar immer höhere Pässe (bis 
zu 12.400 P. F.) — zur Seite der ewigen Schneegipfel des Hindu- 
Kuh — geht es ostwärts hinab in den Gentralkessel Afgluuiistdn's, 
den Thalgrinid von Kabul '). Man sieht auf den Felsenhöhen die 
Burgen der Afghanenhäuptlinge, deren Pferde wie die Ziegen 
klettern. Obgleich diese Thalebene noch GOOO' hoch liegt, so i.st 
sie doch, Dank dem schützenden Schneegebirge, gegen Westen und 
Norden eine Wiesen- und Gartenlandschaft, deren Blütenschnee im 
Frühling, deren Fruchtreichthum im Sommer und Herbst (man 



1) Historin naturalis VI, 17. 

2) Dieser Jsame, wie auch jener von llcrat, stniniiit von der altpcrsisclicn Form 
Haraiiva, d. i. wasserreich ab. llild bedeutet im Neupersischen Buch, Fluss. llcrät, 
einzige Hauptstadt von Aria, von Alexander dem Grossen gegründet, führte im Al- 
terlhum den Niimen Alexandrion, '--tkt'iuV^QiUt '.4()illOV 

3) nie grössere 12), hoch. Sie zeugen zugleich für niubaninicdaiiiscbeii Olaubi'iis- 
cil'er und Bilderhass, denn der Grossniogul Orangaib (nach nndereu der persische Nadir 
öchah) Hess sie durch Kanonenkugeln verstümniehi. 

4) Kabul, das J%.icßovQU des Ptolemaeus, auch OrtOKpdiie genannt, hiess früher 
noch KtlG/mnvQOi: Kasjapamra. Siehe über die Stadt und die Landschaft: Alexander 
Burnes. Cabool : Being a personal narrntive of a journey to, and residence in that 
City, in the ycars 1836, 1837, 1838, London 1812, 8 • 



Das oentralasiatische Hochland. 53 

füttert 3 Monate lang das Vieh mit Trauben) von altersher mit 
Begeisterung gepriesen wurde. Auch der wackere Sultan Baber, 
der Tinuiride, der in Indien das Reich der Grossmogule gegründet, 
fand das Ivlima von Kabiü entzückend und ohne Gleichen in der 
Welt. , ^Trinke Wein auf dorn Schlosse von Kabul," ruft er, 
,,und lass' den Becher kreisen ohne Unterlass." Von Kabul, im 
üebicte der Ghildschi-Afghanen, führt das Thal des cascadcnreichen 
Kabülflusses grossentheils in engeren Ivlüften nach der Tiefebene 
von Indien hinab — der einzige von der Natur angezeigte Weg 
und darum, so schwierig er ist, zu allen Zeiten von den Heeres- 
zügen benützt. Südwärts voji Kabul, über hohe Pässe und tiefe 
Schluchten trifft man die Stadt Ghazna auf einer Hochebene, wo 
der Schnee bis in den März liegen bleibt. Die Stadt selber ist 
jetzt wohl wenig mehr als ein Ruinenhügcl, bestehend aus dem 
Schutt verschiedener Zeiten i). 

Ueber das Land der Sijapösch, Kafiristan, das, einer verein- 
samten Insel gleich , mitten innen zwischen Muhammcdanern liegt 
und nur wenig bekannt ist, hat der englische Capitän H. G. 
Raverty -) schätzcnswerthe INIittheilungen gemacht. Der Käme des 
Landes kommt von dem arabischen Worte Knfir, Ungläubiger, 
und dem persischen Partikel istän, ein Platz oder Aufenthaltsort. 
An der Nordgrenze dieses Staates dehnen sich die usbekischen 
Länder Badachschän mid Kundüz aus; im Süden läuft der Kabul 
Kafiristan von Afghanistan trennend. Mele Ströme durchziehen 
das Land, gleich dem Adersysteme eines Blattes nach Ost und 
West fliessend und in fünf bedeutende Flüsse sich ergiessend, die 
dann das Land durchschneiden. Der bedeutendste und östlichste 
dieser Flüsse trennt Kafiristan von der Landschaft Kaschgar, hcisst 
bei seinem Einflüsse in den Kabul Kama, weiter aufwärts Kumar 
und an seinen Quellen Kaschgar oder Tschiträl (Chitral). Westlich 
von der Kama vereinigen zwei Flüsse ihre parallelen Läufe unter 
dem Namen Alingar und ergiessen sich westlich von Dschelälabäd 
in den Kabul, während noch weiter westlich ein dritter Fluss, 
der Tagat oder Tagao, nachdem er mehrere Nebenflüsse aus den 
Thälern Kohistäns aufgenommen , 40 englische Miles östlich von 
der Stadt Kabul in den gleichnamigen Fluss fällt. Ein Fluss ent- 
springt am Nordabhange des Hindu-Kuh und vereinigt sich mit 
dem Paudsch, einem Zweige des Oxus. Viele kleine Ströme, aus 
den tiefen Schluchten und gähnenden Abgründen der Scitenthälcr 
als reissende Bergwasser hervorbrechend und vom Gipfclschnee der 
Berge gespeist, schwellen die grösseren Flüsse, welche zur Zeit 
der Schneeschmelze nur auf Flössen passirbar sind. Zu beiden 



1) Julius Braun. Afghanistan. Neue freie Presse vom 19. November 1868. 

2) Im Journal of the Asiatic Society of Bcngal. Calcutta, 1859, Nr. IV. 



54 Dos ccntralasiatischc Hochland. 

Seiten der Flüsse dehnen sich reiche Alhivialahlageriuigen aus. 
Temperatur und Klima "wechseln sehr, da die Höhenunterschiede 
bedeutend sind. In den höheren Gegenden fällt die Sommerhitze 
selten beschwerlich, und in den "Winternionaten Hegt der Schnee 
mehrere "Wochen lang. Die tiefer gelegenen Thäler bleiben vor 
den scharfen Winterstürmen geschützt, und obgleich von hohen, 
ewig schneebedeckten Bergen umrahmt, wird doch die Hitze vom 
Juni bis in den August sehr drückend, \^^ahrend des Frühlings 
und gegen Ende August bis in den September fallen starke Regen- 
schauer. Heftige Schneestürme sind im A\'inter häufig; dann werden 
die Pässe ungangbar, und aller Verkehr zwischen den einzelnen 
Thälern ist auf Wochen abgeschnitten '). 

Das Xordcnde des Belut berührt den westlichen Theil eines 
anderen mächtigen Alpengebirges, das zwischen dem TarAnnflusse 
und dem Dsaissang-Sec gelagert ist und aus mehreren Grujjpen im 
Allgemeinen von "NVest nach Ost parallel streichender Gebirgsketten 
gebildet wird, zwischen welche das westliche Tiefland in langge- 
streckten Zungen nach Osten hinein greift. Es ist dies das System 
des Tlan-Schan, oder Ki-Iiev-Schan (Ki-lo-man-sclian) der chinesi- 
schen Schriftsteller'''), des Tcn<jri-Ta(i]i der Türken früherer Zeit 
oder des !Muz-Tagh. Der Tian-Scban (Himmelsgebirge) erstreckt 
sich von Samarkand bis Chamil, 330 geographische Meilen weit 
inid beginnt im Osten von Samarkand als Suzängirän-Tagh , an 
den sich der fast immer mit Schnee bedeckte metallreiche Ak-Tagh 
oder Asferah-Tagh im Süden von Chokand anschliesst, wo er die 
Wasserscheide zwischen Ssyr-Darjä und Zerafschjin bildet; an 
diesen wiederum schliesst sich östlich der Terek-Tagh (oder Kasch- 
gar-dawän ), der zwischen dem obersten Ssyr und dem Sengir- 
Kul-See den Xamen ]\Iuz-Tagh (im Türkischen: Eisgebirge) oder 
Musart annimmt. INlit ihm vereinigt sich in 75*^ östl. L. von 
l'iiris nördlich der am Ssyr und Naryn ziehende lange Taben- 
Tau, und südlich ein dritter Zug, der Gatschkal-Tagh (westlicher 
Tschebcrna-Tagh geheissen); endlich die mächtige, Schnee tragende 
Alpenkette des Fon-Tagb, welche auf der Südseite den Zerafschan 
bis Samarkand begleitet. Die vereinigte Kette nach Nordost 
streicliend, trägt den Xamen Temurtu-Tagh. Im Westen des Issi- 
Kul-Sees beginnt eine zweite ebenso mächtige Schneekette, der 
eigentliche Tian-Schan, welcher die Südseite des Sees umschreibt 
und sich mit der obbenannten Südkettc zum Tengri-Schan zu- 
sanmienschaart, wo der unii-eheure Gletcher-Riese Tengri-Chan 



1) ;Mitthcilungcn über die Sijiiliposcli im asiatischen Kafiristän- (Globus, 18C5 
VIII. lid., 8. 341) und Petermann's Geogr. Mittheilungen, 1860, S- 276. 

2) Humboldt. Asic centrale. II. p. 7. 

3) Vuivftn, türkisch I'assago. 



Das centralasiatische Hochland. 55 

(d. h. Geisterfürst) 20.000' hoch emporsteigt; Jiier auf dieser 
liohen Zinne durfte sich Hr. Paul von Sscmenow, als er hinab 
schaute in das Thal des Naryn oder oberen Ssyr-Darjä, ^^•ohl im 
oigcntlichen Herzen Asiens vcrmuthen, da man sich an jenem 
Punkte ebenso weit vom Schwarzen vsie vom Gelben INIeere, vom 
Cap Sewcrowostotschnoi, wie vom Ca}) Gomorin befindet. Südlich 
vom Issi-Kul gelangt man über den 10.400 P. F. hohen Sauku- 
Pass zu den chinesischen Städten Usch-Turfan und Akssu ). Im 
Osten des Sees steigt man über den im Westen der Tengri-Chan- 
Gletscher gelegenen 10.800 hohen Kok-Dschar-Pass in das die 
Schneekette tief durchschneidende Thal des oberen Akssu-Stromes. 
Hr. Paul Ssäwerzow unternahm es im Herbste 1867 das geo- 
gnostische Profil des Tian-Schan in der Nähe des Tengri-Chan 
unter dem Meridian, wo sich das Thal des Naryn und seines 
Nebenflusses Apatschi dem Akssu-Thale nähern , zu untersuchen 
und fand zwischen Issi-Kul und Naryn drei Gebirgsrücken, die 
jedoch nicht scharf durch Längsthäler geschieden werden ^). Im 
Jahre 1868 nahmen die Herren A. \V. Buniakowski 3) und Capitän 
Reinthal zahlreiche Barometermessungen vor und lieferten dadurch 
einen wichtigen Beitrag zu unserer Kenntniss der Höhen dieser 
Gebirgsgenden. Im Sonnner 1867 waren General (damals Oberst) 
W, A. Poltaratzki und Freiherr Friedrich von Osten-Sacken, der 
hochverdiente Secretär der Petersburger geographischen Gesellschaft 
mit der geographischen, der Akademiker F. J. Ruprecht aber 
mit der botanischen Durchforschung des Tian-Schan beschäftigt. 
Diese Expedition, welche gleichfalls in das Naryn-Thal drang, 
gieng von Fort Wiernoje aus, der Poststrasse folgend, welche nach 
Kastok führt. Die Schlucht des in 3768' Seehöhe liegenden Kastek- 
Passes lührt aus der Ili-Ebene in das Tchui-Thal und durch- 
schneidet einen westlichen Ausläufer des sogenannnten Ala-Tau ') 
Nach diesen Forschungen senkt sich das Gebirge vom Tengri-Chan 
gegen Südwesten beträchtlich ; in den westlicheren Theilen, zwischen 
Kaschgar und dem Westende des Issi-Kul steigen nur selten Gii^fel 
bis zu 16.000 Fuss hinan, die durchschnittliche Höhe des Haupt- 
kammes am südlichen Ufer des Naryn beträgt 12 — 12,500' und 



1) Türkisch: ah, weiss, ssii, Weisser. 

2) Poteritiann's Geogr. Mittli. 1868, S. 265. 

8) In den „Iswästija" der riiss. geogr. Gesellschaft. 1SG8- Heft 7 und 8, S. 
875 und 401. 

4) Petermann's Geogr. Mitth. 1868, 8- 380—381. Ausführlicheres über diese 
hochinteressante Expedition Sack en's und Poltaratzki's siehe in-: Sertum Tian- 
schanicuin. Botanische Ergehnisse einer Reise im mittleren Thian-Schan, von 13r. Fr. 
von der Osten-Sacken und F. J. Ruprecht. St. Peterburg, 1849. 4". Diesem werthvollen 
Berichte ist eine sehr übersichtliche von Dr. Petermann zusammengestellte Karte bei- 
gegeben, welche die russischen Forschungen im Tian-Schan-Systenie veranschaulicht. 



56 Dn^ ccntralnsiatisclic Hochland. 

orroicht nicht mehr die Schneelinie (12.670'), Die Gebirgsketten 
bilden im westlichen Tiau-Schan überhaupt ein durchaus unterge- 
ordnetes Element, das dominirende sind die Ilochplateaux von 
5 — 10.000' senkrechter Erhebung; das Ganze ist eine gewaltige 
Erhobungsmasse, deren einzelne aufgesetzte Kücken in den beiden 
Ilauptrichtungen von Westsüdwest nach Os^tnordost und von Nord- 
west nach Südost streichen. Höchst auffallend ist die Trockenheit 
der Luft, welche die Schnee- Tind Gletscherlosigkeit bedingt und 
die Steppenflora begünstigt. Bis zur Höhe von 7000' besteht die 
Vegetation fast nur aus Ste])penpflanzen der Aralo-Kaspischen Flora, 
an der Nordseite der Gebirgskette beginnt jedoch in 5000' Höhe 
ein Waldgürtel und über diesem zeigen die Hochplateaux, Pässe 
und Gipfel eine ärmüche Aliienvegetation, während einzelne Pflanzen 
bereits auf die Nähe des Himälaya hinweisen. ') 

Die nördlichen Ufer des Issi-Kul begleitet ebenfalls eine 
Gletscher tragende Doppelkctte: der trän sili sehe Ala-Tau 
(türkisch: buntes Gebirge) so genannt, um ihn von dem gleichnamigen 
nördlicheren Gebirgsstockc Centralasiens zu unterscheiden , ganz 
dem Tian-Schan im Süden des Sees entsprechend; zwischen den 
beiden Meridianen, die durch das West- und Ostende des Issi- 
Kul-Sees gehen, ziehen zwei parallele, schneebedeckte Granitketten, die 
durch ein tiefes, an metamorphischen Gesteinen reiches Thal von 
einander geschieden, aber in der INIitte durch ein ebenfalls mit 
ewigem Schnee bedecktes Querjoch mit einander verknüpft sind, 
so dass diese Depression eigentlich zwei tiefe Thäler bildet; in 
dem einen fliesst von Ost nach West die grosse Kebin, ein Zufluss 
des Tschui, im anderen, in der Richtung von West nach Ost die 
Chilik, ein Zufluss des Ili. Am Nordfusse liegt die neue russische 
Festung Wiernoje, da wo die Almaty aus dem Gebirge tritt. Dort 
erhebt sich plötzlich aus der Ebene, parallel dem Iliflusse, der 
Ala-Tau steil und kühn wie eine Riesenmauer , auf der vom West- 
ende des Issi-Kul bis zum Ende des CJebirges, also in einer Ijängo 
von 35 — 45 Meilen, ewiger Schnee lagert, und die den Reisenden 
überrascht durch ihren starken Contrast mit dem Tli-Thale und 
seiner milden gemässigten Temperatur. In ihrer INIitte steigt der 
breiköpfige Riese Talgaryn-Tal-Tschoku von der Höhe des Mont- 
dlanc auf. Alle Pässe, auf welchen es möglich wäre, die Kette 
des transilischen Ala-Tau zwischen den zwei oberwähnten Meri- 
dianen zu übersetzen, liegen in einer Höhe von 8 — 10.000' und 
wären daher für grössere Truppenmassen kaum passirbar. Die 
4 — 7000' hohen Querthäler des Gebirges sind mit Tannenwäldern 
erfüllt. Im Westen des Sees, zwischen Tschui und Naryn, lösen 
sich drei Ketten vom Ala-Tau los, deren mittlere als Ketmentubja, 



1) Behm'a „Geographisches Jahrbuch.« III. Bd. 1870 S. 520—521. 



Das centralasiatisclie Hochland- 57 

Karabura-Berge, Ivivgisyn- Alatau nach Westen hinzieht. Dieser 
Kette gehören alle S^itenäste im Norden Chokans an, welche von 
Westen zum Ssyr-Darja laufen, und zwischen denen die frucht- 
baren Tliäler Forghana''s liegen. Nördlicher und am rechten Vfer 
des Tschui läuft ein Anfangs gewundener, gipfelreicher Höhenzug, 
weiterhin die mehr gestreckte INluzbel-Anhöhe und dann die Ar- 
garly-Berge, die sich in die iSteppe Bed-Pak Dala verlaufen. 

Ein neuer Anblick erwartet aber den Wanderer, der von 
Norden, aus den Ebenen des Tscliingiz-Tau und von den Tarba- 
gatai-Gebirgcn konunenil , zwischen dem Balchasch- und Ala-Kul- 
See vordi-ingt und die ersten Stufen der inselartig zwischen den 
Miiiulungen des Ayagyz und der Lepsa, die traurigen , nur spär- 
lich mit Saxaul bestandenen Sandflächen der Balchasch - Steppe 
überragenden Hügel von Arganantinsk im Norden der Le2)sa-]Mün- 
dung hinansteigt. Während im Westen dieser Höhenzüge die 
Landschaft in dem weiten Silbcrspiegel des Balchasch verschwin- 
det, und der Blick über die unabsehbare, monotone, in grauer 
Ferne verdämmernde Steppe hinschweift , im Süden, so weit das 
Auge reicht , grünende Weideflächen sich ausdehnen , blenden im 
Südosten die scharf umrissenen, wie ein Wolkengcbilde hingelager- 
ten glänzenden Schneegefilde an den Gipfeln des in ununterbrochener 
Kette am östlichen Horizonte sich erstreckenden dsungarischen 
Ala-Tau. 

Ueber diese Gebiete schwebte lange ein geheimnissvolles Dunkel; 
was die Asiareisenden früherer Jahrhunderte wie Carpini, Lonjumel, 
Rubruquis, dann im dreizehnten Jahrhunderte die Fürsten Jaroslaw 
und Alexander Newsky und Baikow (IC) 5 4 von Alexis Michailo- 
witsch nach Peking gesendet) davon berichtet, war gänzlich un- 
genügend; erst 1798 erhielt man eingehendere Nachrichten über die 
Dsungarei, durch den russischen Naturforscher Sievers , welcher 
bald mehrere Nachfolger fand ; wir köimen darunter nennen : Ende 
des 18. Jahrhunderts den Bergmann Snegirew, der nach Tschu- 
gutschak, Anfangs des 19. Jahrhunderts den Edelmann Madatow, 
der von Semipolatinsk nach Indien ^og, 1811 Putimtschew, der 
Kuldscha und Tschugutschak besuchte, 1821 den Kaufmann 
Bubeninow, der nach Kaschgar drang, 1826 Hrn. INIeyer, der 
die Arkas- Berge und den Tschingiz-Tau erreichte; 1831 ward 
endlich im Norden des Balchasch die Stadt Ayagyz (Ajaguz), 
das heutige Ssergiupoly ') am Ayagyz Flusse ^) gegründet, und seit- 
her hat die Erforschung; dieser Districte rasche Fortschritte gemacht. 



1) Diesen Nnmen führt die Stadt erst seit 186Ü. Ohne Ackerbau, ohne Ge- 
werbe, ohne Handel, ohne jegliche lebenskräftige Naturl.asis, hat Ssergiupoly nicht die 
geringste Zukunft. 

2) Bildet die Südgrenze der privaten Goldwäschereieu in der Kirghisensteppo, 
entspringt am Nord-Abhange des Tarbagatai, fliesst anfänglich nach Nordwest, dann nach 

7 



58 Das cenlralasiatische Hochland. 

Von den südliclicn Zuflüssen des Ala-Kul dehnt sich zwischen 
46'^ und 440 nördlicher Breite in südwestHcher Richtung zum Ili- 
Becken hin der dsungarische Ala-Tau aus. Seine Länge beträgt 
300 Werst, seine Kanimhöhc erreicht 6000, seine Giiifelhöhe über 
12.000 P. F. Südwärts hängt er mit dem Iren-Chabirgan-Ge- 
birge zusammen, das sich ostwärts, dem colossalen Gebirgsknoten 
Bogdo-oola 1), dem höchsten Massiv des Tian-Schan anschliesst. 
Nach Westen sinkt der Ala-Tau in Stufen allmähg zur Balchasch- 
Niederung ab. Seine wichtigste Seitenkette ist die von Osten 
nach Westen streichende Kopal-Kette, die mit den Burakoi-Bergen 
sich in die Steppe hinaus verflacht. Als westsüdwestliche Ver- 
längerung des Ala-Tau muss die Alaman- und Altyn-janel-Kette 
betrachtet werden, welche der 4370 P. F. hohe Altyn-ymel-Pass 
scheidet^ die aber die Schneelinie nicht erreichen. Der Haupt- 
kamm des dsungarischen oder ssemiretschenskischen Ala-Tau be- 
steht, wie auch die Kopal-Kette, aus Granit und Syenit; der 
Nordwestabhang des Ala-Tau und der Nordabliang der Kopal-Kette 
sind aus Thonschiefer und anderen Schieferarten zusammengesetzt. 
Die Altyn-jinel- und Alaman-Berge sind an Porphyrarten reich; 
hier lagern die Mineralschätze, silberhaltige Blei- und Kupfererze. ^) 

Wenn auch, streng genommen, nicht hinher gehörig, müssen 
wir dennoch, ihrer nachbarlichen Wichtigkeit halber, der Lande 
egdenken, welche die nominell dem chinesischen Reiche unter- 
worfenen Provinzen Tian-Schan-Pe-Lu oder chinesische Dsungarei-^) 
und Tian-Schan-Nan-Lu oder Ost-Turkestän bilden, auf welch 
letzteres sich auch die Namen, lli, d. h. Westland, und Sin-Kiang, 
d. h. Land der neuen Grenze beziehen.'*) Beide Provinzen haben 
die chinesische Oberherrschaft abgeworfen. •'') Rauhe Berge und 
imfruchtbare Wüsten, welche höchstens Viehheerden und Ziegen 
Unterhalt gewähren, bilden den grössten Theil Ost-Turkstan's, 



Südwest und müiulpt nach einem Gcsammtlaufe von 31)0 Wevst in die Nordostspifze des 
Balchasch-Sccs. Seine Breite beträgt 10 Faden, seine Tiefe durchschnittlich 4 Fuss. 

1) Oola, mongolisch, eine Contraction von aghola, Berg. 

2) Spörer. Die See'nzone des Balchasch-Ala-Kul und das Siebenstromhind mit 
dem Ili-Bccken. (Petermann's Geogr. Mittheilungen, 1868, S- 194—197). 

3) Tsch. Walichanow. Skizzen aus der Dschungarei. (Sapiski der k. russ. 
geogr. Gesellscli., 1861, Bd. I und II). Höchst werthvolle Arbeit. W ali ehanow selbst 
ist von Geburt ein Kirghisensultan und Abkömmling von D seh i ngis - Chan. 

4) Ein gelehrter Sinologe, Heer Zakharow, Consul in Kuldscha, stellte 1858 
eine höchst interessante Karte jener Gegenden nach den chinesischen Quellen zusammen, 
deren er in Peking habhaft werden konnte. Indess hatte schon im vorigen Jahrhundert, 
gleich nach Eroberung der Dsungarei, der chinesische Kaiser Kliianlutiff europäische 
Missionäre unter der Leitung der Jesuiten P. Felix d'Arocha, Espinhaund llaller- 
stein dahin entsendet, um die Karte seiner neuen Provinzen aufnehmen zu lassen. 

5) Eine Monge Bewohner dieser Länder zogen, der herrschenden Unruhen wegen, 
auf russisches Gebiet; ihre Anzahl betrug 1863 10163, 1866 aber 4128. (Petermann's 
Geogr. Mittheilungen, 1863, S- 345). 



Das centralaaiatische Hochland. 59 

welches wir erst durch die Arbeiten der Gebrüder Schlagintweit 
besser kennen gelernt hcaben. Rings auf den Abfällen und Ver- 
bergen der drei mächtigen Gebirgsketten , mit denen diese zur 
wüsten, wohl 200 Meilen langen und 50 Meilen breiten Ebene 
des Tarym übergehen, und aus denen sich die Zuflüsse des Tarym 
entwickeln , liegen Culturlandschaften und Städte , natürlich und 
künstlich auf das Trefflichste bewässert, wo Baumwolle, Seide 
und Wein , "Weizen und Reis in reichen Ernten , auch Gerste und 
Hirse gewonnen werden , die also eine Sommerwärme besitzen 
müssen, welche nicht auf eine bedeutende Höhe der Plateauland- 
schaft schliessen lässt. In neuerer Zeit haben der russisch-kir- 
ghisische Stabscapitän Tsch. Walichanow ^^ und Hauptmann A. Golu- 
bew^) des Generalstabs diese Gebiete näher durchforscht. Die 
turkestänischen Dörfer bestehen aus zerstreuten, von einander ge- 
trennt liegenden Häusern, wovon jedes mit einer !Mauer einge- 
schlossen und von Gärten und Feldern umgeben ist. Mehrere 
solche Meierhöfe, durch Alleen von INIaulbeer- und Elaeagnusbäumen 
verbunden , bilden ein Dorf. In den bevölkerteren Ortschaften 
stehen die Häuser dichter zusammen und haben keine Ringmauern. 
Die Chinesen nennen solche grössere Orte Städte, bei den Einge- 
bornen heissen sie alle „Jasy", Dorf. Die sechs westlichen Städte 
Ost-Turkestäns („Altyschar" , „Altüschar" oder „Alty schähär", 
d. i. Geliet der sechs Städte) wovon einige ihres ausgedehnten 
Handels wegen wichtig, sind: Kaschgar^), früher China's west- 
lichste Stadt, mit 50 — 80.000 meist usbekischen Einwohnern, 
500 Mann Garnison und 1 6.000 (?) Häusern, in einer körn- vmd 
fruchtreichen Gegend gelegen, von einer Lehmmauer, welche 12 
Werst im Umfang hat, umgeben; Janysar mit 8000 Häusern und 
2000 Mann Garnison; Yärkand ^) (Järkiang, Jerkend), die grösste 
aller Städte Ost-Turkestäns, mit 32.000 Häusern und etwa 200.000 
Einwohnern, nebst einer Besatzung von 2200 Mann, Hauptsitz des 



1) über die Zustände von Altyscliar oder in den sechs westlichen Städten der 
chinesischen Provinz Nan lü (kleine Bucharei) in den Jahren 1858—1859. (Sapiski, 1861). 

2) Marschroute von Turfän bis Kaschgar in der kleinen Bucharei. (Sapiski, 
1862, Bd. II). 

3) Hier soll Adolf v. Schlagintweit auf Befehl eines türkischen Häuptlings 
enthauptet worden sein. (Petermann's Qeogr. Mittheilungen, 1859, S. 352). Die Lage 
von Kaschgar ist nach Poltaratzki 76' 22' ö. L. von Greenwich und 39 35' n. Br. 
Hayward fand nahezu übereinstimmend: 76» 10' ö. L. von Greenwich und 39 23' n. Br. 

4) Die Lage Yärkand's wurde nach Uapitän T. G. Montgommcrie auf 38 19' 
46" n. Br. und 77" 30 ö. L. von Greenwich, die Höhenlage zu 1200 Meter, also etwa 4000 
englische Fuss über dem Meere bestimmt. (Petermann's Geogr. Mittheilungen, 1866, 
S. 276 und Globus, 1866, Bd. X. S. 251). Montgommerie's eigene Abhandlung ist zu 
finden unter dem Titel: „On the geographical position of Yärkand and some other places 
in Central Asia." Im „Journal of the Roy. geographical Society". (Vol. XXXVI, 1866, 
S. 157—172). 



60 Dä^s Ccntralaaiatische Hochland. 

Handels , wesshalb die Russen hier zur Errichtung eines Consulates 
die Concession erhielten; Chotan (Ili-tschi, Iltschi, P^ltschi), mit 
1<S.()00 Häusern und 1400 INIann Garnison; Akssu mit 12.000 und 
Usch-Turfän mit 4 — 6000 Häusern. Die Bewohner sind in ganz 
Ost-Turkestän Muhämedaner. ') 



1) Rob. V. S chlagin t \v ci t. Die Bewohner Titrkistan's (Internationale Revue, 
1868, 2. Heft, S. 141— U9). Ferner: Dr. F. Spiegel. Das östliche Turkestan. (Aus- 
land, 1867, Nr. 42 und ff.), dann H. C- Rawlinson. On the recent journcy of Mr. W. 
H. Johnson from Leh, in Ladakh, to Ilchi in Chinese Turkistan. (Proceeding of thc 
Roy. geographical Society. Vol. XI, 1, S- 6—14). Die bcdcutondsten Erweiterungen 
unserer Kcnntniss dieser asiatischen Centralrcgion erfuhren wir in jüngster Zeit durch die 
gleichzeitigen Reisen G. W. Ha y ward's und Rob. ShaWs 1868— 69. 



9 



VI. Lapitel. 

Die Völker Tur än's. 

Z\Yei grosse Völkergruppen, sehr verschieden an Raceaulagen, 
Energie und Geschick, theilen sich heute wie vor viertausend 
Jahren in den Besitz von CentraLisien : die Tränier und die hoch- 
asiatischen Turktatarcn. Seitdem die ethnographischen Studien zur 
Lösung so vieler historischer Probleme beigetragen haben, ist. es 
allgemein bekannt, dass Iranier und Hindu die ältestsn Zweige 
jenes arischen Stammes sind , dem nahezu alle Völker Europas an- 
gehören. Die iranische oder persische Gruppe (nach Latham) er- 
streckt sich, weit über die Grenzen des heutigen Persiens hinaus 
bis an die Steppen des^ westlichen China's, Afghanistan, Bilud- 
schistän, Theile von Bochilra, das Kohistän von KabCd und Kafi- 
ristän umfassend. Die Stämme dieser Gruppe sprechen alle mehr 
oder minder veraltete persische Dialecte, mehr oder minder mit 
türkischen oder thibetanischcn AVörtern vermengt. Die Türken, 
ihre Nachbarn, bezeichnen mit dem ihnen eigenthümlichen gene- 
ralisirenden Beobachtungsgeiste, alle Iranier vom Tigris bis zum 
Amu-Darjä, mit dem CoUectivnamen Tadschik. Der Grundzug im 
Charakter aller dieser Tadschik-Völker ist die Neigung zu ruhiger 
Beschäftigung und zum Ackerbau; ein Zug der sie scharf von 
dem abenteuernden, nomadisisenden Semiten des Westens unter- 
scheidet. ^) Die scharfe Ausprägung der Züge und die Schmalheit 
der Jochbeingegend findet sich durch ganz Persien und bildet den 
physischen Unterschied von den nördlicheren Völkern; die Farbe 
der Haut ist dunkel. Alle diese Stämme sind zu gleicher Zeit in 
der nächsten Berührung mit der Bevölkerung des Euphrat, des Nil 
und des Mittelmeeres , so wie mit der Indiens gewesen ; nur in 
dem fernen District, in dem unzugänglichen Berglande auf der 
Wasserscheide zwischen Oxus und Indus sind sie unverändert und 



1) Guillaumc Lcjean. La Riissio et TAngletcrre dans l'Asic centrale. (Rev. 
des deux Mondes, 1867. Tome 65, S. 680—681). 



62 Die Völker TurSn's. 

unvcnnischt geblieben, daher die Muhamniedaner die doitigen Be- 
wohner Kafirs, d. i. Ungläubige nennen. Jedes Thal hat dort eine 
eigene Bevölkerung, ein Gesammtnamc fehlt. Alles ist absonder- 
lich lind specifisch; die ganze Bevölkerung ist hellfarbig. 

Die Ureinwohner des Landes, die Tadschik Mittelasiens, 
häufig und eifrig dem Handel ergeben, haben sich weit über die 
Nachbarlande von der chinesischen Grenze bis zum kaspischen und 
persischen Meere verbreitet und finden sich in der ganzen chine- 
sischen Bocharei, wo sie von den urs2)rünglichen Uiguren wohl 
zu unterscheiden sind. Ein neuer Reisender, Hr. Robert Shaw, 
welcher vor kurzem das östliche Turkestän , also den früheren 
chinesischen Theil des Landes, besucht hat, spricht die schon 1857 
von den Herren Schlagintweit unmittelbar nach ihrer Rückkehr, 
zu Dublin erläuterte und erwiesene Ueberzcugung aus, dass die 
dortige Bevölkerung tatarisirte Aryer seien; ') es verdient diess um 
so mehr hervorgehoben zu werden, als noch vor sechs Jahren ein 
guter Kenner turänischer Ethnographie , Prof. Spiegel, ausdrücklich 
gesagt hat: dass von einer indogermanischen Urbevölkerung, welche 
man früher in diesen Gegenden mit Sicherheit zu finden vermeinte, 
nirgends eine Spur zu entdecken sei. -) Nun berichtet aber Herr 
Rob. Shaw nicht weniger bestimmt: Die Leute in Yärkand haben 
ein ganz entschieden arisches Aussehen. Sie sind gross, haben 
längliche Gesichter, gutgeformte Nasen und volle Barte. Zudem 
wissen wir, dass seit der Tataren-Invasion keine Einwandenmg 
arischen Blutes in jenen Gegenden stattgefunden hat. Die That- 
sache, dass der Name der Stadt Clioten von gewiegten Kennern 
für arischen Ursprungs erklärt w'ird, spricht gleichfalls für diese 
Annahme. Aus den chinesischen Annalen erfahren wir, dass bei- 
läufig um die Mitte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. ein Tataren- 
stamm, die Yuc-tschi, nach Yärkand und Kaschgar vordrangen 
und die dortige Bevölkerung aus ibron Sitzen vertrieben. ^) Diese 
Vertreibung kann jedoch nicht vollständig gelungen sein, nach der 
heute noch vorhandenen starken Mischmig mit arischem Blute zu 
urtheilen. Der wirklich vertriebene Theil der arischen LTrbevölkerung 
wanderte gegen die Hochlande von Pamir und ergoss sich von 
dort in die Tliäler die sich zum Oxus und in die bochärischen 
Ebenen hinabsenken , wo sie blutsverwandte Stämme antrafen. 
Ein kleiner Bruchthcil blieb jedoch im Osten des Pamir, im Di- 



1) Robert Khaw. Visits to high Tartan-, Yärkand and Käshghar (formeily 
Chinese Tartary) and rcturn journey ovor the Karakoram Pass. London 1871. 8 S. 22. 
Das interessante Buch erschien auch in deutscher Übersetzung: Reise der hohen Tartarei, 
Yärkand und Knshghar und Rückreise über den Karakoram-Pass. Aus dem Englischen 
von J. E. A. Martin. Jona 1812, 8 . 

2) Das östliche Turkestän. (Ausland 1867, S. 1U22). 

3) A. a. 0. 



' Die Völker TurSn's. 63 

strict Ssari-kul, und in dem Winkel zwischen diesem und dem 
Muz-Tagh zurück. Dieser letzte Rest transpamir scher Aryer hat 
vor einigen Jahren seinen alten Wohnsitz verlassen müssen, da 
Muhammed Yakub Chan, dem sie zu viel zn schaffen machten, den 
ganzen Stamm, etwa 1000 — 1500 Individuen stark, nach orien- 
talischer Sitte in andere ^Vohn]J]ätze führen liess. Diese Leute 
sprechen einen mit sehr wenigen türkischen Wörtern gemischten 
persischen Dialekt, und ohne irgend eine Beimengung der südlich 
von ihnen gesprochenen Dardu-Idiome. Auch im Wakhan-Thal, 
an den Quellen des Oxus , lebt noch ein solch versprengter arischer 
Stanun, von dem man behauptet, dass seine Sprache abweicht von 
jener in Badachschän und der bochärischen Tadschik, und sich 
von letzterer, die fast reines Persisch ist, durch das Vorhanden- 
sein vieler dem Sanskrit oder dem Täkri ähnlichen Wörter unter- 
scheidet. Ist diese Angabe wahr, dann dürfte man das Wakhan- 
Idiom als ein Ueberbleibsel eines ganz bestimmten und sehr alten 
indogermanischen Spruchzweiges betrachten, aus der Zeit wo die 
Aryer sich noch nicht in die zwei grossen Stämme der Veda- und 
der Zend spräche getheilt hatten. 

Die in Ostturkestäu zurückgebliebene arische Bevölkerung muss 
sich im Laufe der Zeit mit den tatarischen Erobern vermischt 
haben, wobei sie diesen ihre Gesichtszüge gab, und dafür ihre 
Sprache annahm. Derartiges geschieht häuhg im Orient; ein her- 
vorragendes Beispiel hiefür sind die Huzäras im Norden Afghani- 
stans. Man könnte sie ihrem Aeusseren nach als vollendete Typen 
der tatarischen Race betrachten ; ihre Sprache aber ist die persische. 
Die Tatareninvasion, welcher es gelang im Osten des Pamir die 
arischen LTreinwohner mit sich zu verschmelzen, hat im Westen 
dieses Gebirges sich mit der einfachen Eroberung derselben be- 
gnügen müssen. Nicht wie in Kaschgar und Yärkand begegnet 
man hier einer dem äussern Anschein nach homogenen Race, son- 
dern in Bochära und Chokan unterscheidet man scharf die unter- 
jochten Tadschik und die herrschenden Tataren. Während in Ost- 
Turkestdn es einfach Yarkander, Kaschgarer u. s. w". gibt, ist ein 
Mann im westlichen Turkestan nicht nur ein Bochäre oder Cho- 
kanze, sondern überdiess auch noch entweder ein Tadschik oder 
ein Uzbeke, Kyptschake, Turkomane. 

Man hat also vor allem die Unterscheidung zwischen Tad- 
schik (arisches Blut) und Tatar (Türke, turänisches Blut) wohl 
festzuhalten. Man begegnet indcss noch zwei weiteren Bezeich- 
nungen , Kirghiscn und Sarten , die sich auf die Lebensweise be- 
ziehen. Kirghisen sind Nomaden, Sarten Bodensässige. Allein 
während die Kirghiscn zugleich eine ethnische Gruppe bilden — 
sie gehören alle dem türk-tatarischen Stamm an — gilt die Be- 



64 Die Völker Turän's. 

Zeichnung Sart (oder Sogdager) d. i. Handelsleute, für alle Nicht- 
nomadeii, gleichgültig ob dieselbe arischen oder tatarischen Stammes 
sind. Es findet sich hier also Gelegenlieit die irrige Anschauung 
der Russen zu berichtigen, welcke Sart und Tadscliik für iden- 
tisch hielten, wohl nur aus dem Grunde, weil die ersten Sarten, 
welche sie zu Gesichte bekamen, Tadschik waren. R. Shaw in- 
dess sagt ausdrücklich, dass alle Chokanzen , welche er im öst- 
lichen Turkestan antraf, darin übercinstinunten, dass Sart ein von 
den Khirgisen gebrauchtes Wort sei, um alle jene damit zu be- 
zeichnen , die nicht nomadisiren wie sie selbst. Die Sarten in 
West-Turkestan umfasscii denniach sowohl die arischen Tadschik 
als die tatarischen Uzbcken und andere. Es ist allerdings anzu- 
nehmen , dass die INlehrzahl der Sarten — nach welchen die Mon- 
golen die Bochärei mit dem Namen Sartenland, Sartohl, belegten — 
Tadschik sind. Diese letzteren sind die Bochären im engern Sinn, 
und bilden den Hauptstock der Bevölkerung bis zum Ssyr-Darjä 
(Jaxartcs); in Chokan hingegen kommen sie schon mehr verein- 
zelt vor; als Kauflcute, Schreiber, und selbst in höheren Aemtern, 
aber nicht mehr als Handwerker und Bauern. Die Tadschik sind 
ein schöner Menschenschlag mit europäischen Gesichtszügen, hoher 
Stirne, ausdrucksvollen, von dunkeln Brauen überschatteten Augen, 
dünnen feingeschnittenen Nasen, kurzen rothen Oberlippen, schwarzen 
Haaren und viel weniger braunen Farbe als die heutigen Perser. Der 
Körperbau ist im allgemeinen untersetzt, der Bart gross und voll, und 
mitunter ins Braune, ja sogar ins Röthlich spielend. Die Tadschik 
sind falsch, betrügerisch, habgierig aber auch gutmüthig, dienstfertig, 
unterwürfig , und dabei unerbittliche (iebicter ihrer Sclaven; sehr 
fleissig und geschickt als Kaufleute, Handwerker, Landbauern und 
Bewässerer. Die meisten können lesen und schreiben , und sie 
bilden den civilisirtesten Theil, nämlich vorzugsweise die städtische 
und industrielle Classe der Bevölkerung, doch verstehen sie nicht 
zu herrschen, nur zu gehorchen. Im Belut-Tagh bilden sie \aele 
unabhängige Gemeinden, und w^crden dort von den Turkestanern 
Goltschah genannt ; sie sind Muhammedaner, theils Sunniten, theils 
Schiiten. Mehr oder minder richten sie ihre Blicke mit heiliger 
Verehrung nach dem Hofe vonBochara, nächst dem Sultan-i-Rum 
oder türkischen Sultan, welcher das geistliche Oberhaupt ist, dem 
Horte gnisster Frömmigkeit. Die den Tadschik sehr nahe stehen- 
den Bewohner von Badachschän besitzen sehr grosse Aehnliclil\eit 
mit den Stämmen des nördlichen Indien. R. Shaw sah einen sol- 
chen zu Yarkand, den er sofort für einen Kaschmircsen hielt, bis 
sich herausstellte, dass der Mann aus Badachschän sei. Diese Aehn- 
lichkeit mit den Kaschmiresen spricht gleichfalls sehr für die arische 
Abkunft, denn der Kaschmirese bildet einen ebenso deutlich aus- 
geprägten Typus wie der Jude. 



Die Völker Turun's. n5 

Ein niprkwiircliges Volk sind die Kafirs oder Sijaposch 
(^—i;ja.E. hol Ölrabo , — //?;ri bei Diodorus Siculus XVII. 96) im 
Ilindu-Tvuh, iiI)CI•^vf'k■hp der anglikanische Missionar W. Hancock i) 
in Pischawcr-) (persisch: biischtragond , von hischehj (Jobüscli), 
Nachricliton einzog und deren UnterAverfung zu allen Zeiten oft, 
aber stets erfolglos versucht worden; sie blieben unabhängig bis 
auf den heutigen Tag und wahrten ihren alten heidnischen 
Glauben. Die Gesichtszüge der Katir sind ganz europäisch und 
sehr intelligent; sowohl blaue als schwarze Augen kommen vor, 
die Augenbrauen sind gewölbt, die Lider lang, die Stirn ist 
offen und breit; die Farbe des Haares wechselt von Schwarz bis 
Hellbraun. Die Gestalt beider Geschlechter ist hübsch und recht 
scMank. Die Sijaposch thcilen sich in 18 Stämme, die übrigens 
durch die Ivleidnng sich nicht unterscheiden; ihre Städte und 
Dörfer — denn die Kafir wohnen niemals in Zelten — liegen 
meist am Bergeshang und zählen mitunter 400 — 500 Häuser. Die 
Sijaposch sind gute Viehzüchter und besitzen bedeutende Heerden 
von Rindvieh , Schafen und namentlich Ziegen ; alle lieben den 
Wein; sie sind gegenwärtig mit Feuersteinflinten versehen, die 
\vahrscheinlich aus russischen Fabriken stammen ; ihre Kaubzüge 
sind aber meist nur Kepressalien gegen die Einfälle der Muhammedaner. 
Die Religion i.st sehr einfach mid reiner Götzendienst , und hat , 
beim Mangel einer Schriftsprache, auch kein strenge ausgearbeitetes 
System. Viele Gebräuche erinnern an jene der Parsis, zu denen 
die Sijaposch wohl in verwandtschaftlicher Beziehung stehen. Sie 
reden, obwohl in verschiedenen Dialccten , eine dem Sanscrit sehr 
nahe verwandte Sprache und scheinen daher Ueberreste der Ur- 
einwohner der I^änder am Kabid und im heutigen Afghanistan zu 
sein, was auch durch historische Schriften in afghanischer 
Sprache und von anderen muhammedanischen Schriftstellern be- 
stätigt wird. ^) 

Der hochasiatischen \'ölkergrupj3e , und zwar sowohl der mon- 
golischen oder tatarischen als der türkischen Familie, gehören die 
übrigen Bewohner Centralasiens an. Zu ersterer, die aus einer 
Menge nomadischer Stämme besteht und nebst der Mongolei auch 
die Dsungarei sowie einen Theil der angrenzenden Tiefländer bewohnt, 
sind die nur in geringer Zahl vorhandenen Buräten oder Burjäten 
zu rechnen, während die westlichen Tataren, den Kalmykischen 
Zweig bildend , als Dsungaren in der Dsmigarei , als Torgot im 



1) Sein Bericht ist im „Church Missionary Intelligencer" vom März 1865 
enthalten. Si j ali-pösch, porsich: Schwarzbcinler, wegen der Beinbekleidung au3 
Zipgenfellen. 

2) Im Merässid-ul-ittih'i: Ferschaur, Ferschabur, vulgär Berssavur- 

3) Mitthcilungcn ü'er die SiahpOsch im Asiatischen Kafiristiin. (Globus, 1865, 
Bd. YIII, S. 342-343). 

8 



66 Die Völker Turän'S. 

Süden des Ili, als Oelöten des Altai und als russische Kalmyken 
am unteren Don, an der unteren Wolga am Ural und im Altai') 
vorkommen. Das mächtigste der mongolischen Völker ist indess 
jenes der Khalkas, westlick vom mandschurischen Alpenlande und 
nördlich von der Wüste Gobi. Diese Völker des nördlichen Theiles 
von "NVestasicn — besonders des eigentlichen Ssibirieus — sind 
für die europäische Civilisation durchaus unzugänglich. ^Zwar sind 
die ssibirischen Völkerschaften" — so schreibt einer der vorzüg- 
lichsten Kenner"^) — ^ „mit Ausnahme der Samojeden , Ostjak en und 
Tungusen weit leichter ansässig zumachen als die Indianer Amcrika's, 
aber die Lebenskraft dieser Völkchen und Stämmchen ist geschwunden 
und sie sterben jetzt nach und, nach aus. Das konnte ich im 
Jahr 1867 auf meiner Reise am mittleren Irtysch d. h. zwischen 
Tara, Tobol.sk und Tümen so recht deutlich beobachten. Die hier 
eigentlich ansässigen Tataren, die einst hier die reichen AVald- 
strecken bewohnt, haben sich jetzt zu den Ufern der grossen 
Flüsse hinabgezogen, bewohnen hier kleine Dörfchen, Krankheiten 
und Hunger decimiren sie alljährlich , während die umwohnenden 
Dörfer der Russen trotz Viehseuchen und Misswachs der letzten 
Jahre , sehr reich sind. Dabei muss bemerkt werden , dass die 
russischen Dörfer viel weniger Land besitzen und meist das Acker- 
land den Tataren pachten. Dasselbe kann ich von den Tataren, 
welche die Barabinskischen Stejjpe und die Steppen nördhch vom 
Altai" bewohnen und von den Tscholyni-Tataren sagen. Alle diese 
Stäimne sind zer.sprengt zwischen den Russen. Sie haben sich 
zwar zum Theil mit den Russen vermischt und bilden dann einen 
sehr strebsamen Theil der russischen Bevölkerung in den soge- 
nannten „eingebornen Verwaltungsämtern." Die der Vermischung 
sich widersetzenden Theile dieser Eingebornen steroen aber zusehends 
aus in ihren schmutzigen, theils aus Erdhütten gebildeten Dörfchen. 
Die eigentlichen altaischen Bergkalmyken sind meiner Meinung nach 
ganz unzugänglich für Civilisation, sie ziehen sich je mehr die Russen 
in die Thälcr des Altai eindringen, desto mehr in die waldigen 
und steinigen Berge zurück und verwildern eher durch Berührung 
mit der Civilisation als dass sie von derselben ergriti'en werden.'' 
Dem reinen türkischen Stamme gehören die Usbeken , das 
herrschende Volk Turkcstän's an ; sie bilden die militärische 
herrschende Classe in den drei Chanaten Chiwa, Bochära und 
Chokan, werden von Meyendorft" auf etwa 1 \2 Millionen ]\Iensclien 
geschätzt und haben die Tadschik-Völker gänzlich unterjocht. In 



1) Diese letzteren sprechen einen sehr reinen türkischen Dialoct, in den aber 
viele mongolische Klemonto sich eingemischt haben. 

2) W. Radioff in einer brieflichen Mifthcihiiig an den Verfasser ddo. Baniaul 
26^0ctober ^^^^ 

7. November 



Die Völker Turän's- 67 

Chokan, wo sie entschieden sich reiner erhalten als in Bochära, 
Avo sie mit den Tadsclük vermischt leben, haben sie eine von den 
Kirgliisen etwas abweichende Körperform, nämlich grössere Statur, 
ein bischen mehr und längeres Haar im Gesichte mid ein weniger 
hässliches Aussehen. Sie sind eher braun als gelb; die Xase ist 
breit, zuweilen am hervortretenden Ende ganz flach; die Augen 
sind langgezogen und bedeckt, die Stirne unten sehr hervortretend, 
oben zurückweichend, der Bart spärlich, der Körper muskulös, 
der Wuchs meist sehr schön mid gross. R. Shaw betont, dass 
sie weniger tatarenartig aussehen als die Kirgliisen und schreibt 
diess wohl kaum mit Unrecht der Beimischung von Tadschikblut 
zu. Ein Beis})iel solcher offenbaren Blutmischung sei der der- 
malen so mächtige „Atalik Ghazi" Yakub Beg. ) 

Zur weiteren ^'erwirrung der ethnologischen Verhältnisse in 
Centralasien trägt endlich auch noch der Umstand bei, dass wenn 
einmal ein Stamm eine solche ^Nlachtstufe erreicht hat . wie die 
Uzbeken, Leute ganz verschiedener Abkunft sich ohne Zaiuleru 
den Namen dieses angesehenen Stammes beilegen. So beginnen 
dermalen schon einige hervorragende Familien in Kaschgar sich 
selbst als Uzbeken zu bezeichen , obwohl letztere ihnen nicht die 
geringste Verwandtschaft zugestehen. Die Uzbeken leben theils in 
Ansiedelungen, theils als stets kriegsbereite Xomaden in Kibitken. 
imd zerfallen in eine Monge von Stämmen; hievon sind die wichtig- 
sten : Ming, aus welchen die jetzigen Chane von Chokan stammen: 
Tschagatai, in Xamagän sesshaft ; Kurimia . am Ssyr zwischen 
Taschkend und Chokand . Ackerbau treibend ; endlich Kyptschak, 
1853 fast gänzlich ausgerottet, aber bis dahin zehn Jahi-e lang 
herrschend. Sie bildeu ein Verbindungsglied zwischen den sess- 
haften und den nomadisirenden Turk-Stämmen , indem sie Acker- 
grund im Chanate Chokan besitzen, aber doch mit ihren Kameel- 
uud Schafheerden eine Zeit lang im Jahr umherwandcru. Sie 
stehen in hohem Ausehen ob ihres Muthes. und gelten für tüchtige 
Krieger. Ihr Acusseres mahnt sehr stark an die Kirgliisen . ihre 
Sprache ist aber sowohl von der kirghisischen als von jener der 
nicht nomadisirenden Turkstämmen verschieden. 

Nahe mit den Usbeken verwandt sind die räuberischen und 
nomadischen Turkomanen oder Turkmenen . welche grösstentheils 
jene Strecken wüsten Landes bewohnen, die jenseits des Oxus 
vom kaspischen Meere bis nach Balch und vom genannten Flusse 
südwärts bis Herät und Asterabäd (letzteres in Persien) sich aus- 
dehnen. Im Laufe des jüngsten Decenniums hat H. A'^üubeiy diese 
Völkerstämme besucht und iliiii verdanken wir viele neue Mit- 
theilungen über dieselben. So weit historische Xachrichten reichen. 



1) Shaw. Visits to high Tartary. S. 29. 



68 Die Völker Turün's. 

scheinen die Turkamiancn nie in eine cinzifi;e Körperschaft ver- 
einigt gewesen zn sein. Sie zerfallen in Klialks oder Stämme, 
deren jeder wieder in verscliiedenc Horden , Tajfe, zerfallt , die 
nochmals in Unterabtheilnngen, 7Yre, eingcthcilt sind. Vand)cry 
nennt als die bedeutendsten: die Tschaudor mit 1 "2.000 Zelten 
(Tschatna), vom kaspischen INIeere bis nach Alt-Urghendsch, Bul- 
dumsaz und Kötschege in Chiwa; die Erszari mit 50.000 Zelten 
am linken Üxus-I"fcr von Tscliehrirdschiij bis nach Balch; die 
vMieli mit oOOO Zelten, deren Hanptsitz Andchui; die Kara mit 
1500 Zelten in der grossen Sandwüste zwischen Andchui und 
Merw;') die Salor, mit 8000 Zelten, in und um INIartschag (^lerut- 
schag); die Sarik mit 10.000 Zelten in der Umgebung von Pendsch- 
dch am Ufer des Murgh-ab -'); die Teke mit G 0.000 Zelten in 
zwei Ilauptlagern (Aclial und ^lerw), die Göklen mit 1 2.000 Zelten, 
die friedlichsten und civilisirtesten Turkomanen, meist dem Schah 
von Persien unterworfen, in der Gegend von üurgan, und die 
Yonuilt mit 40.000 Zelten am östlichen Ufer und auf chiigen Inseln 
des kas])ischen ISIert'cs; zusammen 196.500 Zelte. Rechnet man 
auf Jedes derselben durchschnittlich fünf Personen , so erhält man 
die Summe von 982.000 Seelen. Eigenthümlich ist, dass unter 
diesen Turkomanen sich kein Führet findet und Niemand an Ge- 
horsam gewöhnt ist. Trotzdem herrscht keineswegs Anarchie und 
Vergehen gegen Justiz oder jMoralität sind unter ihnen seltener als 
unter anderen muhannnedanischen Nationen Asiens. Alles wird 
bei ihnen von dem mächtigen „l)eb"* ^), nämlich der Sitte, dem 
Gebrauch regiert, und die Keligion hat nur geringen Eintluss. Die 
verschiedenen Stämme leben in grosser gegenseitiger Feindschaft, 
fürchten sich vor dem benachbarten Persien gar nicht, während 
ihnen die russische INIacht Res])ect einflösst. An ihrem Stamme 
halten sie treu und fest, und selbst vierjährige Kinder kennen ge- 
nau Täjfe und Tire , zu denen sie gehören und sind stolz auf die 
Macht und die Grösse ihrer Horde. 

Der Turkomane zeichnet sich durch seinen kühnen, durch- 
bohrenden Blick aus, der ihn von allen anderen Nomaden und 
Städtebewohnern Centralasiens unter«cheidet. Die Raubzüge (Ala- 
nnine) sind ihm Hauptsache, und die Einladung hiezu iindet Jeden 
zur sofortigen Theilnahme bereit. Der I{;ntsclduss wird geheim 



1) Einst rinc blühende Stiidt, Atc.riDub-hi mlor Aiiti'orliiti Marr/idiid ilcr Alten, 
war die llauptatadt der Landschaft Margiana (ultpevsisch Muri/ii, in Zcinl Möitrn, neu- 
persisch Marn oder Merw). 

2) Dieser Fliiss, der alte Mciii/hk, entspringt dem öslllclieii Ilocligoliirgr , dem 
ühur und fliesst nach Nordwest bei Martschag und l'ondschdeh vorbei; dann verliert 
er sich in den Sandebenen von Merw. Die Angabe, daa dieser reisscndc klare Gebirgs- 
strom ehemals in den Aniu-Darja eingemündet, Ist unrichtig. 

3) Veb (bei den Kirgliisen Tore) ist ein Wort arabischen Ursprungs und stammt 
von £i>eh, Sitte, Uoriichkcit, ab- 



Die Völker Turän's- 69 

gehalten, und wenn der erwählte Anführer voni Mollah gesegnet 
worden ist, springt Jedermann in den Sattel und eilt zum Stell- 
dichein. Der Angriff' erfolgt um Mitternacht oder um Sonnenauf- 
gang und ist gewöhnlich erfolgreich. Die persischen Karawanen 
werden meist überriunpelt ; wer Widerstand versucht wird nieder- 
gemacht, der Rest in die Sclaverei geführt. In seinem häuslichen 
Leben is^ der Turkomane sehr indolent. In den Abendstunden 
horcht er auf die Märchen und Gesänge der Bahltsclii oder Minne- 
sänger, die ihre Weisen mit der Diifara oder zweisträngigen 
Guitarre begleiten. Die Gesänge sind meistens Lieder des vor 
mehr denn 80 Jahren verstorbenen Xationalpoeten ]\Iachdunikuli. 
Einige ihrer Gebräuche sind um desswillen bemerkens\verth , weil 
sie bei den übrigen Xomaden Centralasiens kaum gefunden werden. 

Die Zeit, Avann die Turkomanen ihr ursprüngliches Land ver- 
liessen, kann mit Sicherheit nicht bestimmt werden. Einige waren 
bereits in den östlichen Theilen der Wüste diesseits des Amu zur 
Zeit der araljischcn Occu2)ation angesiedelt. Andere nahmen ihr 
jetziges Land zur Zeit des Tschingis-Chan und Timur in Besitz. 
Die letzte Erhebung der Turkomanen geschah unter Nadir Schah 
und Aga Mehemed Chan, die mit Hilfe der Afghanen im Beginn 
des letzten Jahrhunderts Asien aus seinem Schlummer aufrüttelten. 
Sie sind nächst den Kyptschak-Li^sbeken das kriegerischeste Volk 
Asiens und vermöge ihrer Lage die Wächter der Südgrenzen der 
Hochlande von Turkestän i). 

Ein Mischvolk der eigentlichen Mongolen und Türken scheinen 
die türk-tatarischen Völker zu sein, die gemeiniglich Kirghisen ^) 
genannt werden. ]Man inuss aber in dieser generellen Bezeichnung 
zwei verschiedene Stännne scharf unterscheiden, nämlich die irrig 
als Kirghisen geltenden Kaizaken oder (?hazaken, und die eigent- 
lichen Kirghisen, richtiger K a r a - K i r g h i s e u 3) (schwarze Kir- 
ghisen). Das zahlreichste dieser Völker hat sich nämlich nie anders 
als Chazak (woher die Benennung Ivirghiz-Kaizaken) genannt und 



1) Vdinbery. Die Turkomanen in ihren politisch-socialcn Vcrliältnisscn. 
(l'c tc rniann's Geogr. Mittheilungen, 1864, S. 401 — iU8) und in: Travels in Ccntral-Asia. 
London 1864, S. 301—328; endlich auszugsweise im Globus. 1865, VII. Bd., S. 190. 
Ferner der Artikel: „Unter den Turkomanen.« (Globus 1867, XI. B., S- 353 — 36-2) und 
das lehrreiche Capitel „A-sehurade und die Turkomanen:" in: Mcigunow, daa südliche 
Ufer dos kaspischcn Meeres. S- 72 — 101. 

2) Die Kirghisen bewohnten im 5. Jalirhundert n. Chr. die Ufer des Jcnissei und 
die Sajanischcn Gebirge; chinesische Schriftsteller jener Zeit nennen sie Kian-Kucn, 
später llakas: seit Ende des v;)rigen Jahrhunderts sind sie auch aus dem Altai ver- 
schwunden und bewohnen nur mehr den Tian-Schan; andererseits wissen wir aus chinesi- 
schen Schriftstellern des 13. Jahrliunderts, dass schon damals der Tian-Schan von 
Kirghisen bewohnt war (Ritter. Erdkunde, II. S. 1120), wahrscheinlich Voreltern der 
heutigen Karakirghisen. 

3) Es sind dies die Dikokanianuy- oder Dikokonianuoi-Kirghiscn der Russei». 



70 Die Völker Turan's. 

erhielt erst den Namen Kirghiscn ^) von den russischen Kosaken, 
nachdem diese das echte Kirghisenvolk gesehen''^). Dieses, die 
K ar a-Kirghis en, ursprünglich zur kaukasischen Gruppe gehörig, 
von den Chinesen und Kalmyken Buruk (daher Burjaten) genannt, 
liausen zum Theile in der Dsungarei und in Turkcstan, im öst- 
lichen Altai, in den Berggegenden der Ssyrquellen und an seinen 
bedeutenden Nebenflüssen Tschui und Talass, im Alatau, in den 
Höhenzügen in der Umgegend des Sees Issi-Kul und im Süden bis 
zu den Quellen des Anui-Darja im Belut-Tagh. Sie sprechen 
einen rein türkischen Dialect ^), und theilcn sich in zwei Yöll>cr- 
schaften, die Rechten (On) und die Linken (Sol), welche wieder 
in Stämme und Familien zerfallen. INIan kann sie auch in nörd- 
liche und südliche Kara-Kirghisen unterscheiden. Im Norden vom Ssyr 
haben ihre Weidelandcreien die grösste Ausdehnung von Ost nach 
West, indem sie im Norden an die Chazaken, im Süden an die 
ansässige Bevölkerung Chokans und des chinesischen Turkestäns 
stossen. Im Süden des Ssyrs dehnen sich alle Ländereien, die von 
diesen nomadisironden Stämmen besetzt werden , vorzugsweise von 
Nord nach Süd aus, indem sie sich mit ihrer östlichen Seite an 
die ansässige Bevölkerung Ost-Turkestäns, UTit ihrer westlichen an 
jene von Chokan und Bochära anlehnen. Ihre Weideländer im 
Tian-Schan, südlich vom Ssyr, sind strichweise von den Wohn- 
plätzen der kriegerischen und fanatischen Berg-Sartcu durchsetzt. 
Die nördlichen Kara-Kirghisen haben unter sich nicht den 
geringsten Verband, noch irgend \Yelche gesammtstaatliche Ein- 
richtungen ; ihre zahlreichen Stämme sind unter sich gänzlich ge- 
schieden und bekriegen einander; sogar jeder einzelne Stamm zweigt 
sich wieder in Abtheilungen ab, die sich gleichfalls befehden. Alle 
ihre kriegerischen Kräfte werden durch endlose innere Kämpfe 
absorliirt, zu denen noch die Streitigkeiten mit den Chazaken hin- 
zukommen, so dass trotz ihrer Wildheit, sie ohne Mühe von den 
Chinesen und Chokanzen unterjocht wurden, worauf in jüngster 
Zeit ein Stamm nach dem andern, einige wenige ausgcnonunen, 
freiwillig die russische OberhezTschaft annahm. Die Wohnjdätze 
der nördlichen Kara-Kirghisen sind von den südlichen durch einen 
wilden, kaum zugänglichen Ciebirgsknoten an den Quellen des Tschui 
und des Naryn geschieden, wo der wenig zahlreiche Stamm der 
Tschiriken sitzt, der die russische Oberherrschaft ebenfalls anerkennt. 



1) W. Schott. Über die echten Kirghiscn, Berlin, 1865, 4 . 

2) W. Radioff. Beo! achtungpn über die Kirghisen- (P c tcrni an n's Gcngr. 
Milthcilungen. 18C4, S- 163-168). 

>!) W . Radioff. Die S|irachen der (ihkiselioii Stänunc f^üd-Sibiricns und der 
dsungarischon Stcrpc. St. Petersburg, 1866. D- und W^ Schott. Altajische Studien 
oder Untersuchungen auf dem Gebiete der Tatarischen (Turäuischeu) Sprachen, 
Berlin 1867, 4 . 



bie Vmker Turän's. 7i 

Tue südlichen Kara-Kirghisen stehen hn engsten Verbände 
mit Chokan, dessen Tributpflichtige sie aber keineswegs sind, bilden 
hingegen im ^'ercin mit den Kyptschaken und Berg--Sarten die 
herrschende Race und don kriegerischen Kern. Sie haben sich 
die chokanzische Ilalbcivilisation angeeignet und sind durch ihre 
Energie unabhängig und einflussreich in Chokan geworden ^). Sic 
sind auch als Alai-Kirgliisen bekannt 2). Zu diesem grossen 
Stannne gehören die Horden, welche auf beiden Seiten des Pamir- 
Gcbii'ges auf den Bcrgeshiingen wie in den Step2ien nomadisiren. 
Sie haben das Gebiet des Ssarykul inne und ein kleiner Theil ist 
vor mehreren Jahren bis zu den \Veidc2ilätzen von Sarikia am 
Karakasch-Flusse bei Sendschu gelangt; es ist dies der südlichste 
Punkt den diese Nomaden jemals erreich haben. 

Die stammverwandten Karakalpaken, welche vortreffi iche 
Teppiche verfertigen, leben in grosser Zahl in Filzjurten an den 
Ufern des Ssyr-Darjä. 

Die Chazaken^) kann man als ein Uebergangsvolk ansehen, 
denn in ihrer äusseren Erscheinung haben sehr viele von ihnen 
mongolische Züge, aber durch ihre Sprache reihen sie sich den 
Turkvölkern an. Sie sind jetzt ebenfalls grösstentheils Russland 
unterworfen und theilen sich in drei Horden: die grosse Horde 
(ulu-dsclmsj, im Süden des Balchasch bis zum Issi-Kul; die 
mittlere [orta-dfichus ■ , zwischen dem Balchasch und der ssibiri- 
schon Stadt Omsk, und die kleine Horde (kütt>chü]:-dsduis' , im 
westlichen Theile der Steppe, zahlreich bis um Taschkend •*) und 
zum Tschui. Man kann also sehen, dass die ausgedehnte Land- 
strecke, welche von den Mündungen der Wolga und des Ural- 
stromes im Westen sich gegen Osten bis in die Dsungarei hin- 
einstreckt, im Norden von Ssibirien, im Süden von Turkestän 
begrenzt, den Kirghis-Kaisaken gehört. Sie wird allezeit eine 
Region nomadischer Völker bleiben und ist recht eigentlich für 
Wanderhirten geschaffen. Ackerbau könnte auch unter sebr 
günstigen Bedingungen inuner nur in beschränktem Umfange ge- 
trieben werden. Allerdings fehlt es nicht an Punkten, an denen 
die Bestellung der Felder lohnen würde, aber ein sesshaftes Lel)en 
ist dem Kirghisen vom Cirund der Seele zuwider; er ist von der 



1) Globus, XII, 1867, S- 145 — 146 und Zeitschrift für allgemeine Erdkumlc. 
Berlin, lf'67, II, S. 84. 

2) Shaw. Visits to high Tartary. S. 31. 

3) Alexis de Levschine. Description des hordcs et dea stoppcs des kirghij;- 
kazaks ou kirghiz-kaissaks. Trad. du russn par Ferry de Pigny. Paris, 8'. — Fuhrmann. 
Die Kirghisen und ihr Leiien. (Globus XV, S. 180—183). 

4) Das alte AvuOjKjAi^ der Grieehen, kiinikschaetlird (?), die äussersto Franz- 
feste ^es alten Pcrs erreich es, von Cyrus gegründet, 327 v. Clir. von Alexander dem 
Grossen zerstört. 



72 T)io VolkoT TurAn's. 

Natur selbst zum Violihirten angolo^t uiul durchstreift ein Land, 
dessen ganze Ueschafteiilieit seiner Neigung zusagt. ' Nur in der 
Steppe, üljer die er in leichten Tarantassen, Stepiienfuhrwerken, 
mit Windshrauteile dahinjagt, ist ihm wohl, und während einiger 
Monate im Jahre auch im Hochgebirge, weil dasselbe seinen 
Ileerden üppige Weiden darbietet. Aber gegen den Herbst treibt 
er das \ioh wieder zu Thal und nimmt seine Filzhütten mit sicli. 
Sobald aber im Frühling die weite Fläche sich mit Kräutern über- 
zieht, und die Kaiserkronen und Tulpen ') ihre Millionen und al)er 
]\Iillionen Blumen zeigen, dann werden die AVintcrjurten abge- 
schlagen, luid unzählige Ileerden sind in unablässiger Bewegung. 
Während aber die Chazaken ihre Jurten auf der ganzen nner- 
messlichen Ausdehnung der Steppe zerstreuen, \md selten mehr denn 
20 derselben auf einem Platze anzutreffen sind, errichten die Kara- 
Kirghisen die ihrigen in ein und demselben Thale, wo sie Linien 
von mehreren W^erst einnehmen. Der Kirghise ist mürrisch, rauh 
und heftig, aber er hat mehr Aufrichtigkeit und natürliche Gut- 
herzigkeit als der Chazak. Er führt Krieg, aber er stiehlt nicht; 
beide sind aber nur äusserlich INIuliamedaner ; ohne Priester, ohne 
Moschee, ohne Fanatismus beschränkt sich auf wenige Ceremonien 
ihre ganze Religion. Beide sind vorwiegend Viehzüchter, jedoch 
meist nur von Milchnahrung lebend; den Ackerbau lietreiben die 
Kirghisen mehr als ihre Nachbarn, die Chazaken ^). 

Im allgemeinen erscheint uns das Leben der Nomaden auf 
der Steppe einförmig 3); es bewegt sich lediglich um zweierlei Dinge : 
mu die Heerden imd mn den Krieg. Denn der Wanderhirt ist 
allemal auch ein wehrhafter INIann, imd der Chazake zumal auch 
gern ein Räuber. Die Raubzüge, Barantas unternehmen die Kir- 
ghisen gegen die Heerden gewöhnlich in den heissesten Tages- 
stunden; einen Aul (sprich A-i'il, ein Lager von Zelten, hier 
Jurten oder Kibitken genannt) überfallen sie am liebsten, wenn die 
Nacht zu Ende geht, und Hunde mid Hirten, durch die Nacht- 
wache ermüdet und im Schlummer liegend . nicht mehr sorgfältig 
autpassen. Am Kampfe liegt ihnen Nichts, sie wollen nur Beute 
machen und deshalb trachten sie ganz besonders darnach, Ver- 
wirrung in die Ileerden zu bringen und so viel Vieh als irgend 
möglich fortzutreiben. Aber dabei kommt es denn manclnnal zu 
äussert blutigen Handgemengen. Aller Hader zwischen den ver- 
schiedenen Stämmen höii jedoch auf, wenn ein Häuptling gestorben 



1) Sie sind aus dorn 8teppeiilanilc zu uns nach Kuropa gcbraclit worden. 

2) Radioff. Beobachtungen über die Kirghisen. (P et crin a n n's Gcogr. Mit- 
theilungon, 1864, S. 63—68). 

3) B. Zalcski. La vio dos stoppos kirghizes, doscriptions, röcita et contoa, 
Paria, 1865, fol. und Herrn. Wagner, Ilcisen in den Steppen und Hochgebirgen Sibirien'B 
und der angrenzenden Central-Asiens. Leipzig, 1864, 8 . 



bio Völker Turan's. 'tri 

ist. Dann ist \voit und broit in der Steppe Waff'enruhe, Raubzüge 
finden nicht »Statt, und Feind und Freund kommen von Nah und 
Fern zum Bogrilbnisso herbei. Die Gesammtzahl der Kirghis- 
Chazaken wird höchstens etwa 700.000 betra<>'on, die jetzt fast alle 
in Abhängigkeit vom Kaiser von Ilussland stehen, der im Fort- 
gange der Zeit die einzelnen Horden durch Waffengewalt oder 
Geschenke mehr oder weniger unterworfen hat. Daran musste der 
russischen Politik lun so mehr liegen, als auf der ganzen Strecke 
vom kaspischen INIeere bis zum Altaigebirgo alle Karawanenwege 
von Süd nach Nord durch das Gebiet der Kirghisen laufen. Im 
* Südosten jenseits des Balchasch- und Dsaissang-Sees ziehen ein- 
zelne Sultane noch auf chinesischem Gebiete umher i). Uebrigens 
bemerkt man seit einiger Zeit in der Ebene am Dsaissang, im 
sülllichen Altai und im Tarbagatai ein entschiedenes Vordringen 
der Kirghisen nach Westen. 

Wie die Prairie und Suvane in Amerika, so liefert auch die 
asiatische Steppe einen überaus reichen und üppigen (iraswuchs, 
für die Viehheerden der Steppenbewohner eine ergiebige Weide, 
und selbst im Winter hinreichend Futter, aber auch, wenn man 
sie bebauen will, schöne Früchte tragende Aecker von vorzüglicher 
luid unerschöpflicher Ergiebigkeit. Es ist sehr erklärlich , dass 
nur ein kaum nejuienswerther Theil der grossen ungeheuren Fläche 
überhaupt benutzt wird , und ein noch viel kleinerer Theil ab- 
gemäht werden kann, um den geringen Ueubedarf für den ^Vinter 
im Ueberfiuss zu decken; die Gräser gehen in Samen über, werden 
hart, rauh, unbrauchbar. Herbst und AVintcr schütten über die 
dürren Fluren noch eine Schneelast von 5 — 10' Höhe, unter der 
die trockene Grasfläche im Frühjahre nach der verschwundenen 
Schneelage, wie von einer Filzdecke überzogen erscheint, die dicht 
lind fest genug ist, um die Entwicklung der neuen Vegetation in; 
höchsten Grade zu erschweren. Grosse fruchtbare A\^eidestrecken 
werden ferner der Benutzung durch Gestrüpp stark gestielter Blatt- 
pflanzen und perennirender Blumen- und Staudengewächse entzogen, 
oder doch in ihrem Ertragsw'erthe wesentlich herabgesetzt. 

