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Full text of "Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre ..."

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http://www.archive.org/details/sammlungkleinersOOfreu 






Sammlung kleiner Schriften 



zur 



NEUROSENLEHRE 



aus den 



Jahren 1893—1906 



von 



Prof. Dr. Sigm. Freud. 



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LEIPZIG UND WIEN 
KRANZ DEUTICKE 

1906. 



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Verlags-Nr. 1279. 



Sammlung kleiner Schriften 



zur 



NEUROSENLEHRE 



aus den 



Jahren 1893—1906 



von 



Prof. Dr. Sigm. Freud. 



LEIPZIG UND WIEN 
KRANZ DEUTICKE: 

1906. 



Verlags-Nr. 1279. 



UTH. KUNST/\NSrAl.T, K. K. HOFTHEATEH-OHUCKEREI, WIEN. IX. SEnaOASSE 7. 



Vorwort. 

Melirfacli geäußerten Wünschen folgend, habe ich mich 
entschlossen, meine kleineren Arbeiten über Neurosen seit 
dem Jahre 1893 den Fachgenossen gesammelt vorzulegen. 
Es sind vierzehn km'ze Aufsätze, meist vom Charakter vor- 
läufiger Mitteilungen, die in wissenschaftlichen Archiven oder 
ärztHchen Zeitschriften veröffentHcht wurden, drei unter ihnen 
in französischer Sprache. Die beiden letzten (XIII und XIV), 
sehr knapp gehaltenen Darlegungen meines gegenwärtigen 
Standpunktes in der Ätiologie wie in der Therapie der Neu- 
rosen, sind den bekannten Werken von L. Löwenfeld, „Die 
psychischen Zwangserscheinungen", 1904, und „Sexualleben und 
Nervenleiden",, 4. Auflage, 1906, entnommen, für welche ich 
sie über Aufforderung des befreundeten Autors abgefaßt hatte. 

Diese Sammlung bildet die Vorbereitung und Ergänzung 
meiner größeren Publikationen, welche die gleichen Themata 
behandelu (Studien über Hysterie [mit Dr. J. Breuer], 1895 
— Traumdeutung, 1900 — Zur Psychopathologie des Alltags- 
lebens, 1901 und 1904 — Der Witz und seine Beziehung zum 
Unbewußten, 1905 — Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 
1905 — Bruchstück einer Hysterieanalyse, 1905). Daß ich den 
Nachruf an J. M. Charcot an die Spitze der hier vereinigten 
kleinen Aufsätze gestellt habe, soll nicht nur einer Pflicht der 
Dankbarkeit genügen, sondern auch den Punkt hervorheben, 
an welchem die eigene Arbeit von der des Meisters abzweigt. 

Wer mit der Entwicklung menschlicher Erkenntnis 
vertraut ist^ wird ohne- Verwunderung hören^ daß ich einen 
Teil der hier vertretenen Meinungen seither überwunden, 
einen anderen zu modifizieren verstanden habe. Doch habe 
ich den größeren Teil unverändert festhalten können und 
brauche eigentlich nichts als völlig irrig und ganz wertlos 
zurückzunehmen. 



Inhalts -Verzeichnis. 



Seita 

I. Charcot (1893) 1 

II. Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene 

von Dr. J. Breuer und Dr. Sigm. Freud (1893) .... 14 
m. Quelques considerations pour une etude comparative des para- 

lysies motrices organiques et hysteriques (1893) 30 

rV. Die Abwehr-Neuropsychosen. Versuch einer psychologischen 
Theorie der acquirierten Hysterie, vieler Phobien und Zwangs- 
vorstellungen und gewisser halluzinatorischer Psychosen (1894) 45 

V. Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten 
Symptomenkomplex als „ A n g s t n e u r o s e" abzutrennen (1895) 60 

VI. Obsessions et phobies. Leur mecanisme psychique et leur 
etiologie (1895) 86 

Vn. Zur Kritik der „Angstneurose" (1895) 94 

Vm. Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen (1896) 112 

IX. L'heredite et l'etiologie des Nevroses (1896) 135 

X. Zur Ätiologie der Hysterie (1896) 149 

XI. Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen (1898) . . , .181 

Xn. Über Psychotherapie (1905) 205 

Xin. Die Freud'sche psychoanalytische Methode (1904) .... 218 
XIV. Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie 

der Neurosen (1906) 225 



I. 
Charcot.0 

Mit J. M. Charcot, den nach einem glücklichen und 
ruhmvollen Leben am 16. August d. J. ein rascher Tod ohne 
Leiden und Krankheit ereilt, hat die junge Wissenschaft der 
Neurologie ihren größten Förderer, haben die Neurologen 
aller Länder ihren Lehrmeister, hat Frankreich einen seiner 
ersten Männer allzu früh verloren. Er war erst 68 Jahre alt, 
seine körperliche Kraft wie seine geistige Frische schienen 
ihn im Einklänge mit seinen unverhohlenen Wünschen für 
jene Langlebigkeit zu bestimmen, die nicht wenigen G-eistes- 
arbeitern dieses Jahrhunderts zuteil geworden ist. Die statt- 
lichen neun Bände seiner Oeuvres completes, in denen seine 
Schüler seine Beiträge zur Medizin und Neuropathologie ge- 
sammelt hatten, dazu die Lecons du Mardi, die Jahresberichte 
seiner Khnik in der Salpetri^re u. a. m., alle diese PubUkationen, 
die der Wissenschaft und seinen Schülern teuer bleiben werden, 
können uns den Mann nicht ersetzen, der noch viel mehr zu 
geben und zu lehren hatte, dessen Person oder dessen Werken 
noch niemand genaht war, ohne von ihnen zu lernen. 

Er hatte eine rechtschaffen menschliche Freude an seinem 
großen Erfolg und pflegte sich gerne über seine Anfänge und 
den Weg, den er gegangen, zu äußern. Seine wissenschaftUche 
Neugierde war frühzeitig durch das reiche und damals völlig 
unverstandene Material neuropathologischer Tatsachen erregt 
worden, wie er erzählte, schon als er junger Literne (Sekundar- 
arzt) war. Wenn er damals mit seinem Primararzt die Visite 
auf einer der Abteilungen der Salpetriere (Versorgungshaus 
für !^rauen) machte, durch all die Wildnis von Lähmungen, 
Zuckimgen und Krämpfen, für die es vor 40 Jahren keine 
1) „Wiener Medizinische Wochenschrift", Nr. 37, 1893. 
Freud, Neurosenlehre. 1 



Namen und kein Verständnis gab, pflegte er zu sagen: „Fau- 
drait y retourner et y rester" und er hielt Wort. Als er 
Medecin des höpitaux (Primararzt) geworden war, trachtete 
er alsbald in die Salpetriere zu kommen, auf eine jener Ab- 
teilungen, die die Nervenkranken beherbergten, und einmal 
dort angelangt, verblieb er auch dort, anstatt, wie es den 
französischen Primarärzten freisteht, im regelmäßigen Turnus 
Spital und Abteilung und damit auch die Spezialität zu wechseln. 
So war sein erster Eindruck und der Vorsatz, zu dem 
er geführt hatte, bestimmend für seine gesamte weitere Ent- 
wicklung geworden. Die Verfügung über ein großes Material 
an chronisch Nervenkranken gestattete ihm nun, seine eigen- 
tümliche Begabung zu verwerten. Er war kein Grübler, kein 
Denker, sondern eine künstlerisch begabte Natur, wie er es 
selbst nannte, ein „visuel", ein Seher. Von seiner Arbeits- 
weise erzählte er uns selbst folgendes: Er pflegte sich die 
Dinge, die er nicht kannte, immer von neuem anzusehen, 
Tag für Tag den Eindruck zu verstärken, bis ihm dann plötz- 
lich das Verständnis derselben aufging. Vor seinem geistigen 
Auge ordnete sich dann das Chaos, welches durch die Wieder- 
kehr immer derselben Symptome vorgetäuscht wurde; es er- 
gaben sich die neuen Krankheitsbilder, gekennzeichnet durch 
die konstante Verknüpfung gewisser Symptomgruppen; die 
vollständigen und extremen Fälle, die „Typen", ließen sich 
mit Hilfe einer gewissen Art von Schematisierung hervor- 
heben, und von den Typen aus blickte das Auge auf die lange 
Reihe der abgeschwächten Fälle, der „formes frustes", die 
von dem oder jenem charakteristischen Merkmal des Typus 
her ins Unbestimmte ausliefen. Er nannte diese Art der 
Geistesarbeit, in der er keinen Gleichen hatte, „Nosographie 
treiben" und war stolz auf sie. Man konnte ihn sagen hören, 
die größte Befriedigung, die ein Mensch erleben könne, sei, 
etwas neues zu sehen, d. h. es als neu zu erkennen, und in 
immer wiederholten Bemerkungen kam er auf die Schwierig- 
keit und Verdienstlichkeit dieses „Sehens" zurück. Woher es denn 
komme, daß die Menschen in der Medizin immer nur ^-ohen, 
was sie zu sehen bereits gelernt haben, wie wunderbar es sei, 
daß man plötzlich neue Dinge — neue Krankheitszustände — 



sehen könne, die doch wahrscheinlich so alt seien wie das 
Menschengeschlecht, und wie er sich selbst sagen müsse, er 
sehe jetzt manches, was er durch 30 Jahre auf seinen Kranken- 
zimmern übersehen habe. Welchen Reichtum an Formen die 
Neuropathologie durch ihn gewann, welche Verschärfung und 
Sicherheit der Diagnose durch seine Beobachtungen ermög- 
licht wurde, braucht man dem Arzte nur anzudeuten. Der 
Schüler aber, der mit ihm einen stundenlangen Gang durch 
die Krankenzimmer der Salpetriere, dieses Museums von klini- 
schen Fakten, gemacht hatte, deren Namen und Besonderheit 
größtenteils von ihm selbst herrührten, wurde an Cuvier 
erinnert, dessen Statue vor dem Jardin des plantes den großen 
Kenner und Beschreib er der Tierwelt, umgeben von der Fülle 
tierischer Gestalten, zeigt, oder er mußte an den Mythus von 
Adam denken, der jenen von Charcot gepriesenen intellek- 
tuellen Genuß im höchsten Ausmaß erlebt haben mochte, als 
ihm Gott die Lebewesen des Paradieses zur Sonderung und 
Benennung vorführte. 

Charcot wurde auch niemals müde, die Rechte der rein 
klinischen Arbeit, die im Sehen und Ordnen besteht, gegen die 
Übergriffe der theoretischen Medizin zu verteidigen. Wir waren 
einmal eine kleine Schar von Fremden beisammen, die, in der 
deutschen Schulphysiologie auf erzogen, ihm durch die Bean- 
standung seiner klinischen Neuheiten lästig fielen : „Das kann 
doch nicht sein", wendete ihm einmal einer von uns ein: „das 
widerspricht ja der Theorie von Young-Helmholtz." Er 
erwiderte nicht: „Um so ärger für die Theorie, die Tatsachen 
der Kh'nik haben den Vorrang", u. dgl., aber er sagte uns 
doch, was uns einen großen Eindruck machte: „La theorie, 
c'est bon, mais ca n'empeche pas d'exister." 

Durch eine ganze Reihe von Jahren hatte Charcot die 
Professur für pathologische Anatomie in Paris inne und seine 
neuropathologischen Arbeiten und Vorlesungen, die ihn rasch 
auch im Auslande berühmt machten, betrieb er ohne Auftrag 
als Nebenbeschäftigung ; für die Neuropathologie war es aber 
ein Glück, daß derselbe Mann die Leistung zweier Listanzen 
auf sich nehmen konnte, einerseits durch klinische Beobachtung 
die Krankheitsbilder schuf und anderseits beim Typus wie 

1* 



bei der forme fruste die gleiche anatomische Veränderung als 
Grundlage des Leidens nachwies. Es ist allgemein bekannt, 
welche Erfolge diese anatomisch-klinische Methode Charcot's 
auf dem Gebiete der organischen Nervenkrankheiten, der Tabes, 
multiplen Sklerose, der amyotrophischen Lateralsklerose usw. 
erzielte. Oft bedurfte es jahrelangen geduldigen Harrens, ehe 
bei diesen chronischen, nicht direkt zum Tode führenden 
Affektionen der Nachweis der organischen Veränderung gelang, 
und nur ein Siechenhaus, wie die Salpetriere, konnte gestatten, 
die Kranken durch so lange Zeiträume zu verfolgen und zu 
erhalten. Die erste Feststellung dieser Art machte Charcot 
übrigens, ehe er über eine Abteilung verfügen konnte. Der 
Zufall führte ihm während seiner Studienzeit eine Bedienerin 
zu, die an einem eigentümlichen Zittern litt und wegen ihrer 
Ungeschicklichkeit keine Stelle bekommen konnte. Charcot 
erkannte ihren Zustand als die von Duchenne bereits be- 
schriebene „Paralysie choreiforme", von der aber nicht bekannt 
war, worauf sie beruhe. Er behielt die interessante Bedienerin, 
obwohl sie ihm im Laufe der Jahre ein kleines Vermögen an 
Schüsseln und Tellern kostete, und als sie endlich starb, konnte 
er an ihr nachweisen, daß die „Paralysie choreiforme" der 
klinische Ausdruck der multiplen cerebrospinalen Sklerose sei. 
Die pathologische Anatomie hat für die Neuropathologie 
zweierlei zu leisten: neben dem Nachweis der krankhaften 
Veränderung die Feststellung von deren Lokalisation, und wir 
alle wissen, daß in den letzten beiden Dezennien der zweite 
Teil der Aufgabe das größere Interesse gefunden und die 
größere Förderung erfahren hat. Charcot hat auch an diesem 
"Werke in hervorragendster "Weise mitgearbeitet, wenngleich 
die bahnbrechenden Funde nicht von ihm herrühren. Er 
folgte zunächst den Spuren unseres Landsmannes Türck, 
der, wie es heißt, ziemlich einsam in unserer Mitte gelebt 
und geforscht hat, und als dann die beiden großen Neuerungen 
kamen, die eine neue Epoche für unsere Kenntnis der „Loka- 
lisation der Nervenkrankheiten" einleiteten, die Reizungsver- 
suche von Hitzig-Fritsch und die Markentwicklungsbefunde 
von Flechsig, hat er in seinen Vorlesungen über die Loka- 
lisation das Meiste und das Beste dazu getan, die neuen 



Lehren, mit der Klinik zu vereinigen und für sie fruclitbar zu 
machen. "Was speziell die Beziehung der Körpermuskulatur zur 
motorischen Zone des menschlichen Großhirns betrifft, so er- 
innere ich daran, wie lange die genauere Art und Topik 
dieser Beziehung in Frage stand (gemeinsame Vertretung 
beider Extremitäten an denselben Stellen — Vertretung der 
oberen Extremität in der vorderen, der unteren in der hinteren 
Zentralwindung, also vertikale Gliederung), bis endlich fort- 
gesetzte klinische Beobachtungen und Reiz- wie Exstirpations- 
versuche am lebenden Menschen bei Gelegenheit chirurgischer 
Eineriffe zugunsten der Ansicht von Charcot und Pitres 
entschieden, daß das mittlere Drittel der Zentralwindungen 
vorwiegend der Armvertretung, das obere Drittel und der 
mediale Anteil der Beinvertretung diene, daß also eine hori- 
zontale Gliederung in der motorischen Region durchgeführt sei. 
Es würde nicht gelingen, die Bedeutung Charcot's 
für die Neuropathologie durch die Aufzählung einzehier 
Leistungen zu erweisen, denn es hat in den letzten zwei 
Dezennien überhaupt nicht viele Themata von einigem Belang 
gegeben, an deren Aufstellung und Diskussion die Schule 
der Salpetriere nicht einen hervorragenden Anteil genommen 
hätte. „Die Schule der Salpetriere", das war natürlich 
Charcot selbst, der mit dem Reichtume seiner Erfahrung, 
der durchsichtigen lOarheit seiner Diktion und der Plastik 
seiner Schilderungen unschwer in jeder Schülerarbeit zu er- 
kennen war. Aus dem Kreise von jungen Männern, die er so 
an sich heranzog und zu Teilnehmern seiner Forschungen 
machte, erhoben sich dann Einzelne zum Bewußtsein ihrer 
Lidividualität, gewannen für sich selbst einen glänzenden 
Namen, und hie und da kam es auch vor, daß einer mit einer 
Behauptung hervortrat, die dem Meister mehr geistreich als 
richtig erschien, und die er in Gesprächen und Vorlesungen 
sarkastisch genug bekämpfte, ohne daß das Verhältnis zu 
dem geliebten Schüler darunter litt. Tatsächlich hinterläßt 
Charcot eine Schar von Schülern, deren geistige Qualität 
und bisherige Leistungen eine Bürgschaft bieten, daß die 
Pflege der Neuropathologie in Paris nicht so bald von der 
Höhe heruntergleiten wird, zu der Charcot sie geführt hat. 



"Wir haben in "Wien wiederholt die Erfahrung machen 
können, daß die geistige Bedeutung eines akademischen 
Lehrers nicht ohneweiters mit jener direkten persönlichen 
Beeinflussung der Jugend vereinigt sein muß, die sich in der 
Schöpfung einer zahlreichen und bedeutsamen Schule äußert. 
"Wenn Charcot in diesem Punkte so viel glücklicher war, 
so mußte man dies den persönlichen Eigenschaften des 
Mannes zuschreiben, dem Zauber, der von seiner Erscheinung 
und Stimme ausging, der liebenswürdigen Offenheit, die sein 
Benehmen auszeichnete, sobald einmal die gegenseitigen Be- 
ziehungen das Stadium der ersten Fremdheit überwunden 
hatten, der Bereitwilligkeit, mit der er seinen Schülern alles 
zur Verfügung stellte, und der Treue, die er ihnen durch 
das Leben hielt. Die Stunden, die er auf seinen Kranken- 
zimmern verbrachte, waren Stunden des Beisammenseins und 
des Gedankenaustausches mit seinem gesamten ärztlichen 
Stab; er schloß sich da niemals ein; der jüngste Externe 
hatte Gelegenheit, ihn bei der Arbeit zu sehen und durfte 
ihn in dieser Arbeit stören, und dieselbe Freiheit genossen 
die Fremden, die in späteren Jahren niemals bei seiner 
Visite fehlten. Endlich, wenn am Abend Madame Charcot 
ihr gastliches Haus einer auserlesenen Gesellschaft öffnete, 
unterstützt von einer hochbegabten, in der AhnUchkeit de's 
Vaters aufblühenden Tochter, so standen die nie fehlenden 
Schüler und ärztlichen Gehilfen ihres Mannes als ein Teil 
der FamiHe den Gästen gegenüber. 

Das Jahr 1882 oder 83 brachte die endgiltige Gestaltung 
in Charcot's Lebens- und Arbeitsbedingungen. Man war 
zur Einsicht gekommen, daß das "Wirken dieses Mannes 
einen Teil des Besitzstandes der nationalen Gloire bilde, der 
nach dem unglücklichen Kriege von 1870/71 um so eifer- 
süchtiger behütet wurde. Die Regierung, an deren Spitze 
Charcot's alter Freund Gambetta stand, schuf für ihn 
einen Lehrstuhl für Neuropathologie an der Fakultät, für 
welchen er der pathologischen Anatomie entsagen konnte, 
und eine Klinik samt wissenschaftHchen Nebeninstituten in 
der Salpetriere. „Le Service de M. Charcot" umfaßte jetzt 
nebst den fi-üheren mit chronisch Kranken belegten Räumen 



melirere klinische Zimmer, in welche auch Männer Aufnahme 
landen, eine riesige Ambulanz, die Consiütation externe, ein 
histologisches Laboratoriimi, ein Museum, eine elektrothera- 
peutische, Augen- und Ohrenabteilung und ein eigenes photo- 
graphisches Atelier, als ebenso viel Anlässe, um ehemalige 
Assistenten und Schüler in festen Stellungen dauernd an die 
Klinik zu binden. Die zwei Stock hohen, verwittert aussehen- 
den Gebäude mit den Höfen, die sie umschlossen, erinnerten 
den Fremden auffällig an unser Allgemeines Krankenhaus, 
aber die ÄhnHchkeit ging wohl nicht weit genug. „Es ist 
vielleicht nicht schön hier", sagte Charcot, wenn er dem 
Besucher seinen Besitz zeigte, „aber man findet Platz für 
alles, was man machen will." 

Charcot stand auf der Höhe des Lebens, als ihm diese 
Fülle von Lein'- und Forschungsmitteln zur Verfügung ge- 
stellt wurde. Er war ein unermüdhcher Arbeiter, ich glaube, 
immer noch der fleißigste der ganzen Schule. Eine Privat- 
ordination, zu der sich die Kranken „aus Samarkand und von 
den Antillen" drängten, vermochte es nicht, ihn seiner Lehr- 
tätigkeit oder seinen Forschungen zu entfremden. Sicherlich 
wandte sich dieser Zulauf von Menschen nicht allein an den 
berühmten Forscher, sondern ebensosehr an den großen Arzt 
und Menschenfreund, der immer einen Bescheid zu finden 
wußte und dort ahnte und erriet, wo der gegenwärtige Zustand 
der Wissenschaft ihm nicht gestattete, zu wissen. Man hat 
ihm vielfach seine Therapie zum Vorwurfe gemacht, die durch 
ihren Reichtum an Verschreibungen ein rationalistisches Ge- 
wissen beleidigen mußte. Allein er setzte einfach die örtlich 
und zeitlich gebräuchhchen Methoden fort, ohne sich über 
deren "Wirksamkeit viel zu täuschen. In der therapeutischen 
Erwartung war er übrigens nicht pessimistisch und hat früher 
und später die Hand dazu geboten, neue Behandlungsmethoden 
an seiner Klinik zu versuchen, deren kurzlebiger Erfolg von 
anderer Seite her seine Aufklärung fand. Als Lehrer war 
Charcot geradezu fesselnd, jeder seiner Vorträge ein kleines 
Kunstwerk an Aufbau und Gliederung, formvollendet und in 
einer Weise eindringUch, daß man den ganzen Tag über das 
gehörte Wort nicht aus seinem Ohr und das demonstrierte 



Objekt nicht aus dem Sinne bringen konnte. Er demonstrierte 
selten einen einzigen Kranken, meist eine Reihe oder Gregen- 
stücke, die er mit einander verglich. Der Saal, in welchem er 
seine Vorlesungen hielt, war mit einem Bilde geschmückt, 
welches den „Bürger" Pinel darstellt, wie er den armen Irr- 
sinnigen der Salpetriöre die Fesseln abnehmen läßt ; die Sal- 
petriere, die während der Revolution so viel Schrecken gesehen, 
war doch auch die Stätte dieser humansten aller Umwälzungen 
gewesen. Meister Charcot selbst machte bei einer solchen 
Vorlesung einen eigentümlichen Eindruck; er, der sonst vor 
Lebhaftigkeit und Heiterkeit übersprudelte, auf dessen Lippen 
der Witz nicht erstarb, sah dann unter seinem Samtkäppchen 
ernst und feierlich, ja eigentlich gealtert aus, seine Stimme 
klang uns wie gedämpft, und wir konnten etwa verstehen, wieso 
übelwollende Fremde dazu kamen, der ganzen Vorlesung den Vor- 
wm'f des Theatralischen zu machen. Die so sprachen, waren wohl 
die Formlosigkeit des deutschen klinischen Vortrags gewöhnt 
oder vergaßen daran, daß Charcot nur eine Vorlesung in 
der Woche hielt, die er also sorgfältig vorbereiten konnte. 
Folgte Charcot mit dieser feierlichen Vorlesung, in der 
alles vorbereitet war und alles eintreffen mußte, währscheirdich 
einer eingewurzelten -Tradition, so empfand er doch auch 
das Bedürfnis, seinen Hörern ein minder verkünsteltes Bild 
seiner Tätigkeit zu geben. Dazu diente ihm die Ambulanz 
der Klinik, die er in den sogenannten Le9ons du Mardi per- 
sönlich erledigte. Da nahm er ihm völlig unbekannte Fälle 
vor, setzte sich allen Wechselfällen des Examens, allen Irr- 
wegen einer ersten Untersuchung aus, warf seine Autorität 
von sich, um gelegentlich einzugestehen, daß dieser Fall keine 
Diagnose zulasse, daß in jenem ihn der Anschein getäuscht 
habe, und niemals erschien er seinen Hörern größer, als nach- 
dem er sich so bemüht hatte, durch die eingehendste Rechen- 
schaft über seine Gedankengänge, durch die größte Offenheit 
in seinen Zweifeln und Bedenken die Kluft zwischen Lehrer 
und Schülern zu verringern. Die Veröffentlichung dieser im- 
provisierten Vorträge aus den Jahren 1887 und 1888 zu- 
nächst in französischer, gegenwärtig auch in deutscher Sprache, 
hat auch den Kreis seiner Bewunderer ins Ungemessene er- 



weitert, und niemals hat ein neuropathologisches Werk einen 
ähnlichen Erfolg im ärztlichen Pubhkum erzielt wie dieses. 
Ungefähr gleichzeitig mit der Errichtung der Klinik und 
dem Zurücktreten der pathologischen Anatomie vollzog sich 
eine Wandlung in Charcot's wissenschaftlichen Neigungen, 
der wir die schönsten seiner Arbeiten verdanken. Er erklärte 
nun, die Lehre von den organischen Nervenkrankheiten sei 
vorderhand ziemlich abgeschlossen, und begann, sein Interesse 
fast ausschließhch der Hysterie zuzuwenden, die so mit einem 
Schlage in den Brennpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit 
gelangte. Diese rätselhafteste aller Nervenkrankheiten, für 
deren Bem'teilung die Ärzte noch keinen tauglichen G-esichts- 
punkt gefunden hatten, war gerade damals recht in Mißkredit 
geraten, der sich sowohl auf die Kranken als auf die Arzte 
erstreckte, die sich mit der Neurose beschäftigten. Es hieß, 
bei der Hysterie ist alles möglich, und 'den Hysterischen wollte 
man gar nichts glauben. Die Arbeit C h a r c o t's gab dem Thema 
zunächst seine Würde wieder ; man gewöhnte sich allmählich 
das höhnische Lächehi ab, auf das die Kranke damals sicher 
rechnen konnte; sie mußte nicht mehr eine Simulantin sein, 
da Charcot mit seiner vollen Autorität für die Echtheit und 
Objektivität der hysterischen Phänomene eintrat. Charcot 
hatte im kleinen die Tat der Befreiung wiederholt, wegen 
welcher das Bild Pinel's den Hörsaal der Salpetriere zierte. 
Nachdem man nun der blinden Furcht entsagt hatte, von den 
armen Kranken genarrt zu werden, welche einer ernsthaften 
Beschäftigung mit der Neurose bisher im Wege gestanden 
war, konnte es sich fragen, welche Art der Bearbeitung auf 
dem kürzesten Wege zur Lösung des Problems führen würde. 
Für einen ganz unbefangenen Beobachter hätte sich folgende 
Anknüpfung dargeboten : Wenn ich einen Menschen in einem 
Zustande finde, der alle Zeichen eines schmerzhaften Affektes 
an sich trägt, im Weinen, Schreien, Toben, so liegt mir der 
Schluß nahe, einen seelischen Vorgang in diesem Menschen 
zu vermuten, dessen berechtigte Äußerungen jene körper- 
hchen Phänomene sind. Der Gesunde wäre dann imstande 
mitzuteilen, welcher Eindruck ihn peinigt, der Hysterische 
würde antworten, er wisse es nicht, und das Problem wäre 



10 



sofort gegeben, woher es komme, daß der Hysterische einem 
Affekt unterliegt, von dessen Veranlassung er nichts zu wissen 
behauptet. Hält man nun an seinem Schlüsse fest, daß ein 
entsprechender psychischer Vorgang vorhanden sein müsse, 
und schenkt dabei doch der Behauptung des Kranken Glauben, 
der denselben verleugnet, sammelt man die vielfachen Anzeichen, 
aus denen hervorgeht, daß der Kranke sich so benimmt, als 
wüßte er doch darum, forscht man in der Lebensgeschichte 
des Kranken nach und findet in derselben einen Anlaß, ein 
Trauma, welches geeignet ist, gerade solche Affektäußerungen 
zu erzeugen, so drängt dies alles zur Lösung, daß der Kranke 
sich in einem besonderen Seelenzustande befinde, in dem das 
Band des Zusammenhanges nicht mehr alle Eindrücke oder 
Erinnerungen an solche umschlinge, in dem es einer Erinnerung 
möglich sei, ihren Affekt durch körperliche Phänomene zu 
äußern, ohne daß die Gruppe der anderen seeHschen Vorgänge, 
das Ich, darum wisse oder hindernd eingreifen könne; und 
die Erinnerung an die allbekannte psychologische Verschieden- 
heit von Schlaf und Wachen hätte das Fremdartige dieser 
Annahme verringern können. Man wende nicht ein, daß die 
Theorie einer Spaltung des Bewußtseins als Lösung des Eätsels 
der Hysterie viel zu ferne Hegt, als daß sie sich dem unbe- 
fangenen und ungeschulten Beobachter aufdrängen könnte. 
Tatsächlich hatte das Mittelalter doch diese Lösung gewählt, 
indem es die Besessenheit durch einen Dämon für die Ursache 
der hysterischen Phänomene erklärte ; es hätte sich nur darum 
gehandelt, für die reHgiöse Terminologie jener dunkeln und aber- 
gläubischen Zeit die wissenschaftliche der Gegenwart einzusetzen. 
Charcot betrat nicht diesen Weg zur Aufklärung der 
Hysterie, obwohl er aus den erhaltenen Berichten der Hexen- 
prozesse und der Besessenheit reichlich schöpfte, um zu er- 
weisen, daß die Erscheinungen der Neurose damals dieselben 
gewesen seien wie heute. Er behandelte die Hysterie wie ein 
anderes Thema der Neuropathologie, gab die vollständige 
Beschreibung ihrer Erscheinungen, wies Gesetz und Regel in 
denselben nach, lehrte die Symptome kennen, welche eine 
Diagnose der Hysterie ermöglichen. Die sorgfältigsten Unter- 
suchungen, die von ihm und seinen Schülern ausgingen, ver- 



11 



breiteten sich über die Sensibilitätsstörungen der Hysterie an 
der Haut und den tiefen Teilen, das Verhalten der Sinnes- 
organe, die Eigentümlichkeiten der hysterischen Kontrakturen 
und Lähmungen, der trophischen Störungen und der Verän- 
derungen des Stoffwechsels. Die mannigfachen Formen des 
hysterischen Anfalles wurden beschrieben, ein Schema auf- 
gestellt, welches die typische Gestaltung des großen hyste- 
rischen Anfalles in vier Stadien schilderte und die Zurück- 
führung der gemeinhin beobachteten „kleinen" AnfäUe auf 
den Typus gestattete; ebenso die Lage und Häufigkeit der 
sogenannten hysterogenen Zonen, deren Beziehung zu den 
Anfällen studiert usw. Mit all diesen Kenntnissen über die 
Erscheinung der Hysterie ausgestattet, machte man nun eine 
Reihe überraschender Entdeckungen; man fand die Hysterie 
beim männhchen Greschlechte und besonders bei den Männern 
der Arbeiterklasse mit einer Häufigkeit, die man nicht ver- 
mutet hatte, man überzeugte sich, daß gewisse Zufälle, die 
man der Alkohol-, der Blei-Litoxikation zugeschrieben hatte, 
der Hysterie angehörten, man war imstande, eine ganze Anzahl 
von bisher unverstanden und isoliert dastehenden Affektionen 
unter die Hysterie zu subsummieren und den Anteil der Hysterie 
auszuscheiden, wo sich die Neurose mit anderen Affektionen 
zu komplexen Bildern vereinigt hatte. Am weittragendsten 
waren wolil die Forschungen über die Nervenerkrankungen 
nach schweren Traumen, die „traumatischen Neurosen", deren 
Auffassung jetzt noch in Diskussion steht, und bei welchen 
Charcot das Recht der Hysterie erfolgreich vertreten hat. 

Nachdem die letzten Ausdehnungen des Begriffes der 
Hysterie so häufig zur Verwerfung ätiologischer Diagnosen 
geführt hatten, ergab sich die Notwendigkeit, auf die Ätiologie 
der Hysterie einzugehen. Charcot stellte eine einfache Formel 
für diese auf: als einzige Ursache hat die Heredität zu gelten, 
die Hysterie ist demnach eine Form der Entartung, ein Mit- 
ghed der „famille nevropathique"; aUe anderen ätiologischen 
Momente spielen die RoUe von G-elegenheitsursachen, von 
„agents provocateurs". 

Der Aufbau dieses großen Gebäudes fand natürlich nicht 
ohne heftigen Widerspruch statt, aUein es war der unfrucht- 



12 



bare "Widerspruch einer alten Generation, die ihre Anschauungen 
nicht verändert wissen wollte ; die Jüngeren unter den Neuro- 
pathologen, auch Deutschlands, nahmen Charcot's Lehren 
in größerem oder geringerem Ausmaße an. Charcot selbst 
war des Sieges seiner Lehren von der Hysterie vollkonmien 
sicher; woUte man ihm einwenden, daß die vier Stadien des 
Anfalles, die Hysterie bei Männern etc., anderswo als in Frank- 
reich nicht zu beobachten seien, so wies er darauf hin, wie 
lange er diese Dinge selbst übersehen habe, und wiederholte, 
die Hysterie sei allerorten und zu allen Zeiten die nämliche. 
Gegen den Vorwurf, daß die Franzosen eine weit nervösere 
Nation seien als andere, die Hysterie gleichsam eine nationale 
Unart, war er sehr empfindlich und konnte sich sehr freuen, 
wenn eine Publikation „über einen FaU von Reflexepilepsie" 
bei einem preußischen Grenadier ihm auf Distanz die Diagnose 
der Hysterie ermöglichte. 

An einer Stelle seiner Arbeit ging Charcot noch über 
das Niveau seiner sonstigen Behandlung der Hysterie hinaus 
und tat einen Schritt, der ihm für alle Zeiten auch den Ruhm 
des ersten Erklärers der Hysterie sichert. Mit dem Studium 
der hysterischen Lähmungen beschäftigt, die nach Traumen 
entstehen, kam er auf den Einfall, diese Lähmungen, die er 
vorher sorgfältig von den organischen differenziert hatte, 
künsthch zu reproduzieren, und bediente sich hiezu hysterischer 
Patienten, die er durch Hypnotisieren in den Zustand des 
Somnambulismus versetzte. Es gelang ihm durch lückenlose 
Schlußfolge nachzuweisen, daß diese Lähmungen Erfolge von 
Vorstellungen seien, die in Momenten besonderer Disposition 
das Gehirn des Kranken beherrscht hatten. Damit war zum 
ersten Male der Mechanismus eines hysterischen Phänomens 
aufgeklärt, und an dieses unvergleichlich schöne Stück klini- 
scher Forschung knüpfte dann sein eigener Schüler P. Jan et, 
knüpften Breuer u. a. an, um eine Theorie der Nem-ose zu 
entwerfen, welche sich mit der Auffassung des Mittelalters 
deckt, nachdem sie den „Dämon" der priesterlichen Phantasie 
durch eine psychologische Formel ersetzt hat. 

Charcot's Beschäftigung mit den hypnotischen Phäno- 
menen bei Hysterischen gereichte diesem bedeutungsvollen 



13 



Gebiet von bisher vernachlässigten und verachteten Tatsachen 
zur größten Förderung, indem das Gewicht seines Namens 
dem Zweifel an der Realität der hypnotischen Erscheinungen 
ein- für allemal ein Ende machte. Allein der rein psycho- 
logische Gegenstand vertrug die ausschließlich nosographische 
Behandlung nicht, die er bei der Schule der SalpStriere fand. 
Die Beschränkung des Studiums der Hypnose auf die Hyste- 
rischen, die Unterscheidung von großem und kleinem Hypno- 
tismus, die Aufstellung dreier Stadien der „großen Hypnose" 
und deren Kennzeichnung durch somatische Phänomene, 
dies alles unterlag in der Schätzung der Zeitgenossen, als 
Liebault's Schüler Bernheim es unternahm, die Lehre 
vom Hypnotismus auf einer umfassenderen psychologischen 
Grundlage aufzubauen uud die Suggestion zum Kernpunkt 
der Hypnose zu machen. Nur die Gegner des Hypnotismus, 
die sich damit zufrieden geben, ihren Mangel an eigener Er- 
fahrung dm'ch Berufung auf eine Autorität zu verdecken, 
halten noch an den Aufstellungen Charcot's fest und lieben es, 
eine aus seinen letzten Jaliren stammende Äußerung zu verwerten, 
die der Hypnose eine jede Bedeutung als Heilmittel abspricht. 

Auch an den ätiologischen Theorien, die Charcot in 
seiner Lehre von der „famille nevropathique" vertrat, und die 
er zur Grundlage seiner gesamten Auffassung der Nerven- 
krankheiten gemacht hatte, wird wohl bald zu rütteln und 
zu korrigieren sein. Charcot überschätzte die Heredität 
als Ursache so sehr, daß kein Raum für die Erwerbung von 
Nem-opathien übrig bheb, er wies der Syphilis nur einen be- 
scheidenen Platz unter den „agents provocateurs" an, und 
er trennte weder für die Ätiologie, noch sonst hinreichend 
scharf die organischen Nervenaffektionen von den Neurosen. 
Es ist unausbleiblich, daß der Fortschritt unserer Wissen- 
schaft, indem er unsere Kenntnisse vermehrt, auch manches 
von dem entwertet, was uns Charcot gelehrt hat, aber 
kein Wechsel der Zeiten oder der Meinungen wird den Nach- 
ruhm des Mannes zu schmälern vermögen, um den wir jetzt 
— in Frankreich und anderwärts — alle trauern. 

Wien, im August 1893. 



II. 
über den psychischen Mechanismus hyste- 
rischer Phänomene.^) 

Von Dr. Josef Breuer vind Dr. Sigm. Freud in Wien. 
I. 

Angeregt durch eine zufällige Beobachtung, forschen 
wir seit einer Reihe von Jahren bei den verschiedensten 
Formen und Symptomen der Hysterie nach der Veranlassung, 
dem Vorgange, welcher das betreffende Phänomen zum ersten 
Male, oft vor vielen Jahren, hervorgerufen hat. In der großen 
Mehrzahl der Fälle gelingt es nicht, durch das einfache, wenn 
auch noch so eingehende Krankenexamen, diesen Ausgangs- 
punkt klarzustellen, teilweise, weil es sich oft um Erlebnisse 
handelt, deren Besprechung den Kranken unangenehm ist, 
hauptsächlich aber, weil sie sich wirklich nicht daran erinnern, 
den ursächKchen Zusammenhang des veranlassenden Vorganges 
und des pathologischen Phänomens nicht ahnen. Meistens ist 
es nötig, die Kranken zu hypnotisieren und in der Hypnose 
die Erinnerungen jener Zeit, wo das Symptom zum ersten 
Male auftrat, wachzurufen ; dann gelingt es, jenen Zusammen- 
hang aufs deutlichste und überzeugendste darzulegen. 

Diese Methode der Untersuchung hat uns in einer großen 
Zahl von Fällen Resultate ergeben, die in theoretischer wie 
in praktischer Hinsicht wertvoll erscheinen. 

In theoretischer Hinsicht, weil sie uns bewiesen 
haben, daß das akzidentelle Moment weit über das bekannte 
und anerkannte Maß hinaus bestimmend ist für die Pathologie 



1) „Neurologisches Centralblatt", 1893, Nr. 1 u. 2. (Auch abgedruckt 
als Einleitung der »Studien über Hysterie«, 1895, in welchen J. Breuer 
und ich die hier dargelegten Anschauungen weiter ausgefürt und durch 
Krankengeschichten erläutert haben.) 



15 



der Hysterie. Daß es bei „traumatisclier'' Hysterie der 
Unfall ist, welcher das Syndrom hervorgerufen hat, ist ja 
selbstverständlich, und wenn bei hysterischen Anfällen aus 
den Äußerungen der Kranken zu entnehmen ist, daß sie in 
jedem Anfall immer wieder denselben Vorgang halluzinieren, 
der die erste Attake hervorgerufen hat, so liegt auch hier 
der ursächHche Zusammenhang klar zutage. Dunkler ist der 
Sachverhalt bei den anderen Phänomenen. 

Unsere Erfahrungen haben uns aber gezeigt, daß die 
verschiedensten Symptome, welche für spontane, 
sozusagen idiopathische Leistungen derHysterie 
gelten, in ebenso stringentem Zusammenhang mit 
dem veranlassenden Trauma stehen, wie die oben 
genannten, in dieser Beziehung durchsichtigen 
Phänomene. Wir haben Neuralgien wie Anästhesien der 
verschiedensten Art und von oft jahrelanger Dauer, Kontrak- 
tm-en und Lähmungen, hysterische Anfälle und epüeptoide 
Konvulsionen, die alle Beobachter für echte Epilepsie gehalten 
hatten, Petit-mal und ticartige Affectionen, dauerndes Er- 
brechen und Anorexie bis zur Nahrungsverweigerung, die 
verschiedensten Sehstörungen, immer wiederkehrende Gesichts- 
halluzinationen u. dgl. m. auf solche veranlassende Momente 
zurückführen können. Das Mißverhältnis zwischen dem jahre- 
lang dauernden hysterischen Symptom und der einmaHgen 
Veranlassung ist dasselbe, wie wir es bei der traumatischen 
Neurose regelmäßig zu sehen gewohnt sind ; ganz häufig sind 
es Ereignisse aus der Kinderzeit, die für alle folgenden Jahre 
ein mehr oder minder schweres Krankheitsphänomen herge- 
stellt haben. 

Oft ist der Zusammenhang so klar, daß es vollständig er- 
sichtHch ist, wieso der veranlassende Vorfall eben dieses und 
kein anderes Phänomen erzeugt hat. Dieses ist dann durch die 
Veranlassung in vöUig klarer Weise determiniert. So, um das 
banalste Beispiel zu nehmen, wenn ein schmerzlicher Affekt, 
der während des Essens entsteht, aber unterdrückt wird, dann 
Übelkeit und Erbrechen erzeugt, und dieses als hysterisches Er- 
brechen monatelang andauert. — Ein Mädchen, das in qualvoller 
Angst an einem Krankenbette wacht, verfällt in einen Dämmer- 



16 



zustand und hat eine schreckliafte Halluzination, während ihr 
■der rechte Arm, über der Sessellehne hängend, einschläft ; es 
entwickelt sich daraus eine Parese dieses Armes mit Kon- 
traktur und Anästhesie. Sie will beten und findet keine "Worte; 
endlich gelingt es ihr, ein englisches Kindergebet zu sprechen. 
Als sich später eine schwere, höchst komplizierte Hysterie 
entwickelt, spricht, schreibt und versteht sie nur enghsch, 
während ihr die Muttersprache durch IVa Jahre unverständ- 
lich ist. — Ein schwerkrankes Kind ist endlich eingeschlafen, 
die Mutter spannt alle "Willenskraft an, um sich ruhig zu 
verhalten und es nicht zu wecken; gerade infolge dieses 
Vorsatzes macht sie („hysterischer Gegenwille!") ein schnalzen- 
des Geräusch mit der Zunge. Dieses wiederholt sich später 
bei einer anderen Gelegenheit, wobei sie sich gleichfalls absolut 
ruhig verhalten will, und es entwickelt sich daraus ein Tic, 
der als Zungenschnalzen durch viele Jahre jede Aufregung 
begleitet. — Ein hochintelligenter Mann assistiert, während 
seinem Bruder das ankylosierte Hüftgelenk in der Narkose 
gestreckt wird. Im AugenbHck, wo das Gelenk krachend 
nachgibt, empfindet er heftigen Schmerz im eigenen Hüft- 
gelenk, der fast em Jahr andauert u. dgl. m. 

In anderen Fällen ist der Zusammenhang nicht so ein- 
fach; es besteht nur eine sozusagen symbolische Beziehung 
zwischen der Veranlassung und dem pathologischen Phänomen, 
wie der Gesunde sie wohl auch im Traume bildet: wenn 
-etwa zu seelischem Schmerze sich eine Neuralgie geseilt oder 
Erbrechen zu dem Affekt moralischen Ekels. "Wir haben Bj-anke 
studiert, welche von einer solchen SymboHsierung den aus- 
giebigsten Gebrauch zu machen pflegten. — In noch anderen 
Fällen ist eine derartige Determination zunächst nicht dem 
Verständnis offen ; hierher gehören gerade die typischen hyste- 
Tischen Symptome, wie Hemianästhesie und Gesichtsfeldein- 
engung, epileptiforme Konvulsionen u. dgl. Die Darlegung 
unserer Anschauungen über diese Gruppe müssen wir der aus- 
führlicheren Besprechung des Gegenstandes vorbehalten. 

Solche Beobachtungen scheinen uns die pa- 
thogene Analogie der gewöhnlichen Hysterie mit 
-der traumatischen Neurose nachzuweisen und eine 



17 



Ausdehnung des Begriffes der „traumatischen 
Hysterie" zu rechtfertigen. Bei der traumatischen Neu- 
rose ist ja nicht die geringfügige körperliche Verletzung die 
wirksame Krankheitsursache, sondern der Schreckaffekt, das 
psychische Trauma. In analoger Weise ergeben sich aus 
unseren Nachforschungen für viele, wenn nicht für die meisten 
hysterischen Symptome Anlässe, die man als psychische Traumen 
bezeichnen muß. Als solches kann jedes Erlebnis wirken, 
welches die peinlichen Affekte des Schreckens, der Angst, 
der Scham, des psychischen Schmerzes hervorruft, und es hängt 
begreiflicherweise von der Empfindlichkeit des betroffenen 
Menschen (sowie von einer später zu erwähnenden Bedingung) 
ab, ob das Erlebnis als Trauma zur Geltung kommt. Nicht 
selten finden sich anstatt des einen großen Traumas bei der 
gewöhnlichen Hysterie mehrere Partialtraumen, gruppierte 
Anlässe, die erst in ihrer Summierung traumatische "Wirkung 
äußern konnten, und die insofern zusammengehören, als sie 
zum Teil Stücke einer Leidensgeschichte bilden. In noch 
anderen Fällen sind es an sich scheinbar gleichgültige Umstände, 
die durch ihr Zusammentreffen mit dem eigentlich wirksamen 
Ereignis oder mit einem Zeitpunkt besonderer Reizbarkeit 
eine Dignität als Traumen gewonnen haben, die ihnen sonst 
nicht zuzumuten wäre, die sie aber von da an behalten. 

Aber der kausale Zusammenhang des veranlassenden 
psychischen Traumas mit dem hysterischen Phänomen ist 
nicht etwa von der Art, daß das Trauma als Agent provocateur 
das Symptom auslösen würde, welches dann, selbständig ge- 
worden, weiter bestände. Wir müssen vielmehr behaupten, 
daß das psychische Trauma, respektive die Erinnerung an 
dasselbe, nach Art eines Fremdkörpers wirkt, welcher noch 
lange Zeit nach seinem Eindringen als gegenwärtig wirkendes 
Agens gelten muß, und wir sehen den Beweis hiefür in einem 
höchst merkwürdigen Phänomen, welches zugleich unseren 
Befunden ein bedeutendes praktisches Interesse verschafft. 

Wir fanden nämlich, anfangs zu unserer größten Über- 
raschung, daß die einzelnen hysterischen Symptome 
sogleich und ohne Wiederkehr verschwanden, 
wenn es gelungen war, dieErinnerungandenver- 

Freud, Neuroaenlehre. 2 



18 



anlassenden Vorgang zu voller Helligkeit zu er- 
wecken, damit auch den begleitenden Affekt 
wachzurufen, und wenn dann der Kranke denVor- 
gang in möglichst ausführlicher Weise schilderte 
und demAffektWortegab. Affektloses Erinnern ist fast 
immer völlig wirkungslos ; der psychische Prozeß, der ur- 
sprünghch abgelaufen war, muß so lebhaft als möglich wieder* 
holt, in statum nascendi gebracht und dann „ausgesprochen" 
werden. Dabei treten, wenn es sich um Reizerscheinungen 
handelt, diese : Krämpfe, Neuralgien, Halluzinationen — noch 
einmal in voller Intensität auf und schwinden dann für immer. 
Funktionsausfälle, Lähmungen und Anästhesien schwinden 
ebenso, natürlich ohne daß ihre momentane Steigerung deut- 
lich wäre.^) 

Der Verdacht liegt nahe, es handle sich dabei um eine 
unbeabsichtigte Suggestion; der Kranke erwarte, durch die 
Prozedur von seinem Leiden befreit zu werden, und diese Er- 
wartung, nicht das Aussprechen selbst, sei der wirkende Faktor. 
Allein, dem ist nicht so; die erste Beobachtung dieser Art, 
bei welcher ein höchst verwickelter Fall von Hysterie auf 
solche "Weise analysiert und die gesondert verursachten Symp- 
tome auch gesondert behoben wurden, stammt aus dem 
Jahre 1881, also aus „vorsuggestiver" Zeit, wurde durch 
spontane Autohypnosen der Kranken ermöglicht und bereitete 
dem Beobachter die größte Überraschung. 

Li Umkehrung des Satzes : cessante causa cessat effectus, 
dürfen wir wohl aus diesen Beobachtungen schließen: der 

1) Die Möglichkeit einer solchen Therapie haben Delboeuf und 
Bin et klar erkannt, wie die beifolgenden Zitate zeigen: Delboeuf, Le 
magnetisme animal, Paris 1889: „On s'expliquerait des lors comment le mag- 
netiseur aide ä la guerison. II remet le sujet dans l'etat oü le mal s'est 
manifeste et combat par la parole le meme mal, mais renaissant." — 
Bin et, Les alterations de la personnaUte, 1892, p. 243: „ . . . peutetre 
verra-t-on qu'en reportant le malade par un artifice mental, au moment 
meme oü le Symptome a apparu pour la premiere fois, on rend ce malade 
plus docüe ä une Suggestion curative." — In dem interessanten Buche 
von P. Jan et: L'automatisme psychologique, Paris 1889, findet sich die 
Beschreibung einer Heüung, welche bei einem hysterischen Mädchen 
durch Anwendung eines dem unserigen analogen Verfahren erzielt 
wurde. 



19 

veranlassende Vorgang wirke in irgend einer "Weise noch 
nach Jahren fort, nicht indirekt durch Vermittkmg einer Kette 
von kausalen Zwischengliedern, sondern unmittelbar als aus- 
lösende Ursache, wie etwa ein im wachen Bewußtsein er- 
innerter psychischer Schmerz noch in später Zeit die Tränen- 
sekretion hervorruft: der Hysterische leide größten- 
teils an Reminiszenzen.^) 

n. 

Es erscheint zunächst wunderlich, daß längst vergangene 
Erlebnisse so intensiv wirken sollen, daß die Erinnerungen 
an sie nicht der Usur unterliegen sollen, der wir doch alle 
unsere Erinnerungen verfallen sehen. Vielleicht gewinnen 
wir durch folgende Erwägungen einiges Verständnis für diese 
Tatsachen. 

Das Verblassen oder Affektloswerden einer Erinnerung 
hängt von mehreren Faktoren ab. Vor allem ist dafür von 
"Wichtigkeit, ob auf das affizierende Ereignis ener- 
gisch reagiert wurde oder nicht. Wir verstehen hier 
unter Reaktion die ganze Reihe willkürlicher und unwillkür- 
licher Reflexe, in denen sich erfahrungsgemäß die Affekte 
entladen: vom "Weinen bis zum Racheakt. Erfolgt diese 
Reaktion in genügendem Ausmaß, so schwindet dadurch ein 
großer Teil des Affektes; unsere Sprache bezeugt diese Tat- 
sache der täglichen Beobachtung durch die Ausdrücke „sich 
austoben, ausweinen", u. dgl. "Wird die Reaktion unterdrückt, 
so bleibt der Affekt mit der Erinnerung verbunden. Eine 
Beleidigung, die vergolten ist, wenn auch nur durch "Worte, 
wird anders erinnert, als eine, die hingenommen werden mußte. 
Die Sprache anerkennt auch diesen Unterschied in den psy- 
chischen und körperlichen Polgen und bezeichnet höchst 
charakt^istischerweise eben das schweigend erduldete Leiden 

1) Wir können im Texte dieser vorläufigen Mitteilung nicht sondern, 
was am Inhalte derselben neu ist und was sich bei anderen Autoren, 
wie Moebius und Strümpell, findet, die ähnliche Anschauungen für 
die Hysterie vertreten haben. Die größte Annäherung an unsere theore- 
tischen und therapeutischen Ausführungen fanden wir in einigen gelegent- 
lich publizierten Bemerkungen Benedikt's, mit denen wir uns an 
anderer Stelle beschäftigen werden. 

2* 



20 



als „Kränkung". — Die Reaktion des Geschädigten auf das 
Trauma hat eigentlich nur dann eine völlig „kathartische" 
"Wirkung, wenn sie eine adäquate Reaktion ist, wie die Rache. 
Aber in der Sprache findet der Mensch ein Surrogat für die 
Tat, mit dessen Hilfe der Affekt nahezu ebenso „abreagiert" 
werden kann. In anderen Fällen ist das Reden eben selbst 
der adäquate Reflex, als Klage und als Aussprache für die 
Pein eines Geheimnisses (Beichte!). "Wenn solche Reaktion 
durch Tat, "Worte, in leichtesten Fällen durch "Weinen nicht 
erfolgt, so behält die Erinnerung an den Vorfall zunächst 
die affektive Betonung. 

Das „Abreagieren" ist indes nicht die einzige Art der 
Erledigung, welche dem normalen psychischen Mechanismus 
des Gesunden zur Verfügung steht, wenn er ein psychisches 
Trauma erfahren hat. Die Erinnerung daran tritt, auch wenn 
sie nicht abreagiert wurde, in den großen Komplex der 
Assoziation ein, sie rangiert dann neben anderen, vielleicht 
ihr widersprechenden Erlebnissen, erleidet eine Korrektur 
durch andere Vorstellungen. Nach einem Unfall zum Beispiel 
gesellt sich zu der Erinnerung an die Gefahr und zu der 
(abgeschwächten) "Wiederholung des Schreckens die Erinnerung 
des weiteren Verlaufes, der Rettung, das Bewußtsein der 
jetzigen Sicherheit. Die Erinnerung an eine Kränkung wird 
korrigiert durch Richtigstellung der Tatsachen, durch Erwä- 
gungen der eigenen "Würde u. dgl., und so gelingt es dem 
normalen Menschen, durch Leistungen der Assoziation den 
begleitenden Affekt zum Verschwinden zu bringen. 

Dazu tritt dann jenes allgemeine Verwischen der Ein- 
drücke, jenes Abblassen der Erinnerungen, welches wir „ver- 
gessen" nennen und das vor allem die affektiv nicht mehr 
wirksamen Vorstellungen usuriert. 

Aus unseren Beobachtungen geht nun hervor, daß jene 
Erinnerungen, welche zu Veranlassungen hysterischer Phäno- 
mene geworden sind, sich in wunderbarer Frische und mit 
ihrer voUen Affektbetonung durch lange Zeit erhalten haben. 
"Wir müssen aber als eine weitere auffällige und späterhin 
verwertbare Tatsache erwähnen, daß die Kranken nicht etwa 
über diese Erinnerungen wie über andere ihres Lebens ver- 



21 



fügen. Ini Gegenteile, diese Erlebnisse fehlen dem 
Gedächtnis der Kranken in ihrem gewöhnlichen 
psychisch enZustande völlig oder sind nur höchst 
summarisch darin vorhanden. Erst wenn man die 
KJranken in der Hypnose befragt, stellen sich diese Erinne- 
rungen mit der unverminderten Lebhaftigkeit frischer Ge- 
schehnisse ein. 

So reproduzierte eine unserer Kj:anken in der Hypnose 
ein halbes Jahr hindurch mit halluzinatorischer Lebhaftigkeit 
alles, was sie an denselben Tagen des vorhergegangenen 
Jahres (während einer akuten Hysterie) erregt hatte; ein ihr 
unbekanntes Tagebuch der Mutter bezeugte die tadellose 
Richtigkeit der Reproduktion. Eine andere Kranke durchlebte 
teils in der Hypnose, teil in spontanen Anfällen mit halluzi- 
natorischer Deutlichkeit alle Ereignisse einer vor 10 Jahren 
durchgemachten hysterischen Psychose, für welche sie bis 
zum Momente des Wiederauftauchens größtenteils amnestisch 
gewesen war. Auch einzelne ätiologisch wichtige Erinnerungen 
von 15 — 25 jährigem Bestände erwiesen sich bei ihr von er- 
staunlicher Litaktheit und sinnlicher Stärke und wirkten bei 
ihrer Wiederkehr mit der vollen Affektkraft neuer Erlebnisse. 

Den Grund hierfür können wir nur darin suchen, daß 
diese Erinnerungen in allen oben erörterten Beziehungen zur 
üsur eine Ausnahmsstellung einnehmen. Es zeigt sich 
nämlich, daß diese Erinnerungen Traumen ent- 
sprechen, welche nicht genügend „abreagiert" 
worden sind, und bei näherem Eingehen auf die Gründe, 
welche dieses verhindert haben, können wir mindestens zwei 
Reihen von Bedingungen auffinden, unter denen die Reaktion 
auf das Trauma unterblieben ist. 

Zur ersten Gruppe rechnen wir jene Fälle, in denen die 
Kranken auf psychische Traumen nicht reagiert haben, weil 
die Natur des Traumas eine Reaktion ausschloß, wie beim 
unersetzlich erscheinenden Verlust einer geliebten Person, 
oder weil die sozialen Verhältnisse eine Reaktion unmöghch 
machten, oder weil es sich um Dinge handelte, die der Beranke 
vergessen wolte, die er darum absichtlich aus seinem bewußten 
Denken verdrängte, hemmte und unterdrückte. Gerade solche 



22 



peinliche Dinge findet man dann in der Hypnose als G-rund- 
lage hysterischer Phänomene (hysterische DeHrien der Heiligen 
und Nonnen, der enthaltsamen Frauen, der wohlerzogenen 
Kinder). 

Die zweite Reihe von Bedingungen wird nicht durch 
den Inhalt der Erinnerungen, sondern durch die psychischen 
Zustände bestimmt, mit welchen die entsprechenden Erlebnisse 
beim Kranken zusammengetrofi'en haben. Als Veranlassung 
hysterischer Symptome findet man nämlich in der Hypnose 
auch Vorstellungen, welche, an sich nicht bedeutungsvoll, 
ihre Erhaltung dem Umstände danken, daß sie in schweren 
lähmenden Affekten, wie zum Beispiel Schreck, entstanden 
sind, oder direkt in abnormen psychischen Zuständen wie 
im halbhypnotischen Dämmerzustand des Wachträumens, in 
Autohypnosen u. dgl. Hier ist es die Natur dieser Zustände, 
welche eine Reaktion auf das G-eschehnis unmöglich machte. 

Beiderlei Bedingungen können natürlich auch zusammen- 
treffen und treffen in der Tat oft zusammen. Dies ist der 
Fall, wenn ein an sich wirksames Trauma in einen Zustand 
von schwerem lähmenden Affekt oder von verändertem Be- 
wußtsein fällt; es scheint aber so zuzugehen, daß durch das 
psychische Trauma bei vielen Personen einer jener abnormen 
Zustände hervorgerufen wird, welcher dann seinerseits die 
Reaktion unmöglich macht. 

Beiden Gruppen von Bedingungen ist aber gemeinsam, 
daß die nicht durch Reaktion erledigten psychischen Traumen 
auch der Erledigung durch assoziative Verarbeitung entbehren 
müssen. In der ersten Gruppe ist es der Vorsatz der Kranken, 
welcher an die peinlichen Erlebnisse vergessen will und die- 
selben somit möglichst von der Assoziation ausschließt. In 
der zweiten Gruppe gelingt diese assoziative Verarbeitung 
darum nicht, weil zwischen dem normalen Bewußtseinszustand 
und den pathologischen, in denen diese Vorstellungen ent- 
standen sind, eine ausgiebige assoziative Verknüpfung nicht 
besteht. Wir werden sofort Anlaß haben, auf diese Verhält- 
nisse weiter einzugehen. 

Man darf also sagen, daß die pathogen ge- 
wordenen Vorstellungen sich darum so frisch 



23 



und affektkräftig erhalten, weil ihnen die nor- 
male üsur durch Abreagieren und durch Repro- 
duktion in Zuständen ungehemmter Assoziation 
versagt ist. 

ni. 

Als -wir die Bedingungen mitteilten, welche nach unseren 
Erfahrungen dafür maßgebend sind, daß sich aus psychischen 
Traumen hysterische Phänomene entwickeln, mußten wir be- 
reits von abnormen Zuständen des Bewußtseins sprechen, in 
denen solche pathogene Vorstellungen entstehen, und mußten 
die Tatsache hervorheben, daß die Erinnerung an das wirk- 
same psychische Trauma nicht im normalen Gedächtnis des 
Ej-anken, sondern im Gedächtnis des Hypnotisierten zu finden 
ist. Je mehr wir uns nun mit diesen Phänomenen beschäftigten, 
desto sicherer wurde unsere Überzeugung, jene Spaltung des 
Bewußtseins, die bei den bekannten klassischen 
Fällen als double conscience so auffällig ist, be- 
stehe in rudimentärer "Weise bei jeder Hysterie, 
die Neigung zu dieser Dissoziation und damit 
zum Auftreten abnormer Bewußtseinszustände, 
die wir als „hypnoide" zusammenfassen wollen, 
sei das Grundphänomen dieser Neurose. "Wir treffen 
in dieser Anschauung mit Bin et und den beiden Janet 
zusammen, über deren höchst merkwürdige Befunde bei 
Anästhetischen uns übrigens die Erfahrung mangelt. 

Wir möchten also dem oft ausgesprochenen Satz: „Die 
Hypnose ist artefizielle Hysterie" einen anderen an die Seite 
stellen: Grundlage und Bedingung der Hysterie ist die 
Existenz von hypnoiden Zuständen. Diese hypnoiden Zustände 
stimmen bei aUer Verschiedenheit unter einander und mit der 
Hypnose in dem einen Punkte überein, daß die in ihnen auf- 
tauchenden Vorstellungen sehr intensiv, aber von dem Asso- 
ziatiwerkehr mit dem übrigen Bewußtseinsinhalt abgeperrt 
sind. Unter einander sind diese hypnoiden Zustände assoziierbar 
und deren VorsteUungsinhalt mag auf diesem Wege ver- 
schieden hohe Grade von psychischer Organisation erreichen. 
Im übrigen dürfte ja die Natur dieser Zustände und der 
Grad ihrer Abschließung von den übrigen Bewußtseinsvor- 



24 



gangen in ähnlicher Weise variieren, wie wir es bei der 
Hypnose sehen, die sich von leichter Somnolenz bis zum 
Somnambulismus, von der vollen Erinnerung bis zur absoluten 
Amnesie erstreckt. 

Bestehen solche hypnoide Zustände schon vor der mani- 
festen Erkrankung, so geben sie den Boden ab, auf welchem 
der Affekt die pathogene Erinnerung mit ihren somatischen 
Folgeerscheinungen ansiedelt. Dies Verhalten entspricht der 
disponierten Hysterie. Es ergibt sich aber aus unseren Be- 
obachtungen, daß ein schweres Trauma (wie das der trau- 
matischen Neurose), eine mühevolle Unterdrückung (etwa des 
Sexualaffektes) auch bei dem sonst freien Menschen eine 
Abspaltung von Vorstellungsgruppen bewerkstelligen kann, 
und dies wäre der Mechanismus der psychisch acquirierten 
Hysterie. Zwischen den Extremen dieser beiden Formen muß 
man eine Reihe gelten lassen, innerhalb welcher die Leichtig- 
keit der Dissoziation bei dem betreffenden Individuum und 
die Affektgröße des Traumas in entgegengesetztem Sinne 
variieren. 

Wir wissen nichts neues darüber zu sagen, worin die 
disponierenden hypnoiden Zustände begründet sind. Sie ent- 
wickeln sich oft, sollten wir meinen, aus dem auch bei Ge- 
sunden so häufigen „Tagträumen", zu dem zum Beispiel die 
weiblichen Handarbeiten so viel Anlaß bieten. Die Frage^ 
weshalb die „pathologischen Assoziationen", die sich in 
solchen Zuständen bilden, so feste sind und die somatischen 
Vorgänge so viel stärker beeinflussen, als wir es sonst von 
Vorstellungen gewohnt sind, fällt zusammen mit dem Problem 
der Wirksamkeit hypnotischer Suggestionen überhaupt. Unsere 
Erfahrungen bringen hierüber nichts neues, sie beleuchten 
dagegen den Widerspruch zwischen dem Satz: „Hysterie ist 
eine Psychose", und der Tatsache, daß man unter den Hyste- 
rischen die geistig klarsten, willensstärksten, charaktervollsten 
und kritischesten Menschen finden kann. In diesen Fällen ist 
solche Charakteristik richtig für das wache Denken des 
Menschen, in seinen hypnoiden Zuständen ist er alieniert, 
wie wir es alle im Traum sind. Aber während unsere Traum- 
psychosen unseren Waclizustand nicht beeinflussen, ragen die 



25 



Produkte der hypnoiden Zustände als hysterische Phänomene 
ins wache Leben hinein. 

IV. 

Fast die nämlichen Behauptungen, die wir für die hyste- 
rischen Dauersymptome aufgestellt haben, können wir auch 
für die hysterischen Anfälle wiederholen. Wir besitzen, wie 
bekannt, eine von Charcot gegebene schematische Be- 
schreibung des „großen" hysterischen Anfalles, welcher zu- 
folge ein vollständiger Anfall vier Phasen erkennen läßt, 
1. die epileptoide, 2. die der großen Bewegungen, 3. die der 
attitudes passionnelles (die halluzinatorische Phase), 4. die 
des abschließenden Deliriums. Aus der Verkürzung und Ver- 
längerung, dem Ausfall und der Isolierung der einzelnen 
Phasen läßt Charcot aUe jene Formen des hysterischen 
Anfalles hervorgehen, die man tatsächlich häufiger als die 
vollständige Grande attaque beobachtet. 

Unser Erklärungsversuch knüpft an die dritte Phase, die 
der attitudes passionelles an. Wo dieselbe ausgeprägt ist, 
hegt in ihr die halluzinatorische Reproduktion einer Erinnerung 
bloß, welche für den Ausbruch der Hysterie bedeutsam war, 
die Erinnerung an das eine große Trauma der xaT's^oxrjV so- 
genannten traumatischen Hysterie oder an eine Reihe von 
zusammengehörigen Partialtraumen, wie sie der gemeinen 
Hysterie zugrunde liegen. Oder endlich der Anfall bringt 
jene Geschehnisse wieder, welche durch ihr Zusammentreffen 
mit einem Moment besonderer Disposition zu Traumen erhoben 
worden sind. 

Es gibt aber auch Anfälle, die anscheinend nur aus 
motorischen Phänomenen bestehen, denen eine phase passioneile 
fehlt. Gelingt es bei einem solchen Anfall von allgemeinen 
Zuckungen, kataleptischer Starre oder bei einer attaque de 
sommeü sich während desselben in Rapport mit dem Kranken 
zu setzen, oder noch besser, gelingt es, den Anfall in der 
Hypnose hervorzurufen, so findet man, daß auch hier die 
Erinnerung an das psychische Trauma oder an eine Reihe 
von Traumen zugrunde Hegt, die sich sonst in einer hallu- 
zinatorischen Phase auffällig macht. Ein kleines Mädchen 
leidet seit Jahren an Anfällen von allgemeinen Krämpfen, 



26 



die man für epileptische halten könnte und auch gehalten hat. 
Sie wird zum Zwecke der Differentialdiagnose hypnotisiert 
und verfällt sofort in ihren Anfall. Befragt: Was siehst Du 
denn jetzt? antwortet sie aber: Der Hund, der Hund kommt! 
Und wirklich ergibt sich, daß der erste Anfall dieser Art 
nach einer Verfolgung durch einen wilden Hund aufgetreten 
war. Der Erfolg der Therapie vervollständigt dann die diag- 
nostische Entscheidung. 

Ein Angestellter, der infolge einer Mißhandlung von 
Seiten seines Chefs hysterisch geworden ist, leidet an Anfällen, 
in denen er zusammenstürzt, tobt und wütet, ohne ein "Wort 
zu sprechen oder eine Halluzination zu verraten. Der An- 
fall läßt sich in der Hypnose provozieren und der Kranke 
gibt nun an, daß er die Szene wieder durclilebt, wie der 
Herr ihn auf der Straße beschimpft und mit einem Stock 
schlägt. "Wenige Tage später kommt er mit der Klage wieder, 
er habe denselben Anfall von neuem gehabt, und diesmal 
ergibt sich in der Hypnose, daß er die Szene durchlebt hat, 
an die sich eigentlich der Ausbruch der Krankheit knüpfte, 
die Szene im G-erichtssaal, als es ihm nicht gelang, Satisfak- 
tion für die Mißhandlung zu erreichen usw. 

Die Erinnerungen, welche in den hysterischen Anfällen 
hervortreten oder in ihnen geweckt werden können, entsprechen 
auch in allen anderen Stücken den Anlässen, welche sich uns 
als Gründe hysterischer Dauersymptome ergeben haben. Wie 
diese, betreffen sie psychische Traumen, die sich der Erledigung 
durch Abreagieren oder durch assoziative Denkarbeit entzogen 
haben; wie diese, fehlen sie gänzlich oder mit ihren wesent- 
lichen Bestandteilen dem Erinnerungsvermögen des normalen 
Bewußtseins und zeigen sich als zugehörig zu dem Vorstellungs- 
inhalt hypnoider Bewußtseinszustände mit eingeschränkter 
Assoziation. Endlich gestatten sie auch die therapeutische 
Probe. Unsere Beobachtungen haben uns oftmals gelehrt, 
daß eine solche Erinnerung, die bis dahin Anfälle provoziert 
hatte, dazu unfähig wird, wenn man sie in der Hypnose zur 
Reaktion und assoziativen Korrektur bringt. 

Die motorischen Phänomene des hysterischen Anfalles 
lassen sich zum Teil als allgemeine Reaktionsformen des die 



27 

Erinnerung begleitenden Affektes, wie das Zappeln mit 
allen Gliedern, dessen sich bereits der Säugling bedient, zum 
Teil als direkte Ausdrucksbewegungen dieser Erinnerung 
deuten, zum anderen Teü entziehen sie sich ebenso wie 
die hysterischen Stigmata bei den Dauersymptomen dieser 
Erklärung. 

Eine besondere Würdigung des hysterischen Anfalles 
ergibt sich noch, wenn man auf die vorhin angedeutete Theorie 
Rücksicht nimmt, daß bei der Hysterie in hypnoiden Zuständen 
entstandene Vorstellungsgruppen vorhanden sind, die, vom 
assoziativen Verkehr mit den übrigen ausgeschlossen, aber 
unter einander assoziierbar, ein mehr oder minder hoch 
organisiertes Rudiment eines zweiten Bewußtseins, einer con- 
dition seconde darstellen. Dann entspricht ein hysterisches 
Dauersymptom einem Hineinragen dieses zweiten Zustandes 
in die sonst vom normalen Bewußtsein beherrschte Körper- 
innervati on; ein hysterischer Anfall zeugt aber von einer 
höheren Organisation dieses zweiten Zustandes und bedeutet, 
wenn er frisch entstanden ist, einen Moment, in dem sich 
dieses Hypnoidbewußtsein der gesamten Existenz bemächtigt hat, 
also einer akuten Hysterie ; wenn es aber ein wiederkehrender 
Anfall ist, der eine Erinnerung enthält, einer "Wiederkehr 
eines solchen. Charcot hat bereits den Gedanken aus- 
gesprochen, daß der hysterische Anfall das Rudiment einer 
condition seconde sein dürfte. Während des Anfalles ist die 
Herrschaft über die gesamte Körperinnervation auf das hyp- 
noide Bewußtsein übergegangen. Das normale Bewußtsein 
ist, wie bekannte Erfahrungen zeigen, dabei nicht immer 
völlig verdrängt, es kann selbst die motorischen Phänomene 
des Anfalles wahrnehmen, während die psychischen Vorgänge 
desselben seiner Kenntnisnahme entgehen. 

Der typische Verlauf einer schweren Hysterie ist be- 
kanntlich der, daß zunächst in hypnoiden Zuständen ein Ver- 
stellungsinhalt gebüdet wird, der dann, genügend angewachsen, 
sich während einer Zeit von „akuter Hysterie" der Körper- 
innervation und der Existenz des Kranken bemächtigt, Dauer- 
symptome und Anfälle schafft und dann bis auf Reste abheilt. 
Kann die normale Person die Herrschaft wieder übernehmen. 



28 



so kehrt das, was von jenem hypnoiden Vorstellungsinhalt 
überlebt hat, in hysterischen Anfällen wieder und bringt die 
Person zeitweise wieder in ähnliche Zustände, die selbst 
wieder beeinflußbar und für Traumen aufnahmsfähig sind. 
Es stellt sich dann häufig eine Art von Gleichgewicht zwischen 
den psychischen Gruppen her, die in derselben Person ver- 
einigt sind ; Anfall und normales Leben gehen neben einander 
her, ohne einander zu beeinflussen. Der Anfall kommt dann 
spontan, wie auch bei uns die Erinnerungen zu kommen 
pflegen, er kann aber auch provoziert werden, wie jede Er- 
innerung nach den Gesetzen der Assoziation zu erwecken 
ist. Die Provokation des Anfalles erfolgt entweder durch die 
Reizung einer hysterogenen Zone oder durch ein neues Er- 
lebnis, welches durch Ähnlichkeit an das pathogene Erlebnis 
ankhngt. Wir hoffen zeigen zu können, daß zwischen beiden 
anscheinend so verschiedenen Bedingungen ein wesentHcher 
Unterschied nicht besteht, daß in beiden Fällen an eine hyper- 
ästhetische Erinnerung gerührt wird. In anderen Fällen ist 
dieses Gleichgewicht ein sehr labiles, der Anfall erscheint 
als Äußerung des hypnoiden Bewußtseinsrestes, so oft die 
normale Person erschöpft und leistungsunfähig wird. Es ist 
nicht von der Hand zu weisen, daß in solchen Fällen auch 
der Anfall seiner ursprüngHchen Bedeutung entkleidet als 
inhaltslose motorische Reaktion wiederkehren mag. 