Sobald der Frühling heimgekehrt, Luft und Sonne zu wirken 
beginnen, und der Sturmwind wieder über die dürren Fluren da- 
hinfegt, die von Schneewasser vollgesogenen Halme aussaugt, die 
letzten Reste der auf dem Boden liegenden Eisbrocken aufgezehrt 
hat, und die Gräser trocken .sind, zündet man in jedem Jahre 
grosse Strecken an, um zu düngen, mehr aber noch, um die dem 
Graswuchs schädlichen Pflanzen zu zerstören. Die das Wachs- 
tluini hindernde filzartige Decke wird von dem F'euer vernichtet 



1) Streifzüge in den G«birgen und Steppen der Clialchas-Mongolen und Kirghisen. 
(Globus, 1863, IV. Bd., S. 257—258). 

9 



74 Bie Völker Turän's. 

lind vorschwiiulet , und kaum 2 — 3 Tage sjiäter zeigt sich die 
zauberhafte Wirkung des Brandes. Kräftig und frisch sprosst der 
junge Hahn hervor, und eine lachend grüne Fläche, anmuthig und 
duftend, liegt da wie ein aufgerollter, grosser, lebendiger Tepj)ich. 

Ist fih' den Kirghisen diese Zeit angebrochen, nach der er 
mit Sehnsucht verlangt, so ist der Winter mit seinem Elende und 
seinen Entbehrungen vergessen. Es beginnt für ihn die goldene 
Zeit des Sommerlel)ens, der Ruhe und Freude. Die Steppe ge- 
wiimt dann von Tag zu Tag an Lebendigkeit, während das lieben 
in den Aulen in eben demselben Grade erstickt. Mit Wohlgefallen 
blickt der Kirghise noch bei dunkler Nacht hinaus auf die erhellten 
Berge, und sclion der nächste ^Morgen findet den unruhig ge- 
wordenen Steppenkönig wieder auf dem W^ege zu dem Paradiese 
seines Stammes. Die Pforten zu den von Weidengeflechten um- 
zogenen Höfen werden geöffnet, und die darauf sich umher- 
tummelnden Pferde, die bei dem spärlichen Winterfutter , das sie 
aus dem tiefen Schnee hervorscharren müssen, abgemagert sind, 
ziehen spielend hinaus, um sich an den einzeln hervorsprossenden 
jungen Grashalmen gütlich zu thun. Bald folgen auch die wenigen 
Külie dorthin, zu bestinnnten Zeiten jedoch mit den Pferden zu- 
rückkehrend , um wie diese , wenn es Stuten sind , gemolken zu 
werden und dann nach Lust und Gefallen abermals auszugehen, 
bis gegen Mitte INIai die Aule gänzlich verlasseu werden, luid die 
Viehheerden die Steppe beziehen, wo die Kirghisen miwcit eines 
Flusses einen ihnen zusagenden Ort finden und ihre Kibitkea auf- 
schlagen. Selten nur geschieht es, dass einzelne Zelte in der 
Steppe auftauchen: fast immer ist es die ganze oder doch die 
bemittelte Einwohnerschaft eines Auls , welche auf diese Weise 
den Sommer in der Steppe geniesst, die nuiunehr das Bild des 
regsten Lebens bietet '). 

Die Bevölkerung des östlichen Turkestän lässt sich nicht wie 
jene der turänischen Tieflande in verschiedene Stämme zergliedern. 
Jedoch sind fast alle so eben erwähnten Kacen und Stännne des 
westlichen auch im östlichen Turkestän repräsentirt, besonders in 
Yarkand luid Kaschgar, wohin sie als Kaufleute oder als Soldaten 
im Kriegsdienste des Atalik-Gliazi gelangen. Auch viele Baltis, 
das sind luusclmännischc Tibetaner, haben sich um Yarkand nieder- 
gelassen, wie sie sich hauptsächlich mit dem Tabakbau und der 
Älelonenzucht befassen. Vergessen wir auch nicht die Leute aus 
Badachschän, 



]) AuslanJ, 1868, S. 619. Kino, gut ptlmognipliischp Scliililcniiig di'i- Kirghisen 
gilit Sponvillo. Clicz los Kirgliis. (Hüll, ilp la Snc. de göographiedo Paris. ISO.i, !• 8. 
438—475). SieliR aucli da» Capitcl: Kirgliis eniigrn'iou to tlioir sumincr pnsturps in T. 
W. Atkinson's „Travels in tho regio ns of tho upper and lowcr Amoor and thp rnssian 
acquisitions on thc confincs of India and China." London 1860, 8', 8. 24-1 — 273. 



Die Völker Turan's. 75 

Unsere Ueberscliau zu vervollständigen, müssen wir noch auf 
die östlichen Völker einen flüchti<^cn Blick werfen. Die nördlichen 
Provinzen am Tian-Öchan und Muz-Tagh, nämlich Akssu, Kutsche, 
Karaschahr, aa erden theihvcit^c von Kirghisen bewohnt, welchen 
weiter gegen Osten Völker ziemlich ähnlichen Aussehens, jedoch 
buddhistischen Glaubens folgen; sie werden von ihren muhammedani- 
schen Nachbarn Kalmyken genannt. Nach R. Sha^vs Forschungen 
beginnen die Kalmyken in der Umgebung von Karaschahr; in den 
gebirgigen Landstrichen sind sie Nomaden wie die Kirghisen, doch 
bilden sie auch einen Tlicil der slädtischen Bevölkerung. Die 
Wüstenränder werden von den Dulanen bewohnt, einer musel- 
männischen halbnomadischen Horde mit räuberischen Gewohnheiten; 
sie sollen in Erdlöchern oder Lehmhütten wohnen. Auch geht 
die Sage von einem völlig wilden ichtyophagen und in Baumrinde 
gekleideten Volke, welches in der Gegend des grossen Sees Lop- 
Noor, mitten in der Wüste, im District Kurdam-Käk, wo die ver- 
einigten Gewässer Turkestäns im Sande verrinnen, hausen soll. Doch 
ist noch kein Angehöriger dieser mythischen Wilden gesehen worden. 

Jenseits des Tian-Schan oder Ilimmelsgebirges erstreckt sich 
ein weites Gebiet, die Dsungarei. Ihre Bewohner sollen kalmyki- 
schen Ursprunges sein; doch sind dermalen zwei andere herrschende 
Stämme verschiedenen Blutes vorhanden : die Dunganis und die 
Tarantschis. Der Ueberlieferung zufolge sind die Dunganis ein 
iSIischvolk von tatarischen Eindringlingen und chinesischen Weibern. 
Sie sind strenge IMusehnänncr, sprechen aber chinesisch. Shaw 
versichert: dass jene, die er selbst gesehen, grosse, kräftig gebaute 
^länner waren mit stark mongolischen Gesichtszügen. Die Tarant- 
schis sind gleichfalls sesshafte Leute, jedoch aus neuerer Zeit; wahr- 
scheinlich hatten sie ihre ursprüngliche Heimath mehr im ^^'esten, 
in Turkestun. Es gibt in der Dsungarei auch eine starke ^lischung 
mit chinesischem Blute, weil diese Provinz den chinesischen Herr- 
schern als Verbannungsort sowohl für gemeine als für politische 
Verbrecher diente. Weiter östlich von der Dsungarei gelangt man 
in die chinesische Provinz Kansu, deren Bevölkerung sehr zahl- 
reiche muhammedanischc Elemente enthält; im Norden endlich 
schliesst sich hieran das wenig bekannte Innere der ^Mongolei. 

Sind unsere Kenntnisse über die Gebiete im Norden der 
Gobi-Wüste schon düster genug, so befinden wir uns völlig im 
Dunkeln in Bezug auf den südlichen Gürtel dieser weitern Region. 
Nur zwei Punkte leuchten darin in zweifelhaftem Dänunerlicbte. 

Tschartschand liegt — so hcisst es - — einen INlonat entfernt 
von Choten auf einer Strasse, die stets längs eines Gebirgszuges 
(den Küen-lüen) einerseits und der grossen Wüste Takla-lNIakän 
oder Gobi dahinführt. Nun kennt man keine Strasse , welche über 
jenes Gebirge weiter östlich als jene von Polu, die zu dem Pan- 



76 Die Völker Turän's. 

f!;ong-See im ■westlichen Tibet hliüiberführt ; es gibt aber einen 
AVeg, der nach Osten, also nach China, geht, den aber die Chinesen 
selbst, als sie noch im Besitz jenes Landes waren, nicht benützten. 
Nnn ist Tschartschand unabhängig sowohl von den Chinesen als 
auch von Yakiib Chan. Es scheint von einer nicht muselmännischen 
Bevölkerung bewohnt zu sein , obgleich Marco Polo ') das Gegen- 
thcil behauptet. Keine Karawane von Choten aus besucht der- 
malen dieses Gebiet. 

Ein anderer Punkt, von dem E. Shaw Kenntniss erhielt, ist 
Zilm , eine Gegend und eine Stadt auf anderthalb Monate Ent- 
fernung von xVkssu oder Choten , und eben so weit entfernt von 
Lhassa. Es liegt am Pandc des Gebirgslandes, das sich von Lhassa 
l)is dahin erstreckt ; im Norden dehnt sich die grosse AVüstc 
aus. Zilm besitzt Teppichmanufacttu'en und sonstige Industrien ; 
auch besieht ein Handelsverkehr zwischen diesem Ort und Lhassa. 
Nach dieser Beschreibung kann es kaum zweifelhaft sein, dass 
Zilm die Stadt Sining-fu an der Schensi-Grenze Tibets ist , und 
Shaw bestimmt ihre Lage , natürlich nur annähernd und in der 
rohesten Weise, auf etwa 88'' n. Br. und 90" ö. L., oder süd- 
lich vom Ijop Noor und östlich von Tschartschand. Obwohl 
INIarco Polo uns keine genaue Beschreibung des Weges hinter- 
lassen hat, auf dem er nach Cliina eindrang, so scheint es doch, 
dass er von Kancheu nach Sining gezogen war, welches er Sinju 
nennt. »Sinju wäre also identisch mit Zilm. 

Auch diese Gegenden werden von Kalmyken bewoluit, die 
sich selbst Sokjio nennen, und in westliche und östliche zerfallen. 
Die westlichen Sokpos, jene von Zilm mit inbegriflen, sind Bud- 
dhisten, und werden von den Leuten zu Lhassa ,,7i(nitj-pn/^ d. h. 
„von unserem Glauben," genannt; die östlichen hingegen nennen 
sie ,,tscJn-j>a" oder „Andersgläubige,'' und verachten sie gründ- 
lich. Es besteht auch ein dialectischer Unterschied zwischen den 
westlichen und östlichen SokjDOS. ländlich gibt es noch Kalka- 
Sokpos , die einen grossen Lama, den „ Yezuu-Dampa," verehren, 
der, sowie der Dalai Lama zu Lhassa, niemals stirl)t, sondern 
stets in neue Leiber übergeht. Diese Kalka-Sokjios sind wohl 
nichts anderes, als die Khallias-lNIongolen der Russen und Chinesen, 
iMid der „ Yeznn-Dampa" ist ofl'enbar identisch mit dem „(iuison- 
Tamba" oder Lama-König von Kuren oder Urga '■') in der Nähe 
der ssibirischen Grenze. Man sagt, dass alljährlich oder alle zwei 
Jahre seine Seiulboten zu Ijhassa erscheinen, um den Dalai-Lama 
ihre Huldigungen darz\d)riiigen. 



1) Vgl. liicvniit Piuitliicr: Lc livro de Marco Polo, T. I. p. UG — 149, und BürcU: 
Die Reisen des Vcnetianers Marco Polo, S- 158—160; ferner „Ausland" 187<i, S- 1056. 

2) Vrga lirisst eigentlich Lager; die Mongolen nennen die Stadt aber Kuren oder 
Ta l-iireit, d. li. „ciiigefiiedcter Kaum." Sie liegt etwa 1 Meile nördlich von dem Flüsschen 
ToUa und 40 Meilen südlich von der ssibirischen Gränze bei Kiachta. 



YII. Uapitel. 

Russlands erste Schritte in Central-Asien '). 



DijilomatJsclic und IlaiidolsverbiiKlung beistanden seit langer 
Zeit zwischen Petersburg und Cbiwa ; schon Peter der Grosse hatte 
seine Aufmerksamkeit diesen Verhältnis-sen zugewendet. ') Durch 
ibrtwährendc Feindseligkeiten aber unterbrochen , hatten sie jedoch 
mehr Hass als Sympathie beiderseits hervorgerufen , inid es war 
vorauszusehen, däss Russland sich zuvörderst gegen Chiwa wenden 
würde. In der That, 1839, als Lord Auckland in Kabul ein- 
fiel, gab Kaiser Xicolaus , befürchtend, dass etwa England nach 
Turkestan marschire und sich dieses Gebietes bemächtige, seinem 
General Perowski den Befehl, eine Expedition gegen Chiwa aus- 
zurüsten. An triftigen Gründen hiezu fehlte es nicht; der Chan 
von Chiwa (er nennt sich ..Taksir Chan") hatte die dem Czar 
tributpflichtigen Kirghisen zur Empörung aufgestachelt, er hatte 
Plündererhorden auf die Karawanen losgelassen und einige hundert 
russische Unterthanen in die Sclaverei geschleppt. Perowski's Ex- 
pedition scheiterte jedoch'^); ein Tlieil seiner Truppen ging in den 
Steppen zu Grunde, welche den Aralsee umgeben, der Rest er- 
reichte Orenburg mit ]Mühe und Xoth, Chiwa aber behielt seine 
Unabhängigkeit *). 

Durch diese Xiederlage gewitzigt, beschloss das Petersburger 
Cabinet, einen ver^vund]^areren Tlieil Turän's als Angriffsobject zu 
wählen; als solcher ward das Chanat Chokan ausersehen, wel- 
ches 1840 vom Emir von Bochara Xasr- Allah-Chan erobert worden, 



1) Der besonderen Güte des Herrn k. k. österr. Generalmajor, Pelikan v. 
l'lau cnwald, verdanke icli den grössten und werthvollsten Thcil des zur Ahf:issutig 
der nachstehenden Abschnitte erforderlichen Materiales. 

2) 17J6 — 1719 ward die Irtysch-Linic gegründet; ITJG fand die uiifilückliche Ex- 
pedition des Fürsten Beko witsch statt. 1819 machten die lUissen unter Ponomaricw 
und Miirawiew einen neuen Versuch, sich am Ostufer des Kaspiseo festzusetzen. 

3) Auf dieser Expedition begleitete den General Perowski der deutsche Reisende 
Alexander Lehmann. 

4) Emile ffonveaux. Les Kusses dans l'Asie centrale. (Revue des deux mondcs 
1867. T. 67. S- 971—972). 



78 Russlands erste Schritte in Central-Asicn. 

■wonach der Sieger den einlieimischen Herrscher hinrichten , dessen 
»Sohn aber als Geisel nach Bochära schleppen Hess. •) Die Vettern 
des Verstorbenen, die sich unterdessen zu den Kirghisen geflüchtet, 
i'andon jedoch bald Gelegenheit , wieder den chokanzischen Thron 
aufzurichten, wobei zahlreiche räuberische Einfälle in das russische 
Gel)iet vorkamen. Russland hatte also auch hier Ursache genug 
zur Züchtigung des feindlichen Chans. Früher sollten aber hiezu 
alle Wege geebnet werden; es wurden daher Reisende in die 
öden Grenzbezirke entsendet und wissenschaftliche Rccognoscirungen, 
soweit alsthunlich, vorgenommen. Gleichzeitig begann Russland seine 
Grenzen von Nord nach Süd in der öden Steppe allmalig vorzuschieben, 
welche Ssibirien vom Ssyr-Darja , dem Jaxartes der Alten, trennt; 
dadurch verleibte es sich drei Millionen Kirghisen ein, über die 
es früher nur dem Namen nach herrschte ; aber eine geordnete 
Regierung , sagte Russland und mit Recht , könne nicht als Grenze 
eine von Nomadenstämmen bewohnte "Wüste dulden , und daher 
musste es schon im Interesse der Ordnung und der Civilisation 
nach vorwärts drängen. Auf diesen vorausgegangenen Feststellungen 
imd Terrainaufnahmen basirend , folgte demnach in den Jahren 
1847 — 1849 die militärische Expedition des russischen General- 
stabs-Cai)itäns Leo von Schultz, die zu lohnenden strategi.schen 
Resultaten führte. Drei Festungen wurden 1848 gegründet: Kara- 
batalsk und Uralsk , beide am Irghiz gelegen , dann Orenburg am 
Tnrgai. Diese Forts hatten eine doiDpelte Bestimmung: einmal ge- 
statteten sie, die Nomadenhorden leichter zu überwachen, dann 
al)or bildeten sie die Glieder einer Kette, welche später die ehe- 
maligen russischen Grenzen mit der stets angestrebten Linie des 
Ssyr-Darja verbinden sollte. Noch im selben Jahre ward in der 
That Fort Aralsk am Ssyr-Daria, selbst in der Nähe von 
dessen Mündung in den Aralsee, 750 Werst = 110 geogra- 
])hische INIeilen von Orenburg, in höchst günstiger Lage ge- 
gründet; doch mag bemerkt werden, dass im Jahre 1849 eine 
Schaar von mehreren tausend Mann auf dem Marsche in das be- 
nachbarte Chiwa-Gebiet gäuzlicli im Schnee begraben wurde, eine 
Katastrophe, welche auf die orientalische Phantasie tiefen Eindruck 
machte. Li den auf 1849 folgenden Jahren nahm indess die Co- 
lonisation ihren Anfang, so dass binnen Kurzem, 18Ö2, nach der 
Erbauung von Fort Koes-Aral, der iVralsee so zu sagen ein 
russisches Gewässer ward, während schon 1851 ein erneuter Ein- 
fall , wobei 75.000 Stück A'ieh weggeschleppt wurden, die Russen 
zwang, das chokanzischc Fort Kosch-Kurgan zu schleifen. 



1 



1) i'licr die frühere Gcschiclite dieser Läiidt-r siclio (Ins gediegene, ausführliehc 
Hueh 11. V ji iiiliöry's: Geschichte Bo ch ärft's oder T rnii so x ani c ns von den frühesten 
Zeiten bis auf die Gegenwart. Stuttgart 1S72, 8 , 2 Bde., von dem soeben eine englische 
Übersetzung in London erschjencu ist. (Siehe ;,Atheaaeum'' Nr. 2361 vom 25. Januar 1873). 



RuBslands cvsto Srhrittn in Central-Asien. 79 

* 

Endlich gab der Dnick, welchen die Usbeken in Chohan um 
jene Zeit auf die Ufer-Kirghisen des Ssyr-Dai-jit ausübten, der 
russischen Regierung einen genügenden Vorwand zur Intervention. 
In Folge dieser Bedrückung verliessen viele Kirghisen ihre Felder 
und kehrten zum nomadisirenden Ötei)pcnlebcn zurück. Andere 
suchten Hilfe bei den Chiwanern , die, auf die Macht Chokan's 
eifersüchtig, mehrere Forts am linken Ufer des Ivuwun-Darjil, 
einem der wichtigsten südlichen Zuflüsse des Ssyr-DarjA, errichtet 
hatten; bald aber mussten sie erkennen, dass sie in Cliiwa statt 
eines Verbündeten nur einen neuen Tyrannen gefunden ; die Lage 
des Volkes wurde schlimmer denn je, und als Russland auf der 
Arena erschien, ward es von den Kirghisen als Befreier jubelnd 
begrüsst. Die beiden Chanate Chiwa und Chokan konnten jedoch 
nicht ohne tiefes Misstrauen eine INIacht wie Russland sich an der 
Ssyr-Mündung niederlassen sehen. Ohne zum erklärten Kriege 
überzugehen , neckten sie doch die russischen Truppen durch be- 
ständige Scharmützel und bedrückten noch mehr die Kirghisen, um 
sie dafür zu züchtigen, dass sie den Euro])äern Hilfe geleistet. 
Anfänglich wurden diese Einfälle nur schwach zurückgewiesen , 
da die russische Besatzung von Aralsk wenig zahlreich und die 
Verbindung äusserst langwierig und beschwerlich war. Aber trotz 
ihrer scheinbaren Unthätigkeit trafen die Russen umfassende Vor- 
bereitungen ; bedeutende Vorräthe wurden^ in Orenburg angehäuft, 
und auf dem Aralsee drei Segelschiffe von Stappel gelassen, wel- 
chen in Bälde zwei eiserne Dampfer folgten , die mit unsäglicher 
^lühe aus Schweden über St. Petersburg nach Ssamara und Aralsk 
stückweise gebracht werden mussten. Endlich im jNIai 1852 \varon 
alle Vorbereitungen getroffen , aUe Rüstungen vollendet , da be- 
schloss General-Lieutenant Perowski die langgehegte Absicht aus- 
zuführen , längs des Ssyr-Darja eine Reihe von befestigten 
Plätzen zu erbauen ; damit vermeinte er nicht das Gebiet des Reiches 
zu erweitern , da die Kirghisen des rechten Ufers ohnedies dem 
Czar tributpflichtig waren ; Chokan indess betrachtete dieses Be- 
ginnen als eine Invasion, und selbst Chiwa, wenn gleich weniger 
bedroht, sah die Gefahr : „Verloren sind wir, '' sagten die Chiwaner, 
„wenn die Russen die Wasser des Ssyr-Darja trinken." 

Das wichtigste chokanzische Fort Ak-Mesdsched war etwa 
40 deutsche Meilen von Aralsk , oder ungefähr 800 englische 
Meilen von der Ssyr-Mündung entfernt und dicht an der chokan- 
zischen Grenze gelegen; eine Abtheilung von 500 Mann unter dem 
Commando eines ebenso geschickten als tapferen Officiers ward 
entsendet , um den Platz zu recognosciren und den Chokanzen den 
Befehl zu ertheilen, eine Position zu verlassen, die sie den Kir- 
ghisen ungerechtfertigter AVeise entrissen. Von dem Heraimahon 
des Feindes benachrichtigt, hatten die Chokanzen die Dänune dea 



so llusalands erste Sclirittc in Central -Asien. 

Flusses eingerissen, um die Umgebung unter Wasser zu setzen. 
Diess Hinderniss aber hielt die Eussen nicht auf; bis zum Gürtel 
ini Wasser niarschirten sie diroct auf j\k-]Mesdsched, dessen Vor- 
werke sie, ohne ernsten Widerstand zu finden, zerstörten. Doch 
mussten sie sich nach diesem ersten Erfolge zurückziehen ; die Cho- 
kanzen, Verstärkung erwartend, weigerten sich, sich zu ergeben, 
und man hatte weder schweres Geschütz , noch Leitern , um einen 
Sturm zu wagen. Nachdem sie noch drei Forts von geringerer 
Bedeutung am unteren Laufe des Ssyr geschleift, kehrten die 
Russen , in die Zukunft vertrauend , nacli Aralsk zurück. 

Im nächstfolgenden Jahre, 1853, sandte General Perow^ski in 
succesiven Abtheilungen ein Expeditions-Corps von grösserer Stärke 
mit 12 Kanonen, 2000 Pferden und ebenso viel Kameelen und 
Ijastochsen, zum Tragen des Transportes durch die Wüste Kara- 
kum, nach Aralsk, wohin die Russen trotz Hitze, Strapazen und 
quälendem Durst ohne zu viele ^'crluste gelangten. Gegen Ende 
Juni wurden sie auf Ak-Mesdsched dirigirt. Aber die Chokanzen 
hatten ihrerseits die Zeit nicht unbenutzt verstreichen lassen und 
sich tüchtig verschanzt ; der äussere nutzlose Wall war eingerissen, 
und an seine Stelle ein breiter, tiefer Graben getreten; die rück- 
wärtigen Erdmauern w-aren 7 INIeter dick und hoch genug, um 
die Ersteigung erst durcli eine Bresche zu gestatten ; kurz der 
Platz musste ordentlich belagert werden. Perowski versuchte zwar, 
die Usbeken durch eine kräftig genährte Kanonade einzuschüchtern, 
und forderte sie auf, zu capituliren ; allein seine Worte, deren 
Drohung und Selbstvertrauen wohl auch nur eine gewisse Un- 
sicherheit bemänteln konnten, verhallten wirkungslos. Gaben die 
Chokanzen Ak-lNIesdsched Preis, so entsagten sie der Herrschaft 
über den Ssyr-Darjä und öffneten Centralasien den Europäern. 
Sie antworteten denuiach , dass sie kämpfen würden, so lange 
ihnen noch eine Lanze oder eine Flinte bliebe. Das Bombardement 
begann also mit erneuter Heftigkeit ; die Russen passirten mittelst 
einer gedeckten Sappe den Graben , welcher die Citadelle umgab, 
und legten eine ISline unter dem wichtigsten Thurme an , welchen 
sie am 27. Juli 1853 in die Luft sprengten. Bei seinem Einstürze 
eröffnete er ihnen zugleich eine etwa (iO Fuss breite Bresche , in 
die sich jedoch die Chokanzen hastig geworfen hatten, um dem 
Feinde den Uebergang zu wehren ; die 300 JVIaim starke Besatzung — 
obwohl sie ihren Chef verloren, focht mit Löwenmuth; 280 blieben 
davon auf dem Kampfplatze, den sie Zoll für Zoll vertheidigtcn, 
allein vergeblich. Eine INIenge Waffen und Munition fiel in die 
Hände der russischen Sieger, welche den l'lutz von nun an Fort 
Perowski nannten. 

Die Einnahme von Ak-lSIesdsc'hed war ein harter Schlag für 
die Macht von Chokan und man konnte erwarten , dass der Chan 



Russlands erste Schritte in Central-Asien. 8 1 

/ 

Alles aufbieten würde, um den Platz wieder zu erobern. Die 
Russen, in kluger Voraussiclit, weit entfernt, weitere Siege anzu- 
streben, begnügten sieb in den niiebsten Monaten , die Positionen 
längs des Ssyr-Darju zu befestigen. Zwei Forts , eines auf dem 
Delta des kleinen Flusses Kasaly, das andere zu Kannaktseliy, 
120 englisehe INIeilen von der Jaxartes-^Iündung, verbanden Aralsk 
mit Fort Perowski , worin 1000 Mann Garnison nebst Lebens- 
mitteln und Fourage für mehr denn ein Jahr zurückblieben, und 
bildeten diese vier Forts zusammen die sogenannte Ssyr-Darja- 
Linie. Diese Vorsicht war nicht überflüssig. Der Chan von Chokan, 
der die Festung Ak-]Mesdsched zum Theil durch die Empörung 
eines Vasallen, des Statthalters von Taschkend, ') verloren hatte, 
den es zu züchtigen galt, nahm eine ausserordentliche Aushebung 
vor und rückte am 17. December 1853 plötzlich mit 15.000 Cho- 
kanzen und etwa 17 Geschützen gegen Ak-Mesdsched und die 
Russen an. Begreifend, dass ihr Prestige unter den tunvnischen 
Völkerschaften merklich leiden würde, wenn sie sich einer förm- 
lichen Belagerung aussetzen wollten, leisteten die Russen, obgleich 
auf ein einziges Bataillon Infanterie und 500 Kosaken vermindert, 
unter ihren Anführern mannhaften "Widerstand und wagten einen 
Ausfall gegen den mehr denn zehnfach überlegenen Feind, — eine 
Kühnheit , die sie beinahe theuer bezahlt hätten , wenn sie auch 
schliesslich die feindliche Ueberzahl zermahnten. Von allen Seiten 
umringt , waren sie schon auf dem Punkte zu unterliegen , als eine 
glückliche Diversion Unordnung in die feindlichen Reihen warf, 
und diese mit Zurücklassung von 2000 Todten und Verwundeten 
nebst 17 Kanonen die Flucht ergnfl'en. 

Mittlerweile hatten die Kirghisen, bisher treue Verbündete 
der Russen, angefangen zu bedauern, ihre Hilfe den Feinden der 
turkomanischen Nation geleistet zu haben. Ein kühner Anführer, 
Isched Kutebar, verstand es, ihren Patriotismus zu wecken: die 
Kibitken der Nomaden besuchend, machte er die Ersten des Volkes 
erröthen , wenn er ihr Benehmen mit jenem der Voreltern ver- 
glich, entflammte er die Kriegeslust der Jugend. „Rosse und 
„Waffen, rief er, haben sie, — wir etwa nicht? Sind wir nicht 
„zahlreich wie der Sand der Wüste ? Gegen Osten, Westen, Xord 



1) Taselikcad war im Jahre 1800 noch die Hauptstadt eines besonderen Chanats, 
welches ISIO in Folge seiner inneren Zerrissenheit und Schwäche von Chokan erobert 
und unterjocht wurde. Diese Schwäche fand darin ihren Grund, dass das Chanat von 
TaSi?hkend aus drei gesonderten Thcilen, einer ansässigen Bevölkerung in Taschkend, 
Tachcmkend uad Turkestan bestand, die von noniadisirenden Kirghisenstämme durchsetzt 
und dadurch getrennt .varen. Diese getrennten Thcile mit ansässiger Bevölkerung waren, 
solange das Chanat Taschkend dauerte (das in früheren Jahrhunderten oft zerfiel und von 
Neuem aufgerichtet wurde), den Einfällen und Plünderungen der Kirghisen ausgesetzt. 
Unter sich waren diese Theile zerfallen, und dies war auch der Fall, als sie die Olier- 
hen-sehaft Chokan's anerkannnt hatten. (Globus. XII. Bd. S. 146.) 

10 



82 RusalanJs erste Schritte in Central-Asien. 

..lind Süd wendet euch; überall ßudet ihr Kirghisen; warum sollen 
..wir uns einer handvoll P^renider unterwerfen?"' Kutehar'.^ feurige 
Beredsamkeit fand lebhaften Widerhall, und eine iiandiafte Zahl 
Parteigänger schaarte sich um ihn. Bald sahen sich die Russen 
einem gefahrlichen Feinde gegenüber ; keine Karawane konnte die 
Wüste durchziehen, ohne angegriffen zu werden; die Verproviantirung 
der festen Plätze war in Präge gestellt. Da beschloss Perowski, 
nach dem Grundsatze divide et wipera, die Kirghisen selbst zur 
Unterdrückung dieses furchtbaren Aufstandes zu gebrauchen. 
Durch Geschenke luid Versprechungen gewann er einen Nomaden- 
öultan, Araslan, welcher sich verpflichtete, mit den 900 ^lann 
seines Stammes , unterstützt von einigen Kosakenpuls , den Kopf 
Kutebar's ihm zu bringen. Keine leichte Aufgabe aber war es, 
denn blitzcsschnell fiel Kutebar üoer Jene her, die seine Wach- 
samkeit zu täuschen wähnten. Seine Leute schlichen sich unbe- 
merkt bis zu Araslan's Zelten , überfielen und tödteten ihn nebst 
vielen seiner Horde; die Kosaken errreichten nur mühsam das 
russische Fort. 

Dieser Erfolg steigerte die Kühnheit Kutebar's, so dass der 
russische Feldherr eine Armee gegen ilm in's Feld stellen musste. 
Zahlreiche Detacheraents von Kosaken und Baschkiren, Infanterie- 
Bataillons und Geschütze brachen zu diesem Behufe von Orsk, 
Orenburg und Uralsk auf; doch vergeblich. Hatten die russischen 
Officiere auch noch so sehr das unverbrüchlichste Stillschweigen 
beobachtet, es war, als ob der Steppenwind Kutebar die Nach- 
richt gebracht hätte von Allem , was gegen ihn beabsichtigt wurde. 
Kamen die Russen an die Stätte, wo Tags zuvor noch das Corps 
der Rebellen gestanden, Nichts fanden sie mehr, als die erloschenen 
Feuer. Gewohnt an Strapazen und Entbehrungen, waren die 
Kirghisen in die unnahbaren Ste]i])eii der Hochebene von Ust-Urt 
geflohen. 

Zu weit würde es führen, im Detail ül)er die Thaten Kute- 
bar's zu berichten: während fünf Jahren trieb er sein Spiel, die 
Verbindungen abschneidend, die Europäer in ihren Festungen iso- 
lirend , jedem Versuche, seiner habhaft zu werden, entgehend. 
Ueberzeugt endlich, dass mit (icwalt einem so unf'assbaren Feinde 
gegenüber Nichts auszurichten sei , schlug die russische Regierung 
einen anderen Weg ein. Sie machte Kutebar und seineu Unter- 
feldherrn schmeichelhafte Anträge, versprach eine allgemeine Am- 
nestie und erlangte durch die Diplomatie, was die ^^'af['en nicht 
zu Stande gebracht. Mitte 1858 unterwarf sich Kutebar. ') 



1) Emile Joiiveaux. Los Kusses dans IWaie ceiitriilc. (Revue des deux inon- 
des, K-^dT. Tome CT. 1>. 973—080.) 



VIII. Capitel. 

Der Krieg mit Chokan. 

Mamiigfacho Umstaiulc liatton mitordcssen den am Ssyr-Darja, 
begoiinoucn Kampf vorzöifort. Der Emir von Bochara, ]S[ozafl'or 
cd-din Chan ^) Angesichts der schwierigen Lage , in welche die 
europäische Invasion Chokan gehracht, und von den Russen in 
seinen kriegerischen Absichten bestärkt, war in das bedrängte 
Xachbar - Chanat eingefallen und hoffte, die reichsten Provinzen 
seines langjährigen Rivals annectiren zu können. Die Situation 
in Chokan war seinen Projecten günstig, denn mehrere Präten- 
denten stritten sich um den Thron und entrissen nacheinander die 
Gewalt der eidiemeren Regierungsmacht. Einer darunter, Khu- 
dayar, fand bei seiner Rückkunft von einer Expedition gegen Fort 
Perowski die Thore seiner Hauptstadt verschlossen imd einen 
seiner Rivalen als Regenten des Landes. Machtlos , mir einem 
schwachen , demoralisirten Heere gebietend und doch zur Rache 
entschlossen, wandte sich Khudayar um Hilfe an Bochara. Seit 
lange schon eines Yorwandes zur Einmischung in die chokanzischen 
Angelegenheiten harrend , sagte Emir ]Mozaff'er sie ihm freudig zu 
und stellte sich selbst an die Spitze seiner Armee, laut verkündend. 



1) Mozaffcr ist der Sohn des Emirs Nasr-Ullah (Sieg des Glaubens), der in 
seinen letzten Lebensjahren ein höchst ausschweifender und dabei grausamer Tyrann 
war. Lojcan nennt ihn eine Art Ludwig XL, gefüttert mit einem Hcliogabal. (Uev. 
des dcux mondes- 1867. 69. Bd., S- 686)- er bestrafte seine Unterthanen mit dem Tode 
fjr unsittliche Handlungen, die er selbst in schamlosester Weise beging. Mozaffcr 
Chan liingegen ist nach dem Zeugnisse Vämbery's ein wohlgesinnter Mann, zwar sehr 
streng, aber für seine Person von unsträflichem Wandel. Von seinen Unterthanen wird 
er gelobt und gepriesen. Im Übrigen hält er streng an den politischen Grundsätzen 
seines Vaters und ist, als Mollah und strenggläubiger Muhammedancr, ein erklärter, ja 
wie Lejean hervorhebt, ein fanatischer Feind aller Ungläubigen, wie auch aller 
Neuerungen, auch solcher, deren Vortheil und Kutzcn ganz klar ist. P>r nahm den 
Wahlspruch: Regierung durch Gerechtigkeit, und ist demselben, wenigstens nach bochä- 
rischon Begriffen, bis jetzt treu geblieben. Gegen seine Würdenträger verfährt er un- 
gemein streng und bestraft sie auch für geringere Vergehen mit dem Tode, während er 
gegen Niedere nachsichtiger ist. Desswrgen sagt das Volk von ihm: er tödte die Ele- 
phauten und schütze die Mäuse. 



84 Dcv Krieg mit Cliokan. 

tlass CT ?ich alles Land bis zu China's Grenzen untenvcrfen \vollc. 
Und er hielt Wort. Trotz des heftigsten , erbittertsten Wider- 
standes war Mozafler's Zug eine Keihc von Triumphen. Cho- 
kand, das zauberische, Taschkend, Chodschand fielen nach einander 
in seine Hände. Nunmehr theiltc er das eroberte Land in zwei 
Hälften , deren eine er an Khudayar abgab ; in die andere setzte 
er als Regenten ein Kind ein, als dessen Vormund er sich er- 
klärte. Durch diese INIässiguiig konnte er unangefochten eine 
Herrschaft üben, die er offen kaum zu beanspruchen gewagt hätte. 
Seine Rückkehr feierten mit pomphaften Festen die Städte Bochara 
und Samarkand, die in Älozafter mit Recht den eigentlichen Herrscher 
Centralasien's erblickten. Ja schon galt er ibnen als ein neuer 
Timur, berufen, China, Persien, Kabul, Indien und Europa zu 
unterjochen. Wie theuer ihm seine Siege zu stehen konnnen 
sollten, sah der Emir damals nicht voraus; indem er Chokan zum 
Vasallenstaatc machte, übernahm er gleichzeitig die Verpflichtung, 
ihn gegen fremde Eingrifle zu schützen, und beschleunigte so den 
Zeitpunkt , der ihn mit den Russen in Conflict bringen sollte, 
(ileichzeitig betheiligten sich IMozaflTer's Bochären , die Chokan 
einstweilen besetzt hielten , an den beständigen Feindseligkeiten 
der Chokanzen gegen die Russen. Für den Augenbiick konnte 
Russlaud freilich Nichts thun , da es mit dem Krimkriege vollauf 
beschäftigt war, und das feindliche England gewiss bereitwilligst 
von Indien ans ein Hilfscorps nach Chokan entsendet hätte. 
"Während aber Russland in Turun eine strenge Neutralität beob- 
achtete, entfaltete General Perowski eine unermüdliche Thätigkeit 
und benutzte seine Truppen so geschickt, dass er nicht nur die 
ganze Zeit über die Citadelle von Ak-jNIesdsched hielt, sondern 
auch sich des chiwanischen Forts Chodscha Nischaz ') bemächtigte, 
von wo aus die mit Chokan alliirten Chiwaner die Russen zu 
necken pflegten. Ausserdem trachtete Perowski, seine Positionen 
möglichst vortheilhaft zu echelonnircn , um sich in Zukunft eine 
solide Operationsbasis zu sichern; denn was bisher errungeii wor- 
den, hatte eigentlich sehr wenig wirklichen Vortheil gebracht. 
Noch auf die nncultivirten Regionen beschränkt, nuisste Russlaud 
vor Allem die reichen und fruchtbaren Ijandschaften zwischen Fort 
l'erowski und der Colonie Wienioje zu erwerben bemüht sein. 
In der That, sobald die Nachwehen des Krimkrieges überstanden, 
machten sich die Russen an's Werk und leiteten ihre Operationen 
selir glücklich damit ein , dass sie zuerst mit der Eroberung des 
Cbaiuites Chokan, wo immer verhältnissniässig die geringste sociale 
Ordnung, die schwächste Regierung und der grüsste Widerwille 
gegen den Krieg geherrscht, anfingen. 

1) Am Kuwäii Diirja gvlogcii. 



Der Krieg mit Cliokan. 85 

Vorerst nahmen sie, 1859, die Festung Dscluilek (Tschulak) 
Kurgan und zerstörten sie, 1861 das feindliche Fort Jany-Kurgan 
am Ssyr; mit der Grundlage der Ssyr-Darjä-Linie wurde für 1863 
die Invasion Chokans von zwei Punkten aus angeplant: aus dem 
Kirghisen-Gebietc und von Ak-lNIesdsched ; das eine Corps gegen 
Aulie-ata, das andere Corps gegen die Stadt Hazret-i-Turkcstan '), 
welche Oi'tc ungefähr 300 englische Meilen von einander liegen. Der 
Ausbruch des polnischen Aufstandes und die Besorgniss eines 
Krieges mit Westeuropa verursachten die Verschiebung des Planes, 
der im nächstfolgenden Jahre ausgeführt wurde; erst von 1864 
an gewannen die Operationen an grösserer Ausdehnung; langsam, 
aber sicher rückten die Russen auf einer mit dem Ssyr-Uarja 
parallel laufenden Linie vor , in steter ^'erbindung mit der Dampfer- 
flotillc verbleibend, die sie am Ssyr eingerichtet hatten. Die höchst 
günstig gelegene Reihe von IJefcstigungen , welche Chokan längs 
den Bergketten des Kara-Tau und Boroldai-Tau aufgeführt, um 
seine Grenzen gegen fremde Einfälle zu vertheidigen, fiel nach 
einander den Russen in die Hände , konnte ihnen jedoch nicht 
genügen, da die Gegend noch nicht hinreichende Lebensmittel und 
Füurage lieferte, und die Forts selbst noch zu nahe am Wüsten- 
saunie lagen. Sic mussten weiter. Im Monat Juni 1864 wurden 
die beiden Zielpunkte Turkestän (Hazret), das wichtigste Bollwerk 
Chokan's im Osten, und das auf der Strasse von Turkestän nach 
Kuldscha gelegene Aulie-ata erreicht, und im Juli imd August 
ward die Verbindung zwischen ihnen hergestellt , wodurch Russ- 
land eine neue Grenzlinie, mehrere hundert englische Meilen süd- 
licher als früher, gewann — in der That ein grosses Stück des 
chokanzischcn Gebietes. 

Das war ein grosser Erfolg in Einem Feldzuge , aber Russ- 
land erreichte noch mehr. 

Bald nach der Einnahme von Turkestän und Aulie-ata ver- 
loren die Chokanzcn den Muth, eine Expedition gegen ihren Feind 
zu unternehmen , und begannen gewaltige Fortificationen bei 
Tschcmkend (im Süden von Hazrct-i-Turkestän , im Inneiui des 
Ijandes , etwa 15 deutsche Meilen von der Grenze entfernt und 
auf der Flanke der Strasse zwischen Turkestän und Aulie-ata) um 
sie zur Basis weiterer Versuche zu machen. Die Russen konnten 
auf ihrer Flanke eine solche Position nicht dulden, durch welche 
die ihnen unterworfenen Kirghisen fortwährenden Plünderungen 
ausgesetzt waren. Demgemäss beschloss der neue russische Be- 
fehlshaber, Gencral-]Major Tschernajew, nachdem er erfahren hatte, 
dass die Chokanzen in Tschendvcnd nur 10.000 Mann Besatzung 
zurückgelassen, sich dieser Stadt rasch zu bemächtiircn. In den 



1) Stadt mit etwa lÜUO Häusern. 



86 Der Krieg mit Cliokan. 

zwei ersten ^Yochcn Septembers 1864 rückten Trupi)cn von zwei 
Punkten her auf Tschemkend und vereinigten sich da am 19. 
Noch am Abend dieses Tages ^vard eine Batterie von 4 Kanonen 
errichtet, auf deren Feuer die Chokanzen mit 7 Kanonen und 2 
INlörsern antworteten. Da liess der russische Commandant eine 
zweite Batterie von 6 Kanonen und 4 INlörsern näherrücken. Die 
aussergewöhnhche Harte des Bodens und ein Ausfall des Feindes 
verhinderte die Vollendung dieser Batterie in der Nacht vom 21. 
auf den 22. September, und die Chokanzen, ermuthigt durch die 
Verzögerung der russischen Bclagerungswerke, ergriffen die Ofl'en- 
sivG und schoben einige Trancheen, Batterien und schannutzirendc 
Haufen vor, in einer Art, die schliessen liess, dass sich ein er- 
fahrener fremder Officier unter ihnen befand. Oberstlieutcnant 
Lerche benutzte russischcrseits die ^'er\vcgcnheit der Chokanzen, 
um ihr Fussvolk mit 4 russischen Compagnicn , zwei Positions- 
Geschützen und sonstiger Artillerie anzugreifen. Trotz eines heftigen 
Feuers aus der Stadt und der Citadolle drängte er bald die cho- 
kiuizischc Infanterie in die Stadt zurück, deren Thore mit dem 
Bajonnet vcrthcitigt wurden. Während dieses Kampfes näherte 
sich General Tschernajew der Citadelle und überrumpelte sie, in- 
dem seine Soldaten in Einzelreihe in eine Wasserleitung eindrangen. 
In einer Stunde war man Meister der Stadt und der auf einer fast 
unzugänglichen Höhe gelegenen Citadelle, trotz der 10.000 ISIann 
Besatzung und der reichlichen Artillerie und Munition, womit sie 
versehen waren. Unter den Trophäen waren 4 Standarten und 24 
Feldfahnen, 23 Kanonen, darunter eine gezogene, 8 Mörser von 
grossem Kaliber, eine Menge Feldschlangen, Wallbüchsen u. s. w. 
Wie stark die russische Streitmacht bei dieser AfFaire eigentlich 
gewesen, ist nicht bekannt geworden; erwähnt wird nur, dass 
sich unter der Artillerie zwei leichte Batterien befanden, ähnlich 
denjenigen , welche die Preussen im dänischen Kriege gebraucht 
haben. ') 

Das- Kesidtat dieses glänzenden Kampfes war die völlige 
Sicherung der russischen Linie von Ak-^Iesdsched bis Aulie-ata 
und folglich di(> Blos.sstelhnig der grossen Städte des Chanats, 
Tascbkend, Chodschand, und endlich der Hauptstadt selbst für den 
Angritf. Älit eineni AVorte: mit Tschcndvend besassen sie den 
Schlüssel zu einem der reichsten Districte Chokan's. Es galt mui- 
melir die Früchte langjähriger Bemühungen einzuernten und durch 
Annexion eines Tlieiles der Usbekenstaaten die l)ei(1en strategischen 
()peratit)nslinien, rechts auf die Citadellen am Ssyr-Darjä, links 
auf Wiernoje an der Almaty sich stützend, zu verbinden. 



1) „Mcuc l'reussischc Zeitung" vom 29. Januar 1865. 



Der Krieg mit Chokan. 87 

Die Nachricht von dem Vordringen der Enssen in Chokan 
hatte grosse Beunruhigung in England wachgerufen, welches, wohl 
nicht ganz ohne Grund, die Unabhängigkeit der mittelasiatischen 
Clianate als eine iinumgiingliche Garantie für die Sicherheit seiner 
eigenen Besitzungen in Indien betrachtete. FAn Circular des 
russischen Reichskanzlers Fürsten Gortschakow vom 2 1 . November 
1864 beschwichtigte indess die Aufregung der Engländer, indem 
es auf die gebieterische Nothwendigkeit dieser Gebietserweiterungen 
hinwies und zugleich erklärte, dass Russlands Grenzen fürderhin 
nicht weiter hinausgerückt werden sollten. 

Diese Note bezeichnet zugleich die Bestrebungen der kaiser- 
lichen Politik in Asien so klar und scharf und gibt einen so 
tiefen Einblick in die Verhältnisse, dass wir nicht undiin können, 
sie mitzutheilen : 

„Die Stellung Russland's in Centralasien ist die aller civili- 
.. sirten Staaten, welche sich im Contact mit halbwilden, undier- 
„ streifenden Völkerschaften ohne feste sociale Organisation befinden. 

„In dergleichen Fällen verlangt das Interesse der Sicherheit 
„der Grenzen und der Handelsbeziehungen stets, dass der civili- 
„sirtere Staat ein gewisses Uebergewicht über Nachbarn übe, 
„deren unruhige Nomadensitten sie äusserst unbequem machen. 

„Zunächst hat man Einfälle und Plünderungen zurückzu- 
„weisen. Um denselben ein Ende zu machen, ist man genöthigt, 
„die Grenzbevölkerung zu einer mehr oder minder dirccten Unter- 
„würfigkeit zu zwingen. 

„Sobald dieses Resultat erreicht ist, nehmen die Grcnzbe- 
„wohner ruhigere Gewohnheiten an. Nun sind sie aber ihrerseits 
„den Angrilfen der entfernteren Stämme ausgesetzt. Der Staat ist 
„verpflichtet, sie vor Plünderung zu schützen und diejenigen, die 
„sie verübt, zu züchtigen. Daher entspringt die Nothwendigkeit 
„entfernter, kostspieliger, wiederkehrender Expeditionen gegen einen 
„Feind, den seine Organisation unangreifbar macht. Wenn man 
„sich darauf beschränkt, die Pünderer zu züchtigen, und sich zu- 
.„ rückzieht, wird die Lection bald vergessen und der Rückzug der 
„Schwäche zugeschrieben; die asiatischen Völker besonders achten 
„nur auf die sieht- und fühlbare Gewalt; die moralische Gewalt 
„des Rechtes und der Interessen der Civilisation hat bei ihnen 
„noch keiji Gewicht. Es ist daher immer wieder von vorne zu 
„beginnen. 

„Um diesen andauernden Unordnungen ein Ende zu machen, 
„errichtet man einige befestigte Punkte unter den feind- 
„lichen Volksstämmen; man übt über sie ein Ucbergewiclit, welches 
„sie zu einer mehr oder weniger erzwungenen Unterwürfigkeit 
„führt. Aber gleich rufen andere entferntere Volksstämme jenseits 



fi8 Der Krieg mit Chokan. 

„dieser zweiten Linie dieselben Gefahren und dieselben Sorgen 
„zur Beseitigung derselben hervor. 

„Der Staat befindet sich in der Alternative: diese nie endende 
„Aufgabe aufzugeben und seine Grenzen beständigen Unordnungen, 
„die daselbst jedes Gedeihen, jede Sicherheit, jede Civilisation 
„unmöglich machen, preiszugeben, oder mehr und mehr in das 
„Innere wilder Gegenden vorzudringen, wo die Schwierigkeiten 
„und die Lasten, welche er auf sich nimmt, mit jedem Sehritte 
„sich vermehren. 

„Dieses Loos hatten alle Staaten, welche sich unter den- 
„ selben Bedingungen befinden: die Vereinigten Staaten von Nord- 
„amerika, Frankreich in Algier, Holland in seinen Colonien, Eng- 
„land in Lidien; sie alle haben unvermeidlich diesen fortschreitenden 
„Gang verfolgen müssen, an welchem der Ehrgeiz weit weniger 
„Antheil hat als eine gebieterische Nothwendigkeit, und wo die 
„grösste Schwierigkeit darin liegt, im richtigen Augenblicke Halt 
„zu machen. 

„Dies ist auch der Grund, welcher die kaiserliche Regierung 
„veranlasst hat, sich zuerst einerseits am Ssyr-Darjii, anderer- 
„seits am Issi-Kul festzusetzen und diese beiden Linien 
„durch vorgeschobene Forts zu befestigen, welche all- 
„mälig in das Herz dieser entfernten Gegenden gedrungen sind, 
„ohne dass man dahin gelangt wäre, jenseits derselben die für 
„unsere Grenzen vinerlässliche Ruhe herzustellen. 

„Die Ursache dieser Erfolglosigkeit lag zunächst in dem Um- 
„ stände, dass zwischen den Endpunkten dieser doppelten Linie 
„ein imgeheurer wüster Raum unbesetzt blieb, wo die Einfälle 
„ d e r räuberischen St ä m m e jede Colonisirung und jeden 
„Karawanenhaiulel unmöglich machten. Dann zeigte sich in den 
„Schwankungen der politischen Lage dieser Gegenden, wo Turkestan 
„und C'hokan sich bald im Kriege untereinander, bald vereinigt 
„im Ki'iege gegen die Bucharei, aber stets im Kriege, bc- 
„fanden, keine INIöglichkeit , feste Beziehungen herzustellen, oder 
„irgendwelche regelmässige Verhandlungen zu pflegen. 

„Die kaiserliche Regierng hat sich also wider ihren Willen in 
„die Alternative versetzt gesehen, w^clche wir angedeutet haben, 
„d. h. entweder einen Zustand bleibender Unordnung, der jede 
„Sicherheit und jeden Fortschritt lähmt, fortdauern zu lassen, 
„oder sich zu kostspieligen luul entfernten Expeditionen ohne 
„praktisches Resultat, die stets von vorne zu beginnen gewesen 
„wären, zu verurtheilen, oder endlich den unbestimmten Weg der 
„Eroberungen und Annexionen zu betreten, welcher England 
„zur Beherrschung Indien'« geführt, indem es nach einander die 
„kleinen imabhihigigen Staaten, deren räuberische Gewohnheiten, 
„unruhige Sitten und beständige. Revolten den Nachbarn nicht 



Der Krieg mit Chokarn 8^ 

„Ruhe und Rast gaben, durcli Gewalt der Waffen zu unter- 
„ werfen gesucht. 

„Keine dieeer Alternativen entsprach dem Ziel, welches sich 
„die Politik unseres erhabenen Herrn vorgesteckt, und welches 
„nicht darin besteht, die seinem Scepter unterworfenen I^änder 
„über jedes Yerhältniss hinaus auzudehnen, sondern vielmehr darin, 
„seine Herrschaft darin auf dauernde Grundlagen zu 
„stellen, ihnen Sicherheit zu gewähren und ihre sociale Or- 
„ganisation, ihren Handel, ihren AVohlstand und ihre Civilisation 
„zu entwickeln. 

„Unsere Aufgabe war es, ein System aufzufinden, welches 
„dieses dreifache Ziel erreichen konnte." 

„Zu diesem Zwecke wurden folgende Grundsätze aufgestellt: 

„1. Es wurde für unerlässlich befunden, vmsere beiden Grenz- 
„linien, von denen die eine von der chinesischen Grenze bis zum 
„Issi-kul, die andere vom Aralsee längs des Ssyr-Darjä ging, in 
„solcher Weise durch befestigte Punkte zu verbinden, dass misere 
„Posten im Stande wären, sich gegenseitig zu unterstützen, und 
„keinen Zwischenraum Hessen, durch welchen die Xomadenstämme 
„ungestraft Raubeinfälle ausführen könnten. 

„2. Es war wesentlich, dass die auf diese Weise vervoU- 
„ ständigte Linie unserer vorgeschobenen Forts sich in einer Gegend 
„befand die fruchtbar genug war, um nicht nur ihre Versorgung 
„mit Lebensmitteln sicherzustellen, soiulern auch, um eine regel- 
„massige C o 1 o n i s i r u n g zu erleichtern, welche allein dem be- 
„ setzten Lande eine sichere und gedeihliche Zuktmft bereitet, in- 
„dem sie die benachbarten Stämme dem civilisirten Leben gewinnt. 

„3. Endlich war es notbwendig, diese Linien endgültig fest- 
,, zustellen, um der fast unvermeidlichen Gefahr zti entgehen, von 
„Repressalien zu Repressalien zu schreiten, die zu einer unabseh- 
„baren Ausdehmmg führen konnten. 

„Zu diesem Zwecke nuisste man die Grundlagen zu einem 
„System legen, welches nicht nur auf vernünftiger Ueberlegung, 
„welche elastisch sein kann, sondern auf geographischen und 
„politischen Bedingungen, die fest und bleibend sind, beruhte. 

„Dieses System wurde uns durch eine sehr einfache That- 
„ Sache angedeutet, die das Resultat einer langen Erfahrung ist: 
„dass nämlich die Xomadenstämme, welche man nicht greifen, 
„nicht züchtigen, nicht in wirksamer Weise zusammenhalten kann, 
„für uns die allerunbcquemste Nachbarschaft sind, und dass da- 
„ gegen ackerbauende und handeltreibende Völkerschaften, welche am 
„Boden ihrer Heimat haften und eines entwickelten socialen Or- 
„ganismus theilhaftig sind, uns die Chance einer erträglichen 
„Nachbarschaft und verbessei'ungsfähiger Beziehungen darbieten. 

11 



90 Der Krieg mit Choknn. 

.,Die Linie iinserer Gvonzon musste daher die ersteren ein- 
„ sclilicssen ; sie niusste bei doi* Bcrülirung des letzeren Haltmachen. 

„Diese drei Principien geben eine klare, natürliche und logische 
„Erklärung der INIilitäroperationen, welche sich neuerdings in Central- 
„asien vollzogen haben. 

„In der That bot die anfängliche Linie unserer Grenze längs 
„des Ssyr-Darjü bis zum Fort Perowski auf der einen Seite und 
,.bis zum Issi-kul-See auf der andern den Uebelstand dar, dass 
„sie beinahe an die Wüste stiess. Sie war auf einer migeheuren 
„Strecke zwischen den beiden äusserst en Punkten unterbrochen; 
„sie bot unseren Truppen keine genügende Menge von Hilfsmitteln 
„dar und Hess Stämme ausserhalb der Grenze, mit welchen ein 
„Zusammenhang nothwendig war, wollte man nicht auf jede 
„Stetigkeit verzichten. 

„Trotz unserer Abneigung, unserer Grenze eine weitere Aus- 
„dehnung zu geben, waren diese Beweggründe doch mächtig ge- 
„nug, um die kaiserliche Regierung zu veranlassen, die (Kontinuität 
„dieser Linie zwischen dem Issi-kul-See und dem Ssyr-Darja herzu- 
„ stellen, indem die kürzlich von uns besetzte Stadt Tschemkend 
„befestigt wurde. 

„Indem wir diese Linie annehmen, erhalten wir ein doppeltes 
„Resultat; einerseits ist die Gegend, welche sie umfasst, fruchtbar, 
„holzreich, von zahlreichen Gewässern durchströmt; sie ist theil- 
„ weise von kirghisischen Stämmen bewohnt, welche unsere Herr- 
,. Schaft bereits anerkannt haben; sie bietet deshalb günstige 
„Elemente für die Colon isation und die Yerproviaritirung 
„unserer Besatzungen. Andererseits gibt sie uns zu unmittelbaren 
„Nachbarn die angesiedelte ackcrbau- und handeltreibende Be- 
„völkerung von Chokan. 

„Wir befinden uns einer socialen Bevölkerung gegenüber, 
„welche solider, compacter, weniger beweglich und besser organisirt 
„ist, und diese Erwägung bezeicluiet mit geographischer Genauig- 
„keit die Linie, zu welcher uns Interesse und Vernunft vorzugehen 
„rathen und hier still zu stehen heissen , weil einerseits jede 
„fernere Ausdehnung unserer Herrschaft weiterhin nicht auf solche 
„uidjeständige Bevölkerungen, ^^ie die nomadischen Stänmae, sondern, 
„auf regelmässiger eingerichtete Staaten stossen, beträchtliche 
„Anstrengungen erfordern und uns von Aimexion zu Annexion zu 
„unabsehbaren Verwickelungen fortreissen würden, und weil andcrer- 
„seits bei der Nachbarschaft solcher Staaten wir, trotz ihrer zu- 
„rückgebliebencn Civilisation und der Unbeständigkeit ihrer politi- 
„ sehen Lage, dennoch sicher sein können, dass regelmässige Be- 
„ Ziehungen eines Tages zu beiderseitigem \'ortheile an die Stelle 
„der beständigen Unruhen treten werden, welche bis jetzt den 
.. Aufscliwuu"; dieser Gegenden niedergehalten haben. 



Der Krieg mit Chokan. 91 

„Das sind die Interessen, welche der Politik unseres erhabenen 
„Herrn in Centralasien als Beweggrund dienen. 

„Ich habe nicht nöthig, auf das augenfällige Interesse hinzu- 
„ weisen, welches Russland hat, sein Gebiet nicht weiter zu ver- 
„ grössern und besonders sich an den Grenzen keine \'erwicklungen 
„zuzuziehen, Avelche seine innere Entwicklung nur zurückhalten 
„und lähmen können. 

„Das Progranun, das ich soeben gezeichnet, entspricht diesem 
„Ideengange. 

„In den letzten Jahren geiiel man sich nicht selten darin, 
„die Civilisirnng der Gegenden, welche au'" dem asiatischen Con- 
„iinent an Russland grenzen, als seine Mission zu bezeichnen. 

„Die Fortschritte der Civilisation kennen keine erfolgreicheren 
„Agenten als die Handelsbeziehungen. Diese verlangen zu ihrer 
„Entwickelung überall Ordnung und Stetigkeit; in Asien verlangci 
„sie jedoch eine gründliche Umgestaltung der Sitten. Vor allen 
„Dingen muss man den asiatischen Völkern begreiflich machen, 
„dass es vortheilhafter für sie ist, den Handel der Karawanen zu 
„begünstigen und sicher zu stellen, als dieselben zu plündern. 

„Diese Grmid Wahrheiten können nur da in das öfientliche 
„Bewusstsein eindringen, wo ein Publicum vorhanden ist, d. h. 
„ein socialer Organismus luid eine Regierung, welche ihn leitet 
„und vertritt. 

„W^ir erfüllen den ersten Theil unserer Aufgabe, wenn wir 
„unsere Grenze bis zu der Linie vorschieben, wo sich diese unab- 
„ weislichen Bedingungen vorfinden. 

„Wir erfüllen den zweiten Theil, wenn wir uns bemühen, 
„den benachbarten Staaten in Zukunft zu beweisen, durch ein 
„System der Festigkeit, was die Unterdrückung ihrer Uebelthaten 
„betrifft, gleichzeitig aber auch der INIässigung und der Gcrechtig- 
„keit in der Anwendung der INIacht und der Achtung für ihre 
„Unabhängigkeit, dass Russland nicht ihr Feind ist, dass es keine 
„Eroberungsabsichten ihnen gegenüber nährt, und dass friedliche 
„Handelsbeziehungen mit ihm vortheilhafter sind als Unordnung, 
„Plünderung, P'eindseligkeiten und fortdauernder Krieg. 

„Das kaiserliche Cabinet, indem es sich dieser Aufgabe 
„widmet, hat die Interessen Russlands im Auge. Es glaubt aber 
„gleichzeitig den Interessen der Civilisation und der Menschlichkeit 
„zu dienen. Es hat das Recht, auf eine gerechte und loyale 
„Würdigung des Ganges, den es verfolgt, und der Principien, die 
„es leiten, zu zählen." 

Kaum war diese Circularnotc an die fremden Höfe expedirt, 
als die Feindseligkeiten von Neuem luul entschiedener denn je im 
Ssyr-Thale begannen, da die Chokanzen, erbittert durch den A''er- 
luöt von Turkestän und Tschcnüvcnd, mit Aufbietung aller Kräfte 



92 Der Kripg mit Cliokan. 

die Russen angriffen und wieder in Besitz dieser Orte zu gelangen 
irachtetcn. Kin bedeutender Sieg, den sie Ende 1864 erfochten, 
gestattete ihnen sogar, für kurze Zeit diese Hoffnung wirklich zu 
nähren; allein die Dinge nahmen gar bald eine andere AVendung. Der 
Emir von Bochära fiel nämlich in C'hokan ein und bemächtigte 
sich der Stadt Chodschand und mehrerer anderer Plätze. Diese 
Diversion benützten die Russen, um die Offensive zu ergreifen; 
am 0. Mai 1865 attakirten sie in der Nähe von Taschkend die 
chokanzisehe Armee, welche Alim-kul, der Regent des Landes 
während der Minderjährigkeit des Sultans, befehligte; diesmal er- 
rangen die Russen einen glänzenden Sieg; Alim-kul fiel, und es 
schien als ob General Tschernajew, der Perowski im Commando 
ersetzt hatte, nur mehr auf die Stadt zu marschiren hätte. Doch 
verstrichen noch fünf Wochen, ehe dies geschah, denn die Russen 
hatten Grund zu vermuthen, dass die Bevölkerung selbst ihnen 
entgegen kommen würde. Aber die Bewohner Taschkend's waren 
noch zu eifrige Muselmänner, als dass sie sich den Ungläubigen 
hätten freiwillig unterwerfen sollen. Sie zogen vor, den noch in 
Ghodschand anwesenden Elmir von Bochära um Hilfe anzuflehen. 
Genral Tschernajew aber, als er dies erfuhr, kam dem P^mir zuvor, 
cernirte den Platz und begann das Bombardement in der Nacht 
vom 15. Juni 1865. 

Hiemit war das Schicksal Chokan's besiegelt; war auch die 
Besetzung Taschkend's , das nach hartnäckigem Widerstände ge- 
nommen wurde, nur provisorisch beabsichtig, höchst unklug wäre 
es seitens Russlands gewesen , eine Position wieder aufzugeben, 
welche die bedeutendsten Communicationslinien Centralasien's, sowie 
den ganzen Handel Chiwa's und Bochära's in seine Hand legte. 
Taschkend ) mit vielleicht 300.000 Einwohnern, der Knotenpunkt des 
Handels und des Islam, bedeckt einen Flächenraum von nahezu 
zwölf Werst und liegt buchstäblich in einem Walde von Obst- 
bäumen. Die Stadt selbst hat einen unregelmässigen orientalischen 
Charakter. Die Einwohner sind friedlich und speculativ, das 
Leben überaus wohlfeil. Die Stadt, schon damals ein bedeutender 
nandels])latz , kann in Zidvunft der erste Markt von (Vntrala.sicu 
worden, denn hier trotten sich die A'ortreter der Handelsinteressen 
von ganz Asien, selbst die fernsten Gegenden Indien's nicht aus- 
genommen; für die russischen Manufacturen ist der Markt von 
Taschkend von nicht geringerer Wichtigkeit. Wenn auch eine 

1) Nach Klödf-n (Handimch der Erdkunde, 111. Bd., S. 192) zählt Taschkend 
(die Steinstadt) blos 8H.000 Einwohner; es ist 17',, deutsche Meilen von Chokan entfernt, 
liat 4 Meilen im Umfange, liegt in einer Schlucht, hat einen Lehmwall, enge und tiefe 
kothige Strassen, 270 Maale, 310 Moscheen, zum Thcil in Ruinen, 17 Medresscn, 11 
Bäder, 15 fefearais mit Läden und 11.0 Lehmhütten; zwei Flüsschen senden viele Canäle 
hinein , an denen Wasser- und Stampfniühlen angelegt sind. 



Der Krieg mit Chokan. 93 

Annexion der Provinz nnd die Herstellung einer russischen Ver- 
waltung in einer über 100.000 Muselmänner als Einwohner zählen- 
den Stadt für den Anfang keineswegs nothwendig erschien , so 
war es doch unerlässlich, Taschkend gegen die Willkür und 
Plünderungen chokanzischer Chane und hochärischer Emire sicher 
zu stellen. Es verblieben daher russische Truppen in Taschkend, 
um den asiatischen Herrschern zu beweisen, dass der russische 
Schutz stark und nachhaltig sei, zugleich auch, um den nissischcn 
Einfluss in jenen Gegenden zu erhalten und zu kräftigen. Der 
russische Gouverneur garanlirte den Einwohnern ihre Autonomie 
unter russischer Oberhoheit und freie Religionsübung, womit sie 
sich vollkommen zufrieden stellten , da die einflussreichc Classe 
der Bürger doch immer zur Macht hält. Nach der Besetzung 
Taschkend's berief der im August 1865 nach Chokan gekommene 
(icneral-Adjutant des Gouverneurs von Orenburg, Kryschanowsky, 
die Aeltesten der Stadt und der Geistlichkeit und forderte sie auf, 
eine einheimische Verwaltung einzurichten. Da reichten sie ihm 
Brod und Salz auf silberner Schüssel und eine Adresse , worin 
sie um die Erlaubniss baten, Unterthanen des ,, weissen Czaren" zu 
werden. „Ein INIeer kann nicht zwei ^leere enthalten; nicht zwei 
..Reiche können in Einem bestehen. \'erlanget also die Vereinigung 
„unseres Landes mit Russland, damit es ihm angehöre, wie die 
„übrigen Provinzen des Reiches." Demnach wurde Taschkend in 
den Unterthanenverband des russischen Kaiserthumes aufgenommen, 
der Stadt der Schutz russischer Truppen , sowie Achtung vor 
ihren Sitten und Gebräuchen zugesagt, die einheimischen Würden- 
träger in ihren Aemtern bestätigt. 

Die Sicherheit Taschkend's erheischte noch die Eroberung 
des Gebietes am Tschirtschik, einem im Süden der Stadt dem 
Ssyr-Darjä zufliessenden Gewässer, wie denn die Russen über- 
haupt mit der Anlage fester Plätze im Lande fortfuhren. Kleine 
P'orts, wie Utsch-kajuk, dannDin Kurgan ^), Dschulek, Ak-Mesdsched 
(Fort Perowski), Kumysch-Kurgan, Tschim-Kurgan , Kosch-Kurgan 
(die drei letztgenannten unterhalb Fort Perowski gelegen), Jany- 
Kurgan'^), früher lediglich Zwingburgen, gew-ährten nunmehr in 
russischen Händen den nomadischen Völkerschaften einen lang ent- 
behrten Schutz. ■') 

Zwischen Taschkend, Turkestän und dem Fort Perowski wurde 
eine regelmässige Postverbindung hergestellt, die mit grösster Sicher- 
heit vor sich geht. Die im Lande wohnenden Kirghisen benahmen 



1) 1860 von den Chokanzcn angelegt. 

2) 1857 von den Chokanzcn angelegt; dieses sowie Din Kurgan ward 1860 und 
1861 von den Russen erobert. 

3) Admiral Butako\\'s Fahrten auf dem Jaxartes (Globus 1865. VIII. Bd., S- 114.) 



94 Der Krieg mit Cbokan. 

sich (1er russischen Regierung gegenüber vollkommen friedlich xnid 
entrichteten regelmässig ihren Tribut. Schon im nächstfolgenden 
Jahre, am 30. August 1866, legten die Russen in Taschkend ') 
den Grundstein zu einer Kirche und veranstalteten bei dieser Ge- 
legenheit ein Volksfest, welches in Gegenwart des Generals 
Kryschanowski und bei einer Menschenmenge von über 30.000 
Sarten und Kirghisen abgehalten ward. -) 

Die eroberten neuen Gebietstheile wurden durch kaiserliches 
Decret zu einer Provinz „Turkestan" constituirt, eine Bezeichnung 
deren Doppelsinn in England zwar Anstoss erregte, da hieniit 
ebensowohl ganz Centralasien gemeint sein konnte, als die Land- 
schaften zwischen dem Aral- imd Issi-kul-See, der Kirghisensteppc 
und dem Ssyr-Darja. Die Russen erklärten indess diese Rezeich- 
nung aus der orientalischen Sitte, die Districte nach dem Ilaupt- 
orte zu benennen, welcher hier die Stadt Turkestan sei. 



1) Das „Journal de St. Pctcrsboiirg" vom 21. Nov. (3. Doc.) 18C5 bringt aus 
der Fcdrr des Gcncralgouvcrncurs von Oreuburg belehrende Nachrichten über die Stadt 
Taschkend, das Land, die äusserst verwickelten politischen Verhältnisse in den centrnl- 
asiatischen Chanateu und über die neuesten kriegerischen Vorgänge. 

2) „Deutsehe Petersburger Zeitung" vom 22. Octobcr (3. Nov.) 1866. 



IX. Lapitel. 

Die Ereignisse bis zur Errichtung des Generalgouvernements Turkestän. 

Die ersten Siege der Russen in Chokan liatten den Emir 
Mozaifer nicht sonderlich erschi'eckt, viehnehr boten sie ihm eine 
erwünschte Gelegenheit, sein Prestige in Turkestun zu erhöhen, 
indem er sich als Verfechter der geheiligten Sache des durch die 
Ungläubigen bedrohten Islam aufwarf. Nachdem er vorsichtiger- 
weise früher sich hatte den jungen Chan von Chokan, seinen 
Mündel, ausliefern lassen, entsendete er ein Hilfscorps nach Tasch- 
kend, welches jedoch diese Stadt nicht davor bewahrte , in die 
Hände der Russen zu fallen. Durch die Einnahme Tascld;ends 
wurden aber die Absichten des ehrgeizigen ]Mozaffer auf Chokan 
gänzlich vereitelt, denn dieses bestand nur mehr dem Namen nach, 
und Khudayar Chan war beinahe auf seine Hauptstadt beschränkt. 

]Mozafter , der mit der Vormundschaft über den einen un- 
mündigen Chan von Chokan zugleich die Verpflichtung übernommen, 
die Sache der usbekischen Nationalität zu führen, rüstete, nach- 
dem er sich durch Engländer trefflich gezogene Geschütze mid 
INIinie-Gewehre verschaflt, mit ^vclch letzteren er seine regelmässige 
Infanterie (Sarbasen), auch zum Tlieil seine berittenen Schützen 
bewaffnete , ein starkes Corps gegen die Russen, bemächtigte sich 
Chodschands '), sandte dem russischen General eine insolente und 
gebieterische Aufforderung, die eroberten Gebietstheile herauszu- 
geben , widrigenfalls er mit Entzündung des heiligen Krieges drohte, 
und confiscirte das Eigenthum der russischen Kaufleute in Bochara, 
was die Russen mit Repressalien bezüglich des pjigenthnms der 
Kaufleute von Bochara inid Kabul vergalten, eine ^Massregel, die 
freilich eben so schnell aufgehoben , als ergriff'en wurde. 

Theils fehlte indess INIozaffer der ISIuth , den Ssyr-Darjä zu 
überschreiten, theils — und mehr noch, hinderte ihn hieran eine 



1) Das von AI ex an de r gcgT'ündete'_:fi.^l(U'J'l)flc:'F.(Jy('.T>; dürfte wahrschpin- 
lich in der Gegend des heutigen Chodacliand gelegen haben- 



90 Die Ereignisse bis ziii Errichtung des Generalgouvernements Turkest&n. 

Iiisurrection , die zu Schelir-i-Ssebz im Südosten von Bochära 
ausgebrochen. Er verlegte sich dalier auf den Weg. der diplomatischen 
^'erhandlungen und entsandte den Khodsclia Nadschiniit-Din in 
Älission nach St. Petersburg, um, frcililich etwas spät, dem Czaren 
seine Besteigung des bochärisclicn Thrones zu notificiren und bei 
diesem Anlasse die schwebenden Schwierigkeiten gütlich beizulegen. 

Nadschimit war nicht der erste bochärische Diplomat , der 
in St. Petersburg erschien ; schon in früherer Zeit hatte Nasr-Ullah- 
Chan eine Mission nach Russland entsendet, hiemit aber — mit 
jener Geringschätzung, welche orientalischen Höfen eigenthümlich 
ist , wenn sie mit christlichen Mächten verhandeln — einen ganz 
untergeordneten Beamten betraut. Russland, damals mit China in 
Collision, schien diese Beleidigung nicht zu merken und behandelte 
den bochärischen Thürhüter mit mehr Höflichkeit, als unter anderen 
Umständen vorauszusetzen gewesen wäre ; jetzt aber, 18(55, standen 
die Dinge anders , und als Nadschimit in Orenburg ankam, theilte 
ihm der dortige russische General-Gouverneur Kryschanowski mit, 
es sei vollständig überflüssig weiter zu reisen, da er, Kryschanowski, 
von seinem Älonarchen die nöthigen Vollmachten besitze, um Alles 
auf Centralasien Bezügliche in Ordnung zu bringen. 

Als der Emir diess erfuhr, beklagte er sich bei General Tscher- 
najew , dem russischen Befehlsluiber in Turkestän, dass seine Ge- 
saiultschaft an den Czaren ungebührlich aufgehalten worden, that, 
als habe er alle Opposition gegen die russische Politik in Bochära 
aufgegeben imd sich nach Bochära zurückgezogen, und erbot sich 
nun seinerseits, eine russische Gesandtschaft zur Anbahnung eines 
lebhafteren Grenzverkehres zu empfangen. Tschernajew, im vollen 
Glauben an die Ehrlichkeit des Emirs, entsendete einen der her- 
vorragendsten ^'^ertreter der Wissenschaft, den eben damals in 
wissenschaftlicher Mission in Turkestän befindlichen Astronomen 
Hofrath v. Struve i) mit dem Berg -Ingenieur Oberstlieutenant 
Tatarinow und zwei Officieren, nändich dem Rittmeister Gluchowski -) 
und dem Fähnrich Kolesnikow vom Topographen-Corps an den 
Emir, welche Letzterer gleich nach ihrer Ankunft, ohne sie auch 
nur vorzulassen, in's Gefängniss zu werfen befahl; dessgleichen 
alle russischen Kaufleute , deren er habhaft wurde. 



1) Nach einigen Berichten wäre ch nicht der Hofrath und Astronom v- Struve, 
sondern ein Olicrst Struve gewesen, welcher mit dieser Mission betraut war- 

2) Er veröffentlichte einen sehr worthvoUen Bericht über seine Heise nach 
Bochära und seine Oefangcnschaft daselbst. Der für die Geographie ^vichtige Theil dieses 
Berichtes erschien in französischer Übersetzung unter dem Titel : „Captivitö en Boukhorie 
par M- Gloukhovsky (donnees göographiques), traduit du russe par M. P. Woelkel, 
Bvec Notes par M. N. de Khanikof im Septemberheft des Pariser „Bulletin de la 
Societö de göographie" vom Jahre 1868, S. 265— 290. 



DiR Eroignissp bis 7,iir Errichtung des Gcnoralgoiivcrncmciit» Tiirkostän. 97 

Solclion Scliinipf konnte und wollte General Tschernajew sich 
nicht gefallen lassen, sondern forderte die bedingungslose Freilassung 
der Gefangenen und zog am 30. Januar (11. Februai-) ISGf) mit 
14 Compagnien Infanterie, Kosaken-Escadrons und 1(5 Geschützen, 
im Ganzen etwa 2000 INIann über den Ssyr-Darjil '), mit der aus- 
gesprochenen Absicht, den Emir nothigenfalls zur Freigebung seiner 
Gefangenen zu zwingen und direct nach Samarkand zu marschiren. -) 

Nach sieben forcirten Märschen durch die wasserlose Wüste 
kamen die Russen am 5. '17. Februar vor Dschizzach an, über- 
zeugten sich aber bald, dass ihre Streitkräfte zu gering seien; 
überdiess Hess sich der sonst tüchtige Tchernajew, nur 12 — 15 
Äleilen von Samarkand entfernt , durch trügerische Versi^rechungen 
hinhalten; so hiess es, eine Vereinbarung sei zwischen Russland 
und dem Emir getroffen worden, wodurch Russland 700 (?) Dörfer 
und Städte in Chokan erhalten solle. Russland wünschte aber 
ferner die Erlaubniss zu zwei militärischen Cantonnirungen, worauf 
der beunruhigte Emir sich an seinen Verwandten, den König von 
Kabid um Rath wendete. Endlich bat INlozaffer den russischen 
General um Einstellung der Feindseligkeiten und den Rückzug der 
Russen , die sofortige Freilassung der gefangenen russischen Ge- 
sandten versprechend. 

Nach einigen Quellen schenkte Tschernajew diesen Worten 
vollen Glauben, indem er den Emir benachrichtigte, er werde am 
Ssyr- Darjä bis zur Einhaltung des ^'ers2)rechcns stehen bleiben, 
nach Anderen nicht; gewiss ist nur, dass er sich wieder zurück- 
zog, was wohl hauptsächlich dem Mangel an Lebensmitteln in der 
nnpassirbaren Wüste zuzuschreiben ist ; denn er hatte nur die 
A\^nh], Dschizzach mittelst Handstreich zu nehmen und weiter auf 
Samai-kand zu marschiren, was bei den schwachen Kräften ganz 
umnöglich, oder aber den Rückweg anzutreten. Ungern nur ent- 
schloss er sich zu dieser zweiten Alternative, welche der ganzen 
Operation ein trauriges Ende * gab. Am Rückzuge soll, einigen 
Berichten zufolge, der Emir den Russen noch eine Schlappe bei- 
gebracht haben. 

Es wird allgemein zugegeben, dass der Rückzug in grösster 
Ordnung geschah, und wenn gleich unzählige Massen von Bocharcn 
die Russen von allen Seiten umschwärmten, so war doch ihr Ver- 
lust ein zu unbedeutender, um mit den bombastischen Siegesnach- 
richten übereinzustinnnen , welche die Bocharcn damals durch die 



1) Gerüchten zufolge liiess es damals gnr, eine russische Colonne sei in Balch 
eingetroffen, eine andere marschiro auf Kandahar, was gans; unmöglich gewesen wäre, 
da hiezu ganz Bochära hätte schon unterworfen sein müssen. 

2) 0. Lejean. La Russio et l'Angleterrc dans l'Asie centrale. (Revue des 
deiix Mondes. 1867. T. OJ. S- 093— 6i)C.) 

12 



nS Die Ercigniase bis zur Erriclituug dos Gencralgoii vonionuuits Tiirkostilii. 

ganze Islamitenwelt ausposaiinton. ') Positiv ist mir, dass, als sich 
das russische Dctachement am 27. April dorn Flusse Tschirtschik 
nähorte, dasselbe aus dem kleinen Fort Niiizbek mit Kauonen- 
sehüssen empfangen wurde , und — dass gleichzeitig von Tascli- 
kend her ein zahlreicher Haufen anrückte mid die russischen Truppen 
angriif'. Trotzdem, das diese Attaque ganz unerwartet kam, wurden 
die C'liokanzen geschlagen und zerstreut, in Folge dessen zog auch 
die (iarnison von Niazbek ab, unter Zurücklassung von 870 Ge- 
fangenen , (5 Geschützen grossen Kalibers und vieler Handwaffen. 
Der Verlust der Küssen betrug 7 leicht verwundete und 3 con- 
tusionirte Soldaten. 

Tchernajew ^) wai'd indess hierauf durch den jungen, genialen 
und energischen Generalmajor Dmitry Iljitsch Romanowsky ^) im 



1) Vämbery. Die Rivalirdt Kusslaiils uiul Englanls in Coiitral-Asicu- (Uns >re 
Znit. 18G7. IL S. 580.) 

2) Tschernajew begann seinen Dienst in der Oanlo; ans der Kriegsalcndemie 
entlassen, kam er als Gcneralstabsoffic.ier zu der activcn Donan-Arniee. Dann befand 
er sich in den Reihen der Vcrtheidiger Sebästopols, und später jialiin er an dem Kriege 
Tlieil, welcher die vollständige Untei-werfung des Kaukasus zur Folge hatte; 1862 wurde 
er zum Stabschef des Orcnbnrg'schcn Corps ernannt; 1861 erhielt er den Auftrag, an der 
Spitze einer kleinen Abtheilung die ssibirische Grenzlinie mit der Oreuburger zu ver- 
einigen; wir habe.n gesehen, dass er diesen schwierigen Auftrag gläizond ausführte. 
Für seine Siege erhielt er im Laul'c zweier Jabi-e einen Ebrcnsäbel mit Brillanten, das 
Georgskreuz III. Classe und den Stanislaus- und Annen-Orden I. Classe. Nach seiner 
Zurüekbcrulung vom Ssyr-Darja vcrlioss er den Milüä dienst, wählte Moskau zum 'Wohn- 
sitz und suchte, da er kein Vermögen besitzt, Beschäftigung im Notariatafache ; am 
28. November 1SG1 legte der Sieger von Taschkend im Moskauer B izirkskerirhte das 
Kxamen behufs Erlangung des Hechtes zur Botreibung ölVentlicher Notariatsgcschäfte ali, 
während bei Erlegung der hiczu erforderlichen Caution von 10. (,()() R. ihm die Unter- 
slützung eines wohlwollenden Capitalisten zugesichert worden sein soll. Auf höhere 
.\Tiregnng stand indess Tschernajew von seiner Niederlassung als Notar zu ]\[oskau 
ab und bewarb sich im October 1SG8 um die Concession zu einer Dampferlinie zwischen 
Twer und Rybinsk. So berichteten wenigstens den Vorgang die Journale in jener Zeit. 

'3) Sohn eines twer'scnen Edelmannes, wurde Romanowsky im Jahre 1825 
geboren \ind erhielt seine erste Erziehung in der Hanpt-Ingenieurschule zu St. Peters- 
burg. Im Jahre 1812 kam er als Fähnrich zu den Feld-Ingenienren, wurde 1S43 Untor- 
lieutenant , das Jahr darauf Lieutenant, und ging 1816 nach dem Kaukasus, wo wir ihn 
1817 als Stabscapilä'i im Regimcnte des Fürsten Tschernytschek wiederfinden. Nachdem 
er sich für Tapferkeit im Jahre 1848 den St. Annen-Orden III. Classe und den Wladimir- 
Orden IV. Classe erworben hatte, trat Romanowsky in die Gencralstabs-Akademie, 
aus welcher er als einer der Ersten, mit einer Proismedaille beschenkt, entlassen wurde. 
Er ging dann als Hauptmann in den grossen Generalstab, hatte aber das Unglück, in 
Folge eines Duells, das in Rjssland immer sehr strenge bestraft wird, zum gemeinen 
Soldaten degradirt zu werden- Er kam in ein Regiment, welches gegen die Türken 
focht, und zeichnete sich durch Siine Tapferkeit so aus, dass er seinen alten Rang zu- 
rückerhielt und bald darauf, für seine Alitwirkung an der Einnahme von Kars, mit 
einem Ehrensäbel beschenkt wurde. Im lahre 1856 zum Olierstlicutenant avancirt, wurde 
er Chef der Gencralstabs-Abtheihing für die in den asiatischen Provinzen aufgestellten 
lleerc; 1851) wurde er Oberst und übernahm im Jahre 1862 die Redaction des damals sehr 
vernachlässiglen Organes des KriegsministeriuiiiS, des „Russischen Invaliden", — ein 
Blatt, welches er so zu heben versfand, dass sich in einem Jahre die Zahl der Abonnenten 



Die Ereignisse bis zur Errichtung des Gcncralgouvorncmcnts Turkestän. 99 

Comniando ersetzt. Die irclilappe der Russen hatte indess die 
Bocharen ermiitliigt ; zalilreiclic Zusanimcnstösse kamen am rechten 
Ssyr-Ufcr vor; am 5. April 18(56 grifi' Romanowsky in der Rich- 
tung auf Chodschand ein grosses Corps bochärischcr Reiterei an, 
schlug und verfolgte es 20 Werst weit, nahm den Bocharen ihre 
Kanonen, nebst der von ihnen fortgeführten Beute, etwa 14.000 
llmnmel, ab und zersprengte sie nach allen Richtungen. Wie sehr 
auch Russland Milde und Friedfertigkeit gegen die , Turkestän 
benachbarten ^'ölker walten liess, bei ihrem unstäten und zügel- 
losen Charakter war es unmöglich, nicht zu den Wafi'en seine 
Zuflucht zu nehmen , um die eigenen Unterthanen gegen Ueberfallc 
und Verluste zu schützen. Romanowsky liess daher zwei Dampfer, 
den „Perowski-' und den ,.Ssyr-Darja'', mit Lebensmitteln für 
zehn Tage vom Arrlsee den Ssyr aufwärts bis Tschinaz befahren, 
als er am 18. Mai die Nacliricht bekam, dass Mozafier-C'han im 
.\nzuge sei, welcher unterdessen die Zeit benützt hatte, um sein 
Heer auf 40.000 Mann zu bringeu ; in der That stand er nunmehr 
an der Sjjitzc von 5000 wohlbewaffneten Bocharen und etwa 
;5r).000 Kirghisen mit 21 Kanonen, die feste Absicht hegend, 
Taschkend wieder zu erobern. 

Obgleich Romanowsky nur über 14 Compagnien Infanterie, 
5 Sotnien Kosaken, 20 Kanonen und 8 Raketeugestclle disjioniren 
konnte, zusammen etwa 3G00 Älann , beschloss er dennoch dem 
etwa zwölfmal stärkeren Feinde auf der Strasse nach Saniarkand 
entgegen zu marschiren. 

Am 10. erreichten bei einer drückenden Hitze von 40'\ unter 
fortwährenden Scharmützeln mit der feindlichen Cavallerie , und 
nachdem sie an einem Tage mehr denn 30 Werst (4'/-2 deutsche 
Meilen) zurückgelegt, die Russen das von Taschkend etwa 75 
Äleilen entfernte Dorf Kavat, während der Feind mit seiner Haupt- 
macht 2 ^2 Meilen weiter Stellung genommen hatte in der Ebene 
von Yedschar (Irdschar), wo es am 8.20. Mai 1866 zur ent- 
scheidenden Feldschlacht kam. 

Am ^Morgen des 20. ]Mni zeigte sich die bochärische Cavallerie 
in untergeordneten Massen gegenüber von den russischen Escadronen 
und begann, ihrer Uebermacht und den trefflichen englischen Waffen 
vertrauend, fest überzeugt, die kleine russische Armee gefangen 
zu nehmen, den Kampf durch eine Reihe unbedeutender Schar- 
mützel. Gegen Mittag erst begann das Artilleriefeuer , welches 



vorzchiifachtc. Gesuiidlicitsrücksiclitcn zwangen ilm zu Ende 1864 die llcdaction aufzu- 
geben, er machte eine Reise nacli Deutschland, Frankreich und Italien, um die fremden 
Armeen kenneu zu lernen, und wurde nach seiner Rückkehr mit besonderen InPpectioiieu 
von Seite des Kriegsministeriums bet aut. Im Jahre 1865 ging endlich Romanowsky, 
inzwischen zum Generalmajor ernannt, nach Turkestän. 



100 Die Ereignisse bis zur Errichtung des Goncralgouvernomcnts Turkostftn 

iniiiiiiehr ohne Untcrlirerhinip; bis zum Ende der Schlacht fortdauerte, 
und Ilauptniaiui Abniniow niarschirte mit (5 romj)afi;nien Intaiiteric 
und 8 (leschiitzen geradewegs auf das Dorf Yedschar, während 
die feindliche Cavallei'ie sie vorne und in der Flanke mit grosser 
Heftigkeit attaquirte. Am rechten Flügel avancirte Oberstlicutenant 
V. Pistolkors mit dcji Kosaken, den Eaketengostollen und 6 Ge- 
schützen. Hinter ihnen bildeten 3 Öchützen-Compagnien und eine 
Division Artillerie unter ]\Iajor Pistschemuka dieKeserve, ^Yahrend 
die Bagage von 4 Compagnien und 2 Geschützen unter Oberst- 
licutenant Foritzky geschützt wurde. Letzterer hatte einen schweren 
Stand; von allen Seiten angegi-iffen, wusste er sich mit der grössten 
Kaltblütigkeit zu vertheidigon, ohne seinen Zug auch nur einen 
Augenblick aufzuhalten. Dennoch war die Bewegung dieser Colonnc 
durch die Nothwendigkeit gehemmt , die Bagage zu vertheidigen, 
sowie die unter fortwahrenden Kämpfen , bei denen sich nament- 
lich die vom Oberstlicutenant v. Silverswan connnandirte Artillerie 
auszeichnete, stattfindeiule Vorrückung der Russen so langsam, 
dass sie erst um 5 Uhr bei der Position anlangten , welche der 
Emir mit seiner Ai-tilleric eingenommen. 

Letztere eröffnete nunmehr ein mörderisches Feuer, dem die 
leichten Geschütze der Russen mit Erfolg erwiderten. Nach Ver- 
lauf einer Stunde, als sich Unentschlossenheit in den feindlichen 
Reihen zu zeigen begann , Hess Romanowsky seine gesanunten 
Truppen gegen die Verschanzungen des Emirs vorrücken mid be- 
fahl einen allgemeinen ^Vngriflf'; Hauptmann Abramow erstürmte 
mit viel Bravour die bocharischen Verschanzungen, die feindlichen 
Artilleristen wurden auf ihren Stücken mit dem Bajonnet nieder- 
gemacht, sechs russische (ieschütze dort aufge})f1anzt und gegen 
die entmuthigten und decimirtcn Bochärcn gerichtet. 

Pistolkors warf sich mit den Kosaken auf die feindliche 
Reiterei , in welcher die Raketen grosse \'erwirrung anrichteten ; 
die Artillerie ging im Galopp vorwärts und schoss die feindlichen 
Massen mit Kartätschen zusammen. Eine gegen Ende der Schlacht, 
aber noch rechtzeitig eingetroffene L^ntcrstützung unter Oberst 
Krajewski , dessen von Kirutschi ausniarschirte Colomie auf dem 
rechten Ufer des Ssyr-Darjä erschicji , sowie einige Schüsse aus 
dessen gezogenen Kanonen, welche im Rücken des Feindes wirkten, 
entschied über das Schicksal des Tages; von Schreck ergriffen 
über die Verheerungen , welche die russische Artillciic in seinen 
Reihen angerichtet, suchte das L\sbekenheer, ]U)cli vor zwei Stun- 
den siegestrunken, sein Heil in voller Flucht, ohne auch nur auf 
die Vertheidigung seiner zwei auf der Strasse nach Süden cche- 
lonnirten Lager zu denken. 

Mozafter selbst floh mit 1000 Sarbasen und 2 Geschützen 
bis nach Dschizzach; das Lager des Feindes, in welchem noch die 



Die Ereignisse bis zur Erriclitiing des Goneralgoiiverncments Turkcstän. 101 

Speisen iiud der Thcc kochten und die für die Begs bestimmten 
Kaliunc (Pfeifen) dampften, war im Nu erobert, und bis zur Nacht 
wurden die Fliehenden verfolgt. Am folgenden Tage erbeutete 
man des Emirs eigenes I>ager mit dessen prachtvollem Zelte, 
einem Artillcrieparke, grossen Vorräthen von Pulver und Lebens- 
mitteln '), es blieb also ein reiches Kriegsmaterial in den Händen 
der Sieger. Der Verlust des Feindes wird über 1000 Mann an- 
geschlagen, unvergleichlich geringer dagegen jener der Russen; 
man siorach von nur einigen Duzenden Verwundeten. Dies war 
die Schlacht von Ycdschar, welche so zu sagen über das Schicksal 
von lialb Turkcstän entschied -) und dem Generalmajor Romanowsky 
das Georgeidci'cuz um den Hals eintrug. 

Die Russen hätten nunmehr direct auf Samarkand und Bochara 
marschircn können, doch begnügten sie sich mit der am 26. Mai 
erfolgten Besetzung von Nau, einer kleinen Festung auf der Strasse 
von Bochara nach Chokand, welche sie binnen zwei Tagen voll- 
ständig ausrüsteten. Durch dieses geschickte Manöver schnitten 
sie jede Verbindung zwischen den beiden Chanaten ab und hinderten 
JMozafler, den Plätzen am rechten Ssyr-Ufer Hilfe zu bringen. 

Chodschand, eine der wichtigsten Städte Turän's in Bezug 
auf Handel und strategischen Werth, als der Schlüssel des grossen 
turkestänischen Thaies, war von hier aus eine leichte Beute. Die 
Stadt, obgleich zu Chokan gehörig, war mit einer .starken bochäri- 
schen Garnison, unter einem Verwandten des Emirs Mozaffer, be- 
setzt und mit einem wohlbewehrten Doppelwalle umgeben, der nur 
an einer einzigen Stelle, v\0 das Ssyrbett die Stadt natürlich ver- 
theidigt, eine Unterbrechung erlitt. Am 29. Mai erschienen die 
Russen in zwei Corps vor der Stadt, deren eines 5 Werst auf 
der Strasse nach Bochara, das andere am rechten Ssyr-Ufer 
Stellung nahm. Die Einwohnerschaft hatte indess gew'altige Ver- 
theidigungsmassregeln ergrifi'en, die nächste Umgebung unter Wasser 
gesetzt. Bäume und Gesträuche niedergehauen und die Bevölkerung 
der Bannmeile in die Stadt getrieben. Die Parlamentäre Roma- 
nowsky's wurden mit Flintenschüssen empfangen. Nach einer Re- 
cognoscirung, welche den ganzen 30. in Anspruch nahm, befahl 
der General die Belagerung der Stadt und schnitt die ^'erbindung 
mit Chokan gänzlich ab. Am 1. Juni eröffneten die Russen aus 
2 Mörsern und 18 Feldgeschütr.en ein heftiges Feuer, welches die 
Stadt stark beschädigte, worauf am nächsten Morgen eine Depu- 
tation von Chodschander Kaufleuten die Unterw^erfung aid)ot. Die 
Feindseligkeiten hörten daher auf, während die Deputation in die 



1) Die Kämpfe in Turkcstän. (Üljcr Land und Moor. Bd. XVI. S- 734—735.) 
'.!) G. Lejean. La Russio et l'Angictcrrc dans l'Asie centrale. (Revue des dcux 
mondcs. 1867. T. 69. S- 697—698.) 



102 Die Ereignisse bis zur Errichtung de Gcncralgoiiverncmonta Turkcstäii. 

Sliult zurückkohric ; {illoiii hier hatte die fanatische Kriof; spart ei 
iiDterdcsscii wieder die überliaiid gewonnen nnd empfing die 
russischen Parlamentäre abermals mit Gewehrfeuer, Da eröflnetc 
Romano^^■sky Aom Neuen das Bombardement, welches, lebhaft 
unterhalten, bis zum 5. dauerte. Bei Tagesanbruch des 5. Juni 
bildete Romanowsky die Sturmcolonnen, \Yelche er gegen die ob- 
erwähnte ^Valhlnterbrech^ng dirigirte, während hinter denselben 
ein Reserve-Corps unter Major Nazarow 1)ercit stand. 

Die Russen, durch Terrainunebenheiten wohl maskirt, näherten 
sich bis etwa auf 150 Klafter der Stadt, führten schnell einige 
Geschütze auf, welche dem Feuer der Belagerten Schweigen ge- 
boten, und beschädigten ihre dortige Barbette-Batterie. Um 3 
Uhr war die Bresche gross genug, damit die Sturmcolonneji unter 
Ilurrahgcschrei die Ijeitern aidegen und die Infanterie-Compagnic 
des tajjferen Hauptmanns Baranow den AVall erklettern konnten. 
Auch der zweite iimere Wall ward glücklich erstiegen; doch war 
damit der Kampf noch nicht beendet. ^lit ausserordentlicher 
Tapferkeit vertheidigten sich die Einwohner in ihren Häusern, den 
russischen Waffen indess vermochten sie nicht zu widerstehen. 
Am Morgen des 6. Juni ergab sich Chodschand nach siebentägiger 
Belagerung nnd ungeheuren, auf etwa 2500 Todte und Verwundete 
geschätzten Verlusten, auf Discretion '). Hie Russen hatten bei 
dieser AfFaire etwa 100 — 130 Todte und Verwunde(e. 

Da mit Chodschand die hervorragendsten Plätze Chokan's in 
den Händen der Russen waren, der Schattenmonarch Khudayar- 
Chan, dem Mozatfer einen Theil Chokan's überlassen hatte, rath- 
und thatlos, nachdem er vergebens versucht. Bochara, (.'hiwa und 
die Afghanen von Turkestan zum Religionskriege gegen Russland 
zu bewegen, in dem jioch uneroberten Chokand sass, welches aber 
voraussichtlich von selbst ihnen zufallen musste, so wandten die 
Russen wieder den Krieg vorzugsweise gegen Bochara, dessen 
Emir INIozafler-Chan der thätigste Repräsentant usbekischer Zähig- 
keit war. Die IMisserfolge hatten ihn nicht gebeugt; wohl hatte 
sich seine Armee nach Samarkand zurückziehen müssen, und er 
für gut befunden, den seit Herbst l<Sti5 gefangenen russischen 
Bevollmächtigten — angeblich mit reichen (leschenken — nach Tasch- 
kcnd zurückzuschicken, die Freigebung der gefangenen Kaufleute 
zu versprechen und um die Einwilligung zur Entsendung eines 
Gesandten behufs Herstellung des Friedens zu bitten, im Iiniern 
aber dachte er nicht daran zu unterhandeln, und mit bcmerkens- 
werthem Starrsinne beobachtete er im Ganzen Russland gegenüber 



1) G. Lcjcan. La Russic ot l'Anglctcrrc ilaus l'Asic ccnfralc. (Revue des 
dcux Mondes. 1S6T. T. 69. S- 699—701.) 



Die Ereignisse bis zur Errichtung dos Generalgouvernements Turkestun. lOo 

eine feindselige Haltung, die nur durch neue Schieksalsscliläge ge- 
brochen werden konnte. Wie alle Türken überzeugt, dass die 
christlichen Fürsten Europas nur Vasallen der hohen Pforte sind, 
wandte er sich im Octobcr 18(55 an den Sultan Abdul Aziz um 
Hilfe, die ihm aber verweigert wurde. 

Noch war er unschlüssig, was zu thun sei, als Graf Dasch- 
kow, der Nachfolger Ronianowsky's, dessen Siege rasch weiter 
verfolgte. Neuerdings rückten die Truppen des weissen Czaren an 
Bochara's Grenze. Nach achttägiger Belagerung ward die wichtige 
TJocharen-Festung Uratypa am 2. October J8GG mit Sturm ge- 
nommen, wobei russischerseits 16 Kanonen, 4 Fahnen erbeutet 
und viele Gefangene gemacht wurden. Der Feind erlitt starken 
Verlust; die Russen hatten 3 Officiere und 200 Soldaten an Todten 
und Verwundeten. 

Am 18. October endlich wurde die von den besten Truppen 
des Emirs vcrthcidigte Festung Dschizzach, der letzte Anhaltspunkt 
!Mozaftcr's im Ssyr-Darjathalc , von den Russen gleichfalls nach 
achttägiger hartnäckiger Belagerung mit Sturm eingenommen, die 
Besatzung grösstentheils getödtet oder gefangen. An Trophäen 
wurden 2(5 Fahnen und 53 Kanonen erbeutet. Nunmehr erst 
konnten die Europäer längs des Amu-Darju, des Oxus der Alten, 
Posten errichten und diesen Strom befahren, der mitten durch das 
Herz der Bucharei fliesist. So schien für den Augenblick der 
Frieden hergestellt, und eine Nachricht aus Orenburg vom 26. 
November 1866 konnte melden: ,.Tm Gebiete von Turkestun 
,, herrscht vollkonnnene Ruhe. Russischerseits ist der Krieg gegen 
„Bochära beendet; der Generalgouverneur hoflt auf lange Ruhe, 
„wenn nicht der Emir von Bochära die Feindseligkeiten erneuert. 
„Das Freundschaftsverhältniss mit Chokan ist befestigt, der Handel 
„überall hergestellt. A'iele Karavanen kommen aus der Bucharei 
„und gehen dahin; auch das nach dem Gebiete von Turkestäu 
„commandirte westssibirische INIilitär kehrt zurück." 

Mozafl'cr indess fand die Situation keineswegs behaglich und 
nur grollend duldete er, was er nicht hindern konnte. Die Nieder- 
lage des bochärischen Heeres bei Yedschar und die seitherigen 
Älisserfolge hatten eine grosse Misstinmunig unter INlozaffer's Uuter- 
thanen hervorgerufen, und auf Anstiften der Ulemas (Geistlichen) 
verlangte man einen entscheidenden , energischen Krieg gegen 
Russland. 

Von tiefem Russenhass beseelt, hoffte Mozaffer jetzt mit frem- 
der Hilfe zu seinem Ziele zu gelangen; hatte er 1865 dem Emir 
von Kabul eine Allianz gegen Russland und England angeboten, 
so verschmähte er es jetzt nicht, sich an dasselbe England mit 
dem Ruf nach Unterstützung zu wenden. Doch sein Gesandter, 



104 Die Ereignisse bis zur Errichtung des Gcncralgouverncmonts Turkostriu- 

Bclisar, verliess im Februar 1867 Calcutta mit dorn Bescheide, 
der Gouverneur von Pundpchub werde ihm die Beschlüsse der 
engli.schen Regierung mittlieilen. Allein England hatte schon 1854 
und 1804 die gleiche Bitte des Clian\s von Chokan nicht beachtet, 
wie denn seit dem unglücklichen Feldzuge in Afglulnistau die ost- 
indische Regierung die Politik verfolgte, sich in centralasiatische An- 
gelegenheiten gar nicht einzumischen. So vergingen die ersten INIonatc 
des Jahres 1867 in zienüicher Spannung, denn wie der ,,Russische 
Invalide" vom 22. März erklärt, hat Russland seit der Eiiuiahme 
des Defiles von Dschizzach keine Verhandlungen, keine diplomati- 
schen Beziehungen mit dem Emir ]Mozaftbr gehabt. Dass indess 
das Petersburger Cabinet von der bochärischen Gesandtschaft nach 
Calcutta und deren Zwecken genau unterrichtet war, sich daher 
seitens des Emirs jeder Perfidie versah, ist augenscheinlich. Es 
konnte Russland daher nur angenehm sein, als eine aus 17 Per- 
sonen bestehende Deputation der Städte Taschkcnd , Chodschand, 
Uratypa, Dschizzach und mehrerer Kirghisenstämme, geführt vom 
Major Ssjerow vom uralischen Kosakenheere, nach Europa abging 
und am 17. März 1867 in INIoskau eintraf, um dem Kaiser von 
Russland den Ausdruck ihrer Ergebenheit darzubringen. Die 
Inscenirung dieser Deputation konnte der Emir um so weniger 
hintertreiben, als er mit einem neuerlichen Aufstand des kleinen 
Stannnes der Schchr-i-Sscbz vollauf zu thun hatte; er erlitt sogar 
eine Niederlage von denselben und ward gezwungen, in die Consti- 
tuirung dieser Provinz in ein unabhängiges Chanat einzuwilligen. Der 
dortige Beg gerirte sich schon seit einiger Zeit als unabhängiger 
Herrscher und zog viele INIissnuithige aus Bochtira an sich; die 
Kitai-Kyptschaken, eine halb nomadische usbekische Völkerschaft, 
die zerstreut in dem Flussbecken des Zerafschan zwischen Samar- 
kand und Kermina wohnt, erklärten sich fast ofi'en gegen den Emir. 
Kauui nach Bochära zurückgekehrt, ging ]Mozaf['er dalier, und 
weil er die Ankunft der Russen befürchtete, nach Sarmarkand, 
errichtete Festungen und lud Engländer zur Organisirung seiner 
Armee ein; die Beziehungen mit den russischen Autoritäten brach 
er ganz ab; Russland nahm davon keine weitere Notiz, sondern 
begnügte sich mit dem guten Einvernehmen, in welchem es zu 
dem allerdings gänzlich ungefährlichen und bedeutungslosen Chan 
von Chokan im Augenblicke stand; der Abschluss von eigentlichen 
Fricdenstractaten mit den mittelasiatischen Chanaten schien mizii- 
lässig vor Ankunft des neuen Gouverneurs von Turkestän. Im 
Juli 1867 nändich änderte ein kaiserlicher Ukas die INIilitär- und 
Civilverwaltung der an China luul Centralasien grenzenden russi- 
schen Provinzen ab: während bisher ein General-Gouvernement 
und ein ISIilitärbezirk Turkestän bestand, ward die Militär- uiul 
Civilverwaltung für untheilbar erklärt, die innere X'erwaltung den 



Die Ereignisse bis zur Errichtung des Generalgouvernements TurkestÄn. 105 

aus der INIittc des Volkes gewühlten Eingeboi'iicn anheiingostellt, 
endlich General- Adjutant von Kaufmann zum General-Gouverneur 
Turkestan's ernannt '). 



1) Das Actenstücli, auf wclclicm die politisclien Abgrenzungen der neuen Pro- 
vinz beruhen, ein Uljas vom 11 23. Juli 1867, lautot nach dem „Journal de St. Petcrs- 
bourg« (16/28. Juli 1867) folgendormasscn : 

„Da Wir es für nützlich halten, die Civil- und Militär-Organisation der an 
China und die centralasiatischen Chanato angi'onzenden, einen Theil der General-Gou- 
vernements von Orcnburg und West-Ssibirion ausmachenden Gebiete zu modificiren, so 
befehlen Wir: 1. Es wird sofort ein General-Gouvernement in Turkestän organisirt, das 
aus der Provinz Turkestän, dem Kreise Taschkend, den jenseits des Ssyr-Darjä gelegenen, 
im Jahre 1866 occupirten Landschaften und den südlich von der Bergkette Tarbagata'i 
gelegenen Theil der Provinz Ssemipolatinsk besteht. — 2. Die Grenzen des General- 
Gouvernements Turkestän sind: a) gegen das General-Gouvernement von West-Ssibirien 
die Kette des Tarbagata'i und ihre Zweige bis zu der jetzigen, die Provinz Ssemipolatinsk 
von der der Ssibirischen Kirghiscn scheidenden Grenze, diese Grenze bis zum Balchasch- 
Sce, weiterhin eine Bogeulinic durch die Mitte des Sees, gleich weit von den Ufern 
entfernt, eine gerade Linie bis zum Flusse Tschu, endlich der Lauf dieses Flusses bis zu 
seiner Confluenz mit dem Syry-Ssu; 6) gegen das General-Gouvernement Orcnburg eine 
Linie, die von der Mitte des Golfs Perowski im Aral-See über den Borg Termcmbes, den 
Terekli genannten Ort, den Berg Kaimas, den Ort Muzbill, die Berge Akkum und 
Tschubar-Tubia, die Südspitze der Sandwüste Myin-Kum und den Ort Myin-Bulak bis 
zur Conflucnz der Flüsse Sy.y-Ssu und Tschu verläuft. — 3. Das neue General-Gouvorne- 
ment wird in zwei Provinzen gethcilt, die des Ssyr-Darjä und die Provinz Ssemir- 
jeschinsk (Ssemiretsehonsk), und die Grenzlinie zwischen beiden bildet ungefähr der 
Fluss Kurogoty. — 4. Die oberste Verwaltung des so gebildeten Landes wird einem 
General-Gouverneur anvertraut, die Provinzen Ssyr-Darjä \ind Sscmirjeschinsk Militär- 
gouverneuren; in Bezug auT die Verwaltung der Truppen und Militär-Etablissements 
bilden die beiden Provinzen den Militärbezirk Turkestän, und das Conimando über die 
daselbst garnisonirenden Truppen haben der General-Gouverneur mit dem Titel Com- 
mandant der Truppen des Bezirks und die Militär-Gouverneurs mit dem Titel Comniandant 
der Truppen in den Provinzen. — 5. Bei der Errichtung der Provinzen Ssyr-Darjä und 
Sscmirjeschinsk bleiben die jetzt daselbst befindlichen Civilbehörden wie früher unter dem 
Befühle der rcspectiven Militär-Gouverneurs, bis ein allgemeines Reglement für die Ver- 
waltung des ganzen Landes erlassen wird." (Pctcrmann's Geogr. Mittheil. 1868. lieft 
III. S. 85 und 86 und Behm's Geographisches Jahrbuch. 1868. Bd. II. S. 51). 

Kach dem Journal de St. Pctersbourg 19 31. Juli 1867 ward die Provinz Ssyr- 
Darjä in 8, Ssemiretschensk in 5 Districtc gethcilt; es sind dies Kazalin, Perowski, 
Turkestän, Tschemkend, Auliet, Taschkend, Chodschand und Dschizzach in der ersteren, 
und Sergiuopol, Kopal, Wiernojo, Issi-Kul und Tokmak in der letzteren Provinz. 
(Böhms Geograph. Jahrbuch. 1868. Bd. II. S. 51). 



13 



X. Capitel. 

Der Kriegszug nach Samarkand. 

Naclulom Mozaffoi- inne geworden , dass er von Seite Englands 
keine dirocte Hilfe zn gewärtigen habe, machte er einen neuen 
Allianzversuch und entsendete Muhanniied Farissa nacli Constan- 
tinopel , um vom Sultan Schutz gegen Russland zu erbitten ; aber 
auch hier wieder vergebens, denn der Sultan wies, wie voraus- 
zusehen , dieses Anshinen entschieden zurück. Angesichts der offen- 
kundig feindseligen Stimmung des Emirs errichteten daher die 
Küssen unfern von Samarkand ein Standlager, das von einem mit 
24 Geschützen armirten Boote gedeckt war, und wohin sie Truppen 
luid zahlreiche Convois mit Kriegsmaterial dirigirten. In der That 
liess eine neue Ursache zu Feindseligkeiten nicht lange auf sich 
warten. Räuber in Bochära nahmen einen russischen Officier, 
I'uterlieutenant Sslushenko , iind drei Soldaten gefangen. Auf die 
Aufforderung seitens der russischen Behörde zur Ausfolgung der- 
selben, gab der Emir eine wenig zufriedenstellende ausweichende Ant- 
wort, und der russische Commandant ordnete die Züchtigung der schul- 
digen Cantone an. EmirlNIozaffer hingegen begann zahlreiche Recruten 
auszuheben und sich zum Kriege vorzubereiten. General Kaufmann 
seinerseits bcschloss , das Dorf Ummy, das an dem Raube sich 
betheiligt hatte, zu bestrafen und dieses Räubernest, zur Strafe 
für die ganze Gegend zu zerstören. Oberst Abramow, Befehls- 
haber des Dschizzach'schen Detachements, benützte, um seinen 
Plan auszuführen, die Zeit, wo der bochärische Steuererheber mit 
1000 Mann Soldaten im Canton Bagdan-Ata erschienen war, um 
die Abgaben einzutreiben. Am 12. October 1867 entsandte er 
den Major Baron v. Stempel mit 2 Compagnien Infanterie, 2 Sotnien 
Kosaken und 2 Feldgeschützen zur Verfolgung der Räuber; 10 
AVerst vor Ummy liess Stempel seine Infanterie und Kanonen zu- 
rück und begab sich mit den Kosaken nach dem Dorfe. Bei 
seinem Nahen zerstreuten sich die Bewohner und flohen in die 
Gebirge ; das verlassene Dorf selbst wurde zerstört und den Flannnen 



Der Kriegszug nach Samarkand. 107 

Übergeben. Bald darauf brach in Chokan ein Aufstand gegen die 
Russen aus , der jetloch mit grossem Verluste für die Insurgenten 
niedergeworfen wurde. Auch Chiwa schloss Anfangs December 
1867 ein Bündniss mit den Turkomanen ab, rüstete gegen Russ- 
land und baute eine Festung an der Grenze. Die Folge davon 
war, dass die Russen, eine Diversion machend, Anfangs 1868 
Tschehardschuj '), den bedeutendsten Platz am unteren Amu-Darjti, 
besetzten und den Vorsteher von Urgendsch, gleichfalls am Anni, 
der sich unbotmiissig zeigte , festnahmen und nach Petersburg als 
Gefangenen schickten. Darauf wandte sich der turkomanische Chan 
Atanurat, ein Vasall des Chans von Chiwa, und zwanzig benach- 
barte Begs durch Vermittlung des Commandanten tles Forts Alexander 
an den General-Gouverneur von Orenburg mit der Bitte, sie in 
den russischen Unterthanenverband aufzunehmen, gleich wie alle 
auf dem Gebiete von Chiwa befindlichen Turkomanen , und dass 
zu ihrem Schutze an der Grenj^e des Balkan, in der Nähe der 
Küste, ein Fort errichtet werden möge. Während viele Turkomanen 
nunmehr auf russisches Gebiet übertraten, gestalteten sich die Be- 
ziehungen zu dem hiedurch ausserordentlich geschmeidig gewordenen 
Chan von Chiwa ganz besonders günstig. 

Anders verhielt es sich mit Bochära. Zwar kam x\nfangs 
December 1867 ein chokanzischer , und bald nach ihm auch ein 
bochärischer Gesandter in Taschkend an ; es Avurden Manöver 
mit Schlagung einer Brücke und Ausführung eines Sturmes 
veranstaltet, aber Alles diess rief keinerlei Erstaunen auf den 
kalten Gesichtern der gemessenen Asiaten hervor. Während der 
chokanzische Gesandte bald in Begleitung des Oberstlieutenants 
V. Schaufuss und des Dr. Abijew abreiste, und kurz darauf am 
13. Februar 1868 auch wirklich ein Handelsvertrag -) mit Chokan 



1) Die Calcuttaer Depesche nennt den Ort Ch.arput, den bedeutendsten l'latz 
am unteren Oxiis (Charput oder Kharpout liegt in Kloinasien im oberen Euphrat- 
tbale in 37 Giad östl. L. von Paris; dieser Ort ist keinesfalls gemeint); es ist damit 
oft'cnbar Tschehardschuj gemeint; doch bleibt es sehr dunkel, wieso die Russen nach 
diesem Orte gelangten, der auf der Strasse von Bochara nach Meschhcd liegt, wenn sie 
von Dschizzacli früher nicht .Samarkand und Bochära selbst eingenommen. Wohl 
konnten sie von Chiwa aus den Amu stromaufwärts vorgedrungen sein und auf solche 
Weise Tschehardschuj erreicht haben; allein über die Stellung der Russen im Chanate 
Chiwa sind wir einerseits gänzlich im Unklaren, andererseits hätten die Russen, wären 
sie nach Tschehardschuj gelangt, die Stellung des Emirs von Bochära vollständig um- 
gangen und konnten dann jeden Augenblick die Stadt Bochära im Rücken fassen. Aller 
W ahrscheinlichkeit nach hätte in solchem Falle der Krieg eine andere AVendung ge- 
nommen, als geschah, es wäre denn, die Russen hätten absichtlich und wissentlich von 
dem errungenen Vortheilc keinen Gebrauch gemacht. 

2) Die „Rusa. Corr." theilt die Hauptpunkte des mit dem Chan von Chokan ab- 
geschlossenen Handelsvertrages mit; es sind folgende: Alle Städte und ürter Chokans 
ohne Ausnahme sind den russischen Kaufleuten geöffnet. Dasselbe gilt von den russi- 
schen Märkten für die Kaufleute Chokans. Die russischen Kaufleute können in allen 



108 Der Kricgsziig nach Samarkand. 

ZU Stande kam, vei-Avollto der bochiirisclie länger in Taschkend. 
Zu einem eigentlichen Arrangement kam es indess nicht , da der 
Emir unter verschiedenen Ausflüchten sich weigerte , die ihm vom 
General Kaufmann vorgeschlagenen Friedensbedingungen anzunehmen. 
AVohl aber wurde der hedauernsAverthe Lieutenant yslushenko ') 
nebst den drei INIitgefangenen von ]Mozntt"er nach Taschkend zurück- 
gesandt. 

Doch Avaren hiemit die Neckereien der Bochären nicht zu 
Ende ; vielmehr wiederholten sich dieselben immer häufiger endlich 
täglich. Gleichzeitig waren die Russen bei ihren Bestrebungen, 
die zwei AVege nach Indien durch den schwierigen Karakorumpass 
in das Thal von Schang-tschen-mu in ihre Gewalt zu bringen, 
beziehungsweise sich in den Besitz von Punkten zu setzen, welche 
diese Strassen beherrschen, mit Yakub-Beg, dem Kuschbegi von 
Yä.rkand und Souverän von Altyschar (Dschitischar oder Kaschgar) 
in Conflict gerathen. Um die dortigen Zustände zu begreifen, 
müssen wir jedoch etwas weiter ausholen. 

Im Jahre 1759 von Cliiwa erobert, schüttelten die beiden 
Provinzen Tian-Schan Pe-Lu (oder die chinesische Dsungarei) und 
Tian-Schan Nan-Lu (Ostturkestän , oder Ili goheissen) die chine- 
sische Oberherrschaft schon vor mehreren Jahren ganz oder zum 
Theile ab. Ili diente in der letzten Zeit nur mehr als Strafcolonie, 
in welchen Abtheilungen von Mandschsu-Soldaten ihr Standlager 
hatten ; der chinesische INIilitärgouverneur hatte seinen Sitz in der 
Hauptstadt Kuldscha (am Ili unter 42" Grad n. Br.), der „schimmern- 
den" ; bei den Chinesen heis.st sie Iloei Juan tsching. Die sechs 
westlichen Städte Ostturkestäns (Altyschar) bildeten von einander 
unabhängige Kreise , die zwar nominell zur chinesischen Provinz 
!Nan-Lu gehörten, auf deren innere Verwaltung aber die Chinesen 



Städten Chokftns Niederlagen für ilire "Waarcn cinriclitiMi und künncn überall Ilaiidels- 
ngentcii zur Überwachung des Handels und der Zollerhebung halten; dieselben Rcelitc 
gelten für die Kaufleute Chokans in Bezug auf das russiselic Gouvernement Turkestä». 
Küssen und Chokanzen zahlen für eingeführte Waaren den gleichen Zoll, d. i. 2' j pCt. 
des Wcrthea der Waare. Russischen Karawanen können ungestört Chokan durrhzichoii, 
um sich in die Naehbarländcr zu begeben; dessglcichen können eliokanziselic Carawancn 
frei durch russisches Gebiet ziehen. Siehe auch: Uussland uirl die niittcl isiatischcn 
Chanate. (AUg- Zeitg. 1872. Nr. :i25). 

1) Über das Schicksal des Unterlieutenanfs Sslushenko erzählen die IJochärcn 
lolgcndcs: Derselbe wurde in eine Grube gesetzt, neben welcher ein Galgen errichtet 
war. Man Hess ihm die Wahl, Muselmann zu werden und zwei bochärischc Schönen zu 
Frauen zu erhalten, oder Christ zu bleiben und — Als die Drohungen eine sehr ent- 
schiedene Wendung nahmen, gab der unglückliche Sslushenko nach. Jetzt ist er, 
wenn dem bochärischen Gerüchte Glauben geschenkt werden darf, beschnitten, verheiratet 
und Commandour eines Bataillons Sarbasen, welche er iu den GrilTen mit dem Gewehre 
und im langsamen Schritte übt indem er versichert, dass darin die llauptstärke der 
Truppen liege. Er schlägt, wie man sagt, unbarmherzig auf die Bochären los, wahr- 
scheinlich um sich für die erlittenen Kränkungen zu rächen. (Iligaer Invalide. Iö68). 



Der Kriegszug nach Samarkand. 109 

keinen unmittelbaren Einfluss hatten. Auch in diesem Gebiete 
haben im verflossenen Dezennium gewaltige Umwälzungen stattge- 
funden, in dem in der Person Muhammed Yakub Beg's ein neuer 
Herrscher und Eroberer erstand. 

Yakub Eeg ist ein Chokanze von Geburt und war Comman- 
dant der Festung Ak-^fesdsched am Ssyr-Darjä, die er erfolgreich 
gegen die russische Belagerung 1863 vertheidigte. Er wurde je- 
doch von Alimkul , bekannt durch seine kühnen Streifzüge gegen 
die Russen 1864 und 1865 und gefallen in der Schlacht von 
Taschkend angegriffen , besiegt und vertrieben. In Folge der In- 
triguen am Hofe zu Chokand musste Yakub Beg, nach dem Tode 
Alimkuls , mit einem kleinen Gefolge seiner Anhanger das Land 
verlassen , und begab sich nach Kaschgar , um hier , in diesem 
herrenlosen Gebiete, sein Glück zu versuchen. ') Als er dort an- 
kam, fand er die Rebellion der Dunganis eben im vollem Gange. 
Diese Dunganis bewohnten ursprünglich das eigentliche Turkestän, 
und bildeten im sechsten Jahrhundert einen ziemlich starken Staat, 
dessen Hauptstadt Karaschar am Südabhange des Tian-Schan lag; 
sie bekannten sich zum buddhistischen Glauben , traten aber im 
achten Jahrhundert zum Islam über. Die chinesischen Herrscher 
der Dynastie Tan eroberten die Hauptstadt, und um die Ruhe der 
Grenzen zu sichern , versetzten sie einen grossen Theil der Be- 
völkerung in das Innere des Reiches. Aber trotz der jahrhundcrtc- 



1) Ein ehenialigcr Diener YakuLi Cban's gibt folgende Schilderung von seines 
Herrn früheren Thun, (siehe „AVanderer" vom 18. Deceniber 1872): „Es sind jetzt etwas 
mehr als fünf Jahre, dass die russische Armee an den Grenzen von Yarkand erschien. 
Yakub Schah war damals in Kai und war Gouverneur dieses Platzes, blos als Vertreter 
Chudaya;^-Chaii8, des Beherrschers von Chokand. Als sich die Russen Kai näherten, 
kam ein russischer General, Namens Triffel, zu Yakub und machte ihm den Vorschlag, 
ihm Kai abzukaufen, indem er ihm zugleich die Zusicherung gab, die Russen würden 
ihm erlauben, Yarkand für sich selbst zu erobern, wenn er ihnen behilflich sein würde, 
Chokand zu annexiren. Das tJbcreinkommen wurde abgeschlossen und Yakub verkaufte 
den Russen Kai für 1. 180.000 Rupien. Hierauf floh er zum Schein, um beim Chan von 
Chokand eine Zuflucht zu suchen. Sechs Monate später sandton die Russen um Yakub 
und zogen ihn wegen der Eroberung von Chokand zu Rathe, welches von KaUschuk 
aus, wo drei Strassen von allen Richtungen zusammenlaufen, leicht angegriffen werden 
kann. In Folge der Rathscblägp Yakub's haben die Russen eine Festung bei Chokand. 
In jener Zeit hatten die Russen keine unmittelbaren Absichten gegen Yarkand, denn 
dieses war damals nur eine Dependenz von Chokand und deshal') musste dieses früher 
geschwächt werden. Einstweilen hatte Yakub Yiu-kand in Besitz genommen und nannte 
sich Yakub Beg. Nachdem die Russen siih Chokand's bemächtigt und einen Lehens- 
fürsten Chudayar Chan eingesetzt hatten, errichteten sie Kantonnirungen in Katy-Kurgän 
und bereiteten sich für den Angriff auf Samarkand und Buchara vor. Yakub Beg leistete 
ihnen bei dieser Gelegenheit jeden Beistand, der in seiner Macht war. Er erhielt Khillats 
von den Russen und kehrte nach Yarkand zurück, wo er seine Armee verdoppelte, seine 
kleineren Nachbarn und die herrenlosen Länder in der Nähe bekriegte und sie ohne 
grosse Mühe annexirte. Hierauf nahm er den Titel Yakub Schah an und sammelte durch 
Bedrückungen und Erpressungen grosse Schätze und eine Armee von ungefähr TO.OUQ 
Manu von allen drei Waffengattungen. 1 



1 10 Der Kriegszug nach Samarkand. 

langen Dauer dieser Colonisation bcAvahrten die Dunganis, obgleich 
sie die Sprache und das äussere Ansehen der Chinesen angenouunen, 
zwei charakteristische Züge; den muselmännischcn CJlauhen und 
strengere, kräftigere Sitten als die herrschende Race. Ihre Unter- 
werfung unter die chinesische Behörden war immer eine zweifel- 
hafte , und es fanden stets häufige Aufstände statt. Es ist wahr- 
scheinlich , dass die beständigen Kämpfe , die sie besonders unter 
der jetzigen Dynastie gefochten, politischen und religiösen Gründen 
zugleich entspringen. Nichtsdestoweniger haben die chinesischen 
Herrscher, so lange sie ihre Obergewalt behaupteten, diese Auf- 
stände immer noch niedergeschlagen. Die Rebellion, welche Mu- 
hanmicd Yakub Beg bei seiner Ankunft vorfand, war 18G2 aus- 
gebrochen, und entweder durch den den Dunganis und Taipings 
gemeinsamen Hass gegen die INIandschsu-Dynastie oder durch 
andere Gründe hervorgerufen worden. Jedenfalls hat sie in den 
inneren Verlegenheiten der chinesischen Regierung einen mächtigen 
Bundesgenossen gefunden. Die ersten aufständischen Bewegungen 
brachen unter den in Urumtsi angesiedelten Dunganis aus. Die 
Armee von 20.000 INIann, welche diesen District besetzt hielt, 
bestand aus eingebornen INIilizen und auch die Officiere gehörten 
beinahe alle dem unterworfenen Yolksstamme an ; daher erklärt 
sich die Schnelligkeit womit sich der Auf.stand verbreitete. ^lan 
schätzte die Zahl der gefallenen Opfer auf 130.000; die materiellen 
A'erluste sind ungeheuer gewesen; mehr als 31.000 Kisten Theo 
sind verbrannt worden. ') Von Urumtsi begaben sich die Insur- 
genten einerseits nach Kuldscha, andrerseits nach Kutsche in Ost- 
Turkestän , wo ihnen die Sympathien der Einwohner desselben 
Stammes und derselben Religion entgegenkamen. ludess wurden 
sie in Kutsche und Aksu von den Chinesen niedergemacht, in Yärkand 
und Choten aber behielten sie die Oberhand; unter Anführung 
eines gewissen Sadik griffen sie endlich Kaschgar an , welches 
nach heldenmüthigem sechzehiunonatlicliem ^Viderstand Seitens der 
Chinesen sich ihnen ergeben musste. ^^'ährend die siegreichen 
Dunganis sich allen Gräueln der Verwüstung hingabe]i , erschien 
plötzlich Muhammed Yakub Beg mit Kriegern aus Chokan und 
Andidschän auf dem Kampfplatze, mit ihm ein gewisser Buzurg 
Chan ; sie wandten sich gegen die Dunganis, schlugen sie aufs 
]Iaui)t und tödteten ihren Anführer Sadik. Diess geschah im 
Jamiar 1864. Buzurg Chan begann nun seinerseits die noch nicht 
gefallene Festung von Kaschgar (Yangi-Schahr) zu belagern , und 
der Kuschbegi, so nannte man Yakub Beg, wandte sich darauf 
im Herbste desselben Jahres gegen Yärkand, welches schon 18(53 
von den Duii";anis ffenonnnen Avorden war; im Winter 18G4 — 65 



1) Beilage zu Nr. 88 der „Meucn Prcusischcn (Kreuz-) Zeitung" 18C9. 



i)er Kriogszug nach Samarkand. 111 

gelang es ihm dieselben bei Kyzyl total zu sclilagen, worauf er 
nach Kaschgar zurückkehrte , vor dem Buzurg Chan noch immer 
lag , ohne wesentliche Erfolge zu erzielen. Erst Yakub Beg ge- 
lang es , auch diesen festen Punkt zu Fall zu bringen , Anfangs 
1865. Herr von Yarkand und Kaschgar geizte nunmehr Yakub 
Beg nach der obersten Staatsgewalt. Buzurg Chan , dem er als 
Lieutenant diente , ergab sich ohnehin der Trägheit imd Aus- 
schweifungen aller Art , so dass es ihm nicht sonderlich schwer 
fiel denselben durch eine ehrenhafte Gefangenschaft zu beseitigen ; 
Yakub nahm sodann den Titel „ Atalik-Ghazi" an, unter welchem 
er noch gegenwärtig herrscht. Im Laufe der Jahre erstreckte er 
seine Macht noch über die Orte Maralbäschi , Choten , Kutsche, 
Usch-Turfän und Sarikul — mit einem Wort : er ward zum 
mächtigsten , alleinigen Herrscher in ganz Ostturkestän. 

Es konnte nicht fehlen , dass während dieser mannichfachen 
Kriegszüge der Kuschbegi auch mit den benachbarten Russen in 
Berührung kam. Schon 1867 weigerte er den russischen Agenten 
die Erlaubniss, eine Brücke über den Narj-n zu schlagen imd 
einen Weg durch den Tian-Schan zu bauen ; jetzt verbot er den 
Eintritt russischer Handelskarawanen in sein Land , forderte den 
Chan von Chokan auf, sich an dem heiligen Kriege gegen Russ- 
land zu betheiligen , und schickte sogar seinen Adoptivsohn mit 
einer Truppenabtheilung von 250 Mann über den Tian-Schan an 
den Naryn , um zu erkunden , was bei den Russen vorgehe. Der 
Sohn fand jenseits der Berge eine russische Niederlassung , die 
verlassen war; er zerstörte die Häuser, brachte die Vermessungs- 
instrumente nach Hause und suchte mit den Kirghiscn des unter 
russischer Herrschaft stehenden Bezirkes von Tokmak Verbindungen 
anzuknüjifen. 

Unter solchen L'mständen begann der Emir von Bochära 
neue P^'eindseligkeiten, obwohl er nicht offen den Krieg erklärte'. 
Da ertheilte, durch stete Angriffe auf russische Truppenab- 
theilungen beunruhigt, General Kaufmann am 1.'13. Mai 1868 
den Befehl zum Ausrücken aus der Position von Tasch-Kuprjuk 
(auf halbem Wege zwischen Jeni-Kurgun und Samarkand). An 
dem Flüsschen wurden die Russen von einem lebhaften Feuer des 
in dem Thale aufgestellten , zum Theile in Gärten versteckten 
Feindes empfangen. Ober.st Petruschewski führte die aus einigen 
hundert Kosaken bestehende Avantgarde und war angewiesen, das 
Feuer einzustellen , sobald der Fci^id das Vorrücken der Russen 
nicht mehr hinderte ; verschiedene Begs hatten dem General Kaufmann 
versichert, dass Volk und Geistlichkeit den Krieg nicht wünschten. 
Nahe dem Flüsschen traf Oberst Petruschewski mit dem bochärischen 
Parlamentär Nadschimit-Din-Chodscha (demselben, der 1859 
bochärischer Gesandter gewesen war) zusammen; der Emir liesg 



112 Der Kriegszug nacli Samarkand. 

Frieden anbieten , brachte seine früheren Vorschläge noch einmal 
vor , machte aber zur Bedingung , dass die russischen Truppen 
nicht weiter vorrückten. Hierauf ging Kaufmann nicht ein, indem 
er erklärte , erst nach Beziehung des Nachtquartiers weiter ver- 
handeln zu wollen. 

Unterdessen war die INIasse der russischen Trupjien an den 
Fluss Zerafschun gerückt ; an dem jenseitigen steilen Ufer stand 
eine beträchtliche bochurische Macht aufgestellt, welche Miene 
machte, die Ueberschreitung gewaltsam zu hindern. General Kauf- 
mann erklärte dem Parlamentär, Angesichts des Feindes könne er 
sein Nachtlager nicht aufschlagen ; wenn der Emir Frieden wolle 
solle er seine Truppen zurückziehen , widrigenfalls die Russen das 
Ufer mit Sturm nehmen würden. Unterdessen vei'trieb Oberst- 
Lieutenant Strandtmann mit 400 Kosaken, 4 Geschützen und der 
Eaketendivision die bochärische Abtheilung, welche der russischen 
rechten Flanke gegenüberstand. 

Zwei Stunden vergingen , General Kaufmann drohte endlich 
dem Parlamentär mit weiterem Vorrücken und erklärte nach längerem 
Verhandeln , wenn die bochärischen Truppen nicht bis 3 V4 Uhr 
Früh zurückgezogen seien , werde er das Zeichen zum Angriff' 
geben. Der Gesandte entfernte sich mit dem ^'ersprechen , die 
sofortige Zurückziehung der bochärischen Abtheilungen bewirken 
zu wollen, und Hess die ihm vom Emir übergebenen Friedensvor- 
schläge, angeblich dieselben, welche schon früher gemacht worden 
waren, in den Händen Kaufmannes zurück ; dieser überzeugte sich 
nach flüchtiger Durchsicht der Papiere, dass es sich gar nicht um 
die früheren, russischerseits acceptirten Bedingungen handle, son- 
dern dass der Emir dieselben willkürlich verändert und ein falsches 
Spiel getrieben habe , als er durch Nadschimit-din erklären liess, 
auf die früheren Stipulationen zurückgehen zu wollen. 

Die festgesetzte Frist verstrich, die bochärischen Truppen 
blieben auf den früher besetzten Positionen und begannen zu feuern. 
Jetzt wurde die aus 21^'2 Compagnien Infanterie, 16 Geschützen, 
einer Eaketendivision imd 450 Kosaken, im Ganzen also aus etwa 
8000 Mann bestehende russische Armee in Schlachtordnung auf- 
gestellt. Die erste Linie commandirte Oberst Abramow, General 
Kaufmann begab sich mit seinem Stab auf die linke Flanke, w-clche 
die Ueberschreitung versuchen und die dicht von Feinden besetzten 
Höhen angreifen sollte; den Befehl führte der Generalmajor Golo- 
watscbew. Bis an die Brust im Wasser, wateten die Russen 
durch den Zerafschän , ohne sich durch das Feuer der feindlichen 
Batterie und die ISLasse der, beide Flanken umschwärmenden Feinde 
liindern zu lassen. Die Truppen des rechten Flügels waren beim 
Durchwaten einem lebhaften feindlichen Kreuzfeuer ausgesetzt und 
mussten eine Werst weit auf einem von Gräben und Gestrüpp 



l)er Kriogszug nacli Samarkantl. 113 

clurchbroclieiien Sumpfboden marschiroii ; der linke Flügel marscliirto 
zwei Werst auf sumpfigem Terrain , reinigte die umliegenden Dörfer 
und (lilrten von f'eindliclien Tirailleurs, stürzte sich dann in den 
Fluss und griff nach Uebersehreitung desselben die rechte FlaidvC 
des Feindes an , der alsbald in wilder Flucht davoneilte und so 
schnell war, dass er nicht mehr erreicht werden konnte. Auf den 
dem Feinde abgenommenen Höhen schlugen die Küssen ihre 
liivouacs auf, um daselbst zu nächtigen. Gleichzeitig hatte der 
Train einen bochurLschen Angriff' siegreich zurückgeschlagen. Alle 
feindlichen Geschütze, welche auf der Höhe aufgepflanzt gewesen 
waren, fielen in die Hände der Küssen; diejenigen, welche sich 
ini Thale befanden, waren von den Kochären gerettet worden. 
Das I.,ager und 21 Geschütze bildeten die ersten Trophäen der 
Küssen, deren Verluste bei diesem Gefechte höchst unbedeutend 
waren: 3 Oberofficiere und 28 Gemeine wurden verwundet, 1 Arzt 
und (i Gemeine contusionirt, 2 Älann fielen. 

Obgleich die Küssen den Feind nicht weiter verfolgen Iconnten, 
schlössen die Einwohner von Samarkand , erbittert- durch die un- 
geheuren Erpressungen imd eine zweijährige anticipative Steuer- 
zahlung, dem Emir ilire Tliore und wehrten den Bochären den 
Einzug in dieselben. In der Frühe des andern INIorgens erschien 
im russischen Lager eine Deputation aus Samarkand , welche 
Sr. INIajestät dem Kaiser von Kussland ihre Ergebenheit ausdrücken 
liess. General Kaufmann behielt einen Theil der Deputirten bei 
sich ; den Einwohnern Samarkands liess er durch die Uebrigen 
sagen, sie sollten die Tliore öffnen vmd seine Truppen empfangen ; 
er selbst näherte sich mit einem Theile seines Heeres der Stadt. 
An den Thoren ward er von den P^inwohnern mit Freudigkeit 
empfangen ; General Kaufmann erklärte denselben im Namen des 
Kaisers, sie sollten ihre (ieschäftc wieder aufnehmen, die Lädpn 
öffnen und die geflohenen Familien in die Stadt zurückrufen. Die 
Citadelle w'urde von den Küssen besetzt, die Einwohner kehrten 
in Schaaren in die Stadt zurück und zeigten bald volles Vertrauen 
in die Kraft der Sieger. ') 



1) Samarkand, Jag alte ilaralan.Ja der Oricolicii, fülirto in ältester Zeit und nach 
Alexander dem Grojscn bei den Eingcborncn den chincsisclic-.i Namen Tschin. Als 643 
der Araber Samar den I^lam dahin brachte, wurde es als Samarkand (Stadt, Dorf des 
Saniar) „ein Asyl des Fiicdens und der Gelehrsamkeit" und Residenz des Herrscherge- 
schlechtes der San.aniden ^on 833 bis ICCO n. Chr. Der arabische Geograph Ibn llauqal 
(iJöO) hat sie als Augenzeuge geschildert; 1219 von Dschingis-Ghan erobert, fiel sie nach 
etwa z.vei Jahrhunderten in die Hände Timur's, der sie zur Capitale seines grossen 
Ilciches erhob und mit prachtvollen Bauwerken schmückte, die jetzt in Ruinen liegen. 
Heute hat Samarkand seine politische Bedeutung völlig verloren, und auch der Handel 
ist, jenem von Bochära gegenüber, nicht sehr bedeutend. Eine ausführliche Beschreibung 
von Samarkand siehe in: Vanib^ry, Travels in Central-Asia. S. 197 u. (f., dann (Peter- 
mann's Geogr. Mittheil. 1865. 8. 224—229). Pas anmuthigc Thal von Sogdh bei Samar- 

u 



Il4 Öer KriegsÄug nacli Samarkand. 

In dieser denkwürdigen Schlacht von Samarkand hatte der 
Emir von Bochara an die Sjiitze seines aus 400 Afglianen, welche 
meist zu den Russen übergingen, und 8000 ^Mann Hilfsvölker be- 
stehenden Heeres Sikandar-Chan, den Sohn des Sultans Jan von 
Ileriit, gestellt; sein ältester Sohn Abdul Melik befand sich mit 
am Sehlachtfelde, floh aber nach Bochara, wähi-end der Euiir selbst 
in Kermina blieb, wohin auch das geschlagene Heer zurückkehrte; 
Sikandar hingegen streckte die \Yaffcn, ja nach einigen Berichten 
wäre er sogar zu den Russen übergegangen. Die Verluste be- 
trugen für die Bocharen etwa 3 — 400 Todte und 200 Verwundete, 
audcrcn Angaben zufolge 8000 Mann. ^) 

Vorlilutig schien Russland hier einen Halt und Ruhepunkt 
machen zu wollen, um für die Zukunft Athem zu schöpfen, dess- 
halb zeigte es sich einem Friedensschlüsse mit dem Emir geneigt; 
Letzterer sollte eine Contribution von 4 ^liHion Rubeln an Russ- 
land zahlen. Mozafter fügte sich allen Forderungen der Russen 
bis auf einen Punkt, die Aiüage eines russischen Forts bei seiner 
Hauptstadt betj-eff'end ; diess verzögerte den definitiven Friedens- 
schluss, bis zu welchem die Bocharen, welchen im Juni der Emir 
von Schehr-i-Ssebz zu Hilfe eilte, noch ein blutiges Zwischen- 
spiel auftührten. Wahrend das Haujjtcorps unter dem Befehl des 
Generals v. Kaufmann vorwärts zog, blieben zur Vertheidigung 
von Samarkand das Detachement des Majors Baron v. Stempel, 
aus 658 Mann bestehend, die Nicht-Combattanten und Kranken 
mitinbegriffen, und 94 Artilleristen als Garnison zurück. Munition 
und Lebensmittel waren im Ueberfluss: 24 den Bocharen abge- 
nonunene Kanonen, 90 Pud Pulver, 220,000 Patronen, Granaten 
imd Raketen, ausserdem ein Vorrath von INlehl für 2 .INIonate und 
Trinkwasser in hinreichender INIenge. Die feindliche Armee be- 
stand aus 25.000 Schchr-i-Sscbzern unter Dschura-Beg und Baba- 
Beg, 15.000 Kitai-Kiptschaken unter Abdyl-Tadsch und 15.000 
Samarkandern unter Hassan-Beg, Abdul-Gafda-Beg und Oniar- 
Beg. Durch den A'errath der Aksakalen (Stadtältesten) waren eine 
Masse Feinde in die Stadt eedrungen, aber glücklicherweise hatte 



kand ist eines der vier von den persischen Dichtern gefeierten Paradiese. (Journal of 
the R. Goograpli. See. of London. Vol. X. 18U. S. 2—3) dann: Rückert Makanien 
Ilariri'a. 8. 201. 

1) Die Daten über dio Sciilaclit von Samarkand sind nocli immer höchst unsicher und 
schwankend; nach mehreren Quellen soll die Sehlacht am 22., nach anderen am 29. Mai 18C8 
geschlagen worden sein. Unsere Angabc des 1,1.3. Mai ist jene des „Russischen Invaliden" 
vom 17. Juni 1868, wie denn üborliaupt der darin publicirte Bericht der einzig glaub- 
würdige erscheint. Dieselben Schwankungen herrschen bezüglich der Verlustangaben; so 
sollen die Russen Einigen zufolge 2(X)J und dij Bocharen gar 10.000 Todte nebst einer 
enormen Zalil Verwundeter geliabt liaben; wäre dies wahr, so hätte die bocharifiche 
Armee jedenfalls starlier denn 8 — 9C00 Mann sein müssen. Auch die Nachricht, das» Emir 
MozatTer in der Schlacht geblieben sei, erwies sich als falsch. 



Der Kripgszug nach Samarkand. 115 

Major V. Stempel, der einen Ausfall gemacht hatte, um die 
Schehr-i-Ssebzer auf dem hocharischen Wege zurückzudrängen, 
noch in die Citadelle zurückkehren und deren Thore schlici^sen 
lassen können. Der INIajor Albedyl und der Fähnrich Anitschkow 
schlugen am 13. Juni vier Angrifl'e im Laufe des Tages und drei 
Angriffe während der Nacht vom 13. zum 14. Juni zurück. Als 
der Feind das Thor anzündete, stellten Sappeurs unter dem Be- 
fehl des Oherstlieutenants Xazarow während des stärksten Kugel- 
regens aus Erdsäcken ein Werk her, in dem eine Kanone Platz 
fand, die mit Kartäschen den eindringenden Feind zurücktrieb. An 
demselben Tage wurden das Samarkandor Thor und der Kirchhof 
durch dichte Feindesniassen angegriffen, aber Dank der Energie 
des Lieutenants Lejjeschhi wurde unter grossem Verluste an Todten 
und Verwundeten der Angriff' zurückgeschlagen. Unter den erstci'en 
befand sich der brave Lieutenant Lepeschin und der Intendantur- 
beamte Iwanow, und unter den Verwundeten der Fähnrich Adorazki 
und der Ilandlungsdiener Samarin. Am folgenden Tage begann 
der Sturm zu gleicher Zeit auf allen Punkten. Eine Ti-uppe Sarten 
warf sich auf die Bresche am bocharischen Thor, um sie zu ver- 
grössern. Da verliessen 25 Keconvalescenten ihre Betten und 
schlugen mit dem Peloton des Lieutenants Borodajewski den Feind 
nieder, der bereits in die Citadelle eingedrungen war. Während 
dieser beiden Tage wurden 150 ]Mann kampfunfähig gemacht. 
Wären die Verluste so beträchtlich geblieben, so hätte man nicht 
daran denken können, die ganze Linie länger zu vertheidigen. 
Desshalb hatte auch schon der Commandant der Garnison daran 
gedacht, im P^all, dass der Feind die Citadelle erstürmen sollte, 
alle Truppen im Palais des Chans zu vereinigen, um sich dort 
aufs Aeusserste zu vertheidigen und im Falle des Unterliegens 
in die Luft zu sprengen. Die Tage des Iß., 17., 18. und 
19. Juni waren durch immer neue Angritfe ausgefüllt, indessen 
wurden alle diese zurückgeschlagen, ohne dass auch nur ein Zoll 
Erde verloren gegangen wäre. Endlich am 20. Juni kam General 
Kaufmann, und es war Zeit, dass er die Citadelle entsetzte. 
Diese heldenmüthige Vertheidigung kostete den Russen 3 Officiere 
und 46 Unterofficiere und Soldaten an Todten, und 5 Officiere 
und 167 Mann an Verwundeten. Aber sie bewies dem Emir, 
dass es unmöglich sei, mit Erfolg gegen die Russen zu kämpfen; 
in der That, sobald er von den Ereignissen in Samarkand Kennt- 
niss erhielt, schloss er Frieden, wonach er au Russland 125.000 
TiP) (ä 4 Thaler = 500.000 Thaler) zu zahlen hatte. Davon 
wurden 10.000 Til an General Kaufmann durch Mutha-Bcg als- 



1) Tille (Gold) = 12 Rubel, 82 Kopeken, nach Klöilcn, Handbuch der Erd- 
kunde- III. Tb. S. 192. 