Es bleibt eine Aufgabe weiterer Untersuchung, welche 
Bedingungen dafür maßgebend sind, ob eine hysterische In- 
dividuahtät sich in Anfällen, in Dauersymptomen oder in 
einem Gemenge von beiden äußert. 

V. 

Es ist nun verständlich, wieso die hier von uns dar- 
gelegte Methode der Psychotherapie heilend wirkt. Sie hebt 
die Wirksamkeit der ursprünglich nicht abrea- 
gierten Vor Stellung dadurch auf, daß sie dem ein- 
geklemmten Affekte derselben den Ablauf durch 
die Rede gestattet, und bringt sie zur assozia- 
tiven Korrektur, indem sie dieselbe ins normale 
Bewußtseinzieht (inleichterHypnose) oder durch 



29 



ärztliche Suggestion aufhebt, wie es im Somnam- 
bulismus mit Amnesie geschieht. 

Wir halten den therapeutischen Gewinn bei Anwendung 
dieses Verfahrens für einen bedeutenden. Natürlich heüen 
wir nicht die Hysterie, soweit sie Disposition ist, wir leisten 
ja nichts gegen die Wiederkehr hypnoider Zustände. Auch 
während des produktiven Stadiums einer akuten Hysterie kann 
unser Verfahi-en nicht verhüten, daß die mühsam beseitigten 
Phänomene alsbald durch neue ersetzt werden. Ist aber dieses 
akute Stadium abgelaufen und erübrigen noch die Reste des- 
selben als hysterische Dauersymptome und Anfälle, so beseitigt 
unsere Methode dieselben häufig und für immer, weil radikal, 
und scheint uns hierin die Wirksamkeit der direkten sugges- 
tiven Aufhebung, wie sie jetzt von den Psychotherapeuten 
geübt wird, weit zu übertreffen. 

Wenn wir in der Aufdeckung des psychischen Mecha- 
nismus hysterischer Phänomene einen Schritt weiter auf der 
Bahn gemacht haben, die zuerst Charcot so erfolgreich 
mit der Erklärung und experimentellen Nachahmung hystero- 
traumatischer Lähmungen betreten hat, so verhehlen wir uns 
doch nicht, daß damit eben nur der Mechanismus hysterischer 
Symptome und nicht die inneren Ursachen der Hysterie 
unserer Kenntnis näher gerückt worden sind. Wir haben die 
Ätiologie der Hysterie nur gestreift und eigentlich nur die 
Ursachen der acquirierten Formen, die Bedeutung des acciden- 
tellen Momentes flir die Neurose beleuchten können. 

Wien, Dezember 1892. 



III. 

Quelques considerations pour une etude 

comparative des paralysies motrices or- 

ganiques et hysteriques.O 

M. Charcot, dont j'ai ete l'eleve en 1885 et 1886, a bien 
voulu, ä cette epoque, me confier le soin de faire une etude 
comparative des paralysies motrices organiques et hysteriques, 
basee sur les observations de la Salpetri^re, qui pourrait ser- 
vir ä saisir quelques caract^res generaux de la nevrose et con- 
duire ä une conception sur la nature de cette derniere. Des 
causes accidentelles et personneUes m'ont empeche pendant 
longtemps d'obeir a son Inspiration ; aussi je ne veux apporter 
maintenant que quelques resultats de mes reclierclies, lais- 
sant ä cöte les details necessaires pour une demonstration com- 
plete de mes opinions, 

I, — n faudra commencer par quelques remarques sur 
les paralysies motrices organiques, d'ailleurs generalement 
admises. La clinique nerveuse reconnait deux sortes de para- 
lysies motrices, la paralysie periphero-spinale (ou bulbaire) et 
la paralysie cerebrale. Cette distinction est parfaitement en 
accord avec les donnees de l'anatomie du Systeme nerveux 
qui nous montrent qu'il n'y a que deux Segments sur le par- 
cours des fibres motrices conductrices, le premier qui va de la 
Peripherie jusqu'aux cellules des cornes anterieures dans la 
moelle, et le second qui va de lä jusqu'ä l'ecorce cerebrale. 
La nouvelle bistologie du Systeme nerveux, fondee sur les 
travaux de Golgi, Ramon y Cajal, Kölliker, etc., traduit ce 
fait par les mots: „le trajet des fibres de conduction motrices 
est constitue par deux neuron (unites nerveuses cellulo-fibrillaires), 

1) Archives de Neurologie, No. 77, 1893. 



31 



qiü se rencontrent poiir entrer en relation au niveau des cellules 
dites motrices des cornes anterieures". La difference essentielle 
de ces deux sortes de paralysies, en clinique, est la suivante : La 
paralysie periphero-spinale est une paralysie detaillee, la paralysie 
cerebrale est une paralysie en masse. Le type de la premiere 
est la paralysie faciale dans la maladie de Bell, la paralysie 
dans la poliomyelite aigue de l'enfance, etc. Or, dans ces 
affections, chacque muscle, on pourrait dire chaque fibre mus- 
culaire, peut etre paralysee individuellement et isolement. Cela 
ne depend que du siege et de l'etendue de la lesion nerveuse, 
et il n'y a pas de regle fixe pour que Fun des elements peri- 
pheriques echappe a la paralysie, tandis que l'autre en souffre 
d'une maniere constante. 

La paralysie cerebrale, au contraire, est toujours une 
affection qui attaque une grande partie de la peripherie, une 
extremite, un segment de celle-ci, un appareil raoteur compliqu6. 
Jamais eile n'affecte un muscle individuellement, par exemple 
le biceps du bras, le tibial isolement, etc., et s'il y a des excep- 
tions apparentes ä cette regle (le ptosis cortical, par exemple), 
on voit bien qu'il s'agit de muscles qui, ä eux seuls, remplissent 
une fonction de laquelle ils sont l'instrument unique. 

Dans les paralysies cerebrales des extremites, on peut 
remarquer que les segments peripheriques souffrent toujours 
plus que les segments rapproches du centre; la main, par 
exemple, est plus paralysee que l'epaule. II n'y a pas, que je 
Sache, une paralysie cerebrale isolee de l'epaule, la main 
conservant sa motilite, tandis que le contraire est la regle 
dans les paralysies qui ne sont pas completes. 

Dans une etude critique sur l'aphasie, publiee en 1891, 
Zur Auffassung der Aphasien, Wien, 1891, j'ai täcbe de montrer 
que la cause de cette difference importante entre la paralysie 
periphero-spinale et la paralysie cerebrale doit etre cherchee 
dans la structure du Systeme nerveux. Chaque element de la 
Peripherie correspond ä un element dans l'axe gris, qui est, 
comme le dit M. Charcot, son aboutissant nerveux; la peri- 
pherie est pour ainsi dire projetee sur la substance grise de 
la moelle, point pour point, element pour element. J'ai propose 
de denommer la paralysie detaillee periphero-spinale, paralysie 



32 



de prqjection. Mais il n'en est pas de meme pour les relations 
entre les elements de la moelle et ceux de l'ecorce. Le nombre 
des fibres conductrices ne suffirait plus pour donner une 
seconde projection de la peripberie sur l'ecorce. II faut sup- 
poser que les fibres qui vont de la moelle ä l'ecorce ne repre- 
sentent plus cbacune un seul element peripberique, mais plu- 
töt un groupe de ceux-ci et que meme, d'autre part, un 
element peripberique peut correspondre a plusieurs fibres con- 
ductrices spino-corticales. C'est qu'il y a un cbangement 
d'arrangement qui a eu Heu au point de connexion entre les 
deux Segments du Systeme moteur. 

Alors, je dis la reproduction de la peripberie dans 
l'ecorce n'est plus une reproduction fidele point par point, 
n'est plus une projection veritable; c'est une relation par 
des fibres, pour ainsi dire representatives et je propose, 
pour la paralysie cerebrale, le nom de paralysie de representation. 

Naturellement, quand la paralysie de projection est 
totale et d'une grande etendue, eile est aussi une paralysie 
en masse, et son grand caractere distinctif est efface. D'autre 
part, la paralysie corticale, qui se distingue parmi les para- 
lysies cerebrales par sa plus grande aptitude ä la dissocia- 
tion, presente cependant toujours le caractere d'une paralysie 
par representation. 

Les autres differences entre les paralysies de projection 
et de representation sont bien connues; je cite parmi elles 
l'integrite de la nutrition et de la reaction electrique qui se 
rattacbe ä la demiere. Bien que tr^s importants dans la 
clinique, ces signes n'ont pas la portee tbeorique qu'il faut 
attribuer au premier caractere differentiel que nous avons 
releve, ä savoir: paralysie detaiUee ou en masse. 

On a assez souvent attribue ä l'bysterie la faculte de 
simuler les affections nerveuses organiques les plus diverses. 
II s'agit de savoir si d'une facon plus precise eile simule les 
caracteres des deux sortes de paralysies organiques, s'il j a 
des paralysies bysteriques de projection et des paralysies 
bysteriques de representation, comme dans la Symptomatologie 
organique. Ici, un premier fait important se detacbe : l'bysterie 
ne simule jamais les paralysies peripbero-spinales ou de pro- 



33 



jection; les paralysies hysteriques partagent seulement les 
caracteres des paralysies organiques de representation. C'est 
lä Uli fait bien interessant, puisque la paralysie de Bell, la 
paralysie radiale, etc., sont parmi les affections les plus com- 
munes du Systeme nerveux. 

H est bon de faire observer ici, de maniere ä eviter 
toute confusion, quejene traite que de la paralysie hysterique 
flasque et non de la contracture hysterique. II me parait im- 
possible de soumettre la paralysie et la contracture hysteriques 
aux memes regles. Ce n'est que des paralysies hysteriques 
flasques qu'on peut soutenir qu'elles n'affectent jamais un seul 
muscle, excepte le cas oü ce muscle est l'instrument unique 
d'une fonction, qu'elles sont toujours des paralysies en masse, 
et qu'elles correspondent sous ce rapport ä la paralysie de 
representation, ou cerebrale organique. En outre, en ce qui 
concerne la nutrition des parties paralysees et leurs reactions 
electriques, la paralysie hysterique presente les memes carac- 
teres que la paralysie cerebrale organique. 

Si la paralysie hysterique se rattache ainsi a la paralysie 
cerebrale et particulierement ä la paralysie corticale, qui pre- 
sente une plus grande facilite de dissociation, eile ne manque 
pas de s'en distinguer par des caracteres importants. D'abord 
eUe n'est pas soumise ä cette rögle, constante dans les paraly- 
sies cerebrales organiques, ä savoir que le segment periphe- 
rique est toujours plus affecte que le segment central. Dans 
l'hysterie, l'epaule ou la cuisse peuvent etre plus paralysees 
que la main ou le pied. Les mouvements peuvent venir dans 
les doigts tandis que le segment central est encore absolument 
inerte. On n'a pas la moindre difficulte de produire artificiel- 
lement une paralysie isolee de la cuisse, de la jambe etc., et 
on peut assez souvent retrouver, en cHnique, ces paralysies 
isolees, en contradiction avec les regles de la paralysie orga- 
nique cerebrale. 

Sous ce rapport important, la paralysie hysterique est pour 
ainsi dire intermediaire entre la paralysie de projection et la 
paralysie de representation organique. Si eile ne possede pas 
tous les caracteres de dissociation et d'isolement propres ä la 
premiere, eile n'est pas, tant s'en faut, sujette aux strictes 

Frend, Neuioaonlehre. 3 



34 



lois qui regissent la derniere, la paralysie cerebrale. Ces res- 
trictions faites, on peut soutenir que la paralysie hysterique 
est aussi une paralysie de representation, raais d'une repre- 
sentation speciale dont la caracteristique reste ä trouver ^). 

II. — Pour avancer dans cette direction je me propose 
d'etudier les autres traits distinctifs entre la paralysie hyste- 
rique et la paralysie corticale, type le plus parfait de la para- 
lysie cerebrale organique. Le premier de ces caracteres dis- 
tinctifs, nous l'avons dejä mentionne, c'est que la paralysie 
bysterique, peut etre beaucoup plus dissociee, systematisee 
que la paralysie cerebrale. Les symptömes de la paralysie orga- 
nique se retrouvent comme morceles dans l'liysterie. De l'hemi- 
plegie commune organique (paralysie des membres superieur 
et inferieur et du facial inferieur) l'liysterie ne reproduit que 
la paralysie des membres et dissocie meme assez souvent, et 
avec la plus grande facilite, la paralysie du bras de celle de 
la Jambe sous forme de monoplegies. Du Syndrome de l'aphasie 
organique, eUe reproduit l'aphasie motrice a l'etat d'isole- 
ment, et ce qui est cbose inouie dans l'aphasie organique, eile 
peut creer une aphasie totale (motrice et sensitive) pour teUe 
langue, sans attaquer le moins du monde la faculte de com- 
prendre et d'articuler teile autre, comme je Tai observe dans 
quelques cas inedits. Ce meme pouvoir de dissociation se ma- 
nifeste dans les paralysies isolees d'un segment de membre 
avec integrite complete des autres parties du meme membre, 
ou encore dans l'abolition complete d'une fonction (abasie, 
astasie) avec integrite d'une autre fonction executee par les 
memes organes. Cette dissociation est d'autant plus frappante, 



1) Chemin faisant, je ferai remarquer que ce caractere impoi-tant de 
la paralysie hysterique de la jambe que M. Charcot a releve d'apres Todd, 
ä savoir que l'hysterique traine la jambe comme une masse morte au 
lieu d'executer la circumduction avec la hancbe que fait l'hemiplegique 
ordinaire, s'explique facilement par la propriete de la nevrose que j'ai 
mentionne. Pour l'bemiplegie organique, le partie centrale de l'extremite 
est toujours un peu indemne, le malade peut remuer la hanche et il en 
fait usage pour ce mouvement de circumduction, qui fait avancer la 
jambe. Dans l'hysterie, la partie centrale (la lianche) ne jouit pas de ce 
privilege, la paralysie y est aussi complete que dans la partie periphe- 
riqvie et en consequence, la jambe doit etre trainee en masse. 



35 



quand la fonction respectee est la plus complexe. Dans la Symp- 
tomatologie organiqiie, quand il y a affaiblissement inegal de 
plusieurs fonctions, c'est toujours la fonction la plus complexe, 
Celle d'une acquisition posterieure, qui est la plus atteinte en 
consequence de la paralysie. 

La paralysie hysterique presente de plus un autre carac- 
tere qui est comme la signature de la nevrose et qui vient 
s'aj outer au premier. En effet, comme je l'ai entendu dire ä 
M. Charcot, l'hysterie est une maladie ä manifestations exces- 
sives, ayant une tendance ä produire ses symptömes avec la 
plus grande intensite possible. C'est un caractere qui ne se 
montre pas seulement dans les paralysies, mais aussi d^ns les 
contractures et les anesthesies, On sait jusqu'ä quel degre de 
distorsion peuvent aller les contractures hysteriques, qui sont 
presque sans egales dans la Symptomatologie organique. On 
sait aussi combien sont frequentes dans l'hysterie les anesthe- 
sies absolues, profondes, dont les lesions organiques ne peu- 
vent reproduire qu'une faible esquisse. H en est de meme pour 
les paralysies. EUes sont souvent on ne peut plus absolues; 
l'aphasique ne profere pas un mot, tandis que l'aphasique 
organique garde presque toujours quelques syllabes, le „oui 
et non", un jm^on, etc.; le bras paralyse est absolument 
inerte, etc. Ce caractere est trop bien connu pour y persister 
longuement. Au contraire, on sait que, dans la paralysie orga- 
nique, la paresie est toujours plus frequente que la paralysie 
absolue. 

La paralysie hysterique est donc d'une Umitaüon exade et 
d'une intensite excessive; eile possede ces deux quahtes ä la 
fois et c'est en cela qu'elle contraste le plus avec la paralysie 
cerebrale organique, dans laquelle, d'une maniere constante, 
ces deux caracteres ne s'associent pas. II existe aussi des mono- 
plegies dans la Symptomatologie organique, mais celles-ci sont 
presque toujours des monoplegies a potiori et non exactement 
deümitees. Si le bras se trouve paralyse en consequence d'une 
lesion corticale organique, il y a presque toujours aussi atteinte 
concomitante moindre du facial et de la jambe, et si cette 
complication ne se voit plus ä un moment donne, eile a cepen- 
dant bien existe au commencement de l'affection. La mono- 

3* 



36 



plegie corticale est, ä vrai dire, toujours une hemiplegie dont 
teile ou teile partie est plus ou moins effacee, mais toujours 
reconnaissable. Pour aller plus loin, supposons que la para- 
lysie n'ait affecte aucune autre partie que le bras, que ce 
soit une monoplegie corticale pure ; alors on voit que la para- 
lysie est d'une intensite moderee. Aussitot que cette monople- 
gie augmentera en intensite, qu'elle deviendra une paralysie 
absolue, eile perdra son caractere de monoplegie pure et s'ac- 
compagnera de troubles moteiirs dans la jambe ou la face. 
Elle ne peut pas devenir absolue et restee delimitee ä la fois. 

C'est ce que la paralysie bysterique peut, au contraire, 
fort bien realiser, comme la clinique le montre chaque jour. 
Elle affecte par exemple le bras d'une fa9on exclusive, on 
n'en trouve pas trace dans la jambe ou la face. De plus, au 
niveau du bras, eUe est aussi forte qu'une paralysie peut l'ötre, 
et c'est lä une difference frappante avec la paralysie organique, 
difference qui prete grandement ä penser. 

Naturellement, il y a des cas de paralysie hysterique 
dans lesquels l'intensite n'est pas excessive et oü la dissociation 
n'offre rien de remarquable. Ceux-ci, on les reconnait au moyen 
d'autres caracteres; mais ce sont des cas qui ne portent pas 
l'empreinte typique de la nevrose et qui, ne pouvant en rien 
nous renseigner sur sa nature ne presentent point d'inter6t au 
point de vue qui nous occupe ici. 

Ajoutons quelques remarques d'une importance secondaire, 
qui meme depassent un peu les limites de notre sujet. 

Je constaterai d'abord que les paralysies hysteriques 
s'accompagnent beaucoup plus souvent de troubles de la sen- 
sibilite que les paralysies organiques. En general, ceux-ci sont 
plus profonds et plus frequents dans la nevrose que dans la 
Symptomatologie organique. Rien de plus commun que 
l'anesthesie ou l'analgesie hysterique. Qu'on se rappelle par 
contre avec quelle tenacite la sensibilite persiste en cas de lesion 
nerveuse. Si l'on sectionne un nerf peripherique, l'anesthesie 
sera moindre en etendue et intensite qu'on ne s'y attend. Si une 
lesion inflammatoire attaque les nerfs spinaux ou les centres 
de la moelle, on trouvera toujours que la motüite souffre en 
premier lieu et que la sensibilite est epargnee ou seulement 



37 



affaiblie, car il persiste toujours quelque part des elements 
nerveux qui ne sont pas completement detruits. En cas de 
lesion cerebrale, on connait la frequence et la duree de rhemi- 
plegie motrice, tandis que rhemianesthesie concomitante est 
indistincte, fugace et ne se trouve pas dans tous les cas, 
II n'y a que quelques localisations tout a fait speciales qui 
puissent produire une affection de la sensibilite intense et 
durable (carrefour sensitif), et meme ce fait n'est pas exempt 
de doutes. 

Cette maniere d'etre de la sensibilite, differente dans les 
lesions organiques et dans l'kysterie, n'est gu^re explicable 
aujourd'hui. II semble qu'il y ait la un probl^me dont la 
Solution nous renseignerait peut-etre sur la nature intime 
des choses. 

Un autre point qui me parait digne d'etre releve, c'est 
qu'il y a quelques formes de paralysie cerebrale qui ne se 
trouvent pas reaüsees dans l'hysterie, pas plus que les paralysies 
peripbero-spinales de projection. H faut citter en premier Heu 
la paralysie du facial inferieur, la manifestation la plus frequente 
d'une affection organique du cerveau et, si je me permets de 
passer dans les paralysies sensorielles pour un moment, l'he- 
mianopsie laterale homonyme. Je sais que c'est presque une 
gageure que de vouloir affirmer que tel ou tel Symptome ne 
se trouve pas dans l'hysterie, quand les recherches de M. Char- 
cot et de ses eleves y decouvrent, on pourrait dire joumeUe- 
ment, des symptomes nouveaux qu'on n'avait point soupconnes 
jusque-lä. Mais il me faut prendre les choses comme elles sont 
actuellement. La paralysie faciale hysterique est fortement 
contestee par M. Charcct et meme, si on croit ceux qui en 
sont partisans, c'est un phenom^ne d'une grande rarete. L'he- 
mianopsie n'a pas encore ete vue dans l'hysterie et, je pense, 
eile ne le sera jamais. 

Maintenant, d'oü vient-il que les paralysies hysteriques, 
tout en Simulant de pr^s les paralysies corticales, s'en ecartent 
par les traits distinctifs que j'ai tache d'enumeer, et quel est 
le caractere general de la representation speciale auquel il 
faut les rattacher? La reponse ä cette question contiendrait 
une bonne et importante partie de la theorie de la nevrose. 



38 



m. — n n'y a pas le moindre doute sur les conditions 
qiii dominent la Symptomatologie de la paralysie cerebrale. Ce 
sont les faits de l'anatomie, la construction du system.e ner- 
veux, la distribution de ses vaisseaux et la relation entre ces 
deux series de faits et les circonstances de la lesion. Nous 
avons dit que le nom.bre moindre des fibres qui vont de la 
moelle au cortex en comparaison avec le nombre des fibres 
qui vont de la peripherie ä la moelle, est la base de la 
difference entre la paralysie de projection et celle de repre- 
sentation. De meme, chaque detail clinique de la paralysie 
de representation peut trouver son explication dans un detail 
de la structure cerebrale et vice versa nous pouvons deduire 
la construction du cerveau des caracteres clinique des para- 
lysies. Nous croyons a un parallelisme parfait entre ces deux 
series. 

Ainsi s'il n'y a pas une grande facilite de dissociation 
pour la paralysie cerebrale commune, c'est parce que les 
fibres de conduction motrices sont trop rapprochees sur une 
longue partie de leur trajet intracerebral pour etre lesees 
isolement. Si la paralysie corticale montre plus de tendance 
aux monoplegies, c'st parce que le diametre du faisceau con- 
ducteur brachial, crural, etc., va en croissant jusqu'ä l'ecorce. 
Si de toutes les paralysies corticales celle de la main est la 
plus compl^te, cela vient, croyons-nous, du fait, que la rela- 
tion croisee entre Fhemisphere et la peripherie est plus ex- 
clusive pour la main que pour toute autre partie du corps. 
Si le Segment peripherique d'une extremite soufire plus de 
la paralysie que le segment central, nous supposons que les 
fibres repräsentatives du segment peripherique sont beaucoup 
plus nombreuses que Celles du segment central, de sorte que 
l'influence corticale devient plus importante pour le premier 
qu'elle n'est pour le dernier. Si les lesions un peu etendues 
de l'ecorce ne reussissent pas ä produire des monoplegies 
pures, nous en concluons que les centres moteurs sur l'ecorce 
ne sont pas nettement separes les uns des autres par des 
territoires neutres, ou qu'il y a des actions en distance (Fern- 
wirkungen) qui annuleraient l'efiet d'une Separation exacte 
des centres. 



39 



De meme s'il j a dans l'aphasie organique, toujours un 
melange de troubles de diverses fonctions, ca s'explique par 
le fait que des branches de la meme artere nomTissent tous 
les centres du langage, ou si Fön accepte l'opinion enoncee 
dans moii etude critique sur l'apliasie, parce qu'il ne s'agit 
pas de centres separes, mais d'un territoire continu d'association. 
En tout cas, ü existe toujours une raison tiree de l'anatomie. 

Les associations remarquables qu'on observe si souvent 
dans la clinique des paralysies corticales: apbasie motrice et 
hemiplegie droite, alexie et liemianopsie droite, s'expliquent 
par le voisinage des centres leses. L'hemianopsie meme, Symp- 
tome bien curieux et etranger ä l'esprit non scientifique, ne 
se comprend que par l'entre-croisement des fibres du nerf 
optique dans le chiasma; eile en est l'expression clinique, 
comme tous les details des paralysies cerebrales sont l'expres- 
sion clinique d'un fait anatomique. 

Comme il ne peut y avoir qu'une seule anatomie cere- 
brale qui soit la vraie et comme eile trouve son expression 
dans les caracteres cliniques des paralysies cerebrales, il est 
evidemment impossible que cette anatomie puisse expliquer 
les traits distinctifs de la paralysie hysterique. Pour cette 
raison, il n'est pas permis de tirer au sujet de l'anatomie 
cerebrale des conclusions basees sur la Symptomatologie de 
ces paralysies. 

Assurement il faut s'adresser ä la nature de la lesion 
pour obtenir cette explication difficile. Dans les paralysies 
organiques, la nature de la lesion joue un röle secondaire, ce 
sont plutot l'etendue et la localisation de la lesion, qui dans 
les conditions donnees de structure du Systeme nerveux pro- 
duisent les caracteres de la paralysie organique, que nous 
avons releves. Quelle pourrait etre la nature de la lesion dans 
la paralysie hysterique, qui ä eile seule domine la Situation, 
independamment de la localisation, de l'etendue de la lesion 
et de l'anatomie du Systeme nerveux? 

M. Cbarcot nous a enseigne assez souvent que c'est 
une lesion corticale mais purement dynamique ou fonctionnelle. 

C'est une tliese dont on comprend bien le cöte negatif. 
Cela equivaut ä affirmer qu'on ne trouvera pas de change- 



40 



ments de tissus appreciables ä l'autopsie; mais ä un point 
de vue plus positif, son Interpretation est loin d'etre a l'abri 
de l'equivoque. Qu'est-ce donc qu'une lesion dynamique? Je 
suis bien sür que beaucoup de ceux qui lisent les ceuvres de 
M. Charcot, croient que la lesion dynamique est bien une 
lesion, mais une lesion dont on ne retrouve pas la trace dans 
le cadavre, comme un oedeme, une anemie, une byperemie 
active. Mais ce sont la, bien qu'elles ne persistent pas ne- 
cessairement apres la mort, des lesions organiques vraies, 
qu'elles soient legeres et fugaces. II est necessaire que les 
paralysies produites par les lesions de cet ordre, partagent 
en tout les caracteres de la paralysie organique. L'oedeme, 
l'anemie ne pourraient, plutöt que l'hemorragie et le ramol- 
lissement, produire la dissociation et l'intensite des paralysies 
hysteriques. La seule difference serait que la paralysie par 
l'cedeme, par la constriction vasculaire etc., doit etre moins 
durable que la paralysie par destruction du tissu nerveux. 
Toutes les autres conditions leur sont communes et l'anatomie 
du Systeme nerveux determinera les propietes de la paralysie 
aussi bien dans le cas d'anemie fugace que dans le cas d' ane- 
mie permanente et definitive. 

Je ne crois pas que ces remarques soient tout a fait 
gratuites. Si on üt „qu'il doit y avoir une lesion hysterique'^ 
dans tel ou tel centre, le meme dont la lesion organique 
produirait le Syndrome organique correspondant, si l'on se 
souvient qu'on s'est babitue ä localiser la lesion hysterique 
dynamique de meme maniere que la lesion organique, on est 
porte ä croire que sous l'expression „lesion dynamique" se 
cacbe l'idee d'une lesion comme l'oedeme, l'anemie, qui, en 
verite, sont des affections organiques passag^res. J'affirme 
par contre que la lesion des paralysies bysteriques doit etre 
tout ä fait independante de l'anatomie du Systeme nerveux, 
puisque VhysUrie se comporte dans ses paralysies et autres mani- 
festations comme si l'anatomie nexistait pas, ou comme si eile 
n'en avait nulle connaissance. 

Un bon nombre des caracteres des paralysies bysteriques 
justifient en verite cette affirmation. L'hysterie est ignorante 
de la distribution des nerfs et c'est pour cette raison qu'elle 



41 



ne simule pas les paralysies periphero-spinales ou de pro- 
jection; eile ne connait pas le chiasma des nerfs optiques 
et consequeimnent eile ne produit pas l'hemaniopsie. Elle 
prend les organes dans le sens vulgaire, populaire du nom 
qu'ils portent: la jambe est la jambe jusqu'a l'insertion de 
la banclie, le bras est l'extremite superieure comme eile se 
dessine sous les vetements. II n'y a pas de raison pour 
joindre a la paralysie du bras la paralysie de la face. L'hyste- 
rique qui ne sait pas parier n'a pas de motif pour oublier 
l'intelligence du langage, puisque aphasie motrice et surdite 
verbale n'ont aucune parente dans la notion populaire, etc. 
Je ne peux que m'associer pleinement sur ce point aux vues 
que M. Janet a avancees dans les derniers numeros des 
Ärchives de Neurologie; les paralysies hysteriques en donnent 
la preuve aussi bien que les anesthesies et les symptomes 
psyciiiques. 

IV. — Je tächerai enfin de developper comment pourrait 
üre la lesion qui est la cause des paralysies hysteriques. Je 
ne dis pas que je montrerai comment eile est en fait; il s'agit 
seulement d'indiquer la ligne de pensee qui peut conduire 
ä une conception qui ne contredit pas aux proprietes de la 
paralysie hysterique, en tant qu'elle diff^re de la paralysie 
organique cerebrale. 

Je prendrai le mot „lesion fonctionneUe ou dynamique" 
dans son sens propre: „alteration de fonction ou de dyna- 
misme" ; alteration d'une propriete fonctionneUe. Une teile 
alteration serait par exemple une diminution de l'excitabilite 
ou d'une qualite physiologique qui dans l'etat normal reste 
constante ou varie dans des limites determinees. 

Mais dira-t-on, l'alteration fonctionneUe n'est pas autre 
cbose, eUe n'est qu'un autre cote de l'alteration organique. 
Supposons que le tissu nerveux seit dans un etat d'anemie 
passagere, son excitabiUte sera diminuee par cette circon- 
stance, ü n'est pas possible d'eviter d'envisager les lesions 
organiques par ce moyen. 

J'essaierai de montrer qu'il peut y avoir alteration 
fonctionneUe sans lesion organique concomitante, sans lesion 
grossiere palpable du moins, meme au moyen de l'analyse 



42 



la plus delicate. En d'autres termes, je donnerai mi exemple 
approprie d'une alteration de fonction primitive; je ne de- 
mande pour cela que la permission de passer sur le terrain 
de la Psychologie, qu'on ne saurait eviter quand ou traite 
de l'hysterie. 

Je dis avec M. Janet, que c'est la conception banale, 
populaire des organes et du corps en general, qui est en 
jeu dans les paralysies hysteriques comme dans les anesthe- 
sies, etc. Cette conception n'est pas fondee sur une connais- 
sance approfondie de l'anatomie nerveuse mais sur nos per- 
ceptions tactiles et surtout visuelles. Si eile determine les 
caracteres de la paralysie hysterique, celle-lä doit bien se 
montrer ignorante et independante de toute notion de l'ana- 
tomie du Systeme nerveux. La lesion de la paralysie hyste- 
xique sera donc une alteration de la conception, de l'idee de 
bras, par exemple. Mais de quelle sorte est cette alteration 
pour produire la paralysie? 

Consideree psychologiquement, la paralysie du bras 
consiste dans le fait que la conception du bras ne peut pas 
entrer en association avec les autres idees qui constituent 
le moi dont le corps de l'individu forme une partie impor- 
tante. La lesion serait donc Vabolition de V accessibiUte associaüve 
de la conception du hras. Le bras se comporte comme s'il 
n'existait pas pour le jeu des associations. Assurement si 
les conditions materielles, qui correspondent ä la conception 
du bras, se trouvent profondement alterees, cette conception 
sera perdue aussi, mai j'ai ä montrer qu'elle peut etre inac- 
cessible sans qu'elle soit detruite et sans que son substratum 
materiel (le tissu nerveux de la region correspondante de 
l'ecorce) soit endommage. 

Je commencerai par des exemples tires de la vie sociale. 
On raconte l'histoire comique d'un sujet loyal qui ne voulut plus 
laver sa main, parce que son souverain l'avait touckee. La 
relation de cette main avec l'idee du roi semble si importante 
ä la vie psycliique de l'individu, qu'il se refuse ä faire entrer 
cette main en d'autres relations. Nous obeissons ä la meme 
impulsion si nous cassons le verre dans lequel nous avons bu 
a la sante de jeunes maries; les anciennes tribus sauvages 



43 



brülant le cheval, les armes et m§me le femmes du chef 
mort, avec son cada^rre, obeissaient ä cette idee que nul ne 
devait plus le toucher apres lui. Le motif de toutes ces 
actions est bien clair. La valeui' affective que nous attribuons 
ä la premiere associatioii d'un objet repugne ä la faire entrer 
en association nouvelle avec un autre objet et par suite reiid 
l'idee de cet objet inaccessible e l'association. 

Ce ii'est pas une simple comparaison, c'est presque la chose 
identique, si nous passons dans le domaine de la psychologie 
des conceptions. Si la conception du bras se trouve engagee 
dans une association d'une grande valeur affective, eile sera 
inaccessible au jeu libre des autres associations. Le bras sera 
paralyse en ijroimrüon de la persistance de cette valeur affective 
ou de sa dimmution par des moyens psycMques appropries. C'est 
la Solution du probleme que nous avons pose, car, dans 
tous le cas de paralysie hysterique, on trouve que Vorgane 
paralyse ou la fonction aholie est engage dans une association 
suhconsciente qui est munie d'une grande valeur affective, et Von 
peut montrer que le hras devient lihre aussitöt que cette valeur 
affective est effacee. Alors la conception du bras existe dans le 
substratum materiel, mais eile n'est pas accessible aux asso- 
ciations et impulsions conscientes parce que tout son affinite 
associative, pour ainsi dire, est saturee dans une association 
subconsciente avec le souvenir de l'evenement, du trauma, qui 
a produit cette paralysie. 

C'est M. Charcot qui nous a enseigne le premier qu'il 
faut s'adresser ä la psychologie pour l'explication de la nevrose 
bysterique. Nous avons suivi son exemple, Breuer et moi, dans 
un memoire preliminaire (Über den psycliisclien Mechanismus 
liysterisclier Phänomene, Neurolog. Centralblatt, Nr. 1 und 2, 1893). 
Nous demontrons dans ce memoire que les symptomes 
permanents de l'hysterie dite non traumatique s'expliquent 
(ä part les stigmates) par le meme mecanisme que Charcot a 
reconnu dans les paralysies traumatiques. Mais nous donnons 
aussi la raison pour laquelle ces symptomes persistent et 
peuvent etre gueris par un procede special de psychotberapie 
hypnotique. Chaque evenement, cliaque Impression psychique 
est munie d'une certaine valeur affective (Affectbetrag), dont 



44 



le moi se delivre ou par la voie de reaction motrice ou par un 
travail psycliique associatif. Si l'individu ne peut ou ne veut 
s'acqiütter du surcroit, le souvenir de cette impression acquiert 
rimportance d'un trauma et devient la cause de symptomes 
permanents d'hysterie. L'impossibilite de l'eHmination s'im- 
pose quand l'impression reste dans le subconscient. Nous avons 
appele cette theorie: Das Abreagieren der Beissuwächse. 

En resume, je pense qu'il est bien en accord avec notre 
vue generale sur l'hysterie, teile que nous l'avons pu former 
d'apres l'enseignement de M. Charcot, que la lesion dans les 
paralysies hysteriques ne consiste pas en autre chose que dans 
l'inaccessibilite de la conception de l'organe ou de la fonction 
pour les associations du moi conscient, que cette alteration 
purement fonctionneUe (avec integrite de la conception meme) 
est caussee par la fixation de cette conception dans une asso- 
ciation subconsciente avec le souvenir du trauma et que cette 
conception ne devient pas libre et accessible tant que la valeur 
affective du trauma psycliique n'a pas ete eliminee par la 
reaction motrice adequate ou par le travail psycliique conscient. 
Mais meme si ce mecanisme n'a pas Heu, s'il faut pour la 
paralysie bysterique toujours ime idee autosuggestive directe 
comme dans les cas traumatiques de M. Cbarcot, nous avons 
reussi ä montrer de quelle nature la lesion ou plutot 1' alteration 
dans la paralysie bysterique devrait etre, pour expliquer ses 
differences avec la paralysie organique cerebrale. 



IV. 

Die Abwehr-Neuro-psychosen. 

Versuch einer psychologischen Theorie der acquirierten 

Hysterie, vieler Phobien und Zwangsvorstellungen und 

gewisser halluzinatorischer Psychosen. 

Bei eingehendem Studium mehrerer mit Phobien und 
Zwangsvorstellungen behafteter Nervöser hat sich mir ein 
Erklärungsversuch dieser Symptome aufgedrängt, der mir 
dann gestattete, die Herkunft solcher krankhafter Vor- 
stellungen in neuen, anderen Fällen glücklich zu erraten, 
und den ich darum der Mitteilung und weiteren Prüfung 
würdig erachte. Gleichzeitig mit dieser „psychologischen 
Theorie der Phobien und Zwangsvorstellungen" 
ergab sich aus der Beobachtung der Kranken ein Beitrag 
zur Theorie der Hysterie oder vielmehr eine Abänderung 
derselben, welche einem wichtigen, der Hysterie wie den 
genannten Neurosen gemeinsamen Charakter Rechnung zu 
tragen scheint. Femer hatte ich Gelegenheit, in den psycho- 
logischenMechanismuseinerFormvon unzweifelhaft psychischer 
Erkrankung Einsicht zu nehmen, und fand dabei, daß die von 
mir versuchte Betrachtungsweise eine einsichtliche Verknüpfung 
zwischen diesen Psychosen und den beiden angeführten Neu- 
rosen herstellt. Eine Hilfshypothese, deren ich mich in allen 
drei Fällen bedient habe, werde ich zum Schlüsse dieses Auf- 
satzes hervorheben. 

I. 

Ich beginne mit jener Abänderung, die mir an der 
Theorie der hysterischen Neurose erforderlich scheint: 

Daß der Symptomkomplex der Hysterie, soweit er bis 
jetzt ein Verständnis zuläßt, die Annahme einer Spaltung des 
Bewußtseins mit Bildung separater psychischer Gruppen recht- 

1) „Neurologisches Centralblatt", 1894, Nr. 10 u. 11. 



46 



fertigt, dürfte seit den schönen Arbeiten von P. Jan et, 
J. Breuer u. A. bereits zur allgemeinen Anerkennung ge- 
langt sein. Weniger geklärt sind die Meinungen über die Her- 
kunft dieser Bewußtseinsspaltung und über die Rolle, welcbe 
dieser Charakter im Gefüge der hysterischen Neurose spielt. 
Nach der Lehre von Janet^) ist die Bewußtseinsspaltung 
ein primärer Zug der hysterischen Veränderung. Sie beruht 
auf einer angeborenen Schwäche der Fähigkeit zur psychischen 
Synthese, auf der Enge des „Bewußtseinsfeldes" (champ du 
conscience), welche als psychisches Stigma die Degeneration 
der hysterischen Individuen bezeugt. 

Im Gegensatz zur Anschauung Janet's, welche mir die 
mannigfaltigsten Einwände zuzulassen scheint, steht jene, die 
J. Breuer in unserer gemeinsamen Mitteilung^) vertreten hat. 
Nach Breuer ist „Grundlage und Bedingung" der Hysterie 
das Vorkommen von eigentümlichen traumartigen Bewußt- 
seinszuständen mit eingeschränkter Assoziationsfähigkeit, für 
welche er den Namen „hypnoide Zustände" vorschlägt. Die 
Bewußtseinsspaltung ist dann eine sekundäre, erworbene ; 
sie kommt dadurch zustande, daß die in hypnoiden Zuständen 
aufgetauchten Vorstellungen vom assoziativen Verkehr mit 
dem übrigen Bewußtseinsinhalt abgeschnitten sind. 

Ich kann nun den Nachweis zweier weiterer extremer 
Formen von Hysterie erbringen, bei welchen die Bewußtseins- 
spaltung unmöglich als eine primäre im Sinne von Jan et 
gedeutet werden kann. Bei der ersteren dieser Formen gelang 
es mir wiederholt, zu zeigen, daß die Spaltung des Be- 
wußtseinsinhaltes die Folge eines Willens akt es 
des Kranken ist, das heißt durch eine Willensanstrengung 
eingeleitet wird, deren Motiv man angeben kann. Ich behaupte 
damit natürlich nicht, daß der Kranke eine Spaltung seines 
Bewußtseins herbeizuführen beabsichtigt; die Absicht des 
Kranken ist eine andere, sie erreicht aber nicht ihr Ziel, 
sondern ruft eine Spaltung des Bewußtseins hervor. 

1) Etat mental des hysteriques. Paris 1893 und 1894. — Quelques 
definitions recentes de l'hysterie. Arch. de Neurol. 1893. XXXV— VI. 

") Über den psycliischen Mechanismus hysterischer Phänomene. 
Dieses Centralblatt, 1893, Nr. 1 u. 2. 



47 



Bei der dritten Form der Hysterie, die wir durch psychische 
Analyse von intelligenten Kranken erwiesen haben, spielt die 
Bewußtseinsspaltung nur eine geringfügige, vielleicht über- 
haupt keine Rolle. Es sind dies jene Fälle, in denen bloß die 
Reaktion auf traumatische Reize unterblieben ist, die dann 
auch durch „Abreagieren"^) erledigt und geheut werden, die 
reinen Retentionshysterien. 

Für die Anknüpfung an die Phobien und Zwangsvor- 
stellungen habe ich es hier nur mit der zweiten Form der 
Hysterie zu tun, die ich aus bald ersichtlichen Gründen als 
Abwehrhysterie bezeichnen und durch diesen Namen von 
den Hypnoid- und Retentionshysterien sondern will. 
Ich kann meine Fälle von Abwehrhysterie auch vorläufig als 
„acquirierte" Hysterie aufführen, weü bei ihnen weder von 
schwerer hereditärer Belastung, noch von eigener degenerativer 
Verkümmerung die Rede war. 

Bei den von mir analysierten Patienten hatte nämlich 
psychische Gesundheit bis zu dem Moment bestanden, in dem 
ein Fall von Unverträglichkeit in ihrem Yor- 
stellungsleben vorfiel, d. h. bis ein Erlebnis, eine 
YorsteUung, Empfindung an ihr Ich herantrat, welches einen 
so peinlichen Affekt erweckte, daß die Person beschloß, daran 
zu vergessen, weil sie sich nicht die Kraft zutraute, den 
Widerspruch dieser unverträglichen YorsteUung mit ihrem Ich 
durch Denkarbeit zu lösen. 

Solche unverträgliche YorsteUungen erwachsen bei weib- 
lichen Personen zumeist auf dem Boden des sexualen Erlebens 
und Empfindens, und die Erkrankten erinnern sich auch mit 
aller wünschenswerten Bestimmtheit ihrer Bemühungen zur 
Abwehr, ihrer Absicht, das Ding „fortzuschieben", nicht daran 
zu denken, es zu unterdrücken. Hierher gehörige Beispiele 
aus meiner Erfahrung, deren Anzahl ich mühelos vermehren 
könnte, sind etwa : Der Fall eines jungen Mädchens, welches 
es sich verübelt, während der Pflege ihres kranken Yaters 
an den jungen Mann zu denken, der ihr einen leisen erotischen 
Eindruck gemacht hat ; der Fall einer Erzieherin, die sich in 



^g^- unsere gemeinsame Mitteilung. 



48 



ihren Herrn verliebt hatte, und die beschloß, sich diese Neigung 
aus dem Sinn zu schlagen, weil sie ihr mit ihrem Stolze un- 
verträglich schien u. dgl. m.^) 

Ich kann nun nicht behaupten, daß die Willensanstrengung, 
etwas derartiges aus seinen Gedanken zu drängen, ein patho- 
logischer Akt ist, auch weiß ich nicht zu sagen, ob und auf 
welche "Weise das beabsichtigte Vergessen jenen Personen 
gelingt, welche unter denselben psychischen Einwirkungen 
gesund bleiben. Ich weiß nur, daß ein solches „Vergessen" 
den von mir analysierten Patienten nicht gelungen ist, sondern 
zu verschiedenen pathologischen Reaktionen geführt hat, die 
entweder eine Hysterie, oder eine Zwangsvorstellung, oder eine 
halluzinatorische Psychose erzeugten. In der Fähigkeit, durch 
jene Willensanstrengung einen dieser Zustände hervorzurufen, 
die sämtlich mit Bewußtseinsspaltung verbunden sind, ist 
der Ausdruck einer pathologischen Disposition zu sehen, die 
aber nicht notwendig mit persönlicher oder hereditärer „De- 
generation" identisch zu sein braucht. 

Über den Weg, der von der Willensanstrengung des 
Patienten bis zur Entstehung des neurotischen Symptoms 
führt, habe ich mir eine Meinung gebildet, die sich in den 
gebräuchlichen psychologischen Abstraktionen etwa so aus- 
drücken läßt: Die Aufgabe, welche sich das abwehrende Ich 
stellt, die unverträgliche Vorstellung als „non arrivee" zu 
behandeln, ist für dasselbe direkt unlösbar; sowohl die Ge- 
dächtnisspur als auch der der Vorstellung anhaftende Affekt 
sind einmal da und nicht mehr auszutilgen. Es kommt aber 
einer ungefähren Lösung dieser Aufgabe gleich, wenn es 
gelingt, aus dieser starken Vorstellung eine schwache 
zu machen, ihr den Affekt, die Erregungssumme, mit der 
sie behaftet ist, zu entreißen. Die schwache Vorstellung wird 
dann so gut wie keine Ansprüche an die Assoziationsarbeit 
zu stellen haben ; die von ihr abgetrennte Erregungs- 
summe muß aber einer anderen Verwendung zu- 
geführt werden. 

1) Diese Beispiele sind der noch nicht veröffentlichten ausführlichen 
Arbeit von Breuer und mir über den psyclüschen Mechanismus der 
Hysterie entnommen. 



49 



Soweit sind die Vorgänge bei der Hysterie und bei den 
Phobien und Zwangsvorstellungen die gleichen; von nun an 
scheiden sich die Wege. Bei der Hysterie erfolgt die Un- 
schädlichmachung der unverträgUchen Vorstellung dadurch, 
daß deren Erregungssumme ins Körperliche um- 
gesetzt wird, wofür ich den Namen der Konversion 
vorschlagen möchte. 

Die Konversion kann eine totale oder partielle sein und 
erfolgt auf jene motorische oder sensorische Innervation hin, 
die in einem innigen oder mehr lockeren Zusammenhang mit 
dem traumatischen Erlebnis steht. Das Ich hat damit erreicht, 
daß es widerspruchsfrei geworden ist, es hat sich aber dafür 
mit einem Erinnerungssymbol belastet, welches als unlösbare 
motorische Innervation oder als stets wiederkehrende halluzi- 
natorische Sensation nach Art eines Parasiten im Bewußtsein 
haust, und welches bestehen bleibt, bis eine Konversion in 
umgekehrter Richtung stattfindet. Die Gedächtnisspur der 
verdrängten Vorstellung ist darum doch nicht untergegangen, 
sondern büdet von nun an den Kern einer zweiten psychischen 
Gruppe. 

Ich wül diese Anschauung von den psycho-physischen 
Vorgängen bei der Hysterie nur noch mit wenigen "Worten 
ausführen : Wenn einmal ein solcher Kern für eine hysterische 
Abspaltung in einem „traumatischen Moment" gebildet worden 
ist, so erfolgt dessen Vergrößerung in anderen Momenten, 
die man „auxiliär traumatische** nennen könnte, sobald 
es eiuem neu anlangenden Eindruck gleicher Art gelingt, die 
vom Wülen hergestellte Schranke zu durchbrechen, der ge- 
schwächten Vorstellung neuen Affekt zuzuführen und für eine 
Weüe die assoziative Verknüpfung beider psychischer Gruppen 
zu erzwingen, bis eine neuerliche Konversion Abwehr schafft. 
— Der so bei der Hysterie erzielte Zustand in der Verteüung 
der Erregung stellt sich dann zumeist als ein labiler heraus ; 
die auf einen falschen Weg (in die Körperinnervation) ge- 
drängte Erregung gelangt mitunter zur Vorstellung zurück, 
von der sie abgelöst wurde, und nötigt dann die Person zur 
assoziativen Verarbeitung oder zur Erledigung in hysterischen 
Anfällen, wie der bekannte Gegensatz der Anfalle und der Dauer- 
Freud, Nauroaenlehre. 4 



50 



Symptome beweist. Die Wirkung der kathartischen Metkode 
Breuer'sbestekt darin, daß sie eine solcke Zurückleitung der Er- 
regungaus dem Körperlichen ins Psychische zielbewußt erzeugt, 
um dann den Ausgleich des Widerspruches durch Denkarbeit 
und die Abfuhr der Erregung durch Sprechen zu erzwingen. 

Wenn die Bewußtseinsspaltung der acquirierten Hysterie 
auf einem Willensakt beruht, so erklärt sich überraschend 
leicht die merkwürdige Tatsache, daß die Hypnose regelmäßig 
das eingeengte Bewußtsein der Hysterischen erweitert und 
die abgespaltene psychische Gruppe zugänglich macht. Wir 
kennen es ja als Eigentümlichkeit aller schlaf ähnlichen Zu- 
stände, daß sie jene Verteilung der Erregung aufheben, auf 
welcher der „Wille" der bewußten Persönlichkeit beruht. 

Wir erkennen demnach das für die Hysterie charakteri- 
stische Moment nicht in der Bewußtseinsspaltung, sondern in 
der Fähigkeit zur Konversion und dürfen als ein 
wichtiges Stück der sonst noch unbekannten Disposition zur 
Hysterie die psycho-physische Eignung zur Verlegung so großer 
Erregungssummen in die Körperinnervation anführen. 

Diese Eignung schließt an und für sich psychische Ge- 
sundheit nicht aus und führt zur Hysterie nur im Falle einer 
psychischen Unverträglichkeit oder einer Aufspeicherung der 
Erregung. Mit dieser Wendung nähern wir, Breuer und ich, 
uns den bekannten Definitionen der Hysterie von Oppen- 
heim^) und StfümpeP) und sind von Jan et abgewichen, 
welcher der Bewußtseinsspaltung eine übergroße Rolle in der 
Charakteristik der Hysterie zuweist^). Die hier gegebene Dar- 

') Oppenheim: Die Hysterie ist ein gesteigerter Ausdruck der Gemüts- 
bewegung. Der „Ausdruck der Gemütsbewegung" stellt aber jenen Betrag 
psychischer Erregung dar, der normalerweise eine Konversion erfährt.^ 

2)Strümpel: Die Störung der Hysterie liegt im Psycho-physischen, 
dort, wo Körperliches und Seelisches mit einander zusammenhängen. 

^) Jan et hat im zweiten Abschnitt seines geistvollen Aufsatzes 
„Quelques definitions etc." den Einwand, daß die Bewoßtseinsspaltung 
auch den Psychosen und der sogenannten Psychasthenie zukommt, selbst 
behandelt, aber nach meinem Ermessen nicht befriedigend gelöst. Dieser 
Einwand ist es wesentlich, der ihn dazu drängt, die Hysterie für eine 
Degenerationsform zu erklären. Er kann aber die hysterische Bewußt- 
seinsspaltung durch keine Charakteristik genügend von der psychotischen 
u. dgl. sondern. 



51 



Stellung darf den Anspruch erheben, daß sie den Zusammen- 
hang der Konversion mit der hysterischen Bewußtseinsspaltung 
verstehen läßt. 

n. 

Wenn bei einer disponierten Person die Eignung zur 
Konversion nicht vorhanden ist und doch zur Abwehr einer 
unerträglichen Vorstellung die Trennung derselben von ihrem 
Affekt vorgenommen wird, dann muß dieser Affekt auf 
psychischem Grebiet verbleib en. Die nun geschwächte 
Vorstellung bleibt abseits von aller Assoziation im Bewußtsein 
übrig, ihr frei gewordener Affekt aber hängt sich an 
andere, an sich nicht unverträgliche Vorstellungen 
an, die durch diese „falsche Verknüpfung" zu Zwangs- 
vorstellungen werden. Dies ist in wenig Worten die 
psychologische Theorie der Zwangsvorstellungen und Phobien, 
von der ich eingangs gesprochen habe. 

Ich werde nun angeben, welche von den Stücken, die 
in dieser Theorie gefordert sind, sich direkt nachweisen 
lassen, welche andere ich ergänzt habe. Direkt nachweisbar 
ist außer dem Endprodukt des Vorganges, eben der Zwangs- 
vorstellung, zunächst die Quelle, aus welcher der in falscher 
Verknüpfung befindliche Affekt stammt. In aUen von mir 
analysierten FäUen war es das Sexualleben, welches einen 
peinlichen Affekt von genau der nämlichen Beschaffenheit 
geliefert hatte, wie er der Zwangsvorstellung anhing. Es 
ist theoretisch nicht ausgeschlossen, daß dieser Affekt nicht 
gelegentlich auf anderem Gebiete entstehen könnte ; ich habe 
bloß mitzuteilen, daß eine andere Herkunft sich mir bisher 
nicht ergeben hat. Übrigens versteht man es leicht, daß 
gerade das Sexualleben die reichlichsten Anlässe zum Auf- 
tauchen unverträglicher Vorstellungen mit sich bringt. 

Nachweisbar ist ferner durch die unzweideutigsten 
Äußerungen der Klranken die Willensanstrengung, der Ver- 
such zur Abwehr, auf den die Theorie Gewicht legt, und 
wenigstens in einer Reihe von FäUen geben die Kranken selbst 
darüber Aufschluß, daß die Phobie oder Zwangsvorstellung 
erst dann auftrat, nachdem die Willensanstrengung scheinbar 
ihre Absicht erreicht hatte. „Mir ist einmal etwas sehr ün- 



4 



52 



angenehmes passiert, ich habe mich mit Macht bemüht, es 
fortzuschieben, nicht mehr daran zu denken. Endlich ist es 
mir gelungen, da bekam ich dafür das andere, das ich seither 
nicht losgeworden bin." Mit diesen Worten bestätigte mir 
eine Patientin die Hauptpunkte der hier entwickelten Theorie. 

Nicht alle, die an Zwangsvorstellungen leiden, machen 
sich die Herkunft derselben so klar. In der Regel bekömmt 
man, wenn man den Kranken auf die ursprüngliche Vorstellung 
sexueller Natur aufmerksam macht, die Anwort : „Davon kann 
es ja doch nicht kommen. Ich habe ja gar nicht viel daran 
gedacht. Einen Moment war ich erschrocken, dann habe ich 
mich abgelenkt und seither Ruhe davor gehabt." In dieser 
so häufigen Einwendung liegt ein Beweis, daß die Zwangs- 
vorstellung einen Ersatz oder Surrogat der unverträglichen 
sexuellen Vorstellung darstellt und sie im Bewußtsein ab- 
gelöst hat. 

Zwischen der "Willensanstrengung des Patienten, der es 
gelingt, die unannehmbare sexuelle Vorstellung zu verdrängen, 
und dem Auftauchen der Zwangsvorstellung, die, an sich 
wenig intensiv, hier mit unbegreiflich starkem Affekt aus- 
gestattet ist, klafft die Lücke, welche die hier entwickelte 
Theorie ausfüllen will. Die Trennung der sexuellen Vorstellung 
von ihrem Affekt und die Verknüpfung des letzteren mit 
einer anderen, passenden, aber nicht unverträglichen Vor- 
stellung — dies sind Vorgänge, die ohne Bewußtsein geschehen, 
die man nur supponieren, aber durch keine klinisch-psycho- 
logische Analyse erweisen kann. Vielleicht wäre es richtiger, 
zu sagen: Dies sind überhaupt nicht Vorgänge psychischer 
Natur, sondern physische Vorgänge, deren psychische Folge 
sich so darstellt, als wäre das durch die Redensarten : Trennung 
der Vorstellung von ihrem Affekt und falsche Verknüpfung 
des letzteren. Ausgedrückte wirklich geschehen. 

Neben den Fällen, die ein Nacheinander der sexuellen 
unverträglichen Vorstellung und der Zwangsvorstellung be- 
weisen, findet man eine Reihe anderer, in denen gleichzeitig 
Zwangsvorstellungen und peinlich betonte sexuelle Vor- 
stellungen vorhanden sind. Letztere „sexuelle Zwangsvor- 
stellungen" zu heißen, geht nicht gut an; es mangelt ihnen 



53 



ein wesentliclier Charakter der Zwangsvorstellmigen ; sie er- 
weisen sich als vollberechtigt, während die Peinlichkeit der 
gemeinen Zwangsvorstellungen ein Problem für den Arzt und 
den Kranken bildet. Soweit ich mir in Fälle dieser Art Ein- 
sicht verschaffen konnte, handelte es sich hier um eine fort- 
gesetzte Abwehr gegen beständig neu anlangende sexuelle 
Vorstellungen, eine Arbeit also, die noch nicht zum Abschluß 
gekommen war. 

Die Kranken verheimKchen häufig ihre Zwangsvor- 
stellungen, so lange sie sich der sexuellen Abkunft derselben 
bewußt sind. Wenn sie darüber klagen, so geben sie zumeist 
ihrer Verwunderung darüber Ausdruck, daß sie dem betreffenden 
Affekt unterliegen, daß sie sich ängstigen, bestimmte Impulse 
haben u. dgl. Dem kundigen Arzt dagegen erscheint dieser 
Affekt berechtigt und verständlich; er findet das Auffällige 
nur in der Verknüpfung eines solchen Affektes mit einer 
hiefür nicht würdigen Vorstellung. Der Affekt der Zwangs- 
vorstellung erscheint ihm — mit anderen Worten — als ein 
dislocierter oder transponierter, und wenn er die 
hier niedergelegten Bemerkungen angenommen hat, kann er 
für eine große Reihe von Fällen von Zwangsvorstellung die 
Rückübersetzung ins Sexuelle versuchen. 

Zur sekundären Verknüpfung des frei gewordenen Affektes 
kann jede Vorstellung benützt werden, die entweder ihrer 
Natur nach mit einem Affekt von solcher Qualität ver- 
einbar ist, oder die gewisse Beziehungen zur unverträglichen 
hat, denen zufolge sie als Surrogat derselben brauchbar er- 
scheint. So zum Beispiel wirft sich frei gewordene Angst, deren 
sexuelle Herkunft nicht erinnert werden soll, auf die gemeinen 
primären Phobien des Menschen vor Tieren, Gewitter, Dunkel- 
heit u. dgl., oder auf Dinge, die unverkennbar mit dem 
Sexuellen in irgend einer Art assoziiert sind, auf das Urinieren, 
die Defäkation, auf Beschmutzung und Ansteckung überhaupt. 

Der Vorteil, den das Ich erreicht, indem es zur Abwehr 
den Weg der Transposition des Affektes einschlägt, ist 
ein weit geringerer als bei der hysterischen Konver- 
sion psychischer Erregung in somatische Innervation. Der 
Affekt, unter dem das Ich gelitten hat, bleibt unverändert 



54 



und uiiverringert nach wie vor, nur daß die unverträgliche 
Vorstellung niedergehalten, vom Erinnern ausgeschlossen ist. 
Die verdrängten Vorstellungen bilden wiederum den Kern 
einer zweiten psychischen Gruppe, die, wie mir scheint, auch 
ohne Zuhilfenahme der Hypnose zugänglich ist. Wenn bei 
den Phobien und Zwangsvorstellungen die auffälligen Symp- 
tome ausbleiben, welche bei der Hysterie die Bildung einer 
unabhängigen psychischen Gruppe begleiten, so rührt dies 
wohl daher, daß im ersteren Falle die gesamte Veränderung 
auf psychischem Gebiet geblieben ist, die Beziehung zwischen 
psychischer Erregung und somatischer Innervation keine 
Änderung erfahren hat. 

Ich will das hier über die Zwangsvorstellungen Gesagte 
durch einige Beispiele erläutern, die wahrscheinlich typischer 
Natur sind: 

1. Ein junges Mädchen leidet an Zwangsvorwürfen. Las 
sie in der Zeitung von Falschmünzern, so kam ihr der Ge- 
danke, sie habe auch falsches Geld gemacht; war irgendwo 
von einem unbekannten Täter eine Mordtat geschehen, so 
fragte sie sich ängstlich, ob sie nicht diesen Mord begangen 
habe. Dabei war sie sich der Ungereimtheit dieser Zwangs- 
vorwürfe klar bewußt. Eine Zeit lang gewann das Schuld- 
bewußtsein solche Macht über sie, daß ihre Kritik erstickt 
wurde und sie sich vor ihren Verwandten und vor dem Arzt 
anklagte, sie habe alle diese Untaten wirklich begangen 
(Psychose durch einfache Steigerung — Überwältigungs- 
psychose). Ein scharfes Verhör deckte jetzt die Quelle auf, 
aus der ihr Schuldbewußtsein stammte: Durch eine zufälHge 
wollüstige Empfindung angeregt, hatte sie sich von einer 
Freundin zur Masturbation verleiten lassen und betrieb diese 
seit Jahren mit dem vollen Bewußtsein ihres Unrechtes und 
unter den heftigsten, aber wie gewöhnlich nutzlosen Selbst- 
vorwürfen. Ein Exzeß nach dem Besuche eines Balles hatte 
die Steigerung zur Psychose hervorgerufen. — Das Mädchen 
heilte nach einigen Monaten Behandlung und strengster 
Überwachung. 

2. Ein anderes Mädchen Htt unter der Furcht, von 
Harndrang überfallen zu werden und sich nässen zu müssen, 



55 



seitdem ein solcher Drang sie wii-klich einmal genötigt hatte, 
einen Konzertsaal während der Aufführung zu verlassen. 
Diese Phobie hatte sie allmählich völlig genuß- und ver- 
kehrsunfähig gemacht. Sie fühlte sich nur wohl, wenn sie ein 
Kloset in der Nähe wußte, zu dem sie unauffäUig gelangen 
konnte. Ein organisches Leiden, welches dieses Mißtrauen 
in die Beherrschung der Blase gerechtfertigt hätte, war aus- 
geschlossen. Der Harndrang war zu Hause unter ruhigen 
Verhältnissen und zur Nachtzeit nicht vorhanden. Eingehen- 
des Examen wies nach, daß der Harndrang zum ersten Male 
unter folgenden Verhältnissen aufgetreten war: In dem Kon- 
zertsaale hatte ein Herr nicht weit von ihr Platz genommen, 
der ihrem Empfinden nicht gleichgütig war. Sie begann an 
ihn zu denken und sich auszumalen, wie sie als seine Frau 
neben ihm sitzen würde. In dieser erotischen Träumerei be- 
kam sie jene körperliche Empfindung, die man mit der Erek- 
tion des Mannes vergleichen muß, und die bei [ihr — ich 
weiß nicht, ob allgemein — mit einem leichten Harndrang 
abschloß. Sie erschrak jetzt heftig über die ihr sonst ge- 
wohnte sexuelle Empfindung, weil sie bei sich beschlossen 
hatte, diese wie jede andere Neigung zu bekämpfen, und im 
nächsten Moment hatte sich der Afiekt auf den begleitenden 
Harndrang übertragen und nötigte sie, nach qualvollem Kampf 
den Saal zu verlassen. Sie war im Leben so prüde, daß sie 
sich vor allem Sexuellen intensiv grauste, und den Gedanken^ 
je zu heiraten, nicht fassen konnte; andererseits war sie 
sexuell so hyperästhetisch, daß bei jeder erotischen Träumerei 
die sie sich gerne gestattete, jene wollüstige Empfindung 
auftrat. Der Harndrang hatte die Erektion jedesmal begleitet, 
ohne ihr bis zu der Szene im Konzertsaal einen Eindruck 
zu machen. Die Behandlung führte zu einer fast vollkommenen 
Beherrschung der Phobie. 

3. Eine junge Frau, die aus fünfjähriger Ehe nur ein 
Kind hatte, klagte mir über den Zwangsimpuls, sich vom 
Fenster oder Balkon zu stürzen, und über die Furcht, die 
sie beim Anblick eines scharfen Messers ergreife, ihr Kind 
damit zu erstechen. Der eheliche Verkehr, gestand sie zu, 
werde selten und nur mit Vorsicht gegen die Konzeption 



56 



ausgeübt; allein das feUe ilir niclit, sie sei keine sinnliche 
Natur. Ich getraute mich darauf ihr zu sagen, daß sie beim 
Anblicke eines Mannes erotische Vorstellungen bekomme, daß 
sie darum das Vertrauen zu sich verloren habe und sich als 
eine verworfene Person vorkomme, die zu allem fähig sei. 
Die E.i\ckübersetzung der Zwangsvorstellung ins Sexuelle war 
gelungen; sie gestand sofort weinend ihr lange verborgenes 
eheliches Elend ein und teilte später auch peinliche Vor- 
stellungen von unverändert sexuellem Charakter mit, so die 
häufig wiederkehrende Empfindung, als ob sich etwas unter 
ihre Röcke dränge. 

Ich habe mir derartige Erfahrungen für die Therapie 
zunutze gemacht, um bei Phobien und Zwangsvorstellungen 
trotz alles Sträubens der Kranken die Aufmerksamkeit auf 
die verdrängten sexuellen Vorstellungen zurückzulenken und, 
wo es anging, die Quellen, aus denen dieselben stammten, zu 
verstopfen. Ich kann natürlich nicht behaupten, daß alle 
Phobien und Zwangsvorstellungen auf die hier aufgedeckte 
Weise entstehen; erstens umfaßt meine Erfahrung eine im 
Verhältnis zur Reichhaltigkeit dieser Neurosen nur beschränkte 
Anzahl, und zweitens weiß ich selbst, daß diese „psycha- 
sthenischen" Symptome (nach J a n e t s Bezeichnung) nicht 
alle gleichwertig sind. *) Es gibt zum Beispiel rein hysterische 
Phobien. Ich meine aber, daß der Mechanismus der Trans- 
position des Affektes bei der großen Mehrzahl der Phobien 
und Zwangsvorstellungen nachzuweisen sein wird, und möchte 
dafür eintreten, diese Neurosen, die sich ebenso ott isoliert 
als mit Hysterie oder Neurasthenie kombiniert finden, nicht mit 
der gemeinen Neurasthenie zsammenzuwerfen, für deren Grund- 
symptome ein psychischer Mechanismus gar nicht anzu- 
nehmen ist. 



J) Die Gruppe von typischen Phobien, für welche die Agora- 
phobie VorbUd ist, läßt sich nicht auf den oben entwickelten psychi- 
schen Mechanismus zurückführen, vielmehr weicht der Mechanismus der 
Agoraphobie von dem der echten Zwangsvorstellungen und der auf 
solche reduzierbaren Phobien in einem entscheidenden Punkte ab. Es 
findet sich hier keine verdrängte Vorstellung, von welcher der Angst- 
affekt abgetrennt wäre. Die Angst dieser Phobien hat einen anderen 
Ursprung. 



57 



m. 

In beiden bisher betrachteten Fällen war die Abwehr 
der unverträglichen Vorstellung durch Trennung derselben 
von ihrem Affekt geschehen ; die Vorstellung war, wenngleich 
geschwächt und isoliert, dem Bewußtsein verblieben. Es gibt 
nun eine weit energischere und erfolgreichere Art der Abwehr, 
die darin besteht, daß das Ich die unerträgliche Vorstellung 
mitsamt ihrem Affekt verwirft und sich so benimmt, als ob 
die Vorstellung nie an das Ich herangetreten wäre. Allein 
in dem Moment, in dem dies gelungen ist, be- 
findet sich die Person in einer Psychose, die 
man wohl nur als „halluzinatorische Verworren- 
heit" klassifizieren kann. Ein einziges Beispiel soll 
diese Behauptung erläutern: 

Ein junges Mädchen hat einem Manne eine erste im- 
pulsive Neigung geschenkt und glaubt fest an seine Gegen- 
liebe. Tatsächlich befindet sie sich im Irrtum; der junge 
Mann hat ein anderes Motiv, ihr Haus aufzusuchen. Die 
Enttäuschungen bleiben auch nicht aus; sie erwehrt sich 
ihrer zunächst, indem sie die entsprechenden Erfahrungen 
hysterisch konvertiert, erhält so ihren Glauben, daß er eines 
Tages kommen und um sie anhalten würde, fühlt sich aber 
dabei infolge unvollständiger Konversion und beständigen 
Andranges neuer schmerzlicher Eindrücke unglücklich und 
krank. Sie erwartet ihn endlich in höchster Spannung für 
einen bestimmten Tag, den Tag einer Familienfeier. Der 
Tag verrinnt, ohne daß er gekommen wäre. Nachdem alle 
Züge, mit denen er ankommen könnte, vorüber sind, schlägt 
sie in halluzinatorische Verworrenheit um. Er ist angekommen, 
sie hört seine Stimme im Garten, eilt in Nachtkleidung 
herunter, ihn zu empfangen. Von da an lebt sie durch zwei 
Monate in einem glücklichen Traum, dessen Inhalt ist: er 
sei da, sei immer um sie, es sei alles so wie vorhin (vor 
der Zeit der mühsam abgewehrten Enttäuschungen). Hysterie 
und Verstimmung sind überwunden; von der ganzen letzten 
Zeit des Zweifels und der Leiden wird während der Krank- 
heit nicht gesprochen; sie ist glücklich, so lange man sie 
ungestört läßt, und tobt nur dann, wenn eine Maßregel ihrer 



58 



Umgebung sie an etwas hindert, was sie ganz konsequent 
aus ihrem seligen Traum folgern will. Diese seinerzeit un- 
verständliche Psychose wurde zehn Jahre später durch eine 
hypnotische Analyse aufgedeckt. 

Die Tatsache, auf die ich aufmerksam mache, ist die, 
daß der Inhalt einer solchen halluzinatorischen Psychose 
gerade in der Hervorhebung jener Vorstellung 
besteht, die durch den Anlaß der Erkrankung bedroht 
war. Man ist also berechtigt zu sagen, daß das Ich durch 
die Flucht in die Psychose die unerträgliche Vorstellung 
abgewehrt hat ; der Vorgang, durch den dies erreicht worden 
ist, entzieht sich wiederum der Selbstwahrnehmung wie der 
psychologisch -klinischen Analyse. Er ist als der Ausdruck 
einer pathologischen Disposition höheren Grades anzusehen 
und läßt sich etwa wie folgt umschreiben: Das Ich reißt 
sich von der unverträglichen Vorstellung los, diese hängt aber 
untrennbar mit einem Stück der Realität zusammen, und 
indem das Ich diese Leistung vollbringt, hat es sich auch 
von der Realität ganz oder teilweise losgelöst. Letzteres ist 
nach meiner Meinung die Bedingung, unter der eigenen Vor- 
stellungen halluzinatorische Lebhaftigkeit zuerkannt wird, 
und somit befindet sich die Person nach glücklich gelungener 
Abwehr in halluzinatorischer Verworrenheit. 

Ich verfüge nur über sehr wenige Analysen von der- 
artigen Psychosen; ich meine aber, es muß sich um einen 
sehr häufig benützten Typus psychischer Erkrankung handeln, 
denn die als analog aufzufassenden Beispiele der Mutter, 
die, über den Verlust ihres Kindes erkrankt, jetzt unablässig 
ein Stück Holz im Arme wiegt, oder der verschmähten Braut, 
die seit Jahren im Putz ihren Bräutigam erwartet, fehlen in 
keinem Irrenhause. 

Es ist vielleicht nicht überflüssig hervorzuheben, daß 
die drei hier geschilderten Arten der Abwehr und somit die 
drei Formen von Erkrankung, zu denen diese Abwehr führt, 
an derselben Person vereinigt sein können. Das gleichzeitige 
Vorkommen von Phobien und hysterischen Symptomen, das 
in praxi so häufig beobachtet wird, gehört ja mit zu den 
Momenten, die eine reinliche Trennung der Hysterie von 



59 



anderen Neurosen erschweren und zur Aufstellung der 
„gemischten Neurosen" nötigen. Die halluzinatorische Ver- 
worrenheit zwar verträgt sich häufig nicht mit dem Fort- 
bestand der Hysterie, in der Regel nicht mit dem der Zwangs- 
vorstellungen. Dafür ist es nichts seltenes, daß eine Abwehr- 
psychose den Verlauf einer hysterischen oder gemischten 
Neurose episodisch durchbricht. 



Ich will endhch mit wenigen Worten der Hilfsvor- 
stellung gedenken, deren ich mich in dieser Darstellung der 
Abwehrneurosen bedient habe. Es ist dies die Vorstellung, 
daß an den psychischen Funktionen etwas zu unterscheiden 
ist (Affektbetrag, Erregungssumme), das alle Eigenschaften 
einer Quantität hat — wenngleich wir kein Mittel besitzen, 
dieselbe zu messen — etwas, das der Vergrößerung, Ver- 
minderung, der Verschiebung und der Abfuhr fähig ist und 
sich über die Gedächtnisspuren der Vorstellungen verbreitet, 
etwa wie eine elektrische Ladung über die Oberflächen der 
Körper. 

Man kann diese Hypothese, die übrigens bereits unserer 
Theorie des „Abre agier ens" (Vorläufige Mitteilung 1893) zu- 
grunde liegt, in demselben Sinne verwenden, wie es die 
Physiker mit der Annahme des strömenden elektrischen 
Fluidums tun. Grerechtfertigt ist sie vorläufig durch ihre 
Brauchbarkeit zur Zusammenfassung und Erklärung mannig- 
faltiger psychischer Zustände. 

Wien, Ende Jänner 1894. 



V. 

über die Berechtigung, von der Neurasthenie 

einen bestimmten Symptomenkomplex als 

„Angstneurose" abzutrennen. 