] I ('( Dnr KriogP^ng nach Samarkand. 

bald abgetragen. Die Kusdcn ihrerseits versprachen, die Haupt- 
stadt des Chanats , Bochuia, nnbeljistigt zu lassen, Hessen sich 
aber das Land am mittleren Laufe des Zerafschän mit Samarkand 
und Kattykurgan abtreten und erwarben dafür das Recht, in Ker- 
juina, Tschehardschuj und Karschi Cantonnirungen zu errichten. 
»Sie verleibten diesen südlichsten Theil ihrer centralasiatischcn Be- 
sitzungen ■ — der vom 40. lireitegrad durchschnitten Avird — dem 
ncugebildeten Generalgouvernement Turkestan ein und zwar der 
westlichen Provinz desselben, Ssyr-Darja. Die weiteren Vertrags- 
artikel waren hauptsächlich folgende: 1. Allen russischen Unter- 
thanen ohne Unterschied des Glaubens wird das Recht des freien 
Handelsverkehrs in der ganzen Rucharei gewährt. Der P!)mir über- 
nimmt die Verpflichtung, innerhalb der Grenzen seines Gebiets für 
die Sicherheit der russischen Kaufleute, ihrer Karawanen und ihres 
Vermögens zu sorgen. 2. Die russischen Kaufleute haben das 
Recht , in allen Städten des Landes Handelsagenten zu halten. 
o. ^'on den nach Bochara eingeführten russischen Waaren wird 
ein Zoll von höchstens 2 ' 2 Percent ihres Werthes erhoben. 4. Den 
russischen Kaufleuten ist die freie Durchreise durch Bochara nach 
den benachbarten Ländern gestattet. ') Dieser Vertrag ward am 
H. jNIai (18. Juni 1868) abgeschlossen, blieb aber freilich noch 
längere Zeit hindurch ein lodter Buchstabe. General Kaufmann 
selbst begab sich nach St. Petersburg, um über die jüngsten Er- 
eignisse ijersönlich Bericht zu erstatten. 

Im Uebrigen trachteten die Russen , sich baldmöglichst in 
Central-Asien häuslich niederzulassen und bequem einzurichten; 
heute fühlen sie sich in Turkestan schon wie zu Hause. Tasch- 
kcnd hat sein Casino, seine Festbälle luid seine Soirees miisfcales 
so gut als irgend welche europäische Stadt, wenn auch diese ge- 
sellschaftlichen Ressourcen noch nicht genug Anziehungskraft aus- 
üben, um die schöne und elegante Damenwelt aus den gewohnten 
(ienüssen von Paris und den deutschen Bädern an die Ufer des 
kaspischen jNIeeres zu verlocken. Vielversi;rechende Kohlenberg- 
werke haben sich dort aufgethan, ein Eisenbabnproject wetteifert 
mit dem andern , und neue AVasserstrassen und \'erkehrsmittcl 
durch diese weiten Gebiete sind in Aussicht genommen. Anfangs 
October ]8(i8 wurden die Landstrassen zwischen Bochara und 
Samarkand von den Lisurgentenbanden gesäubert, so dass der 
ilandelsverkehr seinen , ungestörten Anfang nehmen konnte. Der 
Hau einer Strasse im oberen Oxusthale nach Balcli und Iiadach- 
schän wird eifrig betrieben. Zmn Bau einer Eisenbahn von Samara 
in Russland nach ürenburg -) und von hier nach Taschkcnd und 



1) „Vugsburgcr Allgemeine Zeitung« 1860, Nr. 26 und 1872, Kr. 323. 

2) Man bealsiclitigte Anfangs 1871 mit dem Bau dieser Eisenbahn zu beginnen. 



Der Kriegszug nacli Samnrkand. 117 

Chokand treffen die Russen energische Anstalten , während die 
Anlafi;c eines Telegraphen durch die Steppe schon zu den wirk- 
lichen Dingen gehört. Jaxartes und Aralsee hahen schon längst 
ihre Flotillen von Danipfkanonenbooten , Oxus und kaspisches 
Meer sind im Begriffe, solche zu erhalten. Schon im letzten Tri- 
mester 1867 passirten nicht weniger als 250 Beamte durch Oren- 
burg, die alle nach TurkestJin gingen, um Hand in Hand mit den 
schon von früher dort sich aufhaltenden Functionären das I^and 
zu regieren. Leider waien dieselben noch der in Turkestan üb- 
lichen Sprachen, des Bocharischen und Persischen, mcistentheils 
unkundig. ') Trotzdem können die Russen in ihrer Art als vor- 
treffliche Colonisatoren gelten und bleiben auf dem asiatischen 
Boden selbst den Angelsachsen überlegen. Diese sind unübertreff- 
lich, wo es sich darum handelt, jungfräuliches Land zu colonlsiren 
und im Wege freier Vergesellschaftung neue Städte und Staaten 
zu schaffen; jene Kunst aber, barbarische und halbbarbarische 
Völker sich vollständig dienstbar zu machen und durch einen streng 
durchgeführten Amalgamirungsprocess sich zu verschm.elzcn, den 
die Russen längs dem ganzen Südrandc ihrer asiatischen Besitzungen 
mit so viel Erfolg durchführen , ist dem Engländer fremd. Der 
Angelsachse colonisirt wie der Hellene , der Russe aber wie der 
Römer. Seine Pionnicre sind nicht jene Squatters, die im Voll- 
gefühl einer schrankenlosen , freien Lidividualität sich nur ausser- 
halb der Heimstätten der Civilisation wohl fühlen, dieser um hundert 
Meilen voraneilen und den Pfad brechen , sondern die INIilitär- 
Colonisten. Mit dem System der INIilitär-Colonien wurden die 
nomadisirenden Tataren, Kalmyken und Kirghisen in den Organis- 
mus des russischen Staatsverbandes eingezw'ängt , zur Heerfolge 
und zum Steuerzahlen gewöhnt und allmälig auch für die voll- 
ständige Russificirung vorbereitet. Binnen 25 Jahren gehören die 
iV\nchkommcn jener wilden Sultane, welche an den chincsisch- 
ssibirischen Grenzen vor einem halben Menschenalter noch an der 
Spitze ilirer Horden ein wildes Räuberleben geführt, eben so zu 
dem gefügigen Militär- und Hofadel des Czaren , wie heute die 
Fürstensöhne aus Transkaukasien. -) Die Watten mussten frei- 
lich den Weg bahnen, aber Handel und Verkehr, die seit 1850, 



1) überhaupt ist der Mangel an Personen, die mit diesen Sprachen zurecht- 
kommcr!) ein sehr empfindlicher, und langt ein Schreiben vom Emir an, das natürlich 
persisch (die diplomatische Sprache des Landes) abgefasst ist, so muss man einen Sartcn 
(so hcisscn die Stadtbewolincr, die alle lochärisch und persisch sprechen), kommen lassen, 
der das Original in's Tatarische übertiägt, aus welcher Sprache es dann der officiclle 
Translateur in's Russische übersetzt. Eben so werden die Verordnungen, welche die 
Administration auf den Bazarcn zum Anschlage bringt, von Sarten in's Persische und 
Tatarische übersetzt. 

2) Die Russen in liajtra. („Presse," 2i. Januar 1869). 



118 Der Kriogszug nacli Samarkand. 

wiewohl mit einigen Unterbrechungen, auch im russischen Reiche 
fortwährend im Wachsen sich befinden , haben in Central-Asien 
gewaltigen Aufschwung genommen, und sogar viele preussische 
^^'a^ren fiiulen dort guten Absatz. Auch haben sich bereits manche 
Deutsche dort niedergelassen. In Taschkend gehört der vornehmste 
Gasthof und Restaurant einem Deutschen , der sehr gute Geschäfte 
macht. 1) Alle diese Fortschritte wandeln die kriegerischen Er- 
folge der Russen in dauernde Eroberungen um. ^) So hatte Russ- 
land den Ort Akmolinsk (Akmolly) im Gebiete der ssibirischen 
Kirghisen und Centralpunkt der taschkendischen und bochtirischen 
Karawanen 1862 zur Stadt erhoben; die ungünstigen Verhältnisse 
gestatteten aber noch kein regeres Leben; schon 1866 aber kamen 
im Laufe des Septembers allein 1500 Kameele an, und im Mai, 
Juni und Juli desselben Jahres sind am INIarkte von Akmolinsk 
AVaaren im Betrage von ITO.ijOO Silberrubel abgesetzt worden. 3) 
Laut den einander sehr ähnlichen Verträgen mit Chokan und 
Buchara finden die Waaren der russischen Kaufleute zu einem 
eben so geringen Werthzoll Eingang wie die der Moslims, luid 
dieselben scheinen sich ihre neuen Vergihistigungen Aveislich zu 
Nutze machen zu wollen. L'^eberall durch die ganze Tatarei folgt 
die Civilisation den Trupi)en des Czaren auf der Ferse nach, und 
selbst offene Gegner müssen anerkennen , dass dem Vordringen der 
russischen Macht in jenen Gegenden Central-Asiens wirklich eine 
civilisatorische INIission inne wohnt. ^) 

iSIit dem Chane von Chokan, Khudayar, nahmen die Be- 
ziehungen seit dem mit ihm abgeschlossenen Handelsvertrage einen 
friedliclien Charakter an, obwohl der grösste Theil seines Gebietes 
in dem russischen Reiche aufgegangen; er sendete sogar einen 
Gesandten ■'') nach St. Petersburg, den der Kaiser IMitte November 
1868 empfing, um aus dessen Händen ein Schreiben Khndayar's 
entgegenzunehmen. Der Gesandte gab die P^rklärung der vollsten 
Ergebenheit gegen den russischen Monarchen und der Bereitschaft, 
die russischen Interessen zu fördern, ab und protestirte energisch 
gegen das Gerücht, als wolle Khudayar-Chan dem Emir von 
Bochara in seinem Streite mit den Russen Beistand leisten. 
AVährend sich übrigens die Handelsbeziehungen mit Russland von 
Tag zu Tag mehrten, sah sich indess der Chan genöthigt, einen 
Feldzug zur Züchtigung Kaschgar's, Kuldscha's und Yärkand's 



1) „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" vom 9. Deccmbcr 1868. 

2) Die russischen Eroberungen in Mittelasien. (Beilage zur Augsburger Allge- 
meinen Zeitung" vom 23. Januar 1869). 

,3) Globus. 1867. Bd. XI. S. 128. 

4) „Augsburger Allgemeine Zeitung" vom 1. Januar 1869. 

5) Er traf am 29. October 1868 in Moskau ein. 



Der Kriegszug nach Samarkand. 119 

vorzubereiten, deren tributpflichtige Souveräne Chokan den Ge- 
borsani gekündet batten. 

Die Niederlage von Bocbära diente aucb dem übermütbigen 
Ilerrscber von Karicligar zur AVarnung, den die Russen übrigens 
für die Zerstüruiig ibrer Niederlassung am Naryn obnedies scbon 
gezüchtigt batten. Sie waren nämlich neuerdings mit bewaffneter 
INIacbt vorgedrinigen und hatten die Truppen des Kuscbbegi, welche 
die Grenze des Naryn vertbeidigten , in die P^lucbt gejagt. Im 
Jahre 1868 kam indess ein russischer Officier, Cajjitän Reintbal, 
auf Besuch zu Yakub Chan, w^elcher sich nunmehr eiitscbloss ein 
Gesuch um Frieden nach St. Petersburg zu richten; er entsendete 
zu diesem Bohufe seinen NefTen (oder Adoptivsohn) Scliadi Mirza 
nach dem Falle von Samarkand an den General-Gouverneur von 
Turkestän, welcher beim Eintreffen des Gesandten eben im Begriife 
stand nach St. Petersburg abzureisen, so dass Schadi Mirza sich 
entschloss, den General von Kaufmann dahin zu begleiten i). Um 
dieselbe Zeit ward die erste russische Karawane unter Fübrung 
des Kaufmanns Perwuscbin von Taschkend aus über Chokand 
nach Kaschgar entsendet. Die ganze Ladung dieser Karawane, 
ebenso wie der Cbludow'scbe über Ssemiretschensk eiugetroliene 
Waarentransport wurden von Yakub Beg zu sehr vortheilbaften 
Preisen erworben ''^). 

In Voraussicht freundlicher Beziehungen mit dem Kuscbbegi 
beschlossen ihrerseits nunmehr die Russen den Karawanenweg von 
Tokmak bis an die Grenze von Kaschgarien auszubessern, sowie 
eine Brücke über den Naryn an der Stelle zu bauen, wo die alte 
jetzt verfallene chinesische Brücke stand. Natürlich sahen sie sich 
vor und errichteten zugleich ein kleines Fort bei der Brücke zur 
Bescbützung der Strasse sowie der Bevölkerung im Süden des 
Issi-Kul gegen die Einfälle der Bewohner von Kaschgar. Im 
Herbste 1868 waren diese Arbeiten beendet, so dass eine Com- 
pagnie Infanterie und ein Sotnia Kosaken im Fort garnisoniren 
konnten ^). 

Während verlautbarte , der von General Kaufmann mit dem 
Emir von Bochara abgeschlossene Frieden sei vom Kaiser von 
Russland nicht bestätigt worden , und die Zeitungen verkündeten, 
dass mit Ende October die Feindseligkeiten gegen Bocbära wieder 
begnmen würden, welche beide Angaben der „Russische Invalide" 



1) Einer Nacluiclit aus Calcutta, 26. October 1868, zufolge, sollte indess ein 
russisches Corps Kaschgar, die Hauptstadt des Yakub Kusch-Begi bedrohen, und der 
russische Befehlshaber von Letzerem die Erlaubniss zu Cantonnirungcn an verschiedenen 
Punkten, namentlich in Gumah zwischen Chotan und Yärkand, verlangt haben. 

2) Globus. XIV. Bd. S. 380. 

3) Ausführliches über diese Vorgänge siehe in\ „Journal de St. Pctersbourg" vom 
56. Mai bis 7. Juni und 31. Mai bis 12. Juni 1868. 



12Ö Ttov Ivriogszug nach Samarkand. 

alsbald als völlig grundlos bezeichnete, scheint Mozaffer-Chan in 
seinem eigenen Reiche am meisten bedroht worden zu sein. Die 
Xachrichton über diese Ereignisse in Bochara sind noch sehr vcr- 
Avorren und gestatten keinen klaren Einblick in die Verhältnisse; 
dass eine starke russenfeindliche Partei im Lande vorhanden, und 
zu dieser vorzüglich die fanatische Geistlichkeit gehörte, ist gewiss; 
allem Anscheine nach verübelte sie dem Emir-el-Muminin , dem 
Oberhaupt der Gläubigen, den Friedensschluss mit den verhassten 
Russen, denn der Emir soll von dieser Partei in's Gefängniss ge- 
worfen worden sein, was die Russen, die im September 1808 
ohnehin militärische Verstärkungen ^) nach Turkestän gesendet 
hatten, um den Bestand der dortigen russischen Armee zu erhöhen, 
veranlasste, zu seiner Befreiung auf Bochara zu marschiren. Pa 
trat mit grosser Bestimmheit das Gerücht auf, dass Mozaffer-Chan 
um die Mitte August 1868 plötzlich einer Krankheit, wenn 
nicht Schlinmierem, erlegen und sein Sohn, ein Knabe, der bei 
einem Verwandten in Schehr-i-Ssebz erzogen wurde , ihm in der 
Regierung gefolgt sei. Während schon alle Blätter Eurojjas die 
weitsichtigsten Combinationen an dieses Ereigniss knüpften, stellte 
es sich heraus, dass Mozaffer-Emir keineswegs gestorben, vielmehr 
in neue innere Kämpfe vorwickelt sei. Nach der Niederlage 
von Samarkand hatte nämlich, wie wir gesehen, INlozaflFer-Eddin- 
Chan sich zur Zahlung einer Kriegscontribution und zum Schutze 
des russischen Handels verpflichtet. Gleich nach Abschluss dieses 
Friedens erhob sich aber gegen ihn sein ältester Sohn Abdul- 
]\Iolik, dessen Titel Kette-Töre (grosser Prinz) ist, unterstützt von 
den Schehr-i-ssebzer Begs ; auch die Steppenbewohner unter ihrem 
Bundesgenossen Sadik standen auf. Südlich von Samarkand, etwa 
21 Meilen von dieser Stadt, dehnt sich jenseits des die Grenze 
bildenden Altyn-Dagh der erwähnte Staat Schehr-i-ssebs aus. Er 
hatte zu Bochara gehört, aber von diesem sich unabhängig zu 
machen gewusst ; die Bewohner sind äusserst tapfer, kriegerisch 
mul zu Raub- und Beutezügen geneigt; mit den Waffen wissen 
sie vortrefflich umzugehen , namentlich sind sie gute Schützen. 
Alle Bemühungen des Emirs voil Bochara Schehr-i-ssebs wieder unter 
seine Botmässigkeit zu zwingen, waren vergeblich gewesen; der 
kleine Staat, an dessen Spitze zwei Begs, Baba-Beg und Dscliura- 
Beg standen, wusste seine Unabhängigkeit zu behaupten, ja er 
ging sogar in die Oflensive über, und setzte den Bocharen hart zu. 
Von Schehrisebs erhielt Abdul-Melik die nöthige Unterstüzung und 
beinahe wäre es ihm gelungen seinen Vater vom Throne zu 
stossen -). Abdul-]\Ielik begab sich nunmehr nach Karschi, liess 



1) Angeblich 10 Regimenter. 

2) Der Folzug der llusacn gegen Schehrisebs. („Allg. Zeitg.« 1870, Nr. 200). 



Öcr Kriegszüg nach Siininrkaiut. 121 

sicli dort zum Emir von Boclulra ausrufoii und begann energisch 
den Krieg gegen seinen Vater INIozaffer-Clian zu führen. Schon 
galt dieser für verloren , als Generalmajor Ahramow , Chef des 
zerafschän'schen Bezirkes, vom General Kaufmann Ordre erhielt, 
dem Emir Mozafter-Chan Hilfe zu leisten, falls er darum bitte. 
Die Russen besorgten nämlich, dass der Emir unterliegen und der 
Friedensvertrag, der nach asiatischer Sitte den Nachfolger nicht 
bindet, ausser Kraft treten könnte. In der That sah sich der 
Emir, von allen Seiten verlassen, gezwungen, die russische Hilfe 
in Anspruch zu nehmen. Die russische Intervention erfolgte, in- 
dem 7 Compagnien Infanterie, 2 Sotnien Kosaken, 6 Raketen 
und 6 Rohrgeschütze bei Dzanm ) (wahrscheinlich Djam , auf 
Kiepert's Karte von Turan etwa halben Wegs zwischen Samarkand 
und Karschi) concentrirt wurden; im INIonate October 1868 rückten 
die Russen gegen Karschi vor, schlugen daselbst am 21. den 
Prätendenten und zersprengten seine etwa 8000 Mann starke 
Armee; dann ward am 23. October die Stadt selbst erobert und 
den Trujjpen des Emirs zurückgegeben, während die Russen schon 
am 30. October um Dzamu ihre Winterquartiere bezogen 2). 

Abdul-lNIelik, der Kette-Töre (Katty-Tura auch Katty-Türja 
geschrieben), flüchtete Anfangs zu den Begs von Schehr-i-ssebs, 
die ihm jedoch ein Asyl verweigerten, und weiter nach Hissar, 
wo er ebenfalls keine Aufnahme fand. Nach den Bei-ichten des 
Generalmajors Abramow vom 18., 23., 26. December 1868 hatte 
Abdul-jMelik den General nm ein Asyl und die Vermittlung 
zwischen ihm und seinem Vater gebeten. Da ihm Verzeihung zu- 
gesagt wurde, beschloss er, sich mit seinem 300 Mann zählenden 
Gefolge nach Samarkand zu begeben. Unterwegs reizte jedoch 
Nasar-Beg die Leute gegen Abdul-Melik auf und verlangte von 
diesem, dass er in das Innere Bochara's eindringen und, die Ab- 
wesenheit des Emirs benutzend, die Städte Karschi und Karmina 
einnehmen solle. Er Acrliess also die Strasse von Dzamu und begab 
sich im forcirten Marsche durch die Steppe nach Karschi, wo er 
am 14. December eintraf und den dortigen Beg, Rachmet-Bey, der 
ihm entgegengekommen , tüdteu Hess. Nach kurzem Aufenthalte 
in Karschi, welches er der 01)hut der Aksakalen anvertraute, brach 
Abdul-jNIelik nach Karmina auf und liess auf dem Marsche dahin 
viele dem Emir ergebene Leute hinrichten. Als General Abramow 
Alles dieses erfuhr, meldete er es sofort dem Emir und bat ihn, 
schleunigst mit Truppen in Bochära einzurücken; er selbst brach 
am 19. December nach Katty-Kurgan auf, wo man auf seinen 
Befehl die Trup^ien zusanmiengezogen hatte. Der Emir rückte mit 



1) Die „Köln. Zeitung" schreibt Dschuiiia. 

2) Siehe „Köln. Zeitung" Nr. 7 vom 7. Januar 1S63. 



iQ 



122 Der Kriegszug nach Samarkaiul. 

allen seinen Truppen, die, wie man sagt, 15.000 Mann stark 
waren und 18 Geschütze mit sich führten, aus Karschi gegen 
Karinina vor. Um dieselbe Zeit hatte sich auch Abdul-Melik 
dieser Stadt genaht und den Beg aufgefordert, sich zu ergeben. 
Als er aber von dem Anmärsche des Emirs Kunde erhielt, floh er 
nach Nür-Atta, wohin der Emir nach seinem Einzüge in Karmina 
ein leichtes Detachement entsendete, welches den Flüchtling ver- 
trieb, der den Weg nach Cliiwa eingeschlagen haben soll, sich 
aber in Begleitung Chodscha-Seid-Ahmeds, seines ehemaligen Hof- 
meisters luid Ilauptrathgebers, an den Hof von Kabul Hilfe suchend 
begab '). Der Emir schrieb dem General, dass er die Begs von 
Schehr-i-ssebs in Verdacht habe, an dieser AfFaire Theil genommen 
zu haben. So lange dies noch nicht erwiesen, beschloss General 
Abramow, Nichts gegen diese Begs, die sich jetzt sehr gut gegen 
ihn verhielten, zu vuiternchmen, sie aber scharf zu beobachten. 
Nachdem er den Emir noch gebeten, den Sohn bis auf's äusserste 
zu verfolgen und in die Städte Nür-Atta, Karmina und Karschi 
eine stärkere Garnison zu legen, entliess er die zusammengezogenen 
Truppen und kehrte am 22. December nach Samarkand zurück. 
Dieses Zusammenziehen der Truppen hat das Kesultat gehabt, dass 
die Bewohner der vorzüglichsten Städte Bochära's erklärten, es sei 
ihnen uimiöglich, Abdul-Melik zu unterstützen, da, sobald er eine 
Stadt besetze, dies auch sogleich die Ankunft der Russen in der- 
selben zur Folge habe. Darauf herrschte sowohl in Turkestan 
wie auch in Bochära vollständige Ruhe. Seitdem ist auch Emir 
Mozatter der ^Mann der Russen, und fliesst über von Dankbarkeit 
und Geschenken an seine Beschüizer; Ende 1869 sendete auch 
er seinen vierten und jünsten Lieblingssohn Abdul-Fettah-Mirza, 
einen zwölfjährigen Knaben mit einer Gesandtschaft nach St. Peters- 
burg, theiis um den Schutz Knsslands für die Zukunft anzurufen, theils 
um den laut Friedensvertrag an die russische Regierung schuldigen 
Tribut zu zahlen; dagegen soll Russland übernommen haben dem 
Prinzen die Thronfolge in Bochära zu sichern. Der Czar empfing 
den Sohn und die Gesandtschaft des Emir am 3. November 1869, 
und sprach dabei den Wunsch aus, dass die freundschaftlichen 
Beziehungen zwischen Russland uiul Bochära, ohne Verschulden 
Russlands unterbrochen , sich wieder befestigen und entwickeln 
möchten ; er sehe darin dass der Emir seinen Sohn gesendet habe, 
einen Beweis für die Aufrichtigkeit seiner Versicherungen. Hierauf 
überreichte die Ciesandtschaft dem russischen Herrscherpaare folgende 
Geschenke des Emirs in der bei den turko-tatarischen Völkern 
üblichen Neunerzalil: 1) Einen Ring mit einem Diamant von be- 



1) Eine nouo Wendung in der ccntralasiatischen Frage, von H. Viinr,6ry (Allg. 
Zeitg. 1S69, Nr. 3U8> 



Der Kriegszug nnch Ramnrknnd. 123 

merken swerther Grösse ; 2) einen Damenkopfputz, mit kostbaren 
Steinen verziert; 3) ein silbernes, mit Türkisen verziertes Gescbirr für 
die binnen kurzem zu erwartenden vier turkestäniseben Hengste; 4) drei 
Pelze von scbwarzem Pfcrdefell , mit dem feinsten Kasclimirstoft' 
überzogen ; 5) drei Pelze von grauen Lämmerfellchen , mit dem 
bocbäriscben Stoffe „Scbali" überzogen; 6) zwei Kaschmirkleider; 

7) ein Stück ungewöhnlich feinen und vorzüglichen Kaschmirs ; 

8) achtzehn Stück dortigen Seidenstoffes ; 9) achtzehn Stück des 
„Attres" genannten Ilalbseidonstoffes. Am 18. December verliess die 
Gesandtschaft die Hauptstadt, nicht ohne dass vorher der Kaiser die 
ihm gemachten Geschenke in entspechender Weise erwiedert hätte. Er 
übersendete: für den Emir: eine Brillantfeder zum Turban, ein sil- 
bernes Thee-Service, ein Gewehr^ eine bronzerne Tischuhr, und einige 
Stücke Seidenstoff; dem Sohn des Emirs, Tura-Dshan: einen 
orientalischen Rock von SilberstoflP, einen mit kleinen Brillanten 
und anderen Steinen verzierten Gürtel; ein silbernes Reisenecessaire; 
dem Oheim des Emirs: eine mit Brillanten besetzte goldene Tabaks- 
dose mit einer Uhr, einen orientalischen Rock von Sammet, einen 
Revolver und einige Stücke Seidenstoff; dem Mirza-Mirarchur : 
einen silbernen Becher, einen orientalischen Rock von Sammet, 
einen Revolver und einige Stücke Seidenzeug; dem Secretär der 
Gesandtschaft: eine goldene Uhr mit Kette, ein Portefeuille, einen 
Compass und einen Rock. Jeder der Diener erhielt einen Rock 
und eine silberne Uhr. 

Durch den Austausch dieser Geschenke war die Freundschaft 
zwischen Russen und Bochären befestigt imd ist dieselbe seit- 
dem wenigstens äusserlich auch nicht gestört worden. Die Russen 
trachteten demnach sich in Bochära so gut als möglich häuslich 
einzurichten; die russischen Soldaten wanderten in den Strassen 
von Bochära umher ohne von der Bevölkerung belästiget zu werden; 
in Samarkand leben sie in der Citadelle, nur der Befehlshaber 
wohnt in der Stadt selbst, jedoch so dass er sich imter dem 
Schutz der Festung befindet imd jeden Augenblick dahin zu- 
rückziehen kann. In der Stadt selbst ist das Leben still und ge- 
fahrlos, und die Citadelle in einer Weise befestigt dass keine 
bochärische Armee sie in Gefahr zu bringen vermöchte. So ver- 
hält es sich auch mit den übrigen Befestigungen des Landes. Die 
Citadelle in Samarkand, die Paläste des Emirs und des Beg haben 
ihren asiatischen Charakter nahezu vollständig verloron. Der 
Palast des Emirs ist in ein Lazareth und Proviantmagazin umge- 
wandelt worden, während im Palaste des Beg die verschiedenen 
Verwaltungen untergebracht sind. Die Absicht, die Moscheen in 
griechisch-orthodoxe Kirchen umzugestalten, wurde an einer Moschee 
wirklich vollzogen. Die Officiere der Garnison errichteten sich 
einen Club. Dagegen herrschte besonders anfänglich ein empfind- 



1'2-i !*<"'' Kriogsziig iincli SnmnrkniiJ. 

lieber ^Mangel an Kaufleutoii, und die wenigen vorhandenen waren 
mit allem unnützen Kram, mit Toilettegegenstiinden, Kinderspicl- 
sachen, buntem Frauenflitter u. dgl. m., nur nicbt mit Dingen ver- 
sehen, die zum täglichen Verkehr und zum Leben gehören. Was 
noch an ^laterial- und ^Manufactur-Waarcn nach langem Warten 
erlangt werden konnte, war theils halb unbrauchbar, theils uner- 
schwinglich theuer, oder gar beides zusanmien. Endlich waren 
eine Art Restaurant vorhanden und zwei Bäcker, ein Tartar und 
ein Deutscher. Später verirrte sich sogar ein Taschenspieler, und 
einige Monate darnach ein Italiener mit einem liCierkasten und 
einem Aften bis in das Herz von Asien. Anfangs 1870 begann 
eine russische Zeitung, die ,,Turkestanskija Wicdomosti-', für 
Turkestan in Taschkend zu erscheinen ^). 

Während die Russen sich bemühton die Mängel der ersten 
Situation in den neu erworbenen Ländern nach Kräften zu be- 
seitigen, war ihr Hauptaugenmerk zugleich auf die Ausbeute ihrer 
natürlichen Schätze gelenkt. Eine zu diesem Rehufe gegründete 
„Gesellschaft zur Belebung von Handel und Industrie'' verfolgte 
die Idee in den mittelasiatischen Provinzen Baum^\olle zu ziehen, 
um sich von Amerika unabhängig zu machen, und schickte eine 
Deputation an den Grossfürsten Constantin Nikolajewitsch sowie 
an den Fürsten Gortschakow, damit sie sich für das Baumwollen- 
jDroject interessiren. Beide sagten auch ihre Sympathien zu. Es 
liegt im Plane der weitausschauenden Baumwoll-Enthusiasten, dass 
der Amu-Darjä vom Aralsee ab-, und in das Kaspische ISIcer, bei- 
läufig seinem alten Bette folgend, hincingeleitet werde. Gleichzeitig 
ward die Herstellung einer stehenden Verbindung zwischen Russ- 
land und Turkestan in's Auge gefasst, und zu diesem Zwecke die 
]5enützung von drei Strassen A-orgeschlagen. Die erste, eine Eisen- 
bahn zur Verbindung Orenburgs mit Taschkend , erregte wegen 
ihrer schweren Ausführbarkeit unter den herrschenden Verhält- 
nissen Bedenken, und es ward daher einstweilen von dem Projcct 
abgesehen. Die beiden andern Verkehrsstrassen sind Wasser- 
strassen, die sich auf die Schiff'barkeit der Flüsse Ssyr- und Amu- 
Darjä gründen. Der Wasserstrasse des Amu-Darjä, die von der 
Wolga durch das Kasjuschc Meer, die turkestänische oder hyr- 
kanische Stejjpe, das Chanat Chiwa, und auf dem Amu-Darjä 
durch Bochära nach Taschkend uiul Cliokan führt, wurde als der 
bequemsten (?) und kürzesten (V) der \'orzug gegeben -). In Ver- 



1) Ausland 1870. S- 114. 

2) Vgl. liicinit den Aufsatz II. Viinibery's: Russlands Plane auf die Oälküste 
des KnspiscUpn Mccrc8 in der „Beil. zur Allg. Zeitung" 186), Nr. 36t, dann: Kückijlick 
auf dir Politik der auawär'.igen Grossniilchtc im „Ausland" 1870, S. 67—68, und abermals 
H. Vambery: die russische Handclsstrasse auf der Ostküste des Kaspischen Meeres in 
der -Beil. zur Allg. Zeitung« 1870, Mr. 3-1. 



Der Krirgszug nnch Snmarkand. 125 

biiiduiig damit cutschied man sich für eine Strasse von dem öst- 
lichen Ufer des Kaspischen INIceres, und zwar von der Krasnowodsk- 
Ikicht nach dem Amu-Darja, imd empfahl deren möglichst schnelle 
Verwirklichung auf das angelegentlichste. Die auf dem Kaspischen 
Meer und auf der Wolga verkehrenden Dampschiffe würden die 
Verbindung mit ^loskau herstellen '). Freilich gehört zur praktischen 
Nützlichkeit dieser Amu-Route noch ein Umstand, nämlich der 
vollständige Besitz dieses Stromes, der gegenwärtig noch zum 
grossen Theile das Gebiet des von Russlaud nicht unterworfenen 
Chanats Chiwa bewässert. 



1) Siehe über dieses Strassciipi-ojcet : „Kusslands Plane auf die Ostküstc des 
Kaspischen SIccres" von II. Yanibery. (Beil. der Allg. Zeitg. 186\ Nr. 3G4), dann: 
desselben: „Kussische Ilnndelsslrasscn auf der Ostküste des Kaspischen Meeres." (Beil. 
der AIl^ Zeitg. 1870, Nr. 31), wo die Mängel und Nachtlieilc dieser Uoutc erörtert werden. 



XI. Capitel. 

Die Operationen gegen Cliiwa. 

Da wohl kaum darüber ein Zweifel bestehen konnte , dass 
Russland früher oder später auch jene Strecken des Amu-I)arjä 
erwerben müsse, in deren Besitz es sich noch nicht befindet, so 
verfehlte man nicht, die Regierung ziemlich energisch zur Action 
zu drängen; Krasnowodsk ward wirklich in aller Eile zu einem 
festen Waifenplatze eingerichtet ^) , starke Truppenabtheilungen wur- 
den daselbst zusammengezogen, der Generalgouverneur von Turkestän, 
General v. Kaufmann, inspicirte die übrigen befestigten Plätze und 
Hess sie angemessen verstärken, kurz alles deutete auf einen bevor- 
stehenden Krieg mit Chiwa hin, und dieser würde wohl aller Wahr- 
scheinlichkeit nach damals zum Ausbruch gelangt sein , wenn 
nicht um jene Zeit eine Erhebung der nördlichen Kirghisen statt- 
gefunden hätte. Diese Bewegung soll von den donischen Kosaken 
ausgegangen sein , welche der neuen Organisation des Kosaken- 
Heeres, die vom Kriegsministerium in St. Petersburg beschlossen 
ward, .sich nicht unterwerfen wollten. Die Kalmyken und Kir- 
ghisen schlössen sich — wie sie es schon in früherer Zeit wieder- 
holt gethan — den Kosaken an. ''^) Nur die Kirghisen im Gebiete 
Turgai blieben ruhig ; General Leon von Ballusek ^) bewog den 
Tschiklinskischen Stamm, die neuen A'erordnungcn anzunehmen 
und aus Barsuki nach dem Xomaden-Sommerterrain aufzubrechen; 
dagegen erstreckte sich die aufständische Bewegung von den 



1) Am 10. November 1869 ging Gmoralstalsoborst Stoljetow mit 1 Bataillon des 
88. Daghcstän'schen Regiments, 1 Sappeur-Commnndo von 30 Mann, 70 Kosaken, 1 Zug 
Gebirgsartillerie und 1 unbespannte Division Fcldartillerie auf 2 Dampfschiffen von 
Petrowak am Westufer des Kaspisees ab und landete am 17. und 19. November an der 
llucht von Krasnowodsk, bei dem Thale von Kumodag, wo sich die Brunnen Schagadam, 
Suidschekui und Balkui befinden. 

2) Hierbei niuss bemerkt werden dnss die (Ionischen Kosaken wie die Kalmyken 
und Kirghisen niemals übermässig treue Untrrtbanen Kusslands gewesen sind, und schon 
wiederholt — zumal unter Pugatschew — blutige Aufstände und Kriege hervorge- 
rufen haben. 

3) Präsident der Section der kais. russ. geographischen Gesellschaft zu Orcnburg. 



Die Oporationcn gegen Chiwa. 127 

donischen Kosaken auf die übrigen kalmykischen und kirghisischen 
Steppenvülker am Don, an der Wolga und längs der uralischen 
Grenze. Die Hauptmaclit der Rebellen bewegte sich am rechten 
Ufer des Uralflusses, aufwärts der Stadt Uralsk zu, die in Yer- 
theidigungszustand gesetzt worden war. Die russischen Ansied- 
lungen in jenem europäisch-asiatischen Grenzstrich geriethen natür- 
lich in grosse Aufregung, und viele auf dem Fhichlande und in 
den Stejjpen zerstreute russische Familien flüchteten mit ihrer Habe 
nach den befestigten Plätzen. Die 16S Mann zählende Besatzung 
von Uralsk erlag einem Ueberfall von etw-a 12.000 Mann und der 
Handel lag alsbald gänzlich darnieder, die Karawanen vom Ssyr- 
Darjä hörten auf zu verkehren. Eigentliche Befürchtungen er- 
weckte indessen die Bewegung nicht, da Russland schon so 
manchen Aufstand unterdrückt hatte , und der Mangel an einheit- 
lichem Handeln der gegen einander feindselig gesinnten asiatischen 
Stämme hoffen Hess, dass der Widerstand ohne grosse Schwierig- 
keiten zu überwinden sein werde. 

Allein die Rebellion, welche die Russen endlich 1869 für 
immer niedergeworfen zu haben glaubten , brach mit Eintritt der 
wärmeren Jahreszeit 1870 wieder mit aller Heftigkeit aus, haupt- 
sächlich von den Chiwensern unterstützt und genährt, die als un- 
erbittliche F'einde Russlands beständig bestrebt sind, den russischen 
Interessen den grösstmöglichen Schaden zuzufügen. So hatte denn 
Russland fast den ganzen Sommer 1870 zu thun, ehe es in den 
weiten Steppengebieten die Ruhe wieder völlig herstellen konnte. 
Das Fort Nowo-Alexandrowsk am Mertwyi-Kultuk-Busen des 
kaspischen Meeres ward zuvor noch von den Kirghisen genommen 
und verbrannt, die Garnison aber niedergemacht. Diese Nachricht 
spornte natürlich die russischen Befehlshaber zu erneuerter Thätig- 
keit an und es gelang ihnen endlich des Aufstandes Herr zu 
werden; der eigentliche Kriegszug gegen Chiwa ward aber durch 
diese langwierigen Operationen bis auf die Gegenwart verschoben. 
In diesem Augenblicke rüsten sich die Russen, so scheint es, das 
letzte Bollwerk der mittelasiatischen Völker turkomannisch-tatarischer 
Race, das Chanat von Chiwa, zu bewältigen. 

Während dieser Vorgänge in der Kirghisensteppe hatten sich 
in den Chanaten die Dinge anscheinend wenig geändert. Bochara 
hatte sich seit zwei Jahren mit merklicher Ruhe in sein unab- 
wendbares Geschick gefügt, während der frühzeitige und wahr- 
scheinlich gewaltsame Tod des Kette Tore eine grosse Fraction 
der unzufriedenen Mollahs hatte verstummen lassen. MozafFer Eddin 
indess , trotz seiner ostentativen Freundschaft für die Russen 
und besonders für den Generalgouverneur v. Kaufmann hoffte im 
Stillen immer noch auf Rückerlangung seiner früheren Macht, wie 
aus den Missionen hervorgeht, welche er an die Höfe von Kabul 



1^8 i3it Operationen gpgftn Cliiwa. 

niul Constantinopol absandte. Antlors lagen die Dinge in Chokan. 
Clnidayar-Chan war von Jugend her als Tölpel und Wüstling be- 
kannt und Hess es sich in seinen alten Tagen im Schatten der 
russischen Suzeränität recht wohl ergehen; an seinem Hofe wurde 
sogar ein recht munteres, sorgenloses Leben geführt. Chiwa allein 
verhielt sich wie von jeher feindselig gegen Russland. Diesen 
Staat, räumlich den ausgedehntesten der drei Chanate, denn seine 
Südgrenze wird durch den Nordrand der iranischen Gebirgskette 
bis Herat gebildet, hatten stets die Engländer für ihre Interessen 
zu gewinnen getrachtet, da er so zu sagen der Schlüssel ist zu 
der für sie hochwichtigen Position von Herät. Die Missionen 
Conolly's, Abbott's und Shakesiiears in früheren Jahren hatten 
keinen anderen Zweck gehabt. Auch in Chiwa herrscht ein blöder 
Fürst, Feld INIuhammed Chan, dessen Bruder stets von Ojiium 
betäubt ist. Die inneren Zustände des Chanats sind arg zerrüttet; 
die Centralgewalt der Regierung ist viel schwächer als in Bochrira, 
die Beamten-Aristokratie, die sogenannten Sipahis , gänzlich ver- 
armt und dadurch machtlos. Im grossen Ganzen scheinen die 
Russen von den Usbekenstaaten wenig zu besorgen zu haben , ja 
sie fanden sich sogar veranlasst für den Emir Mozaffer Eddin eine 
kleine Eroberung zu machen. 

Seitdem sie dem Emir von Bochilra wider seinen Sohn und 
die mit diesem verbündeten Beg's von Schehr-i-ssebs beigestanden, 
war das Verhältniss zwischen Russland und diesem kleinen aber 
unruhigen Staate ein feindliches geblieben. Im Laufe des Sommers 
1870 unternahm nun der in Samarkand stationirte russische General 
Abramow eine wissenschaftliche Expedition nach Westen hin, um 
das Quellgebiet des Zerafschan zu durchforschen; er musste hiezu 
eine grössere Anzahl Kosaken mitnehmen, und Samarkand dadurch 
etwas entblössen. Der Zweck der Expedition wurde auch erreicht; 
am 25. Mai war die Quelle des Zerafschan aufgefunden. Während 
Abramow" auf dieser Expedition abwesend war, glaubten die Begs 
von Scher-i-ssebs den Augenblick gekommen, um ohne Gefahr i)lün- 
dernd in das Gebiet von Samarkand eindringen zu können. Unter 
einem gew-issen Aidar-Chodschi überfielen sie die Kosakenstationen 
im Altyn-Dagh , plünderten die Grenzdörfer und vertrieben deren 
Bewohner. Jetzt musste energisch vorgegangen werden. 

Im Anfang August 1870 wurde ein Theil der Besatzung 
Samarkands zum Kriegszug aufgeboten. General Abramow erhielt 
den Autrag, mit 1 Bataillon Infanterie, 2 Sotnien Kosaken und 
8 Geschützen die ILauptstadt von Scher-i-ssebs, Kitab zu erobern. 
Gleichzeitig wurde eine kleinere Truppenabtheilung unter Oberst- 
lientenant Sokawnin nach der Schlucht von Kara-Tjabe abge- 
sandt. Der Feldzug glückte über Erwarten. Kitab, welches für 
Uneinnehmbar galt, ward am 14. Aug. erstürmt, wobei die Russen 



bic Operationeir gogeii Chiwa. 12') 

1 todten und 8 verwundete Ofliciere, 18 todte und 100 verwundete 
Soldaten verloren. Die andern Orte von Sclier-i-s?<ebs ergaben sieh 
nun ohne Schv^-ertstreich. 

Es war nicht die Absicht der Russen , den kleinen Staat 
einzuverleiben, aber selbständig sollte er auch nicht bleiben. Sie 
übergaben ihn daher seinem frühern Herrn, dem Emir von Bochära, 
der die festen Plätze auch nach dem Abzüge der Russen besetzte. 
Scher-i-ssebs, das von der Karte jetzt zu streichen ist, steht damit 
aber völlig unter russischem Eintluss, und der Emir muss es sich 
gefallen lassen, dass gelegentlich seine Bochärcn durch die Kosaken 
wieder abgelöst werden. ') 

Wichtiger aber als die drei Chanate war der im benachbarten 
Ostturkestan erstandene Staat des Atalik Gliazi geworden. Yakub 
Beg hatte längst seine Herrschaft über das CJebiet von Altyschar. 
der ehemaligen „sechs Städte'' ausgedehnt und sich allmälilig zum 
Herrn des grössten Tlieiles von Tian-Schan Nan-Jju gemacht. 
Neben dem Reiche des Atalik ühazi bestand in der Dsungarei nur 
noch das Chanat von Kuldscha, welches gleich jenem des Kuschbegi 
dergros.sen muhammedanischen Erhebung der Dunganis im Jahre lS(i4 
seinen Ur.sprung rerdankte. Die chinesische Regierung, mit der 
Bekämpfung der Taiping vollauf beschäftigt, überlies die Dsungarei 
den Rebellen, welche wie wir oben erzählt, einestheils unter dem 
Chokanzen Yakub Beg den Staat von Kaschgar errichteten, anderer- 
seits in den hauptsächlich von Mongolen bewohnten Laiulestheilen 
ein Oberhaupt ihrer eigenen Nation wählten, Namens Abal OghlAn, 
der seine Residenz in Kuldscha aufschlug. ) Der Ijcdeutendere 
der zwei Staaten blieb aber zweifelsohne Kaschgar, dessen Nähe 
zu den neuen russischen Erw erbungen in Mittelasien leicht zu un- 
liebsamen Einmischungen Anlass geben konnte. Zudem ist die 
Rolle des Atalik Ghazi den Russen gegenüber bis zur heutigen 
Stunde eine im höchsten CJrade zweideutige gewesen. Wie er- 
wähnt, hatten die Russen nach dem Besuche des Capitän Reinthal 
in Kaschgar ein Fort am Naryn errichtet, das nur 8 ^Meilen von 
der Hauptstadt des Kuschbegi entfernt, von diesem natürlich nicht 
mit freundlichen Blicken betrachtet wurde. Er begaim daher nüt 
den Engländern zu liebäugeln und empfing einige brittische Privat- 
reisende, wie Hayward und Shaw mit ausnehmender Zuvorkommen- 
heit; ja er äusserte sich diesen gegenüber ganz unumwunden, 
nichts wäre ihm erwünschter mid sehnlicher als eine Connexion 
mit der englischen Regierung in Indien. Da einerseits englische 
Waarenballen in den Bazaren von Yärkand und Kaschgar noch 
immer zu den grössten Seltenheiten gehören, anderentheils die 



1) Dor Feldr.ug der Russen gegen Scheriaeljs. („Allg. Ztg." 1870 Nr. 2;)G.) 

2) Die Rusaen in Centralasien. („Allg. Ztg.« 1873 Nr. 29.) 

16 



130 Öie Öpcraliönen gegen Clnwfl. 

politische Wichtigkeit eines guten Einvernehmens mit dem in der 
russischen Flanke herrschenden Atalik Cihazi zu sehr in die Augen 
sprang, entschloss sich die brittische Kegierung in Calcutta zu 
einer Mission an den Hof von Kaschgar. Herr T. Douglas Forsyth, 
politischer Commissär zu Dschelender, begleitet von dem Reisen- 
den R. Shaw und dem indischen Kaufmann Tara Singli wurde mit 
dieser wichtigen Sendung betraut, bei welcher indess die Engländer 
Fehler auf Fehler häuften. Nicht nur in der Zeit beschränkt, ward die 
Mission auch noch mit kärglichen Geldmitteln ausgestattet. Als 
sie dann vollends durch den ^'errath der Kaschmirer Beamten, 
wobei der Maharadscha selbst nicht ganz rein gewaschen werden 
kann, in den unwirthbaren Gegenden des Tschaiig-Tschenmo-Passes 
bald ausgehungert wurde und nur bis Yarkand vorgedrungen das 
Missgeschick hatte, dort eben während der Abwesenheit des Kusch- 
bcgi einzutreflen, musst^ dieselbe nach einem höchstens vierwüchenl- 
lichen Aufenthalte, den sie ühcrdiess in einer ehrenhaften Gefangen- 
schaft zubrachte , ohne den Atalik Ghazi auch nur gesehen und 
die nüthigen Stipulationen mit ihm vereinbart zu haben, völlig un- 
verrichteter Dinge wieder heimkehren. Die brittische Mission war 
also total gescheitert, wohl zunächst in Folge der Kurzsichtigkeit 
der englischen Diplomatie. Ob Yakub Chan seinerseits dabei einem 
russischen Winke gehorcht habe, müssen wir dahingestellt lassen. 
Diess geschah 1870. 

Mochte dem nun sein wie inuuer, keinesfalls war Yakub 
Chan's Gehorsam gegen die Russen autrichtig, wie die späteren 
Ereignisse lehren. Er versöhnte sich nämlich mit dem Fürsten 
von Bochära , dem er seit mehreren Jahren feindlich gesinnt ge- 
wesen , und wusste dessen geheime Wünsche so rege zu machen, 
dass beide gemeinschaftlich gegen Russland Stellung nahmen, indem 
sie eine Armee von 29.000 ^lann an die russische Grenze vorrücken 
Hessen. Diesem Bunde sollten noch die Chane von Chokau und 
Chiwa beitreten, mit Einem Worte die islamitischen Fürsten der 
russisch-centralasiatischen (irenzgebiete in gewaltiger Liga zum 
„heiligen Kriege" gegen die Christeufeinde sich verbinden. Lange 
Unterhandlungen erfolgten daher am Hofe zu Kaschgar, denv 
Mittelpunkte der Coalition, deren Absichten indessen den Russen 
nicht verborgen blieben. Diese führten denn zunächst einen Schlag 
aus, der den Atalik (Jhazi stutzig zu machen geeignet war. Sie 
besetzten nämlich das ihm benachbarte Chanat Kuldscha. 

Die Russen hatten schon seit lange ihre Augen auf dieses 
Land geworfen. Schon in dem am G. August 1851 in Kuldscha 
abgeschlossenen Vertrage hatte die chinesische Regierung den 
russischen Karawanen den Verkehr in dieser westlichen l'rovinz 
gesfiitlet und bald wurden die Städte Tschugutschak luid Urumtsi 
die Knoteupuidcte eines ausgedehnten Verkehrs. Im Jahre 1854 



Die Operationen gegen Cliiwa. 131 

schon führte Riissland aus dem ersteren Orte Thee im Werthe 
von 1.600.000 Rubel ein und setzte daselbst Mannfakturen für 
500.000 Rubel ab. Allein 1855 fielen Mongolenhorden in diese 
Gegend ein mid zerstörten diese ^viehtige Faktorei. Später wur- 
den die früheren Handelsverbindungen wieder aufgenommen, er- 
reichten aber die vormalige Entwicklung nicht und der Pungani- 
Aufstand 1864 unterbrach sie gänzlich. Der neue Herrscher Abal 
Oghlän zeigte sich den Russen auch nicht freundlich , er duldete 
die Einfälle seiner Unterthanen in die benachbarten russischen 
Provinzen , hetzte die Kirghisen zur Empörung auf und brach alle 
Beziehungen zu den russischen Handelsleuten ab. Die Regierung 
von St. Petersburg beschloss daher, auf den oben erwähnten \er- 
Irag sich stützend, energische INIassregeln gegen den widerhaarigen 
Nachbar zu ergreifen. Anfangs INlai 1871 überschritt der ^lajor 
Balitzki mit einer kleinen Triippenabtheilung den Fluss Borodschudsir, 
der die Grenze zwischen beiden Gebieten bildete, um das feind- 
liche Gebiet zu recognosciren. Gegen Ende Juni begannen die 
grösseren Operationen unter dem Befehl des General Kolpakowski 
mit einem Corps, welches jedoch nicht mehr als 1785 Mann 
und 63 Ofticierc zählte. Aber die russischen Präcisionswafl'en er- 
rangen überall den Sieg. Am 4. Juli 1871 schon verliess Abal 
üghliin seine Hauptstadt und begab sich in's Hauptquartier des 
russischen Generals. „Ich vertraute" sprach er zu diesem, ,, auf 
„die Gerechtgkeit meiner Sache und auf den Beistand (Jottes. 
,.Besiegt — unterwerfe ich mich dem Willen des Allmächtigen. 
„Ist irgend ein Verbrechen begangen worden , so strafe den Souverän, 
„verzeihe aber seinen unschuldigen Unterthanen.'' Am folgenden 
Tage hielt der siegreiche General seinen Einzug in Kuldscha nach 
einem Feldziige der nur acht Tage gedauert hatte. Er versprach 
allen jenen Schutz , welch*» die Waffen niederlegen würden. Die 
200 INIann, welche von der Armee .'\bal Oghhln's übrig geblieben 
waren , wurden von diesem unverzüglich entlassen und eilte jeder 
in seine Heimath. Zwei Stunden darauf herrschte vollkommene 
Ordnung in der Stadt und die Kaufläden wurden wieder geöffnet. 
Die Dsungarei war eine russische Provinz, ') für „ewige Zeiten" 
mit dem INIutterlande vereinigt, indem Russland die Herrschaft 
des einheimischen P^'ürsten für erloschen erklärte , dem Chan Abal 
Oghlän für seinen künftigen Wohnsitz die russische Stadt Orel 
anwies und sein Land mit dem Namen „Priilinsker Generalgouver- 
nement" beschenkte. Auch hier lässt sich nicht läugnen , dass 
die Eroberer die Segnungen der Civilisation in die barbarischen 
Länder bringen. So hat General Kolpakowski gleich nach der 
Besetzung Kuldscha's die Sklaverei daselbst für aufgehoben imd 

1) Die Russen in Co.itmlasicn. („Allg. Ztg." 1873 Nr. 29-) 



132 r)ic Opcrntioncn gogon Cliiwa. 

jeden bisherigen Sklaven — es ^varen iln-er etwa 75.000 — für 
frei orklärf. 

Mnssten zwar diese Ereignisse im l)enachl)arten Kaschgarien 
die Kriegsgelüste wesentlich herahstininien , so blieb doch General 
V. Kanfniann in Tnrkestan desshalb nicht nnthätig, sondern rüstete 
mit allen Kräften , besonders gegen Chiwa , welches schon im 
November 1871 die Feindseligkeiten am kaspischen Meere eröifnetc. 
Die Russen besetzten einen Punkt (die Insel Kalaly?) und woll- 
ten eben ein Fort anle :en , als der chiwanische Feldherr Ali 
ArasJan mit bedeutenden Streitkräften erschien und sie vertrieb. 
Damit nicht zufriechMi, sendete Chiwa zu den Ötcpponstämmen der 
Usturt-IIochebene mehrere Truppenabtheilungen mit dem Auftrage, 
dort im Xamen des Chans von Chiwa die Steuern zu erheben, 
und alles Land südlich vom Emba-Flussc als zum Chanate Chiwa 
gehörig, zu erkläi'en; es schien demnach kaum zweifelhaft, dass 
Chiwa schon im Frühjahre 1(S72 den Kampf beginnen werde, zu 
welchem seine fanatischen INIollahs treiben , während ein ganzes 
Heer von Flüchtlingen aus dem von den Russen besetzten Theilc 
Turkestans das Volk für den heiligen Kampf entflammte. 

Da gelang es den Anstrengungen v. Kaufmannes nochmals 
die drohende Coaliton der centralasiatischen Fürsten durch seinen 
Einfluss auf den Chan von Chokan zu zersprengen. (ileichzeitig 
ward Chiwa dadurch unschädlich gemacht, dass die russische 
Politik T.^nruhen im Gebiete des Chanates hervorrief. Durch 
russischen Einfluss erhoben sich die Turkomanen, worunter einige 
Stämme, wie beispielsweise jener der Ogurdschali auf der Insel 
Tschüleken. für die Russen viele Sympathien besilzen, unter Führung 
des Manuiral Beg gegen den Chan, bedrohten die Hauptstadt und 
machten so jede Action nach Aussen unmöglich. Der Grund ihres 
Aufstandes war Steuerverweigerung. Chiwa nunmehr im eigenen 
Lande beschäftigt, konnte sich der Coalition gegen Russland nicht 
mehr anschliossen , ja es war momentan sogar genöthigt, die 
Freundschaft der Russen nachzusuchen , um deren Angrifl" auszu- 
weiciicn. Desshalb sandte der Chan rasch eine Deputation an den 
Czar um freundschaftliche Verbindungen anzuknüpfen. Nachdem 
jiun die Coalition nicht zu Stande gekommen hielten es Bochära 
und Kaschgar selbstverständlich fth* klug nicht allein gegen Russ- 
land vorzugehen und ihre kriegerischen Gelüste auf gelegenere Zeit 
/A\ verschieben. 

Indessen waren die Russen durch die Eroberung Kuldscha's 
in noch grössere Nachbarschaft zu Yakub I?eg gekommen und Ije- 
schlossen vorläufig, den renitenten Kuschbegi auf gütlichem \Vegc 
zum (tehorsam zu bringen. So Überschrift denn eine russische 
Gesandtschaft unter Leitung des Baron Kauli)ars , eines in den 
ccntralai-iatischon Angelegenheiten sehr erfahrenen Diplomaten, be- 



Die OpcraHoncn gogcn Cliiwa. 133 

stehend aus mehreren ^litgliedeni, welche wissenschaftliche und 
commercielle Zwecke verfolgten, gegen Mitte Mai 1872 den Naryn, 
um mit dem Atalik Ghazi einen Handelsvertrag abzuschliessen und 
feste F'reundschaftsvcrhältnisse anzuknüpfen. Dieser Gesandtschaft 
wurde nun von Seite des eben so schlauen als gleissnerischen 
Kuschbegi der allerwärmste Empfang zu Theil. Von der Grenze 
bis Kaschgar schlössen sich derselben mehrere vorausgeschickte 
Ehrenwachen an und der Herrscher Ostturkestäns sprach in der er- 
sten Audienz zu Baron Kaulbars : „Setzet euch wohin Ihr nur wollt, 
auf meine Knie, auf meinen Busen , denn Ihr seid Gäste die mir 
der Himmel geschickt.'; So wie die ^Vorte war auch die Be- 
handlung, Avelche der Gesnndtschaft zu Theil wurde, eine überaus 
freundliche. Die Russen durften sich im Gegensatze zu den Eng- 
liindern frank und frei bewegen; ja zwei Kaufleute erhielten Er- 
laubniss und Schutz zu einer Keise nach Yärkand und Chotcn. 
Selbst eine militärische Revue, welche Baron Kaulbars sich aus- 
bat, wurde bewilligt und äusserte sich Yakub Beg dabei: „er be- 
trachte die Russen als intime Freunde, sonst hätte er ihnen nicht 
seine Streitkräfte gezeigt. Feinden , so meinte er , pflege man 
seine Verhältnisse nie kund zu geben. " So konnte denn auch 
leicht ein Handelsvertrag abgeschlossen werden, worin sich der 
Atalik Ghazi verpflichtete, den handelspolitischen Interessen Russ- 
lands nicht hindernd in den Weg zu treten. Mit einer Höflich- 
keit sondergleichen bestand Yakub Chan darauf, dieses Aktenstück 
am 21. Mai (alten Styls) als am Namenstage des Grossfürsten 
Constantins zu unterfertigen. Als die Russen sich verabschiedeten, 
zerfloss er in Zärtlichkeit und gestand ganz off'en, dass er von Seite 
Englands schon früher um Freundschaft angesucht worden sei, 
doch fühle er sich mehr zu seinem guten und mächtigen Nachbarn, 
dem Czar gezogen und nur mit diesem wünsche er in Frieden zu 
leben. Bald hierauf erschien auch in Taschkend der Abgesandte 
Yakub Chan's , Namens ]\Iirza ]Mulii-ed-din-]Maasum , als Ueber- 
bringer der unterzeichneten Stipulationen und war vom General 
v. Kaufmann mit gebührender Feierlichkeit empfangen. Diess 
alles hinderte nicht, dass kaum ein halbes Jahr später der ver- 
logene Asiate ^vieder eine Russland feindliche Haltung annahm. 

Die Chiwaner hatten unterdessen fortgefahren , russische 
Karawanen zu berauben und in die Kirghisensteppe plündernd ein- 
zufallen ; zudem verweigerten sie die Freilassung von etwa vierzig 
gefangenen Russen , welche schon vor etwa einem Jahre von den 
Grenzstämmen gefangen genommen und dem Chan von Chiwa aus- 
geliefert worden waren. Nach chiwanischer Darstellung hätte der 
Chan an die russische Regierung das Verlangen gestellt, ein Ueber- 
einkommen mit ihm zu schliessen, in welchem sich beide Theile 
verpflichten sollten, sich gegenseitig nicht zu beunruhigen und ihre 



134 Die Operationen gegen Cliiwa. 

rcsppctiven Gebiete nicht zu verletzen. Bald darauf langte eine 
Älission (lus Eussland in Chiwa an und forderte die Freigebung 
der Gefangeiieu. Einige derselben Avurden eiitlusscn inid die 
russische Mission verständigt, der Rest Avürde nach Abschluss 
des erwähnten Uebereinkonunens ebenfalls in Freiheit gesetzt 
werden. Pie russischen Autoritäten waren jedoch mit diesem 
Vorgehen nicht einverstanden und erklärten sich für nicht befriedigt. 
Die Gerüchte von militärischen Bewegungen von Seite Russlands 
beunruhigten aber den Chan und veranlassten ihn bei der brittischen 
Regierung in Indien Rath zu erbitten. Der Vicekönig empfing zwar 
den usbekischen Diplomaten, der nebst dem Rathe wohl auch that- 
sächliche Hilfe nachgesucht haben mochte, erthoilte ihm aber den 
einzigen unter solchen Umständen möglichen Rath, der gerechten 
Forderung des Czaren zu willfahren. "Wie es scheint , faiul aber 
dieser Wink keine Beachtung. Jedenfalls trug auch diese Angelegen- 
heit bei, dass Russland sich endlich entschloss Ernst zu machen und 
zur Sicherinig seines Handels das Chanat Chiwa mit Gewalt zu 
unterwerfen. Im Herbste 1S72 ging eine grössere Expedition, 
aus 14 Compagnien Infanterie, 3 Öotnien Kosaken und "20 Feld- 
geschützen zu diesem Behüte ab. Unter der Führung des tapfern 
und unisichtigen Obersten INIarkosow führte dieses Detachement von 
Krasnowodsk behufs Recognoscirung eine Bewegung in die trans- 
kaspische Steppe aus, drang bis zum Brunnen Ortaku (Urtalajn) 
vor, der etwa 300 Werst östlich vom Balkangobirge liegt, wandte 
sich dann südlich imd begab sich, nachdem es die Turkmenen für 
ihre frühere feindselige Haltung durch Zerstörung einiger Aule im 
District Ushamala bestraft hatte, nach dem Fort Kyzyl Arwat das 
1870 zerstört worden ist. Dort traf es am 30. October 1872 ein. 
Dieser Recognoscirungszug gab Veranlassung zu den abenteuer- 
lichsten Gerüchton; sei es nun, dass, wie Einige wollen, diese 
kleine Expedition mis.sglückte , sicher ist, dass die Chiwaner die 
Ofl'ensive ergriffen und die ganze Steppe bis Orenburg in Bewegung 
setzten. Der 23jährigc Chan, ein verwegener Hordenhäuptling 
brach sogar mit 8000 seiner Steppenpiraten über die russischen 
(irenzen. Erst bei dieser Nachricht entschied man sich in St. 
Petersburg zu ernsterem Handeln; mit Beginn des Jahres 1873, 
nach Rückkehr des mittlenveile nach St. Petersburg verreisten 
(iencral v. Kaufmann sollte unter der I>eitung dieses erprobten 
Führers wirklich der Anfang mit den Kriegsojjorationen gemacht 
werden* ') Der Angriff wird im Osten Chiwa's erfolgen, inid zwar 



1) Wir lassen hier vergleichsweise die englische Darstellung des „Diily Telegraph" 
folgen, die wir dem „Wanderer" vom 16. Januar 1873 entnehmen: „Die rnssischc Re- 
gierung hat ein doppeltes Motiv für ihre neno Invasion von Chiwa: Die politischen Be- 
schwerden, welche die scheinbare Rechtfertigung des ersten Angriffes bildeten, und der 
Wunsch, oder richtiger die Nothwendigkcit, den Vorwurf eines militärischen Fiasko's 



Die Öpprationcn gegen Chiwn. 135 

zugleich mit einer Maclitentfaltuiig, die keinen Zweifel am Erfolg 
gestattet. Vor April oder Mai d. J. wird man sonach wohl 
kaum von wirklichen Resultaten der chiwanischen Expedition 
zu hören bekommen. 



auszuwischen. Sich weigernd, die vom Chan von Chiwa übersandten Versöhnungsbot- 
Bchaften anzunehmen, und entschlossen, den grössten Yortheil aus dem Unrecht , das sie 
dessen Regierung aufbürden konnte, zu ziehen, sandte Russland eine Truppencolonne 
als Recognoscirungscorps in das zwischen dem kaspischen Meere einerseits und dem 
Aralsee und dem Flusse Amu-Darja. andererseits gelegenen Territorium. Diese unter 
dem Commando des Obersten Markosoff stehende Streitmacht hatte Instructionen , so 
nahe wie möglich bis zur Stadt Chiwa vorzudringen und sogar, wenn Glück das Unter- 
nehmen begünstigte, den Platz selber zu occupiren. Die Wichtigkeit einer solchen Ex- 
pedition konnte kaum überschätzt werden, denn die chiwanische Hauptstadt beherrscht 
den unteren Lauf des Amu-Darja bis zum Aralsee hin und bildet einen höchst wichtigon 
Punkt für die Leitung m litärischcr Operationen gegen die afghanische oder persische 
Grenze zu. Während Oberst Markosoff s Colonne über die zwischen der russischen Grenze 
und der Stadt Chiwa liegenden Steppen marschirte, wurde ihr Vonücken durch die 
Truppen des Chan's in der unstetigen Kriegführung, an die sie am besten gewöhnt sind, 
gehindert und beunruhigt, indess nur mit geringer Wirkung; aber schliesslich nahm der 
Angriff der Eindringlinge die Gestalt einer Ueberrumpelung an, die in der Wegnahme 
der russischen Kameele und Bagage resultirte. Ihrer wesentlichen Mittel zur Führung 
der Campagne somit beraubt, blieb dem Recognoscirungscorps somit nichts anderes übrig, 
als den Rückzug anzutreten, und obwohl die russische Regierung es gern glauben 
machen möchte, dass die Truppen zurückkehrten, nchdem sie ihren Zweck erreicht 
hatten, bleibt die peinliche Tliatsache, dass sie eine Niederlage erlitten haben. Kaiser 
Alexander berief einen Ministcrrath , dem er selber präsidirte und in welchem trotz der 
stark urgirtcn Opposition des Fürsten Gortscliakoft' mit grosser Majorität beschlossen 
wurde, mit einer hinreichend starken Streitmacht nicht nur an dem Chan und seinen 
Unterthanen den russischen Waffen durch die Niederlage des Obersten MarkosolV und 
den Ein all in das kirgnisische Gebiet angethaucn Schimpf zu rächen, sondern auch von 
der Stadt Chiwa selber Besitz zu nehmen und das ganze Chanat thatsächlich unter 
russische Herrschaft zu bringen. Das Invasionscorps soll In drei Colonnen oporircn, von 
denen jede von einem mit der Natur des Landes und dem eigenthümlichen Charakter 
der Kriegführung von dessen Einwohnern gründlich vertrauten General befehligt wird. 
Bis jetzt ist die genaue Richtung, von der aus sich die verschiedenen Colonnen ihrem 
Oegenstandspunkt nähern werden, nur wenig Auserkorenen bekannt, wenn man sich 
über dieselbe überhaupt schon völlig entschlossen hat; eine Division -wird indess ohne 
Zweifel sich westwärts von Taschkend bewegen. Im Ganzen wird das Corps 12.0U0.Mann 
mit circa 50 Geschützen stark sein. Die Leitung der verabredeten Bewegungen und das 
Obercommando über die drei Divisionen wird dem General Kaufmann anvertraut werden. 
Man erwartet, dass die Operationen der verschiedenen Colonnen gegen Ende dieses 
Monats beginnen werden." 



XII. Lapitel. 

Die Ereignisse in Afghanistan. 

Schon aiissorlialb Tuvkestän gelogen und dem südlichen Go- 
birgsgebiete Centralasiens angehörig, hat doch Kabul, wie nicht 
minder Herät, schon seit mehreren Decennien auf die mittel- 
asiatischen Step25en-Chanate einen wichtigen politischen Einfluss 
goiiljt. (Jleichzeitig geschah es hier, dass zuerst das Ringen um 
die Oberhand, verbunden mit lebhaftem Intriguenspiel, zwischen 
England luul Russland seinen Anfang nahm, — dass beide Staaten 
sich zum ersten Male auf asiatischem Gebiete, wenn auch nur 
diplomatisch, gegenüberstanden. 

AVeniger aber wegen dessen, was in jenen Ländern schon 
vorgefallen ist, als wegen der Ereignisse, die dort erst eintreten 
können, glauben wir unseren Lesern einen kurzen historischen 
Rückblick auf die jüngste Vergangenheit des nördlichen Afghanistan 
schuldig zu sein, eines Landes, das, vor bald dreissig Jahren zu- 
mal in England nur allzu oft und mit Entsetzen genannt, in jüng- 
ster Zeit wieder sorgenvolle Blicke aus Lidien und dem Abend- 
landc auf sich zu ziehen begann. 

Die Afghanen, die Inhaber des grössten Theiles der vielge- 
staltigen Gebirgswelt zwischen dem Industhale und der persischen 
Hochebene, sind ein Volk von arischer Herkunft (also in der 
grossen Kette des indogermanischen Zusammenhanges stehend) und 
reden ,,1'uschtu'' (Paxto), eine zu allernächst auf den erunischen i) 
Stamm zurückweisende Sprache. Wenn ii-gend ein \o\k in Asien, 
sind die Afghanen als „Nation" zu bezeichnen; vermöge einer 
kriegerischen Kraft und Ausdauer, womit sie weitaus all' ihre 
Nachbarn überragen, wären sie auch berufen, Zucht und Ordnung 



1) Der treffliclie Wiener Professor und Linguist, Dr. Friedrich Müller, zählt 
das Paxto bestimmt der crünischcn Sprachgruppo bei , u. z. vor allem Andern wegen 
Jener Lauteigonthünilichkeiten, die cS als eine ontsohieden eränische Spraeho charak- 
tcrisiren. (Siehe dessen Abhandlung: Über die Sprache der Afghanen (Paxto), im Juni- 
hefte 18C2 der Sitzungsberichte der phil.-hist. Cl. der kaia- .\kndcmie der Wissenschaften. 
^XL. Bd. ö. 3.) 



Die fircignisSo in Afglianisfuu. 1'37 

im weiteren Umkreis aufreclitzuerlialten, — falls sie nur die 
Fähigkeit hätten, solche unter sich selbst zu wahren. Kur in 
Theilung und dem allzugrossen Sinne für Unabhängigkeit von Ort 
zu Ort beruht die Schwäche des Ganzen. . Statt ini Kainjjfe gegen 
Aussen, befriedigt die nationale Ucberkraft sich in inneren Fehden 
und der landesüblichen Anarchie. Allerdings ist die Scheidung in 
unabhängige Stämme durch die Landesnatur selbst schon bedingt, — 
eine Landesnatur, welche alle Klimastufen umfasst: Eisgebirge und 
tropisch schwüle Ebenen, blühende ITochthäler luid brennende 
Sandflächen, also die verschiedenartigste Lebensweise erfordert. 
Nach allen Seiten öffnen sich die Thäler Afghänistan's wie Aus- 
fallpforten, aber gerade im Innersten sind die afghanischen Stämme 
durch fast unübersteigliche Klüfte und Kämme getrennt. Immerhin 
vermochten sie als Gebieter auch ausserhalb aufzutreten, so oft es 
einem Häuptling gelang, die viclgctheilten Stänune zu gemeinsamer 
That zu leiten, oder wenigstens einen dieser Stännnc zu hervor- 
i'agender Haltung zu bringen ^). 

Von zwei Brüdern aus dem Sidu, einem sehr angesehenen 
Afghänengeschlechtc der Abdallihs, welche dem Schah Nadir von 
Persien bis zu seiner Ermordung (1747) mit Auszeichnung dienten, 
emjDörte sich der Eine, Ahuaed-Chan, als Haupt der Siduschis 
(Söhne der Sidu), gegen die persische Oberherrschaft , riss die 
höchste Gewalt in seinem Vaterlande an sich und liess sich zu 
Kandahar zum Könige der Afghanen krönen. Zugleich nahm er 
den Titel l)uri-i-Durän (Perle des Zeitalters oder Zeitalter des 
Glücks) an und verwandelte den Namen der Abdallihs in Duräni. 
Wer unter den Afghanen einen Staat gründen will, darf die Un- 
abhängigkeit der Stännne so wenig als möglich beschränken und 
muss gleich unter Gleichen bleiben. So that Ahmed. Glänzende 
Waffenthaten führten die Eroberung des grösseren Theiles des 
Chorassängebietes herbei ; das eigentliche Land der Beute war 
aber Indien, welches Ahmed schon früher kennen gelernt hatte. 
Schon war Delhi von Ahmed zweimal besetzt worden, als sich ihm auf 
der Entscheidungsebene von Panipat ein neues Maharattenheer, 1760, 
entgegenstellte, welches er nahezu gänzlich vernichtete. Dass er 
aber in Delhi bleibe, duldeten die Maharatten doch nicht; er 
musste sich mit dem Pendschab, Hauptstadt I^ahorc, begnügen und 
starb zu früh, 1773, ohne ausreichend starke Söhne zu hinterlassen. 
Thronfolgestreitigkeiten unter seineu Nachkommen erschütterten und 
schwächten das Reich, welches an Rundschit Singh, den Beherr- 
scher der ungläubigen Sikhs , grosse Gebiete verlor; 1823 brach 
endlich die Durani-Monarchic zusammen. Nur Herät blieb den 
Nachkommen Ahmeds. Alle übrigen Provinzen kamen in die Ge- 



1) Julius Braun. Afgliäuislün. („Neue Freie l'rcsae" vom 19. Novcnibrr 1868.) 

17 



138 Dio Ereignisse in Afghanistan. 

\valt clor Banikscliis (Baraksis), eines Ciaiies der Dunlnis. Aus 
diesen Wirren und unter den letzteren IMachthabern erhob sich 
Dost Muhammed-Chan mit seinen jüngeren Brüdern, die an Ahnied's 
Familie Blut und Schmach imd Undank zu rächen hatten, alsbald 
aber, bei der Theilung des Reiches selber zu Todfeinden wurden. 
Dost Äluhammod beliauptete Kabid. Wie Schamyl und Abd-el- 
Kader ist er einer der Glaubenshelden des Islam geworden, aber 
nicht aus eigenem AntriebOj sondern dazu genöthigt von England 
und dessen gleissnerisch initerwürfigem Verbündeten , Rundschit 
Singh, dem eigentlichen Gründer des Sikh's-Reiches und Unter- 
drücker der Muselmanen im Pendschab. 

Als dieser in Laster und Verbrechen ergraute ]Machthaber 
seine Grenze in's Thal des Kabülflusses hinein erweitern wollte, 
kam es zum Zusammenstosse mit der afghanischen Bevölkerung 
dieses Thaies und Dost Muhammed. Von der Geistlichkeit gegen 
die ungläubigen Sikhs aufgestachelt, kämpften die Afghanen mit 
Erbitterung, unterlagen aber der Uebermacht und wurden 1823 
von Rundschit Singh unter furchtbarem Gemetzel bis zu den 
Cheiberpässen verfolgt. Doch sollte das glaubenswüthende Land 
dem Maharadscha und seinen Freunden, den Engländern, noch 
schwere Stunden bereiten. Aufstand folgte auf Aufstand, und die 
muhammcdanischen Glaubenskampf-Fanatiker weihten sich gerne 
dem Tode, um nur einen Ungläubigen mitzuvertilgen. Ln Kampfe 
bei Dschamrut, am Eingange der Cheiberpässe, soUen 12.000 
Sikhs und nicht viel weniger Afghanen geblieben sein. (1836). 

Vom benachbarten Indien aus begünstigten mittlerweile die 
Engländer, im Einverständnisse mit einer Partei unter den Einge- 
bornen, die 1823 gestürzten Duranis, namentlich einen 1809 ver- 
triebenen, sicheren Schudschä-ul-^Iulk-Schah, einen Sohn des letzten 
oraiordeten Chan's ; sie erklärten ihn für den rechtmässigen König 
von Kabul, Dost Muhammed hingegen als einen L'surjiator und 
begannen 1838 Krieg gegen Letzteren. Freilich lag dahinter 
schon die Furcht vor Russland, welches eben damals gegen Chiwa 
rüstete, und von dem England eine Intervention in Afghanistan besorgte. 

Hauptsächlicli um diese zu verhindern , begaimcn die Briten 
den Krieg, in welchem sie sich mit dem INIaharadscha Rundschit 
Singh 1), dem alten Erbfeinde der Afghanen, verbanden. Kandahar 
ward eingenonnnen. Dost INIuhammed nnisste nach IJamijän fliehen, 
und der elende Sc]iatteid<önig, Schah Schudschä, von den Engländern 
mit so grossen Opfern in's Land gebracht und dem Lande aufge- 
zwungen, hielt am 7. August 1839 seinen Einzug in KabCd, dessen 
Felsenschloss, Bala-Hissar, jetzt eine Ruine, ihm zur Residenz 
diente. Dost Midiamined machte mehrere Versuche, die Engländer 

1) Kr starli schon 1839. 



Die Ereignisse in Afghanistan. 1 39 

und ihren Schützling wieder zu vertreiben, die aber immer un- 
glückhch ausfielen , und musste zuletzt für seine eigene Person 
Schutz bei seinen Gegern, den Engländern, suchen. Aber die 
Afghanen selbst erhoben sich immer nachdrücklicher gegen den 
britischen Einfluss ; 1841 erregten sie einen neuen Aufstand, und 
der englische General Robert Säle konnte nur mit Mühe Dschela- 
labad erreichen, während auch in Kabul') am 2. November 1841 
die Empörung 2) so furchtbar und jjlötzlich ausbrach , dass Schah 
Schudscha und die britischen Truppen unter General Mountstuart 
Elphinstonc kaum die Citadelle Bala-Hissar und die verschanzten 
Lager zu erreichen vermochten. Wie hier, so erlitten auch in 
Kohistän und den inuliegenden Bergdistricten die Engländer empfind- 
liche Verluste; die Trupjien in Ghasni und Kandahar waren ein- 
geschlossen, der hoho Schnee verhinderte jede ofFcnsive Bewegung, 
und die englischen Truppen liefen Gefahr, überall durch die Ucber- 
zahl der Afghanen erdrückt zu werden. Ihre Lage in Kabul ge- 
staltete sich mit jedem Tage bedenklicher, da alle ^'erhandlungen 
mit den Afghanen, an deren Spitze ein Sohn Dost Muhammed's, 
Akbar-Chan, sich gestellt hatte, fruchtlos blieben. Der britische 
Gesandte in Kabid, Mac Naghten, wurde bei Gelegenheit einer 
Conferenz mit Akbar üljer den Abzug der Truppen ermordet. 
Zwar kam endlich ein Vertrag zu Stande, welcher den britischen 
Truppen von Kabul, unter Zurücklassung von Gcisseln, freien Ab- 
zug zusicherte, und Akbar escortirte persönlich die am 6. Januar 
1842 aufbrechende Armee, deren Ziel das 90 englische Meilen 
entfernte Dschelalabad war, aber ungeachtet des Vertrages waren 
sie beim Betreten der Gebirgspässe fortwährenden Angriffen aus- 
gesetzt, so dass in Folge dieser und der fürchterlichen Beschwerden 
des Weitcrmarsches die kabülistanische Armee so gut wie vernichtet 
wurde. Die Wiesengründe und felsigen Thäler von Afghanistan, 
die trümmerreichen Gassen seiner Städte und Burgen, sie hatten 



1) Die Bevölkerung von Küliül besteht zum geringsten Theil aus Afghanen, 
denn auch der ärmste Afgliäne versclimälit Gewerb und Kramladen; darum besteht die 
Stadtbevölkerung aus Tadschiks, Persern, Indern, Hindkis (d. h. Nachkommen der Hindu), 
Nicht der schlechteste Theil der Bevölkerung aber sind die Kyzylbasch (d. h. Koth- 
miitzon), nämlich die Nachkommen der von Nadir Schah zur Sicherung seiner Herr- 
schaft hier angesiedelten Türken. Zwar ausgeartet, wie so oft die Söhne der Türken im 
Auslande, stellen diese unter eigenem Oberhaupte stehenden und den Afghanen ver- 
liaasten Kyzylbasch immer noch eine stattliche Streitmacht vor und könnten von grösstcm 
Nutzen für die Engländer sein , hätten diese nicht von Anfang an eine falsche Politik 
eingeschlagen. 

2) Das erste englische Opfer des Aufstandes war der berühmte Reisende, Oborst- 
lieutcnant Alexander Bumes, der von dem sein Haus umdrängenden Pöbelhaufen, als 
er im Gewände eines Eingeborneii zu entkommen suchte, in Stücke zerrissen wurde. 
Ein Mullall, nach Anderen ein Armenier, streckte den bis dahin so übermüthigen Officier 
mit einem Pistolenschusse nieder. (Siehe über Burnes: J. B. Eyrics, Notice sur 
Alexandre Burnes. Paris. 1842. 8.) 



140 Dio Ereignisse in Afgliflnistän, 

massenhaft britisches Blut getrunken, und die Niederlage des indo- 
britischen Pleercs 1842 war vollständiger als die des Yarus im 
Teutoburgerwalde. Die Engländer sahen ein, dass sie sich in 
Afghanistan nicht belianpten .könnten, und beschlossen daher, es 
aufzugeben, obwohl nicht ohne zuvor durch einen wilden Zer- 
störungszug ihre Niederlage gerächt zu haben. Dost ^luhammed 
nahm, von den Engländern frei gelassen, wieder Besitz von seinem 
Throne. Unter seiner Anleitung schlössen die Afghanen schon 
1846 ein Bündniss mit den Sikhs zum Sturze des anglo-indischen 
Reiches, und die Alliirtcn lieferten den Briten in Pendschfib 
mehrere blutige Schlachten. Nach der Entscheidungsschlacht bei 
Gudscherät am 21. Februar 1849 wurden die Sikhs A'on den 
Afghanen preisgegeben. Dost Muhammed floh mit seinem immer 
noch 1600 INIann starken Ilcere über den Indus. Die Briten 
drängten nun wieder durch die Cheiberpässe vor und begannen die 
Unterwerfung der einzelnen afghanischon Stämme. INIit dem Reiche 
der Sikhs wurden auch die von Rundschit Singh fridier eroberten 
Theile Afghänistjtn's dem britischen Reiche einverleibt. Um seiner 
zweifach bedrohten Stellung rwischen den Briten und den schiiti- 
schen Persern ein Ende zu machen, beschloss Dost IMuhammed die 
Freundschaft der Ersteren zu suchen, welche sein kräftiges Reich 
recht gut als Schutzmauer gegen Russland in Ilorät und der 
Bucharei brauchen konnten. Am 30. März 1855 wurde in Pischawer 
ein Schutz- und Trutzbündniss zwisthen Dost IMuhammed und den 
Engländern abgeschlossen, welche Letztere das Wachsen der rus- 
sischen Macht in Asien schon seit lange im Stillen mit neidischen 
Blicken beobachten. In der That war auch in Pcrsien, wo seit 
dem Regierungsantritte des IMidiammed Mirza-Schah, 1834, der 
englische und russische Einfluss mit einander um den Vorrang 
stritten, unter dem neuen Herrscher Persiens, Nasr-Eddin-lNfirza- 
Schah, der letztere am Hofe zu Teheran vorherrschend, und Eng- 
land bemühte sich vergebens, durch seinen Gesandten Murray den- 
selben zu brechen. Als in Ilerut, nach dem Tode des angesehenen 
Vezirs Jar ]Mnhammed-Chan (31. August 1851), Erbfolgestreitig- 
kcitcn ausgebrochen, war der russische Einfluss mächtig genug, 
um den Schah zu bewegen, sich in die Angelegeidieiten des aller- 
dings von Persien abhängigen llerät einziunisclicn, und ITerät war 
dem Falle nahe, als endlich die englischen Gesandten die Auf- 
hebung der Belagerung erwirkten. Die Perser gingen dabei gegen 
die Engländer, welche die ("andidatur des Prätendenten Dost 
Midiammed von KabCd unterstützten, den wichtigen Vertrag ein, 
die Afghanen nicht ferner zu stören und selbst im Falle von An- 
griffen zuerst die guten Dienste der Engländer anzurufen. 

Nichtsdestoweniger schickte Persien 1855 neuerdings ein 
Heer gegen Ilerät, und Dost Muhammed musste trotz seiner 



Die Ereignisse in Afglinnistän. 141 

heldenmüthigen Yertheidigung den siegreichen Persern weichen ; 
diese nahmen die Stadt sammt der Citadelle und setzten Jusuf, 
einen Günstling Russlands, als Vasall von Persien zum Könige 
von Herat ein. Fast gleichzeitig wurde aber auch Persien von 
England mittelst einer wenig gefahrvollen Expedition an seiner 
Küste angcgrifFen und nach wiederholten Niederlagen zu Zurück- 
ziehung seiner Trnpjien und zum Frieden genöthigt, ^velcher am 
4. ISIärz 1857 von Feruk-Chan als Bevollmächtigtem unter Frank- 
reichs Yermittekuig in Paris vmterzeichnet wurde, und wodurch 
England das Recht erwarb, dort, wo sich russische Consulate be- 
finden, auch englische errichten zu dürfen. Die Furcht vor Russ- 
land kam wieder in jenem ^'ertragsartikcl zum .\usdruck, wonach 
der Tcherrmer Hof sich abermals verpflichtete, sich fürderhin nicht 
mehr in die Angelegenheiten Herats einzumischen und selbst im 
Falle, wo seine Herrschaft in dieser Provinz bedroht erscheinen 
würde, keine Truppen dahin zu entsenden, ohne früher die guten 
Dienste Cürossbritaimien's in Anspruch genonnuen zu haben. Eng- 
land wollte um jeden Preis von Herat, dem Schlüssel Hindostän, 
Russland fern halten, welches schon einmal, wie man sagt, dem 
Schah angeboten hatte, die Provinz Eriwan dafür einzutauschen. 

Nach dem für Persien, wie nicht minder für Dost Muhammed 
ungünstigen Ausgange des Herat'schen Feldzuges, wandte der 
kabiditche Fürst sein Augenmerk dem Landstrich im Süden des 
oberen Oxus bis an den Hinduknh zu, der bis nach Herat allezeit 
ein Fechtboden gewesen, auf welchem die kleinen Raubstaaten, 
nämlich die Chanate Knndüz, Chulum, Balch, Aktsche, Serepul, 
Schiborgan , Andchuj und Maymene sich herumtummelten. Auf 
diesem Felde trafen auch die Monarchen von Bocbära und Af- 
ghanistan zusammen, welche abwechselnd die kleineren Chanate in 
Abhängigkeit brachten. Bis zu Anfang unseres Jahrhunderts über- 
wog der Einfluss Bochara's; seitdem hat aber dieser den Ueber- 
griflen der afghanischen Stämme der Duranis, Siduschis und 
Barukschis \veichen müssen, und Dost Muhammed-Chan gelang es, 
die sämmtlichen kleinen Chanate, mit Ausnahme von Badachschan 
und Maymene zu unterwerfen; er bildete aus ihnen seine afghanische 
Provinz Turkestan und legte in deren Hauptstadt Balch 10.000 
Soldaten. 

In Herat, auf welches aber Dost Muhammed seine langge- 
hegten Absichten nicht aufgegeben, herrschte indess seit 1857 sein 
Nefl'e, Ahmed-Chan, den der Zorn seines Oheims gezwungen, Hilfe 
in Teheran zu suchen, dem Namen nach zwar gänzlich unabhängig, 
in Wahrheit aber ein Vasall Persiens, woraus er selbst kein Ge- 
heimniss machte. England bemühte sich vergeblich, ihn von 
Persien zu emancipiren und seinen eigenen Einfluss zur Geltung 
zu bringen. Ahmcd-Chan nahm davon nur wenig Notiz, und 



142 Die Ereignisse in Afgliüiiistän. 

England selbst konnte kaum frei hniidcln, ohne seine Beziehungen 
zu Dost Äluhanimcd zu coniproniittiren, der llcrat längst als seine 
IJeufC betrachtete. Ja, als 1857 der indische Aufstand ausbrach, 
fand sich das Cabinet zu St. James, trotz des Schutz- und Trutz- 
bündnisses, bewogen, die Neutralität des afghanischen Monarchen 
durch die exorbitante Summe von monatlichen 10.000 Pfund 
Sterling während der ganzen Dauer des Krieges zu erkaufen, dem 
Grundsätze huldigend, dass die wahre Oekonomie darin bestehe, 
sehr gut oder gar nicht zu zahlen. Obwohl aber Dost Muhammed 
seine Verpflichtungen Indien gegenüber einhielt, benützte er doch 
die Gelegenheit, um mittelst eines kühnen Ilaiulstreiches sich Herät's 
zu bemächtigen. 

Die Kandahar-Fürsten im südlichen Afghanistan nämlich rissen 
Ferrah , die äusserste Provinz Herat's und wichtig wegen seiner 
grossen Fruchtbarkeit, welciic dem centralen Hochplateau von 
Ilcrat fehlt, von demselben los. Der Sieg, welchen Dost Muhammed 
sodann über den Kandahar-Chan erfocht, brachte auch diese Pro- 
vinz zu seinem Reiche. Der unkluge Versuch des Emirs von 
Herat , einem so mächtigen Herrscher die Provinz wieder abzu- 
nehmen, führte zum Kriege mit Kabfd und brachte England, 
welches umsonst zu vermitteln suchte, in eine sehr schiefe Lage; 
einerseits sah es, wie Dost Muhammed allmählich zum Gebieter 
über ganz Afghanistan sich emporschwang und durch die Unter- 
werfung der nördlichen Chanate ein mächtiges Reich an den 
Pforten Indiens begründete , andererseits musste es sich den Vor- 
würfen Persiens aussetzen, w'elches, ohnehin schon eifersüchtig 
auf die Entwicklung, welche das Reich Dost ISIuhammed's nahn», 
über Bruch des Pariser Vertrages klagte und Kraft desselben fremde 
Intervention verlangte. ') Zu sehr mit der Rebellion in Indien 
beschäftigt, theilweise auch zufrieden, dass Herat .den Persern 
entgangen, begnügte sich Sir John Lawrence, der Gouverneur von 
Indien, dem Könige von Kabid Vorstellungen zu machen um die 
sich aber Dost Mohannned nicht weiter bekümmerte. 

Der 1863 erfolgte Tod des hochbetagten Dost Muhannned 
erscheint als ein hochwichtiges Ereigniss in der Geschichte Mittel- 
Asiens. Seiner Selbständigkeit ward Herat wohl nicht zurückge- 
geben, denn der Nachfolger Dost Muhammeds auf dem Throne 
von Kabul, Schir Ali-Chan, setzte seinen jugendlichen Sohn, 
INIuhannned Yakub Ali , zum Sirdar (Statthalter) daselbst ein, 
weldier bis znm Siege seiner Sache dort an der Spitze blieb. In 
Afghanistun selbst IjCgamien sofort die ^Vir^en, von welchen das 
Land noch lange zerrüttet ward. Der Emir von Bochiira wollte 
sofort dieselben benützen und schickte dem Chan von ^lav- 



1) „Köluisclic Zeitung" vom 20. >Iärz 18C7 



Die Ereignisse in Afgluinistän. 14 3 

mone 10.000 Gokl^tückc. Beide verabredeten, dass Mozaflfer den 
Oxus überschreiten, und man dann genieinscbaftlich die Afghanen 
angreifen solle. Aber der hitzige, noch junge llusein-Chan von 
Maymenc begann sofort und allein den Kampf. 

Dost ^luhanimed hatte als Nachfolger seinen Sohn Schir Ali- 
Chan bezeichnet; diese Wahl weckte aber die Eifersucht seiner 
älteren Brüder Azini und Afzul , welche ihm gemeinschaftlich die 
Herrschaft streitig machten. Die Engländer hingegen hielten sich 
für verpflichtet, Schir Ali's Ansprüche zu unterstützen , so dass 
ein Thronfolgekrieg in fürchterlichster Gestalt, mit blutigen Schlachten, 
innnerwäbrenden Empörungen entflammte. Im Jahre 18(i5 gelang 
es dem Emir von Kabid, drei seiner Stiefbrüder auf verrätherische 
Weise festzunehmen, zugleich aber entstand Zwiespalt zwischen 
ihm und der ostindischen Kegierung, die dem Azim-Chan Zuflucht 
gewährt hatte. Indess ward Schir Ali's Lage immer bedenklicher, 
denn ein Theil seiner Trupjien weigerte sich, gegen die feindlichen 
Brüder zu marschiren , während der Emir von Bochära gegen 
Balch vorrückte. Im April 18G6 war Kabul selbst von Azini be- 
setzt, während Schir Ali sich in Kandahar befand. Dieser ver- 
liess nunmehr Kandahar J), um Kabul mit 8000 Mann Infanterie 
imd 20.000 Mann Cavallerie anzugreifen. Obwohl wiegen mangeln- 
der Provisionen im Lager der Kampf zuerst aufgeschoben wurde, 
und Schir Ali noch im Mai in Kandahar verweilte, konnte doch 
die Entscheidung nicht lange auf sich warten lassen. Ende Mai 
ward er total geschlagen , verlor seine gesammte Artillerie und 
floh zurück nach Kandahar, um -von hier möglicherweise Herat 
zu erj'eichen. Während Schir Ali in Kandahar neue Armeen warb, 
befestigte sich Azim und Afzul's Macht immer mehr. Um jene 
Zelt war es auch, dass ein Gesandter von Bochära in Kabul er- 
schien, um den Beistand der kabülischen Herrscher gegen Russ- 
land zu erwirken. Letztere wollten jedoch Nichts thun ohne vor- 
ausgängige Berathung mit der englischen Regierung. Spätere Nach- 
richten aus Calcutta hingegen besagten , dass ein russischer Ge- 
sandter in Kabul angekommen sei, und Afzul-Chan mit demselben 
ein Uebereinkommen abgeschlossen, den englisclien Agenten aber nach 
Pischawer zurückgesendet habe ; in der That dachte man in Bombay 
wegen dieser Wirren in Afghanistan an die Errichtung eines Ob- 
servations-Corjis an der Nordwest-Grenze von Pischawer. Der 
besiegte Schir Ali hatte sich unterdessen von seinen Niederlagen 
erholt und traf im September 1866 grossartige Vorbereitungen, 



1) Kandalinr ist nur eine Kürzung von Iskamialiar (AlexanJrien). In der Tliat 
liicsa die Stadt im AUertluinie Alexandria, weil sie von Alexander dem Grossen gc- 
giündet wurde. 



],44 Di6 Ereignisse in Afgliänistün. 

um Azim und Afzul in Kabul anzugreifen, was die beiden letzteren 
Machthaber veranlasst haben soll, einen Gesandten an die Russen 
abzuschicken, um deren Beistand zu erlangen. Zwischen den 
Trujjpen des Emirs Schir Ali und Afzul-Chan's kam es Ende 1860 
und Anfangs 1867 zu drei grösseren Treffen, die jedoch ohne 
Entscheidung blieben. lürst im Februar 1867 ward Schir Ali von 
Azim Chan und dessen Neffen Abderrahnian , dem Sohne Afzul's, 
geschlagen und gezwungen nach Ilcrat zu fliehen, in Folge dessen 
Kandahar in die Hände der Sieger fiel. Schir Ali aber bot den 
Russen Herat, dem Abderrahman aber, um ihn zum Abfalle von 
seinen Verwandten zu bewegen, Ralch als Preis für ihre Hilfe an. 
Sicher ist, dass der russische Einfluss in Kabid inuncr mehr an 
Boden gewann. Um die Mitte 1867 dachten die Afghanen sogar 
daran, Kabid luiter russischen Schutz zu stelleu, und im October 
erkannte der Gouverneur von Herat, Yakub-Chan, Sohn Schir 
Ali's, die russische Souveränität an. Da starb Afzul-Chan, Vater 
Abderrahman's, am 10. October 1867, so dass von den Söhnen 
Dost Muhammeds nur mehr die beiden , sich feindlich gegenüber- 
stehenden Schir Ali und, Azim übrig blieben. Es fällt schwer, in 
dem Gewirrc sich widersprechender Nachrichten das Wahre heraus- 
zufinden , es scheint aber, dass beide Gegner licimlich um die 
Gunst Russlands buhlten. England seinerseits, welches 1867 be- 
schlossen hatte, seinen Schützling Schir Ali fallen zu lassen, da- 
für den Afzul-Chan, den factischen Herrscher KabüFs, als solchen 
anzuerkennen , schwankte nach dem Tode desselben , auf wessen 
Seite es sich neigen solle; denn im INIärz 1868 beabsichtigte der 
Generalgouverneur von Indien , in Pischawer mit Azim-Chan zu- 
sanunenzutreflen. Dieser zeigte sich aber ebenso unschlüssig, wie 
die Engländer, denn während er täglich lange Unterredungen dem 
britischen Agenten gewährte , schickte er einen Gesandten nach 
Samarkand, wo derselbe eine Zusammenkunft mit dem russischen 
Befehlshaber hatte, um freundschaftliche Beziehungen mit dem 
Czaren anzuknüpfen, und das Ergebniss soll sehr befriedigend ge- 
wesen sein. Die russische Regierung ergriff" übrigens die Gelegen- 
heit, dem englischen Cabinete ein Paroli auf dijjlomatischem Felde 
zu biegen, indem es die Welt lange im Unklaren Hess, wem von 
den Beiden , Schir Ali oder Azim es seinen moralischen Beistand 
gewähren werde. Während Schir Ali seine Vorbereitungen zu 
einem neuen Feldzuge gegen Kandahar fortsetzte und die Perser 
einen Theil von Ssistän besetzten, durfte man Azim-Chan für den 
Schützling Russland's halten, und in England empfand man nicht 
geringe Freude darüber, als die Dinge für Azim, den die Regierung 
in Tower zwar als Fürst de facto anerkannt hatte, eine schiefe 
Wendung annahmen und sich für Schir Ali, den früheren Schütz- 
ling Englands günstiger gestalteten. Schir Ali's Sohn, Sirdar- 



Die Ereignisse in Afghanistan. 145 

Muhammed Yakub, besetzte nämlich Kandahar und Kelat im Lande 
der Gildschi. 

Abderrahman-Chan seinerseits, der bis dahin treu zu Azim ge- 
halten, der aber seit seines Vaters Afzul Tode wohl selbst nach der 
Herrschaft strebte, verweigerte nunmehr dem Azim seine Hilfe- 
leistung, so dass dieser allein im April 1868 alle seine disponiblen 
Truppen, 7000 Mann, sammelte, um Yakub entgegen zu marschiren; 
dieser aber war im Anzüge auf Ghasna (Ghisni, Ghusna) schon 
in der nächsten Nähe des Ortes eingetroffen und besetzte bald 
darauf die Stadt ^ welche ihm ihre Thore öffnete, so dass er der 
Besatzung die Zufuhr abschneiden konnte , und Azim nach Kabid 
zurückkehren musste, wo dieses Ereigniss eine gänzliche Störung 
aller Geschäfte hervorrief. INlan konnte nunmehr die Sache Azim's, 
des angeblichen russischen ^'erbündeten, um so mehr für hoffnungs- 
los erklären , als Azim jetzt Unterhandlungen mit Schir Ali an- 
knüpfen wollte, dieser aber sich dagegen ablehnend verhielt. Ab- 
derrahman-Chan, welcher sich zum Entsätze des nunmehr bedrohteii 
KabCd aufgemacht , wurde bei Maimadschan (wahrscheinlich May- 
mene, wo im Juni 1868, nach einer Depesche aus Calcutta, sich 
die Truppen Abderrahman's und Yakub-Chan's gegenüberstanden) 
geschlagen und zog sich nach Balch zurück. Obwohl später Chu- 
luni von Schir Ali-Chan geräumt und von Abderrahman besetzt 
ward, standen doch Mitte 1868 die Aussichten für Muhammed 
Azim schon ziemlich verzweifelt, besonders, nachdem sich auf 
einmal herausgestellt, dass zwischen den Russen und Schir Ali 
ein Bündniss bestehe, und dessen Sohn Yakub-Chan, der sich 
wieder an die Spitze der Truppen seines Vaters gestellt, Nani er- 
reicht hatte. Man kann sagen, dass seit der Einnahme von Kan- 
dahar und Kelat-i-Gildschi durch Yakub-Chan der Streit sich ganz 
zu Gunsten Schir Ali's, des rechtmässigen Herrschers entschieden 
habe. Die englische Regierung hatte ihn, ihren ehemaligen Schütz- 
ling , theils fallen lassen , theils dennoch begünstigt , während sie 
Azim-Chan als Fürst de facto anerkannt hatte; ihre Politik ging 
dai-auf aus, einen Nebenbuhler gegen den anderen zu unterstützen. 
Azim-Chan, der trotz seiner Anerkennung dem englischen Einflüsse 
von jeher abgeneigt war, suchte, als seine Sache gefährdet er- 
schien, Schutz bei den Russen, kein Hehl daraus machend, dass 
nach seiner Ansicht der englische Agent mit all seinen Freund- 
schaftsversicherungen nur bezwecke, Feindschaft zu säen zwischen 
Kabul und den Russen. Während er indessen noch Unterhand- 
lungen pflog, gelang es dem siegreichen Schir Ali mit 5000 Mann, 
sich mit den Truppen seines Sohnes ^) in Kandahar zu vereinen, 
seinen Nebenbuhler, welcher sich zu seinen Truppen nach Ghazna 



1) Yakub besetzte auch Chizai im Juli 1868. 

18 



146 Die Ereignisse in Afghanistan. 

begab, aus Kabul zu verjagen und in die Stadt selbst einzuziehen. 
Am 14. August 1868 bestieg er, der rechtmässige Herrscher, den 
Thron , so dass die Herrschaft über Afghanistan vorläufig wieder 
in Einer Hand vereinigt wurde. Sein Sohn Muhammod Yakub 
Ali-Chan ward gleichzeitig zu dessen Erben und als Vezir in Kabul 
proclamirt. All diess gelang ihm , wie wenigstens die Ein- und 
Umwohner Afghanistans versichern , mit Hilfe russischen Geldes. 
Derselbe Schir Ali soll auch unter russischer Anleitung einen Ver- 
trag mit Persien geschlossen haben, W'Onach Herat, die westlichste 
von den Afghanenstädten, an Persien fiele , welches zu verhindern 
die Engländer schon zweimal Krieg an Persien erklärt hatten, 
(ileichwohl haben die Perser neuerdings wieder, und zwar mit 
Verletzung des Pariser Vertrages von 1857 , das Hilmend-Thal 
besetzt imd sich dort zwischen Herät und Kandahar befestigt. ') 
Emir Azim-Chan, der, von allen Triijipen verlassen, den 
Kampf mit Schir Ali aufgegeben , floh nach Balch , wohin sich 
auch Abderrahman begeben hatte , um mit den Russen zu unter- 
handeln. Späteren Nachrichten zufolge , hätte Azim-Chan bei den 
Hezarastümmen Zuflucht gesucht, und Russlands Verbündeter, Schir 
Ali-Chan von Kabul, in einem sehr höflichen und versöhnlichen Briefe 
an Sir John Lawrence den Wunsch geäussert, mit der brittischen 
Regierung in freundliche Beziehungen zu treten ; der englische Ge- 
neralgouverneur erwiederte sofort, England wünsche eine starke 
Regierung in Afghanistan, gedenke der Freundschaft Dost Muhammeds 
und sei darauf bedacht, herzliche Beziehungen mit dessen legflimeni 
Nachfolger zu erneuern. Zugleich rieth er dem Emir, seine Geg- 
ner mit Milde zu behandeln, und ward im Dezember 1868 eine 
Zusammenkunft des Vicekönigs von Indien mit Schir Ali in Pischa- 
wer beabsichtigt, aus welchem Anlasse daselbst gro.sse Truppen- 
concentriruiigen stattfinden sollten. Der englische Oberbefehlshaber, 
(ieneral INlansfield, sollte der Conferenz beiwohnen. ^) Auch die 
indische Presse begi-üsste die Nachricht, dass Schir Ali-Chan mit 
dem General-Gouverneur in freundschaftliche Beziehungen zu treten 
wünsche, mit Befriedigung. Die ,, Bombay-Gazette*' hoffte, dass 
man nun , wo Schir Ali den Thron in festen Besitz genommen 
habe, in Betreff der Grenzverhältnisse bessern Tagen entgegen 
sehen könne, zumal wenn England sich einer freundlichen Politik 
gegen die Afghanen befleissige. Die „Times of India" sah in dem 
Schritte, den der Herrscher der Afghanen gethan , den Beweis, 
dass von dem letzteren die englische Politik der Nichteinmischimg 
richtig aufgefasst werde. „Das Einrücken in Afghanistan , fügte 



I 



1) Cnlcuttaor Naclirichtcn vom öO. Juli 1868 zufolge, wollten die Perser auch 
die Stadt Merw besetzen. 

2) Zufolge Nachrichten aus Bombay, 31. October 1868. 



Die Ereignisse in AfgliSnistän. 147 

sie hinzu, wie es die ministeriellen Blätter seit Jahren empfehlen, 
^vürde nur das ganze Volk gegen uns in die Waffen rufen, Avährend 
es uns jetzt als freundliche Vormauer gegen Angriffe von Norden 
her dienen kann." Indessen bezweifelten doch Einige das Zu- 
standekommen eines intimeren Verhältnisses mit dem afghanischen 
Herrscher, es sei denn, dass man ihm eine sehr starke Subsidie 
versioreche, um so mehr, da er wenige V^^ochen früher in Kandahar 
Abgeordnete der Perser und Russen empfangen hatte. / In der 
That, wenn auch die indische Regierung suchte, sich mit Schir 
Ali auf guten Fuss zu stellen , so Hess sie es doch dabei bewen- 
den, ihn einfach mit Geld und Waffen gegen seine Nebenbuhler 
zu unterstützen. Die Zusammenkunft des Vicekönigs mit dem Emir 
ward vor der Hand auch richtig aufgegeben. 

Zum wahren Frieden indess sollte das Land auch jetzt noch 
nicht gelangen , denn der ehrgeizige Abderrahman dachte nicht an 
Unterwerfung; im October wurden daher neue Vorbereitungen zum 
Kriege zwischen Schir Ali und Abderrahman in Afghanistan ge- 
troffen, und brach Letzterer )nit 8000 bis 10.000 INIann von Balch 
gegen Kabfd auf. Schir Ali schickte ihm zwei Corps entgegen, 
die sich bei Bamijän vereinigen sollten. Hier sollte, einer Nachricht 
aus Bombay vom 25. November 18ßcS zufolge, eine blutige Schlacht 
stattgefunden haben und der besiegte jVbdcrrahman zur abermaligen 
Flucht nach Balch gezwungen worden sein. Doch stellte sich sehr 
bald die Nachricht als eine Tatarenbotschaft heraus, indem Briefe 
aus Indien besagten, zuerst dass bis zum 26. November, dann 
bis 5. December diese Schlacht nicht vorgefallen sei. Die ,. Bom- 
bay-Gazette'- hielt aber trotz der officiellen Dementis ihre Nach- 
richt von der Schlacht aufrecht. Vergleicht man die bisher be- 
kannt gewordenen Angaben , so scheint es , dass Abderrahman im 
November bei Bamijan eine Niederlage erlitten hatte, w-elche ihn 
zwang, sich in der Richtung nach Balch zurückzuziehen. Auf 
dem Wege dahin begegnete er dem früheren Emir jNfuhammed 
Azim-Chan, der aus Balch mit Verstärkungen heranrückte. Beide 
Führer theilten sich in die ihnen zu Gebote stehende Kriegsmacht, 
imd Muhammed Azim-Chan zog von Charikar aufKabid, während 
Abderrahman von Bamjiän ebendahin aufbrach. Auch Schir Ali 
wurde dadurch genöthigt , eine Theiluiig vorzunehmen , sandte 
seinen Sohn nach Bamijän , während er selbst weiter rückwärts 
Stellung nahm, um Kabul zu decken, Azim-Chan zu empfangen 
und Yakub-Chan als Reserve zu dienen. 

INIittlcrweile hatte der Emir von Maymene zu Gunsten Schir 
Ali's eine Diversion gemacht und Siri-Pul eingenommen, während 
die Armeen Schir Ali's und seines Neffen sich sehr nahe gerückt 
waren. Die lange, selbst in ihren Resultaten vorhergesehene 
Schlacht fand endhch wirklich am 2- Januar 1869 statt. Nach- 



148 Die Ereignisse in Afghanistan. 

dem Schir Ali den Abderrahman bis Gbazna verfolgt hatte , wo 
er durch Schneefall aufgehalten ^vlIrde, griffen am Morgen des 
2. Januar auf der südwestlich von Ghazna (Ghuznce) gelegenen 
Ebene zwischen Kerabagh und Saidabad die Truppen Schir Ali- 
Chan's, 25.000 Mann mit 30 bis 40 Geschützen, die verschanzte 
Stellung des Sirdar Abderrahman-Chan an. Die Letzteren ver- 
fügten nur über 15.000 Mann, welche zudem durch frühere Nie- 
derlagen entnnithigt waren und ihre Kampflust um so weniger 
wieder erlangten, als sie merkten, dass mit der Führung des 
feindlichen Heeres ihres Gegners siegreicher Sohn, der jugend- 
kriiftige Muhammed Yakub-Chan, betraut war. Muhammed Yakub 
leitete die Schlacht mit grossem Geschick , und um Älittag war 
Abderrahman geschlagen und auf der Flucht. Er zog sich zurück 
bis zu einem Orte, der nach dem Sultan Mahmud benannt ist, wo 
seine verworrenen Truppen ein Nachtlager aufschlugen. Der Feind 
aber benutzte seinen Sieg durch eine kräftige \' erfolgung; Abder- 
rahman und sein Oheim entwichen während der Nacht und Hessen 
die Ihrigen rath- und thatlos. ^Muhammed Yakub machte einen 
zweiten Angriff in der Morgendämmerung; die Ueberfallenen wur- 
den theils versprengt, theils liefen sie zum Sieger über, in dessen 
Hände alle Geschütze und Vorräthe fielen. Den Flüchtigen ward 
in den nächsten Tagen nachgesetzt ; viele von ihnen wurden ge- 
fangen und niedergemetzelt; die beiden entronnenen Anführer haben 
in den Wazeeree-Hügeln auf britischem Gebiete ein Versteck ge- 
funden. Der Vicekönig erlaubte ihnen, dort ihren Aufenthalt zu 
nehmen, jedoch unter der Bedingung, dass sie eine bestimmte 
Strecke von der Grenze entfernt bleiben und sich aller politischen 
Umtriebe enthalten. Jedenfalls steht es fest, dass Schir Ali von 
diesen Nebenbuhlern Nichts mehr zu fürchten hatte. In Kabul und 
Dschellalabäd ward der Sieg mit grossartigen Feierlichkeiten und 
Abfeuern von Ehrensalven begangen; am 16. Januar 1869 hielt 
endlich der Sieger seinen festlichen Einzug in Kabid, stolz darauf, 
Afghanistan ^vieder einmal unter Einem Herrscher vereinigt zu 
sehen. Ibrahim-Chan, Sohn des Emirs und Statthalter von Herät, 
soll um dieselbe Zeit Balch besetzt haben , wohin ein Telegramm 
aus Calcutta vom 20. December 1868 auch die Russen gekommen 
sein lässt. 

Nachdom nunmehr die Ereignisse eine für Schir Ali so ausser- 
ordentlich günstige Wendung genonnnen, dachte die britische Re- 
gierung in Indien, deren Fehler stets war, erst dann Partei für 
die afghanischen Prätendenten zu ergreifen, wenn sie der eng- 
lischen Hilfe nicht mehr bedurften, alles Ernstes daran, den Herr- 
scher von ganz Afghanistan als Damm gegen die in Asien immer 
weiter vordringenden Russen zu bnützen. Obwohl der siegreiche 
Schir Ali, wie man sagt, in Folge eines gegen ihn versuchten 



Die Ereignisse in Afghanist&n. 149 

Vergiftungsattentates, sein strenges Regiment in Kabul mit Ver- 
übung mehrerer Grausamkeiten begann, trachteten die Briten doch 
das gute Ein\ernehmem mit demselben anzubahnen; der Vicekönig 
Sir John Lawrence war im Januar 1869 durch Lord Mayo im 
Amte ersetzt worden, und dieser holte das schon einmal angeregte 
und verlassene Project einer Zummenkunft mit dem Emir van 
Neuem hervor; man beabsichtigte mit ihm einen förmlichen Ver- 
trag abzuschliessen, um an Schir Ali einen Freund und im Falle 
des Näherrückens der russischen Macht einen Vorposten zu haben. 
Gegen Ende Januar 1869 wurde demnach der Statthalter von 
Pendschäb in Calcutta erwartet, damit er mit der Regierung über 
die Bedingungen des oberwähnten Vertrages berathe; der Vice- 
könig wollte dann, ehe er die Sommerfrische von Simla ') auf- 
suchte, sich an die nordwestliche Grenze begeben, um dort mit 
dem einer Annäherung zur indischen Regierung scheinbar nicht 
abgeneigten Emir eine Zusammenkunft zu haben. Dieser ,. Durbar" 
war auch in der That einer der grössten und glänzendsten seit 
EUenborough's Tagen. Der britische Vicekönig hielt auf seiner 
Reise nach Simla, seinem Sommeraufenthalt, am 27. März 1869 
in jener Stadt, welche er auf ununterbrochener Bahnstrecke er- 
reichte, und kam dort mit dem Emir zusammen, der über Pischawer 
und Labore, dann über den grossen britischen Paradegrund des 
Nordwestens hingereist, und schon am 24. März daselbst einge- 
troffen war. Er war mit der Blüthe seines Heeres angerückt, an 
der Grenze feierlich empfangen und nach Umbala geleitet, wo eine 
glänzende Kriegsmacht, verstärkt durch die Häuptlinge vom Sut- 
ladsch und aus der Radschputana zugleich der Staatskunst und der 
Lust an Schaugepränge Genüge leisten sollten. Die Briten sprachen 
sich alle sehr befriedigend über den Durbar und die muthmassliche 
Wirkung der Reise Schir Ali's durch das britische Gebiet aus ^). 



1) Simla, nicht weit im Osten vom Sutladsch, liegt im Himälaya in 7400 P. F. 
Mceroshöhe und ist eine der berühmtesten Gesundheits-Stationon Ostindiens; es besteht 
aus etwa 500 zerstreut liegenden, europäisch gebauten Häusern. Der General-Gouver- 
neur hat hier seinen Sommersitz, und die Bevölkerung beträgt daher im Sommer mehr 
als 2O.0C0, im Winter etwa 2000. Die im tropischen Klima Erkrankten genesen hier 
sehr bald. 

2) tlber die damals in Indien herrschenden Ideen und Ansiebten gewährt nach- 
stehendes Schreiben einer gut inforniirtcn Persönlichkeit dd. Bombay 13. Juli '869 an 
den Verfasser einigen Aufschluss: „Quant a la question politique russe asiatique , bien 
fin scrait qui pourrait vous Texposer clairement. Personne ici n'y connait rien et il n'y 
a pas un hemme dans la presse indo-anglaise qui soit en mesure de vous dire quel a ete 
le but de l'entrevue d'Amballah. On suppose qu'on ne s'cst propose que de faciliter les 
relations commcrciales avcc l'Asie centrale, et qu'on aurait rcpousse les avances de 
l'Eniir du Caboul ayant pour but d'obtenir du secours contre la Kussie. Vous voyez par 
les journaux que le gouvernemcnt anglais n'est pas d'avis de se meler des affaires de ces 
contrees, — c'est aussi l'opinion, dit-on, de Lord Mayo. On ne croit pas ici aux in- 
tentions agressives de la Russie et on ne semble pas se prioccuper beaucoup de ses 



150 Die Ereignisse in Afgliänist&n. 

Den Aeusserungcn des letzteren nach zu schliessen, wäre seine 
Freundschaft mit den Engländern für alle Ewigkeit gesichert, doch 
diese wissen am besten wie viel solche Versicherungen eines 
asiatischen Fürsten werth sind , zumal dieses Afghänenfürstcn, 
dessen grösste Tugend Worthalten nie gewesen. Sein Aeusseres 
scheint eben nicht zutrauenerweckend zu sein. Ein ausgesprochener 
jüdischer Gesichtstypus mit einem kalten, grausamen Zug um den 
Mund, und dem scheuen Blick eines gehetzten Thieres — so be- 
schreibt der Berichterstatter der „Times" den neuen Bundesge- 
nossen, der selber viel Leid erfahren, aber andern noch grösseres 
zugefügt hat, der nie einem Gegner verzieh, seit seiner zarten 
Jugend in wildem Kriegsgetümmel lebt, seinen Lieblingssohn im 
Kampfe gegen seinen Onkel fallen sah, dafür seinen eigenen Bruder 
meineidig verrieth, und schliesslich den Engländern die Hand reicht 
als Bundesgenosse gegen künftige Gefahren. Dass vieles, was er 
auf indobritischem Boden sah, einen gewaltigen Eindruck auf ihn 
machte, wollen wir gern glauben. Auch machte er davon kein 
Hehl, wie Orientalen sonst zu thun pflegen. Denkt euch — sagte 
er unter anderem zu den Häuptlingen seines Gefolges ■ — dass so 
eine Eisenbahn-Maschine mehr vermag als ein Heer Elephanten, 
und welch ungeheure Strecke für wenig Geld in wunderbarer Ge- 
schwindigkeit vermittelst ihrer zurückgelegt werden kann! Die 
hochländischen Regimenter schienen ihm sehr gut zu gefallen, aber 
die Abwesenheit des Beinkleides hielt auch er für etwas unan- 
ständig. INIehr noch interessirten ihn die irischen Soldaten, nach- 
dem er erfahren hatte dass sie von Natur aus überaus rauflustig 
seien. Das liebte er, das sei nach seinem Geschmack. Im übrigen 
wusste er für einen Afghanen über vieles in Europa recht gut 
Bescheid. So sprach er über den Katholicismus Irlands und die 
französischen Sympathien für dasselbe; von den schottischen Clans, 
die Aehnlichkcit mit den afghanischen hätten, nur dass diese sich 
durch Kleiderschnitt, jene durch P^irben von einander unterscheiden; 
von Napoleon, dessen Generalen imd dergleichen mehr. Die Snider- 
und Enfieldbüchsen kannte er nicht nur, sondern behauptete dass er 
sie in seinem Lande ebenso gut machen lassen könnte bis auf die 
— Patrone, und als ihm Lord Mayo einen kostbaren Säbel zum 
Geschenk überreichte, liedankte er sich dafür mit den "Worten: 
..Ich will ihn nicht nur gegen meine, sondern auch gegen Englands 
Feinde brauchen." Deutlicher und freundlicher hätte er sich nicht 
leicht ausdrücken kömien. Besser aber wäre es doch für England, 

ppogrfes. Schir Ali Khan avtiH cxpolie (icmicrcmcnt un amljnssndcur a uii fmtrn clipf 
«fghän pour l'rngager k sc liguor avcc lui contro Ics Kusses, — cct amlinssirtpur a ete 
enassscre pour toute reponse. Ccci est bien vague, n'est-ce pas? Je vous le r^pete, il est 
<liflficilp, si pr63 meme du tMätre de ces iveaementsj d'y voir clair et de ec faire uue 
cpinion." 



Die Ereignisse in Afghanistan. 151 

wenn es nie in die Lage geriethe sich auf diesen geschenkten 
Säbel als Bundeshilfe gegen Kussland verlassen zu müssen. 

Emir Scliir Ali wurde auf seiner liückkchr nach Kabid zwar 
mit Begeisterung empfangen; verschiedene radicale Reformen, die 
er auszuführen begonnen, schienen jedoch Unzufriedenheit zu er- 
regen. Namentlich beabsichtigt er eine stehende, direet von ihm 
abhängige und bezahlte Armee zu errichten, während sein Heer 
jetzt aus zahllosen kleinen Abtheilungen gebildet ist, die ihren mit 
Ländereien belehnten Häuptlingen unterstehen. Einen Theil seiner 
Truppen schult er schon nach englischem Vorbild ein, unterstützt 
von gedienten Lidern, die er nach Afghanistan mitgenommen hat. 
Seinem Sohn Muhammed Yakub-Chan , welcher während seiner 
Abwesenheit die Regierung führte, hat er eingeschärft, die eng- 
lischen Studien nicht zu vernachlässigen , und der jünstc Sohn, 
Abdula-Chan, muss täglich ein paar Stunden englisch lesen. Er 
beeilte sich auch gleich nach seiner Rückkehr der Königin von 
England in einem Telegramm seinen Dank für die freundliche 
Aufnahme auszudrüken, welche ihm von Seiten des Vicekönigs von 
Indien und anderer hoher Beamten zu Tbeil geworden. 

Unter die weiteren Reformen welche Schir Ali zur Befestigung 
seiner INIacht in Afghanistan unternahm, w^ar zunächst die Um- 
wandlung seiner bisherigen Bundesgenossen in Unterthanen, deren 
Heerfolge Pflicht ist. Mit einer an die Civilisation erinnernden 
Billigkeit sollen die durch dieses Verfahren betroffenen kleinen 
Häuptlinge durch Geld entschädigt werden; in der That meldete 
auch kurz darauf der Telegraph aus Bombay, dass der Emir von 
Badachschän und sämmtliche Häuptlinge Turkestäns dem Schir Ali 
Vasallentreue gelobt hätten. AVäre diese Nachricht richtig, so 
würde sich seine Oberherrschaft auch über Kundüz erstrecken. 
Dass es aber mit dieser vollständigen Unterwerfung Afghanistans 
nicht allzu viel auf sich hat, liess sich schon aus der Thatsache 
entnehmen dass die schwere Batterie und die sonstigen Kriegsvor- 
räthe welche der Vicekönig dem Emir zum Geschenk gemacht 
hatte, im berüchtigten Cheyber-Passe angehalten und die dortigen 
Häuptlinge den Durchzug nicht eher gestatteten bis auf Rechnung 
Schir Ali's 900 Pfund Sterling Lösegeld gezahlt wurden. Selbst 
dieser dem eigenen Fürsten aufgelegte Tribut würde den Transport 
nicht gerettet haben wenn die Wegelagerer nicht den Zorn der 
Engländer gefürchtet hätten. 

Inzwischen beschäftigt^ sich Schir Ali-Chan die Bevölkerung 
zu entwaffnen, was nicht allenthalben sehr glatt von statten ging, 
und mit Hilfe englischer Schneider seine Truppen nach europäisch- 
indischer "Weise zu uniformiren. Damit die wackeren Afghanen 
die neue Tracht nicht gar zu fremdartig finden, sollten die Söhne 
und Neffen des Emir sie zuerst anlegen. Einer dieser letztereuj 



152 li'e Ereignisse In Afghanistan. 

Ismail-Chan, zeigte sich mit den eingeführten neuen Anordnungen 
bezüglich der Armee missvergnügt. Obwohl der Emir ihn durch 
das Anerbieten einer bedeutenden Jahressumme zu versöhnen suchte, 
lehnte er sich gegen ihn auf. Er wurde indessen gefangen ge- 
nommen und nebst seinen beiden Brüdern auf britisches Gebiet 
geschickt. Es gelang Ismail-Chan zu entfliehen und sich in Af- 
ghanistan zu verbergen. Seine beiden Brüder langten in der briti- 
schen Grenzgarnison Kohat an, von wo sie die indische Kegierung 
nach Labore internirte. 

Es mag hier zum Schlüsse nicht unerwähnt bleiben dass alle 
Prätendenten des Thrones von Afghanistan sich nach Turkestän 
und Bochära flüchten, um bei dem dort operirenden russischen 
Armee-Corps Schutz und Unterstützung zu finden. Auch Persien, 
stets den Wunsch hegend seine Grenze gegen Afghanistan zu er- 
weitern, nimmt die Prätendenten offen in Schutz; Emir Schir Ali- 
Chan befindet sich unter diesen Umständen in einer kritischen 
Lage, %velche noch dadurch erhöht wird dass er sich zum AUlirten 
Englands machte. Die Afghanen nämlich sind Ignoranten, welche 
sich weniger vom Emir als von ihren Imams leiten lassen, die 
ihrerseits durch russisches Geld von den Prätendenten gewonnen 
sind. Die afghanische Geistlichkeit agitirt also durch die Präten- 
denten indircct für Russland, ihrem Emir als Rechtgläubigen es 
zum Verbrechen anrechnend, mit den ungläubigen Engländern gegen 
die Vorschriften des Korans eine Allianz eingegangen zu sein. 

Umgekehrt suchte der rebellische Kronprinz von Bochära, der 
Kette-Töre Abdul- Melik, wie schon früher erwähnt, Schutz am 
Hofe Schir Ali-Chan's, der ihm denselben nicht nur gewährte, 
sondern auch noch überdies die Hand seiner schönen Tochter an- 
trug, um sich durch dieses Bündniss nicht nur den Besitz der 
Provinz Turkestän zu sichern, deren angrenzende Chanate die harte 
Nuss sind , welche der kabülische Herrscher zu knacken hat, 
sondern auch um sich einige Ansprüche auf das Chanat Bochära 
selbst anzuschaffen. Es bedurfte aller Anstrengungen der eng- 
lischen Politiker in Calcutta um Schir Ali-Chan zu vermögen, 
seinen Gast wieder zu verabschieden; er versah ihn mit Geld- 
mitteln und verhalf ihm zu einer Reise nach Chokand. Unter- 
dessen versuchte es der Vater des Rebellen, jNIozaffer Eddin-Chan 
von Bochära sein früheres Recht auf Badachschän und das Quellen- 
gebiet des Oxus wieder einmal geltend zu machen. Die Duodez- 
Chanate von Kundüz, Chulum, Aktsche, Schiburgan und Siripul 
waren nändich , so weit geschichtliche Erinnerung reicht, stets 
unter Bochära's Suzeränität gestanden. Demzufolge w'urde gegen 
Ende 1869 von Bochära aus einerseits Chodscha Ischan Urak zum 
afghanischen Gouverneur von Balch auf diplomatischem Wege ge- 
schickt um zwei unbedeutende Orte, die in der neueren Zeit ab- 



Ibia Eroignisse in Afghanistan. 153 

gefallen \Yaren , zurückzuverlangen; andererseits aber wurde der 
bocliarische General Yakub-Inag mit einer .\rmee zur factisclien 
Zurückeroberung ausgesandt. Das war genügend um die Afghanen 
zu den Waffen zu rufen. Die beiden Parteien standen sich mehrere 
Tage lang gegenüber, bis endlich neue Verhandlungen den Aus- 
bruch der Feindseligkeiten verhinderten, und Bochära, wahrschein- 
lich von Russland beeinflusst, sich dazu bewegen Hess, als Grenz- 
linie zwischen seinen Staaten und denen des afghanischen Nachbars 
die natürliche Scheidewand des Oxus zu betrachten ^). 



1) Die Beilegung iler Grenzstreitigkoiton zwischen Bochära und Afghünisl.' 
II. Vambery. (Beil. der Allg- Zeitg. 1870, Nr. 71). 



19 



XIII. Lapitel. 

Die Rivalität Russlands und Englands in Asien. 



Ehe wir daran gehen, die sich immer mehr in den Vorder- 
grund drängende Frage der Rivalität Knsslands nnd Enghxnds in 
Asien — beiden Parteien gleich fern stehend, ohne Vorliebe für 
die Einen, ohne Abneigung gegen die Andern, am Getriebe politischen 
Staatslebens selbst unbetheiligt — in ihren möglichen Resultaten 
zu beleuchten, dünkt es uns von hoher Wichtigkeit, in einigen 
Worten Englands Stellung in Indien klar zu machen. 

In dem Lichte, worin die heutige wissenschaftliche Erkennt- 
niss die geschichtlichen Vorgänge betrachtet, hat die Bewunderung 
der einst so hochgepriesenen Colonialpolitik längst einer nüchternen 
Auffassung weichen müssen. . Schon die Thatsache allein, dass 
beispielsweise 1849 die Ausfuhr Englands nach dem zum unab- 
hängigen Staate herangewachsenen Yankeelande im Vergleiche zur 
Bevölkerung beinahe zwölf mal bedeutender war, als die nach 
seinen ostindischen Besitzungen '), dürfte genügen, um den geringen 
Nutzen auswärtiger Colonien schlagend darzuthun, wenn auch nicht 
zahlreiche anderweitige Beispiele der Geschichte hinzukämen, um 
diese Behauptung zu imterstützen. Wir wissen überdies aus Er- 
fahrung, dass jede Colonie, fühlt sie sich einmal stark genug, sich 
vom ]Mutterlande emanci})irt und imabhängig erklärt. Die eng- 
lischen Colonien in Australien , Neuseeland und Canada sind auf 
dem besten Wege hiezu, und wir zweifeln keinen Augenblick 
daran, dass ihnen Ostindien seinerzeit nachfolgen wird. 

Wir bewundern also keineswegs die englische Colonialpolitik, 
am allerwenigsten in Ostindien. Wir schweigen von den Gräueln 
vmd der Barbarei, mit der englische Squatters und Ansiedler, 
Kaufleute und selbst Missionäre die eingebornen Völkerschaften zu 
vertilgen verstehen, während daheim die Londoner City-Philosophen 
die hohlen Plirasen von Humanität und Freiheit im INIunde führen, 
um imter dem Schutze dieses Deckmantels irreleitend , mitunter 



1) Max Wirth. Gruiidzügp der National-Ükononiie. Köln. 1861- 8- I. Bd. S- 85. 



Die Rivalität Russlands und Eiiglniids in Asien. 1 ).'» 

auch selbst irregeleitet , eben der Humanität und der Freiheit AYahrc 
Faustschläge in's Antlitz zu versetzen. Wir schweigen davon, 
Aveil wir nicht zu jenen modernen Heulern gehören, welche über 
den Untergang eines wilden Volkstarames entsetzt die Hände über 
dem Kopf zusammenschlagen, über jedes Tröiifchen vergossenen 
Menschenblutes herbe Thränen weinen und aus der Geschichte noch 
nicht die auf jeder Seite hervorspringende Ijchre gezogen haben, 
dass die Entwicklung der Menschheit und der einzelnen Nationen 
nicht nach ethischen Grundsätzen fortschi'eitet, dass die höchsten 
idealen Güter stets den materiellen Yortheilen weichen müssen, 
dass Humanität, Freiheit, Recht, Edelmuth und so viel Anderes 
leere Worte sind und rücksichtslos bei Seite gesetzt werden, wo 
es sich um die eigene Existenz handelt. Auch in Ostindien 
mussten ähnliche Vorgänge von den Engländern beobachtet werden, 
wollten sie Herren des Landes bleiben ; dies unterliegt keinem 
Zweifel; aber der Sipoys-Aufstand von 1857, in Betreff dessen, 
was auch Unkundige und Böswillige sagen mögen, die russische 
Regierung frei von aller Zettelei war '), deckte all die übrigen 
Mängel der indobritischen Wirthschaft schonungslos auf, und was 
seither geschehen, hat die Situation nur unwesentlich gebessert. 
Von Seite eines politischen Gegners, dem wir die höchste Achtung 
zollen, Herrn H. ^'ambery sind wir darauf aufmerksam gemacht 
worden, dass den Hindüstänern selber keine Ursache geboten 
würde Klage zu führen über die englische Colonialpolitik, die — 
wie Vambers' in schmeichelhafter Weise sich ausdrück — „Herrn 
„von Hellwald gewiss nicht misfallen würde, wenn er sich mit 
„seinem gründlich forschenden Blick Nachrichten von dem praktischen 
„Felde einholte'' ^). Er meint wir thun den Britten Unrecht, in- 
dem wir die wohlthuenden Veränderungen verschweigen, welche 
die Regierung am Hughly zur physischen und moralischen Ver- 
besserung der Einwohner Hindustäns vorgenommen hat. Fern 
sei uns eine jede derartige Absicht. Bereitwilligst geben wir zu 
dass England auch Culturarbeit in Indien verrichtet habe und noch 
verrichte, nur scheint sie uns durchaus nicht jene Bedeutung zu 
verdienen, welche man ihr gewöhnlich beilegt. Dass wir mit 
unserer Auffassung der Dinge gar so I'nrecht nicht haben, ersehen 
wir aus einem Berichte, den der Oberbefehlshaber der britischen 
Armee in Indien, Lord Napier von INIagdala an das Ministerium 
im Jahre 1870 gerichtet hat. Darin gesteht der edle Lord: „dass 
die englische Regierung nie weniger auf die Anhänglichkeit der 
Volkes in Indien zählen koiuite, als jetzt-' — und seitdem haben 



1) Carl Neuniann. Die Empörung im >Tngloindischcn Reiche und deren Folgen. 
(Unsere Zeit. 1861. S. S7). 

2) „Allg. Zeitg.« IST«, Kr. 9. 



156 Die Rivnlilät Rus^lanJs und KnglaiKU in Asien. 

sich die Umstände nur versclilimmert. I^ord Napier sagte ferner 
in seiner Depesche: die Ursache dieser Missstimmung liege tiefer 
als in der Einkommensteuer — und schreibt sie vornehmlich dem 
Umstände zu dass die Classe der europiüschen Beamten, welche 
Indien zu ihrer Heimath machten und sich mit dem A'olke identi- 
ficirten, bis auf wenige Ausnahmen ausgestorben ist. „Die Er- 
innerungen der Wohlthaten," meint er, „welche wir dem Volke 
in jenen Theilen von Indien erwiesen haben die wir von der 
Unterdrückung und ^Missregierung ihrer (iewalthcrrscher befreiten, 
ist mit der damaligen (leneration verschwunden: die jetzige Ge- 
neration kennt nur die gegenwärtigen Beschränkungen und Ob- 
liegenheiten die man ihr auferlegt." Diess ist doch von Seite 
eines Staatsdieners deutlich genug gesprochen. 

Lord Napier gesteht selbst dass die jetzigen Beamten kein 
Verständniss und kein Herz für das Volk haben, dass die eng- 
lische Herrschaft nur „in einigen Theilen von Indien"' einst eine 
Wohlthat war, und dass die jetzige Generation keine Ursache hat 
mit den gegenwärtigen „Beschränkungen und Obliegenheiten"' — 
(der englische General musste natürlich die gelindesten Ausdrücke 
wählen) — zufrieden zu sein. Ferner erwähnt er noch in jenem 
Berichte dass die Gebildeten und Ehrgeizigen in der indischen 
Nation einen grösseren Antheil an Aemtern und Besoldungen be- 
ansi^ruchcn als sie jetzt besitzen. Auch diese Andeutung bedarf 
keines Commentars, imd es ist wohl ganz natürlich dass die Ge- 
bildeten und Ehrgeizigen in Indien sich's nicht gefallen lassen 
wollen nur als misera contribueus plebs behandelt zu werden. 
Es ist Thatsache, dass Englands Herrschaft in Indien sein ver- 
wiu)dbarster Fleck ist. Dem als Colonisator so hochgepriesenen 
Britten steht heute, also nach mehr denn hundert Jahren, die in- 
dische Bevölkerung und zwar wohlgemerkt die indische wie die 
muhammedanische gerade noch so fremd und feindlich gegenüber, 
wie zu Clive\s und Ilasting's Zeit '). Die abgedroschene INIetapher 
von der umgekehrten Pyramide hat inan trottend auf das britische 
Reich im Orient angewandt. Es wurde durch das Schwert auf- 
gebaut, und mehr noch, es wird durch das Schwert regiert. 
Was heute die englische Heri'schaft in Indien aufrecht erhält, sind 
nicht der Nizam von Ilyderabad , der Kadscha von Travancore 
und Andere, deren Interessen mit jenen England* verflochten 
sind ; es ist auch nicht die Loyalität, weder der muhammedani- 
schcn , noch der buddhistisch-brahmanischen Völkerschaften des 
Landes, es sind auch nicht die 115.000 eingeborne Söldlinge, 
welche England noch innner unter deu' Waffen hält, so viel als 
möglich aber über das weite Reich zerstreut, es sind einzig und 

1) Die Rnssn in Centralasicn. („Neues Frcnulcnblatt" vom 2. Fcljruar 18C0). 



Die Rivalität Riii3Slaiids iiiul Englands in Asien. 1 57 

allein die 70.000 Mann eiiropäiircher Kerntruppen, welche die 
Sipoy.s in Rcspect halten und an den wichtigsten, strategischen 
l'nnkten concentrirt stehen. Was in Hinsicht auf Verkehrsmittel, 
auf Eisenhahnen und Telegraphen geschehen ist, so haben die seit 
wenig Jahren eingetretenen Fortschritte die militärische Stellung 
der IJriten bedeutend gesichert. Mehr ist nicht geschehen, und 
ihre Macht über Indien ist heute so wie ehedem blos die Macht 
des Schwertes '). Dem gegenüber macht in dem oben angezogenen 
Berichte der umsichtige General die Regierung auch auf andere 
Gefahren aufmerksam welche sich gegen die britische Herrschaft 
in Indien vorbereiten, niiinlich auf die bedenkliche Entwicklung 
der Wehrkraft der benachbarten Staaten. Da ist der Fürst Scin- 
dia, der eine wohlbewatl'nete und gutgedrillte Armee hält, die er 
nöthigenfalls jeden Augenblick mit waft'eiikundigen Leuten ver- 
doppeln kann, und der mindestens 40 feldtüchtige Geschütze ins 
Feld zu stellen vermag. Ferner weist er auf die Streitmacht 
Nepals hin, welche aus 27 regelmässig organisirten und nach 
englischem System geschulten Eegimentern und 2000 Artilleristen 
besteht. Kr bemerkt dazu dass diese Armee im Nothfalle mit 
waffenfähigen und geschulten Leuten leicht um das vierfache ver- 
mehrt werden kann, dass sie mit tüchtigen Gewehren, die in den 
einheimischen Werkstätten von Katmanda verfertigt werden, be- 
waffnet sind, und dass ausserdem schon ein ^'orrath von beiläufig 
100.000 Feuergewehren im Zeughause vom Nepal bereit liegt. 
Ferner erfahren wir dass dieses Land auch eine eigene Kanonen- 
giesserei besitzt, welche Zwölf- und .Vchtzehnpfünder erzeugt, 
die mittelst Dampfmaschine gebohrt werden, und dass in dem 
dortigen Arsenal schon mehr als 400 Geschütze vorräthig sind. 
Der edle Lord erwähnt endlich dass die Nepalesen zwar keine 
Neigung für einen Feldzug bei heisser Witterung in der Ebene 
haben, dass sie jedoch gegen einen solchen in der kühlen Jahres- 
zeit keine Abneigung zeigen würden, und dass sie den Engländern 
in den gebirgigen Gegenden Indiens gefährlich werden könnten. 
Auch macht Lord Napier in demselben Berichte auf die LTmstände 
aufmerksam dass Ilolkar im geheimen eine Kanonengiesserei mit 
Dampfmaschine errichtet hat, dass die Fürsten Guikowar, Ali- 
!Morad , Young-Bahadur und der König von Ava sich gezogene 
Geschütze und die besten Präcisionsgewehre verschafft haben — 
und dergleichen mehr. Solchen Thatsachen gegenüber lassen sich 
die ernstlichsten Besorgnisse rechtfertigen, um so mehr als der er- 
mordete ^'icckönig das bei der Armee und den Beamten begreif- 
licherweise sehr unpopuläre System befolgte mit jedem Shilling in 



1) Die B^sis der britischen Herrschaft in Indien. (Beilage der „Aiigsburger 
Allgemeinen Zeitung" vom H- Octobor 1S67). 



158 Die Rivalität Kiisslniids und Eiig^nnils in Asien. 

allen Vorwaltungszwcigen zu sparen ^vo ein solcher nur erspart 
werden kann, um nicht ganz oder theilweise die grossartigen 
öffentlichen Werke aufgeben zu müssen, von deren Ausführung die 
moralisclio und materielle Zukunft Indiens wesentlich bedingt ist. 

Hierüber äusserte sich der am 10. Februar 1872 durch fana- 
tische Älördorhand gefallene Yicekönig Lord Älayo in einer seiner 
letzten Denkschriften an die Regierung in London folgejideniiashcn: 
„Es wäre unverantwortlich für die Armee hier einen Shilling mehr 
auszugeben als absolut und gebieterisch nothwendig ist. Dabei 
handelt es sich um viel höhere Rücksichten als um die jährlichen 
Finanzerfordernisse oder um die persönlichen Literessen jener, 
welche im Civil- oder ^Militärdienst der Krone angestellt sind. 
Jeder Shilling der für unnütze ^lilitärausgabeu verwendet wird, ist 
jenen grossen Summen entzogen , welche es unsere Pflicht ist der 
Verbesserung der moralischen und materiellen Zustände dieses Volkes 
zuzuwenden."' Li der That , es ist nicht möglich das Programm 
der öffentlichen Werke auszuführen, welche Lord INLiyo entworfen 
inid in Angriff genommen hatte , wenn man die finanziellen Re- 
formen nicht einfülirt die er so manrdiaft verfochten hat. Anderer- 
seits scheinen aber die für das Herr voraus /abten Summen unter 
den oben angegebenen Umständen durchaus nicht vergeudet , son- 
dern vielmehr eine hohe politische Nothwendigkeit zu sein, be- 
sonders da eine genauere Pi-üfiing des wohlwollenden Strebens 
ÄLiyo's lehrt, wie wenig ein solches in vielen Fällen in Lidien 
am Platz ist. 

Als Nachfolger des meuchlings ermordeten ^Nlayo kam Lord 
Northbrook nach Lidien, der die Zügel der Regierung in einem 
gewiss sehr kritischen Moment ergriff. Er hat die Wahl zwischen 
zwei Richtungen: entweder muss er in die Fussstapfen Lord Mayo's 
treten, oder aber mit Hintansetzung der von diesem angestrebten 
Verbesserungen sein Hauptaugenmerk der Sicherstellung der britischen 
Äfachtstellung zuwenden. Jedenfalls findet er die Zustände Indiens 
in keinem befriedigenden Stadium. Das ganze System, welchem 
Indien unterworfen ist, ist ein sehr mangelhaftes, und ruht auf 
unsicherer (irundlage. Die höchste Autorität in den indischen An- 
gelegenheiten liegt scheinbar im Parlament des ISIutterlandes, allein 
es ist diesem nie möglich gewesen, mehr als eine nominelle Con- 
trolle üljer dieselben auszuüben. Es hat übrigens seine Aftermacht 
einem ÄLnistcr — dem Staatssecretär für Indien — übertragen, 
dessen Verfahren zu überwachen, es weder Zeit noch I^ust hat. 
Dieser ^linister ist vom praktischen Standpunkt aus, der englischen 
Nation gegenüber unverantwortlich — und der indischen Bevölkennig 
gegenüber, gesetzlich ein absoluter (icwalthaber. Der Staatssecretär 
für Indien ist par excellence bisher ein Regierer gewesen, der das 
gethan hat, was in seineji eigenen -Uigen recht war. Es sind 



Die Rivalität Russlantls und Englands in Asien. 159 

sogar die wenigen und ungenügenden Hemmschuhe, welche früher 
unter dem Regiment der Compagnie bestanden haben, unter der 
Regierung der Krone verschwunden. Die Nothwendigkeit, sich 
an das Parlament zu wenden, um eine Erneuerung des Privilegiums 
zu erlangen, und die häufigen Streitfragen zu denen ein grosses 
Monopol der energischen Concurrenz dos englischen Handels ge- 
genüber, Veranlassung gab, unterzogen die Angelegenheiten der 
cstindischen Compognie, periodischen Einmischungen des englischen 
Parlaments. Die Gewissheit, dass ihre Politik und ihr Vorgehen 
früher oder später von der Nationalvertretung geprüft werden würde, 
äusserte einen wohlthätigen Einfluss auf die Direction und die 
Controllsbehörde. Seitdem aber Indien unter die Regierung der 
Krone übergegangen ist, hat die parlamentarische Controle aufge- 
hört. Und so konnte ein Staatssecretär gegen ein Gesetz, welches 
die indische Localverwaltung für dringend nothwendig hielt, sein 
Veto einlegen ; ein anderer vergeudete eine bedeutende Summe von 
indischem Einkonmien , um die Ansprüche eines zudringlichen ein- 
gebornen Fürsten zu befriedigen; ein dritter wieder besteuerte die 
indischen Contribuenten, imi die Unkosten der Gastfreundschaft zu 
decken , welche das Mutterland irgend einem europäischen Poten- 
taten erwies u. dgl. m. Das indische Publicum und seine Presse 
mochten dagegen protestiren so viel sie wollten , ihre Stimmen 
waren ohnmächtig gegenüber einem fernen und unverantwortlichen 
Minister. Jetzt ist das pei-manente Comite für die indischen An- 
gelegenheiten im Parlament eingeführt , aber es flösst in Indien 
selbst kein Vertrauen ein. Ohne auf die vielen Klagen und Be- 
schwerden die täglich laut werden näher einzugehen, erhellt aus 
obiger Darstellung der Verhältnisse , dass die indische Verfassung 
gründlicher Reformen bedarf, und dass man wohl den Eingebornen 
Glicht zumuthen kann, mit einer Verwaltung zufrieden zu sein, die 
selbst die englischen Ansiedler nichts weniger als zufriedenstellt. 

So lesen wir in einem indischen Blatte: „Der Gouverneur- 
Lieutenant von Bengalen sieht auf die eingebornen Richter und 
ol)rigkeitlichcn Personen wie auf Hunde und Schakals , imd be- 
handelt sie auch als solche. Er sucht fortwährend der höheren 
Erziehung Schwierigkeiten in den Weg zu legen, er wünscht nicht, 
dass die Eingebornen etwas lernen und civilisirt werden, und 
gleich den Europäern unabhängige Ansichten dai'über haben, wie 
ein Staat regiert werden soll ; er wünscht , dass sie wie Bestien 
regiert werden sollen u. s. f." Sicher ist, dass auch viele Euro- 
päer im stillen diese Ansicht theilen. 

Die Eigenthümlichkeit der Verhältnisse macht die britische 
Herrschaft in Indien stets gefährdet. Diese Herrschaft beruht 
nebst der obenerwähnten Waffengewalt, wesentlich auf den ge- 
waltigen Prästigium der Macht des britischen Reiches in den 



160 Dir Kivalität RuBslands und Englands in Asien. 

Augen und Vnrstcllnngon der Eingol)ornon , und sie ist in dorn 
Augeid)]icko vorloron, in welchoni diese ^Nlaelit durch eine eclatantc 
Niederlage gebrochen ist, eine unYerhülll)are Domüthigung sie ihres 
zaubergleichen Nimbus entkleidet. 

Alan begreift die Richtigkeit, aber aueli die Gewichtigkeit 
dieses Verhältnisses, wenn man erwägt, dass in Indien nicht 
weniger als 200 INIillionen Menschen, was zwei Drittheilen der 
Einwohnerzahl Europa's gleichkonunt, von nieht mehr als 156.000 
Europäern beherrscht W'crden — eine Ziffer, die auch nicht an- 
nähernd derjenigen der Armee eines europäischen Staates gleich- 
kommt, der nur ein Fünftel der Einwohnerzahl Indiens aufzu- 
weisen hat, und in dem nicht gleich diesem eine vielgchasste 
Fremdherrschaft zu vertheidigen und zu behaupten ist. 