Es ist schwierig, etwas Allgemeingiltiges von der Neu- 
rasthenie auszusagen, so lange man diesen Krankheitsnamen 
all das bedeuten läßt, wofür Beard ihn gebraucht hat. Die 
Neuropathologie, meine ich, kann nur dabei gewinnen, wenn 
man den Versuch macht, von der eigentlichen Neurasthenie 
alle jene neurotischen Störungen abzusondern, deren Symp- 
tome einerseits unter einander fester verknüpft sind als mit 
den typischen neurasthenischen Symptomen (dem Kopfdruck, 
der Spinalirritation, der Dyspepsie mit Flatulenz und Obsti- 
pation), und die andererseits in ihrer Ätiologie und ihrem 
Mechanismus wesentliche Verschiedenheiten von der typischen 
neurasthenischen Neurose erkennen lassen. Nimmt man diese 
Absicht an, so wird man bald ein ziemlich einförmiges Bild 
der Neurasthenie gewonnen haben. Man wird es dann dahin 
bringen, schärfer, als es bisher gelungen ist, verschiedene 
Pseudoneurasthenien (das Bild der organisch vermittelten 
nasalen Reflexneurose, die nervösen Störungen der Kachexien 
und der Arteriosklerose, die Vorstadien der progressiven 
Paralyse und mancher Psychosen) von echter Neurasthenie 
zu unterscheiden, ferner werden sich — nach M ö b i u s' Vor- 
schlag — manche Status nervosi der hereditär Degenerierten 
abseits stellen lassen, imd man wird auch Gründe finden, 
manche Neurosen, die man heute Neurasthenie heißt, beson- 
ders intermittierender oder periodischer Natur, vielmehr der 
MelanchoKe zuzurechnen. Die einschneidendste Veränderung 



*) „Neurologisches Centralblatt", 1895, Nr. 2. 



61 



bahnt man aber an, wenn man sich entschließt, von der 
Neurasthenie jenen Symptomenkomplex abzutrennen, den ich 
im folgenden beschreiben werde, und der die oben auf- 
gestellten Bedingungen in besonders zureichender "Weise er- 
füllt. Die Symptome dieses Komplexes stehen klinisch ein- 
ander weit näher als den echt neurasthenischen (d. h. sie 
kommen häufig zusammen vor, vertreten einander im Krank- 
heits verlauf), und Ätiologie wie Mechanismus dieser Neurose 
sind grundverschieden von der Ätiologie und dem Mechanismus 
der echten Neurasthenie, wie sie uns nach solcher Sonderung 
erübrigt. 

Ich nenne diesen Symptomenkomplex „Angstneurose", 
weil dessen sämtliche Bestandteile sich um das Hauptsymptom 
der Angst gruppieren lassen, weil jeder einzelne von ihnen 
eine bestimmte Beziehung zur Angst besitzt. Ich glaubte, 
mit dieser Auffassung der Symptome der Angstneurose 
originell zu sein, bis mir ein interessanter Vortrag von 
E. Hecker ^) in die Hände fiel, in welchem ich die näm- 
Kche Deutung mit aller wünschenswerten Klarheit und Voll- 
ständigkeit dargelegt fand. Heck er löst die von ihm als 
Äquivalente oder Rudimente des AngstanfaUes erkannten 
Symptome allerdings nicht aus dem Zusammenhange der 
Neurasthenie, wie ich es beabsichtige ; allein dies rührt offenbar 
daher, daß er auf die Verschiedenheit der ätiologischen Be- 
dingungen hier und dort keine Rücksicht genommen hat. 
Mit der Kenntnis dieser letzteren Differenz entfällt jeder 
Zwang, die Angstsymptome mit demselben Namen wie die 
echt neurasthenischen zu bezeichnen, denn die sonst will- 
kürliche Namengebung hat vor allem den Zweck, uns die 
Aufstellung allgemeiner Behauptungen zu erleichtern. 

I. Elinisclie Symptomatologie der Angstneurose. 

Was ich „Angstneurose" nenne, kommt in vollständiger 
oder rudimentärer Ausbildung, isoliert oder in Kombination 

1) E. Hecker: Über larvierte und abortive Angstzustände bei 
Neurasthenie. Centralblatt für Nervenheükunde, Dezember 1893. — Die 
Angst wird geradezu unter den Hauptsymptomen der Neurasthenie an- 
geführt in der Studie von Kaan: Der neurasthenische Angstaffekt bei 
Zwangsvorstellungen und der primordiale Grübelzwang, Wien 1893. 



62 



mit anderen Neurosen zur Beobachtung. Die einigermaßen 
vollständigen und dabei isoHerten Fälle sind natürlich die- 
jenigen, welche den Eindruck, daß die Angstneurose klinische 
Selbständigkeit besitze, besonders unterstützen. In anderen 
FäUen steht man vor der Aufgabe, aus einem Symptomen- 
komplex, welcher einer „gemischten Neurose" entspricht, 
diejenigen herauszuklauben und zu sondern, die nicht der 
Neurasthenie, Hysterie u. dgl., sondern der Angstneurose 
zugehören. 

Das klinische Bild der Angstneurose umfaßt folgende 
Symptome : 

1. Die allgemeine Reizbarkeit. Diese ist ein 
häufiges nervöses Symptom, als solches vielen Status nervosi 
eigen. Ich führe sie hier an, weil sie bei der Angstneurose 
konstant vorkommt und theoretisch bedeutsam ist. Gesteigerte 
Reizbarkeit deutet ja stets auf Anhäufung von Erregung 
oder auf Unfähigkeit, Anhäufung zu ertragen, also auf 
absolute oder relative Reizanhäufung. Einer besonderen 
Hervorhebung wert finde ich den Ausdruck dieser gesteigerten 
Reizbarkeit durch eine Gehörshyperästhesie, eine Über- 
empfindhchkeit gegen Geräusche, welches Symptom sicherHch 
durch die mitgeborene innige Beziehung zwischen Gehörs- 
eindrücken und Erschrecken zu erklären ist. Die Gehörs- 
hyperästhesie findet sich häufig als Ursache der Schlaflosig- 
keit, von welcher mehr als eine Form zur Angstneurose gehört. 

2. Die ängstliche Erwartung. Ich kann den 
Zustand, den ich meine, nicht besser erläutern, als durch 
diesen Namen und einige beigefügte Beispiele. Eine Frau 
z. B., die an ängsthcher Erwartung leidet, denkt bei 
jedem Hustenstoß ihres katarrhalisch affizierten Mannes an 
Influenzapneumonie und sieht im Geiste seinen Leichenzug 
vorüberziehen. Wenn sie auf dem Wege nach Hause zwei 
Personen vor ihrem Haustor beisammenstehend sieht, kann 
sie sich des Gedankens nicht erwehren, daß eines ihrer 
Kinder aus dem Fenster gestürzt sei ; wenn sie die Glocke 
läuten hört, so bringt man ihr eine Trauerbotschaft u. dgl., 
während doch in allen diesen Fällen kein besonderer Anlaß 
zur Verstärkung einer bloßen MögHchkeit vorliegt. 



65 



Die ängstliche Erwartung klingt natürlich stetig ins 
Normale ab, umfaßt alles, was man gemeinhin als „Ängst- 
Kchkeit, Neigung zu pessimistischer Auffassung der Dinge" 
bezeichnet, geht aber so oft als möglich über solche plausible 
Ängstlichkeit hinaus und ist häufig selbst für den Kranken 
als eine Art von Zwang erkenntlich. Für eine Form der 
ängstUchen Erwartung, nänüich für die in bezug auf die 
eigene Gesundheit, kann man den alten Krankheitsnamen 
Hypochondrie reservieren. Die Hypochondrie geht nicht 
immer der Höhe der allgemeinen ängstUchen Erwartung 
parallel, sie verlangt als Vorbedingung die Existenz von 
Parästhesien und peinlichen Körperempfindungen, und sa 
wird die Hypochondrie die Form, welche die echten Neu- 
rastheniker bevorzugen, sobald sie, was häufig geschieht, der 
Angstneurose verfallen. 

Eine weitere Äußerung der ängstlichen Erwartung dürfte 
die bei moralisch empfindlicheren Personen so häufige Neigung 
zur Gewissensangst, zur Skrupulosität und Pedanterie 
sein, die gleichfalls vom Normalen bis zur Steigerung als 
Zweifelsucht variiert. 

Die ängstliche Erwartung ist das Kernsymptom der 
Neurose; in ihr liegt auch ein Stück von der Theorie der- 
selben frei zutage. Man kann etwa sagen, daß hier ein 
Quant umAngst fr ei flottierend vorhanden ist, welches 
bei der Erwartung die Auswahl der Vorstellungen beherrscht 
und jederzeit bereit ist, sich mit irgend einem passenden 
VorsteUungsinhalt zu verbinden. 

3. Es ist dies nicht die einzige Art, wie die fürs Bewußt- 
sein meist latente, aber konstant lauernde Ängstlichkeit sich 
äußern kann. Diese kann vielmehr auch plötzlich ins Bewußt- 
sein hereinbrechen, ohne vom Vorstellungsablauf geweckt zu 
werden, und so einen Angstanfall hervorrufen. Ein solcher 
Angstanfall besteht entweder einzig aus dem Angstgefühl 
ohne jede assoziierte Vorstellung, oder mit der nahehegenden 
Deutung der Lebens Vernichtung, des „Schlag-treffens", des 
drohenden Wahnsinns, oder aber dem Angstgefühl ist irgend 
welche Parästhesie beigemengt (ähnhch der hysterischen Aura), 
oder endhch mit der Angstempfindung ist eine Störung irgend 



64 

einer oder mehrerer Körperfunktionen, der Atmung, Herz- 
tätigkeit, der vasomotorischen Innervation, der Drüsentätigkeit 
verbunden. Aus dieser Kombination hebt der Patient bald 
das eine, bald das andere Moment besonders hervor, er klagt 
über „Herzkrampf", Atemnot", „Schweißausbrüche", „Heiß- 
hunger" u. dgl., und in seiner Darstellung tritt das Angst- 
gefühl häufig ganz zurück oder wird recht unkenntlich als 
ein „Schlechtwerden", „Unbehagen" usw. bezeichnet. 

4. Interessant und diagnostisch bedeutsam ist nun, daß 
das Maß der Mischung dieser Elemente im AngstfaU ungemein 
variiert, und daß nahezu jedes begleitende Symptom den 
Anfall ebensowohl allein konstituieren kann wie die Angst 
selbst. Es gibt demnach rudimentäre Angstanfälle 
und Äquivalente des Angstanfalls, wahrscheinlich 
alle von der gleichen Bedeutung, die einen großen und bis 
jetzt wenig gewürdigten Reichtum an Formen zeigen. Das 
genauere Studium dieser larvierten Angstzustände (H e c k e r) 
und ihre diagnostische Trennung von anderen Anfällen 
dürfte bald zur notwendigen Arbeit für den Neuropathologen 
werden. 

Ich füge hier nur die Liste der mir bekannten Formen 
des Angstanfalls an: 

a) Mit Störungen der Herztätigkeit, Herzklopfen, 
mit kurzer Arrythmie, mit länger anhaltender Tachykardie bis 
zu schweren Schwächezuständen des Herzens, deren Unter- 
scheidung von organischer Herzaffektion nicht immer leicht 
ist; Pseudoangina pectoris, ein diagnostisch heikles Gebiet! 

h) Mit Störungen der Atmung, mehrere Formen von 
nervöser Dyspnoe, asthmaartigem Anfall u. dgl. Ich hebe 
hervor, daß selbst diese Anfälle nicht immer von kenntlicher 
Angst begleitet sind. 

c) Anfälle von Schweiß ausbrüchen, oft nächtlich. 

d) Anfälle von Zittern und Schütteln, die nur zu 
leicht mit hysterischen verwechselt werden. 

c) AnfäUe von Heißhunger, oft mit Schwindel ver- 
bunden. 

f) Anfallsweise auftretende Diarrhöen. 

g) Anfälle vcn lokomotorischem Schwindel. 



65 



li) Anfälle von sogenannten Kongestionen, so ziem- 
lich alles, was man vasomotorische Neurasthenie genannt hat. 

i) AnfäUe von Parästhesien (diese aber selten ohne Angst 
•oder ein ähnliches Unbehagen). 

5. Nichts als eine Abart des AngstanfaUes ist sehr 
häufig das nächtliche Aufschrecken (Pavor nocturnus 
der Erwachsenen), gewöhnlich mit Angst, mit Dyspnoe, 
Schweiß u. dgl. verbunden. Diese Störung bedingt eine zweite 
Form von Schlaflosigkeit im Rahmen der Angstneurose. — 
Es ist mir übrigens unzweifelliaft geworden, daß auch der 
Pavor nocturnus der Kinder eine Form zeigt, die zur Angst- 
neurose gehört. Der hysterische Anstrich, die Verknüpfung 
der Angst mit der Reproduktion eines hierzu geeigneten 
Erlebnisses oder Traumes, lassen den Pavor nocturnus der 
Kinder als etwas Besonderes erscheinen; er kommt aber auch 
rein vor, ohne Traum oder wiederkehrende Halluzination. 

6. Eine hervorragende SeUung in der Symptomengruppe 
der Angstneurose nimmt der „Schwindel" ein, der in seinen 
leichtesten Formen besser als „Taumel" zu bezeichnen ist, 
in schwererer Ausbildung als „Schwindelanfall" mit oder ohne 
Angst zu den folgenschwersten Symptomen der Neurose gehört. 
Der Schwindel der Angstneurose ist weder ein Drehschwindel, 
noch läßt er, wie der Menieresche Schwindel, einzelne 
Ebenen und Richtungen hervorheben. Er gehört dem loko- 
motorischen oder koordinatorischen Schwindel an wie der 
Schwindel bei Augenmuskellähmung; er besteht in einem 
spezifischen Mißbehagen, begleitet von den Empfindungen, 
daß der Boden wogt, die Beine versinken, daß es unmöglich 
ist, sich weiter aufrecht zu halten, und dabei sind die Beine 
bleischwer, zittern oder knicken ein. Zum Hinstürzen führt 
dieser Schwindel nie. Dagegen möchte ich behaupten, daß 
ein solcher Schwindelanfall auch durch einen Anfall von tiefer 
Ohnmacht vertreten werden kann. Andere ohnmachtartige 
Zustände bei der Angstneurose scheinen von einem Herz- 
kollaps abzuhängen. 

Der SchwindelanfaU ist nicht selten von der schlimmsten 
Art von Angst begleitet, häufig mit Herz- und Atemstörungen 
kombiniert. Höhenschwindel, Berg- und Abgrundschwindel 

Freud, Neurosenlehre. 5 



66 



finden sicli nach meinen Beobachtungen gleichfalls bei der 
Angstneurose häufig vor; auch weiß ich nicht, ob man noch 
berechtigt ist, nebenher einen Vertigo a stomacho laeso an- 
zuerkennen. 

7. Auf Grund der chronischen Ängstlichkeit (ängstliche 
Erwartung) einerseits, der Neigung zum Schwindel-Angstanfall 
andererseits entwickeln sich zwei Gruppen von typischen 
Phobien, die erste auf die allgemein physiologischen Be- 
drohungen, die andere auf die Lokomotion bezüglich. Zur 
ersten Gruppe gehören die Angst vor Schlangen, Gewitter, 
Dunkelheit, Ungeziefer u. dgl. sowie die typische moralische 
Überbedenklichkeit, Formen der Zweifelsucht; hier wird die 
disponible Angst einfach zur Verstärkung von Abneigungen 
verwendet, die jedem Menschen instinktiv eingepflanzt sind. 
Gewöhnlich bildet sich eine zwangsartig wirkende Phobie 
aber erst dann, wenn eine Reminiszenz an ein Erlebnis 
hinzukommt, bei welchem diese Angst sich äußern konnte, 
z. B. nachdem der Kranke ein Gewitter im Freien mit- 
gemacht hat. Man tut Unrecht, solche Fälle einfach als F o r t- 
dauer starker Eindrücke erklären zu woUen; was diese 
Erlebnisse bedeutsam und ihre Erinnerung dauerhaft macht, 
ist doch nur die Angst, die damals hervortreten konnte und 
heute ebenso hervortreten kann. Mit anderen "Worten, solche 
Eindrücke bleiben kräftig nur bei Personen mit „ängstlicher 
Erwartung", 

Die andere Gruppe enthält die Agoraphobie mit allen 
ihren Nebenarten, sämtliche charakterisiert durch die Be- 
ziehung auf die Lokomotion. Ein vorausgegangener Schwindel- 
anfall findet sich hierbei häufig als Begründung der Phobie; 
ich glaube nicht, daß man ihn jedesmal postulieren darf. 
GelegentHch sieht man, daß nach einem ersten Schwindel- 
anfall ohne Angst die Lokomotion zwar beständig von der 
Sensation des Schwindels begleitet wird, aber ohne Ein- 
schränkung möglich bleibt, daß dieselbe aber unter den 
Bedingungen des Alleinseins, der engen Straße u. dgl. versagt, 
wenn einmal sich zum Schwindelanfall Angst hinzugesellt hat. 
Das Verhältnis dieser Phobien zu den Phobien der 
Zwangsneurose, deren Mechanismus ich in einem firüheren 



67 



Aufsätze ^) in diesem Blatte aufgedeckt habe, ist folgender 
Art : Die Übereinstimmung liegt darin, daß hier wie dort eine 
Vorstellung zwangsartig wird durch die Verknüpfung mit 
einem disponiblen Affekt. Der Mechanismus der Affekt- 
versetzung gilt also für beide Arten von Phobien. Beiden 
Phobien der Angstneurose ist aber 1. dieser Affekt ein 
monotoner, stets der der Angst ; 2. stammt er nicht von einer 
verdrängten Vorstellung her, sondern erweist sich bei psycho- 
logischer Analyse als nicht weiter reduzierbar, wie 
er auch durch Psychotherapie nicht anfechtbar 
ist. Der Mechanismus der Substitution gilt also für die 
Phobien der Angstneurose nicht. 

Beiderlei Arten von Phobien (oder Zwangsvorstellungen) 
kommen häufig neben einander vor, obwohl die atypischen 
Phobien, die auf Zwangsvorstellungen beruhen, nicht notwendig 
auf dem Boden der Angstneurose erwachsen müssen. Ein sehr 
häufiger, anscheinend komphzierter Mechanismus stellt sich 
heraus, wenn bei einer ursprünglich einfachen Phobie der 
Angstneurose der Inhalt der Phobie durch eine andere Vor- 
stellung substituiert wird, die Substitution also nachträglich 
zur Phobie hinzukommt. Zur Substitution werden am häufigsten 
die „Schutzmaßregeln" benutzt, die ursprünglich zur 
Bekämpfung der Phobie versucht worden sind. So entsteht 
z. B. die Grübelsucht aus dem Bestreben, sich den Gegen- 
beweis zu Hefern, daß man nicht verrückt ist, wie die hypo- 
chondrische Phobie behauptet: das Zaudern und Zweifeln, 
vielmehr Repetieren der Folie de doute entspringt dem be- 
rechtigten Zweifel in die Sicherheit des eigenen Gedanken- 
ablaufes, da man sich doch so hartnäckiger Störung durch 
die zwangsartige Vorstellung bewußt ist u. dgl. Man kann 
daher behaupten, daß auch viele Syndrome der Zwangsneurose, 
wie die Folie du doute und ähnliches, klinisch, wenn auch 
nicht begrifflich, der Angstneurose zuzurechnen sind. 2) 

8. Die Verdauungstätigkeit erfährt bei der Angstneurose 
nur wenige, aber charakteristische Störungen. Sensationen 
wie Brechneigung und Übligkeiten sind nichts Seltenes, und 

^) Die Abwehr-Neuropsychosen. Neurol. Centralbl.,1894, Nr. 10 u. 11. 
2) Obsessions et pliobies. Revue neurologique, 1895. 

5* 



68 

das Symptom des Heißhungers kann allein oder mit anderen 
(Kongestionen) einen rudimentären Angstanfall abgeben; als 
chronische Veränderung, analog der ängstlichen Erwartung, 
findet man eine Neigung zur Diarrhöe, die zu den seltsamsten 
diagnostischen Irrtümern Anlaß gegeben hat. "Wenn ich nicht 
irre, ist es diese Diarrhöe, auf welche Möbius^) unlängst 
in einem kleinen Aufsatze die Aufmerksamkeit gelenkt hat. 
Ich vermute femer, Peyers reflektorische Diarrhöe, die er 
von Erkrankungen der Prostata ableitet ^), ist nichts anderes 
als diese Diarrhöe der Angstneurose. Eine reflektorische 
Beziehung wird dadurch vorgetäuscht, daß in der Ätiologie 
der Angstneurose dieselben Faktoren ins Spiel kommen, die 
bei der Entstehung von solchen Prostataaffektionen u. dgl. 
tätig sind. 

Das Verhalten der Magendarmtätigkeit bei der Angst- 
neurose^ zeigt einen scharfen Gegensatz zu der Beeinflussung 
derselben Funktion bei der Neurasthenie. Mischfälle zeigen 
oft die bekannte „Abwechslung von Diarrhöe und Ver- 
stopfung". Der Diarrhöe analog ist der Harndrang der 
Angstneurose. 

9. Die Parästhesien, die den Schwindel- oder Angst- 
anfall begleiten können, werden dadurch interessant, daß sie 
sich, ähnlich wie die Sensationen der hysterischen Aura, zu 
einer festen Reihenfolge assoziieren; doch finde ich diese 
assoziierten Empfindungen im Gegensatz zu den hysterischen 
atypisch und wechselnd. Eine weitere Ähnlichkeit mit der 
Hysterie wird dadurch erzeugt, daß bei der Angstneurose 
eine Art von Konversion^) auf körperliche Sensationen 
stattfindet, die sonst nach Belieben übersehen werden 
können, z. B. auf die rheumatischen Muskeln. Eine ganze 
Anzahl sogenannter Rheumatiker, die übrigens auch als solche 
nachweisbar sind, leidet eigentlich an — Angstneurose. Neben 
dieser Steigerung der Schmerzempfindlichkeit habe ich bei einer 
Anzahl von Fällen der Angstneurose eine Neigung zu 



1) Möbius: Neuropathologische Beiträge, 1894, 2. Heft. 
*) P e y e r : Die nervösen Affektionen des Darmes, Wiener Klinik, 
Jänner 1893. 

') Freud: Abwehr-Neuropsychosen. 



69 



Halluzinationen beobaclitet, welch letztere sich nicht als 
hysterische deuten ließen. 

10. Mehrere der genannten Symptome, welche den Angst- 
anfall begleiten oder vertreten, kommen auch in chronischer 
Weise vor. Sie sind dann noch weniger leicht kenntlich, da 
die sie begleitende ängstliche Empfindung undeutHcher aus- 
fällt als beim Angstanfall. Dies gilt besonders für die Diarrhöe, 
den Schwindel und die Parästhesien. Wie der SchwindelanfaU 
durch einen Ohnmachtsanfall, so kann der chronische Schwindel 
durch die andauernde Empfindung großer Hinf äUigkeit, Mattig- 
keit u. dgl. verteten werden. 

n. Vorkommen und Ätiologie der Angstneurose. 

In manchen Fällen von Angstneurose läßt sich eine 
Ätiologie überhaupt nicht erkennen. Es ist bemerkenswert, 
daß in solchen FäUen der Nachweis einer schweren hereditären 
Belastung selten auf Schwierigkeiten stößt. 

Wo man aber Grund hat, die Neurose für eine erwor- 
bene zu halten, da findet man bei sorgfältigem, dahin 
zielendem Examen als ätiologisch wirksame Momente eine 
Reihe von Schädlichkeiten und Einflüssen aus dem Sexual- 
leben. Dieselben scheinen zunächst mannigfaltiger Natur, 
lassen aber leicht den gemeinsamen Charakter herausfinden, der 
ihre gleichartige Wirkung auf das Nervensystem erklärt; sie 
finden sich femer entweder allein oder neben anderen banalen 
Schädlichkeiten, denen man eine unterstützende Wirkung 
zuschreiben darf. Diese sexuelle Ätiologie der Angstneurose 
ist so überwiegend häufig nachzuweisen, daß ich mich getraue, 
für die Zwecke dieser kurzen Mitteilung die FäUe 
mit zweifelhafter oder andersartiger Ätiologie beiseite zu 
lassen. 

Für die genauere Darstellung der ätiologischen Be- 
dingungen, unter denen die Angstneurose vorkommt, wird es 
sich empfehlen, Männer und Frauen gesondert zu behandeln. 
Die Angstneurose stellt sich bei weiblichen Individuen — 
nur abgesehen von deren Disposition — in folgenden Fällen ein: 

a) als virginale Angst oder Angst der Adoles- 
centen. Eine Anzahl von unzweideutigen Beobachtungen 



70 



hat mir gezeigt, daß ein erstes Zusammentreffen mit dem 
sexuellen Problem, eine einigermaßen plötzliche Enthüllung 
des bisher Verschleierten, z. B. durch den Anbhck eines 
sexuellen Aktes, eine Mitteilung oder Lektüre, bei heran- 
reifenden Mädchen eine Angstneurose hervorrufen kann, die 
fast in typischer Weise mit Hysterie kombiniert ist; 

h) als Angst der Neuvermählten. Junge Frauen, 
die bei den ersten Kohabitationen anästhetisch geblieben sind, 
verfallen nicht selten der Angstneurose, die wieder verschwindet, 
nachdem die Anästhesie normaler Empfindlichkeit Platz ge- 
macht hat. Da die meisten jungen Frauen bei solcher anfänglicher 
Anästhesie gesund bleiben, bedarf es für das Zustandekommen 
dieser Angst Bedingungen, die ich auch angeben werde; 

c) als Angst der Frauen, deren Männer Ejaculatio praecox 
oder sehr herabgesetzte Potenz zeigen; und 

d) deren Männer den Coitus interruptus oder reservatus 
üben. Diese Fälle gehören zusammen, denn man kann sich 
bei der Analyse einer großen Anzahl von Beispielen leicht 
überzeugen, daß es nur darauf ankommt, ob die Frau beim 
Koitus zur Befriedigung gelangt oder nicht. Im letzteren Falle 
ist die Bedingung für die Entstehung der Angstneurose ge- 
geben. Dagegen bleibt die Frau von der Neurose verschont, 
wenn der mit Ejaculatio praecox behaftete Mann den Congressus 
unmittelbar darauf mit besserem Erfolg wiederholen kann. 
Der Congressus reservatus mittels des Kondoms stellt für 
die Frau keine Schädlichkeit dar, wenn sie sehr rasch 
erregbar und der Mann sehr potent ist; im anderen Falle 
steht diese Art des Präventivverkehres den anderen an 
Schädlichkeit nicht nach. Der Coitus interruptus ist fast 
regelmäßig eine SchädHchkeit ; für die Frau wird er es aber 
nur dann, wenn der Mann ihn rücksichtslos übt, das heißt 
den Koitus unterbricht, sobald er der Ejaculation nahe ist, 
ohne sich um den Ablauf der Erregung der Frau zu kümmern. 
"Wartet der Mann im Gegenteile die Befriedigung der Frau 
ab, so hat ein solcher Koitus für letztere die Bedeutung eines 
normalen ; es erkrankt aber dann der Mann an Angstneurose. 
Ich habe eine große Anzahl von Beobachtungen gesammelt 
und analysiert, aus denen obige Sätze hervorgehen; 



71 



e) als Angst der Witwen und absichtlich Ab- 
stinenten, nicht selten in typischer Kombination mit Zwangs- 
vorstellungen; 

f) als Angst im Klimakterium während der letzten 
großen Steigerung der sexuellen Bedürftigkeit. 

Die Fälle c), d) und e) enthalten die Bedingungen, unter 
denen die Ansrstneurose beim weiblichen Geschlecht am 
häufigsten imd am ehesten unabhängig von hereditärer Dis- 
position entsteht. An diesen — heilbaren, erworbenen — 
Fällen von Angstneurose werde ich den Nachweis zu führen 
versuchen, daß die aufgefundene sexuelle Schädlichkeit wirklich 
das ätiologische Moment der Neurose darstellt. Ich will nur 
vorher auf die sexuellen Bedingungen der Angstneurose bei 
Männern eingehen. Hier möchte ich folgende Gruppen auf- 
stellen, die sämtUch ihre Analogien bei den Frauen finden. 

a) Angst der absichtlich Abstinenten, häufig mit 
Symptomen der Abwehr (Zwangsvorstellungen, Hysterie) 
kombiniert. Die Motive, die für absichtliche Abstinenz maß- 
gebend sind, bringen es mit sich, daß eine Anzahl von hereditär 
Veranlagten, Sonderlingen u. dgl. zu dieser Kategorie zählt. 

h) Angst der Männer mit frustraner Erregung (während 
des Brautstandes), Personen, die (aus Furcht vor den Folgen 
des sexuellen Verkehres) sich mit Betasten oder Beschauen 
des "Weibes begnügen. Diese Gruppe von Bedingungen 
(die übrigens unverändert auf das andere Geschlecht zu über- 
tragen ist — Brautschaft, Verhältnisse mit sexueller 
Schonung) liefert die reinsten Fälle der Neurose. 

c) Angst der Männer, die Coitus interruptus üben. Wie 
schon bemerkt, schädigt der Coitus interruptus die Frau, wenn 
er ohne Rücksicht auf die Befriedigung der Frau geübt 
wird ; — er wird aber zur Schädlichkeit für den Mann, wenn 
dieser, um die Befriedigung der Frau zu erzielen, den Coitus 
willkürHch dirigiert, die Ejaculation aufschiebt. Auf solche 
Weise läßt sich verstehen, daß von den Ehepaaren, die im 
Coitus interruptus leben, gewöhnlich nur ein Teil erkrankt. 
Bei Männern erzeugt der Coitus interruptus übrigens nur 
selten reine Angstneurose, meist eine Vermengung derselben 
mit Neurasthenie. 



72 



d) Angst der Männer im S e n i u m. Es gibt Männer,, 
die wie die Frauen ein Klimakterium zeigen und zur Zeit 
ihrer abnehmenden Potenz und steigenden Libido Angst- 
neurose produzieren. 

Endlich muß ich noch zwei Fälle anschließen, die für 
beide Geschlechter gelten: 

e) Die Neurastheniker infolge von Masturbation verfallen 
in Angstneurose, sobald sie von ihrer Art der sexuellen Be- 
friedigung ablassen. Diese Personen haben sich besonders 
unfähig gemacht, die Abstinenz zu ertragen. 

Ich bemerke hier als wichtig für das Verständnis der 
Angstneurose, daß eine irgend bemerkenswerte Ausbildung 
derselben nur bei potent gebliebenen Männern und bei nicht 
anästhetischen Frauen zustande kommt. Bei Neurasthenikern, 
die durch Masturbation bereits schwere Schädigung ihrer 
Potenz erworben haben, fällt die Angstneurose im Falle der 
Abstinenz recht dürftig aus und beschränkt sich meist auf 
Hypochondrie und leichten chronischen Schwindel. Die Frauen 
sind ja in ihrer Mehrheit als „potent" zu nehmen; eine wirklich 
impotente, d. h. wirkHch anästhetische Frau ist gleichfalls 
der Angstneurose wenig zugängKch und erträgt die ange- 
führten Schädlichkeiten auffällig gut. 

"Wieweit man etwa sonst berechtigt ist, konstante Be- 
ziehungen zwischen einzelnen ätiologischen Momenten und 
einzelnen Symptomen aus dem Komplex der Angstneurose 
anzunehmen, möchte ich hier noch nicht erörtern. 

f) Die letzte der anzuführenden ätiologischen Bedingungen 
scheint zunächst überhaupt nicht sexueller Natur zu sein. Die 
Angstneurose entsteht, und zwar bei beiden Geschlechtern,, 
auch durch das Moment der Überarbeitung, erschöpfender 
Anstrengung, z, B. nach Nachtwachen, Krankenpflegen und 
selbst nach schweren Krankheiten. 



Der Haupteinwand gegen meine Aufstellung einer 
sexuellen Ätiologie der Angstneurose wird wohl dahin lauten : 
derartige abnorme Verhältnisse des Sexuallebens fänden sich 
so überaus häufig, daß sie überall zur Hand sein müssen, wo 
man nach ihnen sucht. Ihr Vorkommen in den angeführten 



7a 



Fällen von Angstneurose beweise also nicht, daß in ihnen 
die Ätiologie der Neurose aufgedeckt sei. XJbrigens sei die 
Anzahl der Personen, die Coitus interruptus u. dgl. treiben^ 
unvergleichlich größer als die Anzahl der mit Agstneurose 
Behafteten, und die überwiegende Menge der ersteren befände 
sich bei dieser SchädHchkeit recht wohl. 

Ich habe darauf zu erwidern, daß man bei der anerkannt 
übergroßen Häufigkeit der Neurosen und der Angstneurose 
speziell ein selten vorkommendes ätiologisches Moment 
gewiß nicht erwarten dürfe; ferner daß damit geradezu ein, 
Postulat der Pathologie erfüllt sei, wenn sich bei einer ätio- 
logischen Untersuchung das ätiologische Moment noch häufiger 
nachweisen lasse als dessen Wirkung, da ja für letztere noch 
andere Bedingungen (Disposition,r!Summation der spezifischen 
Ätiologie, Unterstützung durch andere, banale Schädlichkeiten) 
erfordert werden können; ferner, daß die detaillierte Zer- 
gHederung geeigneter Fälle von Angstneurose die Bedeutung 
des sexuellen Momentes ganz unzweideutig erweist. Ich will 
mich hier aber nur auf das ätiologische Moment des Coitus 
interruptus und auf die Hervorhebung einzelner beweisender 
Erfahrungen beschränken. 

1. So lange die Angstneurose bei jungen Frauen noch 
nicht konstituiert ist, sondern in Ansätzen hervortritt, die 
immer wieder spontan verschwinden, läßt sich nachweisen, daß 
jeder solche Schub der Neurose auf einen Koitus mit man- 
gelnder Befriedigung zurückgeht. Zwei Tage nach dieser Ein- 
wirkung, bei wenig resistenten Personen am Tage nachher, 
tritt regelmäßig der Angst- oder Schwindelanfall auf, an den 
sich andere Symptome der Neurose schließen, um — bei 
seltenerem ehehchen Verkehr — wieder mit einander abzu- 
klingen. Eine zufällige Reise des Mannes, ein Aufenthalt im 
Gebirge, der mit Trennung des Ehepaares verbunden ist, tun 
gut; die zumeist in erster Linie eingeleitete gynäkologische 
Behandlung nützt dadurch, daß während ihrer Dauer der 
eheliche Verkehr aufgehoben ist. Merkwürdigerweise ist der 
Erfolg der lokalen Behandlung ein vorübergehender, stellt 
sich die Neurose noch im Gebirge wieder ein, sobald der 
Mann seinerseits in die Ferien tritt u. dgl. Läßt man als ein 



74 



dieser Ätiologie kundiger Arzt bei noch nicht konstituierter 
Neurose den Coitus interruptus durch normalen Verkehr er- 
setzen, so ergibt sich die therapeutische Probe auf die 
hier aufgestellte Behauptung. Die Angst ist behoben und 
kehrt ohne neuen, ähnlichen Anlaß nicht wieder. 

2. In der Anamnese vieler Fälle von Angstneurose findet 
man bei Männern wie bei Frauen ein auffälliges Schwanken 
in der Intensität der Erscheinimgen, ja im Kommen und 
Gehen des ganzen Zustandes. Dieses Jahr war fast ganz gut, 
das nächstfolgende gräßlich u. dgl., einmal fällt die Besserung 
zugunsten einer bestimmten Kur aus, die aber beim nächsten 
AnfaU ganz im Stiche gelassen hat u. dgl. m. Erkundigt man 
sich nun nach Anzahl und Reihenfolge der Kinder und stellt 
diese Ehechronik dem eigentümlichen Verlauf der Neurose 
gegenüber, so ergibt sich als einfache Lösung, daß die 
Perioden von Besserung oder "Wohlbefinden mit den Gravidi- 
täten der Frau zusammenfallen, während welcher natürlich 
der Anlaß für den Präventiwerkehr entfallen war. Dem Manne 
aber hatte jene Kur, sei es beim Pfarrer Kneipp oder in 
der hydrotherapeutischen Anstalt, genützt, nach welcher er 
seine Frau gravid antraf. 

3. Aus der Anamnese der Kranken ergibt sich häufig, 
daß die Symptome der Angstneurose zu einer bestimmten 
Zeit die einer anderen Neurose, etwa der Neurasthenie, ab- 
gelöst und sich an deren Stelle gesetzt haben. Es läßt sich 
dann ganz regelmäßig nachweisen, daß kurz vor diesem 
"Wechsel des Bildes ein entsprechender "Wechsel in der Art 
der sexuellen Schädigung stattgefunden hat. 

"Während derartige, nach Belieben zu vermehrende Er- 
fahrungen dem Arzte für eine gewisse Kategorie von Fällen 
die sexuelle Ätiologie geradezu aufdrängen, lassen sich andere 
Fälle, die sonst unverständlich blieben, mittels des Schlüssels 
der sexuellen Ätiologie wenigstens widerspruchslos verstehen 
und einreihen. Es sind dies jene sehr zahlreichen Fälle, in 
denen zwar alles vorhanden ist, was wir bei der vorigen 
Kategorie gefunden haben, die Erscheinungen der Angst- 
neurose einerseits, das spezifische Moment des Coitus inter- 
ruptus andererseits, wo aber noch etwas anderes sich ein- 



75 



schiebt, nämlich ein langes Intervall zwischen der vermeint- 
lichen Ätiologie und deren Wirkung, und etwa noch ätio- 
logische Momente nicht sexueller Natur. Da ist z. B. 
ein Mann, der auf die Nachricht vom Tode seines Vaters 
einen Herzanfall bekommt und von da an der Angstneurose 
verfallen ist. Der Fall ist nicht zu verstehen, denn der Mann 
war bisher nicht nervös; der Tod des hochbejahrten Yaters 
erfolgte keineswegs unter besonderen Umständen, und man 
wird zugeben, daß das normale, erwartete Ableben eines alten 
Vaters nicht zu den Erlebnissen gehört, die einen gesunden 
Erwachsenen krank zu machen pflegen. Vielleicht wird die 
ätiologische Analyse durchsichtiger, wenn ich hinzunehme, 
daß dieser Mann seit 11 Jahren den Coitus interruptus mit 
Rücksicht auf seine Frau ausübt. Die Erscheinungen sind 
wenigstens genau die nämlichen, wie sie bei anderen Personen 
nach kurzer derartiger sexueller Schädigung und ohne Da- 
zwischenkimft eines anderen Traumas auftreten. Ahn lieh zu 
beurteilen ist der FaU einer Frau, deren Angstneurose nach 
dem Verlust eines Blindes ausbricht, oder des Studenten, der 
in der Vorbereitung zu seiner letzten Staatsprüfung durch 
die Angstneurose gestört wird. Ich finde die Wirkung 
hier wie dort nicht durch die angegebene Ätiologie 
erklärt. Man muß sich nicht beim Studieren „überarbeiten", 
und eine gesunde Mutter pflegt auf den Verlust eines Kindes 
nur mit normaler Trauer zu reagieren. Vor allem aber würde 
ich erwarten, daß der Student durch Überarbeitung eine 
Cephalasthenie, die Mutter in unserem Beispiele eine Hysterie 
acquirieren soUte. Daß sie beide Angstneurose bekommen, 
veranlaßt mich Wert darauf zu legen, daß die Mutter seit 
8 Jahren im eheHchen Coitus interruptus lebt, der Student 
aber seit 3 Jahren ein warmes Liebesverhältnis mit einem 
„anständigen" Mädchen unterhält, das er nicht schwängern darf. 
Diese Ausführungen laufen auf die Behauptung hinaus, 
daß die spezifische sexuelle Schädlichkeit des Coitus inter- 
ruptus dort, wo sie nicht imstande ist, für sich allein die 
Angstnem'ose hervorzurufen, doch wenigstens zu ihrer Er- 
werbung disponiert. Die Angstneurose bricht dann aus, 
sobald zur latenten Wirkung des spezifischen Momentes die 



76 



Wirkung einer anderen, banalen Schädlichkeit hinzutritt. 
Letztere kann das spezifische Moment quantitativ ver- 
treten, aber nicht qualitativ ersetzen. Das spezifische 
Moment bleibt stets dasjenige, welches die Form der Neurose 
bestimmt. Ich hoffe, diesen Satz für die Ätiologie der Neu- 
rosen auch im größeren Umfang erweisen zu können. 

Ferner ist in den letzten Erörterungen die an sich nicht 
unwahrscheinliche Annahme enthalten, daß eine sexuelle Schäd- 
lichkeit wie der Coitus interruptus sich durch Summation 
zur Geltung bringt. Je nach der Disposition des Individuums 
und der sonstigen Belastung von dessen Nervensystem wird 
es kürzere oder längere Zeit brauchen, ehe der Effekt dieser 
Summation sichtbar wird. Die Individuen, welche den Coitus 
interruptus scheinbar ohne Nachteü ertragen, werden in Wirk- 
lichkeit durch denselben zu Störungen der Angstneurose dis- 
poniert, die irgend einmal spontan oder nach einem banalen, 
sonst unangemessenen Trauma losbrechen können, gerade wie 
der chronische Alkoholiker auf dem Wege der Summation 
endlich eine Cirrhose oder andere Erkrankung entwickelt oder 
unter dem Einfluß eines Fiebers in ein Delirium verfällt. 

in. Ansätze zu einer Theorie der Angstneurose. 

Die nachstehenden Ausführungen beanspruchen nichts 
als den Wert eines ersten, tastenden Versuches, dessen Be- 
urteilung die Aufnahme der im vorigen enthaltenen Tat- 
sachen nicht beeinflussen soUte. Die Würdigung dieser 
„Theorie der Angstneurose'^ wird ferner noch dadurch er- 
schwert, daß sie bloß einem Bruchstück aus einer umfassenderen 
Darstellung der Neurosen entspricht. 

In dem bisher über die Angstneurose Vorgebrachten sind 
bereits einige Anhaltspunkte für einen Einblick in den Me- 
chanismus dieser Neurose enthalten. Zunächst die Vermutung, 
es dürfte sich um eine Anhäufung von Erregung handeln, 
sodann die überaus wichtige Tatsache, daß die Angst, die 
den Erscheinungen der Neurose zugrunde liegt, keine 
psychische Ableitung zuläßt. Eine solche wäre 
z. B. vorhanden, wenn sich als Grundlage der Angstneu- 
rose ein einmaliger oder wiederholter, berechtigter Schreck 



77 



fände, der seither die Quelle der Bereitschaft zur Angst ab- 
gäbe. Allein dies ist nicht der Fall; durch einen einmaligen 
Schreck kann zwar eine Hysterie oder eine traumatische 
Neurose erworben werden, nie aber eine Angstneurose. Ich 
habe, da sich unter den Ursachen der Angstneurose der 
Coitus interrputus so sehr in den Vordergrund drängt, anfangs 
gemeint, die Quelle der kontinuierlichen Angst könnte in der 
beim Akte jedesmal sich wiederholenden Furcht liegen, die 
Technik könnte mißglücken und demnach Konzeption erfolgen. 
Ich habe aber gefunden, daß dieser Gemütszustand der Frau oder 
des Mannes während des Coitus interruptus für die Entstehung 
der Angstneurose gleichgütig ist, daß die gegen die Folgen einer 
möglichen Konzeption im Grunde gleichgiltigen Frauen der 
Neurose ebenso ausgesetzt sind wie die vor dieser Möglich- 
keit Schaudernden, und daß es nur darauf ankam, welcher 
Teil bei dieser sexuellen Technik seine Befriedigung einbüßte. 

Einen weiteren Anhaltspunkt bietet die noch nicht er- 
wähnte Beobachtung, daß in ganzen Reihen von Fällen die 
Angstneurose mit der deutlichsten Verminderung der sexuellen 
Libido, der psychischen Lust, einhergeht, so daß die 
Kranken auf die Eröffnung, ihr Leiden rühre von „ungenügender 
Befriedigung", regelmäßig antworten : Das sei unmöglich, gerade 
jetzt sei alles Bedürfnis bei ihnen erloschen. Aus aU diesen 
Andeutungen, daß es sich um Anhäufung von Erregung 
handle, daß die Angst, welche solcher angehäufter Erregung 
wahrscheinlich entspricht, somatischer Herkunft sei, so daß 
also somatische Erregung angehäuft werde, ferner daß diese 
somatische Erregung sexueller Natur sei, und daß eine Ab- 
nahme der psychischen Beteiligung an den Sexualvorgängen 
nebenher gehe — alle diese Andeutungen, sage ich, begün- 
stigen die Erwartung, der Mechanismus der Angst- 
neurose sei in der Ablenkung der somatischen 
Sexualerregung vom Psychischen und einer da- 
durch verursachten abnormen Verwendung dieser 
Erregung zu suchen. 

Man kann sich diese Vorstellung vom Mechanismus der 
Angstneurose klarer machen, wenn man folgende Betrachtung 
über den Sexualvorgang akzeptiert, die sich zunächst auf 



78 

den Mann bezieht. Im geschleclitsreifen männlichen Organis- 
mus wird — ■ wahrscheinlich kontinuierlich — die somatische 
Sexualerregung produziert, die periodisch zu einem Reiz 
für das psychische Leben wird. Schalten wir, um unsere 
Vorstellungen darüber besser zu fixieren, ein, daß diese 
somatische Sexualerregung sich als Druck auf die mit Nerven- 
endigungen versehene Wandung der Samenbläschen äußert, 
so wird diese viszerale Erregung zwar kontinuierlich an- 
wachsen, aber erst von einer gewissen Höhe an imstande 
sein, den Widerstand der eingeschalteten Leitung bis zur 
Hirnrinde zu überwinden und sich als psychischer Beiz zu 
äußern. Dann aber wird die in der Psyche vorhandene sexuelle 
Vorstellungsgruppe mit Energie ausgestattet, und es entsteht 
der psychische Zustand Hbidinöser Spannung, welcher den 
Drang nach Aufhebung dieser Spannung mit sich bringt. 
Eine solche psychische Entlastung ist nur auf einem Wege 
möglich, den ich als spezifische oder adäquate Aktion 
bezeichnen will. Diese adäquate Aktion besteht für den männ- 
lichen Sexualtrieb in einem komplizierten spinalen Reflexakt, 
der die Entlastung jener Nervenendigungen zur Folge hat, 
und in allen psychisch zu leistenden Vorbereitungen für die 
Auslösung dieses Reflexes. Etwas anderes als die adäquate 
Aktion würde nichts fruchten, denn die somatische Sexual- 
erregung setzt sich, nachdem sie einmal den Schwellenwert 
erreicht hat, kontinuierlich in psychische Erregung um; es 
muß durchaus dasjenige geschehen, was die Nervenendigungen 
von dem auf sie lastenden Druck befreit, somit die ganze 
derzeit vorhandene somatische Erregung aufhebt und der 
subkortikalen Leitung gestattet, ihren Widerstand herzustellen. 
Ich werde es mir versagen, kompliziertere Fälle des 
Sexualvorganges in ähnlicher Weise darzustellen. Ich wiU 
nur noch die Behauptung aufstellen, daß dieses Schema im 
wesentlichen auch auf die Frau zu übertragen ist, trotz aller 
das Problem verwirrenden, artefiziellen Verzögerung und 
Verkümmerung des weiblichen Geschlechtstriebes. Es ist auch 
bei der Frau eine somatische Sexualerregung anzunehmen 
und ein Zustand, in dem diese Erregung psychischer Reiz 
wird, Libido und den Drang nach der spezifischen Aktion 



79 

hervorruft, an welclie sich das "Wollustgefühl knüpft. Nur ist 
man bei der Frau nicht imstande, anzugeben, was etwa der 
Entspannung der Samenbläschen hier analog wäre. 

In den Rahmen dieser Darstellung des Sexualvorganges, 
läßt sich nun sowohl die Ätiologie der echten Neurasthenie, 
als die der Angstneurose eintragen. Neurasthenie entsteht 
jedesmal, wenn die adäquate (Aktion) Entlastung durch eine 
minder adäquate ersetzt wird, der normale Koitus unter den 
günstigsten Bedingungen also durch eine Masturbation oder 
spontane Pollution; zur Angstneurose aber führen alle Momente, 
welche die psychische Verarbeitung der somatischen Sexual- 
eiTegung verhindern. Die Erscheinungen der Angstneurose 
kommen zustande, indem die von der Psyche abgelenkte 
somatische Sexualerregung sich subkortikal, in ganz und gar 
nicht adäquaten Reaktionen ausgibt. 

Ich will es nun versuchen, die vorhin angegebenen 
ätiologischen Bedingungen der Angstneurose daraufhin zu 
prüfen, ob sie den von mir aufgestellten gemeinsamen 
Charakter erkennen lassen. Als erstes ätiologisches Moment 
habe ich für den Mann die absichthche Abstinenz angeführt. 
Abstinenz besteht in der Versagung der spezifischen Aktion, 
die sonst auf die Libido erfolgt. Eine solche Versagung wird 
zwei Konsequenzen haben können, nämlich, daß die somatische 
Erregung sich anhäuft, und dann zunächst, daß sie auf andere 
"Wege abgelenkt wird, auf denen ihr eher Entladung winkt, 
als auf dem Wege über die Psyche. Es wird also die Libido 
endlich sinken und die Erregung subkortikal als Angst sich 
äußern. Wo die Libido nicht verringert wird, oder die 
somatische Erregung auf kurzem Wege in Pollutionen ver- 
ausgabt wird, oder infolge der Zurückdrängung wirklich ver- 
siegt, da entsteht eben alles andere als Angstneurose. Auf 
solche Weise führt die Abstinenz zur Angstneurose. Die 
Abstinenz ist aber auch das Wirksame an der zweiten 
ätiologischen Gruppe, der frustranen Erregung. Der dritte 
Fall, der des rücksichtsvollen Coitus reservatus, wirkt da- 
durch, daß er die psychische Bereitschaft für den Sexual- 
ablauf stört, indem er neben der Bewältigung des Sexual- 
affektes eine andere, ablenkende, psychische Aufgabe einführt.. 



so 



Auch durch diese psychische Ablenkung schwindet allmählich 
die Libido, der weitere Verlauf ist dann derselbe wie im 
Falle der Abstinenz. Die Angst im Senium (Kümakterium 
der Männer) erfordert eine andere Erklärung. Hier läßt die 
Libido nicht nach; es findet aber, wie während des Klimak- 
teriums der Weiber, eine solche Steigerung in der Pro- 
duktion der somatischen Erregung statt, daß die Psyche 
für die Bewältigung derselben sich als relativ insuffizient 
erweist. 

Keine größeren Schwierigkeiten bereitet die Subsum- 
mierung der ätiologischen Bedingungen bei der Frau unter 
dem angeführten Gresichtspunkt. Der Fall der virginalen Angst 
ist besonders klar. Hier sind eben die Vorstellungsgruppen 
noch nicht genug entwickelt, mit denen sich die somatische 
Sexualerregung verknüpfen soll. Bei der anästhetischen Neu- 
vermählten tritt die Angst nur dann auf, wenn die ersten 
Kohabitationen ein genügendes Maß von somatischer Erregung 
wecken. Wo die lokalen Zeichen solcher Erregtheit (wie 
spontane Reizempfindung, Harndrang u. dgl.) fehlen, da bleibt 
auch die Angst aus. Der Fall der Ejaculatio praecox, des 
Coitus interruptus, erklärt sich ähnlich wie beim Manne da- 
durch, daß für den psychisch unbefriedigenden Akt allmählich 
die Libido schwindet, während die dabei wachgerufene Er- 
regung subkortikal ausgegeben wird. Die Herstellung einer 
Entfremdung zwischen dem Somatischen und dem 
Psychischen im Ablauf der Sexualerregung erfolgt beim 
Weibe rascher und ist schwerer zu beseitigen als beim Manne. 
Der Fall der Witwenschaft und der gewollten Abstinenz 
.sowie der Fall des KHmakteriums erledigt sich beim Weibe 
wohl ebenso wie beim Manne, doch kommt für den Fall der 
Abstinenz gewiß noch die absichthche Verdrängung des 
sexuellen Vorstellungskreises hinzu, zu welcher die mit der 
Versuchung kämpfende abstinente Frau sich häufig ent- 
schließen muß, und ähnlich mag in der Zeit der Menopause 
der Abscheu wirken, den die alternde Frau gegen die über- 
groß gewordene Libido empfindet. 

Auch die beiden zuletzt angeführten ätiologischen 
Bedingungen scheinen sich ohne Schwierigkeit einzuordnen. 



81 

Die Angstneigung der neurasthenisch gewordenen Ma- 
sturbanten erklärt sich, daraus, daß diese Personen so leicht 
in den Zustand der „Abstinenz" geraten, nachdem sie sich 
so lange gewöhnt hatten, jeder kleinen Quantität somatischer 
Erregung eine allerdings fehlerhafte Abfuhr zu schaffen. 
Endlich läßt der letzte Fall, die Entstehung der Angstneurose 
durch schwere Krankheit, Überarbeitung, erschöpfende 
Krankenpflege u. dgl., in Anlehnung an die Wirkungsweise 
des Coitus interruptus die zwanglose Deutung zu, die Psyche 
werde hier durch Ablenkung insuffizient zur Bewältigung der 
somatischen Sexualerregung, einer Aufgabe, die ihr ja kon- 
tinuierlich obliegt. Man weiß, wie tief unter denselben Be- 
dingungen die Libido sinken kann, und man hat hier ein 
schönes Beispiel einer Neurose, die zwar keine sexuelle 
Ätiologie, aber doch einen sexuellen Mechanismus 
erkennen läßt. 

Die hier entwickelte Auffassung stellt die Symptome 
der Angstneurose gewissermaßen als Surrogate der unter- 
lassenen spezifischen Aktion auf die Sexualerregung dar. Ich 
erinnere zur weiteren Unterstützung derselben daran, daß 
auch beim normalen Koitus die Erregung sich nebstbei als 
Atembeschleunigung, Herzklopfen, Schweißausbruch, Kon- 
gestion u. dgl. ausgibt. Im entsprechenden Angstanfall unserer 
Neurose hat man die Dyspnoe, das Herzklopfen u. dgl. des 
Koitus isoliert und gesteigert vor sich. 

Es könnte noch gefragt werden : "Warum gerät denn das 
Nervensystem unter solchen Umständen, bei psychischer 
Unzulänglichkeit zur Bewältigung der Sexualerregung, in 
den eigentümlichen Affektzustand der Angst? Darauf ist 
andeutungsweise zu erwidern : Die Psyche gerät in den Affekt 
der Angst, wenn sie sich unfähig fühlt, eine von a u ß en 
nahende Aufgabe (Gefahr) durch entsprechende Reaktion 
zu erledigen; sie gerät in die Neurose der Angst, wenn sie 
sich unfähig merkt, die endogen entstandene (Sexual-) Er- 
regung auszugleichen. Sie benimmt sich also, als 
projizierte sie diese Erregung nach außen. Dei 
Affekt und die ihm entsprechende Neurose stehen in fester 
Beziehung zu einander, der erstere ist die Reaktion auf eine 

Freud, Neurosenlehro. 6 



82 



exogene, die letztere die Reaktion auf die analoge endogene 
Erregung. Der Affekt ist ein rasch vorübergehender Zustand, 
die Neurose ein chronischer, weil die exogene Erregung wie 
ein einmaliger Stoß, die endogene wie eine konstante Kraft 
wirkt. Das Nervensystem reagiert in der Neurose 
gegen eine innere Erregungsquelle, wie in dem 
entsprechenden Affekt gegen eine analoge 
äußere. 

IV. Beziehung zu anderen Neurosen. 

Es erübrigen noch einige Bemerkungen über die 
Beziehungen der Angstneurose zu den anderen Neurosen 
nach Vorkommen und innerer Verwandtschaft. 

Die reinsten Fälle von Angstneurose sind auch meist 
die ausgeprägtesten. Sie finden sich bei potenten jugend- 
lichen Individuen, bei einheitHcher Ätiologie und nicht zu 
langem Bestände des Krankseins. 

Häufiger ist allerdings das gleichzeitige und gemein- 
same Vorkommen von Angstsymptomen mit solchen der 
Neurasthenie, Hysterie, der Zwangsvorstellungen, der Melan- 
choHe. Wollte man sich durch solche khnische Vermengung 
abhalten lassen, die Angstneurose als eine selbständige Einheit 
anzuerkennen, so müßte man konsequenterweise auch auf die 
mühsam erworbene Trennung von Hysterie und Neurasthenie 
wieder verzichten. 

Für die Analyse der „gemischten Neurosen" kann ich 
den wichtigen Satz vertreten: Wo sich eine gemischte 
Neurose vorfindet, da läßt sich eine Vermengung 
mehrerer spezifischer Ätiologien nachweisen. 

Eine solche Vielheit ätiologischer Momente, die eine 
gemischte Neurose bedingt, kann bloß zufällig zustande kommen, 
etwa indem eine neu hinzutretende Schädlichkeit ihre Wir- 
kungen zu denen einer früher vorhandenen addiert; zum 
Beispiel eine Frau, die von jeher Hysterica war, tritt zu einer 
gewissen Zeit ihrer Ehe in den Coitus reservatus ein und 
erwirbt jetzt zu ihrer Hysterie eine Angstneurose ; ein Mann, 
der bisher masturbiert hatte und neurasthenisch wurde, wird 
Bräutigam, erregt sich bei seiner Braut, und jetzt gesellt 
sich zur Neurasthenie eine frische Angstneurose hinzu. 



83 



In anderen Fällen ist die Mekrlieit ätiologischer Momente 
keine zufällige, sondern das eine derselben hat das andere 
mit zur Wirkung gebracht; zum Beispiel eine Frau, mit 
welcher ihr Mann Coitus reservatus ohne Rücksicht auf ihre 
Befriedigung übt, sieht sich genötigt, die peinliche Erregung 
nach einem solchen Akt durch Masturbation zu beenden; 
sie zeigt infolgedessen nicht reine Angstneurose, sondern 
daneben Symptome von Neurasthenie ; eine zweite Frau wird 
unter derselben Schädlichkeit mit lüsternen Bildern zu kämpfen 
haben, deren sie sich erwehren will, und wird auf solche 
Weise durch den Coitus interruptus nebst der Angstneurose 
Zwangsvorstellungen erwerben ; eine dritte Frau endlich wird 
infolge des Coitus interruptus die Neigung zu ihrem Manne 
einbüßen, eine andere Neigung erwerben, welche sie sorg- 
fältig geheim hält, und wird infolgedessen ein Gemenge von 
Angstneurose und Hysterie zeigen. 

In einer dritten Kategorie von gemischten Neurosen 
ist der Zusammenhang der Symptome ein noch innigerer, 
indem die nämhche ätiologische Bedingung gesetzmäßig und 
gleichzeitig beide Neurosen hervorruft. So zum Beispiel 
erzeugt die plötzHche sexuelle Aufklärung, die wir bei der 
virginalen Angst gefunden haben, immer auch Hysterie; die 
allermeisten FäUe von absichthcher Abstinenz verknüpfen sich 
von Anfang an mit echten Zwangsvorstellungen; der Coitus 
interruptus der Männer scheint mir niemals reine Angstneurose 
provozieren zu können, sondern stets eine Vermengung der- 
selben mit Neurasthenie u. dgl. 

Es geht aus diesen Erörterungen hervor, daß man die 
ätiologischen Bedingungen des Vorkommens noch unterscheiden 
muß von den spezifischen ätiologischen Momenten der Neu- 
rosen. Erstere, zum Beispiel der Coitus interruptus, die 
Masturbation, die Abstinenz, sind noch vieldeutig und können 
ein jedes verschiedene Neurosen produzieren; erst die aus 
ihnen abstrahierten ätiologischen Momente, wie inadäquate 
Entlastung, psychische Unzulänglichkeit, Ab- 
wehr mit Substitution haben eine unzweideutige und 
spezifische Beziehung zur Ätiologie der einzelnen großen 

Neurosen. 

6* 



84 

Ihreni innereii Wesen nach zeigt die Angstneurose die 
interessantesten Übereinstimmungen und Verschiedenheiten 
gegen die anderen großen Neurosen, besonders gegen Neura- 
sthenie und Hysterie. Mit der Neurasthenie teilt sie den einen 
Hauptcharakter, daß die Erregungsquelle, der Anlaß zur 
Störung, auf somatischem Gebiete liegt, anstatt wie bei Hysterie 
und Zwangsneurose auf psychischem. Im übrigen läßt sich 
eher eine Art von Gegensätzlichkeit zwischen den Symptomen 
der Neurasthenie und denen der ^ Angstneurose erkennen, die 
etwa in den Schlagworten: Anhäufung — Verarmung an 
Erregung, ihren Ausdruck fände. Diese Gegensätzlichkeit 
hindert nicht, daß sich die beiden Neurosen mit einander 
vermengen, zeigt sich aber doch darin, daß die extremsten 
Formen in beiden Fällen auch die reinsten sind. 

Mit der Hysterie zeigt die Angstneurose zunächst eine 
Reihe von Übereinstimmungen in der Symptomatologie, deren 
genauere "Würdigung noch aussteht. Das Auftreten der Er- 
scheinungen als Dauersymptome oder in Anfällen, die auraartig 
gruppierten Parästhesien, die Hyperästhesien und Druckpunkte, 
die sich bei gewissen Surrogaten des Angstanfalles, bei der 
Dyspnoe und dem Herzanfall finden, die Steigerung der etwa 
organisch berechtigten Schmerzen (durch Konversion): — 
diese und andere gemeinschaftliche Züge lassen sogar ver- 
muten, daß manches, was man der Hysterie zurechnet, mit 
mehr Fug und Recht zur Angstneurose geschlagen werden 
dürfte. Geht man auf den Mechanismus der beiden Neurosen 
ein, soweit er sich bis jetzt hat durchschauen lassen, so 
ergeben sich Gesichtspunkte, welche die Angstneurose geradezu 
als das somatische Seitenstück zur Hysterie erscheinen lassen. 
Hier wie dort Anhäufung von Erregung — worin vielleicht 
die vorhin geschilderte Ähnlichkeit der Symptome gegründet 
ist — ; hier wie dort eine psychische Unzulänglichkeit, 
der zufolge abnorme somatische Vorgänge zu- 
stande kommen. Hier wie dort tritt an Stelle einer 
psychischen Verarbeitung eine Ablenkung der Erregung in 
das Somatische ein ; der Unterschied Hegt bloß darin, daß die 
Erregung, in deren Verschiebung sich die Neurose äußert, 
bei der Angstneurose eine rein somatische (die somatische 



85 



Sexualerregung), bei der Hysterie eine psychische (durch 
Konflikt hervorgerufene) ist. Es kann daher nicht Wunder 
nehmen, daß Hysterie und Angstneurose sich gesetzmäßig 
miteinander kombinieren, wie bei der „virginalen Angst" 
oder der „sexuellen Hysterie'', daß die Hysterie eine 
Anzahl von Symptomen einfach der Angstneurose entlehnt 
u. dgl. Diese innigen Beziehungen der Angstneurose zur 
Hysterie geben auch ein neues Argument ab, um die Trennung 
der Angstneurose von der Neurasthenie zu fordern ; denn 
verweigert man diese, so kann man auch die so mühsam 
erworbene und für die Theorie der Neurosen so unentbehr- 
liche Unterscheidung von Neurasthenie und Hysterie nicht 
mehr aufrecht erhalten. 

"Wien, im Dezember 1894. 



VI. 

Obsessions et phobies. 
Leur mecanismepsychique et lenr Ätiologie/) 

Je commencerai par contester deux assertions, qui se 
trouvent souvent repetees sur le compte des Syndromes: 
„obsessions et phobies". H faut dire: 1*^ qu'ils ne se rattachent 
pas ä la neurasthenie propre, pidsque les malades atteints 
de ces symptömes sont aussi souvent des neurastheniques que 
non; 2° qu'ü n'est pas justifie de les faire dependre de la 
degeneration mentale, parce qu'ils se trouvent chez de 
personnes pas plus degenerees que la plupart des nevrosiques 
en general, parce qu'ils s'amendent quelquefois et qu'on par- 
vient meme quelquefois ä les guerir^). 

Les obsessions et les phobies sont des nevroses ä part, 
d'un mecanisme special et d'une etiologie que j'ai reussi 
ä mettre en lumiere dans un certain nombre de cas, et qui, 
je l'espere, se montreront de meme dans bon nombre de cas 
nouveaux. 

Quant ä la division du sujet je propose d'abord d'ecarter 
une classe d'obsessions intenses, qui ne sont autre chose que 
des Souvenirs, des Images non alterees d'evenements importants. 
Je citerai, par exemple, l'obsession de Pascal qui croyait 
toujours voir un abime ä son cöte gauche, „depuis qu'il avait 
manque d'etre precipite dans la Seine avec son carrosse". 
Ces obsessions et phobies, qu'on pourrait nommer traumatiques, 
se rattachent aux symptömes de l'hysterie. 

^) Eevue neurologique, EEI, 1895. 

2) Je suis tres content de trouver que les auteurs les plus recents 
sur notre sujet expriment des opinions voisines de la mienne. Voir: 
Gelineau, Des peurs maladives oxi phobies, 1894, et HackTuke, On 
imperative ideas, Brain, 1894. 



87 



Ce groupe ä part il faut distinguer : A) les obsessions 
•vraies ; B) les phobies. La difference essentielle est la suivante. 

n y a dans toute Obsession deux choses: 1° une idee 
qui s'impose an malade; 2^ nn etat emotif associe. Or, dans 
la classe des pbobies, cet etat emotif est toujours Vangoisse, 
pendant que dans les obsessions vraies ce peut etre au meme 
titre que l'anxiete un autre etat emotif, comme le doute, le 
remords, la col^re. Je tächerai d'abord d'expliquer le mecanisme 
psychologique vraiment remarquable des obsessions vraies, 
qui est bien different de celui des phobies. 

I. 

Dans beaucoup d'obsessions vraies, il est bien evident 
que l'etat emotif est la cbose principale, puisque cet etat 
persiste inaltere pendant que l'idee associee est variee. Par 
exemple, la fille de l'observation I, avait des remords, un peu 
«n raison de tout, d'avoir vole, maltraite ses sceurs, fait de la 
fausse monnaie, etc. Les personnes qui doutent, doutent de 
b)eaucoup de choses ä la fois ou successivement. C'est l'etat 
emotif qui, dans ces cas, reste le meme: l'idee change. En 
d'autres cas l'idee aussi semble fixee, comme chez la fille de 
l'observation IV, qui poursuivait d'une haine incomprehensible 
les servantes de la maison en changeant pourtant de personne. 

Eh bien, une analyse psychologique scrupuleuse de ces 
cas montre que Vetat emotif, comme tel, est toujours justifie. La 
fille I, qui a des remords, a de bonnes raisons; les femmes 
de l'observation III qui doutaient de leur resistance contre 
des tentations savaient bien pourquoi ; la fille de l'observation 
ly, qui detestait les servantes, avait bien le droit de se 
plaindre, etc. Seulement, et c'est dans ces deux caracteres 
que consiste l'empreinte pathologique: 1) l'etat emotif s'est 
4ternise, 2) Tide associee nest plus l'idee juste, l'idee originale, en 
rapport avec Vetiologie de l'ohsession, eile en est un remplagant, 
une Substitution. 

La preuve en est qu'on peut toujours trouver dans les 
antecedents du malade ä Vorigine de l'ohsession, l'idee originale, 
substituee. Les idees substituees ont des caracteres communs, 
elles correspondent ä des impressions vraiment penibles de 



la vie sexuelle de l'individu que celui-ci s'est efforce d'oublier. 
H a reussi seulement a remplacer l'idee inconciliable par une autre 
idee mal appropriee a s'associer a l'etat emotif, qui de son 
cote est reste le meme. C'est cette mesalliance de l'6tat emotif et 
de l'idee associee qui rend compte du caract^re d'absurdite 
propre aux obsessions. Je veux rapporter mes observations, et 
donner une tentative d'expHcation theorique comme conclusion. 

Obs. I. — Une fille qui se faisait des reproches, qu'elle savait ab- 
surdes, d'avoir vole, fait de la fausse monnaie, de s'etre conjuree, etc., 
Selon sa lecture journalifere. 

Bedressement de la Substitution. — Elle se reprochait l'onanisme 
qu'elle pratiquait en secret sans pouvoir y renoncer. 

Elle fut guerie par une Observation scrupuleuse qui rempecha de 
se masturber. 

Obs. II. — Jeune hoipme, etudiant en medecine, qui souffi-ait d'une 
Obsession analogue. II se reprochait toutes les actions immorales : d'avoir 
tue sa Cousine, deflore sa soeur, incendie une maison, etc. II parvint 
jusqu'ä, la necessite de se retourner dans la rue pour vorr s'il n'avait 
pas encore tue le dernier passant. 

Redressement de Ja Substitution. — II avait lu, dans un livre quasi- 
medical, que l'onanisme, auquel ü etait sujet, abimait la morale, et il 
s'en etait emu. 

Obs. in. — Plusieurs femmes qui se plaignaient de l'obsession 
de se jeter par la fenetre, de blesser leurs enfants avec des couteaux, 
ciseaux, etc. 

Bedressement. — Obsessions de tentations typiques. C'etaient des 
femmes qui, pas du tout satisfaites dans le mariage, se debattaient contre 
les desirs et les idees voluptueuses qui les hantaient k la vue d'autres 
hommes. 

Obs. IV. — Une fiUe qui parfaitement saine d'esprit et trfes 
intelligente montrait une haine incontrölable contre les servantes de la 
maison, qui s'etait eveillee k l'occasion d'une servante effi:ont6e, et s'etait 
transmise depuis de fille en fille, jusqu'a rendre le menage impossible. 
C'etait un sentiment mele de haine et de degoüt. Elle donnait comme 
motif que les saletes de ces filles lui gätaient son idee de l'amour. 

Bedressement. — Cette fille avait ete temoin involontaire d'un 
rendez-vous amoureux de sa mere. Elle s'etait cache le visage, bouche les 
oreilles, et s'etait donne la plus grande peine pour oublier la scene, qui 
la degoütait et l'aurait mise dans l'impossibilite de rester avec sa mere 
qu'elle aimait tendrement. Elle y reussit, mais la colfere, de ce qu'on lui 
avait souille i'image de l'amour, persista en eile, et cet etat Emotif ne 
tarda pas k s'associer l'idee d'une personne pouvant remplacer la mere. 

Obs. V. — Une jeune fille s'etait presque completement isolee en 
consequence de la peur obsedante de l'incontinence des urines. Elle ne 



89 



pouvait plus quitter sa chambre ou recevoir ane visite sans avoir urine 
nombre de fois. 

Chez eile et en repos complet la peur n'existait pas. 

Bedressement. — C'etait une Obsession de tentation ou de mefiance. 
Elle ne se mefiait pas de sa vessie mais de sa resistance contre une 
impulsion amoureuse. L'origine de l'obsession le montrait bien. üne fois, 
au theätre, eile avait senti ä la VTie d'un homme qui lui plaisait une 
envie amoureuse accompagnee (comme toujours dans lapoUutionspontanee 
des femmes) de l'envie d'uriner. Elle fut oblige ä quitter le theätre, 
et de ce moment eile etait en proie ä la peur d'avoir la meme Sensation, 
mais l'envie d'uriner s'etait substituee ä l'envie amoureuse. Elle guerit 
completement. 

Les observations enumerees, bien qu'elles montrent iin 
degre variable de complexite, ont ceci de commun, que l'idee 
originale (inconciliable) est substituee par une autre idee, 
idee rempla^ante. Dans les observations qui vont suivre 
maintenant, l'idee originale est aussi remplacee mais non par 
une autre idee; eile se trouve substituee par des actes ou 
impulsions qui ont servi ä l'origine comme soulagements ou 
procedes protedeurs, et qui maintenant se trouvent en asso- 
ciation grotesque avec un etat emotif qui ne leur convient 
pas mais qui est reste le meme, et aussi justifie qu'ä l'origine. 

Obs. VI. — Obsession d'arithmomanie. — üne femme avait con- 
tracte le besoin. de compter toujours les planches du parquet, les marches 
de l'escalier, etc., ce qu'elle faisait dans un etat d'angoisse ridicule. 

Bedressement. — Elle avait commence ä compter pour se distraire 
de ses idees obsedantes (de tentation). Elle y avait reussi, mais l'impul- 
sion de compter s'etait substituee ä. l'obsession primitive. 

Obs. Vn. — Obsession de „Grübelsucht" (folie de speculation). 
Une femme soxiffirait d'attaques de cette Obsession, qui ne cessaient 
qu'aux temps de maladie, pour y laisser la place ä des peurs hypo- 
condriaques. Le sujet de l'attaque etait ou une partie du corps ou 
xme fonction, par exemple, la respiration: Pourquoi faut-il respirer? Si 
je ne voulais respirer? etc. 

Bedressement. — Tout d'abord eile avait souffert de peur de devenir 
folle, phobie hypochondriaque assez commune chez les femmes non 
satisfaites par leur mari, comme eile etait. Pour se garantir qu'elle 
n'ailait pas devenir folle, qu'elle jouissait encore de son intelligence, eile 
avait commence ä se poser des questions, ä s'occuper de problemes 
serieux. Cela la tranquillisait d'abord, mais avec le temps cette habitude 
de la speculation se substituait k la phobie. Depuis plus de quinze ans 
des periodes de peur (pathophobie) et de folie de speculation alternaient 
chez eile. 



90 



Obs. VIII. Folie du doute. — Plusieurs cas, qm montraient les 
symptomes typiques de cette Obsession, mais qui s'expliquaient bien 
simplement. Ces personnes avaient souffert ou souffiraient encore 
d'obsessions diverses, et la consoieace que l'obsession les avait derangees 
dans toutes leurs actions et interrompu maintes fois le cours de leurs 
pensees provoquait le doute legitime dans la fidelite de leur memoire. 
Chacun de nous verra chanceler son assurance et sera oblige de relire 
tme lettre ou de refaire un compte si son attention a ete divertie plusieurs 
fois pendant l'execution de l'acte. Le doute est une consequence bien 
logique de la presence des obsessions. 

Obs. IX. — Folie du doute (hesitation). — La fiUe de l'obs. IV etait 
devenue extremement tardive dans toutes les actions de la vie ordinaire, 
particulierement dans sa toilette. II lui fallait des heures pour nouer les 
cordons de ses souliers ou pour se nettoyer les ongles des mains. Elle 
donnait comme explication qu'elle ne pouvait faire sa toilette ni pendant 
que les pensees obsedantes la preoccupaient, ni immediatement apres; 
de Sorte qu'elle s'etait accoutumee a attendre un temps determine apres 
chaque retour de l'idee obsedante. 