Wie die Eroberung und Botniässigmachung jenes gigantischen, 
von den Völkern aller Jahrhunderte ersehnten Ländergebietes das 
Ergebniss der listigen Ausnützung der einheimischen Streitigkeiten 
und Fehden, der Herrschsucht der Grossen und der Unzufrieden- 
heit der Bedrückten in jenem weiten, vielgegliederten Staatsw^esen 
war, so basirt die Herrschaft daselbst auf der klugen Wahr- 
nehmung der einander befehdenden Interessen der Eingebornen. 
Indien ist keine Colonie. Kein Engländer geht dorthin zur blei- 
benden Scsshaftwerdung. ') Die Söhne Albions gehen nach Indien 
imr um im Heer oder in der Verwaltung Ehre und Geld, im 
Handel Reichthümer zu erwerben und dann das Erworbene in der 
Heimath zu geniessen. Sie sind lediglich Beherrscher des Landes, 
nicht seine Bürger. Das vom Gegenpart nie voll anerkannte Recht 
der Eroberung, die stets widerwillig getragene Fremdherrschaft 
treten hier in ihrer ungemildertsten Schärfe auf. L^nd keine grosse, 
unwiderstehliche militärische INIacht ist es, die jenes behauptet, 
diese aufrecht hält; der heimische Zwist, der eigene Unfriede ist 
CS, der das älteste Culturvolk unter das Joch der meerbeherrschen- 
den Fremden beugt. Die Briten fanden das Land zerrissen und 
unterjocht. Den kleinen heimischen Tyrannen überlegen, hatte 
sich dort das muhammedanische Reich des Grossmoguls ausge- 
breitet. Auch dieses war eine Fremdherrschaft; die fanatische 
Tyrannei einer fremden Religion, die mit wilder Unduldsamkeit 
die nationale Eigenart in Brauch und Sitte, in Denken und Fühlen 
bekämpfte, diese Fremdherrschai't ward durch die Englands ver- 
drängt. An die Stelle des religiösen Fanatismus trat der commer- 
cielle Egoismus, an die Stelle der glaubenseifrigen L^ndiildsamkeit 
die herzlose, beutegierige, kaufmännische Selbstsucht. Diese Herr- 



1) Siehe hlerülicr zicniHcli ausfülirliclics in: Jolrann Williplni llclfer's Reisen 
in Vordernsien und Indien. Von Giüün Pauline Nostitz. Leipzig 187:3, 8. II- 15d. 
ß. 28, 33, 34, 35. 



Die Rivalität Russlands und Englands in Asien. IGl 

Schaft, die der „ostindischen Compagnie", musste gleich jener dem 
ersten Anprall unterliegen. Der blutige Aufstand vom Jahre 
1857 machte ihr ein Ende, und das ,.Regiment der Königin" 
begann. 

Als „Kroidand"' bildet Indien nicht mehr ein kaufmännisches 
Ausbeute-Object, es ist eine der wesentlichsten Grundlagen der 
politischen , mercantilen und industriellen Macht Grossbritanniens, 
und dieses sucht es nach den Grundsätzen der heutigen Anschau- 
ungen zu befestigen. Vereinzelt jedoch wie sie dastehen, können 
dis Engländer ihren Rückhalt lediglich in ihrer überlegenen Cultur 
suchen; es ist aber eine völlig abgeschmackte Behaujjtimg, eine 
im Gewände eines hohlen Liberalismus sich drapirende Phrase, 
dass sie ihren Rückhalt in dieser Cultur auch finden. Wohl ist 
es richtig, dass sie die Segnungen der Cultur an die Ufer 
des Indus und Ganges tragen, die Eigenthümlichkeiten der Ein- 
wohner hie luid da schonen, durch Pflege und Förderung der 
materiellen Interessen den nationalen Groll zu beschwichtigen, den 
religiösen Hass zu mildern trachten. Allein alles dieses wäre 
trefflich, wenn es für Europäer berechnet wäre, in Indien hat 
man es aber mit Asiaten zu thun. Dass dieser tiefe ethnische 
Unterschied uns ganz fremde , unfassbare Ideen bedingt, wird ge- 
wöhnlich übersehen. Geradezu Heiterkeit erweckend i.st der Aus- 
sprush eines liberalen Blattes: „Noch ein Menschenalter sittigender 
Arbeit , und Indien ist nicht nur das schönste Juwel , sondern 
auch eine der treuesten Provinzen der britischen Krone. Einer 
solch dreisten Behauptung gegenüber, erinnern wir nur an den zu 
Anfang 1872 erfolgten Aufstand der Kukas, von dem die eng- 
lischen Officiere behaupteten , dass man es nicht mit einem ge- 
wöhnlichen Putsch, sondern mit einem grossartigen Aufstande zu 
thun habe; die einzige Hoffnung, den Frieden wiederherzustellen, 
beruhe auf einer Bestrafung, welche die rebellischen Banden mit 
Schrecken erfülle. In der That ward am 17, Januar v. J. durch 
„Hinwegblasen" von 49 Rebellen der Friede wieder hergestellt. Als 
aber am 4. Februar zum erstenmale seit Menschengedenken ein 
Nordlicht in Indien zu sehen war, raunten sich die Eingebornen 
in die Ohren: „Die rothen Tinten am Ilinnnel seien das Blut, 
welches in einer grossen Schlacht werde vergossen werden, die 
eine mächtige Nation den Engländern zu liefern habe." Und im 
Lande der Kukas stürzten Hunderte von J^amilien hinaus ins Freie: 
die INIänner rissen ihre Turbane von den Köpfen, lösten ihr Haar 
auf und begannen zu tanzen upd sich rasend zu gebärden , indem 
sie schrieen : das Licht am Himmel sei ein Zeichen , dass Rani 
Sing heimgekehrt sei ! Die englischen Executionen haben also bis 
jetzt keinen heilsamen Eindruck auf die Kukas gemacht. 

Ueber die kolossale Tragweite von Englands muhammedanischer 

20 



162 Die Rivalität Russlands und Englands in Asien. 

Verlegenheit in Indien, belehrt uns übrigens sehr genau der Mann, 
welcher gegenwärtig für sich das Verdienst in Anspruch nehmen 
darf, einer der gründlichsten lebenden Kenner des Islam zu sein, eben 
Ilr. Hermann Vämbery. Seit* etwa drei Jahren sagt er, lassen 
die fanatischen ^\'ahal)is von ihrem llaujjtcjuartier zu Patna ihre 
revolutionären Raketen immer häufiger aufsteigen. Bald zetteln 
sie zwischen den Bcrgstänmien einen kleinen Aufstand an, bald 
sehen wir, wie ein begeisterter Jünger die^r Secte den Sipahi- 
Regimentern frank und frei Revolution predigt und zum Dschihad, 
d. h. zum Krieg gegen die Ungläubigen, folglich gegen die eigenen 
Herren ermuntert. Diesem gefährlichen Spiele gegenüber , verhält 
sich Englang fast passiv, ja es gibt sogar Männer, welche der 
Utopie nachjagen : man müsse Sorge tragen, dass das Schulwesen, 
die Jurisdiction und Civilverwaltung der muhanunedanischen Unter- 
thanen einen mehr moslimischen Zuschnitt erhalten ; die Handhabung 
eines derartig mit britischen Institutionen geimpften Scheriats 
würde sie sicherlich zufrieden stellen. Ist es schon an und 
für sich paradox genug, ein welch immer durch das Schwert be- 
siegtes Volk durch Concessioncn in das Joch des Eroberers hinein- 
schmeicheln zu w^ollen, so ist diess erst bei Asiaten, bei Mu- 
hammedanern geradezu Wahnsinn. Sehr treifend sagt Vämbery; 
als die beste Coiiccssion würde dem muhanunedanischen Hindu 
gelten , wenn alle Briten , von den Thälern Kaschmirs bis zum 
Cap Comorin, auf einmal ihr Bündel schnürten und das Land ver- 
liessen. Wenn England mit seinen muhanunedanischen Unterthanen 
in Indien reussiren ^vill , muss es ein- für allemal mit allen so- 
genamiten constitutionellen Experimenten gründlich aufräumen luul 
in seiner grossen asiatischen Besitzung mehr asiatisch sein. Da- 
bei darf es nie vergessen, dass das Grundprincip des Islams immer 
die Bekämpfung der Ungläubigen bleiben wird. ') So weit der 
gelehrte und i)raktische Kenner des Orients, Hennann Vämbery. 
Seine gediegenen Auseinander.setzungen selbst führen jeden Unbe- 
fangenen zu dem Schlüsse: dass die englische Herrschaft in Indien 
auf einem vulcanischen und tief unterwühlten Boden ruht, und 
dass kein Fehler mehr begangen werden darf, ohne dass ihre Tage 
gezählt wären. 

Nach diesen Auseinandersetzungen wird es leicht begreiflich, 
wenn wir an eine lange Dauer der englischen Herrschaft in Ost- 
Indien nicht glauben. Allein in England ist man anderer INIeinung; 
dort hält man den Verlust Ostindien's, ja eine blosse Gefährdung 



1) Englands nmlianunodanisclio Verlcgcnhoif in Indien von II. V ii in li er y. („.\)lg. 
Zeltg." 1872, Nr. 51). Vergleiche ferner die schönen Artikel desselben Autors. „Der 
Islüm in britisch Indien« („Allg. Zeitg." 1872, Nr. 68, 70, 75), welche »ich an W. \V. 
Ilunters inhultsreiehes Buch: The Indian Musclmen: are they bound in conscience to 
rebel against the queen? London 1871, 8'. knüpfen. 



Die Rivalität Russlands und Englands in Asien. 163 

dieses Besitzthums, für den allgemeinen Ruin der Monarchie; man 
wagt an ein einst mögliches Aufgeben dieser Colonie gar nicht 
zu denken und ist ängstlich und gespannt auf jeden Bericht, den 
das Packetboot von den Ufern des Hughly bringt. ,, Ostindien 
um jeden Preis" ist die Devise des alternden Albion. Dass der- 
einst der Handel Englands mit einem oder mehreren unabhängigen 
ostindischen Reichen einen ungeahnten Aufschwung nehmen werde, 
gibt man sich den Anschein , jetzt noch nicht zu begreifen. Es 
ist nur zu wünschen , dass diese Erkcnntniss sich in England zur 
rechten Zeit Bahn breche , damit nicht durch P^esthalten an einer 
nutzlosen Politik die durch ihr Nichtinterventionsprincip schon 
ohnedies an Macht und Ansehen stark gesunkene Nation an sich 
selbst einen politischen Selb.stmord begehe, mit welchem übrigens, 
wie die Geschichte zeigt, noch beinahe alle hervorragenden Völker 
ihre staatliche Existenz beschlossen haben. 

Da nun aber einmal jedes britische Herz an dem Besitze 
Ostindien's hängt, diesen als eine conditio sine qua non für die 
Grösse seines Heimathlandes betrachtet , und der Verlust dieser 
Colonie heutigen Tages auch ganz unläugbar ein höchst empfindlicher 
wäre, so lässt sich crmessen, von welch' hoher Wichtigkeit für 
England das langsame aber stetige Fortschreiten der Russen in 
Asien sein muss, der einzigen Macht, deren militärische Kraft, 
der englischen ebenbürtig oder überlegen, die britische Herrschaft 
zu erschüttern , ja zu vernichten im Stande wäre. 

Die Engländer hatten aus dem unseligen Feldzuge in Afgha- 
nistan, 1842 — einem Ereigniss , das ihnen noch immer lebhaft 
in der Erinnerung steht — die Lehre gezogen , sich künftighin 
nicht mehr in die centralasiatischen Angelegenheiten einzumischen. 
Sie hatten diess zum Princip erhoben und waren dabei in die Irre 
gegangen , wie allemal , wenn man im "S'ölker- und Staatsleben 
nach Principien handeln will. Die Erfolge indess, welche die 
russischen Trujjpen in Chokan und im Quellgebiete des alten Jaxartes 
errangen , blieben auch in Ostindien und England nicht unbe- 
merkt. Der Gedanke tauchte stets wieder auf, dass der immer- 
hin noch weite Raum, der Engländer und Russen in Asien von 
einander treimt, mehr und mehr sich Aerkleinere , und dass den 
mancherlei diplomatischen Begegnungen auf demselben endlich auch 
ein militärischer Zusammenstoss folgen werde. Mit dem Ueber- 
schreiten des Ssyr-Darjä, an dessen L'fer ehemals Alexandreschatu 
den nördlichsten Punkt des Alexanderzuges bezeichnete, haben die 
Russen von Norden her das Gebiet erreicht, bis wohin der grosse 
Makedonier einst vorgedrungen war. Der Weg von dort nach 
Indien wa^-zwar noch ganz respectabel weit und durchaus nicht 
frei von allerlei Hindernissen; die Russen denken jetzt auch sicher 
noch nicht daran, eines schönen Tages die britische Grenzwacht 



164 Die Rivalität Russlands und Englands in Asien. 

in Pischawer zu alarniircn, aber seitdem sind sie den englischen 
Gebieten um ein Ansehnliches näher gerückt; kurz, Russland und 
England bekommen immer mehr „Fühlung" im Orient, mid dess- 
halb kann man sich in London einer gewissen Besorgniss nicht 
erwehren , wenn man von dem allmähligen , aber sicheren Vor- 
dringen der Russen östlich vom Aralsee hört. Ein grosser Theil 
des englischen Volkes aber — mochte nun entweder die Ueber- 
zeugung walten , dass England die Russen in ihrem Fortschreiten 
zu hindern unvermögend sei, oder unterschätzte man die Zähigkeit 
des St. Petersburger Cabinets ■ — gab sich einer ungetrübten Ruhe 
hin, woraus es kaum die ersten Siegesnachrichten der Russen 
aufzuscheuchen vermochten. Nachdem aber die ersten Schreck- 
schüsse vorüber, bildete sich in England jene Partei der Optimisten, 
welchen Vämbery so scharf zu Leibe geht. Sie fassten die Sach- 
lage ziemlich ruhig auf, Hessen den Ereignissen ihren Lauf inid 
irrten wohl nur darin , wenn sie sich ob des Wachsens und der 
immer näher rückenden Nachbarschaft ihres mächtigen Rivalen 
herzlich -freuten. Sie hoben die Vortheile hervor, welche England 
unzweifelhaft aus der unmittelbaren Nachbarschaft mit einem ge- 
ordneten Reiche erwachsen würden , und gaben sich wohl auch 
^•anguinischen Hoffnungen über den Absatz britischer Waaren in 
den nunmehr russisch gewordenen Theilcn Asiens hin. ') Die 
Riesenkette des Himälaya, Karakorum und Hindukusch mochte 
überdiess als ein für den Schutz Britisch-Lidiens genügendes Boll- 
werk angesehen werden. Diese Ansichten waren es auch, welche 
die Regierung sowohl in London, als in Calcutta vertrat, und 
welche erst in allerjüngster Zeit die ausserordentlichen p]rfolge 
einer Handvoll russischer Krieger zu ändern vermochten. 

Nach Aussen nicht mehr so apathisch wie bisher, entschloss 
sich England, bei weiterem Vordringen der Russen auf Kabid den 
Afghanen beizuspringen, für diese Eventualität ihre Grenzposition 
zu verstärken und zu diesem Zwecke im Augenblick der Gefahr 
weder Geld noch Truppen zu scheuen. Nicht umsonst besichtigte 
General Sir William Mansfield Anfangs 1868 die Grenze so genau; 
die Bahnlinie I.i.'ihore-Pischawer sollte als strategische Nothwendig- 
keit in Angrilf genommen werden , so wie die Verbindungsbahn 
zwischen Kotri und Äliiltan im Industhale ; endlich beschäftigte 
man sich eingehend mit der Frage des ganzen Verthcidigungssystems, 
den Forts, Magazinen, Depots, Arsenalen und mit allem sonstigen 



1) Darin nun täuschten sie sich gründlich. In dem russischen Trnl<tat mit 
Bochnra wurde der Waareiizoll für russische Importe auf 2 , für englische aber auf 40",,, 
festgesetzt, wodurch jeder ! ritisch-centralasiatische Handel gelähmt wird; afghanische 
Kauflcute treten faktisch in Karschi lieber den Rückweg an, ehe sie die für die mitge- 
Ijrachtcn englischen Waaren festgesetzten Zölle entrichten. (H. Väniböry. Eine neue 
Wendung in der centralasiatischcn Frage. „Allg. Zeitg." 1869, Nr. 308). 



Die Rivalität Russlands und Englands in Asien. 165 

Zubehör. Die Zahl der Armstrong -Batterien in Indien sollte 
ebenfalls vermehrt werden. 

Nicht nur die militärischen und administrativen Kreise indess, 
sondern auch das europäische Publicum in Indien verlangten ein 
Ueberschreiten der nordwestlichen Grenze, um den Russen halb- 
wegs entgegen zu gehen und in Afghanistan Position für den 
Entscheidungskampf zu nehmen. Dass sich Indien am besten in 
Afghanistan und mit Hilfe der Afghanen vertheidigen lasse, eine 
Thatsache , welche wir aus verschiedenen Gründen zu bezweifeln 
uns gestatten, nahm auch die Times an, obgleich sie vor Ueber- 
stürzung warnte nnd den weiteren Verlauf der Dinge ruhig abzu- 
warten empfahl. Die Soldaten und Beamten in Indien befanden 
sich aber in einer Stimmung, die dem ruhigen Ab\varten durch- 
aus nicht günstig war, und man kann sich leicht die Aufregung 
vorstellen, welche in Calcutta im Sommer 1868 die Nachricht 
hervorbrachte, es seien in den nordwestlichen Grenzbezirken Un- 
ruhen und P^mpörungen ausgebrochen , welche grössere Dimen- 
sionen anzunehmen drohten und die lebhaftesten Besorgnisse ein- 
flössten. 

In den Hazara-Hügeln '), einige 30 Meilen von Abbotabad, 
führt der Chan von Agror die Herrschaft. Um Ordnung und 
Sicherheit zu erhalten und dem Salzschmuggel Einhalt zu thun, 
errichteten die englischen Behörden hier eine Polizeistation , die 
dem Chan sehr unbequem war. Auf seine Veranlassung, wie es 
scheint , machte ein starkes Corps von Pathanen oder Afghanen, 
aus unabhängigen Tschigganzies bestehend, am 30. Juli 1868 Morgens 
einen Einfall über die Grenze, grif!" die englische Station an und 
lilünderte sie, indessen der Chan, obwohl englischer Lehensmann, 
ruhig zuschaute. Die Polizeisoldaten, angeführt von einem jungen 
Schahzade , einem eingebornen Prinzen, wehrten sich mannhaft 
und räumten erst das Feld, nachdem Sie ernstliche V<^rluste er- 
litten und auch eine Anzahl Feinde kampfunfähig gemacht. Da 
glücklicherweise der Districts-Commissär und jener von Pischawer 
bei der Hand waren , so gelang es , Truppen zusammen zu ziehen 
und den Posten wieder zu erobern. Der Chan wurde zur Ver- 
antwortung gezogen, und besonders die Thatsache, dass die Dorf- 
bewohner mit den Feinden gemeinschaftliche Sache gemacht, er- 
schien den Behörden so bedenklich , dass sie es für nöthig er- 
achteten, ein ziemlich starkes Corps bei Abbotabad zusammenzu- 
ziehen. Vier Eingeborne Sipoys, grösstentheils Gurkas aus Nepal, 
und zwei europäische Infanterie-Regimenter, mehrere Schwadronen 



1) Hazdra, Htizära oder Hasoreh — von dem persischen Worte hezar, d. h. 
1000 — ist eine kleine, ursprünglich afghanische Gobirgsprovinz östlich von Pischawer 
und Attock. 



166 Die Rivalität Russlamls und Englniuls in Asien. 

(^avalloric und eine Gobirgsbattcric, unter dem Befehle des Ge- 
ncralniajorri Wilde, bildeten die für einen abgelegenen Gebirgs- 
])ostcn sehr starke Expedition. Da jedoeh schon in den nächsten 
Tagen mehrere Stämme , besonders der Grenzstamm der Rawal- 
pindis, gegen die Engländer aufstanden, so fanden diese zum 
erstenmale Gelegenheit, ihre Sniderbüchse zu 2^i"obiren , deren 
Wirkung, wie der englische Bericht sich lakonisch ausdrückt, 
ganz „beruhigend" war. Bald stellte sich heraus, dass man auf 
einen schwierigen Ecldzug, der 4 — 5 Monate in Anspruch nehmen 
dürfte, zu rechnen habe, und das Expeditions-Corps w'ard dem- 
gemäss auf 20.000 Mann, d. i. auf eine Stärke gebracht, die dem in 
Abesinien verwendeten Corps nicht viel nachgab. Die Obersten 
Bright und Vaughan wurden mit dem Kange von Brigade-Gene- 
ralen dem Commandirenden Wilde untergeordnet. Die einzelnen 
Trujjpentheile mussten in Gewaltmärschen dem Schauplätze der 
Ereignisse zueilen; das 2. Infanterie-Regiment z. B., aus dem 
Pendsclulb , legte 37 englische ISIeilen in leVg Stunden zurück. 
Kurz nach dem ersten Zusammenstoss am 30. Juli 1868, bei 
einer Recognoscirung, kamen die in der Nähe von Agror stationir- 
ten Officiere und Beamten zur Ucberzeugung, dass das ganze dies- 
seits der englischen Grenze gelegene Thal von Agror im Aufstande 
begriffen sei. Nicht am wenigsten bedenklich dabei erschien die 
Thatsache, dass sofort neue Truppen nachzurücken hatten und die 
im Pischawer-Thale liegenden nicht vorwärts beordert wurden, da 
die eingebornen Truppen aus jener Gegend, namentlich die Rccrutcn 
aus Agror und Swat (Suwat), zu dcsertiren begannen, dass ferner 
Mancherlei auf einen vorher erwogenen und wohl organisirten An- 
schlag deutete und die Aufständischen wacker Stand hielten. ') Sic 
gaben vor, den Akhund (übeqjriestcr) von Swat und den unter 
britischer Überherrschaft stehenden Maharadschah von Kaschmir auf 
ihrer Seite zu haben und unter der Oberanführung des Eirosi Schah 
(Sohn des weiland Ex-^NIoguls von Delhi) zu stehen, der vor drei 
Jahren in Arabien gestorben sein sollte. Dass Kaschmir den Auf- 
stand unterstützte, war wohl nicht wahr, denn der Maharadschah 
enstendete sogleich , im Einklänge mit einer Verfügung der Re- 
gierung im Pendscliaab , 4 Regimenter nebst entsprechender Ar- 
tillerie nach dem Schauplatz der Ereignisse. 

Der Vortrab des zur Unterdrückung der Unruhen im Ilazära- 
Lande bestimmten Armee-Corps traf am 12. August daselbst ein, 
und der Eeind wurde sofort mit beträchtlichem Verluste aus dem 



1) Schon fünf Jjiliro vorher bnich in dcrselljcn Gogeiul eine Empörung, ilerSitaiia- 
Feld/ug, aus, der viel Blut forderte und eine Truppenniaclit von 5(.liO Mann nölliig niaclite, 
um der Aufständischen, Ijcsonders der fanatischen Wahabis, die den ganzen Krieg eigent- 
lich veranlasst hatten, Herr zu werden. Leider gestattete die ostiudische llegiorung den 
Wahabis wieder, sich um den Mahaban odar schwarzen Berg niedergelasaen. 



Die Rivalilät Russlands und Englands in Asien. 167 

Agror-Thale geworfen ; nach mehreren Scharniiitzehi ward die 
Ruhe als wieder hergestellt gemeldet, welche Nachricht in England 
lebhafte P^'roude hervorrief; leider galt sie nur für das Agror-Thal, 
daher man die Sache an Ort und Stelle ganz anders auffasste. 
Die Truppen-Zusammenziehungen sollten für alle Fälle fortgesetzt 
werden, und die Localbehörden erklärten die Anwesenheit einer 
Streitmacht Aon 20.000 TNfann als unbedingt nothwendig, eine 
Forderung, mit welcher der Oberhefehshaber nncli der den That- 
bestand darlegenden Begründung vollkommen einverstanden war. 
In der That musste man sich auf noch weiteren heftigen Wider- 
stand gefasst machen. Der Akhund von Swat reizte die benach- 
barten Afghanen auf, und die britischen Truppen sollten denmach 
zwischen 10. und 15. September weiter vorrücken. Der Feind 
hingegen beschäftigte sich mit der Befestigung des Passes in das 
Tcrrek-Thal (am Ausgange des Agror-Thales). Am 28. September 
ward demnach das britische Hauptquartier nach Oghi (Oghee) 
vorgerückt. Der Akhund von Swat fand es für gut, auf englische 
Seite zu treten, und die meisten Ilazaradschis und unabhängigen 
Swatis unterwarfen sich , während der Abenteurer Firosi-Schah 
mit kleinem CJefolge sich nach Kabul und Bochara wandte. Am 
5. September, nach einem leichten, erfolgreichen Gefechte mit den 
Aufständischen, besetzten die Engländer die höchsten Spitzen der 
schwarzen Berge ; der P^cind machte sich aus dem Staube, und der 
Widerstand nahm allem Anscheine nach ab, während einzelne 
Kriegführende bereits um Friedensbedingungen nachsuchten. In 
der That wurden mit den Stämmen der Ilussunzyes, Ahazaies und 
Chiggurzaies, so wie mit den Feinden im Purraree-Districte Frie- 
densverträge abgeschlossen, und die Expeditionstruppen hatten nur 
mehr gegen die unabhängigen Swateos zu operiren. 

Nach einer Bombayer Post vom 17. Octobcr betrachtete man 
die Unruhen an der afghanischen Grenze als nahezu beendigt und 
Telegramme aus Bombay vom 9. Januar 1869 meldeten endlich 
die definitive Abberufung des Restes der englischen Exjjedition. 

So geringfügig auch an und für sich die ganze Ilazära An- 
gelegenheit war, so ist es doch nothwendig, will man anders die 
Stellung Englands in Indien recht verstehen, bei den Ideen länger 
zu verweilen, welche bei diesem Anlasse in vernehmlicher Weise 
laut wurden. 

Während nändich in Indien die weitaus grössere Mehrzahl 
für ein energisches Vorrücken in Afghanistan sich aussprach, 
war dies nicht der Fall in England, wo man am Nichtinter- 
ventionsprincipe fest hielt. W'ir haben schon früher Gelegenheit 
gefunden, uns über die Vor- und Nachtheile der von Richard 
Cobden inaugurirten Manchester-Politik auszusprechen und nachzu- 
weisen, wie dieselbe seit ihrer Anwendung, das ist seit dem 



168 Die Rivalität Russlands und Englands in Asien. 

Krimkriogc, weit entfernt dorn Lande von besonderem Nutzen zu 
sein, den Nationalwohlstand Englands nicht nur nicht gefördert, 
sondern vielmehr vermindert habe, während gleichzeitig das politische 
Ansehen (irossbritanniens nahezu auf den Gefrierpunkt herabsank. 
Das Nichtintervcntionsprincip hat unbestreitbare ^'orzüge, es er-sj^art 
manche Million, ist scheinbar liberal und vor allem ungemein 
bequem; es entspricht daher ganz den Idealen des reichen eng- 
lischen Spiessbürgers, der in seiner behaglichen Ruhe durch Ge- 
danken an das „Was dann?" nicht gestört sein will. Wer sich 
der Stimmung in England, der üppositon der Journale erinnert, 
als es sich darum handelte, die für die abessinische Expedition 
nöthigen Gelder zu bewilligen, wird die Richtigkeit dieser Be- 
hauptung zugeben. Sie wird auch nicht etwa dadurch entkräftet, 
dass nach errungenem Erfolge Alle, auch Jene, die früher die 
heftigste Opposition gemacht, die Weisheit der Regierung priesen 
und stolz auf die Lorbeeren blickten, die Alt-England im fernen 
Afrika gepflückt. Dem Cabincte von St. James aber ist die Be- 
folgung der Älanchester-Politik kaum zum Vorwurfe zu machen; 
mochten auch die englischen Staatsmänner sich durch den gieis- 
senden, trügerischen Schein des Principes nicht irre leiten lassen ; 
mochten sie die schönen, volltönenden Phrasen, womit besonders 
liberal sein wollende Volksmänner ihre Ideen der wenig denken- 
den, ungebildeten Masse mundgerecht zu machen i)flegen, in ihrer 
Hohlheit durchschauen; mochten sie noch so sehr einsehen, dass 
die Zukunft des Landes darunter leiden werde, dass die Geschichte 
überhaupt von Principien Nichts wissen will, dass man mit solchen 
nicht regieren könne, da jeder Satz nur für eine gewisse Zeit 
und gewissen Verhältnissen gegenüber Geltung behält, schon da- 
durch aber den Charakter eines unwandelbaren Principes verliert, 
— mochte ihnen diess Alles noch so klar sein, welche andere 
Aufgabe konnten denn diese Staatsmänner haben, fragen W'ir, als 
die Majorität des Volkswillcns zum unverfälschten Ausdrucke zu 
bringen ? In einem Lande, wo der Volkswillc so massgebend sieh 
kundgeben kann und auch thatsächlich kundgibt, wie in England, 
dünkt es uns die höchste Unbilligkeit, das Cabinet allein für die 
Fehler der Regierung verantwortlich zu machen. Das Volk will 
keine Bevornmndung, fühlt sich kräftig genug, selbst die leiten- 
den Ideen anzugeben, wonach die Staatsgeschäfte zu lenken sind, 
da hat dann das Cabinet seine Schuldigkeit gethan, wenn es, un- 
bekümmert um die Folgen , sich zum blossen Executiv-Werkzeuge 
des Volkswillens macht. 

Auch der damalige Vicekönig von Indien, Sir John Lawrence, 
befolgte in Bezug auf auswärtige Angelegenheiten eine friedliche 
und, wie Daily News sagt weise Politik, d. h. er erhielt das 
Nichtinterveutionsprincip in vollem Masse aufrecht. Ja, man sagte, 



Die RivaKtät Russlands und Englands in Asien« 169 

SO lange Sir John in Indien gebiete, werde zuverlässig kein Ver- 
such zu weiteren Annexirungen gemacht werden. Das war an 
und für sich zu viel behauptet, denn so entschieden Sir John auch 
jeder, durch blosse Eroberiuigslust herbeigeführten Annexion ent- 
gegen war, kann doch Niemand sagen, dass er die Nichtein- 
niischungstheorie als unabänderliches j)olitisches Princip auf indische 
Verhältnisse angewendet wissen wollte. Das hiesse ihm geradezu 
jeden politischen Verstand absprechen. Zur Zeit als der Hazära- 
Aufstand ausbrach, stand indessen Sir John Lawrence mit Einem 
Fusse schon in P^uropa, denn seine fünfjährige Regierungszeit ging 
zu Ende, und es ward ihm in dem Earl of ^Mayo ein Nachfolger 
bestellt, — eine Persönliclikeit welcher die gesammte Presse Eng- 
lands und Indiens die Befähigung zu dejn Amte, das wahrlich keine 
Sinecure ist, gänzlich absprach, der aber, wie nach seinem 1872 
erfolgten gewaltsamen Tode allgemein anerkannt \verden musste, seine 
Aufgabe mit vielem Verständniss durchgeführt hatte — ein Be- 
weis für den Werth der Urtheile der Journalistik. Als demnach 
die Nachricht von den Ereignissen im Hazära-Lande eintraf, und 
man von dem bedeutenden Trujjpen-Corjjs hörte, das mit einer für 
Indien ganz ungewöhnlichen Schnelligkeit concentrirt worden, 
ward manchem Manchestermann unbehaglich zu Muthe bei dem 
Gedanken, dass die bisherige friedliche Politik der ,,masteiiy in- 
activitij" Sir John's ihre beste Zeit hinter sich habe, und man in 
Indien wieder einmal damit umgehe, grosse AnnexionsiJolitik zu 
treiben, wozu Russlands Erfolge in Centralasien willkommenen 
Vorwand boten. ,. Daily News," welche, in Indien mehr noch als 
in Europa, die Politik der Nichteinmischung als die Quintessenz 
aller Regierungsweisheit jederzeit empfohlen hatten, fürchteten, 
dass ein grösserer oder kleinerer Krieg in Afghanistan vorbereitet 
werde. Die grössere Wahrscheinlichkeit sei für einen grosseren, 
da der kleine Krieg schon in vollem Gange sei. Lnmer lauter 
ertöue von Indien der Ruf, dass es nothwendig sei, Afghanistan 
gegen das Vordringen der Russen zu schützen, und wenn man 
sehe, dass eine furchtbare (?) Armee in schnellster Zeit nach dem 
Norden abgesandt werde, um einen armseligen Aufstand zu unter- 
drücken, so sei der A'erdacht wohl erlaubt, dass ihre Concentrirung 
noch aus anderen Absichten untenioimnen worden sei. Gar leicht 
Hesse sich aus diesen Grenzoperationen ein casus belli gegen Af- 
ghanistan zurecht machen, denn bekanntlich fehle es nicht an einer 
grossen Partei, welche die Eroberung und Annexirung dieses 
Landes ür eine haare Nothwcndigkeit zum Schutze des englischen 
Reiches in Indien hielt. So ehrlich dieser Gedanke auch gedacht 
sein möge, sei er darum nicht minder ein irriger und verderblicher. 
Er widerstrebe den Ansichten der Liberalen in England, werde 
von einigen der grössten indischen Staatsmänner verdammt und 

21 



170 Die Rivalität Russlands und Englands in Asien. 

würde — wenn verwirklicht — England in ungeheure Schwierig- 
keiten verwickeln, die schliesslich vielleicht, aher doch nicht ohne 
ungeheure Opfer an Gut und Blut, überwunden werden könnten. 
Die Gegner der Manchester-Politik machten geltend, dass 
England an dieser Grenze seit 1849, wo die Sikhs und das 
Pendschab annexirt wurden, also in 19 Jahren, bereits 22 kleine 
Kriege gehabt, und der Umstand, dass zum dreiundzwanzigten eine 
so vnigewöhidiche Truppenmachfc aufgeboten werde, eine Front- 
veränderung im System der „kleinen Kriege" zu bedeuten scheine. 
Alle bisherigen Kriege hatten nur geringen Erfolg; sie vermochten 
nicht die 800 englische Meilen lange Grenze wirksam zu decken, 
deren Vertheidigung eine Lebensfrage für England ist. Die nord- 
westliche Grenze des indobritischen Reiches (westlich vom Indus) 
wird von wilden Gebirgsgegenden gebildet, durch welche das af- 
ghanische Hochland in die reiche indische Ebene ausläuft. Auf 
den Bergen wohnen afghanische Stämme , die nur dem Namen 
nach vom Mutterlande abhängig sind und von jeher die Plünderung 
der gesegneten Ebene als ihren llaupterwerbungszweig betrachtet 
haben. Sie sind unverbesserliche, uncivilisirtc, räuberische Nach- 
barn und Muhammedaner, welche die Tradition festhalten, dass ihre 
Vorfahren die Eroberer Beherrscher Indiens gewesen. Sie werden 
ewig Feinde der Engländer bleiben. Der Fanatismus hatte daher 
leichtes Spiel unter ihnen, sowie überhaupt unter den Armen und 
JHlungrigen. In ihrer Mitte wurzelt eine alte Verschwörung, um 
England aus Indien zu verdrängen, und schon vor fünfzehn Jahren 
lautete das Gutachten dreier erfahrener Commissäre des Nord- 
westens dahin, dass ohne Unterwerfung der räuberischen Gebirgs- 
stämme niemals eine feste Grenze des Pendschäb zu halten sein 
werde. Die Secte, welche sich die Wiederherstellung der muham- 
medanischen Herrschaft über Indien zum Ziele gesteckt hat, soll 
trotz aller „kleinen Kriege" grosse Fortschritte gemacht haben und 
bedeutend genug sein, um England für eine Ausdehnung seiner 
Grenzen dieselbe Nöthigung zu gewähren, welche Russland für die 
Ausdehnung der scinigen beansprucht, denn frülier oder spät^i- 
müssen die Engländer doch mit ihnen in einen unversöhnlichen 
Kampf verwickelt werden, wie die Vereinigten Staaten mit den 
Kotlihäuten. Und die „Times" meinte: Hinter diesen halbunab- 
hängigen Bergstämmeii stehen die eigentlichen Afghanen, und hinter 
diesen steht jetzt Russland. Es erscheint daher dringend geboten, 
die strategisch wichtigen Gebirgspässe sammt den unruliigen Ge- 
birgsbewohnern zu annexiren und den „kleinen Kriegen" mit 
einem Male ein Ende zu machen. England habe also mindestens 
eine ebenso gute Sache wie Kussland; es ist gleichgiltig, welche 
Motive England dabei leiten, indem es sich anschickt, in Af- 
ghanistan Position zu nehmen, wie die indische Armee seit Jahren 



Die Kivalität Russlnnds und Englands in Asien. 171 

unaufhörlich verlangt hat. Wenn es diese Position genommen, 
\vcrden, so meinte die ,. Times, " Russlands Fortschritte in Central- 
asien nicht so glatt verlaufen, wie bisher, denn die Kriegführung 
mit Subsidien imd Intriguen verstehen die Engländer minstestens 
eben so gut als die Russen, und noch dazu haben sie in Indien 
eine concentrirtere Macht, eine grossartigere und civilisirtere Opera- 
tionsbasis als Russland in seinen asiatischen Besitzungen. Der 
nünisterielle „Morning Herald," vom 10. October 1868, sagte 
auch ziemlich deutlich, dass es auf eine Besetrung afghanischer ^) 
Gebietstheile abgesehen sei, indem er aussprach, es sei der Zeit- 
punkt gekommen, die wahren Grenzen des indischen Reiches 
bleibend in Besitz zu nehmen. Diese Sprache lässt an Deutlich- 
keit Nichts zu wünschen übrig, doch bemühte sich die „Times," 
die Besorgnisse, die sie selbst nähren geholfen, zu beschwichtigen, 
indem sie die Hazära-Aftaire als ungefährlich schilderte und die 
Stärke des Expedition.s-Corps mit nur 6500 Mann bezifferte; auch 
handle es sich nicht um einen Krieg gegen Afghanistan (was ohne- 
hin Niemand behauptet hatte), welches von englischer Seite freund- 
lichst unterstützt werden müsste, wenn es später einmal von Russ- 
land angegrifli'en würde. Die Einverleibung der bis an die af- 
ghanische Grenze reichenden Gebietstheile ward aber durch die 
Times mittelbar nur bestätigt. Sicher i.st, dass Lord Napier of 
Magdala, über die Lage Indiens und die einzuschlagende Politik 
von der Regierung zu Rathe gezogen, ein derartiges Vorschieben 
der Grenze sehr warm befürwortete; denn trotz der Gleichgiltig- 
keit, mit der die englischen Journale die Besetzung von Bochara 
betrachteten oder zu betrachten aifectirten, brachte doch dieses 
Ereigniss auf die specifisch politischen Kreise einen tiefen Eindruck 
hervor, und das indische Amt, unablässig von Indien aus auf 
die drohende Gefahr aufmerksam gemacht, fühlte sich darüber 
nachgerade unbehaglich. "Was gefürchtet w'ard, imd wohl mit 
Recht, ist nicht, dass die Russen Afghanistan erobern wollen, um 
die letzte Schranke zu zerstören, die sie noch von dem indobriti- 
schen Reiche trennt, wohl aber, dass die unruhigen Elemente in 
Indien aus der Nachbarschaft der Russen politisches Capital unter 
ihren Landsleuten schlagen und ihre alten, mit Waffengewalt zer- 
störten Pläne wieder annehmen dürften. Die Regierung mochte 
damals am liebsten von derartigen Besorgnissen gar keine Notiz 
nehmen und nach dem bequemen Princii)e der Nichtintervention 
die Dinge erst näher an sich heran kommen lassen. Doch sind 
die Vorstellungen aus Indien von allen Seiten so dringend ge- 
worden, dass sie nicht gut todtgeschwiegen werden konnten, und 
die Stimme Lord Napier's, seit seiner Führujig des abessinischen 



1) Audi der „Standard" gab dies zu; gleichwohl ist es nicht geschehen. 



172 Die Rivalität Russlands und Englands in Asien. 

Feldzuges der gefeiertste, angesehenste Mann in England, der 
Indien genau kennt und schon zum dritten Male mit einem Dankes- 
votum des Parlamentes geehrt wurde, wird wohl schwer in die 
"Wagschale gefallen sein und die englische Kegicrung von der 
Richtigkeit seiner Anschauungen um so mehr überzeugt haben, als 
er in Sir StafTord Northcote, dem damaligen Staats-Secretär für 
Indien, den Boden halb geebnet fand. Sicher gab Napier, gleich 
allen seinen CoUegen, über die Lage Indiens, die dortige Stimmung 
und den eventuellen Einfluss der russischen Nachbarschaft auf die 
Eingebornen ein minder sorgenfreies Urtheil ab, als bisher von 
Seiten speciell europäischer Politiker geschah. Was man anläss- 
lich der Hazära-Vnruhen that, deutet darauf hin, dass England 
mit der Älanchester-Politik in Indien gebrochen hat, dass es 
beginnt Ansahen zu treffen, sowohl um einen äusseren Feind 
nöthigenfalls abzuwehren, als auch, was uns das Wichtigere dünkt, 
einem etwaigen Aufstande im eigenen Hause entschiedener be- 
gegnen zu können, als bei der letzten grossen Revolte 1857 mög- 
lich gewesen war. 

Diess zeigte sich recht deutlich an der Energie , womit die 
indische Regierung dem Aufrstandc der Luschai im Jahre 1871J72 
entgegentrat. Dieser Volksstamm, mit dem die Engländer schon 
zu wiederholten Älalen in unangenehme Berührung gerathen waren, 
bewohnt die Gebirgsgegend im Osten der Brahmaputra-Mündung 
und benützte 1871 die Unabhängigkeitsregungen der Birmanen zu 
einer Erhebung, welches eine englische Expedition 1872 zur Folge 
Folge hatte. Trotz tapferem Widerstände unterlag das wilde 
Bergvolk gar bald der Ueberlegenheit der britischen WafTen. ^) 

Als Anfangs des Jahres 1873 die unverhohlenen Absichten 
Russlands laut wurden den räuberischen Einfällen der Chiwaner 
durch Unterwerfung dieses Chanates ein für allemal ein Ende 
zu machen , da erhob sich plötzlich und imposant wie noch nie 
die gesammte englische Presse, den Russen ein donnerndes „bis 
hieher und nicht weiter*' zurufend. Mit Einem Male schien der 
britischen Publicistik — die niemals, auch diessmal nicht, eine 
gründliche Kcmitniss der asiatischen Dinge an den Tag gelegt 2) — 
eine (Jcfahr zu erstehen , wo sicherlich keine vorhanden war, die 
nicht schon längst dagewesen wäre. Hinter der Presse standen 
aber diesmal der Leiter des Cabinets von St. James, welchme 
Russland über seine auf Chiwa bezüglichen Absichten beruhigende 



1) Siehe über diese Expedition: „Allg- Zcitg«. 1872, Nr. 9, 35, 39, 54. — Les 
IjOiichaia et l'oxiiA'lition nnglaisc. (Bull, de la Soc. de g^ographio de Paris. Mars 1S72, 
S. 328—333), dann R. G. Woodthorpe. The Lushai Expedition 1871 — 1872. London 
1872, 8 . 

2) Geradezu erheiternd ist wie der ? ? Correspondcnt der «.Mlg- Zcitg." 1873 
Nr. 25 die englische Presse, „im ganzen wohl unterrichtet" nennt. 



Die Rivalität Russlands und Englands in Asien. 173 

Eröffnungen zu machen für gut befunden hatte. Dass nicht nur 
die öffentliche Meinung, sondern auch die Regierung selb.st den bevor- 
stehenden Vorgängen in Aeien nicht gleichgiltig zusah, geht daraus 
hervor, dass Hr. ^litchcll, der briti.=che Con.sul in St. Petersburg, 
nach London berufen Avard, um mit Lord Granviile und Mr. Ham- 
mond im aus^värtigen Amte, sowie mit dem indischen Minister 
Herzog v. Argyll, Sir Hr. Kawlinson und Sir J. \V. Kaye im in- 
dischen Amte Rücksprache zu nehmen. Die feste Sprache, welche 
das englische Cabinet in dieser Angelegenheit führte, soll nicht 
ohne Eindruck in St. Petersburg geblieben sein, wo man sich 
entschloss, den Polizeiminister Grafen Schuwalow in besonderer 
Mission nach London zu entsenden, um eine Verständigung mit 
der britischen Regierung zu erzielen. Die englische Erklärung 
lief — einer Angabe A'on „Daily News" zufolge — darauf hinaus, 
dass Russland Balch, die Hauptstadt von Balch-Turkestän, einem 
zwischen Chiwa und Afghanistan streitigen Fürstenthume das 
möglicherweise nach der Eroberung Chiwa's zwischen Russen und 
Afghanen streitig werden könnte, nicht besetzen dürfe. 

Die Mission des Grafen Schuwalow ward von der ,. Times" 
mit einem Artikel begrüsst, welcher die Meinungen des englischen 
Publicums in ziemlich klarer Weise veranschaulicht. ,.Man kann 
„annehmen, dass die ^Mission des Grafen Schuwalow* in dieses Land 
„zwei Dinge bedeute, erstens dass Russland von unserem Ernst in 
„der centralasiatischen Frage überzeugt ist, ferner, dass Russland 
„wünscht, diese Frage in persönlicher Art und Weise zu besprechen 
„und sie wenigstens für jetzt zu einem friedlichen Ausgleich zu 
„bringen. Unter diesem Umständen hat unsere Regierung nun ihre 
„Politik in klarer Sprache auszudrücken und fest bei ihr zu be- 
„ harren und der russische Gesandte wird von ihrer Schluss- 
„folgerung vermuthlich nicht abweichen. In der That lassen die 
„Absichten Englands, wie sie der Regierung des Kaisers bereits 
„mitgetheilt worden sind, für immittelbare Einwendungen oder 
„gegenwärtigen Antagonismus keinen Raum. 

„Wir haben einfach erklärt, dass wir uns jeder Einmischung 
„in Mittelasien enthalten werden, so lange die russischen Eroberungen 
„daselbst gewisse Grenzen nicht überschreiten. Selbstverständlich 
„ist in dieser Ankündigung ausgedrückt, dass, wenn diese Grenzen 
„überschritten werden, wir das als eine Ursache des Kriegs be- 
„ trachten würden; aber dieser Fall ist jetzt schon klar, dass die 
„Russen nicht wünschen, das Ereigniss zu beschleunigen. Sie sind 
„wahrscheinlich überrascht worden. Dass England, so friedlich 
„seine Politik auch sein mag, für sein indisches Reich zu kämpfen 
„entschlossen ist, weiss jeder russische Staatsmann, aber keiner 
„wusste auf w^elchem Punkt unter welchen Umständen die Ent- 
„ Scheidung gefasst würde, oder die endlichen Bestimmungen eines 



174 Die Rivalität Russlands und Englnnds in Asien- 

„Einverständnisses verkündet werden würden. Der Moment kam 
„unerwartet und nun ist der vertraute Freund des Kaisers selbst 
„in dieses Land gereist, um zu sehen, was gethan werden kann. 

„Wir können mit Ruhe annehmen, dass eine britische Re- 
„ gierung, bevor sie einen Schritt von solcher Bedeutung that, sich 
„über ihre Absichten selbst vollkommen klar geworden ist, auch 
„wüssten wir nicht, dass die Minister eine andere wünschcnswertherc 
„Politik verfolgen könnten, als die in der Älittheilung vom letzten 
„Monat angedeutet worden ist. Diese verbindet uns nicht zu irgend 
„einer Theilnahme an dem russischen Vorgehen oder zu irgend 
„einem zweifelhaften politischen Experimente. Sie erklärt nur, dass 
„das Vorrücken Russlands gegen unser indisches Reich, sobald eine 
„gewisse Linie überschritten ist, nicht mit Gleichgiltigkeit betrachtet 
„werden wird. Praktisch genommen, haben wir entschieden die 
„LTnabhängigkeit von Afghanistan aufrecht zu erhalten, und diesen 
„Entschluss haben wir durch die INIittheilung ausgedrückt, dass ge- 
„ wisse Gebiete unseres Alliirten des Emirs, welchen Russland jetzt 
„naht, als unter unserem Schutz stehend, betrachtet werden müssen. 
„Eine solche Ankündigung ist offenbar darauf berechnet, nach der 
„einen oder anderen Seite hin, ein entscheidendes Resultat zu liefern. 
„Wenn Russland die vorgeschlagenen Begrenzungen annimmt, dann, 
„dann wird es für jetzt zu Ende sein, mit der centralasiatischen Frage, 
„wenn es ihnen (den Begrenzungen) widerstrebt, dann wird die 
„Frage in irgend einem künftigen Augenblicke an das Schiedsge- 
„ rieht des Schwertes übergehen." 

Im weiteren Verlauf des Artikels drückt die „Times" die 
„Hoffnung aus, Russland werde nachgeben. „Der Schritt, den Eng- 
„land gethan, sei nicht mehr zu verschieben gewesen. England sei 
„in Asien Russland unennesslich überlegen. (?) England könne In- 
„triguen, Rupien, Barbaren und die INIacht eines civilisirten ^lilitär- 
„ Staates ins Feld führen. Die englische Gesellschaft in Indien ist 
„so kriegerisch als Russland, die Armee ist auf Kriegsfuss, jeden 
„Augenblick der unbegrenztesten Ausdehnung fähig, und eine Kriegs- 
„erklärung würde von allen Engländern daselbst mit grenzenloser 
„Freude aufgenommen werden. Die Ordre zum Marsch nach Chiwa 
„würde mit Jubel aufgenommen werden. 

..Eben desshalb habe aber auch England in Asien mehr zu 
„verlieren als Russland. Aber es fürchtete die Drohung von in- 
„dischen Aufständen nicht. Russland sei sonst machtlos gegen 
„England. Russland könne nur mit AVorten drohen, „was wir ganz 
„ sicher durchführen. " 

Eine derartige chauvinistische Sprache, aus dem Munde des 
grössten englischen Pressorganes, welches stets die Abstinenzpolitik 
in seinen Spalten ge])redigt, könnte wohl Erstaunen erregen, wenn 
nicht eben in einem i'owissen Bedürfniss nach so manchen demüthigeu- 



Die Rivalität Russlanda und Englands in Asien. 175 

gen Erfahrungen von wegen der Niclitinterventionspolitik einmal 
höheren Einschüchterungs-Chauvinismus zu treiben die Erklärung 
schon selbst lüge. Nichts kann übrigens für England zwingender 
sein als eine .unerschütterlich feste Politik in dieser Frage. Eng- 
land muss die Sache sehr ernst nehmen, wenn es nicht von Neuem 
für den Augenblick diplomatisch geschlagen, und später aufs Ge- 
fährlichste in seiner Colonialherrlichkeit bedroht sein will. Die 
englischen Älinister fülden, dass ihrem Vaterlande, will es nicht 
bedenklich an politischem Ansehen verlieren, eine zweite Ueber- 
rumpelung wie in der Pontus- Frage niclit mehr passiren darf. 
Wie die Frage steht, muss England entweder die Annäherung 
Russlands an die Grenzen des anglo-indischen*Reiches ruhig ab- 
warten, oder diese Annäherung sofort aufhalten. Nun aber bleibt 
England nur das Letztere übrig, w-eim Russland sich nicht zu 
einer Demarcationslinie versteht, welche nothwendig die afghanischen 
Gebiete neutralisiren nuiss. 

England kann und muss es dulden, wenn die Russen die Süd- 
küste des kaspischen INIeeres mit Forts bespicken , welche Persien 
und Herat bedrohen, aber in Balch und Badachschan kann es keine 
russischen Proconsuln dulden, denn diese Gebiete ragen tief in 
das Afghänenreich hinein, welches, so lange es ein englisches 
Lebensinteresse in Indien gibt, den Russen unnahbar bleiben muss. 
Wenn daher der ministerielle „Daily Telegraph"' sagt, das Vor- 
rücken Russlands in die Chanate, seine Fortschritte am Oxus und 
seine Intriguen in Kabul bedeuteten nur eine Diversion zum Zwecke, 
England bei Erledigung der grijssoren Fragen, w' eiche am schwarzen 
Meere imd am Bosphorus ihren Angelj^unkt haben, die Hände zu 
binden , so hat er ganz Recht. Indess beginnt die Frage erst 
dann wirklich gefährlich zu werden, wenn die Russen südlich 
vom Hindukusch erscheinen. Sie davon abzuhalten, muss das 
Streben der Engländer sein. Ob es ihnen gelingen wird, ist trotz 
der kriegerischen Sjsrachc der Presse nicht so ganz gewiss, ebenso 
wenig als es uns gewiss zu sein scheint, dass in dieser Frage — 
wie Hr. Vämbcry meint — die grosse INIehrzahl der euroiiäischen 
Blätter in dieser neuesten Frage den Ansprüchen Englands zur 
Seite steht. ') 

Wie ein Blitzstrahl brach nun in der zweiten Hälfte Januars 
1873 die Nachricht herein, Persien habe vor drei Jahren durch 
einen geheimen Vertrag das an der Südgrenze Chiwas gelegene 
Atrek-Thal an Russland abgetreten, wodurch diesem die Provinz 
Charesm (Chorassän) offen wäre. Obgleich die Nachriclit sofort von 
competenter Seite demcntirt ward, hinterliess sie doch einen tiefen 



1) „Allg. Zeitg.« 1873, Nr. 26. 



176 Die Rivalität Riisslands und Englamls in Asien. 

Eindruck. England hat also die Gefahr erkannt und man darf 
niclit mehr klagen, dass sie von den englischen Staatsmännern 
unterschätzt werde. JedenfalLs war es ein Fehler, dass England 
die Dinge so weit gedeihen Hess und durch die Gleichgiltigkeit 
und die Unkenntniss seiner Gewalthaber und Dijjlomaten den Russen 
gleichsam die Wege ebnete; allein wir bezweifeln sehr, selbst 
wenn England mit einem ernsten diplomatischen, „Veto" recht- 
zeitig aufgetreten wäre, und mehr hätte es ja in keinem Falle 
thun können, dass es in seiner Macht gestanden wäre, dem Gang 
der Ereignisse eine wesentlich andere Richtung zu geben, selbst 
dann nicht, wenn es schon seit lange zur undankbaren und kost- 
spieligen Aufgabe geschritten wäre , die unabhängigen Afghänen- 
stämme zu unterwerfen. \^'äre dies vor einigen Jahren geschehen 
und stehen die Russen nun in Samarkand und Bochära, so hätte 
dies — sollte wirklich ein Zusammcnstoss erfolgen — ■ Eine Be- 
schleunigung der feindlichen Begegnung herbeigeführt, das heisst: 
beide Parteien wären also jetzt gegenseitig in Sicht, und der lang- 
gefürchtete Zusanmicnstoss müsste schon jetzt erfolgen. Dies hätte 
Britannien wohl kaum zu bedauern , wenn Afghanistan ihm eine 
bessere Grenze gäbe, als das Pendschäb, was sich jedoch nicht 
behaupten lässt. Wir meinen im Gegentlieile, es sei für England 
besser, die Cheyber-Pässe vor als hinter sich zu haben. Wenn 
— immer unter der Voraussetzung, dass die Russen es wirklich 
auf Indien abgesehen haben — diese in's Pendschäb wollen, müssen 
sie die schwierigen Gebirgspässe durchschreiten, und die Briten 
dürften hoffen , ihnen das Debouchiren unmöglich machen zu 
können. Stehen aber die Engländer in Afghanistan, und würden 
sie von einer russischen Heeresmacht geschlagen , so müssten s i e 
durch jene , ihnen dann im Rücken liegenden Pässe und hätten 
dann wohl eine dem Jahre 1842 ähnliche Katastrophe zu gewär- 
tigen; setzen ihnen die Russen nach, so kommt kaum ein Mann 
nach Indien zurück; die erste Alternative ist also jedenfalls ge- 
fahrloser. Nach Vämbery freilich wird sich Russland , sobald es 
mit den drei turkestänischen Chanaten fertig ist, mit den Afghanen 
verbinden, und dann liegt Indien vor ihm; die Hindernisse, wie 
der Ilindukusch , seien in ihrem Werthe bedeutend überschätzt, 
denn an Pässen, wodurch Russland in das indische W^underland 
dringen kann, ist kein ^Mangel. Strategisch aber kann darüber 
kein Zweifel sein, dass England am Indus stärker ist, als am 
Oxus, und ohne seiner ^lachtstoUung zu schaden, kaum einen 
Schritt vorwärts gehen darf. Alles was militärischerselts geschehen 
kann, ist die Befestigung des Cheyber-Passcs und der anderen im 
Solimangebirge gelegenen Uebergänge. So viel bis jetzt über die 
Geographie jener Gegenden bekannt ist, sind dies Positionen, die 
sich kaum umgehen lassen und eine russische Armee jedenfalls 



Die Rivalität Kuaslands und Englands In Asien. lYY 

zwingen würden, den Stier bei den Hörnern zu packen, i) Seit 
dem Kriinkriege , wie seit der grossen Meuterei der einheimischen 
Truppen in Indien, hat sich die politische Lage der britischen 
Besitzungen in Asien wesentlich verändert : der Schlüssel zu Indien 
liegt in London; jede ernstliche Bedrohung Indiens würde voraus- 
sichtlich zu einem europäischen Kriege führen, imd Asiens Schick- 
sal an der Newa, an der Donau, in der Krim entschieden. Anderer- 
seits ist das grosse englische Reich neu befestigt, seine Kriegs- 
tüchtigkeit ungleich stärker als zuvor organisirt; ausser dem starken 
Contingent an Sipoys bilden 70.000 Mann britischer Kerntruppen 
die heutige Armee in Indien. Vor allem kommt dabei die Be- 
schleunigung der Truppenbewegungen in Betracht. Raum imd 
Zeit sprachen ehedem in Asien bei Krieg und Handel das grosse 
Wort; seit der Dampfperiode ändert sich das mit jedem Jahre 
mehr, und dürften die Engländer mit ihren Schienenwegen eher 
den Indus erreichen, als die Russen sich in Afghanistan aufge- 
stellt und ihre Angriffs-Colonnen gebildet haben. 

Wer indess darauf hinweisen will, dass das Schienennetz 
eben auf dem voraussichtlichen Kriegsschauplatze noch äusserst 
mangelhaft sei, dass ihrerseits die Russen gezeigt haben, wie die 
ungeheuersten Distanzen , auch ohne Eisenbahnen, in überraschend 
kurzer Frist überwunden werden können, kurz, wer mit Einem 
Worte, trotz der oben angeführten LTmstände, mit Vämbery an- 
nimmt , was wir selbst in solchem Falle für sehr wahrscheinlich 
halten, dass England nicht im Stande sein werde, dem gewaltigen 
Stosse zu widerstehen, welchen Russland, durch zahllose mittel- 
asiatische Hilfsvölker verstärkt, gegen das künstliche Gebäude des 
britischen Reiches zu führen vermag, der niuss diese Mög- 
lichkeit auch dann einräumen, sei es, dass die Briten in dem für 
sie militärisch ungünstigeren Afghanistan stehen, sei es, dass sie 
versucht hätten, einen als Barriere dienenden, den englischen In- 
teressen ergebenen afghanischen Grenzstaat zu gründen , der sich 
übrigens eben nicht schaffen lässt , weil die hiezu nöthigen Ele- 
mente fehlen, und der überdies die siegreichen Russen schwerlich 
aufhalten würde. 

Dass also ein Angriff der Russen auf Britisch-Indien für den 
Bestand dieses Reiches sehr gefahrbringend sein dürfte, wird wohl 
Niemand bestreiten, und ^'ambery übertreibt diese Gefahren nicht, 
falls es wirklich zimi Zusammenstoss kommen sollte. Die russischen 
Staatsmänner indess, welche alle Eigenschaften, die bei den[Hüfrn 



1) Das Ijcsto was wir bisher ü'jer die militärische Seite dieser Frage gelesen 
haben, bleibt immer noch das Capitel XXX „llussian Invasion in India" in des französischen 
Ofiiciers und persischen Generaladjutanten J. P. Ferricr's Buch: „Caravan Journevs 
aud Wanderings in Persia, Afghanistan, Turkestän aud Beloochistan. London 1857 8" 
Becond edition. 

22 



178 Die Rivalität Ruaslands und Englands in Asien. 

morgenländischer Despoten zum Erfolge führen müssen, und zwar 
in eben dem Masse besitzen als die englischen meist von asiatischer 
Politik Nichts verstehen , wissen diesen Umstand ganz genau und 
sind sich ihrer Handlungen vollkommen bewusst. Ganz so wie 
England den Russen gegenüber, so hat auch Russland hundert 
Gründe, mit den Söhnen Albions in P"'rioden und Ereundschaft zu 
leben , und eines directen Angriffes auf Indien hätten letztere sich 
wohl dann nur zu versehen , wenn anderweitige Complicationen 
hiczu einen genügenden Anlass geben. Denn ebensow^enig als Eng- 
land seinen nordischen Gegner unterschätzt, thut dies die vor- 
sichtige russische Diplomatie, welche Yämbery mit Urquhart 
unter allen Umständen als der englischen überlegen aiisieht , den 
Schwierigkeiten eines Indiazuges gegenüber, namentlich so lange 
Russland sich noch nicht auf einer breiteren Operationsbasis be- 
wegen kami. Sämmtliche Landschaften vom Kaspi-See bis an den 
Bclut-Tagh, ja wo möglich die wichtigen Gebiete des chinesischen 
Ost-Turkestäns , oder doch wenigstens Afghanistan müssen voll- 
ständig in russischem Besitze sein, ehe an eine Eroberung Indiens 
zu denken ist. 

Wichtiger, für England bedenklicher und in seinen Wirkungen 
viel näher gerückt, erscheint uns der Umstand, dass mit dem sich 
täglich mehr entfaltenden Einfluss der Russen in Asien jener der 
Briten abnimmt, und dci-gestalt England schon auf friedlichem 
W^ege aus dem Sattel gehoben wird. Wie dem zu begegnen sei, 
wissen wir nicht , und auch Vamböry sagt es uns nicht. Auch 
diese Gefahr hätten die britischen Staatsmänner voraussehen und 
ihr begegnen sollen; doch wie? Es gab hiezu nur Ein Mittel: die 
Ausdehnung russischer Machtsphäre in .Vsien von allem Anfange 
her durch ein imperatives Veto hintanzuhalten. H. Vamböry be- 
ruft sich auf die Lehre der Geschichte, dass Russland in seiner 
Aggressionspolitik immer jeden Zusannnenstoss mit einer rivalen 
Macht geflissentlich vermieden habe und seine Machtausdehnung sei 
auch nur dort ungehindert vorangeschritten, wo es keinen unmittel- 
baren Feind witterte. ') Zugegeben, allein unter „Feind"' kann doch 
billigerweise auch nur ein machtvoller Feind verstanden werden. 
Hätte aber Grossbritannien etwa die materiellen Mittel an Geld 
mid Leuten besessen , einem solchen Ausspruch Achtung zu ver- 
schaffen, d. h. durch die Tliat Russland an der Ausdehniuig seiner 
südöstlichen Grenzen zu hindern ? Und wenn aucli, — auf welchem 
Wege wäre dies geschehen ? Wo hätten die Briten die Soldaten 
des Czaren hiezu aufsuchen müssen? 

So wie die Dinge jetzt liegen, so lange keine besseren An- 
haltspunkte dafür vorhanden sind , wird indessen unserer Äleinung 



1) „Allg. Ztg.« 1870 Nr. 9. 



Die Rivalität Riisslands und Englands in Asien. 179 

nach die Ansicht Russland indische Eroberungsgelüste zu unter- 
schieben nicht stichhaltig sein. Wir müssen es auch dahingestellt 
sein lassen ob, wie Hr. H. Yambery glaubt, die orientalische 
Frage mit mehr Leichtigkeit jenseits des Hindukuh als am Bos- 
porus gelöst werden kann. ^) Gewiss ist Eussland Englands ge- 
fährlichster Rival in ganz Asien , und wir zweifeln auch keinen 
Augenblick daran, dass die Zukunft Russlands Herrschaft über 
Asien noch weithin erstrecken werde, ebenso wie sie immer mehr 
den Untergang des englischen Colonialsystems herbeiführen muss. 
Allein die Staatsmänner an der Newa, welche von ihrer Geschick- 
lichkeit schon mehr denn eine Probe geliefert , sehen dies sehr 
gut voraus und haben kein Interesse daran, den in ganz Asien 
vor sich gehenden Zersetzungsprocoss noch mehr zu beschleunigen. 
Sie kennen gleichzeitig die Gefahren einer asiatischen Universal- 
monarchie zu genau, um nach gewaltsamer Gründung einer solchen 
zu streben , besonders dann , ^venn der Verlauf der Dinge ohne- 
dies solch' gefährlichem Ziele zusteuert. Sicherlich werden diese 
Gefahren für Russland eben durch jene Eigenschaft vermindert, 
welche man ihm so sehr zum Vorwurfe macht '^) ; dadurch, dass 
Russland noch so ungemein asiatisch ist, besitzt es weit mehr, 
als die Engländer, die Befähigung, sich die initerworfenen Völker- 
schaften zu assimiliren ; allein diese Assimilation kann doch nur 
bei jenen Völkern eintreten , mit Avelchen Russland jetzt schon in 
Berührung steht, als Mongolen, Tataren, Usbeken und Turkomanen, 
während es sehr- fraglich ist, ob dieselbe sich auch auf geistig so 
hochstehende, mit einer eigenartigen Entwicklung und reichen Ge- 
schichte ausgestatteten Völkerschaften erstrecken würde, als da 
Chinesen imd Hindu sind. 

Hiemit soll durchaus nicht behauptet werden, dass dem Vor- 
dringen der Russen in Turkestan kein bestimmter, vom russischen 
Cabinete ^vohl erwogener Plan zu Grunde liege. Darüber haben 
zur Genüge die unlängst veröffentlichten drei Denkschriften aus 
den Jahren 1854 und 1855^) aufgeklärt, die in Manchem anti- 
quirt, doch deutlich erkennen lassen, dass Vieles seither Geschehene 
und Eingetroffene in St. Petersburg mit grosser Umsicht einge- 
leitet und vorausgesehen wurde. Analvsiren wir aber die Ab- 



1) Die Rivalität Russlands und Englands in Centralasien. (Unsere Zeit. 1867 
II. Bfl. S. 586.) Siehe auch die zwei Aufsätze, welche Vämbery in „Unsere 
Zeit," 1868, II. Bd. veröflfentlicht hat. 

2) Siehe darüber manches Treffliche in: II. Vambery. Russlands Machtstellung 
in Asien. Eine historisch-politische Studie. Leipzig 1871 8 . 

3) Drei russische Denkschriften über einen Feldzug nach Indien. Aus der Zeit 
des Krimkrieges. („ ' 11g- Zeitg." 1873 Nr. 25.) Die erste dieser Denkschriften führt den 
Titel: Memoire sur les routes qui menent de la Russio oux Indes. Prcsente ä S- M. le 
14. Juin 1854 par le General de Duhamel, senateur, ci-devant ministre plenipotentiairo 
cn Perse. 



180 Dio Rivalität Russlanda und Englands in Asien. 

sichten, ■welche Russlancl bei sciiiem stetigen Vordringen in Asien hegen 
kann — und auf diesem weiten Plane sind die Hintergedanken 
der Politik nur schwer zu verbergen — so sind überhaupt nur 
drei Ziele denkbar, welchen das St. Petersburger Cabinet zu- 
steuern kann. Unter diesen dünkt uns die Eroberung Indiens, als 
das entfernteste , am wenigsten Nutzen bringende , daher , gerade 
herausgesagt, als das unwahrscheinlichste gegenüber den zwei 
andern, von denen Eines möglich, das Andere gewiss 
ist. Geben wir auch gerne zu, dass ein Indiazug, von den Ufern 
der Newa ausgehend — seit nahezu zwei Jahrhunderten geplant 
und rastlos gefördert — die Verwirklichung einer der colossalsten 
Ideen der "Weltgeschichte sein würde; immerhin bleiben, um die 
russische Politik in Asien zu motivircn , noch näher liegende, 
leichter zu realisirende Absichten, die wir nicht anstehen, als eben 
so grossartig und weitreichend zu bezeichnen , wobei gleichfalls 
ein Conflict, wenn auch anderer Art, mit England ziemlich un- 
vermeidlich erscheint. Diese beiden Ziele sind : die mögliche 
Lösung der orientalischen Fr agc' und die sichere Handels- 
Hegemonie in Asien. 

Wenn auch nicht nach ^^'estcn Russland sein Beruf zieht, 
wenn auch nach Asien Russland's cultur- und welthistorische Mission 
geht und darin besteht: eine lange Reihe in orientalischem 
Despotismus entnervter und in Aberglauben versunkener Völker 
aus ihrer Verwilderung zu erheben und Cultur und Gesittung unter 
ihnen zu verbreiten, wenn auch Russland, sich dieser Mission be- 
wusst , seine Politik darnach seit einigen Jahren eingerichtet hat, 
wird doch lange noch der Besitz des goldenen Horns ein Gegen- 
stand eifrigen Strebens des russischen Cabinetes bleiben. Gegen- 
über den schweren Hindernissen, welche sich der Erreichung die- 
ses Zieles auf europäischem Wege entgegenstellen, scheint der 
zwar längere, aber sichere asiatische Weg nicht ausserhalb der 
Combinationcn der russischen Politik zu liegen. Ja die türkische 
Diplomatie weiss genau, dass, nachdem es misslungen, von der 
Donau aus nach dem Bosporus zu gelangen, der Plan aus langer 
Hand vorbereitet wurde, hinten licrum in den Besitz Constantinopels 
zu konnnen, nachdem man ganz Vorderasien aufgerollt hat und 
genau die Pfade gewandelt ist, welche die Osmanli einst ver- 
folgten , um das oströmische Reich zu stürzen. Die türkische 
Diplomatie lebt jedoch des Trostes, dass, wenn einmal die Stunde 
der Entscheidung schlagen sollte , Phigland ihr zur Seite stehen 
werde, weil hier mehr als jemals beider Völker Vortheile zusam- 
mentreffen. ') ^^'ir werden die Türkei glücklich preisen , wenn 
ßie sich in dieser ihrer Erwartung seinerzeit nicht enttäuscht findet. 



1) Die Russen in Saniarkand. („Köln. Zeitung" vom 21. Juni 1868-) 



Die Rivalität Russlands und Englands in Asien. 181 

Denn fürwahr, regt sich der zahm gewordene englische Leopard 
nicht mehr, wer möchte es den Russen wehren, wenn sie heute 
oder morgen die mittelasiatischen Chanate vollends vernichteten, 
und den Schah von Pcrsien , der seit 1828 nur noch den Mai- 
käfer am russischen Faden spielt, ganz beseitigten, in Afghanistan 
Ordnung zu stiften und dann die asiatische Türkei in russische Satra- 
pien zu zerschlagen sich anschickten, was, nebenbei gesagt, für diese 
Landschaften kein so grosses LTnglück wäre? Ein höchst geist- 
voller Aufsatz ^), dessen genaues Studium nicht genug Jenen em- 
pfohlen werden kann, welche sich für die russisch-asiatische Frage 
interressiren , zeigt die strategischen Linien, welche Russland be- 
nützen muss, um einerseits an das mittelländische, andererseits an 
das arabische Meer zu gelangen. ') Vieles schon von dem , was 
in diesem Aufsatze vorausgesagt, ist seitdem von den eingetreteneu 
Ereignissen bestätigt worden. Der Kaukasus ist völlig unter- 
worfen , und erst vor wenigen Jahren hat Russland eine neue, 
passendere Eintheilung seiner transkaukasischen Gebiete vorge- 
nommen. 3) Das kaspischc Meer und der Aralsee sind heute 
russische Gewässer zu nennen; die kleine Insel Aschurade gegen- 
über der persischen Stadt Asterabfid ist eine russische Flotten- 
station, und der strategische Punkt Bocharä, von welchem 
Karawanenstrassen nach allen Richtungen auslaufen , ist in den 
Händen der Russen. 

]Man könnte die Einwendung machen, dass, um auf asiatischem 
Wege Constantinopel zu erreichen, es für Russland viel kürzer sei, 
gleich von seinen transkaukasischen Gebieten den Einfall in das 
türkische Gebiet zu machen, dass es mit Einem Worte des riesigen 
Umweges um das kaspischc ISIeer nicht bedürfe. Dem ist zu ent- 
gegnen, wie auch der oberwähnte Aufsatz ausführt, dass Russland 
sich nicht leicht gegen die asiatische Türkei wenden kann, bevor 
es durch vorgängige Wegnahme der persischen Provinz Azerbei- 
dschän, Festsetzung am Südufer des kaspischen Meeres, nämlich 
im persischen Ghilan und INIazanderän, und Befestigung von Aschurade 
seine linke Flanke nicht gesichert und seine Operationsbasis nicht 
erweitert weiss. Hiedurch aber geräth Russland in Conflict mit 



1) Die Euphratbahn. Von einem höheren k. k. Officier. („Österreichische Revue-,, 
1865. II. Bd. S. 241 — 248 ) Dieser Offleier ist der dermalige österreichische Reichskriegs- 
minister Franz Freiherr v. Kuhn. 