Obs. X. — Folie du doute, crainte des papiers. — Une jeune femme, 
qui avait souffert de scrupules apres avoir ecrit une lettre, et qui dans 
ce meme temps ramassait tous les papiers qu'elle voyait, donnait comme 
explication l'aveu d'un amour que jadis eile ne voulait pas confesser. 

A force de se repeter sans cesse le nom de son bien-aime, eile 
fut saisie par la peur que ce nom se serait glisse dans sa plume, qu'elle 
l'aurait trace sur quelque bout de papier dans une minute pensive.^) 

Obs. XL — Mysophohie. — Une femme qui se lavait les mains 
Cent fois par jour et ne toucbait les loquets des portes que du coude. 

Bedressement. — C'etait le cas de Lady Macbeth. Les lavages 
etaient symboliques et destines k substituer la purete physique k la 
purete morale qu'elle regrettait avoir perdue. Elle se tourmentait de 
remords pour une infidelite conjugale dont eile avait decide de chasser 
le Souvenir. Elle se lavait aussi les parties genitales. 

Quant ä la theorie de cette Substitution, je me con- 
tenterai de repondre ä trois questions qui se posent ici: 

1^ Comment cette Substitution peut-elle se faire? 

n semble qu'elle est l'expression d'une disposition psy- 
chique speciale. Au moins rencontre-t-on dans les obsessions 
assez souvent l'heredite similaire, comme dans l'hysterie. 
Ainsi le malade de l'obs, II me racontait que son pere avait 
souffert de symptomes semblables. IE me fit connaitre un j our 



1) VoLr aussi la chanson populaire allemande: 
Auf jedes weiße Blatt Papier möcht' ich es schreiben: 
Dein ist mein Herz und soll es ewig, ewig bleiben. 



91 



nn cousin germain avec obsessions et tic convulsif, et la fille 
de sa soeur, ägee de 11 ans, qni montrait dejä des obsessions 
(probablement de remords). 

2^ Qiiel est le motif de cette Substitution? 

Je crois qu'on peut l'envisager comme un acte de defense 
(Abwehr) du moi contre l'idee inconciliable. Parmi mes malades 
il y en a qui se rappeUent l'effort de la volonte pour chasser 
ridee oii le souvenir penible du rayon de la conscience 
(V. les obs. m, IV, XI). En d'autres cas cette expulsion de 
l'idee inconciliable s'est produite d'une maniere inconsciente 
qui n'a pas laisse trace dans la memoire des malades. 

3° Pourquoi l'etat emotif associe ä l'idee obsedante 
s'est-il perpetue, au lieu de s'evanouir comme les autres etats 
de notre moi? 

On peut donner cette reponse en s'adressant ä la theorie 
developpee pour la genese des symptömes hysteriques par 
M. Breuer et moi^). Ici je veux seulement remarquer que, 
par le fait meme de la Substitution, la disparition de l'etat 
emotif devient impossible. 

n. 

A ces deux groupes d'obsessions vraies s'ajoute le classe 
des „phobies", qu'il faut considerer maintenant. J'ai dejä 
mentionne la grande difference des obsessions et des phobies ; 
que dans les dernieres l'etat emotif est toujours l'anxiete, la 
peur. Je pourrais aj outer que les obsessions sont multiples et 
plus speciaHsees, les phobies plutot monotones et typiques. 

Mais ce n'est pas une difference capitale. 

On peut discerner aussi parmi les phobies deux groupes, 
caracterises par l'objet de la peur: 1° phobies communes: 
peur exageree des choses que tout le monde abhorre ou 
craint un peu: la nuit, la solitude, la mort, les maladies, les 
dangers en general, les serpents, etc. ; 2'^ phobies d'occasion, 
peur de conditions speciales, qui n'inspirent pas la crainte 
ä l'homme sain, par exemple l'agoraphobie et les autres 
phobies de la locomotion. H est interessant ä noter que ces 
dernieres phobies ne sont pas obsedfantes comme les obsessions 

1) Neurologisches Centralblatt, 1893, Nr. 1 und 2. 



92 



vraies et les phobies communes. L'etat emotif ici ne parait 
que dans le cas de ces conditions speciales que le malade 
evite soigneusement. 

Le mecanisme des phobies est tout ä fait different de 
celui des obsessions. Ce n'est plus le r^gne de la Substitution. 
Ici on ne devoile plus par l'analyse psychique une idee incon- 
ciliable, substituee. On ne trouve jamais autre chose que Vetai 
emotif anxieux, qui par une sorte d'election a fait ressortir 
toutes les idees propres a devenir l'objet d'une pbobie. Dans 
le cas de l'agoraphobie, etc., on rencontre souvent le souvenir 
d'une attaque d'angoisse, et en verite ce que redoute le malade 
c'est l'evenement d'une teUe attaque dans les conditions 
speciales oü il croit ne pouvoir y echapper. 

L'angoisse de cet etat emotif, qui est au fond des phobies, 
n'est pas derive d'un souvenir quelconque; on doit bien se 
demander quelle peut etre la source de cette condition puis- 
sante du Systeme nerveux. 

Eh. bien j'espere pouvoir demontrer une autre fois qu'il 
y a Heu de constituer une nevrose speciale, la nevrose anxieuse, 
de laquelle cet etat emotif est le Symptome principal; je 
donnerai l'enumeration de ses symptömes varies, et j'insisterai 
en ce qu'ü faut differencier cette nevrose de la neurasthenie, 
avec laquelle eUe est maintenant confondue. Ainsi les phobies 
fönt pari de la nevrose anxieuse, et eUes sont presque toujours 
accompagnees d'autres symptömes de la meme serie. 

La nevrose anxieuse est d'origine sexuelle, eile aussi, autant 
que je puis voir, mais eUe ne se rattache pas ä des idees 
tirees de la vie sexuelle : eUe n'a pas de mecanisme psychique, 
ä vrai dire. Son etiologie specifique est l'accumulation de la 
tension genesique, provoquee par l'abstinence ou l'irritation 
genesique fruste (pour donner une formule generale pour 
l'effet du co'it reserve, de l'impotence relative du mari, des 
excitations sans satisfaction des fiances, de l'abstinence 
forcee, etc.). 

C'est dans de telles conditions extremement frequentes, 
principalement pour la femme dans la societe actuelle, que 
se developpe la nevrose anxieuse, de laqueUe les phobies sont 
une manifestation psychique. 



93 



Je ferai remarquer, comme conclusion, qu'il peut y avoir 
combinaison de pLobie et d'obsession propre, et meme que 
c'est un evenement tres frequent. On peut trouver qu'il y 
avait au commencement de la maladie une phobie developpee 
comme Symptome de la nevrose anxieuse, L'idee qui constitue 
la phobie qui s'y trouve associee ä la peur, peut etre sub- 
stituee par une autre idee ou plutöt par le procede protedeur 
qui semblait soulager la peur. L'obs. VI (folie de la specu- 
lation) presente un bei exemple de cette categorie, phobie 
douhle'e d'zme Obsession vraie par Substitution. 



VII. 

Zur Kritik der „Angstneurose". 

In Nummer 2 des Nenrologischen Centralblattes 
von Mendel 1895 habe icli einen kleinen Aufsatz veröffent- 
liclit, in welchem ich den Versuch wage, eine Reihe von 
nervösen Zuständen von der Neurasthenie abzutrennen, und 
unter dem Namen „Angstneurose" selbständig zu machen. ^) 
Ich Heß mich hierzu bewegen durch ein konstantes Zusammen- 
treffen klinischer und ätiologischer Charaktere, das ja über- 
haupt für eine Sonderung maßgebend sein darf. Ich fand 
nämlich, worin mir E. H e c k e r ^) zuvorgekommen war, daß 
die in Rede stehenden neurotischen Symptome sich sämtlich 
zusammenfassen ließen als zum Ausdruck der Angst gehörig, 
und ich konnte aus meinen Bemühungen um die Ätiologie 
der Neurosen hinzufügen, daß diese Teilstücke des Komplexes 
,,Angstneurose" besondere ätiologische Bedingungen erkennen 
lassen, die der Ätiologie der Neurasthenie nahezu gegensätzlich 
sind. Meine Erfahrungen hatten mich gelehrt, daß in der 
Ätiologie der Neurosen (wenigstens der erworbenen Fälle 
und erwerbbaren Formen) sexuelle Momente eine hervor- 
ragende und viel zu wenig gewürdigte Rolle spielen, so daß 
etwa die Behauptung, „die Ätiologie der Neurosen Hege in 
der SexuaHtät" bei aU ihrer notwendigen Unrichtigkeit 
per excessum et defectum doch der Wahrheit näher kommt 
als die anderen, gegenwärtig herrschenden Lehren. Ein 
weiterer Satz, zu dem mich die Erfahrung drängte, ging 

1) Wiener klinische Rundscliau, 1895. 

2) Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten 
Symptomenkomplex als „Angstneurose" abzutrennen, von Dr. Sigm. 
Freud. 

3) E. Heck er. Über larvierte und abortive Angstzustände bei 
Neurasthenie. Centralblatt für Nervenheilkunde, Dez. 1893. 



95 



daMn, daß die verscHedenen sexuellen Noxen, nicht etwa 
nnterscliiedslos in der Ätiologie aller Neurosen zu finden 
seien, sondern daß unverkennbar besondere Beziehungen ein- 
zelner Noxen zu einzelnen Neurosen beständen. Ich durfte 
so annehmen, daß ich die spezifischen Ursachen der 
einzelnen Neurosen aufgedeckt habe. Ich suchte dann die 
Besonderheit der sexuellen Noxen, welche die Ätiologie der 
Angstneurose ausmachen, in eine kurze Formel zu fassen,, 
und gelangte (in Anlehnung an meine Auffassung des Sexual- 
vorganges, 1. c. p. 61) zu dem Satze : Angstneurose schaffe 
alles, was die somatische Sexualspannung vom Psychischen 
abhalte, an ihrer psychischen Verarbeitung störe. Wenn man 
auf die konkreten Verhältnisse zurückgeht, -in denen sich dieses 
Moment zur Geltung bringt, so ergibt sich die Behauptung,, 
daß freiwillige oder unfreiwillige Abstinenz, sexueller Verkehr 
mit unvollständiger Befriedigung, Coitus interruptus, Ablenkung 
des psychischen Interesses von der Sexualität u. dgl. m., die 
spezifischen ätiologischen Faktoren der von mir Angstneurose 
genannten Zustände seien. 

Als ich meine hier erwähnte Mitteilung zur Veröffent- 
lichung brachte, täuschte ich mich keineswegs über deren 
Macht, Überzeugung zu erwecken. Zunächst konnte ich mir 
ja sagen, daß ich nur eine knappe, unvollständige, stellen- 
weise sogar schwer verständliche Darstellung gegeben hatte, 
vielleicht gerade genügend, um die Erwartung der Leser vor- 
zubereiten. Sonst hatte ich kaum Beispiele angeführt und 
keine Zahlen genannt, die Technik der Erhebung der Anam- 
nese nicht gestreift, zur Verhütung von Mißverständnissen 
nichts vorgesorgt, andere als die naheliegendsten Einwände 
nicht berücksichtigt, und von der Lehre selbst eben nur den 
Hauptsatz und nicht die Einschränkungen hervorgehoben. 
Demnach konnte auch wirklich ein jeder sich seine eigene 
Meinung von der Verbindlichkeit der ganzen Aufstellung bilden. 
Ich konnte aber noch auf eine andere Erschwerung der Zu- 
stimmung rechnen. Ich weiß sehr wohl, daß ich mit der 
„sexuellen Ätiologie" der Neurosen nichts Neues vorgebracht 
habe, daß die Unterströmungen in der medizinischen Literatur, 
welche diesen Tatsachen Rechnung getragen, nie ausgegangen 



96 



sind, und daß die offizielle Medizin der Schulen sie eigent- 
lich auch gekannt hat. Allein die letztere hat so getan, als 
wüßte sie nichts davon; sie hat von ihrer Kenntnis keinen 
Gebrauch gemacht, keine Folgerung aus ihr gezogen. Solches 
Verhalten muß wohl eine tiefgehende Begründung haben, 
etwa in einer Art von Scheu, sexuelle Verhältnisse ins Auge 
zu fassen, oder in einer Reaktion gegen ältere, als überwunden 
betrachtete Erklärungsversuche. Jedenfalls mußte man vor- 
bereitet sein, auf Widerstand zu stoßen, wenn man den Ver- 
such wagte, Anderen etwas glaubwürdig zu machen, was diese 
ohne jede Mühe auch selbst hätten entdecken können. 

Es wäre bei solcher Sachlage vielleicht zweckmäßiger, 
auf kritische Einwendungen nicht eher zu antworten, als bis 
ich mich über das komplizierte Thema selbst ausführlicher 
geäußert und besser verständlich gemacht hätte. Dennoch 
kann ich den Motiven nicht widerstehen, die mich veran- 
lassen, einer Kritik meiner Lehre von der Angstneurose aus 
den letzten Tagen auch unverzüglich zu begegnen. Ich tue 
dies wegen der Person des Autors, L. Löwenfeld in 
München, des Verfassers der „Pathologie und Therapie der 
Neurasthenie und Hysterie", dessen Urteil beim ärztlichen 
Publikum schwer ins Gewicht fallen dürfte, wegen einer miß- 
verständlichen Auffassung, mit welcher mich die Darstellung 
Löwenfeld's belastet, und weil ich von Anfang an den 
Eindruck bekämpfen möchte, als sei meine Lehre gar so mühe- 
los durch die nächstbesten, im Vorbeigehen angebrachten Ein- 
wendungen zu widerlegen. 

Löwenfeld ^) findet mit sicherem Blick als das Wesent- 
liche meiner Arbeit heraus, daß ich für die Angstsymptome 
eine spezifische und einheitliche Ätiologie sexueller Natur 
behaupte. Ist dies nicht als Tatsache festzustellen, so ent- 
fällt auch der Hauptgrund für die Abtrennung einer selbst- 
ständigen Angstneurose von der Neurasthenie. Es erübrigt 
dann allerdings eine Schwierigkeit, auf die ich aufmerksam 
gemacht habe, daß nämlich die Angstsymptome so unver- 

1) L. Löwenfeld. Über die Verknüpfung neurasthenischer und 
hysterisclier Symptome in Anfallsform nebst Bemerkungen über die 
Freud'sche Angstneurose. Münchener med. Wochenschr. Nr. 13, 1895. 



97 



kennbare Beziehungen auch zur Hysterie haben, so daß durch 
die Entscheidung im Sinne Löwenfeld's die Sonderung von 
Hysterie und Neurasthenie zu Schaden kommt; allein dieser 
Schwierigkeit wird durch die später zu würdigende Berufung 
auf die Heredität als gemeinsame Ursache all dieser Neurosen 
begegnet. 

Durch welche Argumente stützt nun Löwen feld den 
Einspruch gegen meine Lehre? 

1. Ich habe als wesentlich für das Verständnis der 
Angstneurose hervorgehoben, daß die Angst derselben eine 
psychische Ableitung nicht zuläßt, das heißt, daß man die 
Angstbereitschaft, die den Kern der Neurose bildet, nicht 
durch einen einmaUgen oder wiederholten, psychisch be- 
rechtigten Schreckaffekt erwerben kann. Durch Schreck ent- 
stünde wohl eine Hysterie oder traumatische Neurose, aber 
keine Angstneurose. Es ist diese Leugnung, wie man leicht 
einsieht, nichts anderes als das Gegenstück zu meiner Be- 
hauptung positiven Inhalts, die Angst meiner Neurose ent- 
spreche somatischer und vom Psychischen abgelenkter Sexual- 
spannung, die sich sonst als Libido geltend gemacht hätte. 

Dagegen betont nun Löwenfeld, daß in einer Anzahl 
von FäUen „Angstzustände unmittelbar oder einige Zeit 
nach einem psychischen Shok (bloßem Schreck oder Unfällen, 
die mit Schrecken verbunden waren) auftreten, und daß zum 
Teil hierbei Verhältnisse bestehen, welche die Mitwirkung 
sexueller Schädlichkeiten der angegebenen Art höchst un- 
wahrscheinlich machen". Er teüt als besonders prägnantes 
Beispiel eine Krankenbeobachtung (anstatt vieler) in Kürze 
mit. In diesem Beispiel handelt es sich um eine 30jährige, 
seit vier Jahren verheiratete Frau, erblich belastet, die vor 
einem Jahre eine erste schwierige Entbindung hatte. "Wenige 
"Wochen nach ihrer Niederkunft erschrak sie über einen Krank- 
heitsanfaU ihres Mannes, lief in ihrer Aufregung im Hemd 
im kalten Zimmer herum. Von da an krank, zuerst mit abend- 
lichen Angstzuständen und Herzklopfen, später kamen Anfälle 
von konvulsivischem Zittern und in weiterer Folge Phobien 
u. dgl. : das Bild einer voU entwickelten Angstneurose. „Hier 
sind die Angstzustände", schließt Löwenfeld, „offenbar 

Freud, Nearosenlehje. 7 



psychiscli abgeleitet, durcli den einmaligen Schrecken herbei- 
geführt." 

Ich bezweifle nicht, daß der geehrte Autor über viele 
ähnliche Fälle verfügt ; kann ich doch selbst mit einer großen 
Reihe analoger Beispiele dienen. Wer solche Fälle von Aus- 
bruch der Angstneurose nach psychischem Shok, überaus 
häufige Vorkommnisse, nicht gesehen hätte, dürfte sich nicht 
anmaßen, in Sachen der Angstneurose mitzusprechen. Ich 
will nur dabei anmerken, daß in der Ätiologie solcher Fälle 
nicht jedesmal Schreck oder ängstliche Erwartung nachweis- 
bar sein muß; eine beliebige andere Gemütsbewegung tut 
es auch. "Wenn ich rasch einige Fälle aus meiner Erinnerung 
mustere, so fällt mir ein Mann von 45 Jahren ein, der den 
ersten Angstanfall (mit Herzkollaps) auf die Nachricht vom 
Tode seines betagten Vaters bekam; von da an entwickelte 
sich voUe und typische Angstneurose mit Agoraphobie ; ferner 
ein junger Mann, der in dieselbe Neurose durch die Erregung 
über die Zwistigkeiten zwischen seiner jungen Frau und 
seiner Mutter verfiel und nach jedem neuen häuslichen Zank 
neuerdings agoraphobisch wurde; ein Student, der einiger- 
maßen verbummelt, die ersten Angstanfälle in einer Periode 
scharfer Prüfungsarbeit unter dem Sporn väterlicher Ungnade 
produzierte; eine selbst kinderlose Frau, die infolge der 
Angst um die Gesundheit einer kleinen Nichte erkrankte, 
u. dgl. m. An der Tatsache selbst, die Löwen feld gegen 
mich verwertet, besteht nicht der leiseste Zweifel, 

Wohl aber an ihrer Deutung. Es fragt sich, soll man 
hier ohne weiteres auf das post hoc ergo propter hoc eingehen, 
sich jede kritische Verarbeitung des Rohmaterials ersparen? 
Man kennt ja Beispiele genug dafür, daß die letzte aus- 
lösende Ursache sich vor der kritischen Analyse nicht als 
causa efficiens bewähren konnte. Man denke an das Ver- 
hältnis von Trauma und Gicht beispielsweise! Die Rolle des 
Traumas ist hier, bei der Provokation eines Gichtanfalles in 
dem vom Trauma betroffenen Glied, wahrscheinlich keine 
andere, als sie in der Ätiologie der Tabes und der Paralyse 
sein dürfte; nur scheint im Beispiele der Gicht bereits für 
jede Einsicht absurd, daß das Trauma die Gicht „verursacht" 



99 



anstatt provoziert haben sollte. Man muß doch nachdenklich 
werden, wenn man ätiologische Momente solcher Art — 
banale möchte ich sie nennen — in der Ätiologie der 
mannigfaltigsten Krankheitszustände antrifft. Gemütsbewegung, 
Schreck ist auch solch ein banales Moment; Chorea, Apo- 
plexie, Paralysis agitans und was nicht alles sonst kann der 
Schreck geradeso hervorrufen wie eine Angstneurose. Nun 
darf ich freilich nicht weiter argumentieren, wegen dieser 
Ubiquität genügten die banalen Ursachen unseren Anfor- 
derungen nicht, es müßte außerdem spezifische Ursachen 
geben. Das hieße den Satz, den ich erweisen will, vorweg- 
nehmen. Ich bin aber berechtigt, folgender Art zu schließen: 
Wenn sich die nämliche spezifische Ursache in der Ätio- 
logie aller oder der allermeisten Fälle von Angstneurose 
nachweisen läßt, dann braucht sich unsere Auffassung nicht 
dadurch beirren lassen, daß der Ausbruch der Krankheit erst 
nach der Einwirkung des einen oder anderen banalen 
Momentes, wie es Gemütsbewegung ist, erfolgt. 

So war es nun in meinen Fällen von Angstneurose. 
Der Mann, der — rätselhafter "Weise — auf die Nachricht 
vom Tode seines Vaters erkrankte (ich mache diese Rand- 
glosse, weil dieser Tod nicht unerwartet und nicht unter 
ungewöhnlichen, erschütternden Umständen erfolgte), dieser 
Mann lebte seit elf Jahren im Coitus interruptus mit seiner 
Ehefrau, welche er meistens zu befriedigen trachtete ; der 
junge Mann, der den Streitigkeiten zwischen seiner Frau 
und seiner Mutter nicht gewachsen war, hatte bei seiner 
jungen Frau von Anfang an das Zurückziehen geübt, um 
sich die Belastung mit Nachkommenschaft zu ersparen; der 
Student, der sich durch Überarbeitung eine Angstneurose 
zuzog anstatt der zu erwartenden Cerebrasthenie, unterhielt 
seit drei Jahren ein Verhältnis mit einem Mädchen, das er 
nicht schwängern durfte ; die Frau, die, selbst kinderlos, über 
die Krankheit einer Nichte der Angstneurose verfiel, war mit 
einem impotenten Mann verheiratet und sexuell nie befriedigt 
worden u. dgl. Nicht alle diese FäUe sind gleich klar oder 
für meine These gleich gut beweisend; aber wenn ich sie an 
die sehr beträchtliche Anzahl von Fällen anreihe, in denen 

7* 



100 



die Ätiologie nichts anderes als das spezifische Moment auf- 
weist, fügen sie sich der von mir aufgestellten Lehre wider- 
spruchslos ein und gestatten eine Erweiterung unseres ätio- 
logischen Verständnisses über die bisher geltenden Grenzen. 
Wenn mir jemand nachweisen will, daß ich in vor- 
stehender Betrachtung die Bedeutung der banalen ätio- 
logischen Momente ungebührlich zurückgesetzt habe, so muß 
er mir Beobachtungen entgegenhalten, in denen mein spezi- 
fisches Moment vermißt wird, also Fälle von Entstehung der 
Angstneurose nach psychischem Shok bei (im ganzen) 
normaler Vita sexualis. Man urteile nun, ob der Fall 
von Löwenfeld diese Bedingung erfüllt. Mein geehrter 
Gregner hat sich diese Anforderung offenbar nicht klar ge- 
macht, sonst würde er uns über die Vita sexualis seiner 
Patientin nicht so vöUig im unklaren lassen. Ich will es bei- 
seite lassen, daß der Fall der 30jährigen Dame offenbar mit 
einer Hysterie kompHziert ist, an deren psychischer Ableit- 
barkeit ich am wenigsten zweifle ; ich gebe die Angstneurose 
neben dieser Hysterie natürHch ohne Einspruch zu. Aber 
ehe ich einen Fall für oder gegen die Lehre von der sexuellen 
Ätiologie der Neurosen verwerte, muß ich das sexuelle Ver- 
halten der Patientin eingehender als Löwenfeld hier 
studiert haben. Ich werde mich nicht mit dem Sclilusse 
begnügen: da die Dame zur Zeit des psychischen Shoks 
kurz nach einer Entbindung war, dürfte der Coitus inter- 
ruptus im letzten Jahr keine Rolle gespielt haben und somit 
sexuelle Noxen hier entfallen. Ich kenne Fälle von Angst- 
neurose bei jährhch wiederholter Gravidität, weil (unglaub- 
licherweise) von dem befruchtenden Koitus an jeder Ver- 
kehr eingesteht wurde, so daß die kinderreiche Frau all die 
Jahre über an Entbehrung litt. Es ist keinem Arzte unbe- 
kannt, daß Frauen von sehr wenig potenten Männern kon- 
zipieren, die nicht imstande sind, ihnen Befriedigung zu 
verschaffen, und endUch gibt es, womit gerade die Vertreter 
der Hereditätsätiologie rechnen sollten, Frauen genug, die 
mit einer kongenitalen Angstneurose behaftet sind, d. h. die 
eine solche Vita sexuaHs mitbringen, respektive ohne 
nachweisbare äußere Störung entwickeln, wie man sie sonst 



101 



durch Coitus interruptus und älinliche Noxen erwirbt. Bei 
einer Anzahl dieser Frauen kann man eine hysterische Er- 
krankung der Jugendjahre eruieren, seit welcher die Vita 
sexuahs gestört und eine Ablenkung der Sexualspannung 
vom Psychischen hergestellt ist. Frauen mit solcher Sexualität 
sind einer wirklichen Befriedigung selbst durch normalen 
Koitus unfähig und entwickeln Angstneurose entweder spontan 
oder nach dem Zutritt weiterer wirksamer Momente. Was 
von alledem mag in dem Falle Löwenfeld's vorgelegen 
haben? Ich weiß es nicht, aber ich wiederhole, gegen mich 
beweisend ist dieser Fall nur, wenn die Dame, die auf ein- 
maligen Schreck mit einer Angstneurose antwortete, sich 
vorher einer normalen Vita sexualis erfreut hat. 

Wir können unmögHch ätiologische Forschungen aus der 
Anamnese betreiben, wenn wir die Anamnese so hinnehmen, 
wie der Kranke sie gibt, oder uns mit dem begnügen, was 
er uns preisgeben will. Wenn die Syphilodologen die Zurück- 
führung eines Initialaffektes an den Genitalien auf sexuellen 
Verkehr noch von der Aussage des Patienten abhängen ließen, 
würden sie eine ganz stattliche Anzahl von Schankern bei 
angeblich virginalen Individuen von Erkältung herleiten können, 
und die Gynäkologen fänden kaum Schwierigkeiten, das Wunder 
der Parthenogenesis an ihren unverheirateten Klientinnen zu 
bestätigen. Ich hoffe, es wird dereinst durchdringen, daß 
auch die Neuropathologen bei der Erhebung der Anamnese 
großer Neurosen von ähnlichen ätiologischen Vorurteilen aus- 
gehen dürfen. 

2. Ferner sagt Löwenfeld, er habe wiederholt Angst- 
zustände auftauchen und verschwinden gesehen, wo eine 
Änderung im sexuellen Leben sicher nicht statthatte, dagegen 
andere Faktoren im Spiele waren. 

Ganz dieselbe Erfahrung habe ich auch gemacht, ohne 
daß sie mich beirrt hätte. Auch ich habe die Angstzufälle 
durch psychische Behandlung, Allgemeinbesserung u. dgl. 
zum Schwinden gebracht. Ich habe natürhch daraus nicht 
geschlossen, daß der Mangel an Behandlung die Ursache der 
AngstanfäUe war. Nicht etwa, daß ich Löwen feld einen 
derartigen Schluß unterschieben woUte ; ich will mit obiger 



102 



scherzhafter Bemerkung nur andeuten, daß die Sachlage 
leicht kompliziert genug sein kann, um den Einwand von 
Löwen feld völlig zu entwerten. Ich habe es nicht schwer 
gefunden, die hier vorgebrachte Tatsache mit der Behauptung 
der spezifischen Ätiologie der Angstneurose zu vereinigen. 
Man wird mir gerne zugestehen, daß es ätiologisch wirksame 
Momente gibt, die, um ihre Wirkung zu üben, in einer 
gewissen Intensität (oder Quantität) und über einen gewissen 
Zeitraum wirken müssen, die sich also summieren; die 
Alkoholwirkung ist ein Vorbild für solche Verursachung durch 
Summation. Demnach wird es einen Zeitraum geben dürfen, 
in dem die spezifische Ätiologie in ihrer Arbeit begriffen, 
aber deren Wirkung noch nicht manifest ist. Während solcher 
Zeit ist die Person noch nicht krank, aber sie ist zur be- 
stimmten Erkrankung, in unserem Falle zur Angstneurose, 
disponiert, und nun wird der Zutritt einer banalen Noxe die 
Neurose auslösen können, geradeso wie eine weitere Steige- 
rung in der Einwirkung der spezifischen Noxe. Man kann 
dies auch so ausdrücken: Es reicht nicht hin, daß das spezi- 
fische ätiologische Moment vorhanden ist, es muß auch ein 
bestimmtes Maß davon voU werden, und bei der Erreichung 
dieser Grenze kann eine Quantität spezifischer Noxe durch 
einen Betrag banaler Schädlichkeit ersetzt werden. Wird 
letzterer wieder weggenommen, so befindet man sich unter- 
halb einer Schwelle; die Krankheitserscheinungen treten 
wieder zurück. Die ganze Therapie der Neurosen beruht 
darauf, daß man die Gesamtbelastung des Nervensystems, 
welcher dieses erliegt, durch sehr verschiedenartige Beein- 
flussungen der ätiologischen Mischung unter die Schwelle 
bringen kann. Auf Fehlen oder Existenz einer spezifischen 
Ätiologie ist aus diesen Verhältnissen kein Schluß zu ziehen. 
Das sind doch gewiß einwurfsfreie imd gesicherte Er- 
wägungen. Wem sie noch nicht genügen, der möge folgendes 
Argument auf sich wirken lassen. Nach der Ansicht Löwen- 
feld's und so vieler Anderer ist in der Heredität die 
Ätiologie der Angstzustände. Die Heredität ist nun gewiß 
einer Änderung entzogen ; wenn Angstneurose durch Behand- 
lung geheut wird, sollte man nun mit Löwen feld 



103 



schließen dürfen, daß die Heredität nickt die Ätiologie ent- 
halten kann. 

Übrigens, ich hätte mir die Verteidigung gegen die 
beiden angeführten Einwände von Löwen feld ersparen 
können, wenn mein geehrter Gegner meiner Arbeit selbst 
größere Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Die beiden Ein- 
wendungen sind in meiner Arbeit selbst vorgesehen und be- 
antwortet (p. 74 ff.); ich könnte die Ausführungen von dort 
hier nur wiederholen, ich habe mit Absicht selbst die nämUchen 
Krankheitsfälle hier neuerdings analysiert. Auch die ätio- 
logischen Formeln, auf die ich eben vorhin "Wert legte, sind 
im Texte meiner Abhandlung enthalten. Ich wül sie hier 
nochmals wiederholen. Ich behaupte: Es gibt für die 
Angstneurose ein spezifisches ätiologisches 
Moment, welches in seiner "Wirkung von banalen 
Schädlichkeiten zwar quantitativ vertreten, aber 
nicht qualitativ ersetzt werden kann. Ferner: 
Dieses spezifische Moment bestimmt vor allem 
die Form der Neurose; ob eine neurotische Er- 
krankung überhaupt zustande kommt, hängt von 
der Gesamtbelastung des Nervensystems (im "Ver- 
hältnis zu dessen Tragfähigkeit) ab. In der Regel 
sind die Neurosen üb er determiniert, d. h. es wirken in 
ihrer Ätiologie mehrere Faktoren zusammen. 

3. Um die "Widerlegung der nächsten Bemerkungen 
Löwen feld 's brauche ich mich weniger zu bemühen, da 
dieselben einerseits meiner Lehre wenig anhaben, anderseits 
Schwierigkeiten hervorheben, die ich als vorhanden anerkenne. 
Löwen feld sagt: „Die Freud 'sehe Theorie ist aber ganz 
und gar ungenügend, das Auftreten und Ausbleiben der Angst- 
anfälle im einzelnen zu erklären. "Wenn die Angstzustände, 
i. e. die Erscheinungen der Angstneurose, ledigHch durch sub- 
kortikale Aufspeicherung der somatischen Sexualerregung und 
abnorme Verwendung derselben zustande kommen würden, so 
müßte jeder mit Angstzuständen Behaftete, so lange keine 
Änderungen in seinem sexuellen Leben eintreten, von Zeit 
zu Zeit einen Angstanfall haben, wie der Epileptische seinen 
Anfall von grand und petit mal hat. Dies ist aber, wie die 



1Q4 



alltägliclie Erfahrung zeigt, durchaus niclit der Fall. Die Angst- 
anfälle treten weit überwiegend nur bei bestimmten Anlässen 
ein; wenn der Patient diese meidet oder durch irgend eine 
Vorkehrung^ deren Einfluß zu paralysieren weiß, so bleibt er 
von Angstanfällen verschont, er mag dem Congressus inter- 
ruptus oder der Abstinenz andauernd huldigen oder sich einer 
normalen Vita sexualis erfreuen." 

Darüber ist nun sehr viel zu sagen. Zunächst, daß 
Löwen feld meiner Theorie eine Folgerung aufnötigt, die 
sie nicht zu akzeptieren braucht. Daß es bei der Aufspeiche- 
rung der somatischen Sexualerregung so zugehen müsse wie 
bei der Anhäufung des Reizes zum epileptischen Kampf, ist 
eine allzu detaillierte Aufstellung, zu welcher ich keinen Anlaß 
gegeben habe, und ist nicht die einzige, die sich darbietet. 
Ich brauche nur anzunehmen, daß das Nervensystem ein ge- 
wisses Maß von somatischer Sexualerregung, auch wenn diese 
von ihrem Ziel abgelenkt sei, zu bewältigen vermöge, und daß 
Störungen nur dann entstehen, wenn das Quantum dieser 
Erregung eine plötzliche Steigerung erfährt, und die An- 
forderung Löwenfeld 's wäre beseitigt. Ich habe mich nicht 
getraut, meine Theorie nach dieser Richtung hin auszubauen, 
hauptsächlich darum, weil ich keine sicheren Stützpunkte auf 
dem Wege dahin zu finden erwartete. Ich will bloß andeuten, 
daß wir uns die Produktion von Sexualspannung nicht un- 
abhängig von ihrer Verausgabung vorstellen dürfen, daß im 
normalen Sexualleben diese Produktion bei Anregung durch 
das Sexualobjekt sich wesentlich anders gestaltet als bei 
psychischer Ruhe u. dgl. 

Zuzugeben ist, daß die Verhältnisse hier wohl anders 
liegen als bei epileptischer Krampfneigung, und daß sie aus 
der Theorie der Aufspeicherung somatischer Sexualerregung 
noch nicht im Zusammenhange abzuleiten sind. 

Der weiteren Behauptung Löwenf eld' s, daß die Angst- 
zustände nur bei gewissen Anlässen auftreten, bei deren Ver- 
meidung sie ausbleiben, gleichgiltig, welches die Vita sexuahs 
des Betreffenden sein mag, ist entgegenzuhalten, daß Löwen- 
feld hiebei offenbar nur die Angst der Phobien im Auge 
hat, wie auch die an die zitierte Stelle geknüpften Beispiele 



105 



zeigen. Von den spontanen Angstanfällen, deren Inhalt 
Schwindel, Herzklopfen, Atemnot, Zittern, Schweiß u. dgl. 
ist, spricht er gar nicht. Das Auftreten und Ausbleiben dieser 
Angstanfälle zu erklären, scheint meine Theorie aber keines- 
wegs untüchtig. In einer ganzen Reihe solcher Fälle von 
Angstneurose ergibt sich nämHch wirklich der Anschein einer 
Periodizität des Auftretens von Angstzuständen ähnlich der 
bei Epilepsie beobachteten, nur daß hier der Mechanismus 
dieser Periodizität durchsichtiger wird. Bei näherer Er- 
forschung findet man nämlich mit großer Regelmäßigkeit 
einen aufregenden sexuellen Vorgang auf (d. h. einen solchen, 
der imstande ist, somatische Sexualspannung zu entbinden), 
an welchen sich mit Einhaltung eines bestimmten, oft ganz 
konstanten Zeitintervalles der Angstanfall anschließt. Diese 
RoUe spielen bei abstinenten Frauen die menstruale Erregung, 
die gleichfalls periodisch wiederkehrenden nächtlichen Pollu- 
tionen, vor allem der (in seiner UnvoUständigkeit schädliche) 
sexuelle Verkehr selbst, der diesen seinen Wirkungen, den 
Angstanfällen, die eigene Periodizität überträgt. Kommen 
Angstanfälle, welche die gewohnte Periodizität durchbrechen, 
so gelingt es zumeist, sie auf eine Gelegenheitsursache von 
seltenerem und unregelmäßigem Vorkommen zurückzuführen, 
ein vereinzeltes sexuelles Erlebnis, Lektüre, Schaustellung 
u. dgl. Das Intervall, das ich erwähnt habe, beträgt einige 
Stunden bis zu zwei Tagen; es ist dasselbe, mit welchem 
bei anderen Personen auf dieselben Veranlassungen hin die 
bekannte Sexualmigräne auftritt, die ihre sicheren Beziehungen 
zum Symptomenkomplex der Angstneurose hat. 

Daneben gibt es reichlich Fälle, in denen der einzelne 
Angstzustand durch das Hinzutreten eines banalen Momentes, 
durch Aufregung beliebiger Art, provoziert wird. Es gilt also 
für die Ätiologie des einzelnen Angstanfalles dieselbe Vertretung 
wie für die Verursachung der ganzen Neurose. Daß die 
Angst der Phobien anderen Bedingungen folgt, ist nicht sehr 
verwunderUch ; die Phobien haben ein komplizierteres Gefüge 
als die einfach somatischen AngstanfäUe. Bei ihnen ist die 
Angst mit einem bestimmten VorsteEungs- oder "Wahrnehmungs- 
inhalt verknüpft, und die Erweckung dieses psychischen In- 



106 



haltes ist die Hauptbedingung für das Auftreten dieser Angst. 
Die Angst wird dann „entbunden", ähnlich wie z. B. die 
Sexualspannung durch die Erweckung libidinöser Vorstellungen ; 
aber dieser Vorgang ist allerdings in seinem Zusammenhange 
mit der Theorie der Angstneurose noch nicht aufgeklärt. 

Ich sehe nicht ein, weshalb ich streben sollte, Lücken 
und Schwächen meiner Theorie zu verbergen. Die Haupt- 
sache an dem Problem der Phobien scheint mir zu sein, daß 
Phobien bei normaler Vita sexualis — d. i. bei 
NichterfLülung der spezifischen Bedingung von Störung der 
Vita sexualis im Sinne einer Ablenkung des Somatischen vom 
Psychischen — überhaupt nicht zustande kommen. 
Mag sonst am Mechanismus der Phobien noch so Vieles 
dunkel sein, meine Lehre ist erst widerlegt, wenn man mir 
Phobien bei normaler Vita sexualis oder selbst bei nicht 
spezifisch bestimmter Störung derselben nachweist. 

4. Ich übergehe nun zu einer Bemerkung, die ich meinem 
geehrten Herrn Kritiker nicht unwidersprochen lassen darf. 

Ich hatte in meiner Mitteilung über die Angstneurose 
(1. c. p. 69) geschrieben: 

„In manchen FäUen von Angstneurose läßt sich eine 
Ätiologie überhaupt nicht erkennen. Es ist bemerkenswert, 
daß in solchen FäUen der Nachweis einer schweren heredi- 
tären Belastung selten auf Schwierigkeiten stößt." 

„Wo man aber Grund hat, die Neurose für eine er- 
worbene zu halten, da findet man bei sorgfältigem, dahin 
zielendem Examen als ätiologisch wirksame Momente eine 
Eeihe von Schädlichkeiten und Einflüssen aus dem Sexual- 
leben " Löwen feld druckt diese Stelle ab und knüpft 

an sie folgende Glosse : „Als „erworben" scheint demnach F. 
die Neurose immer zu betrachten, wenn Gelegenheitsursachen 
derselben aufzufinden sind." 

Wenn sich dieser Sinn zwanglos aus meinem Text ab- 
leiten läßt, so gibt letzterer meinem Gedanken sehr ent- 
stellten Ausdruck. Ich mache darauf aufmerksam, daß ich 
vorhin in der Wertschätzung der Gelegenheitsursachen mich 
weit strenger als Löwen feld erwiesen habe. Sollte ich die 
Meinung meiner Sätze selbst erläutern, so würde ich es tun, 



107 



indem ich nach der Bedingung: Wo man aber Grund 
hat, die Neurose für eine erworbene zu halten..., 
einschalte: weil der (im vorigen Satz erwähnte) 
Nachweis hereditärer Belastung nicht gelingt. 
Der Sinn ist: Ich halte den Fall für einen erworbenen, in 
dem sich Heredität nicht nachweisen läßt. Ich benehme mich 
dabei wie aUe "Welt, vielleicht mit dem kleinen Unterschied, 
daß Andere den Fall auch dann für hereditär bedingt er- 
klären, wo Heredität nicht besteht, so daß sie die ganze 
Kategorie erworbener Neurosen übersehen. Dieser Unterschied 
aber läuft zu meinen Gunsten. Ich gestehe jedoch zu, daß 
ich solches Mißverständnis durch die Redewendung im ersten 
Satze: „es läßt sich eine Ätiologie überhaupt nicht erkennen", 
selbst verschuldet habe. Ich werde sicherlich auch von an- 
derer Seite zu hören bekommen, ich schaffe mir mit der 
Suche nach den spezifischen Ursachen der Neurosen über- 
flüssige Mühe. Die wirkliche Ätiologie der Angstneurosen 
wie der Neurosen überhaupt sei ja bekannt, es sei die Here- 
dität, und zwei wirkliche Ursachen könnten neben einander 
nicht bestehen. Die ätiologische Rolle der Heredität leugnete 
ich wohl nicht? Dann aber seien alle anderen Ätiologien — 
Gelegenheitsursachen und einander gleichwertig oder gleich 
minderwertig. 

Ich teile diese Anschauung über die Rolle der Heredität 
nicht, und da ich gerade dieses Thema in meiner kurzen 
Mitteilung über die Angstneurose am wenigsten gewürdigt 
habe, will ich versuchen, hier etwas vom Unterlassenen nach- 
zuholen und den Eindruck zu verwischen, als hätte ich mich 
bei der Abfassung meiner Arbeit nicht um alle zugehörigen 
Rätselfragen gemüht. 

Ich glaube, man ermögHcht sich eine Darstellung der 
wahrscheinlich sehr komplizierten ätiologischen Verhältnisse, 
die in der Pathologie der Neurosen obwalten, wenn man sich 
folgende ätiologische Begriffe festlegt: 

a) Bedingung, h) spezifische Ursache, c) kon- 
kurrierende Ursache und, als den vorigen nicht gleich- 
wertigen Terminus, 6) Veranlassung oder auslösende 
Ursache. 



108 



Um allen Möglichkeiten zu genügen, nehme man an, es 
handle sich um ätiologische Momente, die einer quantitativen 
Veränderung, also der Steigerung oder Verringerung, fähig sind. 

Läßt man sich die Vorstellung einer mehrghederigen 
ätiologischen Gleichung gefallen, die erfüllt sein muß, wenn 
der Effekt zustande kommen soll, so charakterisiert sich als 
Veranlassung oder auslösende Ursache diejenige, welche 
zuletzt in die Gleichung eintritt, so daß sie dem Erscheinen 
des Effektes unmittelbar vorhergeht. Nur dieses zeitliche 
Moment macht das Wesen der Veranlassung aus, jede der 
andersartigen Ursachen kann im Einzelfalle auch die Rolle 
der Veranlassung spielen ; in derselben ätiologischen Häufung 
kann diese Rolle wechseln. 

Als Bedingungen sind solche Momente zu bezeichnen, 
bei deren Abwesenheit der Effekt nie zustande käme, die 
aber für sich allein auch unfähig sind, den Effekt zu er- 
zeugen, sie mögen in noch so großem Ausmaß vorhanden sein. 
Es fehlt dazu noch die spezifisehe Ursache. 

Als spezifische Ursache gilt diejenige, die in keinem 
Falle von Verwirklichung des Effektes vermißt wird, und die 
in entsprechender Quantität oder Intensität auch hinreicht, den 
Effekt zu erzielen, wenn nur noch die Bedingungen erfüllt sind. 

Als konkurrierende Ursachen darf man solche 
Momente auffassen, welche weder jedesmal vorhanden sein 
müssen, noch imstande sind, in behebigem Ausmaß ihrer 
"Wirkung für sich allein den Effekt zu erzeugen, welche aber 
neben den Bedingungen und der spezifischen Ursache zur 
Erfüllung der ätiologischen Gleichung mitwirken. 

Die Besonderheit der konkurrierenden oder Hilfsursachen 
scheint klar; wie unterscheidet man aber Bedingungen und 
spezifische Ursache, da sie beide unentbehrhch und doch 
keines von ihnen allein zur Verursachung genügend sind? 

Da scheint denn folgendes Verhalten eine Entscheidung 
zu gestatten. Unter den „notwendigenUrsachen" findet 
man mehrere, die auch in den ätiologischen Gleichungen 
vieler anderer Effekte wiederkehren, daher keine besondere 
Beziehung zum einzelnen Effekte verraten; eine dieser Ur- 
sachen aber stellt sich den anderen gegenüber, dadurch, daß 



109 



sie in {keiner anderen oder in sehr wenigen ätiologisclien 
Formeln aufzufinden ist, und diese hat den Anspruch, s p e z i- 
fische Ursache des betreffenden Effektes zu heißen. Ferner 
sondern sich Bedingungen und spezifische Ursache besonders 
deutüch in solchen Fällen, in denen die Bedingungen den 
Charakter von lange bestehenden und wenig veränderKchen 
Zuständen haben, die spezifische Ursache einem rezent ein- 
wirkenden Faktor entspricht. 

Ich will ein Beispiel für dieses vollständige ätiologische 
Schema versuchen: 

Effekt: Phthisis pulmonum. 

Bedingung: Disposition, meist hereditär durch Organ- 
beschaffenheiten gegeben. 

Spezifische Ursache: Der Bazillus Kochii. 

Hilfsursachen: Alles Depotenzierende: Gremütsbe- 
wegungen wie Eiterungen oder Erkältungen. 

Das Schema für die Ätiologie der Angstneurose scheint 
mir ähnhch zu lauten: 

Bedingung: Heredität. 

Spezifische Ursache: Ein sexuelles Moment im 
Sinne einer Ablenkung der Sexualspannung vom Psychischen. 

Hilfsursachen: Alle b analen S chädigungen : Gemüts- 
bewegung, Schreck, wie physische Erschöpfung durch Krank- 
heit oder Uberleistung. 

Wenn ich diese ätiologische Formel für die Angstneurose 
im einzelnen diskutiere, kann ich noch folgende Bemerkungen 
hinzufügen. Ob eine besondere persönKche Beschaffenheit (die 
nicht hereditär bezeugt zu sein brauchte) für die Angstneurose 
unbedingt erfordert wird, oder ob jeder normale Mensch 
durch etwaige quantitative Steigerung des spezifischen 
Momentes zur Angstneurose gebracht werden kann, weiß ich 
nicht sicher zu entscheiden, neige aber sehr zur letzteren 
Meinung. — Die hereditäre Disposition ist die wichtigste 
Bedingung der Angstneurose, aber keine unentbehrliche, 
da sie in einer Reihe von Grrenzfällen vermißt whd. — Das 
spezifische sexuelle Moment wird in der übergroßen Zahl der 
Fälle mit Sicherheit nachgewiesen, in einer Eeihe von Fällen 
(kongenitalen) sondert es sich von der Bedingung der Heredität 



110 



nicht ab, sondern ist durch diese miterfüllt, d. h. die Kranken 
bringen jene Besonderheit der Vita sexualis als Stigma mit 
(die psychische Unzulänglichkeit zur Bewältigung der soma- 
tischen Sexualspannung), über welche sonst der Weg zur 
Erwerbung der Neurose führt; in einer anderen Reihe von 
Grenzfällen ist die spezifische Ursache in einer konkurrierenden 
enthalten, wenn nämlich die besagte psychische Unzuläng- 
lichkeit durch Erschöpfung u. dgl. zustande kommt. Alle diese 
Fälle bilden fließende Reihen, nicht abgesonderte Kategorien ; 
durch alle zieht sich indes das ähnliche Verhalten im Schicksal 
der Sexualspannung, und für die meisten gilt die Sonderung 
von Bedingung, spezifischer und Hilfsursache, konform der 
oben gegebenen Auflösung der ätiologischen Grleichung. 

Ich kann, wenn ich meine Erfahrungen darnach befrage, 
ein gegensätzliches Verhalten von hereditärer Disposition und 
spezifischem sexuellem Moment für die Angstneurose nicht 
auffinden. Im Gegenteile, die beiden ätiologischen Paktoren 
unterstützen und ergänzen einander. Das sexuelle Moment 
wirkt meistens nur bei jenen Personen, die eine hereditäre 
Belastung mit dazu bringen ; die Heredität allein ist meistens 
nicht imstande, eine Angstneurose zu erzeugen, sondern 
wartet auf das Eintreffen eines genügenden Maßes der spe- 
zifischen sexuellen Schädlichkeit. Die Konstatierung der 
Heredität überhebt darum nicht der Suche nach einem spe- 
zifischen Moment, an dessen Auffindung sich übrigens auch 
alles therapeutische Interesse knüpft. Denn was wiU man 
therapeutisch mit der Heredität als Ätiologie anfangen? Sie 
hat seit jeher bei dem Kranken bestanden und wird bis an 
dessen Ende weiter bestehen. Sie ist an und für sich weder 
geeignet, das episodische Auftreten einer Neurose, noch deren 
Aufhören durch Behandlung verstehen zu lassen. Sie ist nichts 
als eine Bedingung der Neurose, eine unsäglich wichtige 
zwar, aber doch eine zum Schaden der Therapie und des 
theoretischen Verständnisses überschätzte. Man denke nur, 
um sich durch den Kontrast der Tatsachen überzeugen zu 
lassen, an die Fälle von familiären Nervenkrankheiten (Chorea 
chronica, Thomsen'sche Krankheit u. dgl.), in denen die 
Heredität alle ätiologischen Bedingungen in sich vereinigt. 



in 



Ich möclite zum ScKlusse die wenigen Sätze wiederholen, 
durch welche ich in erster Annäherung an die "Wirklichkeit 
die gegenseitigen Beziehungen der verschiedenen ätiologischen 
Faktoren auszudrücken pflege: 

1. Ob überhaupt eine neurotische Erkrankung zu- 
stande kommt, hängt von einem quantitativen Faktor ab, 
von der Gesamtbelastung des Nervensystems im Verhältnis 
zu dessen Resistenzfähigkeit. Alles was diesen Faktor unter 
einem gewissen Schwellenwert halten oder zurückbringen 
kann, hat therapeutische "Wirksamkeit, indem es die ätiologische 
Gleichung unerfüllt läßt. 

Was man unter „Gesamtbelastung", was man unter 
„Resistenzfähigkeit" des Nervensystems zu verstehen habe„ 
das Heße sich mit Zugrundelegung gewisser Hypothesen über 
die Nervenfunktion wohl deutUcher ausführen. 

2. Welchen Umfang die Neurose erreicht, das hängt 
in erster Linie von dem Maß hereditärer Belastung ab. Di© 
Heredität wirkt wie ein in den Stromkreis eingeschalteter 
Multiphkator, der den Ausschlag der Nadel um das Vielfache 
vergrößert. 

3. Welche Form aber die Neurose annimmt — den 
Sinn des Ausschlages — dies bestimmt allein das aus dem 
Sexualleben stammende spezifische ätiologische Moment. 

Ich hoffe, daß im ganzen, obwohl ich mir der vielen 
noch unerledigten Schwierigkeiten des Gegenstandes bewußt 
bin, meine Aufstellung der Angstneurose sich für das Ver- 
ständnis der Neurosen fruchtbarer erweisen wird, als L ö w e n- 
feld's Versuch, denselben Tatsachen Rechnung zu tragen 
durch die Konstatierung „einer Verknüpfung neura- 
sthenischer und hysterischer Symptome in An- 
fallsform". 

Wien, anfangs Mai 1895. 



VIII. 

Weitere Bemerkungen über die Abwehr- 
Neuropsychosen. ^) 

Als „Abwehr-Neuropsychosen" habe ich 1894 in 
einem kleinen Aufsatze (Neurologisches Centralblatt, Nr. 10 
und 11) Hysterie, Zwangsvorstellungen sowie gewisse Fälle von 
akuter halluzinatorischer Verworrenheit zusammengefaßt, weil 
sich für diese Affektionen der gemeinsame Gesichtspunkt er 
geben hatte, ihre Symptome entstünden durch den psychischen 
Mechanismus der (unbewußten) Abwehr, d. h. bei dem 
Versuche, eine unverträgliche Vorstellung zu verdrängen, die 
in peinlichen Gegensatz zum Ich der Kranken getreten war. 
An einzelnen Stellen eines seither erschienenen Buches „Studien 
über Hysterie" von Dr. J. Breuer und mir, habe ich dann 
erläutern und an Krankenbeobachtungen darlegen können, 
in welchem Sinne dieser psychische Vorgang der „Abweln-" 
oder „Verdrängung" zu verstehen ist. Ebendaselbst finden 
sich auch Angaben über die mühselige, aber vollkommen ver- 
läßliche Methode der Psychoanalyse, deren ich mich bei diesen 
Untersuchungen, die gleichzeitig eine Therapie darstellen, 
bediene. 

Meine Erfahrungen in den letzten beiden Arbeitsjahren 
haben mich nun in der Neigung bestärkt, die Abwehr zum 
Kernpunkt im psychischen Mechanismus der erwähnten Neu- 
rosen zu machen, und haben mir anderseits gestattet, der 
psychologischen Theorie eine klinische Grundlage zu geben. 
Ich bin zu meiner eigenen Überraschung auf einige einfache, 
aber eng umschriebene Lösungen der Neurosenprobleme ge- 
stoßen, über die ich auf den nachfolgenden Seiten vorläufig 



1) „Neurologisches Centralblatt", 1896, Nr. 10. 



113 



und in Kürze berichten will. Ich kann es mit dieser 
Art der Mitteihmg nicht vereinen, den Behauptungen die 
Beweise anzufügen, deren sie bedürfen, hoffe aber, diese 
Verpflichtung in einer ausführHchen Darstellung einlösen zu 
können. 

I. Die „spezifische" Ätiologie der Hysterie. 

Daß die Symptome der Hysterie erst durch Zurück- 
führung auf „traumatisch" wirksame Erlebnisse verständlich 
werden, und daß diese psychischen Traumen sich auf das 
Sexualleben beziehen, ist von Breuer und mir bereits in 
früheren Veröffentlichungen ausgesprochen worden. "Was ich 
heute als einförmiges Ergebnis meiner an 13 Fällen von 
Hysterie durchgeführten Analysen hinzuzufügen habe, betrifft 
einerseits die Natur dieser sexuellen Traumen, andererseits 
die Lebensperiode, in der sie vorfallen. Es reicht für die Ver- 
ursachung der Hysterie nicht hin, daß zu irgend einer Zeit 
des Lebens ein Erlebnis auftrete, welches das Sexualleben 
irgendwie streift und durch die Entbindung und Unterdrückung 
eines peinlichen Affektes pathogen wird. Es müssen vielmehr 
diese sexuellen Traumen der frühen Kindheit (der 
Lebenszeit vor der Pubertät) angehören, und ihr 
Inhalt muß in wirklicher Irritation der Genitalien 
(koitusähnlichen Vorgängen) bestehen. 

Diese spezifische Bedingung der Hysterie — sexuelle 
Passivität invorsexuellenZeiten — fand ich in allen 
analysierten Fällen von Hysterie (darunter 2 Männer) erfüllt. 
Wie sehr die Anforderung an hereditäre Disposition durch 
solche Bedingtheit der accidenteUen ätiologischen Momente 
verringert wird, bedarf nur der Andeutung; ferner eröffnet 
sich ein Verständnis für die ungleich größere Häufigkeit der 
Hysterie beim weiblichen Geschlecht, da dieses auch im Kindes- 
alter eher zu sexuellen Angriffen reizt. 

Die nächstliegendsten Einwendungen gegen dieses 
Resultat dürften lauten, daß sexuelle Angriffe gegen kleine 
Kinder zu häufig vorfallen, als daß ihrer Konstatierung ein 
ätiologischer Wert zukäme, oder daß solche Erlebnisse gerade 
darum wirkungslos bleiben müssen, weil sie ein sexuell un- 
Freud, NeuTosenlehre. o 



114 



entwickeltes Wesen betreffen ; ferner daß man sich hüten 
müsse, derlei angebliche Reminiszenzen den Kranken durchs 
Examen aufzudrängen, oder an die Romane, die sie selbst 
erdichten, zu glauben. Den letzteren Einwendungen ist die 
Bitte entgegenzuhalten, daß doch niemand allzu sicher auf 
diesem dunkeln Gebiete urteilen möge, der sich noch nicht 
der einzigen Methode bedient hat, welche es zu erhellen ver- 
mag (der Psychoanalyse zur Bewußtmachung des bisher Un- 
bewußten.^) Das Wesentliche an den ersteren Zweifeln erledigt 
sich durch die Bemerkung, daß ja nicht die Erlebnisse selbst 
traumatisch wirken, sondern deren Wiederbelebung als 
Erinnerung, nachdem das Individuum in die sexuelle 
Reifung eingetreten ist. 

Meine 13 Fälle von Hysterie waren durchwegs von 
schwerer Art, alle mit vielj ähriger KJrankheitsdauer, einige 
nach längerer und erfolgloser Anstaltsbehandlung. Die Kinder- 
traumen, welche die Analyse für diese schweren Fälle auf- 
deckte, mußten sämtlich als schwere sexuelle Schädigungen 
bezeichnet werden; gelegentlich waren es geradezu abscheu- 
liche Dinge. Unter den Personen, welche sich eines solchen 
folgenschweren Abusus schuldig machten, stehen obenan 
Kinderfrauen, Gouvernanten und andere Dienstboten, denen 
man allzu sorglos die Kinder überläßt, ferner sind in be- 
dauerlicher Häufigkeit lehrende Personen vertreten ; in 7 von 
jenen 13 Fällen handelte es sich aber auch um schuldlose 
kindhche Attentäter, meist Brüder, die mit ihren um wenig 
jüngeren Schwestern Jahre hindurch sexuelle Beziehungen 
unterhalten hatten. Der Hergang war wohl jedesmal ähnlich, 
wie man ihn in einzelnen Fällen mit Sicherheit verfolgen 
konnte, daß nämhch der Knabe von einer Person weibUchen 
Geschlechts mißbraucht worden war, daß dadurch in ihm 
vorzeitig die Libido geweckt wurde, und daß er dann einige 
Jahre später in sexueller Aggression gegen seine Schwester 
genau die nämlichen Prozeduren wiederholte, denen man 
ihn selbst unterzogen hatte. 

*) Ich vermute selbst, daß die so häufigen Attentatsdichtuugen der 
Hysterischen Zwangsdichtungen sind, die von der Erinnerungsspur des 
Kindertraumas ausgehen. 



115 

Aktive Masturbation muß icli aus der Liste der für 
Hysterie pathogeneii sexuellen Schädlichkeiten des frühen 
Kindesalters ausschließen. "Wenn diese doch so häufig neben 
der Hysterie gefunden wird, so rührt dies von dem Umstände 
her, daß die Masturbation selbst weit häufiger, als man meint, 
die Folge des Mißbrauches oder der Verführung ist. Grar nicht 
selten erkranken beide Teile des kindlichen Paares später an 
Abwehrneurosen, der Bruder an Zwangsvorstellungen, die 
Schwester an Hysterie, was natürhch den Anschein einer 
familiären neurotischen Disposition ergibt. Diese Pseudoheredität 
löst sich aber mitunter auf überraschende Weise; in einer 
meiner Beobachtungen waren Bruder, Schwester und ein 
etwas älterer Vetter krank. Aus der Analyse, die ich mit dem 
Bruder vornahm, erfuhr ich, daß er an Vorwürfen darüber 
Htt, daß er die Krankheit der Schwester verschuldet; ihn 
selbst hatte der Vetter verführt, und von diesem war in 
der Familie bekannt, daß er das Opfer seiner Kinderfrau 
geworden war. 

Die obere Altersgrenze, bis zu welcher sexuelle Schädigung 
in die Ätiologie der Hysterie fällt, kann ich nicht sicher 
angeben; ich zweifle aber, ob sexuelle Passivität nach dem 
8. bis 10. Jahre Verdrängung ermöglichen kann, wenn sie nicht 
durch vorherige Erlebnisse dazu befähigt wird. Die untere 
Grenze reicht so weit als das Erinnern überhaupt, also bis 
ins zarte Alter von l^/a oder 2 Jahren! (2 Fälle). In einer 
Anzahl meiner Fälle ist das sexuelle Trauma (oder die "Reihe 
von Traumen) im 3. und 4. Lebensjahre enthalten. Ich würde 
diesen sonderbaren Funden selbst nicht Glauben schenken, 
wenn sie sich nicht durch die Ausbildung der späteren 
Neurose volle Vertrauenswürdigkeit verschaffen würden. In 
jedem FaUe ist eine Summe von krankhaften Symptomen, 
Gewohnheiten und Phobien nur durch das Zurückgehen auf 
jene Kindererlebnisse erklärlich, und das logische Gefüge 
der neurotischen Äußerungen macht eine Ablehnung jener 
aus dem Kinderleben auftauchenden, getreu bewahrten 
Erinnerungen unmöglich. Es wäre freüich vergebens, diese 
Kindertraumen einem Hysterischen außerhalb der Psycho- 
analyse abfragen zu wollen; ihre Spur ist niemals im be- 

8* 



116 



wußten Erinnern, nur in den Kjankheitssymptomen auf- 
zufinden. 

Alle die Erlebnisse und Erregungen, welche in der 
Lebensperiode nach der Pubertät den Ausbruch der Hysterie 
vorbereiten oder veranlassen, wirken nachweisbar nur 
dadurch, daß sie die Erinnerungsspur jener Kindheitstraumen 
erwecken, welche dann nicht bewußt wird, sondern zur 
Affektentbindung und Verdrängung führt. Es steht mit dieser 
Rolle der späteren Traumen in gutem Einklänge, daß sie 
nicht der strengen Bedingtheit der Kindertraumen unter- 
liegen, sondern nach Intensität und Beschaffenheit variieren 
können, von wirkHcher sexueller Überwältigung bis zu bloßen 
sexuellen Annäherungen und zur Sinneswahrnehmung sexueller 
Akte bei Anderen oder Aufnahme von Mitteilungen über 
geschlechtliche Vorgänge.^) 

In meiner ersten Mitteilung über die Abwehrneurosen 
blieb es unaufgeklärt, wieso das Bestreben der bis dahin 
Gesunden, ein solches traumatisches Erlebnis zu vergessen, 
den Erfolg haben könne, die beabsichtigte Verdrängung wirk- 
lich zu erzielen und damit der Abwehrneurose das Tor zu 
öffnen. An der Natur des Erlebnisses konnte es nicht liegen, 
da andere Personen trotz der gleichen Anlässe gesund blieben. 
Es konnte also die Hysterie nicht aus der Wirkung des 
Traumas voU erklärt werden ; man mußte zugestehen, daß die 
Fähigkeit zur hysterischen Reaktion schon vor dem Trauma 
bestanden hatte. 

An Stelle dieser unbestimmten hysterischen Disposition 
kann nun ganz oder teilweise die posthume Wirkung des 
sexuellen Kindertraumas treten. Die „Verdrängung" der 
Erinnerung an ein peinliches sexuelles Erlebnis reiferer Jahre 



*) In einem Aufsatze über die Angstneurose (Neurologisches Central- 
blatt, 1895, Nr. 2) erwähnte ich, daß „ein erstes Zusammentreffen mit dem 
sexuellen Problem bei heranreifenden Mädchen eine Angstneurose her- 
vorrufen kann, die in fast typischer Weise mit Hysterie kombiniert ist". 
Ich weiß heute, daß die Gelegenheit, bei welcher solche virginale 
Angst ausbricht, eben nicht dem ersten Zusammentreffen mit der 
Sexualität entspricht, sondern daß bei diesen Personen ein Erlebnis 
sexueller Passivität in den Kinderjahren vorhergegangen ist, dessmi 
Erinnerung bei dem „ersten Zusammentreffen" geweckt wird. 



117 



gelingt nur solcten Personen, bei denen dies Erlebnis die 
Erinneningsspur eines Kindertraumas zur Wirkung bringen 
kann.^) 

Zwangsvorstellungen haben gleichfalls ein sexuelles 
Kindererlebnis (anderer Natur als bei Hysterie) zur Voraus- 
setzung. Die Ätiologie der beiden Abwehr-Neuropsychosen 
bietet nun folgende Beziehung zur Ätiologie der beiden ein- 
fachen Neurosen, Neurasthenie und Angstneurose. Die beiden 
letzteren Affektionen sind unmittelbare Wirkungen der sexuellen 
Noxen selbst, wie ich es in einem Aufsatze über die Angst- 
neurose 1895 dargelegt habe; die beiden Abwehrneurosen 
sind mittelbare Folgen sexueller Schädlichkeiten, die vor 
Eintritt der Geschlechtsreife eingewirkt haben, nämlich Folgen 
der psychischen Erinnerungsspuren an diese Noxen. Die 
aktuellen Ursachen, welche Neurasthenie und Angstneurose 
erzeugen, spielen häufig gleichzeitig die Rolle von erweckenden 
Ursachen für die Abwehrneurosen; anderseits können die 
spezifischen Ursachen der Abwehmeurose, die Kindertraumen, 
gleichzeitig den Grund für die später sich entwickelnde 



^) Eine psychologische Theorie der Verdrängung müßte auch Aus- 
kunft darüber geben, warum nur Vorstellungen sexuellen Inhaltes ver- 
drängt werden können. Sie darf von folgenden Andeutungen ausgehen: 
Das Vorstellen sexuellen Inhaltes erzeugt bekanntlich ähnliche Erregungs- 
vorgänge in den Genitalien wie das sexuelle Erleben selbst. Man darf 
annehmen, daß diese somatische Erregung sich in psychische umsetzt. 
In der Regel ist die diesbezügliche Wirkung beim Erlebnis viel stärker 
als bei der Erinnerung daran. Wenn aber das sexuelle Erlebnis in die 
Zeit sexueller Unreife fällt, die Erinnerung daran während oder nach 
der Reife erweckt wird, dann wirkt die Erinnerung ungleich stärker 
erregend als seinerzeit das Erlebnis, denn inzwischen hat die Pubertät 
die Reaktionsfähigkeit des Sexualapparates in unvergleichbarem Maße 
gesteigert. Ein solches umgekehrtes Verhältnis zwischen realem Erlebnis 
und Erinnerung scheint aber die psychologische Bedingung einer Ver- 
drängung zu enthalten. Das Sexualleben bietet — dvirch die Verspätung 
der Pubertätsreife gegen die psychischen Funktionen — die einzig vor- 
kommende Möglichkeit für jene Umkehrung der relativen Wirksamkeit. 
Die Kindertraumen wirken nachträglich wie frische Er- 
lebnisse, dann aber unbewußt. Weitergehende psychologische 
Erörterungen müßte ich auf ein anderesmal verschieben. — Ich bemerke 
noch, daß die hier in Betracht kommende Zeit der „sexuellen Reifung" 
nicht mit der Pubertät zusammenfällt, sondern vor dieselbe (8. bis 10. Jahr). 



118 



Neurasthenie legen. Endlich ist auch der Fall nicht selten, 
daß eine Neurasthenie oder Angstneurose anstatt durch aktuelle 
sexuelle Schädlichkeiten nur durch fortwirkende Erinnerung an 
Kindertraumen in ihrem Bestände erhalten wird. 

II. Wesen und Mechanismus der Zwangsneurose. 

In der Ätiologie der Zwangsneurose haben sexuelle 
Erlebnisse der frühen Eänderzeit dieselbe Bedeutung wie bei 
Hysterie, doch handelt es sich hier nicht mehr um sexuelle 
Passivität, sondern um mit Lust ausgeführte Aggressionen 
und mit Lust empfundene Teilnahme an sexuellen Akten, also 
um sexuelle Aktivität. Mit dieser Differenz der ätiologischen 
Verhältnisse hängt es zusammen, daß bei der Zwangsneurose 
das männliche Geschlecht bevorzugt erscheint. 

Ich habe übrigens in aU meinen Fällen von Zwangs- 
neurose einen Untergrund von hysterischen Symp- 
tomen gefunden, die sich auf eine der Lusthandlung vor- 
hergehende Szene sexueller Passivität zurückführen ließen. 
Ich vermute, daß dieses Zusammentreffen ein gesetzmäßiges 
ist, und daß vorzeitige sexuelle Aggression stets ein Erlebnis 
von Verführung voraussetzt. Ich kann aber gerade von der 
Ätiologie der Zwangsneurose noch keine abgeschlossene Dar- 
stellung geben; es macht mir nur den Eindruck, als hinge 
die Entscheidung darüber, ob auf Grund der Kindertraumen 
Hysterie oder Zwangsneurose entstehen soll, mit den zeit- 
lichen Verhältnissen der Entwicklung von Libido zusammen. 

Das "Wesen der Zwangsneurose läßt sich in einer ein- 
fachen Formel aussprechen: Zwangsvorstellungen sind 
jedesmal verwandelte, aus der Verdrängung 
wiederkehrende Vorwürfe, die sich immer auf eine 
sexuelle, mitLust ausgeführte Aktion derKinder- 
zeit beziehen. Zur Erläuterung dieses Satzes ist es not- 
wendig, den typischen Verlauf einer Zwangsneurose zu be- 
schreiben. 

In einer ersten Periode — Periode der kindlichen 
Immoralität — fallen die Ereignisse vor, welche den Keim 
der späteren Neurose enthalten. Zuerst in frühester Kindheit 
die Erlebnisse sexueller Verführung, welche später die Ver- 



119 



drängung ermöglichen, sodann die Aktionen sexueller Aggression 
gegen das andere Geschlecht, welche später als Vorwurfshand- 
lungen erscheinen. 

Dieser Periode wird ein Ende bereitet durch den — 
oft selbst verfrühten — Eintritt der sexuellen „Reifung". 
Nun knüpft sich an die Erinnerung jener Lustaktionen ein 
Vorwurf, und der Zusammenhang mit dem initialen Erlebnisse 
von Passivität ermöglicht es — oft erst nach bewußter und 
erinnerter Anstrengung — diesen zu verdrängen und durch 
ein primäres Abwehrsymptom zu ersetzen. G-ewissen- 
haftigkeit, Scham, Selbstmißtrauen sind solche Symptome, 
mit denen die dritte Periode, die der scheinbaren Gesundheit, 
eigentlich der gelungenen Abwehr beginnt. 

Die nächste Periode, die der Krankheit, ist ausgezeichnet 
durch die"Wiederkehr der verdrängtenErinnerungen, 
also durch das Mißglücken der Abwehr, wobei es unentschieden 
bleibt, ob die Erweckung derselben häufiger zufällig und 
spontan oder infolge aktueller sexueller Störungen gleichsam 
als Nebenwirkung derselben erfolgt. Die wiederbelebten Er- 
innerungen und die aus ihnen gebildeten Vorwürfe treten 
aber niemals unverändert ins Bewußtsein ein, sondern was 
als Zwangsvorstellung und Zwangsaffekt bewußt wird, die 
pathogene Erinnerung für das bewußte Leben substituiert, 
sind Kompromißbildungen zwischen den verdrängten und 
den verdrängenden Vorstellungen. 

Um die Vorgänge der Verdrängung, der "Wiederkehr des 
Verdrängten und der Bildung der pathologischen Kompromiß- 
vorstellungen anschaulich und wahrscheinlich zutreffend zu 
beschreiben, müßte man sich zu ganz bestimmten Annahmen 
über das Substrat des psychischen Geschehens und des Be- 
wußtseins entschließen. So lange man dies vermeiden wiU, 
muß man sich mit folgenden, eher bildlich verstandenen 
Bemerkungen bescheiden : Es gibt zwei Formen der Zwangs- 
neurose, je nachdem allein der Erinnerungsinhalt der Vor- 
wurfshandlung sich den Eingang ins Bewußtsein erzwingt 
oder auch der an sie geknüpfte Vorwurfsaffekt. Der erstere 
FaU ist der der typischen Zwangsvorstellungen, bei denen 
der Inhalt die Aufmerksamkeit des Kranken auf sich zieht, 



120 



als Affekt nur eine unbestimmte Unlust empfunden wird, 
während zum Inhalte der Zwangsvorstellung nur der Affekt 
des Vorwurfs passen würde. Der Inhalt der Zwangsvorstellung 
ist gegen den der Zwangshandlung im Kindesalter in zwei- 
facher Weise entstellt: erstens, indem etwas Aktuelles an 
die Stelle des Vergangenen gesetzt ist, zweitens, indem das 
Sexuelle durch Analoges, nicht Sexuelles substituiert wird. 
Diese beiden Abänderungen sind die Wirkung der immer 
noch in Kraft stehenden Verdrängungsneigung, die wir dem 
„Ich" zuschreiben wollen. Der Einfluß der wiederbelebten 
pathogenen Erinnerung zeigt sich darin, daß der Inhalt der 
Zwangsvorstellung noch stückweise mit dem verdrängten 
identisch ist oder sich durch korrekte Gedankenfolge von 
ihm ableitet. Rekonstruiert man mit Hilfe der psychoanalyti- 
schen Methode die Entstehung einer einzelnen Zwangsvor- 
stellung, so findet man, daß von einem aktuellen Eindrucke 
aus zwei verschiedene Gedankengänge angeregt worden sind; 
der eine davon, der über die verdrängte Erinnerung gegangen 
ist, erweist sich als ebenso korrekt logisch gebildet wie der 
andere, obwohl er bewußtseinsunfähig und unkorrigierbar ist. 
Stimmen die Resultate der beiden psychischen Operationen 
nicht zusammen, so kommt es nicht etwa zur logischen Aus- 
gleichung des Widerspruches zwischen beiden, sondern neben 
dem normalen Denkergebnisse tritt als Kompromiß zwischen 
dem Widerstände und dem pathologischen Denkresultate eine 
absurd erscheinende Zwangsvorstellung ins Bewußtsein. Wenn 
die beiden Gedankengänge den gleichen Schluß ergeben, ver- 
stärken sie einander, so daß ein normal gewonnenes Denk- 
resultat sich nun psychisch wie eine Zwangsvorstellung ver- 
hält. Wo immer neurotischer Zwang imPsychischen 
auftritt, rührt er von Verdrängung her. Die Zwangs- 
vorstellungen haben sozusagen psychischen Zwangskurs nicht 
wegen ihrer eigenen Geltung, sondern wegen der Quelle, aus 
der sie stammen, oder die zu ihrer Geltung einen Beitrag 
geliefert hat. 

Eine zweite Gestaltung der Zwangsneurose ergibt sich, 
wenn nicht der verdrängte Erinnerungsinhalt, sondern der 
gleichfalls verdrängte Vorwurf eine Vertretung im bewußten 



121 



psychisclien Leben erzwingt. Der Vorwufsaffekt kann sicii durch 
einen psychischen Zusatz in einen beliebigen anderen Unlust- 
affekt verwandeln ; ist dies geschehen, so steht dem Bewnßt- 
werden des substituierenden Affekts nichts mehr im "Wege. 
So verwandelt sich Vorwurf (die sexuelle Aktion im Kindes- 
alter vollführt zu haben) mit Leichtigkeit in Scham (wenn 
ein Anderer davon erführe), in hypochondrische Angst 
(vor den körperlich schädigenden Folgen jener Vorwurfshand- 
lung), in soziale Angst (vor der gesellschaftlichen Ahndung 
jenes Vergehens), in religiöse Angst, in Beachtungs- 
wahn (Furcht, daß man jene Handlung Anderen verrate), in 
Versuchungsangst (berechtigtes Mißtrauen in die eigene 
moralische Widerstandskraft) u. dgl. Dabei kann der Er- 
innerungsinhalt der Vorwurfshandlung im Bewußtsein mit- 
vertreten sein oder gänzlich zurückstehen, was die diagnostische 
Erkennung sehr erschwert. Viele Fälle, die man bei ober- 
flächlicher Untersuchung für gemeine (neurasthenische) Hypo- 
chondrie hält, gehören zu dieser Gruppe der Zwangs- 
affekte insbesondere die sogenannte „periodische Neura- 
sthenie" oder „periodische MelanchoKe" scheint in ungeahnter 
Häufigkeit sich in Zwangsaffekte und Zwangsvorstellungen 
aufzulösen, eine Erkennung, die therapeutisch nicht gleich- 
giltig ist. 

Neben diesen Kompromißsymptomen, welche die Wieder- 
kehr des Verdrängten und somit ein Scheitern der ursprünglich 
erzielten Abwehr bedeuten, bildet die Zwangsneurose eine 
Reihe weiterer Symptome von ganz anderer Herkunft. Das 
Ich sucht sich nänüich jener Abkömnüinge der initial ver- 
drängten Erinnerung zu erwehren und schafft in diesem Ab- 
wehrkampfe Symptome, die man als „sekundäre Abwehr" 
zusammenfassen könnte. Es sind dies durchwegs „Schutz- 
maßregeln", die bei der Bekämpfung der Zwangsvor- 
stellungen und Zwangsaffekte gute Dienste geleistet haben. 
Gelingt es diesen Hilfen im Abwehrkampfe wirklich, die 
dem Ich aufgedrängten Symptome der Wiederkehr neuer- 
dings zu verdrängen, so überträgt sich der Zwang auf die 
Schutzmaßregeln selbst und schafft eine dritte Gestaltung der 
„Zwangsneurose", die Zwangshandlungen. Niemals sind 



122 



diese primär, niemals entlialteii sie etwas anderes als eine 
Abwehr, nie eine Aggression; die psychische Analyse weist 
von ihnen nach, daß sie — trotz ihrer Sonderbarkeit — durch 
Zm*ückführung auf die Zwangserinnerung, die sie bekämpfen, 
jedesmal voll aufzuklären sind.^) 

Die sekundäre Abwehr der Zwangsvorstellungen kann 
erfolgen durch gewaltsame Ablenkung auf andere Gedanken, 
möglichst konträren Inhalts; daher im FaUe des Gelingens 
der Grübelzwang, regelmäßig über abstrakte, übersinn- 
liche Dinge, weü die verdrängten Vorstellungen immer sich 
mit der Sinnlichkeit beschäftigten. Oder der Kranke ver- 
sucht, jeder einzelnen Zwangsidee durch logische Arbeit und 
Berufung auf seine bewußten Erinnerungen Herr zu werden; 
dies führt zum Denk- und Prüfungszwang und zur 
Zweifelsucht. Der Vorzug der Wahrnehmung vor der Er- 
innerung bei diesen Prüfungen veranlaßt den Bjranken zuerst 



1) Ein Beispiel anstatt vieler: Ein 11 jähriger Knabe hatte sich 
folgendes Zermoniell vor dem Zubettgehen zwangsartig eingerichtet: Er 
schlief nicht eher ein, als bis er seiner Mutter alle Erlebnisse des Tages 
haarklein vorerzählt hatte; auf dem Teppich des Schlafzimmers durfte 
abends kein Papierschnitzelchen und kein anderer Unrat zu finden sein; 
das Bett mußte ganz an die Wand angerückt werden, drei Stühle davor- 
stehen, die Polster in ganz bestimmter Weise liegen. Er selbst mußte, 
um einzuschlafen, zuerst eine gewisse Anzahl von Malen mit beiden Beinen 
stoßen und sich dann auf die Seite legen. — Das klärte sich folgender- 
maßen auf: Jahre vorher hatte es sich zugetragen, daß ein Dienstmäd- 
chen, welches den schönen Knaben zu Bette bringen sollte, die Gelegen- 
heit benützte, um sich dann über ihn zu legen und ihn sexuell zu miß- 
brauchen. Als dann später einmal diese Erinnerung durch ein rezentes 
Erlebnis geweckt wurde, gab sie sich dem Bewußtsein durch den Zwang 
zu obigem Zermoniell kund, dessen Sinn leicht zu erraten war und im 
einzelnen durch die Psychoanalyse festgestellt wurde: Sessel vor dem 
Bett und dieses an die Wand gerückt — damit niemand mehr zum 
Bett Zugang haben könne; Polster in einer gewissen Weise geordnet 
— damit sie anders geordnet seien als an jenem Abend; die Bewegungen 
mit den Beinen — Wegstoßen der auf ihm liegenden Person; Schlafen 
auf der Seite — weil er bei der Szene auf dem Rücken gelegen; die 
ausführliche Beichte vor der Mutter — weil er diese und andere sexuelle 
Erlebnisse infolge von Verbot der Verführerin ihr verschwiegen hatte; 
endlich Reinhaltung des Bodens im Schlafzimmer — weil dies der 
Hauptvorwurf war, den er bis dahin von der Mutter hatte hinnehmen 
müssen. 



123 



und zwingt ihn später, alle Objekte, mit denen er in Be- 
rührung getreten ist, zu sammeln und aufzubewahren. Die 
sekundäre Abwehr gegen die Zwangsaffekte ergibt eine noch 
größere Reihe von Schutzmaßregeln, die der Verwandlung 
in Zwangshandlungen fähig sind. Man kann dieselben nach 
ihrer Tendenz gruppieren: Maßregeln der Buße (lästiges 
Zermoniell, Zahlenbeobachtung), der Vorbeugung (allerlei 
Phobien, Aberglauben, Pedanterie, Steigerung des Primär- 
symptoms der Gewissenhaftigkeit), der Furcht vor Verrat 
(Papiersammeln, Menschenscheu), der Betäubung (Dipso- 
manie). Unter diesen Zwangshandlungen und -Impulsen spielen 
die Phobien als Existenzbeschränkungen des Kranken die 
größte Rolle. 

Es gibt Fälle, in welchen man beobachten kann, wie 
sich der Zwang von der Vorstellung oder vom Affekt auf 
die Maßregel überträgt ; andere, in denen der Zwang periodisch 
zwischen dem "Wiederkehrsymptome und dem Symptome der 
sekundären Abwehr oszilliert; aber daneben noch Fälle, in 
denen überhaupt keine Zwangsvorstellung gebildet, sondern 
die verdrängte Erinnerung sogleich durch die scheinbar 
primäre Abwehrmaßregel vertreten wird. Hier wird mit einem 
Sprunge jenes Stadium erreicht, welches sonst erst nach dem 
Abwehrkampfe den Verlauf der Zwangsneurose abschließt. 
Schwere Fälle dieser Affektion enden mit der Fixirung von 
ZermonieUhandlungen, allgemeiner Zweifelsucht oder einer 
durch Phobien bedingten Sonderlingsexistenz. 

Daß die Zwangsvorstellung und alles von ihr Abgeleitete 
keinen Glauben findet, rührt wohl daher, daß bei der ersten 
Verdrängung das Abwehrsymptom der Gewissenhaftig- 
keit gebildet worden ist, das gleichfalls Zwangsgeltung ge- 
wonnen hat. Die Sicherheit, in der ganzen Periode der ge- 
lungenen Abwehr moralisch gelebt zu haben, macht es un- 
mögHch, dem Vorwurfe, welchen ja die Zwangsvorstellung 
involviert, Glauben zu schenken. Nur vorübergehend beim Auf- 
treten einer neuen Zwangsvorstellung und hie und da bei 
melancholischen Erschöpfungszuständen des Ichs erzwingen 
die krankhaften Symptome der Wiederkehr auch den Glauben. 
Der „Zwang" der hier beschriebenen psychischen Bildungen 



124 



hat ganz allgemein mit der Anerkennung durch den Glauben 
nichts zu tun, und ist auch mit jenem Momente, das man als 
„Stärke" oder „Intensität" einer Vorstellung bezeichnet, nicht 
zu verwechseln. Sein wesentlicher Charakter ist vielmehr die 
Unauflösbarkeit durch die bewußtseinsfähige psychische Tätig- 
keit, und dieser Charakter erfährt keine Änderung, ob nun 
die Vorstellung, an der der Zwang haftet, stärker oder 
schwächer, intensiver oder geringer „beleuchtet", „mit Energie 
besetzt" u. dgl. wird. 

Ursache dieser Unangreifbarkeit der Zwangsvorstellung 
oder ihrer Derivate ist aber nur ihr Zusammenhang mit der 
verdrängten Erinnerung aus früher Kindheit, denn wenn es 
gelungen ist, diesen bewußt zu machen, wofür die psycho- 
therapeutischen Methoden bereits auszureichen scheinen, dann 
ist auch der Zwang gelöst. 

in. Analyse eines Falles von chronischer Paranoia. 

Seit längerer Zeit schon hege ich die Vermutung, daß 
auch die Paranoia — oder Gruppen von Fällen, die zur Paranoia 
gehören — eine Abwehr-Psychose ist, d. h. daß sie wie Hysterie 
und Zwangsvorstellungen hervorgeht aus der Verdrängung 
peinlicher Erinnerungen, und daß ihre Symptome durch den 
Inhalt des Verdrängten in ihrer Form determiniert werden. 
Eigentümlich müsse der Paranoia ein besonderer Weg oder 
Mechanismus der Verdrängung sein, etwa wie die Hysterie die 
Verdrängung auf dem Wege der Konversion in die Körper- 
innervation, die Zwangsneurose durch Substitution (Ver- 
schiebung^längs gewisser assoziativer Kategorien) bewerkstelligt. 
Ich beobachtete mehrere FäUe, die dieser Deutung günstig 
waren, hatte aber keinen gefunden, der sie erwies, bis mir 
durch die Güte des Herrn Dr. J. Breuer vor einigen Monaten 
ermöglicht wurde, den FaU einer intelligenten 32jährigen 
Frau, dem man die Bezeichnung als chronische Paranoia 
nicht wird versagen können, in therapeutischer Absicht einer 
Psychoanalyse zu unterziehen. Ich berichte schon hier über 
einige bei dieser Arbeit gewonnene Aufklärungen, weil ich 
keine Aussicht habe, die Paranoia anders als in sehr ver- 
einzelten Beispielen zu studieren, und weil ich es für möglich 



125 



halte, daß diese Bemerkungen einen hierin günstiger gestellten 
Psychiater veranlassen könnten, in der jetzt so regen Diskussion 
über Natur und psychischen Mechanismus der Paranoia das 
Moment der „Abwehr" zu seinem Eechte zu bringen. Natürlich 
liegt es mir fern, mit der nachstehenden einzigen Beobachtung 
etwas anderes sagen zu wollen, als: dieser Fall ist eine Ab- 
wehr-Psychose, und es dürfte in der Gruppe „Paranoia" noch 
andere geben, die es gleichfalls sind. 

Frau P., 32 Jahre alt, seit 3 Jahren verheiratet, Mutter eines 
2jährigen Kindes, stammt von nicht nervösen Eltern; ihre beiden Ge- 
schwister kenne ich aber als gleichfalls, neurotisch. Es ist zweifelhaft, ob 
sie nicht einmal in der Mitte der 20 er Jahre vorübergehend deprimiert 
vind in ihrem Urteile beirrt war; in den letzten Jahren war sie gesund 
und leistungsfähig, bis sie Va Jahr nach der Geburt ihres Kindes die 
ersten Anzeichen der gegenwärtigen Erkrankung erkennen ließ. Sie 
wurde verschlossen und mißtrauisch, zeigte Abneigung gegen den Ver- 
kehr mit den Geschwistern ihres Mannes, und klagte, daß die Nachbjirn 
in der kleinen Stadt sich anders als früher, unhöflich und rücksichtslos 
gegen sie benähmen. Allmählich steigerten sich diese Klagen an Intensität, 
wenn auch nicht an Bestimmtheit: man habe etwas gegen sie, obwohl 
sie keine Ahnung habe, was es sein könne. Aber es sei kein Zweifel, alle 
— Verwandte wie Freunde — versagten ihr die Achtung, täten alles, 
sie zu kränken. Sie zerbreche sich den Kopf, woher das komme; wisse 
es nicht. Einige Zeit später klagte sie, daß sie beobachtet werde, man 
ihre Gedanken errate, alles wisse, was bei ihr im Hause vorgehe. Eines 
Nachmittags kam ihr plötzlich der Gedanke, man beobachte sie abends 
beim Auskleiden. Von nun an wendete sie beim Auskleiden die kom- 
pliziertesten Vorsichtsmaßregeln an, schlüpfte im Dunkeln ins Bett und 
und entkleidete sich erst unter der Decke. Da sie jedem Verkehr aus- 
wich, sich schlecht nährte und sehr verstimmt war, wurde sie im 
Sommer 1895 in eine Wasserheilanstalt geschickt. Dort traten neue 
Symptome auf und verstärkten sich schon vorhandene. Schon im Früh- 
jahr hatte sie plötzlich eines Tages, als sie mit ihrem Stubenmädchen 
allein war, eine Empfindung im Schöße bekommen und sich dabei gedacht, 
das Mädchen habe jetzt einen unanständigen Gedanken. Diese Empfindung 
wiu-de im Sommer häufiger, nahezu kontinuierlich, sie spürte ihre Genitalien, 
„wie man eine schwere Hand spürt". Dann fing sie an, Bilder zu sehen, 
über die sie sich entsetzte, Halluzinationen von weiblichen Nacktheiten, 
besonders einen entblößten weiblichen Schoß mit Behaarung; gelegentlich 
auch männliche Genitalien. Das Büd des behaarten Schoßes und die 
Organempfindung im Schöße kamen meist gemeinsam. Die Bilder wurden 
sehr quälend für sie, da sie dieselben regelmäßig bekam, wenn sie in 
Gesellschaft einer Frau war und daran die Deutung sich anschloß, sie 
sehe jetzt die Frau in. unanständigster Blöße, aber im selben Moment 



126 



habe die Frau dasselbe Bild von ihr (!). Gleichzeitig mit diesen Gesichts- 
halluzinationen — die nach ihrem ersten Auftreten in der Heilanstalt 
für mehrere Monate wieder verschwanden — fingen Stimmen an, sie zu 
belästigen, die sie nicht erkannte und sich nicht zu erklären wußte. 
Wenn sie auf der Straße war, hieß es: Das ist die Frau P. — Da geht 
sie. Wo geht sie hin? — Man kommentierte jede ihrer Bewegungen und 
Handlungen, gelegentlich hörte sie Drohungen und Vorwürfe. Alle diese 
Symptome wurden ärger, wenn sie in Gesellschaft oder gar auf der Straße 
war ; sie verweigerte darum auszugehen, erklärte dann, sie habe Ekel vor 
dem Essen und kam rasch herunter. 

Dies erfahr ich von ihr, als sie im "Winter 1895 nach 
"Wien in meine Behandlung kam. Ich habe es ausführlich 
dargestellt, um den Eindruck zu erwecken, daß es sich hier 
"wirklich um eine recht häufige Form von chronischer Para- 
noia handle, zu welchem Urteil die noch später anzuführenden 
Details der Symptome und ihres Verhaltens stimmen werden. 
"Wahnbildungen zur Deutung der Halluzinationen verbarg sie 
mir damals oder sie waren wirklich noch nicht vorgefallen; 
ihre Intelligenz war unvermindert; als auffällig wurde mir 
nur berichtet, daß sie ihrem in der Nachbarschaft lebenden 
Bruder wiederholt Rendez-vous gegeben, um ihm etwas anzu- 
vertrauen, ihm aber nie etwas mitgeteilt habe. Sie sprach nie 
über ihre Halluzinationen und zuletzt auch nicht mehr viel 
über die Kränkungen und Verfolgungen, unter denen sie litt. 

Was ich nun von dieser Kranken zu berichten habe, betrifft 
die Ätiologie des Falles und den Mechanismus der Hallu- 
zinationen. Ich fand die Ätiologie, als ich ganz wie bei einer 
Hysterie die Breuer'sche Methode zunächst zur Erforschung 
und Beseitigung der Halluzinationen in Anwendung brachte. 
Ich ging dabei von der Voraussetzung aus, es müsse bei 
dieser Paranoia, wie bei den zwei anderen mir bekannten 
Abwehrneurosen unbewußte Gedanken und verdrängte Er- 
innerungen geben, die auf dieselbe Weise, wie dort, ins 
Bewußtsein zu bringen seien, unter Überwindung eines ge- 
wissen Widerstandes, und die Kranke bestätigte sofort diese 
Erwartung, indem sie sich bei der Analyse ganz wie zum 
Beispiel eine Hysterica benahm und unter Aufmerksamkeit 
auf den Druck meiner Hand (vergleiche die „Studien über 
Hysterie") Gedanken vorbrachte, die gehabt zu haben sie sich 



127 



nicht erinnerte, die sie zunächst nicht verstand, und die 
ihrer Erwartung widersprachen. Es war also das Vorkommen 
bedeutsamer unbewußter Vorstellungen auch für einen Fall 
von Paranoia erwiesen, und ich durfte hoffen, auch den Zwang 
der Paranoia auf Verdrängung zurückzuführen. Eigentümlich 
war nur, daß sie die aus dem Unbewußten stammenden An- 
gaben zumeist wie ihre Stimmen innerlich hörte oder hallu- 
zinierte. 

Über die Herkunft der Gesichtshalluzinationen oder 
wenigstens der lebhaften Bilder erfuhr ich folgendes: Das 
Bild des weiblichen Schoßes kam fast immer mit der Organ- 
empfindung im Schöße zusammen, letztere war aber viel 
konstanter und sehr oft ohne das Bild. 

Die ersten Bilder von weibhchen Schößen waren auf- 
getreten in der Wasserheilanstalt, wenige Stunden, nachdem 
sie eine Anzahl von Frauen tatsächlich im ßaderaum entblößt 
gesehen hatte, erwiesen sich also als einfache Reproduktionen 
eines realen Eindrucks. Man durfte nun voraussetzen, daß 
diese Eindrücke nur darum wiederholt worden seien, weil 
sich ein großes Interesse an sie geknüpft habe. Sie gab die 
Auskunft, sie habe sich damals für jene Frauen geschämt; 
sie schäme sich selbst, nackt gesehen zu werden, seitdem sie 
sich erinnere. Da ich nun diese Scham für etwas Zwanghaftes 
ansehen mußte, schloß ich nach dem Mechanismus der Ab- 
wehr, es müsse hier ein Erlebnis verdrängt worden sein, bei 
dem sie sich nicht geschämt, und forderte sie auf, die Er- 
innerungen auftauchen zu lassen, welche zu dem Thema des 
Schämens gehörten. Sie reproduzierte mir prompt eine Reihe 
von Szenen vom 17. Jahre bis zum 8., in denen sie sich im 
Bade vor der Mutter, der Schwester, dem Arzte ihrer Nackt- 
heit geschämt hatte; die Reihe lief aber in eine Szene mit 
6 Jahren aus, wo sie sich im Kinderzimmer zum Schlafen- 
gehen entkleidete, ohne sich vor dem anwesenden Bruder 
zu schämen. Auf mein Befragen kam heraus, daß es solcher 
Szenen viele gegeben habe, und daß die Geschwister Jahre 
hindurch die Gewohnheit geübt hätten, sich einander vor dem 
Schlafengehen nackt zu zeigen. Ich verstand nun, was der 
plötzliche Einfall bedeutet hatte, man beobachte sie beim 



128 



ScLlafengehen. Es war ein unverändertes Stück der alten 
Vorwurfserinnerung, und sie holte jetzt an Schämen nach, 
was sie als Kind versäumt hatte. 

Die Vermutung, daß es sich hier um ein Kinderverhältnis 
handle, wie auch in der Ätiologie der Hysterie so häufig, 
wurde durch weitere Fortschritte der Analyse bekräftigt, 
bei denen sich gleichzeitig Lösungen für einzelne im Bilde 
der Paranoia häufig wiederkehrende Details ergaben. Der 
Anfang ihrer Verstimmung fiel zusammen mit einem Zwiste 
zwischen ihrem Manne und ihrem Bruder, infolgedessen der 
letztere ihr Haus nicht mehr betrat. Sie hatte diesen Bruder 
immer sehr geHebt und entbehrte ihn um diese Zeit sehr. 
Sie sprach aber außerdem von einem Moment ihrer Kranken- 
geschichte, in dem ihr zuerst „alles klar wurde", das heißt 
in dem sie zur Überzeugung gelangte, daß ihre Vermutung, 
allgemein mißachtet und mit Absicht gekränkt zu werden, 
Wahrheit sei. Diese Sicherheit gewann sie durch den Besuch 
einer Schwägerin, welche im Verlaufe des Gespräches die 
Worte fallen ließ : „Wenn mir etwas derartiges passiert, nehme 
ich es auf die leichte Achsel!" Frau P. nahm diese Äußerung 
25unächst arglos hin; nachdem aber ihr Besuch sie verlassen 
hatte, kam es ihr vor, als sei in diesen Worten ein Vorwurf 
für sie enthalten gewesen, als ob sie gewohnt sei, ernste 
Dinge leicht zu nehmen, und von dieser Stunde an war sie 
sicher, daß sie ein Opfer der allgemeinen Nachrede sei. Als 
ich sie examinierte, wodurch sie sich berechtigt gefühlt, jene 
Worte auf sich zu beziehen, antwortete sie, der Ton, in dem 
die Schwägerin gesprochen, habe sie — allerdings nach- 
träglich — davon überzeugt, was doch ein für Paranoia 
charakteristisches Detail ist. Ich zwang sie nun, sich an 
die Reden der Schwägerin vor der angeschuldigten Äußerung 
zu erinnern, und es ergab sich, daß diese erzählt hatte, im 
Vaterhause habe es mit den Brüdern allerlei Schwierigkeiten 
gegeben, und daran die weise Bemerkung geknüpft: „In jeder 
Familie gehe allerlei vor, worüber man gerne eine Decke 
breite. Wenn ihr aber derartiges passiere, dann nehme sie 
es leicht." Frau P. mußte nun bekennen, daß an diese 
Sätze vor der letzten Äußerung ihre Verstimmung angeknüpft 



129 



hatte. Da sie diese beiden Sätze, die eine Erinnerung an ihr 
Verhältnis zum Bruder wecken konnte, verdrängt hatte und 
niu" den bedeutungslosen letzten Satz behalten, mußte sie die 
Empfindung, als mache ihr die Schwägerin einen Vorwurf, 
an diesen knüpfen, und da der Inhalt desselben keine An- 
lehnung hierfür bot, warf sie sich vom Inhalt auf den Ton, 
mit dem diese Worte gesprochen worden waren. Ein wahr- 
scheinlich typischer Beleg dafür, daß die Mißdeutungen der 
Paranoia auf einer Verdrängung beruhen. 

In überraschender Weise löste sich auch ihr sonderbares 
Verfahren, ihren Bruder zu Zusammenkünften zu bestellen, 
bei denen sie ihm dann nichts zu sagen hatte. Ihre Erklärung 
lautete, sie habe gemeint, er müsse ihr Leiden verstehen, wenn 
sie ihn bloß ansehe, da er um die Ursache desselben wisse. Da 
nun dieser Bruder tatsächlich die einzige Person war, die um 
die Ätiologie ihrer Krankheit wissen konnte, ergab sich, daß sie 
nach einem Motiv gehandelt hatte, das sie bewußt zwar selbst 
nicht verstand, das aber vollkommen gerechtfertigt erschien, 
sobald man ihm einen Sinn aus dem Unbewußten unterlegte. 

Es gelang mir dann, sie zur Reproduktion der ver- 
schiedenen Szenen zu veranlassen, in denen der sexuelle Ver- 
kehr mit dem Bruder (mindestens vom 6. bis zum 10. Jahre) 
gegipfelt hatte. Während dieser Eeproduktionsarbeit sprach 
die Organempfindung im Schöße mit, wie es bei der Analyse 
hysterischer Erinnerungsreste regelmäßig beobachtet wird. 
Das Bild eines nackten weiblichen Schoßes (jetzt aber auf 
kindliche Proportionen reduziert und ohne Behaarung) stellte 
sich dabei gleichfalls ein oder blieb weg, je nachdem die 
betrefi'ende Szene bei heUem Lichte oder im Dunkeln vor- 
gefallen war. Auch der Eß-Ekel fand in einem abstoßenden 
Detail dieser Vorgänge seine Erklärung. Nachdem wir die 
Eeihe dieser Szenen durchgemacht hatten, waren die hallu- 
zinatorischen Empfindungen und Bilder verschwunden, tun 
(wenigstens bis heute) nicht wiederzukehren.^) 



1) Als späterhin eine Exacerbation die ohnehin spärlichen Erfolge 
der Behandlang aufhob, sah sie die anstößigen Bilder fremder Genitalien 
nicht wieder, sondern hatte die Idee, die Fremden sähen ihre Genitalien, 
sobald sie sich hinter ihr befänden. 

Freud, Neurosenielire. " 



130 

Icii hatte also gelernt, daß diese Halluzinationen niclits 
anderes als Stücke aus dem Inhalte der verdrängten Kinder- 
erlebnisse waren, Symptome der Wiederkekr des Verdrängten. 

Nun wandte ich mich an die Analyse der Stimmen. Hier 
war vor allem zu erklären, daß ein so gleichgiltiger Inhalt 
„Hier geht die Frau P." — „Sie sucht jetzt "Wohnung" u. dgl. 
von ihr so peinlich empfunden werden konnte; sodann, auf 
welchem Wege gerade diese harmlosen Sätze es dazu brachten, 
durch halluzinatorische Verstärkung ausgezeichnet zn werden. 
Von vornherein war klar, daß diese „Stimmen" nicht hallu- 
zinatorisch reproduzierte Erinnerungen sein konnten wie die 
Bilder und Empfindungen, sondern vielmehr „laut gewordene" 
Gedanken. 

Das erstemal, als sie Stimmen hörte, geschah es unter 
folgenden Umständen. Sie hatte mit großer Spannung die 
schöne Erzählung von 0. Ludwig, Die Heiterethei,gelesen 
und bemerkt, daß sie bei der Lektüre von aufsteigenden 
Gedanken in Anspruch genommen wurde. Unmittelbar darauf 
ging sie auf der Landstraße spazieren, und nun sagten ihr 
plötzlich die Stimmen, als sie an einem Bauernhäuschen vor- 
überging: „So hat das Haus der Heiterethei ausgesehen! Da 
ist der Brunnen, und da der Strauch ! Wie glücklich war sie 
doch bei aU ihrer Armut!" Dann wiederholten ihr die Stinamen 
ganze Abschnitte, die sie eben gelesen hatte; aber es blieb 
unverständlich, warum Haus, Strauch und Brunnen der 
Heiterethei und gerade die belang- und beziehungslosesten 
Stellen der Dichtung sich ihrer Aufmerksamkeit mit patho- 
logischer Stärke aufdrängen mußten. Indes war die Lösung 
des Rätsels nicht schwer. Die Analyse ergab, daß sie während 
der Lektüre auch andere Gedanken gehabt hatte und durch 
ganz andere Stellen des Buches angeregt worden war. Gegen 
dieses Material — Analogien zwischen dem Paare der Dich- 
tung und ihr und ihrem Manne, Erinnerungen an Intimitäten 
ihres Ehelebens und an Familiengeheimnisse — gegen dies 
alles hatte sich ein verdrängender Widerstand erhoben, weil 
es auf leicht nachweisbaren Gedankenwegen mit ihrer sexuellen 
Scheu zusammenhing und so in letzter Linie auf die Er- 
weckung der alten Kindererlebnisse hinauskam. Infolge dieser 



131 

von der Verdrängung geübten Zensur gewannen die harm- 
losen und idyllisclien Stellen, die mit den beanstandeten 
durcli Kontrast und auch durch Vizinität verknüpft waren, 
die Verstärkung für das Bewußtsein, die ihnen das Lautwerden 
ermöglichte. Der erste der verdrängten Einfälle bezog sich 
zum Beispiel auf die Nachrede, der die vereinsamt lebende 
Heldin von selten der Nachbarn ausgesetzt war. Die Analogie 
mit ihrer eigenen Person wurde von ihr leicht gefunden. 
Auch sie lebte in einem kleinen Orte, verkehrte mit Niemand 
und glaubte sich von den Nachbarn mißachtet. Dies Mißtrauen 
gegen ihre Nachbarn hatte seinen wirklichen Grund darin, 
daß sie anfangs genötigt war, sich mit einer kleinen Wohnung 
zu begnügen, in welcher die Schlafzimmerwand, an der die 
Ehebetten des jungen Paares standen, an ein Zimmer der 
Nachbarn stieß. Mit dem Beginn ihrer Ehe erwachte in ihr 
— offenbar durch unbewußte Erweckung ihres Kinderver- 
hältnisses, in dem sie Mann und Frau gespielt hatten — eine 
große sexuelle Scheu; sie besorgte beständig, daß die Nach- 
barn "Worte und Geräusche durch die trennende Wand ver- 
nehmen könnten, und diese Scham verwandelte sich bei ihr 
in Argwohn gegen die Nachbarn. 

Die Stimmen verdankten also ihre Entstehung der Ver- 
drängung von Gedanken, die in letzter Auflösung eigenthch 
Vorwürfe anläßlich eines dem Kindertrauma analogen Erleb- 
nisses bedeuteten ; sie waren demnach Symptome der Wieder- 
kehr des Verdrängten, aber gleichzeitig Folgen eines Kompro- 
misses zwischen Widerstand des Ich und Macht des Wieder- 
kehrenden, der in diesem Falle eine Entstellung bis zur 
Unkennthchkeit herbeigeführt hatte. In anderen FäUen, in 
denen ich Stimmen bei Frau P. zu analysieren Gelegenheit 
hatte, war die Entstellung minder groß; doch hatten die 
gehörten Worte immer einen Charakter von diplomatischer 
Unbestimmtheit; die kränkende Anspielung war meist tief 
versteckt, der Zusammenhang der einzelnen Sätze durch 
fremdartigen Ausdruck, ungewöhnliche Sprachformen u. dgl. 
verkleidet: Charaktere, die den Gehörshalluzinationen der 
Paranoiker allgemein eigen sind, und in denen ich die Spur 
der KompromißentsteUung erbhcke. Die Rede: „Da geht die 

9* 



132 



Frau P., sie sucht Wohnung in der Straße", bedeutete zum 
Beispiel die Drohung, daß sie nie genesen werde, denn ich 
hatte ihr zugesagt, daß sie nach der Behandlung imstande 
sein werde, in die kleine Stadt, wo ihr Mann beschäftigt 
war, zurückzukehren; sie hatte für einige Monate in "Wien 
provisorisch Wohnung gemietet. 

In einzelnen FäUen vernahm Frau P. auch deutHchere 
Drohungen, zum Beispiel in betreff der Verwandten ihres 
Mannes, deren zurückhaltender Ausdruck aber immer noch 
mit der Qual kontrastierte, welche ihr solche Stimmen be- 
reiteten. Nach dem, was man sonst von Paranoikem weiß, 
bin ich geneigt, ein allmähliches Erlahmen jenes die Vorwürfe 
abschwächenden Widerstandes anzunehmen, so daß endlich 
die Abwehr voll mißhngt, und der ursprüngliche Vorwurf, 
das Schimpfwort, welches man sich ersparen wollte, in un- 
veränderter Form zurückkehrt. Indes weiß ich nicht, ob dies 
ein konstanter Ablauf ist, ob die Zensur der Vorwurfsreden 
nicht von Anfang an ausbleiben oder bis zum Ende aus- 
harren kann. 

Es erübrigt mir nur noch, die an diesem Falle von Panaroia 
gewonnenen Aufklärungen für eine Vergleichung der Paranoia 
mit der Zwangsneurose zu verwerten. Die Verdrängung als Kern 
des psychischen Mechanismus ist hier wie dort nachgewiesen, 
das Verdrängte ist in beiden Fällen ein sexuelles Kindererlebnis. 
Jeder Zwang rührt auch bei dieser Paranoia von Verdrängung 
her ; die Symptome der Paranoia lassen eine ähnHche Klassi- 
fizierung zu, wie sie sich für die Zwangsneurose als berechtigt 
erwiesen hat. Ein Teil der Symptome entspringt wieder der 
primären Abwehr, nämlich aUe Wahnideen des Mißtrauens, 
Argwohns, der Verfolgung durch Andere. Bei der Zwangs- 
neurose ist der initiale Vorwurf verdrängt worden durch die 
Büdung des primären Abwehrsymptoms : Selbstmißtrauen. 
Dabei ist der Vorwurf als berechtigt anerkannt worden, und 
zur Ausgleichung schützt nun die Geltung, welche sich die 
Gewissenhaftigkeit im gesunden Intervall erworben hat, davor, 
dem als Zwangsvorstellung wiederkehrenden Vorwurf Glauben 
zu schenken. Bei Paranoia wird der Vorwurf auf einem Wege, 
den man als Projektion bezeichnen kann, verdrängt, indem 



133 



das Abwehrsymptom des Mißtrauens gegen Andere 
errichtet wird; dabei wird dem Vorwurfe die Anerkennung 
entzogen, und wie zur Vergeltung fehlt es dann an einem 
Schutze gegen die in den Wahnideen wiederkehrenden Vorwürfe. 

Andere Symptome meines Falles von Paranoia sind als 
Symptome der Wiederkehr des Verdrängten zu bezeichnen 
und tragen auch, wie die der Zwangsneurose, die Spuren des 
Kompromisses an sich, der ihnen allein den Eintritt ins 
Bewußtsein gestattet. So die Wahnidee, beim Auskleiden 
beobachtet zu werden, die visuellen, die Empfindungshallu- 
zinationen und das Stimmenhören. Nahezu unveränderter, nur 
durch Auslassung unbestimmt gewordener Erinnerungsinhalt 
findet sich in der erwähnten Wahnidee vor. Die Wiederkehr 
des Verdrängten in visuellen Bildern nähert sich eher dem 
Charakter der Hysterie als dem der Zwangsneurose, doch 
pflegt die Hysterie ihre Erinnerungssymbole ohne Modifikation 
zu wiederholen, während die paranoische Erinnerungshallu- 
zination eine Entstellung erfährt, wie sie der Zwangsneurose 
zukommt ; ein analoges modernes Büd setzt sich an die Stelle 
des verdrängten (Schoß einer erwachsenen Frau anstatt eines 
Kindes; daran sogar die Behaarung besonders deutlich, weil 
diese dem ursprünglichen Eindruck fehlte). Ganz der Paranoia 
eigentümlich und in dieser Vergleichung weiter nicht zu be- 
leuchten ist der Umstand, daß die verdrängten Vorwürfe als 
lautgewordene Gedanken wiederkehren, wobei sie sich eine 
zweifache Entstellung gefallen lassen müssen, eine Zensur, die 
zur Ersetzung durch andere assoziierte Gedanken oder zur 
Verhüllung durch unbestimmte Ausdrucksweise führt, und die 
Beziehung auf moderne, den alten bloß analoge Erlebnisse. 

Die dritte Gruppe der bei Zwangsneurose gefundenen 
Symptome, die Symptome der sekundären Abwehr, kann bei 
der Paranoia nicht als solche vorkanden sein, da sich gegen 
die wiederkehrenden Symptome, die ja Glauben finden, keine 
Abwehr geltend macht. Zum Ersätze hierfür findet sich bei 
Paranoia eine andere Quelle für Symptombildung; die durch 
das Kompromiß ins Bewußtsein gelangten Wahnideen (Symp- 
tome der Wiederkehr) stellen Anforderungen an die Denkarbeit 
des Ich, bis daß sie widerspruchsfrei angenommen werden 



134 



können. Da sie selbst unbeeiniiußbar wird, muß das Ich sich 
ihnen anpassen, und somit entspricht den Symptomen der 
sekundären Abwehr bei der Zwangsneurose hier die kombi- 
natorische Wahnbüdung, der Deutungswahn, der in die 
Ichveränderung ausläuft. Mein Fall war in dieser Hinsicht 
unvollständig; er zeigte damals noch nichts von Deutungs- 
versuchen, die sich erst später einstellten. Ich zweifle aber 
nicht daran, daß man noch ein wichtiges Resultat wird fest- 
stellen können, wenn man die Psychoanalyse auch auf dieses 
Stadium der Paranoia anwendet. Es dürfte sich ergeben, daß 
auch die sogenannte Erinnerungsschwäche der Paranoiker 
eine tendenziöse, das heißt auf Verdrängung beruhende 
und ihren Absichten dienende ist. Es werden nachträglich 
jene gar nicht pathogenen Erinnerungen verdrängt und er- 
setzt, die mit der Ichveränderung in "Widerspruch stehen, 
welche die Symptome der Wiederkehr gebieterisch erfordern. 



IX. 

L'heredite et Tetiologie des N^vrosesO. 

Je m'adresse specialement aux disciples de J.-M. Charcot 
pour faire valoir quelques objections contre la theorie etio- 
logique des nevroses qui nous a ete transmise par notre maitre. 

On sait quel est le röle attribue ä l'heredite nerveuse 
dans cette theorie. Elle est pours les afFections nevrosiques 
la seule cause vraie et indispensable, les autres influences 
etiologiques ne devant aspirer qu'au nom d'agents provocateurs. 

Ainsi le maitre lui-meme et ses eleves, MM. Guinon, 
Gilles de la Tourette, Janet et d'autres l'ont enonce pour la 
grande nevrose, l'liysterie et, je crois, la meme opinion est 
soutenue en France et un peu partout pour les autres nevroses, 
bien qu'elle n'ait pas ete emise d'une maniere aussi solenneUe 
et decidee pour ces etats analogues ä l'liysterie. 

C'est depuis longtemps que j'entretiens quelques soupcons 
dans cette matiere, mais il m'a fallu attendre pour trouver des 
faits d'appui dans l'experience journaliere du medecin. Main- 
tenant mes objections sont d'un double ordre, arguments de 
faits et arguments tires de la speculation. Je commencerai 
par les premiers, en les arrangeant selon l'importance que je 
leur concede. 

I. — a) On a parfois juge comme nerveuses et demon- 
stratives d'une tendance nevropathique hereditaire, des affections 
qui assez souvent sont etrangeres au domaine de la neuro- 
pathologie et ne dependent pas necessairement d'une maladie 
du Systeme nerveux. Ainsi les nevralgies vraies de la face et 
nombre des cephalees, qu'on croyait nerveuses, mais qui derivent 
plutöt des alterations pathologiques post-infectieuses et des 



1) Revue neurologique, IV., 1896. 



136 



suppurations dans le Systeme cavitaire pharyngo-nasal. Je me 
tiens persuade, que les malades en profiteraient si nous aban- 
donnions plus souvent le traitement de ces affections aux 
chirurgiens rliinologistes. 

h) On a accept^ comme donnant Heu a la charge de tare 
nerveuse hereditaire pour le malade en question toutes les 
affections nerveuses trouvees dans sa famille sans en compter 
la frequence et la gravite. N'est-ce pas que cette maniere de 
voir semble contenir une Separation nette entre les familles 
indemnes de toute predisposition nerveuse et les familles 
qui y soient sujettes sans borne ni restriction? Et les faits ne 
plaident-ils pas plutöt en faveur de l'opinion opposee, savoir 
qu'il y ait des transitions et des degres de disposition nerveuse 
et qu'aucune famille n'y echappe tout a fait? 

c) Assurement notre opinion sur le role etiologique de 
rberedite dans les maladies nerveuses doit etre le resultat d'un 
examen impartial statistique et non pas d'viiie peiitio prindpU. 
Tant que cet examen n'aura pas ete fait on devrait croire Texi- 
stence des nevropathies acquises aussi possible que celle des 
nevropathies hereditaires. Mais s'il peut y avoir des nevropathies 
acquises par des hommes non predisposes, on ne pourra plus 
nier que les affections nerveuses rencontrees chez les parents 
de notre malade, ne soient en partie de cette origine. Alors 
on ne saura plus les invoquer comme preuves concluantes 
de la disposition hereditaire, qu'on impose au malade ä raison 
de son histoire familiale, puisque le diagnostic retrospectif 
des maladies des ascendants ou des membres absents de la 
famille ne reussit que tres rarement. 

d) Ceux qui se sont attach.es a M. Fournier et a M. Erb 
concernant le role etiologique de la syphilis dans le tabes 
dorsal et la paralysie progressive, ont appris qu'il faut recon- 
naitre des influences etiologiques puissantesdontlacollaboration 
est indispensable pour la pathogenie de certaines maladies, 
que l'heredite ä eile seule ne saurait produire. Cependant 
M. Cbarcot est demeure jusqu'ä son dernier temps, comme 
j'ai SU par une lettre privee du maitre, en stricte Opposition 
contre la tbeorie de Fournier qui pourtant gagne du terrain 
de jour en jour. 



137 



e) n n'est pas douteux que certaines nevropathies peuvent 
se developper chez rhomme parfaitement sain et de famille 
irreprocliable. C'est ce qu'on observe tous les jours pour la 
nevrasthenie de Beard ; si la nevrasthenie se bornait aux gens 
predisposes eile n'aurait jamais gagne l'importance et l'etendue 
que nous lui connaissons. 

/) H y a dans la pathologie nerveuse, hlteredite similaire 
et l'heredite dite dissimilaire. Pour la premiere on ne trouvera 
rien a redire; c'est meme tr^s remarquable, que dans les 
a£fections qui dependent de l'heredite similaire (maladie de 
Thomsen, de Friedreich; myopathies, choree de Huntington etc.) 
on ne rencontre jamais la trace d'une autre influence etio- 
logique accessoire. Mais l'heredite dissimilaire, beaucoup plus 
importante que l'autre, laisse des lacunes qu'ü faudrait combler 
pour arriver ä une Solution satisfaisante des probl^mes etiolo- 
giques. Elle consiste dans le fait que les membres de la meme 
famille se montrent visites par les nevropathies les plus diverses, 
fonctionnelles et organiques, sans qu'on puisse d^voiler une loi 
qui dirige la Substitution d'une maladie pour une autre ou 
l'ordre de leur succession a travers les generations. A cote 
des individus malades il y a dans ees familles des personnes 
qui restent saines, et la theorie de l'heredite dissimilaire ne 
nous dit pas pourquoi cette personne supporte la meme Charge 
hereditaire sans y succomber, ni pourquoi une autre personne 
malade aui-a choisi, parmi les affections qui constituent la 
grande famille nevropathique, une teile affection nerveuse au 
lieu d'en avoir choisi une autre, l'hysterie au lieu de l'epüepsie, 
de la vesanie, etc. Comme ü n'y a pas une fortuite, en patho- 
genie nerveuse pas plus qu'aüleurs, ü faut bien conceder que 
ce n'est pas l'heredite qui preside au choix de la nevropathie 
qui se developpera chez le membre d'une famille predispose, 
mais qu'il y a Ueu de soupconner l'existence d'autres influences 
etiologiques, d'une nature moins imcomprehensible, qui meri- 
teraient alors le nom d'une etiologie specißque de teile ou teile 
affection nerveuse. Sauf l'existence de ce facteur etiologique 
special l'heredite n'aurait pu rien faire; eile se serait pretee 
ä la production d'une autre nevropathie si l'etiologie specifique 
en question avait ete substituee par une influence quelqu'autre. 



138 



n. — On a trop peu recherche ces causes specifiques 
et determinantes des nevropathies, l'attention des medecins 
demeurant eblouie par la grandiose perspective de la condition 
etiologique hereditaire. 

Neanmoins elles m^ritent bien qu'on les rende l'objet 
d'une etude assidue ; bien que leur puissance patliogenique 
ne soit en general qu'accessoire ä celle de l'heredite, un grand 
interet pratique se rattache ä la connaissance de cette etio- 
logie specifique qui pretera un acc^s a notre travail thera- 
peutique, tandis que la disposition hereditaire, fixee d'avance 
pour le malade des sa naissance, arrete nos efforts en pouvoir 
inabordable. 

Je me suis engage depuis des annees dans la recherche 
de l'etiologie des grandes nevroses (etats nerveux fonctionnels 
analogues ä l'hysterie) et c'est le resultat de ces etudes que 
je raconterai dans les lignes qui vont suivre. Pour eviter tout 
malentendu possible j'exposerai d'abord deux remarques sur 
la nosographie des nevroses et sur l'etiologie des nevroses 
en general. 

n m'a fallu commencer mon travail par une innovation 
nosographique. A cöte de l'hysterie j'ai trouve raison de placer 
la nevrose des obsessions (Zwangsneurose) comme affection 
autonome et independante, bien que la plupart des auteurs 
fassent ranger les obsessions parmi les Syndromes constituant 
la degenerescence mentale ou les confondent avec la nevra- 
sthenie. Moi, j'avais appris par l'examen de leur mecanisme 
psychique, que les obsessions sont liees ä l'hysterie plus 
etroitement qu'on ne croirait. 

Hysterie et nevrose d'obsessions forment le premier 
groupe des grandes nevroses, que j'ai etudiees. Le second 
contient la nevrasthenie de Beard que j'ai decomposee en 
deux etats fonctionnels separes par l'etiologie comme par 
l'aspect symptomatique, la nevrasthenie propre et la nevrose 
ä'angoisse (Angstneurose), denomination qui, soit dit en passant, 
ne me convient pas ä moi-meme. J'ai donne les raisons 
de cette Separation, que je crois necessaire, en detaü 
dans un memoire publie en 1895. {Neurologisches Centralhlatt, 
n« 10-11). 



139 



Quant ä l'etiologie des nevroses, je pense qu'on doit 
recomiaitre en theorie que les influences etiologiques diffe- 
rentes entre elles par lettr dignite et maniere de relation 
avec l'effet qu'elles produisent, se laissent ranger en trois 
classes: 1) Conditions, qui sont indispensables pour la pro- 
duction de l'affection en question, mais qui sont de nature 
universelle et se recontrent aussi bien dans l'etiologie de 
beaucoup d'autres affections; 2) Causes concurrentes, qui par- 
tagent le caractere des conditions qu'elles fonctionnent dans 
la causation d'autres affections aussi bien que dans celle de 
l'affection en question, mais qui ne sont pas indispensables, 
pour que cette derniere se produise ; 3) Causes specißques, 
autant indispensables que les conditions, mais de nature 
etroite et qui n'apparaissent que dans l'etiologie de l'affection, 
de laqueUe elles sont specifiques. 

Eh bien, dans la Pathogenese des grandes nevroses 
l'heredite rempHt le role d'une condiüon, puissante dans tous 
les cas et meme indispensable dans la plupart des cas. Elle 
ne saurait se passer de la collaboration des causes specifiques, 
mais l'importance de la disposition hereditaire se trouve 
demontree par le fait que les memes causes specifiques 
agissant sur un individu sain ne produiraient aucun effet 
pathologique manifeste pendant que chez une personne pre- 
disposee leur action fera eclore la nevrose, de laquelle le 
developpement en intensite et etendue sera conforme au 
degre de cette condition hereditaire. 

L'action de l'heredite est donc comparable ä celle du fil multi- 
pHcateur dans le circuit electrique, qui exagere la deviation visible 
de l'aiguille, mais qui ne pourra pas en determiner la direction. 
Dans les relations qui existent entre la condition here- 
ditaire et les causes specifiques des nevroses il y a encore 
autre chose ä noter. L'experience montre, ce qu'on aurait 
pu supposer d'avance, qu'on ne devrait pas negliger dans 
ces questions d'etiologie les quantites relatives pour ainsi 
dire des influences etiologiques. Mais on n'aurait pas devine 
le fait suivant, qui semble decouler de mes observations, que 
l'heredite et les causes specifiques peuvent se remplacer par 
le cöte quantitatif, que le meme effet pathologique sera pro- 



140 



duit par la concurrence d'une etiologie specifique tr^s serieuse 
avec Tine disposition mediocre ou d'une heredite nerveuse 
chargee avec une influence specüique legere. Alors ce n'est 
qu'un extreme bien plausible de cette serie, qu'on rencontre 
aussi des cas de nevroses, oü on cbercliera en vain un degre 
appreciable de disposition hereditaire, pourvu que ce manque 
soit compense par une puissante influence specifique. 

Conune causes concurrentes ou accessoires des nevroses, 
on peut enumerer tous les agents banals rencontres ailleurs : 
emotions morales, epuissement somatique, maladies aigues, 
intoxications, accidents traumatiques, surmenage intellec- 
tuel, etc. Je tiens ä la proposition qu'aucun d'eux, ni meme 
le dernier, n'entre regulierement ou necessairement dans 
l'etiologie des nevroses, et je sais bien qu'enoncer cette 
opinion c'est se mettre en Opposition directe contre une 
theorie consideree comme universelle et irreprochable. Depuis 
que Beard avait declare la nevrasthenie etre le fruit de notre 
civilisation moderne, il n'a trouve que des croyants; mais il 
m'est impossible ä moi d'accepter cette opinion. Une etude 
laborieuse des nevroses m'a appris que l'etiologie specifique 
des nevroses s'est soustraite ä la connaissance de Beard. 

Je ne veux pas deprecier l'importance etiologique de 
ces agents banals. Ils sont tres varies, d'une occurrence fre- 
quente, et accuses le plus souvent par les malades memes, 
ils se rendent plus evidents que les causes specifiques des 
nevroses, etiologie ou cach.ee ou ignoree. Ils remplissent 
assez souvent la fonction des agents provocateurs qui rendent 
manifeste la nevrose jusque-lä latente, et un interet pratique 
86 rattache ä eux, parce que la consideration de ces causes 
banales peut preter des points d'appui ä une tberapie qui 
ne vise pas la guerison radicale, et qui se contente de 
refouler l'affection ä son etat anteriem- de latence. 

Mais on n'arrive pas a constater une relation constante 
et etroite entre une de ces causes banales et teile ou autre 
affection nerveuse; 1' emotion morale, par exemple, se trouve 
aussi bien dans l'etiologie de l'bysterie, des obsessions, de 
la nevrastbenie, comme dans celle de l'epilepsie, de la maladie 
de Parkinson, du diabete, et nombre d'autres. 



141 



Les causes concurrentes banales pourront aussi remplacer 
l'etiologie specifique en rapport de quantite, mais jamais la 
substituer completement. D y a nombre de cas oü toutes 
les influeiices etiologiques sont representees par la condition 
hereditaire et la cause specifique, les causes banales faisant 
defaut. Dans les autres cas, les facteurs etiologiques indis- 
pensables ne suffisent pas par leur quantite ä eux pour faire 
eclater la nevrose, un etat de sante apparente peut etre 
maintenu pour longtemps, qui est en verite un etat de pre- 
disposition nevrosique; il suffit alors qu'une cause banale 
surajoute son action, la nevrose devient manifeste. Mais ü 
faut bien remarquer, dans de telles conditions, que la nature 
de l'agent banal survenant est tout ä fait indifferente, emotion, 
traumatisme, maladie infectieuse ou autre ; l'effet pathologique 
ne sera pas modifie selon cette Variation, la nature de la nevrose 
sera toujours dominee par la cause specifique preexistante. 

Quelles sont donc ces causes specifiques des nevroses? 
Est-ce une seule ou y en a-t-il plusieurs? Et peut-on constater 
une relation etiologique constante entre teile cause et tel 
effet nevrosique, de maniere que chacune des grandes nevroses 
puisse etre ramenee ä une etiologie particuliere? 

Je veux maintenir, appuye sur un examen laborieux 
des faits, que cette derniere supposition correspond bien k 
la realite, que chacune des grandes nevroses enumerees a 
pour cause immediate un trouble particuHer de l'economie 
nerveuse, et que ces modifications pathologiques fonctionnelles 
reconnaissent comme source commune la vie sexuelle de Vmäividu, 
soit desordre de la vie sexuelle actuelle, soit evenements importants 
de la vie passee, 

Ce n'est pas, ä vrai dire, une proposition nouvelle, inoui'e. 
On a toujoui's admis les desordres sexuels parmi les causes 
de la nervosite, mais on les a subordonnes ä l'heredite, 
coordonnes aux autres agents provocateurs ; on a restreint 
leur iniluence etiologique ä un nombre limite des cas observes. 
Les medecins avaient meme pris l'habitude de ne pas les 
rechercher si le malade ne les accusait lui-meme. Les carac- 
teres distinctifs de ma maniere de voir sont que j'eleve ces 
influences sexuelles au rang de causes specifiques, que je 



142 



reconnais leur action dans tous les cas de nevrose, eniin 
que je trouve un parallelisme regulier, preuve de relation 
etiologique particuliere entre la nature de l'influence sexuelle 
et l'espece morbide de la nevrose. 

Je suis bien sür que cette theorie evoquera un orage 
de contradictions de la part des medecins contemporains. Mais 
ce n'est pas ici le lieu de donner les docmnents et les ex- 
periences, qui m'ont impose ma conviction, ni d'expliquer le 
vrai sens de l'expression un peu vague „desordres de l'econo- 
mie nerveuse". Ce sera fait, j'espere le plus amplement, dans 
un ouvrage que je prepare sur la mati^re. Dans le memoire 
present je me borne a enoncer mes resultats. 

La nevrastbenie propre, d'un aspect clinique tres mono- 
tone, si l'on a mis ä part la nevrose d'angoisse (fatigue, Sen- 
sation de casque, dyspepsie flatulente, Obstipation, paresthesies 
spinales, faiblesse sexuelle etc.) nereconnait comme etiologie spe- 
cifique que l'onanisme (immodere) ou les pollutions spontanees. 

C'est l'action prolongee et intensive de cette satisfaction 
sexuelle pernicieuse qui suffit ä elle-meme pour provoquer la 
nevrose nevrastbenique ou qui impose ä ce sujet le cacbet 
nevrasthenique special manifeste plus tard sous Tiniluence 
d'une cause occasionelle accessoire. J'ai rencontre aussi des 
personnes qui presentaient les signes de la Constitution nev- 
rastbenique cbez lesquels je n'ai pas reussi ä mettre en evi- 
dence l'etiologie nommee, mais j'ai constate au moins que 
cbez ces malades la fonction sexuelle n'etait jamais developpee 
au niveau normal; ils semblaient doues par beritage d'une 
Constitution sexuelle, analogue ä celle qui cbez le nevras- 
tbenique est produite en consequence de l'onanisme. 

La nevrose d'angoisse, de laquelle le tableau clinique 
est beaucoup plus riebe (irritabilite, etat d'attente anxieuse, 
pbobies, attaques d'angoisse completes ou rudimentaires, de 
peur, de vertige, tremblements, sueurs, congestion, dyspnee, 
tacbycardie etc. ; diarrbee cbronique, vertige cbronique de 
locomotion, hyperestbesie, insomnies etc.) ^) est facilement 

1) Voir pour la Symptomatologie comme l'etiologie de la nevrose 
d'angoisse, mon memoire cite plus haut. Neurologisches Centralblatt, 
1895, n» 10-11. 



143 



devoilee comme l'eifet specifique de divers desordres de la 
vie sexuelle, qui ne manquent pas d'un caractere commun ä 
eux tous. L'abstinence forcee, l'irritatioii genitale fruste (qui 
n'est pas assouvie par l'acte sexuel), le co'it imparfait ou 
interrompu (qui n'aboutit pas ä la jouissance), les efforts 
sexuels, qui surpassent la capacite psychique du sujet etc., 
tous ces agents, qui sont d'une occurrence trop frequente 
dans la vie moderne, semblent convenir en ce qu'ils troublent 
requilibre des fonctions psychiques et somatiques dans les 
actes sexuels, et qu'ils empecbent la participation psycliique 
necessaire pour delivrer l'economie nerveuse de la tension 
genesique. 

Ces remarques, qui contiennent peut-etre le germe d'une 
explication theorique du mecanisme fonctionnel de la nevrose 
en question, laissent dejä soup9onner, qu'une exposition com- 
plete et vraiment scientifique de la mati^re ne soit pas pos- 
sible actuellement et qu'il faudrait avant tout ab Order le 
Probleme physiologique de la vie sexuelle sous un point de 
vue nouveau. 

Je finis par dire, que la Pathogenese de la nevrasthenie 
et de la nevrose d'angoisse peut se passer bien de la con- 
currence d'une disposition hereditaire. C'est le resultat de 
l'observation de tous les jours; mais si l'heredite est presente, 
le developpement de la nevrose en subira 'influence formidable. 

Pour la deuxieme classe des grandes nevroses, hysterie 
et nevrose d'obsessions, la Solution de la question etiologique 
est d'une simplicite et uniformite surprenante. Je dois mes 
resultats ä l'emploi d'une nouvelle methode de psycho-analyse, 
au procede explorateur de J. Breuer, un peu subtil, mais 
qu'on ne saurait remplacer, tant il s'est montre fertile pour 
eclaircir les voies obscures de l'ideation inconsciente. Au 
moyen de ce procede — qu'il ne faut pas decrire ä cet en- 
droit ^) — ou poursuit les symptomes hysteriques jusqu'ä leur 
origine qu'on trouve toutes les fois dans un evenement de la 
vie sexuelle du suj et bien approprie pour produire une emotion 
penible, Allant en arriere dans le passe du malade, de pas 

^) Voir: J. Breuer und Sigm. Freud. Studien über Hysterie. 
Wien, 1895. 



144 



en pas, et toujoiu's dirige par renchainement organique des 
symptömes, des Souvenirs et des pensees eveilles, je suis arrive 
enfin au point de depart du processus pathologique et il m'a 
faüu voir, qu'il y avait au fond la meme chose dans tous 
les cas soumis ä l'analyse, Pactioii d'un agent, qu'il faut ac- 
cepter comme cause specifique de rhysterie. 

C'est bien un souvenir qui se rapporte ä la vie sexuelle, 
mais qui offre deux caracteres de la derni^re importance. 
L'evenement duquel le sujet a garde le souvenir inconscient 
est une expericnce ijrecoce de rapports sexiiels avec irritation 
veritable des parties genitales, suite d'abus sexual pratique par une 
autre personne et la periode de la vie qui renferme cet evene- 
ment funeste est la premiere jeunesse, les annees jusqu'ä Tage 
de 8-10 ans, avant que l'enfant soit arrive ä la maturite 
sexuelle. 

Experience de passivite sexuelle avant la puherte: teile est 
donc l'etiologie specifique de l'hysterie. 

Je joindrai sans retard quelques details de faits et quel- 
ques remarques commentaires au resultat enonce, pour com- 
battre la mefiance que j'attends. J'ai pu pratiquer la psycho- 
analyse complete en 13 cas d'hysterie, 3 de ce nombre com- 
binaisons vraies d'hysterie avec nevrose d'obsessions (je ne 
dis pas: hysterie avec obsessions). Dans aucun de ces cas ne 
manquait l'evenement caracterise lä-haut; il etait represente 
ou par un attentat brutal commis par une personne adulte 
QU par une seduction moins rapide, et moins repoussante, 
mais aboutissant ä la meme fin. Sept fois sur treize il s'agissait 
d'une liaison infantile des deux cötes, de rapports sexuels 
entre une petite fiUe et un garcon un peu plus äge, le plus 
souvent son frere, et lui-meme victime d'une seduction an- 
terieure. Ces liaisons s'etaient continuees quelquefois pendant 
des annees jusqu'ä la puberte des petits coupables, le gar9on 
repetant toujours et sans Innovation sur la petite fille les 
memes pratiques, qu'il avait subi lui-meme de la part d'une 
servante ou gouvernante, et qui pour cause de cette origine 
etaient souvent de nature degoütante. Dans quelques cas il 
y avait concurrence d'attentat et de liaison infantile, ou abus 
brutal r eitere. 



145 



La date de Fexperience precoce etait variable : en 2 cas 
la Serie commeii9ait dans la deuxieme annee (?) du petit etre ; 
Tage de preference est dans mes observatioiis la quatrieme 
ou cinquieme annee. C'est peut-etre iin peu par accident, 
mais j'ai recu de la l'impression qu'un evenement de passivite 
sexuelle qui n'arrive qu'apres Tage de 8 ä 10 ans, ne pourra 
plus jeter les fondements de la nevrose. 

Comment peut-on rester convaincu de la realite de ces 
confessions d'analyse qui pretendent etre des Souvenirs con- 
serves depuis la prämiere enfance, et comment se munir contre 
l'inclination de mentir et la facüite d'invention attribuees 
aux hysteriques? Je m'accuserais de creduKte blamable moi- 
meme, si je ne disposais de preuves plus concluantes. Mais 
c'est que les malades ne racontent jamais ces histoires spon- 
tenement, ni ne vont jamais dans le cours d'un traitement 
offrir au medecin tout d'un coup le souvenir complet d'une 
teile scene. On ne reussit a reveiller la trace psychique de 
l'evenement sexuel precoce que sous la pression la plus ener- 
gique du procede analyseur et contre une resistance enorme, 
aussi faut-il leur arracber le souvenir morceau par morceau, 
et pendant qu'il s'eveille dans leur conscience, ils devien- 
nent la proie d'une emotion difficile ä contrefaire. 

On finira meme par se convaincre si l'on n'est pas in- 
fluence par la conduite des malades, pourvu qu'on puisse suivre 
en detail le cours d'une psycho-analyse d'hysterie par refere. 

L'evenement precoce en question a laisse une empreinte 
imperissable dans l'liistoire du cas, il y est represente par une 
foule de symptömes et de traits particuliers, qu'on ne saurait 
expKquer autrement; il est exige d'une maniere peremptoire 
par renchainement subtil mais solide de la structure intrinseque 
de la nevrose ; l'effet therapeutique de l'analyse reste en retard, 
si l'on n'a pas penetre aussi loin; alors on n'a pas d'autre 
choix que de refuter ou de croire le tout ensemble. 

Peut-on comprendre, qu'une teile experienee sexuelle 
precoce, subie par un individu, duquel le sexe est ä peine 
differencie, devienne la source d'une abnormite psychique 
persistante comme l'hysterie? Et comment s'accorderait une 
teile supposition avec nos idees actuelles sur le mecanisme 

Freud, Neurosenlehre. 10 



146 



psycHque de cette nevrose? On peut donner une response 
satisfaisante ä la premiere question: C'est justement parce que 
le sujet est infantile, que l'irritation sexuelle precoce produit 
nul ou peu d'effet a sa date, mais la trace psychique en est 
conservee. Plus tard, quand a la puberte se sera developpee 
la reactivite des organes sexuels ä un niveau presque in- 
commensurable avec l'etat infantile, il arrive d'une maniere 
ou d'une autre, que cette trace psycliique inconsciente se 
reveille. Gräce au changement du a la puberte le souvenir 
deploiera une puissance qui a fait totalement defaut ä l'evene- 
ment lui-meme ; le souvenir agira comme s'il etait im evenement 
actuel. H y a pour ainsi dire action posthiime d'im traumaüsme 
sexuel. 

Autant que je vois, ce reveil du souvenir sexuel apres 
la puberte, 1' evenement meme etant arrive ä un temps recule 
avant cette periode, constitue la seule eventuaüt^psycliologique, 
pour que l'action immediate d'un souvenir surpasse celle de 
l'evenement actuel. Mais c'est lä une consteUation anormale, 
qui atteint un cöte faible du mecanisme psycliique et produit 
necessairement un effet psycliique pathologique. 

Je crois comprendre que cette relation inverse entre l'effet 
psychique du souvenir et de l'evenement contient la raison pour 
laquelle le souvenir reste inconscient. 

On arrive ainsi a un probl^me psycliique tres complexe, 
mais qui düment apprecie promet de jeter un jour, une 
lumi^re vive sur les questions les plus delicates de la vie 
psychique. 

Les idees ici exposees, ayant pour point de depart le 
resultat de la psycbo-analyse, qu'on trouve toujours comme 
cause specifique de l'hysterie un souvenir d'experience sexuelle 
precoce, ne s'accordent pas avec la theorie psychologique 
de la nevrose de M. Janet, ni avec une autre, mais elles 
harmonisent parfaitement avec mes propres speculations de- 
veloppees ailleurs sur les „Abwehrneurosen". 

Tous les evenements posterieurs ä la puberte, auxquels 
il faut attribuer une influence sur le developpement de la 
nevrose bysterique et sur la formation de ses symptömes ne 
sont vraiment que des causes concurrentes, „agents provo- 



147 



cateiirs" comme disait Charcot, pour qui l'lieredite nerveuse 
occupait la place que je reclame pour l'experience sexuelle 
precoce. Ces agents accessoires ne sont pas sujets aux con- 
ditions strictes, qui pesent sur les causes specifiques ; l'analyse 
demontre d'une maniere irrefutable qu'ils ne jouissent d'une 
influence pathog^ne pour l'hysterie que par leur faculte 
d'eveiller la trace psychique inconsciente de l'evenement 
infantile. C'est aussi gräce ä leur connexion avec l'empreinte 
pathogene primaire et aspires par eile, que leurs Souvenirs 
deviendront inconscients a leur tour et pourront aider l'ac- 
croissement d'une activite psycliique soustraite au pouvoir 
des fonctions conscientes. 

La nevrose d'obsessions (Zwangsneurose) releve d'une 
cause specifique tres analogue ä celle de l'liysterie. On y 
trouve aussi un evenement sexuel precoce, arrive avant l'äge 
de la puberte, duquel le souvenir devient actif pendant ou 
apr^s cette 6poque, et les memes remarques et raisonnements 
exposes ä l'occasion de l'hysterie pourront s'appliquer aux 
observations de l'autre nevrose (six cas, dont trois purs). IL 
n'y a qu'une difPerence qui semble capitale, Nous avons trouve 
au fond de l'etiologie hysterique un evenement de passivite 
sexuelle, une experience subie avec indifference ou avec un 
petit peu de depit ou d'effroi. Dans la nevrose d'obsessions 
il s'agit au contraire d'un evenement, qui a fait plaisir, d'une 
aggression sexuelle inspiree par le desir (en cas de garcon) 
ou d'une participation avec jouissance aux rapports sexuels 
(en cas de petite fille). Les idees obsedantes, reconnues par 
l'analyse dans leur sens intime, reduites pour ainsi dire ä leur 
expression la plus simple ne sont pas autre chose que des 
reproches, que le sujet s'adresse ä cause de cette jouissance sexuelle 
antidpee, mais des reproches defigures par un travail psychique 
inconscient de transformation et de Substitution. 

Le fait meme, que de telles aggressions sexuelles se 
passent dans un äge aussi tendre, semble denoncer l'influence 
d'une seduction anterieure, de laquelle la precocite du desir 
sexuel soit la consequence. L'analyse vient confirmer ce 
soup9on, dans les cas analyses par moi. On s'explique de 
cette maniere un fait interessant toujours present dans ces 

10* 



148 



cas d'obsessions, la complication reguliere du cadre symp- 
tomatique par un certain nombre de symptomes simplement 
hysteriques. 

L'importance de Felement actif de la vie sexuelle pour 
la cause des obsessions comme de la passivite sexuelle pour la 
Pathogenese de rhysterie semble meme devoiler la raison de 
la connexion plus intime de l'hysterie avec le sexe feminin 
et de la preference des hommes pour la nevrose d'obsessions, 
On rencontre parfois des couples de malades nevroses, qui 
ont ete un couple de petits amoureux dans leur premiere 
jeunesse, l'homme souffrant d'obsessions, la femme d'hysterie ; 
s'il s'agit d'un frere et de la soeur on pourra meprendre pour 
un effet de l'heredite nerveuse, ce qui en verite derive d'ex- 
periences sexuelles precoces. 

II y a Sans doute des cas d'hysterie ou d' Obsession purs 
et isoles, independants de nevrasthenie ou nevrose d'angoisse ; 
mais ce n'est pas la r^gle. Plus souvent la psycho-nevrose se 
presente comme accessoire aux nevroses nevrastheniques, 
evoquee par eux et suivant leur decours. C'est parce que les 
causes specifiques des demiers, les desordres actuels de la 
vie sexuelle, agissent en meme temps comme causes acces- 
soires des psycho-nevroses, dont ils eveillent et raniment la 
cause specifique, le souvenir de Texperience sexuelle precoce. 

Quant ä l'heredite nerveuse, je suis loin de savou- evaluer 
au juste son influence dans l'etiologie des psycho-nevroses. 
Je concede que sa presence est indispensable dans les cas 
graves, je doute qu'elle soit necessaire pour les cas legers, 
mais je suis convaincu que l'heredite nerveuse ä eile seule 
ne peut pas produire les psycho-nevroses, si leur etiologie 
specifique, l'irritation sexuelle precoce, fait defaut. Je vois 
meme, que la question de savoir laquelle des nevroses, hysterie 
ou obsessions, se developpera dans un cas donne, n'est pas 
jugee par l'heredite mais par un caractere special de cet 
evenement sexuel de la premiere jeunesse. 



X. 

Zur Ätiologie der Hysterie. 

Meine Herren ! Wenn wir daran gehen, uns eine Meinung 
über die Verursachung eines krankhaften Zustandes wie die 
Hysterie zu bilden, betreten wir zunächst den Weg der 
anaimn estischen Forschung, indem wir den Kranken oder 
dessen Umgebung ins Verhör darüber nehmen, auf welche 
schädlichen Einflüsse sie selbst die Erkrankung an jenen 
neurotischen Symptomen zurückführen. Was wir so in Er- 
fahrung bringen, ist selbstverständlich dmxh alle jene Momente 
verfälscht, die einem Kranken die Erkenntnis des eigenen 
Zustandes zu verhüllen pflegen, durch seinen Mangel an 
wissenschafthchem Verständnis für ätiologische Wirkungen, 
durch den Fehlschluß des posthoc, ergo propter hoc, 
durch die Unlust, gewisser Noxen und Traumen zu gedenken 
oder ihrer Erwähnung zu tun. Wir halten darum bei solcher 
anamnestischer Forschung an dem Vorsatze fest, den Glauben 
der Kranken nicht ohne eingehende kritische Prüfung zu dem 
unserigen zu machen, nicht zuzulassen, daß die Patienten 
uns unsere wissenschafthche Meinung über die Ätiologie der 
Neurose zurechtmachen. Wenn wir einerseits gewisse konstant 
wiederkehrende Angaben anerkennen, wie die, daß der hyste- 
rische Zustand eine lang andauernde Nachwirkung einer einmal 
erfolgten Gemütsbewegung sei, so haben wir anderseits in 
die Ätiologie der Hysterie ein Moment eingeführt, welches 
der Kranke selbst niemals vorbringt und nur ungern gelten läßt, 
die hereditäre Veranlagung von selten der Erzeuger. Sie wissen, 
daß nach der Meinung der einflußreichen Schule Charcot's 

1) „Wiener klinische Rundschau", 1896, Nr. 22—26. Ausführung 
nach einem Vortrage im Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien 
am 2. Mai 1896. 



150 



die Heredität allein als wirkliche Ursache der Hysterie An- 
erkennung verdient, während alle anderen Schädlichkeiten 
verschiedenartigster Natur und Intensität nur die Rolle von 
Gelegenheitsursachen, von „ Agents provocateurs" spielen sollen. 

Sie werden mir ohne weiters zugeben, daß es wünschens- 
wert wäre, es gäbe einen zweiten Weg, zur Ätiologie der 
Hysterie zu gelangen, auf welchem man sich unabhängiger 
von den Angaben der Kranken wüßte. Der Dermatolog z. B. 
weiß ein Geschwür als luetisch zu erkennen nach der Be- 
schaffenheit der Ränder, des Belags, des Umrisses, ohne daß 
ihn der Einspruch des Patienten, der eine Infektionsquelle 
leugnet, daran irre machte. Der Gerichtsarzt versteht es, die 
Verursachung einer Verletzung aufzuklären, selbst wenn er 
auf die Mitteilungen des Verletzten verzichten muß. Es be- 
steht nun eine solche Möglichkeit, von den Symptomen aus 
zur Kenntnis der Ursachen vorzudringen, auch für die Hysterie. 
Das Verhältnis der Methode aber, deren man sich hiefür zu 
bedienen hat, zur älteren Methode der anamnestischen Er- 
hebung möchte ich Ihnen in einem Gleichnisse darstellen, 
welches einen auf anderem Arbeitsgebiete tatsächlich erfolgten 
Fortschritt zum Inhalt hat. 