2) Diese Strassen sind: 1) Die Linie von Kars in's Euphratthal und nach Mcso- 
potainion. 2) Von Eriwan, dem See von Wan entlang, in's Thal des Tigris nach Mossul, 
Mesopotamien und nach Vereinigung mit der erslercn nach Bagdad. 3) Von Täbris in 
das Thal der Kercha nach Schuster, und von hier vereinigt. 4) Mit der von Teheran 
über Ispahan nach Schuster führenden Strasse bis an den persischen Meerbusen. 

3) Durch Ukas vom 21. December 1867 (neuen Styls,) veröffentlicht im „Journal 
de St. Petersbourg" vom 2. Januar 1868. (.Siehe hierüber Petermann's Geogr. Mitth. 
1869. II. Heft S. 57— 5J.) 



182 Die RivalKät Russlands und Englands in Asien 

Persien, welches es von Turän aus in bedenklicher Weise ge- 
fährdet. Durch die Be^^ctz.ung der kaspischen Provinzen Persiens, 
so wie durch die nachfolgende, nicht gar schwierige Eroberung 
des noch nicht russisch gewordenen Theiles von Armenien drückt 
Russland mit seiner ganzen Macht auf die Gebiete des Euphrats 
und Tigris und auf ganz Persien, welches, wenn die russische 
Macht in Turän gebietet, zu einer blossen Dependenz der Statt- 
halterschaft von Tiflis herabsinkt, i) Sei es aber, dass Russland 
sich ganz Persiens bemächtigt, sei es, dass es diesen Staat seine 
Scheinexiteuz weiterleben lassen will, immerhin ist Russland durch 
den Besitz von Turän Herr von ganz Centralasien und kann nach 
seinem Belieben die Perser den asiatischen Türken entgegenstellen. 
Jedenfalls, ist Russland auf eine oder die andere Weise erst Herr 
in Teheran, so fällt ihm ohne Mühe Klein-Asien und Syrien zu, 
zum mindesten drückt es, da solche Pläne eine lange Zeit zur 
Durchführung beanspruchen — indirect auf das türkische Asien, 
jenen Theil des osmanischen Reiches, welcher in dessen Entschei- 
dungskämpfen die grossen, unerschütterlichen Heerhaufen seiner 
Glaubensstreiter stellt und vermöge der wuchtigen ISIasse seiner 
compact muhammedanischen Bevölkerung den centrifugalen Ele- 
menten der europäischen Türkei gegenüber das erhaltende Element 
bildet. Ein Festsetzen Russlands in Klein-Asien würde aber Con- 
stantinopel in directester Weise gefährden, so wie den mittelländi- 
Handel und den Suez-Canal unbedingt beherrschen. 

Eine Schranke, sowohl von militärischen, wie vom politischen 
Standpunkte wäre, nach der geistvollen Auffassung des gedachten 
Aufsatzes, in der Erbauung der Euphratbahn 2) zu erblicken, welche 
den englischen Einfluss in Yorderasien steigern, jenen Russlands 
vermindern und den Engländern gestatten würde, sich dem Vor- 
dringen Russlands mit den Waflen in der Hand zu widersetzen. 
Dann würde aber nicht Indien, sondern das südliche Mesopotamien 
der Schauplatz des ,, unvermeidlichen Conflictes" sein, der sich um 
den Besitz und Nichtbesitz jener gewaltigen Bahnlinie drehen würde. 
Eine solche Bahn vom Mittelländischen Meere an den Euphrat 
mit der dazu gehörigen Fortsctzujig im Eujihratthal wäre kürzer, 
gesunder und leichter als der Weg über Suez und das Rothe IMeer. 
Während gerade letztere Strecke wegen der furchtbar drückenden 
Sonnenhitze von den Reisenden nicht wenig gefürchtet ist, zöge 
sich die Euphratroute durch die gesündesten Gegenden, und würde 
ausserdem die Reise nach Indien um eine volle Woche verkürzen. 



1) Russland in Centralasien. („Neue freie Presse" vom 5. September 1867.) 

2) Siehe über dieselbe: ^Julius Braun. Syrien und die Euphratbahn. („Süd- 
deutsche Presse" vom 28. Februar 1868 und ft'.), daun Mesopotamien und die Euphrat- 
bahn. („Süddeutsche Presse", Juni 1868-) 



Die Rivalität Russlands und Englands in Asien. 183 

Es schwände sodann für den Canal in dieser Hinsicht jede Hoff- 
nmig auf die Möglichkeit einer Coneurrenz. Im Jahre 1867 hat 
die englische Gesellschaft welche die Euphrathahn bauen will, mit 
der osinanischen Regierung ein Uebereinkommen getroffen — so 
berichteten wenigstens die damaligen Tagesblätter — wonach diese 
Bahn von Scutari, Constantinopel gegenüber, quer durch Klein- 
Asien nach Aleppo führen, von Aleijpo nach Kalat Dschaber in's 
Eujihratthal, in diesem abwärts und an den Tigris hinüber nach 
Bagdad, und von da, wie es scheint, wieder am Euphrat bis 
Basra am Schat-el-Arab oder vereinigten Euphrat und Tigris gehen 
soll, wohin die indischen Oceandampfer hinaufkommen. Seitdem 
hat jedoch nichts weiter über das Zustandekommen des immerhin 
mit ziemlichen Schwierigkeiten ausgestatteten Projects verlautbart, 
und erst kürzlich lasen wir die Notiz dass sich nunmehr das 
Cabinet Gladstone entschieden habe die so lange vergeblich von 
der britischen Regierung begehrte Zinsengarantie für das zum Bau 
der Eisenbahn aufzuwendende Capital zu gewähren. In alier- 
jüngster Zeit (November 187 2) ist indess die Euphrathahn Gegen- 
stand der vielfachsten Erörterungen geworden, die zu kennen 
nützlich sein kann. Im Allgemeinen ist man der Ansicht , die 
Regierung würde durch die Gegengarantie der fünfpercentigen In- 
teressen des betreffenden türkischen Anlehens kein grosses Risico 
laufen. Es wird zwar von Seite der Gegner des Projectes ein- 
gewendet, England würde unter gewöhnlichen Umständen keinen 
grossen Nutzen von einer Bahn haben, deren Resultat kein anderes 
für dasselbe wäre, als dass es Postfelleisen, Passagiere und Truppen 
mittelst dieser Bahn nach Ostasien befördern könnte. Allein die 
Anhänger des Unternehmens meinen, dass selbst dies zugegeben 
der Yortheil, den die Bahn in gewissen Eventualitäten, die jeden 
Augenblick eintreten können, dem Lande bringen würde, so ge- 
wichtig in die Wagschale fällt, dass das pecuniäre Risico, dagegen 
gehalten, gar nicht in Betracht kommt. Man gibt zu, dass die 
projectirte Bahn viele Jahre lang kaum mehr eintragen dürfte als 
nöthig ist, um die Betriebs- und Unterhaltungskosten zu decken. 
Der wichtigste Verkehr auf derselben würde in der Beförderung 
von Truppen und gewöhnlichen Passagieren bestehen, was schwer- 
lich mehr als 2 — 300.000 Pfund Sterling per Jahr abwerfen 
dürfte. Die Auslagen und das Risico, welche das Umladen, Aus- 
und Wiedereinschiffen der AVaaren verursachen würde, dürften so 
gross sein, dass der Waarenverkehr zwischen Europa und dem 
fernen Osten , abgesehen von ungewissen Ausnahmsfällen . den 
Suez-Canal vorziehen würde. Der Güterverkehr auf der Bahn 
dürfte im Allgemeinen nur ein localer sein, und das Ergebniss 
derselben entzieht sich vorderhand jeder Berechnung. Doch unter- 
liegt es keinem Zweifel, meint die andere Partei, dass dieser locale 



184 Die Rivalität Russlands und Englands in Asien. 

Verkehr einer raschen und bedeutenden Entwicklung fähig wäre, 
da die Bahn selbst viel dazu beitragen würde, jene Sicherheit zu 
schaffen, deren Mangel das grösste Hindcrniss für den Auf- 
schwung des Landes ist. — Das Hauptargiiment, welches gegen 
die Garantieleistung erhoben wird, scheint dieses zu sein, dass 
politische Verwicklungen entstehen könnten, welche alle Berech- 
nungen zu nichte machen würden und denen man nur durch eine 
gemeinsame Unternehmung aller Grossmächte und durch die Neutrali- 
sirung der Bahn und des dieselbe bis zu einer gewissen Entfernung 
einschliessenden Gebietes vorbeugen könnte. Dagegen meinen die 
Anhänger des Projectes, die englische Regierung könne zwar die 
Actionäre unmöglich gegen alle politischen Conjunkturen sicher- 
stellen, ohne entweder das Risico zu laufen, für alle Zukunft 
jährlich 500.000 Pfimd zu zahlen und dabei die Bahn und alle 
ihre Vortheile in den Händen einer anderen Macht zu sehen, oder 
die viel grössere Gefahr auf sich zu nehmen, die Integrität des 
Euphratthales mit Waffengewalt zu beschützen. Dagegen wird 
ganz richtig bemerkt, England würde in jedem Falle gezwungen 
sein, das letztere zu thun — die Bahn selbst würde zu dieser 
Verpflichtung nichts beitragen. Dies ist Alles sehr richtig — allein 
die Capitalisten, welche sich an dem Unternehmen betheiligen 
möchten, dürften schwerlich eine andere als eine absolute Garantie 
annehmen. Einen besonderen Nachdruck legen auch mehrere Zeitungen 
bei dieser Gelegenheit auf das Princip, dass England wegen In- 
diens, eine asiatische Grossmacht ist — und zwar die grösste (?) 
wenn es will; als Herr des herrlichsten Reiches in Asien und der 
stärkere (?) und civilisirtere der beiden Nebenbuhler, zwischen 
welche die Hegenomie jenes Continentes getheilt ist, könne es un- 
möglich, ohne einer flagranten Pflichtvergessenheit sich schuldig 
zu machen und ohne seine Entartung und seinen Vei-fall ofl'en zu 
bekennen, seinem überwiegenden (!) Einfluss in der orientalischen 
Politik entsagen und gestatten, dass diese Fragen sich von selbst 
lösen oder durch den Stärkeren gelöst werden, wie es — England 
— in letzter Zeit in den europäischen Angelegenheiten geschehen 
liess. Jede Frage, welche die StabiHtät einer leitenden asiatischen 
Regierung berührt, wie z. B. das Emporsteigen oder der Verfall 
einer Nation, Gebietsvertheilungcn, ja sogar die Intrigue eines 
Hofes oder allmälige und stille Fortschritte einer feindseligen 
Diplomatie haben für den Souverän von Indien dasselbe Interesse, 
welches ähnliche Dinge in Mitteleuropa für Oesterreich und Deutsch- 
land haben und ähnliches mehreres. Hochtrabende Phrasen, darauf 
berechnet, John BulTs ()})ferbereitwilligkeit aufzustacheln '). Jeden- 
falls ist schon sehr sjiät, wenn nicht zu spät, an der Zeit um 



1) ^Wanderer" vom 27. Novenibei- 137 



Die Rivalität Riisslands Und Englands in Asien. 185 

von diesem Unternolimen noch sehr viel zu hoffen. Nebts den 
Schwierigkeiten, v\'elchc in denn nsicheren Zuständen der Türkei 
liegen, gibt es indess noch andere, welche das Terrain mit sich bringt: 
so ist es z. B. noch völlig unklar, wie man durch das Hochge- 
birge des cilicischen Taurus gelangen will ; da wir aber in neuester 
Zeit gewohnt sind, die Technik fast allei'orts als Siegerin aus den 
Kämpfen mit den Hindernissen der Natur hervorgehen zu sehen, 
so möchten wir auf diesen Umstand niclit allzu viel Gewicht 
legen. Fataler scheint die Wildniss südlich vom Chaburflusse, 
der in den Euphrat mündet. Hier, auf dem linken mesojjotamischen 
Ufer ist nichts als ein mcergleiches Feld mit Absynth-Kräutern 
bewachsen, und nur von wilden Eseln, Trappen und dem uner- 
reichbaren Vogel Strauss bewohnt. Ueber diese Ebene gehen 
furchtbare Wirbelstürme. Ein solcher bat einst die Schiffbrücke 
des Crassus bei Bir sanunt den im Ucbergang begriffenen Soldaten 
vernichtet, und ein anderer erfasste bei Werdi, neun geographische 
Meilen unterhalb der Chaburmündung , Che.sney's kleineres Dampf- 
boot ,, Tigris", und bohrte es mit den besten Arbeitern der Ex- 
peditiou rettungslos in den Grund. Eine halbe Stunde später schien 
die Sonne wieder, als ob nichts vorgefallen, und über den Ort 
des Unglücks gieng ein sanftes Wehen. ') Natürlich könnte dieselbe 
Ueberraschung auch einem Babnzug zu Theil werden. Dagegen 
findet sich bei Hit eine Erdpechquelle, die vollkommen brauchbar 
wäre, die Dampfkessel zu heizen, wohlfeiler ist als die Steinkohle 
in l*]ngland , und der künftigen Eisenbahn zu Gute kommen dürfte. 
Der verstorbene deutsche Aegyptologe Dr. Julius Braun, 
welcher die von der Euphratbahn zu passirenden Gegenden aus 
eigener Anschauung kannte , hat seinerzeit gegen dieselbe seine 
Stimme erhoben. '^^ Auch er musste zwar constutiren, dass eine 
solche Bahn die kürzeste Verbindung mit Indien wäre. Ob nun 
der Waarenau.stausch Europa's mit Indien gross genug sei, um 
einen Bahnbau zu verzinsen, der im ganzen Euphratthale, mit der 
syrischen Wüste auf der einen und der mesopotamischen Wildniss 
auf der andern Seite, so gut wie nichts zu verdienen bekäme, 
das müssten die Unternehmer wissen. Ihm aber wollte es be- 
dünken, dass Güter, die man auf der Eisenbahnachse von Basra 
bis Constantinopel schleppt, lediglich aus Perlen und Edelsteinen 
bestehen müssten, wenn sie die Kosten decken sollten. Güter die 
ins Gewicht gehen, bedeutenden Kaum einnehmen und verbält- 
nissmässig geringen Capitalwerth darstellen, wie Kaffee und Baum- 
wolle, werden, seiner Ansicht zufolge, nach wie vor den Seeweg 



1) Eine ausführliclie Scliilderung dieser Katastrophe siehe in: Paulino Gräfin 
Nostiitz. Joh. W. Helfer's Reisen in Vorderasien und Indien. Leipzig 1873 8 I. Bd. S. 
248—251. 

2) In der „Süddeutschen Prfcssc" vom 28. Februar 18C8 u. ff. 

"23 



186 Die Rivalität Russlands und Englands in Asien. 

verfolgon und den gratis gelieferten Wind als Bewegungsmotiv 
beibehalten. Die Meeresfläche ist zollfrei und bedarf keiner Un- 
terhaltungskosten; zudem wisse man noch gar nicht, ob oder mit 
welchen Kosten ein Bahnbau durch die Ueberschwennnungen und 
Versumpfungen am untern Eiiphrat möglich sei, oder wie fern das 
gänzlich verkommene Basra, allerdings einer der ungesündesten 
Orte der Welt, als Schlusstation und Ilafenplatz dienen könne. 
Güter von geringerem Gewicht und Umfang, aber höherem Capital- 
werth , wie Thee, Seide, Indigo , haben dagegen den Weg über 
Suez , um mit möglichst geringem Zeit- und Zinsenverlust nach 
Europa zu kommen. Wenn also, so meinte Dr. Braun, die Be- 
deutung der künftigen Schienenstrasse durch Syrien imd Mesojoo- 
tamien nur auf den Verkehr mit Indien , das keine Waare, son- 
dern bloss baares Silber will, gegründet wird, dann hätte sie kaum 
ein Recht unsere besondere Theilnahme in Anspruch zu nehmen, 
(ianz anders aber stellt sich die Zukunft einer solchen Bahn, oder 
ihrer ausführbaren Strecken, wenn sie über einen Boden geführt 
wird, der selbst einen neuen und hundertfachen Werth daraus ge- 
winnen kann. Dr. Braun musste zugestehen , dass in der That 
mit dem vordringenden Bahnbau, aber nicht im engen Krcidethale 
des P^uphrat, ungeheure Strecken, die vormals Millionen Menschen 
ernährt haben , binnen wenigen Jahren zur alten Ertragsftlhigkeit 
gedeihen und einen Ueberschuss von Getreide und Wolle abgeben 
könnten, der dem hungernden und frierenden Europa sehr wohl 
zu statten käme. 

Es lag uns daran diesen im ganzen wenig günstigen An.sichten 
Gehör zu geben, weil dieselben so ziemlich alle Einwände in sich 
zusammenfassen, die von verschiedenen Standpunkten gegen eine 
Euphratbahn erhoben worden sind. Wir wollen nur hinzufügen, 
dass dei'selbe Schriftsteller den Suez-Canal noch im Jahre 1868 
für eine Chimäre hielt, was bei aller Verschiedenheit der Meinung 
über denselben, doch heute Niemand mehr aufrecht zu halten den 
Muth hätte. 

Während man indessen Alles Vorstehende in das Bereich des 
Älöglichen versetzen muss , darf man das Streben Russlands nach 
der Ilandelshegemonie in Asien als etwas Positives, Sicheres, im 
Werden Begriücnes bezeichnen, schon desshalb, weil das unmittel- 
bare materielle Interesse , welches Russland an der Entwicklung 
imd Ansichzichung des asiatischen Handels besitzt, demselben seit 
jeher ein unverwandtes Augenmerk zuwenden Hess. Vor nicht 
allzu langer Zeit sind einige Angaben bekannt geworden, die wohl 
geeignet sind, ein scharfes Licht auf die Pläne Russlands in jenen 
(legenden fallen zu lassen. Im Jahre 1857 schrieb nämlich der 
russische (ieneral Chrulew , der eine militärisch -dii)lomatische 
Mission in der Buch drei auszuführen hatte, an den damaligen General- 



Die Rivalität Russlanda und Englands in Asien. 187 

Gouverneur von Kaukasien , Fürsten Bariatinski , den Besieger 
Schamyrs, um Letzteren darauf hinzuweisen , dass Russland die 
Aufgabe habe, in Ccntral-Asien das Testament Peters des Grossen 
eine Wahrheit werden zu lassen. Zu diesem Zwecke sei eine 
grosse „russisch-asiatische Handelsgesellschaft" in's Leben zu 
rufen, welche das Pi'ivilogium erhalten müsse, zum Schutze des 
Verkehrs und zur Ausdclunmg ihrer Verbindungen zwei Reiter- 
Regimenter nebst den dazu gehörigen Kameelcn und mehreren 
Batterien für eigene Rechnung anzuschaffen und zu unterhalten, 
wobei es ihr gestattet sein solle, die dazu benöthigten Officiere 
aus den Reihen der russischen Armee zu entnehmen , aus denen 
ihr die Auswahl freistünde. Ferner soll diese Compagnie am 
Ufer des Aralsees eine Reihe von Forts und befestigten Block- 
häusern anlegen, so wie zum Schutze der Schifl'fahrt auf dem 
Aralsee mehrere Kanonenboote construiren dürfen. Um dem Ganzen 
aber, namentlich dem neidisch herüberblickenden Europa gegenüber, 
ein durchaus unverdächtiges Ansehen zu gelteji, solle die Ilandesl- 
gesellschaft vorzugsweise Arbeiter, Ingenieure und Aerzte in ihre 
Dienste nehmen, damit es den Anschein habe, als handle es sich 
lediglich um Anlegung von Colonien luul Centren für Handelsver- 
bindungen. Dieser Plan in manchen seinen Einzelheiten wurde denn 
auch, wie die Ereignisse lehren, in den folgenden vier Jahren aus- 
geführt und die asiatische nandelsgesellschaft durch den reichen 
russischen Grundeigenthümer Kokerew gegründet, der den fi-anzö- 
sischen Emigranten Tournon zum Leiter des Unternehmens wählte, 
unter dessen Schutze es der russischen Regierung gelang, die 
überraschendsten Fortschritte in Central-Asien zn machen. 

AVenn wir auch die Authenticität dieses Documentes in Frage 
gestellt lassen wollen, obwohl wir dazu kaum geneigt sind, so 
A'iel lässt sich jedenfalls schon heute absehen , dass wir es hier 
mit einem der tiefst angelegten potitischen Plane zu thun haben, 
die in diesem Jahrlumdcrt zur Ausführung gelangten. 

Aber nicht nur diese weittragenden politischen Combinationen, 
sondern auch die schon jetzt im Lande ob^valtenden Verhältnisse 
sind im Stande, Russland für die gebrachten Opfer zu entschädigen, 
ihm zur Ausdehmmg seines bisherigen asiatischen Handels Turkestiin 
als unbedingt erfoi'derlich erscheinen zu lassen. W^ir müssen 
hiezu einen Blick auf die Handelsverhältnisse Turan's selbst werfen. 

Ackerbau und Viehzucht bilden die fast ausschliesslichen Er- 
werbszweige der Bevölkerung. Der reichliche Ueberschuss der 
gewonnenen Producte wird nach Russland und den benachbarten 
Chanaten abgesetzt und fällt den Händen anheim, welche sich 
nicht an der Landwirthschaft betheiligen. Der Mangel an Arbeits- 
kraft und Capital erklärt die niedrige Stufe der Industrie. Die 
Bazare enthalten wenige und dazu miserable Erzeugnisse des 



188 Die Kivalität Russlands und Englands in Asien. 

cigoncii GcAvorbfleisses ; Frauen- und Kinderhände beschäftigen 
sich mit der Reinigung der Baumwolle, dem Spinnen , dem Auf- 
wickeln 11. s. w. 

Die Sorten sind eifrige Handelsleute, eine Waare geht in der 
Regel durch mehrere Iliinde , bevor sie in die des Consumenten 
gelangt. Zwischen der mongolisch-tatarischen Nomaden-Bevölkerung 
und den ansässigen- Sarten findet ein für Letztere ungemein lucra- 
tiver Tauschhandel statt. Dieser innere Handel setzt bedeutende 
Capitalien in Bewegung; leider ist es gegenmärtig unmöglich, den 
AVaarenumsatz Turkestans, Tschemkends, Ssairams, Karnaks, Chod- 
schänds und Taschkends auch nur annäherungsweise anzugeben. ) 

In diesem Turkestän nimmt die Stadt Bochära für den Handels- 
verkehr eine noch wichtigere Stellung ein, als Kabul für die Region 
im Süden des Paropauisus ; es bildet den Knoten- und Central- 
p u n k t des innerasiatisch - turänischen Verkehres , von welchem 
aus Karawanen, wie aus einem Brennpunkte, gleichsam als Radien 
nach Chi]ia, Indien, Persien, Ssibirien und Europa auslaufen. 
So wird Bochjira zu einem grossen Markt- und Stapelplatze , auf 
welchem auch die AVaaren europäischer Gewerbvölker mit einander 
in Wettbewerb treten, und wo englische Güter, die über Calcutta 
oder Curratschi und Kabul kamen, in den Bazaren neben russischen, 
deutschen und französischen Erzeugnissen , welche aus Nischni- 
Nowgorod eingebracht wurden, zum Verkauf ausgestellt sind. 
Von Bochara aus werden sie über einen grossen Theil Inner-Asiens 
verbreitet und gegen Landeserzeugnisse ausgetauscht. So entstand 
eine natürliche Zwischenniedcrlagc für einen über ungemein weite 
Räume ausgedebuten Handel, der ganz und gar durch Karawanen 
Acrmittelt wird. -) 

Kaum von geringerer Wichtigkeit als Bochära selbst ist die 
Stadt Taschkend, das eigentliche Handelscentrum Turkestans, welche 
mit Chokand, Bochära, Kund uz, und Kaschgar einerseits, anderer- 
seits mit Persicn, Afghanistan, Kaschmir und Indien in lebhaftem 
Verkehre steht und fast ausschliesslich lebt vom Handel: 1) mit 
Rus.sland und der Kirghisensteppe — dies ist sein Haupthandel; 
2) durch den Transit aus Kuldscha und Tschugutschak nach 
Chokand und Bochära. Dieser letztere in.sbesonders findet eine be- 
deutende Concurrcnz in den Handelsstädten des südlichen Chokan, 
in Andidschän, Uscha und INlargilän, und besonders im Handel 
mit Kaschgar. Alle bedeutenden Städte des südlichen ("hokan, 
Namangän ausgenommen, liegen an Einem grossen Handelswege 
von Kaschgar nach Bochära und überhaupt nach dem westlichen 
Asien. Mit Russland und dem nordwestlichen China handeln sie 



1) Petcrmann's Geogr. Mitthcil. 1868. S. 381 nach P. J. Faschine. 

2) Carl Andree- Geographie des Welthandels. I. S. 128. 



Die Rivalität Russlands «nd Englands in Asien. 189 

nur durch Verniitthing Taschkends und nur theihveise Namangäns, 
Avelches, obgleich in gerader Linie von Bochara nach Kuldscha 
und Tschugutschak , an einem viel gefährlicheren und unzugäng- 
licheren Wege für Karawanen liegt als Taschkend. Dieser süd- 
liche Theil Chokan's setzt seine wgenen Producte, wie Baumwolle, 
Seide, gewebte Stoße, getrocknete Früchte u. s. w., hauptsächlich 
und vorzugsweise nach Russland ab, und dies fast allein durch 
Taschkender Kaufleute, in sehr geringem Masse durch Namangäner. 
Die Kaufleute aus Andidschän, Margilän und Chokand kommen 
fast gar nicht auf russisches Gebiet, um so mehr gehen sie nach 
Kaschgar, wo alle Chokanzen Andidschaner genannt werden, wie 
bei den Russen in der ssibirischen Steppe Taschkender. Für die 
Bevölkerung dieser I^änder würde die Concurrenz der Russen mit 
den Taschkendern von Nutzen sein, da durch solchen Mitbewcrb 
die Preise der von der Bevölkerung erzeugten Producte jedenfalls 
steigen müssten. Von welch' grosser Bedeutung für die Ausdehnung 
des russischen Handels demnach der Besitz Taschkends ist , be- 
darf kaum einer weiteren Darlegung. Einige Zahlen werden ge- 
nügen. Russlands Handel mit Inner-Asien war lange verhältniss- 
mässig gering. Während des Jahrzehnts 1857- — -18(31 betrug der- 
selbe, so weit er über die Orenburg'schen Zollämter ermittelt 
wurde: Ausfuhr etwa 1..500.000, Einfuhr 2.701.150 Rubel. In 
Bezug auf die übrigen Zollämter dürfte auf denselben die Einfuhr 
zwei Drittel der obigen Zahl nicht überschreiten. Seit 1861 ist 
— wohl auch in Folge des nordamerikanischen Krieges — der 
Verkehr rasch gewachsen. Bei dem unbedeutenden Verkehre mit 
dem euroi^äischen Westen verspricht die Erweiterung des russischen 
Handelsgebietes nach Osten das Gleichgewicht zwischen dem Ex- 
port- und Importhandel wieder herzustellen. So bedarf Russland 
gegenwärtig für seine Fabriken für 20 Millionen Silberrubel Baumwolle, 
die es haar bezahlen muss. In den eroberten Ländern und auch 
im übrigen Centralasien befinden sich ungeheure Baumwollenvor- 
räthe, nach welchen sich sofort starke Nachfrage einstellte, deren 
grösserer Bezug auch einen besseren Absatz russischer Fabrikate 
im Gefolge hatte und daher viel billiger zu stehen kommt. Im 
Jahre 1863 betrug die Ausfuhr russischer Waaren über die oren- 
burgische und ssibirische Linie schon 4.904.925 Rubel, die Ein- 
fuhr 9.760.727 Rubel; im Jahre 1865 die Ausfuhr 6.574.170 und 
die Einfuhr 12.091.149 Rubel. 

Was den Transit von und nach Kaschgar anbelangt, so war 
es den Chokanzen gelungen, das Handelsmonopol mit Kaschgar zu 
erlangen, von dem die Bocharen, so wie Alle, die nicht chokanzi- 
sche Kanfleute sind, ausgeschlossen bleiben. Ein Blick auf die 
Karte zeigt, dass bei der Richtung der Karawanenwege im mitt- 
leren Asien die südlichen Städte Chokans in Beziehung zum 



190 Die Rivalität Russlandg und Englands in Asien. 

chinesischen Handel nur über Kaschgar mit Taschkcncl und Bochära 
vorthcilhaft concurriren können ; aus diesem Grunde ist Kaschgar 
eine I>ebeusfrage für die Capitalisten des südlichen Chokan, viel 
weniger aber für Tascbkend i). Doch auch diesen Umstand ver- 
stand Russland zu benützen, und sein mit dem Chan von Chokan 
abgeschlossener Handelsvertrag, wonach den russischen Kaufleuten 
und deren Karawanen ein freier und ungefährdeter Durchzug durch 
das chokanzische Territorium nach den mit Chokan benachbarten 
Besitzungen gestattet ist, ebenso wie die chokanzischen Kaufleute 
ungehindert und sicher durch russisches Gebiet ziehen können, be- 
deutet nichts Anderes, als dass er den Küssen freien Verkehr 
nach Kaschgar und Yarkand eröfl'net, was seit dem durch Baron 
Kaulbars mit Yakub Beg, dem Atalik Ghazi von Kaschgar ab- 
geschlossenem Handelsvertrage in noch weit höherem INIasse der 
Fall ist. 

So wie also die Verhältnisse gegenwärtig schon liegen, müssen 
sie bei reiferem Nachdenken günstig genug erscheinen, um Russ- 
lands Auftreten in Asien blos aus handelspolitischen Rücksichten 
zu erklären. »Sie würden jedoch nicht ausreichen, um Russland 
die Handels-Hegemonie in Asien zu sichern, nach der es strebt 
und streben muss; zu diesem Behufe wird Russland Pläne ver- 
folgen müssen, die um so weniger hochfliegend genannt zu werden 
vei'dienen, als diese Macht schon unläugbar gewaltige Schritte zu 
deren Realisirung gemacht hat und auf dem besten Wege ist, das 
einmal Begonnene glücklich zu vollenden. 

Turkestän ist noch heute ein Tummelplatz für die Nomaden, 
welche den friedlichen und betriebsamen Einwohnern der Städte 
und den Ackerbauern des platten Landes ihr drückendes Joch 
aufzwingen. Din-ch diei^es Land sind nicht blos Eroberer und 
mongolische AVeltstürmer gezogen, sondern in allen Jahrhunderten 
auch Karawanen. Deim es ist eine Durchgangsregion zwischen 
dem mittlem und östlichen Asien eiiierseits und Europa anderer- 
seits; zwischen Kaukasus und Ural liegt das grosse Thor, die 
Eingangspforte für Völkerwanderungen, Krieg.sheere und Kara- 
wanen -). 

Dieses Land musste demnach schon desshalb für Russland 
von ganz besonderem Interesse sein, hätte der Besitz Ssibii'iens 
auch nicht die Aufmerksamkeit auf den Werth des Nachbarlandes 
gelenkt. Mit Ssibirien aber miter Einer Herrschaft vereint, erhält 
Turkestän für Russland (lo])pelten Werth, indem es Russlands 
Stellung in Asien befestigt und für die öden ssibirischen Tundren 



1) Globus. 4867. Xll. Bd. S- 1 IG— 117 und „Zeitschrift für nllgenicinc Erdkunde.« 
Berlin. 1?67. II. S. S5— 87. 

2) Carl Andrec. Gcograiiliio des ^^'eltllaudels ; mit historischen Erläuterungen. 
I. S. 128. 



Die Rivalität Ilusslands und Englands in Asien. 191 

ein reiches Hiuterlaiid abgibt. Was Russland im Besitze Ssibiriens 
allein anstrebte und aucli theihveise glücklich erreichte, das 
wird es als Herr von Central- Asien auf leichtere Weise, in 
reicherem IMasse geniessen. War trotz dem, theihveise wohl un- 
gerechtfertigten Verrüfe, in welchem Ssibirien lange gestanden und 
noch steht, es Russland gelungen, durch jene sonst w^enig besuchte 
Region die grösste coutincntale Handelsstrasse nach China durch 
die Thore von Kiachta und ISIaimatschin tief aus und nach dem 
Herzen des himmlischen Reiches zu leiten, so mochte wohl jetzt, 
wo die täglich an Wichtigkeit gewinnenden Amurländer bis in die 
Breite des Issi-Kul herabreichen und die russische Grenze um 
einige Tagemärsche Peking nähergerückt haben, der kühne Gedanke 
nicht ferne liegen, das Reich der Mitte von Westen her zu 
erschli essen 1) und seinerzeit durch die jetzt noch nahezu un- 
bekannten inneren Gebiete der südlichen Mongolei eine neue Yer- 
kehrstrasse zu bahnen, welche von Süden kommend zu den Ländern 
am Amur führen und dieselbe in directe Verbindung mit den 
Schätzen Inner-Asiens setzen würde. Die Vorgänge der Neuzeit 
in China lassen diese Annahme mehr denn wahrscheinlich, den 
kühnen Plan aber leichter denn je, seine Ausführung in näherer 
Zukunft, als vielleicht erwartet wird, practicabel erscheinen. 
Bekanntlich waren es die Westmächte welche Russland die Ver- 
anlassung gegeben haben sein Gebiet an den Ufern des Ochotski- 
schen Meeres auszudehnen. Als nämlich während des Krimkrieges 
russische Kriegsschiffe von dem überlegenen französischen Ge- 
schwader in den chinesischen Gewässern verfolgt wurden, flüch- 
teten sie sich in die Bucht welche die INIündung des Amur-Flusses 
bildet, und w^irden in dei'selben von den Franzosen blockirt. Der 
russische Admiral wendete sich an den Gouverneur von Ssibirien 
um Unterstützung. Dieser schickte ihm auch unverzüglich Truppen, 
welche den Mannschaften der Kriegsschiffe Beistand leisteten. Es 
wurden alsbald Befestigungen errichtet, und als man sich gegen 
feindliche Unternehmungen sichergestellt hatte, begaimen die russi- 
schen Officiere den Lauf des Flusses zu erforschen; man fand 
denselben schiß'bar und nebst seinen Nebenflüssen geeignet eine 
vortheilhafte Verkehrsader zu bilden. Auch die benachbarten 
Landstrecken wurden ausgekundschaftet, und die Resultate dieser 
Forschungen waren so befriedigend, dass sich der russische Ad- 
miral veranlasst fand persönlich auf dem Landwege nach St. 
Petersburg zu gehen, um dem Kaiser Bericht darüber zu erstatten. 
Das Resultat dieses Berichtes w\ir — die Festsetzung der Russen 
in dem occupirten Gebiete. Das Cabinet von Peking forderte, 



1) Ein verwandter Gedanke schwebt auch Chiishan von Sarauw vor in seiner 
Schrift: „Rusalanda commercielle Mission in Mittelasien." Leipzig 1871. S . 



192 Dio Rivnlifät Uiisslanils und Englanda in Asinn. 

aber olmo Erfolg, ilio Deiunlirung der Befestigungen üdlich 
vom Amur. 

Nun brachte das ostindische Felleisen vor mehr denn einem 
Jahre eine Nachricht aus Hongkong, die in Londons politischen 
und commerciellen Kreisen einen bösen Eindruck gemacht hat. 
Man ist allannirt über einen neuen und allerdings nicht unwich- 
tigen Uebergriff Russlands an der Nordgrenze von China. Gerade 
in dem gleichnamigen Passe des bekannten grossen Walles, der 
dort die Grenze Chinas bildet, liegt die Stadt Kaigan oder Tschang- 
chia-ku, die stets zu China gehört hat, obwohl sich viele Mon- 
golen und auch commercieller Geschäfte wegen, mehrere Russen, 
etwa 20 bis 30, daselbst niedergelassen haben, deren Gegenwart 
schon wiederholt zu Reclamationen von Seite der chinesischen 
Regierung Veranlassung gab. Nun ward aus Hongkong vor 
Kurzem berichtet: dass unter dem Vorwand es könnte dem russi- 
schen Residenten in Kaigan irgend eine Gefahr drohen, eine Ab- 
theilung russischer Soldaten daselbst eingerückt ist und einen 
Wachtposten bezogen hat. Hiezu wird bemerkt: dass keine Wahr- 
scheinlichkeit vorhanden ist die chinesische Regierung werde zu 
irgend einer Zvvangsmassregel ihre Zuflucht nehmen, um diesen 
russischen Vorposten von dort zu entfernen. 

Es ist bekannt, welche grosse Wichtigkeit der Handel mit 
China für England hat, und mit welchen misstrauischen Blicken 
man die Fortschritte der Russen am südlichen Ufer des Amur 
verfolgt. Während die Engländer selbst die ungeheuerlichste 
Pression auf China ausüben und es in commercieller Hinsicht auf 
eine beispiellose Weise ausbeuten, erscheint ihnen jeder Fortschritt 
der Russen auf dem Landweg als ein himmelschreiender Ueber- 
griff. Und doch, wie gering sind diese Fortschritte seit 200 
Jahren, wo die Russen zum erstenmal im Norden von China er- 
schienen, im Vergleich mit dem was England im Laufe von zwei 
Jahrzehnten erreicht hat. 

Das Erscheinen russischer Truppen in Kaigan ist allerdings 
eine Thaisache von wichtiger politischer Bedeutung, besonders 
weil es in dem Moment statthat wo die Rebellen des westlichen 
China eine Deputation nach London entsendeten um den Schutz 
Englands anzurufen. Wir befinden uns hier zwei wichtigen Schach- 
zügen gegenüber, deren Folgen nicht zu übersehen sind. Jeden- 
falls ist die Besetzung Kaigans durch die Russen ein Beweis dass 
man in St. Petersburg ein scharfes Augenmerk auf das Vorgehen 
Englands hat und entschlossen ist nicht zurückzubleiben. Und 
wenn die chinesische Regierung keine ernsten Scliritte unternimmt 
um diesem Vordringen Kusslands Einhalt zu thun, so dürfte sie 
wohl auch ihre guten Gründe dazu haben. England hat Yünnan 
im Auge, Russland das Flussgebiet des Amur. Dass der russische 



Die Rivalität Russlands und Englands in Asien. 193 

Posten in Kaigan kein verlorener Posten ist, sondern dass hinter 
demselben eine ausgiebige Unterstützung steht, unterliegt keinem 
Zweifel, wie auch dass Russland den Pass im grossen Walle nicht 
mehr räumen wird. 

Was die Stellung der ^liiclite, besonders Englands und Russ- 
lands, in China anbelangt, so liegt uns ein interessantes Expose 
vor, dem wir folgende sehr beachtenswerthe Stellen entnehmen : 
,.Eine sehr angesehene und conipetente commercielle Notabilität in 
Schanghai hat sich über diesen Punkt also ausgesprochen: ....Wenn 
Grossbritannien bereit ist sich von seiner Stellung in Ostasien als 
Pionier des Fortschritts zurückzuziehen, so sind zwei Nationen, 
eine junge Republik (Nordamerika) und ein neues Kaiserthum 
(Russland) — die beide nach Einfluss in China streben — un- 
zweifelhaft bereit den Platz Englands einzunehmen."" Wir sind 
mit diesem Ausspruch keineswegs einverstanden, weil weder Russ- 
land noch Amerika nach Einfluss auf China streben, d. h. zu den 
Zwecken die wir (England) verfolgen. Russland besitzt bereits 
den ganzen Einfluss dessen es je bedürfen kann, und sein ganzes 
Ziel ist: ihn so zu bewahren wie er jetzt ist. Ein Kopfnicken 
des russischen Ministers in Peking ist mächtiger als eine bewaffnete 
Demonstration von Seite irgend einer europäischen Macht." Ein 
solches Geständniss von englischer Seite ist sehr interessant, und 
beweist wie umsichtig Russland in seiner asiatischen Politik vor- 
geht. ,.Es habe bereits," wie es an einer anderen Stelle des 
erwähnten Expose heisst, „einen Fuss auf dem Nacken des 
Drachen." 

Werfen wir einen Blick auf die Karte, und die schwierige 
Lage der Engländer in Asien tritt uns mit allen ihren Gefahren 
entgegen. In Turkestan der russische Fortschritt, der langsam 
nach dem Himälaya zu minirt, und zwar unter Umständen welche 
sich für die bekannten indischen luvasionspläne des grossen Peter und 
Napoleons I. vom Kas])ischen Meere her von Tag zu Tag günstiger 
gestalten. An der indischen Westgrenze Persien, gänzlich unter 
der gewaltigen Pression seines gefährlichen Alliirten von Norden, 
der dem Iran zwischen dem Kaspischen vmd dem Aralsee immer 
drohender zu Leibe rückt. Im 0.~ten das feindliche Birmanenreich, 
welchem einst England die beiden Seeprovinzen von Arakan und 
Pegu mit gewohnter Raubgier entrissen hat, und hinter dem 
König von Birma der chinesische Coloss, welcher sich zu Binna 
genau so verhält wie Russland zu Persien, und mit welchem die 
russische Politik, während sie ihm die nördlichen Grenzländer 
hinweg escamotirt hat, so schlau umzugehen verstand. Ueber das 
Gefährliche dieser von der Wucht zweier Weltreiche bedrohten 
Lage wusste nmn sich in England bis vor wenigen Jahren isclir 
leichtsinnig hinwegzusetzen, bis der Aufstand der Kukas den ersten 

24 



J;Q^ Die Rivalität Russlaada und England* in Asiens 

Anstöss zu Beftirchtungpii gab.- Seit .dieser Zeit igt; den ,]ßri^n. if 
Indien die Art des Vorgehens der Russen im Turkestiin A'erdäcUtiger 
als je. Sie merken nümlicli dass ihre Rivalen sich nicht mehr 
als wilde Eroberer und Zerstörer gebärden, sondern dass sie \vie 
wirldiche Pioniere der Cultur alles mögliche tlnm um Baunjwoll- 
und Seidenproduction, Wein- und Tabakbau, . Industrip , und Ve^r-f 
kehr in den annectirten asiatischen Ländern zu fördern , und die 
connnerciellen Beziehungen derselben mit dem grossen russischen 
Körper zu entwickeln. So wie die Dinge gegenwärtig liegen, 
kann sich dieser Einsicht kein nüchtern Denkender mehr vor-» 
schliessen, und wir dürfen es daher gestrost in das Gebiet leerer 
Rodomontaden verweisen, wenn wir vor nicht allzu langer Zeit 
in einem Leitartikel eines Wiener Blattes nachstehenden Erguss 
lesen konnten: „Der wunde Punkt Grossbritanniens in Asien ist; 
der wunde Punkt der gesammten europäischen Culturwelt in . den^ 
grössten der ErdtheUe. England vertritt am bengalischen Gojf, afl 
der Strasse von Malakka, in den chinesischen Gewässern mehr al^ 
sein Interesse, es vertritt Europa und seine Gesittung. Eine 
Niederlage, eine Deniüthigung Grossbritanniens an jenen fernen 
Gestaden ist eine Niederlage und Deniüthigung für Europa, ist 
gleichbedeutend mit der Emancipation jener Länder yoii. der kaum 
errungenen, schwer behaupteten europäischen Beeinflussung, ist 
gleichbedeutend mit einer Preisgebung Asiens an Russland, welches 
mit den Schätzen Indiens die kampfeswilden Schaaren der Mon-- 
golei und Tatarei , die berittenen Nomaden von Irak ausrüsten 
wird, um mit ihnen, den Nachkommen der Horden Tamerlansj 
Europa dem weissen Czaren unterthan zu machen. Eine alles ver- 
schlingende Völkerfluth könnte culturvernichtend Europa über-*- 
schwemmen. An die Stelle des Asien sittigenden Europa würde 
das Europa bezwingende Asien treten. So bedeutet die britische 
Herrschaft in Indien die AVeltherrschaft der europäischen Cultur, 
und alles was jene bedroht, hat die. ernste, furchtbar ernste. Be* 
deutung eines Infragestellens dieser." ,i ..; 

In eine ganz ähnliche Ueberschätzung der britischen Stellung 
verfällt unserer Ansicht nach Herr H. Vämbery, wenn er sich in 
der allerjüngsten Zeit vernehmen lässt wie folgt: „Auch ich habe 
stets dem "Wirken eines Weniukow, Ssäwersow, Osten-Sacken, 
Abl'amow und FedseheidvO die vollste Anerkennung gezollt, doch 
habe ich nie geglaubt, dass der Nutzen welcher von dem un^ 
einige Jahre früher erfolgten Bestinmien irgend eines geographi- 
schen Längen- oder Breitengrades entspringt, jene Gefahr werth 
sei, die für Europa erwachsen konnte durch dic.all^u grosse Uebe;"-n 
macht des noch halbcivilisirten Russlands, besonders aber wenn 
wir in Erwägung ziehen, dass dies auf Kosten eines solchen 
Staates geschähe; wie Grossbiitannien,; dem die Cultui' .so grosse 



Die Rivalität Russlands und Englands in Asien. 195 

•und wesentliche Dienste schtildet, das als Sitz der edlen Freiheit 
bekannt ist und durch dessen Banner, seine Feinde und Neider 
mögen dasselbe noch so sehr anschwärzen, das unverfälschte Licht 
unserer abendländischen Welt mit grossen Kosten' und Begeisterung 
in die enferntesten Zoften getragen wird." ') ' 

Es kann keine Streitfrage sein: wer von den beiden, Eng- 
land oder Russland, das grössere Culturvolk sei. Eben so sicher 
ist aber dass die hochcivilisii-ten Briten es nur schlecht verstehen 
ihre asiatischen I^nterthanon zu ihrer Culturstufe hinan zti ziehen, 
^während die Russen mit ihrem weit, geringeren CulturstofPe viel 
grössere Erfolge bei den asiatischen Yölkerstämmen erzielen , die 
sie sich in Trierkwürdiger ^-N^ise zu assimiliren wissen. Sie können 
sie natürlich nur auf jene Stufe erheben welche sie selbst be-^ 
sitzen, das geringe aber was sie ihnen thatsächlich mittheilen ist 
noch immer mehr als das grosse was die Engländer nicht an den 
Mahn zu bringen verstehen.' Unter der russischen Aegidc sind die 
Cülturfortschritte der Asiaten zwar gering iirid langsam, aber stetig, 
und ihrev natürlichen Begabung und Racenanlagc angepasst ; der 
britisclien Civilisatiou stehen sie fremd gegenüber und hegreifen sie 
schfcchterdiiigs gar nicht. 

Alles dieses merken jetzt die so lange sorglosen Politikre 
Altenglands'j'siö spüren endlieh den russischen Einfluss ■ in drie 
feindlichen Haltung China's und seines von gleichem Hass ge^en 
die anglo-iudische Präponderanz in Asien beseelten Vorpostens, 
Birma. Gegen dessen Einfluss war die Luschai-Expedition zu 
Beginn 1872 gerichtet, als deren Hauptzweck zur Paralysirung 
dieses Einflusses die Aufsuchung neuer Handelswege zwischen dem 
Bn'ma-Reich und dem von den inuselmännischen Rebellen vom 
Ghineserireich losgerissenen selbständigen Lande von Yünnan er- 
scheint. Diese Landstriche, welche dem Handel sehr zugängliche 
Völkerschaften bewohnen, wurden zuerst von Cooper erforscht, 
welcher dlö-'vöiii Major Släden geführte britische Expediton nach 
dtn südKchön* Pi'Ovinzen des Himmlischen Reiches im Jahre 1869 
begleitete. Der Sultan von Birma miisste damals glauben es 
handle sich um nichts weniger als eine beabsichtigte Annexion 
seines Reiches durch die Briten, wesfshalb er im Einverständ- 
niäs' mit-' dem Pekinger Hofe' die kriegerischen Bergvölker an 
s6men Westgrenzen gegen den gemeinsamen Feind aufreizte'. 
Die Ueberzeugung davon hat ' die anglo-indische Regierung im 
Töi'igen Herbste gewonnen, indem ein Brief des birmanischen 
Sultans aufgefangen wurde, welcher die Lieferung von 60.000 
Gewehren ätl die Lüsclüais- Von Seiten der chinesischen Regierung 
verrietli. ■ ■ ''^ ■ ' ' ' ' ' ■"• ' ' ' •'' ■■' '- 

v' '^■"'' ^i) „Allg^. Ztg.« 1873 Nr. ^6. ''''■-'^ auoXJ .aw,<U-i).i'yj iii hjin\>.i,<il (.1. 



196 Die Kivalität Ruaslanils und Englands in Asien. 

Per Bericht Coopers über die Yünnan-Proviuz war iiizwisthcn 
im August crrtcliiencn, und kurze Zeit darauf begann die Aus- 
rüstung der Expedition gegen die Ostgrenze. 

Diese AggressivpolitikEnglands in Asien ist offenbar ein Paroli 
dem mächtig andrängenden Rivalen um die Herrschaft in Asien. 
Was man jedoch auch sagen mag, die Chancen stehen für England 
nicht allzu günstig; es hat sich an Annexions-Geschicklichkeit von 
den Russen überflügeln lassen und durch sein Vorgehen allen 
seinen ostindischen Nachbarn gegenüber in eine schwierige Lage 
gebracht. Vom jNIutterlande fern, von Feinden umlauert und einem 
mächtigen Rivalen bedroht, hat England wahrlich keinen Grund 
die Gefahren welche sein indisches Reich bedrohen zu unterschätzen. 
Russland drückt mit der ganzen ^Vucht seiner Schwere unmittel- 
bar auf die mittelasiatischen Länder, besitzt ungleich mehr Klug- 
heit, Geschmeidigkeit und innerlich Verwandtes, um die asiatischen 
Völker kirre zu machen, und hat endlich europäisch geschulte 
asiatische Truppen, die ungleich verwendbarer und hauptsächlich 
zuverlässiger sind als die ewig rebellionslustigen, unkriegerischen 
Sipahis. 

So dürften denn die Russen, stetig und langsam zur Ver- 
wirklichung von Peters Herrschaftstraum in Asien vorausschreitend, 
am Tage der Entscheidung mehr Chancen für sich haben als ihre 
Nebenbuhler, so glücklich diese letzteren auch bis dahin in allen 
kleineren Expeditionen gewesen sein mögen. 

Die ungeheure Bewegung , w'elche durch die ganze ost- 
asiatische Welt zieht, nicht weniger als 400 Millionen 
^lenschcn berührend, ist ein wahres Völkerbeben, wodurch 
Altes und Uebcrkommenes aus den Angeln gehoben wird. Seit 
den letzten zwanzig Jahren ist in China Alles aus Rand und Band 
gerathen , selbst Tibet wurde unruhig und versucht sich dem 
chinesischen Scepter zu entziehen. Die alte chinesische Politik, 
W'elche nebst den Seehäfen auch die Landesgrenzen versperrte, ist 
in Abgang gekommen; Russland hat klug die Verlegenheit seines 
Nachbars benutzt, um ausser dem Amur die ^landschurei bis nach 
Korea zu erwerben, die Khalkas-Mongolen unter seine Schutz- 
herrlichkeit zu bringen und sich den Handel bis tief nach Iimer- 
Asien, hinein zu eröffnen. Von der Mandschurei und den nörd- 
lichen Gelneten drückt es auf China, i-egulirt den Einfluss der 
westeuropäischen Seestaaten und vermag ihrer politischen Macht- 
entfaltung iin Reiche der ]\Iitte, dem „Indien der Zukunft", die- 
sem ungeheuren, von mehr als 300 Millionen Producenfen und 
Consumenten bcwohnien Marktgebiete, gewisse Schranken ent- 
gegenzustellen. ^) Fügen wir hinzu, dass 0.st-Turke.stän, nur in 



1) Russland in Centralasicn. („Neue Freie Presse" vom 5. September 1867.) 



Die Rivalität Russlands und Englands in Asien. 197 

losem Zusammenhange mit dem eigentlichen China, gleichfalls sein 
Joch abgeschüttelt hat , so sehen wir das tausendjährige Reich 
mit der Corruption und Versumpfung seines Regierungssystems 
vor einer Alternative stehen, welche in jedem Falle den Weg zu 
dem oben entwickelten Plane ebnen muss; denn entweder erübrigt 
dem jungen Herrscher, welchem jetzt die Geschicke der ost-asia- 
tischen "Völker anvertraut sind, Nichts, als, erfasst von dem ge- 
waltigen Ideensturm unserer schienenumgürteten Zeit, den Weg 
der Reformen zu betreten und sein unermessliches, für den Welt- 
handel so hochwichtiges Reich dem ^'ölkerverkchre zu eröffnen, 
der europäischen Civilisation anheim zu geben — wie dies allen 
Anschein für sich hat — oder aber die Grundfesten China's 
wanken, die einzelnen Provinzen lösen sich ab, das Reich zer- 
bröckelt, fällt stückweise dem weissen Czaren zu, und Russland, 
das schon jetzt mit seinem Riesenarme den Norden des chinesischen 
Gebietes umspannt , tritt dann die Erbschaft der Pekinger Macht- 
haber an. In beiden Fällen rückt es seinem angedeuteten Ziele 
mit gigantischen Schritten näher. Man begreift nunmehr, von 
welch' hohem Interesse ihm der Besitz Turkestäns sein muss, des 
Bindegliedes zwischen der innerasiatischen und der europäischen 
Welt, ein Besitz, der nebst vielem anderen ihm den Vortheil ge- 
währt , im richtigen INIomento auf dem Kampfplatze auftreten zu 
können. 

Die Stellung Russlands zu China bedingt sodann eine Ein- 
flussnahme, die gross genug bleibt, um ihm den Löwenantheil an 
der Ausbeutung jenes Marktes zu sichern und ihm die Wege an 
die Südsee offen zu halten, die Jahrhui.derte hindurch gleichsam 
todtgelegen, erst seit einem Menschei; alter zum Leben erwacht ist, 
und deren Bedeutung sich zusehends so gewaltig steigert. Im 
Amur hat Russland schon eine „pacifischc Ein- und Ausgangs- 
pforte" gewonnen, durch welche jetzt schon überreiches Leben 
ein- und ausströmt, während gleichzeitig der Bau einer Weltbahn 
von Moskau über den goldreichen Ural nach der Mündung des 
weiland mandschurischen Stromes projectirt ist. Schon jetzt figurirt 
Russland überdies mit jährlichen 1 ' ü Millionen Francs vmter den 
importirenden flächten, als die erste nach der nordamerikanischen 
Republik auf dem noch sehr beschränkten Markte im Inselreicho 



Siebe hierüber aucli folgende lesenswerthe Artikel: ,,Die ostnsiatischc Expedition und 
der Handel mit China." („Österreichischer Ökonomist" 1869. Nr. 9.) „China und das euro- 
päische Consularwesen- („Österreichischer Ökonomist" 1869. Nr. 12.) „Die österrcichi.'iche 
SchifTfahrt und der Handel mit Ostnsicn." („Österreichischer Ökonomist" 1869 Nr. 14), 
die, von höchst kundiger Hand verfaast, zwar an die österreichische Expedition nach 
Ostasien anknüpfen, aber negativ den Beweis liefern, dass noch für sehr lange Zeit 
Russland die einzige Macht sei, welche in jenen Gebieten den Engländern und Amerikanern 
mit Erfolg concurriren könne. 



198 Die Öivftlität' Rtisislantlf» iind England^ frt Aslcri. 

dos Sonnenaufganges, d'em hochentwickelten Japan. ^) iBedehkCn 
wir noch, daBS der pacifische Orient einen grossen Tlioil des in 
der Welt cursirenden Silbers an sich zieht Uhd Von demselben htir 
üTisserfet wenig zurückgibt, wodurch' er eingreifend auf unsere 
europäischen Valutaverhältnisse wirkt ^), so lässt sich ' ermessen, 
welch' immenses Feld der Tliätigkeit nach jeder Richtung einem 
Staate offen litgt, dessen äusserste Grenzen ntir w'cnige Tagereisen 
Toil' den ost^siatischen Vorkehrscentren entfernt sind. Erwägen 
wir 'hoch', dafes di« grosse Gontinentalbahn vollendet ist,' welche 
die Newenglandstaat^t Trtit dem 'metallreichen Californien verbindet, 
dass 1860) eine direete Dampferlinio zwischeti San Francisco und 
Ilakodadi in Japan eingerichtet wurde, so ei'übrigt Eussland^ die 
Uebcrlandsroute durch den' asiatischen Welttheil zil eröffnen, um 
eine gewaltige ^■e^kehrsstrasse herzustellen,; wölche in nahezu ge- 
rader Kichtung unswen ganzen Planeten umkreist und im beträcht>^ 
liehen ■ Theile von Kussland beherrscht wikflo. Ein solches Ziel 
ist wohl werth , dass man darnach strebe, und Kussland weiss 
zu gut, -dass gerade in jenen Ländern des fernen Ostens, an jenen 
(restaden der' Handel , also das immer mehr dominirehde Element 
materiellon A^'^ohlsöins nhd Kraftbesitzes der ganiien civilisirten 
Welt, einer mächtigen Entfaltung entgegenschreitet. Nur wie 
durch schwanke MorgPiidämmerung schauen wir in das Land der 
kommenden Geschlechter. Fest aber steht und klar das Eine, dass 
die iSiidsee das Ricsenblaüt i8t>,^ 'auf dem die Geschichte der Zu- 
kunft' iverzeielm^t w^erdeä wird. ■'1""W y.iiro:!^ -o-o-xr], oib jOrnffnasann 
iii. Von diesen Gedanken erscheint 'die "russische Kegierüng-'^ 
ivTollkommen durchdrungen, dass sie in aller Stille sich eben auf 
diesOih' Gebiete einen diplomatischen Erfolg seltenster Art sicherte'. 
ii Auffallend ^var schon im vorigen Jahre der Abschluss dei* 
Freundschafts*' und HaAdelstra<otate > zwischen 'Japan 'urid^ G)hM4, 
Diesdi" diplomatische Act wurde gleich Anfangs von "'der äh^lo'-r 
ijidiSdhoW Presse mit lebliaftem Misstrauen atifgenommen , aber die 
optimistisch eh englischen Di]i]nmaten in Ostasien suchten die öffent- 
liche Meinung durch die A'ersichenmg zu beruhigen: dass es sich 
dabei, nur um einen harmlcfsen Handelsvertrag handle. Dass solche 
Verträge 'aber auch politisch wichtigere Stipulationen bergen können, 
b<?weist rdbeni dei'''ZN^ischen Russland und Japati' abgeschlossene 
Handelsvertrag, der ganz den Character eines Sclmtz- und Trutz- 
Ründnisses an sich trägt. Wenn es schon binarst auffallen musste, 
dass siQn j^ijB ,J^piaiapr', jso ge,c],vij,djg iind ahne, Ein wen düngen die 
3,llTO{Uiehe .jjb^a^tsetaung.der ■TRiisaeni auf. der-. Jnsel Sachaliin. gefallen 

.(JI i'''. "i.'tHI •'I.T.mOdMjtÖ Tii(-)y(!(-j'-iTT!«(l,,) •'.ü'.fS'KiiO J'r.ir ('jI. -11111 imi lr.r.< li:l^riii( i -j 
il.-wm iin!Mii.)z;r 'ut-i-i.f-HT:! .t-ii .il- im -■■'.-; , >.^^;;>t.-.- (■•iK t.-^'I-iiii/,! t'iil'iö't ito-/ ,0'h 

JtoS s^.ü?)) A'todr«'«. f'-G'eDgr»phie do« W^elthftiiflels/' I. Sir.4«0 in 'ff. ."■»'t'liJftjJiiß »-»(MJaO 
m3fisin3>iHd'ritnai»ri"i»w'c{h.0'?j "Bio BMmitwng- dbr' SOdsW- !f*t*'^»«'WM«#W"Oti««^ 
Entwicklung. („Internationale Revue-« I. S. 852—865.) ""'"f l'■,t:^^l!■Jl^.v■.> yf<j';iH Ji.n 



Jj^.gsen,' uiifi "vyälirend- irregeführte Berichterstatter ; ;sogar ;voji 
j^pcujischeii Beschwqi-den gegen jtlj.es^., russische« Uebergriffe .jnelrT 
dctcu ,. ward ; die , Welt plötzlich^^xoiif der . jS'achrieJjt des . irußsi^ch-}- 
japanischen Freundschafts- und Handelsvertrags; i,ib^iTasisht, ^Telehci" 
Ruasland das Kecht gibt, falls von irgend eiiifim dritten , Staate 
irgend ein Act der Ungerechtigkeit , oder jMissachtijng. gegen Japaft 
begangen würde, . seilte .„guten I)ieii^te .h,ltQji.,.e.nt^i\deur ■ salat), 
z\i.j\ Ausgleichung, d.es J^ßrvvürfnisjs^^ iUÄci.jd9JF;,;5^yedep,-herstelLu#ig 
des Friedens h\ Bewegung zu setzen." Durch diese höclist ^^'ich■- 
tige Stijiulation wird Russland, dass .volle Recht ciiigeräuii^t ßi^h 
iu, ' alle Be?:iehuugen Japans , ^u den Westmächten : ehiziimischeij, 
und dieses, gegen jede duiice. ßfiß^. i '^'M'i^ -. V^Qt-PW^t} . A^'vi iiv^l^. TW .dej> 
BeherrscherjU; , des . indisclieii .\i||d ; ; ch^nßs;^s,cl]ü^n j ^ ■JVJ.fjeireft - ^ugesdacht 
w,äre, zu schützen. Die Tragweite dieser Stipulation ist unb^n- 
i-echenbar. An diese schlicsst sich ganz natürlicli auch die, weitere 
Bestimmung an , kraft welcher im Fall eines , Krieges zwischen 
qijiem der c.ontraliirenden, , ThßdC; und ; einer, , , dritten , ^Mapht der 
andere Theil verpflichtet i^t. , seiuf; ; Isafen ajH^i^rSchjüeu, i .d^,e^pr . M^^Qh^ 
sofort zu , verschlicssen. Es ist seit Mcnsdiengedenken, der: )e;ps)t,^ 
Fall^ dass ein einfacher Handelsvertrag— denn als eiaien. s^lcheil 
wollen ihn die russischen ofhciellen und pfficiüseu Zeitungen hin-r 
stellen — s,olchc Stipulationen aufgcnonnnpn, hat. ,,Jed-er Neutrali.-f 
tätsbegrifl' . ist ,yoii, ,,d£^uiselben ausgeschiosÄeui,:.,uo(J, zui?,! Off^iisivr 
und DefenßivalUauz f^hjt u\iy noch. .77-; . d«r Name, . Das ..Vorgehen 
der Engländer und des , von , ihnen -, im Schlepptau nacligezo-geneii 
Frankreichs in Japan und China hat es d?ihin .gebracht, dass ^.uch 
Japan sich jetzt gänzlich, unter den Schutz Russlauds gestellt hat, 
und, diess geschipht so zu sß,gßn ajii Vpi;^,bqn.de dga, ,Erlös<jrhen!^ 
iifid der Revision , der zvv^SQhe^ .; jenen, ;;^vf<ei;,iRjeiphQp.!iP(a4:idß4i 
■Westmächten abgeschlosseneu Vertrage. !.'■,;;, ti--,'!; »./.s' '.\::\\ :'«>-i<>// 
;,.,,, Als zum Schrecken der europäischen; Diplomaten der Inhalt 
des sorghch geheim gehaltenen \'ertrages endlich bekannt wiv-rd, 
hatte der Mikado keine Ruhe mehr; und .niusste iden^, Dlräugen d^F 
Diplornaten nachgeben und einen, Bev;Ollmäc,htigten .nach Chh>3' 
seuden mit dem Auftrage, die Revision des iTi'actates ziuvertangen 
und die beti-eficiiden Stipulationen aus den\selb^A auszumei'zen. 
Man hatte indessen sofort Ursache zu glauben, dass : der Mikado 
nur pro forma, um Zeit zu ge>vinneji ; und , ßich Ruhe ,zu< jVßrr 
schaffen ^ einen Gesandten nach China •geschickt ; h?ihe , ,.gi^. dqr 
festen Ueberzeugung : die chinesische Regieruiig werde in ..die Re^ 
Vision des Vertrages nicht einwilligen, \yas .auch in der That -ein- 
getrpfl'en ist. Man weiss, dass die, chincsiscbeRcgieruijg. jetzt 
von europäischen, Agenten jeder Art, , die,, sich ,Qfl:'eniooder insgeheim 
ihrem Dienste gewidmet haben und m 'sehr .i'eichlich dafür belohnt 
werden, sehr gut bedient; ist ,,,.4^1^ e^i.unfßri denselben ftuch! nüli- 



1 



200 Die Rivalität Uusslftiids und Englands in Asien. 

litärische Fachmänner gibt, dass die Zeiten vorüber sind wo 
die euroj)üischen Expeditionen nur gegen iingeschulte, mit Bogen, 
Pfeilen und Luntenbüchsen bewafinete Horden zu kämpfen hatten. 
Obwohl sich der russische Vertreter den Schritten seiner Collegen 
in Yeddo angeschlossen hat, so traut man der russischen Politik 
in Ostasien doch nicht im mindesten, besonders seit dem Abschlüsse 
deses russisch-japanischen Vertrages , der beinahe gleichzeitig mit 
dem japanisch -chinesischen abgeschlossen wurde und noch be- 
denklichere Stipulationen enthält. Auflällen muss es, dass Russ- 
land sowohl im nördlichen China als auch im nördhchen Japan 
sich mitten im Frieden bedeutende Uebergriffe erlaubt und die be- 
treffendeij Regierungen zwar scheinbar einigen Lärm darüber schlagen 
— aber auch nicht einen ernstlichen Schritt thun, um jenem so- 
genannten Uebergreifen Einhalt zu gebieten; während man sich 
doch recht gut zu erinnern weiss, dass in früheren Zeiten chinesische 
Truppen schnell bei der Hand waren um die russischen Batterien 
am Amur zu zerstören. Die russischen Kriegsschifle haben sich 
nie am Kampfe der westmächtlichen gegen die Chinesen betheiligt, 
obwohl sie demselben beiwohnten. Nach dem Gemetzel von Tien- 
tsin haben zwar die Russen, unter dem Vorwande eine Genugthuungs- 
Gewährschaft für die Ermordung von ein paar russischen Ange- 
hörigen in Händen zu haben, die Stadt Urga, zehn Steilen südlich 
von Kiachta , militärisch besetzt; sie haben vor Kurzem wieder, 
luiter einem plausibeln Vorwand , wie wir oben gemeldet, die 
chinesische Stadt Kaigan mit Soldaten belegt — allein die chine- 
sischen Behörden, die Tag und Nacht an den Befestigungen bei 
Tientsin , Schanghai u. s. f., d. h. auf der Operationsbasis gegen 
die Westmächte, arbeiten lassen, legen gegenüber diesen russischen 
Uebergrifl'en eine merkwürdige Indifl'erenz an den Tag. Mit einem 
Worte : man zweifelt nicht , dass Russland mit den ostasiatischen 
Mächten unter Einer Decke steckt. Jetzt also , wo sich China 
ge^veigert hat die Verträge einer Revision zu imterziehen, ist 
Russland berechtigt, seinen Bundesgenossen gegen jede ,, Miss- 
achtung" zu schützen. Im Fall eines Kriegs zwischen England 
und Russland aber ist Japan verpflichtet, alle seine Häfen den 
englischen Schiffen zu verscldiessen! Schon früher haben wir auf 
das umsichtige und erfolgreiche Vorrücken der russischen Politik 
auf ihrer ganzen orientalischen Linie, vom Bosporus angefangen 
bis zum ochotzkischen INlecr, aufmerksam gemacht. Hier findet 
sich eine neue Bestätigung unserer Ansichten. In Constantinoi^el, 
in Persien, in Mittelasien, in Yeddo und in Peking erntet die 
russische Politik Erfolge, und es ist schon so weit gekommen, 
dass England ängstlich die Pulver- luid Waftenfabriken des ^laha- 
radscha's von Indien beobachtet. 

Kcsumiren wir kurz das bisher Gesagte. Eben vier Jahre 



t)ie Rivalität Englands und Russlands in Asien. 20 1 

sind es her, seitdem VAinbery, der Derwiscli, ehedem vom Dümmer- 
scheine muslimischer Heiligkeit umflossen, die Aufmerksamkeit 
Europa's und besonders Englands auf Russlands geräuschloses 
Vordringen in Transoxanien gelenkt hat *). Die Ereignisse haben 
ihm bisher Recht gegeben. War es auch , wie ^"ambery selbst 
gerne einräumt, eben so unschwer, den Sieg der Russen in Mittel- 
Asien zu jn-ophezeien, als beim Absturz einer Lawine vorherzu- 
sagen, dass sie einige im Wege stehende P"'elsblöcke mit fortreissen 
werde, so ist doch immerhin das Verdienst, dies überhauj)t gesagt 
zu haben, namentlich dann kein ganz geringes, wenn andere, sonst 
hellblickende Köpfe sich solcher Einsicht hartnäckig verschlossen. 
Wir glauben die Frage im Vorstehenden von allen Seiten beleuchtet 
zu haben und gelangen zu folgenden Resultaten: Die russische 
Politik kann in Asien drei verschiedene Ziele verfolgen, welche 
indess keine das andere nusschliesen : das erste, die Eroberung 
Indiens, ist das aller unwahrscheinlichste; das zweite, der Ver- 
such die orientalische Frage von Osten her zum Austrag zu bringen, 
ist möglich; das dritte, das Erstreben der Handels -Hegemonie 
in Asien und damit der Eintritt in den Welthandel, ist positiv. 



1) Siehe das Schluss-Capitel: „The Rivalry of the Russians and English in 
Central Aaia," in seinem Buche: „Travels in Central Asia." S. 439—443. 



25 



I 



I 



Alplalietiscles ReEister. 



Abal Oghluii, Chan von Kuldsclia. Seite 1'21) — 131. 

Abbot, Keisciuler 1839. 4, beobachtet das Oghüz. 23. 128. 

Abbotabud. 165. 

Al)dalHli.s, Afghuneiigeschlecht. 137. 

Abd-el-Kadcr. 138. 

Abderrhaman , Sohn Afzul Chans. 144. 14 5. 14(5. 147. 148. 

Abdul Aziz, Sultan der Türkei. 103. 

Abdula Chan, Sohn Schir Ali's. 151. 

Abdul-Fcttah-Mirza, Sohn Mozaflf'er Chans, zum Czar entsendet. 122. 

Abdul-Gat'da-Beg. 114. 

Abdul Melik, ältester Sohn des Emirs von Hochara, tlieht nach 
Bochära. 114. 120 erhebt sich gegen seinen A'ater. 121. 1j2. 

Abdurrhazak's Werk, übersetzt von Quatremcrc. 26. 

Abdyl-Tadsch , Führer der Kitai-Kyptschaken. 114. 

Abijew, Dr. 107. 

Ab-i-Schcr-i-ssebz, J'luss 46. 

Ab-oskun, Hafen. 23. 

Abramow, General. Seine Expedition an die Quellen des Zeraf- 
schän. 4 5. sein Zug nach Bagdan-Ata. 106. in der Schlacht 
am Zerafschän. 112. gegen Abdul Melik. 121. 122. seine 
Expedition gegen Schehr-i-ssebz. 128. 129. 194. 

— — Hauptmann. Sein Antheil in der Schlacht bei Yedschar. 100. 

Abughir-Sec. 20. 22. 

Abulfeda über Turkestän. 48. 

Abul Ghazi Chan's Geschichte seiner Lande. 28. 

Ackerbau, bei "Wiernojc. 38, der Kirghisen. 40. am Ssyr. 4 2 bei 
den Tadschik-^'ülkcrn. 61. 71. 

Acre. 2. 

Adorazki, Fähnrich, bei der Vertheidigung Samarkands verwundet. 
115. 

Adschabainym-Ak-Küni ^Vüste. 34, 



204 Alpliabetisches Register. 

Afgliänen. Ihre Herrschaft im siuUichcn Turkestan. 47, in der 

Schlacht von Samarkand. 114. Ethnologisches über die — . 

Seite 136. 137. 
Afghanistan. 13. 48. 52. 53. 61. 63. 65. 104. Geschichte der 

Ereignisse in — . 136 — 153. 163—167. 169. 171. 173. 174. 

176. 177. 178. 181. 
Afzul, Chan von Kabul. 143. 144. 145. 
Agra, besucht durch B. Goes. 3. 
Agror, Chan von — . 165. 166. 167. 
Ahazaies. 167. 

Ahmed Chan, König der Afghanen. 137, 138. 141. 
Ajamudschiz, Nordwinde. 48. 
Aidar-Chodschi. 128. 

Airuk , höchste Spitze der Muchadschar-Berge. 31. 
Aitow, Reisender 1840. 4. 
Akbar Chan, Sohn Dost !Muhanuneds. 139. 
Ak-Kaniisch , ^^'üstenrand des Kyzj'1-Kuni. 30. 
Ak-Mesdsched , siehe: Perowski-Fort. 
Aknioliiisk. Sein Handelsverkehr. 118. 
Akritschch am kaspischen Meere. 22. 26. 
Aksai, nördlicher Quellfluss des Kaschgar-Darjä. 11. 38. 40. 
Aksakal-Barbi, See. 15. 
Ak-Scrai", Nebenfluss des Amu-Darja. 44. 
Ak-Ssu, FIuss. 35. 36. 55. 

— — , Stadt in Ostturkestän. 55. 60. 75. 76. 110. 
Akssuisk, Fort. 36. 

Ak-Tagh, 20. 54. 

Ak-Tau, Gebirge auf Mangyschlak. 14. 

— — , in der Kirghisensteppe. 33. 
Aktsche. 141. 152. 

Aktübbe, Ort bei der Atrek-]\Iüiidiing. 22. 
Ala-kiil, See. 34. 57. 58. 