Nehmen Sie an, ein reisender Forscher käme in eine 
wenig bekannte Gegend, in welcher ein Trümmerfeld mit 
Mauerresten, Bruchstücken von Säulen, von Tafehi mit ver- 
wischten und unlesbaren Schriftzeichen sein Interesse er- 
weckte. Er kann sich damit begnügen zu beschauen, was 
frei zutage liegt, dann die in der Nähe hausenden, etwa 
halbbarbarischen Einwohner ausfragen, was ihnen die Tradition 
über die Geschichte und Bedeutung jener monumentalen Reste 
kundgegeben hat, ihre Auskünfte aufzeichnen und — Weiter- 
reisen. Er kann aber auch anders vorgehen ; er kann Hacken, 
Schaufeln und Spaten mitgebracht haben, die Anwohner für 
die Arbeit mit diesen Werkzeugen bestimmen, mit ihnen das 
Trümmerfeld in Angriff nehmen, den Schutt wegschaffen und 
von den sichtbaren Resten aus das Vergrabene aufdecken. 
Lohnt der Erfolg seine Arbeit, so erläutern die Funde sich 
selbst ; die Mauerreste gehören zur Umwallung eines Palastes 
oder Schatzhauses, aus den Säulentrümmem ergänzt sich ein 



151 



Tempel, die zahlreich gefundenen, im glücklichen Fall büinguen 
Inschriften enthüllen ein Alphabet und eine Sprache, und 
deren Entzifferung und Übersetzung ergibt ungeahnte Auf- 
schlüsse über die Ereignisse der Vorzeit, zu deren Gedächtnis 
jene Monumente erbaut worden sind. Saxa loquuntur! 

Will man in annähernd ähnUcher "Weise die Symptome 
einer Hysterie als Zeugen für die Entstehungsgeschichte der 
Krankheit laut werden lassen, so muß man an die bedeut- 
same Entdeckung J. Breuer's anknüpfen, daß die Sym- 
ptome der Hysterie (die Stigmata beiseite) ihre De- 
terminierung von gewissen traumatisch wirk- 
samen Erlebnissen des Kranken herleiten, als 
deren Erinnerungssymbole sie im psychischen 
Leben desselben reproduziert werden. Man muß 
sein Verfahren — oder ein im Wesen gleichartiges — an- 
wenden, um die Aufmerksamkeit des Kranken vom Symptom 
aus auf die Szene zurückleiten, in welcher und durch welche 
das Symptom entstanden ist, und man beseitigt nach seiner 
Anweisung dieses Symptom, indem man bei der Reproduktion 
der traumatischen Szene eine nachträgliche Korrektur des 
damaligen psychischen Ablaufes durchsetzt. 

Es liegt heute meiner Absicht völlig ferne, die schwierige 
Technik dieses therapeutischen Verfahrens oder die dabei ge- 
wonnenen psychologischen Aufklärungen zu behandeln. Ich 
mußte nur an dieser Stelle anknüpfen, weil die nach Breuer 
vorgenommenen Analysen gleichzeitig den Zugang zu den 
Ursachen der Hysterie zu eröffnen scheinen. Wenn wir eine 
größere Reihe von Symptomen bei zahlreichen Personen 
dieser Analyse unterziehen, so werden wir ja zur Kenntnis 
einer entsprechend großen Reihe von traumatisch wirksamen 
Szenen geleitet werden. In diesen Erlebnissen sind die wirk- 
samen Ursachen der Hysterie zur Greltung gekommen; wir 
dürfen also hoffen, aus dem Studium der traumatischen Szenen 
zu erfahren, welche Einflüsse hysterische Symptome erzeugen 
und auf welche Weise. 

Diese Erwartung trifft zu, notwendigerweise, da ja die 
Sätze von Breuer sich bei der Prüfung an zahlreicheren 
Fällen als richtig erweisen. Aber der Weg von den Symp- 



152 



tomen der Hysterie zu deren Ätiologie ist langwieriger 
und führt über andere Verbindungen, als man sich vor- 
gestellt hätte. 

Wir wollen uns nämlich klar machen, daß die Zurück- 
führung eines hysterischen Symptoms auf eine traumatische 
Szene nur dann einen Gewinn für unser Verständnis mit 
sich bringt, wenn diese Szene zweien Bedingungen genügt, 
wenn sie diebetreffende determinierende Eignung be- 
sitzt, und wenn ihr die nötige traumatische Kraft zu- 
erkannt werden muß. Ein Beispiel anstatt jeder "Wort- 
erklärung! Es handle sich um das Symptom des hysterischen 
Erbrechens; dann glauben wir dessen Verursachung (bis auf 
einen gewissen Rest) durchschauen zu können, wenn die Ana- 
lyse das Symptom auf ein Erlebnis zurückführt, welches 
berechtigterweise ein hohes Maß von Ekel erzeugt 
hat, wie etwa der AnbHck eines verwesenden menschlichen 
Leichnams. Ergibt die Analyse anstatt dessen, daß das Er- 
brechen von einem großen Schreck, z. B. bei einem Eisen- 
bahnunfall, herrührt, so wird man sich unbefriedigt fragen 
müssen, wieso denn der Schreck gerade zum Erbrechen geführt 
hat. Es fehlt dieser Ableitung ander Eignung zur Deter- 
minierung. Ein anderer Fall von ungenügender Aufklärung 
liegt vor, wenn das Erbrechen etwa von dem Genuß einer 
Frucht herrühren soll, die eine faule Stelle zeigte. Dann ist 
zwar das Erbrechen durch den Ekel determiniert, aber 
man versteht nicht, wie der Ekel in diesem Falle so mächtig 
werden konnte, sich durch ein hysterisches Symptom zu ver- 
ewigen; es mangelt diesem Erlebnis an traumatischer 
Kraft. 

Sehen wir nun nach, inwieweit die durch die Analyse 
aufgedeckten traumatischen Szenen der Hysterie bei einer 
größeren Anzahl von Symptomen und Fällen den beiden er- 
wähnten Ansprüchen genügen. Hier stoßen wir auf die erste 
große Enttäuschung! Es trifft zwar einige Male zu, daß die 
traumatische Szene, in welcher das Symptom entstanden ist, 
wirklich beides, die determinierende Eignung und die traumatische 
Kraft, besitzt, deren wir zum Verständnis des Symptoms be- 
dürfen. Aber weit häufiger, unvergleichlich häufiger, finden 



153 



wir eine der drei übrigen Mögliciikeiten verwirklicht, die dem 
Verständnisse so ungünstig sind: die Szene, auf welche wir 
durch die Analyse geleitet werden, in welcher das Symptom 
zuerst aufgetreten ist, erscheint uns entweder ungeeignet zur 
Determinierung des Symptoms, indem ihr Inhalt zur Beschaffen- 
heit des Symptoms keine Beziehung zeigt ; oder das angeblich 
traumatische Erlebnis, dem es an inhaltlicher Beziehung nicht 
fehlt, erweist sich als ein normalerweise harmloser, für ge- 
wöhnHch wirkungsunfähiger Eindruck ; oder endUch die „trau- 
matische Szene" macht uns nach beiden Richtungen irre ; sie 
erscheint ebenso harmlos wie ohne Beziehung zur Eigenart 
des hysterischen Symptoms. 

(Ich bemerke hier nebenbei, daß Breuer's Auffassung 
von der Entstehung hysterischer Symptome durch die Auf- 
findung traumatischer Szenen, die an sich bedeutungslosen 
Erlebnissen entsprechen, nicht gestört worden ist. Breuer 
nahm nämhch — im Anschlüsse an Charcot — an, daß 
auch ein harmloses Erlebnis zum Trauma erhoben werden 
und determinierende Kraft enfalten kann, wenn es die Person 
in einer besonderen psychischen Verfassung, im sogenannten 
hypnoiden Zustand, betrifft. Allein ich finde, daß zur 
Voraussetzung solcher hypnoider Zustände oftmals jeder 
Anhalt fehlt. Entscheidend bleibt, daß die Lehre von den 
hypnoiden Zuständen nichts zur Lösung der anderen Schwierig- 
keit leistet, daß nänüich den traumatischen Szenen so häufig 
die determinierende Eignung abgeht.) 

Fügen sie hinzu, meine Herren, daß diese erste Ent- 
täuschung beim Verfolg der Breuer'schen Methode unmittel- 
bar durch eine andere eingeholt wird, die man besonders als 
Arzt schmerzKch empfinden muß. Zurückführungen solcher 
Art, wie wir sie geschildert haben, die unserem Verständnis 
betreffs der Determinierung und der traumatischen Wirksamkeit 
nicht genügen, bringen auch keinen therapeutischen Gewinn ; 
der Kranke hat seine Symptome ungeändert behalten, trotz 
des ersten Ergebnisses, das uns die Analyse gehefert hat. 
Sie mögen verstehen, wie groß dann die Versuchung wird, 
auf eine Fortsetzung der ohnedies mühsehgen Arbeit zu ver- 
zichten. 



154 



Vielleicht aber bedarf es nur eines neuen Einfalles, um 
uns aus der Klemme zu helfen und zu wertvollen Resultaten 
zu führen! Der Einfall ist folgender: Wir wissen ja durch 
Breuer, daß die hysterischen Symptome zu lösen sind, 
wenn wir von ihnen aus den Weg zur Erinnerung eines 
traumatischen Erlebnisses finden können. Wenn nun die auf- 
gefundene Erinnerung unseren Erwartungen nicht entspricht, 
vielleicht ist derselbe Weg ein Stück weiter zu verfolgen, 
vielleicht verbirgt sich hinter der ersten traumatischen Szene 
die Erinnerung an eine zweite, die unseren Ansprüchen besser 
genügt, und deren Reproduktion mehr therapeutische Wirkung 
entfaltet, so daß die erstgefundene Szene nur die Bedeutung 
eines Bindegliedes in der Assoziationsverkettung hat? Und 
vielleicht wiederholt sich dieses Verhältnis, die Einschiebung 
unwirksamer Szenen als notwendiger Übergänge bei der 
Reproduktion mehrmals, bis man vom hysterischen Symptom 
aus endlich zur eigentlich traumatisch wirksamen, in jeder 
Hinsicht, therapeutisch wie analytisch, befriedigenden Szene 
gelangt? Nun, meine Herren, diese Vermutung ist richtig. 
Wo die erstaufgefundene Szene unbefriedigend ist, sagen wir 
dem Kranken, dieses Erlebnis erkläre nichts, es müsse sich 
aber hinter ihm ein bedeutsameres, früheres Erlebnis ver- 
bergen, und lenken seine Aufmerksamkeit nach derselben 
Technik auf den Assoziationsfaden, welcher beide Erinnerungen, 
die aufgefundene und die aufzufindende verknüpft.^) Die Fort- 
setzung der Analyse führt dann jedesmal zur Reproduktion 
neuer Szenen von den erwarteten Charakteren. Wenn ich 
z. B. den vorhin ausgewählten Fall von hysterischem Erbrechen 
wieder aufnehme, den die Analyse zunächst auf einen Schreck 
bei einem Eisenbahnunfall zurückgeführt hat, welcher der 
determinierenden Eignung entbehrt, so erfahre ich aus weiter- 
gehender Analyse, daß dieser Unfall die Erinnerung an einen 
anderen, früher vorgekommenen, geweckt hat, den der Kranke 



1) Es bleibt dabei absichtlich außer Erörterung, von welchem Rang 
die Assoziation der beiden Erinnerungen ist (ob durch Gleichzeitigkeit, 
kausaler Art, nach inhaltlicher Ähnlichkeit usw.), und auf welche psycho- 
logische Charakteristik die einzelnen „Erinnerungen" (bewußte oder un- 
bewußte) Anspruch haben. 



155 



zwar nicht selbst erlebte, der ihm aber Gelegenheit zu dem 
G-rauen und Ekel erregenden Anblick eines Leichnams bot. Es 
ist, als ob das Zusammenwirken beider Szenen die Erfüllung 
unserer Postulate ermöglichte, indem das eine Erlebnis durch 
den Schreck die traumatische Kraft, das andere durch seinen 
Inhalt die determinierende "Wirkung beistellt. Der andere Fall, 
daß das Erbrechen auf den Genuß eines Apfels zurück- 
geführt wird, an dem sich eine faule Stelle findet, wird durch 
die Analyse etwa in folgender Weise ergänzt: Der faulende 
Apfel erinnert an ein früheres Erlebnis, an das Sammeln 
abgefallener Äpfel in einem Garten, wobei der Kranke zufällig 
auf einen ekelhaften Tierkadaver stieß. 

Ich will auf diese Beispiele nicht mehr zurückkommen, 
denn ich muß das Geständnis ablegen, daß sie keinem Fall 
meiner Erfahrung entstammen, daß sie von mir erfunden 
sind; höchstwahrscheinlich sind sie auch schlecht erfunden; 
derartige Auflösungen hysterischer Symptome halte ich selbst 
für unmöglich. Aber der Zwang, Beispiele zu fingieren, er- 
wächst mir aus mehreren Momenten, von denen ich eines 
unmittelbar anführen kann. Die wirklichen Beispiele sind 
alle unvergleichlich komplizierter; eine einzige ausführliche 
Mitteilung würde diese Vortragsstunde ausfüllen. Die Asso- 
ziationskette besteht immer aus mehr als zwei GHedern, die 
traumatischen Szenen bilden nicht etwa einfache, perlschnur- 
artige Reihen, sondern verzweigte, stammbaumartige Zu- 
sammenhänge, indem bei einem neuen Erlebnis zwei und 
mehr frühere als Erinnerungen zur Wirkung kommen; kurz, 
die Auflösung eines einzelnen Symptoms mitteilen, fällt 
eigentHch zusammen mit der Aufgabe, eine Krankengescliichte 
vollständig darzustellen. 

Wir wollen es nun aber nicht versäumen, den einen Satz 
nachdrücklich hervorzuheben, den die analytische Arbeit längs 
dieser Erinnerungsketten unerwarteterweise ergeben hat. Wir 
haben erfahren, daß kein hysterisches Symptom aus 
einem realen Erlebnis allein hervorgehen kann, 
sondern daß alle Male die assoziativ geweckte 
Erinnerung an frühere Erlebnisse zur Verursachung 
des Symptoms mitwirkt. Wenn dieser Satz — wie ich 



156 



meine — ohneAusnahme richtig ist, so bezeicknet er uns 
aber auch das Fundament, auf dem eine psychologische Theorie 
der Hysterie aufzubauen ist. 

Sie könnten meinen, jene seltenen Fälle, in welchen die 
Analyse das Symptom sofort auf eine traumatische Szene 
von guter determinierender Eignung und traumatischer ILraft 
zurückführt und es durch solche Zurückführung gleichzeitig 
wegschafft, wie dies in Breuer's Krankengeschichte der 
Anna 0. geschildert wird, seien doch mächtige Einwände 
gegen die allgemeine Geltung des eben aufgestellten Satzes. 
Das sieht in der Tat so aus ; allein ich muß Sie versichern, 
ich habe die triftigsten Gründe, anzunehmen, daß selbst in 
diesen Fällen eine Verkettung wirksamer Erinnerungen vor- 
liegt, die weit hinter die erste traumatische Szene zurück- 
reicht, wenngleich die Reproduktion der letzteren allein 
die Aufhebung des Symptoms zur Folge haben kann. 

Ich meine, es ist wirklich überraschend, daß hysterische 
Symptome nur unter Mitwirkung von Erinnerungen entstehen 
können, zumal wenn man erwägt, daß diese Erinnerungen 
nach allen Aussagen der Kranken ihnen im Moment, da das 
Symptom zuerst auftrat, nicht zum Bewußtsein gekommen 
waren. Hier ist Stoff für sehr viel Nachdenken gegeben, aber 
diese Probleme sollen uns für jetzt nicht verlocken, unsere 
Richtung nach der Ätiologie der Hysterie zu verlassen. Wir 
müssen uns vielmehr fragen : Wohin gelangen wir, wenn wir 
den Ketten assoziierter Erinnerungen folgen, welche die Ana- 
lyse uns aufdeckt? Wie weit reichen sie? Haben sie irgendwo 
ein natürliches Ende? Führen sie uns etwa zu Erlebnissen, die 
irgendwie gleichartig sind, dem Inhalt oder der Lebenszeit 
nach, so daß wir in diesen überall gleichartigen Faktoren die 
gesuchte Ätiologie der Hysterie erblicken könnten? 

Meine bisherige Erfahrung gestattet mir bereits, diese 
Fragen zu beantworten. Wenn man von einem Falle ausgeht, 
der mehrere Symptome bietet, so gelangt man mittelst der 
Analyse von jedem Symptom aus zu einer Reihe von Erleb- 
nissen, deren Erinnerungen in der Assoziation mit einander 
verkettet sind. Die einzelnen Erinnerungsketten verlaufen zu- 
nächst distinkt von einander nach rückwärts, sind aber, wie 



157 



bereits erwähat, verzweigt ;- von einer Szene aus sind gleich- 
zeitig zwei oder mehr Erinnerungen erreicht, von denen nun 
Seitenketten ausgehen, deren einzebie G-Heder wieder mit 
Gliedern der Hauptkette assoziativ verknüpft sein mögen. Der 
Vergleich mit dem Stammbaum einer Familie, deren Mit- 
gheder auch unter einander geheiratet haben, paßt hier wirk- 
lich nicht übel. Andere KompUkationen der Verkettung er- 
geben sich daraus, daß eine einzelne Szene in derselben 
Kette mehrmals erweckt werden kann, so daß sie zu. einer 
späteren Szene mehrfache Beziehungen hat, eine direkte Ver- 
knüpfung mit ihr aufweist und eine durch MittelgUeder her- 
gestellte. Kurz, der Zusammenhang ist keineswegs ein ein- 
facher und die Aufdeckung der Szenen in umgekehrter chrono- 
logischer Folge (die eben den Vergleich mit der Aufgrabung 
eines geschichteten Trümmerfeldes rechtfertigt) trägt zum 
rascheren Verständnis des Herganges gewiß nichts bei. 

Neue Verwicklungen ergeben sich, wenn man die Analyse 
weiter fortsetzt. Die Assoziationsketten für die einzelnen 
Symptome beginnen dann in Beziehung zu einander zu treten ; 
die Stammbäume verflechten sich. Bei einem gewissen Erlebnis 
der Erinnerungskette, z. B. für das Erbrechen, ist außer den 
rückläufigen Gliedern dieser Kette eine Erinnerung aus einer 
anderen Kette erweckt worden, die ein anderes Symptom, 
etwa Kopfschmerz, begründet. Jenes Erlebnis gehört darum 
beiden Reihen an, es steht einen Knotenpunkt dar, wie 
deren in jeder Analyse mehrere aufzufinden sind. Sein khnisches 
Korrelat mag etwa sein, daß von einer gewissen Zeit an die 
beiden Symptome zusammen auftreten, symbiotisch, eigenthch 
ohne innere Abhängigkeit von einander. Knotenpunkte 
anderer Art findet man noch weiter rückwärts. Dort kon- 
vergieren die einzelnen Assoziationsketten; es finden sich 
Erlebnisse, von denen zwei oder mehrere Symptome aus- 
gegangen sind. An das eine Detail der Szene hat die eine 
Kette, an ein anderes Detail die zweite Kette angeknüpft. 

Das wichtigste Ergebnis aber, auf welches man bei 
solcher konsequenten Verfolgung der Analyse stößt, ist dieses : 
Von welchem Fall und von welchem Symptom immer man 
seinen Ausgang geno m men hat, endlich gelangt mau 



158 

unfehlbar auf das Gebiet des sexuellen Erlebens. 
Hiemit wäre also zuerst eine ätiologische Bedingung hysteri- 
scher Symptome aufgedeckt. 

Ich kann nach früheren Erfahrungen voraussehen, daß 
gerade gegen diesen Satz oder gegen die Allgemeingiltigkeit 
dieses Satzes Ihr Widerspruch, meine Herren, gerichtet sein 
wird. Ich sage vielleicht besser: Ihre Widerspruchsneigung, 
denn es stehen wohl noch keinem von Ihnen Untersuchungen 
zu Gebote, die, mit demselben Verfahren angestellt, ein anderes 
Resultat ergeben hätten. Zur Streitsache selbst will ich nur 
bemerken, daß die Auszeichnung des sexuellen Momentes in 
der Ätiologie der Hysterie bei mir mindestens keiner vor- 
gefaßten Meinung entstammt. Die beiden Forscher, als deren 
Zögling ich meine Arbeiten über Hysterie begonnen habe, 
C h a r c 1 wie Breuer, standen einer derartigen Voraus- 
setzung ferne, ja brachten ihr eine persönliche Abneigung 
entgegen, von der ich anfangs meinen Anteil übernahm. Erst 
die mühseligsten Detailuntersuchungen haben mich, und zwar 
langsam genug, zu der Meinung bekehrt, die ich heute ver- 
trete. Wenn Sie meine Behauptung, die Ätiologie auch der 
Hysterie läge im Sexualleben, der strengsten Prüfung unter- 
ziehen, so erweist sie sich als vertretbar dmxh die Angabe, 
daß ich in etwa 18 Fällen von Hysterie diesen Zusammenhang 
für jedes einzelne Symptom erkennen und, wo es die Verhält- 
nisse gestatteten, durch den therapeutischen Erfolg bekräftigen 
konnte. Sie können mir dann freilich einwenden, die 19. und 
die 20. Analyse werden vielleicht eine Ableitung hysterischer 
Symptome auch aus anderen Quellen kennen lehren und da- 
mit die Giltigkeit der sexuellen Ätiologie von der Allgemein- 
heit auf 807o einschränken. Wir wollen es gerne abwarten, 
aber da jene 18 Fälle gleichzeitig alle sind, an denen ich 
die Arbeit der Analyse unternehmen konnte, und da niemand 
diese Fälle mir zum Gefallen ausgesucht hat, werden Sie es 
begreiflich finden, daß ich jene Erwartung nicht teile, sondern 
bereit bin, mit meinem Glauben über die Beweiskraft meiner 
bisherigen Erfahrungen hinauszugehen. Dazu bewegt mich 
übrigens noch ein anderes Motiv von einstweilen bloß sub- 
jektiver Geltung. In dem einzigen Erklärungsversuch für den 



159 



physiologischen und psychischen Mechanismus der Hysterie, 
den ich T pir zur Zusammenfassung meiner Beobachtungen 
gestalten konnte, ist mir die Einmengung sexueller Trieb- 
kräfte zur unentbehrlichen Voraussetzung geworden. 

Also man gelangt endlich, nachdem die Erinnerungs- 
ketten konvergiert haben, auf sexuelles Gebiet und zu einigen 
wenigen Erlebnissen, die zumeist in die nämliche Lebens- 
periode, in das Alter der Pubertät fallen. Aus diesen Erleb- 
nissen soU man die Ätiologie der Hysterie entnehmen und durch 
sie die Entstehung hysterischer Symptome verstehen lernen. 
Hier erlebt man aber eine neue und schwerwiegende Ent- 
täuschung! Die mit soviel Mühe aufgefundenen, aus allem 
Erinnerungsmaterial extrahierten, anscheinend letzten traumati- 
schen Erlebnisse haben zwar die beiden Charaktere : SexuaHtät 
und Pubertätszeit gemein, sind aber sonst so sehr disparat 
und ungleichwertig. In einigen Fällen handelt es sich 
wohl um Erlebnisse, die wir als schwere Traumen anerkennen, 
müssen, um einen Versuch der Vergewaltigung, der dem un- 
reifen Mädchen mit einem Schlage die ganze Brutalität der 
Geschlechtslust enthüllt, um eine unfreiwillige Zeugenschaft 
bei sexuellen Akten der Eltern, die in Einem ungeahntes Häß- 
liches aufdeckt und das kindliche wie das moralische Gefühl 
verletzt u. dgl. In anderen FäUen sind diese Erlebnissa 
von erstauidicher Geringfügigkeit. Eine meiner Patientinnen 
zeigte zugrunde ihrer Neurose das Erlebnis, daß ein ihr 
befreundeter Knabe zärtHch ihre Hand streichelte und ein 
andermal seinen Unterschenkel an ihr Kleid drängte, während 
sie neben einander bei Tische saßen, wobei noch seine Miene 
sie erraten ließ, es handle sich um etwas Unerlaubtes. Bei 
einer anderen jungen Dame hatte gar das Anhören einer 
Scherzfrage, die eine obszöne Beantwortung ahnen ließ, hin- 
gereicht, den ersten AngstanfaU hervorzurufen und damit 
die Erkrankung zu eröffnen. Solche Ergebnisse sind offenbar 
einem Verständnis für die Verursachung hysterischer Symp- 
tome nicht günstig. Wenn es ebensowohl schwere wie ge- 
ringfügige Erlebnisse, ebensowohl Erfahrungen am eigenen 
Leib wie visuelle Eindrücke und durch das Gehör empfangene 
Mitteilungen sind, die sich als die letzten Traumen der- 



160 



Hysterie erkennen lassen, so kann man etwa die Deutung ver- 
suchen, die Hysterischen seien besonders geartete Menschen- 
kinder — wahrscheinlich infolge erblicher Veranlagung oder 
degenerativer Verkümmerung — bei denen die Scheu vor der 
Sexualität, die im Pubertätsalter normalerweise eine gewisse 
Rolle spielt, ins Pathologische gesteigert und dauernd fest- 
gehalten wird; gewissermaßen Personen, die den Anforde- 
rungen der Sexualität psychisch nicht Genüge leisten können. 
Man vernachlässigt bei dieser Aufstellung allerdings die 
Hysterie der Männer; aber auch, wenn es derartige grobe Ein- 
wände nicht gäbe, wäre die Versuchung kaum sehr groß, bei 
dieser Lösung stehen zu bleiben. Man verspürt hier nur zu 
deutlich die intellektuelle Empfindung des Halbverstandenen, 
Unklaren und Unzureichenden. 

Zum Glück für unsere Aufklärung zeigen einzelne der 
sexuellen Pubertätserlebnisse eine weitere UnzulängHchkeit, 
die geeignet ist, zur Fortsetzung der analytischen Arbeit an- 
zuregen. Es kommt nämlich vor, daß auch diese Erlebnisse 
der determinierenden Eignung entbehren, wenngleich dies hier 
viel seltener ist als bei den traumatischen Szenen aus späterer 
Lebenszeit. So z. B. hatten sich bei den beiden Patientinnen, 
die ich vorhin als PäUe mit eigentlich harmlosen Pubertäts- 
erlebnissen angeführt habe, im Gefolge dieser Erlebnisse eigen- 
tümliche schmerzhafte Empfindungen in den Genitalien einge- 
stellt, die sich als Hauptsymptome derNeurose fortgesetzt hatten, 
deren Determinierung weder aus den Pubertätsszenen noch aus 
späteren abzuleiten war, die aber sicherlich nicht zu den nor- 
malen Organempfindungen oder zu den Zeichen sexueller Auf- 
regung gehörten. Wie nahe lag es nun, sich hier zu sagen, 
man müsse die Determinierung dieser Symptome in noch 
anderen, noch weiter zurückreichenden Erlebnissen suchen, 
man müsse hier zum zweiten Male jenem rettenden Einfall 
folgen, der uns vorhin von den ersten traumatischen Szenen 
zu den Erinnerungsketten hinter ihnen geleitet? Man kommt 
damit freilich in die Zeit der ersten Kindheit, die Zeit vor 
der Entwicklung des sexuellen Lebens, womit ein Verzicht 
auf die sexuelle Ätiologie verbunden scheint. Aber hat man 
nicht ein Recht, anzunehmen, daß es auch dem Kindesalter 



161 



an leisen sexuellen Erregungen nicht gebricht, ja, daß vielleicht 
die spätere sexuelle Entwicklung durch Kindererlebnisse in ent- 
scheiden derWeise beeinflußt wird? Schädigungen, die dasunaus- 
gebüdete Organ, die in Entwicklung begriffene Funktion, treflPen, 
verursachen ja so häufig schwerere und nachhaltigere Wirkungen, 
als sie im reiferen Alter entfalten könnten. Vielleicht liegen 
der abnormen Reaktion gegen sexuelle Eindrücke, durch welche 
uns die Hysterischen in der Pubertätszeit überraschen, ganz 
allgemein, solche sexuelle Erlebnisse der Kindheit zugrunde, 
die dann von gleichförmiger und bedeutsamer Art sein müßten? 
Man gewänne so eine Aussicht, als frühzeitig erworben auf- 
zuklären, was man bisher einer durch die Heredität doch 
nicht verständlichen Prädisposition zur Last legen mußte. 
Und da infantile Erlebnisse sexuellen Inhalts doch nur durch 
ihre Erinnerungsspuren eine psychische Wirkung äußern 
könnten, wäre dies nicht eine wülkommene Ergänzung zu 
jenem Ergebnis der Analyse, daß hysterische Symptome 
immer nur unter der Mitwirkung vonErinnerungen 
entstehen? 

n. 

Sie erraten es wohl, meine Herren, daß ich jenen letzten 
Gedankengang nicht so weit ausgesponnen hätte, wenn ich 
Sie nicht darauf vorbereiten woUte, daß er allein es ist, der 
uns nach so vielen Verzögerungen zum Ziele führen wird. 
Wir stehen nämlich wirklich am Ende unserer langwierigen 
und beschwerlichen analytischen Arbeit und finden hier alle 
bisher festgehaltenen Ansprüche und Erwartungen erfüllt. 
Wenn wir die Ausdauer haben, mit der Analyse bis in die 
frühe Kindheit vorzudringen, so weit zurück nur das Er- 
innerungsvermögen eines Menschen reichen kann, so ver- 
anlassen wir in allen Fällen den KJranken zur Reproduktion 
von Erlebnissen, die infolge ihrer Besonderheiten sowie ihrer 
Beziehungen zu den späteren Krankheitssymptomen als die 
gesuchte Ätiologie der Neurose betrachtet werden müssen. 
Diese infantilen Erlebnisse sind wiederiun sexuellen 
Inhalts, aber weit gleichförmigerer Art als die letztgefundenen 
Pubertätsszenen; es handelt sich bei ümen nicht mehr um 
die Erweckung des sexuellen Themas durch einen beliebigen 

Freud, Neurosenielire. H 



162 

Sinneseindruck, sondern um sexuelle Erfahrungen am eigenen 
Leib, um geschlechtlichen Verkehr (im weiteren Sinne). 
Sie gestehen mir zu, daß die Bedeutsamkeit solcher 
Szenen keiner weiteren Begründung bedarf; fügen Sie nun 
noch hinzu, daß Sie in den Details derselben jedesmal die 
determinierenden Momente auffinden können, die Sie 
etwa in den anderen, später erfolgten und früher reproduzierten 
Szenen noch vermißt hätten. 

Ich stelle also die Behauptung auf, zugrunde jedes Falles 
von Hysterie befinden sich — durch die analytische Arbeit 
reproduzierbar, trotz des Dezennien umfassenden Zeitinter- 
valles — ein oder mehrere Erlebnisse von vor- 
zeitiger sexueller Erfahrung, die der frühesten Jugend 
angehören. Ich halte dies für eine wichtige Enthüllung, für 
die Auffindung eines caput Nili der Neuropathologie, aber 
ich weiß kaum, wo anzuknüpfen, um die Erörterung dieser 
Verhältnisse fortzuführen. Soll ich mein aus den Analysen 
gewonnenes tatsächhches Material vor Ihnen ausbreiten, oder 
soll ich nicht lieber vorerst der Masse von Einwänden und 
Zweifeln zu begegnen suchen, die jetzt von Ihrer Aufmerk- 
samkeit Besitz ergriffen haben, wie ich wohl mit Becht ver- 
muten darf? Ich wähle das letztere; vielleicht können wir 
dann um so ruhiger beim Tatsächlichen verweilen: 

a) "Wer der psychologischen Auffassung der Hysterie 
überhaupt feindHch entgegensteht, die Hoffnung nicht auf- 
geben möchte, daß es einst gelingen wird, ihre Symptome 
auf „feinere anatomische Veränderungen" zurückzuführen, und 
die Einsicht abgewiesen hat, daß die materiellen Grundlagen 
der hysterischen Veränderungen nicht anders als gleichartig 
sein können mit jenen unserer normalen Seelenvorgänge, der 
wird selbstverständlich für die Ergebnisse unserer Analysen 
kein Vertrauen übrig haben; die prinzipielle Verschiedenheit 
seiner Voraussetzungen von den unserigen entbindet uns aber 
auch der Verpflichtung, ihn in einer Einzelfrage zu überzeugen. 
Aber auch ein anderer, der sich minder abweisend gegen 
die psychologischen Theorien der Hysterie verhält, wird an- 
gesichts unserer analytischen Ergebnisse die Frage aufzu- 
werfen versucht sein, welche Sicherheit die Anwendung der 



163 



Psychoanalyse mit sich bringt, ob es denn nicht sehr wohl 
möglich sei, daß entweder der Arzt solche Szenen als an- 
gebliche Erinnerung dem gefälligen Kranken aufdrängt, oder 
daß der Kranke ihm absichtliche Erfindungen und freie 
Phantasien vorträgt, die jener für echt annimmt. Nun, ich habe 
darauf zu erwidern, die allgemeinen Bedenken gegen die Ver- 
läßlichkeit des psychoanalytischen Methode können erst ge- 
würdigt und beseitigt werden, wenn eine vollständige Dar- 
stellung ihrer Technik und ihrer Resultate vorHegen wird ; 
die Bedenken gegen die Echtheit der infantüen Sexualszenen 
aber kann mau bereits heute durch mehr als ein Argument 
entkräften. Zunächst ist das Benehmen der Kranken, während 
sie diese infantüen Erlebnisse reproduzieren, nach allen Rich- 
tungen hin unvereinbar mit der Annahme, die Szenen seien 
etwas anderes als peinlich empfundene und höchst ungern 
erinnerte Realität. Die Kranken wissen vor Anwendung der 
Analyse nichts von diesen Szenen, sie pflegen sich zu empören, 
wenn man ihnen etwa das Auftauchen derselben ankündigt ; 
sie können nur durch den stärksten Zwang der Behandlung 
bewogen werden, sich in deren Reproduktion einzulassen, 
sie leiden unter den heftigsten Sensationen, deren sie sich 
schämen und die sie zu verbergen trachten, während sie sich 
diese infantilen Erlebnisse ins Bewußtsein rufen, imd noch, 
nachdem sie dieselben in so überzeugender "Weise wieder 
durchgemacht haben, versuchen sie es, ihnen den Glauben zu 
versagen, indem sie betonen, daß sich hiefür nicht wie bei 
anderem Vergessenem ein Erinnerungsgefühl eingestellt hat. 

Letzteres Verhalten scheint nun absolut beweiskräftig 
zu sein. "Wozu sollten die Kranken mich so entschieden ihres 
Unglaubens versichern, wenn sie aus irgend einem Motiv die 
Dinge, die sie entwerten wollen, selbst erfunden haben? 

Daß der Arzt dem Kranken derartige Reminiszenzen 
aufdränge, ihn zu ihrer Vorstellung und Wiedergabe suggeriere, 
ist weniger bequem zu widerlegen, erscheint mir aber ebenso 
unhaltbar. Mir ist es noch nie gelungen, einem Kranken eine 
Szene, die ich erwartete, derart aufzudrängen, daß er sie mit 
allen zu ihr gehörigen Empfindungen zu durchleben schien; 
vielleicht treffen es andere besser. 

11* 



164 



Es gibt aber noch eine ganze Reibe anderer Bürgschaften 
für die Realität der infantüen Sexualszenen. Zunächst deren 
Uniformität in gewissen Einzelheiten, wie sie sich aus den 
gleichartig wiederkehrenden Voraussetzungen dieser Erlebnisse 
ergeben muß, während man sonst geheime Verabredungen 
zwischen den einzelnen Kranken für glaubhaft halten müßte. 
Sodann, daß die Kranken gelegentlich wie harmlos Vorgänge 
beschreiben, deren Bedeutung sie offenbar nicht verstehen, 
weü sie sonst entsetzt sein müßten, oder daß sie, ohne 
"Wert darauf zu legen, Einzelheiten berühren, die nur ein 
Lebenserfahrener kennt und als feine Charakterzüge des 
Realen zu schätzen versteht. 

Verstärken solche Vorkommnisse den Eindruck, daß die 
Kranken wirklich erlebt haben müssen, was sie unter dem 
Zwange der Analyse als Szene aus der Kindheit reproduzieren, 
so entspringt ein anderer und mächtigerer Beweis hiefür aus 
der Beziehung der Infantüszenen zum Inhalt der ganzen 
übrigen Krankengeschichte. "Wie bei den Zusammenlegbildern 
der Kinder sich nach mancherlei Probieren schließlich eine 
absolute Sicherheit herausstellt, welches Stück in die frei- 
gelassene Lücke gehört — weü nur dieses eine gleichzeitig das 
Büd ergänzt und sich mit seinen unregelmäßigen Zacken 
zwischen die Zacken der anderen so einpassen läßt, daß 
kein freier Raum bleibt und kein Übereinanderschieben not- 
wendig wird — so erweisen sich die Infantilszenen inhaltHch als 
unabweisbare Ergänzungen für das assoziative und logische 
Gefüge der Neurose, nach deren Einfügung erst der Hergang 
verständlich — man möchte oftmals sagen: selbstverständhch 
— wird. 

Daß auch der therapeutische Beweis für die Echtheit 
der Infantüszenen in einer Reihe von Fällen zu erbringen ist, 
füge ich hinzu, ohne diesen in den Vordergrund drängen zu 
wollen. Es gibt FäUe, in denen ein vollständiger oder par- 
tieller Heilerfolg zu erreichen ist, ohne daß man bis zu den 
Infantilerlebnissen herabsteigen muß ; andere, in welchen jeder 
Erfolg ausbleibt, ehe die Analyse ihr natürliches Ende mit 
der Aufdeckung der frühesten Traumen gefunden hat. Ich 
meine, im ersteren Fall sei man vor Rezidiven nicht gesichert ; 



165 

ich, erwarte, daß eine vollständige Psychoanalyse die radikale 
Heilung einer Hysterie bedeutet. Indes, greifen wir hier den 
Lehren der Erfahrung nicht vor! 

Es gäbe noch einen, einen wirklich unantastbaren Be- 
weis für die Echtheit der sexuellen Kindererlebnisse, wenn 
nämlich die Angaben der einen Person in der Analyse durch 
die Mitteilung einer anderen Person in oder außerhalb einer 
Behandlung bestätigt würden. Diese beiden Personen müßten 
in ihrer Kindheit an demselben Erlebnis Anteil genommen 
haben, etwa in einem sexuellen Verhältnis zu einander ge- 
standen sein. Solche Ki u derverhältniss e sind, wie Sie gleich 
hören werden, gar nicht selten ; es kommt auch häufig genug 
vor, daß beide Beteiligte später an Neurosen erkranken, und 
doch, meine ich, ist es ein Glücksfall, daß mir eine solche 
objektive Bestätigung unter 18 Fällen zweimal gelungen ist. 
Einmal war es der gesund gebliebene Bruder, der mir un- 
aufgefordert zwar nicht die frühesten Sexualerlebnisse mit 
seiner kranken Schwester, aber wenigstens solche Szenen aus 
ihrer späteren Kindheit und die Tatsache von weiter zurück- 
reichenden sexuellen Beziehungen bekräftigte. Ein andermal 
traf es sich, daß zwei in Behandlung stehende Frauen als 
Bander mit der nämlichen männlichen Person sexuell verkehrt 
hatten, wobei einzelne Szenen ä trois zustande gekommen 
waren. Ein gewisses Symptom, das sich von diesen Kinder- 
erlebnissen ableitete, war, als Zeuge dieser Gemeinschaft, in 
beiden Fällen zur Ausbildung gelangt. 

b) Sexuelle Erfahrungen der Kindheit, die in E-eizungen 
der Genitalien, koitusähnlichen Handlungen usw. bestehen, 
sollen also in letzter Analyse als jene Traumen anerkannt 
werden, von denen die hysterische Reaktion gegen Pubertäts- 
erlebnisse und die Entwicklung hysterischer Symptome aus- 
geht. Gegen diesen Ausspruch werden sicherlich von verschie- 
denen Seiten zwei zu einander gegensätzliche Einwendungen 
erhoben werden. Die Einen werden sagen, derartige sexuelle 
Mißbräuche, an Kindern verübt oder von Kindern unter ein- 
ander, kämen zu selten vor, als daß man mit ihnen die 
Bedingtheit einer so häufigen Neurose wie der Hysterie 
decken könnte; andere werden vielleicht geltend machen, 



166 



dergleichen Erlebnisse seien im Gegenteil sehr häufig, allzu 
häufig, als daß man ihrer Feststellung eine ätiologische Be- 
deutung zusprechen könnte. Sie werden femer anführen, daß 
es bei einiger Umfrage leicht fällt, Personen aufzufinden, die 
sich an Szenen von sexueller Verführung und sexuellem Miß- 
brauch in ihren Kinderjahren erinnern, und die doch niemals 
hysterisch gewesen sind. Endlich werden wir als schwer- 
wiegendes Argument zu hören bekommen, daß in den niederen 
Schichten der Bevölkerung die Hysterie gewiß nicht häufiger 
vorkommt als in den höchsten, während doch alles dafür 
spricht, daß das Gebot der sexuellen Schonung des Kindes- 
alters an den Proletarierkindern ungleich häufiger über- 
treten wird. 

Beginnen wir unsere Verteidigung mit dem leichteren 
Teil der Aufgabe. Es scheint mir sicher, daß unsere Kinder 
weit häufiger sexuellen Angriffen ausgesetzt sind, als man 
nach der geringen, von den Eltern hierauf verwendeten Für- 
sorge erwarten sollte. Bei den ersten Erkundigungen, was 
über dieses Thema bekannt sei, erfuhr ich von Kollegen, daß 
mehrere Publikationen von Kinderärzten vorliegen, welche die 
Häufigkeit sexueller Praktiken selbst an Säuglingen von selten 
der Ammen und Kinderfrauen anklagen, und aus den letzten 
"Wochen ist mir eine von Dr. St ekel in Wien herrührende 
Studie in die Hand geraten, welche sich mit dem „Koitus 
im Kindesalter" beschäftigt ("Wiener medizinische Blätter, 
18. April 1896). Ich habe nicht Zeit gehabt, andere litera- 
rische Zeugnisse zu sammeln, aber selbst wenn diese sich 
nur vereinzelt fänden, dürfte man erwarten, daß mit der 
Steigerung der Aufmerksamkeit für dieses Thema sehr bald 
die große Häufigkeit von sexuellen Erlebnissen und sexueller 
Betätigung im Kindesalter bestätigt werden wird. 

Schließlich sind die Ergebnisse meiner Analyse imstande, 
für sich selbst zu sprechen. In sämtHchen 18 Fällen (von 
reiner Hysterie und Hysterie mit Zwangsvorstellungen kom- 
biniert, 6 Männer und 12 Frauen) bin ich, wie erwähnt, zur 
Kenntnis solcher sexueller Erlebnisse des Kindesalters gelangt. 
Ich kann meine Fälle in drei Gruppen bringen, je nach der 
Herkunft der sexuellen Reizung. In der ersten Gruppe 



167 



handelt es sich, um Attentate, einmaligen oder doch verein- 
zelten Mißbrauch meist weiblicher Kinder von Seiten er- 
wachsener, fremder Individuen (die dabei groben, mechanischen 
Insult zu vermeiden verstanden), wobei die Einwilligung der 
Kinder nicht in Frage kam und als nächste Folge des Erleb- 
nisses der Schreck überwog. Eine zweite Grruppe bilden jene 
weit zahlreicheren Fälle, in denen eine das Kind wartende 
erwachsene Person — Kindermädchen, Kindsfrau, Gouver- 
nante, Lehrer, leider auch allzuhäufig ein naher Verwandter — 
das Kind in den sexuellen Verkehr einführte und ein — auch 
nach der seelischen Richtung ausgebildetes — förmliches 
Liebesverhältnis, oft durch Jahre, mit ihm unterhielt. In die 
dritte Gruppe endlich gehören die eigentlichen Kinder- 
verhältnisse, sexuelle Beziehungen zwischen zwei Kindern 
verschiedenen Geschlechts, zumeist zwischen Geschwistern, 
die oft über die Pubertät hinaus fortgesetzt werden und die 
nachhaltigsten Folgen für das betreffende Paar mit sich 
bringen. In den meisten meiner FäUe ergab sich kombinierte 
"Wirkung von zwei oder mehreren solcher Ätiologien ; in ein- 
zelnen war die Häufung der sexuellen Erlebnisse von ver- 
schiedenen Seiten her geradezu erstaunlich. Sie verstehen 
aber diese Eigentümlichkeit meiner Beobachtungen leicht, 
wenn Sie in Betracht ziehen, daß ich durchwegs FäUe von 
schwerer neurotischer Erkrankung, die mit Existenzunfähigkeit 
drohte, zu behandeln hatte. 

"Wo ein Verhältnis zwischen zwei Kindern vorlag, ge- 
lang nun einige Male der Nachweis, daß der Knabe — der 
auch hier die aggressive EoUe spielt — vorher von einer 
erwachsenen weiblichen Person verführt worden war, und 
daß er dann unter dem Drucke seiner vorzeitig geweckten 
Libido und infolge des Erinnerungszwanges an dem kleinen 
Mädchen genau die nämlichen Praktiken zu wiederholen 
suchte, die er bei der Erwachsenen gelernt hatte, ohne daß 
er selbständig eine Modifikation in der Art der sexuellen 
Betätigung vorgenommen hätte. 

Ich bin daher geneigt, anzunehmen, daß ohne vorherige 
Verführung Kinder den Weg zu Akten sexueller Aggression 
nicht zu finden vermögen. Der Grund zur Neurose würde 



168 



demnach im Bändesalter immer von seiten Erwachsener ge- 
legt, und die Kinder selbst übertragen einander die Dispo- 
sition, später an Hysterie zu erkranken. Ich bitte, verweilen 
Sie noch einen Moment bei der besonderen Häufigkeit 
sexueller Beziehungen im Kindesalter gerade zwischen Ge- 
schwistern und Vettern infolge der Gelegenheit zu häufigem 
Beisammensein, stellen Sie sich vor, daß 10 oder 15 Jahre 
später in dieser Familie mehrere Individuen der jungen 
Generation krank gefunden werden, und fragen Sie sich, ob 
dieses familiäre Auftreten der Neurose nicht geeignet ist, 
zur Annahme einer erblichen Disposition zu verleiten, wo 
doch nur eine Pseudoheredität vorliegt und in Wirk- 
lichkeit eine Übertragung, eine Infektion in der Kindheit 
stattgefunden hat. 

Nun wenden wir uns zu dem anderen Einwand, welcher 
gerade auf der zugestandenen Häufigkeit infantiler Sexual- 
erlebnisse und auf der Erfahrimg fußt, daß viele Personen sich 
an solche Szenen erinnern, die nicht hysterisch geworden sind. 
Dagegen sagen wir zunächst, daß die übergroße Häufigkeit 
eines ätiologischen Momentes unmöglich zum Einwurf gegen 
dessen ätiologische Bedeutung verwendet werden kann. Ist 
der Tuberkelbazillus nicht allgegenwärtig und wird von weit 
mehr Menschen eingeatmet, als sich an Tuberkulose erkrankt 
zeigen? Und wird seine ätiologische Bedeutung durch die 
Tatsache geschädigt, daß er oflfenbar der Mitwirkung anderer 
Faktoren bedarf, um die Tuberkulose, seinen spezifischen 
Effekt hervorzurufen? Es reicht für seine Würdigung als 
spezifische Ätiologie aus, daß Tuberkulose nicht möglich ist 
ohne seine Mitwirkung. Das Gleiche gilt wohl auch für unser 
Problem. Es stört nicht, wenn viele Menschen infantile 
Sexualszenen erleben ohne hysterisch zu werden; wenn nur 
alle, die hysterisch werden, solche Szenen erlebt haben. Der 
Kreis des Vorkommens eines ätiologischen Faktors darf gerne 
ausgedehnter sein als der seines Effektes, nur nicht enger. 
Es erkranken nicht alle an Blattern, die einen Blatternkranken 
berühren oder ihm nahe kommen, und doch ist Übertragung 
von einem Blattemkranken fast die einzige uns bekannte 
Ätiologie der Erkrankung. 



169 



Freilich, wenn infantile Betätigung der Sexualität ein 
fast allgemeines Vorkommnis wäre, dann fiele auf deren 
Nachweis in allen Fällen kein Gewicht. Aber erstens wäre 
eine derartige Behauptung sicherlich eine arge Übertreibung, 
und zweitens ruht der ätiologische Anspruch der infantilen 
Szenen nicht allein auf der Beständigkeit ihres Vorkommens 
in der Anamnese der Hysterischeu, sondern vor allem auf 
dem Nachweis der assoziativen und logischen Bande zwischen 
ihnen und den hysterischen Symptomen, der Ihnen aus einer 
vollständig mitgeteilten Krankengeschichte sonnenklar ein- 
leuchten würde. 

Welches mögen die anderen Momente sein, deren die 
„spezifische Ätiologie" der Hysterie noch bedarf, um die 
Neurose wirklich zu produzieren? Dies, meine Herren, ist 
eigentlich ein Thema für sich, das ich zu behandeln nicht 
vorhabe ; ich brauche heute bloß die Kontaktstelle aufzuzeigen, 
an welcher die beiden Teüstücke des Themas — spezifische 
und Hilfsätiologie — in einander greifen. Es wird wohl eine 
ziemliche Anzahl von Faktoren in Betracht kommen, die erb- 
liche und persönliche Konstitution, die innere Bedeutsamkeit 
der infantilen Sexualerlebnisse, vor allem deren Häufung ; ein 
kurzes Verhältnis mit einem firemden, später gleichgütigen 
Knaben wird an "Wirksamkeit zurückstehen gegen mehrjährige, 
innige, sexuelle Beziehungen zum eigenen Bruder. Es sind in 
der Ätiologie der Neurosen quantitative Bedingungen eben- 
sowohl bedeutsam wie qualitative; es sind Schwellenwerte 
zu überschreiten, wenn die Krankheit manifest werden soll. 
Ich halte die obige ätiologische Reihe übrigens selbst nicht 
für vollzählig und das Rätsel, warum die Hysterie in den 
niederen Ständen nicht häufiger ist, durch sie noch nicht 
erledigt. (Erinnern Sie sich übrigens, welche überraschend 
große Verbreitung Charcot für die männliche Hysterie des 
Arbeiterstandes behauptete.) Ich darf Sie aber auch daran 
mahnen, daß ich selbst vor wenigen Jahren auf ein bisher 
wenig gewürdigtes Moment hingewiesen habe, für welches 
ich die Hauptrolle in der Hervorrufung der Hysterie nach 
der Pubertät in Anspruch nehme. Ich habe damals ausgeführt, 
daß sich der Ausbruch der Hysterie fast regelmäßig auf einen 



170 



psychischen Konflikt zurückführen läßt, indem eine 
unverträgliche Vorstellung die Abwehr des Ich rege mache 
und zur Verdrängung auffordere. Unter welchen Verhält- 
nissen dieses Abwehrbestreben den pathologischen Effekt hat, 
die dem Ich peinliche Erinnerung wirklich ins Unbewußte 
zu drängen und an ihrer Statt ein hysterisches Symptom zu 
schaffen, das konnte ich damals nicht angeben. Ich ergänze 
es heute: Die Abwehr erreicht dann ihre Absicht, 
die unverträgliche Vorstellung aus dem Bewußt- 
sein zu drängen, wenn bei der betreffenden, bis 
dahin gesunden Person infantile Sexualszenen 
als unbewußte Erinnerungen vorhanden sind,und 
wenn die zu verdrängende Vorstellung in logi- 
schen oder assoziativen Zusammenhang mit einem 
solchen infantilen Erlebnis gebracht werden 
kann. 

Da das Abwehrbestreben des Ich von der gesamten 
moralischen und intellektuellen Ausbildung der Person ab- 
hängt, sind wir nun nicht mehr ohne jedes Verständnis für 
die Tatsache, daß die Hysterie beim niederen Volk so viel 
seltener ist, als ihre spezifische Ätiologie gestatten würde. 

Meine Herren, kehren wir noch einmal zurück zu jener 
letzten Gruppe von Einwänden, deren Beantwortung uns so 
weit geführt hat. "Wir haben gehört und anerkannt, daß es 
zahlreiche Personen gibt, die infantile Sexualerlebnisse sehr 
deutlich erinnern, und die doch nicht hysterisch sind. Dieser 
Einwand ist ganz ohne Gewicht, er wird uns aber Anlaß zu 
einer wertvollen Bemerkung bieten. Personen dieser Art 
dürfen nach unserem Verständnis der Neurose gar nicht 
hysterisch sein, oder wenigstens nicht hysterisch infolge der 
Szenen, die sie bewußt erinnern. Bei unseren E^ranken sind 
diese Erinnerungen niemals bewußt; wir heilen sie aber von 
ihrer Hysterie, indem wir ihnen die unbewußten Erinnerungen 
der Infantilszenen in bewußte verwandeln. An der Tatsache, 
daß sie solche Erlebnisse gehabt haben, konnten und brauchten 
wir nichts zu ändern. Sie ersehen daraus, daß es auf die 
Existenz der infantilen Sexualerlebnisse aUein nicht ankommt, 
sondern, daß eine psychologische Bedingung noch dabei ist. 



171 



Diese Szenen müssen als unbewußte Erinnerungen 
vorhanden sein; nur so lange und insoferne sie unbewußt 
sind, können sie hysterische Symptome erzeugen und unter- 
halten. Wovon es aber abhängt, ob diese Erlebnisse bewußte 
oder unbewußte Erinnerungen ergeben, ob die Bedingung 
hiefür im Inhalt der Erlebnisse, in der Zeit, zu der sie vor- 
fallen, oder in späteren Einflüssen liegt, dies ist ein neues 
Problem, dem wir behutsam aus dem Wege gehen wollen. 
Lassen Sie sich bloß daran mahnen, daß uns die Analyse als 
erstes Resultat den Satz gebracht hat : Die hysterischen 
Symptome sind Abkömmlinge unbewußt wirkender 
Erinnerungen. 

c) Wenn wir daran festhalten, infantile Sexualerlebnisse 
seien die Grundbedingung, sozusagen die Disposition der 
Hysterie, sie erzeugen die hysterischen Symptome aber nicht 
unmittelbar, sondern bleiben zunächst wirkungslos und wirken 
pathogen erst später, wenn sie im Alter nach der Pubertät 
als unbewußte Erinnerungen geweckt werden, so haben wir 
uns mit den zahlreichen Beobachtungen auseinanderzusetzen, 
welche das Auftreten hysterischer Erkrankung bereits im 
Kindesalter und vor der Pubertät erweisen. Indes löst sich 
die Schwierigkeit wieder, wenn wir die aus den Analysen 
gewonnenen Daten über die zeitlichen Umstände der infantilen 
Sexualerlebnisse näher betrachten. Man erfährt dann, daß in 
unseren schweren FäUen die Bildung hysterischer Symptome 
nicht etwa ausnahmsweise, sondern eher regelmäßig mit dem 
8. Jahr beginnt, und daß die Sexualerlebnisse, die keine 
unmittelbare Wirkung äußern, jedesmal weiter zurückreichen, 
ins 3., 4., selbst ins 2, Lebensjahr. Da in keinem einzigen 
FaU die Kette der wirksamen Erlebnisse mit dem 8. Jahr 
abbricht, muß ich annehmen, daß diese Lebensperiode, in 
welcher der Wachstumsschub der zweiten Dentition erfolgt, 
für die Hysterie eine Grenze bildet, von welcher an ihre 
Verursachung unmöglich wird. Wer nicht frühere Sexual- 
erlebnisse hat, kann von da an nicht mehr zur Hysterie 
disponiert werden; wer solche hat, kann nun bereits hyste- 
rische Symptome entwickeln. Das vereinzelte Vorkommen von 
Hysterie auch jenseits dieser Altersgrenze (vor 8 Jahren) 



172 



ließe sich noch als Erscheinung der Frühreife deuten. Die 
Existenz dieser Grenze hängt sehr wahrscheinlich mit Ent- 
wicklungsvorgängen im Sexualsystem zusammen. Verfrühung 
der somatischen Sexualentwicklung kommt häufig zur Be- 
obachtung, und es ist selbst denkbar, daß sie durch vorzeitige 
sexuelle Reizung befördert werden kann. 

Man gewinnt so einen Hinweis darauf, daß ein gewisser 
infantiler Zustand der psychischen Funktionen wie des 
Sexualsystems erforderlich ist, damit eine in diese Periode 
fallende sexuelle Erfahrung später als Erinnerung pathogene 
Wirkung entfalte. Ich getraue mich indes noch nicht, über 
die Natur dieses psychischen Infantilismus und über seine 
zeitliche Begrenzung Näheres auszusagen. 

dj Eine weitere Einwendung könnte etwa daran Anstoß 
nehmen, daß die Erinnerung der infantilen Sexualerlebnisse 
so großartige pathogene Wirkung äußern soll, während das 
Erleben derselben selbst wirkungslos geblieben ist. Wir sind 
ja in der Tat nicht daran gewöhnt, daß von einem Erinnerungs- 
bild Kräfte ausgehen, welche dem realen Eindruck gefehlt 
haben. Sie bemerken hier übrigens, mit welcher Konsequenz 
bei der Hysterie der Satz durchgeführt ist, daß Symptome 
nur aus Erinnerungen hervorgehen können. AUe die späteren 
Szenen, bei denen die Symptome entstehen, sind nicht die 
wirksamen, und die eigentlich wirksamen Erlebnisse erzeugen 
zunächst keinen Effekt. Wir stehen aber hier vor einem 
Problem, welches wir mit gutem Recht von unserem Thema 
sondern können. Man fühlt sich freilich zu einer Synthese 
aufgefordert, wenn man die Reihe von auffälligen Bedingungen 
überdenkt, zu deren Kenntnis wir gelangt sind : daß, um ein 
hysterisches Symptom zu bilden, ein Abwehrbestreben gegen 
eine peinliche Vorstellung vorhanden sein muß; daß diese 
eine logische oder assoziative Verknüpfung aufweisen muß 
mit einer unbewußten Erinnerung durch zahlreiche oder 
wenige Mittelglieder, die in diesem Moment gleichfalls un- 
bewußt bleiben; daß jene unbewußte Erinnerung nur sexuellen 
Inhalts sein kann ; daß sie ein Erlebnis zum Inhalt hat, welches 
sich in einer gewissen infantilen Lebensperiode zugetragen 
hat; und man kann nicht umhin, sich zu fragen, wie es 



173 



zugeht, daß diese Erinnerung an ein seinerzeit harmloses 
Erlebnis posthum die abnorme Wirkung äußert, einen psy- 
chischen Vorgang wie das Abwehren zu einem patholo- 
gischen Resultat zu leiten, während sie selbst dabei unbewußt 
bleibt? 

Man wird sich aber sagen müssen, dies sei ein rein 
psychologisches Problem, dessen Lösung vielleicht bestimmte 
Annahmen über die normalen psychischen Vorgänge und über 
die Rolle des Bewußtseins dabei notwendig macht, das aber 
einstweilen ungelöst bleiben kann, ohne unsere bisher ge- 
wonnene Einsicht in die Ätiologie der hysterischen Phänomene 
zu entwerten. 

in. 

Meine Herren, das Problem, dessen Ansätze ich soeben 
formuKert habe, betrifft den Mechanismus der hysterischen 
Symptombildung. Wir sind aber genötigt, die Verursachung 
dieser Symptome darzustellen, ohne diesen Mechanismus in 
Betracht zu ziehen, was eine unvermeidliche Einbuße an 
Abrundung und Durchsichtigkeit imserer Erörterung mit sich 
bringt. Kehren wir zur Rolle der infantilen Sexualszenen 
zurück. Ich fürchte, ich könnte Sie zur Überschätzung von 
deren symptomenbildender Kraft verleitet haben. Ich betone 
darum nochmals, daß jeder Fall von Hysterie Symptome auf- 
weist, deren Determinierung nicht aus infantilen, sondern aus 
späteren, oft aus rezenten Erlebnissen herstammt. Ein anderer 
Anteil der Symptome geht freüich auf die aUerfrühesten 
Erlebnisse zurück, ist gleichsam vom ältesten Adel. Dahin 
gehören vor allem die so zahlreichen und mannigfaltigen 
Sensationen und Parästhesien an den Genitalien und anderen 
Körp erstellen, die einfach dem Empfindungsinhalt der Infantil- 
szenen in halluzinatorischer Reproduktion, oft auch in schmerz- 
hafter Verstärkung, entsprechen. 

Eine andere Reihe überaus gemeiner hysterischer Phä- 
nomene, der schmerzhafte Harndrang, die Sensation bei der 
Defäkation, Störungen der Darmtätigkeit, das Würgen und 
Erbrechen, Magenbeschwerden und Speiseekel, gab sich in 
meinen Analysen gleichfalls — und zwar mit überraschender 
Regelmäßigkeit — als Derivat derselben Kindererlebnisse zu 



174 

erkennen und erklärte sich mühelos aus konstanten Eigen- 
tümlichkeiten derselben. Die infantilen Sexualszenen sind näm- 
lich arge Zumutungen für das Gefühl eines sexuell normalen 
Menschen ; sie enthalten alle Ausschreitungen, die von "Wüst- 
lingen und Impotenten bekannt sind, bei denen Mundhöhle 
und Darmausgang mißbräuchlich zu sexueller Verwendung ge- 
langen. Die Verwunderung hierüber weicht beim Arzte alsbald 
einem völligen Verständnis. Von Personen, die kein Bedenken 
tragen, ihre sexuellen Bedürfnisse an Kindern zu befriedigen, 
kann man nicht erwarten, daß sie an Nuancen in der Weise 
dieser Befriedigung Anstoß nehmen, und die dem Kindesalter 
anhaftende sexuelle Impotenz drängt unausbleiblich zu den- 
selben Surrogathandlungen, zu denen sich der Erwachsene 
im Falle erworbener Impotenz erniedrigt. Alle die seltsamen 
Bedingungen, unter denen das ungleiche Paar sein Liebes- 
verhältnis fortführt: der Erwachsene, der sich seinem 
Anteil an der gegenseitigen Abhängigkeit nicht entziehen 
kann, wie sie aus einer sexuellen Beziehung notwendig her- 
vorgeht, der dabei doch mit aller Autorität und dem Rechte 
der Züchtigung ausgerüstet ist und zur ungehemmten Be- 
friedigung seiner Launen die eine Rolle mit der anderen 
vertauscht; das Kind, dieser WiUkür in seiner Hilflosigkeit 
preisgegeben, vorzeitig zu allen Empfindlichkeiten erweckt 
und aUen Enttäuschungen ausgesetzt, häufig in der Ausübung 
der ihm zugewiesenen sexuellen Leistungen durch seine 
unvollkommene Beherrschung der natürUchen Bedürfnisse 
unterbrochen — aUe diese grotesken und doch tragischen Miß- 
verhältnisse prägen sich in der ferneren Entwicklung des 
Individuums und seiner Neurose in einer Unzahl von Dauer- 
efifekten aus, die der eingehendsten Verfolgung würdig wären. 
Wo sich das Verhältnis zwischen zwei Kindern abspielt, 
bleibt der Charakter der Sexualszenen doch der nämliche ab- 
stoßende, da ja jedes Kinderverhältnis eine vorausgegangene 
Verführung des einen Kindes durch einen Erwachsenen postu- 
liert. Die psychischen Folgen eines solchen Kinderverhältnisses 
sind ganz außerordentlich tiefgreifende; die beiden Personen 
bleiben für ihre ganze Lebenszeit durch ein unsichtbares Band 
miteinander verknüpft. 



175 



Gelegentlich sind es Nebenumstände dieser infantilen 
Sexualszenen, welche in späteren Jahren zu determinierender 
Macht für die Symptome der Neurose gelangen. So hat in 
einem meiner FäUe der Umstand, daß das Kind abgerichtet 
wurde, mit seinem Fuß die Genitalien der Erwachsenen zu 
erregen, hingereicht, um Jahre hindurch die neurotische Auf- 
merksamkeit auf die Beine und deren Funktion zu fixieren 
und schließlich eine hysterische Paraplegie zu erzeugen. In 
einem anderen Falle wäre es rätselhaft geblieben, warum 
die Kranke in ihren Angstanfällen, die gewisse Tagesstunden 
bevorzugten, gerade eine einzige von ihren zahlreichen 
Schwestern zu ihrer Beruhigung nicht von ihrer Seite lassen 
wollte, wenn die Analyse nicht ergeben hätte, daß der Atten- 
täter seinerzeit sich bei jedem dieser Besuche erkundigt hatte, 
ob diese Schwester zu Hause sei, von der er eine Störung be- 
fürchten mußte. 

Es kommt vor, daß die determinierende Kraft der In- 
fantilszenen sich so sehr verbirgt, daß sie bei oberflächlicher 
Analyse übersehen werden muß. Man vermeint dann, man 
habe die Erklärung eines gewissen Symptoms im Inhalt einer 
der späteren Szenen gefunden und stößt im Verlaufe der 
Arbeit auf denselben Inhalt in einer der Infantilszenen, so 
daß man sich schließlich sagen muß, die spätere Szene ver- 
danke ihrer Kraft, Symptome zu determinieren, doch nur ihrer 
Übereinstimmung mit der früheren. Ich will darum die spätere 
Szene nicht als bedeutungslos hinstellen; wenn ich die Auf- 
gabe hätte, die Regeln der hysterischen Symptombildung vor 
Ihnen zu erörtern, würde ich als eine dieser Regeln aner- 
kennen müssen, daß zum Symptom jene Vorstellung auser- 
wählt wird, zu deren Hebung mehrere Momente zusammen- 
wirken, die von verschiedenen Seiten her gleichzeitig geweckt 
wird, was ich an anderer Stelle durch den Satz auszudrücken 
versucht habe: Die hysterischen Symptome seien 
üb er determiniert. 

Noch eines, meine Herrn; ich habe zwar vorhin das 
Verhältnis der rezenten Ätiologie zur infantilen als ein be- 
sonderes Thema beiseite gerückt; aber ich kann doch den 
Gegenstand nicht verlassen, ohne diesen Vorsatz durch 



176 



wenigstens eine Bemerkung zu übertreten. Sie gestehen mir 
zu, es ist vor allem eine Tatsache, die uns am psycho- 
logischen Verständnis der hysterischen Phänomene irre werden 
läßt, die uns zu warnen scheint, psychische Akte bei Hysteri- 
schen und bei Normalen mit gleichem Maß zu messen. Es 
ist dies das Mißverhältnis zwischen psychisch erregendem 
Eeiz und psychischer Reaktion, das wir bei den Hysterischen 
antreffen, welches wir durch die Annahme einer allgemeinen 
abnormen Reizbarkeit zu decken suchen und häufig physio- 
logisch zu erklären bemüht sind, als ob gewisse, der Über- 
tragung dienende Himorgane sich bei den Kranken in einem 
besonderen chemischen Zustande befänden, etwa wie die 
Spinalzentren des Strychninfrosches, oder sich dem Einflüsse 
höherer hemmender Zentren entzogen hätten, wie im vivi- 
sektorischen Tierexperiment. Beide Auffassungen mögen hier 
und dort zur Erklärung der hysterischen Phänomene vollbe- 
rechtigt sein ; das stelle ich nicht in Abrede. Aber der Haupt- 
anteil des Phänomens, der abnormen, übergroßen, hysteri- 
schen Reaktion auf psychische Reize läßt eine andere Er- 
klärung zu, die durch zahllose Beispiele aus den Analysen 
gestützt wird. Und diese Erklärung lautet: Die Reaktion 
der Hysterischen ist eine nur scheinbar über- 
triebene; sie muß uns so erscheinen, weil wir nur 
einen kleinen Teil der Motive kennen, aus denen 
sie erfolgt. 

In Wirklichkeit ist diese Reaktion proportional dem 
erregenden Reiz, also normal und psychologisch verständlich. 
Wir sehen dies sofort ein, wenn die Analyse zu den mani- 
festen, dem Kranken bewußten Motiven jene anderen Motive 
hinzugefügt hat, die gewirkt haben, ohne daß der Kranke 
nm sie wußte, die er uns also nicht mitteilen konnte. 

Ich könnte Stunden damit ausfüllen, Ihnen diesen wich- 
tigen Satz für den ganzen Umfang der psychischen Tätigkeit 
bei Hysterischen zu erweisen, muß mich aber hier auf wenige 
Beispiele beschränken. Sie erinnern sich an die so häufige 
seelische „Empfindlickeit" der Hysterischen, die sie auf die 
leiseste Andeutung einer Geringschätzung reagieren läßt, als 
seien sie tödlich beleidigt worden. Was würden Sie nun 



177 



denken, wenn Sie eine solche hochgradige Verletzbarkeit bei 
geringfügigen Anlässen zwischen zwei gesunden Menschen, 
etwa Ehegatten, beobachten würden? Sie würden gewiß den 
Schluß ziehen, die eheliche Szene, der Sie beigewohnt, sei 
nicht allein das Ergebnis des letzten kleinlichen Anlasses, 
sondern da habe sich durch lange Zeit Zündstoff angehäuft, 
der nun in seiner ganzen Masse durch den letzten Anstoß 
zur Explosion gebracht worden sei. 

Bitte, übertragen Sie denselben Gedankengang auf die 
Hysterischen. Nicht die letzte, an sich minimale Kränkung ist 
es, die den "Weinkrampf, den Ausbruch von Verzweiflung, den 
Selbstmordversuch erzeugt, mit Mißachtung des Satzes von der 
Proportionalität des Effekts und der Ursache, sondern diese 
kleine aktuelle Kränkung hat die Erinnerungen so vieler und 
intensiverer früherer Kränkungen geweckt und zur Wirkung 
gebracht, hinter denen allen noch die Erinnerung an eine 
schwere, nie verwundene Kränkung im Kindesalter steckt. 
Oder: wenn ein junges Mädchen sich die entsetzlichsten Vor- 
würfe macht, weil sie geduldet, daß ein Knabe zärtlich im 
Geheimen über ihre Hand gestrichen, und von da ab der Neu- 
rose verfällt, so können Sie zwar dem Rätsel mit dem Urteil 
begegnen, das sei eine abnorme, exzentrisch angelegte, 
hypersensitive Person; aber Sie werden anders denken, wenn 
Ihnen die Analyse zeigt, daß jene Berührung an eine andere, 
ähnliche erinnerte, die in sehr früher Jugend vorfiel und die 
ein Stück aus einem minder harmlosen Ganzen war, so daß 
eigentlich die Vorwürfe jenem alten Anlaß gelten. Schließ- 
lich ist das ßätsel der hysterogenen Punkte auch kein 
anderes; wenn Sie die eine ausgezeichnete Stelle berühren, 
tun Sie etwas, was sie nicht beabsichtigt haben; Sie wecken 
eine Erinnerung auf, die einen KrampfanfaU auszulösen ver- 
mag, und da Sie von diesem psychischen Mittelglied nichts 
wissen, beziehen Sie den Anfall als Wirkung direkt auf Ihre 
Berührung als Ursache. Die Kranken befinden sich in der- 
selben Unwissenheit und verfallen darum in ähnliche Irr- 
tümer, sie stellen beständig „falsche Verknüpfungen'^ her 
zwischen dem letztbewußten Anlaß und dem von so viel 
Mittelgliedern abhängigen Effekt. Ist es dem Arzte aber mög- 

Fread, Nearosanlehre. 12 



178 

lieh geworden, zur Erklärung einer hysterisclien Reaktion die 
bewußten und die unbewußten Motive zusammenzufassen, so 
muß er diese scheinbar übermäßige Reaktion fast immer als 
eine angemessene, nur in der Form abnorme anerkennen. 

Sie werden nun gegen diese Rechtfertigung der hysteri- 
schen Reaktion auf psychische Reize mit Recht einwenden^ 
sie sei d.och keine normale, denn warum benehmen die Ge- 
sunden sich anders ; warum wirken bei ihnen nicht alle längst 
verflossenen Erregungen neuerdings mit, wenn eine neue Er- 
regung aktuell ist? Es macht ja den Eindruck, als bheben bei 
den Hysterischen alle alten Erlebnisse wirkungskräftig, auf 
di« schon so oft, und zwar in stürmischer Weise reagiert 
wurde, als seien diese Personen unfähig, psychische Reize zu 
-erledigen. Richtig, meine Herren, etwas Derartiges muß man 
tatsächlich als wahr annehmen. Vergessen Sie nicht, daß die 
alten Erlebnisse der Hysterischen bei einem aktuellen An- 
lasse als unbewußte Erinnerungen ihre Wirkung 
äußern. Es scheint, als ob die Schwierigkeit der Erledigung, 
die Unmöglichkeit, einen aktuellen Eindruck in eine macht- 
lose Erinnerung zu verwandeln, gerade an dem Charakter 
des psychisch Unbewußten hinge. Sie sehen, der Rest des 
Problems ist wiederum Psychologie, und zwar Psychologie 
von einer Art, für welche uns die Philosophen wenig Vor- 
arbeit geleistet haben. 

Auf diese Psychologie, die für unsere Bedürfnisse erst zu 
erschaffen ist — auf die zukünftige Neurosenpsychologie — 
muß^ ich Sie auch verweisen, wenn ich Ihnen zum Schlüsse 
eine Mitteilung mache, von ^er Sie zunächst eine Störung 
unseres beginnenden Verständnisses für die Ätiologie der 
Hysterie besorgen werden. Ich muß es nänüich aussprechen, 
daß die ätiologische Rolle der infantilen Sexualerlebnisse 
nicht auf das Gebiet der Hysterie eingeschränkt ist, sondern 
in gleicher Weise für die i^erkwürdige Neurose der Zwangs- 
vorstellungen, ja vielleicht auch für die Formen der chroni- 
schen Paranoia und andere funktionelle Psychosen Geltung 
hat. Ich drücke mich hierbei minder bestimmt aus, weil die 
Anzahl meiner .Analysen von Zwangsneurosen noch weit 
hinter der von Hysterien zurücksteht; von Paranoia habe 



179 

ich gar nur eine einzige ausreicliende und einige fragmenta- 
risciie Analysen zur Verfugung. Aber was ich da gefunden, 
schien mir verläßhch und hat mich mit sicheren Erwartungen 
für andere Fälle erfüllt. -Sie erinnern sich vielleicht, daß ich 
für die Zusammenfassung von Hysterie und Zwangsvorstellungen 
unter dem Titel „Abwehrneurosen" bereits früher ein- 
getreten bin, ehe mir noch die Gemeinsamkeit der infantilen 
Ätiologie bekannt war. Nun muß ich hinzufügen — was 
man freilich nicht allgemein zu erwarten braucht — daß 
meine Fälle von Zwangsvorstellung sämtlich einen Unter- 
grund von hysterischen Symptomen, meist Sensationen und 
Schmerzen, erkennen Keßen, die sich gerade auf die ältesten 
Kindererlebnisse zurückleiteten. "Worin liegt nun die Ent- 
scheidung, ob aus den unbewußt gebhebenen infantilen Sexual- 
szenen später Hysterie oder Zwangsneurose oder gar Para- 
noia hervorgehen soll, wenn sich die anderen pathogenen 
Momente hinzugesellt haben? Diese Vermehrung unserer Er- 
kenntnisse scheint ja dem ätiologischen "Wert dieser Szenen 
Eintrag zu tun, indem sie die Spezifität der ätiologischen 
Relation aufhebt. 

Ich bin noch nicht in der Lage, meine Herren, eine 
verläßHche Antwort auf diese Frage zu geben. Die Anzahl 
meiner analysierten Fälle, die Mannigfaltigkeit der Bedingungen 
in ihnen, ist nicht groß genug hiefür. Ich merke bis jetzt, 
daß die Zwangsvorstellungen bei der Analyse regelmäßig als 
verkappte und verwandelte Vorwürfe wegen sexueller 
Aggressionen im Kindesalter zu entlarven sind, 
daß sie darum bei Männern häufiger gefunden werden als bei 
Frauen, und häufiger bei ihnen sich entwickeln als Hysterie. 
Ich könnte daraus schließen, daß der Charakter der Infantil- 
szenen, ob sie mit Lust oder nur passiv erlebt werden, einen 
bestimmenden Einfluß auf die Auswahl der späteren Neurose 
hat, aber ich möchte auch den Einfluß des Alters, in dem 
diese Kinderaktionen vorfallen, und anderer Momente nicht 
unterschätzen. Hierüber muß erst die Diskussion weiterer 
Analysen Aufschluß geben ; wenn es aber klar sein wird, welche 
Momente die Entscheidung zwischen den möglichen Formen 
der Abwehmeuropsychosen beherrschen, wird es wiederum ein 

12* 



180 



rein psychologisches Problem sein, kraft welches Mechanismus 
die einzelne Form gestaltet wird. 

Ich bin nun zum Ende meiner heutigen Erörterungen 
gelangt. Auf "Widerspruch und Unglauben gefaßt, möchte ich 
meiner Sache nur noch eine Befürwortung mit auf den "Weg 
geben. Wie immer Sie meine Resultate aufnehmen mögen, 
ich darf Sie bitten, dieselben nicht für die Frucht wohlfeiler 
Spekulation zu halten. Sie ruhen auf mühsehger Einzel- 
erforschung der Kranken, die bei den meisten Fällen hundert 
Arbeitsstunden und darüber verweilt hat. "Wichtiger noch als 
Ihre "Würdigung der Ergebnisse ist mir Ihre Aufmerksamkeit 
für das Verfahren, dessen ich mich bedient habe, das neu- 
artig, schwierig zu handhaben und doch unersetzHch für 
wissenschaftliche und therapeutische Zwecke ist. Sie sehen 
wohl ein, man kann den Ergebnissen, zu denen diese modi- 
fizierte Breuer'sche Methode führt, nicht gut widersprechen, 
wenn man die Methode beiseite läßt und sich nur der ge- 
wohnten Methode des Krankenexamens bedient. Es wäre ähn- 
lich, als wollte man die Funde der histologischen Technik 
mit der Berufung auf die makroskopische Untersuchung wider- 
legen. Indem die neue Forschungsmethode den Zugang zu 
einem neuen Element des psychischen Geschehens, zu den 
unbewußt gebliebenen, nach Breuer's Ausdruck „bewußt- 
seinsunfähigen" Denkvorgängen breit eröffiiet, winkt sie 
uns mit der Hoffnung eines neuen, besseren "Verständnisses 
aller funktionellen psychischen Störungen. Ich kann es nicht 
glauben, daß die Psychiatrie es noch lange aufschieben wird, 
sich dieses neuen Weges zur Erkenntnis zu bedienen. 



XI. 

Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. 

Dirrcli eingehende Untersuchiingen bin ich. in den letzten 
Jahren zur Erkenntnis gelangt, daß Momente aus dem Sexual- 
leben die nächsten und praktisch bedeutsamsten Ursachen 
eines jeden Falles von neurotischer Erkrankung darstellen. 
Diese Lehre ist nicht völlig neu ; eine gewisse Bedeutung ist 
den sexuellen Momenten in der Ätiologie der Neurosen von 
jeher und von allen Autoren eingeräumt worden; für manche 
Unterströmungen in der Medizin ist die Heilung von „Sexual- 
beschwerden" und von „Nervenschwäche" immer in einem 
einzigen Versprechen vereint gewesen. Es wird also nicht 
schwer halten, dieser Lehre die Originalität zu bestreiten, 
wenn man einmal darauf verzichtet haben wird, ihre Triftig- 
keit zu leugnen. 

Li einigen kürzeren Aufsätzen, die in den letzten Jahren 
im „Neurologischen Centralblatt", in der „Revue neurologique" 
und in der „Wiener kHnischen Rundschau" erschienen sind, 
habe ich versucht, das Material und die Gesichtspunkte an- 
zudeuten, welche der Lehre von der „sexuellen Ätiologie der 
Neurosen" eine wissenschaftHche Stütze bieten. Eine ausführ- 
liche Darstellung steht noch aus, und zwar wesentlich darum, 
weil man bei der Bemühung, den als tatsächlich erkannten 
Zusammenhang aufzuklären, zu immer neuen Problemen ge- 
langt, für deren Lösung es an Vorarbeiten fehlt. Keineswegs 
verfrüht erscheint mir aber der Versuch, das Interesse des 
praktischen Arztes auf die von mir behaupteten Verhältnisse 
zu lenken, damit er sich in Einem von der Richtigkeit dieser 
Behauptungen und von den Vorteilen überzeuge, welche er 
für sein ärzthches Handeln aus ihrer Erkenntnis ableiten kann. 



^) Wiener klinische Rundschau, 1898, Nr. 2, 4, 5 und 7. 



182 



Ich weiß, daß es an Bemühungen nicht fehlen wird, 
den Arzt durch ethisch gefärbte Argumente von der Ver- 
folgung dieses Gregenstandes abzuhalten. Wer sich bei seinen 
Kranken überzeugen wiU, ob ihre Neurosen wirkHch mit ihrem 
Sexualleben zusammenhängen, der kann es nicht vermeiden, 
sich bei ihnen nach ihrem Sexualleben zu erkundigen und 
auf wahrheitsgetreue Aufklärung über dasselbe zu dringen. 
Darin soll aber die G-efahr für den Einzelnen wie für die 
Gesellschaft liegen. Der Arzt, höre ich sagen, hat kein E-echt, 
sich in die sexuellen Geheimnisse seiner Patienten einzudrängen, 
ihre Schamhaftigkeit — besonders der weiblichen Personen 
— durch solches Examen gröbUch zu verletzen. Seine un- 
geschickte Hand kann nur Familienglück zerstören, bei jugend- 
lichen Personen die Unschuld beleidigen und der Autorität 
der Eltern vorgreifen; bei Erwachsenen wird er unbequeme 
Mitwisserschaft erwerben und sein eigenes Verhältnis zu seinen 
Kranken zerstören. Es sei also seine ethische Pflicht, der 
ganzen sexuellen Angelegenheit ferne zu bleiben. 

Man darf wohl antworten: Das ist die Äußerung einer 
des Arztes unwürdigen Prüderie, die mit schlechten Argumenten 
ihre Blöße mangelhaft verdeckt. Wenn Momente aus dem 
Sexualleben wirklich als Krankheitsursachen zu erkennen sind, 
so fällt die Ermittlung und Besprechung dieser Momente eben 
hiedurch ohne weiteres Bedenken in den Pflichtenkreis des 
Arztes. Die Verletzung der Schamhaftigkeit, die er sich dabei 
zuschulden kommen läßt, ist keine andere und keine ärgere, 
sollte man meinen, als wenn er, um eine örtliche AfFektion 
zu heilen, auf der Inspektion der weiblichen Genitalien be- 
steht, zu welcher Forderung ihn die Schule selbst verpflichtet. 
Von älteren Frauen, die ihre Jugendjahre in der Provinz 
zugebracht haben, hört man oft noch erzählen, daß sie einst 
durch übermäßige Genitalblutungen bis zur Erschöpfung 
heruntergekommen waren, weil sie sich nicht entschließen 
konnten, einem Arzte den AnbHck ihrer Nacktheit zu gestatten. 
Der erziehliche Einfluß, der von den Ärzten auf das Publikum 
geübt wird, hat es im Laufe einer Generation dahin gebracht, 
daß bei unseren jungen Frauen solches Sträuben nur höchst 
selten vorkommt. Wo es sich träfe, würde es als unverständige 



183 



Prüderie, als Scham am um-ecliten Orte verdammt werden. 
Leben v/ir denn in der Türkei, würde der Ehemann fragen, 
wo die kranke Frau dem Arzte nur den Arm durch ein Loch 
in der Mauer zeigen darf?! 

Es ist nicht richtig, daß das Examen und die Mit- 
wisserschaft in sexuellen Dingen dem Arzte eine gefährliche 
Machtfülle gegen seine Patienten verschafft. Derselbe Ein- 
wand konnte sich mit mehr Berechtigung seinerzeit gegen 
die Anwendung der Narkose richten, durch welche der Kranke 
seines Bewußtseins und seiner "Willensbestimmung beraubt, 
und es in die Hand des Arztes gelegt wird, ob und- wann er 
sie wieder erlangen soll. Doch ist uns heute die Narkose 
unentbehrlich geworden, weil sie dem ärztlichen Bestreben, 
zu helfen, dienlich ist wie nichts anderes, und der Arzt hat 
die Verantwortlichkeit für die Narkose unter seine anderen 
ernsten Verpflichtungen aufgenommen. 

Der Arzt kann in allen Fällen Schaden stiften, wenn 
er ungeschickt oder gewissenlos ist, in anderen Fällen nicht 
mehr und nicht minder, als bei der Forschung nach dem 
Sexualleben seiner Patienten. Freüich, wer in einem schätzens- 
werten Ansatz zur Selbsterkenntnis sich nicht das Takt- 
gefühl, den Ernst und die Verschwiegenheit zutraut, deren 
er' für das Examen der Neurotiker bedarf, wer von sich weiß, 
daß Enthüllungen aus dem Sexualleben lüsternen Kitzel an- 
statt wissenschaftUchen Interesses bei ihm hervorrufen werden, 
der tut recht daran, dem Thema der Ätiologie der Neurosen 
fernzubleiben. Wir verlangen nur noch, daß er sich auch von 
der Behandlung der Nervösen fernhalte. 

Es ist auch nicht richtig, daß die Kranken einer Er- 
forschung ihres Sexuallebens unüberwindliche Hindemisse ent- 
gegensetzen. Erwachsene pflegen sich nach kurzem Zögern 
mit den "Worten zurechtzurücken: Ich bin doch beim Arzte; 
dem darf man alles sagen. Zahlreiche Frauen, die an der 
Aufgabe, ihre sexuellen G-efühle zu verbergen, schwer genug 
durchs Leben zu tragen haben, finden sich erleichtert, wenn 
sie beim Arzte merken, daß hier keine andere Rücksicht 
über die ihrer Heilung gesetzt ist, und danken es ihm, daß 
sie sich auch einmal in sexuellen Dingen rein menschlich ge- 



184 

berden dürfen. Eine dunkle Kenntnis der vorwaltenden Be- 
deutung sexueller Momente für die Entstehung der Nervo- 
sität, wie ich sie für die "Wissenschaft neu zu gewinnen 
suche, scheint im Bewußtsein der Laien überhaupt nie unter- 
gegangen zu sein. Wie oft erlebt man Szenen wie die fol- 
gende: Man hat ein Ehepaar vor sich, von dem ein Teil 
an Neurose leidet. Nach vielen Einleitungen und Entschul- 
digungen, daß es für den Arzt, der in solchen Fällen helfen 
will, konventionelle Schranken nicht geben darf u. dgl., teilt 
man den Beiden mit, man vermute, der Grund der Krank- 
heit liege in der unnatürlichen und schädlichen Art des 
sexuellen Verkehres, die sie seit der letzten Entbindung der 
Frau gewählt haben dürften. Die Arzte pflegen sich um diese 
Verhältnisse in der Regel nicht zu kümmern, allein das sei 
nur verwerflich, wenn auch die Kranken nicht gerne davon 
hören usw. Dann stößt der eine Teil den anderen an und 
sagt : Siehst du, ich habe es dir gleich gesagt, das wird mich 
krank machen. Und der andere antwortet: Ich hab' mir's ja 
auch gedacht, aber was soll man tun? 

Unter gewissen anderen Umständen, etwa bei jungen 
Mädchen, die ja systematisch zur Verhehlung ihres Sexual- 
lebens erzogen werden, wird man sich mit einem recht be- 
scheidenen Maße von aufrichtigem Entgegenkommen begnügen 
müssen. Es fällt aber hier ins Gewicht, daß der kundige Arzt 
seinen Kranken nicht unvorbereitet entgegentritt und in der 
Regel nicht Aufklärung, sondern bloß Bestätigung seiner Ver- 
mutungen von ihnen zu fordern hat. "Wer meinen Anweisungen 
folgen will, wie man sich die Morphologie der Neurosen zu- 
rechtzulegen und ins Ätiologische zu übersetzen hat, dem 
brauchen die Kranken nur wenig Geständnisse mehr zu 
machen. In der nur allzu bereitwillig gegebenen Schilderung 
ihrer Krankheitssymptome haben sie ihm meist die Kenntnis 
der dahinter verborgenen sexuellen Faktoren mitverraten. 

Es wäre von großem Vorteil, wenn die Kranken besser 
wüßten, mit welcher Sicherheit dem Arzte die Deutung ihrer 
neurotischen Beschwerden und der Rückschluß von ihnen auf 
die wirksame sexuelle Ätiologie nunmehr möglich ist. Es wäre 
sicherlich ein Antrieb für sie, auf die Heimlichkeit von dem 



185 



Allgenblicke an zu verzichten, da sie sich entschlossen haben, 
für ihr Leiden um Hilfe zu bitten. Wir haben aber alle ein 
Interesse daran, daß auch in sexuellen Dingen ein höherer 
Grad von Aufrichtigkeit unter den Menschen Pflicht werde, 
als er bis jetzt verlangt wird. Die sexuelle Sittlichkeit kann 
dabei nur gewinnen. Gegenwärtig sind wir in Sachen der 
SexuaHtät samt und sonders Heuchler, Kranke wie Gesunde. 
Es wird uns nur zugute kommen, wenn im Gefolge der all- 
gemeinen Aufrichtigkeit ein gewisses Maß von Duldung in 
sexuellen Dingen zur Geltung gelangt. 

Der Arzt hat gewöhnlich ein sehr geringes Interesse an 
manchen der Fragen, welche unter den Neuropathologen in 
betreff der Neurosen diskutiert werden, etwa ob man Hysterie 
und Neurasthenie strenge zu sondern berechtigt ist, ob man 
eine Hystero-Neurasthenie daneben unterscheiden darf, ob 
man das ZwangsvorsteUen zur Neurasthenie rechnen oder als 
besondere Neurose anerkennen soll u. dgl. m. Wirklich 
dürfen auch solche Distinktionen dem Arzte gleichgiltig sein, 
so lange sich an die getroffene Entscheidung weiter nichts 
knüpft, keine tiefere Einsicht und kein Fingerzeig für die 
Therapie, so lange der Kranke in aUen Fällen in die Wasser- 
heilanstalt geschickt wird, oder zu hören bekommt — daß ihm 
nichts fehlt. Anders aber, wenn man unsere Gesichtspunkte 
über die ursächlichen Beziehungen zwischen der Sexualität 
und den Neurosen annimmt. Dann erwacht ein neues Interesse 
für die Symptomatologie der einzelnen neurotischen Fälle, und 
es gelangt zur praktischen Wichtigkeit, daß man das kom- 
plizierte Bild richtig in seine Komponenten zu zerlegen und 
diese richtig zu benennen verstehe. Die Morphologie der 
Neurosen ist nämlich mit geringer Mühe in Ätiologie zu 
übersetzen, und aus der Erkenntnis dieser leiten sich, wie 
selbstverständlich, neue therapeutische Anweisungen ab. 

Die bedeutsame Entscheidung nun, di« jedesmal durch 
sorgfältige Würdigung der Symptome sicher getroffen werden 
kann, geht dahin, ob der Fall die Charaktere einer Neurasthenie 
oder einer Psychoneurose (Hysterie, ZwangsvorsteUen) an 
sich trägt. (Es kommen ungemein häufig MischfäUe vor, in 
denen Zeichen der Neurasthenie mit denen einer Psycho- 



186 



neurose vereinigt sind ; wir wollen aber deren Würdigung 
für später aufsparen.) Nur bei den Neurasthenien hat das 
Examen der Kranken den Erfolg, die ätiologischen Momente 
aus dem Sexualleben aufzudecken; dieselben sind dem Kranken, 
wie natürlich, bekannt und gehören der Gegenwart, richtiger 
der Lebenszeit seit der Geschlechtsreife an (wenngleich auch 
diese Abgrenzung nicht alle Fälle einzuschheßen gestattet). 
Bei den Psychoneurosen leistet ein solches Examen wenig; 
es verschafft uns etwa die Kenntnis von Momenten, die man 
als Veranlassungen anerkennen muß, und die mit dem Sexual- 
leben zusammenhängen oder auch nicht; im ersteren Falle 
zeigen sie sich dann nicht von anderer Art als die ätiologischen 
Momente der Neurasthenie, lassen also eine spezifische Be- 
ziehung zur Verursachung der Psychoneurose durchaus ver- 
missen. Und doch liegt auch die Ätiologie der Psychoneurosen 
in jedem Falle wiederum im Sexuellen. Auf einem merk- 
würdigen Umwege, von dem später die Rede sein wird, kann 
man zur Kenntnis dieser Ätiologie gelangen und begreiflich 
finden, daß der Kranke uns von ihr nichts zu sagen wußte. 
Die Ereignisse und Einwirkungen nämlich, welche jeder 
Psychoneurose zugrunde liegen, gehören nicht der Aktualität 
an, sondern einer längst vergangenen, sozusagen prähistorischen 
Lebensepoche, der frühen Kindheit, und darum sind sie auch 
dem Kranken nicht bekannt. Er hat sie — in einem bestimmten 
Sinne nur — vergessen. 

Sexuelle Ätiologie also in allen Fällen von Neurose; 
aber bei den Neurasthenien solche von aktueller Art, bei den 
Psychoneurosen Momente infantiler Natur; dies ist der erste 
große Gegensatz in der Ätiologie der Neurosen. Ein zweiter 
ergibt sich, wenn man einem Unterschiede in der Symptomatik 
der Neurasthenie selbst Rechnung trägt. Hier finden sich 
einerseits Fälle, in denen sich gewisse für die Neurasthenie 
charakteristische Beschwerden in den Vordergrund drängen: 
Der Kopfdruck, die Ermüdbarkeit, die Dyspepsie, die Stuhl- 
verstopfung, die Spinalirritation usf. In anderen Fällen treten 
diese Zeichen zurück, und das Krankheitsbüd setzt sich aus 
anderen Symptomen zusammen, die sämtlich eine Beziehung 
zum Kernsymptom, der „Angst", erkennen lassen (freie 



187 



Ängstlichkeit, Unruhe, Er wartungsangst, komplete, rudimentäre 
und supplementäre Angstanfälle, Iqkomotorischer Schwindel, 
Agoraphobie, Schlaflosigkeit, Schmerzsteigerung, usw.) Ich 
habe dem ersten Typus von Neurasthenie seinen Namen 
belassen, den zweiten aber als „Angstneurose" ausgezeichnet, 
und diese Scheidimg an anderem Orte begründet, woselbst 
auch der Tatsache des in der Eegel gemeinsamen Vorkommens 
beider Neurosen Rechnung getragen wird. Für unsere Zwecke 
genügt die Hervorhebung, daß der symptomatischen Ver- 
schiedenheit beider Formen ein Unterschied der Ätiologie 
parallel geht. Die Neurasthenie läßt sich jedesmal auf einen 
Zustand des Nervensystems zurückführen, wie er durch 
exzessive Masturbation erworben wird oder durch gehäufte 
Pollutionen spontan entsteht ; bei der Angstneurose findet man 
regelmäßig sexuelle Einflüsse, denen das Moment der Zurück- 
haltung oder der unvollkommenen Befriedigung gemeinsam 
ist, wie: Coitus interruptus, Abstinenz bei lebhafter Libido, 
sogenannte frustrane Erregung u. dgl. In dem kleinen Auf- 
satze, welcher die Angstneurose einzuführen bemüht war, 
habe ich die Formel ausgesprochen, die Angst sei überhaupt 
eine von ihrer Verwendung abgelenkte Libido. 

"Wo in einem FaUe Symptome der Neurasthenie und 
der Angstneurose vereinigt sind, also ein MischfaU vorliegt, 
da hält man sich an den empirisch gefundenen Satz, daß einer 
Vermengung von Neurosen ein Zusammenwirken von mehreren 
ätiologischen Momenten entspricht, und wird seine Erwartung 
jedesmal bestätigt finden. Wie oft diese ätiologischen Momente 
durch den Zusammenhang der sexuellen Vorgänge organisch 
miteinander verknüpft sind, z. B. Coitus interruptus oder 
ungenügende Potenz des Mannes mit der Masturbation, dies 
wäre einer Ausführung im einzelnen wohl würdig. 

Wenn man den vorliegenden Fall von neurasthenischer 
Neurose sicher diagnostiziert und dessen Symptome richtig 
gruppiert hat, so darf man sich die Symptomatik in Ätiologie 
übersetzen und dann von den Kranken dreist die Bekräftigung 
seiner Vermutungen verlangen. Anfänglicher "Widerspruch darf 
einen nicht irre machen ; man besteht fest auf dem, was man 
erschlossen hat, und besiegt endhch jeden Widerstand dadurch. 



188 



daß man die Unerschütterlichkeit seiner tjberzeugung betont. 
Man erfährt dabei allerlei aus dem Sexualleben der Menschen, 
womit sich ein nützliches und lehrreiches Buch füllen ließe, 
lernt es auch nach jeder Richtung hin bedauern, daß die 
Sexualwissenschaft heutzutage noch als unehrlich gilt. Da 
kleinere Abweichungen von einer normalen vita sexualis viel 
zu häufig sind, als daß man ihrer Auffindung Wert beilegen 
dürfte, wird man bei seinen neiu-otisch Kranken nur schwere 
und lange Zeit fortgesetzte Abnormität des Sexuallebens als 
Aufklärung gelten lassen; daß man aber durch sein Drängen 
einen Kranken, der psychisch normal ist, veranlassen könnte, 
sich selbst fälschlich sexueller Vergehen zu bezichtigen, das 
darf man getrost als eine imaginäre Gefahr vernachlässigen. 

Verfährt man in dieser Weise mit seinen Kranken, so 
erwirbt man sich auch die Überzeugung, daß es für die 
Lehre von der sexuellen Ätiologie der Neurasthenie negative 
Fälle nicht gibt. Bei mir wenigstens ist diese Überzeugung 
so sicher geworden, daß ich auch den negativen Ausfall des 
Examens diagnostisch verwertet habe, nämlich um mir zu 
sagen, daß solche Fälle keine Neurasthenie sein können. So 
kam ich mehrmals dazu, eine progressive Paralyse anstatt einer 
Neurasthenie anzunehmen, weil es mir nicht gelungen war, 
die nach meiner Lehre erforderliche ausgiebige Masturbation 
nachzuweisen, und der Verlauf dieser Fälle gab mir nach- 
träglich Recht. Ein andermal, wo der Kranke, bei Abwesenheit 
deutlicher organischer Veränderungen, über Kopfdruck, Kopf- 
schmerzen und Dyspepsie klagte und meinen sexuellen Ver- 
dächtigungen mit Aufrichtigkeit und überlegener Sicherheit 
begegnete, fiel es mir eiu, eine latente Eiterung in einer der 
Nebenhöhlen der Nase zu vermuten, und ein spezialistisch 
geschulter Kollege bestätigte diesen aus dem sexuell negativen 
Examen gezogenen Schluß, indem er den Kranken durch 
Entleerung von foetidem Eiter aus einer Highmorshöhle von 
seinen Beschwerden befreite. 

Der Anschein, als ob es dennoch „negative Fälle" gäbe, 
kann auch auf andere Weise entstehen. Das Examen weist 
mitunter ein normales Sexualleben bei Personen nach, deren 
Neurose einer Neurasthenie oder einer Angstneurose für ober- 



189 



flächliche Beobachtung wirklich genug ähnlich sieht. Tiefer 
eindringende Untersuchung deckt aber dann regelmäßig den 
wahren Sachverhalt auf. Hinter solchen Fällen, die man für 
Neurasthenie gehalten hat, steckt eine Psychoneurose, eine 
Hysterie oder Zwangsneurose. Die Hysterie insbesondere, die 
so viele organische Affektionen nachahmt, kann mit Leichtigkeit 
eine der aktuellen Neurosen vortäuschen, indem sie deren 
Symptome zu hysterischen erhebt. Solche Hysterien in der 
Form der Neurasthenie sind nicht einmal sehr selten. Es ist 
aber keine wohlfeile Auskunft, wenn man für die Neurasthenien 
mit sexuell negativer Auskunft auf die Psychoneurosen re- 
kurriert ; man kann den Nachweis hiefür führen auf j enem 
WegBj der allein eine Hysterie untrügUch entlarvt, auf dem 
Wege der später zu erwähnenden Psychoanalyse. 

Vielleicht wird nun Mancher, der gerne bereit ist, der 
sexuellen Ätiologie bei seinen neurasthenisch Kranken 
Rechnung zu tragen, es doch als eine Einseitigkeit rügen, 
wenn er nicht aufgefordert wird, auch den anderen Momenten, 
die als Ursachen der Neurasthenie bei den Autoren allgemein 
erwähnt sind, seine Aufmerksamkeit zu schenken. Es fällt 
mir nun nicht ein, die sexuelle Ätiologie bei den Neurosen 
jeder anderen zu substituieren, so daß ich deren "Wirksamkeit 
für aufgehoben erklären würde. Das wäre ein Mißverständnis. 
Ich meine vielmehr, zu all den bekannten und wahrscheinlich 
mit Recht anerkannten ätiologischen Momenten der Autoren 
für die Entstehung der Neurasthenie kommen die sexuellen, 
die bisher nicht hinreichend gewürdigt worden sind, noch 
hinzu. Diese verdienen aber, nach meiner Schätzung, daß man 
ihnen in der ätiologischen Reihe eine besondere Stellung an- 
weise. Denn sie aUein werden in keinem Falle von Neu- 
rasthenie vermißt, sie allein vermögen es, die Neurose ohne 
weitere Beihilfe zu erzeugen, so daß diese anderen Momente 
zur RoUe einer Hilfs- und Supplementärätiologie herabgedrückt 
scheinen ; sie allein gestatten dem Arzte, sichere Beziehungen 
zwischen ihrer Mannigfaltigkeit und der Vielheit der Krank- 
heitsbilder zu erkennen. Wenn ich dagegen die Fälle zu- 
sammenstelle, die angeblich durch Überarbeitung, Gemüts- 
aufregung, nach einem Typhus u. dgl. neurasthenisch ge- 



190 



worden sind, so zeigen sie mir in den Symptomen nichts 
Gemeinsames, icli wüßte aus der Art der Ätiologie keine 
Erwartung in betreff der Symptome zu bilden, wie umgekelirt 
aus dem Krankheitsbilde nicht auf die einwirkende Ätiologie 
zu .schließen. 

Die sexuellen Ursachen sind auch jene, welche dem 
Arzte \am ehesten einen Anhalt für sein therapeutisches 
Wirken bieten. Die Heredität ist unzweifelhaft ein bedeut- 
samer Faktor, wo sie sich findet ; sie gestattet, daß ein großer 
Krankheitseffekt zustande kommt, wo sich sonst nur ein sehr 
geringer ergeben hätte. Allein die Heredität ist der Beein- 
flussung des Arztes unzugänglich; ein jeder bringt seine 
hereditären Krankheitsneigungen mit sich ; wir können nichts 
mehr daran ändern. Auch dürfen wir nicht vergessen, daß 
wir gerade in der Ätiologie der Neurasthenien der Heredität 
den ersten Rang notwendig versagen müssen. Die Neurasthenie 
(in beiden Formen) gehört zu den Affektionen, die jeder 
erbHch Unbelastete bequem erwerben kann. "Wäre es anders, 
*o wäre ja die riesige Zunahme der Neurasthenie undenkbar, 
über welche alle Autoren klagen. Was die Zivilisation betrifft, 
zu deren Sündem-egister man oft die Verursachung der Neu- 
rasthenie zu schreiben pflegt, so mögen auch hierin die 
Autoren Recht haben (wiewohl wahrscheinlich auf ganz anderen 
Wegen, als sie vermeinen) ; aber der Zustand unserer Zivih- 
sation ist gleichfalls für den Einzelnen etwas UnabänderUches ; 
übrigens erklärt dieses Moment bei seiner AUgemeingiltigkeit 
für die Mitglieder derselben Gesellschaft niemals die Tatsache 
der Auswahl bei der Erkrankung. Der nicht neurasthenis.che 
Arzt steht ja unter demselben Einflüsse der angeblich unheil- 
vollen Zivilisation wie der neur asthenische Kranke, den er 
behandeln soll. — Die Bedeutung erschöpfender Einflüsse 
bleibt mit der oben gegebenen Einschränkung bestehen. Aber 
mit dem Momente der „Überarbeitung", das die Ärzte so 
gerne ihren Patienten als Ursache ihrer Neurose gelten lassen, 
wird übermäßig viel Mißbrauch getrieben. Es ist ganz richtig, 
daß jeder, der sich durch sexuelle Schädhchkeiten zur Neu- 
rasthenie disponiert hat, die intellektuelle Arbeit und die 
psychischen Mühen des Lebens schlecht verträgt, aber niemals 



191 



vnid jemand durch Arbeit oder durch Aufregung allein 
neurotisch. Geistige Arbeit ist eher ein Schutzmittel gegen 
neurasthenische Erkrankung; gerade die ausdauerndsten 
intellektuellen Arbeiter bleiben von der Neurasthenie ver- 
schont, und was die Neurastheniker als „krankmachende 
Überarbeitung" anklagen, das verdient in der Regel weder 
der Qualität noch dem Ausmaße nach als „geistige Arbeit" 
anerkannt zu werden. Die Arzte werden sich wohl gewöhnen 
müssen, dem Beamten, der sich in seinem Bureau „über- 
angestrengt", oder der Hausfrau, der iln: Hauswesen zu schwer 
geworden ist, die Aufklärung zu geben, daß sie nicht erkrankt 
sind, weil sie versucht haben, ihre für ein ziviHsiertes Gehirn 
eigenthch leichten Pflichten zu erfüllen, sondern weil sie 
während dessen ihr Sexualleben gröblich vernachlässigt und 
verdorben haben. 

Nur die sexuelle Ätiologie ermöghcht uns ferner das 
Verständnis aller Einzelheiten der Krankengeschichten bei 
Neurasthenikern, der rätselhaften Besserungen mitten im 
Krankheitsverlaufe und der ebenso unbegreiflichen Verschlim- 
merungen, die von Ärzten und Kranken dann gewöhnlich mit 
der eingeschlagenen Therapie in Beziehung gebracht werden. 
In meiner mehr als 200 Fälle umfassenden Sammlung ist 
z. B. die Geschichte eines Mannes verzeichnet, der, nachdem 
ihm die hausärztHche Behandlung nichts genützt hatte, zu 
Pfarrer Kneipp ging und von dieser Kur an ein Jahr von 
außerordentlicher Besserung mitten in seinen Leiden zu ver- 
zeichnen hatte. Als aber ein Jahr später die Beschwerden 
sich wieder verstärkten und er neuerdings Hilfe in "Wöris- 
hofen suchte, blieb der Erfolg dieser zweiten Kur aus. Ein 
Blick in die Familienchronik dieses Patienten löst das zwei- 
fache Rätsel auf: 6^/2 Monate nach der ersten Rückkehr aus 
Wörishofen wurde dem Kranken von seiner Frau ein Kind 
geboren ; er hatte sie also zu Beginn einer noch unerkannten 
Gravidität verlassen und durfte nach seiner Wiederkunft natür- 
hchen Verkehr mit ihr pflegen. Als nach Ablauf dieser für ihn 
heilsamen Zeit seine Neurose durch neuerlichen Coitus inter- 
ruptus wieder angefacht war, mußte sich die zweite Kur erfolglos 
erweisen, da jene oben erwähnte Gravidität die letzte bUeb. 



192 



Ein ähnlicher Fall, in dem gleichfalls eine unerwartete 
Einwirkung der Therapie zu erklären war, gestaltete sich noch 
lehrreicher, indem er eine rätselhafte Abwechslung in den 
Symptomen der Neurose enthielt. Ein jugendlicher Nervöser 
war von seinem Arzte in eine wohlgeleitete Wasserheilanstalt 
wegen typischer Neurasthenie geschickt worden. Dort besserte 
sich sein Zustand anfänglich immer mehr, so daß aUe Aussicht 
vorhanden war, den Patienten als dankbaren Anhänger der 
Hydrotherapie zu entlassen. Da trat in der sechsten Woche 
ein Umschlag ein; der KJranke „vertrug das Wasser nicht 
mehr", wurde immer nervöser und verließ endlich nach zwei 
weiteren Wochen ungeheilt und unzufrieden die Anstalt. Als 
er sich bei mir über diesen Trug der Therapie beklagte, er- 
kundigte ich mich ein wenig nach den Symptomen, die ihn 
mitten in der Kur befallen hatten. Merkwürdigerweise hatte 
sich darin ein Wandel vollzogen. Er war mit Kopfdruck, 
Müdigkeit und Dyspepsie in die Anstalt gegangen; was ihn 
in der Behandlung gestört hatte, waren: Aufgeregtheit, An- 
fälle von Beklemmung, Schwindel im Gehen und Schlaf- 
störung gewesen. Nun konnte ich den Kranken sagen: „Sie 
tun der Hydrotherapie Unrecht. Sie sind, wie Sie selbst sehr 
wohl gewußt haben, infolge von lange fortgesetzter Mastur- 
bation erkrankt. In der Anstalt haben Sie die Art der Be- 
friedigung aufgegeben und sich darum rasch erholt. Als Sie 
sich aber wohl fühlten, haben Sie unklugerweise Beziehungen 
zu einer Dame, nehmen wir an, einer Mitpatientin, gesucht, 
die nur zur Aufregung ohne normale Befriedigung führen 
konnten. Die schönen Spaziergänge in der Nähe der Anstalt 
gaben Ihnen gute G-elegenheit dazu. An diesem Verhältnisse 
sind Sie von neuem erkrankt, nicht an einer plötzlich auf- 
getretenen Intoleranz gegen die Hydrotherapie. Aus Ihrem 
gegenwärtigen Befinden schließe ich übrigens, daß Sie das- 
selbe Verhältnis auch in der Stadt fortsetzen." Ich kann ver- 
sichern, daß der Kranke mich dann Punkt für Punkt be- 
stätigt hat. 

Die gegenwärtige Therapie der Neurasthenie, wie sie 
wohl am günstigsten in den Wasserheilanstalten geübt wird, 
setzt sich das Ziel, die Besserung des nervösen Zustandes 



193 



durch zwei Momente : Schonung und Stärkung des Patienten 
zu erreichen. Ich wüßte nichts anderes gegen diese Therapie 
vorzubringen, als daß sie den sexuellen Bedingungen des 
Falles keine Rechnung trägt. Nach meiner Erfahrung ist es 
höchst wünschenswert, daß die ärztHchen Leiter solcher 
Anstalten sich genügend klar machen, daß sie es nicht mit 
Opfern der Zivilisation oder der Heredität, sondern — sit 
venia verbo — mit Sexualitätskrüppeln zu tun haben. Sie 
würden sich dann einerseits ihre Erfolge wie ilu'e Mißerfolge 
leichter erklären, andererseits aber neue Erfolge erzielen, die 
bis jetzt dem Zufalle oder dem unbeeinflußten Verhalten des 
Kranken anheimgegeben sind. Wenn man eine ängstlich- 
neurasthenische Frau von ihrem Hause weg in die Wasser- 
heilanstalt schickt, sie dort, aller Pflichten ledig, baden, 
turnen und sich reichlich ernähren läßt, so wird man gewiß 
geneigt sein, die oft glänzende Besserung, die so in einigen 
Wochen oder Monaten erreicht wird, auf Rechnung der Ruhe, 
welche die Kranke genossen hat, und der Stärkung, die ihr 
die Hydrotherapie gebracht hat, zu setzen. Das mag so sein ; 
man übersieht aber dabei, daß mit der Entfernung vom Hause 
für die Patientin auch eine Unterbrechung des ehelichen 
Verkehres gegeben ist, und daß erst diese zeitweilige Aus- 
schaltung der krankmachenden Ursache ihr die Möglichkeit 
gibt, sich bei zweckmäßiger Therapie zu erholen. Die Ver- 
nachlässigung dieses ätiologischen Gesichtspunktes rächt sich 
nachträglich, indem der scheinbar so befriedigende Heilerfolg 
sich als sehr flüchtig erweist. Kurze Zeit, nachdem der Patient 
in seine Lebensverhältnisse zurückgekehrt ist, stellen sich 
die Symptome des Leidens wieder ein und nötigen ihn, ent- 
weder immer von Zeit zu Zeit einen Teil seiner Existenz 
unproduktiv in solchen Anstalten zu verbringen, oder ver- 
anlassen ihn, seine Hoffnungen auf Heilung anderswohin zu 
richten. Es ist also klar, daß die therapeutischen Aufgaben 
bei der Nem-asthenie nicht in den Wasserheilanstalten, sondern 
innerhalb der Lebensverhältnisse der Kranken in Angriff zu 
nehmen sind. 

Bei anderen Fällen kann unsere ätiologische Lehre dem 
Anstaltsarzte Aufklärung über die Quelle von Mißerfolgen 

Freud, Neurosenlehje. 13 



194 



geben, die sich noch in der Anstalt selbst ereignen, und ihm 
nahe legen, wie solche zu vermeiden sind. Die Masturbation 
ist bei erwachsenen Mädchen und reifen Männern weit häu- 
figer, als man anzunehmen pflegt, und wirkt als Schädlichkeit 
nicht nur durch die Erzeugung der neurasthenischen Symptome, 
sondern auch, indem sie die Kranken unter dem Drucke eines 
als schändlich empfundenen Geheimnisses erhält. Der Arzt, der 
nicht gewohnt ist, Neurasthenie in Masturbation zu übersetzen, 
gibt sich für den Krankheitszustand Rechenschaft, indem er 
sich auf ein Schlagwort, wie Anämie, Unterernährung, Über- 
arbeitung etc. bezieht, und erwartet nun bei Anwendung der 
dagegen ausgearbeiteten Therapie die Heilung seines Kranken. 
Zu seinem Erstaunen wechseln aber beim Kranken Zeiten von 
Besserung mit anderen ab, in denen unter schwerer Ver- 
stimmung alle Symptome sich verschlimmern. Der Ausgang 
einer solchen Behandlung ist im allgemeinen zweifelhaft. 
Wüßte der Arzt, daß der Kranke die ganze Zeit über mit 
seiner sexuellen Angewöhnung kämpft, daß er in Verzweif- 
lung verfallen ist, weil er ihr wieder einmal unterliegen 
mußte, verstünde er, dem Kranken sein Geheimnis abzu- 
nehmen, dessen Schwere in seinen Augen zu entwerten, und 
ihn bei seinem Abgewöhnungskampfe zu unterstützen, so 
würde der Erfolg der therapeutischen Bemühung hiedurch 
wohl gesichert. 

Die Abgewöhnung der Masturbation ist nur eine der 
neuen therapeutischen Aufgaben, welche dem Arzte aus der 
Berücksichtigung der sexuellen Ätiologie erwachsen, und diese 
Aufgabe gerade scheint wie jede andere Abgewöhnung nur 
in einer Krankenanstalt und unter beständiger Aufsicht des 
Arztes lösbar. Sich selbst überlassen, pflegt der Masturbant 
bei jeder verstimmenden Einwirkung auf die ihm bequeme 
Befriedigung zurückzugreifen. Die ärztliche Behandlung kann 
sich hier kein anderes Ziel stecken, als den wieder gekräf- 
tigten Neurastheniker dem normalen Geschlechtsverkehre zu- 
zuführen, denn das einmal geweckte und durch eine geraume 
Zeit befriedigte Sexualbedürfnis läßt sich nicht mehr zum 
Schweigen bringen, sondern bloß auf ein anderes Objekt ver- 
schieben. Eine ganz analoge Bemerkung gilt übrigens auch 



195 



für alle anderen Abstinenzkuren, die so lange nur scheinbar 
gelingen werden, so lange sich der Arzt damit begnügt, dem 
Kranken das narkotische Mittel zu entziehen, ohne sich um 
die Quelle zu kümmern, aus welcher das imperative Bedürfnis 
nach einem solchen entspringt. „Gewöhnung" ist eine bloße 
Redensart, ohne aufklärenden Wert; nicht jedermann, der eine 
Zeitlang Morphin, Kokain, Chloralhydrat u. dgl. zu nehmen 
Gelegenheit hat, erwirbt hiedurch die „Sucht" nach diesen 
Dingen. Genauere Untersuchung weist in der Regel nach, 
daß diese Narcotica zum Ersätze — direkt oder auf Um- 
wegen — des mangelnden Sexualgenusses bestimmt sind, und 
wo sich normales Sexualleben nicht mehr herstellen läßt, da 
darf man den Rückfall des Entwöhnten mit Sicherheit erwarten. 

Die andere Aufgabe wird dem Arzte durch die Ätiologie 
der Angstneurose gestellt und besteht darin, den Kranken 
zum Verlassen aller schädhchen Arten des Sexualverkehres 
und zur Aufnahme normaler sexueller Beziehungen zu ver- 
anlassen. Wie begreiflich, fäUt diese Pflicht vor allem dem 
ärztHchen Vertrauensmanne des Kranken, dem Hausarzte, 
zu, der seine Klienten schwer schädigt, wenn er sich zu 
vornehm hält, um in diese Sphäre einzugreifen. 

Da es sich hiebei zumeist um Ehepaare handelt, stößt 
das Bemühen des Arztes alsbald mit den malthusianischen 
Tendenzen, die Anzahl der Konzeptionen in der Ehe einzu- 
schränken, zusammen. Es scheint mir unzweifelhaft, daß 
diese Vorsätze in unserem Mittelstande immer mehr an Aus- 
breitung gewinnen; ich bin Ehepaaren begegnet, die schon 
nach dem ersten Kinde die Verhütung der Konzeption durch- 
zuführen begannen, und anderen, deren sexueller Verkehr 
von der Hochzeitsnacht an diesem Vorsatze Rechnung tragen 
wollte. Das Problem des Malthusianismus ist weitläufig und 
kompHziert; ich habe nicht die Absicht, es hier erschöpfend 
zu behandeln, wie es für die Therapie der Neurosen eigent- 
hch erforderlich wäre. Ich gedenke nur zu erörtern, welche 
Stellung der Arzt, der die sexuelle Ätiologie der Neurosen 
anerkennt, zu diesem Problem am besten einnehmen kann. 

Das Verkehrteste ist es offenbar, wenn er dasselbe — 
unter welchen Vorwänden immer — ignorieren will. Was 

13* 



196 



notwendig ist, kann nicht unter meiner ärztlichen Würde 
sein, und es ist notwendig, einem Ehepaare, das an die Ein- 
schränkung der Kinderzeugung denkt, mit ärztlichem Rate 
beizustehen, wenn man nicht einen Teil oder Beide der 
Neurose aussetzen will. Es läßt sich nicht bestreiten, daß 
malthusianische Vorkehrungen irgend einmal in einer Ehe zur 
Notwendigkeit werden, und theoretisch wäre es einer der 
größten Triumphe der Menschheit, eine der fühlbarsten Be- 
freiungen vom Naturzwange, dem unser G-eschlecht unter- 
worfen ist, wenn es gelänge, den verantwortlichen Akt der 
Kindererzeugung zu einer willkürlichen und beabsichtigten 
Handlung zu erheben, und ihn von der Verquickung mit der 
notwendigen Befriedigung eines natürHchen Bedürfnisses los- 
zulösen. 

Der einsichtsvolle Arzt wird es also auf sich nehmen, 
zu entscheiden, unter welchen Verhältnissen die Anwendung 
von Maßregeln zur Verhütung der Konzeption gerecht- 
fertigt ist, und wird die schädlichen unter diesen Hilfsmitteln 
von den harmlosen zu sondern haben. Schädlich ist alles, 
was das Zustandekommen der Befriedigung hindert ; bekannt- 
lich besitzen wir aber derzeit kein Schutzmittel gegen die 
Konzeption, welches allen berechtigten Anforderungen genügen 
würde, d. h. sicher, bequem ist, der Lustempfindung beim 
Koitus nicht Eintrag tut und das Feingefühl der Frau nicht 
verletzt. Hier ist den Ärzten eine praktische Aufgabe gestellt, 
an deren Lösung sie ihre Kräfte dankbringend setzen können. 
"Wer jene Lücke in unserer ärztlichen Technik ausfüllt, der 
hat Unzähligen den Lebensgenuß erhalten und die Gesund- 
heit bewahrt, freüich dabei auch eine tief einschneidende Ver- 
änderung in unseren gesellschaftlichen Zuständen angebahnt. 

Büemit sind die Anregungen nicht erschöpft, die aus der 
Erkenntnis einer sexuellen Ätiologie der Nem^osen fließen. 
Die Hauptleistung, die uns zugunsten der Neurastheniker 
möglich ist, fäUt in die Prophylaxis. Wenn die Masturbation 
die Ursache der Neurasthenie in der Jugend ist und späterhin 
durch die von ihr geschaffene Verminderung der Potenz auch 
zur ätiologischen Bedeutung für die Angstneurose gelangt, 
so ist die Verhütung der Masturbation bei beiden Geschlechtern 



197 



eine Aufgabe, die mehr Beachtung verdient, als sie bis jetzt 
gefunden hat. Überdenkt man alle die feineren und gröberen 
Schädigungen, die von der angeblich immer mehr um sich 
greifenden Neurasthenie ausgehen, so erkennt man geradezu ein 
Volksinteresse darin, daß die Männer mit voller Potenz 
in den Sexualverkehr eintreten. In Sachen der Pro- 
phylaxis aber ist der einzelne ziemlich ohnmächtig. Die Ge- 
samtheit muß ein Interesse an dem Gegenstande gewinnen 
und ihi'e Zustimmung zur Schöpfung von gemeingiltigen Ein- 
richtungen geben. Vorläufig sind wir von einem solchen Zu- 
stande, der Abhilfe versprechen würde, noch weit entfernt, 
und darum kann man mit Recht auch unsere^ Zivihsation für 
die Verbreitung der Neurasthenie verantwortlich machen. Es 
müßte sich vieles ändern. Der Widerstand einer Generation 
von Ärzten muß gebrochen werden, die sich nicht mehr an ihre 
eigene Jugend erinnern können; der Hochmut der Väter ist zu 
überwinden, die vor ihren Kindern nicht gerne auf das Niveau 
der Menschlichkeit herabsteigen wollen, die unverständige 
Verschämtheit der Mütter zu bekämpfen, denen es jetzt 
regelmäßig als unerforschliche, aber unverdiente Schicksals- 
fügung erscheint, daß „gerade ihre Kinder nervös geworden 
sind". Vor allem aber muß in der öffentlichen Meinung Raum 
geschaffen werden für die Diskussion der Probleme des Sexual- 
lebens ; man muß von diesen reden können, ohne für einen 
Ruhestörer oder für einen Spekulanten auf niedrige Instinkte 
erklärt zu werden. Und somit verbliebe auch hier genügend 
Arbeit für ein nächstes Jahrhundert, in dem unsere Zivili- 
sation es verstehen soll, sich mit den Ansprüchen unserer 
Sexuahtät zu vertragen! 

Der "Wert einer richtigen diagnostischen Scheidung der 
Psychoneurosen von der Neurasthenie bezeigt sich auch darin, 
daß die ersteren eine andere praktische Würdigung und be- 
sondere therapeutische Maßnahmen erfordern. Die Psycho- 
neurosen treten unter zweierlei Bedingungen auf, entweder 
selbständig oder im Gefolge der Aktualneurosen (Neurasthenie 
und Angstneurose). Im letzteren Falle hat man es mit einem 
neuen, übrigens sehr häufigen Typus von gemischten Neurosen 
zu tun. Die Ätiologie der Aktualneurose ist zur Hilfsätiologie 



198 



der Psyclioneurose geworden ; es ergibt sich, ein Krankheitsbild, 
in dem etwa die Angstneurose vorherrscht, das aber sonst 
Züge der echten Neurasthenie, der Hysterie und der Zwangs- 
neurose enthält. Man tut nicht gut, angesichts einer solchen 
Vermengung etwa auf eine Sonderung der einzelnen neuro- 
tischen Krankheitsbilder zu verzichten, da es doch nicht 
schwer ist, sich den Fall in folgender Weise zurechtzulegen : 
"Wie die vorwiegende Ausbildung der Angstneurose beweist, 
ist hier die Erkrankung unter dem ätiologischen Einflüsse 
einer aktuellen sexuellen Schädlichkeit entstanden. Das be- 
treffende Individuum war aber außerdem zu einer oder 
mehreren Psychoneurosen durch eine besondere Ätiologie 
disponiert und wäre irgend einmal spontan oder bei Hinzu- 
tritt eines anderen schwächenden Momentes an Psychoneurose 
erkrankt. Nun ist die noch fehlende HUfsätiologie fiii' die 
Psychoneurose durch die aktuelle Ätiologie der Angstneurose 
hinzugefügt worden. 

Für solche Fälle hat sich mit Recht die therapeutische 
Übung eingebürgert, von der psychoneurotischen Komponente 
im Kj-ankheitsbilde abzusehen und ausschießHch die Aktual- 
neurose zu behandeln. Es gelingt in sehr vielen Fällen, auch 
der mitgerissenen Neurose Herr zu werden, wenn man der 
Neurasthenie zweckmäßig entgegentritt. Eine andere Be- 
urteilung erfordern aber jene FäUe von Psychoneurose, die, 
sei es spontan auftreten, oder nach dem Ablaufe einer aus 
Neurasthenie und Psychoneurose gemengten Erkrankung als 
selbständig übrig bleiben. Wenn ich von „spontanem" Auf- 
treten einer Psychoneurose gesprochen habe, so meine ich 
damit nicht etwa, daß man bei anamnestischer Nachforschung 
jedes ätiologische Moment vermißt. Dies kann wohl der Fall 
sein, man kann aber auch auf ein indifferentes Moment, eine 
Gemütsbewegung, Schv/ächung durch somatische Erkrankung 
u. dgl. hingewiesen werden. Doch muß man für alle diese 
FäUe festhalten, daß die eigenthche Ätiologie der Psycho- 
neurosen nicht in diesen Veranlassungen liegt, sondern der 
gewöhnlichen Weise anamnestischer Erhebung unfaßbar bleibt. 

Wie bekannt, ist es diese Lücke, welche man versucht 
hat, durch die Annahme einer besonderen neuropathischen 



199 



Disposition auszufüllen, deren Existenz einer Therapie solcher 
Krankheitszustände freilich nicht viel Aussicht auf Erfolg 
übrig Heße. Die neuropathische Disposition selbst wird als 
Zeichen einer allgemeinen Degeneration aufgefaßt, und somit 
gelangt dieses bequeme Kunstwort zu einer überreichlichen 
Verwendung gegen die armen Kranken, denen zu helfen die 
Arzte recht ohnmächtig sind. Zum Glück steht es anders. 
Die neuropathische Disposition existiert wolil, aber ich muß 
bestreiten, daß sie zur Erzeugung der Psychoneurose hin- 
reicht. Ich muß femer bestreiten, daß das Zusammentreffen 
von nem^opathischer Disposition und veranlassenden Ursachen 
des späteren Lebens eine ausreichende Ätiologie der Psycho- 
neurosen darstellt. Man ist in der Zurückführung der Krank- 
heitsscliicksale des Einzelnen auf die Erlebnisse seiner Ahnen 
zu weit gegangen und hat daran vergessen, daß zwischen der 
Empfängnis und der Eeife des Individuums ein langer und 
bedeutsamer Lebensabschnitt liegt, die Kindheit, in welcher 
die Keime zu späterer Erkrankung erworben werden können. 
So ist es tatsächlich bei der Psychoneurose. Ihre wirkliche 
Ätiologie ist zu finden in Erlebnissen der Kindheit, und zwar 
wiederum — und ausschließUch — in Eindrücken, die das 
sexuelle Leben betreffen. Man tut Unrecht daran, das Sexual- 
leben der Kinder völlig zu vernachlässigen ; sie sind, so viel 
ich erfahren habe, aller psychischen und vieler somatischen 
SexuaUeistungen fähig. So wenig die äußeren Genitalien und 
die beiden Keimdrüsen den ganzen Geschlechtsapparat des 
Menschen darstellen, ebensowenig beginnt sein Geschlechts- 
leben erst mit der Pubertät, wie es der groben Beobachtung 
erscheinen mag. Es ist aber richtig, daß die Organisation 
und Entwicklung der Spezies Mensch eine ausgiebigere 
sexuelle Betätigung im Kjndesalter zu vermeiden strebt; es 
scheint, daß die sexuellen Triebkräfte beim Menschen aufge- 
speichert werden soUen, um dann bei ihrer Entfesselung zur 
Zeit der Pubertät großen kulturellen Zwecken zu dienen. 
(Wilh. Fließ.) Aus einem derartigen Zusammenhange läßt 
sich etwa verstehen, warum sexuelle Erlebnisse des Kindes- 
alters pathogen wirken müssen. Sie entfalten ihre "Wirkung 
aber nur zum geringsten Maße zur Zeit, da sie vorfallen; 



200 



weit bedeutsamer ist iJire nachträgliche Wirkung, die 
erst in späteren Perioden der Reifung eintreten kann. Diese 
nachträgliche Wirkung geht, wie nicht anders möglich, von 
den psychischen Spuren aus, welche die infantilen Sexual- 
erlebnisse zurückgelassen haben. In dem Intervall zwischen 
dem Erleben dieser Eindrücke und deren Reproduktion (viel- 
mehr dem Erstarken der von ihnen ausgehenden libidinösen 
Impulse) hat nicht nur der somatische Sexualapparat, sondern 
auch der psychische Apparat eine bedeutsame Ausgestaltung 
erfahren, und darum erfolgt auf die Einwirkung jener frühen 
sexuellen Erlebnisse nun eine abnorme psychische Reaktion, 
es entstehen psychopathologische Bildungen. 

In diesen Anleitungen konnte ich nur die Hauptmomente 
anführen, auf welche sich die Theorie der Psychoneurosen 
stützt: die Nachträglichkeit, den infantilen Zustand des Gre- 
schlechtsapparates und des Seeleninstrumentes. Um ein wirk- 
hches Verständnis des Entstehungsmechanismus der Psycho- 
neurosen zu erzielen, brauchte es breiterer Ausführungen; 
vor allem wäre es unvermeidlich, gewisse Annahmen über die 
Zusammensetzung und die Arbeitsweise des psychischen 
Apparates, die mir neu scheinen, als glaubwürdig hinzustellen. 
In einem Buche über „Traumdeutung", das ich gegenwärtig 
vorbereite, werde ich die Gelegenheit finden, jene Fundamente 
einer Neurosenpsychologie zu berühren. Der Traum gehört 
nämlich in dieselbe Reihe psychopathologischer Bildungen, 
wie die hysterische fixe Idee, die Zwangsvorstellung und die 
Wahnidee. 

Da die Erscheinungen der Psychoneurosen vermittelst 
der Nachträglichkeit von unbewußten psychischen Spuren aus 
entstehen, werden sie der Psychotherapie zugänghch, die 
allerdings hier andere Wege einschlagen muß als den bis 
jetzt einzig begangenen der Suggestion mit oder ohne Hypnose. 
Auf der von J. Breuer angegebenen „kathartischen" Me- 
thode fußend, habe ich in den letzten Jahren ein therapeutisches 
Verfahren nahezu ausgearbeitet, welches ich das „psychoana- 
lytische" heißen wül, und dem ich zahlreiche Erfolge verdanke, 
während ich hoffen darf, seine Wirksamkeit noch erheblich 
zu steigern. In den 1895 veröffentlichten Studien über 



201 



Hysterie (mit J. Breuer) sind die ersten Mitteilungen 
über Technik und Tragweite der Methode gegeben worden. 
Seither hat sich Manches, vne ich behaupten darf, zum 
Besseren daran geändert. Während wir damals bescheiden 
aussagten, daß wir nur die Beseitigung von hysterischen 
Symptomen, nicht die Heilung der Hysterie selbst in Angriff 
nehmen könnten, hat sich mir seither diese Unterscheidung 
als inhaltslos herausgestellt, also die Aussicht auf wirkliche 
Heilung der Hysterie und Zwangsvorstellungen ergeben. Es 
hat mich darum recht lebhaft interessiert, in den Publikationen 
von Fachgenossen zu lesen: In diesem Falle habe das sinn- 
reiche, von Breuer und Freud ersonnene Verfahren versagt, 
oder: Die Methode habe nicht gehalten, was sie zu ver- 
sprechen schien. Ich hatte dabei etwa die Empfindungen eines 
Menschen, der in der Zeitung seine Todesanzeige findet, sich 
aber dabei in seinem Besserwissen beruhigt fühlen darf. Das 
Verfahren ist nämlich so schwierig, daß es durchaus erlernt 
werden muß, und ich kann mich nicht besinnen, daß es einer 
meiner Kritiker von mir hätte erlernen wollen, glaube auch 
nicht, daß sie sich, ähnlich wie ich, genug intensiv damit 
beschäftigt haben, um es selbständig auffinden zu können. 
Die Bemerkungen in den Studien über Hysterie sind voll- 
kommen unzureichend, um einem Leser die Beherrschung 
dieser Technik zu ermöghchen, streben solche vollständige 
Unterweisung auch keineswegs an. 

Die psychoanalytische Therapie ist derzeit nicht all- 
gemein anwendbar; ich kenne für sie folgende Einschrän- 
kungen: Sie erfordert ein gewisses Maß von Reife und Ein- 
sicht beim Kranken, taugt daher nicht für kindliche Personen 
oder für erwachsene Schwachsinnige und Ungebildete. Sie 
scheitert bei allzu betagten Personen daran, daß sie bei ihnen, 
dem angehäuften Materiale entsprechend, allzuviel Zeit in 
Anspruch nehmen würde, so daß man bis zur Beendigung der 
Kur in einen Lebensabschnitt geraten würde, für welchen 
auf nervöse Gesundheit nicht mehr Wert gelegt wird. End- 
lich ist sie nur dann möglich, wenn der Kranke einen psychi- 
schen Normalzustand hat, von dem aus sich das pathologische 
Material bewältigen läßt. Während einer hysterischen Ver- 



202 



worrenheit, einer eingeschalteten Manie oder Melancholie ist 
mit den Mitteln der Psychoanalyse nichts zu leisten. Man 
kann solche Fälle dem Verfahren noch unterziehen, nachdem 
man mit den gewöhnlichen Maßregeln die Beruhigung der 
stürmischen Erscheinungen herbeigeführt hat. In der Praxis 
werden überhaupt die chronischen Fälle von Psychoneurosen 
besser der Methode Stand halten, als die Fälle mit akuten 
Krisen, bei denen das Hauptgewicht naturgemäß auf die 
Easchheit der Erledigung fällt. Daher geben auch die hyste- 
rischen Phobien und die verschiedenen Formen der Zwangs- 
neurose das günstigste Arbeitsgebiet für diese neue Therapie. 

Daß die Methode in diese Schranken gebannt ist, erklärt 
sich zum guten Teile aus den Verhältnissen, unter denen ich 
sie ausarbeiten mußte. Mein Material sind eben chronisch 
Nervöse der gebildeteren Stände. Ich halte es für sehr wohl 
möglich, daß sich ergänzende Verfahren für kindHche Personen 
und für das PubHkum, welches in den Spitälern Hufe sucht, 
ausbilden lassen. Ich muß auch anführen, daß ich meine 
Therapie bisher ausschließlich an schweren FäUen von Hysterie 
und Zwangsneurose erprobt habe; wie es sich bei jenen 
leichten Erkrankungsfällen gestalten würde, die man bei 
einer indifferenten Behandlung von wenigen Monaten in 
wenigstens scheinbare Genesung ausgehen sieht, weiß ich 
nicht anzugeben. "Wie begreiflich, durfte eine neue Therapie, 
die vielfache Opfer erfordert, nur auf solche Kranke rechnen, 
die bereits die anerkannten Heilmethoden ohne Erfolg ver- 
sucht hatten, oder deren Zustände den Schluß berechtigten, 
sie hätten von diesen angeblich bequemeren und kürzeren 
Heilverfahren nichts zu erwarten. So mußte ich mit einem 
unvollkommenen Instrumente sogleich die schwersten Auf- 
gaben in Angriff nehmen ; die Probe ist um so beweiskräftiger 
ausgefallen. 

Die wesentlichen Schwierigkeiten, die sich jetzt noch 
der psychoanalytischen Heilmethode entgegensetzen, hegen 
nicht an ihr selbst, sondern in dem Mangel an Verständnis 
für das Wesen der Psychoneurosen bei Ärzten und Laien. 
Es ist nur das notwendige Korrelat zu dieser voUen 
Unwissenheit, wenn sich die Arzte für berechtigt halten, 



203 



den Kranken durch die unzutreffendsten Versicherungen zu 
trösten oder zu therapeutischen Maßnahmen zu veranlassen. 
„Kommen Sie für sechs "Wochen in meine Anstalt und Sie 
werden Ihre Symptome (Reiseangst, Zwangsvorstellungen etc.) 
verloren haben." Tatsächlich ist die Anstalt unentbehrlich 
für die Beruhigung akuter Zufälle im Verlaufe einer Psycho- 
neurose dui'ch Ablenkung, Pflege und Schonung; zur Be- 
seitigung chronischer Zustände leistet sie — nichts, und zwar 
die vornelmien, angeblich wissenschaftlich geleiteten Sanatorien 
ebensowenig wie die gemeinen "Wasserheilanstalten. 

Es wäre würdiger und dem Kranken, der sich doch 
schüeßhch mit seinen Beschwerden abfinden muß, zuträg- 
licher, wenn der Arzt die Wahrheit sprechen würde, wie er 
sie alle Tage kennen lernt: Die Psychoneurosen sind als 
Genus keineswegs leichte Erkrankungen. "Wenn eine Hysterie 
anfängt, kann niemand vorher wissen, wann sie ein Ende 
nehmen wird. Man tröstet sich meist vergeblich mit der Pro- 
phezeiung: Eines Tages wird sie plötzlich vorüber sein. Die 
Heilung erweist sich häufig genug als ein bloßes Übereinkommen 
zur gegenseitigen Duldung zwischen dem Gesunden und dem 
Kranken im Patienten oder erfolgt auf dem "Wege der Um- 
wandlung eines Symptomes in eine Phobie. Die mühsam be- 
schwichtigte Hysterie des Mädchens lebt nach kurzer Unter- 
brechung durch das junge Eheglück in der Hysterie der Ehe- 
frau wieder auf, nur daß jetzt eine andere Person als früher, 
der Ehemann, durch sein Interesse veranlaßt wird, über den 
Erkrankungsfall zu schweigen. "Wo es nicht zu manifester 
Existenzunfähigkeit infolge von KJrankheit kommt, da fehlt 
doch fast nie die Einbuße an aUer freien Entfaltung der 
Seelenkräfte. Zwangsvorstellungen kehren das ganze Leben 
hindurch wieder ; Phobien und andere Willenseinschränkungen 
sind für jede Therapie bisher unbeeinflußbar gewesen. Das 
alles wird dem Laien vorenthalten, und darum ist der Vater 
einer hysterischen Tochter entsetzt, wenn er z. B. einer 
einjährigen Behandlung seines Kindes zustimmen soll, wo 
doch die Krankheit etwa erst einige Monate gedauert hat. 
Der Laie ist sozusagen von der Überflüssigkeit all dieser 
Psychoneurosen tief innerlich überzeugt, er bringt darum dem 



204 



KJranklieitsverlaufe keine Geduld und der Therapie keine 
Opferbereitschaft entgegen. Wenn er sich angesichts eines. 
Typhus, der drei Wochen anhält, eines Beinbruches, der zur 
Heilung sechs Monate beansprucht, verständiger benimmt, 
wenn ihm die Fortsetzung orthopädischer Maßnahmen durch 
mehrere Jahre einsichthch erscheint, sobald sich die ersten 
Spuren einer Rückgratsverkrümmung bei seinem Kinde zeigen, 
so rührt dieser Unterschied von dem besseren Verständnisse 
der Ärzte her, die ihr Wissen in ehrlicher ]\ütteilung dem 
Laien übertragen. Die Aufrichtigkeit der Arzte und die Ge- 
fügigkeit der Laien wird sich auch für die Psychoneurosen 
herstellen, wenn erst die Einsicht in das Wesen dieser Affek- 
tionen ärztliches Gemeingut geworden ist. Die psychothera- 
peutische Radikalbehandlung derselben wird wohl immer eine 
besondere Schulung erfordern und mit der Ausübung anderer 
ärztHcher Tätigkeit unverträgHch sein. Dafür winkt dieser, 
in der Zukunft wohl zahlreichen Klasse von Ärzten Ge- 
legenheit zu rühmlichen Leistungen und eine befriedigende 
Einsicht in das Seelenleben der Menschen. 



XII. 

über Psychotherapie. 

Meine Herren! Es sind ungefähr acht Jahre her, seit- 
dem ich über Aufforderung Ihres betrauerten Vorsitzenden 
Professor v. B. e d e r in Ihrem Kreise über das Thema der 
Hysterie sprechen durfte. Ich hatte kurz zuvor (1895) in 
Gemeinschaft mit Dr. Josef Breuer die ., Studien über 
Hysterie" veröif entlicht und den Versuch unternommen, auf 
Grrund der neuen Erkenntnis, welche wir diesem Forscher 
verdanken, eine neuartige Behandlungsweise der Neurose 
einzuführen. Erfreulicherweise, darf ich sagen, haben die 
Bemühungen unserer „Studien" Erfolg gehabt; die in ihnen 
vertretenen Ideen von der Wirkungsweise psychischer Traumen 
durch Zurückhaltung von Affekt und die Auffassung der 
hysterischen Symptome als Erfolge einer aus dem Seelischen 
ins Körperliche versetzten Erregung, Ideen, für welche wir 
die Termini „Abreagieren" und „Konversion" geschaffen hatten, 
sind heute allgemein bekannt und verstanden. Es gibt — 
wenigstens in deutschen Landen — keine Darstellung der 
Hysterie, die ihnen nicht bis zu einem gewissen Grade Rechnung 
tragen würde, und keinen Fachgenossen, der nicht zum 
mindesten ein Stück weit mit dieser Lehre ginge. Und doch 
mögen diese Sätze und diese Termini, solange sie noch frisch 
waren, befremdend genug geklungen haben! 

Ich kann nicht dasselbe von dem therapeutischen Ver- 
fahren sagen, das gleichzeitig mit unserer Lehre den Fach- 
genossen vorgeschlagen wurde. Dasselbe kämpft noch heute 
um seine Anerkennung. Man mag spezielle Gründe dafür 
anrufen. Die Technik des Verfahrens war damals noch un- 



1) Wiener Medizinische Presse, 1905, Nr. 1. (Vortrag, gehalten im 
Wiener mediz. Doktorenkollegium am 12. Dezember 1904.) 



206 



ausgebildet ; ich vermochte es nicht, dem ärztlichen Leser des 
Buches jene Anweisungen zu geben, welche ihn befähigt 
hätten, eine derartige Behandlung vollständig durchzuführen. 
Aber gewiß wirken auch Gründe allgemeiner Natur mit. 
Vielen Ärzten erscheint noch heute die Psychotherapie als 
ein Produkt des modernen Mystizismus und im Vergleiche 
mit unseren physikalisch-chemischen Heilmitteln, deren An- 
wendung auf physiologische Einsichten gegründet ist, als 
geradezu unwissenschaftlich, des Interesses eines Naturforschers 
unwürdig. Gestatten Sie mir nun, vor Ihnen die Sache der 
Psychotherapie zu führen und hervorzuheben, was an dieser 
Verurteilung als Unrecht oder Irrtum bezeichnet werden kann. 

Lassen Sie mich also fürs erste daran mahnen, daß die 
Psychotherapie kein modernes Heilverfahren ist. Im Gegen- 
teile, sie ist die älteste Therapie, deren sich die Medizin 
bedient hat. In dem lehrreichen Werke von Löwen feld 
(Lehrbuch der gesamten Psychotherapie) können Sie nach- 
lesen, welches die Methoden der primitiven und der antiken 
Medizin waren. Sie werden dieselben zum größten Teile der 
Psychotherapie zuordnen müssen ; man versetzte die Kranken 
zum Zwecke der Heilung in den Zustand der „gläubigen 
Erwartung", der uns heute noch das nämliche leistet. Auch 
nachdem die Arzte andere Heilmittel aufgefunden haben, 
sind psychotherapeutische Bestrebungen der einen oder der 
anderen Art in der Medizin niemals untergegangen. 

Fürs zweite mache ich Sie darauf aufmerksam, daß wir 
Arzte auf die Psychotherapie schon darum nicht verzichten 
können, weil eine andere beim Heilungsvorgang sehr in Be- 
tracht kommende Partei — nämlich die Kranken — nicht 
die Absicht hat, auf sie zu verzichten. Sie wissen, welche 
Aufklärungen wir hierüber der Schule von Nancy (Lieb ault, 
Bernheim) verdanken. Ein von der psychischen Disposition 
der Kranken abhängiger Faktor tritt, ohne daß wir es be- 
absichtigen, zur Wirkung eines jeden vom Arzte eingeleiteten 
Heilverfahrens hinzu, meist im begünstigenden, oft auch im 
hemmenden Sinne. Wir haben für diese Tatsache das Wort 
,, Suggestion" anzuwenden gelernt, und Moebius hat uns 
belehrt, daß die Unverläßlichkeit, die wir an so manchen 



207 



unserer Heilmethoden beklagen, gerade auf die störende Ein- 
wirkung dieses übermäcktigen Momentes zurückzuführen ist. 
Wir Ärzte, Sie alle, treiben also beständig Psychotherapie, 
auch wo Sie es nicht wissen und nicht beabsichtigen; nur 
hat es einen Nachteil, daß Sie den psychischen Faktor in 
Ilirer Einwirkung auf den Kranken so ganz dem Kranken 
überlassen. Er wird auf diese "Weise unkontrolHerbar, un- 
dosierbar, der Steigerung unfähig. Ist es dann nicht ein be- 
rechtigtes Streben des Arztes, sich dieses Faktors zu be- 
mächtigen, sich seiner mit Absicht zu bedienen, ihn zu lenken 
und zu verstärken? Nichts anderes als dies ist es, was die 
wissenschaftliche Psychotherapie Ihnen zumutet. 

Zu dritt, meine Herren Kollegen, will ich Sie auf die 
altbekannte Erfahrung verweisen, daß gewisse Leiden und 
ganz besonders die Psychoneurosen, seelischen Einflüssen weit 
zugänglicher sind als jeder anderen Medikation. Es ist keine 
moderne Rede, sondern ein Ausspruch alter Ärzte, daß diese 
Krankheiten nicht das Medikament heüt, sondern der Arzt, 
d. h. wohl die Persönlichkeit des Arztes, insofern er psychi- 
schen Einfluß durch sie ausübt. Ich weiß wohl, meine Herren 
KoUegen, daß bei Ihnen jene Anschauung sehr behebt ist, 
welcher der Ästhetiker Vis eher in seiner Faustparodie (Faust, 
der Tragödie HI. Teil) klassischen Ausdruck geliehen hat: 

»Ich weiß, das Physikalische 
Wirkt öfters aufs Moralische." 

Aber sollte es nicht adäquater sein und häufiger zutreffen, 
daß man aufs Morahsche eines Menschen mit morahschen, 
d. h. psychischen Mitteln einwirken kann? 

Es gibt viele Arten und Wege der Psychotherapie. 
Alle sind gut, die zum Ziele der Heilung führen. Unsere 
gewöhnliche Tröstung: Es wird schon wieder gut werden! 
mit der wir den Kranken gegenüber so freigebig sind, ent- 
spricht einer der psychotherapeutischen Methoden ; nur sind 
wir bei tieferer Einsicht in das Wesen der Nem^osen nicht 
genötigt gewesen, uns auf die Tröstung einzuschränken. Wir 
haben die Technik der hypnotischen Suggestion, der Psycho- 
therapie durch Ablenkung, durch Übung, durch Hervorrufung 
zweckdienlicher Affekte entwickelt. Ich verachte keine der- 



208 



selben, und würde, sie alle unter geeigneten Bedingungen 
ausüben. "Wenn ich in "Wirklichkeit mich auf ein einziges 
Heilverfahren beschränkt habe, auf die von Breuer „kathar- 
tisch" genannte Methode, die ich lieber die „analytische" 
heiße, so sind bloß subjektive Motive für mich maßgebend 
gewesen. Infolge meines Anteils an der Aufstellung dieser 
Therapie fühle ich die persönliche Verpflichtung, mich ihrer 
Erforschung und dem Ausbau ihrer Technik zu widmen. Ich 
darf behaupten, die analytische Methode der Psychotherapie 
ist diejenige, welche am eindringlichsten wirkt, am weitesten 
trägt, durch welche man die ausgiebigste Veränderung des 
Elranken erzielt. "Wenn ich für einen Moment den thera- 
peutischen Standpunkt verlasse, kann ich für sie geltend 
machen, daß sie die interessanteste ist, uns allein etwas über 
die Entstehung und den Zusammenhang der Krankheits- 
erscheinungen lehrt. Infolge der Einsichten in den Mecha- 
nismus des seelischen Krankseins, die sie uns eröffnet, könnte 
sie allein imstande sein, über sich selbst hinaus zu führen 
und uns den "Weg zu noch anderen Arten therapeutischer 
Beeinflussung zu weisen. 