Ala-Tau, Dsungarischer. 5. 9. 12. 34. 35. 36. 37. 38. 43. 50. 
57. 58. 70. 

— — , Transilischcr. 56, 

— — , Kreis. 8. 
Alai-Kirghisen. 7 1 . 

— Plateau. 51. 

Alaman-Berge. 58. 

Albedyl, Major, bei der Verthcidigung von Samarkand. 115. 

Aldschan-Berge. 33. 

Aleppo. 183. 

Alexander d. Gr., Expedition nach Centralasien. 1 9. 

Alexandreschata. 163. 

Alicli, Tiirkomancnstamm, 68. 






Alphabetisclics RcgiBter. 205 

Ali-Morad. Seite 157. 

Alim-kul, Regent von Chokan. 9-2. 100. 

Alingar, FIuss. 53. 

Almaty, Fluss. 6. 38. 56. 86. 

Altai-Gebirge. 12. 33. 66. 70. 73. 

Altüschar, sielie : Altyscliar. 

Altyn-Dagh. 120. 128. 

Altyn-Imel, Fort. 86. 

Kette. 58. 

Pass. 58. 

Altyschar in Ostturkcstjin. 59. 108. 

Alty scliäliär, siehe Altyschar. 

Ammian Marcellin. 2. 

Amu-Darjä, Strom (C)xns). Ablenkung seines Laufes. 14. Mün- 
dungsgebiet. 17. Humboldt über den Oxuslauf. 18; weitere 
Berichte über das alte üxusbctt und die Aenderungen des 
Oxuslaufes. 19 — 26. Wüsten am Amu-Darja, 30. Ijaiukschaften 
am — . 43 — 48. 51. 61. 67. 70. von den Russen erreicht. 
103. Strasse im — Thale. 116. 124. 

Amur. 191. 192. 

Andchuj, Stadt. 47. 68. 141. 

Andidschan. 110. 188. 189. 

Angelsachsen. Ihre Colonisation verglichen mit jener der Russen. 117. 

Anitschkow, Fähnrich, bei der Vertheidigung von Samarkand. 115. 

Antiochns. 3. 

Antipow, Stabscapitän, nimmt mit ^leglitzky Gouv. Oreuburg 
geognostisch auf. 6. 

Apatschi, Nebenfluss des Karyn. 55. 

Arago's Meinung über die Spiegelverändcrungen des Aralsee. 17. 

Arakan. 193. 

Aral-See. 14. Flächenrauni. 15. Niveau. 16 — 18. Rawlinson's 
Meinung. 18. im Alterthum unbekannt. 19. im Mittelalter 
vorhanden, nach den arabischen Quellen. 21. nach den mittel- 
alterlichen Karten 25. im persischen Manuscript. 26. 41. 
Aral ein russisches Gewässer. 78. Dampfschiffe auf dem — . 
79. 124. 

Aralo-Kaspische Senkung. 75. 

Aralsk, Fort. Seine Gründung. 78. 79. Rückkehr der Russen 
nach — . 80. 

Araslan, Nomadensultan, kämpft gegen Isched Kutebar und fällt. 82, 

Ali. 132. 

Arassan, Fort. 36. 

Ai'ganantinsk. 57. 

Argarly-Berge. 57. 

Argyll, Herzog von — . 173. 



206 Alphabetisches Ucgiatcr. 

Aristoteles. Seite 3. 

Ark.'it-Berge. 33. 57. 

Armenien. 182. 

Arundo pJiragmi'fes L. 29. 

Aryer. 62. 63. 

Aryss, Nebenfluss des Ssyr-Diirja. 1). 11. 

Aschurade, Insel. 181. 

Asferali-Tagli bei Chokand. 54. 

Asow'sches Meer. 14. 16. 

Asterabäd. 6. 67. 181. 

Astrachan. 23. 

Astronomische Ortsbestimmungen, an der Lepsamiindung. 1. in 

der Hi-Gegend. 7. am Ösyr Darja. 8. Struve's Arbeilen. 10. 
Atalik Ghazi, Titel des INluhanuncd Yakub Chan. 07. siehe 

Muhammcd. 
Atanurat, turkomanischcr Chan. 107. 
Atkinson, Thomas \Vitlam. kScinc K^childeriing der asiatis^chcn 

Steppe. 31 — 32. 
Atrek, Fluss. 22. 23. Angebliche Abtretung des — Thaies an 

Kussland 175. 

Auckland Lord, fällt in Kabul. 77. 

Au-I)schar am Ssyr-Darja. 41. 

Auliett oder Aulie-ata. 9. 85. 86. 

Australien. 154. 

Ava, König von — . 157. 

Ayagyz-Fluss. 57. 

Azcrbeidschän. 181. 

Azim, Chan von Kabul. 1 13. 144. 1-15. 146. 147. 

Baba-]5eg von Schchr-i-Ssebz. IM. 120. 

15aber, Sultan. 27, über Turkestaii. 18, über Kabul. 53. 

]{al)ko\v, Oberst. Seine Aufiiahnicu. 9. 10. 

Badachschan, Landschaft. S. 41, crubert von Kuuduz. 4 7. — 

53. 63. 64. 74. 116. 141. 151. 175. 
Bagdad. 183. 
Bagdan-Ata. 106. 
]Jaikal See. 17. 
Ikiikow, Reiseiuler. 57. 

Bakhschi, INIinncsänger der Tiirkumaneu. 69. 
Baksan, Fluss. 35. 
Baktra, siehe: Balch. 

Bala-Histar, Schloss von Kabid. 138. 139. 
Balch, Land und Stadt. 44. 47. 48. 52. 67. 68. IKi. 141. 143. 

144. 146, 147. 148, 152. 173, 175. 



! 






Alpliabotischoa Rogistori 207 

ßalchasch-See. 4. Anfnahmo durch Babkow. 10. Nicdorung. 33, 

Beschreibung des Sees. Seite 33 — 34. 35. 57. 71. 73. 
Bah"tzki, Major, übersclireitet den Bornchudsir. 131. 
Balkan-Berge am Kara-Boghilz. 14. 107. 134. 

— Bai am kaspischen Meere. 23. 

Balkh, siehe Balch. 

Ballu.sek, Leon von — , General. 126. 

Baltis, 74. 

Bam-i-duniah, siehe: Pamir. 

Bamijän^ Thal von —.52. 138. 147. 

Barabinskische Stejipe. 0(5. 

Baranow, Hauptmann, erklettert den Wall beim Sturme auf Chod- 

schand. 102. 
Barantas, Raubzüge der Kirghisen. 72. 
Barcani. 23. 
Bariatinski, Fürst. 187. 
Barsidci, siehe : Bolschie Barsuki. 

Bartolomeo, Fra, de Cremona, Begleiter des Euysbroeck. 2. 
Barukschis, Chan der Duranis. 138. 141. 
Basara, Fluss. 9. 
Baschkiren. 82. 
Basra. 183. 185. 
Baumwolle am Ssyr-Darjä. 41, in Bochara. 4ß, von .Tany-Urgendsch. 

48, in Ostturkestan. 59, in Bochara. 124, in russisch Central- 

asicn. 189. 
Bayldyr-Tugai am Ssyr-Darja. 8. 39. 40. 
Bed-Pak-da-la, siehe : Hungersteppe. 
Belch, siehe: Balch. 
Belisar, bocharischer Gesandter. 104. 
Belut-Tagh. 13. 50. 51. 54. Tadschik im—. 04. Kara-Kirghisen 

im — . 70. 178. 
Beneveni, Floris, Reisender 1725. 4. 
Berg, Reisender 1826. 4. 
Berrasin Gelmaz. 20. 21. 
Bien, Fluss. 35. 
Biludschistan. 61. 

Binnen-Seen der aralo -kaspischen Senkung. 15. 
Binnert, Mitglied der Expedition nach Persien, 1858. 0. 
Blr am Chabur. 185. 
Birmanen. 172. 193. 195. 
Blei. 32. 33. 49. 
Bochara, Chanat. Chanykow's Buch über — . 6. 13. Polo's Reise 

nach — . 24. Schlüssel zu — . 44. 47. Mctallreichthum. 49. 

Bevölkerung. 61. 63. 60. 70. — . erobert Chokan. 77. russ. 

Kautleute in — . 95. 102. der Krieo- niit — . 103. Bezieh- 



2Ö8 Alphabetisches llogistcif. 

ungen zu — . 107. Neue Feintlsoligkoiton gogon Russlfind. 111. 

Friedensschluss mit — . 114. Die Russcu rlcliteu sich in — 

ein. Seite 123. 127. 152. 171. 
Bochära, Lchmsteppe von — bcsclirioben. 30. 
, Stadt. 45. 101. 167. 176. strategisch wichtig. 181. 

188. 189. 190. 
Bogdo-Oola, höchster Thcil des Tian-Schan. 36. 58. 
Bolordai. 50. siehe: Belut-Tagh. 
Bolut-Tagh, siehe: Belut-Tagh. 
Bolschie-Barsuki, Sandwüstc. 14. 15. 17. 
Bombay. 143. 
Borgianische Karte. 25. 

Borochudsir, Grenzfluss. 9. von Major Balitzki überschritten. 131. 
Borodajewski, Lieutenant, bei der Vertheidigung von Samarkand. 115. 
Borszczow E., bereist mit Ssäwerzow das Orenburg'sche Land. 6. 
Brahmaputra. 172. 

Braun, Dr. Julius, Aegyptologe. 185. 186, 
Bright, Oberst. 166. 

Bubeninow, Kaufmann, besucht Kaschgar. 57. 
Bucharei. 13. 103. 
Buddha-Cultus. 52. 
Biienos-Ayres. Pampas von — . 32. 
Bugra, Nebenfluss des Ili. 37. 
Bugun, Fluss. 9. 
Buldumsaz in Chiwa. 68. 
Bunge, A. v., Staatsrath und Professor der Botanik, Mitglied der 

Expedition nach Pcrsien. 6. 
Buniakowski A. W., Reise im Tian-Schan. 55. 
Buräten. 65. 69. 
Burakoi-Berge. 58. 
Burjäten, siehe Buräten. 
Burnes, Alexander, Reisender, 1832. 4. — über den Oxuslauf. 18. 

22. sein Tod. 139. 
Butakow, Alexis, beschifft den Ssyr-Darja bis Bayldyr-Tugai. 8. 

39 — 41. am Amu-Darjä. 45. 
Buzurg-Chan, Begleiter Muhammed Yakub's. S. 110. 111. 

Calcutta. 104. 310. 143. 149. 188. 
Californien. 198. 
Canada. 154. 

Caracas, Llanos von — . 32. 
Carpini, CJiovanni de Piano — . ^Minoritenmönch, gibt erste Nach- 
richten über die Mongolen. 2. 57. « 

Catalanische Karte. 25. ^■ 

} 

Cathai , nestorianische Christen in — .3. 



Alplialiptisehca Registor. 209 

Centraliisicn. Russische Forscliungon in — . Seite 1 — 11. 

— — Erste Nachxüchten über — . 2 — 4. 

Chaburfluss. 185. 

Chamil. 54. 

Chaiiykow, Nicolaus von, Rcisondor 1841 — 1842. 4. leitet die 
Expedition nach Persien 1858. (!. sein Buch über Bochara ß. 

Charesm, Landschaft in CcntraLasien. 25. See von — . 25. 

Charesniische Wüste, bcschrielien. ßl. 44. 

Cliarikar. 147. 

Chasch, siehe : Schungis. 

Chazaken. G9. 70. 71. 

Chenopodiaeeen, charaktorische Pflanzenforuien des Kara-Küm. 29. 

Chesney's Expedition. 185. 

Cheyberpässe. 1.38. 151. 170. 

Chiggurzaies. 1(57. 

C'liilik, Zuüuss des Ili. 5fi. 

China. 2. .'3. 1.'3. 24. 25. 59. fil. 75. 81. 9(). 104. 188. 191. 
192. 19:3. 195. 190. 197. 198. 199. 200. 

Chinesen. 59. 70. 108. HO. 179. 

Chitral , siehe : Kania. 

Chiwa. Chanat. 13. 45. 47. 4 8. 49. 00. Russlands Angriffe auf 
— . 77. Chiwa bedrückt die Kirghisen. 79. 102. im Bilnd- 
niss mit den Turkomanen. 107. 124. 125, Operationen gegen 
— . 120 — 1.35. sein Verhalten gegen Russland. 128. 1.32. 
Mission nach Indien. 134. 

Chiwa, Stadt. 23. 26. 122. 

Cliiwaner. Die Bewohner von Chiwa. 17. 172. 

Chliidow'sche Karawane. 119. ^ 

Chodjeili am Oxus. 27. 

Chodscha Nischaz, chokanzischesFort, von den Russen genommen. 84. 

Chodscha-Scid-Ahmed. Hofmeister des Abdul JNIelik. 122. 

Chodschand, Stadt. 40. von Mozafl'er erobert. 84.80, von Mozaffer 
genommen. 95. russischer xVngriff bei — . 99. von den Russen 
erobert. 101 — 102. Deputation der Stadt an den Czar. 104. 188. 

Chokan, Chanat. Karte des Chanats. 8. 13. 34. 39. 42. 47. 57. 
63. Tadschik in — . 64. Usbeken in — . (iO. 07. 70. 71. 
Von Bochiira 1840 erobert. 77. Usbekischer Druck. 79. 
Chokan verliert Ak-lSIesdsched. 80. Russlands Krieg mit — . 
83 — 94. Thoilung Chokan's. 84. Sein Schicksal besiegelt 
durch den Fall von Taschkend. 92. 97. 101. Gutes Einver- 
nehmen mit — . 104. Aufstand gegen die Russen. 107. 111. 
124. 103. 189. 190. 

Chokand, Stadt 39. 45. 54. 07. von Mozaft'cr erobert. 84. HO. 
119. 188. 189. 

Chomentowski, Oberst. ISIilitilrische Expedition. 0. 

20 



21f) Alplialictischps Rpgistoif- 

Chond, Berg. Seite 52. 

Chorassan. Persische Provinz. Expedition dahin 1858. 0. Be- 
schreibung in Rawlinson's persischem Mauupcript. 25. von 
Ahmed Chan erobert. 1,^7. 175. 

Chntan, Stadt Ostturkestans. ßO. Ilir Name arisclien Ursjtriings. 
()2. 75. 7(5. 110. Von Yakub Beg erobert. 111. Uil). 

Chriilew, General. Seine Pläne. 186 — 187. 

Ciinlnm, Thal. 44. 141. 14 5. 152. 

Cireulardepesche Gortschakow's vom 21.Novcnd)er 1804. 87 — 91. 

Cladyschew, Reisender, 1740. 4. 

C'obden, Richard. 167. 

(Vdonialpolitik der Engländer. 154 — 163. 179. 

Coloiiisation der Russen im Sicbenstromlande. 36. Beginn der 
— am Ssyr. 78. — stüchtigkeit der Russen. 117. 

Comorin, Cap. 55. 162. 

Conolly, Capitän, Reisender 1842. 4. beobachtet das alte Oxus- 
bett. 23. 128. 

Constantin Nicolajewitsch , Grossfürst. 124. 133. 

ConstantinopeL 106. 128. ISO. 181. 182. 183. 185. 200. 

Cooper. 195. 196. 

Curratschi. 188. 

Cyrus , siehe : Kur. 

Daix , siehe : Ural. 

DampfschifTe, russische, auf dem Aralsee. 79 am Ssyr. 85 auf 

der Wolga. 125. 
Dandcville, Oberst. Seine Arbeiten und ]\arte des Usturt. 7. — 

Seine Aufnahmen am TIek und I'(\va. 8. 
Danilewsky, Reisender 1842 — 184 3. 4. 
Darja-i-Chyzyr, siehe: Ka.spisches Meer. 
Daschkow Graf, Nachfolger R()nlano^vsky's. 103. 
Daud ("hodscha, Berg im Kara-Tau. 8. 
Delhi, von Ahmed Chan besetzt. 137. 

Denkschriften, russische, über den Angriff auf Indien. 179. 
Deutsche in Centralasien. 118. 123. 
Djäm, 121. 

I)ikf)kamanny-Kirghisen , siehe: Kirghisen. 
Din-Kurgan, Fort. 93. 
Di])lomatie der Engländer in Asien. 178. 
Diplomatie, russische. 179. 

, türkische. S. 180. 

Dirhcm-Tagh, höchster Puid<t (]rv Balkanberge. II. 
Dlotowski, (leneral-Lieutenant, (irenzbestinmunig durch — . 9. 
Doeden, turkomanischer Name des Oghüz. 2.''). 
Don, Strom, 32. 66. 127. 



Alphabetisches Register. 211 

Donau. Seite 177. 

Dost Muhanmied Chan, Herrscher von Afghanistan. 13<S. 139. 110. 

141. 142. 143. 144. 146. 
Dsaissang Noor, See. 9. 32. 54. 73. 
Dschamrut, Kampf bei — . 138. 
Dscheihün, siehe : Amu-Darjä. 
Dschelälabäd. 52. 53. 139. 148. 
Dschitischar, siehe: Altyschar. 
Dschizzach, die Küssen vor — . 97, von den Russen genommen. 

103. 104. 
Dschulek, siehe: Tschulak. 
Dschura-Beg von Schchr-i-Ssehz. IM. 120. 
Dsnngarei, Cliinesische. 5, 57. ü5. 70. 71. 75. 129. 131. 
Dulanen in Ostturkcstan. 75. 

Dünganis in der Dsungarci. 75. Ilirc Kcbellion. 109. 110. 
Duräni. 137. 138. 141. 
Durbar zu Umbala. 149 — 151. 
Duri-i-duran, Titel Ahmed Chans. 137. 
Dutara, Guitarre der Turkomanen. ü9. 
Dzamu, siehe : DjTim. 

Edrisi, arabischer Geogra})h, über Turkcstün. 48. 

p]iscn bahnen. 116. 124. 

Eismeer. 3. 11. 

EUenborough, Gouverneur von Indien. 14 9. 

Elphinstone, INIountstuart, englischer General. 139. 

Eltschi, siehe: Chotan. 

Emba-Fluss. 8. 132. 

England, beunruhigt durch Russlands erstes Vurdringcu in Central- 

asien. 87. \Yeist die Bitten Mozafl'er's um Hilfe ab. 104. 106. 

imterstützt Schudscha-Scha in Kabul. 138. 
Eriwän. Provinz. 141. 
Erszari, Turkomanenstamm. 68. 
Ethnographie Turan's. 61 — 76. 
Euasples, siehe: Kabül-Fluss. 
Euphrat. 61. 182. 

Bahn. 182 — 186. 

Expedition, ^vissenschaftliche, nach Pcrsien 1858. 6. 

Fauna des Ssemiretschenskij Kraj. 35. 

Fawizki H., Archäologische Forschungen. 10. 

Fedorow, (Fjodorow) Wassili, Astronom, erreicht und bestimmt 

1834 die Lepsa-Mündungen. 4. 
Fedschenko A., Seine Reise nach Pamir. 51. 194. 

Feid Muhammed Chan von Chiwa. 128. ♦ 

* 



212 Alphabetisches Register. 

Feldspatli in der Kiri;'1iison^tpppo. Seite .'51. 

Fern'luuia. 57. 

Fenik-Chaii, pert^isclier Cicsandter. 141. 

Fieber. 80. 

Fil Man.surch. 21. 

Finäkat oder Scliarokhia. 27. 

Fjodorow, siehe: Fedorow. 

Fil•o^^i-Schah. 167. 

Flora der AVüste. 29. 30. 31. 32. 33. des llilandes. 38, des 

Tian-Scliaii. 5(). 
Fon-Tagh. 45. 54. 

Forsclunigcn russisclie, in Mittelasien. 1 — 11, 
Foritzky, Obcrstlieutcnant, scliützt die Bagage in der Srlikielit bei 

Yedschar. 100. 
For.syth, T. Douglas. Seine ]Mission nach Kascbgar. 130. 
Fräser, Baillie, über den üxnslanf. 18. 

Ganges, Seine INIündnngen. 3. KJl. 

(Jatsebkal-Tagb. 54. 

Cieognostisclie ^'erllilltnisse. 11, der Lclinistejijje von Boehara. 30, 
der Kirgliiscnsteppe. 31, ijn Tian-Selian. 55. 

Gcograpliisclic Gesellschaft, kais. russische, in St. Petersburg. Ge- 
gründet 1855. 5. 

Ghazna, Stadt in Afglulnistan. 53. 130. 145, 148. 

Ghilän. 181. 

Gbildschi-Afglutnen. 53. 145. 

Girs, Staatsrat!!, bereist die Kirghiscnsteppe. 1). 

Gladstone, Cabinet — . 183. 

Ghichowski, Rittmeister, zu INIozalVer entsendet. iXi. 

Ciobi, AVüste. 66. 75. 

(Joebel, Mitglied der Exjx'dition nach Persien 1858. (!. 

Goeklen, Tnrkoniannenslainm. ()8. 

Goes, Benedict. Seine Keise in Centralasicn. 3 — 4. 

Gold in Centralasicn. 10. 31. 4i). 

Golodnaja Step, siehe: llungcrstejipe. 

Golowatschcw,. Generalmajor, in der Schlacht am Zci-afscban. 1 1 2. 

Golubew A., (ieneralstabshau])tniann, seine Arbeiten in Gentral- 
asien. 7. über Osttnrkestan. 50. 

Ciortschakow, Fürst, gründet Kopalsk. 36. Seine Circulardejx'sclic 

über das \'ordringen der Küssen in Asien. 87 — Ol. 124. 
Granit. 83. 56. 58. 
Granvillc, Lord. 172. 
Graucasus, siehe: Ilindu-Kusch. 
Gravakasas, siehe: Hindu-Kusch. 



Alphabctisclics Rogistcr. 213 

Griechen keimen die Existenz des Aral? Seite 20. Ihre Colo- 

nisation vcrgliehen mit jener der Russen. 117. 
Gudscherät, Schhicht bei — . 1-10. 
Gucrlen. Sein Reis. 48. 
Guikovar. 157. 

Guison-Tamba, siehe: Yezun-Dampa. 
Gurgan. 68. 
Gurkas. 165. 
Giititschan, Fluss. 40. 

MMttJoxjiIon ammodcndron, siehe: Saxanl. 

Ilamdullah Mnstowfi berichtet über die Aendenm,i>' des Üxu.sluulcs. 

22, seine Beschreibung des Kas])iseeö. 2i5. 24. 
Ihunmond, Mr. 172. 
Hamün-See. 6. 

Hancock W., INIissionär, über die Sijaposch. 65. 
Handelsgesellschaft, Russisch-asiatische. 187. 
llandelsstrassen im Alterthume. 1!), im Mittelalter 2-1. 
Handelsvertrag, mit Chokan. 107 — 108, mit Bochüra, 110, mit 

Yakub Chan. 133. 
Hassan Beg. 114. 

Hazret-i-Turkestan, siehe : Turkestän, Stadt. 
Hayward, englischer Reisender. 129. 
Hellenen, siehe: Griechen. 
Herät. 6. 13. 44. 67. 114. 128. 136. 137. 140. 141. 142. 144. 

146. 175. 
Heri-Rüd, Fluss. 52. 
Herodot. 19. 
Hezära, siehe Huzara. 

Hezarasp, Stadt am üxus. 22. 23. Seide von — . 48. 
Hieronynms Xavier, Neue des St. Franciscus, begleitet Goes nach 

Labore. 3. 
Hilmend, Thal. 146. 
Himalaya. 11. 51. 52. 56. 164. 193. 
Himmelsgebii-ge, siehe : Tian-Schan. 
Hindu. 61. 179. 

Hindu-Kuh, siehe: Hindu-Kusch. 
Hindu-Kusch. 13. 20. 51. 65. 164, 170. 
Hissar, Oase. 44. 121. 
Hiuen-Thsang, chinesischer Geograph. 51. 
Hochland, Centralasiens. 51 — 60. 
Hoei-juan-tsching, siehe: Ivuldscha. 

Holmstrom, Capitän. Seine Feststellung der Karawanenwege. 10. 
Hongkong. 192. 
Hulum, siehe; Chulum. 



214 Alpliabctisclies Rcgiatcr, 

lliiniboliU, Alcxaiulcr V. — . Seine Arbeiten über Centralasien. Seite 
4 — 15. über den Aralsee mul Oxiishiiif. IS. über Alexanders 
Expedition. 19. Seine Vorstellungen über Pamir. 51. 

lluiigersteppc (Bed-Pak-da-lo). 10. 31. 57. 

llusein, Chan von Meymene. 143. 

Ilussunzycs. 167. 

Ilyderabiid. 156. 

lluzdras im Norden Afghanistans. 63. 146. Aufstand der — . 
165 — 167. 169. 171. 172. 

Jagustai , Nebenfluss des Ili. 37. 

Jaik, siehe: Ural. 

Jan, Sultan von Ilerat. 114. 

Jany-Darja. 7. 8. 27. 41. 

Jauy-Kurgan, chokanzische Festung. 8,,^oll den Russen zerstört. 

' 85. 93. 111. 
Janysar, Stadt Ostturkcstan's. 59, 
Jany-Ssu. 45. 

Jany-Urgendsch. Seine Baumwolle. 48. 
Japmi. 198. 199. 200. 
Jarkiang, siehe: Yarkand. 
Jar Muhanimed-Chan, persischer Vezir. 140. 
Jaxartes, siehe: Ssyr-Darja. 

Ihn Hatuta, arabischer Kcisender und Geograph. 25. 
Ibn-Hauqal über den Aral. 2 1 über Turkestan. 48. 
Ibrahim Chan, Sohn Schir Ab's. 148. 
Jenkinsou, Anthony, englischer Handelsagent. 27. 
Jerkend , siehe : Yarkand. 
lidighis-Kette. 33. 43, 
Ilck, Flüsschen. 8. 
Ili, Strom. 5 — 35. Beschreibung seines I>aufes. 36 — 37. lli- 

Ebcnc. 55. 66. 
— — , Land. 58 als chinesische Stralcolonic. 108. 
Ili-tschi, siehe: Chotan. 
I Uschi, siehe: Chotan. 
Imaus , siehe : Belut-Tagh. 
Indien. 3. 19. 48. 53. 57. 61. 6 1. 92. 

154. 155. 156. 158. 159. 160. 

172. 174. 176. 177. 178. 185. 
Indus, Strom. 52. 61. 161. 176. 
lu hai, siehe: Issi-kul. 
Initschke, Fluss. 41. 
Johannes , Priester — . 2. 
Iranier. 61. 
Ird schar, siehe: Y^edschar. 



I 



108. 


129. 


131. 


136. 137. 


161. 


162. 


161. 


165. 17 1. 


186. 


188. 


194. 


200. 



1 



Alphabetisches Rogister. 215 

Iren Chabirgan, sielie: Ala-Tau. 

Irghiz , siehe : Irgis. 

Irgis, Fliiss. Seite 6. 29. 78. 

Irkutsk, Ssibirische Section der k. k. riiss. geograph. Gesellscliaft. ö. 

Irtysch , schwarzer. 9. 31. 

Irtysch-Steppe. 33. 

Ischan Urak, Chodscha. 152. 

Isched Kutebar, Anführer dor Kirghisen , entflammt diese gegen 

Russland. 81. Sein Kampf gegen die Enssen; seine eiullielie 

Unterwerfung, 82. 
Ischim, Fhiss. 33. 
Ismail Chan, Neffe Schir Ali's. 152. 
Ispahun. 6. 
Issi-kul , See. 6, seine Form bestinnnt. 7 — 9 auf der Karfe des 

Fra Mauro. 25. Beschreibung des Sees. 42 — 43. 54. 55. 

56. 71. 119. 
Istachri über den AraL 21. 
Jusuf, König von llerat. 141. 
Iwanow, Intendanturbeamter, füllt bei der A'ertheidiguiig Snmar- 

kand's. 115. 
Iwascliintzow, Scecapitän. Seine i\ufnahme des kaspischen Äleeres. 

7. 13. 

Kabul, Königreich. 13. 61. 103. 122. 127. 136. 138. 142. Ge- 
schichte dieses Reiches. 143 — 153. 175. 

Kabul, Stadt in Afghanistan, besucht 1603 von B. Goi-s. 3. 
Lord Auckland fällt in — . 77. Empörung in — . 139. 143. 
147. 164. 167. 188. 

Kabül-Fluss. 51. 52. 53. 65. 

Kabulistan. 52. 

Kafiristan. 53. 61. 

Kafirs, siehe : Sijaposch. 

Kaflankir, Plateau von. 23. 

Kaidak, Golf in kaspischen Meere. 14. 

Kainak, Nebenfluss des Ili. 37. 

Kaizaken , siehe : Chazaken. 

Kalaly, Insel. 132. 

K.'dat Dschaber. 183. 

Kaigan. 192. 193. 200. 

Kalmyken. 65. 66. 70. 75. 76. 117. 126. 

Kaltschyk, ISIilitärstation. 36. 

Kama, Fhiss in Kafiristan. 53. 

Kancheu. 76. 

Kandahar in Kabul. 137. 138. 139. 143. 144. 145. 147. 

Kansu , chinesische Provinz. 75. 



216 AlphabRÜscIiRS Register. 

Kcara, Turkomancnstamm. Seite CS. 

Karabfigh. 148. 

Karabaili , Canal des Amu-Darjä. 45. 

Karabatalsk, Festung. Ilir Entf^telien. 78. 

Kara-lioghäz, dessen Form bcstinunt. 7 — 14. 

Karabura-13erge. 9. 57. 

Karakalpaken. 48. 71. 

Karakasch, Fluss. 71. 

Kara-Kirghisen. 69. Schiklerung derselben. 70 — 71. 

Karakorum, einstige Kesidcnz des Grosschans. 2. 

Pass. 108. 104. 

Kara-kul , See . 45. 

Kara-Küm, Wüste. 17. Boschreibung derselben. 29 — 30. 41. 80. 

Karaschar am Tian-Schan, Hauptstadt der Dunganis. 75. 109. 

Karatal, Fluss. 35. 

Kara-Tau. Tschernajew's Recognoscirung in der (Jebirgskette des 

— . 8. bereist von T;itarino\v. 9. Fund von tSteinkoblen. 9. 

Gewässer die in ihm entspringen. 4 1. INletalle. 50. Befestigung 

des — . 85. 
Kara-Tjabc, Schlucht bei. 128. 
Kardar, See. 20. 
Karclin, Reisender 1840—42. 4. 
Karkaraly, Hügel. 33. 

Karlawn, Ort an der Oxusmündung in die Kaspisee. 2G. 
Karmaktschy, Fort. 81. 

Karschi, Stadt in Rochara. 46. 4S. 116. 120. 121. 
Kaschgar in Ostturkestun. 9. 53. 59. 62. 63. 74. 108. 109. 110. 

111. 118. 119. 129. 188. 189. 190. 
Kaschgar-D arj a. 11. 
Kaschgar-Dawiin, Gebirge. 50. 54. 
Kascbka, Fluss. 45. 
Kaschmir, 52. 162. 166. 188. 
Kaschmiresen. 64. 
Kaspisches ]\Ieer. Vorstellungen der Alten über das — . 3. 

Aufnahmen des Seccapitäns Iwaschintzow. 7 — 11. Sj)iegel 

des — . 13. Niveau verglichen mit jenem des Aralsees. 16. 

Hypothese über den einstigen Zusammenhang des — mit dem 

Aralsee. 16 — 17. 18. 19. 20. 178. 
Kastck, Fort. 9. 55. 
■ — — Pass. 55. 
Kat, Stadt im Oxusdelta. 21. 
Katmanda, Werkstätten von — . 157. 
Kattykurgan. 116. 121. 
Kaufniaim v., General, richtet mefeorologiselie Beobachliiiigsstationen 

in Turkestan ein. 10, zum CJeiieralgouverneur von 'riiiUestan 



Alphabetisches llegister. 217 

ernannt. Seite 105. Seine Friedensbedingungen für Boch/ira. 108, 
gibt Befehl zum Marsch auf Saniarl^and. 111, nimmt Samar- 
kand. 113. 114, entsetzt Saniarlcand. 115, geht nach St. 
Petersburg. 119, unterstützt Mozaff'er gegen seinen Sohn. 
121. Inspicirt die Truppen. 126. 127, sprengt die Coalition 
der centralasiatischen Fürsten. 132, wird die Operationen 
gegen Chiwa leiten. 134. 135. 

Kaukasische Section der k. k. russ. geograph. Gescllsch. zu Tiflis. 5. 

Kaulvasus, indischer. 19. 51. 

— — , verwechselt mit dem Ilindukusch. 20. 181. 

Kaulbars, Baron, russischer Diplomat, entdeckt die Quellen des 
Ssyr-Darjä. 39, seine jNIission zu Yakub Chan. 132 — 133. 190. 

Kaye J. W. Sir. 173. 

Kazaly, Fort am Ssyr-Darjä. 41. 81. 

Kebin, Grosse. Fluss. 9. 56. 

Kelat in Afghanistan. 145. 

Kent-Kaslyk, Hügel. 33. 

Kerki am Amu-Darja. 44. 

Kenn an. 6. 

Kenmna. 104. 114. 116. 121. 

Ketmentubja, Kette. 56. 

Kette-Töre, Titel des Thronfolgers von Bochära. 120. 

Keyserlingk, Graf. Mitglied der Expedition nach Persien 1858. 0. 

Khalkas-Mongolen. 66. 76. 196. 

Khodscha Nadschimit-Din , siehe: Nadschimit. 

Khosru Parviz. 20. 

Khudayar, Chan von Chokan ; völlig machtlos. 83. auf seine Haupt- 
stadt beschränkt. 95. sitzt in Chokand. 102. seine Botschaft 
an den Czar. 118. seine Charakteristik. 128. 

Khutel, Landschaft. 44. 

Kiachta. 191. 200. 

Kiepert's Karte von Turän. 27. 

Ki-lien-schan, siehe : Tian-Schan. 

Ki-lo-man-schan, siehe: Tian Schau. 

Kirghis-Chazaken. 72. 73. 

Kirghisen. Dikokamanny. 36. 

Kirghisen. Ihre Strohmatten. 29. weiden am Akkamisch. 30. 
Einfälle. 36. am Ssyr. 40. in Turkestän. 63. 64. 67. Schil- 
derung derselben. 69 — 71. Leben der — in der Steppe. 72. 
74. von den Usbeken in Chokan bedrückt. 79. 117. 126. 

Kirghisen-Stcp2)e. Katasteraufnahme. 7. commissionelle Bereisung 
durch Girs. 9. Russische Karte derselben. 27. Beschreibung 
derselben. 31 — 33. Rebellion der — 127. von den Chiwa- 
nern gep)lündert. 133. 188. 

Kirgisyn-Alatau. 57. 

27 



218 Alphabetiaclics Upgisler. 

Kirki, sielio: Korki. 

Kital), Hauptstadt von Scliclir-i-sscbz. Seite 128. 

Kitai-Kyptsclialcen. 104. 114. 

Kiein-Asien. 182. 

Klima, des Ili-Landes. 37 — 38. von Chokan. 42. von Badaohschan. 

44. in Turkostan. 48. von Kabul. 53. in Kafirista,'!. 54. 
Kloedoa, Prof. Seine Angaben über das Niveau des Aral-Sd^s. IG. 
Kök küz, siebe: kaspiscbes INIcer. 
Koetscbege in Cbiwa. 08. 
Kogusclii, Nebenfluss des Ili. 37. 
Kobat, indische Grenzgarnison. 152. 
Kobik^ siehe : Zerafscban. 

Köhistän, persische Provinz. 13. 53. 61. 139. 
Kok-Dschar, Pass im Tian Scban. 55. 
Kok-ssu, Fluss. 35. 
Kokssuisk, Fort. 30. 
Kokerew, Grundeigenthümer. 187. 

Kolesnikow, Fähnrich, begleitet Struve zu INIozafter Chan. 90. 
Kol])ako\vski, General, erobert Kuldscha. 131. 
Kopal, Stadt, siehe: Kopalsk. 
Kopal, Fluss. 36. 
Kopal-Kette. 58. 
Kopalsk, gegründet 1840. 30. 
Korbugi, Fluss. 9. 
Korgas, Nebenfluss des Ili. 37. 
Kosaken gründen Wiernoje. 38. Colonic zu Kazaly. 41. — S^g<^ti 

Isched Kutebar. 82. Erhebung der Don'schen — . 120. 
Kosch-Kurgan, chokanzisches Fort, von den Küssen geschleift. 78. 93. 
Koss-Agatsch, Piquct. 9. 

Koss-Aral, Fort. 78. ^ 

Kotri im Industbale. 104. " ^ 

Kowalewsky, Oberst, in Kuldscha. 5. 
Krajewski, Oberst, bringt Unterstützung in der Schlacht bei Yed- 

schar. 100. 
Krasnowodsk-Bucht. 125. 120. 134. 

Krimkrieg, legt Russland lahm in Centralasien. 84. 168. 177. 191. 
Kryscbanowsky , Generaladjutant des Gouverneurs von Orenbui-g, 

beruft die Stadtältesten Taschkends. 39.94. weist Nadschiinit- 

Din zurück. 90. 
Kui'n-Lucn. 13. 75. 
Kuhi-Baba im llindu-kusch. 52. 
Kukas, ihr Aufstand. 161. 193. 
Kulan. 35. 
Kuldscha, in der chinerfischen Dsungarei. 5. 57.85. 108. 110. IIS. 

129. 130. von den Russen erobert. 131. 188. 189. 



Alphabetisches Kcgislcr. 219 

Kuli-Darjä, Golf des kaspischen Meeres. Seite 14. 

Kumai-, siehe : Kama. 

Kumys, Liebliiigsgeträuk der Mongolen. 2. 

Kumysch-Kurgan, Fort. 93. 

Kun-Chodscha-Ili. 48. 

Kunduz, Chanat. 44. erobert Badachschan. 47. 51. 53. 141. 151. 

152. 188. 
Kungi-Tau, siehe: Ala-Tau. 
Kungrad, in der Nähe des Oxus. 26. 
Kur, Fluss. 19. 
Kurdam-Kak. 75. 
Kuren, in China. 76. 
Kurgauc oder Mogils. 32, 
Kurgentasch-Berge. 33. 
Kurlawa, Pass von — . 22. 
Kuron-Kette. 14. 

Kuruma, Usbekenstanuii am Ssyr. 67. 
Kutemaldy, Fhiss. 43. 
Kutsche, in Ostturkestän. 75. 110. 111. 
Kuwän-Darjfi. 41. 45. 79. 
Kuzghun Denizi, siehe: kaspisches INIccr. 
Kyptschak. Usbekenstamm. 67. 69. 71. 
Kyzyl-Agatsch-Ssu, Fkiss, siehe: KopaL 
— — -Arwat, Fort. 134. 

basch, in Kabid.' 139. 

Küm, Wüste. 27. beschrieben. 30. 44. 

Labore. Hof von — besucht von B. Gocs. 3. von Ahmed Chan 

besetzt. 137. 
Landschaften Centralasiens. 12 — 28. 
Lasiagrostls splendens. 29. 
Laudan, ein Oxusarm. 22. 
LaAvrence, Sir John, Gouverneur von Indien. 142. 146. 149. 

168. 169. 
Lehmann, Alexander. Reisender. 1841 — 1842. 4. 
Lehmsteppe von Bochära, siehe: Bochära. 

Lcntze, v. — Astronom, INIitglicd der Expedition nach Persien. 6. 
Lenz, R. über den Amu-Darja. 44. 

Lepeschin, Lieutenant, bei der Vertheidigung von Samarkand. 115. 
Lepsa. Ihre Mündungen von Fedorow bestimmt. 4. 34. 35. 57. 
Lerche, Oberstlieutenant, seine Betheiligung an der Einnahme von 

Tschemkend. 86. 
Lhassa in Tibet. 76„ 
Llanos von Caracas. 32. 
Lonjumel, Andreas de — . Reisender. 2. 57. 



220 AliiljHüetischcs Register. 

Loji Xoor, See, Seite 75. 76. 

Luschai. Aufstand der — . 172. Expedition. l'JD. 

Maclidumkuli , turlvomanischer Nationalpoct. 69. 

iMac Naghten, britischer Gesandter in Kabul. 139. 

Madatow reist nach Indien. 57. 

Maclik- Wüste. 46. 

Maharatten wider die Afghanen. 137. 

INIaimadschan. 145. 

JMainiatschin. 191. 

IMakschejew A. J, Statistische Untersuchungen. 10. 

IMaltc Brun über den Oxuslauf. 18. 

Mamural Beg, Turkomancnhäupthng. 132. . 

Manschester-Politik. 167, 168. 170. 172. 

Manghyschlak, siehe: Mangyschlak. 

Mangyschlak-Halbinsel. Richtig dargestellt auf Dandeville's Karte. 

7. Gebirge auf — . 14. beschrieben von Yakut. 21. besucht 

von Jenkinson, 27. 
Mankrak, Berg. 9. 

Mansfield, Sir ^Yilliam, englischer General. 164. 
INIaralbaschi in Ostturkestän. 111. 
Margilan. 188. 189. 
Markosow, Oberst. Seine Rccognoscirung von Krasnowodsk aus. 

134. 
Martschag. 68'. 

Matkow , Topograph und Begleiter Golubew's. 7. 
INIaulbeerbaum. 4 9 . 

Mauro , Fra — 's venetianische Karte. 25. 
Maymene, siehe: Meymene. 

Mayo, Lord. Yicekönig von Indien. 149. 150. 158. 109. 
jNIazanderan. 181. 
.Nloglitzky, Ca2)itiin, ninnut mit Antipow Gouv. ürcnburg geog- 

nostisch auf. 6. 
INIcnandcr, byzantinischer Geschichtsschrcibei*. 20. 
Merke. 8. 9. 10. 

Mertwii-Kultidc , (Todtcr INIecrbusen der Russen.) 14. 127. 
Mei-utschag, siehe: Martschag. 
Mcrw, Stadt Centralasieus. 68. 
^Nlesar bei Bai eh. 47. 
Mcschhed, auch Tiis genannt. 6. 
Mesopotamien. 182. 186. 
]Messerfabrication in Hissär. 44. 
^Meteorologische Stationen in Turkestän. 10. 

]Meyendorff, Reisender 1820. 4. über die Zahl der Usbeken, (iii, 
]Meyer in den Arkas-Bergen. 57. 



J 



Alpliabetiachcs Register. 221 

Meymciic, Chaiiat. Seite 47. 141. 142. 143. 147. 

Militärische Steiluiig der Engländer in Indien. 157. 

Ming, TJsbekenstamni. 67. 

Mirza-Mirarschur. 123. 

Mitchell, englischer Consul zu St. Petersburg, 173. 

INIittelasien , siehe : Centralasien. 

Mittelmeer. 61. 

Älogils , siehe : Kurgane, 

Mongolei. 65. 75. 191. 

Mongolen. Erste bestimmte Nachrichten über dieselben durch Car- 
pini. 2. Mongolenvülker. 66. 129, 179. 

IMontblanc. 55. 

Mozaffcr-cd-din-Chan. Emir von BochTira erobert Chokan. 83. 
seine Triumphzüge. 84. iullt in Chokan ein. 92. sein Be- 
nehmen nach den russischen Siegen. 95. rüstet gegen Russ- 
land. 95. 06. bittet um Einstellung der Feindseligkeiten. 97. 
rückt gegen die Russen an. 99. seine Flucht nach der Schlacht 
bei Yedschar. 100 — 101. bleibt ungebeugt. 102. lässt Lieut. 
Sslushenko gefangen setzen. 106. in seinem Reiche bedroht. 
120. ruft Kaufmann's Hilfe gegen seinen Sohn an. 121. 
seine Freundschaft für General v. Kaufmann. 127. 152. 

Muchadschar-Berge. 6. 14. 15. 31. 

Mughadjar-Berge, siehe: Muhadschar Berge. 

Muhannned Farissa, bocharischcr Gesandter. 106. 

— — INIirza, Schah von Persien. 140. 

Yakub Ali, Sohn Schir Ali's. 142. 144. 145. 146. 147. 

148. 151. 

— — Yakub Chan, Herrscher in Ostturkestan. 63. 108. seine 

Biographie. 109. 110. 129. beabsichtigt eine Coalition gegen 
Russland. 130. empfängt die russische Mission des Br. Kaul- 
bars. 132—133. 190. 

Muhi-cd-din Maasum, Abgesandter Yakub Chan's. 133. 

INIultan im Industhale. 164. 

]Murawiew N. , über das alte Oxusbctt. 23. 

Murchison, Roderick, in der Frage des Aralsees. 18. 19. bezweifelt 
den AVcrth des anonymen persischen Manuscripts. 26. 27. 

INIurgh-äb, Fluss. 68. 

Murray, Hugh, über den Oxuslauf. 18, 

Musart-Chan, Gebirge. 39. 

Muslim, Pass von — . 22. 23. 

Mutha-Beg. 115. 

^luzart-Gebirge, siehe: INIuz-Tagh. . 

Muzbel- Anhöhen. 57. 

Muz-Tagh, Gebirge. 42. 54. 63. 75, 



222 AlpTiabetisches Register 

Nadir, Schah von Pcrsien. 137. 139. 

Kadschimit-Din-Chodscha, bocharischer Gesandter. Seile ÜO. als 

Parlamentär. 111. 112. 
Namagän, Stadt Chokan's. 67. 
Napicr of Magdala, Lord. 155. 156. 157. 171. 
Narbiit, Capitän, seine Karte von Turkestau. 10. 
Naryn, Oberlauf des Ssyr-Darja, von Ssäwerzow besucht. 11. von 

Kaulbars besucht. 39 — 54.55. 70. Brücke über den — . 111. 

119. 129. 132. 
Nasar-Beg. 121. 
Nasr-Allah Chan, Emir von Bochärä, erobert Chokan. 77. 83. 96. 

Eddin-Mirza, Schah von Persien. 140. 

Nau, kleine Festung, von den Russen besetzt. 101. 

Nazarow, Major, führt die Reserve beim Sturme auf Chodschand. 

102. bei der Yertlicidigung von Samarkaud. 115. 
Kegri, Reisender 1820. 4. 
Nepal, seine Kriegsmacht. 157. 165. 
Nestorianische Christen in Cathai. Ruysbrocck's Bemerkungen über 

sie. 3. 
Neuseeland. 154. 
Neusiedler-See in Ungarn. 28. 
Newa. 177. 

Newsky, Jaroslaw und Alexander. 57. 
Niazbcck, Fort. 98. 

Nichtinterventionsprineip, siehe ; Manchester-Politik. 
Nicolaus, Kaiser von Russland, befiehlt eine Expedition nach 

Chiwa. 77. 
Nifantiew, Topograph, bestimmt 1847 zuerst die beiläufige Form 

des Issi-kul. 7. 
Nikiforow, Reisender 1841. 4. 
Nikolski. 11. 
Nil. 43. Gl. 
Nischabur. 6. 
Nischni-Nowgorod. 188. 
Nordamerika. 193. 

Nordwestliche Section der k. k. russ. gcogr. Cesellsch. zu ^Vilna. 5. 
Northbrook, Lord. 158. 

Northcotc, Sir Staft'ord, Staatssecrelär lür Indien. 172. 
Nowo-Alexandrowsk, Fort. 127. 
Nür-atta. 122. 

Ob?chtschi,j-Ssyrt. 14. 
Ochotzkisches Meer. 191. 
Oelöten im Altai. 06. 



Alphabetisches Uegistef. 223 

Octsch, walirsclicinlich ein Oxiisanii. 20. 

Oghi. Seite 167. 

Oghiiz, altes Oxusbett. 22 23. 

Ogurdsehali, Turkomanenstanim. 132. 

Oktai, Chan, Sohn des Dschingiz-Chan. 21. 

Omar Beg. 114. 

Optimisten in England. 104. 

Orel. 181. 

Orenburg, Orenburg'sche Section der k. k. russ. geograph. Gesell- 
schaft, ö. Südosten von Orenburg geognostisch aufgenommen. 0. 
Berci-st von Borszczow und Ssilwerzow. 0. Recognoscirungea 
1861. 8. Perowski's Expedition erreicht mit INIühc — ■. 77. 
Gründung der Festung. 78. 82. Eisenbahn von Ssamara 
nach — . 116. 

Oron-See. 17. 

Orsk. 12. 82. 

Ortaku-Brunnen. 1 34. 

Ost-Turkestan, siehe: Turkestrm. 

Osten-Sacken, Friedrich Freih. von, Secretiir der russ. geograj)h. 
Gesellsch. bereist den Tian Schau. 55. 194. 

Ostjaken. 66. 

Otrar am Jaxartes. 24. 25. 26. 41. ' 

Oxiana palus, siehe : Aral-Sce. 

Oxus, siehe: Amu-Darjä. 

Pamir, Plateau. 44. 51. 62. 71. 

Pampas von Buenos-Ayres. 32. 

Pangong-See in Tibet. 75. 76. 

Panipat, Entscheidungsschlacht von — . 137. 

Paropanisus. 13. 51. 188. 

Pascal de Vittoria. 24 — 25. 

Patna. 162. 

Patrocles, seine Küstenbeschreibung des kaspischen ISIeeres. 3. 

Paudsch, Zweig des Oxus. 53. 

Pegoletto, Balducci, sein Itinerar nach China. 24. 

Pegu. 193. 

Pendschab. 104. 137. 140. 149. 166. 170. 176. 

Pendschakcnd in Bochära. 45. 

Pendschdeh. 68. 

Perowski, Fort. 7. 27. 39. 41. 79. Yertheidigung des Forts durch 
die Chokanzen. 80. Fall von — . 80. Angriff durch die Cho- 
kanzen. 81. 93. 

• — — General, seine Expedition gegen Chiwa, 77. Seine Unter- 
nehmungen 1852. 79. Seine Politik gegen Isched Kutebär. 82. 
Seine Thätigkeit. 84. 



224 Alphabetisches Register. 

Pcrsien. Fxpedition nach Persien 1858. Seite 6. 13 — 19. 48. Gl. 

67. 68. 137. 140. 141. 142. 146. 152. 175. 181. 182. 

188. 193. 200. 
Perwuschin. Seine Karawane nach Kaschgar. 119. 
Peschel, Prof. 16. 17. 
Peter d. Gr., sein Augenmerk auf Centralasien. 77. sein Testament. 

187. 
Petrojoawlowsk. 10. 

Petrow, Mitghed der Expedition nach Persien 1858. 6. 
Petruschewski, Oberst, commandirt die Avantgarde beim Marsche 

auf Samarkand. 111. 
Phasis, siehe: Rion. 
Pihtschi, Nebenfluss des Ili. 37. 
Pinner, Emanuel, portugiesischer Prieser, begleitet B. Goes nach 

Labore. 3. 
Pischawer, Stadt in Indien. 65. 140. 143. 144. 146. 164. 166. 
Pistolkors v., Oberstlieutenant. Sein Antheil an der Schlacht von 

Yedschar. 100. 
Pistschemuka, Major, commandirt die Reserve in der Schlacht bei 

Yedschar. 100. 
Plinius. 19. 
Polo, Marco, wichtigster Reisender des INIittelalters. 3. 24. über 

Samarkand. 46. über Tschartschand. 76. 
— — , Neue Ausgabe seiner Roisebeschreibung. 3. 20. 
Poltaratzki W. A,, General. Durchforschung des Tian-Schan. 55. 
Polymetos, siehe: Zerafschän. 
Po-mi-lo, siehe: Pamir. 

Pontus, mit dem kaspischcn Meer verwechselt. 3. 
Porphyr in der Kirghisensteppe. 31. 33. am Ili. 37. 
Postverbindung zwischen Taschkend, Turkestan u. Fort Perowski. 93. 
Priilinsker Generalgouvernement. 131. 
Ptolemaeus. 3. 19. 
Pundschub, siehe : Pendschab. 
Putimtschew besucht Kuldscha. 57. 

Quatremcre, trefflicher Orientalist. 26. 
Quellen, chinesische, über Centralasien. 4. 

Radloff" Wilhelm. Ethnograjdiische und linguistische Forschungen. 

10. sein Brief an den Verfasser. 66. 
Rachmet-Beg. 121. 
Ravat, Dorf. 99. 

Ravcrty über das Land der Sijaposch. 53. 
Rawlinson, Henry, über den Aralsee. 18. 25. 26. 173. 
Rawul-Pindis. Indischer Grcnzstamm. 166. 



Alphabetisches Uegistcr. 22i) 

Reinthal, Capitän. Seine Barometerniossungen im Tian-Schan. Seite 
55. besucht Yakub Chan. 119. 129. 

Roisende in Centralasicn. 2 — 4. 

Rhabarber, officinelles Mittel. 2. 

Ricci S., Missionär zu Peking. 4. 

Rion, Fluss. 19. 

Ritter, Carl. Seine Arbeiten über Centralasien. 4. 

Rivalität Russlands und Englands in Asien.. 154 — 201. 

Roemer. Ihre Colonisation verglichen mit jener der Russen. 117. 

Romanowsky, Dmitry Iljitsch, russ. General, 98. sein Marsch nach 
Ycdschar. 99. in der Schlacht bei Yedschar. 100.101. nimmt 
Chodschand. 102. 

Rubingruben in Badachschän. 44. 

Rubruquis, siehe: Ruysbroeck. 

Rukh, Sultan, berühmter Herrscher von Herat. 25. 

Rundschit Singh, Beherrscher der Sikhs. 137. 138. 

Ruprecht F. J. Akademiker. Durchforschung des Tian-Schan. 55. 

Russland. Seine ersten Schritte in Centralasien. 77 — 82. es unter- 
wirft sich die Kirghison der Steppe. 78. — machtlos gegen 
Mozaff'er. 84. seine Handelshegemonie in Asren. 186. 

Ruysbroeck, Willem van — , oder Rubruquis. Minoritenmönch 
bereist 1252 — 1252 Centralasien. 2. — erklärt das kaspische 
Meer für ein geschlossenes Becken. 3. seine Bemerkungen 
über die nestorianischen Christen. 3. sein Bericht über den 
Jaxartes. 24. 57. 

Sachalin, Insel. 198. 

Sadik, Anführer der Dunganis. 110. 

Saidabad. 148. 

Säle, Robert, englischer General. 139. 

Salor, Turkomanenstamm. (58. 

Samarin, Handlungsdiener, bei der Yertheidigung Sämarkands ver- 
wundet. 115. 

Samarkaud. 45.54.97.102.104. der Feldzug gegen — . 106 — 125. 
russ. Standlagcr bei — , 106. 111. ergibt sich den Russen. 
113. von den Russen vertheidigt. 114. 115. 122. 176. 

Samojeden. 66. 

Sanudo, Marino. Seine Karte. 25. 

Sarai an der Wolga. 25. 

Saraichik am Jaik. 24. 

Sarik, Turkomanenstamm. 68.. 

Sarikia am Karakasch. 71. 

Sarten. 63. 64. 188. 

Sartohl. 64. 

Sauku-Pass. 55. 

28 



220 Alpliabctischcs Ucgiatcr. 

Sauran-Ssu. Nebenfluss des Ssyr-Darjä. Seite 41. 

Saxaul (IlaloxijJon ammodendron^~) 29.35. am Ssyr. 40. am Bal- 

cliasch See. 57. 
Schadi Mirza, Adoptivsohn Yakub Beg's, gelit nach St. Peters- 
burg. 119. 
Schamyl. 138. 187. 
Schanghai. 200. 

Schany-tschen-mu, Thal von. 108. 130. 
Scharokhia, siehe : Finäkat. 
Schat-el-Arab. 183. 
Schaufuss V., Oberstlieutcnant. 107. 
Schehr-i-Ssebz, Chanat. Insurrection daselbst. 96. 104. 114. 120. 

121. 122. erobert durch die Russen. 128—129. 
Schiborgan. 141. 152. 
Schildkröten. 35. 
Schir Ali Chan, Emir von Kabul. 142. 143. 144. 145. 14C. 147. 

148. 149. 150. 151. 152. 
Schlagintweit , Gebrüder. 59. ihre Ansicht über die Bevölkerung 

Ostturkestans. 62. 
Schrenk A., Eeisender 1840—1842. 4. 
Schudscha-ul-Mulk Schah, König von Kabul. 138. 139. 
Schultz, Leo von. Seine Expedition. 78. 
Schungis, Nebenfluss des Ili. 36. 37. 

Scluuvalow Graf, russischer Polizeiminister. Seine Mission. 173. 
Scindia. 157. 
Scutari. 183. 

Seid Mehemed Chan, letzter charesmischer Sultan. 17. 
Seide, von Hezarasp. 48. 
Seihün, siehe : Ssyr-Darja. 
Seleucus Nicator. 3. 
Semiten. 61. 
Sendschu. 71. 
Sengir-Kul-See. 54. 
Scwerowostotschnoi, Cap. 55. 
Shakespeare, Reisender 1840. 4. 128. 
Shaw. Robert. Seine Ansicht über die Bevölkerung Ostturkestans. 

02-63.64.67.75.76. 129. begleitet Forsyth nach Kaschgar. 

130. 
— i/iai.. siehe: Sijaposch. 
^Si/iovS, siehe: Sijaposch. 
Sidu, Afghanengeschlecht. 137. 141. 
Siebeiistromland, siehe: Ssemiretschensk. 
Siovers, russischer Naturforscher. 57. 
Si liai, siehe: Balchasch. 
Sijaposch. 52. 53. 62. 65. 



Alphabetisches Register. 227 

Sikandar Chan, Führer der Afghanen bei Saniarkand. Seite 114. 

Sikhs. 137. 138. 140. 170. 

Silber. 31. 49. 

Silverswan v., Oberstlicutenant, Comniandant der Artillerie in der 

Schlacht bei Yedschar. 100. 
Sirala in Indien. 149. 

Singan in China , Bischofssitz der "nestorianischen Christen. 3. 
Sining-fii, siehe: Zilm. 
Sinju, siehe Zilm. 
Sin-Kiang. 58. 

Sipoys Aufstand 1857 in Indien. 155. 
Sir-i-kol, siehe: Ssary-Kul. 
Sladen, Major. Sehie ExiDcdition. 195. 
Snegirew, Bergmann. 57. 
Socanda. 23. 
Sogd, Fluss. 45'. 
Sogdagar, siehe: Sartcn. 
Sokawnin, Oberstlieutenant, bei der Expedition luich Schehi-i-ssebz. 

128. 
Sokpo. 76. 

Soliman-Gebirge. 176. 

Spiegel Prof., über die Bevölkerung Ostturkestans. 62. 
Ssaewerzow reist mit Borszczow im ()ren1)urg' sehen Land. (5. seine 

Expedition 1864. 10. seine Ansicht über den Usturt. 14 — 15. 

seine geognostische Excursion in den Tian-Schan. 55. 194. 
Ssariam. 188. 

Ssalessow, Oberst. Katasteraufnahmen. 8. 
Ssamara. 79. 116. 
Ssaratow, 14. 
Ssarkan, Fluss. 35. 
Ssary-Baba-Kette am Kuli Darja Golf. 14. 

— Kul, Alpensee. 43. 63. 71. 

— Kupa, See. 15. 

Ssu, Fluss. 43. 

Tschoku-Berg. 9. 

Ssassyk-Kul, See. 34. 

Ssemeuow P., Magister, besteigt den Tian-Schan. 6. auf dem 

Tengri-Chan. 55. 
Ssemipolatinsk, Stadt in Westssibirien. 10. 12. 57. 
Ssemiretschensky Kraj. 8. Beschreibung des Landes. 34 — 38. 119. 
Ssergiupoly. Stadt. 57. 

Ssibirien. 4. 10. 11. 13. 34. 66. 71. 188. 190. 191. 
Ssibirische Section der k. k. russ. geograph. Gesellsch. zu Irkutz. 5. 
Ssjerow, Major, führt eine Deputation aus Centralasien zu dem 



Czar. 104. 



* 



228 Alphftbetischcs Rcgiatcr. 

Ssistän. Seite 144. 

Sslusheiiko , Untcrlieutenant, von bochärisclicn Räubern gefangen. 

10(5. freigelassen. 108. 
Ssusak, Fort. 8. 
Ssyr-Darjä, beschifft von Butakow 1863. 8. 10. sein Oberlauf, 

der Naryn, von Ssäwerzow besucht. 11 — 25. Untersuchung 

über den früheren Stronilauf. 26 — 28. 29. Landschaften am 

Ssyr-Darjä. 39 — 43. Beschreibung des Stromes. 39—40. 54. 

67. 70. 71. die Ssyr-Darja Linie. 78. 85. 99. 127. 
Stachelschweine. 35. 
Steinkohlen, gefunden durch Tatarinow imKara-Tau. 9. längs des 

Irtysch. 31. am Kaschgar-Dawän. 50. 
Stempel, Baron v., Major, nimmt das Dorf Ummy. 106. vertheidigt 

Samarkand. 114. 115. 
Stcppenbilder. 29—38. 73. 
Stoddart, Oberst. Reisender 1842. 4. 
Strabo. 3. 19. 
Strandtmann , Oberstlicutcnant, vertreibt die Bochuren am Zeraf- 

schun. 112. 
Struvc C. Seine Reise im Tarbagatai. 10. seine Karte von Turkestän. 

10. sein Nivellement des Aralsees. 16. seine Mission zu 

Mozaifer Chan. 96. 
Sussamir, Fluss. 10. 
Suez-Canal. 182. 183. 186. 

Su-tscheu, chinesische Grenzstadt, besucht 1603 von B. Goes. 3. 
Suzängirän-Tagh. Käme des Tian-Schan im Osten von Samarkand. 54. 
Swat. 166. 
Syrien. 182. 186. 

Taben-Tau. 54. 

Tadschik. 61 — 65. ihr Charakter. 64. von den Usbeken unter- 
jocht. 66. 67. 
Tagat Fluss. 53. 
Taipings. 110. 129. 
Takla-jNIakän, AVüste. 75. 
Tuk-Ssu, siehe: Bi. 
Talass, Fluss. 9. 70. 
Taldyk-Mimdung. 45. 
Talgaryn-Tal-Tschoku, Berg. 55. 
Taniarix-Wäldchen. 29. am Ssyr. 40. 
Tanierlan stirbt zu Otrar. 41. seine Residenz. 46. 
Tamirsik, Fluss. 9. 

Tan, chinesische Dynastie, erobert Karaschar. 109. 
Tanais. 20. 
Tara. 66. 



Alphabetisches Register. 229 

» 

Taraiitschis in der Psung.arei. Seite 75. 

Tarbagatai. Von Humboldt nicht überschritten. 4. Oberst Babkow 
im — . 9. erforscht durch C. Ötruve und Potanin. 10 — 12. 
57. 73.} 

Tarksyl, Nebenfluss des Ili. 37. 

Tarym , Fluss. 54. 59. 

Taschkend, Stadt in Turkestän. 10. 42. 67. 71. 81. von Mozaffcr 
erobert. 84. d)Q. von den Küssen belagert und genommen. 
92. Zustände in — nach der Einnahme. 93. Grundstein- 
legung zur ersten russ. Kirche in — . 93. 98. 99. Deputation 
der Stadt an den Czar. 104, der bochärische Gesandte in 
— . 107. 108. Leben der Russen in — . 116. deutscher 
Gasthof in — . 118. 119. 124. 188. 189. 190. 

Tasch-Kuprjuk. Position bei — . 111. 

Tatarei 2. 118. 

Tataren. 62. 65. 66. 117. 179. 

Tatarinow, Oberstlicutenant, Reise im Kara-Tau. 9. seine Mission 
zu Mozafier Chan. 96. 

Taurus , cilicischer. 185. 

Tebbäd, Fieberwind. 30. 

Tebezge, Fluss. 9. 

Teheran. 6. 141. 182. 

Teke, Turkomanenstannn. 68. 

Telegraphen. 117. 

Tele-Kul, See. 8. 4 3. 

Telckultata-See. 8. 

Temurtu Noor, siehe: Issi-Kul. 

— Tagh. 54. 

Tengri Chan, Berg. 39. 54. 55. 

— — Schan. 5.4. 

— Tagh, siehe: Tian-Schan. 

Terck-Tagh, siehe : Kaschgar-Dawan. 

Terrek-Thal. 167. 

Thonschicfer. 30. 

Tian-Schan oder Himmelsgobirge. 4. zum ersten Male, 1857 von 
Ssemenow erstiegen. 6. Rccognoscirung 1863. 9. Ssäwerzow 
im — ■. 11 — 12. Ursprung des Ili. 36. aufgenommen von 
Baron Kaulbars. 39. 51. Beschreibung des — . 54 — 56. 
Kirghisen im — . S. 70. 75. 109. 111. 

— — Nan Lu, chinesische Provinz. 13. 58. 108. 129. 
— • — Pe liU, chinesische Provinz. 13. 58. 108. 
Tibet. 76. 

Tibetaner. 74. 
Tieu-tsin. 200. 



230 Alphabetisches Register 

TifliSf kaukasische Section der k. k. riiss. geographischen Gesell- | 

Schaft. Seite 5. Stadt 182. 1 

Tigris, 61. 18-2. 

Timur. 69. 

Tobol, Fluss. 8. 

Tobolsk, Stadt in Ssihirien. 66. 

Tocharistan, Landschaft. 52. 

Todtcr Meerbusen, siehe: ^lertwii Kultuk. 

Tokmak, Fort. 9. 111. 119. 

Tokta, Fluss. 9. 

Torgot , Kahnykenstanim. 65. 

Tournon, französischer Emigrant. 187. 

Transilisches Gebiet. 8. 

Travancore. 156. 

Tschagatai, Usbekenstamm in Namagan. 67. 

Tschang-kia-ku, siehe: Kaigan. 

— Tschenmo, siehe: Schang-tschen-mu. 

Tschartschand. 75 — 76. 

Tschaudor, Turkomanenstanmi. 68. 

Tschebcrna-Tagh. 54. 

Tschehardschuj , Stadt am Oxus. 68. von den Russen besetzt. 
107. russ. Cantoimirung in — . 116. 

Tschelcken, Insel des kaspischen ^Meeres. 14. 132. 

Tschemkend, Stadt in Turkestan. 8. 9. von den Chokanzen be- 
festigt. 85. 188. 

Tschernajcw, Oberst. Recognosciruiig im Kara-Tau. 8. bemächtigt 
sich Tschemkends. 85 — 86. bombardirt und niimut Taschkend, 
92. sendet eine friedliche Mission an ^lozaft'cr Chan. 96. 
sein Marsch auf Samarkand. 97. 

Tschiggauzies. 165. 

Tschiklinskischer Kirghisenstamm. 126. , 

Tscliim-Kurgan, Fort. 93. 

Tschinaz. 10. 99. 

Tschingiz-Chan. 69. 

Tau. 33. 57. 

Tschirikon, Kirghiscnstanun. 70. 

Tschirtschik, Fluss. 8. 10. Erobcriuig des — Gebietes. 93. 98. 

Tschitral, siehe : Kama. 

Tschochrak, Felsen auf Tschelcken. 14. 

Tschohtal Fluss. 9. 

Tscholym-Tataren. 66. 

Tschugutschak, Stadt der Dsungarei. 57. 130. 188. 189. 

Tschui, Aufnahmen am Flusse Tschui. 7. 9. 10. Xordgrciize von 
Chokan. 42. Sein Lauf. 43. 55. 56. 57. 70. 71. 



Alphabetisches Register. 231 

Tschulak, Fort, oder Tscliulak-Kurgan. Seite 8. 9. 40. 41. von 

den Russen genommen. 8Ö. 03. 
Tuemen. 66. 
Tuerkei. 48. 180. 185. 
Tuerken. 61. 

Tucrkistän, siehe: Turkestän. 
Tiingusen. 66. 

Tura-Dshan, Sohn des Emirs von Bochära. 123. 
Turän, Herleitung des Namens. 2. Karte von H, Kiepert. 27. 
Turanisches Tiefland. 13. 
Turgai, Fluss. 8. 78. 126. 

Turkestän, Stadt. 8. 10. 40. von den Russen genommen. 85. 188. 
Turkestän. 2. Karte Turkestän's von Struve. 10. Das südliche — . 

47. Fruchtbarkeit des Landes. 48. Bezeichnung als russische 

Provinz. 94. Errichtungdes Generalgouvernements — . 104—105. 
Turkestän, Ost—. 13. 58—60. über die Bevölkenmg. 62.70. von 

Yakub Beg erobert. 110. 111. 
Turkmenien, siehe : Turkestiin. 
Turkomanen. 23. 44. 47. 67 — 69, mit Cliiwa verbunden. 107. 

erheben sich gegen Chiwa. 132. 134. 179. 
Turkomanische Wüste, beschrieben. 31. 44. 
Turktataren. 61. 
TuSj siehe: Meschhed. 

Uesük, Nebenfluss des Bi. 37. 

Ulu-Darjä. 45. 

Ulu-Tagh, in der Kirghisensteppe. 33. 

Umbala, Durbar zu — . 149 — 151. 

Um-el-Biläd, siehe: Balch. 

Ummy. 106. 

Ural-Gebirge, südliche Ausläufer geognostisch aufgenommen. 6 — 13. 

Usturt seine Foi-tsetzung. 15. 33. 66. 197. 
Ural, Fluss. 9. Jaik (DaLx der Alten). 12. 71. 
UraFsche Kosaken. 7. 9. 

Uralsk, Fort. Seine Gründung. 78. 82. 127. 
Uratypa, bochärische Festung, von den Russen genommen. 103. 

Deputation der Stadt an den Czar. 104. 
Urga, in China. 76. 200. 
Urgendsch, Stadt. 20. 1221 belagert durch Oktai" Chan. 21. 24— 25. 

68. 107. 
Urmia-See. 6. 
Urumtsi, in der Dsungarei. Ausbruch der Dungani-Rebellion in — . 

110. 130. 
Usbeken. 44. 47. 64. Meyendorf!' über die — . 66. Uwe Stämme, 

67. Druck der — in Chokan. 79. 179. 



232 Alphabetisches Register- 

Usch - Tiirfixn , Stadt in Ostturkcstaii. Seite. 55. 60. erobert von 

Yak üb Beg. 111. 
Ushamala. 134. 
Usruschnah, in Bochära. 45. 
U.st-Urt, Hochebene. 6. Dandeville'.s Karte des — . 7. Bescbrei- 

biing der Hocbebenc — . 14. Fortsetzung des Ural. 15 — 16. 

34. Zufluebtsort Iscbed Kutcbar's. 82. 132. 
Utscb-Kajuk. 8. 41. 93. 
Utwa, Flüsschen. 8. -* 

Vslmbery Hermann, Reisender. 4. beschreibt das Oghüz. 23. seine 
Schilderung der Lehmsteppe von Bochara. 30. über den Amu- 
Darjä. 43. 44. über die turkcstruiischen Steppeidandcr. 47 — 50. 
über die Turkonianen. 67 — 69. 155. über Englands mtiham- 
medanische Verlegenheiten in Indien. 162. 164. 175. 176. 
177. 178. 194. 201. 

Vanghan, englischer Oberst. 166. 

Victoria-Lake, siehe: Ssary-Kul, 

Vivlen de Saint Martin, über den Oxuslauf. 18. 

Vulkane. Keine im Tian-Schan. 11. 

Wahabis. 162. 

Wakhan-Thal. 63. 

Walichanovv Tsch., über Ostturkestan. 59. 

Wazeeree-Hügel. 148. 

Wein am Ssyr-Darjtl. 41. 42. im Hinduh-Kuh. 52. 

Wcniukow bestimmt die Form des Issi- kul. 7. 191. 

Werdi am Chabur. 185. 

Wiernoje, Fort, errichtet 1854. 6. 10. Blüthc der Stadt. 38.55.56. 
84. 86. 

Wilna. Nordv\'estlichc Section der k. k. russ. geograph. Gesell- 
schaft. 5. 

Wilde, englischer Connnandant im Huzura-Feldzuge. 166. 

Wirbelsturm in der W'üstc. 32. 

Wochan. Bergland. 44. 

Wolga, Strom. 8. 14. 24. 25. 32. 66. 71. 125. 127. 

Wood, John, Lieutenant, Reisender. 1838. 4. 51. 

Wüsten, centralasiatischc. 29 — 38. 

Yak. 2. 

Yakub Chan, siehe: Muhanuned Yakub Chan. 
Yakub Inag, bocharischcr General, 153. 
Ya(iut. Seine Beschreibung von Mangyschlak. 21. 
Yärkand, Stadt in Ostturkestjui, besucht 1603 von B. Goes. 3 — 59. 
62. 63. 64. 74. 108. 110. 111. 118. 129. 133. 



Alpliabotischos Rogistpr. 2233 

Tccldo, Seite 200. 

Yedseliar. Schlaclit bei — . 09—101. 103. 
Yezd. 6. 

Yeznn-Dampa der Sokpo-Kalmyken. 76. 
Yklyk, Nebenfluss des Ili. 37, 
Yomult, Turkomanenstamm. 68. 
Yoxing-Babadur. 157. 
Yue-tscbi, Tatareiistamni. 62. 
Yiieii-iian. 192. 195. 196. 

Yule, Oberst, in der Frage des Aralsees. 18. über die Expedition 
des Zemarchiis. 20. — über die Asia-Ecisenden. 24. 25. 27. 

Zaräfscbaii, siebe: Zerafscban. 

Zemarchus. Seine Expedition niissverstanden von Y'nle. 20. 

Zerafscban, Hiiss. Seine Culturfläcben. 30. 4 5, seine Ufer 4Vt. 

54. 104. Russen am — . 112. Abrnniow's Eypedition an 

die QnelJen des — . 128. 129. 
Ziele der rnssiscben Politik in Asien. ISO. 
Zihn. 76. 
Zweigvereinc der k. k. russ. geograph. Gcsellscbaft. 5. 



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