In bezug auf diese kathartische oder analytische Me- 
thode der Psychotherapie gestatten Sie mir nun, einige Irr- 
tümer zu verbessern und einige Aufklärungen zu geben. 

a) Ich merke, daß diese Methode sehr häufig mit der 
hypnotischen Suggestivbehandlung verwechselt wird, merke 
es daran, daß verhältnismäßig häufig auch Kollegen, deren 
Vertrauensmann ich sonst nicht bin. Kranke zu mir schicken, 
refraktäre Kranke natürlich, mit dem Auftrage, ich solle sie 
hypnotisieren. Nun habe ich seit etwa 8 Jahren keine Hypnose 
mehr zu Zwecken der Therapie ausgeübt (vereinzelte Versuche 
ausgenommen) und pflege solche Sendungen mit dem Rate, 
wer auf die Hypnose baut, möge sie selbst machen, zu retour- 
nieren. In "Wahrheit besteht zwischen der suggestiven Technik 
und der analytischen der größtmögliche Gegensatz, jener 
G-egensatz, den der große Leonardo da Vinci für die Künste 
in die Formeln per via di porre und per via di levare 
gefaßt hat. Die Malerei, sagt Leonardo, arbeitet per via di 
porre ; sie setzt nämlich Farbenhäufchen hin, wo sie früher 



209 

nicht waren, auf die nicht farbige Leinwand; die Skulptur 
dagegen geht per via di levare vor, sie nimlnt nämlich vom 
Stein so viel weg, als die Oberfläche der in ihm enthaltenen 
Statue noch bedeckt. Ganz ähnlich, meine Hisrren, sucht die 
Suggestivtechnik per via di porre zu wirken, sie kümmert 
sich nicht um Herkunft, Kraft und Bedeutung der Ej-ankheits- 
symptome, sondern legt etwas auf, die Suggestion nämlich, 
wovon sie erwartet, daß es stark genug sein wird, die 
pathogene Idee an der Äußerung zu hindern. Die analytische 
Therapie dagegen will nicht auflegen, nichts Neues einführen, 
sondern wegnehmen, herausschaffen, und zu diesem Zwecke 
bekümmert sie sich um die G-enese der krankhaften Symptome 
und den psychischen Zusammenhang der pathogenen Idee, 
deren Wegschaffung ihr Ziel ist. Auf diesem "Wege der 
Forschung hat sie unserem Verständnis so bedeutende Förde- 
rung gebracht. Ich habe die Suggestionstechnik und mit ihr 
die Hypnose so frühzeitig aufgegeben, weil ich daran ver- 
zweifelte, die Suggestion so stark und so haltbar zu machen, 
wie es fiir die dauernde Heilung notwendig wäre. In allen 
schweren FäUen sah ich die darauf gelegte Suggestion wieder 
abbröckeln, und dann war das Kranksein oder ein dasselbe 
Ersetzendes wieder da. Außerdem mache ich dieser Technik 
den Vorwurf, daß sie uns die Einsicht in das psychische 
Kräftespiel verhüllt, z. B. uns den "Widerstand nicht er- 
kennen läßt, mit dem die Kranken an ihrer Krankheit fest- 
halten, mit dem sie sich also auch gegen die Genesung 
sträuben, und der doch allein das Verständnis ihres Be- 
nehmens im Leben ermöglicht. 

h) Es scheint mir der Irrtum unter den Kollegen weit 
verbreitet zu sein, daß die Technik der Forschung nach den 
Krankheitsanlässen und die Beseitigung der Erscheinungen 
durch diese Erforschung leicht und selbstverständlich sei. 
Ich schließe dies daraus, daß noch keiner von den vielen, 
die sich für meine Therapie interessieren und sichere Urteile 
über dieselbe von sich geben, mich je gefragt hat, wie 
ich es eigentlich mache. Das kann doch nur den einzigen 
Grund haben, daß sie meinen, es sei nichts zu fragen, es 
verstehe sich ganz von selbst. Auch höre ich initunter mit 

Frtnd, NeurcBenlehxe. 14 



210 

Erstaunen, daß auf dieser oder jener Abteilung eines Spitals 
ein junger Arzt von seinem Chef den Auftrag erhalten hat, 
bei einer Hysterischen eine „Psychoanalyse" zu unternehmen. 
Ich bin überzeugt, man würde ihm nicht einen exstirpierten 
Tumor zur Untersuchung überlassen, ohne sich vorher ver- 
sichert zu haben, daß er mit der histologischen Technik 
vertraut ist. Ebenso erreicht mich die Nachricht, dieser oder 
jener Kollege richte sich Sprechstunden mit einem Patienten 
ein, um eine psychische Kur mit ihm zu machen, während 
ich sicher bin, daß er die Technik einer solchen Kur nicht 
kennt. Er muß also erwarten, daß ihm der Kranke seine 
Geheimnisse entgegenbringen wird, oder sucht das Heü in 
irgend einer Art von Beichte oder Anvertrauen. Es würde 
mich nicht wundern, wenn der so behandelte Kranke dabei 
eher zu Schaden als zum Vorteil käme. Das seelische Instru- 
ment ist nämlich nicht gar leicht zu spielen. Ich muß bei 
solchen Anlässen an die Rede eines weltberühmten Neurotikers 
denken, der freilich nie in der Behandlung eines Arztes ge- 
standen, der nur in der Phantasie eines Dichters gelebt hat. 
Ich meine den Prinzen Hamlet von Dänemark. Der König 
hat die beiden Höflinge Rosenkranz und Grüldenstern 
über ihn geschickt, um ihn auszuforschen, ihm das Geheimnis 
seiner Verstimmung zu entreißen. Er wehrt sie ab ; da werden 
Flöten auf die Bühne gebracht. Hamlet nimmt eine Flöte 
und bittet den einen seiner Quäler, auf ihr zu spielen, es 
sei so leicht wie lügen. Der Höfling weigert sich, denn er 
kennt keinen Griff, und da er zu dem Versuch des Flöten- 
spiels nicht zu bewegen ist, bricht Hamlet endlich los : „Nun 
seht ihr, welch ein nichtswürdiges Ding ihr aus mir macht? 
Ihr wollt auf mir spielen; ihr wollt in das Herz meines 
Geheimnisses dringen; üir woUt mich von meiner tiefsten 
Note bis zum Gipfel meiner Stimme hinauf prüfen, und in 
diesem kleinen Instrument hier ist viel Musik, eine vortreff- 
liche Stimme, dennoch könnt ihr es nicht zum Sprechen 
bringen. Wetter, denkt ihr, daß ich leichter zu spielen 
bin als eineFlöte? Nennt mich was für ein Instru- 
ment ihr wollt, ihr könnt mich zwar verstimmen, 
aber nicht auf mir spielen" (HI. Akt, 2.V 



211 

c) Sie werden aus gewissen meiner Bemerkungen er- 
raten haben, daß der analytischen Kur manche Eigen- 
schaften anhaften, die sie von dem Ideal einer Therapie 
ferne halten. Tuto, cito, iucunde ; das Forschen und Suchen 
deutet nicht eben auf Raschheit des Erfolges, und die Er- 
wähnung des Widerstandes bereitet Sie auf die Erwartung 
von Unannehmlichkeiten vor. Gewiß, die psychoanalytische 
Behandlung stellt an den Kranken wie an den Arzt hohe 
Ansprüche ; von ersterem verlangt sie das Opfer voller 
Aufrichtigkeit, gestaltet sich für ihn zeitraubend und daher 
auch kostspielig; für den Arzt ist sie gleichfalls zeitraubend 
und wegen der Technik, die er zu erlernen und auszuüben 
hat, ziemlich mühselig. Ich finde es auch selbst ganz be- 
rechtigt, daß man bequemere Heilmethoden in Anwendung 
bringt, solange man eben die Aussicht hat, mit diesen letz- 
teren etwas zu erreichen. Auf diesen Punkt kommt es allein 
an; erzielt man mit dem mühevolleren und langwierigeren 
Verfahren erheblich mehr als mit dem kurzen und leichten, 
so ist das erstere trotz alledem gerechtfertigt. Denken Sie, 
meine Herren, um wieviel die F i n s e n therapie des Lupus 
unbequemer und kostspieliger ist als das früher gebräuchliche 
Atzen und Schaben, und doch bedeutet es einen großen Fort- 
schritt, bloß weil es mehr leistet; es heilt nämlich den Lupus 
radikal. Nun will ich den Vergleich nicht gerade durchsetzen ; 
aber ein ähnliches Vorrecht darf doch die psychoanalytische 
Methode für sich in Anspruch nehmen. In "Wirklichkeit habe 
ich meine therapeutische Methode nur an schweren und 
schwersten Fällen ausarbeiten und versuchen können; mein 
Material waren zuerst nur Kranke, die alles erfolglos ver- 
sucht und durch Jahre in Anstalten geweilt hatten. Ich habe 
kaum Erfahrung genug gesammelt, um Ihnen sagen zu können, 
wie sich meine Therapie bei jenen leichteren, episodisch auf- 
tretenden Erkrankungen verhält, die wir unter den verschieden- 
artigsten Einflüssen und auch spontan abheüen sehen. Die 
psychoanalytische Therapie ist an dauernd existenzunfähigen 
Kranken und für solche geschaffen worden, und ihr Triumph 
ist es, daß sie eine befriedigende Anzahl von solchen dauernd 
existenzfähig macht. Gegen diesen Erfolg erscheint dann 

14* 



212 

aller Aufwand geringfügig. "Wir können un's nicht verhehlen, 
iüf&U -Weir vor den Kranken zu verleugnen pflegen, daß einö 
echwere Neurose in ihrer Bedeutung für das ihr unterworfene 
Individuum hinter keiner Kacheade, keinem der gefürchteten 
Allgemeinleiden zurücksteht. 

d) Die Indikationen und Gegenanzeigen dieser Behand- 
lung sind infolge der vielen praktischen Beschränkungen, diö 
meine Tätigkeit betroffen haben, kaum endgiltig anzugeben. 
Indes will ich versuchen, einige Punkte mit Ihnen zu erörtern : 

1. Man übersehe nicht über die Krankheit den sonstigen 
"Wert einer Person und weise Kranke zurück, welche nicht 
einen gewissen Bildungsgrad und einen einigermaßen verläß- 
lichen Charakter besitzen. Man darf nicht vergessen, daß es 
auch Gesunde gibt, die nichts taugen, und daß man nur allzu 
leicht geneigt ist, bei solchen minderwertigen Personen aUes, 
was sie existenzunfähig macht, auf die Krankheit zu schieben, 
wenn sie irgend einen Anflug von Neurose zeigen. Ich stehe 
auf dem Standpunkt, daß die Neurose ihren Träger keines- 
wegs zum Degenere stempelt, daß sie sich aber häufig genug 
mit den Erscheinungen der Degeneration vergesellschaftet an 
demselben Individuum findet. Die analytische Psychotherapie 
ist nun kein Terfahren zur Behandlung der neuropathischen 
Degeneration, sie findet im Gegenteile an derselben ihre 
Schranke. Sie ist auch bei Personen nicht anwendbar, die 
sich nicht selbst durch ihre Leiden zur Therapie gedrängt 
fühlen, sondern sich einer solchen nur infolge des Macht- 
gebotes ihrer Angehörigen unterziehen. Die Eigenschaft, auf 
die es für die Brauchbarkeit zur psychoanalytischen Behand- 
lung ankommt, die Erziehbarkeit, werden Wir noch von einem 
anderen Gesichtspunkte würdigen müssen. 

2. "Wenn man sicher gehen will, beschränke man seine 
Auswahl auf Personen, die einen Nortnalzustand haben, da 
man sieh itn psychoanalytischen Verfahren von diesem aus 
des Kriankhaften bemächtigt. Psychosen, Zustände von Ver- 
worrenheit und tiefgreifender (ich möchte sagen : toxischer) 
Verstiininung sind also für die Psychoanalyse, wenigstens wie 
sie bis jetzt ausgeübt wird, ungeeignet. Ich halte es für 
durchaus nicht ausgeschlossen, daß man bei geeigneter Ab- 



213 

änderung des Verfs^hrens sich über diege G-egeniii(Jik8(,tion 
kinaussetzeu und sq eine Psychotherapie ^ev Psychosen in 
Angriff nehmen könne. 

3. Das Alter der Kranken spielt bei der Auswahl zur 
psychoanalytischen Behandlung insoferne eine Bolle, a^ls bei 
Personen nahe an oder über 50 Jahre einerseits die Plastizitä^t 
der seelischen Yorgänge zu fehlen pflegt, auf welche die 
Therapie rechnet — alte Leute sind nicht mehr erziehbar — 
und als anderseits das Material, welches durchzuarbeiten ist, 
die Behandlungsdauer ins Unabsehbare verlängert. Die Alters- 
grenze nach unten ist nur individuell zu bestimmen; jugend- 
liche Personen noch vor der Pubertät sind oft ausgezeichnet 
zu beeinflussen. 

4. Man wird nicht zur Psychoanalyse greifen, wenn es 
sich um die rasche Beseitigung drohender Erscheinungen 
handelt, also z. B. bei einer hysterischen Anorexie. 

Sie werden nun den Eindruck gewonnen haben, daß das 
Anwendungsgebiet der analytischen Psychotherapie ein sehr 
beschränktes ist, da Sie eigentlich nichts anders als Qi-egen- 
^nzeigen von mir gehört haben. Nichtsdestoweniger bleiben 
Fälle und Kj-ankheitsformen. genug übrig, an denen diese 
Therapie sich erproben kann, alle chronischen Formen von 
Hysterie mit Besterscheinungen, das große Gebiet der Zjwangs- 
zustände und AbuUen u. dgl. 

Erfreulich ist es, daß man gerade den wertvollsten und 
sonst höchstentwickelten Personen auf solche Weise am 
ehesten Hilfe bringen kann. Wo aber mit der anqdytischen 
Psychothera.pie nur wenig auszurichten war, da, darf man 
getrost behaupten, hätte irgend welche andere Bejiandlung 
sicherlich gar nichts zustande gebracht. 

e) Sie werden mich gewiß fragen wollen, wie es bei 
Anwendung der Psychoanalyse mit der Möglichkeit, Schaden 
zu stiften, bestellt ist. Ich kann Ihnen darauf erwidern, wenn 
Sie nur billig urteilen wollen, diesem Verfahren dasselbe 
kritische Wohlwollen entgegenbringen, das Sie für unsere 
Rinderen therapeutischen Methoden bereit haben, so werden 
Sie meiner Meinung zustimmen müssen, daß bei einer mit 
Yerständni^ geleitetepi analytischen Kur ein Schaden fiir den 



214 

Kranken nicht zu befürchten ist. Anders wird vielleicht 
urteilen, wer als Laie gewohnt ist, alles, was sich in einem 
Krankheitsfalle begibt, der Behandlung zur Last zu legen. 
Es ist ja nicht lange her, daß unseren Wasserheilanstalten 
ein ähnliches Vorurteil entgegenstand. So mancher, dem man 
riet, eine solche Anstalt aufzusuchen, wurde bedenklich, weil 
er einen Bekannten gehabt hatte, der als Nervöser in die 
Anstalt kam und dort verrückt wurde. Es handelte sich, wie 
Sie erraten, um Fälle von beginnender allgemeiner Paralyse, 
die man im Anfangsstadium noch in einer "Wasserheilanstalt 
unterbringen konnte, und die dort ihren unaufhaltsamen Ver- 
lauf bis zur manifesten Geistesstörung genommen hatten ; für 
die Laien war das Wasser Schuld und Urheber dieser trau- 
rigen Veränderung. Wo es sich um neuartige Beeinflussimgen 
handelt, halten sich auch Ärzte nicht immer von solchen 
Urteilsfehlem frei. Ich erinnere mich, einmal bei einer Frau 
den Versuch mit Psychotherapie gemacht zu haben, bei der 
ein gutes Stück ihrer Existenz in der Abwechslung von Manie 
und Melancholie verflossen war. Ich übernahm sie zu Ende 
einer Melancholie; es schien zwei Wochen lang gut zu gehen; 
in der dritten standen wir bereits zu Beginn der neuen Manie. 
Es war dies sicherlich eine spontane Veränderung des Krank- 
heitsbildes, denn zwei Wochen sind keine Zeit, in welcher 
die analytische Psychotherapie irgend etwas zu leisten unter- 
nehmen kann, aber der hervorragende — jetzt schon ver- 
storbene — Arzt, der mit mir die Kranke zu sehen bekam, 
konnte sich doch nicht der Bemerkung enthalten, daß an 
dieser „Verschlechterung" die Psychotherapie Schuld sein 
dürfte. Ich bin ganz überzeugt, daß er sich unter anderen 
Bedingungen kritischer erwiesen hätte. 

f) Zum Schlüsse, meine Herren KoUegen, muß ich mir 
sagen, es geht doch nicht an, Ihre Aufmerksamkeit so lange 
zugunsten der analytischen Psychotherapie in Anspruch zu 
nehmen, ohne Ihnen zu sagen, worin diese Behandlung be- 
steht, und worauf sie sich gründet. Ich kann es zwar, da ich 
kurz sein muß, nur mit einer Andeutung tun. Diese Therapie 
ist also auf die Einsicht gegründet, daß unbewußte Vor- 
stellungen — besser: die Unbewußtheit gewisser seelischer 



215 



"Vorgänge — die nächste Ursache der krankhaften Symptome 
ist. Eine solche Überzeugung vertreten wir gemeinsam mit 
der französischen Schule (Jan et), die übrigens in arger 
Schematisierung das hysterische Symptom auf die unbewußte 
idee fixe zurückführt. Fürchten Sie nun nicht, daß wir dabei 
zu tief in die dunkelste Philosophie hineingeraten werden. 
Unser Unbewußtes ist nicht ganz dasselbe wie das der Philo- 
sophen, und überdies wollen die meisten Philosophen vom 
„unbewußten Psychischen" nichts wissen. Stellen Sie sich 
aber auf unseren Standpunkt, so werden Sie einsehen, daß 
die Übersetzung dieses Unbewußten im Seelenleben der 
Kranken in ein Bewußtes den Erfolg haben muß, deren Ab- 
weichung vom Normalen zu korrigieren und den Zwang auf- 
zuheben, unter dem ihr Seelenleben steht. Denn der bewußte 
Wille reicht so weit als die bewußten psychischen Vorgänge, 
und jeder psychische Zwang ist durch das Unbewußte be- 
gründet. Sie brauchen auch niemals zu fürchten, daß der 
Kranke unter der Erschütterung Schaden nehme, welche der 
Eintritt des Unbewußten in sein Bewußtsein mit sich bringt, 
denn Sie können es sich theoretisch zurechtlegen, daß die 
somatische und affektive "Wirkung der bewußt gewordenen 
Regung niemals so groß werden kann wie die der unbewußten. 
Wir beherrschen alle unsere Regungen doch nur dadurch, 
daß wir unsere höchsten, mit Bewußtsein verbundenen Seelen- 
leistungen auf sie wenden. 

Sie können aber auch einen anderen Gesichtspunkt für 
das Verständnis der psychoanalytischen Behandlung wählen. 
Die Aufdeckung und Übersetzung des Unbewußten geht unter 
beständigem Widerstand von Seiten der Kranken vor sich. 
Das Auftauchen dieses Unbewußten ist mit Unlust verbunden, 
und wegen dieser Unlust wird es von ihm immer wieder zu- 
rückgewiesen. In diesen Konflikt im Seelenleben des Kranken 
greifen Sie nun ein; gelingt es Einen, den Kranken dazu zu 
bringen, daß er aus Motiven besserer Einsicht etwas akzep- 
tiert, was er zufolge der automatischen Unlustregulierung 
bisher zurückgewiesen (verdrängt) hat, so haben Sie ein 
Stück Erziehungsarbeit an ihm geleistet. Es ist ja schon 
Erziehung, wenn Sie einen Menschen, der nicht gern früh 



216 



morgens das Bett verläßt, dazu bewegen, es doch zu tun. Als 
eine solche NacherziehungzurÜberwindunginnerer 
"Widerstände können Sie nun die psychoanalytische Behand- 
lung ganz allgemein auffassen. In keinem Punkte aber ist 
solche Nacherziehung bei den Nervösen mehr vonnöten als 
betreffs des seelischen Elementes in ihrem Sexualleben. Nirgends 
haben ja Kultur und Erziehung so großen Schaden gestiftet 
wie gerade hier, und hier sind auch, wie Ihnen die Erfahrung 
zeigen wird, die beherrschbaren Ätiologien der Neurosen zu 
finden; das andere ätiologische Element, der konstitutionelle 
Beitrag, ist uns ja als etwas Unabänderliches gegeben. Hieraus 
erwächst aber eine wichtige an den Arzt zu stellende An- 
forderung. Er muß nicht nur selbst ein integrer Charakter 
sein — ^das Moralische versteht sich ja von selbst", wie die 
Hauptperson in Th. Vischer's „Auch Einer" zu sagen 
pflegt — ; er muß auch für seine eigene Person die Mischung 
von Lüsternheit und Prüderie überwunden haben, mit welcher 
leider so viele andere den sexuellen Problemen entgegen- 
zutreten gewohnt sind. 

Hier ist vielleicht der Platz für eine weitere Bemerkung. 
Ich weiß, daß meine Betonung der Rolle des Sexuellen für 
die Entstehung der Psychoneurosen in weiteren Kreisen be- 
kannt geworden ist. Ich weiß aber auch, daß Einschränkungen 
und nähere Bestimmungen beim großen Publikum wenig 
nützen ; die Menge hat für Wenig Raum in ihrem Gedächtnis 
und behält von einer Behauptung doch nur den rohen Kern, 
schafft sich ein leicht zu merkendes Extrem. Es mag auch 
manchen Ärzten so ergangen sein, daß ihnen als Inhalt meiner 
Lehre vorschwebt, ich führe die Neurosen in letzter Linie 
auf sexuelle Entbehrung zurück. An dieser fehlt es nicht 
unter den Lebensbedingungen unserer Gesellschaft. Wie nahe 
ma,g es nun bei solcher Voraussetzung liegen, den mühseligen 
Umweg über die psychische Kur zu vermeiden und direkt 
die Heüung anzustreben, indem man die sexuelle Betätigung 
»Is Heilmittel empfiehlt? Ich weiß nun nicht, was mich be- 
wegen könnte, diese Folgerung zu unterdrücken, wenn sie 
berechtigt wäre. Die Sache liegt aber anders. Die sexuelle 
Bedürftigkeit und Entbehrung, das ist bloß der eine Faktor, 



217 



der beim Mechanismus der Neurose ins Spiel tritt; bestünde 
er allein, so würde nicht Krankheit, sondern Ausschweifung 
die Folge sein. Der andere, ebenso unerläßliche Faktor, an 
den man allzu bereitwillig vergißt, ist die Sexualabneigung 
der Neurotiker, ihre Unfähigkeit zum Lieben, jener psychische 
Zug, den ich „Verdrängung" genannt habe. Erst aus dem 
Konflikt zwischen beiden Strebungen geht die neurotische 
Erkrankung hervor, und darum kann der Rat der sexuellen 
Betätigung bei den Psychoneurosen eigentlich nur selten als 
guter Rat bezeichnet werden. 

Lassen Sie mich mit dieser abwehrenden Bemerkung 
schließen. Wir wollen hoffen, daß Ihr von jedem feindseligen 
Vorurteil gereinigtes Interesse für die Psychotherapie uns 
darin unterstützen wird, auch in der Behandlung der schweren 
Fäjle von Psychoneurosen Erfreuliches zu leisten. 



XIII. 

Die Freu d'sche psychoanalytische Methode. 

„Die eigentümliche Methode der Psychotherapie, die 
Freud ausübt und als Psychoanalyse bezeichnet, ist aus 
dem sogenannten kathartischen Verfahren hervorgegangen, 
über welches er seinerzeit in den „Studien über Hysterie" 
1895 in Gemeinschaft mit J. Breuer berichtet hat. Die 
kathartische Therapie war eine Erfindung Breuer's, der mit 
ihrer Hufe zuerst etwa ein Dezennium vorher eine hysterische 
Kranke hergestellt und dabei Einsicht in die Pathogenese 
ihrer Symptome gewonnen hatte. Infolge einer persönlichen 
Anregung B r e u e r's nahm dann Freud das Verfahren wieder 
auf und erprobte es an einer größeren Anzahl von Kranken. 

Das kathartische Verfahren setzte voraus, daß der Patient 
hypnotisierbar sei und beruhte auf der Erweiterung des Be- 
wußtseins, die in der Hypnose eintritt. Es setzte sich die 
Beseitigung der Krankheitssymptome zum Ziele und erreichte 
dies, indem es den Patienten sich in den psychischen Zustand 
zurückversetzen ließ, in welchem das Symptom zum ersten 
Male aufgetreten war. Es tauchten dann bei dem hypnotisierten 
Kranken Erinnerungen, Gredanken und Impulse auf, die in 
seinem Bewußtsein bisher ausgefallen waren, und wenn er 
diese seine seelischen Vorgänge unter intensiven Affekt- 
äußerungen dem Arzte mitgeteilt hatte, war das Symptom 
überwunden, die Wiederkehr desselben aufgehoben. Diese 
regelmäßig zu wiederholende Erfahrung erläuterten die beiden 
Autoren in ihrer gemeinsamen Arbeit dahin, daß das Symptom 
an Stelle von unterdrückten und nicht zum Bewußtsein ge- 
langten psychischen Vorgängen stehe, also eine Umwandlung 
(„Konversion") der letzteren darstelle. Die therapeutische 

') Aus: Löwenfeld, Psychische Zwangserscheinungen, 1904. 



219 



"Wirksamkeit ihres Verfakrens erklärten sie sich aus der 
Abfuhi" des bis dahin gleichsam „eingeklemmten" Affektes, 
der an den unterdrückten seelischen Aktionen gehaftet hatte 
(„Abreagieren"). Das einfache Schema des therapeutischen 
Eingriffs komplizierte sich aber nahezu alle Male, indem 
sich zeigte, daß nicht ein einzelner („traumatischer") Ein- 
druck, sondern meist eine schwer zu übersehende Reihe von 
solchen an der Entstehung des Symptoms beteiligt sei. 

Der Hauptcharakter der kathartischen Methode, der sie 
in Gegensatz zu allen anderen Verfahren der Psychotherapie 
setzt, liegt also darin, daß bei ihr die therapeutische Wirk- 
samkeit nicht einem suggestiven Verbot des Arztes über- 
tragen wird. Sie erwartet vielmehr, daß die Symptome von 
selbst verschwinden werden, wenn es dem Eingriff, der sich 
auf gewisse Voraussetzungen über den psychischen Mecha- 
nismus beruft, gelungen ist, seelische Vorgänge zu einem 
anderen als dem bisherigen Verlauf zu bringen, der in die 
Symptombildung eingemündet hat. 

Die Abänderungen, welche Freud an dem kathartischen 
Verfahren Breuer's vornahm, waren zunächst Änderungen 
der Technik; diese brachten aber neue Ergebnisse und haben 
in weiterer Folge zu einer andersartigen, wiewohl der früheren 
nicht widersprechenden, Auffassung der therapeutischen Arbeit 
genöti^. 

Hatte die kathartische Methode bereits auf die Suggestion 
verzichtet, so unternahm Freud den weiteren Schritt, auch 
die Hypnose aufzugeben. Er behandelt gegenwärtig seine 
Kranken, indem er sie ohne andersartige Beeinflussung eine 
bequeme Rückenlage auf einem Ruhebett einnehmen läßt, 
während er selbst ihrem Anblick entzogen auf einem Stuhle 
hinter ihnen sitzt. Auch den Verschluß der Augen fordert er 
von ihnen nicht und vermeidet jede Berührung sowie jede 
andere Prozedur, die an Hypnose mahnen könnte. Eine 
solche Sitzung verläuft also wie ein Gespräch zwischen zwei 
gleich wachen Personen, von denen die eine sich jede Muskel- 
anstrengung und jeden ablenkenden Sinneseindruck erspart, 
die sie in der Konzentration ihrer Aufinerksamkeit auf ihre 
eigene seelische Tätigkeit stören könnten. 



Da das Hypnotisiertwerden, trotz aller Geschicklichkeit 
des Arztes, bekanntlich in der Willkür des Patienten liegt 
und eine große Anzahl neurotischer Personen dm-ch kein 
Verfahren in Hypnose zu versetzen ist, so war durch den 
Verzicht auf die Hypnose die Anwendbarkeit des Verfahrens 
auf eine uneingeschränkte Anzahl von Kranken g^esichert. 
Andererseits fiel die Erweiterung des Bewußtseins weg, 
welche dem Arzt gerade jenes psychische Material an Er- 
innerungen und Vorstellungen geliefert hatte, mit dessen 
Hilfe sich die Umsetzung der Symptome und die Befreiung 
4er Affekte vollziehen ließ. Wenn flir diesen Ausfall kein 
Ersatz zu schaffen war, konnte auch von einer therapeutischen 
Einwirkung keine Rede sein. 

Einen solchen völlig ausreichenden Ersatz fand nun 
Freud in den Einfällen der Kranken, d. h. in den ungewollten, 
meist als störend empfundenen und darum unter gewöhnlichen 
Verhältnissen beseitigten Gedanken, die den Zusammenhang 
einer beabsichtigten Darstellung zu durchkreuzen pflegen. Um 
sich dieser Einfälle zu bemächtigen, fordert er die Kranken 
auf, sich in ihren Mitteilungen gehen zu lassen, „wie man 
es etwa in einem Gespräch tut, bei welchem man aus dem 
Hundertsten in das Tausendste gerät". Er schärft ihnen, ehe 
er sie zur detaüüerten Erzählung ihrer Krankengeschichte 
auffordert, ein, alles mit zu sagen, was ihnen dabei durch 
den Kopf geht, auch wenn sie meinen, es sei unwichtig, oder 
es gehöre nicht dazu, oder es sei unsinnig. Mit besonderem 
Nachdruck aber wird von ihnen verlangt, daß sie keinen 
Gedanken oder Einfall darum von der Mitteilung ausschließen, 
weil ihnen diese Mitteilung beschämend oder peinlich ist. Bei 
den Bemühungen, dieses Material an sonst yemachlässigten 
Einfällen zu sammeln, machte nun Freud die Beobachtungen, 
die für seine ganze Auffassung bestimmend geworden sind. Schon 
bei der Erzählung der Krankengeschichte stellen sich bei den 
Kranken Lücken der Erinnerung heraus, sei es, daß tatsächliche 
Vorgänge vergessen worden, sei es, daß zeitHche Beziehungen 
verwirrt oder Kausalzusammenhänge zerrissen worden sind, 
so daß sich unbegreifliche Effekte ergeben. Ohne Amnesie 
irgend einer Art gibt es keine neurotische Krankengeschichte. 



221 



Drängt inan den Erzählenden, dieise Lücken seines Gedächt- 
nisses durch angestrengte Arbeit der Aufmerksamkeit auszu- 
füllen, so merkt man, daß die hierzu sich einstellenden Ein- 
fälle von ihm mit allen Mitteln der Kritik zurückgedrängt 
werden, bis er endlich das direkte Unbehagen verspürt, wenn 
sich die Erinnerung wirklich eingeseUt hat. AuS dieser Erfahrung 
schließt Freud, daß die Amnesien das Ergebnis eines Vorgangs 
sind, den er Verdrängung heißt, und als dessen Motiv er 
Unlustgefühle erkennt. Die psychischen Kräfte, welche diese Ver- 
drängung herbeigeführt haben, meint er in dem Widerstand,, 
der sich gegen die Wiederherstellung erhebt, zu verspüren. 

Das Moment des Widerstandes ist eines der Fundamente 
seiner Theorie geworden. Die sonst unter allerlei Vorwänden 
(wie sie die obige Formel aufzählt) beseitigten Einfälle be- 
trachtet er aber als Abkömmlinge der verdrängten psychischen 
Gebilde (Gedanken und Regungen), als Entstehungen derselben 
infolge des gegen ihre Reproduktion bestehenden Widerstandes. 

Je größer der Widerstand, desto ausgiebiger diese Ent- 
stellung. In dieser Beziehung der unbeabsichtigten Einfälle 
zum verdrängten psychischen Material ruht nun ihr Wert für 
die therapeutische Technik. Wenn man ein Verfahren besitzt, 
welches ermögHcht, von den Einfällen aus zu dem Verdrängten, 
von den Entstehungen zum Entstellten zu gelangen, so kann 
man auch ohne Hypnose das früher Unbewußte im Seelenleben 
dem Bewußtsein zugänglich machen. 

Freud hat darauf eine Deutungskunst ausgebildet, 
welcher diese Leistung zufällt, die gleichsam aus den Erzen 
der unbeabsichtigten Einfälle den Metallgehalt an verdrängten 
Gedanken darstellen soll. Objekt dieser Deutungsarbeit sind 
nicht allein die Einfälle der Kranken, sondern auch seine 
Träume, die den direktesten Zugang zur Kenntnis des Un- 
bewußten eröffnen, seine unbeabsichtigten, wie planlosen 
Handlungen (Symptomhandlungen) und die Irrungen s einet- 
Leistungen im Alltagsleben (Versprechen, Vergreifen u. dgl.). 
Die Details dieser Deutungs- oder Übersetzungstechnik sind 
von Freud noch nicht veröfientlicht worden. Es sind nach 
seinen Andeutungen eine Reihe von empiriäch gewonnenen 
Regehl, wie aus den Einfallen das unbewußte Material zu 



222 



konstruieren ist, Anweisungen, wie man es zu verstehen habe, 
wenn die Einfälle des Patienten versagen, und Erfahrungen 
über die wichtigsten typischen Widerstände, die sich im Laufe 
einer solchen Behandlung einstellen. Ein umfangreiches Buch 
über „Traumdeutung", 1900 von Freud publiziert, ist als 
Vorläufer einer solchen Einführung in die Technik anzusehen. 

Man könnte aus diesen Andeutungen über die Technik 
der psychoanalytischen Methode schließen, daß deren Erfinder 
sich überflüssige Mühe verursacht und Unrecht getan hat, 
das wenig komplizierte hypnotische Verfahren zu verlassen. 
Aber einerseits ist die Technik der Psychoanalyse viel leichter 
auszuüben, wenn man sie einmal erlernt hat, als es bei einer 
Beschreibung den Anschein hat, anderseits führt kein 
anderer Weg zum Ziele, und darum ist der mühselige Weg 
noch der kürzeste. Der Hypnose ist vorzuwerfen, daß sie 
den Widerstand verdeckt und dadurch dem Arzt den Einblick 
in das Spiel der psychischen Kräfte verwehrt hat. Sie räumt 
aber mit dem Widerstände nicht auf, sondern weicht ihm 
nur aus und ergibt dagegen nur unvollständige Auskünfte 
und nur vorübergehende Erfolge. 

Die Aufgabe, welche die psychoanalytische Methode zu 
lösen bestrebt ist, läßt sich in verschiedenen Formeln aus- 
drücken, die aber ihrem Wesen nach äquivalent sind. Man 
kann sagen : Aufgabe der Kur sei, die Amnesien aufzuheben. 
Wenn alle Erinnerungslücken ausgefüllt, alle rätselhaften 
Effekte des psychischen Lebens aufgeklärt sind, ist der Fort- 
bestand, ja eine Neubildung des Leidens unmöglich gemacht. 
Man kann die Bedingung anders fassen: es seien alle Ver- 
drängungen rückgängig zu machen; der psychische Zustand 
ist dann derselbe, in dem alle Amnesien ausgefüllt sind. 
Weittragender ist eine andere Fassung: es handle sich darum, 
das Unbewußte dem Bewußtsein zugänglich zu machen, was 
durch Überwindung der Widerstände geschieht. Man darf 
aber dabei nicht vergessen, daß ein solcher Idealzustand 
auch beim normalen Menschen nicht besteht, und daß man 
nur selten in die Lage kommen kann, die Behandlung an- 
nähernd so weit zu treiben. So wie Gesundheit und Krankheit 
nicht . prinzipiell geschieden, sondern nur durch eine praktisch 



223 



bestinunbare Summationsgrenze gesondert sind, so wird man 
sich, auch nie etwas anderes zum Ziel der Behandlung setzen 
als die praktische Genesung des Kranken, die Herstellung 
seiner Leistungs- und Genußfähigheit, Bei unvollständiger 
Kur oder unvollkommenem Erfolge derselben erreicht man 
vor allem eine bedeutende Hebung des psychischen Allgemein- 
zustandes, während die Symptome, aber mit geminderter Be- 
deutung für den Kranken, fortbestehen können, ohne ihn zu 
einem Kranken zu stempeln. 

Das therapeutische Verfahren bleibt, von geringen Mo- 
difikationen abgesehen, das nämliche für alle Symptombüder 
der vielgestaltigen Hysterie und ebenso für alle Ausbildungen 
der Zwangsneurose. Von einer unbeschränkten Anwendbarkeit 
desselben ist aber keine Rede. Die Natur der psychoanaly- 
tischen Methode schafft Indikationen und Gegenanzeigen 
sowohl von selten der zu behandelnden Personen, als auch 
mit Rücksicht auf das Krankheitsbild. Am günstigsten für 
die Psychoanalyse sind die chronischen Fälle von Psycho- 
neurosen mit wenig stürmischen oder gefahrdrohenden 
Symptomen, also zunächst alle Arten der Zwangsneurose, 
Zwangsdenken und Zwangshandeln, und Fälle von Hysterie, 
in denen Phobien und Abulien die Hauptrolle spielen, weiter- 
hin aber auch alle somatischen Ausprägungen der Hysterie, 
insoferne nicht, wie bei der Anorexie, rasche Beseitigung der 
Symptome zur Hauptaufgabe des Arztes wird. Bei akuten 
Fällen von Hysterie wird man den Eintritt eines ruhigeren 
Stadiums abzuwarten haben; in allen Fällen, bei denen die 
nervöse Erschöpfung obenan steht, wird man ein Verfahren 
vermeiden, welches selbst Anstrengung erfordert, nur lang- 
same Fortschritte zeitigt und auf die Fortdauer der Symptome 
eine Zeitlang keine Rücksicht nehmen kann. 

An die Person, die man mit Vorteil der Psychoanalyse 
unterziehen soU, sind mehrfache Forderungen zu stellen. Sie 
muß erstens eines psychischen Normalzustandes fähig sein; 
in Zeiten der Verworrenheit oder melancholischer Depression 
ist auch bei einer Hysterie nichts auszurichten. Man darf 
femer ein gewisses Maß natürhcher Intelligenz und ethischer 
Entwicklung fordern; bei wertlosen Personen läßt den Arzt 



224 



bald dais Interesse iin Stiche, welches ihn zur Vertiefung in 
das Sfeelenleben des Ktänken befähigt. Ausgeprägte Chatakter- 
verbildungen, Züge von wirklich degenerativer Konstitution 
äußern sich bei der Kur als Quelle von kaum zu über- 
windenden Widerstäiiden. Insoweit setzt überhaupt die 
Konstitution eine Grenze für die Heilbarkeit durch Psycho- 
therapie. Auch eine Altersstufe in der Nähe des fünften 
Dezenniums schaiSl ungünstige Bedingungen für die Psycho- 
analyse. Die Masse des psychischen Materials ist dann nicht 
mehr zu bewältigen, die zur Herstellung erfordterhche Zeit 
wird zu lang, und die Fähigkeit, psychische Vorgänge rück- 
gängig zu machen, beginnt zu erlahmen. 

Trotz aller dieser Einschränkungen ist die Anzahl der 
für die Psychoanalyse geeigneten Personen eine außerordentlich 
große, und die Erweiterung unseres therapeutischen Könnens 
durch dieses Verfahren nach den Behauptungen Freuds eine 
sehr beträchtliche. Freud beansprucht lange Zeiträume, 
V2 Jahr bis 3 Jahre für eine wirksame Behandlung; er gibt 
aber diiB Auskunft, daß er bisher infolge verschiedener leicht 
zu erratender Umstände meist nur in die Lage gekomiiien 
ist, seine Behandlung an sehr schweren Fällen zu erproben, 
Personen mit vielj ähriger Krankheit^dauer und völliger 
Leistungsunfähigkeit, die, durch alle Behandlungen getäuscht, 
gleichsam eine letzte Zuflucht bei seinem neuen und viel 
angezweifelten Verfahren gesucht haben. In Fällen leichterer 
Erkrankung dürfte sich die Behandlungsdauer sehr verkürzen 
und ein außerordenthcher Gewinn an Vorbeugung für die 
Zukunft erzielen lassen." 



XIV. 

Meine Ansichten über die Rolle der 
Sexualität in der Ätiologie der Neurosen^, 

„Ich bin der Meinung, daß man meine Theorie über die 
ätiologische Bedeutung des sexuellen Momentes für die Neu- 
rosen am besten würdigt, wenn man ihrer Entwicklung nach- 
geht. Ich habe nämlich keineswegs das Bestreben, abzuleugnen, 
daß sie eine Entwicklung durchgemacht und sich während 
derselben verändert hat. Die Facligenossen könnten in diesem 
Zugeständnis die Gewähr finden, daß diese Theorie nichts 
anderes ist, als der Niederschlag fortgesetzter und vertiefter 
Erfahrungen. "Was im G-egensatze hierzu der Spekulation ent- 
sprungen ist, das kann allerdings leicht mit einem Schlage 
vollständig und dann unveränderlich auftreten. 

Die Theorie bezog sich ursprünglich bloß auf die als 
„Neurasthenie" zusammengefaßten Krankheitsbilder, unter 
denen mir zwei, gelegentlich auch rein auftretende Typen, 
auffielen, die ich als „eigentliche Neurasthenie" und 
als „Angstneurose" beschrieben habe. Es war ja immer 
bekannt, daß sexuelle Momente in der Verursachung dieser 
Formen eine Rolle spielen können, aber man fand dieselben 
weder regelmäßig wirksam, noch dachte man daran, ihnen 
einen Vorrang vor anderen ätiologischen Einflüssen einzu- 
räumen. Ich wurde zunächst von der Häufigkeit grober 
Störungen in der Vita sexualis der Nervösen überrascht; je 
mehr ich darauf ausging, solche Störungen zu suchen, wobei 
ich mir vorhielt, daß die Menschen aUe in sexuellen Dingen 
die "Wahrheit verhehlen, und je geschickter ich wurde, das 
Examen trotz einer anfänglichen Verneinung fortzusetzen, 

^) Avis :Löwenfeld, „Sexualleben und Nervenleiden", IV. Aufl., 1906. 
Frend, Nenrosenlehre. 15 



226 



desto regelmäßiger ließen sich solche krankmachende Momente 
aus dem Sexualleben auffinden, bis mir zu deren Allgemein- 
heit wenig zu fehlen schien. Man mußte aber von vornherein 
auf ein ähnlich häufiges Vorkommen sexueller Unregelmäßig- 
keiten unter dem Drucke der sozialen Verhältnisse in unserer 
Gesellschaft gefaßt sein, und konnte im Zweifel bleiben, 
welches Maß von Abweichung von der normalen Sexualfunktion 
als Krankheitsursache betrachtet werden dürfe. Ich konnte 
daher auf den regelmäßigen Nachweis sexueller Noxen nur 
weniger Wert legen als auf eine zweite Erfahrung, die mir 
eindeutiger erschien. Es ergab sich, daß die Form der Er- 
krankung, ob Neurasthenie oder Angstneurose, eine konstante 
Beziehung zur Art der sexuellen Schädlichkeit zeige. In den 
typischen Fällen der Neurasthenie war regelmäßig Masturbation 
oder gehäufte Pollutionen, bei der Angstneurose waren Fak- 
toren wie der Coitus interruptus, die „frustrane Erregung" 
u. a. nachweisbar, an denen das Moment der ungenügenden 
Abfuhr der erzeugten Libido das Glemeinsame schien. Erst 
seit dieser leicht zu machenden und beliebig oft zu bestäti- 
genden Erfahrung hatte ich den Mut, für die sexuellen Ein- 
flüsse eine bevorzugte Stellung in der Ätiologie der Neurosen 
zu beanspruchen. Es kam hinzu, daß bei den so häufigen 
Mischformen von Neurasthenie und Angstneurose auch die 
Vermengung der für die beiden Formen angenommenen Ätio- 
logien aufzuzeigen war und daß eine solche Zweiteilung in 
der Erscheinungsform der Neurose zu dem polaren Charakter 
der Sexualität (männlich und weibUch) gut zu stimmen 
schien. 

Zur gleichen Zeit, während ich der Sexualität diese Be- 
deutung für die Entstehung der einfachen Neurosen zuwies ^), 
huldigte ich noch in betreff der Psychoneurosen (Hysterie 
und Zwangsvorstellungen) einer rein psychologischen Theorie, 
in welcher das sexuelle Moment nicht anders als andere 
emotionelle Quellen in Betracht kam. Ich hatte im Verein 
mit J. Breuer und im Anschluß an Beobachtungen, die er 

^) Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten 
Symptomenkomplex als „Angstneurose" abzutrennen. Neurol. Cen- 
tralblatt, 1895. 



227 

gut ein Dezennium voriier an einer hysterisclien Kranken 
gemacht hatte, den Mechanismus der Entstehung hysterischer 
Symptome mittels des Erweckens von Erinnerungen im hyp- 
notischen Zustande studiert, und wir waren zu Aufsclilüssen 
gelangt, welche gestatteten, die Brücke von der traumatischen 
Hysterie Charcot's zur gemeinen, nicht traumatischen, zu 
schlagen^). Wir waren zur Auffassung gelangt, daß die hyste- 
rischen Symptome Dauerwirkungen von psychischen Traumen 
sind, deren zugehörige Affektgröße durch besondere Bedin- 
gungen von bewußter Bearbeitung abgedrängt worden ist 
und sich darum einen abnormen Weg in die Körp erinner vation 
gebahnt hat. Die Termini „eingeklemmter Affekt", 
„Konversion" und „Abreagieren" fassen das Kenn- 
zeichnende dieser Anschauung zusammen. 

Bei den nahen Beziehungen der Psychoneurosen zu den 
einfachen Neurosen, die ja so weit gehen, daß dem Ungeübten 
die diagnostische Unterscheidung nicht immer leicht fällt, 
konnte es aber nicht ausbleiben, daß die für das eine Gebiet 
gewonnene Erkenntnis auch für das andere Platz griff. Über- 
dies führte, von solcher Beeinflussung abgesehen, auch die 
Vertiefung in den psychischen Mechanismus der hysterischen 
Symptome zu dem gleichen Ergebnis. Wenn man nämlich 
bei dem von Breuer und mir eingesetzten „kathartischen" 
Verfahren den psychischen Traumen, von denen sich die 
hysterischen Symptome ableiteten, immer weiter nachspürte, 
gelangte man endlich zu Erlebnissen, welche der Kindheit 
des Kranken angehörten und sein Sexualleben betrafen, und 
zwar auch in solchen FäUen, in denen eine banale Emotion 
nicht sexueller Natur den Ausbruch der Krankheit veranlaßt 
hatte. Ohne diese sexuellen Traumen der Kinderzeit in Be- 
tracht zu ziehen, konnte man weder die Symptome aufklären, 
deren Determinierung verständlich finden, noch deren Wieder- 
kehr verhüten. Somit schien die unvergleichliche Bedeutung 
sexueller Erlebnisse für die Ätiologie der Psychoneurosen als 
unzweifelhaft festgestellt, und diese Tatsache ist auch bis 
heute einer der Grundpfeiler der Theorie geblieben. 



1) Studien über Hysterie, 1905. 

15* 



228 

Wenn man diese Theorie so darstellt, die Ursaclie der 
lebenslangen hysterischen Neurose liege in den meist an sich 
geringfügigen sexuellen Erlebnissen der frühen Kinderzeit, so 
mag sie allerdings befremdend genug klingen. Nimmt man 
aber auf die historische Entwicklung der Lehre Rücksicht, 
verlegt den Hauptinhalt derselben in den Satz, die Hysterie 
sei der Ausdruck eines besonderen Verhaltens der Sexual- 
funktion des Individuums, und dies Verhalten werde bereits 
durch die ersten in der Kindheit einwirkenden Einflüsse und 
Erlebnisse maßgebend bestimmt, so sind wir zwar um ein 
Paradoxon ärmer, aber um ein Motiv bereichert worden, den 
bisher arg vernachlässigten, höchst bedeutsamen Nachwirkungen 
der Kindheitseindrücke überhaupt unsere Aufmerksamkeit zu 
schenken. 

Indem ich mir vorbehalte, die Frage, ob man in den 
sexuellen Kindererlebnissen die Ätiologie der Hysterie (und 
Zwangsneurose) sehen dürfe, weiter unten gründlicher zu be- 
handeln, kehre ich zu der Gestaltung der Theorie zurück, 
welche diese in einigen kleinen, vorläufigen Publikationen 
der Jahre 1895 und 1896 angenommen hat^). Die Hervorhebung 
der angenommenen ätiologischen Momente gestattete damals, 
die gemeinen Neurosen als Erkrankungen mit aktueller Ätiologie 
den Psychoneurosen gegenüberzustellen, deren Ätiologie 
vor allem in den sexuellen Erlebnissen der Vorzeit zu suchen 
war. Die Lehre gipfelte in dem Satze: Bei normaler Vita 
sexualis ist eine Neurose unmöglich. 

"Wenn ich auch diese Sätze noch heute nicht für unrichtig 
halte, so ist es doch nicht zu verwundem, daß ich in zehn 
Jahren fortgesetzter Bemühung um die Erkenntnis dieser 
Verhältnisse über meinen damaligen Standpunkt ein gutes 
Stück weit hinausgekommen bin und mich heute in der Lage 
glaube, die Unvollständigkeit, die Verschiebungen und die 
Mißverständnisse, an denen die Lehre damals litt, durch ein- 
gehendere Erfahrung zu korrigieren. Ein Zufall des damals 
noch spärlichen Materials hatte mir eine unverhältnismäßig 

') Weitere Bemerkungen über die Abwehr, Neuropsychosen, Neurol. 
Centralblatt, 1896. — Zur Ätiologie der Hysterie, "Wiener klinische 
Rundschau, 1896. 



229 



große Anzahl von Fällen zugeführt, in deren Kindergeschichte 
die sexuelle Verführung durch Erwachsene oder andere ältere 
Kinder die Hauptrolle spielte. Ich überschätzte die Häufigkeit 
dieser (sonst nicht anzuzweifelnden) Vorkommnisse, überdies 
da ich zu jener Zeit nicht imstande war, die Erinnerungs- 
täuschungen der Hysterischen über ihre Kindheit von den 
Spuren der wirklichen Vorgänge sicher zu unterscheiden, 
während ich seitdem gelernt habe, so manche Verfiihrungs- 
phantasie als Abwehrversuch gegen die Erinnerung der eigenen 
sexuellen Betätigung (Kindermasturbation) aufzulösen. Mit 
dieser Aufklärung entfiel die Betonung des „traumatischen" 
Elementes an den sexuellen Kindererlebnissen, und es blieb 
die Einsicht übrig, daß die infantile Sexualbetätigung (ob 
spontan oder provoziert) dem späteren Sexualleben nach der 
Reife die Richtung vorschreibt. Dieselbe Aufklärung, die ja 
den bedeutsamsten meiner anfänglichen Irrtümer korrigierte, 
mußte auch die Auffassung von Mechanismus der hysterischen 
Symptome verändern. Dieselben erschienen nun nicht mehr 
als direkte Abkömmlinge der verdrängten Erinnerungen an 
sexuelle Kindheitserlebnisse, sondern zwischen die Symptome 
und die infantüen Eindrücke schoben sich nun die (meist in 
den Pubertätsjahren produzierten) Phantasien (Erinnerungs- 
dichtungen) der Kranken ein, die auf der einen Seite sich 
aus und über den Kindheitserinnerungen aufbauten, auf der 
anderen sich unmittelbar in die Symptome umsetzten. Erst 
mit der Einführung des Elementes der hysterischen Phantasien 
wurde das Gefüge der Neurose und deren Beziehung zum 
Leben der Kranken durchsichtig ; auch ergab sich eine wirk- 
lich überraschende Analogie zwischen diesen unbewußten 
Phantasien der Hysteriker und den als "Wahn bewußt ge- 
wordenen Dichtungen bei der Paranoia. 

Nach dieser Korrektur waren die „infantüen Sexual- 
traumen" in gewissem Sinne durch den „Infantilismus der 
Sexualität" ersetzt. Eine zweite Abänderung der ursprüng- 
lichen Theorie lag nicht ferne. Mit der angenommenen 
Häufigkeit der Verführung in der Kindheit entfiel auch die 
übergroße Betonung der accidentellen Beeinflussung der 
Sexualität, welcher ich bei der Verursachung des Krankseins 



230 



die Hauptrolle zuschieben wollte, ohne darum konstitutionelle 
und hereditäre Momente zu leugnen. Ich hatte sogar gehofft, 
das Problem der Neurosenwahl, die Entscheidung darüber, 
welcher Form von Psychoneurose der Kranke verfallen solle, 
durch die Einzelheiten der sexuellen Kinder erlebnisse zu 
lösen, und damals — wenn auch mit Zurückhaltung — gemeint, 
daß passives Verhalten bei diesen Szenen die spezifische 
Disposition zur Hysterie, aktives dagegen die für die Zwangs- 
neurose ergebe. Auf diese Auffassung mußte ich später völlig 
Verzicht leisten, wenngleich manches Tatsächliche den geahnten 
Zusammenhang zwischen Passivität und Hysterie, Aktivität 
und Zwangsneurose in irgend einer Weise aufrecht zu halten 
gebietet. Mit dem Rücktritt der accidentellen Einflüsse des 
Erlebens mußten die Momente der Konstitution und Heredität 
wieder die Oberhand behaupten, aber mit dem Unterschiede 
gegen die sonst herrschende Anschauung, daß bei mir die 
„sexuelle Konstitution" an die Stelle der allgemeinen neuro- 
pathischen Disposition trat. In meinen jüngst erschienen „Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie" (1905) habe ich den Ver- 
such gemacht, die Mannigfaltigkeiten dieser sexuellen Kon- 
stitution sowie die Zusammengesetztheit des Sexualtriebs 
überhaupt und dessen Herkunft aus verschiedenen Beitrags- 
quellen im Organismus zu schildern. 

Immer noch im Zusammenhange mit der veränderten 
Auffassung der „sexuellen Kindertraumen" entwickelte sich 
nun die Theorie nach einer Richtung weiter, die schon in 
den VeröffentUchungen der Jahre 1894 — 96 angezeigt worden 
war. Ich hatte bereits damals, und noch ehe die Sexuahtät 
in die ihr gebührende Stellung in der Ätiologie eingesetzt 
war, als Bedingung für die pathogene Wirksamkeit eines 
Erlebnisses angegeben, daß dieses dem Ich unerträghch er- 
scheinen und ein Bestreben zur Abwehr hervorrufen müsse^). 
Auf diese Abwehr hatte ich die psychische Spaltung — oder 
wie man damals sagte: die Bewußtseinsspaltung — der Hysterie 



') Die Abwehr-Neuropsychosen. Versuch einer psychologischen 
Theorie der acquierierten Hysterie, vieler Phobien und Zwangs- 
vorstellungen und gewisser halluzinatorischer Psychosen. Neurol. Central- 
blatt, 1894. 



231 



zurückgefilhrt. Grelang die Abwehr, so war das unerträgliclie 
Erlebnis mit seinen Affektfolgen aus dem Bewußtsein und der 
Erinnerung des Ichs vertrieben ; unter gewissen Verhältnissen 
entfaltete aber das Vertriebene als ein nun Unbewußtes seine 
Wirksamkeit und kehrte mittels der Symptome und der an ihnen 
haftenden Affekte ins Bewußtsein zurück, so daß die Erkrankung 
einem Mißglücken der Abwehr entsprach. Diese Auffassung 
hatte das Verdienst, auf das Spiel der psychischen Kräfte 
einzugehen und somit die seelischen Vorgänge der Hysterie 
den normalen anzunähern, anstatt die Charakteristik der Neurose 
in eine rätselhafte und weiter nicht analysierbare Störung zu 
verlegen. 

Als nun weitere Erkundigungen bei normal gebliebenen 
Personen das unerwartete Ergebnis lieferten, daß deren sexuelle 
Klindergeschichte sich nicht wesentlich von dem Kinderleben 
der Neurotiker zu unterscheiden brauche, daß speziell die 
Rolle der Verführung bei ersteren die gleiche sei, traten die 
accidentelleu Einflüsse noch mehr gegen den der „Ver- 
drängung" (wie ich anstatt „Abwehr" zu sagen begann) 
zurück. Es kam also nicht darauf an, was ein Individuum in 
seiner Kindheit an sexuellen Erregungen erfahren hatte, sondern 
vor allem auf seine Reaktion gegen diese Erlebnisse, ob es 
diese Eindrücke mit der „Verdrängung" beantwortet habe 
oder nicht. Bei spontaner infantiler Sexualbetätigung ließ sich 
zeigen, daß dieselbe häufig im Laufe der Entwicklung durch 
einen Akt der Verdrängung abgebrochen wurde. Das geschlechts- 
reif e neurotische Individuum brachte so ein Stück „Sexual- 
verdrängung" regelmäßig aus seiner Kindheit mit, das bei den 
Anforderungen des realen Lebens zur Äußerung kam, und 
die Psychoanalysen Hysterischer zeigten, daß ihre Erkrankung 
ein Erfolg des Konflikts zwischen der Libido und der Sexual- 
verdrängung sei, und daß ihre Symptome den "Wert von 
Kompromissen zwischen beiden seelischen Strömungen haben. 

Ohne eine ausführhche Erörterung meiner Vorstellungen 
von der Verdrängung könnte ich diesen Teü der Theorie 
nicht weiter aufklären. Es genüge, hier auf meine „Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie" (1905) hinzuweisen, wo 
ich auf die somatischen Vorgänge, in denen das "Wesen der 



232 



Sexualität zu suchen ist, ein allerdings erst spärliches Licht 
zu werfen versucht habe. Ich habe dort ausgeführt, daß die 
konstitutionelle sexuelle Anlage des Kindes eine ungleich 
buntere ist, als man erwarten konnte, daß sie „polymorph 
pervers" genannt zu werden verdient, und daß aus dieser 
Anlage durch Verdrängung gewisser Komponenten das so- 
genannte normale Verhalten der Sexualfunktion hervorgeht. 
Ich konnte durch den Hinweis auf die infantilen Charaktere 
der Sexualität eine einfache Verknüpfung zwischen Gesundheit, 
Perversion und Neurose herstellen. Die Norm ergab sich aus 
der Verdrängung gewisser Partialtriebe und Komponenten der 
infantilen Anlagen und der Unterordnung der übrigen unter 
das Primat der Grenitalzonen im Dienste der Fortpflanzungs- 
fanktion; die Perversionen entsprachen Störungen dieser 
Zusammenfassung durch die übermächtige zwangsartige Ent- 
wicklung einzelner dieser Partialtriebe, und die Neurose führte 
sich auf eine zu weitgehende Verdrängung der libidinöseu 
Strebungen zurück. Da fast alle perversen Triebe der infantilen 
Anlage als symptombildende Kräfte bei der Neurose nach- 
weisbar sind, sich aber bei ihr im Zustande der Verdrängung 
befinden, konnte ich die Neurose als das „Negativ" der Per- 
version bezeichnen. 

Ich halte es der Hervorhebung wert, daß meine An- 
schauungen über die Ätiologie der Psychoneurosen bei allen 
Wandlungen doch zwei Gesichtspunkte nie verleugnet oder 
verlassen haben, die Schätzung der Sexualität und des 
Infantilismus. Sonst sind an die Stelle accidenteller Ein- 
flüsse konstitutionelle Momente, für die rein psychologisch 
gemeinte „Abwehr" ist die organische „Sexualverdrängung" 
eingetreten. SoUte nun jemand fragen, wo ein zwingender 
Beweis für die behauptete ätiologische Bedeutung sexueller 
Faktoren bei den Psychoneurosen zu finden sei, da man 
doch diese Erkrankungen auf die banalsten Gemütsbewegungen 
und selbst auf somatische Anlässe hin ausbrechen sieht, auf 
eine spezifische Ätiologie in Gestalt besonderer Kindererleb- 
nisse verzichten muß, so nenne ich die psychoanalytische 
Erforschung der Neurotiker als die Quelle, aus welcher die 
bestrittene Überzeugung zufließt. Man erfährt, wenn man 



233 



sich dieser unersetzliclien Untersuchungsmetliode bedient, 
daß die Symptome die Sexualbetätigung der 
Kranken darstellen, die ganze oder eine partielle, aus 
den Quellen normaler oder perverser Partialtriebe der Sexua- 
lität. Nicht nur, daß ein guter Teil der hysterischen Sympto- 
matologie direkt aus den Äußerungen der sexuellen Erregtheit 
herstammt, nicht nur, daß eine Reihe von erogenen Zonen 
in der Neurose in Verstärkung infantiler Eigenschaften sich 
zur Bedeutung von Genitalien erhebt; die kompUziertesten 
Symptome selbst enthüllen sich als die konvertierten Dar- 
stellungen von Phantasien, welche eine sexuelle Situation 
zum Inhalte haben. Wer die Sprache der Hysterie zu deuten 
versteht, kann vernehmen, daß die Neurose nur von der;' 
verdrängten Sexualität der Kranken handelt. Man wolle nur 
die Sexualfunktion in ihrem richtigen, durch die infantile 
Anlage umschriebenen Umfange verstehen. "Wo eine banale 
Emotion zur Verursachung der Erkrankung gerechnet werden 
muß, weist die Analyse regelmäßig nach, daß die nicht 
fehlende sexuelle Komponente des traumatischen Erlebnisses 
die pathogene "Wirkung ausgeübt hat. 

Wir sind unversehens von der Frage nach der Ver- 
ursachung der Psychoneurosen zum Problem ihres Wesens 
vorgedrungen. Will man dem Rechnung tragen, was man 
durch die Psychoanalyse erfahren hat, so kann man nur 
sagen, das Wesen dieser Erkrankungen liege in Störungen 
der Sexualvorgänge, jener Vorgänge im Organismus, welche 
die Bildung und Verwendung des geschlechthchen Libido 
bestimmen. Es ist kaum zu vermeiden, daß man sich diese 
Vorgänge in letzter Linie als chemische vorstelle, so daß 
man in den sogenannten aktuellen Neurosen die somatischen, 
in den Psychoneurosen außerdem noch die psychischen Wir- 
kungen der Störungen im Sexualstoffwechsel erkennen dürfte. 
Die Ähnlichkeit der Neurosen mit den Intoxikations- und 
Abstinenzerscheinungen nach gewissen Alkaloiden, mit dem 
M. Basedowi und M. Addisoni di'ängt sich ohneweiters 
klinisch auf, und sowie man diese beiden letzteren Erkran- 
kungen nicht mehr als „Nervenkrankheiten" beschreiben darf, 
so werden wohl auch bald die echten „Neurosen" ihrer 



234 



Namengebung zum Trotze aus dieser Klasse entfernt werden 
müssen. 

Zur Ätiologie der Neurosen gehört dann alles, was 
scliädigend auf die der Sexualfunktion dienenden Vorgänge 
einwirken kann. In erster Linie also die Noxen, welche die 
Sexualfanktion selbst betreffen, insoferne diese von der mit 
Kultur und Erziehung veränderlichen Sexualkonstitution als 
Schädhchkeiten angenommen werden. In zweiter Linie stehen 
aUe andersartigen Noxen und Traumen, welche sekundär durch 
AUgemeinschädigung des Organismus die Sexualvorgänge in 
demselben zu schädigen vermögen. Man vergesse aber nicht, 
daß das ätiologische Problem bei den Neurosen mindestens 
ebenso kompliziert ist wie sonst bei der Krankheitsverursachung. 
Eine einzige pathogene Einwirkung ist fast niemals hinreichend ; 
zu allermeist wird eine Mehrheit von ätiologischen Momenten 
erfordert, die einander unterstützen, die man also nicht in 
Gegensatz zu einander bringen darf. Dafür ist auch der Zu- 
stand des neurotischen Krankseins von dem der Gesundlieit 
nicht scharf geschieden. Die Erkrankung ist das Ergebnis 
einer Summation, und das Maß der ätiologischen Bedingungen 
kann von irgend einer Seite her voll gemacht werden. Die 
Ätiologie der Neurosen ausschließlich in der Heredität oder 
in der Konstitution zu suchen, wäre keine geringere Ein- 
seitigkeit, als wenn man einzig die accidentellen Beeinflus- 
sungen der Sexualität im Leben zur Ätiologie erheben wollte, 
wenn sich doch die Aufklärung ergibt, daß das "Wesen dieser 
Erkrankungen nur in einer Störang der Sexualvorgänge im 
Organismus gelegen ist. 
Wien, Juni 1905. 



■ Internationaler Psychoanalytischer Vt Aig 



SIGM. FREUD 
GESAMMELTE SCHRIFTEN 



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Elf Bände in Lexikonformat, auf holzfreiem Papier 



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170- 



Uie Bände FV., V., I'II. und f^lll. erscheinen im Mai 1924, die anderen bis Ende 19'S 




LTE SCHRIFTEN von SIGM. FREUI 



I 

Studien fib. Hysterie / Frfilie Arbeiten 

z. Neurosenlehre 1893—1898 (Charcot / 
Quelques consideralions pour uiie 6tude 
comparative des pai-alysies motr. organ. et 
hvsteriques / Die Abwehr-Neuropsycho- 
sen / Über d. Berechtigung, v. d. Neur- 
asthenie einen bestimmten Syrnptomen- 
komplex als „Angstneurose" abzutrennen 
/ Obäessions et phobies / Zur Kritik d. 
Angstneurose / Weitere Bemerk, üb. die 
Abwehr-Neuropsychosen / L'heredite et 
l'etioi. des uevroses / Z. Ätiol. d. Hysterie 
/ Uic Se\iiüUtütin d. Ätiol. d. Neurosen) 

11 
Die Traumdeutung. (!.—(.. K;ip.) 

III 
Die Traumdeutung (7- ". 8- Kap.) / Über 
den Traum / Beiträge zur Traumlehre 

(Märchenstoffe in Traumen / Ein Traum 
als Beweismittel / l'raum u. Telepathie / 
Bemerk. ■/.. Theor. u. Präx. d. Traunidtg.) 

IV 

Zur Psychopathol. d. Alltagslebens/ Das 

Interesse an d. PsA. / Über PsAnalyse / 

2ur Geschichte der psa. Bewegung 

V 
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie / 
Arbeiten z. Sexualleben u. z. Neurosen- 
lehre (Meine Ansichten üb. d. Rolle d. 
Se'xnalität in d. Ätiologie d. Neurosen / 
Zur sex. Aufklärung d. Kinder /Die „kul- 
turelle" Sexualmoral u. d. Nervosität / 
Üb. infantile Sexualthcorien / Beiträge z. 
Psychologie d; Liebeslebens : Üb. einen 
bes. Typus d. Objektwahl beim Manne. 
Über d. allgemeinste Erniedrigung des 
Liebeslebens. Das Tabu d. Virgiiiität ' 
Die infantile Genitalorganisation / Zwei 
Kinderlügen / Gedankenassoziation eines 
4 jährigen Kindes / Hyster. Phantasien u. 
ihre Beziehung z. Bisexualität / Über den 
hyster. Anfall / Charakter u. Analerotik / 
Üb. Triebumsetzungen, insbes. d. Anal- 
erotik/Die Disposition z. Zwangsneurose 
/ Mitteilung eines der psychoanalytisch. 
Theorie widersprechenden Falles v. Para- 
noia/Die psychogene Sehstörung in psy- 
choanalyt. Auffassung / Eine Beziehung 
zw. einem Symbol u. einem Syinptom/Üb. 
die Psychogenese eines Falles v. weibl. 
Homosexualität / „Ein Kind wird ge- 
schlagen"/ Das Ökonom. Problem d. Ma- 
sochismus / Üb. einige neurot. Älechanis- 
men bei Eifersucht, Paranoia u. Homo- 



sexvialität/Üb. neurot. Erkrankungstypei 
/ Formulierung üb. die zwei Prinzipiei 
des psych. Geschehens / Der Unterganj 
des Ödipuskomplexes / Ittetapsychologli 
(Einige Bemerk, üb. d. Begriff d. Unbe 
wußten in d. PsA. / Triebe u. Triebschick 
sale/ Die Verdrängung-/ Das Unbewußte 
Metapsychol. Ergänzung z. Traumlehrel 
Trauer u.Melancbol./Neurose u.Psychosd 

VI 
Zur Technik (Die Frc iidsche psa.Methode 
ü ber Psychotherapie / Die zukünft. Chanj 
cen d. psa. Therapie / Über „wilde" PsAi 
Die Handhabung d. Traumdeutung in 4 
PsA. /Zur Dynamik d". Übertragung / RaÖ 
schlage f. d" Arzt bei d. psa. Behandlun^j 
Üb. faussereconnaissance während d.p3<ß 
Arbeit / Zur Einleit. d. Behandlung / Er- 
innern, Wiederholen u. Durcharbeiten / 
Bemerk, üb. d. Übertragungsliebe/ Wege 
d. psa. Therapie / Zur Vorgesch. d. analyt. 
Technik) / Zur Ein*, d. Narzißmus / Jen- 
seits d. Lustprinzips / Massenpsycholo- 
gie u.- Ich-Analyse / Das Ich u. das Es 

VII 
Vorlesungen z. Einf . in d. Psychoanalyse 

VIII 
Krankengeschichten (Bruchstück einer 
Hysterieanalyse / Analyse d. Phobie eines 
5 i. Knaben / Üb. einen Fall v. Zwangs- 
neurose/Psychoanalyt. Bemerk, üb. einen 
autobiogx-. beschr. Fall v. Paranoia / Aus 
d. Geschichte einer infantilen Neurose) 

IX 

Der Witz u, s. Beziehung z. Unbewußten 

/ Der Wahn u. d. Träume in W. Jensens 

Gradiva / Eine Kindheitserinnerung d. 

Leonardo da Vinci 

X 

Totem u. Tabu / Arbeiten z. Anwendung 
d. Psychoanalyse (Tatbestands-Diagn«)- 
stik u. PsA. / Zwangshandlungen u. Reli-^ 
gionsübung /Üb. d. Gegensinn d. ürwortei 
Der Dichtern, d. Pliiuitasieren/Mythol, 
Parallele z. ein. plast. Zwangsvorstellung 
/ Das Motiv d. Kä.sichenwahl / Der Moses 
d. Michelangelo / Einige Charaktertypen 
aus d. psychoanalyt. A rbeit / Zeitgemäße^ 
üb. Krieg u. Tod/ Eine Schwierigkeit d, 
PsA./Eine Kindheitserinnerung a. „Dich- 
tung u. W^ahrheit" / Das Unheimliche / 
Eine Teufelsneurose im 17. Jh. 

XI 
Nachträge / Bibliographie / Registei 




ZTir AüffaSSUTlig der Aphasien. Eine kritische Studie von Dr. Sipm. I 
Freud. — 1891. Preis K 3.60, M. 3.—. 



Zur Kernitnis der opreI)ra1en Piplogiep des KindesaUers (im 

Anschluß an die Little'sche Krankheit). Von Dr. Sigm. Freud, Privat- 
dozent an der Universität in Wien. — 1893. Preis K 7.20, M. 6.—. 



Shldi<Mi über ITysterie. Von Dr. Josef Breuer und Dr. Sigm. Freud 

in Wien. — 1895. Preis K 8.40, M. 7.-. 



T>ie TraunideutUIlg. Von Dr. Sigm. Freud. — 1900. Preis K 10.80, 



M. 9.-. 



T>er TTitz inid seine Beziehims: zum Unbewußten. Von Prof. 



Dr. Sigm. Freud. — 1905. Preis K 6.—, M. 5.- 



Drei Abhandlungen zur Sexnaltheorie. Von Prof. Dr. sigm. Freud. 

— 1905. Preis K 2.40, M. 2.—. 

Ote Suggestion und ihre Heilwirkung. Von Dr. n. Bernheim, 

Professor an der Faculte de medecine in Nancy. Autorisierte deutsehe 
Ausgabe von Dr. Signi. Freud, Dozent für Nervenkrankheiten an der 
Universität in Wien. Zweite umgearbeitete Auflage, besorgt von 
Dr. Max Kaliaiie. — 1896. Preis K 6.—, M. 5.—. 



Neue Studien über Hypnotisnius, Suggestion und Psyeho- 

therapie. Von Dr. II. Bemlieim, Professor an der Faculte de me- 

decine in Nancy. Übersetzt von Dr. Sigin. Freud, Privatdozent an 
der Universität in Wien. — 1802. Preis K 9.60, M. 8.—. 

Neue Yorlesungen über die Krankheiten des NerTensystenis, 
insbesondere über Hysterie. Von J. M. Charcot. Autorisiert. 

deutsche Ausgabe von Dr. Si^ini. Freud, Dozent für Nervenkrank 

lieiten an der k. k. Universität in Wien. — 1886. Preis K 10.80, 
M. 9.-. 

Poliklinische Vorträ ge von Professor J. M. Charcot. I. Band, Schul- 
jahr 1887—1888. Übersetzt von Dr. Sigm. Freud,,. Privatdozent an 
der Universität in Wien. II. .Band, Schuljahr 1888^1889. Übersetzt 
von Dr. M.ax Kaliaue in Wien. — 1892—1893. — Preis pro Band 
K 14.40, M. 12.-. '*' 



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